Prolog: Der zerbrochene Pfeil

Prolog: Der zerbrochene Pfeil
TOM CLANCY
DER ANSCHLAG
Prolog:
Der zerbrochene Pfeil
»Wie der Wolf im Pferch.« Diese Zeile von Lord Byron zitierten automatisch die
meisten Kommentatoren, wenn sie den syrischen Angriff auf die von Israel besetzten
Golanhöhen am Samstag, den 6. Oktober 1973 um 14 Uhr Ortszeit schilderten.
Wahrscheinlich hatten die literarisch gebildeten unter den syrischen Offizieren genau
das im Sinn, als sie letzte Hand an ihre Pläne für eine Operation legten, die den
Israelis mehr Panzer und Artillerie entgegenschleudern sollte, als sich Hitlers
Panzergeneräle jemals träumen ließen.
Die Schafe jedoch, die, die syrische Armee an diesem grausigen Tag im Oktober
vorfand, glichen eher angriffslustigen Widdern als den sanftmütigen Tieren der
Pastorale. Obwohl im Verhältnis eins zu neun unterlegen, waren die beiden
israelischen Brigaden auf dem Golan Elite-Einheiten. Den Norden der Höhen hielt die
7. Brigade, deren Linien, eine raffinierte, in Starrheit und Flexibilität fein
ausgewogene Verteidigungsanlage, kaum nachgaben. Einzelne starke Stellungen
wurden hartnäckig gehalten und lenkten die syrischen Vorstöße in felsige Hohlwege,
wo sie von Panzerreserven, die hinter der Demarkationslinie lauerten, abgeschnitten
und zerschlagen werden konnten. Als am zweiten Tag Verstärkung nachrückte, war
die Lage noch unter Kontrolle - wenn auch nur knapp. Am Ende des vierten Tages lag
die syrische Panzerarmee, die über die 7. Brigade hergefallen war, in rauchenden
Trümmern.
Die Barak (»Blitz«-)Brigade hielt den südlichen Abschnitt der Höhen und hatte
weniger Glück. Hier begünstigte das Terrain die Verteidiger nicht so sehr, und hier
schienen die syrischen Verbände auch fähiger geführt worden zu sein. Binnen
Stunden war die Barak-Brigade in mehrere Teile zersprengt worden. Zwar sollte sich
später erweisen, daß jedes Bruchstück gefährlicher als ein Vipernnest war, doch für
den Moment nutzten die syrischen Panzerspitzen die Lücken rasch aus und jagten auf
ihr strategisches Ziel, den See Genezareth, zu. Was im Lauf der nächsten 36 Stunden
passierte, sollte das israelische Militär auf die schwerste Probe seit 1948 stellen.
Am zweiten Tag traf Verstärkung ein. Sie mußte praktisch Mann für Mann aufs
Gefechtsfeld verteilt werden, um Lücken zu schlie ßen oder versprengte Einheiten zu
sammeln, die unter der Gefechtsbelastung auseinandergebrochen und, was es noch nie
zuvor in der Geschichte des Staates Israel gegeben hatte, vor den angreifenden
Arabern geflohen waren. Erst am dritten Tag gelang es den Israelis, ihre Panzerkräfte
zu konzentrieren und die drei syrischen Stoßkeile zu umzingeln und dann zu
zerschlagen. Die Syrer wurden von einem wütenden Gegenangriff auf ihre eigene
Hauptstadt zurückgeworfen und hinterließen ein entsetzliches Schlachtfeld, übersät
mit Leichen und ausgebrannten Panzern. Am Ende dieses Tages empfingen die
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Soldaten der Barak und der 7. Brigade einen Funkspruch des israelischen
Oberkommandos:
IHR HABT DAS VOLK ISRAEL GERETTET.
Was keine Übertreibung war. Dennoch erinnerte man sich außerhalb Israels, von
Militärakademien einmal abgesehen, seltsamerweise kaum an die heroische Schlacht.
Wie beim Sechs-Tage-Krieg erregte der Bewegungskrieg im Sinai die Bewunderung
der Welt: die Überquerung des Suezkanals, die Schlacht um die »chinesische« Farm,
die Einkesselung der ägyptischen 3. Armee - und dies, obwohl die Kämpfe auf den
Golan - Höhen weitaus furchterregender waren und zudem noch näher der Heimat
stattfanden. Die Überlebenden dieser beiden Brigaden wußten, was sie geleistet
hatten, und ihre Offiziere konnten sicher sein, daß diese Schlacht bei Berufssoldaten,
die verstanden, welches Können und welchen Mut eine solche Abwehr erforderte,
zusammen mit den Thermophylen, Bastogne und Gloucester-Hill in Erinnerung
bleiben würde.
Jeder Krieg hat seine ironischen Aspekte, und der Jom-Kippur-Krieg stellte da
keine Ausnahme dar. Wie die meisten ruhmreichen Abwehrschlachten war auch diese
Aktion im Grunde überflüssig. Die Israelis hatten Nachrichtendienstmeldungen falsch
interpretiert, die, hätte man nur zwölf Stunden früher darauf reagiert, sie in die Lage
versetzt hätten, existierende Pläne umzusetzen und vor Beginn der Offensive die
Truppen auf den Golanhöhen zu verstärken. Zu dem heroischen Abwehrkampf hätte
es gar nicht zu kommen brauchen. Unnötig die Verluste, die so hoch waren, daß man
sie erst nach Wochen einer stolzen, aber schwergetroffenen Nation bekanntgab. Hätte
man den Informationen entsprechend gehandelt, wären die Syrer trotz ihrer starken
Ausrüstung mit Panzern und Geschützen noch vor der Demarkationslinie massakriert
worden. Doch bekanntlich bringen Massaker wenig Ruhm. Warum die Aufklärung
versagte, wurde nie richtig geklärt. Gelang es dem berühmten Mossad nicht, die Pläne
der Araber zu erkennen? Oder schlug die politische Führung Israels die Warnungen,
die sie erhielt, in den Wind? Diese Fragen erregten natürlich sofort die
Aufmerksamkeit der Weltpresse, insbesondere was den ägyptischen Vorstoß über den
Suezkanal und den Durchbruch der vielgerühmten Bar-Lev-Linie anging.
Ebenso ernst, aber weniger beachtet war ein grundlegender Fehler, den der sonst so
weitsichtige israelische Generalstab Jahre zuvor gemacht hatte. Trotz ihrer Feuerkraft
war die israelische Armee mit Artillerie unterversorgt, dies ganz besonders, wenn man
sowjetische Maßstäbe anlegte. Anstatt sich auf starke Konzentrationen mobiler
Kanonen zu verlassen, stützten sich die Israelis auf große Zahlen von Mörsern mit
geringer Reichweite und auf Kampfflugzeuge. Dies führte dazu, daß die israelischen
Artilleristen auf dem Golan im Verhältnis eins zu zwölf unterlegen und einem
mörderischen Gegenfeuer ausgesetzt waren, ganz zu schweigen von ihrer Unfähigkeit,
die belagerten Verteidiger adäquat zu unterstützen. Dieser Irrtum kostete viele
Menschenleben.
Wie so oft wurde dieser schwere Fehler von intelligenten Männern und aus guten
Gründen begangen. Ein Kampfflugzeug, das die Syrer auf dem Golan angegriffen
hatte, konnte schon eine Stunde später seine tödliche Ladung auf die Ägypter am
Suezkanal herabregnen lassen. Als erste moderne Luftwaffe hatte die IAF
systematisch die Umlaufzeiten ihrer Flugzeuge verkürzt. Das Bodenpersonal wurde
ähnlich gedrillt wie die Mechaniker an den Boxen beim Autorennen, und sein
Geschick und seine Schnelligkeit verdoppelten praktisch die Schlagkraft jeder
Maschine. Das machte die IAF zu einem hochflexiblen und gewichtigen Instrument.
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Unter diesem Aspekt erschien eine Phantom oder eine Skyhawk natürlich wertvoller
als ein Dutzend Geschütze auf Selbstfahrlafetten.
Was die israelischen Planer nicht in Erwägung gezogen hatten, war die Tatsache,
daß die Araber von den Sowjets aufgerüstet wurden und daher auch die sowjetische
taktische Doktrin eingeimpft bekamen. Die sowjetischen Konstrukteure der SAMLuftabwehrraketen, deren größte Herausforderung die als überlegen geltenden
NATO-Luftwaffen waren, gehörten schon immer zur Weltspitze. Russische Planer
sahen in dem kommenden Oktoberkrieg eine hervorragende Gelegenheit, ihre
neuesten taktischen Waffen und Methoden zu testen. Und sie versäumten sie nicht.
Die Sowjets lieferten ihren arabischen Kunden ein SAM-Netz, von dem die
Nordvietnamesen oder die Streitkräfte des Warschauer Paktes damals nicht zu
träumen wagten: eine massive Phalanx von tief gestaffelten Raketenbatterien und
Radarsystemen, und dazu die neuen mobilen SAM-Abschußgeräte, die zusammen mit
den Panzerspitzen vorrücken und den Schutzschirm für die Bodenverbände
vergrößern konnten. Die Mannschaften, die diese Systeme bedienen sollten, waren
gründlichst ausgebildet worden; viele in der Sowjetunion, wo sie von allem, was
Sowjets und Vietnamesen über amerikanische Taktiken und Technologien gelernt
hatten, profitierten. Immerhin stand zu erwarten, daß die Israelis die Methoden
imitierten. Von allen arabischen Soldaten sollten nur die in der Sowjetunion
ausgebildeten Männer den Vorkriegserwartungen gerecht werden, denn sie
neutralisierten praktisch zwei Tage lang die israelische Luftwaffe. Wären die
Bodenoperationen nach Plan verlaufen, hätte das gereicht.
Hier nimmt die Geschichte ihren eigentlichen Anfang. Die Lage auf dem Golan
wurde sofort als sehr ernst eingeschätzt. Die kargen und konfusen Informationen, die
von den fassungslosen Stäben der beiden Brigaden eingingen, verführten das
israelische Oberkommando zu der Annahme, daß man auf dem Golan die taktische
Kontrolle verloren hatte. Der schlimmste Alptraum schien Wirklichkeit geworden zu
sein: Unvorbereitet war man überrascht worden. Die Kibbuzim im Norden waren
gefährdet. Israelische Zivilisten und Kinder bewegten sich in der Bahn syrischer
Panzerverbände, die nach Belieben und praktisch ohne Warnung von den Höhen
hinunter nach Galiläa rollen konnten. Die erste Reaktion der Stabsoffiziere war fast
panisch.
Ein guter Stabsoffizier jedoch plant auch Panik ein.
In einem Land, für das seine Gegner die physische Vernichtung zum Kriegsziel
erklärt haben, kann keine Verteidigungsmaßnahme als zu extrem gelten. Schon 1968
hatten die Israelis die nukleare Option in ihren Kriegsplan aufgenommen. Am 7.
Oktober ging um 3.55 Uhr Ortszeit und gerade 14 Stunden nach Beginn der
Kampfhandlungen der Befehl für die OPERATION JOSUA per Telex an den
Fliegerhorst bei Beerscheba.
Israel verfügte damals nur über wenige Kernwaffen - und streitet bis heute ihren
Besitz ab. Eine große Anzahl wäre auch im Notfall nicht gebraucht worden. In einem
der zahllosen unterirdischen Bombenbunker bei Beerscheba lagen 12 recht
gewöhnlich aussehende Objekte, die sich von anderen, zur Montierung unter
Tragflächen taktischer Kampfflugzeuge gedachten Waffen lediglich durch rot und
silbern gestreifte Markierungen an den Seiten unterschieden. Sie hatten keine
Leitflossen, und an der stromlinienförmigen Verkleidung aus poliertem Aluminium
mit kaum sichtbaren Nähten und einigen Ösen sah nichts ungewöhnlich aus. Das hatte
seinen Grund. Ein flüchtiger Beobachter konnte sie leicht für Treibstofftanks oder
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Napalmbomben halten, Objekte also, die kaum einen zweiten Blick wert waren. In
Wirklichkeit aber handelte es sich um zwei Plutoniumbomben mit einer nominalen
Sprengkraft von 60 Kilotonnen: genug, um das Herz einer Großstadt zu vernichten,
Tausende von Soldaten im Feld zu töten oder - mit Hilfe von separat gelagerten, aber
leicht an der Verkleidung zu befestigenden Ummantelungen aus Kobalt - eine ganze
Landschaft auf Jahre hinaus zu vergiften.
An diesem Morgen herrschte in Beerscheba hektischer Betrieb. Nach dem Feiertag
Jom Kippur, den die Menschen des kleinen Landes mit Gottesdiensten und
Familienbesuchen begangen hatten, strömten noch immer Reservisten auf den
Stützpunkt. Die Männer, die, die heikle Aufgabe ausführen mußten, Flugzeuge mit
ihren tödlichen Bordwaffen zu bestücken, hatten schon viel zu lange Dienst getan.
Ihre Konzentration ließ nach. Selbst die Neuankömmlinge litten unter Schlafmangel.
Ein Waffentrupp, den man aus Sicherheitsgründen über den Auftrag im unklaren
gelassen hatte, versah unter den Augen zweier Offiziere einen Schwarm A-4
Skyhawks mit Kernwaffen. Die Bomben wurden auf Wagen unter die mittleren
Aufhängevorrichtungen der vier Flugzeuge gerollt, vorsichtig mit einem Kran
angehoben und dann eingehängt. Weniger erschöpften Mitgliedern des
Bodenpersonals hätte auffallen können, daß die Entsicherungsvorrichtungen und
Leitflossen noch nicht an den Bomben befestigt worden waren. Wer dies wahrnahm,
mußte zweifellos zu dem Schluß kommen, daß der für diese Aufgabe zuständige
Offizier zu spät dran war - wie fast jeder an diesem kalten und verhängnisvollen
Morgen. Die Nasen der Waffen waren mit Elektronik vollgepackt. Der eigentliche
Zündmechanismus und die Kapsel mit dem spaltbaren Material, zusammen als
»Physikpaket« bekannt, befanden sich natürlich schon in den Bomben. Im Gegensatz
zu amerikanischen Kernwaffen waren die israelischen nicht für den Lufttransport in
Friedenszeiten bestimmt. Deshalb fehlten ihnen die umfangreichen Sicherungen, die,
die Firma Pantex bei Amarillo in Texas in US-Kernwaffen einbaute. Das
Entsicherungssystem bestand aus zwei Komponenten; eines wurde an der Spitze
befestigt, das andere war in die Leitflossen integriert. Im großen und ganzen waren
die Bomben für amerikanische oder sowjetische Maßstäbe sehr primitiv - so primitiv
wie eine Pistole im Vergleich zu einem Maschinengewehr, aber wie jene auf kurze
Entfernung ebenso tödlich.
Nachdem die Entsicherungsvorrichtungen angebracht und aktiviert worden waren,
mußten nur noch eine Entsicherungstafel im Cockpit des Kampfflugzeugs installiert
und eine Kabelverbindung zwischen Maschine und Bombe hergestellt werden. An
diesem Punkt wurde die Waffe »zur Kontrolle vor Ort freigegeben«, das heißt, den
Händen junger, aggressiver Piloten anvertraut. Deren Aufgabe war es, sie in einem
»Idioten-Looping« genannten Manöver auf einer ballistischen Bahn ins Ziel zu
bringen und sich möglichst unbeschadet zu entfernen, bevor sie detonierte.
Der ranghöchste Waffenoffizier auf dem Stützpunkt hatte die Option, gemäß den
Umständen und mit Genehmigung der beiden überwachenden Offiziere die
Entsicherungskomponenten anbringen zu lassen. Zum Glück warb dieser Offizier von
der Vorstellung, halbscharfe Atombomben auf einem Flughafen herumliegen zu
haben, der jeden Augenblick von arabischen Piloten angegriffen werden konnte, alles
andere als begeistert. Trotz der Gefahren, die seinem Land im Morgengrauen dieses
kalten Tages drohten, hauchte der gläubige Jude ein Dankgebet, als in Tel Aviv
kühlere Köpfe die Oberhand gewannen und den Befehl für die OPERATION JOSUA
widerriefen. Die erfahrenen Piloten, die den Einsatz hatten fliegen sollen, kehrten in
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ihre Bereitschaftsräume zurück und vergaßen die Aufgabe, die man ihnen gestellt
hatte. Der ranghöchste Waffenoffizier gab sofort Anweisung, die Bomben zu
entfernen und an ihren sicheren Aufbewahrungsort zurückzubringen.
Das zu Tode erschöpfte Bodenpersonal begann, die Bomben abzumontieren. In
diesem Augenblick erschien ein anderes Team auf seinem Wagen, um die Skyhawks
mit Raketenwerfern des Typs Zuni zu bestücken. Ziel dieses Einsatzes: der Golan.
Der Auftrag: Angriff auf die syrischen Panzerkolonnen, die von Kafr Shams aus auf
Baraks Sektor der Frontlinie vorstießen. Die Männer beider Trupps drängten unter
den Flugzeugen hin und her. Zwei verschiedene Teams versuchten gleichzeitig, ihren
Auftrag zu erledigen: Eines war bemüht, Bomben abzunehmen, das andere hängte
Zunis unter den Tragflächen auf.
Beerscheba wurde natürlich nicht nur von diesen vier Kampfflugzeugen benutzt.
Maschinen, die den ersten Einsatz des Tages am Suezkanal geflogen hatten, kehrten
zurück - oder auch nicht. Der Aufklärer RF-4C Phantom war abgeschossen worden,
und seine Eskorte, ein Jäger F4-E, erreichte den Stützpunkt knapp mit nur einem
funktionierenden Triebwerk und einer zerschossenen Tragfläche, aus der Treibstoff
rann. Der Pilot hatte bereits eine Warnung gefunkt: Der Feind setzt eine neuartige
Luftabwehrrakete ein, vielleicht die neue SA-6, auf deren Suchradar die Warnanlage
der Phantom nicht reagiert hatte. Der Aufklärer war ohne Warnung in die Falle
geflogen, und er selbst sei nur mit Glück den vier Geschossen, die auf ihn abgefeuert
wurden, entkommen. Noch ehe der Jäger vorsichtig aufsetzte, hatte die Nachricht das
Oberkommando der israelischen Luftwaffe als Blitzmeldung erreicht. Der Pilot der
Phantom folgte einem Jeep zu den bereitstehenden Löschfahrzeugen, doch als die
Maschine zum Stillstand kam, platzte am Hauptfahrwerk der linke Reifen. Die Strebe
wurde beschädigt, knickte ab. und die zwanzig Tonnen schwere Maschine knallte auf
den Asphalt. Leckender Treibstoff entzündete sich und hüllte das Flugzeug in einen
kleinen, aber tödlichen Feuerball. Einen Augenblick später begann die 20-MillimeterMunition der Bordkanone zu explodieren, und eines der beiden Besatzungsmitglieder
schrie in den Flammen. Feuerwehrleute griffen mit Wassernebeln ein. Die beiden
Männer, die, die Atombomben bewachten, waren dem Brand am nächsten und
stürzten auf die Unfallstelle zu, um den Piloten aus den Flammen zu ziehen. Alle drei
wurden von Teilen der detonierenden Munition getroffen. Ein Feuerwehrmann drang
mutig in das Feuer zu dem zweiten Mann der Besatzung vor und konnte den
Schwerverletzten in Sicherheit bringen. Andere Feuerwehrleute luden die blutenden
Offiziere und den Piloten in Krankenwagen.
Dieser Brand lenkte die Waffentrupps, die unter den Skyhawks arbeiteten, ab. An
Maschine 3 wurde eine Bombe zu früh gelöst und zerquetschte dem Vorarbeiter am
Kran die Beine. In dem nun ausbrechenden Chaos verlor das Team die Übersicht. Der
Verletzte wurde schnellstens ins Stützpunktlazarett gebracht, und die drei
abmontierten Bomben karrte man zurück in ihren Bunker. In der Hektik des ersten
Kriegstages fiel offenbar niemandem auf, daß ein Bombenkarren einen leeren
Schlitten trug. Unteroffiziere erschienen an der Startlinie, um die Maschinen einer
abgekürzten Prüfung auf Flugklarheit zu unterziehen. Vom Bereitschaftsschuppen
kam ein Jeep herüber. Vier Piloten mit Helmen und Karten in der Hand sprangen
heraus.
»Was, zum Teufel, ist das?« fauchte Leutnant Mordecai Zadin, ein schlaksiger
Achtzehnjähriger, den seine Freunde Motti nannten.
»Anscheinend Treibstofftanks«, erwiderte der Unteroffizier, ein freundlicher,
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kompetenter Reservist von 50 Jahren, der in Haifa eine Autowerkstatt besaß.
»So’n Quatsch!« versetzte der vor Erregung fast zitternde Pilot. »Für den Golan
brauch’ ich keinen Extrasprit.«
»Ich kann ihn ja abmontieren, aber das dauert ein paar Minuten.« Motti dachte kurz
nach. Er war ein Sabra von einem Kibbuz im Norden des Landes und erst seit fünf
Monaten Pilot. Nun sah er, wie seine Kameraden in ihre Maschinen stiegen und sich
anschnallten. Der syrische Angriff rollte auf sein Heimatdorf zu, und er bekam
plötzlich Angst, bei seinem ersten Kampfeinsatz zurückgelassen zu werden.
»Scheiß drauf! Schrauben wir das Ding ab, wenn ich zurückkomme.« Zadin
kletterte flink die Leiter hinauf. Der Unteroffizier folgte ihm, schnallte ihn fest und
warf über seine Schulter hinweg einen Blick auf die Instrumente.
»Alles klar, Motti! Paß auf dich auf.«
»Wenn ich zurück bin, will ich meinen Tee.« Er grinste so diebisch, wie es nur ein
Junge in seinem Alter fertigbringt. Der Unteroffizier schlug ihm auf den Helm.
»Bring mir bloß meinen Vogel heil zurück.« Er sprang hinunter auf den Beton und
zog die Leiter weg. Dann nahm er eine letzte Sichtprüfung vor. Motti ließ inzwischen
die Triebwerke an, ging auf Leerlauf, bewegte Steuerknüppel und Pedale, sah auf
Kraftstoff- und Temperaturanzeige. Alles in Ordnung. Er schaute zum Piloten des
Führerflugzeuges hinüber und winkte: startklar. Dann zog er das Kabinendach
herunter, warf dem Unteroffizier einen letzten Blick zu und salutierte zum Abschied.
Mit seinen achtzehn Jahren war Zadin für die Verhältnisse in der israelischen
Luftwaffe nicht besonders jung. Er war wegen seiner raschen Reaktionen und seiner
jungenhaften Aggressivität ausgewählt worden und hatte sich seinen Platz in der
besten Luftwaffe der Welt hart erkämpfen müssen. Motti flog für sein Leben gern und
hatte Pilot werden wollen, seit er als kleiner Junge ein Trainingsflugzeug des Typs Bf109 gesehen hatte. Er liebte seine Skyhawk. Das war ein Flugzeug für richtige Piloten
und kein elektronisches Monstrum wie die Phantom. Die A-4, ein kleiner, schnell
reagierender Raubvogel, jagte schon bei der leichtesten Bewegung des Knüppels los.
Und nun der erste Kampfeinsatz. Motti hatte überhaupt keine Angst. Es fiel ihm gar
nicht ein, um sein Leben zu fürchten - wie alle Teenager hielt er sich für unsterblich,
und ein Kriterium bei der Auswahl von Kampfpiloten ist, daß sie keine menschlichen
Schwächen zeigen. Dennoch war dies für ihn ein besonderer Tag. Nie hatte er einen
schöneren Sonnenaufgang gesehen. Er war von einer übernatürlichen
Aufmerksamkeit, hatte alles wahrgenommen: den starken Kaffee zum Wachwerden,
den staubigen Geruch der Morgenluft in Beer Scheba, nun den Duft nach Öl und
Leder im Cockpit, das leise Rauschen im Kopfhörer und das Prickeln in seinen
Händen, die am Steuerknüppel lagen. So einen Tag hatte Motti Zadin noch nie erlebt,
und er dachte nicht eine Sekunde daran, daß das Schicksal ihm einen weiteren
verweigern mochte.
Die vier Maschinen rollten in perfekter Formation ans Ende der Startbahn 01. Das
schien ein gutes Omen für den Abflug nach Norden, einem nur 15 Flugminuten
entfernten Feind entgegen. Auf einen Befehl des Kommandanten, der selbst erst 21
war, drückten alle vier Piloten die Schubhebel bis zum Anschlag durch, lösten die
Bremsen und sausten los in den stillen, kühlen Morgen. Sekunden später waren sie in
der Luft und stiegen auf 5000 Fuß. Dabei bemühten sie sich, den zivilen Flugverkehr
um den Ben Gurion International Airport, der seltsamerweise noch in Betrieb war, zu
meiden.
Der Hauptmann gab die üblichen knappen Befehle: Aufschließen, Triebwerk,
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Bordwaffen, elektrische Systeme prüfen. Auf MiG und eigene Maschinen achten.
Sicherstellen, daß die Anzeige der Freund-Feind-Kennung IFF grün ist. Die 15
Minuten Flugzeit von Beerscheba zu den Golanhöhen vergingen rasch. Zadin hielt
angestrengt nach dem vulkanischen Steilhang, bei dessen Eroberung sein älterer
Bruder vor sechs Jahren gefallen war, Ausschau. Den kriegen die Syrer nie zurück,
sagte er sich.
»Schwarm: Rechts kurven auf Steuerkurs null-vier-drei. Ziel: Panzerkolonnen vier
Kilometer östlich der Linie. Augen auf! Achtet auf SAM und Flak.«
»Führer. Vier. Panzer in eins«, meldete Zadin gelassen. »Sehen aus wie unsere
Centurion.«
»Gutes Auge, Vier«, erwiderte der Hauptmann. »Das sind unsere.«
»Achtung, Abschußwarnung!« rief jemand. Augen suchten die Luft nach einer
Gefahr ab.
»Scheiße!« rief eine erregte Stimme. »SAM im Anflug, tief in zwölf!«
»Hab’ sie gesehen. Schwarm: Formation auflösen!« befahl der Hauptmann.
Die vier Skyhawks zerstreuten sich. Mehrere Kilometer entfernt hielten 12 SA-2Raketen mit Mach 3 auf sie zu. Auch die SAM drehten nach links und rechts ab, aber
so schwerfällig, daß zwei zusammenstießen und explodierten. Motti flog eine Rolle
nach rechts, zog den Knüppel an seinen Bauch, ging in den Sturzflug und verfluchte
dabei das zusätzliche Gewicht an der Tragfläche. Knapp 30 Meter über dem felsigen
Boden fing er die Skyhawk ab und jagte donnernd über die jubelnden Soldaten der
belagerten Barak-Brigade hinweg auf die Syrer zu. Als geschlossener Angriff war der
Einsatz im Eimer, aber das war für Motti jetzt nicht so wichtig: Er wollte ein paar
syrische Panzer abschießen. Als er eine andere A-4 sah, schloß er auf und begann mit
ihr den Bodenangriff. Vor ihm tauchten die gewölbten Türme syrischer T-62 auf.
Ohne hinzusehen, legte Zadin einen Schalter um und machte seine Waffen scharf. Vor
seinen Augen erschien das Reflexvisier der Bordkanone.
»Achtung, noch mehr SAM.« Der Hauptmann klang immer noch gelassen.
Mottis Herzschlag stockte: Ein ganzer Schwarm kleinerer Raketen - sind das die
SA-6, vor denen man uns gewarnt hat? schoß es ihm durch den Kopf - fegte über die
Felsen hinweg auf ihn zu. Er sah auf die Anzeige seiner Warnanlage; sie hatte die
angreifenden Flugkörper nicht erfaßt. Instinktiv ging Motti höher, um Raum zum
Manövrieren zu gewinnen. Vier Raketen folgten ihm in etwa drei Kilometer Abstand.
Scharfe Rolle nach rechts, spiralförmiger Sturzflug, ein Haken nach links. Das
täuschte drei der Raketen, aber die vierte ließ sich nicht abhängen und detonierte
ganze dreißig Meter von seiner Maschine entfernt. Motti hatte das Gefühl, als sei
seine Skyhawk zehn Meter zur Seite geschleudert worden. Er kämpfte mit der
Steuerung und fing das Flugzeug knapp überm Boden ab. Ein flüchtiger Blick ließ ihn
erstarren. Ganze Segmente seiner Backbordtragfläche waren zerfetzt. Akustische
Warnsignale im Kopfhörer und Leuchtsignale am Instrumentenbrett meldeten das
Desaster: Hydraulik leck, Funkgerät defekt, Generator ausgefallen. Doch die
mechanische Steuerung funktionierte noch, und seine Waffen konnten mit
Batteriestrom feuern. Nun sah er die Quälgeister: eine Batterie von SA-6, die aus vier
Flakpanzern, einem Radarwagen und einem schweren, mit Flugkörpern beladenen
Lkw bestand. Sein scharfer Blick machte sogar die über vier Kilometer entfernten
Syrer aus, die gerade hastig eine Rakete auf die Abschußrampe schafften.
Aber auch er wurde entdeckt, und nun begann ein Duell, das trotz seiner Kürze
nichts ausließ.
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Motti ging behutsam so tief, wie es seine schlagende Steuerung erlaubte, und nahm
das Ziel sorgfältig ins Reflexvisier. Er hatte 48 Zuni-Raketen, die in Vierersalven
abgeschossen werden konnten. Aus zwei Kilometer Entfernung eröffnete er das
Feuer. Irgendwie gelang es dem syrischen SAM-Trupp, noch eine Rakete zu starten.
Vor ihr hätte es eigentlich kein Entkommen geben dürfen, doch wurde der RadarAnnäherungszünder der SA-6 von den vorbeifliegenden Zunis ausgelöst, was zur
Selbstzerstörung des Flugkörpers in sicherer Entfernung führte. Motti grinste grimmig
hinter seiner Maske und feuerte nun Raketen und 20-Millimeter-Geschosse auf den
Trupp von Männern und Fahrzeugen. Die dritte Salve traf, vier weitere folgten; Motti
machte weiter, um das ganze Zielgebiet mit Raketen zu beschießen. Die SAMBatterie verwandelte sich in ein Inferno aus brennendem Dieselöl und
Raketentreibstoff und explodierenden Sprengköpfen. Ein gewaltiger Feuerball stieg
vor ihm auf, den er mit einem wilden Triumphgeschrei durchflog: Die Feinde waren
vernichtet, die Kameraden gerächt.
Lange währte das Hochgefühl nicht. Ganze Aluminiumbleche riß der Fahrtwind bei
etwa 750 Stundenkilometern aus seiner linken Tragfläche. Die A-4 begann heftig zu
vibrieren. Als Motti abdrehte, um zurückzufliegen, knickte der Flügel ganz ab, und
die Skyhawk brach in der Luft auseinander. Sekunden später wurde der junge Krieger
auf den Basaltfelsen des Golan zerschmettert. Niemand von dem Schwarm kehrte von
diesem Einsatz zurück.
Von der SAM-Batterie war so gut wie nichts mehr übrig. Alle sechs Fahrzeuge
waren in Fetzen gerissen, und von der 90 Mann starken Bedienungsmannschaft war
nur der kopflose Rumpf des Batteriechefs zu identifizieren. Er, wie auch der junge
Kämpfer, hatten ihrem Land treu gedient, aber ihre Taten blieben wie so oft
unbesungen. Drei Tage später erhielt Zadins Mutter ein Telegramm, in dem stand,
ganz Israel habe an ihrem Schmerz teil. Ein schwacher Trost für eine Mutter, die nun
zwei Söhne verloren hatte.
Doch es gab ein Ereignis, das als Fußnote zu diesem ansonsten unkommentierten
Vorfall in die Geschichte eingehen sollte. Eine nicht scharfgemachte Atombombe, die
sich von dem auseinanderbrechenden Kampfflugzeug gelöst hatte, war weiter nach
Osten geflogen. Weit von den Trümmern der Skyhawk entfernt, hatte sie sich direkt
neben dem Hof eines Drusen in den Boden gebohrt. Drei Tage später bemerkten die
Israelis das Fehlen der Bombe, und sie waren erst nach dem Ende des Oktoberkrieges
in der Lage, die einzelnen Umstände dieses Verlustes zu rekonstruieren. Die sonst so
findigen Israelis standen vor einem unlösbaren Problem. Die Bombe mußte irgendwo
hinter den syrischen Linie n liegen - aber wo? Welche der vier Maschinen hatte sie
getragen? Bei den Syrern Erkundigungen einzuziehen kam nicht in Frage. Und konnte
man den Amerikanern reinen Wein einschenken, bei denen man sich das »spezielle
Nuklearmaterial« so geschickt und diskret, daß man jederzeit seinen Besitz
dementieren konnte, beschafft hatte?
So blieb die Bombe liegen, ohne daß jemand von ihr wüßte - bis auf den Drusen,
der sie mit Erde bedeckte und weiter sein steiniges Feld bestellte.
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Die längste Reise
Arnold van Damm lümmelte sich in seinem Drehsessel mit der Eleganz einer in die
Ecke geworfenen Stoffpuppe. Jack hatte ihn nie ein Jackett tragen sehen außer in
Gegenwart des Präsidenten, und selbst dann nicht immer. Bei formellen Anlässen
fragte sich Ryan, ob Arnie den bewaffneten Agenten des Secret Service an seiner
Seite überhaupt brauchte. Die Krawatte hing lose unterm aufgeknöpften Kragen; ob
die jemals fest geschlungen gewesen war? dachte Ryan. Die blauen Hemden aus dem
Sportversandhaus L. L. Bean waren grundsätzlich aufgekrempelt und an den Ellbogen
schmuddelig, weil van Damm sich beim Aktenstudium auf seinen unaufgeräumten
Schreibtisch stützte. Van Damm war knapp 50, hatte schütteres Haar und ein
verknittertes Gesicht, das an eine alte Landkarte erinnerte, aber seine blaßblauen
Augen blickten hellwach, und seinem scharfen Geist entging nichts. Das waren die
Qualitäten, die man vom Stabschef der Präsidenten erwartet.
Er goß Diät-Coke in einen großen Becher, der auf der einen Seite das Emblem des
Weißen Hauses und auf der anderen seinen Namen trug, und musterte den
stellvertretenden Direktor der CIA, kurz DDCI, mit einem Gemisch aus Sympathie
und Argwohn. »Durst?«
»Ich könnte eine richtige Coke vertragen«, versetzte Jack grinsend. Van Damms
linke Hand verschwand, und dann schleuderte er eine rote Aluminiumdose hinüber,
die Ryan knapp über seinem Schoß schnappte. Die Erschütterungen machten das
Öffnen riskant, und Ryan hielt die Dose beim Aufreißen demonstrativ auf van Damm
gerichtet. Ob man den Mann nun mag oder nicht, dachte Ryan, Stil hat er, und der
Posten ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Den wichtigen Mann kehrt er nur heraus,
wenn es sein muß, und vor Außenstehenden. Bei Insidern spart er sich das Theater.
»Der Chef will wissen, was da drüben los ist«, begann der Stabschef.
»Ich auch.« Charles Alden, der Sicherheitsberater des Präsidenten, betrat den
Raum. »Entschuldigen Sie die Verspätung, Arnie.«
»Das würde uns ebenfalls interessieren«, erwiderte Jack. »Und zwar schon seit zwei
Jahren. Wollen Sie unseren besten Vorschlag hören?«
»Klar«, meinte Alden.
»Wenn Sie wieder mal in Moskau sind, halten Sie nach einem großen weißen
Kaninchen mit Weste und Taschenuhr Ausschau. Und wenn es Sie in seinen Bau
einlädt, nehmen Sie an und erzählen mir dann, was Sie tief unten vorgefunden
haben«, sagte Ryan in gespieltem Ernst. »Bitte, ich bin kein rechter Ultra, der nach
der Rückkehr des Kalten Krieges jammert, aber damals waren die Russen wenigstens
berechenbar. Inzwischen geht es im Kreml so zu wie bei uns - vollkommen chaotisch.
Komisch, ich verstehe erst jetzt, welche Kopfschmerzen wir dem KGB bereitet haben.
Die politische Dynamik dort drüben ändert sich von Tag zu Tag. Narmonow mag der
trickreichste Ränkeschmied der Welt sein, aber jedesmal, wenn er zur Arbeit geht, hat
er eine neue Krise zu bewältigen.«
»Was für ein Mensch ist er eigentlich?« fragte van Damm. »Sie kennen ihn doch.«
Alden hatte Narmonow getroffen, van Damm aber noch nicht.
»Ich bin ihm nur einmal begegnet«, dämpfte Ryan.
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Alden machte es sich in einem Sessel bequem. »Moment, Jack, ich habe Ihre
Personalakte gesehen, und der Chef auch. Ich hätte es fast geschafft, ihm Respekt vor
Ihnen einzuflößen. Zwei Intelligence Stars, für die Geschichte mit dem U-Boot und
für den Fall Gerasimow. Sie sind ein stilles Wasser, das läßt tief blicken. Kein
Wunder, daß Al Trent so viel von Ihnen hält.« Jack hatte den Intelligence Star, die
höchste Auszeichnung der CIA für Leistungen im Feld, sogar dreimal verliehen
bekommen, aber die Urkunde für den dritten Stern lag in einem Tresor und war so
geheim, daß selbst der Präsident sie nicht kannte und auch nie zu sehen bekommen
würde. »Also werden Sie Ihrem Ruf gerecht und reden Sie.«
»Er ist der seltene Typ, der im Chaos erfolgreich agiert. Ich kenne Ärzte, die so
sind, Unfallchirurgen zum Beispiel, die noch immer seelenruhig in der Notaufnahme
arbeiten, wenn alle anderen Kollegen schon längst ausgebrannt sind. Manche
Menschen genießen Druck und Streß, Arnie, und Narmonow gehört dazu. Er muß
eine Konstitution wie ein Pferd haben...«
»Das trifft auf die meisten Politiker zu«, merkte van Damm an.
»Beneidenswert. Wie auch immer, weiß Narmonow, wo es langgeht? Ja und nein,
würde ich sagen. Er hat eine Ahnung, wo er sein Land hinsteuern will, aber wie er ans
Ziel kommt und was er dann anfängt, weiß er nicht. Der Mann hat Mut.«
»Sie mögen ihn also.« Das war keine Frage.
»Er hatte die Möglichkeit, mich so einfach, wie ich gerade die Dose aufgemacht
habe, umzubringen, ließ es aber bleiben«, gab Ryan lächelnd zu. »Das nötigt mir
einige Sympathie ab. Nur ein Narr könnte den Mann nicht bewundern. Selbst wenn
wir noch Feinde wären, verdiente er Respekt.«
»Aha, wir sind also keine Feinde mehr?« Alden grinste ironisch.
»Wie könnten wir Gegner sein?« fragte Jack mit gespielter Überraschung. »Sagte
der Präsident nicht, das gehöre der Vergangenheit an?«
Der Stabschef grunzte. »Politiker reden viel. Dafür werden sie bezahlt. Wird
Narmonow es schaffen?«
Ryan schaute angewidert aus dem Fenster und ärgerte sich, daß er die Frage nicht
beantworten konnte. »Betrachten wir es einmal so: Andrej Ilitsch muß der taktisch
ausgekochteste Politiker sein, den das Land je hatte. Aber er vollführt einen
Drahtseilakt. Gewiß, er hat mehr Format als alle anderen, aber erinnern Sie sich noch
an die Zeit von Karl Wallenda, dem weitbesten Seiltänzer? Der Mann endete platt auf
dem Gehsteig, weil er einen schlechten Tag hatte in seinem Beruf, in dem man sich
keinen Schnitzer leisten kann. Auch Andrej Ilitsch gehört in diese Kategorie. Schafft
er es? Das fragt man sich schon seit acht Jahren. Ja, glauben wir - oder ich - aber... tja.
das ist eine Terra incognita, die wir noch nie betreten haben, und er auch nicht. Jeder
Meteorologe kann bei seiner Vorhersage auf eine Datenbasis zurückgreifen. Unsere
beiden besten Spezialisten für russische Geschichte haben im Augenblick
vollkommen entgegengesetzte Meinungen. Das sind Jake Kantrowitz von der Uni
Princeton und Derek Andrews an der Hochschule Berkeley. Gerade vor zwei Wochen
hatten wir sie beide in der Zentrale in Langley. Ich persönlich neige zu Jakes
Einschätzung, aber die leitenden Analytiker der UdSSR-Abteilung geben Andrews
recht. Und da stehen wir. Wenn Ihnen der Sinn nach dogmatischen Auslassungen ist,
schauen Sie in die Presse.«
Van Damm knurrte. »Wie sieht die nächste Krise aus?«
»Der Knackpunkt ist die Nationalitätenfrage«, sagte Jack. »Wie wird die
Sowjetunion zerfallen - welche Republiken werden sie verlassen -, wann und wie,
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friedlich oder mit Gewalt? Dieses Problem, mit dem Narmonow täglich zu tun hat,
bleibt.«
»Das predige ich schon seit einem Jahr. Wann wird sich eine neue Ordnung
abzeichnen?«
»Moment, ich bin derjenige, der sagte, Ostdeutschland brauchte ein Jahr
Übergangszeit. Ich war damals der größte Optimist in Washington und lag um elf
Monate falsch. Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist wilde Spekulation.«
»Wo schwelt es sonst noch?« fragte van Damm.
»Im Nahen Osten, wie üblich.« Ryan sah die Augen des Stabschefs aufleuchten.
»Dort planen wir bald eine Initiative.«
»Viel Glück«, meinte Ryan sarkastisch. »Daran basteln wir schon seit 1973 unter
Nixon und Kissinger herum. Die Lage hat sich zwar etwas abgekühlt, aber die
grundlegenden Probleme existieren nach wie vor, und früher oder später wird es dort
wieder losgehen. Positiv ist, daß Narmonow sich nicht einmischen will. Mag sein, daß
er seine alten Verbündeten unterstützen muß - der Waffenhandel ist für ihn ein
Dukatenesel -, aber wenn es zu einem Konflikt kommt, wird er, anders als seine
Vorgänger, keinen Druck ausüben - siehe den Krieg am Golf. Denkbar, daß er weiter
Waffen in die Region schleust - ich halte das zwar für unwahrscheinlich, kann mich
jedoch nicht festlegen -, aber er wird einen arabischen Angriff auf Israel lediglich
unterstützen und selbst keine Schiffe umdirigieren oder Truppen in Alarmbereitschaft
versetzen. Ich bezweifle sogar, daß er säbelrasselnden Arabern den Rücken stärken
wird. Andrej Il’itsch sagt, sowjetische Waffen seien für die Verteidigung bestimmt,
und das glaube ich ihm auch - trotz der Hinweise, die wir von den Israelis erhalten.«
»Steht das fest?« fragte Alden. »Das Außenministerium sagt etwas anderes.«
»Das Außenministerium irrt«, gab Ryan fest zurück.
»Dann liegt Ihr Chef aber auch falsch«, betonte van Damm.
»In diesem Fall. Sir, muß ich bei allem Respekt anderer Auffassung sein als der
Direktor.«
Alden nickte. »Jetzt verstehe ich, warum Trent Sie mag: Sie reden nicht wie ein
Bürokrat. Wie konnten Sie sich als Mann, der sagt, was er denkt, so lange halten?«
»Vielleicht bin ich bloß ein Aushängeschild.« Ryan lachte und wurde dann ernst.
»Bitte denken Sie darüber nach. Narmonow hat mit seinem Vielvölkerstaat so viel zu
tun, daß eine aggressive Außenpolitik ebenso viele Gefahren wie Vorteile bergen
würde. Nein, er verkauft lediglich Waffen gegen harte Währung, und auch nur dann,
wenn die Luft rein ist. Das ist ein Geschäft und weiter nichts.«
»Wenn wir also eine friedliche Lösung finden ...?« meinte Alden versonnen.
»Finden wir vielleicht sogar Narmonows Unterstützung«, ergänzte Ryan.
»Schlimmstenfalls bleibt er im Hintergrund und murrt, weil er nicht mitmischen kann.
Aber sagen Sie, wie wollen Sie im Nahen Osten Frieden schaffen?«
»Mit Druck auf Israel«, versetzte van Damm schlicht.
»Das halte ich aus zwei Gründen für unklug. Erstens ist es falsch, Israel unter
Druck zu setzen, bevor seine Bedenken über die Sicherheit ausgeräumt sind, und dazu
kann es erst kommen, wenn die Grundfragen gelöst sind.«
»Wie zum Beispiel...?«
»Der Kernpunkt des Konflikts.« Die Sache, die alle übersehen, fügte Ryan in
Gedanken hinzu.
»Klar, es geht um die Religion, aber diese Narren glauben doch im Grunde an
dieselben Dinge!« grollte van Damm. »Letzten Monat habe ich in den Koran geschaut
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und alles gefunden, was wir in der Sonntagsschule beigebracht bekamen.«
»Wohl wahr«, stimmte Ryan zu. »Für Katholiken und Protestanten ist Christus ja
auch der Sohn Gottes, was sie aber nicht davon abhält, sich in Nordirland gegenseitig
abzuschlachten. Nirgendwo ist ein Jude sicherer als in Ulster. Dort sind die Christen
miteinander so beschäftigt, daß sie für Antisemitismus gar keine Zeit haben. Arnie,
für Nordirland und Nahost gilt eine Maxime: Ganz gleich, wie gering uns die
religiösen Differenzen vorkommen mögen, für die Betroffenen sind sie ein Motiv zum
Töten. Und dieser Unterschied muß für uns ausschlaggebend sein.«
»Hm, das stimmt wohl«, gestand der Stabschef widerwillig. Er dachte kurz nach.
»Haben Sie Jerusalem im Sinn?«
»Genau.« Ryan trank sein Coke aus und pfefferte die Dose in van Damms
Papierkorb. »Drei Religionen ist die Stadt heilig, beherrscht aber wird sie nur von
einer, die mit einer der beiden anderen im Streit liegt. Angesichts der explosiven Lage
in dieser Region könnte man sich für die Stationierung einer Friedensstreitmacht
aussprechen - aber welcher? Denken Sie nur an die Zusammenstöße mit islamischen
Fanatikern in Mekka. Arabische Friedenstruppen in Jerusalem würden die Sicherheit
Israels bedrohen. Spricht man sich für den Status quo aus, also nur israelische
Streitkräfte, nehmen die Araber Anstoß. Die UNO können wir gleich vergessen. Israel
hätte Einwände, weil die Juden in diesem Forum nicht sehr beliebt sind. Die Araber
würden sich an den vielen Christen in einer Friedenstruppe stoßen. Und uns gefiele
die Sache auch nicht, weil man uns bei der UNO nicht gerade liebt. Der einzig
verfügbaren internationalen Organisation mißtrauen alle Beteiligten. Eine
Pattsituation.«
»Dem Präsidenten liegt viel an dieser Initiative«, betonte der Stabschef. Offenbar
wollte die Administration den Eindruck erwecken, daß etwas getan wurde.
»Dann soll er halt den Papst um Vermittlung bitten, wenn er ihn wieder mal sieht.«
Ryans respektloses Grinsen erstarrte für einen Augenblick. Van Damm glaubte, daß er
innehielt, weil er nichts Despektierliches über den Präsidenten, gegen den er eine
Abneigung hatte, sagen wollte. Doch dann wurde Ryans Gesicht ausdruckslos. Arnie
kannte ihn nicht gut genug, um diese Miene zu deuten. »Moment mal...«
Der Stabschef lachte in sich hinein. Ein Besuch beim Papst konnte dem Präsidenten
nicht schaden und kam bei den Wählern immer gut an. Anschließend konnte er dann
bei einem öffentlichen Essen mit Vertretern von B’nai B’rith, der jüdischen Loge,
demonstrieren, daß er ein Herz für alle Religionen hatte. In Wirklichkeit ging der
Präsident jetzt, da seine Kinder erwachsen waren, nur noch zur Schau in die Kirche.
Und das war ein amüsanter Aspekt: Die Sowjets kehrten auf ihrer Suche nach
gesellschaftlichen Werten zur Religion zurück, von der sich die amerikanische Linke
schon seit langem abgewandt hatte. Van Damm war ursprünglich ein überzeugter
Linker gewesen, aber 25 Jahre praktische Regierungsarbeit hatten ihn eines Besseren
belehrt. Inzwischen mißtraute er Ideologen beider Flügel aus Überzeugung. Als
Pragmatiker suchte er nach Lösungen, die den Vorteil hatten, tatsächlich zu
funktionieren. Sein politischer Tagtraum hatte ihn vom Thema abgelenkt.
»Haben Sie etwas im Sinn, Jack?« fragte Alden.
»Nun, wir gehören doch alle Offenbarungsreligionen an, nicht wahr, und haben
heilige Schriften.« Vor Jacks innerem Auge tauchte eine Idee auf.
»Und?«
»Und der Vatikan ist ein ric htiger Staat mit diplomatischem Status, aber ohne
Militär... nun ja, die Schweizergarde... Die Schweiz ist neutral und noch nicht einmal
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UN-Mitglied. Dort legen die Araber ihr Geld an, dort amüsieren sie sich... Hm, ich
frage mich, ob er da mitmachen würde...« Ryans Miene wurde wieder ausdruckslos,
doch plötzlich sah van Damm seine Augen aufleuchten: Ihm mußte etwas eingefallen
sein. Er fand es immer faszinierend, so einen Geistesblitz mitzuerleben, zog es aber
vor, zu wissen, worum es ging.
»Wie bitte? Wer soll bei was mitmachen?« fragte der Stabschef etwas gereizt.
Alden wartete einfach ab.
Ryan erläuterte.
»Es wird doch hauptsächlich um die heiligen Stätten gestritten, nicht wahr? Ich
könnte mal mit Leuten in Langley reden. Wir haben einen guten Draht...«
Van Damm lehnte sich zurück. »Was sind das für Kontakte? Sollen wir mit dem
Nuntius sprechen?«
Ryan schüttelte den Kopf. »Der Nuntius, Kardinal Giancetti, ist ein netter alter
Herr, der aber nur repräsentiert. Sie sind schon lange genug hier und wissen das,
Arnie. Wer mit jemandem sprechen will, der sich auskennt, wendet sich an Pater
Riley in Georgetown. Er war mein Doktorvater, und wir verstehen uns gut. Riley hat
einen direkten Draht zum General.«
»Und wer ist das?«
»Das Oberhaupt der Gesellschaft Jesu, Francisco Alcalde SJ, ein Spanier. Er lehrte
zusammen mit Pater Tim Riley an der Universität San Giovanni Bellarmine in Rom.
Beide sind Historiker, und Pater Tim ist der inoffizielle Vertreter des Ordens hier.
Haben Sie ihn nie kennengelernt?«
»Nein. Ist er die Mühe wert?«
»Aber sicher. Riley ist einer der besten Lehrer, die ich je hatte, und kennt
Washington wie seine Westentasche. Er hat auch vorzügliche Kontakte beim Home
Office.« Ryan grinste, aber van Damm verstand den Witz nicht.
»Könnten Sie ein diskretes Mittagessen arrangieren?« fragte Alden. »Nicht hier,
sondern irgendwo anders?«
»Ich schlage den Cosmos Club in Georgetown vor. Pater Tim ist dort Mitglied. Der
Universitätsclub ist günstiger gelegen, aber...«
»Schon gut. Ist er verschwiegen?«
»Kann ein Jesuit ein Geheimnis wahren?« Ryan lachte. »Sie sind bestimmt kein
Katholik.«
»Wie schnell ließe sich das einrichten?«
»Wäre Ihnen morgen oder übermorgen recht?«
»Und seine Loyalität?« fragte van Damm aus heiterem Himmel.
»Pater Tim ist US-Staatsbürger, und er ist bestimmt kein Sicherheitsrisiko.
Andererseits ist er Priester und hat einen Eid geschworen, der ihn einer Autorität
verpflichtet, die für ihn über der Verfassung steht. Sie können sich darauf verlassen,
daß der Mann seinen Verpflichtungen nachkommt, aber vergessen Sie, welcher Art
diese sind«, warnte Ryan. »Herumkommandieren kann man ihn auch nicht.«
»Arrangieren Sie das Essen. Riley klingt ganz nach einem Mann, dem ich begegnen
sollte. Richten Sie ihm aus, ich wollte nur seine Bekanntschaft machen«, meinte
Alden. »Morgen und übermorgen bin ich um die Mittagszeit frei.«
»Wird gemacht, Sir.« Ryan stand auf.
Der Cosmos Club befindet sich in einem herrschaftlichen Haus, das einmal dem
Diplomaten Sumner Welles gehört hatte. In Jacks Augen wirkte es nackt, weil ihm
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150 Hektar Hügelland, ein Stall mit Vollblütern und vielleicht ein Fuchs fehlte, dem
der Besitzer nicht allzu entschlossen nachstellte. Eine solche Umgebung aber hatte
das Anwesen nie besessen, und Ryan fragte sich, warum Welles, der sich in
Washington so gründlich auskannte, jenen Bau, der so offensichtlich im Widerspruch
zu den Realitäten der Stadt stand, an diesem Platz und in diesem Stil errichtet hatte.
Die Kriterien für die Mitgliedschaft in dem laut Satzung für die Intelligenzija
gedachten Club gründeten sich nicht auf Reichtum, sondern auf Leistung - in
Washington war er als Ort bekannt, wo die Konversation kultiviert und die Küche
unterentwickelt war. Ryan führte Alden in ein kleines Privatzimmer im ersten Stock.
Pater Timothy Riley SJ erwartete sie, eine Bruyerepfeife zwischen den Zähnen und
die Washington Post vor sich auf dem Tisch. Daneben stand ein Glas mit einem Rest
Sherry. Er trug ein ungebügeltes Hemd und ein knittriges Jackett. Seine Soutane, die
er bei einem der besseren Schneider in der Wisconsin Avenue maßschneidern ließ,
hob er sich für offizielle Anlässe auf. Der steife Kragen war strahlend weiß, und dem
Katholiken Ryan schoß plötzlich durch den Kopf, daß er nicht sagen konnte, woraus
das Ding gemacht war. Gestärkte Baumwolle? Zelluloid, wie der Vatermörder zu
Großvaters Zeiten? Wie auch immer, das einengende Stück mußte den Träger an
seinen Platz im Dies - und Jenseits erinnern.
»Hallo, Jack!«
»Tag, Pater Riley.« Ryan machte die Männer miteinander bekannt, sie gaben sich
die Hand und setzten sich an den Tisch. Ein Kellner erschien, nahm die
Getränkebestellung auf und schloß beim Hinausgehen die Tür hinter sich.
»Nun, Jack, wie gefällt Ihnen der neue Job?« fragte Riley.
»Er erweitert den Horizont«, antwortete Ryan und ließ es dabei bewenden. Der
Priester mußte schon über seine Probleme in Langley Bescheid wissen.
»Wir haben einen Friedensplan für den Nahen Osten, und Jack meinte, Sie seien der
richtige Mann für ein sondierendes Gespräch«, schnitt Alden das Thema an. Er mußte
unterbrechen, als der Kellner mit Getränken und Speisekarten zurückkam. Sein
anschließender Diskurs über die Friedensplan-Idee dauerte mehrere Minuten.
»Interessant«, meinte Riley, als er alles gehört hatte.
»Was halten Sie von dem Konzept?« wollte der Sicherheitsberater wissen.
»Hochinteressant.« Der Priester verfiel in Schweigen.
»Wird der Papst...?« Ryan gebot Alden mit einer Handbewegung Einhalt. Riley ließ
sich ungern drängen, wenn er nachdachte. Immerhin ist bei Historikern der Faktor
Zeit weniger entscheidend als bei Ärzten.
»Sicherlich eine elegante Lösung«, bemerkte Riley nach einer halben Minute. »Nur
die Griechen werden große Schwierigkeiten machen.«
»Die Griechen? Wie das?«
»Am streitsüchtigsten ist im Augenblick die griechisch-orthodoxe Kirche. Wegen
der banalsten administrativen Details geraten wir immer wieder aneinander.
Seltsamerweise sind die Imams und Rabbis im Augenblick umgänglicher miteinander
als die christliche Geistlichkeit. Wie auch immer, die Probleme zwischen Katholiken
und Orthodoxen sind vorwiegend verfahrenstechnischer Natur - wem welche Stätte
anvertraut wird, wer in Bethlehem die Mitternachtsmesse liest. Eigentlich schade.«
»Sie sagen, der Plan müsse scheitern, weil zwei christliche Kirchen sich nicht
einigen können?«
»Ich sprach von Schwierigkeiten, Dr. Alden, nicht davon, daß der Plan aussichtslos
ist.« Riley verstummte wieder. »Sie werden die Troika ausbalancieren müssen ..., aber
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angesichts der Natur des Vorhabens wird man Sie wohl unterstützen. Die Orthodoxen
werden Sie sowieso hinzuziehen müssen; die kommen nämlich sehr gut mit den
Moslems aus.«
»Wie das?« fragte Alden.
»Nach der Vertreibung des Propheten Mohammed aus Medina durch vorislamische
Heiden gewährte das orthodoxe Katharinenkloster im Sinai ihm Zuflucht. Die
Mönche versorgten ihn, als er Freunde nötig hatte. Mohammed war ein ehrenhafter
Mann, und das Kloster genießt seitdem den Schutz der Moslems. Seit über tausend
Jahren hat trotz aller häßlichen Vorfälle in der Region niemand diesen Ort gestört.
Am Islam ist vieles bewundernswert, was wir im Westen wegen der Fanatiker, die
sich Moslems nennen, oft übersehen. Er hat edle Gedanken und eine respektable
intellektuelle Tradition hervorgebracht, mit der bei uns leider kaum jemand vertraut
ist«, schloß Riley.
»Gibt es andere mögliche Probleme?« fragte Jack.
Pater Tim lachte. »Der Wiener Kongreß! Jack, wie konnten Sie den vergessen?«
»Wie bitte?« platzte Alden gereizt heraus.
»1815, das weiß doch jedes Kind. Bei der Neuordnung Europas nach den
Napoleonischen Kriegen mußten sich die Schweizer verpflichten, nie mehr Söldner in
andere Länder zu senden. Aber da finden wir bestimmt einen Ausweg. Darf ich das
einmal kurz darlegen, Dr. Alden? Die Leibwache des Papstes besteht aus Schweizern,
so wie früher die des Königs von Frankreich, die dann beim Ausbruch der Revolution
getötet wurde. Einem ähnlichen Schicksal entkam die päpstliche Garde einmal nur
knapp, aber sie konnte sich so lange verteidigen, bis eine kleine Abordnung den
Heiligen Vater im abgelegenen Castel Gandolfo in Sicherheit bringen konnte. Söldner
waren der wichtigste Exportartikel der Schweiz und weithin gefürchtet. Die Rolle der
Schweizergarde im Vatikan ist inzwischen vorwiegend repräsentativ, war aber früher
durchaus stark militärisch. Wie auch immer, Schweizer Söldner hatten einen so
abschreckenden Ruf, daß der Wiener Kongreß die Schweiz zu der Verpflichtung
zwang, ihre Soldaten nur im eigenen Land und im Vatikan einzusetzen. Dies ist, wie
ich sagte, aber nur ein Randproblem. Die Schweiz beteiligt sich bestimmt mit
Begeisterung an diesem Projekt, das ihrem Prestige in einer Region, wo viel Geld
steckt, nur förderlich sein kann.«
»Sicher«, merkte Jack an. »Besonders, wenn wir das Material stellen - Panzer M-1,
Bradley-Schützenpanzer, Elektronik für die Kommunikation...«
»Jack, das kann doch nicht Ihr Ernst sein«, sagte Riley.
»Doch, Pater. Allein aus psychologischen Gründen muß die Truppe schwere
Waffen haben. Man muß demonstrieren, daß man es ernst meint. Ist das erst einmal
geschehen, kann der Rest der Schweizergarde in seiner Designerkleidung von
Michelangelo und bewaffnet mit Hellebarden herumstolzieren und in die Kameras der
Touristen grinsen. Aber im Nahen Osten muß man schweres Kaliber auffahren.«
Das sah Riley ein. »Gentlemen, mir gefällt die Eleganz des Konzepts, weil es an
das Edle im Menschen appelliert. Alle Beteiligten behaupten, an einen Gott zu
glauben, wenngleich unter verschiedenen Namen. Jerusalem, die Stadt Gottes..., hm,
das ist der Schlüssel. Bis wann brauchen Sie eine Antwort?«
»Sehr dringend ist es nicht«, antwortete Alden. Riley verstand: Das Weiße Haus
war an der Sache interessiert, aber es gab keinen Grund zur Eile. Andererseits sollte
sie auch nicht zuunterst in einem Aktenstoß landen. Es handelte sich eher um eine
Anfrage über informelle Kanäle, die zügig und diskret zu erledigen war.
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»Nun, der Vorgang muß die Bürokratie passieren, und der Vatikan hat die älteste
Verwaltung der Welt.«
»Aus diesem Grund haben wir uns an Sie gewandt«, meinte Ryan. »Ihr General
kann diese Sesselfurzer bestimmt umgehen.«
»Aber Jack! So spricht man doch nicht von den Fürsten der Kirche!« Riley platzte
fast vor Lachen.
»Vergessen Sie nicht, ich bin Katholik und verstehe das.«
»Ich nehme Verbindung auf«, sagte Riley. Noch heute, versprach sein Blick.
»Aber diskret«, betonte Alden.
»Diskret«, stimmte Riley zu.
Zehn Minuten später war Pater Timothy Riley auf der kurzen Rückfahrt zu seiner
Dienststelle in Georgetown schon in Gedanken mit dem Vorschlag beschäftigt. Ryan
hatte Pater Rileys Kontakte und ihre Bedeutung richtig eingeschätzt. Der Pater faßte
sein Schreiben in attischem Griechisch ab, der Philosophensprache, derer sich außer
Plato und Aristoteles nie mehr als 50000 Menschen bedient hatten. Er hatte sie beim
Studium am Woodstock Seminar gelernt.
Er schloß die Tür zu seinem Arbeitszimmer, wies seinen Sekretär an, keine
Gespräche durchzustellen, und schaltete seinen Computer ein. Zuerst lud er ein
Programm, das die Verwendung des griechischen Alphabets ermöglichte. Riley hatte
seine Maschinenschreibkünste dank Sekretär und Computer so gründlich verlernt, daß
er für das Dokument - neun zweizeiligbeschriebene Seiten - über eine Stunde
brauchte. Dann zog er eine Schreibtischschublade auf und gab die Kombination für
den in einem Aktenschrank versteckten kleinen, aber sicheren Safe ein. Hier lag, wie
Ryan schon lange vermutete, ein Chiffrenbuch, in mühseliger Arbeit handschriftlich
erstellt von einem jungen Priester aus dem Stab des Ordensgenerals.
Riley mußte lachen; normalerweise brachte man Geheimcodes nicht mit der
Priesterschaft in Verbindung. Als Admiral Chester Nimitz 1944 dem Generalvikar der
US-Streitkräfte, John Kardinal Spellman, die Ernennung eines neuen Bischofs für die
Marianen nahelegte, holte der Geistliche ein Chiffrenbuch hervor und gab über das
Fernmeldenetz der US-Marine die entsprechenden Anweisungen. Wie jede andere
Organisation brauchte auch die katholische Kirche gelegentlich eine sichere
Nachrichtenverbindung; der Chiffrierdienst des Vatikans existierte schon seit
Jahrhunderten. Im vorliegenden Fall war der Schlüssel ein langes Zitat aus einem
Diskurs von Aristoteles mit sieben fehlenden und vier auf groteske Weise falsch
geschriebenen Wörtern. Ein Chiffrierprogramm erledigte den Rest. Nun mußte er eine
neue Kopie ausdrucken. Anschließend schaltete er den Computer ab und löschte so
das Kommunique. Der Ausdruck ging per Fax an den Vatikan und kam anschließend
in den Reißwolf. Die ganze mühselige Aktion hatte drei Stunden gedauert, und als
Riley seinem Sekretär mitteilte, er sei wieder fürs Tagesgeschäft verfügbar, wußte er,
daß er bis tief in die Nacht würde arbeiten müssen. Im Gegensatz zu normalen
Geschäftsleuten fluchte er aber deswegen nicht.
»Das gefällt mir nicht«, sagte Leary leise und schaute durchs Fernglas.
»Mir auch nicht«, stimmte Paulson zu. Er hatte durch sein Zielfernrohr mit
zehnfacher Vergrößerung zwar ein engeres Gesichtsfeld, sah aber mehr Details. Nach
dem Subjekt fahndete das FBI schon seit über zehn Jahren. Der Mann, dem der Mord
an zwei FBI-Agenten und einem Vollzugsbeamten zur Last gelegt wurde, John
Russell (alias Richard Burton, alias Red Bear), war in einer Organisation
untergetaucht, die sich »Warrior Society« nannte, die Gesellschaft der Sioux-Krieger.
Viel von einem Stammeskrieger hatte John Russell indes nicht. Er war in Minnesota
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geboren, weit vom Sioux-Reservat entfernt, und als kleiner Krimineller im Gefängnis
gelandet. Dort hatte er seine ethnische Herkunft entdeckt und sich sein verdrehtes Bild
vom amerikanischen Ureinwohner zurechtgezimmert - das Paulson eher an Bakunin
als an den Indianerhäuptling Cochise erinnerte. Russell hatte drei terroristische Akte
begangen, bei denen drei Bundesbeamte umkamen. Dann war er abgetaucht. Früher
oder später aber macht jeder Flüchtige einen Fehler, und diesmal war John Russell an
der Reihe. Die »Warrior Society« finanzierte sich mit Drogenschmuggel nach
Kanada, und ein FBI-Informant hatte von dem riskanten Unternehmen Wind
bekommen.
Sie waren in den gespenstischen Ruinen eines Bauerndorfes sechs Meilen von der
kanadischen Grenze entfernt. Das Geiselrettungsteam des FBI, für das es wie üblich
keine Geiseln zu retten gab, fungierte als Antiterroreinheit der Behörde. Die zehn
Mann des Trupps, angeführt von Dennis Black, unterstanden der administrativen
Kontrolle des örtlich zuständigen FBI-Agenten, genannt SAC, und genau an diesem
Punkt war es bei der Behörde mit der sonst üblichen Perfektion gründlich vorbei. Der
lokale SAC hatte einen komplizierten Plan für einen Hinterhalt ausgeklügelt, der
allerdings schon übel begonnen und dann fast in einer Katastrophe geendet hatte: Drei
Agenten lagen nach Verkehrsunfällen im Krankenhaus, zwei andere hatten schwere
Schußverletzungen erlitten. Im Gegenzug war ein Subjekt mit Sicherheit getötet und
ein zweites vermutlich verwundet worden. Die anderen drei oder vier - auch da war
man nicht ganz sicher, hatten sich in einem ehemaligen Motel verbarrikadiert. Fest
stand jedenfalls, daß entweder in der alten Herberge die Amtsleitung noch
funktionierte oder, was wahrscheinlicher war, die Subjekte über ein Funktelefon die
Medien verständigt hatten. Das Resultat war eine Riesenkonfusion, die einem Trupp
Zirkusclowns alle Ehre gemacht hätte. Der SAC bemühte sich, den Rest seines
professionellen Rufes zu retten, in dem er die Medien zu seinen Gunsten manipulierte.
Nur wußte er noch nicht, daß mit Fernsehteams aus Denver oder Chicago nicht so
leicht umzuspringen war wie mit jungen Lokalreportern. Die Profis ließen sich nicht
an der Nase herumführen.
»Dem Kerl reißt Bill Shaw morgen den Arsch auf«, merkte Leary le ise an.
»Damit ist uns auch nicht geholfen«, versetzte Paulson.
»Was gibt’s?« fragte Black über den gesicherten Funkkanal.
»Bewegung, aber keine Identifizierung«, antwortete Leary. »Schlechtes Licht. Die
Kerle mögen blöd sein, aber verrückt sind sie nicht.«
»Die Subjekte haben einen TV-Reporter mit Kamera verlangt, und der SAC hat
zugestimmt.«
»Dennis, Sie haben doch nicht etwa ...?« Paulson fiel fast das Fernrohr aus der
Hand.
»Doch«, erwiderte Black. »Der SAC sagt, er hat hier den Befehl.« Der
Verhandlungsexperte des FBI, ein erfahrener Psychiater, sollte erst in zwei Stunden
eintreffen, und der SAC wollte für die Abendnachrichten etwas zu bieten haben.
Black wäre dem Mann am liebsten an die Kehle gesprungen, aber das ging natürlich
nicht.
»Ich kann ihn nicht wegen Unfähigkeit festnehmen«, sagte Leary mit der Hand
überm Mikrofon. Das einzige, was den Kerlen noch fehlt, ist eine Geisel, fügte er in
Gedanken hinzu. Liefern wir ihnen ruhig eine, dann kriegt unser Psychiater
wenigstens etwas zu tun.
»Die Lage, Dennis?« fragte Paulson.
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»Auf meine Befehle hin sind die Eingreifrichtlinien in Kraft«, erwiderte Dennis
Black. »Es kommt eine Reporterin, 28, blond, blaue Augen, etwa einsfünfundsechzig;
begleitet von einem Kameramann, farbig, etwa einsneunzig. Ich habe ihm
Anweisungen gegeben, wie er sich annähern soll. Der Mann hat Köpfchen und spielt
mit.«
»Roger, Dennis.«
»Seit wann sind Sie an der Waffe, Paulson?« fragte Black noch. Laut
Dienstvorschrift durfte ein Scharfschütze bei voller Alarmbereitschaft nur 30 Minuten
an der Waffe bleiben; danach tauschten Beobachter und Schütze die Positionen.
Offenbar war Black der Ansicht, daß irgend jemand sich an die Vorschriften halten
mußte.
»Seit 15 Minuten, Dennis, alles klar... Ah, da kommt das Fernsehen.«
Sie lagen nur 115 Meter vom Eingang des Motels entfernt in Stellung. Die Sicht
war schlecht. In 90 Minuten ging die Sonne unter. Ein stürmischer Tag; ein heißer
Südwestwind fegte über die Prärie. Die Augen brannten vom Staub. Am schlimmsten
war, daß die Querböen eine Geschwindigkeit von über 60 Stundenkilometern
erreichten und damit sein Geschoß um bis zu 20 Zentimeter ablenken konnten.
»Team steht bereit«, verkündete Black. »Ermächtigung zum Eingreifen ist gerade
gegeben worden.«
»Ein totales Arschloch ist er also nicht«, erwiderte Leary über Funk. Er war so
aufgebracht, daß es ihm gleich war, ob der SAC nun mithörte oder nicht.
Wahrscheinlich bepißt er sich gerade wieder, dachte er.
Scharfschütze und Beobachter trugen Tarnanzüge und hatten zwei Stunden
gebraucht, um ihre Positionen einzunehmen; nun verschmolzen sie mit den knorrigen
Bäumen und dem struppigen Präriegras. Leary beobachtete, wie sich das Fernsehteam
dem Motel näherte. Die Frau ist hübsch, dachte er, aber ihre Frisur und ihr Make-up
haben unter dem scharfen trockenen Wind gelitten. Der Kameramann hätte bei den
Vikings Verteidiger sein können und war vielleicht schnell und zäh genug, um Tony
Wills, dem sensationellen neuen Halfback, einen Angriffskorridor freizumachen.
Leary verdrängte den Gedanken.
»Der Kameramann trägt eine kugelsichere Weste. Die Frau nicht.« Schwachsinn,
dachte Leary. Dennis muß ihr doch gesagt haben, was das für Kerle sind.
»Dennis sagt, der Mann sei gewitzt.« Paulson richtete sein Gewehr auf das
Gebäude. »Bewegung an der Tür!«
»Passen wir alle auf«, murmelte Leary.
»Subjekt l in Sicht«, verkündete Paulson. »Russell kommt raus. Scharfschütze l hat
Ziel erfaßt.«
»Hab’ ihn!« meldeten drei andere Stimmen gleichzeitig.
John Russell war ein Hüne - einssechsundneunzig, gut 110 Kilo schwer -, ein
ehemaliger Athlet, der nun verfettete. Sein Oberkörper war nackt; er trug Jeans, und
ein Stirnband hielt sein langes schwarzes Haar. Auf der Brust hatte er Tätowierungen,
einige vom Fachmann, die meisten aber im Gefängnis mit Kopierstift und Spucke
angefertigt. Er war ein Typ von der Sorte, der die Polizei lieber bewaffnet
entgegentritt. Die lässige Arroganz seiner Bewegungen verriet seine Verachtung für
Regeln und Gesetze.
»Subjekt l trägt einen großen schwarzen Revolver«, meldete Leary dem Rest des
Teams. Smith & Wesson? spekulierte er. Ȁh, Dennis..., hier kommt mir was komisch
vor.«
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»Was?« fragte Black sofort.
»Mike hat recht«, sagte Paulson dann, der sich Russells Gesicht durchs Zielfernrohr
genau ansah. »Der steht unter Drogen, Dennis, der hat was drin. Rufen Sie das TVTeam zurück!« Aber dafür war es zu spät.
Paulson hielt Russells Kopf im Fadenkreuz. Für ihn war Russell nun kein Mensch
mehr, sondern ein Subjekt, ein Ziel. Wenigstens war der SAC vernünftig genug
gewesen, dem Team begrenzte Erlaubnis zum Eingreifen zu geben, so daß sein Leiter
für den Fall, daß etwas schiefging, alle ihm angemessen erscheinenden Maßnahmen
treffen konnte. Auch Paulson hatte spezifische Anweisungen. Sowie das Subjekt
einen Agenten oder Zivilisten lebensgefährdend bedrohte, konnte er mit seinem
Finger auf den Abzug seines Gewehrs einen Druck von 2650 Gramm ausüben und
damit das Geschoß losjagen.
»Immer mit der Ruhe, alle Mann«, flüsterte der Scharfschütze. Sein Zielfernrohr
Marke Unertl war mit Fadenkreuz und Strichplatte ausgerüstet. Erneut schätzte
Paulson automatisch die Distanz, achtete weiter auf die Böen und hielt Russells Ohr
im Fadenkreuz.
Die Szene hatte eine grausige Komik. Die Reporterin lächelte und bewegte ihr
Mikrofon beim Interview hin und her. Der massige schwarze Kameramann hatte seine
Minicam am Auge, mit der aufgesteckten grellen Lampe, die von Batterien, die an
seinem Gürtel befestigt waren, betrieben wurde. Russell redete eindringlich, aber
Paulson und Leary verstanden nichts, weil der Wind zu heftig war. Seine Miene war
von Anfang an zornig gewesen, und sie glättete sich nicht. Er ballte die Linke zur
Faust, und die Finger seiner rechten Hand schlössen sich automatisch um den Knauf
der Pistole. Der Wind preßte die Seidenbluse der Reporterin an ihre durchscheinenden
Brüste. Leary fiel ein, daß Russell den Ruf hatte, ein zur Brutalität neigender
Sexualathlet zu sein. Aber der Ausdruck des Mannes war sonderbar leer. Einmal
starrte er teilnahmslos, dann wieder fuhr er leidenschaftlich auf; diese durch Drogen
erzeugte Instabilität mußte den psychischen Druck auf den vom FBI Umstellten noch
verstärken. Plötzlich wurde er unnatürlich ruhig.
Leary verfluchte den SAC. Wir sollten uns ein Stück zurückziehen und abwarten,
bis die Kerle mürbe sind, dachte er. Die Lage hat sich stabilisiert. Die kommen hier
nicht weg. Wir könnten übers Telefon verhandeln und sie hinhalten...
»Achtung!«
Mit seiner freien Hand hatte Russell die Reporterin am Oberarm gepackt. Sie
versuchte sich zu befreien, verfügte aber nur über einen Bruchteil der Kraft,
die dazu nötig war. Der Kameramann nahm eine Hand von der Sony. Er war groß
und stark und hätte Erfolg haben können, aber seine Bewegung provozierte Russell.
Die rechte Hand des Subjekts zuckte.
»Im Ziel!« sagte Paulson erregt. Laß das, du Arschloch, dachte er. HÖR AUF! Er
durfte nicht zulassen, daß Russell den Revolver zu weit hob. Sein Verstand raste,
schätzte die Situation ab. Ein großer Revolver Smith & Wesson, vielleicht ein 44er
Kaliber, eine Waffe, die riesige, blutige Wunden riß. Es war möglich, daß das Subjekt
nur seinen Worten Nachdruck verleihen wollte. Vermutlich wies er den Schwarzen an
der Kamera an, er solle stillhalten; der Revolver schien eher auf den Mann gerichtet
als auf die Reporterin, kam höher und höher und...
Der Knall des Gewehrs ließ die Szene erstarren. Paulsons Finger hatte sich
scheinbar wie von selbst gekrümmt, aber in Wirklichkeit war es der antrainierte
Reflex, der sich durchgesetzt hatte. Das Gewehr bäumte sich unterm Rückstoß auf,
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und die Hand des Schützen zuckte schon, um zu spannen und nachzuladen. Ein
Windstoß hatte Paulsons Geschoß leicht nach rechts abgelenkt. Anstatt Russells
Schädel in der Mitte zu durchschlagen, traf die Kugel den Backenknochen.
Explosionsartig wurde dem Subjekt das Gesicht weggerissen. Nase, Augen und Stirn
lösten sich in einen roten Nebel auf. Nur der Mund blieb übrig, und der stand offen
und schrie, während Blut aus Russells Kopf triefte wie aus einer verkalkten Dusche.
Sterbend gab Russell noch einen Schuß auf den Kameramann ab, ehe er vornüber
gegen die Reporterin fiel. Der Kameramann fiel ebenfalls zu Boden, und die
Reporterin stand fassungslos da, hatte das Blut und Gewebe an ihrer Kleidung und in
ihrem Gesicht noch nicht wahrgenommen. Russells Finger krallten kurz nach seinem
Gesicht, das nicht mehr da war, und wurden dann reglos. »LOS! LOS! LOS!« schrie
es in Paulsons Kopfhörer, aber er nahm kaum Notiz, sondern lud nach, während er in
einem Fenster des Gebäudes ein Gesicht, das er von Fahndungsfotos her kannte,
entdeckte. Ein Subje kt, das eine Waffe hob, die wie ein altes WinchesterRepetiergewehr aussah. Paulsons zweiter Schuß war exakter als der erste und traf die
Stirn von Subjekt 2. Sein Name: William Ames.
Die Szene kam wieder in Bewegung. Männer des Geiselrettungsteams in schwarzen
Anzügen und kugelsicheren Westen stürmten heran. Zwei schleppten die Reporterin
weg, zwei andere trugen den Kameramann, an dessen Brust die Sony noch geschnallt
war, in Sicherheit. Ein anderer warf eine Blendgranate durch das zerbrochene Fenster,
während Dennis Black und die restlichen drei Teamleute durch die offene Tür
rannten. Es fielen keine weiteren Schüsse. 15 Minuten später knisterte es im
Kopfhörer.
»Hier Teamführer. Gebäude durchsucht. Zwei Subjekte tot. Subjekt 2 ist William
Ames. Subjekt 3 ist Ernest Thom, der zwei Kugeln in der Brust hat und offenbar
schon eine Weile tot ist. Waffen der Subjekte neutralisiert. Tatort gesichert.
Wiederhole: Tatort gesichert.«
»Himmel noch mal!« Leary hatte zum ersten Mal in seinen zehn Jahren beim FBI
einen Waffeneinsatz miterlebt. Paulson kam auf die Knie, nachdem er seine Waffe
entladen hatte, klappte das Zweibein ein und trabte dann auf das Gebäude zu. Der
SAC kam ihm zuvor und stand nun mit der Dienstpistole in der Hand bei John
Russells Leiche, die zum Glück auf dem Bauch lag. Blut verbreitete sich auf dem
rissigen Zement.
»Saubere Arbeit!« lobte der SAC das Team, und das war sein letzter Schnitzer
unter den vielen Fehlern, die an diesem Tag gemacht worden waren.
»Sie unfähiges Arschloch!« Paulson stieß ihn gegen die Mauer. »Daß diese Leute
tot sind, ist Ihre Schuld!« Leary sprang dazwischen und schob Paulson von dem
verdutzten Mann weg. Nun erschien Dennis Black, der keine Miene verzog.
»Machen Sie Ihren Dreck weg«, knurrte er und führte seine Männer weg, ehe es zu
weiteren Zwischenfällen kommen konnte. »Was macht der Kameramann?«
Der Schwarze lag mit der Kamera überm Gesicht auf dem Rücken. Die Reporterin
kniete am Boden und erbrach sich. Aus gutem Grund: Zwar hatte ihr ein Agent das
Gesicht abgewischt, aber ihre teure Bluse war eine blutrote Obszönität, die sie noch
wochenlang in ihren Träumen verfolgen sollte.
»Alles in Ordnung?« fragte Dennis. »Stellt das verdammte Ding ab!«
Er legte die Kamera auf den Boden und schaltete die Lampe aus. Der Kameramann
schüttelte den Kopf und griff an eine Stelle knapp unterm Brustkorb. »Gute Idee.
Schreiben Sie mal an den Hersteller der Weste. Ich glaube...« Und dann verstummte
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er. Nach einer Weile erkannte er, was geschehen war, der Schock setzte ein. »Mein
Gott, was ist passiert?«
Paulson ging zum Fahrzeug, ein schwerer Kombi, und legte sein Gewehr in den
Kasten zurück. Leary und ein anderer Agent blieben bei ihm, um ihm über die
Streßperiode hinwegzuhelfen - und versicherten, er habe genau richtig gehandelt. Der
Scharfschütze hatte nicht zum ersten Mal getötet, aber eines war allen Einsätzen
gemein, wie verschieden sie auch gewesen sein mochten: Man bereute, was man hatte
tun müssen. Nach einem echten Todesschuß kommt kein Werbespot.
Die Reporterin überfiel die normale posttraumatische Hysterie, und sie riß sich die
blutgetränkte Bluse vom Leib, ohne zu bedenken, daß sie darunter nackt war. Ein
Agent wickelte sie in eine Decke und beruhigte sie. Inzwischen waren weitere
Fernsehteams erschienen und hielten vorwiegend auf das Gebäude zu. Dennis Black
sammelte seine Leute ein, ließ die Waffen entladen und befahl ihnen, sich um die
beiden Zivilisten zu kümmern. Die Reporterin gewann nach ein paar Minuten die
Fassung wieder. Sie fragte, ob das Ganze denn notwendig gewesen sei, und erfuhr
dann, daß ihr Kameramann getroffen worden, aber dank der kugelsicheren Weste, die
sie entgegen der Empfehlung des FBI abgelehnt hatte, unverletzt geblieben war.
Hierauf geriet sie in einen euphorischen Zustand, überglücklich, überhaupt noch am
Leben zu sein. Der Schock sollte zwar bald zurückkehren, aber sie war trotz ihrer
Jugend und Unerfahrenheit intelligent und hatte bereits etwas Wichtiges gelernt. Sie
nahm sich vor, beim nächsten Mal auf einen guten Rat zu hören; ihre Alpträume
würden diesen Vorsatz nur unterstützen. Schon nach 30 Minuten konnte sie sich ohne
Hilfe wieder auf den Beinen halten, hatte ihr Ersatzkostüm angezogen und berichtete
mit ruhiger, wenngleich brüchiger Stimme über ihr Erlebnis. Den größten Eindruck
aber machte beim TV-Netz CBS das Videoband; der Chef der Nachrichtenredaktion
nahm sich vor, den Kameramann schriftlich zu belobigen. Seine Aufnahmen
enthielten alle Elemente einer Sensation - Spannung, Tod und eine ebenso mutige wie
attraktive Reporterin - und liefen an diesem sonst relativ ereignislosen Tag in den
Abendnachrichten an erster Stelle. Am Tag danach wurden sie in den Frühnachrichten
aller anderen Sender gebracht. Jedesmal warnte der Sprecher empfindsame Gemüter
vor den schockierenden Bildern - nur, um allen Zuschauern klarzumachen, daß ihnen
ein ganz besonderer Nervenkitzel bevorstand. Und da fast jeder Gelegenheit hatte,
sich die Szenen mehr als einmal anzusehen, ließen viele beim zweiten Mal ihre
Videorecorder mitlaufen. Zu ihnen zählte Marvin Russell, der Anführer der »Warrior
Society«.
Angefangen hatte es harmlos. Er wachte mit Magenschmerzen auf. Der Lauf am
Morgen strengte mehr an als sonst. Er war nicht ganz auf dem Damm. Schließlich bist
du über Dreißig, sagte er sich, und kein junger Mann mehr. Andererseits war er immer
sportlich und energiegeladen gewesen. Vielleicht war es nur eine Erkältung, ein
Virus, die Auswirkung vom Genuß unreinen Trinkwassers, eine Magenverstimmung.
Da mußt du dich durchbeißen, dachte er, legte mehr Gewicht in seinen Tornister und
trug sein Gewehr nun mit geladenem Magazin. Träge bist du geworden, das ist alles,
sagte er sich, so was läßt sich ändern. Er war ein sehr entschlossener Mann.
Einen Monat lang wirkte das auch. Gewiß, er fühlte sich noch schlapper, aber das
war angesic hts der zusätzlichen fünf Kilo im Tornister zu erwarten. Die
Extramüdigkeit nahm er als Beweis für seine Kriegertugend; er aß wieder einfache
Speisen und zwang sich, früher zu Bett zu gehen. Das half. Die Muskeln schmerzten
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nicht anders als zu Beginn dieses anstrengenden Lebens, und er schlief den ruhigen
Schlaf der Gerechten. Die Befehle seines zielstrebigen Willens an seinen
widerspenstigen Körper machten alles noch schlimmer. Warum kam er nicht gegen
eine unsichtbare Mikrobe an? Hatte er es nicht schon mit viel größeren und
bedrohlicheren Dingen aufgenommen? Der Gedanke bedeutete ihm weniger eine
Herausforderung als ein kleines Amüsement. Wie bei allen entschlossenen Menschen
lauerte der Konkurrent in ihm selbst; der Körper wehrte sich gegen die Befehle des
Verstandes.
Die Beschwerden wollten nicht weggehen. Sein Körper wurde hagerer, gestählter,
aber Schmerzen und Übelkeit hielten sich hartnäckig. Das fuchste ihn, und er machte
seinem Ärger zunächst Luft, indem er Witze riß. Als seine ranghöheren Kameraden
merkten, daß er sich nicht wohl fühlte, führte er als Grund Schwangerschaftsübelkeit
an und erntete dafür wieherndes Gelächter. Einen Monat lang hielt er durch, sah sich
dann aber gezwungen, die Traglast zu verringern, um seinen Platz vorne bei den
Führern halten zu können. Zum ersten Mal in seinem Leben begann er, leise an sich
zu zweifeln, und er fand seinen Zustand nicht mehr amüsant. Einen weiteren Monat
lang blieb er, abgesehen von der Extrastunde Schlaf, streng bei seinem ruhelosen
Pensum, doch es ging ihm weder schlechter noch besser. Vielleicht liegt es nur an
meinem Alter, tröstete er sich. Immerhin bin ich auch nur ein Mensch, und es ist keine
Schande abzubauen, auch wenn ich mit aller Gewalt versucht habe, in Form zu
bleiben.
Schließlich begann er über seinen Zustand zu klagen. Seine Kameraden, allesamt
jünger als er, hatten zum Teil fünf Jahre oder länger unter ihm gedient und zeigten
Verständnis. Sie hatten ihn wegen seiner Härte verehrt und sahen seine sich
abzeichnenden Schwächen als Zeichen, daß auch er nur ein Mensch war, der für sie
dadurch noch bewundernswerter wurde. Einige schlugen Hausmittel vor, und
schließlich bedrängte ihn ein guter Kamerad, er sei verrückt, wenn er nicht zum Arzt
ginge. Sein Schwager habe in England studiert und sei erstklassig. Und so
entschlossen er auch war, seinen Leib zu verleugnen, wußte er doch, daß es Zeit war,
einen guten Rat zu beherzigen.
Der Arzt wurde seinem Ruf gerecht. Er saß in einem blütenweißen gestärkten Kittel
an seinem Schreibtisch, erkundigte sich nach den bisherigen Krankheiten und nahm
anschließend eine Untersuchung vor. Auf den ersten Blick schien dem Besucher
nichts zu fehlen. Der Arzt sprach von Streß - darüber wußte sein Patient Bescheid und seine zunehmend ernsteren, oft erst langfristig spürbaren Auswirkungen. Er
sprach von gesunder Ernährung, maßvoller körperlicher Betätigung, der Bedeutung
von Ruhepausen. Seiner Ansicht nach spielten mehrere kleine Faktoren zusammen,
eingeschlossen eine harmlose, aber ärgerliche Magen-Darm-Störung; zu deren
Linderung verschrieb er ein Medikament. Der Arzt schloß die Konsultation mit einem
Monolog über Patienten, deren Stolz der Vernunft im Weg stand, ab. Sein Patient
nickte zustimmend und erwies dem Mediziner den ihm zustehenden Respekt. Auch er
hatte seinen Untergebenen ähnliche Vorträge gehalten und war wie immer
entschlossen, das Richtige zu tun.
Die Medizin half eine gute Woche lang. Sein Magen wurde wieder besser. Aber
fühle ich mich so wie früher? fragte sich der Patient. Besser schon, aber wie ist mir
früher beim Aufwachen gewesen? Wer denkt schon an so etwas. Der Verstand
konzentriert sich auf wichtige Dinge wie Aufträge und Einsätze und überläßt den
Körper sich selbst. Der Leib durfte den Geist nicht beeinträchtigen; er gab Befehle
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und erwartete, daß sie ausgeführt wurden. Wie konnte man zielstrebig leben, wenn
etwas dazwischenfunkte? Und sein Lebensziel hatte er sich schon vor Jahren gesteckt.
Doch die Beschwerden wollten nicht weggehen und zwangen ihn, den Arzt ein
zweites Mal aufzusuchen. Diesmal fiel die Untersuchung gründlicher aus, eine
Blutentnahme eingeschlossen. Vielleicht ist es doch nicht ganz harmlos, meinte der
Doktor und sprach von einer chronischen Infektion, die aber mit Medikamenten zu
behandeln sei. Malaria zum Beispiel, früher in der Region weit verbreitet, und einige
andere inzwischen von der modernen Medizin besiegte Krankheiten gingen ebenfalls
mit Entkräftung einher. Der Arzt wartete nun auf die Labortests und war entschlossen,
den Patienten, dessen Lebensziel er kannte und aus sicherer Distanz unterstützte, zu
heilen.
Als er zwei Tage später in die Praxis zurückkehrte, merkte er sofort, daß etwas
nicht stimmte. Diese Miene hatte er oft genug bei seinem Nachrichtendienstoffizier
gesehen. Es ging um etwas Unerwartetes, daß die Pläne durcheinanderbrachte. Der
Arzt begann langsam, suchte nach Worten, um dem Patienten das Laborergebnis
schonend beizubringen, doch der wollte von Schonung nichts wissen. Er hatte ein
gefährliches Leben gewählt und verlangte, die Wahrheit so unumwunden zu hören,
wie er sie selbst verkündet hätte. Der Mediziner nickte respektvoll und sprach dann
offen zu ihm. Sein Patient hörte ungerührt zu. An Enttäuschungen aller Art war er
gewöhnt und war auch mit dem Tod, den er selbst oft anderen gebracht hatte, vertraut.
Nun war also das Ende seines Lebens in Sicht, in der nahen oder fernen Zukunft. Die
Antwort auf eine Frage nach Behandlungsmöglichkeiten fiel optimistischer aus, als er
erwartet hatte. Der Doktor beleidigte ihn nicht mit tröstenden Worten, sondern le gte
ihm - als hätte er die Gedanken des Patienten erraten - die Fakten dar. Es gab
Maßnahmen, mit denen man unter Umständen erfolgreich sein konnte. Mit der Zeit
würde sich herausstellen, ob sie wirkten oder nicht. Günstige Faktoren waren seine
gute körperliche Verfassung und seine eiserne Entschlossenheit. Die Bemerkung des
Arztes, daß eine positive Geisteshaltung das A und O sei, hätte der Patient beinahe
mit einem Lächeln quittiert. Aber er zeigte lieber den Mut des Stoikers als die
Hoffnung des Narren. Und was war schon der Tod? Hatte er sein Leben nicht der
Gerechtigkeit gewidmet, dem Willen Allahs, hatte er es nicht für eine große und
löbliche Sache geopfert?
Aber da lag der Hase im Pfeffer. Auf Versagen war er nicht eingestellt. Er hatte
sich vor Jahren ein Lebensziel gesetzt und war entschlossen, es ohne Rücksicht auf
sich selbst oder andere zu erreichen. Auf diesem Altar hatte er alle Alternativen
geopfert, die Hoffnungen seiner Eltern, das Studium, ein normales, bequemes Leben
mit einer Frau, die ihm vielleicht Söhne geboren hätte - alles das hatte er verworfen
und entschlossen einen Weg der Mühsal und Gefahr gewählt, auf ein strahlendes Ziel
zu.
Und nun? War alles umsonst gewesen? Sollte sein Leben ohne einen Sinn enden?
Durfte er den Tag, in den er alle Hoffnung gelegt hatte, nicht mehr erleben? War
Allah so grausam? Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, blieb seine
Miene gelassen, sein Blick so reserviert wie immer. Nein, dachte er, das läßt Gott
nicht zu. Er kann sich nicht von mir abgewandt haben. Ich werde den Tag noch
erleben oder zumindest herannahen sehen. Dann hat mein Leben doch noch einen
Sinn gehabt.
Es war doch nicht alles umsonst, auch nicht die Zukunft, wie immer sie auch für ihn
aussehen würde. Auch was das betraf, war er entschlossen.
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Ismael Kati wollte die Anweisungen des Arztes befolgen, alles tun, was sein Leben
verlängerte, um den heimtückischen inneren Feind vielleicht doch noch zu besiegen.
Er nahm sich vor, seine Anstrengungen zu verdoppeln, bis an die Grenzen seiner
körperlichen Leistungsfähigkeit zu gehen, Allah um Führung und um ein Zeichen zu
bitten. Diese Krankheit wollte er bekämpfen wie alle anderen Feinde zuvor - mit Mut
und totaler Hingabe. Nie in seinem Leben hatte er Gnade geübt, und er plante nicht,
sie nun jemandem zu erweisen. Im Angesicht seines Todes war ihm der Tod anderer
noch unwichtiger als zuvor. Blind zuschlagen wollte er jedoch nicht, sondern
weitermachen wie bisher und auf eine Gelegenheit warten, die, das sagte ihm sein
Glaube, sich irgendwo bieten mußte, bevor sein Weg zu Ende war. Seine Entschlüsse
waren immer von Intelligenz geleitet gewesen, und das hatte seinen Erfolg
ausgemacht.
27
2
Labyrinthe
Wenige Minuten nachdem der Brief aus Georgetown in einem Dienstzimmer in Rom
eingegangen war, legte ihn der Mann vom Nachtdienst einfach auf den Schreibtisch
des Zuständigen und bereitete sich dann weiter auf ein Examen über die
metaphysischen Diskurse des heiligen Thomas von Aquin vor. Am nächsten Morgen
erschien der Jesuit Hermann Schörner, Privatsekretär des Generals der Gesellschaft
Jesu, Francisco Alcalde, pünktlich um sieben und begann die über Nacht
eingegangene Post zu sortieren. Das Fax aus Amerika war der dritte Vorgang von
oben und machte den jungen Geistlichen stutzig. Chiffrierte Nachrichten gehörten
zwar zu seiner Arbeit, waren aber selten. Der Code oben auf der ersten Seite zeigte
Absender und Dringlichkeitsgrad an. Pater Schörner ging eilig den Rest der Post
durch und machte sich dann sofort an die Arbeit.
Pater Rileys Prozedur wie derholte sich nun auf exakt umgekehrte Weise. Der
einzige Unterschied war, daß Pater Schörner vorzüglich Maschine schrieb. Er las den
Text mit einem optischen Scanner in einen Personalcomputer ein und rief das
Dechiffrierprogramm auf. Unregelmäßigkeiten, die bei der Übertragung entstanden
waren, führten zu Entstellungen, die sich aber leicht korrigieren ließen, und dann glitt
der entschlüsselte Text aus dem Tintenstrahldrucker - natürlich noch in Attisch. Statt
Rileys mühseliger drei Stunden hatte dieser Prozeß nur zwanzig Minuten in Anspruch
genommen. Der junge Priester kochte Kaffee für sich und seinen Vorgesetzten und las
dann über der zweiten Tasse den erstaunlichen Brief.
Francisco Alcalde war ein älterer, aber ungewöhnlich dynamischer Mann. Für seine
66 Jahre spielte er noch recht gut Tennis, und er fuhr gelegentlich mit dem Heiligen
Vater Ski. Er war hager und drahtig, über einsneunzig groß und trug einen dichten
grauen Bürstenschnitt über den tiefliegenden Augen, die an einen Uhu erinnerten.
Alcalde war ein hochgelehrter Mann, der elf Sprachen beherrschte und vielleicht
Europas erste Autorität für mittelalterliche Geschichte geworden wäre, hätte er sich
nicht für den Priesterberuf entschieden. Vor allem aber war er ein Geistlicher, dessen
Pflichten in der Verwaltung zu seinem Wunsch nach Lehre und Seelsorge im
Widerspruch standen. In einigen Jahren wollte er seine Stellung als General des
größten und mächtigsten katholischen Ordens aufgeben und wieder an die Universität
gehen, um junge Menschen zu inspirieren und in der Kirche eines Arbeiterviertels, wo
er sich um normale menschliche Probleme kümmern konnte, die Messe zu lesen - als
Höhepunkt eines gesegneten Lebens, wie er dachte. Vollkommen war er jedoch nicht;
häufig hatte er mit seiner intellektuelle n Eitelkeit zu kämpfen und brachte nicht immer
die in seinem Beruf erforderliche Demut auf. Nun, seufzte er mit einem Lächeln, die
Perfektion ist ein unerreichbares Ziel.
»Guten Morgen, Hermann«, grüßte er auf deutsch, als er eintrat.
»Buon giorno«, erwiderte Schörner und sprach dann griechisch weiter. »Heute liegt
ein hochinteressantes Schreiben vor.«
Alcalde zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen. Er wies auf sein
Arbeitszimmer. Schörner folgte ihm mit dem Kaffee.
»Tennis ist heute mittag um vier«, sagte Schörner und füllte seinem Vorgesetzten
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die Tasse.
»Wollen Sie mich wieder mal beschämen?« Man erzählte sich im Scherz, Schörner
hätte das Zeug zum Profi und könne seinen Verdienst ja an den Orden, dessen
Mitglieder ein Armutsgelübde leisten mußten, abführen. »Was steht in dem Brief?«
»Er stammt von Timothy Riley in Washington.« Schörner reichte das Schreiben
über den Tisch.
Alcalde setzte seine Lesebrille auf. Seine Kaffeetasse blieb unberührt, während er
das Dokument zweimal langsam durchlas. Als Gelehrter nahm Alcalde selten zu
etwas Stellung, ohne nachgedacht zu haben.
»Erstaunlich. Von diesem Ryan habe ich schon einmal gehört... ist er nicht beim
Geheimdienst?«
»Ja, er ist stellvertretender Direktor bei der CIA. Wir haben ihn ausgebildet; Boston
Hochschule und Georgetown Universität. Er arbeitet vorwiegend in der Verwaltung,
war aber an mehreren Außendienstoperationen beteiligt. Wir kennen nicht alle
Einzelheiten, aber er scheint dabei nichts Unehrenhaftes getan zu haben. Hier liegt ein
kleines Dossier über ihn vor. Pater Riley hält viel von Dr. Ryan.«
»So sieht es auch aus.« Alcalde überlegte. Er war nun seit dreißig Jahren mit Riley
befreundet. »Er hält das Angebot für echt. Was meinen Sie?«
»Potentiell ein Gottesgeschenk, finde ich.« Der Kommentar war nicht ironisch
gemeint.
»In der Tat. Aber die Sache ist dringend. Was meint der US-Präsident?«
»Ich nehme an, daß man ihn noch nicht informiert hat, aber das wird bald
geschehen. Was seinen Charakter betrifft, habe ich meine Zweifel.« Schörner zuckte
mit den Achseln.
»Wer von uns ist schon vollkommen?« Alcalde starrte an die Wand.
»Sehr wahr.«
»Wie sieht mein Terminkalender für heute aus?« fragte Alcalde.
Schörner nannte die Termine aus dem Gedächtnis.
»Gut, richten Sie Kardinal D’Antonio aus, ich hätte etwas Wichtiges zu erledigen.
Ändern Sie die anderen Termine entsprechend. Um diese Angelegenheit muß ich
mich sofort kümmern. Rufen Sie Timothy an, danken Sie ihm und richten Sie ihm
aus, daß ich mich der Sache annehme.«
Ryan wachte um halb sechs mißmutig auf. Die Sonne glühte orangerosa hinter den
Bäumen vor der fünfzehn Kilometer entfernten Ostküste von Maryland. Seine erste
bewußte Handlung war, die Vorhänge zuzuziehen. Cathy hatte heute keinen Dienst im
Krankenhaus, aber der Grund fiel ihm erst auf halbem Weg ins Bad ein. Als nächstes
schluckte er zwei Tylenol Extrastark. Am Vorabend hatte er wieder einmal zuviel
getrunken, wie schon die letzten Tage, ging es ihm durch den Kopf. Aber was blieb
ihm anderes übrig? Trotz der immer länger werdenden Arbeitszeiten und der
zunehmenden Erschöpfung konnte er immer schlechter einschlafen.
»Verdammt!« Er blinzelte sein Spiegelbild an. Er sah fürchterlich aus. Ryan tappte
in die Küche, um Kaffee zu machen. Nach der ersten Tasse würde alles gleich viel
besser aussehen. Als er die Weinflaschen auf der Arbeitsplatte sah, krampfte sich sein
Magen zusammen. Anderthalb Flaschen, sagte er sich, nicht zwei. Die erste war schon
angebrochen gewesen. So schlimm ist es also doch nicht. Ryan schaltete die
Kaffeemaschine an und ging in die Garage, wo er in den Kombi stieg und ans
Grundstückstor fuhr, um die Zeitung zu holen. Vor gar nicht so langer Zeit hatte er
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das noch zu Fuß erledigt, aber nun - ach was, sagte er sich, bin ja noch nicht
angezogen, nur deshalb nehm’ ich den Wagen. Das Radio war auf einen
Nachrichtensender eingestellt und gab Ryan einen Vorgeschmack auf die
Weltereignisse. Die Orioles hatten wieder mal verloren. Verflucht, und er wollte
eigentlich mit Klein-Jack zu einem Baseball-Spiel gehen. Das hatte er versprochen,
seit er das letzte Jugendliga-Spiel verpaßt hatte. Und wann, fragte er sich, machst du
das endlich wahr? Nächsten April? Mist.
Nun, praktisch lag die ganze Baseball-Saison ja noch vor ihm. Es waren auch noch
keine Ferien. Ich komme noch dazu, redete er sich ein. Garantiert. Ryan warf die
Washington Post auf den Nebensitz und fuhr zurück zum Haus. Die erste positive
Nachricht des Tages: Der Kaffee war fertig. Ryan goß sich einen Becher ein und
beschloß, aufs Frühstück zu verzichten - wieder mal. Nicht gut, sagte ihm ein
warnender Gedanke. Sein Magen war ohnehin schon in miserabler Verfassung, und
zwei Becher schwarzer Filterkaffee machten die Sache nicht besser - im Gegenteil.
Um die innere Stimme auszuschalten, konzentrierte er sich auf die Zeitung.
Viele wissen gar nicht, in welchem Ausmaß Nachrichtendienste bei der
Informationsbeschaffung auf die Medien angewiesen sind. Zum Teil geschieht das aus
Gründen der Zweckmäßigkeit. Man tat mehr oder weniger die gleiche Arbeit, und die
Geheimdienste hatten nicht alle hellen Köpfe für sich gepachtet. Entscheidender aber
war, überlegte Ryan, daß die Medien ihre Nachrichten umsonst bekamen. Ihre
vertraulichen Quellen bestanden aus Personen, die entweder ihr Zorn oder ihr Wille
dazu trieb, Geheimnisse zu verraten. Aus solchen Quellen kommen, wie jeder
Nachrichtendienstoffizier weiß, die besten Informationen. Nichts motiviert so gut wie
Zorn oder Prinzipien. Und schließlich gab es bei den Medien, obwohl es dort von
Faulpelzen nur so wimmelte, eine nicht geringe Anzahl von gewitzten Leuten, die
sich von den guten Gehältern, die für Enthüllungsjournalisten gezahlt wurden,
angezogen fühlten. Ryan wußte inzwischen, welche Randbemerkungen er langsam
und sorgfältig zu lesen hatte, und achtete auch auf die Daten der Berichte. Als
stellvertretender Direktor der CIA war er im Bilde darüber, welche Redaktionschefs
etwas taugten. Die Washington Post zum Beispiel war über Deutschland besser
informiert als seine eigenen Experten von der CIA.
Im Nahen Osten herrschte immer noch Ruhe. Die Lage im Irak, wo sich endlich
eine Neuordnung abzeichnete, wurde stabiler. Wenn wir nun bloß noch die Israelis
zur Vernunft bringen könnten... Schön, dachte er, wenn es uns gelänge, in der ganzen
Region Frieden zu stiften. Ryan hielt so was für möglich. Die Ost-WestKonfrontation, die schon vor seiner Geburt ausgebrochen war, gehörte nun der
Geschichte an, und wer hätte das schon für möglich gehalten? Ryan füllte seinen
Becher ohne hinzusehen nach; das brachte er selbst fertig, wenn er einen Kater hatte.
All diese politischen Veränderungen hatten sich im Laufe weniger Jahre abgespielt;
innerhalb einer kürzeren Zeit, als er bei der CIA zugebracht hatte.
Die Sache war so erstaunlich, daß sie noch über Jahre, wenn nicht über
Generationen hinweg in Büchern behandelt werden würde. Nächste Woche kam ein
Vertreter des KGB nach Langley, um sich über parlamentarische
Kontrollmechanismen informieren zu lassen. Ryan hatte sich gegen den Besuch
ausgesprochen - der streng geheimgehalten wurde -, weil es nach wie vor Russen gab,
die für die CIA arbeiteten und auf offizielle Kontakte mit dem KGB panisch reagieren
würden. Ähnliches traf, räumte Ryan ein, auch auf Amerikaner zu, die vom KGB
beschäftigt wurden. Der Besuch eines alten Freundes, Sergej Golowko, stand ins
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Haus. Von wegen Freund, schnaubte Ryan und schlug den Sportteil auf. Ärgerlich,
die Morgenzeitungen brachten nie die Ergebnisse der Spiele am Vorabend.
Als Jack ins Bad zurückkehrte, ging es zivilisierter zu. Er war jetzt wach, obwohl
sein Magen nun mit der Welt noch weniger zufrieden schien. Zwei
Magnesiumtabletten schafften Linderung. Inzwischen wirkte auch das Schmerzmittel.
Am Arbeitsplatz würde er mit zwei weiteren Kapseln nachhelfen. Um 6.15 Uhr war er
gewaschen, rasiert und angezogen. Bevor er hinausging, gab er seiner schlafenden
Frau noch einen Kuß, wurde dafür mit einem zufriedenen Brummen belohnt und
öffnete die Haustür in dem Augenblick, als der Dienstwagen die Auffahrt hochkam.
Es war Ryan ein bißchen unangenehm, daß sein Fahrer noch viel früher aufstehen
mußte als er, um rechtzeitig zur Stelle zu sein. Peinlicher noch, sein Fahrer war nicht
irgend jemand.
»Morgen, Doc«, sagte John Clark mit einem rauhen Lächeln. Ryan glitt auf den
Beifahrersitz. Dort war der Fußraum größer, und er wollte den Mann auch nicht
beleidigen, indem er sich in den Fond setzte
»Tag, John«, erwiderte Jack.
Hast wieder mal einen in der Krone gehabt, dachte Clark. Wie kann ein so kluger
Mann so dumm sein? Und das Joggen hat er auch aufgegeben, spekulierte er,
nachdem er einen Blick auf die Wölbung überm Gürtel des DCCI geworfen hatte.
Nun, resümierte Clark, er wird halt so wie ich lernen müssen, daß zuviel Alkohol und
lange Nächte was für dumme Jungs sind. Schon bevor er in Ryans Alter gekommen
war, hatte Clark sich zu einem Musterbeispiel für gesunde Lebensweise gemausert;
ein Schritt, der ihm mindestens einmal das Leben gerettet hatte.
»In der Nacht war nicht viel los«, bemerkte Clark, als er anfuhr.
»Wie angenehm.« Ryan griff nach dem Depeschenkoffer und tippte seinen Code
ein. Erst als die grüne Leuchte blinkte, öffnete er ihn. Clark hatte recht gehabt; viel
lag nicht an. Auf halbem Weg nach Washington hatte er alles durchgelesen und sich
einige Notizen gemacht.
»Fahren wir heute abend Carol und die Kinder besuchen?« fragte Cla rk, als sie die
Maryland Route 3 überquerten.
»Stimmt. Heute ist es wieder soweit, nicht wahr?«
»Ja.«
Jede Woche schaute Ryan bei Carol Zimmer, der aus Laos stammenden Witwe des
Sergeant der Air Force, Buck Zimmer, herein. Nur wenige Leute wußten von der
Mission, bei der Buck ums Leben gekommen war, und nur einigen mehr war bekannt,
daß Ryan dem Sterbenden versprochen hatte, sich um seine Familie zu kümmern.
Carol war nun Inhaberin eines kleinen Supermarkts der Franchise-Kette 7-Eleven,
gelegen zwischen Washington und Annapolis. Zusätzlich zur Witwenpension bot er
ihrer Familie ein regelmäßiges und respektables Einkommen und garantierte
zusammen mit dem von Ryan eingerichteten Ausbildungsfonds jedem Kind einen
Universitätsabschluß. Der älteste Sohn hatte es schon so weit gebracht, aber es würde
lange dauern, bis alle Kinder ein Studium beendet hatten. Das Kleinste steckte noch in
den Windeln.
»Haben sich die Skins noch mal sehen lassen?« fragte Jack.
Clark wandte nur den Kopf und grinste. Einige Monate nach der
Geschäftsübernahme hatten ein paar Schlägertypen aus den Vorstädten, die sich an
der Asiatin und ihren Mischlingskindern stießen, begonnen, sich in und vor dem
Geschäft herumzudrücken, und den Betrieb derart gestört, daß Carol sich bei Clark
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beklagen mußte. Clarks erste Warnung war überhört worden. Offenbar hielt man ihn
für einen Polizisten außer Dienst und nahm ihn nicht zu ernst. Deshalb hatten John
und sein spanischsprechender Freund Ordnung schaffen müssen, und nachdem der
Bandenführer aus dem Krankenhaus entlassen wurde, hielten sich die Skins von dem
Supermarkt fern. Die Ortspolizei war sehr verständnisvoll gewesen, und der Umsatz
war sofort um zwanzig Prozent gestiegen. Clark fragte sich mit einem wehmütigen
Lächeln, ob das Knie des Anführers wieder richtig verheilt war. Hoffentlich sucht er
sich jetzt eine anständige Arbeit...
»Was machen Ihre Kinder?«
»Eins studiert jetzt, und daran gewöhnt man sich schwer. Auch Sandy vermißt das
Kind... Doc?«
»Ja, John?«
»Entschuldigen Sie, wenn ich das sage, aber Sie sehen schlecht aus und sollten ein
bißchen langsamer tun.«
»Das sagt Cathy auch.« Ryan hätte Clark am liebsten gebeten, sich um seine
eigenen Angelegenheiten zu kümmern, aber einem Mann wie Clark, der dazu noch
ein Freund war, sagte man so etwas nicht. Außerdem hatte er recht.
»Als Ärztin weiß sie. wovon sie redet«, betonte Clark.
»Ich weiß. Es liegt halt am Bürostreß. Da laufen ein paar unangenehme Sachen,
und...«
»Dagegen ist Sport besser als Saufen. Sie sind einer der klügsten Männer, die ich
kenne. Verhalten Sie sich entsprechend. Ende der Moralpredigt.« Clark zuckte mit
den Achseln und konzentrierte sich wieder auf den Berufsverkehr.
»John, Sie hätten Arzt werden sollen«, versetzte Jack und lachte in sich hinein.
»Wieso?«
»Kein Patient würde sich trauen, Ihre Ratschläge nicht zu beherzigen.«
»Ich bin der ausgeglichenste Mensch, den ich kenne«, protestierte Clark.
»Stimmt. Keiner hat lange genug gelebt, um Sie wirklich in Rage zu bringen. Wer
Sie nur ein bißchen ärgert, ist bereits ein toter Mann.«
Aus genau diesem Grund war Clark Jack Ryans Fahrer geworden. Jack hatte für
seine Versetzung aus dem Direktorat Operationen gesorgt und ihn zu seinem
Leibwächter gemacht. Unter Direktor Cabot war das Außendienstpersonal um
zwanzig Prozent gekürzt worden, und Leute mit paramilitärischer Erfahrung hatten als
erste die Kündigung bekommen. Um diesen wertvollen Mann nicht zu verlieren, hatte
Ryan, unterstützt von Nancy Cummings und einem Freund im Direktorat Verwaltung,
zwei Vorschriften umgangen und eine dritte gebrochen. Außerdem fühlte Ryan sich in
Begleitung dieses Mannes, der auch als Ausbilder fungierte, sehr sicher. Clark war
obendrein ein vorzüglicher Fahrer und brachte ihn wie üblich pünktlich in die
Tiefgarage.
Der Buick glitt auf den reservierten Parkplatz. Ryan stieg aus und fummelte an
seinem Schlüsselbund. Der Schlüssel für den VIP-Aufzug hatte sich verklemmt. Zwei
Minuten später war er im fünften Stock und ging durch den Korridor zu seinem
Dienstzimmer. Das Büro des DDCI grenzte an die lange, schmale Suite des DCI an,
der noch nicht zur Arbeit erschienen war. Aus dem kleinen, für den zweiten Mann in
Amerikas wichtigstem Geheimdienst überraschend bescheidenen Raum blickte man
über den Besucherparkplatz hinweg auf den dichten Kiefernbestand, der den CIAKomplex vom George Washington Parkway und dem Flußtal des Potomac trennte.
Ryan hatte Nancy Cummings nach seiner kurzen Phase als stellvertretender Direktor
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der Aufklärung (DDI) als Sekretärin behalten. Clark setzte sich ins Vorzimmer und
sah Depeschen durch, um sich auf seine Rolle bei der Morgenbesprechung
vorzubereiten; es ging um die Frage, welche Terroristengruppe im Augenblick den
größten Lärm machte. Zwar war noch kein ernsthafter Anschlag auf einen hohen
Beamten des Dienstes verübt worden, aber die CIA hatte sich nicht mit der
Vergangenheit zu befassen, sondern mit der Zukunft. Und dabei hatte sie sich nicht
gerade mit Ruhm bekleckert.
Auf seinem Schreibtisch fand Ryan einen Stapel Material, das für den
Depeschenkoffer im Auto zu gefährlich war, und bereitete sich für die
allmorgendliche Konferenz der Abteilungsleiter vor, die er gemeinsam mit dem
Direktor leitete. Neben der Kaffeemaschine in seinem Büro stand ein sauberer Becher,
der nie benutzt wurde; er hatte dem Mann gehört, von dem Ryan zur CIA geholt
worden war: Vizeadmiral James Greer. Nancy hielt das Erinnerungsstück rein, und
Jack begann keinen Arbeitstag in Langley, ohne an seinen verstorbenen Chef zu
denken. Nun denn. Er rieb sich Gesicht und Augen und ging an die Arbeit. Was für
neue und interessante Dinge hielt die Welt heute für ihn bereit?
Wie viele in seinem Beruf war der Waldarbeiter ein großer, kräftig gebauter Mann,
der einsdreiundneunzig groß war und hundert Kilo wog. Der ehemalige FootballVerteidiger hätte anstatt zum Marinekorps auch mit einem Sportstipendium an eine
Universität gehen können. Mit einem akademischen Grad aber hätte er zwangsläufig
Oregon verlassen müssen, und das hatte er nichtgewollt. Was wollte er dann?
Football-Profi und anschließend Bürohengst werden? Kam nicht in Frage. Er hatte
sich seit seiner Kindheit im Freien am wohlsten gefühlt und zog nun mit einem guten
Einkommen seine Kinder in einer freundlichen Kleinstadt auf. Er führte ein hartes,
aber gesundes Leben und war in seiner Firma der Mann, der am exaktesten und
sanftesten Bäume fällen konnte und daher die kniffligsten Aufträge bekam.
Der Waldarbeiter ließ die Zweimannsäge laufen, und ein Helfer nahm auf einen
stummen Befehl hin seinen Platz auf der anderen Seite ein. Mit der Doppelaxt war
bereits eine Fallkerbe in den Stamm geschlagen worden. Nun fraß sich die Säge
langsam ins Holz, Der Waldarbeiter achtete auf die Maschine, der Helfer auf den
Baum. Dies war eine Kunst und eine Frage der Berufsehre; der Waldarbeiter war stolz
darauf, daß er nicht einen Zentimeter Holz mehr verschnitt als notwendig. Nach dem
ersten Schnitt zogen sie die Säge heraus und begannen ohne Pause mit dem zweiten,
für den sie vier Minuten brauchten. Der Waldarbeiter war angespannt und hellwach.
Als er einen Windhauch im Gesicht spürte, hielt er inne und überprüfte, ob er aus der
rechten Richtung kam. Für einen jähen Windstoß waren selbst Baumriesen Spielzeug
- besonders, wenn sie fast zur Hälfte durchgesägt waren.
Der Wipfel wankte... fast war es soweit. Er nahm die Säge etwas zurück und winkte
seinem Helfer zu. Der junge Mann nickte ernst und wußte, daß er nun auf Augen und
Hände des Kollegen zu achten hatte. Noch dreißig Zentimeter, dachte der
Waldarbeiter. Sie führten den Schnitt sehr langsam zu Ende, eine schwere, in dieser
gefährlichen Phase aber unvermeidliche Belastung der Kette. Sicherheitsleute
achteten auf den Wind, und dann...
Der Waldarbeiter riß die Säge heraus, ließ sie fallen und wich mit seinem Helfer um
zehn Meter zurück. Beide beobachteten den Stamm. Sollte er schnellen, würde es
gefährlich.
Doch er neigte sich sauber und wie immer scheinbar quälend langsam. Der
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Waldarbeiter verstand, warum diese Phase in Dokumentarfilmen am häufigsten
auftauchte. Der Baum schien zu ahnen, daß er sterben mußte, er wehrte sich
vergebens, und das Ächzen des Holzes klang wie ein verzweifeltes Stöhnen. Mag
sein, dachte er, aber schließlich ist es ja nur ein Baum. Der Schnitt öffnete sich, der
Baum fiel. Nun bewegte sich der Wipfel sehr schnell, aber die Gefahr drohte an der
Schnittstelle, und die behielt er im Auge. Als der Stamm sich um fünfundvierzig Grad
neigte, riß das Holz und schnellte über den Stumpf hoch. Die durch die Luft sausende
Krone verursachte einen Riesenlärm. Wie schnell, fragte er sich, fällt sie? Schneller
als der Schall? Nein, wohl kaum... mit einem dumpfen Schlag schlug der Baum auf
den weichen Wald - boden auf, prallte einmal ab und kam dann zur Ruhe. Schade
eigentlich, nun war der majestätische Baum bloß noch Holz.
Zur Überraschung des Waldarbeiters kam nun der Japaner herüber, berührte den
Stamm und sprach etwas, das ein Gebet gewesen sein mußte. Erstaunlich, dachte er,
wie ein Indianer. Der Waldarbeiter wußte nicht, daß der Schintoismus eine
animistische, dem Glauben der amerikanischen Ureinwohner nicht unähnliche
Religion war. Bat der Fremde den Geist des Baumes um Vergebung? Der kleine
Japaner trat auf den Waldarbeiter zu.
»Sie haben großes Geschick«, sagte er und verneigte sich tief.
»Danke«, erwiderte der Waldarbeiter nickend; dies war der erste Japaner, dem er
begegnete. Ein Gebet für einen Baum; der Mann hat Stil, dachte er.
»Eine Schande, so ein prächtiges Gewächs töten zu müssen.«
»Ja, da haben Sie wohl recht. Kommt das Holz wirklich in eine Kirche?«
»Ja. Solche Bäume gibt es bei uns nicht mehr. Wir brauchen vier riesige Balken, je
zwanzig Meter lang. Hoffentlich liefert dieser Stamm alle«, meinte der Japaner mit
einem Blick auf den gefällten Waldriesen. »Die Tradition des Tempels schreibt
nämlich vor, daß alle aus demselben Stamm kommen müssen.«
»Finde ich auch«, meinte der Waldarbeiter. »Wie alt ist der Tempel denn?«
»Zwölfhundert Jahre. Die alten Balken wurden vor zwei Jahren bei einem Erdbeben
beschädigt und müssen bald ausgetauscht werden. Hoffentlich hält der Ersatz
mindestens ebenso lange. Es war ein schöner Baum.«
Unter Aufsicht des Japaners wurde der Stamm in einigermaßen überschaubare
Stücke geschnitten. Dennoch war der Abtransport problematisch. Die Firma hatte
deshalb Spezialgeräte bereitgestellt und berechnete für diesen Auftrag eine
Riesensumme, die der Japaner, ohne mit der Wimper zu zucken, beglich. Der Mann
bat sogar um Verständnis für die Entscheidung, den Stamm nicht vom Sägewerk der
Firma verarbeiten zu lassen. Das sei eine Frage der Religion, erklärte er langsam und
deutlich, und bedeute keine Herabsetzung der amerikanischen Arbeiter. Ein Manager
nickte. Ihm war es recht; der Baum gehörte nun den Japanern. Nach einer Lagerzeit
sollte er auf ein Schiff geladen und unter amerikanischer Flagge über den Pazifik
gebracht werden. Dort würde man ihn dann in Handarbeit und unter religiösen
Zeremonien für seinen neuen und besonderen Zweck bearbeiten. Daß er Japan nie
erreichen sollte, ahnte keiner der Beteiligten.
»Vollstrecker« ist eine besonders peinliche Bezeichnung für einen FBI-Mann, dachte
Dan Murray, aber als er sich in seinem Ledersessel zurücklehnte, spürte er zufrieden
die Smith & Wesson Automatic, Kaliber 10, am Gürtel. Eigentlich gehörte die Waffe
in die Schreibtischschublade, aber er spürte sie eben gern. Murray, der fast sein
ganzes FBI-Leben über Waffen getragen hatte, hatte die kompakte geballte Kraft der
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Pistole rasch schätzengelernt. Mit solchen Dingen kannte auch Bill Shaw sich aus.
Mit diesem Mann hatte das FBI seit langer Zeit wieder mal einen Direktor, der seine
Karriere mit der Jagd nach Bösewichten auf der Straße begonnen hatte. Mehr noch,
Dan Murray und Bill Shaw waren damals Kollegen gewesen. Zwar war Bill etwas
beschlagener, was die Verwaltungsarbeit betraf, aber deshalb hielt ihn niemand für ein
Schreibtischwürstchen. Zum ersten Mal war man in den oberen Etagen auf Shaw
aufmerksam geworden, als er zwei bewaffnete Bankräuber zum Aufgeben zwang,
bevor die Verstärkung eintraf. Er hatte aus seiner Waffe noch nie im Ernstfall gefeuert
- das gelang nur einem winzigen Prozentsatz aller FBI-Agenten -, aber die beiden
Gauner dennoch davon überzeugt, daß er sie notfalls umlegen würde. Hinter dem
Gentleman verbarg sich ein Mann aus Stahl, mit einem messerscharfen Verstand. Aus
diesem Grund störte es Dan Murray nicht, als stellvertretender Direktor in der
Funktion eines Vollstreckers und Feuerwehrmanns unter Shaw zu arbeiten.
»Und was machen wir mit diesem Kerl?« fragte Shaw mit leiser Empörung.
Murray hatte gerade seinen Vortrag über den »Warrior«-Fall abgeschlossen. Nun
trank er einen Schluck Kaffee und zuckte mit den Achseln. »Bill, der Mann ist ein
Genie, wenn es um Korruptionsfälle geht, hat aber keine Ahnung, wie man sich
verhält, wenn Gewalt angewandt werden muß. Zum Glück ist kein dauerhafter
Schaden angerichtet worden.« Da hatte Murray recht. Die Medien waren mit dem FBI
überraschend schonend umgegangen; immerhin hatte man der Reporterin das Leben
gerettet. Erstaunlicherweise hatte die Öffentlichkeit nicht ganz begriffen, daß die Frau
am Tatort überhaupt nichts verloren gehabt hatte. So war man dem SAC vor Ort
dankbar, weil er dem Fernsehteam den Zugang zur Szene gestattet hatte, und freute
sich, weil das Geiselrettungsteam eingegriffen hatte, als es gefährlich wurde. Nicht
zum ersten Mal erntete das FBI bei einer Beinahe-Katastrophe einen PR-Triumph. Es
achtete mehr auf die Öffentlichkeitsarbeit als jede andere Regierungsbehörde, und
Shaws Problem war, daß die Entlassung des SAC Walt Hoskins einen schlechten
Eindruck machen würde. Murray sprach weiter. »Er hat seine Lektion gelernt. Walt ist
nicht auf den Kopf gefallen, Bill.«
»War das nicht letztes Jahr ein Coup, als er den Gouverneur erwischte?« Shaw zog
eine Grimasse. Wenn es um Korruptionsfälle ging, war Hoskins in der Tat ein Genie.
Seinetwegen saß nun der Gouverneur eines Staates im Gefängnis, und erst mit diesem
Coup hatte sich Hoskins die Beförderung zum SAC verdient. »Was haben Sie mit ihm
vor, Dan?«
»Versetzen wir ihn als ASAC nach Denver«, schlug Murray mit einem Zwinkern
vor. »Das ist eine elegante Lösung. Er käme von einer kleinen Außenstelle in eine
große Ermittlungsabteilung und wäre dort für alle Korruptionsfälle verantwortlich.
Diese Beförderung nähme ihm die Befehlsgewalt und steckte ihn in eine Abteilung,
wo er seine Stärken zeigen kann. Gerüchten zufolge liegt in Denver allerhand an, da
wird er gut zu tun haben. Im Verdacht stehen ein Senator und eine
Kongreßabgeordnete. Und bei dem Wasserversorgungsprojekt stehen die ersten
Zeichen auch auf Sturm. Da soll es um zwanzig Millionen Dollar gehen.«
Shaw pfiff durch die Zähne. »Und die sollen nur an einen Senator und eine
Abgeordnete gegangen sein?«
»Wohl kaum; da steckt noch mehr dahinter. Zuletzt hörte ich, es seien auch
Umweltschützer geschmiert worden - Leute von privaten Gruppen und aus der
Umweltbehörde. Wer ist besser qualifiziert, einen solchen Filz zu entwirren als Walt?
Der hat einen Riecher für so etwas. Der Mann kann keinen Revolver ziehen, ohne ein
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paar Zehen loszuwerden, aber er ist ein erstklassiger Spürhund.« Murray klappte die
Akte zu. »Wie auch immer, ich sollte mich nach einer neuen Verwendung umsehen.
Schicken Sie ihn nach Denver oder in den Ruhestand. Mike Delaney will hierher
zurückversetzt werden, weil sein Sohn im Herbst in Georgetown mit dem Studium
anfängt. Die Planstelle wird also frei. Ein sauberer Wechsel, aber die Entscheidung
liegt bei Ihnen.«
»Ich danke Ihnen, Mr. Murray«, erwiderte Direktor Shaw würdevoll und grinste
dann. »Wie ich diesen Verwaltungskram hasse! Früher, als wir nur Bankräuber jagten,
war alles viel einfacher.«
»Vielleicht hätten wir nicht so viele erwischen sollen«, stimmte Dan zu. »Dann
würden wir immer noch im Hafenviertel von Philadelphia arbeiten und könnten
abends mit den Jungs einen heben. Warum sind die Leute nur so erfolgsgeil? Man
kommt nach oben und ruiniert sich dabei das Leben.«
»Wir klingen wie alte Knacker.«
»Sind wir doch auch, Bill«, meinte Murray. »Aber ich kann mich wenigstens ohne
eine Armee von Leibwächtern bewegen.«
»Zum Teufel mit Ihnen!« Shaw verschluckte sich und spuckte Kaffee auf seine
Krawatte. »Jetzt sehen Sie bloß, was Sie angerichtet haben!«
»Bedenklich, wenn man zu sabbern anfängt, Direktor.«
»Raus! Regeln Sie die Versetzung, ehe ich Sie zum Straßendienst
abkommandiere.«
»Bitte, nur das nicht!« Murray hörte auf zu lachen und wurde ernster. »Was macht
Kenny eigentlich?«
»Er dient jetzt auf einem U-Boot, USS Maine. Bonnie geht es gut; ihr Baby kommt
im Dezember. Dan?«
»Ja, Bill?«
»Das mit Hoskins haben Sie gut gemacht. So einen einfachen Ausweg brauche ich.
Vielen Dank.«
»Gern geschehen, Bill. Walt greift bestimmt sofort zu. Wenn doch alles so einfach
wäre!«
»Behalten Sie die >Warrior Society< im Auge?«
»Freddy Warder bearbeitet den Fall. Warten Sie nur, in ein paar Monaten
schnappen wir die Kerle.«
Darauf freuten sich beide. Im Lande waren nur noch wenige Terroristengruppen
aktiv. Wenn man zum Jahresende wieder einer das Handwerk legte, war das ein
großer Coup.
Im Ödland von South Dakota dämmerte der Morgen. Marvin Russell kniete auf einem
Bisonfell und schaute nach Osten. Er trug Jeans, aber sein Oberkörper und seine Füße
waren nackt. Russell hatte keine beeindruckende Statur, aber man sah ihm seine Kraft
an. Während seines ersten und bisher einzigen Aufenthaltes im Gefängnis, den ihm
ein Einbruch eingetragen hatte, war er aufs Krafttraining gekommen. Was als Hobby,
um überschüssige Energie loszuwerden, begonnen hatte, führte später zu der
Erkenntnis, daß der, der sich im Gefängnis verteidigen will, einzig auf seine Kraft
angewiesen ist. Das hatte schließlich zu einer inneren Haltung geführt, die sich seiner
Auffassung nach für einen Sioux-Krieger geziemte. Er war nur einszweiundsiebzig
groß, wog aber neunzig Kilo. Sein Körper war ein einziges Muskelpaket mit
schenkeldicken Oberarmen, der Taille einer Ballerina und den Schultern eines
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Football-Nationalliga-Spielers. Außerdem war er leicht psychopathisch veranlagt, was
er aber nicht wußte.
Das Leben hatte weder ihm noch seinem Bruder besondere Chancen gegeben. Sein
Vater war ein Trinker gewesen, der nur gelegentlich und dafür um so schlampiger als
Automechaniker arbeitete, um umgehend das verdiente Geld in die nächstbeste
Spirituosenhandlung zu tragen. Marvins Kindheitserinnerungen waren bitter: Er
schämte sich für seinen ständig betrunkenen Vater, und was seine Mutter trieb, wenn
ihr Mann vollkommen besoffen im Wohnzimmer lag, war noch schändlicher. Die
Sozialhilfe stellte die Lebensmittel, nachdem die Familie aus Minnesota in das
Reservat zurückgekehrt war. Die Ausbildung kam von Lehrern, die jede Hoffnung,
etwas zu bewirken, längst aufgegeben hatten. Aufgewachsen war er in einer verstreut
liegenden Ansammlung von einfachen Unterkünften, die, die Regierung gestellt hatte;
sie standen wie Gespenster im wehenden Präriestaub. Keiner der beiden Russell-Jungs
hatte je einen Baseballhandschuh besessen. Daß Weihnachten war, merkten sie nur an
den Schulferien. Beide waren vernachlässigt aufgewachsen und hatten früh gelernt,
sich allein durchzuschlagen.
Das war zunächst gar nicht schlecht gewesen, denn Selbständigkeit gehörte zu den
Traditionen ihres Volkes, aber alle Kinder brauchen Anleitung, und an diesem Punkt
versagten die Eltern Russell. Ehe die Jungen lesen konnten, mußten sie jagen und
schießen lernen: oft kam zum Abendessen auf den Tisch, was sie mit ihren
Kleinkalibern erbeutet hatten. Fast ebenso oft mußten die Kinder die Mahlzeit selbst
zubereiten. Obwohl sie nicht die einzigen armen und vernachlässigten Jugendlichen
im Reservat waren, gehörten sie doch zweifellos zur untersten Schicht, und im
Gegensatz zu manchen Nachbarskindern gelang ihnen der Sprung in ein besseres
Leben nicht. Schon lange bevor sie den Führerschein hätten haben dürfen, saßen sie
am Steuer von Vaters klapprigem altem Pick-up und fuhren in klaren, kalten Nächten
zig Kilometer weit in andere Städte, um sich auf eigene Faust zu besorgen, was die
Eltern ihnen nicht geben konnten. Als sie zum ersten Mal erwischt wurden - von
einem Sioux mit Schrotflinte -, ertrugen sie die Tracht Prügel mannhaft und zogen,
versehen mit blauen Flecken und einer ernsthaften Ermahnung, wieder heim. Aus
dieser Erfahrung lernten sie, von nun an nur noch Weiße zu bestehlen.
Im Lauf der Zeit wurden sie natürlich auch dabei geschnappt, und zwar auf frischer
Tat von einem Stammespolizisten in einem Laden auf dem Land. Zu ihrem Pech kam
jede auf Bundesland begangene Straftat vor ein Bundesgericht, und ausgerechnet
diesem saß ein Richter vor, der neu war und über mehr Mitgefühl als Scharfsinn
verfügte. Zu diesem Zeitpunkt hätte eine strenge Lektion die Jungs von der schiefen
Bahn abbringen können, aber der Mann stellte das Verfahren ein und schickte sie zur
Beratungsstelle des Jugendamts. Monatelang schärfte ihnen dort eine sehr ernste
junge Sozialpädagogin, die an der Uni Wisconsin studiert hatte, ein, Eigentumsdelikte
verhinderten die Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls. Eine sinnvolle
Beschäftigung wäre den Buben sicher besser bekommen. Nach den Therapiesitzungen
fragten sie sich lediglich, wie die Sioux sich von diesen weißen Schwätzern hatten
besiegen lassen können, und sie planten von nun an ihre Verbrechen sorgfältiger.
Doch nicht sorgfältig genug, denn eine so gründliche Ausbildung, wie sie ein
richtiges Gefängnis vermittelt, hätte ihnen die Sozialpädagogin nie bieten können. So
wurden sie ein Jahr später wieder geschnappt, diesmal außerhalb des Reservats, und
diesmal bekamen sie anderthalb Jahre, weil sie in ein Waffengeschäft eingebrochen
waren.
