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Evangelischer
Glaube
Die Printversion der Online-Dogmatik
( www.evangelischer-glaube.de )
von Pfr. Dr. Thomas Gerlach
Überarbeitete und ergänzte
Fassung 2015
DER GLAUBE
1. Gotteserfahrung und Gottesbeziehung
2. Sehnsucht und Erfüllung
3. Verstand, Wille, Gefühl, Reflex
4. Gottesbeziehung und Biographie
5. Psychologie und Bekehrung
6. Ist Glaube irrational?
7. Des Menschen Vernunft und Gottes Geist
8. Gründe des Glaubens, Glaube als Grund
9. Die unvermeidliche Deutung des Daseins
10. Polytheismus und erstes Gebot
11. Weisheit und Torheit
12. Einseitigkeit und Vielfalt
13. Echtheit des Glaubens
14. Gott statt Religion
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74
DIE HEILIGE SCHRIFT
15. Transzendenz und Offenbarung Gottes
16. Gottes Verborgenheit und Wegweisung
17. Wort Gottes und Schriftprinzip
18. Die Autorität der Bibel
19. Der Inhalt der Bibel
20. Die Bibel als Norm
21. Historisch-kritische Exegese
22. Gesetz und Evangelium
23. Der Absolutheitsanspruch des Christentums
24. Wissenschaft, Vernunft und Zweifel
25. Die Unerforschlichkeit Gottes
26. Theologie
79
82
85
88
90
92
95
96
98
101
104
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DER DREIEINIGE GOTT
27. Atheismus und Existenz Gottes
28. Gottes Majestät und Unbegreiflichkeit
29. Gottes Wesen und Eigenschaften
30. Gottes Ort und Gottes Haus
31. Unsere Zeit und Gottes Ewigkeit
32. Gottes Allmacht
33. Gottes Unveränderlichkeit
34. Gottes Ehre
35. Gottes Güte
36. Dreifaltigkeit und Offenbarung Gottes
37. Gottes Liebe
38. Gottes Liebe im Verhältnis zu seinem Zorn
39. Gottes Verborgenheit
111
115
117
122
125
128
130
133
137
140
144
146
149
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DIE SCHÖPFUNG
40. Schöpfung, Naturwissenschaft und Urknall
41. Sein und Nicht-Sein, Wirklichkeit und Schein
42. Gottes Allgegenwart
43. Natur, Schicksal und Geschichte
44. Schicksal, Allmacht, Vorsehung
45. Selbstbestimmung und Abhängigkeit
46. Besitz und Verantwortung
47. Glück, Unglück und Gerechtigkeit
48. Schmerz, Sinn und Sinnlosigkeit
49. Das Leid und die Theodizeefrage
50. Theodizee (erweiterte Fassung)
152
155
158
161
163
166
168
171
173
176
179
DER MENSCH
51. Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde
52. Der Sinn des Lebens
53. Sünde
54. Anmaßung und Egozentrik
55. Eigennutz und Selbstlosigkeit
56. Verantwortung ohne Wahl
57. Die Sinnlosigkeit des Bösen
58. Das Böse in Person
59. Gottes Wille
60. Gottes Gericht in der Zeit
61. Gottes Gebote
62. Desillusionierung, Selbsterkenntnis und Buße
186
190
194
197
200
203
208
211
214
216
218
221
JESUS CHRISTUS
63. Gottes Verborgenheit, Offenbarung und Menschwerdung 223
64. Das Wunder der Jungfrauengeburt
225
65. Gotteserkenntnis und Dreifaltigkeit
227
66. Christi zwei Naturen
229
67. Der "historische" Jesus
232
68. Jesu Art, mit Menschen umzugehen
233
69. Das Heilswerk Christi im Überblick
237
70. Menschwerdung und Liebe Gottes
241
71. Unser Schmutz und Jesu Reinheit
244
72. Die Nähe des Reiches Gottes
246
73. Naturgesetz, Wunder und Freiheit Gottes
249
74. Das konsequente Vertrauen Christi
251
75. Das Kreuz Christi
254
76. Gottes Zorn, unsere Schuld und Christi Kreuz
257
77. Christi Sühnetod und unsere Erlösung
260
78. Die Selbstdurchsetzung der Liebe
265
79. Jesus Christus am Tiefpunkt
266
3
80. Christi Kampf und Sieg
81. Ostern unverkürzt
82. Von gebrochener Resignation
83. Leeres Grab und historische Kritik
84. Auferstehung als Aufhebung
85. Himmelfahrt und Herrschaft Christi
269
273
275
278
284
285
DER HEILIGE GEIST
86. Gottes Geist und andere Geister
287
87. Der Heilige Geist
289
88. Die Einwohnung des Heiligen Geistes
292
89. Gotteserkenntnis, Zweifel und Bekehrung
295
90. Gottes Volk und Prädestination
300
91. Rechtfertigung, Gerechtigkeit und Gnade
303
92. Gütergemeinschaft mit Christus
305
93. Gefühle zum Glauben
307
94. Heilsgewissheit
310
95. Die Knechtschaft des menschlichen Willens
312
96. Christliche Freiheit
314
97. Nachfolge, Schicksalsgemeinschaft und Jüngerschaft 318
98. Fröhliche Selbstvergessenheit
320
99. Gottesfurcht
322
100. Liebe zu Gott
324
101. Dem Schuldiger vergeben
327
102. Ent-täuschung, Schwermut, Weltschmerz
331
103. Glauben als Blickrichtung
333
104. Glaube als unaufhörliche Bewegung
335
105. Gottesbeziehung und Autonomiestreben
337
DIE KIRCHE
106. Taufe
107. Teilhabe an Kreuz und Auferstehung
108. Konfirmation und religiöse Identität
109. Abendmahl
110. Christi reale Präsenz in Brot und Wein
111. Essen und Einswerden im Abendmahl
112. Gemeinschaft der Gläubigen
113. Kirchenkritik und Heiligkeit der Kirche
114. Zeitgemäßheit
115. Zugehörigkeit zur Kirche
116. Mission
117. Pfarramt und Allgemeines Priestertum
118. Gottesdienst
119. Gebet
120. Das Ziel des Gebetes
340
342
345
347
349
353
357
360
362
365
369
371
374
376
380
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CHRISTLICHE ETHIK
121. Der Ursprung christlicher Ethik
122. Ansätze christlicher Ethik
123. Christliche Tugenden
124. Nächstenliebe
125. Treue
126. Demut
127. Wahrhaftigkeit
128. Vergebung
129. Entschuldigung
130. Ehrfurcht vor dem Leben
131. Keuschheit
132. Geduld
133. Ehe
134. Arbeit
135. Staat
136. Lebensbilanz
383
386
393
398
401
403
405
408
411
414
416
419
422
424
427
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DIE VOLLENDUNG
137. Glaubensfortschritt
138. Widerstand
139. Hoffnung
140. Die menschliche Seele
141. Tod und Vergänglichkeit
142. Des Lebens Ziel
143. Überkleidet werden
144. Gottes Gericht am Ende der Zeit
145. Wiederkunft Christi
146. Auferstehung der Toten
147. Neuschöpfung von Himmel und Erde
148. Ewiges Leben und Reich Gottes
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434
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443
446
447
450
453
455
458
461
149. Ein zusammenfassendes Bekenntnis
464
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Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser!
Diese Printausgabe meiner Website besteht aus 149 Texten, die zusammen eine Gesamtdarstellung des christlichen Glaubens ergeben. Um dabei aber nicht
missverstanden zu werden, möchte ich einige Anmerkungen beifügen:
1. Es war meine Absicht, zentrale Themen der Theologie auch für NichtTheologen verständlich darzustellen. Darum habe ich auf einen gelehrten Apparat verzichtet, auf akademische Fachbegriffe und auch auf Literaturhinweise.
Dem Laien bleibt damit viel Ballast erspart. Und die Kollegen vom Fach erkennen auch so, wem ich Anregungen verdanke.
2. Man merkt den Texten an, dass sie aus der Gemeindearbeit eines evangelischen Pfarrers erwachsen sind. Doch beanspruche ich nicht etwa wiederzugeben, was „die“ evangelische Kirche lehrt. Ich referiere einfach, was sich mir
aus der Heiligen Schrift und dem Zeugnis der Reformatoren als wahr erschlossen hat.
3. Falls dem Leser etwas „altmodisch“ vorkommt, kann ich versichern, dass ich
die „moderneren“ Lesarten durchaus kenne, sie aber für überholt halte. Ich
bin nicht von gestern, sondern durchaus von heute, schreibe aber für morgen,
weil ich überzeugt bin, dass vieles von dem, was vorgestern galt und heute belächelt wird, sich übermorgen wieder als gültig erweisen wird.
Es mag davon Nutzen ziehen, wer will und kann!
Thomas Gerlach
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Inhaltsübersicht in 149 Thesen
1. Gotteserfahrung und Gottesbeziehung
Es ist eine Illusion, wenn der Mensch meint, er müsse Gott und seine Alltagswelt erst
kunstvoll in Beziehung setzen. Denn Gott und Welt sind längst in Beziehung. Und der
Mensch hat es im Grunde nie mit einem anderen zu tun als mit Gott. Wir sind immer in
Beziehung mit ihm, und die Frage ist bloß, wie sich diese Beziehung gestaltet. Ob sie nämlich eine unbewusste und ungeklärte, eine unwillige und darum unheilvolle Beziehung
bleibt, oder ob der Glaube daraus eine bewusste und geklärte, eine willig bejahte und darum heilvolle Gottesbeziehung werden lässt.
2. Sehnsucht und Erfüllung
Alle Menschen hoffen und erstreben etwas, das sie erjagen wollen, um darin Glück und
Frieden zu finden. Doch – ob sie’s wissen oder nicht: Eigentlich ist es immer Gott, den sie
suchen. Denn was könnte in der Welt an Gutem enthalten sein, wenn nicht das, was der
Schöpfer von seiner eigenen Herrlichkeit hineingelegt hat? Wenn ein Mensch also sucht,
was ihm Erfüllung schenkt, sucht er eigentlich Gott – und schade ist es, wenn er sich mit
dem irdischen Abglanz und Widerschein göttlicher Herrlichkeit zufrieden gibt, ohne ihren
Ursprung zu suchen!

3. Verstand, Wille, Gefühl, Reflex
Obwohl die verschiedensten Anteile unserer Person am Glauben beteiligt sind (Wille, Gefühl, Erfahrung, Vernunft, etc.), lässt sich der Glaube weder auf eine, noch auf die Gesamtheit dieser Funktionen zurückführen. Glaube ist vielmehr eine facettenreiche Reflektion
göttlichen Lichtes: Wie ein Spiegel Licht nicht erzeugen, sondern nur reflektieren kann, so
kann unsere Seele das Licht des Evangeliums nicht erzeugen, sondern nur reflektieren –
und eben diese Reflektion nennen wir „Glaube“.

4. Gottesbeziehung und Biographie
Die Beziehungsmuster, die den Glauben ausmachen, werden schon in der Kindheit erlernt.
Doch der Heranwachsende, der sich von den Eltern ablöst, findet nicht so leicht ein Gegenüber, das an ihre Stelle treten könnte. Er bindet sich an Werte, Autoritäten und Glücksverheißungen dieser Welt, bis er begreift, dass zwischen seiner Sehnsucht und dem Angebot
der Welt ein prinzipielles Missverhältnis besteht. Erst dann steht er an der Schwelle des
Glaubens, der zu den relativen Dingen nur ein relatives Verhältnis hat und zu den absoluten ein absolutes.

5. Psychologie und Bekehrung
Oft wird der Eindruck erweckt, psychologische und theologische Erklärungsmuster stünden
sich als Alternativen gegenüber. Man unterstellt, dass dort, wo „Natur“ wirkt, nicht „Gott“
wirken könne – und umgekehrt. Doch für den Glaubenden ist es selbstverständlich, dass
Gott natürliche Prozesse in seinen Dienst nimmt. Wie Brot ein Produkt des Bäckers und ein
Geschenk Gottes sein kann, kann Glaube ein psychischer Prozess und eine Wirkung des
Heiligen Geistes sein, ohne dass diese beiden Dimensionen derselben Sache einander stören müssten.
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6. Ist Glaube irrational?
Eine Gewissheit, die auf Erfahrung beruht, wird nicht dadurch zweifelhaft, dass diese Erfahrung anderen Menschen fehlt. Denn es stimmt nicht, dass nur wirklich sei, was jedem
Menschen jederzeit als wirklich demonstriert werden kann. Manches erfährt man nur zu
bestimmten Zeiten, nur an bestimmten Orten oder nur mit besonders scharfen Augen!
Auch der Glaube resultiert aus einer Erfahrung, die nicht jeder macht. Er verdankt sich
nicht der Vernunft, ist aber auch nicht gegen die Vernunft, sondern bloß über der Vernunft
– und daher keineswegs unvernünftig.
7. Des Menschen Vernunft und Gottes Geist
Glaube ist nichts, wofür wir uns souverän „entscheiden“ oder was wir „tun“ könnten. Er ist
aber auch nichts, was mit uns oder an uns „getan wird“ wie an unbeteiligten Objekten.
Sondern wie die Sonne mich schwitzen oder die Kälte mich frieren lässt, so lässt Gott mich
glauben: Der Mensch ist dabei ganz beteiligt und bewegt. Aber wo die äußere Einwirkung
fehlt, kann er nicht (schwitzen, frieren) glauben – und wo sie ist, kann er es nicht lassen.
8. Gründe des Glaubens, Glaube als Grund
Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes sind nicht erst die Ergebnisse unseres Denkens
neu, sondern schon die Voraussetzungen. Der Wandel selbst aber wird nicht etwa begründet, sondern liefert seinerseits die Begründung für vieles – wie ja auch der, der von einem
mächtigen Gegner überrannt wurde, keine besonderen Gründe braucht, um am Boden zu
liegen. Nicht der Christ hat eine Erkenntnis, sondern sie hat ihn. Er hat nicht sichergestellt,
sondern wurde sichergestellt. Und so ist Glaube tatsächlich „Gewissheit ohne Beweis“
(Amiel).
9. Die unvermeidliche Deutung des Daseins
Der menschliche Erkenntnisdrang steht der Welt gegenüber wie einem lückenhaften, deutungsbedürftigen Text. Denn der Bereich des „gesicherten Wissens“ ist nicht so groß, wie
wir ihn gerne hätten. Da das Leben trotzdem Entscheidungen von uns verlangt, ist der
Mensch gezwungen, sein Dasein zu „interpretieren“ und zu „deuten“. Wer dabei Gott außen
vor lässt, handelt nicht „rationaler“ als der, der mit Gott rechnet. Denn Unglaube und Glaube müssen gleichermaßen „gewagt“ werden. Wohin der jeweilige Weg führt, erfährt nur der,
der ihn geht.
10. Polytheismus und erstes Gebot
Gott fordert die ungeteilte Hingabe der Gläubigen, denen er nicht erlaubt, neben ihm noch
andere Götter zu verehren. Dahinter steht aber nicht Eifersucht, sondern die Einsicht, dass
man Vertrauen nicht teilen kann. Der Mensch kann nur eine oberste Priorität haben – nicht
viele. Denn wenn er seine Hingabe auf mehrere Mächte aufteilt, wird er allen ein bisschen,
und keinem ganz vertrauen. Es ist Misstrauen, das uns treibt, mehrgleisig zu fahren. Dass
diese Strategie aber in der Religion genauso schlecht funktioniert wie in der Ehe – das ist
die Botschaft des 1. Gebotes.
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11. Weisheit und Torheit
Kluge Menschen haben Gott gegenüber keinen Vorteil. Denn Gott wollte nicht, dass der
Glaube ein Rätsel sei, das nur die Schlauen lösen, während die Dummen mal wieder
„dumm“ dastehen. Deshalb hat Gott die Wahrheit des Glaubens nicht dem Menschengeist
anvertraut, sondern seinem Heiligen Geist, der sie zugänglich machen oder verweigern
kann. Gott liebt die Gescheiten nicht mehr als die Trottel, und teilt sich darum der Welt mit
in einem Evangelium, dem menschliche Dummheit nichts abbrechen, und dem menschliche Weisheit nichts hinzuzufügen vermag.
12. Einseitigkeit und Vielfalt
Es gibt nur einen christlichen Glauben. Doch ist dieser Glaube in mehr als einer Weise auf
Gott bezogen. Je nachdem, welche der sieben „Beziehungsmuster“ dominieren, entwickelt
der Mensch seinen speziellen „Typ“ des Christ-Seins. Diese Vielfalt des Glaubens ist zu begrüßen, weil jeder „Typ“ seine besonderen Stärken hat. Doch liegt auch eine Gefahr darin:
Wird eine Beziehungsform ganz aus dem Zusammenhang der anderen gelöst und einseitig
überbetont, kommt es zu Fehlformen des Glaubens.
13. Echtheit des Glaubens
Das Kennzeichen „echten“ Glaubens ist es, dass seine Gottesbeziehung nicht „Mittel zum
Zweck“, sondern „Selbstzweck“ ist. Denn wer wirklich Gott sucht, der sucht ihn um seiner
selbst willen. Wo man dagegen die Beziehung zu Gott „nutzen“ will, um das eigene Lebensgefühl zu steigern oder die Welt besser zu genießen, da wird alles falsch: Denn Gott ist das
Ziel. Das irdische Leben ist nur der Weg. Und diese beiden Dinge nicht zu verwechseln, das
ist das Kennzeichen „echten“ Glaubens.
14. Gott statt Religion
Christlicher Glaube ist von Religion zu unterscheiden, denn Religion ist oft nur ein eigenmächtiger Versuch des Menschen, seine Beziehung zu Gott auf vorteilhafte Weise in den
Griff zu bekommen. Man will Gott durch Wohlverhalten, Riten, Beschwörungen und Opfer
lenken, besänftigen und bändigen. Christlicher Glaube aber erkennt, dass so etwas Gott
gegenüber nicht funktioniert. Nicht der Mensch bemächtigt sich Gottes, sondern Gott des
Menschen. Der religiöse Mensch möchte Kontrolle gewinnen, doch der Gläubige überlässt
sie dem, an den er glaubt.
15. Transzendenz und Offenbarung Gottes
Weil Gott den menschlichen Horizont überschreitet, wissen wir von ihm nur, was er uns
hat wissen lassen in seiner Offenbarung. Sie geschah, als Gott in den menschlichen Gesichtskreis trat und Mensch wurde. Darum ist Jesus Christus Grund und Grenze aller christlichen Rede von Gott: Wir dürfen nicht mehr von Gott sagen, als wir am Leben, Sterben und
Auferstehen seines Sohnes ablesen können – aber auch nicht weniger.
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16. Gottes Verborgenheit und Wegweisung
Gott ist wie eine verschlossene Burg, die sich nur an einer Stelle für den Menschen öffnet.
Durch Taufe, Abendmahl, Bibel, Gebet und Gottesdienst will Gott sich finden lassen. Hier
hat er die Zugbrücke heruntergelassen. Macht es da Sinn, über die Mauer zu klettern? Nein.
Darum ist der Glaube ein fröhlicher Gehorsam, der von der Bahn, die Gott ihm beschrieben
hat, weder links noch rechts abweicht. Er steigt nicht zum Fenster ein, sondern er nimmt
die Tür. Denn Glauben heißt, Gott dort zu suchen, wo er gefunden werden will – und nirgends sonst.
17. Wort Gottes und Schriftprinzip
Die Bibel ist das einzige Medium, das uns zuverlässig mit Gottes geschichtlicher Offenbarung in Jesus Christus verbindet. Sie ist darum der verbindliche „Originalton“, an dem sich
alle späteren Interpretationen des Evangeliums und alle Gestalten kirchlichen Lebens messen lassen müssen. Dass Menschenhände das eine Wort Gottes niedergelegt haben, ändert
daran nichts: Gott bleibt der „Autor“ hinter den biblischen Autoren, denn sie waren Instrumente seines Geistes.
18. Die Autorität der Bibel
Die Bibel leiht sich ihre Autorität weder von der Vernunft noch von der Wissenschaft, sondern ist selbst in der Lage, ihre Botschaft Geltung zu verschaffen, indem sie den Leser berührt, ihn wandelt und zum Glauben überführt, niederschmettert und tröstet. Wer diese
Erfahrung aber macht – wie könnte der noch zweifeln, dass diese Worte Gottes eigene Worte sind? Keiner glaubt der Bibel, weil man ihm vorher ihre göttliche Herkunft bewiesen hätte. Sondern umgekehrt: Weil die Schrift uns zu Gott neu in Beziehung gesetzt hat, darum
glauben wir ihr.
19. Der Inhalt der Bibel
Es ist nicht der Gläubige, der die Bibel deutet, sondern es ist die Bibel, die den Gläubigen
deutet. Sie beschreibt nämlich den großen Zusammenhang, in den sein Dasein eingebettet
ist, und verrät ihm die Intention seines Schöpfers: Gott will trennen, was heute noch verquickt ist, will die Sünde vernichten, die Person des Sünders aber retten. Wer davon hört,
ist eingeladen, Gottes Unterscheidung im Blick auf sich selbst mit- und nachzuvollziehen.
Insofern ist die Bibel kein Rätsel, das der Mensch lösen müsste, sondern der Mensch ist das
Rätsel, dessen Lösung die Bibel verrät.
20. Die Bibel als Norm
Der Glaube unterscheidet sich von anderen „Weltanschauungen“ dadurch, dass er sich nicht
menschlichem Grübeln verdankt, sondern göttlicher Offenbarung. Er ist darum an das Dokument dieser Offenbarung – an die Heilige Schrift – bleibend gebunden. Die große Versuchung der Theologie besteht darin, sich die Heilige Schrift durch „kritische“ Begutachtung,
Bewertung und Interpretation gefügig zu machen. Doch dem muss widerstanden werden:
Denn nicht wir richten über Gottes Wort, sondern Gottes Wort richtet über uns.
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21. Historisch-kritische Exegese
Das biblische Wort ist nicht Gottes Wort allein, denn niedergeschrieben haben es Menschen. Das biblische Wort ist aber auch nicht allein Menschenwort, denn Menschen finden
sich darin seit Jahrhunderten von Gott angeredet. Die Bibel ist demnach Gotteswort und
Menschenwort zugleich – und ähnelt darin dem, von dem sie berichtet. Denn Jesus Christus
war auch Mensch und Gott zugleich, ohne dass seine menschliche Natur die göttliche aufgehoben hätte (oder umgekehrt).
22. Gesetz und Evangelium
Der Mensch neigt dazu, sich entweder stolz zu überschätzen und zu überheben oder - von
solchen Höhenflügen abgestürzt - in Verzweiflung zu versinken und die Selbstachtung zu
verlieren. Gott aber will uns vor beidem bewahren und gibt uns darum als „Begrenzung
nach oben“ sein Gesetz (es zwingt uns zu nüchterner Selbsterkenntnis und schützt so vor
aller Aufgeblasenheit) und als „Begrenzung nach unten“ sein Evangelium (auch wo wir versagen, sagt es uns Gottes Liebe zu, die uns trägt).
23. Der Absolutheitsanspruch des Christentums
Die nichtchristlichen Religionen entspringen nicht einfach menschlicher Willkür und Phantasie, sondern auch sie verdanken sich dem Wirken und Sich-Bezeugen Gottes. Sie sind einem Christen darum nicht völlig fremd, sondern enthalten – unter vielen Irrtümern – manche sehr respektable Wahrheit, die man anerkennen sollte. Doch wieviel Wahrheit andere
Religionen auch enthalten mögen, so fehlt ihnen ohne Christus doch der Zugang zu Gott,
den sie haben müssten, um ihren Anhängern das Heil zu vermitteln. Sie kennen das Ziel.
Aber sie erreichen es nicht.
24. Wissenschaft, Vernunft und Zweifel
Es liegt im Wesen des Glaubens, dass er die Wahrheit (und die vorbehaltslose Suche danach) nicht fürchten muss, ja nicht einmal fürchten kann. Denn wenn Gott der Grund aller
Wirklichkeit ist, dann kann, wer den Grund aller Wirklichkeit sucht, letztlich nichts anderes
finden als Gott. Und ist Wahrheit Übereinstimmung mit Wirklichkeit, so wird sich am Ende
der Glaube - die Übereinstimmung mit Gott - von selbst als die größte Wahrheit erweisen.
25. Die Unerforschlichkeit Gottes
Es liegt in der Natur des Menschen, dass er die Dinge verstehen will. Er erkundet und untersucht seine Umwelt mit der Absicht, sie seinen Zwecken dienstbar zu machen. Doch wer
sich in dieser Weise Gott zuwendet, stößt an Grenzen. Denn der „Untersuchungsgegenstand“ Gott erweist sich als lebendiges Gegenüber. Und je näher man ihm kommt, desto
mehr kehrt sich das Verhältnis um: Gott wird nicht erforscht und hinterfragt, erforscht und
hinterfragt aber uns. Glauben heißt, das zuzulassen – und zu erkennen, dass man von Gott
erkannt ist.
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26. Theologie
Theologie gibt Rechenschaft vom Glauben nach „außen“ hin, indem sie sich erklärend und
argumentierend den kritischen Fragen der Nicht-Gläubigen stellt. Und sie verantwortet den
Glauben genauso nach „innen“, indem sie den Gläubigen hilft, sich ihrer Glaubensgrundlagen immer wieder zu vergewissern. Um diese Aufgaben zu erfüllen muss Theologie (1.)
„schriftgemäß“ sein, (2.) „zeitbezogen“ und (3.) „widerspruchsfrei“. Geht sie aber fehl und
verrennt sich, so hilft nur eine Rückkehr zu den neutestamentlichen Quellen, wie sie schon
die Reformatoren vollzogen haben.
27. Atheismus und Existenz Gottes
Gott ist als Bestandteil des Universums nicht auffind- und nicht nachweisbar, weil er kein
Teil des Universums ist, sondern ihm als Schöpfer gegenübersteht (Man sucht ja auch nicht
den Komponisten zwischen den Noten). Dass Gottes Existenz nicht „nachweisbar“ ist, muss
den Gläubigen aber nicht verunsichern: Er bleibt in jedem Falle, was er ist. Auch ein Fisch,
dem man bewiese, dass es das Meer nicht gibt, würde deswegen ja nicht zum Vogel.
28. Gottes Majestät und Unbegreiflichkeit
Was der Kirche heute fehlt, ist nicht die oft geforderte „Lässigkeit“, sondern eine neue
Scheu vor dem Heiligen. Denn wo die Ehrfurcht fehlt, wird aus berechtigtem Gott-Vertrauen
schnell eine plumpe Vertraulichkeit, die dem „Gegenüber“ des Glaubens nicht gerecht wird.
Gemessen an seiner Lebendigkeit sind wir tot. Gemessen an seiner Unendlichkeit sind wir
eng. Gemessen an seiner Weisheit sind wir töricht. Das aber spüren und akzeptieren zu
können, gehört zum Glauben unbedingt dazu. Denn nur wer bereit ist, die Schuhe auszuziehen, wird den Dornbusch brennen sehen.
29. Gottes Wesen und Eigenschaften
Die wichtigsten Eigenschaften Gottes sind: Von-sich-selbst-sein, Unveränderlichkeit, Unermesslichkeit, Ewigkeit, Allgegenwart, Lebendigkeit, Vollkommenheit, Unbegreiflichkeit,
Allwissenheit, Allmacht, Weisheit, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Güte. Es ist
aber zu beachten, dass Eigenschaftsbegriffe nicht in derselben Weise auf Gott angewandt
werden können wie auf Menschen oder Dinge, denn Gott ist immer größer als alles, was in
menschlichen Worten eingefangen und ausgesagt werden kann.
30. Gottes Ort und Gottes Haus
Die Frage, wo Gott ist, kann nicht mehr mit dem Hinweis auf den „Himmel“ beantwortet
werden, seit Luft- und Raumfahrt den „Himmel“ erschlossen haben. Gott ist allgegenwärtig,
d.h.: Er ist in allem, alles ist in ihm und nichts ist außerhalb von ihm, denn er ist nirgends
nicht. Weil wir aber dazu neigen, „überall“ und „nirgends“ gleichzusetzen, ist es wichtig,
den Ort zu kennen, an dem Gott in besonderer Weise gegenwärtig ist: Nämlich dort, wo
zwei oder drei im Namen Christi versammelt sind.
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31. Unsere Zeit und Gottes Ewigkeit
Gottes Ewigkeit ist keine ins Endlose gedehnte Zeitlichkeit, sondern eine aller Zeitlichkeit
enthobene Freiheit gegenüber der Zeit. Gottes Ewigkeit ist also keine quantitative Steigerung der Zeit, sondern eine ganz andere Qualität. Umso erstaunlicher ist es, dass der Ungewordene und Unvergängliche als Jesus Christus in die Zeit einging, um uns vergänglichen
Kreaturen Anteil an seiner Ewigkeit zu gewähren.
32. Gottes Allmacht
Die Bibel bezeugt vielfach, dass Gott, wenn er etwas will, durch nichts daran gehindert werden kann. Denn Gott ist einer, der, was er will, auch kann. Und das ist ein großes Glück,
weil er die Macht in Jesus und hinter Jesus ist. Nur Gottes Allmacht bietet Gewähr dafür,
dass Jesu Verheißungen wahr werden. Jesu Liebe wäre hilflos, wenn nicht das Durchsetzungsvermögen des Allmächtigen ihren Hintergrund bildete. So aber dürfen wir zuversichtlich erwarten, dass am Ende der Weltgeschichte alle Macht liebevolle Macht – und alle Liebe
mächtige Liebe sein wird.
33. Gottes Unveränderlichkeit
Weil Gott keine Schwankungen kennt, ist auch sein Wille unveränderlich in dem, was er
von uns fordert. Seine Ansprüche sind nicht wandelbar oder verhandelbar. Und das ist
schrecklich für alle, die sich ihm sinnlos widersetzen. Gott hat immer den längeren Atem!
Für die Gläubigen ist es aber sehr tröstlich, weil Gott das, was sie auf fehlbare und schwankende Weise wollen, auf unveränderliche und eindeutige Weise will. Niemand hat die
Macht, den Unveränderlichen zu ändern, ihn vom Wege abzubringen oder sein barmherziges Werk an uns zu hindern.
34. Gottes Ehre
Der Begriff „Ehre“ beschreibt die persönliche Integrität einer Person, deren Verhalten übereinstimmt mit den von ihr erhobenen Ansprüchen, den von ihr anerkannten Werten und
den von ihr gegebenen Zusagen. Weil Gott aber sagt, was er denkt, tut, was er sagt, und hält,
was er verspricht, ist er der Inbegriff der Ehre. Gott stimmt mit sich selbst ganz und gar
überein. Er kennt kein Abweichen von Sein und Schein, Pflicht und Wirklichkeit. Und darum ist es recht und billig, nicht den fehlbaren Geschöpfen, sondern allein dem Schöpfer
die ihm gebührende Ehre zu geben – und sie vor aller Welt zu bezeugen.
35. Gottes Güte
Gut ist, was Gott will, und böse ist, was Gott nicht will. Doch will er das Gute nicht, weil es
„an sich“ schon gut wäre. Sondern, was Gott will, wird dadurch „gut“, dass er es will, und es
ist auch allein darum „gut“, weil er es will. Gott hält sich also an keine Norm, Gott ist die
Norm. Er folgt keiner Ordnung, sein Wille ist die Ordnung. Gott respektiert nicht einen
vorgegebenen Unterschied von „gut“ und „böse“, sondern indem er handelt und gebietet
setzt er diesen Unterschied in Kraft.
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36. Dreifaltigkeit und Offenbarung Gottes
Die Lehre von Gottes Dreieinigkeit ist kein Denkproblem: Fließendes Wasser, Dampf und
Eis sind schließlich auch ganz verschieden - und sind doch immer nur H2O. Ebenso sind der
Schöpfer, Jesus Christus und der Heilige Geist ganz verschieden - und sind doch immer nur
der eine Gott. Wer Gott verstehen will, muss das wissen. Denn betrachtet man eine der drei
„Personen“ isoliert, so verkennt man sie zwangsläufig. Sieht man jedoch ihre Zusammengehörigkeit, so erschließt eine die andere.
37. Gottes Liebe
„Gott ist die Liebe“, aber er ist nicht „lieb“ im harmlosen Sinne. Denn Gottes Liebe ist die
kraftvoll-entschlossene Weise, in der Gott das Dasein seiner Geschöpfe bejaht. Wo dieses
Dasein bedroht und gefährdet wird, dort schließt Gottes Liebe (wie alle wirkliche Liebe)
Zorn und Konfliktbereitschaft nicht aus, sondern ein: Gerade weil Gott Liebe ist, kann er
nicht immer „lieb“ sein. Und er verlangt es auch nicht von uns.
38. Gottes Liebe im Verhältnis zu seinem Zorn
Gottes Zorn ist der Wider-Wille des Schöpfers gegen das Böse, das seine Schöpfung zu zersetzen droht. Darum kann man nicht wünschen, dass Gottes Zorn nachließe. Denn wie sollte Gott das Leben seiner Geschöpfe bejahen ohne die Sünde zu verneinen, die ihnen den
Tod bringt? Es macht daher keinen Sinn, gegen Gottes Zorn zu opponieren. Es ist besser,
vom Ausmaß des Zorns auf das Ausmaß seiner Liebe zu uns zu schließen - denn dann beginnt man Gott zu verstehen.
39. Gottes Verborgenheit
Der Glaube lebt von Gottes Nähe. Doch manchmal scheint es, als sei er abwesend und fern.
Diese Erfahrung ist bedrohlich. Und trotzdem gilt es, ihr standzuhalten. Man darf Gott dann
nicht durch irgendetwas anderes ersetzen. Und man sollte auch nicht so tun, als käme man
ohne ihn aus. Man halte einfach Gottes Platz frei und ertrage die Leere, die er uns zumutet.
Denn Gott verbirgt sich, aber er verlässt uns nicht. Er bleibt der barmherzige Vater, der versprochen hat, zurückzukommen. Die Bereitschaft aber, auf ihn zu warten – das ist Glaube.
40. Schöpfung, Naturwissenschaft und Urknall
Urknall-Theorie und Schöpfungsglaube stehen nicht in Konkurrenz zueinander, weil einmal
nach dem „wie“ der Weltenstehung gefragt wird, und einmal nach dem „warum“. Man darf
hier Anfang und Grund nicht verwechseln, denn wer zurecht sagt, ein Theaterstück habe
begonnen, als sich der Vorhang hob, wird doch nicht behaupten, das Theaterstück sei aufgeführt worden, weil sich der Vorhang hob. Die Frage, warum überhaupt etwas ist, wo doch
auch nichts sein könnte, wird durch den Urknall nicht geklärt. Er ist ein Teil dieses Rätsels
– und nicht die Lösung.
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41. Sein und Nicht-Sein, Wirklichkeit und Schein
Gott ist das Sein in allem Seienden, denn die Dinge dieser Welt, die uns so ungemein wirklich vorkommen, sind es nur, insoweit sie an Gottes Wirklichkeit teilhaben. Wir alle sind
nur in dieser abgeleiteten Weise „wirklich“ und sind es nur, weil Gott als Grund und Quelle
des Seins uns Sein verleiht. Gott verhält sich zu uns, wie der Filmprojektor zu den flackernden Bildern, die er an die Wand wirft. Er ist die Realität, die uns zu flüchtigem Leben erweckt. Darum ist nichts da, ohne dass Gott darin ist, und nichts bleibt, wenn nicht Gott
darin bleibt.
42. Gottes Allgegenwart
Gott und Welt sind strikt zu unterscheiden. Und trotzdem ist Gott keine isolierte Größe
„neben“ der Welt. Er kann nicht zu den Teilaspekten der Wirklichkeit hinzuaddiert werden
als etwas, was es „auch noch“ gibt. Vielmehr ist Gott die alles bestimmende Wirklichkeit.
Wir begegnen ihm in allen Dingen. Doch sehen kann das nur der Glaube: Für ihn ist die
Welt transparent wie ein buntes Kirchenfenster. Er sieht die Vielfalt der Farben und weiß
doch, dass es nur ein Licht gibt. Er sieht die Schöpfung und erkennt darin den Abglanz des
Schöpfers.
43. Natur, Schicksal und Geschichte
Zwischen Schöpfung und Urknall besteht ebenso wenig eine Alternative wie zwischen göttlicher Fürsorge und menschlicher Selbsterhaltung. Unser „täglich Brot“ kommt vom Bäcker
und kommt doch von Gott. Denn so wie wir für unsere Arbeit Werkzeuge benutzen, so bedient sich Gott der natürlichen und kulturellen Kräfte: Sie sind Instrumente in seiner Hand,
die ohne ihn unser Leben so wenig erhalten könnten, wie ein Hammer ohne Tischler einen
Nagel einzuschlagen vermag.
44. Schicksal, Allmacht, Vorsehung
Gottes Allmacht ist eine lückenlose, alles Geschehen bestimmende Wirksamkeit, durch die
Gott die Geschicke der Welt nach seinem Willen lenkt. Der Mensch wird dadurch keineswegs zur willenlosen Marionette: Ein jeder tut durchaus, was er will. Nur werden die Folgen
unserer Handlungsfreiheit Gott niemals überraschen. Unsere Entschlüsse sind, längst bevor
wir sie fassen, in Gottes Plan vorgesehen und tragen selbst dann zu seiner Erfüllung bei,
wenn wir das Gegenteil beabsichtigen.
45. Selbstbestimmung und Abhängigkeit
Die Abhängigkeit von anderen birgt das Risiko, enttäuscht zu werden. Darum strebt der
Mensch nach Unabhängigkeit: Er versucht, die Rahmenbedingungen seines Lebens der eigenen Kontrolle zu unterwerfen. Doch gelingt es nie, alle Fremdbestimmung abzuschütteln.
Und es muss auch nicht gelingen. Denn nur Gott ist wirklich „autonom“. Und der Glaube
kann uns lehren, die Abhängigkeit von ihm nicht als Unglück, sondern als Glück zu betrachten: Wirklich „frei“ ist nämlich nur der, der nicht in sich selbst, sondern in Gott ruht.
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46. Besitz und Verantwortung
Der Glaube hat zu den Dingen der Welt eine besondere Beziehung, denn wo man etwas aus
Gottes Hand empfängt, berührt der Umgang mit der Gabe immer auch die Beziehung zum
Geber. Diese Beziehung leidet, wenn Gottes Gaben gegen seine Intention verwendet werden. Darum sind „weltliche“ Beziehungen dergestalt in die Gottesbeziehung zu integrieren,
dass auch im Umgang mit den Dingen immer Gott das eigentliche Gegenüber bleibt. Alles
muss am Altar „abgegeben“ und vom Altar her „zurückempfangen“ werden, damit der Gläubige nichts ohne Gott, sondern alles mit ihm und durch ihn „besitzt“.
47. Glück, Unglück und Gerechtigkeit
Gott scheint Glück und Unglück wahllos unter den Menschen zu verteilen, so dass zwischen
Gläubigen und Ungläubigen zunächst kein Unterschied zu erkennen ist. Doch vermag nur
der Gläubige, sich „alle Dinge zum Besten dienen zu lassen“: Der Glaube versteht es, durch
jedes Geschick Gott näher zu kommen, während der Unglaube von jedem Geschick unseligen Gebrauch macht. Darum ist keine Sache so gut oder so schlecht, dass sie dem Ungläubigen nicht schadete. Und keine ist so gut oder so schlecht, dass sie dem Gläubigen nicht nützen könnte.
48. Schmerz, Sinn und Sinnlosigkeit
Wenn Gott uns leiden lässt, kann das viele Gründe haben. Es kann mir selber nützen oder
einem anderen. Es kann zum Vorbild dienen oder zur Abschreckung. Es kann nötig sein, um
mir Fehler auszutreiben, oder um andere zur Barmherzigkeit herauszufordern. Es kann Prüfung sein für mich oder öffentliches Zeichen für andere. Es kann der Fluch der bösen Tat
sein, der mich gerechter Weise einholt, oder Gottes herzliche Umarmung, die mich am Weglaufen hindert. Es ist schwer anzunehmen – aber man sollte sein Leid nicht für grundlos,
sinnlos oder nutzlos halten.
49. Das Leid und die Theodizeefrage
Das Theodizeeproblem ergibt sich aus fünf Voraussetzungen, an denen man nicht gleichzeitig und uneingeschränkt festhalten kann, ohne in Widersprüche zu geraten. Prüft man diese
Voraussetzungen allerdings am biblischen Zeugnis von Gott, so gilt keine in dem Sinne, den
die Religionskritik unterstellt. Die Theodizeefrage als logisches Paradox löst sich auf, weil
sie auf halbwahren Prämissen beruht. Eine existentielle Herausforderung für die Gläubigen
wird sie aber bleiben, bis (nicht kluge Theologie, sondern) Gott selbst für Aufklärung sorgt.
50. Theodizee
Der Vorwurf, Gott tue nichts gegen das Leid dieser Welt, ist unberechtigt, denn er tut sehr
viel gegen die menschliche Sünde, aus der das Leid resultiert. Die Bibel redet von nichts
anderem! Nur setzt Gott nicht bei dem Bösen an, das den Sünder stört, sondern bei dem
Bösen, der der Sünder ist. Gottes Evangelium bekämpft das Übel, wo es entsteht: im
menschlichen Herzen. Wenn der Mensch aber nicht einverstanden ist mit der Weise, auf
die ihm Gott zu helfen gedenkt, so wiederlegt das nicht Gottes Existenz oder Gottes Liebe,
sondern beweist nur, dass Gott nicht ist, wie der Mensch ihn gerne hätte.
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51. Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde
Der Mensch ist dazu bestimmt, Gottes Ebenbild zu sein. Doch ist dies nicht als „Gottähnlichkeit“ misszuverstehen. Gemeint ist vielmehr eine gegenbildliche Entsprechung wie sie
zwischen Siegelring und Siegelabdruck besteht: Der Mensch ist bestimmt, zu empfangen,
wo Gott schenkt, zu gehorchen, wo Gott befiehlt, zu folgen, wo Gott ruft. Bisher verfehlen
alle Menschen dieses Ziel, bis auf einen: Jesus Christus ist das wahre Ebenbild Gottes und
dadurch der Maßstab des wahrhaft Menschlichen.
52. Der Sinn des Lebens
Der Mensch kann seinem Leben keinen Sinn „geben“ oder „verleihen“. Und alle Versuche,
das eigene Dasein durch seinen Nutzen zu rechtfertigen, scheitern. Doch das macht nichts.
Denn wie beim Produkt eines Handwerkers, ist auch der Sinn des menschlichen Lebens von
seinem Erfinder und Schöpfer vorgegeben: Es ist der Daseinszweck des Menschen, als Gottes Ebenbild mit Gott in Gemeinschaft zu sein. Weil diese Gemeinschaft aber unter allen
Umständen möglich ist und Gott immer erreichbar bleibt, ist auch unter allen Umständen
sinnvolles Leben möglich.
53. Sünde
Sünde ist kein äußeres Fehlverhalten, sondern ist zuerst ein seelischer Schaden. Er besteht
in der egozentrischen Unterstellung, (nicht Gott, sondern) wir selbst seien der Mittelpunkt
der Welt und das Maß aller Dinge. Dieser Grundirrtum, die eigene periphere Stellung mit
der zentralen Stellung Gottes zu verwechseln, führt dazu, dass wir unseren Willen dem Willen der Mitmenschen und dem Willen Gottes überordnen. Und daraus resultiert alles, womit wir einander das Leben zur Hölle machen.
54. Anmaßung und Egozentrik
Sünde ist nicht in erster Linie unmoralisch, sondern zuerst und vor allem sinnlos. Sie ist
der tragische Irrtum eines Geschöpfes, das sein Verhältnis zu Gott missversteht und darum
meint, es könne oder solle von sich selbst oder von der Welt leben. Der Sünder erwartet
vom Stückwerk, was vernünftigerweise nur vom Vollkommenen erwartet werden kann. Er
maßt sich an, auch abgesehen von Gott etwas zu sein, verkennt damit seine Lage und zieht
falsche ethische Konsequenzen. Der Grund ist aber immer, dass er von Gott zu gering denkt
und von sich selbst zu groß.
55. Eigennutz und Selbstlosigkeit
Ob ein Mensch „gut“ ist, bemessen wir nicht am Effekt seiner Taten, sondern an den Motiven seines Willens. Und wenn diese Motive eigennützig sind, können wir den Willen nicht
„gut“ nennen. Doch wann handelten wir wirklich „selbstlos“? Gewöhnlich tun wir das Gute
nicht um seiner selbst willen, sondern weil es sich in irgendeinem Sinne für uns „lohnt“.
Was heißt das aber anderes, als dass wir schlecht sind? Solange wir Gründe brauchen, um
das Gute zu wollen, sind wir fern vom Guten, denn dem Guten wäre es Lohn genug, dass
das Gute geschieht.
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56. Verantwortung ohne Wahl
Wer als Sünder geboren wird, hat keine andere Wahl, als zu sündigen. Doch kann uns das
nicht entschuldigen, weil wir keineswegs widerwillig, sondern willig sündigen. Wir handeln
„selbstbestimmt“, insofern wir Anderes und Besseres tun könnten, wenn wir nur wollten.
Was uns am Gut-Sein hindert ist also nicht, dass wir nicht Gut-Sein „könnten“ (obwohl wir
es wollen), sondern am Gut-Sein hindert uns nur, dass wir es nicht wollen (obwohl wir wissen, dass wir es wollen sollten). Der Mensch sündigt demnach aus freien Stücken. Und
mehr braucht man nicht, um für die Folgen verantwortlich zu sein.
57. Die Sinnlosigkeit des Bösen
Wie kommt das Böse in Gottes gute Schöpfung? Manche Gelehrte versuchen, das Rätsel zu
lösen, indem sie dem Bösen einen Sinn abgewinnen und ihm einen Nutzen beilegen. Doch
verharmlosen sie es damit. Denn die Natur des Bösen besteht gerade darin, für nichts gut zu
sein. Es ist ein Fremdkörper im Organismus der Schöpfung, dem wir nicht „verstehend“
begegnen sollten, sondern bewusst „verständnislos“. Es hat keine Daseinsberechtigung.
Und so sollten wir es auch behandeln.
58. Das Böse in Person
Man sollte den Teufel weder unterschätzen noch überschätzen – denn beides wäre ihm
willkommen. Wo man ihn nicht ernst nimmt, weil man ihn für ein Fabelwesen hält, da hat
er leichtes Spiel. Wo man ihn aber zu ernst nehmen wollte, da täte man ihm zu große Ehre
an, die der ewige Verlierer nicht verdient. Halten wir uns besser in der Mitte. Und halten
wir uns vor allem nahe bei Christus. Denn eine Gefahr ist er nur, wo wir uns von Christus
entfernen. Satan will versuchen, verklagen und verderben. Christus aber ist des Teufels
Teufel.
59. Gottes Wille
Wir bitten nicht „Dein Wille geschehe“, weil Gott derzeit nur den Himmel regierte. Nein:
Gottes Wille geschieht auch auf der Erde. Doch bitten wir, dass Gottes Wille auch auf Erden
in der milden und heilvollen Weise geschehen möge, wie er jetzt schon im Himmel geschieht. Noch zwingt die menschliche Bosheit Gott, gegen seinen eigentlichen Willen hart
zu sein. Noch sträubt sich die Erde und beugt sich seiner Hand nur unwillig und unter
Schmerzen. Wenn aber Gottes Reich anbricht, wird diesbezüglich zwischen Himmel und
Erde kein Unterschied mehr sein.
60. Gottes Gericht in der Zeit
Gottes Gericht besteht oft darin, dass er uns in unserem törichten und bösen Tun nicht
aufhält, sondern (statt einzugreifen), uns einfach den Konsequenzen unseres Tuns überlässt. Denn meist gebärt die Sünde selbst das Übel, das sie verdient. Das ist hart, aber gerecht. Darum hadert der Glaube nicht mit Gott, sondern beugt sich seinem Gericht, zumal
er ja weiß, wohin ihn Gottes raue Pädagogik führen soll: Er soll endlich bleiben lassen, was
ihm und anderen zum Schaden gereicht, und soll lernen, zu wollen, was gewollt zu werden
wert ist.
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61. Gottes Gebote
Gottes Gesetz ist die „Hausordnung“, die der Schöpfer seiner Schöpfung gegeben hat. Ihre
Notwendigkeit und Güte müsste eigentlich jeder einsehen. Für uns Sünder allerdings, die
wir das geforderte Gute nicht vorbehaltlos bejahen, wird das Gesetz zur Bedrohung, weil es
unser Versagen schonungslos aufdeckt. Die Einsicht in das eigene Versagen ist aber in
Wahrheit ein Gewinn: Das Gesetz zwingt uns dadurch, nicht auf die eigene Moralität, sondern auf die Gnade Gottes zu vertrauen.
62. Desillusionierung, Selbsterkenntnis und Buße
Unser Scheitern an Gottes Geboten verdirbt uns die Lust daran. Denn Gottes Gesetz scheint
für nichts anderes zu taugen, als dass es unser Versagen aufdeckt. Es ist der Eisberg, an dem
die „Titanic“ menschlicher Selbstsicherheit zerschellt. Doch ist das in Wahrheit gut so!
Denn was da zerbricht, war eine Illusion. Erreicht der Schiffbrüchige aber das Rettungsboot,
das man Kirche nennt, und schlüpft bei Christus unter, so kommt er unter Jesu Führung an
das Ziel, zu dem ihn seine „Titanic“ (sein stolzes Bemühen um Vervollkommnung) niemals
hätte bringen können.
63. Gottes Verborgenheit, Offenbarung und Menschwerdung
Gott begegnet uns nicht nur in Jesus Christus, aber er begegnet uns nur in Jesus Christus so,
dass wir ihn begreifen können. Denn Gottes Offenbarung in Natur und Geschichte ist so
zweideutig, dass wir aus ihr nicht entnehmen können, ob Gott zuletzt unser Freund oder
unser Feind sein will. Erst in Christus - und nur in Christus - wird Gottes Heilswille eindeutig erkennbar und greifbar, so dass Christen sagen: Einen anderen Gott als den Menschgewordenen kennen, wollen und verehren wir nicht.
64. Das Wunder der Jungfrauengeburt
Wenn Christen bekennen, Christus sei „empfangen durch den Heiligen Geist“ und „geboren
von der Jungfrau Maria“, so gilt ihr Interesse nicht gynäkologischen Besonderheiten der
Mutter Jesu. Vielmehr wendet sich dieses Bekenntnis gegen jeden Versuch, Christus aus
einer Familie, einem Volk oder einer religiösen Entwicklungsgeschichte „herzuleiten“.
Nicht die Menschheit hat den Erlöser der Menschheit „hervorgebracht“, sondern Gott Vater
hat seinen Sohn zu uns gesandt.
65. Gotteserkenntnis und Dreifaltigkeit
Wenn Jesus „Gottes Sohn“ genannt wird, dann ist damit kein „Verwandtschaftsverhältnis“
gemeint. Vielmehr bringt dieses Bekenntnis zum Ausdruck, dass Vater und Sohn gleichen
Wesens, gleicher Würde und gleichen Willens sind. Zwischen ihnen steht ein Gleichheitszeichen. Für den Gläubigen aber, der dieses Gleichheitszeichen sieht und anerkennt, ist es
der Schlüssel zu aller wahren Gotteserkenntnis: Weil er den Sohn vom Vater, und den Vater
vom Sohn her versteht, wird Gott nie mehr ein rätselhafter Unbekannter für ihn sein.
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66. Christi zwei Naturen
Die Kirche entspricht dem Zeugnis der Bibel, indem sie Christus zugleich als „wahren Menschen“ und „wahren Gott“ bekennt. Wie sich beide „Naturen“ in der Person Christi vereinen konnten, übersteigt unseren Horizont. Aber wir vermögen einzusehen, dass diese Vereinigung nötig war: Wie eine Brücke auf beiden Ufern des Flusses aufruhen muss, um sie zu
verbinden, so musste Christus ganz zu Gottes und ganz zu unserer Welt gehören, um zwischen Himmel und Erde eine Brücke schlagen zu können.
67. Der „historische“ Jesus
Oft wird gesagt, das Neue Testament zeige nicht den „historischen Jesus“, sondern nur den
„geglaubten Christus“. Doch wie sollten beide unterscheidbar sein? Weder kann man den
Evangelisten aus ihren eigenen Schriften (!) beweisen, dass sie sich mit ihrer Christologie zu
Unrecht auf Jesus berufen, noch kann man aus ihren eigenen Schriften (!) beweisen, dass
sie es zu Recht tun. Wir haben keinen Zugang zu einem „historischen Jesus“, brauchen aber
auch keinen. Denn der Jesus, den die Christenheit kennt und braucht, ist der biblische
Christus.
68. Jesu Art, mit Menschen umzugehen
Jesus hält sich nicht damit auf, was einer war, oder was er vorgibt zu sein, sondern konzentriert sich auf das, was der Mensch werden soll, weil jeder dazu bestimmt ist, ein Ebenbild Gottes zu sein. Nicht woher der Mensch kommt interessiert Jesus, sondern ob er mitgeht und unterwegs ist zum Reich Gottes. Und sein Gegenüber auf diesem Weg voranzubringen – eben das heißt für Jesus Nächstenliebe. Sie besteht nicht darin, einem das zu geben, was er wünscht, sondern das, was er nötig hat, um Gott näher zu kommen. Braucht‘s
dafür Strenge, so ist Jesus streng. Und braucht‘s dafür Milde, so ist er mild.
69. Das Heilswerk Christi im Überblick
Das Heilswerk Jesu Christi umfasst seinen gesamten Lebensweg und hat mehrere Dimensionen, die eng miteinander verknüpft sind: (1.) wird er Mensch, um den Verlorenen hilfreich nahe zu kommen, (2.) offenbart er ihnen die Liebe Gottes, (3.) verbindet er sich unlöslich mit den Gläubigen, (4.) stirbt er stellvertretend für sie am Kreuz, (5.) sühnte er durch
sein Opfer ihre Schuld, (6.) zahlt er das Lösegeld, um sie von allen Mächten freizukaufen,
und (7.) überwindet er in der Auferstehung all ihre Feinde. Ja: „Christus erkennen bedeutet,
seine Wohltaten zu erkennen!“
70. Menschwerdung und Liebe Gottes
Indem Gott Mensch wird, macht er unsere Probleme zu seinen. Er teilt unser Schicksal und
beugt mit uns den Rücken unter die Last, die wir uns aufgeladen haben. Er stellt sich vor
die, die für sich selbst nicht geradestehen können. Und er tut das in dem vollen Bewusstsein, dass er wenig später auf Golgatha den Kopf für uns hinhalten wird. Trotzdem kommt
er hinein in unsere verfahrene Situation. Und man könnte denken, das sei tragisch für ihn.
In Wahrheit aber ist es tragisch für die Situation. Denn sie kann nun nicht bleiben, wie sie
ist. Wenn Christus unsere Not auf sich nimmt, ist das der Anfang vom Ende dieser Not.
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71. Unser Schmutz und Jesu Reinheit
Gott durchlief ein irdisches Leben, um an unseren Lasten teilzuhaben, sie mit uns zu tragen
und für uns zu überwinden. Er ging in unseren Schuhen, machte unsere Not zu seiner Not
und ersparte sich weder Blut noch Schweiß oder Tränen. Doch weil er unsere Lage teilt, ist
sie nun nicht mehr aussichtslos. Christi Weg ist so mit unserem verschmolzen, dass sich
seine Kraft über kurz oder lang gegen unsere Schwäche durchsetzen und seine Reinheit
über unseren Schmutz siegen wird. Denn der Menschgewordene versenkt unsere Not tief
hinein in seine Liebe.
72. Die Nähe des Reiches Gottes
Ins Zentrum seiner Verkündigung hat Jesus das Reich Gottes gestellt. Er predigt vom Reich,
weil es nahe herbei gekommen ist. Er erzählt davon in höchst dynamischen Gleichnissen.
Und er fordert von seinen Jüngern, für das Kommende radikal offen und bereit zu sein. Jesus knüpft die Nähe des Reiches unmittelbar an seine Person. Seine Wunder machen anschaulich, welche Freiheit damit anbricht. Die Bergpredigt zieht die ethischen Konsequenzen. Und auch das Kreuz Christi ist direkt auf das Reich bezogen, weil es Sündern den Zugang ermöglicht.
73. Naturgesetz, Wunder und Freiheit Gottes
Die Wundertaten Jesu laufen den uns bekannten Gesetzmäßigkeiten zuwider und irritieren
uns darum. Doch gerade in der Irritation liegt ihre Botschaft: Wo Jesus Christus ins Spiel
kommt, muss nicht alles bleiben, wie es immer war und der fatale Lauf der Welt ist nicht
mehr unabänderlich. Krummes kann durch ihn gerade und Totes lebendig werden. Darum
glauben Christen nicht unbedingt alle Mirakel der Vergangenheit - aber sie glauben, dass
Gott jederzeit frei ist, unser Geschick zum Guten zu wenden.
74. Das konsequente Vertrauen Christi
Jesu Tod war kein Justizirrtum und kein tragisches Missverständnis, sondern eine direkte
Folge seines kompromisslosen Lebens. Jesu Grundüberzeugung war, dass der, der Gott gehorcht und sich ihm vertrauensvoll in die Arme wirft, von Gott aufgefangen wird. Er machte
den Selbstversuch, lebte sein Programm, blieb auf Kurs, wurde dafür gehasst – und das, wovon er überzeugt war, wurde ihm zum Schicksal. Die Welt schlug ihn ans Kreuz. Aber Gott
erweckte ihn auf. Und der Beweis ist damit erbracht: Radikales Gottvertrauen ist nicht
Wahnsinn, sondern Weisheit.
75. Das Kreuz Jesu Christi
Die Kreuzigung Christi war kein Justizirrtum und kein Missverständnis, sondern eher eine
Kampfhandlung. Christus war ein Opfer der Menschheit, die sich dem Anspruch Gottes
entziehen wollte, indem sie seinen Repräsentanten aus der Welt schafft. Und Christus war
zugleich ein Opfer Gottes, der ihm als Repräsentanten der Menschheit diesen Tod zugemutet hat. Erst von Ostern her erschließt sich der Sinn dieses schrecklichen Vorganges: Gottes
Sohn ging durch die Hölle, damit wir es nicht müssen.
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76. Gottes Zorn, unsere Schuld und Christi Kreuz
Gott befindet sich der sündigen Menschheit gegenüber im Zwiespalt: Die Gerechtigkeit Gottes fordert, die Sünde durch Vernichtung der Sünder aus der Welt zu schaffen. Die Liebe
Gottes aber bejaht auch die Geschöpfe, die sich vom Schöpfer abkehren. Durch das Leiden
Christi wird Gott beidem gerecht und vereint Sühne mit Bewahrung: Gott selbst nimmt die
Strafe auf sich, die wir verdient haben. Er stirbt unseren Tod, damit wir leben. Er lässt sich
verwerfen, damit wir nicht verworfen würden.
