Die Heiland-Trilogie

Die Heiland-Trilogie

Michael Goller / Peter Piek

Die Heiland-Trilogie

Inhaltsverzeichnis

Das Malbuch

1 Der-mit-dem-Wolf-malt

2 Die Autobahn

3 Das Malfront-Interview

4 Der Tag bevor

5 Der Tag

6 Das Fußbild

7 Zeichnen bis der Arzt kommt

8 Die Ausstellung

9 Serial Killers

10 Das Dunkelbild

11 Der Besucher

12 Die Agentinnen

13 Das Angebot

14 Wer zuerst kommt, malt zuerst

15 Die Dunkelkammer

16 Das Vordiplom

17 The World Greatest Super Heroes

Die Puppenspieler

I Heiland-Trilogie in welchem ein Glas Wein geöffnet, und eine Fliege durch Handabschütteln auf eine lebensgefährliche Odyssee geschickt wird.

Außerdem: ein Gespräch über Künstlergruppen.

II Der Rundgang in welchem die Wahrheit über die Hochschule für Mimik und Spruchkunst gesagt wird, ein eiszeitlicher Jäger von der Fährte abkommt und am Kaffeeautomaten das wahre Wesen der Langeweile aufgezeigt wird.

III Im Koma worin ein Theaterstück geprobt, eine dialogische Lesung am Robbenbassin gewaltsam unterbrochen, und die Natur der Zahl zwölf pedantisch untersucht wird.

IV Das bessere Malbuch in welchem auf K’s Anregung hin der Autor und die Doktorin sich sehr nahe kommen, Farbterroristen die U-Bahn bedrohen, und zwei Weltretter sich auf einem fernen Planeten mit Ackerbau und Viehzucht auseinandersetzen.

V Das Theaterstück in dem der Chat begonnen, und das im dritten Kapitel geprobte Theaterstück endlich aufgeführt wird.

1. Chat in welchem beim Wolfshändler Wölfe verkauft werden. Der stinkende Flutzky vertreibt Chanel und wird zusammen mit 5 Neon-

Bauch-Bildern gegen einen zerknickten Wolf getauscht.

2. Chat in welchem ein ganzer See ausgepumpt wird, eine Krankenschwester auch mal die Spritze halten will, und ein Spaziergänger auf

Magenschleim ausrutscht.

3. Chat in welchem Brushstrokepete und Seaofcolourmick wegen „Malen ohne Zahlen“ angeklagt, und erste Zeugen aufgerufen werden.

Flutzky hüstelt und schwitzt.

4. Chat in welchem selbst von hochkarätigen Zeugen der Verteidigung die lebenslange Freiheitsstrafe nicht verhindert werden kann, Peter

Stone seinen letzten Auftritt hat, und die Richterin, die von Chanel gespielt wird, Whisky im Gerichtssaal verteilt.

5. Chat wo Zigaretten an Wangen ausgedrückt, Chocoballs in Joghurt eingerührt und Wärter weit ausholen (Treffer), in welchem Klebeband erneuert, ein stellvertretender Gefängnisdirektor zu uns kommt und ein schmerzfreies Nachdenken unmöglich wird.

6. Chat in dem ein Bild mit dem Kopf gemalt wird, trotz Schmerzen Strukturen entstehen, Tränen vergossen, und die Maler bewusstlos am

Boden liegen.

7. Chat in welchem die Richterin ihre Rosinen zeigt, zahlentheoretische Spiele gespielt werden und ein Auge mit Klebeband am Scanner befestigt wird.

Die Neue Welt

Zitron

Ei

Orange

Zinnober

Karmin

Violett

Ultramarin

Kobalt

Himmel

Türkis

Chromoxid

Gras

Schwarzweiß

Malfront-Interviews

Das Malbuch

1 Der-mit-dem-Wolf-malt

Der Autor tritt zur Tür herein. Die Doktorin wartet bereits auf ihn. Sie heißt Slawetta. Slawetta Prach-

Zoltek.

„Guten Tag.”

Dr. Prach-Zoltek blickt von ihrem Schreibtisch auf und sieht den Autor durch ihre Brille an.

„Guten Tag. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Fahrt und wenig Unannehmlichkeiten mit den

Formalitäten. Setzen Sie sich bitte.“

„Danke. Es war nicht leicht, einen Konsultationsrequest bestätigt zu bekommen. Die Security ist sehr sorgfältig nach allem, was sich in letzter Zeit ereignet hat.”

Der Autor setzt sich. Auf die rote Couch. Er holt ein A5-Notizbuch aus seiner Tasche. Aus der abgewetzten

Ledertasche.

„Stört es Sie, wenn ich rauche?“

„Ich muß Sie bitten, hier nicht zu rauchen. Wir haben strenge Auflagen. Aber wenn Sie wollen, können wir unser Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt auf die Terrasse verlegen.

Sagen Sie mir – warum sind Sie hier?”

„Mein Interesse gilt den beiden von Ihnen betreuten Malern. Die Nachrichten darüber, die an die

Öffentlichkeit durchgedrungen sind, waren so widersprüchlich, daß ich hoffe, jetzt etwas Licht in die

Angelegenheit bringen zu können. Können Sie mir mehr über die beiden Patienten sagen?“

„Es ist so: Die beiden Patienten sind keine Patienten im eigentlichen Sinne. Das bedeutet, daß sie nicht behandelt werden. Sie stehen vielmehr in unserer Obhut. Und das auch erst seit kurzer Zeit. Aber wir haben eine Menge Informationen verschiedener Quellen über sie, die wir soeben bearbeiten.“

Dr. Prach-Zoltek steht von ihrem Schreibtisch auf. Sie ist groß gewachsen, von einer schlanken Weiblichkeit, die zu einer gewissen, ihr ebenfalls eigenen akademischen Strenge kontrastiert. Ihr glattes dunkles Haar trägt sie aufgesteckt. Sie setzt sich dem Autor gegenüber in einen Sessel und legt einen Aktenordner bedeutungsvoll vor sich. Der Autor fühlt seine Neugierde wachsen.

Der Ordner mit möglicherweise allen Antworten liegt direkt vor ihm. Auf dem kleinen Tisch, der mit seinem funktionalen Design und der matten Metalloberfläche die rote Couch wie auch den Sessel, zu einer Botschaft aus einer fernen privaten Welt verfremdet.

„Ist es möglich, diese Informationen einzusehen? Aus welchen Quellen stammen sie?“

Der Autor, sie muß es zugeben, hat eine frappierende Offenheit, die sicher manchmal etwas linkisch wirkt.

Sie schaut ihn musternd an: Das vergeistigte Profil, die wahrscheinlich in tausend mehr oder weniger wichtigen Geschichten versunkenen Augen – nicht sofort sympathisch, etwas introvertiert.

„Nun, ein Einsehen der Informationen ist erst nach einer ausführlichen Bearbeitung und einer Freigabe unsererseits möglich. Es ist allerdings damit zu rechnen, daß nach und nach alle vorhandenen Informationen der Öffentlichkeit weitergegeben werden. Man ist ja auch nach wie vor auf Informationssuche.“

Sie trinkt einen Schluck Wasser aus einem schlanken Glas. Die Form ihres Mundes zeichnet sich durch am

Glas klebenden Lippenstift ab.

Sie spürt schon so etwas wie das Bedürfnis, den neugierigen Fragen auszuweichen. Schließlich sind ihre

Erfahrungen mit den schreibenden Vertretern der Öffentlichkeit nicht die besten. Sie seufzt innerlich und macht sich bewußt, daß es sich um eine Angelegenheit von überindividuellen oder besser hyperindividuellen

Interesse handelt.

„Zu Ihrer zweiten Frage: Die Quellen sind sehr verschieden. Größtenteils aber digital und kodiert. Und ehrlich gesagt ist die genaue Herkunft dieser Quellen nicht gesichert. Es kursieren eine Menge Gerüchte.

Andererseits gibt es Augenzeugenberichte, Textfragmente der Maler selbst und auch wenige Fotos.“

„Befinden sich die gesicherten Textfragmente in diesem Ordner?“

„Ja.“

Der Autor zögert etwas, beschließt dann, das belauernde Spielchen aufzugeben. Er nimmt eine Kopie aus seinem Notizbuch, faltet sie auseinander. Es ist die Kopie einer alten Handschrift.

„Was mich eigentlich stutzig machte und mich bewegt hat, mit den Malern Kontakt aufzunehmen, war diese

Handschrift aus dem Universitätsarchiv. Es hat vielleicht irgendwas damit zu tun. Was meinen Sie?“

Dr. Prach-Zoltek nimmt die Kopie und fängt an, die kursive Handschrift zu entziffern:

In der Zeit, als die weißen Eroberer sich anschickten, das Land der Prärien und Büffel zu besetzen, lebte ein seltsamer Mann einsiedlerisch im Grasland. Neben einem Felsmassiv hatte er ein Zelt aufgeschlagen und er war bereits so lange dort, daß niemand sagen konnte, woher er kam und ob er indianischer oder europäischer Herkunft war. Sein Aussehen ließ nicht mehr darauf schließen. Er hatte ein sonnengegerbtes

Gesicht, das von einem dichten Bart überwuchert war. Die Indianer gaben ihm den Namen Der-mit-dem-

Wolf-malt.

Jede Nacht brachten ihm die Stämme der Umgebung einen in Fallen gefangenen, noch lebenden Wolf.

Sobald es ganz dunkel war, schlug ihm Der-mit-dem-Wolf-malt mit einem einzigen Hieb seines Steinmessers den Kopf ab und bemalte mit dem frischen Blut des Wolfes die Felsen mit seltsamen Zeichen und Strukturen.

Den Wolf hielt er dabei fest. Er war sehr stark. Es sah aus, als würde er mit dem Wolf tanzen.

Als die Yankees in dieser Gegend auftauchten, verloren ihre Regimenter alle Schlachten gegen die Indianer.

Der General hörte von der Sage von Der-mit-dem-Wolf-malt durch Überläufer und bezahlte professionelle

Jäger, um alle Wölfe der Gegend niederzumetzeln.

Für jeden toten Wolf wurde ein Kopfgeld gezahlt, was viele Glücksritter anlockte. Bald gab es keinen einzigen Wolf mehr, mit dem Der-mit-dem-Wolf-malt malen konnte und die schon vorhandene Malerei auf den Felsen wurde nach und nach vom Regen weggespült.

Kurz darauf wurden alle Indianerstämme endgültig besiegt und brutal niedergemetzelt. Die Zeltdörfer wurden niedergebrannt, Frauen vergewaltigt, Schwangeren mit den Säbeln die Bäuche aufgeschlitzt, Kinder und Alte in Massengräbern verscharrt. Der-mit-dem-Wolf-malt fiel selbst in einer der letzten Schlachten.

Die Überlieferung geht auf Aufzeichnungen eines Priesters zurück, der mit den Truppen reiste und die

Erzählungen der wenigen Überlebenden gefangenen Indianer in seinem Tagebuch festhielt.

2 Die Autobahn

Sie liest aufmerksam und langsam die Überlieferung.

„Sehr interessant. Ich bin sehr froh, daß Sie uns das nicht vorenthalten haben, denn in der Tat hat dieser Text sehr viel mit den Geschehnissen der beiden Maler gemein. Aber selbst für uns sind die Geschehnisse noch sehr abstrakt…

Ach, entschuldigen Sie, kann ich Ihnen etwas anbieten. Etwas zu trinken? Kaffee? Wasser?“

„Einen Kaffee, schwarz mit Zucker bitte.“

Dr. Prach-Zoltek nimmt den Hörer des vor ihr liegenden Telefons und wählt zwei Ziffern.

„Prach-Zoltek. Hallo. Bringen Sie mir bitte einen Kaffee, schwarz mit Zucker.“

Sie legt auf.

„Ich möchte Sie ergänzend auf etwas Wichtiges hinweisen. Die Informationsbeschaffung gestaltet sich für uns schwierig. Die Maler sprechen kaum, und wenn, dann scheinbar sinnlos. Untersuchungen haben ergeben, daß sie sich auf dem geistigen Niveau eines Dreijährigen befinden.“

„Wie kam es dazu?“

„Ich muß erwähnen: die Maler haben ein körperliches Alter von 30 und 23 Jahren. Sie waren nachweislich

überdurchschnittlich intelligent. Beide hatten Abitur. Beide studierten. Wir können uns nicht erklären, wie es zu solch einem geistigen Verlust kommen konnte. Allerdings gibt es einen Erklärungsansatz von unseren

Psychologieexperten. Diese gehen davon aus, daß die Verjüngung eine Folge der Insuffizienz, also des

Entzuges der Kappa-Strahlung und der damit verbundenen Befreiung von Klara war, ausgelöst durch die besonderen Umstände.“

Der Autor hatte bis jetzt immer Notizen gemacht in sein schwarzes A5-Buch mit kariertem Papier. Er schreibt mit einem Metallfüllhalter mit grünblauer Tinte, die er selbst angemischt hatte. Grün, Blau und ein kleiner Anteil Schwarz für einen besseren Kontrast. Jetzt stockt er, schreibt zwei Worte auf und kreist sie ein:

KAPPA-STRAHLUNG, KLARA. Er klappt etwas verwirrt aber dennoch interessiert das Buch zu und sieht der Doktorin in die Augen. Sie hat entspannt die Beine übereinander geschlagen, dabei ist ihr eng anliegender schwarzer Rock etwas hoch gerutscht.

Jemand bringt den Kaffee. Der Autor rührt den Zucker ein. Langsam… Rührt und überlegt… Trinkt …

„Kann ich die Maler jetzt sehen?“

„Wir haben für diese Zwecke eine Glaswand vor ihrem Zimmer. Es ist also kein Problem. Folgen Sie mir.“

Sie stehen auf, verlassen das Büro. Dr. Prach-Zoltek nimmt den Ordner und eine Chipkarte von ihrem

Schreibtisch und geht voraus. Sie gehen einen langen Gang entlang, fahren mit einem Fahrstuhl, dann öffnet

sie mit der Karte eine Tür. Sie befinden sich jetzt in einem Raum, dessen linke Wand eine Glasscheibe ist.

Das Glas gibt den Blick frei in einen weiteren Raum. Dieser ist über und über bedeckt mit Farbe, Zeichen,

Strukturen. Zwei Gestalten – die Maler – bewegen sich fast torkelnd, wie blind, hin und her und malen alles voll: Wände, Fußboden und Decke, die vorher mit Leinwänden verkleidet wurden.

„Seit wann sind die Maler hier?“

Dr. Prach-Zoltek schiebt zum Lesen ihre Brille etwas die Nase herunter und schaut in den Ordner, den sie an ihre schlank fließende Hüfte gepreßt hält.

„Sie sind letzte Woche Montag, das war der 6.August, zu uns gebracht worden. Seitdem sind sie hier.“

Der Autor notiert etwas in sein Notizbuch.

„Was haben sie seitdem hier gemacht?“

„Sie haben ihr Verhalten seit ihrer Einlieferung nicht geändert. Sie springen und hüpfen in der Zelle.

Stundenlang beschäftigen sie sich mit Spielsachen. Bemerkenswert ist ihr Verhalten in Bezug auf die

Malerei. So ist es für ihre Laune extrem wichtig, das jederzeit genug Farbe und Leinwand bereitsteht.“

„Interessant! Wie macht sich das Fehlen von Malmitteln bemerkbar?“

„Den Versuch haben wir sofort wieder aufgegeben. Sie fingen an, die Finger ins Essen zu tauchen und damit weiterzumalen. Wenn gar nichts da war, malten sie leer, kratzten Zeichen mit den Nägeln in die Wand, bis sie bluteten. Die Verletzungsgefahr war uns zu groß. Deshalb sorgen wir jetzt immer dafür, daß jederzeit genügend Farbe bereit steht.“

Der Autor betrachtet eine Weile wortlos und fasziniert die Maler. Sie malen. Tauchen in Farbe ein. Blau.

Klecks. Platsch. Sabber. Neue Farbe. Rot. Strich. Klecks. Immer wieder. Wie automatisiert.

„Sie sagten, sie seien früher ganz normal ansprechbar gewesen. Welche Ereignisse haben die Veränderung bewirkt? Wo beginnen eigentlich ihre fragmentarischen Texte?“

„Wie bereits erwähnt, vollzog sich die geistige Verjüngung vermutlich über einen geschätzten Zeitraum von einem Jahr. Möglicherweise noch länger. Die erste Quelle, die schon Ansätze liefert, datiert schon wesentlich früher. Um exakt zu sein, auf den 9. November 2001. Dieses Dokument kann ich Ihnen zum Lesen geben.

Schauen Sie selbst.“

Dr. Prach-Zoltek öffnet erneut den Ordner und heftet ein paar Blätter aus, die sie dem Autor zum Lesen reicht, mit einer unbewußten, aber vielleicht deshalb überaus anmutigen Geste. Die Blätter sind ein maschineller Ausdruck. Die Zeilen sind – soweit erkennbar – numeriert, ein kryptischer Code zu Beginn jedes Absatzes. Der Autor liest nur den Text.

Autobahn. Zur Kunstmesse. Weiße Striche. Gespräch über Keilrahmen. Halten kurz an. Raststätte.

Ein kleiner Mann mit einer seltsam großen Nase und einem knorpeligen griesgrämigen Gesicht schenkt

Kaffee aus. Thermoskannenkaffee ist lauwarm. Ein langer Dünner mit Beatlefrisur stellt den Becher ab.

„Hey, SCM, habe gerade Ausstellung, mußt du dir angucken.“

Der Große mit der Nase bläst Luft in seine Backen.

„Muß erstmal zur Toilette.“

Fahren weiter. Ist inzwischen dunkel. Die Autobahn führt auf eine große Stadt zu. Gespräch über

Keilrahmen. „Ecken umschlagen.“ Der kleine Mann mit der großen Nase fährt.

„Soll ich hier abfahren. Soll ich hier abfahren?“ Er ist verzweifelt.

„Über Kreuz aufspannen.“

„Grundierung“

Der kleine Mann fährt weiter. Er ist unsicher. Er hat die Schilder nicht gelesen. Müssen umkehren. Falsche

Ausfahrt. Musik läuft: Peter Stone. While the sun is burning away.

3 Das Malfront-Interview

Er gibt Dr. Prach-Zoltek den Ausdruck zurück.

„So richtig bin ich nicht daraus schlau geworden…“

„Das dachte ich mir, dennoch ist es der Anfang. Durch die hohe Komplexität des Ganzen ist es besser, chronologisch vorzugehen. Denn das Geschilderte war wohl der Beginn des… ich möchte es mal

‚beschleunigten Erkenntnisprozeß’ nennen. Der überlieferte Text ist wahrscheinlich das erste Treffen und

Kennenlernen der beiden Maler BrushStrokePete und SeaOfColorMick, das dann zwei Jahre später, am 4. und 5. August 2003 in die unabhängige Künstlerinitiative Malfront einmündete. Dazu habe ich hier ein

überliefertes Interview von Mike Wassermann aus dieser Zeit.“

Sie blättert im Ordner, nimmt einen Presseartikel heraus. Mehrfach gefaltet. Mit einem großen Foto in

schwarzweiß, auf dem vor Bildern zwei Gestalten – die Maler – mit verschränkten Armen trotzig den

Betrachter anschauen. „Seite 8. Feuilleton und Vermischtes“ steht am oberen Rand des Zeitungsausschnitts.

Der Autor liest im Stehen…

Fragen von Mike Wassermann an SeaOfColorMick und BrushStrokePete zur Neugründung der unabhängigen Künstlerinitiative Malfront

MW:

MALFRONT – Was ist das?

BSP:

Malfront, das ist Malerei.

Und Malerei, das ist Leben.

SCM:

...Leben in einer sehr intensiven Form, durch Malerei transformiert.

MW:

Malerei ist der eine wesentliche Punkt. Und wo verläuft die Front?

BSP:

Die Front verläuft einerseits zwischen uns und der Leinwand, andererseits aber auch zwischen der

Leinwand und dem Betrachter.

SCM:

Die Front verläuft immer ganz vorn, direkt am Leben. Oft wird die Front überhaupt nicht wahrgenommen, da es – sicher auch durch die Erwartung an Medien – zu einer Zuschüttung der Sensibilität für Malerei gekommen ist.

Malfront will entschütten, denn die Malerei ist kein bloßes Medium und kein bloßer Inhalt, sondern steht vor allem auch für sich allein, eine eigenständige Seinsform, die, wie wir glauben, an der Front sich befindet...

MW:

Warum Malfront und warum gerade jetzt?

BSP:

Die Zeit ist reif für Malfront.

Es braucht einen neuen Gedanken für die Malerei.

Und die Malerei braucht eine erneute Befreiung von Malerei.

Ein Kind dieser Zeit.

SCM:

Maler an die Front!

MW:

Was unterscheidet eure Arbeit von anderen Standpunkten zeitgleicher Malerei?

BSP:

Unsere Arbeiten sind Seele.

Der Ausdruck von Befindlichkeit. Und eben Leben.

Viele unserer Zeitgenossen sind meines Erachtens nach ungeheuer verkrampft. Viele benutzen Malerei als

Datenträger für sinnloses Gepampel. Damit wird die Malerei vergewaltigt.

Das heißt, ich fühle viele zeitgenössische Werke als nicht unserer Zeit entsprechend, das ist bei Malfront anders.

SCM:

Die Eigenständigkeit des Ausdrucks ist ein gemeinsames Ziel. Natürlich gibt es immer Traditionen, sehr starke sogar, die sollen keineswegs negiert werden, vielmehr erscheint es uns wichtig, neue Spielregeln für die Malerei zu erkennen, ja sogar neu zu erfinden…

MW:

Beide geltet ihr bisher als Quasi-Außenseiter bezogen auf etablierte Kunstströmungen, als Enfant terrible in akademischen Hierarchien und als Querschläger im Kunstbetrieb. Wie geht ihr damit um?

BSP:

Es ist in der Tat nicht leicht als Enfant terrible. Eine Zeit habe ich gebraucht, Um das zu verarbeiten. Sehr bitter. Aber es bestärkt mich auch. und zeigt mir, daß Malfront wichtig ist und wichtig wird. Malfront ist die

Befreiung.

Inzwischen fasse ich es als Kompliment auf, mit meiner Malerei zwischen unfreien, starren, unbewegten und

ängstlichen Kunsterstickern unangenehm aufzufallen.

Wohlbemerkt störe ich mit meiner Malerei. Und mit nichts sonst...

SCM:

Die Eigenständigkeit ist ein wichtiges und verheißendes Gut. Die Kunstströmung strömt, wo Platz ist zum strömen und der Strom ist letztlich eine verdichtete Masse. Das sagt doch nichts über die Zusammensetzung des Wassers aus…

MW:

Hand aufs Herz, findet ihr eure Bilder gut?

SCM:

Logisch.

...ich finde sie zunächst mal notwendig, als Aufzeigen und Lösen von Problemen, die sonst nicht gesehen werden.

...und als Seinsform, die nur dank des Schaffensprozesses existiert.

BSP: (führt die Hand zum Herz)

Ja! Die Bilder sind gut!

MW:

Wann sind die Bilder besonders gut?

SCM:

Besonders gute Bilder sind die, welche sich Unbekanntem stellen, von ständigem Scheitern bedroht sind und sich aus der existentiellen Verzweiflung heraus aufrichten und losfliegen…

Übrigens gute Bilder können in allen Lebenslagen entstehen, objektive Kriterien sind mir nicht bekannt.

...oder ich habe versucht, sie als überflüssig zu vergessen...

BSP:

Ein Bild ist dann richtig gut, wenn es zeitlos, und doch in der Zeit ist.

Wenn man aus dem Bild lernen kann.

Wenn es Fragen hat, die faszinieren.

MW:

Zur Lösung welcher Probleme ist die Malerei eurer Meinung nach fähig.

BSP:

Die Malerei hat solange es sie gibt nicht wirklich etwas verändert. Ich spüre allerdings daß mir die Malerei

Kraft gibt. Die Malerei heilt mich.

Und es ist unsere Verantwortung, den Menschen die Möglichkeit zu geben sich an der Malerei heilen zu können. Ich würde mir wünschen, daß mehr Menschen diese Möglichkeit erkennen und nutzen würden.

Das wäre wundervoll.

SCM:

Um diese ihr gemäße Wirkung zu erreichen, muß die Malerei vor allem als Malerei gesehen werden

...und nicht als Transportmedium für Inhalte aller Art oder als Inhalt zur Füllung der Transportmedien.

...deshalb ist es unumgänglich, die volle Gültigkeit dieser verantwortungsvollen und komplexen Seinsform zu akzeptieren...

Malerei ist eben vor allem Malerei.

MW:

Seht ihr die Gefahr, als Maler durch den Filter bekannter Maler-Klischees betrachtet zu werden?

BSP:

Über so etwas mache ich mir keine Gedanken.

Zum Teufel mit den Klischees.

SCM:

...!

MW:

Mit nur zwei Künstlern gibt sich Malfront sehr elitär. Denkt Ihr künftig an eine personelle Erweiterung?

SCM:

Malfront ist offen für die Zukunft und durch keine Satzung oder ähnliches eingeschränkt. Wir sind kein

Verein oder sonstige Institution sondern eine Initiative, die sich auf privatem Engagement und Visionen gründet, da ist viel möglich.

BSP:

Einen großen Zufall wird es wohl brauchen, um Malfront zu erweitern, was ich prinzipiell begrüße.

MW:

Ihr glaubt an die Wirkung eurer Malerei. Wie wollt ihr es schaffen, daß andere Menschen daran glauben?

BSP:

Ja, wir glauben an unsere Malerei. Und ich bin davon überzeugt, daß dieser Glaube früher oder später ein große Zahl von Menschen erreichen und bereichern wird. Da mache ich mir keine Sorgen.

SCM:

Malen. Malen. Malen.

BSP:

Genau!

MW:

Zur Gründungsausstellung am 31. August: Mit dieser ersten Ausstellung und Aktion mit dem Titel „Schöne

Grüße von der Malfront“ tretet ihr erstmalig in der Öffentlichkeit als Malfront in Erscheinung. Die Bilder der Ausstellung sollen alle an einem Tag entstehen. Steht bei einer solchen Malaktion nicht zu sehr der reine physische Prozeß im Vordergrund und wirkt das nicht etwas unernst?

BSP:

Nein.

die physische Beanspruchung und Belastung, die zweifelsohne entstehen werden sind ein Teilaspekt. Eine neue Erfahrung. Denn über einen Zeitraum von einem Tag konzentriert zu malen. Das haben wir beide noch nie versucht.

Eine Herausforderung.

Denn gewöhnlich ist man nach einem höchsten zwei Bildern schon sehr geschafft. Aber im Vordergrund soll und wird das Malen stehen. Nicht unsere Physis.

Wir haben deswegen bewußt entschieden, den Besuchern den Zutritt zu der Aktion zu verwehren.

Eine Entscheidung für das Malen, und die Bilder.

SCM:

Die Schnelligkeit der Ausführung (übrigens nur eine scheinbare, die Vorarbeiten im Kopf haben längst begonnen) setzt den zeitlichen Rahmen für die Malaktion und betont gerade die Verantwortlichkeit für die

Malerei - daß nämlich der Prozeß eine konzentrierte Aussage ermöglichen soll und keine

Materialvernichtungsschlacht ist. Wir setzen keine Superlative, wie "so und so viel Quadratmeter Leinwand in so und so viel Stunden". Darum geht es nicht, das mögen andere tun.

Wir nehmen Malerei ernst.

Wir glauben an die Bedeutung von Malerei.

Malerei bedeutet.

Was sie bedeutet, daß ist herauszufinden oder vielmehr herauszumalen...

MW:

Wo soll’s in Zukunft hingehen?

BSP:

Wir werden einfach geile Bilder malen..

Man wird nicht an uns vorbeikommen.

SCM:

Die Malfront-Zukunft wird allen Betrachtern ein glückliches und erfülltes Leben bringen.

4 Der Tag bevor

Während der Autor im Stehen den langen Text las, hatte Dr. Prach-Zoltek auf dem einzigen Möbelstück im

Raum Platz genommen. Einem massiven Glastisch, der sonst zur Ablage des Beobachtungsprotokolls dient.

„Ich kann es mir sehr schwer vorstellen, daß die Maler, wie hießen sie noch mal, Piek und Goller, dieselben sind, die das Interview gegeben haben. Sie kündigen darin eine Art Künstlergruppe an, und eine Ausstellung.

Hat es die wirklich gegeben?“

„An der Identität der Maler gibt es nicht den geringsten Zweifel. Sehen Sie. Es gibt Fotos aus dieser Zeit, auf denen sie deutlich zu erkennen sind. Ebenso haben wir Genmaterial, Fingerabdrücke, Bluttests. Anhand der

Fotos haben wir Körperbau, Körperstruktur und andere äußere Merkmale, wie Pigmentflecken genauestens

über neueste Computerprogramme von unseren Spezialisten untersuchen lassen. Es gibt keinen Zweifel, daß die sich hier hinter der Glaswand befindlichen menschlichen Individuen die Maler sind, die dieses Interview gegeben haben. Das hat auch Mike Wassermann in einer Gegenüberstellung bestätigt. Die Ausstellung hat im

Übrigen wirklich stattgefunden, darüber haben wir gesichertes Material.“

Sie streift sich leicht durch die Haare, sieht den Autor herausfordernd an. So als wolle sie sagen: „Na, wollen

Sie das mal sehen?“

Der Autor wirkt abwesend, verharrt in der Mimik des zweifelnden Zuhörers. Er nimmt ein kleines schwarzes

Glas aus seiner Tasche, schraubt das Glas und den Metallfüllhalter auf, taucht ihn in die Tinte, drückt den

Mechanismus. Die Tinte strömt ein.

Der Autor macht jetzt wieder Notizen und versucht, die Begriffe einzuordnen.

„Malfront ist also die Künstlergruppe, das Interview so eine Art Manifest. Ich finde es teilweise unverständlich, aber auch visionär. So als ob sie eine Ahnung hatten, was passiert. Die Datierung des Artikels zeigt eine Veröffentlichung des Interviews am 30.8., also am Tag vor der Gründungsausstellung. Was ist dann passiert?“

„Das Interview ist zweifelsohne visionär, wie stark kann Ihnen allerdings noch nicht bewußt sein, jedenfalls nicht ohne die fehlenden Ereignisse. Sie sind sehr aufmerksam.“

Slawetta Prach-Zoltek zögert, ehe sie weiter spricht.

„Wir haben sogar noch eine andere Quelle über eben diesen Tag vor der Gründungsausstellung.“

Sie heftet diesmal wieder ein Blatt aus, was optisch dem ersten gleicht, mit den kryptischen Codes am

Anfang der Absätze. Und den Nummern an den Rändern. Der Autor setzt sich neben Dr. Prach-Zoltek auf die gläserne Tischplatte.

„Einige Quellen scheinen den gleichen Urheber zu haben…“

„In der Tat, so scheint es…”

Der Autor nimmt das Blatt und beginnt zu lesen.

Vormittags getroffen im Atelier. Leisten. Poch. Poch. Leiste. Prüfen. Ausmessen. Poch. Leiste. Poch. Poch.

Leiste.

Zeichnungen liegen überall. Raschel.

Aufspannen. Klack. Zieh. Klack. Zieh. Klack… Einsprühen.

„Fuck Arbeit, Mann“ schnauzt der große Hagere mit der hervorstehenden Nase. Der lange Dünne mit der

Beatlefrisur schlägt die Ecken wie Schweinsohren um. Sehr komisch. Fertig. Puhh.

„Ätzend.“ Sagt der Lange.

Eine Leinwand. Zwei Leinwände. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Inzwischen dunkel. Hände wund.

„Ich muß ins Bett.“

„Dann bis morgen.“

„Morgen zum Sonnenaufgang.“

„Nein, schon eher.“

„Um sechs.“

„O.K.“

„Schlaf gut.“

5 Der Tag

„OK. Sie bereiten die Malaktion vor. Seltsam, daß sie so geplant vorgingen. Bei dem Rumgeschmiere hinter der Glaswand kaum vorzustellen. Hmmh…“

„Rumgeschmiere ist nicht gleich Rumgeschmiere. Aber wie aus dem Interview ersichtlich, sollte es auch um

Befreiung gehen. Befreiung der Malerei meine ich.“

„Also, ähm, Sie meinen, daß sie genau den Zustand erreichen wollten, das ‚Rumgeschmiere’, verzeihen Sie mir den Ausdruck.“

Slawetta lächelt kurz.

Der Autor fährt fort: „Ja gut, es wirkt sehr spontan, irgendwie transformiert…”

„Malfront 1 war keineswegs spontan. Das Interview ist nur eine von vielen Quellen, die beweisen, daß

Malfront keineswegs spontan agiert hat, obwohl sie das Mittel der Spontaneität sehr stark in ihr Schaffen einbezogen haben.“

„Die Botschaft, die im Interview durchschimmert, wirkt ein bißchen abgedreht. Finden Sie nicht auch?“

Sie schaut auf die Uhr.

„Keineswegs, wie sich später herausstellte. Sagen Sie, es ist 13 Uhr, wollen wir gemeinsam etwas essen gehen? Wir haben hier ein ganz gutes Restaurant im Institut. Es ist vielleicht besser, Sie lassen die gewonnenen Informationen erst einmal setzen und wir machen dann später mit Malfront 1 weiter.“

Er ist einverstanden. Sie gehen. Sie geht voraus. Dabei muß sie dicht am Autor vorbei, der ihren Duft tief einatmet. Sehr tief. Ein Duft nach Meer und einem Feld aus Blumen. Die Maler malen hinter der Glasscheibe unbeeindruckt weiter. Slawetta und der Autor überqueren den großen Lichthof des Forschungskomplexes.

„Bei dem schönen Wetter können wir uns eigentlich nach draußen setzen.“

Sie ist einverstanden und läßt einen Tisch fertig machen. Die Bedienung nimmt die Bestellung entgegen.

Slawetta trinkt einen Fruchtdrink, der Autor ein Bier.

„Vorhin ist mir die rote Lilie auf Ihrem Schreibtisch aufgefallen. Ist Rot Ihre Lieblingsfarbe?“

Slawetta lächelt. Er sieht ihre geraden weißen Zähne. Er lächelt auch. Sie schlägt die langen Beine

übereinander. Slawettas marmorblasse Haut und ihre kühlen strengen Züge werden durch eine kaum wahrnehmbare Rötung ihrer hohen Wangen noch attraktiver.

„Bis vor kurzem war Blau meine Lieblingsfarbe.“

Er schaut durch ihre schwarze eckige Brille tief in ihre blauen Augen.

Slawetta weiter: „Aber seit die Maler bei uns sind, habe ich keine Lieblingsfarbe mehr. Selbst die Farbe scheint frei geworden zu sein. Ich sehe seit einer Woche täglich Bilder von den Künstlern. Und. Naja. Jetzt scheint es mir, als könne Rot blau sein und grün. Selbst Grau ist kein Grau mehr. Ach…“ Sie stottert. „Ich weiß nicht. Entschuldigung. Wie ist es bei Ihnen?“

Er sieht sie weiter lächelnd an, ihre Augen umspielen sich. Ja, denkt er, das Blau, genau das Blau Ihrer

Augen, manchmal etwas ins türkis spielend. Das ist meine Lieblingsfarbe, eine Farbe wie das Meer.

„Ich habe keine bestimmte Lieblingsfarbe“, sagt er.

Und manchmal ist es das Rot, denkt er weiter. Ein Purpurrot, ein purpurnes Rot des Weines, der durch ihre

Adern pulst… Er sagt nichts weiter, trinkt etwas, lehnt sich zurück. Slawetta versteht auch so die ungesagten

Worte und spricht langsam mit immer noch leicht geröteten Wangen: „Ich bin sehr hungrig.“

Sie trinkt jetzt ebenfalls. Aber nur einen kleinen Schluck. In der Sonne bemerkt er deutlich einen kleinen

Leberfleck auf ihrer linken Wange. Ein Akzent, der seine Fantasie anregt. Slawetta, denkt er,…

Die Bedienung bringt das Essen. Sie essen schweigend. Sie sind fertig. Der Kaffee. Slawetta schließt langsam die Augen und blinzelt genießerisch in die Sonne. Die Rechnung. Sie gehen allmählich zurück zum

Zimmer mit der Glaswand, wo sie den Ordner zurückgelassen hat. Sie ist sichtlich verwirrt. Immer noch schweigend, ohne ein Wort zu sagen, gibt sie ihm die nächsten Dokumente. Ausdrucke mit kryptischen

Codes vor jedem Absatz. Er liest laut vor.

Malfront 1 - Der Tag

Der Tag. Fing zeitig an. Früh raus. Wecker.

Pakraschrieschrohschrie. Kaltes blaues Morgenlicht. Auf zum Atelier. Jetzt kommt die schmiedeeiserne Tür.

Aufmachen und wieder zu.

„Moin.“

„Moin, Alter.“

„Siehst müde aus.“

„Hmmm.“

„Ein guter Tag, Mann.“

Kaffee. Der erste heute. Die ersten Sonnenstrahlen. Schwierig anzufangen. Noch dunkel. Erste langsame

Pinselstriche. SCM malt Käfer und andere Formen. Breiter Pinsel. Fünfteiliges Bild. Grün. Blau. Zwielicht.

BSP malt Kopf. Nur in Blau. Kobalt. Violettblau. Hellblau. Dunkelblau. Line in Blau.

„Morgen Jungs!“ Ein kleiner Kahlgeschorener mit großen buschigen Augenbrauen. Er ist der HHF, der

Haus- und Hoffotograf. Er heißt Dirk und trägt drei Taschen mit Fotoequipment. Er grinst. Schnauft. „Na, schon gemalt Jungs?“ Er hantiert mit Kameras, Filtern, Objektiven. „Diese Hose habe ich mir in Miami gekauft.“ Er fängt an zu fotografieren. Eine Serie. Er ist ein guter Fotograf. Mit Abstand der Beste.

Tropf. Sabber. Sabber. Tropf. Maria in Blau ist fast fertig.

Klick.

SCM legt die fünf Bilder auf dem Boden des Ateliers aneinander.

Klick.

BSP hängt das Bild an die Wand.

Klick.

BSP beginnt ein großes Bild: drei Akte nach Beuys. Eine Frau.

Klick.

Der große hagere Schwarze mit der Nase und dem jüdischen Profil schafft Strukturen. Ockerfarbene Felder.

Korn. Sonne. Grüngelb. Käfer. Hinten Wasser.

Klick.

BSP. Links oben anfangen. Rechts runter. Große frauenähnliche Figur. Brüste und Geschlechtsteile sind gut zu erkennen. BSP malt auf die Leinwand. Sie ist blau.

Klick.

Sonne scheint rein. Schön hell jetzt. Macht Spaß. Ein guter Tag zum Malen.

Klick.

HHF. War kurz weg. Weiter.

SCM spritzt auf das Bild. Doppelpunkt. Farbe.

Klick.

BSP holt sich eine Neue. Doppelpunkt. Leinwand.

Klick.

Noch eine. Zwei Köpfe. Noch mal. Zwei Köpfe.

Klick.

Es füllt sich. Grundierte weiße Leinwände stehen trotzdem noch überall herum. Farbe mischen. Weiß rein.

Klick.

SCM geht vom Bild weg. Schaut.

Klick.

Abwechselnd malt der lange Dünne zwei Köpfe Bilder. SCM schaut.

Klick.

SCM malt an dem Fünfteiligen. Verdichtung. Farbe rein. Komplementär.

Klick.

Malzeit. Kaffeepause. HHF hat Farbe an den Füßen. Kurz was essen. Schon fertig. Strengt an. Echt fertig.

Kaffee. Tiefpunkt.

Klick.

13.00 Uhr. Übelste Sonne im Atelier. Geht bergauf. BSP holt sich zwei Neue. Doppelpunkt. Leinwände. Stellt sie nebeneinander. Er fängt mit gelb an. Farbe mit viel Terpentin angemischt. Auf Plastiktüte von Aldi.

Große Bewegungen. Holt aus. Gestisch wie Sau.

Klick.

Spritzt auf die Hose aus Miami. HHF ist sauer. Auf beide Bilder parallel malt der lange Dünne.

Klick.

SCM malt auf zwei Neuen. Doppelpunkt. Leinwänden. Heftet zwei Tuscheskizzen an die Wand. Zeichnen auf

Leinwand. Szene entsteht. Schwarze Linie. Ölfarbe violett. Zwei Brüste. Eine weibliche Gestalt.

Geschlechtsteil ist deutlich zu erkennen. SCM malt weiter auf der Leinwand. Sie ist blau.

Klick.

BSP hat die zweite Farbe angemischt. Geht auf das Bild los. HHF hat Angst um eine Hose.

Klick.

Spritz. Klecks. Wucht. Auf die Leinwand. Stimmung gut. Plötzlich.

Klick.

Wusch. Wusch. Fechten mit Farbe.

Klick.

Zufällig herumliegende Pinsel. BSP und SCM. Fechtkampf mit Pinseln. Klecks auf BSPs T-Shirt.

Klick.

Gegenangriff. Hemd bunt. Treffer in SCMs Gesicht. Wusch. Wusch. Haha.

Klick.

Haha. Angriff. Parade.

Klick.

Scheinangriff. Pariert.

Klick.

Treffer. Rot. Klick.

Parade.

Klick.

Treffer... Musik von CD läuft. BSP Stone: This Is Rock’n’Roll Music.

Klick.

Angriff.

„Hey Jungs, nicht mehr viel Zeit.“ Sie malen weiter. Wusch.

Klick.

Strich. Platsch. Strich.

Klick.

Sind erschöpft.

„Es wird bereits dunkel“, sagt der HHF. Mit schwerer Hand bewegt SCM die letzten Pinsel auf der

Leinwand. Erschöpft. Jetzt noch aufhängen. Gäste kommen. SCM und BSP regungslos. BSP trinkt apathisch

Wein. Besucher. Malfrontkünstler liegen in der Ecke. Beine ausgestreckt. Leere. Gleichgültigkeit. Hände voll

Farbe. Es wird dunkel. Dunkel geworden. Fertig. Fetzt.

6 Das Fußbild

„Der ‚HHF’ hat die Fotos gemacht?“

„Ja, ein gewisser Dirkman war bei der Aktion dabei.“

„Sind die Fotos erhalten?“

„Ja, die Fotos liegen uns glücklicherweise vor.“

„Ach so?“

„Wenn Sie sie sehen wollen, können wir in den Vorführraum gehen. Wir haben Dias.“

„Gern.“

„Folgen Sie mir.“

Sie erreichen den Vorführraum. Ein völlig dunkler Saal mit drei Sitzreihen. Der Autor setzt sich nach vorn.

Das ist eine Angewohnheit von ihm. Im Kino, oder auch früher, bei Vorlesungen während des Studiums, setzte er sich immer möglichst weit vor.

Slawetta startet inzwischen die Projektion, nimmt eine Fernbedienung und setzt sich neben den Autor.

Eine Sachlichkeit durchströmt sie und läßt sie Gipfel der Selbstsicherheit erstürmen. Wie oft hatte sie um diese Sachlichkeit gekämpft, gerungen. Während der beiden Studiengänge, welche sie elegant und parallel durchzog in diesen trockenen, geisteswissenschaftlichen Fächern. Studiert, um ihrem elterlichen Chaos eine

Gegenkonzeption zu zeigen, um nicht so wie ihre alleinerziehende Schwester von eben diesem archetypischen Zigeunerchaos aufgelöst und schließlich verschlungen zu werden…

Sie erklärt zu den in einer Slideshow ablaufenden Bildern.

„Das sind die beiden Maler im Atelier von SeaOfColorMick bei den letzten Vorbereitungen. Bei

Sonnenaufgang fingen sie an zu malen.“

Der Autor kann sich nur schwer auf die spannungsreich fotografierten Bilder konzentrieren. Slawettas

Geruch: Nicht der Geruch eines Parfums. Nein. Ihr Geruch. Dieser Geruch wilder Blumenfelder, den er abwägend, geschichtenkonstruierend bis lüstern einsaugt. Wie zufällig berührt sie sein Knie mit ihrem als sie den Arm etwas hebt, um auf eines der Bilder zu verweisen.

„Sehen Sie, wie müde sie jetzt aussehen.“

Die Slideshow ist am Ende angelangt. Nur noch ein weißer, vom Projektor auf die Wand geworfener Fleck.

Der Autor objektiviert sich mühevoll.

„Wie waren die Reaktionen der Besucher auf die Aktion? Hatten die Freunde der Maler Verständnis dafür?

Im Dokument stand ja, daß eine Ausstellung folgte.“

„Es waren wohl sehr wenig Besucher auf der Ausstellung. Schätzungen zufolge circa 20. Reaktionen sind kaum bekannt. Man nimmt an, daß die Zahl der Sympathisanten eher gering war. „

„Wurden es später mehr?“

„Dazu habe ich Dokumente oben im Ordner. Es gibt auch noch eine Filmdokumentation. Ich würde vorschlagen, bei der Gelegenheit, einmal hier zu sein, das Video einzusehen.“

Slawetta tippt dem Autor mit dem Zeigefinger an die Schulter.

„Wie sieht es aus? Haben Sie Lust?“

Der Autor schluckt. Es laufen verschiedene Filme in seinem Kopf ab.

„Natürlich. Gern.“

Slawetta steht auf. Jede ihrer Bewegungen hat Eleganz und Schönheit. Sie läuft mit einer wahnsinnigen

Anmut. So leicht und schwebend als hätte sie Beine mit der grazilen Kraft eines Dressurpferdes.

Das Video läuft. Sie sitzt wieder neben ihm. Er spürt ein wachsendes Verlangen, sie zu berühren. Nur leicht.

Sie schauen auf die Leinwand. Vier Füße, die rhythmisch tanzend ein am Boden liegendes Bild malen. Dazu läuft Musik.

„Die Musik ist von einem Musiker, der sehr gut mit Malfront in Zusammenhang gebracht werden kann. Peter

Stone. Kennen Sie ihn? Das Stück heißt sogar ‚Malfront’.“

Sie schauen auf die Leinwand. Malende Füße. Schnelle Bildwechsel.

„Peter Stone – hmm – hab ich schon mal irgendwo gehört, kann ich jetzt nicht einordnen. Ich höre die verschiedensten Musikrichtungen an, habe eine große Sammlung. Ich zeige sie Ihnen gern mal bei

Gelegenheit.“

Das Video ist beendet, das Bild fertig gestellt.

„Was steckt eigentlich dahinter, hinter der Aktion mit den Füßen?“

„Dazu ist es ratsam, nach oben zu gehen, es existiert eine Dokumentation von Klara. Soweit ich weiß, ging es darum, Grenzen einzureißen. Zu schauen, was passiert. Ich bin nicht sicher. Kommen Sie, wir gehen.“

Als sie ‚Klara’ sagte, horchte der Autor auf. Sie gehen nach oben. Der Autor kann es kaum erwarten, daß ihm

Slawetta das Dokument zum Lesen reicht. Anmutig. Elegant. Mit Seitenblick aus ihren schattigen Augen.

Dafür ist er jetzt nicht empfänglich. Gierig nimmt er das Dokument und liest es schnell. Ja, Klara, die geheimnisvolle Quelle, wieder mit kryptischen Codes vor jedem Absatz.

Große Leinwand liegt auf dem Boden. Acht mal zwei Meter. Eintauchen in Farbe. Zehe voll Farbe. Saukalt.

Ende Oktober. Temperatur: Null Grad Celsius. Gasheizung im Atelier funktioniert nicht.

Eine heruntergekommene rauchende Gestalt mit fettigen Haaren filmt und friert.

Zehe voll gelber Farbe. Hüpf. Hüpf. Hüpf. Erste Striche. Kleckse. Schwerfällig. Fußspuren.

Die Gestalt macht Fotos. Es stört nicht. Wird nicht bemerkt. Die Maler tauschen die Plätze.

Farbgesabber. Hüpfen über Leinwand. Schema von Heizkörper. Stativ der Gestalt. Augen. Köpfe.

Die Gestalt raucht. Malende Füße sind warm. Die Gestalt schließt Türen zu, um Neugierige fernzuhalten.

Ungestörtes Weitermalen mit den Füßen. Die Maler tauschen die Plätze.

Blaue Farbe. Alle möglichen Farben, rot, lila, braun. Flächen mit dem Fußballen. Hüpf. Hüpf. Hüpf. Kurze.

Klammer. Konzeptionelle. Klammer. Überlegung. Mehr Farbe. Fläche. Hüpf. Hüpf. Hüpf. Plastikbehälter sind kaputt getreten, fliegen über das Bild. Drippingversuche mit dem Fuß. Farbe löst sich von der Zehe wie sie will. Landet auf Bild. Flap. Flap. Flap-Flupp. Schon zwei Stunden gemalt. Wildes Geschmiere. Sie

übermalen und malen weiter. Setzen Gemaltes fort. Sie denken nicht. Ein großes Boot entsteht.

Filmende Füße sind sehr kalt.

Das Hüpfen ist rhythmisch. Hüpf. Hüpf. Hüpf. Leinwand. Bild fertig. Es trocknet. Die Maler ziehen ihre

Socken und Schuhe über die bunten Füße. Wasser gibt es nur aus Flaschen. Sie schauen auf das Bild, wissen nicht, ob sie es gut finden sollen, aber fühlen sich gut.

7 Zeichnen bis der Arzt kommt

„Slawetta, jetzt aber raus mit der Sprache, was ist Klara?”

„Na, na, na, na.“ Sie zwinkert.

„Nun. Nur so viel: Klara war so etwas wie ein immer präsenter und dennoch für die allermeisten nicht wahrnehmbarer Diktator. Es ist noch zu unscharf.“

Unscharf. Aha. Der Autor beschließt abzuwarten. Im richtigen Moment würde sich das Puzzle vor ihm vervollständigen.

Hinter der Glaswand malen die Maler immer noch. Auch mit den Füßen. Richtig. Das war ihm vorhin gar nicht aufgefallen. Die Lösung mußte bei den Malern liegen. Eigentlich können nur sie alles beantworten.

„Ich würde gern mal versuchen, mit den Malern direkt zu sprechen.“

„Na gut, wie sie wollen, aber sie werden sehen. Aus ihnen wird man nicht schlau. Sie werden ihnen nicht antworten. Kommen Sie!“

Sie treten in den Raum der Maler. Diese unterbrechen ihre Tätigkeit keineswegs, malen weiter. Der Autor muß geschickt ausweichen, um nicht von einem Pinsel mit blauer Farbe getroffen zu werden.

„Slawetta“, flüstert er. „Wie heißt der Große mit der Nase?“

„Wen meinen Sie?“

„Na den da drüben, der gerade mit der blauen Farbe rumwirft.“

„Das ist SeaOfColorMick, der andere mit der großen Nase und der Beatle-Frisur, der gerade mit Rot und

Blau eine neue Farbe anmischt, ist BrushStrokePete.“

Der Autor wendet sich direkt an SCM.

„SCM, können Sie mich hören?“

SCM hält kurz inne mit dem Malen und dreht sich zum Autor. Er lacht.

„SCM, wie alt sind Sie?“

SCM nimmt seine Hand, streckt den Daumen aus, den Zeigefinger und unschlüssig den Mittelfinger, sieht fragend Dr. Prach-Zoltek an. Sie nickt ihm bestätigend zu. Er zeigt also drei Finger.

„Drei?“

Er nickt.

„SCM“, fragt der Autor weiter „weißt du, wie du hierher gekommen bist?“

SCM lacht, winkt den Autor heran. Der nähert sich mißtrauisch. SCM gibt ihm anstelle einer Antwort einen neuen Pinsel, taucht ihn in grüne Farbe ein und drückt ihm den Autor in die Hand, so daß das Grün sogar

über seinen Unterarm sabbert. Der Autor steht mit dem Pinsel da und sieht hilfesuchend und ratlos zu

Slawetta.

„Tun Sie, was Sie wollen. Ihre Gelegenheit. Die bekommen Sie nicht alle Tage.“

Der Autor beginnt zu malen, ein Männlein mit grüner Farbe an die Wand. Ja, das macht schon Laune, aber…

Wütend und genervt schmeißt er den Pinsel auf den Boden.

„So ein Scheiß, wieso malen die die ganze Zeit, wieso nicht mal aufhören. Immer nur malen, malen, malen.

Wo ist da der Sinn? War das schon immer so bei denen?“

„Natürlich nicht. Es hat sich in einem stetigen Prozeß so entwickelt.“

BSP malt den Autor an.

„Vorsicht!“

Zu spät.

„BSP, laß das!“

Voll auf das Hemd. Ärgerlich.

„Verdammter Mist. Ich muß hier raus aus diesem Käfig.“

„OK, kommen Sie, ich gebe Ihnen etwas Neues zum Anziehen.“

Der Autor sieht auf Slawettas wunderbaren Hintern und erschrickt leicht als sie sich plötzlich umdreht.

„Welche Größe haben Sie?“

Er sagt ihr die Größe, sie telefoniert, zwei Ziffern, ein neues Hemd wird gebracht. Er zieht sich das voll gemalte Hemd aus. Slawetta läßt ihren schattigen Blick über ihn gleiten und bemerkt seinen fast unbehaarten

Oberkörper. Sieht gut aus, denkt sie.

Das neue Hemd paßt. Zurück in medias res. Ach ja, das dauernde Malen.

„Hier schauen Sie sich das mal an.“

Sie reicht ihm die Ausdrucke des Dokuments. Er liest laut.

7.00

Beginn im Atelier. Zeichnungen von Einrichtungsgegenständen, Porträts und freien Motiven.

9.00

Gottesdienst in evangelischer Kirche. Von der Empore aus Zeichnungen von Organist, Pfarrer in Kanzel und der Gemeinde.

10.00

Brunch im Café gemeinsam mit einem Fotografen und einem Galeristen. Dabei entstehen zahlreiche

Zeichnungen mit und ohne Realitätsbezug: Blumen, Köpfe, Stilleben, Porträts, Interieur und Stadt. Versuch, häßlich zu zeichnen.

14.00

Akute Zeichenmüdigkeit. Zu Fuß in die 23. Etage des höchsten Gebäudes der Innenstadt. Zeichnungen der

Stadt von oben. Zufällige Gespräche mit interessierten Hotelgästen.

15.30

Zu Fuß durch die Stadt, auf verschiedenen Plätzen spontane Zeichnungen im Freien. Wut und Frust in informelle Zeichnungen gelegt.

16.30

Hauptbahnhof. Schematische und geschmierte Zeichnungen der Gleise und Bahnsteige. Motivationsmangel.

17.30

Atelier. Zeichnungen ohne Vorlage. Zeichnen ohne Antrieb.

18.30

Döner essen am Straßenimbiß.

18.45

Zurück im Atelier. Auslegen aller bisher entstandenen Zeichnungen, dabei werden alle Räume des Ateliers benötigt. Aus dem Eindruck heraus entstehen neue spontane Zeichnungen.

20.30

Fahrt ins Krankenhaus.

20.45

Verlassen des Krankenhauses und Zeichnungen vor Notaufnahme und Hubschrauberlandeplatz im Dunkeln

21.00

Erneutes Betreten des Krankenhauses. Mit dem Fahrstuhl in die 10.Etage: HNO-Abteilung. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen: Große Köpfe, Augen ganz oben, Zähne alle einzeln. Zeichnungen von den

Kinderzeichnungen entstehen.

22.00

Die Zeichnungen vernetzen sich zu Geschichten. Die Idee für ein Buch entsteht. Das Malbuch.

1.15

Der Arzt kommt. Stationsarzt HNO.

Rausschmiß.

Ende.

8 Die Ausstellung

„Was war das Ziel dieser Aktion?“

Slawetta überlegt kurz.

„Die Maler wollten unserer Recherche nach den Punkt des bewußten Denkens beim Zeichnen überwinden und herausfinden, was danach passiert. Besonderes Augenmerk legten sie darauf, häßlich zu zeichnen.“

„Ist ihnen das gelungen?“

„Ja, durchaus. Die Erkenntnis war, daß mit zunehmender Dauer des Zeichenprozesses ein Punkt kommt, an dem das bewußte Wollen aufhört, und eine psychische und physische Erschöpfung eintritt. Nach der

Meinung der Maler ist erst danach - bei fortgesetztem Zeichnen – eine totale Freiheit des Schaffens möglich.

Ich habe hier dazu ein aufgezeichnetes Zitat der Maler.“

Sie liest laut vor.

„Das Bild verliert seinen Objektcharakter und man lernt, dem Bild zuzuhören. Man wird selbst zur Linie.

Das Bild zeichnet sich.“

„Es scheint so, als hätten sie den Zustand erreicht und nicht mehr rückgängig machen können. Und seitdem:

Malen, malen, malen…“

Slawetta nickt bestätigend. Der Autor blättert in einem Ausstellungskatalog aus eben jener Zeit. Der Katalog erschien zu einer Ausstellung in Folge des 28.12.2003 und trägt den Titel ‚Häßliche Bilder’.

„Mmh, also rein formell sind alle der abgebildeten Arbeiten irgendwie häßlich. Solche Farbkombinationen: mintgrün und violett, wirklich, das tut weh und dann das deformierte Geschmiere. Aber irgendwie auch reizvoll. Oder?“

„Die Bilder sind sehr malerisch. Man muß nur die Schönheit in der Häßlichkeit erkennen.“

Slawetta neigt ihren Kopf leicht zur Seite. Abschätzend. Mit Kennerblick. Mit dem Blick einer Genießerin.

Ihr duftendes Haar, nur wenige Zentimeter vor dem Gesicht des Autors. Eine Strähne hat sich gelöst und ringelt sich rebellisch an ihrer Stirn vorbei. Die Hand des Autors handelt selbständig und streicht die Strähne zärtlich hinter ihr Ohr. Er zuckt zurück.

„Entschuldigung!“

Slawetta lächelt ihr bezauberndes Lächeln und errötet leicht.

„Ich bitte Sie.“

Sie streift sich noch einmal durch die Haare und befestigt die Strähne mit beiden Händen. Dabei fällt der

Blick auf Slawettas langen, kraftvoll schlanken Hals, den keine Kette stört. Wie gerne würde er jetzt diesen

Hals küssen. Der Geist des Autors formuliert die nächste Frage.

„Ich würde doch gern noch einmal auf die vorige Frage zurückkommen. Wie die Öffentlichkeit Malfront wahrnahm. Wie war zum Beispiel die Ausstellungseröffnung bei den häßlichen Bildern?“

„Ich lese Ihnen ein Dokument vor.“

Slawetta liest laut.

Der kleine Mann mit der seltsam großen raubvogelschnabelartigen Nase und dem knorpeligen griesgrämigen Gesicht ist auch da. Er schiebt einen Einkaufswagen. Würstchen, Käse, Klopapier. Er kauft ein Malfrontplakat und legt es zu den anderen Einkäufen. Der heruntergekommene Typ mit den fettigen

Haaren versucht, eine Flasche Wein zu öffnen. Schnattern der Besucher. Schnatter, Schnatter. Viele schöne weibliche Besucher. Sie versuchen, in engen Kontakt mit den Künstlern zu treten. Sie wollen Kinder.

Schnatter. Blah.

„Schönes Bild.“

„Häßliches Bild.“

„Mensch, lange nicht gesehen.“

„Wie geht es dir.“

„Ach so.“

„Na dann.“

Die Galeristin begrüßt die Gäste. Eine kleine Korpulente mit Glasauge redet. Sie heißt Melanie. Sie ist schön: „Am Beispiel einer Schnittwunde: Rot stimuliert, motiviert, aktiviert, explodiert. Sie malen jetzt.

Spuren. Mit gezügelter Energie.

Sie wollen die Welt retten. Siehst du mich. Du mußt traurig sein. Ich ritze. Atemstillstand, Notarztwagen,

Leichenhalle. Reingefallen. Ist nicht tödlich, tut nur ordentlich weh und lähmt. Mein Rücken wird kalt. Ich

sitz dann da, beziehungsweise hier. Ich bin jetzt nah bei dir, beziehungsweise mir. Wir haben uns gefunden.

Das ist kein Kuß, Atemspende. Prometheus sagen sie. Das ist kein Kuß. Laß die anderen. Du malst mich schön, beziehungsweise häßlich. Danke. Du malst mir Bewegungsfreiheit. Ich kann jetzt aufstehen, dankeschön, und dich mehr lieben als alle anderen. Dankeschön, daß es dich gibt, beziehungsweise mich.

Daß es mich jetzt gibt, beziehungsweise dich. Stop. Näher geht nicht.“

Alle hören gespannt zu. Alle klatschen. Stille. Ein langer Dünner mit Beatle-Frisur fängt an zu spielen. E-

Gitarre, Distortion, Wah Pedal. Er heißt Peter Stone. Kreisch. Jaul. Jaul. Wieuh. Wieuh. Gefidel. Kreisch.

Sextole. Tritonus… Die Zuschauer sind verblüfft. Noch ein Lied mit der Akustikgitarre. Er singt Sie ist blau.

Die Menschen klatschen. Die Zuschauer wollen Autogramme. Peter Stone küßt seine Gitarre. Mädels kreischen. Die Galeristin eröffnet die Ausstellung.

Plötzlich. Ein häßlicher alter Mann mit Lederhut drängt sich in widerwärtig aufdringlicher Manier zu den

Künstlern vor. SCM schaut gelangweilt auf sein Mobiles.

Der alte Mann stinkt „Das dämliche Geschmiere würde selbst meine Enkelin besser machen. Erklären Sie mal! Erklären Sie mal! Das soll Kunst sein?“

BSP trocken: „Natürlich.“

Der alte Mann läuft rot an. SCM langweilt sich. Er schaut auf die Uhr. Zeit zu trinken. Sekt alle. Rotwein.

Weißwein. Alle saufen. Zwei Stunden später. Alle sind besoffen. Alle haben sich lieb.

Orgie.

9 Serial Killers

„Orgie?“

„Ja, Sexorgie. Ach wissen Sie, was fragen Sie so etwas. Ich weiß auch nicht mehr darüber, als hier steht.“

Sie sieht jetzt streng und distanziert aus, findet er.

„OK, OK. Sie sagten vorhin, daß später die Kommunikation mit der Öffentlichkeit erschwert wurde. Durch wen oder was? Hat diese ominöse Klara was damit zu tun?“

„Das Dokument der Ausstellungseröffnung datiert noch vor der Entdeckung der Kappa-Strahlung und vor dem konkreten Bewußtsein von Klara. So hatte Klara zu diesem Zeitpunkt noch nicht in das Geschehen eingegriffen. Was sich später änderte. Wir nehmen sogar an, daß diese Orgie als nicht zielgerichtete

Frusthandlung zu verstehen ist, die aus einer Ahnung von Kappa-Strahlung entstand, mit der man nicht umzugehen wußte.

Dafür gibt es übrigens noch andere Beispiele, die bedeutende Parallelen aufweisen. In den 90er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gab es zwei Kettensägenmörder ‚Mick the Saw’ und ‚Pete the Edge’, die als ‚The worst case mass serial killers’ auf grausamste Art und Weise in die Geschichte eingingen. Wenn Sie mal sehen wollen.“

„Na, von denen habe ich schon gehört. Die Medien waren wochenlang voll davon.

Zeigen Sie mal, aah, ein nicht veröffentlichter Bericht des einzigen überlebenden Augenzeugen, wow, Sie haben wirklich gute Quellen, Slawetta, Respekt…“

Er liest laut, Slawetta unterbricht ihn.

„Bitte lesen Sie im Stillen. Ich kann es nicht noch mal ertragen. Es ist zu grausam. Bitte.“

Slawetta mit schmerzverzogenem Gesicht. Er liest leise.

Bericht des einzigen Überlebenden des ‚Massakers in der Oper’, welches durch ‚Mick the Saw’ und ‚Pete the Edge’ verübt wurde.