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Das Gefängnis war die furchteinflößendste Erfahrung ihres Lebens. Die jungen
Indianer, an den freien Himmel und das weite Land des Westens gewöhnt, wurden für
ein Jahr zusammen mit hartgesottenen Kriminellen in einen Käfig gesperrt, der ihnen
weniger Platz bot, als die Bundesregierung Mardern im Zoo zumißt. In ihrer ersten
Nacht hörten sie im Zellblock Schreie und begriffen, daß Vergewaltigungsopfer nicht
immer Frauen sein müssen. Dann hatten sie sich schutzsuchend in die Arme ihrer
indianischen Mitgefangenen vom American Indian Movement geflüchtet.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie an ihre Ahnen kaum einen Gedanken
verschwendet. Unbewußt mochten sie gespürt haben, daß Menschen, wie sie es
waren, Sekundärtugenden, wie sie im Fernsehen propagiert wurden, fehlten, und
wahrscheinlich schämten sie sich ein wenig, weil sie so anders waren. Natürlich
lernten sie, spöttisch über Western zu lachen, in denen die Indianer von Weißen oder
Mexikanern dargestellt wurden und Dialoge von Hollywood-Drehbuchautoren
plapperten, die vom Wilden Westen soviel verstanden wie von der Antarktis. Aber
selbst hier setzte sich bei ihnen ein negatives Bild von sich selbst und ihrem Volk fest.
Alle diese Bedenken und Eindrücke wurden durch den Kontakt mit dem American
Indian Movement beiseite gefegt. Auf einmal war der weiße Mann an allem schuld.
Die Brüder Russell eigneten sich einen Mischmasch aus linksalternativer
Anthropologie, einem Schuß Rousseau, einer kräftigen Prise John Ford (dessen Filme
immerhin amerikanisches Kulturgut waren) und einer Menge fehlinterpretierter
Geschichte an und gelangten zu der Überzeugung, daß ihre Vorfahren ein edles Volk
von Jägern und Kriegern gewesen waren, das in Harmonie mit der Natur und den
Göttern gelebt hatte. Irgendwie übergangen wurde die Tatsache, daß die
Indianerstämme etwa so »friedlich« koexistiert hatten wie die Europäer - »Sioux«
bedeutete »Schlange«, ein nicht gerade freundlicher Name - und sich erst in der
letzten Dekade des 18. Jahrhunderts über die Präriegebiete des Westens zu verbreiten
begonnen hatten. Von den grausamen Kriegen zwischen den Stämmen sprach auch
niemand. Früher war einfach alles viel besser gewesen. Die Indianer waren die Herren
ihres Landes, folgten den Büffelherden, jagten, führten ein gesundes und erfülltes
Leben unter den Sternen und maßen nur gelegentlich in kurzem, heldenhaftem Kampf
ihre Kräfte - so wie die Ritter beim Turnier es getan hatten. Selbst der Brauch der
Gefangenenfolterung wurde verherrlicht, indem man sie als Gelegenheit für die
Krieger darstellte, ihren sadistischen Mördern mit stoischem Mut zu begegnen, was
den Quälern immerhin Respekt einflößte.
Bedauerlich und nicht Marvin Russells Schuld war nur, daß er seine edlen
Gedanken zuerst von Kriminellen bezog. Zusammen mit seinem Bruder hörte er von
den Göttern des Himmels und der Erde, einem von den Weißen und ihrer falschen
Sklavenreligion grausam unterdrückten Glauben. Sie erfuhren von der Bruderschaft in
der Prärie, davon, daß die Weißen den Indianern ihr rechtmäßiges Eigentum gestohlen
hatten. Das Bleichgesicht hatte die Büffel abgeschossen und den Indianern damit die
Lebensgrundlage genommen, es hatte einen Keil zwischen die Stämme getrieben, sie
aufeinandergehetzt, massakriert und schließlich eingesperrt, bis ihnen kaum mehr als
Feuerwasser und Verzweiflung blieben. Wie alle erfolgreichen Lügen enthielt auch
diese einen kräftigen Funken Wahrheit.
Marvin Russell begrüßte den ersten orangefarbenen Sonnenstrahl mit einem
Gesang, der authentisch gewesen sein mochte oder nicht - genau konnte das kein
Mensch mehr sagen, und er schon gar nicht. Die Zeit im Gefängnis war aber keine
ausschließlich negative Erfahrung für ihn gewesen. Angetreten hatte er seine Strafe
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auf dem Niveau eines Drittkläßlers, entlassen wurde er mit dem Realschulabschluß.
Marvin Russell war nicht dumm, und niemand konnte ihm zum Vorwurf machen, daß
er in ein Schulsystem hineingeboren wurde, das ihn von vornherein zum Scheitern
verurteilte. Er las eifrig alle Bücher über die Geschichte seines Volkes - nun, nicht
unbedingt alle; er achtete sorgfältig auf die Tendenz. Alles, was sein Volk auch nur
im geringsten negativ darstellte, reflektierte natürlich weiße Vorurteile. Vor der
Ankunft der Weißen hatten die Sioux weder Alkohol getrunken noch in armseligen
kleinen Dörfern gelebt und schon gar nicht ihre Kinder mißhandelt. Nein, das waren
alles Folgen der Intervention des weißen Mannes.
Aber was tun? fragte er die Sonne. Die glühende Gaskugel färbte sich rot in der
staubigen Luft dieses heißen, trockenen Sommers, und vor Marvin tauchte das
Gesicht seines Bruders auf, die Zeitlupenaufnahmen aus dem Fernsehen. Anders als
die große Anstalt hatte der Regionalsender das Videoband in Standbilder aufgelöst
und diese separat gezeigt: Der Augenblick, in dem die Kugel Johns Kopf traf, war in
zwei Einzelbildern festgehalten, auf denen sich das Gesicht seines Bruders vom Kopf
löste. Dann die grausigen Nachwirkungen des Treffers. Der Schuß aus dem Revolver
- zur Hölle mit diesem Nigger und seiner kugelsicheren Weste! - und Johns Hände vor
der blutigen Masse wie im Horrorfilm. Er sah sich die Sequenz fünfmal an und wußte,
daß sie ihm bis ins letzte Detail unauslöschlich im Gedächtnis haften bleiben würde.
Ein toter Indianer mehr. »Sicher, ich habe ein paar gute Indianer gesehen«, hatte
General William Tecumseh - ein indianischer Name! - Sherman einmal gesagt. »Aber
die waren tot.« John Russell war tot, wie so viele andere, die keine Chance zu einem
ehrenhaften Kampf bekommen hatten, abgeknallt wie ein Tier, aber noch brutaler.
Marvin war davon überzeugt, daß der Schuß für die laufende Kamera inszeniert
worden war. Diese Pißnelke von Reporterin in ihren modischen Fetzen! Der hatte das
FBI einmal zeigen wollen, wo es langgeht. Genau wie die Kavallerie bei Sand Creek
und Wounded Knee und auf hundert anderen namenlosen und in Vergessenheit
geratenen Schlachtfeldern.
Und so wandte Marvin Russell sein Gesicht der Sonne zu, einer der Gottheiten
seines Volkes, und suchte nach Antwort. Es gibt keine, sagte ihm die Sonne. Seine
Kameraden waren unzuverlässig; diese Erkenntnis hatte John mit dem Leben bezahlt.
Welcher Wahnsinn, die Bewegung durch Drogenhandel zu finanzieren, gar selbst
Drogen zu nehmen! Als wäre das Feuerwasser, mit dem der weiße Mann die Indianer
ruiniert hatte, nicht schon schlimm genug gewesen! Die anderen »Krieger« waren
Kreaturen ihrer von Weißen geschaffenen Umwelt und wußten nicht, daß diese sie
bereits kaputtgemacht hatte. Sioux-Krieger nannten sie sich und waren doch nichts als
Säufer und kleine Kriminelle, die selbst auf diesem anspruchslosen Feld versagt
hatten. In einer seltenen Anwandlung von Ehrlichkeit - wie konnte man im Angesicht
einer Gottheit unaufrichtig sein? - gestand sich Marvin ein, daß er besser war als sie.
Und als sein Bruder. Schwachsinn, beim Rauschgifthandel mitzumachen. Alles
nutzlos. Was hatten sie schon erreicht? Zwei FBI-Agenten und einen
Vollzugsbeamten umgelegt, aber das war schon lange her gewesen. Und seitdem?
Nichts weiter, immer nur mit diesem einzigen Triumph geprahlt. Doch was für ein
Sieg war das schon gewesen? Das Reservat, der Schnaps, die Hoffnungslosigkeit,
alles war noch da, nichts hatte sich geändert. Wen hatten sie aufgerüttelt, wer hatte
nach ihrer Identität und ihren Motiven gefragt? Niemand. Es war ihnen lediglich
gelungen, die Unterdrücker aufzubringen, so daß die »Warrior Society« nun selbst in
ihrem eigenen Reservat verfolgt wurde und ihre Mitglieder nicht wie Krieger, sondern
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wie gehetztes Wild lebten. Ihr solltet aber Jäger sein, sagte ihm die Sonne, und keine
Beute.
Der Gedanke wühlte Marvin auf. Ich werde der Jäger sein. Mich sollen die Weißen
fürchten. Aber diese Zeiten waren längst vorbei. Ihm kam die Rolle des Wolfes im
Pferch zu, aber die weißen Schafe waren nun so stark geworden, daß sie ganz
vergessen hatten, daß es Wölfe gab, und sich hinter scharfen Hunden versteckten.
Diese Hunde waren nicht mehr damit zufrieden, die Herde zu bewachen, sondern
begannen, den Wölfen selbst nachzustellen, bis aus diesen wiederum verängstigte,
gehetzte, nervöse Kreaturen geworden waren, Gefangene in ihrer eigenen Wildbahn wie einstmals die Schafe.
Er mußte also seine Wildbahn verlassen.
Er mußte seine Brüder finden, Wölfe, die das jagen noch nicht verlernt hatten.
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3
Ziviler Ungehorsam
Dies war der Tag, sein Tag. Hauptmann Benjamin Zadin hatte bei der israelischen
Staatspolizei rasch Karriere gemacht und war der jüngste Mann seines Ranges. Er war
als einziger von den Brüdern noch am Leben und selbst Vater zweier Söhne, David
und Mordecai, und hatte bis vor kurzem am Rande des Selbstmords gestanden. Erst
vor zwei Monaten hatten ihn innerhalb von einer Woche zwei Schicksale ereilt: der
Tod seiner Mutter und der Auszug seiner schönen, aber untreuen Frau. Fast über
Nacht hatte sein so sorgfältig und erfolgreich geplantes Leben jeglichen Sinn
verloren. Rang und Sold, der Respekt seiner Untergebenen, seine bewiesene
Intelligenz und Umsicht in Krisen und Spannungssituationen, sein Erfolg als Soldat
beim schwierigen und gefährlichen Streifendienst an der Grenze - alles das war nichts
im Vergleich zu einem leeren Haus voller verrückter Erinnerungen.
Israel gilt allgemein als »Judenstaat«, aber das täuscht über die Tatsache hinweg,
daß nur ein Bruchteil der Bevölkerung den jüdischen Glauben praktiziert. Benjamin
Zadin hatte trotz der Ermahnungen seiner Mutter nie zu dieser Gruppe gehört, sondern
den lockeren Lebensstil eines modernen Hedonisten geführt und seit seiner BarMizwa, also seit er dreizehn war, keine Synagoge mehr von innen gesehen.
Gezwungenermaßen sprach und schrieb er Hebräisch, immerhin die Landessprache,
aber die Überlieferungen und Vorschriften seiner Kultur waren ihm ein merkwürdiger
Anachronismus, etwas Rückständiges, das so gar nicht in das ansonsten modernste
Land des Nahen Ostens passen wollte.
Seine Frau hatte ihn in dieser Auffassung noch bestärkt. Der religiöse Eifer Israels,
hatte er oft gescherzt, lasse sich an der Knappheit der Bikinis an den vielen Stranden
messen. Seine Frau Elin, eine große, schlanke Blondine, war aus Norwegen
gekommen, sah, wie sie oft privat witzelten, so jüdisch aus wie Eva Braun und stellte
noch immer gerne ihre Figur zur Schau, manchmal sogar ohne Oberteil. Ihr Eheleben
war leidenschaftlich und stürmisch gewesen. Natürlich hatte er immer gewußt, daß sie
gerne einen Blick auf andere Männer warf, und auch er war gelegentlich
fremdgegangen, aber er war völlig überrascht gewesen, als sie ihn verließ und zu
einem anderen zog. Ihre plötzliche Entscheidung machte ihn so benommen, daß er
weder weinen noch flehen konnte und einfach allein in einem Haus mit mehreren
geladenen Waffen blieb, mit denen er seinem Leiden rasch ein Ende hätte setzen
können. Nur seine Söhne hatten ihn von diesem Schritt abgehalten; sie konnte er nicht
so einfach im Stich lassen, wie es mit ihm passiert war. Der Schmerz aber bohrte
weiter.
In einem kleinen Land wie Israel bleibt nichts geheim. Es wurde sofort bekannt,
daß Elin zu einem anderen Mann gezogen war, und das Gerücht drang bis zu
Benjamins Wache durch, wo die Männer die Verzweiflung ihres Hauptmanns aus
seinen Augen ablesen konnten. Manche fragten sich, wie und wann er sich wieder
fangen würde, aber nach einer Woche spekulierte man eher, ob er das Tief überhaupt
überwinden konnte. An diesem Punkt griff einer von Zadins Wachtmeistern ein und
erschien eines Abends vor der Tür des Hauptmanns, begleitet von Rabbi Israel Kohn.
An diesem Abend fand Benjamin Zadin zu Gott. Mehr noch, sagte er sich mit einem
41
Blick auf die Altstadtterrassen von Jerusalem, ich habe wieder gelernt, was es
bedeutet, Jude zu sein. Was ihm zugestoßen war, konnte nichts anderes als Gottes
Strafe sein - für die Sexparties mit seiner Frau und anderen, für die Mißachtung der
mütterlichen Ermahnungen, für den Ehebruch, kurz: für zwanzig Jahre sündhafter
Gedanken und Taten und der ständigen Vorspiegelung, ein aufrechter und tapferer
Kommandant von Polizisten und Soldaten zu sein. Doch von nun an sollte das alles
anders werden. Heute wollte er weltliche Gesetze brechen, um seine Sünden gegen
das Wort Gottes zu sühnen.
Es war am frühen Morgen eines Tages, der glühend heiß zu werden versprach; der
Ostwind wehte von Saudi-Arabien her. Hinter Zadin standen vierzig Mann,
ausgerüstet mit Schnellfeuergewehren, Tränengas und anderen Waffen, die
»Gummigeschosse« feuern konnten, die eigentlich aus verformbarem Kunststoff
bestanden, einen erwachsenen Menschen umwerfen und ein Herz durch massive
Prellung zum Stillstand bringen konnten. Zadin brauchte seine Männer, um einen
Gesetzesbruch zu provozieren - ganz im Gegensatz zu den Zielen seiner Vorgesetzten
- und um zu verhindern, daß andere sich einmischten und ihn beim Vollzug des
göttlichen Gesetzes störten. So hatte Rabbi Kohn argumentiert. Wer gab die Gesetze?
Eine metaphysische, für einen Polizeioffizier viel zu komplizierte Frage. Viel simpler,
hatte der Rabbi erklärt, war die Tatsache, daß die Stelle, an der, der Tempel Salomons
gestanden hatte, die spirituelle Heimat des Judentums und aller Juden war. Gott hatte
den Platz gewählt, und menschliche Einsprüche zählten wenig. Es war an der Zeit,
daß die Juden wieder in Besitz nahmen, was Gott ihnen gegeben hatte. Heute wollten
zehn konservative chassidische Rabbis den Anspruch auf die Stätte geltend machen,
an der, der neue Tempel exakt nach den Vorgaben der Heiligen Schrift
wiederaufgebaut werden sollte. Hauptmann Zadin plante, seinen Befehl, sie am
Kettentor aufzuhalten, zu mißachten und die Marschierer von seinen Männern, die auf
sein Wort hörten, vor arabischen Demonstranten schützen zu lassen.
Zu seiner Überraschung waren die Araber schon sehr früh da. Für ihn waren
Angehörige des Volkes, das seine Brüder David und Motti getötet hatte, kaum mehr
als Tiere. Von seinen Eltern hatte er gehört, wie es den Juden in Palästina in den
dreißiger Jahren ergangen war: Sie waren Angriffen, Terror, Neid und offenem Haß
ausgesetzt gewesen, und die Briten hatten sich geweigert, jene, die in Nordafrika an
ihrer Seite gekämpft hatten, vor den Arabern zu schützen, den Verbündeten der
Achsenmächte. Die Juden konnten sich nur auf sich selbst und ihren Gott verlassen,
und diesem Gott waren sie es schuldig, seinen Tempel an der Stelle, wo Abraham den
Bund zwischen seinem Volk und dem Herrn erneuert hatte, wiederzuerrichten. Aber
die Regierung verstand das nicht - oder sie spielte aus politischen Erwägungen mit
dem Schicksal des einzigen Landes auf der Welt, in dem die Juden wirklich sicher
waren. Seine Glaubenspflicht war also wichtiger als seine Loyalität der weltlichen
Macht gegenüber - eine Erkenntnis, zu der er erst kürzlich gelangt war.
Rabbi Kohn erschien zur abgemachten Zeit, begleitet von Rabbi Eleazar Goldmark,
der die eintätowierte KZ-Nummer trug und in Auschwitz im Angesicht des Todes
zum Glauben gefunden hatte. Beide trugen Pflöcke und Bänder, um den Bauplatz
abzustecken, der dann rund um die Uhr bewacht werden sollte, bis sich die israelische
Regierung gezwungen sah, die Stätte von islamischen Obszönitäten zu säubern. Mit
breiter Unterstützung im Lande und einer Flut von Spenden aus Europa und den USA
könnte das Projekt in fünf Jahren fertiggestellt sein, und dann war es endgültig vorbei
mit allen Versuchen, dem Volk Israel das von Gott übertragene Land wegzunehmen.
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»Scheiße«, murmelte jemand hinter Hauptmann Zadin, der sich rasch umdrehte; ein
zorniger Blick ließ das Lästermaul verstummen.
Benjamin nickte den beiden Rabbis zu, die sich nun in Bewegung setzten. In
fünfzig Meter Abstand folgte ihnen die Polizei, geführt von ihrem Hauptmann. Zadin
hoffte, daß Kohn und Goldmark unversehrt blieben, wußte aber auch, daß sie die
Gefahr willig auf sich nahmen wie einstmals Abraham, der bereit gewesen war, dem
Herrn seinen Sohn zu opfern.
Der Glaube jedoch, der Zadin an diesen Punkt geführt hatte, verschloß ihm die
Augen vor der Tatsache, daß in einem so kleinen Land wie Israel nichts geheim
bleiben konnte. Andere Israelis, die in Goldmark und Kohn nur einen Gegenpart zu
islamischen Fundamentalisten iranischer Prägung sahen, hatten von dem Plan
erfahren und die Medien alarmiert. Um die Klagemauer herum warteten
Fernsehteams, ausgerüstet mit Kunststoffhelmen, um sich vor dem zu erwartenden
Steinhagel zu schützen. Um so besser, dachte Zadin auf dem Weg zum Tempelberg.
Die Welt soll ruhig sehen, was geschieht. Unwillkürlich schritt er rascher, um Kohn
und Goldmark einzuholen. Die beiden mochten zwar auf ein Märtyrerschicksal gefaßt
sein, aber es war seine Aufgabe, sie zu beschützen. Er kontrollierte den Halfter an
seiner Hüfte und stellte sicher, daß die Lasche nicht zu stramm geschlossen war. Gut
möglich, daß er die Pistole bald brauchte.
Die Araber waren zur Stelle. Unangenehm viele hier, dachte er, wie Flöhe oder
Ratten an einem Ort, wo sie nicht hingehören. Kein Problem, solange sie nicht störten.
Doch Zadin wußte, daß sie gegen den göttlichen Plan waren.
Zadins Funkgerät quäkte, aber er ignorierte es. Vermutlich ein Spruch seines
Vorgesetzten, der ihm Zurückhaltung befahl. Kohn und Goldmark schritten
unerschrocken auf die Araber, die den Weg versperrten, zu. Angesichts ihres Mutes
und unerschütterlichen Glaubens kamen Zadin fast die Tränen. Wie würde der Herr
ihnen heute seine Gnade erweisen? Zadin hoffte nur, daß sie am Leben bleiben
durften. Die Hälfte seiner Männer stand fest auf seiner Seite; dafür hatte er bei der
Zusammenstellung der Wache gesorgt. Ohne sich umdrehen zu müssen, wußte er, daß
sie sich nicht hinter ihren Kunststoffschilden versteckten, sondern die Waffen
entsichert hatten. Die Spannung, mit der die erste Steinsalve erwartet wurde, steigerte
sich ins Unerträgliche.
Benjamin Zadin flehte zu Gott, er möge die Rabbis verschonen, so wie er Isaak
verschont hatte.
Der Hauptmann war nun weiter zu den beiden unerschrockenen Rabbis aufgerückt.
Der eine war in Polen geboren und hatte im Konzentrationslager Frau und Kind
verloren, aber den Glauben gefunden; der andere stammte aus Amerika, war nach
Israel ausgewandert und wendete sich, nachdem er in zwei Kriegen gekämpft hatte,
Gott zu - so wie Benjamin es erst vor wenigen Tagen getan hatte.
Die beiden waren kaum zehn Meter von den mißmutigen, schmutzigen Arabern
entfernt, als es geschah. Nur die Araber konnten sehen, wie ruhig und gelassen ihre
Gesichter waren, mit welchem Fatalismus sie sich in alles, was nun geschehen
mochte, fügten, und nur die Araber sahen, wie schockiert der Pole und wie entsetzt
der Amerikaner reagierten, als sie erkannten, welches Schicksal ihnen bestimmt war.
Auf einen Befehl hin setzte sich die erste Reihe der Araber, alles junge Männer, die
Erfahrung im Demonstrieren hatten, auf den Boden. Etwa hundert, die hinter ihnen
standen, folgten ihrem Beispiel. Dann begann die erste Reihe rhythmisch zu klatschen
und zu singen. Benjamin, der das Arabische so gut wie jeder Palästinenser
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beherrschte, brauchte eine Weile, bis er erkannte, daß sie ein amerikanisches Lied
sangen, die Hymne der Bürgerrechtsbewegung.
We shall overcome
We shall overcome
We shall overcome some day...
Die TV-Teams drängten sich hinter der Polizei. Einige Männer lachten über die
grimmige Ironie, und der CNN-Korrespondent Pete Franks sprach stellvertretend für
alle: »Ich glaub’, mich...« Franks erkannte, daß sich in diesem Augenblick die Welt
verändert hatte - schon wieder. Er hatte der ersten Sitzung des demokratisch
gewählten Obersten Sowjets beigewohnt, in Managua miterlebt, wie die Sandinisten
den anscheinend so sicheren Wahlsieg verloren, und war in Peking Zeuge der
Zerstörung der Freiheitsstatue geworden. Erstaunlich, dachte er, auf einmal blicken
die Araber durch. Heilige Scheiße...
»Mickey, ich hoffe doch, daß das Band läuft.«
»Sag mal, hör’ ich recht?«
»Ja. Los, gehen wir näher ran.«
Angeführt wurden die Araber von Haschimi Moussa, einem 21jährigen
Soziologiestudenten. Sein Arm zeigte Narben, die ein israelischer Schlagstock
hinterlassen hatte, und ihm fehlten die Schneidezähne, weil ein schlechtgelaunter
Soldat der israelischen Armee ein Gummigeschoß ganz besonders exakt plaziert hatte.
Haschimi hatte seinen Mut oft genug beweisen und ein dutzendmal dem Tod ins
Gesicht sehen müssen, ehe er an die Spitze rücken konnte. Aber nun hatte er es
geschafft, man hörte auf ihn und ließ sich von Ideen überzeugen, die er schon fünf
lange Jahre im Kopf gehabt hatte. Drei Tage hatte er gebraucht, um seine Kameraden
dafür zu gewinnen, und dann hatte ein jüdischer Liberaler und Opponent der
religiösen Konservativen zum Glück ein wenig zu laut von den Plänen für diesen Tag
gesprochen. Vielleicht ein Wink des Schicksals, dachte Haschimi, oder der Wille
Allahs. Wie auch immer, dies war der Moment, auf den er seit seinem fünfzehnten
Lebensjahr - damals hatte er zuerst von Gandhi und Martin Luther King und deren
Strategie des passiven Widerstands gehört - gewartet hatte. Es war nicht einfach
gewesen, seine Freunde zu überreden, die Kriegertradition der Araber aufzugeben,
aber er hatte es geschafft. Das jetzt war der Moment, wo seine Idee auf die Probe
gestellt werden sollte.
Benjamin Zadin sah nur, daß ihm der Weg verstellt war. Rabbi Kohn sagte etwas zu
Rabbi Goldmark, aber keiner wich zu der Reihe der Polizei zurück; das hätte eine
Niederlage bedeutet. Ob sie nun aus Überraschung oder Zorn nicht von der Stelle
wichen, sollte Zadin nie erfahren. Er drehte sich zu seinen Männern um.
»Gas!« Dieser Schritt war geplant. Die vier Männer mit den Tränengasgewehren,
alles fromme Juden, legten an und feuerten eine Salve in die Menge.
Erstaunlicherweise wurde niemand von den gefährlichen Gasprojektilen verletzt.
Binnen Sekunden quollen unter den sitzenden Arabern graue Tränengaswolken auf.
Doch sie erhielten einen Befehl, und die Demonstranten setzten Schutzmasken auf.
Das beeinträchtigte zwar den Gesang, nicht aber das Klatschen oder ihre
entschlossene Haltung. Hauptmann Zadin wurde noch wütender, als der Ostwind das
Gas von den Arabern weg auf seine Männer zutrieb. Anschließend hoben Araber mit
dicken Handschuhen die heißen Geschosse auf und warfen sie zur Polizei zurück.
Nun ließ Zadin Gummigeschosse abfeuern. Sechs Mann waren mit den
entsprechenden Waffen ausgerüstet und konnten über eine Distanz von fünfzig
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Metern jeden erwischen. Die erste Salve war perfekt. Sie traf sechs Araber in der
ersten Reihe. Zwei schrien auf, und einer sank zusammen, aber man rührte sich nur
vom Platz, um den Verletzten zu helfen. Die nächste Salve war auf die Köpfe gezielt,
und Zadin sah zu seiner Befriedigung Blut aus einem Gesicht spritzen.
Der Anführer - Zadin kannte sein Gesicht von früheren Konfrontationen - gab einen
Befehl. Der Gesang wurde lauter und mit einer weiteren Salve quittiert. Der
Polizeihauptmann stellte fest, daß einer seiner Schützen sehr aufgebracht war, denn
der Araber, der ein Geschoß ins Gesicht bekommen hatte, wurde nun auch noch am
Schädeldach getroffen und starb. An diesem Punkt hätte Benjamin merken sollen, daß
er die Kontrolle über seine Männer verloren hatte; schlimmer aber war, daß er nun
selbst die Beherrschung verlor.
Haschimi hatte in der allgemeinen Aufregung den Tod seines Kameraden nicht
mitbekommen. Er konzentrierte sich auf die beiden verwirrt dreinschauenden Rabbis
und auf die Polizisten, deren Gesichter hinter den Masken er nicht sehen konnte.
Wohl aber wußte er ihre Handlungen und Bewegungen zu deuten und erkannte mit
jäher Klarheit, daß er gewonnen hatte. Er ließ seine Kameraden lauter und lauter
singen, und sie folgten ihm im Angesicht von Feuer und Tod.
Hauptmann Benjamin Zadin setzte seinen Helm ab und schritt energisch auf die
Araber zu, vorbei an den Rabbis, die nun plötzlich unschlüssig waren. Konnten die
Mißklänge schmutziger Heiden den Willen Gottes zunichte machen?
»Au wei«, bemerkte Pete Franks, dessen Augen tränten.
»Ich hab’s«, sagte der Kameramann und holte sich den israelischen Hauptmann mit
dem Zoom heran. »Gleich passiert was, Pete - der Typ sieht stinksauer aus.«
Mein Gott, dachte Franks, der selber Jude war und sich in diesem trockenen Land
seltsam heimisch fühlte. Er wußte, daß das, was jetzt kommen würde, die Dimension
eines historischen Augenblicks haben würde, und formulierte schon seinen DreiMinuten-Kommentar, der die Aufnahmen, die sein Kameramann gerade machte, aus
dem Off begleiten würde. Dabei fragte er sich, ob ihm für diesen schweren und
gefährlichen Job ein weiterer Emmy winkte.
Es passierte rasch, viel zu rasch, als der Hauptmann direkt auf den Anführer der
Araber zuschritt. Haschimi wußte nun, daß sein Freund tot war; das angeblich nicht
tötende Geschoß hatte ihm die Schädeldecke zerschmettert. Er betete stumm für
seinen Kameraden; Allah wußte doch gewiß, mit welchem Mut er dem Tod ins Auge
gesehen hatte. Das Gesicht des Israelis, der nun auf ihn zukam, war ihm nicht
unbekannt. Zadin, so hieß der Mann, war oft genug hiergewesen, ein Gesicht hinterm
Visier, eine gezogene Waffe. Er war einer dieser Männer, für die, die Araber keine
Menschen waren, sondern Gesocks, das Steine und Molotowcocktails warf. Nun,
heute muß er umlernen, sagte sich Haschimi. Heute tritt ihm ein Mann mit Mut und
Überzeugung entgegen.
Benjamin Zadin sah ein Tier, einen störrischen Esel, auf jeden Fall aber keinen
richtigen Menschen, wie die Israelis es waren. Die Kerle wandten eine feige neue
Taktik an, das war alles. Meinten sie vielleicht, ihn so daran zu hindern, seine
Aufgaben zu erledigen? So trotzig hatte auch seine Frau vor ihm gestanden und ihm
gesagt, sie zöge zu einem anderen Mann, die Kinder könne er behalten, und er hätte ja
nicht einmal den Mumm, sie zu schlagen. Er sah ihr schönes, ausdrucksloses Gesicht
vor sich und fragte sich, warum er ihr keine Lektion erteilt hatte; einen Meter entfernt
von ihm war sie gewesen, hatte gestarrt, dann gelächelt und schließlich laut gelacht,
weil er nicht Manns genug gewesen war... und so hatte ihre passive Schwäche seine
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Kraft besiegt.
Diesmal sollte es anders kommen.
»Machen Sie den Weg frei!« befahl er auf arabisch.
»Nein.«
»Ich schieße!«
»Hier kommen Sie nicht durch.«
»Hauptmann!« rief ein besonnener Polizist, aber zu spät. Benjamin Zadin, der seine
Brüder an die Araber und seine Frau an einen anderen Mann verloren hatte, riß beim
Anblick dieser Sitzdemonstranten die Geduld. In einer flinken, fließenden Bewegung
zog er die Dienstpistole und schoß Haschimi in die Stirn. Der junge Araber sank
zusammen, das Singen und Klatschen verstummte. Ein Demonstrant wandte sich zur
Flucht, wurde aber von zwei anderen festgehalten. Die Sitzenden begannen nun, für
ihre toten Kameraden zu beten. Zadin richtete die Waffe auf einen von ihnen, aber
etwas hinderte ihn daran abzudrücken; der Mut in den Augen dieser Leute vielleicht,
der nichts mit Trotz zu tun hatte, sondern Entschlossenheit ausdrückte und vielleicht
auch Mitleid. Denn das Entsetzen in Zadins Gesicht verriet nun, daß er anfing zu
begreifen, was er getan hatte. Kaltblütig hatte er einen Menschen getötet, der
niemanden bedrohte. Er war ein Mörder. Zadin wandte sich an die Rabbis und suchte
in ihren Augen vergeblich nach Trost oder Verständnis. Als er sich abwandte, begann
der Gesang aufs neue. Wachtmeister Mosche Levin trat zu seinem Hauptmann und
nahm ihm die Waffe ab.
»Kommen Sie mit, Hauptmann.«
»Was hab’ ich getan?«
»Geschehen ist geschehen. Kommen Sie.«
Levin führte seinen Vorgesetzten weg, drehte sich aber noch einmal um. Haschimi
war zusammengesackt; durch die Fugen des Pflasters rann Blut. Der Wachtmeister
hatte das Gefühl, etwas tun oder sagen zu müssen; diese Sache war fürchterlich
schiefgegangen. Er schüttelte mit offenem Mund den Kopf, und in diesem Augenblick
erkannten Haschimis Anhänger, daß ihr Führer gesiegt hatte.
Ryans Telefon ging 2.03 Uhr, und es gelang ihm, noch vor dem zweiten Läuten
abzuheben.
»Ja?«
»Operationszentrale, Saunders. Schalten Sie den Fernseher ein. In vier Minuten
bringt CNN eine Sensation.«
»Und was?« Ryan tastete nach der Fernbedienung.
»Sie werden es nicht glauben, Sir. Wir haben die Satellitenverbindung angezapft;
CNN gibt die Meldung gleich an die anderen Anstalten weiter. Keine Ahnung, wie
das die israelische Zensur passiert hat. Auf jeden Fall...«
»Ah, es kommt gerade.« Ryan hatte gerade noch Zeit, sich die Augen klarzureiben.
Er hatte den Ton des Fernsehers im Schlafzimmer abgestellt, um seine Frau nicht zu
stören, aber ein Kommentar war ohnehin überflüssig. »Guter Gott...«
»Schlimm, Sir«, meinte der Offizier vom Dienst.
»Schicken Sie mir meinen Fahrer und wecken Sie den Direktor. Verständigen Sie
das Weiße Haus. Wir brauchen den DDI und die Spezialisten für Israel und Jordanien
... ach was, alle. Vergewissern Sie sich, daß das Außenministerium auf dem laufenden
ist...«
»Das hat seine eigenen Kanäle ...«
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»Weiß ich. Alarmieren Sie es trotzdem; sicher ist sicher.«
»Jawohl, Sir. Sonst noch etwas?«
»Schicken Sie mir noch vier Stunden Schlaf rüber.« Ryan legte auf.
»Jack, war das...« Cathy, die gerade die Wiederholung der schrecklichen Szene
mitbekommen hatte, setzte sich auf.
»Leider ja, Liebes.«
»Und was bedeutet das?«
»Den Arabern ist gerade aufgegangen, wie sie den Staat Israel zerstören können.«
Es sei denn, wir können ihn retten, fügte er in Gedanken hinzu.
Neunzig Minuten später schaltete Ryan die Kaffeemaschine hinter seinem
Schreibtisch ein und sah dann die vom Nachtdienst abgefaßten Aktennotizen durch.
Heute wirst du das Koffein bitter nötig haben, dachte er. Rasiert hatte er sich
unterwegs im Auto, doch nicht sehr gründlich, wie ein Blick in den Spiegel ihm
verriet. Jack wartete, bis die erste Tasse Kaffee fertig war, und marschierte dann ins
Dienstzimmer des Direktors, wo er außer Cabot auch Charles Alden vorfand.
»Guten Morgen«, sagte der Sicherheitsberater.
»Von wegen«, murrte Ryan mit belegter Stimme. »Nichts ist gut. Weiß der
Präsident schon Bescheid?«
»Nein. Ich wollte ihn nicht stören, solange wir noch kein klares Bild haben. Nach
sechs, wenn er wach ist, rede ich mit ihm. Na, Marcus, was halten Sie jetzt von
unseren israelischen Freunden?«
Direktor Cabot antwortete nicht, sondern wandte sich an Jack: »Haben wir weitere
Informationen?«
»Seinen Rangabzeichen nach zu urteilen, ist der Schütze Polizeihauptmann. Bisher
liegen weder Name noch Hintergrundinformationen vor. Die Israelis haben ihn
irgendwo festgesetzt und lassen nichts verlauten. Auf dem Videoband sieht es so aus,
als hätte es zwei Tote und mehrere Verletzte gegeben. Unser Stationschef in Israel
meldet nur, der Vorfall habe sich tatsächlich zugetragen und sei auf Band. Niemand
scheint zu wissen, wo das TV-Team steckt. Da wir keinen Agenten vor Ort haben, ist
das Fernsehen unsere einzige Quelle.« Mal wieder, fügte Ryan stumm hinzu. »Die
Armee hat Tempelberg und Klagemauer abgesperrt, zum ersten Mal wohl. Unsere
Botschaft dort hat noch keine Erklärung abgegeben und wartet auf Anweisungen von
hier. Offizielle Reaktionen aus Europa liegen noch nicht vor, aber das wird sich in der
nächsten Stunde ändern. Dort sitzen die Leute schon an ihren Schreibtischen und
haben die Aufnahmen in Sky News gesehen.«
Alden warf einen müden Blick auf die Uhr. »Kurz vor vier. Drei Stunden noch,
dann wird den Leuten das Frühstück im Hals steckenbleiben. Meine Herren, das gibt
eine Sensation. Ryan, hatten Sie nicht vergangenen Monat so etwas prophezeit?«
»Früher oder später mußten die Araber eine neue Taktik entwickeln«, sagte Jack.
Alden nickte zustimmend. Anständig von ihm, dachte Ryan; immerhin hat er die Idee
schon vor Jahren in einem seiner Bücher formuliert.
»Israel wird die Sache wie üblich überstehen ...« Jack schnitt ihm das Wort ab.
»Ausgeschlossen, Boß.« Höchste Zeit, daß Cabot auf die richtige Bahn gebracht
wurde. »Hier geht es, wie Napoleon einmal sagte, um die Moral. Israel, die einzige
Demokratie der Region, ist auf den moralischen Vorteil angewiesen, und dieses
Konzept ist seit drei Stunden tot. Jetzt sehen die Israelis aus wie die Rassisten damals
in Alabama. Sämtliche Bürgerrechtsbewegungen werden kopfstehen.« Jack legte eine
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Pause ein und trank einen Schluck Kaffee. »Es geht hier schlicht um die
Verhältnismäßigkeit der Mittel. Als die Araber Steine und Molotowcocktails warfen,
konnte die Polizei behaupten, nur Gegengewalt angewandt zu haben. Das geht
diesmal nicht. Die beiden Opfer saßen am Boden und bedrohten niemanden.«
»Das war die Tat eines einzelnen Verrückten!« fuhr Cabot auf.
»Leider nicht, Sir. Das mag auf den Pistolenschuß zutreffen, aber das erste Opfer
wurde mit zwei Gummigeschossen aus gut zwanzig Metern Entfernung getötet wohlgemerkt mit zwei gezielten Schüssen aus einer einschüssigen Waffe. Das war
kein Zufall, sondern kaltblü tige Absicht.«
»Ist der Mann auch wirklich tot?« fragte Alden.
»Meine Frau ist Ärztin, und ihrer Meinung nach ist er tot. Sein Körper verkrampfte
sich und wurde dann schlaff; vermutlich ein Hinweis auf ein schweres Schädeltrauma.
Man wird nicht behaupten können, der Mann sei gestolpert und mit dem Kopf auf den
Randstein geschlagen. Dieser Vorfall verändert die Situation grundlegend. Wenn die
Palästinenser klug sind, verdoppeln sie jetzt ihren Einsatz, bleiben bei dieser Taktik
und warten die Reaktion der Welt ab. Da ist ihnen der Erfolg garantiert«, schloß Jack.
»Ryan hat recht«, sagte Alden. »Es wird noch heute eine UN-Resolution geben, die
wir unterstützen müssen, und das zeigt den Arabern vielleicht, daß Gewaltlosigkeit
eine wirksamere Waffe ist, als Steine zu werfen. Was werden die Israelis sagen? Wie
werden sie reagieren?«
Alden kannte die Antwort auf diese Frage. Er hatte sie nur gestellt, um den DGI
aufzuklären. Ryan verstand und gab die Antwort. »Die Israelis werden erst einmal
abblocken und wütend sein, weil sie das Videoband nicht abgefangen haben. Der
Vorfall war mit Sicherheit nicht geplant - will sagen, die israelische Regierung ist so
überrascht wie wir -, andernfalls hätte man das Kamerateam festgenommen. Ich kann
mir vorstellen, daß dieser Hauptmann im Augenblick verhört wird. Um die
Mittagszeit wird man dann behaupten, er sei geistesgestört, was wahrscheinlich auch
stimmt, und es handele sich um einen isolierten Vorfall. Wir kennen die israelischen
Methoden der Schadensbegrenzung, aber...«
»Diesmal werden sie nicht funktionieren«, unterbrach Alden. »Bis neun muß der
Präsident Stellung genommen haben. Es ist nicht damit getan, von einem >tragischen
Zwischenfall< zu sprechen. Hier wurde ein unbewaffneter Demonstrant von einem
Staatsbeamten kaltblü tig ermordet.«
»Charlie, ich bitte Sie, das war doch nur ein Einzelfall«, wandte Direktor Cabot
wieder ein.
»Mag sein, aber ich prophezeie so etwas schon seit fünf Jahren.« Der
Sicherheitsberater stand auf und ging ans Fenster. »Marcus, was den Staat Israel seit
dreißig Jahren zusammengehalten hat, war die Dummheit der Araber, die entweder
nicht erkannten, daß Israels Legitimität nur auf seiner moralischen Position basiert,
oder sich nicht darum scherten. Israel sieht sich nun mit einem schweren ethischen
Widerspruch konfrontiert. Wenn es wirklich eine Demokratie ist und die Rechte
seiner Bürger respektiert, muß es sie auch den Arabern einräumen. Damit aber wäre
der politische Zusammenhalt des Landes gefährdet, der wiederum nur garantiert
werden kann, wenn die religiöse Rechte beschwichtigt wird - und die schert sich einen
Dreck um Bürgerrechte für Araber. Kapituliert Israel aber vor den religiösen Eiferern,
versucht es zu beschönigen, dann ist es keine Demokratie und setzt die politische
Unterstützung Amerikas aufs Spiel, ohne die der Staat wirtschaftlich und politisch
ruiniert ist. Und wir stecken in einer ähnlichen Klemme. Wir unterstützen Israel, weil
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es eine Demokratie ist, ein Rechtsstaat, aber diese Legitimität hat sich soeben selbst
die Grundlage entzogen. Ein Staat, in dem die Polizei unbewaffnete Menschen
ermordet, ist kein Rechtsstaat, Marcus. Ein Israel, das sich so verhält, können wir
ebensowenig unterstützen wie einen Somoza oder einen Marcos oder andere
Diktatoren.«
»Verdammt, Charlie, Israel fällt doch nicht in diese Kategorie!«
»Gewiß, Marcus. Aber das muß das Land nun unter Beweis stellen, es muß dem
Anspruch, den es immer erhoben hat, gerecht werden. Wenn Israel sich jetzt stur
stellt, ist es verloren. Es mag versuchen, Druck auf seine Lobby hier in den Staaten
auszuüben, und wird feststellen müssen, daß es keine mehr gibt. Und wenn es soweit
kommen sollte, brächte man unsere Regierung in noch größere Verlegenheit und
zwänge sie womöglich, demonstrativ die Israel-Hilfe einzustellen. Aber das geht auch
nicht. Wir müssen eine andere Lösung finden.« Alden wandte sich vom Fenster um.
»Ryan, Ihre Idee hat ab sofort Priorität. Ich bearbeite den Präsidenten und das
Außenministerium. Es gibt nur einen Weg, Israel aus diesem Schlamassel
herauszuhelfen, und das ist ein funktionierender Friedensplan. Setzen Sie sich mit
Ihrem Freund in Georgetown in Verbindung und richten Sie ihm aus, die Sache sei
nun nicht mehr im Versuchsstadium, sondern bereits ein Projekt mit dem Codenamen
PILGERFAHRT. Bis morgen möchte ich ein Strategiepapier sehen.«
»Das ist aber knapp, Sir«, merkte Ryan an.
»Dann lassen Sie sich nicht von mir aufhalten, Jack. Weiß der Himmel, was
passiert, wenn wir nicht rasch handeln. Kennen Sie Scott Adler vom
Außenministerium?«
»Ja, ich habe ein paarmal mit ihm gesprochen.«
»Das ist Brent Talbots bester Mann. Setzen Sie sich, nachdem Sie Ihren Freund in
Georgetown kontaktiert haben, mit ihm zusammen; er wird Ihnen helfen. Wir können
uns nicht darauf verlassen, daß die Bürokratie des Außenministeriums etwas schnell
erledigt. Packen Sie Ihren Koffer, es wird hektisch werden. Ich will so bald wie
möglich Fakten, Positionen und eine solide Analyse sehen. Und alles
kohlrabenschwarz, wenn ich bitten darf.« Die letzte Bemerkung zielte auf Cabot.
Ryan brauchte nicht zur Geheimhaltung vergattert zu werden.
»Jawohl, Sir«, sagte Ryan. Cabot nickte nur.
Jack war noch nie im Fakultätsgebäude der Universität Georgetown gewesen seltsam eigentlich, dachte er, als das Frühstück serviert wurde. Vom Tisch aus hatte
man Blick auf einen Parkplatz.
»Sie hatten recht, Jack«, bemerkte Riley. »Ein schrecklicher Anblick so früh am
Morgen.«
»Was hört man aus Rom?«
»Der Vorschlag ist positiv aufgenommen worden«, antwortete der Rektor der
Universität.
»Wie positiv?«
»Ist Ihnen die Sache ernst?«
»Alden sagte mir vor zwei Stunden, das Projekt habe nun absolute Priorität.«
Riley nahm diese Information mit einem Nicken zur Kenntnis. »Versuchen Sie,
Israel zu retten, Jack?«
Ryan wußte nicht, ob die Frage im Scherz gestellt war oder nicht. Er jedenfalls war
nicht aufgelegt für Witze, fühlte sich übernächtigt. »Pater, ich will nur nachfassen -
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auf Anweisung von oben, klar?«
»Ich verstehe. Sie haben Ihren Versuchsballon zu einem günstigen Zeitpunkt
gestartet.«
»Mag sein, aber heben wir uns die Spekulationen über den Friedensnobelpreis bitte
für später auf, ja?«
»Frühstücken Sie erst einmal. Bis um die Mittagszeit ist der Vatikan zu erreichen.
Sie sehen schlecht aus.«
»Ich fühle mich auch so«, gestand Ryan.
»Ab vierzig verträgt man den Alkohol nicht mehr so gut und sollte damit
aufhören«, merkte Riley an.
»Daran haben Sie sich aber nicht gehalten«, meinte Ryan.
»Bei mir ist das etwas anderes; als Priester muß ich trinken«, konterte Riley. »Was
genau erwarten Sie?«
»Zunächst einmal das grundsätzliche Einverständnis der wichtigsten Parteien, damit
die Verhandlungen so bald wie möglich in Gang kommen, aber unsere Seite behandelt
die Sache sehr vertraulich. Der Präsident will eine Analyse seiner Optionen sehen,
und die erstelle ich.«
»Wird Israel mitspielen?«
»Wenn nicht, ist das Land im Arsch - Verzeihung, aber so sieht es wirklich aus.«
»Gewiß, aber wird die Regierung vernünftig genug sein, die eigene Lage richtig
einzuschätzen?«
»Pater, meine Funktion ist das Sammeln und Auswerten von Informationen. Ein
Wahrsager bin ich nicht, auch wenn das manchmal von mir erwartet wird. Eines steht
für mich fest: Was wir heute im Fernsehen gesehen haben, kann die ganze Region in
Brand setzen, wenn wir nichts unternehmen.«
»Essen Sie Ihr Frühstück. Ich muß ein bißchen nachdenken, und das kann ich beim
Kauen am besten.«
Ein guter Rat, wie Ryan wenige Minuten später feststellte. Das Essen neutralisierte
die Kaffeesäure in seinem Magen und gab ihm Energie für den Tag. Eine Stunde
später war er auf dem Weg zum Außenministerium. Um die Mittagszeit fuhr er nach
Hause, um seinen Koffer zu packen, und schaffte es, während er zurückchauffiert
wurde, etwas Schlaf nachzuholen. Nachmittags nahm er in Aldens Büro im Weißen
Haus an einer Besprechung teil, die sich bis in die Nacht hinzog, und ließ sich vor
Sonnenaufgang zum Luftstützpunkt Andrews fahren. Dort rief er vom VIP-Saal aus
seine Frau an und bat sie, ihren Sohn zu vertrösten; aus dem versprochenen Spiel
wurde nun nämlich nichts. Kurz vor seinem Abflug erschien ein Kurier und brachte
200 Seiten mit Material von der CIA, dem Außenministerium und dem Weißen Haus,
die er auf dem Flug über den Atlantik zu lesen hatte.
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Das Gelobte Land
Der amerikanische Luftstützpunkt Ramstein Air Base liegt in einem Tal, was Ryan
leicht irritierte. Seiner Ansicht nach gehörte ein Flughafen auf plattes Land. Auf dem
Stützpunkt war ein Geschwader F-16 stationiert; jeder Jagdbomber stand in seinem
eigenen bombengesicherten und von Bäumen umgebenen Unterstand - die Deutschen
konnten mit ihrer Manie für Grün selbst die radikalsten amerikanischen
Umweltschützer beeindrucken. Das war einer der seltenen Fälle, in denen sich die
Ziele der Ökopaxe mit den Anforderungen der Militärs deckten. Die Unterstände
waren aus der Luft nur sehr schwer auszumachen, und auf manchen der Gebäude, die
von den Franzosen errichtet worden waren, wuchsen sogar Bäume - eine sowohl vom
ästhetischen als auch vom militärischen Standpunkt aus gesehen erfreuliche Tarnung.
Auf dem Stützpunkt gab es auch einige große Passagiermaschinen, darunter eine
umgebaute Boeing 707 mit der Aufschrift »United States of America«. Diese kleinere
Version der Maschine des Präsidenten wurde in Ramstein »Miss Piggy« genannt und
stand dem Oberbefehlshaber der US-Luftwaffe in Europa zur Verfügung. Ryan
konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Hier gesellten sich auf einer
umweltfreundlichen Anlage über 70 Kampfflugzeuge, deren Aufgabe die Vernichtung
eben jener sowjetischen Streitkräfte war, die nun aus Deutschland abzogen, in
friedlicher Eintracht zu einem Flugzeug, das Miss Piggy hieß. Verrückte Welt.
Andererseits garantierte das Fliegen mit der Air Force erstklassigen Service und
VIP-Behandlung, die ihren Namen verdiente - in diesem Fall Unterkunft in dem
hochkomfortablen Cannon Hotel. Der Stützpunktkommandant, ein Colonel, hatte
Ryan an seiner VC-20B Gulfstream begrüßt und rasch zu den Unterkünften für hohe
Besucher gebracht, wo er sich mit Hilfe des Inhaltes der Minibar die nötige
Bettschwere verschaffte, um die Folgen des Jetlags in einem langen Schlaf zu
minimieren. Alternativen gab es sowieso keine, denn das TV-Angebot bestand aus nur
einem Programm, dem AFN. Als er um sechs Uhr Ortszeit steif und hungrig
aufwachte, hatte er sich an die Zeitumstellung fast gewöhnt.
Zum Joggen verspürte Jack wirklich keine Lust; das redete er sich jedenfalls ein. In
Wirklichkeit hätte er, selbst wenn ihm jemand eine Pistole an die Schläfe gehalten
hätte, keine 800 Meter geschafft. Er entschied sich daher für einen flotten
Spaziergang. Bald wurde er von Fitneß-Fanatikern überholt, junge und schlanke
Männer, die bestimmt Jagdpiloten waren. Der Frühnebel hing noch in den Kronen der
Bäume, die dicht an der Straße gepflanzt waren, und es war viel kühler als daheim.
Hin und wieder zerriß das Röhren der Düsentriebwerke die Stille - »The Sound of
Freedom« hatte vierzig Jahre lang den Frieden gewahrt und ging den Deutschen nun
auf die Nerven. Die Einstellungen änderten sich so rasch wie die Zeiten. Amerikas
militärische Macht hatte ihr Ziel erreicht und gehörte nun, was die Deutschen anging,
bereits der Vergangenheit an. Verschwunden die innerdeutsche Grenze, umgerissen
die Zäune, entfernt die Wachtürme und Minen. Auf dem einstmals plattgewalzten
Todesstreifen wuchsen nun Gras und Blumen. Anlagen im Osten, die einstmals auf
Satellitenfotos studiert oder von westlichen Agenten mit großem finanziellen
Aufwand und unter lebensgefährlichen Bedingungen ausgekundschaftet worden
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waren, standen nun den Schnappschuß-Touristen offen - unter denen sich auch
Geheimdienstleute tummelten, die auf die Springflut der Veränderungen eher
schockiert als nachdenklich reagierten. Manche fanden sich bei der Inspektion vor Ort
in ihrem früheren Argwohn bestätigt, und andere wiederum mußten feststellen, daß
sie völlig schiefgelegen hatten.
Ryan schüttelte den Kopf. Das Ganze war mehr als erstaunlich. Die
Deutschlandfrage war schon vor seiner Geburt der Kernpunkt des Ost-West-Konflikts
gewesen, Thema genug für Informationspapiere, Geheimdienstanalysen und
Presseberichte, um das ganze Pentagon mit Altpapier zu füllen. All die Mühe, die
Detailstudien und kleinlichen Streitereien - vorbei, bald vergessen. Selbst Historiker
würden nie die Energie aufbringen, alle die Daten zu sichten, die man einmal für
wichtig gehalten hatte - für lebenswichtig -, die aber nun kaum mehr waren als eine
umfangreichere Fußnote zum Zweiten Weltkrieg. Dieser Luftstützpunkt zum Beispiel,
erbaut für Flugzeuge, die russische Maschinen abschießen und eine sowjetische
Offensive zerschlagen sollten, wurde nun, da in dessen Wohnsiedlungen bald
deutsche Familien einziehen würden, zu einem kostspieligen Anachronismus. Und
was wird aus den Flugzeugbunkern? fragte sich Ryan. Weinkeller vielleicht?
»Halt!« Ryan blieb stehen und drehte sich um. Der Befehl kam von einer jungen
Soldatin der Air Force, die ein Gewehr M-16 trug.
»Hab’ ich was falsch gemacht?«
»Ihren Ausweis, bitte.« Die junge Frau war attraktiv und sehr nüchtern. Außerdem
hatte sie Verstärkung dabei, die im Wald auf der Lauer lag. Ryan gab ihr seinen CIADienstausweis.
»So was hab’ ich noch nie gesehen, Sir.«
»Ich bin gestern abend mit der VC-20 gekommen und wohne im Cannon, Zimmer
109. Colonel Parker kann das bestätigen.«
»Wir haben Alarmbereitschaft, Sir«, sagte sie und griff nach dem Funkgerät.
»Tun Sie ruhig Ihre Pflicht, Miss - Verzeihung, Sergeant Wilson. Meine Maschine
geht erst um zehn.« Ryan lehnte sich an einen Baumstamm und streckte sich. Ein zu
schöner Morgen, um sich groß aufzuregen - auch nicht über zwei Bewaffnete, die
keine Ahnung hatten, wer er war.
»Roger.« Sergeant Becky Wilson schaltete das Funkgerät ab. »Der Colonel sucht
Sie, Sir.«
»Halte ich mich auf dem Rückweg am Burger King links?«
»Ja, Sir.« Sie gab ihm lächelnd seine Karte zurück.
»Danke, Sergeant. Verzeihen Sie die Störung.«
»Soll ich einen Wagen kommen lassen? Der Colonel wartet.«
»Ich gehe lieber zu Fuß. Der Colonel ist zu früh dran, er soll ruhig warten.« Ryan
entfernte sich und ließ die junge Frau über die Wichtigkeit eines Mannes spekulieren,
der es sich leisten konnte, den Stützpunktkommandanten auf den Stufen vor dem
Cannon warten zu lassen. Ryan marschierte zehn Minuten zügig voran; sein
Orientierungssinn ließ ihn trotz der fremden Umgebung und des Zeitunterschieds von
sechs Stunden nicht im Stich.
»Morgen, Sir!« rief Ryan, als er guter Laune über eine Mauer auf den Parkplatz
sprang.
»Ich habe ein kleines Frühstück mit dem Stab des OB arrangiert. Wir hätten gern
Ihre Einschätzung der Lage in Europa gehört.«
Jack lachte. »Großartig! Und ich will Ihre hören.« Ryan ging auf sein Zimmer, um
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sich umzuziehen. Was bringt diese Leute auf die Idee, daß ich mehr weiß als sie?
fragte er sich. Andererseits hatte er kurz vor dem Abflug vier Neuigkeiten erfahren.
Die aus der Ex-DDR abziehenden sowjetischen Truppen waren mißmutig über den
Mangel an Unterkünften in der Heimat. Mitglieder der ehemaligen Volksarmee waren
über ihre Zwangspensionierung weit aufgebrachter, als man in Washington ahnte, und
hatten vermutlich in früheren Stasi-Mitarbeitern Verbündete gefunden. Und
schließlich war zwar ein rundes Dutzend Mitglieder der RAF in Ostdeutschland
festgenommen worden, aber mindestens ebenso viele hatten sich abgesetzt, ehe das
BKA zuschlagen konnte. Aus diesem Grund, erfuhr Ryan, war man in Ramstein in
Alarmbereitschaft.
Die VC-20B startete kurz nach zehn und ging auf Südkurs. Arme Narren, diese
Terroristen, dachte er, die ihr Leben, ihre Kraft und ihren Intellekt einer Sache
gewidmet haben, die nun noch rascher verschwindet als die deutsche Landschaft unter
mir. Wie zurückgelassene Kinder müssen sie sich fühlen. Ohne Freunde. Sie hatten
sich in der CSSR und DDR versteckt und von dem bevorstehenden Zusammenbruch
dieser beiden kommunistischen Staaten nichts geahnt. Wo sollten sie jetzt
Unterschlupf finden? In Rußland? Ausgeschlossen. In Polen? Ein Witz. Ihre Welt hat
sich jäh verändert, dachte Ryan und lächelte wehmütig, und ein weiterer Umschwung
steht ihnen noch bevor. Ihre letzten Freunde werden sich bald wundern. Vielleicht,
korrigierte er sich. Vielleicht...
»Hallo, Sergej Nikolajewitsch«, hatte Ryan gesagt, als ein Besucher vor einer Woche
sein Büro betrat.
»Tag, Iwan Emmetowitsch«, hatte der Russe erwidert und die Hand ausgestreckt,
die bei ihrer letzten Begegnung auf dem Flughafen Scheremetjewo bei Moskau eine
Waffe gehalten hatte. Das war weder für S. N. Golowko noch für Ryan ein guter Tag
gewesen, aber es hatte sich, wie das Schicksal so spielt, alles zum Guten gewendet.
Golowko war für seinen fast erfolgreichen Versuch, den Vorsitzenden des KGB an
der Flucht in den Westen zu hindern, zum Ersten Stellvertretenden Vorsitzenden
dieser Organisation gemacht worden. Ein Erfolg hätte ihn nicht ganz so weit gebracht,
aber nachdem dem Präsidenten seine Einsatzbereitschaft aufgefallen war, ging es mit
seiner Karriere steil aufwärts. Golowkos Leibwächter saß im Vorzimmer und
unterhielt sich mit John Clark.
»Nicht gerade beeindruckend«, meine Golowko und warf einen abschätzenden
Blick auf die Wände aus Gipsplatten. Über dem Kleiderständer hing das einzige Foto
im Raum, das mit Präsident Fowler, neben einem anständigen Gemälde, einer
Leihgabe aus Regierungsbeständen.
»Jedenfalls habe ich eine schönere Aussicht als Sie, Sergej Nikolajewitsch. Steht
der eiserne Felix noch auf dem Platz?«
»Vorerst noch.« Golowko lächelte. »Wie ich höre, ist Ihr Direktor nicht in der
Stadt.«
»Stimmt, der Präsident brauchte seinen Rat.«
»Zu welchem Thema denn?« fragte Golowko mit einem schiefen Lächeln.
»Keine Ahnung«, versetzte Ryan lachend und dachte: zu allen möglichen Themen.
»Tja, es ist nicht leicht für uns beide.« Auch der neue KGB-Vorsitzende war kein
Nachrichtendienst-Fachmann. Nicht ungewöhnlich; häufig war der Chef dieses
finsteren Apparates aus der Partei gekommen, aber da inzwischen auch diese der
Vergangenheit angehörte, hatte Narmonow einen Computerexperten an die Spitze
53
seines wichtigsten Nachrichtendienstes gesetzt. Neue Ideen sollten den KGB
effizienter machen. Ryan wußte, daß Golowko inzwischen einen IBM-PC auf dem
Schreibtisch stehen hatte.
»Sergej, ich habe schon immer gesagt: Wenn Vernunft die Welt regierte, wäre ich
arbeitslos. Aber sehen Sie sich bloß die Lage an. Kaffee?«
»Gerne, Jack«, meinte Golowko und lobte einen Augenblick später das Gebräu.
»Nancy füllt mir jeden Morgen die Maschine. Nun, was kann ich für Sie tun?«
»Diese Frage hat man mir schon oft gestellt, aber noch nie in einer solchen
Umgebung.« Golowko lachte dröhnend. »Jack, fragen Sie sich auch manchmal, ob
das Ganze nicht bloß ein Traum ist, bei dem wir alle unter Drogen stehen?«
»Nein. Ich hab’ mich kürzlich beim Rasieren geschnitten, bin aber nicht
aufgewacht.«
Golowko murmelte etwas auf russisch, das Ryan nicht verstand. Seinen
Übersetzern aber würde es beim Auswerten der Bänder nicht entgehen.
»Ich bin derjenige, der das Parlament über unsere Aktivitäten informiert. Ihr
Direktor war so freundlich, unserer Bitte um Rat zu entsprechen.«
Diese Chance ließ Ryan sich nicht entgehen. »Kein Problem, Sergej
Nikolajewitsch. Lassen Sie einfach alle Ihre Informationen über meinen Schreibtisch
laufen. Ich sage Ihnen dann gerne, wie sie am besten zu präsentieren sind.«
Golowko spielte mit. »Gerne, aber dafür hätte der Vorsitzende kein Verständnis.«
Es wurde Zeit, das Geplänkel abzustellen und zum Geschäft zu kommen.
»Wir erwarten ein quid pro quo«, eröffnete Ryan die Verhandlungen.
»Und das wäre?«
»Informationen über die Terroristen, die Sie früher unterstützt haben.«
»Das geht nicht«, erwiderte Golowko glatt heraus.
»Wieso nicht?«
»Ein Nachrichtendienst muß Loyalität wahren, wenn er funktionieren soll.«
»Wirklich? Erzählen Sie das Fidel Castro, wenn Sie ihn wieder mal sehen«, schlug
Ryan vor.
»Langsam blicken Sie durch, Jack.«
»Danke, Sergej. Meine Regierung hat auf die jüngsten Äußerungen Ihres
Präsidenten zum Thema Terrorismus mit Befriedigung reagiert. Der Mann ist mir
sympathisch, das wissen Sie. Gemeinsam verändern wir die Welt. Und Sie selbst
waren doch auch gegen die Unterstützung, die Ihre Regierung diesen widerlichen
Typen gewährte.«
»Wie kommen Sie darauf?« fragte der Erste Stellvertretende Vorsitzende.
»Sergej, als Geheimdienstfachmann können Sie unmöglich die Aktionen dieser
undisziplinierten Kriminellen gutheißen. Ich empfinde das ebenfalls so, aber bei mir
hat das noch einen persönlichen Grund.« Ryan lehnte sich zurück; seine Miene
verhärtete sich. Niemals würde er vergessen können, daß Sean Miller und die anderen
Mitglieder der Ulster Liberation Army zwei ernste Versuche gestartet hatten, ihn und
seine Familie umzubringen. Erst vor drei Wochen waren Miller und seine Komplizen,
nachdem sie alle rechtlichen Mittel einschließlich Petitionen an das Oberste
Bundesgericht, den Präsidenten der Vereinigten Staaten und den Gouverneur von
Maryland ausgeschöpft hatten, einer nach dem anderen in Baltimore in die
Gaskammer gegangen. Möge der Herr ihnen gnädig sein, dachte Ryan. Dieses Kapitel
war nun endgültig abgeschlossen.
»Und der kürzliche Fall?«
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»Mit den Indianern? Das unterstreicht nur mein Argument. Diese sogenannten
Revolutionäre beschafften sich ihr Geld mit Rauschgifthandel. Warten Sie nur, die
Gruppen, die von Ihnen finanziert wurden, werden sich gegen Sie wenden und Ihnen
in ein paar Jahren größere Probleme bereiten als uns.« Beide wußten natürlich, daß
diese Einschätzung korrekt war. Die Verbindung von Terrorismus und Drogenhandel
begann den Sowjets Kummer zu machen, denn auf dem kriminellen Sektor begriff
man die Regeln der freien Marktwirtschaft am schnellsten. Und das fand Ryan ebenso
bedenklich wie Golowko. »Nun, was meinen Sie dazu?«
Golowko neigte den Kopf. »Ich werde dem Vorsitzenden den Vorschlag
unterbreiten. Er wird bestimmt einverstanden sein.«
»Wissen Sie noch, was ich vor zwei Jahren in Moskau sagte? Wozu Diplomaten
und lange Verhandlungen, wenn wir Profis die Sache unter uns regeln können?«
»Ich hätte jetzt eher mit einem Kipling-Zitat gerechnet«, versetzte der Russe
trocken. »Nun, wie gehen Sie mit Ihrem Kongreß um?«
Jack lachte in sich hinein. »Ganz einfach: Wir sagen die Wahrheit.«
»Bin ich elftausend Kilometer weit geflogen, um mir das anzuhören?«
»Man wählt eine Handvoll Abgeordnete aus, auf deren Verschwiegenheit man sich
verlassen kann und die das Vertrauen aller ihrer Kollegen genießen - das ist das
Hauptproblem -, und informiert sie über alles, was sie wissen müssen. Allerdings
bedarf es gewisser Grundregeln, an die sich alle Beteiligten halten müssen - und zwar
immer.« Ryan legte eine Pause ein. Es ging ihm gegen den Strich, vor einem Kollegen
vom Fach so zu dozieren.
Golowko runzelte die Stirn. Nie gegen die Regel zu verstoßen, das war natürlich
nicht einfach. Bei Nachrichtendiensten geht nicht immer alles sauber nach Vorschrift,
und Russen haben eine konspirative Ader.
»Bei uns funktioniert das gut«, fügte Ryan hinzu.
Wirklich? fragte er sich insgeheim. Sergej muß wissen, ob dieses System klappt
oder nicht... er muß zum Beispiel wissen, ob wir seit Peter Henderson einen
Ostagenten im Kongreß haben... andererseits weiß er auch, daß wir trotz der krankhaft
übersteigerten Geheimniskrämerei des KGB viele seiner Operationen herausgefunden
haben. Das hatten die Sowjets selbst öffentlich eingestanden: Die große Zahl von
Überläufern hatte viele sorgfältig geplante KGB-Operationen gegen die USA und den
Westen ruiniert. Wie in Amerika schirmte die Geheimhaltung auch in der
Sowjetunion Fehlschläge ebenso wie Erfolge ab.
»Letzten Endes ist es eine Frage des Vertrauens«, sagte Ryan nach einer weiteren
Pause. »Ihre Parlamentarier sind Patrioten. Würden sie den Streß des Politikerdaseins
ertragen, wenn sie ihr Land nicht liebten? Bei uns ist das nicht anders.«
»Man genießt die Macht«, entgegnete Golowko.
»Nicht unbedingt; jedenfalls nicht die intelligenten Leute, mit denen Sie zu tun
haben werden. Gewiß, Idioten gibt es immer, auch bei uns. Zum Glück aber existieren
auch kluge Leute, die wissen, daß politische Macht eine Illusion ist, und sie stehen
noch nicht auf der Roten Liste. Die Pflichten sind immer größer als die Macht. Keine
Angst, Sergej, Sie werden es vorwiegend mit Leuten zu tun bekommen, die so klug
und ehrlich sind wie Sie.«
Golowko quittierte das Kompliment des Kollegen mit einem knappen Nicken.
Seine frühere Einschätzung war korrekt gewesen: Ryan hatte den Durchblick.
Vielleicht sind wir keine richtigen Gegner mehr, dachte er, höchstens Konkurrenten,
die einander respektieren.
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Ryan schaute seinen Besucher wohlwollend an und freute sich, ihn überrascht zu
haben. Außerdem hoffte er, daß Golowko einen gewissen Oleg Kirilowitsch
Kadischow, CIA-Codename SPINNAKER, für das parlamentarische Kontrollkomitee
vorschlagen würde. Kadischow galt bei den Medien als einer der brillantesten Köpfe
in dem wichtigtuerischen sowjetischen Parlament, der sich bemühte, ein neues Land
aufzubauen; seine Intelligenz und Integrität standen im Widerspruch zu der Tatsache,
daß er seit Jahren auf der Gehaltsliste der CIA stand und der beste aller von Mary Pat
Foley angeworbenen Agenten war. Das Spiel geht weiter, dachte Ryan und fügte mit
einigem Bedauern hinzu: wahrscheinlich auf immer und ewig. Andererseits spionierte
Amerika selbst gegen Israel, und zwar unter dem Motto »die Dinge im Auge
behalten«. Von einer »Operation« gegen dieses Land sprach man nie. Das hätten die
Wachhunde im Parlament sofort durchsickern lassen. Armer Sergej, dachte Ryan, du
hast noch viel zu lernen!
Zum Mittagessen führte Ryan seinen Gast in die Kantine der CIA-Führung. Er war
überrascht, daß Golowko das Essen besser fand als KGB-Standardmenüs. Die Leiter
der Direktorate und ihre Stellvertreter fanden sich ebenfalls in der Kantine ein, um
dem Russen die Hand zu schütteln und sich mit ihm fotografieren zu lassen. Nach
einer letzten Gruppenaufnahme fuhr Golowko mit dem Aufzug hinunter in die
Tiefgarage, wo sein Wagen stand. Anschließend suchten die Leute der Abteilungen
»Wissenschaft und Technik« und »Sicherheit« alle Korridore und Räume, die
Golowko und sein Leibwächter betreten hatten, nach Wanzen ab und wiederholten die
Prozedur noch mehrere Male, bis sicher feststand, daß der Gast tatsächlich die
Gelegenheit ungenutzt hatte verstreichen lassen. »Nichts ist mehr wie früher«, hatte
ein Mann von W&T geklagt.
Als Ryan an den Kommentar dachte, mußte er lachen. In der Tat entwickelte sich
alles mit atemberaubender Geschwindigkeit. Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und
zog den Gurt stramm. Die VC-20 näherte sich den Alpen, wo es zu Turbulenzen
kommen konnte.
»Darf ich Ihnen eine Zeitung bringen, Sir?« fragte die Flugbegleiterin, eine hübsche
Frau im Rang eines Staff Sergeant, verheiratet und schwanger. Es war Ryan
unangenehm, sich von ihr bedienen zu lassen.
»Was haben Sie denn?«
»Die International Herald Tribune.«
»Vorzüglich!« Ryan nahm das Blatt und schnappte nach Luft. Da war das Bild, auf
der Titelseite - ein Schwachkopf mußte es der Presse zugespielt haben. Golowko,
Ryan und die Chefs der Direktorate W&T, Operationen, Verwaltung, Archiv und
Aufklärung einträchtig beim Mittagessen. Natürlich waren die Identitäten der
Amerikaner nicht geheim, aber trotzdem...
»Kein sehr schmeichelhaftes Bild, Sir«, merkte die Flugbegleiterin grinsend an.
Ryan störte das nicht.
»Wann soll das Kind kommen, Sergeant?«
»In fünf Monaten, Sir.«
»Dann kommt es in eine bessere Welt als unsere alte. Setzen Sie sich doch bitte. Ich
bin nicht progressiv genug, um mich von einer Schwangeren bedienen zu lassen.«
Die Herald Tribune ist ein gemeinschaftliches Unternehmen der New York Times
und der Washington Post und erscheint in Paris. Das Blatt, das amerikanische
Geschäftsleute im Ausland mit lebensnotwendigen Americana wie Football-
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Resultaten und den neuesten Comics versorgt, wird seit der Wende auch im
ehemaligen Ostblock von Leuten, die ihr Englisch verbessern und sich über den
früheren Klassenfeind informieren wollen, gerne gelesen. Die vorzügliche
Informationsquelle fand so viele neue Leser, daß das amerikanische Management die
Redaktion vergrößerte und dafür sorgte, daß das Blatt in Prag, Budapest und
Warschau den Abonnenten durch Boten zugestellt wurde.
Einer dieser Stammleser war Günther Bock. Nachdem ihn ein Freund, der bei der
Stasi war, gewarnt hatte, verließ er Ostdeutschland vor einigen Monaten recht hastig
und lebte nun in Sofia. Zusammen mit seiner Frau Petra hatte Bock Zellen der
Baader-Meinhof-Gruppe und später, nachdem diese von der westdeutschen Polizei
zerschlagen worden war, der RAF geleitet. Zweimal war er knapp der Festnahme
entgangen. Danach hatte er sich über die tschechische Grenze abgesetzt und
schließlich in der DDR quasi zur Ruhe gesetzt. Mit einem neuen Namen, neuen
Papieren und einer festen Anstellung - er kam zwar nie zur Arbeit, aber seine Papiere
waren in Ordnung - wähnte er sich in Sicherheit. Weder er noch Petra hatten mit dem
Volksaufstand gerechnet, der die DDR-Machthaber stürzte, und gehofft, die Wende
unerkannt überstehen zu können. Der Sturm der Demonstranten auf das Ministerium
für Staatssicherheit und die Vernichtung von Millionen von Akten hatten sie ebenfalls
überrascht. Es waren jedoch nicht alle Dokumente zerstört worden, denn unter den
Demonstranten waren Agenten des Bundesnachrichtendienstes gewesen, die genau
gewußt hatten, in welchen Räumen sie wüten mußten. Innerhalb weniger Tage
begannen RAF-Mitglieder abzutauchen. Anfangs war es nicht einfach gewesen, sich
ein Bild von der Lage zu verschaffen. Das verlotterte Telefonsystem der DDR
erschwerte die Kommunikation, und die Ex-Terroristen waren aus naheliegenden
Sicherheitsgründen in verschiedenen Städten untergebracht worden. Als ein anderes
Ehepaar nicht wie abgemacht zum Abendessen erschien, hatten Günther und Petra
Lunte gerochen - zu spät allerdings. Während der Ehemann die Flucht vorbereitete,
trat ein fünfköpfiges Team von GSG-9 die dünne Tür der Bockschen Wohnung in
Ostberlin ein. Die Männer fanden Petra beim Stillen eines der Zwillinge vor. Trotz der
rührenden Szene konnten sie angesichts der Tatsache, daß Petra Bock drei Deutsche
ermordet hatte, einen davon sehr brutal, kein Mitleid aufbringen. Petra saß nun in
Stammheim eine lebenslange Freiheitsstrafe ab - was im Klartext hieß, daß sie das
Gefängnis erst im Sarg verließ -, und die beiden kleinen Töchter wurden von einem
Münchner Polizeibeamten und seiner Frau, die keine Kinder bekommen konnte,
adoptiert.
Zu seiner Überraschung mußte Bock feststellen, wie sehr ihn der Verlust der
Familie schmerzte. Immerhin war er ein Revolutionär, der sich seiner Sache
verschworen und für sie getötet hatte. Warum war er dann über die Inhaftierung seiner
Frau und den Verlust seiner Kinder so entsetzlich aufgebracht? Doch er konnte das
Lächeln der beiden Kleinen, deren Augen und Nase wie die der Mutter waren, nicht
vergessen. Wenigstens wußte er, daß ihnen kein Haß auf ihn eingetrichtert werden
würde, denn sie wußten nichts von Günthers und Petras früherer Existenz. Er hatte
sich einer Sache verschrieben, die größer und wichtiger war als seine physische
Existenz, und zusammen mit seinen Genossen bewußt und entschieden auf eine
bessere Welt für die Massen hingearbeitet. In diesem Sinne wollten sie ihre Kinder
erziehen, damit die nächste Generation der Bocks die Früchte der heroischen
Anstrengungen ihrer Eltern ernten konnte. Und das sollte ihm nun versagt bleiben.
Günther Bock empfand kalten Haß.
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Bedrückender noch war seine Konfusion. Das Unvorstellbare war geschehen. Das
Volk des Ersten Arbeiter- und Bauernstaates hatte sich revolutionär gegen seinen fast
perfekten sozialistischen Staat erhoben und für ein von den Kräften des Imperialismus
errichtetes monströses Ausbeutersystem entschieden, verführt von den Verlockungen
des Konsums allein? Bock konnte trotz seiner Intelligenz keinen rationalen
Zusammenhang erkennen, konnte sich nicht zu der Erkenntnis durchringen, daß die
Menschen seines Landes den »wissenschaftlichen Sozialismus« geprüft und als nicht
praktikabel verworfen hatten.
Er hatte zu lange für den Marxismus gelebt, um ihn nun leugnen zu können, und
ohne den theoretischen Überbau und das revolutionäre Ethos war er nichts weiter als
ein gewöhnlicher Krimineller und gemeiner Mörder. Und nun hatten seine Wohltäter
diese Werte summarisch abgelehnt. Einfach unmöglich. Unmöglich.
Und unfair, daß so viel Unmögliches auf einmal passiert war. Er faltete die Zeitung
auf, die er zwanzig Minuten zuvor sieben Straßen von seiner derzeitigen Unterkunft
entfernt gekauft hatte. Das Foto auf der Titelseite stach ihm sofort ins Auge.
»Schwachsinn«, murmelte Günther Bock, als er die Bildunterschrift las: CIA
BEWIRTET KGB!
»Als neue bemerkenswerte Wendung in erstaunlichen Zeiten empfing die CIA den
Stellvertretenden Vorsitzenden des KGB zu einer Konferenz, bei der >Themen von
gemeinsamem Interesse< für die beiden weltgrößten Geheimdienst-Imperien erörtert
wurden ...«, hieß es in dem Artikel. »Aus zuverlässigen Quellen verlautete, daß bei
diesem neuesten Kapitel der Zusammenarbeit zwischen Ost und West unter anderem
ein Austausch von Informationen über die zunehmend enger werdenden
Verbindungen zwischen dem internationalen Terrorismus und Rauschgifthandel
vereinbart wurde. CIA und KGB werden zusammenarbeiten, um...«
Bock ließ die Zeitung sinken und starrte aus dem Fenster. Wie alle Terroristen
wußte er, wie es ist, wenn man wie gehetztes Wild gejagt wird. Das war der Weg, den
er zusammen mit Petra und den Genossen gewählt hatte. Ihr Auftrag war klar: alle
ihre Fähigkeiten gegen den Feind einzusetzen. Der Kampf der Kräfte des Lichts gegen
die Mächte der Finsternis. Im Augenblick mußten die Kräfte des Lichts sich zwar
verstecken, aber das war nebensächlich. Früher oder später, wenn die Massen die
Wahrheit erkannten und sich auf die Seite der Revolutionäre stellten, würde es einen
Umschwung geben. Unangenehm war nur, daß sich die Massen für einen anderen
Weg entschieden hatten und die dunklen Verstecke für die Kräfte des Lichts immer
seltener wurden.
Nach Bulgarien war er aus zwei Gründen gekommen. Es war von allen ehemaligen
Ostblockländern das rückständigste und hatte die Wende vom kommunistischen
Standpunkt aus einigermaßen geordnet durchgezogen. Die Kommunisten waren,
wenngleich unter anderem Namen, noch am Ruder und hielten einen politisch
sicheren oder wenigstens neutralen Kurs. Der bulgarische Geheimdienst, der früher
dem KGB die Killer gestellt hatte - inzwischen machten sich die Sowjets die Hände
nicht mehr schmutzig -, war noch mit verläßlichen Freunden durchsetzt. Verläßlich?
dachte Bock. Noch waren die Bulgaren im Bann ihrer russischen Herren, die sich nun
Partner nannten, und wenn der KGB in der Tat mit der CIA kooperierte, verringerte
sich die Zahl der sicheren Orte um eine Dezimalstelle.
Bock hätte bei dem Gedanken an die zunehmend größer werdende Gefahr eine
Gänsehaut bekommen sollen, aber sein Gesicht wurde rot vor Zorn und zuckte. Als
Revolutionär hatte er immer geprahlt, die ganze Welt stünde gegen ihn - aber immer
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in der inneren Gewißheit, daß die Dinge nicht so standen, daß es so weit nie kommen
würde. Nun jedoch schienen sich seine Prahlereien zu bewahrheiten. Noch gab es
Zufluchtsorte und zuverlässige Kontakte. Aber wie viele? Wann begannen sich
vertrauenswürdige Freunde den Veränderungen anzupassen? Sowjets und Deutsche,
Polen und Tschechen, Ungarn und Rumänen - sie alle hatten den Sozialismus
verraten. Welches Bruderland war als nächstes an der Reihe?
Sah man denn nicht die Falle dieser unglaublichen Verschwörung der
konterrevolutionären Kräfte? Ohne Not verwarf man die strukturierte Freiheit in einer
perfekten Gesellschaftsordnung, geprägt von Chancengleichheit, Gerechtigkeit,
sozialem Frieden...
Konnte das alles eine Lüge, ein entsetzlicher Fehler gewesen sein? Hatten er und
Petra die feigen Ausbeuter umsonst getötet?
Aber darauf kam es Günther Bock im Augenblick nicht an. Bald würde er wieder
auf der Flucht sein, bald sollte sein sicherer Platz zum Jagdrevier für seine Feinde
werden. Wenn die Bulgaren den Russen Einsicht in ihre Akten gewährten, wenn im
KGB die richtigen Männer im richtigen Büro saßen, konnte sein neuer Name
inklusive Adresse schon unterwegs nach Washington sein. Ein Tip von dort an den
BND, und er würde innerhalb von einer Woche nicht weit von Petras Zelle in
Stammheim sitzen.
Petra mit dem dunkelblonden Haar und den schelmischen blauen Augen. Tapfer
wie ein Mann. Kalt im Umgang mit Feinden, liebevoll zu ihren Genossen. In ihrer
Mutterrolle ebenso erfolgreich wie bei allen anderen Aufgaben, die sie in Angriff
genommen hatte. Nun aber verraten von angeblichen Freunden, eingesperrt wie ein
Tier, ihrer Kinder beraubt. Petra, seine Genossin, Geliebte, Ehefrau, überzeugte
Mitstreiterin. Um ihr Leben betrogen. Und nun jagte man ihn noch weiter von ihr
weg. Irgendwie mußte es einen Weg geben, die Vergangenheit wieder zurückzuholen.
Doch zunächst war die Flucht das Wichtigste.
Bock legte die Zeitung weg und räumte in der Küche auf. Danach packte er einen
Koffer und verließ die Wohnung. Da der Aufzug mal wieder streikte, ging er die vier
Treppen hinunter und stieg draußen in eine Straßenbahn ein. Neunzig Minuten später
war er am Flughafen. Er reiste mit einem Diplomatenpaß, trug fünf weitere im Futter
seines russischen Koffers versteckt und hatte als umsichtiger Mann dafür gesorgt, daß
drei der Pässe die Nummern von Reisedokumenten trugen, die auf tatsächlich
existierende bulgarische Diplomaten ausgestellt waren; hiervon wußte das bulgarische
Außenministerium nichts. So war ihm die Benutzung des wichtigsten Transportmittels
für internationale Terroristen, das Flugzeug, garantiert. Noch vor der Mittagszeit hob
seine Maschine ab und flog gen Süden.
Ryans Maschine landete kurz vor zwölf Uhr Ortszeit auf einem Militärflugplatz bei
Rom und zufällig kurz nach einer anderen VC-20B des 89. Transportgeschwaders, die
aus Moskau gekommen war. Die schwarze Limousine auf dem Vorfeld wartete auf
die Insassen beider Flugzeuge.
Der stellvertretende Außenminister Scott Adler begrüßte Ryan mit einem dezenten
Lächeln. »Nun?« rief Ryan laut, um den Fluglärm zu übertönen.
»Alles klar.«
»Donnerwetter!« sagte Ryan und ergriff Adlers Hand. »Mit wie vielen Wundern
können wir in diesem Jahr noch rechnen?«
»Wie viele dürfen’s denn sein?« Der Karrierediplomat Adler war aus der
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Rußlandabteilung des State Departments aufgestiegen, beherrschte die Sprache
fließend und kannte die Sowjetunion und ihre gegenwärtige und vergangene Politik
besser als die meisten anderen Regierungsmitglieder, russische eingeschlossen.
»Wissen Sie, woran man sich am schwersten gewöhnt?«
»Immer da zu hören anstatt njet?«
»Genau, da verliert man den Spaß am Verhandeln. Diplomatie kann unglaublich
öde sein, wenn beide Seiten Vernunft zeigen.« Adler lachte, als der Wagen anfuhr.
»Jetzt steht uns wohl beiden eine neue Erfahrung bevor«, merkte Ryan völlig
nüchtern an und drehte sich nach »seiner« Maschine um, die für den Weiterflug klar
gemacht wurde. Von nun an sollten Adler und er gemeinsam reisen.
Mit der üblichen schweren Eskorte jagten sie auf das Zentrum von Rom zu. Die
Roten Brigaden, vor ein paar Jahren fast ausgerottet, waren wieder aktiv, und die
Italiener schützten ausländische Würdenträger aus Prinzip sorgfältig. Neben dem
Fahrer saß ein humorloser Bursche mit einer kleinen Beretta. Zwei Autos fuhren der
Limousine voraus, zwei folgten. Eingekesselt war das Ganze von so vielen
Krafträdern, daß man hätte glauben können, es handele sich um ein Moto-Cross. Bei
der raschen Fahrt durch die uralten Straßen von Rom sehnte Ryan sich ins Flugzeug
zurück, denn jeder italienische Autofahrer schien Ambitionen für die Formel l zu
haben. Mit Clark am Steuer eines unauffälligen Wagens auf einer spontan gewählten
Route hätte sich Ryan sicherer gefühlt, aber in seiner derzeitigen Position zählten bei
den Sicherheitsvorkehrungen nicht nur praktische, sondern auch protokollarische
Kriterien. Es gab natürlich noch einen anderen Grund ...
»Es geht doch nichts über einen unauffälligen Empfang«, murmelte Jack.
»Nicht aufregen. Den großen Bahnhof gibt es hier immer. Sind Sie zum ersten Mal
in Rom?«
»Ja. Wollte schon lange hin, kam aber nie dazu. Ich interessiere mich für die Kunst
und die Geschichte.«
»Da gibt’s eine Menge zu sehen«, stimmte Adler zu. »Und was die Geschichte
anbetrifft - meinen Sie, daß wir nun auch welche machen?«
Ryan wandte sich seinem Kollegen zu. Die Vorstellung, Geschichte zu machen,
war für ihn ein vollkommen neuer Gedanke. Und ein gefährlicher. »Das gehört nicht
zu meinem Job, Scott.«
»Sie wissen ja, was passiert, wenn diese Sache klappt.«
»Ehrlich gesagt, habe ich mir über die Konsequenzen noch keine Gedanken
gemacht.«
»Das sollten Sie aber tun. Keine Tat bleibt ungestraft.«
»Reden Sie von Minister Talbot?«
»Nein, von meinem Chef ganz bestimmt nicht.«
Ryan schaute nach vorne und sah, wie ein Laster der Fahrzeugkolonne hastig
auswich. Der italienische Polizist an der rechten Flanke der Motorrad-Eskorte hatte
seinen Kurs um keinen Millimeter geändert.
»Es geht mir nicht um die Meriten. Ich hatte nur eine Idee, das ist alles. Und jetzt
bin ich das Vorauskommando.«
Adler schüttelte leicht den Kopf und schwieg. Wie konnte sich dieser Mann so
lange im Regierungsdienst halten? fragte er sich.
Die gestreiften Anzüge der Schweizergarde hatte Michelangelo entworfen. Wie die
roten Waffenröcke der britischen Guards waren auch sie Relikte aus einer längst
vergangenen Zeit, die man weniger aus praktischen Erwägungen als aus touristisch-
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kommerziellen Zwecken beibehielt. Die Männer mit ihren Waffen sahen richtig urig
aus. Die Wächter des Vatikans trugen Hellebarden, häßliche, langschäftige
Hackinstrumente, mit denen die Infanterie früher die Ritter von den Pferden geholt
oder notfalls auch nur den Gaul verletzt hatte. War ein Ritter in seiner Rüstung erst
einmal aus dem Sattel, wurde er ohne viel Federlesens geknackt wie ein Hummer.
Viele Leute finden mittelalterliche Waffen romantisch, dachte Ryan, aber was man
mit ihnen anstellte, war alles andere als romantisch. Ein modernes Gewehr mochte
den Körper des Gegners durchlöchern, aber dieses alte Kriegsgerät hatte ihn
zerstückelt. Sinn und Zweck war in beiden Fällen das Töten. Nur sorgte das Gewehr
für »saubere« Beerdigungen.
Die Garde war auch mit Gewehren des schweizerischen Herstellers SIG ausgerüstet
und trug nicht ausschließlich Renaissance-Kostüme. Seit dem Anschlag auf den Papst
hatten viele Männer eine zusätzliche Ausbildung erhalten - unauffällig natürlich, denn
martialische Praktiken paßten nicht zum Image des Vatikans. Ryan fragte sich, wie
der Vatikan offiziell zum Todesschuß stand und ob der Kommandeur der
Schweizergarde sich ärgerte, weil Vorgesetzte, die weder die Art der Bedrohung noch
etwas von der Notwendigkeit durchgreifender Schutzmaßnahmen verstanden, ihm
Beschränkungen auferlegten. Bestimmt aber nutzten die Männer der Garde ihren
Spielraum, so gut sie konnten, murrten, wenn sie unter sich waren, und äußerten,
wenn ihnen der Zeitpunkt recht erschien, ihre Meinung - wie jeder in diesem
Geschäft.
Empfangen wurden sie von einem irischen Bischof namens Shamus Otoole, dessen
dichter roter Haarschopf einen schrillen Kontrast zu seiner Kleidung abgab. Ryan
stieg als erster aus dem Wagen, und es schoß ihm die Frage durch den Kopf: Muß ich
nun OTooles Ring küssen? Er wußte es nicht; einen richtigen Bischof hatte er seit
seiner Kommunion nicht mehr gesehen. Otoole löste dieses Problem geschickt und
drückte Ryan herzhaft die Hand.
»Überall auf der Welt begegnet man Iren«, sagte er und grinste breit.
»Irgend jemand muß ja für Ordnung sorgen.«
»Wohl wahr!« Nun begrüßte der Bischof Adler, der, da er Jude war, nicht im
Traum daran dachte, jemandes Ring zu küssen. »Kommen Sie mit, meine Herren!«
OToole führte sie in ein Gebäude, dessen Geschichte ein dreibändiges gelehrtes
Werk und dessen Kunst und Architektur einen Bildband gerechtfertigt hätten. Die
geschickt in die Türrahmen integrierten Metalldetektoren im zweiten Stock waren nur
für Experten, wie Jack einer war, zu bemerken. Wie im Weißen Haus, dachte er. Nicht
alle Männer der Schweizergarde waren in Uniform. Einige Leute, die in Zivil durch
die Korridore streiften, wirkten zu jung und zu fit, um Bürokraten zu sein. Ryan hatte
dennoch den Eindruck, sich in einem Zwischending aus Museum und Kloster zu
befinden. Die Priester trugen Soutanen, und die ebenfalls zahlreich anwesenden
Nonnen gingen in Tracht und nicht, wie ihre amerikanischen Schwestern, in
Halbzivil. Ryan und Adler wurden kurz in einem Wartezimmer alleine gelassen nicht, um ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten, sondern um ihnen Gelegenheit zu
geben, das Ambiente zu genießen. Ryan betrachtete bewundernd eine Madonna von
Tizian, während Bischof OToole die Besucher anmeldete.
»Erstaunlich. Hat der Mann jemals ein kleines Bild gemalt?« murmelte Ryan.
Adler lachte leise. »Auf jeden Fall verstand er es, eine Miene, einen Blick und
einen Moment festzuhalten. Ah, es ist soweit.«
»Gut«, sagte Ryan, der sich erstaunlich zuversichtlich fühlte.
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»Gentlemen!« rief OToole von der offenen Tür her. »Hier entlang, bitte.« Sie
gingen durch ein zweites Vorzimmer mit zwei unbesetzten Schreibtischen auf eine
riesige, über vier Meter hohe Doppeltür zu.
Giovanni Kardinal D’Antonios Arbeitszimmer wäre in Amerika für Bälle oder
Staatsbankette benutzt worden. Die Decke zierten Fresken, die Wände waren mit
blauer Seide bespannt, und die Teppiche auf dem uralten Parkett hatten die Größe
eines mittelgroßen Wohnzimmers. Das Mobiliar, die vermutlich neuesten Objekte im
Raum, schien mindestens zweihundert Jahre alt zu sein: Die Polstermöbel waren mit
Brokat bezogen und hatten geschwungene, blattgoldbelegte Beine. Das silberne
Kaffeeservice war ein dezenter Hinweis, wo Ryan sich hinzusetzen hatte.
Der Kardinal kam mit dem Lächeln, das vor Jahrhunderten ein König einem
favorisierten Minister geschenkt haben mochte, von seinem Schreibtisch auf sie zu.
D’Antonio war ein kleiner Mann, der, seiner Leibesfülle nach zu urteilen, gerne gut
aß. Tabakgeruch verriet eine Angewohnheit, die er mit seinen knapp siebzig Jahren
eigentlich schon aufgegeben haben sollte. Sein rundliches Gesicht strahlte eine derbe
Würde aus. D’Antonio war der Sohn eines sizilianischen Fischers, und der
verschmitzte Blick seiner braunen Augen ließ auf einen etwas rauhen Charakter
schließen, den seine fünfzig Jahre im Dienst der Kirche nicht hatten überdecken
können. Ryan wußte von seiner Herkunft und konnte sich leicht vorstellen, wie er
früher zusammen mit seinem Vater die Netze eingeholt hatte. D’Antonios Derbheit
war eine nützliche Tarnung für einen Diplomaten, und das war der Beruf des
Kardinals, wenn auch vielleicht nicht seine Berufung. Dieser Mann, der, wie viele
seiner Kollegen im Vatikan, mehrere Sprachen beherrschte, ging seinem Handwerk
seit dreißig Jahren nach und bemühte sich mangels militärischer Macht mit Schlauheit
um den Frieden auf der Welt. Er war ein einflußreicher Agent, an vielen Orten
willkommen und immer bereit, zuzuhören oder guten Rat zu geben. Natürlich
begrüßte er Adler zuerst.
»Schön, Sie wiederzusehen, Scott.«
»Es ist mir wie immer ein Vergnügen, Eminenz.« Adler ergriff die ausgestreckte
Hand und setzte sein Diplomatenlächeln auf.
»Und Sie sind Dr. Ryan. Wir haben schon viel von Ihnen gehört.«
»Hoffentlich nur Gutes, Eminenz.«
»Nehmen Sie doch bitte Platz.« D’Antonio wie s auf ein Sofa, das so wertvoll
aussah, daß Ryan kaum wagte, sich zu setzen. »Kaffee?«
»Ja, gerne«, sagte Adler für beide. Bischof OToole schenkte ein und setzte sich
dann, um Notizen zu machen. »Sehr freundlich von Ihnen, uns so kurzfristig zu
empfangen.«
»Ach was!« Ryan war ziemlich überrascht, den Kardinal eine Zigarrenspitze aus
der Tasche holen zu sehen. D’Antonio schnitt die Brasil mit einem silbernen
Instrument ab und zündete sie mit einem goldenen Feuerzeug an, ohne sich für das
Laster zu entschuldigen. Es war, als habe der Kardinal die Würde abgelegt, um seinen
Gästen die Befangenheit zu nehmen. Wahrscheinlich hält er sich bei der Arbeit gerne
an einer Zigarre fest, dachte Ryan, wie Bismarck.
»Sie sind mit der groben Skizzierung unseres Konzepts vertraut«, begann Adler.
»Si. Ich muß sagen, ich finde es hochinteressant. Der Heilige Vater machte vor
einiger Zeit einen ähnlichen Vorschlag.«
Ryan merkte auf. Das war ihm unbekannt.
»Ich verfaßte damals eine Studie über diese Initiative«, sagte Adler. »Der schwache
62
Punkt war die Frage der Sicherheit, aber das hat sich nach dem Golfkrieg geändert.
Sie wissen natürlich, daß unser Konzept nicht ganz...«
»Ihr Konzept ist für uns akzeptabel«, erklärte D’Antonio und hob majestätisch
seine Zigarre. »Wie können wir uns einem solchen Vorschlag entgegenstellen?«
»Genau das, Eminenz, wollten wir hören.« Adler griff nach seiner Kaffeetasse.
»Und Sie haben keine Vorbehalte?«
»Sie werden feststellen, daß wir sehr flexibel sind, solange alle Beteiligten guten
Willen zeigen. Wenn alle Parteien gleichberechtigt sind, unterstützen wir vorbehaltlos
Ihren Vorschlag.« Die Augen des Alten funkelten. »Die Frage ist nur: Können Sie den
gleichen Status für alle garantieren?«
»Ich glaube schon«, erwiderte Adler ernst.
»Wenn wir nicht allesamt Scharlatane sind, sollte das möglich sein. Wie stehen die
Sowjets dazu?«
»Sie werden sich nicht einmischen. Mehr noch, wir hoffen auf ihre offene
Unterstützung. Auf jeden Fall, angesichts ihrer derzeitigen Probleme...«
»Genau. Sie können von einer Entspannung in der Nahost-Region, der
Stabilisierung verschiedener Märkte und der Verbesserung des internationalen Klimas
nur profitieren.«
Erstaunlich, dachte Ryan. Verblüffend, mit welcher Selbstverständlichkeit man die
Veränderungen auf der Welt bereits aufgenommen hat - als hätte man sie kommen
gesehen. In Wirklichkeit aber war niemand auf sie gefaßt gewesen. Hätte jemand vor
zehn Jahren so etwas prophezeit, wäre er für verrückt erklärt worden.
»Sehr richtig.« Der stellvertretende Außenminister stellte seine Tasse ab. »Nun zur
Frage der Bekanntmachung.«
Wieder eine Geste mit der Zigarre. »Sie möchten sicherlich, daß der Heilige Vater
das übernimmt.«
»Sehr aufmerksam! Genau das wäre unser Wunsch.«
»Nun, ganz verkalkt bin ich noch nicht«, versetzte der Kardinal. »Geben wir vorab
etwas an die Presse?«
»Lieber nicht.«
»Gut, Diskretion ist für uns kein Problem. Aber wie sieht es in Washington
aus? Wer ist über diese Initiative informiert?«
»Nur sehr wenige Leute.« Ryan machte zum ersten Mal den Mund auf. »So weit, so
gut.«
»Aber Ihre nächste Station...?« D’Antonio war über das Ziel der nächsten Etappe
nicht informiert worden, konnte sich aber denken, wohin die Reise ging.
»Dort könnte es Probleme geben«, erwiderte Ryan vorsichtig. »Nun, wir werden
sehen.«
»Der Heilige Vater und ich werden für Ihren Erfolg beten.«
»Vielleicht werden Ihre Gebete diesmal erhört«, meinte Adler.
Fünfzig Minuten später startete die VC-20B wieder, gewann über der Küste an
Höhe und überflog dann in südöstlicher Richtung auf dem Weg zu ihrem nächsten
Ziel die Halbinsel Italien.
»Donnerwetter, das ging aber flott«, meinte Ryan, als die Warnleuchte erlosch. Er
blieb trotzdem angeschnallt. Adler steckte sich eine Zigarette an und blies Rauch
gegen das Kabinenfenster.
»Jack, das war eine von den Situationen, wo es entweder schnell oder überhaupt
nicht geht.« Er drehte sich um und lächelte. »Sie sind allerdings selten.«
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Der Flugbegleiter brachte eine Meldung, die gerade über Fax eingegangen war.
»Was ist denn jetzt schon wieder los?« murrte Ryan.
In Washington fehlt einem oft die Zeit, eine einzige Zeitung geschweige denn gar
mehrere Blätter zu lesen. Damit Regierungsbeamte wissen, was die Presse über sie
und ihre Taten sagt, wird ein täglicher Pressespiegel zusammengestellt. Die
Frühausgaben der wichtigsten US-Zeitungen gelangen via Linienmaschinen nach
Washington und werden noch vor Sonnenaufgang auf Berichte über die
Regierungsarbeit hin überprüft. Relevante Artikel werden ausgeschnitten, und die
Zusammenstellung geht dann in Tausenden von Fotokopien an die verschiedenen
Dienststellen. Dort wiederum setzen Beamte das Selektionsverfahren fort, indem sie
Berichte anstreichen, die für ihre Vorgesetzten interessant sind. Besonders qualvoll ist
diese Wahl im Weißen Haus, wo sich das Personal per Definition für alles interessiert.
Dr. Elizabeth Elliot war als Sonderberaterin für Fragen der nationalen Sicherheit
dem Sicherheitsberater Dr. Charles Alden direkt unterstellt. Liz Elliot, auch »E. E.«
genannt, trug ein schickes Leinenkostüm. Der derzeitige Trend bei »Power«-Kleidung
ging zur femininen Linie - und trug damit der Erkenntnis Rechnung, daß selbst für
den begriffsstutzigsten Mann der Unterschied zwischen den Geschlechtern
unübersehbar ist. Warum also sollte man diese Wahrheit optisch zu vertuschen
versuchen? Die Wahrheit war, daß Dr. Elliot recht gut aussah und diese Tatsache
durch ihre Kleidung gerne unterstrich. Sie war mit einssiebzig relativ groß, hatte sich
dank langer Arbeitstage und spärlicher Mahlzeiten eine schlanke Figur bewahrt und
haßte es, unter Charlie Alden die zweite Geige spielen zu müssen. Obendrein war
Alden Yale Absolvent; sie hingegen hatte bis vor kurzem in Bennington
Politikwissenschaft gelehrt und konnte nicht ertragen, daß der Universität Yale ein
höherer Prestigewert zugeschrieben wurde.
Die Arbeitsbelastung im Weißen Haus war weniger als noch vor einigen Jahren,
zumindest im Bereich Nationale Sicherheit. Präsident Fowler verzichtete auf eine
Frührunde. Auf der Welt ging es entspannter zu als während der Amtsperioden seiner
Vorgänger, und Fowlers Hauptprobleme waren innenpolitischer Natur. Über diese
informierte er sich, indem er am Morgen zwei Nachrichtenprogramme gleichzeitig
sah; eine Angewohnheit, die seine Frau auf die Palme und seine Untergebenen zum
Lachen gebracht hatte. So brauchte Dr. Alden erst um acht zum Dienst zu erscheinen,
um sich informieren zu lassen und dem Chef dann um halb zehn einen Vortrag zu
halten. Da Fowler mit der CIA nur ungern direkt zu tun hatte, war es E. E., die kurz
nach sechs die Depeschen und Meldungen durchsah, mit den CIA-Beamten vom
Dienst konferierte - gegen diese hatte auch sie eine Aversion - und sich mit Leuten
vom Außen- und Verteidigungsministerium besprach. Außerdem las sie die
Presseübersicht und strich für ihren Chef, den schätzenswerten Dr. Charles Alden,
wichtige Artikel an.
»Als wär’ ich eine Tippse!« fauchte E. E.
Alden war für sie praktisch ein Widerspruch in sich. Ein Liberaler, der knallhart
redete, ein Schürzenjäger, der für die Gleichberechtigung der Frau eintrat, ein
freundlicher, rücksichtsvoller Mann, der es wahrscheinlich genoß, sie zur
Funktionärin zu degradieren. Weniger wichtig fand sie, daß er die Weltlage
scharfsinnig beobachtete und erstaunlich genaue Prognosen abgeben konnte und ein
Dutzend geistreicher und substantieller Bücher verfaßt hatte. Für sie zählte nur, daß er
ihr vor die Nase gesetzt worden war. Fowler hatte ihr den Posten nämlich schon
versprochen, als er noch ein aussichtsloser Präsidentschaftskandidat gewesen war.
64
Daß Alden im Eckbüro des Westflügels und sie im Souterrain landete, war Ergebnis
eines politischen Kuhhandels. Diese Konzession hatte der Vizepräsident auf dem
Parteikonvent eingeklagt und darüber hinaus noch ein Büro, das eigentlich ihr
zugestanden hätte, einem seiner Leute zugeschanzt. Sie wurde also in den Keller
verbannt. Als Gegenleistung stieg der Vizepräsident in Fowlers Team ein und führte
den Wahlkampf so unermüdlich, daß nach Ansicht vieler Kommentatoren ihm der
Sieg zu verdanken war. Der Vize hatte Kalifornien eingebracht, und ohne die
Stimmen dieses Staates säße J. Robert Fowler noch heute als Gouverneur in Ohio.
Und so mußte sich Elizabeth Elliot mit einem siebzehn Quadratmeter großen Kabuff
im Souterrain abfinden und dazu noch für einen Yalie, der sich einmal im Monat in
einer Talkshow spreizte und mit ihr als Hofdame mit Staatsoberhäuptern parlierte,
Sekretärin und Verwaltungsassistentin spielen.
Dr. Elizabeth Elliot war in ihrer notorischen üblen Morgenlaune. Sie verließ ihr
Arbeitszimmer und holte sich in der Kantine eine Tasse Kaffee. Das starke Gebräu
aus der Maschine machte ihre Laune noch schlechter, aber sie fing sich und setzte ein
Lächeln auf, mit dem sie das Sicherheitspersonal, das jeden Morgen am Eingang zum
Westflügel ihren Ausweis prüfte, nie bedachte; für sie waren das einfach nur Bullen,
und um die brauchte man sich nicht zu kümmern. Das Essen wurde von
Marinestewards serviert. Positiv daran war nur, daß sie überwiegend Minoritäten
angehörten, und die vielen Filipinos unter ihnen waren in E. E.’s Augen ein
skandalöses Überbleibsel aus Amerikas Kolonialzeit. Wichtig im Haus waren nur die
politischen Beamten, für die E. E. ihren schwach entwickelten Charme reservierte;
langgediente Sekretärinnen und Beamte waren bloße Bürokraten und zählten nicht.
Die Agenten vom Secret Service schenkten Elizabeth Elliot etwa so viel Beachtung
wie dem Hund des Präsidenten, wenn er einen gehabt hätte. Für die Agenten und
Beamten, die den Betrieb im Weißen Haus ungeachtet des Kommens und Gehens
diverser Wichtigtuer in Gang hielten, war E. E. eine von den vielen Personen, die
ihren Aufstieg parteipolitischen Taktiken verdankten und im Lauf der Zeit wieder
verschwanden. Für Kontinuität sorgten nur die Leute vom Fach, die treu ihre Pflicht
taten, wie sie es im Diensteid gelobt hatten. Im Weißen Haus herrschte ein altes
Kastensystem: Jede Gruppe fühlt sich allen anderen überlegen.
E. E. kehrte in ihr Zimmer zurück, stellte den Kaffee ab und reckte sich gründlich.
Ihr Drehsessel war bequem - insgesamt fand sie die Ausstattung erstklassig und
weitaus besser als in Bennington -, aber die endlosen Wochen der langen Arbeitstage
hatten nicht nur einen seelischen, sondern auch körperlichen Tribut gefordert. Es wird
Zeit, daß ich mich wieder sportlich betätige oder wenigstens mal einen Spaziergang
mache, sagte sie sich. Viele ihrer Kollegen vertraten sich in der Mittagspause die
Beine; manche liefen sogar. Junge Frauen, besonders die ledigen, joggten mit den im
Haus tätigen Offizieren vom Militär zweifellos, weil sie die bei den Soldaten üblichen
kurzen Haare und schlichten Gemüter attraktiv fanden. Doch da E. E. keine Zeit für
solche Spielereien hatte, beschränkte sie sich auf ein paar Streckübungen und setzte
sich dann leise fluchend an ihren Tisch. Sie, Lehrstuhlinhaberin an Amerikas
bedeutendstem Frauen-College, mußte für einen verfluchten Yalie die Sekretärin
spielen. Aber da Meckern nichts änderte, ging sie wieder an die Arbeit.
Sie hatte die Presseschau zur Hälfte durchgearbeitet, blätterte um und hob ihren
gelben Filzstift. Der Umbruch war schlampig; E. E., die einen schon pathologisch zu
nennenden Ordnungssinn hatte, ärgerte sich über die schiefen Spalten. Oben auf Seite
elf stand ein kurzer Artikel aus dem Hartford Courant mit der Überschrift:
65
VATERSCHAFTSKLAGE GEGEN ALDEN. Ihre Hand mit der Kaffeetasse hielt in
der Luft inne. Das kann doch nicht wahr sein, dachte E.E.
»... Ms. Marsha Blum beschuldigt Professor Charles W. Alden, früherer Leiter des
Fachbereichs Geschichte an der Universität in Yale und jetziger Sicherheitsberater
von Präsident Fowler, der Vater ihrer neugeborenen Tochter zu sein. Die junge Frau,
die an ihrer Dissertation über russische Geschichte arbeitet, bezieht sich auf ein
zweijähriges Verhältnis mit Dr. Alden und klagt wegen unterlassener
Unterhaltszahlungen ...«
»Der geile Bock«, flüsterte Elliot.
Da hatte sie nicht Unrecht. Dr. Alden hatte wegen seiner amourösen Eskapaden
bereits Seitenhiebe von der Washington Post einstecken müssen. Charlie jagte jedem
Kleidungsstück hinterher, in dem eine Frau steckte.
Marsha Blum... Jüdin? spekulierte E. E. Hm, hat der Kerl doch tatsächlich eine
seiner Doktorandinnen gevögelt und ihr sogar ein Kind verpaßt. Komisch, daß sie
nicht abgetrieben, die Sache aus der Welt geschafft hat. Ist sie sauer, weil sie von ihm
abserviert wurde?
Und dieser Typ soll heute noch nach Saudi-Arabien fliegen ...
Das dürfen wir nicht zulassen...
Dieser Schwachkopf hatte keinen Ton gesagt, zu niemandem. Sonst hätte ich davon
erfahren, dachte sie grimmig. So was wird als Scheißhausparole verbreitet. Vielleicht
hatte er gar nichts von der Schwangerschaft gewußt. Konnte die kleine Blum so sauer
auf Charlie sein? E. E. lächelte süffisant. Klar, warum nicht?
Elliott griff nach dem Telefonhörer... und hielt kurz inne. Man rief den Präsidenten
nicht wegen einer x-beliebigen Sache in seinem Schlafzimmer an. Und ganz
besonders nicht, wenn man von einem Vorfall zu profitieren hoffte.
Andererseits...
Was würde der Vizepräsident sagen? Immerhin war Alden sein Protege und
sittenstreng. Er hatte Charlie schon vor drei Monaten ermahnt, sich bei seinen
Weibergeschichten zurückzuhalten. Tja, und nun hatte Alden die schlimmste
politische Sünde begangen: Er war erwischt worden, mit der Hand im Honigtöpfchen.
E. E. lachte hart auf. Der Schwachkopf hat sich nicht entblödet, eine Hupfdohle aus
dem Seminar zu bumsen! Und so was will dem Präsidenten sagen, wie die
Staatsgeschäfte zu führen sind. Diese Vorstellung löste fast ein spitzes Kichern aus.
Nun denn, erst mal zur Schadensbegrenzung.
Die Feministinnen würden natürlich ausrasten und die Dummheit der kleinen Blum,
die, die angeblich ungewollte Schwangerschaft nicht auf emanzipierte Art geregelt
hatte, ignorieren. Ihr Bauch gehörte schließlich ihr. In den Augen der Emanzen war
Alden, der ausgerechnet für einen angeblich pro feministischen Präsidenten arbeitete,
ein mieser Pascha, der eine »Schwester« ausgenutzt hatte.
Es war auch zu erwarten, daß die Abtreibungsgegner aufheulten - noch lauter sogar.
Diese Gruppe hatte kürzlich einen intelligenten Schachzug gemacht - für E. E. ein
wahres Wunder - und zwei stockkonservative Senatoren eine Gesetzesvorlage
einbringen lassen, die Väter zwang, für ihre uneheliche Nachkommenschaft zu
sorgen. Wenn man die Abtreibung schon verbot - das war selbst diesen Neandertalern
aufgegangen -, mußte jemand für die unerwünschten Kinder aufkommen. Außerdem
hatte sich dieser Verein mal wieder die Moral auf die Flagge geschrieben und die
Fowler-Administration schon mehrmals heftig attackiert. Für die radikale Rechte war
Alden von nun an nichts anderes als ein verantwortungsloser Lüstling - zum Glück ein
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weißer - in einer Regierung, die ihr sowieso zuwider war.
E. E. überdachte einige Minuten lang alle Aspekte, zwang sich dazu, die Optionen
leidenschaftslos abzuschätzen und den Fall auch von Aldens Gesichtspunkt aus zu
sehen. Was konnte er tun? Die Vaterschaft abstreiten? Das würde ein Gentest, dem
sich zu unterziehen Alden vermutlich nicht den Mumm hatte, klären. Und wenn er
Farbe bekannte... nun, heiraten konnte er die Kleine, die laut Zeitung erst
vierundzwanzig war, wohl kaum. Zahlte er Unterhalt, gestand er damit einen groben
Verstoß gegen die Standesehre, denn Professoren durften eigentlich nicht mit ihren
Studentinnen ins Bett gehen. Wie in der Politik galt auch an den Universitäten die
Regel: Du sollst dich nicht erwischen lassen. Was bei einem Fakultätsessen nur eine
urkomische Anekdote war, wurde in der Presse zum Skandal.
Charlie ist weg vom Fenster, sagte sie sich, und ausgerechnet zu diesem günstigen
Zeitpunkt...
Sie tippte die Telefonnummer des Schlafzimmers ein.
»Hier Dr. Elliot. Ich muß den Präsidenten sprechen.« Eine Pause; nun fragte der
Secret-Service-Agent den Präsidenten, ob er das Gespräch annehmen wollte.
Hoffentlich hockt der Chef nicht auf dem Klo! dachte E. E.
Am anderen Ende wurde eine Hand von der Muschel genommen. E. E. hörte das
Summen eines Elektrorasierers und dann eine barsche Stimme.
»Was gibt’s, Elizabeth?«
»Mr. President, es gibt ein kleines Problem, über das ich Sie gleich informieren
muß.«
»Sofort?«
»Ja, Sir, auf der Stelle. Die Sache kann großen Schaden anrichten.«
»Ist etwas über unsere Initiative durchgesickert?«
»Nein, Mr. President, es geht um einen anderen, potentiell sehr ernsten Fall.«
»Na schön, kommen Sie in fünf Minuten rauf. Ich nehme an, Sie können abwarten,
bis ich mir die Zähne geputzt habe.«
»Gut, in fünf Minuten, Sir.«
Die Verbindung wurde unterbrochen. Elliot legte langsam den Hörer auf. Fünf
Minuten reichten ihr nicht. Hastig holte sie ihr Kosmetiketui aus einer Schublade und
eilte zur Toilette. Ein rascher Blick in den Spiegel... nein, erst eine
Magnesiumtablette, um den Magen gegen die Auswirkungen des Kaffees zu schützen.
Dann richtete sie Frisur und Make-up... gut so. Noch die Rouge - Akzente
korrigieren...
Dr. phil. Elizabeth Elliot marschierte steif in ihr Arbeitszimmer zurück, blieb noch
eine halbe Minute stehen, um sich innerlich zu sammeln, griff dann nach der
Presseschau und ging zum Aufzug, der schon da war. In der offenen Tür stand ein
Mann vom Secret Service, der ihr freundlich lächelnd einen guten Morgen wünschte aber nur, weil er grundsätzlich höflich war, selbst zu einem arroganten Biest wie E. E.
»Wohin?«
Dr. Elliot schenkte ihm ihr charmantestes Lächeln. »Nach oben«, antwortete sie
dem verdutzten Agenten.
67
5
Ablösungen und Wachen
Ryan saß im VIP-Raum der US-Botschaft und beobachtete, wie der Zeiger übers
Zifferblatt kroch. Er sollte an Dr. Aldens Stelle nach Riad, aber weil er einem Prinzen
einen Besuch abstattete und sich auch Prinzen ihren Terminkalender nur ungern
durcheinanderbringen lassen, mußte er sich genau an die Zeit halten, zu der Alden in
Saudi-Arabien angekommen wäre. Nach drei Stunden hatte er auf Satellitenfernsehen
keine Lust mehr und machte in Begleitung eines diskreten Sicherheitsbeamten einen
Spaziergang. Normalerweise hätte Ryan sich von dem Mann die Touristenattraktionen
zeigen lassen, aber heute wollte er sein Gehirn im Leerlauf lassen. Er war zum ersten
Mal in Israel und wollte seine eigenen Impressionen sammeln, während das, was er
im Fernsehen gesehen hatte, vor seinem inneren Auge noch einmal ablief.
Es war heiß in Tel Aviv, wenn auch nicht ganz so heiß wie in Riad, der Stadt, die
Ryan als nächstes besuchen sollte. Auf den Straßen wimmelte es von Menschen. Wie
erwartet, war viel Polizei zu sehen. Beunruhigend dagegen fand Ryan die mit UziMaschinenpistolen bewaffneten Zivilisten, Männer wie Frauen, die offenbar auf dem
Weg von oder zu einer Reserveübung waren. Diejenigen in den Staaten, die für eine
Schußwaffenkontrolle waren, mußte dieser Anblick erschüttern, während die Gegner
sich freuen würden. Fest stand, daß Handtaschenräuber und anderes Straßengesindel
hier kaum eine Chance hatten. Überhaupt gab es in Israel nur wenig »zivile«
Kriminalität, dafür aber zunehmend mehr Bombenanschläge und andere terroristische
Akte.
Israel war für Christen, Moslems und Juden das Heilige Land und hatte während
seiner ganzen Geschichte unter seiner Lage als Scheideweg der römischen,
griechischen und ägyptischen Imperien sowie der Reiche der Babylonier, Assyrer und
Perser zu leiden gehabt; eine Konstante in der Militärgeschichte ist die Tatsache, daß
solche Randgebiete immer umkämpft sind. Der Aufstieg des Christentums und
siebenhundert Jahre später das Auftauchen des Islam hatten nur wenig verändert.
Andere Gruppierungen hatten sich gebildet und dem seit dreitausend Jahren
umkämpften Gebiet eine größere religiöse Bedeutung gegeben, die alle Kriege noch
bitterer machte.
Es war leicht, die Sache mit Zynismus zu betrachten. Beim ersten Kreuzzug - 1096,
wenn Ryan sich recht entsann - war es vorwiegend darum gegangen, den überzähligen
Nachwuchs des Adels zu beschäftigen, der mehr Kinder hervorbrachte, als seine
Burgen aufnehmen konnten. Schließlich konnte der Sohn eines Ritters nicht einfach
Bauer werden, und Sprößlinge, die nicht von Kinderkrankheiten weggerafft worden
waren, mußten irgendwo untergebracht werden. Papst Urbans Botschaft von der
Eroberung des Heiligen Landes durch die Ungläubigen eröffnete auf einmal die
Möglichkeit eines Angriffskrieges - nicht nur, um die heiligen Stätten zu sichern,
sondern auch, um neue Lehnsgüter zu erobern, mit Bauern, die man unterdrücken
konnte, und sich auf den Handelswegen in den Orient auszubreiten und Wegezoll zu
kassieren. Die Prioritäten variierten von Fall zu Fall, aber über die Optionen waren die
Kreuzritter alle miteinander informiert gewesen, Jack hätte gerne gewußt, wie viele
Menschen verschiedener Nationen über diese Straßen gegangen waren und wie sie
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ihre persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Ziele mit ihrer religiösen Mission
in Einklang gebracht hatten. Ähnliches traf wohl auch auf die Moslems zu, denn
dreihundert Jahre nach Mohammeds Tod hatten, wie es auch im Christentum der Fall
gewesen war, eigennützige Opportunisten die Reihe der Frommen anschwellen lassen.
Und in der Mitte saßen die Juden - zumindest jene, die nicht von den Römern in die
Diaspora getrieben worden oder die heimlich zurückgekehrt waren. Sie hatten zu
Anfang des zweiten Jahrtausends unter den Christen mehr zu leiden als unter den
Moslems.
Israel ist wie ein Knochen, dachte Ryan, um den sich Rudel von hungrigen Hunden
streiten.
Ganz war der Knochen aber nie zerstört worden, und die Rudel waren im Lauf der
Jahrhunderte immer wieder zurückgekehrt, weil das Land historisch so wichtig war.
Hunderte von bedeutsamen Figuren der Weltgeschichte waren hier gewesen,
einschließlich Jesus Christus, in dem der Katholik Ryan den Sohn Gottes sah. Über
diese Bedeutung hinaus symbolisierte diese schmale Landbrücke zwischen
Kontinenten und Kulturen auch menschliche Gedanken, Ideale und Hoffnungen, die
irgendwie im Sand und in den Steinen dieser selten reizlosen Landschaft, in der sich
nur Skorpione heimisch fühlen konnten, ihren Ausdruck fanden. Es gab auf der Welt
nur fünf große Religionen, von denen sich wiederum nur drei über ihr
Ursprungsgebiet hinaus verbreitet hatten, und ausgerechnet diese drei waren nur
wenige Meilen von der Stelle beheimatet, wo er jetzt stand.
Und deswegen bekriegen sie sich, dachte Ryan.
Eigentlich eine unglaubliche Blasphemie, überlegte er. Immerhin war der
Monotheismus hier entstanden, bei den Juden zuerst, um dann von Christen und
Moslems angenommen zu werden. Von hier aus hatte er sich durchgesetzt. Die Juden
- der Begriff »Das Volk Israel« kam ihm zu geschwollen vor - hatten ihren Glauben
über Tausende von Jahren hinweg zäh gegen Animisten und Heiden verteidigt und
dann ihre schwerste Prüfung ausgerechnet gegen jene Religionen bestehen müssen,
die sich aus ihrer eigenen Idee des Einen Gottes entwickelt hatten. Ungerechterweise
waren Religionskriege die barbarischsten aller Kriege, Wer im Namen Gottes
kämpfte, konnte sich so gut wie alles leisten, denn der Feind kämpfte ja gegen Gott,
und das war abscheulich und
gräßlich. Gegen jene, die die Autorität des
Allmächtigen in Frage stellten, fühlte sich jeder Soldat als verlängerter Arm Gottes
und führte hemmungslos das rächende Schwert. Wenn es um die Züchtigung der
Feinde und Sünder ging, war jedes Mittel recht. Vergewaltigung, Plünderung, Mord die niedrigsten Verbrechen waren dann nicht nur rechtmäßig, sondern eine heilige
Pflicht. Es ging nicht darum, daß man für Greueltaten Sold erhielt, und man sündigte
auch nicht, weil das Vergnügen bereitete - nein, man kämpfte in dem Bewußtsein, daß
demjenigen, der Gott auf seiner Seite hat, alles erlaubt ist. Die se Überzeugung wurde
noch über den Tod hinaus demonstriert, wie zum Beispiel bei den Kreuzrittern. Wer
im Heiligen Land gedient hatte, wurde auf seinem Sarkophag mit gekreuzten Beinen
dargestellt, um der Nachwelt zu bedeuten, daß er im Namen Gottes als Kreuzfahrer
sein Schwert mit Kinderblut benetzt, Frauen vergewaltigt und alles gestohlen hatte,
was nicht niet und nagelfest war. Das galt übrigens für alle Parteien. Die Juden waren
zwar meist die Opfer gewesen, hatten aber auch selbst das Schwert ergriffen, wenn
sich die Gelegenheit bot; in ihren Tugenden und Lastern sind sich alle Menschen
gleich.
Wie müssen das die Kerle genossen haben, dachte Jack deprimiert und sah, wie ein
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Verkehrspolizist an einer belebten Straßenecke einen Streit schlichtete. Es mußte
damals doch auch wirklich gute Menschen gegeben haben, sagte er sich. Was taten
sie? Was dachten sie? Und was hielt Gott von der ganzen Sache?
Ryan war aber kein Priester, Rabbi oder Imam, sondern ein hoher
Geheimdienstoffizier, ein Instrument seines Landes, ein Beobachter und
Berichterstatter. Er schaute sich weiter um und vergaß für den Augenblick die
Geschichte.
Die Passanten waren in ihrer Kleidung auf die drückende Hitze eingestellt, und das
Gewimmel erinnerte ihn an Manhattan. Viele hatten Transistorradios dabei. Er ging
an einem Straßencafe vorbei, wo nicht weniger als zehn Leute die Nachrichten hörten.
Jack mußte lächeln; dafür hatte er Verständnis. Er hatte im Auto immer einen
Nachrichtensender eingestellt. Die Blicke der Menschen waren unruhig, und er
erkannte erst nach ein paar Momenten, wie sehr man auf der Hut war, ganz wie seine
Leibwächter nach Anzeichen von Gefahr Ausschau hielt. Ryan fand das nur
vernünftig. Bislang waren Unruhen nach dem Zwischenfall auf dem Tempelberg
ausgeblieben, aber man rechnete damit. Es überraschte Ryan nicht, daß die Menschen
in seinem Blickfeld die weit größere Bedrohung der trügerischen Ruhe nicht
erkannten. Kein Wunder, daß Israel so kurzsichtig war. Das Land, umgeben von
Feinden, die es auslöschen wollten, hatte die Paranoia zur Kunstform und seine
Sicherheit zur Obsession gemacht. Neunzehnhundert Jahre nach Massada und der
Vertreibung waren die Juden auf der Flucht vor Unterdrückung und Völkermord in ihr
Gelobtes Land zurückgekehrt... und hatten damit wieder Repressalien
herausgefordert. Der Unterschied war nur, daß nun sie das Schwert hielten und wohl
zu führen gelernt hatten, aber auch das war eine Sackgasse. Kriege sollten mit einem
Frieden enden, aber Israels Kriege hatten nicht geendet, sondern nur aufgehört, oder
sie waren nur unterbrochen worden. Der Frieden war für Israel immer nur eine
Atempause gewesen, eine Zeit, in der man die Gefallenen beerdigte und neue
Jahrgänge an der Waffe ausbildete. Die Juden, der Ausrottung durch die Christen
knapp entronnen, gründeten ihre Existenz auf der Fähigkeit, islamische Staaten zu
besiegen, die sich geschworen hatten, Hitlers Werk zu Ende zu führen. Und Gottes
Meinung hatte sich wohl seit den Kreuzzügen nicht geändert. Bedauerlicherweise
wurden nur im Alten Testament das Meer geteilt und die Sonne am Himmel fixiert.
Heutzutage mußte der Mensch seine Probleme selbst lösen. Leider aber tat der
Mensch nicht immer, was von ihm erwartet wurde. Thomas Morus beschrieb in
Utopia einen Idealstaat, in dem alle moralisch handeln. Das Land Utopia liegt
nirgendwo, dachte Ryan kopfschüttelnd und bog in eine von Häusern mit weißen
Stuckfassaden gesäumte Straße ein.
»Tag, Dr. Ryan.«
Der Mann war Mitte Fünfzig, kleiner als Jack und untersetzter. Er hatte einen
säuberlich gestutzten, graumelierten Vollbart und sah weniger wie ein Jude als wie ein
Heerführer des Assyrerkönigs Sanherib aus. Hätte er nicht gelächelt, würde sich Ryan
ohne John Clark an seiner Seite unbehaglich gefühlt haben.
»Tag, Avi. Schon sonderbar, Sie zur Abwechslung einmal hier zu treffen.«
General Abraham Ben Jakob war stellvertretender Direktor des israelischen
Nachrichtendienstes Mossad und somit das, was Ryan für die CIA war. Avi, in
Geheimdienstkreisen ein Schwergewicht, war bis 1968 Offizier bei den
Fallschirmjägern gewesen und als Mann mit großer Erfahrung in Sondereinsätzen von
Rafi Eitan entdeckt und zum Dienst geholt worden. Er war Ryan im Lauf der Jahre
70
ein halbes dutzendmal begegnet, aber immer nur in Washington. Ryan respektierte
Ben Jakob als Fachmann sehr, wußte aber nicht, was der General, der seine Gedanken
und Gefühle geschickt zu verbergen wußte, von ihm hielt.
»Was hört man aus Washington, Jack?«
»Ich habe in der Botschaft CNN gesehen; mehr weiß ich auch nicht. Es gibt noch
keine offizielle Reaktion, und falls eine existierte, dürfte ich mich nicht weiter äußern.
Sie kennen die Vorschriften ja. Kann man hier irgendwo gut essen?«
Eine Mahlzeit war natürlich bereits eingeplant. Zwei Minuten später und hundert
Meter weiter saßen sie im Hinterzimmer eines stillen Familienrestaurants, wo ihre
Sicherheitsleute die Dinge im Auge behalten konnten, Ben Jakob bestellte zwei
Heineken.
»Da, wo Sie als nächstes hinkommen, gibt es kein Bier.«
»Plump, Avi, sehr plump«, versetzte Ryan nach dem ersten Schluck.
»Wie ich höre, fliegen Sie an Aldens Stelle nach Riad.«
»Dazu habe ich wohl kaum die Kompetenz.«
»Immerhin werden Sie zugegen sein, wenn Adler den Vorschlag unterbreitet. Wir
hätten gerne gewußt, was er enthält.«
»Dann können Sie sicher abwarten, bis er bekanntgegeben wird.«
»Ist eine kleine Vorschau nur so unter Profis denn ausgeschlossen?«
»Jawohl, ganz besonders unter Profis.« Jack trank sein Bier aus der Flasche. Nun
stellte er fest, daß die Speisekarte in Hebräisch war. »Hm, da lasse ich Sie bestellen...
schade, daß Alden solchen Mist gebaut hat«, bemerkte er und fügte in Gedanken
hinzu: Das sind die heißesten Kastanien, die ich je aus dem Feuer holen mußte.
»In der Tat bedauerlich«, erwiderte Ben Jakob. »Der Mann ist in meinem Alter!
Weiß er denn nicht, daß reifere Frauen diskreter und geschickter sind?« Selbst dieses
Thema handelte er in der Fachterminologie ab.
»Er hätte sich ja auch mal ein bißchen mehr um seine Frau kümmern können.«
Ben Jakob grinste. »Ich vergesse immer wieder, wie stockkatholisch Sie sind.«
»Daran liegt es nicht, Avi. Wer will schon mehr als eine Frau in seinem Leben
haben?« fragte Ryan mit unbeweglicher Miene.
»Nach Einschätzung unserer Botschaft muß er gehen.« Die naheliegende Frage
nach dem Nachfolger stellte Ben Jakob nicht.
»Gut möglich, aber ich bin nicht nach meiner Meinung gefragt worden. Ich schätze
den Mann sehr. Er ist dem Präsidenten ein guter Berater. Er hört auf uns und
widerspricht uns im Allgemeinen nur, wenn er einen guten Grund hat. Vor sechs
Monaten kam er mit einer Analyse sogar mir zuvor. Ein brillanter Kopf, aber ein
unverbesserlicher Casanova... nun, wir haben alle unsere Schwächen. Ein Jammer,
daß er wegen einer solchen Dummheit gehen muß.« Jack fand den Zeitpunkt denkbar
ungünstig.
»Leute wie er haben im Staatsdienst nichts verloren, weil sie zu leicht unter Druck
zu setzen sind.«
»Die Russen setzen inzwischen keine Sexköder mehr ein... und die junge Frau ist
Jüdin, nicht wahr? Arbeitet sie vielleicht für Sie?«
»Ich bitte Sie, Dr. Ryan! Trauen Sie mir so etwas zu?« Avi Ben Jakob brach in ein
bäriges Gelächter aus.
»Stimmt, Ihre Operation kann das nicht gewesen sein, denn es wurde kein
Erpressungsversuch unternommen.« Damit war Jack fast zu weit gegangen. Der
General machte schmale Augen.
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»Selbstverständlich war das nicht unsere Operation. Halten Sie uns denn für
wahnsinnig? Dr. Elliot wird Aldens Nachfolgerin.«
Ryan schaute von seinem Bier auf. An diese Möglichkeit hatte er überhaupt nicht
gedacht. Ach du Scheiße...
»Sie ist Ihnen ebenso freundlich gesinnt wie uns«, merkte Avi an.
»Mit wie vielen Ministern hatten Sie im Lauf der vergangenen zwanzig Jahre
Differenzen, Avi?«
»Mit keinem natürlich.«
Ryan schnaubte und trank seine Flasche aus. »Hatten Sie nicht gerade einen
Plausch unter Profis vorgeschlagen?«
»Nun, wir haben dieselbe Funktion, Sie und ich. Manchmal, wenn wir viel Glück
haben, hört man auf uns.«
»Es soll aber auch vorkommen, daß wir schiefliegen...«
Ben Jakobs entspannter Dauerblick flackerte nicht, als Ryan das sagte. Er nahm
diese Erklärung als Hinweis auf Ryans zunehmende Reife. Ryan war ihm als Mensch
und Fachmann tief sympathisch, aber für persönliche Vorlieben und Abneigungen ist
im Geheimdienstgeschäft kein Platz. Etwas fundamental Bedeutendes bahnte sich an.
Scott Adler war in Moskau gewesen und hatte anschließend zusammen mit Ryan den
Vatikan besucht. Nach dem ursprünglichen Plan sollte Ryan parallel zu Aldens
Aufenthalt in Riad beim israelischen Außenministerium sondieren, aber das lag dank
Aldens peinlichem Ausrutscher nun nicht mehr an.
Avi Ben Jakob war ein selbst für Geheimdienstbegriffe außerordentlich gut
informierter Mann. Ryan schwafelte über die Bedeutung Israels als zuverlässigstem
Verbündeten der USA im Nahen Osten. Nun, von einem Historiker ist das zu
erwarten, fand Avi. Die meisten Amerikaner waren dieser Ansicht, ganz gleich, wie
Ryan selbst empfinden mochte, und Israel erhielt in der Folge mehr Insider-Tips aus
der US-Regierung als jedes andere Land - mehr sogar noch als die Briten, die
offizielle Beziehungen zur amerikanischen Geheimdienstszene unterhielten.
Aus solchen Quellen hatten Ben Jakobs Aufklärungsleute erfahren, daß Ryan hinter
dieser Sache steckte. Ihm kam das höchst unwahrscheinlich vor. Ryan war zwar fast
so intelligent wie Alden, sah sich aber eher als Diener, der Politik umsetzte, denn als
Initiator. Zudem hatte der US-Präsident vor seinen engsten Vertrauten keinen Hehl
aus seiner Abneigung gegen Ryan gemacht. Und Elizabeth Elliot haßte den Mann,
weil sie, dem Vernehmen nach, vor der Wahl aneinandergerasselt waren. Nun,
Regierungsmitglieder sind eben notorische Primadonnen, dachte General Jakob, ganz
anders als Ryan und ich. Wir haben beide dem Tod mehr als einmal ins Auge gesehen
und brauchen nicht immer einer Meinung zu sein. Wir haben Achtung voreinander.
