Auszug

Auszug
Elaine N. Aron
Das hochsensible Kind
Wie Sie auf die besonderen Schwächen und
Bedürfnisse Ihres Kindes eingehen
Deutsch von Ursula Bischoff und Sabine Schilasky
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Teil I :
Das hochsensible Kind – eine erste
Annäherung
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Kapitel 1
Sensibilität
Ein besserer Leumund für „schüchterne“ und „nervöse“
Kinder
Dieses Kapitel hilft Ihnen dabei, festzustellen, ob Sie ein
hochsensibles Kind haben und erklärt den Wesenszug ausführlich. Zudem vermittelt es alles Wissenswerte über das
ererbte Temperament Ihres Kindes. Dabei wollen wir Sie
von sämtlichen Irrtümern befreien, die über sensible Kinder
in Umlauf sind. Schließlich werden wir nachweisen, dass es
sich bei Hochsensibilität um eine charakterliche Disposition, nicht aber um eine psychische Störung handelt.
„Also, wenn das mein Kind wäre, würde es essen, was es vorgesetzt bekommt.“
„Deine Tochter ist so still – habt ihr schon daran gedacht,
mit ihr zum Arzt zu gehen?“
„Er ist so reif, so klug für sein Alter. Aber er scheint zu viel
nachzudenken. Belastet es euch nicht, dass er nicht glücklicher
und sorgloser ist?“
„Jodie ist so leicht verletzlich. Sie weint sogar, wenn andere
Kinder gehänselt oder verletzt werden. Oder bei traurigen Geschichten. Wir sind da ganz hilflos.“
„In meiner Kindergartengruppe nehmen alle an den gemeinsamen Aktivitäten teil, nur Ihr Sohn weigert sich. Ist er zu Hause
auch so starrköpfig?“
21
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Kommen Ihnen solche Bemerkungen bekannt vor? Den
Eltern, die ich für dieses Buch interviewt habe, waren sie allesamt sehr vertraut. Derlei wohlmeinende Kommentare hörten
sie ständig von Verwandten, Lehrern oder Eltern und sogar von
psychologisch geschulten Fachkräften. Wenn auch Sie immer
wieder ähnliche Anmerkungen zu hören bekommen, so ist das
ein fast sicheres Zeichen dafür, dass Sie ein hochsensibles Kind
in Ihrer Obhut haben. Natürlich beunruhigt es Sie, dass etwas
merkwürdig oder falsch an Ihrem Kind sein soll. Sie selbst erleben Ihr Kind als erstaunlich lebendig, mitfühlend und sensibel.
Außerdem wissen Sie, dass Ihr Kind leiden würde, wenn Sie es
zwingen würden, etwas zu essen, das es nicht mag, sich mit anderen zu treffen, wenn ihm nicht danach zumute ist, oder wenn
Sie es zu einem Psychiater bringen würden. Wenn Sie sich hingegen nach seinen Bedürfnissen richten, fühlt es sich wohl. Trotzdem sehen sich immer wieder mit den kritischen Äußerungen
Ihrer Umgebung konfrontiert und fragen sich allmählich, ob Sie
eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater sind, und ob das
Verhalten Ihres Kindes Ihre Schuld ist. Diese Geschichte habe
ich immer und immer wieder gehört.
Die Bedienungsanleitung für Ihr Kind
Kein Wunder, dass Sie sich fragen, ob Sie etwas falsch machen.
Sie haben niemanden, der Ihnen hilft. Wahrscheinlich haben Sie
schon bemerkt, dass die meisten Erziehungsratgeber sich auf
„problematisches Verhalten“ konzentrieren, wie Ruhelosigkeit,
leichte Ablenkbarkeit, besonders wildes Verhalten und Aggressivität. Und wahrscheinlich macht Ihnen Ihr Kind in dieser Beziehung keinerlei Schwierigkeiten. Sie haben mit ganz anderen
Problemen zu kämpfen, über die in diesen Büchern nur wenig zu
22
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
finden ist – Probleme mit dem Essen, Schüchternheit, Albträume,
Kümmernisse und intensive Gefühlsausbrüche, die sich gegen
keine Person richten, sondern einfach da sind. Doch bei Ihrem
Kind lässt sich das ungewollte Verhalten nicht durch „Konsequenzen“ bekämpfen. Im Gegenteil: Bei Kritik oder Strafe ist
Ihr Kind am Boden zerstört.