„An jenem Abend, den ich wohl nie vergessen werde, war ich mit meiner Frau, meinen beiden Söhnen und deren Frauen und Kindern im Opernhaus. Ein Konzert: Mozart. Ein weltberühmter Dirigent gab ein

Gastspiel. Die Oper war bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele Prominente unter den Besuchern. Ich saß auf dem oberen Rang und konnte alles gut überblicken. Die Besucher hatten Platz genommen, die Musiker fingen an zu spielen.

Das Orchester spielte gerade den zweiten Satz, ein leises, langsames Adagio, als plötzlich eine Tür am rechten Flügel des Saales krachte. Die Leute im rechten Flügel des Saales sahen sich erschrocken um, ein

Tumult entstand, doch alle erstarrten, als eine sehr große, dunkle Gestalt mit Bart wuchtig in den Gang trat.

Ich konnte nicht alles genau erkennen, es ging sehr schnell. Die Musiker sagten sich wohl ‚The show must go on’ und spielten einfach das Adagio weiter. Die Leute auf den Rängen und im linken Flügel, die bisher nichts weiter mitbekommen hatten, wurden aufgeschreckt als auf der anderen Seite des Saales erneut eine

Tür berstend aufsprang und eine weitere Gestalt sich zeigte.

Jetzt gerieten sie in Panik, manche standen auf, doch auf einmal waren wir alle wie gelähmt vor Entsetzen, denn die Gestalten hatten jeweils eine riesige Motorsäge in den Händen. Auch mir, obwohl ich saß, schlotterten die Knie. Die Musiker wußten jetzt nicht recht, was sie tun sollten. Die Oboen spielten weiter, als ob sie mit ihren Melodien das sich ankündigende Grauen vertreiben könnten. Andere hingegen versuchten hastig, ihre Notenblätter zusammenzupacken und die Instrumente. Ein seltsamer Moment der

Ruhe. Die Gestalten gestikulierten miteinander und riefen sich quer durch den Saal etwas zu. Es klang barsch befehlend und in etwa so wie ‚Du links!’. Ich fühlte, wie mein Hosenbein naß wurde. Vor Angst pinkelte ich ein. Sicher war ich nicht der Einzige, doch wer kann das jetzt schon noch sagen.

Sie starteten gleichzeitig die Motoren ihrer riesigen Kettensägen. Ein ohrenbetäubender Lärm zerriß unsere

Trommelfelle, verstärkt durch den modernen Akustikbau der Konzerthalle. Noch heute leide ich unter den

Ohrenschäden.

Nun, wir waren alle wie gelähmt. Bevor jemand reagieren konnte, hatte die erste Gestalt mit dem Bart die

Bühne erreicht, sprang mit einem gewaltigen Satz zwischen die Musiker und ließ unaufhaltsam die

Motorsäge kreischend kreisen. Was getroffen wurde, das wurde sofort zerteilt. Es fällt mir schwer, darüber zu reden. Die Instrumente, Violinen, Pauken, Baß, sogar das Klavier, zersprangen und flogen umher, ebenso die

Köpfe, Beine, Arme und Gedärme der unglücklichen Orchestermitglieder. Der weltberühmte Dirigent versuchte gestikulierend auf die Gestalt bis zuletzt einzureden. Umsonst. Mit einem Hieb zertrennte ihn der schreckliche Mörder längs in zwei Hälften, am Kopf ansetzend.

Inzwischen verrichtete der andere Komplize in den unteren Zuschauerreihen gründlich sein blutiges

Handwerk. Mit der Kettensäge, deren Sägeblatt so groß wie ein ausgezogener Eßtisch war, ging er nacheinander durch alle Reihen. Er hielt die Säge waagerecht und zersägte gleichzeitig die Zuschauer zweier hintereinander liegender Reihen. Er setzte tief an, so daß alle erfaßt wurden, egal ob groß oder klein.

Die Bestuhlung wurde dabei auch mit zu Kleinholz gemacht. Dazwischen diese schrecklichen grunzenden

Schreie: ‚Groah, du, komm her!’, die deutlich aus dem Sägelärm und den Angstschreien der Opfer heraus zu hören waren.

Blut spritzte überall und bedeckte den Boden der Oper und auch die Wände. Alles war voller abgetrennter

Gliedmaßen, auf denen die Mörder manchmal ausrutschten und dann wütend aufschrieen und um so heftiger drauflos mordeten. Wenn jemand zu fliehen versuchte, holten ihn die Mörder blitzschnell ein und zerschredderten ihn mehrfach in kleine Teile. Die rot triefenden Sägeblätter rasten noch durch die Luft, als längst alle tot waren.

Die Mörder hatten in wenigen Minuten gründlich gearbeitet. Sie schalteten die Kettensägen erst ab, als der letzte wimmernde Klagelaut verstummt war. In den unteren Reihen ein Meer von Blut. Wir hatten uns hinter der Brüstung des Ranges versteckt und versuchten, das ängstliche verräterische Atmen zu unterdrücken. Es half nichts. ‚Groah’, hörten wir. ‚Oben sind noch welche!’ ‚Los!’

Jetzt schrieen alle im Rang auf und eilten zu den Türen. Diese waren jedoch verschlossen. Einige

Verzweifelte sprangen herunter in den sicheren Tod. Wir waren starr vor Schreck.

Bereits draußen starteten sie die Motoren. Angstvoll sahen wir zu den Türen. An zweien drangen unerbittlich das Holz zersplitternd, die blutgebadeten Sägeblätter hervor. Die Mörder standen uns wenige Meter gegenüber. Sie waren bereits komplett blutbedeckt, sogar das Gesicht, welches sie oft mit dem Handrücken freiwischen mußten.

Dann ging es wieder sehr schnell. Ich befand mich plötzlich in einem Gewimmel aus Blut, Fleischbrocken und Knochensplittern. Ich mußte mit ansehen, wie meine ganze Familie getötet wurde und der abgesägte

Kopf meiner erst sechsjährigen Enkelin traf mich mit solcher Wucht an der Schläfe, daß ich in Ohnmacht fiel und zwischen die toten, noch warmen blutenden Leiber sank.

Ich kam erst mehrere Stunden später zu mir und mußte feststellen, der Einzige zu sein, der überlebt hatte.

Glauben Sie mir, mit dieser Erinnerung weiterzuleben ist das Schlimmste. Jede Nacht die Albträume, die höchstens eine Stunde Schlaf übrig lassen, ständig höhere Dosen von Antidepressiva und

Beruhigungsmitteln und die ständigen Psychotherapien. Jedes Mal, wenn ich eine Säge im Fernsehen sehe, habe ich tagelang Gleichgewichtsstörungen. Ich verfluche die Behörden, die es bis heute nicht geschafft haben, daß ‚Mick the Saw’ und ‚Pete the Edge’ gefaßt wurden.“

10 Das Dunkelbild

Der Autor ist fertig mit dem Text. Eine Weile Schweigen.

„Entschuldigung, aber was ich nicht ganz verstehe, was haben die Killer mit den Malern zu tun?“

„Kappa-Strahlung.“

„?“

„Die Gemeinsamkeit der Killer und der Maler besteht darin, daß sie alle vier individuell in der Lage waren,

Kappa-Strahlung überhaupt als solche Wahrzunehmen. Sie hatten die Gabe, dieses ich nenne es mal ‚Wesen der Beeinflussung’ als Fremdkörper und Feind zu erkennen. Die Killer hatten solch ernorme Angst vor der

Strahlung, daß sie scheinbar keinen anderen Ausweg wußten, als ihre Wut und Verzweiflung in so barbarischer Art und Weise auszudrücken und einzudämmen.

So sind die Killer auch Opfer, die einem sogar ein wenig leid tun, so hart das auch klingt. Hier wird auch sehr stark das Ausmaß und die Bedrohung durch Kappa-Strahlung deutlich.“

Schweigeminute.

„Was ist eigentlich aus ‚Mick the Saw’ und ‚Pete the Edge’ geworden? Hat man sie jetzt, nach immerhin zehn Jahren, fassen können?“

„Leider nicht. Obwohl man weltweit mit allen Anstrengungen nach den Serienkillern auf der Suche war, hat man sie erst acht Jahre später tot aufgefunden. Beide sind eines natürlichen Todes gestorben. Insgesamt zwanzig Jahre dauerte das gemeinsame Werk von ‚Pete the Edge’ und ‚Mick the Saw’. 24365 Tote in über

500 Massakern. Sie waren mit Abstand die kaltblütigsten und grausamsten Killer der gesamten Neuzeit.

‚Pete the Edge’ fand man auf einer einsamen Insel im Südpazifik. Die eigentliche Urwaldvegetation war in eine Art Skulpturenwald verwandelt. ‚Pete the Edge’ hatte die riesigen Bäume mit der Kettensäge zu

Holzplastiken verarbeitet – viele Gestalten und Köpfe über die gesamte Insel verteilt. Man fand ihn tot, lächelnd auf dem Rücken liegend.

Hingegen fand man ‘Mick the Saw’ in einem versteckten nördlichen Teil der Rocky Mountains. Er hatte einen kompletten Berg mit unlesbaren kryptischen Zeichen überzogen, die er natürlich mit der Motorsäge ausführte.“

Der Autor greift mechanisch nach seinem Zigarettenetui. Das bemerkt Slawetta.

„Sie können hier nicht rauchen.“

„Entschuldigung.“

„Wir können aber gerne auf die Terrasse gehen. Kommen Sie.“

Sie nehmen den Aufzug bis in Slawettas Büro, treten von dort auf die Terrasse. Unter ihnen streckt sich die

Stadt aus: Ein Häusermeer, teilweise geordnet, teilweise wirr, durchbrochen von einzelnen Fixpunkten –

Hochhäusern, deren Größe in der schon tiefer stehenden Nachmittagssonne ganze Karrees in Schatten taucht.

Durch alles schlängelt sich ein Fluß, der dem Straßenraster die Form seiner Windungen vorgibt.

Die Sonne scheint dem Autor ins Gesicht. Slawetta hat zwei Espresso und Eis kommen lassen.

„Es ist schön hier, finden Sie nicht auch.”

Slawetta trinkt einen kleinen Schluck.

„Ja, ich mag diese Stadt besonders. Hier schreibe ich fast alle meine Bücher. Wohnen Sie auch hier?“

„Ja.“

Sie tritt einen Schritt näher an den Autor heran und zeigt eine Richtung.

„Schauen Sie, da hinten wohne ich, gleich neben dem großen Platz mit dem Springbrunnen. Was ist mit

Ihnen?“

„Ganz in der Nähe. Dort, in der Straße, die von eben diesem Platz zum Park am Fluß führt. Wir sind fast

Nachbarn. Seltsam, daß wir uns noch nie gesehen haben.“

„Sehr schade“, sie stockt etwas. „Vielleicht ändert sich das ja.“

„Das wäre schön.“

Sie schweigen eine Weile. Der Autor raucht. Sie trinken den Espresso und genießen das Eis.

„Was machen Sie gern, wenn Sie nicht hier arbeiten?“

„Ach wissen Sie, ich bin sehr oft hier. Vielleicht zu oft.”

Slawetta läßt ihren Blick über die Stadt gleiten. Sie schauen sich lange und intensiv in die Augen.

„Und Sie, was schreiben Sie?“

„Vielleicht bald ein Buch über die Maler. Das hängt natürlich davon ab, wie viel sie mir noch verraten.“

Ein Lächeln.

“Sonst gelegentlich was für Zeitungen, früher auch Lyrik. Mein letztes Buch, ich habe das Manuskript vor kurzem erst fertig gestellt, ist übrigens ein Liebesroman.“

„Wer ist denn die Glückliche?“

„Es ist eine fiktive Geschichte, sehr verwickelt, sehr tragisch. Ich erzähle Sie Ihnen gern mal bei einem Glas

Wein, wie wär’s morgen?“

„Tragische Liebesgeschichten sind nichts für mich, davon habe ich genug.“

Das Glück. So oft gesucht, mit eisernen Geräten versucht zu Mauern zu formen, zu konstruieren und

zurücklassend nur die Bauanleitung, nicht aber die Kraft. Die Enttäuschung taucht wie ein gespenstischer

Blitz auf in ihrem Geist. Die düstere, bittere, die sie immer in die Arme der großen Glücksnegatorin getrieben hatte: der Begrifflichkeit. Sie, die Begriffe, sie riefen ihr immer zu: ‚Wir sind immer für dich da!’

‚Verschwindet, Begriffe!’, ruft sie zu dem Blitz in ihrem Inneren.

Slawetta öffnet ihre glatten dunklen Haare, durchstreift sie mit den Händen und bewegt verlockend ihren

Kopf, um die Haare in routinierter Bewegung sorgsam wieder aufzustecken. Der Autor sieht zur Seite. Über die Stadt. An Slawetta vorbei. Überlegt. Auf vielen der Hochhaustürme der Stadt fallen ihm Sende- und

Empfangsmasten auf. Slawetta erwähnte doch eine so genannte Kappa-Strahlung im Zusammenhang mit

Malfront. Werden Kappa-Strahlen womöglich auf dem Turm gegenüber gesendet, verstärkt oder irgendwas?

Und was hat Malerei damit zu tun? Er findet, daß Slawetta sich nun auch in diesem Punkt öffnen sollte.

„Sie sagten vorhin ‚vor der Entdeckung der Kappa-Strahlung’. Wann und wie wurde denn die Strahlung entdeckt?“

„Die Maler entdeckten die Strahlung nach dem ersten Dunkelbild. Am ersten März. Sie malten mit

Augenklappen unter Lichtabschluß ein gemeinsames Bild. Da die Kappa-Strahlung visuell übertragen wird, war es so möglich, Strukturen zu entwickeln, die von Klara unabhängig waren und die sogar selbst zur

Immunisierung vor Kappa-Strahlung führten.“

„Puuh, das sind echt viele Begriffe auf einmal, das muß ich erstmal verarbeiten. Also, das würde ja bedeuten, daß alle, die sehen können, von Kappa-Strahlung beeinflußt werden. Wie äußert sich diese Beeinflussung?“

„Alle, die sehen konnten, sind von Kappa-Strahlung beeinflußt worden. Auch Sie und ich. So ist es.

Zunächst einmal sind die Kappa-Strahlung und Klara seit fast vierzehn Tagen Vergangenheit. Es gibt also keine Beeinflussung mehr. Die Strahlung veränderte die Gehirnstruktur. Allerdings kaum spürbar. Sie hatten den Zweck, die Menschen ruhig zu stellen und gleichzuschalten. Sie führte zu einer tief liegenden

Unzufriedenheit der Menschen, war möglicherweise sogar Auslöser von Kriegen. Die Menschen sollten sich mit sich selbst beschäftigen.“

„Das also… Und wie wurden Kappa-Strahlen übertragen, ich meine, daß jeder Mensch erreicht wurde?“

„Kappa-Strahlung wird visuell übertragen. Es handelt sich um eine psychomagnetische Strahlung. Klara bediente sich zur Übertragung einem Netz aus Kunstobjekten. Vor allem Metallskulpturen und realistische

Ölgemälde, die vordergründig nur geschaffen wurden, um an öffentlichen Plätzen Kappa-Strahlen zu bündeln.“

„Waaasss?? Ist das wahr?“

„Allem Anschein nach, ja.“

„Wissen Sie, was das bedeuten würde? Und nicht nur für die Kunstgeschichte!“

Slawetta winkt ab.

„Wenn Sie wüßten.“

„Und die Kunstmessen, Museen, Auktionen?“

„Alle nur zu einem Zweck, nämlich um Kappa-Strahlung auszusenden. Man kann es kaum glauben, ich weiß.“

„Und die, die die Kunstobjekte schaffen, die Künstler und – oh Mann – was ist mit den Kunsthochschulen?“

„Die Hochschulen waren schlichtweg Knotenpunkte von Klara, um Kappa-Strahlen zu bündeln. Aus dem entstehenden Kreislauf konnte niemand entkommen, da die Kunstobjekte mit Kappe-Beeinflussung entstanden, um dann für sich zu beeinflussen.“

Der Autor nimmt schon die dritte Zigarette aus dem Metalletui, um seiner Nervosität Herr zu werden. Er fühlt sich plötzlich transparent.

„Gab es überhaupt Möglichkeiten, sich der allgegenwärtigen Strahlung zu entziehen?“

„Leider nicht sehr viele. Die Maler, die Kettensägenmörder, und wohl auch Ihr ‚Der-mit-dem-Wolf-malt’.

Sie alle haben über unterschiedliche Ansätze mehr oder weniger kappa-freie Strukturen geschaffen. Mit dem

Unterschied, daß die Maler sinnvoll damit umzugehen wußten und Bilder schufen, die auch andere immunisieren konnten. Deshalb waren die Maler eine große Gefahr für Klara. Die Killer hingegen waren durch das Morden teilweise immun, konnten andere aber nicht mit sich ziehen. Sie mußten ständig ihre erschreckenden Morde wiederholen und waren für Klara im Grunde keine ernst zu nehmende Gefahr.“

„Ahh.“

„Natürlich war jeder Blinde ebenso immun, was ihm ein glücklicheres Leben einbrachte. Wie paradox, oder?

Nur die Blinden wurden sich der Kappa-Strahlung nie bewußt, da sie sie nie kennen gelernt hatten.“

„Also waren die Maler die Ersten, die sich der Kappa-Strahlung bewußt wurden und ein Mittel fanden, sich dagegen zu wehren, zu ‚immunisieren’ wie sie sagten.“

„Das ist richtig. Die große Leistung der Maler bestand in der Bewußtmachung dieser Strahlung. Dem visionären und oft belächelten Glauben, die Welt verändern und verbessern zu können und dem Schaffen von

immunisierenden Bildern.“

„Wie haben Sie eigentlich zuerst bewußt die Strahlung abgeblockt?“

„Der Durchbruch zur Abblockung der Strahlen war wohl das erste Dunkelbild.“

„Das klingt interessant.“

„Ja, das ist es in der Tat.“

„Was ist damit gemeint, mit dem ‚Dunkelbild’?“

„Hier, lesen Sie.“

Slawetta gibt ihm das Dunkelbild-Dokument aus dem Ordner. Der Autor liest laut.

Großer dunkler Raum – kleiner heller Raum. Ein Gang dazwischen. Im hellen Farben anmischen. Mehr

Weiß. Wasser. Schal um BSPs Kopf. BSP sieht nichts. Dunkel. Tür. Tasten. Klinken. An der Wand entlang. Mit dem Finger. Lange Wand. Spürt Leinwand von etwa zwei mal vier Metern. Hören des Pinsels auf der

Leinwand. Eintauchen. In das Bild. Striche. Linien. Hören des Pinsels an der Wand. Klingt gut. Farben kann man hören. Lächeln auf dem Gesicht. Zurücktasten. Schal ab.

Ein virtueller Typ mit einer Kamera fotografiert inzwischen das Dunkelbild. Sein Name ist Sören. Ritzsch.

Klack! Er macht das Licht wieder aus.

SCM dreht eine Zigarette. Papier, Tabak, Filter, Feuer. Er raucht. Tiefer Zug. Farbe mischen. Etwas schwarz. Grau. Muß heller werden. Weiß rein. Schal an SCMs Kopf. Tasten zum Bild. Bewegung. Senkrecht waagerecht zeichnen. Figuren blind. Zurück.

Neue Farbe. Inzwischen fotografiert der virtuelle Typ wieder das Bild, indem er kurz den Raum beleuchtet.

Ritzsch. Klack! Dunkel. Im hellen Raum läuft Musik zum Anmischen der Farben: …cruel world…

BSP wieder am Bild. Pflap. Kleks. Krrrh. Platzsch. Farbe spritzt an die Leinwand.

Schichtwechsel. Foto.

SCM am Bild.

Schichtwechsel. Foto.

Mischen der Farbe. Tasten. Malen.

Foto.

Malen.

Schichtwechsel. Klack!

Mischen…

11 Der Besucher

„Sie haben sich also die Augen verbunden. Was ist danach passiert?“

„Mit dem Dunkelbild sind erstmals Kappa- und klara-freie Strukturen entstanden. Die Maler wurden partiell immun. Wahrscheinlich war das auch der Beginn der geistigen Verjüngung. Natürlich blieb das von Klara nicht unbemerkt. So ergriff Klara Gegenmaßnahmen, um die Maler von ihrem Weg abzubringen. Außerdem führte das Fehlen der Kappa-Strahlung, an die der Körper gewohnt war zu Nebenwirkungen. Diese

Insuffizienz führte bei BSP zu ständigen Schwellungen am Auge und bei SCM zu einer

Regenbogenhautentzündung mit sogar zeitweiliger Erblindung am betroffenen Auge. Sehr schmerzvolle

Angelegenheiten.“

„Slawetta, bevor Sie weitererzählen, lassen Sie bitte einen Begriff noch deutlicher hervortreten: Was kann ich mir unter Klara vorstellen?“

„Sie wollen es genau wissen. Das mag ich an Ihnen. OK. Also. Halten Sie sich gut fest. Das, was ich Ihnen jetzt erzähle, sind belegte Tatsachen: Klara ist eine Art Supercomputer außerirdischer Herkunft, der in mehreren Modulen um die Erdumlaufbahn kreiste.“

„Das darf doch nicht wahr sein, Sie glauben doch nicht etwa an solche Filme?”

Der Autor ist sehr verstört.

„Beruhigen Sie sich, es ist vorbei.“

Slawetta macht eine Pause und berührt den Autor kurz an der Schulter.

„Wir haben abgestürzte Teile des Computers gefunden. Sie sind größtenteils aus Materialien, die es auf der

Erde gar nicht gibt, oder besser nicht gab. Zum Beispiel ist der Computer kaum verglüht beim Eindringen in die Stratosphäre. Beruhigen Sie sich.“

Er beschließt mal so zu tun, als ob er ihr glaube, er ergreift in einem Impuls ihre Hand, schaut ihr in die

Augen.

„OK, Slawetta, meinetwegen. Es gab ihn also seit, was weiß ich wie lange schon, er ist nicht von hier und er

kontrolliert mit einem geschickt ausgetüftelten Netzwerk die Geschicke der Menschheit. Doch verzeihen

Sie, liebe Slawetta, wozu?“

„Klara wurde von Außerirdischen konstruiert, um Energie zu gewinnen. Ein riesiges Kraftwerk aus sechs

Milliarden Menschen – die Erde. Von jedem Menschen nur ein wenig kaum spürbar - lieferte riesige Mengen an Energie. Schwingungen, die die nicht körperlichen Außerirdischen scheinbar brauchten – zu was auch immer. Wie Moskitos – widerlich.“

Slawetta verlor für einen Moment ihren sachlichen Ton. Sie bemerkt, daß der Autor noch immer ihre Hand hält. Während Slawetta erzählte, hatte er sie fest gedrückt und gespürt, daß sie seinen Druck erwiderte. Sie kamen sich plötzlich vor wie die einzigen Menschen im großen weiten Universum, dessen Unendlichkeit ihnen die Herzen zusammenkrampfte. Der Autor sah das Schimmern in Slawettas Augen nicht. Er konnte nicht anders, küßte ihre Hand, fühlte sich unendlich einsam. Slawetta legte nur ganz kurz ihre Hand auf seinen Kopf, strich ihm leicht mit ihren schmalen langen Fingern durchs Haar.

„Ist das wirklich alles wahr, Slawetta?“

Sie nickte etwas traurig.

„Und wie ging es mit den Malern weiter?“

Slawetta schwieg, um den Moment nicht zu zerstören. Sie wirkte abwesend.

„Was, was sagten Sie?“

„Ach, ist jetzt nicht so wichtig.“

„Nein wirklich, ich beantworte sehr gern ihre Fragen.“

„Naja, die Maler. Wie ging es mit ihnen weiter?“

„Klara ergriff Gegenmaßnahmen. Als erstes wurde versucht, Besucher von der Ausstellung fern zu halten.

Was auch gelang. Dazu habe ich ein Dokument.“

Sie nimmt den Ordner und blättert.

„Da ist es.“

Der Autor liest laut.

Einladungen verteilen. Viele Einladungen. Rede vorbereiten. Musik. Sie hängen Bilder auf. Mit Zollstock.

Weinflaschen. „Noch was zum Knabbern da?“ Sie hängen Plakate auf. Verlängerung für Strom. Korken geht nicht raus. Der Heruntergekommene mit den fettigen Haaren bekommt die Flasche nicht auf. Bilder hängen nicht gerade. Kein Korkenzieher da. Galeristin übelst nervös: „Ich hab mir schon mal beim

Korkenreindrücken in den Finger geschnitten.“

Fenster werden geputzt. „Sackgang.“ Die Zeit ist ran. Sie stehen am Fenster. Niemand. Leere. Sie stehen am

Fenster. Niemand kommt. „So geile Bilder und niemand kommt hierher!“ „Fuck!“ Künstler sichtlich gefrustet. Rauchen.

Das Telefon klingelt. Ring. Ring.

„Kann leider nicht kommen. Wichtiger Termin. Vielleicht beim nächsten Mal. Dann klappt es bestimmt.“

Ring. Ring.

„Was? War das heute schon?“

Ring. Ring.

„Migräne. Hab meine Tage, kann leider nicht kommen.“

SMS.

„Komm vielleicht später, sitze noch beim Kaffee. Wichtiges Fußballspiel im Fernsehen.

SMS.

„Formel 1 und Grillwetter. Da kann man nichts machen.

Es fängt an zu hageln. Ring. Ring.

„Bei dem schlechten Wetter kann ich leider nicht kommen. Keinen Schirm dabei.“

Ring. Ring.

„Muß auf die Kinder aufpassen. Sybille hat heute Spätschicht.“

„Aber bring die Kinder doch mit.“

„Naja, ich muß noch einen wichtigen Brief empfangen.“

Anruf.

„Hier ist Ihre Mailbox. Sie haben eine neue Nachricht. Um Ihre Nachricht abzurufen, drücken Sie bitte die

1.“ – 1 – „Hallo BSP, hast du heute Abend schon was vor? Wie wär’s mit Kino? Ruf mich an.“ – „Wenn Sie diese Nachricht löschen wollen, drücken Sie bitte die 2.“ – 2.

Wein entkorkt. Künstler gefrustet.

Ring. Ring.

„Hallo, wie ist denn eure Ausstellung gewesen?“

„Die ist doch gerade jetzt, komm doch vorbei!“

„Was jetzt? Nein, geht leider nicht. Ich muß noch abwaschen und die Sanitäranlagen säubern, weil morgen meine Mama mit ihrem Neuen vorbeikommt.“

Trinken. Wein. Viel Wein.

„Irgendwie wird der Wein immer alle, egal wie wenige Leute da sind.“ Künstler gefrustet.

„Vielleicht kommt ja jemand von der Presse.“

Jetzt. Der Besucher kommt. Endlich. Er. Er heißt Lothar.

Er fragt: „Wo is’n die Toilette?“

„Tür hinten rechts, dann links“

„O.K.“ Der Besucher trinkt auch Wein. „Tolle Bilder.“

„Danke.“

12 Die Agentinnen

„Das war sicher sehr frustrierend für die Maler. Wieso wären die Besucher für Klara gefährlich gewesen?“

Die Besucher wären womöglich immunisiert worden. Somit hätten sie sich von Klara lösen können.

Außerdem hätte die Gefahr bestanden, daß immunisierte Besucher das Werk der Maler verstärkt in die

Außenwelt tragen und damit weitere Menschen von der Herrschaft befreien. „

„Verstehe. Klara wollte die Maler isolieren. Haben sie sich davon entmutigen lassen?“

Der Autor ahnt natürlich die Antwort, das Puzzle beginnt, sich zu vervollständigen. Schließlich sind die beiden ‚Dreijährigen’ im ‚Malkindergarten’ unten der lebende Beweis, daß alles konsequent weitergegangen sein mußte. Der Autor fühlt sich wie der Zuschauer eines Theaterstückes. Die Handlung – an sich bekannt – will Spannung erhalten und der Autor gibt sich dieser Spannung hin und er genießt es außerordentlich,

Slawettas Stimme zu lauschen, die jetzt gedämpft, irgendwo zwischen sachlich erklärend und beruhigend, ihm die Welt eröffnet, wie er sie noch nie gesehen hatte aber wie sie doch offenbar gewesen war. Er schließt sogar etwas die Augen, als sie weitererzählt.

„Das alles wirkte nicht aus der Sicht von Klara. Malfront blieb auf Kurs. So ließ sich Klara etwas Neues einfallen. Sie schickte jedem eine Frau nach ihren Wünschen, um sie vom Malen abzulenken. Sie verliebten sich also hoffnungslos. Paßt das zu Ihrem Buch? Lesen Sie.“

Sie gibt ihm ein Dokument. Er liest laut.

Es ist Sonntag. Die Maler sitzen wie so oft sonntags beim Brunch von zehn bis zwei bei Kaffee, Brötchen, warmem Essen. Der HHF, der sonst immer mit brunchen geht, ist heute erstmalig nicht dabei. Er hat kurzfristig abgesagt. „Wichtiger Fototermin, Jungs.“

Die Maler unterhalten sich.

„Gestern zwei große gestische Bilder gemalt.“

„Bei mir war es gestern die Schwarz-Weiß-Ebene.“

„Komm doch dann noch mal mit ins Atelier, da kannst du die Bilder gleich anschauen. Vielleicht fällt dir was ein dazu.“

„Ja, sehr gerne, du mußt auch mal wieder bei mir vorbeischauen. Es sind so viele Sachen entstanden in letzter Zeit.“

„Schade, daß bei der letzten Ausstellungseröffnung so wenig Leute da waren.“

„Naja, was soll’s.“

“Ich geh noch mal ans Buffet einen Kakao holen, soll ich dir was mitbringen?“

„Einen Kaffee, bitte.”

Die Tür des Lokales öffnet sich, zwei Frauen betreten den ansonsten wenig besuchten Raum. Die Augen der

Maler sind sofort auf die Frauen gerichtet. Sie könnten Schwestern sein, beide etwas überdurchschnittlich groß. Schlank, aber nicht dünn. Mit betonter Weiblichkeit. Sie setzen ihre Sonnenbrillen ab. Sehen sich im

Café um. Ein Tisch in unmittelbarer Nähe der Maler wird ausgesucht. Die Maler, die bis dahin viel im Café gezeichnet hatten, schauen jetzt die anderen Geschehnisse ausblendend auf die Frauen. Oft gibt es

Blickkontakt. Die Frauen sitzen den Malern direkt gegenüber. Eine der beiden hat hellblaue leuchtende, die andere tiefe dunkelbraune Augen.

BSP und SCM zeichnen wieder etwas. Porträts von den gegenübersitzenden Frauen. SCM zeichnet die Frau mit den dunkelbraunen, BSP die Frau mit den hellblauen Augen. Eine ganze Stunde geht das so. Nichts passiert. Die Frauen trinken Kaffee und Fruchtsäfte. Essen Brötchen mit Honig.

Die Frauen stehen gemeinsam auf. Sie nehmen ihre Fruchtsäfte und setzen sich an den Tisch der Maler. Der

Blutdruck und die Herzfrequenz der Maler steigen.

„Ich heiße Nasstassia”, sagt eine der Frauen zu SCM.

„Hallo, SCM. SeaOfColorMick.“

„Mein Name ist Elena”, sagt die andere zu BSP und lächelt.

„Hallo, BSP. BrushStrokePete.”

Stunden und Tage später.

BSP und Elena im Kino. SCM und Nasstassia am Strand. BSP und Elena im Restaurant. SCM und

Nasstassia gehen spazieren. BSP und Elena beim Schlittenfahren. SCM und Nasstassia kochen gemeinsam.

Die Maler malen nicht. Die Maler sind verliebt.

BSP und Elena beim Tango. SCM und Nasstassia lachend. BSP und Elena auf Fabrikdächern. SCM und

Nasstassia beim Baden.

Die Maler malen nicht.

BSP und Elena im Zelt. SCM und Nasstassia auf der Waldwiese. BSP und Elena in der Badewanne. SCM und Nasstassia in der Telefonzelle.

Die Maler malen nicht. Sind verliebt. Haben den Kopf nicht frei.

BSP und Elena in der Dachkammer. SCM und Nasstassia im Fahrstuhl. BSP und Elena im See. SCM und

Nasstassia unter der Dusche.

Es vergehen Tage, Wochen. Die Leinwände bleiben leer.

Monate später. BSP hat es satt, nicht zu malen. Er stellt eine leere Leinwand auf. Er ist nicht richtig da.

Trotzdem mischt er Farbe an. Er führt den Pinsel zur Leinwand. Plötzlich. SMS von Elena. BSP freut sich.

„Ich mach Schluß. Ich trenne mich von dir!“ BSP sinkt zu Boden und bleibt tagelang so liegen. Die

Leinwand bleibt leer.

Zur gleichen Zeit. SCM vor einer leeren Leinwand. Er schreibt einen Brief.

„Wenn ich dir jetzt schreibe, bin ich in einem bösen Traum gefangen. Ein bittersüßer Traum, der uns trennt.

In diesem Traum gabst du mir die Vorstellung des Endes. Doch gut. Gut, daß Träume Träume sind und wenn du diesen Brief liest, dann bin ich sicher schon erwacht und lache über so einen Traum.

Doch hat er auch sein Gutes, suche ich dich doch in jeder Pflanze, jedem leicht fliegenden Vogel, sogar die

Wolken versuchen, dein Lächeln nachzuahmen. Und nachts die Sterne, die vor dem tiefen Universum leuchten, so tief wie das Schwarz deiner Augen.

Wir liegen unter dieser schwarzen Decke und werden nicht müde, fantasievolle Worte zu tauschen.

Manchmal huscht eine Sternschnuppe vorbei, ein kleiner Vogel vor dem Blumenmeer der Widder, Skorpione,

Waagen und Krebse.

Und könnte dieses Sternschnuppenvögelchen mit seiner Bewegung Worte in den Himmel schreiben, sie wären alle an dich gerichtet. So wie dieser Brief und wenn wir uns wieder sehen, dann werden wir auf diesem Blumenmeer eng umschlungen tanzen…“

BSP wacht, den Pinsel in der Hand haltend und mit bedrückender seelischer Befangenheit auf dem Boden seines Ateliers auf. Er ist nicht in der Lage, klare Gedanken zu fassen. In einem geistesabwesenden quälenden Zustand der Sehnsucht sitzt er stundenlang in einer Ecke des Ateliers. Als es Nacht wird, betritt

BSP bleich zum ersten Mal seit Wochen die Straße vor dem Haus, um frische Luft zu atmen. Er hat mehrere

Kilo abgenommen und scheint sehr hager. So läuft er eine Zeit durch gelbes halbdunkles Laternenlicht. Auf der anderen Seite der Straße läuft SCM, einen Brief in den Händen haltend. Er sieht dünn aus und wirkt zusammengefallen und trostlos.

„SCM“, ruft BSP leise.

Die Maler treffen sich zum ersten Mal seit Monaten.

„Was machst du hier?“

„Du siehst unglücklich aus.“

„Du auch.“

„Wenn du mir deine Geschichte erzählst, erzähl ich dir meine.“

Die Maler sitzen auf dem Bürgersteig und erzählen. Stundenlang analysieren sie.

„Was soll ich jetzt machen.“

„Ich bin am Ende.“

„Sie hat einen Neuen.“

Sie schaffen den Brief weg. Der Morgen graut.

„Ich habe seit Tagen nichts gegessen.“

„Ich auch nicht.“

„Es geht nicht.“

„Eßblockade.“

Sie gehen in eine gerade öffnende Pizzeria und bestellen nur eine Pizza.

„Wir müssen die Pizza schaffen.“

Jeder der Maler hat eine halbe Pizza vor sich und obwohl sie sehr lange Zeit nichts gegessen haben, kämpfen sie mit jedem Bissen. Dann laufen die Maler antriebslos und langsam durch die sich füllenden

Straßen. Sie passieren einen An- und Verkaufsladen. SCM kauft einen Barhocker. Mit dem Barhocker ziehen sie weiter.

„SCM, wir sind so unglücklich verliebt, dabei gibt es etwas, was uns nie im Stich gelassen hat, und was wir im Stich gelassen haben: die Malerei!“

„Du hast Recht, BSP!“

13 Das Angebot

„Sie haben sich also aus ihrer mentalen Abhängigkeit befreit und weiter gemalt. Welche Wirkung hatte

übrigens der abgeschickte Liebesbrief?“

„Bei der nächsten Malfront-Ausstellung ist SCM von einem Mann zusammengeschlagen worden. Wir nehmen an, daß es der neue Freund von Nasstassia war, der den Brief wohl mit Absicht gefunden hat. BSP, der ihm helfen wollte, hat es ebenfalls getroffen.“

„Das tut mir leid, na ja, wenigstens haben sie zur Malerei zurück gefunden. Hat Klara dann noch mehr versucht, um sie am Malen zu hindern?“

„Ja natürlich, aber lassen Sie uns erst einmal wieder nach unten gehen, mir ist etwas kalt.“

„OK.“

Slawetta und der Autor fahren mit dem Fahrstuhl zur Etage, wo sich die Maler befinden. Als sie herein gehen, ist gerade viel los. Arbeiter tragen die riesengroßen vollgemalten Leinwände heraus und montieren neue, weiße Leinwände an Wänden, Decke und Fußboden der Maler-‚Zelle’. Die Maler wurden während des

Leinwandwechsels in einen Ersatzraum gebracht. Auch mit Malmaterial. Logisch. Slawetta blättert wieder im Ordner.

„Die Bilder werden in Museen gebracht und dreimal am Tag gewechselt.“

„Wirklich schade, daß die Maler davon nichts mehr mitbekommen.“

„Das würde ich o nicht sagen, was glauben Sie, was ein Dreijähriger so alles mitbekommt.“

Slawetta lacht.

„Was denn zum Beispiel?“

„Haben Sie Kinder?“

„Einen Sohn, er ist jetzt sieben, ich sehe ihn leider nur selten. Er lebt mit seiner Mutter in einer anderen

Stadt. Und Sie?“

„Nein, aber ich hätte gern welche. Am liebsten zwei. Bis jetzt habe ich zu viel Zeit für die Arbeit hier investiert.“

Der Autor mustert sie noch einmal und hat den Eindruck, daß ihre Augen jetzt besonders leuchten. In solchen

Momente scheint es ratsam, sich doch auf die Arbeit zu konzentrieren.

„Haben Sie viel Zeit mit den Malern verbracht?“

„Ja, sehr viel. Seit die Maler hier sind mindestens zehn Stunden täglich. Sieben Tage die Woche. Die Arbeit mit ihnen macht sehr viel Spaß. Manchmal habe ich das Gefühl, es seien meine Kinder. Bitte sagen Sie das niemandem. Versprochen?“

„Wenn Sie mir schon nicht verraten, wie es mit Klara und den Malern weiterging, da könnten Sie mir wenigstens vertrauen…“

Ja, der Autor kann sehr charmant lächeln. Auch Slawetta lächelt und hakt energisch nach.

„Beantworten Sie mir meine Frage!“

Der Autor besänftigend und mitspielend lächelnd.

„Natürlich verspreche ich Ihnen dass. OK. Und Sie verraten mir, wie sich Ihre Kinder in diesen Zustand gebracht haben.“

„Die Doppelagentinnen hatten die Maler eine ganze Zeit vom Malen abgebracht. Als es dennoch weiterging, machte Klara den Malern ein, wie ich sagen muß, verlockendes Angebot.“

Slawetta blättert wieder im Ordner

„Hier!“

Der Autor liest laut.

Malfront in 20 Jahren, wenn sie sich nicht für die Weltrettung geopfert hätten.

Das Meeresrauschen vermischt sich mit dem Gesang der Zikaden. Von einem azurblauen Himmel hebt sich die mehrstöckige Strandvilla gut ab, thront terrassenförmig über dem Meer. Hinter einem videokamera-

überwachten und von zwei Bodyguards beschützten Eingangstor windet sich ein aus feinstem Marmor gelegter Weg. Er führt über mehrere Brücken, vorbei an Seen und Flüssen. Nahe des Hauses ist ein

Swimmingpool in Größe eines ganzen Tennisplatzes. Er wird von einem Wasserfall gespeist.

SCM liegt entspannt am Pool. Er wird von drei jungen, nackten, verdammt geilen Frauen bedient.

Nachlässig dreht er seinen Kopf nach links – in der einen Hand einen Cocktail, in der anderen die brennende Zigarre.

BSP schwimmt im Pool. Aus dem Wasser tauchen verdammt geile Frauen auf.

„Na, heute schon gemalt?“

„Nein, ist erst zwei. Gerade aufgestanden.“

„Lust auf eine Malaktion?“

„Ja, gut, warum nicht. Die Mädels im Malsaal sollen inzwischen schon mal die Keilrahmen aufspannen.“

„Und sie sollen den HHF holen.“ BSP wird abgetrocknet. Ein Bademantel kommt. „Was meinst du, Alter, vorher noch was essen?“

Sie gehen in den Saal zum Speisen. Die Köchinnen waren bereits angewiesen. SCM, BSP und die wichtigsten

Hauptfrauen sind im Saal. Es sind ungefähr 100 Personen.

Erster Gang: Himbeersahne mit Krokodilstränen.

Zweiter Gang: Pandabärensuppe.

Dritter Gang: Schneeleopardenleber mit gefüllten Kirschen. Handentkernt.

Vierter Gang: Fischottersteak

Fünfter Gang: Farbfaltersorbet.

Die angestellten Konditorinnen – sie sind sehr gut, mit Abstand die Besten – bereiten das Dessert vor…

Alle sind satt. Begeben sich zum Malsaal. Die Zuschauerränge füllen sich. Numerierte Plätze. Aus einem

Kindergarten ist gelegentlich entferntes Schreien zu hören. Aus einer Wand kommt etwas herausgefahren. Es ist groß. Von der sehr hohen Decke des Saales fährt eine Vorrichtung herunter. Es ist gleißend hell. Fast lautlos bewegen sich die riesigen Module. Das untere Modul öffnet sich. Es wird noch heller. Zwei

Roboterarme fahren vom oberen Modul heraus, um zwei goldene Pinsel von roten Kissen zu heben. BSP und

SCM stehen vor den Leinwänden, den rechten Arm ausgestreckt. Die Pinsel werden mit Farbe betupft.

Automatisch. Die Pinsel gelangen direkt in die Hände der Künstler.

Sie malen.

Eine Minute.

Zwei Minuten.

Sie signieren – alle klatschen. Kunsthistoriker fangen unverzüglich an, über die Bilder zu schreiben. Die beiden Bilder – schon vor Jahren verkauft - werden sofort von Museen abgeholt, und durch Spezialteams zu den mehrfach gesicherten Transportfahrzeugen gebracht, die unten auf dem Sonderparkdeck warten. Die

Pinsel werden zurückgefahren. Die gutaussehenden Künstler werden von Frauen hinausgetragen.

14 Wer zuerst kommt, malt zuerst

Der Autor muß ein Grinsen unterdrücken und denkt: „Diese Idioten, das Angebot abzuschlagen ist total blöd und verpeilt.“

Er sagt augenzwinkernd: „Also ich wäre sofort darauf eingegangen.“

Slawetta zieht zornig ihre Brauen zusammen. Dabei bebt ihre Nase leicht. Das steht ihr gut.

„Sie wären darauf eingegangen, ja?“

„Na logisch, wer könnte das denn abschlagen?“

„Wenn man bedenkt, daß die Maler mit ihrer Entscheidung zusätzlich noch bewußt ihr Erwachsensein aufgegeben haben, dann haben sie viel, viel Mut bewiesen“

Slawetta spitz und auffordernd: „Das hätte ich Ihnen auch nicht zugetraut.“

„Vielleicht ja doch, immerhin finde ich die Möglichkeit, zehn Stunden täglich mit Ihnen zu verbringen,

überaus reizvoll…“

Slawetta strahlt.

„Sie schmeicheln mir.“

„Keineswegs, ich sage nur, was ich denke.“

„Entschuldigen Sie mich kurz, ja“

Sie geht zur Toilette.

Der Autor sieht zu den Malern durch die Glasscheibe. Der Raum ist jetzt fertig mit neuen Leinwänden ausgekleidet und sie werden hereingebracht. Sofort fangen sie wieder an zu malen. Puuuh, schon wieder. Der

Autor blättert etwas im Ordner, der noch offen auf dem Tisch liegt. Er blättert ziellos hin und her, läßt die

Blätter durch seine Finger gleiten, riecht an ihnen. Er ist süchtig nach dem Geruch bestimmter Papiersorten.

Wenn er ein Buch kauft, kann der Geruch des Buches beim Durchblättern die Kaufentscheidung beeinflussen.

Beim Blättern findet er in weiters Dokument, was er bisher noch nicht gesehen hatte. Er will grade anfangen zu lesen, da kommt Slawetta zurück. Sie bemerkt sofort das betreffende Dokument.

„Was suchen Sie in den Dokumenten, dieses wollte ich Ihnen eigentlich nicht zeigen.“

Sie schaut mit einem sehnsüchtigen Blick über den Autor. Überprüfung. Tatsächlich. Sehnsüchtig kann stehen bleiben.

„Nun lesen Sie schon! Es läßt sich vor Ihrer Neugierde ja doch nichts verstecken.“

Der Autor liest laut.

Die Maler stehen mit acht geilen Frauen am Strand eines großen Sees. Alle sind nackt. Sie rennen ins

Wasser. Die acht Personen schwimmen gemeinsam auf eine schwimmende Insel zu. Sie erreichen die Insel.

Auf der Insel stehen acht Eimer mit Farbe bereit.

Die Maler reiben die Frauen ein. Mit jeweils einer Farbe. Die Hände der Maler sind überall. Auf den

Brüsten. An den Beinen. Am Rücken. Zwischen den Beinen der sechs Frauen.

Die Frauen reiben die Maler mit Farbe ein. BSP wird weiß eingerieben und SCM mit Schwarz. Die

Genitalien werden besonders intensiv eingerieben.

Die Frauen sind jetzt grün, rot, gelb, violett, blau und orange.

Die acht Personen wälzen sich auf der Leinwand.

BSP mischt sich mit den Farben. Die rote und gelbe Frau reiben sich aneinander und küssen sich mit der

Zunge, dabei entsteht ein neues Orange. Die grüne Frau kniet vor SCM und beginnt an seinem erigierten

Schwanz zu lutschen. BSP wälzt sich mit der blauen Frau. Sie küssen und fingern sich. Die rote und violette

Frau bedienen BSP mit dem Mund, während SCM abwechselnd die gelbe und grüne von hinten fickt.

Die blaue Frau schaut erregt zu und macht es sich inzwischen selber. Sie liegt am Rande der Leinwand mit gespreizten Beinen. Mit der einen Hand spreizt sie leicht ihre rasierten Schamlippen, während sie mit der anderen Hand gefühlvoll in ihre Furche gleitet und mit dem Mittelfinger an ihrem Kitzler reibt.

Die orangene Frau kniet mit gespreizten Beinen über BSPs Mund. Er saugt an ihrem Kitzler.

Man hört Geräusche wie „Ja!“, „Ja!“, „Gib’s mir, du geile Sau!“, „Aaahhh!“, „Tiefer!“, „Jaaaaa!“.

Die violette Frau beginnt, sich von SCM in ihre enge feuchte Möse fingern zu lassen. BSP winkt die blaue

Frau zu sich heran, um seinen Schwanz zwischen ihre geilen Brüste mit den straffen Nippeln zu schieben.

Ein Dampfer fährt vorbei und erzeugt Wellen, welche die Schwimminsel zum Wackeln bringen. Das Wackeln verstärkt die Geilheit. Die Passagiere des Dampfers sind alle an Deck und schauen zur Insel. Es sind

Geräusche zu hören wie „Fick mich, du Schwein!“, „Jaaaah!“, „OOOOHHHH!“, „Leck mich!

Die Protagonisten des Schauspiels nehmen eine neue Stellung ein. SCM liegt auf der Leinwand. Er leckt die orangene Frau, während die rote mit ihren Lippen an seinem Penis lutscht. BSP, der auch auf der Leinwand liegt, fickt die Rote, die SCM leckt, inzwischen von hinten. Die rote Frau bildet eine Art Brücke. BSP spielt mit der Zunge an dem Kitzler der blauen Frau, die er mit dem Mittelfinger der linken Hand gleichzeitig fingert. Mit der rechten Hand befriedigen SCM und BSP jeweils die gelbe und die grüne Frau. Die blaue

Frau, die von BSP geleckt wird, leckt ihrerseits die violette Frau.

Es sind jetzt Geräusche zu hören wie „Aaaaah, Aaaah, Aaaah!“, „Mmmmh.“, „Das ist gut, das ist gut.“,

„Weiter, jaaaa!“, „Weiter!“.

Sie erreichen gemeinsam einen Höhepunkt.

Sie erreichen gemeinsam einen zweiten Höhepunkt…

Das Bumsen und Ficken ist beendet. Die acht Personen stehen am Rande der Leinwand und schauen auf das

Bild.

„Gestisch wie Sau.“

„Sensibel ausgeführt.“

„Sehr gutes Bild.“

„Ich bin hoch zufrieden.“

Die Protagonisten schwimmen befriedigt zum Strand zurück.

Während des Lesens konnte der Autor nicht vermeiden, daß seine Stimme vibrierte. Sonst war er ein sehr cooler Vorleser, bei den wenigen Lesungen seiner Bücher wirkte er immer sehr kontrolliert bis unterkühlt.

Auch hatte er die Lautstärke seiner Stimme gesenkt, als er bemerkte, daß Slawetta unbewußt auf der

Tischplatte hin und her rutschte und ihre Augen mit fiebrigem Glänzen an den Lippen des Autors hingen.

„Was meinte denn Klara dazu?“

Slawetta, die sich ihrer selbst in diesem Moment bewußt wird, erschrickt versteckt über ihre Erregtheit und versucht sich zu fangen.

15 Die Dunkelkammer

„Dieses Dokument ist zeitlich nicht einzuordnen. Wir können also nicht sagen, ob es eine Reaktion von

Klara gab.“

Der Autor bemerkt, daß Slawettas Pupillen geweitet sind. Als er das Dokument zurückgibt, ist ihr Gesicht sehr nah, er kann ihren Atem spüren. Ihre feuchten Lippen, nur wenige Zentimeter entfernt. Da entwindet sie ihm das Dokument und steht schnell auf, heftet es ab, wobei sie gleich ein neues herausnimmt.

„Sie wollten doch wissen, wie es weiterging. Trotz des Angebotes von Klara malten die Maler weiter. Um sich vor allem in der Malerei zu lösen, entstand die Dunkelkammer. Hier, bitte.“

Sie gibt ihm das Dokument.

BSP und SCM haben Augenklappen aufgesetzt. Alles schwarz. Tasten nach Farben, die zufällig angeordnet bereit stehen. Wo sind die Wände. Immunität.

[Gesprächsprotokoll]

„Male jetzt so eine Art Feuerwehrauto.“

„Hoffe, ich hab kein Weiß.“

„O.K. ich mal jetzt links weiter.“

„Neongrün verteilen… „

„… noch mal Farbe holen…erstmal die Scheiß Heizung finden.“

„ alles voller Punkte…“

„Jetzt hab ich mich grade nach meinem Tod gesehen. Alles Grün. Alles Neongrün.“

„… paar Akzente setzen“

„… Absinth.“

[von vorn:]

Der Tag fing beschissen an. Es war ziemlich warm. Gespräch über Meinungen. Geisteswissenschaftlicher

Diskurs. Noch Einladungen verteilen. Gehetzt. Halt.

„Kennen Sie schon die Dunkelkammer?“

[noch mal von vorn]

„Hallo SCM, hast du Farben mitgebracht?“

„Hier BSP.“

„Gar kein Grün dabei.“

„Hmm, laß uns schnell noch mal zum bArt-Service fahren.“

„OK.“

Teuer. Zu teuer.

„Wieviel Rabatt bekommen wir?“

„Beim Boesler krieg ich das viel billiger.“

„ Mist.“

„Was soll’s.“

Zurück im Raum. Sie ziehen die roten Overalls an. Die Wände des Zimmers, es ist leer, sind komplett mit

Leinwänden behangen.

Trockenübung ohne Farbe. Abschreiten des Raumes. Schritte – links. Schritte – drei –rechts. Vorn. Achtung.

Sie schirmen sich vor der Kappa-Strahlung ab.

[Scheiße!]

Farbe steht bereit. Sie wissen nicht, welche. Sie nehmen einfach jeder eine.

„Was ist, wenn wir jetzt mit Weiß malen?“

„Einfach malen!“

„Scheiß drauf.“

Typ mit rotem Overall läuft gegen Fenster.

„Autsch.“

Wo ist die Farbe? Sie haben je einen Topf in der Hand. Mit Farbe. Klecks. Sabber. Tropf.

Klick.

Eine Frau fotografiert.

[nicht gut, aber was soll’s]

„Bin einmal rum.“

Sie tauschen die Farben aus, um nicht zu wissen, wo welche sind. Ein Typ mit rotem Overall.

Klick.

Noch ein Foto.

„Ich hab mir gerade meinen Tod vorgestellt.“

„Wie sah das aus?“

Farbe. Klecks.

„Noch mal voll rein.“

Tasten an imaginärer Wand. Wand noch entfernt. Stückweise. Endlich. Ausholen. Oben. Unten.

„Hey mann!“

„Hoohh.“

[sieht voll scheiße aus]

„Wand, ich komme!“

[Kappa-Leitfähigkeit: Null Ambül]

Sie nehmen neue Farben.

„Ich finde die Öffnung nicht!“

Die [gut aussehende] Dunkelhaarige kommt wieder in den Raum.

Klick.

Akustische Koordination.

[Versuch von Klara]

Telefon klingelt. Ein Typ im roten Overall sagt:

„Mein Telefon! Verdammt. Ähhmmm.“

„Naja“

Das Telefon verstummt.

[Mist!]

Neue Farbe. Rote Gestalt. Klecks. Such. Farbe und alte Farbe mischen sich im Farbtopf. Färbung. Große

Schwünge.

„Aaahh“

„Hau-ruck“

Rote Gestalt schlägt mit den Händen auf Dunkelkammer-Einzelbild ein.

„Mein Auge tut weh“, ningelt eine rote Gestalt.

Klick.

Sie malen weiter. Tauschen die Plätze. Holen Farbe. Kreise. Punkte. Linien.

„Fertig.“

„Yo!“

Klick.

Sie nehmen die Augenklappen ab.

„Wow!“

„Das ist geil“

Ein unglaublich starker Moment.

[Kappa-Leitfähigkeit (gering durch abschirmende Dunkelkammer): 12 Ambül]

Klick.

„Das ist geil.“

„Fettes Bild.“

Sie taumeln.

[Komm schon, Kappa!]

Die beiden in den Overalls setzen sich hin.

16 Das Vordiplom

„So haben sie echt gesprochen? Ziemlich infantil.“

„Der zunehmende Verlust des Erwachsenseins war zu diesem Zeitpunkt schon weit vorangeschritten.“

„Wußten sie das eigentlich? Also ich meine, waren sich die Maler der geistigen Verjüngung bewußt?“

„Ich denke ja.“

„Hätte es theoretisch die Möglichkeit gegeben, den Prozeß noch umzukehren?“

„Zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.“

„Irgendwie tragisch.“

Slawetta wendet den Kopf zur Seite.

Der Autor fährt fort: „Und wenn sie hier so malen, ist der Prozeß eigentlich jetzt abgeschlossen oder werden sie immer noch jünger?“

„Wir gehen davon aus und wir hoffen, daß der Prozeß abgeschlossen ist. Das können wir aber erst sagen, wenn Langzeitstudien vorliegen. Wir arbeiten an einer Möglichkeit, die Maler wieder geistig zu beleben.“

„Wie soll das funktionieren?“

Slawetta lacht.

„Nun ja, die Maler bekommen seit drei Tagen so etwas wie Unterricht. Außerdem bekommen sie speziell zugeschnittene Spiele, die das Denkermögen anregen und fördern sollen.“

Slawetta sieht zur Uhr.

„Es ist schon spät. Die Maler werden jetzt noch das Spiel zu Ende spielen und dann zu Bett gebracht. Zur

Zeit versucht man an zwei Stunden am Tag sie vom Malen abzulenken und ein geistig anregendes Spiel mit ihnen zu machen. Oft ein einfaches Memory.“

Durch die Glasscheibe sieht man eine Schwester, wie sie SCM und BSP beim Herumdrehen der Farbtafeln hilft, auf denen Enten, Häuser, Seen und verschiedene andere Dinge abgebildet sind. Die Zeit für’s

Schlafengehen ist heran. Zähneputzen. Die Schwester hilft den Malern beim Ausdrücken der Zahnpasta aus der Tube auf die Zahnbürste. Sie putzen.

„BSP, auch die Backenzähne putzen!“, hört man die Schwester.

Zwei Betten werden aufgestellt. Die Schwester liest noch eine Gute-Nacht-Geschichte vor und zieht ein

Musikstofftier auf, löscht das Licht. Man hört noch eine Weile die Melodie: „…Blumen auf dem Mond wachsen sie wo keine Sonne scheint, tausende schwärmen durch die Nacht, um sie zu pflücken…“ (Peter

Stone, Sie ist blau, 2002)

Der Autor und Slawetta stehen eine ganze Zeit dicht nebeneinander vor der Glasscheibe und beobachten schweigend und fasziniert das Geschehen in dem Raum der Maler und lauschen den letzten Klängen der

Melodie: „…da da da da daa daa da da daa…“

„Jetzt sind Ihre Kinder im Bett. Und was machen wir jetzt?“

„Na ja, wie gesagt, es ist schon spät. Wir könnten Essen gehen.“

„Ich kenne da ein hervorragendes Restaurant nicht weit von hier. Ich möchte Sie gern dazu einladen. Doch vorher verlasse ich nicht dieses Gebäude, ohne zu erfahren, wie es mit den Malern ausging. Klara war bei ihnen erfolglos. Irgendwie müssen es die Maler doch geschafft haben, die Außenwelt zu erreichen, wie wäre es sonst zu der Veränderung gekommen.“

„Sie wissen fast schon so viel wie ich. Das heißt der Ausgang, wie es zur Rettung und Befreiung kam, ist leider noch nicht bekannt. Nachdem die Doppelagentinnen und das Zukunftsangebot letztendlich gescheitert waren, griff Klara quasi zur Notbremse. Lesen Sie!“

Sie überreicht ein Dokument.

„Das ist dann auch die letzte entschlüsselte und freigegebene Quelle, die Sie noch nicht kennen. Also lesen

Sie schnell. Ich habe Hunger.“

Er liest laut.

Kunsthochschule. Prüfung zum Vordiplom. Ausstellung im Lichthof. Viele Studenten und alle Professoren sind da. BSP steht vor seinen Bildern und fängt an, in kurzen abgehackten Sätzen zu stammeln. Man hört

Wortfetzen wie „gestisch“, „häßlich“, „immunisierend“, „Kappa-Strahlung“.

Einer kleinen abgelebten Professorin mit blondierten Haaren wird es zu viel.

„Jetzt hören Sie mir mal zu, Herr Piek. So geht das nicht. Sie können doch nicht einfach blah und blah machen. So wird das nichts. Es gibt da bestimmte Spielregeln, und wenn Sie hier studieren und weiter hier studieren wollen, dann müssen Sie sich Regeln unterwerfen. Sie haben wohl überhaupt nichts verstanden?“

BSP fängt erneut an zu stammeln.

„Aber die Wichtigkeit…jeder könnte…Klara…Befreiung…“

Die Professoren tuscheln. Die Studenten raunen.

Ein Professor unterbricht.

„Was glauben Sie, wo Sie hier sind?“

Plötzlich. Die Haupttür des Gebäudes springt auf und vier Männer mit weißen Kitteln treten schnell in den

Raum ein und gelangen in den mit Menschen gefüllten Lichthof. Ein Professor zeigt auf SCM, der im

Publikum steht. Zwei der vier Männer stürzen sich mit einer Zwangsjacke auf ihn. Die anderen beiden

Männer legen BSP im Kampf eine Zwangsjacke an. Es sind Geräusche zu hören wie „Ahhhh. Lassen Sie

mich in Ruhe!“, „Verschwinden Sie. Ahhh.“

Die vier Männer verrichten ihre Arbeit und zerren die Maler durch die Menge hindurch zum Ausgang. Diese schreien gemeinsam und so laut sie können.

„Malerei an die Front!!!“

„Tötet Klara!!!“

„Tötet Klara!!!“

Die Männer kleben den Malern den Mund mit starkem Paket-Klebeband zu Die Maler werden in die geschlossene Abteilung der psychiatrischen Klinik gebracht.

17 The World Greatest Super Heroes

Das letzte Dokument. Der Autor kennt nun den ganzen Ordner. Er hatte gelegentlich Mitschriften gemacht.

Jetzt klappt er, wenn auch etwas enttäuscht, das Notizbuch zu. Slawetta läßt ihn die Enttäuschung über das ungelöste Rätsel der Kappa-Strahlung vergessen. Sie geht noch schnell das Büro abschließen und ihre

Sachen holen. Als sie zurück ist und sie gerade losgehen wollen zum Essen, erreicht sie eine Nachricht. Ein diskreter Signalton. Sie schaut auf ihr Display.

„Na hoppla, das ist vom Archiv. Sie haben soeben ein weiteres Dokument entschlüsselt. Na, was ist größer,

Ihre Neugierde oder Ihr Hunger?“

Sie sind sich sofort einig. Gehen sehr schnell zum Aufzug. Nach ganz unten. Das Archiv befindet sich in einem der Kellergeschosse. Die Gänge sind mit grünen Lampen ausgeleuchtet. In klimatisierten Räumen voller alphabetisch numerierter Regale befinden sich die nach und nach entschlüsselten Klara-Dokumente.

Sie erreichen das Entschlüsselungslabor, einen großen Saal, in welchem noch etwa zehn Mitarbeiter an verschiedenen Maschinen und Rechnern eifrig, ja fiebrig, arbeiten.

„Hallo Dr. Prach-Zoltek, schön daß Sie noch mal vorbeikommen konnten.”

„Ihre Nachricht konnte ich einfach nicht ignorieren.“

„Und das hier erst“, sagt der Wissenschaftler.

„Auf so etwas wären wir niemals gekommen“, ergänzt die Assistentin, die neben dem Wissenschaftler steht und das Dokument ordnet.

Dann gibt der Wissenschaftler Slawetta den frischen mehrseitigen Ausdruck.

„Seid ihr noch eine Weile hier?“, fragt sie ihn.

„Ha!“ Der Wissenschaftler verzieht zynisch die Mundwinkel. „Die ganze Nacht, wie schon seit zwei

Wochen.“

Zum Lesen gehen Slawetta und der Autor ins benachbarte Magazin, um ungestört zu sein. Der Raum ist mit gedämpften Licht gelb ausgeleuchtet und in der Ecke vibriert eine Entwicklungsmaschine, die ihre

Schwingungen auf Slawetta und den Autor überträgt. Sie können es kaum erwarten.

„Lies du es!“

„Nein du!“

Sie lesen gemeinsam.

Ein Display leuchtet auf. Es blinkt. Mit der Aufschrift Trainingsdeck 3a.

„Aaah, schon wieder Training.“

„3a ist doch auf Xenia, da ist doch die Luft immer so dünn.“

„Scheiße, da müssen wir wieder die Klimaaggregate aufsetzen.“

Sie gehen zum Trainingsdeck. Die Tür öffnet sich.

Eine Computerstimme sagt: „Klimaaggregate aufsetzen. Klimaaggregate aufsetzen…“

Die Helden nehmen die Aggregate. Sie sind 200 kg schwer. Setzen sie auf.