Moskau, Rom, Tel Aviv, Riad. Was ließ sich daraus ableiten?
Scott Adler, ein sehr geschickter Karrierediplomat, war die erste Wahl von
Außenminister Talbot gewesen. Talbot selbst war ebenfalls ein kluger Mann. Man
mochte von Fowler halten, was man wollte, aber eines mußte man ihm lassen: Er
hatte sehr kompetente Leute in sein Kabinett und seinen Beraterstab geholt.
Abgesehen von Elizabeth Elliot, korrigierte sich Ben Avi. Scott Adler leistete die
Vorarbeit für seinen Minister und war bei wichtigen Verhandlungen immer an seiner
Seite.
Am erstaunlichsten war natürlich, daß kein einziger Informant des Mossad wußte,
was gespielt wurde. »Etwas Wichtiges, den Nahen Osten betreffend«, hatte man ihm
gemeldet. »Nichts Genaues... aber Ryan von der CIA hat etwas damit zu tun...« Ende
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der Meldung.
Avi reagierte gelassen. Dies war ein Spiel, bei dem man nie alle Karten zu sehen
bekam. Sein Bruder hatte als Kinderarzt ähnliche Probleme mit seinen kleinen
Patienten; die konnten oder wollten auch nicht sagen, was ihnen fehlte. Doch sein
Bruder bekam wenigstens die Chance, zu fragen, zu deuten, das Stethoskop
anzusetzen...
»Jack, irgend etwas muß ich meinen Vorgesetzten sagen«, bat General Ben Jakob.
»Ich bitte Sie, General.« Jack winkte nach einem zweiten Bier. »Was war eigentlich
auf dem Tempelberg los?«
»Der Mann war - ist geistesgestört. Er ist im Krankenhaus und wird wegen
Selbstmordgefahr rund um die Uhr bewacht. Seine Frau hatte ihn gerade verlassen, er
geriet unter den Einfluß eines religiösen Fanatikers, und...« Ben Jakob zuckte mit den
Achseln. »Eine schlimme Sache.«
»Allerdings, Avi. Wissen Sie eigentlich, in welcher politischen Zwangslage Sie
jetzt stecken?«
»Jack, mit solchen Problemen sind wir noch immer fertiggeworden.«
»Dacht’ ich mir’s doch. Avi, Sie sind ein brillanter Mann, aber diesmal haben Sie
sich verschätzt. Sie haben wirklich keine Ahnung, was vor sich geht.«
»Dann weihen Sie mich doch einmal ein.«
»General, dieser Vorfall vor zwei Tagen hat eine unwiderrufliche Veränderung
bewirkt. Das muß Ihnen klar sein.«
»Was für eine Veränderung?«
»Die werden Sie abwarten müssen. Auch ich habe meine Anweisungen.«
»Will Ihr Land uns etwa drohen?«
»Nein, so weit wird es nie kommen, Avi.« Ryan merkte, daß er zuviel redete, und
war nun vor seinem gewitzten Gegenüber auf der Hut.
»Sie können uns aber nicht unsere Politik diktieren.«
Jack verkniff sich die Antwort. »Sie sind sehr geschickt, General, aber das ändert
meine Anweisungen nicht. Bedaure, Sie müssen abwarten. Schade, daß Ihre Leute in
Washington Ihnen nicht helfen können. Ich kann jedenfalls nichts für Sie tun.«
Ben Jakob versuchte es anders. »Ich lade Sie sogar zum Essen ein, obwohl mein
Land viel ärmer ist als Ihres.«
Jack mußte über seinen Ton lachen. »Das Bier schmeckt auch und wird vorerst
mein letztes sein, wenn ich, wie Sie behaupten, diese Reise antrete.«
»Ihre Besatzung hat, wie ich höre, bereits den Flugplan angemeldet.«
»Da sieht man mal wieder, wie weit die Geheimhaltung reicht.« Jack nahm die
zweite Flasche entgegen und lächelte dem Kellner zu. »Avi, lassen wir die Sache erst
mal auf sich beruhen. Glauben Sie denn wirklich, wir könnten etwas tun, das die
Sicherheit Ihres Landes gefährdet?«
Allerdings! dachte der General, konnte das aber natürlich nicht aussprechen und
schwieg. Ryan nutzte die Pause, um das Thema zu wechseln.
»Wie ich höre, sind Sie Großvater geworden.«
»Stimmt, meine Tochter hat mir ein paar graue Haare mehr gemacht. Ihre Kleine
heißt Leah.«
»Avi, Sie haben mein Wort: Leah wird in Sicherheit aufwachsen.«
»Und wer soll das garantieren?« fragte Ben Jakob.
»Die Kräfte, die das schon immer getan haben.« Ryan gratulierte sich zu dieser
Antwort. Der arme Avi fischte verzweifelt nach Informationen; bedauerlich, daß er es
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so plump tun mußte. Selbst die hellsten Köpfe werden manchmal in die Ecke
getrieben ...
Ben Jakob nahm sich vor, das Dossier über Ryan auf den neuesten Stand bringen zu
lassen, um bei ihrer nächsten Begegnung besser informiert zu sein. Mit Niederlagen
fand sich der General nur schwer ab.
Dr. Charles Alden sah sich in seinem Büro um. Natürlich trat er nicht sofort zurück;
das würde Fowler schaden. Sein Rücktrittsgesuch lag unterschrieben auf der grünen
Schreibunterlage und sollte zum Monatsende eingereicht werden. Aber das war eine
reine Formsache: Ab heute hatte er keine Dienstpflichten mehr. Er würde zwar noch
erscheinen, die Meldungen lesen und sich Notizen machen, aber Vortrag hielt von nun
an Elizabeth Elliot. Der Präsident hatte auf seine übliche kühle Art sein Bedauern
ausgedrückt. »Schade, daß wir Sie verlieren, Charlie, ganz besonders zu diesem
Zeitpunkt, aber es gibt leider keine Alternative.« Alden hatte im Oval Office trotz
seiner Verbitterung die Fassung gewahrt. Selbst Arnie van Damm hatte sich einen
herzhaften Fluch abgerungen, trotz seines Ärgers über den politischen Schaden, den
sein Chef erlitten hatte. Bob Fowler aber, der Fürsprecher der Armen und Hilflosen,
war ungerührt geblieben.
Schlimmer noch war Liz mit ihrem Schweigen und ihren vielsagenden Blicken
gewesen. Das arrogante Stück erntete nun seine Lorbeeren und sonnte sich schon jetzt
in Ruhm, der ihm gebührte.
Sein Rücktritt, der am nächsten Morgen bekanntgegeben werden sollte, war schon
an die Presse durchgesickert. Wer hinter der Indiskretion steckte, wußten die Götter.
Liz, um ihre Selbstgefälligkeit zu demonstrieren? Arnie van Damm im Zuge der
Schadensbegrenzung? Ein Dutzend andere?
In Washington kommt der Absturz von den Höhen der Macht rasch. Der peinlich
berührte Ausdruck seiner Sekretärin, das gezwungene Lächeln der anderen
Bürokraten im Westflügel sprachen Bände. Doch in Vergessenheit gerät man erst
nach einem ordentlichen Medienzirkus: Dem öffentlichen Tod, dem Verglühen eines
Sterns, geht ein Fanfarenstoß voraus. Das Telefon klingelte ununterbrochen. Zwanzig
Journalisten hatten wie die Hyänen heute früh mit schußbereiten Kameras vor seinem
Haus gewartet und ihn mit ihren Scheinwerfern geblendet. Natürlich hatten sie zuerst
nach Marsha Blum gefragt.
Der blöde Trampel mit den Kuhaugen, dem Kuheuter und dem fetten Arsch! Wie
konnte ich nur so bescheuert sein? Professor Dr. Charles Winston Alden saß in
seinem teuren Sessel und starrte auf seinen exklusiven Schreibtisch. Daß sein Kopf
zum Platzen schmerzte, schrieb er dem Streß und seinem Zorn zu - korrekt, aber er
wußte nicht, daß sein Blutdruck im Augenblick doppelt so hoch wie normal war, und
dachte auch nicht daran, daß er in der vergangenen Woche vergessen hatte, seine
Blutdrucktabletten zu nehmen. Als sprichwörtlich zerstreuter Professor übersah er
immer die alltäglichen Kleinigkeiten, wenn sein methodischer Verstand komplexe
Probleme löste.
Es kam also überraschend. Es begann an einer Schwachstelle in einer Hauptarterie,
die das Gehirn mit Blut versorgte. Zwanzig Jahre zu hohen Blutdruck und zwanzig
Jahre Schlamperei, in denen er seine Medizin nur genommen hatte, wenn wieder
einmal ein Termin beim Arzt bevorstand, führten in dieser Streßsituation, verursacht
durch die kläglich gescheiterte Karriere, zu einem Riß der Arterie in seiner rechten
Kopfhälfte. Was ihm wie eine harmlose Migräne vorgekommen war, entpuppte sich
nun als tödlich. Alden riß die Augen auf und faßte sich an den Kopf, als wollte er ihn
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zusammenhalten, doch es war zu spät. Der Riß öffnete sich weiter, mehr Blut trat aus.
Die Sauerstoffzufuhr wichtiger Teile seines Gehirns wurde unterbrochen und der
Druck im Schädel stieg weiter an, immer mehr Hirnzellen wurden zerstört.
Alden war zwar gelähmt, blieb aber noch eine ganze Weile bei Bewußtsein, und
sein brillanter Verstand registrierte die Ereignisse mit erstaunlicher Klarheit. Er
wußte, daß er sterben mußte - nach fünfunddreißigjähriger Arbeit - und so kurz vor
dem Ziel, dachte er. Monographien, Seminare, Vorlesungen, Vortragsreisen,
Talkshows, Wahlkämpfe - alles nur, um nach oben zu kommen, um historische
Prozesse nicht nur zu interpretieren, sondern selbst in Gang zu setzen. Ausgerechnet
jetzt sterben müssen! Er konnte nichts mehr ändern, nichts mehr tun, nur hoffen, daß
jemand, irgend jemand, ihm vergeben würde. Im Grunde war ich doch kein schlechter
Mensch. Ich habe mich angestrengt, um etwas zu bewegen, eine bessere Welt zu
schaffen, aber ausgerechnet jetzt, am Beginn einer bedeutsamen Entwicklung...
schade, daß mir das nicht passiert ist, als ich auf dieser blöden Kuh lag, schade
eigentlich auch, erkannte er in einem letzten Augenblick der Klarheit, daß die Studien
nicht meine einzige Leidenschaft...
Da Alden in Ungnade gefallen und schon von seinen Dienstpflichten entbunden
war, fand man seine Leiche erst eine Stunde später. Seine Sekretärin hatte den
Auftrag, alle Anrufer abzuwimmeln, und stellte daher auch keine Gespräche durch.
Erst als es Zeit zum Heimgehen war, drückte sie auf den Knopf der Sprechanlage, um
ihm das mitzuteilen, bekam aber keine Antwort. Sie runzelte die Stirn und probierte es
noch einmal. Wieder keine Reaktion. Sie stand auf und klopfte an Aldens Tür, öffnete
sie schließlich und schrie dann so laut, daß die Agenten des Secret Service vor dem
Oval Office an der entgegengesetzten Ecke des Gebäudes sie hörten. Als erste traf
Helen D’Agustino, Spitzname »Daga« ein, eine Leibwächterin des Präsidenten, die
sich nach einem Sitzungstag auf dem Korridor die Beine vertreten hatte.
»Shit!« Bei diesem Kommentar hatte sie auch schon ihren Dienstrevolver gezogen.
Noch nie im Leben hatte sie so viel Blut gesehen. Es war aus Aldens rechtem Ohr
geflossen und hatte auf dem Schreibtisch eine Lache gebildet. Sie gab über ihr
Funkgerät Alarm; das mußte ein Kopfschuß sein. Über den Lauf ihrer Smith &
Wesson Modell 19 hinweg suchten ihre scharfen Augen den Raum ab. Die Fenster
waren okay. Sie huschte durchs Zimmer. Niemand da. Was war passiert?
Sie tastete mit der Linken nach Aldens Halsschlagader. Natürlich kein Puls.
Inzwischen waren draußen alle Ausgänge des Weißen Hauses blockiert worden.
Agenten hatten die Waffen gezogen, Besucher erstarrten vor Schreck. Beamte des
Secret Service suchten das ganze Gebäude ab.
»Verdammt!« rief Pete Connor beim Eintreten.
»Suchaktion abgeschlossen!« sagte eine Stimme in ihren Hörmuscheln. »Gebäude
sauber, HAWK sicher.« »Hawk«, Falke, war der Codename des Secret Service für
den Präsidenten. Die Leibwächter stellten damit ihren traditionellen Sinn für Humor
unter Beweis, denn Fowler, dessen Name die Assoziation »Vogel« weckte, war als
Politiker eher eine Taube.
»Krankenwagen kommt in zwei Minuten!« fügte das Kommunikationszentrum
hinzu. Eine Ambulanz konnte rascher besorgt werden als ein Hubschrauber
»Ruhig, Daga«, sagte Connor. »Ich glaube, der Mann hatte einen Schlaganfall.«
»Platz da!« rief ein Sanitäter von der Marine. Natürlich waren die Secret-ServiceAgenten in Erster Hilfe ausgebildet, aber im Weißen Haus stand immer ein Ärzteteam
in Bereitschaft, und der Sanitäter war als erster zur Stelle. Er hatte eine
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Feldverbandstasche dabei, öffnete sie aber gar nicht erst, denn die Lache von bereits
geronnenem Blut auf dem Schreibtisch war zu groß. Der Sanitäter bewegte die Leiche
nicht - er befand sich unter Umständen am Schauplatz eines Verbrechens und hatte
vom Secret Service für solche Fälle Verhaltensmaßregeln bekommen. Das Blut war
zum größten Teil aus Aldens rechtem Ohr ausgetreten, aber auch aus dem linken lief
ein Rinnsal, und das Gesicht zeigte schon die typische Leichenblässe. Die Diagnose
fiel ihm nicht schwer.
»Tja, Leute, der ist schon seit fast einer Stunde tot. Gehirnblutung, schätze ich,
Schlaganfall. Litt er unter hohem Blutdruck?«
»Ja, ich glaube schon«, meinte Special Agent D’Agustino nach kurzem Zögern.
»Sicher kann man natürlich erst nach der Obduktion sein, aber für mich ist die
Todesursache Schlaganfall.«
Nun traf ein Arzt der Navy ein, der die Diagnose des Sanitäters bestätigte.
»Hier Connor. Die Leute von der Ambulanz brauchen sich nicht zu beeilen.
PILGRIM ist tot; natürliche Ursache«, gab der leitende Agent über Funk weiter.
»Wiederhole: PILGRIM ist tot.«
Selbstverständlich würde die Leiche bei der Obduktion auch auf andere
Todesursachen untersucht werden, Gift zum Beispiel, oder kontaminierte Speisen
oder Getränke. Im Weißen Haus wurden allerdings regelmäßig Stichproben
genommen. D’Agustino und Connor tauschten die Blicke. Jawohl, Alden hatte unter
hohem Blutdruck gelitten und heute einen ganz besonders schlechten Tag gehabt.
»Wie geht’s ihm?« HAWK, der Präsident selbst, drängte sich, umringt von
Agenten, durch die Tür, dicht gefolgt von Dr. Elliot. D’Agustino ging auf, daß sie sich
nun einen neuen Codenamen einfallen lassen mußten, und sie erwog HARPYIE. Alle
Leibwächter konnten E. E. nicht ausstehen, aber es war nicht ihre Aufgabe, ihre
Schutzbefohlenen sympathisch zu finden - das galt selbst für den Präsidenten.
»Er ist tot. Mr. President«, sagte der Arzt. »Offenbar ein schwerer Schlaganfall.«
Der Präsident nahm die Nachricht ohne sichtbare Zeichen der Bewegung auf. Die
Leibwächter wußten, daß seine Frau nach jahrelangem Leiden an Multipler Sklerose
gestorben war; das mußte Fowler, damals noch Gouverneur von Ohio, seelisch schwer
belastet haben. Ob der Mann emotional ausgebrannt ist? fragten sie sich. Jedenfalls
ließ er sich kaum etwas anmerken. Er schnalzte mit der Zunge, zog eine Grimasse,
schüttelte den Kopf und wandte sich dann ab.
Liz Elliot trat an seine Stelle und lugte einem Agenten über die Schulter. Helen
D’Agustino beobachtete ihr Gesicht, als sie sich vordrängte. Die neue
Sicherheitsberaterin wurde blaß unter der Schminke. Kein Wunder, dachte
D’Agustino, es sieht ja wirklich so aus, als habe jemand einen Eimer rote Farbe auf
den Schreibtisch gekippt.
»Mein Gott!« flüsterte Dr. Elliot.
»Aus dem Weg, bitte!« rief eine neue Stimme. Ein Agent mit einer Tragbahre stieß
Liz Elliot grob beiseite. E. E. war zu schockiert, um ärgerlich zu reagieren; Daga sah,
daß sie noch sehr blaß war und einen verschwommenen Blick hatte. Nun, dachte sie
befriedigt, so hartgesotten, wie du dich gibst, bist du auch wieder nicht.
Weiche Knie, Liz? Special Agent Helen D’Agustino war erst vor vier Wochen von
der Akademie des Secret Service abgegangen und hatte sich ihren Namen bei der
Routineobservation eines Geldfälschers gemacht. Als ihr Subjekt plötzlich eine
schwere automatische Pistole zog - der Mann gab zwar keinen Schuß in ihre Richtung
ab -, riß sie ihre S & W heraus und brachte über knapp zwölf Meter Entfernung drei
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Kugeln ins Ziel, so, als hätte sie einen Pappkameraden auf dem Schießstand vor sich.
Ganz einfach war das gewesen, und die Szene tauchte nie in ihren Träumen auf. Und
nun gehörte Daga zu den »Jungs« und dem Pistolenschützenteam des Secret Service,
das bei Wettkämpfen die Mannschaft der Elite-Kommandotruppe Delta Force
regelmäßig schlug. Daga war also knallhart, Liz Elliot aber trotz ihrer kalten Arroganz
offenbar nicht. Wo bleibt der Mumm, Lady? fragte Helen D’Agustino und bedachte
nicht, daß Liz Elliot von nun an die wichtigste Beraterin des Präsidenten in Fragen der
nationalen Sicherheit war.
Zum ersten Mal war die Begegnung seltsam gedämpft verlaufen. Günther Bocks alter
Waffenbruder Ismael Kati, normale rweise ein Freund radikaler Rhetorik, die er in
fünf Sprachen beherrschte, wirkte in jeder Hinsicht gedrückt. Es fehlten das grimmige
Lächeln und die feurigen Gesten, und Bock fragte sich, ob Ismael vielleicht krank
war.
»Die Nachricht von deiner Frau hat mich sehr betrübt«, sagte Kati.
»Lieb von dir.« Bock beschloß, sich seinen Kummer nicht anmerken zu lassen. »Im
Vergleich zu dem. was dein Volk ertragen mußte, ist das nur eine Kleinigkeit. Und
Rückschläge gibt es immer.«
Und in ihrem Fall besonders viele , wie sie beide wußten. Ihre beste Waffe waren
immer solide Informationen gewesen, doch nun waren Bocks Quellen versiegt. Die
RAF hatte Verbindungen bis in die Bundesregierung sitzen gehabt und nützliche
Hinweise vom MfS und anderen Ostblock-Nachrichtendie nsten bekommen.
Zweifellos hatte ein Gutteil der Daten seinen Ursprung in Moskau gehabt und war aus
politischen Gründen, die Bock nie hinterfragte, über die Dienste der kleinen
Bruderländer geleitet worden. Immerhin erfordert der Kampf für den Weltsozialismus
taktische Schachzüge, dachte Bock und korrigierte sich gleich: Zumindest war das
einmal so.
Doch inzwischen griff ihnen niemand mehr unter die Arme. Die östlichen
Nachrichtendienste waren über ihre revolutionären Genossen hergefallen, und die
Dienste Ungarns und der CSFR hatten dem Westen sogar Daten gegen Devisen
geliefert! Von den Ostdeutschen hingegen waren die Hinweise im Zuge
gesamtdeutscher Zusammenarbeit und Brüderschaft umsonst weitergegeben worden.
Die DDR gab es nicht mehr; sie war nun nichts als ein Anhängsel der kapitalistischen
BRD. Und die Russen... von denen war keine indirekte Unterstützung mehr zu
erwarten. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus in Europa waren die
Kontaktpersonen der RAF bei verschiedenen Behörden entweder ausgeräuchert oder
umgedreht worden, und der Rest hatte den Glauben an die Zukunft des Sozialismus
verloren und lieferte einfach nichts mehr. Europas revolutionäre Kämpfer hatten auf
einen Schlag ihre beste Waffe verloren.
Zum Glück sah es hier anders aus, besonders für Kati. Die Israelis waren ebenso
dumm wie brutal. Die einzige Konstante, die der Welt geblieben war, wußten Bock
und Kati, war die Unfähigkeit der Juden, eine ernsthafte politische Initiative zu
starten. Sie waren stark im Krieg, aber hoffnungslos ungeschickt im Umgang mit dem
Frieden. Hinzu kam ihre Fähigkeit, ihrer Schutzmacht USA eine Politik zu diktieren,
die aussah, als seien sie an Frieden überhaupt nicht interessiert. Bock hatte zwar nicht
Geschichte studiert, bezweifelte aber, daß es einen historischen Präzedenzfall für
dieses Verhalten gab. Der Palästinenseraufstand war für Israel eine blutende Wunde.
Israels Polizei und Sicherheitsdienst, die früher nach Belieben arabische Gruppen
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infiltrieren konnten, verloren nun, da die Bevölkerung die Intifada zunehmend
unterstützte, den Kontakt. Im Gegensatz zu Bock befehligte Kati eine laufende
Operation. Bock beneidete ihn darum, wie ungünstig die taktische Lage auch sein
mochte. Ein weiterer perverser Vorteil für Kati war die Effizienz seiner Gegner. Der
israelische Geheimdienst führte nun schon seit zwei Generation einen Schattenkrieg
gegen die arabischen Freiheitskämpfer. Wer dumm und ungeschickt gewesen war,
war von Mossad-Offizieren erschossen worden. Überlebende wie Kati waren die
starken, klugen, treuen Produkte eines darwinschen Ausleseprozesses.
»Was macht ihr mit Informanten?« fragte Bock.
»Wir haben letzte Woche einen geschnappt«, erwiderte Kati mit einem grausamen
Lächeln. »Ehe er starb, nannte er uns den Namen seines Führungsoffiziers, den wir
nun beschatten.«
Bock nickte. Früher wäre der israelische Offizier einfach erschossen worden, aber
Kati hatte dazugelernt. Nun beobachtete man den Mann sehr vorsichtig und nur
sporadisch in der Hoffnung, weitere Spitzel zu identifizieren.
»Und die Russen?«
»Diese Schweine liefern uns nichts Vernünftiges mehr. Wir stehen allein, wie
immer«, antwortete Kati heftig. Dann fiel die Miene des Arabers wieder in seine
Niedergeschlagenheit zurück.
»Du wirkst erschöpft.«
»Ich habe einen langen Tag hinter mir. Du bestimmt auch.«
Bock gähnte und reckte sich. »Bis morgen dann?«
Kati nickte, stand auf und führte den Gast zu seinem Zimmer. Bock drückte ihm die
Hand, ehe er sich zurückzog. Sie kannten sich nun seit fast zwanzig Jahren.
Kati ging zurück ins Wohnzimmer und trat von dort ins Freie. Seine
Wachmannschaften waren bereit und auf ihren Posten. Wie immer wechselte er ein
paar Worte mit ihnen, denn wer sich um seine Männer kümmert, dem dienen sie auch
treu. Dann ging er zu Bett, nachdem er sein Abendgebet gesprochen hatte. Es
beunruhigte ihn ein wenig, daß sein Freund Günther, ein tapferer, kluger und treuer
Mann, Atheist war. Kati verstand nicht, wie man ohne Glauben weiterkämpfen
konnte.
Kämpft er überhaupt noch? fragte sich Kati, als er sich niederlegte und die
schmerzenden Arme und Beine ausstreckte. Im Grunde genommen war Bock erledigt.
Petra hätte im Kugelhagel der GSG-9 sterben sollen, das wäre für Günther besser
gewesen. Dem Vernehmen nach war sie nur nicht getötet worden, weil sie von dem
Kommandotrupp beim Stillen überrascht worden war. Da hätte kein Mensch, der
diesen Namen verdiente, abdrücken können. Diese Sünde hätte Kati trotz seines
Hasses auf die Israelis nie begehen können. Er dachte an Petra und lächelte. Einmal,
als Günther verreist war, hatte er mit ihr geschlafen. Sie war einsam gewesen, und da
er gerade heißblütig von einem erfolgreichen Einsatz im Libanon, bei dem ein
israelischer Militärberater der christlichen Milizen starb, zurückgekehrt war, fielen sie
einander in die Arme und kosteten ihren revolutionären Eifer zwei leidenschaftliche
Stunden lang aus.
Weiß Günther Bescheid? fragte er sich. Hat Petra etwas gesagt?
Vielleicht, aber das machte nichts. Bock war nicht so eifersüchtig wie die Araber,
die den Zwischenfall als tödliche Beleidigung aufgefaßt hätten. Europäer gingen mit
solchen Dingen so lässig um. Seltsam, dachte Kati, aber nicht die einzige
Merkwürdigkeit im Leben. Bock war ein wahrer Freund, das stand fest, in dessen
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Brust die Flamme so hell loderte wie in seiner eigenen. Schade nur, daß die Ereignisse
in Europa dem Freund das Leben so vergällten. Seine Frau eingesperrt, die Kinder
gestohlen. Bei dem Gedanken lief Kati ein Schauer über den Rücken. Die beiden
hätten keine Kinder in die Welt setzen sollen. Kati war ledig geblieben und hatte nur
selten weibliche Gesellschaft gesucht. Lächelnd erinnerte er sich an die vielen jungen
Europäerinnen im Libanon vor zehn Jahren. Tricks hatten die gekannt, die kein
arabisches Mädchen jemals lernen würde. Heiß waren sie gewesen, um ihren Eifer für
die Sache zu beweisen. Gewiß, sie hatten ihn ebenso ausgenutzt wie er sie, aber er
war damals ein leidenschaftlicher junger Mann gewesen, der sich daran nicht störte.
Seine Leidenschaft war erloschen, und er konnte nur hoffen, daß sie noch einmal
wiederkehrte, damit er genügend Energie für die eine Sache aufbrachte. Der Arzt
meinte, sein Körper spräche gut auf die Therapie an, und die Nebenwirkungen seien
weniger ernst als bei den meisten anderen Patienten. Von der permanenten
Erschöpfung und der Übelkeit dürfe er sich nicht entmutigen lassen; das sei normal,
und es bestünde echte Hoffnung, versicherte der Arzt bei jedem Besuch. Wichtig war,
daß Kati ein Motiv zum Überleben hatte, einen Lebenszweck, der ihn durchhalten
ließ.
»Wie sieht’s aus?«
»Machen Sie ruhig weiter«, erwiderte Dr. Cabot über die gesicherte
Satellitenverbindung. »Charlie ist an seinem Schreibtisch gestorben, Schlaganfall.«
Pause. »Vielleicht das Beste, was dem armen Teufel passieren konnte.«
»Wird Liz Elliot seine Nachfolgerin?«
»Ja.«
Ryan verzog angewidert die Lippen, als hätte er gerade eine besonders bittere
Medizin geschluckt. Er schaute auf die Uhr. Cabot war früher als sonst aufgestanden,
um ihn anzurufen und ihm Instruktionen zu geben. Sein Chef und er waren nicht
gerade Freunde, aber die Wichtigkeit des Anlasses ließ sie dies vergessen. Vielleicht
läßt sich mein Verhältnis mit E. E. ähnlich regeln, dachte Ryan.
»Gut, Boß, ich fliege in neunzig Minuten ab. Adler und ich unterbreiten den Plan
gleichzeitig, wie abgemacht.«
»Viel Glück, Jack.«
»Danke.« Ryan schaltete an der Konsole das Satellitentelefon aus, verließ das
Kommunikationszentrum und ging in sein Zimmer. Sein Koffer war schon gepackt;
nun brauchte er nur noch seine Krawatte zu binden. Das Jackett warf er lässig über die
Schulter. In Israel und erst recht in Saudi-Arabien war es für so ein Kleidungsstück zu
heiß, aber die Saudis erwarteten trotzdem, daß er es trug. Laut Etikette hatte eine
angemessene äußere Erscheinung mit maximaler Unbequemlichkeit einherzugehen.
Ryan nahm seinen Koffer und verließ den Raum.
Draußen wartete Adler. »Uhrenvergleich?« fragte er und lachte in sich hinein.
»Ehrlich, Scott, meine Idee war das nicht.«
»Macht aber Sinn.«
»Na ja... so, meine Maschine geht gleich.«
»Immer mit der Ruhe. Ohne Sie fliegt die nicht ab.«
»Wenigstens ein Vorteil, den der Regierungsdienst bietet.« Ryan schaute sich im
Korridor um. Leer, aber hatten es die Israelis fertiggebracht, ihn zu verwanzen? Wenn
das der Fall war, mußte die Musikberieselung den Lauschern einen Strich durch die
Rechnung machen. »Nun, wie stehen die Chancen?«
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»Gleicher Einsatz.«
»So gut?«
»Ja«, sagte Adler und grinste. »Passen Sie auf, das haut hin. Großartige Idee von
Ihnen.«
»Erstens ist die Sache nicht nur auf meinem Mist gewachsen, und zweitens werden
sowieso andere die Lorbeeren ernten.«
»Mag sein, aber die Insider werden wissen, wem sie zu danken haben. So, machen
wir uns an die Arbeit.«
»Informieren Sie mich über die Reaktion der Israelis. Viel Glück.«
»Danke gleichfalls.« Adler ergriff Ryans Hand. »Und guten Flug.«
Die Botschaftslimousine brachte Ryan an sein Flugzeug, dessen Triebwerke bereits
liefen. Die VC-20B bekam bevorzugte Starterlaubnis, war fünf Minuten später bereits
in der Luft und flog nach Süden, über das dolchförmige Israel und den Golf von
Akaba hinweg in saudischen Luftraum.
Ryan schaute, wie es seine Gewohnheit war, aus dem Fenster und ging den
bevorstehenden Auftritt, den er nun schon eine Woche lang geprobt hatte, in
Gedanken noch einmal durch. Die Luft war klar, der Himmel über dem Ödland fast
wolkenlos. Nur verkrüppelte Büsche, die individuell nicht auszumachen waren und
die Landschaft aussehen ließen wie ein stoppelbärtiges Gesicht, verliehen der Sandund Steinwüste Farbe. Ryan wußte, daß ein großer Teil Israels landschaftlich so
aussah, der Sinai zum Beispiel, wo die Panzerschlachten geschlagen worden waren,
und er fragte sich, warum Menschen ausgerechnet für dieses dürre Land zu sterben
bereit waren. Doch schon in der Frühgeschichte waren hier die ersten organisierten
Kriege ausgefochten worden, und seitdem hatte es keinen Frieden in der Region
gegeben - bis heute.
Riad, die Hauptstadt von Saudi-Arabien, liegt ungefähr in der Mitte des Landes, das
so groß ist wie die USA östlich des Mississippi. Die Maschine setzte ohne
Verzögerung zur Landung an, da hier nicht viel Flugverkehr herrschte, und berührte
sanft den Boden. Minuten später rollte die Gulfstream auf die Frachthalle zu, und der
Flugbegleiter öffnete die vordere Tür. Nach zwei Stunden in der klimatisierten
Maschine fühlte Jack sich jetzt plötzlich wie in einem Backofen. Die Temperatur
betrug 44 Grad im Schatten, den es nicht gab. Schlimmer noch, die Sonne wurde vom
Beton des Vorfelds so grell reflektiert, daß Ryans Gesicht brannte. Empfangen wurde
er vom stellvertretenden Missionschef der Botschaft und dem üblichen
Sicherheitspersonal. Einen Augenblick später saß er schwitzend in der
Botschaftslimousine.
»Hatten Sie einen guten Flug?« fragte der Diplomat.
»Nicht übel. Ist hier alles bereit?«
»Jawohl, Sir.«
Jack genoß die respektvolle Anrede. »Gut, dann packen wir’s an.«
»Ich habe Anweisung, Sie bis an die Tür zu begleiten.«
»Richtig.«
»Es mag Sie interessieren, daß wir bisher keine Anfragen von der Presse hatten.
Washington hat diesmal Stillschweigen gewahrt.«
»Das wird sich ändern. In fünf Stunden geht der Tanz los.«
Riad war sauber, unterschied sich aber von westlichen Städten insofern, als alle
Gebäude neu waren. Die Stadt war zwar nur zwei Flugstunden von Israel entfernt,
aber nie so umkämpft gewesen wie Palästina. Die alten Handelsrouten hatten einen
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weiten Bogen um das Landesinnere gemacht, wo die Hitze mörderisch war und die
Nomaden, anders als die wohlhabenden Fischer und Händler an der Küste, ihr karges
Leben gefristet hatten, zusammengehalten nur vom Islam, der von den heiligen
Städten Mekka und Medina ausgegangen war. Den Umschwung hatten zwei
Entwicklungen gebracht. Zum einen hatten die Briten hier im Ersten Weltkrieg einen
Entlastungsangriff gegen das Osmanische Reich gestartet und Truppen gebunden, die
den Mittelmächten anderswo hätten nützlich sein können. Zum anderen war man hier
in den dreißiger Jahren auf Öl gestoßen - Reserven, die Texas weit in den Schatten
stellten. In der Folge hatten sich erst Arabien und dann der Rest der Welt verändert.
Anfangs waren die Beziehungen zwischen den Saudis und dem Westen heikel
gewesen. Noch immer waren die Saudis sowohl hochzivilisiert als auch primitiv. Es
gab auf dieser Halbinsel Menschen, die noch vor dreißig Jahren ein Nomadenleben
wie im Bronzezeitalter geführt hatten. Gleichzeitig hatte das Land eine
bewundernswerte islamische Tradition und strenge, aber gerechte Gesetze, die eine
bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Vorschriften des Talmud aufwiesen. Innerhalb
einer kurzen Zeitspanne hatte sich dieses Volk an unermeßlichen Reichtum gewöhnt
und wurde im »kultivierten« Westen ob seiner Verschwendungssucht verspottet. In
Wirklichkeit aber war dieses Land nur ein Glied mehr in der Kette der neureichen
Staaten, zu denen auch Amerika einmal gehört hatte. Ryan, selber neureich, hatte
Verständnis. Leute mit »altem« Geld - verdient von aufgeblasenen Vorfahren, deren
ungehobelte Manieren in Vergessenheit geraten waren - fühlten sich in Gesellschaft
jener, die ihr Vermögen erarbeitet und nicht geerbt hatten, immer etwas unbehaglich.
Unter Nationen war das nicht anders. Die Saudis und ihre arabischen Brüder waren
noch auf dem Weg zu einer Nation, die reich und einflußreich zu werden versprach,
hatten aber dabei einige harte Lektionen lernen müssen - zuletzt beim Zusammenprall
mit ihren Nachbarn im Norden. Und da sie überwiegend die richtigen Konsequenzen
gezogen hatten, hoffte Ryan, daß ihnen der nächste Schritt ebenso leichtfallen würde.
Zur wahren Größe gelangt ein Land nicht durch militärische oder wirtschaftliche
Macht, sondern als Friedensstifter. Zu dieser Erkenntnis waren die Vereinigten
Staaten erst unter Theodore Roosevelt gelangt, dessen Friedensnobelpreis noch heute
den nach ihm benannten Raum im Weißen Haus ziert. Fast hundertzwanzig Jahre
haben wir gebraucht, überlegte Jack, als der Wagen abbog und langsamer fuhr.
Roosevelt erhielt den Preis für die Schlichtung einer unerheblichen Grenzstreitigkeit;
wir aber versuchen mit Hilfe der Saudis, die erst seit fünfzig Jahren so etwas wie
einen Staat haben, das gefährlichste Pulverfaß der zivilisierten Welt zu entschärfen.
Für uns besteht also nicht der geringste Anlaß zur Überheblichkeit.
Das Protokoll bei Staatsanlässen ist so komplex und wohleinstudiert wie die
Choreographie beim Ballett. Der Wagen - früher eine Kutsche - fährt vor. Der Schlag
wird von einem Protokollbeamten - einstmals ein Diener - geöffnet. Der empfangende
Würdenträger wartet einsam und ernst, bis der Gast ausgestiegen ist. Der Gast nickt
dem Diener zu, wenn er höflich ist, und Ryan ist höflich. Ein anderer, höherer
Protokollbeamter begrüßt den Gast und geleitet ihn dann zum Würdenträger. Links
und rechts stehen Wachen, in diesem Fall bewaffnete Soldaten. Die Presse war aus
naheliegenden Gründen ausgeschlossen. Das Ganze wäre bei Temperaturen unter
vierzig Grad behaglicher gewesen. Immerhin gab es eine schattenspendende Markise,
als Ryan zum Würdenträger geführt wurde.
»Willkommen in meinem Land, Dr. Ryan.« Prinz Ali Ben Scheich begrüßte Jack
mit einem festen Händedruck.
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»Ich bin erfreut, Hoheit.«
»Bitte folgen Sie mir.«
»Gerne, Hoheit.« Ehe ich verdampfe, fügte Jack insgeheim hinzu.
Ali führte Jack und den Mann von der Botschaft ins Gebäude; dort trennten sich
ihre Wege. Das Haus war einer der zahlreichen Paläste der vielen Prinzen, aber Ryan
fand die Bezeichnung »Verwaltungspalast« treffender. Es war kleiner als
vergleichbare Gebäude, die Ryan in Großbritannien besucht hatte, und sauberer, wie
er zu seiner Überraschung feststellte. Vielleicht lag das an der Luft, die, anders als im
feuchten und rußigen London, rein und trocken war. Die Temperatur in den
klimatisierten Räumen mußte über dreißig Grad betragen haben, trotzdem fühlte Ryan
sich wohl. Der Prinz trug ein wallendes Gewand und hatte ein Tuch um den Kopf
geschlungen, das von zwei Schnüren - wie nennt man die Dinger noch? fragte sich
Ryan - festgehalten wurde. Darüber hätte ich mich informieren lassen sollen, warf er
sich vor. Aber eigentlich war das Ganze Aldens Aufgabe gewesen, der sich in der
Region viel besser auskannte - doch Charlie Alden war tot, und nun hatte Jack den
Ball.
Ali Ben Scheich galt bei Außenministerium und CIA als Prinz ohne Portefeuille.
Der Mann, der großer, schlanker und jünger als Ryan war, beriet den König von
Saudi-Arabien in Fragen der Außenpolitik und der Aufklärung. Vermutlich erstattete
ihm der von den Briten ausgebildete saudische Nachrichtendienst Meldung, aber ganz
klar war das nicht - zweifellos ein weiteres Vermächtnis der Briten, die es mit der
Geheimhaltung sehr viel ernster nahmen als die Amerikaner. Alis Dossier bei der CIA
war zwar dick, befaßte sich aber vorwiegend mit seiner Ausbildung. Nach dem
Studium in Cambridge war er Heeresoffizier geworden und hatte seine militärische
Ausbildung in Fort Leavenworth und der Carlyle -Kaserne in den USA fortgesetzt. In
letzterer Einrichtung war er der Jüngste seiner Klasse gewesen und mit
siebenundzwanzig bereits Colonel - Prinz eines königlichen Hauses zu sein, ist der
Karriere nur förderlich - und hatte als Drittbester in einer Gruppe abgeschlossen, die
später zehn Divisionskommandeure stellte. Ein General der Army, der Ryan über Ali
informiert hatte, erinnerte sich gerne an den Kameraden und schrieb ihm einen
wachen Geist und hervorragende Führungsqualitäten zu. Es war Ali gewesen, der den
König nach Ausbruch der Golfkrise bewegt hatte, amerikanische Waffenhilfe
anzunehmen. Er galt als entscheidungsfreudig und hatte - trotz seiner vornehmen
Manieren - nur wenig Geduld mit Zeitverschwendern.
Das Arbeitszimmer des Prinzen war wegen der beiden Wachen an der Doppeltür
leicht zu erkennen. Ein dritter Mann öffnete, verbeugte sich und ließ sie eintreten.
»Ich habe schon viel von Ihnen gehört«, meinte Ali beiläufig.
»Hoffentlich nur Gutes«, erwiderte Ryan, der bemüht war, entspannt zu wirken.
Ali drehte sich mit einem verschmitzten Lächeln um. »Wir haben in Großbritannien
gemeinsame Freunde, Sir John. Halten Sie sich mit Handfeuerwaffen in Übung?«
»Dazu fehlt mir die Zeit, Hoheit.«
Ali wies Jack einen Sessel an. »Für manche Dinge sollte man sich die Zeit einfach
nehmen.«
Beide nahmen Platz und gingen zum Formellen über. Ein Diener erschien mit
einem Silbertablett, schenkte den beiden Männern Kaffee ein und zog sich
anschließend zurück.
»Ich habe von Dr. Alden gehört und bedaure seinen Tod aufrichtig. Schade, daß ein
so guter Mann über eine so dumme Sache stolpern mußte... Andererseits wollte ich
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Sie schon immer kennenlernen, Dr. Ryan.«
Jack nippte an seinem Kaffee, der dick, bitter und teuflisch stark war.
»Danke, Hoheit. Dank auch für Ihre Bereitschaft, mich anstelle eines höheren
Vertreters zu empfangen.«
»Die wirksamsten diplomatischen Vorstöße beginnen oft informell. Nun, was kann
ich für Sie tun?« Ali lächelte, lehnte sich zurück und spielte mit der Linken an seinem
Bart. Auch wenn seine glänzenden, kohlschwarzen Augen den Besucher
ungezwungen musterten, war die Atmosphäre nun geschäftsmäßig.
Ryan begann. »Meine Regierung möchte sondieren - will sagen, die groben
Umrisse eines Plans zur Reduzierung der Spannungen in der Region vorlegen.«
»Sie meinen natürlich die Spannungen mit Israel. Ich nehme an, daß Adler in
diesem Augenblick den Israelis denselben Vorschlag unterbreitet.«
»Korrekt, Hoheit.«
»Wie dramatisch«, merkte der Prinz mit einem amüsierten Lächeln an. »Bitte
fahren Sie fort.«
»Hoheit, der wichtigste Faktor in dieser Angelegenheit muß die Sicherheit des
Staates Israel sein. Zu einer Zeit, als wir beide noch nicht geboren waren, taten die
USA und andere Länder praktisch nichts, um die Ausrottung von sechs Millionen
Juden zu verhindern. Diese Unterlassungssünde lastet schwer auf meinem Land.«
Ali nickte ernst. »Das habe ich nie verstanden. Mag sein, daß die USA
entschiedener hätten handeln können, aber Roosevelt und Churchill trafen ihre
strategischen Entscheidungen während des Krieges in gutem Glauben. Das Schiff
voller Juden, das vor Kriegsausbruch niemand haben wollte, ist natürlich ein anderes
Thema. Ich finde es sehr sonderbar, daß Ihr Land diesen armen Menschen kein Asyl
gewährte. Andererseits konnten weder Juden noch Nichtjuden ahnen, was bevorstand,
und als sich die Katastrophe abzeichnete, hatte Hitler Europa besetzt und Ihnen die
Möglichkeit einer direkten Intervention verwehrt. Ihre Führung kam damals zu dem
Schluß, daß dem Morden am besten durch rasche Beendigung des Krieges Einhalt zu
gebieten sei; eine logische Entscheidung. Man hätte natürlich die sogenannte
Endlösung politisch thematisieren können, hielt diesen Kurs aber aus praktischen
Erwägungen für ineffektiv. Im Rückblick gesehen, war das vermutlich eine
Fehlentscheidung, die aber nicht in böswilliger Absicht getroffen worden war.« Ali
machte eine Pause, damit Ryan den historischen Diskurs verarbeiten konnte. »Auf
jeden Fall haben wir Verständnis für Ihren Wunsch, den Staat Israel zu erhalten, und
akzeptieren ihn auch, wenngleich mit Vorbehalten. Sie werden sicher verstehen, daß
wir unsere Zustimmung nur geben können, wenn Sie auch die Rechte anderer Völker
anerkennen. Dieser Teil der Erde wird nicht nur von Juden und Wilden bewohnt.«
»Und das, Hoheit, ist die Grundlage unseres Friedensplans«, erwiderte Ryan. »Sind
Sie bereit, einem Plan zuzustimmen, der die USA als Garantiemacht für Israels
Sicherheit vorsieht, wenn eine Formel für die Anerkennung der Rechte anderer
gefunden werden kann?« Ryan blieb keine Zeit, den Atem anzuhalten und auf die
Antwort zu warten.
»Aber gewiß . Haben wir das nicht deutlich gemacht? Wer außer Amerika kann den
Frieden denn garantieren? Wenn Sie in Israel Truppen stationieren und Ihre Garantie
vertraglich sichern wollen, können wir das akzeptieren. Doch was wird aus den
Rechten der Araber?«
»Auf welche Weise sollten wir uns Ihrer Auffassung nach mit diesen Rechten
befassen?« fragte Jack.
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Prinz Ali fand diese Gegenfrage verblüffend. War es nicht Ryans Auftrag, den
amerikanischen Plan zu unterbreiten? Ali war zu klug, um seine momentane
Verärgerung zu zeigen. Das war keine Falle, erkannte er, sondern eine fundamentale
Änderung der amerikanischen Außenpolitik.
»Dr. Ryan, Sie haben diese Frage nicht grundlos gestellt, aber trotzdem ist sie
rhetorisch. Eine Antwort wird Ihre Seite formulieren müssen.«
Das nahm drei Minuten in Anspruch.
Ali schüttelte betrübt den Kopf. »Dr. Ryan, wir wären wahrscheinlich in der Lage,
diesen Vorschlag zu akzeptieren, aber Israel wird sich sperren - vermutlich aus genau
den Gründen, die uns eine positive Reaktion ermöglichen. Natürlich sollte Israel
einverstanden sein - wird es aber nicht.«
»Aber Ihre Regierung kann den Vorschlag akzeptieren. Hoheit?«
»Ich muß ihn selbstverständlich erst anderen unterbreiten, bin aber der Auffassung,
daß wir positiv reagieren werden.«
»Ohne Einwände?«
Der Prinz machte eine Pause und starrte über Ryans Kopf hinweg auf die Wand.
»Wir könnten mehrere Änderungen vorschlagen, die die Prämissen Ihres Plans aber
nicht berühren würden. Ich bin sogar der Ansicht, daß sich diese nebensächlichen
Punkte leicht und rasch aushandeln ließen, da sie die anderen beteiligten Parteien
nicht direkt betreffen.«
»Und wen würden Sie als Vertreter des Islam vorschlagen?«
Ali beugte sich vor. »Ganz einfach, das weiß jeder. Der Imam der al-AksaMoschee, Ahmed Ben Yussif, ist ein geachteter Gelehrter und Sprachkundiger, der
von der gesamten islamischen Welt in theologischen Fragen konsultiert wird.
Sunniten und Schiiten fügen sich auf bestimmten Gebieten seinem Urteil. Zudem ist
er gebürtiger Palästinenser.«
»So einfach ist das?« Ryan schloß die Augen und atmete erleichtert auf. Hier hatte
er richtig getippt. Yussif war zwar nicht gerade moderat und hatte die Vertreibung der
Juden aus Westjordanien gefordert. Aber er hatte den Terrorismus aus theologischen
Gründen grundsätzlich verurteilt. Er war also nicht unbedingt der Idealkandidat, aber
wenn die Moslems mit ihm leben konnten, reichte das.
»Sie sind sehr optimistisch, Dr. Ryan.« Ali schüttelte den Kopf. »Zu optimistisch.
Ich muß gestehen, daß Ihr Plan fairer ist, als ich oder meine Regierung erwartet
hatten, aber er wird nie Wirklichkeit werden.« Ali schaute Ryan fest an. »Nun muß
ich mich fragen, ob das ein ernstgemeinter Vorschlag war oder nur eine Finte mit dem
Anstrich der Fairneß.«
»Hoheit, Präsident Fowler wird am kommenden Donnerstag der Vollversammlung
der Vereinten Nationen eben diesen Plan unterbreiten. Ich bin ermächtigt, Ihre
Regierung zu Verhandlungen in den Vatikan einzuladen.«
Der Prinz war so verdutzt, daß er in die Umgangssprache verfiel. »Meinen Sie
wirklich, daß Sie das hinkriegen?«
»Hoheit, wir werden unser Bestes tun.«
Ali erhob sich und ging an seinen Schreibtisch, nahm ein Telefon ab, drückte auf
einen Knopf und sagte etwas in Arabisch, von dem Ryan kein Wort verstand. Er war
so erleichtert, daß ihm ein spleeniger Gedanke kam: Juden und Araber hatten ja eine
Gemeinsamkeit, sie schrieben von rechts nach links. Wie wird das Gehirn damit
fertig? fragte er sich.
Donnerwetter, sagte er sich. Es klappt vielleicht!
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Ali legte den Hörer auf und wandte sich an seinen Besucher. »Es ist Zeit für eine
Audienz bei Seiner Majestät.«
»So schnell geht das?«
»Wenn bei uns ein Minister einen Kollegen sprechen will, braucht er nur einen
Onkel oder Vetter anzurufen. Ein Vorteil unserer Regierungsform: Wir sind ein
Familienbetrieb. Ich hoffe nur, daß Ihr Präsident sein Wort hält.«
»Die UN-Rede ist bereits verfaßt. Ich habe sie gesehen. Er rechnet mit Angriffen
der israelischen Lobby im Land und ist auf sie vorbereitet.«
»Ich habe diese Lobby in Aktion erlebt, Dr. Ryan. Selbst als wir an der Seite
amerikanischer Soldaten um unser Leben kämpften, verweigerte sie uns Waffen, die
wir zu unserer Verteidigung brauchten. Glauben Sie, daß es da eine Änderung geben
wird?«
»Der Sowjetkommunismus ist am Ende, der Warschauer Pakt ebenfalls. So viele
Dinge, die seit meiner Jugend die Welt bestimmten, gibt es nicht mehr. Es ist nun an
der Zeit, die restlichen Unruheherde zu beseitigen und Frieden auf der Welt zu
schaffen. Sie haben gefragt, ob wir das zuwege bringen - warum eigentlich nicht?
Beständig ist nur die Veränderung, Hoheit.« Ryan wußte, daß er sich geradezu
unverschämt optimistisch gab, und fragte sich sorgenvoll, wie Adler in Jerusalem
wohl vorankam. Adler war zwar nicht laut, aber sehr bestimmt, und es war schon viel
zu lange her, seit jemand den Israelis die Leviten gelesen hatte. Der Präsident hatte
sich auf diese Initiative festgelegt. Wenn die Israelis nun versuchten, sie zu
blockieren, würden sie sich völlig isoliert finden.
»Beständig ist auch Gott, Dr. Ryan.«
Jack lächelte. »Eben, Hoheit. Und darum geht es uns auch.«
Prinz Ali verkniff sich ein Lächeln und wies zur Tür. »Unser Wagen steht bereit.«
In dem Army-Depot New Cumberland in Pennsylvania, wo bis zu zweihundert Jahre
alte Flaggen und Standarten aufbewahrt werden, breiteten ein Brigadegeneral und ein
Antiquitätenfachmann die verstaubte Fahne des Zehnten US-Kavallerieregiments auf
einem Tisch aus. Der General fragte sich, ob der feine Sand noch von Colonel John
Griersons Feldzug gegen die Apachen stammte. Die Fahne sollte an das Regiment
gehen, hatte aber keine große Verwendung und wurde vielleicht einmal im Jahr
hervorgeholt. Als eigentliche Regimentsfahne diente eine nach dem Vorbild des alten
Stücks angefertigte Kopie. Daß dies passierte, war an sich ungewöhnlich. In einer Zeit
der Kürzungen im Verteidigungshaushalt wurde eine neue Einheit gebildet. Dagegen
hatte der General jedoch nichts einzuwenden. Das 10. Regiment war trotz seiner
ruhmvollen Geschichte von Hollywood, wo nur ein einziger Film über eines der
schwarzen Regimenter gedreht worden war, stiefmütterlich behandelt worden. Die
vier schwarzen Einheiten - das 9. und 10. Kavallerie - und das 24. und 25.
Infantrieregiment - hatten bei der Erschließung des Westens eine wichtige Rolle
gespielt. Die Regimentsstandarte stammte aus dem Jahr 1866 und hatte ein
Mittelstück aus Büffelfell - das Kraushaar der schwarzen »Buffalo Soldiers« war von
den Indianern mit dem Fell des amerikanischen Bisons verglichen worden. Schwarze
Soldaten hatten bei dem Sieg über Geronimo mitgekämpft und Teddy Roosevelt beim
Sturm auf den San Juan Hill das Leben gerettet. Es war also an der Zeit, daß man
ihnen offiziell Anerkennung zollte, und der Präsident hatte das nicht ohne politische
Hintergedanken getan. Fest stand, daß die 10. Kavallerie eine ehrenhafte Tradition
hatte.
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»Die Kopie habe ich in einer Woche fertig«, sagte der Zivilist. »Was hätte der alte
Grierson wohl von der heutigen Ausrüstung der Buffalos gehalten?«
»Die ist allerdings bemerkenswert«, räumte der General, der vor einigen Jahren das
11. gepanzerte Kavallerieregiment befehligt hatte, ein. Die Einheit »Black Horse« war
fürs erste noch in Deutschland stationiert. Der Restaurateur hatte aber recht. Ein
modernes Kavallerieregiment war mit 129 Kampfpanzern, 228 Schützenpanzern, 24
Geschützen auf Selbstfahrlafetten, 83 Hubschraubern und 5000 Mann praktisch eine
Brigade, hochmobil und mit großer Feuerkraft.
»Wo wird die Einheit stationiert?«
»Zusammengestellt wird sie in Fort Stewart. Was dann mit ihr geschehen soll, weiß
ich nicht. Vielleicht ergänzt sie das 18. Luftlandekorps.«
»Also brauner Anstrich?«
»Vermutlich. Na, die Jungs kennen sich ja in der Wüste aus.« Der General strich
über das alte Tuch, an dem noch Staub aus Texas, New Mexico und Arizona haftete,
und fragte sich, ob die Soldaten, die hinter dieser Fahne marschieren sollten, wußten,
daß sie mit ihrem Outfit eine Einheit wieder zum Leben erwecken würden.
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6
Manöver
Die seit dem 18. Jahrhundert in fast unveränderter Form praktizierte Zeremonie der
Kommandoübergabe bei der Navy ging planmäßig um 11.24 Uhr zu Ende. Sie war
zwei Wochen früher als erwartet abgehalten worden, damit der scheidende
Kommandant den ungeliebten Dienst im Pentagon rascher aufnehmen konnte. Captain
Jim Rosselli hatte die USS Maine durch die letzten achtzehn Monate der Bauzeit bei
der General Electrics-Tochter Electric Boat Division in Groton, Connecticut,
gebracht, hatte den Stapellauf und die Endausstattung überwacht, die Werft, und
Abnahmeprüfungen, die Indienststellung, die diversen Probeläufe, ein RaketenÜbungsschießen vor Port Canaveral, und war dann mit dem riesigen Boot durch den
Panamakanal zu dem Stützpunkt Bangor im Staate Washington gefahren. Seine letzte
Aufgabe, mit der USS Maine die erste Abschreckungspatrouille im Golf von Alaska
durchzuführen, war erledigt, und er hatte nun, vier Tage nach dem Einlaufen, das
Boot an Captain Harry Ricks, seine Ablösung, zu übergeben. Ganz so einfach war die
Prozedur aber nicht. Raketen-U-Boote hatten schon seit der Indienststellung des
ersten Typs dieser Art, der inzwischen längst verschrotteten und recycelten USS
George Washington, zwei komplette Besatzungen, die »Blau« und »Gold« hießen.
Die strategischen Boote konnten länger in See bleiben, wenn die Mannschaften sich
ablösten. Das war zwar teurer, aber auch effizienter. Die strategischen U-Boote der
Ohio-Klasse verbrachten im Durchschnitt zwei Drittel des Jahres in See, und zwar auf
jeweils siebzigtägigen Patrouillenfahrten, gefolgt von einer fünfundzwanzigtägigen
Wartungsperiode. Rosselli übergab also Ricks und seiner Mannschaft »Blau«, die
»Gold« ablöste und nun auf Patrouille ging, das gigantische U-Boot.
Nach der Zeremonie zog Rosselli sich in seine Kajüte zurück. Als erstem
scheidendem Kommandanten des Bootes standen ihm traditionell bestimmte
Souvenirs zu, darunter aus dem Teakholz des Decks gebohrte Cribbage-Stifte. Daß
der Skipper nach einem einzigen erfolglosen Versuch nie wieder Cribbage gespielt
hatte, tat nichts zur Sache. Diese Traditionen stammten zwar nicht ganz aus dem 18.
Jahrhundert, waren aber ebenso unverrückbar. Er konnte nun seiner Sammlung eine
goldbestickte Schildmütze, eine Plakette mit dem Namen des Bootes, ein von der
ganzen Mannschaft unterschriebenes Erinnerungsfoto und diverse Geschenke von
Electric Boat einverleiben.
»Verdammt, so was hab’ ich mir schon immer gewünscht«, murrte Ricks.
»Tja, das sind hübsche Stücke«, erwiderte Rosselli mit einem wehmütigen Lächeln.
Nur die allerbesten Offiziere bekamen einen Auftrag dieser Art. Unter seinem Befehl
hatte das Jagd-U-Boot USS Honolulu den Ruf eines erfolgreichen und »glücklichen«
Schiffes bekommen. Anschließend hatte man ihm die Besatzung »Gold« der USS
Tecumseh anvertraut, und auch hier hatte er geglänzt. Dieses dritte und zugleich
ungewöhnlichste Kommando war notwendigerweise kürzer gewesen als die üblichen
zweieinhalb Jahre. Er hatte den Schiffbauern in Groton auf die Finger gesehen und
das Boot für die beiden ersten richtigen Besatzungen klar zum Einsatz gemacht. Wie
lange fuhr es nun schon? So um die hundert Tage. Gerade la nge genug für ihn, um die
Maine in den Griff zu bekommen.
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»Machen Sie sich’s doch nicht so schwer, Rosey«, sagte der
Geschwaderkommandant, Captain (bald Konteradmiral) Bart Mancuso.
Rosselli bemühte sich um einen heiteren Tonfall. »Hören Sie. Bart, unter uns
Italienern: Ein bißchen Mitleid wäre angebracht.«
»Ich weiß, Sie sind un brave. Der Abschied fällt schwer.«
Rosselli wandte sich an Ricks. »Sie bekommen die beste Crew, die ich jemals hatte.
Aus dem IA wird einmal ein großartiger Skipper, wenn er soweit ist. Das Boot ist
perfekt in Schuß, alles funktioniert. Die Wartungsperiode ist reine
Zeitverschwendung. Nur der Anrichteraum der Offiziersmesse ist nicht richtig
verkabelt; da hat jemand von der Werft geschlampt und die Schalter nicht richtig
etikettiert. Der Bordelektriker wird das in Ordnung bringen. Ansonsten klappt alles.«
»Und der Reaktor?«
»Mannschaft und Gerät haben bei der Sicherheitsinspektion volle vier Punkte
bekommen.«
Ricks nickte. Vier Punkte, das war so gut wie perfekt und für die Männer von den
Atom-U-Booten so etwas wie der Heilige Gral.
»Sonar?«
»Wir bekamen das neue Modell vor seiner allgemeinen Einführung und haben
somit die beste Ausrüstung der ganzen Flotte. Kurz vor der Indienststellung habe ich
mit SubGru 2 etwas arrangiert, unter anderem mit einem alten Kameraden, Bart - Dr.
Ron Jones. Er arbeitet bei Sonosystems und fuhr sogar eine Woche bei uns mit. Der
Strahlenweg-Analysator ist die reinste Magie. Die Reaktionszeit der
Torpedomannschaft ließe sich noch um dreißig Sekunden drücken. Der ganze Verein
ist relativ jung, der Chief eingeschlossen, und muß sich erst noch einspielen, arbeitet
aber insgesamt kaum langsamer als mein Team auf der Tecumseh. Wenn ich ein
bißchen mehr Zeit hätte, wäre die Truppe bald ganz auf Draht.«
»Kein Problem«, merkte Ricks phlegmatisch an. »Ich muß ja was zu tun haben,
Jim. Wie viele Kontakte hatten Sie auf der ersten Fahrt?«
»Nur ein Boot der Akula -Klasse, die Admiral Lunin, die wir dreimal orteten.
jeweils über 60000 Meter. Und der Russe hatte keine Ahnung, hielt kein eines Mal
auf uns zu. Einmal hatten wir ihn 16 Stunden lang. Die Wasserverhältnisse waren
günstig, und da, tja -« Rosseli lächelte - »da hab’ ich ihn eben verfolgt, nur so aus
Gewohnheit.«
»Sie sind und bleiben ein Jäger«, meinte Ricks und grinste. Er hatte seine ganze
Karriere auf strategischen Booten verbracht und mißbilligte Rossellis
unkonventionelles Manöver, wollte aber die Atmosphäre nicht durch Kritik
verderben.
»Erstklassig fand ich Ihr Profil des Akula«, bemerkte Mancuso, um zu zeigen, daß
ihn Rossellis Entscheidung nicht im geringsten gestört hatte. »Ein gutes Boot, nicht
wahr?«
»Das Akula ist vorzüglich, aber nicht gut genug«, sagte Rosselli. »Aufzuregen
brauchen wir uns erst, wenn es uns gelingt, diese Dinger zu verfolgen. Ich habe das
einmal mit der Honolulu gegen die Alabama unter Richie Seitz versucht und fiel
prompt herein - zum ersten und einzigen Mal. Höchstens Gott findet ein Ohio - wenn
Er einen guten Tag hat.«
Rosselli meinte das ernst. Die Raketen-U-Boote der Ohio-Klasse waren superleise;
ihr Betriebsgeräusch lag unter dem Geräuschpegel des Ozeans und war wie ein
Flüstern in einem Rockkonzert. Um sie überhaupt zu vernehmen, mußte man
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unglaublich dicht herankommen, und um das zu verhindern, waren die Ohios mit den
bestentwic kelten Sonargeräten ausgerüstet. Mit dieser Klasse hatte die Navy einen
Volltreffer gelandet. Im Originalvertrag war eine Höchstgeschwindigkeit von 26 bis
27 Knoten gefordert worden; das erste Ohio aber lief 28,5. Maine, mit einem neuen
und sehr glatten Superpolymer-Anstrich versehen, schaffte bei den ersten
Versuchsfahrten 29,1. Die siebenschauflige Schraube erlaubte eine Geschwindigkeit
von fast zwanzig Knoten ohne jedes Kavitationsgeräusch, und der Reaktor, der in fast
allen Betriebsarten nach dem Konvektionsprinzip gekühlt wurde, brauchte keine
geräuschvolle Umlaufpumpe. Die geradezu besessen auf Geräuschkontrolle bedachte
Navy hatte mit dieser Klasse ein Spitzenprodukt geschaffen. Selbst die Messer des
Mixers in der Kombüse waren vinylbeschichtet, um metallisches Klappern zu
vermeiden. Das Ohio war der Rolls-Royce unter den U-Booten.
Rosselli wandte sich an Ricks. »So, jetzt gehört sie Ihnen, Harry.«
»Niemand hätte sie besser vorbereiten können, Jim. Gehen wir ins Kasino; ich
spendiere ein Bier.«
»Gut«, erwiderte der Exkommandant mit belegter Stimme. Die Mannschaft hatte
Aufstellung genommen und drückte ihm auf dem Weg von Bord ein letztes Mal die
Hand. An der Turmleiter hatte Rosselli Tränen in den Augen. Als er übers Vordeck
ging, liefen sie ihm über die Wangen. Mancuso verstand es. Ihm war es nicht anders
gegangen. Ein guter Kommandant entwickelt eine echte Liebe zu seinem Boot und
seiner Mannschaft, und Rosselli fiel der Abschied ganz besonders schwer, denn er
hatte nun schon mehr Kommandos gehabt, als ihm eigentlich zustanden. Er hatte zum
letzten Mal die gottähnliche Stellung des Befehlshabenden auf einem Kriegsschiff
genossen und mußte nun Mancusos Schicksal teilen - den Befehl von einem
Schreibtisch aus zu führen. Selbstverständlich konnte er weiterhin auf Booten
mitfahren, um Skipper zu beurteilen und neue Ideen und Taktiken zu prüfen, doch von
nun an nur noch als geduldeter, niemals als wirklich willkommener Gast an Bord. Am
unangenehmsten aber war, daß ihm ein Besuch auf seinem ehemaligen Boot ganz
verboten war; damit sollte vermieden werden, daß die Besatzung seinen Stil mit dem
des neuen Kommandanten verglich und damit dessen Autorität untergrub. So muß es
meinen Vorfahren ergangen sein, dachte Mancuso, als sie einen letzten Blick zurück
auf Italien warfen und wußten, daß sie nie wieder zurück kehren würden, daß dieser
Lebensabschnitt unwiderruflich zu Ende war.
Die drei Männer stiegen in Mancusos Dienstwagen und fuhren zum
Offizierskasino. Rosselli stellte seine Erinnerungsstücke auf den Boden, holte ein
Taschentuch hervor und wischte sich die Augen. Es ist einfach unfair, dachte er. Da
werde ich von diesem Superboot auf einen dumpfen Verwaltungsposten verbannt.
Zum Teufel mit der Personalpolitik! Rosselli putzte sich die Nase und stellte sich
darauf ein, den Rest seiner Dienstzeit an Land zu verbringen.
Mancuso wandte stumm und respektvoll den Blick ab.
Ricks schüttelte nur den Kopf. Was sollte diese Gefühlsduselei? Er dachte schon
über seine ersten Maßnahmen nach. Die Torpedomannschaft war noch nicht ganz auf
Zack? Wartet nur, euch werd’ ich Beine machen! Und der IA soll ein ganz besonders
helles Kerlchen sein. Na und? Welcher Skipper lobt seinen Ersten Offizier nicht?
Wenn der Mann wirklich reif für sein eigenes Kommando war, mochte er als IA
vielleicht zu eifrig sein und seinen Kommandanten nicht vorbehaltlos unterstützen.
Du wärst nicht der erste unter mir. den der Hafer sticht, dachte Ricks, ich werde dir
schon zeigen, wer der Chef ist. Die wichtigste und beste Nachricht war natürlich der
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erstklassige Zustand des Antriebs. Ricks war das Produkt einer Marine, die geradezu
besessen auf die Reaktorsicherheit achtete, und auf diesem Gebiet fand er den
Geschwaderkommandanten Mancuso etwas zu lässig. Ähnliches ließ sich vermutlich
auch über Rosselli sagen. Na schön, das Boot hatte die Sicherheitsprüfung glänzend
bestanden. Auf seinen Booten mußten die Ingenieure jeden Tag auf eine solche
Inspektion gefaßt sein. Bei der Ohio-Klasse funktionierten alle Systeme so gut, daß
die Männer zur Nachlässigkeit neigten, besonders wenn sie gerade eine Prüfung mit
Bestnote bestanden hatten. Hochmut kommt vor dem Fall. Und die CowboyMentalität dieser U-Jäger! Wie konnte jemand auf die Wahnsinnsidee kommen, ein
Akula zu verfolgen? Gut, der Abstand hatte sechzigtausend Meter betragen, aber was
hatte sich dieser Irre eigentlich dabei gedacht?
Ricks hielt sich an das Motto der strategischen U-Boote: VERSTECKT UND
STOLZ (die weniger schmeichelhafte Version war SEE-SCHISSER). Wer uns nicht
findet, kann uns nichts anhaben. Strategische Boote hatten Konfrontationen
auszuweichen; sie waren eigentlich keine Kriegsschiffe, sondern schwimmende
Abschußrampen für Interkontinentalraketen. Ricks war erstaunt, daß Mancuso
Rosselli nicht auf der Stelle zurechtgewiesen hatte.
Das mußte er sich merken. Mancuso hatte Rosselli nicht zusammengestaucht,
sondern belobigt.
Mancuso war sein Geschwaderkommandeur und war zweimal mit der
Distinguished Service Medal ausgezeichnet worden. Es war eigentlich unfair, daß ein
auf Tarnung bedachter Mann wie Ricks unter dem aggressiven Jägertypen Mancuso
dienen mußte, der von seinen Skippern Angriffslust erwartete. Der springende Punkt
war, daß Mancuso seine Beurteilung schreiben würde. Ricks war ein ehrgeiziger
Mann, der seine Karriere genauestens geplant hatte: Erst Geschwaderkommandeur,
dann wollte er eine angenehme Dienstzeit im Pentagon verbringen, der die Ernennung
zum Konteradmiral und die Erteilung des Befehls über eine U-Gruppe wie zum
Beispiel die in Pearl Harbor folgen sollte, denn es gefiel ihm auf Hawaii. Als
krönenden Abschluß stellte er sich eine Rückversetzung ins Pentagon vor. Diesen
Karriereplan hatte Ricks sich schon als Lieutenant zurechtgelegt, und wenn er sich nur
genauer an die Vorschriften hielt als alle anderen, konnte nichts schiefgehen.
Mit einem Vorgesetzten von den Jagd-U-Booten hatte er allerdings nicht gerechnet.
Nun, da mußte er sich eben anpassen. Das konnte er gut. Wenn ihm auf seiner
nächsten Fahrt ein Akula in die Quere kam, wollte er Rossellis Beispiel folgen - aber
natürlich erfolgreicher. Mancuso erwartete das sicher, und Ricks wußte, daß er im
direkten Wettbewerb mit dreizehn anderen SSBN-Kommandanten stand. Wenn er
Kommandant des Geschwaders werden wollte, mußte er unter vierzehn der Beste sein
und seinen Vorgesetzten beeindrucken. Gewiß, wenn sein Karrierepfad so gerade wie
seit zwanzig Jahren bleiben sollte, mußte er neue, ungewohnte Dinge probieren. Das
tat er zwar nur ungern, aber die Karriere hatte Vorrang. Er war ausersehen, eines nicht
zu fernen Tages die Admiralsflagge in seinem Dienstzimmer im Pentagon stehen zu
haben, und an diese Umstellung gewöhnte er sich dann bestimmt leicht. Ein Admiral
hatte seinen eigenen Stab, einen Fahrer und einen reservierten Parkplatz vor dem
Pentagon und mit viel Glück Aussicht auf einen Posten im E-Ring des Pentagons, wo
die Führung saß - oder, besser noch, als Direktor der Reaktorabteilung der Marine.
Der Herr aller Reaktoren - eine Funktion, für die er sich qualifiziert fühlte - legte die
technischen Standards und Verfahrensregeln fest, schrieb also sozusagen die Bibel für
alle, die mit Atomkraft zu tun hatten. Er brauchte sich also nur an diese Bibel zu
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halten, und dann war der Weg nach oben frei. Ricks, ein brillanter Ingenieur, kannte
die Vorschriften in und auswendig.
J. Robert Fowler hat also doch menschliche Züge, sagte sich Ryan. Die Konferenz
wurde im Obergeschoß des Weißen Hauses, wo sich auch die Schlafzimmer befanden,
abgehalten, weil die Klimaanlage im Westflügel wegen Instandsetzungsarbeiten außer
Betrieb war und das Oval Office wegen der Sonne, die durch die Fenster knallte, nicht
in Frage kam. Man traf statt dessen in einem Wohnraum zusammen, in dem oft bei
»informellen, intimen« Empfängen für rund fünfzig Personen das Büffet stand. Die
antiken Sitzmöbel waren um einen ziemlich großen Eßtisch gruppiert; ein
Wandgemälde stellte historische Szenen dar. Die Atmosphäre war informell und
locker. Fowler war das Drum und Dran seines Amtes zuwider. Der ehemalige
Bundesanwalt war an eine entspannte Arbeitsatmosphäre gewöhnt und fühlte sich mit
gelockerter Krawatte und aufgekrempelten Hemdsärmeln offenbar am wohlsten. Für
Ryan, der den Präsidenten als hochnäsig und steif im Umgang mit Untergebenen
kannte, war das ein seltsamer Widerspruch. Merkwürdiger noch, der Präsident war
mit dem Sportteil der Baltimore Sun, den er lieber las als den der Washington Post,
hereingekommen. Fowler war ein begeisterter Football-Fan. Die Vorrunde der
kommenden Saison war schon vorbei, und Fowler klopfte nun die Mannschaften der
Nationalen Football-Liga NFL auf ihre Chancen ab. Ryan zuckte mit den Achseln und
behielt das Jackett an. Fowler war als hochkomplexer Mensch ziemlich
unberechenbar.
Fowler, der sich diskret Zeit für diese Nachmittagskonferenz genommen hatte, saß
am Kopfende des Tisches direkt unter einer Belüftungsöffnung und lächelte sogar ein
wenig, als seine Gäste Platz nahmen. Zu seiner Linken saß G. Dennis Bunker, ein
ehemaliger Kampfpilot der Air Force, der zu Beginn des Vietnamkrieges hundert
Einsätze geflogen und dann den Dienst quittiert hatte, um eine Firma zu gründen, aus
der inzwischen ein Milliarden-Imperium geworden war. Den Konzern und was er an
Aktien von anderen Firmen besaß hatte er bis auf ein Unternehmen, die San Diego
Chargers, verkauft, um den Kabinettsposten zu besetzen. Kein Wunder, daß sich viele
Senatoren bei der Ratifizierung seiner Ernennung spöttisch fragten, ob Fowler sein
Verteidigungsminister nicht vorwiegend als Football-Enthusiast sympathisch war.
Bunker war als Falke in der Fowler-Administration eine Rarität und ein Fachmann in
Verteidigungsfragen, auf den die Militärs hörten. Die Air Force hatte er zwar nur als
Captain, aber mit drei Fliegerkreuzen verlassen, die er sich mit seinem Jagdbomber F105 über Hanoi verdient hatte. Dennis Bunker hatte Gefechtserfahrung und konnte
mit Captains über Taktiken und mit Generälen über Strategien fachsimpeln. Militärs
und Politiker respektieren den VM gleichermaßen, und das war eine Seltenheit.
Bunkers Nebenmann war Brent Talbot, der Außenminister. Der ehemalige
Politologieprofessor der Northwestern University war ein alter Freund und
Verbündeter des Präsidenten. Talbot, ein distinguierter Siebziger mit weißem Haar
und einem blassen, intelligenten Gesicht, erinnerte weniger an einen Akademiker als
an einen Gentleman der alten Schule - wenngleich mit Killer-Instinkt. Nach Jahren als
außenpolitischer Berater und Mitglied zahlloser Ausschüsse hatte er endlich eine
Stellung, die seinem Wort Gewicht verlieh. Der Theoretiker mit Zugang zu den
Schaltstellen der Macht hatte auf Fowler gesetzt und konnte nun selbst die Hebel
bewegen. Der Außenminister, ein visionärer Kopf, erkannte in dem neuen Ost-WestVerhältnis die historische Chance, die Welt zu verändern und seinen Namen mit
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dieser Entwicklung in Verbindung zu bringen.
Rechts vom Präsidenten saß Arnold van Damm, der Stabschef, denn dies war
schließlich eine politische Zusammenkunft, bei der politischer Rat von höchster
Bedeutung war. Van Damms Nachbarin war Elizabeth Elliot, die neue
Sicherheitsberaterin, die heute recht streng aussah in ihrem teuren Kostüm und dem
dünnen Halstuch, wie Ryan fand. Neben ihr hatte sich Marcus Cabot niedergelassen,
der Direktor der CIA und Ryans unmittelbarer Vorgesetzter.
Die zweitrangigen Leute waren natürlich weiter vom Zentrum der Macht entfernt
gruppiert. Ryan und Adler hatte man am Ende des Tisches untergebracht, wo sie
einerseits vom Präsidenten getrennt und andererseits bei ihrem Vortrag im Blick der
wichtigeren Konferenzteilnehmer waren.
»Na, Dennis, wird das euer Jahr?« fragte der Präsident den Verteidigungsminister.
»Aber klar«, erwiderte Bunker. »Ich habe lange genug warten müssen, aber mit den
beiden neuen Vorverteidigern kommen wir nach Denver.«
»Um dort auf die Vikings zu treffen«, merkte Talbot an. »Dennis, warum haben Sie
sich nicht den Tony Wills geschnappt, wo Sie doch die erste Wahl hatten?«
»Weil ich schon drei gute Hinterfeldspieler habe und Vorverteidiger brauchte.
Dieser Junge aus Alabama ist ein Naturtalent.«
»Das werden Sie noch bereuen«, erklärte der Außenminister. Tony Wills, der von
der Northwestern University in die Nationalliga geholt worden war, hatte als
erstklassiger Sportler und Student zugleich seiner Mannschaft wieder zu einem
Namen verholfen und war Talbots Lieblingsschüler gewesen. Dem in jeder Hinsicht
außergewöhnlichen jungen Mann wurde bereits eine Zukunft in der Politik
prophezeit; Ryan hielt das angesichts der sich ständig verändernden politischen
Landschaft in den Staaten für verfrüht. »Warten Sie nur, im dritten Spiel der Saison
werden Sie abgezogen, und bei der Superbowl dann noch mal - falls Ihre Mannschaft
es überhaupt bis ins Endspiel schafft, was ich bezweifle, Dennis.«
»Wir werden ja sehen«, schnaubte Bunker.
Der Präsident ordnete lachend seine Unterlagen. Liz Elliot verbarg erfolglos ihre
Mißbilligung, wie Jack auf die Distanz feststellte. Sie hatte Papiere und Stift schon
längst bereitliegen und ließ sich ihre Ungeduld anmerken. Solche Gespräche gehörten
ihrer Meinung nach in die Umkleidekabine. Nun, jetzt hatte sie wenigstens den Job,
auf den sie scharf gewesen war. Die Stelle war zwar nur durch einen Todesfall frei
geworden - Ryan hatte die näheren Umstände inzwischen erfahren -, aber sie war nun
am Ziel.
»Kommen wir zur Tagesordnung«, sagte der Präsident. Augenblicklich verstummte
der Lärm. »Mr. Adler, bitte berichten Sie über Ihre Reise.«
»Gerne, Mr. President. Meiner Auffassung nach sind nun die meisten Teile des
Puzzles dort, wo sie hingehören. Der Vatikan ist vorbehaltlos mit den Punkten unseres
Friedensplans einverstanden und jederzeit bereit, bei den Verhandlungen als
Gastgeber zu fungieren.«
»Wie reagierte Israel?« fragte Liz Elliot, um zu beweisen, daß sie auf dem
laufenden war.
»Die Reaktion hätte positiver ausfallen können«, meinte Adler neutral. »Israel wird
zwar eine Delegation entsenden, aber ic h rechne mit starkem Widerstand.«
»Wie stark?«
»Man wird alles tun, um nicht festgenagelt zu werden. Den Israelis ist diese Idee
sehr unangenehm.«
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»Kaum verwunderlich, Mr. President«, fügte Talbot hinzu.
»Und die Saudis?« fragte Fowler Ryan.
»Sir, ich habe den Eindruck, daß sie mitziehen werden. Prinz Ali war sehr
optimistisch. Wir sprachen eine Stunde lang mit dem König, dessen Reaktion
zurückhaltend, aber positiv war. Die Saudis haben nur die Befürchtung, daß sich die
Israelis trotz allem massiven Druck von unserer Seite nicht an dem Prozeß beteiligen
werden und daß sie damit im arabischen Lager isoliert sind. Aber lassen wir diesen
Aspekt einmal beiseite, Mr. President. Die Saudis sind mit der Rohfassung des Plans
einverstanden und bereit, an seiner Umsetzung mitzuwirken. Es wurde der Wunsch
nach geringfügigen Änderungen laut, die aber allesamt unproblematisch sind und in
zwei Fällen sogar eine echte Verbesserung darstellen.« .
»Und die Sowjets?«
»Dort hat Scott sondiert«, erwiderte Minister Talbot. »Sie unterstützen die Idee,
rechnen aber nicht mit Israels Kooperation. Präsident Narmonow erklärte vorgestern
in einem Telex, der Plan stünde im Einklang mit der Politik seiner Regierung. Moskau
ist sogar bereit, seine Waffenlieferungen an die anderen Staaten der Region auf reine
Verteidigungsbedürfnisse zu reduzieren.«
»Tatsächlich?« platzte Ryan heraus.
»Da haben Sie wohl danebengetippt, was?«meinte Direktor Cabot und lachte in
sich hinein.
»Wieso?« fragte der Präsident.
»Mr. President, Waffenlieferungen in den Nahen Osten sind für die Sowjets ein
Dukatenesel. Eine Einschränkung dieses Handels würde einen Milliardenverlust an
bitter benötigten Devisen bedeuten.« Ryan lehnte sich zurück und pfiff. »Das
überrascht mich.«
»Sie möchten auch mit einigen Leuten an den Verhandlungen teilnehmen. Dagegen
ist nichts einzuwenden. Die Waffenlieferungen werden, sollten die Verhandlungen
überhaupt so weit gedeihen, in einem Sondervertrag zwischen uns und den Sowjets
geregelt.« Liz Elliot lächelte Ryan triumphierend zu. Sie hatte diese Entwicklung
vorausgesehen.
»Im Gegenzug erwarten die Sowjets Getreidelieferungen und ein paar
Handelskonzessionen«, fügte Talbot hinzu. »Das läßt sich vertreten. Für uns ist
sowjetische Mitarbeit in dieser Angelegenheit überaus wichtig, und Narmonow ist an
dem mit dem Pakt verbundenen Prestigegewinn interessiert. Es ist ein für beide Seiten
fairer Handel. Es liegt bei uns ja genug Getreide herum.«
»Das einzige Hindernis ist also Israel?« fragte Fowler die Runde. Es wurde genickt.
»Wie ernst ist das?«
Cabot wandte sich an seinen Stellvertreter. »Jack, wie hat Avi Ben Jakob reagiert?«
»Ich war am Tag vor meinem Abflug nach Saudi-Arabien mit ihm essen und
gewann den Eindruck, daß er gar nicht glücklich war. Was genau er nun wußte, kann
ich nicht sagen. Ich gab ihm kaum einen Hinweis für seine Regierung, und...«
»Was heißt hier >kaum< Ryan?« fauchte Elliot.
»Nichts«, antwortete Ryan. »Abwarten und Tee trinken, war meine Antwort, und
Leute vom Nachrichtendienst hören so etwas nicht gern. Er ahnte wohl, daß etwas im
Busch war, wußte aber nicht, was.«
»Ich erntete in Israel überraschte Blicke«, warf Adler zu Ryans Unterstützung ein.
»Man hatte mit etwas gerechnet, war aber auf meine Präsentation nicht vorbereitet.«
Der Außenminister beugte sich vor. »Mr. President, Israel lebt seit zwei
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Generationen mit der Illusion, daß es einzig und allein für seine Sicherheit
verantwortlich ist. Das ist in diesem Land schon fast ein Glaubenssatz. Man ist von
unseren Waffenlieferungen und unserer Finanzhilfe abhängig, tut aber so, als sei man
autark - aus Angst, die nationale Sicherheit von anderen, die einem dann irgendwann
ihre Unterstützung verweigern könnten, garantieren zu lassen.«
»Dieses Argument habe ich langsam satt«, merkte Liz Elliot kalt an.
Wenn du sechs Millionen Verwandte verloren hättest, würdest du anders denken,
sagte sich Ryan. Der Holocaust ist und bleibt ein hochempfindliches Thema.
»Wir können wohl davon ausgehen, daß ein bilateraler Verteidigungspakt zwischen
den Vereinigten Staaten und Israel den Senat glatt passiert«, ließ sich Arnie van
Damm zum ersten Mal vernehmen.
»Wie rasch können wir die erforderlichen Einheiten in Israel einsetzen?«
»In rund fünf Wochen, wenn Sie jetzt grünes Licht geben«, erwiderte der
Verteidigungsminister. »Das 10. gepanzerte Kavallerieregiment, das sich gerade
formiert, ist praktisch eine schwere Brigade, die jede arabische Division zu schlagen besser: zu vernichten - in der Lage ist. Hinzu käme eine Einheit der Marineinfanterie,
und wenn man uns Haifa als Stützpunkt gibt, haben wir fast immer einen
Trägerverband im östlichen Mittelmeer. Zusammen mit dem auf Sizilien stationierten
Geschwader F-16 wäre das eine nicht zu verachtende Streitmacht. Dem Militär wird
die Sache auch gefallen, weil es ein größeres Manövergelände bekommt. Wir richten
einen Stützpunkt in der Negev ein; Üben und nochmals Üben garantiert den optimalen
Bereitschaftsgrad der Einheit. Das wird zwar nicht billig, aber...«
»Sie werden den Preis zahlen«, schnitt der Präsident Bunker sanft das Wort ab.
»Das ist die Sache wert, und der Kongreß wird uns wohl die Mittel nicht verweigern,
nicht wahr, Arnie?«
»Jeder Abgeordnete, der über diesen Plan meckert, wird abgewählt«, sagte der
Stabschef zuversichtlich.
»Es muß also nur noch Israels Widerspruch überwunden werden«, faßte Fowler
zusammen.
»Korrekt, Mr. President«, erwiderte Talbot für alle Anwesenden.
»Und wie ist das am einfachsten zu erreichen?« Fowlers Frage war rein rhetorisch,
denn eine Antwort war bereits formuliert. Die gegenwärtige israelische Regierung war
eine wacklige, zerstrittene Koalition, für die ein gezielter Schubs aus Washington
ausreichte, um sie zu Fall zu bringen. »Und der Rest der Welt?«
»Die NATO-Länder sind kein Problem. Die restlichen UN-Mitglieder werden
widerwillig mitziehen«, erklärte Elliot, ehe Talbot etwas sagen konnte. »Solange die
Saudis mitspielen, schließt sich die islamische Welt an. Sperrt sich Israel, steht es
isolierter da als je zuvor.«
»Zu großen Druck würde ich nicht ausüben«, sagte Ryan.
»Dr. Ryan, das fällt nicht in Ihren Zuständigkeitsbereich«, sagte Elliot sanft. Einige
Konferenzteilnehmer bewegten leicht die Köpfe oder machten schmale Augen, aber
es setzte sich niemand für Ryan ein.
»Gewiß, Dr. Elliot«, unterbrach Ryan die peinliche Stille. »Andererseits könnte
exzessiver Druck auf Israel das Gegenteil von dem bewirken, was der Präsident
beabsichtigt. Und wir dürfen auch die moralische Dimension nicht außer acht lassen.«
»Dr. Ryan, es geht uns hier nur um die ethische Dimension«, sagte der Präsident.
»Und die läßt sich leicht definieren: Es hat in der Region genug Kriege gegeben; es ist
Zeit, Frieden zu schaffen. Unser Plan ist ein Mittel zu diesem Zweck.«
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Unser Plan, hörte Ryan ihn sagen. Van Damms Blick flackerte kurz, Jack erkannte,
daß er in diesem Raum so isolie rt war, wie Israel es in der Absicht des Präsidenten
sein sollte. Er schaute auf seine Unterlagen und schwieg. Von wegen ethische
Dimension, dachte Ryan zornig. Hier geht es um einen Meilenstein in der Geschichte
und um das politische Kapital, das Fowler aus seiner Rolle als großer Friedensstifter
schlagen kann. Aber dies war nicht der Augenblick für Zynismen. Der Plan war zwar
nicht mehr Ryans Geisteskind, aber trotzdem eine löbliche Sache.
»Und wie nehmen wir die Israelis in den Schwitzkasten?« fragte Fowler heiter. »Ich
denke nicht an drastische Maßnahmen, sondern an einen diskreten, deutlichen Wink.«
»Nächste Woche soll eine Ladung Flugzeugersatzteile an sie abgehen«, sagte
Verteidigungsminister Bunker. »Israel will die Radarsysteme seiner F-15 austauschen.
Es gäbe auch noch andere Druckmittel, aber diese neue Radaranlage, die wir selbst
gerade erst in unsere Maschinen einbauen, ist ihnen sehr wichtig. Das gleiche gilt für
das Raketensystem der F-16. Die Luftwaffe ist Israels Kronjuwel. Wenn wir diese
Lieferungen aus technischen Gründen zurückhalten, ist das ein Wink mit dem
Zaunpfahl.«
»Läßt sich das unauffällig bewerkstelligen?« fragte Elliot.
»Wir können ihnen zu verstehen geben, daß laute Reklamationen wenig hilfreich
sind«, meinte van Damm. »Wenn die Rede vor den Vereinten Nationen wie erwartet
positiv aufgenommen wird, könnten wir der israelischen Lobby im Kongreß
zuvorkommen.«
»Es wäre besser, ihnen den Kompromiß mit mehr Waffen schmackhafter zu
machen, als ihre existierenden Systeme lahmzulegen.« Das war Ryans letzter
Versuch. Die Sicherheitsberaterin knallte ihm die Tür vor der Nase zu.
»Dazu fehlen uns die Mittel.«
Der Stabschef stimmte zu: »Der Verteidigungshaushalt gibt selbst für Israel nichts
mehr her. Das Geld ist einfach nicht da.«
»Ich bin dafür, Israel vorzuwarnen - falls wir tatsächlich Druck ausüben wollen«,
sagte der Außenminister.
Liz Elliot schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn die Botschaft wirklich ankommen soll,
müssen wir hart durchgreifen. Dafür sollte Israel, das ja selbst nicht mit
Samthandschuhen arbeitet, Verständnis haben.«
»Nun gut.« Der Präsident machte sich eine letzte Notiz. »Warten wir bis nach
meiner Rede. Ich habe sie geändert und eine formelle Einladung zu Verhandlungen,
die in zwei Wochen in Rom beginnen sollen, eingefügt. Wir geben Israel zu
verstehen, daß es zwei Möglichkeiten hat: mitzuspielen oder sich auf die
Konsequenzen gefaßt zu machen. Diesmal meinen wir es ernst. Und diesen Wink
geben wir auf die von Minister Bunker vorgeschlagene Weise - ohne Vorwarnung.
Sonst noch etwas?«
»Indiskretionen?« fragte van Damm leise.
»Hält Israel dicht?« fragte die Sicherheitsberaterin Scott Adler.
»Ich habe gesagt, die Sache sei streng geheim, aber...«
»Brent, rufen Sie den israelischen Außenminister an und bestellen Sie ihm, daß es
ernste Konsequenzen gibt, wenn etwas an die Öffentlichkeit gelangt.«
»Jawohl, Mr. President.«
»Und im übrigen dringt nichts über diese Gruppe hinaus.« Dieser Befehl des
Präsidenten zielte auf das Ende des Tisches. »Ende der Sitzung.«
Ryan nahm seine Papiere und ging hinaus. Einen Moment später hielt Marcus
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Cabot ihn im Korridor an. »Jack, Sie sollten wissen, wann Sie den Mund zu halten
haben.«
»Ich bitte Sie, Sir, wenn wir zu viel Druck machen...«
»Kriegen wir, was wir wollen.«
»Ich halte das für falsch und unklug. Wir bekommen sowieso, was wir wollen, auch
wenn es ein paar Monate dauert. Aber dazu brauchen wir Israel nicht zu drohen.«
»Der Präsident will es aber so.« Cabot beendete das Gespräch, indem er sich
entfernte.
»Jawohl, Sir«, sagte Jack ins Leere.
Der Rest der Gruppe kam im Gänsemarsch heraus. Talbot zwinkerte ihm zu und
nickte. Die anderen vermieden mit Ausnahme von Scott Adler jeden Blickkontakt.
Adler kam herüber, nachdem sein Chef ihm etwas zugeflüstert hatte. »Schöner
Versuchsballon, Jack. Vor ein paar Minuten wären Sie beinahe geflogen.«
Ryan war verblüfft. Sollte er denn nicht seine Meinung sagen? »Scott, wenn ich
noch nicht einmal...«
»Sie dürfen dem Präsidenten nicht in die Parade fahren, jedenfalls nicht bei diesem
Projekt. Sie haben nicht den Rang, um mit einer Gegenmeinung durchzukommen.
Brent war im Begriff, dieses Argument anzubringen, aber dann fuhren Sie
dazwischen, setzten sich nicht durch und nahmen ihm damit den Spielraum. Halten
Sie sich also beim nächsten Mal zurück, klar?«
»Danke für Ihre Unterstützung«, versetzte Jack mit einiger Schärfe.
»Jack. Sie haben sich selbst die Tour vermasselt, einen korrekten Standpunkt falsch
vertreten. Lassen Sie sich das eine Lehre sein.« Adler machte eine Pause.
»Mein Chef sagt, Sie hätten das in Riad sehr gut gemacht. Wenn Sie nun noch
lernen könnten, wann Sie den Mund zu halten haben, wären Sie perfekt, meinte er.«
»Tja, da hat er wohl recht«, gestand Ryan.
»Wo wollen Sie jetzt hin?«
»Nach Hause. Im Büro ist heute nichts mehr zu tun.«
»Kommen Sie mit uns. Brent will mit Ihnen reden. Wir nehmen drüben bei uns
einen kleinen Imbiß.« Adler führte Jack zum Aufzug.
»Nun?« fragte der Präsident, der im Sitzungszimmer geblieben war.
»Sieht bestens aus, finde ich«, meinte van Damm. »Besonders, wenn wir die Sache
noch vor den Wahlen über die Bühne bringen.«
»Ja, ein paar Extramandate wären angenehm«, stimmte Fowler zu. Die ersten
beiden Jahre seiner Amtszeit waren nicht einfach gewesen. Haushaltsprobleme und
eine unsichere Wirtschaftslage hatten seine Programme lahmgelegt und seinen
aggressiven Führungsstil fragwürdig wirken lassen. Die Kongreßwahlen im
November waren der erste Test für die neue Administration, und die Ergebnisse der
Meinungsumfragen sahen nicht gerade glänzend aus. Zwar mußte die Partei des
Präsidenten normalerweise bei Zwischenwahlen Sitze abgeben, aber zu große
Verluste konnte sich dieser Präsident nicht leisten. »Bedauerlich, daß wir die Israelis
unter Druck setzen müssen, aber...«
»Der politische Gewinn wiegt schwerer - vorausgesetzt, wir bringen den
Friedensvertrag durch.«
»Das schaffen wir«, meinte Elliot. »Wenn wir unsere Termine einhalten, kann der
Senat die Sache bis zum 16. Oktober ratifiziert haben.«
»An Ehrgeiz mangelt es Ihnen nicht«, merkte Arnie an. »So, ich habe noch zu
arbeiten. Wenn Sie mich entschuldigen wollen, Mr. President?«
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»Bis morgen, Arnie.«
Fowler trat an das Fenster über der Pennsylvania Avenue. Über dem Asphalt
flimmerte die Luft in der Augusthitze. Gegenüber im Lafayette Park standen noch
zwei Atomwaffengegner mit Transparenten. Fowler grinste verächtlich und
schnaubte. Wußten diese Spinner denn nicht, daß Atomwaffen längst überholt waren?
Er drehte sich um.
»Elizabeth, haben Sie Lust, mit mir zu Abend zu essen?«
Dr. Elliot strahlte ihren Chef an. »Aber sicher, Bob.«
Das einzig Gute an den Drogengeschäften seines Bruders war, daß er einen alten
Koffer mit fast hunderttausend Dollar zurückgelassen hatte. Marvin hatte das Geld an
sich genommen und war nach Minneapolis gefahren, um sich ordentliche Kleidung ,
anständiges Reisegepäck und einen Flugschein zu kaufen. Im Gefängnis hatte er unter
anderem gelernt, wie man sich eine andere Identität beschafft, und besaß nun gleich
drei Pässe, von denen die Polizei nichts wußte. Das Gefängnis hatte ihn außerdem
gelehrt, sic h unauffällig zu verhalten. Seine Kleidung war vorzeigbar, aber nicht
knallig. Er kaufte ein Standby-Ticket für einen Flug, der wahrscheinlich unterbucht
war, und sparte so einige hundert Dollar. Der Rest des Geldes, 91 545 Dollar, mußte
lange reichen, denn da, wo er hinwollte, war das Leben nicht billig. Menschenleben
hingegen schon, die zählten dort wenig. Nun, damit kann sich ein Krieger abfinden,
dachte er.
Nach einem Zwischenstopp in Frankfurt flog er in südlicher Richtung weiter.
Russell, ein gewitzter Mann, hatte vor vier Jahren an einer Art internationaler
Konferenz teilgenommen - die Reise hatte ihn eine komplette Identität gekostet - und
gelernt, wie man Kontakte herstellt. Internationale Terroristen sind angesichts der
vielen Verfolgungen notgedrungen vorsichtig. Ohne es zu wissen, hatte Russell Glück
- einer von drei Kontakten, an die er sich erinnerte, war schon vor langer Zeit
zusammen mit zwei Mitgliedern der Roten Brigaden aufgeflogen. Er wählte eine der
anderen beiden Nummern, es klappte, und er wurde in Athen zu einem Treff geführt,
bei dem man ihn überprüfte und ihm den Weiterflug genehmigte, Russell war hastig
in sein Hotel zurückgekehrt - er vertrug das griechische Essen nicht - und wartete nun
nervös auf einen Anruf. Trotz aller Vorsicht fühlte er sich angreifbar. Er hatte noch
nicht einmal ein Taschenmesser dabei - bewaffnet zu fliegen war viel zu gefährlich und war jedem bewaffneten Polizisten vollkommen ausgeliefert. Was, wenn sein
Kontakt »verbrannt« war? Dann würde man ihn hier verhaften oder in einen sorgfältig
geplanten Hinterhalt locken, aus dem es nur mit Glück ein Entkommen gab.
Europäische Ordnungshüter scherten sich weniger um verfassungsmäßig garantierte
Rechte als ihre amerikanischen Kollegen - aber er verwarf diesen Gedanken sofort, als
er sich entsann, wie das FBI mit seinem Bruder umgesprungen war.
Verdammt! Wieder ein Sioux-Krieger abgeknallt wie ein Hund. Er hatte noch nicht
einmal Zeit für die Totenklage gehabt. Dafür sollen sie büßen, dachte Russell und
korrigierte sic h: Zumindest, wenn ich lange genug lebe.
Er saß in dem dunklen Zimmer am Fenster, beobachtete den Verkehr, hielt
Ausschau nach der Polizei, wartete auf den Anruf. Wie soll ich meinen Bruder
rächen? fragte sich Russell, ohne daß er eine Antwort darauf wußte, aber das machte
nichts. Entscheidend war, daß er überhaupt etwas unternahm. Der Geldgürtel spannte
und trug an seiner Taille auf: ein Nachteil seines Krafttrainings. Aber er durfte sein
Kapital nicht verlieren. Was machte Geld doch für Umstände: DM in Deutschland,
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Drachmen oder Drachen oder was sonst hier in Griechenland. Zum Glück hatte er
seinen Flugschein in Dollar bezahlen können. Aus diesem Grund zog er
amerikanische Fluggesellschaften vor; die Stars and Stripes am Heck waren ihm
schnuppe. Das Telefon ging. Russell nahm den Hörer ab.
»Ja?«
»Warte morgen um halb zehn reisefertig vor dem Hotel. Verstanden?«
»Neun Uhr dreißig. Verstanden.« Es wurde aufgelegt.
»Gut«, sagte Russell, stand auf und ging zum Bett. Die Tür war mit einer
Vorhängekette gesichert und zweimal abgeschlossen; außerdem hatte er einen Stuhl
unter die Klinke geklemmt. Marvin bedachte seine Lage. Wenn dies eine Falle war,
konnte er direkt vor dem Hotel erwischt oder in einen Hinterhalt außerhalb der
Sichtweite der Passanten gelockt werden ... Für wahrscheinlicher hielt er die letztere
Möglichkeit. Man würde sich doch nicht die Mühe machen, einen Treff zu
vereinbaren, um dann hier die Tür einzutreten. Andererseits waren Polizisten
unberechenbar. Er schlief also bekleidet in Jeans und Hemd und mit seinem
umgeschnallten Geldgürtel; schließlich mußte er auch vor Dieben auf der Hut sein.
Russell erwachte beim ersten rosa Schimmer der Morgendämmerung. Er hatte sich
ganz bewußt ein Zimmer mit Ostfenster geben lassen, sprach nun ein Morgengebet
zur Sonne und bereitete sich auf die Abreise vor. Das Frühstück ließ er sich aufs
Zimmer bringen - auf die paar Drachmen extra kam es nun wirklich nicht an - und
packte die wenigen Sachen, die er aus seinem Koffer genommen hatte, wieder ein.
Um neun war er fertig. Er war sehr nervös. Wenn etwas passierte, konnte in dreißig
Minuten alles vorbei sein. Vielleicht mußte er noch vor der Mittagszeit sterben - in
einem fremden Land, fern den Geistern seines Volkes. Bringt man meine Leiche
zurück ins Reservat? fragte er sich. Wohl kaum. Man läßt mich bestimmt einfach
verschwinden. Er unterstellte der Polizei Methoden, die er selbst angewandt hätte.
Russell ging im Zimmer auf und ab, schaute immer wieder aus dem Fenster auf den
Verkehr und die Straßenverkäufer. Jeder, der dort unten Cola verkaufte oder
Andenken an die Touristen verhökerte, konnte jemand von der Polizei sein. Vielleicht
sogar alle. Bullen fehlte der Mumm zu einem fairen Kampf; sie schossen aus dem
Hinterhalt und griffen in Rudeln an.
9:15. Die Ziffern der Digitaluhr sprangen entweder rasch oder träge um - je
nachdem, wie oft sich Russell nach ihnen umdrehte. Nun war es soweit. Er nahm sein
Gepäck und verließ das Zimmer, ohne noch einmal zurückzuschauen. Ein kurzer Weg
zum Aufzug, der so schnell kam, daß Russells Paranoia wieder geweckt wurde. Kurz
darauf stand er in der Halle. Ein Page wollte ihm das Gepäck abnehmen, aber er
lehnte das Angebot ab und ging an den Empfang. Hier war nur noch das Frühstück zu
bezahlen; er beglich die Rechnung mit seinen restlichen Drachmen. Da er nun noch
ein paar Minuten Zeit hatte, sah er am Kiosk nach, ob es dort Zeitungen in Englisch
gab. Was geschieht auf der Welt? fragte er sich und stutzte: Die Welt, was ist das
eigentlich? Für ihn, der von Gefahr, Bedrohung und Fluchtinstinkten eingeengt lebte,
war die Welt das, was er jeweils gerade sehen konnte, eine Sphäre, die immer nur so
weit war, wie seine Sinne reichten. In der Heimat konnte er ferne Horizonte und die
riesige Himmelskuppel sehen. Hier wurde die Realität von Mauern eingegrenzt. Er
bekam einen jähen Anfall von Angst, erkannte plötzlich, wie ein gehetztes Tier sich
fühlen mußte, und kämpfte gegen die Panik an. Nun schaute er auf die Uhr: 9.28. Es
war Zeit.
Russell ging hinaus zum Taxistand, in gespannter Erwartung, was nun passieren
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würde. Er stellte sein Gepäck ab und sah sich in dem Bewußtsein, daß vielleicht schon
Gewehrläufe auf seinen Kopf gerichtet waren, so lässig wie möglich um. Droht mir
nun Johns Schicksal? Ein Schuß in den Kopf, ohne Warnung? Bei dem Gedanken
wurde ihm übel. Russell ballte die Fäuste, um das Zittern zu stoppen, als ein Wagen
sich näherte. Der Fahrer schaute zu ihm hinüber. Er nahm seine Koffer und ging auf
das Auto zu.
»Mr. Drake?« Das war der Name, unter dem Russell reiste. Der Fahrer war nicht
der Mann, dem er am Vorabend begegnet war. Russell wußte nun, daß er es mit Profis
zu tun hatte. Ein gutes Zeichen.
»Der bin ich«, erwiderte Russell mit einem schiefen Lächeln.
Der Fahrer stieg aus und öffnete den Kofferraum. Russell wuchtete die Koffer
hinein, ging dann an die Beifahrerseite und stieg ein. Wenn das eine Falle war, konnte
er wenigstens den Fahrer mit in den Tod nehmen.
Fünfzig Meter weiter saß Wachtmeister Spiros Papanikolaou von der griechischen
Staatspolizei in einem alten Opel-Taxi. Der Beamte, der einen mächtigen schwarzen
Schnauzbart trug und gerade in ein belegtes Brötchen biß, sah ganz und gar nicht wie
ein Polizist aus. Er hatte eine kleine Automatic im Handschuhfach liegen, mit der er
jedoch nicht sehr gut umgehen konnte, wie viele seiner europäischen Kollegen. Seine
eigentliche Waffe war die Nikon in der Federhalterung unterm Sitz. Papanikolaou
observierte im Auftrag des Ministeriums für öffentliche Ordnung. Sein
Personengedächtnis war phänomenal - die Kamera war eigentlich nur für Leute,
denen dieses Talent, auf das er mit Recht stolz war, fehlte. Sein Beruf erforderte große
Geduld, aber an der mangelte es ihm nicht. Wenn seine Vorgesetzten Hinweise auf
eine mögliche Terroristen-Aktion im Raum Athen erhalten hatten, ging er in Hotels,
am Hafen und auf dem Flughafen Streife. Er war zwar nicht der einzige Beamte mit
dieser Funktion, aber der beste und hatte das feine Gespür seines Vaters, eines
Fischers, geerbt, der auch immer gewußt hatte, wo die Schwärme zogen. Außerdem
haßte er Terroristen mehr als alle anderen Kriminellen und war wütend auf seine
Regierung, die sich nicht dazu durchringen konnte, das Gesindel aus dem Land zu
jagen. Im Augenblick aber griff man zur Abwechslung einmal härter durch. Vor einer
Woche war ein vermutliches Mitglied der PFLP in der Nähe des Parthenon gesehen
worden. Vier Männer seines Dezernats überwachten den Flughafen, andere taten in
Piräus Dienst, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegten, aber Papanikolaou observierte am
liebsten in Hotels. Irgendwo mußten die Kerle nämlich unterkommen. Nie in den
besten Häusern - das wäre zu auffällig gewesen. Auch nie in billigen Absteigen - dazu
legten sie zu großen Wert auf Komfort. Nein, man zog Familienhotels in
Nebenstraßen vor, wo man in der Masse der Touristen unterging. Papanikolaou aber
hatte die scharfen Augen seines Vaters geerbt und konnte ein Gesicht in einer halben
Sekunde über eine Distanz von siebzig Metern erkennen.
Und der Fahrer des blauen Fiat kam ihm bekannt vor. Er konnte keinen Namen mit
ihm in Verbindung bringen, entsann sich aber, sein Gesicht irgendwo gesehen zu
haben, in der Akte »Unbekannt« vermutlich, die Hunderte von Bildern enthielt, die
Interpol und militärische Nachrichtendienste geliefert hatten. Griechenland - Hellas
für den Wachtmeister - hatte Leonidas und Xenophon, Odysseus und Achilles
hervorgebracht und war als Land der epischen Helden und als Wiege der Demokratie
kein Tummelplatz für ausländisches Mordgesindel.
Und wer ist der andere? fragte sich Papanikolaou. Gekleidet wie ein Amerikaner,
aber seltsame Gesichtszüge. Mit einer fließenden Bewegung hob er die Kamera,
99
stellte das Teleobjektiv scharf und schoß in rascher Folge drei Aufnahmen. Der Fiat
war angefahren. Papanikolaou schaltete die Beleuchtung des Taxischilds auf dem
Wagendach aus und beschloß, ihm zu folgen.
Russell machte es sich auf dem Sitz bequem und schnallte sich nicht an. Der Gurt
war nur hinderlich, falls er aus dem Fahrzeug fliehen mußte. Sein Begleiter steuerte
geschickt durch den dichten Verkehr und sagte kein Wort, und das war Russell recht.
Der Amerikaner hielt nach verräterischen Anzeichen für eine Falle Ausschau. Im
Wageninneren selbst gab es keine auffälligen Verstecke für Waffen; es waren auch
keine Mikrofone oder Funkgeräte zu sehen. Das bedeutete an sich noch nichts, aber er
überzeugte sich trotzdem. Schließlich gab er sich entspannt und neigte den Kopf so,
daß er nach vorne und im rechten Außenspiegel auch nach hinten schauen konnte.
Sein Jägerinstinkt war an diesem Morgen scharf. Überall lauerten potentielle
Gefahren.
Der Fahrer schien ziellos herumzukurven. Genau konnte Russell das allerdings
nicht beurteilen, denn die uralte Stadt war trotz einiger Konzessionen an den
motorisierten Verkehr alles andere als autofreundlich. Gemessen an amerikanischen
Verhältnissen waren dies winzige Fahrzeuge, die in einem einzigen chaotischen Stau
dahinkrochen. Er hätte gerne gewußt, wohin die Fahrt ging, erkundigte sich aber
nicht, weil er zum einen nicht in der Lage gewesen wäre, eine korrekte Antwort von
einer Lüge zu unterscheiden, und zum anderen auch mit der Wahrheit wenig
anzufangen gewußt hätte. Er war auf diesen Kurs festgelegt. Das verbesserte Russells
Laune zwar nicht, aber er war kein Mann, der sich etwas vormachte. Nun blieb ihm
nur eines übrig: wachsam zu sein.
Aha, es geht zum Flughafen, dachte Papanikolaou. Sehr günstig. Dort taten nicht
nur Leute aus seinem Dezernat, sondern auch zwanzig andere mit Pistolen und MPs
bewaffnete Kollegen Dienst. Einfacher Fall: ein paar Beamte in Zivil ganz in der
Nähe in Stellung bringen, zwei Schwerbewaffnete vorbeischlendern lassen und dann
die Verdächtigen rasch und unauffällig schnappen. Ab zur Überprüfung in ein
Hinterzimmer, und wenn sie sich dann als harmlos entpuppten, entschuldigte sich der
Hauptmann umständlich: Nichts für ungut, aber sie sähen Personen ähnlich, die von
Italien oder Frankreich gesucht wurden, und im internationalen Flugverkehr könne
man nicht vorsichtig genug sein. Und zum Trost bekamen die zu Unrecht
Verdächtigten dann ein Erster-Klasse-Ticket. Das wirkte fast immer.
Andererseits: Wenn Papanikolaou sich nicht irrte, hatte er in diesem Jahr schon den
dritten Terroristen erwischt, oder gar den vierten. Daß der zweite Mann wie ein
Amerikaner aussah, bedeutete noch nicht, daß er auch einer war. Vier in acht Monaten
- nein, sieben, korrigierte sich der Wachtmeister - das war nicht übel für einen
eigenbrötlerisch veranlagten Beamten. Papanikolaou holte ein wenig auf, um diese
beiden Fische im dichten Verkehr nicht zu verlieren.
Russell sah zahlreiche Taxen, die vorwiegend Touristen, aber auch ein paar
verkehrsscheue Athener transportierten... Halt, da stimmt was nicht! In einem Auto
saß nur der Fahrer, aber das Taxischild war unbeleuchtet wie bei den vielen anderen
besetzten Taxen. Eine leere Droschke, die dennoch nicht frei war? Russells Fahrer
bog nach rechts ab und hielt auf eine vierspurige Schnellstraße zu. Die meisten Taxen
fuhren geradeaus weiter, wohl zu Sehenswürdigkeiten oder Einkaufsstraßen, aber das
Fahrzeug mit dem dunklen Schild bog ebenfalls rechts ab und blieb fünfzig Meter
hinter ihnen.
»Wir werden verfolgt«, sagte Marvin leise. »Ist das ein Freund, der uns bewacht?«
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»Nein.« Der Fahrer schaute sofort in den Rückspiegel. »Welches Auto haben Sie
im Verdacht?«
»Das ist kein Verdacht, sondern eine Gewißheit. Das Taxi auf der rechten Spur,
schmutzigweiß, Schild unbeleuchtet, die Marke kenne ich nicht. Ist zweimal mit uns
abgebogen. Sie sollten besser aufpassen«, fügte Russell hinzu und fragte sich, ob die
befürchtete Falle nun zuschnappte. Mit dem Fahrer werde ich leicht fertig, dachte er,
dem drehe ich den Hals um wie einer Opfertaube. Kein Problem.
»Danke für den Hinweis... stimmt.« Der Fahrer hatte das Taxi entdeckt und bog nun
aufs Geratewohl wieder ab. Der weiße Opel blieb hinter ihnen.
»Sie haben recht«, meinte der Fahrer nachdenklich. »Wie haben Sie das gemerkt?«
»Ich halte die Augen offen.«
»Hm... das wirft unsere Pläne um.« Der Fahrer dachte fieberhaft nach. Seine
Organisation meinte es ehrlich und wollte den Gast nicht in die Falle locken, was
Russell natürlich nicht wissen konnte. Wenn der Gast ein Spitzel war, hätte er ihn
bestimmt nicht auf den Verfolger aufmerksam gemacht - oder wahrscheinlich nicht.
Nun, es gab einen Weg, seinen schweigsamen Passagier auf die Probe zu stellen. Der
Fahrer hatte auch einen Haß auf die Griechen, denn einer seiner Genossen war in
Piräus verschwunden und wenige Tage später in England aufgetaucht. Nun saß dieser
Freund im Gefängnis Parkhurst auf Wight. Früher konnte die Gruppe in Griechenland
ungestraft operieren und hatte das Land meist als sichere Transitstation benutzt. Die
Erkenntnis, daß es ein Fehler gewesen war, im Land Operationen durchzuführen,
anstatt es ausschließlich als wertvolle Basis zu benutzen, konnte seinen Zorn auf die
griechische Polizei nicht dämpfen.
»Da werden wir etwas unternehmen müssen.«
Russell schaute den Fahrer an. »Ich habe keine Waffe.«
»Ich schon, aber ich möchte sie lieber nicht benutzen. Wie stark sind Sie?«
Zur Antwort packte Russell das rechte Knie des Fahrers mit der Linken und drückte
zu.
»Danke, das genügt«, sagte der Mann gleichmütig. »Mit einem kaputten Knie kann
ich nicht mehr fahren. Haben Sie schon mal jemanden getötet?«
»Klar«, log Russell, der sich immerhin mit dem Töten von Tieren auskannte. »Das
kann ich.« Der Fahrer nickte und gab Gas.
Papanikolaou runzelte die Stirn. Schade, der Fiat fuhr doch nicht zum Flughafen.
Gut, daß er noch nicht über Funk Alarm gegeben hatte. Nun denn. Er fiel zurück und
suchte hinter anderen Fahrzeugen Deckung. Der Fiat war dank seiner Lackierung
leicht zu sehen, und da der Verkehr nun spärlicher wurde, brauchte er nicht mehr so
aufzupassen. Vielleicht waren die beiden unterwegs zu einem konspirativen Haus. In
diesem Fall mußte er sehr vorsichtig sein, gewann andererseits aber auch einen
wertvollen Hinweis. Wer ein konspiratives Haus identifizierte, hatte einen Coup
gelandet. Auf einen solchen Hinweis hin griffen die Spezialeinheiten ein, oder das
Haus wurde observiert, bis alle Bewohner identifiziert waren, und dann gestürmt. Am
Ende der Aktion winkten eine Auszeichnung und eine Beförderung. Er erwog erneut
einen Funkspruch - doch was hatte er zu melden? Daß er versuchsweise ein
namenloses Gesicht entdeckt hatte? Hatten ihn seine Augen getrogen? War der Mann
vielleicht nur ein gewöhnlicher Krimineller?
Spiros Papanikolaou verfluchte sein Pech und behielt das Fahrzeug im Auge. Sie
kamen nun in ein altes Arbeiterviertel in Athen mit schmalen, fast leeren Straßen. Wer
eine Stelle hatte, war auf der Arbeit. Die Hausfrauen kauften ein. Kinder spielten in
101
den Anlagen. Viele Leute machten Urlaub auf den Inseln, und die Straßen lagen
verlassener da als erwartet. Der Fiat bremste jäh ab und bog in eine der vielen
anonymen Seitenstraßen.
»Fertig?«
»Ja.«
Der Wagen hielt kurz an. Russell, der schon Jackett und Krawatte ausgezogen hatte,
dachte noch immer an eine Falle, aber mit Gleichmut. Wenn das Schicksal es will...
Er ging auf der Straße zurück und ließ die Fingermuskeln spielen.
Wachtmeister Spiros Papanikolaou fuhr rascher auf die Straßenecke zu. Wenn er in
diesem Labyrinth enger Gassen in Sichtweite bleiben wollte, mußte er aufschließen.
Und wenn die beiden ihn identifizieren sollten, konnte er einen Hilferuf funken. Ein
Polizist mußte immer mit dem Unerwarteten rechnen. Als er die Ecke erreichte, sah er
einen Mann am Straßenrand stehen und Zeitung lesen. Keine von den Personen, die er
beschattete. Dieser Mann trug kein Jackett. Er hatte aber das Gesicht abgewandt, und
seine Körperhaltung erinnerte Papanikolaou an einen Film. Der Wachtmeister lächelte
ironisch, wurde dann aber plötzlich ernst.
Papanikolaou war nun in der Seitenstraße und sah den Fiat nicht mehr als zwanzig
Meter entfernt im Rückwärtsgang rasch auf sich zufahren. Der Beamte stieg auf die
Bremse und überlegte, selbst zurückzustoßen, als vor seinen Augen ein Arm
auftauchte. Er löste die Hände vom Steuer, um ihn zu packen, aber eine starke Hand
ergriff sein Kinn, und eine andere schloß sich um seinen Nacken. Er versuchte, den
Kopf zu wenden, aber da riß eine Hand sein Haupt nach links, und er sah gerade noch
das Gesicht des Amerikaners, ehe seine Halswirbel vernehmlich brachen. Sekunden
vor seinem Tod erkannte Papanikolaou, was er an dem Mann so sonderbar gefunden
hatte. Seine Züge erinnerten ihn an Gestalten aus einem Western...
Russell löste sich mit einem Sprung von dem Taxi und winkte. Der Fiat fuhr wieder
an und rammte den Opel. Der Kopf des Taxifahrers fiel nach vorne und hing schlaff
herunter. Sicherheitshalber tastete Russell nach dem Puls des Mannes und drehte
seinen Kopf hin und her, um festzustellen, daß das Rückgrat auch gebrochen war.
Dann ging er lächelnd zum Fiat zurück. Hm, die Sache war kinderleicht gewesen ...
»Er ist tot. Hauen wir ab!«
»Ganz bestimmt?«
»Klar, der ist tot. Ich hab’ ihm den Hals umgedreht. War ja nur ein schmächtiges
Kerlchen.«
»So wie ich?« Der Fahrer wandte den Kopf und lächelte. Nun mußte er natürlich
das Auto verschwinden lassen, aber im Augenblick überwog das Hochgefühl. Sie
waren entkommen und hatten einen Feind getötet. Und er hatte einen guten
Kameraden gefunden. »Wie heißt du?«
»Marvin.«
»Und ich bin der Ibrahim.«
Die Rede des Präsidenten war ein Triumph. Der Mann weiß, wie man eine
erstklassige Vorstellung hinlegt, sagte sich Ryan, als donnernder Applaus die Halle
der UN-Vollversammlung in New York erfüllte. Fowler dankte den Vertretern von
über hundertsechzig Staaten mit einem huldvollen, aber ziemlich kalten Lächeln. Die
Kameras schwenkten auf die israelische Delegation, die im Gegensatz zu den Arabern
nur der Form halber Beifall spendete - offenbar war sie nicht rechtzeitig informiert
worden. Die Sowjets übertrafen sich selbst und waren wie viele andere aufgestanden.
102
Jack griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus, ehe der ABCKommentator die Ausführungen des Präsidenten zusammenfassen konnte. Ryan hatte
einen Entwurf der Rede auf dem Schreibtisch liegen und sich Notizen gemacht. Vor
wenigen Augenblicken hatte der Vatikan per Telex Einladungen an die
Außenministerien aller betroffenen Länder gesandt. Die Konferenz sollte in zehn
Tagen in Rom beginnen; ein Vertragsentwurf lag bereits vor. Eine Handvoll
Botschafter und Staatssekretäre hatten inzwischen rasch und diskret andere
Regierungen über die Initiative informiert und durchweg positive Antworten erhalten.
Das wußten die Israelis, denen über die entsprechenden Kanäle gezielte
Indiskretionen zugespielt worden waren. Wenn sie jetzt mauerten - nun, Bunker hatte
eine Liefersperre für Flugzeugersatzteile verhängt, und die Israelis waren so
schockiert, daß ihre Reaktion bisher ausgeblieben war. Genauer gesagt hatte man
ihnen zu verstehen gegeben, daß sie am besten überhaupt nicht reagierten, wenn sie
die neuen Radarsysteme jemals zu sehen bekommen wollten. Schon ging ein Grollen
durch die israelische Lobby, die in der US-Regierung über eigene Quellen verfügte,
und wichtige Kongreßmitglieder erhielten bereits diskrete Anrufe. Fowler aber hatte
die Führung des Kongresses schon vor zwei Tagen informiert und eine vorläufig
positive Reaktion auf seinen Plan erhalten. Der Vorsitzende des Ausschusses für
Auswärtige Angelegenheiten im Senat hatte ihm die Annahme beider
Vertragsentwürfe binnen einer Woche versprochen.
Die Sache läuft also wirklich, dachte Jack, und wird vielleicht sogar ein Erfolg.
Schaden konnte der Versuch nicht. Amerikas Goodwill, den es sich mit seinem
Abenteuer am Golf verdient hatte, stand auf dem Spiel. Die Araber mußten dies als
grundlegenden Kurswechsel der amerikanischen Außenpolitik interpretieren, was es
auch war - die USA klopften Israel auf die Finger. Israel sah das vermutlich genauso,
aber zu Unrecht, denn der Frieden sollte auf die einzig mögliche Weise garantiert
werden: durch Amerikas militärische und politische Macht. Das Ende der
Konfrontation zwischen Ost und West hatte Amerika in die Lage versetzt, im
Einklang mit anderen Großmächten einen gerechten Frieden zu diktieren. Nun ja,
eben das, was wir für einen solchen halten, korrigierte sich Ryan. Hoffentlich klappt
es.
Für Zweifel war es zu spät, jetzt, da der Fowler-Plan, seine Idee, der
Weltöffentlichkeit präsentiert worden war. Sie mußten den Teufelskreis
durchbrechen, einen Weg finden.
Einzig Amerika besaß das Vertrauen beider Seiten, das es zum einen mit dem Blut
seiner Soldaten und zum anderen mit gewaltigen Geldsummen gewonnen hatte.
Amerika mußte den Frieden garantieren, und dieser Frieden mußte für alle Beteiligten
so gerecht wie nur möglich sein. Diese Gleichung war simpel und komplex zugleich
und ließ sich in ihren Grundzügen in einem einzigen kurzen Paragraphen erklären.
Die Durchführungsbestimmungen aber würden ein kleines Buch füllen. Und die
Kosten - nun, es stand zu erwarten, daß der Kongreß die Mittel trotz der gewaltigen
Summen anstandslos bewilligte. Saudi-Arabien hatte erst vor vier Tagen Minister
Talbots Bitte entsprochen und sich bereit erklärt, ein Viertel der Kosten zu
übernehmen. Als Gegenleistung erhielt das Land eine weitere Lieferung
hochmoderner Waffen, die Minister Bunker zusammengestellt hatte. Diese beiden
Männer hatten nach Ryans Auffassung erstklassige Arbeit geleistet. Der Präsident
mochte seine Fehler haben, aber seine beiden wichtigsten Kabinettsmitglieder - alte
Freunde - waren das beste Team, das er je im Regierungsdienst erlebt hatte. Und in
103
der vergangenen Woche hatten sie für ihren Präsidenten etwas ganz Besonderes
geleistet.
»Ja, das haut hin«, sagte Ryan ruhig zu sich selbst in die Stille seines Büros hinein.
»Vielleicht, vielleicht, vielleicht.« Er schaute auf die Uhr. In drei Stunden war mit
einem klareren Bild der Lage zu rechnen.
Kati saß vor dem Fernseher und runzelte die Stirn. Ist das möglich? fragte er sich.
Nein, sagte sein Geschichtssinn, aber...
Aber die Saudis hatten seiner Organisation, die im Golfkrieg aufs falsche Pferd
gesetzt hatte, die Finanzhilfe gestrichen. Seine Leute waren knapp bei Kasse, obwohl
sie im Lauf der Jahre ihr Vermögen gewinnbringend angelegt hatten. Banken in der
Schweiz und anderswo sorgten für einen ständigen Geldfluß, und der Engpaß war
eher ein psychologischer als ein realer, aber für Araber wie auch für scharfsinnige
Politiker waren psychologische Aspekte real.
Der entscheidende Punkt, das wußte Kati, war die Frage, ob die Amerikaner
tatsächlich echten Druck ausüben würden. Das hatten sie bisher noch nie getan. Israel
hatte ein US-Kriegsschiff angegriffen und amerikanische Seeleute getötet, aber der
Zwischenfall wurde vergessen und vergeben, noch ehe die letzte Blutung gestillt, das
letzte Opfer gestorben war. Während das amerikanische Militär beim Kongreß um
jeden Dollar betteln mußte, überschlug sich dieser rückgratlose Haufen politischer
Huren geradezu, wenn es um Waffenlieferungen an die Juden ging. Amerika hatte
Israel niemals richtig unter Druck gesetzt. Und das war der Schlüssel zu Israels
Existenz. Solange es im Nahen Osten keinen Frieden gab, hatte Kati eine Mission: die
Vernichtung des Judenstaates. Ohne diese...
Doch die Probleme im Nahen Osten waren älter als er. Eine Lösung konnte es nur
geben, wenn ...
Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, sagte sich Kati und streckte die müden und
schmerzenden Glieder. Hatte er denn Aussichten auf die Vernichtung Israels? Von
außen nicht. Solange Amerika die Juden unterstützte und die Araber uneins blieben...
Und die Russen? Die verfluchten Russen waren nach Fowlers Rede
hochgesprungen wie bettelnde Hunde.
Doch, aus diesem Plan konnte etwas werden. Diese Vorstellung fand Kati nicht
minder bedrohlich als seinen Krebs. Er lehnte sich zurück und schloß die Augen.
Was, wenn die Amerikaner tatsächlich die Juden unter Druck setzten? Was, wenn die
Russen diesen absurden Plan unterstützten? Was, wenn die Israelis nachgaben? Was,
wenn die Palästinenser Israels Konzessionen akzeptierten? Dann konnte der Plan
Erfolg haben. Dann existierte der Zionistenstaat weiter. Koexistenz war denkbar.
Dann aber war sein Leben zwecklos, alle Arbeit, Entbehrungen und Opfer wären
umsonst gewesen. Dann hatten seine Freiheitskämpfer eine Generation lang für eine
verlorene Sache gefochten, ihr Leben gegeben.
Verraten nun von den arabischen Brüdern, die seine Männer finanziell und politisch
unterstützt hatten.
Verraten von den Russen, die seine Bewegung mit Waffenlieferungen am Leben
gehalten hatten.
Verraten von den Amerikanern, und zwar auf ganz besonders perverse Weise: Sie
hatten ihnen den Feind genommen.
Verraten von Israel, das zu einer Art gerechtem Frieden bereit zu sein schien. Doch
solange auch nur ein einziger Zionist auf arabischem Boden lebte, konnte es keine
104
Gerechtigkeit geben.
Würden ihn auch die Palästinenser verraten? Woher sollte er seine Kämpfer
rekrutieren, wenn die PLO-Führung diesen Plan akzeptierte?
Haben uns denn alle verraten? dachte er verzweifelt.
Nein, das konnte Allah nicht zulassen. Allah war gnädig und seinen Getreuen ein
Licht.
Nein, diese Ungeheuerlichkeit konnte, durfte nicht wahr werden. Zu viele
Bedingungen mußten erfüllt werden, damit diese Höllenvision Wirklichkeit werden
konnte. Und waren nicht schon so viele Friedenspläne für die Region gescheitert?
Selbst das Camp-David-Abkommen, bei dem die Amerikaner ihre Verbündeten zu
echten Konzessionen gezwungen hatten, war gestorben, weil sich die Israelis
hartnäckig gegen eine gerechte Lösung der Palästinenserfrage gesträubt hatten.
Nein, sagte sich Kati, aus dieser Sache wird nichts. Auf die Amerikaner kann man
sich nicht verlassen, wohl aber auf die Israelis. Seiner Auffassung nach waren die
Juden viel zu dumm, arrogant und kurzsichtig, um zu erkennen, daß langfristig nur ein
gerechter Friede ihre Sicherheit garantieren konnte. Die Ironie der Lage zwang ihn zu
einem Lächeln. Es mußte Allahs Plan sein, daß seine Bewegung ausgerechnet von
ihren bittersten Feinden am Leben gehalten wurde. Die starrsinnigen Juden würden
dafür sorgen, daß der Krieg weiterging. Das war das Zeichen, mit dem Allah Kati und
seinen Männern bedeutete, daß sie tatsächlich einen heiligen Krieg in seinem Namen
führten.
»Niemals! Nie und nimmer beuge ich mich dieser Infamie!« schrie der
Verteidigungsminister. Der Ausbruch war selbst für seine Verhältnisse dramatisch. Er
schlug so fest auf den Tisch, daß sein Glas umkippte und der Inhalt auf seine Hose zu
laufen drohte. Er ignorierte die Lache und schaute mit blitzenden blauen Augen in die
Runde.
»Und wenn Fowler seine Drohungen ernst meint?«
»Dann ruinieren wir seine Karriere«, erwiderte der Verteidigungsminister. »Und
das schaffen wir auch. Er wäre nicht der erste amerikanische Politiker, den wir auf
Vordermann gebracht haben.«
»Was uns hier aber nicht gelungen ist«, sagte der Außenminister sotto voce zu
seinem Nachbarn.
»Was war das?«
»Ich wollte sagen, daß wir in diesem Fall vielleicht nicht durchkommen, Rafi.«
David Aschkenasi trank einen Schluck Wasser und fuhr fort: »Unser Botschafter in
Washington meldet breite Unterstützung für Fowlers Plan auf dem Kapitol-Hügel.
Am vergangenen Wochenende gab der Botschafter von Saudi-Arabien einen großen
Empfang für die leitenden Vertreter der beiden Parteien im Kongreß und legte die
Position seines Landes sehr überzeugend dar. Richtig, Avi?«
»Jawohl, Herr Minister«, antwortete General Ben Jakob, der in Vertretung seines
verreisten Vorgesetzten für den Mossad sprach. »Die Saudis und die anderen
>gemäßigten< Golfstaaten sind bereit, den Kriegszustand zu beenden, mit uns in
Vorbereitung einer späteren vollen diplomatischen Anerkennung Beziehungen auf
ministerieller Ebene aufzunehmen und einen Teil der amerikanischen
Stationierungskosten zu tragen. Außerdem wollen sie die Friedenstruppe und die
wirtschaftliche Rehabilitation der Palästinenser finanzieren.«
»Wie können wir das ablehnen?« fragte der Außenminister trocken. »Wundert Sie
105
denn die Unterstützung, die der Vorschlag im amerikanischen Kongreß findet?«
»Das ist doch alles nur ein Trick!« beharrte der Verteidigungsminister.
»Mag sein, aber dann ist es ein verdammt cleverer«, versetzte Ben Jakob.
»Sie glauben dieses Geschwätz, Avi? Ausgerechnet Sie, Avi?« Ben Jakob war vor
Jahren auf dem Sinai Rafi Mandels bester Bataillonskommandeur gewesen.
»Ich weiß nicht, Rafi.« Der stellvertretende Direktor des Mossad war sich seiner
Position als zweiter Mann sehr bewußt. Es fiel ihm nicht leicht, für seinen
Vorgesetzten zu sprechen.
»Wie schätzen Sie die Lage ein?« fragte der Ministerpräsident freundlich. Er fand,
daß wenigstens einer am Tisch die Ruhe bewahren mußte.
»Die Amerikaner sind völlig aufrichtig«, erwiderte Avi. »Ihre Bereitschaft, mittels
eines Verteidigungsabkommens und der Stationierung von Truppen hier unsere
Sicherheit zu garantieren, ist echt. Vom rein militärischen Standpunkt aus...«
»Für die Verteidigung Israels spreche ich!« fauchte Mandel.
Ben Jakob drehte sich um und sah seinem ehemaligen Kommandeur fest in die
Augen. »Rafi, Sie hatten immer einen höheren Rang als ich, aber Sie wissen genau,
daß auch ich im Feld meinen Mann gestanden habe.« Avi legte eine Pause ein, um
seine Worte wirken zu lassen, und fuhr dann leise und gemessen und so
leidenschaftslos wie möglich fort: »Die amerikanischen Einheiten repräsentieren ein
echtes Engagement. Die Schlagkraft unserer Luftwaffe erhöhte sich um zwanzig
Prozent, und dieser Panzerverband hat mehr Feuerkraft als unsere stärkste Brigade.
Mehr noch, ich sehe nicht, wie die USA dieses Engagement je mals rückgängig
machen können. Das werden unsere Freunde dort niemals zulassen.«
»Es wäre nicht das erste Mal, daß man uns im Stich läßt!« betonte Mandel.
»Verlassen wir uns nur auf uns selbst.«
»Rafi«, sagte der Außenminister mahnend, »was hat uns das eingebracht? Auch wir
haben Seite an Seite gekämpft, und nicht nur in diesem Raum. Soll das Morden denn
nie enden?«
»Lieber gar keinen Vertrag als einen schlechten!«
»Das finde ich auch«, meinte der Ministerpräsident. »Aber wie ungünstig soll
dieser Vertrag für uns ausfallen?«
»Den Entwurf haben wir ja alle gelesen. Ich werde zwar einige geringfügige
Änderungen vorschlagen, bin aber der Auffassung, daß es Zeit für einen Frieden ist«,
erklärte der Außenminister. »Ich würde Ihnen raten, den Fowler-Plan unter
bestimmten Bedingungen zu akzeptieren.« Diese legte er kurz dar.
»Werden die Amerikaner darauf eingehen, Avi?«
»Sie werden über die zusätzlichen Kosten klagen, aber unsere Freunde im Kongreß
werden den Vorschlag unterstützen, ob Präsident Fowler nun einverstanden ist oder
nicht. Man wird die historische Bedeutung unserer Konzessionen erkennen und dafür
sorgen, daß wir uns innerhalb unserer Grenzen sicher fühlen können.«
»Dann trete ich zurück!« brüllte Rafi Mandel.