77. Christi Sühnetod und unsere Erlösung
Warum Gott Mensch wurde und am Kreuz starb? (1.) bestand die Notwendigkeit der Erlösung, um Gottes Plan zum Ziel zu führen. Und (2.) konnte die Erlösung nicht stattfinden,
ohne dass eine entsprechende Sühne vorausging. (3.) vermochte niemand diese Sühne zu
leisten außer Gott. Und (4.) sollte niemand die Sühne leisten außer dem Menschen, der den
Schaden verursacht hat. Daraus folgt aber unausweichlich (5.), dass derjenige, der die Sühne
wirklich leistet, Gott und Mensch zugleich sein muss (freie Bearbeitung eines Werkes des
Anselm v. Canterbury).
78. Die Selbstdurchsetzung der Liebe
Der Kreuzestod Jesu wäre missverstanden, wenn man annähme, Gottes Sohn habe durch
das Opfer seines Lebens die Liebe Gottes erst erkauft oder herbeigeführt. Es ist nämlich
weder so, dass ein liebloser und zorniger Gott durch das Kreuz erst Liebe lernen musste,
noch verhält es sich so, dass Vergebung ohne das Kreuz möglich gewesen wären. Vielmehr
hat Gottes Liebe im stellvertretenden Tod Jesu den einzig möglichen Weg gefunden, um
sich gegen Gottes sehr berechtigten Zorn durchzusetzen. Aus Liebe litt Gott lieber selbst, als
uns leiden zu sehen.
79. Jesus Christus am Tiefpunkt
Die Hölle, die Menschen einander auf Erden bereiten, stellt alles in den Schatten, was man
früher als „jenseitige“ Hölle erwartete. Und so wird eine alte Lehre neu bedeutsam: Christus
ist nach seinem Tod hinabgefahren an den Ort der Verdammten, um auch ihr Bruder zu
werden, ihre Verdammnis mit ihnen zu tragen und ihnen das Evangelium zu verkünden.
Wenn aber der Arm der Liebe Gottes bis in die Hölle hinabreicht, ist das der Anfang vom
Ende der Hölle. Denn Christus ist des Teufels Teufel.
80. Christi Kampf und Sieg
Das Leben ist ein Kampf, in dem sich der menschliche Wille zum Leben gegen den Tod zu
behaupten sucht. Ob aber dies tägliche Ringen Sinn macht, hängt davon ab, ob es ein - aufs
Ganze gesehen - gewinnbarer oder schon verlorener Kampf ist. Christen glauben Ersteres,
denn die Auferstehung Christi ist der entscheidende Sieg, der den Ausgang des ganzen Krieges vorwegnimmt: Seither gewinnen die Mächte der Finsternis zwar noch einzelne Schlachten. Aber sie gewinnen nicht mehr den Krieg.
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81. Ostern unverkürzt
Dass Jesus auferstand, besagt nicht bloß, dass er eine bis heute lebendige Wirkungsgeschichte hat und „in uns weiterlebt“ – so als wäre unser Herz sein letzter Zufluchtsort. Sondern Auferstehung heißt umgekehrt, dass wir in ihm weiterleben. Nicht wir halten ihn lebendig, indem wir in seinem Sinne handeln und glauben, sondern er hält uns am Leben,
indem er sein erlösendes Werk an uns tut. Jesus Christus ist nicht auf uns angewiesen, wir
aber sind darauf angewiesen Glieder seines Leibes zu sein, denn nichts hat Zukunft, was
nicht geborgen wäre in ihm.
82. Von gebrochener Resignation
Ostern ist nichts für sonnige Gemüter, die schon aus Naivität positiv denken, sondern ist
für die Gebeugten, die täglich ihre Träume begraben, ihre Würde und ihre Liebe. Deren
Problem ist nicht zuerst und nicht nur der leibliche Tod am Ende, sondern der tägliche Tod,
der im Herzen stattfindet. Mephisto bricht ihre Hoffnung. Aber Christus bricht ihre Resignation. Denn Ostern ist die Renitenz des Allmächtigen gegen alles, was das Leben verneint.
Es ist Gottes guter Wille, der sich da nicht beerdigen lässt, und der mit all dem Guten, das
er einschließt, stets „unverloren“ ist und bleibt.
83. Leeres Grab und historische Kritik
Die moderne Infragestellung der Auferstehung Christi beruht im Wesentlichen auf weltanschaulichen und historisch-methodischen (Vor-) Urteilen, die diesen Vorgang von vornherein „undenkbar“ erscheinen lassen. Dagegen ist geltend zu machen, dass Gott kein Gefangener der von ihm geschaffenen Gesetzmäßigkeiten ist. Der Anstoß, den die Freiheit des
Schöpfers unserem Denken bereitet, ist im biblischen Gottesbegriff selbst enthalten und
könnte nur mit ihm gemeinsam beseitigt werden.
84. Auferstehung als Aufhebung
Auferstehung meint mehr als nur die Wiederbelebung eines Verstorbenen. Sie lässt ihn
nicht in sein altes, vergängliches Leben zurückkehren, sondern ist in dreifachem Sinne als
„Aufhebung“ zu verstehen. Das Leben wird (1.) „aufgehoben“ im Sinne von „abgeschlossen,
beendet, nicht fortgesetzt“, (2.) im Sinne von „bewahrt, geschützt, nicht preisgegeben“ und
(3.) im Sinne von „hinaufgehoben auf ein höheres Niveau“. Alle drei Aspekte sind zu beachten, wenn man von Jesu Auferstehung spricht. Sie werden aber genauso unsere eigene Auferstehung prägen.
85. Himmelfahrt und Herrschaft Christi
Es könnte scheinen, Himmelfahrt sei ein Trauertag für die Jünger, weil Jesus von ihnen Abschied nimmt und sich entfernt. In Wahrheit aber ist Christus, nachdem er zum Himmel
aufgefahren ist, seinen Jüngern näher als zuvor. Denn früher war er immer nur hier oder
dort. Seit er „zur Rechten Gottes“ sitzt hat er Teil an Gottes Allgegenwart und übt die Herrschaft aus, die ihm der Vater übertragen hat. Ein schrecklicher Gedanke ist das für seine
Feinde, Freude und Trost aber für alle Gläubigen.
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86. Gottes Geist und andere Geister
Beton oder Stahl sind „an sich“ weder gut noch schlecht. Es kommt darauf an, was der Geist
des Architekten daraus macht. Und dasselbe gilt vom „Rohmaterial“ unseres Lebens, das aus
Gesundheit, Intelligenz, Kraft oder Schönheit besteht. Nichts von alledem ist „an sich“
schon gut oder schlecht. Denn erst der Geist gibt den Dingen Form, Sinn und Ziel. Erst der
Geist, der uns treibt, lässt unsere Potentiale zum Segen oder zum Fluch ausschlagen. Darum
ist die zentrale Frage nicht, über welches „Rohmaterial“ ich verfüge, sondern welchem Geist
es dienstbar wird.
87. Der Heilige Geist
Person und Werk des Heiligen Geistes sind in besonderem Maße „unanschaulich“. Doch
würde Gott nicht als Heiliger Geist an uns und in uns wirken, könnte niemand erlöst werden: Der Geist sorgt dafür, dass das äußere Wort der Bibel uns innerlich so betrifft, erleuchtet und erneuert, dass wir Gott in Christus erkennen, durch den Glauben das Heil ergreifen
und uns dann auf den Weg machen, (unserer Lebensführung nach) so „gerecht“ zu werden,
wie wir es (nach Gottes barmherzigem Urteil) schon sind.
88. Die Einwohnung des Heiligen Geistes
Dass Gottes Geist in den Gläubigen „wohnt“, ist irritierend, aber notwendig. Denn anders
als durch den Heiligen Geist, der uns anschließt an die Quelle des Heils, würde Gott uns
nicht erreichen. Wohnte Gott nicht in uns, blieben wir immer fern von ihm. Ist er aber in
uns, so tut er stellvertretend für den menschlichen Geist, was dieser nicht vermag, und
schafft die Glaubenszuversicht, die wir nie aufbrächten. Genau genommen ist es Gott
selbst, der in uns an sich glaubt. Er lässt unseren Geist teilhaben an der Gewissheit, mit der
Gott um sich selbst weiß.
89. Gotteserkenntnis, Zweifel und Bekehrung
Die Gewissheit des Glaubenden ist nicht „begründet“, sondern ist begründend. Sie beruht
nicht auf Erfahrungen, sondern liegt allen religiösen Erfahrungen voraus, als das, was sie
ermöglicht. Glaubensgewissheit steht also nicht als Ergebnis am Ende einer Argumentation,
sondern als Voraussetzung an ihrem Anfang. Sie verändert nicht Urteile, sondern zuerst den
Urteilenden. Sie ist kein Impuls, den man erdenkt, sondern einer, dem man erliegt. Wer
aber braucht für solches „Erliegen“ Gründe? Begründet der Surfer die Welle, die ihn mitreißt?
90. Gottes Volk und Prädestination
Bei Gott funktioniert Demokratie andersherum. Denn er ist ein König, der sich sein Volk
wählt. Und er tut es nicht, weil die Erwählten etwas Besonderes wären, sondern sie sind
nur deshalb etwas Besonderes, weil Gott sie erwählt. Gottes Wahl gründet in nichts anderem als in Gottes Freiheit, so dass wir als Christen nicht sind, was wir sind, weil wir uns für
Gott, sondern weil er sich für uns entschieden hat. Wir verdanken unseren Glauben seiner
Zuwendung zu uns. Und das ist gut so. Denn was unsere zittrigen Hände nicht halten, können sie auch nicht fallenlassen!
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91. Rechtfertigung, Gerechtigkeit und Gnade
Gottes Reich bleibt uns verschlossen, wenn wir aufgrund eigener Leistungen oder Qualitäten Einlass begehren, denn nichts von dem, was wir sind oder haben kann vor Gottes Augen
bestehen. Doch wenn wir durch den Glauben Christus angehören, so legt Christus uns seine
Gerechtigkeit wie einen Mantel um die Schultern, bedeckt damit unsere Schande, leiht uns
seine Identität und rettet uns dadurch, denn dann hält uns Gott zu Gute, was (nicht wir,
sondern) Christus für uns getan hat.
92. Gütergemeinschaft mit Christus
Die Bibel misst dem Glauben so große Bedeutung bei, weil er den Gläubigen und den, an
den geglaubt wird, zu einer Einheit verbindet. Alles, was der Gläubige begangen hat, wird
Christus zu Eigen. Alles aber, was Christus besitzt und vollbringt, wird dem Gläubigen zu
Eigen. Wie bei einem armen Mädchen, das einen reichen Prinzen heiratet, ist diese Gütergemeinschaft für den Menschen höchst vorteilhaft: Er überlässt Christus seine Vergänglichkeit und Schuld und empfängt dafür Christi Ewigkeit und Gerechtigkeit.
93. Gefühle zum Glauben
Beim Christ-Sein geht es nicht darum, dass einer seinen religiösen Gefühlen, sondern dass
er dem Evangelium glaubt. Darum dürfen fromme Stimmungen und innere Erlebnisse nicht
zur Zugangsbedingung erhoben werden. Christus hat nicht die zu sich gerufen, die etwas
Tolles fühlen, sondern die Mühseligen und Beladenen – und die müssen weder „gute Werke“ noch „religiöse Gefühle“ mitbringen. Wenn Christus will, kann er beides schenken. Es
geht aber auch ohne. Denn Christus ist verlässlich, und unsere religiösen Gefühle sind es
nicht.
94. Heilsgewissheit
Ein Christ kann und muss zu seiner Erlösung keinen eigenen „Beitrag“ leisten. Und das ist
ein Glück. Denn sonst bliebe immer ungewiss, ob er „genug getan“ hätte. Da aber die Erlösung in keiner Weise auf dem Tun des zu Erlösenden und ausschließlich auf dem Tun des
Erlösers beruht, kann der Christ seines Heiles gewiss sein. Er soll zwar vieles tun zum Wohle seiner Mitmenschen, aber nichts soll er tun zu seiner eigenen Rettung. Denn was Christus für uns tat, war keine halbe Sache.
95. Die Knechtschaft des menschlichen Willens
Der Mensch kann tun, was er will, kann aber nicht wollen, was er wollen soll. Gefangen in
der Dynamik der Sünde ist er wie ein Rad, das einen Abhang hinunterrollt, und aus eigener
Kraft nicht die Richtung zu ändern vermag. Gottes gnädiges Erwählen ist darum nicht eine
notwendige Bedingung der Erlösung (zu der die „freie“ Entscheidung des Menschen noch
hinzutreten müsste), sondern sie ist die völlig hinreichende, keiner Ergänzung bedürftige
Bedingung der Erlösung (aus der Kraft des Heiligen Geistes die positive Willensbewegung
des Menschen resultiert).
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96. Christliche Freiheit
Die Freiheit, die Christus schenkt, besteht darin, dass er uns auf eine tiefe und endgültige
Weise von der Sorge um uns selbst und um das Gelingen unseres Lebens befreit. Er steht
für uns ein und bindet uns an seine Person. Eben diese Bindung macht aber unsere Freiheit
aus, weil sie es erlaubt, unser zentrales Lebensproblem in Christi Hände abzugeben. Gibt es
auch noch genug zu tun, so können und müssen wir doch für das Heil unserer Seele nichts
mehr tun. Von dem Fluch, ungenügend zu sein, sind wir gänzlich befreit, weil Christus in
uns ist, der allem genügt.
97. Nachfolge, Schicksalsgemeinschaft und Jüngerschaft
Die Taufe begründet zwischen dem Christen und Jesus Christus eine enge Schicksalsgemeinschaft, die durch den Begriff der „Nachfolge“ charakterisiert wird: Die heutigen „Nachfolger“ und „Jünger“ Jesu teilen mit ihrem Herrn nicht mehr die staubigen Straßen Galiläas.
Aber wie Christi Weg ins Leid führte, so bekommt auch der Christ sein Kreuz zu tragen. Und
wie Christi Weg durchs Leid hindurch zum Triumph führte, so gewinnt auch der Christ Anteil an der Auferstehung.
98. Fröhliche Selbstvergessenheit
Unsere Gedanken werden in der Regel von zahllosen egozentrischen Sorgen und Wünschen
beherrscht. Sie kreisen ständig darum, was ich „bin“ und was ich „habe“, was ich „kann“
und was ich „will“. Doch der Glaube relativiert das aufgeblähte „Ich“, so dass der Mensch
sich mit der Zeit weniger wichtig nimmt und Gott immer mehr Raum gibt. Er will am Ende
nichts anderes mehr sein, als was Gott ihn sein lässt. Und er strebt nur noch danach, sein
Denken, Tun und Wollen möglichst vollständig mit Gottes Denken, Tun und Wollen zu verschmelzen.
99. Gottesfurcht
Der Glaube lässt Gott Gott sein – und beschränkt darum den Menschen darauf, Mensch zu
sein. Er relativiert alle Hierarchien und entzaubert die Welt. Denn der Glaube duldet nicht,
dass Irdisches in den Rang des „Göttlichen“ und „Letztgültigen“ erhoben wird. Wenn es
darum geht, Ehre zu erweisen oder Ehrerweisungen zu empfangen, hält der Gläubige sich
zurück. Und wo er es nicht mit Gott zu tun hat, da behält er (innerlich) den Hut auf. Denn
alles, was nicht Gott ist, ist zu Gottes Dienst bestimmt. Ihm allein gebührt Ehre – und sonst
niemandem.
100. Liebe zu Gott
Die Liebe zu Gott besteht darin, in hingegebener Weise auf ihn konzentriert und ausgerichtet zu sein. Wer Gott liebt, dreht sich nicht hierhin und dahin, um tausend Dinge wichtig zu
nehmen, sondern hängt an Gott und schaut auf Gott. Er reißt die Fenster weit auf, damit
Gottes Wort hereinschallt, und streckt Gott sein Gesicht entgegen, damit Gottes Sonne es
wärmt. Er ist, was er ist, nur in der Beziehung zu Gott, denn ihm ehrfurchtsvoll und freudig
gegenüberzustehen, mit größtem Respekt, aber ohne Angst, das macht das Wesen und die
Bestimmung des Gläubigen aus.
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101. Dem Schuldiger vergeben
Vergebung besteht nicht darin, dass man erfahrenes Unrecht relativiert, kleinredet, vergisst,
toleriert, billigt oder entschuldigt, sondern darin, dass man den Täter an Gott überweist,
der ebenso gerecht wie barmherzig ist, der schärfer sieht und besser urteilt als wir. Der Vergebende verzichtet auf den Schuldvorwurf und gibt damit die Person frei, an deren Verhängnis er ein berechtigtes Interesse haben könnte. Er besteht nicht auf Vergeltung und
schickt dem Schuldigen auch keine Flüche hinterher, sondern wünsche ihm, dass er sowohl
zu seiner Tat als auch zu ihren Folgen eine heilsame Distanz gewinnt.
102. Enttäuschung, Schwermut, Weltschmerz
Das menschliche Leben ist in weiten Teilen ein vergebliches Jagen nach vergänglichen Gütern von zweifelhaftem Wert. Doch für die Enttäuschung, die daraus resultiert, ist nicht die
„Welt“ verantwortlich, sondern der Mensch, der in der Welt sucht, was nur bei Gott zu finden ist. Unseren Hunger nach Vollkommenheit, Verlässlichkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit
und Glück kann und soll die Welt nicht stillen. Das aber zu erkennen, sich von der Welt frei
zu machen für Gott, und dann den Frieden nirgendwo anders zu suchen als in ihm – das ist
Glaube.
103. Glauben als Blickrichtung
Der Mensch neigt dazu, mit besorgtem Blick auf sich selbst zu schauen. Er starrt gebannt
auf die eigene Befindlichkeit und erwartet von niemandem viel, außer von sich selbst. Der
Glaube aber löst diese ungesunde Fixierung und verweist uns auf den, dem wir alle Sorge
überlassen können. Wir dürfen den Blick wegwenden von all dem „Ich“ und „Mir“ und
„Mein“ und „Mich“, um hinzuschauen auf Christus. Denn in der Neuausrichtung auf ihn
öffnet sich der verkrümmte und verkrampfte Mensch zu fröhlicher Selbstvergessenheit, um
sich jenseits der eigenen Person in Christus zu gründen.
104. Glaube als unaufhörliche Bewegung
Wer sich selbst kennt und Gott kennt, hat allen Grund, vor Gott zu fliehen. Denn zwischen
seiner Gerechtigkeit und unserer Schuld besteht ein krasses Missverhältnis. Allein: Wo
kann man sich verstecken vor dem, der allgegenwärtig ist? Nur die eine Chance gibt es, dass
uns Gott selbst vor Gott in Schutz nimmt. Und diese Chance ergreift der Glaube, indem er
vor Gott zu Gott flieht, bei Christus unterkriecht und vor Gottes Gericht an Gottes Gnade
appelliert.
105. Gottesbeziehung und Autonomiestreben
Alles, was am Menschen herrlich sein kann, ist ihm gerade so geliehen, wie dem Mond sein
Glanz geliehen ist von der Sonne. Auch der Mensch ist ein Klumpen aus Staub, der am
schönsten erscheint, wenn er Gottes Macht und Güte reflektiert. Aber sollte man das beklagen und versuchen, selbst zur Sonne zu werden? Nein! Gott gebührt die Ehre. Und ein Leben lang unter seinem Glanz zu liegen als Projektionsfläche für Gottes Licht, das ist schön,
ist gar nicht übel – und für einen Haufen Staub auch durchaus genug.
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106. Taufe
Die Taufe ist ein Herrschaftswechsel, durch den ein Mensch dem Machtbereich des Bösen
entnommen und in das Eigentum Gottes überführt wird. Als Heide wird er im Taufwasser
„ersäuft“. Und als Christ geht er aus dem Taufwasser hervor: Eine neue Kreatur, die zwar
noch nicht vollendet, aber doch unzweifelhaft zur Vollendung bestimmt ist. Wenn er die in
der Taufe zugesagte Gnade durch den Glauben annimmt, wird nichts und niemand mehr
die heilvolle Bindung an Christus durchbrechen können.
107. Teilhabe an Kreuz und Auferstehung
Die Taufe ist keine nette Kindersegnung. Sie verkoppelt und verbindet den Getauften so
sehr mit Jesus Christus, dass er zu einem Glied seines Leibes wird und – das gesamte
Schicksal seines Herrn teilend – durch den Tod ins Leben geht. Mitgefangen mit Christus,
heißt mitgehangen – heißt aber auch mit auferstanden. Der Getaufte wird Satan entzogen,
wird seines Lebens enteignet und für Gott rekrutiert. Er gehört nie mehr sich selbst. Doch
ist genau das zu seinem Vorteil, weil er nur so eingesenkt und einverleibt werden kann in
das Leben Jesu Christi.
108. Konfirmation und religiöse Identität
Die Taufe und der Glaube gehören sachlich zusammen, sie treten aber zeitlich auseinander,
wo man Säuglinge tauft. Damit dort zur Taufe der Glaube nachträglich hinzutreten kann,
schuldet man den Kindern eine christliche Erziehung, durch die sie befähigt und ermutigt
werden, jene Taufgnade, die ihrer bewussten Stellungnahme zuvorkam, eigenverantwortlich zu bejahen. Tun sie dies, so werden ihnen durch die Konfirmation die vollen Rechte
und Pflichten eines mündigen Christen zuerkannt.
109. Abendmahl
Das Abendmahl ist (1.) ein Mahl der Erinnerung und des Gedächtnisses, denn es bezieht
uns ein in die Tischgemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern. Es ist (2.) ein Mahl der Vergebung und Versöhnung, denn in und mit Brot und Wein schenkt uns Christus den Ertrag
seines Kreuzestodes: Wer an seinem Tisch Gast sein darf, der ist versöhnt mit Gott. Das
Abendmahl ist (3.) ein Mahl der Gemeinschaft mit den Geschwistern, die neben uns am
Altar stehen. Und es ist (4.) ein Mahl der Hoffnung und Stärkung, weil es das künftige
Freudenmahl im Reich Gottes vorwegnimmt.
110. Christi reale Präsenz in Brot und Wein
Beim Abendmahl empfangen wir in und mit dem Brot und dem Wein zugleich Christi Leib
und Blut, d.h. wir empfangen ihn selbst und das Heil, das er durch sein Leben, Sterben und
Auferstehen für uns erworben hat. Wie Christus dabei Gastgeber und Speise zugleich sein
kann, werden wir nie restlos verstehen. Dass er es aber ist, ist wunderbar: Christus legt all
seine heilvolle Macht in dieses Mahl hinein, damit sie auf uns übergeht und uns mit ihm
und untereinander zu engster Gemeinschaft verbindet.
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111. Essen und Einswerden im Abendmahl
Essen ist ein erstaunlicher Vorgang, durch den ein Körper in einem anderen untergeht, in
ihm verschwindet, sich in ihm auflöst, ihn stärkt – und zuletzt nicht mehr von ihm unterschieden werden kann. Und genau darum will uns Jesus im Abendmahl Gastgeber und Speise zugleich sein, um in uns einzugehen und aufzugehen. Er will sich mit uns bis zur Ununterscheidbarkeit vereinen, denn während wir uns den Leib Christi in Form des Brotes einverleiben in unseren Leib, werden wir von Christus einverleibt in seinen Leib – die Kirche.
112. Gemeinschaft der Gläubigen
Christ-Sein funktioniert nicht ohne Gemeinde, weil sich ein Christ das befreiende Wort,
von dem sein Glaube lebt, nicht selber sagen kann. Keiner kann sich selbst taufen, segnen,
mahnen, trösten, sich selbst vergeben oder sich das Abendmahl reichen. Darum braucht
jeder Christ die Glaubensgeschwister als Träger und Verkünder des göttlichen Heilswortes.
Christliche Gemeinschaft verdankt sich diesem Wort, das Wort aber verdankt sich nicht der
Gemeinschaft, sondern dem, der’s geredet hat. Wo diese Glaubensgemeinschaft aber fehlt,
lässt sie sich durch nichts ersetzen.
113. Kirchenkritik und Heiligkeit der Kirche
Die Kirche trägt den Ehrentitel der „heiligen christlichen Kirche“ nicht etwa, weil ihre Glieder und ihre Amtsträger „heilig“ oder „vollkommen“ wären. Sie sind es nicht und waren es
nie. Aber wie eine klebrige Auster kostbar wird, durch die Perle in ihr, so wird unsere sehr
fehlbare Kirche „heilig“ durch das Evangelium, das sie durch die Jahrhunderte trägt. Solange
sie ein Gefäß ist, das diesen Schatz bewahrt, verdient sie um seinetwillen sogar geliebt zu
werden. Aber nur solange.
114. Zeitgemäßheit
Es ist Unfug „mit der Zeit zu gehen“, weil „die Zeit“ gar nicht weiß, wo sie hin will. Sie ist
kein „jemand“, der etwas von uns fordern könnte, sondern ist bloß die Gelegenheit, die
Gott uns gibt, um das Richtige zu tun. „Zeitgemäß“ ist es darum (nicht etwa dem Trend oder
der Mehrheit, sondern) der Wahrheit zu folgen und sich auf Ewiges zu besinnen, weil nur
das Ewige zu jeder Zeit zeitgemäß ist. „An der Zeit“ ist also nicht, was eh schon alledenken,
sondern was Menschen heute begreifen müssen, um morgen nicht von Gottes Handeln
überrumpelt zu werden.
115. Zugehörigkeit zur Kirche
Man kann einer Kirche angehören, ohne in Wahrheit ein Christ zu sein. Und viele folgern
im Umkehrschluss, man könne auch Christ sein, ohne einer Kirche anzugehören. Doch dieser Umkehrschluss ist falsch. Wer ernsthaft Christ sein will, kann die Gemeinschaft nicht
ignorieren, zu der Christus seine Jünger verband. Christus macht die Seinen nicht zu Einzelkämpfern, sondern zu Gliedern seines Leibes. In der Trennung von den übrigen Gliedern
erleiden sie darum dasselbe Schicksal, das ein Arm oder ein Bein erleidet, wenn es sich vom
übrigen Organismus trennt.
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116. Mission
Die Mission steht heute in keinem guten Ruf. Doch weil sie Gottes eigenes Projekt ist, haben wir nicht das Recht, auf Mission zu verzichten. Gott will dass sein Haus voll werde und
sendet uns als seine Boten aus. Wenn sich aber irgendwann die Türen schließen und jemand bliebe draußen, weil wir ihn nicht benachrichtigt haben, wäre das schlimm. Schon die
Nächstenliebe macht uns die Mission zur Pflicht, denn wenn ein Verdurstender in der Wüste Wasser gefunden hat, ist es nur natürlich, dass er auch andere Verdurstende herbeiruft
und sie zur Quelle führt.
117. Pfarramt und Allgemeines Priestertum
Als Christus sein Leben opferte, machte er allen weiteren Opfer- und Priesterdienst alttestamentlicher Art überflüssig. Indem er aber seine Jünger beauftragte, missionierend, taufend und lehrend sein Werk weiterzuführen, begründete er das kirchliche Amt. Grundsätzlich hat jeder Getaufte Anteil an diesem Amt und Auftrag. Um aber eine möglichst geordnete und qualifizierte Ausübung zu gewährleisten, überträgt die Kirche das geistliche Amt einzelnen, die dazu besonders geeignet und ausgebildet sind.
118. Gottesdienst
Sinn und Nutzen eines Gottesdienstes liegen nicht darin, dass er die Gemeinschaft, die
Kunst oder das Brauchtum pflegt, dass er bildet, unterhält oder therapiert. Vielmehr steht
im Mittelpunkt die durch Wort und Sakrament vermittelte heilvolle Gegenwart Gottes. Die
gottesdienstliche Erfahrung dieser Gegenwart, das Stehen vor Gottes Angesicht, ist zu
nichts „nütze“ und muss es auch nicht sein: Die Gemeinschaft mit dem Herrn, dieser Vorgeschmack auf Gottes Reich, hat seinen Wert in sich selbst.
119. Gebet
Beten ist keine menschliche Möglichkeit, denn als Sünder sind wir „unreiner Lippen“ und
haben Grund, den offenen Austausch mit Gott zu scheuen. Keine „Gebetstechnik“ vermag
diese Distanz zu überwinden, solange wir im eigenen Namen beten. Das Gebet im Namen
Christi dagegen findet Gehör, weil Christi Brüder und Schwestern seinen Vater mit Fug und
Recht „Vater unser“ nennen dürfen. „Gebetstechnik“ spielt dabei keine Rolle. Denn der Heilige Geist vertritt uns vor Gott, wie es ihm gefällt.
120. Das Ziel des Gebets
Jesus hat seine Jünger gelehrt, dass sie nicht nur beten dürfen, sondern dass sie beten sollen. Der Sinn des Gebets liegt aber nicht darin, dass ich Gott über etwas informiere, was er
sonst nicht wüsste, oder bei ihm etwas erreiche, was er mir sonst nicht gegeben hätte, sondern darin, dass ich mit Gott im Gespräch bin. Der Betende sucht Gottes Nähe um dieser
Nähe willen. Das Ziel des Gebets liegt darum nicht irgendwo „jenseits“ des Gebets, so dass
es nur Mittel zum Zweck wäre, sondern das Ziel liegt im Gebet selbst – in dem ich mich für
Gott, und Gott sich für mich öffnet.
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121. Der Ursprung christlicher Ethik
Christliche Ethik gibt es nicht deshalb, weil unser Handeln ganz viel an der Welt ändern
könnte, sondern weil Gottes Handeln in Christus die Welt längst geändert hat – und sich
dies in einem der neue Situation angemessenen menschlichen Handeln niederschlagen
muss. Es geht nicht um eine Wirklichkeit, die wir durch gutes Tun schaffen, sondern um
die Wirklichkeit, der wir durch gutes Tun entsprechen. Da in Christus die Zeit des Heils
anbrach, gilt es nun mit der Zeit zu gehen und heilvoll zu handeln. Wir sind befreit, müssen
aber noch beginnen, wie Freie zu leben.
122. Ansätze christlicher Ethik
Je nachdem, von welchem Glaubenssatz oder biblischem Thema die christliche Ethik ihren
Ausgang nimmt, wird sie sich verschieden gestalten. Sie kann orientiert sein an (1.) Schöpfungstheologie, (2.) Schöpfungsordnungen, (3.) Gottebenbildlichkeit, (4.) Gesetz des Alten
Testamentes, (5.) Goldenen Regel, (6.) Bergpredigt, (7.) Nachfolge, (8.) Liebe, (9.) Rechtfertigung, (10.) Menschwerdung, (11.) Eschatologie, (12.) Askese, (13.) „WWJD?“. Jeder dieser
ethischen Ansätze hat seine Stärken und Schwächen. Einen echten Gegensatz gibt zwischen
ihnen aber nicht.
123. Christliche Tugenden
Aus Gottes Eigenschaften ergeben sich auf Seiten der Gläubigen entsprechende Tugenden:
1. Allmacht / Allgegenwart  Verantwortung / Haushalterschaft 2. Autorität / Gerechtigkeit
 Einwilligung / Gehorsam 3. Weisheit / Wahrhaftigkeit  Wahrhaftigkeit / Zeugnis 4.
Strenge / Allwissenheit  Demut / Dienstbereitschaft 5. Güte / Barmherzigkeit  Barmherzigkeit / Nächstenliebe 6. Heiligkeit / Vollkommenheit  Heiligung / Enthaltung 7. Unveränderlichkeit / Treue  Zuversicht / Resistenz.
124. Nächstenliebe
Der christliche Glaube lehrt uns, am anderen Menschen nicht nur zwei, sondern drei
„Schichten“ wahrzunehmen: Da ist die Maske, die er trägt (1). Und da ist der Sünder, der
sich dahinter versteckt (2). Doch verborgen unter Schauspielerei und Schmutz ist der Mitmensch auch noch Gottes geliebtes Kind (3). Der Gläubige kann darum niemanden hassen.
Er durchschaut zwar die Maske und lehnt die Sünde ab. Den Sünder aber versucht er zu
lieben, wie Gott ihn liebt, damit der andere das Ebenbild Gottes werden kann, das zu sein
er berufen ist.
125. Treue
Ohne Treue entsteht kein Vertrauen. Und ohne Vertrauen hat die menschliche Gemeinschaft keine Zukunft. Treue ist die Bereitschaft, sich für andere Menschen berechenbar zu
machen und sich als verlässlicher Baustein in ihre Lebensplanung einbauen zu lassen. Wo
man das nicht will oder kann, entfällt eine Grundbedingung gelingenden Lebens. Man verwechselt dann Flexibilität mit Haltlosigkeit. Weil aber keiner verbindlich leben kann, ohne
selbst zuverlässig gebunden zu sein, brauchen wir Gott. Er ist der Inbegriff der Beharrlichkeit und die Beständigkeit in Person.
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126. Demut
Luther sagt: „Es ist nicht Demut, wenn einer leugnet, die Gaben zu haben, die Gott ihm gegeben hat.“ Demut ist darum keine alberne Selbstverachtung, die an der eigenen Person
schlecht macht, was gut ist, sondern sie besteht darin, die eigenen Begabungen und Leistungen weder größer noch kleiner erscheinen zu lassen als sie sind, sie aber nicht sich
selbst zuzuschreiben und zugutezuhalten, sondern allein dem Schöpfer, der sie gegeben
und ermöglicht hat. Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich?
127. Wahrhaftigkeit
Die Welt ist voller Täuschung und Lüge. Doch der Glaube befreit uns zu einer Ehrlichkeit,
die nicht bloß in wahrheitsgemäßer Rede besteht, sondern in einer wahrhaftigen Lebenshaltung. Denn wer mit Gott im Reine ist, sich von ihm durchschaut und dennoch angenommen weiß – wozu müsste der sich noch verstellen? Verstellt er sich aber nicht, wer
könnte ihn entlarven? Wer zu seinen Schwächen steht, weil er von Vergebung lebt, muss
keine Enthüllung fürchten, muss auch nicht mehr prahlen und blenden, sondern ist dazu
befreit, einfach der zu sein, der er ist.
128. Vergebung
Man kann nicht von Gottes Vergebung leben und anderen Vergebung verweigern. Doch besteht sie nicht darin, über die Verletzung von Normen hinwegzusehen oder Schuld zu relativieren. Echte Vergebung bestätigt die geltenden Normen, weil die Verfehlung beim Namen
genannt, bereut – und erst dann verziehen wird. Nur so entspricht es Gottes Vergebung,
weil auch seine Gnade nie Gnade ohne Gericht ist, sondern immer Gnade im Gericht. Auch
er wirft niemandem Vergebung hinter, der sie gar nicht für nötig hält, und vergibt nicht, wo
das nicht erbeten wird.
129. Entschuldigung
Ein Mensch kann sich nicht selbst „ent–schuldigen“, sondern nur der, dem er etwas getan
hat, kann ihn „ent–schuldigen“, wenn er darum gebeten wird. Wirkliche Versöhnung setzt
darum einerseits die Reue des Täters voraus und andererseits die freie Einwilligung des
Geschädigten. Auch Gottes Vergebung ist kein Pauschalangebot. Er vergibt die konkrete
Schuld, die wir ihm gestehen. Wenn uns die Last aber gar nicht drückt, wie könnte er sie
uns dann nehmen? Gott wird den Sünder nicht von seiner Sünde trennen, wenn der Sünder
selbst an ihr festhält.
130. Ehrfurcht vor dem Leben
Der Glaube achtet den Willen des Schöpfers, indem er seine Geschöpfe schont, sie achtet
und sich weigert, Lebendiges den menschlichen Verwertungsinteressen zu unterwerfen.
Auch wenn die Natur ein denkbar schlechtes Vorbild gibt, sollten wir uns der Logik des
„Fressen und gefressen werden“ so weit wie möglich entziehen und nach Möglichkeit Verhältnisse schaffen, in denen keiner auf Kosten anderer lebt. Gott will nicht, dass wir Hammer sind. Und er will auch nicht, dass wir Amboss sind. Sondern er will, dass seine Geschöpfe einander Helfer sind.
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131. Keuschheit
Man muss auch nein sagen können. Denn es gibt Bilder, Bücher, Gespräche und Beschäftigungen, die uns (nicht äußerlich, sondern) innerlich verunreinigen und für die Gemeinschaft mit Gott untauglich machen. Dem muss man sich nicht aussetzen, sondern kann
Enthaltung, Distanz und Keuschheit dagegensetzen, die nicht alles mitmacht, sondern nur,
was Gott gefallen kann. Denn zum Glück ist auch das Gute infektiös. Die Berührung mit
dem Reinen, kann rein machen, und das Heilige, mit dem wir uns beschäftigen, kann im
Kontakt abfärben.
132. Geduld
Es ist nicht so, dass der geduldige Mensch nichts wollte, oder es ihm weniger wichtig wäre
als dem Ungeduldigen. Nein! Auch der Geduldige verfolgt ein Ziel. Aber sein entschlossener
Wille verbindet sich mit langem Atem, Beharrlichkeit und Ausdauer, weil er von seinem Ziel
auch dann nicht ablässt, wenn andere Ziele leichter zu erreichen wären. Das Leiden am Unverfügbaren auszuhalten, ist das Wesentliche an der Geduld. Ein Christ braucht besonders
viel Geduld, hat aber auch besonders guten Grund dazu, weil Gott selbst verbürgt, dass seine Geduld sich lohnt.
133. Ehe
Gott hat Mann und Frau füreinander geschaffen und hat ihnen die Ehe als die Ordnung
angewiesen, in der sie aneinander Freude haben, einander stützen und einander ergänzen
sollen. Wo aus der Ehe Kinder hervorgehen, wird den Eltern die Ehre zu Teil, „Mitarbeiter“
in Gottes Schöpfungswerk sein zu dürfen. Beide aber - Ehepartner und Kinder - werden nie
unser „Eigentum“, sondern sind uns von Gott anvertraut, damit wir sie in Verantwortung
vor ihm wie kostbare Geschenke achten und pflegen.
134. Arbeit
Gott hat unser Leben mit Arbeit verbunden, damit einer dem anderen mit seinen Kräften
und Begabungen helfen kann. Der Schöpfer wollte, dass wir am Fördern und Erhalten fremden Lebens ebenso viel Freude finden wie er. Wenn dieser Segen aber für viele zum Fluch
geworden ist, liegt das daran, dass wir den Sinn der guten Gabe durch Eigennutz und Konkurrenzdenken verkehren. Versäumen wir es, uns Gott als Mitarbeiter zur Verfügung zu
stellen, so bringen wir uns selbst um die tiefe Befriedigung, die aus unserer Arbeit erwachsen könnte.
135. Staat
Staatliche Ordnung ist eine Einrichtung Gottes, der er die Aufgabe zugewiesen hat, durch
Recht und Gesetz dem Bösen zu wehren und das Gute zu schützen. Wenn ein Staat diese
Aufgabe erfüllt, erwächst ihm daraus die besondere Würde, Gottes Instrument zu sein.
Wenn er das Böse aber duldet oder sogar fördert, zerstörte er die Ordnung, die allein ihn
legitimieren könnte – und dann wird Widerstand zur Pflicht. Im Zweifelsfall muss man Gott
mehr gehorchen als den Menschen. Denn göttliches Recht wiegt in jedem Falle schwerer als
menschliches.
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136. Lebensbilanz
An welchem Maßstab kann man das Gelingen eines Lebens bemessen? Da es Gott ist, der
allem Leben Sinn und Ziel vorgibt, zählt letztlich nur sein Urteil. Gott aber fragt nicht, ob
wir glücklich oder unglücklich sind, sondern er fragt allein danach, ob wir ihm vertrauen
und damit die Hütte unseres Lebens auf den Fels des Glaubens bauen. Stimmt das Fundament, so muss unser Lebensgebäude kein Prachtbau sein – und wird den Sturm des Todes
doch überstehen. Stimmt es aber nicht, ist auch das schönste Lebensgebäude auf Sand gebaut – und dem Untergang geweiht.
137. Glaubensfortschritt
Der Weg des Glaubens stellt hohe Anforderungen. Und niemand kann sagen, er sei bereits
am Ziel angekommen. Doch für Gott zählt nicht, ob einer vorne läuft oder hinten. Entscheidend ist nicht, wie nah der Mensch der Vollkommenheit ist. Sondern für Gott zählt nur, ob
er im Rahmen seiner Möglichkeiten sein Bestes gibt. So kann „schwacher“ Glaube „genug“
sein, wenn der Mensch nur unterwegs bleibt, kämpft, strebt und läuft. Und „starker“ Glaube kann „zu wenig“ sein, wenn der Mensch sich ins Gras setzt und sich auf dem Erreichten
ausruht.
138. Widerstand
Im Allgemeinen erscheint es „vernünftig“, wenn der Mensch sein Verhalten den Gegebenheiten der Welt anpasst. Doch wenn die Welt durch den Einbruch des Bösen eine „verkehrte“ und „verdrehte“ Welt geworden ist, kann man sich ihr nicht anpassen, ohne dabei selbst
„verkehrt“ und „verdreht“ zu werden. Der Glaube fordert darum, diese Anpassung zu verweigern, die „Normalität“ des Schlechten niemals „normal“ zu finden und ein widerständiges Leben zu führen nach den Regeln (nicht der gegebenen, sondern) der kommenden Welt.
139. Hoffnung
Hoffnung ist nicht gleich Hoffnung – und die falsche ist der Feind der wahren. Darum ist
christliche Hoffnung klar zu unterscheiden 1. von der Hoffnung der Naiven (die sich bloß
ihrer Unkenntnis verdankt), 2. von der Hoffnung der Stolzen (die auf der Überschätzung
ihrer Kräfte beruht) und 3. von der Hoffnung der Trotzigen (die „blind“ und nur aus Prinzip
hoffen). Christliche Hoffnung hat ihren Spender, ihren Grund und ihr Ziel in Jesus Christus
– und hat darum mit Zweckoptimismus, Fortschrittsglaube oder positivem Denken nichts
zu tun.
140. Die menschliche Seele
Die menschliche Seele verdankt ihre Unsterblichkeit nicht einem eigenen Beharrungsvermögen, durch das sie „unzerstörbar“ wäre, sondern verdankt sie allein der Treue und Beharrlichkeit Gottes, der die Toten nicht vergisst und aus der Beziehung zu ihm nicht entlässt. Es irren darum auch jene, die meinen, mit ihrem Tod sei „alles aus“. Gott hat nicht
vor, sie aus ihrer Verantwortung ins Dunkel des Nicht-Seins entwischen zu lassen. Mancher
wird sich wünschen, er könnte sich die Bettdecke des Todes über beide Ohren ziehen. Aber
es wird keinem gelingen.
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141. Tod und Vergänglichkeit
Der Tod hat mehr als ein Gesicht: Er ist für alle Geschöpfe die natürliche, vom Schöpfer
gesetzte Grenze ihres Daseins. Für Sünder ist er zugleich ein Gerichtsakt, durch den Gott
das ihn Verneinende verneint und das Nicht-sein-sollende ins Nicht-Sein befördert. Für
begnadigte Sünder aber ist er außerdem auch noch das Tor in den Himmel, die Durchgangsstation in die ungetrübte Gemeinschaft mit Gott. Christen müssen den Tod darum nicht
fürchten: Für sie ist das Sterben nicht Vernichtung, sondern Vollendung.
142. Des Lebens Ziel
Der Tod ist nicht das Ziel unseres Lebens (er wäre ein absurdes Ziel!), sondern das eigentliche Ziel unseres Lebens ist der Bund mit Gott, den wir hier im Glauben schließen und der
uns auch dort, jenseits der Todesgrenze, noch mit Gott vereint. Das Erdendasein gibt uns
also Gelegenheit, rechtzeitig mit Gott ins Reine zu kommen: Wer sein Leben nicht genutzt
hat, um Gott zu finden, dem ist sein Leben misslungen, auch wenn es lang und voller Freude war. Wer aber zu Gott gefunden hat, dem ist das Leben geglückt, selbst wenn‘s kurz und
mühselig gewesen wäre.
143. Überkleidet werden
Es ist natürlich, dass wir dem Tod widerstreben, weil er uns aller Kraft entkleidet. Doch
verkennen wir dabei, dass der Verfall des alten Menschen den Aufbau des neuen Menschen
vorbereitet. Bevor ich ein neues Kleid anziehen kann, muss ich das alte ausziehen. Wer den
Wandel scheut, kann nicht erneuert werden. Und wer nicht stirbt, kann nicht auferstehen.
Das Irdische an uns muss untergehen, damit das Himmlische zum Zuge kommt. Und insofern liegt im Tod auch eine Verheißung: Näher am Tod ist für den Christen immer auch näher am Ziel.
144. Gottes Gericht am Ende der Zeit
Gott verbündet sich nicht mit den Tätern, die es gerne sähen, wenn ihre Opfer vergessen
würden. Sondern er sorgt dafür, dass die, die der irdischen Gerechtigkeit entgehen, spätestens im Jüngsten Gericht von der himmlischen Gerechtigkeit eingeholt werden. Er wird uns
die Konfrontation mit unserer Schuld nicht ersparen. Und das ist gut so. Denn Vergebung
ohne Reue und ohne Rehabilitation der Opfer wäre zynisch. Vergebung ohne Gericht beruhte bloß auf Verharmlosung der angerichteten Not.
145. Wiederkunft Christi
Jesus Christus wird am Jüngsten Tag unser Richter sein. Und damit ist das Amt auf die
denkbar beste Weise besetzt. Denn wer könnte unser Dasein gerechter beurteilen als der,
der Not und Versuchung mit uns teilte? Wer könnte ein kompetenterer Richter sein als der,
der den Willen Gottes nicht nur verkündet, sondern auch vorgelebt und ohne Sünde erfüllt
hat? Welcher Richter könnte uns lieber sein als der, der sich selbst opferte, um unseren
Freispruch zu erwirken? Wenn er als Richter zugleich unser Verteidiger sein will, kann uns
kein Ankläger verdammen!
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146. Auferstehung der Toten
Die Auferstehung ist keine geisterhafte Angelegenheit. Das neue Leben wird genauso eine
leiblich-handfeste Seite haben, wie das alte. Und doch ist das neue kein zweiter Aufguss des
alten, sondern beinhaltet einen qualitativen Sprung. Der aus dem Grab hervorgeht wird
durchaus noch derselbe sein, den man hineingelegt hat – doch wie wir jetzt Adam gleichen,
und in dieser Gleichheit das Unglück unseres Todes begründet liegt, so werden wir in der
Auferstehung Jesus Christus gleichen, und in dieser Ähnlichkeit wird sich unsere neues
Leben dokumentieren.
147. Neuschöpfung von Himmel und Erde
Den Himmel zu ersehnen bedeutet keineswegs, in fromme Luftschlösser zu fliehen, aufs
„Jenseits“ zu vertrösten und der alten Erde die Treue aufzukündigen. Denn der Himmel ist
nichts anderes als die durch Gottes Gegenwart gesundete Erde. Er ist keine Alternative zur
Schöpfung, sondern die herrliche Zukunft, die sie haben wird: Wenn Gott sein Werk gegen
den Widerstand des Bösen vollenden will und es in seiner Allmacht auch vollenden kann,
so folgt zwingend, dass er es vollenden wird.
148. Ewiges Leben und Reich Gottes
Mit dem Tod endet nur unseres Lebens erster Teil, denn nach der Auferstehung und dem
Jüngsten Gericht werden die Gläubigen gereinigt, runderneuert und vollendet in Gottes
Reich eingehen. „Herrlichkeit“ wird dafür ein viel zu kleines Wort sein! Doch sollte man
sich den Himmel nicht zu sehr in Kategorien des Konsums vorstellen. Unsere Seligkeit wird
nicht darin bestehen, dies und jenes zu genießen (im Sinne eines Schlaraffenlandes), sondern dass wir Gott schauen und Gott genießen. Seine Nähe wird uns beglücken und wir
werden Gottes voll sein.
149. Bekenntnis
Gottes ist die alles bestimmende Wirklichkeit. Er übersteigt bei weitem, was ein Mensch zu
denken vermag. Und obwohl er immer ein und derselbe ist, begegnet er uns doch dreifach,
als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist. Gemessen an seiner Lebendigkeit sind alle tot.
Gemessen an seiner Weisheit ist jeder töricht. Gemessen an seiner Unendlichkeit ist es
überall eng. Gott ist nirgends nicht. Was er will, das kann er. Und zu allem hat er das Recht.
Für die, die zu ihm flüchten, ist er ein Fels und eine feste Burg. Für seine Feinde aber Abgrund und verzehrendes Feuer.
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1. Gotteserfahrung und Gottesbeziehung
Wer sich heute mit dem christlichen Glauben beschäftigt, hat leicht den Eindruck in eine
fremde Welt einzutauchen, die mit seiner Alltagswelt nur sehr wenig zu tun hat. Unverbunden stehen die Dinge nebeneinander. Und ein Brückenschlag scheint schwierig.
Denn wie unser beruflicher Alltag und die Familie die Regel sind, so bilden der Sonntag
und der Gottesdienst die Ausnahme. Die Welt draußen vor der Kirchentür, in der es so
geschäftig und laut zugeht, die ist das „Normale“. Die Welt in der Kirche drin aber, die
Welt der Bibel, des Glaubens und des Gebetes, die ist „besonders“.
Dass im Alltag Regeln gelten und Notwendigkeiten bestehen, die jeden etwas angehen,
das bezweifelt niemand. Ob aber Gott und Bibel, Taufe und Gebet sie etwas angehen, da
sind sich viele Menschen nicht sicher. Und eben daraus leitet sich der Wunsch ab, jemand möge doch einen hilfreichen Bogen schlagen, zwischen der Welt und Gott, und
möge das Beziehungslose irgendwie einleuchtend in Beziehung setzen, möge den fehlenden Zusammenhang herstellen, eine Brücke schlagen und das Unverbundene verbinden.
Jemand soll den Bürgern dieser Welt erklären, warum und inwiefern sie „Gott“ etwas
angeht. Und sie, die sie mir die Chance dazu geben, gehen offenbar davon aus, dass der
Brückenschlag möglich ist. Sie unterstellen zumindest, dass ihr Alltagsleben mit Gott in
Beziehung stehen könnte. Und sie würden es vermutlich begrüßen wenn ihnen ein Theologe diesbezüglich mehr Klarheit verschaffte. Wo ihm das aber nicht gelingt, weil er die
alten Geschichten der Bibel wie Museumsstücke vorführt, da bleibt der Hörer ratlos zurück und fühlt sich als Bürger zweier Welten, die er nicht recht in Beziehung setzen
kann.
Denn in der Kirche wird getauft – und es gilt als etwas Großes und Einschneidendes.
Draußen aber scheint das bisschen Taufwasser keinen Unterschied zu machen. In der
Kirche ist in jedem zweiten Satz von „Gott“ die Rede. Draußen aber scheint er überhaupt
nicht vorzukommen. In der Kirche redet man von Achtung, von Vertrauen und Nächstenliebe. Draußen aber müssen wir alle Türen abschließen und unsere Brieftaschen festhalten.
Ja, wenn’s schlecht läuft, scheint fast alles, was in der Kirche eine Rolle spielt, im Alltag
irrelevant zu sein, während umgekehrt der Alltag irrelevant erscheint in der Kirche.
Wenn’s richtig schlecht läuft, stehen diese zwei Welten nebeneinander wie parallele
Universen. Gott aber erscheint dann wie ein Fabelwesen, von dem man zwar viel reden
kann, das man aber im wirklichen Leben weder zu sehen noch zu spüren bekommt.
„Ja, vielleicht“ sagen die Leute: „Vielleicht gibt es Gott. Und vielleicht treffe ich ihn mal,
wenn ich tot bin. Aber bisher ist er mir nicht begegnet. Ich habe mit meinen Arbeitskollegen zu tun und mit meiner Familie, einmal habe ich Beckenbauer die Hand geschüttelt
und einmal den Bundeskanzler aus der Ferne gesehen – aber Gott? – nein, tut mir leid.
Der kam in meinem Leben noch nicht vor...“
Traurig ist das. Denn auf diese Weise entsteht der Eindruck, die Welt sei der Gegenwart
Gottes entleert, so als wäre er aus unserer Wirklichkeit ausgewandert und woanders hingegangen. Mancher Theologe versucht dann, in der großen Leere noch kleinste Spuren
Gottes nachzuweisen, und gibt sich Mühe, Gott wenigstens als Thema wach zu halten,
das immerhin – neben allem anderen – auch noch bedeutsam sein könnte. So bescheiden sind die Theologen geworden...
Doch: Kann das wirklich wahr sein, dass der allgegenwärtig und allmächtig Schöpfer, der
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nach biblischem Zeugnis Himmel und Erde erfüllt, dass der in seiner eigenen Welt plötzlich keinen Raum mehr fände? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Gott heute genauso gegenwärtig ist, wie er es immer war, nur dass wir für seine Gegenwart blind geworden sind und, wie man so sagt, – „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“?
Tatsächlich halte ich es für eine Illusion, wenn wir meinen, wir müssten Gott und die
Welt erst kunstvoll in Beziehung setzen. Denn Gott und Welt sind längst in Beziehung.
Die Welt ist Gottes randvoll! Sie ist angefüllt mit seiner bedrängenden Gegenwart! Und
darum muss der Mensch auch nicht lange auf die Suche gehen, um es irgendwo einmal
mit Gott zu tun zu bekommen, sondern er hat es immer und überall mit Gott zu tun –
und im Grunde nie mit einem anderen.
Denn: Reißt sich jemand einen Holzsplitter unter die Haut, so ist Gott in dem Splitter,
und Gott ist in dem Schmerz, und Gott ist im Blut, im Pflaster und in der Heilung – und
alles in allem ist Gotteserfahrung! Schmeckt jemandem der Rotwein und er benebelt sein
Hirn, bis er albern wird, so ist Gott natürlich auch im Rotwein und er schmeckt auf der
Zunge. Gott ist dann der Nebel im Kopf. Und sogar die Albernheit und die Melancholie
sind recht verstanden „Gotteserfahrungen“, denn das Wirkliche in allem Wirklichen ist
Gott.
Für unser Gespräch folgt daraus, dass es gerade nicht seine Aufgabe sein kann, die
scheinbar unverbundenen Sphären der Glaubenswelt hier und der Alltagswelt dort vorsichtig und kunstvoll zu verbinden, sondern die Aufgabe kann nur sein, diese ganze Unterscheidung als eine einzige große Illusion zu entlarven. Denn wenn wir Gott bloß noch
in einer Nische dieser Welt fänden, so wäre es nicht Gott, was wir finden. Ich fordere sie
darum nicht auf, irgendwo in den Winkeln und in den Sternstunden ihres Lebens nach
Gotteserfahrungen zu suchen, sondern ich ermutige sie, ihr gesamtes Dasein als eine
einzige mehrdimensionale Gotteserfahrung zu begreifen. Denn Gott ist nirgends nicht.
Alle Schläge sind seine Schläge, und jeder Duft ist sein Duft. In der Depression drückt er
uns nieder und im Enthusiasmus reißt er uns mit sich fort. Im Lächeln unserer Lieben
lächelt er uns an. Und mit den Hürden auf unserem Weg fordert er uns heraus. Er ist
über uns und in uns, hinter uns und vor uns, ist gestern, heute und morgen, ist Härte
und Zärtlichkeit, Maß und Maßlosigkeit, Nüchternheit und Strenge, Taumel und Tanz. Ja:
Gott ist das ganze Problem und auch die ganze Lösung!
Die Vorstellung aber, man könnte es irgendwo nicht mit ihm zu tun haben, sondern mit
etwas anderem, diese Vorstellung ist der große Irrtum, von dem wir zu allererst geheilt
werden müssen. Gott lässt unsere Glieder schmerzen und Gott lässt Unfälle geschehen –
ja, wer denn sonst? Gott hat unser Gesicht persönlich entworfen und er zeichnet auch
selbst die Falten hinein. Gott hat alle Schönheit auf Erden selbst kreiert, und es ist da
rein gar nichts in unserem Lebenslauf, das er uns nicht gegönnt oder zugemutet hätte, so
dass wir bei klarem Verstande die Dinge nicht zu nehmen haben aus der Hand des Briefträgers oder aus der Hand der Bäckersfrau oder der Bankangestellten, sondern immer
alles zu nehmen haben als Gabe aus Gottes Hand.
Denn die ganze Welt ist Gottes Maske, alle Macht ist seine Macht, jede Stunde ist seine
Stunde, jedes Gesicht ist seine Verkleidung, und was immer uns trifft, ist stets die Kraft
seines Armes. Jedes Geschoß kommt von seinem Bogen – und wenn’s uns verfehlt, dann,
weil’s uns verfehlen sollte. Denn tatsächlich können wir um keine Straßenecke gehen,
ohne dort Gott zu treffen, der mit neuen Erfahrungen auf uns wartet. Weshalb auch
nicht dies eine sinnvolle Frage ist, ob wir neben all den zwischenmenschlichen Beziehungen auch noch eine Gottesbeziehung haben wollen, sondern das ist die Frage, ob es
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neben unserer Gottesbeziehung überhaupt noch Beziehungen gibt, die nicht in diese mit
eingeschlossen sind. Da ist nämlich kein Ort, wo Gott nicht wäre, und keine Zeit, in der
er fehlte. Gott ist in allem – alles ist in Gott, und der Unterschied zwischen der Alltagswelt draußen und der Kirchenwelt drinnen besteht nicht darin, dass Gott drinnen gegenwärtiger wäre als draußen, sondern der Unterschied ist nur, dass die Menschen drinnen um seine Gegenwart wissen und sie draußen in der Regel vergessen.
Es ist nicht nötig, die Kirchenwelt und die Alltagswelt kunstvoll in Beziehung zu setzen,
denn es gibt hier wie dort nur eine Welt – und die ist am Montag genauso Gottes Welt,
wie sie es am Sonntag war. Es gilt also nicht, etwas zu verknüpfen, sondern nur die Verknüpfung zu sehen. Es gilt nicht, Gotteserfahrungen zu machen, sondern die vorhandenen Erfahrungen als Gotteserfahrungen zu begreifen. Es gilt nicht, Gott Relevanz zuzugestehen, sondern es gilt einfach hinzunehmen, dass außer ihm rein gar nichts von irgendeiner Relevanz sein kann.
Denn Gott ist das ganze Problem unseres Daseins – und er ist auch die ganze Lösung. Er
ist der Grund, auf dem wir stehen, und auch der Abgrund, in den wir fallen. Er ist unsere
Herkunft und unsere Zukunft, unser Rechtsanwalt und unser Richter, unser Henker und
unser Retter, er ist die Schwere, die uns lähmt, und auch der Kick, der uns beflügelt.
Werben wir also, damit Menschen freundlich erwägen, eventuell mit Gott in Beziehung
zu treten?