„Wo ist die verdammte Bedienungsanleitung?“

„Fuck Computer.“

Die Computerstimme: „Setzen Sie zuerst den Helm auf. Verbinden Sie die Kabel. Achtung. Schlauch 7 mit

Rückenstück 14 verdrahten. Linksgewinde. Sauerstoffanzeige neu kalibrieren. Elemente auf Dichtheit und

Funktion überprüfen…“

Drei Stunden später. Das Training beginnt. Die Superhelden betreten das Trainingsdeck. Das Programm startet automatisch, nachdem die Tür schließt. Eine milchig-grüne Sonne bestrahlt eine steinige Oberfläche, die von feinkörnigem bläulichen Staub bedeckt ist. Große Felsbrocken und Schluchten zerklüften die

Landschaft. Distelähnliche violette Pflanzen schweben flach über dem Boden. Es weht ein böiger Wind, der den ätzenden blauen Staub in Schauern schüttet. Zeitweise geht der Wind in schrecklichen Sturm über, der

zum Teil plötzlich zum Erliegen kommt.

Die Superhelden nehmen die Trainingswaffen, die direkt neben der Tür bereit stehen. Fünf Meter lange

Stäbe, an deren Ende sich je ein Boxhandschuh befindet. Jeder der Helden nimmt seine Waffe. Sie gehen. Ein

Stück. Langsam. Die Klimaaggregate und die Waffen sind schwer.

Plötzlich. Der Wind kommt zum Erliegen. Die Superhelden, die sich gegen den Wind gestemmt hatten, fliegen auf die Fresse. Langsames und mühevolles Aufrappeln. Gerade noch rechtzeitig.

Der erste Feind naht. Ein schwarzgrünes Wesen mit blitzenden Augen läuft rasend schnell heran. Es fletscht wütend die zahnähnlichen Kabias. Zwischen den Kabias tritt eine glühende Flüssigkeit aus, die wenn sie zu

Boden tropft, dampfende Löcher in diesen reißt.

Computerstimme: „Level: 1, Score: 0, Highscore: 10.000, Energielevel: full, Players:

SevenMillionPowerPete (SMPP) und GalacticCosmicAtomicMick (GCAM), hidden vitamine cookies: 10.”

Das Zotlet kommt bedrohlich näher. Die Helden holen aus. Treffer. 5 Punkte. Kabia getroffen. Boxhandschuh dampft wegen der Säure. Treffer. Zotlet zerplatzt. Innereien fliegen herum. Energielevel 80%. Pflanze getroffen. Punktabzug.

Zwei Grokors nähern sich. Die Helden holen aus. Pflanze getroffen. Punktabzug. Kampf mit Grokors.

Treffer. Ein Grokor beißt sich an SMPP fest. Energielevel sinkt rapide. Angriff. Dreher zur Seite. 100

Extrapunkte. Grokors erledigt. Energielevel 10%.

Verzweifelte Suche nach Vitamincookies. Score 350. Ein Blinken hinter einem Felsen. SMPP kämpft sich langsam vor. GCAM wird von zwei Zotlets gleichzeitig angegriffen. Eins erledigt. SMPP erreicht mit letzter

Kraft den Cookie. Kurzes Leuchten am Aggregat. Energielevel 80%.

Ausholen. Fatzsch. Wucht.

„Zieh Leine, Zotlet“, schreit SMPP.

GCAM kämpft inzwischen mit fünf Kreaturen gleichzeitig. SMPP in Schlucht gerutscht. Grokors beißen sich an seinem Kopf fest. GCAM versucht, einen Cookie zu erreichen. Zotlet ist schneller. Frißt Cookie. Zotlet stärker. GCAM schlägt verzweifelt zu. Wusch. Zack. Wusch. Punsch. Pflak. Punsch. Aggregat beschädigt.

Luftdruck sinkt. Energielevel 5%. Lebenserhaltung dramatisch. Schmerzsensoren aktivieren sich.

Energielevel 4%. Luftzufuhr eingeschränkt. Kabia–Biß in Bein von GCAM. Säure ätzt Loch in Anzug.

Luftdruck sinkt. Energielevel 3%. GCAM ringt nach Luft. Röchelnd. Energielevel 2%. SMPP schlägt auf dem

Grund der Schlucht auf. Auf den Steinen, die aus dem Säurefluß herausragen. Grokors heulen laut auf vor

Schmerzen. Verbeißen sich noch stärker in SMPP’s Kopf. Gehirndruck übersteigt Grenzwert. Energielevel

1%. Dauerleuchten der grünen Schmerzdetektoren. Computerstimme: „Achtung. Energielevel lebensbedrohlich. Achtung. Schmerzüberflutung. Achtung. Devitalisierung in Sekunden:

10...

9...

8…

7…

6…

5…

4…

3…“

Plötzlich: Die Simulation hält an…

Computerstimme: „Achtung! Neuer Auftrag. Neuer Auftrag!“

Die Superhelden entledigen sich von den Waffen und Aggregaten. Die Grokors und Zotlets schweben starr.

In der Zentrale liegt bereits der ausgedruckte Auftrag und daneben eine Schachtel Buntstifte. Sie lesen den

Auftrag.

„Wir wissen, was wir zu tun haben.“

Computerstimme: „Go, Superheroes, Go!“

Sie sprinten zu den Entry-Schächten. Sprung. Kopfüber. Schnell. Dunkel. Lichtpfeile rasen vorbei. Kurve.

Tunnel. Looping. Licht.

Die Superhelden landen in den FDDDHS-Mobilen (Flying Digging Driving Diving High Speed Mobile).

Start. Wusch. Wuuuuschsch. Beben des Bodens. Löst Flutwelle in Ostasien aus. Erdbeben in Südamerika.

Vulkanausbruch in Polynesien. Wusch durch Wasser. Wusch. Durch Luft. RRRrrr. Sie fahren.

Unterhaltung über Funk: „Wo geht’s eigentlich lang, GalosmicComicTonicNick?“

„GalacticCosmicAtomicMick bitte!“

Sie erreichen eine Stadt. Kurve. Energieanzeige roter Bereich. Vollbremsung. „Hey

EightMillimeterFlowerPen, hier ist meine Lieblingsdönerbude.“ Sie steigen aus den Highspeedmobilen.

„SevenMillionPowerPete, wenn ich bitten darf!“

Sie setzen sich zum Essen auf eine Bank vor die Dönerbude. Eine Straßenbahn fährt vorbei. Die Fahrgäste gucken komisch.

„Warum gucken die so?“

„Ist doch alles in Ordnung.“

„Der Helm mit dem Linksgewinde ist festgeschraubt.“

„Die Maske sitzt gut.“

„Der rote Leuchtanzug faltenfrei.“

„Die auf der Brust montierten Rotationsaggregate wurden vor dem Einsatz gecheckt.“

„Mist, die Highspeedmobile! Sie stehen im Halteverbot.“

„Verdammt!“

„Laß uns schnell aufessen.“

Sie essen schnell auf. Knoblauchsoße tropft auf SMPP’s Leuchtanzug, genau auf das Tarnkappenaggregat.

„Verdammter Mist.“

Fertig. Energieanzeige auf 100%. Sie fahren weiter. Auf der Straße steht ein Schild: Einsatzort rechts abbiegen. Sie biegen rechts ab. Vollbremsung. Reifen quietschen am Lieferanteneingang. Sie springen aus den Highspeedmobilen und rennen in das Gebäude. Die Schiebetür öffnet sich automatisch.

Eine Schwester kommt ihnen entgegen. Ihre Taille ist schmal und die festen Brüste zeichnen sich deutlich an ihrer Bluse ab, während sie mit den Beruhigungsmitteln den Gang entlangläuft. Monique steht auf dem

Schild an ihrer Brust. Ihre Augen weiten sich hysterisch. Sie möchte schreien. Die Superhelden fesseln

Monique blitzschnell.

„O.K., Monique, willst du ruhig sein?“ Sie nickt. „Monique: Kann man Farben hören?“

„Das ist die falsche Frage, AtomicMick!“

„Versuch du es, PowerPete.“

“O.K.: Ähm, wie alt sind Sie?“

Monique, schlotternd: „25.“

„Was machen Sie heute abend?“

Monique ist still.

GCAM hat eine Idee: „Warte mal, wo sind die Maler!“

Sie zeigt ängstlich die Richtung mit dem ungefesselten Arm.

Drei Angreifer der Security tauchen am Ende des Ganges auf. Muskel- und waffenbepackt.

„Gut, daß wir die Tarnkappenaggregate dabei haben!“ AtomicMick entriegelt mit eintrainierter Bewegung das Aggregat und setzt die Tarnkappe auf. Mick grießelt. Wird kleiner. Er bekommt Löcher. Er ist unsichtbar.

PowerPete: „Verdammte Rinde! Mein Tarnkappenaggregat ist noch im Highspeedmobil. Hab ich vorhin abgelegt wegen der Knoblauchsoße. Er rennt zum Mobil. Der unsichtbare AtomicMick sucht inzwischen die

Zelle der Maler. Die Angreifer rennen Powerpete hinterher. Schnell. Schnell. Klick.

„HHF, was machen Sie hier?“

„Bin immer da, wenn es was zu fotografieren gibt.“

Schnell. PowerPete nimmt hastig das Tarnkappenaggregat aus dem FDDDHS-Mobil und reißt hektisch die

Tarnkappe heraus. Sie ist ganz versüfft von der Knoblauchsoße. Er setzt sie auf. Pete grieselt. Er wird nicht kleiner. Er bekommt keine Löcher. Er wird grün und unscharf!

„Fuck, wahrscheinlich hat die Knoblauchsoße Schäden an der Elektronik angerichtet“

Die Angreifer lachen.

PowerPete nutzt die Gelegenheit. Er zückt eine Zauberwaffe. Die Zauberwaffe. Das Gurkenschwert.

Die Angreifer lachen.

Da, auf einmal, Anruf per Funk: „Hallo Schatz, das Essen ist fertig, wann kommst du nach Hause? Denkst du daran einzukaufen?“

„Schatz, ich kann gerade nicht reden.“

Die Angreifer lachen.

„Gib den Kindern einen Kuß von mir und vergiß nicht, den Zotlet zu füttern.“

Die Angreifer lachen.

„Ich kann jetzt nicht länger telefonieren, bin in einer wichtigen Konferenz, gehe dann noch mit Hans-Jürgen

Squash spielen.“

Die Angreifer lachen. SMPP ist wütend. Er schneidet blitzschnell die Gurke in hauchdünne Scheiben und wirft sie nacheinander mit lichtgeschwindigkeitsähnlichem Tempo auf die Angreifer. Sauber durchtrennen sie die Hälse. Die Köpfe kippen nach hinten weg. Blut spritzt. Die am Boden liegenden abgetrennten Schädel lachen immer noch. Lustig. HäHä.

In der Zwischenzeit hat GCAM die Zelle der Maler in der geschlossenen Hochsicherheitsabteilung der

Psychiatrischen erreicht. Er setzt die Tarnkappe ab, um eine Transformationskapsel zu schlucken. Die

Kapsel wirkt sofort. Er schrumpft. Zwei zusätzliche Beine wachsen… Er ist eine Ameise.

Entspannt spaziert GCAM durch den schmalen Spalt unter der Stahltür. Er gelangt in die enge Zelle. In dem vollständig mit Gummi ausgekleideten Raum hüpfen die Maler hin und her. Ihre Füße sind zusammengebunden. Die Hände sind sicher hinter dem Rücken verschnürt. So wird jedes Malen unmöglich.

Die Wirkungszeit der Transformationskapsel läuft ab. Es knackt. Beine schrumpfen. Die Ameise wird größer.

Flossen wachsen. Eine längliche Schnauze. Es wächst. Das Etwas hat die Größe von Mick erreicht. Es wird größer. Das ist nicht Mick.

Blaugrau. Eine Flosse wächst auf dem Rücken. Glatte Haut. Irgend etwas ist schief gegangen. Schnabelartig abgesetzte Schnauze. Die Zelle ist fast voll. Die Maler hüpfen ängstlich in der letzten noch freien Ecke. Es ist groß. Das ist nicht Mick.

Statt dessen: Ein mittelgroßes Säugetier. Meeresbewohner. Gehört zur Familie der Zahnwale.

Hochentwickeltes Zentralnervensystem. Unterwasserortungssystem.

Ein Delphin liegt quer in der Zelle. Er hat Buntstifte zwischen den Zähnen. Die ängstlichen Maler sehen mit weit geöffneten Augen auf die Buntstifte und hüpfen gedankenlos über den Delphin. Nehmen mit den Zähnen die Stifte und fangen sofort an zu malen. Sie sehen glücklich aus.

Während GCAM als Delphin in der Zelle liegt und röchelt entstehen Strukturen. Gekritzel. Rot und Gelb.

Die Maler hüpfen mit Stiften im Mund durch die Zelle. Die Gummiwand füllt sich mit Linien.

Plötzlich. Ein Wärter kommt mit geladener Waffe durch die Zellentür geschossen. Seine Augen streifen das eben entstandene Bild an der Gummiwand. Er wird sofort gegen Kappa-Strahlung immun. Er wirft die Waffe weg. Schaut weggetreten mit ausgestreckten Armen auf einen unkonkreten Punkt.

Andere Wärter kommen. Mit ihnen passiert dasselbe. Die Maler malen ununterbrochen. Die Wärter befreien glückstaumelnd die Maler, die nun auch mit Händen und Füßen malen können.

Der unscharfe, grüne SevenMilionPowerPete tritt fast unbemerkt in die Zelle ein. Er nimmt den Delphin und wirft ihn durch die Zellenwand in das kalte Meer. Am Horizont sieht man GalacticCosmicAtomicMick, wie er in hohen Bögen immer wieder aus dem Wasser springt. Der Sonne entgegen. SMPP geht zum FDDHS-

Mobil. Die Superhelden haben ihren Teil zur Befreiung der Welt von Klara beigetragen.

Die Maler malen ununterbrochen. Unterdessen haben, ohne zu ahnen warum und wie von selbst, einige

Wärter Leinwände und Farben besorgt. Die Maler bemalen alles: Die Kleidung der Wärter. Den Fußoden.

Die Wände und Decken. Die Fassaden und die Unmengen an Leinwänden.

Scharen von Menschen, die die Bilder sehen, werden immun. Überall fallen sich Unbekannte vertraut in die

Arme. Es wird gelacht. Die Maler malen ununterbrochen. Jetzt nur noch auf die immer nachgereichten

Leinwände.

Die Welle der Immunisierung schwappt wie eine immer größer werdende Woge aus Glück und Befreiung

über die Menschen. Fotografen fotografieren die Bilder. Druckereien drucken Reproduktionen. Plakate,

Postkarten und Kataloge entstehen. Fernsehsender senden Standbilder der Bilder rund um die Uhr.

Menschen rennen mit Plakaten und Originalen durch die Innenstädte, um Passanten zu befreien.

Die Woge der Immunisierung, die als kaum wahrnehmbares Grießeln begann, ist nun zu einer alles

überfließenden, überschäumend orgiastischen Riesenwelle, einer wollüstigen Sintflut der Befreiung geworden.

Abkürzungsverzeichnis

BSP BrushStrokePete

FDDDHSM FlyingDiggingDrivingDivingHighspeedMobil

GCAM GalacticCosmicAtomicMick

HHF Haus- und Hoffotograf

MW Mike Wassermann

PS Peter Stone

SCM SeaOfColorMick

SMPP SevenMillionPowerPete

Michael Goller / Peter Piek 2004

Buchveröffentlichung:

Leipziger Literaturverlag 2005 (1. Auflage), 2009 (2. Auflage)

ISBN 978-3-934015-89-0

Die Puppenspieler

Michael Goller, Peter Piek

Klappentext

Das neue Buch der Erfinder des Genres „Art-Fiction“ ist nicht weniger Kult wie ihr Debüt „Das

Malbuch“. Durch und durch dialogisch geschrieben führt es den Leser durch real existierende mit

Öl gemalte Puppenspieler-Bilder der Maler Goller und Piek zu herrlich abgedrehten erzählerischen

Passagen, um letzlich in ein chat-inspiriertes Schauspiel zu münden. In diesem Buch kommen nur wenige heil davon, ein gnadenloses Wortgemetzel. Ein Herunterziehen schöner Fassaden. Das

Abrechnen mit der Welt führt die Protagonisten, hier kurz Brushstrokepete und Seaofcolormick genannt, zuletzt in unmenschliche Gefangenschaft.

Die Welt kann von diesem Buch auf jeden Fall profitieren. Alles was sie vorher tun muss: es lesen.

I

(Heiland-Trilogie)

Der Brief

Zum Mülleimer. Plastemüll ist voll. Ich stopfe es mit Gewalt rein. Ich muss mir die Hände waschen, denke ich. Hmmm. Langsam schreite ich zurück zum Haus. Obwohl nur selten gefüllt, schaue ich beim Vorübergehen immer - in den Briefkasten. Diesmal - es ist etwas drin. Ein Brief, nicht dick.

Kein Absender. Ich kenne die Handschrift sehr gut. Aber für den Moment kann ich sie nicht zuordnen. Vielleicht möchte ich das nicht. So denke ich kurz. Die Treppen hoch durch die Glastür.

Klares Wasser. Läuft über Hände. Schschschsch..., rauscht es.

Ein Messer öffnet den Brief. Den Inhalt entnehmen. Ölgeruch – ein kleines Stück Papier umwickelt ein noch kleineres. Das noch kleinere Stück ist bunt bemalt. Es klebt ein wenig aneinander. Beides

Transparentpapier. Vorsichtig trenne ich die Blätter. Vergrautes Blau, nach oben hin heller.

Ultramarin. Lebendig aufgetragen. Unten teilweise über Magenta und dunkles Rot gemalt. Dicker

Pinsel.

Einatmen.

Ausatmen.

Ungewöhnlich - der rabiate Auftrag bei so einem kleinen Format.

Man hätte es so nicht einmal festhalten können.

Einatmen.

Man hat es aber auch nicht versucht. Kein Fingerabdruck. Es ist nicht geknickt. Ich drehe es um.

Die Ölfarbe ist noch nicht trocken.

In der Weise, wie es gemacht ist, muss es Teil etwas Größerem sein.

Ich schaue genauer als beim ersten Mal in das Kuvert. Ein Schnipsel Papier. Ausatmen. Einmal gefaltet. „Komm her.“ „Na.“

Ich lese laut:

„Ziel.“

„Ziel der menschlichen Lebewesen ist die Veränderung. Auch statisches Verharren kann als

Veränderung empfunden werden. Als Veränderung der Veränderung.“

Eine Fliege setzt sich auf meine Hand. „Weg da!“ Ich schüttle sie ab. Ich lese noch einmal. Leise.

„Ziel. - Ziel der menschlichen Lebewesen ist die Veränderung. Auch statisches Verharren kann als

Veränderung empfunden werden. Als Veränderung der Veränderung.“

Noch einmal schaue ich in das Briefkuvert.

Es ist leer.

Mein Kopf wird leer.

Schschschsch.

Klares Wasser. Mit Seife wasche ich die Farbe an meinem Handballen ab. Rubble mit dem Daumen

über die kleine Stelle.

Ich will einen Schluck trinken. Ja. Ich weiß nicht, warum. Mit einem Korkenzieher, Holzgriff, öffne ich langsam eine Flasche Wein. „Flup.“

Ein tolles Geräusch.

Gieße ein kleines Glas voll damit.

Ruhe im Raum.

Ich setze mich.

Die offenen Fenster lassen leichten Wind herein. Angenehm warm.

Die Fliege - diesmal lasse ich sie auf meiner Hand umherlaufen. „Na?“ „Fliege?“

Ich kippe mir den Glasinhalt in den Mund. Lasse meine Zunge auf den Geschmack ein. Trocken.

Ich schlucke. „Auf uns Fliege!“, rufe ich. Sie fliegt weg.

Plötzlich kommt mir ein Gedanke:

- „Der Puppenspieler.“ -

Ich lache.

Die Geschichte beginnt.

Der Name der Fliege

„Na, Fliege.“

„Auf uns, Fliege.“

„Fliege.“

„Fliiieeege.“

„Flieeegeeee“, tönt es hinter mir her.

Mit diesem leicht spöttischen Zucken in den herablassend entspannten Mundwinkeln.

Die Worte multiplizieren sich zu einem Heer giftiger Pfeile. Pfeifend zischen sie durch die weinschwere Luft.

„Fffflliiieeegää.“

Ich hatte mehrfach versucht, es ihm zu erklären. Als Antwort auf dieses erste einleitende „Na“ bäumte ich mich zu einem heroischen Akt der Gelassenheit auf, schluckte die Demütigungen herunter und antwortete in dem sachlichsten und freundlichsten, dabei unverbindlichen Ton:

„Ein heißer Tag heute, nicht.“

Viel lieber hätte ich Klartext geredet, über seine verborgenen Minderwertigkeitskomplexe, die er zu kompensieren versuchte, indem er sich als Gott in seinen visuellen Scheinwelten spielte. Und über die Verschiebung des Gottesbegriffes vom Allgemeinen ins Einzelne, was die Annahme des

Gottseins in jedem Fall erschwerte. Und dass die Existenz des Göttlichen die edelste Projektion des

Lebendigen sei und nicht der Neid auf das Göttliche.

Stattdessen sagte ich nur:

„Ein heißer Tag heute, nicht.“

Wie lächerlich. Wie albern kam ich mir bei so einer belanglosen Bemerkung vor. Doch ich nahm mich zusammen und sagte:

„Ein heißer Tag heute, nicht.“

Solche Gespräche hatte ich schon oft beobachten und ertragen müssen. Ständig. Überall. Ich ließ mich dazu herab. Und die Antwort: ein betont gönnerhaftes kurzes erhabenes Bewegen der linken

Hand, noch nicht mal ein Abschütteln, das wäre wenigstens ehrlich gewesen.

Sehr verletzend. Keine Antwort zu bekommen trotz signalisierter Dialogbereitschaft: „heißer

Tag...“. Anstelle des schon lange nötigen Gesprächs ein sofortiges Versinken im Alkohol, im

Rausch, im Ertränken sämtlicher bewusster und unbewusster Komplexe.

Angewidert und traurig fliege ich weg.

Herum, um diese Ansammlung anorganischer Materie auf dem Tisch, durch den Spalt der Tür, durch Schluchten geometrischer Blöcke, immer den Kollisionen ausweichend, immer in Angst vor möglichen feindlichen Flugobjekten.

„Fliege.“

Wie ein Schimpfwort sprechen sie es aus.

„Fliiiiiihge.“

Warum nicht der richtige Name. Was ist der Name der Fliege? Was ist mein Name? Ich habe ihn noch nie gehört, ich kenne ihn noch nicht einmal, da ihn noch niemand ausgesprochen hat. Nur der ausgesprochene Name ist ein Name.

So reflektiere ich und stoße fast gegen eine Wand. Biege nach links ab, fliege sie ab. Drei flache

Objekte an ihr, bemalt mit dieser furchtbar öligen Farbsubstanz, bei der man nie weiß, ob bei der

Landung eines der sechs Beine stecken bleibt. Auf den Bildern lese ich sofort die Schrift „Heiland“, auf einem der Bilder durchgestrichen. Auf den beiden anderen zusätzlich die Schrift

“Puppenspieler”, bei einem nur zur Hälfte lesbar.

Hinter der Wand Musik, so nennen sie das. Schwere Schallamplituden verursachen Turbulenzen im

Flug, Energie zur Stabilisierung erforderlich.

Eine Stimme singt: „Everybody feels the rain now.“

Irgendwo zwischen brennender Neugierde und Todesangst fliege ich in den Raum, aus welchem die

Schallwellen kommen.

Als ich drin bin, sind die Schallwellen zu Ende. Vier Typen sitzen sich kiffend auf zwei Sofas gegenüber.

„Dorische Tonleiter?“

„Ja, so könnte es funzen. GMajor7.“

„OK, testen wir mal.“

Sie gehen zu den Instrumenten und es geht wieder los.

„Everybody feels the rain.

everybody feels the rain now.“

Akustische Gewitterstürme drücken mich zwischen Toms und Crash-Becken hin und her.

„the day hides the sun, well today we wash our souls i watch a mirror turn to sea the trees are shining golden it looks like i’m going alone i have to go with all my pain now.“

Von Schmerzen gequält fliege ich weg. Schnell.

Ahh. Endlich die Tür. Raus. Das Schlüsselloch. Langer Gang. Nächste Tür rechts.

Es ist hell.

Drei Leute, diskutierend im Raum, dabei scheint eine Person zwei andere zu befragen, welche abwechselnd antworten. Ein Interview.

„Guten Tag!“, sage ich freundlich.

Ein barsches Handschlagen der einen Person, die sogar ärgerlich ist, dass sie ihre Ausführungen unterbrechen muss. Ich bin kurz vor ihr. Was ist mein Name?

Ich bin vor ihrem Auge.

Pupille spiegelt.

Springe hinein.

Wände gleiten empor.

Klatsch.

Das Interview

…Verdammte Fliegen.

Klatsch.

Getroffen. OK, ich stelle die Frage am besten noch einmal:

Was ist der Unterschied zwischen Malfont und Querschlag?

BSP: Na ja. Malfront. Ist eine Künstlerinitiative. Querschlag eine Künstlergruppe, die Malfront als unabhängigen Teil beinhaltet.

AF: Aha. Klingt spannend. Aber würde zunächst nicht eine Gruppe ausreichen, in welcher man versucht alles miteinander zu verknüpfen?

SCM: Dazu sind die Differenzen der künstlerischen Ansichten innerhalb von Querschlag zu groß.

AF: Und könnten Sie mir verraten - wir sind ja hier unter uns - welche der beiden Gruppen ihnen persönlich näher oder wichtiger ist und warum?

BSP: Na ja. Ich bin Maler. also, da ist alles klar, oder?

SCM: Der Puppenspieler ist nur in einem progressiv-inhaltlichen Dialog möglich.

AF: Puppenspieler. Menschen, die Theater machen, um das Menschenkind zu unterhalten. Anderen etwas vorspielen. Wie kommen sie jetzt nur darauf?

SCM: Es ist ein Gleichnis.

BSP: Es ist ein Rätsel.

AF: Verfolgen sie gezielt die Absicht ihr Publikum vor Fragen beziehungsweise Rätseln zu stellen?

Was beabsichtigen sie mit ihrer Kunst? Und unterscheidet sich diese schöpferischen Absichten zwischen Malfront und Querschlag?

SCM: Das Rätsel soll vielmehr gelöst werden durch Malerei!

BSP: Ja. genau! Es steckt in den Bildern und wird in den Bildern stecken, die noch gemalt werden.

Anders wüsste ich nicht, wie man heran kommen soll.

AF: An was?

BSP: Hmmm... Es liegt noch so vieles im Dunkeln. Um das Publikum geht es dabei nicht. Nicht vordergründig. Aber natürlich ist es sehr erfreulich, wenn andere von den gewonnenen

Erkenntnissen profitieren können. Wie war noch gleich Ihre dritte Frage?

II

(Der Rundgang)

An der HMS

Da sitze ich nun im Atelier. Blicke auf die neuen Bilder, die an der Wand friedlich und freundlich vor sich hin trocknen. Vergessen habe ich zu erwähnen, dass ich Student bin. Ich bin auch nicht stolz darauf. Denn ich studiere an einer Kunstakademie. Nicht das allerdümmste, was man machen kann. Aber so ähnlich. Ich brauche das Bafög, sage ich mir. Bald, das heißt morgen, ist Rundgang an der HMS (Hochschule für Mimik und Spruchkunst, früher:HNS - Hochschule für Nachahmung und Spruchkunst). Beim Rundgang kann jeder Student seine Sachen zeigen. Also auch ich. Und es kommen Leute und schauen sich die neuen Talente an. Manche schauen sich auch die Bilder an.

Meine Bilder möchte ich zeigen. Sie sind für Menschen gemacht. „Letztes Jahr war es so stressig“, denke ich. „An meinen Bildern gehen sie eh vorbei.“ „Zu wenig Kappastrahlung.“ „Hmmm. Diese

Junkies.“ Da sitze ich im Atelier und schaue auf ein Bild, als Ari (im folgenden A genannt) zur Tür herein kommt. „Hallo A!“ „Hallo!“ „Heute soll man Bilder für den Rundgang hängen, hilfst du mir,

A?“ „Ja gern, P!“ „OK. Cool, na dann.“ „Ein einziges Bild reicht, schau - da ist alles drin, was ich sagen will.“ (Dieses Bild ist das ganze Leben.) „Gut, dann packen wir es ein.“

Plastenoppenluftpolsterfolie. Bild 195 x 90 cm. Einpacken. Zwei Köpfe. Gehen damit zur

Straßenbahn. (Armer frierender Künstler kann sich kein Auto leisten. Schon die Keilrahmenleisten kann man sich schwer leisten.) „Danke, dass du mir hilfst, A!“ Wind weht böig an das Bild. Angst.

Warten auf Straßenbahn. Straßenbahn kommt. In den hintersten Wagon. Leer bis auf zwei

Menschen. Bevor A und ich das Bild kurz abstellen und die Fahrscheine zum Stempeln herausholen können, stehen die beiden Menschen grinsend auf und kommen auf uns zu. Ich ziehe die

Fahrscheine. Stempel. „Ja, das können sie jetzt noch“, sagt der eine. „Zeigen sie mal den

Fahrschein!“ „Was is’n das für einer?“ „Da müssen sie aber drei Fahrscheine stempeln, wenn sie das Sperrgut mitführen.“ Der Kontrolleur grinst mich an. Langsam schaue ich auf das Bild und begreife was er meint. „Alles ab zwei Meter Sperrgut muss extra bezahlt werden!“ „Das Bild ist nur einmeterfünfundneunzig lang.“, sage ich. „Aha. Wo wollen sie denn damit hin?“ „Hochschule für

Mimik und Spruchkunst.“ Schweigen. Die Kontrolleure gehen. „Diese dämlichen Kontrolleure“, wettert A. Umsteigen. Endlich in der Nähe der HMS. Aussteigen. Wieder dieser Wind. „Wenn sich die Leinwand so weit dehnt, schlabbert sie dann rum und ist nicht mehr straff“, denke ich. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Hochschule schon vollgerammelt mit Bildern. „Kaum noch Platz“, sage ich. „Überhaupt kein Platz“, sagt A. Ratloses Laufen durch die Hochschule. Ich bitte A, dass sie auf das Bild aufpassen soll und gehe „die Verantwortliche“ suchen. Endlich gefunden. „Hallo, darf ich Sie kurz stören?“ Wird abgelenkt. „Warten Sie einen Augenblick!“ Warten. Später: „Ist da noch ein Platz für mein Bild irgendwo? Es ist neunzig mal hundertfünfundneunzig Zentimeter und es braucht eine Drei-Meter-Wand. So eine wie die hier.“ „Hää? Sie sind ein Witzbold, was? Nun, hier unten ist alles voll. Da drüben kommt noch was hin. Geben Sie mir Ihre Telefonnummer. Und mal sehen.“ Ich krame einen Zettel raus, gebe ihr aus Höflichkeit meine Telefonnummer und bin mir sicher, dass sie mich nicht anrufen wird. A tut mir leid, die schon so lange das Bild im Auge behält. Es ist nicht so einfach, ein wichtiges Bild einfach gehen zu lassen. Es sich einfach selbst zu

überlassen. Ich laufe durch die Schule zurück zu A, blicke flüchtig auf die an der Wand hängenden

Objekte. Gähn. Die ausgestellte Malerei ist das Schlimmste. (Ansonsten sind auch hier und da gute

Sachen dabei. Fotos oder Illustration.) Martina, die „Assistentin“ des Professors, erkennt mich. Sie ist jung und attraktiv. „Peter, da bist du ja endlich!“, ruft sie mir entgegen. „Geh doch schon mal selbstständig hoch in die dritte Etage und häng dein Bild auf! Beeil dich! Die wollen alles zuhängen. Die gehen noch neue Bilder holen. Peter, wenn du nicht sofort hoch gehst und dein Bild aufhängst, dann hängen die oben alles zu! Verstehst du das?“ A und ich gehen mit dem Bild in die oberste Etage. Alles voll mit Bildern. Ratloses Warten. Erneutes Aufsuchen der „Verantwortlichen“.

Ich finde sie sitzend im Café der Hochschule. Sie möchte nicht gestört werden. Zurück oben. Die

Assistentin ist da. Sie scheint entfernt und redet schnell. „Du siehst genervt aus“, sage ich. „Was glaubst du, was hier abgeht!?“ Sie ordert uns zu einer freien, wie sie sagt extra für mich reservierten

Stelle an einer entlegenen Wand. Die Stelle ist klein. Sehr klein. „Da passt mein Bild nicht hin.“ sage ich. Links neben der Stelle drängeln sich etliche mittelformatige Bilder einer Kommilitonin

(im folgenden Ko genannt). „Schrecklich“, sagt A. „Viel zu dicht.“ „Mein Bild braucht Platz!“

„Und so passt es nicht mal physisch rein.“ „Dann kann ich nichts hängen“, sage ich zur Assistentin.

„Peter, du machst jetzt genau, was ich dir sage. Ok? Nimm das eine Bild der Ko ab. Häng deines hin und häng ihres rüber über die Treppe. Und ihr „Arschbild“ (Bild mit einem riesigem fellig gemaltem Hintern) hängst du über die Tür! Mach das jetzt so! Kannst du dir das merken? Kannst du dir das merken? (diesen Satz sagte sie jeweils dreimal zu A und zu mir) OK, gut. Aber ruf die Ko

(Name darf als Datenschutzgründen hier nicht genannt werden) mal an und sag es ihr. Und sag ihr, dass dir die Assistentin das so gesagt hat.“ A und ich hängen das Bild auf. Nagel. Poch Poch. Nagel.

Poch Poch. Hängt. „Sieht gut aus.“ „Gutes Licht hier.“ „Nur Schade wegen den anderen Bildern.“

Ich rufe die Kommilitonin an. Tip Tip Tip. Wähl. Ring Ring. „Hallo Ko.“ „Hier pass auf, es war sehr wenig Platz und da hab ich dein Bild umgehangen, um mein Bild aufzuhängen, anders wäre es nicht möglich gewesen. Und es sieht gut aus. Du hast ja eh so viele Bilder hier, Ko, und ich nur das eine. Ich hoffe es macht Dir nichts aus?“ Ich denke die Sache ist damit geklärt. „SOLL DAS EIN

SCHERZ SEIN?“ die Ko fassungslos. Die Kommilitonin wird hysterisch. „WER HAT DAS

GESAGT? DASS DU DAS BILD AUFHÄNGEN KANNST!?“ .... „WAS? DIE MARTINA?“

„DIE WIRD WAS ERLEBEN!“ Wieder und wieder erkläre ich ihr sachlich die Situation. „DAS IST

MEINE WAND!“ Sie unterbricht mich ständig wobei sie immer dasselbe nur in anderem Tonfall in das Mikro des Telefons quiekt. Schließlich fasst sie Mut. Ekstatisch schreit Sie „PASS AUF. ICH

RUF JETZT DEN ...(PROFFESOR) AN UND WENN DU DEIN BILD NICHT SOFORT

WEGNIMMST DANN...(GROLL WUT HASS)...“

Sie steigert sich immer mehr rein. Trifft den anklagend-frustriert-neurotischen Ton wird quäkend.

„DAS KANNST DU DOCH NICHT EINFACH...“ Ich nehme das Telefon ein Stück weg vom Ohr.

„...ICH WAR SCHON FRÜH UM ACHT DA!!... UND DU??“ Sie brodelt. „ICH RASTE AUS!!

ICH RASTE AUS!!“ Plötzlich wird sie leiser und fängt an zu schluchzen. Sie versucht es auf die andere Tour denke ich. „Peter häng das Bild wieder da hin, wo es war. Ja? Bitte Ja?!“ „OK?“

Wieder versuche ich zu erklären. Da unterbricht sie mich und schreit: „WENN DU ES NICHT

ABHÄNGST DANN HÄNGE ICH ES AB UND AUSSERDEM RUFE ICH JETZT HERRN

PROFESSOR AN, UND DER WIRD DIR GENAU DASSELBE SAGEN!!!!“ Sie legt auf. Tuut –

Tuut. Es ist vorbei. Ich bin erleichtert. Ich erzähle es A. „Dumme Ziege, die soll mal herkommen, dann werd ich der was erzählen. Über ihre Komplexe. Wie kann man nur so blöd sein?“, meint A.

Das Telefon klingelt. Auf dem Display eine unbekannte Nummer. In dem Bewusstsein, dass es nicht

Ko sein kann nehme ich ab. „Ja! Hallo!“ „Hallo, hier ist Bernd. Bernd aus deiner Malklasse.“ (???)

„Bernd. Hallo. Was gibt es denn?“ „Bist du gerade in der Hochschule?“ „Ja Bernd, das bin ich.“

„Ich hab doch da das eine große Bild da hängen! Und das andere daneben.“ „Hmmm. Und?“ „Wie sieht es aus? Hat die Ko was gehangen? Ist noch Platz? Kann ich noch ein oder zwei große Bilder hängen? Ich überlege nämlich, ob ich noch ein oder zwei Bilder hängen kann?“ „Ist das ein

Alptraum“, denke ich. Ich versuche, ihn abzuwimmeln. „Ich weiß nicht, ruf vielleicht später noch mal an.“ „Ja, du kannst mich ja auch anrufen, wenn du was weißt.“ „Mmhh. Du Penner“, denke ich.

„Ja gut. Ok. Also dann. Wir sehen uns ja? Alles klar. Mach's gut. Tschüß.“ Ich lege auf. „Oh man.

Puuh.“ Kaum dass ich mich sammeln kann und etwas Ruhe habe, klingelt das Mobile schon wieder.

„Ring Ring.“ – „Ring Ring.“ Mürrisch nehme ich ab: „Jaa!“ „Hier ist Ko! Hast du das Bild schon abgenommen? Ich habe nämlich mit dem Professor gesprochen und er ist meiner Meinung. Und du wirst voraussichtlich großen Ärger bekommen, wenn du es noch nicht abgenommen hast, DANN

NIMM ES JETZT AB!!!“ Ko's Stimme ist sich des Sieges gewiss. „Mal sehen“, sage ich trocken.

„Du weißt doch selbst, dass hier alles schon mehr als voll ist, und ich will ja nur ein Bild hängen, wo ist denn da das Problem. Dein Bild hängen wir an eine andere schöne Stelle. Das ist doch OK.“

„Peter, du scheinst nicht VERSTANDEN ZU HABEN, DASS DU DAS BILD SOFORT

AAAAABHÄÄÄÄÄNGSSTT!!!“ Während des Telefonates laufe ich hin und her. (Was ich oft tue, wenn ich telefoniere.) Die „Assistentin“ kommt mir entgegen. Sie telefoniert auch. Ihren Worten zufolge geht es um dasselbe Problem. Um mein Problem. (Um unser aller Problem mit dem Bild.)

„Er ist gerade hier“, sagt sie. „Rede doch noch mal mit der Assistentin, Ko, die wird es dir noch mal erklären!“ „DER WERD ICH GLEICH WAS ERKLÄREN!!“ „Assistentin! Die Ko will mit dir reden.“ Ich reiche ihr das Telefon. Martina winkt ab. „Bleib kurz dran, Ko, OK. Die Ass telefoniert auch gerade. Aber bleib kurz dran.“ In dem Moment, als die Assistentin mit der Hand winkt und

Gesprächsbereitschaft mit der Ko signalisiert, legt Ko auf. „Sie hat aufgelegt.“ sage ich. Was folgt ist eine über mich schwappende Welle der Aufregung und Hysterie. „Na ruf doch mal die Ko an!“, sage ich nach einer Weile. Die Ass ruft die Ko an. Versucht zu schlichten. Mittlerweile gehe ich zurück an den Ort, wo das Bild hängt. Warte. Trinke einen Schluck Apfelsaft, naturtrüb gemischt mit Leitungswasser. Am geschmackvollsten ist eine 65%-Wasser-35%-Apfelsaft-Mischung. Kommt aber auch darauf an, wie warm es gerade ist.

Nach einer kleinen Zeit kommt die Ass. Um, wie es scheint mit mir zu reden: „Peter, du musst das

Bild wieder abhängen, sonst ist dein Diplom in Gefahr!“ („Dein Diplom in Gefahr“‚ das hast du schon so oft gehört. denke ich. Selten zwar war es so unbegründet.) „Mmh. Keine Lust.“ „Oh nein,

Peter. Das kannst du deiner Freundin nicht antun. Wenn die Ko her kommt, dann brennt hier die

Luft. Tu das deiner Freundin nicht an! Ja? Komm schon! Das kannst du Ihr nicht antun.“ „Warum liebe Martina ist denn mein Diplom in Gefahr, wenn ich das Bild nicht abhänge?“ „Ich kann es dir nicht erklären. Du weißt es doch bestimmt schon?“ „Was weiß ich?“ „Na das mit der Ko!“ „Was mit der Ko?“ „Na mit der Ko, du weißt schon...“ „Ach mit der Ko!“ „Du weißt es.“ „Was genau mit der

Ko?“ „Veralber mich nicht es wissen doch schon alle oder?“ „Was denn, Martina?“ „Ich kann es dir nicht erzählen.“ „Du meinst das mit Ko?“ „Was weißt du?“ „Na das was du auch weißt!“ „Was weiß ich denn!?“ „Na das, was alle wissen!“ „Ja, du weißt schon... Ko und der. Du weißt schon.“ „Ach so das. Ach ja, das weiß ich!“ „WAS DU WEISST, DASS DER PROF UND DIE KO SEIT DEM

ERSTEN SEMESTER EIN VERHÄLTNIS HABEN?!“ (Uups denke ich) „Na ja, du hast es mir ja eben erzählt.“ „Was!? Behalt das ja für dich! Hörst du! Behalt das unbedingt für dich!“ „Ich könnte ja mal Gina (die Frau des Professors) anrufen, und es ihr erzählen, Die kenn ich nämlich ganz gut.“

„Um Gottes willen, mach das bloß nicht!“ „Hmm, warum denn nicht?“ „Sag bloß nicht, dass du es von mir weißt!“ Ich erzähle es A, die aus allen Wolken fällt. Wir hängen gemeinsam das Bild in die hinterste, muffigste und dunkelste Ecke der Hochschule und gehen an die frische Luft.

Durchatmen. Ein. Aus. Das Telefon klingelt. „Hallo, hier ist noch mal Bernd.“ „Hallo Bernd. –

Bernd, tust du mir einen Gefallen? - Holst du noch ein zwei große Bilder. Es ist jetzt noch Platz, ich hab mein Bild woanders hingehangen. Du kannst auch noch eines über die Tür hängen!“ „Was wirklich. Oh. Ich danke dir.“ „Kein Problem Bernd. Machs gut Bernd.“ Ich lege auf.

Monologisches Gespräch am Kaffeeautomaten

Die Temperaturen steigen heute wieder. Das tun sie seit Tagen, seit Jahren schon. Nur wusste man es noch nicht immer. Erst dachte man, es sei nur das Ozonloch und später, es wären bestimmte

Strömungen im pazifischen Ozean. Aber heute weiß man alles ganz genau. Und wenn man „man“ sagt, heißt das eben nicht wie noch zu Zeiten der Präsolaristen, dass eine Wissenschaftleraristokratie gemeint sei, die sich erlauben dürfen, mit dem transindividuellen „man“ von der pseudoselbstischen

Masse abzuheben, nein, nein, nein, vielmehr ist „man“ jeder. Jeder weiß es, jeder glaubt es und jeder weiß, dass es jeder weiß. So kümmert es niemanden. Die Temperaturen.

Durch Anomalien in der atlantischen Ozeanströmung könnten sie sogar noch sinken, was aber doch auf das gleiche herauskäme. Konzentrierte sich im Falle der Aufheizung die

Beschaffungskriminalität sagen wir mal, auf Klimageräte oder auf Wasser, so wären es im anderen

Fall Gas zum Heizen oder überhaupt alles Brennbare.

Eine Kunsthochschule ist ein beheiztes Gebäude. Eine Kunsthochschule verfügt über ausreichend sanitäre Einrichtungen. Die Bilder sind meist sehr groß. Das ist gut. Denn sie sind auf großen

Holzleisten aufgespannt, manchmal sogar doppelte Leisten, weil es stabiler und außerdem modern

ist. Die Bilder heben sich besser von der Wand ab, kriegen mehr „Objektcharakter“ und sehen irgendwie teurer aus. Das ist sehr gut, denn solche Bilder liefern reichlich Brennholz in Notzeiten.

Man kann leicht errechnen, dass die heutige dicht gehängte Ausstellung ausreicht, um mit ihrem

Brennwert einen mittleren Haushalt bei sparsamer Verwendung über einen frostigen Winter zu bringen.

Der konsequent einsetzende Schneefall bedeckt sehr schnell den Hof der Kunsthochschule mit

Weiß. Vom Kaffeeautomaten ein paar Schritte, die Spuren hinterlassen. Nur kurz, dann sind sie wieder zugeschneit. Der Schnee reicht inzwischen in Hüfthöhe, mit einem watenden Gang kein

Problem. Auch die Decken, aus den leer stehenden Häusern tun gute Dienste. Nach den

Verteilungskämpfen um die Gasvorräte konnte man sich aus den verlassenen Wohnungen ganz gut was zusammensuchen. Die Wolfspopulationen sind im dritten Jahr der Abschussbegrenzung stark angestiegen. Die Wolfstreibjagd steht bevor und verspricht reiche Beute.

Das ehemals beheizte Gebäude passiert man auf der Fährte eines der größten Nahrungsmittel-

Wolfsrouten. Sie rasten oft im früheren Hof. Es diente wohl einmal kultischen Zwecken, davon zeugt das einzige erhaltene spirituelle Objekt. Es ist rechteckig und befindet sich in einer Kulthöhle, die von dem Lichthof des Gebäudes abzweigt, an den Wänden in vier Meter Höhe festgefroren. So entging es den Beschaffungsbanden.

Es ist auch auf einem hellen glänzenden Material gemalt, was es zur Primärverbrennung wertlos machte, so blieb es hängen. Es zeigt viele Menschen, die vor sehr vielen solcher rechteckigen

Objekte stehen und wild mit den Armen fuchteln. Manche halten Kultobjekte an den Kopf, in die sie Beschwörungsformeln hineinsprechen. Dabei deuten sie auf die Objekte an den Wänden. Eine

Person nimmt ein Objekt von der Wand. Wohl um es der Gottheit zu widmen. Genau kann man das nicht mehr erkennen, da die Eisschicht auf dem Objekt sehr dicht ist. Vielleicht handelt es sich auch um ein kultisches Schauspiel zu Ehren der Gottheit. Über die angebetete Gottheit ist nicht viel

überliefert. Wahrscheinlich bestand ein Bilderverbot, so dass es den Gläubigen untersagt war, die

Gottheit direkt abzubilden, so dass sie sich auf eine gleichnishafte Deutung alltäglicher Dinge und

Handlungen verlegten. So handelt es sich bei den Abgebildeten auf dem zugefrorenen Objekt wahrscheinlich um Schauspieler, die Masken tragen.

Das erklärt auch die unbewegten und leidenschaftslosen Gesichtsausdrücke.

Dialogisches Gespräch am Kaffeeautomaten

SCM: Hi BSP, wie war der Rundgang?

SCM: Hast du mal 50 Cent für den Kaffee?

BSP: Hey SCM. Oh man der Rundgang. Hör bloß auf.

SCM: Sch... Automat kann nicht wechseln.

BSP: Ja, ich denk schon.

(wühlt im Portmonee)

BSP: Hier, ein Euro. Zieh mir auch gleich einen raus.

SCM: Danke.

(drückt zwei Tasten, wirft Münze ein, zisch, schlapper, pffh, voll)

SCM: Weiß oder nur Zucker?

BSP: Beides Mikey.

SCM: OK.

(drückt drei Tasten, wirft Münze ein, zisch, schlapper, pffh, voll)

SCM: Hier, bitte.

BSP: Jo danke. Nee, der Rundgang ging wieder mal gar nicht.

BSP: Grausam, sag ich dir.

SCM: ?

BSP: Lass uns gar nicht drüber reden. Es war auch witzig irgendwie. Wenn man es von einer

Metaebene aus betrachtet, dann war es richtig lustig. Leider fiele mir das schwer...

SCM: ?

BSP: Na ja, du weißt schon. Alles total überhitzt. Die ganze Sache.

SCM: Die Bilder?

BSP: Nee. Eigentlich meine ich alles drumherum. Naja, und die Bilder irgendwie sehr. Hmm, weiß

nicht. Sch... irgendwie. So leer.

SCM: Kann ein Bild ein dumpfes Bewusstsein entwickeln?

SCM: Also das alles mitkriegen und...

SCM: ...so als Subjekt.

BSP:

(schluck)

Das würde bedeuten, dass sich das Bild seiner selbst dumpf bewusst ist. eigentlich macht es doch uns Menschen aus und nur uns Menschen, ein Bewusstsein zu haben. Wie meinst du?

SCM: Ein dumpfes Bewusstsein, vielleicht so, als ob es fernsieht, vielleicht sieht es das so als eine

Art...

SCM: Theaterstück...

SCM: ...den Rundgang...

SCM: ...zum Beispiel.

BSP:

(schluck)

Gar nicht so schlecht der Kaffee, was?

(lacht)

Ja, dann hat mein Bild während des

Rundgangs viel zu lachen gehabt.

SCM: Dann war es ihm sicher nicht langweilig. Deinem Bild.

BSP: Als Theaterstück äußerst witzig.

SCM: Sonst ist es sicher recht langweilig, wenn man mit einem dumpfen Bewusstsein an der Wand hängt.

BSP: Aber auch traurig...

BSP: ...wenn es so da hängt. man könnte schon das Gefühl haben.

SCM: Entwickelt es seine Persönlichkeit weiter?

SCM: ...so beim Hängen?

BSP: Was ist, wenn es nur irgendwo im Lager rumsteht?

SCM: Oder ungemalt bleibt.

BSP: Ja. Das ungemalte Bild ist auch schon ein Bild. Das heißt, es hat ein dumpfes Bewusstsein schon vor der Geburt. Babys im Mutterleib sind ja auch schon.

SCM: Ist es Mord, ein Bild nicht zu malen?

BSP:

(schluck)

Ja. Ich denke schon. Aber vielleicht. Dann müsste man doch ständig malen was?

SCM: ;-)

SCM: was ist Langeweile?

BSP: Oh Langeweile.

(schluck)

Das Gegenteil von Kurzeweile?

SCM: Was ist Langeweile für ein Bild mit dumpfem Bewusstsein?

BSP: Pfff. Schwierig. Irgendwo rumzuhängen!

SCM: Oder anders: Was wäre für das Bild mit dumpfen Bewusstsein Kurzeweile?

BSP:

(schmeißt den Plastekaffeeeinwegbecher in den Mülleimer)

Gibt es so etwas überhaupt für ein

Bild?

SCM: Tja.

BSP: Das Bewusstsein entwickeln. Langeweile ist doch was ganz anderes, als man allgemein versteht, oder?

SCM: War es dem Bild beim Rundgang eher langweilig oder kurzweilig?

BSP: Wahrscheinlich war es wie Fernsehen gucken!

SCM: Genau. Das Bild wurde doch eher glänzend von dem Rundgang unterhalten?

BSP: Ja, all die Leute. Aufgetakelt. Überdreht. Komisch. Schon wie Theater.

SCM: Das Bild war also von seinem Sein als an der Wand hängendes Bild mit dumpfen

Bewusstsein abgelenkt.

BSP: Ja, genau. Aber es ist mit sich selbst nicht weitergekommen. Wenn Weiterentwicklung... Ich glaube wir müssen erst definieren, was Langeweile ist, um klar zu gehen, was man meint.

Langeweile ist doch nicht Langeweile.

SCM: Hat das Bild Angst davor, sich zu langweilen?

BSP: Also warte mal. Langeweile ist Zeit, die als lang und intensiv erlebt und wahrgenommen wird.

Zeit, in der man sich mit seinem Bewusstsein konfrontiert und als Mensch weiterkommt. Und wenn du Fernsehen schaust, dann hast du Kurzeweile...

SCM: Das Bild hat also Angst vor seinem dumpfen Bewusstsein...

SCM: ...oder sehnt es sich nach der Langeweile, damit es endlich sein dumpfes Bewusstsein weiterentwickeln kann?

BSP: Die Langeweile wird missverstanden. Viele empfinden sie als schlecht, weil sie nicht mit ihr umgehen können... Aber was ist, wenn man eine Reaktion braucht und keine bekommt. Dann kann es in der tat schmerzvoll sein, Zeit als lang zu empfinden und man flüchtet sich in die Kurzeweile.

SCM: Stört die unfreiwillige Ablenkung durch den Rundgang es in seiner Entwicklung?

SCM: Hasst das Bild womöglich den Rundgang?

SCM: Es hat keine Chance, wegzusehen.

BSP: Ich glaube schon. Es ist viel Zeit. Es passiert zwar scheinbar viel, aber nichts Intensives...

BSP: Wenn du einen Fernseher hast. Du schaltest ihn auch an. Du hast auch keine Wahl. Die

Kurzeweile ist sehr verlockend. So einfach.

SCM:

(der letzte Schluck im Becher ist bitter, SCM verzieht das Gesicht, knüllt dann den

Plastebecher zusammen und schnippst ihn in den Eimer) I

st Malen eher Kurzeweile oder

Langeweile?

BSP: Na Langeweile, das ist klar.

SCM:

(schaut auf die Uhr)

Ich möchte noch ins Atelier. was machst du noch so, heute?

BSP: Weiß noch nicht. Hier ist, glaub ich, was los. Im Hof ist so eine Theatertruppe, die proben da.

SCM: Mach's gut, ich wünsch dir dabei viel Langeweile,

BSP: Denkst du, man sollte versuchen sich immer zu langweilen?

SCM: Ich will es versuchen, vielleicht entsteht ein Bild dabei.

BSP: Ja genau. Klingt gut.

SCM:

(setzt den Rucksack auf)

Also denn, bis morgen bei den Robben.

BSP: Hassen die Leute den Fernseher Mikey, ohne es zu wissen? Viele denken, sie lieben ihn?

SCM:

(im Umdrehen)

Sie lieben nicht den Fernseher und sie lieben auch nicht.

SCM: Dafür haben sie die Kurzeweile.

SCM:

(hat die oberste Treppenstufe erreicht und verschwindet durch den Vordereingang in

Richtung Park)

BSP: Hmm. Mach’s gut Mikey. Bis morgen.

(ruft)

Alles mit einem Bewusstsein hat Angst vor dem

Bewusstsein!!!

III

(Im Koma)

Die Generalprobe

Eine kleine Bühne. Es wird Theater gespielt. „Mir ist gestern ganz warm geworden ums Herz“, sagt er, „als du mir den Blumenstrauß geschenkt hast.“ Die nehmen einfach irgendetwas. Und blasen es auf, denke ich.

Blasen es so auf. Wie sie nur können. Unendlich. Wenn sie es richtig groß aufgeblasen bekommen.

Dann ist es gut. „Wie schön wäre es, wenn es in Wirklichkeit auch so wäre, wie in den Liedern.“

Hmm. Wirklichkeit. Eine Farce gesprochen aus dem Mund eines Schauspielers. Marionette.

Puppenspieler. Egal.

Oder doch nicht? Und in den Schauspielern, was ist da?

Alle haben Cowboyklamotten an. Große schwarze Hüte. Leder. Lassos. Peitschen. Die Jeans hab ich auch. Zwei haben Pistolen. Schießeisen, sagt man. Manche sogar richtige Gewehre. Natürlich

Attrappen. Die Frauen haben Zöpfe. Strümpfe haben sie an und altmodische Röcke. Eng. Auf jeden

Fall typgerecht. Wenn man die so in der Stadt treffen würde. Mit der Aufmachung. Hier funktioniert es. Ja. Es sieht gut aus. Sie proben. Manche üben ihren Text noch. Der Regisseur bemängelt und nörgelt an Gesten rum.

Schade, dass keine Pferde da sind. Pferde sind schöne Tiere. Braun, schwarz oder weiß. Ein Pferd ist ein Pferd. Außer es ist gefesselt an einer Kette, oder eingesperrt in einem Stall. Oder ein Mensch sitzt drauf. Was ist es dann. Pferd. Marionette. Puppenspieler. „Der Fürst ist doch schon abgereist“, sagt sie und „mein Fürst sah anders aus.“ “Meiner auch!” denke ich und lache (leise).

Jetzt tanzen sie. Sie tanzen. Wenn Menschen tanzen, so sagt man, kann man erkennen, wie und wer sie wirklich sind. Sie tanzen. Schauspieler. Ich kann nichts erkennen. Ich kann die Menschen nicht sehen. Vielleicht sind sie nur ehrlich. Vielleicht sehen sie es ein. Geben es zu. Vielleicht gibt es nichts zu... – Ach. Wer weiß. Ich weiß es nicht. Und wie gesagt: will ich mich überhaupt damit quälen? Mir bleibt nichts übrig.

Ein Mädchen gefällt mir. Sie ist mir schon vorher aufgefallen. Einmal ist sie im strömenden Regen mit dem Fahrrad an mir vorbeigefahren. Ihr Gesicht tief eingehüllt in eine Kapuze. Die dunklen

Haare versteckt. Ihre Haut nass. Sie ist jung. Es war in einer Kurve. Wenig befahrene Straße. Ich war selbst mit dem Fahrrad unterwegs und musste einer Pfütze ausweichen. Da kam sie mir entgegen. Wir schauten uns lang in die Augen. Na ja. Wenn man von lang sprechen kann wenn man sich mit dem Fahrrad in einer Kurve mal - sagen wir - passiert. Sekunde oder so. Aber es ist mir in

Erinnerung geblieben. Das will schon was heißen. Nicht, dass ich vergesslich bin. Aber man sieht so viele Leute. Ständig. Wo käme ich hin, wenn ich mir jedes Gesicht merken würde. Nein nein. Ich merk mir nur die Schönen. Die von innen Strahlenden. Die Tiefen. Manchmal ist das Vergessen wichtiger als das Merken.

Ein anderes Mal sind wir uns in der Stadt begegnet. Einkaufsstraße. Eigentlich laufe ich hier nie lang. Nicht nie. Aber jedenfalls um diese Zeit. Nachmittags. Sehr selten. Da kam sie mir entgegen.

Die Stadt wimmelte nur so von Menschen. Kleine und Große. Dicke und Dünne. Alte und Jüngere.

Man hatte nur wenig Platz und musste mit dem Strom gehen. Und langsam laufen. Das mag ich nicht. Da kam sie mir entgegen. Kurz standen wir voreinander. So wenig Platz war, dass wir nicht wussten, wie wir aneinander vorbeikommen sollten. Die halbe Stadt war auf den Beinen. Ich hätte ihr gern „Hallo“ gesagt. Aber sie hörte Musik. Ich auch. Und „Hallo“ wäre mir in diesem Moment nicht eingefallen. Also ging ich weiter. Nach einem guten Stück Weg habe ich mich umgedreht. Sie war schon weg. Ich blieb kurz stehen. Suchte mir ein passendes Lied auf der Cd, die im Discman war.

„Werden Sie mich immer lieben?“, sagt eine andere auf der kleinen Bühne. Warum fangen die nicht an zu lachen? Ist das die hohe Kunst des Schauspielens?

Irgendwann werde ich sie kennenlernen. Ich weiß es. Bei ihr habe ich nicht das Gefühl, dass sie irgendetwas spielt oder so. Nein. Sie ist keine gute Schauspielerin. Das mag ich an ihr.

Die Probe ist beendet. Sie geht. Bei ihr habe ich das Gefühl, einen Menschen zu sehen. Mensch?

Was ist das? Sie ist nicht einfach, glaube ich. Ein Mensch? Jemand, der eine Seele hat. Sie hat eine!

Auf jeden Fall. Aber hat nicht jeder eine. Haben die anderen eine? Bestimmt. Sie müssen eine haben. Alle. Aber. Sehen kann ich sie nicht.

...einen Tag später.

Aus Neugierde (oder was auch immer) fahre ich wieder an den Ort des Schauspiels. Die Requisite ist aufgestockt worden. Ein Anhänger wie man ihn aus Westernfilmen kennt, mit zwei großen

Holzrädern. Solche, die man auf Pferde aufschnallt. Den Bühnenhintergrund bildet eine Hauswand.

Mit der Aufschrift: SALOON. Nur eine Wand. Dahinter. Kein Haus. Nur eine Wand. Ohne Inhalt.

(Was glauben die, wer ich bin. Das fällt einem doch auf, dass da nichts dahinter ist.) Oh. Und in einer Ecke sind Musiker. Sie bauen ein Schlagzeug auf und verlegen Kabel. E-Bass. Keyboard.

Schlagzeug. Ich bin bei Bands ohne Gitarrre immer skeptisch. Aber bestimmt sind es gute Musiker.

Eine Menge Crash-, sogar ein Chinabecken.

Jetzt hat sich doch jemand mit einer Gitarre zu den Musikern gesellt. Schnell die Sachen hingestellt.

Er spielt sich ein. Diesen üblichen Blueskram (nicht falsch verstehen), emotionslos. Handwerklich perfekt. Er hat so einen widerlichen 80er-Jahre-Gitarrensound. Aufgeblasen ohne Ende. Klingt wie:

„Ich komme mir vor wie in einem Stadion.“ Und ich sitze auf dem hinterletzten Platz, nur ganz vorn sind Lautsprecher und bei mir kommt vom Sound nur noch Hall an.

Neben mir schrauben sie Lampen zusammen. Hängen sie auf. „Das muss alles noch vom TÜV geprüft werden“, spricht jemand. Anscheinend wollen sie die Sache hier richtig, richtig aufblasen.

Gut machen quasi. Aber was bringt mir das? Das Mädchen ist auch da. Ich freue mich. Mit ihren dunklen Augen und der Ponyfrisur.

...und schon wieder klimpert der Gitarrist. Dieser Klang ist so widerlich. So unglaublich widerlich.

Außer mir stört das niemandem. Er ist schnell. Logisch. Schnell sind sie alle. Wedelt über das

Griffbrett. Gestern dachte ich, dass ich sie kennenlernen werde. Komisch, was man so denkt.

Gestern. Wie kann man so etwas denken. Heute scheint sie mir weiter weg. Heute spielt sie besser.

Schauen wir mal auf welcher Seite der Zufall ist.

Die Probe wird gleich beginnen. Die Schauspieler ziehen sich um. Der Gitarrist ist unglaublich schnell. Oh man. Und klingt doch so Scheiße. Wie lange spiele ich schon. Vielleicht ist es nur der

Neid. Nein. Ich glaube nicht. Vor mir sitzt eine Frau, von der mir jemand erzählt hat, es gäbe von ihr Aktfotos im Internet. Der Gitarrist packt einen Rockklassiker nach dem nächsten aus. Ich muss wohl bald die Flucht antreten, denke ich. Ich bleibe. Mal schauen. Jetzt fiedelt er leise. Gott sei

Dank. Einige Schauspieler spielen sich auf. Sie werden langsam nervös. Jetzt wieder laut. Ibanez-

Metal-Gitarre. Peavey-Combo. Riesiges digitales Effektbrett. Ihr wisst, was ich meine.