Die Ratschläge, die Sie in diesem Buch erhalten, gelten ausschließlich für hochsensible Kinder. Sie stammen von Eltern solcher Kinder (einschließlich meiner selbst) sowie von psychologisch geschulten Spezialisten auf diesem Gebiet. Unser erster
Rat lautet: Glauben Sie niemandem, der behauptet, dass mit Ihrem Kind etwas nicht in Ordnung sei. Vor allem aber lassen Sie
nicht zu, dass Ihr Kind so etwas glaubt. Und geben Sie sich nicht
die Schuld für die Andersartigkeit Ihres Kindes. Natürlich kann
man an der Erziehung immer etwas verbessern, und dieses Buch
wird mehr zu dieser „Verbesserung“ beitragen als andere Ratgeber, weil sein ausschließliches Augenmerk auf Ihrem „andersartigen“ Kind liegt, trotzdem sollten Sie nicht dem Irrtum anheimfallen, dass Probleme grundsätzlich auf Fehler der Eltern oder
Kinder zurückzuführen sind.
Hochsensibilität „entdecken“
Aufgrund des allgemeinen Forschungsstandes und meiner eigenen Berufserfahrung kann ich Ihnen eines versichern: Das angeborene Temperament Ihres Kindes liegt absolut im Normbereich. Es gehört zu jenen 15 bis 20 Prozent aller Menschen,
die hochsensibel auf die Welt kommen – das sind viel zu viele,
um diese Varianz als „anormal“ zu bezeichnen. Soviel ich weiß,
kann man diesen Prozentsatz sensibler Individuen in jeder Spezies antreffen. Da dies eine evolutionsbedingte Entwicklung ist,
23
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
muss es einen guten Grund für die Existenz dieses Wesenszugs
geben. Dazu kommen wir später. Zuerst möchte ich noch ein
paar Worte über diese „Entdeckung“ verlieren.
1991 begann ich mit der Erforschung der Hochsensibilität,
nachdem eine Kollegin mir eröffnet hatte, dass ich hochsensibel
sei. Meine Neugier hatte persönliche Gründe – ich plante weder
ein Buch zu schreiben noch wollte ich meine Erkenntnisse mit
anderen teilen. So bat ich in meiner Gemeinde und an der Universität, an der ich lehrte, lediglich darum, einige Personen interviewen zu dürfen, die auf „physische oder emotionale Reize
hochsensibel reagierten“ oder „besonders introvertiert“ waren.
Zuerst ging ich nämlich davon aus, dass sensible Menschen automatisch introvertiert sind, also eher kontakt- und menschenscheu, mit höchstens ein oder zwei guten Freunden, mit denen
sie tief schürfende Gespräche führen können. Den Gegensatz
hierzu bildeten extrovertierte Personen, die sich in großen Gruppen wohlfühlen, neuen Kontakten sehr aufgeschlossen sind und
viele Freunde haben, mit denen sie allerdings kaum intime Gespräche führen. Doch es stellte sich heraus, dass man Introversion nicht mit Hochsensibilität gleichsetzen kann. Obwohl 70
Prozent der hochsensiblen Personen (HSP) introvertiert sind –
vermutlich wollen sie durch die Reduzierung ihrer Außenkontakte eine Reizüberflutung verhindern –, existieren immerhin
noch 30 Prozent eher extrovertierte Hochsensible. An dieser
Stelle wurde mir klar, dass ich etwas Neues entdeckt hatte.
Warum ist eine hochsensible Person extrovertiert? Meinen
Interviews zufolge wuchsen solche Menschen oft in engen, liebevollen Gemeinschaften auf – in einem Fall sogar in einer Kommune. Menschengruppen waren ihnen vertraut und bedeuteten
Sicherheit. Andere hatten innerhalb ihrer Familien gelernt, sich
kontaktfreudig zu verhalten. So betrachteten sie Kommunikation als ihre Pflicht und als gute HSPs versuchten sie, die Erwar-
24
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
tungen, die man an sie hatte, zu erfüllen. Bei wieder anderen
führte eine bewusste Entscheidung zu extrovertiertem Verhalten. So konnte sich eine Frau beispielsweise genau an den Tag
und die Stunde erinnern, als sie beschloss, stärker auf andere
Menschen zuzugehen. Sie hatte ihre beste und einzige Freundin
verloren und fasste den festen Vorsatz, sich niemals mehr nur
auf nur eine Person zu verlassen.