Nein: Diese Vorstellung wäre schon im Ansatz falsch! Denn jeder Mensch ist mit Gott in
Beziehung, ob er will oder nicht. Wir alle sind von der Gegenwart Gottes restlos umstellt
und umhüllt, wir sind immer in Beziehung mit ihm, und die Frage ist bloß, wie sich diese Beziehung gestaltet. Ob sie nämlich eine unbewusste und ungeklärte, eine unwillige
und darum unheilvolle Beziehung bleibt, oder ob der Glaube daraus eine bewusste und
geklärte, eine willig bejahte und darum heilvolle Gottesbeziehung werden lässt.
Nicht ob, sondern wie wir mit Gott verbunden sind, das steht in Frage. Diese Frage aber
zu klären, im Interesse eines jeden, das ist die große Chance, um die es hier geht. Denn
es gibt zwar kein Geschöpf, das dem Schöpfer fremd wäre. Gott ist unser aller Schicksal.
Ob er’s aber so oder so ist, ob er’s zum Guten oder zum Bösen ist, zum Heil oder zum
Unheil, darauf kommt es an. Denn das Evangelium ist ein großes und freundliches Angebot, das angenommen oder verweigert werden kann. Neutral bleibt keiner. Eine Einladung ignorieren heißt sie ablehnen. Wer sie aber annimmt, dem wird sie zu einem Geschenk von unschätzbarem Wert! Gott reicht uns die Hand zur Freundschaft und wenn
wir in diese Hand einschlagen erfahren wir die Gegenwart Gottes nicht mehr als bedrängend sondern als tröstlich und beglückend. Wer vorher wissen will, worauf er sich einlässt, tut gut daran, den christlichen Glauben zu durchdenken. Und eben dabei will dieses Buch helfen.
2. Sehnsucht und Erfüllung
Ist ihnen einmal aufgefallen, wie sehr das Leben einer großen Suche gleicht – und wie
die Menschen sich ständig auf der Jagd befinden nach diesem oder jenem? Ob einer jung
ist oder alt, ob er viel oder wenig hat, es sind doch alle irgendwie hungrig und voller
Sehnsucht, hoffen auf etwas und streben nach etwas, das sie erjagen wollen, um darin
Glück und Frieden zu finden. Unruhig ist der Mensch auf der Suche nach Ruhe, hält
ständig Ausschau, um endlich zu finden, kämpft und müht sich und läuft durch die Welt
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in der Erwartung, einmal anzukommen. Doch wo will der Mensch eigentlich ankommen?
Und was ist es, das er jagt? Worauf richtet sich das ungestillte Verlangen? Ist das bei jedem verschieden – oder ist es am Ende bei allen das Gleiche? Auf den ersten Blick
scheint es, als suche jeder nach etwas anderem. Denn der eine bekommt nicht genug von
der Geselligkeit im Verein und am Stammtisch. Und der andere sitzt stundenlang am
Fluss, um beim Angeln die Ruhe und die Einsamkeit zu genießen. Dieser sucht seinen
Kick beim Fallschirmspringen oder in sonstigen Abenteuern. Und jener liebt es, geborgen
und sicher mit einem Buch hinter dem Ofen zu sitzen. Manche gieren nur nach Erfolg,
Ruhm und Anerkennung. Und andere kriegen nicht genug von Sonne, Strand und Meer.
Das alles scheinen ganz verschiedene Interessen zu sein, weil man Glück und Befriedigung an ganz unterschiedlichen Punkten sucht. Aber könnte es nicht sein, dass die Menschen doch alle dasselbe suchen – und dabei nur verschiedene Wege gehen? Könnte es
nicht sein, dass sie für das Ziel ihrer Sehnsucht gar keinen richtigen Namen kennen,
sondern nur wie Spürhunde einer Witterung folgen, die sie einmal aufgenommen haben?
Tatsächlich meine ich, dass alle Menschen dasselbe suchen, und dass es – ob sie’s wissen
oder nicht – eigentlich immer Gott ist, den sie suchen. Denn wenn ich einem schönen
Besitz nachjage oder einer schönen Frau, wenn ich nach tollen Erlebnissen lechze oder
nach dem Gefühl von Macht: Suche ich diese Dinge dann etwa wegen dem Schlechten,
das in ihnen liegt? Suche ich sie nicht wegen dem Guten, das in ihnen enthalten ist? Was
aber könnte in irgendeiner geschöpflichen Wirklichkeit an Gutem enthalten sein, wenn
nicht das, was der Schöpfer hineingelegt hat? Und was sollte das sein, was er da hineingelegt hat, wenn es nicht ein kleines Stück wäre von seiner eigenen Herrlichkeit und
Fülle?
Was immer mich an der Natur fasziniert, das hat Gott der Natur verliehen, und es scheint
mir so vollkommen, weil es seine Vollkommenheit spiegelt. Was mir groß erscheint in
der Kunst, erscheint mir so, weil Gott etwas von seiner Größe darin abgebildet hat. Und
was mir süß oder warm oder hell vorkommt an irgendeiner Kreatur, das ist die Süße,
Wärme und Helligkeit Gottes, die er aus dem Seinen genommen und in die Kreatur hineingesteckt hat. Denn was hätten die Geschöpfe Gutes an sich oder in sich, das sie nicht
von Gott empfangen haben?
Alle Dinge sind gerade so gut, wie sie an Gottes Gutheit Anteil haben! Wenn ein Mensch
also hier oder dort nach dem sucht, was ihm Erfüllung schenkt – wenn er wie ein Jagdhund die Witterung aufgenommen hat und rennt und kämpft und begehrt und erstrebt –
, begehrt und erstrebt er dann nicht eigentlich Gott?
Natürlich weiß der Mensch das nicht! Denn er geht ins Konzert oder er geht angeln, er
träumt von der Südsee oder vom Lottogewinn. Und wenn man ihm sagte, dass es dabei
letztlich um Gott geht, würde er verständnislos den Kopf schütteln. Er meint ja Friede,
Glück und Schönheit Kraft, Wahrheit und Geborgenheit gehörten zur Natur dieser Welt,
er meint, was er sucht, läge in der Substanz der Dinge. Er sieht nicht den Schöpfer dahinter, dessen Leihgabe das alles ist. Und doch ist der Glanz, der den Menschen blendet und
geradezu süchtig macht, Gottes eigener Glanz, den man nur irrtümlich den Dingen zuschreibt, weil man seine Quelle nicht kennt. Meister Eckhart, ein großer Theologe des
Mittelalters, schreibt:
„Gott hat seine Liebe in alle Kreatur ausgebreitet und ist doch in sich selbst Eins geblieben. Da an allen Kreaturen, und zwar an einer jeglichen, etwas Liebenswertes ist, darum
liebt eine jegliche Kreatur, wennanders sie vernunftbegabt ist, an der andern etwas, das
ihr gleicht. Darum verlangen die Frauen manchmal nach Rotem, weil sie ihre Befriedi40
gung der Lust am lustvollen Anblick des Roten entnehmen wollen, und wenn sie ihre
Befriedigung darin nicht finden, so verlangen sie ein ander Mal nach Grünem, und doch
kann ihr Verlangen nicht erfüllt werden und das liegt daran: sie nehmen nicht nur die
einfache Lust an sich, sondern nehmen das Tuch hinzu, das Träger der Farbe ist, die
lusterregend erscheint. Und da in solcher Weise an einer jeglichen Kreatur etwas Lusterregendes in Erscheinung tritt, darum lieben die Menschen bald dies und bald das. Nun
leg »dies« und »das« ab: was dann übrigbleibt, das ist rein nur Gott. Wenn einer ein Bild
an eine Wand malt, dann ist die Wand Träger des Bildes. Wer nun das Bild an der Wand
liebt, der liebt die Wand mit; wer die Wand wegnähme, der nähme auch das Bild weg.
Nehmt aber nun die Wand so weg, dass das Bild bestehen bleibt, dann ist das Bild sein
eigener Träger; wer dann das Bild liebt, der liebt ein reines Bild. Nun liebet alles was liebenswert ist, und nicht zugleich das, woran es liebenswert erscheint, dann liebst du rein
nur Gott.“
Was Meister Eckhart da sagt, mag ungewohnt erscheinen – und vielleicht sogar befremdlich. Aber wenn man seinem Gedanken folgt, erklärt sich so manche Seltsamkeit im
menschlichen Leben. Wenn der Mensch nämlich von Gott so geschaffen wurde, dass er
stets zu Gott strebt und in nichts anderem Genüge findet als in Gott allein, so erklärt das
die Beharrlichkeit, mit der wir auf Erden nach Befriedigung jagen, und es erklärt zugleich, dass wir auf Erden nie und nimmer volle Befriedigung erlangen.
Denn hungrig sind unsere Herzen nicht nach den Dingen der Welt, sondern eigentlich
nach Gott. Und solange wir ihn nicht haben, müssen wir weiter herumrennen und suchen. Wir jagen wie Süchtige nach dem Stoff, der uns selig macht, denn wir finden ja
überall in der Welt verstreute Spuren von Gottes Herrlichkeit, an denen wir uns berauschen. Aber weil wir ständig das geliebte Bild verwechseln mit der kalten Wand, auf die
es gemalt ist, umarmen wir die Wand, wir umarmen die Welt, und werden notwendig
von ihr enttäuscht. Denn was wir von ihr erhoffen, soll und kann sie gar nicht geben.
Vielleicht haben wir von Freiheit geträumt und haben sie auf einer Reise gesucht. Oder
wir haben von Liebe geträumt und haben sie von einem Menschen erhofft. Vielleicht
haben wir uns Anerkennung gewünscht und darum eine Karriere gestartet. Oder wir haben Geborgenheit gewollt und darum ein Haus gebaut. Gemeint aber haben wir immer
Gott und gesucht haben wir immer Gott, so dass wir ohne es zu wissen, nie von etwas
anderem geträumt haben, als von ihm.
Das Gute an der Freiheit ist nämlich das, was in ihr von Gott enthalten ist. Und auch das
Gute an der Liebe oder an der Geborgenheit ist der Anteil, der von Gott darin steckt. Ob
wir’s darum wissen oder nicht: All unser Mühen und Kämpfen, all unser Streben und
Jagen, all unser Hoffen und Forschen richtet sich auf ihn. Und es wird auch nie irgendwo
zur Ruhe kommen, außer bei Gott, weil wir uns am Speiseplan dieser Welt immer nur
hungrig essen. Wir hatten und wir haben es immer nur auf Gott abgesehen. Die simple
Schlussfolgerung aber kann nur darin bestehen, dass wir künftig dort Erfüllung suchen,
wo sie erlangt werden kann.
Denn nicht etwa unser Streben ist schlecht, und nicht unsere Sehnsucht ist verkehrt,
sondern nur der Weg, auf dem wir Befriedigung suchen, der ist falsch, insofern wir die
falschen Objekte lieben. Nicht die Schönheit der Natur sollten wir lieben, sondern in der
Natur die Schönheit Gottes, die er der Natur geliehen hat. Nicht die Weisheit der Weisen
sollten wir bewundern, sondern in den Weisen die Weisheit Gottes, die er den Weisen
verliehen hat. Nicht den guten Geschmack der Speisen sollten wir loben, sondern in den
Speisen die Freundlichkeit Gottes, der seinen guten Geschmack in die Speisen gelegt hat.
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Wahrlich, in mancher Frau manifestiert sich die Anmut, die Gott zu eigen ist, und in
manchem Mann manifestiert sich die Treue, die Gott zu eigen ist. Im Felsen steckt Gottes Härte, und im Wasser Gottes Klarheit, die Berge enthalten Gottes Größe und der
Wind bringt uns Gottes Frische. Bin ich aber begeistert davon sollte ich dann nicht – begeistert sein von Gott? Suche ich das Erlebnis dieser Dinge nicht wegen dem Guten, das
in ihnen enthalten ist? Was aber könnte darin an Gutem enthalten sein, wenn nicht das,
was der Schöpfer von seiner eigenen Herrlichkeit und Fülle hineingelegt hat?
So haben wir in Wahrheit nie etwas anderes begehrt als Gott, und selbst unsere schlechtesten Taten waren noch ungeschickte Versuche, ihm nahe zu kommen. All die Menschen aber, die in der Welt ihrem Vergnügen nachjagen, werden von demselben Drang
getrieben, den sie nur leider nicht verstehen und dessen Ziel sie nicht kennen. In dumpfer Sehnsucht folgen sie Gottes Spuren, aber sie verstehen seine Spuren nicht zu lesen.
Und das ist tragisch. Denn worauf immer der Mensch sein Streben richtet, kann so gut
sein wie es will, wenn es nicht Gott selbst ist, wird es dem Menschen keinen Frieden
geben, sondern nur eine vorläufige und oberflächliche Genugtuung. Ja, die Genugtuung
an der Welt wird uns sogar zum Hindernis, durch das wir die höchste Wahrheit nicht
erkennen: Denn wer dem Geschöpf zuschreibt, was dem Schöpfer gehört, und vom Geschöpf erwartet, was nur Gott geben kann, dem wird ein Stück Welt zum Götzen. Und so
sehr er diesen Götzen dann auch verehrt und sein Herz daran hängt, wird er doch stets
schlechten Lohn dafür empfangen. Denn die Dinge dieser Welt, wenn sie auch schön
sind und einen gewissen Trost enthalten, enthalten ihn doch nur auf unvollkommene
Weise, und können den nicht ersetzen, von dessen Fülle sie genommen sind. Meister
Eckhart sagt es recht anschaulich:
„Hätte ich alles das, wonach ich zu begehren vermöchte, täte mir aber nur der Finger
weh, so hätte ich's nicht alles, denn mir wäre ja doch der Finger wund, und ich hätte daher nicht ganzen Trost solange mir der Finger weh täte. Brot ist dem Menschen gar tröstlich, dafern ihn hungert; wenn ihn aber dürstet, so hätte er am Brote so wenig Trost, wie
an einem Steine. Und ebenso ist es mit den Kleidern, wenn ihn friert; wenn's ihm aber
zu heiß ist, so hat er keinen Trost an den Kleidern; und ebenso ist es mit allen Kreaturen, und darum ist es wahr, dass alle Kreaturen Bitterkeit in sich tragen. Wohl ist es auch
wahr, dass alle Kreaturen innen etwas Trost in sich tragen, wie einen oben abgeschäumten Seim. Der Seim, das ist allzumal das in Gott, was Gutes in allen Kreaturen zusammen
sein mag. (…..) Der Trost der Kreaturen aber ist nicht vollkommen, denn er trägt einen
Mangel in sich. Der Trost Gottes aber ist lauter und ohne Mangel und ist völlig und ist
vollkommen.“
Es steckt in Eckharts Worten gewiss keine Geringschätzung der Welt, sondern durchaus
Dank für alles Schöne und Tröstliche, das Gott in die Dinge gelegt hat. Es sind alles Spuren göttlicher Gegenwart, es sind Indizien und Fingerzeige, die uns Lust machen sollen,
der Quelle des Guten nachzugehen! Doch wäre es tragisch, wenn wir uns mit dem irdischen Abglanz und Widerschein göttlicher Herrlichkeit zufrieden gäben, ohne ihren Ursprung zu suchen! Nein: Ein begnadeter Mensch ist nicht so bescheiden, dass er die Kopie nimmt, wenn er das Original haben kann, sondern er wird von Meister Eckhart mit
einem Jagdhund verglichen, der die Fährte Gottes gewittert hat, und der nun läuft und
läuft und – immer den lockenden Duft in der Nase – sich nicht verdrießen lässt, Gott
weiter nachzujagen, bis er ihn schließlich gefunden hat. Dass wir aber solchen Hunden
gleichen mögen, die in ihrer Ausdauer und Zielstrebigkeit die Spur Gottes niemals verlieren, und sich durch nichts von ihr ablenken lassen, das wünsche ich ihnen und mir!
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3. Verstand, Wille, Gefühl, Reflex
Auf der Suche nach sinnerfülltem Leben streben viele Menschen nach dem Glauben, weil
sie vom Glauben befriedigende, sinnstiftende Antworten erwarten. Aber glauben wollen
heißt noch nicht glauben können. Und oft ist auch gar nicht klar, was Glaube überhaupt
ist. Glauben – wie macht man das? Was tut einer, wenn er glaubt?
Darüber Auskunft zu geben, ist schon deshalb schwer, weil uns die Umgangssprache aufs
Glatteis führt. In der Alltagssprache verwenden wir das Wort „glauben“ nämlich dann,
wenn wir etwas vermuten, uns der Sache aber nicht sicher sind. Wir sagen z.B. „Ich glaube, es wird bald regnen“ oder „Ich glaube, unser Nachbar hat ein neues Auto“.
Übertragen wir diesen Sprachgebrauch aber auf den christlichen Glauben, so entsteht
sofort ein schiefes Bild. Denn der christliche Glaube hat genau das, was „Vermutungen“
nicht haben: Er hat Gewissheit. Und die muss er auch haben, denn sonst könnte man
sich nicht im Leben und im Sterben auf den Glauben stützen. Sollte man also das Moment der Gewissheit stärker hervorheben, indem man sagt, der christliche Glaube sei
eine Art „Wissen“?
Glaube ist (k)ein Wissen
Das Wesen des Glaubens als „Wissen“ zu bestimmen, liegt insofern nahe, als der Glaube
ja beansprucht, Erkenntnis zu vermitteln. Schließlich muss man etwas von Gott wissen,
um an ihn glauben zu können. Der Glaube kommt ohne das Denken nicht aus, denn das
Evangelium kann nur dort Glauben wecken, wo man seine Botschaft versteht – und wer
könnte verstehen ohne Verstand? Ohne Denken geht es also nicht. Und doch ist unsere
Frage nach dem Wesen des Glaubens damit noch nicht beantwortet. Wer den Glauben
aus dem Denken herleiten wollte, käme in Schwierigkeiten. Denn wäre Glaube nichts
weiter als eine spezielle Art von Wissen, so wäre ja zu erwarten, dass die klügsten und
gebildetsten Menschen automatisch auch immer die frömmsten wären. Das ist aber
nicht so. Und ein zweites Problem kommt noch dazu: Wäre der Glaube nur eine Sache
des Verstandes, so müsste er lehr- und lernbar sein wie das Einmaleins. Auch das widerspricht der Erfahrung. Wir machen nämlich Erfahrungen mit Gott, nicht wenn es unsere
Wissbegier fordert, sondern wenn es ihm gefällt. Müssen wir also folgern, dass der
Grund des Glaubens in solchen besonderen Erfahrungen liegt?
Glaube ist (k)eine Erfahrungssache
In diesem zweiten Anlauf scheinen wir einer Wesensbestimmung des Glaubens schon
sehr nahe zu kommen. Denn wenn in der Bibel von „Glaube“ die Rede ist, dann hat das
immer mit konkreten Erfahrungen zu tun. Abraham, Isaak, Jakob, Mose, David, Jesaja
und die anderen Großen der Bibel bekennen sich schließlich nicht zu irgendeinem abstrakten „höchsten Wesen“, sondern zu dem Gott, der sich in der Geschichte Israels als
mächtig erwiesen hat. Man theoretisiert in der Bibel nicht über Gott, sondern erzählt von
seinen ganz konkreten großen Taten:
Wie er Jakobs Söhne zu einem großen Volk werden ließ, wie er sie aus der Knechtschaft
in Ägypten herausführte, wie er am Sinai seinen Bund mit ihnen schloss und ihnen das
gelobte Land zu Eigen gab. Der Glaube Israels wuchs, so wie das Vertrauen zu einem guten Freund wächst, wenn man immer wieder gute Erfahrungen mit ihm macht.
Und viele Christen bestätigen, dass auch ihr eigener Glaube auf diese Weise entstanden
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ist. Sie erzählen dann von ihrer persönlichen Geschichte mit Gott: Wie Gottes Wort sie
gepackt hat und ihrem Leben eine Richtung gab, wie Gott ihnen Schweres auferlegte und
ihnen hindurch half, wie er Gebete erhörte und wie er seine Nähe spüren ließ. Für den,
der solches zu berichten weiß, sind seine Erfahrungen mit Gott eindeutig und beweiskräftig. Doch Außenstehende sind oft skeptisch und wenden ein, dass man Erlebnisse
verschieden deuten kann. Dann heißt es schnell: „Du verstehst deine Erfahrungen nur
als Erfahrungen Gottes, weil du sie so verstehen willst.“
Als Glaubender fühlt man sich da vielleicht unverstanden. Man muss aber wohl zugeben,
dass Glaube auch etwas damit zu tun hat, glauben zu wollen. Denn wer Gottes Wirken
nicht sehen will, der sieht es in der Regel auch nicht. Wer will, kann sich die Welt erklären, ohne dabei die Hypothese „Gott“ einzubeziehen. Und das wirft unsere Wesensbestimmung des Glaubens wieder über den Haufen. Wenn es nämlich aufs Glauben-wollen
ankommt, dann scheint der Glaube doch weniger auf Erkenntnissen und Erfahrungen als
auf einem Willensakt zu beruhen.
Glaube ist (k)eine Frage des Wollens
Wer den Glauben als Willensakt deuten will, kann dafür biblische Belege beibringen.
Denn wir werden in der Heiligen Schrift vielfach aufgefordert, uns für den Glauben zu
entscheiden. Auch Jesus appelliert an unseren Willen und sagt: „Tut Buße und glaubt an
das Evangelium!“, „Glaubt an das Licht, solange ihr's habt!“, „Glaubt an Gott und glaubt
an mich!“.
Die Erfahrung freilich zeigt, dass es nicht immer leicht ist, dieser Einladung nachzukommen. Das wissen die am besten, die glauben wollen, es aber einfach nicht können.
Ihnen nützt kein Bekehrungseifer und kein moralischer Druck nach dem Motto: „Du
kannst es! Du musst es nur wirklich wollen!“. Nein, in der bitteren Erfahrung, nicht
glauben zu können, bestätigt sich nur, was die Bibel lehrt: Dass Glaube nichts ist, was
man sich so einfach nehmen oder erzwingen könnte. Er ist nämlich nie das Produkt unseres eigenen Entschlusses, sondern immer ein Resultat göttlichen Tuns. Der Glaube
ähnelt darin tiefen Gefühlen wie Liebe oder Vertrauen. Denn so wie wir unserem Herzen
nicht befehlen können zu lieben oder zu vertrauen, so können wir uns auch nicht selbst
befehlen zu glauben. Und damit ist schon wieder ein Versuch gescheitert, das Wesen des
Glaubens zu bestimmen: Der Glaube ist keine Sache des Willens. Was ist er aber dann?
Wenn das Wesen des Glaubens nicht darin liegt, dass man etwas will – liegt es dann vielleicht darin dass man etwas anerkennt – also im „Für-wahr-halten“ dogmatischer Sätze?
Glaube ist (k)ein „Für-wahr-halten“
Viele Menschen denken so und meinen, das sei das Wesentliche am Glauben, dass ein
Mensch die biblischen Berichte für Tatsachenberichte und jeden Satz des Glaubensbekenntnisses für wahr hält. Doch ist auch das ein Missverständnis. Denn der Glaube
schließt zwar ein bestimmtes Verständnis von Gott, der Welt und dem Menschen ein.
Doch ist der Glaube deswegen nicht Glaube an Sachverhalte und auch kein einsames Beharren auf Überzeugungen.
Denn wenn wir nur die Glaubensartikel aufzählen und „Für-wahr-halten“, tun wir nichts,
was der Teufel nicht auch täte. Auch er hält es für wahr, dass Gott die Welt schuf, dass
Christus starb und auferstand usw. – er muss diese Sätze anerkennen, einfach weil sie
wahr sind. Doch solches „Für-wahr-halten“ von Fakten und Sachverhalten nützt dem
Teufel nichts und macht ihn gewiss nicht zum Christen. Denn ihm fehlt das Entschei44
dende: Zu der Erkenntnis, dass Gottes große Taten einen Raum der Gnade eröffnet haben, muss die Bereitschaft hinzukommen, in diesen Raum auch persönlich einzutreten.
Es genügt nicht, Gottes Gnade in korrekten Glaubenssätzen zu bezeugen. Wer glauben
will, der muss bereit sein, seine ganze Existenz auf diese Gnade zu gründen, der muss
mit Haut und Haar und Leib und Seele ein Wagnis eingehen – und das ist noch etwas
anderes, als bloß bestimmte Sätze für wahr zu halten.
Glaube ist ein „ganzheitliches“ Geschehen
Sind wir also auch mit unserem letzten Versuch, das Wesen des Glaubens zu beschreiben, nun endgültig gescheitert? Es sieht fast so aus. Denn nach allem, was wir zusammengetragen haben, scheint die Verwirrung nun komplett. Der Glaube hat etwas mit
Wissen zu tun – er geht aber im Wissen nicht auf. Der Wille des Menschen ist am Glauben beteiligt – doch verfügt der Wille nicht über den Glauben. Erfahrungen und Gefühle
spielen eine Rolle – und doch lässt sich der Glaube nicht einfach aus ihnen ableiten. Ist
der Glaube demnach eine ganz diffuse und nebulöse Angelegenheit? Nein. Unsere Versuche, den Glauben auf einzelne Aspekte unseres Seelenlebens zurückzuführen, mussten
scheitern, weil der Glaube sich in keiner der genannten Schubladen unterbringen lässt:
Der Glaube sitzt nicht nur im Kopf und nicht nur im Herzen und nicht nur im Willen – er
ist das, was man einen „ganzheitlichen“ Vollzug nennt. Er ist ein Akt der ganzen Person,
an dem Vernunft und Wille, Erkenntnis, Erfahrung und Gefühl gleichermaßen beteiligt
sind. Dabei ist jede Faser unseres Seins mit in den Glauben einbezogen, und doch bringen diese Fasern weder einzeln noch gemeinsam den Glauben hervor.
Glaube ist eine Reflektion göttlichen Lichtes im Spiegel unserer Seele
Es verhält sich nämlich mit den verschiedenen Facetten unseres Seelenlebens nicht anders als mit den Facetten eines Spiegels: Solange kein Licht da ist, bleibt der Spiegel
dunkel, denn ein Spiegel vermag aus sich selbst kein Licht hervorzubringen. Wird aber
Licht entzündet, so vermag der Spiegel es vielfach zu reflektieren. Und so ist es auch mit
den verschiedenen Facetten unseres Seelenlebens. Wäre da nicht Gottes Evangelium, so
könnten wir mit all unserer Vernunft, unserem Gefühl und unserer Willenskraft keinen
Funken des Glaubens hervorbringen. Da Gott aber das Licht des Evangeliums entzündet
hat, kann die Seele eines Menschen dieses Licht widerspiegeln. Das ist ein komplexer
Vorgang, weil wir vielschichtige Wesen sind: In unserem Willen spiegelt sich das Licht
des Evangeliums anders als im Gefühl und in unserem Verstand bringt dieses Licht andere Reflexe hervor als im Gewissen. Und doch: Weil es eine Lichtquelle ist, die den ganzen
Spiegel erleuchtet, ergibt sich aus dem Funkeln vieler Facetten ein gemeinsames schönes
Bild.
Das Licht des Evangeliums bringt in unseren Seelen jene Spiegelung hervor, die man
Glaube nennt und die aus dem Spiegel – obwohl er in sich selbst kein Licht trägt – ein
hell leuchtendes Schmuckstück macht. Das ist tröstlich für alle, die wissen, wie viel
Dunkles und Armseliges die menschliche Seele enthält. Denn seit Gott sein Licht entzündet hat, muss diese Armseligkeit nicht das letzte Wort behalten. Wenn sich in unseren Seelen auch nur ein wenig von diesem Licht widerspiegelt, wenn in uns auch nur ein
Funke des Glaubens ist, so verleiht uns dieser Glaube eine unzerstörbare Würde: Etwas,
was uns in Ewigkeit nicht genommen werden kann.
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4. Gottesbeziehung und Biographie
Haben sie sich schon einmal gefragt, wie man das „glauben“ erlernt? Ist es eine „Begabung“, die man in die Wiege gelegt bekommt? Kann man es „trainieren“? Kann man sich
dafür „entscheiden“? Oder wird man von anderen Gläubigen sozusagen „angesteckt“?
Der Schweizer Pädagoge Pestalozzi hat sich diese Frage gestellt – und hat eine interessante Antwort gegeben:
„Wie kommt es, dass ich an einen Gott glaube, dass ich mich in seine Arme werfe und
mich selig fühle, wenn ich ihn liebe, wenn ich ihm vertraue, wenn ich ihm danke, wenn
ich ihm folge? Das sehe ich bald. Die Gefühle der Liebe, des Vertrauens, des Dankens
und die Fertigkeit des Gehorsams müssen in mir entwickelt sein, ehe ich sie auf Gott
anwenden kann. Ich muss Menschen lieben, ich muss Menschen trauen, ich muss Menschen danken, ich muss Menschen gehorsamen, ehe ich mich dazu erheben kann, Gott
zu lieben, Gott zu vertrauen und Gott zu gehorsamen…“
Pestalozzi behauptet, dass zwischen der Eltern-Kind-Beziehung und der Gottesbeziehung
ein enger Zusammenhang besteht. Und ich vermute, dass fast jeder, der über die Entwicklung seines Glaubenslebens nachdenkt, das bestätigen kann. Denn tatsächlich wird
das „Verhaltensrepertoire“, das die Gottesbeziehung des erwachsenen Menschen bestimmt, zum großen Teil außerhalb dieser Beziehung erlernt. Es bildet gewissermaßen
eine „Sprache“, die wir schon beherrschen, bevor wir in die bewusste Kommunikation
mit Gott eintreten. Denn die verschiedenen Möglichkeiten „In-Beziehung-zu-sein“, sind
uns vertraut, bevor wir sie auf Gott anwenden. Folgende sieben Aspekte der Eltern-KindBeziehung scheinen mir dabei besonders wichtig zu sein:
1. Bejaht, versorgt, ernährt, geführt und erhalten werden.
2. Eine Autorität anerkennen, Weisungen annehmen, sich verantworten.
3. Erkenntnis suchen, fragen, Antwort und Deutung empfangen.
4. Vor jemand scheitern, Schuld gestehen und Vergebung erbitten.
5. Zuflucht finden und offene Arme, Geborgenheit, Schutz und Vergebung.
6. Sich an jemanden binden, für ihn einstehen, ihm gefallen wollen.
7. Jemanden entbehren und vermissen, seine Nähe ersehnen.
Man kann nur jedem Kind wünschen, dass es diese Beziehungsmuster kennen lernt und
Gelegenheit hat, sie im Gegenüber zu seinen Eltern (oder anderen vertrauenswürdigen
Menschen) zu erproben. Denn ohne diese Erfahrungen wird wohl niemand zu emotionaler und intellektueller Reife heranwachsen. Allerdings gilt auch, dass niemand erwachsen
wird, ohne dass diese Eltern-Kind-Beziehung in die Krise gerät. Denn tatsächlich sieht
das Kind in seinen Eltern ja mehr, als sie sind. In der Perspektive des Kleinkindes verfügen die Eltern über unbegrenzte Macht und unbegrenzte Mittel. Sie scheinen alles zu
wissen und alles zu können. Ihre Autorität steht fraglos fest und rechtfertigt blindes Vertrauen. Sie werden als Vorbild angenommen, weil das Kind von ihren Grenzen und ihren
Schwächen nichts ahnt. Es fühlt sich bei ihnen unbedingt geborgen. Und das ist natürlich gut so.
Ebenso natürlich ist aber die Krise, die entsteht, wenn das Kind beginnt, seine Eltern
realistischer zu sehen. Es entdeckt irgendwann, dass die Menschen, auf die es sich unbedingt verlassen hat, nur bedingt verlässlich sind. Es merkt, dass sie manche ihrer Regeln
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selbst nicht einhalten. Die fraglose Autorität wird damit fragwürdig. Und die großen Helfer erweisen sich in manchen Fällen als hilflos. Mit einem Wort: Die Eltern können irgendwann ihre ursprüngliche Rolle nicht mehr ausfüllen. Sie können nicht mehr die
letzte Instanz in allen Fragen sein. Wer aber dann? Die von den Eltern hinterlassene Lücke kann nicht einfach leer bleiben. Sie muss neu gefüllt werden. Die vom Kind erlernten Beziehungsmuster werden darum nicht einfach aufgegeben, sondern werden auf andere „Objekte“ und „Partner“ übertragen.
Welche das aber sind, das entscheidet über den künftigen Weg und das Wesen des heranwachsenden Menschen. Wessen Nähe wird er suchen, wem wird er vertrauen, welchem Maßstab wird er folgen, welche Autorität wird er respektieren? Was tritt für ihn an
die Stelle, die einst die Eltern innehatten? Wird es der Ehepartner sein, der Arbeitgeber
oder ein bewunderter Freund? Wird eine Ideologie zur letzten Instanz erhoben, das Urteil der „Anderen“, ein Lebenstraum, eine wissenschaftliche Lehrmeinung oder einfach
nur das eigene „Ego“?
Wer aus christlicher Sicht die Funktion der Eltern übernehmen sollte, ist klar: In Wahrheit kann nur Gott die Lücke füllen, die die Entzauberung der Eltern hinterlässt. Nur
Gott verdient unbedingtes Vertrauen. Nur Gott ist ein wirklich verlässlicher Maßstab.
Doch nur wenige Menschen erkennen das. Stattdessen binden sie sich an andere Menschen, an Güter, an Institutionen und irdische Ziele. Sie lösen sich zwar von den Eltern
ab, verstricken sich aber sofort in die Welt, die ihnen geben soll, was sie ersehnen. Und
sie merken dabei nicht, dass sie die Welt überfordern. Sie suchen bedingungslose Liebe –
und werden von ihren Ehepartnern enttäuscht. Sie verlangen nach Wahrheit – doch die
Gelehrten streiten sich. Sie wollen Sicherheit – und bauen vergeblich auf ihr Bankkonto.
Sie wollen sich an Vorbildern orientieren – und fallen auf falsche Idole herein. Sie suchen echte Autoritäten – und folgen doch nur den eigenen Wünschen. Sie wollen Hoffnung – und hören nur Versprechungen.
Mit anderen Worten: Der Mensch, dem die Gottesbeziehung fehlt, verstrickt sich zwangsläufig in die „Welt“, ihre Autoritäten, ihre Genüsse, ihre Versprechungen. Er sucht in der
Welt, was in ihr nicht zu finden ist. Und wenn das Leben dann nicht hält, was er sich
davon versprach, macht er die böse Welt oder sogar Gott dafür verantwortlich. Doch der
Fehler liegt durchaus bei ihm selbst, weil er sich im Verhältnis religiöser Hingabe an Objekte hängt, die dieser Hingabe nicht wert und nicht würdig sind. In Abwandlung eines
Wortes von Sören Kierkegaard könnte man sagen: Unglaube besteht darin, dass man ein
absolutes Verhältnis zu relativen Dingen hat. Solcher Unglaube ist das Normalste, das
man sich nur denken kann. Er ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und doch: Wie
könnte aus einem so schiefen Verhältnis Gutes erwachsen? Das ist unmöglich. Denn
auch die besten Gaben Gottes (Liebe, Verstand, Schönheit, Wohlstand, Gesundheit) müssen den, der mit überzogenen Erwartungen an ihnen hängt, täuschen und enttäuschen.
Was also muss geschehen, damit ein Mensch Zugang zum Glauben findet? Nun, er muss
einfach begreifen, dass zwischen seiner Sehnsucht und dem begrenzten Angebot der
Welt nicht bloß ein situatives, sondern ein prinzipielles Missverhältnis besteht. D.h.:
Auch wenn er eines Tages (noch) erfolgreicher oder gesünder, berühmter oder mächtiger
wäre, würde die Welt ihm nicht geben können, was er ersehnt. Denn in Wahrheit sucht
er nicht Relatives, sondern Absolutes. Und das heißt: Sein Herz wird nicht eher zur Ruhe
kommen, als bis es ruht in Gott.
Wohl dem Menschen, der das eines Tages begreift. Wohl dem, den die Welt eines Tages
gründlich genug ent - täuscht. Denn der beginnt klarer zu sehen. Er wird aus der falschen
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Bahn herausgeworfen. Und wenn ihm dann im richtigen Moment bewusst wird, dass der
Glaube eine Alternative bietet, dann kommt sein bisheriges Beziehungsgefüge ins Rutschen. Er begreift, dass das Ziel seiner Sehnsucht nicht in der Welt, sondern jenseits dieser Welt liegt. Er begreift, dass der Hunger nach Gott nicht mit billigem Ersatz gestillt
werden kann.
Und schon hat sich der Schwerpunkt seines Seelenlebens verlagert. Denn die Gottesbeziehung steht nun plötzlich in der Mitte. Und was bisher unendlich wichtig erschien –
die Karriere, die Partnerschaft, die Gesundheit und das Geld –, das alles wandert aus dem
Zentrum in die Peripherie. Denn der beginnende Glaube, von dem wir hier reden, unterwirft alle irdischen Bezüge einer radikalen Kritik. Bindungen, die zuvor lebensnotwendig erschienen, werden durchtrennt und das vermeintlich Nächste rückt in die Ferne. Denn nur so wird der Mensch aus der Verfallenheit an sich selbst und an die Welt
gelöst. Die Gottesbeziehung duldet neben sich keine Konkurrenz. Darum steht sie mit
allen anderen Beziehungen so lange im Konflikt, bis diese aufgehoben oder der Gottesbeziehung untergeordnet sind. Dann allerdings – wenn die Gottesbeziehung allem anderen übergeordnet ist –, verneint sie die verbliebenen Beziehungen nicht, sondern verweist den Gläubigen in die irdischen Bezüge hinein, die von der Gottesbeziehung her
relativiert, integriert, neu geordnet und mit neuem Sinn erfüllt werden.
Der Glaube erfordert also nicht etwa den Rückzug aus der Welt. Er führt uns nicht zwingend ins Kloster, sondern er will im Beruf, in der Familie, im Alltag gelebt und bewährt
werden. Das kann dann äußerlich ganz ähnlich aussehen wie das Leben ohne Glauben.
Und doch ist es etwas ganz anderes. Denn nun hat der Mensch zu den relativen Dingen
nur noch ein relatives Verhältnis und zu den absoluten ein absolutes.
Weil das viel mit „Einsicht“ zu tun hat, kann der Weg zum Glauben tatsächlich als ein
(dem Heiligen Geist zu verdankender!) Lernprozess verstanden werden. Denn „gläubig“
zu werden heißt einfach nur, die irrtümlich an die Welt und mein Ego geknüpften Beziehungen (des Hoffens, des Sich–mühens und Strebens, des Sich–messens und Sich–
beurteilens, des Sich–fürchtens, des Sich–aufmerksam–hinwendens) abzulösen – und sie
auf Gott zu übertragen, als auf den Einen, der dieses Hoffens, Fürchtens und Vertrauens
wert ist.
Ergibt sich daraus so etwas wie eine Definition des Glaubens, die wir unseren weiteren
Überlegungen zugrunde legen können? Ja: Glaube ist die Teilhabe an fremder Festigkeit,
Wahrheit und Gerechtigkeit, die der Mensch gewinnt, wenn er solche Festigkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit weder in sich selbst aufzurichten (A) noch in der Welt zu finden
versucht (B), sondern sie sich von Gott mitteilen und zusprechen lässt (C). Schenken
muss Gott uns allerdings nicht nur jene Teilhabe, sondern auch die Empfänglichkeit dafür. Denn die stellt sich erst ein, wenn Gott uns die Optionen (A) und (B) aus der Hand
geschlagen und uns (C) als Ausweg vor Augen gestellt hat. Der Glaube ist demnach Gottes
Werk am Menschen, durch das er diesen Menschen zu sich in Beziehung setzt, oder –
genauer gesagt: Ihn von einer unbewussten, unstimmigen Beziehung in eine bewusste
und stimmige Gottesbeziehung überführt.
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5. Psychologie und Bekehrung
Wenn jemand die Entstehung von Glaubensgewissheit auf das Wirken Gottes zurückführt, provoziert er damit Widerspruch. Denn ein anderer, der diese Gewissheit nicht
teilt und mit Gottes Wirken nicht rechnet, hat immer die Möglichkeit, dem Phänomen
des Glaubens eine „natürliche“ Erklärung zu geben.
Er wendet dann z.B. das Instrumentarium der Psychologie auf die entsprechenden Bewusstseinsprozesse an, analysiert den Vorgang der „Bekehrung“ und deckt dabei möglicherweise „unbewusste“ Zusammenhänge auf. Das geht immer. Denn es gibt immer
genügend biographische, soziale und innerpsychische Faktoren, die zur Erklärung herangezogen werden können, wenn man vom Heiligen Geist nicht reden mag.
Und entsprechend leicht erringt der Kritiker des Glaubens das, was er für seinen Triumph hält. Er meint dass dort, wo er „natürliche“ Ursachen aufgedeckt hat, ein „übernatürlicher“ Einfluss automatisch ausgeschlossen sei. Psychologische und theologische Erklärungsmuster stellt er als einander ausschließende Alternativen gegenüber. Er ist überzeugt, dass dort, wo „Natur“ wirkt, nicht „Gott“ wirken kann – und umgekehrt. Er meint,
die Feststellung eines Kausalzusammenhanges schließe ein „Wunder“ aus – und ein
„Wunder“ den Kausalzusammenhang.
Doch ist das eine ziemlich naive Vorstellung, die dem Glaubenden wenig Eindruck machen muss. Denn die Welt begrenzt ja nicht Gott, wie das Ufer das Meer begrenzt. Sondern die Schöpfung wird (einschließlich aller physischen und psychischen Kausalitäten)
immer und überall vom Wirken ihres Schöpfers durchdrungen, der in der Regel nicht
gegen und ohne, sondern in und mit den natürlichen Prozessen handelt.
Das tägliche Brot kommt nicht vom Bäcker oder von Gott, sondern Gott bedient sich des
Bäckers, um seinen Geschöpfen das tägliche Brot zu verschaffen. Der Mensch hat das
Leben nicht von seinen Eltern oder von Gott, sondern Gott bedient sich der Eltern, um
dem Kind das Leben zu schenken. Für Ordnung und Sicherheit sorgt nicht der Staat oder
Gott, sondern Gott kann sich des Staates bedienen, um Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten.
Mit anderen Worten: Für den Glaubenden ist es selbstverständlich, dass Gott natürliche
Prozesse in seinen Dienst nimmt, ohne dass dabei der Charakter des wunderbaren und
göttlichen schwindet. Er kann darin zwei Seiten derselben Medaille sehen. Was also
würde es ändern, wenn psychologisierende Kritiker eine vollständig „natürliche“ Erklärung des Glaubens vorlegten? Es hätte nicht die erhoffte Wirkung, dem Glauben dadurch
den Boden zu entziehen, dass man ihn auf etwas anderes zurückführt als auf Gottes
Geist, sondern es gäbe dem Glaubenden nur näheren Einblick in die Wirkweise des Heiligen Geistes – so wie ihm die Biologie näheren Einblick gibt in die Wirkweise seines
Schöpfers.
Ein Christ, der sich mit der embryonalen Entwicklung und dem Vorgang der Geburt beschäftigt, erfährt viel darüber, wie Gott ihn geschaffen und ins Leben gerufen hat. Aber
auf die Überzeugung, dass Gott ihn geschaffen hat, wirkt sich dieses biologische Wissen
weder positiv noch negativ aus. Und genauso ergeht es einem Christen, der sich mit der
Entstehung seines Glaubens beschäftigt. Er kann viel darüber erfahren, wie Gott ihm
Glaubensgewissheit schenkte. Aber auf die Überzeugung, dass Gott sie ihm geschenkt
hat, wird sich dieses psychologische Wissen weder positiv noch negativ auswirken.
Kann der Glaubende sich seine Gewissheit nicht erklären, ohne sie auf das Wirken des
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Heiligen Geistes zurückzuführen, beweist das nicht ihren „übernatürlichen“ Ursprung.
Doch gilt ebenso das Umgekehrte. Denn wenn der Skeptiker meint, eine „natürliche“
bzw. „psychologische“ Erklärung der Glaubensgewissheit gefunden zu haben, schließt
das ein Wirken des Heiligen Geistes keineswegs aus.
Berührt es da nicht seltsam, wenn Kritiker der Religion entgegenhalten, sie sei „nichts
als“ ein erklärliches Produkt psychischer Prozesse – und das mit dem Pathos großer Enthüllung tun? Selbst wenn der Glaube eines Menschen als Hirnfunktionen identifiziert
und gemessen werden könnte, würde daraus keineswegs folgen, dass er „nichts als das“
sei. Denn logisch folgt ja aus der Entdeckung, etwas sei „auch das“ keineswegs, dass es
„nur das“ und insofern „nichts als das“ sei. Es kann sehr wohl „das“ – und zugleich noch
„viel mehr“ sein!
Kann man einem verliebten jungen Mann nicht nachweisen, dass seine Liebe mit biochemischen Prozessen in seinem Gehirn einhergeht? Er hat keinen Grund, es zu leugnen.
Aber würde er deswegen zugeben, seine Liebe sei „nichts als“ ein biochemischer Prozess
und könne eben deshalb nicht der große Wendepunkt seines Lebens sein? Vernünftiger
Weise würde er darauf beharren, dass sie beides zugleich ist! Warum also sollte der religiöse Mensch sich die grobe Alternative aufzwingen lassen, dass sein Glaube entweder
ein psychischer Prozess oder eine Wirkung des Heiligen Geistes sein müsse? Er kann sehr
wohl beides sein, ohne dass diese beiden Dimensionen derselben Sache einander stören
müssten.
Ein Altar kann sehr wohl das Produkt eines Handwerkers sein und ein Ort göttlicher Gegenwart. Eine Hostie kann beim Abendmahl Brot sein und der Leib Christi. Der Urknall
kann ein physikalischer Prozess sein und Gottes Schöpfungstat. Jesus kann aus Fleisch
und Blut bestehen und Gottes Sohn sein. Die Bibel kann menschliche Autoren haben
und als Gottes Wort ihre Wirkung tun. Wer aber nur eine Dimension der Sache sieht,
und meint, damit die jeweils andere Dimension ausgeschlossen zu haben, begeht nicht
bloß einen logischen Fehler, sondern bleibt auch hinter dem zurück, was religiöse Menschen seit Jahrtausenden geläufig ist: Göttliches Handeln steht nicht in Alternative zu
menschlichem Handeln, und Vorsehung nicht zu Physik. Warum also macht man so großes Wesen um die Entdeckung, dass der Heilige Geist sich psychischer Gesetzmäßigkeiten bedient?
6. Ist Glaube irrational?
Wer sich heute zum Glauben bekennt, wird von Außenstehenden oft verdächtigt, er
müsse wohl ein bisschen dumm sein. Denn, so sagen sie, wer an Gott glaube, der tue ja
etwas ganz Irrationales, der verlasse sich auf etwas, wofür er keine Beweise habe, und
folge dabei irgendwelchen subjektiven Gefühlen. Das sei doch offenkundig unvernünftig,
sagt man, es sei mehr Wunschdenken als Vernunft dabei, und es sei darum eher etwas
für naive Gemüter oder (direkter gesagt:) für Dumme, die unkritisch und leichtgläubig
sind.
Trifft das die Gläubigen? Kränkt es sie? Und – stimmt es denn? Ist es irrational, etwas zu
glauben, was man anderen nicht beweisen kann? Ich will das überprüfen und erzähle
Ihnen dazu eine kleine Geschichte, die ich kürzlich bei August Strindberg gelesen habe,
nämlich die Geschichte vom „Wiedehopf auf Siarö“:
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„Johannes befand sich einmal auf einer Wanderung und kam an einen Wald. In einem
alten Baum fand er ein Vogelnest mit sieben Eiern, die denen des Mauerseglers glichen,
doch dieser Vogel legt nur drei Eier, also war es nicht sein Nest. Da Johannes ein großer
Eierkenner war, sah er bald, dass es das Ei des Wiedehopfes war, und er sagte sich: Der
Wiedehopf muss hier in der Nähe sein, obwohl die Bücher behaupten, dass er hier nicht
vorkomme. Nach einer Weile hörte er wie erwartet die berühmten „upp, upp, upp“ des
Vogels und da wusste er, dass „Upupa“ da war. Er versteckte sich hinter einem Stein und
bald sah er den gesprenkelten Vogel mit seinem gelben Kamm. Als er nach drei Tagen
nach Hause kam, erzählte er seinem Lehrer, dass er auf Siarö den Wiedehopf gesehen
habe. Der Lehrer glaubte es nicht, sondern forderte Beweise. „Beweise?“, sagte der Junge,
„Meinen Sie zwei Zeugen?“. „Ja!“ – „Gut, ich habe zweimal zwei Zeugen, und die stimmen überein: Meine zwei Ohren haben ihn gehört, und meine zwei Augen haben ihn
gesehen.“ „Mag sein, aber ich habe ihn nicht gesehen“, erwiderte der Lehrer. Johannes
bekam den Namen Meisterlügner, weil er nicht beweisen konnte, dass er da und da den
Wiedehopf gesehen hatte. Aber es war gleichwohl eine Tatsache, dass der Wiedehopf
dort vorkam, wenn es auch ein ungewöhnlicher Fall war für diese Gegend…“
Nun – diese kleine Geschichte ist ziemlich alltäglich. Und doch kann sie uns helfen, das
Verhältnis von Erfahrung und Vernunft zu klären. Denn es fragt sich ja, wer in dieser
Geschichte irrational handelt, und wer vernünftig. Handelt der Schüler Johannes irrational, weil er fest daran glaubt, dass es auf Siarö den Wiedehopf gibt, obwohl er das dem
Lehrer nicht beweisen kann? Oder handelt der Lehrer irrational, weil er den Jungen zum
Lügner stempelt, bloß weil der Lehrer auf jener Insel nicht dabei war und darum nicht
dasselbe sehen konnte wie Johannes? Kann man wirklich von einem Schüler verlangen,
er möge glauben, was in den Büchern steht, wenn er doch mit eigenen Augen etwas anderes gesehen hat? Ich vermute, man wird in dieser Sache die Partei des Schülers ergreifen. Denn es ist ja nicht vernünftig oder rational, auf die bloße Autorität eines Schulbuches hin die eigene Erfahrung zu leugnen. Genau das ist schließlich der Sinn der Aufklärung gewesen, dass sie den Menschen ermutigt, sich seines Verstandes zu bedienen! Und
wenn Johannes weiß, wie die Eier des Wiedehopfes aussehen, wie sein Ruf klingt und
wie sein Gefieder gefärbt ist, dann sollte er selbstbewusst seiner eigenen Wahrnehmung
vertrauen, und nicht der Autorität eines Schulbuchs.
Nun kann der Lehrer natürlich darauf verweisen, dass außer Johannes noch nie jemand
den Vogel auf dieser Insel gesehen hat. Die Erfahrung des Schülers ist „subjektiv“ in dem
Sinne, dass nur er sie gemacht hat. Es gibt keinen zweiten Zeugen, der sie bestätigen
könnte, und natürlich gibt es Täuschungen. Der Junge kann dem Lehrer an seiner Wahrnehmung auch nicht anders Anteil geben, als dass er versichert, den Vogel klar und deutlich gesehen zu haben. Die Sache bleibt „subjektiv“ in dem Sinne, dass der Wiedehopf
nicht vorgeführt werden kann. Aber wenn die Beobachtung „subjektiv“ ist und nicht zu
beweisen, ist dann etwa der Vogel „subjektiv“ gewesen?
Natürlich nicht! Der Wiedehopf ist entweder „objektiv“ da, oder „objektiv“ nicht da.
Denn so ein Vogel wird ja nicht davon realer, dass ihn viele Menschen sehen! Hätte keiner den Wiedehopf gesehen, so hätte das seiner Existenz auf Siarö keinen Abbruch getan.
Und hätte ihn eine ganze Schulklasse gesehen, wäre der Vogel davon auch nicht realer
geworden. Der Lehrer aber begeht einen logischen Fehler, wenn er Johannes nur deshalb
zum Lügner erklärt, weil er als Lehrer die Erfahrung des Schülers nicht teilt. Denn er
setzt damit ja voraus, dass überhaupt nur wirklich sei, was jedem Menschen jederzeit als
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wirklich demonstriert werden kann. Und das stimmt weder in diesem noch in einem
anderen Fall! Johannes hat keinen Grund, seiner eigenen Beobachtung zu misstrauen,
sondern sie verschafft ihm eine „subjektiv“ völlig ausreichende Gewissheit. Wenn aber
andere nicht dieselbe Gewissheit haben, weil sie nicht im richtigen Moment auf Siarö
waren, und seiner Aussage nicht glauben – warum sollte das den Johannes verunsichern?
Wenn nur real sein sollte, was alle Menschen gleichzeitig erfahren, so müsste man sehr
viel anzweifeln! Denn Manches erfährt man nur zu bestimmten Zeiten, an bestimmten
Orten – oder nur mit besonders scharfen Augen. Sollte also ein scheuer Vogel nur dann
als „wirklich“ gelten, wenn ausnahmslos jeder Inselbewohner ihn sehen kann? Das wäre
doch wohl eine überzogene Forderung. Und darum verfährt auch der Lehrer nicht rational, sondern sehr irrational, wenn er den Wiedehopf auf Siarö nur deshalb ausschließt
und bestreitet, weil er ihn dort noch nicht gesehen hat. Es wäre ja auch nicht rational,
wenn ein Blinder die Existenz von Farben bestreiten wollte, bloß weil er sie nicht sehen
kann!
Was aber, wenn es sich mit dem Glauben an Gott genauso verhielte? Tatsächlich entspricht die Situation gläubiger Menschen ziemlich genau der des Johannes in unserer
Geschichte. Denn auch Gott ist (wenn ich so sagen darf) ein „seltener Vogel“, der sich
nicht jedem zeigt und nicht überall. Die Bibel sagt ausdrücklich, dass der menschliche
Geist von Gott und den göttlichen Dingen so gut wie nichts versteht. Gott muss sich zeigen, er muss sich offenbaren, um den Menschen die Erfahrung Gottes zu schenken. Und
wenn er das tut, und durch seinen Heiligen Geist Gotteserfahrung wirkt, dann ist das wie
in unserer Geschichte ein ziemlich “subjektive“ Sache. Denn wie Gott unsere Herzen berührt und verwandelt, wie er unser Denken verändert und unsere Zweifel vertreibt, das
ist Außenstehenden nur schwer mitzuteilen. Es ist ein intensives inneres Erleben, das
ich anderen nicht vorführen oder demonstrieren, sondern nur bezeugen kann. Niemand
kann Gott herumzeigen, wie auch Johannes seinen Wiedehopf nicht herumzeigen konnte! Aber sind wir deswegen etwa nicht berechtigt, persönliche Gewissheit zu haben und
uns dran zu freuen?
Das religiöse Erleben mag ja „subjektiv“ sein wie die Wahrnehmung des Schülers auf
Siarö, aber die wahrgenommene Wirklichkeit ist trotzdem „objektiv“. Denn Gott wird
nicht realer davon, wenn viele ihn erfahren, und es bräche seiner Realität auch nichts ab,
wenn es ganz wenige wären. Nur: Die Gott auf die eine oder andere Weise erfahren, sind
gar nicht wenige, sondern es sind sehr viele. Und darin ist unsere Lage viel günstiger als
die des einsamen Schülers. Denn der hat nur sich selbst zum Zeugen. Wir Gläubigen aber
können darauf verweisen, dass 85% der Weltbevölkerung, einer Religion angehören –
dass also sehr viele auf irgendeine Weise Gott begegnet sind und das durch ihren Glauben bezeugen. Das entspräche der Situation, wenn 85% der Einwohner von Siarö bekundeten, dass sie den Wiedehopf schon mal auf ihrer Insel gesehen oder gehört hätten!
Und wäre es da nicht ziemlich absurd, wenn ein Lehrer die alle zu Lügnern erklären wollte, bloß weil er selbst zu den 15 % gehört, denen sich der Wiedehopf noch nicht gezeigt
hat? Ist die Existenz des Wiedehopfes etwa solange ausgeschlossen, bis ihn restlos alle
gesehen haben? Sollten etwa die, die Gott erfahren haben, nicht zuversichtlich ihrer Erfahrung trauen dürfen, bloß weil es Atheisten gibt, die diese Erfahrung noch nicht gemacht haben? Dürfen wir uns etwa nicht an Farben freuen, bloß weil es Blinde gibt, die
sie nicht sehen? Dürfen wir nicht tanzen, bloß weil es Taube gibt, die unsere Musik nicht
hören? Ist das etwa rational, wenn man der eigenen Erfahrung misstraut, bloß weil vermeintliche Autoritäten dagegen sprechen? Nein!
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Aufklärung heißt ja gerade, dass ich mich meines Verstandes selbst bediene, ohne dazu
die Anleitung Anderer zu brauchen. Wenn meine Augen einen Wiedehopf erkennen, ist
es nur vernünftig, die Existenz dieses Vogels zu behaupten. Und wenn mein Herz von
Gott angerührt und erweckt wird, dann ist es nicht irrational, sondern sehr rational, daraufhin an Gott zu glauben. Was ich selbst erfahre, ist mir Beweis genug. Um Gewissheit
zu haben, ist es nicht nötig, dass jeder andere dasselbe erfährt. Oder sollte jener Schüler
seinem Erlebnis erst trauen, wenn der Lehrer dasselbe erlebt? Darf Johannes seinen Augen erst trauen, wenn der Wiedehopf im Schulbuch steht? Nein. Ein denkender Mensch
zieht selbst seine Schlüsse. Und darum ist es auch keineswegs irrational, an Gott zu
glauben, bloß weil man ihn den anderen nicht beweisen kann. Denn man denkt schließlich nicht mit dem Kopf der Anderen, sondern mit seinem eigenen.
Natürlich muss man den Ungläubigen dasselbe zuzugestehen. Wir verlangen von ihnen
nicht, sie sollten allein auf unser Zeugnis hin glauben! Aber sie sollten auch nicht erwarten, dass wir nicht überzeugt sein dürfen, weil sie es nicht sind. Niemand verlangt vom
Lehrer, aufgrund einer fremden Erfahrung schon überzeugt zu sein! Aber es ist auch vom
Schüler zuviel verlangt, wenn er zweifeln sollte, bloß weil sein Lehrer es tut. Nein! Es ist
das Recht jedes denkenden Menschen, aus der eigenen Erfahrung Folgerungen zu ziehen.
Wenn einer dann aber aus religiösen Erfahrungen religiöse Folgerungen zieht, sollte man
es ihm nicht ausgerechnet im Namen der Rationalität verbieten wollen. Und sein Glaube
ist auch keineswegs in das Reich der bloß subjektiven Gefühle zu verweisen. Denn Gott
ist ebenso wenig subjektiv, wie ein Wiedehopf subjektiv sein kann. Gott ist entweder
objektiv „da“, oder nicht „da“. Ist er aber da, so ist es für sein Dasein völlig egal, ob ihn
zwei Menschen erfahren, fünf, hundert, Millionen oder keiner.