»Unsinn, Rafi.« Der Premier hatte die Theatralik des Mannes satt. »Wenn Sie
zurücktreten, manövrieren Sie sich selbst ins Abseits. Sie machen sich doch
Hoffnungen auf meinen Posten, oder? Wenn Sie jetzt das Kabinett verlassen,
bekommen Sie ihn nie.«
Die Zurechtweisung ließ Mandel rot anlaufen.
Der Ministerpräsident schaute in die Runde. »Nun denn, formulieren wir die
Haltung unserer Regierung.«
106
Vierzig Minuten später ging Jacks Telefon. Beim Abheben stellte er fest, daß es die
geheimste Leitung war, die, die nicht übers Vorzimmer lief.
»Ryan.« Er la uschte kurz und machte sich Notizen. »Danke.« Dann stand er auf,
ging durch Nancy Cummings Zimmer und wandte sich nach links zu Marcus Cabots
geräumigerem Büro. Cabot lag auf einer Couch, die in der Ecke stand. Wie Richter
Arthur Moore, sein Vorgänger, rauchte Cabot gelegentlich Zigarre. Er hatte die
Schuhe ausgezogen und las eine Akte, die mit einem gestreiften Band gekennzeichnet,
also geheim war. Der rundliche CIA-Direktor ließ die Akte sinken. Er qualmte wie ein
Vulkan.
»Nun, Jack, was gibt’s?«
»Gerade rief unser Freund aus Israel an. Das Kabinett schickt eine Delegation nach
Rom und hat die Vertragsbedingungen angenommen - mit einigen Modifikationen.«
»Mit welchen?« fragte Cabot, nahm Ryans Notizen entgegen und überflog sie. »Da
haben Sie und Talbot recht behalten.«
»Tja, und ich hätte den Mund halten und ihn die Karte ausspielen lassen sollen.«
»Gut gemacht. Bis auf einen Punkt haben Sie alles richtig prophezeit.« Cabot stand
auf, schlüpfte in seine schwarzen Halbschuhe und ging zu seinem Schreibtisch ans
Telefon. »Richten Sie dem Präsidenten aus, daß ich ihn im Weißen Haus erwarte,
wenn er aus New York zurückkommt. Talbot und Bunker sollen auch an der
Besprechung teilnehmen. Sagen Sie, die Sache liefe.« Cabot legte auf und grinste mit
der Zigarre zwischen den Zähnen, »Na, was sagen Sie jetzt?«
»Bis wann können wir die Sache zum Abschluß bringen?«
»Angesichts der Vorarbeit, die Sie und Adler geleistet haben, und der Beiträge von
Talbot und Bunker...? Hm, sagen wir zwei Wochen. So schnell wie in Camp David
wird es nicht gehen, weil zu viele Berufsdiplomaten beteiligt sind, aber ich wette, daß
der Präsident in vierzehn Tagen mit seiner 747 zur Vertragsunterzeichnung nach Rom
fliegt.«
»Möchten Sie mich im Weißen Haus dabeihaben?«
»Nein, das regle ich allein.«
»Gut.« Das kam nicht unerwartet. Ryan ging.
107
7
Die Stadt Gottes
Die Kameras waren an Ort und Stelle. Auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews waren
die modernsten Satelliten-Übertragungswagen in Transportmaschinen Galaxy C-5B
geladen und zu Roms Flughafen »Leonardo da Vinci« geflogen worden. Der
Aufwand wurde weniger für die feierliche Vertragsunterzeichnung, sollte diese
überhaupt stattfinden, betrieben, sondern mehr dazu, das üppige Ambiente
entsprechend einzufangen. Die TV-Produzenten fanden, daß die gerade erst in
Produktion gegangenen volldigitalisierten und hochauflösenden Anlagen die
wunderbaren Kunstwerke an den Wänden des Vatikans besser wiedergeben konnten.
Italienische Schreiner und Elektroniker aus New York und Atlanta hatten rund um die
Uhr Kabinen gebaut und ausgestattet, in denen Nachrichtensendungen, darunter auch
die News des Frühstücksfernsehens der drei großen amerikanischen TV-Netze,
produziert werden sollten. Neben der massiven Präsenz von CNN, BBC, NHK
kämpften Vertreter fast aller anderen Fernsehanstalten der Welt um Raum auf dem
weiten Platz vor der 1503 von Bramante begonnenen und von Raffael, Michelangelo
und Bernini vollendeten Kirche. Ein kurzer, aber heftiger Sturm hatte Gischt vom
Springbrunnen in die Kabine der Deutschen Welle geblasen und Geräte im Wert von
hunderttausend Mark kurzgeschlossen. Nachdem die Teams alle Stellung bezogen
hatten, war es für den Einwand der Vatikanbeamten, es bliebe ja kein Platz mehr für
die Menschen, die Zeuge der Zeremonie - für deren Zustandekommen man betete werden wollten, schon viel zu spät. Jemand entsann sich, daß im Rom der Antike an
dieser Stelle der Circus Maximus gestanden hatte, und man war sich allgemein einig,
daß dies jetzt der größte Medienzirkus der letzten Jahre war.
Die Leute vom Fernsehen genossen ihren Aufenthalt in Rom. Die Crews der
Frühsendungen Today Show und Good Morning America brauchten ausnahmsweise
einmal nicht vor dem Zeitungsboten aufzustehen, sondern gingen erst um die
Mittagszeit auf Sendung und hatten anschließend Zeit für einen nachmittäglichen
Einkaufsbummel. Das Abendessen nahm man in einem der vielen erstklassigen
Restaurants ein. Rechercheure machten sich in Nachschlagewerken über antike
Bauten wie das Kolosseum schlau, welches, wie ein aufmerksamer Leser feststellte, in
Wirklichkeit den Namen Flavisches Amphitheater getragen hatte, und die
Kommentatoren malten ebenso blumig wie blutrünstig das römische Gegenstück zum
amerikanischen Football aus: Kämpfe auf Leben und Tod, Mann gegen Mann, Mann
gegen Raubtier, Raubtier gegen Christen und diverse andere Kombinationen. Der
symbolische Mittelpunkt aber war das Forum, die Ruinen des alten Zentrums, wo
Cicero und Scipio ihre Reden gehalten und sich mit Anhängern und Gegnern
getroffen hatten. Wieder einmal spielte das Ewige Rom, die Mutter eines gewaltigen
Imperiums, eine Rolle auf der Weltbühne. In seiner Mitte lag der Vatikan, ein
winziges Territorium zwar, aber dennoch ein souveräner Staat. »Wie viele Divisionen
hat der Papst?« zitierte ein TV-Koordinator Stalin und führte damit über zu einem
weitschweifigen Diskurs über die historische Bedeutung der Kirche, die den
Marxismus-Leninismus so erfolgreich überdauert hatte, daß die Sowjetunion nun
diplomatische Beziehungen zum Vatikan aufnehmen wollte und ihre
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Abendnachric hten aus einer Kabine auf dem Petersplatz sendete.
Zusätzliche Aufmerksamkeit wurde auch den Repräsentanten der beiden anderen
Religionen bei den Verhandlungen zuteil. Bei ihrem Empfang hatte der Papst ein
Ereignis aus der Frühzeit des Islam erwähnt: Eine Abordnung katholischer Bischöfe
war nach Arabien gereist, um Mohammeds Absichten zu erkunden. Nach einer ersten,
freundlichen Begegnung fragte der älteste Bischof, wo er mit seinen Begleitern die
Messe zelebrieren könnte. Daraufhin bot Mohammed sofort die Moschee, in der sie
gerade standen, an; immerhin sei sie ein Gotteshaus, merkte der Prophet an. Der
Heilige Vater machte den jüdischen Gästen ein ähnliches Angebot. In beiden Fällen
bekamen die konservativen Kleriker ein unbehagliches Gefühl, das der Heilige Vater
aber mit seiner in drei Sprachen gehaltenen Rede hinwegfegte.
»Im Namen des Einen Gottes, den wir unter verschiedenen Namen kennen, der aber
doch der Gott aller Menschen ist, öffnen wir unsere Stadt allen, die guten Willens
sind. Es gibt so viele Dinge, die uns gemeinsam sind. Wir glauben an einen Gott der
Liebe und der Gnade. Wir glauben an die unsterbliche Seele des Menschen. Nichts ist
größer als der Glaube, der sich in Barmherzigkeit und Brüderlichkeit offenbart.
Brüder aus fernen Landen, wir begrüßen euch und schließen in unser Gebet den
Wunsch ein, daß euer Glaube euch den Weg zur Gerechtigkeit und zum Frieden
Gottes weisen möge.«
»Donnerwetter«, merkte der Koordinator des Frühstücksfernsehens an. »Langsam
habe ich das Gefühl, daß bei diesem Zirkus tatsächlich etwas herauskommt.«
Natürlich endete die Berichterstattung nicht mit der offiziellen Ansprache. Im
Interesse der Fairneß, Ausgewogenheit, Streitkultur, Interpretation der Zeitgeschichte
und Plazierung von Werbespots erschienen vor den Kameras unter anderen der Führer
einer jüdischen paramilitärischen Gruppe, der lautstark die Vertreibung der Juden aus
Spanien durch Ferdinand und Isabella, die Schwarzen Hundertschaften des Zaren und
den Holocaust ins Gedächtnis rief, den er angesichts der Wiedervereinigung
Deutschlands besonders betonte. Er kam zu der Schlußfolgerung, daß die Juden
Narren seien, wenn sie sich auf etwas anderes als die Waffen in ihren starken Händen
verließen. In Ghom wetterte Irans religiöser Führer Ajatollah Daryaei, schon immer
ein Feind Amerikas, gegen alle Ungläubigen und verdammte sie zur Hölle, aber da die
Simultanübersetzung fürs amerikanische Fernsehpublikum fast unverständlich war,
sendete man die bombastische Tirade gekürzt. Die meiste Sendezeit bekam ein
selbsternannter »charismatischer Christ« aus dem Süden der USA. Nachdem er den
Katholizismus als Werk des Antichristen angeprangert hatte, wiederholte er seine
Behauptung, der Herr höre die Gebete der Juden und heidnischen Moslems, die er
noch zusätzlich beleidigend »Mohammedaner« nannte, überhaupt nicht.
Mit ihrer Botschaft kamen diese Demagogen jedoch nicht an. Die Zuschauer riefen
erbost bei den Anstalten an und wollten wissen, warum man diesen Leuten überhaupt
Gelegenheit gab, ihre Bigotterien zu verbreiten. Die TV-Chefs freute das natürlich,
denn erfahrungsgemäß schalteten diese Leute das Programm wieder ein, um sich
weiter schockieren zu lassen. Bei dem amerikanischen Eiferer gingen sofort die
Spenden zurück. B’nai B’rith distanzierte sich hastig von dem wildgewordenen
Rabbi. Das Oberhaupt der Islamischen Liga, ein Geistlicher von hohem Rang,
beschuldigte den radikalen Imam der Ketzerei und zitierte ausführlich den Propheten.
Fernsehkommentatoren sorgten mit Gegenpositionen für eine Ausgewogenheit, die
einige Zuschauer besänftigte und andere aufbrachte.
Schon nach einem Tag, schrieb ein Kolumnist, hätten die zu Tausenden angereisten
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Korrespondenten der runden Piazza San Pietro den Namen »Peace-Bowl« gegeben.
Aufmerksame Beobachter führten diese kindische Anspielung auf den Super-Bowl,
das Spiel um die Meisterschaft im amerikanischen Football, auf den Streß zurück,
unter dem Reporter stehen, wenn sie berichten müssen und nichts zu berichten haben.
Die Konferenz war hermetisch abgesichert. Teilnehmer reisten mit Militärmaschinen
an und landeten auf Militärflugplätzen. Man hielt die Reporter und die mit
Teleobjektiven bewaffneten Kameraleute so weit wie möglich vom Geschehen fern
und ließ die Konferenzteilnehmer vorwiegend bei Nacht anreisen. Die
Schweizergarde in ihren Renaissance-Kostümen ließ keine Maus durch, und wenn
sich zur Abwechslung einmal etwas Wichtiges ereignete - der Verteidigungsminister
der Schweiz betrat den Vatikan durch einen Nebeneingang -, merkte niemand etwas.
Die Ergebnisse von Meinungsumfragen in zahlreichen Ländern zeigten, daß die
Welt Frieden wollte und nach dem Ausgleich mit dem Osten besonders euphorisch
den Durchbruch erwartete. Zwar warnten Kommentatoren, es habe in der jüngeren
Geschichte keine heiklere politische Frage gegeben, aber auf der ganzen Welt beteten
die Menschen in mehr als hundert Sprachen und in mehr als einer Million Kirchen für
die Beilegung dieses letzten und gefährlichsten Streites auf dem Planeten. Es sprach
für die Fernsehanstalten, daß sie auch darüber berichteten.
Berufsdiplomaten, darunter abgebrühte Zyniker, die seit ihrer Kindheit kein
Gotteshaus mehr von innen gesehen hatten, bekamen den Druck dieser
Erwartungshaltung zu spüren. Vereinzelte Berichte aus der Verwaltung des Vatikans
sprachen von nächtlichen Spaziergängen im Schiff des Petersdoms, von Beratungen
auf Balkonen unter sternklarem Himmel und von langen Gesprächen einiger
Teilnehmer mit dem Heiligen Vater, konnten aber keine Details nennen. Die
hochbezahlten TV-Koordinatoren starrten einander in peinlichem Schweigen an.
Journalisten stahlen jede nur verfügbare Idee, damit sie überhaupt etwas zu schreiben
hatten. Seit der Marathonrunde von Camp David - damals hatten Jimmy Carter,
Menachem Begin und Anwar As Sadat um den Frieden gerungen - war nicht mehr
über so schwerwiegende Verhandlungen so wenig verlautbart worden.
Und die Welt hielt den Atem an.
Der alte Mann trug einen roten, weiß abgesetzten Fes und war einer der wenigen, die
noch an dieser traditionellen Tracht festhielten. Das Leben der Drusen ist schwer, und
diesem Mann war seine Religion, an der er nun seit Sechsundsechzig Jahren
festgehalten hatte, der einzige Trost.
Die Drusen sind Mitglieder einer Sekte, die Elemente des Islam, des Christentums
und des Judaismus verbindet und im 11. Jahrhundert von Al Hakim bi-Amri-llah,
damals Kalif von Ägypten, der sich für die Inkarnation Gottes hielt, in ihre
gegenwärtige Form gebracht wurde. Sie leben vorwiegend im Libanon, in Syrien und
in Israel und haben dort jeweils eine prekäre Außenseiterstellung. Im Gegensatz zu
muslimischen israelischen Staatsbürgern ist ihnen der Dienst in den Streitkräften des
Judenstaates nicht verwehrt, eine Tatsache, die nicht unbedingt das Vertrauen der
syrischen Regierung in ihre drusische Minorität fördert. Obwohl einige Drusen in der
syrischen Armee in führende Positionen aufgestiegen waren, vergaß man doch nicht,
daß ein solcher Offizier, ein Oberst und Regimentskommandeur, nach dem Jom Kippur-Krieg hingerichtet worden war, weil er sich von einer strategisch wichtigen
Straßenkreuzung hatte verdrängen lassen. Obwohl er sich nach militärischen
Begriffen tapfer geschlagen und die Überreste seiner Einheit geordnet zurückgezogen
hatte, kostete der Verlust der Kreuzung die Syrer zwei Panzerbrigaden und den Oberst
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in der Folge das Leben - weil er Pech gehabt hatte und wohl auch weil er ein Druse
war.
Dem alten Bauern waren die Einzelheiten dieser Geschichte unbekannt, aber er
wußte auch so genug. Die syrischen Moslems hatten damals einen Drusen getötet, und
seither noch viele andere. In der Folge traute er keinem Angehörigen der syrischen
Regierung oder Armee, was aber nicht bedeutete, daß er irgendwelche Sympathien für
den Staat Israel empfand. 1975 hatte ein schweres israelisches 175-MillimeterGeschütz seine Umgebung beschossen in dem Versuch, ein syrisches Munitionslager
auszuschalten. Dabei hatte ein Splitter seine Frau, mit der er seit vierzig Jahren
verheiratet gewesen war, tödlich verwundet und seinem Übermaß an Trauer noch die
Einsamkeit hinzugefügt. Was Israel als historische Konstante sah, war für diesen
einfachen Bauern ein unmittelbarer und tödlicher Lebensumstand. Es war sein
Schicksal, zwischen zwei Armeen zu leben, für die seine Existenz nur ein störender
Faktor war. Der Druse hatte nie viel vom Leben erwartet. Er besaß ein kleines Stück
Land, das er bestellte, ein paar Ziegen und Schafe, ein schlichtes Haus aus Steinen,
die er selbst von seinen felsigen Feldern geschleppt hatte, und wollte nur eines: in
Frieden leben. Das durfte doch nicht zuviel verlangt sein, hatte er sich einmal gesagt,
aber er war in Sechsundsechzig bewegten Jahren immer wieder enttäuscht worden. Er
hatte seinen Gott um Gnade angefleht und um ein paar kleine Bequemlichkeiten - auf
Reichtum hatte er nie gehofft -, um seiner Frau und ihm das Los ein wenig zu
erleichtern. Aber immer vergebens. Von den fünf Kindern, die ihm seine Frau
geboren hatte, waren vier in der Kindheit gestorben, und der einzige überlebende
Sohn war 1973 von der syrischen Armee eingezogen worden - gerade rechtzeitig, um
am Krieg teilzunehmen. Immerhin hatte sein Sohn mehr Glück gehabt als der Rest der
Familie: Als eine israelische Granate seinen Schützenpanzer BTR-60 traf. wurde er
hinausgeschleudert und verlor nur ein Auge und eine Hand. Nun war er zwar
halbblind und verkrüppelt, hatte aber geheiratet, Enkel gezeugt und genoß als
Kaufmann und Geldverleiher bescheidenen Erfolg. Angesichts seines Schicksals kein
großer Segen, aber für den alten Bauern war es die einzige Freude, die er im Leben
gehabt hatte.
Der Druse baute Gemüse an und ließ seine Schafe und Ziegen auf einem steinigen
Feld nahe der syrisch-libanesischen Grenze weiden. Standhaft konnte man ihn nicht
nennen, und auch kaum beharrlich; selbst sein Wille zum Überleben war schwach.
Für den alten Bauern war das Leben nur eine Gewohnheit, die er nicht ablegen
konnte, eine endlose Folge von Tagen, derer er immer überdrüssiger wurde. Wenn im
Frühjahr die Lämmer geboren wurden, wünschte er sich insgeheim, er möge den Tag
ihrer Schlachtung nicht mehr erleben - andererseits aber störte ihn die Vorstellung,
daß diese dummen und sanftmütigen Tiere ihn überleben könnten.
Wieder brach ein Tag an. Der Bauer besaß keinen Wecker und brauchte ihn auch
nicht. Wenn der Himmel hell wurde, begannen die Glocken seiner Schafe und Ziegen
zu bimmeln. Er schlug die Augen auf und spürte sofort die Schmerzen in seinen
Gliedern. Er reckte sich und stand langsam auf. Nach wenigen Minuten war er
gewaschen und hatte sich die grauen Stoppeln vom Gesicht geschabt, dann
frühstückte er hartes Brot und starken, süßen Kaffee, und der Arbeitstag begann. Um
seinen Gemüsegarten kümmerte sich der Bauer früh am Morgen noch vor der Hitze
des Tages. Er hatte einen recht großen Garten, weil er den Überschuß auf dem Markt
verkaufte und sich so die wenigen Dinge finanzierte, die ihm als Luxus galten. Selbst
das war ein Kampf. Die Arbeit quälte seine arthritischen Gelenke, und es war eine
111
Plage, seine Tiere von den zarten Trieben fernzuhalten. Andererseits konnte er die
Schafe und Ziegen verkaufen, und den Erlös, den er dafür bekam, brauchte er bitter
nötig, um nicht hungern zu müssen. In Wirklichkeit aber schaffte er sich im Schweiße
seines Angesichts ein annehmbares Auskommen und hatte, weil er allein lebte, mehr
als genug zu essen. Die Einsamkeit hatte ihn geizig gemacht; selbst seine
Gartengeräte waren alt. Die Sonne stand noch tief, als er bedächtig auf sein Feld
stapfte, um das Unkraut zu jäten, das täglich aufs Neue zwischen den Reihen
hochschoß. Ach, wenn man doch bloß eine Ziege dressieren könnte, wünschte er sich
insgeheim wie sein Vater und sein Großvater vor ihm. Wäre es nicht herrlich, wenn
eine Ziege nur das Unkraut fräße und das Gemüse unversehrt ließe? Aber Ziegen
waren strohdumm und bewiesen Intelligenz nur, wenn es darum ging, Unheil zu
stiften. Wie immer begann er in derselben Ecke des Gartens, hob die breite, schwere
Tschappa, hackte sie in den Boden und riß das Unkraut heraus. Angesichts seines
Alters und seiner Gebrechlichkeit arbeitete er sich mit einem erstaunlichen Tempo
durch die Reihen vor.
Klack.
Was war das? Der Bauer richtete sich auf und wischte sich den Schweiß ab. Die
Hälfte der Morgenarbeit war getan, und er freute sich langsam auf die Ruhepause, die
mit dem Versorgen der Schafe einherging. Hm, ein Stein war das nicht. Er schob mit
der Breithacke die Erde zur Seite... ach so, dieses Ding.
Man findet den Prozeß oft erstaunlich. Schon seit den Anfängen der Landwirtschaft
reißen die Bauern auf der ganzen Welt Witze über Felder, auf denen Steine wachsen.
Überall bestätigen Feldsteinmauern am Weg diesen nur an der Oberfläche
mysteriösen Prozeß. Schuld ist Wasser, das als Regen fällt, im Boden versickert, im
Winter gefriert, sich dabei ausdehnt, und zwar nach oben. Steine im Boden werden so
nach oben gedrückt und tauchen auf dem Feld auf. Besonders intensiv ist dieser
Vorgang auf den vulkanischen Golanhöhen, wo es im Winter zu Frost kommen kann.
Dieses Objekt war jedoch kein Stein.
Es war aus Metall und sandfarben, wie er feststellte, als er es freigelegt hatte. Ja,
dieser Tag, der Tag, an dem sein Sohn verwundet worden war...
Was fange ich mit dem dummen Ding bloß an? fragte sich der Bauer, der wohl
wußte, daß er eine Bombe vor sich hatte. Wie sie an diese Stelle gelangt war, war ihm
allerdings ein Rätsel. Er hatte weder israelische noch syrische Flugzeuge Bomben in
der Nähe seines Hauses abwerfen gesehen, aber das war nebensächlich. Tatsache war,
daß dieser große Metallbrocken nun da lag und zwei Reihen Karotten unterbrach.
Angst hatte der Bauer nicht. Da das Ding nicht explodiert war, sondern sich nur in den
Boden gebohrt hatte, mußte es kaputt sein. Den kleinen Trichter hatte er am Tag nach
dem Einschlag mit Erde gefüllt und damals von den Verletzungen seines Sohnes noch
nichts gewußt.
Warum bleibt das Ding nicht in seinem Loch, wo es hingehört? fragte er sich. Aber
in seinem Leben war ja nichts recht gegangen. Nein, alles, was ihm Schaden zufügen
konnte, hatte ihn gefunden. Warum hat Gott mich so grausam behandelt? fragte sich
der Druse, Habe ich denn nicht regelmäßig gebetet und alle die strengen Vorschriften
eingehalten? Habe ich denn je viel verlangt? Für wessen Sünden muß ich denn büßen?
Nun denn. Sinnlos, solche Fragen so spät im Leben zu stellen. Er jätete weiter,
stellte sich einmal sogar auf die freiliegende Spitze der Bombe, arbeitete sich langsam
vor. In ein, zwei Tagen wollte sein Sohn ihn mit den Enkelkindern besuchen, die
einzige uneingeschränkte Freude in seinem Leben. Er nahm sich vor, seinen Sohn um
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Rat zu fragen. Sein Sohn war Soldat gewesen und kannte sich mit solchen Sachen aus.
Es war so eine Woche, die jeder Regierungsbeamte haßt. Es ereignete sich etwas
Wichtiges in einer anderen Zeitzone. Der Unterschied betrug sechs Stunden, und Jack
fand sehr verwunderlich, daß er unter den Auswirkungen der Zeitverschiebung litt,
ohne überhaupt gereist zu sein.
»Nun, wie sieht’s drüben aus?« fragte Clark vom Fahrersitz.
»Erstaunlich positiv.« Jack blätterte die Dokumente durch. »Die Saudis und Israelis
waren sich gestern doch tatsächlich über etwas einig und baten um ein und dieselbe
Änderung.« Jack lachte in sich hinein. Das mußte ein Zufall gewesen sein; hätten die
Delegationen das gewußt, würden sie ihre Positionen bestimmt geändert haben.
»Das muß jemandem aber fürchterlich peinlich gewesen sein!« Clark, der ähnlichen
Gedankengängen folgte wie sein Chef, lachte laut. Es war noch dunkel, und der
einzige Vorteil dieser frühen Stunde waren leere Straßen. »Die Saudis waren Ihnen
sympathisch, stimmt’s?«
»Waren Sie schon einmal dort?«
»Abgesehen vom Golfkrieg? Klar, oft. Ich infiltrierte von dort aus 1979 und 1980
den Iran, hatte viel mit Saudis zu tun und lernte Arabisch.«
»Wie gefiel es Ihnen dort?«
»Gut. Ich freundete mich mit einem Major an, im Grunde ein Spion wie ich, der
nicht viel praktische Erfahrung hatte, sich aber gut in der Theorie auskannte. Er
wußte, daß er noch viel zu lernen hatte, und hörte auf mich. Zwei oder dreimal lud er
mich zu sich nach Hause ein. Er hat zwei nette Kinder; ein Sohn ist inzwischen
Jetpilot. Sonderbar nur, wie sie ihre Frauen behandeln. Meine Sandy würde sich das
nie bieten lassen.« Clark hielt inne, wechselte die Spur und überholte einen Laster.
»Professionell gesehen sind die Saudis sehr kooperativ. Wie auch immer, was ich sah,
gefiel mir. Gut, sie sind anders als wir, aber was macht das schon? Es leben ja nicht
nur Amerikaner auf der Welt.«
»Und die Israelis?« fragte Jack und klappte den Dokumentenkasten zu.
»Mit denen habe ich ein paarmal zusammengearbeitet, vorwiegend im Libanon. Die
Leute vom Mossad sind arrogant und großspurig, aber jene, denen ich begegnete,
hatten auch Grund dazu. Problematisch ist ihre Festungsmentalität, wenn auch
verständlich.« Clark wandte den Kopf. »Und das ist der Haken, nicht wahr?«
»Wie meinen Sie das?«
»Es wird nicht leicht sein, sie von dieser Haltung abzubringen.«
»Allerdings. Wenn sie doch nur aufwachen und erkennen würden, daß die Welt
sich verändert hat«, grollte Ryan.
»Doc, Sie müssen verstehen, daß diese Leute alle wie Frontsoldaten denken. Was
erwarten Sie denn? In ganz Israel ist für die Gegenseite das Feuer frei. Die Israelis
haben dieselbe Mentalität wie wir Frontschweine in Vietnam. Für sie gibt es nur zwei
Kategorien: ihre eigenen Leute - und alle anderen.« John Clark schüttelte den Kopf.
»Wissen Sie, wie oft ich auf der Farm versucht habe, das den Jungs einzutrichtern?
Die Grundlage des Überlebenstrainings. Die Israelis können gar nicht anders denken.
Die Nazis ermordeten Millionen von Juden, und wir rührten keinen Finger - nun,
vielleicht konnten wir damals auch nichts tun. Andererseits frage ich mich, ob wir es
nicht doch geschafft hätten, Hitler auszuschalten, wenn wir es nur ernsthaft versucht
hätten. Wie auch immer, ich finde ebenso wie Sie, daß die Israelis ihre Scheuklappen
ablegen müssen. Vergessen Sie aber nicht, daß wir da sehr viel von ihnen verlangen.«
113
»Vielleicht hätte ich Sie mit zu Avi nehmen sollen«, merkte Jack an und gähnte.
»Zu General Ben Jakob? Soll ein knallharter, bierernster Typ sein. Seine Leute
respektieren ihn, und das bedeutet allerhand. Schade, daß ich nicht dabei war, Chef,
aber ich hatte meine zwei Wochen Angelurlaub nötig.« Selbst Frontschweine
bekamen manchmal frei.
»Andeutung verstanden, Mr. Clark.«
»Hören Sie, ich muß heute nachmittag runter nach Quantico, um mich an der
Pistole zu requalifizieren. Und Sie sehen, mit Verlaub gesagt, so aus, als könnten Sie
ein bißchen Entspannung vertragen. Warum kommen Sie nicht mit? Ich besorge Ihnen
eine hübsche kleine Beretta zum Spielen.«
»Keine Zeit, John.«
»Aye aye, Sir. Sie verschaffen sich keine Bewegung, Sie trinken viel zuviel, und
Sie sehen miserabel aus, Dr. Ryan. Das ist meine fachmännische Diagnose.«
So ähnlich hat sich Cathy gestern abend auch ausgedrückt, dachte Ryan, aber Clark
hat ja keine Ahnung, wie schlimm es wirklich um mich steht. Jack starrte aus dem
Fenster auf die erleuchteten Häuser, in denen die Regierungsbeamten gerade erst
aufwachten.
»Sie haben recht. Ich muß etwas unternehmen, aber heute fehlt mir einfach die
Zeit.«
»Sollen wir morgen in der Mittagspause ein bißchen joggen?«
»Da muß ich leider zu einem Essen mit den Direktoratschefs«, wich Jack aus.
Clark schwieg und konzentrierte sich aufs Fahren. Wann blickt der arme Teufel
endlich durch? fragte er sich. Trotz seiner Intelligenz ließ er sich von seinem Job
kaputtmachen.
Der Präsident schlug die Augen auf und blickte auf eine wuschlige blonde Mähne, die
seine Brust bedeckte, und einen zarten Frauenarm, der sich um ihn schlang. Man
konnte auf unangenehmere Art aufwachen. Er fragte sich, warum er so lange gewartet
hatte. Sie war schon seit Jahren für ihn zu haben gewesen, diese hübsche,
geschmeidige Vierzigerin, und er hatte als Mann seine Bedürfnisse. Seine Frau
Marian hatte jahrelang gelitten und einen verzweifelten Kampf gegen die Multiple
Sklerose geführt, an dessen Ende für die einst lebhafte, charmante, intelligente und
temperamentvolle Person der Tod stand. Sie war das Licht in Fowlers Leben gewesen
und hatte das, was als seine Persönlichkeit galt, eigentlich selbst erschaffen, die mit
ihrem Tod langsam abstarb. Im Grunde ein Verteidigungsmechanismus, das wußte er.
Endlose Monate lang hatte er stark sein, ihr die stoische Energie liefern müssen, ohne
die sie so viel früher gestorben wäre, aber dabei war aus Bob Fowler ein Automat
geworden. Charakterstärke, Kraft und Mut eines Mannes sind nicht unbegrenzt, und
mit Marians Leben war auch seine Menschlichkeit verebbt. Vielleicht sogar noch
mehr, gestand sich Fowler.
Das Perverse daran war, daß diese Erfahrung einen besseren Politiker aus ihm
gemacht hatte. In seinen besten Jahren als Gouverneur und im
Präsidentschaftswahlkampf hatte er sich zur Überraschung der selbsternannten
Experten, Kommentatoren und Ferndiagnostiker als der ruhige, leidenschaftslose, von
Vernunft geleitete Mann dargestellt, den die Wähler sehen wollten. Geholfen hatte
ihm auch die Tatsache, daß der Wahlkampf seines Vorgängers aus unerklärlichen
Gründen plump geführt worden war, obwohl Fowler glaubte, daß ihm der Sieg so
oder so sicher gewesen war.
114
Seit seinem Erfolg vor knapp zwei Jahren war er seit Grover Cleveland der erste
Präsident ohne Frau. Die Leitartikler nannten ihn den Technokraten im Weißen Haus,
den Mann ohne Persönlichkeit, und daß er Jura studiert und als Rechtsanwalt
gearbeitet hatte, schien bei den Medien niemanden zu scheren. Sobald man ihm ein
Etikett verpaßt hatte, das die allgemeine Zustimmung fand, erhob man es zur
Wahrheit, ob es nun zutraf oder nicht: Fowler, der Mann aus Eis.
Ach, wenn Marian mich so sehen könnte, dachte er. Sie hatte gewußt, daß er nicht
aus Eis gemacht war. Es gab Menschen, die sich an den alten Bob Fowler erinnerten,
den temperamentvollen Anwalt vor Gericht, den Bürgerrechtskämpfer, die Geißel des
organisierten Verbrechens, den Mann, der in Cleveland aufgeräumt hatte. Dieser
Effekt war wie alle politischen Erfolge nicht von Dauer. Er dachte an die Geburt
seiner Kinder, seinen Vaterstolz, an die Liebe, die er zu seiner Familie empfunden
hatte, an intime Stunden in Restaurants bei Kerzenschein. Er erinnerte sich an ein
Footballspiel an der High School, das Marian mehr begeistert hatte als ihn. Ihre
dreißigjährige Ehe hatte begonnen, als beide noch studierten. Zum Ende hin war sie
von der Krankheit überschattet worden, die Marian mit Ende Dreißig befallen, sich
zehn Jahre später drastisch verschlimmert und dann nach einer langen Leidenszeit
zum Tode geführt hatte. Am Ende war er so erschöpft gewesen, daß er nicht einmal
mehr weinen konnte. Und dann kamen die Jahre der Einsamkeit.
Nun, diese Zeit war vielleicht vorbei.
Ein Glück, daß es den Secret Service gibt, dachte Fowler. Im Gouverneurspalast in
Columbus wäre die Sache rasch herausgekommen. Hier war das anders. Vor der Tür
standen zwei bewaffnete Agenten, und im Korridor hielt sich ein Offizier der Army
mit der Ledertasche auf, die die Geheimcodes für einen Nuklearschlag enthielt. Die
flapsige Bezeichnung »der Fußball« mißfiel dem Präsidenten, aber es gab Dinge, die
selbst er nicht ändern konnte. Auf jeden Fall aber konnte seine Sicherheitsberaterin
sein Bett mit ihm teilen, und der Stab im Weißen Haus wahrte das Geheimnis. Fowler
hielt das für bemerkenswert.
Nun schaute er auf seine Geliebte hinab. Elizabeth sah unbestreitbar attraktiv aus.
Ihre Haut war blaß, weil sie wegen ihrer Arbeitsgewohnheiten nicht in die Sonne kam.
aber er bevorzugte hellhäutige Frauen. Da die Bettdecke nach den Bewegungen der
vergangenen Nacht schief lag, konnte er ihren Rücken sehen; wie glatt und weich ihre
Haut war! Er spürte ihren ruhigen Atem an seiner Brust und den Druck ihres linken
Armes, der ihn umschlang. Er fuhr ihr sanft über den Rücken und wurde mit einem
wohligen Brummen und einer festeren Umarmung belohnt.
Es wurde diskret angeklopft. Der Präsident zog die Decke hoch und räusperte sich.
Nach einer Anstandspause ging die Tür auf, ein Agent trug ein Tablett mit Kaffee und
Computerausdrucken herein und zog sich wieder zurück. Fowler wußte, daß er sich
auf einen gewöhnlichen Agenten nicht uneingeschränkt verlassen konnte, aber der
Secret Service war in der Tat die amerikanische Version der Prätorianergarde. Der
Agent ließ sich nichts anmerken und nickte dem »Boß«, wie seine Kollegen ihn
nannten, nur zu. Man diente ihm mit fast sklavischer Hingabe. Die Agenten waren
zwar gebildete Männer und Frauen, hatten aber ein schlichtes Weltbild; auch für
solche Leute war Platz, wie Fowler fand. Es mußte Menschen geben, auch
hochqualifizierte, die die Befehle ihrer Vorgesetzten ausführten. Die bewaffneten
Beamten hatten geschworen, ihn zu beschützen, wenn nötig sogar mit dem eigenen
Leib - »die Kugel fangen« nannte man das Deckmanöver -, und Fowler fand
verblüffend, daß so intelligente Menschen sich so selbstlos für eine so hirnlose Sache
115
ausbilden lassen konnten. Immerhin aber war das Ganze zu seinen Gunsten, und er
konnte auch auf ihre Diskretion bauen. So gutes Hauspersonal ist schwer zu
bekommen, witzelten die Lästerzungen. Wohl wahr: Man mußte schon Präsident sein,
um sich solche Dienstboten leisten zu können.
Fowler griff nach der Kanne und goß sich einen Kaffee ein, den er schwarz trank.
Nach dem ersten Schluck drückte er auf die TV-Fernbedienung und stellte CNN an,
das gerade über die Verhandlungen in Rom, wo es zwei Uhr nachmittags war,
berichtete.
»Hmm.« Elizabeth bewegte den Kopf, und ihr Haar strich über seine Haut. Fowler
fuhr mit dem Finger an ihrem Rückgrat entlang und erntete eine letzte Umarmung,
ehe sie die Augen aufschlug. Dann aber hob sie den Kopf mit einem heftigen Ruck.
»Bob!«
»Ja, was ist?«
»Es war jemand im Zimmer!« Sie wies auf das Tablett, das Fowler bestimmt nicht
selbst geholt hatte.
»Kaffee?«
»BOB!«
»Ich bitte dich, Elizabeth, die Leute vor der Tür wissen, daß du hier bist. Was haben
wir schon zu verbergen, und vor wem? Hier im Zimmer sind sogar wahrscheinlich
Mikrofone installiert.« Diese Vermutung hatte er noch nie ausgesprochen. Sicher
konnte er nicht sein und hatte es auch tunlichst vermieden, sich zu erkundigen, fand
die Vorstellung aber logisch. Der Secret Service mit seiner institutionalisierten
Paranoia traute nur dem Präsidenten und niemandem sonst, also auch nicht Elizabeth.
Sollte sie beispielsweise versuchen, ihn umzubringen, konnte man das hören und die
Agenten vor der Tür mit ihren Waffen ins Schlafzimmer stürmen lassen, um HAWK
vor seiner Geliebten zu retten. Es waren also vermutlich Mikrofone eingebaut.
Kameras auch? Nein, wahrscheinlich nicht, aber abgehört wurde bestimmt. Daß
Fowler diese Vorstellung irgendwie erregend fand, hätten die Leitartikler dem Mann
aus Eis nie abgenommen.
»Himmel noch mal!« Liz Elliot hatte diese Möglichkeit noch nie erwogen. Als sie
sich aufsetzte, baumelten ihre Brüste verlockend vor Fowlers Augen, aber der war ein
Typ, der morgens nur die Arbeit im Sinn hatte.
»Ich bin der Präsident, Elizabeth«, betonte Fowler, als sie sich von ihm löste. Auch
sie dachte nun an Kameras und zog rasch die Bettdecke hoch. Fowler mußte über ihre
Schamhaftigkeit lächeln. »Kaffee?« fragte er noch einmal.
Elizabeth Elliot hätte beinahe gekichert. Da lag sie splitternackt im Bett des
Präsidenten, und vor der Tür standen bewaffnete Wächter. Aber Bob hatte jemanden
hereingelassen! Unglaublich! Hatte er sie wenigstens zugedeckt? Sie beschloß, ihn
lieber nicht danach zu fragen, weil sie seinen Sarkasmus fürchtete. Andererseits: Hatte
sie jemals einen so guten Liebhaber wie ihn gehabt? Beim ersten Mal - für ihn mußte
es seit Jahren das erste Mal gewesen sein - war er so geduldig, so... respektvoll
gewesen. So leicht anzuleiten. Elliot lächelte verstohlen. Es war so einfach, ihm zu
zeigen, was sie wollte, wann und auf welche Weise, denn er schien es zu genießen,
einer Frau Lustgefühle zu bereiten. Vielleicht wollte er nur dafür sorgen, daß man ihn
nicht vergaß. Immerhin war er Politiker, und die sind immer scharf auf ein paar Zeilen
in den Geschichtsbüchern. Die hatte er sich schon verdient, so oder so. Kein Präsident
fiel der Vergessenheit anheim, selbst Grant und Harding nicht, und angesichts der
gegenwärtigen Entwicklungen... Selbst als Liebhaber wollte er in Erinnerung bleiben
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und ging daher auf seine Partnerin ein, sofern die klug genug war, ihn ihre Wünsche
wissen zu lassen.
»Stell das mal lauter«, sagte Liz. Fowler gehorchte zu ihrer Befriedigung sofort.
Selbst hier wollte er ihr gefallen. Warum hatte er dann einen Dienstboten mit dem
Kaffee ins Zimmer gelassen? Wie war dieser Mann zu verstehen? Er las bereits die
Telekopien aus Rom durch.
»Du, Elizabeth, die Sache klappt. Hoffentlich sind deine Koffer gepackt.«
»So?«
»Die Saudis und die Israelis haben sich laut Brent gestern abend über den
wichtigsten Punkt geeinigt - erstaunlich. Er verhandelte separat mit den beiden Seiten,
und beide machten den gleichen Vorschlag... und um das geheimzuhalten, pendelte er
hin und her, angeblich, um Akzeptanz zu suchen... und brachte die Sache dann bei
einer letzten Runde unter Dach und Fach! Ha!« Fowler hieb auf seine Hand, die die
Seite hielt. »Brent hat uns wirklich weitergebracht. Und dieser Ryan auch. Er ist zwar
ein widerwärtiger Snob, aber seine Idee...«
»Bob. ich bitte dich! Die war doch nicht auf seinem Mist gewachsen. Ryan hat nur
wiederholt, was andere schon seit Jahren sagen. Arnie war der Vorschlag neu, aber
Arnies Interessen reichen über das Weiße Haus nicht hinaus. Wenn du sagst, das sei
Ryans Verdienst, könntest du genausogut behaupten, er habe dir einen schönen
Sonnenuntergang inszeniert.«
»Mag sein«, räumte der Präsident ein. Er war zwar der Ansicht, daß Ryans Konzept
eine wichtigere Rolle gespielt hatte, wollte Elizabeth aber nicht vergrätzen. »Aber in
Saudi-Arabien hat er saubere Arbeit geleistet.«
»Ryan wäre noch viel effektiver, wenn er lernte, den Mund zu halten. Gut, er hat
den Saudis erfolgreich den Vortrag gehalten. Soll das ein historischer Augenblick der
amerikanischen Außenpolitik gewesen sein? Vorträge zu halten gehört zu seinem Job.
Richtig aufs Gleis gebracht haben Brent und Dennis die Sache, nicht Ryan.«
»Hm, da hast du wohl recht. Brent und Dennis holten die endgültige Zustimmung
zu der Konferenz ein... noch drei oder vier Tage, schreibt Brent.« Der Präsident
reichte ihr das Fax. Es war Zeit, daß er aufstand und sich an seinen Schreibtisch
machte, aber vorher ließ er eine Hand über eine Kurve unter der Decke gleiten, nur
um ihr zu verstehen zu geben, daß ...
»Laß das!« Liz kicherte neckisch. Er hörte natürlich sofort auf. Um die
Zurückweisung zu versüßen, hielt sie ihm die Lippen hin und bekam prompt einen
Kuß mit Mundgeruch.
»Was läuft hier?« fragte ein Lkw-Fahrer den Lademeister des Sägewerks. Vier
gewaltige Anhänger standen hintereinander in einiger Entfernung von den für die
Verschiffung nach Japan gefällten Stämmen. »Die Dinger standen beim letzten Mal
schon da.«
»Soll nach Japan«, versetzte der Frachtmeister und sah sich die Frachtpapiere an.
»Da geht doch hier alles hin.«
»Das ist eine Sonderlieferung. Die Japaner wollen die Stämme so gelagert haben
und haben eigens die Anhänger gemietet. Wie ich höre, soll das Holz zu Balken für
eine Kirche oder einen Tempel verarbeitet werden. Schauen Sie mal genau hin - die
Stämme sind zusammengekettet, damit sie schön beieinander bleiben. Hat was mit
Tradition zu tun. Wird eine Sauarbeit, diese Bündel so aufs Schiff zu laden.«
»Extra Anhänger, nur damit das Holz seinen eigenen Platz hat? Und
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zusammengekettet? Ehrlich, die haben mehr Geld als Verstand.«
»Was schert uns das?« fragte der Frachtmeister, der es langsam satt hatte, jedem
Fahrer, der in sein Büro kam, die gleiche Auskunft zu geben.
Da standen die Anhänger nun herum. Zweck der Übung war, sagte sich der
Frachtmeister, die Stämme etwas trocknen zu lassen. Der Urheber dieser Idee hatte
aber falsch kalkuliert. Es war in diesem regenreichen Gebiet der feuchteste Sommer
seit Menschengedenken, und das Holz, das schon beim Schlagen feucht gewesen war,
saugte sich mit Wasser nur so voll, ganz besonders an den Stümpfen der Aste, die im
Wald abgesägt worden waren. Vermutlich wogen die Stämme nun mehr als in frisch
geschlagenem Zustand. Vielleicht hätte man sie mit Planen abdecken sollen, dachte
der Frachtmeister, aber das hätte die Feuchtigkeit nur eingeschlossen. Außerdem
lautete die Anweisung, sie auf den Anhängern liegen zu lassen. Es regnete nun. Der
Hof verwandelte sich in einen Sumpf, der von jedem Laster und Schlepper weiter
aufgewühlt wurde. Nun, die Japaner hatten wohl ihre eigenen Vorstellungen, wie das
Holz zu trocknen und zu verarbeiten war. Ihre Anweisungen schlossen jede
vernünftige Lagerung hier aus. Selbst beim Seetransport auf der M/S George
McReady sollten die Bäume als Deckfracht gehen. Und da liegen sie bestimmt auch
im Weg herum, dachte der Frachtmeister. Sollten sie noch mehr Feuchtigkeit
aufnehmen, würden sie versinken, wenn sie ins Wasser fielen.
Der Bauer wußte, daß seinen Enkeln sein rückständiges Leben unangenehm war. Sie
sperrten sich gegen seine Umarmungen und Küsse und murrten wahrscheinlich vor
jedem Besuch, aber das störte ihn nicht. Den Kindern heutzutage fehlte der Respekt
vor dem Alter; vielleicht war das der Preis, den man für die besseren Chancen, die sie
genossen, zahlen mußte. Sein Leben hatte sich kaum von dem seiner Vorfahren
unterschieden, aber seinem Sohn ging es trotz seiner Verwundung besser als ihm, und
seinen Kindern winkte noch größerer Wohlstand. Die Jungen waren stolz auf ihren
Vater. Wenn ihre Schulkameraden abfällige Bemerkungen über ihre drusische
Religion machten, konnten die Jungs erwidern, ihr Vater sei im Kampf gegen die
verhaßten Israelis verwundet worden und habe sogar ein paar Zionisten getötet. Und
die syrische Regierung erwies ihren Kriegsversehrten einige Dankbarkeit. Der Sohn
des Bauern besaß eine kleine Firma und wurde von der sonst schikanösen Bürokratie
in Ruhe gelassen. Er hatte, was in der Region ungewöhnlich war, erst spät geheiratet.
Seine Frau war hübsch genug und respektvoll - sie war freundlich zu dem alten
Bauern, vermutlich aus Dankbarkeit, weil er nie Interesse gezeigt hatte, in ihren
kleinen Haushalt zu ziehen. Der Bauer war sehr stolz auf seine Enkel, kräftige,
gesunde Jungs, dickköpfig und aufsässig dazu, wie es sich eben für Buben gehört.
Auch der Sohn des Bauern war stolz und hatte es zu etwas gebracht. Nach dem
Mittagessen ging er mit seinem Vater ins Freie, betrachtete sich den Garten, den er
einmal gejätet hatte, und bekam Schuldgefühle, weil sich sein Vater hier immer noch
Tag für Tag abrackerte. Doch hatte er seinen Vater nicht zu sich nehmen wollen? Alle
Angebote waren abgelehnt worden. Der alte Mann mochte nicht viel besitzen, aber
seinen Stolz ließ er sich nicht nehmen.
»Der Garten sieht dieses Jahr gut aus.«
»Ja, es hat ordentlich geregnet«, stimmte der Bauer zu. »Es gibt heuer auch viele
Lämmer. Kein schlechtes Jahr. Wie sieht es bei dir aus?«
»Mein bestes Jahr bisher. Vater, ich wollte, du müßtest dich nicht so schinden.«
»Ach was!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich kenne doch nichts
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anderes. Und hier gehöre ich hin.«
Was hat der Mann doch für einen Mut, dachte der Sohn. Der Alte gab in der Tat
nicht auf. Er hatte seinem Sohn nicht viel geben können, ihm aber seinen stoischen
Mut vererbt. Als er auf dem Golan zwanzig Meter von den rauchenden Trümmern
seines Schützenpanzers entfernt gelegen hatte, ein Auge zerstört und eine Hand so
zerfetzt, daß sie später abgenommen werden mußte, hätte der Sohn einfach aufgeben
und sterben können. Aber er dachte an seinen Vater, für den es kein Aufgeben gab,
stand auf, nahm sein Gewehr und lief sechs Kilometer weit zum VerwundetenSammelpunkt seines Bataillons, wo er erst Meldung erstattete, ehe er sich versorgen
ließ. Dafür bekam er eine Auszeichnung und von seinem Bataillonskommandeur Geld
für den Start ins Zivilleben. Der Offizier gab der örtlichen Verwaltung auch zu
verstehen, daß sein Mann mit Respekt zu behandeln sei. Von seinem Obersten hatte
der Sohn Geld bekommen, von seinem Vater aber die Courage. Nun bedauerte er, daß
der Alte sich nicht ein wenig unter die Arme greifen ließ.
»Mein Sohn, ich brauche deinen Rat.«
Das war neu. »Gerne, Vater.«
»Komm, ich will dir etwas zeigen.« Er ging voran in den Garten zu den
Karottenbeeten, schob mit der Fußspitze Erde beiseite...
»Halt!« schrie der Sohn, packte seinen Vater beim Arm und zog ihn zurück. »Um
Himmels willen, seit wann liegt das da?«
»Seit dem Tag, an dem du verwundet wurdest«, gab der Bauer zurück.
Der Sohn faßte an seine Augenklappe und erinnerte sich einen schrecklichen
Augenblick lang an den grausigen Tag. Er hatte einen grellen Blitz gesehen, war
durch die Luft geflogen und hatte die Todesschreie seiner verbrennenden Kameraden
hören müssen. Das hatten die Israelis getan. Eine israelische Kanone hatte seine
Mutter getötet. Und nun - dies?
Was war das? Er befahl seinem Vater, sich nicht vom Fleck zu rühren, und ging so
vorsichtig, als durchquere er ein Minenfeld, an das Objekt heran. Er war bei den
Pionieren gewesen; seine Einheit hatte zwar einen Kampfauftrag bei der Infanterie
erhalten, im Grunde aber die Funktion der Minenleger gehabt. Das große Objekt sah
aus wie eine israelische Tausend-Kilo-Bombe; ihre Herkunft erkannte er an der Farbe.
Nun drehte er sich zu seinem Vater um.
»Und das liegt schon seit damals da?«
»Ja. Das Ding warf einen Krater auf, den ich zuschüttete. Der Frost muß es nach
oben gebracht haben. Ist es gefährlich? Muß doch ein Blindgänger sein.«
»Vater, diese Bomben bleiben gefährlich, sehr sogar. Wenn diese hier losgeht,
sprengt sie dich und dein ganzes Haus in die Luft!«
Der Bauer machte eine verächtliche Geste. »Warum ist das dumme Ding dann nicht
gleich explodiert?«
»Unsinn! Höre jetzt auf mich: Halte dich von diesem Teufelsding fern!«
»Und was wird aus meinem Garten?« fragte der Bauer schlicht.
»Ich werde dafür sorgen, daß die Bombe geräumt wird. Erst dann kannst du wieder
gärtnern.« Der Sohn dachte nach. Räumen war ein Problem, und kein geringes. Die
syrische Armee hatte nur wenige Bombenexperten und detonierte Blindgänger am
liebsten an Ort und Stelle; generell eine sehr vernünftige Methode, in diesem
speziellen Fall aber nicht, denn sein Vater würde die Zerstörung seines Hauses nicht
lange überleben. Seine Frau würde ihn nur ungern bei sich aufnehmen, und er selbst
konnte seinem Vater als Einhändiger wohl kaum beim Wiederaufbau helfen. Die
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Bombe mußte also entfernt werden, aber von wem?
»Du mußt mir versprechen, den Garten nicht zu betreten«, verkündete der Sohn
streng.
»Wie du meinst«, erwiderte der Bauer, der nicht daran dachte, die Befehle seines
Sohnes zu befolgen. »Wann läßt du das Ding abholen?«
»Das kann ich noch nicht sagen. Ich muß mich erst einmal ein paar Tage lang
umhören.«
Der Bauer nickte und überlegte, den Rat seines Sohnes doch zu befolgen und sich
wenigstens von dem Blindgänger fernzuhalten. Daß die Bombe nicht mehr
funktionierte, stand für ihn fest. Er kannte sein Schicksal. Wenn er durch die Bombe
hätte getötet werden sollen, wäre das längst passiert. Welches Unglück war ihm je
erspart geblieben?
Am nächsten Tag bekamen die Journalisten endlich etwas zu beißen. Am hellen Tag
traf Dimitrios Stavarkos, der Patriarch von Konstantinopel, mit dem Auto ein Hubschrauber benutzte er grundsätzlich nicht.
»Eine Nonne mit Bart?« fragte ein Kameramann am eingeschalteten Mikrofon, als
er die Gestalt mit dem Zoom heranholte. Die Schweizergarde stand Spalier, und
Bischof O’Toole geleitete den Gast in den Vatikan.
»Muß ein griechisch-orthodoxer Bischof sein«, merkte ein Koordinator sofort an.
»Was tut der hier?«
»Was wissen wir über die griechisch-orthodoxe Kirche?« fragte sein Produzent.
»Sie hat mit dem Papst nichts zu tun und gestattet den Priestern zu heiraten. Einen
von ihnen steckten die Israelis ins Gefängnis, weil er den Arabern Waffen
beschaffte«, kommentierte ein anderer über die Leitung.
»Die Griechen vertragen sich also mit den Arabern, aber nicht mit dem Papst? Wie
stehen sie sich mit den Israelis?«
»Keine Ahnung«, gestand der Produzent. »Da sollten wir uns mal schlau machen.«
»Jetzt sind also vier Konfessionen beteiligt.«
»Spielt der Vatikan mit, oder stellt er nur den neutralen Verhandlungsort?« fragte
der Koordinator, der wie die meisten seiner Kollegen am überzeugendsten wirkte,
wenn er seinen Text vom Teleprompter ablas.
»Hat es denn hier jemals so etwas gegeben? Wer einen neutralen Ort braucht, der
geht nach Genf«, bemerkte der Kameramann, der eine Vorliebe für Genf hatte.
»Was tut sich?« Eine Rechercheurin betrat die Kabine und wurde vom Produzenten
informiert.
»Wo steckt diese Expertin?« grollte der Koordinator.
»Könnten Sie das Band zurückspulen?« fragte die Rechercheurin. Die
Studiotechniker begannen damit, und sie ließ auf Standbild schalten.
»Dimitrios Stavarkos. Patriarch von Konstantinopel, das Sie unter seinem
modernen Namen Istanbul kennen, Rick. Er ist das Oberhaupt aller orthodoxen
Kirchen, also eine Art Papst. Die orthodoxen Kirchen in Griechenland, Rußland und
Bulgarien haben zwar ihre eigenen Oberhäupter, unterstehen aber dem Patriarchen.«
»Stimmt es, daß orthodoxe Priester heiraten dürfen?«
»Ja, die Priesterehe existiert, aber vom Bischof an aufwärts gilt das Zölibat.«
»Das ist die Härte«, kommentierte Rick.
»Stavarkos führte im letzten Jahr den Kampf mit den Katholiken um die
Weihnachtsmesse in Bethlehem und gewann, wenn ich mich recht entsinne. Das
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haben ihm einige katholische Bischöfe nicht verziehen. Was will er in Rom?«
»Das sollen Sie uns sagen, Angie!« versetzte der Koordinator giftig.
»Immer mit der Ruhe, Rick.« Angie Miriles hatte wenig Lust auf die Allüren dieser
seichten TV-Primadonna. Sie schlürfte zwei Minuten lang ihren Kaffee und
verkündete dann: »Ich glaube, ich weiß, was hier gespielt wird.«
»Wären Sie so gut, uns einzuweihen?«
»Willkommen!« Kardinal D’Antonio küßte Stavarkos auf beide Wangen, obwohl er
sich vor dessen Bart ekelte. Der Kardinal geleitete den Patriarchen in den
Konferenzsaal, wo sechzehn Personen an einem Tisch saßen. Stavarkos nahm den
leeren Platz am Ende ein.
»Wir sind dankbar, daß Sie uns Gesellschaft leisten«, sagte Minister Talbot.
»Eine solche Einladung schlägt man nicht aus«, erwiderte der Patriarch.
»Haben Sie den Vertragsentwurf gesehen?« Das Dokument war per Kurier
zugestellt worden.
»Er ist sehr ehrgeizig«, räumte Stavarkos vorsichtig ein.
»Sind Sie mit Ihrer Rolle in dem Abkommen einverstanden?«
Das ging dem Patriarchen viel zu schnell. Andererseits - »Ja«, antwortete er
schlicht. »Ich verlange absolute Verfügungsgewalt über alle christlichen
Reliquienschreine im Heiligen Land. Wird diese konzediert, trete ich dem Abkommen
mit Freuden bei.«
D’Antonio rang um Fassung, atmete durch und flehte hastig um Gottes
Intervention. Später wußte er nicht zu sagen, ob sie ihm zuteil wurde oder nicht.
»Für solche Pauschalforderungen sind die Verhandlungen wohl zu weit
fortgeschritten.« Man wandte die Köpfe. Der Einwand kam von Dmitrij Popow, dem
Ersten Stellvertretenden Außenminister der Sowjetunion. »Zudem ist der Versuch der
einseitigen Vorteilsnahme angesichts der großen Konzessionen, die hier von allen
gemacht wurden, rücksichtslos. Wollen Sie nur auf dieser Basis einer Übereinkunft im
Weg stehen?«
Derart direkte Zurechtweisungen war Stavarkos nicht gewohnt.
»Die Frage der christlichen Heiligtümer hat keine direkte Auswirkung auf das
Abkommen«, bemerkte Minister Talbot. »Wir finden Ihre nur bedingte Bereitschaft
zur Teilnahme enttäuschend.«
»Mag sein, daß ich den Vertragsentwurf mißverstanden habe«, wandte Stavarkos
ein und gab sich selbst Flankenschutz. »Wären Sie so gut, meinen Status näher zu
erläutern?«
»Ausgeschlossen«, schnaubte der Koordinator.
»Wieso?« erwiderte Angela Miriles. »Welche Möglichkeit klingt vernünftiger?«
»Das ist mir mehr als eine Nummer zu groß.«
»Stimmt, es ist allerhand«, räumte Miriles ein. »Aber was liegt näher?«
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.«
»Dazu mag es nicht kommen. Stavarkos hat keine großen Sympathien für die
römisch-katholische Kirche. Der Streit, den er letzte Weihnachten vom Zaun brach,
war häßlich.«
»Warum haben wir dann nicht darüber berichtet?«
»Weil wir endlose Reportagen über das schlechte Weihnachtsgeschäft brachten«,
versetzte sie und hätte am liebsten hinzugefügt: Du Arsch.
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»Eine separate Kommission?« fragte Stavarkos unwillig.
»Der Metropolit möchte seinen eigenen Vertreter entsenden«, erklärte Popow. Der
Stellvertretende Außenminister glaubte zwar nach wie vor an Marx und nicht an Gott,
mußte aber als Russe sicherstellen, daß die russischorthodoxe Kirche an dem
Abkommen beteiligt wurde - ganz gleich, wie unwichtig dieser Punkt sein mochte.
»Ich finde diese Angelegenheit höchst merkwürdig. Verzögern wir den
Vertragsabschluß wegen der Frage, welche christliche Kirche nun am einflußreichsten
ist? Wir sind hier zusammengekommen, um einen Krisenherd zu entschärfen, einen
potentiellen Krieg zwischen Juden und Moslems zu verhindern. Warum stehen die
Christen ihr im Weg?« Popow schaute bei dieser Frage an die Decke - eine Spur zu
theatralisch, wie D’Antonio fand.
»Dieses Randthema lassen wir am besten von einem separaten Komitee der
christlichen Geistlichkeit behandeln«, schlug Kardinal D’Antonio schließlich vor.
»Ich verspreche, daß wir die interkonfessionellen Streitigkeiten beilegen werden.«
Das höre ich nicht zum ersten Mal, dachte Stavarkos - aber warum bin ich
eigentlich so kleinlich? Ich mache mich ja vor den Katholiken und Russen zum
Narren! Ein weiterer Faktor war, daß er in Istanbul, seinem Konstantinopel, von den
Türken nur geduldet wurde und daß diese Konferenz einen immensen Prestigegewinn
für seine Kirche und sein Amt bedeutete.
»Bitte vergeben Sie mir. Bedauerliche Vorfälle haben mein Urteil getrübt. Jawohl,
ich unterstütze das Abkommen und hoffe, daß meine Glaubensbrüder Wort halten.«
Brent Talbot lehnte sich zurück und wisperte ein Dankgebet. Das tat er zwar
gewöhnlich nicht, aber in dieser Umgebung...
»Und damit wäre das Abkommen perfekt.« Talbot schaute in die Runde, und die
Konferenzteilnehmer nickten nacheinander, manche begeistert, manche resigniert.
Aber niemand erhob Einspruch. Man stimmte überein.
»Mr. Adler, wann können die Dokumente zur Paraphierung vorgelegt werden?«
fragte D’Antonio.
»In zwei Stunden, Eminenz.«
Talbot erhob sich. »Hoheit, Eminenzen, meine Herren, wir haben es geschafft.«
Seltsamerweise war ihnen kaum bewußt, was sie bewerkstelligt hatten. Die
Verhandlungen hatten recht lange gedauert, und wie es bei zähem Feilschen oft der
Fall ist, war das Procedere wichtiger geworden als das Ziel. Nun waren sie dahin
gekommen, wo sie hingestrebt hatten, und so erstaunt, daß sie trotz ihrer ganzen
Erfahrung im Formulieren und in außenpolitischen Verhandlungen alles wie durch
einen Schleier wahrnahmen. Die Teilnehmer folgten Talbots Beispiel und erhoben
sich, und die Bewegung, das Strecken der Beine, brachte sie wieder auf den Boden
der Realität zurück. Einem nach dem anderen wurde klar, daß man tatsächlich am Ziel
war. Das Unmögliche war geschafft. David Aschkenasi ging um den Tisch herum zu
Prinz Ali, der für sein Land verhandelt hatte, und streckte die Hand aus. Aber das
reichte nicht. Der Prinz nahm den Minister in die Arme wie einen Bruder.
»Bei Gott, zwischen uns wird Frieden herrschen, David.«
»Jawohl, und nach so langer Zeit, Ali«, erwiderte der ehemalige israelische
Panzersoldat. 1956 hatte Aschkenasi am Suezkanal als Leutnant gekämpft, 1967 als
Hauptmann, und 1973 war sein Reservebataillon den bedrängten Truppen auf dem
Golan zur Hilfe gekommen. Beide Männer reagierten überrascht auf den spontanen
Applaus der Runde. Der Israeli brach in Tränen aus, für die er sich unglaublich
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schämte.
»Sie brauchen sich nicht zu schämen, David. Sie sind für Ihren Mut bekannt«, sagte
Ali liebenswürdig. »Es ist nur recht, daß ein Soldat den Frieden schließt.«
»So viele mußten sterben, all die prächtigen jungen Männer - auf beiden Seiten,
Ali. Unsere Kinder.«
»Das hat jetzt ein Ende.«
»Dmitrij, Ihre Hilfe war außerordentlich«, sagte Talbot am anderen Ende des
Tisches zu seinem russischen Kollegen.
»Erstaunlich, was wir zuwege bringen, wenn wir zusammenarbeiten.«
Nun kam Talbot ein Gedanke, den Aschkenasi bereits ausgesprochen hatte. »Zwei
ganze Generationen vergeudet. Dmitrij. Alles verlorene Zeit.«
»Was geschehen ist. ist geschehen«, versetzte Popow. »Seien wir jetzt klug genug,
nicht noch mehr zu verlieren.« Der Russe lächelte schief. »Einen solchen Anlaß sollte
man mit Wodka begießen.«
Talbot nickte in Prinz Alis Richtung. »Wir trinken nicht alle Alkohol.«
»Wie ertragen die das Leben ohne Wodka?« Popow lachte leise.
»Eines der Rätsel des Lebens. Dmitrij. So. jetzt müssen wir wohl beide
Telegramme abschicken.«
»In der Tat, mein Freund.«
Es fuchste die Korrespondenten in Rom, daß die Nachricht zuerst von einer
Reporterin der Washington Post, die in der US-Hauptstadt saß, aufgeschnappt wurde.
Die Dame hatte einen heißen Draht zu einer Sergeantin der Air Force, die in der
Maschine des Präsidenten, einer fürs Militär modifizierten Boeing 747 mit der
Bezeichnung VC-25A, die Elektronik wartete. Der Soldatin war von der Journalistin
genau eingeschärft worden, was sie zu tun hatte. Daß der Präsident nach Rom wollte,
war allgemein bekannt. Die Frage war nur, wann. Sowie die Sergeantin erfuhr, daß
das Flugzeug startklar gemacht wurde, rief sie zu Hause an, angeblich um sich zu
überzeugen, daß ihre gute Uniform aus der Reinigung zurück war. Leider verwählte
sie sich, ohne es zu merken, denn die Reporterin hatte zufällig den gleichen flotten
Spruch im Anrufbeantworter wie sie. Das war ihre Story für den Fall, daß sie erwischt
wurde. Sie kam aber ungeschoren davon.
Eine Stunde später erwähnte die Frau von der Washington Post bei der täglichen
Pressekonferenz im Weißen Haus eine »unbestätigte Meldung«, der zufolge der
Präsident im Begriff sei, nach Rom zu fliegen. Was hatte das zu bedeuten? Waren die
Verhandlungen ins Stocken geraten? Oder erfolgreich abgeschlossen worden? Den
Pressesprecher traf die Frage unvorbereitet. Er hatte erst vor zehn Minuten erfahren,
daß er nach Rom fliegen sollte, und war wie üblich zu totaler Verschwiegenheit
vergattert worden. Zu seiner eigenen Überraschung ließ sich der Mann, der vorgehabt
hatte, die Nachricht am Nachmittag durchsickern zu lassen, von der Frage aus dem
Konzept bringen. Sein »kein Kommentar« klang wenig überzeugend, und die
Korrespondenten im Weißen Haus rochen Lunte. Alle hatten zensierte Kopien von
Fowlers Terminkalender und somit Kontaktpersonen für ihre Recherchen.
Schon waren die Referenten des Präsidenten am Telefon und sagten Termine und
Auftritte ab. Selbst der Präsident kann wichtige Leute nicht ohne Warnung versetzen.
Die Prominenz mochte verschwiegen sein, nicht aber alle ihre Assistenten und
Sekretärinnen, und davon lebt die freie Presse: von Leuten, die nichts für sich
behalten können. Innerhalb von einer Stunde war die Meldung von vier verschiedenen
123
Quellen bestätigt worden. Präsident Fowler hatte für mehrere Tage alle Termine
abgesagt. Er ging also auf Reisen, und bestimmt nicht nach Peoria, der
sprichwörtlichen Provinzstadt im Mittleren Westen. Das war für alle TV-Anstalten
Grund genug, hastig zusammengestückelte Meldungen in die Pausen der GameShows einzublenden und dann sofort wieder Werbung zu bringen mit dem Erfolg, daß
Millionen von Zuschauern den entscheidenden Satz verpaßten und statt dessen
erfuhren, wie man hartnäckige Grasflecken aus Hosen entfernt.
Erst am späten Nachmittag dieses drückend schwülen Sommertages erfuhr das
Medienkorps in Rom, daß nur drei Kamerateams - und kein einziger Korrespondent Zugang zu dem Gebäude erhalten sollten, das von außen nun seit drei Wochen scharf
beobachtet worden war. In großen Wohnwagen nahe der Sendekabinen ließen sich die
Koordinatoren schminken, hasteten dann vor die Kameras, setzten die Ohrhörer ein
und warteten auf das Signal ihrer Regisseure.
Das Bild, das auf den Monitoren in der Kabine und den Bildschirmen rund um die
Welt gleichzeitig auftauchte, zeigte den Konferenzsaal mit dem langen Tisch. Am
Kopfende saß der Papst, und vor ihm lag eine Mappe aus rotem Kalbsleder - kein
Reporter sollte je von der momentanen Panik erfahren, die ausgebrochen war, als
jemandem klar wurde, daß er nicht wußte, aus welcher Tierhaut die Mappe gemacht
war, und sich beim Hersteller erkundigen mußte; zum Glück hatte niemand Einwände
gegen Leder vom jungen Rind.
Man war übereingekommen, in Rom auf eine öffentliche Erklärung zu verzichten.
Erste Verlautbarungen sollten in den Hauptstädten der beteiligten Länder gemacht
werden; die wahrhaft blumigen Reden für die Unterzeichnungszeremonien wurden
noch verfaßt. Ein Sprecher des Vatikans verteilte eine schriftliche Presseerklärung an
alle TV-Korrespondenten. Es sei der Entwurf eines Vertrages zur Beendigung des
Nahostkonflikts ausgehandelt worden, der nun von den Vertretern der beteiligten
Nationen paraphiert werden könne. Das endgültige Vertragswerk würden die
Regierungschefs und/oder ihre Außenminister in einigen Tagen unterzeichnen. Weder
der Text des Vertrages noch seine Bedingungen seien zur Veröffentlichung
freigegeben. Eine unangenehme Botschaft für die Korrespondenten, die erkannten,
daß die Einzelheiten des Abkommens in den jeweiligen Hauptstädten an die
Öffentlichkeit gebracht und somit von anderen Reportern gemeldet würden.
Die rote Mappe wurde weitergereicht. Laut Presseerklärung des Vatikans war die
Reihenfolge der Paraphierung durch das Los bestimmt worden. Es stellte sich heraus,
daß die Israelis den Anfang machten, gefolgt von den Vertretern der Sowjetunion, der
Schweiz, der USA, Saudi-Arabiens und des Vatikans. Jeder benutzte einen
Füllfederhalter, und der Priester, der die Mappe von Platz zu Platz trug, sicherte die
Unterzeichnung mit einem Löscher. Die simple Zeremonie war rasch vorbei.
Anschließend schüttelte man sich die Hand und spendete sich gegenseitig Applaus.
Und das war es dann.
»Mein Gott«, sagte Ryan, der am Fenster saß und einen Blick auf den
Vertragsentwurf warf, den er per Fax erhalten hatte. Er unterschied sich kaum von
seinem ursprünglichen Konzept. Zwar hatten die Saudis wie auch die Israelis,
Sowjets, Schweizer und die USA Veränderungen angebracht, aber das Ganze basierte
auf seinem Einfall - mit der Einschränkung, daß er die Gedanken einer Vielzahl
anderer geborgt hatte. Wahrhaft originelle Ideen sind selten. Ryan hatte lediglich
Vorstellungen in ein System gebracht und seine Anregung im historisch richtigen
Moment ausgesprochen. Dennoch war dies der stolzeste Augenblick in seinem Leben.
124
Schade nur, daß ihm niemand gratulierte.
Im Weißen Haus saß die beste Redenschreiberin des Präsidenten bereits an der
Rohfassung seiner Ansprache. Fowler würde bei der Zeremonie eine Vorrangstellung
haben, weil er den Prozeß ausgelöst und die Konferenzteilnehmer mit seiner Rede vor
der UN-Vollversammlung in Rom zusammengebracht hatte. Auch der Papst würde
eine Rede halten - ach was, alle werden sprechen, überlegte die Redenschreiberin. Für
sie war das ein Problem, weil jede Rede originell sein mußte und nicht gerade das
enthalten sollte, was der Vorredner gesagt hatte. Sie erkannte, daß sie wahrscheinlich
noch auf dem Flug über den Atlantik in der VC-25A eifrig auf ihren Laptop
einhacken mußte, aber dafür wurde sie schließlich bezahlt, und Air Force One war
auch mit einem Laserdrucker ausgerüstet.
Im Oval Office sah der Präsident seinen hastig revidierten Terminkalender durch.
Enttäuschung für eine Pfadfindergruppe, die Käsekönigin von Wisconsin und viele
Geschäftsleute, deren Bedeutung in ihrem begrenzten Wirkungskreis verblaßte,
sobald sie durch die Seitentür die Werkstatt des Präsidenten betraten. Die für seinen
Terminkalender verantwortliche Sekretärin war schon am Telefon, hatte nur noch den
allerwichtigsten Besuchern Termine für die paar freien Minuten in den nächsten
sechsunddreißig Stunden gegeben. Das würden für den Präsidenten hektische
anderthalb Tage werden, aber auch das gehörte zu seinem Job.
»Na?« Fowler hob den Kopf und erblickte Elizabeth Elliot, die ihn durch die
Vorzimmertür angrinste.
Na, jetzt bist du endlich am Ziel, dachte sie. Du wirst für immer als der Präsident
gelten, der die Nahostfrage ein für allemal gelöst hat. Vorausgesetzt - räumte Liz in
einer seltenen Anwandlung von Objektivität ein -, daß auch alles klappt, was man bei
einer solchen Kontroverse nicht einfach voraussetzen kann.
»Elizabeth, wir haben der ganzen Welt einen Dienst erwiesen.« Mit »wir« meinte er
natürlich sich selbst, wie Elliot wohl wußte, aber das war recht und billig. Immerhin
hatte Bob Fowler monatelang den Wahlkampf ertragen und dabei obendrein noch
seine Amtsgeschäfte als Gouverneur geführt; er hatte zahllose Reden gehalten, Babys
geküßt und den immer gleichen brutalen Fragen der Reporter standgehalten. Und in
wie viele Ärsche hatte er kriechen müssen... Der Weg in dieses kleine Büro, das
Zentrum der Exekutive, war ein Durchhaltetest, der die wenigen Männer, die ihn
erfolgreich bestanden - schade, daß es immer noch nur Männer sind, dachte Liz -,
seltsamerweise nicht mürbe machte. Der Lohn für die Mühe und endlose Rackerei
waren die Lorbeeren, die der Amtsinhaber erntete. Die Leute gingen schlicht davon
aus, daß der Präsident die Dinge lenkte und die Entscheidungen traf und daher für
Erfolge und Mißerfolge persönlich verantwortlich war. Hierbei ging es vorwiegend
um die Innenpolitik, also um Arbeitslosigkeit. Inflation und Konjunktur, und selten
ging es um bedeutende, die Welt verändernde Ereignisse. Reagan, räumte Elliot ein,
würde als der Mann in die Geschichte eingehen, der zufällig Präsident war, als die
Russen den Marxismus verwarfen, und Bush als derjenige, der den politischen Profit
einheimste. Nixon hatte die Tür nach China geöffnet, und Carter hatte das, was
Fowler nun gelungen war, zum Greifen nahe gehabt. Der amerikanische Wähler
mochte bei der Stimmabgabe nur die Sicherung seines Wohlstands im Auge haben,
aber Geschichte machte, wer einen weiteren Horizont hatte. Was einem Mann ein
paar Absätze in einem allgemeinen Geschichtswerk und ganze Bände gelehrter
Studien eintrug, waren die grundlegenden Veränderungen der politischen Welt. Nichts
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anderes zählte. Die Historiker hielten jene Gestalten in Erinnerung, die politische
Ereignisse beeinflußt hatten - also Bismarck, nicht Edison -, für die politische
Faktoren als Triebkraft für den technischen Fortschritt dienten. Elizabeth Elliot hätte
das durchaus auch umgekehrt sehen können. Doch die Geschichtsschreibung hatte
ihre eigenen Regeln und Konventionen, die mit der Realität nur wenig zu tun hatten,
denn die Realität war so gewaltig, daß sie auch von Akademikern, die nach Jahren ein
Ereignis zu verarbeiten suchten, nicht erfaßt werden konnte. Die Politiker hielten sich
bereitwillig an diese Regeln, denn wenn sich etwas Denkwürdiges zutrug, gingen sie
in die Geschichte ein, verewigt von den Historikern.
»Der Welt einen Dienst erwiesen?« wiederholte Elliot nach einer längeren Pause.
»Klingt gut. Wilson nannte man den Präsidenten, der uns aus dem Krieg heraushielt.
Dich wird man als den Mann in Erinnerung behalten, der allem Krieg ein Ende
setzte.«
Fowler und Elliot wußten wohl, daß Wilson, kurz nachdem er aufgrund dieses
Versprechens wiedergewählt worden war, Amerika in seinen ersten richtigen Krieg
im Ausland geführt hatte, den letzten aller Kriege, wie ihn die Optimisten genannt
hatten, lange vor dem Holocaust und dem nuklearen Alptraum. Diesmal aber waren
beide sicher, daß es um mehr als um Optimismus ging und daß Wilsons Vision von
einer friedlichen Welt endlich Form anzunehmen begann.
Der Mann war Druse, ein Ungläubiger also, aber dennoch geachtet. Er war im Krieg
gegen die Zionisten verwundet und für seine Tapferkeit ausgezeichnet worden. Die
unmenschlichen Waffen des Feindes hatten ihm die Mutter genommen. Und die
Bewegung hatte seine Unterstützung. Kati hatte die Grundlagen nie vergessen und als
junger Mann die Bücher des Vorsitzenden Mao gelesen. Daß Mao ein Ungläubiger
der übelsten Sorte gewesen war, ein Atheist, der Gläubige verfolgte, tat nichts zur
Sache. Der Revolutionär war ein Fisch, der im Meer der Massen schwamm. Die
Massen hinter sich zu wissen war die Grundvoraussetzung für jeden Erfolg. Dieser
Druse hatte gespendet, soviel er konnte, und einmal einem verwundeten
Freiheitskämpfer in seinem Haus Zuflucht geboten. Das hatte man nicht vergessen.
Kati erhob sich von seinem Schreibtisch und begrüßte den Mann mit einem warmen
Händedruck und flüchtigen Küssen.
»Willkommen, mein Freund.«
»Ich bin dankbar, daß Sie mich empfangen, Kommandant.« Der Händler wirkte
sehr nervös: Kati fragte sich, was er auf dem Herzen hatte.
»Bitte nehmen Sie Platz. Abdullah«, rief er laut, »hole Kaffee für unseren Gast.«
»Bitte machen Sie sich meinetwegen keine Umstände.«
»Unsinn, Sie sind unser Kamerad. Wie viele Jahre waren Sie uns schon ein treuer
Freund?«
Der Händler hob die Schultern und freute sich insgeheim, denn was er investiert
hatte, trug nun Zinsen. Das reine Überleben war in diesem Teil der Welt eine
Kunstform und ein Glücksspiel.
»Ich wollte Ihren Rat suchen«, sagte er nach dem ersten Schluck Kaffee.
»Gerne.« Kati beugte sich vor. »Es ist mir eine Ehre, Ihnen zu helfen. Wo drückt
der Schuh?«
»Es geht um meinen Vater.«
»Wie alt ist er nun?« fragte Kati. Auch der alte Bauer hatte seinen Männern
gelegentlich etwas geschenkt, meist ein Lamm. Er war zwar ein einfacher Mann und
126
ein Ungläubiger dazu, doch sie hatten die gleichen Feinde.
»Sechsundsechzig. Kennen Sie seinen Garten?«
»Ja, ich war vor einigen Jahren einmal dort, kurz nach dem Tod Ihrer Mutter.«
»In seinem Garten liegt eine israelische Bombe.«
»Eine Bombe? Sie meinen bestimmt eine Granate.«
»Nein, Kommandant, es ist wirklich eine Bombe. Sie ist einen halben Meter dick.«
»Ah, ich verstehe... und wenn die Syrer das erfahren ...«
»Sprengen sie das Ding an Ort und Stelle. Mein Vaterhaus würde zerstört.« Der
Besucher hob den linken Unterarm. »Ich kann ihm beim Wiederaufbau kaum helfen,
und mein Vater ist zu alt, um es allein zu tun. Ich bin gekommen, um Sie zu fragen,
wie man das Teufelsding wegschaffen könnte.«
»Sie sind an der richtigen Adresse. Wie lange liegt die Bombe schon dort?«
»Seit dem Tag, an dem ich meine Hand verlor, sagt mein Vater.« Wieder
gestikulierte der Händler mit seinem verstümmelten Arm.
»Dann war Allah Ihrer Familie an diesem Tag wahrhaft gnädig.«
Schöne Gnade, dachte der Händler und nickte.
»Sie waren uns ein treuer Freund. Selbstverständlich können wir Ihnen helfen. Ich
habe einen Mann, der sich auf das Entschärfen und Räumen israelischer Bomben
versteht - und wenn er sie unschädlich gemacht hat, schlachtet er sie aus und baut
Bomben für unsere Zwecke.« Kati hielt inne und hob warnend den Zeigefinger. »Das
dürfen Sie niemals wiederholen.«
Der Besucher zuckte auf seinem Stuhl zusammen. »Meinetwegen, Kommandant,
können Sie die Hunde alle töten, und wenn Sie es mit der Bombe tun, die die Israelis
in den Garten meines Vaters geworfen haben, wünsche ich Ihnen allen Erfolg.«
»Nichts für ungut, mein Freund, ich wollte Sie nicht beleidigen. Aber ich mußte das
sagen, das verstehen Sie bestimmt.« Katis Botschaft kam an.
»Ich werde Sie nie verraten«, erklärte der Händler fest.
»Das weiß ich.« Zeit, dem Meer der Massen die Treue zu halten. »Morgen schicke
ich einen Mann zu Ihrem Vater. Inschallah«, fügte er hinzu, wenn Gott will.
»Ich stehe in Ihrer Schuld, Kommandant.« Er hoffte, sie nie begleichen zu müssen.
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8
Der Pandora-Prozeß
Die modifizierte Boeing 747 hob kurz vor Sonnenuntergang von der Startbahn des
Luftstützpunkts Andrews ab. Präsident Fowler hatte anstrengende sechsunddreißig
Stunden hinter sich, voll mit Informationsgesprächen und Terminen. Nun standen ihm
zwei noch schlimmere Tage bevor; Präsidenten sind auch nur Menschen. Sein
achtstündiger Flug nach Rom war mit einer Zeitverschiebung von sechs Stunden
verbunden; eine mörderische Umstellung. Fowler, ein erfahrener Weltreisender, hatte
an diesem und dem Vortag weniger geschlafen, damit er müde genug war, um
während des Flugs schlafen zu können. Die Unterkunft des Präsidenten befand sich
im Bug der üppig ausgestatteten und ruhig fliegenden Maschine. Das Bett, eigentlich
eine Schlafcouch, war von annehmbaren Ausmaßen und hatte eine Matratze nach
Fowlers Geschmack. Das Flugzeug war überdies so groß, daß man die Presse von
dem Regierungsteam gut trennen konnte - die Distanz betrug fast sechzig Meter, denn
die Medienvertreter saßen in der abgetrennten Kabine im Heck. Während der
Pressesprecher sich hinten mit den Reportern befaßte, stieß vorne die
Sicherheitsberaterin diskret zu Fowler. Pete Connor und Helen D’Agustino tauschten
einen Blick, der auf Außenstehende nichtssagend wirkte, unter Mitgliedern des
klüngelhaften Secret Service aber Bände sprach. Die Türwache, ein Militärpolizist
von der Air Force, starrte nur auf das rückwärtige Schott und verkniff sich ein
Lächeln.
»Nun, Ibrahim, was halten Sie von unserem Gast?« fragte Kati.
»Er ist stark, unerschrocken und recht gerissen, aber ich weiß nicht, wo wir ihn
einsetzen könnten«, erwiderte Ibrahim Ghosn und schilderte den Zwischenfall mit
dem griechischen Polizisten.
»Er hat ihm den Hals gebrochen?« Der Mann war also zumindest kein Spitzel...
vorausgesetzt, der Grieche war tatsächlich tot und sie hatten es nicht mit einer
raffinierten List der Amerikaner, Griechen oder Israelis zu tun.
»Ja, wie einen dürren Zweig.«
»Hat er Kontakte in Amerika?«
»Nur wenige. Die Bundespolizei fahndet nach ihm, weil er drei ihrer Agenten
getötet hat, wie er behauptet. Sein Bruder wurde in einen Hinterhalt gelockt und
erschossen.«
»In der Wahl seiner Feinde ist er ehrgeizig. Schulbildung?«
»Kaum der Rede wert, aber der Mann ist schlau.«
»Besondere Fähigkeiten?«
»Nur wenige, mit denen wir etwas anfangen können.«
»Immerhin ist er Amerikaner«, betonte Kati. »So einen hatten wir noch nie.«
Ghosn nickte. »Stimmt, Kommandant.«
»Wie groß ist die Chance, daß er ein Spitzel ist?«
»Gering, schätze ich, aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein.«
»Wie auch immer - ich habe einen Auftrag für Sie.« Kati berichtete von der Bombe.
»Schon wieder eine?« Ghosn war ein fähiger, aber nicht unbedingt begeisterter
128
Sprengstoffexperte. »Ja, ich kenne den alten Narren und sein Haus. Und ich weiß, daß
Sie etwas für seinen Sohn übrig haben, diesen Krüppel.«
»Dieser Krüppel hat einem Kameraden das Leben gerettet. Fazi wäre verblutet,
wenn er nicht in diesem kleinen Laden Zuflucht gefunden hätte. Der Sohn des Bauern
riskierte dabei allerhand, denn zu dieser Zeit waren wir bei den Syrern sehr
unbeliebt.«
»Na gut, ich habe heute ohnehin nichts mehr zu tun. Ich brauche einen Laster und
ein paar Männer.«
»Sagten Sie nicht, der neue Freund sei stark? Nehmen Sie ihn mit.«
»Wie Sie meinen, Kommandant.«
»Und seien Sie vorsichtig!«
»Inschallah.« Ghosn hatte an der Amerikanischen Universität in Beirut studiert und
seinen Diplomingenieur nur deshalb nicht gemacht, weil einer seiner Professoren
entführt worden war und zwei andere daraufhin das Land verlassen hatten. Er
vermißte den akademischen Grad nicht besonders. Er war der beste Student gewesen
und hatte sich sein Wissen auch ohne die Erläuterungen seiner Lehrer gut aneignen
können. Ghosn, der auch viel in seinem eigenen Labor gearbeitet hatte, war kein
Frontkämpfer der Bewegung. Er kannte sich zwar mit leichten Waffen aus, durfte sich
aber, weil seine Kenntnisse und sein Geschick im Umgang mit Sprengstoff und
elektronischen Geräten der Bewegung äußerst wertvoll waren, nicht in Gefahr
begeben. Da er außerdem jung, ansehnlich und hellhäutig war, schickte man ihn oft
auf Reisen. Als eine Art Vorauskommando spähte er mit dem Blick und dem
Gedächtnis des Ingenieurs Ziele zukünftiger Operationen aus, zeichnete Lageskizzen,
berechnete den Bedarf an Ausrüstung und gab den eigentlichen Kommandoteams, bei
denen er in hohem Ansehen stand, technische Unterstützung. An seinem Mut
zweifelte niemand. Er hatte seine Unerschrockenheit mehr als einmal beim
Entschärfen israelischer Blindgänger im Libanon unter Beweis gestellt und die
Bomben und Granaten dann zum Nutzen der Organisation ausgeschlachtet. Ibrahim
Ghosn wäre bei jeder professionellen Organisation dieser Art auf der Welt
willkommen gewesen. Der begabte Autodidakt war ein Palästinenser, dessen Familie
ihre Heimat bei der Gründung des Staates Israel verlassen und dabei gehofft hatte,
nach der Vertreibung der Eindringlinge durch die arabischen Armeen bald
zurückkehren zu können. Doch dazu war es nicht gekommen, und er hatte seine
Kindheit in überfüllten, unhygienischen Flüchtlingslagern verbringen müssen, wo
Haß auf Israel ebenso wichtig gewesen war wie der Islam. Wie hätte es auch anders
sein können: Ghosn und seinesgleichen, mißachtet von den Israelis als Leute, die ihr
Land freiwillig verlassen hatten, und weitgehend ignoriert von den anderen arabischen
Staaten, die wenig taten, um ihr Los zu erleichtern, waren nichts als Bauern auf einem
Schachbrett, an dem Spieler saßen, die sich nie über die Regeln einigen konnten. Haß
auf Israel und seine Freunde war für sie die natürlichste Sache der Welt, und Ghosn
sah seine Lebensaufgabe darin, Wege zu finden, diese Feinde zu töten. Diese Aufgabe
hatte er nie in Frage gestellt.
Ghosn bekam die Schlüssel für einen tschechischen GAZ-66. Der Laster war zwar
nicht so zuverlässig wie ein Mercedes, aber billiger und leichter zu erhalten - dieser
war vor Jahren über Syrien eingeschleust worden. Auf der Ladefläche war ein
selbstgebauter Kran montiert. Ghosn stieg mit dem Amerikaner und dem Fahrer ins
Führerhaus. Zwei andere Männer sprangen hinten auf, als der Lkw aus dem Lager
fuhr.
129
Marvin Russell musterte das Terrain so aufmerksam wie ein Jäger ein neues Revier.
Es war drückend heiß, aber auch nicht unerträglicher als im Ödland daheim, wenn der
Chinook wehte, und die spärliche Vegetation erinnerte ihn an das Reservat, wo er
seine Jugend verbracht hatte. Was anderen als trostlose Landschaft galt, war für einen
an Staub und Hitze gewöhnten Amerikaner etwas Vertrautes. Nur fehlten hier die
mächtigen Gewitterwolken und Tornados der amerikanischen Prärie. Die Berge waren
höher als das Hügelland in South Dakota, hochaufragend, trocken und so heiß, daß
einem beim Klettern die Luft wegbleiben mußte. Oder den meisten Bergsteigern,
dachte Marvin Russell, nicht aber mir. Ich schaffe das, weil ich fitter bin als dieser
Araber.
Andererseits schienen diese Araber Waffenfanatiker zu sein. Zuerst sah er
massenhaft Schnellfeuergewehre, vorwiegend russische AK-47, bald aber auch
schwere Fla -Kanonen, Panzer und Panzergeschütze der syrischen Armee. Ghosn
bemerkte das Interesse seines Gastes und begann zu erklären.
»Die Syrer sind hier, um die Israelis fernzuhalten«, begann er, die Dinge aus seiner
Sicht darzustellen. »Dein Land bewaffnet die Israelis, und die Russen versorgen uns.«
Daß diese Quelle zu versiegen drohte, verschwieg er.
»Seid ihr schon einmal angegriffen worden, Ibrahim?«
»Oft, Marvin. Sie schicken Flugzeuge und Kommandotrupps und haben meine
Landsleute zu Tausenden getötet. Und aus unserem Land vertrieben. Wir müssen in
Lagern leben, die...«
»Ich weiß. Bei uns nennt man so was >Reservate<.« Das war Ghosn neu. »Sie
kamen in das Land unserer Vorfahren, knallten die Büffel ab und ließen die Armee
auf uns los. Meist griffen sie nur Lager mit Frauen und Kindern an. Wir versuchten,
uns zu wehren. Häuptling Crazy Horse vernichtete am Little Big Horn - das ist ein
Fluß - ein ganzes Regiment, das unter General Custer stand. Aber die Weißen gaben
nicht auf. Es waren einfach zu viele, zu viele Soldaten, zu vie le Gewehre. Das beste
Land nahmen sie uns weg und ließen uns einen Dreck. Wie die Bettler müssen wir
leben. Und das ist nicht recht. Wir werden wie Untermenschen behandelt, weil wir
anders aussehen, anders reden und eine andere Religion haben. Alles das wurde uns
nur angetan, weil wir am falschen Platz saßen. Wir wurden einfach beiseite gefegt wie
Müll, weil man unser Land wollte.«
»Das habe ich nicht gewußt«, meinte Ghosn - erstaunt, daß sein Volk nicht das
einzige war, mit dem die Amerikaner und ihre israelischen Vasallen so umsprangen.
»Wann war das?«
»Vor hundert Jahren. Um genau zu sein, fing es 1865 an. Wir wehrten uns, so gut
wir konnten, hatten aber fast keine Chance, weil uns Verbündete fehlten, Freunde, wie
ihr sie habt. Niemand gab uns Kanonen und Gewehre. So wurden die Tapfersten
abgeschlachtet. Meist lockte man die Häuptlinge in eine Falle und tötete sie dann wie Crazy Horse oder Sitting Bull. Dann wurden wir ausgehungert, bis wir uns
ergaben. Man wies uns schlechtes, staubiges Land zu und schickte uns gerade so viel
zu essen, um zu überleben, aber nicht genug, um stark zu werden. Und wenn ein paar
von uns heute versuchen, sich mannhaft zu wehren - nun, ich habe dir ja erzählt, was
sie mit meinem Bruder gemacht haben. Aus dem Hinterhalt abgeschossen wie ein
Tier, und das noch vor laufender Kamera, damit jeder auf dem Bildschirm sehen
kann, was einem aufsässigen Indianer passiert.«
Ghosn erkannte, daß dieser Mann in der Tat ein Mitkämpfer und kein Spitzel war.
Seine Lebensgeschichte unterschied sich nicht von der eines Palästinensers.
130
Erstaunlich.
»Warum bist du hierhergekommen, Marvin?«
»Weil ich abhauen mußte, ehe sie mich erwischten. Stolz bin ich darauf nicht, aber
was hätte ich sonst machen sollen - warten, bis sie mich in einen Hinterhalt locken?«
Russell zuckte mit den Achseln. »Ich hab’ mir gesagt, geh in ein anderes Land, suche
Leute, die so sind wie du, lerne ein paar Tricks, sieh zu, wie du wieder heimkommst,
und zeige deinem Volk, wie es sich wehren kann.« Russell schüttelte den Kopf.
»Vielleicht ist es ja alles hoffnungslos, aber ich gebe trotzdem nicht auf - verstehst du
das?«
»Ja, mein Freund, ich verstehe das gut. Mein Volk hat es schon vor meiner Geburt
so gehalten. Aber auch du mußt erkennen, daß Hoffnung besteht, solange du dich
erhebst und dich wehrst. Und deshalb jagen sie dich auch - weil sie dich fürchten!«
»Na, hoffentlich hast du recht.« Russell starrte aus dem offenen Fenster. Hier,
12000 Kilometer von der Heimat entfernt, brannte der Staub in seinen Augen. »Wo
fahren wir hin?«
»Wie haben sich eure Krieger die Waffen für den Kampf gegen die Amerikaner
beschafft?«
»Sie nahmen meist das, was der Feind zurückgelassen hatte.«
»So halten wir es auch, Marvin.«
Auf halbem Weg über den Atlantik wachte Fowler auf. Eine Sensation, dachte er, im
Flugzeug hab’ ich’s noch nie getrieben. Ob das je ein Präsident schon mal
fertiggebracht hat - auf dem Weg zum Papst und mit seiner Sicherheitsberaterin,
fragte er sich. Er schaute aus dem Fenster. Es war hell, so hoch im Norden - die
Maschine flog dicht an Grönland vorbei -, und er überlegte kurz, ob es nun schon
Morgen war oder noch Nacht. In einem Flugzeug, mit dem sich die Zeit schneller
änderte, als die Uhr anzeigte, war das eine fast metaphysische Frage.
Metaphysisch war auch seine Mission, die unvergessen bleiben würde. Fowler hatte
Geschichtssinn genug, um das zu wissen. Ein einmaliger Coup, etwas noch nie
Dagewesenes. Vielleicht der Beginn des Prozesses, vielleicht auch das Ende. Wie
auch immer, seine Absicht war eindeutig und klar. Robert Fowler, dessen Name mit
dem Abkommen untrennbar verbunden bleiben würde, wollte den Krieg abschaffen.
Es war auf die Initiative seiner Administration hin zustande gekommen. Er hatte in
seiner UNO-Rede die Vertreter der Völker in den Vatikan gerufen. Seine
Untergebenen hatten die Verhandlungen geführt. Sein Name stand auf dem
Vertragsdokument ganz oben. Seine Streitkräfte sollten den Frieden garantieren. Er
hatte seinen Platz in der Geschichte verdient, die Unsterblichkeit, die nur wenigen
zuteil wurde. Kein Wunder also, daß ich aufgeregt bin, sagte er sich.
Die Entscheidung, die ein Präsident am meisten fürchtet, brauchte nun nicht mehr
getroffen zu werden. Schon als er noch Staatsanwalt war, der in Cleveland die Mafia
verfolgte und insgeheim präsidentiale Ambitionen zu entwickeln begann, hatte er sich
gefragt: Was tust du, wenn du Präsident bist und auf den Knopf drücken mußt? Würde
er das fertigbringen? Würde er, um die Sicherheit seines Landes zu garantieren,
Millionen Menschenleben opfern? Vermutlich nic ht. Es war seine Aufgabe,
Menschen zu beschützen, zu führen, ihnen den rechten Weg zu weisen. Sie mochten
nicht immer begreifen, daß er recht hatte und sie nicht, daß seine Vision die korrekte
und logische war. Fowler wußte, daß er kalt und arrogant war, wenn es um solche
Angelegenheiten ging, aber er war davon überzeugt, daß er recht hatte. Er mußte sich
131
selbst und seiner Motive sicher sein. Traf er eine Fehlentscheidung, konnte man ihm
höchstens Arroganz vorwerfen, was ihm schon oft genug passiert war. Zweifel hatte
er nur an seiner Fähigkeit, sich mit der realen Möglichkeit eines Atomkriegs
auseinanderzusetzen.
Aber diese Möglichkeit war doch nun gewiß nicht mehr real? Er gestand öffentlich
nie ein, daß Reagan und Bush diese Möglichkeit eliminiert hatten, als sie die Sowjets
zwangen, sich mit ihren Widersprüchen auseinanderzusetzen und in der Folge einen
neuen Kurs einzuschlagen. Diese Veränderungen waren friedlich vonstatten
gegangen, weil der Mensch in der Tat ein Vernunftwesen ist. Zwar würde es weiterhin
Krisenherde geben, aber wenn er seine Arbeit richtig erledigte, konnten sie nicht
außer Kontrolle geraten - und die Reise, die er nun angetreten hatte, konnte die
gefährlichste politische Frage, die die Welt noch beschäftigte, lösen. Keiner seiner
Vorgänger war damit fertiggeworden. Was Nixon und Kissinger nicht zuwege
gebracht, was Carters kühner Versuch, Reagans halbherzige Gesten und Bushs
gutgemeinte Schachzüge nicht geschafft hatten, was niemandem gelungen war, würde
Robert Fowler nun zustande bringen. Diese Vorstellung kostete er in vollen Zügen
aus. Seine Leistung würde ihm nicht nur einen Platz in den Geschichtsbüchern
eintragen, sondern ihm auch den Rest seiner Amtszeit angenehmer machen. Sie würde
ihm die Wiederwahl, eine satte Mehrheit im Kongreß und die Verabschiedung seiner
ehrgeizigen Sozialgesetze sichern. Historische Taten wie seine, also ehrenwerte,
gingen mit internationalem Prestige und großer innenpolitischer Schlagkraft einher.
mit Macht im besten Sinne. Mit einem Federstrich wurde Fowler zum Giganten unter
guten Menschen und unter den Mächtigen eine moralische Autorität. Noch nie in
dieser Generation hatte ein Mann einen solchen Augenblick genießen können,
vielleicht noch nie in diesem Jahrhundert. Und keiner konnte ihm seinen Triumph
nehmen.
Die Maschine flog in 13 000 Meter Höhe mit einer Geschwindigkeit von rund 1000
Kilometern. Die Position seiner Kabine bot Fowler Ausblick nach vorne, wie es sich
für einen Präsidenten gehörte, und nach unten auf eine Welt, deren Angelegenheiten
er so erfolgreich regelte. Die 747 glitt seidenweich dahin und trug Fowler seinem
Rendezvous mit der Geschichte entgegen. Er schaute hinüber zu Elizabeth. Sie lag auf
dem Rücken, hatte den rechten Arm hinter den Kopf geworfen und bot seinen Blicken
ihre hübschen Brüste dar. Während die anderen Passagiere unruhig auf ihren Sitzen
hin und her rutschten und versuchten zu schlafen, weidete sich Fowler an seiner
Bettgenossin. Zum Schlafen hatte er im Augenblick keine Lust. Nie war er so stolz
gewesen wie jetzt, und noch nie so potent. Er ließ eine Hand über ihre Brüste gleiten.
Elizabeth schlug die Augen auf und lächelte, als hätte sie im Traum seine Gedanken
gelesen.
Wie zu Hause, dachte Russell. Zwar war das Haus aus Bruchsteinen erbaut und nicht
aus Hohlblocksteinen, und es hatte auch kein Satteldach, aber den Staub und den
jämmerlichen kleinen Garten kannte er gut. Und auch der Mann hätte gut ein Sioux
sein können, mit der Erschöpfung in seinem Blick, dem krummen Rücken und den
knotigen alten Händen eines Besie gten.
»Das muß es sein«, sagte er, als der Laster langsamer fuhr.
»Der Sohn des Alten wurde im Kampf gegen die Israelis schwer verwundet. Beide
Männer sind unsere Freunde.«
»Freunde muß man sich halten«, stimmte Marvin zu. Der Laster hielt. Russell
132
sprang ab, damit Ghosn aussteigen konnte.
»Komm, ich stelle dich vor.«
Das Ganze kam dem Amerikaner überraschend förmlich vor. Er verstand natürlich
kein Wort, aber das machte nichts. Es freute ihn, daß sein Freund Ghosn dem Alten
Respekt erwies. Nach ein paar Sätzen schaute der Bauer Russell an und neigte zu
dessen Verlegenheit den Kopf. Marvin ergriff sanft seine Hand und schüttelte sie, wie
es bei ihm zu Hause Sitte war, stammelte etwas, das Ghosn übersetzte. Dann führte
der Bauer sie in seinen Garten.
»Verdammt noch mal!« rief Russell, als er das Objekt sah.
»Sieht aus wie eine amerikanische Tausend-Kilo-Bombe, Mark 84...« sagte Ghosn
lässig und erkannte dann seinen Irrtum... Die Spitze sah anders aus... war eingedrückt
und verbogen... aber auf seltsame Weise. Er bedankte sich bei dem Bauern und
schickte ihn zurück zum Lastwagen. »Erst müssen wir das Ding ganz vorsichtig
freilegen.«
»Das übernehme ich«, meinte Russell, ging zum Laster und wählte einen
Klappspaten.
»Wir haben selbst...« Der Amerikaner schnitt Ghosn das Wort ab.
»Laß mich das machen. Ich pass’ schon auf.«
»Berühre die Bombe nicht mit dem Spaten. Kratze die Erde mit den Händen von
der Hülle. Ich warne dich. Marvin, das ist sehr gefährlich.«
»Dann geh ein paar Schritte zurück.« Russell wandte sich ab und grinste. Er mußte
diesem Mann seinen Mut beweisen. Den Polizisten zu töten war eine Kleinigkeit
gewesen, überhaupt keine Herausforderung. Hier sah das anders aus. »Soll ich etwa
meinen Kameraden im Stich lassen?« fragte Ghosn rhetorisch. Er wußte, das wäre am
klügsten gewesen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er das Graben seinen
Männern überlassen, denn er war eine wertvolle Fachkraft. Aber vor dem Amerikaner
durfte er keine Schwäche zeigen. Zudem konnte er zusehen und feststellen, ob der
Mann tatsächlich so mutig war, wie er wirkte.
Ghosn wurde nicht enttäuscht. Russell zog sein Hemd aus, kniete sich auf den
Boden und begann, um die Bombe herum einen Graben auszuheben. Dabei ging er
mit dem Gemüse schonender um, als Ghosns Männer es getan hätten. Nach einer
Stunde hatte er einen runden, flachen Graben ausgehoben und die Erde säuberlich auf
vier Haufen verteilt. Schon jetzt wußte Ghosn, daß hier etwas nicht stimmte. Die
Bombe war keine Mark 84. Sie hatte zwar die entsprechende Größe, aber eine andere
Form, und die Hülle... stimmte irgendwie nicht. Die Mark 84 hatte eine massive
Ummantelung aus Gußstahl, die bei der Detonation der Ladung in Millionen
messerscharfer Splitter zerrissen wurde. Hier war das anders. Die Hülle war an zwei
sichtbaren Stelle n geplatzt und für eine konventionelle Sprengbombe viel zu dünn.
Was, zum Teufel, hatte er da vor sich?
Russell ging näher heran und entfernte nun mit den Händen die Erde von der
Bombe. Dabei ging er vorsichtig und gründlich vor. Der Amerikaner schwitzte
ordentlich, hielt aber nicht ein einziges Mal bei der Arbeit inne. Ghosn bewunderte
seine Armmuskeln, Einen Mann mit solcher Körperkraft hatte er noch nie gesehen.
Selbst die israelischen Fallschirmjäger wirkten nicht so gewaltig. Russell hatte zwei
oder drei Tonnen Erde ausgehoben, aber man sah ihm die Anstrengung der Arbeit, die
er so stetig und kraftvoll verrichtete wie eine Maschine, kaum an.
»Mach mal Pause«, sagte Ghosn. »Ich muß mein Werkzeug holen.«
»Gut«, erwiderte Russell, setzte sich und starrte die Bombe an.
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Ghosn kehrte mit einem Rucksack und einer Feldflasche zurück, die er dem
Amerikaner reichte.
»Danke. Ist ziemlich warm hier.« Russell trank einen halben Liter Wasser. »Und
was jetzt?«
Ghosn holte einen Pinsel aus dem Rucksack und begann die le tzten Erdreste von
der Bombe zu entfernen. »Verschwinde jetzt lieber«, warnte er.
»Schon gut, Ibrahim. Ich bleibe hier, wenn du nichts dagegen hast.«
»Jetzt kommt der gefährliche Teil.«
»Du bist ja auch bei mir geblieben«, betonte Russell.
»Wie du willst. So. ich suche jetzt den Zünder.«
»Ist der nicht vorne?« Russell wies auf die Nase der Bombe.
»Hier nicht. Gewöhnlich ist einer in der Spitze angebracht - der scheint hier zu
fehlen. Ich sehe nur zwei Schraubkappen, eine in der Mitte und eine hinten.«
»Warum hat das Ding keine Flossen?« fragte Russell. »Haben Bomben nicht so was
wie die Steuerfedern am Pfeil?«
»Der Steuerschwanz, wie das heißt, wurde wahrscheinlich beim Aufprall
abgerissen. Oft weisen uns an der Oberfläche liegende Flossen auf einen Blindgänger
hin.«
»Soll ich jetzt das Ende freilegen?«
»Aber ganz, ganz vorsichtig, Marvin.«
»Wird gemacht.« Russell löste nun die Erdbrocken vom Ende der Bombenhülle.
Ghosn war einfach nicht aus der Ruhe zu bringen, überlegte Marvin. Er selbst hatte so
dicht bei einem Riesenhaufen Sprengstoff eine Heidenangst, durfte und würde sich
aber verdammt noch mal nichts anmerken lassen, das nach Schiß aussah. Ibrahim
mochte ein dürrer Schwächling sein, aber es erforderte Mut, so kaltschnäuzig an einer
Bombe herumzufummeln. Ihm fiel auf, daß Ghosn die Hülle so sorgfältig reinigte, als
pinselte er an einer Titte herum, und er zwang sich, ebenso behutsam vorzugehen.
Zehn Minuten später war das Ende freigelegt.
»Ibrahim?«
»Was gibt’s?« erwiderte Ghosn, ohne aufzusehen.
»Hier hinten ist bloß ein Loch.«
Ghosn ließ den Pinsel sinken und drehte sich um. Merkwürdig, dachte er. Aber er
hatte anderes zu tun. »Danke, du kannst jetzt aufhören. Ich habe den Zünder immer
noch nicht gefunden.«
Russell entfernte sich, setzte sich auf einen Haufen Erde, trank die Feldflasche leer
und ging dann hinüber zum Lastwagen. Die drei Männer hatten sich sicherheitshalber
hinters Haus zurückgezogen; der Bauer verzichtete auf Deckung. Russell warf einem
Mann die leere Feldflasche zu und bekam eine volle zurück. Er reckte den Daumen
und schlenderte zurück zu dem Blindgänger.
»Mach mal Pause und trink einen Schluck«, sagte Marvin.
»Gute Idee«, stimmte Ghosn zu und legte den Pinsel neben die Bombe.
»Hast du was gefunden?«
»Eine Buchse, sonst nichts.« Auch das ist seltsam, dachte Ghosn, während er die
Feldflasche aufschraubte. Die Bombe wies keine Schablonenbeschriftung auf und trug
nur ein silberrotes Etikett nahe der Nase. Farbkennzeichnungen an Bomben waren
verbreitet, aber diese Kombination hatte er noch nie gesehen. Was war dieses
verdammte Ding? Ein FAE-Körper, also eine Aerosolbombe, oder eine Streubombe?
Oder ein altes, technisch überholtes Modell, das er noch nie gesehen hatte? Immerhin
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war das Objekt 1973 abgeworfen worden. Vielleicht etwas, das schon seit langem
nicht mehr eingesetzt wurde. Sehr ungünstig, denn ein unbekanntes Modell konnte
eine Zündeinrichtung haben, mit der er nicht vertraut war. Sein Handbuch für solche
Dinge, das er inzwischen auswendig kannte, war die arabische Übersetzung eines
russischen Standardwerks und führte ein solches Objekt nicht auf. Beängstigend.
Ghosn nahm einen tiefen Schluck aus der Feldflasche und spritzte sich dann ein wenig
Wasser ins Gesicht.
»Take it easy«, meinte Russell beruhigend.
»An dieser Arbeit ist nie was easy, mein Freund, und sie ist immer mit einer
Riesenangst verbunden.«
»Siehst aber ganz gelassen aus.« Das war nicht gelogen. Als er Ghosn beim
Reinigen der Bombe zusah, erinnerte ihn das an einen Arzt, der eine schwierige
Operation durchführt. Das Kerlchen hat Mumm, sagte sich Marvin.
Ghosn drehte sich um und grinste. »Alles Fassade. In Wirklichkeit habe ich eine
Heidenangst und hasse diese Arbeit.«
»Ich kann deinen Mut nur bewundern. Echt.«
»Paß auf, ich muß jetzt weitermachen. Und du solltest dich jetzt in sichere
Entfernung verziehen.«
Russell spuckte aus. »Scheiß drauf.«
»Das gäbe nur überflüssige Komplikationen.« Ghosn grinste. »Muß das Ding denn
auch noch stinken?«
»Paß bloß auf, daß es dir nicht den Arsch aufreißt!«
Ghosn kippte um und brüllte vor Lachen. »Mach keine Witze, wenn ich arbeite,
Marvin!« Der Typ gefällt mir, dachte er. Wir sind hier alle viel zu humorlos. Erst
nach einigen Minuten hatte er sich so weit beruhigt, daß er wieder an die Arbeit gehen
konnte.
Eine weitere Stunde Pinseln brachte kein Ergebnis. Zwar hatte die Bombenhülle
Nähte und sogar eine Art Schutzplatte... so etwas hatte er noch nie gesehen. Aber
keinen Zünder, und er fand auch keinen Hinweis darauf. War die Einrichtung
womöglich auf der Unterseite? Ghosn ließ Russell mehr Erde entfernen und suchte
weiter, aber ohne Erfolg. Nun beschloß er, sich die Rückseite näher anzusehen.
»Marvin, im Rucksack ist eine Taschenlampe.«
»Bitte sehr.« Russell reichte sie ihm.
Ghosn legte sich auf den Boden und verrenkte sich, um in das Loch zu schauen. Er
knipste die Taschenlampe an... und sah Kabel und eine Art Rahmen aus Metall genauer gesagt, ein Gitterwerk. Er schätzte, daß er rund achtzig Zentimeter übersah;
wenn dies eine richtige Bombe war, durfte sie nicht so viel leeren Raum haben.
Merkwürdig. Ghosn warf dem Amerikaner die Lampe wieder zu.
»Jetzt haben wir uns fünf Stunden lang umsonst abgemüht«, verkündete er.
»Was?«
»Ich habe keine Ahnung, was dieses Ding da ist. aber eine Bombe ist es jedenfalls
nicht.« Er setzte sich auf und begann zu zittern, hatte sich aber bald wieder im Griff.
»Was ist es dann?«
»Eine Art elektronisches Spürgerät vielleicht, ein Warnsystem. Es kann sich auch
um eine Kameragondel handeln; das Objektiv wäre dann auf der Unterseite. Ist egal.
Entscheidend ist, daß wir keine Bombe vor uns haben.«
»Und was machen wir jetzt?«
»Wir räumen das Objekt und nehmen es mit. Vielleicht ist es wertvoll. Mag sein,
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daß wir es den Russen oder Syrern verkaufen können.«
»Der Alte hat sich also umsonst verrückt gemacht?«
»Genau.« Ghosn stand auf und ging mit Russell zum Lastwagen zurück. »So, das
Ding ist entschärft«, sagte er dem Bauern. Wozu den alten Mann mit technischen
Details verwirren? Der Bauer küßte Ghosn die schmutzigen Hände und auch dem
Amerikaner, dem das peinlich war.
Der Fahrer wendete den Lastwagen und stieß vorsichtig, um das Gemüse nicht
plattzuwalzen, in den Garten zurück. Russell sah zu, wie zwei Männer ein Dutzend
Säcke mit Sand füllten und auf die Ladefläche wuchteten. Dann legten sie einen Gurt
um die Bombe und begannen sie mit einer Winde anzuheben. Da das Objekt schwerer
war als erwartet, packte Russell an der Kurbel mit an. Nachdem die Araber den
Ausleger bewegt hatten, senkte er die Bombe auf das Bett aus Sandsäcken ab, wo sie
mit Seilen festgezurrt wurde.
Der Bauer wollte sie nicht so einfach ziehen lassen und holte Tee und Brot für die
Männer aus dem Haus. Ghosn nahm die Gastfreundschaft des Mannes so bescheiden
an, wie es sich gehörte. Vor der Abfahrt kamen noch vier Lämmer auf die Ladefläche.
»Das war anständig von dir«, merkte Russell an, als der Laster sich in Bewegung
setzte.
»Kann sein«, meinte Ghosn erschöpft. Der Streß war viel anstrengender als die
eigentliche Arbeit; der Amerikaner schien mit beidem gut fertiggeworden zu sein.
Zwei Stunden später waren sie wieder in der Bika-Senke. Das, was Ghosn mangels
eines exakten Terminus als Bombe bezeichnete, wurde ohne große Umstände vor
seiner Werkstatt abgeladen, und dann brieten sich die fünf ein Lamm. Zu Ghosns
Überraschung hatte der Amerikaner die ses Fleisch noch nie gekostet und wurde nun
auf die rechte Weise mit dieser traditionellen arabischen Delikatesse vertraut gemacht.
»Bill, ich hab’ was Interessantes«, verkündete Murray, als er das Arbeitszimmer des
Direktors betrat.
»Was gibt’s, Danny?« Shaw sah von seinem Terminkalender auf.
»In Athen ist ein Polizist ermordet worden, und die Griechen meinen, der Täter sei
Amerikaner gewesen.« Murray informierte Shaw über die Einzelheiten.
»Er hat ihm mit bloßen Händen den Hals gebrochen?« fragte der FBI-Direktor
erstaunt.
»Jawohl. Der Beamte war schmächtig«, meinte Murray, »aber trotzdem ...«
»Himmel noch mal! Lassen Sie mal sehen«, sagte Shaw. Murray reichte ihm ein
Foto. »Kennen wir diesen Burschen. Dan? Das Bild ist ziemlich unscharf.«
»Al Denton meint, es könnte Marvin Russell sein. Er sitzt nun am Computer und
verarbeitet das Originaldia. Fingerabdrücke oder anderes kriminalistisches Material
wurde nicht gefunden. Das Fahrzeug war auf einen Dritten zugelassen, der inzwischen
verschwunden ist oder wahrscheinlich nie existiert hat. Der Fahrer ist unbekannt. Wie
auch immer, die Beschreibung paßt auf Russell: kleinwüchsig, kräftig gebaut:
Backenknochen und Hautfarbe lassen ihn wie einen Indianer aussehen. Seine
Kleidung und sein Koffer stammen eindeutig aus Amerika.«
»Sie glauben also, er hat sich ins Ausland abgesetzt, nachdem sein Bruder... nicht
dumm«, meinte Shaw. »Er gilt als intelligent, nicht wahr?«
»Er war gewitzt genug, sich mit einem Araber zusammenzutun.«
»Ist das ein Araber?« Shaw sah sich das zweite Gesicht an. »Könnte auch ein
Grieche oder ein anderer Südländer sein. Ein Durchschnittsgesicht, etwas zu hell für
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einen Araber. Er ist uns unbekannt, sagten Sie. Aber Sie scheinen was zu vermuten,
Dan.«
»Allerdings. Ich habe mir die Akte angesehen. Vor ein paar Jahren hörten wir von
einem V-Mann, daß Marvin im Nahen Osten war und Kontakt mit der PFLP
aufgenommen hat. Und in Athen, auf neutralem Boden sozusagen, ließe sich diese
Bekanntschaft gut wiederaufnehmen.«
»Auch ein günstiger Platz, um einen Drogendeal einzufädeln«, gab Shaw zu
bedenken. »Was liegt uns über Bruder Marvin vor?«
»Nicht viel - unser bester V-Mann sitzt. Er zog bei einem Zusammenprall mit zwei
Reservatspolizisten den kürzeren und kam in den Bau.«
Shaw grunzte. Das Problem mit V-Männern war, daß es sich meist um Kriminelle
handelte, die früher oder später selbst im Gefängnis landeten. Das verlieh ihnen
einerseits Glaubwürdigkeit, setzte sie andererseits aber vorübergehend außer Gefecht.
Das waren nun mal die Spielregeln. »Na schön«, meinte der Direktor. »Sie wollen
etwas unternehmen. Was?«
»Mit ein bißchen Druck könnten wir seine vorzeitige Entlassung wegen guter
Führung erreichen und ihn wieder in die >Warrior Society< einschleusen. Falls die
wirklich Kontakte zu Terroristen unterhält, sollten wir sie schon jetzt im Auge
behalten. Das gilt auch im Falle von Drogenhandel. Eine Anfrage bei Interpol über
den Fahrer blieb ergebnislos. Er ist weder als Terrorist noch als Rauschgifthändler
bekannt. Die Ermittlungen der Griechen verliefen im Sande; sie haben nichts als einen
toten Wachtmeister und ein Bild mit zwei namenlosen Gesichtern. Sie schickten uns
das Foto als letzten Versuch, weil sie Russell für einen Amerikaner hielten.«
»Wohnte er im Hotel?« fragte der Direktor, ganz der alte Schnüffler.
»Ja, man stellte fest, daß er in einem von zwei nebeneinanderliegenden Häusern
abgestiegen sein mußte. Am fraglichen Tag reisten zehn Personen mit US-Pässen ab,
doch da es sich um kleine Hotels mit viel Fluktuation und vergeßlichem Personal
handelt, erhielten die Kollegen in Athen keine nützlichen Personenhinweise. Man ist
noch nicht einmal sicher, ob Russell überhaupt dort übernachtet hat. Die Griechen
bitten uns um den Abgleich aller Namen auf der Gästeliste«, schloß Murray.
Bill Shaw gab ihm das Foto zurück. »Das ist einfach genug. Machen Sie mit.«
»Die Sache läuft schon.«
»Gehen wir einmal davon aus, daß diese beiden etwas mit dem Mord zu tun hatten.
Mehr als spekulieren können wir ja nicht. Gut: Richten wir der Staatsanwaltschaft
aus, daß unser V-Mann genug gebüßt hat. Es wird Zeit, daß wir dieser >Warrior
Society< ein für allemal das Handwerk legen.« Shaw hatte sich seine Sporen bei der
Antiterror-Einheit verdient und haßte diese Klasse von Kriminellen noch immer am
meisten.
»Einverstanden; ich werde den Verdacht des Drogenhandels unterstreichen. In zwei
Wochen sollte unser Mann frei sein.«
»Das reicht, Dan.«
»Wann landet der Präsident in Rom?« fragte Murray.
»Ziemlich bald. Tolles Ding, was?«
»Und ob. Kenny wird sich bald einen neuen Job suchen müssen. Der Frieden bricht
aus.«
Shaw grinste. »Wer hätte das gedacht? Na, wir können ihm immer einen
Dienstausweis und eine Pistole verpassen und ihn sein Brot ehrlich verdienen lassen.«
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Die Sicherheitsvorkehrungen für den Präsidenten wurden von vier Tomcat-Jägern, die
der VC-25A im Abstand von acht Kilometern folgten, und einer Radarmaschine
ergänzt, die sicherstellte, daß sich nichts der Air Force One näherte. Der zivile
Luftverkehr wurde umgeleitet, und die Umgebung des Militärflugplatzes, auf dem
Fowlers 747 landen sollte, war peinlich genau abgesucht worden. Auf dem Rollfeld
stand schon die gepanzerte Limousine des Präsidenten, die wenige Stunden zuvor von
einer Transportmaschine C-141B der Air Force eingeflogen worden war, und es
waren auch genug italienische Soldaten und Polizisten anwesend, um ein ganzes
Regiment Terroristen abzuschrecken. Präsident Fowler trat geduscht, rasiert und mit
sorgfältig gebundener Krawatte aus seinem privaten Bad. Pete und Daga hatten ihn
noch nie so strahlend gesehen. Kein Wunder, dachte Connor. Ein ganz so strenger
Moralapostel wie D’Agustino war der Agent allerdings nicht. Fowler war schließlich
ein Mann und wie viele Präsidenten einsam - besonders nach dem Verlust seiner Frau.
Liz Elliot mochte ein arrogantes Biest sein, aber sie war zweifellos attraktiv, und
wenn sie den Streß und Druck milderte, dem Fowler ausgesetzt war, konnte ihm das
nur recht sein. Wenn der Präsident sich nicht entspannen konnte, fraß der Job ihn auf.
So war es anderen passiert, und das war nicht gut für das Land. Solange HAWK nicht
gegen wichtige Gesetze verstieß, schirmten Connor und D’Agustino sein Privatleben
und sein Vergnügen ab. Pete hatte also Verständnis. Daga wünschte sich nur, der Chef
hätte besseren Geschmack bewiesen. E. E. hatte das präsidiale Quartier etwas früher
verlassen und sich besonders schick angezogen. Kurz vor der Landung frühstückte sie
in der Eßecke mit dem Präsidenten. Keine Frage, sie sah gut aus, ganz besonders an
diesem Morgen. Vielleicht ist sie gut im Bett, sagte sich Special Agent Helen
D’Agustino. Fest stand, daß der Präsident und seine Gefährtin die ausgeruhtesten
Menschen an Bord waren. Die Mediengeier - der Secret Service hegt eine traditionelle
Abneigung gegen Reporter - waren während des ganzen Fluges unruhig auf ihren
Sitzen herumgerutscht und wirkten trotz ihrer munteren Mienen zerknittert. Am
verhärmtesten sah die Redenschreiberin aus. Abgesehen von ein paar Kaffee- und
Toilettenpausen hatte sie die ganze Nacht über ununterbrochen gearbeitet und das
Manuskript Arnie van Damm gerade zwanzig Minuten vor der Landung abgeliefert.
Fowler las die Rede beim Frühstück durch und war begeistert.
»Callie, das ist großartig!« Der Präsident strahlte die erschöpfte Assistentin, die mit
der Eleganz einer Poetin schrieb, an. Alle Umstehenden waren verblüfft, als er die
junge Frau - Callie Weston war noch keine dreißig - in die Arme nahm. »Ruhen Sie
sich jetzt aus, und viel Spaß in Rom.« Callie kamen die Tränen.
»Es war mir ein Vergnügen, Mr. President.«
Die Maschine kam an der vorgesehenen Stelle zum Stehen; sofort legte die Treppe
an. Zwischen dem Flugzeug und einem Podium wurde ein roter Teppich ausgerollt.
Der italienische Präsident und der Premierminister traten zusammen mit dem
amerikanischen Botschafter und dem üblichen Anhang (darunter Protokollbeamte, die
die Zeremonie buchstäblich aus dem Stegreif inszeniert hatten) an ihre Plätze. Ein
Sergeant der Air Force öffnete die Kabinentür. Agenten des Secret Service spähten
argwöhnisch nach draußen und erblickten Kollegen vom Vorauskommando. Als der
Präsident erschien, stimmte die Kapelle der italienischen Luftwaffe die
Begrüßungsfanfare an.
Der Präsident schritt allein die Treppe hinunter. Aus der Realität in die
Unsterblichkeit, dachte er dabei: Den Reportern fielen sein federnder Schritt und seine
entspannte Erscheinung auf, und sie neideten ihm sein königliches Quartier an Bord.
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Jetlag ließ sich nur mit Schlaf kurieren, und der Präsident wirkte eindeutig ausgeruht.
Der Anzug von Brooks Brothers war frisch gebügelt - Air Force One bietet besten
Service -, seine Schuhe blitzten nur so, und seine Frisur saß perfekt. Fowler ging auf
den US-Botschafter und seine Gattin zu und wurde von ihnen zum Präsidenten von
Italien geleitet. Die Kapelle stimmte die amerikanische Nationalhymne an. Es folgten
das traditionelle Inspizieren der Ehrenkompanie und eine kurze Ansprache, die einen
Vorgeschmack auf die zu erwartende Eloquenz gab. Zwanzig Minuten später bestieg
Fowler mit Dr. Elliot, dem Botschafter und seiner Leibwache den Wagen.
»Die erste Begrüßungszeremonie, die ich genossen habe«, lobte der Präsident. Man
war sich allgemein einig, daß die Italiener die Sache mit Eleganz inszeniert hatten.
»Elizabeth, bleiben Sie in meiner Nähe. Wir haben noch einige Punkte des
Abkommens durchzugehen. Ich muß auch mit Brent reden. Was macht er?« fragte
Fowler den Botschafter.
»Er ist hundemüde, aber recht zufrieden«, erwiderte Botschafter Coates. »Die letzte
Verhandlungsrunde dauerte über zwanzig Stunden.«
»Wie reagiert die italienische Presse?«
»Mit Begeisterung wie alle anderen Medien auch. Dies ist ein großer Tag für die
ganze Welt.« Und ich darf dabeisein, fügte Jed Coates in Gedanken hinzu. Man erlebt
nicht oft mit, wie Geschichte gemacht wird.
»Hm, nicht übel.«
Die Befehlszentrale National Military Command Center (NMCC) befindet sich im
D-Ring des Pentagons nicht weit vom Osteingang. Sie hat in etwa die Abmessungen
eines Basketballfelds, ist zwei Geschosse hoch und eine der wenigen
Regierungseinrichtungen, die tatsächlich so aussehen, wie sie in Hollywood-Filmen
dargestellt werden. Das NMCC ist die wesentliche zentrale Telefonvermittlung der
US-Streitkräfte, wenn auch nicht die einzige, da sie zu leicht zu zerstören ist. Die
nächste Ausweichzentrale befindet sich in Fort Ritchie in Maryland. Zum Leidwesen
des dort arbeitenden Personals fallen in dem günstig gelegenen NMCC regelmäßig
Prominente ein, um die aufregenderen Teile des Pentagons zu begaffen.
Ans NMCC grenzt ein kleinerer Raum an, in dem IBM PC/AT Personalcomputer
stehen - das alte Modell mit 5.25-Zoll-Magnetdiskettenlaufwerk - und den Heißen
Draht bilden, die Verbindungen zwischen den Präsidenten der USA und der
Sowjetunion. Der NMCC-»Knoten« ist zwar nicht der einzige, aber er stellt die
wichtigste Satellitenverbindung dar. In Amerika war diese Tatsache weithin
unbekannt, während man die Sowjets bewußt darüber informiert hatte. Selbst während
eines Atomkriegs mußte die direkte Kommunikation zwischen den beiden Ländern
aufrechterhalten werden, und vor dreißig Jahren waren »Experten« zu dem Schluß
gelangt, daß diese Informationsverbindung eine Art Lebensversicherung für
Washington darstellte.
Für Captain James Rosselli von der US-Navy war das der typische Mist, den
Theoretiker absonderten, der überall in Washington herumlag und besonders im
Pentagon zum Himmel stank. Wie so viel anderer Unsinn, der innerhalb der
Ringautobahn Interstate 495, auch Washington Beltway genannt, produziert wird,
wurde auch diese Annahme für bare Münze genommen, obwohl sie nur wenig Sinn
machte. »Rosey« Rosselli definierte Washington so: 300 Quadratmeilen umgeben von
Realität. Er fragte sich sogar, ob innerhalb des Beltways überhaupt die Gesetze der
Physik galten. Längst schon hatte er den Glauben verloren, daß die Gesetze der Logik
in diesem Zirkel noch Gültigkeit hatten.
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»Integrierter Dienst«, grummelte Rosselli. Im Zuge der jüngsten Anstrengung des
Kongresses, die Streitkräfte zu reformieren - die sollen erst mal ihren eigenen Stall
ausmisten, motzte er -, waren alle Offiziere, die Generäle oder Admiräle werden
wollten, gezwungen, eine Zeitlang mit Kameraden gleichen Ranges von den anderen
Waffengattungen zusammenzuarbeiten. Niemand hatte Rosselli gesagt, inwiefern der
Umgang mit einem Artilleristen seine Fähigkeiten als U-Boot-Fahrer verbesserte.
Offenbar hatte sich diese Frage niemand gestellt. Fremdbestäubung muß für irgend
etwas gut sein, lautete der Glaubensartikel, und so kam es. daß die besten und
intelligentesten Offiziere aus ihrem Fachkontext herausgerissen und auf Gebieten
beschäftigt wurden, von denen sie keinen blassen Schimmer hatten. Dabei arbeiteten
sie sich natürlich nie richtig in ihren neuen Job ein, schnappten aber genug auf, um
gefährliche Fehlentscheidungen treffen zu können. Unterdessen gerieten sie natürlich
in ihrem Fach ins Hintertreffen. So stellte sich der Kongreß eine Militärreform vor.
»Kaffee, Captain?« fragte ein Corporal von der Army.
»Gerne, aber lieber koffeinfrei«, erwiderte Rosey und fügte in Gedanken hinzu:
Wenn meine Laune sich weiter verschlechtert, setzt’s Hiebe.
Rosselli wußte, daß der NMCC-Posten der Karriere förderlich und die Versetzung
zum Teil seine Schuld war. Sein Hauptfach waren U-Boote, sein Nebenfach die
Aufklärung. Er hatte bereits zwei Jahre in Suitland im Staat Maryland gedient; dort
befindet sich die Zentrale des Nachrichtendienstes der Marine. Hier in Washington
war wenigstens die Fahrt zum Arbeitsplatz nicht so weit - er hatte ein Diensthaus auf
dem Luftstützpunkt Bolling, und der Weg zu seinem reservierten Parkplatz im
Pentagon war nur ein Katzensprung über 1-295/395.
Früher war der Dienst im NMCC relativ aufregend gewesen. Er dachte an den
Abschuß der koreanischen Passagiermaschine durch die Sowjets und andere Vorfälle,
und während des Golfkriegs mußte es hier herrlich chaotisch zugegangen sein - wenn
der Offizier vom Dienst nicht gerade die endlosen Anrufe Neugieriger beantwortet
hatte, die die Nummer des Direktanschlusses ergattert hatten. Aber nun?
Nun war der Präsident, den er gerade im Fernseher gesehen hatte, im Begriff, die
größte politische Bombe der Welt zu entschärfen. Rosselli konnte sich darauf gefaßt
machen, bald nur noch Anrufe entgegenzunehmen, in denen es um Kollisionen auf
See, Flugzeugabstürze oder Verkehrsunfälle beim Militär ging; ernste Fälle gewiß,
aber für einen Mann seines Kalibers nicht gerade interessant. Hier saß er also. Der
Papierkrieg war erledigt; das hatte Jim Rosselli bei der Navy beigebracht bekommen.
Sein Stab war sehr tüchtig und half ihm bei der Bearbeitung des Verwaltungskrams.
Seine Hauptbeschäftigung für den Rest des Tages war nun Herumsitzen und
Abwarten, daß etwas passierte. Der Haken war nur, daß Rosselli ein Macher war, dem
die Warterei auf den Geist ging. Und wer konnte sich schon auf Katastrophen freuen?
»Sieht so aus, als würden wir heute mal wieder ‘ne ruhige Kugel schieben«,
bemerkte Lieutenant Colonel Richard Barnes, Rossellis Erster Offizier, der bisher bei
der Air Force F-15 geflogen hatte.
»Wohl wahr, Rocky.« Muß er mir das noch unter die Nase reiben? fragte sich
Rosselli grimmig und schaute auf die Uhr. Eine Schic ht dauerte zwölf Stunden; er
hatte also noch fünf Stunden Dienst zu schieben. »Tja, auf der Welt ist bald nicht
mehr viel los.«
»Stimmt.« Barnes wandte sich wieder seinem Monitor zu. Na, ich hab’ wenigstens
überm Golf zwei MiG abgeschossen, dachte er, immerhin etwas.
Rosselli stand auf und beschloß, sich die Beine zu vertreten. Für die anderen
140
Offiziere war das ein Zeichen, daß er ihnen über die Schulter schauen und sich
vergewissern wollte, ob sie überhaupt etwas taten. Ein hoher Zivilbeamter
beschäftigte sich demonstrativ weiter mit dem Kreuzworträtsel der Washington Post.
Er hatte gerade »Mittagspause« und aß lieber am Schreibtisch als in den fast leeren
Kantinen. Hier im NMCC konnte er wenigstens fernsehen. Rosselli ging in den
angrenzenden Raum, wo die Anlage für den Heißen Draht stand. Zur Abwechslung tat
sich dort etwas. Das Klingeln einer kleinen Glocke kündigte den Eingang einer
Nachricht an. Was der Drucker ausspuckte, ergab keinen Sinn, aber die
Dechiffriermaschine produzierte einen russischen Klartext, den ein Marineinfanterist
übersetzte:
Du glaubst zu wissen, was echte Angst bedeutet?
Ja, das bildest du dir ein, aber ich habe meine Zweifel.
Gut, wenn du im Keller sitzt und rundum die Bomben fallen.
Wenn die Häuser lodern wie Fackeln,
Glaube ich wohl, daß Angst und Entsetzen dich packen,
Denn solche Augenblicke sind schrecklich, solange sie währen.