Seitdem ich entdeckt habe, dass der Wesenszug der Sensibilität nicht mit Introversion gleichzusetzen ist, habe ich noch
weitere Beweise gefunden, dass sensible Personen nicht von Geburt an scheu oder „neurotisch“, also ängstlich und depressiv
sind. Derlei Attribute beschreiben sekundäre, nicht ererbte Wesenszüge, die sowohl hochsensible als auch nicht-hochsensible
Personen aufweisen.
Als ich verlautbaren ließ, dass ich sensible Menschen interviewen wollte, konnte ich mich vor Freiwilligen kaum retten. Schließlich führte ich Einzelgespräche mit 40 Männern und
Frauen aller Altersklassen und sozialer Schichten, die jeweils
drei Stunden dauerten. Sie alle hatten das Bedürfnis, mit mir
über dieses Thema zu sprechen – über den Begriff der Hochsensibilität und warum er ihnen in dem Moment, als sie ihn
gehört hatten, so viel bedeutet hatte. (Viele Erwachsene kaufen
das Buch Sind Sie hochsensibel?, weil sie sich in dem Titel wiedererkennen, ebenso wie Sie selbst das vorliegende Buch vielleicht gekauft haben, weil Sie Ihr Kind in dem Titel wiedererkannt haben.)
Durch die Interviews enthüllten sich mir zahlreiche Einzelaspekte der Hochsensibilität, so dass ich einen umfangreichen
Fragebogen zu diesem Thema entwickeln konnte. Später fasste ich die wichtigsten Merkmale noch einmal in einem kürzeren Fragebogen zusammen (siehe Seite 64-69). Seitdem habe ich
diesen Fragebogen Tausenden von Probanden vorgelegt. Hoch-
25
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
sensible Personen erfassten sofort, dass es bei der Beantwortung
der Fragen um sie und ihre psychische Disposition ging. Die übrigen 80 Prozent der nicht-hochsensiblen Personen fühlten sich
nicht weiter angesprochen. Manche beantworteten sogar sämtliche Fragen mit „nein“. Bei einer Telefonbefragung nach dem
Zufallsprinzip erhielt ich die gleichen Ergebnisse. Sensible Menschen sind einfach anders.
Seitdem habe ich habe ich mich im Rahmen meiner Tätigkeit als Wissenschaftlerin und Dozentin ausführlich mit dem
Thema befasst. Schon bald sah ich ein, dass ein Buch über die
Erziehung hochsensibler Kinder nottat. Es gab zu viele traurige
Geschichten von Erwachsenen über eine schwierige Kindheit, in
der wohlmeinende Eltern ihnen enormes Leid zugefügt hatten,
einfach weil sie keine Ahnung hatten, wie man ein hochsensibles
Kind optimal begleitet. Also interviewte ich Eltern und Kinder
und entwickelte auf der Basis dieser Gespräche einen weiteren
Fragebogen, den ich an über hundert Eltern von Kindern aller Art verteilte. Die Untersuchung konzentrierte sich zunächst
einmal auf die Frage, wie man hochsensible Kinder von nichthochsensiblen Kindern unterscheiden kann. Das Ergebnis dieser
Bemühungen ist der Fragebogen, den Sie am Ende der Einleitung finden.
Was ist Hochsensibilität?
Hochsensible Individuen haben die angeborene Neigung, ihre
Umgebung deutlicher wahrzunehmen und gründlich nachzudenken, bevor sie handeln. Nicht-hochsensible Personen nehmen im Vergleich dazu weniger wahr und handeln rasch und
impulsiv. Hochsensible Erwachsene und Kinder sind meist mitfühlend, klug, intuitiv, kreativ, umsichtig und gewissenhaft. (Sie
26
© des Titels »Das hochsensible Kind« (ISBN 978-3-636-06356-4)
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Was this manual useful for you? yes no
Thank you for your participation!

* Your assessment is very important for improving the work of artificial intelligence, which forms the content of this project

Download PDF

advertisement