Gott verschwindet nicht davon, dass Atheisten ihn leugnen. Aber genau das scheint sie
zu kränken. Denn manche bestehen erbittert darauf, dass nichts wahr sein könne, was
den Wahrnehmungshorizont der menschlichen Vernunft übersteigt. Und sie verlangen
auch von anderen, das anzuerkennen. Sie unterstellen, die Wirklichkeit müsse da zu Ende sein, wo die natürliche Einsicht endet. Und sie fordern, dass niemand Erfahrungen
machen und das Erfahrene als wahr bezeugen dürfe, wenn seine Erfahrung sich aus anderen Quellen speist als aus der Alltagsvernunft, die alle Menschen gemeinsam haben.
Aber ist nicht gerade das irrational, wenn man das menschliche Erkenntnisvermögen
zum Maßstab des Wirklichen erhebt? Nur weil Atheisten Gott noch nicht erfahren haben,
soll jeder ein Träumer sein, der es tut. Doch was ist das für eine absurde Logik? Muss
man Musik beargwöhnen, bloß weil es unmusikalische Menschen gibt, denen die Schönheit einer Melodie auf keine Weise „bewiesen“ werden kann? Oder ist die Schönheit der
Musik weniger „wirklich“, bloß weil nicht jeder Sinn dafür hat? Wenn ein Kopf und ein
Buch zusammenstoßen – sagt Lichtenberg – und es klingt hohl, dann muss das nicht am
Buch liegen. Es kann auch am Kopf liegen! Und wenn eine wissenschaftliche Methode
den untersuchten Gegenstand nicht erfassen kann, dann spricht das nicht gegen den
Gegenstand, sondern viel eher gegen die Methode. Wenn ich ein Thermometer nehme
und es mir nicht gelingt, damit die Windstärke zu messen, heißt das nicht, dass kein
Wind weht. Und wenn ich mit einem Zollstock hantiere um die Temperatur zu messen,
erfahre ich auch nicht, ob heute ein heißer Tag ist. Es liegt nicht am Thermometer und
nicht am Zollstock, wenn ich sie für Zwecke einsetze, für die sie nicht gemacht sind! Und
so wird man auch der menschlichen Vernunft nicht vorwerfen, dass sie Gott nicht erkennt. Denn der Fehler liegt auch hier nicht im Werkzeug, sondern liegt bei dem Menschen, der darauf besteht, das Werkzeug der Vernunft auf einen Gegenstand anzuwen53
den, für den es nicht geschaffen ist, und der dann (wenn bei dieser Anwendung nichts
herauskommt) folgert, den Gegenstand „Gott“ gäbe es gar nicht…
Ein kluger Mann hat das veranschaulicht, indem er das naturwissenschaftliche Denken
unserer Zeit mit einem Meeresforscher verglich, der den Ozean befährt und überall sein
Netz auswirft, um die Lebensformen im Meer zu erforschen. Nach vielen Fischzügen und
gewissenhaften Überprüfungen entdeckt er ein Grundgesetz seiner Meereskunde, das
besagt, dass alle Fische größer sind als fünf Zentimeter. Er nennt diese Aussage ein
Grundgesetz, weil sie sich ohne Ausnahme bei jedem Fang bestätigt. Er hat nie etwas aus
dem Meer gezogen, was kleiner als fünf Zentimeter gewesen wäre! Ein kritischer Beobachter aber, will dieses Grundgesetz nicht anerkennen und wendet ein, dass es im
Meer sehr wohl Fische gibt, die kleiner als fünf Zentimeter sind, dass der Meeresforscher
sie aber mit seinem Netz nicht fangen konnte, weil sein Netz eben eine Maschenweite
von fünf Zentimetern hat! Der Meeresforscher kratz sich am Kopf, gibt sich aber keineswegs geschlagen, sondern antwortet: „Was ich mit meinem Netz nicht fangen kann, liegt
prinzipiell außerhalb des fischkundlichen Wissens und ist daher reine Spekulation. Für
mich als Meeresforscher gilt: Was ich mit meinem Netz nicht fangen kann, ist kein
Fisch.“
Es ist offenkundig, dass der Atheismus ganz ähnlich argumentiert, wie dieser Meeresforscher. Denn er besteht darauf, dass nur, was mit dem Netz der Vernunft gefangen werden kann, auch wirklich sei, und dass alles, was damit nicht gefangen werden kann, für
vernünftige Menschen uninteressant ist. Relevant soll überhaupt nur das sein, dessen
sich die Vernunft bemächtigen kann, was sich ihr aber entzieht, ist nichts, ist nicht –
oder zumindest gleichgültig. Nur die Methode des Erkennens, die vom Menschen ausgeht, soll legitim sein. Und was jenseits ihrer Reichweite liegt, wird mit Missachtung gestraft. Doch ist diese Haltung nicht überzeugender, als die unseres Meeresforschers.
Denn wenn vernunftbegabte Menschen nicht damit rechnen, dass ihre Vernunft Grenzen
hat, dann ist das ausgesprochen unvernünftig. Man versteht durchaus, wie Atheisten zu
dieser Einstellung kommen! Wenn ich nichts besitze als nur einen Hammer, dann habe
ich Probleme im Umgang mit Schrauben und wünsche mir, die Welt würde aus Nägeln
bestehen. Wenn ich nur einen Schraubenzieher besitze, habe ich hingegen Probleme mit
Nägeln und wünsche mir, die Welt würde aus Schrauben bestehen. Doch aus diesem
Wunsch heraus zu dekretieren, es gäbe das gar nicht, was meine Methode überfordert, ist
nur eine Ausflucht. Denn tatsächlich gibt es nicht nur eine legitime Art der Erkenntnis,
sondern mindestens zwei:
Es gibt eine aktives Erkennen, durch das sich der Erkennende des Erkannten bemächtigt,
es begreift, durchschaut und damit in seine Gewalt bringt. Aber es gibt daneben auch
noch ein passives Erkennen, bei dem der Erkennende durch den massiven Eindruck des
Erkannten überflutet, überwältigt und in seinem Wesen gewandelt wird. Bei der ersten
Form hat der Mensch die Kontrolle, bei der zweiten kontrolliert ihn sein Gegenüber. Und
wer darüber nachdenkt, wird leicht einsehen, dass nur die zweite Form der Erkenntnis
der so ungleichen Beziehung von Gott und Mensch angemessen sein kann. Wir wissen
von Gott nur, was er uns wissen lässt, und wissen auch das nicht durch die zugreifende
Erkenntnis, die vom menschlichen Geist ausgeht, sondern nur durch Gottes eigenen
Geist. Wer dessen Wirken nicht an sich selbst erfährt, wird schwerlich begreifen, wovon
die Gläubigen reden – und niemand wirft ihm das vor. Er muss so skeptisch sein wie
jener Lehrer, der den Wiedehopf auf Siarö nicht selbst gesehen hat – oder er wird starrsinnig sein wie jener Meeresforscher, dem so viel durch die Maschen seines Netzes ging.
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Damit wir aber nicht unablässig aneinander vorbei reden, sollten diese Menschen ernst
nehmen, was der christliche Glaube von sich selbst sagt: „Der Glaube ist kein Werk der
Vernunft“, sagt J. G. Hamann, „und kann daher auch keinem Angriff derselben unterliegen, weil Glauben so wenig durch Gründe geschieht als Schmecken und Sehen.“
Machen sich Christen also der Dummheit verdächtig? Handeln sie irrational, wenn sie
sich auf etwas verlassen, wofür es keine Beweise gibt? Nein! Denn der Glaube ist nicht
gegen die Vernunft. Er ist bloß über der Vernunft. Und darum keineswegs unvernünftig.
7. Des Menschen Vernunft und Gottes Geist
Glaubensgewissheit ist nichts, was der Mensch sich aus dem eigenen Erkennen und Verstehen nehmen oder herleiten könnte. Gottes Heiliger Geist muss sie ihm schenken.
Denn zwischen seinem Erkenntnisstreben und dem Glauben gähnt ein tiefer Graben.
Schon 1577 stellen die lutherischen Bekenntnisschriften fest, dass „...in geistlichen und
göttlichen Sachen des unwiedergebornen Menschen Verstand, Herz und Wille aus eignen, natürlichen Kräften ganz und gar nichts verstehen, gläuben, annehmen, gedenken,
wöllen, anfangen, vorrichten, tun, wirken oder mitwirken könnte...“ (BSLK 873f.).
Der Mensch vermag sich nicht selbst zu bekehren. Und gerade die Vernunft hilft ihm am
wenigsten dabei, weil „...des Menschen Vernunft oder natürlicher Verstand, ob er gleich
noch wohl ein tunkel Fünklein des Erkenntnus, dass ein Gott sei, wie auch, Ro.1, von der
Lehr des Gesetzes hat: dennoch also unwissend, blind und verkehret ist, dass, wann
schon die allersinnreichsten und gelehrtsten Leute auf Erden das Evangelium vom Sohn
Gottes und Vorheißung der ewigen Seligkeit lesen oder hören, dennoch dasselbige aus
eigenen Kräften nicht vernehmen, fassen, verstehen noch gläuben und vor Wahrheit halten können, sondern je größern Fleiß und Ernst sie anwenden und diese geistliche Sachen mit ihrer Vernunft begreifen wollen, je weniger sie vorstehen oder gläuben und
solchs alles allein für Torheit und Fabeln halten, ehe sie durch den Heiligen Geist erleuchtet und gelehret werden, 1.Corinth.2.: Der natürliche Mensch vernimbt nichts
vom Geist Gottes, denn es ist ihme eine Torheit, und kann es nicht begreifen, denn es
wird geistlich ergründet„ (BSLK 874f.)
Zwischen dem menschlichem Erkenntnisstreben und der gottgewirkten Glaubensgewissheit gähnt eine tiefe Kluft, die der Mensch nicht zu überbrücken vermag, wenn Gott
es nicht tut. Er kann zwar auf dem Jakobsweg pilgern und zum Kirchentag fahren, kann
seinen Urlaub im Kloster verbringen und Meditationstechniken lernen, er kann theologische Bücher lesen, im Gospelchor singen und einen Hauskreis besuchen.
Doch all diese (guten!) Aktivitäten verwandeln den Zweifler nicht in einen Gläubigen,
wenn Gott ihn nicht verwandelt. Und er hat auch nicht die Freiheit, sich zum Glauben zu
entschließen. Denn der Glaube ist nicht des Menschen Werk, sondern Gottes Werk am
Menschen. Die Wendung zum Glauben vollzieht sich am Zweifelnden, aber nicht durch
den Zweifelnden. Und sie ist daher am ehesten der unwillkürlichen Reaktion auf einen
äußeren Reiz vergleichbar. Man denke an Sätze wie: „Die Kälte lässt mich zittern“, „Die
Sonne bringt mich zum Schwitzen“ oder „Das Erdbeben macht mir Angst“. In all diesen
Vorgängen ist der Mensch aktiv beteiligt: Er zittert, er schwitzt, er fürchtet sich – und
kein anderer. Und doch ist nichts von alledem seine „Tat“ oder sein „freier Entschluss“,
weil das Frieren, Schwitzen und Sich–Fürchten seinen Ursprung in etwas hat, das außerhalb der betroffenen Person liegt und sich ihrer Kontrolle entzieht.
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Die Kälte ist es, die den Menschen zittern lässt. Die Sonne ist es, die ihn schwitzen
macht. Das Erdbeben erschreckt ihn. Und solange der Mensch diesen äußeren Einwirkungen ausgesetzt ist, liegt es nicht in seinem freien Ermessen, ihre Wirkungen abzustellen. Er kann nicht nach Belieben mit dem Zittern oder Schwitzen aufhören, wenn Kälte
oder Hitze anhalten. Und auch dass ihn das plötzliche Erdbeben erschreckt, kann er nicht
ändern. Er kann versuchen, sich die Angst nicht anmerken zu lassen. Aber er kann nicht
verhindern, dass er sie hat. Denn es gibt äußere Ursachen, die in uns Reaktionen hervorrufen und uns beeindrucken – ob wir wollen oder nicht.
Solch ein von außen gesteuerter Vorgang ist der Glaube nun auch. Er ist die innere Wirkung einer äußeren Ursache. Er ist der Reflex, den Gottes Nähe im Menschen hervorruft,
wenn Gott das will. Er ist eine Bewegung, die von außen kommt, die aber unser Innerstes
mit in die Bewegung hineinnimmt. Unsere Seele bringt aus eigenem Entschluss weder
Vertrauen noch Gewissheit hervor. Wird ihr aber Vertrauen „eingeflößt“, beginnt der
Mensch unter der Voraussetzung dieses Vertrauens zu denken und zu handeln. Natürlich
„will“ er dann auch glauben. Aber die Bewegung des menschlichen Willens, der sich für
den Glauben „entscheidet“, ist nicht Ursache, sondern Wirkung dessen, das Gott sich für
diesen Menschen entschieden hat.
Folgt daraus, dass ein Zweifler nichts tun kann, um Gewissheit zu erlangen? Muss resignieren, wer „religiös unmusikalisch“ ist, glauben will – und doch nicht glauben kann?
Nein. Ihm hilft am ehesten eine Korrektur seiner Erwartungen und seiner Strategie.
Denn die Aktivität des Suchenden sollte sich darauf beschränken, die Aktivität Gottes
beharrlich zu erbitten – und ihr möglichst wenig im Wege zu stehen:
 Wenn Glaube so etwas ist wie eine Reflektion göttlichen Lichtes im Spiegel des
menschlichen Geistes, so ist klar, dass der Spiegel von sich aus kein Licht entzünden und
ohne Licht auch nichts reflektieren kann. Die Aktivität des Menschen kann nur darin
bestehen, seinen Spiegel zu putzen und zu polieren, damit er bereit ist, das Licht aufzunehmen, sobald es erscheint.
 Wenn Glaube so etwas ist wie der Wind des Heiligen Geistes im Segel eines menschlichen Schiffes, so ist klar, dass die Besatzung des Schiffes den Wind nicht herbeikommandieren und aus einer Flaute keine frische Brise machen kann. Aber die Aktivität des
Menschen wird darin bestehen, schon einmal die Segel zu setzen, damit der Wind des
Heiligen Geistes hineingreifen kann, wann immer er will.
 Wenn Glaube so etwas ist wie ein königlicher Thron im Herzen des Menschen, auf
dem nur Gott Platz nehmen darf, so ist klar, dass die Wächter des Thronsaals den König
nicht herbeizwingen können, wenn er nicht freiwillig kommt. Aber die Aktivität des
Menschen kann darin bestehen, den Gott zukommenden Platz frei zu halten und alles
Gesindel davon zu vertreiben, das unrechtmäßig Gottes Platz einzunehmen versucht.
 Wenn Glaube darin besteht, dass Gott Gnade und Gewissheit in das Gefäß des menschlichen Geistes gießt, wie Wasser in einen Eimer, so ist klar, dass der Eimer dieses Eingießen nicht erzwingen kann. Aber die Aktivität des Menschen kann darin bestehen, seinen
mit Jauche gefüllten Eimer zu leeren, damit Gott keinen vollen (und somit blockierten),
sondern einen leeren Eimer vorfindet, den er mit seinen Gaben füllen kann.
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Der Suchende hat also durchaus die Möglichkeit, etwas zu „tun“. Denn man kann auf die
Weise mit Gott einig werden, dass man die geistliche Armut akzeptiert, die Gott einem
auferlegt, statt einen geistlichen Reichtum zu fordern, den er nicht geben will. Statt sich
an Gottes Burgtor den Kopf einzurennen, kann man geduldig vor seiner Tür warten, um
beharrlich immer wieder anzuklopfen. Statt die eigenen Erwartungen Gott vorzuschreiben, kann man ihm zugestehen, dass er das Recht hat, uns ganz anders zu kommen –
oder auch gar nicht.
Wer seinen Willen aber in dieser Weise dem Willen Gottes ein– und unterordnet, ist garantiert nicht fern von ihm. Er würde Gottes Nähe gar nicht ersehnen, wenn Gott ihm
nicht schon nah wäre. Er darf also um Gewissheit bitten. Und er wird es nicht vergeblich
tun. Denn auch als religiöser Stümper ist er kein Stümper mehr, wenn er die Zumutung
der Schwäche als Zumutung Gottes aus seiner Hand annimmt:
Ein armer Chassid kommt zu seinem Rabbi. Er ist verzweifelt: »Rabbi, ich kann die vorgeschriebenen Gebete nicht sprechen; ich kann nicht lesen, und die Gebete kann ich
nicht auswendig. Was soll ich tun?« Fragt ihn der Rabbi: »Was kennst du von der Heiligen Schrift?« Antwortet der Chassid: »Nur das A, das B, das C...« Sagt der Rabbi: »Sprich
mit frommer Seele und inbrünstig das Alphabet. Der liebe Gott wird sich die Buchstaben
schon zu einem Gebet zusammensetzen.«
Es ist eine wahrlich bescheidene Rolle, die dem Suchenden damit zugewiesen wird. Und
mancher, der voller Eifer ist, würde gerne „mehr“ tun, als ausgerechnet Passivität zu erlernen. Aber genau darin – sich zurückzunehmen, und Gottes Handeln Raum zu geben –
liegt der entscheidende Schritt. Meine Empfehlung lautet darum:
Erkennen, wenn Gott Intimität verweigert – und dies geduldig akzeptieren. Nicht haben
wollen, was er mich nicht haben lässt. Nicht fordern, was er nicht geben will. Nicht reich
sein wollen, wo er mich arm sein lässt. Nicht groß sein wollen in dem, worin er mich
klein gemacht hat.
Nicht eingelassen werden – und doch von seiner Tür nicht weggehen. Keinen Anspruch
erheben – und doch die Hoffnung festhalten. Ihn herzlich begehren – und durch nichts
ersetzen. Die Lücke spüren – und doch den Platz frei halten. Die Flaute nüchtern sehen –
und doch die Segel täglich setzen. Die seelische Dürre eingestehen – und trotzdem nach
den Wolken schauen. Kein Licht herbeireden – aber den Spiegel der Seele polieren. Die
Stube fegen – auch wenn der Gast wieder nicht kam. Den Eimer leeren – auch wenn er
ungefüllt bleiben sollte. Und Gott schon vorab Recht geben in dem, was er mit mir vorhat.
Nicht plärren, sondern stille sein vor Gott, und die Schuld bei mir selber suchen. Nicht
glänzen wollen, sondern ihm die Ehre geben. Damit rechnen, dass jeder Dornbusch
brennen kann. Und sofort bereit sein, die Schuhe auszuziehen. Die Dummheit, die Gott
mir zumutet, jeder Klugheit vorziehen. Und von dem, was mir gegeben ist, nicht das Geringste mir zugute halten. Täglich das Gerümpel meiner Gedanken Gott vor die Füße legen. Und täglich bitten, dass er mich brauchbar mache, wozu immer er will. Ihn allein
gut sein lassen und ihn allein Recht haben lassen. Selbst aber nur sein wollen, wozu er
mich macht.
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Um keinen Preis mir selbst zu Gott verhelfen. Sondern Raum geben und Zeit geben, bis
er meiner gedenkt. Denn bin ich der Kleinste in seinem Reich, und bin es willig, so bin
ich darin mit ihm einig, und mit ihm einig zu sein, in was auch immer, ist das denkbar
Größte: Das Einzige, das gewollt zu werden wert ist…
8. Gründe des Glaubens, Glaube als Grund
Wenn wir nach der Gewissheit des Glaubens fragen, müssen wir über das Wirken des
Heiligen Geistes nachdenken. Denn er ist es, dem wir unseren Glauben verdanken. Die
vertrauensvolle Beziehung zu Gott, die wir Glauben nennen, wird ja nicht hervorgebracht
durch unsere Nachdenklichkeit oder unseren Willensentschluss, sondern durch den
Geist Gottes, der uns ergreift, der in uns wohnt und unserem menschlichen Geist auf die
Sprünge hilft, damit er glauben kann. Unser eigener Geist würde aus seiner Verwirrung
und aus seinen Zweifeln nie herausfinden, er würde Gott nie erkennen können und
würde niemals Gewissheit des Glaubens erlangen, wenn er das nicht von außen her geschenkt bekäme. Denn so geschickt unser Verstand auch sein mag, im Blick auf den Alltag und die praktischen Probleme dieser Welt, so ist er doch im Blick auf göttliche Dinge
ganz untauglich, blind und stumpf. Das Instrumentarium des menschlichen Erkennens
reicht einfach nicht aus, um den Sinn unseres Daseins, das Ziel der Schöpfung und die
Wahrheit Gottes zu ergründen. Denn wie es unser Verstand auch drehen und wenden
mag, so könnte es doch immer auch noch ganz anders sein.
Natürlich können wir uns vor Augen führen, welche Weltanschauungen und welche
Glaubensweisen sich in vielen Generationen bewährt haben – und diese Bewährung ist
kein schlechtes Argument! Doch den Millionen von Menschen, die glauben, was wir
glauben, stehen immer andere Millionen gegenüber, deren Glaube dem unseren widerspricht. Wir können unsere Vernunft anstrengen, um Überzeugungen zu prüfen und zu
verwerfen, die in sich widersprüchlich oder mit bekannten Tatsachen unvereinbar sind.
Doch wissen wir danach immer noch zu wenig, um auf argumentativem Wege eine der
verbleibenden Weltanschauungen als wahr zu erweisen.
Um den Kreis einzuengen, können wir verschiedene Glaubensweisen einer funktionalen
Prüfung unterziehen und können testen, inwieweit sie uns Trost und ethische Orientierung geben, inwieweit sie Sinn stiften und offene Fragen beantworten. Vielleicht finden
wir auf diesem Weg eine weltanschauliche Jacke, die uns passt! Doch nur weil sie nicht
kneift und unserer Bedürfnislage angenehm ist, heißt das noch nicht, dass diese Weltanschauung auch wahr sein muss. Wir können uns in eine Religion einfühlen, in ihre Riten
eintauchen und mit ihrer Gedankenwelt Erfahrungen machen. Doch geht das nur, indem
wir die kritische Distanz aufgeben. Und wenn wir das tun, können wir nie sicher sein, ob
wir nicht hinterher aus unseren Erfahrungen herauslesen, was wir vorher absichtsvoll
hineingelegt haben. Gern würden wir uns Klarheit verschaffen, indem wir historische
Fakten prüfen und schauen ob’s denn so gewesen ist, wie es der Koran oder die Bibel
beschreiben. Gerne hielten wir uns an solche Tatsachen! Aber sobald sich Historiker daran machen, geschichtliche Zeugnisse zu interpretieren, kommen auch bei ihnen weltanschauliche Voraussetzungen zum Tragen, und es zeigt sich, dass die historische Wissenschaft nicht dafür zuständig und nicht in der Lage ist, Glaubensfragen zu entscheiden. So
kann man es drehen und wenden wie man will: Die Methoden der Vergewisserung und
der Erkenntnis, die dem Menschen zur Verfügung stehen, können ihm in Glaubensdin58
gen keine Gewissheit verschaffen. Und an diesem etwas peinlichen Sachverhalt, haben
alle Weltanschauungen Anteil. Die Atheisten stehen diesbezüglich nicht besser da als die
Buddhisten, Anthroposophen, Kommunisten, Nihilisten, Existentialisten, Satanisten,
Materialisten, Christen, Juden oder Muslime. Sie alle bleiben einen zwingenden Beweis
für die Wahrheit ihrer Überzeugungen schuldig. Und selbst die Agnostiker, die meinen
„gar nichts“ zu glauben, wissen nicht wirklich, ob sie damit im Recht sind. Zweifel sind
immer möglich – Gewissheit scheint ausgeschlossen! Die Wahrheit lässt sich von uns
nicht packen und ergreifen! Was aber, wenn die Wahrheit uns ergriffe?
Tatsächlich gibt es zur Glaubensgewissheit keinen anderen Weg, als dass Gottes Geist sie
schenkt. Denn es macht keinen Sinn, berechtigte Zweifel zu leugnen oder die Schwächen
des menschlichen Geistes zu überspielen. Der Mensch kann sich nicht an die sogenannten „harten Fakten“ halten, weil dabei die wichtigsten Fragen des Lebens offen bleiben.
Er kann sich nicht einreden, die Grenzen seiner Wahrnehmung seien identisch mit den
Grenzen des Wirklichen. Und noch viel weniger kann der Mensch auf Gewissheit verzichten, weil er ohne verlässliche Erkenntnis in dieser Welt orientierungslos bliebe. Ein
Mensch ohne Überzeugung wird handlungsunfähig, denn niemand kann einen Standpunkt vertreten, wenn er den gegenteiligen Standpunkt für genauso berechtigt hält. Und
wer den Knoten durchschlägt, indem er erklärt, aus eigenem Willensentschluss von etwas überzeugt sein zu wollen, gibt auch eine komische Figur ab. Nein – der Mensch und
der Christ kämen nie zu einer festen Überzeugung, wenn es nicht neben ihren menschlichen Bemühungen noch die seltsame Erfahrung gäbe, dass einer von Gewissheit überrollt und überwunden wird – und dann plötzlich „hat“, was er kraft eigener Erkenntnis
nicht erlangen konnte.
Es gibt diese erstaunliche Erfahrung, dass nicht wir uns Gottes erkennend bemächtigen,
sondern dass er sich unser bemächtigt. Und die dabei vom Heiligen Geist geschenkte
Gewissheit kann so eindrücklich sein, dass sie für den Betroffenen danach gar nicht
mehr Gegenstand seines Denkens, sondern Ausgangspunkt seines Denkens ist. Nicht der
Christ hat eine Erkenntnis, sondern sie hat ihn. Nicht er hat seine Weltsicht rational abgeleitet oder souverän gewählt, sondern sie ist über ihn gekommen. Er ist dann, wie die
Bibel sagt, wiedergeboren „aus Wasser und aus Geist“. Und die Frage nach Gründen und
Beweisen, tritt dabei ganz in den Hintergrund – wie ja auch der, der von einem mächtigen Gegner überrannt wurde, keine besonderen Gründe braucht, um am Boden zu liegen.
Der Mensch, der sich überwältig sieht, fragt nicht, ob die Wirklichkeit, an der er sich blutig gestoßen hat, auch denknotwendig sei. Und das Problem der weltanschaulichen Gewissheit stellt sich für ihn komplett anders, weil zwar die Welt um ihn her noch dieselbe, er selbst aber nicht mehr derselbe ist.
Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes, sind nicht erst die Ergebnisse unseres Denkens
neu, sondern schon die Voraussetzungen unseres Denkens sind neu. Der Wandel selbst
aber, wird nicht etwa begründet, sondern liefert seinerseits die Begründung für vieles,
was auf die Bekehrung folgt. Denn der Betroffene kommt zu seiner Überzeugung nicht in
der Weise, dass er verschiedene Religionen und Philosophien sichtet und prüft, um dann
die ihm „passende“ zu wählen, sondern tatsächlich kommt er zu seiner Überzeugung,
indem er ihr verfällt. Nicht der Mensch eignet sich eine christliche Weltanschauung an,
sondern sie eignet sich den Menschen an, um ihn künftig zu beherrschen. Denn der
Glaube, von dem das Neue Testament spricht, beruht nicht auf einer Erkenntnisleistung,
einem Willensakt oder einer Wahl des Menschen, sondern auf einem Widerfahrnis, das
sich der Kontrolle des Betroffenen gänzlich entzieht, weil er darin von Gottes Geist zum
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Glauben überwunden wird. Der Zweifel ist ihm danach keineswegs verboten und er
muss auch nicht unterdrückt werden! Aber er interessiert einfach nicht mehr, weil durch
das Werk des Heiligen Geistes der Antrieb zum Zweifel entfällt.
Wenn der Geist an uns wirkt, verlieren wir die Angst, von Gott getäuscht zu werden, und
verlieren den Wunsch, in der Beziehung zu Gott unbedingt die Kontrolle zu behalten.
Wir verlieren die Illusion, wir müssten uns Gott gegenüber behaupten, und verlieren
sogar die Neugier auf weltanschauliche Alternativen. Der geisterfüllte Mensch gibt die
Deutungshoheit über sein Leben zurück an den Schöpfer, dem sie zusteht, und verliert
sein Misstrauen so wie man Ballast verliert. Denn es kommt zwar anders, als der Zweifler
sich das dachte: Am Ende hat nicht er sich Gottes vergewissert, sondern Gott hat sich
seiner vergewissert. Er hat nicht sichergestellt, sondern wurde sichergestellt. Doch wenn
das auch nach Fremdbestimmung klingt, so erkennt der Gläubige darin dennoch einen
freundlichen Akt Gottes, der durch seinen Heiligen Geist die Zuversicht ersetzt, die der
Mensch niemals hätte aufbringen können.
Gottes Geist gibt die Beständigkeit und Klarheit, über die der Mensch nicht verfügt. Und
weil Gott weiß, wie schwer der Mensch von Begriff ist, vertritt der Heilige Geist ihn mit
Seufzen. Wenn der Christ nicht zu reden weiß, wird ihm zugesagt, dass der Heilige Geist
durch ihn reden wird. Und wo er vergisst und verzagt, übernimmt es der Heilige Geist, zu
erinnern und zu trösten. Bei alledem „wohnt“ der Heilige Geist im Menschen und wirkt
auf den menschlichen Geist ein. Er wird aber keineswegs identisch mit ihm. Und er setzt
auch die normalen psychischen Funktionen nicht außer Kraft. Trotzdem gibt der Heilige
Geist dem menschlichen Geist Zeugnis davon, dass er ein Kind Gottes ist. Er klärt ihn
über alles auf, was ihm von Gott geschenkt wird. Er schenkt ihm Frieden. Und nur aus
diesem inneren Wirken des Heiligen Geistes erwächst dann die Glaubensgewissheit, die
unserer Vernunft ewig unerschwinglich bleiben müsste.
Streng genommen glaube nicht „ich“, sondern „es“ glaubt in mir, denn „ich“ bin gar
nicht in der Lage dazu. Der Heilige Geist tut, was getan werden muss, um den Menschen
in eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott zu bringen. Er macht den Glaubenden zu seiner Wohnstatt und zu seinem Tempel. Und anders ginge es nicht. Denn in allem, was
Gott betrifft, ist des Menschen Geist spröde und kraftlos, wenn ihn Gott nicht teilhaben
lässt an der Gewissheit, mit der Gott um sich selbst weiß. So ist dann Glaube immer
noch eine Gewissheit ohne Beweis. Und doch ist er keineswegs ohne Grund, weil durch
die Gegenwart des Geistes die Voraussetzungen des Zweifels hinfällig geworden sind.
Ein skeptischer Mensch zweifelt endlos, weil er stets fürchtet von Gott getäuscht zu
werden. Dem Gläubigen aber kommt diese Furcht schlicht abhanden. Ein skeptischer
Mensch erwartet, dass sich Gewissheit aus einer erweiterten Kenntnis der äußeren Welt
ergeben müsste. Doch der Gläubige erlebt, dass Gott seine Fragen durch die innere Umwandlung des Fragenden beantwortet. Ein skeptischer Mensch macht sein Selbstverständnis von dem abhängig, was seine Vernunft für wahrscheinlich erklärt. Dem Gläubigen hingegen wäre es egal, Unrecht zu haben, wenn er nur Unrecht hätte gemeinsam mit
Christus. Ein skeptischer Mensch stellt alles unter Vorbehalt, um seine Ansichten jederzeit korrigieren zu können. Der Glaubende aber vertraut vorbehaltlos dem, der ihn korrigiert hat. Ist es da ein Wunder, das Christen und Nicht-Christen so oft aneinander vorbei
reden?
Es ist fast unvermeidlich! Denn dem Glauben ist nun mal nicht die Überzeugungskraft
des Denkens eigentümlich, sondern die des Glaubens, wie auch dem Denken nicht die
Überzeugungskraft des Glaubens eigentümlich ist, sondern die des Denkens. Mit Worten
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des Neuen Testamentes gesagt: „Wir ... haben nicht empfangen den Geist der Welt, son-
dern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und
davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine
Torheit und er kann es nicht erkennen, denn es muss geistlich beurteilt werden.“
Eine Schlussfolgerung, die aus alledem zu ziehen ist, sei nur kurz angedeutet. Denn
wenn es, wie beschrieben, einen radikalen Bruch gibt zwischen der gewöhnlichen,
menschlichen Erkenntnis und der vom Heiligen Geist gewirkten Erkenntnis, dann versteht es sich, dass die Erfahrung, die einen Christen zum Christen macht, von einem
Nicht-Christen nicht wirklich nachvollzogen werden kann. Man kann sie niemandem
andemonstrieren oder vermitteln, wenn es der Heilige Geist nicht tut. Und umgekehrt
kann niemand dem Christen seine eigentümliche Erfahrung nehmen oder ausreden. Mit
hitzigen Argumenten ist in dieser Sache weder positiv noch negativ etwas auszurichten.
Und es ist darum ganz falsch, wenn im Streit um den Glauben eine Seite der anderen
Dummheit oder Bosheit unterstellt. Es hilft hier nicht, zu zanken und sich etwas beweisen zu wollen. Denn die grundlegende Erfahrung des Glaubens vermittelt sich nicht anders als durch Gott selbst, vermittelt sich durch ihn aber mit überzeugender Kraft.
Wer diese Erfahrung nicht macht, kann den christlichen Glauben beim besten Willen
nicht verstehen. Er muss seine Gewissheit für grundlos halten. Als Christ aber kann man
ihm seine Blindheit nicht vorwerfen, weil weder wir noch er selbst, sondern nur Gott sie
zu heilen vermag. Mit kluger Überredung ist hier nichts zu erreichen. Um so mehr aber
durch das Gebet derer, die Gewissheit haben oder sich nach ihr sehnen…
9. Die unvermeidliche Deutung des Daseins
Es gehört zur Natur des Menschen, dass er wissen und verstehen will, was um ihn herum
geschieht. Und dieser tief verwurzelte Erkenntnisdrang sollte nicht mit oberflächlicher
„Neugier“ verwechselt werden. Denn er ist lebensnotwendig. Nur wer seine Umwelt erkennt, kann sein Verhalten den Gegebenheiten anpassen. Nur wer die Rahmenbedingungen seines Daseins kennt und versteht, kann angemessen handeln, kann Gefahren
ausweichen, Chancen wahrnehmen und Erfolg versprechende Strategien verfolgen. Darum ist es natürlich, dass der, der (über-)leben will, nach möglichst umfassendem Wissen
strebt. Und das heißt:
Am liebsten würden wir in der Welt lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch. Ja, wie
man einem Brief mit wenigen Blicken alle nötigen Informationen entnimmt, so würden
wir gern die Welt erkennen und durchforschen bis wir verstanden haben, was sie im Innersten zusammenhält. Denn ein Spiel, dessen Regeln man beherrscht, kann man gut
spielen. Und einen Prozess, dessen Gesetze man kennt, kann man leicht voraussagen.
Wissen ist Macht. Nur: Wie viel von dieser „Macht“ haben wir? Wie umfassend und wie
zuverlässig ist menschliches Erkennen?
Wer von seinem Verstand einen selbstkritischen Gebrauch macht, wird zugeben, dass die
Reichweite des Verstandes begrenzt ist. Denn die Welt ist eben nicht von dieser Art, dass
sie vor uns läge wie ein aufgeschlagenes Buch. Und auch der Mensch selbst ist sich oft
genug ein Rätsel. Unser Wissen ist Fragment. Wir sehen immer nur Ausschnitte des weiten Feldes, das wir gerne vollständig überblicken würden. Wir kennen immer nur einen
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Teil der Faktoren, die unser Leben bestimmen. Und zudem ist das Bild, das wir von uns
selbst und von unserer Welt haben, in ständigem Wandel begriffen. Vieles, was wir zu
wissen meinen, wissen wir nicht mit letzter Sicherheit. Irren ist menschlich. Und außerdem bleiben ein paar entscheidende Fragen immer offen:
Woher wir kommen und wozu wir da sind, wie viel Lebenszeit uns bleibt und was wir
mit ihr anfangen sollen, worauf es im Leben ankommt, wie man „gut“ und „böse“ unterscheidet, was ein „gelingendes“ Leben auszeichnet und was der Tod für uns bedeutet –
das alles sind Fragen, die uns kein Lexikon beantwortet. Unser Erkennen hat zahlreiche
Lücken, die der Blick ins Mikroskop oder ins Teleskop nicht schließen kann. Und darum
gleicht unsere Welt weniger einem aufgeschlagenen Buch, als einem geheimnisvollen,
nur teilweise lesbaren Dokument. Wir kennen solche lückenhafte Schriftstücke aus
Abenteuerromanen:
Da wird eine Schatzkarte oder eine wichtiges Rezept gefunden, das für Jahrhunderte verschollen war. Ein Teil der alten Schrift ist auch noch zu lesen. Aber an vielen Stellen gibt
es Risse, Brandflecken und Löcher, durch die entscheidende Informationen verloren gegangen sind. Manches ist deutlich – so wie wir auch einen Teil unseres Lebens deutlich
erkennen und verstehen. Anderes aber ist unleserlich und rätselhaft – so wie auch im
menschlichen Leben manches rätselhaft ist.
Wenn das aber stimmt, dass unser menschlicher Erkenntnisdrang einem solchen lückenhaften, deutungsbedürftigen Text gegenübersteht – wie gehen wir dann mit dieser
Situation um? Wie lebt man in einer Welt, die nur einen Teil dessen verrät, was man
wissen will?
Viele Menschen meinen, man könnte sich in dieser Lage auf die gesicherten „Fakten“
beschränken. Sie nennen sich selbst „realistisch“, „kritisch“, „nüchtern“ und „rational“.
Sie wollen nur glauben, was sie sehen. Sie belächeln alles „Religiöse“ und lehnen jede
Glaubensüberzeugung als „unbewiesene Behauptung“ ab. Sie haben ein verständliches
Bedürfnis nach Sicherheit und wollen sich darum an „Tatsachen“ halten. Nur fragt es
sich, ob dieser Vorsatz unter den gegebenen Bedingungen durchgehalten werden kann.
Ist es wirklich „rational“, einem deutungsbedürftigen „Text“ gegenüber auf Deutung zu
verzichten? Ist das überhaupt möglich, wenn es sich bei diesem „Text“ um das eigene
Leben handelt? Kann man leben, ohne eine Meinung darüber zu haben, was das Leben
bedeutet? Ist nicht jeder Mensch genötigt, sich auf sein Leben einen Reim zu machen
und seinem Dasein einen „Sinn“ zu unterstellen? Wenn der Mensch das aber tut, ist er
dann mit der Deutung seines Lebens nicht schon über den Bereich der „Tatsachen“ hinausgegangen?
Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass die „Kritischen“ die Voraussetzungen ihrer Position etwas kritischer betrachten sollten. Denn dann müsste ihnen bewusst werden, dass
ihr Unglaube – nicht weniger als der Glaube – eine Interpretation der Welt (und insofern
eine „unbewiesene Behauptung“) darstellt. Auch die Entscheidung „nichts“ zu glauben
ist eine Glaubens–Entscheidung. Und niemand lebt, ohne eine solche Glaubensentscheidung zu vollziehen. Denn das Leben selbst hindert uns daran, dem „Lückentext“ gegenüber einfach mit den Schultern zu zucken. Das Leben verlangt unablässig Entscheidungen von uns. Und nur wenige dieser Entscheidungen lassen sich aus „gesicherten Erkenntnissen“ ableiten.
Einen bestimmten Menschen zu heiraten, eine bestimmte Partei zu wählen, einen bestimmten Beruf zu ergreifen – das alles sind Schritte, die eine Deutung unseres Lebens
voraussetzen. Und mit dieser Deutung oder Interpretation unseres Lebens greifen wir
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zwangsläufig über den schmalen Bereich des „gesicherten Wissens“ hinaus: Wir „wissen“
nicht, dass der Ehepartner uns liebt – aber wir glauben es ihm. Wir „wissen“ nicht, dass
jene Partei der Zukunft unserer Gesellschaft besser dient als eine andere – aber wir hoffen es. Wir „wissen“ nicht, ob wir den Anforderungen gewachsen sind, die der Beruf in
zwanzig Jahren an uns stellt – aber wir wagen es.
Menschliches Leben vollzieht sich also immer im Bereich des ungesicherten Erkennens,
des Glaubens, Hoffens und Vertrauens. Und wer sich darauf bewusst einlässt, dem darf
deswegen kein Mangel an intellektueller Redlichkeit nachgesagt werden. Denn der Gläubige behauptet ja nicht zu wissen, was er nicht weiß. Er maßt sich nicht an, bessere Augen zu haben als der, der in den Lücken eben Lücken sieht.
Aber im Vollzug seines Glaubens bildet er sich eine Meinung darüber, welchen Gesamtsinn der lückenhafte Text hat. Er bringt das, was er erkennt, in sinnvollen Zusammenhang und versucht zu erschließen, was dort gestanden haben muss, wo er nichts mehr
erkennt. Er stellt Mutmaßungen an, er deutet und interpretiert. Er versucht zu erahnen,
wie das Leben gemeint ist. Er lebt auf Grund seiner persönlichen Interpretation. Und er
vollzieht damit nur bewusst, was die Kritiker des Glaubens unbewusst tun. Denn wie wir
oben gezeigt haben, kann man nicht „nichts“ glauben. Wer mit Gott rechnet, wird seine
Überzeugung nicht als überprüfbares „Wissen“ ausgeben. Doch wer Gott leugnet, kann
das genauso wenig. Wer vorgibt, weder an Gottes Existenz noch an seine Nicht–Existenz
zu glauben, glaubt mit dieser Unentschiedenheit im Recht zu sein. Und wer sich von vorneherein weigert, über Glaubensfragen nachzudenken, der glaubt zumindest, dass sich
dieses Nachdenken nicht lohnen würde. Weder für das eine noch für das andere kann
ein „Beweis“ erbracht werden. Darum zerfällt die Menschheit auch nicht in solche, die
sich an „nüchterne Fakten“ halten einerseits, und solche, die etwas „glauben“ andererseits. Sondern alle glauben – und gehen alle mit ihrer Sicht der Dinge das Wagnis ein,
dass sie sich als falsch erweisen könnte.
Was heißt das dann aber im Blick auf den christlichen Glauben? Und inwiefern hilft es
uns, ihn zu verstehen? Nun: Sofern der christliche Glaube ein bestimmtes Weltverständnis und ein Selbstverständnis des Menschen einschließt, ist er – wie jede andere Weltanschauung – ein Akt der Deutung und der Interpretation. Er ist also ein Wagnis, wie jede
andere Deutung des Lebens auch ein Wagnis ist. Und wenn man nur das „Wissen“ nennen will, was jedermann jederzeit zwingend demonstriert werden kann, dann heißt
„Glauben“ in der Tat „Nicht-Wissen“.
Wer nun aber daraus folgern wollte, der christliche Glaube sei eine bloße „Vermutung“
oder „Annahme“ nach dem Motto „Kann sein oder kann nicht sein“ – der hätte ihn missverstanden. Denn die Entscheidung für eine christliche Lebensdeutung ist gerade kein
intellektuelles Spiel. Die Interpretation des eigenen Daseins, die man „Glaube“ nennt,
ist nicht Spekulation und folgenlose Theorie. Sondern sie ist gewagter Lebensvollzug mit
Herz und Hand. Der Gläubige stellt nämlich nicht distanzierte Betrachtungen darüber an,
was der Lückentext seines Lebens bedeuten mag, sondern er lebt seine Deutung, er lebt
seinen Glauben. Und er ist sich im Klaren darüber, dass mit der Wahrheit seines Glaubens immer zugleich auch sein eigenes Schicksal auf dem Spiel steht.
Denn „Glaube“ heißt eben nicht, an einer Wegkreuzung zu stehen und folgenlose Spekulationen darüber anzustellen, welcher Weg der richtige sein könnte. Sondern es heißt,
sich auf den Weg zu begeben, den das Evangelium weist. Wer vorab einen Beweis dafür
verlangt, dass der christliche Weg ihn zum Ziel führt, der wird ihn nicht erhalten. Aber
für die anderen, die atheistischen, esoterischen, kommunistischen, buddhistischen, ma63
terialistischen, zynischen und nihilistischen Wege gibt es auch keine „Garantie“. Es gibt
in diesem Gebiet keine „Fakten“, hinter denen man sich verstecken könnte. Aber die
sind auch nicht nötig.
Denn indem man auf dem Weg des Glaubens Schritte macht, sammelt man Erfahrungen.
Und aus diesen Erfahrungen erwächst mit der Zeit die Gewissheit, von Gott geführt zu
werden. Solche Gewissheit ist nicht „Wissen“. Sie ist nicht objektivierbar. Sie ist nicht
beweiskräftig für den, der die Erfahrung nicht teilt. Aber das muss sie auch nicht sein.
Denn es genügt, dass der Mensch, der den Weg des Glaubens betritt, unterwegs lernt, ihn
zu gehen. Er lässt den Zweifel dabei vielleicht nie ganz „hinter“ sich. Aber er lässt den
Zweifel immer wieder „unter“ sich. Und das genügt, um nach einiger Zeit das biblische
Wort bestätigt zu finden:
„Es ist der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft,
und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebr 11,1)
10. Polytheismus und erstes Gebot
Das 1. Gebot enthält einen sehr radikalen und exklusiven Anspruch. Denn Gott sagt: „Ich
bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ Das klingt beinah nach Eifersucht. So als ob Gott Konkurrenz fürchtete. Doch dahinter steht die Einsicht, dass man Vertrauen nicht teilen kann, ohne es zu zerstören. Der Mensch kann nur
einen Gott haben, nur einen wirklichen Herrn und nur eine oberste Priorität – nicht viele. Denn wenn man Vertrauen zerteilen will, wenn man es auf mehrere Mächte oder Idole aufteilt, wird man allen ein bisschen, und keinem ganz vertrauen.
Wenn das aber jemandem nicht gleich einleuchten will und er fragt „Warum soll denn
Vertrauen nicht teilbar sein?“ – dann kann man es sich an einem banalen Beispiel klar
machen kann: Stellen sie sich einen Mann vor, der zugleich Hosenträger und einen Gürtel trägt. Manche Männer tun das ja. Was würden sie von so jemandem denken, der Hosenträger und Gürtel gleichzeitig benutzt, um seine Hose zu halten? Man wird doch sagen: Wenn er seinem Gürtel vertraute, so bräuchte er die Hosenträger nicht. Und wenn er
seinen Hosenträgern traute, so bräuchte er den Gürtel nicht. Wenn er aber beides trägt,
kann man daraus nur folgern, dass der Mann weder dem Gürtel noch den Hosenträgern
wirklich traut. Er misstraut beiden und versucht sich eben darum doppelt abzusichern.
Genauso ist es aber, wenn ein Mensch zwei Götter hat und sie auf jeden ein bisschen
verlässt. Denn traute er dem Einen wirklich zu, dass er für das Gelingen seines Lebens
sorgt, wozu bräuchte er dann den Anderen? Und traute er dem Zweiten zu, dass er sein
Leben gelingen lässt, wozu bräuchte er dann den Ersten? Wenn er aber beide verehrt und
sicherheitshalber zu beiden betet, dann kann das nur bedeuten, dass er im Grunde beiden misstraut. Und solche Vielgötterei ist nicht etwa doppelter Glaube, sondern nur verdoppelter Unglaube. Es ist, wie der Prophet Elia sagt, ein Hinken auf beiden Seiten, das
weder Gott noch den Götzen gerecht wird, denn der Mensch kann in seinem Leben nur
eine letzte Instanz haben.
Wenn Elia das aber schon bei seinen Zeitgenossen durchschaute, sollten wir es dann
nicht heute auch bei uns selbst durchschauen? Vielgötterei im klassischen Sinne ist vielleicht nicht unser Problem. Aber auf beiden Seiten zu hinken, mehrgleisig zu fahren und
neben Gott noch auf viele andere Mächte zu vertrauen, ist eine Versuchung, der wir
leicht erliegen.
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Man vertraut dann durchaus auf Gottes Hilfe. Aber mindestens ebenso auf die eigene
Kraft. Man fragt schon nach Gottes Gebot. Und doch folgt man manchmal lieber dem eigenen Gutdünken. Man setzt auf Gottes Gnade, so für alle Fälle. Aber man verlässt sich
zugleich auch auf gute Werke, auf den eigenen Fleiß, auf gute Freunde und Wertpapiere.
Man will gewiss Schätze im Himmel sammeln. Und man spielt trotzdem Lotto. Man beteuert den Glauben. Und man hängt sein Herz zugleich an Erfolg, Genuss und Besitz.
Man fährt eben gerne mehrgleisig, sei’s in Freundschaften, in Geldanlagen oder in der
Religion. Denn wenn eine Bindung bricht, bleiben ja noch die anderen. Mehrfache Absicherung soll den Schaden minimieren. Dass diese Strategie aber in der Religion genauso
schlecht funktioniert wie in der Ehe – das ist die Botschaft des 1. Gebotes an unsere Zeit.
Und die sollten wir ernst nehmen. Denn auch wir sind solche Leute, die gerne Hosenträger und Gürtel zugleich tragen.
Wir verbünden uns gerne mit Gott, wollen uns aber (für alle Fälle) auch mit den Mächten
dieser Welt gut vertragen – und wir vergessen dabei, dass Gott so etwas nicht mit sich
machen lässt. Er ist mit Platz 4 oder 5 auf unserer Prioritätenliste nicht zufrieden. Er
stellt sich nicht in die zweite Reihe! Das Vertrauensverhältnis zu ihm funktioniert nicht,
wenn er nur einer unter vielen sein soll! Gott kennt uns zu gut, um sich darauf einzulassen. Denn wo wir mehrere Eisen im Feuer haben, werden wir immer auch geteilten Herzens sein. Und das zerstört die Beziehung, die man Glaube nennt. Am Ende bleibt’s nämlich bei dem, was Jesus seinen Jüngern eigeschärft hat:
„Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern
lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht
Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,24)
Gott will, dass wir die Entschlossenheit aufbringen, ungeteilten Herzens zu leben. Denn
biblischer Glaube funktioniert nicht nach dem Prinzip Hanfseil, sondern nach dem Prinzip Kette. Ein Hanfseil besteht aus vielen Fasern. Und das hat den Vorteil, dass es auf die
einzelne Faser nicht so sehr ankommt. Reißt eine, bleiben noch hundert andere, die die
Last tragen können. Damit aber hundert Platz haben, muss die einzelne Faser sehr dünn
sein. Die Stärke des Seils resultiert aus der Menge der kombinierten Einheiten, die alle
dem gleichen Zweck dienen. Das Prinzip einer Kette ist offensichtlich ganz anders. Denn
da kommt es auf die Belastbarkeit jedes einzelnen Kettengliedes an. Das Kettenglied ist
natürlich viel dicker und belastbarer als eine einzelne Hanffaser. Aber wenn es versagt,
gibt es keinen Plan B. Es muss allein die gesamte Last tragen können.
Letztlich kann auch der Mensch nur nach einem dieser beiden Prinzipien leben. Entweder wird er versuchen sein Lebensrisiko möglichst breit zu streuen und nirgends zu viel
Vertrauen zu investieren. Oder wird sein gesamtes Vertrauen auf eine Karte setzen. Der
Mensch kann Polytheist oder Monotheist sein. Aber beides zugleich geht nicht…
11. Weisheit und Torheit
Wer über Weisheit und Torheit nachdenkt, kommt nicht darum herum, sich selbst irgendwo zwischen den Extremen einzuordnen. Denn reden wir von Weisheit und Torheit,
so fragt sich ja, ob wir selbst uns eher für weise oder für töricht halten. Sind wir also
„klug“? Sind wir intelligent und schlau – oder gehören wir eher zu den Dummen, Begriffsstutzigen und geistig Trägen? Ich vermute, wenn man einzelne Menschen danach
fragte, würden sich fast alle im Mittelfeld verorten oder etwas darüber. Denn zu behaup65
ten, man selbst sei „superklug“, wäre gegen alle Bescheidenheit. Und zuzugeben, dass
man sich selbst für dumm hält, wäre doch irgendwie peinlich. Die meisten Menschen
würden sagen, sie seien – wenn auch kein „Genie“ – so doch mit ihrer geistigen Ausstattung durchaus zufrieden. Und ein Spötter hat darum behauptet, nichts auf der Welt sei
so gerecht verteilt wie der Verstand, weil jeder Mensch überzeugt ist, dass er genug davon habe.
Es ist ja wirklich wahr: Keiner hält sich selbst für „doof“! Aber es will auch keiner von
den Anderen dafür gehalten werden, denn Klugheit ist in unserer Gesellschaft ein hoher
Wert und „clever–sein“ oder „helle–sein“ zählt fast so viel wie Jugend, Gesundheit oder
Reichtum. Diese Hochschätzung der Intelligenz ist deutlich spürbar, wenn man mit älteren Menschen über ihre Kinder und Enkelkinder spricht und erlebt, wie da mancher mit
leuchtenden Augen und voller Stolz von den tollen Zeugnissen seiner Enkel erzählt.
Denn auf seine Intelligenz hält man sich etwas zu gute in dieser Gesellschaft, die allem
vertraut, was als „Wissenschaft“ dargeboten wird:
Ein Professorentitel macht allemal noch Eindruck. Und einem Nobelpreisträger glaubt
man fast alles. Denn ganz allgemein hält der Mensch viel vom menschlichen Verstand
und traut ihm zu, praktisch alles zu erforschen. Wir schätzen Intelligenz, weil der Intelligente sich erkennend der Dinge bemächtigen kann, sie durchschauen und berechnen,
voraussagen und manipulieren kann: „Wissen ist Macht“, sagt man. Und weil der
Mensch nach dieser Macht begierig ist, möchte er gern klug sein. An einem Punkt allerdings, da erlebt die stolze Vernunft eine arge Schlappe und in einer Sache richtet sie
nichts aus: Wenn es nämlich um den Glauben geht. Zu gern würde der Mensch es mit
Gott machen, wie er es mit der Welt gemacht hat. Er würde Gott zu gern erforschen, wie
er den Nordpol, den Dschungel und die Tiefsee erforscht hat. Zu gern würde der Mensch
seinen Schöpfer untersuchen wie eine Mücke, die man unter das Mikroskop legt, um
sich auch der göttlichen Dinge erkennend zu bemächtigen. Zu gern würde der Mensch
Beweise des Glaubens haben, um dann nach Prüfung der Beweisführung auf eine risikolose und rational abgesicherte Weise zu „glauben“ – oder den Glauben besser gleich gegen ein verlässliches Wissen einzutauschen. Aber das alles geht nicht. Die Vernunft erleidet eine Schlappe. Denn Gott will nicht mit den Maßstäben des Irdischen gemessen
werden und zeigt darum der menschlichen Neugier die kalte Schulter. Er entzieht sich
ihrem Zugriff und frustriert damit absichtlich die stolze Vernunft, weil der Mensch von
Gott nichts anderes wissen soll, als nur, was Gott ihn wissen lässt durch das biblische
Wort.
Unser Verstand begreift Gott nicht, und unsere Gefühle erfühlen ihn nicht, unsere Logik
erschließt ihn nicht, und unsere Sinne sehen ihn nicht. Welchen Vorteil haben also die
Klugen von ihrer Klugheit? In weltlichen Geschäften haben sie ganz sicher einen Vorteil.
Doch Gott gegenüber haben sie keinen – und sollen auch keinen haben, denn Gott ist
barmherzig mit allen und zieht die Intelligenzbestien den Unterbelichteten keineswegs
vor. Der Glaube, den ein Mensch haben muss, um gerettet zu werden, soll allen Menschen zugänglich sein. Gott will, dass sein Evangelium unabhängig von der Intelligenz
des Menschen verstanden werden kann. Darum hat er der menschlichen Vernunft den
Zugriff auf dieses Evangelium verweigert und die Wahrheit des Glaubens nicht dem
Menschengeist anvertraut, sondern seinem Heiligen Geist, der diese Wahrheit den Klugen und den Dummen gleichermaßen zugänglich machen oder verweigern kann.
Wahrlich: Gott wollte nicht, dass der Glaube ein Rätsel sei, das nur die Schlauen lösen,
um auch hier im Vorteil zu sein. Gott wollte nicht, dass die Dummen auch in Glaubens66
dingen „dumm“ dastehen, wie sie so oft „dumm“ dastehen. Sondern er wollte gerade
den Übergescheiten eine Lehre erteilen und ihren Wissensstolz demütigen, weshalb er
das heilsbringende Evangelium sehr schlicht und regelrecht töricht verpackt hat.
Denn was wäre in den Augen der Welt törichter und dümmer als die Botschaft vom Kreuz
Jesu Christi? Was ist törichter, als dass einer die Sicherheit und Herrlichkeit des Himmels
eintauscht gegen einen irdischen Foltertod? Was ist närrischer als Gottes Liebe zu uns
Narren? Kein schlechterer Tausch ist denkbar als dieser, dass Gott seine Macht eintauscht gegen die Ohnmacht des Gekreuzigten und seine Gerechtigkeit eintauscht gegen
die Sünde der Sünder. Menschenweisheit wäre darauf nie gekommen. Und die Philosophen stehen bis heute ratlos davor. Sie verstehen weder das Evangelium, noch können
sie verstehen, wie ein Christ ohne greifbare Beweise seines Glaubens gewiss werden
kann. Für Gott aber ist dies genau der richtige Weg, um die Klugen zum Narren zu halten
und die Übergescheiten dadurch zu demütigen, dass er sie blind und ratlos macht vor
dem Geheimnis seiner Gnade.
Zwar will Gott sein Evangelium verstehen lassen, er will die Menschen erleuchten, er
will Gotteserkenntnis schenken und will zu uns in Beziehung treten. Aber er tut es ganz
bewusst zu seinen und nicht zu unseren Bedingungen. Er unterwirft dabei seine Wahrheit nicht unserer Kontrolle, damit sich niemand rühme und keiner damit prahle, er habe Gottes Wahrheit durchschaut. Niemand soll sagen, er habe sich seinen Glauben selbst
ergrübelt und sei frömmer als die anderen, weil er klüger sei. Keiner soll sagen, er habe
Gottes Wahrheit geprüft wie die Klassenarbeit eines Schülers. Keiner soll sagen, er habe
Gott erforscht. Sondern für alle, die gewürdigt werden, etwas von Gott zu erkennen, soll
es gnadenhaft geschenkte Erkenntnis sein. Die Klugen sollen bei Gott keinen Vorteil haben. Und die Dummen sollen nicht verzweifeln müssen, weil Gott den Einfältigen gewiss
nicht ferner ist als den Genies. Er liebt die Gescheiten nicht mehr als die Trottel, und
teilt sich darum der Welt mit in einem Evangelium, dem menschliche Dummheit nichts
abbrechen, und dem menschliche Weisheit nichts hinzuzufügen vermag.
Dass es sich aber wirklich so verhält, kann jeder sehen, wenn er sich in den Kirchen umschaut und dort große Narren und große Gelehrte friedlich nebeneinander sitzen sieht.