Die ganze Zeit. Ich habe eine Sonnenbrille auf. Nicht weil es hell ist. Nein. Damit kann mir niemand in die Augen schauen. Da bin ich nicht besser. Die Musiker. Die haben was weiß ich wie lange ihr Instrument studiert. Sich durch etliche Etüden und Preluden gequält, um dann hier so neben einer Theatervorstellung „sweet home alabama“zu spielen. Und die Truppe hat es irgendwie geschafft, den letzten Pfiff, den das Stück bis dato für mich noch hatte, abzusaugen. Bald wird es so dunkel sein, dass ich meine Sonnenbrille abnehmen muss. Ich nehme sie ab. Rechts neben der

Bühne steht ein Indianer-fake-zelt. Hä! als ob es irgendwo im Wilden Westen ein Indianerzelt gegeben hätte, dass neben einem Saloon stand. So gesehen. Eine Sensation! Jetzt legt die Band noch mal los. Klingt gut. Auf einmal. Hmm. Was will ich denn auch? Nein. Um einiges besser als Musik aus der Konsole... Blau... Blau ist eine wunderschöne Farbe. „power of soul“ von Hendrix geht mir durch den Kopf. „with the power – of soul. everything is possible – with the power – of you – anything you wanna do.“ Neil Young hat auch oft Cowboyhüte auf. Genau solche wie einige der

Schauspieler. Bei ihm ist es irgendwie anders. Blau. Die Schauspieler sind aufgeregt. Üben

Bewegungsabläufe. Sie singen sich gemeinsam ein: „Die Sonne scheint. Die Sonne scheint. Die

Sonne scheint.“ Stimmt. Das tut sie. (Wahrscheinlich hätten sie das auch bei Regenwetter

gesungen.) Des Einsingens wegen. Die Band gefällt mir langsam. (Wenn man vom Klang der

Gitarre absieht, und davon, dass der Schlagzeuger nicht wirklich sauber und gelangweilt ist.)

Zweimal läuft sie knapp an mir vorbei. Nicht so nah, das ich sie hättte riechen können. Sie mag es nicht, dass ich hier bin und ihr zusehe. Glaube ich. Warum, weiß ich nicht. Warum ich bleibe, auch nicht.

Der mit seinem grauen Kraushaar. Fiedelt eine Skale erst hoch. Dann runter. Das Geraschel um mich herum wird zur Ruhe. Ich überhöre es langsam. Wie wird sie wohl heißen. Vielleicht Judith.

Oder was französisches: Chanel.

Ich will zu meinem Fahrrad. Es steht bei dem Gitarristen. Ich nagel Ihm ein Gespräch ans Bein:

„Klingt ziemlich 80er.“ „Ja. genau!“ „Riesen Effektbrett.“ „Was ist da alles drauf?“ „Klingt zu digital.“ „Was hast du denn?“ „Nur so zwei kleine und ein Wah-wah.“ “Hatte ich früher auch so.“

„Aber jetzt.“ „Die Nebengeräusche.“

Zurück. Ich suche mir einen anderen Platz. Weiter weg. Chanel im Kostüm mit dunkelroten Lippen und offenen Haaren. Ihre Wangen sind rot. Rouge. Einen weiten Rüschenrock hat sie an. Schwarz und Grün und ein enges lila Oberteil mit Ausschnitt. Rote Spitzenstrümpfe darunter. Sie läuft, als wäre sie vor kurzem hingefallen. Oder sie übt nur als wäre sie vor kurzem hingefallen. Vielleicht, denke ich, muss ich den Zusammenhang suchen. Den großen Sinn, der vielleicht doch dahinter liegt. Der ganze Aufwand. Die vielen beteiligten Leute. Der Schauspieler als Puppe. Marionette.

Vielleicht muss das so sein.

Labyrinthischer Spaziergang

Nach dem Regen regnet es. Die Protagonisten sind sehr geübt im Zusammenpacken ihrer

Instrumente und Requisiten. Mit ruhigen mechanisierten Bewegungen verstauen sie alles in den vielen Kisten nach einem geheimnisvollen, jedenfalls nur ihnen bekannten System.

Sie lassen dann alles stehen für die spätere erste Aufführung. Sie schauen auf die Uhr. Mehrmals. Es ist noch zeitiger Nachmittag. Sie gehen los, mit Fotoständern und zwei Koffern.

Sie werden unscharf, verschwinden. Der Platz leert sich. Ich bin allein. Der Mond über den Bänken.

Nach dem Regen gehe ich auch. Durch die Straßen. Ich gehe um eine Häuserecke und stelle mir vor, dahinter beginnt ein Wald oder wenigstens ein Feld. Dann die nächste Ecke, und so weiter.

Mehrere Stunden gehe ich so im Rhythmus des Ausweichens vor den Pfützen, bis ich irgendwo einen Durchgang durch die historisch-korrekten Schnörkelfassade nehme und dahinter ein enger, nicht überdachter Hof mit Stühlen, Tischen – alle voller Menschen - und mehreren Gängen, die wiederum abgehen.

„Komm her, Freund!“, befielt eine lachende Stimme von einem der Tische vor dem See.

„Los, gib ihm eine große Portion und dazu ein Bier.“ Sie reichen mir einen Teller mit einem gebratenen Fasan, auf indische Art zubereitet und ein Bier.

Ich setze mich und esse.

„Was feiert ihr?“

„Heute ist meine Firma geschlossen worden.“

Ich verstehe nicht.

„Na, erzähl du es ihm.“

„Sie ist i-n-s-o-l-v-e-n-t“

„Yo, ist das geil!“, alle etwa hundert Leute an den Tischen lachen und trinken.

In-sol-vent.

Kommt wohl von lateinisch solvere, lösen, so wie englisch solution. Da heißt es dann wohl un-lösbar.

Die Freude über die Unlösbarkeit des Seins.

„Noch ´n Bier?“

„Das Leben ist ein Labyrinth.“

„Aber nur wenn du Glück hast.“

„Die große Eule.“

Die Sonne punktet weiß auf die Wellenkronen des Sees im Gegenlicht.

Nach der nächsten Hausecke ist der See weg und der Gang endet an einem kleinen Platz. Vor einem

Bassin aus Glas sitzen zwei Personen mit aufgespannten Schirmen und Sonnenbrillen. Die

Theaterleute haben die Mikrofone hingestellt. An dem ausgezogenen Fotostativ hängt ein Bild,

Leinwand 65 x 80 cm. (die Maße stehen auf den Holzschenkeln, fabrikationsbedingt, beim

Herumlaufen von hinten zu sehen.) Das Bild ist blau grau, sehr hell, cyan und ultramarine

Farbflecken, eine Pinselzeichnung darüber: liegende Figuren und Köpfe wie Masken.

„Was soll das?“

Gemurmel bei den wenigen dabeistehenden Passanten.

Im Bassin Schatten. Sie bewegen sich. Alternierende Bahnen schwimmender Meeressäuger.

Die Typen mit den Schirmen vor dem Bassin sagen nichts, starren auf die Roben und auf das Bild.

Abwechselnd.

Manchmal guckt ein Robbenkopf am Glasrand.

Der Assistent, der an den Stativen werkelt, erklärt, dass es sich um nichtakustische

Emotionsmikrofone handelt, die gerade eine dialogische Lesung aufzeichnen.

„Die Robben sind zu sehr tiefen Kunstreflexionen fähig. Außerdem sind ihre Begabungen für das visuelle Zuhören im emotionalen Spektrum enorm. Sie sind die sachkundigsten Kunstbetrachter

überhaupt.“

Jetzt sehe ich Chanel. Sie ist unscharf. Sie spiegelt sich im Robbenbassin. Im Spiegelbild verschwimmt das Karminrot der Wangen mit dem violetten Oberteil. Eine Farbskala, welche die

Zinnoberlippen zum nicht begrenzten Leuchten bringt. Ich drehe mich langsam um, in die Richtung, in der ich das Original vermute.

Plötzlich werden Leute zwischen uns gedrängt. Immer mehr kommen. Die neuen Leute drängen die schon anwesenden Zuschauer zur Seite. Sie bilden eine Gasse.

„Macht Platz für den Dr. Lautreder, den Politiker, der extra aus der Hauptstadt angereist ist.“

Alle werden zur Seite gedrückt. Plakate werden hinter der durch Bodyguards beschützten

Politikerpersönlichkeit hergetragen: „Nein zu Tierversuchen!“, „Freiheit für Robben!“

Handgemenge. Chanel ist nicht zu sehen.

„Geben Sie die Kamera her!“

„Autsch!“

„Ploff.“

Im Augenwinkel sehe ich noch, wie die Menge die beiden Typen mit den Sonnenbrillen vom Bassin wegzerrt.

Die Robben an der Scheibe gucken…

Dialogische Lesung für die Robben (syntonische Teilübersetzung)

„Frauen sind wie Fernsehkanäle. Kulturkanal, Kanal mit Werbung. Shopping. Abends dann die schmuddeligen. Sportkanal und so.“

„Genau.“

„Ja Mann! Wie Kanäle.“

„Seh ich genau so. Das mit dem Zappen und so.“

„Du drückst auf die Zwölfund bist im Sportkanal. Da geht’s zur Sache!“

„Cool, bei mir hakt allerdings die Zwei-Taste, so dass ich erst zweimal die Eins drücken muss und dann eins nach oben zu zwölf.“

„Fuck Mann, da hast du bestimmt übelst Stress, die wichtigsten Szenen nicht zu verpassen. Du weißt genau welche Sendung gerade kommt. Du bist spät dran und du weißt, sie ist in vollem

Gange aber du kannst die Zwei nicht drücken und fummelst endlos mit der Eins rum. Und wenn du dann doch angekommen bist, schalten sie den Werbekanal dazwischen, wo eben noch Sport kam.“

„Fuck Mann, auf der Elf ist so ein dämlicher Shoppingscheiß.“

„Ja Mann. Die Zwölf. Das ist die ultimative Zahl. Weißt du was? Das glaubst du nicht: Gott hat zwölf Haare. Ich hab's gesehen.“

„Echt jetzt?“

„Ja verdammt. Zwölf güldene Haare.“

„Würde mich auch wundern, wenn er bloß drei hätte. So wie der beschissene Teufel.“

„Ja genau. Weist du was? Ich glaube, das ist der einzige verdammte Unterschied zwischen den beiden. Gott zwölf. Teufel drei Haare.“

„Oh Mann. Mann. Shoppingkanal. Weißt schon. Bibel und so.“

„Vielleicht ist Gott ne Frau. Dann wäre sie ein Kanal.“

„Der zwölfte, was? Heute im Programm. Feudalismus. Morgen die Glaubenskriege. Kaufen sie

Papst-Fan-T-shirts, ab sofort auch Papstunterhosen und Papstgürtelschnallen im Angebot, drei Stück zum Preis von zwei, bitte die Sonderangebote ausschließlich online bestellen.“

„Eh. Rate mal, was die Quersumme von Zwölf ist?“

„Krass! Drei!“

„Was für eine verdammte Verarschung. Die Typen sind gleich!“

„Alles Marketing. Die einen glauben an Gott, die anderen an den Teufel und jeder hat seinen

Shoppingkanal.“

„Nee nee, ich mein das eher so: die zwölf Haare hast du gesehen, und die Drei ist ein Teil der

Zwölf, also sind die drei Haare welche von den zwölf Haaren. Und je nachdem welches Haar du erwischst, siehst du Shopping, Mösen oder Kopf ab!“

„Meinst du. Dann ist die Drei der Kopf-ab-Kanal und alles ist ein großes Ganzes?“

„Die Zwölf ist übelst wichtig. Komplexer als zum Beispiel die Sieben. Die ist mir irgendwie nicht geheuer. Primzahl und sowas.“

„Ja. Ich weiß, was du meinst. Zwölf Haare. Das ist kein Zufall. Hey! Bist du nicht auch zwölf Jahre alt?“

„Oh Mann, genau. Schon länger.“

/

/

„Hmm. Ich auch.“

/

„...wenn eine Künstlergruppe ihren Höhepunkt erreicht hat, muss sie aufgelöst werden?“

„Schon besser, sonst wird man vielleicht. Hmm. Weis nicht.“

„He, guck mal da drüben steht Channel. Komischer Name, was bedeutet er?“

„Oh Mann. Ja. Da steht sie. Oh man. Sie ist toll. Ist sie nicht?“

„Ja, das ist sie.“

„Sie heißt Chanel. Das ist französisch. Nicht Channel. Was soll ich machen?“

/

„Wie meinst du? Jetzt?“

„Äh.. Ja!“

/

/

„...irgendwie gab es dann bei Querschlag keinen geistigen Zusammenhalt.“

„Einige Leute hätten Querschlag eh am liebsten von Anfang an verboten.“

„So wie die Frau in der U-Bahn, die einen Fahrgast mit einer Sieben zusammgeschlagen hat, weil sie dachte er wäre Special K.“

„Ja. Genau so dann bei der Ausstellung.“

„Joh. Übrigens hat sich K mal zum Malbuch geäußert.“

„Und?“

„Er fand es Scheiße.“

„So.“

„Hat ihn angekotzt, dass Dr. Slawetta und der Autor im zweiten Kapitel noch nicht gepoppt haben und da hat er es weggelegt.“

„Na, aber das ist doch gerade der Gag. Literarisches Stilmittel. Spannung bis zum Ende. K ist vielleicht sauer, dass die Welt ausgerechnet mit Malerei gerettet worden ist.“

„Er meinte auch, dass die Handlung zu fragmentarisch und die Klaradokumente zu sachlich seien.“

„Cool. Das ist doch ein Lob. Mensch, Klara muss sachlich sein. Gefühlos. Dokumentarisch. Die

Handlung ergab sich ja während des Schreibens. Aus dem künstlerischen Schöpfungsprozess. Es muss also fragmentarisch sein.“

„OK, OK. Immerhin hat K dann das Buch nochmal und bis zu Ende gelesen. Meinte noch es wäre zu speziell. Was vor allem für Maler, man würde es nicht einfach so verstehen.“

„Nur für Maler? Kann schon sein. Da hat er schon irgendwie recht. Aber ist doch eigentlich alles drin. Pop5 halt. Sex. Gewalt. Liebe. Musik. Drogen. Was du willst du noch mehr?“

„Die Message hat K vermisst. Er wollte wissen wieso und warum und hätte gern mehr über Klara gewußt.“

„Hmm. Mehr über Klara. Wer weiß schon, wie außerirdische Supermächte ausssehen? Du?“

/

/

/

„Im Malbuch ist Klara abstrakt. Könnte alles sein. Eher ein Netzwerk als ein wahrnehmbares

Wesen.“

„So ne Art Puppenspieler, denk ich.“

„Mann, was wollen die Leute?“

„Scheiße, man müsste es noch mal schreiben!“

„Das geht nicht wegen authentisch und so.“

„Hmm.“

„Naja. trotzdem. Wie würde denn ein alternatives Malbuch aussehen?“

„Schauen wir mal.“

„Heeeyyy!!“

„HÄNDE WEG VOM SYNTONISCHEN MIKROFON!!“

„DANN HÖREN DIE ROBBEN NICHTS MEHR!“

„HHEEEYYY!!!“

„AARRGHH!“

„HAU AB!“

(SCM und BSP werden von Polizisten gewaltsam aus dem Robbenbeckengelände gezerrt,

Handschellen werden angelegt, das syntonische Mikrofon wird entfernt, die Robben schwimmen aufgeregt hin und her)

IV

(Das bessere Malbuch)

Die Doktorin

Der Autor tritt zur Tür herein.

Die Doktorin wartet bereits auf ihn. Sie heißt Slawetta. Slawetta.

„Hallo haben wir uns nicht schon irgendwo mal gesehen?“

„Oh Darling. Nicht das ich wüßte. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Fahrt.“

Der Autor setzt sich auf die rote Couch. Er holt einen A5-Notizblock aus der Tasche.

„Es ist warm. Stört es Sie, wenn ich mich ausziehe?“ „Warum nicht. Sagen Sie mir, warum sind Sie hier?“ „Mein Interresse gilt den beiden von Ihnen betreuten Brüsten, äh Patienten.“

„Es ist so: die beiden Patienten sind keine Patienten im eigentlichen Sinn, das bedeutet, dass sie nicht behandelt werden. Sie stehen vielmehr in unserer Obhut.“ Sie knöpft langsam ihre Bluse von oben herab auf. „Und das auch erst seit kurzer Zeit.“ Der Autor berührt mit seinem Metallfüllhalter und spielerischer Geste ihren Nabel und fährt mit diesem zwanzig Zentimeter langen Gegenstand

über ihren Bauch und berührt Slawettas blutdurchdrungene Nippel. „Aber wir haben eine Menge verschiedener Informationen, die wir soeben bearbeiten...“ Er greift mit beiden Händen an ihre apfelförmigen Brüste, die sich für ihn einfach unglaublich toll anfühlen und beginnt mit seiner

Zunge um die erregten Brustwarzen zu kreisen.

„Es gibt Textfragmente.“

„Ist es möglich, diese einzusehen?“ die Hand des Autors rutscht sanft unter ihren Rock.

„Oh Jaa! Das sollten Sie unbedingt tun. Aber nicht jetzt.“ Sie setzt schnell fort. „Vorher müssen sie noch etwas wichtiges erfahren.“ „Was denn?“ „An allem ist Klara schuld. Und die Medien, die

Künstler und Kunsthochschulen, die Professoren und die Galerien und die...“

„OK, Slawetta. Haben Sie Aids?“ „Nein. Sie?“ „Nein.“ Der Autor öffnet den Reißverschluss an dem

Rock der Doktorin. Sie streicht sich durch die Haare. Dabei wackeln ihre Brüste. Der Autor ist geil.

„Klara war schuld?“ „Jaaa, und die Museen und die Kappastrahlung und ,jaaa, und die Medien, die

Künstler und Kunsthochschulen, die Professoren und die Galerien und die...“

Slawetta ist bis auf schwarze, schlicht halterlose, verlängerte und ihr Geschlecht einrahmende

Strümpfe nackt. „Ich bin hungrig.“ „Wir können uns auf die Couch legen.“ Sie spreizt die Beine ausseinander. Der Autor bemerkt zum ersten mal bewußt den Geruch ihrer Vagina. Sie zieht mit ihren Händen die Schamlippen auseinander und der Autor beginnt sie zu lecken. Er leckt sie.

Slawetta stöhnt leise. Der Autor unterbricht nach einer Weile. „Erzählen Sie mir über Klara.“

„Machen Sie weiter! Slawetta stöhnt lustvoll. „Es ist noch zu abstrakt.“

„Setzen Sie sich hin.“ Der Autor setzt sich auf die rote Couch. Die Doktorin setzt sich langsam auf ihn, wobei sie den Schwanz des Autors einführt. Beide stöhnen lustvoll. Jede ihrer Bewegungen hat

Eleganz und Schönheit. Sie reitet mit einer wahnsinniger Anmut, so leicht und schwebend auf ihm, als hätte sie die Kraft eines Dressurpferdes. „Ahh! Slawetta! Aah! Erzählen Sie über Klara!“ „Sie wollen es genau wissen, das mag ich an Ihnen.“ Sie gleitet aus ihm und läuft langsam zum

Schreibtisch, wobei sie mit der Hüfte betont und dennoch feinfühlige und grazile Bewegungen vollführt. Die Doktorin bückt sich. Mit geraden Beinen, den Oberkörper gebeugt, kramt sie etwas in einer Schublade und findet schließlich einen Hefter.

Der Autor, der auf Slawettas Geschlecht fixiert ist, in dem er eben noch war, empfindet ein stetig wachsendes Verlangen, wieder in sie einzudringen. Sie legt den Ordner neben ihn und beginnt mit der Zunge seinen Schwanz von unten an entlang zu fahren. „Slawetta. Jetzt aber raus mit der

Sprache, was ist Klara?“ Er schiebt sie weg. „Klara war so etwas wie ein immer präsenter aber für die meisten nicht wahrnehmbarer Diktator.“ Jetzt wirft er sie unsanft zu Boden. Slawetta spreizt die

Beine und der Autor fickt sie wild und entschlossen. „AH! AH! AH! AH! AH!“ stöhnt Slawetta in kurzen Atemzügen und setzt fort: „OK. Klara wurde von Außerirdischen gebaut, um Menschen,

jaaah, Energie abzusaugen. Ein Netz... ah ah ah ah... psychomagnetischer Strahlung gespannt... aaarhhh... niemand konnte, jaaah, jaaah, entrinnen... fast niemand... mmmh... Sende- und

Verteilstationen waren... aahhhrr, fick mich! Kunstwerke jeder Art... aah aah aah. Bilder... aah amplitudenmoduliert... aah aah... mmh... frequenzmoduliert... mmh... getarnt... waren die

Relaystationen überall...“ Flack flack flack (pop pop pop). „In Museen... aahrhahahhahaaah...

Galerien... aaaaaoooooooorrrrhh... Individuen entdeckten Abschirmungsmöglichkeiten...“

Stellungswechsel. Eine Stelle am Rücken von Slawetta näßt wegen abgeriebener Haut. Sie dreht sich um. Er nimmt sie jetzt in der Hundestellung. Sie setzt fort: „Klara wurde konstruiert um

Energie zu gewinnen. AAAh! OOh! Welche die nicht körperlichen Außerirdischen brauchten.

AAAh! Sechs Milliarden Menschen. Ein riesiges Kraftwerk.“ Er gleitet aus ihr. Schmeißt sie herum und vergräbt sich zwischen ihren Beinen. „Aaaaaooorrrhhh JAAAH! Die Außerirdischen benutzen die Kappastrahlung, um die Menschen zu kontrollieren und ihre Energie mmmhhhrAArrhh abzusaugen. Menschliche Psychoenergie. Aarrh die sie brauchten, um... ihr Raumschiff im Orbit zu versorgen.“ Der Autor nimmt Slawettas Beine. Mit dem Geschmack ihrer Möse auf der Zunge dringt er in sie ein wobei er ihre Beine nach vorn drückt um tief in sie hineinzukommen. „Was hat

Malerei damit zu tun?“ stöhnt der Autor. „Oorh Oohr“, stöhn keuch. „Durch ihre Malerei konnten die Maler völlig neue Strukturen erschaffen, die von Klara unabhängig waren... somit wurden sie immun... ahahahahahAHAHAHAAH!“

„Was für aarrhh Auswirkungen hatte die Strahlung?“ „Die Strahlung verändert die AAH

Gehrinstruktur kaum spürbar.“

Er grabscht nach den durch das heftige Stoßen wackelnden Brüste.

„Sie hatte den Zweck, die Menschen gleichzuschalten.“ Stellungswechsel. Wie vorhin. Nur wilder.

„Fü hr te zu ei ner ti ie ie fen Un zu fr frie den heit. Die Me AAh! Menschen AhAHAH! sollten sich mit sich selbst beschäftigen.“ Er stößt nun langsamer dafür aber kraftvoller. Mit mehr Energie.

„Letzendlich aaaahh haben aaah die Maler AAAHHH die AAAAHH Welt

OAAAAAAAARHHGERETTET!!!!“ In diesem Moment, als Slawetta das Wort GERETTET schreit, kommen sie beide. Slawetta, die ihren Orgasmus nicht fassen kann, hält die Hände vor ihr

Gesicht und rollt wie betrunken im Zimmer hin und her und kichert. „Slawetta. Es ist vorbei.“

In der U-Bahn

Paintboxes. Rolltreppe. Berlin. Deutschland.

Leute schauen komisch. Gelbe U-Bahn kommt näher. Zwei Typen. Sonnenbrille auf. Sehen cool aus die Jungs. Sie öffnen gleichzeitig ihre Jacken. Zünder und verkabelte Drähte kommen darunter zum

Vorschein. Leute schreien. Wildes Durcheinander in den Köpfen. Angst breitet sich aus. U-Bahn kommt, unaufhaltsam. Die Malfront-Helden haben sich Gürtel umgeschnallt mit Farbtuben. Die

Tuben sind knallrot. Offensichtlich Bombengürtel. Gibt es Zweifel? Aber kein TNT drin. Nein, sondern kleingemahlen und mit Leinöl zu pastosem Farbbrei vermischt:

Bei SCM:

Drei Blätter der Wasserpalme (Beaucarnea recurvata) von der Atelier-Nordseite.

Ein Wachskerzen-Stummel.

Ölfarbe, angetrocknet in 750- bzw. 500ml-Dose (Lukas Studio und Talens Amsterdam in den

Farbtönen zinnoberrot, kobaltblau, karminrot und titanweiß).

Zwölf Zigarettenstummel (Tabak: Westpoint blau Halfzware Shag, Canuma-Feindrehfilter, Gizeh

Zigarettenpapier).

Asche der Zigaretten.

Cayenne-Pfeffer, gemahlen.

Pigmentpulver, ultramarin-blau (Schmincke).

Fensterkitt (aus Holzfenster 52 x 96 cm nach Ausglasen vor Bespannen mit Leinwand)

Kaffeesatz (Jacobs Meisterröstung und Segafredo Espresso classico).

Holzspäne vom Stiftespitzen (Grafit Koh-I-Noor Hardtmuth in den Härtegraden 4B und 7B,

wasserlöslich Faber-Castell Albrecht Dürer in den Farbtönen orange, ultramarin und karmin, wachsstifte Lyra Osiris in schwarz, grün, gelb und rot).

Ein Weinkorken (Chateau La Vieille Eglise Cotes du Marmandais 1994).

Und bei BSP:

Zwei gelbe Tulpenblütenblätter.

Fünf rote Tulpenblütenblätter.

Vierundfünfzig weinrote Tulpenblütenblätter (davon sieben mit Schimmelpilz).

Ein Stück Butter (10g, in Folie).

Ein aufgerissener Briefumschlag mit der Aufschrift: Peter P.

Ein sehr schmaler Zettel mit der Aufschrift: „Wer lebt, tötet. Schneller oder langsamer.“

Sechs hellblaue Zettel Din A 5 (Einladungen zu Malfront 7 „Die Lizenz zum Malen“).

Eine dreiviertelst abgebrannte dunkelrote Kerze.

Ein Streichholz.

Reibefläche zum Entzünden des Streichholzes.

Ein blaues abgespieltes Plektrum (von P. Stone).

Ein vertrocknetes Blatt einer Eiche vom Herbst des vorigen Jahres.

Ein Büschel Haare der einjährigen Katze Murmel.

(Was soll das!?) Plötzlich Licht. Luftzug. Druckwelle. U-Bahn kommt. Kein Tageslicht.

Eingeschlossen. Man sieht nicht gleich, dass es keine richtigen Bomben sind. Aber man sieht es durchaus. Wenn man ein Auge für sowas hat. Passanten beschleunigen ihre Schritte. Laufen hastig.

Denken nicht mit der nötigen Klarheit. Nach oben. Angst. Paranoia für alle. Für alle, die U-Bahn fahren. (Für alle, die fehrnsehen.) Sie ist da. Menschen in der U-Bahn hoffen, dass die Attentäter nicht einsteigen. Die Türen schließen sich fast. Die Typen mit den Bombengürteln steigen ein.

Leute schauen schweigend auf den Fußboden. Die Assistenten verteilen Zettel. Es sind K und D. D ist der Typ mit der Kamera. Er ist Fotograf. Der Beste. Er ist der HHF. „Geht mal 'n Stück nach links, Jungs, dann bekomm ich die verängstigte Frau neben euch noch mit drauf.“ Sie gehen nach links. Klick. K verteilt die Zettel. Auf den Zetteln steht, dass Farbe in den Tuben ist und kein TNT.

„Ich hab extra Urlaub genommen, dass ich heute dabei sein kann.“ „Ich will raus!“, schreit eine

Frau. In Panik rempelt sie den HHF an, und verschüttet Kaffee auf seine Hose. „Eh, die Hose ist aus

Miami!“ Die Beiden mit den Bombengürteln stehen. Sagen nichts. Eine Frau kippt um.

Angstschweiß. Schweißperlen laufen. Jemand bibbert. W-W-W-W-warum? Waaaruumm WIR??

Keine Antwort. Die Malfront-Helden schweigen. Die Sonnenbrillen schirmen sie ab und lassen sie cool aussehen. In der U-Bahn unter Berlin. Ein besonders langes Wegstück. Die Leute sind bleich.

Erstarren in Angst. Die U-Bahn rast in der künstlischen Nacht des Tunnels. Haltestelle. Kommt näher. Langsames Bremsen. Zeit vergeht. Viel Zeit vergeht. Stopp.

Zeit vergeht. Öffnen der Türen. Leute fliehen wie ein Schwarm fliegender Enten. Hektisch schieben und drängeln sie sich gegenseitig. Alte und Kinder gelangen, von den Helden und deren

Assistenten abgesehen, als letzte aus dem Wagon.

Mit bewegungsloser Miene treten die beiden Menschen mit den Sonnenbrillen und den

Bombengürteln aus der Bahn. Sie wollen reden. Über die Bilder. Jetzt. Geht alles sehr schnell.

Schritte aus der U-Bahn. Tap tap tip tap. Gewehrläufe sind auf sie gerichtet. Eine Absperrung.

Dahinter eine Legion von Kameras, welche die ganze U-Bahnstation in ein surreales

Blitzlichtgewitter tauchen. „Keine Bewegung“, schreit es aus dem Mund eines der dreißig speziell für Terror ausgebildeten Sonderpolizisten. Der Ruf verstärkt durch ein Megafon, um der Stimme mehr Halt zu geben. Dennoch klingt Panik durch. Einer der beiden Malfront-Helden will sich an der

Nase krabbeln. Ein Polizist verliert die Nerven. RATATATATATATATATA. Ohrenbetäubender

Lärm. Weitere Polizisten schießen. RATATATATATA. Bruchteile einer Sekunde dauert es, bis sich alle in der Spezialeinheit dem Schießen anschließen.

RATATATATATATATATATATA!! RRRATATATATATATAATTTAAATTTAAATTT!!!!

TTTATTTATTRATTTATTARRATTT!!!

BRAAAATTTTTGRABRRRAAATTT!!!

Die Malfront-Helden tanzen einen Reigen und vollziehen gestisch die Magazinsalven. Jede einzelne

Kugel trifft im Blitzlichtgewitter der Medien. Live-Mord. Das wird die Story. Nun, als es nichts mehr gibt, das an den Körpern der Maler als funktionstüchtig beschrieben werden könnte, endet die

Exekution. Die Maler sinken stumm zu Boden, wo sich bereits eine Blutlache gebildet hat. Ein letzter Atemzug. Mit letzter Kraft röcheln sie aus ihren durchsiebten Lungen die Worte des

Kampfes: „Tötet Klara!“ K und D tauchen in der Menge unter. Sie haben ihre Nachricht verstanden.

Die Superheroes

Special K und D-Man haben verstanden.

Morgens, noch vor Sonnenaufgang, startet an einer geheimen und deshalb bisher nicht bekannten

Stelle der Erdoberfläche ein bis dahin unbekanntes Objekt des Types FDDHS-Mobil II (Flying-

Driving-Digging-Highspeed-Mobil II).

Die Startluke öffnet sich aus der perfekten Tarnung einer Verkehrsberuhigungsinsel in einer

Vorortstraße.

Die Ampel schaltet auf Dauerrot, automatisch werden Absperrzäune über die Straße gefahren, es entsteht in Stau. Kinder auf dem Weg zur Schule können nicht weiter und haben schulfrei.

Die Verkehrsinsel beginnt sich abzusenken.

Nach ungefähr zehn Minuten wird ein bläuliches Licht im Krater der ehemaligen Verkehrsinsel sichtbar.

Das blaue Licht wird heller. Es überstrahlt die soeben aufgegangene dunstige Morgennebelsonne.

Wegen der Überblendung bemerkt niemand, wie das FDDHS-Mobil mit unglaublicher

Geschwindigkeit herauskatapultiert wird. Es ist ein kurzes „Blop“ zu hören.

Als das Licht verschwunden ist, befindet sich die Verkehrsinsel wieder an ihrem Platz. Die

Absperrungen sind weg. Die Kinder müssen nun doch noch zur Schule.

Das FDDHS-Mobil II (Zweisitzer) rast unaufhaltsam in Richtung Erdumlaufbahn. Drinnen sitzen am Steuer: Special K und D-Man.

Die Sauerstoffschicht ist bald verlassen.

„Achtung, nach rechts!“

Ausweichen vor Satellitenteilen.

Das dunkle All.

„D, mach was!“

„Schalt ich mal die Transparenzkalibratoren auf Maximum.“

Klick. Klick.

Dreh.

Klick.

Tack. Tack.

Eingabe der Kompensationsparameter.

Tack. Tack.

Das FDDHS-Mobil ist transparent.

Schwarz wie das All.

Unsichtbar für Kappa-Strahlen.

Gerade noch rechtzeitig.

In den Omega-Koordinaten taucht ein riesiges rundes Objekt auf: Klara.

Pulsierende Lichtstrahlen verlassen gebündelt das Objekt in Richtung Erde. Andere gelangen von dort an, überholen das FDDHS-Mobil.

„Gleich geht’s los. Sieh mal nach der Ausrüstung!“

„Geb sie gleich mal in den Reduktor.“

„Bitte mit Tempo!“

D-Man packt alle Taschen, Stangen, Kisten und Kabel in einen Raum im hinteren Bereich des

Mobils.

„Jetzt!“

Pffhhh.

„Reduktion erfolgreich.

Massekomprimierung 95%“

„Gut gemacht, D!“

D-Man nimmt aus dem Reduktor eine handliche Box von ungefähr 20 cm Seitenlänge. Alles drin.

Das Klara-Objekt kommt immer näher.

Andockmöglichkeit gesucht.

„Da vorn.“

„Scheiße, nein, nichts zum Andocken.“

Special K steuert das FDDHS-Mobil um die Klara-Station herum.

Sterne gleiten vorbei. Seitlich. Pulsare. Supernovae. Oben. Drehend.

Rattatttatttatat.

„Verdammter Dreck.“

Ein Quant Kappa-Strahlung trifft das Mobil am vorderen Stabilisator. Alles wird durchgeschüttelt.

„Mach das in Ordnung, D!“

„Wir driften ab, wir verlieren den Kurs!“ Klara entfernt sich. Das Mobil folgt trudelnd den Gesetzen des Alls.

K schnauzt rum: „D!“

„Oh nein!“

Das Mobil gerät in bedrohliche Nähe eines Schneckenloches (schneckenförmiges Wurmloch).

„D, mach das Loch weg!“

„Das Schneckenloch hat uns in einer assymetrischen Gravitationsfalle.“

„Mach jetzt den Rückschub, D!“, schreit K.

Aber es ist zu spät. Das Schneckenloch hat die beiden Rächer in seine Klauen gebracht, von un an sind sie ihm bedingungslos ausgeliefert und werden eingesaugt.

„Rückschub, D!“, schreit K.

Fassungslos können sie nur noch die jetzt passierenden Dinge hinnehmen. Die Beschleunigung drückt mit brutaler Kraft gegen die Designer-Frontverkleidung des FDDHS-Mobils.

Spiralschneckenförmige Farbmeere.

Karminrot.

Krapplack.

Zinnober.

Kadmiumorange.

Indischgelb.

Zitronengelb.

Wuuuuuuuhhhhhschhhhh.

Permanentgrün.

Chromoxidgrün.

Cyanblau.

Wuuuuuhhhhhschhhh.

Helioblau.

Saaaaauuuuuuusssss!

Ultramarinblau.

Violett.

Sie schießen aus dem Schneckenloch heraus. In das offene All. Endlose Weite.

Ein Moment der Ruhe…

Das Mobil schwebt.

Ruhig.

Blop.

Sie blicken zurück. Das Schneckenloch schließt sich.

Schier endloser grenzenloser Raum. Lichtdekaden entfernt.

„Wir sind in einem neuen Sextanten“, bemerkt D-Man leise.

„Sieh zu, wie du das wieder hinbiegst, D!“

D-Man fängt an zu rechnen. Zahlenkolonnen…

Tage vergehen.

Endlich.

D-Man weint.

Schluchzt.

„Nun hab dich mal nicht so!“

„Wir sind in einem 32 Lichtdekaden entfernten Sextanten.“

„Bring uns zurück zu Klara, D!“

Sie nehmen Kurs.

Ein Jahr später.

Sie nehmen Kurs.

Zwei Jahre später.

Sie sind auf Kurs.

Drei Jahre später.

Treibstoff geht aus. Lebensmittel werden knapp.

Vier Jahre später.

Notlandung auf unbekanntem Planeten der Sapiens-Klasse. Dunkles violettes Licht. Lautes

Geschrei einheimischer flinker glibbricher Tiere. D-Man hat Kopfschmerzen. Dichte

Urwaldähnliche Vegetation. Fluoreszierende Blätter und Blüten. Blühende Flora und schreiende

Fauna. Kopfschmerzen. Temperatur durchschnittlich 34 Grad Celsius. Auffallend viele

Kleinstlebewesen. Umständliches Roden einer kleinen Vegetationsfläche zum Aufbauen einer

Basis. Hungersnot.

„D, bau hier eine Basis auf, ich versuche uns etwas zu Essen zu fangen.“

Das fünfte Jahr.

Erste Erfolge im Fangen der ekelerregenden Bewohner. Feindliche große Tiere bedrohen das Leben der Rächer.

D-Man setzt Leinsamen des letzten Stückes Vollkornbrotes aus, um Ackerbau zu betreiben.

„Mein letztes Stück Vollkornbrot.“

D-Man seufzt.

„D, hier!“

K gibt D-Man ein schlüpfriges Bewohnerstück, vorher in einer Flüssigkeit erwärmt.

„Iss das!“

„Ich denke an gegrillte Hähnchen.“

„Ich bin, äh war Vegetarier.“

Sie denken an die Heimat. Bier. Schinkenrührei. Salat. Vollkornbrot.

D-Man schluchzt.

Mösen.

K schluckt.

Das sechste Jahr.

Schweigend kauen sie auf nassen Planetenbewohnern.

Das siebte Jahr.

Erste Erfolge im Ackerbau.

„D, Treibstoff. D, finde eine Lösung!“

Das achte Jahr.

Der Ackerbau expandiert. Versuch der Züchtung von den am besten der schlecht schmeckenden

Bewohner.

D-Man: „Ich habe eine theoretisch mögliche These über eine eventuelle Treibstoffsynthese.“

K reibt sich die Bewohnerreste aus dem Gesicht.

„Wird aber auch Zeit, D. Organisier alles Weitere!“

Das neunte Jahr.

Lange Bärte zieren die Gesichter der Rächer. Wirre Kopfhaare und Augenbrauen haben einen grauen Schirm über den Augen gebildet und schützen vor der grellen violetten Sonne. D denkt oft an seine Aktienfonds.

Das zehnte Jahr.

Die Erfüllung des letzten Wunsches der Maler hält den an Depressionen leidenden D-Man vom

Suizid ab.

Das elfte Jahr.

Große weiträumige Ackerflächen sind errichtet. K erzielt erste Erfolge im Züchten der Bewohner.

Beobachtet wehmütig deren Fortpflanzungsrituale.

Das zwölfte Jahr.

Die erste Talsperre wird in Betrieb genommen. Bewässerungsanlagen werden eingerichtet. Immer größere Flächen werden gerodet. Gezielte Verfolgung der Bewohner des Planeten.

Das dreizehnte Jahr.

K: „Der Planet. Ein Kraftwerk aus sechs Milliarden Bewohnern. D, streng dich gefälligst damit an!“

Das vierzehnte Jahr.

Eine riesige Zuchtanlage wird errichtet. Das Schreien der glitschigen Tiere wird immer lauter.

Übersteigt allmählich die Schmerzgrenze. D-Man entwickelt spezielle Ohrschützer.

Das fünfzehnte Jahr.

Das Fehlen von Frauen wird unerträglich…

Das sechzehnte Jahr.

Durchbruch in der Unterdrückung der Bewohner. Erste industrielle Energiegewinnung. Einrichtung erster Tierkraftwerke. Vervielfachung der Energiegewinnung durch Synthese und Vernetzung der

Tierbewohnerkraftwerke zu Clustern.

D-Man: „Meinst du, die Bewohner haben Gefühle?“

„Mach dich nicht lächerlich!“, brüllt K.

Das siebzehnte Jahr.

Endgültige Herrschaft über den Planeten errungen. Alle Bewohner befinden sich in Kraftwerken,

Zuchtanlagen oder sind ausgerottet. Angstvolles Dauerschreien der gequälten Bewohner.

Entwicklung verbesserter Ohrschützer mittels Trommelfellimplantat.

Das achtzehnte Jahr.

K’s 50. Geburtstag. D-Man hat ein Geschenk für K. „Alles Gute, Special K!“ K kriegt einen selbst gestrickten Schal und einen Strauß fluoreszierender Blumen.

Das neunzehnte Jahr.

Großindustrielle Ausbeutung der Bewohner. Anlegen von Treibstofftanks.

Das zwanzigste Jahr.

Mobilmachen des FDDHS-Mobils. Gemeinsam.

„Wir haben einen Auftrag.“

Die Rächer im Mobil.

„Volle Fahrt Richtung Klara.“

K seufzt: „Nie wieder Boarden unter violettem Sonnenhimmel auf Tierchenmasse.“

Nach langer Fahrt:

Ein rundes Objekt taucht vor ihnen auf.

„Klaaaaaraaaa!“

„Wir haben es geschafft!“

Freudentränen in den Augen der bärtigen, grauhaarigen Männer.

FDDHS-Mobil transparent. Klara wird umkreist.

„Sieh mal, dort sind so komische Antennen.“

„Kappa-Induktoren. Vielleicht können wir mit dem Mobil dort festmachen.“

Start der Konnektivitätssequenz: das Mobil verzögert, schwebt eine Zeit lang transparent vor den

Kappa-Induktoren. D-Man installiert den Konnektivitätsadapter.

„5log3int*go7“

„Los.“

„Adapter aktivieren.“

Ein Bizor-Strahl (transparent) aus dem Mobil erfasst den Kappa-Induktor. Dieser wird sofort inaktiv, die Kappa-Quanten irren planlos durch das All.

Das Mobil ist über den Bizor-Strahl mit der Kappa-Station verbunden.

„K, jetzt geht es los. Tarnanzüge müssen überprüft werden, Achtung, der Helm hat Linksgewinde.“

Flutsch.

Sie haben die fluoreszierend-roten Leuchtoveralls angezogen und stehen an der Bizor-Luke bereit mit der Gerätebox aus dem Reduktor.

D-Man programmiert das Mobil auf Standby. Ein unsichtbarer Rayinput im Brennfokus des Bizor-

Strahls schneidet ein Loch in die Klara-Hülle.

„Es geht los.“

D-Man und Special K springen in den temporären Konnektivitätsschacht. D-Man platziert einen mobilen Konnektivitätsrepetitor neben der Eintrittsluke. Das Loch schließt sich, das Gerät blinkt.

Innen.

Sie blicken sich um.

Plötzlich: Ein Grokor, eine schrecklich zottelige Gestalt kommt auf Special K zu. So schnell kann

D-Man den komprimierten Gerätekoffer nicht entpacken, so das K gezwungen ist, den Angriff mit bloßen Händen abzuwehrenn.

Das Grokor beißt sofort zu.

K kann sich gerade noch zur Seite drehen, so dass das Grokor nur seinen Leuchtanzug zerfetzt. K flüchtet, das Grokor hinterher. Es gibt dabei einen schrillen, pfeifenden Ton von sich. Zwei weitere

Grokors kommen sofort aus den Gängen geschossen.

„Beeilung, D!“, ruft K genervt zu D-Man.

Der hat inzwischen den Dekomprimierungsvorgang gestartet. Dazu baut er ein Mini-Display vor sich auf, zieht Kabel zur Box, welche die dringend benötigten Waffen enthält.

Programmiert.

Klack. Klack.

Inzwischen verbeißen sich alle drei Grokors in K’s Leuchtanzug.

Kampfgetümmel.

„Aua!“

„Hier!“

„Pfatsch.“

„Wird’s bald?“

„Gleich kann ich die Box dekomprimieren. Nur noch die Brozer auf Gegenschleife stellen.“

„Arrrggghhh.“

K verwundet.

Blut tropft.

„Gleich, K. 3,2,1…jetzt!“

Die Box, die in ein Brozer-Feld gestellt wurde, beginnt durch die dekomprimierenden

Strahlungsimpulse zu wachsen, aus einem Materieklumpen differenzieren sich Teile heraus:

Displays, Kabelrollen, Scheinwerfer, Optiken, eine Leinwandrolle und endlich: die Waffen.

D-Man reißt den Sofortverdampfer hastig heraus, fixiert die Grokors, die sich an K’s Bein und

Sauerstoffgerät zu schaffen machen und drückt ab.

Alle 14 mittlerweile aktiv gewordenen Grokors heulen kurz auf und zerplatzen zu einer Blase heißen Dampfes.

„Das wurde aber auch Zeit.“

K verbindet sich notdürftig die Wunden.

In dem Kraftfeld, vor dem sie jetzt stehen, befindet sich deutlich sichtbar, die zentrale Einheit von

Klara: eine Plasmastruktur, schwebend über einem Tastenfeld. Pulsierende Lichtenergie lässt die

Form ständig wandeln. Kappastrahlen werden in unglaublich verdichteter Form verarbeitet.

Diese Plasmastruktur müssen D-Man und K zerstören, um ihr Versprechen einzulösen, welches sie vor über zwanzig Jahren den sterbenden Malern gegeben haben: Klara zu zerstören.

„Nur wie?“

„Das Kraftfeld schließt alles ab.“

„Du musst das Kraftfeld deaktivieren, D!“

„Werd es versuchen:“

Plötzlich tauchen Zotlets auf. Die Kreaturen fletschen wütend die zahnähnlichen Kabias, aus denen giftige Säure tropft. Jetzt wird es ernst. K muss sich den Zotlets stellen, um Zeit für D zu schaffen, damit er das Kraftfeld deaktivieren kann.

D baut Aggregate auf, um die Blasendifferenz des Kraftfeldes zu beheben. Er muss die Rolidios mit den Trefomiums verbinden und zwar so, dass dabei die nötige Kafla frei wird, um die Brulix-

Konstante zu determinieren.

D-Man muss viele Parameter optimieren. Das Kraftfeld flackert, doch bleibt stabil.

Angriff der Killerzotlets auf K.

Punsch.

Pfack.

Zoik.

Aua.

Säure auf K. Finger verdampft.

Erneuter Angriff der Zotlets.

Endlich: Das Kraftfeld ist verschwunden. Die Energie kann in die Waffen zurückgeleitet werden.

Der Sofort-Verdampfer funktioniert wieder vorzüglich.

Ein Zotlet zerplatzt in der Luft während eines Sprungs auf K. K weicht den Säuretropfen geschickt aus.

Alles ist frei. Sie dringen zur Plasmakugel vor. Beschießen es mit Sofort-Verdampfer.

Peng. Peng.

Ein größerer Schub Kappa-Strahlung entsteht.

Broozer-Beschuss.

Peng. Peng.

Wird sofort vom Plasma rückstandsfrei absorbiert und in Kappa-Strahlung umgewandelt.

Dauerfeuer. Die Energie des Beschießens der Plasmakugel nutzt diese für sich aus, um mher Kappa-

Strahlung zu produzieren.

„D, mach was!“

D-Man probiert alles.

Alle Zahlencodes.

Nichts.

Nichts.

Nichts.

„Ach Scheiße, friss das, Klara!“

D und K rollen das mitgebrachte Gemeinschaftsbild der Maler aus. Pinselstriche rot und grün mit kühnen blauen Gestisch-Linien und hier und einem entschiedenen aber dennoch überlegten Wusch aus schwarzer Farbe. Sie legen das Bild auf die Scannerähnliche Oberfläche des Tastenfeldes, über dem die Klara-Plasma-Kugel schwebt.

Plötzlich. Die Plasmakugel bricht in sich zusammen. Alarmiernde sich steigernde Sirenengeräusche in der Station. Ein Countdown. Hastiges und schwerfälliges Rennen der Rächer zum FDDHS-

Mobil.

Klara explodiert.

V

(Das Theaterstück)

Erster Chat

Beim Wolfshändler

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT:

ist zu uns gekommen... :-)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Sch..., mir sind grad wieder die Wölfe ausgegangen.

Es ist zum Erbrechen, erst gehen ein paar Haare aus, aber wenn du mit Terpentinöl verdünnst, ist der Wolf im Nu ganz kahl und nur noch zum Rumwischen zu gebrauchen.

PETER:

ist zu uns gekommen... :-)

PETER: Hey, Der-Mit-Dem-Wolf-Malt. Steig doch auf Hühner um! Ich dachte, du malst mit dem

Wolf blut?

PETER: ...äh, mit dem Wolfsblut.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Was meinst du, wie lange das Blut reicht? Für eine ordentliche

Untermalung muss man eher lavierend arbeiten! Außerdem, wenn du den Wolf aufmachst, spritzt dermaßen viel raus, dass es höchstens für drei oder vier gestische Schwünge reicht.

PETER: Naja. Das ist ein ernsthaftes Problem. Das Huhn ist cool, Der-Mit-Dem-Wolf-Malt. Das

Huhn bringt's man. Da kommst du besser an den Saft ran.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Also dann habe ich damit experimentiert und zuerst das Blut aufgefangen, dann den Wolf ins Blut getaucht und so kontrollierter gemalt.

PETER: Man, hier sind übel viele Leute. Ätzend.

PETER: Was willst du damit erreichen, Der-Mit-Dem-Wolf-Malt?

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Aber: Das Blut trocknet schneller als Acrylfarbe und pastose

Malerei geht mit Wölfen fast gar nicht, es sei denn, du arbeitest mit den Innereien, aber das sehen die Museen nicht so gern, wegen der Haltbarkeit und so.

FLUTZKY:

ist zu uns gekommen... :-)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Also untermale ich jetzt mit verdünntem Blut und gehe nach dem

Trocknen mit Ölfarbe drüber, die Wolfsborste ist für grobes Arbeiten an sich schon ganz geeignet.

FLUTZKY: Hallo!

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Sch... Mann, was macht der Penner hier.

FLUTZKY: Hallo. Schön.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Ich brauch neue Wölfe und nicht so ein Rumgespinnlaber von dem

Onanist. Cool, was für Worte das Programm so abändert ;-)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Mal sehen, ob wir mit Rechtschreibfehlern das Programm austricksen: Wikkser.

FLUTZKY: Eh. Ihr nervt mich mit eurem Wolf. Jetzt nervt ihr mich auch noch mit euren

Schimpfwörtern!

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT:

(zieht böses Gesicht)

Wer hat dich denn gefragt?

POWERPETE:

ist zu uns gekommen... :-)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Hat jetzt jemand Wölfe dabei?

POWERPETE: Ich, der Powerpete, der die Luft sauber hält! Rettet euch vor Flutzky!!

(zückt das

Gurkenschwert und schneidet es in kleine Stücke)

FLUTZKY: Eh. Ihr habt mich mit eurem Wolf genervt. Dann mit euren Schimpfwörtern. Und jetzt nervt ihr mich mit dem Gurkenschwert.

POWERPETE: Nimm dies, Fotzky!

(FLACK!)

Und das!

(ZACK!)

FLUTZKY: Oh Nein! Nicht das Gurkenschwert!!

POWERPETE: Und das auch noch!

(PUFF!)

FLUTZKY: Oh mein Gott, ich werde noch kleiner!!

(rennt davon)

PETER: Aahh.

(Erleichterung)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: He du, ja du in dem roten Leuchtoverall mit dem komischen Linksgewinde: Weißt du, wo es hier Wölfe gibt?

POWERPETE: Ich kann mal in der Superheldeneinsatzzentrale anrufen...

POWERPETE:

(ruft in der Superheldeneinsatzzentrale an) wähl...tuuut....tuuut.

.......Zentrale!..........hier Sevenmillionpowerpete...

....gibt es Wölfe?............aha..............gut..............HHWH??..........ach so! Haus- und Hof-

Wolfshändler............. ......ok............dexandieren??...........ahm.............äh................na schön..............so......ihr macht das?..

...........gut.........................Ende.

HHWH:

ist zu uns gekommen... :-)

POWERPETE: Was bist du denn für einer?

HHWH: Ähm ich, ja, Haus- und Hof-Wolfshändler. Und du?

POWERPETE: Ich? Gestattten: Sevenmillionpowerpete. Du kennst mich gar nicht?

(guckt dumm aus der Wäsche)

Ich hab doch mit GalosmicCosmicTonicNick äh GalacticCosmicAtomicMick den

Malern die Stifte gebracht und damit meinen Teil zur Rettung der Erde von diesen widerlichen

Außeriridischen

(Klara)

beigetragen!

HHWH: Ach so. Die Wölfe aus der Colorado-Reihe sind zur Zeit besonders preiswert. Größe 4 kostet in der Aktion genausoviel wie ein Wolf Größe 2, ohne Mehrwertsteuer.

HHWH: Farben gibt's zur Zeit auch günstig. Rabattstufe xabu bei Paketabnahme.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Wölfe. Echt!

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Juhuuu!!

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Wölfe.

(lechz)

HHWH: Echte Colorado-Wölfe, kannst sie Colorwölfe nennen, so werden Sie auch beim

Großhandel gelistet.

HHWH: Versand und Verpackung ist kostenlos ab einer Abnahme von mindestens 12 Wölfen.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Was kosten, ähm, 156 Wölfe?

HHWH: Also 156 Colorwölfe hab ich nicht mehr, dafür ist mein Laden zu klein. Da musst du mal zum boesler fahren, äh, reiten.

HHWH: Ich hab noch exakt 75 im Kassensystem und den von der Auslage, der ist aber schon etwas ausgebleicht.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: OK. Ich nehm sie.

HHWH: OK, zahlst du bar oder mit Karte?

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Können wir tauschen. Ich hab noch ein Neonbauchschülerbild im

Lager. Das ist zur Zeit viel wert?

HHWH: Nein, danke. Hier mal bitte bestätigen und die Pin eingeben. Ähm. Jetzt warten, inzwischen pack ich dir die Wölfe ein, noch einen Taschenkalender dazu?

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Mpf.

HHWH: Jetzt haben wir's, hier ist dein Beleg, schönen Tag noch.

FLUTZKY:

ist zu uns gekommen... :-)

HHWH: Flutzky!

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Danke vielmals. Kennst du jemanden, der einen Bauch haben will?

FLUTZKY: Neon-Bauch-Schüler-Bild hab ich da gehört...

FLUTZKY:

ist zu uns gekommen... :-)

FLUTZKY: Juhuu, mich gibt es zweimal!!

FLUTZKY: Sch... du Ei, ICH bin Flutzky.

D-MAN:

ist zu uns gekommen... :-)

D-MAN: Oh nein! Jetzt gibt es diesen Flutzky schon zweimal.

D-MAN: Ich muss wieder los. Fototermin, Jungs.

FLUTZKY: Hallo!!

CHANEL:

ist zu uns gekommen... :-)

CHANEL: Ich konnte Flutzky auch noch nie leiden.

FLUTZKY: Halloooooo!

CHANEL: Du stinkst, Flutzky!

FLUTZKY: Hurra, du kennst meinen Namen?

CHANEL: Oorh.

(Chanel wendet sich angewidert ab und geht)

PETER:

ist zu uns gekommen... :-)

PETER: Du hast Chanel vergrault... Dir werd ich's zeigen, Falotzky!!

PETER: Komm schon, Sören. Lass uns Falotzky eins überziehen.

SÖREN SCHUMANN:

(schwebt aus den Wolken auf die Szene)

Jungs und Mädels, nicht vergessen zu speichern...

PETER: OK. Allet klar Master. Aber Flotzky, DICH KRIEG ICH NOCH!!

FLUTZKY:

ist wieder zu uns gekommen... :-)

FLUTZKY: Hey, wo ist denn die Kleine mit dem roten Kleid hin?

PETER:

(in sich vergessen)

Hmm, ich weiß nicht.

FLUTZKY: Macht nichts, ich bin eh schwul.

PETER: Was du Flotzky! WAS fällt dir ein!

(rennt hinter Flutzky her und schwingt dabei die

Fäuste)

KRANKENPFLEGER:

ist zu uns gekommen... :-)

KRANKENPFLEGER:

(rennt aufgeregt herum)

Wo ist er hin?

KRANKENPFLEGER: Er gibt sich immer als Flutzky aus und zwingt Leute, Neon-Bauch-Bilder ohne Firnis zu essen.

KRANKENPFLEGER: Dann haben wir wieder übelst zu tun in der Notaufnahme.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT:

ist zu uns gekommen... :-)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Sorry, HHWH, ich muss einen der Wölfe reklamieren.

HHWH: Hast du den Kassenzettel?

WAS IST PASSIERT?:

ist zu uns gekommen... :-)

HHWH: OK. Du hast ihn nicht. Was machen wir? Lass mich überlegen, was hat er denn, der Wolf?

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Also der Wolf macht so komische Geräusche beim Ausdrücken und der Hals bricht gleich durch, wenn man mehr Schwung nimmt.

HHWH: Das klingt nach einer Wolfsmeningitis. Hmm. Warst du mal beim Krankenpfleger?

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Nö, aber die anderen sind OK.

HHWH: Ach so. Ja. Ich habe keinen Wolf mehr. Aber ich könnte dir ein Schaf dafür geben. Oder den Flutzky besorgen. Der Flutzky haust eine Straße weiter.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Lass mich mal den Flutzky sehen!

(er legt den zerknickten Wolf auf den Ladentisch)

Was hältst du davon, mir für den Wolf einen Flutzky zu geben und noch fünf

Neon-Bauch-Bilder zum Pinsel- äh Wolfauswaschen?

HHWH: Naja, du hast nicht mal den Kassenzettel. Und 'nen zerknickten Wolf mit 'ner Meningitis kann ich nicht verkaufen. Sagen wir den Fluzky und 3 Neon Bauchs. OK?

(Flutzky kommt zur Tür rein)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Ist DER das??

HHWH: Ja. Das ist er.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Mpf.

(klemmt sich den zappelnden Flutzky unter den Arm und die

Neon Bauchs unter den anderen, wütend geht er aus dem Laden und schmeißt die Tür zu)

HHWH:

(hinterherufend)

Hey! Der-Mit-Dem-Wolf-Malt! Sorry. Ich bekomm bald neue Wölfe.

Sorte „Masura Polenzia“. 1a Qualität!

DER AUTOR:

ist zu uns gekommen... :-)

DER AUTOR: Slawetta, kommen Sie mal!

SLAWETTA:

ist zu uns gekommen... :-)

SLAWETTA: Endlich sehen wir uns wieder!

(schmelz)

DER AUTOR: Hier habe ich einen seltsamen Zeitungsbericht gefunden im Archiv: Ob es etwas mit dem vermissten Flutzky zu tun hat?

SLAWETTA: Lassen sie uns nicht reden. Nicht darüber.

SLAWETTA: Wolltest du mir nicht mal deinen, äh, Plattensammlung zeigen.

DER AUTOR: Es ist schon seltsam, das Aussterben der Wölfe in dieser Region und das

Verschwinden des Flutzky sind synchrone Ereignisse gewesen!!!

SLAWETTA: Jaa - oo - jaa.

DER AUTOR:

(grübelt und malt Linien zwischen Worte auf dem Artikel)

Die Synchronizität ist schon beeindruckend.

DER AUTOR: Sie sind gleichzeitig gekommen, äh, verschwunden.

SLAWETTA:

(gehaucht)

Hmmm.

DER AUTOR: ...seit dieser Epoche wurden die Bilder von DMDWM

(Der-mit-dem-Wolf-malt)

extrem hässlich...

SLAWETTA: Entschuldigen Sie, es ist schon spät...

DER AUTOR: Ich muss mal.

SLAWETTA: Ich auch.

Zweiter Chat

Am Baggersee

BADEMEISTER:

ist zu uns gekommen... :-)

BADEMEISTER: He ho, jemand da?

BADEMEISTER:

(ein Bagger kommt und fängt an, den Sand wegzubaggern)

Hee!! Was soll das?

ALLWISSENDER:

ist zu uns gekommen... :-)

ALLWISSENDER: Hey! Schreien Sie nicht so herum. Das macht der doch nur, um das Feuer zu löschen. Der Bagger, meine ich.

BADEMEISTER: Das ist mir egal. Der Sand ist extra zum Strandvolleyball hierher geschafft worden. Hau bloß ab, du mit dem Bagger, sonst ruf ich die Polizei, äh den Sheriff!

ALLWISSENDER: Jetzt reißen Sie sich mal zusammen. Sie mit ihrem Volleyball.

SHERIFF:

ist zu uns gekommen... :-)

SHERIFF: Was is'n hier los?

(schwingt lasziv seinen Revolvergürtel)

ALLWISSENDER: Sheriff, dieser Verrückte da mit dem Volleyball will die Arbeiten am

Wegbaggern des Sandes vom Strand aufhalten.

SHERIFF: Wieso Wegbaggern? Äh.

(Atmet durch)

Nun zeigen Sie mal die Genehmigung zum

Baggern.

ALLWISSENDER: Also Herr Sheriff. Ich bin doch der Allwissende...

NEON-BAUCH-ANHÄNGER:

ist zu uns gekommen... :-)

NEON-BAUCH-ANHÄNGER:

(wild gestikulierend)

Wasser, wo ist Wasser, ganz viel...

(stottert)

die... did d d die Bauchs, sie brennen ab.

KRANKENPFLEGER:

ist zu uns gekommen... :-)

KRANKENPFLEGER: Wer hat Bauchschmerzen?

ALLWISSENDER: Hallo. Sie sind ein Bauchanhänger. Ich sehe es an ihren Augen. Ich kann Ihnen nur sagen. Machen Sie sich keine Sorgen. Gleich wird man hier den See leer pumpen und den Sand restlos wegbaggern. Und man wird damit den Brand löschen. Seien Sie unbesorgt.

NEON-BAUCH-ANHÄNGER:

(macht komische Armbewegungen)

Wwwee--e-e-eg. Fee--ee--u-rerer. Feuer!!!

ALLWISSENDER: So beruhigen Sie sich doch!

SHERIFF:

(holt Formular aus der Satteltasche des Pferdes)

So, jetzt machen wir erstmal eine

Schadensmeldung. Allwissender, beschreiben Sie bitte mal, was Sie gesehen haben?

ALLWISSENDER: Sie meinen die Geschehnisse. Ah ja.

SHERIFF: Fangen wir mit Ort und Tatzeit an.

SHERIFF: Mist, jetzt ist der Bleistift abgebrochen.

(Spitzt ihn neu und trägt in sauberer

Druckschrift ins Formular ein)

ALLWISSENDER: Nun irgendjemand. Natürlich weiß ich, wer es war. Allein ich darf es aus

Gründen des Allwissendenethos nicht aussprechen. Er legte ein großes Feuer. Ein gewaltiges Feuer,

was die Stadt noch nie gesehen hat. Mit Rauch, der so giftig ist, das er eine außerordentliche

Bedrohung für unser aller Leben darstellt.

SHERIFF: Dafür hab ich kein Formularfeld. Wann brach das Feuer aus?

ALLWISSENDER: Gut, ich will Ihre Fragen beantworten, Herr Sheriff. Ort: Mal-Sim-City. Die

Tatzeit: 12 Uhr.

BOB DER BAUMEISTER:

ist zu uns gekommen... :-)

BOB DER BAUMEISTER:

(die bekannte Spielzeugfigur sitzt auf einem großen, sehr großen

Löschwasserzug der Feuerwehr)

He, jo, he, jo, jetzt pumpen wir den See leer.

SHERIFF:

(rennt blitzschnell zu Bob, bevor er den Saugrüssel betätigen kann und steckt die sich heftig wehrende Figur in die Tasche der Sheriff-Weste)

Hier wird ohne Formular gar nichts leergepumpt!

ALLWISSENDER:

(leise zu sich selbst)

Ach, ich wusste, dass das so kommt. Nun kann ich es nicht ertragen. Allein der Gedanke, das alle Fische elendig verenden werden. Naja bis auf einen. Der, der den Flutzky fressen wird.

SHERIFF:

(der Sheriff läuft rot an)

Wer sagte gerade F-L-U-T-Z-K-Y?

ALLWISSENDER: Ähm – ich, Herr Sheriff.

KRANKENSCHWESTER:

ist zu uns gekommen... :-)

KRANKENSCHWESTER:

(schreiend aus der brennenden stadt laufend)

Hilfe, wir brauchen

Wasser und Sand. Sonst brennt alles ab. HIIILLLFFEEEE!