Doch wenn die Entwarnung kommt - ist alles wieder gut Du atmest tief durch, der Druck ist gewichen,
Aber die echte Angst liegt wie ein Stein tief in deiner Brust
Verstehst du mich? Wie ein Stein. Und nichts anderes.
»Ilja Selwinskij«, sagte der Lieutenant von den Marines.
»Wie bitte?«
»Ilja Selwinskij, ein russischer Lyriker, der im Zweiten Weltkrieg eine Reihe
berühmter Gedichte schrieb. Dieses hier kenne ich - es heißt Sprach, >Angst<.« Der
junge Offizier grinste. »Mein Pendant am anderen Ende ist literarisch gebildet...«
NACHRICHT EMPFANGEN. DER REST DES GEDICHTS IST NOCH BESSER,
ALEXEJ, tippte der Lieutenant. ANTWORT KOMMT GLEICH.
»Was senden Sie zurück?« fragte Rosselli.
»Heute vielleicht etwas von Emily Dickinson. Interessante Frau, hatte eine morbide
Ader und eine wüste Metrik. Nein, lieber was von Edgar Allan Poe. Der ist drüben
sehr beliebt. Mal sehen, was senden wir denn...?« Der Lieutenant nahm ein Buch aus
der Schreibtischschublade.
»Warum wählen Sie Ihre Antwort nicht im voraus?« fragte Rosselli.
Der Marine grinste seinen Chef an. »Das wäre geschummelt, Sir. Früher bereiteten
wir alles vor, änderten aber vor zwei Jahren mit der Entspannung unseren Modus.
Inzwischen ist aus dem Prozeß eine Art Spiel geworden. Der Russe wählt ein Gedicht
aus, und ich revanchiere mich mit einer passenden Passage aus einem amerikanischen
Lyriker. Das vertreibt uns die Zeit. Captain, und fördert die Sprachgewandtheit auf
beiden Seiten. Lyrik ist tierisch schwer zu übersetzen - also eine gute Übung.« Da die
Sowjets ihre Nachrichten in Russisch sandten und die Amerikaner in Englisch,
mußten an beiden Enden gute Übersetzer sitzen.
»Läuft viel Geschäftliches über den Draht?«
»Captain, ich bekomme fast nur Testübertragungen zu sehen. Gut, wenn der
Außenminister rüberfliegt, erkundigen wir uns manchmal nach dem Wetter, und als
die sowjetische Hockey-Nationalmannschaft im vergangenen August hier war, haben
wir das bekakelt. Die meiste Zeit aber ist es stinklangweilig, und wenn die Gedichte
nicht wären, gingen wir alle die Wände hoch. Schade, daß wir uns nicht unterhalten
dürfen wie auf CB oder so, aber das lassen die Vorschriften nicht zu.«
141
»Kann ich mir vorstellen. Haben die Russen etwas über das Abkommen von Rom
gesagt?«
»Keinen Pieps. Das dürfen wir nicht, Sir.«
»So streng sind hier die Bräuche.« Rosselli sah den Lieutenant einen Vers aus
»Annabel Lee« auswählen. Das überraschte ihn. Er hatte etwas aus dem »Raben«
erwartet. Nimmermehr...
Der Tag der Ankunft war von Erholung, Pomp und Spannung geprägt. Der Inhalt des
Abkommens war immer noch nicht durchgesickert, und die Nachrichtenagenturen,
denen klar war, daß sich etwas »Historisches« ereignet hatte, versuchten verzweifelt
herauszufinden, worum es denn exakt ging - vergeblich. Die Staatsoberhäupter von
Israel, Saudi-Arabien, der Schweiz, der Sowjetunion, der Vereinigten Staaten und des
Gastgeberlandes Italien setzten sich zusammen mit ihren Spitzendiplomaten und den
Vertretern des Vatikans und der griechisch-orthodoxen Kirche an einen mächtigen
Tisch aus dem 15. Jahrhundert. Den einzigen Mißton an diesem Abend verursachte
für einige die Tatsache, daß man mit Rücksicht auf die Saudis mit Wasser oder
Orangensaft anstieß. Andrej Iljitsch Narmonow, der sowjetische Präsident, war
besonders euphorisch. Die Teilnahme seines Landes war für ihn von großer
Bedeutung, und die Aufnahme der russisch-orthodoxen Kirche in die Kommission,
die die christlichen Heiligtümer verwaltete, mußte in Moskau viel politisches Kapital
einbringen. Das Festessen dauerte drei Stunden. Anschließend verabschiedeten sich
die Gäste vor den auf der gegenüberliegenden Straßenseite postierten Kameras. Die
Medienleute waren erneut über die freundschaftliche Atmosphäre verblüfft. Ein
jovialer Fowler fuhr zusammen mit Narmonow in sein Hotel, um dort die Gelegenheit
für ein zweites Gespräch über Themen von beiderseitigem Interesse zu nutzen.
»Sie liegen in Ihrem Zeitplan für die Vernichtung der Interkontinentalraketen
zurück«, bemerkte Fowler nach den einleitenden Höflichkeitsfloskeln und
kompensierte die Aggression mit einem Glas Wein, das er Narmonow reichte.
»Danke, Mr. President. Wie wir Ihren Leuten gestern mitteilten, hat sich unsere
Entsorgungsanlage als unzureichend erwiesen. Wir können die Dinger nicht rasch
genug verschrotten, und die Umweltschützer im Parlament erheben Einspruch gegen
unser Verfahren zur Neutralisierung der Treibstoffvorräte.«
Fowler lächelte mitfühlend. »Dieses Problem kenne ich.«
In der Sowjetunion hatte die Ökobewegung im vergangenen Frühjahr an Schwung
gewonnen, nachdem vom Parlament der Russischen Republik nach US-Vorbild
formulierte, aber stark verschärfte Umweltgesetze verabschiedet worden waren. Sein
Erstaunen über die Tatsache, daß der Kreml diese Gesetze auch einhielt, konnte
Fowler natürlich nicht ausdrücken. Es mußten wohl zwanzig Jahre vergehen, bis die
von über siebzig Jahren Planwirtschaft angerichtete Umweltkatastrophe beseitigt war.
»Wird das den für die Erfüllung der Vertragsbedingungen gesetzten Termin
gefährden?«
»Ich stehe bei Ihnen im Wort«, erwiderte Narmonow ernst. »Diese Raketen werden
bis zum 1.März zerstört, und wenn ich sie persönlich in die Luft sprengen muß.«
»Gut, das genügt mir, Andrej.«
Der Abrüstungsvertrag, um den sich schon Fowlers Vorgänger bemüht hatte, sah
die Reduzierung der Interkontinentalraketen um fünfzig Prozent vor. Alle
Minuteman-II der Vereinigten Staaten sollten verschrottet werden, und dieses
Programm lief auch nach Plan. Wie bei dem Abkommen über die
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Mittelstreckenraketen wurden die Flugkörper in ihre Hauptkomponenten zerlegt und
dann vor Zeugen entweder zusammengepreßt oder anders unbrauchbar gemacht. Das
Medieninteresse an solchen Aktionen hatte inzwischen nachgelassen. Aus den
Raketensilos, die ebenfalls der Inspektion unterlagen, wurde die Elektronik entfernt,
und in Amerika waren sogar vier von fünfzehn für überflüssig erklärte Einrichtungen
an Farmer verkauft worden, die sie nun als Getreidesilos nutzten. Eine japanische
Firma mit Grundbesitz in North Dakota hatte einen Befehlsbunker erworben und in
einen Weinkeller für ihr Jagdhaus umgewandelt, in das die Geschäftsleitung jeweils
im Herbst einfiel.
Nach Berichten amerikanischer Inspektoren in der Sowjetunion gaben sich die
Russen alle Mühe, lagen aber wegen einer Fehlplanung der Verschrottungsanlage um
dreißig Prozent zurück. Hundert Raketen auf Anhängern stauten sich vor der Fabrik;
ihre Silos waren bereits gesprengt worden. Zwar hatten die Sowjets die Lenksysteme
aus den Nasen der Flugkörper entfernt und verbrannt, aber beim Nachrichtendienst
hielt sich hartnäckig der Verdacht auf ein Täuschungsmanöver - die Geschosse
könnten nach wie vor auf ihren Hängern in Startstellung gebracht und abgefeuert
werden, argumentierte man. Mißtrauen den Sowjets gegenüber war in der
amerikanischen Geheimdienstgemeinde eine alte Angewohnheit, die man nur schwer
ablegte. Fowler vermutete, daß es den Sowjets ähnlich ging.
»Das Abkommen ist ein gewaltiger Schritt vorwärts, Robert«, sagte Narmonow,
nachdem er einen Schluck Wein getrunken hatte. Endlich sind wir allein und können
uns entspannen, dachte der Russe und grinste verstohlen. »Ich gratuliere Ihnen und
Ihrem Volk.«
»Ihre Unterstützung hat entscheidend zu diesem Erfolg beigetragen, Andrej«,
versetzte Fowler liebenswürdig. Das war natürlich eine Lüge, aber eine der Art, die
sich ein Politiker leisten kann, und das verstanden beide. Daß es in Wirklichkeit die
Wahrheit war, wußten weder Fowler noch Narmonow.
»Ein Krisenherd weniger. Wie blind wir doch waren!«
»Gewiß, mein Freund, aber das liegt jetzt hinter uns. Wie kommen Sie in
Deutschland zurecht?«
»Das Militär ist, wie Sie sich vorstellen können, alles andere als glücklich und...«
»Meins auch nicht«, unterbrach Fowler sanft. »Soldaten sind wie Hunde. Nützlic h
natürlich, aber von Zeit zu Zeit muß man ihnen zeigen, wer der Herr ist.«
Narmonow nickte nachdenklich, als der Dolmetscher geendet hatte. Erstaunlich,
wie arrogant Fowler war. Genau so, wie das KGB ihm gesagt hatte, stellte der
sowjetische Präsident fest. Und gönnerhaft dazu. Nun, die Amerikaner genießen eben
den Vorteil eines stabilen politischen Systems, sagte sich Andrej Il’itsch. Während
Fowler seiner Position sicher sein konnte, hatte Narmonow Tag für Tag mit einem
System zu kämpfen, das noch längst nicht in Stein gefaßt war. Welcher Luxus, dachte
der Russe deprimiert, wenn man in Soldaten nur Hunde sehen kann, die vor einem
kuschen. Wußte der Mann denn nicht, daß Hunde auch beißen konnten? Ein
sonderbares Volk, diese Amerikaner. Während der Herrschaft der KPdSU hatte den
USA der politische Einfluß der Roten Armee Sorgen gemacht - aber der war ihr schon
von Stalin genommen worden, als er Tuchatschewski hinrichten ließ. Nun aber tat
man solche Geschichten ab - in einer Zeit, in der das Fehlen der eisernen Hand des
Marxismus-Leninismus den Soldaten Gedanken erlaubte, die sie noch vor wenigen
Jahren vors Hinrichtungskommando gebracht hätten. Narmonow beschloß, dem
Amerikaner seine Illusionen zu lassen.
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»Sagen Sie, Robert, wo kam die Idee zu diesem Abkommen eigentlich her?« fragte
Narmonow. Er kannte die Antwort und wollte nur wissen, wie gut Fowler lügen
konnte.
»Wie bei allen Ideen dieser Art aus vielen Ecken«, erwiderte der Präsident
leichthin. »Die treibende Kraft war der arme Charles Alden. Er aktivierte seinen Plan
sofort nach diesem schrecklichen Zwischenfall in Israel und hatte, wie wir nun sehen,
Erfolg.«
Wieder nickte der Russe und zog seine eigenen Schlußfolgerungen. Fowler log
geschickt, wich dem Kern der Frage aus und gab eine zutreffende, aber vage Antwort.
Chruschtschow hatte recht gehabt: Politiker sind überall auf der Welt so ziemlich
gleich. Was Fowler betraf, mußte er sich merken, daß dieser Mann seine Lorbeeren
nicht gerne teilte und ohne weiteres auch einen anderen Staatschef anlog - selbst wenn
es um eine Kleinigkeit wie diese ging. Narmonow war etwas enttäuscht. Er hatte zwar
nichts Besseres erwartet, aber Fowler hätte anständiger und menschlicher sein
können. Das kostete nichts. Statt dessen war er so kleinlich wie ein KP-Apparatschik.
Sag mal. Robert, fragte Narmonow in Gedanken und wahrte ein Pokergesicht, das ihm
in Las Vegas Ehre gemacht hätte, was bist du für ein Mensch?
»Es wird langsam spät, mein Freund«, meinte Narmonow. »Sehen wir uns morgen
nachmittag wieder?«
Fowler erhob sich. »Ja, Andrej.«
Bob Fowler geleitete den Russen zur Tür und verabschiedete sich von ihm. Dann
kehrte er in seine Suite zurück, wo er sofort seine handgeschriebene Checkliste aus
der Tasche holte und sich davon überzeugte, daß er auch alles gefragt hatte.
»Nun?« fragte Elizabeth Elliot.
»Das Problem mit den Raketen stellt er so dar, wie es unsere Experten auch sehen.
Damit sollten die Jungs bei der CIA zufrieden sein.« Er schnitt eine Grimasse, weil er
wußte, daß sich der Militärnachrichtendienst nicht so le icht abspeisen ließ. »Seine
Streitkräfte scheinen ihm Kummer zu machen.«
Dr. Elliot setzte sich. »Und sonst?«
Der Präsident goß sich ein Glas Wein ein und setzte sich dann neben seine
Sicherheitsberaterin. »Na ja, die üblichen Liebenswürdigkeiten. Der Mann ist
überarbeitet und hat eine Menge Sorgen. Aber das wußten wir ja schon.«
Liz schwenkte ihr Glas und hielt es sich unter die Nase. Italienische Weine
schmeckten ihr nicht, aber diesen fand sie nicht übel. »Robert, ich habe mir Gedanken
gemacht...«
»Worüber, Elizabeth?«
»Über Charlie ... da müssen wir etwas unternehmen. Es ist ungerecht, daß er so
einfach von der Bildfläche verschwinden mußte. Er war doch der Mann, der das
Abkommen aufs Gleis brachte, oder?«
»Richtig«, stimmte Fowler zu, trank einen Schluck und füllte sein Glas nach. »Die
Sache war sein Baby.«
»Dann sollten wir das diskret durchsickern lassen. Das wäre das mindeste ...«
»Jawohl, sein Name soll nicht nur mit einer schwangeren Studentin in Verbindung
gebracht werden. Das ist sehr anständig von dir, Elizabeth.« Fowler stieß mit ihr an.
»Du übernimmst die Medien. Gehen die Einzelheiten des Abkommens morgen
vormittag an die Öffentlichkeit?«
»Ja. Um neun, glaube ich.«
»Gut, dann nimmst du anschließend ein paar Journalisten beiseite und steckst ihnen
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die Sache als Hintergrundinformation. Vielleicht ruht Charlie dann friedlicher.«
»Wird gemacht.« Diesen Teufel hatte sie ihm mit Leichtigkeit ausgetrieben. Es sah
so aus, als könnte sie ihn zu allem überreden.
»Morgen ist ein großer Tag.«
»Der größte, Bob, der größte.« Elliot lehnte sich zurück und lockerte ihr Halstuch.
»Ich hätte nie geglaubt, daß ich so etwas erleben darf.«
»Ich schon«, versetzte Fowler mit einem Funkeln in den Augen, Für einen kurzen
Moment quälte ihn sein Gewissen. Er hatte erwartet, den historischen Moment mit
einer anderen Person zu teilen, aber das Schicksal hatte es verhindert. Darauf hatte er
keinen Einfluß. Das Schicksal wollte es, daß im entscheidenden Augenblick Elizabeth
an seiner Seite war. Da er diese Situation nicht absichtlich herbeigeführt hatte,
brauchte er auch keine Schuldgefühle zu haben. Ihm war es zu verdanken, daß die
Welt nun besser, sicherer und friedlicher war. Wie konnte man sich deshalb schuldig
fühlen?
Elizabeth schloß die Augen, als der Präsident ihren Nacken streichelte. An so einen
Augenblick hatte sie im Traum nie gedacht.
Drei ganze Geschosse des Hotels waren für den Präsidenten und sein Gefolge
reserviert. An allen Eingängen und in mehreren Gebäuden entlang der Straße standen
amerikanische und italienische Wachen, aber der Korridor vor der Suite des
Präsidenten war die ausschließliche Domäne des Secret Service. Connor und
D’Agustino machten einen letzten Inspektionsgang und zogen sich dann zurück. Im
Gang waren zehn Agenten zu sehen; weitere zehn befanden sich hinter diversen
geschlossenen Türen. Drei trugen schwarze Ledertaschen vor der Brust, sogenannte
FAG, Fast-Action-Gun Bags, die Uzi-Maschinenpistolen enthielten. Wer bis hierher
vordrang, dem wurde ein heißer Empfang bereitet.
»Aha, HAWK und HARPY bekakeln Staatsgeschäfte«, merkte Daga leise an.
»Ich hätte nie geglaubt, daß Sie so prüde sein können«, antwortete Pete Connor und
grinste verstohlen.
»Es geht mich ja nichts an, aber früher mußten die Türposten Eunuchen oder so was
Ähnliches sein.«
»Wenn Sie so weiterreden, bringt Ihnen der Nikolaus ‘ne Rute.«
»Ich wär’ schon mit der neuen Automatic zufrieden, die das FBI eingeführt hat«,
versetzte Daga lachend. »Die beiden turteln wie Teenager. Das schickt sich einfach
nicht.«
»Daga...«
»Ich weiß, er ist der Chef und ein erwachsener Mann, und wir müssen beide Augen
zudrücken. Immer mit der Ruhe, Pete. Meinen Sie vielleicht, ich würde das einem
Reporter stecken?« Sie öffnete die Tür zur Feuertreppe und sah drei Agenten, zwei
mit FAG-Taschen.
»Und ich wollte Sie gerade auf ein Glas einladen...«, bemerkte Connor trocken. Das
war ein Scherz; beide tranken im Dienst nicht, und im Dienst waren sie so gut wie
immer. Connor hatte aber schon erwogen, sie ins Bett zu lotsen. Sie waren beide
geschieden, aber aus der Sache wäre nie etwas geworden. Sie wußte das auch und
grinste ihn an.
»Einen Schluck könnte ich schon vertragen. Bei uns zu Hause gab’s immer
italienischen Wein. Was ist das doch für ein mieser Job!« Ein letzter Blick den
Korridor entlang. »Alle sind auf ihren Posten. So, jetzt können wir Feierabend
machen, Pete.«
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»Finden Sie die neue Zehn-Millimeter wirklich gut?«
»Letzte Woche beim Probeschießen in Greenbelt habe ich schon in der ersten
Runde fast ins Schwarze getroffen. Mach das mal besser, mein Süßer.«
Connor blieb stehen und lachte. »Aber Daga!«
»Huch, wenn das jemand gehört hat!« D’Agustino klimperte mit den Wimpern.
»Na bitte.«
»Seit wann sind Italiener so puritanisch?«
Helen D’Agustino versetzte dem dienstälteren Agenten einen Rippenstoß und ging
zum Aufzug. Pete hatte recht. Sie wurde, was für sie ganz uncharakteristisch war,
immer prüder. Als leidenschaftliche Frau, deren erste und einzige Ehe daran
gescheitert war, daß zwei starke Egoisten aufeinandergetroffen waren, wußte sie, daß
ihre Vorurteile ihre Urteilsfähigkeit trübten, und das war ungesund. Was HAWK in
seiner Freizeit trieb, ging nur ihn etwas an, aber sein Blick ... Er war in das Biest
verknallt. Daga fragte sich, ob sich je ein Präsident so etwas geleistet hatte.
Vermutlich, räumte sie ein. Es waren immerhin auch nur Männer gewesen, und wenn
der Schwanz steht, ist das Gehirn abgeschaltet... Aber daß er einem solchen Biest
hörig war, fand sie anstößig; eine Reaktion, die ihr selbst merkwürdig und
widersprüchlich vorkam. Ich bin doch eine gestandene Feministin, sagte sie sich,
warum stört mich die Sache dann so? Sie war todmüde und wußte, daß sie nur fünf
oder sechs Stunden schlafen durfte, bevor der Dienst wieder anfing. Zur Hölle mit
diesen Auslandsreisen ...
»Und was ist das dann?« fragte Kati kurz nach Sonnenaufgang. Er war am Vortag
unterwegs gewesen, um sich mit anderen Guerillaführern zu treffen und auch den Arzt
aufzusuchen, wie Ghosn wußte.
»Mit Sicherheit kann ich das nicht sagen«, erwiderte der Ingenieur. »Ich tippe auf
einen Radar-Störsender oder so etwas Ähnliches.«
»Das wäre günstig«, sagte der Kommandant sofort. Trotz der Entspannung
zwischen Ost und West ging das Geschäft weiter. Noch hatte die Sowjetunion
Streitkräfte, und die verfügten über Waffen. Mittel, die sie gegen diese Waffen
einsetzen konnten, mußten für sie von Interesse sein. Israelisches Gerät war besonders
wertvoll, da es von den Amerikanern kopiert wurde. Selbst technisch veraltete
Einrichtungen demonstrierten, wie die israelischen Ingenieure ein Problem
durchdachten, und konnten nützliche Hinweise auf neuere Systeme geben.
»Ja, das sollten wir unseren russischen Freunden verkaufen können.«
»Wie läuft es mit dem Amerikaner?«
»Recht gut. Ismael, ich mag den Mann und verstehe ihn inzwischen besser.« Der
Ingenieur erklärte den Grund. Kati nickte.
»Wie setzen wir ihn dann ein?«
»Bilden wir ihn vielleicht an den Waffen aus? Mal sehen, wie er mit den Männern
zurechtkommt.«
»Gut, ich schicke ihn heute vormittag auf den Übungsplatz. Mal sehen, was er
kann. Und Sie - wie lange dauert es, bis Sie das Ding da auseinandergenommen
haben?«
»Ich denke, daß ich heute noch fertig werde.«
»Ausgezeichnet. Dann will ich Sie nicht weiter aufhalten.«
»Wie fühlen Sie sich?«
Kati runzelte die Stirn. Er fühlte sich miserabel, führte das aber zum Teil darauf
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zurück, daß sich die Möglichkeit eines Abkommens mit den Israelis abzeichnete.
Konnte es so weit kommen? Die Lehren aus der Geschichte sprachen zwar dagegen,
aber es hatte sich in letzter Zeit schon so viel verändert ... Eine Übereinkunft zwischen
Israelis und Saudis... nach dem Golfkrieg kein Wunder. Die Amerikaner hatten ihren
Part gespielt und präsentierten nun die Rechnung. Enttäuschend zwar, aber nicht
unerwartet. Was immer die Amerikaner nun trieben, lenkte nur von der letzten
Greueltat der Zionisten ab. Diese Memmen, die sich Araber schimpften, hatten
demütig wie Weiber den Tod akzeptiert... Kati schüttelte den Kopf. So verhielt sich
doch kein Krieger! Die Amerikaner neutralisierten also die politischen
Nachwirkungen des Massakers in Jerusalem, und die Saudis, diese Schoßhündchen,
spielten mit. Was immer sich abzeichnete, konnte auf den Freiheitskampf der
Palästinenser nur geringe Auswirkungen haben. Bald geht es dir wieder besser, redete
Kati sich ein.
»Das tut nichts zur Sache. Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie genau wissen, was wir
da gefunden haben.«
Ghosn verstand den Wink und ging. Sein Kommandant machte ihm Sorgen. Der
Mann war krank - das hatte er von seinem Schwager erfahren -, aber wie ernst es um
ihn stand, wußte er nicht.
Seine Werkstatt befand sich in einem schäbigen Holzschuppen mit Wellblechdach.
Wäre das Gebäude solider gewesen, hätte irgendein israelischer F-16-Pilot es vor
Jahren sicher zerstört.
Das Objekt - für ihn noch immer »die Bombe« - lag auf dem Lehmfußboden. Auf
seine Anweisung hin hatten zwei Männer am Vortag darüber ein Portalgestell mit
Flaschenzug aufgebaut. Ghosn machte Licht - er hatte es bei der Arbeit gerne hell und musterte das Objekt. Am besten begann er an der Klappe, aber hier zeichneten
sich Probleme ab. Da die Hülle beim Aufprall gestaucht worden war, hatten sich
bestimmt die Scharniere verzogen. Nun, er hatte ja keine Eile.
Ghosn nahm einen Schraubenzieher aus dem Werkzeugkasten und machte sich an
die Arbeit.
Präsident Fowler wachte erst spät auf. Er spürte noch die Nachwirkungen des Fluges,
und außerdem... er schaute in den Spiegel und lachte. Gute Güte, dreimal in weniger
als vierundzwanzig Stunden... oder? Mit dem Kopfrechnen klappte es vor dem ersten
Morgenkaffee nicht so recht. Wie auch immer: dreimal in relativ rascher Folge. Das
hatte er schon seit Ewigkeiten nicht mehr geschafft. Aber er hatte sich auch ausgeruht.
Nach der Dusche fühlte er sich gelassen und entspannt, und der Rasierer pflügte durch
den Schaum in seinem Gesicht und lie ß einen Mann mit jüngeren, schmaleren Zügen
sichtbar werden, die zu seinem strahlenden Blick paßten. Drei Minuten später wählte
er zum grauen Anzug und dem weißen Hemd eine gestreifte Krawatte. Nicht trist,
sondern seriös sollte die heutige Erscheinung sein. Mochten die Kirchenfürsten die
Kameras mit ihrer roten Seide blenden. Seine Rede würde um so wirkungsvoller
ausfallen, als sie von einem dezent gekleideten Politiker, der wie ein Geschäftsmann
wirkte, gehalten wurde. Bob Fowler, der dieses Image kultivierte, obgleich er nie
einer Firma vorgestanden hatte, galt als ernster, zuverlässiger Mann, der die richtigen
Entscheidungen traf.
Das werde ich heute auch unter Beweis stellen, sagte sich der Präsident der
Vereinigten Staaten, während er vor einem anderen Spiegel stand und sich die
Krawatte band. Er wandte den Kopf, als es klopfte. »Herein.«
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»Guten Morgen, Mr. President«, sagte Special Agent Connor.
»Wie geht’s, Pete?« fragte Fowler und drehte sich wieder zum Spiegel. Der Knoten
saß nicht richtig, und er mußte noch mal von vorne anfangen.
»Danke, gut, Sir. Schönes Wetter haben wir.«
»Sie kriegen nie genug Schlaf und auch nie die Chance, sich die
Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Alles meine Schuld.« So, jetzt war der Knoten
perfekt.
»Macht nichts, Mr. President. Schließlich haben wir uns freiwillig gemeldet. Was
darf ich Ihnen zum Frühstück bestellen?«
»Guten Morgen, Mr. President!« Dr. Elliot kam hinter Connor herein. »Der große
Tag ist da!«
Bob Fowler drehte sich lächelnd um. »Allerdings! Möchten Sie mit mir
frühstücken, Elizabeth?«
»Gerne. Mein Vortrag fällt heute zur Abwechslung angenehm kurz aus.«
»Pete, Frühstück für zwei - herzhaft, bitte. Ich habe Hunger.«
»Für mich nur Kaffee«, sagte Liz zu Connor, der nur nickte und sich entfernte.
»Bob, du siehst toll aus.«
»Und du auch, Elizabeth.« In der Tat: Sie trug ihr teuerstes Kostüm, das seriös und
sehr feminin zugleich war. Sie setzte sich und begann ihren Vortrag.
»CIA meint, die Japaner führten etwas im Schilde«, erklärte sie am Schluß.
»Und was genau wäre das?«
»Es ist ihnen etwas über einen Vorstoß in der nächsten GATT-Runde zu Ohren
gekommen. Der Premier hat ungehalten reagiert.«
»Wie?«
»>Das ist das letzte Mal, daß uns die gebührende Rolle auf der Weltbühne
verweigert wird. Das werden sie büßen<«, zitierte Dr. Elliot. »Ryan hält das für
wichtig.«
»Was meinst du?«
»Ryan sieht mal wieder Gespenster. Er fühlt sich ausgeschlossen, weil er nicht hier
ist, und will sich wichtig machen. Marcus teilt meine Einschätzung, schickte Ryans
Papier aber in einem Anfall von Objektivität trotzdem weiter«, schloß Liz ironisch.
»Tja, Cabot ist eine Enttäuschung, nicht wahr?« meinte Fowler beim Überfliegen
der Unterlagen.
»Er zeigt seinen Leuten nicht, wer der Chef ist. und hat sich von der Bürokratie
einfangen lassen, besonders von Ryan.«
»Den kannst du wohl wirklich nicht ausstehen«, merkte der Präsident an.
»Ryan ist arrogant und...«
»Elizabeth, er hat beeindruckende Leistungen vorzuweisen. Als Mensch ist er mir
nicht gerade sympathisch, aber als Nachrichtendienstler hat er zahlreiche Aufgaben
sehr, sehr gut erledigt.«
»Der Mann ist doch ein Fossil. Bildet sich ein, er wäre James Bond. Gewiß hat er
spektakuläre Aktionen durchgezogen, aber das ist inzwischen nur noch Geschichte.
Jetzt brauchen wir jemanden mit einem weiteren Horizont.«
»Da spielt der Kongreß nicht mit«, meinte der Präsident, als das Frühstück
hereingefahren wurde. Das Essen war auf Radioaktivität und elektronische Geräte
geprüft und von Hunden auf Sprengstoff abgeschnüffelt worden - arme Tiere, dachte
der Präsident, denen schmeckt die Wurst bestimmt so gut wie mir. »Danke, wir
bedienen uns selbst«, sagte Fowler zu dem Steward von der Marine. »Sie können
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gehen. Ryan ist beim Kongreß überaus beliebt«, fuhr er fort. Er brauchte nicht
hinzuzufügen, daß Ryan als Stellvertretender Direktor der CIA nicht bloß vom
Präsidenten ernannt war, sondern auch den Bestätigungsprozeß im Senat durchlaufen
hatte. Solche Leute konnte man nicht ohne Grund entlassen.
»Das habe ich nie verstanden. Warum hat ausgerechnet Trent einen Narren an ihm
gefressen?«
»Frag ihn doch selbst«, schlug Fowler vor und strich Butter auf einen Pfannkuchen.
»Hab’ ich längst getan. Er ist um das Thema herumgehüpft wie eine
Primaballerina.« Der Präsident brüllte vor Lachen.
»Wiederhole das bloß nicht in der Öffentlichkeit!«
»Robert, wir haben ja beide Verständnis für seine sexuellen Vorlieben, aber er ist
trotzdem eine Schwuchtel.«
»Stimmt«, mußte Fowler zugestehen. »Worauf willst du hinaus, Elizabeth?«
»Es ist an der Zeit, daß Cabot diesen Ryan in seine Schranken weist.«
»Bist du etwa auf Ryans Rolle bei der Vorbereitung des Friedensplans neidisch?«
Elliots Augen blitzten zornig, aber der Präsident schaute gerade auf seinen Teller. Sie
holte tief Luft, ehe sie antwortete, und fragte sich, ob er sie provozieren wollte, Wohl
nicht, entschied sie; der Präsident ließ sich in solchen Angelegenheiten von
Emotionen nicht beeindrucken. »Bob, das haben wir doch schon durchgekaut. Ryan
hat lediglich ein paar fremde Ideen miteinander verwoben. Schließlich arbeitet er im
Nachrichtendienst und hat zu melden, was andere tun.«
»Damit wäre seine Rolle zu eng definiert.« Fowler sah nun, in welche Richtung sie
steuerte, und fing an, das Spiel zu genießen.
»Na schön, er hat Menschen umgebracht! Was ist da dran so toll? James Bond, die
Doppelnull! Du hast sogar zugelassen, daß diese Männer hingerichtet wurden, die...«
»Moment, Elizabeth, diese Terroristen hatten auch sieben Agenten des Secret
Service auf dem Gewissen. Von diesen Leuten hängt mein Leben ab, und es wäre
undankbar und schlicht idiotisch von mir gewesen, die Mörder ihrer Kollegen zu
begnadigen.« Beinahe hätte der Präsident über seine eigene Inkonsequenz die Stirn
gerunzelt - er hatte sich im Wahlkampf gegen die Todesstrafe ausgesprochen -,
beherrschte sich aber.
»Damit hast du dir diesen Weg versperrt. Denn wenn du nun versuchst, ein
Todesurteil in eine Haftstrafe umzuwandeln, wird man dir vorwerfen, in eben jenem
Fall aus Eigeninteresse auf der Hinrichtung bestanden zu haben. Du hast dich in die
Falle locken und ausmanövrieren lassen«, betonte Liz, die nun erkannte, daß sie
provoziert worden war, und entsprechend reagierte. Aber Fowler ließ sich nicht aus
dem Konzept bringen.
»Elizabeth, es mag sein, daß ich der einzige Ex-Staatsanwalt in Amerika bin, der
gegen die Todesstrafe eintritt, aber... wir leben in einer Demokratie, und die Mehrheit
der Bevölkerung ist dafür.« Er sah auf. »Diese Leute waren Terroristen. Ich kann
zwar nicht behaupten, über ihre Hinrichtung glücklich gewesen zu sein, aber wenn
überhaupt jemand den Tod verdiente, dann sie. Es war nicht der Zeitpunkt, Position
zu beziehen. Vielleicht geht das in meiner zweiten Amtsperiode. Wir müssen einen
passenden Fall abwarten. Politik ist die Kunst des Machbaren. Und das heißt eines
nach dem anderen, Elizabeth. Das weißt du so gut wie ich.«
»Wenn du nichts unternimmst, wachst du eines Tages auf und mußt feststellen, daß
Ryan in der CIA das Sagen hat. Gewiß, er ist ein fähiger Mann, aber er gehört der
Vergangenheit an. Er paßt nicht mehr in unsere Zeit.«
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Was bist du doch für ein Neidhammel, dachte Fowler. Na ja, wir haben alle unsere
Schwächen. Zeit, das Spiel abzubrechen. Er wollte sie nicht zu tief verletzen.
»Was hast du denn mit ihm vor?«
»Drängen wir ihn doch peu á peu aus dem Amt.«
»Gut, ich lasse mir das durch den Kopf gehen - verderben wir uns nicht den Tag mit
so einer Diskussion. Wie willst du die Einzelheiten des Abkommens bekanntgeben?«
Elliot lehnte sich zurück und trank einen Schluck Kaffee. Bist zu früh und mit zu
viel Druck vorgeprescht, dachte sie. Sie hatte eine tiefe Abneigung gegen Ryan, sah
aber ein, daß Bob recht hatte. Falsche Zeit, falscher Ort. Sie hatte mehr als genug Zeit
für ihr Spiel und wußte, daß sie geschickt vorgehen mußte.
»Ich lege einfach den Vertragstext vor.«
»Können die denn so schnell lesen?« Fowler lachte. Bei den Medien tummelten
sich genug Analphabeten.
»Es wird wie wild spekuliert. Der Leitartikel der New York Times kam heute übers
Fax. Warte nur, die verschlingen das nur so. Ich habe ihnen außerdem ein paar saftige
Details aus den Verhandlungen zusammengestellt.«
»Wie du meinst«, sagte der Präsident und schob sich das letzte Stück Bratwurst in
den Mund. Dann schaute er auf die Uhr. Es kam auf den richtigen Moment an. Da der
Zeitunterschied zwischen Rom und Washington sechs Stunden betrug, konnte das
Abkommen frühestens um zwei Uhr nachmittags unterzeichnet werden, denn es sollte
ins Frühstücksfernsehen kommen. Und da Amerikas Bürger erst auf die Sensation
vorbereitet werden mußten, hatten den TV-Crews die Vertragsdetails bis drei Uhr
Ostküsten-Sommerzeit vorzuliegen. Liz würde den Knüller also um neun
bekanntgeben, in zwanzig Minuten. »Und wirst du auch Charlies Rolle betonen?«
»Sicher. Es ist nur gerecht, wenn wir ihn als den Haupturheber darstellen.«
Damit ist Ryans Part gestorben, dachte Fowler. Nun, schließlich hat Charlie die
Sache in Bewegung gesetzt. Ryan tat Fowler ein bißchen leid. Er hielt den DDCI
zwar ebenfalls für ein Relikt aus der Vergangenheit, wußte aber auch, was er geleistet
hatte, und war davon beeindruckt. Auch Arnie van Damm, der beste Menschenkenner
in der Administration, hielt große Stücke auf Ryan. Aber Elizabeth war seine
Sicherheitsberaterin, und er konnte nicht zulassen, daß sie und der DDCI sich
gegenseitig an die Kehle gingen. Nein, das kam nicht in Frage.
»Leg eine glänzende Vorstellung hin, Elizabeth.«
»Kleinigkeit.« Sie lächelte ihn an und ging.
Die Sache war schwieriger, als er erwartet hatte. Ghosn erwog, Hilfe zu holen,
verzichtete dann aber. Es gehörte zu seinem Ruf in der Organisation, daß er allein an
diesem Teufelszeug werkelte und nur für die Knochenarbeit gelegentlich ein paar
kräftige Männer hinzuzog.
Die Bombe, oder was das Objekt sonst sein mochte, war erstaunlich stabil gebaut.
Im Schein seiner grellen Arbeitslampen reinigte er sie zunächst gründlich mit Wasser
und fand eine Reihe von Einrichtungen, die er nicht identifizieren konnte. Es gab zum
Beispiel mit Schraubdeckeln verschlossene Gewindelöcher. Er drehte eine
Schutzkappe los und fand darunter ein Kabel. Erstaunlicher noch war die Stärke der
Bombenhülle. Er hatte schon einmal einen israelischen Radar-Störsender zerlegt und
an dieser aus Aluminium konstruierten Gondel für Radiofrequenzen durchlässige
»Fenster« aus Kunststoff oder Fiberglas gefunden.
Da sich die größte Abdeckplatte auch mit aller Gewalt nicht loshebeln ließ,
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versuchte er, die Hülle an einer anderen Stelle zu öffnen - erfolglos. Nun wandte er
sich nach mehreren Stunden fruchtloser Arbeit frustriert wieder der Platte zu.
Ghosn setzte sich zurück und steckte sich eine Zigarette an. »Was bist du?« fragte
er das Objekt.
Es sah einer Bombe wirklich ähnlich, soviel war ihm klar. Es hatte eine dicke Hülle
- warum ist mir nicht aufgefallen, daß das Ding für einen Radarsender viel zu schwer
ist? fragte er sich. Aber eine richtige Bombe konnte es auch wieder nicht sein. Nach
allem, was er an Kabeln und elektrischen Verbindungen im Innern gesehen hatte,
fehlten Zünder und Übertragungsladung. Es konnte also nichts anderes als eine
elektronische Einrichtung sein. Er drückte die Zigarette auf dem Boden aus und ging
an seine Werkbank.
Ghosn verfügte über ein großes Werkzeugsortiment, darunter ein
zweitaktgetriebenes Schleifgerät mit Trennscheibe. Die Maschine war eigentlich für
den Zweimannbetrieb bestimmt, doch er beschloß, sie allein und an der Abdeckplatte
anzusetzen, die ihm dünner vorkam als der Rest der Hülle. Er stellte die Schneidtiefe
auf neun Millimeter, warf den Motor an und wuchtete das Werkzeug über die Platte.
Der Lärm war gräßlich, als der diamantbestückte Rand der Scheibe sich in den Stahl
fraß, aber die Maschine war schwer genug, um nicht von dem Werkstück abzugleiten.
Er führte sie langsam am Rand der Abdeckplatte entlang. Für den ersten Schnitt
brauchte er zwanzig Minuten. Nun stellte er die Maschine ab, le gte sie auf den Boden
und schob einen dünnen Draht durch den entstandenen Spalt.
Na endlich! Ich bin durch! dachte er. Richtig getippt. Der Rest der Hülle schien
rund vier Zentimeter stark zu sein, die Platte aber nur einen knappen Zentimeter.
Ghosn freute sich so über den Erfolg, daß er vergaß, sich zu fragen, wozu eine
Radarkapsel einen so dicken Mantel aus gehärtetem Stahl brauchte. Ehe er
weitermachte, setzte er Ohrenschützer auf, denn der Krach des ersten Schnitts hing
ihm noch in den Ohren. Die Arbeit war schon unangenehm genug; Kopfschmerzen
konnte er jetzt nicht gebrauchen.
Im Sekundenabstand blendeten die TV-Netze den Hinweis »Sondermeldung« auf die
Bildschirme ein. Die Koordinatoren, die für römische Verhältnisse früh aufgestanden
waren, um an Dr. Elliots Pressekonferenz teilzunehmen, hasteten atemlos in ihre
Kabinen und übergaben den Produzenten und Rechercheuren ihre Notizen.
»Na bitte!« triumphierte Angela Miriles. »Hab’ ich’s nicht gesagt, Rick?«
»Angie, ich schulde Ihnen ein Mittag- und ein Abendessen und vielleicht sogar das
Frühstück in einem Restaurant Ihrer Wahl.«
»Topp!« erwiderte die Rechercheurin lachend und dachte: Der Arsch kann sich das
leisten.
»Wie bringen wir das?« fragte der Produzent.
»Ich improvisiere. Geben Sie mir zwei Minuten, und dann gehen wir auf Sendung.«
»Scheiße«, bemerkte Angie leise. Rick improvisierte nur ungern. Andererseits
genoß er es, den Printmedien zuvorzukommen, was in diesem Fall angesichts des
Zeitvorteils ein Kinderspiel war. Ätsch, New York Times! Er saß still, bis er
geschminkt war, und ging dann mit dem Nahostexperten der Fernsehanstalt, den
Angie für einen eitlen Schwachkopf hielt, vor die Kamera.
»Fünf!« rief der Regieassistent. »Vier, drei, zwei, eins!« Er gab dem Koordinator
ein Zeichen.
»Der Traum wird wahr«, verkündete Rick. »In vier Stunden werden der Präsident
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der Vereinigten Staaten, der sowjetische Präsident, der König von Saudi-Arabien, die
Ministerpräsidenten von Israel und der Schweiz und die Oberhäupter zweier großer
Religionsgruppen ein Abkommen unterzeichnen, das auf eine völlige Beilegung des
Nahostkonflikts hoffen läßt. Die Einzelheiten sind sensationell.« Drei Minuten lang
redete er ununterbrochen und hastig weiter, als wollte er seine Kollegen von den
anderen Sendern schlagen.
»Seit Menschengedenken hat es nichts Vergleichbares gegeben. Wieder ein
Wunder - nein, ein Meilenstein auf dem Weg zum Weltfrieden. Dick?« Der
Koordinator wandte sich an seinen Experten, der früher einmal US-Botschafter in
Israel gewesen war.
»Rick, ich habe mir das Dokument nun eine halbe Stunde lang angeschaut und kann
es immer noch nicht glauben. Vielleicht erleben wir in der Tat ein Wunder. Den
richtigen Ort dafür haben wir uns jedenfalls ausgesucht. Israels Konzessionen sind
ebenso verblüffend wie Amerikas Bereitschaft, den Frieden zu garantieren.
Beeindruckt bin ich auch von der absoluten Geheimhaltung, unter der das
Vertragswerk ausgehandelt wurde. Wären diese Details vor zwei Tagen an die
Öffentlichkeit gekommen, hätte die Sache noch vor unseren Augen scheitern können,
aber hier und jetzt, Rick, hier und jetzt ist sie Wirklichkeit geworden. Ich glaube es
nun. Sie haben recht: Es ist ein Wunder geschehen. Der Friede ist greifbar. Und in
wenigen Stunden wird sich die Welt aufs neue verändert haben.
Ohne die bisher noch nie dagewesene Unterstützung der Sowjetunion wäre das
nicht möglich gewesen; zweifellos stehen wir tief in der Schuld des bedrängten
sowjetischen Präsidenten Andrej Narmonow.«
»Wie schätzen Sie die Konzessionen ein, die alle religiösen Gruppen gemacht
haben?«
»Einfach unglaublich, Rick, in dieser Region haben seit Anbeginn der Geschichte
Religionskriege gewütet. An dieser Stelle sollten wir allerdings einfügen, daß, wie ein
hohes Regierungsmitglied heute großzügig unterstrich, der Architekt dieses
Abkommens Dr. Charles Alden war, der erst vor wenigen Wochen skandalumwittert
starb. Welch grausame Ironie des Schicksals, daß dieser Mann, der die künstlich
aufgebauten religiösen Gegensätze als das Grundproblem dieser krisengeschüttelten
Region identifizierte, diesen Tag nicht erleben darf. Alden war offenbar die treibende
Kraft bei der Friedensinitiative, und man kann nur hoffen, daß die Geschichte den
Yale-Absolventen Dr. Charles Alden trotz des Zeitpunkts und der Begleitumstände
seines Todes als denjenigen würdigen wird, der zu diesem Wunder beitrug.« Der
ehemalige Botschafter war ebenfalls ein Yalie und Aldens Jahrgang.
»Ihre Meinung zur Haltung der anderen Parteien?«
»Rick, bei einem Ereignis von solcher Tragweite - so etwas ist wirklich selten spielen immer viele Leute ihren Part, leisten einen wichtigen Beitrag. An dem
Vatikan-Abkommen hat auch Außenminister Talbot mitgearbeitet, hervorragend
unterstützt von Staatssekretär Scott Adler, einem brillanten Diplomaten, der übrigens
Talbots rechte Hand ist. Gleichzeitig war es Präsident Fowler, der die Initiative
billigte und, wo erforderlich, politischen Druck ausübte. Noch nie hatte ein Präsident
den Mut und Weitblick, seinen Ruf als Politiker bei einem so kühnen Unterfangen
aufs Spiel zu setzen. Die Auswirkungen eines Fehlschlags wären unvorstellbar
gewesen. Aber Fowler hat es geschafft. Dies ist ein großer Tag für die amerikanische
Diplomatie, die Verständigung zwischen Ost und West und vielleicht die größte
Chance für den Weltfrieden in der Geschichte der Menschheit.«
152
»Das hätte ich selbst nicht besser sagen können. Dick. Nun müssen das Abkommen
und der amerikanisch-israelische Verteidigungspakt aber noch vom Senat ratifiziert
werden. Wie sieht es damit aus?«
Der Kommentator grinste und schüttelte in gespielter Erheiterung den Kopf. »Das
geht so schnell durch den Senat, daß die Druckerschwärze noch feucht ist, wenn der
Präsident das Gesetz in die Hand bekommt. Verzögern können diese Sache nur die
verbalen Spiegelfechtereien, die man in den Ausschüssen und Fraktionen hört.«
»Aber die Kosten, die durch die Stationierung amerikanischer Truppen entstehen...«
»Rick, der Auftrag unserer Streitkräfte ist die Wahrung des Friedens. Und dafür
wird Amerika jeden Preis zahlen. Das ist für den amerikanischen Steuerzahler kein
Opfer, sondern ein Privileg, eine historische Ehrenpflicht: dem Weltfrieden das Siegel
amerikanischer Stärke aufzudrücken. Keine Frage: Wir zahlen.«
»Und hiermit verabschieden wir uns«, sagte Rick und drehte sich wieder zu Kamera
1 um. »In zweieinhalb Stunden berichten wir live über die Unterzeichnung des
Vatikan-Abkommens. Wir schalten zurück nach New York. Rick Cousins, Vatikan.«
»Donnerwetter!« hauchte Ryan. Leider hatte der Fernseher diesmal seine Frau
aufgeweckt, die den Kommentar mit Interesse verfolgt hatte.
»Jack, das war dein Beitrag!« Cathy stand auf, um Kaffee zu machen. »Schließlich
warst du in Italien und in ...«
»Schatz, ich hatte mit der Sache zu tun. Wie intensiv, kann ich nicht sagen.« Es
hätte Jack ärgern sollen, daß Charlie Alden nun als Erfinder der Friedensinitiative
hingestellt wurde, aber Charlie war trotz seiner menschlichen Schwächen ein
anständiger Kerl gewesen und hatte sich in der Tat hinter die Sache geklemmt und
Druck ausgeübt, als das nötig war. Außerdem, sagte er sich, würden die Historiker
wie üblich früher oder später auf die Wahrheit stoßen, Die echten Akteure wußten
Bescheid. Er wußte Bescheid. Er war gewohnt, im Hintergrund zu agieren, Dinge zu
tun, von denen andere nichts wissen durften. Er drehte sich zu seiner Frau um und
lächelte.
Auch Cathy wußte Bescheid, denn sie hatte ihn schon vor einigen Monaten laut
spekulieren hören. Jack war offenbar nicht bewußt, daß er beim Rasieren vor sich hin
brummte, und er glaubte auch, daß seine Frau weiterschlief, wenn er so früh aufstand.
Tatsächlich aber hatte sie ihn immer verabschiedet, auch wenn sie dabei die Augen
geschlossen hielt. Cathy hatte es gerne, wenn er sie in dem Glauben, sie schliefe noch,
küßte, und wollte die kleine Geste nicht verderben. Er hatte auch so schon genug
Probleme. Jack gehörte ihr, und sie wußte, daß sie einen guten Mann hatte.
Wie unfair, sagte sich Frau Doktor Ryan. Die Initiative war zumindest teilweise
Jacks Idee. Was ging sonst noch vor, von dem sie nichts wußte? Diese Frage stellte
sich Cathy Muller Ryan, M. D., Fellow des amerikanischen Chirurgenkollegs, nur
selten. Aber daß Jack Alpträume hatte, ließ sich nicht bestreiten. Er hatte
Einschlafschwierigkeiten, trank zuviel, und wenn er dann endlich Ruhe gefunden
hatte, störten Dinge, nach denen sie sich nicht zu erkundigen wagte, seinen Schlaf.
Das beängstigte sie ein wenig. Was hatte ihr Mann getan? Welche Schuld schleppte er
mit sich herum?
Cathy stutzte. Schuld? Wie war sie darauf gekommen?
Nach drei Stunden hatte Ghosn die Abdeckplatte losgehebelt. Er hatte eine neue
Trennscheibe einsetzen müssen, aber der Hauptgrund für die Verzögerung war sein
153
Stolz, der es ihm verboten hatte, Hilfe zu holen. Wie auch immer, es war geschafft,
und mit dem Ansetzen eines Stemmeisens war die Arbeit getan. Der Ingenieur
leuchtete mit einer Handlampe in das Objekt und stieß auf das nächste Rätsel.
Im Innern befand sich ein Gitterrahmen - aus Titan? überlegte er -, an dem ein
zylindrischer Gegenstand mit Bolzen befestigt war. Ghosn ging mit der Lampe näher
heran und sah, daß mehrere Kabel mit dem Zylinder verbunden waren. Er konnte
knapp ein Elektronikpaket sehen... ah, ein Sende- und Empfangsgerät für Radar,
dachte er. Andererseits aber... plötzlich wurde ihm klar, daß er etwas Entscheidendes
übersehen hatte. Aber was? Die Beschriftung auf dem Zylinder war hebräisch, eine
Sprache, die er kaum beherrschte. Deshalb konnte er mit den Markierungen nichts
anfangen. Der Gitterrahmen war offenbar auch als Stoßdämpfer konzipiert und hatte
seine Funktion auf bewundernswerte Weise erfüllt. Er war zwar stark gestaucht und
verzogen, aber der Zylinder schien weitgehend intakt geblieben zu sein. Gewiß, er
war beschädigt, aber nicht gerissen... Was immer er enthalten mochte, mußte gegen
Erschütterungen geschützt werden. Er war also empfindlich, und diese Tatsache wies
auf ein elektronisches Bauteil hin. Ghosn kehrte also wieder zu seiner StörsenderTheorie zurück und hatte sich nun so verrannt, daß er andere Möglichkeiten ignorierte
und die Indizien, die auf sie hinwiesen, übersah. Nun beschloß er, den Zylinder erst
einmal auszubauen. Er wählte einen Steckschlüssel aus und machte sich an den
Bolzen zu schaffen.
Fowler saß auf einem Renaissance-Sessel und beobachtete, wie die Protokollbeamten
herumflatterten - sie erinnerten ihn an Fasane, wenn sie sich nicht entscheiden
können, ob sie laufen oder fliegen sollen. Im allgemeinen nimmt man an, daß ein
Anlaß wie dieser von Fachleuten geplant und souverän inszeniert wird. Fowler wußte,
daß das eine Fehleinschätzung war. Gewiß lief alles glatt, wenn man genug Zeit - ein
paar Monate - zur Ausarbeitung aller Details gehabt hatte. Diese Zeremonie aber war
erst vor wenigen Tagen angesetzt worden, und das gute Dutzend Protokollbeamte
hatte noch nicht einmal entschieden, wem in ihren Reihen der Vorrang gebührte.
Seltsamerweise blieben die schweizerischen und russischen Beamten am gelassensten.
Vor Fowlers Augen steckten sie die Köpfe zusammen, bildeten rasch eine Allianz und
präsentierten den anderen einen Plan, der dann umgesetzt wurde. Wie eine gut
aufeinander eingespielte Football-Mannschaft, dachte der Präsident. Der Vertreter des
Vatikans war zu alt für diese Aufgabe. Der Mann, den Fowler für einen Bischof oder
Prälaten hielt, war über sechzig und so aufgeregt, daß er kurz vor einem Herzanfall zu
stehen schien. Schließlich nahm ihn der Russe beiseite und redete kurz beruhigend auf
ihn ein; man nickte, reichte sich die Hand, wurde sich einig, und die Protokollbeamten
zogen nun an einem Strang. Fowler nahm sich vor, sich nach dem Namen des sehr
professionell wirkenden Russen zu erkundigen. Die Szene war überaus unterhaltsam
gewesen und hatte den Präsidenten in einem Augenblick, in dem er Entspannung
brauchte, abgelenkt.
Endlich - mit nur fünf Minuten Verspätung, wie Fowler verwundert feststellte erhoben sich wie bei einer Hochzeitsgesellschaft auf Befehl einer nervösen
Schwiegermutter in spe die Staatsoberhäupter von ihren Plätzen und wurden in einer
Reihe aufgestellt. Man schüttelte sich pro forma die Hände und riß Witze, die wegen
der Abwesenheit der Dolmetscher niemand komisch fand. Der König von SaudiArabien schien über die Verzögerung ungehalten zu sein. Kein Wunder, dachte
Fowler, dem Mann gehen bestimmt andere Dinge im Kopf herum. Radikale hatten
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bereits Todesdrohungen gegen ihn ausgestoßen. Dennoch sah man ihm keine Furcht
an. Er mochte humorlos sein, zeigte aber Haltung und Mut - und Stil, wie sich Fowler
eingestand -, so wie es seinem Titel angemessen war. Es war der König gewesen, der
sich nach einem zweistündigen Gespräch mit Ryan als erster zu Verhandlungen
bereiterklärt hatte. Eigentlich schade. Ryan war für Alden eingesprungen, hatte dessen
Auftrag aus dem Stegreif ausgeführt, und zwar so, als hätte er die Zeit gehabt, sich
gründlich darauf vorzubereiten. Der Präsident zog die Stirn kraus. Er hatte die Hektik
der einleitenden Manöver vergessen. Scott Adler war nach Moskau, Rom und
Jerusalem gereist, Jack Ryan nach Rom und Riad. Beide hatten erstklassige Arbeit
geleistet, die wohl nie besonders gewürdigt werden würde. So sind die Regeln der
Geschichte, schloß Fowler. Wenn sie die Lorbeeren einheimsen wollten, hätten sie
sich um sein Amt bewerben sollen.
Zwei Männer der Schweizergarde in Livree öffneten die gewaltigen Bronzetüren,
und die füllige Gestalt Giovanni Kardinal D’Antonios wurde sichtbar. Die grellen
Scheinwerfer der TV-Teams umgaben ihn mit einem künstlichen Heiligenschein, der
den Präsidenten der Vereinigten Staaten beinahe zum Lachen gebracht hätte. Die
Prozession in den Nebensaal begann.
Wer dieses Ding entworfen hat, dachte Ghosn, hatte die Einwirkung brutaler Kräfte
berücksichtigt. Komisch, israelisches Gerät war immer leicht konstruiert - nein, das
war der falsche Ausdruck. Die Israelis waren geschickte, effiziente, elegante
Ingenieure. Was sie bauten, war so stark wie nötig, nie mehr, nie weniger. Selbst ihr
improvisiertes Gerät zeugte von Weitblick und war peinlich genau in der Ausführung.
Bei diesem Objekt aber wirkten alle Teile extrem überdimensioniert. Zudem schien es
hastig entworfen und zusammengebaut worden zu sein, wirkte fast primitiv. Dafür
war er dankbar, denn es ließ sich leichter zerlegen. Niemand hatte an eine
Selbstzerstörungsvorrichtung gedacht, die erst identifiziert und entschärft werden
mußte - auf diesem Gebiet waren die Zionisten teuflisch cle ver! Von einem solchen
Subsystem wäre Ghosn vor einigen Monaten fast zerrissen worden. Die
Befestigungsbolzen des Zylinders waren zwar verklemmt, aber nicht verbogen; er
brauchte also nur einen ausreichend langen Schraubenschlüssel. Er besprühte sie
nacheinander mit Rostlöser, machte eine Pause von fünfzehn Minuten, in der er zwei
Zigaretten rauchte, und setzte dann sein Werkzeug an. Der erste Bolzen war bei den
ersten Umdrehungen schwergängig, ließ sich aber bald herausdrehen. Noch fünf zu
lösen.
Es sah ganz so aus, als würde der Nachmittag sich hinziehen. Zuerst wurden Reden
gehalten. Als Gastgeber ergriff der Papst als erster das Wort und war im Ton
überraschend gedämpft. Er bezog sich ohne große Worte auf die Bibel und wies
erneut auf die Gemeinsamkeiten der drei vertretenen Religionen hin. Die
Staatsoberhäupter und religiösen Führer bekamen über Kopfhörer eine
Simultanübersetzung, was im Grunde überflüssig war, da ihnen die Texte aller
Ansprachen vorlagen. Rundum war man bemüht, nicht zu gähnen. Aber Reden sind
nun mal Reden, und Politikern fällt das Zuhören ganz besonders schwer, selbst wenn
ein Staatsoberhaupt spricht. Die größte Ungeduld verspürte Fowler, der als letzter
reden sollte. Er warf einen verstohlenen Blick auf die Uhr, verzog keine Miene und
schickte sich in Öde neunzig Minuten.
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Nach vierzig Minuten waren alle großen Bolzen aus rostfreiem Stahl gelöst. Das Ding
war auf Dauer gebaut, erkannte Ghosn, und das war für ihn nur günstig. Nun mußte
der Zylinder herausgeholt werden. Er prüfte ihn noch einmal sorgfältig auf etwaige
Vorrichtungen gegen unbefugte Eingriffe - Vorsicht war in seinem Beruf die einzige
Verteidigung - und tastete das Innere der Hülle ab. Angeschlossen war offenbar nur
das Radargerät, obwohl es noch drei andere Steckverbindungen gab - aber die waren
unbelegt. In seiner Erschöpfung übersah Ghosn, daß sie ihm praktisch gegenüberlagen
und leicht zugänglich waren. Der Zylinder saß in dem gestauchten Gitterrahmen fest,
sollte sich aber nun, da die Bolzen gelöst waren, unter ausreichender Kraftanwendung
herausziehen lassen.
Andrej Il’itsch Narmonow faßte sich kurz. Seine Ausführungen waren schlicht,
würdig und von einer Bescheidenheit, zu der sich die Kommentatoren bestimmt
äußern würden.
Ghosn brachte einen zweiten Flaschenzug an dem Portalgestell an. Günstigerweise
war der Zylinder mit einer Öse zum Anheben versehen. Offenbar wollten die Israelis
ihre Kraft ebensowenig vergeuden wie er. Der Rest der Hülle war leichter, als er
erwartet hatte. Nach einer Minute hatte Ghosn den Zylinder so weit angehoben, daß
nun die ganze Konstruktion an ihm hing. Lange konnte das nicht halten. Ghosn
besprühte den Gitterrahmen mit Rostlöser und wartete, daß die Schwerkraft ihre
Wirkung tat. . . aber nach einer Minute riß ihm der Geduldsfaden. Er setzte in einem
Spalt zwischen Zylinder und Rahmen das Stemmeisen an und begann in
Millimeterarbeit zu hebeln. Nach vier Minuten kam die Hülle mit einem metallischen
Quietschen frei und fiel zu Boden. Nun brauchte er nur noch an der Kette zu ziehen
und den Zylinder herauszuheben.
Der Zylinder war grün lackiert und hatte, was nicht überraschend war, ebenfalls
eine abgedeckte Öffnung. Ghosn suchte sich einen passenden Schraubenschlüssel und
begann die vier festsitzenden Bolzen zu lösen, die unter seinem Druck bald
nachgaben. Er kam nun rascher voran und wurde von der Erregung, die immer mit
dem bevorstehenden Abschluß einer langen Arbeit einhergeht, übermannt, obwohl die
Vernunft ihn zur Bedächtigkeit mahnte.
Endlich war Fowler an der Reihe.
Der Präsident der Vereinigten Staaten trat mit einer braunen Aktenmappe aus Leder
ans Rednerpult. Sein Hemd war brettsteif gestärkt und rieb ihm bereits den Hals
wund, aber das störte ihn nicht. Auf diesen Augenblick hatte er sich sein ganzes
Leben lang vorbereitet. Er schaute direkt in die Kamera und sah ernst, aber nicht
düster, begeistert, aber noch nicht fröhlich, stolz, aber nicht arrogant aus. Er nickte
seinen Amtskollegen zu.
»Heiliger Vater, Königliche Hoheit, Herr Präsident«, begann Fowler. »Meine
Herren Ministerpräsidenten und alle Bürger unserer unruhigen, aber hoffnungsvollen
Welt:
Wir sind zusammengekommen in dieser uralten Stadt, die seit über dreitausend
Jahren Krieg und Frieden erlebt, eine der großen Kulturen der Welt hervorgebracht
hat und heute der Sitz einer noch größeren Religion ist. Wir kommen alle von weither,
aus Wüsten und Gebirgen, aus den weiten Ebenen Europas und aus einer Stadt, die
ebenfalls an einem Fluß liegt, aber anders als viele Fremde, die diese uralte Stadt
besuchten, kommen wir in Frie den. Wir kamen mit einer einzigen Absicht - den Krieg
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und das Leiden, das er bringt, abzuschaffen, um die Segnungen des Friedens in einen
Teil der Welt zu tragen, der erst jetzt aus einer Geschichte aufzusteigen beginnt, die
einerseits von Blutvergießen und andererseits vom Licht der Ideale geprägt ist.« Er
senkte den Blick nur, wenn er umblättern mußte. Fowler war ein guter Redner, der
über dreißig Jahre hinweg Erfahrungen gesammelt hatte und nun vor dieser
Versammlung ebenso selbstsicher sprach, wie er es in Hunderten von Gerichtssälen
getan hatte, in Rhythmus und Tonfall Gefühlen Ausdruck gab, die sein kaltes Image
Lügen straften, und seine Stimme einsetzte wie ein seinem Willen unterworfenes
Musikinstrument.
»Diese Stadt, dieser Vatikanstaat, ist Gott und dem Wohle des Menschen geweiht
und hat ihren Zweck heute besser erfüllt als je zuvor. Denn heute, liebe Mitbürger der
Welt, heute ist dank unserer Anstrengung ein weiteres Stück des Traumes wahr
geworden, der allen Männern und Frauen gemeinsam ist, wo immer sie auch leben
mögen. Mit Hilfe Ihrer Gebete, durch eine Vision, die uns vor so vielen Jahrhunderten
geschenkt wurde, kam die Einsicht, daß Frieden besser als Krieg ist und ein Ziel, für
das gewaltigere Anstrengungen und größerer Mut erforderlich sind als für
Blutvergießen. Sich vom Krieg ab und dem Frieden zuzuwenden ist ein Zeichen von
Stärke.
Heute haben wir die Ehre und das Privileg, der Welt ein Abkommen
bekanntzugeben, das der Zwietracht in einem uns allen heiligen, aber geschändeten
Gebiet ein Ende setzen soll. Dank dieser Übereinkunft wird es eine endgültige Lösung
geben, die auf Glauben, Gerechtigkeit und das Wort Gottes gründet, den wir alle unter
verschiedenen Namen kennen, aber der jeden einzelnen von uns sieht.
Dieses Abkommen unterstreicht das Recht aller Männer und Frauen in der Region
auf Sicherheit, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und das Recht auf die Würde des
Menschen in der Erkenntnis, daß wir alle Geschöpfe Gottes und einmalig sind, aber
vor dem Herrn gleich...«
Die letzte Abdeckplatte kam frei. Ghosn schloß die Augen und flüsterte erschöpft ein
Dankgebet. Er war nun schon seit Stunden an der Arbeit und hatte auf das
Mittagessen verzichtet. Er legte die Platte auf den Boden und die Bolzen auf die
konkave Fläche, damit sie nicht verlorengingen. Ghosn, der typische Ingenieur,
erledigte alles, was er tat, sauber und ordentlich. Die Öffnung verschloß eine noch
intakte Dichtung aus Kunststoff, die wohl Feuchtigkeit fernhalten sollte - vermutlich
von einem komplexen elektronischen Bauteil. Er berührte sie sanft und stellte fest,
daß sie nicht unter Druck stand. Mit einem kleinen Messer schlitzte er den Kunststoff
auf, zog ihn vorsichtig ab. Nun, da er zum ersten Mal in den Zylinder schaute, schien
eine eiskalte Hand jäh sein Herz zu packen. Er hatte eine unregelmäßig geformte
gelblichgraue Kugel vor sich, die wie schmutziger Brotteig aussah.
Es war also doch eine Bombe.
Oder zumindest ein Selbstzerstörungsmechanismus mit einer starken Ladung: rund
fünfzig Kilo Sprengstoff...
Ghosn wich zurück und verspürte plötzlich Harndrang. Mit zitternden Fingern zog
er eine Zigarette aus der Packung und brauchte drei Versuche, um sie anzuzünden.
Was hatte er übersehen? Nichts. Er war so vorsichtig gewesen wie immer. Noch war
es den Israelis nicht gelungen, ihn umzubringen. Ihre Konstrukteure waren gewitzt,
aber auch er war nicht auf den Kopf gefallen.
Nur Geduld, beruhigte er sich und begann, die Außenhülle des Zylinders ein
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zweites Mal zu untersuchen. Da war die Kabelverbindung mit dem Radargerät, noch
befestigt, dazu die drei unbelegten Steckdosen.
Was kann ich über das Objekt aussagen? fragte er sich.
Kombiniertes Sende- und Empfangsgerät für Radar, dicke Hülle, abgedeckte
Öffnung, kugelförmige Sprengladung, verdrahtet mit...
Ghosn beugte sich vor und musterte das Objekt genau. In regelmäßigen,
symmetrischen Abständen waren an der Kugel Sprengzünder angebracht, deren
Kabel...
Das kann doch nicht wahr sein! Das gibt’s doch nicht!
Ghosn entfernte die Zünder nacheinander, zog die Kabel ab und legte sie behutsam
auf eine Decke, denn solche Einrichtungen sind hochempfindlich. Der Sprengstoff
selbst war dagegen so sicher zu handhaben, daß man ein Stück abbrechen und als
Brennstoff zum Kaffeekochen benutzen konnte. Mit dem Messer brach er die
überraschend harten Platten los.
»In der griechischen Mythologie erhält eine Frau namens Pandora eine Büchse mit
der Ermahnung, sie nicht zu öffnen. Doch Pandora konnte nicht widerstehen, und als
sie die Büchse, die die Götter mit allen Übeln gefüllt hatten, öffnete, flogen Streit und
Krieg hinaus in unsere Welt. Die Frau war verzweifelt über ihre Tat, bis sie ganz
zuunterst in der nun fast leeren Büchse die Hoffnung fand. Wir haben alle viel zuviel
Streit und Krieg erlebt, aber nun endlich die Hoffnung genutzt. Es war ein langer,
blutiger, von Verzweiflung markierter Weg, der aber immer aufwärts führte, denn
Hoffnung ist die gemeinsame Vision der Menschheit auf das, was sein kann, sein
sollte und sein muß, und es war die Hoffnung, die uns an diesen Punkt geführt hat.
Die alte Sage mag heidnischen Ursprungs sein, aber ihr Wahrheitsgehalt ist heute
offenbar. Heute stecken wir den Krieg, den Streit und den sinnlosen Tod zurück in die
Büchse, geben den Konflikt mit hinein und behalten nur die Hoffnung, Pandoras
letztes und wichtigstes Geschenk an die Menschheit. Heute geht ein
Menschheitstraum in Erfüllung.
Heute haben wir von Gott das Geschenk des Friedens angenommen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.« Der Präsident lächelte freundlich in die
Kameras und ging unter dem zustimmenden Applaus seiner Kollegen zurück an
seinen Platz. Nun sollte das Abkommen unterzeichnet werden. Der große Augenblick
war da, und der amerikanische Präsident kam als letzter Redner zuerst an die Reihe.
Bald war J. Robert Fowler eine Figur der Weltgeschichte.
Nun gab es kein Halten mehr. Ghosn brach die Platten einfach los, obwohl ihm klar
war, daß er fahrlässig handelte und wertvolles Material vergeudete, aber nun wußte er
- oder glaubte zu wissen -, was er in den Händen hatte.
Und da war sie, die glänzende Metallkugel, unversehrt und dank der
Kunststoffdichtung auch nach Jahren im Garten des Drusen nicht korrodiert. Sie war
kaum größer als ein Kinderball. Ghosn wußte, was er als nächstes zu tun hatte. Er
langte in die aufgebrochene Hohlladung und berührte das schimmernde Metall mit
den Fingerspitzen. Es fühlte sich warm an.
»Allahu akbar!
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9
Entscheidungen
»Sehr interessant.«
»Eine ziemlich einmalige Gelegenheit«, stimmte Ryan zu.
»Wie zuverlässig und vertrauenswürdig ist er?« fragte Cabot.
Ryan lächelte seinen Chef an. »Sir, das ist immer die Frage. Vergessen wir die
Spielregeln nicht. Ganz sicher kann man nie sein - will sagen, es dauert Jahre, bis sich
ein Mindestmaß an Gewißheit entwickelt hat. Unser Spiel hat nur wenige feste
Regeln, und niemand weiß, nach welchem System gepunktet wird. Wie auch immer,
der Mann ist mehr als nur ein Überläufer.« Es ging um Oleg Juriewitsch Lyalin Cabot kannte den Namen noch nicht -, einen »illegalen« KGB-Agenten, der nicht
unter dem Schutz der diplomatischen Immunität, sondern als angeblicher Vertreter
eines sowjetischen Kombinats arbeitete. Lyalin, Codename DISTEL, führte einen
Agentenring, und zwar in Japan. »Der Mann ist ein Profi und hat ein besseres Netz als
der KGB-Resident in Tokio. Seine beste Quelle sitzt im japanischen Kabinett.«
»Und?«
»Er bietet uns die Nutzung seines Netzes an.«
»Ist das wirklich so wichtig, wie ich anfange zu glauben...?« fragte der CIADirektor seinen Stellvertreter.
»Chef, eine solche Chance bietet sich nur selten. In Japan haben wir noch nie
richtig operiert, weil uns erstens Leute mit guten Japanischkenntnissen fehlen - selbst
hier im Haus sind Übersetzer knapp - und wir zweitens unsere Prioritäten immer
anderswo sahen. Allein der Aufbau der Infrastruktur für Operationen in Japan dürfte
Jahre in Anspruch nehmen. Die Russen aber waren schon vor der Oktoberrevolution
in Nippon tätig. Der Grund liegt in der Geschichte: Rußland und Japan hatten sich
lange bekriegt, und da die Russen in Japan einen strategischen Rivalen sahen,
spionierten sie dort schon, bevor Japan zur Technologiemacht aufstieg. Dieser Mann
bietet uns sein japanisches Unternehmen zum Sonderpreis an, komplett mit Inventar,
Außenständen, den technischen Einrichtungen - den ganzen Laden also. Günstiger
könnte es gar nicht kommen.«
»Aber was er verlangt...«
»Geld? Na und? Das ist nicht ein Tausendstel eines Prozents von dem, was diese
Informationen für unser Land wert sind«, betonte Jack.
»Eine Million Dollar im Monat!« protestierte Cabot und fügte insgeheim hinzu:
steuerfrei!
Ryan verkniff sich ein Lachen. »Na schön, er ist eben geldgeil. Wie hoch ist unser
Handelsdefizit mit Japan nach dem letzten Stand?« fragte Jack und hob die
Augenbrauen. »Sein Angebot ist inhaltlich und zeitlich unbeschränkt. Als
Gegenleistung brauchen wir ihn und seine Familie, falls erforderlich, nur in die
Staaten auszufliegen. Er hat keine Lust, sich in Moskau zur Ruhe zu setzen. Der Mann
ist fünfundvierzig, und in diesem Alter werden die Jungs meist unruhig. In zehn
Jahren soll er zurück in die Sowjetunion versetzt werden - um was zu tun? Seit
dreizehn Jahren lebt er fast ununterbrochen in Japan. Er hat Geschmack am
Wohlstand gefunden, an Autos und Videos, und verspürt keine Neigung mehr, für
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Kartoffeln anzustehen. Amerika ist ihm sympathisch. Er glaubt, sein Land nicht zu
verraten, da wir ja nichts erhielten, was er nicht auch nach Moskau liefert, und Teil
der Abmachung ist, daß er an uns nichts weiterleitet, das Mütterchen Rußland schaden
könnte. Schön, damit kann ich leben«, meinte Ryan und lachte in sich hinein. »So
geht’s im Kapitalismus. Der Mann startet eine Elite-Nachrichtenagentur und bietet
uns Informationen an, die wir wirklich gebrauchen können.«
»Seine Rechnung ist saftig genug.«
»Sir, die Sache ist es wert. Er kann uns Informationen liefern, die bei
Außenhandelsgesprächen Milliarden wert sind und im Land Milliarden an
Steuergeldern sparen. Sir, ich habe früher als Anlageberater gearbeitet und dabei mein
Vermögen verdient. Eine Chance wie diese bietet sich nur alle zehn Jahre. Das
Direktorat Operationen will mitziehen. Ich bin auch dafür. Wir wären Narren, wenn
wir den Mann nicht nähmen. Sein Einführungspaket haben Sie ja gesehen.«
Als Kostprobe hatte Lyalin das Protokoll der letzten japanischen Kabinettssitzung
geschickt, in dem akribisch genau jedes Detail, jedes Grunzen und Zischen
festgehalten war. Ein allein für die Psychologen der CIA hochwichtiges Dokument,
dem zu entnehmen war, wie man im japanischen Kabinett miteinander umging, dachte
und Entscheidungen traf - Dinge also, die man bisher nur geschlußfolgert hatte, aber
nicht bestätigen konnte.
»Es war höchst aufschlußreich, besonders, was über den Präsidenten gesagt wurde.
Diese Kommentare habe ich nicht weitergeleitet. Sinnlos, ihn ausgerechnet zum
jetzigen Zeitpunkt in Rage zu bringen. Okay, die Operation ist gebilligt, Jack. Wie
steuern wir sie?«
»Als Codename haben wir MUSASHI gewählt; so hieß ein berühmter
Schwertmeister. Die Operation läuft unter NIITAKA. Aus naheliegenden Gründen
benutzen wir japanische Namen«, Ryan erklärte das, weil Cabot zwar intelligent, in
Dingen des Nachrichtendienstes aber unbedarft war, »um im Fall einer Enttarnung
oder einer undichten Stelle auf unserer Seite den Eindruck zu erwecken, daß unsere
Quelle eine japanische und keine russische ist. Die Codenamen dringen über dieses
Gebäude nicht hinaus. Außenseitern, die eingeweiht werden, nennen wir andere
Decknamen, die wir vom Computer generieren und jeden Monat ändern lassen.«
»Und wie heißt der Agent wirklich?«
»Sir, Sie haben ein Recht, den Namen zu erfahren, aber die Entscheidung überlasse
ich Ihnen. Ich habe seine Identität bisher absichtlich verschwiegen, weil ich Ihnen erst
einen breiten Überblick verschaffen wollte. In der Geschichte unseres Dienstes wollte
ungefähr die Hälfte der Direktoren die Namen solcher Agenten wissen: die anderen
verzichteten auf solche Informationen. Unser Grundprinzip lautet: Je weniger Leute
eingeweiht sind, desto geringer ist die Möglichkeit, daß es undichte Stellen gibt.
Admiral Greers Erstes Gesetz der ND-Operationen lautete: Die Wahrscheinlichkeit,
daß eine Operation auffliegt, ist dem Quadrat der Eingeweihten proportional. Die
Entscheidung liegt bei Ihnen, Sir.«
Cabot nickte nachdenklich und beschloß, auf Zeit zu spielen. »Sie mochten Greer,
nicht wahr?«
»Er war für mich wie ein Vater, Sir. Nachdem meiner bei einem Flugzeugabsturz
ums Leben kam, adoptierte mich Greer sozusagen.« Besser gesagt: Ich hängte mich
an ihn, dachte Ryan. »Was MUSASHI angeht, lassen Sie sich die Sache vielleicht
lieber erst einmal durch den Kopf gehen.«
»Und wenn das Weiße Haus Einzelheiten wissen will?« fragte Cabot nun.
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»Sir, was MUSASHI uns anbietet, wird bei seinen Arbeitgebern als Landesverrat
gelten, ganz gleich, wie er selbst es interpretiert. Narmonow ist ein anständiger Mann,
aber wir wissen von vierzig Fällen, in denen die Sowjets Leute wegen Spionage
hingerichtet haben, darunter unsere sehr produktiven Agenten ZYLINDERHUT,
FAHRENDER GESELLE und ein Mann namens Tolkatschow. Wir bemühten uns in
allen drei Fällen um einen Austausch, aber sie wurden noch vor Beginn der
Verhandlungen erschossen. Mit Berufungsverfahren ist es in der Sowjetunion nach
wie vor nicht sehr weit her«, erklärte Ryan. »Kurz gesagt, Sir, wenn dieser Mann
enttarnt wird, setzt es höchstwahrscheinlich einen Kopfschuß. Deswegen hüten wir
die Identität unserer Agenten so eifersüchtig. Wenn wir Mist bauen, müssen
Menschen sterben, trotz Perestroika. Die meisten Präsidenten verstehen das auch. Und
noch etwas.«
»Ja?«
»Er stellt noch eine weitere Bedingung: Alle seine Meldungen sollen mit Boten und
nicht über Kabel an uns gehen. Damit müssen wir einverstanden sein, sonst macht er
nicht mit. Gut, technisch ist das kein Problem. Bei Agenten dieses Kalibers haben wir
das öfters schon so gehalten. Die Art der Informationen, die er uns zu liefern
verspricht, erzeugt keinen sofortigen Handlungsbedarf. United Airlines, Northwest
und selbst All Nippon Airways haben Direktflüge zwischen Tokio und Washington.«
»Moment mal...« Cabot zog eine Grimasse.
»Genau.« Jack nickte. »Er hält unser Kommunikationsnetz nicht für sicher. Sehr
unangenehmer Gedanke.«
»Sie glauben doch nicht etwa ...«
»Ich bin nicht sicher. Wir sind in den letzten Jahren nur mit sehr begrenztem Erfolg
in den sowjetischen Chiffrenverkehr eingedrungen. Die NSA nimmt an, daß die
Gegenseite ähnliche Probleme mit unserer Kommunikation hat. Solche Annahmen
sind gefährlich. Wir erhielten schon einmal einen Hinweis, daß unsere Signale nicht
ganz sicher sind, aber dieser Tip kommt von einem sehr hohen Offizier. Meiner
Ansicht nach sollten wir die Warnung ernst nehmen.«
»Wie groß könnte der Schaden sein?«
»Erschreckend groß«, antwortete Jack rundheraus. »Sir. wir benutzen aus
naheliegenden Gründen mehrere Kommunikationssysteme. Unsere Signale gehen
über MERCURY hier im Haus. Der Rest der Regierung nimmt vorwiegend die NSA
in Anspruch; die Spione Walker und Pelton haben diese Systeme schon vor langer
Zeit unsicher gemacht. General Olson drüben im Fort Meade behauptet zwar,
inzwischen sei alles wieder gesichert, aber aus Kostengründen ist das experimentelle
Einmalsystem TAPDANCE noch nicht allgemein eingeführt worden. Natürlich
können wir der NSA noch eine Warnung zukommen lassen - müssen wir sogar, auch
wenn sie bestimmt ignoriert wird -, aber hier bei uns muß etwas geschehen. Zuerst
einmal, Sir, sollten wir eine Überprüfung von MERCURY ins Auge fassen.«
MERCURY, einige Geschosse unter dem Büro des Direktors untergebracht, war die
Kommunikationsverbindung der CIA und verfügte über eigene Chiffriersysteme.
»Das wird teuer«, bemerkte Cabot ernst. »Angesichts unserer angespannten
Haushaltslage...«
»Doppelt so teuer käme uns das systematische Abhören unseres
Nachrichtenverkehrs zu stehen, Sir. Nichts ist wichtiger als sichere Kommunikation.
Wenn die ausfällt, sind alle anderen Einrichtungen nutzlos. Wir haben inzwischen
unser eigenes Einmalsystem entwickelt. Nun muß man uns nur noch die Mittel für
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seine Einführung bewilligen.«
»Erklären Sie mir das einmal. Ich bin da nicht umfassend informiert worden.«
»Im Grunde handelt es sich um unsere eigene Version von TAPDANCE. Der
Schlüssel befindet sich auf CD-ROM. Die Transpositionen werden aus
atmosphärischem Rauschen erzeugt und dann noch einmal mit später am Tag
aufgenommenem Rauschen überlagert. Atmosphärische Störungen haben eine
ziemlich wahllose Zusammensetzung, und wenn man zwei Proben dieses
Frequenzsalats mit Hilfe eines computererzeugten Zufalls-Algorithmus vermischt,
kann der Schlüssel, wie die Mathematiker uns versichern, zufälliger nicht werden. Die
Transpositionen werden vom Computer generiert und in Echtzeit auf CD überspielt.
Wir benutzen für jeden Tag im Jahr eine andere Scheibe. Von jeder CD gibt es nur
zwei Kopien - eine für die Station, eine für MERCURY. Sicherungskopien werden
nicht gezogen. Das Abspielgerät, das an beiden Enden benutzt wird, sieht normal aus,
hat aber einen leistungsfähigeren Abtastlaser, der den Code beim Lesen durch Hitze
löscht. Wenn die Scheibe verbraucht oder der Tag vorüber ist - meist ist letzteres der
Fall, weil auf einer CD Milliarden von Zeichen gespeichert sind -, wird sie in einem
Mikrowellenherd zerstört. Das dauert zwei Minuten. Das System sollte also
bombensicher sein. Schwachstellen gibt es nur an drei Punkten: Bei der Herstellung
der CD, auf dem Transport zu uns, und bei der Lagerung in unseren Stationen. Ein
Leck in einer Außenstelle beeinträchtigt die anderen Stellen nicht. Wir haben
versucht, die Scheiben gegen Eingriffe Unbefugter zu sichern, mußten aber
feststellen, daß sie dadurch zu teuer und zu empfindlich werden. Der Nachteil dieses
Verfahrens ist, daß zwanzig neue Kommunikationstechniker eingestellt und einer
Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden müßten; das System ist relativ
arbeitsintensiv.
Der
größte
Kostenfaktor
entstünde
hier
im
Haus.
Außendienstmitarbeiter, mit denen wir gesprochen haben, ziehen das neue System
vor, weil sie es für anwenderfreundlich halten.«
»Was würde das kosten?«
»Fünfzig Millionen Dollar. Wir müßten die Abteilung MERCURY vergrößern und
die Einrichtungen zur Herstellung der CDs anschaffen. Platz haben wir genug, aber
die Maschinen sind nicht billig. Wenn wir die Mittel jetzt bekommen, könnte das
System in drei Monaten stehen.«
»Ihre Argumente klingen überzeugend. Aber wo bekommen wir das Geld her?«
»Mit Ihrer Erlaubnis, Sir, könnte ich Mr. Trent ansprechen.«
»Hmmm.« Cabot starrte auf seine Schreibunterlage. »Gut, fühlen Sie mal behutsam
vor. Ich werde das Thema beim Präsidenten zur Sprache bringen, wenn er wieder
zurück ist. Und was MUSASHI angeht, vertraue ich Ihnen. Wer außer Ihnen kennt die
wahre Identität des Mannes?«
»Der DO, Stationschef Tokio, und der Agentenführer.« Harry Wren, der Direktor
Operationen, war zwar kein Protege Cabots, aber von ihm ins Haus geholt worden.
Wren befand sich im Augenblick in Europa. Vor einem Jahr hatte Jack noch gedacht,
dieser Mann sei eine Fehlbesetzung, aber inzwischen leistete Wren gute Arbeit und
hatte sich einen erstklassigen Stellvertreter ausgewählt, besser gesagt ein Paar: Ed und
Mary Pat Foley, die berühmten Agenten. Wäre es nach Ryan gegangen, hätte er einen
der beiden zum DO ernannt - aber wen, hatte er nie entscheiden können. In dem
besten Gespann, das die CIA je eingesetzt hatte, war Ed das Organisationstalent, und
Mary Pat die Draufgängerin. Eine leitende Position für Mary Pat wäre in der Welt der
Nachrichtendienste einmalig und im Kongreß wohl ein paar Stimmen wert gewesen.
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Sie erwartete nun ihr drittes Kind, dachte aber nicht daran, aus diesem Grund kürzer
zu treten. Die CIA verfügte über eine eigene Kindertagesstätte, versehen mit
elektronischen Schlössern und schwerbewaffnetem Sicherheitspersonal und
ausgestattet mit den besten Spielzeugen und Geräten, die Jack je gesehen hatte.
»Klingt gut, Jack. Ich bedaure jetzt, dem Präsidenten das Fax so überhastet
geschickt zu haben. Hätte abwarten sollen.«
»Macht nichts, Sir. Die Informationen waren gründlich gereinigt.«
»Lassen Sie mich wissen, wie Trent zur Geldfrage steht.«
»Wird gemacht, Sir.« Jack ging zurück in sein Büro. Das krieg’ ich immer besser
hin, sagte sich der DDCI. Cabot ließ sich leicht manipulieren.
Ghosn nahm sich Zeit zum Nachdenken. Dies war nicht der Moment für Aufregung
oder voreiliges Handeln. Er setzte sich in eine Ecke seiner Werkstatt, starrte
stundenlang die blanke Kugel auf dem Lehmfußboden an und rauchte eine Zigarette
nach der anderen. Die Frage nach der Radioaktivität ließ ihm keine Ruhe, aber für
solche Sorgen war es sowieso zu spät. Wenn die Kugel harte Gammastrahlung abgab,
war er praktisch schon ein toter Mann. Nun mußte er nachdenken und abwägen. Das
Stillsitzen kostete ihn gewaltige Anstrengung.
Zum ersten Mal in seinem Leben schämte er sich wegen seiner unvollständigen
Ausbildung. In Maschinenbau und Elektrotechnik war er fit, aber ein Buch über
Nuklearphysik hatte er sich nie vorgenommen, weil er bezweifelte, mit dem Stoff
später etwas anfangen zu können. So kam es, daß er seine Kenntnisse auf anderen
Gebieten erweitert und vertieft hatte. Vor allem interessierte er sich für mechanische
und elektronische Zündsysteme, elektronische Gegenmaßnahmen, physikalische
Eigenschaften von Sprengstoffen und für die Leistungsfähigkeit von SprengstoffSpürgeräten. Auf dem letztgenannten Gebiet war er ein richtiger Experte, der sich alle
verfügbare Literatur über solche Einrichtungen auf Flughäfen und an anderen
interessanten Orten beschaffte.
Punkt eins, sagte sich Ghosn und steckte die vierundfünfzigste Zigarette des Tages
an, ich muß mir jedes greifbare Buch über spaltbare Stoffe und ihre physikalischen
und chemischen Eigenschaften besorgen. Auch Literatur über Bombentechnologie,
Kernwaffenphysik, Strahlungssignaturen... die Israelis müssen schon seit 1973
wissen, daß ihnen eine Bombe fehlt! dachte er verblüfft. Warum haben sie sie dann
nicht... Natürlich, die Golanhöhen bestehen aus Basalt, und der hat eine relativ hohe
Hintergrundstrahlung, in der die Emissionen der tief im Boden steckenden Bombe
untergingen.
Mir droht keine Gefahr! erkannte Ghosn.
Wäre die Bombe so »heiß«, würde man sie besser abgeschirmt haben. Allah sei
gepriesen!
Konnte er...? Das war die Frage. Warum nicht?
»Warum eigentlich nicht?« sagte Ghosn laut. »Klar, warum nicht? Ich habe alle
notwendigen Teile, wenn auch beschädigt, aber immerhin...«
Ghosn trat seine Zigarette neben den vielen anderen Kippen auf dem Boden aus,
erhob sich und bekam einen Hustenanfall. Er wußte, daß das Rauchen weit
gefährlicher als die Bombe da war, ihn umbrachte, aber es regte den Verstand an.
Der Ingenieur hob die Kugel auf. Was fing er nun damit an? Für den Augenblick
versteckte er sie in der Ecke unter einem Werkzeugkasten. Dann ging er hinaus zu
seinem Geländewagen. Die Fahrt zum Hauptquartier dauerte fünfzehn Minuten.
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»Ich muß den Kommandanten sprechen«, sagte Ghosn zum Chef der Wache.
»Der hat sich gerade schlafen gelegt«, erwiderte der Mann. Die ganze Wache
schirmte den kranken Kommandanten inzwischen zunehmend ab.
»Er empfängt mich bestimmt.« Ghosn marschierte an dem Mann vorbei und
geradewegs ins Haus.
Kalis Unterkunft war im ersten Stock. Ghosn passierte einen weiteren Wachposten,
ging die Treppe hoch und öffnete die Schlafzimmertür. Aus dem Bad nebenan drang
ein würgendes Geräusch.
»Wer ist da, verdammt noch mal?« rief eine zornige Stimme. »Ich wollte doch nicht
gestört werden!«
»Ich bin’s, Ghosn. Ich muß was Wichtiges mit Ihnen besprechen.«
»Hat das nicht bis morgen Zeit?« Kati erschien in der Türöffnung. Er sah aschfahl
aus. Was er sagte, klang wie eine Frage, nicht wie ein Befehl, und das verriet Ghosn
eine Menge über den Zustand seines Kommandanten. Nun, vielleicht würde ihm die
Nachricht Auftrieb geben.
»Ich muß Ihnen etwas zeigen, und zwar noch heute nacht.« Ghosn war bemüht, sich
seine Erregung nicht anmerken zu lassen.
»Ist es wirklich so wichtig?« fragte der Kommandant, und es klang fast wie ein
Stöhnen.
»Ja.«
»Gut, dann sagen Sie mir, worum es geht.«
Ghosn schüttelte nur den Kopf und tippte sich dabei ans Ohr. »Um etwas
Interessantes. Diese israelische Bombe hat einen neuen Zünder, der mich beinahe
zerrissen hätte. Wir müssen unsere Kollegen vor der Einrichtung warnen.«
»Die Bombe? Ich dachte, das sei ein...« Kati hielt inne und schaute Ghosn fragend
an. »Soll ich mir das sofort ansehen?«
»Ja, ich fahre Sie selbst hin.«
Katis Charakterstärke gewann die Oberhand. »Na schön. Warten Sie, ich ziehe
mich rasch an.«
Ghosn wartete im Erdgeschoß. »Der Kommandant und ich müssen kurz fort.«
»Mohammed!« rief der Chef der Wache, aber Ghosn unterbrach.
»Ich fahre den Kommandanten selbst. In meiner Werkstatt besteht kein
Sicherheitsrisiko.«
»Aber...«
»Sie benehmen sich wie eine alte Glucke. Wenn die Israelis so gerissen wären,
lebten Sie und der Kommandant schon längst nicht mehr!« Ghosn konnte in der
Finsternis die Miene des Mannes nicht sehen, spürte aber den Zorn des erfahrenen
Frontkämpfers.
»Warten wir ab, was der Kommandant dazu zu sagen hat!«
»Was ist denn jetzt schon wieder los?« Kati kam die Treppe hinunter und steckte
sich das Hemd in die Hose.
»Kommen Sie mit mir, Kommandant. Auf dieser Fahrt brauchen wir keine
Eskorte.«
»Wie Sie meinen, Ibrahim.« Kati ging zum Jeep und stieg ein. Ghosn fuhr an
einigen verdutzten Wachposten vorbei.
»Worum geht es eigentlich?«
»Es ist doch eine Bombe und keine Elektronikkapsel«, antwortete der Ingenieur.
»Na und? Wir haben diese Teufelsdinger zu Dutzenden geborgen. Warum machen
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Sie solche Umstände?«
»Das erkläre ich Ihnen am besten am Objekt selbst.« Ghosn fuhr schnell und
konzentriert. »Wenn Sie am Ende der Meinung sind, ich hätte Ihre Zeit vergeudet,
können Sie mich ruhig erschießen.«
Daraufhin wandte Kati den Kopf. Die Idee war ihm schon gekommen, aber er war
ein zu guter Führer, um solche Sachen zu tun. Ghosn hatte zwar nicht das Zeug zum
Kämpfer, war aber auf seinem Gebiet ein Experte und leistete der Organisation
wertvolle Dienste. Der Kommandant ertrug den Rest der Fahrt schweigend und
wünschte sich nur, daß die Nebenwirkungen der Medikamente, nämlich Erbrechen,
ausbleiben würden.
Eine Viertelstunde später stellte Ghosn den Jeep fünfzig Meter von seiner Werkstatt
entfernt ab und führte den Kommandanten über Umwege ins Gebäude. Mittlerweile
war Kati völlig konfus und aufgebracht. Als das Licht anging, erblickte er die
Bombenhülle.
»Na und? Was ist damit?«
»Kommen Sie.« Ghosn führte den Kommandanten in die Ecke und hob den
Werkzeugkasten hoch. »Sehen Sie sich das an!«
»Was ist das?« Der Gegenstand sah aus wie eine kleine Kanonenkugel. Kati war
wütend auf Ghosn, der die Szene zu genießen schien. Aber das sollte sich bald ändern.
»Das ist Plutonium.«
Der Kopf des Kommandanten schnellte wie von einer Stahlfeder getrieben herum.
»Was? Was wollen Sie...«
Ghosn hob die Hand und sprach leise, aber entschieden. »Mit Sicherheit kann ich
nur sagen, daß es sich um die Sprengladung einer Atombombe handelt, und zwar
einer israelischen.«
»Unmöglich«, flüsterte Kati.
»Fassen Sie die Kugel mal an«, schlug Ghosn vor.
Der Kommandant bückte sich und streckte den Zeigefinger aus. »Sie ist ja warm!
Warum?«
»Die Wärme entsteht, weil das Plutonium, ein radioaktives Isotop, langsam zerfällt
und dabei Alphateilchen ausstrahlt. Diese Strahlung ist harmlos - jedenfalls hier. Fest
steht, daß wir Plutonium vor uns haben.«
»Sind Sie auch ganz sicher?«
»Absolut. Es kann nichts anderes sein.« Ghosn ging hinüber an die Bombenhülle
und hielt kleine elektronische Teile hoch. »Die sehen aus wie gläserne Spinnen, nicht
wahr? Das sind hochpräzise Kryton-Schalter, für die es nur eine Anwendung gibt - im
Innern einer Atombombe. Sehen Sie, daß diese Platten aus Sprengstoff hier teils
fünfeckig und teils sechseckig sind? Sie müssen so geformt sein, um eine perfekte
Hohlkugel zu bilden. Wir haben es also mit einer Hohlladung zu tun, wie man sie
auch im Geschoß der Panzerfaust findet - mit dem einen Unterschied, daß der
Explosionsdruck nach innen und nicht nach vorne gerichtet ist. Im vorliegenden Fall
würde diese Kugel auf die Größe einer Walnuß zusammengepreßt.«
»Unmöglich! Sie ist doch aus Metall!«
»Kommandant, ich bin zwar auf diesem Gebiet kein Experte, kenne mich aber
einigermaßen aus. Wenn der Sprengstoff detoniert, wird diese Metallkugel
komprimiert wie Gummi. Das ist wohl möglich - Sie wissen ja, daß der Plasmastrahl
eines Panzerabwehrgeschosses dic ke Stahlplatten durchbrennt. Und hier haben wir
genug Explosivstoff für hundert Antitank-Projektile. Sobald das Metall vom
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Explosionsdruck zusammengepreßt ist, wird es kritisch. Eine Kettenreaktion setzt ein.
Bitte bedenken Sie: Die Bombe fiel am ersten Tag des Oktoberkriegs in den Garten
des alten Mannes. Die Israelis waren von der Wucht des syrischen Angriffs und der
Wirksamkeit der russischen Raketen überrascht. Das Flugzeug wurde abgeschossen,
und die Bombe ging verloren. Die näheren Begleitumstände sind nebensächlich.
Entscheidend ist, daß wir hier die Teile einer Atombombe vor uns haben.«
»Können Sie...«
»Unter Umständen ja«, sagte der Ingenieur. Der gequälte Ausdruck verschwand jäh
aus Katis Gesicht.
»Ein Geschenk Allahs!«
»In der Tat, Kommandant. Wir müssen diese Sache nun gründlich durchdenken.
Und dafür sorgen, daß sie geheim bleibt.«
Kati nickte. »Gewiß. Es war klug von Ihnen, die Bombe nur mir zu zeigen. In
dieser Angelegenheit können wir niemandem trauen, keiner Menschenseele...« Kati
verstummte und wandte sich dann an seinen Gefolgsmann. »Was müssen Sie tun?«
»Zuerst muß ich mich informieren. Ich brauche Bücher, Kommandant, und wissen
Sie, von wo?«
»Aus Rußland?«
Ghosn schüttelte den Kopf. »Aus Israel. Woher sonst?«
Der Abgeordnete des Repräsentantenhauses Alan Trent traf sich mit Ryan in einem
Sitzungssaal des Kapitols. Der Raum wurde für Verhandlungen unter Ausschluß der
Öffentlichkeit benutzt und täglich auf Abhörgeräte überprüft.
»Wie geht’s, Jack?« fragte Trent.
»Ich kann nicht klagen, Al. Der Präsident hatte einen guten Tag.«
»In der Tat - er und die ganze Welt. Das Land steht in Ihrer Schuld, Dr. Ryan.«
»Lassen wir das bloß niemanden erfahren«, versetzte Ryan mit einem ironischen
Lächeln.
Trent zuckte mit den Achseln. »Das sind eben die Spielregeln. Damit sollten Sie
sich mittlerweile abgefunden haben. Nun, was führt Sie so kurzfristig hierher?«
»Wir haben eine neue Operation laufen, sie heißt NIITAKA«, erklärte der DDCI
und sprach einige Minuten lang weiter. Zu einem späteren Zeitpunkt würde er
Unterlagen liefern müssen. Im Augenblick aber mußte der Vertreter des Kongresses
nur über die Operation und ihren Zweck unterrichtet werden.
»Eine Million Dollar im Monat!« Trent lachte laut. »Mehr verlangt er nicht?«
»Der Direktor war geschockt«, berichtete Jack.
»Ich habe Marcus immer gemocht, aber er ist ein Geizhals. Im Ausschuß sitzen
zwei Kollegen, die bei jeder Gelegenheit auf Japan eindreschen. Wenn sie von dieser
Sache hören, gibt es kein Halten mehr.«
»Und Sie gehören wohl auch zu dieser Fraktion, Al.«
Trent sah sehr verletzt aus. »Ich soll anti-japanisch eingestellt sein? Nur weil in
meinem Wahlkreis zwei Hersteller von Fernsehgeräten dichtmachen mußten und ein
Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie gezwungen war, die Hälfte seiner Leute zu
entlassen? Soll ich darüber sauer sein? Zeigen Sie mir mal das Protokoll der
Kabinettssitzung«, befahl der Abgeordnete.
Ryan öffnete seine Aktentasche. »Sie dürfen das weder kopieren noch zitieren. Al.
Es handelt sich um eine langfristige Operation, die...«
»Jack, ich komme nicht gerade frisch aus der Provinz. Warum sind Sie so
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humorlos? Was ist mit Ihnen?«
»Ach, ich bin nur überarbeitet«, gestand Jack und händigte die Papiere aus. Trent,
ein Schnelleser, überflog die Seiten mit unverschämter Geschwindigkeit. Dabei setzte
er eine neutrale Miene auf, und er verwandelte sich in das, was er vor allem war: in
einen kalten, berechnenden Politiker. Er stand weit auf der linken Seite des
politischen Spektrums, war aber anders als die Mehrzahl seiner Gesinnungsgenossen
kein rigider Ideologe. Seinen Leidenschaften ließ er nur bei Parlamentsdebatten und
daheim im Bett freien Lauf. Ansonsten war er ein eiskalter Analytiker.
»Fowler springt im Dreieck, wenn er das sieht. Die Japaner sind wirklich ein
unverschämt arroganter Verein. Haben Sie solche Sprüche jemals in unseren
Kabinettssitzungen gehört?« fragte Trent.
»Nur, wenn es um innenpolitische Fragen ging. Ich bin auch vom Ton geschockt,
aber Japan hat eben eine andere Kultur.«
Der Kongreßabgeordnete schaute kurz auf. »Stimmt. Unter dem Deckmäntelchen
der guten Manieren versteckt sich ein wildes und barbarisches Volk, etwa so wie die
Briten. Aber dieses Protokoll liest sich wie das Drehbuch zu einer ordinären
Komödie. Sensationell, Jack. Wer hat den Agenten angeworben?«
»Nun, es gab das übliche Balzritual. Er tauchte bei einer Reihe von Empfängen auf,
der Chef unserer Station in Tokio bekam Wind, ließ den Mann ein paar Wochen
schmoren und trat dann an ihn heran. Der Russe überreichte ihm ein
Informationspaket und die Vertragsbedingungen.«
»Warum heißt die Operation NIITAKA? Das Wort kommt mir irgendwie bekannt
vor.«
»Ich habe es selbst ausgewählt. Als der japanische Trägerverband auf Pearl Harbor
zulief, war das Signal zum Angriff >Besteigt den NIITAKA<. Vergessen Sie nicht:
Sie sind der einzige hier, der dieses Wort kennt. Es wird übrigens monatlich geändert.
Dieser Fall ist so heiß, daß wir alle Register ziehen.«
»Richtig«, stimmte Trent zu. »Und was, wenn der Mann ein Agent provocateur
ist?«
»Diese Frage haben wir uns auch gestellt. Möglich, aber unwahrscheinlich. Wenn
der KGB zu solchen Mitteln griffe, verstieße er gegen die derzeit gültigen
Abmachungen.«
»Moment!« Trent hatte die letzte Seite noch einmal durchgelesen. »Was steht da
über Kommunikation?«
»Ja, das ist beängstigend.« Endlich war das Thema angeschnitten. Ryan erklärte die
Sache.
»Fünfzig Millionen? Ist das Ihr Ernst?«
»Soviel kostet die Einrichtung des Systems. Hinzu kämen die Gehälter für das neue
Personal. Die jährlichen Betriebskosten betragen fünfzehn Millionen, wenn es erst
einmal steht.«
»Ein annehmbarer Preis. Die NSA verlangt für die Umstellung ihres Systems viel
mehr.«
»Nun, die hat auch eine größere Infrastruktur. Die Summe, die ich genannt habe, ist
ein Festpreis. MERCURY ist ein recht kleines System.«
»Wie bald brauchen Sie die Mittel?« Trent wußte, daß Ryans
Kostenvoranschläge verläßlich waren. Er schrieb das seiner Erfahrung im
Geschäftsleben zu, eine bei Regierungsbediensteten selten zu findende Qualifikation.
»Letzte Woche wäre schön, Sir.«
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Trent nickte. »Mal sehen, was ich tun kann. Sie wollen das Geld natürlich
>schwarz< haben?«
»Schwarz wie die Nacht«, erwiderte Ryan.
»Verdammt noch mal!« fluchte Trent. »Dabei habe ich Olson auf die Sache
hingewiesen! Jedesmal, wenn seine Techniker einen Regentanz veranstalten, nimmt er
das für bare Münze. Was, wenn...«
»Tja, was tun wir, wenn unsere gesamte Kommunikation nicht mehr sicher ist.«
Das klang nicht wie eine Frage. »Ein Hoch auf die Perestroika.«
»Sind Marcus die Implikationen klar?«
»Ich habe ihm meinen Verdacht heute vormittag vorgetragen. Er versteht, worum es
geht. Er mag nicht so erfahren sein, wie wir es uns wünschen, aber er lernt schnell.
Ich hatte schon problematischere Vorgesetzte.«
»Sie sind viel zu loyal. Muß ein Überbleibsel aus Ihrer Dienstzeit bei den Marines
sein«, merkte Trent an. »Sie gäben einen guten Direktor ab.«
»So weit kommt es nie.«
»Stimmt. Nun, seit Liz Elliot Sicherheitsberaterin ist, müssen Sie sich in acht
nehmen.«
»Allerdings.«
»Warum hat sie eigentlich so einen Rochus auf Sie? Na ja, sie schnappt schnell
ein.«
»Ich kam kurz nach dem Parteikonvent nach Chicago, um Fowler zu informieren,
und war nach zwei Auslandsreisen übermüdet. Sie trat mir auf die Zehen, und ich
revanchierte mich.«
»Versuchen Sie, nett zu ihr zu sein.«
»Das hat Admiral Greer auch gesagt.«
Trent gab Ryan die Unterlagen zurück. »Und das ist nicht einfach, stimmt’s?«
»Wohl wahr.«
»Versuchen Sie es trotzdem. Einen besseren Rat kann ich Ihnen nicht geben.«
Reine Zeitverschwendung, fügte er in Gedanken hinzu.
»Ja, Sir.«
»Mit Ihrem Anschlag sind Sie gerade zur rechten Zeit gekommen. Die neue
Operation wird den Ausschuß sehr beeindrucken. Meine antijapanischen Kollegen
stecken dann ihren Freunden im Haushaltsausschuß, daß die CIA etwas sehr
Nützliches tut. Mit ein bißchen Glück haben Sie Ihr Geld in zwei Wochen. Fünfzig
Millionen - ist doch nur Hühnerfutter. Nett, daß Sie vorbeigeschaut haben.«
Ryan schloß seine Aktentasche ab und stand auf. »Das ist mir immer ein
Vergnügen.«
Trent gab ihm die Hand. »Sie sind ein feiner Kerl, Ryan. Nur schade, daß Sie hetero
sind.«
Jack lachte. »Wir haben alle unsere kleinen Fehler.«
Ryan fuhr zurück nach Langley, legte die NIITAKA-Dokumente in den Safe und
machte dann Feierabend. Er nahm mit Clark zusammen den Aufzug zur Tiefgarage
und verließ das Haus eine Stunde früher als gewöhnlich - das taten sie ungefähr alle
zwei Wochen. Vierzig Minuten später bogen sie auf den Parkplatz eines 7-ElevenMarkts zwischen Washington und Annapolis ein.
»Hallo, Doc Ryan!« rief Carol Zimmer von der Kasse. Nachdem einer ihrer Söhne
sie abgelöst hatte, führte sie Jack in ihr kleines Büro. John Clark überprüfte den
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Laden. Um Ryans Sicherheit sorgte er sich nicht, aber er hatte seine Zweifel, was
einige Rüpel aus der Gegend anging, die gegenüber dem Laden herumlungerten. Dem
Anführer hatten Clark und Chavez es vor dreien seiner Kumpanen gezeigt. Als einer
eingreifen wollte, war er von Chavez gnädig behandelt, also nicht ganz
krankenhausreif geschlagen worden. Clark war der Ansicht, daß dies auf Dings
zunehmende Reife hinwies.
»Wie gehen die Geschäfte?« fragte Jack hinten.
»Sechsundzwanzig Prozent besser als letztes Jahr.«
Die knapp vierzigjährige Carol Zimmer stammte aus Laos und war im letzten
Moment vor der anrückenden nordvietnamesischen Armee von einem Hubschrauber
der Air Force von einer Bergfestung in Nordlaos evakuiert worden. Damals war sie
sechzehn gewesen und das letzte überlebende Kind eines Hmong-Häuptlings, der
tapfer und bis in den Tod für amerikanische und eigene Interessen gekämpft hatte. Sie
heiratete den Sergeant der Air Force, Buck Zimmer, der später, nachdem man ihn bei
einer Operation im Stich gelassen hatte, in einem Hubschrauber umkam. Und dann
hatte Ryan eingegriffen. Trotz der vielen Jahre im Regierungsdienst hatte er seinen
Geschäftssinn nicht verloren, ihr einen Laden in guter Lage besorgt und einen Fonds
für die Ausbildung ihrer acht Kinder eingerichtet. Das erste, das nun das College
besuchte, hatte sein Geld indes nicht gebraucht: Ryans Fürsprache bei Pater Tim Riley
in Georgetown hatte zu einem Stipendium geführt, und inzwischen gehörte Laurence
Alvin Zimmer jr. schon zu den Besten in seinem Kurs, der als Vorbereitung auf ein
Medizinstudium gedacht war. Carol Zimmer hatte ihre für Ostasiaten typische, schon
fast fanatische Bildungsbeflissenheit allen ihren Kindern eingetrichtert und führte
ihren kleinen Markt so streng und penibel wie ein preußischer Spieß seine Kompanie.
Die Kassentheke war so sauber, daß Cathy Ryan darauf eine Operation hätte
ausführen können. Ryan mußte bei dem Gedanken lächeln. Vielleicht wurde aus
Laurence einmal ein Chirurg...
Nun schaute er sich die Bücher an. Er praktizierte zwar nicht mehr als amtlich
zugelassener Wirtschaftsprüfer, konnte aber nach wie vor eine Bilanz lesen.
»Essen Sie mit uns zu Abend?«
»Carol, das geht leider nicht. Ich muß heim. Mein Sohn hat ein Baseballspiel. Ist
sonst alles in Ordnung? Kein Ärger mehr mit diesen Skins?«
»Die haben sich nie mehr sehen lassen. Mr. Clark hat sie verscheucht.«
»Gut. Aber wenn sie wieder auftauchen, rufen Sie mich sofort an, klar?« sagte Jack
ernst.
»Gut, gut, mach’ ich«, versprach sie.
»Schön.« Jack stand auf.
»Doc Ryan?«
»Ja?«
»Die Air Force sagt, Buck sei bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich habe
noch niemanden gefragt, aber jetzt will ich von Ihnen wissen: War es wirklich ein
Unfall?«
»Carol, Buck ist im Dienst, bei einer Rettungsaktion, umgekommen. Ich war dabei
und Mr. Clark auch.«
»Und die Leute, die ihn umgebracht haben ...«
»Von denen haben Sie nichts zu befürchten. Die können Sie vergessen«, sagte Ryan
gelassen und sah an Carols Blick, daß sie verstand.
»Danke, Doc Ryan. Ich frage nie wieder danach, aber ich wollte einfach Gewißheit
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haben.«
»Schon gut.« Er war nur überrascht, daß sie so lange gewartet hatte.
Es knackte im Lautsprecher am Schott. »Hier Sonar. Kontakt in null-vier-sieben,
designiert Sierra 5. Keine weiteren Informationen. Meldungen folgen.«
»Danke.« Captain Ricks drehte sich zum elektronischen Kartentisch um. »Kontakt
verfolgen.« Nun schaute er sich im Raum um. Die Instrumente zeigten sieben Knoten
Fahrt, 130 Meter Tiefe und Kurs drei-null-drei an. Der Kontakt lag an Steuerbord
querab.
Ensign Shaw setzte sich sofort an einen Minicomputer, Marke Hewlett-Packard, in
der achterlichen Steuerbordecke der Zentrale. »Okay«, verkündete er. »Es liegt ein
ungefährer Peilwinkel vor... wird jetzt berechnet.« Dafür brauchte der Computer
ganze zwei Sekunden. »Okay, Kontakt nahe Konvergenzzone ... Distanz zwischen
3500 und 4500 Meter, wenn er sich in KZ-1 befindet, 5500 bis 6100 Meter, falls er in
KZ-2 liegt.«
»Fast zu einfach«, sagte der Erste Offizier zum Skipper.
»Sie haben recht, IA. Computer abschalten«, befahl Ricks.
Lieutenant Commander Wally Claggett, Erster Offizier des Teams »Gold« von USS
Maine ging zum Gerät und stellte es ab. »HP-Computer defekt«, verkündete er. »Die
Reparatur wird Stunden dauern. Schade.«
»Schönen Dank«, bemerkte Ensign Ken Shaw leise zu dem Steuermannsmaat, der
sich neben ihm über den Kartentisch beugte.
»Macht nichts, Mr. Shaw«, flüsterte der Maat zurück. »Das schaffen wir auch ohne
den Kasten.«
»Ruhe in der Zentrale!« mahnte Captain Ricks.
Das U-Boot war auf Nordwestkurs. Die Sonar-Operatoren versorgten die Zentrale
mit Informationen. Nach zehn Minuten traf das Team am Kartentisch seine
Entscheidung.
»Captain«, meldete Ensign Shaw. »Unserer Schätzung nach befindet sich Kontakt
Sierra-5 in KZ-1. Distanz 3900 Meter, Südkurs, Fahrt acht bis zehn Knoten.«
»Bestimmen Sie das genauer!« befahl der Captain scharf.
»Zentrale, hier Sonar. Sierra-5 hört sich wie ein sowjetisches Jagd-U-Boot der
Akula-Klasse an... vorläufig als Akula 6 identifiziert, Admiral Lunin. Moment...« Eine
kurze Pause. »Sierra-5 hat möglicherweise den Kurs geändert. Zentrale,
Kursänderung bestätigt. Sierra-5 liegt nun eindeutig querab.«
»Captain«, sagte der IA, »das maximiert die Wirksamkeit seines Schleppsonars.«
»Genau. Sonar, Überprüfung auf Eigengeräusche.«
»Aye, wir prüfen.« Eine Pause. »Zentrale, wir machen Lärm. Es klingt so, als
klapperte etwas in den achterlichen Ballasttanks. War bisher nicht aufgetreten, Sir.
Eindeutig achtern, eindeutig metallisch.«
»Hier Steuerzentrale. Hier hinten stimmt was nicht. Ich höre Krach von achtern,
vielleicht aus den Ballasttanks.«
»Captain, Sierra-5 ist auf Gegenkurs gegangen«, meldete Shaw. »Ziel ist nun auf
Südostkurs, rund eins-drei-null.«
»Vielleicht hat er uns gehört«, grollte Ricks. »Ich gehe durch die Schicht nach
oben. Auf 30 Meter gehen.«
»30 Meter, aye«, antwortete der Tauchoffizier sofort. »Steuer: Tiefenruder an
fünf.« Der Rudergänger bestätigte den Befehl.
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»Hier Steuerzentrale: Das Klappern hat mit der Aufwärtsbewegung aufgehört.«
Der IA neben dem Captain grunzte. »Was hat das zu bedeuten?«
»Vermutlich, daß irgendein blöder Werftarbeiter seinen Werkzeugkasten im
Ballasttank vergessen hat. Ist einem Freund von mir mal passiert.« Ricks war
aufgebracht, aber wenn so etwas vorkommen mußte, dann lieber hier. »Wenn wir über
der Schicht sind, will ich nach Norden fahren und mich absetzen.«
»Sir, ich würde lieber abwarten. Wir wissen, wo die KZ ist. Soll er doch
herausschleichen, dann können wir verschwinden, ohne daß er uns hört. Er soll ruhig
glauben, daß er uns hat und daß wir nichts gemerkt haben. Mit trickreichen oder
radikalen Manövern verrieten wir uns nur.«
Ricks dachte über den Einwand nach. »Nein, der Lärm achtern hat aufgehört, wir
sind vermutlich schon von den Instrumenten des Akula verschwunden, und über der
Schicht verlieren wir uns im Oberflächenlärm und können klarsteuern. So gut kann
sein Sonar nicht sein. Er weiß noch nicht einmal, wo wir sind, sondern schnüffelt nur
herum. Gehen wir über die KZ, verschaffen wir uns Distanz.«
»Aye aye«, erwiderte der IA gelassen.
Maine pendelte in 30 Metern aus, weit über der Thermoklinale, der Grenze
zwischen dem relativ warmen Oberflächenwasser und dem kalten Wasser der Tiefe.
Da über der Thermoklinale drastisch veränderte Sonarbedingungen herrschten, war
nach Ricks’ Auffassung eine Ortung durch das Akula ausgeschlossen.
»Zentrale, hier Sonar. Wir haben Kontakt Sierra-5 verloren.«
»Ich übernehme«, verkündete Ricks.
»Der Captain hat übernommen«, bestätigte der Diensthabende.
»Ruder zehn Grad Backbord, neuer Kurs drei-fünf-null.«
»Ruder zehn Grad Backbord, aye, neuer Kurs drei-fünf-null. Sir, Ruderlage zehn
Grad Backbord.«
»Gut. Maschinenraum: Umdrehungen für zehn Knoten.«
Maine ging auf Nordkurs und machte mehr Fahrt. Erst nach mehreren Minuten war
sein Schleppsonar wieder in Kiellinie und voll funktionsfähig. Während dieser
Minuten war das amerikanische U-Boot sozusagen blind.
»Hier Steuerzentrale. Der Krach fängt wieder an!« tönte es aus dem Lautsprecher.
»Auf fünf verzögern - ein Drittel voraus!«
»Ein Drittel voraus, aye. Sir, Maschinenraum meldet ein Drittel voraus.«
»Gut. Steuerzentrale: Was ist mit dem Lärm?«
»Immer noch da, Sir.«
»Warten wir eine Minute«, entschied Ricks. »Sonar, haben Sie etwas von Sierra5?«
»Negativ, Sir. Derzeit keine Kontakte.«
Ricks schlürfte seinen Kaffee und schaute drei Minuten lang auf die Uhr am Schott.
»Steuerzentrale: Was macht der Lärm?« fragte er dann.
»Hat sich nicht geändert, Sir, ist immer noch da.«
»Verdammt! IA, einen Knoten weniger.« Claggett tat wie befohlen und bemerkte,
daß der Skipper die Nerven verloren hatte.
Zehn Minuten vergingen. Das besorgniserregende Klappern wurde leiser,
verschwand aber nicht.
»Hier Sonar! Kontakt in null-eins-fünf, erschien urplötzlich und ist offenbar Sierra5, Sir. Eindeutig Akula-Klasse, Admiral Lunin. Läuft uns direkt entgegen und kam
vermutlich gerade durch die Schicht, Sir.«
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»Hat er uns geortet?«
»Vermutlich, Sir«, meldete der Sonarmann.
»Halt!« befahl eine andere Stimme. Commodore Mancuso war in den Raum
gekommen. »Beenden wir die Übung an diesem Punkt. Würden die Offiziere mir bitte
folgen?«
Alle atmeten auf, als das Licht anging. Der Raum befand sich in einem großen,
quadratischen Gebäude, das überhaupt keine Ähnlichkeit mit einem U-Boot aufwies,
aber über mehrere Räume verteilt die wichtigsten Elemente eines strategischen Boots
der Ohio-Klasse enthielt. Mancuso führte die Besatzung der Operationszentrale in ein
Konferenzzimmer und schloß die Tür.
»Das war ein taktischer Fehler, Captain.« Bart Mancuso war dafür bekannt, daß er
keine diplomatische Art hatte. »IA, was rieten Sie Ihrem Skipper?« Claggett
wiederholte wörtlich seinen Vorschlag. »Captain, warum haben Sie diesen Rat nicht
befolgt?«
»Sir, ich hielt unseren akustischen Vorteil für ausreichend und handelte so, um eine
maximale Distanz zum Ziel zu schaffen.«
»Wally?« Mancuso wandte sich an den Skipper der Besatzung »Rot«, Wally
Chambers, der demnächst USS Key West übernehmen sollte. Chambers hatte auf
Dallas unter Mancuso gedient und sein Geschick als Jäger gerade unter Beweis
gestellt.
»Ihr Manöver war zu berechenbar, Captain. Darüber hinaus präsentierten Sie durch
die Kurs- und Tiefenänderung meinem Schleppsonar Ihre Lärmquelle und verrieten
mir durch Rumpfknistern eindeutig, daß ich einen U-Kontakt hatte. Sie hätten mir den
Bug weisen, die Fahrt reduzieren und die Tiefe halten sollen. Ich hatte nur einen
vagen Hinweis auf Sie. Wären Sie langsamer gefahren, hätte ich Sie niemals
identifiziert. So aber machte ich Ihren Sprung über die Schicht aus und spurtete unter
Ihnen los, sowie ich aus der KZ war. Captain, ich wußte nicht, mit was ich es zu tun
hatte, bis Sie es mir verrieten. Sie ließen mich viel zu dicht herankommen. Ich ließ
mein Schleppsonar über der Schicht treiben und blieb selber unter ihr; so konnte ich
Sie trotz Oberflächenlärms über 18 Meilen orten. Anschließend brauchte ich nur noch
weiterzuspurten, bis ich dicht genug für erfolgversprechende Zielkoordinaten dran
war. Sie waren im Visier.«
»Die Übung sollte zeigen, was passiert, wenn man seinen akustischen Vorteil
verliert.« Mancuso ließ seine Erklärung wirken, ehe er fortfuhr. »Na schön, das war
unfair. Aber wer sagt, daß es fair zugeht im Leben?«
»Das Akula ist ein gutes Boot, doch was taugt sein Sonar?«
»Es ist unserer Ansicht nach mit dem der 688-Boote der zweiten Garnitur zu
vergleichen.«
Ausgeschlossen, dachte Ricks und fragte dann: »Mit welchen Überraschungen muß
ich sonst noch rechnen?«
»Gute Frage. Antwort: Das wissen wir auch nicht. Und wer keine exakten
Informationen hat, muß davon ausgehen, daß der Gegner so gut ist wie er selbst.«
Ausgeschlossen, dachte Ricks.
Vielleicht sogar noch besser, dachte Mancuso.
»Nun denn«, wandte sich der Commodore an die versammelte Besatzung der
Zentrale. »Gehen Sie Ihre eigenen Daten durch. In dreißig Minuten halten wir dann
die Schlußbesprechung.«
Ricks sah, daß Mancuso und Chambers beim Hinausgehen miteinander lachten.
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Mancuso mochte ein geschickter und tüchtiger U-Boot-Fahrer sein, aber er hatte die
Mentalität eines U-Jägers und war als Commodore eines Geschwaders strategischer
Boote am falschen Platz. Natürlich hatte er einen Kumpel von der Atlantikflotte
hinzugezogen, auch so ein Unterwasser-Cowboy, aber das war eben der Brauch.
Ricks war davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben.
Die Übung war unrealistisch gewesen, fand Ricks. Hatte Rosselli nicht gesagt,
Maine sei so lautlos wie ein schwarzes Loch im Wasser? Verflucht, das war seine
erste Chance gewesen, dem Commodore sein Können zu beweisen. Ein fauler Trick
und die Fehler der Besatzung, auf die Rosselli so stolz gewesen war, hatten ihm die
Möglichkeit genommen, bei diesem künstlichen und unfairen Test einen guten
Eindruck zu machen.
»Mr. Shaw, zeigen Sie mir Ihre Unterlagen.«
»Hier, Sir.« Shaw, der seine theoretische Ausbildung erst vor zwei Monaten in
Groton abgeschlossen hatte, stand in der Ecke und hatte die Karten und seine
Aufzeichnungen fest an die Brust gepreßt. Ricks entriß sie ihm, breitete sie auf einem
Tisch aus und musterte sie kurz.
»Schlamperei. Das hätten Sie mindestens eine Minute schneller schaffen können.«
»Jawohl, Sir«, erwiderte Shaw. Er hatte zwar keine Ahnung, wie die Aufgabe
rascher zu erledigen gewesen wäre, aber der Captain hatte gesprochen, und der
Captain hatte immer recht.
»Das hätte das Blatt wenden können«, sagte er in einem gedämpfteren, aber noch
immer häßlich scharfen Ton.
»Das tut mir leid, Sir.« Ensign Shaw hatte zum ersten Mal einen richtigen Fehler
gemacht. Ricks richtete sich auf, mußte aber trotzdem aufschauen, um Shaw in die
Augen zu sehen. Auch das verbesserte seine Laune nicht.
»Mit Entschuldigungen ist es nicht getan, Mister. Entschuldigungen gefährden das
Schiff und kosten Menschenleben. Entschuldigungen hört man nur von
inkompetenten Offizieren. Haben Sie mich verstanden, Mr. Shaw?«
»Jawohl. Sir.«
»Bestens.« Das kam heraus wie ein Fluch. »Sorgen Sie dafür, daß so etwas nicht
wieder vorkommt.«
Den Rest der halbstündigen Pause verbrachte man mit dem Studium der bei der
Übung angefallenen Daten. Dann gingen die Offiziere in einen größeren Raum, um
die Übung zu analysieren und zu erfahren, was die Mannschaft »Rot« gesehen und
getan hatte. Lieutenant Commander Claggett hielt Ricks auf.
»Skipper, Sie sind ein bißchen zu streng mit Shaw gewesen.«
»Was soll das heißen?« fragte Ricks gereizt und überrascht.
»Shaw hat keine Fehler gemacht. Ich selbst hätte das kaum dreißig Sekunden
schneller erledigen können. Der Maat, den ich ihm zur Seite stellte, hat fünf Jahre
Erfahrung und ist Ausbilder in Groton. Ich behielt die beiden im Auge. Sie haben sich
ordentlich gehalten.«
»Wollen Sie etwa behaupten, der Fehler sei meine Schuld?« fragte Ricks täuschend
sanft.
»Jawohl, Sir«, erwiderte der IA ehrlich, wie er es gelernt hatte.
»Ach, wirklich?« versetzte Ricks und ging ohne ein weiteres Wort hinaus.
Die Behauptung, Petra Hassler-Bock sei unglücklich, war ein Understatement von
epischem Ausmaß. Die Enddreißigerin war seit fünfzehn Jahren auf der Flucht und
173
hatte sich schließlich, als es im Westen für sie zu gefährlich wurde, in die DDR
abgesetzt - in die ehemalige DDR, dachte der Ermittlungsbeamte des BKA mit einem
zufriedenen Lächeln. Erstaunlicherweise aber war es ihr trotz des Drucks offenbar
prächtig gegangen. Jedes Foto in der dic ken Akte zeigte eine attraktive, vitale,
lächelnde Frau mit einem mädchenhaften faltenlosen Gesicht und wuscheligem
braunem Haar. Diese Person hatte kaltblütig beobachtet, wie drei Menschen gestorben
waren - nachdem man sie mehrere Tage lang mit Messern gefoltert hatte. Die Morde
hatten ein politisches Signal sein sollen - damals stand die Entscheidung über die
Stationierung amerikanischer Pershing 2 und Cruise Missiles in der Bundesrepublik
an, und die RAF wollte die Bevölkerung durch Terror auf ihre Seite bringen. Der
Erfolg war natürlich ausgeblieben, aber man inszenierte den dritten Mord wie einen
Horrorfilm.
»Sagen Sie, Frau Hassler-Bock, fanden Sie Vergnügen daran, Wilhelm Manstein zu
töten?« fragte der Mann vom BKA.
»Manstein war ein Schwein«, erwiderte sie trotzig. »Ein fetter, geiler Hurenbock.«
Und deshalb war er auch erwischt worden, wie der Ermittler wußte. Petra hatte die
Entführung eingefädelt, indem sie Manstein auf sich aufmerksam gemacht und ein
kurzes, leidenschaftliches Verhältnis angefangen hatte. Ihr Opfer war nicht gerade
attraktiv gewesen, aber Petra, die eine härtere Linie vertrat als die Feministinnen in
anderen westlichen Ländern, hatte seine Liebkosungen über sich ergehen lassen, um
sich dann später zu rächen. Vielleicht eine Überreaktion auf die alte Kinder-KücheKirche-Ideologie, sagte sich der Ermittler, der noch nie eine so kaltblütige und
furchteinflößende Mörderin gesehen hatte wie Petra Hassler-Bock. Die ersten
Körperteile, die sie mit der Post an Mansteins Familie geschickt hatte, waren jene
gewesen, die sie besonders anstößig gefunden hatte. Dem Bericht des Pathologen
zufolge hatte Manstein noch zehn Tage, nachdem er verstümmelt worden war, gelebt.
»Nun, Sie sind seinen Neigungen ja entgegengekommen. Günther war ja auch von
der Leidenschaft, mit der Sie es mit ihm trieben, überrascht. Fünf Nächte verbrachten
Sie vor der Entführung mit Manstein. Hat das auch Spaß gemacht?« Das saß. Petras
Schönheit war verwelkt. Ihre Haut war fahl, sie hatte Ringe unter den Augen und acht
Kilo verloren. Für einen kurzen Moment funkelte sie ihn trotzig an. »Tja, es war
Ihnen wohl ein Vergnügen, sich ihm hinzugeben, ihn >machen zu lassen<. Sie müssen
mitgespielt haben, denn sonst wäre er nicht wiedergekommen. Es ging also nicht nur
darum, ihn in die Falle zu locken. Ihre Leidenschaft war nicht nur vorgetäuscht. Herr
Manstein war ein erfahrener Frauenkenner, der nur zu den besten Huren ging. Wo
haben Sie Ihre Tricks gelernt, Frau Hassler-Bock? Übten Sie die vorher mit Günther oder mit anderen? Alles im Namen der revolutionären Gerechtigkeit natürlich, der
revolutionären Kameradschaft. Sie sind nichts als eine Nutte - schlimmer noch, denn
Huren haben wenigstens noch Moral.
Und Ihr geliebter revolutionärer Kampf«, höhnte der Ermittler weiter. »Was für
eine tolle Sache! Wie fühlt man sich, wenn sich das ganze deutsche Volk von einem
abwendet?« Sie rutschte auf ihrem Stuhl herum, brachte es aber nicht fertig... »Na, wo
bleiben die heroischen Sprüche? Haben Sie nicht immer von Freiheit und Demokratie
gefaselt? Enttäuscht es Sie nicht, daß es nun die Demokratie auch im Osten gibt und
die Bürger Sie und Ihresgleichen verabscheuen? Wie fühlt man sich als Aussätzige?
Kein Mensch hört mehr auf Sie«, fügte der BKA-Mann hinzu. »Sie haben von Ihrem
Fenster aus die Leute auf der Straße gesehen. Eine Demonstration fand direkt vor
Ihrem Haus statt. Was haben Sie sich beim Zuschauen gedacht? Was haben Sie zu
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Günther gesagt? Das Ganze sei nur eine Verschwörung der Reaktion?« Der Ermittler
schüttelte den Kopf, beugte sich vor und starrte in die leeren, leblosen Augen der
Frau.
»Wie erklären Sie sich den Ausgang der ersten freien Wahlen im Osten? Alles,
wofür Sie eingestanden, gearbeitet und gemordet hatten - auf einmal falsch, alles
umsonst! Na, ganz umsonst war es nicht. Sie bekamen ja Gelegenheit, mit Wilhelm
Manstein zu schlafen.« Der Beamte lehnte sich zurück, zündete einen Zigarillo an und
blies Rauch zur Decke. »Und nun? Hoffentlich haben Sie das kleine Abenteuer
genossen. Aus diesem Gefängnis kommen Sie nämlich nie wieder heraus. Niemals.
Niemand wird Mitleid mit Ihnen haben, selbst wenn Sie im Rollstuhl säßen. Man wird
an Ihre Verbrechen denken und sich sagen: Lassen wir sie bei den anderen brutalen
Bestien sitzen, da gehört sie hin. Ihre Lage ist hoffnungslos. Sie werden in diesem
Gebäude sterben.«
Petra Hassler-Bock machte eine ruckartige Kopfbewegung. Ihre Augen weiteten
sich, und sie schien etwas sagen zu wollen, blieb aber stumm.
Der Beamte fuhr im Plauderton fort. »Günther haben wir übrigens aus den Augen
verloren. In Bulgarien verpaßten wir ihn nur um dreißig Stunden. Wir haben von den
Russen Akten über Sie und Ihre Freunde bekommen und wissen Bescheid - auch über
die Monate, die Sie in Ausbildungslagern verbrachten. Günther ist jedenfalls immer
noch flüchtig. Wir vermuten, daß er sich im Libanon bei Ihren alten Freunden
versteckt. Und dieser Verein kommt als nächster dran. Wissen Sie, daß Amerikaner,
Russen und Israelis nun zusammenarbeiten? Das ist ein Punkt des Abkommens. Toll,
nicht wahr? Ich nehme an, daß wir Günther dort erwischen... wenn wir Glück haben,
leistet er Widerstand. Dann bringen wir Ihnen ein Bild von seiner Leiche... Ach ja,
wenn wir schon von Bildern reden... das hätte ich ja fast vergessen!
Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, sagte der Beamte, schob eine Videokassette in ein
Abspielgerät und stellte den Fernseher an. Es dauerte eine Weile, bis das Bild ruhig
und scharf wurde; die Aufnahmen waren offensichtlich von einem Amateur mit der
Handkamera gemacht worden. Petra sah zwei kleine Mädchen in rosa Kleidern in
einem typisch deutschen Wohnzimmer auf dem Teppich sitzen. Alles war sauber und
ordentlich; selbst die Illustrierten lagen parallel zur Tischkante.
»Erika, Ursel, kommt mal her«, sagte eine Frauenstimme, und die beiden
Kleinkinder zogen sich am Couchtisch hoch und gingen mit unsicheren Schritten auf
die Frau zu, die sie in die Arme nahm. »Mutti«, sagten beide. Der Beamte schaltete
den Fernseher aus.
»So, die beiden können laufen und sprechen. Ist das nicht wunderbar? Ihre neue
Mutter hat sie sehr lieb. Ich dachte mir, daß Sie das gerne sehen würden. So, das wäre
alles für heute.« Der BKA-Mann drückte auf einen verborgenen Knopf, und ein
Wärter erschien, um die gefesselte Gefangene zurück in ihre Zelle zu führen.
Die kahle Zelle war quadratisch und hatte weiß gestrichene Backsteinwände. Ein
Fenster gab es nicht, und die Stahltür hatte nur einen Spion und einen Schlitz für die
Tabletts mit den Mahlzeiten. Petra wußte nicht, daß knapp unter der Decke eine
infrarotdurchlässige Backsteinattrappe angebracht war, die eine Überwachungskamera
verbarg. Auf dem Weg zur Zelle wahrte Petra Hassler-Bock die Fassung.
Doch kaum war die Tür zugefallen, brach sie zusammen.
Petras hohle Augen starrten auf den Fußboden, der ebenfalls weiß war. Weinen
konnte sie noch nicht, als sie über den Alptraum nachdachte, zu dem ihr Leben
geworden war. Das ist alles nicht wahr, redete sie sich mit einem Optimismus, der
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schon an Wahnsinn grenzte, ein. Sie konnte doch nicht alles, woran sie geglaubt,
wofür sie gearbeitet hatte, verloren haben! Günther, die Kinder, die revolutionäre
Sache, ihr Leben.