Ja, wenn wir darauf schauen, wer den Weg zum Glauben findet, so sind es nicht vorrangig die Gebildeten und Klugen, es sind auch nicht nur die Ungebildeten oder Dummen,
sondern es sind quer durch alle Intelligenzniveaus hindurch Menschen aller Bildungsschichten. Schon Jesus selbst hat seine Jünger nicht etwa aus der Bildungselite des Volkes gewählt, sondern mitten heraus aus den Arbeitern und Handwerkern. Jesus hat sich
offenbar von den Gescheiten nicht mehr erwartet als von den anderen auch – und mit
dieser Kränkung müssen die Gescheiten bis heute zurechtkommen. Denn ihre Klugheit
mag in allen irdischen Bezügen ein Vorteil sein, wie es Gesundheit auch ist, oder Wohlstand, aber sie ist kein Vorteil in Glaubensdingen, sondern es gilt viel eher das Gegenteil,
weil es leicht zur Gefahr wird, wenn einer auf seine Klugheit zu sehr vertraut. Die sich
für Weise halten in dieser Welt, die macht Gott gerade durch ihre Weisheit zu Narren.
Wenn sie aber glauben wollen, müssen sie einsehen, dass Gottes Torheit weiser ist als
alle Weisheit der Menschen, und müssen akzeptieren, was Paulus sagt: „Weil die Welt,
umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es
Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.“ „..was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und
was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was
stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was
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nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott
rühme.“
Was aber bedeutet das für uns? Und welche Konsequenzen hat es? Wird es damit überflüssig über Glaubensdinge nachzudenken? Wird die Vernunft damit für wertlos erklärt,
obwohl doch auch die Vernunft eine Gabe Gottes ist? Nein: Ich meine durchaus, dass die
menschliche Vernunft dem Glauben zu dienen vermag. Aber sie muss dazu Demut lernen
und muss dem Glauben untergeordnet werden, wie auch unser Gefühl und unser Gewissen, unser Wille und unsere Kraft unterzuordnen sind.
Denn in den anderen Bereichen ist es ja genauso. Wenn es z.B. um Gerechtigkeit geht,
richten wir auch mit unseren „guten Werken“ nichts aus, sondern müssen demütig hinnehmen, dass uns Vergebung und Gerechtigkeit nur aus Gnade zuteil werden. Wenn es
ums Leben und Sterben geht, richten wir mit Willenskraft ebenso wenig aus, sondern
müssen demütig hinnehmen, dass uns der Schöpfer das Leben schenkt und wieder
nimmt. Und wenn es um Erkenntnis geht – warum soll es dann plötzlich anders sein?
Auch da richten wir mit Grübelei und Logik wenig aus, sondern müssen hinnehmen,
dass Gottes Geist sich vorbehalten hat, die Dummen genauso zu erleuchten wie die
Schlauen, wann immer es ihm gefällt.
Das kränkt dann gewiss unseren stolzen Verstand, dass er sich nicht zu Gott „hindurchdenken“ kann. Aber diese Kränkung ist notwendig und heilsam. Denn des Menschen
Verstand ist in göttlichen Dingen so inkompetent, dass er das Ziel der Gewissheit nicht
nur nicht erreicht, sondern dieses Ziel – je mehr er dem eigenen Erkennen zutraut – um
so sicherer verfehlt. Wir müssen akzeptieren, dass in der Beziehung zu Gott alles nur
durch Gott geschehen kann, und dass Eigenmächtigkeit in dieser Hinsicht immer nur
schadet:
Wenn das Geschöpf sein Leben nicht vom Schöpfer empfangen und ihm verdanken, sondern das Leben sich selbst verschaffen und gewährleisten will, handelt es sich im eigenmächtigen Zugriff auf das Leben den Tod ein. Wenn der Schuldige sich Vergebung und
Rechtfertigung nicht um Christi willen zusprechen lässt, sondern sie durch „gute Werke“
verdienen will, vermehrt der eigenmächtige Zugriff auf die Gerechtigkeit nur seine
Schuld. Und wenn der Unwissende die Wahrheit über Gott nicht von Gottes Geist erfahren, sondern sie mit Menschengeist erdenken, herleiten und begründen will, steigert der
eigenmächtige Zugriff auf Gottes Wahrheit nur die resultierende Verwirrung.
Gerade die „Übergescheiten“ machen sich dabei am schnellsten zum Narren. Und darum
ist es viel besser, dass man die geistliche Armut akzeptiert, die Gott uns auferlegt, statt
einen geistlichen Reichtum zu fordern, den er nicht geben will. Ja, zum Ärger der Bescheidwisser und der Weltweisen sei es gesagt, dass mancher Trottel klüger handelt als
sie. Denn auch als Trottel ist man kein Trottel mehr, wenn man die Zumutung geistiger
Schwäche als Zumutung Gottes aus seiner Hand annimmt und sich an seiner Gnade genügen lässt.
Ich empfehle darum, nicht haben zu wollen, was Gott uns nicht haben lässt, und nicht zu
fordern, was er nicht geben will. Ich empfehle nicht reich sein zu wollen, wo Gott uns
arm sein lässt, und nicht groß sein zu wollen in dem, worin er uns klein gemacht hat. Ich
empfehle Gott schon vorab Recht zu geben, in allem, was er mit uns vorhat, und die
Dummheit, die Gott uns zumutet, jeder Klugheit vorzuziehen. Denn dann muss man sich
nicht scheuen, um Christi willen für einen Narren gehalten zu werden, sondern kann
sich fröhlich an die Torheit Gottes halten, die tausend mal weiser ist als alle Weisheit
dieser Welt...
68
12. Einseitigkeit und Vielfalt
Gottes Tierreich ist groß. Und auch die Menschen sind in vielerlei Hinsicht verschieden.
Weil das aber dem menschlichen Ordnungssinn widerstrebt, versucht man immer wieder, das bunte Durcheinander in „Typen“ einzuteilen. Man kann dabei die Menschen
nach ihrer körperlichen Gestalt unterscheiden, nach ihrem Charakter, nach ihren Essgewohnheiten, nach der Art ihrer Stressbewältigung oder nach ihren politischen Überzeugungen. Was aber ist mit dem Glauben? Die Frage drängt sich auf, denn auch die Christen
sind ja keineswegs alle gleich. Und will man die Unterschiede zwischen ihnen nicht nur
feststellen, sondern auch verstehen, so kommt man nicht umhin, nach „Typen“ des
Christ-Seins zu fragen: Lassen sich da anhand gemeinsamer Merkmale „Gruppen“ bilden,
die durch die Art ihres religiösen Erlebens von den anderen unterschieden sind? Und
wenn ja, wie verhalten sich diese vielen Gruppen dann zu dem einen Glauben, den doch
alle Christen miteinander teilen?
Ich will im Folgenden eine Antwort geben, die vielleicht überraschend klingt. Denn meines Erachtens sind die Christen nicht trotz ihres gemeinsamen Glaubens verschieden,
sondern wegen dieses gemeinsamen Glaubens. Der schließt nämlich nicht bloß eine Art
von Gottesbeziehung ein, sondern sieben verschiedene Beziehungen, die miteinander im
Zusammenhang stehen und die, je nach persönlicher Akzentsetzung, das Selbstverständnis des Christen so oder so bestimmen. Ein Christ steht nämlich...
(1.) …in Beziehung zu Gott dem Schöpfer:
Er empfängt sein Leben bewusst aus Gottes Hand. Er kennt keinen „Zufall“ und kein
„blindes Schicksal“. Sondern er weiß, dass er es in allem Harten und Zarten, in allem
Schönen und Schweren, im Anfang wie im Ende immer mit seinem Schöpfer zu tun hat.
Er erkennt seine Abhängigkeit und bejaht sie.
(2.) …in Beziehung zu Gott dem Gesetzgeber:
Er kennt die Ordnungen, die Gott seiner Schöpfung auferlegt hat. Und er beugt sich der
Autorität, die ihm darin begegnet. Er versucht nicht selbst zu bestimmen, was als „gut“
oder „böse“ gelten soll, sondern erkennt in Gottes Wille und Gebot den Maßstab, an dem
sein Leben gemessen wird.
(3.) …in Beziehung zu Gott dem Offenbarenden:
Er strebt nach Wahrheit, Klarheit und Erkenntnis. Er verachtet auch nicht Vernunft und
Wissenschaft. Doch den Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Daseins, findet er
in der Offenbarung. Indem er Gott erkennt, lernt er, sich selbst und die Welt von der
Intention des Schöpfers her zu verstehen.
(4.) …in Beziehung zu Gott dem Richter:
Er erfährt immer wieder, dass das Böse nicht nur in der Welt, sondern auch in ihm selbst
mächtig ist. Er ist nicht, wie er nach Gottes Wille sein sollte. Und er kennt die schreckliche Konsequenz: Gott hat guten Grund, das Geschöpf zu verneinen, das durch sein Verhalten Gott verneint.
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(5.) …in Beziehung zu Gott dem Erlöser:
Er erkennt im Evangelium den von Gott gewiesenen Ausweg aus seiner verzweifelten
Lage. Er vertraut auf Jesus Christus, der für ihn starb und auferstand. An ihn hängt und
klammert er sich mit aller Kraft. Denn nicht bei sich selbst oder in der Welt, sondern
allein bei Christus findet er Trost und Freiheit.
(6.) …in Beziehung zu Gott dem Heiligen Geist:
Der Christ weiß sich von Gott angenommen. Er bemüht sich aber auch, ein dementsprechendes Leben zu führen, indem er Herz und Hände „heiligt“. Er gibt dem Geist Gottes
Raum in seinen Gedanken, Worten und Werken. Und er hält sich zur Gemeinschaft der
Kirche, die ihn dabei stärkt und stützt.
(7.) …in Beziehung zu Gott dem Vollender:
Er weiß, dass Gottes Liebe das letzte Wort haben wird. Darum ist die Hoffnung des Christen unverwüstlich inmitten von Leid und Tod, Schmerz und Schuld. Diese Mächte bedrängen ihn zwar, aber er kann ihnen zuwider leben. Denn er erwartet getrost ihre
Überwindung am Jüngsten Tag.
Nun: Die genannten sieben Beziehungen genügen, um das weite Feld des christlichen
Glaubens grob zu umreißen. Und es wäre nicht weiter schwer, ihren inneren Zusammenhang aufzuzeigen. Doch was hat das mit unserer Frage nach den verschiedenen „Spielarten“ des christlichen Glaubens zu tun? Ich meine, die Unterschiede zwischen den Christen rühren daher, dass nicht bei jedem jeder der sieben Aspekte gleich stark entwickelt
ist. Man wird zwar annehmen, dass in einem reifen Christenleben keines dieser sieben
Elemente ganz fehlt. Doch bei dem einem steht eben dies und bei dem anderen jenes im
Vordergrund. Das gibt jedem „Glaubenstyp“ sein besonderes Profil. Es macht seine jeweilige „Chance“ aus – und auch seine jeweilige „Gefahr“:
(1.) Die Beziehung zu Gott dem Schöpfer:
Chance: Glaube, der hier seinen Schwerpunkt hat, zeichnet sich durch große „Bodenhaftung“ aus. Er verliert sich nicht so leicht in Betrachtungen des eigenen Seelenlebens oder
in Spekulationen. Er ist vielmehr handfest, naturverbunden und konkret.
Risiko: Drängt dieser Aspekt des Glaubens die anderen sechs in den Hintergrund, kann
das Gottesbild des Menschen zweideutig werden. Der Glaube droht dann in den Fatalismus abzurutschen. Denn eine klare, hoffnungsfrohe Erkenntnis Gottes ist aus Natur und
Geschichte nicht zu gewinnen, sondern nur aus dem Christuszeugnis der Heiligen
Schrift.
(2.) Die Beziehung zu Gott dem Gesetzgeber:
Chance: Glaube, der hier seinen Schwerpunkt hat, zeichnet sich durch ein hohes moralisches Niveau aus. Er kennt und benennt die Grenzen, die nicht überschritten werden
können, ohne dass der Mensch sich und anderen schadet. Er verliert daher nicht so
leicht die Orientierung.
Risiko: Wo dieser Aspekt des Glaubens dominant ist, kann es zur Verwechslung von
Christentum und Moralismus kommen. Allzu große Strenge erstickt dann die Freude, ein
autoritäres Gottesbild verdeckt die Liebe Gottes, und die christliche Freiheit kann sich
nicht entfalten.
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(3.) Die Beziehung zu Gott dem Offenbarenden:
Chance: Wer dieser Beziehung besonderes Gewicht beimisst, wird seinen Glauben gründlich durchdenken. Er versteht, was er glaubt. Er gewinnt Klarheit. Und diese Klarheit hilft
ihm dann, sowohl den Kritikern des Glaubens als auch den eigenen Zweifeln klug und
intellektuell redlich zu begegnen.
Risiko: Wo dieser Aspekt einseitig überbetont wird, kann der Glaube in die Nähe des
Intellektualismus, des Dogmatismus oder der theologischen Rechthaberei geraten. Das
Für-wahr-halten bestimmter Glaubenssätzen erscheint dann wichtiger als die Hingabe
des Herzens oder die Heiligung des Lebens.
(4.) Die Beziehung zu Gott dem Richter:
Chance: Wer in diesem Aspekt des Glaubens beheimatet ist, zeichnet sich meist durch
große Nüchternheit aus und hat aus eigener Erfahrung auch Verständnis für das Scheitern anderer Menschen. Er neigt nicht dazu, sich über andere zu erheben. Vielmehr kann
er anderen beistehen, wenn sie Illusionen verlieren und ihre eigenen „Abgründe“ entdecken.
Risiko: Wo dieser Aspekt des Glaubens allzu sehr überwiegt, kann Selbsterkenntnis in
Depression, Verzweiflung oder Menschenverachtung umschlagen. Es kann zu einer regelrechten Leidensverliebtheit kommen, die hinter dem Zeichen des Kreuzes in Wirklichkeit nur ihren Selbsthass verbirgt.
(5.) Die Beziehung zu Gott dem Erlöser:
Chance: Wo dieser Aspekt des Glaubens im Zentrum steht, entfaltet das Evangelium seine ganze Kraft und erfüllt den Menschen mit Zuversicht: Alles Schwere hat ihm Christus
von den Schultern genommen, darum kann er mitreißend und befreiend wirken auf andere, die noch in Resignation gefangen liegen.
Risiko: Die Konzentration auf Christus darf nicht zu Lasten Gott des Vaters oder des Heiligen Geistes gehen, denn sonst wird die „Erlösung“ gegen „Schöpfung“ und „Heiligung“
ausgespielt. Der Ernst des Gesetzes droht dann hinter dem Evangelium zu verschwinden.
Und übrig bleibt nur die Verehrung des „lieben Herrn Jesus“, die leicht ins Süßlichkitschige abrutscht.
(6.) Die Beziehung zu Gott dem Heiligen Geist:
Chance: Wer hier seinen Schwerpunkt setzt, ist nicht bloß dem Namen nach „Christ“,
sondern ist es mit Herz und Hand. Das Evangelium gewinnt in seinem Leben konkrete
Gestalt und strahlt auf andere aus, weil so ein Mensch wirklich bemüht ist, seine Worte
und Taten vom Geist Jesu durchdringen zu lassen.
Risiko: Das Streben nach Heiligung kann, wenn es nicht mit Nüchternheit und Humor
gepaart ist, leicht in fromme Selbstbespiegelung und Bigotterie übergehen. Wo das eigene Bemühen um Vervollkommnung zu sehr in den Vordergrund tritt, kann zudem der
falsche Eindruck entstehen, das was Christus für uns getan hat, sei einer Ergänzung bedürftig.
(7.) Die Beziehung zu Gott dem Vollender:
Chance: Dieser Aspekt des Glaubens ist herrlich, weil er auch da noch hoffen lässt, wo
nach menschlichem Ermessen nichts mehr zu hoffen ist. Menschen, die sich von Gottes
Verheißungen tragen lassen, wissen in großer Not zu trösten, weil sie die Geschichte allen Lebens vom (guten) Ende her deuten.
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Risiko: Wo ein Christ nur hoffend in der Zukunft lebt, kann es geschehen, dass er die
Aufgaben der Gegenwart vernachlässigt. Die Vorfreude auf das, was Gott tun wird, lenkt
dann ab von dem, was schon heute getan werden kann. Und im schlechtesten Fall wird
aus „Trost“ bloße „Vertröstung“.
Ich schließe hier die kleine „Typenlehre“ des Christ–Seins. Zum Abschluss sei aber gefragt, wozu sie denn nütze ist. Eignet sie sich, um nun den eigenen Bekanntenkreis
durchzugehen und über das mehr oder weniger „einseitige“ Christ–Sein anderer Menschen zu urteilen? Das wäre sicherlich keine sinnvolle Anwendung. Nur Gott schaut in
die Herzen. Und schon darum sollten wir uns hüten, andere Menschen in ein Schema zu
pressen. Zu unserer eigenen Besinnung könnte die Sache aber nützlich sein. Denn sie
hilft mir, mich selbst kritisch zu befragen und auf Einseitigkeiten hin zu prüfen: Wo liegt
für mich der „Schwerpunkt“ meines Glaubens? Welchen Aspekt vernachlässige ich gern?
Habe ich hier oder dort „blinde Flecken“? Bin ich dieser oder jener „Gefahr“ schon einmal erlegen? Sind mir mit fortschreitendem Alter andere Aspekte wichtig geworden?
Durch welche Erfahrungen hat sich mein Glaube gewandelt? Und in welcher Richtung
könnte er jetzt weiter „wachsen“?
Solche Überlegungen sind wichtig, denn das Haus des Glaubens hat viele Zimmer. Es ist
normal, dass wir uns in einigen dieser Zimmer mehr „zu Hause“ fühlen als in anderen.
Doch sollte uns auf die Dauer kein Zimmer ganz „fremd“ bleiben. Denn wer bestimmte
Aspekte des Glaubens ausblendet, wird die Mitchristen nicht verstehen, die gerade dort
ihren Schwerpunkt haben. Es lohnt sich darum, das ganze Haus zu bewohnen – und dabei nach und nach die große Vielfalt des Glaubens zu entdecken.
13. Echtheit des Glaubens
Ist mein Glaube „echt“? Diese Frage hat sich wohl jeder Christ schon einmal gestellt.
Denn bekanntlich gibt es in der Welt des Religiösen nicht nur den „wahren Glauben“,
sondern es gibt auch viel frommen Selbstbetrug. Bei anderen Menschen sind wir besonders sensibel dafür. Wenn sie vom Glauben reden und doch nicht danach leben, empört
uns das. Was aber, wenn es sich bei uns selbst genauso verhielte?
Es müsste ein wunderlicher Christ sein, der da nicht ab und zu an sich zweifelte. Denn
über den eigenen Glauben verfügt man schließlich nicht wie über eine erlernte Fähigkeit.
Man kann ihn nicht vorzeigen wie einen Besitz. Er ist eine Angelegenheit des Herzens.
Und ob ich „in mir drin“ Glauben „fühle“, das kann von schwankenden Stimmungen
abhängen. Was also, wenn man sich etwas vorgemacht hätte und der eigene Glaube wäre
bloß schöner Schein?
Die Gefahr ist real. Und darum sollte man einer kritischen Selbstprüfung nicht aus dem
Wege gehen. Nur: Wie kann ich die „Echtheit“ meines Glaubens prüfen? Welchen Maßstab kann ich zugrundelegen? Von der Antwort auf diese Frage hängt viel ab. Denn wenn
ich schon den Maßstab für die „Echtheit“ des Glaubens falsch bestimme, kann das Ergebnis meiner Prüfung kaum richtig sein.
Erwarte ich, dass „wahrer“ Glaube keine Zweifel kennt, so werde ich nach solchem Glauben vergeblich suchen. Unterstelle ich, ein „echter“ Christ müsse moralisch vollkommen
sein, so jage ich ein Phantom. Und fahnde ich in mir nach konstant-frommen Gefühlen,
so werde ich enttäuscht werden. Unter derart falschen Voraussetzungen muss meine
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Selbstprüfung negativ enden. Denn ein Christ ist schließlich kein Engel. Wenn es aber
nicht die emotionale Konstanz ist, die den „wahren“ Glauben kennzeichnet, und auch
nicht die moralische Vollkommenheit – was ist es dann? Was unterscheidet dann den
„echten“ Glauben vom „eingebildeten“?
Ich meine: Der Unterschied liegt im Ziel. Wer wissen will, wie es um seinen Glauben
steht, der muss sich fragen, ob seine Gottesbeziehung „Mittel zum Zweck“, oder ob sie
„Selbstzweck“ ist. Denn wer wirklich Gott sucht, der sucht ihn um seiner selbst willen.
Seine Gottesbeziehung hat kein anderes Ziel, als mit Gott in Beziehung zu sein. Gott
selbst ist das Ziel. Und der Glaube ist in dem Maße „echt“, in dem er auf außerhalb der
Gottesbeziehung liegende Ziele verzichtet.
Der „eingebildete“ und „falsche“ Glaube verrät sich nämlich dadurch, dass er an Gott nur
ein indirektes Interesse hat. Er gebraucht Religion als Instrument. Er sucht in Gott einen
mächtigen Verbündeten der eigenen Absichten. Er „glaubt“ aber nur, weil er sich etwas
davon verspricht. Vielleicht fragt er nach Gott, weil das seinem seelischen Wohlbefinden
dient. Vielleicht gibt er sich „christlich“, um bestimmten Menschen zu gefallen. Möglicherweise fragt er nach Gott, weil er für tiefsinnig gehalten werden will. Oder er übt sich in
Frömmigkeit, damit seine Gebete erhört werden. Die Motive können ganz verschieden
sein. Doch ist das religiöse Verhalten dabei immer Teil einer menschlichen Strategie, die
Gott zu ihrem Erfüllungsgehilfen machen will. Vordergründig sieht es so aus, als schauten wir Gott ins Gesicht. Doch in Wahrheit schielen wir an ihm vorbei auf etwas ganz
anderes. Wir gebärden uns „religiös“, um Gott zu manipulieren. Wir suchen in ihm den
großen Resonanzkörper, der unserer eigenen Stimme „ewigen“ Widerhall verschafft. Wir
suchen die himmlische Bühne, um uns darauf effektvoll darzustellen. Wir weiden uns an
der metaphysischen Bedeutsamkeit unseres Daseins. Doch so oder so ist das alles weit
entfernt von „echtem“ Glauben. Denn mein „Ego“ wird dabei nicht relativiert, sondern
religiös überhöht und gesteigert.
Ich wünsche mir, Gott möge für mich sein wie meine rechte Hand. So nützlich, so
dienstbar, so selbstverständlich verfügbar. „Glauben“ aber heißt, für Gott sein zu wollen,
wie seine rechte Hand. So nützlich, so dienstbar, so selbstverständlich verfügbar. „Echter“ Glaube fragt nicht danach, was Gott für ihn tun kann – er weiß ja, dass Gott schon
mehr als genug für ihn getan hat. Er fragt vielmehr, was er für Gott tun kann – um nützlich zu sein in Gottes Plan. „Eingebildeter“ Glaube bestürmt Gott mit Gebeten, um ihn
dahin zu bringen, dass er will, was ich will. „Wahrer“ Glaube dagegen bemüht sich zu
wollen, was Gott will.
Die Frage, mit der wir uns selbst auf die Schliche kommen, ist darum ganz einfach: Versuche ich Gott zu einem Werkzeug meines Lebenskonzeptes zu machen, oder bin ich
bereit ein Werkzeug seines Konzeptes zu sein? Will ich Gott als Mittel zu meinen Zwecken gebrauchen, oder will ich als Mittel zu seinen Zwecken dienen? Steht Gott im Mittelpunkt meines Strebens, oder steht im Mittelpunkt das, was ich mit seiner Hilfe aus
mir selbst machen möchte? Integriere ich Gott in mein Leben, oder lasse ich mich integrieren in seins? Weise ich ihm eine Rolle zu im Schauspiel meines Daseins, oder akzeptiere ich, dass er der Regisseur ist? Folge ich ihm nur, solange er mir die Heldenrolle
überlässt? Oder gestehe ich ihm auch das Recht zu, mich zum Komparsen zu machen? Ist
mein Glaube also bloß das religiöse Sahnehäubchen oben auf dem Gesamtkunstwerk
meiner Selbstverwirklichung? Oder habe ich mich Gott bedingungslos ausgeliefert, auf
dass er in mir und durch mich verwirkliche, was er will?
Um den Unterschied noch einmal auf den Punkt zu bringen, will ich an den Kirchenleh73
rer Augustin erinnern. Er lehrte, das Verhältnis eines Menschen zu einem Ding könne
zweifach sein: Entweder hängt man einer Sache an, um ihrer selbst willen. Das nennt
Augustin die Sache „genießen“ (lat. „frui“). Oder man befasst sich mit einer Sache nur,
um sie zu „gebrauchen“ und mit ihrer Hilfe dem näher zu kommen, was man eigentlich
„genießen“ will (lat. „uti“). „Genießen“ will man also das Ziel, die Mittel dazu will man
bloß „gebrauchen“. Was aber ist in Wahrheit eines Menschen „Ziel“ und was sollte für
ihn bloß „Mittel“ sein?
Augustin meint, dass die meisten Menschen die sinnvolle Ordnung auf den Kopf stellen:
Sie sind nämlich darauf aus, die Welt zu „genießen“, und wollen Gott nur „gebrauchen“,
soweit er ihnen zum Genuss der Welt verhilft. Eben diese Verwechslung von „uti“ und
„frui“ habe ich oben den „falschen“ und „eingebildeten“ Glauben genannt. „Wahrer“ und
„echter“ Glaube dagegen kehrt das Verhältnis um: Er erkennt, dass Gott der Inbegriff und
der Ursprung des Guten ist. Und darum sehnt er sich danach Gott zu „genießen“, während er die Welt nur „gebrauchen“ will, soweit sie ihm zum Genuss Gottes verhilft. Gott
ist also das Ziel. Das irdische Leben ist nur der Weg. Und diese beiden Dinge nicht zu
verwechseln, das ist das Kennzeichen „echten“ Glaubens.
Ich gebe zu, dass damit ein sehr hoher Anspruch erhoben wird. Solcher Glaube verlangt
zwar keine moralische Vollkommenheit, keine zweifelsfreie Rechtgläubigkeit und auch
keine konstant–religiösen Stimmungen. Aber klare Prioritäten verlangt er schon. Solcher
Glaube steht auch eindeutig im Gegensatz zur Erwartungshaltung moderner „Religiosität“. Aber was hilft’s? Es geht im Christentum nun mal nicht um spirituelle „Wellness“
oder um religiöse „Kicks“ – sondern es geht um Erlösung. Unser Glaube ist weder „nützlich“ noch „lustig“ – aber er ist befreiend. Unser Gott ist weder „brauchbar“ noch „nett“ –
aber er ist barmherzig. Und das genügt als Anreiz, um uns immer wieder auf den Weg zu
bringen.
Dabei ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass die selbstkritische Prüfung unseres Glaubens immer wieder zu deprimierenden Ergebnissen führt. Keiner ist frei von Hintergedanken und Nebenabsichten. Keiner hat ein für allemal den „wahren“ Glauben errungen.
Doch wenn unsere Selbstprüfung viel Menschliches und wenig Göttliches zu Tage fördert, müssen wir deswegen nicht verzweifeln. Im Gegenteil: Wir können es zum Anlass
nehmen, uns Gott erneut in die Arme zu werfen, und den Glauben, den wir nicht haben,
von ihm zu erbitten. Stimmen wir ein in den Ruf jenes Mannes der Jesus bat „Herr, ich
glaube – hilf meinem Unglauben!“ Und seien wir gewiss, dass solches Bitten nicht vergeblich sein wird…
14. Gott statt Religion
Wer in die Kirche geht oder sich sonst irgendwie als Christ zu erkennen gibt, wird von
seinen Mitmenschen für „religiös“ gehalten und wird mit vielen anderen, die auch irgendwie „religiös“ sind, in einen Topf geworfen. Denn vielen Zeitgenossen liegen diese
Dinge so fern, dass ihnen alle Katzen grau erscheinen. Alles, was irgendwie mit „höheren
Mächten“ zu tun hat, nennen sie „religiös“ und sparen sich weitere Unterscheidungen,
weil doch angeblich alle Religionen das Gleiche meinen. Mich aber ärgert das. Denn alles
„Religiöse“ in einem Topf zu werfen und über einen Kamm zu scheren ist sehr einfältig
und wird der Sache schon deshalb nicht gerecht, weil gar nicht ausgemacht ist, dass
christlicher Glaube als „Religion“ zu gelten hat. Diese Gleichsetzung ist zu einfach! Denn
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gute und ernstzunehmende Theologen haben ihr widersprochen und haben ganz im Gegenteil vertreten, dass christlicher Glaube keine Religion ist, sondern eine Alternative zu
religiösem Verhalten. Das klingt zunächst seltsam und ist ein ungewohnter Gedanke.
Aber auch mir scheint es nötig, dass man zwischen christlichem Glauben und Religion
sorgsam unterscheidet. Denn was wir auf dieser Welt als „Religion“ wahrnehmen ist in
weiten Teilen der eigenmächtige Versuch des Menschen, seine Beziehung zu Gott zu regeln und in den Griff zu kriegen, während christlicher Glaube gerade kein menschliches
Unternehmen ist, sondern sich als Wirkung Gottes und seiner Offenbarung versteht.
Religion ist eine Technik, um göttliche Mächte zu besänftigen und zu bändigen. Christlicher Glaube aber erkennt, dass solche Techniken Gott gegenüber nicht funktionieren.
Religion ist eine menschliche Veranstaltung, in der der Mensch Gott erkennen und verstehen will, um dann planmäßig auf ihn einzuwirken und von seiner Kraft zu profitieren.
Doch im christlichen Glauben bemächtigt sich nicht der Mensch Gottes, sondern Gott
bemächtigt sich des Menschen. Und es ist wichtig, sich diesen Unterschied bewusst zu
machen, weil auch uns Christen noch leicht diese Verwechslung unterläuft, dass wir uns
eigenmächtig „religiös“ verhalten und damit unter das Niveau unseres Glaubens zurückfallen. Dieser Fehler liegt ganz nahe und er ergibt sich fast von selbst, weil wir Vorgehensweisen, die der Welt gegenüber erfolgreich sind, Gott gegenüber beibehalten und
wie selbstverständlich die Initiative ergreifen. Denn wie gehen wir vor, wenn wir einem
unbekannten Phänomen begegnen? Wir folgen da unserem Forscherdrang und nähern
uns vorsichtig, um zu beobachten, um Informationen zu sammeln und das fremdartige
Ding zu verstehen. Doch ist unsere Neugier vor Anfang an nicht ohne Absicht. Denn wir
erforschen die Eigenschaften einer Sache und ergründen wie sie funktioniert, um auf
Grund dieser Analyse auf das Gegenüber einwirken und uns nötigenfalls davor schützen
zu können. Wir testen und probieren, lernen und sammeln Erfahrung, um den besten
Weg zu finden, wie man das Ding für die eigenen Zwecke nutzen kann. Durch Beobachtung und Forschung bemächtigt sich der Mensch der Dinge, um sie sich dienstbar zu machen, und tut dasselbe nicht nur mit Dingen, Pflanzen und Tieren, sondern auch mit
seinesgleichen, um sich mit anderen Menschen vorteilhaft in Beziehung zu setzen. Wir
alle beherrschen diese Kunst und üben sie täglich!
Wenn wir es aber mit Gott zu tun bekommen, was liegt dann näher, als es mit Gott auf
dieselbe Weise zu versuchen? Mit Vernunft und Geschick bekommen wir die Natur in
den Griff! Mit Vernunft und Geschick lenken wir andere Menschen! Warum also sollten
wir nicht dasselbe mit Gott versuchen? Primitive Religion tut genau das und merkt gar
nicht, dass Gott grundlegend anders ist. Religion sucht nach erfolgversprechenden Methoden und Verhaltensweisen, um mit Gott klar zu kommen. Sie macht ihn zum Gegenstand neugierigen Forschens, will ihn durchschauen, um sein Verhalten voraussagen und
steuern zu können, und will, wenn’s irgendwie geht, seine überlegene Kraft den eigenen
Zielen dienstbar machen. Denn wenn’s nicht regnet und die Ernte vertrocknet, holt man
den Schamanen, der das gestörte Verhältnis zu den Göttern wieder bereinigen soll und
sie mit Opfern, Ritualen und Gesängen freundlich stimmt, damit es wieder regnet. Das
ist nichts anderes als der Versuch, Techniken der Diplomatie auf die Götter anzuwenden.
Und darum werden alle Kunstgriffe, die sich in Bezug auf Menschen schon bewährt haben, auf Gott übertragen, als gälte es, auf einen besonders großen und mächtigen König
Einfluss zu nehmen. Bei irdischen Königen macht man sich beliebt, indem man Geschenke bringt und ihnen duftende Speisen vorsetzt – darum bringen die Religionen ihren Göttern Opfer dar. Eines Menschen Wohlwollen kann man gewinnen, wenn man
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ihm schmeichelt und ihn lobt – darum singen die Religionen Loblieder und tanzen vor
den Göttern ihre vielen Tänze. Einen mächtigen Menschen kann man freundlich stimmen, wenn man sich ihm unterwirft, ihm Gefolgschaft zusichert und allen seinen Weisungen folgt – darum achten die Religionen sorgsam darauf, den Willen der Götter zu
respektieren und ihre Tabus nicht zu brechen. Menschen kann man zu etwas überreden
mit beharrlichem Bitten, Drängeln und Betteln – darum beten die Religionen in endlosen
Wiederholungen und liegen ihren Göttern damit in den Ohren. Und weil man mit Menschen, Verträge schließen und Geschäfte machen kann, versuchen die Religionen dasselbe mit ihren Göttern, leisten ihnen Gehorsam und Opfer, Verehrung und Hingabe, erwarten dann aber im Gegenzug auch das Wohlwollen und den Schutz der Götter. Man
bringt Geschenke und opfert Gaben, erwartet aber dann auch Erntesegen, Fruchtbarkeit
und Kriegsglück. Denn unter Menschen wäscht eine Hand die andere, und man kommt
erst mal gar nicht auf die Idee, dass das bei Gott anders sein könnte. Ja, Religion auf ihrer
primitiven Stufe ist leicht zu durchschauen. Und wir dürfen es uns nicht ersparen, sie
realistisch zu sehen. Religion ist ein ganz menschlicher Versuch, die Beziehung zu Gott
auf vorteilhafte Weise zu regeln, das so bedrohliche, himmelhoch überlegene Gegenüber
beherrschbar zu machen, sich durch Riten und Zeremonien vor Gott zu schützen, sich
mit ihm zu verbünden und so himmlischen Rückenwind für die eigenen irdischen Ziele
zu bekommen. Religion auf dieser Stufe versucht Gott mit all den Methoden beizukommen, die sich Menschen gegenüber bewährt haben. Nämlich mit Überredung und
Schmeichelei, mit Bestechung, mit Unterwerfungsgesten und mit Berechnung. Man greift
auf die Techniken zurück, die zwischen Menschen funktionieren, und versucht mit dem
irdischen Werkzeugkasten den himmlischen Mächten zu begegnen, ohne zu merken,
dass die zwischenmenschlichen Verfahren auf Gott unmöglich angewandt werden können. Man versucht durch Wohlverhalten Gott auf seine Seite zu ziehen und will sich
beliebt machen, um wie bei einem irdischen König für Untertänigkeit und Dienst belohnt zu werden.
Doch wie sollte das funktionieren? Wie sollte der Vater Jesu Christi jemals zum Gegenstand unserer Manipulation werden? Und wie sollte er das Verhalten des religiösen Menschen nicht durchschauen? Wie könnte Gott jemals zum Objekt unserer Forschung und
unserer Einwirkung werden? Schon der Gedanke ist absurd! Und darum sollten wir unser
Christentum (jedenfalls in diesem Sinne) nicht als Religion begreifen, sondern als Alternative zur Religion und als Gegenentwurf. Denn nicht wir als Christen schaffen und gestalten unsere Beziehung zu Gott, sondern Gottes Geist tut das in uns und für uns. Unser
Gott ist auch prinzipiell nicht erkennbar oder erforschbar, es sei denn in dem, was er aus
eigenem Willen von sich hat wissen lassen. Und wir können uns auch nicht bei ihm „lieb
Kind“ machen, weil wir stets Sünder bleiben und unsere Versuche des Wohlverhaltens
regelmäßig scheitern. Da wir alles, was wir haben, von Gott haben, können wir ihm
nichts opfern oder schenken, was ihm nicht sowieso gehörte. Und weil wir ihm jeden
Dienst schulden, verdienen wir auch keinen Lohn, sondern müssen allein auf Gnade
setzen. Wir können Gott nicht so durchschauen und manipulieren, wie wir einen physikalischen Zusammenhang oder einen Mitmenschen durchschauen und manipulieren.
Und wir können Gott gegenüber auch keine Vertragspartner sein, weil ihm gegenüber
niemand Rechte hat. Unser Interesse am eigenen Wohlergehen wird im Glauben nicht
unterstützt, sondern es wird einer heftigen Kritik unterworfen. Und wenn der religiöse
Mensch hofft, mit Gottes Hilfe groß zu werden, dann lernt der Christ viel eher klein zu
werden, damit allein Gott in seinem Leben groß sei. Der religiöse Mensch erhofft himm76
lischen Rückenwind zur Umsetzung seines Willens, der Christ hingegen lernt den eigenen Willen im Willen Gottes aufgehen zu lassen. Der religiöse Mensch will Gott als Mittel heranziehen zu seinem eigenen Zweck, der Christ dagegen will selbst Mittel sein zu
Gottes Zwecken. Und das heißt: Religion im hier beschriebenen Sinne beruht auf einer
Überschätzung der menschlichen Möglichkeiten und Kunstgriffe, die in ihrer Anwendung auf Menschen und Dinge funktionieren und nützlich sind, die aber in der Anwendung auf Gott kläglich scheitern, weil Gott nie Gegenstand menschlicher Einwirkung
sein kann, sondern stets der Mensch ein Gegenstand göttlichen Wirkens bleibt. Wo Religion sich Gott nähert und ihm wirklich begegnet, da wird die Logik der Religion zwangsläufig durchbrochen, und was als menschliches Projekt begonnen hat, verwandelt sich in
etwas ganz anders. Denn selbst wenn‘s äußerlich ähnlich aussieht, weil auch wir beten
und loben und Gehorsam üben, sind es doch ganz verschiedene Dinge. Wir vertrauen
nicht auf unsere Riten, Formeln, Opfer und religiöse Techniken, mit denen wir himmlische Mächte beschwören, sondern wir vertrauen einzig auf unseren Gott, der uns nie
verfügbar wird, sondern sich zeigt und sich erbarmt, wann und wie er will. Ja, zum Glauben gelangen wir eigentlich erst, wenn wir erkennen, dass Religion als menschliches Projekt scheitern muss, und folgerichtig nicht mehr versuchen, die Sache mit Gott in den
Griff zu kriegen. In der Religion will der Mensch Kontrolle gewinnen, doch im Glauben
überlässt er die Kontrolle dem, an den er glaubt… Bedeutet das dann aber, dass der
Glaube keinen Vorteil bringt und an Gott nichts ändern kann, so dass man auch nichts
davon hat? Glaubt man denn nicht, um gesegnet und geschützt zu werden und in den
Himmel zu kommen? Gibt es keinen Lohn für die Mühen der Frömmigkeit? Soll einer
denn Gott suchen bloß um Gottes willen?
Genau so ist es! Denn es gibt zwar den Lohn. Aber wer Gott suchen wollte um des Lohnes willen, würde Gott und den Lohn zugleich verfehlen. Natürlich segnet und schützt
Gott die Seinen! Aber wenn es uns nur um Segen und Schutz ginge, wären wir gar nicht
die Seinen. Und die Vorstellung, dass wir Gott durch unsere Gebete zu etwas überreden
könnten, was er ursprünglich gar nicht geben wollte, finde ich bedenklich. Denn das
wichtigste Anliegen unseres Gebetes sollte sein, dass Gottes Wille geschieht, und nicht
etwa unserer. Wer sich religiös gebärdet, um mit Gottes Hilfe Erfolg zu haben, liebt nicht
Gott, sondern den Erfolg. Wer religiös sein will, um dadurch ewiges Leben zu erlangen,
liebt nicht Gott, sondern das ewige Leben. Und wer gute Werke tut, um bei Gott Anerkennung zu finden, der liebt nicht das Gute, sondern die Anerkennung. Wenn aber das
das Wesen der Religion ausmacht, dass sie wegen menschlicher Ziele bei Gott vorstellig
wird, dann fängt der Glaube erst an wo die Religion aufhört. Der Lohn dessen, dass wir
die Wahrheit sagen, ist, dass wir in der Wahrheit sind. Und wem das als Lohn nicht genügt, der wird keinen anderen bekommen. Der Lohn dessen, dass wir Gutes tun, besteht
darin, dass das Gute geschieht. Und wem das als Lohn nicht genügt, der kann es gleich
lassen. Der Lohn dessen, dass wir lobend Gott ehren, liegt darin, dass ihm gegeben wird,
was ihm gebührt. Und wem die Ehre Gottes als Grund nicht genügt, der braucht nach
anderen Gründen nicht zu suchen. Denn der Gewinn des Glaubens ist Gott allein. Und
wer bei Gott etwas anders zu finden hofft als Gott selbst, der ist halt bloß auf eine problematische Weise „religiös“. Solche Religion muss überwunden werden, damit der Glaube zu sich selbst findet. Und darum sollten wir auch nicht auf so irreführende Weise für
den Glauben werben, wie es manchmal geschieht: „Werde Christ, damit du dich besser
fühlst, werde Christ, um Gemeinschaft zu erleben, werde Christ, um Probleme zu überwinden, um glücklicher und ausgeglichener zu sein“. Das ist irreführend! Denn der Glau77
be hat nicht das Ziel, unser Erdenleben irgendwie leichter oder lustiger zu machen. Der
Glaube lässt sich nicht mit Hilfe einer Kosten-Nutzen-Rechnung plausibel machen und
nach den Maßstäben der Welt lohnt er sich auch nicht (auch wenn er natürlich wahr ist
und seligmachend und ein herrliches Geschenk…). Heißt das nun aber, dass wir nicht
mehr beten und bitten sollten, dass wir nicht mehr taufen, Abendmahl feiern und gute
Werke tun? Nein! Davon zu lassen wäre grundfalsch, denn zu alledem hat uns Christus
selbst ermutigt. Gott selbst will, dass wir diese Dinge tun. Aber wir müssen eben darauf
achten, dass wir’s nicht mit falschen Vorstellungen verbinden. Wir beten sehr wohl und
schütten unser Herz vor Gott aus, sollten aber nicht denken, dass wir ihn damit nötigen
könnten, sondern überlassen es ihm, was er mit unseren Wünschen und Bitten anfängt.
Wir feiern natürlich Gottesdienste, tun’s aber hoffentlich nicht in der Absicht, bei Gott
Eindruck zu schinden oder Fleißpunkte zu sammeln. Wir freuen uns gewiss auf den
Himmel, aber eben nicht wie auf einen verdienten Lohn, sondern wie auf ein unverdientes Geschenk. Wir strengen uns natürlich an richtig zu handeln, stellen uns aber nicht
vor, dass Gott uns lieben müsste, weil wir alles richtig machen. Vielmehr sollte unser
Glaube frei sein von jeder Art der Berechnung. Es darf nie darum gehen, etwas bei Gott
zu erreichen, sondern nur darum, Gott zu erreichen.
Und wer daran zweifelt, dass dies der Absicht Jesu entspricht, der möge einen Blick auf
das Vaterunser werfen. Denn als Jesus seine Jünger lehrte, wie sie beten sollen, lehrte er
sie 7 Bitten, von denen 6 unmittelbar das Verhältnis zu Gott betreffen, und nur eine das
irdische Wohlergehen. Jesus weiß ganz gut, dass wir viele irdische Wünsche haben. Aber
die sollen im Gebet offensichtlich zurücktreten. Nicht unser Ansehen soll uns beschäftigen, sondern in der 1. Bitte das Ansehen Gottes, auf dass sein „Name geheiligt werde“.
Laut der 2. Bitte sollen wir nicht unser eigenes Reich ersehnen, sondern „dein Reich“,
„Gottes Reich“ soll „kommen“. Nicht unser Wille soll geschehen, sondern die 3. Bitte
sagt ausdrücklich „dein Wille geschehe“. Und erst an 4. Stelle schaut der Beter kurz auf
die eigenen irdischen Bedürfnisse, um nicht etwa großes Glück zu erbitten, sondern nur
das „tägliche Brot“. Die 5. Bitte geht dann schon wieder auf Gott, denn wir erbitten Vergebung, um nicht von ihm getrennt zu sein. Die 6. Bitte gilt derselben Sorge, weil uns
Versuchungen von Gott entfernen könnten. Und wenn wir 7. erlöst werden wollen „von
dem Bösen“, dann doch nur, weil wir dem Guten – d.h. weil wir Gott – nahe sein wollen.
Eigentlich lehrt uns Jesus, von Gott nichts anderes zu erbitten als Gott selbst. Immer
bleibt Gott dabei frei, aus Gnade zu geben, was er geben will. Und von dem was wir „Religion“ genannt haben – von dem raffinierten Versuch, Gott durch Wohlverhalten, durch
Beschwörungen oder Opfergaben zum eigenen Vorteil zu lenken – ist das Gebet Jesu meilenweit entfernt. Das Vaterunser versucht nirgends Macht über Gott zu gewinnen, sondern recht betrachtet bittet es nur darum, dass Gott seine uneingeschränkte Macht über
mich und meine Welt auf heilvolle Weise ausüben möge. Dass er’s aber tut (mit und ohne unser Bitten) und uns durch den Glauben über die Torheiten der Religion hinausführt, das sei ihm gedankt in Ewigkeit!
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15. Transzendenz und Offenbarung Gottes
Es gibt nichts Peinlicheres, als wenn jemand über Dinge redet, von denen er nichts versteht. Und doch erleben wir das ziemlich oft. Da führt jemand kluge Reden über Kindererziehung und hinterher stellt sich heraus, dass er selbst gar keine Kinder hat. Da lässt
sich jemand über die Probleme der Landwirtschaft aus, und man erfährt, dass er nie einen Stall von innen gesehen hat. Da schwärmt einer von der Schönheit fremder Länder,
und wenn man genauer nachfragt, dann ist er selbst noch gar nicht dort gewesen. Lächerlich und peinlich ist so etwas, wenn einer mit Erkenntnissen prahlt, die er mangels eigener Erfahrung gar nicht haben kann. Und was noch schlimmer sein dürfte: Wer in dieser
Weise den Mund zu voll nimmt, der verliert seine Glaubwürdigkeit. Weil Glaubwürdigkeit aber ein hohes Gut ist, darum will ich der Frage nachgehen, wie glaubwürdig wir
eigentlich als Christen sind, wenn wir von Gott sprechen. Es ist schließlich nicht wenig,
was wir über ihn zu sagen haben.
Wir sprechen von Gottes Macht und Wille, von seinem Zorn und seiner Gnade, von seiner Vorsehung und sogar vom Verhältnis des Vaters zum Sohn und zum Heiligen Geist.
Da ist es durchaus verständlich, dass Außenstehende kritisch nach dem Grund dieser
Erkenntnisse fragen. „Woher wisst ihr das denn alles?“ fragen sie. „Seid ihr Christen
denn schon im Himmel gewesen, dass ihr so genau wisst, wie es da zugeht? Nein? Und
woher wisst ihr dann, dass Gott nicht vielleicht ganz anders ist als ihr denkt? Nehmt ihr
den Mund nicht zu voll, wenn ihr behauptet, Gott zu kennen, den ihr genauso wenig
sehen könnt wie alle anderen auch?“ Ich denke, wir müssen diesen Einwand ernst nehmen. Und ich will darum eine Geschichte aus einem Kinderbuch erzählen, die die Tragweite dieses Problems noch deutlicher machen kann. Es geht in der Geschichte um die
Grenzen der Erkenntnis. Und ich will sie erzählen, weil sie ein Gleichnis unserer eigenen, menschlichen Situation ist:
In einem Teich lebten einmal ein Frosch und ein Fisch. Die waren gemeinsam aufgewachsen und verstanden sich so gut als wären sie Geschwister. Jedoch, so groß die
Freundschaft auch war: Frosch und Fisch konnten doch nicht alle Erfahrungen miteinander teilen. Denn – das versteht sich – wenn der Frosch an Land hüpfte und auf den
Wiesen am Teich Mücken jagte, dann konnte der Fisch ihm nicht folgen. Der Fisch musste unten im Teich warten, bis sein Freund zurückkehrte und ihm von der fremden Welt
da oben erzählte.
Der Fisch war ausgesprochen neugierig. Und darum ließ er den Frosch ausführlich berichten über die Kühe auf der Wiese, über die Vögel und über die Menschen. Der Frosch
gab auch bereitwillig Auskunft über alles, was er gesehen hatte: „Die Vögel haben Flügel
und spitze Schnäbel“, sagte er, „die Kühe sind gescheckt und haben rosa Säcke mit Milch.
Und die Menschen tragen Kleider und Hüte!“ Der Fisch gab sich große Mühe, sich all diese wundersamen Wesen vorzustellen, von denen der Frosch erzählte. Doch die Bilder, die
in seiner Phantasie vor ihm aufstiegen, hatten wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Stellte
er sich Vögel vor, so sahen sie aus wie Fische – nur eben mit Flügeln und Schnäbeln.
Stellte er sich Kühe vor, so sahen sie auch wie Fische aus – nur eben gescheckt und mit
Eutern. Und das Bild, das er sich vom Menschen machte – na, das war eben ein Fisch mit
Hut auf dem Kopf. Ganz unzutreffende Bilder waren das. Aber wie hätten sie auch zutreffend sein können? Der Fisch kannte eben vorwiegend Fische, und auch was er nicht
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kannte, stellte er sich zwangsläufig fischförmig vor. Er konnte sich vielleicht die Flossen
wegdenken und das vorgestellte Bild durch Beine ergänzen. Er lauschte ja aufmerksam
den Schilderungen des Frosches. Aber er blieb doch gefangen in seiner fischförmigen
Bildwelt.
Unser armer Fisch war sehr verzweifelt darüber. Er sehnte sich danach, mit eigenen Augen wirkliche Vögel, Kühe und Menschen zu sehen. Und als der Wissensdurst ganz groß
war, da sprang er einmal aus dem Wasser heraus ans Ufer, um den Streifzügen des Frosches zu folgen. Er wäre natürlich fast umgekommen dabei. Sein Freund der Frosch
musste ihn schnell wieder vom Ufer in den Teich zurückschubsen. Als aber wieder das
klare, kühle Wasser durch seine Kiemen strömte, da sah der Fisch es dann endlich ein,
dass sein Horizont auf den Teich beschränkt bleiben würde. „Frosch ist Frosch“, sagte er.
„Und Fisch bleibt Fisch.“
Nun, das Bilderbuch von Leo Lionni endet an dieser Stelle, wo der Fisch, der vergeblich
gegen die Grenzen seiner Erkenntnis rebellierte, diese Grenzen schließlich akzeptiert. Er
hat am Ende gelernt, sich zu bescheiden. Wie aber steht es mit uns? Sind wir Menschen,
wenn wir Gott zu erkennen versuchen, nicht in ähnlich schlechter Lage? Sind wir nicht
auch wie dieser Fisch, der sich alles, was er nicht kannte, fischförmig vorstellte? Neigen
wir Menschen nicht dazu, uns Gott allzu menschlich und darum falsch vorzustellen? Zugegeben: Unser Horizont ist weiter als ein Teich. Aber auch unser Horizont ist begrenzt.
Unser Teich ist die Welt, in der wir uns auskennen. Und von dem, was in der Welt ist,
können wir uns ein zutreffendes Bild machen – wir haben schließlich Augen im Kopf.
Gott aber ist kein Bestandteil dieser Welt. Er ist so sehr jenseits unseres Horizontes wie
Kühe jenseits vom Horizont eines Fisches sind. Und wie es einem Fisch nicht recht gelingt, über die Grenzen seines Teiches hinauszudenken, so haben wir Schwierigkeiten,
über die Grenzen unserer Menschenwelt hinauszudenken. Denn so wenig ein Fisch an
Land klettern kann, um die Kühe mit eigenen Augen zu sehen – so wenig können wir in
den Himmel aufsteigen, um Gott zu schauen. Unsere Sinne und unser Erkenntnisvermögen taugen für diese Welt. Aber sie taugen nicht dazu, Gottes Wirklichkeit zu erforschen.
Gott ist uns zu hoch. Haben also die Recht, die sagen, Gotteserkenntnis sei unmöglich?
Müssen wir unsere Hoffnungen begraben, wie der Fisch in der Geschichte es musste?
Nun, so aussichtslos ist es dann doch nicht. Denn wenn wir lange genug über jenen
Teich nachdenken, finden wir ja eine Lösung für das Problem. Sie lautet ganz einfach:
Wenn der Fisch nicht aus dem Teich heraus kann, so müssen eben die Landbewohner
hinein. Es müsste ja nur einmal ein Mensch zum Baden in den Teich steigen oder eine
Kuh müsste hineinfallen – dann hätte der Fisch die Chance, die Landbewohner mit eigenen Augen zu sehen. Die Sehnsucht des Fisches kann also durchaus erfüllt werden, ihm
kann Erkenntnis geschenkt werden, seine Geschichte kann glücklich enden.
Und wie steht es mit unserer Sehnsucht nach Gotteserkenntnis? Grob gesagt folgt die
Lösung hier derselben Logik: Wenn wir nicht über die Welt hinauskönnen, um Gott zu
begegnen, dann muss Gott in die Welt hinein. Wenn Gott will, dass wir ihn erkennen,
dann muss er sich in die Reichweite unserer Sinne begeben, er muss sich den Grenzen
unserer Auffassungsgabe anpassen. Und das ist tatsächlich die Lösung des Problems. Es
ist nicht nur eine Möglichkeit, es ist Wirklichkeit. Denn Gott stieg in unseren Teich. Der
Herr des Himmels setzte vor 2000 Jahren seinen Fuß auf die Erde. Gott wurde Mensch in
Jesus Christus. Er kam uns auf Augenhöhe entgegen. Und für diesen freundlichen Schritt
Gottes, für sein großes Entgegenkommen, gibt es auch einen Begriff: Den Begriff der „Of80
fenbarung“. Überall, wo die Heilige Schrift sagt, dass „Gott sich in Jesus Christus offenbarte“, da will sie uns auf diesen wunderbaren Vorgang hinweisen. Gott ist tief in unsere
Wirklichkeit hineingetaucht, damit uns blinden Fischen in unserem Teich die Augen
aufgehen. Der Schöpfer wollte seinen Geschöpfen nicht fern und fremd bleiben. Sondern
er wollte uns alles offenbaren, was wir zu unserer Seligkeit wissen müssen. Seinen Willen hat er offenbart und auch seinen Zorn, seine Geduld und seine Barmherzigkeit, seine
Strenge, aber auch seine Liebe, mit der er uns nachgeht, um uns zu erlösen. All das ist
offenbar, all das ist abzulesen an den Worten und Taten Jesu, an seinem Leben, Sterben
und Auferstehen. Wenn wir also zu der eingangs aufgeworfenen Frage zurückkehren
„Woher wisst ihr Christen denn, was ihr zu wissen behauptet?“, dann kann unsere Antwort nur im Begriff der Offenbarung liegen und im Verweis auf die Person Jesu Christi.
Denn wir sind natürlich nicht in den Himmel hinaufgeflogen, um Gott in die Karten zu
schauen. Wir verfügen nicht über einen siebten Sinn, durch den wir Gottes Geheimnisse
ausspionieren könnten. Wir geben den Kritikern gerne zu, dass die Neugier und der Forscherdrang eines Christen an dieselben Grenzen stoßen, die alle anderen Menschen auch
spüren. Aber wir wissen von Gott das, was er uns hat wissen lassen in seiner Offenbarung. Gäbe es sie nicht, so wäre es in der Tat besser, von ihm zu schweigen wie von einem großen, unerforschlichen Geheimnis. Da haben die Kritiker Recht: Wovon man
nichts versteht, darüber soll man schweigen. Wenn aber Gott in Jesus Christus Mensch
wurde und zu uns geredet hat – können wir dann so tun als hätten wir nichts gehört?
Nein, nachdem uns in Gottes Offenbarung ein Licht aufgegangen ist, dürfen wir dieses
Licht nicht unter den Scheffel stellen. Vielmehr sollen wir es aller Welt leuchten lassen,
indem wir Gottes Wort ausbreiten. Indem wir das aber tun, müssen wir einige Grenzen
beachten:
1. Wenn wir über Gott nachdenken und reden, dürfen wir nie vergessen, dass Gott immer das Subjekt seiner Offenbarung bleibt. Er wird niemals zum Objekt menschlichen
„Enthüllens“, denn nicht wir „erforschen“ ihn, sondern er erschließt sich uns. Das Gefälle zwischen Gott und uns lässt gar nichts anderes zu. Und wer das weiß, wird sich Gott
nie mit zudringlicher Neugier nähern.
2. Wenn wir nicht ungehörig von Gott daherschwatzen wollen, dürfen wir nicht „zu viel“
sagen. Nur das, was in der Offenbarung enthalten ist, kann Anspruch erheben, Gotteserkenntnis zu sein. Hüten wir uns also davor, etwas hinzuzudichten und eigene Gedanken
als Gotteserkenntnis auszugeben, wenn wir sie nicht aus dem Neuen Testament belegen
können.
3. Wie wir uns hüten müssen, etwas hinzuzufügen, so müssen wir uns auch hüten, etwas
wegzulassen und dann „zu wenig“ zu sagen. Wir sollen nicht nur hören, was uns einleuchtet oder gefällt, sondern sollen alles zur Kenntnis nehmen, was Gott uns wissen
lässt. Nicht nur freundliche, sondern auch strenge Worte. Nicht nur Tröstungen, sondern
auch Mahnungen.
4. Obwohl Gott uns in sein Herz schauen lässt, ist Gottes Selbstoffenbarung nie zu verwechseln mit Selbstentblößung. Gott wird offenbar, aber nicht offensichtlich in der Welt.
Er liegt nie vor uns wie ein aufgeschlagenes Buch. Vielmehr wahrt er auch in der Offenbarung sein Geheimnis – und kann erwarten, dass wir es respektieren.
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5. Gott offenbart nicht irgend etwas (allgemeine Wahrheiten z.B.), sondern sich selbst (in
seinem Verhältnis zu uns). Gottes Offenbarung ist darum keine „Information“, die man
zur Kenntnis nehmen könnte, ohne davon betroffen zu sein. Vielmehr schafft Offenbarung das Faktum einer Beziehung, die unser Leben verändert, weil Gott darin den Dialog
mit uns eröffnet: Sein Wort sucht unsere Antwort.