(im Hintergrund ein gewaltiger

Rauchpilz am Himmel - die Stadt - inzwischen beginnt Bob der Baumeister den See leer zu pumpen)

SHERIFF: Verdammt, meine Westentasche hatte ein Loch.

(zu spät: der See ist leer)

ALLWISSENDER: Krankenschwester, eilen sie zurück!! Sie werden in der Stadt gebraucht und werden Menschenleben retten, auch wenn sie dabei zu viel Rauch einatmen und den Rest Ihres

Lebens Staub husten werden.

SHERIFF: (

inzwischen hat Allwissender den Sandbagger gestartet)

Heeee,...

ALLWISSENDER: Lassen sie mich, Herr Sheriff. Ich habe meinen Teil zur Rettung der Stadt zu tun.

BADEMEISTER:

(sitzt auf der nackten Lehmerde und weint)

Mein schöner Sand, huuuäääh...

BADEMEISTER:

(Sheriff rennt dem Bagger und dem Löschzug hinterher in die Stadt, vom See aus sieht man viel Wasserdampf aufsteigen, kurz danach ist ein lautes Zischen zu hören)

Huuuääähhh, der schöne Sand...

ALLWISSENDER:

(bringt den Sand in die Stadt, hilft damit Bob und der Feuerwehr, die mit dem

Wasser des Sees das riesige Feuer löschen)

Sei nicht traurig Bademeister!

(ruft er, dann Schwenk zur nächsten Szene vor der HMS - Hochschule für Mimik und Spruchkunst)

KRANKENSCHWESTER:

ist zu uns gekommen... :-)

KRANKENSCHWESTER:

(kommt zuerst an)

Oh Gott, oh Gott, da sind ja noch Menschen in den

Flammen.

ALLWISSENDER:

(sich vor der HMS Hochschule für Mimik und Spruchkunst befindend)

Packt alle mit an! WASSER MAr...!! SAND AHOI!!

ALLWISSENDER: MARCH NICHT Ar... SORRY!!

KRANKENSCHWESTER: Darf ich auch mal die Spritze halten??

ALLWISSENDER: DIE WERDEN SIE HEUTE ABEND HALTEN WENN ALLES VORBEI

IST!! WASSER Mar... Nicht mal Hintern kann man mit dem Programm schreiben. Vielleicht geht es so: Arssch. Marrssch.

KRANKENSCHWESTER: Ich geh mal lieber...

ALLWISSENDER: Kümmern sie sich um die brennenden Mimikstudenten!! -

Mimikstudenten sind auch Menschen. Vergessen Sie das nie!!

PROFESSORIN DER HMS:

ist zu uns gekommen... :-)

PROFESSORIN DER HMS: (verweint) Ich kann es nicht fassen, ich kann es nicht glauben, die ganzen Papers und Canvases - alle hin. Jetzt brauchen wir zwei Monate, um in China alles neu malen zu lassen...

(tupft sich die Augen mit einem Taschentuch)

Schluchz, wein. Ich hatte

Anteilsscheine erworben.

ALLWISSENDER: Ihr werdet das in einigen Wochen alles wieder kopiert da haben. Seien sie unbesorgt!

PROFESSORIN DER HMS: Wenn ich den erwische, der das gemacht hat.

ALLWISSENDER:

(gibt der Professorin ein neues Taschentuch)

PROFESSORIN DER HMS: Danke.

ALLWISSENDER: Ich kann es Ihnen nicht sagen.

SUCHTBERATER:

ist zu uns gekommen... :-)

SUCHTBERATER: Wo ist er?

ALLWISSENDER: Er ist da drüben.

HMS-Professorin: Wo ist WER?

ALLWISSENDER: Er rennt zum See!

SUCHTBERATER:

(belehrend)

Man erkennt es bisher nur an den Symptomen.

ALLWISSENDER: Dahin wo der See einmal war wird er gehen. Um sich zu verstecken.

SUCHTBERATER: Die Bilder enthalten visuelle Substanzen, die wenn Sie inhaliert werden, bei bestimmten Individuen Machtgefühle auslösen.

SUCHTBERATER: Eigentlich ist uns erst ein Fall bekannt.

SUCHTBERATER: Man muss, um das Gefühl zu kriegen, immer mehr Bilder rauchen und zwar nur beste neokopistische geshaggte Ware.

HMS-Professorin: Wie bitte, BILDER RAUCHEN???

SUCHTBERATER: Natürlich, oder glauben Sie, die sind zum Aufhängen und Angucken. Das ist ein weitverbreiteter Irrtum an der HMS, auf den besonders Studenten immer wieder hereinfallen.

ALLWISSENDER: Genau. Ahm.

FLUTZKY:

ist zu uns gekommen... :-)

ALLWISSENDER: Übrigens - einige kohlen und rauchen noch immer. Nehmen wir auch einen

Zug!

(er geht in die HMS)

FLUTZKY:

(ein angekohltes, durchnässtes und eingestaubtes Männlein versucht sich unerkannt an den Feuerwehrautos vorbeizudrücken)

SHERIFF:

ist zu uns gekommen... :-)

SHERIFF: Ich habe Informationen, dass ein gewisser Fluztky möglicherweise den Brand verursacht haben soll. Haben Sie einen Flutzky gesehen?

FLUTZKY: Nöö..öö..äähmm, vielleicht da drüben.

FLUTZKY:

(zeigt auf die Professorin)

Die da ist Flutzky!

SHERIFF: He, warte mal...

(kramt nach Fahndungsfoto)

Ha! Du bist es! Halt Flutzky!!

(rennt dem

Flutzky hinterher, in Richtung des ausgepumpten Sees)

SHERIFF: Bleiben stehen Fluztky!

FLUTZKY:

(versinkt im Uferschlamm)

Argghhhh.

SHERIFF: Ich kriege dich!

HILFSSHERIFF:

ist zu uns gekommen... :-)

SHERIFF: Wo ist er?

SHERIFF: Passen Sie auf, dass Sie den großen Fischen nicht zu nahe kommen, Hilfssheriff!

HILFSSHERIFF:

(zur Professorin)

Und Sie wissen doch genau, dass das Rauchen von neokopistischer Malerei nur unter brandsicherer Aufsicht gestattet ist. Wenn Sie das nächste Mal wieder die nachgemalte Ernte verrauchen, gehen Sie bitte in die brandsicheren Räume. Leider müssen wir Ihnen diesmal eine Ordnungsstrafe auferlegen, Sie haben als HMS Ihre Sorgfaltspflicht verletzt.

SPAZIERGÄNGER:

ist zu uns gekommen... :-)

SHERIFF: Kommen Sie, Hilfssheriff. Der Flutzky ist hier irgendwo, ich kann ihn riechen...

SPAZIERGÄNGER: Nanu, wo ist denn der See? Ähh, jetzt bläht er sich auf

(Flutzky in gasförmigen Zustand blubbert im Morast)

HILFSSHERIFF:

(guckt auf die Uhr)

OK, Chef, jetzt ist Mittagspause.

SHERIFF: Was?? Ah das ist er! Vorsicht er wird bald platzen!

HILFSSHERIFF: Hab in der HMS ein Tütchen abgestaubt, Originalkopierware.

(schreit)

ACHTUNG!!!.........DECKUNG!!!!!!!!!!..............DECKUNG!!

(plötzlich: ein riesiger Fisch taucht aus dem Schlamm auf. Frisst den aufgeblähten Flutzky mit einem Bissen. Es knallt. Ekliges fliegt herum)

SHERIFF: Mist!! Unser Hauptverdächtiger ist in dem Bauch dieses Monsters!! Erledigen Sie das,

Hilfssheriff! Holen Sie ihn da raus!

HILFSSHERIFF: :-?

SPAZIERGÄNGER: Ähhh, igitt.

(rutscht auf Magenschleim aus)

ALLWISSENDER:

ist zu uns gekommen... :-)

ALLWISSENDER: Herr Sheriff?! Herr Sheriff!?

KRANKENSCHWESTER:

ist zu uns gekommen... :-)

KRANKENSCHWESTER: Sch..., Text vergessen.

(geht wieder)

Dritter Chat

Im Gerichtssaal

RICHTERIN:

ist zu uns gekommen... :-)

RICHTERIN: Ich begrüße die Anwesenden in unserem Gerichtssaal.

(Händeklatschen)

RICHTERIN: Ich begrüße die zwölf Geschworenen.

FLUTZKY:

(räusper)

RICHTERIN: Ich begrüße die Vertreter der Anklage und der Verteidigung.

FLUTZKY: Ja?

(hüstel)

RICHTERIN: Wir haben heute einen sehr schwerwiegenden Fall zu verhandeln.

(blättert in den

Akten, während sie ihre Brille aufsetzt)

Den beiden Angeklagten

(blickt kurz in die Richtung der

Angeklagten, die gefesselt auf der Bank sitzen)

- den hier anwesenden Brushstrokepete und

Seaofcolormick wird vorgeworfen...

(blättern)

RICHTERIN: OHNE ZAHLEN GEMALT ZU HABEN.

(buuuhhh)

- Zu den Einzelheiten der

Anklage bitte ich den Hauptkläger Flutzky nach vorn.

RICHTERIN:

(zu Flutzky)

Na los, Sie können jetzt Ihre Anklage vorlesen.

SEAOFCOLORMICK:

(flüsternd zu Brushstrokepete)

Wenn das mal gut geht.

FLUTZKY:

(nach vorn gehend)

Hallo. Hallo Liebe Geschworene.

(hüstel, Nase auspusten)

FLUTZKY: Werte Richterin. Liebe Geschworene. Ich verlese die Anklageschrift.

RICHTERIN: Bitte, weiter.

FLUTZKY:

(räusper, popel)

Seaofcolourmick und Brushstrokepete werden angeklagt, mehrfach ohne Zahlen gemalt zu haben. Es wird ihnen vorgeworfen, dieses Malen ohne Zahlen bewusst betrieben zu haben. Ebenso

(hüstel, sabber)

wirft man ihnen vor, mit den Güßen gemalt zu haben.

RICHTERIN: Mit den Güßen? Bitte drücken Sie sich deutlich aus.

FLUTZKY: Äh - mit den Füßen. Liebe Richterin. Mit den Füßen. Auch wirft man vor: ohne die

Zuhilfenahme der Augen gemalt zu haben. Außerdem .. ich bb-bi bin noch nicht fertig. Planten sie wohl auch, mit dem Kopf zu malen. Sie malten mit ihren ganzen Körpern.

RICHTERIN:

(???)

FLUTZKY: Es wird vorgeworfen, die Regeln der MALEREI verletzt zu haben und das: BEI

VOLLEM BEWUSSTSEIN! - Außerdem sind sie ohne Erlaubnis mit Farbtuben U-Bahn gefahren!!

ZWÖLF GESCHWORENE:

(raunen unter den Geschworenen) (flüstern)

RICHTERIN:

(zum Gerichtsschreiber Pete the Marker)

Bitte speichern Sie den gesamten

Verlauf ins Protokoll. Danke.

FLUTZKY: Die Palette der Dinge, die diesen Beiden da vorgeworfen werden, ist endlos!!

RICHTERIN:

(zu Flutzky, der sich inzwischen in Schweiß geredet hat)

Können Sie das beweisen? Können Sie belastendes Material vorlegen?

(tuscheln mit den Geschworenen)

(Rücksprache mit Protokollant)

FLUTZKY: Natürlich kann ich das, glauben Sie, ich wäre sonst hier? Ich habe eine Menge Zeugen.

Leute, die Einblick in das düstere Treiben der beiden „Maler“ haben. Leute, die Ihnen nahe waren.

Eine Menge Zeugen können es beweisen. Und das Beste ist: die Beiden da haben selbst

Beweismaterial in Hülle und Fülle. Schauen Sie nur ihre Bilder.

(angewidert) W

ie die aussehen. Äh.

Und dann Fotos von eben diesen Taten der Beiden da. Äh.

SEAOFCOLORMICK: Können Sie mal bitte die Hand- und Fußfesseln etwas lockern?

FLUTZKY: Lassen Sie das nicht zu! LASSEN Sie das nicht zu! Das sind Verbrecher!!!

RICHTERIN:

(nach Betrachten des Umfangs der Beweisstücke, die sie ungesehen an die

Geschworenen weitergibt)

Klebt Ihnen auch noch den Mund zu!

FLUTZKY: Liebe Richterin.

(sabber)

RICHTERIN: So, ich hoffe der Sicherheit des Saals Genüge zu tun. Das ist eine Menge

Beweismaterial Herr Flutzky. Deshalb werden wir uns jetzt alle zurückziehen, um das Material zu sichten. Danach hören wir die Zeugen der Anklage.

Gerichtsdiener: PAUSE.

RICHTERIN:

ist zu uns gekommen... :-)

RICHTERIN: Ich begrüße die Anwesenden in unserem Gerichtssaal...

(Händeklatschen)

RICHTERIN: ...im Prozess "Malen ohne Zahlen".

FLUTZKY:

(hüstel, schwitz)

RICHTERIN: Die Anklagepartei kann nun Ihre Zeugen aufrufen.

FLUTZKY: Hiermit rufe ich als Zeugen im Namen der Anklage auf. Herrn Neon Bauch, Professor an der Hochschule für Mimik und Spruchkunst. Neon Bauch bitte!

RICHTERIN: Herr Bauch. Die beiden Angeklagten wurden beschuldigt, die Regeln der Malerei gebrochen zu haben. Können Sie dem Gericht bitte erklären, was das ist, DIE REGELN DER

MALEREI?

NEON B: Selbstverständlich. Natürlich. Ich bitte Sie. Was glauben sie. Aber bitte!

RICHTERIN: Nun?

NEON B: Meine verehrteste Richterin. Verehrter Herr Flutzky. Liebe Geschworene. Beamer, meine

Damen und Herren. Beamer und andere Bildprojektoren sind unumgängliche Handwerksmittel der

Maler.

RICHTERIN: Bitte?

NEON B: Darf ich ausführen. Mit diesen Geräten wirft man ein Bild auf Papier oder eine

Leinwand. Verändert es nur leicht. Nimmt kitschige Farben und schon hat man ein sehr gutes, sehr teures Bild.

(lacht) ...(he he)

PFLICHTVERTEIDIGER: Einspruch Euer Ehren, der Zeuge weicht der Frage aus. Neon B. soll die

Frage beantworten.

RICHTERIN: Stattgegeben. Nun, Herr Bauch beantworten Sie deutlich die Frage: Worin bestehen die Regeln der Malerei und wo sind sie festgelegt?

NEON B: Wie eben schon vorgetragen gibt es in der Malerei unumgängliche Arbeitsschritte und

Arbeitsmittel, welche man anwendet und welche regelkonform sind. Dazu gehört das Anprojizieren

(so wie ich es mache)

oder auch das Abmalen mit Hilfe von Rastern, die auf das Bild gebracht werden. Das sind die Regeln. Die Regel ist, um es auf den Punkt zu bringen: Male nie etwas, was noch niemand zuvor gesehen hat. MALE - IMMER – NUR - AB! Jawohl!! Und natürlich: der

Künstler - malt - mit - Pinseln!

BRUSHSTROKEPETE & SEAOFCOLORMICK:

(recken sich wütend, wollen Fesseln zerreißen, dabei reißt ein Stück Klebeband ab) (schreien:)

Lügner! Antikreativist!

(die Ordner sind schnell mit neuem Klebeband zur Stelle, vorsichtshalber werden zwei Rollen verklebt)

NEON B: Sie haben es nicht anders verdient...

(he he)

SEAOFCOLORMICK: Mmpffhh.

BRUSHSTROKEPETE: Hhghg.

(rollt wütend mit den Augen)

RICHTERIN: Ich muss doch sehr bitten. (

blickt in die Runde)

Gibt es Fragen an den Zeugen?

FLUTZKY: Ja ich... Herr Bauch, haben Sie Brushstroke und Seaofcolour gesehen, wie sie ohne

Zahlen gemalt haben?

NEON B: Nein. Ich habe sie nicht dabei beobachtet. Aber ich habe ein Buch gelesen, welches die

Angeklagten selbst geschrieben haben. Und da – da steht alles drin!!

EIN BUCH, WIE HEISST ES?:

ist zu uns gekommen... :-)

RICHTERIN: Ein Buch? Wie heißt es?

NEON B: Ich kann es kaum aussprechen, es ist so geschmacklos. Dreist und verteufelt. Es - heißt...

„Das Malbuch“

PFLICHTVERTEIDIGER: Einspruch Euer Ehren, die Anklage bezweckt durch den Hinweis auf das Buch von sich abzulenken. Das Malbuch ist bekanntermaßen sehr ironisch und der Zeuge spekuliert darauf, daß es missgedeutet wird.

NEON B: Aber die Fotos in dem Buch. Die Fotos. Die beweisen alles!!

PFLICHTVERTEIDIGER: Haben Sie diese Fotos abgemalt?

NEON B:

(leicht verlegen)

RICHTERIN: Sie stehen unter Eid, Herr Bauch.

NEON B: Nur ein einziges.

FLUTZKY: Ooohh! Ja? Welches?

NEON B: Das mit den Augenklappen in der Dunkelkammer.

FLUTZKY: Ist es schon verkauft? Ich wäre an einer Third-Level-Kopie interesiert, vielleicht von einem Ihrer Nachahmer, äh Schüler.

NEON B: Nein unverkäuflich.

(läuft rot an)

BRUSHSTROKEPETE:

(springt auf und möchte was sagen, die Ordner sind schneller)

Hhhrrrggg.

NEON B: AAhh. Halten Sie diesen Verückten!

EINER DER GESCHWORENEN: Was ist eigentlich aus dem Dunkelkammerbild der Beiden geworden?

PFLICHTVERTEIDIGER: Es wurde gestohlen, als BSPs Atelier zwangsgeräumt werden musste, der Gerichtsvollzieher ließ es achtlos in der Ecke stehen.

RICHTERIN: Gibt es weitere Fragen an Herrn Bauch?

PFLICHTVERTEIDIGER: Nein.

(seufz) (Tumult entsteht, als Flutzky sein verschwitztes Hemd auszieht)

RICHTERIN:

(Poch poch poch)

Ruhe im Saal!

(oh man es stinkt übelst)

RICHTERIN: Gibt es weitere Zeugen der Anklage?

FLUTZKY:

(puhh)

Sorry, ich meine, dass ihr so einem berühmten Malerstar wie Neon Bauch hier so zusetzt ist doch hinlänglicher Beweis, dass die Angeklagten eine Gefahr für die Ordnung der

Malerei darstellen.

FLUTZKY:

(wird mutig)

Und das gehört verboten, gehört das!! Verboten. Jawohl!!

RICHTERIN: Weitere Zeugen?

FLUTZKY: Ok, ok, rufen Sie... na rufen Sie schon.

RICHTERIN: Hiermit rufe ich den Haus-und-Hof-Wolfshändler in den Zeugenstand.

HHWH: Flutzky, du Ei, was machst du hier, ich dachte, du bist von Der-mit-dem-Wolf-malt mit vermalt worden.

HHWH: Sorry, euer Ehren, hätte ich gewusst, dass ich als Zeuge für Flutzky geladen werde, hätte ich mich geweigert auszusagen.

HHWH:

(wird ermahnt)

Ok, ok, also, was gibt’s?

FLUTZKY: Also HHWH. Sie kennen doch SCM und BSP. Oder?

HHWH: Nein, äh ja, das heißt ein klein wenig.

FLUTZKY: Aber haben Sie nicht Farbe an die Verbrecher verkauft?

HHWH: Manchmal haben sie möglicherweise so ein zwei Tuben gekauft, ich kann mich nicht genau erinnern. Ich wusste nicht, wer sie sind.

FLUTZKY: Waren sie denn nicht öfter bei Ihnen?

HHWH: Puuh, kann schon sein, wer zählt da schon genau?

FLUTZKY: Also jetzt rück endlich raus!! Sonst raste ich aus!! Und dann wird dir der Garaus gemacht!! Und du musst ins Gefängnishaus

(lacht hämisch) (auch in dieser Szene kommt Flutzkys sadistisch–nekrophiler Charakter ans Tageslicht)

HHWH: Vielleicht auch in paar Bahnen Leinwand. Und ein paar Eimer Farbe. (zuckt mit den

Schultern) Na und, das braucht man doch alles für regelkonforme Bilder, oder?

FLUTZKY: Aha, auch ein paar Leinwände. Und wenn sie also oft beim Einkaufen da waren, hat sich nichts ergeben. Keine Einladung ins Atelier oder ähnlich?? Rück raus du!

HHWH: Hä, wieso, ich wusste gar nicht wer die sind, ich dachte, sie sind auch Neon-B.-

Nachahmer, äh Schüler. Naja, in meiner Händlerlizenz steht drin, dass die Materialien nur für regelkonforme Bilder benutzt werden können, kann man das etwa nicht?

FLUTZKY: WARUM FRAGEN SIE MICH DAS?!! Sie wissen doch Bescheid. Sie sind doch auf einem der Fotos aus dem „DAS MALBUCH“.

PFLICHTVERTEIDIGER: Einspruch.

RICHTERIN: Nicht stattgegeben. Bitte antworten Sie auf die Fragen, HHWH.

FLUTZKY: Sind Sie nicht DER BESUCHER?

HHWH: (während sich die Richterin einen Erdbeer-Weizenklee-Joghurt öffnet, die Robert-

Schumann-MP3 im Kopfhörer startet und ein neues Glas Portwein einschenkt) Was. Wer?

FLUTZKY: Jetzt tun Sie nicht so. Sie sind „Der Besucher“ der Malfront Ausstellung. Der Einzige!!

HHWH: Ok, das war ein Zufall, ich hatte gesagt, dass die Leisten später geliefert werden und da habe ich sie gleich vorbeigebracht. Kann ich wissen, dass das eine Ausstellung war? Außerdem musste ich mal pinkeln...

FLUTZKY: Aha. Ich wußte es von Anfang an, als ich deine miese Visage da in diesem

Geschäft gesehen habe, dass du mit diesen Verbrechern unter einer Decke steckst. Was hast du denn noch gemacht außer gepinkelt?

FRAU AUS DEM PUBLIKUM: Sind Sie etwa „DER BESUCHER?“ Darf ich ein Autogramm haben?

RICHTERIN: Mäßigen sie sich etwas Flutzky.

HHWH:

(unterschreibt auf Stück Papier)

HHWH: Hey. Wie war die Frage?

FLUTZKY:

(schleim, tropf)

Liebste sympathischste Richterin von allen Richterinnen, ich bin auch schon fertig. Der Zeuge hat bewiesen, dass er die Angeklagten mit Material versorgt hat, damit sie ihr schändliches Hand- und Fußwerk ausüben können. Ich beantrage, ihm in einer weiteren

Verhandlung die Wolfshandelslizenz zu entziehen und möchte ihn abmahnen.

HHWH: Äh was, das kannst du nicht. Flutzky, wenn ich dich draussen erwische, dann...

(wird rausgezerrt)

...verarbeite ich dich zu Wolfsfutter!

FLUTZKY:

(Nicken unter den Geschworenen, sie probieren alle vom Portwein)

FLUTZKY: Nun habe ich nur noch einen Zeugen, um Ihnen zu zeigen, wie gefährlich die

Angeklagten für die öffentliche Ordnung sind.

RICHTERIN: Noch jemand Wein?

RICHTERIN: Hiermit rufe ich Herrn Neidhard Stille in den Zeugenstand.

FLUTZKY: Genau.

FLUTZKY:

(Herr Neidhard Stille wird reingezrrt, mit wirrem Blick)

Da sehen Sie.

RICHTERIN: Herr Stille. Erzählen Sie uns, wie sie über die Angeklagten denken.

(schwips)

FLUTZKY:

(jetzt muss ich auch mal was von dem Wein probieren)

FLUTZKY: Sorry, Neidhard Stille war mein Reservezeuge. Er kann wieder gehen. Klaus Kopierer bitte.

(kurz: copyclaus)

Vierter Chat

Das Urteil

RICHTERIN:

(räuspern, sieht auf die Uhr)

FLUTZKY:

(rülps, Schluck vom Portwein)

RICHTERIN: Ich denke, die Position der Anklage ist deutlich genug. Wir möchten uns vobehalten, später weitere Zeugen zu hören.

RICHTERIN:

(hicks)

Ein stunde Pause bis zur Anhörung der Verteidigung.

FLUTZKY:

(rülps again)

OK, liebe Richterin.

(leise zu den Malern:)

Ich hab euch. Hä hä hähä.

FLUTZKY:

(laut)

Hä hähähähä hää hähähähähä hahahahaha häääääää.

FLUTZKY: Hahahahahahahaaaaahahaahaa hähäh hahahaa.

WACHDIENST:

(zu Seaofcolormick und Brushstrokepete)

Los, ihr, jetzt wollen wir mal die Fesseln nachziehen.

(alle brechen auf Grund der Situation und des Weines in Lachen aus)

BSP, SCM: Mmpf arghh.

(ringen um Luft)

RICHTERIN: (

betritt wankend den Gerichtssaal)

Wachmann. Wachmann. Sind sie auch richtig verknebelt.

(hicks)

WACHDIENST: Alles unter Kontrolle, Euer Ehren. Das Mundklebeband ist erneuert worden und noch fester geklebt.

WACHDIENST:

(tritt SCM brutal in die Seite)

Hören Sie, kein Mucks, kein Ton, hehe.

(alle lachen)

RICHTERIN: Gut. Die Verhandlung wird fortgeführt. Alle hinsetzen.

(setzt sich ungeschickt)

Die

Verteidigung kann nun ihre Zeugen vorführen.

SCM:

(krümmt sich vor Schmerzen)

Mmpppfff.

PFLICHTVERTEIDIGER: Ich würde nun gern...

(wird unterbrochen) (alle lachen noch)

RICHTERIN: Was denn nun!

PFLICHTVERTEIDIGER: Sie hatten versprochen, meine Zeugen...

(wird erneut vom Tumult unterbrochen)

RICHTERIN: Was?!

(Assistenten reichen neuen Wein herum)

PFLICHTVERTEIDIGER: Mein Plädoyer. Die Nummer, die ich ziehen musste, ist die 12. Nun schauen Sie mal die Anzeige an. Nach der 11 kam unmittelbar die 13.

(alle lachen prustend)

RICHTERIN: Ha ha haaa ha. So was hab ich ja noch nie gehört. Hahaha pffff ha he.

PFLICHTVERTEIDIGER: Und diese beiden unglücklichen Individuen sind unschuldig.

RICHTERIN: Ähäm. Setzen sie bitte fort.

RICHTERIN: Sie wissen schon, Zeugen. Fakten. Sie sind doch nicht zum ersten Mal hier. Oder??

PFLICHTVERTEIDIGER: Ich möchte Ihnen auseinandersetzen, dass sie im Gegenteil zu dem erhobenen Vorwurf die Regeln der Malerei nicht nur nicht verletzt, sondern die Malerei sogar noch gestärkt haben.

PFLICHTVERTEIDIGER: Dafür sollten sie anstatt einer Anklage einen Orden erhalten.

(misstrauiges Raunen unten den Geschworenen)

RICHTERIN: Und? Wie sollen sie das denn Ihrer Meinung nach gemacht haben.

(schluck)

PFLICHTVERTEIDIGER: Weiterhin reichen wir eine Sammelklage gegen Flutzky wegen

Verleumdung ein.

RICHTERIN: ?

FLUTZKY: Einspruch!! Euer Ehren.

RICHTERIN: Stattgegeben. Bleiben Sie beim Thema.

PFLICHTVERTEIDIGER: Die Malerei, Euer Ehren, ist in unserer Zeit mehr als je dazu befähigt, ja verpflichtet, den menschlichen Werten den Vorrang einzuräumen. Einem Ziel, dem Zahlen entgegenstehen. So haben die Angeklagten sich IM INTERESSE DER GESAMTEN

MENSCHHEIT dazu berufen gefühlt, ohne Zahlen zu malen!!!

(buuhhh, Raunen im Gerichtssaal)

RICHTERIN: Jetzt werden Sie nicht albern. Setzen Sie fort. Aber bleiben sie BEIM THEMA!!!

PFLICHTVERTEIDIGER: Was früher bereits als Ahnung existierte und missgedeutet wurde oder in die Abgründe psychischer Parallelexistenz gedrängt wurde, hat hier die Chance frei...

FLUTZKY: Einspruch. Euer Ehren. Der Verteidiger spricht von Ahnungen.

RICHTERIN: Einspruch stattgegeben. Sie können einen Zeugen rufen.

PFLICHTVERTEIDIGER: Ich rufe hiermit meinen ersten Zeugen auf: DER-MIT-DEM-WOLF-

MALT

(Lachen und Gegacker)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT:

ist zu uns gekommen... :-)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Hi!

RICHTERIN: Einspruch stattgegeben. Sie können einen Zeugen rufen.

(Déjà-vu)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT:

(wird von Sicherheitspersonal begleitet mit Waffen)

PFLICHTVERTEIDIGER: Der-mit-dem-Wolf-malt. Können Sie uns beschreiben, wie die

Angeklagten im Sinne der Menschlichkeit und im Sinne der Erneuerung die Regeln der Malerei

nicht gebrochen haben, sondern verschoben?

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Uaaah, also jede Woche hole ich mir zwei Wölfe, frische müssen das sein und dann, das kann ich dir sagen, schwung, schwung. sabber, klecks.

(Der-mit-dem-Wolf-malt stinkt nach Wolf, alle rümpfen die Nase)

PFLICHTVERTEIDIGER: Bitte, der-mit-dem-Wolf malt. Bitte. Ich flehe Sie an. Beschreiben Sie uns wie die Angeklagten auf ihrer Suche nach Heiligkeit die Regeln der Malerei nicht aus

Verachtung, sondern aus Ehrfurcht verschoben haben? Bitte.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Ahhm, naja, wenn die Wölfe nicht mehr ganz frisch sind, dann schlägt das Blut sofort in die Leinwand ein und läuft nicht richtig. Und du machst so gestisch schwung und schwung und dann sabbert was über die trockenen Ränder und die Haare vom Pelz bleiben an der rauhen Grundierung hängen.

PFLICHTVERTEIDIGER: Aber Herr DMDWM?

(leidend)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Und platsch und platsch und strich und da ist der Wolf weg und...

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: ...du kannst auch hüpfen. So hüpf.

(fängt an rumzuhüpfen)

PFLICHTVERTEIDIGER:

(nahe eines Anfalls)

Herr DMDWM. Herr HHWH!

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Hüpf hüpf.

PFLICHTVERTEIDIGER: Ach. Ich bitte, einen neuen Zeugen rufen zu können.

PFLICHTVERTEIDIGER: (am Rande des Wahnsinns)

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: HHWH?? Wenn ich den kriege, der hat mir neulich einen halben

Wolf verkauft zum Preis von drei synthetischen Farbwölfen.

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT: Hüpf hüpf äh, so schwung und rechts und links gestisch wie Sau.

PFLICHTVERTEIDIGER:

(zur Richterin)

Einen neuen Zeugen bitte.

PFLICHTVERTEIDIGER: B i t t e .

DER-MIT-DEM-WOLF-MALT:

(die Security greift ein, sauber und präzise wird DMDWM weggebracht)

RICHTERIN: Ich rufe Herrn Peter Stone in den Zeugenstand.

(zum Pflichtverteidiger:)

Diesmal werde ich Ihnen nicht die Befragung überlassen.

(nimmt einen Schluck)

PETER STONE:

ist zu uns gekommen... :-)

PETER STONE:

(der Schatten von Peter Stone wird durch Security schwebend hereingeführt)

PETER STONE: Hallo!

RICHTERIN: Herr Stone, ich hoffe, dass Sie Licht in die Motive der Angeklagten bringen können.

Bitte beschreiben Sie uns kurz deren sogenannte Malerei.

PETER STONE: Naja das Problem ist, dass ich doch nun mit Peter Piechaczyk wiedervereinigt und jetzt als Teilidentität in Peter Piek eingegangen bin und somit als Einzelperson meine Mündigkeit verloren habe, und nur noch grün, rot, blau, gelb, lila, violett, alles mit weiß. Weiß weiß. Schwarz.

Türkis Linien. Brüste und Geschlecht.

PETER STONE: Viel Licht. Gestisch schwung. Yeah!

PETER STONE: Schemen. Bewegung. Entwicklung. Das LEBEN.

PETER STONE: Puff schack puff puff schack puff schack puff puff schack.

(imitiert

Schlagzeuggroove)

PETER STONE:

(kommt wieder zu sich)

Also nehmen Sie mir es bitte nicht übel. Vor zwei Wochen hätte ich Ihnen alles erklären können, aber jetzt...

RICHTERIN:

(schlägt mit Hammer auf Tisch)

Jetzt reichts!

(freundlicher)

Lieber Herr Stone, was wissen Sie über die Malerei der Angeklagten?

PETER STONE: Weiß weiß.

PETER STONE: Köstlich. Jo jo jo. Die hatten da diese und jene Aktionen.

PETER STONE:

(singt)

you know i try to reach the bottom – of my life – oooouuuuhh music is the healer - i got so much love inside - anyway i wanna - grow.

PETER STONE: (singt weiter) this painting likes to kiss your eyes - let us life - let us life.

RICHTERIN: Herr Stone, sind sie sich bewusst, dass dies ein Gerichtssaal ist?

PETER STONE: we are thrown away - melt away like snow balls.

PETER STONE: the invisible hides the colours!!

PETER STONE: the invisible hides the colours!!

RICHTERIN:

(läuft rot an)

SECURITY, raus mit diesem Schatten!!

PETER STONE: the invisible hides the colours!!

PETER STONE: the invisible hides the colours!!

RICHTERIN: (PS wird rausgezerrt)

PETER STONE: the scream of life!

PETER STONE: light shines upon us!

RICHTERIN:

(jetzt eh egal, nimmt Whiskyflasche und trinkt halb aus)

Hier, wollen Sie auch was ?

(zu dem neben ihr sitzenden Geschworenen)

GESCHWORENE: Ja.

(freuen sich)

Hehe hicks. Wh Whiskeij.

RICHTERIN: Jetzt gehts mir besser, OK, bald setzen wir dem Treiben ein Ende. Welcher Zeuge ist noch auf der Liste?

PFLICHTVERTEIDIGER:

(geht ein Stück weiter auf den Rand des Wahnsinns zu)

PFLICHTVERTEIDIGER:

(leise und verstört)

Der nächste Zeuge ist:

(noch leiser) (komplette

Ruhe im Saal)

- die - Fliege -

BSP, SCM:

(schlagen frustriert die Augen nieder)

Mmppfff.

FLIEGE:

ist zu uns gekommen... :-)

FLIEGE:

(ein Gerichtsdiener betritt den Gerichtssaal. Er hält vorsichtig ein zugeschraubtes ehemaliges Marmeladenglas in die Höhe)

FLIEGE:

(drin ein schwarzer Punkt, der sich bewegt) (Flutzky prustet laus los vor Lachen)

FLIEGE: Hallo.

FLIEGE: Haaaaalllooooo.

PFLICHTVERTEIDIGER:

(leise und psychopatisch zu den Geschworenen)

Die Fliege wird alle

Fragen beantworten.

PFLICHTVERTEIDIGER: (alle lachen, Minuten vergehen)

FLIEGE: Hallooo, Sie können gern Fragen stellen, ich beantworte sehr gern Ihre Fragen.

PFLICHTVERTEIDIGER: Bitte schrauben Sie das Glas auf, damit wir die Fliege besser verstehen können.

FLIEGE: Ich zähl bis drei und wenn dann nichts passiert, dann, also: eins, ...

FLIEGE: Zwei, ...

PFLICHTVERTEIDIGER: Machen sie das Glas auf!

PFLICHTVERTEIDIGER: Fliege. Fliege.

(Glas wird geöffnet)

FLIEGE: Drei. Dann eben nicht . Summmmmmmmm.

(fliegt weg, der kleine Punkt schwirrt durch den Gerichtssaal)

FLUTZKY: Auf uns Fliege.

(hebt Weinglas und lacht hämisch)

PFLICHTVERTEIDIGER:

(überschreitet die Linie vor dem Abgrund zum Wahnsinn)

FLIEGE: Dabei ist doch alles klar, die Ankläger haben Angst vor den Angeklagten, da sie ihnen die zweite Welt nicht vorenthalten. Deshalb verletzen sie die Regeln der ersten Welt.

FLIEGE: Hört ja sowieso keiner zu.

FLIEGE: Immer das Gleiche.

PFLICHTVERTEIDIGER: Sag es! Sag es laut! FLIEGE. FLIEGE. Fliege! FliegeeEEE...

FLIEGE: Vor so einem Bild weißt du, was die...

(klatsch)

PFLICHTVERTEIDIGER: Oh nein!

(schluchz)

RICHTERIN:

(klatsch)

Verdammte Insekten. Wo waren wir stehen geblieben?

(wischt sich die

Fliege von der Stirn, trinkt)

PFLICHTVERTEIDIGER:

(schluchz, heul)

FLUTZKY: Hahaha aaaaahaaaa.

PFLICHTVERTEIDIGER:

(rennt plötzlich aus dem Gerichtssaal)

So soll es sein, so soll es sein,

SO SOLL ES SEIN!!

PFLICHTVERTEIDIGER: VERFLUCHT ALLE NICHTGLÄUBIGEN!!

FLUTZKY: Na, jetzt ist wohl eine abschließende Begutachtung der Geschworenen fällig.

GESCHWORENE:

(tuschel, tuschel)

RICHTERIN: Wo ist der Verteidiger? (nimmt einen kräftigen Schluck) Ach hehe. Ha, jetzt,

Besprechung!

GESCHWORENE:

(tuschel)

GESCHWORENER: Ah ja, ich bin auch der Meinung.

GESCHWORENE: Ja, durchaus...

RICHTERIN: Schreibn Sie's auf, bidde.

GESCHWORENER: ...so kann man das sehen...

GESCHWORENE: ...auf gar keinen Fall...

GESCHWORENER:

(schluck)

GESCHWORENE: ...Urlaub...

GESCHWORENER: ...Strafe verhängen...

RICHTERIN: komm'se zum Schluss. Wir hamm ned ewich Zeid.

(durch hohen Alkoholspiegel kommt Dialekt zum Vorschein, der schon besiegt schien)

GESCHWORENER: ...als Abschreckung...

GESCHWORENER: ...Lotto...

GESCHWORENER: ...ich bin dafür...

GESCHWORENER: ...ich auch...

GESCHWORENER: ...OK, meinetwegen...

GESCHWORENER: ...na gut, ich auch.

RICHTERIN: Na, was nu?

RICHTERIN: Schuldsch oder ne? hä?

GESCHWORENER: (reicht ihr Zettel mit Urteilsvorschlag) Lesen Sie.

RICHTERIN: Nu, da hammer's. Schuldsch im Sinne dor Anglache!

(hicks)

RICHTERIN: Führd se raus un sperd se ei. Aber dalli!

GESCHWORENER: Moment, Sie müssen noch die Strafe verhängen.

GESCHWORENER:

(abartig grausam bitte)

RICHTERIN: Äh ja. Nu. Die Angeglachden Sickofgallemic und Putenschenkelpet vorhaffdn mer zu lemslänglich. Och dürfn se ne malen in dor Zelle. Nee. Des is gefährlich. Die wern doch ne mer normal und anstendsch. Inn dor Zelle ne, aber in dor Derabie. In de Derabie kommsse zusätzlisch...

FLUTZKY: Pphhaaa.

(jubelt innerlich)

RICHTERIN: Gibds Fraachen?

RICHTERIN: Einwände?

RICHTERIN: Nee, dann gehnse nach Hause, liebe Geschwoorne, Sie hamm Ihrn Job jut jemacht...

Heheh...

(rutscht vom Stuhl)

FLUTZKY: (geht zu den Angeklagten, die abgeführt werden, dabei kurz vor der Tür stehen, gefesselt)

FLUTZKY: (guckt ihnen in die Augen) Nie wieder eure Bilder, na?

FLUTZKY: Was sagt ihr nun?

BSP, SCM: Mmppfff.

BSP, SCM: Mppfffff.

BSP, SCM: Groll.

BSP, SCM:

(sie beginnen zu hüpfen)

FLUTZKY:

(tritt nach den Malern, welche stolpern und am Boden liegen) (Szenenwechsel)

Fünfter Chat

Im Gefängnis I

WÄRTER:

ist zu uns gekommen... :-)

THERAPEUT:

ist zu uns gekommen... :-)

THERAPEUT:

(sieht Flutzky ähnlich)

Hallo Wärter, na dann mal rein mit den Beiden...

(grins)

WÄRTER:

(bringt SCM und BSP in den Therapieraum)

WÄRTER: Da sind sie. Sie stehen gut unter Strom. Hehe.

WÄRTER:

(schaltet den Stromquälomat eine Stufe herunter)

Damit sie auch was mitbekommen.

WÄRTER: Hehe.

THERAPEUT: Hoffentlich haben Sie uns da noch was übriggelassen. Nicht so wie beim letzten

Mal...

(Augenzwinkern)

WÄRTER: Ach, ich mach doch nur meinen Job.

(Augenzwinkern)

THERAPEUT: Ähm, ja, wo waren wir denn das letzte Mal stehen, äh, liegen geblieben?

(Augenzinkern)

WÄRTER: Wir hatten sie wohl richtig nach Zahlen malen lassen. Natürlich haben sie mit dem drei

Millimeter dicken Stift über die auszumalende zwei Millimeter dicke Linie gemalt, so dass wir sie bestrafen mussten. He hehe.

THERAPEUT: Ach ist das traurig.

(Augenzwinker)

WÄRTER: Naja und da haben wir sie bestraft.

WÄRTER: Sie sollen doch lernen, wie man malt. Richtig?

THERAPEUT: Jaja.

(nestelt in der Brusttasche herum und dreht aus Tabak eine Zigarette, der

Tabak krümelt herunter, er muss sich bücken)

THERAPEUT: Sch...

THERAPEUT:

(geht auf die erschöpften Maler zu)

Na, ihr Trauergestalten, versaut ihr mir wieder meinen Nachmittag mit eurem dämlichen Rumgeschmiere?

WÄRTER: Die müssen doch lernen was es heißt, die Regeln der Malerei zu brechen, Stimmts?

THERAPEUT:

(zündet die Zigarette an, zieht tief ein und bläst den Rauch direkt in die

übermüdeten roten Augen der Maler)

THERAPEUT: Genau Wärter, was soll den heute gebrochen werden?

THERAPEUT:

(angelt einen Bleistift aus der Tasche)

Wieder das Schlüsselbein. Becken hatten wir noch nie, oder Kieferknochen?

WÄRTER: Ach. Ich rauch auch erst mal eine. Können Sie mir das Feuer... Danke.

WÄRTER: Viel bleibt nicht mehr übrig.

(Augenzwinker)

THERAPEUT: Puuhh, nach der Sache mit den Schlüsselbeinen haben wir die Therapie aussetzen müssen.

THERAPEUT:

(zu den Malern schreiend)

UND DAS HOLEN WIR HEUTE NACH!!

WÄRTER: Zum Glück haben wir das neue Mittel, das die Knochen schneller wieder zusammenwachsen lässt. Sonst könnten wir überhaupt keine Therapie mehr machen!

THERAPEUT:

(drückt Zigarette an BSPs Stirn aus)

Auf, ans Werk, schließlich wollen wir noch vor

Feierabend fertig sein.

WÄRTER: Ach. Mir macht die Arbeit Spaß. Denn ich weiß, wofür ich es tue!

(schwelg)

Nach der

Therapie geht man immer mit einem Gefühl nach Hause, als hätte man etwas Richtiges getan - und als sei man Teil des Systems - und das. - ja - das ist ein gutes Gefühl.

WÄRTER: Geht es Ihnen nicht auch so?

(drückt seine Zigarette an SCMs Wange aus)

WÄRTER: :-?

THERAPEUT: Leider ist so wenig Zeit, sich darauf zu konzentrieren

(zu SCM und BSP)

UND

DARAN SEID NUR IHR SCHULD!

WÄRTER: Ja. wem sagen Sie das.

(blickt wehmütig drein)

THERAPEUT: Aahh, Wärter fangen Sie schon mal mit dem Bleistiftspiel an.

(geht zum

Schreibtisch, lehnt sich zurück, Beine auf die Tischplatte, öffnet einen Joghurt, klappt die Ecke mit den Chocoballs um und rührt sie ein)

THERAPEUT: NA LOS IHR DEPPEN, STEHT NICHT SO IN DER ECKE. AB AN DIE

BLEISTIFTE!

WÄRTER: OK. Irgendwie ist es ätzend, es immer erst gut mit ihnen zu meinen und es wirklich zu versuchen. Da bekomme ich schlechte Laune.

WÄRTER: Dieses dämliche Rumgeschmiere. Das machen die doch sowieso.

WÄRTER: Es hat doch keinen Zweck.

THERAPEUT:

(zum Diktiergerät)

Therapie 342, Start.

WÄRTER: Wir könnten ihnen auch gleich etwas brechen.

WÄRTER: Die Kniescheiben müssten nach Plan wieder verheilt sein.

WÄRTER: :-))

THERAPEUT: :-))

THERAPEUT: Nun kommen Sie, versuchen Sie an ihr dreizehntes Gehalt, Urlaubsgeld und

Erschwerniszuschläge zu denken.

ANMERKUNG DER VERFASSER:

(Leider haben Sören und/oder Pete the Marker vergessen zu speichern, so dass hier leider fünf Minuten des Chats fehlen. Die Webmaster bitten um

Entschuldigung.)

BSP, SCM: Oooooooaaaaaaaahhhhhhh.

WÄRTER: Schnauze!!

BSP, SCM: Grrrr.

WÄRTER: Schlägt die Maler mit Knüppel. MALEN SOLLT IHR.

WÄRTER: IHR SCHWEINE: MALT!

BSP, SCM:

(Bleistift gestisch rechts links Kreis Kopf Gesicht)

WÄRTER:

(und wieder saust der Knüppel)

BSP, SCM: Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaauuuuaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa.

BSP, SCM:

(Wütend gestisch ritsch ratsch über Linie)

WÄRTER: ETWAS MALEN! NICHT SCHMIEREN. WAS HAB ICH GESAGT!!

WÄRTER: MALEN!!!

WÄRTER: (Knüppel auf die Maler)

BSP, SCM: (Kreis, Schwung)

WÄRTER: Wisst ihr überhaupt was das ist? JETZT REICHTS!!!

BSP, SCM:

(BSP zerbricht Bleistift bei wütendem Strich)

THERAPEUT:

ist zu uns gekommen... :-)

WÄRTER:

(erhöht die Frequenz und Voltzahl des Schockwerfers)

THERAPEUT: Hmm hmmm, jetzt wirds interessant.

(knabbert Erdnüsse)

WÄRTER: DAFÜR BRECH ICH EUCH DIE KNIESCHEIBE ZUM DRITTEN MAL!!!

WÄRTER:

(holt Hammer)

Dafür geht doch nichts über den guten alten Hammer.

WÄRTER:

(schnallt die Maler an Stuhl sitzend fest)

THERAPEUT:

(aufgeregt)

Oh Mann, immer dasselbe.

(Vorfreude im schnüffelnden Gesicht)

WÄRTER:

(holt weit aus, trifft Kniescheibe, dabei tritt Kniesehnenreflex ein, dadurch bekommt Wärter einen Tritt)

WÄRTER: DAS KANN DOCH WOHL NICHT WAR SEIN!!

WÄRTER: Notieren Sie das in das Protokoll. Auflehnung gegen Wachpersonal.

THERAPEUT:

(zum Diktiergerät)

...musste die Thearpie 342 wegen mangelnder geistiger

Kooperation der Patienten abgebrochen werden.

WÄRTER: Da können wir noch eine Stufe härter werden!!

(Augenzwinker)

WÄRTER: JETZT GEHT ES EUCH AN DEN KRAGEN, HAHAHAHAHAHAHAHAAA

(holt weit aus)

THERAPEUT: ...schade

(schaut auf Uhr)

ich muss mal kurz rüber, Sie haben fünf Minuten freie

Hand.

(Augenzwinkern)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

THERAPEUT:

(geht pinkeln, macht Tür zu von außen)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

WÄRTER:

(holt weit aus - Treffer)

Sechster Chat

Im Gefängnis II

BRUSHSTROKEPETE: Mmpf...

WÄRTER: Halts Maul!!

WÄRTER:

(erneuert das Klebeband)

Haufen Ärger mit euch Typen!!

BRUSHSTROKEPETE: Arghhh...

WÄRTER: Ohne euch bräuchte ich keine Nachtschichten zu machen...

WÄRTER:

(haut BSP eine runter mit dem Glasfaserhandschuh)

...und das ohne Sonderzuschlag für

Nachtarbeit!

STELLVERTRETENDER GEFÄNGNISDIREKTOR:

ist zu uns gekommen... :-)

WÄRTER: Das darf einfach nicht wahr ein sein, nur wegen euch!

(der Schlagstock fährt auf BSPs

Schultern nieder)

WÄRTER: Oh, hi, Herr Direktor.

WÄRTER: Wollen Sie sich das wirklich antun? Hier herunter zu kommen und diesen Abschaum zu sehen?

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Wärter. Hallo.

(gibt die Hand)

Es gibt neue Verordnungen.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Drei mal am Tag müssen sie durchsucht werden. Überprüfen Sie ob keine Malmaterialien in ihren Besitz gelangt sind. Es ist zwar unmöglich hier etwas hereinzuschleusen. Hier unten im sichersten Trakt. Aber man weiß ja nie. Also. Drei mal am Tag untersuchen. Wissen Sie, wie Sie das zu tun haben, Wärter?

WÄRTER:

(stellt Schlagstock und Glasfaserhandschuh in den ordentlich aufgeräumten

Instrumentenschrank)

OK, kein Problem, Direktor, mach ich gern.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Ich frage nur deswegen, da diese Untersuchungen zum ersten Mal bei diesen Häftlingen durchgeführt werden. Im Sinne der Ordnung der Malerei. Sie verstehen. Bitte.

Damit nichts schief geht. Beschreiben Sie, wie sie die Untersuchungen durchführen!

WÄRTER: Also, gern.

(hüstel)

Na ja, laut Verordnung 27-3 muss vor Abnehmen des Klebebandes sichergestellt werden, dass sie ihre Umgebung nicht verbal manipulieren können. Dazu verwende ich die unter uns so genannte Zahnbreche.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Ja gut. Und weiter?

WÄRTER: Dann müssen Arme und Beine so angewinkelt werden, ohne sie jedoch zu brechen oder auszukugeln, dass ein schmerzfreies Nachdenken unmöglich wird.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: NEIN!! Korrigiere. Dass ein Nachdenken ganz und gar unmöglich wird!

WÄRTER: Dann ist aber das Auskugeln nicht mehr ausgeschlossen und nach Verordnung 27-4...

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Tun Sie was ich ihnen sage! Das hier braucht keine Verordnungen!!

(spuckt die Maler an, die angekettet an der Wand stehen)

WÄRTER: Ok, ok, kein Problem, also es ist nur eine Frage der Konfiguration der Startsequenz, dazu verwenden wir unsere neuste Anschaffung, den neu patentierten Schmerzindikationsverstärker mit unabhängigem Regelkreis...

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Richtig. Sehr gut. Dann die penible Untersuchung.

WÄRTER: ...naja und dann wird nach dreistündigem autogenen Waschvorgang in der Kältekammer

die Untersuchung mit Mikrodetektoren von unserem Kriminologischen Einsatzteam durchgeführt.

WÄRTER: Die nötigen E-Schocks werden vorbereitend in pulsierenden Quanten degressiv aufgeschalten.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Prüfen Sie auch noch optisch nach. Den Detektoren kann man nur zu 99% vertrauen.

WÄRTER: OK, ok, kein Problem, sonst noch was?

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Schlafentzug. Eine Stunde Schlaf, mehr nicht. Ist das klar!?

WÄRTER: OK, ok, kein Problem, dafür gibts genügend Standardinstrumente.

(zeigt auf den

Schrank)

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Sehr gut. Vergessen Sie nicht, sie immer ordnungsgemäß an die

Wand zu fesseln, wenn sie nicht in der Kältekammer sind.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Und noch was: für die eine Stunde Schlaf werden sie auf die

Pritschen gefesselt!

WÄRTER: OK, Chef.

(schaut auf die Uhr)

Wär jetzt eigentlich soweit mit der Schlafstunde, ist schließlich Mittagspause.

(steckt sich eine Zigarette an)

ST .GEFÄNGNISDIREKTOR: NEIN!! Heute lassen wir sie ausfallen.

(kichert)

Geben Sie mir auch eine Zigarette.

WÄRTER: Bitte.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Danke.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Gute amerikanische Zigarette, Wärter.

WÄRTER: :-)

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Ach ja. Das Wichtigste. Anweisung von hoch oben. Ein mal in der

Woche werden sie zwei Stunden beschäftigt. Damit soll bezweckt werden, sie von ihrer manischen

Krankheit zu befreien. Und da die Therapie noch zu keinen Ergebnissen geführt hat...

(Augenzwinker)

WÄRTER: ?? Was für eine Krankheit?

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Das Malen ohne Zahlen. Wissen Sie denn überhaupt nichts?

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Dazu bringen Sie die Häftlinge hinüber in die Videozelle.

WÄRTER: Klaro.

WÄRTER: Oh, zahlen sollten sie auch dafür, finde ich, überhaupt sollte es mehr Zuschläge geben.

Da haben Sie absolut recht.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR:

(zieht an Zigarette)

Man wird den Gefangenen eine Stunde lang neorealistische Third-Level-Kopien von richtigen Bildern von Künstlern vorsetzen...

WÄRTER: Und dafür sollen sie dann zahlen.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Hahaha. In der Therapie müssen sie eine Stunde lang ein Bild mit

Buntstiften penibel ausmalen. Wenn sie auch nur die Idee haben

(man wird sie an Gehirnsensoren anschließen)

etwas ohne Zahlen zu malen, werden sie richtig unter Strom gesetzt. Sie wissen schon.

Unser E-quälomat. Der haut richtig durch.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Hehe.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Oh ja.

WÄRTER: Höhö ok, Chef.

WÄRTER:

(vertraulich)

Hätten Sie Lust, den schon mal auf Funktion zu testen?

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Ja, dann werden sie mal sehen wie gut es ist, nach Zahlen auszumalen. Natürlich sind die Farben auch vorgegeben.

WÄRTER:

(holt den E-quälomat der Marke E-dolormax aus dem Schrank)

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: die Bilder werden dann als Fourth-Level-Kopie an den Kunstmarkt verkauft.

WÄRTER: Hier sehen Sie, gerade durchgecheckt.

WÄRTER: Höhö.

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Gut was.

(drückt die Zigarette an Seaofcolourmick aus)

. Wir verstoßen so ungefähr gegen alle Regeln der UN-Menschenrechtskonvention. Also. Kein Wort zu niemandem. Klar!

SCM: Aaaarrrrrrgggggggg.

SCM: Oooooaaaaaaaarrrr.

WÄRTER: Nö, würd ich nie.

(tippt sie Startfrequenz ein)

ST. GEFÄNGNISDIREKTOR: Gut.

WÄRTER: Jetzt noch anschließen.

WÄRTER: Und .... Upload!!

ST.GEFÄNGNISDIREKTOR: Sie wissen Bescheid. Machen Sie Ihre Arbeit gründlich.

(geht ab)

WÄRTER: Danke Chef, cool was, und das war erst die erste Halbstufe...

WÄRTER: ...von zwölf ...ich kann ja mal erhöhen...das ist jetzt Stufe einskommasieben.

BSP, SCM:

(schnellen zur Decke)

Rrrggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggggohooooooooooooooo oooooooaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa.

WÄRTER: Und jetzt Stufe drei.

WÄRTER:

(...plötzlich, eine Voicenachricht)

WÄRTER:

(„Zentrale an Direktor,...“)

BSP, SCM: Oaaaaaarrrrrrrrrhhhhhhaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhhhhh

(schalt das Ding ab)

HHHHHQWERKRTJJOHTJOJRJTerjjjjkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkk.

ST. DIREKTOR: Hier stellvertretender Direktor.

BSP, SCM: Kkkkkkkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkr

(schalt das Ding ab)

krkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkrkr.

WÄRTER:

(schaltet E-dolormax ab, damit Direktor besser zu verstehen ist) (BSP und SCM sacken kraftlos in sich zusammen)

DIREKTOR: Wärter? Können Sie Farben hören... - aäh. Können Sie mich hören?

WÄRTER: Klaro, Direktor.

DIREKTOR: Gut.

DIREKTOR: Machen sie weiter mit Stufe 4!

DIREKTOR: Und bringen Sie die Gefangenen dann in den Beschäftigungstherapieraum!

WÄRTER: Sorry, das Gerät muss nach einem Abschalten erst wieder die Schmerzkondensatoren aufladen, als Demonstration müsste es eigentlich gereicht haben.

(schaut auf die Uhr)

WÄRTER:

(zu BSP und SCM)

Los , nicht so faul herum liegen, hüpft mal zum Transportkoppler.

WÄRTER:

(stellt Transportkoppler auf Schmerztransfer)

OK, die Dosis reicht für den Weg in die

Therapie, los jetzt!

BSP, SCM: Mmmpfff.

(wir sind doch angekettet)

WÄRTER:

(schlägt mit Stromkabel mit nicht isolierten Stellen nach, dem so genannten

„Stromigel“)

Hüpfen, hüpfen, dalli!

BSP, SCM:

Auhrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrhhhhhuuuuuuuuuuuuuuuuuhhhhhhhrararararararararararararararaarrrrrrr hhhhhhh.

BSP, SCM:

Äaäaääaäaäaäaääaäaääaäaäaäaäääauüuüuüuüuüuüuüuüuaäaäaäaäaäaäaäaäaieieieieieieieie.

WÄRTER: Los, da drüben sind wir schon, etwas schneller hüpfen!

(schwingt drohend mit dem

Stromigel)

BSP, SCM: Öooöoöoöoöoöoöoöoöieieieieieüuüuaararararararararäaräaräaräaräaräar.

BSP, SCM:

(hüpf hüpf)

BSP, SCM:

(hüpf hüpf, flieg hin)

BSP, SCM:

(können sich nicht aufrappeln da gefesselt, winden auf Boden)

BSP, SCM:

(mit Gesicht im Dreck)

BSP, SCM:

(Stoßgebet)

Erlöse uns von diesen Qualen. Mach, dass wir nicht nach Zahlen malen müssen.

(werden von Wärter getreten)

BSP, SCM: Mpf mpf mpfmpfmfp.

WÄRTER: Rein mit euch, ihr Pack, jetzt kann ich nichts mehr für euch tun.

(stößt sie mit dem

Stromigel zur Eisentür hinein)

RICHTERIN:

ist zu uns gekommen... :-)

BSP, SCM: Ahrahrhrahraharhrahraharharharharharhararhrh.

BSP, SCM: Krrrkrrrkrrrkrrrkrrkrrrkrrkrrkrr.

RICHTERIN:

(zu den anwesenden zwölf Geschworenen und psychiatrischem Fachpersonal und den sieben schwerbewaffneten Bewachern)

Ah, da sind sie ja.

BSP, SCM:

(ein Stromschlag jagt den nächsten, jagt durch die kraftlosen und ausgezehrten Körper der gefangenen Maler)

RICHTERIN: Lassen Sie uns nun mit dem Experiment, äh Therapie beginnen.

BSP, SCM: Argggghhh.

PSYCHATER:

(sieht Flutzky sehr ähnlich)

BSP, SCM:

(das ist doch nicht etwa Flutzky??)

Arrrgjjjhhh.

PSYCHATER:

(geht nahe an die Maler ran, tippt sie mit der Bleistiftspitze an, genau auf die Stirn)

Na, ihr Maler, jetzt malt mal ohne Zahlen!

(sind von oben bis unten verschnürt)

PSYCHATER: Hier habt ihr Farbe!

(hält ihnen hämisch einen Farbeimer mit grüner Farbe vor die

Nase, lässt sie hereingucken und stellt ihn vor ihre Füße)

Malt doch, hähä!

BSP, SCM:

(schnaufen wütend durch die Nase)

PSYCHATER:

(geht wieder zurück hinter den Schreibtisch)

BSP, SCM: (stoßen den Eimer um, springen in die Farbe)

RICHTERIN: Mein Gott, was ist das?? :-?

RICHTERIN:

(sie sieht, wie...)

PSYCHATER: He!! Sie schmeißen die Farbe um! Wärter, Füße zuschnüren, nicht dass sie uns hier ein Fußbild malen!

BSP, SCM:

(beginnen die Köpfe in die Farbe zu tauchen) (das ist bei den 120 vorherigen Sitzungen nie passiert, da wurden sie immer erfolgreich vom Psychiater gemobbt)

PSYCHATER: Und Schmerzstufe 5 zur Abschreckung!

RICHTERIN: Halt, halt, warten Sie bitte noch damit, sehen Sie...

(alle sehen zu)

BSP, SCM:

(trotz der Schmerzen entstehen Strukturen)

BSP, SCM:

(gemalt auf Fußboden und Wand)

PSYCHATER: Ich kann das nicht ansehen (geht nach draußen, eine rauchen)

BSP, SCM:

(Schwünge mit dem Kopf und dem Körper, mit dem Kopf)

12 GESCHWORENE:

(sitzen mit offenem Mund) (die Maler machen kriechende, betende

Verkrümmungen, um an die Farbe zu kommen, den Geschworenen bleibt ein zynisches Grinsen stehen, das erstarrt immer mehr als sie das sich entwickelnde Bild sehen)

BSP, SCM:

(Kopf in Farbe tunken)

BSP, SCM:

(Kopf in Farbe tunken)

BSP, SCM:

(tunken in Farbe)

BSP, SCM:

(Kopf)

BSP, SCM:

(Bild)

BSP, SCM:

(einer der Wärter kippt eine andere Farbe auf den Boden vor die Köpfe der Maler)

BSP, SCM:

(blau)

BSP, SCM:

(die Köpfe)

BSP, SCM:

(sind blau)

EIN GESCHWORENER: Wow.

BSP, SCM:

(dann rot)

BSP, SCM:

(dann lila)

BSP, SCM:

(dann orange und türkis)

BSP, SCM:

(dann heller)

BSP, SCM: (

dann hässlich)

BSP, SCM:

(braun)

BSP, SCM:

(gelb)

BSP, SCM:

(Kopf)

BSP, SCM:

(aufsetzen)

BSP, SCM:

(Gebet)

BSP, SCM:

(Kopf)

BSP, SCM:

(Farbe)

BSP, SCM:

(aufsetzen)

BSP, SCM:

(malen)

BSP, SCM:

(Boden zu Kopf)

BSP, SCM:

(Boden)

BSP, SCM:

(Erde)

Ein GESCHWORENER: Das gibts nicht, das ist ja irre.

Ein GESCHWORENER:

(Tränen laufen übers Gesicht)

Wir haben sie verurteilt :-(

(schluchz)

BSP, SCM:

(grau)

BSP, SCM:

(weiß)

BSP, SCM:

(Weisheit)

EIN GESCHWORENER: Wir sind schuld.

BSP, SCM:

(beten)

BSP, SCM:

(erkennen)

EIN GESCHWORENER: Ein falsches Urteil.

BSP, SCM:

(malen)

BSP, SCM:

(rosa)

EIN GESCHWORENER: Oh Gott!