Daß man sie nur verhörte, um sie zu quälen, war ihr klar. Man hatte sie nie ernsthaft
nach Informationen ausgehorcht, aber das hatte seinen Grund. Sie hatte keine
nützlichen Hinweise zu geben. Man hatte ihr Fotokopien der Stasi-Akten gezeigt.
Alles, was der Arbeiter- und Bauernstaat über sie gewußt hatte, und das war
überraschend viel, war nun in den Händen der westdeutschen Behörden. Namen,
Adressen, Telefonnummern, Fakten über sie, die zwanzig Jahre zurückreichten und
die sie teils schon vergessen, und Fakten über Günther, die sie nie gewußt hatte. Das
alles lag nun beim BKA.
Es war aus. Verloren.
Petra würgte und begann zu weinen. Selbst Erika und Ursel, ihre Zwillinge, ihr
Vertrauen in die Zukunft, das Symbol ihrer Liebe zu Günther. Sie taten nun ihre
ersten Schritte in einer fremden Wohnung und sagten »Mutti« zu einer Fremden - der
Frau eines Polizeihauptmanns, wie man ihr gesagt hatte. Petra weinte eine halbe
Stunde lang - aber stumm, weil sie wußte, daß es in diesem verfluchten weißen
Kabuff, in dem sie keinen richtigen Schlaf fand, ein Mikrofon geben mußte.
Alles verloren.
Was war das hier für ein Leben? Als sie zum ersten und einzigen Mal mit anderen
Häftlingen auf den Hof gelassen worden war, hatte man zwei von ihr wegzerren
müssen. Noch heute klangen ihr die Schreie in den Ohren: Mörderin, Hure, Sau...
Sollte sie hier vielleicht über vierzig Jahre so dahinvegetieren, immer allein, auf den
Wahnsinn warten, auf den körperlichen Verfall. Daß »lebenslang« in ihrem Falle Haft
bis zum Tode bedeutete, war ihr klar. Eine Begnadigung kam nicht in Frage, das hatte
ihr der Beamte deutlich gesagt. Kein Mitleid also, keine Freunde. Verloren und
vergessen... nichts war ihr geblieben außer dem Haß.
Sie gelangte ruhig und gefaßt zu ihrem Entschluß. Wie Häftlinge überall auf der
Welt kam auch sie an ein scharfes Stück Metall heran, in ihrem Fall die Klinge eines
Rasierers, den sie alle vier Wochen zur Enthaarung ihrer Beine erhielt. Sie holte die
Schneide aus ihrem Versteck und zog dann das weiße Laken von der zehn Zentimeter
dicken, mit Drell bezogenen und am Rand mit einer Schnur eingefaßten Matratze.
Nun machte sie sich daran, diese Einfassung mit der Rasierklinge abzutrennen. Nach
drei Stunden und mehreren Verletzungen - die Klinge war so schmal, daß sie sich
immer wieder in die Finger schnitt - hatte sie ein zwei Meter langes Seil. An einem
Ende knotete sie eine Schlinge, und das andere befestigte sie an der Lampe über der
Tür. Dazu mußte sie sich auf ihren Stuhl stellen, aber das war später ohnehin
erforderlich. Beim dritten Versuch saß der Knoten richtig. Das Seil durfte nicht zu
lang sein.
Als sie mit ihrer Arbeit zufrieden war, machte sie sich ohne Pause ans Werk. Petra
Hassler-Bock zog Kle id und Büstenhalter aus, kniete sich mit dem Rücken zur Tür
auf den Stuhl, legte sich die Schlinge um den Hals und zog sie zu. Dann zog sie die
Beine hoch und band sie mit dem BH an der Tür fest. Sie wollte ihre
Entschlossenheit, ihren Mut demonstrieren. Ohne ein Gebet oder eine Klage stieß sie
den Stuhl mit den Händen um. Sie fiel vielleicht fünf Zentimeter, bis das Seil sich
straffte, und an diesem Punkt begehrte ihr Körper auf. Ihre hochgezogenen Beine
stemmten sich gegen die Fessel, doch dadurch wurde der Strangulierungseffekt nur
noch stärker.
176
Der BKA-Beamte sah auf dem Fernsehschirm ihre Hände noch ein paar Sekunden
lang zucken. Schade, dachte er. Sie war einmal hübsch gewesen, hatte aber aus freiem
Willen gemordet und gefoltert und war nun aus freiem Willen gestorben. Nun, wieder
einmal ein Beweis, daß die brutalsten Menschen im Grunde feige sind.
»Der Fernseher hier ist kaputt«, sagte er und schaltete das Gerät aus. »Besorgen Sie
Ersatz.«
»Das wird eine gute Stunde dauern«, erwiderte der Aufseher.
»Das reicht.« Der Ermittler nahm eine Kassette aus dem Gerät, auf dem er auch die
rührende Familienszene abgespielt hatte, und tat sie in seine Aktentasche. Er lächelte
zwar nicht, sah aber zufrieden aus. Es war nicht seine Schuld, daß Bundestag und
Bundesrat nicht in der Lage waren, ein simples und effektives Gesetz zur Einführung
der Todesstrafe zu verabschieden. Der Grund waren natürlich die Exzesse der Nazis,
verfluchte Barbaren. Aber nicht alles, was diese Barbaren eingeführt hatten, war
falsch gewesen. Die Autobahnen hatte man nach dem Krieg ja auch nicht aufgerissen.
Und unter den Opfern der Nazis waren auch gemeine Mörder gewesen, die jedes
andere zivilisierte Land auch hingerichtet hätte. Und wenn jemand den Tod verdiente,
dann Petra Hassler-Bock. Sie hatte einen Menschen zu Tode gefoltert und war jetzt
selbst durch den Strick gestorben. Recht so, dachte der Kriminalbeamte, der den Fall
Manstein von Anfang an bearbeitet hatte. Er hatte dem Pathologen bei der
Untersuchung der Leiche zugesehen, war auf der Beerdigung gewesen und nachts
noch lange von den grausigen Bildern verfolgt worden. Vielleicht konnte er jetzt Ruhe
finden. Der Gerechtigkeit war endlich Genüge getan. Mit ein bißchen Glück würden
die beiden niedlichen Mädchen zu ordentlichen Bürgerinnen heranwachsen, und
niemand sollte erfahren, wer und was ihre leibliche Mutter gewesen war.
Der Beamte verließ die Anstalt und ging zu seinem Wagen. Er wollte nicht im Haus
sein, wenn die Leiche entdeckt wurde. Fall erledigt.
»Hey, Mann.«
»Tag, Marvin. Man hört, daß du ein Scharfschütze bist«, sagte Ghosn zu seinem
Freund.
»Kleinigkeit, Mann. Ich hab’ mir schon als Kind das Abendessen geschossen.«
»Du hast unseren besten Ausbilder übertroffen«, sagte der Ingenieur.
»Eure Zielscheiben sind größer als Kaninchen und bewegen sich nicht. Mit meinem
Kleinkalibergewehr hab’ ich sogar fliehende Hasen erwischt. Wenn man sich von der
Jagd ernähren muß, lernt man schnell zielen. Was machst du mit dieser Bombe da?«
»Ein Haufen Arbeit, bei der so gut wie nichts rauskommt.«
»Vielleicht kannst du aus dem elektronischen Kram ein Radio bauen.«
»Oder sonst etwas Nützliches.«
177
10
Letzte Gefechte
Nach Westen zu fliegen ist immer leichter als nach Osten, weil sich der Körper eher
an einen längeren als an einen kürzeren Tag gewöhnt, und gutes Essen und gepflegte
Weine erleichtern die Umstellung noch. Die Air Force One hatte einen großen
Konferenzraum für alle möglichen Anlässe; in diesem Fall gab der Präsident ein
Essen für hohe Regierungsmitglieder und ausgewählte Leute vom Pressekorps. Das
Essen war wie immer süperb. Die 747 des Präsidenten ist wohl das einzige Flugzeug
auf der Welt, in dem die Mahlzeiten nicht auf Plastiktellern und aus der Mikrowelle
serviert werden. Ihre Stewards kaufen täglich frische Zutaten ein, die meistens in
13.000 Metern Höhe und bei 1.000 Stundenkilometern zubereitet werden, und mehr
als einer der Köche hatte schon den Dienst beim Militär aufgegeben, um Küchenchef
in einem feinen Restaurant zu werden. »Leibkoch des Präsidenten« macht sich gut im
Lebenslauf. Der Wein kam aus dem Staat New York und war ein besonders guter
Rose, der dem Präsidenten, der sonst Bier trank, schmeckte. Im Frachtraum der
umgebauten 747 standen drei Kisten davon. Zwei Stewards in weißen Uniformen
füllten die Gläser auf, während die verschiedenen Menü-Gänge serviert und
abgeräumt wurden. Die Atmosphäre war entspannt und die Unterhaltung inoffiziell;
ein Reporter, der hieraus zitierte, würde nie wieder an Bord eingeladen.
»Mr. President«, fragte jemand von der New York Times, »wie bald wird dieses
Abkommen umgesetzt?«
»Der Prozeß beginnt gerade. Vertreter der Schweizer Armee sehen sich bereits in
Jerusalem um, und Minister Bunker spricht mit der israelischen Regierung, um das
Eintreffen amerikanischer Streitkräfte in der Region vorzubereiten. Binnen zwei
Wochen sollte die Sache angelaufen sein.«
»Und die Menschen, die ihre Häuser verlassen müssen?« fragte eine Reporterin der
Chicago Tribune.
»Für sie bedeutet das eine ernste Unannehmlichkeit, aber sie werden mit unserer
Hilfe rasch eine neue Unterkunft finden. Israel hat um Kredite ersucht, um in den
USA Fertighäuser zu erwerben, die wir auch bewilligen werden. Wir finanzieren auch
eine Fabrik, damit solche Einheiten im Land selbst hergestellt werden können.
Tausende werden umgesiedelt. Das wird schmerzhaft sein, aber wir versuchen, es
diesen Menschen so weit wie möglich zu erleichtern.«
»Vergessen wir nicht«, merkte Liz Elliot an, »daß Lebensqualität mehr ist als nur
ein Dach überm Kopf. Der Frieden hat seinen Preis, aber auch seine Vorteile. Diese
Menschen können sich nun zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich sicher fühlen.«
»Verzeihung, Mr. President«, sagte die Reporterin und hob ihr Glas, »das sollte
keine Kritik sein. Ich glaube, wir sind uns alle einig, daß dieses Abkommen ein
Gottesgeschenk ist.« Überall am Tisch wurde genickt. »Aber die Frage der
Umsetzung interessiert unsere Leser.«
»Am schwierigsten wird die Umsiedlung werden«, erwiderte Fowler ruhig. »Wir
danken der israelischen Regierung, die der Aktion zugestimmt hat, und werden uns
bemühen, sie so schmerzlos wie möglich über die Bühne zu bringen.«
»Und welche amerikanischen Einheiten werden zur Verteidigung Israels entsandt?«
178
fragte ein anderer Reporter.
»Ich bin froh, daß Sie diese Frage stellen«, sagte Fowler, und das stimmte auch,
aber aus einem anderen Grund: Die Reporterin hatte das größte potentielle Hindernis
übersehen - die Knesset, die das Abkommen noch ratifizieren mußte. »Sie haben
vielleicht gehört, daß wir eine neue Armee-Einheit aufstellen, das Zehnte
Kavallerieregiment. Es wird gerade in Fort Stewart, Georgia, gebildet, und auf meine
Anweisung werden schon jetzt Schiffe der Verteidigungsreserve mobilisiert, um die
Soldaten so rasch wie möglich nach Israel zu bringen. Die Zehnte Kavallerie ist ein
berühmtes Regiment mit einer großen Tradition, die der sogenannten >Buffalo
Soldiers<. Und zum Glück ergab es sich« - mit Glück hatte die Personalentscheidung
überhaupt nichts zu tun gehabt -, »daß es von einem Afro-Amerikaner kommandiert
wird, Colonel Marion Diggs, einem vorzüglichen Soldaten und West-PointAbsolventen. Das wären die Bodenstreitkräfte. Die Luftkomponente ist ein volles
Geschwader F-16 mit AWACS-Maschinen und dem üblichen Bodenpersonal. Und
schließlich lassen uns die Israelis in Haifa einen Marinestützpunkt einrichten.
Obendrein verfügen wir ja im östlichen Mittelmeer über einen Trägerverband und
eine Einheit der Marines als Verstärkung.«
»Angesichts der Kürzungen im Verteidigungshaushalt...«
»Die Zehnte Kavallerie war Dennis Bunkers Idee; ich wollte, mir wäre das
eingefallen. Was die Finanzierung angeht, werden wir die Mittel schon finden.«
»Ist das wirklich nötig, Mr. President? Ist es unbedingt erforderlich, daß wir
angesichts der Probleme mit dem Haushalt und besonders mit dem
Verteidigungshaushalt ...«
»Aber natürlich«, schnitt die Sicherheitsberaterin dem lästigen Reporter das Wort
ab. Du Arsch, sagte ihre Miene. »Israels Sicherheit ist ein sehr ernster und realer
Faktor, und unsere Bereitschaft, sie zu garantieren, ist das Sine qua non des
Abkommens.«
»Autsch, Marty«, murmelte ein anderer Reporter.
»Wir kompensieren für die zusätzlichen Ausgaben auf anderen Gebieten«, erklärte
der Präsident. »Ich weiß, daß ich mich nun auf das ideologiebeladene Thema der
Staatsfinanzen einlasse, finde aber, daß wir bewiesen haben, daß die Ausgaben der
Regierung sich auszahlen. Die Bürger unseres Landes werden eine kleine
Steuererhöhung für die Erhaltung des Weltfriedens verstehen und unterstützen«, fuhr
Fowler nüchtern fort.
Das notierte sich jeder Reporter. Der Präsident wollte also schon wieder eine
Steuererhöhung vorschlagen. Die Friedensdividenden I und II lagen hinter ihnen; nun
stand die erste Friedensabgabe an, und die würde den Kongreß wie alle anderen mit
dem Abkommen verbundenen Vorlagen glatt passieren. Eine Reporterin lächelte, als
sie sah. wie der Präsident seine Sicherheitsberaterin anschaute. Sie hatte vor der
Romreise zweimal versucht, Liz Elliot unter ihrer Privatnummer zu erreichen, und
immer nur den Anrufbeantworter bekommen. Dem hätte sie nachgehen sollen. Sie
hätte sich vor Elliots Haus nicht weit von der Kalorama Road postieren und festhalten
können, wie oft sie zu Hause schlief und wie oft nicht. Aber... das ging sie im Grunde
nichts an. Der Präsident war Witwer, und sein Privatleben brauchte die Öffentlichkeit
nicht zu interessieren, solange er diskret blieb und solange es seine Amtsführung nicht
beeinträchtigte. Die Reporterin vermutete, daß ihr als einziger die Sache aufgefallen
war. Nun, dachte sie, wenn sich der Präsident und seine Sicherheitsberaterin so gut
vertragen, ist das vielleicht positiv: Sieh nur, wie gut das Vatikan-Abkommen
179
geklappt hat...
Brigadegeneral Abraham Ben Jakob las den Vertragstext allein in seinem Büro durch.
Da er von Berufs wegen ein mißtrauischer Mann war, fiel es ihm selten schwer, seine
Gedanken zu formulieren. Sein ganzes Erwachsenenleben lang, das im Alter von
sechzehn mit dem Wehrdienst begonnen hatte, war die Welt sehr leicht zu verstehen
gewesen. Es gab Israelis, und es gab andere. Die meisten anderen waren Feinde oder
potentielle Gegner. Wenige andere galten als Verbündete oder vielleicht Freunde,
aber Freundschaft mit Israel war vorwiegend eine einseitige Angelegenheit. Avi hatte
in den USA fünf Operationen gegen die Amerikaner geführt. »Gegen« war
selbstverständlich relativ zu verstehen. Es war nie seine Absicht gewesen, den USA
Schaden zuzufügen. Er wollte nur Dinge in Erfahrung bringen, die die amerikanische
Regierung wußte, oder sich Sachen beschaffen, über die sie verfügte. Diese
Informationen oder Waffen sollten natürlich nie gegen die USA verwendet werden,
aber den Amerikanern gefiel es verständlicherweise nicht, wenn man ihnen die
Geheimnisse stahl. Das aber machte General Ben Jakob nicht den geringsten
Kummer. Er hatte den Auftrag, den Staat Israel zu schützen, und nicht, nett zu Leuten
zu sein. Dafür hatten die Amerikaner Verständnis. Gelegentlich teilten sie auf einer
sehr informellen Basis Informationen mit dem Mossad, der sich sehr selten
revanchierte. Das Ganze wurde ausgesprochen zivilisiert gehandhabt - die beiden
Dienste verhielten sich wie konkurrierende Firmen, die Gegner und Märkte
gemeinsam hatten und gelegentlich kooperierten, einander aber nie ganz trauten.
Dieses Verhältnis würde sich nun zwangsläufig ändern. Amerika setzte Truppen
zum Schutze Israels ein und war somit für die Verteidigung des Landes
mitverantwortlich. Umgekehrt machte es Israel für die Sicherheit der US-Truppen
verantwortlich, eine Tatsache, die die US-Medien bislang übersehen hatten. Hierfür
war der Mossad zuständig, und in der Folge war mit einem viel intensiveren
Informationsaustausch zu rechnen. Avi gefiel das nicht. Trotz der augenblicklichen
Euphorie war Amerika kein Land, dem man Geheimnisse anvertrauen konnte, und
schon gar nicht solche, die mit großer Mühe und manchmal sogar mit dem Blut von
Agenten beschafft worden waren. Dem Mossad stand ein hoher CIA-Vertreter ins
Haus, mit dem die Einzelheiten abgesprochen werden sollten. Bestimmt wird Ryan
geschickt, dachte Avi und begann, sich Notizen zu machen. Er mußte so viel wie
möglich über diesen Mann herausfinden, um zu einer günstigen Übereinkunft mit ihm
zugelangen.
Ryan ... hatte er wirklich die ganze Sache in Gang gesetzt? Das ist die Frage, dachte
Ben Jakob. Die US-Regierung hatte das abgestritten, aber Ryan war weder Fowlers
Favorit noch der seiner Sicherheitsberaterin Elizabeth Elliot. Seine Informationen
über sie waren eindeutig. Als Professorin hatte sie »im Namen der Fairneß und
Ausgewogenheit« Vertreter der PLO eingeladen und sie ihren Standpunkt darlegen
lassen. Es hätte aber noch schlimmer kommen können. Sie war wenigstens keine
Vanessa Redgrave, die mit der Kalaschnikow fuchtelnd Tänze vollführte, trieb aber
die »Objektivität« so weit, daß sie höflich den Ausführungen von Vertretern eines
Volkes lauschte, das in Ma’alot israelische Kinder und in München israelische
Sportler angegriffen hatte. Wie die meisten Mitglieder der amerikanischen Regierung
hatte sie die Bedeutung des Wortes Prinzipien vergessen. Ryan aber gehörte nicht zu
dieser Mehrheit Das Abkommen war Ryans Geisteskind, das stand für Ben Jakob fest.
Auf den Gedanken, das Problem über die Religion zu lösen, wären Fowler und Elliot
180
nie gekommen.
Das Abkommen. Er konzentrierte sich wieder auf den Vertragstext und seine
Notizen. Wie hatte sich seine Regierung nur in diese Ecke manövrieren lassen?
We shall overcome...
So einfach war das? Panische Anrufe und Telegramme von Israels amerikanischen
Freunden, die abzuspringen begannen, als ob...
Wie hätte es auch anders kommen können? fragte sich Avi. Das Abkommen war
unter Dach und Fach - höchstwahrscheinlich, räumte er ein. Die Ausbrüche in der
israelischen Bevölkerung hatten begonnen; in den nächsten Tagen mußte mit Aufruhr
gerechnet werden. Der Grund lag auf der Hand:
Israel räumte West Jordanien. Es würde zwar Truppen zurücklassen, ähnlich wie
Amerika noch Einheiten in Deutschland und Japan stationiert hat, aber auf der
Westbank sollte ein demilitarisierter Palästinenserstaat entstehen, dessen Grenzen die
UNO garantierte. Tja, so steht es wahrscheinlich auf einem schön gerahmten Stück
Pergament, überlegte Ben Jakob. Die echte Garantie würde von Israel und Amerika
kommen. Saudi-Arabien und seine Bruderstaaten am Golf sollten die wirtschaftliche
Rehabilitation der Palästinenser finanzieren. Auch der ungehinderte Zugang nach
Jerusalem war garantiert - dort würden die stärksten israelischen Verbände stehen, in
großen, leicht zu sichernden Lagern, die das Recht hatten, ungehindert Streife zu
gehen. Jerusalem selbst würde zu einem Dominion des Vatikans werden. Der
Zivilverwaltung stand ein gewählter Oberbürgermeister vor - Avi fragte sich, ob der
jetzige Amtsinhaber, ein sehr unparteiischer Israeli, seinen Posten behalten würde,
aber für religiöse und auswärtige Angelegenheiten war unter der Autorität des
Vatikans eine Troika von Geistlichen zuständig. Die Sicherheitskräfte für Jerusalem
stellte die Schweiz mit einem motorisierten Regiment. Avi kommentierte diese
Vorstellung mit einem verächtlichen Schnauben, aber die Schweizer Armee hatte der
israelischen als Vorbild gedient, und die eidgenössische Einheit sollte auch zusammen
mit den Amerikanern üben. Dem Vernehmen nach setzte sich die 10. Kavallerie aus
erstklassigen regulären Truppen zusammen. Auf dem Papier machte sich das alles
großartig.
Papier ist geduldig.
Auf Israels Straßen jedoch hatten bereits fanatische Demonstrationen begonnen.
Tausende von Bürgern sollten vertrieben werden. Zwei Polizisten und ein Soldat
waren schon verletzt worden - von Israelis. Die Araber hielten sich aus der Sache
heraus. Eine separate, von den Saudis geleitete Kommission sollte feststellen, welches
Stück Land welcher arabischen Familie gehörte - hier hatten die Israelis mit ihrer
wahllosen Landnahme eine heillose Verwirrung gestiftet, aber das war
glücklicherweise nicht Avis Problem. Er hieß mit Vornamen Abraham, nicht
Salomon. Ob das alles klappt? fragte er sich.
Das kann unmöglich funktionieren, dachte Kati. Er hatte auf die Nachricht von der
Unterzeichnung des Abkommens mit einem zehn Stunden dauernden Anfall von
Übelkeit reagiert und fühlte sich nun, da er den Vertragstext vor sich hatte, an der
Schwelle des Todes.
Frieden? Und Israel existiert trotzdem weiter? Wofür hatte er dann alle die Opfer
gebracht, wofür waren Hunderte, Tausende von Freiheitskämpfern den Märtyrertod
gestorben? Wofür hatte Kati sein Leben hingegeben? Jetzt kannst du genausogut
sterben, sagte er sich. Er hatte auf alles verzichtet. Er hätte ein normales Leben mit
Frau, Kindern, Haus und einem angenehmen Beruf- Arzt, Ingenieur, Bankangestellter,
181
Kaufmann - führen können. Er war intelligent genug, um alles, was er sich vornahm,
auch bewältigen zu können - aber nein, er hatte den steinigsten Pfad gewählt. Er hatte
sich vorgenommen, eine Nation zu gründen, seinem Volk eine Heimat zu schaffen,
ihnen die Menschenwürde zurückzugeben. Er hatte sein Volk führen und die
Eindringlinge schlagen wollen.
Um unvergessen zu bleiben.
Das war sein sehnlichster Wunsch. Ungerechtigkeit stach jedem ins Auge, aber
wer sie beseitigte, ging in die Geschichte ein, wenn auch nur als Nebenfigur, als Vater
einer kleinen Nation ...
Stimmt nicht, gestand Kati. Wer das erreichen wollte, mußte den Großmächten
trotzen, den Amerikanern und Europäern, die sein uraltes Heimatland mit ihren
Vorurteilen geprägt hatten. Wer dieses Unrecht beseitigte, zählte zu den großen
Gestalten der Geschichte. Doch wessen Taten würden nun in Erinnerung bleiben?
Wer hatte wen besiegt, wer hatte was erobert?
Das darf nicht sein, sagte sich der Kommandant. Aber sein Magen krampfte sich
erneut zusammen, als er den trockenen, präzisen Vertragstext las. War es möglich,
daß sich die Palästinenser, sein edles, unerschrockenes Volk, von dieser Infamie
hatten verführen lassen?
Kati stand auf und eilte ins Bad. Als er sich erbrach, fand sein Verstand eine
Antwort auf die Frage. Nach einer Weile richtete er sich auf und spülte den Mund aus.
Ein anderer, bitterer Geschmack aber wollte nicht weichen.
Auf der anderen Straßenseite hörte Günther Bock in einem Haus, das ebenfalls der
Organisation gehörte, die Nachrichten der Deutschen Welle. Bock war zwar
Internationalist und nun auch Emigrant, verstand sich aber nach wie vor und an erster
Stelle als Deutscher, wenn auch ein revolutionärer und sozialistischer. Das Wetter in
der Heimat war heute wieder warm und trocken gewesen; ein schöner Tag also, um
Petra an die Hand zu nehmen und einen Spaziergang am Rhein zu machen...
Bei der Kurzmeldung blieb ihm fast das Herz stehen. »... die Terroristin Petra
Hassler-Bock wurde heute in ihrer Zelle erhängt aufgefunden. Hassler-Bock,
verheiratet mit dem flüchtigen RAF-Mitglied Günther Bock, wurde wegen des
brutalen Mords an Wilhelm Manstein zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.
Sie war achtunddreißig Jahre alt.
Zum Fußball: Dresdens unaufhaltsamer Aufstieg geht weiter. Unter
Mannschaftskapitän Willi Scheer...«
Bock saß in dem dunklen Zimmer, und seine Augen weiteten sich. Da er noch nicht
einmal den Anblick der Leuchtskala des Kurzwellenempfängers ertragen konnte,
starrte er zum Fenster hinaus in die sternhelle Nacht.
Petra tot?
Er wußte, daß es wahr war, er redete sich nichts ein. Es war zu wahrscheinlich ... ja
unvermeidlich. »Erhängt aufgefunden!« Natürlich, ein vorgetäuschter Selbstmord wie
im Fall der drei Baader-Meinhof-Mitglieder; eines hatte sich angeblich sogar dreimal
in den Kopf geschossen.
Sie hatten seine Frau ermordet. Seine schöne Petra war tot. Sein bester Kamerad,
seine treueste Genossin, seine Liebe. Tot. Günther war überrascht, wie schwer die
Nachricht ihn traf. Was hätte er auch anderes erwarten sollen? Man mußte sie ja aus
dem Weg räumen. Sie war ein Bindeglied zur Vergangenheit und auch eine potentiell
gefährliche Symbolgestalt für Deutschlands sozialistische Zukunft. Der Mord an ihr
diente zur weiteren politischen Stabilisierung des neuen Deutschlands, des Vierten
182
Reiches.
»Petra«, flüsterte er. Sie war mehr als eine politische Figur gewesen, mehr als eine
Revolutionärin. Er erinnerte sich an jede Kontur ihres Gesichts, jede Kurve ihrer
mädchenhaften Figur. Er dachte an die Stunden, die er auf die Geburt ihrer Kinder
wartend verbracht hatte, und an Petras Lächeln danach. Auch von Erika und Ursel war
er nun getrennt; es schien, als seien auch sie tot.
Bock ertrug die Einsamkeit nicht mehr. Er zog sich an und ging über die Straße.
Kati war, wie er zu seiner Erleichterung feststellte, noch wach, sah aber sehr schlecht
aus.
»Was ist, mein Freund?« fragte der Kommandant.
»Petra ist tot.«
Katis Miene zeigte echten Schmerz. »Was ist geschehen?«
»Es heißt, sie sei erhängt in ihrer Zelle gefunden worden.« Meine Petra, dachte
Bock, und der Schock setzte erst jetzt ein, aufgehängt an ihrem anmutigen Hals. Die
Vorstellung war unerträglich. Zusammen mit Petra hatte er einen Klassenfeind auf
diese Weise hingerichtet und zugesehen, wie das Gesicht erst bleich und dann dunkler
wurde, bis...
Grauenhaft. Er durfte sich Petra so nicht vorstellen.
Kati senkte betrübt den Kopf. »Möge Allah unserer lieben Genossin gnädig sein.«
Bock ließ sich sein Mißfallen nicht anmerken. Petra hatte so wie er nie an Gott
geglaubt. Aber er verstand, daß Kati es nur gut gemeint hatte - als Freund. Und da
Bock nun einen Freund brauchte, ignorierte er die bedeutungslose Bemerkung und
holte tief Luft.
»Ein schlimmer Tag für unsere Bewegung, Ismael.«
»Es steht noch ärger, als Sie glauben. Dieses verfluchte Abkommen ...«
»Ich weiß«, sagte Bock. »Ich weiß.«
»Was halten Sie davon?« Auf eines konnte sich Kati bei Bock verlassen: seine
Ehrlichkeit und Objektivität.
Der Deutsche nahm sich eine Zigarette vom Schreibtisch des Kommandanten und
zündete sie mit dem Tischfeuerzeug an. Er setzte sich nicht, sondern ging im Raum
auf und ab. Offenbar mußte er in Bewegung bleiben, um sich zu beweisen, daß er
noch lebte. Nun zwang er sich, die Frage objektiv zu beantworten.
»Man muß dies als Teil eines größeren Plans sehen. Als die Russen den
Weltsozialismus verrieten, setzten sie eine Reihe von Ereignissen in Gang, deren Ziel
die Konsolidierung der Herrschaft der kapitalistischen Klassen über den Großteil der
Welt war. Früher hielt ich die sowjetischen Konzessionen nur für eine kluge Strategie,
um an Wirtschaftshilfe aus dem Westen heranzukommen - Sie müssen verstehen, daß
die Russen ein rückständiges Volk sind, Ismael, das es noch nicht einmal geschafft
hat, aus dem Kommunismus etwas zu machen. Karl Marx war Deutscher, wie Sie
wissen«, fügte er mit einem ironischen Grinsen hinzu und verschwieg diplomatisch
die Tatsache, daß Marx Jude gewesen war. Bock machte eine kurze Pause und fuhr
dann in einem kalten, analytischen Tonfall fort. Er war dankbar, sich kurz gegen den
Gram verschließen und wieder wie ein Revolutionär reden zu können.
»Ich war im Irrtum. Es ging nicht um eine Strategie, sondern um kompletten Verrat.
Die fortschrittlichen Kräfte in der Sowjetunion sind noch gründlicher ausmanövriert
worden als selbst in der DDR. Die Annäherung an die USA ist durchaus real. Man
tauscht die reine Ideologie gegen vorübergehenden Wohlstand, gewiß, hat aber nicht
die Absicht, ins sozialistische Lager zurückzukehren.
183
Amerika seinerseits fordert einen Preis für seine Hilfe. Es zwang die Sowjets, dem
Irak die Unterstützung zu verweigern und ihre Unterstützung für Sie und Ihre
arabischen Brüder zu reduzieren, und endlich, diesem Plan zur Sicherung Israels
zuzustimmen. Zweifellos hatte die israelische Lobby in Amerika diesen Trick schon
lange geplant. Die Voraussetzung für sein Gelingen aber war das Einverständnis der
Sowjetunion. Und nun sehen wir uns nicht nur Amerika, sondern einer globalen
Verschwörung konfrontiert. Wir haben keine Freunde mehr, Ismael. Wir stehen
allein.«
»Soll das heißen, daß wir besiegt sind?«
»Nein!« Bocks Augen blitzten. »Wenn wir jetzt aufgeben - der Gegner hat ohnehin
schon genug Vorteile, mein Freund. Wenn wir ihnen noch einen liefern, werden wir
beim derzeitigen Stand der Dinge alle miteinander zur Strecke gebracht. Es wird noch
schlimmer kommen. Bald beginnen die Russen ihre Zusammenarbeit mit den
Amerikanern und Zionisten.«
»Wer hätte je gedacht, daß die USA und die UdSSR ...«
»Niemand. Niemand außer den Betreibern, also der herrschenden amerikanischen
Elite und Narmonow und seinen Lakaien. Sie gingen überaus geschickt vor. Wir
hätten es kommen sehen sollen, mein Freund, aber wir waren blind. Sie hier und ich
in Europa. Wir haben versagt.«
Kati sagte sich, daß die Wahrheit genau das war, was er nun hören mußte, aber sein
Magen reagierte anders.
»Wie sollen wir Abhilfe schaffen?« fragte der Kommandant.
»Wir haben es mit einer Allianz zweier sehr unwahrscheinlicher Freunde und ihrer
Mitläufer zu tun. Es muß ein Weg gefunden werden, dieses Bündnis zu zerstören. Die
Geschichte lehrt, daß nach dem Bruch einer Allianz die ehemaligen Partner einander
mit größerem Mißtrauen betrachten als vor ihrem Zusammenschluß. Wie ist das
zuwege zu bringen?« Bock zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich auch nicht. Das
wird Zeit brauchen... Gelegenheiten gibt es. Oder sollte es geben«, verbesserte er sich.
»Das Streitpotential ist groß. Viele Menschen, auch in Deutschland, denken so wie
wir.«
»Aber beginnen muß es mit Zwietracht zwischen Amerika und Rußland?« fragte
Kati, der die Exkurse seines Freundes wie immer interessant fand.
»In diese Richtung muß unsere Strategie zielen. Es wäre sehr günstig, wenn der
Erneuerungsprozeß so begänne, aber das ist leider unwahrscheinlich.«
»Vielleicht gar nicht so unwahrscheinlich, wie du meinst, Günther«, dachte Kati
laut, ohne es zu merken.
»Wie bitte?«
»Ach, nichts. Darüber sprechen wir später. Ich bin müde, mein Freund.«
»Verzeihung, ich wollte Sie nicht wachhalten.«
»Wir werden Petra rächen. Die Hunde müssen für ihre Verbrechen büßen!«
versprach Kati.
»Das ist mir ein Trost.« Bock ging hinaus und war zwei Minuten später wieder in
seinem Zimmer. Das Radio lief noch, der Sender brachte volkstümliche Weisen. Nun
kehrte die Trauer zurück, aber Bock weinte nicht, sondern empfand nur Haß. Petras
Tod war ein schwerer Schlag, aber darüber hinaus war seine ganze Weltanschauung
verraten worden. Der Verlust seiner Frau war nur ein weiteres Symptom für eine
schwere, bösartige Krankheit. Wenn es nach ihm ging, würde die ganze Welt für den
Mord an Petra büßen müssen - im Namen der revolutionären Gerechtigkeit natürlich.
184
Kati konnte nicht einschlafen, überraschenderweise unter anderem auch deshalb, weil
ihn Schuldgefühle plagten. Auch er hatte Erinnerungen an Petra Hassler und ihren
geschmeidigen Körper - damals war sie schon mit Günther verheiratet gewesen -, und
er stellte sie sich tot vor, am Ende eines Stricks. Wie war sie gestorben? Durch
Selbstmord, wie es in den Nachrichten geheißen hatte? Kati glaubte das. Europäer
waren klug, aber es fehlte ihnen das Durchhaltevermögen. Ihr Vorteil war die größere
Perspektive, die wiederum aus ihrer kosmopolitischen Umgebung und ihrer generell
besseren Bildung resultierte. Kati und sein Volk neigten dazu, sich auf das
unmittelbare Problem zu konzentrieren. Die europäischen Genossen aber sahen die
weitreichenden Fragen klarer. Dieses Moment der Voraussicht und klaren
Wahrnehmung überraschte Kati. Er und seine Leute hatten die Europäer zwar immer
als Genossen, aber nicht als Ebenbürtige betrachtet, eher als Dilettanten auf dem
Gebiet des revolutionären Kampfes. Das war eine Fehleinschätzung. Ihre Aufgabe
war schon immer schwerer gewesen, weil ihnen die unzufriedenen Massen fehlten,
aus denen Kati und seine Kollegen ihre Leute rekrutierten. Ihr relativer Mißerfolg war
auf objektive Umstände zurückzuführen und sagte nichts über ihre Intelligenz oder
Entschlossenheit aus.
Bock hätte mit seinem klaren Blick einen guten Stabsoffizier abgegeben.
Was nun? fragte sich Kati. Um diese Frage zu beantworten, mußte er nachdenken
und sich Zeit nehmen. Er beschloß, sie ein paar Tage zu überschlafen ... oder eher
eine Woche, und versuchte, Ruhe zu finden.
»... ich habe die große Ehre, den Präsidenten der Vereinigten Staaten vorzustellen.«
Die versammelten Mitglieder beider Häuser des Kongresses erhoben sich wie ein
Mann von ihren Plätzen im Sitzungssaal des Repräsentantenhauses. In der ersten
Reihe waren die Mitglieder des Kabinetts, die Vereinigten Stabschefs und die Richter
des Obersten Bundesgerichts. Auch sie erhoben sich. In den Galerien saßen andere,
darunter die Botschafter von Saudi-Arabien und Israel, die sich zum ersten Mal
nebeneinander niedergelassen hatten. Die Fernsehkameras nahmen im Schwenk den
großen Raum auf, in dem berühmte und berüchtigte historische Ereignisse
stattgefunden hatten. Von den Wänden hallte frenetischer Applaus wider.
Präsident Fowler legte sein Manuskript auf das Rednerpult, drehte sich um und
begrüßte den Sprecher des Repräsentantenhauses, den Präsidenten pro tempore des
Senats und Vizepräsidenten der USA, Robert Durling. In der Euphorie des
Augenblicks wurde allgemein übersehen, daß Durling als letzter an die Reihe kam.
Nun lächelte und winkte Fowler der Menge zu, und wieder schwoll der Lärm an. Der
Präsident spielte sein Gestenrepertoire voll aus: das einhändige Winken, das
beidhändige Winken, Hände auf Schulterhöhe, Hände überm Kopf. Demokraten und
Republikaner reagierten begeistert, was Fowler erstaunlich fand. Seine lautstärksten
politischen Gegner aus Repräsentantenhaus und Senat demonstrierten gewissenhaft
einen Enthusiasmus, der, wie der Präsident wußte, echt war. Zur allgemeinen
Überraschung gab es im Kongreß noch echten Patriotismus. Schließlich bat Fowler
mit einer Geste um Ruhe, und der Applaus ebbte zögernd ab.
»Liebe Mitbürger, ich bin in dieses Haus gekommen, um über die neuesten
Entwicklungen in Europa und dem Nahen Osten zu berichten und um dem Senat zwei
Vertragswerke vorzulegen, welche, wie ich hoffe, Ihre rasche und begeisterte
Zustimmung finden werden.« Applaus. »Mit diesen Verträgen und in enger
185
Zusammenarbeit mit anderen Ländern - teils alte Freunde, teils wertvolle neue
Verbündete - haben die Vereinigten Staaten zum Frieden in einer Region beigetragen,
die zwar der Welt eine Botschaft des Friedens gebracht, ihn selbst aber nur zu selten
genießen konnte.
Man sehe sich die Geschichte der Menschheit an, verfolge die Entwicklung des
menschlichen Geistes. Aller Fortschritt, alle Lichter, die uns den Weg aus der
Barbarei gewiesen haben, alle großen und guten Frauen und Männer, beteten,
träumten, hofften und arbeiteten für diesen Augenblick - diesen Moment, diese
Chance, diesen Höhepunkt, die letzte Seite in der Geschichte des Konflikts unter
Menschen. Wir haben keinen Ansatzpunkt, sondern ein Ziel erreicht. Wir...« Applaus
unterbrach den Präsidenten, der leicht ungehalten reagierte, weil er die Störung nicht
eingeplant hatte. Fowler lächelte breit und bat mit einer Geste erneut um Ruhe.
»Wir haben ein Ziel erreicht. Und ich habe die Ehre, Ihnen berichten zu dürfen, daß
Amerika auf dem Weg zu Gerechtigkeit und Frieden vorangegangen ist.« Beifall.
»Was auch angemessen ist, denn...«
»Ganz schön dick aufgetragen«, kommentierte Cathy Ryan.
»Kann man wohl sagen«, grunzte Jack in seinem Sessel und griff nach dem
Weinglas. »Aber so läuft es eben. Auch solche Anlässe haben ihre Regeln. Das ist wie
bei der Oper: Man muß sich an die Aufmachung halten. Außerdem haben wir es mit
einer bedeutenden, ja kolossalen Entwicklung zu tun. Es bricht mal wieder der
Frieden aus.«
»Wann fliegst du?« fragte Cathy.
»Bald«, erwiderte Jack.
»Die Sache hat natürlich ihren Preis, aber die Geschichte fordert
Verantwortungsbewußtsein von jenen, die sie gestalten«, sagte Fowler im Fernsehen.
»Wir haben die Aufgabe, den Frieden zu sichern. Wir müssen amerikanische Männer
und Frauen zum Schutz des Staates Israel entsenden. Wir haben geschworen, dieses
kleine und mutige Land gegen alle Feinde zu verteidigen.«
»Wer wären diese Feinde denn?« fragte Cathy.
»Weder Syrien noch der Iran sind im Augenblick über das Abkommen glücklich.
Und was den Libanon betrifft - nun ja, den gibt es als richtiges Land überhaupt nicht.
Er ist nur eine Fläche auf der Karte, wo Menschen sterben. Auch Libyen und die
vielen terroristischen Gruppen sind Feinde, die uns noch Sorgen machen.« Ryan leerte
sein Glas und ging in die Küche, um es wieder zu füllen. Schade um den guten Wein,
dachte Jack. So wie ich den runterkippe, könnte ich genausogut billigen Fusel aus
dem Supermarkt trinken ...
»Es kommen auch finanzielle Belastungen auf uns zu«, erklärte Fowler gerade, als
Ryan zurückkam.
»Also schon wieder eine Steuererhöhung«, murrte Cathy.
»Was hast du denn anderes erwartet?« meinte Ryan und dachte: Für fünfzig
Millionen bin ich verantwortlich. Eine Milliarde hier, eine Milliarde dort...
»Wird das Abkommen denn wirklich einen Unterschied machen?« fragte sie.
»Ja. Zumindest wird sich erweisen, ob diese religiösen Führer zu ihrem Wort stehen
oder nur Schwätzer sind. Wir haben sie nämlich in ihre eigene Falle gelockt, Schatz,
oder, besser noch, über ihre sogenannten Prinzipien stolpern lassen. Nun müssen sie
entweder nach ihren Glaubensgrundsätzen auf einen Erfolg hinarbeiten oder sich als
Scharlatane zu erkennen geben.«
»Und...?«
186
»Ich halte sie nicht für Scharlatane, sondern erwarte, daß sie zu ihren Prinzipien
stehen. Sie haben keine andere Wahl.«
»Und dann hast du bald so gut wie nichts mehr zu tun?«
Jack entging ihr optimistischer Tonfall nicht. »Na, das steht noch nicht fest.«
Der Rede des Präsidenten folgten die Kommentare. Opposition meldete Rabbi
Salomon Mendelew an, ein älterer New Yorker, der als einer der eifrigsten, manche
sagten sogar fanatischsten Befürworter der Politik des Staates Israel galt,
seltsamerweise das Land aber noch nie besucht hatte. Jack nahm sich vor, am
nächsten Tag den Grund dafür herauszufinden. Mendelew führte eine kleine, aber
umtriebige Fraktion der Israel-Lobby an und hatte praktisch als einziger die Schüsse
auf dem Tempelplatz befürwortet oder zumindest Verständnis für sie aufgebracht. Er
hatte einen Vollbart und trug eine schwarze Jarmulke und einen zerknitterten Anzug.
»Das ist Verrat am Staat Israel«, war seine Antwort auf die erste Frage. Zu Jacks
Überraschung sprach er ruhig und überlegt. »Wenn die USA Israel zwingen, seinen
rechtmäßigen Besitz zurückzugeben, verraten sie das historische Recht des jüdischen
Volkes auf das Land seiner Väter und gefährden auch die Sicherheit des Staates aufs
schwerste. Mit Waffengewalt werden Israels Bürger aus ihren Häusern vertrieben wie vor fünfzig Jahren«, schloß er düster.
»Moment mal!« fuhr ein anderer Kommentator hitzig auf.
»Wie erregt diese Leute sind!« bemerkte Jack.
»Ich selbst habe im Holocaust Familienmitglieder verloren«, sagte Mendelew und
klang noch immer sachlich. »Zweck des Staates Israel ist es, den Juden eine sichere
Heimat zu geben.«
»Aber der Präsident schickt amerikanische Truppen ...«
»Wir haben auch amerikanische Truppen nach Vietnam geschickt«, versetzte Rabbi
Mendelew. »Und Versprechungen gemacht und auch dort ein Abkommen
geschlossen. Sicher kann Israel nur in Grenzen sein, die sich auch verteidigen lassen,
und zwar von seinen eigenen Truppen. Amerika hat Israel so lange unter Druck
gesetzt, bis es mit dem Abkommen einverstanden war. Fowler stoppte
Waffenlieferungen an Israel, als >Signal<. Die Botschaft war deutlich: Entweder gebt
ihr nach, oder es gibt ein Embargo. Das habe ich in Erfahrung gebracht, und das
werde ich vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats auch beweisen.«
»O je«, bemerkte Jack leise.
»Scott Adler, der stellvertretende Außenminister, überbrachte die Botschaft
persönlich, während Jack Ryan, der stellvertretende Direktor der CIA, in SaudiArabien dem König versprach, Amerika werde Israel an die Kandare nehmen. Das ist
schon schlimm genug, aber wenn man bedenkt, daß Adler, der selbst Jude ist, so
etwas fertigbringt...« Mendelew schüttelte den Kopf.
»Der Mann hat gute Quellen.«
»Stimmt das, was er da sagt, Jack?«
»Nicht ganz, aber was Scott und ich im Nahen Osten taten, sollte geheim bleiben.
Nur ein kleiner Kreis wußte, daß ich überhaupt auf Auslandsreise war.«
»Ich wußte Bescheid...«
»Aber du kanntest mein Ziel nicht. Laß mal, der Mann kann ein bißchen Lärm
machen, aber nichts ausrichten.«
Am nächsten Tag begannen die Demonstrationen. Die Gegner des Abkommens hatten
alles auf eine Karte gesetzt; es war ein letzter, verzweifelter Versuch. Die beiden
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Anführer waren russische Juden, denen erst vor kurzem die Ausreise aus der
Sowjetunion, dem Land, das ihnen nur wenig Liebe entgegenbrachte, gestattet worden
war. Nach der Ankunft in ihrer einzig wahren Heimat durften sie sich auf der West
Bank ansiedeln, einem Teil Palästinas, den Israel Jordanien im Sechs-Tage-Krieg
entrissen hatte. Ihre Wohnungen - für amerikanische Begriffe winzig, für russische
hingegen unvorstellbar luxuriös - befanden sich in Fertigbaublocks, die an einem der
für die Region typischen felsigen Hänge standen. Die Umgebung war ihnen neu und
fremd, aber doch eine Heimat, für die zu kämpfen sie bereit waren. Anatolij, der sich
inzwischen Nathan nannte, hatte einen Sohn, der schon Offizier bei der israelischen
Armee war, und auch Davids Tochter diente. Die kürzliche Ankunft in Israel war für
alle wie eine Erlösung gewesen - und nun sollten sie ihre Häuser verlassen müssen?
Schon wieder? Sie hatten in letzter Zeit schon genug Krisen erlebt; was jetzt passierte,
war eine zuviel.
Da ihr ganzes Haus von Emigranten aus Rußland bewohnt war, fiel es Anatoli und
David nicht schwer, ein Kollektiv zu bilden und den Protest zu organisieren. Sie
suchten sich einen orthodoxen Rabbi als spirituellen Führer einen Geistlichen hatte
ihre Siedlung noch nicht - und brachen mit Thora und Fahne nach Jerusalem auf.
Selbst in einem so kleinen Land brauchte der Marsch seine Zeit, erregte aber
unweigerlich die Aufmerksamkeit der Medien. Als die verschwitzten und erschöpften
Marschierer ihr Ziel erreicht hatten, war die ganze Welt über ihren Zug und seinen
Zweck informiert.
Die Knesset ist nicht unbedingt das gemächlichste Parlament der Welt. Das
politische Spektrum reicht von der extremen Rechten bis zur harten Linken, und für
die moderaten Kräfte der Mitte bleibt nur herzlich wenig Raum. Es wird oft geschrien,
gestikuliert und auf jede verfügbare Oberfläche getrommelt. Das Ganze spielt sich
unter den Augen von Theodor Herzl ab, verewigt auf einem Schwarzweißfoto, der der
Begründer des Zionismus war und 1866 in seinem »Judenstaat« die Vision einer
sicheren Heimat für sein verfolgtes und mißhandeltes Volk darlegte. In der Knesset
wird mit solcher Heftigkeit gestritten, daß sich ein Beobachter verwundert fragen
muß, warum es in einem Land, dessen Bürger fast alle Reservisten sind und somit
eine automatische Waffe im Schrank haben, bei lebhaften Debatten im Parlament
nicht zu wüsten Schießereien kommt. Was Theodor Herzl von dem Chaos gehalten
hätte, steht dahin. Es war Israels Plage, daß die Diskussionen zu leidenschaftlich
geführt wurden und die Regierungskoalition in politischen und religiösen Fragen so
stark polarisiert war. Fast jede Untersekte hatte ihr eigenes Territorium und entsandte
deshalb einen Vertreter ins Parlament. Verglichen mit dieser Formel nimmt sich selbst
Frankreichs oft fragmentierte Nationalversammlung wohlorganisiert aus, und dieses
System machte es Israel nun schon seit einer Generation unmöglich, eine stabile
Regierung mit einer schlüssigen Staatspolitik zu bilden.
Die Demonstranten, zu denen immer mehr Menschen gestoßen waren, trafen eine
Stunde vor Beginn der Debatte über das Abkommen vor der Knesset ein. Schon galt
der Sturz der Regierung für möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, und die gerade
eingetroffenen Bürger schickten Emissäre zu jedem Mitglied der Knesset, das sie
ausfindig machen konnten. Abgeordnete, die mit ihnen einig waren, traten vor das
Gebäude und verurteilten das Abkommen mit flammenden Worten.
»Das gefällt mir nicht«, meinte Liz Elliot, die in ihrem Büro den Fernseher laufen
hatte. Der politische Aufruhr in Israel war viel heftiger, als sie erwartet hatte. Auf
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ihren Wunsch war Ryan zugegen, um seine Einschätzung der Lage zu geben.
»Ja«, stimmte der DDCI zu, »das ist leider der einzige Aspekt, den wir nicht
kontrollieren konnten.«
»Wie hilfreich, Ryan.« Auf Elliots Schreibtisch lagen die Ergebnisse einer
Umfrage, die Israels renommiertestes demoskopisches Institut gehalten hatte. Von
fünftausend Befragten waren 38 Prozent für das Abkommen, 41 Prozent dagegen, und
21 Prozent äußerten sich unentschieden. Diese Zahlen reflektierten ungefähr das
Kräfteverhältnis in der Knesset, wo die Rechte geringfügig stärker war als die Linke
und wo sich die wacklige Mitte aus Splittergruppen zusammensetzte, die allesamt auf
ein günstiges Angebot von der einen oder anderen Seite warteten, das ihnen eine
größere politische Bedeutung verschaffte.
»Scott Adler legte uns das schon vor Wochen dar. Wir wußten von Anfang an, daß
die israelische Regierung nicht stabil ist. Wann hatte sie denn überhaupt in den letzten
zwanzig Jahren eine sichere Mehrheit?«
»Aber wenn der Premier es nicht schafft...«
»Dann läuft Plan B wieder an. Sie wollten doch Druck ausüben, oder? Ihr Wunsch
geht in Erfüllung.« Die einzige Frage, die wir nicht genau durchdacht haben, ging es
Ryan durch den Kopf. Aber auch gründliche Überlegungen hätten nichts geholfen.
Seit einer Generation herrschte in der israelischen Regierung Anarchie. Man hatte die
Arbeit an dem Abkommen in der Annahme begonnen, daß die Knesset es, mit
vollendeten Tatsachen konfrontiert, notgedrungen ratifizieren würde. Ryans Meinung
zu diesem Thema war nicht eingeholt worden, aber er hielt diese Einschätzung
dennoch für fair.
»Unser innenpolitischer Spezialist in der Botschaft hält die von unserem Freund
Mendelew gesteuerte Splitterpartei für das Zünglein an der Waage«, merkte Elliot an,
die sich bemühte, ruhig zu bleiben.
»Gut möglich«, räumte Jack ein.
»Das ist doch absurd!« fauchte Elliot. »Dieser lächerliche Knacker war ja noch nie
im Land...«
»Das hängt mit seiner religiösen Überzeugung zusammen. Erst nach der Ankunft
des Messias will er Israel besuchen.«
»Herr im Himmel!« rief die Sicherheitsberaterin.
»Genau der.« Ryan lachte und bekam einen giftigen Blick ab. »Liz, der Mann hat
eben seine Überzeugungen. Sie mögen uns etwas exzentrisch vorkommen, aber die
Verfassung verlangt, daß wir sie tolerieren und respektieren. So halten wir es in den
USA.«
Elliot schüttelte die Faust in Richtung Fernseher. »Dieser Spinner ruiniert uns alles!
Können wir denn gar nichts tun?«
»Was denn zum Beispiel?« Ihr Benehmen deutete auf mehr hin als nur auf Panik.
»Ach, ich weiß nicht - irgend etwas muß doch möglich sein...« Elliot wartete auf
eine Reaktion ihres Besuchers.
Ryan beugte sich vor und wartete so lange, bis er ihre volle Aufmerksamkeit hatte.
»Die historischen Präzedenzfälle wären Jesus und Savonarola, lästige Prediger. So,
und wenn Sie nun auf etwas Konkretes hinauswollen, sagen Sie es klar und deutlich.
Wollen Sie einen Eingriff in das Parlament einer befreundeten Demokratie
vorschlagen oder etwas Illegales innerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten?«
Ryan machte eine Pause, in deren Verlauf ihr Blick schärfer wurde. »Weder das eine
noch das andere kommt in Frage, Dr. Elliot. Lassen wir die Israelis ihre eigenen
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Entscheidungen treffen. Wenn Sie auch nur erwägen, mir einen Eingriff in Israels
demokratischen Prozeß zu befehlen, bekommt der Präsident mein Rücktrittsschreiben
so schnell, wie ich es ihm vorbeibringen kann. Wenn Sie sich laut wünschen, diesem
kleinen alten Mann in New York sollte etwas zustoßen, erfüllt das den Tatbestand der
kriminellen Verschwörung. Ganz abgesehen davon, daß ich eine wichtige Funktion in
dieser Regierung habe, bin ich als normaler Bürger verpflichtet, mutmaßliche
Verstöße gegen das Gesetz den zuständigen Behörden zu melden.« Wenn Blicke töten
könnten, dachte Ryan, als er ihre Reaktion sah.
»Verdammt! Ich habe nie gesagt...«
»Dr. Elliot, Sie sind gerade in die gefährlichste aller Fallen getappt. Sie beginnen zu
glauben, daß Ihr Wunsch, die Welt zu verbessern, wichtiger ist als die Prinzipien, von
denen sich unsere Regierung bei ihrer Arbeit leiten lassen soll. Ich kann Sie an
solchen Gedanken nicht hindern, versichere Ihnen aber, daß meine Behörde sich an
derartigen Aktionen nicht beteiligen wird, solange ich ihr angehöre.« Das klang zwar
sehr nach einer Moralpredigt, aber Ryan fand es nötig, Dr. Elliot spielte mit dem
gefährlichsten aller Gedanken.
»So etwas habe ich nie gesagt!«
»Na schön, dann habe ich mich eben geirrt. Sie haben das weder gedacht noch
ausgesprochen. Verzeihung. Lassen wir nun die Israelis entscheiden, ob sie das
Abkommen ratifizieren oder nicht. Sie haben eine demokratisch gewählte Regierung
und das Recht, diesen Entschluß selbst zu treffen. Wir haben das Recht, sie sanft in
die richtige Richtung zu steuern und ihnen zu verstehen zu geben, daß die Höhe
unserer Hilfe von ihrer Zustimmung zum Abkommen abhängt, aber es kommt nicht in
Frage, daß wir in ihren Entscheidungsprozeß eingreifen. Es gibt Grenzen, die auch die
US-Regierung nicht überschreiten darf.«
Die Sicherheitsberaterin rang sich ein Lächeln ab. »Ich danke Ihnen für Ihre
Ausführungen über korrekte Regierungspolitik, Dr. Ryan. Das wäre alles.«
»Ich habe zu danken, Dr. Elliot. Ich empfehle übrigens, daß wir die Sache auf sich
beruhen lassen. Das Abkommen wird trotz der Szenen, die wir gerade gesehen haben,
Zustimmung finden.«
»Wieso?« Elliot zischte fast.
»Weil das Abkommen objektiv günstig für Israel ist. Das wird den Leuten
klarwerden, sobald sie die Information erst einmal richtig verdaut haben. Und dann
geraten die Volksvertreter unter Druck. Israel ist immerhin eine Demokratie, und
Demokratien treffen im allgemeinen vernünftige Entscheidungen. Das ist eine
historische Tatsache. Die Demokratie setzt sich auf der Welt zunehmend durch, weil
sie funktioniert. Wenn wir in Panik geraten und übereilte Entscheidungen treffen,
stören wir den Prozeß nur. Lassen wir ihm aber seinen Lauf, bekommen wir sehr
wahrscheinlich ein positives Ergebnis.«
»Wahrscheinlich?« fragte Elliot spöttisch.
»Sicher ist nichts im Leben; es gibt nur Wahrscheinlichkeiten«, erklärte Ryan und
dachte: Das sollte doch jedem klar sein. »Einmischung macht einen Mißerfolg
wahrscheinlicher als Zurückhaltung. Inaktivität ist oft die richtige Haltung: in diesem
Fall zum Beispiel. Überlassen wir die Frage der israelischen Politik. Ich bin der
Auffassung, daß es funktionieren wird.«
»Schönen Dank für die Analyse«, sagte sie und wandte sich ab.
»Es war mir wie immer ein Vergnügen.«
Elliot wartete, bis die Tür sich geschlossen hatte, und fuhr dann herum. »Du
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arrogantes Arschloch! Dich säg’ ich ab!« fauchte sie.
Ryan stieg auf dem West Executive Drive in seinen Wagen. Du bist zu weit
gegangen, sagte er sich.
Nein. Sie spielte mit gefährlichen Gedanken, und ich mußte ihr auf der Stelle den
Kopf zurechtrücken.
Er hatte dieses Symptom schon öfter gesehen. Washington bewirkte schlimme
Veränderungen in Menschen. Sie kamen voller Ideale, die sich in der schwülen,
drückenden Atmosphäre aber schnell verflüchtigten. Sie wurden zu Gefangenen des
Systems, wie die Leute sagten. Ryan dachte eher an geistigmoralische
Umweltverschmutzung. Washington verätzte die Seele.
Und was macht dich immun? fragte sich Ryan und merkte nicht, daß Clark ihn im
Rückspie gel beobachtete. Du bist dir treu geblieben, weil du deine Integrität gewahrt,
nie nachgegeben hast, kein einziges Mal... oder? Er hätte manches anders machen
können. Manches war nicht so erfolgreich verlaufen, wie er es sich gewünscht hätte.
Du bist gar nicht anders, kam die Erkenntnis. Das bildest du dir doch nur ein.
Solange ich mich diesen Fragen und den Antworten stellen kann, bin ich sicher.
»Und?«
»Nun, ich kann allerhand tun«, erwiderte Ghosn. »Aber nicht allein. Ich brauche
Hilfe.«
»Und Schutz?«
»Das ist ein wichtiger Aspekt. Ich muß ganz ernsthaft die Möglichkeiten
einschätzen und kann erst dann sagen, was ich genau brauche. Fest steht, daß ich auf
bestimmten Gebieten Hilfe brauche.«
»Zum Beispiel?«
»Sprengstoff zum Beispiel.«
»Das ist doch Ihr Fach«, wandte Kati ein.
»Kommandant, dieses Projekt erfordert eine Präzision, mit der wir noch nie zu
arbeiten gezwungen waren. Gewöhnlicher Plastiksprengstoff scheidet aus, weil er sich
zu leicht verformt. Ich brauche Sprengstoffplatten, die so hart sind wie Stein, eine
Fertigungstoleranz von einem Tausendstel Millimeter haben und deren Form
mathematisch bestimmt werden muß. Die Theorie könnte ich mir noch aneignen, aber
dazu brauchte ich Monate. Ich würde meine Zeit lieber auf die Umarbeitung des
spaltbaren Materials verwenden ... und...«
»Und was noch?«
»Ich glaube, daß ich die Bombe verbessern kann.«
»Wie denn?«
»Wenn ich das, was ich bisher gelesen habe, richtig interpretiere, ließe sich die
Bombe in einen Zünder verwandeln.«
»In einen Zünder für was?« fragte Kati.
»Eine Fusionsbombe, eine Wasserstoffbombe. Das würde die Sprengkraft um das
Zehn- oder gar Hundertfache erhöhen. Damit könnten wir Israel oder zumindest einen
sehr großen Teil davon zerstören.«
Der Kommandant machte eine Pause, um das aufzunehmen. Dann sprach er leise
weiter. »Aber Sie brauchen Unterstützung. Wo findet man die am besten?«
»Günther dürfte wertvolle Kontakte in Deutschland haben - wenn man ihm trauen
kann.«
»Ich habe das bedacht. Günther ist vertrauenswürdig.« Kati erklärte warum.
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»Ist diese Geschichte auch wahr?« fragte Ghosn. »Ich glaube ebensowenig an den
Zufall wie Sie.«
»Eine deutsche Zeitung brachte ein Bild, das sehr echt aussah.«
Ein deutsches Boulevardblatt hatte sich ein Schwarzweißfoto verschafft, das den
Tod durch Erhängen in allen grausigen Einzelheiten zeigte. Die Tatsache, daß Petras
Oberkörper nackt war, hatte die Veröffentlichung des Bildes gesichert.
»Die Zahl der Leute, die darüber Bescheid wissen, muß so klein wie möglich
bleiben, oder - Verzeihung, Kommandant.«
»Aber wir brauchen Hilfe. Das verstehe ich.« Kati lächelte. »Sie haben recht.
Besprechen wir unsere Pläne mit unserem Freund. Schlagen Sie vor, daß wir die
Bombe in Israel explodieren lassen?«
»Wo sonst? Es steht mir zwar nicht zu, solche Pläne zu machen, aber ich ging
davon aus...«
»Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Eins nach dem anderen, Ibrahim.
Wann fahren Sie nach Israel?«
»Nächste Woche oder so.«
»Warten wir ab, was aus diesem Abkommen wird.« Kati dachte nach. »Machen Sie
sich an Ihre Studien. Wir wollen nichts übereilen. Stellen Sie fest, was Sie brauchen.
Dann werden wir versuchen, es Ihnen am sichersten Ort zu besorgen.«
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, aber in der Politik kann alles, was zwischen fünf
Minuten und fünf Jahren liegt, eine Ewigkeit bedeuten. Im vorliegenden Fall
verstrichen knapp drei Tage, ehe der Durchbruch kam. Fünfzigtausend neue
Demonstranten, angeführt von Kriegsveteranen, erschienen vor der Knesset, und diese
Gruppe trat für das Abkommen ein. Wieder wurde gebrüllt und gefuchtelt, aber zu
offener Gewalt kam es zur Abwechslung einmal nicht, weil die Polizei die fanatischen
Massen auseinanderhielt.
Das Kabinett trat erneut in geschlossener Sitzung zusammen, und manche
überhörten, manche registrierten den Lärm vor den Fenstern. Der
Verteidigungsminister blieb bei der Diskussion überraschend still. Nur als er befragt
wurde, erklärte er, daß die von den Amerikanern versprochenen zusätzlichen Waffen
überaus nützlich seien: 48 Jagdbomber F-16, zum ersten Mal Schützenpanzer Bradley
M-2/3 und Panzerabwehrraketen »Hellfire«. Ferner sollten sie Zugang zur
Technologie einer revolutionären neuen Panzerkanone, die Amerika gerade
entwickelte, erhalten. Außerdem waren die Amerikaner bereit, den Großteil der
Kosten einer hochmodernen Übungsanlage im Negev zu tragen, die ähnlich aussehen
sollte wie das National Training Center in Fort Irwin, Kalifornien, wo die Zehnte
Kavallerie auf ihre Rolle als Manövergegner für israelische Einheiten ausgebildet
wurde. Der Verteidigungsminister kannte den Effekt, den das NTC auf das
amerikanische Heer gehabt hatte: Es war nun so professionell wie seit dem Zweiten
Weltkrieg nicht mehr. Er rechnete damit, daß die Kampfkraft der israelischen
Streitkräfte durch die neuen Waffen und das Übungsgelände um 50 Prozent erhöht
wurde. Hinzu rechnete er das Geschwader F-16 der US-Luftwaffe und das
Panzerregiment, die beide, wie in einem geheimen Zusatzprotokoll des
Verteidigungsabkommens festgehalten, Israel im Notfall zur Hilfe eilen würden.
Israel bestimmte, wann der Verteidigungsfall eintrat. Dieses Zugeständnis war, wie
der Außenminister betonte, in der amerikanischen Geschichte einmalig.
»Ist das Abkommen also unserer nationalen Sicherheit förderlich oder abträglich?«
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fragte der Premierminister.
»Es ist in Grenzen günstig«, räumte der Verteidigungsminister ein.
»Sie sind also einverstanden?«
Der Verteidigungsminister wägte für einen Augenblick ab, schaute dem Mann am
Kopfende des Tisches fest in die Augen und stellte die stumme Frage: Habe ich deine
Unterstützung, wenn ich Premier werden will?
Der Premierminister nickte.
»Ich werde zu den Demonstranten sprechen. Wir können mit diesem Abkommen
leben.«
Die Rede besänftigte zwar nicht alle, überzeugte aber ein Drittel der Vertragsgegner
so weit, daß sie abzogen. Die schwache Mitte im israelischen Parlament verfolgte die
Ereignisse, konsultierte ihr Gewissen und traf ihren Entschluß. Das Abkommen wurde
mit knapper Mehrheit ratifiziert. Noch ehe das Vertragswerk den Auswärtigen und
den Verteidigungsausschuß des amerikanischen Senats passiert hatte, begann seine
Realisierung.
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Robotersoldaten
Es war nicht die Absicht gewesen, sie menschlich wirken zu lassen. Die Männer der
Schweizergarde waren allesamt über einsfünfundachtzig groß, und keiner wog
weniger als achtzig Kilo. Das Lager der Garde am Stadtrand in einem Komplex, der
noch vor zwei Wochen eine jüdische Siedlung gewesen war, verfügte über ein
hochmodernes Fitneß-Center, und die Soldaten wurden zum Krafttraining
»ermuntert«, bis sich die Haut über ihren Muskeln spannte wie das Fell einer
Trommel. Ihre Unterarme waren dicker als die Waden vieler Männer und schon
gebräunt. Ihre blauen Augen versteckten die Offiziere hinter dunklen Sonnenbrillen,
während die Mannschaften mit getöntem Plexiglas vorliebnahmen.
Die Schweizer trugen Kampfanzüge in einem Tarnmuster aus Schwarz, Weiß und
verschiedenen Grautönen, die für den Straßenkampf gedacht waren und sie besonders
nachts auf gespenstische Weise mit den Natursteinen und dem weißen Stuck in
Jerusalem verschmelzen ließen. Auch ihre Stiefel und Helme aus Kevlar waren so
camoufliert, und die kugelsicheren Westen amerikanischer Herkunft, die sie über den
Uniformen trugen und damit noch massiger aussahen, waren ebenso gemustert. Jeder
Soldat trug vier Splitterhandgranaten, zwei Nebelhandgranaten, Feldflasche,
Verbandspäckchen und zwei Beutel Munition - Gesamtgewicht rund zwölf Kilo.
Sie patrouillierten in fünfköpfigen Trupps durch die Stadt, jeweils ein Unteroffizier
und vier Gefreite; jede Schicht bestand aus zwölf solcher Teams. Jeder Mann trug ein
Sturmgewehr SIG. Zwei davon waren für das Verschießen von Panzergranaten
ausgerüstet. Der Unteroffizier trug darüber hinaus eine Pistole, und zwei Mitglieder
jedes Trupps hatten Funkgeräte. Die Gruppen waren in stetigem Funkkontakt und
übten regelmäßig die gegenseitige Unterstützung.
Die eine Hälfte der Mannschaft einer Schicht ging zu Fuß, die andere fuhr langsam
und bedrohlich wirkend in amerikanischen HMMWV Streife. Dabei handelte es sich
um einen überdimensionierten Jeep, der im Golfkrieg bekannt geworden war. Die
Geländefahrzeuge waren teils mit MG, teils mit sechsläufigen Schnellfeuerkanonen
ausgerüstet und mit Kevlar gepanzert. Auf den herrischen Ton ihrer Hupe hin machte
alles Platz.
Auf ihrem Stützpunkt standen mehrere gepanzerte Fahrzeuge britischer Bauart, die
die engen Straßen der uralten Stadt nur mit Mühe passieren konnten. Rund um die
Uhr war auch dort ein von einem Hauptmann befehligter Zug in Bereitschaft, quasi
das Überfallkommando. Zu seiner Ausrüstung gehörten Panzerfäuste wie die
schwedische M-2, das richtige Gerät, um Löcher in jedes Haus zu schießen. Diese
Einheit wurde von Pionieren reichlich mit Sprengstoffvorräten unterstützt; die
»Pioniere« übten demonstrativ und sprengten von Israel aufgegebene Siedlungen in
die Luft. Das ganze Regiment praktizierte hier seine destruktiven Fertigkeiten und
ließ Neugierige aus sicherem Abstand zusehen; das Ganze entwickelte sich rasch zu
einer echten Touristenattraktion. Araber bedruckten T-Shirts mit der Aufschrift
ROBO SOLDIER!, die reißenden Absatz fanden.
Die Männer der Schweizergarde lächelten nicht und beantworteten auch keine
Fragen; das fiel ihnen nicht schwer. Journalisten wurden gebeten, sich an Oberst
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Jacques Schwindler zu wenden, den Kommandeur, und durften gelegentlich in der
Kaserne oder bei Übungen mit niederen Dienstgraden sprechen, aber nie auf der
Straße. Manche Kontakte mit Einheimischen waren natürlich unvermeidlich. Die
Soldaten lernten die Grundzüge des Arabischen, und für die nichtarabischen
Einwohner genügte Englisch. Sie ahndeten gelegentlich Verstöße gegen die
Verkehrsregeln, obwohl dies eigentlich die Aufgabe der Zivilpolizei war, die gerade
mit Unterstützung der Israelis, die sich aus dieser Funktion zurückzogen, gebildet
wurde. Nur ganz selten mußte ein Schweizer bei einer Schlägerei oder einem anderen
Zwischenfall eingreifen. Meist reichte schon die reine Präsenz eines Fünfertrupps aus,
um die Leute zu respektvollem Schweigen und anständigem Auftreten zu bringen.
Der Auftrag der Schweizergarde war Einschüchterung, und die Bevölkerung erkannte
schon nach wenigen Tagen, wie effektvoll sie ihn ausführte. Gleichzeitig aber bestand
ihre Mission nicht nur aus ihrer physischen Anwesenheit.
Auf der rechten Schulter trugen die Männer einen Aufnäher in Form eines Schilds.
Die Schweizer Flagge in seiner Mitte wies auf die Herkunft der Soldaten hin. Umringt
war sie von der Mondsichel und dem Stern des Islam, dem Davidsstern und dem
Kreuz. Es existierten drei Versionen dieses Aufnähers, so daß jedes religiöse Symbol
einmal zuoberst erschien, und sie wurden nach dem Zufallsprinzip ausgegeben. Die
Schweizer Flagge blieb in der Mitte zum Zeichen, daß sie alle drei Konfessionen
gleichermaßen schützte.
Die Soldaten traten den religiösen Führern mit Respekt entgegen. Oberst
Schwindler traf täglich mit der Troika zusammen, die die Stadt regierte. Allgemein
glaubte man, daß sie allein die Politik bestimmte, aber Schwindler war ein kluger,
aufmerksamer Mann, dessen Anregungen der Imam, der Rabbi und der Patriarch von
Anfang an großes Gewicht beigemessen hatten. Schwindler hatte auch die
Hauptstädte aller Länder des Nahen Ostens besucht. Die Schweizer hatten in ihm, der
als der beste Offizier ihrer Armee galt, eine gute Wahl getroffen; er stand in dem Ruf,
ein ehrlicher und kompromißlos fairer Mann zu sein. In seinem Dienstzimmer hing
ein Säbel mit Goldgriff, ein Geschenk des Königs von Saudi-Arabien, und auf dem
Stützpunkt der Garde stand ein prächtiger Vollbluthengst. Leider konnte Schwindler
nicht reiten.
Die Troika verwaltete also die Stadt und tat das tüchtiger, als man zu hoffen gewagt
hatte. Ihre Mitglieder, nach Kriterien der Gelehrsamkeit und Frömmigkeit ausgesucht,
respektierten einander rasch. Man war übereingekommen, daß jeweils wöchentlich ein
Mitglied einen öffentlichen Gottesdienst hielt, dem die beiden anderen beiwohnten,
um den Respekt zu erweisen, der ihrem gemeinsamen Unterfangen zugrunde lag.
Dieser Vorschlag, der von dem Imam stammte, hatte sich überraschenderweise als die
effektivste Methode zur Beilegung ihrer internen Meinungsverschiedenheiten
erwiesen und diente auch den Stadtbewohnern als Beispiel. Konflikte brachen durch
diese Konstruktion immer nur zwischen zwei Mitgliedern aus, und in solchen Fällen
schlichtete der unbeteiligte Dritte. Eine friedliche und vernünftige Lösung war in aller
Interesse. »Gott der Herr« - gegen diese Bezeichnung hatte keiner der drei Vorbehalte
- verlangte guten Willen von ihnen, und nach anfänglichen Schwierigkeiten herrschte
er auch. Nach der Beilegung eines Disputs über den Zugang zu einem Heiligtum
merkte der griechische Patriarch beim Kaffee an, dies sei das erste Wunder, das er
erlebt habe. Nein, versetzte der Rabbi, es sei doch kein Wunder, wenn Gottesmänner
nach ihren Glaubensgesetzen handelten. Nach allen gleichzeitig? hatte der Imam
lächelnd gefragt und hinzugefügt, man habe für dieses kleine Wunder immerhin ein
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Millennium gebraucht. Fangen wir bloß keinen neuen Streit über die Beilegung eines
alten an, hatte der Grieche mit einem dröhnenden Lachen gewarnt - sagt mir lieber,
wie ich mit meinen Glaubensbrüdern fertigwerde!
Wenn auf der Straße ein Geistlicher dem Vertreter einer anderen Religion
begegnete, begrüßte man sich, um allen ein Beispiel zu geben. Die Männer der
Schweizergarde grüßten alle Gottesmänner und nahmen vor den höchsten ihre Brillen
oder Helme ab.
Das war die einzige Geste, die ihnen erlaubt war. In der Stadt ging die Rede, daß sie
noch nicht einmal schwitzten.
»Gespenstische Typen«, bemerkte Ryan, der in Hemdsärmeln an einer Straßenecke
stand. Amerikanische Touristen knipsten: Juden guckten noch ein wenig verärgert.
Araber lächelten. Christen, die durch die zunehmende Gewalt zum größten Teil aus
Jerusalem vertrieben worden waren, kehrten nach und nach zurück. Alles machte
hastig Platz, als die fünf Männer flott die Straße entlangmarschierten und die
behelmten Köpfe hin und herdrehten. »Sie sehen wirklich wie Roboter aus.«
»Es hat seit der ersten Woche nicht einen einzigen Angriff auf sie gegeben«, sagte
Avi.
»Mit denen würde ich mich auch nicht gern einlassen«, bemerkte Clark leise.
In der ersten Woche hatte ein arabischer Jugendlicher bei einem Straßenraub eine
ältere Jüdin erstochen, ohne politische Motive. Er hatte den Fehler begangen, dies in
Sichtweite eines Schweizers zu tun, der ihn eingeholt und wie im Film mit
Karateschlägen außer Gefecht gesetzt hatte. Der Araber war vor die Troika gebracht
worden, wo man ihn vor die Wahl stellte, entweder vor ein israelisches oder vor ein
islamisches Gericht zu kommen. Er entschied sich für einen Prozeß unter der Scharia,
sein zweiter Fehler. Nachdem seine Verletzungen in einem israelischen Krankenhaus
ausgeheilt waren, kam er vor ein Gericht unter Imam Ahmed bin Yussif und wurde
nach islamischem Recht verurteilt. Später brachte man ihn nach Saudi-Arabie n, wo er
in aller Öffentlichkeit geköpft wurde. Ryan fragte sich, wie Prävention auf hebräisch,
griechisch und arabisch hieß. Die Israelis waren von der Geschwindigkeit und Strenge
des Urteils verblüfft, während die Moslems nur mit den Schultern zuckten und
meinten, der Koran sei eben auch ein strenges Strafgesetzbuch, das sich über die Jahre
als sehr wirksam erwiesen habe.
»Sie sind über diese Regelung immer noch nicht ganz froh, nicht wahr?«
Avi runzelte die Stirn. Ryan zwang ihn nun, entweder seine persönliche Meinung
zu sagen - oder die Wahrheit. »Man fühlt sich sicherer, seit die Schweizer hier sind...
und was ich jetzt sage, bleibt unter uns, Ryan.« Die Wahrheit hatte die Oberhand
gewonnen.
»Aber sicher.«
»Es mag zwar noch ein paar Wochen dauern, aber mein Volk wird die Vorteile
erkennen. Bei den Arabern sind die Schweizer beliebt, und Friede herrscht auf den
Straßen nur, wenn die Araber zufrieden sind. So, würden Sie mir nun bitte etwas
verraten?« Daraufhin machte Clark eine leichte Kopfbewegung.
»Mal sehen«, meinte Ryan und schaute die Straße entlang.
»Was hatten Sie mit der Sache zu tun?«
»Gar nichts«, erwiderte Jack so kalt und mechanisch, wie die Gangart der Soldaten
war. »Das Ganze war Charlie Aldens Idee. Ich fungierte nur als Bote.«
»Das macht Elizabeth Elliot aller Welt weis.« Mehr brauchte Avi nicht zu sagen.
»Sie hätten mir die Frage nicht gestellt, wenn Sie die Antwort nicht wüßten.
196
Warum fischen Sie also?«
»Sehr elegant.« General Ben Jakob setzte sich, winkte dem Kellner und bestellte
zwei Bier, ehe er weitersprach. Clark und der zweite Leibwächter tranken nicht. »Ihr
Präsident hat uns mit seiner Drohung, die Waffenlieferungen zu stoppen, zu sehr unter
Druck gesetzt.«
»Gewiß, er hätte etwas behutsamer vorgehen können, aber ich bestimme die Politik
nicht, Avi. Den Prozeß hat Israel selbst ausgelöst, als die Demonstranten erschossen
wurden. Das weckte bei uns Erinnerungen an Episoden aus unserer eigenen
Geschichte, an die wir lieber nicht denken, und neutralisierte Ihre Lobby im Kongreß.
Vergessen Sie nicht, daß viele dieser Leute auf der Seite der Bürgerrechtsbewegung
standen. Sie haben uns in Zugzwang gebracht, Avi. Außerdem...« Ryan hielt abrupt
inne.
»Außerdem?«
»Kann die Sache Erfolg haben, Avi. Sehen Sie sich doch nur um!« sagte Jack, als
das Bier kam. Er war so durstig, daß er sein Glas mit dem ersten Schluck zu einem
Drittel leerte.
»Es bestehen geringe Chancen«, räumte Ben Jakob ein.
»Ihre Informationen über Syrien sind besser als unsere«, betonte Ryan. »Wie ich
höre, äußert man sich dort inzwischen positiv über das Abkommen, wenn auch ganz
diskret. Habe ich recht?«
»Wenn’s wahr ist«, grunzte Avi.
»Wissen Sie, was solche positiven Informationen so problematisch macht?«
Ben Jakob starrte nachdenklich eine Wand an. »Daß man sie nicht glauben will?«
Jack nickte. »Und da sind wir Ihnen gegenüber im Vorteil. Wir haben das hinter
uns.«
»Wohl wahr, aber die Sowjets proklamierten nicht zwei Generationen lang die
Absicht, Sie vom Erdboden zu tilgen. Richten Sie Ihrem Präsidenten Fowler aus, daß
solche Bedenken nicht so leicht zu zerstreuen sind.«
Jack seufzte. »Das habe ich längst getan, Avi. Ich bin nicht Ihr Feind.«
»Aber auch nicht mein Verbündeter.«
»Wieso nicht? Das Abkommen ist in Kraft, wir sind Alliierte. Es ist meine
Aufgabe, General, meiner Regierung Informationen und Analysen zu liefern. Die
Politik wird von Leuten gemacht, die über mir stehen und klüger sind«, fügte Ryan
trocken hinzu.
»Wirklich? Und wer sind die?« General Ben Jakob lächelte den jüngeren Mann an
und senkte seine Baß-Stimme. »Sie sind nun seit knapp zehn Jahren beim
Nachrichtendienst, Jack. Die U-Boot-Affäre, die Geschichte in Moskau, Ihre Rolle bei
der letzten Wahl...«
Ryan bemühte sich vergeblich, Beherrschung zu zeigen. »Herr Jesus, Avi!« rief er
und fragte sich: Woher weiß er das?
»Ein Verstoß gegen das erste Gebot, Dr. Ryan«, spottete der stellvertretende Chef
des Mossad. »Wir sind hier in der Stadt Gottes. Passen Sie auf, sonst werden Sie von
den Schweizern erschossen. Sie können der reizenden Miß Elliot ausrichten, daß wir
bei den Medien immer noch Freunde haben. Wenn sie zu viel Druck macht, könnte
eine solche Story...«
»Avi, wenn Ihre Leute Liz darüber informieren, wird sie nicht wissen, worüber sie
reden.«
»Mumpitz!« schnaubte General Ben Jakob.
197
»Sie haben mein Wort.«
Nun war der General überrascht. »Das kann ich kaum glauben.«
Jack leerte sein Glas. »Avi, mehr kann ich nicht sagen. Haben Sie jemals an die
Möglichkeit gedacht, daß Ihre Informationen aus einer nicht ganz zuverlässigen
Quelle stammen könnten? Eines kann ich Ihnen sagen: Von dem, was Sie eben
angedeutet haben, weiß ich persönlich nichts. Wenn es einen Kuhhandel gegeben
haben sollte, wurde ich herausgehalten. Schön, ich habe Grund zu der Annahme, daß
sich etwas getan hat, und könnte sogar Spekulationen anstellen, aber wenn ich jemals
vor den Richter kommen sollte und Fragen beantworten muß, kann ich nur sagen, daß
ich von nichts weiß. Und Sie, mein Freund, können eine Person nicht mit
Informationen erpressen, die sie nicht kennt. Es bedürfte einiger Überredungskunst,
sie davon zu überzeugen, daß sich überhaupt etwas Entsprechendes getan hat.«
»Moores und Ritters Plan war genial, nicht wahr?«
Ryan stellte sein leeres Glas auf den Tisch. »So etwas gibt es nur im Film, General,
aber nicht im wirklichen Leben. Mag sein, daß Ihre Information etwas dünn ist. Das
sind spektakuläre Meldungen oft. Die Realität hinkt der Kunst hinterher.« Geschickt
pariert, dachte Ryan und grinste. Ein Punkt für ihn.
»Dr. Ryan, 1972 veranstaltete die japanische Rote Armee im Auftrag des
Schwarzen September der PLO auf dem Flughafen Ben Gurion ein Massaker, dem
vorwiegend Pilger aus Puerto Rico zum Opfer Fielen. Der einzige Terrorist, den
unsere Sicherheitskräfte lebend fassen konnten, erklärte beim Verhör, daß seine toten
Genossen und ihre Opfer sich in Sterne am Himmel verwandeln würden. Im
Gefängnis trat er zum Judaismus über und biß sich sogar die Vorhaut ab, was
allerhand über seine physische und psychische Beweglichkeit aussagt«, erklärte
General Ben Jakob gelassen. »Erzählen Sie mir also nicht, eine Sache sei zu verrückt,
um wahr zu sein. Ich bin nun seit über zwanzig Jahren beim Geheimdienst, und sicher
ist für mich nur eins: Ich habe längst noch nicht alles gesehen.«
»Avi, so paranoid bin selbst ich nicht.«
»Ihr Volk mußte keinen Holocaust erleben, Dr. Ryan.«
»Ich bin irischer Abstammung. Zählen Cromwells grausame Strafexpedition und
die große Hungersnot von 1846 etwa nicht? Steigen Sie von Ihrem hohen Roß,
General. Wir stationieren US-Truppen in Israel. Wenn es zum Krieg kommt, fließt
amerikanisches Blut im Negev, auf dem Golan oder sonstwo.«
»Gesetzt den Fall...«
»Avi, wenn dieser Fall eintritt, fliege ich höchstpersönlich hierher. Ich war früher
bei den Marines. Sie wissen, daß ich schon unter Feuer war. Solange ich lebe, wird es
keinen zweiten Holocaust geben. Das läßt mein Volk, meine Regierung nicht zu.
wenn nötig, werden Amerikaner für dieses Land sterben.«
»Das haben Sie zu Südvietnam auch gesagt.« Als Ben Jakob sah, daß Clarks Augen
bei dieser Bemerkung blitzten, fragte er ihn: »Haben Sie etwas zu sagen?«
»General, ich bin kein großes Tier, sondern nur ein glorifiziertes Frontschwein.
Aber ich habe lange Gefechtserfahrung und muß Ihnen sagen, Sir, daß ich Angst
bekomme, wenn ich sehe, wie Ihr Land unsere Fehler wiederholt. Wir haben aus der
Vietnam-Erfahrung gelernt. Und was Dr. Ryan sagt, stimmt: Er käme wirklich, wenn
Not am Mann ist. Und auf mich könnten Sie auch rechnen«, sagte Clark leise und
beherrscht.
»Auch ein Marine?« fragte Avi leichthin, obwohl er wußte, daß Clark ein SEAL
gewesen war.
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»So etwas Ähnliches«, erwiderte Clark. »Und ich bin auch nicht aus der Übung
gekommen«, fügte er lächelnd hinzu.
»Und Ihr Kollege?« Avi wies auf Chavez, der lässig an der Ecke stand und die
Straße im Auge behielt.
»Der Mann ist so gut wie ich, als ich so alt war wie er. Und die Jungs von der
Zehnten Kavallerie sind ebenfalls erstklassig. Aber dieses Kriegsgerede ist Quatsch,
das wissen Sie doch beide. Wenn Sie an Sicherheit interessiert sind, regeln Sie erst
einmal Ihre internen Probleme. Der Frieden folgt dann wie der Regenbogen aufs
Gewitter.«
»Aus Fehlern lernen ...«
»Als wir aus Vietnam abzogen, blieb eine sechstausend Meilen breite Pufferzone.
Von hier aus ist es nur ein Katzensprung zum Mittelmeer. Lernen Sie also aus
unseren Fehlern. Zum Glück haben Sie bessere Chancen für echten Frieden als wir
damals.«
»Aber den Frieden auferlegt zu bekommen ...«
»Sir, wenn es klappt, werden Sie uns dankbar sein. Wenn nicht, stehen wir Ihnen
massiv zur Seite, falls es knallt.« Clark bemerkte, daß Chavez sich unauffällig von
seinem Posten auf der anderen Straßenseite entfernt hatte und nun ziellos
dahinschlenderte wie ein Tourist...
»Sie eingeschlossen?«
»Jawohl«, erwiderte Clark, der nun hellwach war und die Passanten musterte. Was
hatte Chavez entdeckt? Was hatte er selbst übersehen?
Wer sind diese Leute? fragte sich Ghosn. Den Brigadegeneral Abraham Ben Jakob,
stellvertretender Direktor des Mossad, erkannte er nach einer Sekunde; er hatte den
Mann auf einem Bild gesehen. Er sprach mit einem Amerikaner. Wer ist das wohl?
Ghosn wandte langsam und unauffällig den Kopf. Der Amerikaner mußte mehrere
Leibwächter haben, darunter den Mann in seiner Nähe. Finsterer Typ, recht alt schon
... vielleicht Ende Vierzig. Er wirkte hart und sehr wachsam. Man kann seine Miene
kontrollieren, aber nicht die Augen. Ah, nun setzte er die Sonnenbrille wieder auf. Er
konnte nicht der einzige sein. Es mußten mehrere in der Gegend herumschleichen,
israelisches Sicherheitspersonal dazu. Ghosn wußte, daß er die Gruppe etwas zu lange
angestarrt hatte, aber...
»Hoppla!« Ein Mann, etwas kleiner und schlanker als er, war mit ihm
zusammengestoßen. Dunkle Haut, vielleicht sogar ein Araber, aber er hatte englisch
gesprochen. Der Kontakt war schon wieder vorbei, ehe Ghosn merkte, daß er rasch
und geschickt abgetastet worden war. »Sorry.« Der Mann entfernte sich. Ghosn wußte
nicht, ob er es mit einem normalen Passanten oder einem israelischen Leibwächter zu
tun gehabt hatte. Wie auch immer, er war ja unbewaffnet und trug noch nicht einmal
ein Taschenmesser bei sich, sondern nur eine Einkaufstasche mit Büchern.
Clark sah Ding mit einer ganz normalen Geste - er schien ein Insekt von seinem Hals
zu verjagen - Entwarnung geben. Warum dann der Blickkontakt der Zielperson jeder, der sich für seinen Schutzbefohlenen interessierte, war ein Ziel -, warum war
der Fremde stehengeblieben und hatte sie angeschaut? Clark drehte sich um. Zwei
Tische weiter saß ein hübsches Mädchen. Keine Einheimische; der Sprache nach
Holländerin. Sehr attraktiv und ein Magnet für Männerblicke. Vielleicht hatte die
Aufmerksamkeit des Fremden ihr gegolten. Beim Personenschutz war die Grenze
zwischen Aufmerksamkeit und Verfolgungswahn immer fließend, selbst wenn man
199
das taktische Umfeld kannte, und Clark war Jerusalem fremd. Andererseits hatten sie
ihren Weg und das Restaurant aufs Geratewohl gewählt. Kaum jemand konnte also in
Erfahrung gebracht haben, daß Ryan und Ben Jakob sich hier umsahen, und keine
Organisation hatte genug Personal, um eine ganze Stadt abzudecken, von den
russischen Sicherheitskräften in Moskau vielleicht abgesehen. Trotzdem: warum der
Blickkontakt?
Nun denn. Clark prägte sich das Gesicht ein und speicherte es zu Hunderten
anderen in seiner internen Datenbank ab.
Ghosn setzte seine Streife fort. Er hatte alle erforderlichen Bücher besorgt und
observierte nun die Schweizer Soldaten, wie sie sich bewegten, wie zäh sie aussahen.
Avi Ben Jakob, dachte er, eine verpaßte Gelegenheit. Solche Ziele boten sich nicht
jeden Tag. Er schritt weiter übers Kopfsteinpflaster und schaute scheinbar ziel- und
ausdruckslos in die Runde. Er nahm sich vor, in die nächste Seitenstraße einzubiegen,
seine Schritte zu beschleunigen und vor den Schweizern die nächste Kreuzung zu
erreichen. Was er in ihnen sah, mußte er bewundern; gleichzeitig bereute er, dem
Anblick ausgesetzt gewesen zu sein.
»Prima gemacht«, sagte Ben Jakob zu Clark. »Ihr Untergebener ist gut ausgebildet.«
»Er macht sich ordentlich.« Clark beobachtete, wie Ding im Bogen auf seinen
Posten auf der gegenüberliegenden Straßenseite zurückkehrte. »Haben Sie den Mann
erkannt?«
»Nein. Wahrscheinlich haben meine Leute ein Bild von ihm. Wir werden es
überprüfen, aber vermutlich handelte es sich um einen jungen Mann mit normalem
Hormonspiegel.«
Ben Jakob machte eine Kopfbewegung in die Richtung der Holländerin.
Clark war überrascht, daß die israelischen Leibwächter nicht eingegriffen hatten.
Eine Einkaufstasche konnte alles mögliche enthalten, in dieser Umgebung wohl eher
Negatives. Er haßte diese Arbeit. Auf sich selbst aufzupassen war eine Sache - er
blieb grundsätzlich mobil, wählte seinen Kurs willkürlich, änderte die Gangart, hielt
immer die Augen nach Fluchtrouten oder potentiellen Hinterhalten offen. Ryan aber,
der zwar ähnliche Instinkte hatte und taktisch recht flink war, verließ sich nach Clarks
Geschmack viel zu sehr auf seine Leibwächter.
»Und sonst, Avi?« fragte Ryan.
»Die ersten Einheiten Ihrer Kavallerie richten sich gerade ein. Unseren
Panzersoldaten ist Ihr Colonel Diggs sympathisch. Nur das Regimentswappen finde
ich etwas sonderbar. Ein Bison ist doch im Grunde nur eine wilde Kuh.« Avi lachte in
sich hinein.
»Ein Büffel ist wie ein Panzer, Avi. Es ist unklug, sich vor ihn zu stellen.« Ryan
hätte gern gewußt, was passierte, wenn die Zehnte Kavallerie zum ersten
Mal als Manövergegner gegen die Israelis antrat. Bei der US-Army war man
weithin der Ansicht, daß die Israelis überbewertet waren, und Diggs galt als
aggressiver Taktiker.
»Ich kann wohl dem Präsidenten melden, daß die Lage hier sehr vielversprechend
aussieht.«
»Zu Schwierigkeiten wird es trotzdem kommen.«
»Gewiß, Avi. Das Millennium kommt erst in ein paar Jahren«, bemerkte lack.
»Hatten Sie denn wirklich erwartet, daß alles reibungslos klappt?«
200
»Nein«, gab Ben Jakob zu und holte Geld für die Rechnung aus der Tasche. Dann
erhoben sich beide. Clark ging über die Straße zu Chavez.
»Nun, was war das?«
»Nur dieser eine Typ. Große Einkaufstasche, aber es waren offenbar nur Bücher
drin, Lehrbücher übrigens. In einem steckte noch die Quittung. Ausgerechnet über
Nuklearphysik! Jedenfalls ein Titel, den ich lesen konnte. Ein Riesenwälzer. Na,
vielleicht studiert der Typ. Und die Kleine da drüben ist Klasse.«
»Wir sind im Dienst, Mr. Chavez«, mahnte Clark.
»Kein Problem, die ist nicht mein Typ.«
»Was halten Sie von den Schweizern?«
»Echt brutal. Mit denen lege ich mich nur an, wenn ich den Zeitpunkt und das
Gelände wählen darf.« Chavez machte eine Pause. »Haben Sie gemerkt,wie der Typ
die Schweizer anstarrte?«
»Nein.«
»Es sah so aus... als wüßte er genau...« Domingo Chavez hielt inne. »Klar, die
Leute hier kriegen viele Soldaten zu sehen, aber der Typ hat sie ganz fachmännisch
gemustert. Deswegen fiel er mir zuerst auf, noch ehe er Sie und den Doc anstarrte. Er
hatte einen intelligenten Blick, wenn Sie wissen, was ich meine.«
»Was fiel Ihnen sonst noch auf?«
»Straffer Gang, schien einigermaßen fit zu sein. Weiche Hände, offenbar kein
Soldat. Dem Alter nach vielleicht noch Student.« Chavez machte wieder eine Pause.
Jesucristo! Die Paranoia in diesem bescheuerten Job! »Er war unbewaffnet und seinen
Händen nach kein Karatekämpfer. Er ging nur die Straßen entlang, beguckte sich die
Schweizer, glotzte zum Chef und seinem Freund hinüber und marschierte dann weiter.
Ende.« Manchmal bereute Chavez seinen Entschluß, die Army verlassen zu haben.
Dort hätte er inzwischen sein Diplom in der Tasche und wäre Offizier. Statt dessen
büffelte er in einem Abendkurs und spielte tagsüber Ryans Kettenhund. Zum Glück
war der Doc ein angenehmer Mann, und die Zusammenarbeit mit Clark war...
interessant. Aber wer für den Dienst arbeitete, führte ein seltsames Leben.
»Auf geht’s«, sagte Clark.
»Ich gehe voraus.« Ding tastete nach der Automatic unter seinem weiten Hemd.
Die israelischen Leibwächter hatten sich schon in Bewegung gesetzt.
Ghosn erwischte sie wie geplant, und zwar mit der unfreiwilligen Unterstützung der
Schweizer. Ein älterer islamischer Geistlicher hatte den Unteroffizier der Streife
angehalten, aber es gab Probleme mit der Verständigung; der Imam konnte kein
Englisch, und mit dem Arabisch des Schweizers war es noch nicht weit her. Diese
Gelegenheit ließ sich Ghosn nicht entgehen.
»Verzeihung«, sagte er zu dem Imam, »kann ich Ihnen behilflich sein?« Er nahm
einen Wortschwall in seiner Muttersprache auf und wandte sich an den Soldaten.
»Der Imam ist aus Saudi-Arabien und war seit seiner Jugend nicht mehr in
Jerusalem. Er möchte den Weg zum Gebäude der Troika wissen.«
Sowie der Feldwebel erkannte, daß er einen Geistlichen von hohem Rang vor sich
hatte, setzte er den Helm ab und neigte respektvoll den Kopf. »Sagen Sie ihm bitte, es
ist uns eine Ehre, ihn zu begleiten.«
»Ah, da sind Sie!« rief eine andere Stimme in einem hart klingenden, aber
eleganten Arabisch. Der Mann, offenbar ein Israeli, begrüßte den Feldwebel auf
englisch.
201
»Guten Tag, Rabbi Ravenstein. Kennen Sie diesen Mann?« fragte der Soldat.
»Das ist der Imam Mohammed Al Faisal, ein angesehener Historiker aus Medina.«
»Geht es wirklich so reibungslos, wie ich hörte?« fragte Al Faisal den Rabbi.
»Ja, es funktioniert bestens«, erwiderte Ravenstein.
»Wie bitte?« fragte Ghosn dazwischen.
»Wer sind Sie?« wollte Ravenstein wissen.
»Ich bin Student und wollte nur dolmetschen.«
»Aha«, meinte Ravenstein. »Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen. Der Imam
möchte sic h ein Manuskript ansehen, das wir bei einer Ausgrabung gefunden haben.
Es handelt sich um den Kommentar eines islamischen Gelehrten zu einer Tora aus
dem zehnten Jahrhundert. Ein sensationeller Fund. Ich kümmere mich jetzt um
unseren Gast«, sagte er zu dem Feldwebel und fügte an Ghosn gewandt hinzu: »Ich
danke Ihnen, junger Mann.«
»Brauchen Sie eine Eskorte?« fragte der Soldat. »Wir gehen in diese Richtung.«
»Danke, aber wir sind zu alt, um mit Ihnen Schritt halten zu können.«
Der Feldwebel salutierte, verabschiedete sich und führte seine Männer weiter. Die
wenigen Passanten, die die Begegnung miterlebt hatten, lächelten.
»Der Kommentar ist von Al Kalda und scheint sich auf die Werke des Nuchem von
Akko zu beziehen«, erklärte Ravenstein. »Das Dokument ist unglaublich gut
erhalten.«
»Dann muß ich es unbedingt sehen!« Die beiden Gelehrten gingen weiter, so
schnell ihre alten Beine sie trugen, und hatten ihre Umgebung ganz vergessen.
Ghosns Miene blieb unverändert. Vor den Soldaten aus der Schweiz, die schon fast
die nächste Querstraße erreicht hatten und einen Rattenschwanz kleiner Kinder hinter
sich herzogen, hatte er sich bewußt liebenswürdig verhalten. Nun war er diszipliniert
genug, um eine Ecke zu biegen und in einer engen Gasse zu verschwinden. Aber was
er gesehen hatte, fand er katastrophal.
Mohammed Al Faisal, einer der fünf bedeutendsten islamischen Gelehrten, war ein
hochgeachteter Historiker und Mitglied des Hauses Saud, eine Tatsache, die er
bescheiden herunterspielte. Wäre er nicht fast achtzig gewesen, hätte man ihn
wahrscheinlich in die regierende Troika berufen. Aber man hatte ihn auch
übergangen, weil ein Gelehrter palästinensischer Abstammung politisch opportuner
gewesen war. Sollte nun auch dieser Mann, der gewiß kein Freund Israels und der
konservativen Vertreter der saudischen Geistlichkeit war, von dem Abkommen
angetan sein?
Schlimmer noch war der Respekt, den die Schweizer ihm erwiesen hatten. Das
allerschlimmste aber war, wie höflich der Rabbi zu ihm gewesen war. Die Leute auf
der Straße, fast alle Palästinenser, hatten die Szene amüsiert mit angesehen und...
toleriert? Fand die neue Regelung ihre Anerkennung, als sei sie die natürlichste Sache
der Welt? Die Israelis hatten immer schon vorgegeben, ihre arabischen Nachbarn zu
respektieren, aber das war ein reines Lippenbekenntnis gewesen, ein leeres
Versprechen.
Ravenstein hatte natürlich eine Ausnahme dargestellt. Als Gelehrter, der in seiner
eigenen Welt der toten Dinge und Ideen lebte, hatte er oft zur Mäßigung im Umgang
mit den Arabern geraten und bei seinen Ausgrabungen Moslems konsultiert... und
nun...
Nun war er eine Art psychologisches Bindeglied zwischen der jüdischen und der
arabischen Welt. Menschen wie er machten also weiter wie bisher, stellten aber keine
202
Ausnahme mehr dar.
Der Friede war möglich. Er konnte kommen. Er war kein verrückter Traum mehr,
den Außenstehende der Region aufzwingen wollten. Erstaunlich, wie rasch sich das
Volk der Umstellung anpaßte. Israelis verließen ihre Siedlungen. Die Schweizer
hatten schon eine besetzt und mehrere andere abgebrochen. Die saudische
Kommission hatte begonnen, Grundstücke an ihre rechtmäßigen Eigentümer
zurückzugeben. Am Stadtrand sollte eine von Saudi-Arabien finanzierte große
arabische Universität entstehen. Wie schnell alles ging! Der israelische Widerstand
war schwächer als erwartet. In einer Woche, hatte er gehört, sollte der Touristenstrom
einsetzen - die Hotelbuchungen gingen so rasch ein, wie es die Kapazitäten der
Satellitenverbindungen zuließen. Zwei riesige Herbergen waren bereits in der
Planung, und die Einnahmen allein aus dem Tourismus würden gewaltige Gewinne
für die palästinensische Wirtschaft bedeuten. Die Palästinenser hatten ihren totalen
politischen Sieg über Israel erklärt und kollektiv beschlossen, im Triumph großmütig
zu bleiben - das war für sie, die in der arabischen Welt den besten Geschäftssinn
hatten, finanziell am günstigsten.
Aber Israel bestand weiter.
Ghosn blieb vor einem Straßencafe stehen, setzte seine Tasche ab und bestellte
einen Saft. Während er wartete, betrachtete er die Passanten in der engen Gasse. Er
sah Juden und Moslems. Bald würden Touristen die Stadt überfluten; die erste Welle
hatte die Flughäfen bereits erreicht. Es kamen Moslems, um im Felsendom zu beten,
es fielen reiche Amerikaner ein und sogar Japaner, voller Neugier auf dieses Land,
das älter war als ihres. Und bald würde der Wohlstand nach Palästina kommen.
Die Prosperität ist die Magd des Friedens und die Feindin der Unzufriedenheit.
Wohlstand war aber nicht das, was Ghosn für sein Volk und sein Land im Sinn
hatte, zumindest vorerst nicht. Es mußten die entsprechenden Voraussetzungen
geschaffen werden. Er bezahlte seinen Orangensaft mit amerikanischem Geld und
ging. Bald fand er ein Taxi. Ghosn, der über Ägypten nach Israel eingereist war, fuhr
von Jerusalem nach Jordanien und kehrte dann in den Libanon zurück. Er hatte jetzt
viel zu tun und hoffte nur, daß die neuen Bücher die notwendigen Informationen
enthielten.
Ben Goodley, ein intelligenter, gutaussehender Siebenundzwanzigjähriger, setzte
seine Studien an der Kennedy School of Government in Harvard nach der Promotion
fort, und sein Ehrgeiz reichte für die gesamte Familie, nach der das Institut benannt
war. Seine Doktorarbeit hatte sich mit den geheimdienstlichen Aspekten des VietnamDebakels befaßt und war so kontrovers, daß sein Professor sie Elizabeth Elliot zur
Begutachtung zugeschickt hatte. Das einzige, was die Sicherheitsberaterin an Goodley
störte, war die Tatsache, daß er ein Mann war. Aber es ist eben niemand perfekt.
»Und womit genau möchten Sie sich beschäftigen?« fragte sie ihn.
»Dr. Elliot, ich möchte nachrichtendienstliche Entscheidungsprozesse im Hinblick
auf die jüngsten Veränderungen in Europa und im Nahen Osten überprüfen - ein recht
problematisches Thema.«
»Und was ist Ihr Karriereziel? Wollen Sie lehren, schreiben oder in den
Regierungsdienst eintreten?«
»Mich interessiert die Praxis. Der historische Kontext verlangt, daß die richtigen
Leute die richtigen Entscheidungen treffen. Ich habe in meiner Dissertation schlüssig
dargelegt, daß uns die Nachrichtendienste seit 1960 fast ununterbrochen schlecht
203
beraten haben. Die ganze Denkart zielt in die falsche Richtung. Zumindest« - er lehnte
sich zurück und versuchte entspannt zu wirken - »kommt man als Außenseiter oft zu
diesem Schluß.«
»Und was ist Ihrer Ansicht nach der Grund?«
»Zum einen die Kriterien bei der Einstellung. Die Art und Weise zum Beispiel, auf
die bei der CIA das Personal ausgewählt wird, bestimmt die Methoden, mit denen
diese Leute Daten sammeln und analysieren. Das Ergebnis ist eine endlose Reihe sich
selbst bewahrheitender Voraussagen. Wo bleibt die Objektivität, das Gespür für
Trends? Prophezeite man 1989? Natürlich nicht. Und was übersieht man jetzt?
Wahrscheinlich eine ganze Menge. Es wäre zur Abwechslung mal schön«, schloß
Goodley, »wichtige Themen in den Griff zu bekommen, ehe sie sich zu Krisen
auswachsen.«
»Da bin ich ganz Ihrer Meinung.« Dr. Elliot sah die Schultern des jungen Mannes
sinken, als er diskret erleichtert ausatmete. Sie beschloß nun, ein wenig mit ihm zu
spielen, um ihm einen Vorgeschmack zu geben. »Tja, was können wir wohl mit Ihnen
anfangen ...?«
Elliot ließ ihren Blick zur Wand gegenüber schweifen. »Im Haus ist die Stelle
eines Rechercheurs frei. Sie müßten sich einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen
und eine strenge Geheimhaltungsverpflichtung unterschreiben. Außerdem dürfen Sie
nur veröffentlichen, was vorher mit uns abgeklärt ist.«
»Das grenzt ja schon an Vorzensur«, wandte Goodley ein. »Ist das nicht
verfassungswidrig?«
»Eine Regierung muß Geheimnisse wahren können, wenn sie funktionieren will.
Sie könnten Zugang zu erstaunlichen Informationen bekommen. Wollen Sie nun
publizieren oder sich praktisch betätigen, wie Sie gerade behauptet haben? Der
öffentliche Dienst verlangt einige Opfer.«
»Nun...«
»Bei der CIA werden in den nächsten Jahren einige wichtige Posten neu besetzt«,
versprach Elliot.
»Ah, ich verstehe«, erwiderte Goodley. »Es war natürlich nie meine Absicht,
vertrauliches Material zu veröffentlichen.«
»Gewiß«, stimmte Elliot zu. »Ich werde das über mein Büro regeln. Von Ihrer
Dissertation war ich sehr beeindruckt. Leute mit Ihrem Verstand brauchen wir hier vorausgesetzt, Sie sind mit den erforderlichen Einschränkungen einverstanden.«
»In diesem Fall kann ich sie wohl akzeptieren.«
»Vorzüglich.« Elizabeth Elliot lächelte. »Willkommen im Weißen Haus. Meine
Sekretärin wird Sie ins Haus gegenüber in die Sicherheitsabteilung bringen. Sie
müssen einen Haufen Formulare ausfüllen.«,
»Für >Secret< bin ich schon zugelassen.«
»Das reicht nicht. Sie brauchen die Geheimhaltungsstufe SAP/SAR, die Ihnen
Zugang zu Spezialprogrammen mit besonderem Code gibt. Normalerweise dauert das
ein paar Monate...«
»Monate?« fragte Goodley entsetzt.
»Normalerweise, sagte ich. Der Prozeß läßt sich ein wenig beschleunigen. Machen
Sie sich also auf Wohnungssuche. Reicht Ihr Stipendium?«
»Ja.«
»Gut. Ich rufe Marcus Cabot in Langley an; er wird Sie kennenlernen wollen.«
Goodley strahlte die Sicherheitsberaterin an. »Willkommen im Team.«
204
Der neue Mitarbeiter verstand den Wink und erhob sich. »Ich werde versuchen, Sie
nicht zu enttäuschen.«
Elliot schaute ihm nach. Wie leicht die Menschen doch zu manipulieren sind,
dachte sie. Mit Sex erreichte man schon viel, mit Macht und Ehrgeiz aber noch mehr.
Das habe ich bereits bewiesen, sagte sich Elliot.
»Eine Atombombe?« fragte Bock.
»So sieht es aus«, erwiderte Kati.
»Wer weiß außerdem darüber Bescheid?«
»Nur Ghosn, der das Stück entdeckte.«
»Funktioniert sie noch?« fragte der Deutsche und fügte insgeheim hinzu: Und
warum höre ich erst jetzt davon?
»Sie ist schwer beschädigt und muß erst repariert werden. Ibrahim besorgt sich
gerade Bücher, um einen Überblick über die Aufgabe zu bekommen. Er glaubt, daß es
möglich ist.«
Bock lehnte sich zurück. »Ist das auch kein fauler Trick der Israelis oder
Amerikaner?«
»Wenn ja, dann ein sehr raffinierter«, entgegnete Kati und erklärte dann die
Umstände.
»1973 ... hm, könnte passen. Ich erinnere mich noch, wie knapp die Israelis der
Vernichtung durch die Syrer entgingen,..« Bock schwieg einen Augenblick lang und
schüttelte dann den Kopf. »Wie und wo setzt man so etwas ein...«
»Das ist die Frage.«
»Machen wir uns darüber später Gedanken. Erst muß festgestellt werden, ob die
Waffe überhaupt repariert werden kann. Anschließend müssen wir die Sprengkraft
bestimmen - nein, vorher müssen wir wissen, wie groß, wie schwer und schwierig
transportierbar die Bombe ist. Das ist am wichtigsten. Dann käme die Sprengkraft ich gehe davon aus, daß..« Er verstummte. »Wovon kann ich schon ausgehen? Von
solchen Waffen verstehe ich so gut wie nichts. Sehr schwer können sie nicht sein,
denn sie lassen sich als Artilleriegranaten verschießen, deren Durchmesser weniger
als zwanzig Zentimeter beträgt.«
»Diese ist sehr viel größer, mein Freund.«
»Sie hätten mir das nicht verraten sollen, Ismael. In einer solchen Angelegenheit
geht Sicherheit über alles. Diese Information können Sie niemandem anvertrauen.
Menschen neigen zum Schwatzen und Prahlen. Es mag in Ihrer Organisation Spitzel
geben.«
»Es ließ sich nicht vermeiden. Ghosn wird Hilfe brauchen. Haben Sie nützliche
Kontakte in der DDR?«
»Welcher Art?« Kati erklärte ihm, was er brauchte. »Hm, ich kenne ein paar
Ingenieure vom inzwischen eingestellten Kernforschungsprogramm in der ehemaligen
DDR.«
»Warum läuft das Programm nicht mehr?«
»Honecker ließ mehrere Reaktoren der russischen Bauart errichten. Nach der
Wiedervereinigung warfen westdeutsche Umweltschützer nur einen Blick auf die
Konstruktion - den Rest können Sie sich denken. Russische AKWs stehen nicht im
besten Ruf.« Bock grunzte. »Ich sage Ihnen ja immer wieder, wie rückständig die
Russen sind. Ihre Reaktoren waren vorwiegend für die Erzeugung von spaltbarem
Material für Kernwaffen ...«
205
»Und?«
»Und so ist es wahrscheinlich, daß die DDR ein Kernwaffenprogramm hatte.
Interessant, diese Frage habe ich nie durchdacht«, merkte Bock leise an. »Was soll
ich nun exakt tun?«
»Fliegen Sie nach Deutschland und suchen Sie uns Leute - eine einzelne Person
wäre uns aus naheliegenden Gründen allerdings lieber -, die uns helfen können.«
Zurück nach Deutschland? dachte Bock entsetzt. »Da brauchte ich aber ...«
Kati warf seinem Freund einen Umschlag in den Schoß.
»Beirut ist schon seit Jahrhunderten eine Drehscheibe. Diese Ausweise sind besser
als echte.«
»Sie werden Ihr Hauptquartier sofort verlegen müssen«, riet Bock. »Wenn ich
erwischt werde, müssen Sie annehmen, daß man alle Informationen aus mir
herausholt. Petra haben sie kleingekriegt, und mir wird es nicht bessergehen.«
»Ich will für Ihre Sicherheit beten. Der Umschlag enthält eine Telefonnummer.
Wenn Sie wieder zurück sind, finden Sie uns anderswo.«
»Wann reise ich ab?«
»Morgen.«
206
12
Tüftler
»Ich erhöhe um einen Zehner«, sagte Ryan.
»Bluff«, versetzte Chavez und nahm einen Schluck Bier.
»Ich bluffe nie«, gab Jack zurück.
»Ich gebe auf.« Clark warf sein Blatt hin.
»Das sagen sie alle«, bemerkte ein Sergeant der Air Force, »und ziehen einem das
Fell über die Ohren.«
»Aufdecken«, forderte Chavez.
»Drei Buben.«
»Schlägt meine Achten«, meckerte der Sergeant.
»Aber nicht meine Folge.« Ding trank sein Bier aus. »Wow, jetzt liege ich mit fünf
Dollar vorn.«
»Zähl nie den Gewinn am Tisch«, zitierte Clark eine Schnulze.
»Ich hasse Country & Western.« Chavez grinste. »Aber Poker macht Spaß.«
»Und ich hab’ immer geglaubt, Soldaten wären miese Zocker«, merkte der Sergeant
säuerlich an. Er, ein ausgefuchster Pokerspieler, lag drei Dollar zurück. Auf langen
Flügen bekam er genug Übung, wenn die Politiker einen guten Geber brauchten.
»Kartenzinken gehört bei der CIA zur Grundausbildung«, verkündete Clark und
stand auf, um eine neue Runde zu holen.
»Tja, ich hätte diesen Kurs auf der Farm belegen sollen«, seufzte Ryan, der seinen
Einsatz noch nicht verloren hatte. Aber jedesmal wenn er ein gutes Blatt bekommen
hatte, war er von Chavez übertrumpft worden. »Demnächst lasse ich Sie mal gegen
meine Frau spielen.«
»Ist sie gut?« fragte Chavez.
»Als Chirurgin teilt sie die Karten so geschickt aus, daß selbst ein Profi den
Überblick verliert. Damit übt sie ihre Fingerfertigkeit«, erklärte Ryan und grinste.
»Bei mir darf sie nie geben.«
»So was würde Mrs. Ryan nie tun«, sagte Clark und setzte sich wieder.
Er begann recht geschickt zu mischen. »Nun, was meinen Sie, Doc?«
»Zu Jerusalem? Die Sache läuft besser als erwartet. Und Sie?«
»Als ich zuletzt dort war, 1984, erinnerte mich die Atmosphäre an Olongapo auf
den Philippinen. Spannung lag in der Luft, man fühlte sich beobachtet. Aber jetzt hat
es sich abgekühlt. Wie wär’s mit einer Runde Stud?«
Der Sergeant war einverstanden. »Wenn der Geber will.«
Clark legte die verdeckten Karten aus und dann die erste offene. »Pik Neun für die
Air Force. Unser Latino kriegt Karo Fünf. Die Kreuzdame geht an den Doc, und der
Geber hat - sieh mal an! Ein As. Und setzt 25.«
»Und, John?« fragte Ryan nach der ersten Runde.
»Sie scheinen viel Vertrauen in meine Beobachtungsgabe zu haben, Jack. In zwei
Monaten wissen wir es genau, aber vorerst sieht es gut aus.« Er teilte weitere vier
Karten aus. »Oho, die Air Force kriegt vielleicht eine Sequenz hin. Was setzen Sie?«
»25.« Dem Sergeant schien das Glück hold zu sein. »Die israelische Sicherheit ist
auch nicht mehr so scharf.«
207
»Wieso?«
»Dr. Ryan, auf Sicherheit verstehen sich die Israelis. Wenn wir früher hierher
flogen, wurde um die Maschine eine Mauer hochgezogen. Aber diesmal war sie nicht
ganz so hoch. Ich sprach mit zwei Männern, und die erzählten mir, daß man sich jetzt
lockerer gibt - aus persönlicher Einstellung, nicht auf Anweisung von oben. Früher
haben die Leute kaum mit uns geredet. Ich habe das Gefühl, daß sich hier etwas
grundlegend verändert hat.«
Ryan beschloß, das Spiel aufzugeben. Mit einer Acht, einer Dame und einer Zwei
war nichts anzufangen. Aber sein Manöver hatte Erfolg gehabt. Von Sergeants bekam
man immer bessere Informationen als von Generälen.
»Was wir hier vor uns haben«, sagte Ghosn und schlug eine Seite in seinem Buch auf,
»ist der Nachbau einer amerikanischen Fusionsbombe mit Verstärkung vom Typ
Mark 12.«
»Was bedeutet das?« fragte Kati.
»Genau im Augenblick der Zündung wird Tritium in den Kern gespritzt, das mehr
Neutronen und somit eine effizientere Reaktion erzeugt. Das heißt, es wird weniger
spaltbares Material benötigt...«
»Aber?« Kati hörte ein Aber kommen.
Ghosn lehnte sich zurück und starrte auf den Kern der Waffe. »Aber die
Einspritzvorrichtung für das Lithium wurde beim Aufprall zerstört. Die KrytonSchalter, die Zünder für die konventionelle Hohlladung also, sind nicht mehr
zuverlässig und müssen ersetzt werden. Es sind zwar noch genug intakte
Sprengstoffplatten für die Ermittlung der Gesamtkonfiguration vorhanden, aber es
wird sehr schwierig sein, neue herzustellen. Leider kann ich den Konstruktionsprozeß
nicht einfach umkehren, sondern muß erst das theoretische Ausgangsmodell
entwickeln und dann die Fertigungsmethoden praktisch neu erfinden. Wissen Sie, was
dieser Prozeß ursprünglich gekostet hat?«
»Nein«, gab Kati zu.
»Mehr als die Mondlandung. An dem Projekt arbeiteten die brillantesten Köpfe der
Menschheitsgeschichte: Einstein, Fermi, Bohr, Oppenheimer, Teller, Alvarez, von
Neumann, Lawrence und hundert andere. Die Giganten der Physik in diesem
Jahrhundert.«
»Soll das heißen, daß Sie es nicht schaffen?«
Ghosn lächelte. »Nein. Ich kriege das hin. Was anfangs nur ein Genie bewältigte,
bringt später auch schon ein Bastler fertig. Zuerst brauchte man ein Genie, als es um
die Erfindung ging und die Technologie so primitiv war. Alle Berechnungen mußten
zum Beispiel mit mechanischen Rechenmaschinen ausgeführt werden. Die gesamte
Arbeit an der ersten Wasserstoffbombe wurde mit den ersten, noch sehr einfachen
Computern - >Eniacs< hießen sie, glaube ich - ausgeführt. Aber heute?« Ghosn lachte
über den absurden Kontrast. »Heute hat ein Videospiel mehr Computerkapazität als
ein Eniac. Berechnungen, für die Einstein Monate brauchte, bewältigt ein guter
Personalcomputer in Sekunden. Entscheidend aber ist, daß die Physiker damals nicht
wußten, ob die Atombombe überhaupt möglich ist. Ich aber weiß das. Die Physiker
hinterließen Protokolle ihrer Arbeit. Und ich habe schließlich eine Arbeitsvorlage. Ich
kann die beschädigte Bombe zwar nicht nachbauen, aber als theoretisches Modell
benutzen.
Tja, und wenn man mir zwei, drei Jahre Zeit gibt, schaffe ich das sogar allein.«
208
»Haben wir denn so viel Zeit?«
Ghosn, der bereits von seinen Eindrücken in Jerusalem berichtet hatte, schüttelte
den Kopf. »Nein, Kommandant.«
Kati erklärte, welchen Auftrag er seinem deutschen Freund gegeben hatte.
»Vorzüglich. Wo ist unser neues Hauptquartier?«
Berlin war wieder die Hauptstadt Deutschlands. Auch Bock hatte sic h das gewünscht,
aber als Kapitale einer anderen Republik. Er war über Syrien, Griechenland und
Italien eingeflogen und an den Paßkontrollen durchgewinkt worden. Anschließend
hatte er sich ein Auto gemietet und war über die E 251 nach Greifswald gefahren.
Günther hatte sich für einen Mercedes entschieden und rechtfertigte die Wahl damit,
daß er schließlich als »Geschäftsmann« unterwegs war. Außerdem hatte er nicht das
schwerste Modell genommen. Manchmal glaubte er nun, ein Mietfahrrad wäre
vernünftiger gewesen. Die von der Regierung der alten DDR vernachlässigte
Autobahn war eine einzige Baustelle. Typisch - die Gegenfahrbahn war bereits
erneuert. Aus dem Augenwinkel sah er Hunderte von BMWs und Mercedes’ in
Richtung Berlin brausen - die Kapitalisten aus dem Westen eroberten zurück, was
unter einem politischen Verrat zusammengebrochen war.
Bock nahm bei Greifswald die nächste Ausfahrt und fuhr durch Chemnitz. Das
Straßenbauprogramm hatte die Nebenstraßen noch nicht erreicht. Nachdem er in ein
halbes Dutzend Schlaglöcher gefahren war, hielt Bock an und studierte die Karte.
Nach drei Kilometern und mehreren Abzweigungen erreichte er eine ehemalige
Akademikersiedlung. In der Einfahrt des Hauses, das er suchte, stand ein Trabant.
Natürlich war der Rasen gepflegt, und das Haus machte bis hin zu den Gardinen einen
ordentlichen Eindruck - schließlich war das hier Deutschland -, aber es herrschte eine
eher spürbare als sichtbare Atmosphäre des Verfalls und der Depression. Bock parkte
eine Straße weiter und ging zu Fuß zurück zum Haus.
»Ist Herr Dr. Fromm zu sprechen?« fragte er die Frau, vermutlich Fromms Gattin,
die an die Tür kam.
»Wen darf ich melden?« fragte sie steif. Sie war Mitte Vierzig, ihre Haut spannte
sich straff über die hohen Backenknochen, während um ihre glanzlosen blauen Augen
und ihre verkniffenen, blassen Lippen zu viele Falten lagen. Nun musterte sie den
Mann vor der Tür mit Interesse und vielleicht auch ein wenig Hoffnung. Obwohl
Bock nicht wußte, was sie sich von ihm erwarten mochte, nutzte er die Gelegenheit.
»Einen alten Kollegen«, sagte Bock lächelnd. »Darf ich ihn überraschen?«
Nach kurzem Zögern schaute sie freundlicher. »Bitte kommen Sie herein.«
Bock wartete im Wohnzimmer und erkannte, daß sein erster Eindruck richtig
gewesen war - aber der Grund dafür traf ihn hart. Das Innere des Hauses erinnerte ihn
nämlich an seine Wohnung in Berlin. Auch hier war das Mobiliar Sonderanfertigung,
das im Vergleich zu dem, was normalen DDR-Bürgern zur Verfügung gestanden
hatte, so elegant gewesen war. Jetzt aber beeindruckte ihn das nicht mehr besonders.
Vielleicht liegt es an dem Kontrast zum Mercedes, dachte Bock, als er Schritte hörte.
Aber nein. Es lag am Staub. Frau Fromm hielt ihr Haus nicht so sauber, wie es sich
für eine gute deutsche Hausfrau gehörte. Ein sicheres Anzeichen, daß etwas nicht
stimmte.
»Bitte?« sagte Dr. Fromm, und dann weiteten sich seine Augen, als er Bock
erkannte. »Du? Schön, dich wiederzusehen!«
»Schön, daß du dich an deinen alten Freund erinnerst«, erwiderte Bock lachend und
209
streckte die Hand aus. »Es ist lange her, Manfred.«
»Allerdings, Junge! Komm mit in mein Arbeitszimmer.« Die beiden zogen sich
unter dem neugierigen Blick von Frau Fromm zurück. Dr. Fromm schloß die Tür,
bevor er sprach.
»Das mit deiner Frau tut mir sehr leid. Grauenhaft!«
»Das ist nun Vergangenheit. Wie geht’s dir?«
»Mies. Die Grünen haben sich auf uns eingeschossen. Der Laden wird
dichtgemacht.«
Dr. Manfred Fromm war auf dem Papier der stellvertretende Direktor des AKW
Lubmin Nord. Die zwanzig Jahre alte Anlage vom sowjetischen Typ WER 230 war
zwar primitiv, aber dank einer kompetenten deutschen Bedienungsmannschaft
durchaus konkurrenzfähig. Wie alle sowjetischen Modelle aus dieser Zeit produzierte
der Reaktor Plutonium und war, wie Tschernobyl demonstriert hatte, weder besonders
sicher noch leistungsstark, bot aber den Vorteil, nicht nur 816 Megawatt, sondern
auch spaltbares Material für Bomben zu erzeugen.
»Die Grünen«, wiederholte Bock leise. »Diese Chaoten.« Die Grünen waren eine
natürliche Konsequenz des deutschen Nationalcharakters, der einerseits vor allem,
was lebt, Ehrfurcht hat und andererseits dazu neigt, dies zu töten. Die Anti-Partei
hatte sich aus den extremen oder konsequenten Elementen der Umweltbewegung
gebildet und Kampagnen geführt, die auch im Ostblock Mißmut erregten. Es war ihr
zwar nicht gelungen, die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa zu
verhindern - dazu hätte es eines Abkommens bedurft, das diese Waffen auf beiden
Seiten eliminierte -, aber sie kämpfte nun erfolgreich in der ehemaligen DDR. Die
Grünen waren vom Kampf gegen die katastrophale Umweltverschmutzung im Osten
geradezu besessen, und ganz oben auf ihrer Liste standen die Atomkraftwerke, die sie
als unglaublich unsicher bezeichneten. Bock rief sich ins Gedächtnis, daß den Grünen
schon immer eine straffe politische Organisation gefehlt hatte und daß sie aus diesem
Grund niemals eine wichtige Rolle in der deutschen Politik spielen konnten. Mehr
noch, die Bewegung wurde nun von der Regierung, der sie einst ein Dorn im Auge
gewesen war, ausgenutzt. Hatten sie früher lauthals gegen die Verschmutzung der
Flüsse durch die Industrie und die Stationierung von Kernwaffen durch die Nato
protestiert, führten sie nun einen ökologischen Kreuzzug im Osten. Ihr unablässiges
Geheul über die Schweinerei in der alten DDR stellte sicher, daß mit der Rückkehr
des Sozialismus nach Deutschland so bald nicht zu rechnen war. Bock und Fromm
fragten sich sogar, ob die Grünen nicht vielleicht von Anfang an nur ein raffinierter
Trick der Kapitalisten gewesen waren.
Die beiden hatten sich vor fünf Jahren kennengelernt. Damals wollte die RAF einen
westdeutschen Reaktor sabotieren und hatte im Osten um technischen Rat gebeten.
Dieser Plan, der erst in letzter Minute vereitelt werden konnte, kam nie an die
Öffentlichkeit. Der BND hielt seinen Erfolg geheim, um nicht die gesamte
westdeutsche Atomindustrie zu gefährden.
»Vor einem knappen Jahr ging die Anlage endgültig vom Netz. Ich arbeite nur noch
drei Tage in der Woche; meinen Posten hat ein Besserwessi, den ich >beraten< darf«,
berichtete Fromm.
»Es muß doch sonst noch was für dich zu tun geben, Manfred«, meinte Bock.
Fromm war nämlich auch der Chefingenieur von Honeckers militärischem
Lieblingsprojekt gewesen. Russen und Deutsche, wenngleich Verbündete im
Warschauer Pakt, hatten nie richtige Freunde sein können. Die Feindschaft zwischen
210
den Nationen reichte tausend Jahre zurück, und wo die Deutschen im Sozialismus
einigermaßen erfolgreich gewesen waren, hatten die Russen völlig versagt. Das
Ergebnis war, daß die Streitkräfte der DDR nie dem Vergleich mit der viel größeren
Bundeswehr standhalten konnten. Bis zuletzt hatten die Russen die Deutschen
gefürchtet, selbst jene, die auf ihrer Seite standen, und dann aus unerklärlichen
Gründen die Wiedervereinigung zugelassen. Erich Honecker war zu dem Schluß
gekommen, daß solcher Argwohn strategische Auswirkungen haben könnte, und hatte
einen Teil des in Greifswald und anderswo produzierten Plutoniums abzweigen
lassen. Manfred Fromm verstand von Atomwaffen ebensoviel wie jeder russische
oder amerikanische Experte, hatte aber seine Fachkenntnisse nie anwenden können.
Die über zehn Jahre hinweg aufgebauten Plutoniumbestände waren als letzte Geste
marxistischer Solidarität den Russen übergeben worden, um zu verhindern, daß sie
der Bundesregierung in die Hände fielen. Dieser letzte ehrenhafte Akt hatte zu
bitteren gegenseitigen Beschuldigungen geführt und das Verhältnis so verschlechtert,
daß eine letzte Ladung Plutonium in dem Versteck blieb. Alle Beziehungen, die
Fromm und seine Kollegen zu den Sowjets gehabt hatten, existierten nun nicht mehr.
»Ich habe ein gutes Angebot.« Fromm nahm einen großen braunen Umschlag von
seinem unaufgeräumten Schreibtisch. »Ich soll nach Argentinien gehen. Leute aus
dem Westen arbeiten dort schon seit Jahren mit früheren Kollegen von mir
zusammen.«
»Was wird dir geboten?«
»Eine Million Mark pro Jahr bis zur Fertigstellung des Projekts, steuerfrei und auf
einem Nummernkonto, eben die üblichen Lockmittel«, sagte Fromm emotionslos und
verschwieg, daß dieses Angebot für ihn nicht in Frage kam. Für Faschisten arbeiten?
Ausgeschlossen. Eher atmete er Wasser. Fromms Großvater war Gründungsmitglied
des Spartakusbundes gewesen und kurz nach Hitlers Machtergreifung in einem der
ersten Konzentrationsla ger ums Leben gekommen. Sein Vater, Mitglied der
kommunistischen Widerstandsbewegung und eines Spionagerings, hatte wie durch ein
Wunder den Krieg und die Verfolgung durch Gestapo und Sicherheitsdienst überlebt
und war als geachtetes Parteimitglied gestorben. Fromm selbst hatte den MarxismusLeninismus schon von frühester Kindheit an eingeimpft bekommen, und die Tatsache,
daß er seine Stellung verloren hatte, machte ihn der neuen Gesellschaftsordnung, die
zu hassen er erzogen worden war, nicht gewogener. Sein wichtigstes Berufsziel hatte
er nicht erreicht und mußte sich von einem Jüngelchen aus Göttingen wie ein
Laufbursche behandeln lassen. Das Schlimmste aber war: Seine Frau wollte, daß er
die Stelle in Argentinien annahm, und sie machte ihm das Leben zur Hölle, weil er
sich weigerte, das Angebot auch nur zu erwägen. Es lag auf der Hand zu fragen: »Was
führt dich hierher, Günther? Im ganzen Land wird nach dir gefahndet, und du bist hier
trotz deiner geschickten Verkleidung in Gefahr.«
Bock lächelte selbstsicher. »Erstaunlich, was Perücke und Brille ausmachen.«
»Damit ist meine Frage nicht beantwortet.«
»Bei Freunden von mir werden deine Fachkenntnisse gebraucht.«
»Und was wären das für Freunde?« fragte Fromm mißtrauisch.
»Leute, die für uns beide politisch akzeptabel sind. Ich habe Petra nicht vergessen«,
erwiderte Bock.
»Tja, unser Plan damals war gut. Was ging schief?«
»Wir hatten eine Verräterin in unseren Reihen. Ihretwegen wurden drei Tage vor
der Aktion die Sicherheitsmaßnahmen am AKW verschärft.«
211
»Eine Grüne?«
Günther lächelte bitter. »Ja, sie kriegte kalte Füße, als sie an die Zivilopfer und den
Umweltschaden dachte. Na, inzwischen ist sie ein Teil der Umwelt.« Petra hatte
abgedrückt. Nichts war schlimmer als Verrat, und es war nur angemessen gewesen,
daß Petra die Exekution übernahm.
»Teil der Umwelt, sagtest du? Wie poetisch.« Fromms bisher erster Scherz
mißlang. Er war ein ausgesprochen humorloser Mensch.
»Geld kann ich dir keins bieten, und weitere Informationen auch nicht. Du mußt
dich auf der Basis dessen, was ich gerade gesagt habe, entscheiden.« Bock trug zwar
keine Pistole, aber ein Messer, und er fragte sich, ob Fromm die Alternative klar war.
Vermutlich nicht, dachte er. Manfred denkt zwar ideologisch pur, ist aber doch ein
engstirniger Technokrat.
»Wann fahren wir los?«
»Wirst du überwacht?«
»Nein. Ich mußte wegen des argentinischen Angebots in die Schweiz«, sagte
Fromm, »denn so etwas kann man in diesem Land nicht besprechen, selbst wenn es
vereinigt und glücklich ist. Ich habe die Reisevorbereitungen selbst getroffen und
bezweifle, daß ich überwacht werde.«
»Gut, dann fahren wir sofort. Du brauchst nichts mitzunehmen.«
»Was sage ich meiner Frau?« fragte Fromm und wunderte sich dann, daß er sich
darüber überhaupt Gedanken machte. Glücklich war seine Ehe nämlich nicht gerade.