16. Gottes Verborgenheit und Wegweisung
Wenn man irgendwo unterwegs ist und nach dem Weg gefragt wird, kann man die seltsamsten Dinge erleben. Ich war einmal in der Stadt, da hielt ein Auto neben mir. Ein
Mann stieg aus und fragte mich nach dem Weg. Ich kannte sein Ziel und beschrieb ihm
den Weg: „Sie sind schon ganz in der richtigen Richtung“, sagte ich. „Aber da vorne bei
der Ampel müssen sie noch rechts abbiegen und die zweite Querstraße, die ist es dann
schon.“ Der Mann nickte und wiederholte die Wegbeschreibung: „Hier also geradeaus, an
der Ampel rechts, zweite Querstraße“. Er bedankte sich und stieg in seinen Wagen, wendete dann aber zu meiner Verblüffung und brauste in die entgegengesetzte – falsche! –
Richtung davon.
Donnerwetter, dachte ich – sollte ich mich so missverständlich ausgedrückt haben? Oder
hat er es sich plötzlich anders überlegt? Was ist los mit dem, dass er erst nach einer Wegbeschreibung fragt und sich dann doch nicht daran hält? Nun – ich habe es nie herausgefunden. Denn ich traf den Mann ja nicht wieder. Doch im Nachdenken über sein Verhalten wurde mir bewusst, dass im Zusammenhang mit solchen Auskünften noch mehr
merkwürdige Dinge geschehen.
Es gibt nämlich auch Menschen, die fragen nach dem Weg, und wenn man den Weg dann
beschreibt, wird man von ihnen in eine Diskussion verwickelt. Man sagt: „Es ist ganz
einfach. Gehen sie hier geradeaus, an der Ampel rechts und dann in die zweite Querstraße“. Sie aber antworten: „Wäre es linksherum nicht kürzer?“ „Oder könnte man auch
durch die Unterführung gehen?“ „Ginge es mit der Straßenbahn schneller?“ „Oder vielleicht – wegen der Baustelle – ganz anders: über den Opernplatz?“ Die eigene Wegbeschreibung, die man eigentlich ganz einleuchtend fand, wird in Frage gestellt. Man beginnt, die gegebene Auskunft zu rechtfertigen. Und zugleich wundert man sich. Denn
wenn der andere meint, er wüsste besser, wie er zum Ziel kommt – warum fragt er mich
dann überhaupt? Seltsam sind diese Leute, die sich auskennen und trotzdem fragen.
Der Gipfel sind aber die Vertreter der dritten Gruppe, die offenkundig orientierungslos
sind und sich trotzdem nicht helfen lassen. Man sieht diese Leute mit dem Stadtplan in
der Hand umherirren. Und es ist klar zu erkennen, dass sie etwas suchen. Sie lesen Straßenschilder, drehen ihre Karte hin und her und schimpfen dabei. Aber sie laufen lieber
dreimal um denselben Häuserblock, als dass sie jemanden fragen. Vielleicht sind sie
schüchtern, denkt man. Aber bei vielen (besonders bei Männern) ist es eher der Stolz,
der sie hindert. Denn eine bestimmte Sorte von Männern fragt prinzipiell nie nach dem
Weg. Sie haben den Ehrgeiz des Pfadfinders, der sich allein in der Wildnis zurechtfindet.
Und darum verlaufen sie sich lieber, als dass sie Hilfe annehmen. Denn dann müssten
sie ja zugeben, dass sie aus ihrer Karte nicht schlau werden...
Warum aber erzähle ich das alles? Nicht etwa, weil ich mich über diese Leute lustig machen möchte, sondern einfach, weil es in Glaubensdingen dieselben eigenartigen Verhaltensweisen gibt. Ja: Auch auf dem Weg zu Gott gibt es die, die sich das Ziel beschreiben
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lassen – und dann in die entgegensetzte Richtung davon brausen. Auch auf dem Weg zu
Gott gibt es die, die um eine Wegbeschreibung bitten – nur um sie dann endlos in Zweifel zu ziehen. Und auf dem Weg zu Gott gibt es auch jene stolzen Pfadfinder, die orientierungslos sind – und trotzdem nicht nach dem Weg fragen, weil sie ihr Ziel auf eigene
Faust finden wollen.
Dabei ist gerade im Falle Gottes ganz klar, dass man ohne Hilfe nicht zum Ziel kommt.
Gerade im Falle Gottes liegt es auf der Hand, dass es einer Wegweisung bedarf. Und wer
einen Moment darüber nachdenkt, versteht auch, dass diese Wegweisung nur von Gott
selbst gegeben werden kann, denn Gott überschreitet ja unseren menschlichen Horizont.
Er ist anders als alles, was wir sonst noch kennen. Und er ist darum auch kein Objekt,
dem man sich auf die übliche Weise nähern könnte. Unsere Sinne können Gott nicht
ertasten, unser Verstand kann ihn nicht begreifen, und unsere Gefühle können ihn auch
nicht erspüren. Er ist für uns unzugänglich wie eine Burg, die ein tiefer Graben umgibt,
und die hinter dem Graben hohe, unüberwindliche Mauern hat. Niemand käme hinein,
wenn sich die Burg nicht an einer Stelle nach außen hin öffnete. Niemand könnte Gott
finden, wenn Gott nicht gefunden werden wollte. Wir wüssten nicht mal von ihm, wenn
er sich uns nicht mitgeteilt hätte. Doch er hat es getan. Und er will auch von uns gefunden werden. Denn wie ein Burgherr, der an einer Stelle der Burg die Zugbrücke herunterlässt, um seine Gäste hereinzulassen, so hat Gott sich den Menschen offenbart. Und er
hat uns im Neuen Testament eine Wegbeschreibung zukommen lassen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: Willst du zu Gott – könnte man sie zusammenfassen
–, so geh den Weg über die Taufe in die Gemeinschaft der Kirche, stärke dich dort durch
das Abendmahl, vertiefe dich in Gottes Wort und folge den Geboten, vergiss nicht das
Gebet und den Gottesdienst, übe dich in der Liebe und wachse im Glauben, vor allem
aber halte dich stets an Jesus Christus – denn dann wirst du Gott finden.
Das ist die Wegbeschreibung, die Gott seinen Gästen hat zukommen lassen. Das ist der
Weg, auf dem er gesucht werden will. Denn Jesus Christus ist die Zugbrücke, die Gott für
uns herunterlässt. Jesus ist die Tür, durch die wir eintreten sollen. Und es sind sogar
Boten unterwegs, um auf diese Zugbrücke und auf diese Tür hinzuweisen, als auf den
einzigen gangbaren Weg. Doch was geschieht? Es ist zum Weinen: Dem einen beschreibt
man den Weg – er nickt sogar – und braust dann doch in die andere Richtung davon. Hat
er es sich anders überlegt? Oder hat ihn etwas abgelenkt? Gibt es ein anderes Ziel, das
ihm auf einmal reizvoller erscheint?
Dem Nächsten beschreibt man den Weg – es scheint ihn wirklich zu interessieren. Doch
dann geht er nicht los, sondern fängt an, mit uns über die Vor– und Nachteile dieses Weges zu streiten: „Könnte man nicht auch ganz anders und viel kürzer – hintenrum und
obendurch?“ Ja, denkt man – wenn du mir nicht glaubst, warum glaubst du nicht wenigstens der Bibel? Warum fragst du mich überhaupt, wenn du die Antwort doch nicht gelten
lässt?
Und der Dritte, dem man gerne den Weg beschreiben würde – der winkt ab und hört
nicht zu, weil er den Weg zu Gott unbedingt auf eigene Faust finden will. Er verachtet
die ausgetretenen Pfade der Kirche, auf denen so viele vor ihm gegangen sind – er will
unbedingt originell sein – und schlägt sich darum seitwärts ins Gebüsch.
Halt, rufen wir. Was denkt ihr denn? Gott hat es nicht eurem Belieben überlassen, auf
welchem Wege ihr zu ihm kommt! Gott hat uns doch Hilfen zur Orientierung gegeben
und hat Hinweisschilder aufgestellt. Seht ihr sie denn nicht? Da sind Taufe, Abendmahl
und Bekenntnis, Bibel und Gebot, Gebet und Gottesdienst, Liebe und Glaube! Jesus ist
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der Weg! Doch leider, wie das bei Wegbeschreibungen so ist: Die einen verlieren das Ziel
aus den Augen, weil sie sprunghaft sind. Die anderen streiten mit uns über den Weg,
statt ihn zu beschreiten. Die Dritten akzeptieren überhaupt nur Wege, die sie selbst entdeckt haben. Und allesamt reden verächtlich über die Wegweiser, die Gott so liebevoll
für sie aufgestellt hat. Sie kritisieren den Weg, weil es seit Jahrhunderten immer der
gleiche ist, der empfohlen wird. Sie kritisieren den Weg, weil sie lieber eine bequeme
Abkürzung nehmen würden. Sie kritisieren den Weg, weil er ihnen nicht originell vorkommt.
Aber bitte – muss man dann sagen: Ist das Entscheidende an einem Weg nicht, dass er
zum Ziel führt? Und wenn Gott selbst den Weg festgelegt hat, auf dem wir ihn erreichen
sollen, macht es dann Sinn, mit Gott darüber zu streiten? Ist es klug, die Zugbrücke zu
ignorieren und stattdessen an der Mauer hochzuklettern, nur weil man meint, man
wüsste es besser als der Gastgeber und Burgherr? Nein. Es ist hier leider wie auch sonst
im Leben: Wer eine präzise Wegbeschreibung bekommt und ihr nicht folgt, ist selber
schuld.
Er wird sich im großen Wald der Weltanschauungen verlaufen, wird den Irrlichtern der
Esoterik folgen oder im Sumpf der Sekten versinken. Vielleicht sagt er: „Ich versuche
Gott nahezukommen auf meinem eigenen, ganz neuen Weg – ohne Christus, ohne Kirche, ohne Bibel.“ Aber was heißt das anderes, als dass er, statt die Tür zu benutzen,
durchs Fenster in Gottes Haus einzusteigen versucht? Sie mögen es nennen, wie sie wollen – diese Leute bleiben doch religiöse Fassadenkletterer, die nicht durch die Tür, sondern über die Mauer in Gottes Burg gelangen möchten.
Doch dazu hat Gott sie nicht eingeladen. Sie brechen sich dabei den Hals. Und wenn sie
tatsächlich hineingelangten, würde der Hausherr sie doch nicht freundlich empfangen.
Denn schließlich ist es auch uns nicht egal, auf welchem Wege einer in unser Haus gelangt. Kommt ein Besucher durch die Tür, die ich für ihn geöffnet habe – dann halte ich
ihn für einen Gast und heiße ihn willkommen. Kommt er aber nachts durchs Fenster
oder durch den Keller – so halte ich ihn für einen Einbrecher und behandle ihn entsprechend. Warum aber sollte Gott das anders sehen? Sollte er Leute mögen, die er vorne
freundlich einlädt, und die es doch vorziehen, sich durch die Hintertür in sein Haus einzuschleichen? Nein.
Darum geht der Glaube den Weg, der ihm gewiesen ist. Und er mäkelt auch nicht daran
herum. Denn Gott selbst hat die Schritte vorgegeben, die zu gehen sind, als er uns die
Bibel gab, das Gebet, die Sakramente, die Gebote und die Gemeinschaft der Kirche. Gott
hat uns sogar seinen Sohn geschickt als einen zuverlässigen Führer, damit wir seinen
Spuren folgend sicher in Gottes Reich hineingelangen! Er hätte das nicht getan, wenn
hundert andere Wege genauso zum Ziel führten. Es gibt auch nicht hundert Wege zu
Gott. Es gibt nur den einen. Und wenn der zuverlässig zum Ziel führt, dann muss er nicht
unbedingt bequem sein, modern oder originell. Vielmehr freut sich der Glaube, dass es
diesen Weg überhaupt gibt. Der Glaube versucht nicht klüger zu sein als Gott, sondern er
bleibt in der Spur, auf die Jesus ihn gesetzt hat. Denn Jesus kennt den Weg zum Vater.
Und wenn er so freundlich ist, uns mitzunehmen – dann gilt es, an ihm dranzubleiben.
Schließlich: Wenn wir die Wegbeschreibung Jesu hören, wenn wir Gottes Wort lesen und
zum Abendmahl gehen können, wenn wir gelernt haben zu beten und die Gemeinschaft
der Gläubigen uns offen steht – und wir wollten das alles verachten –, wären wir dann
nicht schrecklich dumm? Deshalb ist der Glaube ein fröhlicher Gehorsam, der von der
Bahn, die Gott ihm beschrieben hat, weder links noch rechts abweicht. Der Glaubende
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sucht seinen Weg nicht selbst, sondern er lässt sich führen. Er steigt auch nicht zum
Fenster ein, sondern er nimmt die Tür. Und die Hilfen, die Gott für ihn bereithält, die
nimmt er gern in Anspruch. Er freut sich, dass Gottes Zugbrücke unten ist. Und er steuert fröhlich auf sie zu. Denn Glauben heißt, Gott dort zu suchen, wo er gefunden werden
will – und nirgends sonst...
17. Wort Gottes und Schriftprinzip
Wissen sie eigentlich, wo sich ihre Bibel im Moment befindet? Steht sie im Regal? Liegt
sie in einer Schublade? Ist sie vielleicht bei den anderen Büchern unterm Stapel? Oder ist
sie gar in den Keller geraten? Ich frage das nicht von ungefähr. Denn ich erinnere mich
an das Telefonat mit einer jungen Mutter, die ihr Kind zur Taufe anmelden wollte. Ich
vereinbarte mit ihr den Termin des Taufgespräches und sagte dann noch: „Es wäre
schön, wenn sie bis zu unserem Gespräch einen Taufspruch aus der Bibel herausgesucht
hätten. Etwas, was sie dem Kind mit auf den Weg geben wollen.“ Erst war Schweigen am
anderen Ende der Leitung. Und dann sagte die junge Frau mit Zögern: „Ich glaube wir
haben gar keine Bibel...“
Nach der ersten Verwunderung fragte ich nach, und es stellte sich heraus, dass die beiden jungen Leute sehr wohl zu ihrer Konfirmation Bibeln bekommen hatten. Als sie aber
vor einigen Jahren heirateten und zusammenzogen, hatten beide ihre Bibeln im Elternhaus zurückgelassen. Sie gehörten offenbar nicht zu den Dingen, die man unbedingt
mitnehmen muss.
Nun – das praktische Problem ließ sich lösen. Man bekommt heute Bibeln ja schon für
ein paar Euro auf den Wühltischen der Kaufhäuser angeboten. Doch hat mich die Sache
sehr nachdenklich gemacht. Denn das kleine Vorkommnis führt uns ja krass vor Augen,
dass die Bibel vielen Menschen nichts mehr bedeutet. Selbst solche, die sich selbst als
gläubig bezeichnen, nehmen die Bibel nicht mehr oft in die Hand. Und das ist sehr bedenklich. Denn wo – um alles in der Welt – wollen sie denn etwas über Gott erfahren,
wenn nicht aus Gottes Wort? Wo hören wir Gott denn reden? Redet er etwa durch unser
Schicksal? Das ist dann aber ein sehr zweideutiges Reden. Redet er etwa in der Natur? Ich
höre da nur Bäume rauschen. Redet Gott etwa durch die innere Stimme jedes Einzelnen?
Auch da wäre ich sehr vorsichtig. Denn Gott ist ein rätselhafter und verborgener Gott.
Wir haben es zwar ständig und überall mit ihm zu tun. Aber er tritt nicht ständig und
überall aus seiner Verborgenheit hervor – sondern nur einmal hat er es getan. Einmal hat
er sich in aller Eindeutigkeit, klar und unmissverständlich zu erkennen gegeben. Einmal
hat er sich offenbart, einmal sagten die Menschen voller Staunen: Gottes Wort ward
Fleisch und wohnte unter uns. Einmal hat sich der unsichtbare Gott sehen lassen - in
Jesus Christus. Wüssten wir also nichts von Christus, was wüssten wir dann von Gott?
Was aber wüssten wir von Christus, wenn nicht durch das Neue Testament? Wir, die wir
nicht Christus leibhaftig auf Erden begegnen können, weil uns 2000 Jahre von ihm trennen – wir hätten keine Chance Gottes Offenbarung in Christus kennen zu lernen, wenn
nicht die ersten Zeugen schriftlich niedergelegt hätten, was sie erlebten. Ihr Zeugnis allein ist unser Zugang zur Offenbarung – und ist darum gerade als schriftliches Zeugnis
unentbehrlich. Denn stellen sie sich einmal vor, die Evangelien wären nie aufgeschrieben worden. Stellen sie sich vor, man hätte es bei der mündlichen Weitergabe belassen.
Wüssten wir dann heute noch, was Christus sagte und tat?
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Gewiss – fürs erste hätte Kommunikation auch ohne Papier und Tinte funktioniert. Es
wäre möglich gewesen, die Geschichte Christi von einer Generation auf die andere
mündlich weiterzugeben, so wie die Geschichten eines Ortes oder einer Familie von
Mund zu Mund und von Generation zu Generation wandern. Aber wie das mit erzählten
Geschichten so ist: Da tut immer einer etwas dazu, und der nächste lässt wieder etwas
weg – und am Ende sind die Konturen des ursprünglichen Geschehens verschwommen.
Wer’s nicht glaubt, frage nur einmal ein altes Ehepaar nach Ereignisse, die 20 oder 30
Jahre zurück liegen: Da hat der Ehemann seine Version der Geschichte, die Frau hat eine
etwas andere Version und die Tante, die damals auch dabei war, widerspricht wiederum
beiden. Oft lässt sich der wahre Hergang der Ereignisse schon nach Ablauf einer Generation kaum mehr rekonstruieren. Das Leben Jesu Christi aber liegt 80 Generationen zurück!
Gäbe es die Heilige Schrift nicht, hätte 80 mal der Vater dem Sohn das Evangelium weitererzählen müssen. 80 mal hätten die Väter dabei wenigstens Kleinigkeiten vergessen.
Und 80 mal hätten die Söhne beim Weitererzählen irgendetwas Passendes hinzugefügt.
80 mal wäre das Evangelium von der Sprache der Väter in die Sprache der Jugend übersetzt worden. Und was wäre danach wohl übrig geblieben von der ursprünglichen Botschaft? Sicherlich wäre es gegangen wie bei jenem Spiel, dass bei Kindern beliebt ist und
„Stille Post“ genannt wird.
Kennen sie es? Da sitzen 10 oder 20 Kinder im Kreis. Und das Erste in der Reihe flüstert
seinen Nachbarn einen kurzen Satz ins Ohr. Dieser wiederum muss, ohne Rückfragen zu
dürfen, das, was es verstanden hat, dem Nächsten zuflüstern. So geht das weiter, die
ganze Reihe herum. Weil aber geflüstert wird, kommt es zu Missverständnissen. Da wird
dann aus dem „Vater“ der „Kater“ und aus dem „Kater“ der „Krater“. Aus „wohnen“ wird
„schonen“ und aus „schonen“ wird „lohnen“. Aus „Sieben“ werden „Ziegen“ und aus
„Ziegen“ werden „Stiegen“. Der „Reiter“ wandelt sich zur „Leiter“ und die „Leiter“ zum
„Euter“. Am Ende der Reihe muss dann der Letzte laut aussprechen, was ihm zugeflüstert
wurde. Und der Erste muss offenbaren, welchen Satz er auf die Reise geschickt hat. Das
Gelächter ist dann groß, weil der Anfang mit dem Ende meist nicht mehr viel gemein hat.
Zehnmal leise hören und zehnmal leise weitersagen kann den ursprünglichen Sinn einer
Botschaft total entstellen.
Für einen Kindergeburtstag ist das eine lustige Sache. Weniger lustige aber wäre es gewesen, wenn es dem Evangelium Jesu Christi auf seinem Wege durch die Zeit ebenso ergangen wäre. Auch da hörte ja einer, was die Altvorderen über ihren Glauben sagten und
über Jesus Christus. Und wenn er selbst Kinder hatte, sagt er dasselbe in eigenen Worten
diesen Kindern. 80 Generationen lang vollzog sich dieser Dreitakt von Hören, Glauben,
Weitersagen – Hören, Glauben, Weitersagen – Hören, Glauben, Weitersagen. Und er vollzieht sich noch heute – Gott sei Dank. Doch wären wir alleine auf diese mündliche Tradition angewiesen, so wären wir schlecht dran. Wir wüssten zwar noch, was unsere Eltern
gesagt haben. Und wir hätten sicher Vertrauen, dass sie die Botschaft von ihren Eltern
getreu weitergegeben haben. Ob aber nicht 5 oder 10 oder 15 Generationen zuvor jemand
die Worte Christi verdreht, verkehrt und entstellt hat – das könnten wir nicht wissen.
Darum sind wir, die wir das vorläufige Ende der Kette bilden, darauf angewiesen, überprüfen zu können, ob das, was man uns lehrt, auch wirklich die Botschaft Christi ist. Und
um das zu prüfen, gibt es nur eine Möglichkeit:
Wir müssen zurückgehen zu den Zeugnissen der Anfangszeit. Wir müssen zurück an den
Beginn der langen Traditionskette. Wir müssen uns an die halten, die zum ersten Mal
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Hörer des Wortes und Zeugen des Evangeliums waren. An ihrem Bericht, der uns glücklicherweise schriftlich vorliegt, müssen wir alles messen, was zu späterer Zeit als christliche Botschaft ausgegeben wurde und ausgegeben wird. Das, was schon 80 mal von Mund
zu Mund gegangen ist, müssen wir kritisch vergleichen mit dem Originalton, der vor
zweitausend Jahren zum ersten Mal hörbar wurde. Denn das Neue Testament allein kann
der authentische Maßstab sein für das, was in der christlichen Kirche gelehrt und gelebt
wird. Nur Gottes Wort kann Gottes Volk leiten.
Was aber, wenn das nicht mehr funktioniert? Was, wenn das Schriftprinzip, das die Reformatoren so mühsam erstritten haben, von der neuzeitlichen Theologie faktisch aufgegeben wird? Was geschieht, wenn wir in der Bibel nicht mehr Gottes Wort, sondern
überall nur noch Menschenworte finden wollen? Dann entsteht daraus eine so grundlegende geistliche Krise, wie wir sie heute zu verzeichnen haben. Denn dann löst sich die
Autorität der Schrift auf in eine Vielzahl historischer Fragezeichen – und die scharfe Waffe der Reformation wird zum stumpfen Werkzeug. Dann schält man die Bibel wie man
eine Zwiebel schält, man löst Schicht um Schicht, trennt Menschenwort von Menschenwort – und findet doch in all den Schalen keinen Kern. Man seziert dann die Schrift, wie
ein Arzt einen Leichnam seziert. Doch wie der Arzt, der einen Leib zerschneidet, darin
unter all den Organen keine Seele findet – so finden die Theologen dann in der Bibel nur
noch Menschenwörter und Menschengedanken, nicht aber mehr Gottes Wort....
O welch eine Tragödie! Was für eine Blindheit! Denn das weiß doch jeder: Es ist ein einseitiger Zugang zum Menschen, wenn man ihn nur als eine Anhäufung von Knochen,
Organen, Muskeln und Sehnen betrachtet. Und ebenso ist es ein einseitiger Zugang zur
Heiligen Schrift, wenn man sie als eine Sammlung menschlicher Gedanken und Glaubenszeugnisse ansieht. Dass sie dergleichen auch enthält ist unbestritten! Entscheidend
aber ist, dass die Schrift in, mit und unter den vielen menschlichen Wörtern das eine
große Wort Gottes enthält – und dass man es hören kann, wenn man dazu bereit ist!
Freilich: Wenn ich unterstelle, die Bibel sei ein Kulturdokument vergangener Zeiten und
ein Forschungsobjekt wie andere auch – dann wird mich Gott durch die Schrift nicht anreden. Wenn ich aber bereit bin, Gottes Botschaft herauszuhören aus dem irdenen Gefäß
menschlicher Schriftstellerei, dann entdecke ich die Bibel als Gottes Wort an mich. Dann
beginnen die toten Buchstaben zu leben – und ehe ich mich‘s versehe versetzt das biblische Wort die Saiten meiner Seele in Schwingung. Ich merke dann immer noch, dass
Menschenhände jene Texte aufgeschrieben und manche menschliche Spur darin hinterlassen haben. Ich spüre aber zugleich, dass der geistige Vater und eigentliche Autor kein
anderer ist als Gott.
Ich beginne dann die Bibel zu achten als einen Brief meines Schöpfers an mich, ich juble
über diesen Brief und gebe der Bibel künftig den Platz, der ihr gebührt. Dieser Platz aber,
ist nicht ein Ehrenplatz ganz oben im Regal. Sondern der gebührende Platz für die Bibel
ist nirgendwo anders, als in unseren Händen…
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18. Die Autorität der Bibel
Wenn man Menschen fragt, welches die höchste Autorität in der Kirche sei, dann bekommt man die seltsamsten Antworten – und muss oft widersprechen. Denn es ist nicht
etwa der Bischof, der Kirchenvorstand, die Landessynode oder die Pfarrerschaft, sondern
die höchste Autorität in der Evangelischen Kirche – das ist die Heilige Schrift. Gottes
Wort ist die oberste Norm. Und das kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass wir
die Bibel in unseren Kirchen zentral mitten auf den Altar legen und im Gottesdienst daraus lesen. Wenn man es nicht wüsste, könnte man schon daraus entnehmen, dass
Christsein und Bibellesen zusammengehören – geradezu trivial erscheint diese Feststellung. Und doch ist die Autorität der Heiligen Schrift umstritten, und wird von vielen
Menschen als problematisch empfunden, weil sie sich über die komplizierte Entstehungsgeschichte und die inneren Vielfalt der Bibel wundern: Wie kann ich der Bibel
glauben, sagen sie, wenn sie doch von Menschen geschrieben wurde?
Wie kann ich ihr glauben, wenn sie anscheinend Widersprüche enthält? Wie kann ich der
Bibel vertrauen, wenn manche ihrer Angaben historisch fragwürdig sind? Und woher
weiß ich, dass die Jünger Jesu Worte nicht verändert haben? Waren es überhaupt die Jünger Jesu, die das Neue Testament schrieben? Waren es nicht Leute der 2. und 3. Generation? Wer sagt denn, dass die sich richtig erinnert haben? Wer kann beweisen, dass sie
nicht allerhand zu Jesu Worten dazugedichtet oder Entscheidendes weggelassen haben?
Die historisch–kritische Erforschung der Schrift hat solche Zweifel kräftig genährt, denn
sie fand heraus, dass die Bibel keineswegs fertig vom Himmel fiel, sondern über Jahrhunderte hinweg von hunderten menschlicher Hände geschrieben, geformt und verändert wurde. Das irritiert. Das scheint göttliche Herkunft auszuschließen. Und hinzu
kommen immer wieder sensationell aufgemachte Medienberichte, die behaupten, das
„wahre Leben Jesu“ aufzudecken. Sie berichten über geheime Beziehungen Jesu zu Frauen und zu Sekten, über hinterlistige Fälschungen und Intrigen des Vatikans, über das
angeblich gefundene Grab Jesu, über verborgene Codes und unterdrückte Evangelien. Bei
Lichte besehen ist an diesen „Enthüllungen“ wenig oder gar nichts dran – und doch nähren sie Zweifel und bereiten manchen Menschen echte Probleme, weil sie ihnen den
Zugang zum Glauben verstellen. „Ich würde ja gerne glauben“, sagen diese Leute dann.
„Aber wie kann ich wissen, dass die Bibel die Wahrheit sagt? Bloß weil es die Bibel ist,
muss doch nicht stimmen, was drin steht! Vielleicht haben sich das alles Menschen ausgedacht!“
Solche Gespräche enden meist damit, dass man von mir als Kirchenvertreter Beweise
dafür verlangt, dass die Bibel vertrauenswürdig ist. „Beweise mir erst einmal, dass die
Bibel wirklich Gottes Wort ist“ heißt es, „dann will ich ihr auch glauben. Beweise mir
historisch–wissenschaftlich, dass Jesus genau diese Sätze gesagt hat. Widerlege alle meine Zweifel an der übernatürlichen Autorität dieses Buches. Denn erst dann kann ich
glauben, was drinsteht.“
Dass ein solcher Beweis (schon aus ganz prinzipiellen Gründen) nicht möglich ist, liegt
auf der Hand. Man müsste ja eine Zeitmaschine haben, um ihn zu erbringen. Und so
kann der, der Ansatzpunkte für seine Zweifel sucht, immer welche finden. Er meint
dann vielleicht, die Bibel habe seiner kritischen Begutachtung nicht standgehalten. Doch
in Wahrheit ist dieser Mensch nur einem großes Missverständnis aufgesessen. Denn
wenn man diesen Zugang wählt – über eine äußere Beglaubigung den Wahrheitsgehalt
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der Bibel zu erweisen –, dann kann das zu nichts führen. Denn die Bibel leiht sich ihre
Autorität weder von der Vernunft noch von der Wissenschaft, sondern ist selbst in der
Lage, ihre Botschaft Geltung zu verschaffen durch das, was sie im Leser auslöst.
Mit anderen Worten: Die Bibel hat gar nicht die Absicht, durch Echtheitsbeweise zu imponieren, durch wissenschaftliche Expertisen, historische Zeugnisse oder päpstliche
Dekrete. Sondern wenn, dann möchte die Bibel durch ihren Inhalt imponieren, der den
Leser im Innersten berührt, der den Leser wandelt, ihn zum Glauben überführt, ihm die
Wahrheit über sich selbst enthüllt, ihn niederschmettert und tröstet, ihn erschüttert und
fesselt und zugleich befreit. Millionenfach ist es geschehen, dass die Schrift diese erstaunliche Wirkung entfaltet hat! Wo immer es aber geschieht, da braucht der Mensch
keinen weiteren Beweis der Autorität, als eben den, den die Schrift selbst liefert, indem
sie das Herz des Menschen trifft und darin den Glauben hervorbringt, den er vorher
nicht hatte. Gottes Wort will also und braucht keine andere Autorität, als die, die ihm
selbst innewohnt. Es bedarf keiner Beglaubigung durch fremde Instanzen, sondern hat
die Macht, sich selbst durch seinen Inhalt – in einem Erweis „des Geistes und der Kraft“
– alle nötige Autorität zu verschaffen. Denn Gottes Wort vermag ein hartes Herz weich zu
machen und ein trauriges Herz fröhlich. Gottes Wort kann Ängstlichen Mut verleihen
und Törichten Weisheit. Es kann Hochmut in Demut verwandeln und Verwirrung in
Klarheit.
Wer das aber am eigenen Leib erfahren hat, der weiß hinterher um die Autorität der
Schrift – und niemand muss sie ihm mehr beweisen. Denn wenn Gott mich durch die
Bibel berührt und getroffen hat, wie könnte ich dann noch daran zweifeln, dass sie sein
Werkzeug ist? Habe ich diese Erfahrung erst einmal gemacht, dass Gott mich durch das
biblische Wort im Herzen trifft und mich dabei zu sich neu in Beziehung setzt – wie
könnte ich dann noch zweifeln, dass dies Buch sein Buch und diese Worte seine Worte
sind? Es verhält sich darum mit der Bibel einfacher, als viele Menschen meinen: Sie ist
kein Medikament, das man dem Apotheker zu liebe schlucken müsste, sondern man
schluckt es, spürt die Wirkung und ist überzeugt aus Erfahrung.
Oder geht man ins Restaurant und fragt den Kellner, ob er im Voraus beweisen kann,
dass es mir schmecken wird? Nein! Sondern man isst – und wenn es schmeckt, ist man
überzeugt. Wenn’s aber nicht schmeckte, was würde es dann nützen, dass der Koch drei
Sterne hat? Was würde es nützen, dass es den anderen Gästen schmeckt? Nichts! Da
kann das Restaurant im Gourmet–Reiseführer noch so sehr gelobt werden: Solange mein
eigener Gaumen anders urteilt, ist das ganz gleich. Denn überzeugen können mich nicht
andere Feinschmecker, überzeugen können mich nicht der Koch oder der Kellner, sondern überzeugen kann mich nur die Speise selbst. Und – wenn sie den banalen Vergleich
entschuldigen: Mit der Bibel ist es genauso. Man kann niemandem im Vorhinein beweisen, dass sie Gottes Wort ist. Und es wird auch von niemandem verlangt, dass er den
Glauben schon mitbringen müsste, wenn er an die Bibel herantritt. Vielmehr darf jeder
misstrauisch an die Bibel herangehen, darf abwarten, ob ihr Inhalt selbst zum Argument
wird – und so Gott will, wird er durch diesen Inhalt den Glauben empfangen, den er vorher nicht hatte. Denn der Glaube kommt aus dem Wort der Schrift, das sich durch seine
Wirkung selbst beglaubigt. Und eine andere als diese Beglaubigung sollte man auch gar
nicht behaupten. Denn in Wahrheit glaubt keiner dem biblischen Wort, weil man ihm
vorher die göttliche Herkunft der Texte bewiesen hätte. Sondern gerade umgekehrt wird
ein Schuh draus: Weil die Schrift uns zu Gott neu in Beziehung gesetzt hat, darum glauben wir ihr. Und eben darum, weil die Schrift sich an uns als Gottes Werkzeug erwiesen
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hat, darum behaupten wir ihre göttlichen Herkunft und Autorität. So stimmt es zwar,
dass die historische Quellenlage das Leben Jesu betreffend sehr gut, und die Zeugen sehr
glaubwürdig sind. Es stimmt auch, dass wir dank intensiver Forschungsarbeit den Urtext
der Bibel zuverlässig rekonstruieren können. Man könnte ganz viele solche Argumente
anführen. Aber wegen alledem glauben wir der Bibel nicht – und könnten auch nicht
glauben, wenn ihre Botschaft uns nicht im Innersten berührt hätte.
Denn, um es noch einmal zu sagen: Die Autorität der Schrift liegt nicht in ihrem Alter,
ihrer historischen Beglaubigung, ihrer kirchlichen Geltung oder ihrer übernatürlichen
Entstehung, sondern schlicht in der Wirkmacht und Dynamik ihres Inhaltes. Dieser Inhalt, das Evangelium von Jesus Christus, verschafft sich selbst Geltung, indem er störrische und selbstverliebte Menschen zum Glauben überführt. Und wer das an sich erfährt,
der braucht dann keinen weiteren Beweis. Denn wenn die Bibel bloß Menschenwort wäre, Erfindung der Jünger, Täuschung und Irrtum, wie könnte sie mich dann mit Gott in
Beziehung bringen? Bringt sie mich aber in Beziehung mit ihm, und spüre ich das, so ist
sie offenkundig mehr als Menschenwort – ist nämlich Gottes Werkzeug und verdient
entsprechendes Vertrauen.
Was folgt aus alledem? Nun, es folgt einfach, dass wir uns mit den Zeitgenossen, die Beweise verlangen, nicht auf Scheingefechte einlassen und ihren verkehrten Ansatz nicht
übernehmen sollten. Denn sowohl die Anhänger als auch die Kritiker der Bibel irren sich,
wenn sie meinen, historisch–wissenschaftliche Erkenntnisse müssten der Bibel Glaubwürdigkeit verleihen. Nein, das müssen sie nicht! Denn die Bibel erweist ihre Autorität
nicht irgendwo in der fernen Vergangenheit, sondern hier und heute. Hier und heute
deckt die Bibel mein Elend auf. Hier und heute tröstet sie mich. Hier und heute erfahre
ich, dass Gottes Wort Felsen zerschmeißt und Leben gebiert – einfach weil’s in mir selbst
geschieht. Geschähe es aber nicht, so würden mir auch noch so gute historische Argument nicht helfen. Denn kein archäologischer Fund wird mir je die Glaubensentscheidung abnehmen.
Es gibt hier keine Fakten, hinter denen man sich verstecken und durch die man sich absichern könnte, sondern es gibt nur das Wort selbst, das uns zur inneren Erfahrung werden kann. Haben wir diese Erfahrung, so brauchen wir keinen weiteren Beweis. Haben
wir sie aber nicht, so nützen auch Beweis nichts. Darum kann es Christen auch kalt lassen, wenn die Medien über angeblich glaubensstürzende „Enthüllungen“ berichten.
Denn das Evangelium geht nicht auf geliehenen Krücken durch diese Welt. Nein. Gottes
Wort hat die Macht, sich selbst als Gottes Wort zu erweisen, indem es den Hörer packt,
wie Menschenworte ihn niemals packen könnten. Darum bedarf die Bibel auch nicht
unserer Argumente, sondern ist selbst das beste Argument – durch den Erweis „des Geistes und der Kraft“.
19. Der Inhalt der Bibel
Viele Menschen denken, als Christ lese man die Bibel, um sie zu „interpretieren“, und
das Ringen um die richtige Interpretation sei ein wesentliches Anliegen des Glaubens.
Aber stimmt das? Ich zumindest fühle mich dabei missverstanden. Denn es verhält sich
eher umgekehrt: Es ist nicht der Gläubige, der die Bibel deutet, sondern es ist die Bibel,
die den Gläubigen deutet. Nicht wir tragen das Licht sinnvoller Interpretation in dunkle
Bibelworte hinein. Sondern das biblische Wort erhellt und interpretiert das Dasein sei90
ner Leser. Nicht wir legen aus, sondern wir werden ausgelegt. Denn wer die Bibel mit
offenen Augen liest, dem erzählt sie nicht ihre Geschichte, sondern dem erzählt sie seine
Geschichte.
Ja, tatsächlich: Auch wenn da von Abraham, Jona, Petrus und Judas gesprochen wird,
deckt dieses Buch doch die Wahrheit auf über – mich. Wie aber ist das möglich, wenn ich
doch als Individuum in der Bibel gar nicht vorkomme? Es ist möglich, weil die Bibel den
großen geschichtlichen Zusammenhang aufzeigt, in den meine kleine, persönliche Geschichte eingebettet ist, und von dem her sie ihre Deutung empfängt.
Schließlich kann nichts unabhängig von seinem Kontext verstanden werden. Ich bin, was
ich bin, im Zusammenhang vieler Beziehungen. Und ich muss den großen Gesamtzusammenhang dieser Beziehungen verstehen, um meine Rolle in ihm (und damit mich
selbst) verstehen zu können. Was aber sollte der Gesamtzusammenhang meines Lebens
sein, wenn nicht die Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung?
Eben diese allumfassende Geschichte, die auch meine Geschichte ist, erzählt die Bibel.
Sie beschreibt den Kontext meines Daseins, den Horizont in dem es gedeutet werden
kann. Und sie erhellt dabei nicht nur meine Herkunft, sondern auch meine Zukunft.
Denn sie macht mich vertraut mit der Intention meines Schöpfers, der mich über den
heute erreichten Punkt noch weit hinausführen will.
Mancher wendet ein, es gebe da in der Bibel nicht bloß eine Geschichte, sondern viele.
Das Ganze sei auch ziemlich unübersichtlich. Doch dieser Eindruck täuscht. Denn recht
betrachtet ist die Bibel keineswegs vieldeutig, sondern ist in allem Wesentlichen klar –
so klar, dass man den Kern ihrer Geschichte (unserer Geschichte!) auf einer einzigen
Postkarte zusammenfassen kann. Man glaubt mir nicht? Ich soll es beweisen? Kein Problem! Auf meiner Postkarte stehen als „Inhaltsangabe“ der Bibel nur zehn Sätze:
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Wer will, kann es nun ausprobieren: Diese zehn Sätze lassen sich auf einer Postkarte
unterbringen. Und – als Lesezeichen in die Bibel gelegt – können sie helfen, den Überblick zu behalten. Denn sie skizzieren die eine, zentrale Geschichte, die sich in der Vielzahl biblischer Geschichten abbildet. Sie beschreiben das Grundmotiv, das die Heilige
Schrift hundertfach variiert. Und damit ist mehr gewonnen, als nur eine „Lesehilfe“.
Denn wenn, wie oben behauptet, die Geschichte Gottes mit den Menschen den Kontext
unseres Lebens bildet, dann sind jene zehn Sätze auch der Deutungshorizont jedes individuellen Daseins. Mit anderen Worten: Sie enthalten die maßgebliche Interpretation
des Rätsels, das ich bin. Die Bibel legt aus, was am Menschen unverständlich ist. Sie erhellt den Sinn und das Ziel seiner spannungsvollen Existenz. Und sie benennt dabei die
vier Eckpunkte christlicher Gottes- und Selbsterkenntnis:
Sie konfrontiert uns mit Gottes ZORN. Denn Gott hat Grund, die Geschöpfe zu verneinen, deren Leben ihn verneint. Und sie bezeugt zugleich Gottes GNADE, weil Gott einen
Weg findet, uns dennoch zu bejahen. Am Menschen macht sie die SÜNDE sichtbar, als
fatale Verstrickung in das gottwidrig Böse. Und zugleich macht sie am Menschen auch die
Möglichkeit des GLAUBENS offenbar, wenn er sich gefallen lässt, was Christus für ihn
tat. Wem die Postkarte noch zu groß wäre, der könnte diese vier Begriffe auf eine Briefmarke schreiben, und hätte damit die biblische Botschaft maximal komprimiert. Doch
darauf kommt es nicht an.
Vielmehr: Wer sich die Botschaft gesagt sein lässt, und somit die Bibel als seine Geschichte liest, der deutet nicht mehr, sondern sieht sich gedeutet. Sein Dasein hat eine
sinnvolle Interpretation und eine verbindliche Auslegung erfahren. Die Bibel hat ihn der
Wahrheit überführt und hat ihm für seinen weiteren Weg eine der Intention Gottes entsprechende Richtung gewiesen. Diese Wahrheit aber gelten zu lassen, der Wegweisung zu
folgen und die große „Unterscheidung“, auf die es Gott abgesehen hat, täglich zu leben
(Eph 4,22–24!) – das ist der Glaube, zu dem uns die Schrift einlädt. Wer sich auf diesen
Glauben einlässt, der verwirft an sich selbst, was Gott verwirft, und bejaht an sich selbst,
was Gott bejaht. Er versucht schon heute zu scheiden, was in Gottes Reich einmal vollends getrennt sein wird. Und die Bibel hilft ihm dabei. Denn nicht die Bibel ist ein Rätsel, das der Mensch lösen müsste, sondern der Mensch ist sich selbst ein Rätsel, dessen
Lösung ihm die Bibel verrät.
20. Die Bibel als Norm
Der christliche Glaube ähnelt in vielen Dingen einer Philosophie oder Weltanschauung.
Er vertritt bestimmte Ansichten über Ursprung, Sinn und Ziel der Welt. Er reflektiert das
menschliche Leben in seiner Vielfalt und Problematik. Und er empfiehlt einen bestimmten Weg, wie dieses Leben zu bewältigen ist. Das tun viele andere Weltanschauungen
auch.
In einem Punkt aber ist der Glaube von ihnen ganz verschieden. Denn er verdankt sich
nicht dem Nachdenken des Menschen. Sondern er verdankt sich dem Wort Gottes. Der
christliche Glaube wurde nicht von Menschen „ergrübelt“ oder „erfunden“. Sondern seine wesentlichen Inhalte wurden von Gott offenbart. Und darum ist der Glaube auch an
das Dokument dieser Offenbarung – an die Heilige Schrift – bleibend gebunden. Ein Philosoph kennt solche Bindungen nicht. Er ist nur sich selbst und seiner Erkenntnis verpflichtet. Er kann sein Gedankengebäude heute einreißen und morgen aus den Trüm92
mern ein neues bauen, das ihm besser gefällt. Dem Christen aber ist das Evangelium vorgegeben. Denn es besteht nicht aus seinen, sondern aus Gottes Gedanken.
Natürlich darf und soll der Christ diesen Gedanken „nach–denken“. Und auch dieser verstehende Nachvollzug ist eine intellektuelle Herausforderung. Doch Gottes Gedanken
nachzubuchstabieren heißt eben nicht, frei über sie zu verfügen. Wer sich bemüht, kann
tiefer und tiefer in sie eindringen. Aber ändern kann er sie nie. Denn Gottes Gedanken
sind höher als unsere. Und sie sind darum auch nicht unserem Urteil unterworfen. Vielmehr gilt das Umgekehrte: Nicht wir richten über Gottes Wort, sondern Gottes Wort richtet über uns. Es ist der kritische Maßstab, an dem unser Leben und Denken gemessen
wird. Denn nicht dazu ist uns die Bibel gegeben, damit wir sie in Frage stellen, sondern
damit wir von ihr in Frage gestellt werden.
Freilich: Lassen wir das zu? Sind wir bereit, unsere eigenen Gedanken dem Wort Gottes
unterzuordnen? Gehen wir als wissbegierige Schüler an die Bibel heran? Oder benehmen
wir uns eher wie Lehrer, die den biblischen Text kritisch begutachten, jenes loben, dieses tadeln und alles nach Gutdünken deuten? Hat man so eine Haltung erst einmal eingenommen, ergibt sich der Rest von selbst. Man betrachtet dann das von Gott an den
Menschen gerichtete Wort als eine Sammlung menschlicher Worte über Gott. Man unterstellt, die Bibel bedürfe der Auslegung, weil sie „historisch bedingt“, „schwer verständlich“ und „vieldeutig“ sei. Dann erhebt man die eigenen weltanschaulichen Vorurteile
zum Maßstab dieser „Auslegung“. Und schon kann man nach Herzenslust an der Schrift
heruminterpretieren. Denn es besteht dann keine Gefahr, dass man in der Bibel je etwas
anderes findet, als die eigenen Lieblingsgedanken. Mag die Bibel sagen, was sie will: Solange der Mensch sich das Recht der kritischen „Interpretation“ und „Deutung“ vorbehält, ist er davor sicher, selbst gedeutet zu werden. Solange er die Bibel hinterfragt, wird
sie ihn nicht hinterfragen. Und solange die „Auslegung“ strittig bleibt, muss er auch keine Konsequenzen ziehen. Denn solange Gottes Wort „vieldeutig“ erscheint, bleibt alles
in der Schwebe – und jeder kann weitermachen wie zuvor. Freilich: Das Ganze ist ein
großer Selbstbetrug. Denn in Wahrheit ist die Bibel gar nicht so schwer zu verstehen. Sie
ist in allem Wesentlichen eindeutig. Und sie ist auch durchaus in der Lage sich selbst
auszulegen, wenn jemand zu hören gewillt ist.
Oder glaubt jemand im Ernst, dass Gott, wenn er uns etwas zu sagen hat, flüstert, stottert, stammelt oder lallt? Keineswegs. Gott hat sich durchaus klar ausgedrückt. Und wer
zu hören bereit ist, der erfährt ganz genau, was Gott von ihm will. Aber eben darin liegt
das Problem. Denn aus der großen Klarheit des biblischen Wortes erwächst die Versuchung, die die folgende Geschichte beschreibt:
Es war einmal eine russische Prinzessin, die unternahm eine Reise nach Paris. Und natürlich sah sie dort viel Schönes. Am besten aber gefiel ihr eine kleine blaue Vase, die sie in
einem Geschäft entdeckte. Denn die blaue Farbe dieser Vase war so leuchtend und so
intensiv, sie war so kräftig und so fein zugleich, sie hatte solche Tiefe und einen solch
samtenen Glanz, dass die Prinzessin sich nicht daran sattsehen konnte. Das ganze Blau
des Himmels und das ganze Blau des Meeres schienen in diesem einzigartigen Farbton
eingefangen zu sein. Und darum zögerte die Prinzessin nicht lange: Sie kaufte die Vase
und nahm sie als Andenken mit nach Hause.
Auch daheim in Russland wurde es ihr nicht langweilig, die Vase immer wieder zu betrachten: Mal hielt sie sie in das Licht des Mondes, mal in die strahlende Morgensonne
und mal in den Schein des Kaminfeuers. Und bald träumte die Prinzessin davon, die gan93
ze Welt um sie herum wäre von diesem herrlichen Blau erfüllt. Gesagt, getan: Sie beschloss, ihren ganzen Palast in exakt der gleichen Farbe anstreichen zu lassen, damit alles um die Vase herum genauso blau leuchten sollte wie die Vase selbst. Schnell waren
Maler herbeigerufen, die den Wunsch der Prinzessin in die Tat umsetzen sollten. Und
fleißig begannen sie in ihren Farbtöpfen zu rühren und zu mischen. Immer wieder nahmen sie Proben, änderten die Beimischungen und die variierten die Tönung. Aber zum
großen Schrecken der höfischen Gesellschaft gelang es keinem, den Blauton der Pariser
Vase genau zu treffen. Alle Muster die sie lieferten, waren entweder zu hell oder zu dunkel, sie erschienen im Vergleich mit der Vase matt und stumpf. Es fehlte jenes besondere
Leuchten – es fehlte diese besondere Tiefe. Und wenn auch einige der herbeigerufenen
Künstler ziemlich nah herankamen an den gewünschten Farbton, so war es doch nie ganz
derselbe.
Man kann sich vorstellen, dass die Prinzessin enttäuscht und zornig war, nachdem die
berühmtesten Kunstmaler Russlands einige Wochen vergeblich herumprobiert hatten.
Doch just in diesem Moment tauchte am Hofe ein gänzlich unbekannter Maler auf. Er
stellte sich vor als der Maler Mischkin. Und er versprach, den Wunsch der Prinzessin
umgehend zu erfüllen. Niemand setzte große Hoffnungen auf diesen Mischkin. Aber man
ließ ihn gewähren. Wie alle seine Vorgänger mischte er seine Farben und begann das
Zimmer auszumalen, in dem die Vase stand. Als er aber nach drei Tagen sein Werk vollendet hatte, da brach die Prinzessin in Schreie des Entzückens aus. Denn alle Sachverständigen kamen mit ihr zu dem Urteil, dass der Blauton des Zimmers nun endlich ganz
und gar dem Blau der Vase entsprach.
Natürlich wurde Mischkin für diesen Erfolg reich belohnt – er war ein gemachter Mann.
Als aber viele Jahre vergangen waren, da fragte ihn ein Freund ganz im Vertrauen, wie er
denn das geschafft habe, woran vorher so viele große Künstler gescheitert waren. Und da
gab Mischkin zur Antwort: „Weißt du, ich habe nicht nur das Zimmer – ich habe auch die
Vase bemalt!“
Es ist ein verblüffend einfacher Trick, mit dem Mischkin das Problem löst. Und ist es
auch ein Betrug, so ist es doch ein ziemlich genialer. Denn Mischkin erkennt, dass es
zwei Wege gibt, Original und Kopie zur Übereinstimmung zu bringen: Man kann versuchen die Kopie auf das Niveau des Originals hinaufzusteigern. Oder man kann das Original auf das Niveau der Kopie herunterziehen. Man kann die eigenen Möglichkeiten dem
Ideal angleichen. Oder das Ideal den Möglichkeiten. Und da das Erste nicht gelingt, tut
Mischkin das Zweite: Da er dem Zimmer nicht die Farbe der Vase zu geben vermag, gibt
er der Vase die Farbe des Zimmers. Und schon stimmen beide überein.....
Was aber hat das mit dem Glauben und der Heiligen Schrift zu tun? Nun, ganz einfach:
Mischkins Beispiel zeigt, in welche Versuchung der Christ gerät, wenn er mit Gottes Wort
umgeht. Denn auch das Leben des Christen ist so etwas wie ein Zimmer, in dem eine
einzigartige Vase steht. Unser Leben ist der Raum, in dessen Zentrum das Evangelium
Jesu Christi steht. Und wie in jener Geschichte, so soll auch hier Übereinstimmung herrschen zwischen dem Evangelium, das den Maßstab abgibt, und dem Gläubigen, der sich
daran orientiert.
Doch wenn das nicht gelingt? Wenn man es nicht schafft, das eigene Christenleben nach
Jesu Wort und Wille zu gestalten? Wenn es uns geht, wie jenen russischen Malern, die
einfach nie den Farbton trafen? Dann kommen wir in Versuchung, es mit der Bibel zu
machen wie Mischkin mit der Vase: Da man die eigene, allzu menschliche Wirklichkeit
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nicht dem Ideal angleichen kann, gleicht man das Ideal der Wirklichkeit an. Da man dem
Zimmer nicht die Farbe der Vase geben kann, gibt man der Vase die Farbe des Zimmers.
Und das heißt: Man biegt sich Gottes Wort so zurecht, man verkürzt und ergänzt, interpretiert und relativiert es, bis es der eigenen Wirklichkeit entspricht. Man gleicht das
Evangelium den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen an. Man bringt die störende
Stimme zum Schweigen, indem man sie – „übersetzend“ und „interpretierend“ – den
eigenen Denkgewohnheiten anpasst. Und doch ist man am Ende nur ein betrogener Betrüger. Denn wer vor Gottes Wort die Ohren verschließt, schadet ja nicht ihm, sondern
nur sich selbst. Darum: Begehen wir nicht diesen Fehler. Benehmen wir uns nicht wie
Lehrer, die über Gottes Wort richten, sondern wie Schüler, die wissbegierig lauschen.
Denken wir Gottes Gedanken nach. Und erinnern wir gelegentlich auch die Theologen an
das, was ihnen die Reformatoren ins Stammbuch geschrieben haben:
„...es bleibt allein die heilige Schrift der einzige Richter, die einzige Regel und Richtschnur, nach der, als dem einzigen Probierstein, alle Lehren erkannt und beurteilt werden sollen und müssen, ob sie gut oder böse, recht oder unrecht sind.“ (FC
Ep.Summ.Begr.§7)
21. Historisch-kritische Exegese
Das biblische Wort ist nicht Gottes Wort allein, denn niedergeschrieben haben es Menschen, deren persönliche Eigenart und Arbeitsweise der Text erkennen lässt. Das biblische Wort ist aber auch nicht allein Menschenwort, denn Menschen finden sich darin
seit Jahrhunderten von Gott angeredet und zum Glauben überwunden. Die Bibel ist
demnach Gotteswort und Menschenwort zugleich – und sie ähnelt darin dem, von dem
sie berichtet. Denn Jesus Christus war auch Mensch und Gott zugleich, ohne dass seine
menschliche Natur die göttliche aufgehoben hätte (oder umgekehrt). Die historisch–
kritische Exegese verengt nun ihren Blickwinkel auf die menschliche Seite der Schrift,
indem sie es zum methodischen Grundsatz erhebt, die Texte nicht anders zu betrachten
und zu untersuchen als es Literaturwissenschaftler mit jedem antiken Text tun: Als
Menschenwerk. Historisch–kritische Exegese rekonstruiert die Entstehungsgeschichte
des Textes, indem sie das Wollen und Wirken der menschlichen Tradenten, Autoren und
Redakteure zum Thema macht. Sie untersucht die wechselnden Denkvoraussetzungen
und Aussageabsichten dieser Menschen, aus deren Zusammenspiel der heute vorliegende Text resultiert. Und falsch wäre daran gar nichts, wenn dieser Zugang zur Bibel nicht
allzu oft als der einzig angemessene, und dieser eine Aspekt als das Ganze ausgegeben
würde. Zweifellos fördert die historisch–kritische Exegese viel Wissenswertes zu Tage.
Doch handelt es sich eben nur um die „halbe Wahrheit“ (= die Bibel als Menschenwort),
während die andere Hälfte der Wahrheit (= die Bibel als Gotteswort) ausgeblendet
bleibt:
Man fragt, was die Evangelisten durch ihre Evangelien den eigenen Zeitgenossen sagen
wollten. Man fragt in der historisch–kritischen Exegese aber nicht, was Gott durch die
Evangelien zu uns sagen will. Man verbreitet sich in den Kommentaren über die vermuteten Intentionen vermuteter „Bearbeiter“. Doch wer sich in diesen Kommentaren über
die Aussageabsicht Gottes informieren wollte, würde vergeblich suchen. Denn historisch–kritische Exegese wird betrieben „etsi deus non daretur“ („als ob es keinen Gott
gäbe“). Und viele Vertreter der Disziplin halten gerade das für ein Kennzeichen ihrer
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„Wissenschaftlichkeit“. Leider vergessen sie dabei, dass der Grund, weshalb wir uns heute noch für die Bibel interessieren, nicht in dem liegt, was die Bibel mit der übrigen Literatur vergangener Epochen gemein hat, sondern in dem, was sie unterscheidet. Das
menschliche Wort der biblischen Autoren wäre längst vergessen, wenn nicht in, mit und
unter ihren Worten Gottes Wort hörbar würde. Nicht um ihretwillen, sondern um seinetwillen interessieren uns die Texte. Und darum ist die „menschliche“ Hälfte der
Wahrheit die bei weitem weniger wichtige.
An Jesus Christus interessiert uns ja auch nicht primär die menschliche Anatomie, die er
mit uns gemeinsam hat, sondern seine Gottessohnschaft, die ihn von uns unterscheidet.
Insofern muss man sagen, dass die historisch–kritische Exegese genau das ausblendet,
um dessentwillen die Bibel gelesen wird. Sie geht an den biblischen Text heran wie ein
Lebensmittelchemiker an Brot und Wein des Abendmahles. Natürlich findet er im Brot
das Mehl und im Wein den Alkohol und das Wasser. Niemand wird seiner Analyse widersprechen. Doch wegen Mehl und Wasser geht niemand zum Abendmahl, sondern wegen Christi Leib und Blut.
Wenn der Lebensmittelchemiker nun bekundet, dass er Christi Leib und Blut nicht finden kann, wird das die Teilnehmer des Abendmahles dann sehr beeindrucken? Wenn
eine Untersuchungsmethode das Wesentliche des untersuchten Gegenstandes nicht erfasst, ist das dann ein Fehler des Gegenstandes? Erweist er sich als beschränkt? Oder ist
die Reichweite der Methode beschränkt? Natürlich gilt Letzteres. Darum kann die historisch–kritische Arbeit als legitimer Teilaspekt der Exegese gelten – gewissermaßen als
eine Vorarbeit, der die Hauptsache noch folgen muss. Wird der Teilaspekt aber als das
Ganze präsentiert, und dieser Zugang als der alleinige, so verwandelt sich die halbe
Wahrheit in einen ganzen Irrtum.
22. Gesetz und Evangelium
Erinnern sie sich an die Vogelkinder, die man – selbst noch ein Kind – manchmal am
Wegesrand gefunden hat? Sie waren zu früh aus dem Nest gefallen, bei den ersten ungeschickten Flugübungen abgestürzt und saßen dann irgendwo im Gras: Eine leichte Beute
für die Katze. Als Kinder wollten wir diese Vögel natürlich nicht ihrem Schicksal überlassen. Wir hoben sie vorsichtig auf, um sie zuhause durchzufüttern. Aber man musste sehr
vorsichtig sein mit diesen halbstarken, halbreifen Vögelchen, denn sie blieben in der
Hand nicht einfach sitzen.