(weint)

BSP, SCM:

(umbra)

BSP, SCM:

(beten)

BSP, SCM: (malen)

RICHTERIN:

(weint)

BSP, SCM:

(langsam)

BSP, SCM:

(Kopf zu Boden)

RICHTERIN:

(weint hemmungslos)

BSP, SCM:

(Kopf zu Boden)

BSP, SCM:

(Boden zu Kopf)

BSP, SCM:

(Erde)

BSP, SCM:

(Wasser)

BSP, SCM:

(Feuer)

BSP, SCM:

(Wind)

BSP, SCM:

(Staub)

BSP, SCM:

(Asche)

BSP, SCM:

(Sehnsucht)

BSP, SCM:

(Kopf zu Boden)

BSP, SCM:

(Boden zu Kopf)

BSP, SCM:

(Erde)

BSP, SCM:

(Wasser)

BSP, SCM:

(Feuer)

BSP, SCM:

(Wind)

BSP, SCM:

(Staub)

BSP, SCM:

(Asche)

BSP, SCM:

(Sehnsucht)

BSP, SCM:

(Kopf zu Boden)

BSP, SCM:

(Boden zu Kopf)

BSP, SCM:

(Ende)

RICHTERIN:

(zerkratzt sich die Wangen) (die salzigen Tränen bilden eine Pfütze)

BSP, SCM: (

Anfang)

RICHTERIN:

(zerwühlt sich die Haare)

NEEIIIN!!! NNnnneeEEEiiiiIIIINNNN!!!

BSP, SCM:

(Leben)

BSP, SCM:

(Tod)

RICHTERIN:

(sinkt mit dem Kopf auf die Tischplatte und überlässt sich ihren Tränen)

BSP, SCM:

(Jenseits)

BSP, SCM:

(Diesseits)

BSP, SCM:

(Kopf)

BSP, SCM:

(Erde)

RICHTERIN:

(sieht auf das entstehende Bild)

Oh nein, wie blind waren wir.

BSP, SCM:

(Freiheit)

BSP, SCM:

(Gleichheit)

BSP, SCM:

(Gerechtigkeit)

RICHTERIN:

(zu den Geschworenen: will etwas sagen, aber die würgenden Worte bleiben stecken, stattdessen die Tränen)

BSP, SCM:

(Freiheit)

BSP, SCM:

(Gerechtigkeit)

BSP, SCM:

(malen)

RICHTERIN:

(die Maler taumeln mit letzter Kraft... brechen bald zusammen vor Erschöpfung mit von den Fesseln halb abgestorbenen Füßen und blutig gemalten Köpfen)

BSP, SCM:

(Freiheit, Freiheit)

BSP, SCM:

(Neue Welt)

BSP, SCM:

(Welt)

BSP, SCM:

(Welt)

BSP, SCM:

(Welt)

BSP, SCM:

(Welt)

BSP, SCM:

(meine)

BSP, SCM:

(deine)

BSP, SCM:

(seine)

BSP, SCM:

(unsere)

BSP, SCM:

(ihre)

BSP, SCM:

(Farbe)

BSP, SCM:

(Kopf)

BSP, SCM:

(malen)

BSP, SCM:

(Bild)

BSP, SCM:

(sie liegen bewusstlos am Boden)

RICHTERIN:

(sie liegen jetzt wie tot da, die Geschworenen kommen zögernd zu ihnen, die

Richterin beugt sich über sie, immer noch in Tränen)

Ich schwöre euch, ich hole euch hier raus.

(lautlos durch geschlossene Lippen gepresst)

FLUTZKY-PSYCHATER:

(Tür geht auf) (kurzes Umschauen)

Schafft sie zurück in die Zelle, Stufe

12 zur Strafe drei Mal, danach Reanimation bis die Schmerzwahrnehmung wieder einsetzt!

Siebter Chat

Die Befreiung

RICHTERIN:

ist zu uns gekommen... :-)

WÄRTER:

ist zu uns gekommen... :-)

RICHTERIN: Halloo, Wärter.

(Augenaufschlag)

Hier, Wärter, diesen Kuchen soll ich den

Gefangenen von den Geschworenen übergeben.

WÄRTER: Oh. Frau Richterin. Schön dass Sie...

(Hä?? Richterin?? Kuchen??)

RICHTERIN: Na mein Süßer, lässt du mich rein in dein Reich?

(klappt kleinen Schminkspiegel auf, kurzer Blick zur Seite, verteilt Lippenstift)

WÄRTER: Äh ja. Na klar. Wenn Sie mich auch mal ran lassen...??

RICHTERIN: Klar lass ich dich mal reinbeißen.

(Zwinkern)

RICHTERIN: Erst lassen wir mal die Gefangenen die Rosinen zählen.

WÄRTER: Äh nein. Ich meinte...

RICHTERIN: ...damit es auch süß genug wird.

WÄRTER: Wozu? Die Gefangenen haben schon ewig nichts Richtiges mehr gegessen.

RICHTERIN:

(ruckelt sich am Ausschnitt rum, demonstrativ)

WÄRTER:

(ahh, sabber, lechz)

RICHTERIN: Anordnung der Geschworenen, mein Lieber.

(streicht dem Wärter mit einer mütterlichen Geste die Wange und spitzt dabei die Lippen)

WÄRTER: Ja.......äh......wie Sie meinen.

RICHTERIN: Sie brauchen Ihnen nur alle Rosinen zeigen, mehr können Sie gar nicht verkraften in ihrem Zustand...

WÄRTER:

(errötet)

RICHTERIN: ...und der Rest...

(sie zieht ihn am Hemdaufschlag langsam zu sich)

RICHTERIN: ...ist für uns...

(fährt mit der Zunge über Lippen)

RICHTERIN: ...denn...

(sie legt die Hand an seine Schulter, mit der anderen fährt sie zur Hälfte unter das Hemd der Wärteruniform)

RICHTERIN: ...es geht um den Geschmack.

(sie führt seine Hand zu ihrem Mund) (Was muss ich noch alles tun??)

WÄRTER: Da das das das das ist ganz wuwundervoll Ri-ri-richterin.

RICHTERIN: So.

(sie stößt ihn sanft mit dem Knie von sich)

Nun machen Sie schon auf, oder wollen Sie ewig hier warten?

(leise fortsetzend)

Ich möchte es nicht.

WÄRTER: Nei nei nein. Wer will das schon

(führt den Schlüssel aufgeregt in das

Schloss ein)

RICHTERIN: Oh, die Armen.

WÄRTER:

(Hä?? Was??)

RICHTERIN: Geben Sie ihnen den Kuchen. Zeigen Sie Ihnen die Rosinen.

(näher atmend) D

ann zeige ich Ihnen meine Rosinen. Und die werden sie nie vergessen... mein Lieber....

BSP, SCM:

ist zu uns gekommen... :-)

WÄRTER:

(öffnet die schwere Tür, die Maler in der Zelle sind bis auf die Knochen abgemagert und stehend gefesselt)

BSP, SCM: Nnggghh.

BSP, SCM: Krgfggg.

WÄRTER: Hier! Guckt euch die Rosinen an!

(zeigt den Malern die Rosinen)

BSP, SCM: 3-5-8-13-21.

BSP, SCM: 4-8-16-32.

BSP, SCM: Pi quadriert.

BSP, SCM: Nullpunkt bei Wurzel 12.

BSP, SCM: 4583902.

WÄRTER: Ich hab ihnen die Rosinen gezeigt.

RICHTERIN:

(flüsternd zum Wärter)

Wissen Sie, ich hätte jetzt richtig Lust, die Rosinen auszulutschen. Wie sieht es mit Ihnen aus?

(Augenzwinker)

WÄRTER: Oh . O-ooh. ja. Das sollten Sie unbedingt tun. Äh... na klar.

RICHTERIN: Und diese gruselige Atmosphäre, da fallen mir Dinge ein...

WÄRTER: W-was d-d-denn??

RICHTERIN: (

streicht wollüstig über die Foltergeräte, die in der Zelle herumstehen)

So. Schöne

Spielsachen hast du da...

WÄRTER: Oh. Ooh ja.

RICHTERIN:

(streicht dem Wärter über die Handschellen, die an seiner Uniformhose ordnungsgemäß befestigt sind)

...die sollten wir unbedingt mal ausprobieren.

WÄRTER: Soll ich Ihnen zeigen, wie man damit umgeht?

WÄRTER:

(streicht der Richterin über den Hintern)

RICHTERIN:

(flüsternd)

Das macht mich ganz geil. Du stehst doch auch darauf?

WÄRTER: Oh ja. Ich steh schon.

(grabscht an ihre Brust)

RICHTERIN: Na na na. Nicht so schnell, mein Lieber!

(knöpft die obersten beiden Knöpfe ihrer

Bluse auf)

RICHTERIN:

(nestelt an den Handschellen)

Holst du uns was zu trinken?

WÄRTER: Was zu trinken??

RICHTERIN: Oh, du wirst gleich erfahren, wofür wir das brauchen.

(fährt mit Zungenspitze über sein Kinn)

WÄRTER: Oh das erregt mich. Was willst du trinken meine Diva?

RICHTERIN: Der beste Sekt, den du kriegen kannst. Hengst!

WÄRTER: Oh ja. Ja ah den – werd – ich - dir -besorgen. verlass dich drauf. So wahr ich ein Mann bin!! Und so war ich...äh...

(will gehen)

RICHTERIN: Stopp!

(Wärter kommt zurück)

RICHTERIN:

(flüsternd in sein Ohr, die Wange angepresst, hauchend)

Weißt du, was mich inzwischen so richtig auf Touren bringt?

BSP, SCM: Mpf.

RICHTERIN:

(spielt mit Fingern abwechselnd an seiner Hose und an den Handschellen)

Kannst du die deiner kleinen Diva inzwischen leihen, mein starker Hengst, ich würde mich gern noch ein wenig für dich anturnen...

RICHTERIN: ....in deinem geilen Folterkeller.

RICHTERIN:

(bevor er Sekt holen geht, gibt ihr der Wärter die Handschellen)

WÄRTER: Mach weiter damit, du geiles Stück. Hmm. Nimm!!

(gibt ihr die Handschellen und die

Schlüssel dazu und geht)

RICHTERIN:

(zu BSP und SCM)

OK, er ist weg, jetzt schnell, ha ein Glück, die Schlüssel, sie passen auch bei euch.

RICHTERIN: Universalschlüssel.

BSP, SCM:

(juhuu, jauchz)

RICHTERIN:

(sie nimmt das Kuchenmesser und trennt die mehrlagigen Paketbänder und

Kabelbinder auf) (ritsch ratsch)

BSP, SCM: Aaaaargghh.

RICHTERIN: Sorry.

(küsst die Maler auf die Wange)

RICHTERIN: Habt ihr den Code?

BSP, SCM: Die Fibonacci-Folge.

WEBMASTER:

(...der Code sollte nicht näher genannt werden, würde das Ganze entmystifizieren)

BSP, SCM:

(OK, Webmaster)

Ja. Wir haben den Code.

RICHTERIN: OK, noch einen Schnitt und ihr seid frei!

BSP, SCM: Juhuu. jauchz!

BSP, SCM: Aber wie kommen wir durch die Tore?

RICHTERIN:

(sieht die Verletzungen an den gefolterten Malern)

Ihr Armen.

(eine Träne)

BSP, SCM:

(sehen Richterin, wie sie eine Träne vergießt, dabei kann nichts, nein – nichts kann das

Leid in Worte fassen, nichts kann ausdrücken was diese Menschen hier in diesem Folterkeller für

Qualen erleben musten, nur die bedingungslose Liebe zum Leben und der Wille, ein reiches und mannigfaltiges Werk zu schaffen, hat sie vor dem sicheren Tode bewahrt)

RICHTERIN: Den Code müssen wir an jedem Türcontroller eingeben und mit der Irisstruktur verifizieren. Unser Softwareexperte hat sich letzte Nacht reingehackt und den Code modifiziert, so dass er meinen Augen entspricht.

(sieht den Malern demonstrativ in die Augen)

BSP, SCM: Gut. Sehr gut. Wir gehen raus!

(sie können es nicht glauben)

Wie lange haben wir auf diesen Moment gewartet?!

BSP, SCM: Danke, Richterin!

RICHTERIN: Schon gut, ich habe euch zu danken, dass ihr mir eine Chance gegeben habt, den

Fehler des Urteils zu erkennen...

RICHTERIN: ...und wenn auch zu spät – wieder gutzumachen.

(sie weint erneut)

BSP, SCM: (Tränen rollen über die Gesichter der Maler) Wir

(schluchz)

vergeben dir.

BSP, SCM:

(schwer zu beschreibende Gesichter)

BSP, SCM: Wir haben immer an das Gute geglaubt...

(schluchz)

RICHTERIN:

(eine Lampe leuchtet, der Wärter befindet sich bereits im Transportbereich zur vierten Subebene)

Jetzt aber schnell!!

BSP, SCM: ...auch wenn es hier unten so gut wie unmöglich war.

(heul)

RICHTERIN:

(die erste Tür)

Gebt hier den Code ein!

BSP, SCM:

(sie folgen der Richterin im Laufschritt)

BSP, SCM:

(sie geben den Code ein)

BSP, SCM:

(tip tip tip tip tip tip tip tip tip tip tip tip tip tipitpitpitpitpitpitpitpiptipt)

RICHTERIN:

(sie geht mit dem Auge vorsichtig ganz nah an den Scanner, ein Summen, die Tür ist auf)

RICHTERIN:

(dahinter ein langer Gang)

BSP, SCM: YEAH!

RICHTERIN:

(Tür)

BSP, SCM:

(Zahlencode)

RICHTERIN:

(Auge)

RICHTERIN: Kommt, weiter!

BSP, SCM:

(die Maler folgen ihr, hellwach, und das obwohl sie nur ein halbes Jahr geschlafen haben während ihrer 12jährigen Gefangenschaft)

RICHTERIN:

(der Wärter trifft ein, eine Sirene ertönt)

RICHTERIN: Schneller!!

RICHTERIN:

(Gang/Tür/Gang/Tür/Falltür/Ebene)

BSP, SCM:

(das Ereignis, welches sie zwölf Jahre lang herbeigesehnt, von dem sie das halbe Jahr im Schlaf geträumt hatten, blättert sich vor ihnen zur Realität auf)

BSP, SCM:

(sie gehen schneller)

BSP, SCM:

(Angst zu scheitern)

RICHTERIN: Kommt, weiter.

RICHTERIN: Schneller!!

RICHTERIN:

(Gang/Tür/Gang/Tür/Falltür/Ebene)

BSP, SCM:

(sie gehen schneller)

BSP, SCM:

(Angst zu scheitern)

RICHTERIN: Da vorn ist die letzte Tür, dahinter wartet ein Raumschiff, was euch fortbringt, die zwölf Geschworenen werden uns begleiten, sie können auch nicht mit der Schuld weiterleben, euch zwölf lange Jahre lang hier eingesperrt zu haben.

RICHTERIN:

(rote Lampen leuchten blinkend in den Gängen, Sirenengeheul, Bellen von

Suchhunden)

BSP, SCM:

(die Maler können nicht glauben, was sie sehen, ein Raumschiff steht hinter der

Gittertür)

RICHTERIN: Die letzte Tür, schnellllll!!! Der Code!!!

BSP, SCM:

Schnell der Code. (sie geben den Code ein)

BSP, SCM:

(tiptiptiptiptiptipitpitpitpitpitpitpitpitpitpitpitp)

BSP, SCM: Schnell das Auge!!!

RICHTERIN:

(nah ran: Scanner, Auge, Tür geht auf)

Schnell!!

RICHTERIN:

(die Tür schließt sofort wieder, nachdem das Auge weg ist, eine Stimme:

Sicherheitsstufe ultraviolett, Verifizierung permanent erforderlich!)

BSP, SCM:

(die Maler laufen in die Freiheit, zum Raumschiff)

Richterin!! Chanel! Kommen Sie mit uns??

RICHTERIN: Neiiiin!!! Ich kann niiiichhhhttt!

BSP, SCM: Aahhh, arrghh.

BSP, SCM: Wir müssen zurück. Die Richterin da raus holen!

BSP, SCM: Neeeeiiiinnn!

RICHTERIN:

(weint, nimmt das Cuttermesser, schneidet das Auge heraus, klebt es mit einem

Klebeband am Scanner fest, Tür öffnet sich kurz zur Hälfte: schnapp, zu)

BSP, SCM: NEEEIIIIIEEEEEIIEIEIEIEIEIEIEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIINNNNNNNN!

BSP, SCM: WIR LIEBEN DICH, RICHTERIN!

RICHTERIN:

(Stimme: Verifizierung unvollständig - Biowellenparameter instabil - synaptische

Controller reaktivieren)

BSP, SCM:

(die Richterin wird einäugig in die Tür gequetscht)

RICHTERIN:

(Stimme: Verifizierung instabil)

RICHTERIN:

(Stimme: System instabil – Selbstzerstörung - bitte verifizieren - bitte verifizieren)

BSP, SCM:

(Selbstmordgedanken der Maler, die zwölf Geschworenen zerren sie in das Raumschiff, welches sofort startet)

BSP, SCM: :-(((((((((((((((

RICHTERIN:

(schreit)

Schafft eine neue Welt!!

7

6

9

8

BSP, SCM:

(die Tür geht langsam ganz zu)

RICHTERIN:

(hält jetzt entschlossen das verbliebene Auge an den Scanner und bestätigt manuell die Selbstzerstörung)

COUNTDOWN:

ist zu uns gekommen :-)

COUNTDOWN:

10

5

4

3

2

(Destruktionsdauerton - Bellen der Suchhunde geht in Winseln über)

1

Explosion.

(die Haftanstalt fliegt in die Luft, das Raumschiff wird durch die Druckwelle zusätzlich beschleunigt, die Maler fliegen in Richtung neue Welt, blicken auf das explodierende Gefängnis)

(Ende)

Michael Goller / Peter Piek 2007

Buchveröffentlichung:

Leipziger Literaturverlag 2011

ISBN 978-3-86660-112-3

Die Neue Welt

Michael Goller / Peter Piek

Einleitung

KAWUMM!! - Wir erinnern uns. Die Explosion - Die Haftanstalt flog in die Luft. Das Raumschiff.

Die Druckwelle beschleunigte zusätzlich.

Und Du bist einer von den zwölf Geschworenen. Es war alles auch deine Schuld. Dein Name ist

Leser. Du musst alles wissen! Du sitzt jetzt mit uns das ganze Buch über in dem Raumschiff. Wir wissen nicht wo es uns hinführen wird. Wir kennen sie noch nicht. Und Dich werden wir ja auch erst kennenlernen. Wir kennen nicht das Ziel. Vielleicht kommen wir auch nie an. Vielleicht wirst gerade du, Leser, bei einer Überprüfung der Außenhülle des Raumschiffs von einem Restquanten

Kappa tödlich getroffen und kannst dann das Buch nicht zu Ende lesen. Wir wissen es einfach nicht.

Wir können nur hoffen das Du dich einlassen wirst auf die Bilder. Viel können wir noch nicht sagen. Aber eines ist bereits sicher. Die Neue Welt wird in den Bildern versteckt. Und etwas ist noch sicher. Die Neue Welt. Sie wird nicht ohne Dich funktionieren. Leser.

Die beiden Maler. Sie waren gefangen. Inhaftiert. Endlose Stunden und Jahrzehnte. Wurden gequält. Sie hatten wohl (angeblich) die Regeln der Malerei gebrochen. Jetzt liegen sie in einer Art

Komazustand im Raumschiff. Niemand weiß, wie lange noch. Die Neue Welt ist noch nicht. Wie eine unbemalte Leinwand. Es ist nichts zu erkennen. Nichts. Gar nichts. Überhaupt nichts. Nicht das geringste. Wo fängt man da an. Wo hört man auf. Diese Verantwortung ist riesig. Leser, du weißt jetzt schon mehr als die anderen Geschworenen im Schiff. Es liegt jetzt an Dir. Du bist der

Auserwählte. - Wenn es so etwas gibt.

(pp 26.03.09)

Zitron

Das Raumschiff fliegt los. Von der Druckwelle des explodierenden Gefängnisses von der Erde verabschiedet. Bald die Erde nur noch ein kleiner blauer Punkt. Im Dunkel. Schwarz. Im

Raumschiff ist es sehr hell.

Stille.

Dann endlich: Abschnallen. Die zwölf Geschworenen müssen nun ihre Raumanzüge anziehen.

Diese liegen bereit. Zwölf Anzüge in zwölf verschiedenen Farben: zitron, ei (gelb), orange, zinnober, karmin, violett, ultramarin, kobalt (blau), himmel (blau), türkis, chromoxyd (grün), gras

(grün).

Ich will den violetten Anzug! Ok. Ich nehm den ultramarin. Was ist, wenn ich den auch will? Ach so. Hmm. Lass uns das ausspielen! Ok. Klick, klack, kluck? Ok! Schere, Stein, Papier? Ok. Drei

Versuche? Ok! Auf gehts. Ultramarin gewinnt. Na gut, dann nehm ich eben gras. Sie ziehen die

Anzüge an. Ich will unbedingt ei! Mir gefällt das zinnober. Das passt zu deinen Lippen. Meinst du, mir wird das kobalt stehen? Klar! Geile Farbe! Ich nehm das himmel. Ich auch. Was ist denn noch da? Karmin. Ne, ist schon weg. Mist, dann zitron. Hehe. Hilf mir mal bitte mit dem Reißverschluss.

Auah. Aah. Nicht da, mehr nach oben. Türkis und Orange? Ok. Tja, da musst du chromoxyd nehmen. Pfhhh, na gut.

Hey, da sind ja noch zwei Anzüge übrig. Schwarz und weiß. Sind die denn nicht abgezählt?

Die Maler!

Wo sind die Maler? Die zwölf Farben machen sich auf die Suche.

Da. Sie liegen in einer Ecke. Nach der jahrelangen Haft und den Verhören waren sie so erschöpft, dass sie beim Start in Ohnmacht gefallen sind.

Helft mir mal!

Violett hebt ein Malerbein an, um es in einen der Anzüge zu stecken.

Mit vereinten Kräften gelingt es den zwölf Farben, beiden bewusstlosen Malern - Seaofcolormick

(SCM) und Brushstrokepete (BSP) in die Anzüge zu helfen. BSP in den weißen Anzug, SCM in den schwarzen.

Was machen wir jetzt mit ihnen? Sie müssen sich ausruhen, bis sie aufwachen.

Chromoxyd: Am besten in die Observationszelle zur Untersuchung.

Gute Idee. Hebt sie hoch. Bei drei. Eins, zwei und jetzt - gut. Jetzt langsam. Passt auf. Oh mein

Gott, sie sehen so fertig aus. Da klebt überall noch Farbe am Kopf. Wir müssen sie erst mal sauber machen. Haben die in den letzten Jahren überhaupt mal geduscht? Glaube nicht. Riecht nicht so.

Gelächter.

Na dann. Aber Vorsicht! Der schwarze ist aber verdammt schwer.

Gelächter.

Endlich ist es geschafft. In der Observationszelle liegen SCM und BSP auf den

Observationstischen. Chromoxyd, seien Sie bloß vorsichtig!

Ok.

Wir müssen sie festschnallen. Nicht dass sie unkontrolliert vom Untersuchungstisch fallen. Stimmt.

Sie ziehen die Gurte an. Alles klar, dann lasst uns mal den Blutdruck messen.

Pssst...Pfffffhhh.

43 zu 75.

Hmmh. Sehr wenig. Verdammt. Wollen wir spritzen? Noch nicht. Herzelektroschocker? Lieber nicht. Wir müssen aufpassen. All die Jahre im Gefängnis hat sie ausgemergelt. Kennt sich jemand mit Medizin aus? Himmel, haben Sie nicht mal einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht? Ja klar, da war irgendwas mit Kniescheibenreflex. Nehmen Sie mal den Hammer. Klopf. Nichts. Gib mal her.

Orange nimmt den Hammer. So geht das. Holt aus, trifft. Holt nochmal aus. Trifft wieder. Kurzes

Anschwellen der Halsschlagadern registriert die zerschmetterten Kniescheiben. Die wachen nicht auf. Dann eben... Ultramarin bringt ein Gefäß mit kaltem Wasser. Danke. Da. Die Maler sind nass, rühren sich nicht, Lippen blau verfärbt.

Ratlosigkeit.

Ich geh mal in den Steuerraum.

Gut, ich komm mit. Naja, die haben jetzt erstmal ihre Anzüge und dann wird das schon. Vielleicht könnten wir was zu essen machen? Die Maler brauen ja auch was zu essen. Wie wollen wir das gestalten? Weiß nicht. Hab keine Ahnung. Das ist alles noch so neu. Verlegenes Schweigen.

Schweigen.

Zinnober sieht zum All hinaus. Weiß jemand, wohin das Raumschiff fliegt?

Schweigen.

Nun sagt doch was.

Ich muss mal pinkeln.

Die Farben zerstreuen sich, jeder sucht einen ruhigen Fleck im Raumschiff. Der Blick in das All. Ist das die Unendlichkeit?

Jede Farbe hat auch eine Kabine im selben Farbton. Das schwarze und das weiße Zimmer bleiben leer.

Die Türen zu den Kabinen gehen direkt von dem kreisförmigen zentralen Raum aus, der unter anderem die Steuerelemente des Raumschiffs beherbergt. Die schwarze und die weiße Kabine sind mit einem Aufzug vom zentralen Raum zu erreichen. Die weiße Kabine befindet sich über dem

Zentralraum, die schwarze darunter.

Durchsage: Hallo Ihr. Ich hab uns etwas zu essen gemacht.

Die Farben sammeln sich nach und nach am Tisch. Der Tisch ist wie ein Farbkreis aufgebaut.

Hmm. Das ist lecker.

Möhrensuppe mit Frischkäse.

Wie kommst du hier an Möhren ran?

Der Generator in der Ecke. Ach so.

Zum Glück sind die Maler nicht hier. Wo sollen die hier sitzen.

Stimmt. Hier in der Mitte vielleicht.

Jetzt mal im Ernst. Wie geht es mit uns weiter.

Ist doch klar, wir fliegen zur neuen Welt. Das sagte doch die Richterin. Das Raumschiff fliegt zur neuen Welt.

Welche neue Welt?

Das möchte ich auch wissen. Was ist, wenn wir sie nicht finden?

Oder vorbeifliegen.

Schweigen.

Die Möhrensuppe hätte ich fast für eine indische Currysauce gehalten. Mit Reis würde sie auch schmecken. Danke. Es ist Parmesankäse dran.

Ja und WO ist diese neue Welt?

So kommen wir nicht weiter. Wir müssen Entscheidungen treffen. Wollen wir einfach immer abstimmen, Mehrheit gewinnt? Na gut. Klar. Aber irgendjemand muss auch Vorschläge bringen.

Was ist mit den Malern? Die können doch auch abstimmen, sobald sie wieder da sind. Also Ok.

Lasst uns abstimmen. Wollen wir die Neue Welt?

Zwölf zu null Stimmen.

Wir sollten uns besser kennenlernen. Ich mache gleich mal den Anfang und stelle mich euch vor.

Dann macht jeder einzeln weiter, ok?

Ok.

Also gut, ich heiße...

Äähhm ich heiße...

Was ist?

Ich weiß nicht, ich kann mich nicht an meinen Namen erinnern. Tut mir leid, ich sag es euch, sobald es mir einfällt.

Mach du einfach inzwischen weiter.

Gut. Hmmm. Ich weiß auch nicht, wie ich heiße.

Komisch. Und was hast du gemacht?

Also naja, also ehrlich, ich weiß auch nicht, was ich gemacht habe, aber was tut das noch zur Sache.

Ach kommt schon, jetzt tut mal nicht so, klar tut das was zur Sache. Also ich bin selbständig.

Ich bin Studentin.

Hey, jeder nach dem anderen.

Ja gut.

Ok. Vielleicht sollten wir eine Raumschiffseelsorgerunde einrichten, wo jeder seine Probleme besprechen kann?

Eigentlich bin ich doch nicht Studentin. In Wirklichkeit bin ich Schauspielerin.

Nein echt, da hab ich dich vielleicht schon mal in einem Film gesehen?

Nein, war ein Spaß, ich bin nur Kassiererin oder Kindergärtnerin, vielleicht auch Stewardess.

Also wenn ihr so drauf seid: Ich bin in Wirklichkeit auch nicht selbständig. Ich bin angestellt und arbeitslos.

Und du?

Pilot. Rockstar. Tierfilmer. Baletttänzerin. Eisverkäufer. Schwimmolympiasiegerin. Formel1-Fahrer.

Ok, ok, ok. Also dann kriegt eben jetzt jeder einen neuen Namen und auch gleich noch einen neuen

Beruf auf diesem Raumschiff.

Was gibt es denn hier für Berufe?

Na also. Wir brauchen einen Kapitän. Einen psychologischen Betreuer. Was noch? Einen Koch.

Putze. Ja, auch eine Putze. Freiwillige? Niemand. Ok. Schade. Wer will denn was machen?

Also ich koche gern. Aber nur manchmal. Nicht immer. Ich will doch nicht immer für alle kochen!

Also ein rotierendes System? Jeder ist alles. Im täglichen Wechsel? Wer ist dafür?

Nur wenn ich zuerst Kapitän sein kann.

Ich will auch Kapitän sein.

Ich auch.

Ich hab es eher gesagt.

Also guuuut: Dann bist DU eben zuerst Kapitän.

Gras steht auf , geht in die Observationszelle und knallt wütend die Tür hinter sich zu.

Pffh. Ich wünschte, ich wäre nicht hier auf diesem verdammten Raumschiff mit elf verfluchten

Farben und euch hier. Na, gehts euch denn schon besser?

Die Maler liegen bewusstlos auf den Observationstischen.

Heeey, ich rede mit euch!!!

Schweigen.

Jetzt reichts mir aber!!! Na ok, ich weiß schon, ihr könnt ja nichts dafür. Das Gefängnis war sicher keine leichte Zeit und wir haben euch ja da rein gebracht. Aber mal ehrlich, die

Gerichtsverhandlung war auch eine geile Party. Wir waren alle total besoffen und diese Fliege.

Hehe. Und wenn bei euch alles wieder senkrecht ist, dann machen wir auch noch Party. Ok, Jungs, bis später. Ich mach dann mal los.

Am Tisch ist niemand mehr.

Hey Ei, Hey Ultramarin, Hey Chromoxyd, wo seid ihr?

Niemand antwortet. Ruhe Im Raumschiff.

Wieder der Blick aus dem Fenster.

Ich schleiche durch die Gänge. Ganz schön verwinkelt. Irgendwie übersichtlich und doch kann man sich darin verlaufen. Als ob sich der Raum dehnen könnte. Da bin ich schon gewesen. Hallo! Hallo!

Ich geh mal noch etwas weiter. Besser wenn man sich hier etwas auskennt, hier gibt es ja noch so viele Räume. Am Anfang schien es recht klein zu sein.

Hallo! Hallo! Wie als ob sich das Schiff. Aah, hier geht es runter zum schwarzen Zimmer. Wohl ein

Seiteneingang. He hallo. Oh tut mir leid ich wollte dich nicht erschrecken. Du bist auch hier. Ja ich wollte mal schauen, wie es hier so aussieht. Gruselig, was? Alles schwarz. Ja selbst die Zahnbürste ist schwarz. Wer hat sich das überhaupt ausgedacht. Ich mein das mit den Farben. Meinst du, das ist einfach nur so? Ich mein, es macht es auch leichter. So kann ich wenigstens sicher sein, meine

Zahnbürste zu haben und wir werden das nicht verwechseln können. Ja stimmt. Ich hab mich auch schon daran gewöhnt. Am Anfang dachte ich ja immer, karmin zu sein, würde mich vielleicht irgendwann aggressiv machen. Aber bis jetzt ist das nicht passiert. Ihr seid ja auch noch da. Ja

stimmt. Obwohl du letztens schon ziemlich aggressiv warst. Wirklich? Naja, lass uns mal noch hier umschauen. Warst du schon hier drüben? Wirkt ziemlich groß, das Zimmer. Vor allem, weil man nichts erkennt. Das Licht ist schon an. Echt? Schwarzlicht oder wie? Deine Zähne sind ganz blau.

Hast du so was wie eine Taschenlampe mit. Nee. hast du irgendwo eine gesehen? es wird bestimmt welche bei den Raumanzügen geben. Wollen wir mal rüber gehen?

Ok, cool. Aber ist schon spannend hier. Zum Glück bin ich nicht schwarz... meine Güte. Diese ganzen Gänge - hättest du gedacht, dass in dem Raumschiff so viel Platz ist? Nein niemals, es sieht so klein aus von außen. Hast du schon mit den anderen gesprochen? Nee noch nicht so richtig viel.

Man schiebt es so vor sich hin. Man hat ja Zeit, denkt man. Ich mein, wie lange werden wir hier sein. Na hoffentlich nicht den Rest unseres Lebens... Na wenn ich morgen dann Kapitän bin, werde ich auf jeden Fall mal einen Planeten ansteuern. es gibt da bestimmt, ich meine schau her. Diese ganzen Sterne. So verdammt viele. Es ist unglaublich! Da muss es doch etwas geben. Ja aber die

Auswahl ist so groß. Und eine Sonne können wir zwar gebrauchen, aber nicht auf ihr leben. Bei so vielen Sonnen gibt es allerdings noch mehr Planeten. Das ist voll die Zeitreise. Meinst du? Wie meinst du das? Keine Ahnung. Komm, lass uns mal die Taschenlampen holen. All right. Lets go.

Kannst du dich an dein Leben errinern. Hey, du tust ja gerade so, als sei mein Leben schon abgeschlossen. Tut mir leid, ich meine dein altes Leben. Na, es ist doch jetzt schon irgendwie etwas ganz anderes hier. Meinst du nicht. Ich weiß nicht. Das liegt an uns. Wir wollen doch die Neue

Welt, also müssen wir auch etwas dafür tun. Deswegen gehen wir jetzt die Taschenlampen holen.

Meinst du, das wird uns der Neuen Welt näher bringen?

Weiß nicht, aber wir werden es herausfinden. Jo, das klingt nach einem Plan!

Auf gehts!

Plötzlich. Durchsage: Schnell, kommt in den Zentralraum, schnell, beeilt euch, da fliegt was direkt auf uns zu.

Türen werden geknallt. Hektisches Trappeln auf den Gängen.

Im Zentralraum steht Zitron an der zentralen Navigationseinheit, einem blasenartigen Gebilde von ungefähr drei Metern Durchmesser mit einzelnen nadelartigen Sensoren, die unterschiedlich blinken, knarren und summen. Wie ein großer Igel.

Da seid ihr endlich. Zitron schwitzt im zitrongelben Raumanzug. Als die anderen Farben dazukommen, sehen sie, dass sich ein schwammartiges waberndes Gebilde von Planetengröße dem

Raumschiff von vorn nähert.

Ach du Scheiße! Das kannst du laut sagen. Das sieht mir nicht nach der Neuen Welt aus. Ihr habt offensichtlich den Ernst unserer Lage nicht erkannt schnauzt orange.

Schnell, den Kurs ändern.

Wie geht das?

Keine Ahnung. Tut was.

Irgendwie mit den Nadelsensoren.

Muss doch irgendwie. Vielleicht mit den Raumhandschuhen.

Orange berührt mit den Raumhandschuhen wahllos einige Sensoren, sie geben summende

Geräusche von sich. Im ganzen Raumschiff wird das Licht orange.

Das war der falsche Nadelsensor. Schnell.

Eine automatische Durchsage: Achtung! Kollision. Achtung! Kollision

Schnell.

Gleich wird das Raumschiff von dem Waberplaneten verschluckt.

Macht was!

Zinnober versucht verzweifelt was mit anderen Sensoren. Das Raumschiff stottert.

VERDAMMTE SCHEISSE! Sind wir wirklich zwölf Idioten, die sich hier null auskennen.

Das Raumschiff wird verschluckt. Ohrenbetäubender schmierig klingender Lärm. Wie als ob eine gigantische Schnecke über das Raumschiff kriecht.

Glibbermasse vor allen Fenstern. Das Raumschiff wird hin und hergerissen.

Alles wackelt. (Gut, dass die Maler festgegurtet sind.)

Zinnober probiert weiter andere Sensorenkombinationen. Das Licht im Raumschiff ist zinnoberrot.

Vom All ist nichts mehr zu sehen.

Überall Glibbermasse... Das ist das Ende. Wir werden für immer in dieser Masse sein.

Wenn ich Kapitän gewesen wäre, dann wäre das nicht passiert!! Wer ist für diese Scheiße verantwortlich!?? Zitron! Na und? Kennt Ihr euch dann damit aus? Außerdem leben wir ja noch!

Jetzt bleibt alle mal ruhig. Blob. Der glibbernde Planet erscheint am Heckfenster und entfernt sich.

Das Licht ist wie immer.

Schweigen.

Wir müssen das Raumschiff besser kennen lernen. Und meine erste Mannschaftsanweisung an euch ist, dass ihr euch mit dem Ding hier vertraut macht. Wenn heute um 24.00 Uhr mein Kapitänsamt endet, möchte ich von euch eine detaillierte Beschreibung, wie das Ding, ähmm Raumschiff gesteuert wird.

Durchsage: Essen ist fertig!

Endlich. Mir knurrt schon lange der Magen.

Auf dem runden Farbtisch in der Mitte des Steuerraums stehen zwölf Teller in den jeweiligen

Farben und einer Serviette und darauf je ein:

Döner mit Halloumi.

Ich nehm aber keine Knoblausoße.

Döner? Wie geht das denn? Wir sind in einem Raumschiff? Der Generator in der Ecke? Ist das irgendwann alle? Wie lange reicht eigentlich der Vorrat?

Der reicht sicher bis zur Neuen Welt.

Das Raumschiff wird doch wohl mit allem ausgerüstet sein. Kann der Generator eigentlich alle

Gerichte oder gibt’s da eine Liste?

Der kann fast alles. Da ist eine Liste mit allem, was man so kennt, aber man kann auch programmieren!

Cool! Was gibt’s als Nachtisch? Äh, keine Ahnung. Hat jemand Vorschläge? Eis wäre toll! Ok.

Schokoeis für alle. Warum müssen wir alle dasselbe Eis essen? Weil ich heute Kapitän bin, Ei. Na gut.

Durchsage: Schokoeis steht leider nicht auf der Liste.

Waas? Das ist ja die Hölle. Ok. Kombiniere Vanilleeis mit Schokolade. Flup. Geht doch! Na also.

Nachdem sie das Eis gegessen haben, werden die Aufgaben vom Kapitän verteilt. Es ist 18.30 Uhr nach der mit der Erde synchronisierten Zeitanzeige. Nach dem Abendessen bleiben nur noch

Fünfeinhalb Stunden, um Zitrons Aufgabe zu erfüllen. Alle verteilen sich, um einen bestimmten Teil des Raumschiffs zu untersuchen. Kobalt checkt die Energieressourcen. Oh man, ich war früher

Friseuse. Jedenfalls könnte ich mir das vorstellen, ich kenn mich null aus. Aber ich kann ja mal bisschen mit den Instrumenten rumspielen. Was ist denn das? Sauerstoffgenerator. Da steht was drauf: Suffizienzzeit: Vierzig Tage, drei Stunden, zwanzig Minuten. Wer weiß, was das bedeutet.

Egal, funktioniert auch ohne mich. Hab jetzt genug von dem Zeug. Seh mir mal das All an. Immer das blöde All, immer schwarz mit Sternen, immer dasselbe. Schade, dass es hier nichts Aufregendes gibt. Werd mal Orange besuchen in seiner Kabine.

Hey! Aah, hallo. Du bist das. Mich kotzt das All an. Das ist so groß und ich bin so klein. Warum kann ich denn nicht das All sein? Haha, das reimt sich. Hast du das aus einem Gratis-Apotheken-

Kalender? Hä? Egal. Das All. He komm, wir können doch mal raus gehen mit den Anzügen!

Weißt du, wie das geht. Ganz einfach, liebe Kobalt, einfach die Helme aufsetzen und anschnallen an das Seil. Dann durch die Schleuse.

Ja, cool. Jetzt nach draußen. Gib mir deine Hand, lass dich gehen. Wir schweben. Halt mich fest,

Orange, ich habe Angst, das Seil zum Raumschiff könnte reißen. Dann trieben wir im All.

Sie schweben an der kugelförmigen Raumschiffaußenhülle entlang, erst vorsichtig, dann drehend.

Das Raumschiff als zitronengelb leuchtende Sonne vor dem unendlichen All. Schon geil, findest du nicht? Auf jeden Fall. Das fühlt sich toll an. Aber auch sehr riesig. Ich meine sehr. Einfach sehr. Wie meinst du das? Weiß nicht. Allerdings kann man hier nur rumschweben. Wäre cool, wenn wir ein

Spiel entwickeln könnten, so Ball spielen um das Raumschiff herum. Haben wir einen Ball? Nein, aber könnten ja stattdessen den schwarzen und weißen Helm nehmen. Hmm. Naja. Und dann

werfen wir uns den zu. Vielleicht sollten wir lieber mal einen Planeten ansteuern.

Schrummmmmm.

Das Licht, welches vom Raumschiff ausgeht, wechselt plötzlich seine Farbe. Von zitron auf ei(gelb). Vierundzwanzig Uhr. Übergabe des Kapitänsamtes. Neugierig geworden, hangeln sich

Kobalt und Orange zum Raumschiff zurück. Schleuse. Helm ab. Im Zentralraum sind alle Farben versammelt.

Zitron schaut sich um.

Ok. Wie laufen die Systeme?

Generator?

Alles ok, 593 Mahlzeiten sind programmiert.

Kommunikationssystem?

Ok.

Test.

Ok.

Gravitationsfeld?

Perfekt auf Erdbedingungen abgestimmt.

Sauerstoffsuffizienz?

Geht schon.

Wie jetzt?

Na, geht, alles bestens.

Ok. Dann viel Erfolg als Kapitän, Ei, ich geh jetzt erstmal schlafen.

Ei

Alles klar, ich geh dann auch mal ins Bett. Ich auch. Gute Nacht. Gute Nacht. Hey, Moment, einer muss Wache halten.

Freiwillige?

Keine? Na gut, ich bleib selbst hier. Will mal nicht so sein. Schlaft gut. Ja, schlaf gut. Gute Nacht.

Träum was schönes.

-

Stille.

-

Stille.

Stille.

Ei schläft in der Zentrale ein.

Das Raumschiff gleitet lautlos durch das All, bis plötzlich...

Durchsage: Achtung! Planet auf Kursrichtung. Kollision nicht vermeidbar. Ausweichmanöver notwendig.

Durchsage vom Kapitän: Zinnober, schnell zur Navigationseinheit!

An alle: Sofort in die Zentrale. Notfall. Notfall.

Ei berührt die Nadelsensoren der Steuerungseinheit.

Zinnober, endlich! Du weißt doch noch, wie das geht.

Zinnober stellt sich vor die Einheit und bewegt in gestischen Schwüngen die Raumhandschuhe über die Nadelsensoren.

Das Raumschiff bremst ab.

Kurz vor dem Planet.

Wow. Das war schon knapp. Wie hast du das Raumschiff gesteuert? Das musst du uns jetzt allen zeigen.

Durchsage: Die Planetenanalyse ergibt, dass es sich um einen Planet mit Atmosphäre handelt.

Sauerstoff und Stickstoff. Ein bewohnbarer Planet der Sapiensklasse.

Hurra! Das muss sie sein! Die Neue Welt!

Alle drängen sich neugierig an das Fenster.

Sagt mal, seht ihr das? Was meinst? Seht alle mal genau hin. Es ist wie nicht menschlich. Aber es sieht komisch aus. Das muss da unten sein, wir sind noch so weit weg. Was wollen wir tun?

Wir stellen ein Team zusammen, was mit dem FDDDHS-Mobil den Planeten erkundet. Wer möchte mit runter? Wir haben allerdings nur ein FDDDHS IV (Viersitzer). Es können also nur vier

Personen auf den Planeten. Wir könnten vielleicht noch jemanden farbstrahlen, aber ich weiß nicht, wie wir die Farbe dann wieder zurück bekommen. Und das FDDDHS IV ist wirklich nur für vier

Personen.

Ich bin so etwas schon einmal in meinem früheren Leben geflogen. Wahrscheinlich war ich

Taxiflieger.

Wenig später in der Rampe wird das FDDDHS-IV-Mobil startklar gemacht. Gras, Karmin,

Ultramarin und Ei setzen ihre Helme auf.

Ok. Los geht’s. Du steuerst. Ich hab schon Angst. Quatsch. Das ist aufregend. Habt ihr jemals einen neuen Planeten entdeckt. Habt ihr jemals einen Fuß auf etwas gesetzt, was nicht die Erde oder der

Saturn war? Das ist doch irre. Möge uns kein Unheil erwarten. Auf jeden Fall sind wir die ersten

Menschen auf diesem Planeten. Überlegt mal: Die Neue Welt! Yeah!

Karmin navigiert das FDDDHS-IV-Mobil durch die Planetenatmosphäre. In einer halben

Äquatorialumkreisung landet es sicher auf einem ebenen Fels.

Liebe Freunde, Ei steht ergriffen auf, dies ist die erste Begegnung mit der verheißenen Neuen Welt.

Ich als euer Kapitän werde den ersten Fuß darauf setzen.

Sie öffnet die Einstiegsklappe, steigt die Stufen hinab, betritt den felsigen Boden. Dann versucht sie langsam den Helm an seiner Verbindung mit dem Anzug zu öffnen.

Halt! Nicht! Lass uns erst einmal noch alle wichtigen Daten prüfen. Ok. Gut.

Sauerstoff ist eigentlich da. Nicht soviel wie auf der Erde. Aber es haut hin. Gifte? Gibt es irgendwelche Gifte? Normal, wie auf der Erde. Ok, wir kommen alle raus. Hat jemand den

Schlüsselcode für das Mobil. Aah. Hmm. Einer sollte vielleicht bleiben. Du bleibst hier. Sieht ganz nett aus hier. Bisschen trocken. Ok, ich nehm jetzt langsam den Helm ab. Click. Aah. Und jetzt der erste Atemzug auf der Neuen Welt. Mmmhhhhhhhhhrrrr. Aaaarggghh. Khhhrrrr.

Ei, was hast du?

Ei schraubt hastig den Helm wieder fest auf den Anzug.

Schweigen.

Ei, was ist?

Schweigen.

Die...

-

-

Die Neue Welt...

-

Schweigen...

Die Neue Welt stinkt.

-

-

-

Wie jetzt?

-

-

-

Tränen in den Augen von Ei.

Ungläubige Fassungslosigkeit macht sich breit. Gras schraubt den Helm ab.

Uäääähhh. Äääääähhhh.

Gras wird grüngelbblass im Gesicht und droht umzukippen.

Los, den Helm wieder auf. Schafft Gras in das FDDDHS IV. Das kann nicht sein. Das kann einfach

nicht wahr sein. Karmin kann die Tränen der Enttäuschung kaum zurückhalten.

-

-

Vielleicht. Vielleicht stinkt es ja nur hier. Vielleicht ist das hier so eine Art gigantische Jauchegrube und auf der anderen Seite des Planeten ist es besser.

Sie fliegen wieder los und machen eine weitere Landung auf der anderen Planetenseite, am Rand eines großen Ozeans.

Hier weht sicher eine frische Brise vom Meer. Ultramarin, versuch du es. Ok. Ich denke, hier sollte es gehen. Sieht schön aus hier. Die Wellen. Der Ozean. Irgendwie schön.

Ultramarin hält die Luft an.

Dreht die Schrauben locker.

Entriegelt die Dichtung des Helms.

Nimmt ihn vorsichtig vom Kopf.

Den Blick fest auf das Meer gerichtet.

Bläst die Atemluft langsam und kontrolliert aus.

Und atmet dann tief ein.

Stille.

-

-

Nichts.

-

Schweigen.

Ein Keim der Freude in den Gesichtern von Ei, Karmin, Gras und den anderen auf dem Schiff,

welche die Landung mitverfolgen, per Live-Videoübertragung über das FDDDHSM IV.

Boooaaaaahhh. Buäääähhhh.Oaarrrggghh.

-

Ultramarin kotzt in das Meer.

Den anderen Farben erstarren die Gesichter. Die Neue Welt. Sie war ihnen doch versprochen worden. Dies war doch das Ziel des Raumschiffs.

Fassungslos, mit leerem Blick, sieht Ei ihr Team an.

Fassungslos, mit leerem Blick, sitzen alle zwölf Farben wenig später im Steuerraum.

Violett sitzt auf dem Boden, mit dem Rücken an die Bordwand gelehnt, nervös die

Raumhandschuhe zerbeißend, den Kopf abgewandt und in die Leere des Weltalls starrend.

Das kann nicht sein, das kann einfach nicht sein. Das geht doch nicht. Das muss ein Irrtum sein. Ei,

Gras, Ultramarin, bestimmt habt ihr euch geirrt. Bitte, ihr müsst euch geirrt haben!!!

-

-

Stille.

-

Stille.

Auf dem Planeten können wir auf keinen Fall eine neue Welt aufbauen. Was soll das für eine neue

Welt sein, in der man nicht einmal atmen kann. Und wenn man nicht atmen kann - sagt Violett

gebrochen mit erstickender Stimme – dann braucht man auch nicht erst zu leben. Sie fängt leise zu schluchzen an, verbirgt das Gesicht in ihren Händen und fängt am ganzen Körper an zu zittern.

-

Betroffenes Schweigen.

Es muss eine Lösung geben, wir dürfen jetzt nicht aufgeben. Vielleicht gibt es eine Lösung. Ein

Serum vielleicht.

Vielleicht gab es einen Fehler. In der Berechnung des Kurses zum Beispiel.

Könnte doch sein, dass wir durch die Kollision mit dem Glibberplaneten unseren Kurs unmerklich verändert haben und jetzt hier sind und nicht weiterwissen.

Wir müssen alles probieren.

Keiner konnte sagen, wie lange sie so gesessen hatten, als es plötzlich schon fast Vierundzwanzig

Uhr war.

Ei, die Entscheidung musst du jetzt noch als amtierender Kapitän treffen. Was soll geschehen?

Ei stellt sich vor die Navigationseinheit. Bereit, das Kapitänsamt zu übergeben. Vorher sagt er noch, mit etwas Überwindung, zu den elf:

Wir fliegen weiter und suchen die Neue Welt woanders.

Und kurz darauf wird das Licht in der Zentraleinheit orange.

Orange

Ok. Jetzt bin ich Kapitän. Wir geben jetzt nicht auf. Karmin und Violett, überprüft die Systeme.

Gebt mir Bericht. Der Farbkreis, alle gelben, grünen, roten und blauen Farbtöne suchen einen neuen

Kurs. Ich mache mich mit dem Navigationssystem vertraut und bringe uns erstmal ein Stück weg von dem Planeten. Wir sollten einfach jetzt nicht aufgeben. Ach, und schließt bei den Malern mal die Nahrungsversorgung an. Wir schaffen das!

Gemeinsam können wir das schaffen. Wir haben keine Wahl. Ok. Die Instrumente. Türkis. Wir brauchen jetzt alle. Du hattest doch so eine Runde vorgeschlagen, wo jeder sich aussprechen kann und seine Ängste erzählen. Ich denke, das ist jetzt wichtig. Könntest du das machen? Danke dir. Du bist eine schöne Farbe.

Du auch.

Wie sind die Daten? Kommt schon, Kopf hoch.

Das Raumschiff entfernt sich unerbittlich vom Planeten und damit von der Hoffnung, die Neue Welt schon gefunden zu haben. Der Kurs, den es nun fliegt, ist zufällig eingegeben. Ein möglicher unter vielen Millionen.

Orange begibt sich zum Team, das fieberhaft Kurse berechnet. Habt ihr einen Planeten in

Reichweite gefunden? Nein, noch nichts. Es muss allerdings Planeten hier dem Sextanten geben, in dem wir uns befinden. Die Ortung ist schlecht. Der Planet – es war wie bestimmt, dass wir hier ankommen sollten und was nun? Ich weiß, wir haben alle Angst. Aber genauso sicher bin ich mir auch, dass es weitergehen wird. Vielleicht nicht für ewig, aber es wird weitergehen.

Türkis spricht unterdessen mit Himmel. Du siehst mitgenommen aus, Himmel. Umarme mich einfach mal, ja.

Was ist los, Himmel, erzähl mal?

Na eigentlich ist alles zum Kotzen. Nicht nur, dass wir hier im All herum schweben und nicht wissen, wo wir hin sollen. Vielleicht auch nie zurückkommen. Es hat einfach alles keinen Sinn.

Bald ist eh Schluss. Der Sauerstoff, die Nahrungsreserven und so. Wir sind doch auf nichts vorbereitet. Was ist mit Asteroideneinschlägen? Normalerweise muss so etwas wochenlang sorgfältig geplant werden.

Orange kommt herein.

Fällt weinend Türkis um den Hals.

Schluchzt.

Was ist denn mit dir?

Es ist unfassbar. Meine orange Kugel ist weg!

Welche Kugel??? Ach so.

Kann ich deine Kugel ausleihen?

Na klar, du kannst meine Kugel selbstverständlich gern haben.

Das ist lieb. Ist deine Kugel auch orange?

Nein, die ist sicher türkis.

Orange rennt schluchzend aus dem Therapieraum. Wo ist meine Kugel? Meine Kugel!

Da siehst du's, Türkis. Das macht uns allen hier zu schaffen.

Du hast recht, Himmel. Aber um Neues zu schaffen, mussten wir eben Altes hinter uns lassen. Der

Weg ist eben nicht immer leicht. Aber gerade jetzt sind alle Farben wichtig. Auch und gerade du,

Himmel.

Ich? Ich bin doch so eine unwichtige Farbe.

Ach Quatsch. Jede Farbe ist wichtig. Schau mal, auf der Erde war die Hälfte nur Himmel.

Ja, auf der Erde. Wir sind aber nicht auf der Erde! Schreit Himmel.

Beruhige dich.

Ganz ruhig.

Alle Farben sind wichtig.

Auch hier.

Himmel sitzt bedrückt in der Ecke. Türkis klopft Himmel aufmunternd auf die Schulter und geht

hinaus, Orange zu suchen. Türkis findet Orange mit den Fäusten an die Tür von Gras hämmern.

Komm, gib mir meine Kugel zurück, Gras!

Verschwinde!

Mach jetzt auf!

Was ist denn hier los?

Gras hat meine Kugel und hat sich eingeschlossen!

Gras, mach doch mal bitte die Tür auf.

Ich hab die Kugel nicht. Ich mach nicht auf!

Was ist denn los, Gras?

Mir ist schlecht. Ich hab die Kugel nicht.

Hmm, vielleicht ist das Gravitationsfeld falsch eingestellt. Ich werd das dann mal überprüfen.

Komm doch inzwischen raus! Wir haben auch eine Krankenstation.

Ich komm nicht!

Gib mir meine Kugel zurück, schreit Orange.

Orange! Lass das doch.

Ich hab die Kugel nicht, schreit Gras.

Jetzt hört auf zu streiten, schreit Türkis.

Es ist jetzt Zeit für den Kapitänswechsel. Orange – zur Zeit noch Kapitän – ist nicht auffindbar.

Eine ordnungsgemäße Übergabe findet nicht statt. Ganz lakonisch tritt Zinnober das Amt an. Ich begrüße euch als euer Kapitän, kommt eine Durchsage. Ich gebe euch erstmal Urlaub, bis sich alle wieder beruhigt haben. Das Raumschiff wird auf Autofunktion umgestellt. Ende der Durchsage.

Zinnober

Da die Zentrale ganz leer wird – alle anwesenden Farben sind in ihre Kabinen gegangen – bleibt nun Zinnober allein zurück.

Zinnober schaltet das Raumschiff auf Autofunktion, fixiert die Nadelsensoren, holt sich ein kaffeeähnliches Getränk aus dem Generator, rührt eine zuckerähnliche Substanz ein, setzt sich in den Kapitänssessel, dreht in zum frontalen Fenster und starrt ins All.

Nur ein winziges, ganz winziges Fragment ist unser Raumschiff, das unsere ganze Welt ist, die wir gestalten können. Wie wenig Einfluss bleibt uns. Und doch ist es unser Fragment. Dieses müssen wir annehmen, sonst verbauen wir uns die Erfahrung unserer Menschlichkeit.

Wozu aber sollen wir diese Erfahrung machen. Ein zufälliger Punkt sind wir, unbedeutend und schwach.

Eine kolorisierte Galaxiengruppe kommt näher und fluoresziert im Vorbeigleiten.

Und doch ist alles da draußen schön und aufeinander abgestimmt. Befindet sich in wechselseitigem

Einklang.

Ein Sonnenwirbel streift das Raumschiff.

Dieses All ist ein Organismus, ein großartiges Kunstwerk.

Zinnober nippt an seinem kaffeeähnlichem Getränk.

Welch ein Künstler, der das geschaffen hat. Welche Rolle spielen wir für dieses Kunstwerk, es muss doch einen Sinn haben, dass wir hier sind.

Ja.

Zinnober lehnt sich mit dem Kopf an und blick hoch an die abgedunkelte Decke der Zentrale.

Es hat einen Sinn.

Jedes Wort, das wir sprechen, jede Handlung, die wir begehen, das hat einen Sinn, das ist wichtig, das wird nicht verloren gehen.

Deshalb ist es gut weiterzufahren, das Ziel wird sich schon noch zeigen. Deshalb ist es gut zu leben, deshalb ist es gut zu sein. Und das großartige All, nun, es ist auch hier im Raumschiff, wir sind selbst ein Teil davon und der Zusammenklang der Galaxien und Sonnenwirbel würde auch hier zwischen ihnen klingen können.

Zinnober steht auf, läuft hin und her, geht zum Generator. Was zu essen, was einfaches, ein Brot.

Zinnober beißt in das trockene Brot.

Genau darauf kommt es an. Zu sein. Und das ist gut. Und zur Übergabe des Kapitänsamtes an

Karmin würde er allen Farben sagen, wie sehr sie geliebt werden, jede einzelne für sich und alle zusammen...

Karmin

Das Raumschiff gerät in die bedrohliche Nähe eines Schneckenlochs (schneckenförmiges

Wurmloch).

Das Schneckenloch hat uns in einer asymmetrischen Gravitationsfalle. Aber es ist sowieso zu spät.

Das Schneckenloch hat das Raumschiff bereits eingesaugt.

Sie nehmen die passierenden Dinge regungslos hin.

Die Beschleunigung zerrt mit brutaler Kraft an der Frontverstärkung des Raumschiffs.

Spiralschneckenförmige Farbmeere.

Karminrot.

Zinnober.

Kadmiumorange.

Eigelb.

Zitronengelb.

Wuuuuhhhhhhhschhhhhh.

Grasgrün.

Chromoxydgrün.

Himmelblau.

Wuuuuuuuuhhhhschhhhh.

Kobaltblau.

Geschwindigkeit.

Ultramarinblau.

Violett.

Sie schießen aus dem Schneckenloch heraus. In das offene All. Ein Moment der Ruhe. Das

Raumschiff schwebt. Ruhig. Blubb.

Sie blicken zurück. Das Schneckenloch schließt sich. Endloser Raum. Lichtdekaden entfernt.

Wir sind in einem neuen Sextanten, bemerkt Himmel leise.Sie fängt an zu rechnen.

Zahlenkolonnen.

Wir sind in einem zweiunddreißig Lichtdekaden entfernten Sextanten.

Jetzt können wir nicht mal mehr zur Erde zurück.

Nie wieder.

Wir hätten eh nicht zurück gekonnt.

Zitronengelb leise. Was soll's, es ist eh alles hoffnungslos, ob wir hier sind oder da, was macht das schon. So ist es wenigstens endgültig. Wir werden die Erde nie wieder sehen.

Karmin tritt an eine Art Rednerpult.

Liebe Farben. Lasst uns in dieser schweren Stunde zusammenhalten und in der Gewissheit sein, dass wir unser gemeinsames Ziel – die Neue Welt – erreichen können. Vielleicht mussten wir dafür genau hierher an diesen einsamen Ort des Universums. Vielleicht ist das alles genau richtig so.

Untersucht die Umgebung nach Ereignissen.

Eine Stunde später. Zinnober euphorisch. Kapitän, wir haben einen Planeten entdeckt.

Sehr gut, Zinnober. Kurs auf den Planeten!

Juhuu. Die Farben sind außer sich vor Freude. Sollte die Vorhersehung sie wirklich gerade hier zur

Neuen Welt führen.

Durchsage des Kapitäns. Wir haben sie. Das muss sie sein, die Neue Welt! Kommt alle in die

Zentrale. Wir müssen die Landung vorbereiten. Alle versammeln sich fröhlich und lachend in der

Zentrale. Sogar Gras ist aus seiner Kabine gekommen. Hier Orange, da hast du deine Kugel. Danke

Gras. Sehr lieb.

Sie nähern sich dem Planeten. Der Planet wird größer. Das ist also die Neue Welt. Da hat uns also das schneckenförmige Wurmloch genau richtig hierher geführt. Violett freut sich. Die Neue Welt ist ja violett! Die anderen raunen.

Wie wollen wir landen?

Also gleich mit dem ganzen Raumschiff. Eine Expeditionsgruppe brauchen wir diesmal nicht, da

wir schließlich nun da sind. OK, macht alles bereit. Und was ist, wenn es wieder stinkt? Oder es keinen Sauerstoff gibt? Oder Bewohner, die uns nicht mögen? Wer soll denn Farben nicht mögen?

Alle lieben die Farben. Das ist doch immer so. Naja, nicht immer, sagt Violett. Kaum jemand mochte mich wirklich und hat mich nur dafür geliebt, was ich bin. Alle mochten immer nur Blau und Rot.

Berechnet die Landung. Scannt den Planeten.

Auf der Grünschattenseite sind geeignete Plätze zum Landen. Plateaus. Sehen irgendwie künstlich aus. Eine Zivilisation? Hmmh. Es gibt also doch Bewohner. Wenn sie sich freundlich verhalten, dann können wir uns sicher einigen.

Durchsage: Luftzusammensetzung terrestrisch.

OK, wer möchte zuerst? Na, wie wär's, Ei? Lieber nicht. Ich finde, das sollte der Kapitän machen.

Karmin schmunzelt, geht in die Transportschleuse, schwebt herunter. Steht auf dem angesteuerten

Plateau. Die Schleusenverbindung getrennt, Helm abgeschraubt.

Vorsichtiges Einatmen.

Orange, Violett, Chromoxyd,...kommt!

Karmin winkt begeistert. Die Luft ist klar und sauber. Das ist die Neue Welt!

Durchsage: Scan nach feindlichen Bewohnern negativ, Scan nach Bewohnern negativ.

Na, denn, los! Alle Farben schweben die Transportschleuse herab, nacheinander betreten sie zum ersten Mal die Neue Welt.

Ach, schön hier.

Angenehm die Temperatur.

34 Grad Celsius. Auf dem ganzen Planeten konstant.

Die Luftfeuchtigkeit ist gering.

Fünf Sonnen kreisen in schnellen Linien um den Planeten. Licht und Schatten der Farben ändern sich im Minutentakt. Das anfänglich dunkelviolette Licht der Atmosphäre geht schnell in magentarot über, dann zu kadmiumorange.

Als sie das Gebäude entdecken, ist das Licht gerade smaragdgrün.

Schönes Gebäude, nicht wahr.

Ja, vor allem ist es riesig.

Ob da jemand wohnt?

Vielleicht täuscht sich der Computer auch. Möglicherweise gibt es doch Bewohner, sonst baut doch niemand so ein Haus.

Eigenartig, das stimmt.

Überprüft das nochmal mit den mobilen Scannern. Los kommt, was kann uns schon passieren. Lasst uns mal hineingehen.

Computer: Scan abgeschlossen. Keine Lebewesen.

Sie gehen langsam und bedächtig in des Gebäude.

Der Fußboden ist so eigenartig weich.

(Aber so schön violett, bemerkt Violett.)