»Das ist deine Angelegenheit.«
»Laß mich wenigstens ein paar Sachen einpacken. Wie lange...?«
»Kann ich nicht sagen.«
Es dauerte eine halbe Stunde. Fromm erklärte seiner Frau, er müsse für ein paar
Tage geschäftlich verreisen. Sie küßte ihn dankbar und freute sich schon auf
Argentinien. Vielleicht ein Land, in dem es sich gut leben ließ. Vielleicht hatte sein
alter Freund ihn zur Vernunft gebracht. Immerhin fuhr er Mercedes und wußte, was
die Zukunft bot.
Drei Stunden später bestiegen Bock und Fromm eine Maschine nach Rom. Nach
einem einstündigen Aufenthalt flogen sie über Istanbul nach Damaskus, wo sie in
einem Hotel abstiegen, um sich die verdiente Ruhe zu gönnen.
Wenn das überhaupt möglich ist, dachte Ghosn, sieht Marvin Russell jetzt noch
imposanter aus. Das wenige überschüssige Fett hatte er sich inzwischen abgeschwitzt,
das tägliche Training mit den Soldaten der Bewegung hatte ihn noch muskulöser
werden lassen - und so braun, daß man ihn fast mit einem Araber verwechseln konnte.
Nur seine Religion störte. Seine Kameraden meldeten, er sei ein echter Heide, ein
Ungläubiger, der ausgerechnet die Sonne anbetete. Das versetzte die Moslems in
Unruhe. Doch Leute bemühten sich diskret, ihn zum wahren Glauben, dem Islam, zu
bekehren, und es hieß, daß er ihnen respektvoll zuhörte. Außerdem ging die Rede, daß
er mit jeder Waffe und über jede Entfernung absolut sicher traf und der tödlichste
Nahkämpfer war, dem man je begegnet war - er hatte einen Ausbilder fast zum
Krüppel geschlagen -, und daß er sich im Gelände so leise und listig bewegte wie ein
Fuchs. Der geborene Krieger, war die allgemeine Einschätzung. Abgesehen von
seiner exzentrischen Religion wurde er von den anderen bewundert und gemocht.
»Marvin, wenn du dich so weiterentwickelst, krieg’ ich Angst vor dir!« sagte
Ghosn lachend zu seinem amerikanischen Freund.
212
»Ibrahim, zu euch zu kommen war der beste Entschluß meines Lebens. Ich wußte ja
gar nicht, daß auch andere Leute so saumäßig behandelt werden wie mein Volk - aber
ihr könnt besser zurückschlagen. Ihr habt echt Mut.« Ghosn blinzelte - das von einem
Mann, der einem Polizisten den Hals gebrochen hatte, als wär’s ein dürrer Ast
gewesen. »Ehrlich, ich will euch helfen, will tun. was ich kann.«
»Für einen richtigen Krieger haben wir immer Platz.« Mit besseren
Sprachkenntnissen gäbe er einen guten Ausbilder ab. dachte Ghosn. »So. und ich
muß jetzt fort.«
»Wo willst du hin?«
»Zu einem Haus von uns im Osten.« In Wirklichkeit stand es im Norden. »Ich habe
eine schwierige Arbeit zu erledigen.«
»An dem Ding, das wir ausgegraben haben?« fragte Russell beiläufig - nach
Ghosns Geschmack fast zu beiläufig. Aber der Indianer konnte doch unmöglich
Bescheid wissen. Vorsicht war eine Sache, Paranoia eine andere.
»Nein, es geht um ein anderes Projekt. Tut mir leid, mein Freund, aber wir müssen
die Sicherheit ernst nehmen.«
Marvin nickte. »Klar, Mann. Schlampige Sicherheit hat meinen Bruder das Leben
gekostet. Bis später.«
Ghosn ging zu seinem Wagen, fuhr aus dem Lager und blieb eine Stunde lang auf
der Landstraße nach Damaskus. Ausländern ist meist nicht klar, wie klein der Nahe
Osten eigentlich ist - oder zumindest die wichtigen Gebiete. Jerusalem ist von
Damaskus nur zwei Autostunden entfernt, und wenn nicht die sprichwörtlichen
Welten die beiden Städte getrennt hätten ... bisher jedenfalls, sagte sich Ghosn. In
letzter Zeit hatte er ominöse Gerüchte aus Syrien gehört. War selbst diese Regierung
des Kampfes müde? Eigentlich unvorstellbar, aber unmöglich war heutzutage gar
nichts mehr.
Fünf Kilometer vor Damaskus entdeckte er das andere Auto am vereinbarten Platz.
Er fuhr daran vorbei und zwei Kilometer weiter und wendete erst, nachdem er sich
davon überzeugt hatte, daß er nicht observiert wurde. Eine Minute später hielt er
hinter dem Fahrzeug an. Die beiden Insassen stiegen wie abgemacht aus, und der
Fahrer, ein Mann aus der Bewegung, fuhr einfach weg.
»Morgen, Günther.«
»Tag, Ibrahim. Das ist mein Freund Manfred.« Nachdem die beiden in den Fond
gestiegen waren, fuhr der Ingenieur sofort los.
Ghosn musterte den Neuen durch den Rückspiegel. Älter als Bock, eingesunkene
Augen. Er war für das Klima falsch gekleidet und schwitzte wie ein Schwein. Ibrahim
reichte ihm eine Wasserflasche aus Kunststoff. Der Neue wischte den Flaschenhals
mit einem Taschentuch ab, ehe er trank. Sind wir Araber dir nicht hygienisch genug?
fragte sich Ghosn empört. Nun, das ging ihn nichts an.
Die Fahrt zu ihrem neuen Haus dauerte zwei Stunden. Obwohl der Sonnenstand
dem aufmerksamen Beobachter die Richtung verraten hätte, wählte Ghosn Umwege.
Da er nicht wußte, welche Ausbildung dieser Manfred genossen hatte, nahm er die
bestmögliche an und setzte alle Tricks ein, die er kannte. Nur ein trainierter Späher
hätte ihre Route rekonstruieren können.
Kati hatte eine gute Wahl getroffen. Bis vor einigen Monaten hatte das Gebäude der
Hisb’Allah als Befehlszentrale gedient. Es war in einen steilen Hang gegraben, und
man hatte das Wellblechdach mit Erde bedeckt und mit Macchiasträuchern bepflanzt.
Nur ein Mann mit geschultem Auge, der genau wußte, wonach er suchte, hätte es je
213
entdecken können. Zudem verstand man sich bei der Hisb’Allah ganz besonders gut
auf das Enttarnen von Spitzeln. Ein Feldweg führte am Haus vorbei zu einem
verlassenen Gehöft, dessen Land selbst für Opium und Hanf, die hier vorwiegend
angebaut wurden, zu ausgelaugt war. Das Innere des Gebäudes war ungefähr 100
Quadratmeter groß und bot sogar Platz für ein paar Fahrzeuge. Der Nachteil war nur,
daß man hier, sollte es ein Erdbeben geben, was in der Region nicht selten vorkam, in
einer Todesfalle saß. Ghosn fuhr den Wagen zwischen zwei Stützen hinein, außer
Sichtweite. Dann ließ er einen Vorhang aus Tarnnetz fallen. Jawohl, Kati hatte eine
gute Wahl getroffen.
Wie immer, wenn es um die Sicherheit ging, stand man vor einer schweren Wahl.
Einerseits bedeutete jeder Eingeweihte mehr ein zusätzliches Risiko. Andererseits
brauchte man ein paar Leute als Wachen. Kati hatte zehn Mitglieder seiner Leibwache
abkommandiert, alles Männer, die für ihr Geschick und ihre Treue bekannt waren. Sie
kannten Ghosn und Bock vom Sehen, und ihr Führer trat vor, um Manfred zu
begrüßen.
»Was gibt’s hier?« fragte Fromm auf deutsch.
»Was es hier gibt«, versetzte Ghosn auf englisch, »ist hochinteressant.«
Fromm hatte seine Lektion gelernt.
»Kommen Sie bitte mit.« Ghosn führte sie zu einer Tür, vor der ein Mann mit
einem Gewehr stand. Der Ingenieur nickte; der Posten nickte knapp zurück. Ghosn
ging voran in den Raum, zog an einer Schnur, und Leuchtstoffröhren gingen an. Eine
große Werkbank aus Stahl war mit einer Plane abgedeckt. Ghosn, dem die
dramatischen Gesten inzwischen über waren, zog den Stoff kommentarlos weg. Nun
war es Zeit für die richtige Arbeit.
»Gott im Himmel!« rief Fromm.
»So was hab’ ich noch nie gesehen«, gestand Bock. »So sieht also eine Atombombe
aus...«
Fromm setzte seine Brille auf und musterte eine Minute lang eingehend den
Mechanismus. Dann schaute er auf.
»Ein amerikanisches Modell, aber nicht in Amerika hergestellt.« Er deutete.
»Anders verkabelt. Primitiv, vielleicht dreißig Jahre alt - nein, älter in der
Konstruktion, aber neueren Herstellungsdatums. Diese Platinen sind aus den späten
Sechzigern oder frühen Siebzigern. Eine sowjetische Bombe? Aus dem Waffenlager
in Aserbaidschan vielleicht?«
Ghosn schüttelte nur den Kopf.
»Aus Israel? Ist das denn möglich?« Diese Frage wurde mit einem Nicken
beantwortet.
»Es ist möglich, mein Freund. Hier liegt sie.«
»Sie ist für den Abwurf von Flugzeugen bestimmt. Mit Tritium-Einspritzung, die
die Sprengleistung auf schätzungsweise fünfzig bis siebzig Kilotonnen erhöht. Radarund Aufschlagzünder. Sie wurde abgeworfen, detonierte aber nicht. Wieso?«
»Weil sie offenbar nicht scharf gemacht worden war. Alles, was wir geborgen
haben, liegt vor Ihnen«, sagte Ghosn, der schon von Fromm beeindruckt war.
Fromm langte in die Bombe und tastete nach Buchsen. »Sie haben recht.
Hochinteressant.« Nun entstand eine lange Pause. »Sie wissen wohl, daß sie
wahrscheinlich repariert oder gar...«
»Ja?« fragte Ghosn, der die Antwort kannte, dazwischen.
»Aus diesem Modell kann man eine Zündeinrichtung machen.«
214
»Wofür?« wollte Bock wissen.
»Für eine Wasserstoffbombe«, erklärte Ghosn. »Das hatte ich schon vermutet.«
»Sie wäre natürlich klotzig und längst nicht so effizient wie moderne
Konstruktionen, primitiv, aber wirkungsvoll, wie man sagt...« Fromm schaute auf.
»Soll ich bei der Reparatur helfen?«
»Sind Sie dazu bereit?« fragte Ghosn.
»Zehn, nein, zwanzig Jahre lang habe ich studiert und geforscht und dachte schon,
ich würde nie... Wie soll sie eingesetzt werden?«
»Macht Ihnen die Frage Kummer?«
»Doch nicht etwa in Deutschland?«
»Natürlich nicht«, versetzte Ghosn fast ärgerlich. Was hatte die Organisation schon
gegen die Deutschen?
Bei Bock aber fiel der Groschen. Er schloß kurz die Augen und prägte sich den
Gedanken ein.
»Gut, ich will Ihnen helfen.«
»Sie werden auch gut bezahlt«, versprach Ghosn und erkannte gleich, daß das ein
Fehler gewesen war.
»So etwas tu’ ich nicht für Geld! Halten Sie mich für einen Söldner?« fragte
Fromm entrüstet.
»Verzeihung, ich wollte Sie nicht beleidigen. Ein Fachmann muß eine
entsprechende Vergütung bekommen. Wir sind keine Bettler.«
Und ich auch nicht, hätte Fromm beinahe gesagt, aber er blieb vernünftig.
Schließlich war er nicht in Argentinien. Diese Männer waren keine Faschisten oder
Kapitalisten, sondern Genossen, Revolutionäre, die es im Augenblick genau wie er
wegen der politischen Umwälzungen schwer hatten. Andererseits war er sicher, daß es
ihnen finanziell sehr gutging. Von den Sowjets hatten die Araber ihre Waffen nie
umsonst bekommen, sondern harte Devisen zahlen müssen, selbst unter Breschnew
und Andropow, und was den Sowjets, damals noch Vertreter der reinen Lehre, recht
gewesen war...
»Bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe nur gesagt, was Sache ist, und wollte Sie nicht
beleidigen. Daß Sie keine Bettler sind, weiß ich. Sie sind Soldaten der Revolution,
Freiheitskämpfer, und es ist mir eine Ehre, Ihnen zu helfen, so gut ich kann.« Er
winkte ab. »Zahlen Sie. was Sie für angemessen halten« - eine Menge, mehr als eine
mickrige Million! - »aber vergessen Sie nicht, daß ich mich nicht verkaufe.«
»Es ist mir ein Vergnügen, einen Ehrenmann kennenzulernen«, sagte Ghosn und
schaute zufrieden drein.
Bock fand, daß die beiden etwas zu dick aufgetragen hatten, schwieg aber. Er ahnte
schon, wie man Fromm für seine Mühe entlohnen würde.
»So«, sagte Ghosn. »Und wo fangen wir an?«
»Bei der Theorie«, erwiderte Fromm. »Ich brauche Papier und Bleistift.«
»Und wer sind Sie?« fragte Ryan.
»Ben Goodley, Sir.«
»Aus Boston?« Der Dialekt war unüberhörbar.
»Ja, Sir. Kennedy-Institut. Ich war Assistent an der Uni und bin jetzt Assistent im
Weißen Haus.«
»Nancy?« Ryan wandte sich an seine Sekretärin.
»Der Direktor hat ihn auf Ihren Terminkalender setzen lassen, Dr. Ryan.«
215
»Na, schön, Dr. Goodley«, sagte Ryan mit einem Lächeln, »kommen Sie rein.«
Clark setzte sich auf seinen Platz, nachdem er den Neuen abgeschätzt hatte.
»Kaffee?«
»Haben Sie koffeinfreien?« fragte Goodley.
»Wenn Sie hier arbeiten wollen, junger Mann, gewöhnen Sie sich besser an das
echte Gebräu. Nehmen Sie Platz. So, und was tun Sie in unserem Palazzo Arcano?«
»Die Kurzversion: Ich suche einen Job. Meine Dissertation befaßte sich mit
nachrichtendienstlichen
Operationen,
ihrer
Geschichte
und
ihren
Zukunftsperspektiven. Ich muß an der Uni zwar noch einige Arbeiten abschließen,
will dann aber in die Praxis.«
Jack
nickte.
So
war
auch
er
zur
CIA
gekommen.
»Ihre
Unbedenklichkeitsbescheinigungen?«
»Top Secret und SAP/SAR. Letztere ist neu. TS hatte ich bereits, weil ich im Zuge
meiner Arbeit am Kennedy-Institut Zugang zu Präsidentenarchiven brauchte vorwiegend in Washington, aber auch in Boston, wo John F. Kennedys Papiere
liegen, und die sind immer noch streng geheim. Ich gehörte sogar zu dem Team, das
die Dokumente aus der Kubakrise sichtete.«
»Unter Dr. Nicholas Bledsoe?«
»Genau.«
»Ich stimme zwar nicht mit allen seinen Schlüssen überein, aber seine
Forschungsarbeit war erstklassig.« Jack hob seinen Becher zum Salut.
Goodley hatte fast die Hälfte dieser Monographie verfaßt, einschließlich der
Schlußfolgerungen. »Darf ich nach Ihren Einwänden fragen?«
»Chruschtschow handelte im Grunde genommen irrational. Ich bin der Ansicht wie die Dokumente beweisen -, daß er die Raketen nicht mit Bedacht, sondern auf
einen Impuls hin stationierte.«
»Einspruch. Unsere Studie identifizierte als Hauptsorge der Sowjets unsere
Mittelstreckenraketen in Europa und ganz besonders in der Türkei. Der Schluß, daß
die Raketen auf Kuba nur ein Stratagem zur Stabilisierung der Lage im europäischen
Theater war, liegt nahe.«
»Ihnen lagen aber nicht alle existierenden Informationen vor«, sagte Jack.
»Zum Beispiel?« fragte Goodley und verbarg seinen Ärger
»Zum Beispiel Material, das uns Oleg Penkowskij und andere zuspielten. Diese
Dokumente liegen immer noch unter Verschluß und werden auch erst in zwanzig
Jahren freigegeben.«
»Ist eine Sperrfrist von fünfzig Jahren nicht ein bißchen lang?«
»In der Tat«, stimmte Ryan zu. »Aber das hat seinen Grund. Manche dieser
Informationen sind noch - nun, nicht gerade aktuell, aber sie könnten Tricks verraten,
die wir lieber für uns behalten.«
»Treibt man da die Geheimniskrämerei nicht etwas zu weit?« fragte Goodley und
bemühe sich um einen objektiven Ton.
»Nehmen wir einmal an, daß damals ein Agent BANANE für uns arbeitete. Gut, er
starb inzwischen eines natürlichen Todes, rekrutierte aber den Agenten BIRNE, und
der ist noch aktiv. Finden die Sowjets heraus, wer BANANE war, haben sie einen
Ansatzpunkt. Außerdem muß man bestimmte Methoden der Nachrichtenübermittlung
berücksichtigen. Man spielt schon seit einer Ewigkeit Fußball, aber ein Querpaß ist
immer noch ein Querpaß. Früher habe ich auch so gedacht wie Sie, Ben. Sie werden
lernen, daß unsere Methoden hier einen guten Grund haben.«
216
Bürokratenmentalität, dachte Goodley.
»Fiel Ihnen übrigens auf, daß Chruschtschow auf seinen letzten Tonbändern
Bledsoes Thesen praktisch widerlegte? Ach ja, und noch etwas.«
»Bitte?«
»Nehmen wir einmal an, daß Kennedy im Frühjahr 1961 harte Informationen
vorlagen, klare Hinweise auf Chruschtschows Absicht, das sowjetische System zu
verändern. 1958 warf er Marschall Schukow aus dem Präsidium und versuchte, die
KP zu reformieren. Sagen wir mal, daß Kennedy über Interna Bescheid wußte und im
kleinen Finger spürte, daß eine Annäherung der Blöcke möglich war, wenn er den
Russen etwas Spielraum ließ. Perestroika also, nur dreißig Jahre früher. Setzen wir
den Fall, daß der Präsident aus politischen Gründen entschied, weiter Druck auf
Nikita auszuüben. Das würde bedeuten, daß die Sechziger nichts als ein Riesenfehler
waren. Der Vietnamkrieg und alles andere - ein einziger gigantischer und unnötiger
Schlamassel.«
»Das kann ich nicht glauben. Ich habe die Archive selbst durchgesehen. Es wäre
auch nicht konsequent und vereinbar mit allem, was wir,..«
»Ein Politiker und konsequent?« unterbrach Ryan. »Das ist ein revolutionäres
Konzept.«
»Wenn Sie behaupten, daß sich das tatsächlich so zugetragen hat...«
»Das war reine Hypothese«, sagte Jack und zog die Brauen hoch. Verdammt,
dachte er, alle Informationen liegen doch vor; man braucht sie bloß
zusammenzufügen. Daß das noch niemand getan hatte, bewies nur, daß sich hier
wieder einmal ein größeres und bedenklicheres Problem manifestierte. Doch die
meisten Sorgen machten ihm gewisse Dinge hier im Haus. Die Geschichte überließ er
den Historikern ... bis er eines Tages wieder als Professor in ihre Reihen treten würde.
Und wann ist es soweit, Jack? fragte er sich.
»Das wird doch kein Mensch glauben.«
»Die meisten Menschen glauben auch, daß Lyndon Johnson die Vorwahlen in New
Hampshire an Eugene McCarthy wegen der Tet-Offensive verlor. Willkommen in der
Firma, Dr. Goodley. Wissen Sie, was beim Erkennen der Wahrheit das Schwerste
ist?«
»Und was wäre das?«
»Die Erkenntnis, daß man eins übergebraten bekommen hat. Das Ganze ist nicht so
einfach, wie Sie denken.«
»Und die Auflösung des Warschauer Pakts?«
»Typischer Fall. Es lagen alle möglichen Hinweise vor, aber wir versagten trotzdem
schmählich. Nun, ganz trifft das nicht zu. Viele junge Leute im DI - Direktorat
Intelligence«, erklärte Jack überflüssigerweise, was Goodley gönnerhaft fand,
»schlugen Krach, aber die Abteilungsleiter taten die Sache ab.«
»Und Sie, Sir?«
»Wenn der Direktor nichts dagegen einzuwenden hat, können Sie sich den Großteil
meiner Analysen ansehen. Die Mehrzahl unserer Agenten und Informanten traf es
auch unvorbereitet. Wir hätten es alle besser machen können, ich selbst
eingeschlossen. Wenn ich eine Schwäche habe, ist es die Überbetonung der Taktik.«
»Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht?«
»So ungefähr«, gab Ryan zu. »Das ist die große Falle, aber die Erkenntnis an sich
nützt auch nicht immer.«
»Deshalb hat man mich wohl hierhergeschickt«, merkte Goodley an.
217
Jack grinste. »So ähnlich hab’ ich hier auch mal angefangen. Wo wollen Sie starten,
Dr. Goodley?«
Ben hatte natürlich bereits eine klare Vorstellung. Wenn Ryan nicht ahnte, was ihm
blühte, war das sein Problem.
»Und wo besorgst du die Computer?« fragte Bock. Fromm hatte sich mit Papier und
Bleistift in Klausur begeben.
»In Israel erst einmal, vielleicht auch in Jordanien oder Südzypern«, erwiderte
Ghosn.
»Das wird teuflisch teuer«, warnte Bock.
»Nach dem Preis der computergesteuerten Werkzeugmaschinen habe ich mich
bereits erkundigt. Die kosten allerhand.« So viel aber auch wieder nicht, dachte
Ghosn. Er verfügte über Summen, von denen dieser Ungläubige nur träumen konnte.
»Was dein Freund braucht, bekommt er.«
218
13
Prozesse
Warum habe ich diesen Job nur angenommen? fragte sich der Vizepräsident.
Roger Durling hatte seinen Stolz. Nachdem er erst einen Senatssitz, der angeblich
sicher war, überraschend erobert hatte und dann der jüngste Gouverneur in
Kalifornien geworden war, sah er in diesem nicht ganz unberechtigten Stolz eine
Schwäche.
Hättest ein paar Jahre warten, vielleicht in den Senat zurückkehren und dir den
Einzug ins Weiße Haus verdienen sollen, überlegte er, anstatt diesen Kuhhandel mit
Fowler abzuschließen: Durling bringt die Stimmen, die den Wahlsieg sichern, ein und
wird im Gegenzug mit der Vizepräsidentschaft abgespeist.
Nun saß er in »Air Force Two«; das ist das Rufzeichen jeder beliebigen Maschine,
die der Vizepräsident benutzt. Der unausgesprochene Unterschied zur Air Force One
gab nur Anlaß zu weiteren Witzen, deren Ziel das angeblich zweitwichtigste
politische Amt in den Vereinigten Staaten war. Derb und treffend hatte es John Nance
Garner als »Krug voll warmer Spucke« bezeichnet. Das Amt des Vizepräsidenten war
nach Durlings Auffassung einer der wenigen Fehler der Gründerväter. Früher war es
sogar noch schlimmer gewesen. Ursprünglich sollte nämlic h der unterlegene
Präsidentschaftskandidat als Vize und Senatsvorsitzender in die Regierung des
Wahlsiegers eintreten und als guter Patriot im Interesse des Landes die politischen
Differenzen begraben. Warum James Madison auf diese Wahnsinnsidee gekommen
war, hatte bislang noch kein Historiker untersucht. Der Fehler war 1803 mit dem 12.
Amendment rasch korrigiert worden. Selbst in einem Zeitalter, in dem die Herren sich
bei der Vorbereitung zum Duell mit »Sir« anredeten, hielt man solche Selbstlosigkeit
für übertrieben. Nach der Gesetzesänderung war der Vizepräsident kein geschlagener
Gegner mehr, sondern ein Anhängsel. Daß so viele Vizepräsidenten den Spitzenjob
bekommen hatten, war weniger der Absicht des Gesetzgebers als dem Zufall
zuzuschreiben. Und daß so viele gute Präsidenten geworden waren - Andrew Johnson,
Theodore Roosevelt, Harry Truman -, grenzte an ein Wunder.
Auf jeden Fall war dies eine Chance, die Durling nie bekommen würde. Bob
Fowler war so gesund und politisch abgesichert wie kein Präsident seit... Eisenhower?
Franklin D. Roosevelt? Die wichtige Rolle eines fast Gleichgestellten, die Jimmy
Carter seinem Vize Walter Mondale zugedacht hatte - eine weithin ignorierte, aber
sehr konstruktive Initiative, gehörte inzwischen der Vergangenheit an. Der Präsident
hatte klargestellt, daß er Durling nicht mehr brauchte.
Und so war Durling zu nebensächlichen, mehr als sekundären Pflichten verdonnert
worden. Fowler düste in einer modifizierten 747 herum, die nur ihm allein zur
Verfügung stand, während Roger Durling benutzen mußte, was gerade greifbar war;
in diesem Fall eine VC-20B Gulfstream, mit der jeder Beamte entsprechenden Ranges
fliegen durfte. Auch Mitglieder des Senats und des Repräsentantenhauses machten mit
diesem Typ Vergnügungsreisen auf Staatskosten, wenn sie im richtigen Ausschuß
saßen oder wenn der Präsident das Gefühl hatte, daß sie Streicheleinheiten brauchten.
Jetzt wirst du verbiestert, ermahnte sich Durling. Und damit rechtfertigst du nur die
ganze Scheiße, die du dir bieten lassen mußt.
219
Seine Fehleinschätzung war mindestens so schwerwiegend gewesen wie Madisons,
erkannte der Vizepräsident, als die Maschine anrollte. Der Verfasser des Entwurfs der
amerikanischen Verfassung war mit seinem Wunsch, Politiker sollten die Interessen
des Landes über ihren persönlichen Ehrgeiz stellen, nur optimistisch gewesen.
Durling aber hatte eine offenkundige politische Realität ignoriert: Dem Präsidenten
sind ein Dutzend Ausschußvorsitzende aus Senat und Repräsentantenhaus viel
wichtiger als sein Vize. Mit dem Kongreß muß er nämlich zusammenarbeiten, wenn
er seine Vorlagen durchbringen will. Mit seinem Vize brauchte er sich noch nicht
einmal abzugeben.
Wie bin ich bloß in diese Lage geraten? fragte sich Durling zum tausendsten Mal
und grunzte erheitert. Schuld war natürlich sein Patriotismus. Er hatte Kalifornien
eingebracht, und ohne die Stimmen dieses Staates wären Fowler und er jetzt immer
noch Gouverneure. Die einzige Konzession, die er herausgeschlagen hatte - Charlie
Aldens Ernennung zum Sicherheitsberater —, galt nun nichts mehr, aber Durling war
immerhin der entscheidende Faktor bei der Übernahme der Präsidentschaft durch
einen Demokraten gewesen. Und der Lohn? Er bekam nur Routinearbeit
zugeschoben, hielt Reden, die nur selten in die Nachrichten kamen, sprach vor dem
gemeinen Parteivolk, stellte die Ideen zur Debatte, die selten gut oder seine eigenen
waren - und wartete darauf, daß der Blitz ihn traf statt den Präsidenten. Heute sollte er
sich über die Notwendigkeit von Steuererhöhungen zur Finanzierung des Friedens im
Nahen Osten äußern. Welch großartige Chance für einen Politiker! dachte er. Durling
sollte in St. Louis sprechen, wo sich Einkäufer zu einer Tagung trafen. Da ist mir
donnernder Applaus sicher, sagte er sich sarkastisch.
Aber er hatte den Posten angenommen und den Diensteid geschworen. Also Zähne
zusammenbeißen und durchhalten.
Die Maschine rumpelte an Hangars und einer Reihe von Flugzeugen vorbei,
darunter die als fliegender Befehlsstand im Verteidigungsfall konfigurierte 747
NEACP, auch als »Weltuntergangs-Expreß« bekannt. Diese Boeing, die nie weiter als
zwei Flugstunden vom Aufenthaltsort des Präsidenten entfernt sein durfte - ein
kniffliges Problem, wenn er Rußland oder China besuchte -, war der einzig sichere
Platz, den der Präsident in einer nuklearen Krise einnehmen konnte, aber das lag ja
inzwischen nicht mehr im Bereich des Möglichen, oder? Durling sah reges Treiben an
der Maschine. Noch waren die Haushaltsmittel für diesen Vogel, der zur Flotte des
Präsidenten gehörte, nicht gekürzt worden, und man hielt ihn immer startklar. Wie
bald wird sich auch das ändern? fragte sich Durling.
»Wir sind bereit zum Start. Sind Sie angeschnallt. Sir?« fragte der Flugbegleiter,
ein Sergeant.
»Aber sicher! Dann mal los«, erwiderte Durling lächelnd. In der Air Force One
schnallten sich die Leute manchmal nicht an, um Vertrauen in Maschine und
Besatzung zu demonstrieren. Wieder ein Beweis für die Zweitklassigkeit seines
Flugzeuges, aber er konnte den Sergeant kaum wegen vorschriftsmäßigem Verhalten
anschnauzen. Für diesen Mann war Roger Durling wichtig, und das machte ihn, der
bei der Air Force wohl nach E-6 bezahlt wurde, ehrenhafter als die meisten Politiker.
Was Wunder? fragte sich Durling.
»Roger.«
»Schon wieder?« fragte Ryan.
»Ja, Sir«, sagte die Stimme am Telefon.
»Gut, geben Sie mir ein paar Minuten Zeit.«
220
»Jawohl, Sir.«
Ryan trank seinen Kaffee aus und ging hinüber in Cabots Büro, wo er zu seiner
Überraschung Goodley vorfand. Der junge Mann hielt Distanz zu den Qualmwolken
des Direktors, und selbst Jack fand, daß Cabot seine Patton-Show übertrieb.
»Was gibt’s, Jack?«
»CAMELOT«, erwiderte Jack sichtlich vergrätzt. »Dieser Verein im Weißen Haus
drückt sich mal wieder und will, daß ich einspringe.«
»Na und? Sind Sie denn so beschäftigt?«
»Sir, über dieses Thema sprachen wir schon vor vier Monaten. Die Teilnahme von
Leuten aus dem Weißen Haus ist wichtig...«
»Der Präsident und seine Leute haben andere Dinge zu tun«, erklärte der DGI
müde.
»Sir, diese Termine werden Wochen im voraus angesetzt, und es ist nun schon das
vierte Mal, daß...«
»Ich weiß, Jack.«
Ryan ließ sich nicht beirren. »Jemand muß ihnen sagen, wie wichtig das ist.«
»Hab’ ich doch versucht!« schoß Cabot zurück. Jack wußte, daß das stimmte.
»Haben Sie versucht, sich hinter Minister Talbot oder Dennis Bunker zu
klemmen?« Auf die hört der Präsident wenigstens, fügte Ryan im stillen hinzu.
Cabot verstand ihn auch so. »Jack, wir können dem Präsidenten keine Befehle
geben, sondern ihn nur beraten. Leider befolgt er unseren Rat nicht immer. Außerdem
verstehen Sie sich doch gut auf solche Sachen. Dennis spielt gerne mit Ihnen.«
»Das freut mich, Sir, aber Sachen wie diese sind nicht mein Job. Werden die
Ergebnisse überhaupt im Weißen Haus gelesen?«
»Charlie Alden sah sie sich immer an. Ich vermute, daß Liz Elliot es ebenso hält.«
»Von wegen«, gab Ryan eisig zurück, ohne sich um Goodleys Anwesenheit zu
kümmern. »Sir, ich finde das unverantwortlich.«
»Das ist ein bißchen hart, Jack.«
»Leider auch ein bißchen wahr«, erwiderte Ryan so ruhig wie möglich.
»Darf ich fragen, was CAMELOT ist?« warf Ben Goodley ein.
»Ein Kriegsspiel, bei dem es gewöhnlich um Krisenmanagement geht«, antwortete
Cabot.
»Ah, so ähnlich wie SAGA und GLOBAL?«
»Ja«, sagte Ryan. »Der Präsident nimmt aber nie teil, weil es ein Sicherheitsrisiko
wäre, wenn wir wüßten, wie er in einer bestimmten Situation handelt - gewiß, das
klingt übertrieben konservativ, aber so haben wir es schon immer gehalten. An seiner
Stelle spielt der Sicherheitsberater oder ein anderes Mitglied des Stabes mit und hat
ihn dann über den Verlauf zu informieren. Nur meint Präsident Fowler, daß er sich
um so etwas nicht zu kümmern braucht, und nun fangen seine Leute an, die gleiche
dumme Haltung zu zeigen.« Ryan war so ungehalten, daß er »Präsident Fowler« und
»dumm« in einem Satz gebrauchte.
»Ist es denn wirklich notwendig?« fragte Goodley. »Die Sache kommt mir
anachronistisch vor.«
»Haben Sie eine Kfz-Versicherung, Ben?« fragte Jack.
»Natürlich.«
»Hatten Sie jemals einen Unfall?«
»Keinen einzigen, an dem ich schuld war«, entgegnete Goodley.
»Wozu dann die Versicherung?« fragte Jack und schob die Antwort gleich
221
hinterher: »Weil es eine Versicherung ist. Sie glauben nicht, daß Sie sie brauchen, Sie
wollen sie auch nicht brauchen, aber weil Sie sie brauchen könnten, wenden Sie das
Geld oder im vorliegenden Fall die Zeit auf.«
Der Jungakademiker machte eine wegwerfende Geste. »Ich bitte Sie, das läßt sich
doch nicht vergleichen.«
»Richtig. Im Auto geht es nur um Ihre Haut.« Ryan schenkte sich den Rest der
Predigt. »Gut, Marcus, ich bin dann für den Rest des Tages außer Haus.«
»Ich habe Ihre Einwände und Empfehlungen zur Kenntnis genommen, Jack, und
werde sie bei nächster Gelegenheit zur Sprache bringen. Ach ja, und ehe Sie gehen zum Thema NIITAKA...«
Ryan blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf Cabot hinab. »Sir, für dieses
Wort ist Mr. Goodley nicht zugelassen, und für die Akte erst recht nicht.«
»Wir reden ja nicht über die Substanz des Falles. Wann ist man unten« - Ryan war
froh, daß er nicht MERCURY sagte - »für die, äh, modifizierte Operation bereit? Ich
will die Datenübertragung verbessert sehen.«
»In sechs Wochen. Bis dahin müssen wir auf die besprochenen anderen Methoden
zurückgreifen.«
Der Direktor der CIA nickte. »Gut. Das Weiße Haus ist an diesem Projekt sehr
interessiert, Jack. Ich soll alle Beteiligten loben.«
»Das hört man gerne, Sir. Bis morgen dann.« Jack ging hinaus.
»NIITAKA?« fragte Goodley, als sich die Tür geschlossen hatte. »Klingt
japanisch.«
»Bedaure, Goodley, dieses Wort können Sie sofort vergessen.« Cabot hatte es nur
ausgesprochen, um Ryan in seine Schranken zu weisen, und das tat ihm jetzt schon
leid.
»Jawohl, Sir. Darf ich Sie etwas anderes fragen?«
»Nur zu.«
»Ist Ryan wirklich so gut wie sein Ruf?«
Cabot drückte zur Erleichterung seines Besuchers den Zigarrenstummel aus. »Er
hat Beachtliches geleistet.«
»Wirklich? Das habe ich auch gehört. Im Grunde bin ich ja nur hier, um zu
untersuchen, welche Persönlichkeitstypen nun wirklich herausragen. Zum Beispiel:
Wie wächst man in einen solchen Job hinein? Ryan ist hier aufgestiegen wie eine
Rakete. Ich hätte gerne gewußt, wie er das geschafft hat.«
»Indem er häufiger recht als unrecht hatte, einige schwierige Entscheidungen traf
und ein paar Operationen im Feld führte, die selbst ich kaum glauben kann«, sagte
Cabot nach kurzer Besinnung. »Und das dürfen Sie niemals weitersagen, Dr.
Goodley.«
»Ich verstehe. Darf ich mir seine Personalakte ansehen?«
Der DCI zog die Brauen hoch. »Alles, was Sie darin finden, ist geheim. Wenn Sie
etwa darüber schreiben wollen...«
»Verzeihung, aber das weiß ich. Alles, was ich schreibe, muß vorher abgeklärt
werden. Dazu habe ich mich schriftlich verpflichtet. Aber ich muß erfahren, wie sich
eine Persönlichkeit hier integriert, und Ryan scheint mir der ideale Fall für diesen
Prozeß zu sein. Schließlich ist das mein Auftrag vom Weißen Haus«, betonte
Goodley. »Ich soll über das, was ich hier vorfinde, Bericht erstatten.«
Cabot blieb kurz stumm. »Na, dann geht das wohl in Ordnung.«
Ryans Wagen fuhr am Osteingang des Pentagons vor. Er wurde von einem
222
Luftwaffengeneral empfangen und am Metalldetektor vorbei ins Gebäude geführt.
Zwei Minuten später stand er in einem der vielen unterirdischen Räume dieses
häßlichsten aller Amtsgebäude.
»Tag, Jack«, rief Dennis Bunker von hinten.
Ryan grüßte zurück und nahm auf dem Sessel des Sicherheitsberaters Platz. Das
Spiel begann sofort. »Was für ein Problem haben wir heute?«
»Abgesehen von der Tatsache, daß Liz Elliot uns nicht mit ihrer Anwesenheit
beehren wollte?« Der Verteidigungsminister lachte in sich hinein und wurde dann
ernst. »Es hat einen Angriff auf einen unserer Kreuzer im östlichen Mittelmeer
gegeben. Die Informationen sind noch lückenhaft, aber das Schiff wurde schwer
beschädigt und könnte sinken. Wir müssen mit vielen Toten und Verwundeten
rechnen.«
»Was wissen wir?« fragte Jack und stieg in das Spiel ein. Eine farbige Karte an
seinem Jackett identifizierte seine Rolle. Eine Papptafel, die über seinem Platz an der
Decke hing, erfüllte den gleichen Zweck.
»Nicht viel.« Bunker sah auf, als ein Lieutenant der Navy eintrat.
»Sir. USS Kidd meldet, daß die Valley Forge vor fünf Minuten explodiert und
gesunken ist. Es wurden nur zwanzig Überlebende geborgen. Eine Rettungsaktion ist
im Gang.«
»Was hat zu dem Verlust geführt?« fragte Ryan.
»Unbekannt. Sir. Kidd war zum Zeitpunkt des Vorfalls dreißig Meilen von der
Valley Forge entfernt. Unser Hubschrauber ist nun am Unglücksort. Der
Kommandeur der sechsten Flotte hatte alle seine Schiffe in höchste Alarmbereitschaft
versetzt. USS Theodore Roosevelt hat Flugzeuge starten lassen, die nun das Gebiet
absuchen.«
»Den Chef der Flieger auf der TR kenne ich, Robby Jackson«, sagte Ryan. Aber das
war eigentlich unwichtig. Die Theodore Roosevelt lag in Wirklichkeit in Norfolk,
Virginia, und Robby bereitete sich noch auf seine nächste Fahrt vor. Bei diesem Spiel
wurden Gattungsnamen verwendet - TR stand also nur für »Flugzeugträger« -, und
wenn jemand einen Seemann oder Flieger persönlich kannte, war das irrelevant, denn
im Spiel waren die Besatzungen fiktiv. In der Realität aber kommandierte Robby als
Commander Air Group die Flugzeuge der Theodore Roosevelt, und im Ernstfall käme
seine Maschine als erste aufs Katapult. Man durfte nicht vergessen, daß der Zweck
dieses Spiels todernst war. »Hintergrundinformationen?« fragte Jack, der sich nicht
mehr an alle Details im Vorausmaterial dieses Szenariums entsann.
»Die CIA meldet eine mögliche Meuterei bei Einheiten der Roten Armee in
Kasachstan und Unruhen auf zwei Marinestützpunkten«, meldete der Spielmoderator,
ein Commander der Navy.
»Sowjetische Einheiten in der Nähe der Valley Forge?« fragte Bunker.
»Möglicherweise ein U-Boot«, erwiderte der Marineoffizier.
»Blitzmeldung!« kam es aus dem Wandlautsprecher. »USS Kidd hat mit dem
Nahverteidigungssystem eine anfliegende Boden-Boden-Rakete zerstört: Leichte
Schäden am Schiff, keine Verluste.«
Jack ging in die Ecke, um sich eine Tasse Kaffee einzuschenken, und lächelte vor
sich hin. Er mußte sich eingestehen, daß er diese sehr realistischen Spiele genoß. Er
war aus dem Alltagstrott herausgerissen und in diesen stickigen Raum gesperrt
worden, bekam widersprüchliche und fragmentarische Informationen und hatte nicht
die geringste Ahnung, was eigentlich vor sich ging. Genau wie in der Wirklichkeit.
223
Ein alter Witz: Was haben Krisenmanager und Champignons gemeinsam? Man läßt
sie im Dunkeln und gibt ihnen Mist.
»Sir, HOTLINE-Meldung.«
Aha, dachte Ryan, heute ist also der Heiße Draht im Spiel. Demnach ist das
Szenarium im Pentagon ausgearbeitet worden. Mal sehen, ob es immer noch möglich
ist, die Welt in die Luft zu sprengen...
»Noch mehr Beton?« fragte Kati.
»Jawohl«, antwortete Fromm. »Die Maschinen wiegen jeweils mehrere Tonnen und
müssen stabil montiert sein. Der Raum braucht einen festen Boden und muß
hermetisch abgedichtet werden. Außerdem muß er so sauber sein wie ein
Krankenhaus - nein, sauberer als jedes Krankenhaus, das Sie je gesehen haben.«
Fromm schaute auf seine Liste und dachte: Natürlich nicht sauberer als eine deutsche
Klinik. »Nun zur Stromversorgung. Wir brauchen drei große Notstromaggregate mit
leistungsfähigen Generatoren...«
»Wozu?« fragte Kati.
»Damit wir vom Netz unabhängig sind«, erklärte Ghosn. »Einer der Generatoren
wird natürlich permanent laufen.«
»Korrekt«, sagte Fromm. »Da wir unter primitiven Bedingungen arbeiten, werden
wir jeweils nur an einer Maschine arbeiten. Eine sichere Stromversorgung ist
lebensnotwendig. Aus diesem Grund schicken wir den Netzstrom durch die
Schaltautomatik eines Notstromaggregats, um Spannungsspitzen aufzufangen. Die
Computersteuerung der Fräsmaschinen ist hochempfindlich.«
»Nächster Punkt!« verkündete Fromm. »Ausgebildetes Bedienungspersonal.«
»Das wird sehr schwer zu finden sein«, bemerkte Ghosn.
Zur Überraschung aller Anwesenden lächelte der Deutsche. »Kein Problem. Das ist
einfacher, als Sie glauben.«
»Wirklich?« fragte Kati und dachte: Gute Nachrichten von diesem Ungläubigen?
»Wir brauchen vielleicht fünf hochspezialisierte Leute. Die lassen sich hier finden,
da bin ich ganz sicher.«
»Und wo? Es gibt in der Umgebung keine Maschinenwerkstatt, die...«
»Doch. Es werden doch auch hier Brillen getragen, oder?«
»Aber...«
»Natürlich!« rief Ghosn und rollte vor Überraschung die Augen.
»Der erforderliche Präzisionsgrad«, erklärte Fromm an Kati gewandt, »ist der
gleiche wie beim Linsenschleifen. Die Maschinen sind ähnlich, nur größer, und
letzten Endes versuchen wir ja nur, ein hartes Material sphärisch und mit geringen
Toleranzen zu bearbeiten. Atombomben müssen nach strengen Spezifikationen
gefertigt werden - wie Brillen. Das Objekt, das wir herstellen wollen, ist zwar größer,
aber das Prinzip ist dasselbe. Mit den richtigen Maschinen ist das Ganze lediglich eine
Frage des Maßstabs. Also: Können Sie qualifizierte Optiker besorgen?«
»Warum nicht?« versetzte Kati und verbarg seinen Ärger.
»Es müssen aber erstklassige Fachleute sein«, sagte Fromm oberlehrerhaft. »Mit
langer Berufserfahrung und einer Ausbildung in Deutschland oder England.«
»Das wird Sicherheitsprobleme geben«, meinte Ghosn leise.
»Wieso denn?« fragte Fromm mit gespielter Überraschung.
»Genau. Kein Problem«, stimmte Kati zu.
»Na gut. Nun zu stabilen Tischen für die Maschinen.«
224
Die Hälfte haben wir hinter uns. dachte Lieutenant Commander Walter Claggett.
Noch 45 Tage; dann tauchte USS Maine von der Juan-de-Fuca-Straße auf, um dann
von einem Schlepper nach Bangor bugsiert zu werden. Dort sollte die Übergabe an
die Besatzung »Blau« erfolgen, die dann die nächste Abschreckungspatrouille begann.
Walter Claggett, den seine Freunde aus unerfindlichen Gründen trotz seiner
schwarzen Hautfarbe seit der Marineakademie »Dutch« nannten, war 36, und man
hatte ihm vor dem Auslaufen zu verstehen gegeben, daß er Aussicht auf Beförderung
und das Kommando auf einem Jagd-U-Boot hatte. Ihm war das ganz recht. Seine
beiden Ehen waren gescheitert - bei U-Boot-Fahrern keine Seltenheit -, aber
wenigstens kinderlos geblieben. Nun lebte er nur für die Marine und hatte gegen ein
Leben auf See nichts einzuwenden. Amüsieren konnte er sich schließlich auch
während der nicht gerade kurzen Landaufenthalte. Auf See zu sein, als Kommandant
eines majestätischen Kriegsschiffes durch das schwarze Wasser zu gleiten war für
Walter Claggett das Schönste. Die kompetente Besatzung, den Respekt, den er sich
ehrlich in einem der anspruchsvollsten Berufe verdient hatte, die Fähigkeit, im
richtigen Augenblick das Richtige zu tun, das lockere Geplänkel in der Messe, die
Verantwortung als Berater seiner Männer - Claggett genoß jeden Aspekt seiner
Karriere.
Nur seinen Vorgesetzten konnte er nicht ausstehen.
Ihm war unverständlich, wie Captain Harry Ricks es so weit hatte bringen können.
Gewiß, der Mann hatte einen brillanten Verstand und hätte ein Reaktorsystem auf
einem alten Umschlag oder an einem guten Tag vielleicht sogar im Kopf entwerfen
können. Er wußte Dinge über U-Boote, an die die Schiffbauer bei Electric Boat noch
nicht einmal gedacht hatten. Er war in der Lage, mit dem besten Optik-Experten der
Navy über Periskopkonstruktionen zu fachsimpeln und verstand mehr von SatellitenNavigationssystemen als die Leute bei der NASA, die dieses Programm leiteten. Und
über die Lenkeinrichtung der Raketen Trident-II D-5 an Bord wußten außer ihm nur
die Ingenieure beim Hersteller Lockheed besser Bescheid. Vor zwei Tagen hatte er
beim Abendessen eine ganze Seite aus dem Wartungshandbuch auswendig zitiert.
Was seine technischen Fähigkeiten betraf, mochte Ricks der am besten präparierte
Offizier der ganzen amerikanischen Marine sein.
Harry Ricks war sozusagen die Quintessenz der nuklearen Marine. Als Ingenieur
war er unübertroffen. Die technischen Aspekte seines Berufes beherrschte er fast
instinktiv. Claggett war tüchtig, und er wußte das auch: ihm war aber auch klar, daß er
nie so gut werden würde wie Harry Ricks.
Schade nur, daß er von der Führung eines U-Bootes und seiner Mannschaft keinen
blassen Schimmer hat, dachte Claggett deprimiert. Es klang zwar unglaublich, aber es
stimmte: Ricks verstand nicht viel von Seemannschaft und von Seeleuten überhaupt
nichts.
»Sir«, sagte Claggett langsam, »der Mann ist ein guter Chief. Jung, aber helle.«
»Er hat seine Leute nicht unter Kontrolle«, versetzte Ricks.
»Captain, ich weiß nicht, was Sie damit meinen.«
»Seine Übungsmethoden sind vorschriftswidrig.«
»Gewiß, er ist etwas unkonventionell, hat aber die durchschnittliche Nachladezeit
um sechs Sekunden verkürzt. Alle Torpedos funktionieren einwandfrei, selbst jene,
die mit Defekten von Land kamen. In der Abteilung herrscht Ordnung, alles ist
einsatzbereit. Was können wir von dem Mann mehr erwarten?«
225
»Ich erwarte nicht, ich befehle. Ich verlange, daß so gehandelt wird, wie ich es
wünsche, auf korrekte Weise. Und da werde ich mich auch durchsetzen«, fügte Ricks
bedrohlich leise hinzu.
Claggett wußte, daß es sinnlos war, dem Skipper bei einem Thema wie diesem zu
widersprechen. Andererseits stand er als Erster Offizier zwischen dem Captain und
der Mannschaft - insbesondere, wenn der Captain im Unrecht war.
»Captain, da bin ich bei allem Respekt anderer Ansicht. Zählen sollten die
Resultate, und die sind in diesem Fall praktisch perfekt. Ein guter Chief dehnt die
Vorschriften, und dieser Mann hat sie nicht über Gebühr strapaziert. Wenn Sie ihn
zusammenstauchen, hat das negative Auswirkungen auf ihn und seine Abteilung.«
»IA, ich erwarte Unterstützung von allen meinen Offizieren, und ganz besonders
von Ihnen.«
Claggett setzte sich kerzengerade auf, als hätte er einen Schlag versetzt bekommen,
und antwortete mit Mühe beherrscht: »Captain, meine Unterstützung und Loyalität
sind Ihnen sicher. Ich bin aber kein Roboter, sondern habe die Aufgabe, Alternativen
anzubieten. Zumindest«, fügte er hinzu, »bekam ich das in der Ausbildung
beigebracht.«
Claggett bereute den letzten Satz, kaum daß er heraus war, aber irgendwie mußte
das gesagt werden. Die Kabine des Kommandanten war klein und schien in diesem
Moment noch enger zu werden.
Das hättest du nicht sagen sollen, dachte Ricks und starrte Claggett ausdruckslos
an.
»Nun zu den Reaktortests.«
»Schon wieder? Nach so kurzer Zeit?« Himmel noch mal, der letzte Sicherheitstest
war doch perfekt, dachte Claggett und korrigierte sich: fast perfekt. Irgendwo hätten
die Jungs zehn oder fünfzehn Sekunden einsparen können. Nur wußte der Erste
Offizier nicht, wo.
»An seinem Können muß man täglich arbeiten, IA.«
»Gewiß, Sir, aber dieses Team besteht aus Könnern. Die Ergebnisse der
Sicherheitsüberprüfung kurz vor Captain Rossellis Ablösung hätten um ein Haar den
Geschwaderrekord gebrochen, und der bisher letzte Test unter Ihnen fiel noch besser
aus!«
»Ganz gleich, wie gut Resultate sind, verlangen Sie immer noch bessere. Dann
bekommt man sie nämlich. Beim nächsten Test will ich den Geschwaderrekord haben.
IA.«
Er will den Marinerekord, den Weltrekord und vielleicht noch ein Diplom vom
lieben Gott, dachte Claggett. Wichtiger noch, er will das in seiner Personalakte haben.
Das Telefon am Schott ging. Ricks nahm ab. »Hier spricht der Kommandant ... ja.
bin schon unterwegs.« Er hängte auf. »Sonarkontakt.«
Zwei Sekunden später war Claggett schon aus der Tür. dicht gefolgt vom Captain.
»Was gibt’s?« fragte Claggett gleich. Als Erster Offizier war er bei taktischen
Gefechten die Ansprechperson.
»Ich habe ihn erst nach zwei Minuten erkannt«, meldete der ranghöchste
Sonarmann. »Reiner Zufallskontakt. Ich vermute ein 688 in Richtung eins-neun-fünf.
Direktkontakt. Sir.«
»Rücklauf«, befahl Ricks.
Der Sonarmann setzte sich an einen anderen Monitor, weil er auf seinem mit
Fettstift Markierungen angebracht hatte, die er noch nicht entfernen wollte. und spulte
226
das Videoband zurück.
»Hier, Captain ... ganz verwaschen, aber jetzt wird das Signal konkreter. An diesem
Punkt verständigte ich Sie.«
Der Captain tippte auf den Bildschirm. »Sie hätten das schon dort identifizieren
sollen. Zwei Minuten vergeudet, Beim nächsten Mal mehr Aufmerksamkeit bitte.«
»Aye aye, Captain.« Was sollte ein 25jä hriger Sonarmann Zweiter Klasse auch
anderes sagen? Ricks verließ den Sonarraum. Claggett folgte ihm und klopfte dem
Sonarmann im Vorbeigehen auf die Schulter.
Captain, was bist du doch für ein Miesling, dachte er.
»Kurs zwei-sieben-null. Fahrt fünf, Tiefe 170. Wir sind unter der Schicht«, meldete
der Diensthabende. »Halten Kontakt Sierra-11 in eins-neun-fünf, an Steuerbord
querab. Feuerleittrupp zusammengestellt. Rohre eins, drei und vier sind geladen. Rohr
zwei wegen Wartung leer. Luke geschlossen, Rohr trocken.«
»Meldung zu Sierra-11«, befahl Ricks.
»Direktkontakt. Er befindet sich unter der Schicht. Distanz unbekannt.«
»Umweltbedingungen?«
»Oberflächenwasser ruhig, eine mäßige Schicht in 30 Meter. Wir sind von gutem
isothermischen Wasser umgeben. Sonarbedingungen vorzüglich.«
»Erste Entfernungsschätzung zu Sierra-11: über 10000 Meter«, meldete Ensign
Shaw vom Feuerleittrupp.
»Zentrale, hier Sonar. Kontakt Sierra-11 eindeutig als 688 beurteilt, amerikanisches
Jagd-U-Boot. Geschätzte Geschwindigkeit 14 bis 15 Knoten. Sir.«
»Oho!« sagte Claggett zu Ricks. »Wir haben ein Los Angeles über 10 T plus
erwischt. Da wird jemand sauer sein ...«
»Sonar, ich wünsche Daten und keine Vermutungen«, bellte Ricks.
»Captain, es war eine gute Leistung, den Kontakt aus dem Hintergrundlärm
herauszuisolieren«. meinte Claggett sehr leise. Sommer im Golf von Alaska bedeutete
Fischdampfer und Wale, die in großen Zahlen auftauchten, Lärm machten und die
Sonar-Displays überluden. »Dieser Sonarmann ist erstklassig.«
»Dafür wird er schließlich bezahlt. Für normale Arbeit gibt es keine Orden. Ich
schaue mir später das Band an, um festzustellen, ob er einen früheren Hinweis
übersehen hat.«
Beim Playback kann jeder was finden, dachte Claggett.
»Zentrale, hier Sonar. Schwaches Schraubengeräusch, das auf 14 Knoten hinweist,
plusminus, Sir.«
»So ist’s besser, Sonar.«
»Äh, Captain... vielleicht liegt er etwas näher als 10000. Werte werden konkreter...
beste Schätzung inzwischen 9500 Meter, Kurs ungefähr drei-null-fünf«, meldete
Shaw nun und wartete, daß ihm der Himmel auf den Kopf fiel.
»Er ist also keine 10000 Meter entfernt?«
»Nein, Sir, sieht eher nach 9500 aus.«
»Geben Sie Bescheid, wenn Sie es sich wieder mal anders überlegt haben«,
versetzte Ricks. »Fahrt auf vier Knoten reduzieren.«
»Fahrt auf vier Knoten reduzieren, aye«, bestätigte der Diensthabende.
»Lassen wir uns überholen?« fragte Claggett.
»Jawohl.« Der Captain nickte.
»Wir haben Zielkoordinaten«, meldete der Waffenoffizier. Der IA schaute auf die
Uhr. Viel besser ging es nicht.
227
»Gut, das hört man gern«, kommentierte Ricks.
»Fahrt nun vier Knoten.«
»So, wir haben ihn. Sierra-11 ist in Richtung zwei-null-eins, Distanz 9100 Meter,
Kurs drei-null-null, Fahrt 15.«
»Der ist erledigt«, meinte Claggett. Natürlich war der Kontakt wegen seiner hohen
Geschwindigkeit leicht zu orten gewesen.
»Stimmt. Das wird sich in unserem Patrouillenbericht gut ausmachen.«
»Heikel«, merkte Ryan an. »Diese Entwicklung gefällt mir gar nicht.«
»Mir auch nicht«, stimmte Bunker zu. »Ich empfehle, dem TR-Verband die Waffen
freizugeben.«
»Einverstanden. Ich werde eine entsprechende Empfehlung an den Präsidenten
leiten.« Ryan ging zum Telefon. Gemäß den Spielregeln sollte sich der Präsident in
der Air Force One auf dem Rückflug aus einem nicht näher bestimmten ostasiatischen
Land irgendwo über dem Pazifik befinden. Die Rolle des Präsidenten als
Entscheidungsträger spielte ein Komitee anderswo im Pentagon. Jack sprach seine
Empfehlung aus und wartete auf eine Antwort.
»Nur zur Selbstverteidigung, Dennis.«
»Quatsch«, erwiderte Bunker leise. »Auf mich hört er.«
Jack grinste. »Stimmt, aber in diesem Fall nicht. Keine Offensivhandlungen: es
dürfen nur die Schiffe des Verbandes verteidigt werden.«
Der Verteidigungsminister wandte sich an einen Offizier. »Geben Sie an die
Theodore Roosevelt durch: Ich befehle Aufklärungsflüge. Innerhalb eines Radius von
200 Meilen soll der Kommandant des Verbandes nach eigenem Ermessen handeln.
Was U-Boote angeht, beträgt der Radius nur 50 Meilen. Innerhalb dieser Zone wird
rücksichtslos versenkt.«
»Sehr kreativ«, sagte Jack.
»Immerhin ist die Valley Forge angegriffen worden.« Nach dem augenblicklichen
Informationsstand hatte ein sowjetisches Unterseeboot einen Überraschungsangriff
mit Raketen geführt. Anscheinend operierten einige Einheiten der russischen Flotte
unabhängig oder zumindest nach Befehlen, die nicht aus Moskau kamen. Dann wurde
die Lage noch ernster.
»HOTLINE-Meldung. Bodentruppen haben gerade eine SS-18-Basis in
Zentralasien angegriffen.«
»Lassen Sie sofort alle verfügbaren Langstreckenbomber starten! Jack, teilen Sie
dem Präsidenten mit, daß ich diesen Befehl gegeben habe.«
»Kommunikationsstörung«, kam es aus dem Lautsprecher. »Der Funkkontakt mit
Air Force One ist unterbrochen.«
»Einzelheiten?« fragte Jack.
»Mehr wissen wir nicht, Sir.«
»Wo befindet sich der Vizepräsident?« fragte Ryan.
»An Bord von NEACP-2,600 Meilen südlich von Bermuda. NEACP-1 ist Air Force
One um vierhundert Meilen voraus und wird bald in Alaska landen, wo der Präsident
umsteigen soll.«
»Also nahe genug an Rußland, daß ein Abfangen möglich ist... aber nicht sehr
wahrscheinlich... der Angreifer hätte nicht genug Sprit für den Rückflug«, dachte
Bunker laut. »Es sei denn, die Maschine wäre über ein sowjetisches Kriegsschiff mit
Luftabwehrraketen geraten... Nun hat der Vizepräsident vorübergehend den
228
Oberbefehl.«
»Sir, ich ...«
»Jack, diese Entscheidung liegt bei mir. Der Präsident ist entweder
handlungsunfähig, oder seine Nachrichtenverbindungen sind gestört. Ich erkläre als
VM, daß der Vizepräsident den Befehl hat, bis die Kommunikation wiederhergestellt
und die Authentizität der Verbindung durch Codewort bestätigt ist. Aufgrund meiner
Vollmacht versetze ich die Streitkräfte in DEFCON-1.«
Den ehemaligen Jagdpiloten Bunker hatten seine Instinkte nicht verlassen. Er traf
Entscheidungen und hielt sich daran. Und gewöhnlich hatte er, wie in diesem Fall,
recht.
Ryans Personalakte war dick, mehr als zehn Zentimeter stark, wie Goodley in seinem
Kabuff im sechsten Stock feststellte. Allein einen Zentimeter machten die Unterlagen
zum Lebenslauf und die Sicherheitsformulare aus. Seine akademische Karriere war
sehr beeindruckend, besonders, was seine Dissertation betraf, mit der er an der
Universität Georgetown in Geschichte promoviert hatte. Georgetown war natürlic h
nicht so renommiert wie Harvard, aber doch eine respektable Institution, fand
Goodley. Ryan war von Vizeadmiral James Greer zur CIA geholt worden und hatte
sich in seiner ersten Analyse »Agenten und Dienste« mit dem Terrorismus befaßt.
Angesichts dessen, was sich später ereignen sollte, ein merkwürdiger Zufall, dachte
Goodley.
30 Seiten, vorwiegend Zusammenfassungen von Polizeiberichten, versehen mit
einigen Zeitungsbildern, gab es über Ryans Abenteuer in London. Goodley begann
sich Notizen zu machen. Cowboy, schrieb er zuerst. Wie gerät man in so eine
Situation? Der Akademiker schüttelte den Kopf. 20 Minuten später las er die
Zusammenfassung von Ryans zweitem CIA-Report durch, in dem er ganz
zuversichtlich prophezeite, daß mit einer Operation der Terroristen in den USA nicht
zu rechnen sei. Tage darauf war seine Familie angegriffen worden.
Satt danebengehauen, Ryan, dachte Goodley und lachte in sich hinein. Der Mann
war also trotz seiner Intelligenz nicht gegen Fehler gefeit.
Und auch während seiner Dienstzeit in England waren ihm einige Schnitzer
unterlaufen. Zum Beispiel hatte er in Tschernenko nicht Andropows Nachfolger
gesehen. Dafür hatte er aber andererseits vor allen anderen vorausgesagt, daß
Narmonow der kommende Mann war - mit Ausnahme von Kantrowitz in Princeton,
der als erster Andrej Il’itschs hervorragende Qualitäten erkannt hatte. Goodley selbst
war damals noch Student gewesen und hatte ein Verhältnis mit einem Mädchen
namens Debra Frost gehabt... Was wohl aus ihr geworden ist? fragte er sich.
»Verdammt!« flüsterte Ben ein paar Minuten später. »Verdammt noch mal...«
Roter Oktober, ein sowjetisches Raketen-U-Boot... zum Westen übergelaufen. Ryan
hatte die Absicht als erster vermutet... Ryan, Analytiker der CIA-Station London,
hatte... die Operation auf See geleitet! Und einen russischen Matrosen erschossen.
Typisch, hier schlug der Cowboy wieder durch. Konnte den Mann nicht einfach
festnehmen, sondern mußte ihn abknallen wie im Film...
Was für ein Hammer! Ein russisches strategisches Boot lief über... und man hielt
das geheim... ah, das Boot wurde später in tiefem Wasser versenkt.
Ryan blieb noch ein paar Monate in London und wurde dann von Greer als
persönlicher Assistent und Kronprinz zurück nach Langley geholt. Interessante
Mitarbeit bei Abrüstungsverhandlungen...
229
Unmöglich, dachte Goodley. Der Vorsitzende des KGB kam doch bei einem
Flugzeugabsturz ums Leben...
Inzwischen kritzelte Goodley eifrig. Über diese Sensationen konnte Liz Elliot nicht
informiert gewesen sein, oder?
Moment, du suchst ja gar nicht nach Belastungsmaterial, ermahnte sich Liz Elliots
Adlatus. Sie hatte den Wunsch zwar nicht ausdrücklich ausgesprochen, ihn aber so
klar angedeutet, daß er verstanden hatte... oder es zumindest glaubte. Nun wurde
Goodley klar, wie gefährlich dieses Spiel werden konnte.
Ryan war ein Killer, der mindestens drei Menschen erschossen hatte. Davon spürte
man nichts, wenn man mit dem Mann redete. Im Leben ging es nicht zu wie im
Western. Die Menschen trugen keine Revolver mit Kerben im Griff. Goodley bekam
zwar keine Gänsehaut, nahm sich aber vor. behutsam mit Ryan umzugehen. Er war
noch nie jemandem begegnet, der andere Menschen getötet hatte, und war auch nicht
so dumm, in solchen Leuten Helden oder irgendwie überlegene Persönlichkeiten zu
sehen. Aber die se Seite von Ryan mußte er sich merken.
Zur Zeit von James Greers Tod gab es Lücken... Moment, war damals nicht in
Kolumbien eine Menge los gewesen? Goodley machte sich weitere Notizen. Ryan
war damals provisorischer DDI gewesen, aber kurz nach Fowlers Amtsantritt waren
Richter Arthur Moore und Robert Ritter in Pension gegangen, um Platz für
Kandidaten der neuen Administration zu machen, und Ryan war vom Senat als
Stellvertretender Direktor der CIA bestätigt worden. Soweit also seine Karriere.
Goodley wandte sich den Unterlagen über sein Privatleben und seine
Vermögensverhältnisse zu...
»Falsche Entscheidung«, sagte Ryan 20 Minuten zu spät.
»Ich glaube, da haben Sie recht.«
»Die Erkenntnis kommt zu spät. Was haben wir falsch gemacht?«
»Genau weiß ich das auch nicht«, antwortete Bunker. »Sollen wir den TR-Verband
anweisen, abzurücken und sich zurückzuziehen?«
Ryan starrte auf die Weltkarte an der Wand. »Vielleicht, aber wir haben Andrej
Il’itsch in die Ecke getrieben... wir müssen ihm einen Ausweg lassen.«
»Und wie? Wie bringen wir das fertig, ohne uns selbst in eine Ecke zu
manövrieren?«
»Irgend etwas an diesem Szenarium hat nicht gestimmt... aber was...?«
»Rütteln wir mal an seinem Käfig«, dachte Ricks laut.
»Und wie, Captain?« fragte Claggett. »Status Rohr 2?«
»Leer, wegen Wartungsarbeiten«, antwortete der Waffenoffizier.
»Ist es jetzt klar?« »Jawohl, Sir. Die Inspektion wurde eine halbe Stunde vor dem
Kontakt abgeschlossen.«
»Sehr gut.« Ricks grinste. »Lassen wir ein Wassergeschoß aus Rohr zwei auf ihn
los und wecken ihn mit einem echten Abschußgeräusch auf!«
Verdammt! dachte Claggett. So etwas hätten selbst Mancuso oder Rosselli nicht
gewagt. »Sir, das wäre eine sehr geräuschvolle Methode. Ein >Tango<-Ruf übers
Unterwassertelefon würde ihn genug aufrütteln.«
»WO, haben wir Zielkoordinaten für Sierra-11?« Mancuso will aggressive Skipper
haben, dachte Ricks. Gut, dem will ich zeigten, wie aggressiv ich bin...
»Jawohl, Sir!« antwortete der Waffenoffizier sofort.
230
»Abschußsequenz einleiten. Leerschuß aus Rohr 2.«
»Sir, ich bestätige: Rohr 2 ist leer. Waffen in Rohr l, 3 und 4 gesichert.« Ein Anruf
im Torpedoraum bestätigte die Anzeigen der Displays. Im Torpedoraum spähte der
Chief durch ein Schauglas, um sicherzustellen, daß sie nichts abschossen.
»Rohr 1 ist visuell inspiziert und leer. Preßluft bereit«, meldete der Chief übers
Telefon. »Klar zum Abschuß.«
»Außenluk öffnen.«
»Außenluk öffnen, aye. Außenluk ist offen.«
»WO?« fragte Ricks.
»Ziel erfaßt«, antwortete der Waffenoffizier.
»Richtungsabgleich und... FEUER!«
Der Waffenoffizier drückte auf den Knopf. USS Maine bebte, als der
Preßluftschwall aus dem Rohr ins Meer schoß.
6000 Meter entfernt hatte sich ein Sonarmann an Bord der USS Omaha schon seit
mehreren Minuten bemüht, das schwache Signal auf seinem Monitor vom
Hintergrundlärm zu isolieren. »Zentrale, hier Sonar. Sir, mechanisches Geräusch in
null-acht-acht, achtern!«
»Was zum...?« sagte der Diensthabende. Er war der Navigator des Bootes und erst
seit der dritten Juliwoche auf seinem neuen Posten. »Was ist da hinten los?«
»Achtung, Abschußgeräusch in null-acht-acht! Ich wiederhole: ABSCHUSSGERÄUSCH ACHTERN!«
»Äußerste Kraft voraus!« rief der plötzlich blaß gewordene junge Lieutenant eine
Spur zu laut. »Alle Mann auf Gefechtsstation! Torpedomannschaft klar halten.« Er
nahm das Telefon ab, um den Captain zu verständigen, aber der Alarm ging schon los,
und der Kommandant kam barfuß und mit offenem Overall in die Zentrale gerannt.
»Was, zum Teufel, geht hier vor?«
»Sir, wir hatten ein Abschußgeräusch achtern - Sonar, was liegt sonst noch vor?«
»Nichts weiter, Sir. Es gab ein Abschußgeräusch, erzeugt von Preßluft im Wasser,
aber es klang... irgendwie komisch. Ich orte keinen Torpedo.«
»Ruder hart rechts«, befahl der Diensthabende und ignorierte den Captain. Da er
noch nicht abgelöst worden war, überwachte er weiter das Steuer. »Tiefe 30 Meter.
Torpedoraum: sofort Ködertorpedo abschießen!«
»Ruder hart rechts, aye. Sir, Ruder liegt hart rechts, kein Kurs befohlen. Fahrt 20
Knoten, wir beschleunigen weiter«, meldete der Rudergänger.
»Kurs null-eins-null.«
»Aye, neuer Kurs null-eins-null.«
»Wer ist in diesem Gebiet?« fragte der Kommandant entspannt, obwohl er sich
nicht so fühlte.
»Die Maine soll hier irgendwo in der Nähe sein«, antwortete der Navigator.
»Unter Harry Ricks«, merkte der Kommandant an und dachte: dieses Arschloch.
Aussprechen konnte er das aus Gründen der Disziplin nicht. »Sonar, Meldung!«
»Hier Sonar. Nichts im Wasser. Einen Torpedo hätte ich inzwischen längst
geortet.«
»Navigator, reduzieren Sie die Fahrt auf ein Drittel.«
»Aye, ein Drittel voraus.«
»Dem haben wir einen schönen Schrecken eingejagt«, meinte Ricks und beugte sich
231
über das Sonar-Display. Kurz nach dem simultierten Abschuß war das 688 auf volle
Leistung gegangen, und nun hörte er das Gurgeln eines Ködertorpedos.
»Er fährt wieder langsamer, Sir. Die Schraubenumdrehungen fallen.«
»Sicher, er weiß inzwischen, daß ihm keine Gefahr mehr droht. Wir rufen ihn über
das Unterwassertelefon an.«
»Dieser Idiot! Weiß er denn nicht, daß sich hier ein Akula herumtreiben kann?«
grollte der Kommandant der USS Omaha.
»Ich kann kein anderes Boot orten, nur ein paar Trawler.«
»Na gut. Alarm einstellen. Gönnen wir der Maine den kleinen Spaß.« Er zog eine
Grimasse. »Das war meine Schuld. Wir hätten zehn statt fünfzehn Knoten fahren
sollen. Fahrt auf zehn reduzieren.«
»Aye, Sir. Kurs?«
»Auf der Maine sollte man wissen, was im Norden liegt. Gehen Sie auf
Südostkurs.«
»Aye«, sagte der Navigator.
»Gute Reaktion, Mr. Auburn«, lobte der Kommandant. »Diesem Torpedo hätten
wir wohl ausweichen können. Was haben wir daraus gelernt?«
»Wie Sie bereits sagten, Sir, sind wir zu schnell gefahren.«
»Lernen Sie aus den Fehlern Ihres Captains, Mr. Auburn.«
»Jawohl, Sir.«
Der Skipper schlug dem jungen Mann beim Hinausgehen auf die Schulter.
36.000 Meter entfernt driftete die Admiral Lunin mit drei Knoten knapp über der
Thermoklineale und zog ihr Schleppsonar knapp unter dieser Schicht hinterher.
»Nun?« fragte der Kommandant.
»Wir hatten eine starken Schallimpuls in eins-drei-null«, sagte der Sonaroffizier
und wies aufs Display, »aber weiter nichts. Fünfzehn Sekunden später gab es wieder
ein plötzliches Geräusch...ungefähr hier, vor der ersten Schallquelle. Der Signatur
nach zu urteilen, ging ein amerikanisches Boot der Los-Angeles-Klasse auf AK,
verlangsamte dann die Fahrt und verschwand von unseren Schirmen.«
»Eine Übung, Jewgenij... das erste Geräusch kam von einem amerikanischen
Raketen-U-Boot der Ohio-Klasse. Was halten Sie davon?« fragte Walentin
Borissowitsch Dubinin, Kapitän Ersten Ranges.
»In tiefem Wasser ist ein Ohio noch nie geortet worden...«
»Nun, dann sind wir die ersten, die das geschafft haben.«
»Und nun?«
»Jetzt bleiben wir an Ort und Stelle und warten ab. Das Ohio ist zwar leiser als ein
schlafender Wal, aber wir wissen nun, daß es in der Nähe ist. Verfolgen werden wir es
nicht. Dumm von den Amerikanern, einen solchen Lärm zu veranstalten. So etwas
habe ich noch nie erlebt.«
»Die Spielregeln haben sich verändert, Kapitän.« In der Tat: Er brauchte nicht mehr
»Genosse Kapitän« zu sagen.
»Allerdings, Jewgenij. Inzwischen ist es wirklich nur noch ein Spiel. Niemandem
braucht mehr etwas zu passieren, und wir können unsere Kräfte messen wie bei der
Olympiade.«
»Kritik?«
232
»Ich wäre vor dem Schuß etwas dichter herangegangen, Sir«, sagte der
Waffenoffizier. »Omaha hatte eine Chance von fünfzig Prozent, dem Torpedo
auszuweichen.«
»Sicher, aber wir wollten sie ja nur aufrütteln«, erwiderte Ricks.
Was war dann der Zweck der Übung? fragte sich Dutch Claggett. Klar, der Alte
wollte nur seine Aggressivität demonstrieren.
»Das ist uns wohl gelungen«, erklärte der IA, um seinem Captain Unterstützung zu
geben. In der Zentrale wurde gegrinst. Strategische und Jagd-U-Boote traten oft zu
meist vorgeplanten Spielen gegeneinander an. Wie üblich hatte das Ohio auch diese
Runde gewonnen. Natürlich war sein Kommandant über die Anwesenheit der Omaha
in diesem Sektor informiert gewesen und hatte auch gewußt, daß sie nach einem
russischen Akula suchte, das die fliegenden U-Jäger P-3 wenige Tage zuvor bei den
Aleuten verloren hatten. Aber von dem russischen Boot der »Hai« -Klasse war
nirgends etwas zu hören.
Ricks befahl dem Diensthabenden, auf Südkurs zu gehen. »Wir setzen uns in die
Richtung ab, in der die Omaha lag.«
»Aye aye, Sir.«
»Gut gemacht, Leute.« Ricks ging zurück in seine Kabine.
»Neuer Kurs?«
»Nach Süden«, sagte Dubinin. »Er wird sich in jenes Gebiet absetzen, das von dem
Los Angeles bereits abgesucht wurde. Wir halten Position knapp über der Schicht,
lassen unseren >Schwanz< knapp darunter treiben und versuchen, unser Ziel wieder
aufzufassen.« Die Chance war gering, das wußte der Kapitän, aber Fortuna war nach
wie vor dem Kühnen hold. Eine Woche noch, dann sollte sein Boot in den Hafen, um
im Zuge einer Generalüberholung ein verbessertes Schleppsonar zu erhalten. Er
kreuzte nun seit drei Wochen südlich von Alaska. Das U-Boot, das er geortet hatte seinen Informationen nach USS Maine oder USS Nevada -, würde seine
Patrouillenfahrt beenden, zur Ablösung der Mannschaft den Heimathafen anlaufen,
dann wieder auf Fahrt gehen und diesen Zyklus noch zweimal wiederholen. Im
Februar, wenn die Admiral Lunin die Überholung hinter sich hatte und wieder vor
Alaska auf ihrem Posten war, würde Dubinin es dann mit demselben Kapitän zu tun
bekommen, der hier eindeutig einen Fehler gemacht hatte. Nach den
Wartungsarbeiten würde die Lunin leiser sein und eine bessere Sonaranlage haben,
und Dubinin fragte sich, wann es soweit war, daß er die Amerikaner zwingen konnte,
nach seinen Regeln zu spielen. Das wäre zur Abwechslung mal angenehm, dachte er.
Er erinnerte sich an seine Lehrjahre bei der Nordflotte unter Marko Ramius. Schade,
daß dieser tüchtige Offizier bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Aber die
See hatte ihre Gefahren, und daran änderte auch die moderne Technik nichts. Marko
hatte vor der Selbstversenkung seine Mannschaft von Bord gehen lassen... Dubinin
schüttelte den Kopf. Heute hätten ihm die Amerikaner vielleicht Hilfe geleistet.
Vielleicht? Nein, sicher; ein sowjetisches Schiff würde einem amerikanischen
Havaristen ja auch beistehen. Seit den Umwälzungen in seinem Land und auf der
ganzen Welt hatte Dubinin mehr Freude an seiner Arbeit. Bei dem anspruchsvollen
Katz-und-Maus-Spiel war immer großes Können verlangt worden, aber sein Zweck
war nicht mehr so grauenhaft. Gewiß, die Raketen auf den amerikanischen
strategischen Booten waren in Richtung Sowjetunion programmiert, und die
Geschosse der Lunin zielten auf Amerika, aber vielleicht änderte sich auch das bald.
233
Bis dahin jedoch mußte er weiter seine Arbeit tun. Es gehörte zur Ironie des
Schicksals, daß die sowjetische Marine gerade zu dem Zeitpunkt, an dem sie begann,
der amerikanischen ernsthaft Konkurrenz zu machen - die Akula-Klasse war der
ersten Los-Angeles-Baureihe technisch in etwa ebenbürtig -, an Bedeutung verlor. Ist
das nun ein Spiel wie eine Runde Skat unter Freunden? fragte er sich. Kein schlechter
Vergleich ...
»Fahrt, Käpt’n?«
Darüber mußte Dubinin erst nachdenken. »Gehen wir von einem zwanzig
Seemeilen entfernten Ziel aus, das fünf Knoten läuft. Wir fahren mit sieben. Das
heißt, daß wir sehr leise bleiben und ihn vielleicht doch noch erwischen ... wir wenden
alle zwei Stunden, um die Sonarkapazität zu maximieren ... Jawohl, so machen
wir’s.« Und auf der nächsten Fahrt, Jewgenij, fügte er in Gedanken hinzu, wirst du
von zwei neuen Sonar-Offizieren unterstützt. Die immer kleiner werdende
sowjetische U-Boot-Flotte hatte viele junge Offiziere freigestellt, die nun zu
Spezialisten ausgebildet wurden. Die Zahl der Offiziere auf der Admiral Lunin sollte
sich verdoppeln, und das mußte sie zusammen mit der neuen Ausrüstung bei der Jagd
begünstigen.
»Wir haben Mist gebaut«, sagte Bunker. »Ich habe den Präsidenten schlecht beraten.«
»Nicht nur Sie«, erwiderte Ryan und reckte sich. »Aber war dieses Szenarium
wirklich realistisch?«
Wie sich herausgestellt hatte, war die Konfrontation nur ein Kunstgriff gewesen,
mit dem der hart bedrängte sowjetische Präsident, der sein Militär unter Kontrolle
bringen wollte, den Eindruck erweckte, als hätten Konservative eigenmächtig
gehandelt.
»Nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich.«
»Möglich ist alles«, bemerkte Jack. »Was sagen die sowjetischen Kriegsspiele wohl
über uns aus?«
Bunker lachte. »Bestimmt nichts Gutes.«
Am Ende hatte Amerika den Verlust des Kreuzers USS Valley Forge hinnehmen
müssen und die Sowjetunion die Versenkung eines U-Bootes der Charlie -Klasse
durch den Hubschrauber der USS Kidd. Ein fairer Handel war das nicht; es sah eher
so aus, als habe ein Spieler nur einen Bauern, der andere aber einen Springer verloren.
Die sowjetischen Streitkräfte in Ostdeutschland waren in Alarmbereitschaft versetzt
worden, und die schwächeren Nato-Einheiten waren nicht sicher gewesen, ob sie
diese Bedrohung parieren konnten. In der Folge hatten die Sowjets Konzessionen
beim Zeitplan für den Truppenabzug herausgeschlagen. Ryan hielt das ganze
Szenarium für zu hypothetisch, aber so ging es bei diesen Spielen oft zu. Schließlich
hatten sie ja nur den Zweck, die eigene Reaktion auf unwahrscheinliche Krisen zu
testen. In diesem Punkt hatten sie versagt: auf unwichtigen Gebieten zu forsch
gehandelt, und auf anderen, deren Wichtigkeit zu spät erkannt worden war, zu
zögerlich.
Die Moral lautete wie immer: keine Fehler machen. Das wußte natürlich jeder AbcSchütze, aber der Unterschied zwischen einem Schulkind und einem hohen
Regierungsbeamten ist, daß die Fehler des letzteren eine weitaus größere Tragweite
haben. Eine ganz andere Lektion also, die oft nicht gelernt wird.
234
14
Offenbarung
»Nun, was haben Sie gefunden?«
»Er ist ein hochinteressanter Mann«, erwiderte Goodley, »der bei der CIA fast
unglaubliche Dinge getan hat.«
»Über die U-Boot-Geschichte und die Desertion des KGB-Chefs weiß ich
Bescheid. Was liegt noch vor?« fragte Liz Elliot.
»Bei ausländischen Nachrichtendiensten ist er recht beliebt - zum Beispiel bei Sir
Basil Charleston in England -, kein Wunder, aber auch in anderen Nato-Ländern,
außerdem in Frankreich. Ryan stieß zufällig auf Hinweise, die es der DGSE
ermöglichten, mehrere Mitglieder der Action directe zu fassen«, erklärte Goodley, der
sich in seiner Spitzelrolle nicht ganz wohl fühlte.
Die Sicherheitsberaterin ließ sich nur ungern auf die Folter spannen, wollte den
jungen Gelehrten aber nicht unter Druck setzen und lächelte nur ironisch. »Fangen Sie
etwa an, den Mann zu bewundern?«
»Er hat gute Arbeit geleistet, aber auch Fehler gemacht. Den Zeitpunkt des Zerfalls
der DDR und der deutschen Wiedervereinigung hat er völlig falsch eingeschätzt.«
Daß alle anderen ebenso schiefgelegen hatten, war ihm nicht klar. Goodley selbst
hatte die Wende fast exakt prophezeit und mit einem Artikel in einer obskuren
Zeitschrift das Weiße Haus auf sich aufmerksam gemacht. Nun hielt der Assistent
wieder inne.
»Und?« bohrte Elliot.
»Nun, es gibt ein paar besorgniserregende Aspekte in seinem Privatleben.«
Na endlich! dachte Elliot. »Und die wären?«
»Die Börsenaufsicht ermittelte wegen möglicher Insider-Geschäfte vor Ryans
Eintritt bei der CIA gegen ihn. Er hatte offenbar erfahren, daß einer Software-Firma
ein Großauftrag der Navy winkte, kaufte ihre Aktien und verdiente dabei ein
Vermögen. Die Börsenaufsicht, die auch gegen die Geschäftsleitung der Firma
ermittelte, fand das heraus und durchleuchtete Ryans Unterlagen. Er kam aber
aufgrund einer Formsache ungestraft davon.«
»Erläutern Sie das näher«, befahl Liz Elliot.
»Zu ihrer eigenen Absicherung ließen die Manager der Firma einen kurzen Artikel
über die Sache in einer militärischen Fachzeitschrift erscheinen, um zu beweisen, daß
die Informationen, auf die hin sie und Ryan gehandelt hatten, allgemein bekannt
gewesen waren. Damit war die Transaktion legal. Interessanter noch ist, was Ryan mit
dem Geld anfing, nachdem die Börsenaufsicht darauf aufmerksam geworden war. Er
löste es aus seinem Portefeuille, das inzwischen gleich von vier Treuhändern
verwaltet wird, um Interessenkonflikten vorzubeugen, heraus... Wissen Sie, wie groß
Ryans Vermögen ist?«
»Nein.«
»Er besitzt über fünfzehn Millionen Dollar und ist damit der bei weitem reichste
Mann der CIA. Ich halte sein Aktienpaket eher für unterbewertet und würde auf
knapp zwanzig Millionen tippen. Er hat seit seinem Eintritt bei der CIA sein
Buchhaltungsverfahren unverändert beibehalten, und das kann man ihm nicht zum
235
Vorwurf machen. Die Ermittlung eines Nettovermögens ist eine eher metaphysische
Angelegenheit, und für die Wertstellung gibt es mehrere Methoden. Wie auch immer,
was fing er mit dem unerwarteten Profit an? Er schob ihn auf ein separates Konto und
brachte ihn vor kurzem in eine Ausbildungsstiftung ein.«
»Für seine Kinder?«
»Nein«, antwortete Goodley. »Die Begünstigsten - Moment, das muß ich näher
erläutern. Mit einem Teil des Geldes eröffnete er einen kleinen Supermarkt - 7-Eleven
- für eine Witwe und ihre Kinder. Der Rest ist in Pfandbriefen und erstklassigen
Aktien für die Ausbildung ihrer Kinder angelegt.«
»Wer ist diese Frau?«
»Sie heißt Carol Zimmer, ist von Geburt Laotin und die Witwe eines Sergeants der
Air Force, der bei einem Manöverunfall ums Leben kam. Ryan hat sich um die
Familie gekümmert und nahm sich sogar frei, um bei der Geburt des jüngsten Kindes
- ein Mädchen übrigens - dabeizusein. Er besucht die Familie regelmäßig«, schloß
Goodley.
»Aha, ich verstehe.« Natürlich verstand sie nichts. »Gab es eine berufliche
Verbindung?«
»Eigentlich nicht. Mrs. Zimmer stammt, wie ich schon sagte, aus Laos. Ihr Vater
gehörte zu jenen Stammeshäuptlingen, die von der CIA im Kampf gegen die
Nordvietnamesen unterstützt wurden. Seine ganze Gruppe wurde aufgerieben. Wie ihr
die Flucht gelang, weiß ich nicht. Sie heiratete einen Sergeant der Air Force und ging
nach Amerika. Er kam irgendwo vor kurzer Zeit bei einem Unfall ums Leben. In
Ryans Akte findet sich kein Hinweis auf eine frühere Beziehung zu der Familie. Eine
Verbindung zu Laos ist denkbar - über die CIA, meine ich -, aber Ryan war damals
nicht im Regierungsdienst, sondern noch Student. Nichts in der Akte deutet auf eine
Verbindung hin. Kurz vor der letzten Präsidentschaftswahl richtete er plötzlich diese
Stiftung ein und begann, die Familie einmal in der Woche zu besuchen. Ach ja, und
da ist noch etwas.«
»Ja?«
»In einer anderen Akte entdeckte ich, daß es in dem 7-Eleven-Markt Ärger gab;
Jugendliche aus der Gegend belästigten die Familie Zimmer. Ryans wichtigster
Leibwächter ist ein CIA-Mann namens Clark, der früher im Außendienst war und jetzt
im Personenschutz arbeitet. An seine Akte kam ich nicht heran«, erklärte Goodley.
»Wie auch immer, dieser Clark griff offenbar zwei Bandenmitglieder an und schlug
eines davon krankenhausreif. Ich sah den Zeitungsausschnitt; nur eine Kurzmeldung.
Angeblich wurden Clark und ein anderer CIA-Mann - das Blatt beschrieb die beiden
als Angestellte der Bundesregierung; kein Hinweis auf die CIA - von vier Schlägern
angepöbelt. Dieser Clark muß ein harter Brocken sein. Der Anführer kam mit
gebrochenem Knie ins Krankenhaus, ein Zweiter wurde nur bewußtlos geschlagen,
und der Rest stand bloß da und machte sich die Hosen naß. Die Polizei behandelte den
Fall als typische Jugendbanden-Angelegenheit - eher eine ehemalige. Anklage wurde
nicht erhoben.«
»Was wissen Sie noch über diesen Clark?«
»Ich habe ihn ein paarmal erlebt. Ein großer, schwerer Mann Ende Vierzig, still,
wirkt fast schüchtern. Aber seine Bewegungen erinnern mich an den einen
Karatekurs, den ich einmal machte. Da gab es einen Lehrer, der in Vietnam bei einer
Sondereinheit gedient hatte, und der bewegte sich wie ein Sportler, flüssig und knapp,
aber seine Augen... die waren immer in Bewegung, genauso ist Clark. Er sieht die
236
Leute von der Seite an und entscheidet, ob sie eine Bedrohung darstellen oder nicht.«
Goodley machte eine Pause und erkannte in diesem Augenblick, wer und was Clark
wirklich war. Ben Goodley war nicht auf den Kopf gefallen. »Clark ist gefährlich.«
»Wie bitte?« Liz Elliot wußte nicht, wovon er redete.
»Entschuldigung, das hat mir der Karatelehrer beigebracht. Die gefährlichsten
Menschen wirken ganz harmlos. Ist man mit ihnen zusammen in einem Raum,
übersieht man sie leicht. Mein Karatelehrer zum Beispiel wurde in einer U-BahnStation überfallen. Man wollte ihn ausrauben. Am Ende lagen drei Jugendliche
blutend am Boden. Offenbar hielten sie ihn, einen Afro-Amerikaner so um die
Fünfzig, für einen einfachen Hausmeister. So kleidet er sich auch und wirkt dadurch
ganz harmlos. Und so kommt mir auch Clark vor, er ist wie mein alter Sensei. Sehr
interessant«, meinte Goodley. »Nun ja, er ist beim Personenschutz, und diese Leute
sollen sich auf ihr Handwerk verstehen.
Ryan erfuhr, spekuliere ich, daß Mrs. Zimmer von diesen Kerlen belästigt wurde,
und ließ seinen Leibwächter Ordnung schaffen. Der Polizei des Anne Arundel County
war das ganz recht.«
»Bitte fassen Sie zusammen.«
»Ryan hat manchmal erstklassige Arbeit geleistet, aber auch Böcke geschossen. Im
Grunde gehört er der Vergangenheit an und ist immer noch ein Kalter Krieger. Er
kritisiert die Regierung wie zum Beispiel vor ein paar Tagen, als Sie an einem
CAMELOT-Spiel nicht teilnahmen. Er findet, daß Sie Ihren Job nicht ernst nehmen
und hält Ihr Fernbleiben für unverantwortlich.«
»Hat er das gesagt?«
»Fast wörtlich. Ich war bei Cabot im Zimmer, als er hereinkam und meckerte.«
Elliot schüttelte den Kopf. »Da spricht der Kalte Krieger. Wenn der Präsident seine
Arbeit richtig tut und ich meine, gibt es keine Krisen, die gemanagt werden müssen.
Das ist der Zweck der Übung, oder?«
»Und bisher scheinen Sie Erfolg zu haben«, bemerkte Goodley.
Die Sicherheitsberaterin ignorierte die Bemerkung und schaute auf ihre Notizen.
Die Wände waren errichtet und mit Kunststoffplatten verkleidet. Die Klimaanlage lief
schon und entfernte Feuchtigkeit und Staub aus der Luft. Fromm arbeitete an den
Tischen für die Werkzeugmaschinen. »Tisch« war eine zu einfache Bezeichnung. Die
Stücke hatten eine Tragfähigkeit von mehreren Tonnen und an den massiven Beinen
Schraubspindeln zur Höheneinstellung. Nun brachte der Deutsche jede einzelne
Maschine mit Hilfe von eingebauten Wasserwaagen in die Horizontale.
»Perfekt«, sagte er, nachdem er drei Stunden gearbeitet hatte. Es mußte auch alles
perfekt sein. Nun war er zufrieden. Unter jedem Tisch befand sich ein meterdicker
Sockel aus Stahlbeton, mit dem die Tischbeine nun verschraubt wurden.
»Müssen die Maschinen denn so starr montiert werden?« fragte Ghosn.
Fromm schüttelte den Kopf. »Ganz im Gegenteil. Sie schweben auf einem
Luftkissen.«
»Aber Sie sagten doch, daß sie über eine Tonne wiegen!« wandte Kati ein.
»Haben Sie einmal ein Bild von einem Hovercraft gesehen? Das Ding ist hundert
Tonnen schwer und schwebt auch auf Luft. Das Luftkissen isoliert unsere Maschinen
gegen Bodenvibrationen.«
»Mit welchen Toleranzen müssen wir arbeiten?« fragte Ghosn.
»Etwa mit der Präzision, die beim Bau eines astronomischen Teleskops erforderlich
237
ist«, erwiderte der Deutsche.
»Aber die ersten Bomben...«
Fromm schnitt Ghosn das Wort ab. »Die ersten amerikanischen Bomben, die auf
Hiroshima und Nagasaki fielen, waren primitiv und ineffizient. Der Großteil des
spaltbaren Materials wurde vergeudet, besonders bei der Hiroshima-Waffe - so eine
Waffe würden Sie ebensowenig bauen wie eine Bombe mit altmodischer
Schwarzpulverlunte, oder? Wie auch immer, eine so unwirtschaftliche Konstruktion
kommt nicht in Frage«, fuhr Fromm fort. »Nach den ersten Bomben sahen sich die
amerikanischen Ingenieure mit dem Problem der beschränkten Verfügbarkeit
spaltbaren Materials konfrontiert. Die paar Kilo Plutonium drüben sind das teuerste
Material der Welt. Die Reaktoren, in denen Plutonium aus U235 ausgebrütet wird,
kosten Milliarden; hinzu kommt der Aufwand für die Trennung in einer anderen
Anlage, noch eine Milliarde. Nur Amerika hatte genug Geld für das ursprüngliche
Projekt. Das Prinzip der Kernspaltung war auf der ganzen Welt bekannt Geheimnisse gibt es in der Physik nicht -, doch nur Amerika verfügte über die Mittel
und Ressourcen, um eine praktische Anwendung zu versuchen. Und über die Leute«,
fügte Fromm hinzu. »Was waren das für Köpfe! Für die ersten Bomben - es waren
übrigens drei - verbrauchte man das gesamte spaltbare Material, das zur Verfügung
stand, und entschied sich, weil Zuverlässigkeit das Hauptkriterium war, für eine
primitive, aber wirksame Konstruktion. Die Waffe war so schwer, daß nur das größte
Flugzeug sie tragen konnte.
Nach 1945 war der Atomwaffenbau kein hastig durchgezogenes Kriegsprojekt
mehr, sondern ging in die Domäne der Wissenschaft über. Der Plutoniumreaktor ni
Hanford erzeugte damals nur wenige Kilo im Jahr, und die Amerikaner mußten
lernen, das Material effizient einzusetzen. Die Bombe Mark-12 war die erste echte
Weiterentwicklung, und die Israelis verbesserten sie. Sie lieferten mit einem Fünftel
des spaltbaren Materials, das die Hiroshima-Waffe hatte, die fünffache Sprengkraft also eine Verbesserung des Wirkungsgrads um das Zehnfache.
Ein Expertenteam könnte mit den entsprechenden Einrichtungen diese Leistung
noch einmal um das Vierfache erhöhen. Moderne Sprengköpfe sind die elegantesten,
faszinierendsten...«
»Zwei Megatonnen?« fragte Ghosn ungläubig.
»Hier schaffen wir das nicht«, erwiderte Fromm mit Bedauern. »Die verfügbaren
Informationen sind unzureichend. Die Physik wäre kein Problem, wohl aber die
Herstellung, und über Bombenkonstruktionen liegen keine Publikationen vor, die uns
weiterhelfen könnten. Vergessen Sie nicht, daß man noch heute Testexplosionen
durchführt, um die Bomben kleiner und effizienter zu machen. Auf diesem Gebiet wie
auf jedem anderen muß man experimentieren, und das können wir nicht. Es fehlt uns
auch das Geld für die Ausbildung von Technikern, die die Konstruktion ausführen.
Ich könnte zwar eine Bombe mit einer Leistung von über einer Megatonne entwerfen,
aber die Chance, daß sie dann auch funktionierte, läge bei fünfzig Prozent. Vielleicht
auch ein bißchen höher, aber ohne ein richtiges Testprogramm wäre das ein
unrealistisches Projekt.«
»Was können Sie uns dann bieten?« fragte Kati.
»Eine Waffe mit einer nominalen Sprengkraft von vier- bis fünfhundert Kilotonnen,
die ungefähr einen Kubikmeter groß wäre und rund fünfhundert Kilo wöge.« Fromm
machte eine Pause, um die Mienen der beiden anderen zu studieren. »Es wird also
eine wenig elegante, sondern eine klobige und schwere, aber recht starke Waffe
238
werden.« In der Konstruktion sollte sie viel raffinierter werden als alles, was
amerikanische oder russische Techniker in den ersten 15 Jahren des Atomzeitlalters
zustande gebracht hatten, und das, fand Fromm, war eine beachtliche Leistung.
»Mit Sprengstoff-Ummantelung?« fragte Ghosn.
»Ja«, antwortete Fromm und war von der Auffassungsgabe des jungen Arabers
überrascht. »Bei den ersten Bomben benutzte man Stahlhüllen. Wir setzen statt dessen
Sprengstoff ein, der leicht und voluminös, aber genauso wirkungsvoll ist. Im
Augenblick der Detonation wird Tritium in den Kern gespritzt. Wie bei der
ursprünglichen israelischen Konstruktion werden dadurch große Mengen von
Neutronen freigesetzt, die den Spaltungsprozeß intensivieren; diese Reaktion
wiederum wird zusätzliche Neutronen in eine zweite Tritiummasse schleudern und
zur Kernfusion führen. Die Primärladung erzeugt eine Sprengleistung von rund
fünfzig Kilotonnen; die Sekundärladung bringt vierhundert.«
»Wieviel Tritium wird gebraucht?« fragte Ghosn, der wußte, daß Tritium in kleinen
Mengen leicht erhältlich war - Uhrmacher und Hersteller von Waffenvisieren
brauchten es, wenngleich nur in mikroskopisch kleinen Quantitäten - aber wenn es
über zehn Milligramm hinausging, war so gut wie unmöglich heranzukommen, wie er
gerade selbst festgestellt hatte. Tritium und nicht Plutonium, wie Fromm gesagt hatte,
war das teuerste Material auf Erden. Dafür war es jedoch, anders als Plutonium, im
Handel erhältlich.
»Ich habe fünfzig Gramm«, erklärte Fromm selbstgefällig. »Das ist weitaus mehr,
als wir brauchen.«
»Fünfzig Gramm!« rief Ghosn aus. »Wirklich?«
»Unser Reaktorblock produzierte spezielle nukleare Materialien für unser eigenes
Bombenprogramm. Kurz vor ihrem Sturz beschloß die DDR-Regierung, das
Plutonium als Loyalitätsgeste in Sachen Weltsozialismus der Sowjetunion zu
übergeben. Die Sowjets aber sahen das anders und waren«, Fromm hielt inne,
»ungehalten. Die Einzelheiten überlasse ich Ihrer Phantasie. Jedenfalls waren sie so
aufgebracht, daß ich unseren Tritiumvorrat beiseite schaffte. Wie Sie wissen, ist sein
Handelswert hoch - er war sozusagen meine Versicherungspolice.«
»Und wo ist er nun?«
»Bei mir zu Hause im Keller, versteckt in Nickel-Wasserstoff-Batterien.«
Kati gefiel das überhaupt nicht. Der arabische Guerillaführer war ein kranker Mann,
wie Fromm sah, und konnte seine Gefühle nicht mehr so gut verbergen.
»Ich muß ohnehin nach Deutschland zurück, um die Werkzeugmaschinen zu
holen«, beschwichtigte er.
»Haben Sie sie denn schon?«
»Ich wohne fünf Kilometer vom Astrophysischen Institut >Karl Marx< entfernt.
Dort sollten wir eigentlich astronomische Teleskope, optische und für
Röntgenstrahlen empfindliche, bauen. Leider lief das Programm nie an. In der
Werkstatt
stehen
Kisten,
beschriftet
mit
ASTROPHYSIKALISCHE
INSTRUMENTE, die sechs hochpräzise, fünfachsige Maschinen des besten
Herstellers enthalten«, erklärte Fromm mit einem wölfischen Grinsen. »Cincinnati
Milacron, USA. Das Modell, das die Amerikaner in ihren Kernwaffenfabriken Oak
Ridge, Rocky Fiats und Pantex einsetzen.«
»Und das Bedienungspersonal?« fragte Ghosn.
»Wir bildeten zwanzig Leute aus, sechzehn Männer und vier Frauen, alles
Akademiker... aber nein, das wäre zu riskant und auch gar nicht nötig. Die Maschinen
239
sind >benutzerfreundlich<, wie man heute sagt. Wir könnten sie sogar selbst
bedienen, aber das nähme zu viel Zeit in Anspruch. Jeder Optiker oder sogar
Büchsenmachermeister kann mit ihnen umgehen. Was vor fünfzig Jahren das
Geschäft von Nobelpreisträgern war, erledigt heute ein tüchtiger Maschinist«, sagte
Fromm. »Das nennt man Fortschritt.«
»Das könnte etwas sein, oder auch nicht«, meinte Jewgenij. Er war nun seit 20
Stunden ununterbrochen im Dienst, und nur sechs Stunden Schlaf, die vermutlich
auch noch unterbrochen werden würden, trennten diese Schicht von der nächsten,
noch längeren.
Das Orten der Signatur, sollte es sich um eine handeln, hatte Dubinins ganzes
Können erfordert. Er vermutete, daß das amerikanische U-Boot sich nach Süden
gewandt hatte und ungefähr fünf Knoten machte. Nun mußte er die
Umweltverhältnisse berücksichtigen, nahe seinem Ziel in der Direktbahn-Zone
bleiben und eine Sonar-Konvergenzzone meiden. Eine KZ ist ein ringförmiges
Gebiet, das ein Boot umgibt. Schall, der sich von einem Punkt innerhalb der Zone
nach unten ausbreitet, wird von Unterschieden in Wasserdruck und -temperatur
gebrochen und spiralt in unregelmäßigen, von Umwelteinflüssen abhängigen
Intervallen zwischen Oberfläche und Grund hin und her. Indem Dubinin diese Zonen
relativ zu der Richtung, in der er sein Ziel vermutete, mied, entzog er sich einer
Ortung. Dazu mußte er allerdings innerhalb der sogenannten Direktbahn-Distanz
bleiben, dem Gebiet, in dem sich Schall nur radial von seiner Quelle ausbreitete. Um
das unerkannt zu bewerkstelligen, mußte er über der Thermoklineale bleiben - er ging
davon aus, daß der Amerikaner sich unter ihr hielt -, und sein Schleppsonar knapp
unter ihr treiben lassen. Auf diese Weise würden seine Maschinengeräusche
wahrscheinlich von der Schicht und von dem amerikanischen Boot wegreflektiert.
Dubinins taktisches Problem war seine technische Unterlegenheit. Das
amerikanische Boot war leiser als seines und verfügte über eine bessere Sonaranlage
und bessere Sonar-Operatoren. Leutnant Jewgenij Nikolajewitsch Rykow war ein sehr
intelligenter Offizier, aber leider der einzige Sonarmann an Bord, der es mit seinen
amerikanischen Pendants einigermaßen aufnehmen konnte, und der Junge machte sich
dabei kaputt. Kapitän Dubinins einziger Vorteil war sein taktisches Geschick. Genau
daran aber mangelte es dem amerikanischen Kapitän, was dieser jedoch nicht wußte und das geriet ihm zum Nachteil. Dubinin blieb über der Thermoklinealen und setzte
sich der Gefahr einer Ortung durch amerikanische U-Jagd-Flugzeuge aus, nahm
dieses Risiko aber in Kauf. Ihm winkte ein Preis, den bisher noch kein russischer UBoot-Kommandant gewonnen hatte.
Der Kapitän und der Leutnant starrten auf ein »Wasserfall« -Display und studierten
keine Röhrenblitze, sondern eine unterbrochene, kaum sichtbare vertikale Linie, deren
Helligkeit schwächer war als erwartet. Das amerikanische Boot der Ohio-Klasse war
leiser als das Hintergrundgeräusch des Ozeans, und die beiden Männer fragten sich,
ob ihnen besondere Umweltverhältnisse den akustischen Schatten dieses modernsten
aller strategischen Boote gerade sichtbar machten. Es kann auch gut sein, dachte
Dubinin, daß die Phantasie unseren übermüdeten Augen etwas vorspiegelt.
»Wir brauchen ein Geräusch«, seufzte Rykow und griff nach seiner Teetasse.
»Wenn doch jemand einen Hammer fallen ließe oder ein Luk zuschlüge... bitte macht
einen Fehler...«
Ich könnte ihn direkt anpeilen... kurz unter die Schicht tauchen, ihm einen
240
Peitschenhieb mit Aktivsonar versetzen und Klarheit schaffen... NEIN! dachte
Rykow, wandte sich ab und hätte beinahe geflucht. Geduld, Walentin, sagte er sich.
Wir müssen Ruhe bewahren.
»Jewgenij Nikolajewitsch, Sie sehen erschöpft aus.«
»Ausschlafen kann ich mich in Petropawlowsk, Herr Kapitän. Ich besuche meine
Frau und lege mich eine Woche lang ins Bett - aber nicht nur zum Schlafen«, meinte
er mit einem müden Grinsen. Der gelbe Schein des Monitors erhellte das Gesicht des
Leutnants. »Aber eine solche Chance lasse ich mir nicht entgehen!«
»Auf Fehler brauchen wir nicht zu hoffen.«
»Ich weiß. Diese verdammten amerikanischen Mannschaften... ich weiß genau, daß
da ein Ohio lauert! Was soll das sonst sein?«
»Einbildung. Jewgenij, und Wunschdenken.«
Leutnant Rykow drehte sich um. »Das nehme ich Ihnen nicht ab.«
»Ich glaube, mein Leutnant hat recht«, sagte Dubinin und dachte: Was ist das doch
für ein spannendes Spiel! Schiff gegen Schiff, Verstand gegen Verstand.
Dreidimensionales Schach unter sich fortwährend ändernden Umweltbedingungen.
Und Dubinin wußte, daß bei diesem Spiel die Amerikaner die Meister waren. Bessere
Ausrüstung, bessere Mannschaften, bessere Ausbildung. Natürlich wußten die
Amerikaner das auch, und nach zwei Generationen der Überlegenheit war Arroganz
an die Stelle von Innovation getreten ... nicht bei allen, aber bei einigen. Wäre der
Kommandant des strategischen Bootes gewieft gewesen, hätte er sich anders
verhalten. Kommandierte ich so ein Boot, überlegte Dubinin, fände mich niemand auf
der Welt!
»Noch zwölf Stunden, dann müssen wir den Kontakt abbrechen und die Rückfahrt
antreten.«
»Schade«, meinte Rykow nicht ganz aufrichtig. Sechs Wochen in See reichten ihm.
»Auf 20 Meter gehen«, sagte der Diensthabende.
»20 Meter, aye«, erwiderte der Tauchoffizier. »Bug-Tiefenruder an zehn Grad.«
Die Raketenabschußübung, die regelmäßig durchgeführt wurde, hatte gerade
begonnen. Sie sollte die Kompetenz der Mannschaft sicherstellen und sie gegen den
Horroreffekt ihres wichtigsten Kampfauftrages unempfindlich machen: das Abfeuern
von 24 Raketen UGM-93 Trident-II D-5 mit jeweils zehn Sprengköpfen Mark 5 und
einer Nominalsprengleistung von 400 Kilotonnen. Die insgesamt 240 Kernwaffen an
Bord hatten eine Gesamtnettoleistung von 96 Megatonnen. Doch der verzahnten
Logik mehrerer Gesetze der Physik nach steckte noch mehr dahinter. Kleine
Kernwaffen setzen ihre Sprengleistung effizienter ein als große. Am wichtigsten aber
war die Tatsache, daß der Sprengkopf Mark 5 eine demonstrierte Zielgenauigkeit von
plusminus 50 Metern hatte; das bedeutete, daß nach einem über 4000 Seemeilen
langen Flug die Hälfte der Bomben innerhalb von 100 Metern einschlugen. Die
Abweichung war wesentlich kleiner als der Krater, den ein solcher Sprengkopf riß.
Aus diesem Grund war die D-5 die erste für einen Erstschlag geeignete seegestützte
Rakete. Unter Berücksichtigung der Taktik, ein Ziel mit zwei Bomben zu belegen,
bedeutete dies, daß Maine 120 sowjetische Raketensilos und/oder Befehlsbunker
ausschalten konnte - rund zehn Prozent der gegenwärtigen sowjetischen
Interkontinentalwaffen, die selbst für einen Erstschlag konfiguriert waren.
In der Raketenzentrale hinter dem riesigen Raketenraum schaltete ein Obermaat die
Stromversorgung seiner Konsole ein. Alle 24 Flugkörper waren startbereit.
241
Navigationscomputer an Bord speisten Daten in die Lenksysteme der Raketen ein;
Signale, die von Navigationssatelliten ausgesendet wurden, brachten diese
Information im Abstand von wenigen Minuten auf den neuesten Stand, denn die
Raketen mußten, um treffen zu können, nicht nur ihr Ziel, sondern auch ihre exakte
Startposition kennen. Das globale Satelliten-Navigationssystem NAVSTAR lieferte
diese Information mit einer Toleranz von weniger als fünf Metern. Als der Computer
die Raketen abfragte, signalisierten die Kontrolleuchten Aktiv-Status.
Der Wasserdruck auf den Rumpf des Bootes nahm beim Auftauchen ab. Die
Druckentlastung führte zu einer leichten Ausdehnung des Rumpfes, und der sich
entspannende Stahl knisterte leise.
Es war nur ein Ächzen, das selbst von den Sonarsystemen kaum vernommen wurde
und dem Ruf eines Wales verführerisch ähnlich klang. Rykow war vor Erschöpfung
so benommen, daß er es wenige Minuten später nicht mehr wahrgenommen hätte,
aber sein Verstand war scharf genug geblieben, daß er das Geräusch isolierte.
»Käpt’n ... Rumpfknistern ... hier!« Er tippte auf einen Punkt knapp unter dem
Schatten auf dem Schirm, den er sich zusammen mit Dubinin betrachtet hatte. »Er
taucht auf.«
Dubinin hastete in die Zentrale. »Klarmachen zum Tauchen.« Er setzte seinen
Kopfhörer auf und war nun mit Leutnant Rykow verbunden.
»Jewgenij Nikolajewitsch, jetzt müssen wir geschickt und rasch handeln. Ich gehe
unter die Schicht, sobald der Amerikaner über ihr ist...«
»Nein, Käpt’n, das hat Zeit. Sein Schlepp-Sonar wird so wie unseres noch kurz
unter ihr bleiben.«
»Verflucht, Sie haben recht!« Beinahe hätte Dubinin gelacht. »Verzeihung,
Leutnant. Ich schulde Ihnen eine Flasche Starka.« Das war Wodka vom Besten.
»Meine Frau und ich werden auf Sie anstoßen. Ah, ich bekomme eine
Winkelpeilung... Fünf Grad unter unserem Schleppsonar... Wenn ich den Kontakt
halten und nach dem Durchbrechen der Schicht wieder auffassen kann...«
»Ja, schätzen Sie rasch die Distanz!« Sie konnten zwar nur mit einem groben Wert
rechnen, aber das war besser als gar nichts. Dubinin schnarrte dem Offizier am
Kartentisch Befehle zu.
»Zwei Grad... Rumpfknistern ist weg... Kontakt schwer zu halten, aber er hebt sich
jetzt besser vom Hintergrund ab - und weg ist er, liegt nun über der Schicht!«
»Eins, zwei, drei...«, zählte Dubinin. Der Amerikaner mußte entweder eine
Abschußübung durchführen oder auf 20 Meter gegangen sein, um einen Funkspruch
zu empfangen. Sein Schleppsonar... 500 Meter lang, Fahrt fünf Knoten... Jetzt!
»Rudergänger: Bug-Tiefenruder fünf Grad abwärts. Wir gehen knapp unter die
Schicht. Starpom, achten Sie auf die Wassertemperatur. Sachte, sachte am Ruder...«
Admiral Lunin senkte den Bug und glitt unter die wogende Grenze zwischen dem
relativ warmen Oberflächenwasser und der kälteren Tiefe.
»Distanz?« fragte Dubinin den Offizier am Kartentisch.
»Schätzungsweise zwischen fünf- und neuntausend Meter, Käpt’n! Eine genauere
Schätzung lassen die vorliegenden Daten nicht zu.«
»Bravo, Kolja! Gut gemacht!«
»Wir sind unter der Schicht. Wassertemperatur um fünf Grad gesunken!« rief der
Starpom.
»Tiefenruder auf Nullposition, Boot auspendeln.«
242
»Tiefenruder auf Nullposition, Boot ausgependelt.«
Wäre die Decke nicht so niedrig gewesen, wäre Dubinin aufgesprungen. Ihm war
gerade gelungen, was bisher noch kein anderer sowjetischer U-Boot-Kommandant
geschafft hatte - und wenn die Aufklärung ihn richtig informiert hatte, gab es auch nur
eine Handvoll Amerikaner, die ein strategisches Boot der Ohio-Klasse geortet und
sogar verfolgt hatten. In einer Kriegssituation konnte er nun mit Aktiv-Sonar die
exakte Distanz feststellen und Torpedos abschießen. Er hatte sich an das scheuste
Wild der Welt herangepirscht und war nahe genug für einen Fangschuß
herangekommen. Die Erregung ließ seine Haut prickeln. Mit diesem Gefühl ließ sich
nichts auf der Welt vergleichen, aber auch gar nichts.
»Ryl neprawa«, befahl er nun. »Ruder rechts, neuer Kurs drei-null-null. Fahrt
langsam auf zehn Knoten erhöhen.«
»Aber Käpt’n...«, sagte sein Starpom - der Erste Offizier.
»Wir brechen den Kontakt ab. Die Übung dort drüben wird noch mindestens
dreißig Minuten dauern. Nach ihrem Abschluß werden wir uns der Gegenortung nicht
entziehen können. Setzen wir uns also besser jetzt ab. Er darf nicht erfahren, was wir
getan haben. Keine Angst, wir werden ihm wieder begegnen. Unseren Auftrag haben
wir jedenfalls ausgeführt. Wir haben ihn erfaßt und in Schußweite gebracht. Männer,
in Petropawlowsk gibt’s ein Gelage, und die Rechnung zahlt euer Kapitän! So, jetzt
verschwinden wir leise, damit er überhaupt nicht merkt, daß wir da waren.«
Captain Robert Jefferson Jackson wünschte sich, wieder jung zu sein, wieder ganz
schwarzes Haar zu haben und als »Nugget« frisch von der Ausbildung in Pensacola
zum ersten Mal mit einem jener bedrohlich wirkenden Kampfflugzeuge zu starten, die
wie riesige Raubvögel an der Startlinie des Stützpunkts der Marineflieger in Oceana
standen. Daß er alle 24 F-14D Tomcat in seiner unmittelbaren Umgebung befehligte,
war nicht so befriedigend wie die Gewißheit, eine sein eigen nennen zu können. Nun
aber »gehörten« ihm als Commander der Air Group zwei Geschwader Tomcat, zwei
weitere mit F/A-18 Hornet, eines, das sich aus Bodenkampfflugzeugen A-6E Intruder
zusammen, setzte, ein Geschwader U-Jäger S-3 und schließlich die weniger
glanzvollen Tanker, Prowler für die elektronische Kriegsführung und die
Hubschrauber mit der Doppelfunktion Rettungseinsatz und U-Boot-Abwehr.
Insgesamt 78 Flugzeuge im Wert von.,.? Einer Milliarde Dollar? Mehr noch, wenn
man die Wiederbeschaffungskosten berücksichtigte. Hinzu kamen die 3000 Männer
und Frauen, die die Maschinen flogen und warteten; diese waren natürlich mit Gold
nicht aufzuwiegen. Und er war für das Ganze verantwortlich. Es machte viel mehr
Spaß, als junger Pilot seine eigene Maschine zu fliegen und die Sorgen der Führung
zu überlassen. Genau zu der gehörte Robby nun; er war der Mann, über den die Leute
in ihren Kabinen auf dem Schiff redeten. Sie empfanden Unbehagen, wenn sie in
seine Kajüte zitiert wurden, weil sie das Gefühl hatten, wie auf der Penne vor den Rex
geschleift zu werden. Sie flogen auch nicht gerne mit ihm, weil sie erstens dachten, er
sei zu alt, um noch Höchstleistungen zu bringen, und weil sie zweitens ihre Fehler
von ihm unter die Nase gerieben bekamen - Kampfpiloten gestehen ihre Schnitzer nur
untereinander ein.
Seiner Situation haftete eine gewisse Ironie an. Zuletzt hatte er sich im Pentagon als
Papierkrieger betätigt und sehnlichst das Ende dieses Jobs herbeigesehnt, dessen
aufregendster Aspekt die tägliche Suche nach einem anständigen Parkplatz war. Dann
hatte er endlich den Befehl über einen Trägerverband bekommen - und hatte nun mehr
243
bürokratischen Mumpitz zu verkraften als je zuvor. Nun, wenigstens kam er einmal in
der Woche zum Fliegen... wenn er Glück hatte. Heute war ein solcher Tag. Sein
Stabsbootsmann grinste ihm zu, als er hinausging.
»Passen Sie auf den Laden auf«, meinte Robby.
»Roger, Skipper. Ich halte die Stellung.«
Jackson blieb wie angewurzelt stehen. »Meinetwegen können Sie den ganzen
Papiermist klauen lassen.«
»Mal sehen, was sich machen läßt, Sir.«
Ein Dienstwagen brachte ihn zur Startlinie. Jackson trug bereits seine Nomex Kombination, ein altes, stinkiges und verwaschenes Stück, das an den Ellbogen und
am Hosenboden fast durchgescheuert war. Aber Piloten sind abergläubisch, und
Robby und die Kombination hatten zusammen allerhand erlebt.
»He, Skipper!« rief einer seiner Geschwaderkommandanten.
Commander Bud Sanchez war kleiner als Jackson. Seine olivfarbene Haut und sein
Bismarck-Schnauzer betonten die hellen Augen und ein Grinsen wie aus der
Zahnpastareklame. Sanchez, der VF-1 kommandierte, sollte heute mit Jackson
aufsteigen. Sie waren zusammen geflogen, als Jackson noch VF-41 der John F.
Kennedy kommandiert hatte. »Ihr Vogel ist klar. Zeigen wir den Kerlen mal, wo der
Hammer hängt?«
»Gegen wen geht es heute?«
»Muffköppe aus Cherry Point in F-18 Delta. Unser Hummer kreist schon 100
Meilen vor der Küste. Unser Auftrag bei der Übung: Gefechtspatrouille, Abwehr
tieffliegender Eindringlinge.« Hierbei ging es darum, angreifende Flugzeuge am
Überfliegen einer imaginären Linie zu hindern. »Lust auf’n geilen Luftkampf? Die
Marines haben am Telefon große Sprüche geklopft.«
»Der Marine, mit dem ich nicht fertig werde, muß erst noch geboren werden«, sagte
Robby und nahm seinen Helm, der sein Rufzeichen »Spade« trug (er war schwarz),
vom Haken.
»He, ihr Ärsche«, rief Sanchez, »raus da, wir stoßen zu!«
»Schon da, Bud.« Michael »Lobo« Alexander kam hinter den Spinden hervor,
gefolgt von Jacksons Radaroffizier, Henry »Shredder« Walters. Beide waren
Lieutenants unter Dreißig. In den Umkleidekabinen redete man sich mit dem
Rufzeichen, nicht mit dem Rang an. Robby liebte die kameradschaftliche Atmosphäre
im Geschwader ebensosehr wie sein Land.
Draußen führten die Chefs der Wartungstrupps die Offiziere zu ihren Maschinen
und halfen ihnen an Bord. (Auf dem gefährlichen Flugdeck eines Trägers werden die
Piloten von Mannschaftsgraden praktisch an der Hand geführt, damit sie sich nicht
verlaufen oder verletzen.) Jacksons Vogel trug am Bug eine Nummer, die mit »00«
begann. Unterm Cockpit stand »CAPT. R. J. Jackson SPADE«, damit auch alle
wußten, daß dies die Maschine des Chefs war. Ein Aufkleber darunter stellte eine
Mirage dar, deren irakischer Pilot versehentlich zu dicht an Jacksons Tomcat
herangeflogen war. Nichts Besonderes; der andere Pilot hatte nur einmal vergessen,
auf seine »Sechs«, also auf Flugzeuge hinter sich zu achten, und das hatte er büßen
müssen - aber ein Abschuß bleibt ein Abschuß, und dafür leben Kampfpiloten.
Fünf Minuten später waren alle vier Männer angeschnallt, und die Triebwerke
liefen.
»Wie sind Sie heute drauf, Shredder?« fragte Jackson über die Bordsprechanlage.
»Bereit, ein paar Marines abzusägen, Skipper. Hier hinten ist alles klar. Meinen Sie,
244
daß die Kiste heute fliegt?«
»Werden wir gleich feststellen.« Jackson schaltete auf Funk um. »Bud, hier Spade.
Startklar.«
»Roger, Spade, Sie führen.« Beide Piloten drehten sich um, bekamen von den
Chefs der Wartungsteams das Klarzeichen und schauten dann wieder nach vorne.
»Spade führt.« Jackson löste die Bremsen. »Rolle an.«
»Hallo, Schatz«, sagte Manfred Fromm zu seiner Frau.
Traudl eilte auf ihn zu, um ihn zu umarmen. »Wo warst du denn?«
»Geheimsache«, erwiderte Fromm, zwinkerte vielsagend und summte ein paar
Takte aus »Evita«.
»Ich wußte doch, daß du zur Vernunft kommst.« Traudl strahlte ihn an.
»Darüber darfst du mit niemandem sprechen.« Um ihre Vermutung zu bestätigen,
gab er ihr ein Bündel Banknoten, insgesamt 50000 Mark. Damit wäre dem geldgeilen
Biest das Maul gestopft, dachte er. »Ich bleibe nur eine Nacht hier. Ich war
geschäftlich unterwegs und muß natürlich ...«
»Aber selbstverständlich, Manfred.« Mit dem Geld in den Händen umarmte sie ihn
noch einmal. »Wenn du doch bloß angerufen hättest!«
Das Ganze war lächerlich einfach zu arrangieren gewesen. In 72 Stunden lief ein
Schiff aus Rotterdam aus - Bestimmungshafen Latakia in Syrien. Er und Bock hatten
die Werkzeugmaschinen von einer Spedition in einen kleinen Container packen
lassen, der in Rotterdam aufs Schiff geladen und sechs Tage später in Syrien auf den
Kai gehievt werden sollte. Der Transport mit dem Flugzeug oder mit der Bahn nach
Italien oder Griechenland zur Weiterverschiffung wäre schneller gegangen, aber in
Rotterdam, dem geschäftigsten Hafen der Welt, sind die Leute vom Zoll überarbeitet
und suchen vorwiegend nach Drogen. Diesen Container konnten die Schnüffelhunde
nach Herzenslust beschnuppern.
Fromm schickte seine Frau in die Küche, um Kaffee zu kochen. Das würde genau
die paar Minuten dauern, die er brauchte. Er ging in den Keller, wo in einer Ecke auf
ordentlich gestapelten Brettern vier schwarze, je zwölf Kilo schwere Metallkästen
standen. Fromm trug sie nacheinander nach oben - bevor er zum zweiten Mal ging,
zog er Schutzhandschuhe an - und stellte sie in den Kofferraum seines gemieteten
BMW. Als der Kaffee fertig war, war auch seine Arbeit getan.
»Schön braun bist du«, bemerkte Traudl, die mit dem Tablett aus der Küche kam.
Im Geist hatte sie die Hälfte des Geldes bereits ausgegeben. Endlich war ihrem
Manfred ein Licht aufgegangen. Ich habe ja gewußt, daß er sich früher oder später
dazu durchringt, dachte sie. Nun, besser früher als später. Sie nahm sich vor, am
Abend ganz besonders lieb zu sein.
»Günther?«
Bock überließ Fromm nur ungern sich selbst, hatte aber nun selbst eine andere,
riskante Aufgabe zu erledigen. Die ganze Operation ist sehr riskant, sagte er sich,
besonders im Planungsstadium, und das war merkwürdig und erleichternd zugleich.
Erwin Keitel lebte von einer nicht gerade großzügigen Pension, und das hatte zwei
Gründe. Erstens war er ein ehemaliger Oberstleutnant der Stasi, des Geheim- und
Spionageabwehrdienstes der nicht mehr existierenden DDR, und zweitens hatte er im
Laufe seiner 32jährigen Karriere seine Arbeit gerne getan. Während die meisten
seiner früheren Kollegen ihre deutsche Identität vor die alte Ideologie gestellt und
245
beim Bundesnachrichtendienst ausgepackt hatten, war Keitel zu dem Entschluß
gekommen, daß er nicht für Kapitalisten arbeiten wollte. So wurde er zu einem
Arbeitslosen aus politischen Gründen im vereinten Deutschland, den man aus rein
praktischen Erwägungen in Pension geschickt hatte. Die Bundesregierung kam den
von der DDR eingegangenen Verpflichtungen in gewisser Weise nach, weil das
politisch zweckdienlich war und weil das Land nun einen täglichen Kampf mit
widersprüchlichen Fakten zu führen hatte. Es war also einfacher, Keitel ein
Ruhegehalt zu zahlen, statt ihn auf die offizielle Liste der Arbeitslosen zu setzen, was
als erniedrigend galt. Dies war die Auffassung der Bundesregierung. Keitel sah das
anders. Wenn es auf der Welt mit rechten Dingen zuging, fand er, hätte man ihn
hinrichten oder ins Exil schicken sollen - nur wohin wußte er nicht. Er hatte erwogen,
zu den Russen überzulaufen, weil er beim KGB über Kontakte verfügte, diesen
Gedanken aber rasch verworfen. Mit den Bürgern der Ex-DDR wollten die Sowjets
nichts mehr zu tun haben; sie fürchteten, von jenen, die dem Weltsozialismus die
Treue gebrochen hatten, aufs neue verraten zu werden. Für welche Sache die
Sowjetunion inzwischen stand, wußte Keitel allerdings nicht. Er nahm neben Bock in
der Ecknische einer stillen Kneipe im alten Ostberlin Platz und sagte: »Das ist sehr
gefährlich, mein Freund.«
»Ist mir klar, Erwin.« Bock bestellte zwei große Bier. Die Bedienung war schneller
als vor ein paar Jahren, aber darum kümmerten sich die beiden nicht.
»Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir die Sache mit Petra tut«, sagte Keitel,
nachdem die Kellnerin sich entfernt hatte.
»Weißt du eigentlich, was sich genau abgespielt hat?« fragte Bock in ruhigem und
emotionslosem Ton.
»Der Kriminalbeamte, der ihren Fall bearbeitete, besuchte sie häufig im Gefängnis aber nicht, um sie zu verhören, sondern um sie ganz bewußt zum Wahnsinn zu
treiben. Dir sollte klar sein, daß der Mut jedes Menschen seine Grenzen hat. Petra hat
nicht aus Schwäche gehandelt. Jeder kann seelisch brechen. Das ist nur eine Frage der
Zeit. Man hat ihr kaltblütig beim Sterben zugesehen.«
»So?« Bocks Miene veränderte sich nicht, aber die Knöchel seiner Finger, die das
Glas umklammerten, wurden weiß.
»In ihrer Zelle war eine versteckte Überwachungskamera eingebaut. Der
Selbstmord ist auf Videoband. Die Schweine sahen ihr zu und griffen nicht ein.«
Bock schwieg. Das Lokal war so schummrig, daß niemand sehen konnte, wie blaß
er wurde. Heiße Luft wie aus einem Hochofen schien ihm entgegenzufegen, gefolgt
von arktischer Kälte. Er schloß die Augen, um sich wieder in den Griff zu bekommen.
Petra hätte einen Gefühlsausbruch zu einem so entscheidenden Zeitpunkt mißbilligt.
Er schlug die Augen auf und schaute seinen Freund an.
»Ist das wirklich wahr?«
»Ich kenne den Namen und die Anschrift des Beamten. Man hat immer noch
Freunde«, versicherte Keitel.
»Das glaube ich dir, Genosse. So, und nun möchte ich dich um einen Gefallen
bitten.«
»Nur zu.«
»Natürlich weißt du, was uns in diese katastrophale Lage gebracht hat.«
»Kommt darauf an, was du meinst«, sagte Keitel. »Das Volk, das sich so leicht
verführen ließ, hat mich enttäuscht, aber die Massen waren ja schon immer
undiszipliniert und wußten nicht, was gut für sie ist. Verantwortlich für unser
246
nationales Unglück sind...«
»Genau, die Amerikaner und Russen.«
»Genosse, selbst ein vereintes Deutschland ist nicht stark genug...«
»O doch. Wenn wir die Welt nach unserem Bilde neu erschaffen wollen, Erwin,
müssen wir den Unterdrückern großen Schaden zufügen.«
»Aber wie?«
»Es gibt einen Weg. Kannst du mir fürs erste einmal glauben?«
Keitel leerte sein Glas und lehnte sich zurück. Er hatte einen Anteil an Bocks
Ausbildung gehabt. Mit 56 war er zu alt, um seine Weltanschauung zu ändern, aber
immer noch ein guter Menschenkenner. Bock war ein Mann wie er selbst: vorsichtig,
rücksichtslos und sehr tüchtig bei verdeckten Operationen.
»Was stellen wir mit diesem Kriminalbeamten an?«
Bock schüttelte den Kopf. »Nichts, auch wenn mir Rache eine große Genugtuung
wäre. Jetzt ist nicht die Zeit, private Rechnungen zu begleichen. Wir müssen eine
Bewegung und ein Land retten.« Mehr als eines, dachte Bock, aber das braucht der
Genosse noch nicht zu wissen. Was in seinen Gedanken Konturen annahm, war ein
gewaltiger Schlag, ein atemberaubendes Manöver, das unter Umständen - er war vor
sich selbst ehrlich genug, um nicht »ganz sicher« zu denken - die Welt formbarer
machen könnte. Was danach käme, konnte niemand sagen. Aber das war ganz
unwichtig. Entscheidend war, daß er und seine Freunde den ersten kühnen Schritt
wagten.
»Wie lange kennen wir uns jetzt schon - fünfzehn, zwanzig Jahre?« Keitel lächelte.
»Natürlich vertraue ich dir, Genosse.«
»Wie viele vertrauenswürdige Leute kennst du?«
»Wie viele brauchen wir denn?«
»Insgesamt acht.«
Keitels Miene wurde ausdruckslos. Acht Männer, denen wir uneingeschränkt
vertrauen können? dachte er.
»Das sind aus Gründen der Sicherheit zu viele, Günther. Was für Leute sollen es
denn sein?« fragte er und sagte, nachdem Bock geantwortet hatte: »Nun, ich weiß, wo
ich ansetzen muß. Möglich wäre das... Männer in meinem und ein paar in deinem
Alter. Leute mit diesen Qualifikationen sind nicht schwer zu finden, aber du darfst
nicht vergessen, daß es vieles gibt, worauf wir keinen Einfluß haben.«
»Wie meine Freunde anderswo sagen, liegt das in Allahs Hand«, meinte Günther
und grinste süffisant.
»Barbaren!« schnaubte Keitel. »Die konnte ich noch nie ausstehen.«
»Stimmt, die gönnen einem noch nicht mal ein Bierchen.« Bock lächelte. »Aber sie
sind stark, Erich, entschlossen und der Sache treu.«
»Und welche Sache wäre das?«
»Eine, die uns im Augenblick gemeinsam ist. Wie lange wirst du brauchen?«
»Zwei Wochen. Erreichen kannst du mich ...«
»Kommt nicht in Frage.« Bock schüttelte den Kopf. »Das ist zu riskant. Kannst du
reisen, wirst du observiert?«
»Mich observieren? Alle meine Untergebenen sind Wendehälse, und der BND
weiß, daß der KGB nichts mit mir zu tun haben will. An mir wird kein Personal
verschwendet. Ich bin sozusagen kastriert.«
»Mir kommst du ganz schön potent vor, Erwin«, meinte Bock und drückte dem
ehemaligen Stasi-Offizier Geld in die Hand. »Treffen wir uns in zwei Wochen auf
247
Zypern. Achte aber auf Beschatter.«
»Das habe ich noch nicht verlernt. Bis dann, Genosse.«
Fromm erwachte bei Tagesanbruch. Er zog sich gemächlich an und war bemüht,
Traudl nicht zu wecken. In den letzten zwölf Stunden war sie eine angenehmere
Partnerin gewesen als in den vergangenen zwölf Monaten, und sein Gewissen sagte
ihm, daß die Schuld an ihrer annähernd gescheiterten Ehe vielle icht doch nicht nur bei
ihr lag. Zu seiner Überraschung stand das Frühstück schon auf dem Tisch.
»Wann kommst du zurück?«
»Kann ich noch nicht sagen. In ein paar Monaten wahrscheinlich.«
»So lange willst du wegbleiben?«
»Schatz, ich muß verreisen, weil man mein Wissen braucht und mich gut bezahlt.«
Er nahm sich vor, Kati um weitere Überweisungen zu bitten. Solange Geld einging,
hielt sie still.
»Darf ich denn nicht mitkommen?« fragte Traudl und zeigte echte Zuneigung.
»Das ist kein Platz für Frauen.« Die Antwort war ehrlich genug, um seine
Gewissensbisse zu mildern. »So, ich muß jetzt fort.«
»Komm bald wieder.«
Manfred Fromm gab seiner Frau einen Kuß und ging aus dem Haus. Der BMW
verkraftete die 50 Kilo im Kofferraum locker. Er winkte Traudl noch einmal zu und
fuhr los. Durch den Rückspiegel warf er einen letzten Blick auf das Haus. Seine
Vermutung dabei, daß er es nie wiedersehen würde, sollte sich bewahrheiten.
Die nächste Station war das Astronomische Institut »Karl Marx«. Die
eingeschossigen Gebäude sahen schon verwahrlost aus; ein Wunder, daß Vandalen
die Scheiben noch nicht eingeschlagen hatten. Der Lkw wartete bereits. Fromm
schloß die Werkstatt auf, wo die Maschinen in ihren hermetisch versiegelten Kisten
mit der Aufschrift ASTROPHYSISCHE INSTRUMENTE standen. Nun mußte er nur
noch die Formulare unterschreiben, die er am Nachmittag des Vortages getippt hatte.
Der Lkw-Fahrer verstand sich auf die Bedienung des gasgetriebenen Gabelstaplers
und lud die Kisten in den Container. Fromm holte die Batterien aus dem Kofferraum
seines Mietwagens und packte sie in eine Holzkiste, die zuletzt aufgeladen wurde. Der
Fahrer brauchte eine halbe Stunde, um die Ladung festzuzurren, dann brach er auf.