Sie flatterten immer wieder hoch hinauf, stürzten zu Boden und verletzten sich dabei
immer mehr. Man musste sie deshalb in ganz bestimmter Weise tragen: Mit einer Hand
darunter und einer Hand darüber. Nur so waren sie sicher, nur so – nach oben und nach
unten begrenzt – konnte man sie tragen.
Nun fragen sie sich vielleicht, warum ich das erzähle. Es hat einen einfachen Grund: Ich
meine, dass wir Menschen alle solche halbstarken, halbreifen Vögel sind. Und zwar nicht
nur die Jugendlichen, sondern ebenso die Erwachsenen. Wir alle sind in dieser doppelten Gefahr, dass wir immer wieder viel zu hoch hinaus wollen und dabei immer wieder
tief hinabstürzen. Die einen denken immer zu groß von sich, schmieden maßlose Pläne,
wollen einander übertrumpfen, steigen auf die Schultern ihrer Nachbarn und schauen
auf sie herab. Und die anderen, die von solchen Höhenflügen abgestürzt sind, verlieren
leicht jegliche Selbstachtung und verfallen in bodenlose Depression und Weinerlichkeit.
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Die einen sind dauernd damit beschäftigt, sich über ihre eigentliche Größe hinaus aufzublasen. Und die anderen hassen sich selbst und die Welt.
Bedarf es einer besonderen Erklärung, dass beide Haltungen Sünde sind? Selbstüberhebung ist Sünde, weil der Überhebliche den Rang nicht akzeptiert, den Gott ihm zugemessen hat. Und Verzweiflung ist auch Sünde, weil der, der sich selbst hasst, damit all das
Gute leugnet, das Gott in ihn gelegt hat.
Zu hoch hinaus – zu tief hinab: Das ist demnach nicht nur das Problem jener Vögel, die
bei den ersten Flugübungen abstürzen. Es ist unser aller Problem. Denn so groß die Zahl
der Aufgeblasenen in unserer Gesellschaft ist, so groß ist auch die Zahl derer, die ihr
Selbstwertgefühl verloren haben. Und viele wechseln zeitlebens von einem Extrem ins
andere. Daher drängt sich der Gedanke auf: Wir alle bräuchten zeitlebens so eine Hand
unter uns, die den Absturz verhindert, und eine Hand über uns, die den Höhenflug begrenzt. Wir bräuchten eine Instanz, die uns gleichermaßen mit realistischer Selbsterkenntnis und mit unverwüstlichem Selbstwertgefühl ausstattet. Gibt es diese Instanz?
Gibt es solche Hände?
Ja – zum Glück. Es sind Gottes Hände. Und sie können uns durch unser Leben tragen,
wie jene Kinderhände einen Vogel tragen. Denn Gottes Wort enthält die doppelte Botschaft von Gesetz und Evangelium – eine obere und eine untere Hand gewissermaßen:
Das strenge Gesetz Gottes ist über uns, damit wir uns nicht erheben in gefährliche Höhen, damit wir uns nicht erheben über unseren Mitmenschen und uns schon gar nicht
erheben über Gott. Das Gesetz erzwingt nüchterne Selbsterkenntnis, es lehrt uns, unsere
Grenzen realistisch zu sehen und auf dem Teppich zu bleiben. Es duldet nicht, dass wir
vor unserer Schuld und unserem Versagen die Augen verschließen, sondern hält uns all
die Gebote Gottes vor, gegen die wir verstoßen. So verhütet Gottes Gesetz alle Aufgeblasenheit und allen Übermut. Es schärft uns ein, dass wir uns Gott zu beugen und ihn zu
fürchten haben.
Und dennoch: Das Gesetz, Gottes Hand, die über uns ist, drückt uns nicht etwa in den
Staub hinunter. Denn unter uns ist die andere Hand Gottes, das Evangelium, das unseren Absturz verhütet, indem es uns Gottes Barmherzigkeit und Freundlichkeit zusagt.
Das Evangelium, die gute Nachricht von Gottes Gnade, ist fester Boden unter unseren
Füßen. Mögen da noch so viele Misserfolge und Selbstzweifel sein, mögen auch noch so
viele Mitmenschen auf unserem Selbstwertgefühl herumtrampeln, mag noch so viel
schief gehen im Leben – das Evangelium duldet dennoch keine Resignation und keine
Verzweiflung.
Vielmehr erwächst uns aus dem Evangelium ein unverwüstliches Selbstwertgefühl. Denn
dieses christliche Selbstwertgefühl ist unabhängig von den eigenen Erfolgen und Leistungen. Es kommt aus dem Bewusstsein, ein Kind Gottes zu sein. Das Evangelium gibt
uns darauf Brief und Siegel: Du bist bei Gott geliebt, bei Gott anerkannt, bei Gott wohl
angesehen – also lass die anderen schwatzen, was sie wollen...
Wer beide Worte Gottes hört und gelten lässt, wird nicht mehr zwischen Hochmut und
Verzweiflung hin- und herschwanken, wie es für den Unglauben typisch ist. Vielmehr
geben ihm Gesetz und Evangelium gemeinsam einen festen Rahmen, innerhalb dessen
unsere Selbsteinschätzung beides sein kann: Nämlich vorbehaltlos realistisch und illusionslos einerseits – getrost und zuversichtlich aber andererseits:
Ein Schüler fragte den Rabbi: „Was ist der Mensch?“ Dieser antwortete, er solle zwei Zettel nehmen: „Auf einen Zettel schreibe  Der Mensch ist nur Staub . Diesen Zettel sollst
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du in die linke Tasche stecken. Auf dem Zettel, den du in die rechte Tasche steckst, soll
stehen:  Gottes Odem habe ich in mir . Und nun, wenn du hochmütig zu werden
drohst, fasse in die linke Tasche, und du wirst daran erinnert, dass du sterblich bist und
dich nicht so wichtig nehmen darfst. Wenn du traurig bist, dann fasse in die rechte Tasche, und du wirst daran erinnert, dass Gott dein Leben will und es in seiner Einzigartigkeit kostbar ist.“
23. Der Absolutheitsanspruch des Christentums
Es ist nicht leicht zu sagen, was aus christlicher Sicht von Hinduismus und Islam, Judentum und Buddhismus, Natur- und Stammesreligionen zu halten ist. Denn man kann da
ganz unterschiedlicher Ansicht sein. Bestehen die anderen Religionen nur aus Lüge, Irrtum und Abgötterei, so dass man sie bekämpfen und ihre Anhänger um jeden Preis bekehren muss? Oder lebt in diesen Religionen vielleicht genausoviel Wahrheit wie im
Christentum, so dass man sich mit ihnen anfreunden und von ihnen lernen kann?
Beide Extrempositionen sind in der Geschichte der Kirche vertreten worden. Die letztere
aber erst zu späterer Zeit. Denn viele Jahrhunderte hindurch hat man die anderen Religionen ausschließlich als Irrwege betrachtet. Man sandte Missionare in die Welt, um die
Heidenvölker von ihrem Irrglauben zu bekehren, denn schließlich steht im Neuen Testament, dass einzig Christus der Weg ist, die Wahrheit und das Leben. Also, folgerte man,
können die Lehren Mohammeds und Buddhas nur Lüge sein. Die Lüge aber muss man
bekämpfen, und die Anhänger falscher Religionen muss man in ihrem eigenen Interesse
bekehren, weil es für ihre Seelen nur Rettung gibt, wenn sie zu Christus finden.
In der Annahme, es sei zu ihrem Besten, hat man viele Heiden zu ihrem Glück gezwungen. Und weil die christliche Missionare überzeugt waren, im Besitz der Wahrheit zu
sein, setzten sie das Evangelium manchmal auch mit Feuer und Schwert durch. Auf die
Dauer freilich konnte nicht verborgen bleiben, dass man sich mit diesen Methoden vom
Willen Jesu entfernt hatte. Und außerdem entdeckte man, dass die Religionen, die man
da bekämpfte, keineswegs alle primitiv, grausam und verachtenswert waren.
Im Gegenteil: Man staunte darüber, dass sie dem Christentum in manchem ganz ähnlich
und in manchem auch ebenbürtig waren. Und so war man sich seiner Sache plötzlich
nicht mehr ganz sicher. Im Zuge der Aufklärung erhob sich Kritik an der alten Missionsmentalität, und eine neue, positivere Einschätzung der fremden Religionen setzte sich
durch. Wir heute aber stehen am Endpunkt dieser Entwicklung und können beobachten,
dass die öffentliche Meinung inzwischen ins andere Extrem gekippt ist. Denn heute gehört es zum guten Ton, allen Religionen wenigstens ein bisschen Wahrheit zuzusprechen. Und eine Überlegenheit des Christentums zu propagieren, ist selbst unter Kirchenleuten verpönt. Man gibt sich lieber tolerant und setzt an die Stelle der Mission den sog.
interreligiösen Dialog.
Glauben nicht auch die Juden, Muslime, Hindus und Buddhisten irgendwie an denselben
Gott? – fragt man. Kann eine Religion beanspruchen „alleinseligmachend“ zu sein? Gibt
es nicht viele Wege, die zu demselben Ziel führen? Statt einander zu verdammen und
Religionskriege zu führen – so hört man –, sollten die Religionen Toleranz üben und
voneinander lernen! Und weil es den Dialog erleichtert, relativiert man die eigene Überzeugung als „eine unter vielen“. Wir haben unsere Wahrheit, aber die anderen haben ihre
Wahrheit. Um Wahrheit streiten mag man aber nicht mehr, denn inzwischen scheint es
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die Hauptsache zu sein, dass man überhaupt noch irgend etwas glaubt. Genug davon. Sie
können sich vorstellen, dass ich mit beiden Extrempositionen Probleme habe. Denn die
nichtchristlichen Religionen einfach zu verdammen, wie man es früher tat, ist sicher ungerecht. Sie aber mit dem Christentum auf eine Stufe zu stellen, wie es heute Mode ist,
scheint mir genauso übertrieben. Um aber zu einer ausgewogenen, biblisch begründete
Sicht der nichtchristlichen Religionen zu gelangen, meine ich, muss man vier Einsichten
festhalten:
1. Die nichtchristlichen Religionen entspringen nicht einfach menschlicher Willkür und
Phantasie, sondern auch sie verdanken sich dem Wirken und Sich-Bezeugen Gottes. Sie
sind einem Christen darum nicht völlig fremd.
Freilich: Wenn Gott sich ausschließlich in Christus offenbart hätte, und sonst überhaupt
nirgends begegnete, könnte man diese These kaum vertreten. Wir müssten die nichtchristlichen Religionen dann für Erfindungen der Menschen oder gar für Erfindungen
des Teufels halten – wir könnten kein positives Verhältnis zu ihnen gewinnen. Doch so
eng ist der Blickwinkel des Neuen Testamentes nicht. Denn es sagt deutlich, dass „Gottes
unsichtbares Wesen ... seit der Schöpfung der Welt aus seinen Werken ersehen wird.“
Und das heißt immerhin, dass auch die fremden Religionen aus einem Keim hervorgehen, den Gott gelegt hat. Allen Menschen dieser Welt hat er die Ahnung ins Herz gegeben, dass ein Gott über ihnen ist. Alle suchen nach dem, was mehr als menschlich ist.
Allen bezeugt sich Gott durch sein Schöpfungswerk. Und aufgrund dieses Zeugnisses ist
jedes Volk dieser Erde auf irgendeine Weise religiös.
In welchem Winkel der Erde sie auch leben mögen – sobald Menschen beginnen nachzudenken, können sie es nicht lassen inmitten des Endlichen nach dem Ewigen zu fragen.
Sie spüren, dass ein überlegener Wille ihre Geschicke lenkt. Sie versuchen durch Opfer
und Gebete diesen Willen freundlich zu stimmen. Und insofern sind alle Weltreligionen
Ausdruck der richtigen Erkenntnis, dass da ein Gott ist. Wenigstens insoweit ist in allen
Religionen ein Element der Wahrheit – wie verkehrt sie sonst auch sein mögen. Sie entspringen einem religiösen Grundbedürfnis, das Gott selbst seinen Geschöpfen eingepflanzt hat. Und es ist auch keineswegs so, dass fremde Religionen in ihrem Versuch,
Gott zu begreifen, immer nur irrten. Das ist das Zweite, was wir uns bewusst machen
sollten:
2. Auch in den nichtchristlichen Religionen findet sich unter vielen Irrtümern manche
sehr respektable Wahrheit, die man ohne falschen Neid anerkennen sollte.
Gott hat den Religionen der Welt viele Einsichten geschenkt, die wir als Christen mit
ihnen teilen. Mit Juden und Muslimen gemeinsam glauben wir, dass es nur einen Gott,
den Gott Abrahams gibt. Die Buddhisten wissen auf ihre Weise sehr Zutreffendes zu sagen über das, was wir Sünde nennen. In vielen Religionen gibt es eine ernste Suche und
Sehnsucht nach Erlösung. Viele wissen um Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Und viele
Religionen vertreten ethische Positionen, die den christlichen vergleichbar sind. Da ist
also keineswegs nur Lüge und Irrtum, da ist auch viel Wahrheit dabei. Und über diese
Wahrheitsmomente bei den anderen dürfen wir uns durchaus freuen. Nur – das ist meine dritte These: Die anderen Religionen deswegen mit dem Christentum auf eine Stufe
zu stellen, ginge wiederum zu weit.
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3. Wie viel Wahrheit andere Religionen auch enthalten mögen, so fehlt ihnen ohne
Christus doch der Zugang zu Gott, den sie haben müssten, um ihren Anhängern das Heil
zu vermitteln.
Die Religionen gehen zwar alle zurück auf Gottes allgemeine Offenbarung in Natur und
Geschichte. Sie verkennen aber und ignorieren Gottes besondere Offenbarung in Jesus
Christus. Und weil ihnen Christus fehlt, fehlt ihnen das Entscheidende. Denn er ist der
Schlüssel, der den Himmel öffnet. Er allein ist der Zugang zu Gott, nach dem alle Religionen suchen. Und wo sie achtlos an ihm vorübergehen, kommen sie nicht zum Ziel.
Denn etwas von Gott zu ahnen, heißt schließlich noch nicht, ihn zu erkennen. Gott zu
suchen, heißt noch nicht, ihn zu finden. Gott Opfer darzubringen, heißt noch nicht, mit
ihm versöhnt zu sein. Und sich nach Erlösung zu sehnen, heißt noch nicht, dieser Erlösung teilhaftig zu werden.
Das alles geht nur in Christus. Denn Christus sagt von sich selbst gerade nicht, dass er
ein Weg unter vielen sei. Er beansprucht, dass er allein der Weg, die Wahrheit und das
Leben ist. Und wollen wir das nicht leugnen, so geht es nicht an, dass Christen das Christentum anderen Religionen gleichstellen – als eine Möglichkeit unter anderen. Auch
wenn das eine sympathisch tolerante Ansicht zu sein scheint, können wir sie nicht
übernehmen:
4. Wenn nichtchristliche Religionen nicht zum Heil führen, können sie mit dem Christentum auch nicht auf eine Stufe gestellt werden.
Sie haben gewiss dasselbe Ziel – aber sie erreichen es nicht. Und viel mehr als die gute
Absicht kann man ihnen als Christ nicht zubilligen. Denn wenn man genauso gut durch
Buddha, Mose oder Mohammed selig werden könnte, wäre Jesu Leben, Leiden, Sterben
und Auferstehen ja unnötig gewesen. Ginge es auch anders, so wäre überhaupt nicht einzusehen, warum Gott den schweren Weg des Kreuzes gegangen sein sollte!
Wer alle Religionen für gleich „gültig“ hält, hat darum den Boden des Neuen Testamentes verlassen. Wer dagegen am Neuen Testament festhalten will, kann den Fremdreligionen – bei allem Respekt – immer nur ein begrenztes Recht zugestehen. Sie kennen die
Aufgabe, aber sie können sie nicht lösen. Sie sind wohl Schritte in die richtige Richtung,
die Vollendung des Weges aber ist Christus. Sie sind Ausdruck eines natürlichen Hungers
nach Gotteserfahrung, satt werden kann man aber nur durch das Evangelium.
Darum, meine ich, sollten wir in unserem Verhältnis zu den anderen Religionen Paulus
folgen, der uns in dieser Sache ein gutes Beispiel gegeben hat. Als der Apostel das Evangelium ins heidnische Athen brachte, fand er dort eine ganze Stadt voller Götterbilder
und Altäre. Die verschiedensten Gottheiten wurden in Athen verehrt. Und aus Angst,
man könnte einen der vielen Götter vergessen haben, opferte man auf einem besonderen
Altar sogar „dem unbekannten Gott“.
Paulus aber beginnt seine Verkündigung in Athen nicht damit, dass er die Religiosität der
Athener in Bausch und Bogen verdammt. Und er beschränkt sich auch nicht darauf, den
Gott Jesu Christi gleichberechtigt neben andere Götter einzureihen. Sondern er knüpft
an die vorhandene Religiosität kritisch an und verkündet den Athenern Jesus Christus als
den unbekannten Gott, den sie bisher unwissend verehrten. Gott, sagt er ihnen, hat euch
eine Sehnsucht ins Herz gegeben, damit ihr ihn suchen sollt, ob ihr ihn vielleicht fühlen
und finden könnt. Nun aber ist die Stunde gekommen, da ihr nicht mehr vergeblich suchen und im Nebel stochern müsst mit euren heidnischen Religionen und euren hundert
Altären. Nun ist die Stunde da, dass ihr den wahren Gott finden könnt, weil ich ihn euch
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bezeuge. Denn er heißt nicht Jupiter oder Zeus, Ischtar, Baal oder Astarte – sondern er
heißt Jesus Christus! Gebe Gott, dass wir diese Botschaft hören und sie weitersagen an
die, die anders glauben. Auf dass wir niemanden wegen seines Glaubens verdammen,
alle aber einladen, in Christus zu finden, was sie, ohne es zu wissen, schon immer gesucht haben.
24. Wissenschaft, Vernunft und Zweifel
Die Frage nach der „Wahrheit“ ist heute schwerer zu beantworten als je zuvor. Und dass
nicht nur, weil in unserer Zeit strittig ist, welche Weltanschauung oder Religion die
Wahrheit für sich in Anspruch nehmen kann – das war immer strittig –, sondern weil
schon keine Einigkeit darüber besteht, was Wahrheit überhaupt ist. Ob es nur eine
Wahrheit gibt, oder vielleicht ganz viele, ob jeder seine eigene hat, oder ob sie die Konvention einer Gruppe ist, ob es Wahrheit vielleicht gar nicht gibt, und ob sie, wenn es sie
gibt, vom Menschen erkannt werden kann – das alles ist höchst umstritten. Fragen sie
fünf Gelehrte und sie bekommen zehn verschiedene Meinungen. Die Suche nach der
Stecknadel der Wahrheit im Heuhaufen der vielen Behauptungen ist dementsprechend
mühsam. Aber andererseits: Können wir die Wahrheitsfrage auf sich beruhen lassen,
wenn wir doch Kinder haben, denen wir beibringen sollen, „richtig“ und „falsch“ zu unterscheiden?
Manch einer gibt sich gern tolerant und sagt: „Mein Kind kann glauben und denken, was
es will!“ Doch wenn das Kind von dieser Freiheit dann Gebrauch macht und einer finsteren Sekte beitritt – dann ist es mit der Toleranz meist schnell vorbei, und der Streit um
die Wahrheit reicht plötzlich bis in die Familie hinein. Denn was sagen wir, wenn die
Tochter einen strengen Muslim oder einen Zeugen Jehovas als künftigen Schwiegersohn
präsentiert? Wie gehen wir damit um, wenn ein Familienmitglied plötzlich vom Buddhismus fasziniert ist und Meditationszentren besucht? Was machen wir, wenn die eigenen Kinder erklären, sie hätten erkannt, dass es Gott gar nicht gibt? Regen wir uns dann
auf, streiten und argumentieren wir? Üben wir uns einfach in großherziger Toleranz oder
schimpfen wir auf die modernen Zeiten, die so große Verwirrung unter den Menschen
angerichtet haben?
Eins scheint hier so sinnlos wie das andere. Denn wir können unseren Kindern ja nicht
Augen und Ohren verschließen, um sie vor der Verwirrung zu bewahren, die aus der Begegnung mit fremden Glaubensweisen resultiert. Mit Scheuklappen durch die Welt zu
gehen würde ihnen mehr schaden als nützen. Und wir können auch nicht erwarten, dass
die Kinder unseren christlichen Glauben ungeprüft übernehmen – bloß weil wir uns das
wünschen.
Nein! Wir müssen ihnen schon das Recht zugestehen, zu fragen, ob’s denn auch wahr ist,
was wir da glauben. Sie haben ein Recht, zu prüfen, ob sich nicht anderswo größere
Wahrheit findet. Was aber, wenn wir dabei Sorge haben, das christliche Bekenntnis würde vielleicht im babylonischen Stimmengewirr untergehen? Was, wenn falsche Propheten Einfluss auf unsere Kinder gewinnen? Sollen wir dann einfach zuschauen? Weil ich
weiß, wie vielen Eltern diese Dinge Kummer bereiten, möchte ich vier Dinge empfehlen:
Nämlich die eigenen Zweifel zuzulassen (1.), darauf zu vertrauen, dass die Wahrheit sich
selbst durchsetzt (2.), die Suchenden nicht zu bremsen, sondern zu ermutigen (3.), und
für die christliche Wahrheit zu werben, indem man sie lebt (4.).
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1. Die eigenen Zweifel zuzulassen, ist wichtig, weil sie möglicherweise der Kern des Problems sind. Warum fühlt sich denn einer bedrängt von der Fülle fremder Glaubensweisen
um ihn her? Doch nicht bloß, weil es sie gibt, sondern weil in ihm selbst irgendwo ein
leiser Verdacht ist, sie könnten Recht haben. Wir schimpfen dann zwar auf die Sekten
und die Esoterik, auf die radikalen Islamisten und die rechten Rassisten, die unsere Jugend gefährden. Doch ist dieser nach außen gerichtete Ärger oft Ausdruck eigener Verunsicherung. Und bei Lichte besehen, müssen wir uns eingestehen, dass nicht die Zeugen
Jehovas das Problem sind, nicht die Scientologen und die Atheisten, sondern dass die
Schwäche unseres eigenen Glaubens das Problem ist – weil nur unsere Schwäche jene
Verführer stark und interessant erscheinen lässt.
Warum schließlich scheut jemand die Konfrontation seines Glaubens mit einem fremden
Glauben? Ist es nicht deshalb, weil er insgeheim befürchtet, sein christlicher Glaube
würde dem Vergleich nicht standhalten? Warum empfinden wir denn die Konkurrenz
des Islams, des Buddhismus oder der Scientologen als bedrohlich? Ist es nicht allein darum, weil wir unserer Sache nicht so sicher sind, wie wir es vorgeben?
2. Haben wir uns das erst einmal eingestanden, so gilt es den inneren Widerspruch in
dieser Haltung zu erkennen. Denn wer seine Kinder glaubwürdig erziehen will, muss im
Blick auf den eigenen Standpunkt Gewissheit haben. Wie aber kann jemand Gewissheit
gewinnen, wenn er seine Zweifel nicht überwindet? Wie aber soll er seine Zweifel überwinden, wenn er ihnen ständig ausweicht? Wer vor den eigenen Zweifeln davonläuft,
wird sie nicht los!
Will er hingegen Gewissheit finden, so muss er dem Glauben Gelegenheit geben, sich zu
bewähren, muss die kritischen Fragen an sich heranlassen, und sich dem Gespräch mit
Anders- oder Ungläubigen aussetzen. Der Glaube kann sich schließlich nur als tragfähig
erweisen, wenn man ihn solchen Belastungsproben unterzieht. Und davor zurückzuschrecken, wäre gerade kein Vertrauensbeweis.
Denn es gibt in dieser Sache nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist das Evangelium Lug
und Trug und Täuschung – dann kann ich nur froh sein, von meinem Irrtum befreit zu
werden. Oder es ist wahr, was wir als Christen glauben – und dann wird es sich auch als
wahr und verlässlich erweisen. Egal also, wie die Infragestellung meines Glaubens ausgeht – es wird ein gutes Ergebnis sein. Denn entweder werde ich von einem Irrtum befreit. Oder ich werde in meinem Glauben gefestigt. So oder so komme ich der Wahrheit
näher. Warum also sollten wir unseren Glauben vor dieser Feuerprobe ängstlich schützen
wollen?
Ich empfehle stattdessen – gerade im Gespräch mit Kindern und Jugendlichen! – mit allergrößter Gelassenheit darauf zu vertrauen, dass sich die Wahrheit von selbst durchsetzt. Denn wenn die christliche Botschaft die Stimme der Wahrheit ist (ja, wenn sie Gottes eigene Stimme ist!), wer könnte sie dann hindern, immer wieder durchzudringen?
Keiner kann‘s. Auch die falschen Propheten vermögen nur, die Wahrheit zeitweise zu
verdunkeln und zu vernebeln. Sie vermögen nicht, sie zu ändern. Und darum gilt: Ist das
Evangelium wahr, so kann es gar nicht untergehen. Da mögen die Lügen kurze oder lange
Beine haben – sie müssen doch irgendwann an der Wirklichkeit zerschellen und müssen
dann den Blick freigeben auf das Evangelium, das immer unbeschadet bleibt und sich
bewährt, wie hart man es auch prüfen mag.
M.a.W.: Es liegt im Wesen unseres Glaubens, dass er die Wahrheit nicht fürchten muss –
und nicht einmal fürchten kann. Denn wenn der Gott, an den wir glauben, der Grund
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aller Wirklichkeit ist, dann kann der, der in Wahrheit den Grund aller Wirklichkeit sucht,
nie etwas anderes finden als Gott. Ist Gott selbst die Wahrheit, so können wir uns, wenn
wir uns der Wahrheit nähern, unmöglich von Gott entfernen.
3. Geben wir also unserem Glauben Gelegenheit, sich zu bewähren. Prüfen wir ohne
Scheu, ob’s denn auch wahr ist. Und ermuntern wir auch unsere Kinder dazu. Denn
wenn einer auszieht, um nach der Wahrheit zu forschen – sollten wir ihn dann ängstlich
zurückhalten, als wäre außerhalb der Kirchenmauern nicht mehr Gottes Land? Nein. Gott
ist der Grund der Wirklichkeit, dessen ein Mensch zwangsläufig angesichtig wird, wenn
er Irrtum, Trug und falschen Schein hinter sich lässt. Darum dürfen wir ganz gelassen
sein, wenn jemand aufbricht ins Land der Vernunft, der Forschung und der kritischen
Reflektion. Und statt ihn zu bremsen, sollten wir ihn sogar darin bestärken, dass er möglichst kritisch, vorbehaltlos und radikal alles prüfen – und nur das Beste behalten soll.
Denn wenn einer von seiner Vernunft konsequent Gebrauch macht, wird die Vernunft
selbst ihn dahin führen, wo die Vernunft an ihre Grenzen stößt und auf den Glauben
verweist. Und wenn er alle Religionen dieser Welt kennenlernt, so wird er doch keine
finden, die tiefer von Gottes Zorn und Gottes Liebe zu zeugen vermag als das Christentum. Warum also sollten wir Mauern errichten, um unseren Glauben abzuschotten? Hat
er das nötig? Was könnte die Wahrheit gefährden, welche Konkurrenz müsste sie fürchten, welchen Vergleich scheuen? Vertrauen wir ruhig auf die Selbstdurchsetzungskraft
der Wahrheit, die keine Reservate braucht, keine Krücken und keine Empfehlungsschreiben, sondern selbst die Kraft hat, Menschen zu entwaffnen und zu überführen, bis sie
eingestehen, dass Christus der Weg ist, die Wahrheit und das Leben.
Das Original muss den Vergleich mit der Kopie nicht scheuen, sondern umgekehrt. Darum gibt es für Christen keinen Grund, wegen konkurrierenden Wahrheitsansprüchen
verunsichert zu sein. Bleiben wir lieber gelassen in der Gewissheit, dass Christus das
letzte Wort behalten wird. Und wenn wir das Bedürfnis haben, diese Gewissheit an andere weiterzugeben – und insbesondere an unsere Kinder – dann hüten wir uns davor, sie
zur Erkenntnis der christlichen Wahrheit überreden oder drängen zu wollen. Sondern
werben wir lieber für die Wahrheit, indem wir in der Wahrheit leben und dabei die
Wahrheit nicht bloß sagen, sondern die Wahrheit praktizieren.
4. „Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit“ – so sagt es der
Psalmbeter. Ist aber jemandem nicht klar, wie man das macht – „wandeln in der Wahrheit“ – so muss er sich nur darauf besinnen, was Wahrheit ist, nämlich: Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Oder weiß das nicht jeder? Was ich sage oder denke ist wahr,
wenn meine Gedanken übereinstimmen mit dem tatsächlich gegebenen Sachverhalt. Ein
Satz ist wahr, wenn das, was er sagt, auch der Fall ist. Wahrheit ist Übereinstimmung mit
Wirklichkeit. Wenn aber Gott der Grund aller Wirklichkeit ist, und so das Wirklichste in
allem Wirklichen, dann muss doch wohl Wahrheit Übereinstimmung mit Gott sein. Und
diese Übereinstimmung eines Menschen mit Gott nennt man „Glaube“.
„Leben in der Wahrheit“ heißt also leben in Entsprechung zu Gott. Und solche Entsprechung erschöpft sich nicht in wahren Gedanken, sondern sie will unser ganzes Leben mit
Wahrheit erfüllen. Unser Handeln soll dem Gebot Gottes entsprechen, und unser Wünschen dem Willen Gottes. Unsere Buße soll so ernst sein wie Gottes Gericht, und unsere
Hoffnung soll so groß sein wie Gottes Verheißungen. Unser Vertrauen soll so fest sein
wie Gottes Treue, und unsere Freude so tief wie Gottes Liebe zu uns. Dann nämlich le103
ben wir in Wahrheit, dann leben wir in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit Gottes –
und dann erfüllt sich an uns, was Jesus im Johannesevangelium sagt, dass nämlich die
Wahrheit uns frei machen wird!
25. Die Unerforschlichkeit Gottes
Was tut ein Mensch, wenn etwas „Neues“ in seinen Gesichtskreis tritt? Wie verhalten
wir uns, wenn Unbekanntes im Horizont unseres Lebens erscheint? Nun: Gewöhnlich
nähern wir uns der Sache vorsichtig und absichtsvoll. Wir betrachten das Objekt von verschiedenen Seiten, um herauszufinden, worum es sich handelt. Wir prüfen und untersuchen. Wir beobachten und testen. Wir tun das aber nicht aus reiner Neugier. Nein. Unser
„Forscherdrang“ hat ganz praktische Gründe. Denn der Mensch, dem etwas „Neues“ begegnet, will herausfinden, welche Rolle es in seinem Leben spielen könnte. Gehen etwa
Gefahren davon aus? Oder liegen Chancen darin verborgen? Ist sein Verhalten berechenbar? Kann man es als Werkzeug benutzen? Ist es meinen Absichten im Weg? Oder könnte
es wertvoll sein?
Egal ob es sich um eine Person handelt, um eine Idee, einen Gegenstand oder etwa eine
neue Gesetzgebung – unser Interesse ist stets darauf gerichtet, nutzbringende Informationen zu sammeln. Wir versuchen das Objekt möglichst umfassend zu erkennen, um es in
Erfolg versprechender Weise in unser eigenes Lebenskonzept einbauen zu können. Wir
setzen es zu den eigenen Wünschen und Zielen in Beziehung. Wir prüfen, inwiefern es
sie fördert oder hindert. Und wir entwickeln aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse
neue Strategien des Handelns. Menschliches Erkennen ist darum nie „zweckfrei“ und
Forschung nie „absichtslos“. Vielmehr soll sie uns das Wissen verschaffen, das wir brauchen, um die uns umgebende Welt möglichst erfolgreich beeinflussen und steuern zu
können.
Wir studieren die Naturgesetze, um uns ihrer bedienen zu können. Wir studieren die
menschliche Psyche, um das Verhalten unserer Mitmenschen besser vorhersehen zu
können. Wir studieren die Regeln des Marktes, um Gewinn bringend investieren zu können. Das alles ist normal. Und im Blick auf die uns umgebende Welt ist es auch ganz unproblematisch. Nur: Was geschieht, wenn wir uns in derselben Weise Gott zuwenden?
Wir tun das mit großer Selbstverständlichkeit. Denn warum sollte man vom bewährten
Verhaltensmuster abweichen? Wenn Gott da ist, so wollen wir auch diesen „Faktor“ in
unsere Pläne einkalkulieren. Und um das tun zu können, muss man ihn möglichst genau
kennen. Also macht der Mensch „Gott“ zum Objekt seiner Studien. Er prüft, inwiefern
ihm „Gott“ nützen oder schaden könnte. Und er tut das – wie gewohnt – in der Absicht,
auch den Faktor „Gott“ in die eigenen Strategien einzubeziehen. Vielleicht kann man ja
durch Gebete und Opfer auf Gott einwirken? Vielleicht kann man sich mit ihm verbünden? Vielleicht kann man ihn durch gute Taten günstig stimmen? Vieles, was die Menschen „Religion“ nennen, hat nur diesen einen Zweck: Nämlich mit Hilfe göttlicher Kräfte die eigenen Pläne zum Ziel zu führen.
Doch dazu muss man Gott kennen. Und darin liegt eine große Schwierigkeit. Denn Gott
lässt sich ja nicht testen, messen oder wiegen. Er ist kein totes Objekt, das man unters
Mikroskop legen könnte. Er entzieht sich unseren Experimenten. Und er gibt auch keine
Interviews. Er lässt sich nicht wie eine Laborratte manipulieren. Und er lässt sich nicht
nach Art einer chemischen Verbindung analysieren. Mit anderen Worten: Die Methodik,
104
mit der wir uns anderen Teilen unserer Lebenswelt erfolgreich nähern, lässt sich auf
„Gott“ nicht anwenden. Unser gewohntes Instrumentarium ist diesem Gegenstand nicht
angemessen. Und was noch schlimmer ist: Der „Gegenstand“ Gott erweist sich bei näherer Betrachtung als ein lebendiges Gegenüber, das sich nicht in die Rolle eines „Studienobjektes“ fügt. Wenn wir von ferne beginnen, etwas von ihm zu begreifen, dann ist es
seine Unbegreiflichkeit. Es ist Teil seines Wesens „un – erforschlich“ zu sein. Und je näher wir ihm kommen, desto mehr kehrt sich die Rollenverteilung um.
Der Mensch, der ausgezogen war, um das Phänomen „Gott“ zu beschauen, bemerkt plötzlich, dass das „Phänomen“ ihn anschaut. Statt unsere Fragen zu beantworten, hinterfragt
Gott uns. Er lässt sich nicht prüfen, sondern er prüft. Und der Mensch, dem das bewusst
wird, schreckt zurück. Denn je näher er Gott kommt, desto mehr nimmt ihm Gott das
Heft aus der Hand. Der Mensch wollte etwas über Gott in Erfahrung bringen. Doch plötzlich erfährt er ganz viel über sich selbst: Er erkennt Gottes Heiligkeit und erschrickt über
die eigene Schuld. Er erkennt Gottes Ewigkeit und erschrickt über die eigene Vergänglichkeit. Er erkennt Gottes Gebot und erschrickt über die eigene Verantwortung. Gotteserkenntnis schlägt um in überraschende Selbsterkenntnis. Und diese Selbsterkenntnis entwickelt eine unliebsame Dynamik. Denn der Mensch spürt, dass er die Kontrolle
verliert. Er spürt, dass die Nähe Gottes sein Denken und sein Leben völlig verändert. Und
er zweifelt, ob er das zulassen will. Denn wenn Gott wirklich der „Herr“ ist, dann sind
wir es ja nicht mehr.
Die Neugier auf „Gott“ beginnt an dieser Stelle gefährlich zu werden – gefährlich für unser Weltbild, in dem das „Ich“ beherrschend im Mittelpunkt steht. Und wenn man nicht
die Notbremse zieht, dann „kippt“ die ganze Situation. Denn aus dem unverbindlichen
Nachdenken über Gott wird dann eine Begegnung, in der nicht mehr „Gott“ das Objekt
meiner Betrachtung ist. Vielmehr entdecke ich, dass ich von Anbeginn meines Daseins
an ein Objekt seiner Betrachtung bin. Und die Frage ist plötzlich nicht mehr, was ich
über Gott, sondern was er über mich denkt.
Das ist eine beunruhigende Frage. Und doch: Erst wenn ich diese Frage zulasse, nähere
ich mich der Wahrheit. Denn Gott ist tatsächlich ein „Gegenstand“, der erst erkannt ist,
wenn wir uns von ihm erkannt wissen. Da suchen wir dann nicht mehr, sondern wissen
uns gefunden. Da durchschauen wir nicht, sondern wissen uns durchschaut. Und erst in
dem Moment, wo wir dieses „Wissen“ zulassen, erst wenn wir Gottes auf uns gerichteten
Blick aushalten, haben wir begonnen zu glauben...
Freilich: Viele Menschen lassen es so weit nicht kommen. Sie interessieren sich für Gott
nur so lange, wie sie hoffen, ihn nutzbringend in ihr bestehendes Lebenskonzept einbauen zu können. Wenn sie aber merken, dass er dieses Lebenskonzept umkrempeln
würde, schrecken sie zurück. Sie spüren, dass sie in der Begegnung mit Gott nicht „souverän“ und „autonom“ bleiben könnten. Sie müssten seine Überlegenheit anerkennen.
Sie wären auf seine Gnade angewiesen. Sie müssten seinen Plänen Vorrang einräumen
vor den eigenen. Und das wollen sie nicht. Darum gehen sie bald wieder auf Distanz und
nehmen wieder die Rolle des kritischen Betrachters ein, der einen „Gegenstand“ untersucht.
Bevor Gott ihnen zu nahe kommt, berufen sie sich laut auf allerhand Zweifel (die man ja
wohl haben darf!) – und reduzieren damit Gott wieder auf eine ungefährliche, diskutable
Größe. Denn solange die Prüfung seiner Ansprüche nicht abgeschlossen ist, kann ja niemand erwarten, dass man diesen Ansprüchen genügt. „Die Sache mit Gott“ bleibt dann
in der Schwebe. Und der Mensch, der diese schwebende Skepsis zur Lebenshaltung
105
macht, hat sich erfolgreich vor Gott in Sicherheit gebracht. Nur leider: Er bleibt auf diese
Weise ein „Trockenschwimmer“, der am Beckenrand steht und über das Schwimmen
diskutiert, ohne jemals nass zu werden.
Statt zu glauben, denkt er über den Glauben nach. Statt religiös zu sein, spielt er mit der
Möglichkeit der Religion. Und statt mit Gott zu reden, redet er „über“ ihn. Das führt natürlich zu nichts. Es ist unfruchtbar. Und darum kann man nur alle Menschen ermutigen,
den Weg der Erkenntnis zu Ende zu gehen.
Wir stoßen dabei zwar an unsere Grenzen. Wir erfahren, dass Gott ein „Gegenstand“ ist,
dessen wir uns nicht erkennend bemächtigen können, der sich vielmehr unser bemächtigt. Aber wo wir das zulassen, da betreten wir das Land des Glaubens – und begreifen,
wie die Rollen in Wahrheit verteilt sind: Nicht wir integrieren Gott in unsere Pläne, sondern er integriert uns in seine. Und die zentrale Frage unseres Lebens ist darum auch
nicht, was wir über ihn denken, sondern was er über uns denkt.
26. Theologie
Es gibt im Neuen Testament einen Vers, der mir persönlich wichtig ist, weil er die Aufgabe der Theologie und der Theologen beschreibt. Petrus sagt nämlich: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ (1. Petr 3,15)
Nun gilt diese Aufforderung nicht nur Pfarrern, sondern allen Christen. Jeder Christ ist
gefordert, mit Wort und Tat für seinen Glauben einzustehen. Die Theologen aber machen das beruflich und machen es zu ihrer Lebensaufgabe, damit jene „Rechenschaft vom
Glauben“ auf professionelle und glaubwürdige Weise gegeben wird.
Theologie verantwortet den Glauben nach außen hin, indem sie sich erklärend und argumentierend den kritischen Fragen der Nicht-Gläubigen stellt. Und sie verantwortet
den Glauben genauso nach innen, indem sie den Gläubigen hilft, sich ihrer Glaubensgrundlagen immer wieder zu vergewissern und das Evangelium immer besser zu verstehen. Theologie beschreibt die Grenze, wo biblischer Glaube aufhört und Irrglaube anfängt. Und sie beschreibt das verbindliche Bekenntnis der Kirche, in dem alles öffentliche Predigen übereinstimmen muss. Theologie versucht Gottes Gedanken nachzudenken und nach-zuvollziehen, um die Weisheit des biblischen Wortes immer tiefer zu
durchdringen. Und sie formuliert die christliche Wahrheit immer wieder neu in der
Sprache der jeweiligen Zeit, damit auch nachwachsende Generationen darin die ewige
Wahrheit erkennen.
Denn wie könnte jemand an Jesus Christus glauben, wenn er nicht von ihm gehört hätte?
Wie aber sollte er von ihm hören, wenn Christen nicht von ihm redeten? Und wie sollten
die verständlich von Jesus reden, wenn sie seine Botschaft selbst nicht verstanden und
gründlich durchdacht hätten?
Nur wer für sich selbst Klarheit hat, kann anderen ein klares Zeugnis geben! Und das
dazu nötige gründliche Durchdenken des Glaubens, in dem sich die Christenheit ihrer
Grundlagen vergewissert, diese kritische Selbstprüfung nennen wir Theologie! Wenn sie
gut und sorgfältig betrieben wird, ist das eine ebenso schöne wie notwendige Beschäftigung. Denn Theologie ist die Art, wie der Glaube über sich selbst nachdenkt. Und wenn
deswegen auch nicht jeder Christ Theologie studieren muss, kann Kirche diese Form der
Selbstprüfung doch aufs Ganze gesehen nicht entbehren. Wie der einzelne Mensch hat
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auch die Kirche Selbstreflektion nötig, damit sie bei ihrer Sache bleibt. Und darum ist es
gut, wenn sich immer wieder junge Christen auf die Theologie einlassen und im Studium
lernen, stellvertretend für andere auf wissenschaftlichem Niveau der Aufforderung des 1.
Petrusbriefes Folge zu leisten: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der
von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“
Stellvertretend für andere setzen sich Theologen vielen Fragen und Zweifeln aus und
lassen ihren Glauben durch eine Feuerprobe kritischer Hinterfragung gehen, damit sie
nach dieser Belastungsprobe das, was sich bewährt und als verlässlich erwiesen hat, an
die Gemeinden weitergeben können. Ja, Theologen lernen, mit den Waffen des Verstandes für die Ehre Gottes einzutreten!
Wenn darin aber ihr Geschäft besteht, das Evangelium gedanklich zu durchdringen, es zu
verteidigen und es jedermann verständlich darzulegen – warum hat die Theologie dann
einen so zweifelhaften Ruf? Warum sind viele Christen völlig desinteressiert an theologischen Fragen? Und warum wird Theologie als Wissenschaft weniger ernst genommen als
etwa Physik?
Ich fürchte, die Antwort ist recht einfach. Viele Menschen haben den Eindruck, in der
Theologie ginge es nicht um greifbare Fakten, sondern bloß um die persönlichen Meinungen und Vorlieben der Pfarrer. Sie haben den Eindruck, in der Theologie sei alles
Ansichtssache, und beim Gezänk der Theologen komme wenig Handfestes heraus, weil
die Spielräume der Interpretation allzu groß sind. Und den feinen Unterschieden auf den
Grund zu gehen, haben die Laien schon deshalb keine Lust, weil Theologen oft so kompliziert, so abgehoben und unverständlich reden. Es scheint, als könnten da nur Spezialisten mitdiskutieren,
und der Laie traut sich darum kein Urteil zu. Doch ist das gleichermaßen schlecht für den
Christen, der dann unmündig bleibt, wie für die Theologie, die ihre Bodenhaftung verliert. Denn wie wir als Kirche Rechenschaft geben von unserem Glauben, und wie wir ihn
vor der Welt verantworten, das darf uns nicht egal sein. Jeder Christ ist berufen, in seinem Alltag ein Zeuge Jesu zu sein und Jesu Botschaft weiterzusagen. Aber niemand kann
glaubhaft vertreten, was er selbst nicht recht versteht. Und es wird sich auch keiner, der
uns von Gott reden hört, auf den Glauben einlassen, wenn er dabei den Eindruck gewinnt, das mit dem Evangelium sei alles ziemlich vage, sei „Ansichtssache“ und in der
Auslegung ganz ungewiss. Nein! So darf das nicht sein!
Denn wenn es in Theologie und Kirche mit rechten Dingen zugeht, bleibt es nicht dem
persönlichen Geschmack der Pfarrer überlassen, welche Botschaft sie zu verkündigen
Lust haben, sondern dann gibt es durchaus gute Theologie und schlechte Theologie. Und
auch ein Laie kann das eine vom anderen unterscheiden, wenn er den richtigen Maßstab
anlegt und sich die Merkmale theologischer Qualität bewusst macht.
Jeder Metzger kann sagen, was eine gute Wurst ausmacht. Jeder Mechaniker erkennt einen guten Gebrauchtwagen. Und auch für gute Theologie gibt es Qualitätsmerkmale!
Denn um ihre Aufgabe zu erfüllen und überzeugend Rechenschaft vom Glauben zu geben, muss Theologie (1.) „schriftgemäß“ sein, (2.) „zeitbezogen“ und (3.) „widerspruchsfrei“.
(zu 1.)
Der erste dieser drei Punkte, leuchtet wohl unmittelbar ein. Theologie muss „schriftgemäß“ sein. Denn da Menschen von Gott nur wissen können, was er sie in seiner Offenbarung hat wissen lassen, muss alle Theologie am Neuen Testament als der Urkunde die107
ser Offenbarung gemessen werden. Mehr als da drin steht, wissen wir nicht von Gott,
was aber drin steht, das dürfen wir keinesfalls ignorieren. Und gute Theologie wird sich
darum ebenso hüten, zu Gottes Selbstzeugnis etwas hinzuzudichten, wie etwas wegzulassen. Es gilt von Gott weder zu viel zu sagen, noch zu wenig, sondern genau das, was er
uns hat wissen lassen als er sich in Christus offenbarte. Nicht eigene Gedanken hat der
Theologe auszubreiten, sondern das Selbstzeugnis Gottes. Und „schriftgemäße“ Theologie orientiert ihre Glaubenslehre darum so eng an der biblischen Botschaft, dass deren
Gesamtheit unverkürzt und unverfälscht aufgenommen, und Jesus Christus als die alles
bestimmende „Mitte der Schrift“ zur Geltung gebracht wird. Theologen haben weder den
Auftrag noch die Freiheit, das Evangelium neu zu erfinden, sondern sind an Gottes Vorgaben strikt gebunden und schulden der Gemeinde den Nachweis, dass sie nichts anderes sagen als die Schrift – auch wenn sie dasselbe vielleicht anders sagen. Denn nur so ist
gewährleistet, dass der Glaube auf dem Weg durch die Jahrhunderte mit sich selbst identisch bleibt.
Wenn das aber sichergestellt werden muss, warum beschränken wir uns dann nicht einfach auf die Wiederholung biblischer Sätze? Oder – wenn doch Luther schon alles Wesentliche gesagt hat –, warum gehen wir dann nicht auf „Nummer sicher“ und lesen aus
seinen Schriften vor?
(zu 2.)
Wir stoßen hier auf das zweite Qualitätsmerkmal guter Theologie: den „Zeitbezug“, der
nicht fehlen darf, sondern der in jeder Generation neu hergestellt werden muss, weil die
Reformatoren nun mal für ihre eigene Zeit geschrieben haben – und nicht für unsere. In
den 500 Jahren, die seither vergangen sind, hat sich zwar das Evangelium nicht verändert, aber die Menschen haben sich verändert. Unsere Zeitgenossen werden heute von
anderen Ängsten und Wünschen umgetrieben als die Leute im Mittelalter. Die Kultur,
die Sprache, das Weltbild und die Denkvoraussetzungen haben sich geändert. Wenn auch
die Botschaft Jesu noch ganz dieselbe ist, so trifft das alte Wort doch auf neue Ohren!
Und daraus entsteht die Notwendigkeit, die immer gleiche christliche Wahrheit immer
wieder anders zu sagen, die alte Botschaft in eine neue Situation hineinzusprechen und
sie dabei auf die geistige Lage der Zeit zuzuspitzen. Gute Theologie folgt deswegen nicht
etwa dem Zeitgeist, aber sie redet mit dem Zeitgeist. Denn sie will nicht an der geschichtlichen Situation vorbei, sondern in die Situation hinein sprechen. Und das kann
nicht in jedem Jahrhundert in derselben Weise geschehen, weil das Gegenüber ständig
wechselt. Mal hatte man es mit heidnischen Griechen und Römern zu tun, und mal mit
den Katholiken des Mittelalters. Mal musste man sich mit der Nazi-Ideologie herumschlagen, mal mit Kommunisten – und dann wieder mit dem Relativismus und der
postmodernen Beliebigkeit der Gegenwart. Das Evangelium ist dabei ganz dasselbe geblieben, weil es niemals jung oder alt, sondern jederzeit gültig ist. Aber die Christenheit
als Botschafterin dieses Evangelium wird je nach der aktuellen Gemengelage mal von
dieser und mal von jener Seite herausgefordert. Und die theologische Rechenschaft vom
Glauben kann ihren Zweck darum nur erfüllen, wenn sie auf die aktuelle geistige Lage
Bezug nimmt, die Sprache der Gegenwart spricht und die Fragen der Menschen kennt.
Gute Theologie wird deshalb den Gehalt ihrer Antworten nicht aus den Fragen der Zeit
ableiten, aber – ohne an der Sache auch nur das Geringste zu ändern! – wird sie ihre Botschaft so formulieren und zuspitzen, dass sie als Antwort auf die Fragen der Zeit vernommen werden kann. Denn unser Auftrag lautet, das Evangelium jeder Zeit so unmiss108
verständlich und deutlich wie möglich zu bezeugen. Gottes Wort erhebt den Anspruch,
nicht bloß gestern, sondern jederzeit aktuell und wahr zu sein. Und Theologie muss diesen Anspruch darum immer wieder neu geltend machen…
(zu 3.)
Um dabei dann überzeugend und glaubwürdig aufzutreten, muss gute Theologie noch
einem dritten, Qualitätsmerkmal genügen. Sie soll den Wahrheitsanspruch des Evangeliums dadurch unterstreichen, dass sie es auf möglichst schlüssige, logisch unanfechtbare
und einleuchtende Weise präsentiert. Denn schließlich treten wir als Christen mit dem
Anspruch auf, der Welt die Wahrheit zu bringen! Wir behaupten, dass ein jeder im Evangelium die Wahrheit erfährt über sich selbst, über Gott und die Welt. Und wir treten damit in offene Konkurrenz zu all den anderen Weltanschauungen, Philosophien und
Glaubensweisen, die von sich dasselbe behaupten. Christliche Theologie nimmt Teil am
Streit der Geister, die um Wahrheit ringen. Und sie würde dabei keine gute Figur machen, wenn sie sich in Widersprüche verwickelte oder überhaupt irrational erschiene.
Denn wie sollten wir den Anspruch Jesu Christi glaubhaft vertreten, wenn wir mit den
Waffen der Vernunft nicht umgehen könnten oder schon vor einfachen Fragen und Einwänden kapitulieren müssten?
Wer von kritischen und klugen Leuten ernst genommen werden will, muss ziemlich genau wissen, was er glaubt und warum er’s glaubt! Und darum ist es das dritte Qualitätsmerkmal guter Theologie, dass sie durchdacht ist, mit bekannten Tatsachen vereinbar
und schlüssig in ihrer Argumentation. Das bedeutet nicht, dass Theologen die Wahrheit
des Glaubens erst beweisen müssten, oder sie nach Maßgabe der menschlichen Vernunft
zurechtstutzen sollten. Aber wenn unser Glaube wirklich wahr ist, muss er sich vor kritischen Fragen auch nicht verstecken. Denn die Wahrheit kann sich Offenheit leisten. Sie
braucht keine Denkverbote und hat es nicht nötig, die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu scheuen! Vielmehr: Wenn wir möchten, dass Außenstehende unser Zeugnis
ernst nehmen und Zugang dazu finden, dann sollte es so konsequent durchdacht sein,
dass wir’s auch im Gegenüber zu Philosophen, Naturwissenschaftlern und Atheisten
glaubhaft vertreten können. Denn wenn wir den Eindruck erwecken, unser Glaube sei
bloß irrationaler Unfug, Aberglaube und Gefühlskram, dann machen wir es unseren Gegnern zu leicht….
Wir haben uns damit die drei wichtigsten Merkmale guter Theologie vor Augen geführt.
Sie soll ebenso „schriftgemäß“ sein wie „zeitbezogen“ und „widerspruchsfrei“. Wenn’s
aber so einfach ist, diese Merkmale zu benennen, warum tut sich Theologie dann so
schwer damit, ihnen zu genügen? Warum entsteht trotzdem der Eindruck, es gehe in der
Theologie ganz willkürlich zu? Warum predigt ein Pfarrer so völlig anders als sein Kollege
in der Nachbargemeinde? Und warum entfernt sich mancher so weit von den biblischen
und reformatorischen Wurzeln seiner Kirche, dass man den Eindruck hat, er wolle dem
zweiten und dem dritten Merkmal guter Theologie genügen – auf Kosten des ersten?
Der Kürze halber will ich mit einem Bild antworten. Denn meines Erachtens ist es die
Tragödie der sog. „fortschrittlichen“ Theologie, dass sie dem biblischen Glauben gegenübersteht wie der Mechaniker einem Motor, der nicht wunschgemäß läuft, mit dem er
nicht zufrieden ist, und den er reparieren will, obwohl er seine Funktionsweise nicht
wirklich versteht. So ein schlechter Mechaniker verändert mal dies und mal das, baut
überflüssige Teile ein und lässt notwendige weg. Er probiert planlos herum, hämmert,
109
schraubt und flucht – bis er den guten Motor endgültig kaputt repariert hat. Hinterher
schimpft er auf den Motor! Aber liegt‘s nicht eher am Mechaniker, der eine Konstruktion, die er nicht versteht, verbessern will – und sie dabei ruiniert?
Natürlich kann man einwenden, das sei kein freundliches Bild, ich sei hier parteiisch
und würdige nicht die gute Absicht des Mechanikers. Aber wenn, dann bin ich zumindest
nicht der Erste, der die „moderne“ Theologie so sieht. Denn schon der Liederdichter
Matthias Claudius, erzählte eine Geschichte, in der ganz Ähnliches geschieht:
Claudius berichtet, dass die Menschen sich in alter Zeit mit der Nahrung behelfen mussten, die die Natur von selbst hervorbrachte, nämlich Eicheln und Beeren, Pilze, Bucheckern und andere harte und schlechte Kost. Doch eines Tages kam ein Mann von ferne
her und sagte: „Warum sammelt ihr so mühsam? Es gibt eine bessere Kost für den Menschen! Es gibt auch eine Technik, sie immer reichlich zu beschaffen! Und ich komme, um
euch dieses Geheimnis zu lehren!“ Er pflügte vor ihren Augen einen Acker, säte Korn
darauf und sprach: „Seht, das müsst ihr tun! Und das Übrige tun die Einflüsse des Himmels!“ Die Saat ging auf, wuchs und brachte Frucht, und die Menschen waren darüber
sehr verwundert und erfreut und betrieben nun fleißig Ackerbau mit großem Nutzen.
Doch als ihr Lehrer längst wieder weg war, begannen einige an der erlernten Methode
herumzumäkeln. Sie fanden das Verfahren allzu schlicht und mochten auch die Beschwerlichkeit nicht mehr ertragen, dass man auf dem Acker unter freiem Himmel arbeiten muss und dem Wetter ausgesetzt ist. „Kommt“, sprachen sie, „lasst uns den Acker
schön mit Wänden und Mauern einfassen und ein ordentliches Dach darüber bauen,
damit wir darunter dann viel bequemer Ackerbau betreiben! Die Einflüsse des Himmels
werden schon nicht so nötig sein, und außerdem sieht sie kein Mensch…“
Andere sagten: „Nein, nein, unser Lehrer ließ den Himmel offen und sagte: Das müsst
ihr tun! Und das Übrige tun die Einflüsse des Himmels!“ Aber man antwortete ihnen, das
habe er bloß gesagt, um den Ackerbau in Gang zu bringen. Außerdem seien inzwischen
ganz andere Zeiten, man habe dazugelernt, und schließlich könne man den Himmel doch
über dem Acker an die Decke malen.
Sie fassten darauf ihren Acker mit Wänden ein, bauten ein Dach darüber und malten
oben ins Dachgewölbe den Himmel hinein. Hinterher pflügten und düngten, ackerten
und säten sie. Aber die Saat wollte nicht wachsen! Sie pflügten erneut und düngten, sie
ackerten und säten hin und her. Aber die Saat wollte nicht wachsen! Sie verdoppelten
ihre Anstrengungen ohne jeden Erfolg, und die umherstanden und ihnen zusahen, begannen darüber zu spotten. Am Ende aber spotteten sie auch über jenen Mann, der vor
langer Zeit aus der Fremde gekommen war, um eine so dumme und nutzlose Kunst zu
lehren…
Nun – es ist traurig. Aber ein Teil der heutigen Theologie verfährt genau so, wie es diese
Geschichte beschreibt. Die junge Christenheit hat durch Jesu Evangelium eine klare Anleitung bekommen, sie hat noch dazu Jesu Vorbild gesehen und konnte an seinem Beispiel die wunderbare Kunst des Glaubens lernen, die bestens funktioniert und jedem
Frucht bringt, der sie übt. Aber auf die Dauer wollte man das Evangelium nicht lassen,
wie es war, sondern meinte, man könne etwas daran verbessern. Der moderne Mensch
ist stolz geworden und hält sich für klug. Er meint, er sei über den Glauben der Väter
hinausgewachsen, und will es auch bequemer haben als sie. Damit er an Sonnentagen
Schatten hat und bei Regen nicht nass wird, baut er über seinem Acker ein großes schüt110
zendes Dach. Die Theologie wird dadurch viel vernünftiger, humaner, moderner, toleranter, zeitgemäßer und populärer! Es sieht nach großem theologischem Fortschritt aus!