Wow, das ist ja riesig hier. Es hat so etwas energetisches. Eine enorme Konstruktion. Wirkt auch etwas wie ein Kraftwerk.

Sie gehen lange durch die große Halle voller seltsamer Rohre, Behälter und Leitungen. In der Mitte erreichen sie eine riesige Mulde.

Das sind mindestens 200 Meter. Schaut mal, als ob man hier etwas verbrannt hat. Stimmt. Es ist alles auch sehr dicht abgeriegelt. Stünde die kleine Tür, durch die wir hereingekommen sind, nicht einen Spalt offen, gäbe es weder Ein- noch Ausgang. Das ist wie so eine Art Trichter, worüber man vielleicht das Brennmaterial hineingebracht hat. Sie gehen lange um die Mulde herum. Passt auf, dass ihr da nicht hineinrutscht!

Es wirkt trotzdem so seltsam verlassen. Schade, dass die Maler nicht dabei sein können. Ach naja.

Wir kommen hier gar nicht mehr raus. Können nur zurückgehen. Lasst uns nochmal weitersuchen.

Das Gebäude muss doch einen Aufgang haben. So hoch wie es von draußen schien, muss es noch höher gehen. Neben dem Schornstein war auch noch so eine Art Anbau. Es wirkte so ein bisschen

wie bei einem Containerschiff, wo der Kapitän ist.

Ja genau, lasst uns mal schauen. Nachdem sie weitere zwanzig Minuten im diffusen Halbdunkel mit den Leuchtpunkten ihrer Farblampen gesucht und nichts gefunden haben, machen sie sich wieder auf den Weg nach draußen. (Na klar. Der Aufgang, wenn es einen gibt, ist sicher draußen.)

Sie umlaufen das riesige Gebäude. Finden eine massive Sicherheitstür. Zahlencode. Mobilscanner.

Riegel öffnet sich. Damit die Tür aufgeht, schiebt Karmin mit dem Stiefel des Raumanzugs ein paar muschelähnliche Brocken beiseite.

Sie gehen nach oben. Die schmalen Stufen sind frei von den ansonsten den ganzen Boden bedeckenden Glibberzeugs.

Nach etlichen hundert Stufen – es gab wohl auch einen Fahrstuhl – erreichen sie eine Art

Landeplatz. Ein kleines Raumschiff könnte hier landen. Vielleicht ein Zwei- eventuell auch ein

Viersitzer.

Sie gehen hinaus auf die Plattform und können von dort das Gelände überblicken. Und weit darüber hinaus. Überall der selbe Untergrund. Nur durchbrochen von weiteren riesigen Gebäuden. Die

Farbe wechselnd im Takt der Sonnen.

Hier geht es noch höher, bemerkt Zitronengelb.

Eine weitere Sicherheitstür wird geöffnet. Dahinter ist der Fußboden glatt.

Oben mehrere Räume. Zwei davon sehen wie Wohnräume aus. Je ein Bett, Tisch, Stühle. Ein Regal mit eingestaubten Gegenständen: Ein älteres Kameramodell von der Erde, ein Schal, eine

Zahnbürste.

Hier sind Menschen!

An der Wand des Zimmers hängt eine große Karte, eine Art Architekturzeichnung. Das ist wohl der

Plan des Gebäudes. Schaut mal. Hier sind noch welche. Eine Art Entwicklungsreihe. Hier ist ein kleines, nur 50 Meter hohes Gebäude. Was haben die hier eigentlich verbrannt?

Hier: Tabellen. Zahlen. Berechnungen. Keine Angaben über den Rohstoff. Vielleicht haben sie einfach das Zeug genommen, das hier überall herumliegt. Hier seht: Hier sind noch mehrere

Kameras. Das ist vielleicht so etwas wie eine Lochkamera. Hier: Fotos. Das sind die Typen. Zwei, mit langen Bärten. Selbstauslöser. Ja, Menschen. Und das da? Tiere?

Die übelste Vielfalt. Alles katalogisiert. Das müssen über 10.000 verschiedene sein. Ganze Ordner voll. Hier, nach Beinen sortiert. Eins-, Zwei-, Drei-, Vier-, Fünf- und Sechsbeiner. Und hier ohne

Beine. Wo sind die alle hin?? Tja. Gute Frage. Lasst uns erstmal oben weiterschauen. Hier muss der andere der beiden Menschen gewohnt haben.

Eine Sternkarte. Ja, doch, da, das ist das Schneckenloch. Sie sind also genauso hierher gekommen.

Klar, sind ja auch Menschen. Ohne das Schneckenloch hätte man nie diese riesige Distanz

überbrücken können.

Schaut mal hier in die Truhe. Voller Tittenmagazine. Cool, zeig mal her. Der Raum ist ja viel größer.

Dahinten sind eigenartige Strukturen und Formen.

Sehen so ähnlich aus, wie die tierähnlichen Lebewesen auf den Fotos, hier eine Gruppe von diesen

Tieren. Im Kreis. Witzig. Sind bisschen gestreckter als die echten auf den Fotos. Die sind alle miteinander verbunden. Wo die echten Tiere nur sind?

Vielleicht sind sie sehr scheu und verstecken sich in ihren Höhlen.

Ja, das kann sein.

Sehen irgendwie putzig aus, richtig niedlich.

Die kleinen sind besonders süß.

Vielleicht haben sie sich hier welche als Haustiere gehalten. So eine Art Schmusekätzchen.

Ja, das kann sein. Waren wohl nur zwei Menschen hier bei diesem Kraftwerk. Die waren sicher oft einsam. (Wer weiß, was sie noch mit den Tieren gemacht haben. Ja, wer weiß. )

Schaut mal, hier sind richtige Figurengruppen mit den Tierchen, die in irgendeiner Beziehung zueinander stehen. Da steckt bestimmt was drin. Das spricht richtig.

Das geht mir auch so, es ist toll, so eine Figurengruppe sollten wir auch auf dem Raumschiff haben.

Wieso Raumschiff? Wir sind auf der Neuen Welt. Wir brauchen kein Raumschiff mehr. Das ist unsere Neue Welt, zu der wir die beiden Maler bringen sollten, um hier eine neue Gesellschaft mit

ihnen aufzubauen.

Ach ja, die Maler. Reuevolle Blicke. Dann los, suchen wir mal den Rest des Planeten ab. Der

Scanner hat schon gemeldet, dass es noch weitere kraftwerksähnliche Anlagen geben soll. Ungefähr

150. Alle ähnlich, aber unterschiedlich groß. Einige enorm groß. Das hier ist laut Scanner sogar eines der kleinsten.

Ach so? Da ist es wahrscheinlich, dass bei den größeren Kraftwerken noch mehr Menschen leben.

Das ist hier ist möglicherweise aufgegeben worden, weil es zu klein geworden war. Oder nicht richtig funktioniert hat. Der Scanner zeigt eine Karte des Geländes. Um dieses Kraftwerk herum gibt es noch kleinere, teilweise ganz kleine Anlagen, die alle unterschiedlich aussehen, allerdings: die größeren, welche sich weiter weg von hier befinden, die sind alle von den

Grundrissproportionen zueinander identisch.

OK, so eins werden wir jetzt mal besuchen.

Seltsam, es gibt bei den größeren kaum geeignete Landeplätze für das Raumschiff.

Dann bleibt das eben hier. Wir nehmen das FDDDHS-IV-Mobil, dazu die beiden Zweisitzer, und die anderen bleiben erstmal hier. Ich will mit! Ich auch! Gut, auf geht’s. Ich bleibe hier und schau mich weiter um. Super!

Das FDDDHS-IV-Mobil und die beiden FDDDHS-II starten und gleiten in der gerade himmelblauen Atmosphäre einen Längsmeridian des Planeten entlang.

Wunderbar! Wie auf der Erde.

Wie schön, da gibt es viele Seen. Am Ufer des großen Sees könnten wir unsere Hauptstadt bauen.

Das wäre toll. Da hat man dann Bars, Schiffe und einen Hafen. Und Clubs, wo Bands spielen.

Seht, da drüben ist schon das erste.

Wow, was für ein Teil.

Der Schornstein ist mindestens 300 m hoch, das Hauptgebäude ebenso. Landen wir mal. Da. An so einer Rohrbrücke. Von da aus kann man gleich reingehen.

Sie steigen aus den FDDDHS-Mobilen. Es knirscht unter den Stiefeln. Über die Rohrbrücke erreichen sie eine Art Galerie, die das Innere des gigantischen Gebäudes umläuft. Von der Brüstung aus blicken sie auf Millionen von muschelartigen verkohlten Resten. Ein riesiges Schwimmbecken voll.

Das ist das gleiche Zeug, was überall unter den Schuhen knirscht, vorhin auch schon. Seltsam, müssen wir mal im Raumschifflabor analysieren bei Gelegenheit, vielleicht kann man das in unserer neuen Stadt zum Straßenbau verwenden.

Wär schon gut. Gibt ja sonst nichts hier. Vielleicht unter dem Boden. Bergwerke. Müssen wir scannen. Der See vielleicht ein gefluteter Tagebau.

Ganze Menge Kraftwerke. Wo sind die Städte? Wo wohnen die Menschen?

Scanner: Keine Lebensformen gefunden.

Hmmh. Wir fliegen noch eine Runde durch das Kraftwerksgelände und sehen uns dann mal auf der anderen Seite des Sees um.

Durchsage Funk: Wir haben was gefunden! Das müsst ihr gesehen haben!

Kurz darauf landen die FDDDHS-Mobile wieder am ersten Kraftwerk. Sie steigen aus, passieren die erste Etage und treffen ihre Farbgenossen in den Wohnräumen der beiden Menschen. Eine weitere Treppe, die sie beim ersten Mal nicht entdeckt hatten, führt noch weiter nach oben. Ins

Freie. Auf eine Terrasse. Unter dem jetzt purpurroten Himmel, den drei der fünf Sonnen beim

Untergehen färben, bietet sich ihnen ein grandioser Rundblick auf die großartige Skyline der

Landschaft.

Auf der Terrasse stehen zahlreiche Skulpturen. Figurengruppen, welche die possierlichen Tierchen in anmutigen Posen zeigen. Aus mehreren Springbrunnen sprudelte sicherlich früher einmal frisches

Wasser und ergoss sich kaskadenförmig über die terrassierte Parkanlage hoch über der Landschaft.

Die Tierskulpturen vollführen menschenähnliche Gesten und wirken außerordentlich lebendig.

Einige scheinen berühmten Skulpturen der Kunstgeschichte zu gleichen. Man sieht in Tierform die

Venus von Milo, Michelangelos David und Rodins Denker. In allen Richtungen bis zum Horizont eine Landschaft mit einem Wechsel aus Bergen und Seen, gelegentlich aufgelockert von kubistisch

wirkenden Kraftwerkssilhouetten.

Was für eine schöne Neue Welt. Richtige Künstler sind das. Schade, dass die Maler das nicht sehen.

Schmunzeln.

Wir können da unten am See unsere erste Stadt bauen.- Um den See eine Autobahn. 16-spurig. Was denn für Autos? Das kommt auch noch. Erst einmal muss was Essbares gefunden werden.

Ich denke, das haut schon alles hin.

Genau, das wird alles gut hier. Mit so viel toller Kunst. Nur schade, dass wir die Bewohner noch nicht getroffen haben. Wir müssen da sehr rücksichtsvoll sein.

Die haben bestimmt große Angst.

Schließlich sind wir ja Außerirdische. Vielleicht können wir mal über Lautsprecher eine freundliche

Durchsage machen. Oh gut. Das ist eine gute Idee. Lasst uns mal die mobilen Raumgleiter zu

Schallorganen zusammenschließen.

Sie geben einen Ruf durch: Liebe Planetenbewohner. Wir sind zwölf friedliche Farben. Kommen in guter Absicht.

Das wird jetzt in Schallwellen auf jeden Quadratzentimeter Planetenoberfläche übertragen.

Übertragung.

Übertragung.

Übertragung.

Nichts.

Vielleicht sprechen sie eine andere Sprache. Stimmt. Na klar. Da bin ich ratlos. Wir sollten einfach weitersuchen. Dann werden wir schon früher oder später auf sie stoßen.

Wir sollten uns aber immer nur in größeren Gruppen bewegen. Obwohl ich nicht glaube, dass uns an einer so viel Positives verheißenden Stelle etwas Schlimmes widerfahren sollte.

Nichts.

Nichts.

Nichts.

Alles leer.

Riesige Kraftwerke und niemand, der sie betreibt. Nur Skulpturen. Das ist alles sehr merkwürdig.

Wir sollten vielleicht auch von hier einige Dinge im Labor untersuchen. Diese Zeug, was überall auf dem Boden liegt. Dann sehen wir auch gleich, wozu es gut sein könnte. Super. Genau. Vielleicht sind die Menschen ja auch im Urlaub oder so. Das kann schon sein. Lasst uns einfach noch mal weitergehen und sehen, was wir noch über die Menschen erfahren können. Auch wenn wir dafür diesen wunderschönen Skulpturengarten verlassen müssen.

In den Raum mit den Fotos müssen wir unbedingt nochmal sehen. Vielleicht gibt es auf den Bildern einen Hinweis. Ja, das ist eine gute Idee. Die Farben betreten nacheinander alle den Fotoraum.

Die beiden Fotokisten hatten wir vorhin schon. Da sind die Tiere drin, katalogisiert nach Beinen.

Eh, was iss'n das hier.

Keine Ahnung.

Irgendeine Fotoausrüstung vielleicht.

Hier sind noch mehr Stative und Lampen.

Hier ist ein Speichermedium, das müssen wir auf dem Raumschiff mal durchschauen.

Der fette Schrank hier. Brecht den mal auf.

OK.

Offen.

Alles Datenspeicher. Hier sind auch noch Fotos. Hier oben liegt ein großer Fotoabzug.

Hol den mal runter.

Macht das mal alleine, so Karmin. Ich geh zurück aufs Schiff, um die Speichermedien abzuchecken.

Ist ja auch bald Kapitänswechsel. Und im Labor möchte ich gern bis dahin fertig sein.

Zinnober stellt sich auf einen Stuhl und streckt sich nach dem Foto auf dem Schrank. Beim

Herunternehmen hört man deutlich, wie etwas hinter den Schrank rutscht.

Schönes Foto. Ja, oben der Skulpturenpark. Wirklich schön. Irgendwie surreal auch. Unglaublich, mit welcher Perfektion das fotografiert worden ist. Man spürt richtig die Möglichkeit einer

Handlung. Sagt mal, habt ihr das auch gehört. Dass da etwas hinter den Schrank gerutscht ist. Der

Schrank ist so schwer, den bekommen wir hier nie weg.

Eine Farbe drückt zum Spaß gegen den Schrank. Er bewegt sich. Tatsächlich. Er ist anscheinend auf kleinen Rollen gelagert. Schiebt mal. Noch ein Stück. Gleich, ah, da ist ja das Foto.

Ich hab es gleich. Seht mal. Da ist was. Eine Tür. Komisch, dass hier eine Tür versteckt ist.

Vielleicht verstecken sie sich hier, weil sie Angst vor uns haben.

Kann sein. Lass uns mal klopfen.

Klopf.

Klopf.

Nichts.

Klopf.

Klopf.

Nichts.

Ich versuche mal zu öffnen.

Zitron schiebt den Riegel zur Seite.

Nochmal. Hallo!

Wir kommen jetzt rein.

Ihr braucht keine Angst zu haben.

Zitron öffnet die Tür. Licht flutet in ein fensterloses Zimmer. Sie müssen eine Weile warten, bevor in dem Raum Konturen deutlich werden. Zitron tritt zuerst herein und sie muss sich bücken, um durch die kleine Tür durchzupassen.

Sie stehen in einem engen und niedrigen Raum, höchstens 15 Quadratmeter mit seltsamen

Metallvorrichtungen, die Wände und Decken mit geräuschdämmenden Matten verkleidet.

Gibt es Licht? Macht bitte Licht.

Die Farben kombinieren sich – grünlichweißes Licht entsteht.

Es ist hell. Metallgegenstände.

Fragende Blicke wandern umher.

Sie sehen lange hin und versuchen zu begreifen.

Ich glaub das einfach nicht. Ratlos betrachten die Farben ein Arsenal von:

Foltergegenständen.

Das kann doch nicht sein.

Fünf Buchstaben drängen sich mir auf.

WARUM.

Wozu sollte jemand so etwas benötigen? Mit welchem Sinn? Und vor allem: Wer ist hier gefoltert worden? Wurden die beiden Menschen, die Schöpfer dieser wundervollen Skulpturen, überfallen und gefoltert, um Informationen über ihre Technologie zu erpressen? (Ob das vielleicht sogar einer der beiden Menschen angelegt hat? Haben sie bei Angriffen Gefangene gemacht und versucht?)

Vielleicht gibt es Hinweise auf den Speichermedien. Schaut euch alles genau an, jeder Hinweis kann wichtig sein.

Durchsage vom Schiff.

Bitte kommt alle erstmal in die Zentrale! Der Kapitänswechsel steht an und außerdem wollen wir noch was essen.

Kurz vor der Übergabe des Kapitänsamtes, während die Farben am Tisch sitzen und auf das Essen warten, tritt Karmin vor seine farbigen Mitgeschworenen.

Ich habe drei Neuigkeiten für euch.

Zuerst die Speichermedien: Darauf sind selbstgedrehte Filme. Also, die kann ich euch vor dem

Essen auf keinen Fall zeigen. Nur soviel. Mit den niedlichen Tierchen auf den Fotos werden ganz grausame Experimente gemacht. Wer es unbedingt möchte, kann später kurz mal reinschauen.

Dann die Ergebnisse unseres Labors: Die verkrusteten, muschelartigen Brocken, die den ganzen

Planeten bedecken... Sind... … … die sterblichen Überreste der niedlichen Tierchen – der ursprünglichen Planetenbewohner. Aus den Planetenbewohnern... wurde in einem ausgefeilten

Prozess... TREIBSTOFF gewonnen. Normales Parasin, wie wir es auch für unser Raumschiff verwenden. Bei vollem Bewusstsein. Um einen einzigen Liter Parasin zu erhalten, mussten

Millionen dieser gequälten Kreaturen geopfert werden. Dazu sind die kraftwerksähnlichen Anlagen

überall auf dem Planeten. Unser Computer hat berechnet, dass man, um ein Raumschiff wie unseres zu starten, vierzig Generationen der armen Tiere chemisch verbrennen muss, aber auch nur, wenn der ganze Planet fast lückenlos mit Zuchtanlagen bedeckt ist.

Durch die Kraftwerke wurde das ökologische Gleichgewicht derart ruiniert, dass es nun nicht einmal mehr Mikroorganismen gibt, die normalerweise zahlreich auch ansonsten anorganische

Planeten bewohnen. Kein einziges Lebewesen hat überlebt. Keine einzige Tierart und keine einzige

Pflanze. .

Schweigen.

Der Planet ist für uns damit unbewohnbar. Er bildet keine Lebensgrundlage.

Violett

Keine Farbe kriegte einen Bissen herunter. Das frisch servierte Drei-Gänge-Menü bleibt unbeachtet auf den farbigen Tellern liegen.

Violett, nun Kapitän, dreht sich weg. Ich will nicht Kapitän sein, wozu denn.

Völlige Lethargie und Depression breitet sich unter den Farben aus. Nichts hat mehr Sinn. Jedes

Ziel hat sich im Nichts aufgelöst.

An dieser Stelle müsste das Buch eigentlich zu Ende sein.

Gedankenverlorene Handlungen. Das Raumschiff schwebt willenlos über den Kraftwerken. Das All

über ihnen wirkt friedlich. Die aussichtslose Lage wiegt tonnenschwer auf der Seele jeder einzelnen

Farbe. Die Neue Welt – sie liegt knapp unter ihnen. Kein anderer Planet, den sie mit den noch vorhandenen Treibstoffreserven hätten erreichen können, hatte Ähnlichkeit, hätte eine neue Erde sein können. Ein neues buntes Zuhause. Alle Hoffnungen sind zerstört worden.

Das Glücksgefühl und die Euphorie der Planetenlandung sind brutal abgewürgt worden und in das

Gegenteil verkehrt.

Violett verweigert das Kapitänsamt.

Zwei Menschen waren genug, um in zwanzig Jahren einen gesamten Planeten auszulöschen.

Welche dämonische Kraft mag sie angeregt haben? Wir können nur mutmaßen. (Oder das Buch

„Die Puppenspieler“ lesen.)

Zwei Menschen hatten es geschafft, aus einem lebenden Planeten einen Gesteinsklumpen im All zu machen. Die Fauna des Planeten wurde vollständig missbraucht, verbrannt zu Treibstoff. Die komplette Flora für die Zucht der Tiere aufgegeben. Übrig bleiben nur Millionen Tonnen von verbrannter Tierskelettschlacke und riesige Kraftwerksruinen.

Das Raumschiff schwebt hin und her über von fünf Sonnen gedörrten Feldern aus tierischen

Schlackeresten. Ab und zu werden die schier endlosen Halden unterbrochen durch die Kontur eines

Kraftwerkturmes.

Züchten.

Was?

Züchten!, sagt plötzlich Chromoxyd. Ich meine, sie sind GEZÜCHTET worden.

Ja, leider, die armen kleinen süßen Tierchen.

Nein, nein, ich meine das so: Man kann sie also züchten!

Wie, man kann sie züchten?

Na, man kann sie züchte, du orangeroter Depp. WIR können sie züchten.

Aber wir haben doch gar nichts. Nicht ein einziges Zuchtpaar. Und auch keine Pflanzen. Was sollten die essen?

Na unser Labor kriegt das hin, eine Kopie zu generieren, wenn wir den genetischen Code der Tiere eingeben und natürlich auch den der Pflanzen. Die erste erfolgreiche Genkonstruktion könnte mit

Essen aus dem Generatorprogramm ernährt werden, bis wir weiter sind.

Wir könnten die Aufzeichnungen durchgehen. Wir wissen ja noch nicht mal, was sie essen.

Außerdem würden wir dann über Jahrzehnte mehr Energie hineinstecken müssen, als wir herausholen könnten. Zudem ist es auch auf der Erde nicht gelungen, ein einmal zerstörtes Genpool wieder zum Leben zu erwecken. Das würden im besten Fall immer gleiche Klone, die wir über

Jahre mit ernähren müssten. (Wie die Maler.)

Wie lange haben wir hier noch Energie?

Vielleicht gibt es andere Rohstoffe auf dem Planeten?

Durchsage vom Labor: Keine genetisch verwertbaren Biomarker gescannt.

Verdammt. Bitte nach Rohstoffen scannen.

Wir könnten auch Erdentiere hier züchten. Schweine und so was, die schmecken wenigstens.

OK, Orange, nur:

Dazu brauchen wir eine genetische Grundlage. Und außer den Schlacken ist nichts, nein, gar nichts verwertbar.

Auf dem ganzen Planeten ist kein einziger Zellbaustein übrig.

Dann nehmen wir eben eine Zelle von dir, Chromoxyd.

Warum nicht von dir, Orange. Du hast doch eh schon so eine Schweinenase.

Hähähä. Und du hast einen Froschkopf. Lauter solche wie dich müsste man züchten. Alle grün. Am besten mit Waldmeistergeschmack.

Schon OK, Schweinenase!

Schweinenase nimmst du zurück, Froschgesicht, sonst...

Arrgh.

Plopp.

Schweinenase!

Froschkopf!

Schweinebacke!

Froschpimmel!

Schweinehirn!

Froschei!

Der Computer ist fertig mit rechnen.

Keine verwertbaren Rohstoffe zur Energiegewinnung gefunden.

Erneut suchen? Abbrechen?

Erneut.

Bringt doch eh nichts.

Wieso, hast du was anderes vor?

Computer: Erneute Suche gestartet.

Keine verwertbaren Rohstoffe zur Energiegewinnung gefunden.

Erneut suchen? Abbrechen?

Erneut.

Computer: erneute Suche gestartet.

Kein Ergebnis.

Das bringt doch nichts. Wir müssen irgendwas entscheiden. Kapitän möchte ich jetzt nicht sein. Ich auch nicht. Wo ist eigentlich der Kapitän. Wo ist Violett? Der Kapitän soll jetzt was entscheiden.

Geh mal bitte Violett holen, Gras!

Gras geht zur Zentrale. Violett. Hallo! Nicht da. OK. Sicher ist Violett im violetten Zimmer. Sieh nochmal dort nach, Gras!

Einige Zeit vergeht.

Dann reißt Gras die Tür auf und ist ganz gelb im Gesicht.

Violett...

Violett...

Violett ist tot!

Als die Farben zum violetten Zimmer gerannt sind, sehen sie darin ein wüstes Durcheinander.

Essensreste, Verpackungen von Schokoriegeln, dazwischen liegt Violett in ihrem eigenen

Erbrochenen. Daneben ein Monitor, auf dem ein Film läuft.

Violett!!

Schnell. Ins Krankenzimmer!

In Windeseile tragen die Farben Violett in das Krankenzimmer.

Sie schieben die ausgedörrten Maler beiseite und fangen sofort mit der Wiederbelebung an. Testet das Erbrochene! Die Verfärbung. Sie hat eine Komplementärfarbtablette geschluckt und sich zu

Tode getrübt. Sofort Magen auspumpen.

Violetts Körper verliert sichtbar an Farbe. Von den Füßen ausgehend verwandelt sich der rötlichviolett leuchtende Farbton in eine graubraune stumpfe Masse.

Schnell. Elektroschock. Herzdruckmassage. Beatmung!

Ultramarin beugt sich zu Violetts Mund und haucht ihr Atem ein, wobei sich bei jedem Atemstoß

Violetts Gesicht leicht ins Blaulila verfärbt.

Komm, Karmin, du musst auch mit beatmen!

Abwechselnd beatmen Karmin und Ultramarin zwischen den Elektroschocks.

Endlich.

Violett schlägt die Augen auf.

Während die erschöpfte Violett in der Krankenstation aufgepäppelt wird, gehen Kobalt und

Zinnober in das violette Zimmer, um das dortige Chaos zu beseitigen. Außerdem haben schon die kurzen Filmsequenzen unglaublich geschockt, die sie kurz gesehen hatten, so dass sie sich nun Mut anreden und der Sache auf den Grund gehen wollen, warum sich Violett mit

Komplementärfarbtabletten umbringen wollte.

Das Video läuft immer noch. Es zeigt eine Aufnahme des versteckten Raums, den sie hinter dem

Schrank entdeckt hatten, in der Menschenwohnung auf dem Planeten. Auf den Geräten, deren

Zweck sie damals nicht genau erkannten, sind die niedlichen Tierchen in verschiedener grausamer

Weise eingespannt! Mit Schrauben durch die Vorderpfötchen sind sie fixiert. Eine spezielle

Apparatur schnürt sich einer der gequälten Kreaturen um den Hals.

Ein erbärmlichen Schreien und Heulen in Angst und Qual. Ein unerträgliches hochfrequentes

Geräusch. Ein Mensch geht im Raum umher. Er trägt Ohrschützer. Nur sein Rücken ist zu sehen. Er geht auf ein Tierchen zu, dessen Augen sich angstvoll weiten, und: Er hält eine Art Injektionsspritze in der Hand. Das Tier windet sich, versucht sich loszureißen und die Fesseln zu zerlegen. Dabei verletzt es sich selbst, Flüssigkeit tropft auf den Boden.

Der Mann verabreicht die Injektion. Das Geschöpf zittert unglaublich schnell und weit. Der Mensch schaut auf eine Art Messgerät. Plötzlich hört das Zittern auf, das Tierchen verliert seine Farbe, versteinert, verkrustet mit einem blitzähnlichen Zucken. Auf den angeschlossenen Armaturen werden Messergebnisse angezeigt. Der Mensch brummt etwas unzufrieden und schaut auf die

Anzeigen. Er wendet sich dem nächsten Apparat zu, auf dem ein besonders großes Exemplar der

Tierchen so aufgespannt ist, dass alle Körperteile in unnatürlichen Verrenkungen fixiert sind. Er macht sich an dem verzweifelt schreienden Tierchen zu schaffen.

Ultramarin

Ein Wasserhahn wird aufgedreht. Das Wasser rauscht. Minutenlang. Wird abgedreht.

Eine Farbe schaut einen Film: Zwei Menschen sitzen in einem Auto. Überdurchschnittlich gut aussehend aber mit langen Nasen. Dunkler Wald. Sie sind dabei ein Buch zu schreiben erfährt man.

Mit dem Titel: Die Neue Welt. Dafür suchen sie einen abgelegenen Platz im Wald zum schreiben.

Der Wagen holpert einen Waldweg entlang. Das Auto wird von Schlaglöchern durchgerüttelt. Bleibt stehen. Vor Ihnen ist der Weg versperrt. Ein Baum hatte sich über den kleinen Waldweg gelegt. Sie versuchen zu wenden. Das Auto rutscht in den Graben. Sie fluchen. Sie steigen aus. Ratlosigkeit in

Ihren Gesichtern. Gemeinsam versuchen sie vergebens das Auto aus dem Graben zu schieben. Es dämmert schon eine Weile. Sie versuchen Hilfe zu rufen. Kein Empfang auf dem Telefon. Das Tal schluckt. Nebel kriecht vom Fluss hoch. Einer der beiden geht zu Fuß los um Hilfe zu holen. Der andere bleibt beim Auto. Er untersucht den auf der Straße liegenden Baum. Schnitt. Der Autor läuft lange im Dunkel. Tastet sich vor. Das wenige Mondlicht von den Baumkronen verschluckt. Der

Nebel kühlt. Schnitt. Er untersucht den Baum. Wirkt wie gerade erst umgefallen. Die Blätter sind frisch und unverwelkt. Schnitt. Der Autor gelangt nach einigen Kilometern zu einigen wenigen

Häusern. Sie stehen zwischen einem kleinen Fluss nahe einer Abraumhalde Kies. Ein Berg von

Menschenhand geschaffen. unten teilweise begrünt. Schnitt. Der Autor sitzt nachdenklich im Auto.

Alles ist Dunkel. Waldgeräusche. Schnitt. In einem der Häuser brennt Licht. Ein mehrstöckiges

Holzhaus heller Farbe. Vielleicht hellblau. Er klingelt. Klingelt noch einmal. Ein hölzernes

Knirschen. Jemand geht eine alte Holztreppe langsam hinunter. Schnitt. Das Auto wird durchsucht.

Eine Taschenlampe wirft schwache Lichtkegel in die Dunkelheit. Hier und da scheint der Mond durch die Wipfel. Der Autor macht sich auf den Weg. Läuft den Berg hinauf. Schnitt. Die Tür wird endlich geöffnet. Eine freundlich aussehende ältere Frau winkt den jungen Mann hinein. Schnitt.

Der Autor verlässt den im Tal hängenden Nebel. Er schaut auf sein Mobiltelefon. Der schmale

Lichtkegel leitet ihn durch das Dickicht des Waldes. Endlich hat er ein Signal auf dem Telefon.

Schnitt. Der Autor sitzt im Innern des Hauses. Die alte Frau spricht mit ihm. Schnitt. Zoom auf das

Telefon. Verleger. Er ruft den Verleger an. Der Verleger verspricht zu Hilfe zu kommen und sofort loszufahren. Er erkundigt sich nach dem unfertigem Manuskript. Er sei spätestens in einer anderthalben Stunde da. Schnitt. Die alte Frau spricht mit ihm. Reicht ihm Tee. Sie lächelt. Sie sagt ihm dass sie ihren Sohn losgeschickt habe der nach dem Auto suchen wird und dem anderen Autor helfen. Schnitt. Der Autor läuft durch das Unterholz den Berg hinunter. Das Licht der Taschenlampe scheint schwächer zu werden. Schnitt. Zeit vergeht ungenutzt. Der Autor läuft im Zimmer umher.

Als er einen flüchtigen Blick durch das Holzfenster wirft sieht er ein altes Fachwerkhaus. Die Frau sagt dass es nichts zu sehen gäbe und stellt sich vor das kleine Fenster so dass der Autor nicht mehr hinaussehen kann. Sie sagt er solle ruhig seinen Tee trinken und sich keine Sorgen machen da ihr

Sohn sich um alles kümmern würde. Schnitt. Der Autor geht mühevoll durch den dichten Wald.

Er hofft den anderen Autor beim Auto anzutreffen. Er macht sich Sorgen um den Autor und das

Manuskript. Das Manuskript welches nur handschriftlich existiert und an dem die beiden Autoren in einer Art Schriftdialog in einem unwiederholbaren Entstehungsprozess seit Tagen ununterbrochen geschrieben haben. Und nun die Abgeschiedenheit suchten um sich ausschließlich auf die

Fertigstellung der letzten Kapitel konzentrieren zu können. Schnitt. An der Wand tickt eine Uhr. Der

Autor setzt sich hin. Halb Eins. Plötzlich ein heftiges Rumpeln. Dann ein knirschendes Geräusch.

Stein und Metall. Der Autor fragt was das für ein Geräusch sei. Die Frau sagt da sei kein Geräusch.

Und er solle den Tee trinken den sie für ihn gemacht hat. Schnitt. Der Autor erreicht den liegenden

Baum. Er ist sich nicht sicher ob es der selbe ist. Von dem Autor und dem Auto ist keine Spur zu sehen. Seine Taschenlampe ist fast verloschen. Schnitt. Der Verleger im Auto. Kleines altes französisches Auto. Fährt über die Bergkuppe ins Tal. Lichtkegel auf der schmalen Straße. Der

Verleger erreicht die Ortschaft. Schnitt. Die Blätter des Baumes sind fast welk. Wenn er nur das

Manuskript aus dem Auto genommen hätte. Dann könnte er sich jetzt unbeschwerter auf die Suche nach dem Autoren machen. Das Licht der Taschenlampe versiegt. Schnitt. Der Verleger parkt zwischen dem Holz und dem Fachwerkhaus. Er steigt aus. Lässt die Scheinwerfer an. Am

Fachwerkhaus stehen zwei Leute. Ein Mann und eine Frau. Der Verleger fragt sie ob sie die beiden

Autoren gesehen haben und wo es lang geht. Sie sagen dass sie nichts gesehen haben. Sie haben ihre Koffer gepackt. Im Haus hätten sie gepackt und würden jetzt losfahren. Sie wollten weg. Der

Verleger solle die alte Frau die im Holzhaus wohnt fragen. Sie zeigen auf das Holzhaus. Vielleicht hat sie etwas gesehen. Allerdings sei die alte Frau verrückt nachdem ihr Sohn vor zehn Jahren im

Steinbruch ums Leben gekommen ist. Dann steigen sie in ihr Auto und fahren. Rücklichter entfernen sich. Schnitt. Der Autor irrt durch den Wald. Es ist nahezu komplett dunkel.

Baumstümpfe sehen aus wie Hirsche.

Sie tauchen auf. Scheinen näher zu kommen. Schnitt. Der Verleger klingelt am Holzhaus. Niemand

öffnet. Er klingelt nochmal. Nichts. Schnitt. Der Autor sagt zu der alten Frau dass es geklingelt habe. Nein es hat nicht geklingelt sagt die alte Frau. Es ist vielleicht Hilfe sagt der Autor. Nein da ist nichts. Mein Sohn ist auf dem Weg. Antwortet die Frau. Schnitt. Er geht zu seinem Auto. Zündet sich aus eine Zigarette an. Raucht. Er schaut auf eine Straßenkarte die er vor das Auto in den

Scheinwerferkegel legt. Schnitt. Seine Augenlider sind schwer. Sie müssen nachschauen. Es hat geklingelt. Vielleicht ist es Hilfe. Die Zunge trocken. Er spricht langsam. Beruhigen Sie sich. Hier ist Ihr Tee. Sie müssen Ihren Tee trinken sagt die alte Frau. Der Autor hört die Worte verzögert. Er versteht nicht. Wie unter Wasser. Schnitt. Der Verleger steht an das Auto gelehnt und raucht.

Schnitt. Der Autor versucht aufzustehen. Er schwankt. Seltsam. Es verschwimmt alles. Der Autor schwankt auf das Fenster zu. Was ist mit mir? Alles dreht. Schnitt. Der Verleger pustet den Rauch aus. Als sich das Steinwerk lautstark in Bewegung setzt erschrickt der Verleger. Dabei fährt er herum. Schnitt. Wir müssen nachsehen lispelt der Autor. Die Frau sagt. Da ist doch nichts. Sie tritt zu ihm und zerrt den Autor vor dem Fenster weg. Schnitt. Der Verleger hat das Gefühl kurz eine oder zwei Figuren am Fenster gesehen zu haben. Er sieht wie das Fenster zugezogen wird. Er zündet sich unsicher eine weitere Zigarette an. Das Laute rumpelt aus dem Steinbruchs hält an.

Stille. Einatmen. Schnitt. Der Autor klettert auf der Suche nach der Ortschaft auf einen Hügel.

Dieser ist steil und ohne Pflanzen. Kantiger Kies rollt den Berg hinab. Schnitt. Der Verleger geht langsam um das Holzhaus. Er schaut nach oben zu den Fenstern im ersten und zweiten Stock.

Schnitt. Der Autor klettert immer höher den Berg hinauf. Rutscht mit dem Kies ein Stück nach unten. Rutscht. Schneidet sich. Tastet sich langsam nach oben. Schnitt. Der Verleger ist an der

Hintertür. Er drückt die Klinke langsam nach unten. Die Tür öffnet sich. Schnitt. Der Autor ist fast oben auf dem Berg aus Kies angekommen. Er hält sich an kleinen Bäumen fest um nicht in die

Tiefe zu rutschen. Schnitt. Man spürt den Herzschlag als der Verleger vorsichtig in das Innere des

Holzhauses eindringt. Er tastet sich zu einer Holztreppe. Schaut sich um. Wartet bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Langsam tastet er sich vor. Zentimeter für Zentimeter bewegt er seinen Fuß auf die Holztreppe zu. Den Fuß ganz am Rand um das typische

Holztreppenknarren zu minimieren. Langsam ganz langsam verlagert er sein Gewicht auf die erste

Treppe. Schnitt. Der Autor ist an der Bergkuppe angelangt. Oben ist der Berg eben. Er erkennt nichts. Schnitt. Der Verleger tastet sich vor. Schritt für Schritt in das Innere des Holzhauses. Er erreicht den ersten Stock. Leise Geräusche von oben. Sein Puls. Er geht weiter. Schnitt. Der Autor geht die Bergkuppe entlang. Dunkelheit. Der Mond wolkenverhangen. Er geht langsam vorwärts.

Links und rechts wenige Meter ebene Fläche. Dann der Abgrund. Schnitt. Ein Geräusch. Die Treppe knackst. Der Verleger bleibt erschrocken und erstarrt stehen. Stille. Wieder Geräusche von oben.

Schnitt. Von oben sieht der Autor auf die Häuser und das Auto, das mit den Scheinwerferkegeln die

Dunkelheit zerschneidet. Schnitt. Der Verleger geht weiter. Er kann weitergehen. Das Licht des oberen Zimmers kommt näher. Noch zwei Stufen. Ein Flur. Er tastet sich entlang. Ist nahe dem

Lichtkegel der aus dem Zimmer kommt. Langsam tastet er sich vor. Lautlos. Geräusche aus dem

Zimmer. Er erreicht die Tür. Langsam. Schiebt seinen Oberkörper in die Richtung. Noch kann er nichts sehen. Nur noch wenige Zentimeter. Er beugt den Kopf zur Seite. Mit einem Auge sieht er in das Zimmer. Der Autor in einer riesigen Lache Blut. Der Kopf und der Rumpf getrennt. Eine ältere

Frau sägt den Arm ab. Fassungslos taumelt der Verleger zurück. Einen Schritt. Ein gegenüberliegender Raum ist offen. Die Frau hat ihn noch nicht bemerkt. Er taumelt. Fassungslos.

Schritte zurück. Steht mitten im Flur zwischen den beiden Türen. Taumelt rückwärts. Die

Türschwelle des dunklen Raumes. Das Holz der Türschwelle knarrt. Die Frau blickt auf. Sie schauen sich in die Augen. Sekunden vergehen wie Stunden. Der Verleger wankt. Taumelt rückwärts. Vor ihm. Die Tür schlägt zu. Dunkelheit. Schnitt. Die Frau teilt den abgetrennten Arm in zwei Hälften. Schnitt. Der Autor steigt hinab. Auf das Auto zu. Gerät ins Rutschen. Schnitt. Der

Verleger rüttelt am Fenster. Schnitt. Die Frau zersägt die Beine am Knie. Schnitt. Der Verleger im

Zimmer. An der Tür wird gerüttelt. Schnitt. Der Autor fängt sich am Abhang an einem Strauch.

Blickt auf das Holzhaus und dessen Fenster. Schnitt. Der Verleger sieht auf die Scheinwerferkegel seines Wagens. Rüttelt mit Todesangst an dem geschlossenem Fenster. Die Tür öffnet sich. Der

Verleger zerschlägt das Fenster.

Seine Hand blutet. Er tritt mit dem Fuß. In wilder Hast. Schiebt sich in die Öffnung des Fensters.

Schneidet sich. Blut tropft. Die ältere Frau kommt näher. Langsam. Zwei Schlachtermesser in der

Hand.

Schnitt. Der Autor sieht den Verleger halb aus dem Fenster hängen. Er sieht wie der Verleger aus dem Fenster rutscht und mit einem dumpfen Ton auf den Pflastersteinen aufschlägt. Er hört ihn schreien. Er muss helfen. Rennt. Schlittert den steilen Abhang hinunter. Rutscht weit. Gewinnt an

Geschwindigkeit. Verliert an Kontrolle. Landet hart auf einem Haufen groben Kies.

Schnitt. Der Autor ist gelähmt vor Schmerz. Beide Beine und ein Arm sind splitternd gebrochen.

Stille.

Der Verleger hört wie sich das Steinwerk schlagend und ratternd in Bewegung setzt. Steine knirschen. Schnitt. Der grobe scharfkantige Steinschotter auf dem der Autor zu stehen kam beginnt sich unter seinen Füßen zu bewegen. Rüttelt ihn hin und her. Die Füße sind bereits nicht mehr zu sehen. Er versinkt mehr und mehr. Die ganze Steinmasse um ihn herum beginnt sich nach vorn zu bewegen. Ein Förderband hoch über dem Boden. Versunken in den Steinen. Vor ihm fallen die

Steine in eine Öffnung. Der Autor kämpft dagegen an. Versucht sich zu befreien. Kämpft gegen die

Steine und das Förderband. Er keucht. Mobilisiert letzte Kräfte. Schnitt. Die Frau geht langsam die

Treppe hinunter. Schnitt. Der Autor fällt tief in die Anlage. Steine fallen auf ihn herab. Immer mehr.

Von unten der Lärm der zermalmenden Steine. Mörser zertrichtern die Steine unter ihm zu feinem

Kies. Schnitt. Der Verleger tastet nach seiner Brille. Er hört durch den Lärm des Steinwerkes hindurch den letzten erstickenden Schrei des Autors. Schnitt. Der Kies färbt sich rot. Zermahlene

Knochen und Innereien. Schnitt. Durch die zersplitternden Gläser sieht er gebrochen die

Scheinwerferkegel seines Autos. Stille.

Das Steinwerk ist stehengeblieben. Der Verleger hört Schritte im Haus näher kommen. Die

Scheinwerferkegel seines Autos auf das er zukriecht. Blut bildet eine verschmierte Bahn hinter ihm.

Die Angst überdeckt die Schmerzen. Er kriecht mit aller Kraft in Richtung der Lichtkegel. Die Frau tritt aus dem Haus heraus. In der Hand hält sie zwei Schlachtermesser. Langsam kommt sie näher.

Der Verleger kreischt. Kriecht verzweifelt vorwärts. Seinen Kopf gedreht. Die Frau immer im

Blick. Sie kommt näher. Die Schlachtermesser entschlossen im Griff. Sie kommt näher. Angstvoll starrender Blick. Sie holt aus. Todesangst in den Augen des Verlegers. Schnitt. Abspann.

Kobalt

Kobalt verteilt Steinwürfel und Werkzeuge nach dem Frühstück an die Farben. Jeder erhält Stein und Werkzeuge in seiner Farbe. Das ist Speckstein erklärt Kobalt. Den kann man ganz leicht bearbeiten. Diese tollen Figuren da auf dem Skulpturengarten. Da dachte ich das wir das doch auch versuchen könnten. Ihr könnt damit machen was ihr wollt! Es gibt keinerlei Vorgaben.

Zitron nimmt zuerst den zitronfarbenen Würfel und feilt eine Ecke mit der zitronenfarbenen Feile ab. Cool, das geht ganz leicht. Da möchte ich gern mal so eine liegende Figur machen, die hat mir total gut gefallen in dem Skulpturengarten. Ein Pochen, Feilen und Schaben beginnt den Raum zu erfüllen. Farbige Späne bedecken bald überall den Boden.

Kobalt betrachtet lange den Würfel. Der in seiner Form ein nahezu perfekter Würfel ist. Er dreht den Würfel stundenlang und betrachtet ihn von allen Seiten und Blickwinkeln. Eigentlich perfekt, da kann man nichts mehr besser machen, denkt er. Er geht hin und her, kann sich aber nicht entschließen, sein Werkzeug anzusetzen.

Himmel feilt unterdessen wie besessen. Der Stein hat schon die Hälfte des Volumens verloren.

Orange und Karmin haben ihre Würfel gemeinsam auf einen Tisch gestellt, bohren Löcher hinein.

Verschrauben sie miteinander. Zusammen können wir eine größere Plastik machen, erklärt Orange gegenüber Kobalt, der ab und zu beim Umherlaufen auf die Arbeit der Mitfarben schaut.

Nein. Das möchte ich nicht erwidert Kobalt entschieden. Ich lasse meinen Würfel genauso wie er ist! Aber Ihr könnt das natürlich so machen. Ich bin fertig. Er stellt seinen Würfel sorgsam auf das kobaltfarbene Podest und läuft ein paar mal herum, immer wieder vor und zurücktretend mit prüfendem Blick. Ja! Genau! Perfekt!

Himmel feilt gerade sorgsam ein Madonnengesicht aus dem Stein. Gleitet behutsam über die

Oberfläche und streicht seiner Madonna noch einmal zärtlich mit dem himmelblauen Sandpapier

über die Wangen. So ist es. Nein, doch nicht. Hier muss noch was weg.Tritt zurück, schaut von der

Seite. Die Nase ist noch etwas knorpelig. Er setzt das Schleifpapier an.

Gras arbeitet unterdessen an einer abstrakten eher zweidimensionalen Figurengruppe. Der Tag ist schnell um. Der Schaffensrausch ließ sie die Zeit vergessen. Einige Farben legen sich schlafen während andere immer noch wie besessen arbeiten.

Himmel

Die Farben haben Ihre Specksteinskulpturen abgedeckt. Mit einem Tuch. Himmel ist total aufgeregt, was die anderen zu seiner Madonna sagen werden. Eigentlich hat er Angst davor aber andererseits ist er stolz, sie ihnen zu zeigen und zu sagen: seht her, liebe Freunde, das habe ICH gemacht. Eine seltsame Stimmung macht sich breit. Schließlich haben sie einiges von sich in den

Stein hineingegeben und sind angreifbar. Verletzbar. Was ist, wenn die anderen die Nase zu knorpelig finden, oder die Augen zu schief, den Mund zu groß. Dann lachen sie mich aus. Aber vielleicht gefällt es ihnen auch. Bestimmt wird es ihnen gefallen ich habe mir schließlich große

Mühe gegeben, denkt Himmel. Ich muss Sie Ihnen zeigen!!! Himmel: Schön, dass ihr euch alle hier versammelt habt, um unsere Skulpturen gemeinsam vorzustellen. Erhebt die Gläser, lasst uns diesen

Moment feiern. Lasst uns anstoßen. Prost. Gläser klirren. Auf uns! Auf uns! Auf unseren neuen

Skulpturengarten hier auf dem Raumschiff!

3 - 2 - 1 - Jetzt!

Alle enthüllen ihre Skulpturen gleichzeitig. Alle schauen sich um. Schauen sich ihre eigenen

Arbeiten an. Langsam schauen sich die Farben um. Blicken bedächtig auf die Plastiken. Schweigen im Raum. Langsam gehen sie herum. Treten an die einzelnen Skulpturen heran. Kleine Gruppen bilden sich. Die sind alle ganz verschieden! Nicht nur wegen der Farben. Sag mal, Gras, was soll den das eigentlich sein? - Ich weiß es nicht genau. Figuren. Wie? Gefallen sie dir? Naja, die eine scheint mit so einer Art Arm nach vorn zu zeigen. Als wollte sie uns was sagen. Was hast Du Dir dabei gedacht? Ah. Gras kommt ins Stocken. Du meinst, sie hebt den einen Arm? Äh. Ich hab mir nichts dabei gedacht. Ähm, also schon, na klar hab ich mir etwas dabei gedacht. Also ich glaube, also nein ich denke dass die Figuren, sie stehen in so einer Art Beziehung zueinander. (Schau, die eine schiebt der anderen etwas hinein.) Ach so. Was hast du dir den bei deiner gedacht? Schön, das du fragst. Es soll die Ursonne sein. Die Eigelbe von den fünf, erklärt Ei. Die strahlt Energiewellen aus, die mich positiv beeinflussen. Ei zeigt auf ihr Werk. Eine eifarbene Kugel. Ganz rund und glatt poliert. Ein bisschen oval. Eher ein Ei als eine Kugel. Ach so. Was hältst du davon? fragt sie unsicher. Ich dachte am Anfang, dass es nur eine gelbe Kugel ist, eigentlich genau wie die Kugeln, die jeder von uns eh schon hat und ich fragte mich, was du damit bezweckst. Aber die Erklärung ist wirklich schön. Äähm. Ei schaut auf ihr halb leeres Sektglas. Zinnober kommt geschlendert. Hallo

Zinnober, wie findest du meine Skulptur? Hallo Ei, schön dich zu sehen. Zinnober lächelt breit. Ja schön dich zu sehen. Was meinst du über die Plastik? Ja sie ist unglaublich eloquent. Hast du meine schon gesehen? Karmin und Orange unterhalten sich auch gerade über meine Skulptur. Äh Nein.

Können wir ja mal anschauen. Was meinst du mit eloquent? Du meinst die vollkommene Rundung?

Ähm, Ähäm. Räusper. Ja, genau. Zinnober lächelt gewinnend. Übrigens hat der Kapitän meine

Skulptur gerade im Gespräch mit Chromoxydgrün und Ultramarin explizit erwähnt. Ach toll.

Wirklich? Ich werde dann auch mal mit dem Kapitän reden. Er ist einfach sehr, sehr - wichtig für die Auseinandersetzung um die Skulpturen. Himmel (Kapitän) klopft gerade Chromoxyd vertraulich auf die Schulter. Halb flüsternd: Also was der Kobalt gemacht hat, das ist überhaupt keine Skulptur. Der will uns bloß provozieren... Ultramarin, der die ganze Zeit einen halben Schritt vom Kapitän entfernt steht - er hatte sich bewusst so hingestellt - pflichtet ihm nickend bei. Ja in der

Tat. Ja genau. Der hat sich einfach nicht getraut. Oder ihm ist einfach nichts Geniales eingefallen.

Wie Ihnen, Herr Kapitän. Also ich finde Ihre Skulptur einfach außerordentlich gelungen. Genau wie meine. Haben sie schon mal eine Blick darauf geworfen? Schauen sie einmal! Zeig mal her. Ja, rede mal mit Karmin demnächst, und sag viele Grüße von mir. Vielleicht kannst du dich mal an einer

Gruppenskulptur beteiligen. Mit wem hat sie das gleich gemacht? Mit Zitron. Mit Orange, korrigiert

Chromoxyd beflissen. Na meinetwegen Zitron, Orange, ist ja kein so großer Unterschied. Himmel lächelt. Alles besser als dieses Ding von dem Kobalt. Unterdrücktes Gelächter. Ei, die in der Nähe steht und sich über die Aussagen der drei Farben ärgert, schlendert zur Kobalt herüber. Sag mal

Kobalt, weißt du eigentlich, dass die da drüben alle über dich lästern und dich auslachen? Wirklich

alle. Die lachen schon wieder. Kobalt schläft das Gesicht ein. Aber ich mag deinen Würfel! Das ist schon eine tolle Form. Die hat mir auch am Anfang sehr gut gefallen. Ich konnte sie dann nur zu einer Kugel vereinfachen. Vereinfachen? Die Kugel ist doch wesentlich komplexer als der Würfel?

Vor allem hast du ja auch keine exakte Kugel geschaffen sondern eine sehr ästhetische Eiform. Ich habe mir vorhin sehr lange deine Plastik angeschaut und bin wirklich sehr angetan, gesteht Kobalt.

Die anderen Farben kommen jetzt auch zu Kobalt und seiner Skulptur, da der Kapitän langsam und aufrecht, wie zufällig, hingeht. Das sieht doch aus als habe da jemand keine Lust gehabt. Da ist ja

überhaupt nichts zu sehen. Kein Ansatz einer künstlerischen Inspiration. Ich finde, Kobalt hat viel

Feingefühl bewiesen, sagt Ei. Es ist eine existenziell wichtige Form, die uns alle angeht, erklärt

Kobalt. Kobalt, Sie können doch nicht einfach blah und blah machen, so geht das nicht. Also, Sie können wirklich nicht. Das ist unerhört. Sie verstoßen gegen die Regeln der Kreativität!, stimmen andere Farben ein. Jetzt wird es hart für Kobalt. Schafft ihn in das Krankenzimmer! Nein das könnt

Ihr nicht! Und ob wir das können!! Nein!! Ganz Im Ernst!! Das war doch nur ein Witz. Himmel und die anderen Lachen lauthals. HA HAHA HA HA HA HAAA HA HA HA HA HAA HAA HA

AHAHAHAAHAHA AHAHAHA AHAHAHAAHAHA.

Prost. Sie stoßen an. Die Madonna. Sagen Sie, ist das nicht die Madonna, also ich meine von Seiten der Inspiration. Die mittelalterliche Madonna – so ungefähr dreizehntes Jahrhundert - von Djerba?

Himmel ist geschmeichelt. Genau die! Die Madonna von Djerba. Das ist aber verblüffend. Ich hätte nicht gedacht, dass die Djerba-Madonna, die für mich einen so außerordentlichen Stellenwert besitzt, auch bei Nichtmadonnakennern, wie Sie es sind, so bekannt ist.

Türkis

Da gibt es doch die Kugeln. Was haltet Ihr von einem Farbballspiel? Farbball wird mit zwei Kugeln gespielt, die abwechselnd in die gegnerische Hälfte geworfen werden. Sind beide Kugeln zur selben

Zeit länger als 14 Sekunden in einer Hälfte, bekommt die gegnerische Mannschaft einen Punkt.

Jeder Ball muss mindestens drei, höchstens vier mal abgegeben werden. Der Computer stoppt die

Zeit. Ok, na dann. Welche Kugeln nehmen wir zu der türkisfarbenen dazu? Himmelblau passt gut.

Nein, das unterscheidet sich zu wenig. Zinnober wäre die richtige. Nein Violett. Zu asymmetrisch.

Zitron. Gras. Nein. Nein. Was ist eigentlich mit den beiden Malern auf der Krankenstation? Die müssten doch theoretisch in ihrer Kabine eine schwarze und eine weiße Kugel haben. Könnt Ihr damit leben? Ja. Sie holen die Kugeln. Schwarz und Weiß. Karmin und Chromoxyd werfen ein. Sie spielen. Schwarz und Weiß. Die Maler. Sie tun mir leid. Mir auch. Durch unsere Schuld sind sie ins

Gefängnis gekommen. Ja und jetzt sind sie hier. Die Neue Welt? Sind hier auf dem Raumschiff.

Und sie liegen schon die ganze Zeit auf der Krankenstation. Halb verhungert. Und niemand kümmert sich um sie. Wäre die Gerichtsverhandlung anders verlaufen, dann wäre es besser gewesen! Für alle! Und auch gerechter! Ja. Das stimmt. Wie hätte das denn ablaufen können?

Türkis fängt die weiße Kugel ohne sie zurückzuspielen. Was hätte anders laufen müssen? Wir haben uns von den Zeugen der Anklage zu sehr beeinflussen lassen. Ich bin sogar bestochen worden. Ich auch. Ich auch! Verdammt! Ich auch! Alkohol war auch im Spiel. Und die Maler, ich kannte sie noch gar nicht. Aber nach der Folter in der Untersuchungshaft sahen sie so erbärmlich aus, dass sie einfach nur schuldig sein konnten. Oh Gott. Du hast absolut recht! Könnten wir das nicht rückgängig machen? Aber das geht nicht. Nichts lässt sich rückgängig machen! Wie sollte das gehen? Die Farben haben sich auf das Spielfeld hingesetzt. Die weiße und schwarze Kugel rollen zwischen ihnen herum, nehmen die Vibrationsmuster des Raumschiffes auf, das leicht schlingernd

über den Kraftwerken des toten Planeten schwebt. Wie hätte es anders ausgehen können?

Chromoxid

Die bessere Gerichtsverhandlung.

Richterin (Crx): Ich begrüße die Geschworenen, ich begrüße die Vertreter der Verteidigung und die

Anklage zur Verhandlung des heutigen Falls. Ich begrüße außerdem die beiden hier anwesenden im

Fall "Malen ohne Zahlen" Angeklagten SCM und BSP (sie zeigt auf die auf dem Krankenbett liegenden Maler, die extra samt Beatmungssystem aus dem Krankenzimmer reingeschoben worden sind). Der Kläger möge die Anklageschrift vorlesen.

Flutzky (Ei): Danke. Liebe Geschworene. Sehr geehrte Richterin. Ich werfe den beiden zurecht auf dem Krankenbett liegenden sogenannten Maler vor, bewusst und in hinterhältiger Weise die Regeln der Malerei gebrochen zu haben! Wir fordern das ehrenwerte Gericht auf, für dieses Vergehen an der herrschenden Ordnung eine abschreckende und beispielhafte Strafe zu verhängen!!

(Raunen in der Sporthalle)

Richterin: Hören wir nun die Vorabstellungnahme des Pflichtverteidigers.

Pflichtverteidiger (Karmin): Meine Pflichtklienten haben keineswefs die Regeln der Malerei gebrochen sogar die Malerei durch ihre Arbeit weiterentwickelt und verdienen daher grosse

Anerkennung. Ich blädiere auf Freispruch.

Geschworene (vio): (notiert sich Stichpunkte auf Zettel)

Richterin: (trinkt einen Schluck aus einem Glas Wasser) Herr Flutzky, können Sie beweise vorzeigen für Ihre schwere Behauptung?

Flutzky: (hehe) Über Jahre und Jahre sammelte ich Beweise, machte ich Fotos, dokumentierte ich und bin stolz behaupten zu können nun in der Lage zu sein nahezu Lückenlos die schändliche anormale Tätigkeit die diese beiden da zu unrecht malen nennen zu beweisen und damit deutlich machen zu können das die Angeklagten bei vollem Bewusstsein zum teil auch bei nicht vollem bewusstein aber immer die Malerei verletzt haben und deren Regeln gebrochen haben! Ich lege

Ihnen hiermit mein gesamtes Material zur Durchsicht vor und habe ausserdem eine Reihe hochkarätiger Zeugen.

Richterin: (zu den Geschworenen): Nehmen Sie das Material zur Einsicht!

(mit dem Hammer) Das Gericht vertagt sich bis die Durchsicht abgeschlossen ist.

Pause

Richterin: Ich begrüße die Anwesenden im Gerichtssaal zur Fortführung der Verhandlung "Malen ohne Zahlen" Guten Tag. Guten Tag. Guten Tag.

Nach der Einsicht der Unterlagen das Klägers hören wir nun nacheinander und abwechselnd die

Zeugen der Anklage und der Verteidigung. Die Verteidigung hat das Wort. Bitte Sehr.

Verteidiger (Kobalt): Ich rufe die Fliege (Ultramarin) in den Zeugenstand. Schwören Sie die

Warheit zu sagen und nichts als die Warheit?

Fliege: Ich schwöre. Sie können fragen stellen ich beantworte sie gern.

Verteidiger: Fliege. Haben Sie schon einmal die Bilder der Angeklagten persönlich gesehen?

Fliege: Ja

Verteidiger: Beschreiben Sie kurz was sie gesehen haben.

Fliege: Grosse und Kleine Bilder

Verteidiger: Was befand sich auf den Bildern.

Fliege: Farbe.

Verteidiger: Wie war die Farbe angeordnet?

Fliege: Rhythmisch über Ebenen hinweg.

Verteidiger: Gut Fliege. Erzählen Sie mir über die Umstände, in denen die Bilder entstanden sind.

Fliege: Soweit ich sagen kann sind die Bilder fast alle im Atelier entstanden. Einige aber auch draussen auf der Wiese oder im Wald.

Verteidiger: Haben die Maler Ihrer Meinung nach entsprechend der Anklage ohne Zahlen gemalt?

Fliege: Ich bin leider kein Fachmann was das angeht. Aber soweit ich weis spielten Zahlen nie eine große Rolle. Ausser die Zahl 12 glaube ich. Aber ich weis wirklich nicht inwieweit die Maler mit der Zahl 12 gemalt haben.

Verteidiger: Sie sagen also die Maler haben entgegen der Anklage doch mit Zahlen gemalt.

Fliege: Vielleicht ja. Hauptsächlich aber mit Pinseln. Auch mit den Füssen haben sie gemalt.

Flutzky (Gras): SEHEN SIE!! Die Fliege hat es zugegeben! Die Maler haben ohne Zahlen gemalt.

(Getuschel unter den GEschworenen: was ist den eigentlich so schlimm daran ohne Zahlen zu malen?)

Verteidiger: Keine weiteren Fragen an die Fliege.

Richterin: Möchte der Staatsanwalt die Fliege befragen?

Flutzky: ja gern (räusper, popel, schwitz; zieht sein Hemd aus; alle spielen das sie angwiedert wegschauen.) Haben die Maler mit den Füßen gemalt. Ja oder Nein.

Fliege: .... .... .... Ja

Flutzky: Haben die Maler Bilder ohne Zahlen gemalt. Ja oder Nein.

Fliege: ... ... ... ... Ja. Soweit ich weis.

Flutzky: Danke. Keine weiteren Fragen. Ich möchte nun den Kopierklaus in den Zeugenstand rufen.

(Kopierklaus (himmel) betritt den Zeugenstand.)

Flutzky: Lieber Herr Copyklaus. Sie sind bekannt dafür, exakte und genehmigte Third-Level-

Kopien zu malen. Sie sind am Kunstmarkt anerkannt und die Preise Ihrer Kopien werden oft besprochen.

Copyklaus:(geschmeichelt) Ja.

Flutzky: Können Sie uns und den Geschworenen als Fachmann kurz erklären worauf es beim malen ankommt und warum zahlen so wichtig sind.

Copyklaus: Sehr gern! Zahlen sind in der Malerei das A und O. Vor allem ist es wichtig das die

Käufer zahlen (lacht). Und je mehr desto besser (lacht). Innerhalb des Malprozesses spielen zahlen aber noch eine weit größere Rolle. Das ist ganz einfach 1=1 und nicht anders. Also Vorlage=Kopie.

Für meine Thirdlevelkopien, letztes Jahr bin ich erst von Forth-Level auf Third-Level aufgestiegen zahlen die Kunden sehr viel. Und ich weis das für das was die Angeklagten da zusammenschmieren. Maler kann man sie ja nicht nennen. Dafür wird überhaupt nichts bezahlt.

Nicht auf dem Kunstmarkt und sonst auch nichts. Deshalb ist es verschwendung von Ressourcen.