Den »Herrn Professor Fromm« würde er am Stadtrand von Rotterdam wiedersehen.
Fromm traf sich mit Bock in Greifswald. Sie stiegen in Bocks Wagen, weil der ein
besserer Fahrer war, und fuhren Richtung Westen.
»Wie war’s daheim?«
»Traudl hat sich sehr über das Geld gefreut«, meldete Fromm.
»Sie bekommt noch mehr, in regelmäßigen Raten... alle zwei Wochen, glaube ich.«
»Gut. Darüber wollte ich mit Kati sprechen.«
»Wir versorgen unsere Freunde gut«, bemerkte Bock, als sie einen ehemaligen
Zonengrenzübergang passierten. Nun sproß dort Gras.
»Wie lange wird die Herstellung dauern?«
»Drei Monate... vielleicht auch vier. Wir könnten es auch schneller schaffen«, sagte
Fromm entschuldigend, »aber vergessen Sie nicht, daß ich nie mit richtigem Material
gearbeitet, sondern immer nur simuliert habe. Es gibt absolut keinen Fehlerspielraum.
Mitte Januar ist alles fertig und steht Ihnen zur Verfügung.« Fromm fragte sich
natürlich, was Bock und die anderen mit dem Material vorhatten, aber das ging ihn im
Grunde nichts an. Oder vielleicht doch?
248
15
Entwicklungen
Ghosn konnte nur den Kopf schütteln. Objektiv verstand er, daß es sich um eine
Auswirkung der tiefgreifenden Veränderungen in Europa handelte, des Verzichts auf
Grenzkontrollen im Zuge der wirtschaftlichen Integration der EG, der Auflösung des
Warschauer Pakts und der stürmischen Bildung einer europäischen Völkerfamilie. Die
einzige Schwierigkeit beim Transport der fünf Werkzeugmaschinen aus Deutschland
in diese Senke war ausgerechnet die Beschaffung eines geeigneten Lastwagens in
Latakia gewesen, kein simples Unterfangen, denn niemand - selbst der Deutsche
nicht, dachte Ghosn befriedigt - hatte an den schlechten Zustand der Straße gedacht,
die zur Werkstatt führte. Nun sah Fromm aufmerksam zu, wie Arbeiter die letzte
Maschine mühsam auf deren Tisch wuchteten. Fromm war arrogant, aber ein
erstklassiger Ingenieur. Selbst die Tische hatten genau die richtige Größe und einen
zehn Zentimeter breiten Rand, auf dem man ein Notizbuch ablegen konnte. Die
Notstromaggregate waren aufgestellt und durchgeprüft. Nun mußten nur noch die
Maschinen aufgebaut und geeicht werden, ein Prozeß, der eine Woche in Anspruch
nehmen würde.
Bock und Kati beobachteten das Ganze vom anderen Ende des Raums, weil sie
nicht im Weg stehen wollten.
»Ich habe die Ansätze eines Einsatzplans«, meinte Günther.
»Sie soll also nicht für Israel bestimmt sein?« fragte Kati. Die endgültige
Entscheidung lag bei ihm, aber er wollte seinen deutschen Freund anhören. »Können
Sie mir schon sagen, was Sie vorhaben?«
»Ja.« Bock weihte ihn ein.
»Interessant. Und die Sicherheit?«
»Ein Problem stellt unser Freund Manfred dar - oder, genauer gesagt, seine Frau.
Sie kennt sein Fach und weiß, daß er irgendwo im Ausland ist.«
»Sie umzubringen birgt mehr Risiken als Vorteile, finde ich.«
»Normalerweise schon, aber Fromms Kollegen sind alle ebenfalls unterwegs meist mit ihren Frauen. Verschwände sie einfach, würden ihre Nachbarn annehmen,
sie sei zu ihrem Mann gestoßen. Seine Abwesenheit könnte sie zu der achtlosen
Bemerkung provozieren, Manfred arbeite irgendwo im Ausland. Und das könnte
bestimmten Kreisen auffallen.«
»Weiß sie eigentlich, woran er früher gearbeitet hat?«
»Manfred ist sehr sicherheitsbewußt, aber wir müssen annehmen, daß sie Bescheid
weiß. Welche Ehefrau weiß so etwas nicht?«
»Weiter«, sagte Kati müde.
»Wenn ihre Leiche entdeckt wird, ist die Polizei gezwungen, nach ihrem Mann zu
fahnden, und auch das wäre ein Problem. Sie muß also verschwinden, damit der
Eindruck entsteht, sie sei zu ihrem Mann gefahren.«
»Nach Abschluß des Projekts wird sie ohnehin sein Schicksal teilen«, bemerkte
Kati und lächelte zur Abwechslung einmal.
»Genau.«
»Was für eine Frau ist sie?«
249
»Ein raffgieriger Hausdrache, der nicht an Gott glaubt«, sagte der Atheist Bock zu
Katis Erheiterung.
»Und wie wollen Sie das erledigen?«
Bock legte kurz seinen Plan dar. »Dabei können wir gleichzeitig die Zuverlässigkeit
unserer Leute für diese Phase der Operation prüfen. Die Einzelheiten überlasse ich
ihnen.«
»Tricks? Bei einem Unternehmen wie diesem kann man nicht vorsichtig genug
sein.«
»Wenn Sie wollen, lasse ich die Liquidierung auf Video aufnehmen, damit Sie
einen eindeutigen Beweis haben.« Bock hatte das schon einmal getan.
»Das ist barbarisch«, meinte Kati, »aber leider notwendig.«
»Ich werde mich um die Sache kümmern, wenn ich nach Zypern fahre.«
»Auf dieser Reise brauchen Sie Bewacher, mein Freund.«
»Gut, das finde ich auch.« Bock wußte, was gemeint war. Wenn es den Anschein
hatte, daß seine Festnahme unmittelbar bevorstand ... nun, er hatte einen sehr
gefährlichen Weg gewählt, und Kati mußte vorsichtig sein. Günthers Vorschlag für
einen Einsatzplan machte das noch wichtiger.
»Die Maschinen sind doch schon alle mit Wasserwaagen für die Luftkissenbasis
ausgerüstet«, sagte Ghosn fünfzehn Meter weiter gereizt. »Wozu der Aufwand bei den
Tischen?«
»Junger Freund, diese Arbeit können wir nur einmal tun. Wollen Sie irgendwelche
Risiken eingehen?«
Ghosn nickte. Der Mann mochte herablassend sein, aber er hatte recht. »Und das
Tritium?«
»Ist in diesen Batterien. Ich bewahrte sie kühl auf... Das Tritium setzt man frei,
indem man sie erhitzt; ein kniffliger, aber unproblematischer Prozeß.«
»Stimmt, ich weiß, wie das geht«, sagte Ghosn.
Fromm reichte ihm die Bedienungsanleitung der ersten Maschine. »So, nun müssen
wir uns erst einmal neue Kenntnisse aneignen, damit wir das Bedienungspersonal
einweisen können.«
Kapitän Dubinin saß im Dienstzimmer des Schiffbaumeisters der Werft, auf der die
Admiral Lunin entstanden war und die man unter den Namen »Werft Nr. 199«,
»Leninskaja Komsomola« oder schlicht »Komsomolsk« kannte. Der Mann, ein
ehemaliger U-Boot-Kommandant, zog den Titel »Schiffbaumeister« dem eines
Direktors vor und hatte beim Dienstantritt vor zwei Jahren das Schild an seiner Tür
entsprechend ändern lassen. Er war Traditionalist, aber auch ein brillanter Ingenieur.
Und heute war er ganz besonders froh.
»Während Ihrer Abwesenheit habe ich etwas Großartiges ergattert!«
»Und was wäre das, Herr Admiral?«
»Der Prototyp einer neuen Reaktorpumpe. Sie ist groß, klobig, aus Gußeisen,
schwer einzubauen und zu warten, aber auch ...«
»Leise?«
»Wie ein Dieb«, entgegnete der Admiral lächelnd. »Sie strahlt fünfzig Prozent
weniger Schall ab als Ihre derzeitige Pumpe.«
»Wirklich? Wo haben wir die gestohlen?«
Darüber mußte der Schiffbaumeister lachen. »Das brauchen Sie nicht zu wissen,
Walentin Borissowitsch. So, nun habe ich eine Frage an Sie: Ich hörte, daß Sie vor
250
zehn Tagen etwas Erstaunliches geschafft haben...«
Dubinin lächelte. »Darüber darf ich nicht reden, Herr Admiral.«
»O doch. Ich habe mit Ihrem Geschwaderkommandeur gesprochen. Sagen Sie , wie
nahe kamen Sie an USS Nevada heran?«
»Ich glaube eher, daß es die Maine war«, erwiderte Dubinin. Die Leute von der
Aufklärung waren zwar anderer Ansicht, aber er ließ sich von seinem Instinkt leiten.
»Achttausend Meter, schätze ich. Wir identifizierten das Boot anhand eines
mechanischen Geräuschs, das während einer Übung verursacht wurde, und dann
pirschte ich mich auf der Basis einiger unfundierter Vermutungen an...«
»Unsinn! Man kann die Bescheidenheit auch übertreiben, Kapitän. Fahren Sie fort.«
»Nachdem wir das vermutete Ziel gepeilt hatten, kam Bestätigung in Form von
Rumpfknistern. Angesichts unseres Einsatzplans und der taktischen Lage beschloß ich
an diesem Punkt, den Kontakt abzubrechen, solange das noch ohne Gegenortung
möglich war.«
»Das war Ihr geschicktester Zug«, meinte der Schiffbaumeister und wies mit dem
Zeigefinger auf seinen Besucher. »Sie hätten keine bessere Entscheidung treffen
können, denn wenn Sie Ihre nächste Fahrt antreten, haben Sie das leiseste Boot, das
wir je in See stechen ließen.«
»Die Amerikaner sind uns nach wie vor überlegen«, erklärte Dubinin ehrlich.
»Gewiß, aber nun ist ihr Vorsprung endlich geringer als der Unterschied zwischen
zwei Kommandanten, wie es sich gehört. Wir sind beide von Marko Ramius
ausgebildet worden. Schade, daß er das nicht erleben kann!«
Dubinin nickte zustimmend. »Ja, angesichts der derzeitigen politischen Lage wird
das Spiel von Geschick und nicht mehr von Feindschaft bestimmt.«
»Wäre ich doch jung genug, um mitspielen zu können«, seufzte der
Schiffbaumeister.
»Und das neue Sonar?«
»Es ist eine Entwicklung unseres Laboratoriums Seweromorsk, ein Passivgerät mit
großer Öffnung, dessen Empfindlichkeit um rund vierzig Prozent verbessert ist. Bei
fast allen Systemen sind Sie einem amerikanischen Boot der Los-Angeles-Klasse
ebenbürtig.«
Den Einwand, das gälte nicht für die Besatzung, verkniff sich Dubinin. Es würde
Jahre dauern, bis sein Land die eigenen Männer so gut ausbildete, wie die Marinen
des Westens es taten, und bis dahin war er zu alt für ein Kommando auf See - aber in
drei Monaten bekam er das beste Boot, das die Sowjetunion je einem Kapitän
anvertraut hatte. Wenn es ihm gelang, seinem Geschwaderkommandanten mehr
Offiziere abzuschwatzen, konnte er die unfähigeren Wehrpflichtigen an Land
zurücklassen und für den Rest ein ordentliches Übungsprogramm ansetzen. Es war
seine Aufgabe, die Besatzung zu führen und auszubilden. Er war der Kapitän der
Admiral Lunin. Ihm gebührte die Anerkennung für einen Erfolg, und er mußte die
Schuld an einem Fehlschlag auf sich nehmen. Das hatte ihm Ramius schon an seinem
ersten Tag an Bord eines Unterseebootes beigebracht. Er hatte sein Schicksal selbst in
der Hand, und was konnte man schon mehr verlangen?
Warte nur, USS Maine, dachte er, nächstes Jahr, wenn die bitterkalten
Winterstürme über den Nordpazifik fegen, sehen wir uns wieder.
»Kein einziger Kontakt«, sagte Captain Ricks in der Offiziersmesse.
»Abgesehen von Omaha.« Lieutenant Commander Claggett sah einige Unterlagen
251
durch. »Und die hatte es viel zu eilig.«
»Der Iwan gibt sich keine Mühe mehr«, sagte der Navigator fast mit Bedauern.
»Sieht fast so aus, als hätte er das Handtuch geworfen.«
»Warum überhaupt den Versuch machen, uns zu finden?« bemerkte Ricks.
»Abgesehen von dem Akula, das verschwand...«
»Das haben wir immerhin vor einiger Zeit erfaßt«, sagte der Navigator.
»Vielleicht können wir ihn beim nächsten Mal knipsen!« rief ein Lieutenant
leichthin, der hinter einem Magazin stand, und löste damit allgemeine Heiterkeit aus.
Ganz selten war es wagemutigen Kommandanten von Jagd-U-Booten gelungen, sich
ganz dicht an sowjetische Boote heranzupirschen und Blitzlichtaufnahmen von ihren
Rümpfen zu machen. Aber solche Spiele gehörten der Vergangenheit an. Die Russen
operierten inzwischen sehr viel geschickter als noch vor zehn Jahren. Als Zweitbester
strengt man sich mehr an.
»Nun zur nächsten Übung im Maschinenraum«, sagte Ricks.
Dem Ersten Offizier fiel auf, daß niemand am Tisch eine Miene verzog. Die
Offiziere hatten gelernt, sich das Stöhnen und Augenrollen zu verkneifen. Ricks’ Sinn
für Humor war sehr begrenzt.
»Tag, Robby!« Joshua Painter erhob sich von seinem Drehsessel und ging dem
Besucher entgegen, um ihm die Hand zu reichen.
»Guten Morgen, Sir.«
»Setzen Sie sich.« Ein Steward schenkte beiden Kaffee ein. »Nun, wie steht’s mit
dem Verband?«
»Wir werden rechtzeitig bereit sein, Sir.«
Admiral Joshua Painter von der US-Navy war der Oberbefehlshaber der alliierten
Marinekräfte Atlantik, der OB Atlantik und der OB der amerikanischen Atlantikflotte.
Für die drei Jobs bekam er zwar nur ein Gehalt, verfügte aber über drei Stäbe, die ihm
das Denken abnahmen. Er hatte sich als Kampfflieger hochgedient und nun den
Gipfel seiner Karriere erreicht. Eine Beförderung zum Chef aller Marineoperationen
stand nicht in Aussicht. Dieser Posten würde wohl an einen Mann mit größerem
politischen Geschick gehen, aber Painter war mit dem, was er erreicht hatte,
zufrieden. Gemäß der ziemlich ungewöhnlichen Organisation der Streitkräfte berieten
der Chef der Marineoperationen und andere Befehlshaber den Verteidigungsminister
lediglich, der dann den Oberbefehlshabern (CINC) der Einsatzgebiete die Befehle
erteilte. Die Kommandostruktur SACLANT-CINCLANT-CINCLANTFLT mochte
bürokratisch, schwerfällig und aufgebläht sein, aber Painter konnte als ihr Chef reale
Schiffe, Flugzeuge und Marineinfanteristen in Bewegung setzen. Zwei ganze Flotten,
die 2. und die 6., unterstanden ihm: Sieben Flugzeugträger, ein Schlachtschiff
(Painter, zwar ein Flieger, mochte die gepanzerten Ungetüme, weil sein Großvater
eins befehligt hatte), über 100 Kreuzer, Zerstörer und Fregatten, 60 Unterseeboote,
anderthalb Divisionen Marineinfanterie, Tauende von Kampfflugzeugen. Tatsache
war, daß nur ein Land auf der Welt über mehr Kampfkraft verfügte als Joshua Painter,
und dieses Land stellte in dieser Zeit der internationalen Verständigung keine
ernsthafte strategische Bedrohung mehr dar. Mit Krieg brauchte er nicht mehr zu
rechnen, und das machte Painter froh. Er hatte Einsätze in Vietnam geflogen und
miterlebt, wie Amerikas Macht von ihrem Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg
auf ihren Tiefpunkt in den Siebzigern gesunken war, um sich dann wieder zu erholen,
bis die USA aufs neue als stärkstes Land der Welt galten. Er hatte seinen Part in den
besten und schlimmsten Zeiten gespielt, und nun waren die Aussichten besonders
252
günstig. Robby Jackson war einer der Männer, denen Painters Marine anvertraut
werden würde.
»Was höre ich da? Wieder sowjetische Piloten in Libyen?« fragte Jackson.
»Nun, ganz abgezogen wurden sie ja nie«, meinte Painter. »Unser Freund will die
modernsten sowjetischen Waffen haben und zahlt in Devisen. Die haben die Sowjets
nötig. Geschäft ist Geschäft. So einfach ist das.«
»Man sollte doch meinen, daß er seine Lektion gelernt hat«, bemerkte Robby und
schüttelte den Kopf.
»Vielleicht tut er das auch... bald. Als einer der letzten Hitzköpfe muß er sich sehr
einsam fühlen. Mag sein, daß er seine Arsenale füllt, solange das noch geht. Das sagt
jedenfalls unsere Aufklärung.«
»Und die Russen im Land?«
»Eine beachtliche Zahl von Ausbildern und Technikern auf Vertragsbasis,
besonders Flieger und Spezialisten für SAM-Raketen.«
»Gut, daß ich das weiß. Wenn Gaddafi wieder mal was wagt, kann er sich hinter
einer guten Luftabwehr verstecken.«
»Nicht gut genug, um Sie und Ihre Männer aufzuhalten, Robby.«
»Aber gut genug, um mich zum Briefeschreiben zu zwingen.« Jackson hatte
unzählige Briefe an Angehörige verfassen müssen. Bei jeder Fahrt war im
Luftverband mit Todesfällen zu rechnen. Seines Wissens war kein Träger zu einem
Einsatz ausgelaufen - ob nun in Kriegs- oder Friedenszeiten -, ohne Tote beklagen zu
müssen, und als Chef des Verbandes trug er die Verantwortung. Wäre es nicht schön,
wenn ich als erster dran glauben müßte, dachte Jackson. Erstens wäre es ein würdiger
Abschluß meiner Karriere, und zweitens brauchte ich Frau und Eltern nicht mehr
schonend beizubringen, daß ihr Johnny für sein Land gestorben ist... denkbar, aber
unwahrscheinlich. Die Arbeit der Marineflieger war gefährlich. Er war nun über
Vierzig, wußte, daß die Unsterblichkeit entweder ein Märchen oder ein schlechter
Witz war, und hatte sich im Bereitschaftsraum beim Betrachten der Gesichter der
Piloten schon bei dem Gedanken ertappt: Wer von diesen gutaussehenden, stolzen
Jungs wird fehlen, wenn die Theodore Roosevelt wieder die Durchfahrt zwischen Kap
Charles und Kap Henry ansteuert? Wessen schöne und schwangere Frau wird kurz
vorm Mittagessen von einem Geistlichen und einem Piloten aufgesucht, begleitet von
der Frau eines Kameraden, die sie an der Hand nimmt und sie tröstet? Wieder ein
Leben, das in weiter Ferne in Feuer und Blut endete? Ein möglicher Zusammenstoß
mit den Libyern war nur eine Bedrohung mehr in einer Welt, in der der Tod einen
festen Wohnsitz hatte. Jackson gestand sich insgeheim ein, daß er für dieses Leben zu
alt war. Er war zwar nach wie vor ein erstklassiger Pilot, aber reif genug, um sich
einzugestehen, daß er nicht mehr unbedingt Weltspitze war. Doch nun machten ihm
die traurigen Seiten des Lebens mehr zu schaffen, und es wurde bald Zeit für eine
Versetzung - in ein Büro mit Admiralsflagge und der Möglichkeit, gelegentlich zu
fliegen und damit zu beweisen, daß er noch immer die richtigen Entscheidungen
treffen oder sich um sie bemühen konnte. So könnte er diese schrecklichen Besuche
auf einem Minimum halten.
»Probleme?« fragte Painter.
»Ersatzteilmangel«, erwiderte Captain Jackson. »Es wird immer schwieriger, alle
Vögel flugklar zu halten.«
»Wir tun, was wir können.«
»Jawohl, Sir, ich weiß. Und wenn ich die Zeitungen richtig interpretiere, wird es
253
auch noch schlimmer.« Zum Beispiel war geplant, drei Träger mitsamt ihren
Flugzeugen außer Dienst zu stellen. Lernte man denn nie?
»Jedesmal, wenn wir einen Krieg gewinnen, werden wir dafür bestraft«, sagte der
CINCLANT. »Wenigstens hat uns dieser Sieg nicht allzu viel gekostet. Keine Sorge,
wenn es soweit ist, wird es einen Platz für Sie geben. Sie sind mein bester
Verbandskommandeur, Captain.«
»Das höre ich gern.«
Painter lachte. »Ich auch.«
»Im Englischen gibt es ein Sprichwort«, bemerkte Golowko, »und das heißt: >Wer
solche Freunde hat, braucht keine Feinde.< Was wissen wir noch?«
»Es hat den Anschein, daß sie uns ihren gesamten Plutoniumvorrat übergeben
haben«, erwiderte ein Vertreter des Atomwaffen-Forschungsinstituts Sarowa südlich
von Nischni Nowgorod. Er war weniger Ingenieur als ein Wissenschaftler, der
Nuklearwaffenprogramme außerhalb der Sowjetunion im Auge behielt. »Ich habe die
Berechnungen selbst ausgeführt. Es ist zwar theoretisch möglich, daß sie mehr
hergestellt haben, aber was man uns aushändigte, ist geringfügig mehr als die Menge
an Pu259, die ähnliche Reaktoren hier bei uns produzieren. Ich glaube also, daß wir
den Gesamtvorrat haben.«
»Das habe ich alles gelesen. Warum sind Sie jetzt hier?«
»Weil die Verfasser der ersten Studie etwas übersehen haben.«
»Und was wäre das?« fragte der Erste Stellvertretende Vorsitzende des Komitees
für Staatssicherheit.
»Tritium.«
»Helfen Sie meinem Gedächtnis nach.« Golowko war ein erfahrener Diplomat und
Nachrichtendienstler, aber kein Kernphysiker.
Der Experte aus Sarowa hatte schon seit Jahren nicht mehr über die Grundlagen der
Physik referiert. »Die Zusammensetzung des Wasserstoffatoms ist ganz simpel: ein
positiv geladenes Proton, ein negativ geladenes Elektron. Fügt man ein Neutron
hinzu, das keine elektrische Ladung hat, erhält man Deuterium oder schweren
Wasserstoff. Ein weiteres Neutron ergibt Tritium, auch überschwerer Wasserstoff
genannt, mit der Massenzahl drei. Ganz einfach dargestellt: Neutronen bilden die
Grundlage von Kernwaffen. Befreit man sie aus dem Verbund mit dem
Wasserstoffatom, werden sie abgestrahlt, bombardieren andere Atomkerne und setzen
weitere Neutronen frei. Dies führt zu einer Kettenreaktion, bei der gewaltige Energien
frei werden. Tritium ist nützlich, weil das Wasserstoffatom normalerweise überhaupt
keine Neutronen enthält. Es ist auch instabil und zerfällt innerhalb einer bestimmten
Zeitspanne. Seine Halbwertzeit beträgt 12,3 Jahre«, erklärte er. »Bringt man also
Tritium in eine konventionelle Atombombe ein, beschleunigen oder verstärken die
zusätzlichen Neutronen den Spaltungsprozeß in der Reaktionsmasse Plutonium oder
Uran um einen Faktor von vierzig bis fünfzig, was eine wesentlich bessere
Ausnutzung schweren spaltbaren Materials wie Plutonium oder angereichertem Uran
ermöglicht. Außerdem setzt eine in Relation zur Ladung entsprechend positionierte
Tritiummenge - in diesem Fall als >Primärladung< bezeichnet - den Spaltungsprozeß
in Gang. Dies kann natürlich auch mit anderen Methoden erreicht werden. Zu
bevorzugen waren Lithiumdeuterid oder Lithiumhydrid, die stabiler sind, aber Tritium
hat nach wie vor seine Anwendung bei bestimmten Waffen.«
»Und wie stellt man Tritium her?«
254
»Indem man Lithium-Aluminium in einem Reaktor der Neutronenbestrahlung
aussetzt. Das Tritium bildet sich dann in Form kleiner, facettierter Blasen im Metall.
Meiner Meinung nach haben die Deutschen in Greifswald auch Tritium produziert.«
»Wirklich? Welche Beweise haben Sie?«
»Wir analysierten das Plutonium, das man uns übergab. Plutonium hat zwei
Isotope, Pu239 und Pu240. Aus ihrem relativen Mengenverhältnis läßt sich auf den
Neutronenfluß im Reaktor schließen. Irgend etwas reduzierte diesen Neutronenfluß.
Und dieses Etwas war wahrscheinlich - oder fast bestimmt - Tritium.«
»Sind Sie da ganz sicher?«
»Der physikalische Prozeß ist komplex, aber eindeutig. In vielen Fällen kann man
anhand der Ratio verschiedener Materialien in einer Plutoniumbombe den Reaktor
bestimmen, in dem sie hergestellt wurde. Meine Leute und ich sind uns unserer
Schlußfolgerung recht sicher.«
»Diese Reaktoren unterlagen doch der internationalen Inspektion, oder? Wird die
Tritiumproduktion denn nicht überwacht?«
»Die Deutschen umgingen einige Plutoniuminspektionen, und Tritium steht
überhaupt nicht unter internationaler Kontrolle. Selbst wenn es Kontrollen gäbe, wäre
die Tarnung der Tritiumproduktion ein Kinderspiel.«
Golowko stieß einen unterdrückten Fluch aus. »Um welche Mengen geht es?«
Der Wissenschaftler zuckte mit den Achseln. »Unmöglich zu sagen. Der Reaktor
ist inzwischen stillgelegt, und wir haben keinen Zugang mehr.«
»Gibt es noch andere Anwendungsbereiche für Tritium?«
»Gewiß, es hat einen hohen Verkaufswert. Es ist phosphoreszierend, leuchtet also
im Dunkeln. Es wird für Zifferblätter, Visiere, Instrumente und alle möglichen
anderen Geräte verwendet und ist sehr wertvoll, wie ich sagte - fünfzigtausend USDollar pro Gramm.«
Golowko fand die Abschweifung verblüffend. »Moment mal«, sagte er. »Wollen
Sie etwa sagen, daß unser sozialistisches Bruderland DDR nic ht nur an einer Atom-,
sondern auch an einer Wasserstoffbombe arbeitete?«
»Ja, das ist wahrscheinlich.«
»Und der Verbleib eines Elementes ist noch ungeklärt?«
»Korrekt - möglicherweise korrekt«, verbesserte sich der Wissenschaftler.
»Wahrscheinlich?« Als zöge man einem Kind ein Geständnis aus der Nase, dachte
der Erste Stellvertretende Vorsitzende.
»Da. Angesichts der Anweisungen, die die deutschen Kollegen von Honecker
erhielten, hätte ich auch so gehandelt. Überdies war die Aufgabe technisch recht
einfach zu lösen. Die Reaktortechnologie hatten sie ja von uns.«
»Was haben wir uns dabei bloß gedacht!« murmelte Golowko halblaut.
»Tja, mit China haben wir denselben Fehler begangen.«
»Hat denn niemand...« setzte Golowko an, aber der Physiker unterbrach ihn.
»Warnungen gab es genug, aus meinem Institut und aus dem in Kyschtym, aber
niemand hat darauf gehört. Man hielt es für politisch zweckdienlich, unseren
Verbündeten diese Technologie zugänglich zu machen.« Das Wort »Verbündete«
kam ohne sarkastischen Unterton heraus.
»Und Sie sind der Ansicht, daß wir etwas unternehmen sollen?«
»Wir könnten unsere Kollegen im Außenministerium um Intervention bitten, aber
ich glaube, daß energischere Schritte nötig sind. Deshalb wandte ich mich an Sie.«
»Sie nehmen also an, daß die Deutschen - das neue Deutschland, meine ich - über
255
einen Vorrat an spaltbarem Material und dieses Tritium verfügen und ein eigenes
Atomwaffenarsenal herstellen können.«
»Eine reale Möglichkeit. Es gibt, wie Sie wissen, eine beträchtliche Anzahl von
deutschen Kernphysikern, die im Augenblick vorwiegend in Südafrika arbeiten; für
sie die beste aller Welten. Sie arbeiten zwölftausend Kilometer von der Heimat
entfernt an einem Kernwaffenprogramm, lernen dort dazu und stehen auf der
Gehaltsliste eines anderen Landes. Sollte das wirklich der Fall sein, stellt sich die
Frage, ob wir es nur mit einem kommerziellen Unterfangen zu tun haben. Ich halte
das für möglich, wahrscheinlicher aber ist, daß die Bundesregierung von dieser Affäre
weiß. Und da sie keine Gegenmaßnahmen ergriffen hat, muß man davon ausgehen,
daß sie diese Aktivitäten billigt. Die wahrscheinlichste Erklärung für dieses
stillschweigende Einverständnis wäre die Absicht, die erworbenen Kenntnisse bei der
Verfolgung ihrer nationalen Interessen einzusetzen.«
Golowko runzelte die Stirn. Sein Besucher hatte gerade drei Möglichkeiten
miteinander zu einer Bedrohung verflochten. Er dachte wie ein ganz besonders
argwöhnischer Geheimdienstoffizier.
»Haben Sie weitere Informationen?«
»Die Namen von dreißig Verdachtspersonen.« Er reichte eine Akte über den Tisch.
»Wir sprachen mit unseren Leuten, die den Deutschen beim Bau der Anlage
Greifswald halfen. Aufgrund ihrer Erinnerungen haben diese Personen am
wahrscheinlichsten an dem Atomwaffenprogramm mitgearbeitet. Ein halbes Dutzend
davon gilt als hochqualifiziert und gut genug, um auch bei uns in Sarowa zu
forschen.«
»Hat einer von ihnen auffällige Erkundigungen...«
»Nein, und das ist auch nicht erforderlich. Physik ist Physik, Kernspaltung ist
Kernspaltung. Naturgesetze lassen sich nicht geheimhalten, und damit haben wir es
hier zu tun. Wenn diese Leute einen Reaktor betreiben können, sind die Besten unter
ihnen in der Lage, aus dem notwendigen Material Kernwaffen zu bauen - und unser
Reaktortyp gab ihnen die Fähigkeit, das erforderliche Material zu produzieren. Um
diese Sache sollten Sie sich kümmern und feststellen, was die Deutschen treiben, und
über was sie noch verfügen. Das jedenfalls ist mein Rat.«
»Ich habe ein paar sehr gute Leute im Direktorat T des Ersten Hauptdirektorats«,
sagte Golowko. »Nachdem wir Ihre Informationen verdaut haben, werden einige bei
Ihnen vorsprechen.« Sarowa war nur wenige Zugstunden von Moskau entfernt.
»Ja, ich habe mit Technologieexperten vom KGB gesprochen. Sehr tüchtige Leute.
Hoffentlich haben Sie noch gute Kontakte in Deutschland.« Darauf gab Golowko
keine Antwort. Agenten hatte er genug in dem Land, aber wie viele waren umgedreht
worden? Er hatte erst kürzlich die Zuverlässigkeit seiner Infiltratoren in der Stasi
prüfen lassen und war zu dem Schluß gelangt, daß keinem mehr zu trauen war besser gesagt, daß alle Vertrauenswürdigen nicht mehr in nützlichen Positionen saßen,
und selbst diese ... In diesem Augenblick beschloß er. die Operation nur von Russen
ausführen zu lassen. »Wie lange würden sie zur Waffenherstellung brauchen. wenn
sie das Material hätten? «
»Angesichts ihrer technischen Fähigkeiten und der Tatsache, daß sie als NatoMitglied Zugang zu amerikanischen Waffensystemen hatten, ist es nicht
ausgeschlossen, daß ihr Arsenal bereits Atomwaffen enthält, die in Deutschland
hergestellt wurden, und längst keine primitiven. In ihrer Lage und mit den
verfügbaren speziellen Materialien hätte ich mit Leichtigkeit innerhalb weniger
256
Monate nach der Wiedervereinigung zweiphasige Waffen herstellen können. Moderne
dreiphasige... vielleicht ein Jahr später.«
»Und wo?«
»In Ostdeutschland natürlich. Dort ist es sicherer. Und wo genau?« Der Physiker
dachte kurz nach. »Ich würde mir eine Werkstatt mit hochpräzisen
Werkzeugmaschinen des Typs, der für die Herstellung von optischen Instrumenten
benutzt wird, suchen. Das Röntgenteleskop, das wir gerade in die Umlaufbahn
geschossen haben, ist ein direktes Abfallprodukt der Wasserstoffbombenforschung. In
einer mehrphasigen Waffe ist die Steuerung und Dosierung von Röntgenstrahlen
nämlich von entscheidender Wichtigkeit. Über die amerikanische Bombentechnologie
lernten wir aus frei zugänglichen Artikeln viel über die Bündelung von
Röntgenstrahlen in astrophysischen Observationsgeräten. Wie ich bereits sagte,
Physik ist Physik. Naturgesetze können nicht versteckt, sondern nur entdeckt werden;
sie stehen allen offen, die intelligent und entschlossen genug sind, sie sich nutzbar zu
machen.«
»Wie tröstlich«, bemerkte Golowko ungehalten. Aber auf wen oder was konnte er
schon böse sein - auf diesen Mann, weil er die Wahrheit gesagt hatte, oder auf die
Natur, weil sie ihre Geheimnisse preisgab? »Verzeihung, Herr Professor. Ich bin
dankbar, daß Sie sich die Zeit genommen und mich auf diese Sache aufmerksam
gemacht haben.«
»Mein Vater ist Mathematiklehrer und hat sein ganzes Leben in Kiew verbracht.
Die Schreckensherrschaft der Deutschen hat er nicht vergessen.«
Golowko geleitete den Wissenschaftler hinaus und schaute dann aus seinem
Fenster. Warum haben wir ihnen die Wiedervereinigung gestattet? fragte er sich.
Haben sie immer noch Expansionsgelüste? Geht es wieder um Lebensraum, um die
Vormacht in Europa? Oder plagt dich die Paranoia, Sergej? Nun. für Argwohn wurde
er schließlich bezahlt. Golowko setzte sich und griff nach dem Telefonhörer.
»Eine Kleinigkeit«, antwortete Keitel. »Wenn es getan werden muß, brauchen wir
kein Wort mehr darüber zu verlieren.«
»Und die Männer?«
»Die habe ich. und zuverlässig sind sie auch. Alle haben im Ausland gearbeitet,
überwiegend in Afrika. Alle sind erfahren. Drei Oberste, sechs Oberstleutnants, zwei
Majore - alle im Ruhestand wie ich.«
»Zuverlässigkeit ist von größter Wichtigkeit«, mahnte Bock.
»Ich weiß. Günther. Jeder dieser Männer wäre irgendwann einmal General
geworden, Jeder ist ein strammes Parteimitglied. Warum hat man sie wohl in den
Ruhestand geschickt? Weil unser neues Deutschland ihnen nicht trauen kann.«
»Könnten Lockspitzel unter ihnen sein?«
»Ich bin hier der Geheimdienstoffizier«, erinnerte Keitel seinen Freund. »Ich rede
dir nicht in deine Arbeit hinein. Kümmere dich also nicht um meine. Tut mir leid,
aber die Wahl, ob du mir vertraust oder nicht, liegt bei dir.«
»Ich weiß. Erwin. Nichts für ungut. Dieses Unternehmen ist hochwichtig.«
»Das ist mir klar. Günther.«
»Bis wann ist die Sache erledigt?«
»In fünf Tagen. Ich würde mir zwar lieber mehr Zeit nehmen, bin aber darauf nicht
trainiert, rasch zuzuschlagen. Die einzige Schwierigkeit ist die Beseitigung der
Leiche.«
257
Bock nickte. Diese Frage hatte ihm nie Schwierigkeiten bereitet. Der RAF hatte
sich das Problem nicht gestellt - abgesehen vom Fall der abtrünnigen Grünen, die eine
Aktion verraten hatte. Sie hatte man eher aus Zufall als mit Absicht in einem
Naturpark verscharrt und sie damit ihrer geliebten Umwelt zurückgegeben. Petra hatte
diesen witzigen Einfall gehabt.
»Und wie lasse ich dir das Videoband zukommen?«
»Jemand wird sich hier mit dir treffen. Nicht ich, jemand anders. Steige in zwei
Wochen im selben Hotel ab; man wird Kontakt mit dir aufnehmen. Verstecke die
Kassette in einem Buch.«
»Gut.« Keitel fand, daß Bock die Geheimniskrämerei übertrieb; typisch für
Amateure. Er als Fachmann hätte das Band einfach in eine bedruckte Hülle getan und
eingeschweißt. »Ich brauche bald Geld.«
Bock gab ihm einen Umschlag. »Hier hast du hunderttausend Mark.«
»Das reicht dicke. In zwei Wochen also.« Keitel ließ Bock die Rechnung bezahlen
und ging fort.
Bock bestellte sich noch ein Bier und starrte hinaus auf das kobaltblaue Meer
unterm klaren Himmel. Am Horizont zogen Schiffe vorbei, darunter ein Kriegsschiff,
dessen Nationalität er über die Entfernung nicht feststellen konnte. Die anderen waren
einfache Frachter, unterwegs von einem unbekannten Hafen zum anderen.
Es war ein warmer, sonniger Tag mit einer kühlen Seebrise. Am nahen hellbraunen
Sandstrand hatten Kinder und Pärchen ihren Spaß im Wasser. Er mußte an Petra,
Erika und Ursel denken, aber niemand konnte ihm das ansehen. Die erste heftige
Reaktion auf den Verlust hatte er hinter sich, das Weinen und Toben; geblieben waren
tiefsitzende Gefühle wie kalte Wut und Rachegelüste. Es war ein herrlicher Tag, aber
er hatte niemanden, mit dem zusammen er ihn hätte genießen können, und er würde
auch die schönen Tage der Zukunft, sollten sie denn kommen, allein verbringen
müssen. Für Petra gab es keinen Ersatz. Vielleicht fand er hier ein Mädchen, das er
benutzen konnte, um quasi seinen Hormonhaushalt zu regulieren, aber das konnte
auch nichts ändern. Kein angenehmer Gedanke. Keine Liebe, keine Kinder, keine
Zukunft. Die Bar auf der Terrasse war ungefähr halb voll, vorwiegend besucht von
europäischen Urlaubern und ihren Familien, die lächelnd Keo-Bier, Wein oder
Brandy sour tranken und schon an das Unterhaltungsprogramm des Abends dachten,
intime Dinners und anschließend die kühlen Laken, Lachen und Zuneigung - alles
Dinge, die das Leben Günther Bock verwehrt hatte.
Er saß für sich und haßte seine Umgebung, musterte die Szene, als betrachte er die
Tiere im Zoo. Bock verabscheute die Touristen, weil sie lachten, lächelten und... eine
Zukunft hatten. Es war einfach ungerecht. Er hatte eine Lebensaufgabe gehabt, ein
Ziel, für das er gekämpft hatte. Diese Leute hatten bloß einen Beruf. Fünfzig Wochen
im Jahr fuhren sie morgens zu ihrer unwichtigen Arbeit und erfüllten ihre unwichtige
Funktion, um nachmittags wieder nach Hause zurückzukehren, und wie die meisten
Europäer sparten sie für den alljährlichen Urlaubsspaß in der Ägäis, auf Mallorca, in
Florida oder wo immer es sonst Sonne, saubere Luft und Strand gab. Ihr Leben
mochte sinnlos sein, aber sie waren glücklich - anders als der einsame Mann, der
unter einem weißen Sonnenschirm saß, aufs Meer hinausschaute und sein Bier trank.
Ausgesprochen ungerecht. Er hatte sein Leben ihrem Wohlergehen gewidmet - und
nun genossen sie, was er für sich im Sinn gehabt hatte, während ihm nichts geblieben
war.
Außer seiner Mission.
258
Bock beschloß, sich auch bei diesem Thema nichts vorzumachen. Er haßte sie, alle
miteinander. Warum sollten sie eine Zukunft haben, wenn er keine hatte? Er haßte sie,
weil sie ihn und Petra und Kati und alle anderen, die gegen Unrecht und
Unterdrückung kämpften, abgelehnt und damit das Böse dem Guten vorgezogen
hatten. Ich bin mehr als sie, dachte Bock, und besser, als sie jemals hoffen könnten zu
sein. Er konnte auf sie und ihr belangloses Leben herabschauen, und was er ihnen
antat - in ihrem Interesse, wie er nach wie vor glaubte -, war allein seine
Entscheidung. Pech, wenn einige dabei zu Schaden kamen. Es waren ja keine
richtigen Menschen, sondern nur Schatten der Persönlichkeiten, die sie gewesen
wären, wenn sie ihr Leben einer Sache gewidmet hätten. Nein, sie hatten nicht ihn
ausgestoßen, sondern sich selbst, weil ihnen das faule, bequeme Leben lieber war.
Wie Rindviecher, dachte Bock, oder wie Säue, und er stellte sie sich schmatzend und
grunzend am Trog vor. Sollte er sich verrückt machen, nur weil einige von ihnen
etwas früher als vorgesehen würden sterben müssen? fragte sich Günther. Ach wo,
unwichtig, entschied er.
»Mister President...«
»Ja, Elizabeth?« erwiderte Fowler und lachte leise.
»Wann hat man dir zum letzten Mal gesagt, daß du ein guter Liebhaber bist?«
»Im Kabinett bestimmt nicht.« Ihr Kopf lag auf seiner Brust, und er streichelte ihr
blondes Haar. Stimmt ja auch, dachte der Präsident, ich mache das wirklich ziemlich
gut. Er hatte Geduld, und das war seiner Ansicht nach bei dieser Beschäftigung das
wichtigste Talent. Trotz Emanzipation und Gleichberechtigung war es die Aufgabe
des Mannes, einer Frau das Gefühl zu geben, daß sie geliebt und respektiert wurde.
»Und auch nicht bei Pressekonferenzen.«
»Gut, dann hörst du es von deiner Sicherheitsberaterin.«
»Danke für das Kompliment, Frau Doktor Elliot.« Beide lachten herzhaft. Elizabeth
hob den Kopf, um ihn zu küssen, und streifte dabei mit ihren Brüsten seine Haut.
»Bob, du weißt ja nicht, wieviel du mir bedeutest.«
»Vielleicht doch«, wandte der Präsident ein.
Elliot schüttelte den Kopf. »Diese trostlosen Jahre an der Uni. Nie Zeit, immer zu
beschäftigt. Ich war Professorin und sonst nichts. So viel Zeit vergeudet...« Sie
seufzte.
»Hoffen wir, daß ich die Wartezeit wert war.«
»Das warst du, und das bist du.« Sie drehte sich um, legte den Kopf an seine
Schulter, und zog seine Hand über ihre Brust, bis sie an einem angenehmen Punkt
ruhte. Seine Rechte fand eine ähnliche Stelle, und Liz hielt seine Hände fest.
Und was sage ich jetzt? fragte sich Liz. Sie hatte die Wahrheit gesprochen. Bob
Fowler war ein behutsamer, geduldiger und begabter Liebhaber. Und einen Mann,
dem man so etwas sagte, selbst wenn er Präsident war, hatte man in der Hand. Sie
beschloß, fürs erste einmal nichts zu sagen. Es war Zeit, ihn weiter zu genießen, und
Zeit, ihre eigenen Gefühle zu prüfen. Sie starrte auf ein dunkles Rechteck an der
Wand, ein Landschaftsgemälde aus den Weiten des Westens, wo sich die Rocky
Mountains schroff aus der Prärie erheben. Auf den Namen des Künstlers hatte sie nie
geachtet. Fowlers Hände bewegten sich sanft, erregten sie zwar nicht erneut, ließen
aber kleine Wonneschauer durch ihren Körper fließen, denen sie sich passiv hingab
und nur hin und wieder den Kopf bewegte, um ihm zu bedeuten, daß sie noch wach
war.
259
Sie begann, den Mann zu lieben. Komisch, dachte sie - oder? Vieles an ihm konnte
sie lieben und bewundern. Anderes verwirrte sie. Er war eine widersprüchliche
Mischung aus Wärme und Kälte und hatte einen hintergründigen Humor. Viele Dinge
lagen ihm sehr am Herzen, aber die Intensität seiner Gefühle schien immer von der
logischen Durchdringung von Sachfragen und Prinzipien geleitet zu sein, und nicht
von Leidenschaft. Er war oft verwirrt, wenn andere seine Haltung zu bestimmten
Themen nicht teilten - so wie ein Mathematiklehrer nie zornig, sondern traurig und
verdutzt reagierte, wenn die Schüler die Schönheit und Symmetrie der Gleichungen
nicht sahen. Fowler konnte auch erstaunlich grausam und rücksichtslos sein, ohne
dabei jedoch boshaft zu wirken. Wer ihm im Weg stand, wurde, so er nur konnte,
vernichtet. Wie in Puzos »Pate«, dachte Liz: nichts Persönliches; es geht nur ums
Geschäft. Hatte er das von den Mafiosi gelernt, die er hinter Gitter geschickt hatte?
Bob Fowler konnte seine treuen Gefolgsleute eiskalt für Tüchtigkeit und Loyalität
belohnen mit... wie sollte sie es beschreiben? ... der Dankbarkeit eines Buchhalters.
Und doch war er im Bett so wunderbar zärtlich. Liz schaute zur Wand und zog die
Stirn kraus. Unergründlich, dieser Mann.
»Hast du den Bericht aus Japan gesehen?« fragte der Präsident und unterbrach
damit Liz Elliot in ihren Gedanken.
»Hmm, gut, daß du das erwähnst. Ich bin gestern auf etwas sehr Bedenkliches
gestoßen.«
»Worüber?« fragte Fowler interessiert und bewegte die Finger zielstrebiger, als
wollte er ihr die Information entlocken.
»Es betrifft Ryan«, erwiderte Liz.
»Schon wieder Ryan. Was hat er jetzt angestellt?«
»Was wir über finanzielle Unregelmäßigkeiten gehört haben, stimmt, aber es sieht
so aus, als hätte er sich aufgrund einer Formsache herauslaviert. In unsere
Administration wäre er, mit diesem Skandalgeruch behaftet, nicht hineingekommen,
aber da er seinen Posten schon hatte und protegiert wurde...«
»Es gibt solche und solche juristischen Formsachen. Was liegt noch vor?«
»Ein Sexskandal. Außerdem besteht der Verdacht, daß er private Angelegenheiten
von CIA-Personal erledigen ließ.«
»Sex! Eine Schande!«
Elliot kicherte. Das gefiel ihm. »Mag sein, daß er ein außereheliches Kind hat.« Das
gefiel Fowler überhaupt nicht. Die Rechte von Kindern nahm er sehr ernst. Seine
Hände bewegten sich nun nicht mehr.
»Was wissen wir?«
»Nicht genug, aber wir sollten uns um die Angelegenheit kümmern«, sagte Liz und
half seinen Fingern nach.
»Gut, laß das FBI diskret ermitteln«, meinte der Präsident in dem Glauben, das
Thema sei nun abgeschlossen.
»Das geht nicht.«
»Wieso?«
»Weil Ryan einen vorzüglichen Draht zum FBI hat. Es ist gut möglich, daß man
sich gegen die Sache sperrt oder sie unter den Teppich kehrt.«
»Bill Shaw macht so etwas nicht. Er ist einer der besten Polizisten, denen ich je
begegnet bin, und läßt sich selbst von mir nicht unter Druck setzen - so gehört es sich
auch.« Also wieder Logik und Prinzipien. Der Mann war unberechenbar.
»Shaw befaßte sich persönlich mit dem Fall Ryan - der Sache mit den Terroristen.
260
Könnte der Leiter einer Ermittlungsbehörde befangen sein...«
»Stimmt«, gestand Fowler zu. Interessenkonflikte würden keinen guten Eindruck
machen.
»Hinzu kommt, daß Murray, Shaws rechte Hand, dick mit Ryan befreundet ist.«
Fowler grunzte. »Was tun wir dann?«
»Wir schalten jemanden aus dem Justizministerium ein.«
»Warum nicht den Secret Service?« Fowler kannte die Antwort auf diese Frage,
wollte Liz aber auf die Probe stellen.
»Das sähe zu sehr nach Hexenjagd aus.«
»Gutes Argument. Rufe morgen Greg im Justizministerium an.«
»Wird gemacht, Bob.« Zeit für einen Themenwechsel. Sie legte ihre Hand an seine
Wange und küßte ihn. »Du, manchmal fehlen mir die Zigaretten sehr.«
»Eine Zigarette danach?« fragte er und zog sie fester an sich.
»Bob, mit dir glühe ich dabei...« Sie wandte den Kopf und schaute ihm in die
Augen.
»Soll ich dir Feuer geben?«
»Man sagt«, schnurrte sie und küßte ihn wieder, »daß der Präsident der Vereinigten
Staaten der mächtigste Mann der Welt ist...«
»Ich gebe mein Bestes, Elizabeth.«
Eine halbe Stunde später entschied sie, daß es stimmte: Sie fing an, ihn zu lieben.
Dann fragte sie sich, was er wohl für sie empfand...
261
16
Öl ins Feuer
»Guten Abend, Frau Fromm«, sagte der Fremde.
»Und wer sind Sie?«
»Peter Wiegler vom Berliner Tagblatt. Darf ich Sie einmal kurz sprechen?«
»Worum geht es?« fragte sie.
»Bitte ...« Er stand im strömenden Regen.
Sie erinnerte sich ihrer guten Erziehung; selbst zu Journalisten mußte man höflich
sein.
»Sicher, kommen Sie rein.«
»Danke.« Er trat ins Haus und zog seinen Mantel aus, den sie an einen Haken
hängte. Er war ein Hauptmann aus dem Ersten Hauptdirektorat (Ausland) des KGB,
ein vielversprechender, gutaussehender, sprachbegabter Dreißigjähriger, der
Psychologie und Ingenieurwissenschaft studiert hatte. Von Traudl Fromm hatte er
sich schon ein Bild gemacht. Der neue Audi vor der Tür war komfortabel, aber kein
Luxuswagen, ihre Kleidung, ebenfalls neu, wirkte präsentabel, aber nicht protzig. Er
hielt sie für eine stolze, etwas geldgierige, aber auch sparsame Frau. Sie war
neugierig, aber vorsichtig. Offenbar hatte sie etwas zu verbergen, wußte aber, daß sie
mit jedem Vorwand, unter dem sie ihn wegschickte, nur noch mehr Verdacht
erwecken würde. Er setzte sich in einen Polstersessel und wartete ab.
Sie bot ihm keinen Kaffee an, wollte die Begegnung kurz halten. Er fragte sich, ob
diese dritte Person auf seiner Liste mit zehn Namen eine Meldung nach Moskau wert
sein könne.
»Arbeitet Ihr Gatte im AKW Greifswald Nord?«
»Inzwischen nicht mehr. Wie Sie wissen, wird die Anlage abgeschaltet.«
»Richtig. Ich hätte nun gern gewußt, was Sie und Ihr Gatte davon halten. Ist Dr.
Fromm zu Hause?«
»Nein«, antwortete sie beklommen. »Wiegler« ließ sich nichts anmerken.
»So? Darf ich fragen, wo er ist?«
»Auf Geschäftsreise.«
»Darf ich dann in ein paar Tagen vorbeikommen?«
»Vielleicht. Aber melden Sie sich bitte telefonisch an.« Ihr Tonfall verriet dem
KGB-Offizier, daß sie etwas verheimlichte, und er konnte sich auch denken, was...
Es klingelte wieder. Traudl Fromm ging an die Tür.
»Guten Abend, Frau Fromm«, sagte jemand. »Wir haben Ihnen etwas von Manfred
auszurichten.«
Der Hauptmann hörte die Stimme und wurde mißtrauisch, beschloß aber, nicht zu
reagieren. Hier in Deutschland drohte keine Gefahr. Vielleicht erfahre ich etwas,
dachte er.
»Äh, ich habe gerade Besuch«, erwiderte Traudl.
Der nächste Satz wurde geflüstert. Der Hauptmann hörte Schritte näherkommen
und drehte sich nur langsam um. Das war ein fataler Fehler.
Das Gesicht, das er sah, hätte leicht aus einem der zahllosen Kriegsfilme stammen
können, mit denen er aufgewachsen war; es fehlte nur die silbern abgesetzte SS262
Uniform. Ein strenges Gesicht mit ausdruckslosen hellblauen Augen. Ein
professionell wirkender Mann mittleren Alters, der ihn nun so rasch abschätzte, wie
er...
Es wurde Zeit, etwas ...
»Tag. Ich wollte gerade gehen.«
»Wer ist das?« Traudl kam gar nicht zu einer Antwort.
»Ich bin Reporter des ...« Zu spät. Wie aus dem Nichts tauchte eine Pistole auf.
»Was wollen Sie hier?« herrschte er.
»Wo steht Ihr Auto?« fragte der Bewaffnete.
»Ein Stück weiter. Ich ...«
»Wo vor dem Haus Plätze frei sind? Reporter sind faul. Wer sind Sie?«
»Reporter des...«
»Das glaube ich nicht.«
»Und ich auch nicht«, sagte der zweite Mann, an dessen Gesicht der Hauptmann
sich vage erinnern konnte. Nur keine Panik, dachte er. Auch das war ein Fehler.
»Aufgepaßt. Wir unternehmen jetzt eine kurze Fahrt. Wenn Sie keine Umstände
machen, sind Sie in drei Stunden wieder hier. Andernfalls geht die Sache böse für Sie
aus. Verstanden?«
Geheimdienstoffiziere, vermutete der Hauptmann, womit er richtig lag. Es mußten
Deutsche sein, und die hielten sich an die Vorschriften. Diese Einschätzung war der
letzte Fehler in seiner vielversprechenden Karriere.
Der Kurier kehrte pünktlich aus Zypern zurück und reichte das Paket an einem von
fünf überwachten Übergabepunkten einem Mann, der zwei Straßen weit zu Fuß ging,
dann seine Yamaha antrat und so schnell in die Landschaft donnerte, wie es in diesem
Land der verrückten Motorradfahrer nur möglich ist. Zwei Stunden später, und
nachdem er sichergestellt hatte, daß er nicht verfolgt worden war, lieferte er das Paket
ab, fuhr noch eine halbe Stunde lang weiter und kehrte im weiten Bogen zu seinem
Ausgangspunkt zurück.
Günther Bock nahm das Päckchen in Empfang und stellte verärgert fest, daß es dem
Anschein nach eine Filmkassette enthielt und nicht, wie er gefordert hatte, ein
ausgehöhltes Buch. Nun, vie lleicht war auch eine Botschaft von Erwin auf dem Band.
Bock schob die Kassette ins Gerät und sah die ersten Minuten von Chariots of Fire
mit französischen Untertiteln. Bald erkannte er, wie fachmännisch Keitel seine
Nachricht plaziert hatte. Er mußte bis ins letzte Viertel des Films vorspulen, ehe das
Bild umsprang.
»Wer sind Sie?« fragte eine grobe Stimme aus dem Off.
»Ich heiße Peter Wiegler und bin Reporter beim ...« Der Rest war ein Schrei. Das
Instrument war primitiv, nur ein Kabel, vielleicht von einer Lampe oder einem
Elektrogerät, an dessen Ende die Isolierung abgeschnitten war. Nur wenigen ist klar,
wie wirkungsvoll primitive Instrumente sein können, besonders, wenn der Benutzer
sein Handwerk versteht. Der Mann, der sich Peter Wiegler nannte, brüllte wie ein
Tier. Die Unterlippe hatte er sich im Versuch, Schweigen zu wahren, schon
durchgebissen. Folter mit Elektroschock ist relativ unblutig, aber laut.
»Sie verhalten sich dumm. Ihr Mut beeindruckt uns, ist aber hier fehl am Platz. Mut
hat nur dann Sinn, wenn Hoffnung auf Rettung besteht. Ihren Wagen haben wir schon
durchsucht und Ihre Pässe gefunden. Wir wissen, daß Sie kein Deutscher sind. Was
sind Sie also? Pole, Russe oder was sonst?«
263
Der junge Mann schlug die Augen auf und holte tief Luft. »Ich recherchiere für das
Berliner Tagblatt.« Wieder setzten sie den blanken Kupferdraht an, und diesmal
wurde er ohnmächtig. Bock sah, wie ein Mann, der ihm den Rücken zukehrte, sich
dem Opfer näherte und Puls und Augen prüfte. Der Folterer schien einen Schutzanzug
gegen chemische Kampfstoffe zu tragen, aber ohne Handschuhe und Kopfschutz. Der
muß da drin ganz schön schwitzen, dachte Bock.
»Eindeutig ein ausgebildeter Nachrichtenoffizier, wahrscheinlich Russe.
Unbeschnitten, Edelstahlplomben im Gebiß. Er gehört also zu einem Ostblockdienst.
Schade, der Junge ist tapfer.« Bock fand den Tonfall bewundernswert nüchtern.
»Was steht an Medikamenten zur Verfügung?« fragte eine andere Stimme.
»Ein ziemlich guter Tranquilizer. Soll ich den jetzt geben?«
»Ja, aber keine zu hohe Dosis.«
»Gut.« Der Mann verschwand vom Bildschirm, kehrte mit einer Spritze vor die
Kamera zurück, packte den Arm des Opfers und injizierte in eine Vene der Ellbeuge.
Nach drei Minuten kam der KGB-Mann wieder zu sich. Inzwischen hatte das
Medikament seine höheren Gehirnfunktionen beeinträchtigt.
»Tut mir leid, daß wir Ihnen das antun mußten. Sie haben die Prüfung bestanden«,
sagte die Stimme, diesmal aber in Russisch.
»Was für eine Prüfung...« rutschte es dem KGB-Mann auf russisch heraus. »Warum
sprechen Sie Russisch?« fragte er dann.
»Weil wir wissen wollten, ob Sie das verstehen. So, das wär’s.«
Die Augen des Opfers weiteten sich, als eine kleine Pistole erschien, an seine Brust
gesetzt und abgefeuert wurde. Die Kamera wich zurück und nahm nun mehr vom
Raum auf. Der Boden war mit drei Kunststoffplanen abgedeckt, die Blut und
Ausscheidungen auffangen sollten. Die Einschußwunde war von schwarzen
Schmauchspuren umgeben und durch das Eindringen von Pulvergasen unter die Haut
aufgequollen. Nur wenig Blut; typisch für Herzwunden. Nach wenigen Sekunden
zuckte die Leiche nicht mehr.
»Mit etwas Geduld hätten wir noch mehr aus ihm herausholen können«, kam
Keitels Stimme aus dem Off, »aber, wie ich später noch erklären werde, wir haben,
was wir brauchen.«
»Nun zu Traudl...«
Man schleppte sie gefesselt, geknebelt und nackt herein. Ihre Augen waren vor
Entsetzen riesengroß, und sie versuchte trotz des Knebels etwas zu sagen, aber
niemand zeigte Interesse. Das Band war anderthalb Tage alt, wie Günther anhand der
Abendnachrichten feststellte, die in einem Fernseher, der in einer Ecke des Raumes
stand, gezeigt wurden. Das Ganze war eine professionelle Tour de force, um seinen
Anforderungen gerecht zu werden.
Bock konnte sich nicht vorstellen, was der Mann nun dachte: Wie fange ich das am
besten an? Nun bereute er einen Augenblick die Anweisung an Keitel. Aber der
Beweis mußte eindeutig sein. Manchmal zogen Geheimdienste Zauberer und andere
Illusionisten zu Rate, aber es gab Dinge, die sich nicht vortäuschen ließen, und er
mußte sicher sein, daß er Keitel mit gräßlichen und gefährlichen Aufgaben betrauen
konnte. Anschaulichkeit war eine objektive Notwendigkeit.
Ein anderer Mann warf ein Seil über einen Deckenbalken und zog sie an den
Händen hoch. Dann drückte er ihr die Pistole in die Achselhöhle und schoß einmal.
Wenigstens ist er kein Sadist, dachte Bock. Solche Typen sind unzuverlässig. Das
Ganze war auch so schon traurig genug. Die Kugel hatte ihr Herz durchschlagen, aber
264
sie kämpfte noch eine halbe Minute lang, rang nach Atem, versuchte zu sprechen ...
Als sie schlaff hing, tastete jemand nach ihrer Halsschlagader und legte sie dann
langsam auf den Boden. Man war so behutsam wie unter den Umständen möglich mit
ihr umgegangen. Nun sprach der Schütze, ohne in die Kamera zu schauen.
»Ich hoffe, Sie sind zufrieden. Mir hat das keinen Spaß gemacht.«
»Das war auch nicht der Zweck der Übung«, sagte Bock zum Fernseher.
Der Russe wurde vom Stuhl gehoben und neben Traudl Fromm gelegt. Nun sprach
Keitel; eine nützliche Ablenkung, denn das Bild wurde zunehmend grauenhafter.
Bock war nicht gerade zart besaitet, aber das ganze belastete ihn psychisch.
Notwendig oder nicht, es kam ihm überflüssig vor.
»Der Russe war, wie wir gesehen haben, eindeutig Geheimdienstoffizier. Sein Auto
war in Berlin gemietet und wird morgen nach Magdeburg gefahren und
zurückgegeben. Es stand in einiger Entfernung vom Haus geparkt, die
selbstverständliche Maßnahme eines Profis, für den Fall einer Festnahme aber ein
verräterischer Hinweis. Im Wagen fanden wir eine Liste von Personen, die allesamt in
der Atomindustrie der DDR arbeiten. Es hat den Anschein, als interessierten sich
unsere russischen Genossen plötzlich für Honeckers Bombenprojekt. Ich bedaure die
Komplikationen, aber wir brauchten mehrere Tage, um die Entsorgung der Leiche zu
arrangieren, und wir hatten auch keine Ahnung von Frau Fromms >Gast<, als wir bei
ihr erschienen. Aber da war es natürlich zu spät. Übrigens regnete es, was die
Entführung erleichterte.«
Die beiden Männer trugen Schutzanzüge und hatten nun Kapuzen und Masken
aufgesetzt, wohl des Geruchs wegen, und um ihre Identität nicht preiszugeben. Wie in
einem Schlachthaus war eimerweise Sägemehl ausgestreut worden, um das in
Strömen fließende Blut aufzusaugen. Bock wußte aus eigener Erfahrung, was für eine
Schweinerei bei einem Mord entstehen konnte. Die beiden arbeiteten flott, während
Keitels Kommentar weiterlief. So etwas konnte niemand vortäuschen. Keitels Männer
hatten ohne jeden Zweifel zwei Menschen ermordet, das bewiesen die laufenden
Kameras; zweifellos machte dies auch die Entsorgung leichter. Die Leichen wurden
säuberlich nebeneinandergelegt und in Plastik verpackt. Ein Mann fegte das
blutgetränkte Sägemehl zusammen und schaufelte es in einen Müllsack.
»Die Leichen werden an zwei weit voneinander entfernt liegenden Stellen
verbrannt. Bei Eingang des Bandes ist das längst erledigt. Ende der Meldung. Wir
erwarten weitere Anweisungen.« Auf dem Bildschirm erschien wieder die
Dramatisierung der Olympiade von 1920 - oder war es 1924? fragte sich Bock.
Unwichtig.
»Was gibt’s?«
»Einer meiner Offiziere meldet sich nicht«, erwiderte ein Oberst des Direktorats T,
der technischen Abteilung des Ersten Hauptdirektorats, ein Dr. ing., der sich auf
Raketensysteme spezialisiert hatte und vor seiner Beförderung auf den jetzigen Posten
in Amerika und Frankreich mit dem Ausspähen militärischer Geheimnisse befaßt
gewesen war.
»Details?«
»Hauptmann Jewgenij Stepanowitsch Feodorow, 30, verheiratet, ein Kind, guter
Offizier mit Anwartschaft auf den Majorsrang. Er war einer von drei Agenten, die ich
auf Ihre Anweisung hin die atomaren Einrichtungen in Deutschland überprüfen ließ.
Feodorow ist einer meiner besten Männer.«
265
»Seit wann wird er vermißt?« fragte Golowko.
»Seit sechs Tagen. Er flog letzte Woche mit guten deutschen Papieren und einer
Liste verdächtiger Personen über Paris nach Berlin. Er hatte Anweisung, sich
unauffällig zu verhalten und nur im Fall einer wichtigen Entdeckung Kontakt mit der
Station Berlin aufzunehmen - nun ja, mit dem, was davon dort noch übrig ist.
Natürlich verabredeten wir, daß er sich in regelmäßigen Abständen zu melden hatte.
Als er das versäumte, erhielt ich vierundzwanzig Stunden später die Alarmmeldung.«
»Ist das vielleicht nur Schlamperei?«
»Bei diesem Jungen? Ausgeschlossen«, sagte der Oberst mit Überzeugung. »Sagt
Ihnen sein Name etwas?«
»Feodorow... war sein Vater nicht...?«
»Ja, Stefan Juriewitsch. Jewgenij ist sein jüngster Sohn.«
»Stefan hat mir das Handwerk beigebracht!« rief Golowko. »Besteht die
Möglichkeit, daß er...«
»Übergelaufen ist?« Der Oberst schüttelte zornig den Kopf.
»Nie im Leben. Seine Frau ist Mitglied des Opernchors. Die beiden lernten sich als
Studenten kennen und heirateten trotz der Einwände beider Familien früh - eine
Liebesehe, so wie wir sie uns alle wünschen. Sie ist atemberaubend schön und hat die
Stimme eines Engels. Ein schopnik, wer sie verließe. Außerdem ist da noch das Kind.
Allen Berichten nach ist Feodorow ein guter Vater.« Golowko sah nun, worauf der
Oberst hinauswollte.
»Meinen Sie, er ist verhaftet worden?«
»Ich habe keinen Pieps gehört. Vielleicht könnten Sie einmal nachforschen lassen.
Ich befürchte das Schlimmste.« Der Oberst runzelte die Stirn und starrte auf den
Teppich. Er wollte Natalia Feodorowa die Hiobsbotschaft nicht überbringen.
»Schwer zu glauben«, sagte Golowko.
»Sergej Nikolajewitsch, wenn unser Verdacht korrekt ist, muß dieses Programm,
das wir ausspähen sollten, für die Deutschen von größter Wichtigkeit sein.
Möglicherweise haben wir etwas bestätigt und den höchsten Preis dafür gezahlt.«
Generalleutnant Sergej Nikolajewitsch Golowko schwieg einige Sekunden lang.
Das ist doch nicht mehr üblich, sagte er sich. Unter Nachrichtendiensten geht es
inzwischen zivilisiert zu. Das Töten von Agenten gehört der finsteren Vergangenheit
an, und wir haben das seit Jahren, Jahrzehnten nicht mehr getan...
»Und es gibt keine glaubwürdigen Alternativen?«
Der Oberst schüttelte den Kopf. »Nein. Am wahrscheinlichsten ist, daß unser Mann
zufällig auf etwas sehr Reales und Geheimes stieß und dafür mit dem Leben bezahlen
mußte. Ein geheimes Atomwaffenprogramm wäre heikel genug, oder?«
»Könnte man sagen.« Golowko stellte fest, daß der Oberst seinen Leuten die
Loyalität zeigte, wie sie beim KGB erwartet wurde. Außerdem erwog er die
Alternativen und präsentierte seine beste Einschätzung der Lage.
»Haben Sie Ihre Techniker schon nach Surowa geschickt?«
»Nein, das Team fährt übermorgen los. Mein bester Mann kam gerade erst aus dem
Krankenhaus - er fiel die Treppe hinunter und brach sich das Bein.«
»Lassen Sie ihn hintragen, wenn’s sein muß. Ich muß wissen, wieviel Plutonium im
schlimmsten Fall in den Kernkraftwerken der DDR produziert worden ist. Schicken
Sie einen Mann nach Kyschtym und lassen Sie ihn ein Gegengutachten einholen.
Holen Sie die restlichen Agenten aus Deutschland zurück. Wir starten die Operation
neu, diesmal aber mit mehr Vorsicht. Zweierteams, und der zweite Mann ist
266
bewaffnet... hm, gefährlich«, sagte Golowko nach kurzem Nachdenken.
»General, die Ausbildung meiner Außendienstmitarbeiter kostet viel Zeit und Geld.
Es wird zwei Jahre dauern, bis ich Ersatz für Feodorow habe, zwei volle Jahre. Man
kann nicht einfach einen Offizier aus einer anderen Abteilung holen und in diese
Branche stecken. Unsere Leute müssen wissen, worauf sie zu achten haben. Wertvolle
Spezialisten wie diese sollte man schützen.«
»Da haben Sie recht. Ich kläre das mit dem Vorsitzenden ab und schicke erfahrene
Offiziere... vielleicht Leute von der Akademie ... mit den Papieren deutscher
Polizisten...?«
»Das gefällt mir, Sergej Nikolajewitsch.«
»Gute Arbeit, Pavel Iwanowitsch. Und zum Fall Feodorow?«
»Vielleicht taucht er ja doch noch auf. Dreißig Tage nach der Vermißtmeldung
werde ich zu seiner Frau gehen müssen. Nun gut, ich hole meine Leute zurück und
beginne mit der Planung der nächsten Phase der Operation. Wann bekomme ich die
Liste der Begleitoffiziere?«
»Morgen früh.«
»Vielen Dank für Ihre Zeit, General.«
Golowko verabschiedete den Mann mit Handschlag und blieb stehen, bis sich die
Tür geschlossen hatte. Zehn Minuten bis zum nächsten Termin.
»Verdammt!« sagte er zu seiner Tischplatte.
»Schon wieder eine Verzögerung?«
Fromm konnte seine Entrüstung nicht ganz verbergen. »Unsinn, wir sparen Zeit!
Das Material, das wir bearbeiten wollen, hat die Eigenschaften von Edelstahl.
Außerdem müssen wir Gußformen herstellen. Hier, sehen Sie mal.«
Fromm entfaltete seine Zeichnungen.
»Hier haben wir einen gebogenen Zylinder aus Plutonium, umhüllt von Beryllium.
Letzteres ist für unser Unternehmen eine Gottesgabe. Es ist sehr leicht und fest, läßt
Röntgenstrahlen durch und reflektiert Neutronen. Leider ist es sehr schwer zu
bearbeiten. Wir brauchen. Schleifwerkzeuge aus Bornitrid, in der Härte etwa
Industriediamanten vergleichbar. Werkzeuge aus Stahl oder Flußstahl würden nicht
lange halten und zu viel Staub entwickeln. Wir müssen auch an unsere Gesundheit
denken.«
»Beryllium ist ungiftig«, wandte Ghosn ein. »Ich habe nachgeschlagen.«
»Stimmt, aber der Staub verwandelt sich in Berylliumoxid, welches, wenn
eingeatmet, die Verbindung Berylliumhydroxid eingeht, und das führt zur Berylliose,
die tödlich verläuft.« Fromm machte eine Pause und starrte Ghosn wie ein strenger
Lehrer an, ehe er fortfuhr.
»So, und das Beryllium umgibt ein Zylinder aus Wolfram-Rhenium, das wir wegen
seiner Dichte brauchen. Wir kaufen zwölf Kilo in Pulverform und sintern dann
Zylindersegmente. Wissen Sie, was Sintern ist? Das Verdichten hochschmelzender
pulverförmiger Stoffe unter Druck- und Temperatureinwirkung unterhalb des
Schmelzpunktes. Schmelzen und Gießen wäre zu schwierig und für unsere Zwecke
auch nicht notwendig. Und das Ganze umhüllen wir dann mit der Implosionsladung.
Das ist nur die Primärladung, Ghosn, nur ein knappes Viertel der insgesamt
verfügbaren Energie.«
»Und der erforderliche Präzisionsgrad...«
»Genau. Stellen Sie sich vor, wir wollten den größten Ring oder die größte
267
Halskette der Welt herstellen. Das Endprodukt muß so glatt poliert sein wie das
schönste Schmuckstück - oder ein hochpräzises optisches Instrument.«
»Wo bekommen wir das Wolfram-Rhenium her?«
»Diese Legierung ist bei jedem großen Elektrokonzern erhältlich. Man stellt aus ihr
unter anderem Glühfaden für Röhren her. Sie ist viel leichter zu verarbeiten als reines
Wolfram.«
»Und das Beryllium – ah, das findet in Gyroskopen und anderen Instrumenten
Anwendung. Wir brauchen wohl dreißig Kilo.«
»Exakt fünfundzwanzig, aber besorgen Sie lieber dreißig. Sie ahnen ja nicht, was
wir für ein Glück haben.«
»Wieso?«
»Das israelische Plutonium ist mit Gallium stabilisiert. Plutonium ist unterhalb des
Schmelzpunktes vierphasig und hat die merkwürdige Angewohnheit, bei bestimmten
Temperaturen seine Dichte um über zwanzig Prozent zu ändern.«
»Mit anderen Worten eine subkritische Masse kann ...«
»Genau«, sagte Fromm. »Eine anscheinend subkritische Masse kann unter
bestimmten Bedingungen kritisch werden. Sie explodierte zwar nicht, aber die
Gamma- und Neutronenstrahlung wäre innerhalb eines Radius von zehn bis dreißig
Metern tödlich. Diese Instabilität des Plutoniums im festen Aggregatzustand wurde
von Wissenschaftlern des Manhattan-Projekts entdeckt. Und diese Leute... nun, die
hatten Pech. Sie waren brillante Forscher, die sofort die Eigenschaften des Plutoniums
zu untersuchen begannen, als ein Gramm hergestellt war. Hätten sie abgewartet oder
nur angenommen, daß hinter der Sache mehr steckte, als sie wußten - tja, dann ...«
»Davon hatte ich keine Ahnung«, sagte Ghosn.
»Nicht alles steht in den Büchern, junger Freund, oder sollte ich sagen, daß nicht
alle Bücher alle Informationen enthalten? Wie auch immer, das Hinzufügen von
Gallium macht das Plutonium zu einer stabilen Masse. Wir können unbesorgt damit
arbeiten, solange wir die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen treffen.«
»Wir stellen also nach Ihren Spezifikationen Modelle aus Edelstahl her und daraus
unsere Gußformen - wir gießen natürlich in verlorene Formen.«
»Richtig. Sehr gut, junger Mann.«
»Und nach dem Guß wird das Material bearbeitet... ich verstehe. Nun, wir haben
gute Maschinisten.«
Sie hatten zehn Männer »eingezogen« - so drückten sie sich aus, alles Palästinenser
aus optischen Werkstätten - und an den Werkzeugmaschinen ausgebildet.
Die Maschinen hielten, was Fromm vorausgesagt hatte. Vor zwei Jahren hatten sie
dem neuesten Stand der Technik und dem Gerät entsprochen, das die Amerikaner in
ihrer Waffenfabrik Y-12 in Oak Ridge, Tennessee, benutzten. Laser-Interferometer
maßen die Toleranzen, und die drei rotierenden Fräsköpfe wurden von Computern in
drei Dimensionen und über fünf Bewegungsachsen gesteuert. Befehle wurden über
Sensorbildschirme eingegeben. Die Maschine selbst war computergestützt entworfen
worden, und die Konstruktionszeichnungen hatte ein Rechner angefertigt.
Ghosn und Fromm holten die Maschinisten herein und ließen sie an ihre erste
Aufgabe gehen: die Herstellung des Edelstahlmodells für die PlutoniumPrimärladung, die das thermonukleare Feuer entzünden sollte.
»Ich habe viel von Ihnen gehört«, sagte Bock.
»Hoffentlich nur Gutes«, erwiderte Marvin Russell mit einem reservierten Lächeln.
268
Das war das erste Mal, daß Bock einem India ner begegnete, und irgendwie war er
enttäuscht. Sah man mal von den Backenknochen ab, hätte man ihn für einen Weißen
halten können, und selbst diese mochten auf einen Slawen mit einem Schuß
Tatarenblut hingewiesen haben. Seine dunkle Hautfarbe verdankte er vorwiegend der
Sonne. Aber der Mann war kräftig gebaut und offensichtlich bärenstark.
»Wie ich höre, haben Sie in Griechenland einem Polizisten den Hals gebrochen.«
»Ich verstehe die ganze Aufregung darüber nicht«, sagte Russell aufrichtig und
gelangweilt. »War nur ein dürrer kleiner Scheißer. Kleinigkeit.«
Bock lächelte und nickte. »Ich verstehe, aber Ihre Methode war trotzdem
beeindruckend. Ich habe viel Gutes über Sie gehört, Mr. Russell, und...«
»Sag doch Marvin zu mir. Das tun hier alle.«
»Wie du willst, Marvin. Ich heiße Günther. Besonders gut scheinst du dich mit
Waffen auszukennen.«
»Ist doch nichts Besonderes«, meinte Russell erstaunt. »Schießen kann jeder
lernen.«
»Wie gefällt es dir hier?«
»Prima. Die Leute hier - die haben noch Herz, die geben nicht auf. Die packen zu.
Das finde ich gut. Und was sie für mich getan haben, Günther - die sind mir wie eine
Familie.«
»Das sind wir auch, Marvin. Wir teilen alles, das Gute und das Schlechte. Und wir
haben gemeinsame Feinde.«
»Stimmt, das hab’ ich gemerkt.«
»Marvin, es kann sein, daß wir deine Hilfe brauchen. Es geht um etwas sehr
Wichtiges.«
»Okay«, erwiderte Russell nur.
»Was soll das heißen?«
»Das heißt ja, Günther.«
»Du hast noch nicht einmal gefragt, worum es geht«, mahnte der Deutsche.
»Okay.« Marvin lächelte. »Dann schieß mal los.«
»Du mußt in ein paar Monaten zurück nach Amerika. Ist das sehr gefährlich für
dich?«
»Kommt drauf an. Wie du weißt, war ich dort im Knast. Die Bullen haben meine
Abdrücke, aber nur ein altes Foto von mir. Seitdem hab’ ich mich verändert.
Wahrscheinlich suchen sie mich oben in den Dakotas. Wenn ihr mich dort
hinschicken wollt, könnte es heiß werden.«
»Du sollst ganz woandershin, Marvin.«
»Dann ist die Sache kein besonderes Problem. Kommt drauf an, was ihr von mir
wollt.«
»Wie stehst du zum Töten? Es geht um Amerikaner.« Bock suchte in der Miene des
Indianers nach einer Reaktion.
»Amerikaner!« schnaubte Marvin. »He, Mann, ich bin auch einer, klar? Du hast die
falsche Vorstellung von meinem Land. Die Weißen haben mein Land gestohlen.
Meinem Volk ging es genauso wie den Palästinensern hier. Was glaubst du denn,
weshalb ich hier bin? Ich soll Leute für euch umlegen. Okay, mach’ ich, wenn ihr mir
einen Grund sagt. Zum Spaß tu’ ich das nämlich nicht. Ich bin kein Spinner, aber
wenn ihr mir sagt, warum, mach’ ich es.«
»Vielleicht mehr als eine Person ...«
»Ist mir längst klar, Günther. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen und weiß, daß es
269
um mehrere geht. Seht nur zu, daß ein paar Bullen oder Schweine vom FBI dabei
sind, die bügel’ ich euch alle platt. Nur eins müßt ihr wissen.«
»Was?«
»Die Bullen sind nicht dumm. Sie haben meinen Bruder erwischt. Die Kerle
meinen es ernst.«
»Wir auch«, versicherte Bock.
»Das weiß ich, Mann. Was kannst du mir über den Job sagen?«
»Was meinst du?« fragte Bock so beiläufig wie möglich.
»Vergiß nicht, ich bin dort aufgewachsen und kenne das Land besser als ihr. Gut,
ihr müßt an die Sicherheit denken und könnt mir jetzt noch nichts sagen. Soll mir
recht sein. Aber später braucht ihr mich vielleicht. Die Jungs hier sind okay und
clever, aber von Amerika haben sie keinen blassen Schimmer. Wer jagen will, muß
das Revier kennen. Und das tu’ ich.«
»Deswegen haben wir dich ja auch um Hilfe gebeten«, sagte Bock, als hätte er
diesen Aspekt bereits durchdacht. In Wirklichkeit war er ihm neu, und er fragte sich
nun, als wieviel nützlicher sich dieser Mann noch erweisen mochte.
Andrej Iljitsch Narmonow verstand sich als Kapitän des größten Staatsschiffes der
Welt. Das war die positive Seite. Negativ war, daß das Schiff ein Leck, Ruderschaden
und unzuverlässige Maschinen hatte, von der aufsässigen Mannschaft ganz zu
schweigen. Sein Dienstzimmer im Kreml war so groß, daß er darin versonnen
Spazierengehen konnte, und das tat er in letzter Zeit viel zu häufig. Er hielt das für ein
Zeichen von Unsicherheit, und die konnte sich der Präsident der UdSSR nicht leisten besonders dann nicht, wenn er einen wichtigen Besucher hatte.
Union der Souveränen Sowjetrepubliken, dachte er. Noch war die Namensänderung
nicht offiziell, aber die Bürger begannen schon so zu denken. Und das war das
Problem.
Das Staatsschiff drohte auseinanderzubrechen, und einen historischen
Präzendenzfall gab es nicht. Manche zogen zum Vergleich die Auflösung des
britischen Empires heran, aber das traf nicht ganz. Es gab auch keine andere Parallele.
Die alte Sowjetunion war ein in seiner Art einzigartiger Universalstaat gewesen, und
was sich nun dort entwickelte, war ebenfalls ohne Beispiel. Was ihn früher begeistert
hatte, ängstigte ihn nun. Er war derjenige, der die schweren Entscheidungen treffen
mußte, ohne ein historisches Modell zu haben, an dem er sich orientieren konnte. Er
stand ganz allein und der größten Aufgabe gegenüber, die je ein Mensch zu lösen
gehabt hatte. Im Westen wurde er als gerissener Taktiker gelobt, während er selbst
sich von einer Krise zur anderen taumeln sah. War es nicht Gladstone, dachte er, der
sagte, ein Premier sei wie ein Flößer, der in den Stromschnellen versucht, mit einer
Stange die Felsen abzuwehren? Wie treffend. Narmonow und sein Land wurden von
dem mächtigen Strom der Geschichte dahingetragen, flußabwärts einem gewaltigen
Wasserfall entgegen, der alles zerstören konnte... aber er war viel zu sehr mit der
Stange und den Felsen beschäftigt, um vorauszuschauen. Damit war der Taktiker in
der Politik beschrieben. Er wandte seine ganze kreative Energie fürs tägliche
Überleben auf und verlor die nächste Woche aus dem Auge... vielleicht sogar schon
die nächsten drei Tage.
»Andrej Iljitsch, Sie haben abgenommen«, bemerkte Oleg Kirilowitsch Kadischow
aus seinem Ledersessel.
»Spazierengehen ist gut fürs Herz«, erwiderte der Präsident ironisch.
270
»Wollen Sie etwa in unsere Olympiamannschaft?«
Narmonow hielt kurz inne. »Es wäre nett, zur Abwechslung mal gegen Ausländer
anzutreten. Die halten mich nämlich für ein Genie. Leider sind unsere Bürger besser
informiert.«
»Was kann ich für meinen Präsidenten tun?«
»Ich brauche Ihre Hilfe, oder, besser gesagt, die Hilfe der Rechten.«
Nun mußte Kadischow lächeln. Was das anging, herrschte bei der westlichen
ebenso wie bei der sowjetischen Presse Verwirrung. LINKS standen in der
Sowjetunion die kommunistischen Hardliner. Seit über achtzig Jahren waren die
Reformen in diesem Land immer von der Rechten gekommen. Männer, die Stalin
hingerichtet hatte, weil sie ein Minimum an persönlicher Freiheit verlangt hatten,
waren als Rechtsabweichler verurteilt worden. Progressive im Westen aber waren
grundsätzlich links angesiedelt, nannten ihre rekationären Gegner »Konservative« und
identifizierten sie allgemein als der RECHTEN zugehörig. Eine Anpassung der
ideologischen Polarität an neue politische Realitäten schien die Vorstellungskraft der
westlichen Journalisten zu übersteigen, und ihre erst kürzlich von der Zensur befreiten
sowjetischen Kollegen, die die westliche Begriffsverwirrung nachäfften, brachten die
ohnehin schon chaotische politische Szene noch mehr durcheinander. Das traf
natürlich auch auf »progressive« Politiker des Westens zu, die zahlreiche
sowjetischen Experimente in ihren eigenen Ländern umzusetzen suchten - all jene
Experimente, die bis zum äußersten getrieben worden waren und sich als böse
Fehlschläge erwiesen hatten. Den vielleicht schwärzesten Humor der Welt zeigten
Linke im Westen, die schon meckerten, es habe nicht der Sozialismus versagt,
sondern die rückständigen Russen mit ihrer Unfähigkeit, ihn in eine menschliche
Regierungsform umzusetzen - einer fortschrittlichen westlichen Gesellschaft gelänge
das natürlich -. hatte Karl Marx das nicht selbst behauptet? Diese Leute, dachte
Kadischow und schüttelte nachdenklich den Kopf, waren nicht weniger idealistisch
als die Oktoberrevolutionäre, und genauso dusselig. Die Russen hatten lediglich
revolutionäre Ideen bis an ihre logischen Grenzen getrieben und nur Leere und
Katastrophen vorgefunden. Nun. da sie kehrtmachten - ein Schritt, der ein solches
Maß an politischem und moralischem Mut verlangte, wie ihn die Welt selten gesehen
hatte -. verstand man im Westen immer noch nicht, was sich eigentlich tat.
Chruschtschow hatte recht, dachte der Parlamentarier. Politiker sind überall gleich.
Vorwiegend Idioten.
»Andrej Iljitsch, wir mögen uns nicht immer über die Methoden einig sein, aber
was die Ziele betrifft, gingen wir immer konform. Ich weiß, daß Sie Schwierigkeiten
mit unseren Freunden vom anderen Flügel haben.«
»Und mit Ihren Leuten«, versetzte Narmonow schärfer als nötig.
»Wohl wahr«, räumte Kadischow lässig ein. »Andrej Iljitsch, müssen wir Ihnen
denn in allem folgen?«
Narmonow drehte sich um; seine Augen weiteten sich und funkelten zornig. »Bitte
lassen wir das für heute.«
»Was können wir für Sie tun?» fragte Kadischow und dachte: Gehen die Gefühle
mit dir durch, Genosse Präsident? Ein schlechtes Zeichen ...
»Ich brauche Ihre Unterstützung in der Nationalitätenfrage. Wir können nicht
zulassen, daß die ganze Sowjetunion auseinanderbricht.«
Kadischow schüttelte heftig den Kopf. »Das ist unvermeidlich. Wenn wir die
Balten und Aseris entlassen, ersparen wir uns eine Menge Probleme.«
271
»Wir brauchen Aserbaidschans Erdöl. Geben wir das auf, wird unsere
wirtschaftliche Lage noch schlimmer. Lassen wir die Balten ziehen, verlangen die
anderen Republiken ebenfalls die Unabhängigkeit.«
»Gut, wir verlören die Hälfte unserer Bevölkerung, aber kaum zwanzig Prozent der
Fläche. Und einen Großteil unserer Probleme«, sagte Kadischow.
»Und was wird aus den Menschen in diesen Republiken? Wir geben sie dem Chaos
und dem Bürgerkrieg preis. Wie viele Toten haben wir dann auf dem Gewissen?«
herrschte der Präsident ihn an.
»Das geht mit dem Prozeß der Dekolonisation einher und läßt sich nicht vermeiden,
und wenn wir es versuchen würden, hätte das nur zur Folge, daß der Bürgerkrieg in
unseren Grenzen bliebe. Das wiederum zwänge uns, den Sicherheitsorganen zu große
Vollmachten zu geben, und das wäre zu gefährlich. Dem Militär traue ich
ebensowenig wie Sie.«
»Das Militär wird nicht putschen. In der Roten Armee gibt es keine Bonapartisten.«
»Dann haben Sie mehr Vertrauen in deren Loyalität als ich. Meiner Meinung nach
sieht man dort eine einmalige historische Chance. Die Partei hat das Militär seit der
Tuchatschewski-Affäre unter Kontrolle gehalten. Soldaten haben ein gutes Gedächtnis
und mögen glauben, daß nun die Gelegenheit...«
»Diese Leute sind doch alle tot! Und ihre Kinder auch!« konterte Narmonow
ärgerlich. Immerhin lag die Säuberung über fünfzig Jahre zurück, und die, die noch
eine direkte Erinnerung daran hatten, saßen nun im Rollstuhl oder lebten in Pension.
»Ihre Enkel aber nicht, und wir müssen auch an das kollektive Gedächtnis der
Streitkräfte als Institution denken.« Kadischow lehnte sich zurück und erwog einen
neuen Gedanken, der ihm gerade gekommen war. Könnte so etwas möglich sein?
fragte er sich.
»Gewiß, das Militär hat sein Anliegen, und die unterscheiden sich etwas von
meinen. Wir mögen unsere Differenzen haben, wie das Problem zu lösen ist, sind uns
aber einig, daß der Prozeß kontrolliert ablaufen muß. Wenn ich auch am
Urteilsvermögen der Militärs meine Zweifel habe, so bin ich mir seiner Loyalität ganz
sicher.«
»Kann sein, daß Sie recht haben. Ich bin da nicht so optimistisch.«
»Mit Ihrer Hilfe können wir den Verfechtern der raschen Auflösung eine geeinte
Front bieten. Das wird ihnen den Mut nehmen und uns ein paar Jahre zur
Normalisierung geben. Dann können wir über eine geordnete Entlassung der
Republiken in ein echtes Commonwealth - oder eine Gemeinschaft unabhängiger
Staaten, wie Sie wollen - nachdenken, ein wirtschaftlich eng verflochtenes, politisch
aber loses Gebilde.«
Der Mann ist verzweifelt, dachte Kadischow. Er bricht unter der Belastung
zusammen. Der Mann, der durch die politische Arena tobt wie ein Hockeystürmer,
wirkt erschöpft... kann er ohne meine Hilfe überleben?
Vermutlich ja, dachte Kadischow. Wahrscheinlich. Schade, sagte sich der jüngere
Mann. Kadischow führte de facto die »Linke«, jene Kräfte also, die Union und
Zentralregierung auflösen und den Rest der Nation mit der Russischen Föderation als
Kern ins 21. Jahrhundert schleifen wollten. Wenn Narmonow stürzte, wenn er nicht
mehr weiter wußte, wer...?
Ich natürlich, dachte Kadischow triumphierend.
Hätte ich die Unterstützung der Amerikaner?
Was blieb ihnen anderes übrig, als dem Agenten SPINNAKER von ihrer eigenen
272
CIA Rückhalt zu geben?
Kadischow arbeitete für die Amerikaner, seit er vor sechs Jahren von Mary Pat
Foley rekrutiert worden war, und sah darin keinen Verrat. Er arbeitete für die
Entwicklung seines Landes - mit Erfolg, wie er glaubte. Den Amerikanern spielte er
Interna aus der sowjetischen Regierung zu, teils sehr wertvolles Material, teils
Informationen, die auch der Presse zu entnehmen waren. Er wußte, daß er bei den
Amerikanern die wichtigste politische Quelle war, insbesondere seitdem er 40 Prozent
der Stimmen im neuen Kongreß der Volksdeputierten kontrollierte. Nun ja, 39
Prozent, verbesserte er sich. Man muß ehrlich bleiben. Noch acht Prozent mehr, dann
konnte er seinen Schritt wagen. Das politische Spektrum im 2500köpfigen Parlament
hatte viele Schattierungen. Es gab echte Demokraten, russische Nationalisten der
demokratischen und sozialistischen Richtung, Links- und Rechtsradikale und
vorsichtige Vertreter der Mitte, die sich entweder um die Zukunft des Landes oder nur
um die Erhaltung ihres politischen Status sorgten. An wie viele konnte er appellieren?
Wie viele konnte er für sich gewinnen?
Noch nicht genug... Aber er hatte noch eine Karte in der Hand.
Da. War er kühn genug, sie auszuspielen?
»Andrej Iljitsch«, sagte er beschwichtigend, »Sie verlangen, daß ich von einem
wichtigen Prinzip abweiche, um Ihnen auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel
weiterzuhelfen - aber es ist ein Weg, dem ich nicht traue. Das ist eine sehr knifflige
Angelegenheit. Ich bin nicht einmal sicher, daß ich die notwendige Unterstützung
finde. Es ist möglich, daß sich meine Freunde von mir abwenden.« Das regte
Narmonow nur noch mehr auf.
»Unsinn! Ich weiß, wie sehr man Ihnen und Ihrem Urteil traut.«
Meine Parteifreunde sind nicht die einzigen, die mir vertrauen, dachte Kadischow.
Wie die meisten Ermittlungen fand auch diese vorwiegend auf Papier statt. Ernest
Wellington war ein ehrgeiziger junger Staatsanwalt. Als Volljurist und Mitglied der
Anwaltskammer hätte er sich beim FBI bewerben und dort das Handwerk des
Ermittlers richtig lernen können, aber erstens interessierte ihn die Rechtsprechung
mehr als der Vollzug, und zweitens hatte er Spaß an der Politik - über die das FBI
wenn immer möglich stolz erhaben blieb. Wellington hatte da keine Hemmungen.
Politik hielt, wie er fand, die Regierungsmaschine in Gang und half auch beim
raschen Aufstieg innerhalb und außerhalb der Regierung. Die Kontakte, die er nun
knüpfte, würden seinen Wert bei Anwaltssozietäten »mit Beziehungen« um das
Fünffache steigern und seinen Namen im Justizministerium zu einem Begriff machen.
Bald stand eine Beförderung zum »Special Assistant« in Aussicht, und in fünf Jahren
konnte er Abteilungsleiter werden, vielleicht sogar Bundesanwalt in einer Großstadt
oder Chef eines Ermittlungsstabes beim Justizministerium. Damit stand ihm die Tür
zur Politik offen, und Ernest Wellington war fest entschlossen, bei dem großen Spiel
in Washington mitzumischen. Beste Aussichten also für einen ambitionierten
27jährigen Einserkandidaten von Harvards juristischer Fakultät, der lukrative
Angebote angesehener Kanzleien abgelehnt hatte, um die Anfangsjahre seiner
Karriere dem öffentlichen Dienst zu widmen.
Wellington hatte einen Stoß Akten vor sich auf dem Schreibtisch. Sein Büro befand
sich praktisch im Dachgeschoß des Justizministeriums in der Mall, und das einzige
Fenster bot Ausblick auf den Parkplatz im Innenhof des Gebäudes. Das Zimmer war
klein, und die Klimaanlage funktionierte nicht richtig, aber es war sein eigen. Es ist
273
weithin kaum bekannt, daß Anwälte sich um Auftritte vor Gericht ebenso eifrig
drücken wie Prahlhänse um Anlässe, bei denen sie ihre Fähigkeiten unter Beweis
stellen müssen. Hätte er die Angebote der großen New Yorker Anwaltsfirmen
angenommen - man hatte ihm bis zu 100000 Dollar im Jahr offeriert -, wäre seine
echte Funktion die eines Korrektors gewesen, eigentlich eines glorifizierten Sekretärs,
der Verträge auf Tippfehler und Gesetzeslücken untersuchte. Wer beim
Justizministerium anfing, hatte ähnliche Aufgaben. Bei einer richtigen
Staatsanwaltschaft hätte er im Gerichtssaal bestehen oder untergehen müssen, hier in
der Zentrale aber studierte er Akten und suchte nach Ungereimtheiten, Nuancen und
Formfehlern; es war, als redigierte er das Manuskript eines besonders guten
Krimiautors. Wellington begann sich Notizen zu machen.
John Patrick Ryan. Stellvertretender Direktor der Central Intelligence Agency,
nominiert vom Präsidenten und vor weniger als zwei Jahren vom Senat bestätigt.
Fungierte zuvor nach dem Tod von Vizeadmiral James Greer als provisorischer
Stellvertretender Direktor der analytischen Abteilung Intelligence. Davor war er
Greers Assistent gewesen und hatte eine Zeitlang das Direktorat Intelligence in
England vertreten. Ryan hatte an der Universität Georgetown studiert, an der
Marineakademie Geschichte gelehrt und war bei der Filiale Baltimore von Merrill
Lynch Börsenmakler gewesen. Ein Hubschrauberabsturz hatte seiner Dienstzeit beim
Marinekorps ein rasches Ende gesetzt. Eindeutig ein Umsteiger, dachte Wellington
und schrieb sich alle wichtigen Daten auf.
Privatvermögen. Die erforderliche Offenlegung seiner Vermögensverhältnisse lag
ziemlich weit oben. Ryan war allerhand wert. Wo kam das ganze Geld her? Für diese
Analyse brauchte Wellington mehrere Stunden. An der Börse hatte J. P. Ryan ein
großes Rad gedreht. Als die Chicago and North Western Railroad von der
Belegschaft übernommen wurde, hatte er über 100000 Dollar eingesetzt und mehr als
sechs Millionen eingefahren. Das war sein einziger großer Coup gewesen - Chancen
von sechzig zu eins boten sich nur selten -, aber auch einige andere waren
beachtenswert. Mit einem Nettovermögen von acht Millionen Dollar hatte er bei
Merrill Lynch aufgehört und war zurück nach Georgetown gegangen, um in
Geschichte zu promovieren. Als Amateur - der er eigentlich nicht mehr war spekulierte er weiter an der Börse, bis er in den Regierungsdienst trat. Inzwischen
wurde sein Portefeuille von mehreren Anlageberatern verwaltet, die ungewöhnlich
konservativ agierten. Sein Nettovermögen schien mittlerweile 20 Millionen oder
etwas mehr zu betragen. Seine Konten wurden blind geführt, das heißt, daß er nur die
Quartalsabrechnungen zu sehen bekam und nicht wußte, wie sein Geld angelegt
worden war. Diese Vorschrift, die Interessenkonflikte ausschließen sollte, ließ sich
natürlich umgehen, aber hier auf dem Papier war alles strikt legal. Ein Verstoß war
praktisch nicht nachzuweisen - es sei denn, man zapfte die Leitungen seiner
Anlageberater an, und die Genehmigung dazu bekam man nicht so leicht.
Die Börsenaufsichtsbehörde SEC hatte gegen Ryan ermittelt, aber nur im Zuge
eines Verfahrens gegen ein Unternehmen, an dem er sich beteiligt hatte. Das Resümee
merkte in abgehackter Amtssprache an, eine Rechtsverletzung sei nicht nachzuweisen
gewesen, aber Wellington gewann den Eindruck, daß die Sache nur der Form, nicht
aber dem Inhalt nach in Ordnung gewesen war. Ryan hatte sich geweigert, eine
Erklärung zu unterschreiben, derzufolge er sich der Unrechtmäßigkeit der Transaktion
bewußt gewesen sei, und die Regierung hatte keinen weiteren Druck auf ihn ausgeübt.
Das war nicht ganz verständlich, aber erklärbar, denn Ryan war nicht das eigentliche
274
Ziel der Ermittlungen gewesen; offenbar war jemand zu dem Schluß gelangt, daß das
Ganze wohl nur ein Zufall gewesen war. Ryan hatte das Geld allerdings aus seinem
Portefeuille herausgenommen ... Gentlemen’s Agreement! schrieb Wellington auf
seinen gelben Notizblock. Gut möglich. Wenn gefragt, mochte Ryan erklären, er hätte
es aus übergroßen Skrupeln getan, um sein Gewissen zu erleichtern. Die Summe war
in Pfandbriefen angelegt, die Zinsen reinvestiert worden und jahrelang unangetastet
geblieben, bis das Geld auf einmal... Moment, dachte Wellington. Das ist ja
interessant.
Ein treuhänderisch verwalteter Ausbildungsfonds? Für wen? Wer war Carol
Zimmer? Warum kümmerte sich Ryan um ihre Kinder? Timing? Bedeutung?
Wie so oft verriet ein Berg Papier nur wenig. Das ist vielleicht der wahre Zweck
der Regierungsarbeit, überlegte Wellington, mit Volumen den Anschein von Substanz
zu erwecken und dabei so wenig wie möglich zu sagen. Er lachte in sich hinein. War
das nicht auch der Sinn und Zweck der Juristerei? Für 200 Dollar die Stunde zankten
sich die Anwälte nur zu gern über die Stellung von Satzzeichen und andere
gewichtige Angelegenheiten. Ihm aber war etwas sehr Offenkundiges entgangen.
Ryan stand nicht in der Gunst der Fowler-Administration. Warum war er dann für
das Amt des DDCI nominiert worden? Aus politischen Gründen? Nein, aus diesen
wählte man Leute, die für ihr Amt eigentlich nicht qualifiziert waren. Hatte Ryan
überhaupt politische Kontakte? Die Akte wies keine aus. Wellington blätterte und
fand einen Brief, unterzeichnet von Alan Trent und Sam Fellows vom
Aufsichtsausschuß des Repräsentantenhauses. Was für ein merkwürdiges Paar, ein
Schwuler und ein Mormone. Ryans Ernennung hatte den Kongreß glatt passiert und
viel rascher als die von Marcus Cabot oder die der Kabinettstars des Präsidenten,
Bunker und Talbot. Zum Teil lag das daran, daß Ryan ein Mann der zweiten Ebene
war, aber das erklärte nicht alles. Die Fakten wiesen auf beste politische Beziehungen
hin. Aber zu wem? Worüber, in aller Welt, konnten sich Trent und Fellows einig sein?
Fest stand, daß Fowler und seine Leute etwas gegen Ryan hatten - sonst hätte nicht
der Justizminister persönlich Wellington auf den Fall angesetzt. Fall? War das die
richtige Bezeichnung für seine Aktivitäten? Wenn wirklich ein Fall vorlag, warum
wurde er dann nicht vom FBI bearbeitet? Offenbar war wieder die Politik im Spiel.
Ryan hatte öfters eng mit dem FBI zusammengearbeitet, aber...
William Connor Shaw, der Direktor des FBI, wurde als der ehrlichste Mann der
Regierung gefeiert. Politisch war Shaw natürlich naiv, aber er triefte sozusagen vor
Integrität, und das zierte den Chef einer Polizeibehörde. Jedenfalls war man im
Kongreß dieser Ansicht und spielte sogar mit dem Gedanken, Sonderankläger
abzuschaffen, weil das FBI so sauber geworden war - besonders, nachdem ein
Sonderankläger im Fall Iran-Contra solchen Mist gebaut hatte. Mit dieser Affäre hatte
das FBI nichts zu tun gehabt.
Ein interessanter Fall, an dem man sich seine Sporen verdienen konnte.
275
17
Prozesse
Die Tage werden kürzer, sagte sich Jack. Er kam heute gar nicht besonders spät nach
Hause, es wurde nur früher dunkel. Die Erde zog ihre Bahn um die Sonne, und die
Neigung ihrer Rotationsachse relativ zur... Ekliptik? Ja, so ähnlich. Sein Fahrer setzte
ihn vor der Tür ab, und während er müde hineinging, fragte er sich, wann er Wochenende ausgenommen - sein Haus zuletzt bei Tageslicht gesehen hatte.
Wenigstens hatte er heute keine Akten dabei - aber das stimmte auch nicht ganz. Auf
dem Schreibtisch ließ es sich leichter aufräumen als im Kopf.
Ryan hörte die Geräusche eines normalen Haushaltes. Der Kabelsender
Nickelodeon brachte Zeichentrickfilme. Die Waschmaschine ratterte; da mußte der
Kundendienst her. Er ging in das an die Küche angrenzende kleinere Wohnzimmer für
die Familie.
»Papi!« rief Jack Jr., rannte auf ihn zu, umarmte ihn und schaute ihn flehend an.
»Papi, du hast versprochen, daß du mit mir zum Baseball gehst.«
Verdammt noch mal, ja, dachte Jack. Die Schule hatte wieder angefangen, die
Baseball-Saison neigte sich dem Ende zu; oben ni Baltimore gab es noch höchstens
ein Dutzend Heimspiele. Er mußte hin ... aber wann? Wann konnte er sich endlich
mal freinehmen? Das neue Kommunikationszentrum war erst zur Hälfte fertiggestellt,
und das war sein Projekt, aber die beauftragte Firma war eine Woche im Rückstand,
und er mußte ihr Beine machen, wenn alles termingerecht fertig sein sollte...
»Mal sehen, Jack«, sagte Ryan zu seinem Sohn, der noch zu jung war, um zu
verstehen, daß sein Vater über seine Versprechungen hinaus noch andere
Verpflichtungen hatte.
»Du hast’s aber versprochen, Papi.«
»Ich weiß.« Ryan war nun entschlossen, sich einen Nachmittag freizunehmen.
»Zeit fürs Bett«, verkündete Cathy. »Morgen habt ihr Schule.«
Ryan umarmte und küßte seine beiden Kinder, aber nach der demonstrierten
Zuneigung bekam er Gewissensbisse. Was bin ich eigentlich für ein Vater geworden?
fragte er sich. Jack Jr. ging nächsten April oder Mai zur Erstkommunion, und wer
konnte sagen, ob sein Vater überhaupt an diesem Tag zu Hause war? Ryan nahm sich
vor, den Termin in Erfahrung zu bringen und schon jetzt einzuplanen. Kinder nahmen
Kleinigkeiten wie Versprechungen sehr ernst...
Kleinigkeiten? Gott, wie konnte es nur so weit kommen? Was ist aus meinem
Leben geworden?
Er wartete ab, bis die Kinder in ihren Zimmern waren und ging dann in die Küche.
Sein Abendessen stand im Backofen. Er stellte den Teller auf die Frühstücksbar und
ging an den Kühlschrank. Seinen Wein kaufte er inzwischen in Boxen. Das war
praktischer, und er stellte in letzter Zeit auch geringere Ansprüche an den Geschmack.
Der Pappkarton enthielt einen Mylarbeutel mit australischem Weißwein von einer
Qualität, wie sie die kalifornischen Winzer vor 20 Jahren produziert hatten. Der stark
fruchtige Geschmack überdeckte die Unzulänglichkeiten, und der Alkoholgehalt lag
über 12 Prozent - darauf war Jack vorwiegend aus. Er schaute auf die Küchenuhr.
Wenn er Glück hatte, erwischte er sechseinhalb oder sieben Stunden Schlaf; dann
276
begann ein neuer Tag. Ohne Wein konnte er nicht einschlafen. Im Büro lebte er von
Kaffee: sein Körper wurde langsam mit Koffein vollkommen aufgefüllt. Früher hatte
er ab und zu am Schreibtisch ein Nickerchen machen können, aber heute ging das
nicht mehr. Um elf am Vormittag war er am Flattern, und am Spätnachmittag fühlte er
sich physisch so erschöpft und aufgedreht zugleich, daß er sich manchmal fragte, ob
er dabei war, ein bißchen verrückt zu werden. Nun, solange er sich die Frage stellte,
konnte es so schlimm nicht sein.
Einige Minuten später war sein Teller leer. Schade, daß die Mahlzeit im Ofen
ausgetrocknet war; Cathy hatte sie selbst gekocht. Er hatte sich vorgenommen, zu
einer annehmbaren Zeit nach Hause zu kommen, aber... es war wie immer etwas
dazwischengekommen. Als er aufstand, spürte er einen Stich im Magen. Auf dem
Weg ins Familienzimmer nahm er aus seiner Jackentasche im Wandschrank ein
Päckchen mit Magnesiumtabletten heraus. Er kaute ein paar und spülte sie mit Wein
hinunter - dem dritten Glas in knapp 30 Minuten. Cathy war nicht im Zimmer, hatte
aber Papiere auf den Tisch neben ihrem Sessel gelegt. Jack lauschte und glaubte, die
Dusche laufen zu hören. Gut. Er griff nach der Fernbedienung und stellte für eine
weitere Portion Nachrichten den CNN ein. Der erste Bericht befaßte sich mit
Jerusalem.
Ryan machte es sich in seinem Sessel bequem und lächelte. Es funktionierte also.
Der Korrespondent berichtete über das Wiederaufleben des Tourismus.
Geschäftsinhaber füllten in Erwartung des besten Weihnachtsgeschäfts seit zehn
Jahren ihre Lager. Jesus, erklärte ein Jude, der in Bethlehem geblieben war, sei
schließlich ein netter junger Jude aus einer guten Familie gewesen. Sein arabischer
Geschäftspartner führte das Kamerateam durch den Laden. Ein arabischer Partner?
dachte Jack. Nun, warum auch nicht?
Es ist die Opfer wert, sagte sich Jack. Du warst an diesem Erfolg beteiligt. Du hast
Leben gerettet, und wenn das kein Mensch weiß... ach, zum Teufel. Du weißt, was du
geleistet hast. Und Gott auch. Reicht das nicht?
Nein, sagte er sich in einer seltenen Anwandlung von Ehrlichkeit.
Was machte es schon, wenn die Idee nicht ganz auf seinem Mist gewachsen war?
Was war schon originell? Er hatte den Einfall gehabt, er hatte die Parteien
zusammengeführt und den Kontakt zum Vatikan geknüpft, er... Er hatte Anerkennung
verdient, eine kleine Fußnote in einem Geschichtswerk, aber konnte er darauf hoffen?
Jack schnaubte in seinen Wein. Keine Chance. Liz Elliot, dieses gerissene Biest,
erzählte aller Welt, es sei Charlie Aldens Einfall gewesen. Sollte Jack jemals
versuchen, diese Geschichtsklitterung zu korrigieren, stünde er da wie ein Lump, der
einem toten Mann sein Verdienst stiehlt - und einem guten Mann, trotz des Fehltritts
mit der kleinen Blum. Kopf hoch, dachte Ryan. Du bist noch am Leben, hast Frau und
Kinder.
Ungerecht war die Sache trotzdem. Aber hatte er denn erwartet, daß es im Leben
fair zuging? Werde ich langsam auch so wie Liz Elliot? fragte sich Jack. Ein
engstirniger Radfahrer mit viel Ego und wenig Charakter? Er hatte sich schon oft
Sorgen und Gedanken um diesen Prozeß gemacht, der Menschen verdarb. Er hatte die
unverhohlenen Methoden gefürchtet, mit denen eine Sache oder Mission so wichtig
wurde, daß man grundlegende Dinge wie Menschenleben oder das Leben eines
Gegners außer acht ließ. Er hatte die Perspektive nie verloren und wußte, daß es so
weit auch nicht kommen würde. Was aber an ihm nagte, waren die Kleinigkeiten. Er
verwandelte sich in einen Funktionär, dem Anerkennung, Status und Einfluß wichtig
277
waren.
Er schloß die Augen und dachte an das, was er bereits hatte: eine Frau, zwei
Kinder, finanzielle Unabhängigkeit, Erfolge, die ihm niemand wegnehmen konnte.
Und doch: Du wirst langsam so wie die anderen, sagte er sich.
Er hatte gekämpft und getötet, um seine Familie zu verteidigen. Vielleicht stieß sich
Elliot daran, aber in einem stillen Moment wie diesem entsann sich Jack jener Zeit mit
einem dünnen, grimmigen Lächeln. Keine 200 Meter von seinem Sessel entfernt hatte
er einem Terroristen drei Kugeln in die Brust gejagt, kalt und einwandfrei - Ziel im
Visier! -, wie er es beim Marinekorps gelernt hatte. Daß sein Herz tausendmal in der
Sekunde geschlagen hatte, daß er sich beinahe in die Hosen gemacht hatte und
erbrochen hätte, waren Nebensächlichkeiten. Er hatte seine Männlichkeit auf jede
denkbare Weise bewiesen - eine prächtige Frau gewonnen und geheiratet, zwei
Kinder gezeugt und sie alle mit Mut und Geschick verteidigt. Jack hatte jede
Herausforderung des Schicksals angenommen und bewältigt.
Stimmt, dachte er und grinste den Fernseher an. Zum Teufel mit dieser Fotze.
Komische Vorstellung: Liz Elliot als Sexobjekt. Wer wollte schon was mit diesem
eiskalten, dürren, arroganten Biest und... was noch? Ryan hielt in Gedanken inne und
suchte nach einer Antwort. Was hatte sie noch? Eigentlich war sie schwach und
zaghaft. Was steckte hinter dem aggressiven Gehabe und der Härte? Wahrscheinlich
nicht viel. Diesen Typ Sicherheitsberater hatte er schon einmal erlebt: Cutter, der sich
der Verantwortung entzogen hatte. Wer wollte schon mit Liz Elliot schlafen? Sie hatte
nicht viel im Kopf und auch keine inneren Werte zum Ausgleich. Ihr Glück, daß der
Präsident auf Bunker und Talbot zurückgreifen konnte.
Du bist besser als der ganze Verein, sagte er sich. Mit diesem befriedigenden
Gedanken leerte er das Glas und erwog, es nachzufüllen. Im Grunde genommen war
der Wein gar nicht so übel.
Als Ryan aus der Küche zurückkam, saß Cathy in ihrem Lieblingssessel mit der
hohen Rückenlehne und ging ihre Krankenblätter durch.
»Magst du ein Glas Wein. Schatz?«
Dr. Caroline Ryan schüttelte den Kopf. »Danke, ich habe morgen zwei
Operationen.«
Jack ging zu seinem Sessel und sah seine Frau kaum an, entdeckte dann aber etwas
aus dem Augenwinkel. »Oh!«
Cathy hob den Kopf und grinste ihn an. Ihr Gesicht war hübsch geschminkt. Jack
fragte sich, wie sie es fertiggebracht hatte, in der Dusche ihre Frisur nicht zu
ruinieren.
»Wo hast du das her?«
»Von einem Versandhaus.«
Dr. Caroline Muller Ryan, M. D., F. A. C. S., trug ein schwarzes Neglige, das
meisterhaft enthüllte und verbarg. Er konnte nicht sagen, was das Gewand überhaupt
hielt. Darunter hatte sie etwas Zartes... Hübsches an. Seltsam war nur die Farbe, denn
Cathy trug sonst im Bett nur Weiß. Das wunderbare weiße Nachthemd, das sie in der
Hochzeitsnacht getragen hatte, konnte er nicht vergessen. Sie war zwar keine Jungfrau
mehr gewesen, aber die weiße Seide hatte sie so... auch diese Erinnerung wird dir
immer bleiben, sagte sich Jack. Sie hatte es seitdem nie wieder angezogen und gesagt,
so etwas trüge man wie ein Brautkleid nur einmal. Womit habe ich diese wunderbare
Frau verdient? fragte sich Jack.
»Was verschafft mir die Ehre?« wollte er nun wissen.
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»Ich habe mir Gedanken gemacht.«
»Worüber?«
»Nun, Jack ist sieben, Sally ist zehn. Ich will noch eins.«
»Was denn?« Jack stellte sein Glas ab.
»Noch ein Kind, du Döskopp!«
»Und warum?«
»Weil ich eins kriegen kann und will. Tut mir leid«, fuhr sie mit einem sanften
Lächeln fort. »Hoffentlich ist dir die Anstrengung nicht zuviel.«
»Das schaffe ich noch.«
»Ich muß morgen um halb fünf aufstehen«, sagte Cathy dann. »Der erste Eingriff
ist vor sieben angesetzt.«
»Und?«
»Und deshalb gehe ich jetzt ins Bett.« Cathy stand auf, ging zu ihrem Mann hinüber
und küßte ihn auf die Wange. »Bis gleich.«
Ryan blieb zwei Minuten lang still sitzen, leerte dann mit einem Zug sein Glas,
schaltete den Fernseher aus und lächelte vor sich hin. Dann sah er nach, ob die
Haustür abgeschlossen und die Alarmanlage in Betrieb war. Im Bad putzte er sich die
Zähne und schaute heimlich in die Schublade ihres Frisiertisches. In der Tat: ein
Thermometer und eine kleine Karteikarte mit Daten und Temperaturen. Sie meinte es
also ernst und hatte ihre Absicht, wie es ihrer Art entsprach, für sich behalten. Nun,
ihm wär’s recht.
Jack betrat das Schlafzimmer, hängte seine Kleider auf, zog einen Bademantel über
und ging an die Bettkante. Caroline stand auf, schlang die Arme um seinen Hals und
küßte ihn.
»Bist du auch ganz sicher, Schatz?«
»Ja. Hast du was dagegen?«
»Cathy, für dich tu’ ich alles.«
Wenn er doch bloß nicht so viel trinken würde, dachte sie. Wenigstens jetzt nicht.
Sie spürte, wie seine Hände über das Neglige glitten. Jack hatte starke, aber sanfte
Hände, die nun durch den Stoff ihre Figur abtasteten. Schwarze Reizwäsche war
nuttig, aber jede Frau hat das Recht, sich hin und wieder mal nuttig zu geben, selbst
wenn sie Professorin und Augenchirurgin am Ophtalmologischen Institut des JohnsHopkins-Hospitals ist. Jacks Mund roch nach Zahnpasta und Wein, aber ansonsten
hatte er einen Mannsgeruch. Jack hatte ihr ein traumhaftes Leben gegeben - fast. Er
war überarbeitet, trank zuviel und bekam nicht genug Schlaf. Aber er war ihr Mann,
und einen besseren konnte sie sich trotz seiner Schwächen und seiner häufigen
Abwesenheit nicht wünschen.
Cathy stöhnte leise, als seine Hände die Knöpfe fanden. Er verstand, aber seine
Finger waren ungeschickt. Diese verflixten kleinen Schlaufen, aber da unter den
Knöpfen und dem Stoff ihre Brüste lockten, gab er nicht auf. Cathy holte tief Luft und
roch ihr liebstes Körperpuder.
Parfüm mochte sie nicht; sie fand, daß eine Frau schon von Natur aus alle Düfte
produziert, die ein Mann braucht. Endlich. Nun fanden seine Hände ihre glatte und
noch jugendliche Haut. Mit sechsunddreißig war sie für eine Schwangerschaft noch
nicht zu alt. Sie wünschte sich nur noch ein Kind; nur einmal noch wollte sie spüren,
wie neues Leben in ihr heranwuchs. Sie war bereit, die Übelkeit auf sich zu nehmen,
den ständigen Druck auf die Blase ebenso wie andere seltsame Beschwerden, und die
Schmerzen bei der Geburt. Gewiß kein Vergnügen, aber mit Jack an ihrer Seite wie
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bei Sally und dem kleinen Jack würde sie es schaffen. Neues Leben in die Welt zu
bringen war der tiefste Beweis ihrer Liebe und des Frauseins; einem Mann und sich
selbst die einzige Art von Unsterblichkeit zu schenken, die es gibt.
Und außerdem, dachte sie und unterdrückte ein Kichern, ist die Anstrengung, die
mit dem Schwangerwerden verbunden ist, weitaus vergnüglicher als Joggen.
Jack zog ihr nun das Neglige ganz aus und legte sie sanft aufs Bett. Das hatte er
schon immer gut gekonnt, schon beim ersten Mal, als sie beide sehr nervös gewesen
waren, und von dem Moment an hatte sie gewußt, daß er sie um ihre Hand bitten
würde... nachdem er den Rest ausprobiert hatte. Wieder ein Kichern über
Vergangenheit und Gegenwart, als seine Hand über ihre Haut glitt, die nun hier heiß
und dort kühl war. Und als er damals allen Mut zusammengenommen und ihr die
entscheidende Frage gestellt hatte, hatte sie die Angst in seinen Augen gesehen, die
Furcht vor einer Zurückweisung - dabei war sie diejenige gewesen, die sich eine
Woche lang gegrämt und einmal sogar geweint hatte aus Sorge, er könnte die Frage
nicht stellen, es sich anders überlegen und eine andere finden. Cathy hatte schon vor
dem ersten Mal gewußt, daß er der Richtige war. Jack war der Mann, mit dem sie ihr
Leben teilen, mit dem sie Kinder haben, den sie lieben wollte bis zum Tod und
vielleicht darüber hinaus, wenn die Priester recht hatten. Nicht seine Größe, seine
Kraft oder sein Mut, den er zweimal vor ihren Augen unter Beweis gestellt hatte - und
vermutlich auch an anderen Orten, von denen sie nie erfahren würde -, faszinierten
sie, sondern seine Güte, Milde und innere Stärke, die nur einfühlsame Menschen
spürten. Ihr Mann war in mancher Hinsicht ein ganz normaler Mensch, in mancher
aber einmalig, und insgesamt ein Mensch mit sehr viel mehr Stärken als Schwächen.
Und nun sollte er mit ihr ein Kind zeugen. Die Morgentemperatur hatte den
richtigen Zeitpunkt in ihrem immer berechenbaren Zyklus bestätigt. Nun, räumte sie
ein, es war eigentlich nur eine statistische Wahrscheinlichkeit, aber in ihrem Fall eine
sehr große. Nicht zu klinisch werden, dachte sie, nicht bei Jack und nicht in einem
solchen Augenblick.
Ihre Haut brannte nun. Jack konnte das so gut. Seine Küsse waren zart und
leidenschaftlich zugleich, seine Hände so herrlich geschickt. Er ruinierte ihre Frisur,
aber das machte nichts: bei einer Frau wie sie es war, die eine Chirurgenkappe tragen
mußte, waren Dauerwellen reine Zeit- und Geldverschwendung. Den Geruch des
Körperpuders überlagerte nun der Duft einer Frau, die fast bereit war. Gewöhnlich
nahm sie an ihren Liebesspielen aktiver teil, aber heute überließ sie Jack die Initiative,
ließ ihn ihre seidige Haut nach interessanten Stellen absuchen. Gelegentlich mochte er
das. Er mochte es aber auch, wenn sie eine aktivere Rolle spielte. Cathy wölbte den
Rücken und stöhnte zum ersten Mal. Er kannte das Signal; schließlich waren sie lange
genug verheiratet. Sie küßte ihn fest und fordernd, bohrte ihre Fingernägel in seine
Schultern: Jetzt!
Aber es tat sich nichts.
Sie nahm seine Hand, küßte sie und schob sie nach unten, um ihm zu zeigen, daß
sie bereit war.
Er kam ihr ungewöhnlich angespannt vor. Gut, sie drängte ihn ... nun ja, sie hatte
sich passiv verhalten, und wenn sie das jetzt änderte ... Sie zog die Hand zurück zu
ihrer Brust und achtete nun aufmerksamer auf ihn oder versuchte das zumindest. Er
verstand es nach wie vor, sie geschickt zu erregen. Sie stieß einen kleinen Schrei aus,
küßte ihn fest, keuchte ein wenig, zeigte ihm, daß er der eine war im Zentrum ihrer
Welt. Doch sein Rücken und seine Schultern waren verkrampft und verspannt. Was
280
war mit ihm los?
Ihre Hände glitten über seine Brust, zupften spielerisch an dem schwarzen Haar.
Das brachte ihn immer in Fahrt... besonders, wenn sie dann über seinen Bauch nach
unten ...
Was?
»Jack, was ist los?« Für die Antwort schien er eine Ewigkeit zu brauchen.
»Weiß nicht.« Jack rollte sich von ihr weg auf den Rücken und starrte zur Decke.
»Bist du müde?«
»Das ist’s wohl«, nuschelte er. »Tut mir leid.«
Verdammt! dachte sie, aber ehe sie etwas sagen konnte, fielen ihm die Augen zu.
Er arbeitet zu lange und trinkt zuviel, sagte sie sich. Aber das ist unfair!
Ausgerechnet heute, wo ich bereit bin...
Sei nicht so egoistisch.
Cathy stand auf, hob das Neglige vom Boden auf, hängte es ordentlich auf einen
Bügel und zog ein Nachthemd über. Dann ging sie ins Bad.
Er ist ein Mensch und keine Maschine, dachte sie. Er ist übermüdet. Er arbeitet viel
zuviel. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Manchmal hat er Lust und du bist nicht in
Laune. Das macht ihn auch oft sauer, und das ist weder seine Schuld noch deine.
Unsere Ehe ist glücklich, aber nicht perfekt. Jack ist der beste Mann, den du je
gekannt hast, aber vollkommen ist auch er nicht.
Aber ich wollte...
Ich will schwanger werden, und der Zeitpunkt war genau richtig! Cathy traten
Tränen der Enttäuschung in die Augen. Sie wußte, daß sie unfair war. Aber sie war
enttäuscht und auch ein bißchen aufgebracht.
»Nun, Commodore, über den Service kann ich nicht klagen.«
»Aber Ron, soll ich einen alten Schiffskameraden ein Mietauto nehmen lassen?«
»Wieso nicht?«
Mancuso schnaubte. Sein Fahrer warf das Gepäck in den Kofferraum des
Dienstwagens, und die Fahrgäste stiegen hinten ein.
»Was macht die Familie?«
»Alles bestens, Commodore...«
»Sie können ruhig Bart zu mir sagen, Dr. Jones. Außerdem stehe ich kurz vor der
Beförderung zum Admiral.«
»Gratuliere!« rief Dr. Ron Jones. »Gut, Bart. Das gefällt mir. Nennen Sie mich jetzt
bloß nicht Indiana. Zur Familie: Kim ist wieder an der Uni und will ihren Doktor
machen. Die Kinder sind in der Schule oder in der Tagesstätte - und ich verwandle
mich in einen Geschäftsmann, ob Sie es glauben oder nicht.«
»Die korrekte Bezeichnung ist wohl >Unternehmer<«, bemerkte Mancuso.
»Haarspalterei. Gut, ein großer Teil der Firma gehört mir, aber ich mische immer
noch fleißig mit. Den Buchhaltungskram lasse ich von einem Manager erledigen; die
richtige Arbeit mache ich. In den letzten Monaten habe ich auf der Tennessee ein
neues System durchgeprüft.« Jones warf einen Blick auf den Fahrer. »Können wir
hier frei reden?«
»Maat Vincent ist für eine höhere Geheimhaltungsstufe zugelassen als ich.
Stimmt’s?«
»Jawohl, Sir. Der Admiral hat immer recht«, erwiderte der Fahrer und bog in
Richtung Bangor ab.
281
»Sie haben ein Problem, Bart.«
»Wie ernst ist es?«
»Es ist ziemlich einmalig, Skipper«, sagte Jones und benutzte die alte Anrede aus
ihrer gemeinsamen Zeit auf USS Dallas. »So etwas ist noch nie vorgekommen.«
Mancuso verstand seinen Blick. »Haben Sie Bilder von Ihren Kindern dabei?«
Jones nickte. »Klar. Was machen Mike und Dominic?«
»Mike denkt an die Akademie der Air Force.«
»Richten Sie ihm aus, daß Sauerstoff das Gehirn zerstört.«
»Und Dominic will am Institut für Technik in Kalifornien studieren.«
»Wirklich? Da kann ich ihm helfen.«
Den Rest der Fahrt verbrachten sie mit Small talk. Mancuso ging mit langen
Schritten in sein Büro und schloß die schalldichte Tür, nachdem er bei seinem
Steward Kaffee bestellt hatte.
»Wo hakt’s, Ron?«
Jones antwortete erst nach kurzem Zögern. »Ich glaube, daß jemand Maine geortet
hat.«
»Ein Ohio? Ausgeschlossen.«
»Wo ist Maine jetzt?«
»Wieder in See, mit Besatzung >Blau< an Bord, und soll sich vor der Küste zu
Geräuschtests mit einem 688 treffen. Anschließend geht es wieder auf Patrouille.« Mit
Jones konnte Mancuso über fast alles reden. Seine Firma beriet die Marine auf dem
Gebiet der Sonartechnologie auf allen U-Booten und U-Abwehrplattformen, also
Flugzeugen, Schiffen und Hubschraubern, und aus diesem Grunde hatte er
notwendigerweise Zugang zu vielen operativen Informationen.
»Haben Sie Leute von der Mannschaft >Gold< auf dem Stützpunkt?«
»Der Captain ist in Urlaub, aber der IA ist verfügbar, Dutch Claggett. Kennen Sie
ihn?«
»War der nicht auf der Norfolk? Er ist Afro-Amerikaner, nicht wahr?«
»Stimmt.«
»Über ihn habe ich Gutes gehört. Als er sich für sein Kommando qualifizierte,
leistete er gegen einen Trägerverband gute Arbeit. Ich flog in einer P-3 mit, als er ihre
Abwehr unterlief.«
»Korrekt, der Mann ist im Kommen. Nächstes Jahr um diese Zeit übernimmt er ein
Jagd-U-Boot.«
»Wer ist sein Skipper?«
»Harry Ricks. Haben Sie auch von ihm gehört?«
Jones schaute zu Boden und murmelte etwas. »Ich habe einen neuen Angestellten in
der Firma, einen pensionierten Chief, der zuletzt unter Ricks gedient hatte. Ist Ricks
wirklich so schlecht, wie ich höre?«
»Ricks ist ein erstklassiger Ingenieur und auf seinem Gebiet ein Genie.«
»Sicher, Skipper, Sie auf Ihrem auch, aber kann Ricks ein Boot führen?«
»Kaffee, Ron?« Mancuso wies auf die Kanne.
»Vielleicht sollten Sie Commander Claggett hinzuziehen, Sir.« Jones stand auf und
schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. »Seit wann betätigen Sie sich als Diplomat?«
»Das geht mit meiner Position einher. Ich habe auch keinem Außenseiter verraten,
was für wilde Sachen Sie auf der Dallas getrieben haben.«
Jones drehte sich um und lachte. »Gut, stimmt. Ich habe die Sonaranalyse in der
Aktentasche und muß Unterlagen über Kurs und Tiefe der Maine sehen. Es ist gut
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möglich, daß sie beschattet wurde. Im Ernst, Bart.«
Mancuso griff zum Telefon. »Machen Sie Lieutenant Commander Claggett
ausfindig. Er soll sofort in mein Büro kommen. Danke. Ron, wie sicher...«
»Ich habe die Analyse selbst durchgeführt. Einer meiner Leute sah sich die
Unterlagen an und schöpfte Verdacht. Ich brütete fünfzig Stunden über den Daten.
Die Chancen, daß Maine verfolgt wurde, stehen drei zu eins.«
Bart Mancuso stellte seine Kaffeetasse ab. »Kaum zu glauben.«
»Ich weiß. Die Tatsache, daß es so unglaublich ist, mag meine Analyse verzerren.«
Es war bei der US-Marine ein Glaubensbekenntnis, daß ihre Raketen-U-Boote
niemals, nicht ein einziges Mal, auf Patrouillenfahrt geortet und verfolgt worden
waren. Doch wie die meisten Glaubensbekenntnisse war auch dieses nicht absolut.
Die Lage der Stützpunkte für diese Boote war kein Geheimnis. Selbst UPS-Fahrer,
die ein Paket abzuliefern hatten, wußten, worauf sie zu achten hatten. Die Marine ließ
ihre Einrichtungen aus Kostengründen überwiegend von privaten Sicherheitsfirmen
bewachen; nur wo Kernwaffen lagerten, gingen Marines Streife. Wo man also
Soldaten der Marineinfanterie sah, mußte es Atomwaffen geben. Das nannte man eine
Sicherheitsvorkehrung. Die Raketen-U-Boote selbst unterschieden sich eindeutig von
den kleineren Jagdbooten. Ihre Namen standen im Schiffsregister der Navy, und ihre
Besatzungen trugen Schildmützen mit Namen und Nummer des Bootes. Dank dieser
frei verfügbaren Informationen waren die Sowjets in der Lage, ihre Jagd-U-Boote vor
den Stützpunkten zu stationieren und die strategischen Boote auf dem Weg ins offene
Meer abzufangen.
Anfangs war das kein Problem gewesen. Die ersten Klassen sowjetischer Jagd-UBoote waren mit Sonar Marke »Helen Keller« ausgerüstet, also praktisch blind und
taub, und die Boote selbst lauter als ein Auto ohne Schalldämpfer. Das hatte sich mit
der Indienststellung der Klasse Victor-III geändert, die in der Geräuschentwicklung in
etwa der amerikanischen 594-Klasse entsprach und in der Sonarleistung allmählich
adäquat wurde. Gelegentlich waren Victor-III in der Strait of Juan de Fuca an der
kanadischen Grenze - und anderswo - aufgetaucht, um amerikanischen strategischen
Booten aufzulauern, und in manchen Fällen war es ihnen in den engen
Hafeneinfahrten gelungen, Kontakt aufzunehmen und zu halten. Das war manchmal
mit Aktivsonarpeilungen einhergegangen, ein für die amerikanischen Besatzungen
beunruhigender und störender Lärm. In der Folge wurden die strategischen Boote oft
von Jagd-U-Booten begleitet, deren Aufgabe das Abdrängen der Sowjets war.
Erreicht wurde das, indem man ein weiteres Ziel für Sonarpeilungen bot und damit
die taktische Situation verwirrte; es ist aber auch vorgekommen, daß russische Boote
durch Rammen oder »Rempeln«, wie die Seeleute beschönigend sagten, vom Kurs
abgebracht wurden. Amerikanische strategische Boote sind nur in seichten
Gewässern, vor bekannten Häfen und nur für kurze Zeit verfolgt worden. Sobald sie
tiefes Wasser erreicht hatten, erhöhten sie die Geschwindigkeit, um die Sonarleistung
des Verfolgers zu mindern, machten dann Ausweichmanöver und wurden still. An
diesem Punkt verloren die Russen jedesmal den Kontakt, und aus dem Jäger wurde
plötzlich der Gejagte. Raketen-U-Boote hatten hochtrainierte Torpedomannschaften,
und aggressivere Skipper luden alle vier Rohre mit Torpedos Mark 48, denen
Zielkoordinaten für das nun blind und ziellos herumkreuzende, verwundbare
sowjetische Boot eingegeben worden waren.
Auf Patrouillenfahrt waren die amerikanischen strategischen Boote also faktisch
unverwundbar. Wenn schnelle Jagd-U-Boote auf sie angesetzt wurden, mußte man
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sorgfältig auf die Tiefe achten, um Kollisionen zu vermeiden. Es ist amerikanischen
Jagdbooten, selbst Modellen der modernsten 688-Klasse, nur selten gelungen, ein
strategisches Boot zu orten, und die Fälle, in denen ein Ohio verfolgt worden war,
ließen sich an einer Hand abzählen. Fast immer hatte der Kommandant des
strategischen Bootes einen schweren Fehler gemacht (der ins »schwarze Buch« kam),
und selbst in so einem Fall ist es nur den besten Jagdskippern mit Glück gelungen,
den Gegner zu orten - natürlich unweigerlich um den Preis der Gegenortung. Obwohl
der Kommandant der Omaha einer der besten der Pazifikflotte war, hatte er die Maine
trotz guter Aufklärungsdaten, über die kein sowjetischer Skipper verfügen konnte,
nicht gefunden.
»Guten Morgen, Sir«, sagte Claggett beim Eintreten. »Ich war gerade am anderen
Ende des Korridors in der Personalabteilung.«
»Commander, das ist Dr. Ron Jones.«
»Ist das der Jones, von dem Sie so tolle Geschichten erzählen?« Claggett gab dem
Zivilisten die Hand.
»Die allesamt nicht wahr sind&l