Das Geschmiere der beiden versaut mir den Leinwandpreis! Es ist abzuschaffen. Dinge für die nicht gezahlt wird sind sinnlos! (Raunen im Publikum und unter den Geschworenen.) Ohne Zahlen ist das

Bild sinnlos. Beim Aufbau unserer neuen Welt können wir uns solche Schmarotzer nicht leisten. Sie sollen endlich von Ihrem Egotrip wegkommen und mit zahlen malen wofür andere Leute zahlen.

Als ob das so schwer wäre. Im Gegenteil! Das ist ganz einfach! Aber das tun sie nicht und haben sie noch nie gemacht. Dafür gehören Sie verurteilt.

Verteidiger: Einspruch Euer Ehren. Der Copyklaus scheint in der Angelegenheit befangen zu sein.

Richterin: Fahren Sie fort.

Flutzky: Danke. Keine weiteren Fragen.

Richterin: Möchte der Verteidiger Fragen an Kopierklaus stellen?

Verteidiger: Ja. Vielen Dank. Herr Kopierklaus. Kann Ihrer Meinung nach dem Schöpferischem eine Zahl zugemessen werden?

Copyklaus: Das Schöpferische? Eine Zahl? Sehen Sie liebe Geschworene. Es ist nun mal so das für

Schöpferische und Neue Dinge in Unserer Gesellschaft nicht gezahlt wird. Wir leben aber in einem

Kapitalistischem System wo nur das einen Wert hat was mit Zahlen gemalt wird. Dafür wird gezahlt. Ist doch ganz einfach. Sicher versuche ich hier und da ein kleines Schmankerl einzubauen.

Und ich denke schon das meine Bilder äh Kopien eine eindeutige Sprache haben. Aber das spielt alles keine Rolle. Wichtig ist: Wird gezahlt oder nicht. Und diese Schmierfinkenda drüben gehören verurteilt! MALEN OHNE ZAHLEN IST FEIGE!! (schreit Kopierklaus)

Richterin: Ruhe bitte.

Verteidiger: (der Blick verzerrt) Keine weiteren Fragen.

(Schweigen im Gerichtssaal)

Verteidiger: Ich möchte nun den Haus-und-Hofs-Wolfshändler, den HHWH in den Zeugenstand

rufen. (HHWH (zinnober) trappt langsam und schwerfällig in dern Gerichtssaal) HHWH, Sie kennen die Maler schon sehr lang. Stimmt das?

HHWH: räusper (schleim löst sich von den Mundwinkeln) Äh - Ja.

Verteidiger: Wie lange schon?

HHWH: Sie kaufen bei mir schon seit vielen Jahren Malmaterial. Auch Wölfe und so was.

Verteidiger: Gut. Wissen Sie ob jemals jemand gezahlt hat.

HHWH: Ich weis nicht. Ich glaube nicht. Ich war mal zufällig als einzigester Gast bei einer

Ausstellungseröffnung. Lieferte Sachen an. Leisten und so was. Die Junsg sahen so traurig aus, da hab ich dann die Lieferung umsonst gemacht. Ich musste dann auch gleich mal auf die Hütte. Ich hatte da gerade so was mit dem Magen und ich glaube der Gestank hat sich ewig nicht verzogen.

Verteidiger: Wollen Sie sagen das sie eine zu zahlende Leistung kostenlos erbracht haben. Und damit Gezahlt für die Malerei?

HHWH: Äh, keine Ahnung - Äh - also, wenn sie so meinen.

Flutzky: Einspruch. Der HHWH hat nicht für die Malerei gezaht.

Richterin (ultramarin): Nicht stattgegeben. Fahren Sie fort Verteidiger.

Verteidiger (orange): Danke Richterin. HHWH, haben sie in Form einer Leistung für die Malerei der Maler gezahlt (er blickt so flehend)

HHWH: Ja. ich glaube ja.

Verteidiger: Danke! keine weiteren Fragen. (er lächelt)

Richterin: Gibt es Fragen der Anklage an den HHWH?

Flutzky: (blickt fassungslos) (mein sieg. so sicher. rinnt er mir nun aus der hand?)

Schweigen!

Richterin: Dann mögen sich die Geschworenen zur Urteilsfindung versammeln.

-

Richterin: (violett) Ich verlese das Urteil. Die Angeklagten Brushtrokepete und Seaofcolormick werden im Fall malen ohne Zahlen freigesprochen. Aufgrund der sehr geringen Zahlen werden sie aber für ein halbes Jahr gemeinnützige Arbeit auf der neuen Welt verurteilt und abgestraft.

Gras

Applaus. Klatsch. Jetzt gibt es etwas zu essen. Cool. Wie wäre es mit Musik? Was meint ihr? Gras geht zu den beiden Malern. Euch lassen wir gleich hier. Ihr sollt doch auch mit dabei sein. Er tritt zu

BSB. Schnippst mit dem Finger an das Lebenserhaltungssystem. Na, alles ok bei euch? Hier, Alter.

Er setzt ihm seine grasgrüne Sonnenbrille auf. Gras zündet sich eine Zigarette an, zieht und bläst grasgrünen Rauch aus. Ihr seid alle meine Freunde! Inzwischen servieren die mit dem Küchendienst beauftragten Farben ein Büffet: Erst mal haben wir hier alle möglichen Sorten von Kartoffeln.

Bratkartoffeln mit Speck. Saure Kartoffelstückchen. Kartoffelpuffer. Natürlich Kartoffelecken.

Frisch und knusprig. Hmm. Perfekt gesalzen! Einfach Klasse. Dazu Quark und Käse in allen

Variationen und ganz nach Belieben. Hier echte deutsche Butter. Jedenfalls nach dem Generator.

Auch Bauernfrühstück. Dazu haben wir natürlich leckere Gemüsevariationen. Leicht gegart hier und angebraten da. Das hier kann man sich Rührerei zusammenstellen und auch Gewürze selber noch dazufügen. Nur wenn man will. Natürlich haben wir Aufläufe jeder Art, da ist immer dick

Käse drauf. Das allerbeste kommt hier: Fisch und Fleisch. Tiefseefisch. Süß- und Salzwasserfische.

Muscheln auch, wer will. Hier eine wahre Köstlichkeit: Karpfen blau. Am besten mit Rotzkraut und

Salzkartoffeln. Natürlich haben wir auch Reisgerichte, Nudelgerichte, italienische und asiatische

Variationen. Eine große Auswahl an Soßen. Suppen. Käsesuppe hier. Da Pilze. Thailändische Küche auch. Das ist gut hier. Zum Nachtisch gebackene Banane. Hmm, das Wild ist auch besonders lecker.

Vom Gulasch - Rind und Schweinefleisch gemischt - haben wir hier die Variante mit Schwarzbier.

...

Alles war sorgfältig überall im Raum verteilt. Zwischen den Pfannen und Platten mit den Fischen und dem Fleisch standen Schüsseln mit Salaten. Auch Nudel- und Käsesalate. Süßspeisen, Kuchen,

Torten nach einer Generatorliste, Hier, koste mal den Kuchen mit Quark und Schokostreußeln.

Kommt her, ich lad euch alle ein! Hier, Kobalt, mein Freund. Ein Glas Whisky! Gras breitet die

Arme aus. Ihr seid alle meine Gäste, rülpst die hellgrüne Farbe schon betrunken. Und ihr beiden,

Orange legt brüderlich die Arme um die ohmächtigen Maler. Wollt Ihr auch einen Schluck? Das ist lecker, sag ich euch! Keine Antwort. Na ist doch Ehrensache. Ihr bekommt was in eure Schläuche!

Hey, wo bleibt die Musik! Wir sollten uns mal ne liveband da hin projizieren! Eh, ja! Das könnte so ne Art Bühne sein. Yeah!

Was wolt ihr hören? Queen vielleicht? Michael Jackson? Die Rolling Stones? Sex Pistols? Nee, die sind Schrott. Haha! Motörhead. Ich steh total auf Kiss! Ich mag Abba. Ach kommt schon, das ist doch alles Schnee von gestern. Lieber Radiohead oder Muse. Hmm. Stimmt, die sind cool. Ich brauch was Härteres. Nicht diesen Softiescheiß. Was mit Slayer oder Master of Puppets von

Metallica. Ich schau mal in den Generator. Hell, Yeah! Da sind nur Musikkristalle von einem

Musiker. Wirklich? Das ist ja grauenhaft! Ähm. Wer ist das denn? Peter Piek. Kennt den Jemand.

Nee. Hm. naja haut den mal rein. Was, ihr kennt Peter Piek nicht? Oh man. Der hat doch damals - ist schon lange her - jahrelang die Musik bedeutend geprägt und die Szene dominiert. Sein erster

Hit war so was wie Hey-yeah oder so. Das konnte man gar nicht oft genug hören! Cool, leg den

Song gleich mal auf! Ich kann mich noch erinnern, als ich den Song zum ersten Mal gehört habe.

Da war ich 14 und hatte gerade mein erstes Mal und da kam der Song im Radio. Das hat mich total stimuliert. Echt? Ist ja voll krass, eh.

Ja so war das. Hach, die alten Zeiten.. Ich hab mir dann zum Geburtstag den Single-Soundkristall gewünscht. Ich war damals in der Diskothek, da wurde das immer gespielt. Die Leute haben dann immer dieses Yehehehy mitgesungen. Aber meisten irgendwie anders... Der Song beginnt mit einem zweitaktigen Snarewirbel der gleichsam mit den Gitarren als Ghostenotes vollzogen wird schwingt sich auf zum Riff des Refrains (das ist die Liveversion). Man wartet auf das typische Yehehehey. doch kein Gesang. Dann hinein in die Strophe. Die stackatoartige groovige Strophe mit den charakteristischen Pausen. Alle Farben tanzen. Jubeln. Die Gitarren werden fetter, der Beat straighter. Es geht in die Bridge. Zwei Akkorde schieben sich langsam hin und her, mal 7, mal major 7. Dann endlich geht es in den Refrain. Das erlösende Gis-Dur und alle stimmen mit ein.

Ye-e-he-e-hey!

Sie tanzen. Tanzen scheinbar endlos weiter. Torkelnd, rauchend, sich dann umarmend, umtanzen sie sich. Die bewusstlosen Maler in der Mitte der Tanzfläche. Ye-e-he-e-heey Ye-e-he-e-hey! Karmin tanzt mit Ultramarin ganz eng. Sie tanzen im Takt. Ye-e-he-e-hey! Sie verschmelzen zu einer einzigen Malvenblütenfarbigen Figur. Ye-e-he-e-hey! Himmel legt Zitron und Ei den Arm um die

Hüften. Sie schimmern alle abwechselnd in Grüntönen. Von zartem pastelligem Schilfgrün bis zu lustvoll austöhnendem Koreagrün. Yellow it feels so right with you. Can't get enough! Yellow i'm drifting through you. Ein weiterer Song von Peter Piek's I Paint It On A Wall Album mit dem Titel

"You're So Right!" folgt nun. Kobalt dreht sich. Den Kopf nach oben. Schwebend, blaugrau.

Kobaltblau-dunstige Rauchwolken ausstoßend. There's Color in my Head. There's rain in my head. and there's - you. "Meteorite Flaot". Mal zu Chromoxid beugend. Ein malachitleuchtendes Knistern.

Mal Zinnober berührend. Mit tiefem Purpur belohnt. Schwebend mischen sich farbige Wölkchen im

Nebeldunst. Vermischen sich fast bis zur Auflösung in braungrauem Farbschlick. Dann wieder abstoßend, kurz rein aufleuchtend, dem Auflösen entegenrinnend. Stoßen sich ab, um sich wieder zu vereinen.

Draußen ist es dunkel. Das Raumschiff schwebt, mit stetig schwindendem Treibstoffvorat über den

Karftwerksruinen des Planeten. Die beiden Sonnen befinden sich nun auf der anderen Seite des kaum erforschten Planeten, den wohl ein grauenhaftes Schicksal ereilt hat. Ein Planet des Todes.

Einst voller Leben? Leicht fluoreszierendes Licht in wechselnden Farbtönen scheint vom

Raumschiff auf die Ruinen und die Schlacke, einzige Planetenoberfläche. Die Überreste der ehemaligen Bewohner. Das Raumschiff schwebt über dem Planeten. Vor 12 Tagen rettete es die

Maler aus dem Gefängnis und sollte sie sicher zu einer neuen Welt bringen, auf der sie zusammen mit den Farben etwas ganz Neues hätten erschaffen können. Seaofcolormick. Brushstrokepete.

Bewusstlos, angekoppelt an ein Lebenserhaltungssystem dessen Energiereserven bald aufgebraucht sein werden. Bewusstlos, kraftlos und ohne irgendeine Hoffnung, je wieder aus dem Koma zu erwachen.

Schwarzweiß

...Farbe in Eimer. Weißes Licht. “Guck mal!” Schwarze Schlingkleckse wie Würmer. Über das Weiß gezogen. Weiß zu Schwarz. Ein Vogel blau. Und gelb – Sonne, sie leuchtet im Vertikalgrau. Das

Grau frisst die weiße Ebene. Grauer Zehenaufschlag. “Schönes Bild, nicht?” Das Rot greift an, zuerst die Flanke rostig, dann nach vorn sich blutend, durch das feldige Graumeer, einzelne

Weißinseln entdeckend. “Mach mal so.” Die Schrift tropft pfirsichrosa ins Schlickschwarz.

S...C...M. “Da vorn ist Seaofcolor.” Von der Seite eine Hand. “Das war Brushstroke.”

Blattoberseitengrün von links. Links ist rechts. Oben ist unten. Blau ist Himmel. Darauf trampeln fünf Zehen. Zehn Zehen. Zwanzig Zehen. Orange sabbert. Signatur. B...S...P. “Pssst...Existiert das

Bild noch?”

...Zeichen, Linien. Versuchen Buchstaben zu formen. Aber es ist nicht das Schreiben. Es ist die

Malerei. Farbe. Hier und da entstehen Dinge. Zuerst wurde es kalt. Und die Farben verschwanden.

Die 12 Farben und Schwarz und Weiß waren zusammengeschmolzen. Das Nichts ist nicht. Ich dachte das wäre es gewesen. Ich dachte von hier geht es nicht weiter. Wie das Ende einer

Sackgasse. Oder ein Fluss versperrt den Weg und keine Brücke. Nein. Wirklich endgültig.

Chancenlos. Vielleicht mit einer Chance. Man hätte es aber nicht geglaubt. Wäre nie auf die Idee einer Chance gekommen. Doch dann fing es an. Hier und Da. Da und Dort. Farbe. Knubbel. Linien.

Plötzlich war alles irgendwie besser. Als hätte Leben Leben neu eingehaucht bekommen. Nie könnte ich aufzählen was passierte. Die Farben oder Linien. Ich schloss die Augen und es war da.

Ich öffnete die Augen und es war immer noch da.

Michael Goller / Peter Piek 2009

Anhang

Malfront-Interviews

Anliegen und Bilanz der unabhängigen Künstlerinitiative

Interview zur Gründung der Künstlerinitiative Malfront August 2003

Ein Jahr Malfront-Grundstudium: Trimester-Abschlussbericht November 2004

Malfront-Vordiplom: Bilanz zum Grundstudium Oktober 2005

Abschluss des Zwischenstudiums August 2006

Zur Auflösung von Malfront im April 2007

Kommentare zu Malfront

Fragen von Mike Wassermann an Michael Goller und Peter Piek zur

Neugründung der unabhängigen Künstlerinitiative Malfront (Malfront-Interview)

MW:

MALFRONT – Was ist das?

PP:

Malfront, das ist Malerei.

Und Malerei, das ist Leben.

MG:

...Leben in einer sehr intensiven Form, durch Malerei transformiert.

MW:

Malerei ist der eine wesentliche Punkt. Und wo verläuft die Front?

PP:

Die Front verläuft einerseits zwischen uns und der Leinwand, andererseits aber auch zwischen der

Leinwand und dem Betrachter.

MG:

Die Front verläuft immer ganz vorn, direkt am Leben. Oft wird die Front überhaupt nicht wahrgenommen, da es – sicher auch durch die Erwartung an Medien – zu einer Zuschüttung der

Sensibilität für Malerei gekommen ist.

Malfront will entschütten, denn die Malerei ist kein bloßes Medium und kein bloßer Inhalt, sondern steht vor allem auch für sich allein, eine eigenständige Seinsform, die, wie wir glauben, an der Front sich befindet...

MW:

Warum Malfront und warum gerade jetzt?

PP:

Die Zeit ist reif für Malfront.

Es braucht einen neuen Gedanken für die Malerei.

Und die Malerei braucht eine erneute Befreiung von Malerei.

Ein Kind dieser Zeit.

MG:

Maler an die Front!

MW:

Was unterscheidet eure Arbeit von anderen Standpunkten zeitgleicher Malerei?

PP:

Unsere Arbeiten sind Seele.

Der Ausdruck von Befindlichkeit. Und eben Leben.

Viele unserer Zeitgenossen sind meines Erachtens nach ungeheuer verkrampft. Viele benutzen

Malerei als Datenträger für sinnloses Gepampel. Damit wird die Malerei vergewaltigt.

Das heißt, ich fühle viele zeitgenössische Werke als nicht unserer Zeit entsprechend, das ist bei

Malfront anders.

MG:

Die Eigenständigkeit des Ausdrucks ist ein gemeinsames Ziel. Natürlich gibt es immer Traditionen, sehr starke sogar, die sollen keineswegs negiert werden, vielmehr erscheint es uns wichtig, neue

Spielregeln für die Malerei zu erkennen, ja sogar neu zu erfinden…

MW:

Beide geltet ihr bisher als Quasi-Außenseiter bezogen auf etablierte Kunstströmungen, als Enfant terrible in akademischen Hierarchien und als Querschläger im Kunstbetrieb. Wie geht ihr damit um?

PP:

Es ist in der Tat nicht leicht als Enfant terrible. Eine Zeit habe ich gebraucht, Um das zu verarbeiten.

Sehr bitter. Aber es bestärkt mich auch. und zeigt mir, daß Malfront wichtig ist und wichtig wird.

Malfront ist die Befreiung.

Inzwischen fasse ich es als Kompliment auf, mit meiner Malerei zwischen unfreien, starren, unbewegten und ängstlichen Kunsterstickern unangenehm aufzufallen.

Wohlbemerkt störe ich mit meiner Malerei. Und mit nichts sonst...

MG:

Die Eigenständigkeit ist ein wichtiges und verheißendes Gut. Die Kunstströmung strömt, wo Platz ist zum strömen und der Strom ist letztlich eine verdichtete Masse. Das sagt doch nichts über die

Zusammensetzung des Wassers aus…

MW:

Hand aufs Herz, findet ihr eure Bilder gut?

MG:

Logisch.

...ich finde sie zunächst mal notwendig, als Aufzeigen und Lösen von Problemen, die sonst nicht gesehen werden.

...und als Seinsform, die nur dank des Schaffensprozesses existiert.

PP: (führt die Hand zum Herz)

Ja! Die Bilder sind gut!

MW:

Wann sind die Bilder besonders gut?

MG:

Besonders gute Bilder sind die, welche sich Unbekanntem stellen, von ständigem Scheitern bedroht sind und sich aus der existentiellen Verzweiflung heraus aufrichten und losfliegen…

Übrigens gute Bilder können in allen Lebenslagen entstehen, objektive Kriterien sind mir nicht bekannt.

...oder ich habe versucht, sie als überflüssig zu vergessen...

PP:

Ein Bild ist dann richtig gut, wenn es zeitlos, und doch in der Zeit ist.

Wenn man aus dem Bild lernen kann.

Wenn es Fragen hat, die faszinieren.

MW:

Zur Lösung welcher Probleme ist die Malerei eurer Meinung nach fähig.

PP:

Die Malerei hat solange es sie gibt nicht wirklich etwas verändert. Ich spüre allerdings daß mir die

Malerei Kraft gibt. Die Malerei heilt mich.

Und es ist unsere Verantwortung, den Menschen die Möglichkeit zu geben sich an der Malerei heilen zu können. Ich würde mir wünschen, daß mehr Menschen diese Möglichkeit erkennen und nutzen würden.

Das wäre wundervoll.

MG:

Um diese ihr gemäße Wirkung zu erreichen, muß die Malerei vor allem als Malerei gesehen werden

...und nicht als Transportmedium für Inhalte aller Art oder als Inhalt zur Füllung der

Transportmedien.

...deshalb ist es unumgänglich, die volle Gültigkeit dieser verantwortungsvollen und komplexen

Seinsform zu akzeptieren...

Malerei ist eben vor allem Malerei.

MW:

Seht ihr die Gefahr, als Maler durch den Filter bekannter Maler-Klischees betrachtet zu werden?

PP:

Über so etwas mache ich mir keine Gedanken.

Zum Teufel mit den Klischees.

MG:

...!

MW:

Mit nur zwei Künstlern gibt sich Malfront sehr elitär. Denkt Ihr künftig an eine personelle

Erweiterung?

MG:

Malfront ist offen für die Zukunft und durch keine Satzung oder ähnliches eingeschränkt. Wir sind kein Verein oder sonstige Institution sondern eine Initiative, die sich auf privatem Engagement und

Visionen gründet, da ist viel möglich.

PP:

Einen großen Zufall wird es wohl brauchen, um Malfront zu erweitern, was ich prinzipiell begrüße.

MW:

Ihr glaubt an die Wirkung eurer Malerei. Wie wollt ihr es schaffen, daß andere Menschen daran glauben?

PP:

Ja, wir glauben an unsere Malerei. Und ich bin davon überzeugt, daß dieser Glaube früher oder später ein große Zahl von Menschen erreichen und bereichern wird. Da mache ich mir keine

Sorgen.

MG:

Malen. Malen. Malen.

PP:

Genau!

MW:

Zur Gründungsausstellung am 31. August: Mit dieser ersten Ausstellung und Aktion mit dem Titel

„Schöne Grüße von der Malfront“ tretet ihr erstmalig in der Öffentlichkeit als Malfront in

Erscheinung. Die Bilder der Ausstellung sollen alle an einem Tag entstehen. Steht bei einer solchen

Malaktion nicht zu sehr der reine physische Prozeß im Vordergrund und wirkt das nicht etwas unernst?

PP:

Nein.

die physische Beanspruchung und Belastung, die zweifelsohne entstehen werden sind ein

Teilaspekt. Eine neue Erfahrung. Denn über einen Zeitraum von einem Tag konzentriert zu malen.

Das haben wir beide noch nie versucht.

Eine Herausforderung.

Denn gewöhnlich ist man nach einem höchsten zwei Bildern schon sehr geschafft. Aber im

Vordergrund soll und wird das Malen stehen. Nicht unsere Physis.

Wir haben deswegen bewußt entschieden, den Besuchern den Zutritt zu der Aktion zu verwehren.

Eine Entscheidung für das Malen, und die Bilder.

MG:

Die Schnelligkeit der Ausführung (übrigens nur eine scheinbare, die Vorarbeiten im Kopf haben längst begonnen) setzt den zeitlichen Rahmen für die Malaktion und betont gerade die

Verantwortlichkeit für die Malerei - daß nämlich der Prozeß eine konzentrierte Aussage ermöglichen soll und keine Materialvernichtungsschlacht ist. Wir setzen keine Superlative, wie "so und so viel Quadratmeter Leinwand in so und so viel Stunden". Darum geht es nicht, das mögen andere tun.

Wir nehmen Malerei ernst.

Wir glauben an die Bedeutung von Malerei.

Malerei bedeutet.

Was sie bedeutet, daß ist herauszufinden oder vielmehr herauszumalen...

MW:

Wo soll’s in Zukunft hingehen?

PP:

Wir werden einfach geile Bilder malen..

Man wird nicht an uns vorbeikommen.

MG:

Die Malfront-Zukunft wird allen Betrachtern ein glückliches und erfülltes Leben bringen.

Chemnitz, 4./5.August 2003

Fragen von Mike Wassermann an Michael Goller und Peter Piek zum einjährigen

Bestehen der unabhängigen Künstlerinitiative Malfront (Malfront-

Trimesterabschluss-Bericht I)

MW:

Ein Jahr Malfront-Trimester-Studium. Was hat es gebracht?

PP:

Unglaublich viel! Jedes einzelne Trimester war eine Herausforderung und ist eine nachhaltige

Bereicherung geworden.

MW:

Was ist eigentlich ein Trimester?

MG:

Ein Trimester ist ein zeitlicher Abschnitt innerhalb des Malfront-Studiums. Ein Vierteljahr lang bearbeiten wir ein bestimmtes Thema. Dadurch sollen drängende Fragen malerisch ausgelotet werden und die persönliche künstlerische Entwicklung katalysiert werden.

MW:

Ein Vierteljahr malt ihr jeweils Bilder zu einem vorgegebenen Thema. Ist das nicht eher eine

Einschränkung der natürlichen künstlerischen Entwicklung?

PP:

Nein. Die Trimesterthemen werden nach langer Vorüberlegung sehr bewusst ausgewählt.

Erstaunlich war es, dass wir uns immer einig waren, und zur selben Zeit die selben Aufgaben für sinnvoll hielten. Außerdem ist es natürlich an jedem, auch während des Trimesters noch trimesterunabhängige Bilder zu schaffen. Allerdings mit Ausnahme des Schwarzweiß-Trimesters, wo es uns darauf ankam über einen Zeitraum von einem Vierteljahr nur mit Schwarz, Weiß und

Grau zu malen. Damit wollten wir eine mögliche Flucht zur Farbe unterbinden. Wir handhaben das sehr individuell.

MW:

Schwarz-Weiß-Trimester? Welche Trimester gab es eigentlich seit der Gründung von Malfront im

August 2003?

MG:

Selbstbildnis-Trimester, Hässlich-Trimester, Schwarzweiß-Trimester, Gestisch-Trimester, Kopier-

Trimester. Das ist das aktuelle.

MW:

Das hört sich an, wie eine wahllose Aneinanderreihung von zufällig gewählten Aufgaben. Wie passt das alles zueinander?

PP:

Das Trimesterstudium ist ja nicht der Anfang unseres Schaffens. Es setzt vielmehr eine künstlerische Entwicklung voraus und ist genau und ich muss sagen perfekt auf uns abgestimmt.

Ein Studium, was man so nirgends bekommt. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste.

MW:

Worum ging es im Selbstbildnis-Trimester?

PP:

Zielsetzung war eine Serie kleinformatiger Bilder. Das Format ungefähr vorgegeben. Ansonsten gab es keine Satzung, was einen spielerischen Umgang ermöglichte.

MG:

Selbstbildnis und Format (etwa 40 x 30) waren Bedingung. Und eine Serie zu entwickeln.

Selbsterkenntnis darüber war das erste Malfront-Trimesterziel. Bei Peter entstand eine Serie von 14

Gemälden, die verschiedene Persönlichkeitsschichten reflektierten: „Selbstbildnis als Indianer“,

„Selbstbildnis als Schmetterling“, „Selbstbildnis als Mörder“ und andere. Bei mir waren drei Serie von je drei bis fünf Bildern das Ergebnis: „Selbstbildnis mit Kopfhörer“, „Selbstbildnis mit

Staffelei“ und „Selbstbildnis mit rot“.

MW:

Ist die Selbsterkenntnis greifbar geworden?

PP:

Naja. Es war eine Beschäftigung mit mir, die gut getan hat und wichtig war. Ich hatte mir überlegt, was ich alles bin oder auch sein könnte. So entstanden dann unter anderem „Selbstbildnis als Kind“,

„Selbstbildnis als Ikone“, „Selbstbildnis als Maler“. Das letzte war „Selbstbildnis als Mensch“, vielleicht auch das ehrlichste Bild.

MW:

Was ist malerisch passiert?

MG:

Ich habe die Zeichnung noch separater behandelt, so das Zeichnung und Farbflächen in völlig unterschiedlichen Schichten lebten. Dadurch die Zeichnung mehr für sich stehen lassen. Insgesamt sind dann die Arbeiten immer lockerer geworden gegen Ende einer Serie. Auch dass die Serie eigene Entwicklungsstufen durchläuft. Und bei mir kam heraus, das nach etwa fünf Bildern die

Serie sich malerisch erschöpft und ein weiterarbeiten nur noch Methode wäre.

PP:

Bei mir hat eine sehr dynamische Entwicklung in der Serie eingesetzt. So ein wenig wie eine quadratische Funktion.

MG:

Peters Bilder sind gegen Ende immer pastoser und dichter geworden. Am Abschluss des Trimesters haben wir ein Bild getauscht. Jeder konnte sich aus den Bildern des anderen das jeweils beste Bild heraussuchen. Eine sehr subjektive Entscheidung. Dabei habe ich „Selbstbildnis als Rockstar“ gewählt, ein neongelb leuchtendes Bild mit betont klarer Linie, was etwa aus der Mitte der

Gesamtserie stammt.

MW:

Ihr habt die eurer Meinung nach besten Bilder getauscht. Das war sicher nicht leicht, sich von seinem besten Bild zu trennen.

PP:

Oh nein, das war eine harte Sache. Aber ich bin froh, dass ich jetzt einen Goller habe. Und dazu ein

Selbstporträt. Es hat einen guten Platz in meinem Atelier bekommen. Oft stehe ich eine Weile

davor. Aber ich hänge natürlich sehr an meinen Bilder, so dass es natürlich hart war. Allerdings habe ich ja noch dreizehn. Nein zwölf.

MW:

Gab es eine Ausstellung?

MG:

Ja, es gab eine Trimester-Abschlussausstellung in Leipzig. Dazu haben wir als Gastkünstlerin Uta

Schotten aus Köln eingeladen, eine Malerin der Düsseldorfer Schule, die fast ausschließlich

Selbstbildnisse in ihren Werken thematisiert. Leider mussten alle ausgestellten Arbeiten bei

Kerzenlicht betrachtet werden, da in den Ausstellungsräumen kein elektrisches Licht vorhanden war. Dirk Hanus hat die Ausstellung übrigens dokumentiert.

PP:

Wichtig im ersten Trimester war das Thema Serie als solches zu behandeln. Herauszufinden, inwieweit die Serie nützlich oder unnütz sein können. Hierzu gibt es auch ein Statement von

Michael.

MW:

Was war dann das nächste Trimester?

MG:

Im nächsten Trimester ging es darum, hässlich zu malen.

MW:

Warum?

MG:

Um die innere Grenze zu überwinden.

PP:

Um frei zu werden, vom Wollen.

MG:

Um bewusst so zu malen, wie man sonst bewusst nicht malt.

MW:

Hat das geklappt?

PP:

Ja. und Nein.

MW:

?

PP:

Ja in der erreichten Befreiung. Nein, weil es uns nicht gelungen ist, hässlich zu malen. Im

Gegenteil. Es sind sehr schöne Bilder geworden. Aber Schönheit ist Geschmack und darüber streitet man nicht. Darum ging es auch nicht unbedingt. Vielleicht ist das Wahre das Schöne. Und wir sind keine Lügner.

MG:

Das Ergebnis ist der Verzicht auf die Kategorien Schön und Hässlich. Also eine Befreiung. Das

Malerische liegt nicht im Schönen und nicht im Hässlichen. Das war ein sehr wichtiger Innerer

Prozess. Also auf alle Fälle eine Befreiung. Denn die Bilder, die im Laufe des Hässlichtrimesters entstanden sind, sind alle sehr malerisch geworden.

MW:

Mit welchen Mitteln habt ihr versucht, das Hässliche zu erreichen?

PP:

Eigentlich mit allen. Deformation. Benutzung von Grausigsten Farbkombinationen. Geschmiere.

Gesabber. Es hat alles nicht zum Hässlichen geführt. Im Gegenteil. Jetzt gibt es für mich keine hässlichen Farbkombinationen mehr, was die Farbe in unserer Malerei erheblich befreit hat.

MW:

Wie haben eure Mitmenschen darauf reagiert?

MG:

Mit Unverständnis. Es ist schwer zu vermitteln. Allerdings wurden von einigen die betont

malerischen Ergebnisse beachtet. Die Meisten zuckten mit den Schultern. Ich würde nicht soweit gehen, dass wir seitdem keine Freund mehr haben, aber die Einsamkeit unseres Standpunkts wurde schon deutlich spürbar, am meisten unter Künstlerkollegen.

PP:

Jo

MW:

Es gab auch eine Ausstellung im Regierungspräsidium. Hier ist das Plakat: „untrockene Bilder“ in der die Ergebnisse des Hässlichtrimesters vorgestellt worden. Wie reagierte die Öffentlichkeit?

PP:

Die Besucher haben sich wie mir schien sehr angeregt über die Bilder unterhalten. Allerdings wurde das Thema Hässlich scheinbar übergangen. Damit konnte niemand, den ich kenne etwas anfangen.

Mal von Michael abgesehen. Wir hatten zur Ausstellung und zum Trimester den Frankfurter

Künstler Henning Straßburger eingeladen, der mit einem einer seiner pornografischen Bilder fast einen kleinen Skandal auslöste.

MW:

Frustration?

MG:

Keineswegs. Es ging um Grenzüberschreitung und Erkenntnis. Da hat sich viel bewegt.

MW:

Habt ihr diesmal auch ein Bild getauscht?

PP:

Nein. Wir haben jeweils von dem anderen eine Zeichnung aus dieser Zeit. Ich hätte gerne eine kleine Goller Sammlung. Aber bis jetzt ist es bei einem getauschten Bild geblieben. Man braucht

Kapital.

MW:

Hat das Hässlich-Trimester in die Zukunft gewirkt?

MG:

Unbedingt! Der Transformationsprozess der Wahrnehmung ist geblieben, worüber ich sehr froh bin.

Also die Akzeptanz des Hässlichen ist geblieben und das bereichert jedes Bild, was bis heute und wohl auch in Zukunft entsteht.

MW:

Was kam nach den „hässlichen“ Bildern?

PP:

Das Schwarzweiß-Trimester schloss sich im Frühjahr an.

MG:

Wir wollten wie schon beim Hässlich-Trimester auf etwas uns beiden Wichtiges bewusst verzichten

– die Farbe – und die Bilder nur mit schwarz und weiß malen. Ziel war es, herauszufinden, ob trotzdem malerische Bilder möglich sind.

MW:

Sind sie das?

MG:

Und ob.

PP:

Sehr malerisch sogar. Ich wollte immer schon mal schwarzweiß malen. Obwohl es hart war. Da mir

Farbe sehr sehr wichtig ist. Gerade strukturell hat es meine Entwicklung stark beschleunigt. Grau war für mich immer das „böse“ Grau. Doch es ist Farbe. Absolut!

MW:

Die Idee, schwarzweiß zu malen, ist nun überhaupt nichts Neues. Das machen viele andere Maler auch.

MG:

Für uns ist es aber eine bewusste Einschränkung, um die Position des in unserer Malerei wichtigen

Bedeutungsträgers Farbe besser kennen zulernen. Und ein Aufbrechen der eigenen Wahrnehmung, eine Art Selbstüberwindung.

PP:

Es geht nicht um Andere, sondern um Malerei. Und da muss man sehen, wie man weiterkommt.

Dies ist unbedingt erreicht worden. Seitdem malen wir sehr oft mit grau.

Was ungeheuer bereichert hat.

MW:

Tatsächlich ist das in euren neueren Arbeiten zu sehen. Wie ging es danach weiter?

MG:

Mit dem Gestisch-Trimester im Sommer. Eigentlich fing das Gestisch-Trimester schon eher an, mit dem ersten Dunkelbild.

MW:

Das war die Aktion mit den Augenklappen. Oder? Ich erinnere mich noch an einen Zeitungsartikel.

PP:

Ja, der Artikel hat großes Interesse erweckt. Es war auch eine sehr außergewöhnlich Aktion.

MG:

Wir wollten ja eine möglichst reine Bewegung aufs Bild projizieren. Das wesentliche Hindernis dabei ist die visuelle Wahrnehmung, die optische Kontrolle mittels der Augen, die den reinen

Gestus korrigiert, ja sogar behindert. Also unterbanden wir bei der ersten Dunkelbild-Aktion diese optische Rückkopplung. Zuerst malten wir ein Bild im Dunkeln und später dann mit Augenklappen, um eben die absolute Dunkelheit zu erzielen. In weiteren Aktionen, wie zur Museumsnacht oder bei der Dunkelkammer, wo wir blind einen ganzen Raum ausmalten, näherten wir uns einem absoluten

Gestus an. Ja. So sehr, dass der reine Gestus in den Einzelbildern seither mit präsent ist, auch ohne

Augenklappen. Im letzten Jahr gab es übrigens schon eine Menge experimentelle Arbeiten in der

Richtung, wie das Fußbild oder zahlreiche Zeichnungen und Bildteile, die blind gemalt wurden.

Erst nach diesen Aktionen schien irgendwie die Zeit reif für ein Gestisch-Trimester, was in den

Einzelbildern die Erkenntnisse mit aufnimmt.

MW:

Das Fußbild und die Dunkelbilder waren in der Öffentlichkeit sehr stark diskutiert worden. Welche

Ergebnisse sind als Einzelbilder entstanden?

PP:

Wir haben viel aus den Dunkelbildern gelernt. Dass hat uns in Bezug auf unseren eigenen Bilder sehr geholfen. Ich meinen eigenen Arbeiten habe ich mich allmählich zum reinen Gestus vorgearbeitet. Von „fliegenden Blumen“ über eine Reihe von Gestischen Bildern aus der Reihe

„Zwei Köpfe“ hin zu Bildern, mit reinem Gestuss, den ich in Nr.:25 und Nr.:26 auch ohne

Augenklappen erreichte. Ja zum Schluss war es auch ohne Augenklappen möglich zu malen ohne bewusst zu schauen. Es war eher so wie: aha hier ist die Leinwand – dann drauf mit der Farbe.

MW:

Gab es einen Trimester-Abschluss?

MG:

Als letzte Aktion fand „Wer zuerst kommt malt zuerst statt“. Auf eine Insel schwimmen, dort mit

Farbe einreiben, also mit Eimern übergießen und auf eine große auf dem Boden liegende Leinwand abdrücken. Die seitdem entstandenen Einzelbilder profitieren alle von dem Gestisch-Trimester.

MW:

Wie würdet ihr das erste Trimesterjahr bilanzieren?

MG:

Schön, dass die Malerei und die damit verbundene künstlerische Entwicklung im Mittelpunkt stand.

Damit wird es weitergehen. Die Bilanz ist, was die entstandenen Bilder anbetrifft, überraschend.

Dass Malfront wesentlich zur malerischen Entwicklung beitragen kann.

MW:

Wie viele Trimester wird es noch geben, wann und wie wird das Malfront-Trimester-Studium

abgeschlossen sein?

MG:

Es gibt konkrete Themen für die nächsten vier Trimester, danach ist alles offen. Auch der zeitliche

Tausch der Trimester ist bis Trimesterbeginn noch möglich. Ebenso offen ist, wann ein Vordiplom an der Zeit ist, das kann nach acht Trimestern sein, vielleicht auch erst nach sechzehn. Wer weiß.

Danach kommt erst das Trimester-Hauptstudium, wenn die für uns wichtigsten Themen bewusst bearbeitet sind.

MW:

Wie wird dann das Hauptstudium aussehen?

PP:

Das wird sich ergeben.

MW:

Nun, didaktische Arbeitspläne sind an sich ja nichts Neues. Was soll denn bei eurem Studium das

Neue sein?

PP:

Es geht nicht um das Neue an sich. Es geht um Malerei. Ob dabei etwas Neues entsteht und was es ist, das lässt sich noch nicht genau sagen. Allerdings denke ich, dass es etwas Neues ist.

MG:

Das Neue offenbart sich erst durch die Arbeit.

MW:

Aus den vorherigen entnehme ich, dass es einen Abschluss geben könnte. Ein Malfront-Diplom sozusagen. Welchen Stellenwert hätte das, also wie legitimiert ihr diesen Abschluss?

MG:

Es geht nicht um Legitimation, sondern um das Studium.

PP:

Mike. Schau dir die Bilder an, und schau sie dir lange und in Ruhe an, und du wirst feststellen, dass unsere Bilder nur sich selbst und sonst keine Legitimation brauchen.

MW:

Können Außenstehende am Trimesterstudium teilnehmen?

PP:

Ja. Man kann sich bewerben. Teilweise gehen wir sogar auf Künstler, die wir schätzen zu. Fragen diese ob sie Lust hätten, an bestimmten Trimestern als Gastkünstler teilzunehmen.

MW:

Vielen Dank für das Gespräch.

Chemnitz, 28.11.2004

Mai 2005: Nachtrag zum Trimesterabschlussbericht:

MW:

In Bezugnahme auf euer Ausstellung im Voxxx, die ihr gerade vorbereitet, möchte ich gern noch einmal näher auf das Fußbild eingehen, was immerhin den Hauptteil der Ausstellungskonzeption bildet. Welchen Stellenwert hat das Fußbild für den nun schon zwei Jahre dauernden Malfront-

Dialog?

Malfront:

Tja. Keine Ahnung. Wir haben noch wenig darüber geschrieben bis zum jetzigen Zeitpunkt. Das liegt eben daran. Ich kann es nicht sagen. Es ist noch zu wenig erforscht. Innerlich, meine ich.

Naja, aber es war das erste Malfront-Aktionsbild. Insofern hat es eine hohe Bedeutung.

MW:

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Malfront:

Die Idee zum Fußbild kam während des Malens zur Gründung von Malfront.

MW:

Das war ja "Schöne Grüße von der Malfront".

Malfront:

Ja, genau.

MW:

Das Fußbild ist also aus der künstlerischen Arbeit heraus entstanden. Wie hat es das nachfolgende

Werk beeinflusst?

Malfront:

Das Fußbild war ein Forschen. Ein Schauen, was dabei herauskommt. Es hat zu einer persönlichen

Entwicklung beigetragen. Als wir das fertige Fußbild nach dem Malen das erste Mal an die Wand hingen und es komplett sahen, wussten wir nicht, ob es gut war: Wir wussten nichts mehr. Es war

überhaupt nicht einzuordnen. Aber es hat andere Sachen losgetreten. Die Dunkelkammer und die

Dunkelbilder sind erst durch das Fußbild möglich geworden. Es hat zum Hässlich-Mal-Trimester geführt und beispielsweise Michaels A4-Bilder und Peters spätere Nummernbilder hinsichtlich der

Fläche stark beeinflusst.

Der Kompositionszwang fiel dadurch weg. Das Fußbild war die Befreiung von der Diktatur der

Gestaltung im Bild. Also. Ungeheuer bedeutend.

Fragen von Mike Wassermann zum Abschluss des Malfront-Grundstudiums

(Trimester Abschlussbericht II)

MW:

Letzte Woche war die Verteidigung der Malfront-Vordiplom-Bilder. Wie kann man sich das vorstellen?

PP:

Ja. Das lief sehr klassisch ab. Das Bild wurde der Prüfungskommission vorgestellt. Darauf hin folgten Fragen. Versucht wurde das Bild zu verreißen, was schwer war. Ziel war im Gespräch in lockerer Form auf unsichtbare Teile des Bildes hinzuarbeiten. Weiterkommen quasi. Dem Eisberg ein Stück mehr unter den Rock schauen.

MW:

Das Malfront-Vordiplom stellt, wie ihr sagt, nun den Abschluss des Grundstudiums mit den vierteljährlichen Themenaufgaben dar. Was waren die Themen des Grundstudiums?

MG:

Nach den ersten vier Trimestern (siehe Trimesterabsschlussbericht I) folgte das Kopiertrimester.

Hier bestand die Aufgabe darin, Bilder der Kunstgeschichte auszuwählen und mit eignen Mitteln zu interpretieren.

MW:

Welche waren das?

MG:

Ich habe ein Bild von Marc Chagall ausgewählt „Über den Dächern“, zwei Köpfe von Amedeo

Modigliani und „mechanische Elemente“ von Fernand Leger. Die Bilder habe ich dann in ungefähr den gleichen Originalformaten umgesetzt, um auch von der Struktur zu lernen.

MW:

Hat das Kopiertrimester nicht eher die eigene Handschrift eingeschränkt?

PP: Nein. Nein. Kein technisches Kopieren, sondern ein interpretieren. Im Gegenteil diente es einer

Bewusstmachung

Der eigenen Merkmale. Herausforderung war es dann beides zu verbinden. Ich wählte einen

Kirchner (Fränzi vor geschnitztem Stuhl) und legte eine Rhythmusebene darunter.

Das Ergebnis sollte zwei Dinge zum Ausdruck bringen. In diesem Fall: du schaust dir das Bild an und stellst fest das es ein von Piek interpretierter Kirchner ist.

MW:

Nach welchen Kriterien habt ihr die Vorlagen ausgewählt?

PP: die Kriterien waren völlig frei. Es gab keine. Man hätte völlig uneingeschränkt alles nehmen können. Ausgewählt haben wir dann nach unseren persönlichen Interessen. Bei mir entstanden noch

vier Bilder von Aleksey von Jawlensky mit mystischen Köpfen und Heilandsgesichtern. Bilder wo ich mich sehr hingezogen fühle. Wo ich mir sicher war, dass Sie mir etwas sagen wollen und mich weiterbringen. Ein großes Bild von Kandinsky. Außerdem eher Gedanken und Ideenkopien: also

Interpretieren von Bildauffassungen von Picasso, Newman, Gruppe Kobra, Mondrian und auch von dem Nichtmaler Rodin. Chagall hätte ich auch gern gemacht, aber das hat Michael übernommen, und ich kann mir das Bild anschauen.

MW:

Was hat euch Das Kopieren und Interpretieren gebracht

MG:

Eine erhöhte Wertschätzung der interpretierten Kunstwerke.

PP:

Bei Jawlensky und Kirchner hab ich viel über Farben gelernt. Außerdem versuchte ich den Heiligen

Aspekt in den Bildern Jawlenskys für mich eigen zu machen. Über Newman und Mondrian bin ich zu den geteilten weiß und natur Untergründen gekommen mit denen ich seit zwei Monaten experimentiere. Hat also ein Jahr gedauert bis es angekommen ist.

MW:

Wie kam es zu der Idee, mit einem „Plakativ-Trimester“ weiterzumachen?

MG:

Dass unsere Bilder einen plakativen Aspekt besitzen, haben wir beide durch Betrachtermeinungen erfahren. Das war nun der Anlass, nach dem Plakativen an sich in den Bildern zu suchen.

MW:

Und, habt ihr es gefunden?

PP:

Naja. Sagen wir, wir sind der Sache deutlich näher gekommen.

MG:

Für mich war das Ergebnis irgendwie überraschend, da diese Plakativ-Bilder nicht weit entfernt von meiner zentralen Bildauffassung liegen, als Serie sich gar nicht vom restlichen Werk abgrenzen.

PP:

Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich beim Plakativtrimester überhaupt gemalt habe. Wirklich nicht. Und das ist schon krass. Bedeutet aber das alle meine Bilder im gewissen Grade plakativ sind. Das Trimester hat eher die typischen Seiten meiner Malerei verstärkt. Mir sind gerade zwei

Bilder aus der Zeit eingefallen. Da hängen sie.

MW:

Ah, ja, sie sind sehr rhythmisch. Eigentlich sehr typisch.

MG:

Das plakativmalen hat dann auch zu maltechnischen Experimenten geführt. Peter hat seitdem auf

Naturgründen gemalt und ich habe angefangen, die Leinwände grau zu grundieren.

MW:

Als letztes Trimesterthema kam dann „Fotografien als Vorlage“. Eigentlich unerwartet für Künstler, die gerade das gestische an der Malerei betonen?

PP:

Ja sehr unerwartet. Das ist eine Sache, die ich im Grunde ablehne (siehe Text: über Zeit in der

Malerei). Ich hab mich ein wenig dazu zwingen müssen. Es hat dann mit pornografischen Motiven funktioniert. Wenn man etwas ablehnt sollte man es trotzdem untersuchen, um zu erfahren warum man es ablehnt und um seine Meinung zu konkretisieren und zu schärfen.

MG:

Die Herausforderung bestand darin, eine Position zur Fotografie zu finden. Ich bin im ersten Ansatz eher gescheitert. Da hatte ich Fotos quasi malerisch umgesetzt, Fotos aus dem dritten Reich vor allem. Dann kam ein Umkehrpunkt und die letztlich entstandenen Trimesterbilder, betonen nicht das Thema sondern Zitieren eher das Fotografische in Ausschnitten.

MW:

Das sind dann diese Landschaften mit den Zeichnungen nach den Barbieobjekten. (zeigt auf eine

Serie kleiner Bilder mit horizontalen grün und blauen Strichen, die Zeichnungen wie Mengentext umfließen)

MG:

Genau.

MW:

Wie ging bei dir (zu Peter) der Kampf zwischen dem Malerischen und dem Thema aus?

PP:

Hmm. Es war ganz gut. Das Thema hat Spaß gemacht. Vor allem das Aussuchen der Fotos im

Internet. Die hab ich dann in der Hochschule ausgedruckt. Zu irgendwas muss sie ja gut sein. Es war eher ein Kampf mit der Langeweile. Nur mit Pornografie war es möglich diese zeitweise zu unterbinden. Ist dann aber doch recht schnell aufgetreten. Fotos sind einfach. Zu einfach als ob sie dauerhaft eine Herausforderung darstellen könnten.

MW:

Wie haben die Betrachter reagiert?

PP:

In Berlin waren Plakativtrimesterbilder ausgestellt. Die Leute fanden es gut. Wie gesagt es ist einfach. Das mögen die Leute wohl.

MW:

Dann war das Vordiplomtrimester an der Reihe. Nach zwei Jahren Malfront-Studium. Was wurde als Vordiplom gefordert?

MG:

Ein Bild. Ein einziges Bild, welches die Erkenntnisse des Grundstudiums aufnimmt.

MW:

Welches Bild habt ihr jeweils ausgewählt?

MG:

Ich habe „Das Merkurische Jahr“ gewählt, und darauf auch hingearbeitet.

PP:

Mein Vordiplombild ist das „Rhythmischer Kopf mit gelben und blauen Spritzern“ Bild.

MW:

An dieser Stelle nochmal Glückwunsch zum erfolgreich verteidigten Vordiplom. Welchen

Stellenwert besitzt dieses Malfront-Vordiplom für euch?

MG:

Einen sehr großen. Es schließt das Grundstudium ab, welches viele neue Erkenntnisse für die

Malerei gebracht hat.

PP:

Aus meiner Erfahrung mit der Kunsthochschule drängt sich ein Vergleich auf. Der deutlich zu

Gunsten des Malfront-Vordiplom ausfällt, welches wesentlich mehr Tiefe hat, als das Vordiplom in der Hochschule was man hinterhergeschmissen bekommt.

MW:

Ist es ein Zufall, dass gerade jetzt die Erstauflage eures Buches „Das Malbuch“ im Leipziger Erata-

Verlag erscheint?

MG:

Nein. Das Malbuch steht irgendwie für das Grundstudium, es transportiert die Auslotung der malerischen Extrema in die art-fiction-Umgebung und geht damit weit über das ursprünglich begonnene Malfront-Manifest hinaus.

MW:

Was kommt nach dem Grundstudium?

PP:

Nach dem Grundstudium kommt nicht das Hauptstudium. Nein – sondern das Zwischenstudium.

MW:

???

PP:

Ein malerisch ausgeführter Dialog.

Die Puppenspieler.

Und „die Selbstportrait als Rockstar“- Serie.

MW:

Dafür alles Gute. Vielen Dank für das Gespräch.

PP:

Dank Dir. Ciao.

MG:

Tschüß. Bis nächstes Jahr.

Leipzig, 21.10.2005

Fragen von Mike Wassermann zum Zwischenstudium (Malfront Abschlussbericht

III)

MW: Seit 2005 nach dem Vordiplom seid ihr im Zwischenstudium. Was ist ein Zwischenstudium?

MG: Das Zwischenstudium ist der Abschnitt des Studiums zwischen Grundstudium und

Hauptstudium.

MW: Ihr bezeichnet es als 'dialogisches' Zwischenstudium'. Warum?

PP: Alles Entstandene ist dialogisch, in einem Gespräch, entstanden.

MG: Der Dialog findet vor allem über die Malerei statt. Die drei Bildserien, die in den zwei Jahren entstanden sind leben vom Dialog.

MW: Wie kann man sich das vorstellen?

PP: Begonnen wurde der Dialog bereits im Grundstudium, um genau zu sein schon im ersten

Trimester. Ein Dialog. Mit einem sich entwickelnden Bewusstsein. Nur nicht mit den Mitteln der

Sprache sondern mit Malerei. Man antwortet einfach.

Die leere Leinwand ist durch das Gespräch nur scheinbar leer. Sie ist durch den begonnenen Dialog bereits begonnen.

MW: ???

MG: Drei Bildserien entstanden im Zwischenstudium. Die Puppenspieler-Serie besteht aus 12

Bildern, die zwischen Leipzig und Chemnitz pendelten. Aus dem einen Bild entwickelte der andere das folgende Bild. Das hat lange gedauert. Zwei Bilder sind als Gemeinschaftsarbeiten entstanden.

"Puppenspieler im Koma" und Puppenspieler im Gespräch".

MW: Gab es künstlerische Entwicklung bei der Serie, und wenn ja wie sehen sie aus?

PP: Ja definitiv. Erstaunlich war, dass die späteren Bilder der Serie immer mehr zu sich selbst gekommen sind. Die Bilder wurden immer mehr Bilder. Äußerst überraschend war das 12. gemeinsam gemalte 'Puppenspieler im Dialog' Bild. MG: Die ersten Bilder versuchten sich formell an das Vor-Bild anzulehnen, sicher ein Erbe des Kopier und Interpretier Trimesters aus dem

Grundstudium. Ungefähr beim 5. oder 6. Bild lag der Schwerpunkt auf dem Thema, dann wurden sie individueller, lösten sich fast aus der Serie heraus,...

MW: (betrachtet die zwölf nebeneinander stehenden Bilder).

MG: Die Serie hat so eine Art eigenes dumpfes Bewusstsein entwickelt,

MW: Das dialogische Bewusstsein?

MG: Ja, wahrscheinlich. In den parallelen Texten des Puppenspieler Buches passierte etwas

ähnliches. Vor allem bei den Chats...

PP: oh ja. Das war eine tolle Sache. Eine ungeheure Dynamik entwickelte sich über den Chat. Wie saßen jeder vor seinem Rechner ca 80km entfernt. Der Chat wurde immer mehr eigensinnig. Er bekam sein eigenes kleines Leben. Unvorhersehbar, wo es damit hingehen sollte. Wie beim malen:

Du hast eine Skizze und / oder die Idee ein Bild zu malen. Aber alles was sonst noch passiert, das bestimmt der Bild, oder der Dialog in diesem Fall. Das kann bis zur völligen Verwerfung der Idee führen. Die letzten Chats wurden sehr rau und brutal muss man sagen. Trotz der Freiheit mit der die Chats entstanden passen sie problemlos in das Buch hinein. Sie besitzen auch ein gemeinsames Bewusstsein, dass dies

ermöglichte, und uns zu einer Menge neuer Gedanken führte.

MW: Was waren die anderen beiden Bildserien?

PP: die Mikey's und die Stoni's.

MW: Aja Ok. Eigentlich überraschend, wie kam es dazu?

MG: Wir haben beim ersten Trimester ein Bild getauscht. Ein Selbstbildnis. ‚Selbstportrait als

Rockstar’ gegen ‚Selbstportrait mit Staffelei’. Das waren die Startbilder für die Serien, die parallel zu den Puppenspielern entstanden.

MW: Das Zwischenstudium wurde also schon 2003 begonnen?

PP: ja.

MW: Habt ihr die Bilder schon mal zusammen gesehen?

MG: Nein, ein Teil der Bilder war in Leipzig und ein anderer in Chemnitz. Die Ausstellung in

Tschechien nächstes Jahr ist die erste Gelegenheit dazu. Da werden alle Zwischenstudiumsbilder ausgestellt.

MW: Hat die dialogische Arbeit an den Bildern irgendeinen Einfluss gehabt. Künstlerisch oder persönlich?

PP: während der Arbeit an den Portraits habe ich mich ja wiedervereinigt. Peter Stone ist als

Teilpersönlichkeit zwischen dem 4. und 5. Bild gestorben. Das 5. Bild ist das erste und bislang einzige Portrait, von dem, was ich bin. Nämlich Peter Piek. Die Selbstportraits insgesamt haben viel zu diesem gravierenden Prozess beigetragen. Und künstlerisch. Schau sie dir an! Was meinst du?

MW: Freu mich schon auf die Ausstellung. Was kommt jetzt in eurem Studium als nächstes?

MG: Erst einmal eine Malpause, dann irgendwann geht die Arbeit am Hauptstudium los.

PP: Außerdem führen wir den Dialog in Briefform fort. So sollen Gedanken über die Malerei und das Leben reifen und ausformuliert werden könne. Ganz ironielos!

MW: Vielen Dank für das Interview.

Ranis, 5.8.2006

Fragen von Mike Wassermann zur Auflösung von Malfront

MW: Malfront - was war das?

PP: Schwierig das in Worte zu fassen. Ok. Ich könnte sagen es war eine unabhängige

Künstlerinitiative die auf dem Feld der Malerei versucht hat zu befreien und zu entdecken. Ich mein, klar die Sache ist jetzt abgeschlossen. Trotzdem kann ich es nicht objektiv von außen beurteilen. Malfront ist Malfront. Es hat wie alles was wir gemacht haben mit einer kleinen Idee begonnen, und hat sich dann verselbstständigt. Ist gewachsen. Hat eigene Dynamik entwickelt. Wie von selbst. Es hat gelebt. Malfront wird schon selbst wissen ob es cool war.

MW: Nach nur vier Jahren kam im April dieses Jahr die überraschende Nachricht, dass sich

Malfront aufgelöst hat. Warum?

PP:Wir leben als Maler und Menschen in einem ständigen Erneuerungsprozess. Klar hätte ich gern noch 50 Jahre mit Malfront weitergemacht. Weist du es war eine wirklich tolle Zeit. Hat

Künstlerisch viel gebracht. Hat Entwicklung beschleunigt. War Katalysator. Ja verdammt. Und da klingt es zunächst unlogisch etwas Erfolgreiches einfach zu beenden. Die Entscheidung ging auch nicht von uns aus. Malfront als eine Art verselbstständigter Organismus hat uns einfach zu verstehen gegeben das es jetzt zu Ende ist. Und das es im Sinne der Malerei wäre jetzt wo wir das

Hauptstudium gemacht haben. Nach meinem einen Song und 7 Bilder umfassendem Leben

„peewee princess of the Dau und Deh“ kann ich eh erst mal einige Zeit. Vielleicht Jahre nichts so komplexes mehr angehen. Ich muss jetzt weiterforschen. Suchen. Grundllagen. Musik und Malerei zusammenführen. Aber für so eine Dichte. Da bin ich nicht in der Lage dazu. Will sagen. Das

Malfrontstudium hat alles abverlangt. Wenn ich jetzt weiter studiert hätte wäre ich wahnsinnig geworden. Ich kann nicht mehr. Muss mich jetzt sammeln und dann mit neuer Kraft neue Wege gehen. Dafür hat das Studium das Fundament gebaut. Auf dieses Fundament will ich meine Kirche bauen. Das sagte einmal ein sehr wichtiger Peter und jetzt steht sie wirklich da.

MW: Was fehlt??

PP:Damals im Grundstudium hätte ich gern noch das Kopfbild gemalt. Das haben wir ja dann im

Malbuch gemacht. Oder das Hunhn-umbring-mitblutmal-bild das hätte ich auch gern gemalt.

Aber die Zeit. Ich spüre es. Ist jetzt nicht da. Vorbei. Vielleicht. Wer weis später mal.

Jetzt ist anderes an der Reihe

MW: Welche Forschungsergebnisse hinterlässt Malfront der künstlerischen Nachwelt?

PP: Die Ergebnisse sind sehr vielschichtig und gelangen in Dimensionen die man vorher nicht vorhersehen konnte. So zum Beispiel in Literatur wie in 'Das Malbuch' und 'Die Puppenspieler' oder in Musik. Es hat neue Ebenen erschlossen. Ich denke man könnte Malfront sogar eine politische

Dimension zuschreiben. Dennoch liegen die wichtigsten Erkenntnisse innerhalb der Malerei. Für die ersten beiden Teile des Malfrontstudiums existieren ja bereits Trimesterabschlussberichte. Für den letzten Teil sind wir allerdings die Frage nach dem was hat es gebracht noch schuldig geblieben. Mir fällt es wie gesagt schwer das zu beantworten. Vielleicht wird man das auch erst in

10 oder 20 Jahren sehen können.

MW: Nun, also zum letzten Teil...

MW: ...nach dem Zwischenstudium ist ja noch ein Hauptstudium geplant gewesen?

PP: Ziel von Malfront war es unter anderem die malerischen Eigenheiten und Ansätze jedes einzelnen herauszuschälen und sichtbar zu machen. Das war das Hauptstudium.

MW: hand aufs herz: hat es geklappt?

PP: Ja.

MW: Was bedeutete das Hauptstudium für Peter Piek?

PP: Vielleicht ist peewee princess so was wie der Urknall meiner Musik-Malerei forschung.

Ich meine vorher waren meine Bilder auch schon musikalisch. Aber diese Arbeit hatte zum ersten mal so etwas wie ein Bewusstsein geschaffen das innerhalb Musik und Malerei noch vieles Möglich und unendeckt ist: Es zeigt das es etwas dazwischen liegendes gibt. Und das ist verdammt viel.

Aber was es für mich bedeutet. Ich muss ehrlich sagen: ich kann das nicht in Worte ausdrücken. Es ist einfach so. Wissen sie ich bin kein Schriftsteller. Ich kann nichts heiliges in Worte fassen.

MW: Wie kam es dazu?

PP: Michael hat mich ja, und dafür bin ich ihm sehr dankbar, mit Klaus Sobolewski bekannt gemacht.

PP: Im Haupstudium ging es darum alles zu geben. Das hört sich einfach an. ist es aber nicht.

überhaupt nicht.

PP: Ich musste also versuchen die Musik noch stärker einfliesen zu lassen.

MW: na, und wie sieht dein Diplom aus?

PP: Es besteht aus 3 und 4 Bildern und einem Song.

MW: Was hat der Song bei Malfront zu suchen?

PP: Ein Bild ist ein Song ist ein Bild.

PP: das einzige Problem. Das allerdings ist ein Riesenproblem ist, das es in der Zeit anders funktioniert.

MW: wie kamst du auf den Titel "die kleine Prinzessin"

PP: Das stand nie in Frage. Auch am Anfang nicht. Warum weis ich nicht. Es heißt und hieß immer:

Die kleine Prinzessin des Dau & Deh"

PP: oder 'Peewee Princess Of The Dau & Deh'

PP: Der Song ist ja in Englisch

MW: Wieso sollte euer so genanntes "Studium" und das sogenannte "Diplom" irgend jemand ernst nehmen?

PP: Wir haben das Studium gemacht um weiter zukommen. Um die Malerei weiterzubringen. Um die Welt zu beschenken. Um sie zu befreien. Um Sie zu retten. Studium und Diplom. Das sind nur

Wörter. Die muss man nicht Ernstnehmen. Die Bilder. Darum gehts. Der Rest ist Mittel zum Zweck.

Keine Ahnung.

MW: Wieso musste dann Malfront beendet werden?

PP: Der Malfrontsche Grundethos selbst hat es befohlen. Aber es ist ja nicht so als ob das

Malereistudium jetzt beendet wäre das geht ein Leben lang. Nur eben nicht mehr innerhalb von

Malfront. Dadurch sind andere Sachen wieder möglich. Luft holen nach dem anstrengendem

Studium. Im Sommer machen wir gemeinsam ein Landschaftspraktikum indem wir 6 tage lang je 2

Bilder am tag malen. Das hat mit Malfront nichts mehr zu tun. Das hätten wir vielleicht im ersten

Teil des Studiums machen können. Haben wir aber nicht. Das machen wir jetzt. Einfach so.

Leipzig, April 2007

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