Aber seltsam – trotz der vielen Verbesserungen will plötzlich die Saat nicht mehr wachsen! Man malt die Hallendecke mit Bildern des Himmels aus, aber die Saat will trotzdem
nicht wachsen! Denn den wahren Himmel hat man aus dieser Theologie ausgesperrt –
und wird nun zum Gespött…
Es ist ein Jammer, weil dieser Spott auf Jesus Christus zurückfällt! Doch immerhin: Für
all jene, die Regen und Kälte, Sonne und Hitze nicht fürchten, enthält die Geschichte
eine gute Nachricht. Denn wenn man bereit ist, das Dach abzureißen und die Mauern
wegzunehmen, haben die Einflüsse des Himmels wieder freie Bahn. Und dann zeigt sich,
dass der Glaube, den Jesus lehrte und den die Reformatoren beschrieben, noch so gut
funktioniert wie am ersten Tag. Denn am Evangelium hat’s ja nicht gelegen, und an Gottes Treue hat’s nie gefehlt…
Mein theologisches Programm besteht also darin, das Dach über dem Acker abzureißen
und zum biblischen Glauben der Väter zurückzukehren. Wenn das aber jemand „altmodisch“ und „rückschrittlich“ nennen will, dann lässt mich das kalt. Denn eben denselben
„Rückschritt“ hatten die Reformatoren im Sinn, als sie nach den Fehlentwicklungen des
mittelalterlichen Katholizismus aufbrachen, um zu den neutestamentlichen Quellen zurückzukehren. Es ist dieser fröhliche „Rückschritt“, aus dem die evangelische Kirche vor
500 Jahren hervorgegangen ist. Und ich wage die Prognose, dass auch die theologische
Zukunft mit so einem fröhlichen „Rückschritt“ beginnen wird…
27. Atheismus und Existenz Gottes
Was meinen sie – ob es Gott wohl gibt? Zugegeben: Das ist eine ziemlich seltsame Frage
für einen Pfarrer. Schließlich machte es keinen Sinn, dieses Amt auszuüben, wenn es
Gott nicht gäbe. Und doch kommen wir um diese Frage nicht herum. Denn selbst wenn
sie uns nicht beschäftigen sollte, so ist sie doch die Frage vieler Zeitgenossen. Wir müssen uns mit ihr schon deshalb auseinander setzen, weil es heute Mode geworden ist,
eher nicht an Gott zu glauben – und das heißt in der einfachsten Form: Einfach seine
Existenz zu bestreiten.
Das Problem ist nur, dass, wenn wir als Christen unseren Glauben dagegenhalten, wir
sehr schnell in eine fruchtlose Debatte hineingeraten. Da behauptet einer, es gäbe Gott
gar nicht. Und wir antworten: Na klar gibt es Gott. Und wenn man dann beginnt, Argumente auszutauschen, entsteht eine weitschweifige Diskussion. Mich erinnert das immer an Gespräche über das Ungeheuer von Loch Ness. Die verlaufen oft ähnlich. Gibt es
nun im schottischen Loch Ness ein Ungeheuer oder nicht? Einer bestreitet es – einer behauptet es. Es gibt viele Zeugen, die es gesehen haben wollen – aber nicht alle sind vertrauenswürdig. Es gibt Fotos von jenem Ungeheuer – aber sie sind alle ziemlich unscharf.
Es wäre biologisch durchaus möglich, dass in den besonderen Bedingungen des Loch
Ness urzeitliche Plesiosaurier überlebt haben könnten – aber hätte man sie mit Echolot
und U-Booten nicht längst finden müssen?
O ja, das Ungeheuer von Loch Ness gibt immer Stoff für ein interessantes Gespräch her.
Und das Thema ist gerade deshalb unerschöpflich, weil niemals ein Gespräch darüber zu
einem gesicherten Resultat führt. Es ist unmöglich, die Existenz jenes geheimnisvollen
Wesens zu beweisen, solange man es nicht fängt. Und es ist erst recht unmöglich, zu be111
weisen, dass es nicht existiert. Der Streit über diese Frage geht also immer unentschieden aus.
Und ist das nicht im Streit um Gott auch so? Ja, tatsächlich verlaufen Diskussionen über
Gott meist genauso: Für den einen gibt es klare Indizien für die Existenz Gottes, und der
andere lässt diese Indizien nicht gelten. Gemeinsam durchsucht man das Universum
nach Spuren Gottes, wie man einen unaufgeräumten Keller durchsucht nach einem vermissten Gegenstand. Aber man findet ihn nicht. Und dann sagt der eine: Wir haben ihn
nicht gefunden, weil es ihn nicht gibt. Und der andere sagt: Wir haben ihn nicht gefunden, weil wir nicht gründlich genug gesucht haben. Der Erste verlangt Beweise, dass es
Gott gibt – da muss der Zweite passen. Der Zweite verlangt den Gegenbeweis, dass es
Gott nicht gibt – und da muss dann der Erste mit den Schultern zucken. Am Ende der
Diskussion wird man die Frage nach der Existenz Gottes offen lassen, so wie man die
Frage nach der Existenz des Ungeheuers von Loch Ness offen lassen muss. Keiner wurde
von seiner Meinung abgebracht, alle kehren zum Alltag zurück, keiner muss irgendwelche Konsequenzen ziehen – aber interessant war’s doch. Nur eben fruchtlos. Denn wer
ganz entschieden an Gottes Existenz glaubt oder wer daran ganz entschieden nicht
glaubt, scheint in jedem Falle mehr zu behaupten, als er wissen kann. Das Vernünftigste
scheint darum zu sein, dass man sich in dieser Sache nicht festlegt – und so machen es ja
auch die meisten unserer Zeitgenossen. Ich für meinen Teil aber finde diese Art von Gespräch unsachgemäß. Und ich halte auch die Schlussfolgerung für schlecht begründet.
Denn wer ein wenig nachdenkt, müsste darauf kommen, dass es einen Unterschied
macht, ob der Diskussionsgegenstand „Gott“ heißt oder „das Ungeheuer von Loch Ness“.
Wären Gläubige und Ungläubige an dieser Stelle etwas kritischer gegenüber ihrer eigenen
Fragestellung, so müssten sie eigentlich merken, dass Debatten, die nach dem beschriebenen Schema verlaufen, von drei falschen Voraussetzungen ausgehen:
1. Man redet von Gott wie von einem Ding unter anderen Dingen, d.h. man unterstellt,
er „sei“ in derselben Weise wie wir „sind“, und man durchstöbert infolgedessen das Universum nach Gott, als wäre er ein Bestandteil des Universums.
2. Man ordnet die Gottesfrage jenen schwer entscheidbaren Fragen zu, die interessant
sein mögen, die man aber getrost offen lassen kann, und bei denen der am wenigsten
riskiert, der sich nicht festlegt.
3. Man unterstellt, christlicher Glaube sei nur möglich, wenn man die Zweifel an Gottes
Existenz unterdrückt und sich wider besseres Wissen als sicher einredet, was nicht sicher ist. Alle drei Voraussetzungen sind grundfalsch und müssen korrigiert werden:
1. Wenn man über die Existenz Gottes in derselben Weise diskutiert, wie über die Existenz jenes ominösen Ungeheuers von Loch Ness, übersieht man, dass zwischen beiden
ein gravierender Unterschied besteht: Das Ungeheuer von Loch Ness ist (wenn es denn
existiert) jedenfalls ein Teil der kreatürlichen Wirklichkeit. Es ist ein Teil dieser Welt,
den man irgendwo in dieser Welt zu suchen hat. Das ist so selbstverständlich, wie man
einen Schuh im Schuhregal und einen Schraubenzieher im Werkzeugkasten sucht. Wer
aber das Universum durchstöbert, um darin Gott zu finden, der hat noch gar nicht begriffen, was und wen er da eigentlich sucht. Denn Gott ist kein Bestandteil dieses Universums, er ist der Schöpfer des Universums. Gott ist kein gasförmiges Wirbeltier, das den
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Himmel besiedelt, wie wir die Erde besiedeln. Gott ist kein Geschöpf – was also macht es
für einen Sinn, ihn in dieser geschöpflichen Welt zu suchen?
Man kann Gott nicht in der Welt finden, denn Gott ist nicht in der Welt, sondern die
Welt ist in Gott. Wer also Gott sucht, wie man ein Ding unter anderen Dingen sucht, ist
von vornherein auf dem Holzweg. Er mag das Unterste zuoberst kehren, es wird vergeblich sein, solange ihm die Differenz nicht bewusst wird: Gott ist nicht „Etwas“, was es
neben allem, was es so gibt, auch noch gibt. Gott ist kein Lebewesen, das wir in den Katalog sonstiger Lebewesen aufnehmen könnten. Er gehört nicht in die Reihe der in dieser
Welt vorfindlichen Phänomene, weil für uns nur vorfindlich sein kann, was von unserer
Art, was nämlich geschöpflich ist. Von allem Geschöpflichem aber ist der Schöpfer strikt
unterschieden. Oder sucht man den Maler in den Bildern, sucht man den Töpfer unter
den Töpfen und den Komponisten zwischen den Noten? Nein. Der Meister ist nicht das
Werk, er steht dem Werk gegenüber. Warum also erwartet man, Gott als Bestandteil dieser Welt zu finden?
2. Die Gottesfrage ist eine Frage, die nicht mittels vernünftiger Beweise oder experimenteller Nachweise entschieden werden kann. Trotzdem aber kann niemand diese Frage
auf sich beruhen lassen, um gewissermaßen neutral zu bleiben. Auch hier liegt ein gravierender Unterschied zum Ungeheuer von Loch Ness. Denn wenn die Frage nach dem
Ungeheuer derzeit unentscheidbar ist, dann mag das vielleicht unsere Neugier kränken.
Ein echtes Problem ist es aber nicht. Denn im Grunde kann uns ja egal sein, was da in
Schottlands Seen herumschwimmt oder nicht. Mag es da etwas geben oder nicht: Auf
mein Leben hat das keinerlei Auswirkungen, es kann mir von Herzen gleichgültig sein.
Ich muss mich in diesem Streit nicht entscheiden.
Was aber Gott betrifft, verhält es sich anders. Da muss ich entscheiden. Es bleibt mir gar
nichts anderes übrig. Denn auch wenn ich die Frage nach Gott aus meinen Gedanken
verdränge: Ich werde durch die Art, wie ich lebe, faktisch die Entscheidung treffen, ob
ich mit Gott rechne oder nicht. Ich behandle meine Kinder wie ein Geschenk Gottes oder
ich behandle sie wie mein eigenes Produkt. Ich unterlasse das Böse auch im Verborgenen, weil ich damit rechne, dass Gott mich sieht, oder ich unterlasse das Böse nur, wenn
ich dabei von Menschen erwischt werden könnte. Ich benehme mich in der Natur wie
ein Gast in Gottes Garten oder ich führe mich in der Natur als Eigentümer und Hausherr
auf. Ich finde am Sonntag den Weg in die Kirche, oder ich finde ihn nicht. Ich übe mich
in Nächstenliebe oder übe mich nicht. Ich vergebe meinen Schuldigern oder vergebe
ihnen nicht.
In alledem entscheide ich faktisch über mein Verhältnis zu Gott, denn die Frage nach
meinem Gottesverhältnis ist in jenen anderen Fragen immer mit enthalten. Und dabei
ist es völlig gleich, ob ich viele Worte darum mache, dass ich doch nicht wüsste, ob es
Gott gibt und unentschieden wäre. Nein, die Ausrede gilt nicht. Denn das Tun meiner
Hände und der Weg meiner Füße spricht eine viel klarere Sprache als der Mund. Mögen
meine Gedanken auch der Entscheidung ausweichen, so verrät doch mein Tun, dass ich
so oder so entschieden habe. Atheist oder Christ zu sein, ist nämlich gar keine theoretische, sondern eine höchst praktische Frage. Ich gehe keinen meiner alltäglichen Schritte
in Neutralität: Ich gehe ihn entweder mit oder ohne Gott. Wer sich also vornehm zurückhalten will mit der Begründung, es sei doch ein Wagnis, sich in einer unsicheren
Frage auf diese oder jene Seite zu stellen, der macht sich etwas vor. Denn es ist zwar ein
Risiko, an Gott zu glauben – es könnte durchaus sein, dass es ihn nicht gibt. Es ist aber
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kein geringeres Risiko, nicht an Gott zu glauben – denn es könnte durchaus sein, dass es
ihn doch gibt. Es ist also keineswegs so wie Gottesleugner es gern darstellen: Dass der
Atheist sich nüchtern auf den Boden der gesicherten Erkenntnisse stellt, während der
Christ sich auf den schwankenden Boden bloßer Vermutungen begibt. Nein. Vielmehr
sind hier alle in einem Boot: Alle wagen etwas, alle können mit ihrer Entscheidung
falsch liegen – und doch kommt keiner um diese Entscheidung herum.
3. An dieser Stelle freilich liegt noch einmal ein großer Stolperstein. Denn so fragen uns
die vielen Zweifler: Wie kannst du glauben, wenn du doch nicht genau weißt, ob es Gott
gibt? Wie kann dein Glaube Gewissheit haben, wenn doch Gottes Dasein nicht gewiss
ist? Musst du da nicht deinem Verstand Gewalt antun, musst du nicht ständig Zweifel
unterdrücken und wider besseres Wissen so tun als sei sicher, was doch nicht sicher ist?
Ist das nicht unwahrhaftig? So fragen uns die, die den Glauben von außen kennen. Wer
selbst glaubt, wird sich aber darin missverstanden fühlen. Denn unwahrhaftig wäre unser Bekenntnis ja nur, wenn wir behaupteten zu wissen, was wir nicht wissen.
Als Christen behaupten wir aber gar nicht, von Gott sicheres Wissen zu haben, sondern
wir sagen, dass wir an ihn glauben. Und das ist ein Unterschied. Denn im strengen Sinne
weiß man nur, was man beweisen kann. Zu beweisen wäre Gottes Dasein aber nur, wenn
wir ihn wie einen Tanzbären dem staunenden Publikum zur Begutachtung vorführen
könnten. Das lässt Gott natürlich nicht mit sich machen. Er nennt vielmehr die selig, die
nicht sehen und doch glauben. Und das ist keineswegs eine Zumutung. Denn der Glaube
richtet sich zwar auf Gott. Er hängt aber nicht ab von Beweisen der Existenz Gottes. Ja es
mag sogar Tage geben, wo man es nicht mal wahrscheinlich findet, dass Gott existiert. Es
gibt Tage, an denen der Himmel leer und die Welt von Gott verlassen scheint. Doch daran zerbricht der Glaube nicht. Sondern es kann durchaus sein, dass er gerade an solchen
Tagen an Kraft und Entschlossenheit gewinnt und sagt: „Gott, manchmal spüre ich dich
nicht. Aber auch wenn es dich nicht gäbe, würde ich immer noch an dich glauben. Ich
würde ein Glaubender bleiben, auch wenn du nicht da wärst. Denn vieles in dieser Welt
ist zweifelhaft und ungewiss, Gott. Eins aber ist gewiss: Wenn es dich nicht gäbe, würde
ich lieber dein Nicht–Sein mit dir teilen, als in einer Welt zu leben, die ohne Sinn und
Hoffnung ist, weil du ihr fehlst.“
Mag sein, dass solches Festhalten an einem Gott, dessen Existenz unsicher ist, zunächst
widersinnig und paradox erscheint. Und doch ist viel Erkenntnis, viel Mut und viel Freiheit in diesem Standpunkt. Es steckt die Erkenntnis darin, dass es immer noch besser
wäre, im Zeichen des Glaubens zu irren, als im Zeichen des Unglaubens Recht zu haben.
Es steckt der Mut darin, das eigene Schicksal bedingungslos mit Gottes Schicksal zu verknüpfen. Und es steckt darin Freiheit gegenüber den Spitzfindigkeiten unserer Vernunft,
die das Dasein Gottes mal wahrscheinlich und dann wieder unwahrscheinlich finden
mag. Dieser Glaube bliebe nämlich, was er ist, selbst wenn die Atheisten Recht hätten:
Oder würde ein Fisch, wenn man ihm bewiese, dass es kein Wasser gibt, deswegen ein
Vogel werden? Nein. Er würde sterben – aber er bliebe ein Fisch. Oder würde ein Vogel,
wenn man ihm bewiese, dass es keine Luft gibt, deswegen zum Fisch werden? Nein. Er
würde zugrunde gehen – aber er bliebe ein Vogel. Darum gilt dasselbe auch von Christen:
Wenn man einem Gläubigen bewiese, dass es Gott nicht gibt, so würde er deswegen kein
Heide. Er wäre gescheitert, ja – aber er bliebe ein Glaubender. Und er könnte dann immer noch sagen: Es ist besser, so groß gehofft zu haben und widerlegt zu werden, als diese große Hoffnung nie gekannt zu haben.
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28. Gottes Majestät und Unbegreiflichkeit
Es wird heutzutage viel darüber geredet, was der Kirche fehlt. Fast jeder hat eine Meinung dazu. Und die meisten sind sich darin einig, dass vor allem die Gottesdienste „moderner“, „offener“ und „lebendiger“ sein müssten. Nicht „steif“ und „ernst“ soll es da
zugehen, sondern eher „unterhaltsam“. Und wenn die Kritik dann an mich als Pfarrer
herangetragen wird, heißt die Forderung oft: „Seien sie doch mal locker“. Nun: Ich habe
ernsthaft darüber nachgedacht, warum ich – im Sinne dieser Forderung – nicht „locker“
bin. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich im Rahmen eines Gottesdienstes
gar nicht „locker“ sein will. Das aber nun nicht, weil es gegen meine Natur, sondern weil
es gegen die Natur des Gottesdienstes verstieße, im Gottesdienst „locker“ zu sein. Der
Gottesdienst ist eine Begegnung mit Gott. Die Gemeinde versammelt sich vor Gottes Angesicht, um mit Gott in ein Gespräch einzutreten. Und im Gespräch mit Gott kann nur
der „locker“ und „lässig“ sein, der Gott nicht kennt. Gottes Gegenwart gebietet Ehrfurcht,
Respekt und konzentrierte Aufmerksamkeit. Darum will ich hier bewusst eine Anti–
These vertreten: Was unserer Kirche fehlt, ist nicht „Lässigkeit“ und „Lockerheit“, sondern was uns fehlt, ist eine neue Scheu und Ehrfurcht vor dem Heiligen. Ja, wenn uns
nur bewusst wäre, wer uns da im Gottesdienst begegnet! Da würde uns ein heilsamer
Schrecken in die Knochen fahren. Und das harmlose pastorale Infotainment, zu dem unsere Gottesdienste vielerorts verkommen sind, würde ganz von selbst aufhören. Denn
vor Gott sind wir Staubkörner und Eintagsfliegen. Und wenn er uns zur Rechenschaft
zieht, können wir ihm auf tausend Fragen nicht eine Antwort geben.
Um nicht missverstanden zu werden: Wir dürfen trotzdem zu ihm kommen. Gott liebt
uns. Aber ich halte das nicht für eine Lizenz zur Lockerheit und Lässigkeit. Gott erbarmt
sich. Aber ich halte sein Erbarmen nicht für eine Einladung, mich Gott ebenbürtig zu
fühlen. Gott schenkt Gnade. Aber ich halte das Geschenk der Gnade nicht für ein Angebot, dem Heiligen gegenüber zudringlich zu werden. Was schwatzen wir von Gott, als
hätten wir mit ihm Schweine gehütet? Wissen wir denn gar nicht, mit wem wir es zu tun
haben?
Gewiss ist Gott Mensch geworden! Er wollte uns nahe sein. Er kam uns entgegen in der
menschlichen Gestalt Jesu Christi. Und weil Christus unser Bruder wurde, dürfen auch
wir Gott unseren lieben Vater nennen. Nur ist uns das durch lange Gewöhnung allzu
selbstverständlich geworden. Und es besteht darum die Gefahr, dass aus berechtigtem
Gott–Vertrauen eine ungute und plumpe Vertraulichkeit wird. Dabei ist es keineswegs
„normal“, dass man Gott ohne Furcht begegnen kann. Im Gegenteil: Alle wirklich Weisen, die je nach Gott gefragt und gesucht haben, erfuhren zuallererst Gottes Unnahbarkeit. Sie erlebten ihn als ein verzehrendes Feuer. Und auch alle großen Religionen dieser
Welt zeugen uns zuerst von Gottes heiliger Majestät, der sich kein Mensch ungeschützt
nähern kann. Wenn uns aber das Empfinden für diese Distanz abhanden gekommen ist –
wie kann man es neu wecken? Ich kenne eine jüdische Legende, die auf drastische Weise
erzählt, wie vier Menschen von Gottes Anders–Sein erschüttert werden. Für drei von
ihnen hat es schlimme Folgen. Einer aber zeigt, wie diese Erfahrung den Glauben vertiefen und stärken kann:
Die vier Rabbiner, Asai, Elisa, Simon und Akiba, waren eifrig bemüht, Gott zu erkennen.
Lange studierten sie mystische Schriften, um in Gottes Geheimnis einzudringen. Eines
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Tages aber gelang es ihnen und es tat sich ihnen das Tor des Paradieses auf. Gemeinsam
schritten sie in den Himmel hinein und näherten sich der unbegreiflichen und furchtbaren Nähe Gottes. Als sie aber wiederkamen, war es schon Abend. Sie schritten riesengroß
und dunkel aus der Glut des Westhimmels hervor in schwerem Schweigen. Die anderen
Rabbiner aber, die ihnen neugierig entgegengingen, erschraken vor der Verstörung auf
ihren Gesichtern.
Rabbi Asai ging einfach schweigend in sein Haus und warf sich auf sein Lager, denn er
konnte dem Zittern seiner Glieder nicht mehr Einhalt gebieten. Er kehrte sein bleiches
Gesicht stumm zur Wand. Er verweigerte Speise und Trank. Sein Gesicht verfiel. Und
seine erloschenen Augen harrten dem Tod entgegen.
Da ging Rabbi Simon hinweg von seinem sterbenden Freund und sah sich um, und siehe:
Die Welt hatte für ihn alles Maß verloren. Kein Ding stand mehr in einem Größenverhältnis zum andern. Alle Umrisse zerflossen und wälzten sich gegen ihn, wie um ihn
auszulöschen. Zeit und Raum waren verschwunden, und alles stürzte in furchtbarer
Gleichzeitigkeit und Allgegenwart gegen seine Augen. Da warf er sich zu Boden und hielt
sich die Augen zu, aber er konnte sein Schauen nicht verhindern, und er schrie laut und
schlug mit dem Kopf gegen die Steine, um den eindringenden Bildern einen Ausweg zu
schaffen. Als aber die anderen Rabbiner auf sein entsetzliches Schreien hin herbeigeeilt
kamen, da fanden sie ihn in Qualen des Wahnsinns.
Da sprach Rabbi Elisa: „Uns ist das Maß genommen durch das Maßlose, das wir gesehen
haben, und die Welt ist uns verwandelt. Alle Weisheit, der wir bisher unser Leben gewidmet haben, was ist sie anderes als ein vom großen Sinn abgesplittertes Stück Sinnlosigkeit, ein vom Ewigen abgebrochenes Stück Vergänglichkeit, eine vom Unendlichen
abgetrennte Nichtigkeit! All unsere guten Werke, wiegen nicht mehr als ein Sandkorn.
All unsere Frömmigkeit ist noch nicht mal eine halbe Stufe aufwärts zum Göttlichen.
Was mühen wir uns so vergeblich unter der nutzlosen Last!“ Da trennte sich Elisa von
den anderen Rabbinern und warf sich den Sünden der Welt und der Verzweiflung des
Unglaubens in die Arme.
Da erschraken die Verbliebenen und blickten auf Rabbi Akiba, ob sie wohl auch ihn auf
so schreckliche Weise verlieren müssten. Und auch er verbarg sein verstörtes Gesicht in
den Händen. Als er aber nach langer Zeit Herr über seine Gesichtszüge wurde und aufschaute, da sah er die Bestürzung um ihn her, und er sprach: „Weh uns! Wie tot sind wir,
gemessen am Lebendigen! Wie eng sind wir, gemessen am Unendlichen! Wie töricht sind
wir, gemessen an der ewigen Weisheit! Aber Gottes Hand ist über uns, und er hat uns
diese Form gegeben. An uns ist’s, dass wir uns demütig fügen in unsere Gestalt und darin wirken.“ Und Rabbi Akiba stand entschlossen auf und ging ins Lehrhaus, um zu lehren Ewiges in den armen Formen der Erde. Und er wurde der größte Lehrer seines Zeitalters...
Viele werden diese Geschichte befremdlich finden. Denn sie widerspricht dem verbreiteten Bild vom harmlosen, „lieben“ Gott. Sie widerspricht auch dem Trend zur kundenfreundlichen Kuschelreligion. Und doch leuchtet ein, was man uns da im Gewand der
Legende mitteilt: Träten wir Gott ungeschützt gegenüber, so ginge es uns nicht anders als
diesen vier Rabbinern. Auch wir wären dann bedroht von Wahnsinn, Tod und Verzweiflung. Was da gesagt wird über das dramatische Gefälle zwischen Gott und Mensch, das
ist kein bisschen übertrieben. Es stimmt, was Rabbi Akiba sagt: „Gemessen am Lebendigen sind wir tot. Gemessen am Unendlichen sind wir eng. Gemessen an der ewigen
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Weisheit sind wir töricht.“ Diese Beschränkungen aber annehmen zu können, weil sie
uns von Gott auferlegt wurden, das ist wichtig. Denn dann gerät unser Glaube bei aller
Vertrautheit mit Gott doch nie zur plumpen Vertraulichkeit. Und wir vergessen dann
auch nicht, dass wir es zu tun haben mit dem Herrn über Leben und Tod.
Ich empfinde es als ein Wunder, wenn wir Sünder vor Gottes Augen bestehen können. Es
ist Gottes Gnade, dass uns nicht seine schiere Gegenwart zerstört. Es ist Gnade, dass wir
nicht unter seinem Blick zerschmelzen wie Wachs. Es ist Gnade, dass wir nicht ersaufen
in diesem Ozean von Macht und Weisheit. Diese Gnade aber zur Selbstverständlichkeit
zu entwerten, indem ich dem Heiligen „locker“ begegne, das lasse ich mir nicht einfallen.
Den Respektlosen und Zudringlichen entzieht sich Gott – den Demütigen aber öffnet er
sein Herz. Auch Mose musste die Schuhe ausziehen, bevor er sich dem brennenden
Dornbusch nähern durfte. Danach begegnete er Gott. Der moderne Mensch aber, der so
oft klagt, Gott rede nicht zu ihm, sollte über diesen Vorgang nachdenken. Es mangelt
nämlich nicht an Dornbüschen. Aber nur wer bereit ist, die Schuhe auszuziehen, wird sie
brennen sehen.
29. Gottes Wesen und Eigenschaften
Die christliche Lehre von Gott orientiert sich am Zeugnis der Heiligen Schrift und beschreibt darum Gott mit zahlreichen „Eigenschaften“. Sie entspricht damit dem Interesse
der Glaubenden, nicht nur etwas über das Da-Sein, sondern auch etwas über das So-Sein
Gottes zu erfahren. Man will nicht nur wissen, dass er ist, sondern auch wie er ist. Und
die Lehre von Gottes Eigenschaften antwortet darauf. Damit sie es aber in verantwortlicher Weise tut, ist mancherlei zu beachten:
 Eigenschaftsbegriffe können auf Gott nicht in derselben Weise angewandt werden,
wie auf Menschen (univok), denn Gottes Wirklichkeit ist von der menschlichen radikal
verschieden. Eigenschaftsbegriffe können in der Anwendung auf Gott aber auch nichts
völlig anderes besagen als in der Anwendung auf den Menschen (äquivok), weil sie sonst
jeden Sinn verlören. Nur im Sinne einer Ähnlichkeit (analog), können sie Verwendung
finden. Doch auch dann gilt noch der Grundsatz: „...von Schöpfer und Geschöpf kann
keine Ähnlichkeit ausgesagt werden, ohne dass sie eine größere Unähnlichkeit zwischen
beiden einschlösse.“ Anders gesagt: Gott ist immer größer als alles, was in menschlichen
Worten eingefangen und ausgesagt werden kann.
 Gottes Eigenschaften sind nicht von dem zu trennen, was über das „Wesen“ Gottes
gesagt wird. Denn sonst entsteht der Eindruck, das als „Wesen“ Gottes bestimmte sei in
irgendeinem Sinne grundlegender als die ihm zugeordneten „Eigenschaften“. Tatsächlich
gibt es bei Gott keinen Unterschied von „wesentlichen“ und bloß „zufälligen“ Eigenschaften. Alle Eigenschaften Gottes sind unmittelbarer Ausdruck seines Wesens. Keine
könnte fehlen. Keine ist nachrangig. Und ein Wesen Gottes jenseits seiner Eigenschaften
kann auch gar nicht sinnvoll beschrieben werden.
 Gottes Eigenschaften sind von menschlichen Eigenschaften dadurch unterschieden,
dass Gott niemals Eigenschaften „hat“, ohne sie zu betätigen. Und er betätigt sie nie anders, als dass er zugleich die jeweilige Eigenschaft „ist“. Gott „hat“ also die Eigenschaft
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der Gerechtigkeit nicht anders, als indem er „gerecht“ handelt. Und er handelt nicht anders „gerecht“, als indem er zugleich selbst die Gerechtigkeit „ist“. Ist Gott „Schöpfer“, so
ist sein schöpferisches Wirken nicht eine Folge oder Konsequenz dessen, sondern ist mit
seinem Schöpfer-Sein identisch. „Herrscher“ ist Gott, indem er Herrschaft ausübt, und
„Erlöser“, indem er erlöst. „Ruhende“ oder „inaktive“ Eigenschaften Gottes kann es nicht
geben, denn Wesen und Wirken Gottes sind eins.
 Gottes Eigenschaften sind nicht spekulativ aus einer philosophischen Gotteslehre
abzuleiten, sondern müssen sich aus dem (biblisch bezeugten) Handeln Gottes ergeben.
Denn anders als in seinem Handeln, ist Gott nicht offenbar. Seine Eigenschaften stehen
darum in der Theologie nicht von vornherein fest, sondern müssen sich an der Gesamtheit von Schöpfung, Erlösung und Vollendung bewähren. Die Glaubenslehre insgesamt
zeugt von „Gottes großen Taten“. Und sie beschreibt damit das „So-Sein“ Gottes angemessener und authentischer, als es durch nachträglich abstrahierte Eigenschaftsbegriffe
geschehen kann.
 Die Lehre von Gottes Eigenschaften hat ihren Ursprung im biblischen Zeugnis, wo in
erster Linie nicht „von“ Gott, sondern „zu“ Gott geredet wird. Und die Frage muss erlaubt sein, ob z.B. die Jubelrufe eines Psalmbeters ohne Weiteres aus der Situation der
existentiellen Betroffenheit herausgelöst und in die abstrakte Begriffswelt einer allgemeinen Gotteslehre versetzt werden dürfen. Auf der einen Seite stehen Beziehungsgeschehen, persönliches Widerfahrnis und Zeugnis. Auf der anderen aber verallgemeinerte
theologische „Lehrsätze“. Der Zusammenhang beider wird nur glaubhaft sein, wenn der,
der von Gottes Eigenschaften redet, dabei zugleich von sich selbst redet.
 Menschen mögen es nicht, wenn man sie auf bestimmte Eigenschaften festlegt und
sich ein starres Bild von ihnen macht. Wenn es heißt „Du warst schon immer so und
so...“, wehrt sich der Betroffene. Kann es dann aber richtig sein, Gott auf bestimmte Eigenschaften festzulegen? Kann der theologische Verstand ihn mit Begriffen begreifen
und fixieren? Oder entspricht es eher der Freiheit Gottes, sich stets neu als der zu erweisen, der er sein will? Sind uns nicht gerade deshalb Bilder Gottes verboten? Gott sprach
zu Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2.Mose 3,14). Eigenschaftslehre kann darum Gottes Sein nie „festschreiben“.
 Die Rede von den „Eigenschaften“ Gottes erweist sich als Problem, wenn diese wie
Eigenschaften einer Substanz aufgefasst werden. Ein Werkstoff hat feste „Eigenschaften“, weil Stahl eben hart ist und Butter weich. Wenn Butter plötzlich stahlhart wäre,
wäre sie keine Butter mehr. Und wenn Stahl butterweich wäre, würden wir nicht mehr
von Stahl reden. Wenn Feuer nicht mehr heiß wäre, und Wasser nicht mehr nass, würden wir es nicht mehr Feuer oder Wasser nennen. Substanzen „können nicht anders“.
Aber in diesem Sinne muss Gott nicht gütig oder liebend sein. Er kann durchaus „anders“. Es ist nicht etwa seine Natur, zu vergeben! Er erweist sich zwar in konkreten Beziehungen als „liebend“ und wird dann als liebend gelobt. Aber festgelegt ist er damit
nicht. Denn wenn ich sage: „Der und der ist ein freundlicher Mensch“, dann habe ich
diese Person nicht darauf festgelegt, sie müsse immer, überall und zu jedem freundlich
sein!
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(Die Umschreibungen der im Folgenden genannten Eigenschaften folgt: Johann Friedrich
König, Theologia positiva acroamatica, Rostock 1664)
Von-sich-selbst-sein
Die Unabhängigkeit Gottes im Sein besteht
darin, dass er selbst von keiner anderen Ursache abhängt, sondern aus sich selbst ist.
Offb 1,8 / „Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und
der da kommt, der Allmächtige.“ 2.Mose 3,14 / „Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der
ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der
hat mich zu euch gesandt.“
Unveränderlichkeit
Die Unwandelbarkeit ist die fortwährende
Selbst-übereinstimmung des göttlichen Wesens und aller seiner Vollkommenheiten, die
jede naturhafte wie moralische Veränderung völlig ausschließt.
Jak 1,17 / „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem
Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.“ Ps 102,26-28 / „Du hast vorzeiten die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie werden alle veralten wie ein
Gewand; wie ein Kleid wirst du sie wechseln, und sie werden verwandelt werden. Du
aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende.“
Unermesslichkeit
Die Unermesslichkeit ist die einfache Unbe-
grenzbarkeit des göttlichen Wesens durch irgendein geschaffenes Wo.
1.Kön 8,27 / „Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller
Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich
gebaut habe?“ Jer 23,23-24 / „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und
nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen
könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde
erfüllt? spricht der HERR.“
Ewigkeit
Die Ewigkeit Gottes ist die unbegrenzte Fortdauer des göttlichen
Wesens, die gänzlich jedes Nacheinander ausschließt.
Ps 90,2-4 / „Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden,
bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und
sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag,
der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.“
Allgegenwart
Gottes Allgegenwart ist seine wesenhafte göttliche Anwe-
senheit bei den Geschöpfen.
Ps 139,7-10 / „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten,
siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten
Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“
Lebendigkeit
Das den Ursprung des göttlichen Handelns bezeichnende
Prinzip ist das Leben, durch das sich das göttliche Wesen als immer tätig erweist.
Joh 5,26 / „Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber...“
119
Vollkommenheit
Die Vollkommenheit Gottes besteht darin, dass er
von allem Mangel frei und in sich selbst für sich selbst unendlich genügend ist.
Mt 5,48 / „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
Unbegreiflichkeit
Die Unbegreiflichkeit Gottes besteht darin, dass
er von einem begrenzten Verstand nicht vollkommen begriffen werden kann.
Jes 55,8-9 / „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht
meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind
auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ Jes
40,28 / „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden
der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.“
Jes 45,15 / „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“ 1.Tim
6,16 / „...der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand
kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige
Macht! Amen.“
Allwissenheit
Die Allwissenheit Gottes ist das, wodurch er mit einem
einfachen und ewigen Erkenntnisakt alles weiß, was war, ist, sein wird oder auf irgendeine Weise überhaupt sein kann.
Ps 139,1-4 / „HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so
weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um
mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du,
HERR, nicht schon wüsstest.“
Allmacht
Allmacht ist das Prinzip durch welches Gott unabhängig und kraft
der ewigen Tätigkeit seines Wesens schlechthin alles tun kann, was keinen Widerspruch
in sich schließt.
Jes 46,9-11 / „Gedenket des Vorigen, wie es von alters her war: Ich bin Gott, und sonst
keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht. Ich habe von Anfang an verkündigt, was hernach kommen soll, und vorzeiten, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Was ich beschlossen habe, geschieht, und alles, was ich mir vorgenommen habe, das tue ich... Wie
ich's gesagt habe, so lasse ich's kommen; was ich geplant habe, das tue ich auch.“ Ps
115,3 / „Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will.“ 1. Mose 18,14 / „Sollte
dem HERRN etwas unmöglich sein?“
Weisheit
Die Allweisheit Gottes ist das, wodurch er all das auf aller-
vollkommenste Weise durchdringt, was das Urteilsvermögen der Menschen und Engel
unendlich übersteigt.
1. Kor 2,6-7 / „Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen;
nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott
vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit...“ Röm 16,27 / „„...dem Gott,
der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen.“ Hiob 12,13 / „Bei
Gott ist Weisheit und Gewalt, sein ist Rat und Verstand.“
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Heiligkeit
Die Heiligkeit Gottes ist die höchste und von jeder Befleckung
freie Reinheit Gottes, welche die geschuldete Reinheit vom Geschöpf fordert und ihr Gegenteil verabscheut.
Offb 4,8 / „Und eine jede der vier Gestalten hatte sechs Flügel, und sie waren außen und
innen voller Augen, und sie hatten keine Ruhe Tag und Nacht und sprachen: Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr, der Allmächtige, der da war und der da ist und der da
kommt.“ 1.Sam 2,2 / „Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist
kein Fels, wie unser Gott ist.“ 3. Mose 19,2 / „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der
HERR, euer Gott.“
Gerechtigkeit
Die Gerechtigkeit Gottes ist die höchste Richtigkeit des
göttlichen Willens, die vom vernunftbegabten Geschöpf fordert, was recht und gerecht
ist.
Ps 9,8-9 / „Der HERR aber bleibt ewiglich; er hat seinen Thron bereitet zum Gericht, er
wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker regieren, wie es recht ist.“
Röm 2,5-8 / „Du aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst
Zorn an auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der
einem jeden geben wird nach seinen Werken: ewiges Leben denen, die in aller Geduld
mit guten Werken trachten nach Herrlichkeit, Ehre und unvergänglichem Leben; Ungnade und Zorn aber denen, die streitsüchtig sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber der Ungerechtigkeit...“
Wahrhaftigkeit
Das lenkende Prinzip, demgemäß Gott die Ratschlüsse
seines Verstands machtvoll ausführt, ist die Wahrhaftigkeit, durch die er in Worten und
Taten der Allerwahrhaftigste ist.
4. Mose 23,19 / „Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass
ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht
halten?“ Mt 24,35 / „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht
vergehen.“ Ps 33,4 / „Denn des HERRN Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er
gewiss.“
Güte
Die Güte Gottes besteht darin, dass er von sich selbst und durch sich selbst
gut ist. Das bewegende Prinzip seiner Güte umfasst seine Liebe, Gnade, Barmherzigkeit
und Geduld.
5. Mose 32,3-4 / „Gebt unserm Gott allein die Ehre! Er ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alles, was er tut, das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er.“ Ps 86,15 / „Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig,
geduldig und von großer Güte und Treue.“ Mt 19,16-17 / „Und siehe, einer trat zu ihm
und fragte: Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe? Er aber
sprach zu ihm: Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur Einer. Willst du
aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“
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30. Gottes Ort und Gottes Haus
Wer Kinder hat, wird wissen, dass Kinder die allerbesten und allerschwersten Fragen
stellen – Fragen nämlich, die uns durch ihre Kürze und Direktheit entwaffnen und unser
vermeintliches Wissen sehr auf die Probe stellen. Eine solche Frage aber, die spätestens
im Kindergartenalter aufgeworfen wird lautet: „Wo ist Gott?“
So schlicht die Frage ist, so schwer ist sie doch zu beantworten. Denn: Wo ist Gott? Sollte
man dem Kind sagen „Gott ist im Himmel“, oder lieber „Gott ist überall“? Soll man sagen
„Gott wohnt in der Kirche, denn das ist Gottes Haus“, oder einfach „Gott ist bei uns“?
Sollte man die Frage vielleicht zurückweisen, weil sie auf dem Missverständnis beruht,
Gott sei ein körperliches Wesen, das man irgendwo in Raum und Zeit lokalisieren könnte? Wenn man aber einwendet, Gott sei nicht körperlich, sondern geistig und unsichtbar,
wird das Kind sich dann nicht so etwas vorstellen wie ein „Gespenst“?
Nun – es ist kein Wunder wenn die Eltern da ins Stammeln kommen, und die Kinder mit
den Antworten unzufrieden sind, denn alle Beteiligten sind es gewohnt, dass Dinge oder
Personen, die „existieren“, irgendwo in Raum und Zeit existieren – in der uns bekannten
Welt. Man setzt voraus, dass also auch Gott in der Welt enthalten sein müsse, und sucht
den Schöpfer irgendwo zwischen seinen Geschöpfen. Dass aber nicht Gott in der Welt,
sondern die Welt in Gott enthalten ist, und der Schöpfer kein Bestandteil der Schöpfung,
sondern ihr Gegenüber, das können sich schon Erwachsene schwer vorstellen. Wie sollen
es da die Kinder begreifen? Doch gehen wir ruhig einmal die kindgerechten Antworten
durch, um zu sehen, wie weit wir damit kommen:
1.
Die erste Ortsangabe, die uns einfällt, wenn Kinderaugen uns fragend anblicken, lautet
wahrscheinlich „Gott ist im Himmel“. Und in der Tat kann man sich dafür auf die Bibel,
und auf Jesus selbst berufen. Hat Jesus nicht seine Jünger gelehrt zu beten „Vater unser
in dem Himmel...“? Es scheint, dass wir mit dieser Auskunft auf der sicheren Seite wären. Nur, wenn dann die neugierigen Kinderaugen zu den Wolken wandern, haben wir
ein Problem. Denn wenn sie in den sommerlichen Himmel blinzeln, um zwischen den
Wolken hindurch vielleicht einen Blick auf Gott zu werfen, entdecken sie nichts – oder
höchstens einen Düsenjet. Und wir merken, dass sich das Verhältnis des Menschen zu
jenem Himmel da oben verändert hat. Zur Zeit Jesu war der Himmel noch der Inbegriff
des für Menschen unzugänglichen Raumes – und dadurch eine geeignete Metapher für
den Raum Gottes. „Im Himmel“ hieß: Außer unserer Reichweite, jenseits, uns entzogen,
weit über uns, zu hoch für uns, überlegen. Heute aber ist der Himmel zugänglich geworden. Luft- und Raumfahrt haben ihn für den Menschen erschlossen. Und jeder, der schon
mal mit dem Urlaubsflieger nach Mallorca gejettet ist, weiß, wie die Wolken von oben
aussehen. So haben Luft- und Raumfahrt für den Reisenden zwar Vorteile gebracht. Zugleich aber haben sie den Himmel als Symbol für die Weltüberlegenheit und Ferne Gottes unbrauchbar werden lassen.
Spätestens seit Juri Gagarin, der sowjetische Kosmonaut, von seinem ersten Weltraumflug zurückkehrte und der staunenden Öffentlichkeit verkündete, er habe unterwegs im
Weltall Gott nicht gesehen – es gebe Gott also gar nicht – müssen wir anders vom Himmel reden, müssen nämlich so reden, dass naive Verwechslungen ausgeschlossen sind:
Jeder muss wissen, dass das wolkenverhangene Blau über uns nicht der Wohnort Gottes
122
ist. Denn heute, da wir den Himmel bereisen können, bringt der Satz „Gott ist im Himmel“ nicht mehr Gottes Unumschränktheit zum Ausdruck, sondern ist – wörtlich genommen – sogar eine Einschränkung Gottes, weil man Gott dadurch im Himmel lokalisiert. Ist er aber da oben irgendwo ausfindig gemacht, wo der Himmel ist, so wird schnell
gefolgert, dass er auf der Erde nicht sei. Obwohl Himmel und Erde den Schöpfer nicht
fassen, verweist man Gott in eine begrenzte himmlische Provinz. Die Wolken sollen
dann sein Refugium sein, während die Erde anderen Mächten vorbehalten bleibt. Und
das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Jesus sagen wollte, als er uns zu beten
lehrte „Vater unser in dem Himmel...“. Was aber können wir Kindern antworten, wenn
wir das problematisch gewordene Bild vom „lieben Gott im Himmel“ vermeiden wollen?
2.
Sollen wir lieber sagen: „Gott ist überall“? Auch dabei hätten wir festen biblischen Boden
unter den Füßen. Denn der 139. Psalm bezeugt in jeder Zeile Gottes „Allgegenwart“. Mit
Blick auf diesen Psalm dürfen wir jene Frage „Wo ist Gott?“ getrost mit der Gegenfrage
beantworten: „Wo ist Gott nicht?“ Gott ist nämlich an keinem speziellen Ort, weil er an
jedem Ort ist. Er umgibt uns wie die Luft, die wir atmen – so allgegenwärtig und so
selbstverständlich, dass wir gar nicht merken, dass er da ist. Wir schwimmen sozusagen
in Gott, wie Fische im Wasser schwimmen, denn er ist überall. Er ist klein genug, um in
jedem Wurm und in jedem Staubkorn drinnen zu sein. Und er ist groß genug, um Himmel und Erde zu umfassen. Er ist in uns, und wir sind in ihm. Er ist in allem, alles ist in
ihm – und nichts ist außerhalb von ihm. Denn wäre Gott irgendwo nicht, zöge er sich mit
seiner schöpferischen Kraft aus irgendeinem Winkel der Welt zurück, so zerfiele dieser
Teil der Welt augenblicklich in Nichts.
Nichts, was wir kennen, könnte sein, wenn es nicht wäre in Gott und durch Gott. Darum
ist es völlig korrekt, wenn wir sagen „Gott ist überall“. Und doch hat die Sache wieder
einen Haken, so wie schon das mit dem Himmel einen Haken hatte. Denn so richtig die
Auskunft ist – „Gott ist allgegenwärtig“ – so überfordert sie doch unseren Verstand. Oder
können sie sich wirklich eine Person vorstellen, die überall gleichzeitig ist? Diese Abstraktion ist nicht nur für Kinder zu hoch, sondern auch für Erwachsene. Denn Personen
kennen wir nur in Verbindung mit einem Leib – und ein Leib nimmt immer nur begrenzten Raum ein. Die Vorstellung, eine Person sei überall, ist darum mehr oder weniger
identisch mit der Vorstellung, sie sei nirgends. „Überall“ und „nirgends“ – das ist für uns
aber irgendwie dasselbe. Wer nirgends nicht ist, ist anscheinend überall ein bisschen –
und wer überall ein bisschen ist, ist nirgends richtig. Die Auskunft, „Gott ist überall“, ist
darum weniger eine Ortsangabe, als die Verweigerung einer Ortsangabe.
Weil es eine gut begründete Verweigerung ist, kann man an ihr festhalten. Denn nie ist
Gott so „da“, dass man mit dem Finger auf ihn zeigen könnte. Aber leider unterscheiden
die meisten Menschen wenig zwischen „nicht–da–sein“ und „nicht–sein“. Ist Gott nicht
da oder dort, so ist er für viele gar nicht, denn sie stellen sich vor, die Wirklichkeit bestehe nur aus materiellen Körpern in dreidimensionalen Räumen. Und sagen wir ihnen,
Gott sei unsichtbar und erfülle jeden Raum, so folgern sie nur, dass er wohl „gasförmig“
ist. Natürlich könnte man diese Leute eines Besseren belehren, indem man sie zu einem
Höhenflug der Abstraktion ermutigt. Man könnte ihnen erklären, dass es neben Höhe,
Breite, Tiefe und zeitlicher Erstreckung wahrscheinlich noch viele weitere Dimensionen
gibt, von denen wir nichts wissen. Und man könnte sie zu der Einsicht führen, dass
wenn schon die geschöpfliche Wirklichkeit über unser dreidimensionales Denken hin123
ausreicht, doch erst recht der Schöpfer unsere Maßstäbe sprengen muss. Es würde daraus
vielleicht ein interessantes philosophisches Gespräch. Aber meinen sie, damit wäre den
Kindern geholfen, die doch wissen wollen, wo Gott ist?
Nein: Kinder können wohl staunen über jenen Gott, der in allem drin ist und doch von
nichts umschlossen wird, der die Welt erfüllt und doch zugleich über und außer allem
Weltlichen ist. Aber wüsste Kinder hinterher, wo sie Gott suchen soll? Nein. Sie wäre
belehrt, aber nicht befriedigt. Denn hinter den Frage „Wo ist Gott?“ steht ja nicht nur
Neugier, sondern eigentlich steht dahinter der Wunsch, diesem Gott begegnen zu können. Man erkundigt sich nach dem Ort Gottes, um ihn an seinem Ort aufsuchen und ihn
sozusagen treffen zu können. Man erkundigt sich, um den Weg zu Gott zu finden und
seiner angesichtig zu werden. Wenn aber die Antwort lautet: Er ist überall, so ist das unbefriedigend. Denn dann greife ich zwar in die Luft und glaube: Er ist da. Ich fasse ein
Holz und glaube: Er ist drin. Ich trinke Wasser und weiß Gott gegenwärtig auch in diesem
Wasser. Aber das alles ist mir nichts nütze, denn diese Formen seiner Gegenwart sind
unpersönlich. Gott ist auf diese Weise zwar da – aber er ist nicht für mich da.
3.
Und darum gilt es zu begreifen, was schon Luther wusste, und in knappen Worten auf
den Punkt brachte, als er sagte, es sei ein großer Unterschied zwischen Gottes Gegenwart
und unserem Greifen. Denn Gott sei zwar überall gegenwärtig, aber er sei es in freier und
ungebundener Weise. Er ist zwar da, aber man kriegt ihn nicht zu packen. Er ist immer
da, aber er ist nicht immer für uns da. Sondern nur dann ist er für uns da, wenn er sich
durch sein Wort an einen bestimmten Ort, eine Zeit oder einen Ritus gebunden hat. Nur
dort bekommen wir ihn zu packen, wo er gesagt hat: Da sollt ihr mich packen. Nur dort
finden wir ihn, wo er von uns gefunden werden will. Denn nur an diesem bestimmtem
Ort hat Gott sich unserem beschränkten Vorstellungsvermögen angepasst. Er hat an bestimmter Stelle in dieser Welt Wohnung genommen, damit wir ihm in Raum und Zeit
begegnen können. Und welcher Ort das ist, ist kein Geheimnis. Denn Gott wohnt auf
Erden im Hause Gottes, im Gotteshaus, in unseren Kirchen. Das aber natürlich nicht,
weil ihn die Kirchenmauern fassen könnten. Sondern weil Gott seiner Gemeinde versprochen hat, ihr nahe zu sein. Jesus Christus spricht: „Wo zwei oder drei versammelt
sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“
Dort also, wo Menschen auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft werden, dort, wo
Gottes Wort ausgelegt, und das Sakrament des Abendmahles empfangen wird – dort
kann man auch der göttlichen Gegenwart gewiss sein. Denn Gott wohnt im Sakrament,
das er seiner Kirche anvertraut hat, und er ist präsent im Wort der Heiligen Schrift. Wenn
wir aus der Bibel vorlesen, spricht er durch unseren Mund. Wenn wir Abendmahl feiern,
schließt er seine ganze Kraft und Gottheit ein in Wein und Brot. Und wenn wir taufen,
lässt er das Wasser sein Transportmittel und Vehikel sein.
Gott macht sich wahrhaftig ganz klein, damit wir ihn fassen, annehmen und aufnehmen
können. Wer dürfte also jammern, er wüsste nicht, wo Gott ist, und könne ihn nicht finden? Nein, müssen wir dem sagen: Suche Gott doch nicht im Himmel, wo die Flugzeuge
fliegen, suche ihn nicht in der Abstraktion, wo alle Vorstellungen enden, suche ihn nicht
in dir selbst, wo du genau so gut einem Dämon begegnen kannst, und suche ihn auch
nicht vorrangig in der Natur, die vieldeutig und grausam ist, sondern suche Gott dort, wo
der Allgegenwärtige dir gegenwärtig und fasslich werden will: Stecke deine Nase in die
Heilige Schrift, suche Gott in der Kirche, suche ihn im Abendmahl und schau vor allem
124
auf Jesus Christus. Denn du wirst Gott nie mit dem Zollstock ausmessen und auch nicht
mit deinen Gedanken, du wirst ihn nie mit den Fingern greifen und nie in eine Schublade stecken. Das aber heißt Gott fassen und ergreifen, wenn dein Herz ihn ergreift, sich
an ihn hängt und sich auf ihn verlässt. Denn wo einer sich auf Christus verlässt, wird er
staunen und wird entdecken, dass der Gott, von dem er dachte, er sei unauffindbar fern,
ihm viel näher ist, als er sich selbst – und die verbleibende, sehr begreifliche Unbegreiflichkeit Gottes muss ihn dann gar nicht weiter stören. Denn Luther hat Recht mit dem,
was er einmal (mehr anbetend als erklärend) bekannte:
„Gott ist nicht ein ausgereckt, lang, breit, dick, hoch, tief Wesen, sondern ein übernatürlich, unerforschlich Wesen, das zugleich in einem jeglichen Körnlein ganz und gar und
dennoch in allen und über allen und außer allen Kreaturen sei. Darum bedarfs keines
Umzäunens hier; denn ein Leib ist der Gottheit viel, viel zu weit und könnten viel tausend Gottheit drinnen sein, wiederum auch viel, viel zu enge, dass nicht eine Gottheit
drinnen sein kann. Nichts ist so klein, Gott ist noch kleiner, nichts ist so groß, Gott ist
noch größer, nichts ist so kurz, Gott ist noch kürzer, nichts ist so lang, Gott ist noch länger, nichts ist so breit, Gott ist noch breiter, nichts ist so schmal, Gott ist noch schmäler,
und so fort an, ist's ein unaussprechlich Wesen über und außer allem, das man nennen
oder denken kann.“
31. Unsere Zeit und Gottes Ewigkeit
Mit jedem neuen Jahr breitet Gott 365 nagelneue Tage vor uns aus: 52 lange Wochen, 12
ganze Monate. Und doch – kaum dass der Neujahrstag vergangen ist – scheint die Zeit
schon wieder an allen Ecken und Enden zu fehlen. Bald beginnt wieder das Rennen und
Hasten der Menschen, die immer sagen, sie hätten keine Zeit – gerade so als wäre Zeit
ein Rohstoff, der nur noch heute zur Verfügung steht und morgen schon aufgebraucht
sein kann. Bedauerlich ist das. Und doch auch irgendwie verständlich. Denn in der Tat
weiß ja keiner von uns, wann seine Zeit aufgebraucht ist. Denken wir zurück an die Jahrhunderte, die seit Christi Geburt vergangen sind, so erscheint uns dieser Zeitraum wie
eine Ewigkeit. Und mit Erschrecken wird uns bewusst, dass unser eigenes Dasein geschichtlich betrachtet dem Leben einer Eintagsfliegen gleich. Mag es auch 80 oder 90 Jahre wären, so ist es doch nicht mehr als eine Momentaufnahme, ein kurzer Augenblick,
ein kleines Gastspiel, das wir auf Erden geben.
Haben wir es wohl deswegen immer so eilig? Ja, hinter unserem Bemühen, den gegenwärtigen Tag voll auszuschöpfen, steht die Erfahrung, dass das, was wir unsere Gegenwart nennen, nur ein schmaler Grat ist im Fluss der Zeit. Dass sie jetzt dies lesen, war
gestern noch nicht wahr und nicht sicher. Es war verborgenen im dunklen Raum des
noch Zukünftigen, so dass gestern keiner mit Bestimmtheit hätte sagen können, dass es
heute geschehen würde. Jetzt im Moment ist es Wirklichkeit. Aber – ach je: In einer
Stunde ist es schon wieder Vergangenheit und ist hineingestürzt in den Abgrund des
Nicht-mehr-Wirklichen, das mühsam erinnert werden muss, wenn es präsent sein soll.
Zwischen dem „noch-nicht“ der Zukunft und dem „nicht-mehr“ der Vergangenheit dehnt
sich eben nur der schmaler Spalt des jetzt gegenwärtigen Augenblickes. Jetzt währt er
noch – doch in der nächsten Sekunde hat ihn schon der reißende Fluss der Zeit hinweggespült. Gewiss: wir sind daran gewöhnt. Wir haben es nie anders gekannt. Und doch:
125
Welche Elend liegt in dieser Flucht unserer Zeit! Welche Not bereitet uns nicht diese
unaufhaltsame Bewegung! Mal haben wir zu wenig Zeit, dann wieder zu viel. Mal verfliegt unsere Zeit, mal dehnt sie sich quälend. Wir versuchen sie zu sparen, aber oft wird
sie uns gestohlen. Wir wünschen bestimmte Zeiten herbei und fürchten zugleich, sie zu
verpassen. Wir sind Gefangene des Zeitenlaufes. Und diese Gefangenschaft ist oft
schmerzlich. Denn woran unsere Seele hängt, das liegt nicht allemal in der Gegenwart.
Für viele von uns liegt das, wonach sie sich sehnen, in ungewisser Zukunft. Und für viele
andere liegt es schon fern in einer Vergangenheit, die sie nicht wiederholen können. Wir
reisten gerne vor oder reisten gern zurück in der Zeit, oder wir hielten wenigstens gerne
die Gegenwart fest. Wie auf einem Videorecorder würden wir gerne den Film unseres
Lebens vorspulen und zurückspulen und würden gerne auch einmal auf die Tasten
„Standbild“, „Zeitlupe“ oder „Schneller Vorlauf“ drücken. Aber wenn sich unser Leben
einem Videofilm vergleichen lässt, dann hat man uns jedenfalls die Fernbedienung für
den Recorder weggenommen. Wir haben keinen Einfluss auf den Ablauf unserer Lebenszeit, nicht auf den Anfang und nicht auf ihr Ende. Da kann man schon ein wenig neidisch werden, wenn man liest, was der 102. Palm über Gottes Ewigkeit sagt: „Mein Gott,
... Deine Jahre währen für und für. Du hast vorzeiten die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, du aber bleibst; sie werden alle veralten wie ein Gewand; wie ein Kleid wirst du sie wechseln, und sie werden verwandelt
werden. Du aber bleibst, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende.“
Ja, Gott ist der „Ewige“. Das sagt die Bibel viele hundert Mal. Aber verstehen wir auch,
was das heißt? Ewigkeit ist für uns ein schwerer Gedanke. Denn so sehr sind wir gefangen im Zeitenlauf, so selbstverständlich ist er uns, dass wir uns „Ewigkeit“ nicht wirklich
vorstellen können. Ich spüren das regelmäßig, wenn mir Kinder in der Grundschule Fragen stellen. „Wie alt ist Gott?“ wollen sie wissen. „Wer hat Gott gemacht?“. „Langweilt
sich Gott manchmal?“ „Wird er müde?“ „Stirbt Gott, wenn er mal ganz alt ist?“ All das
sind Fragen, bei denen die Kinder ganz selbstverständlich Gott in der Zeit denken. Sie
setze voraus, dass er – wie sie – eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft
hat, das natürlich etwas vor ihm gewesen und etwas nach ihn kommen müsste. Sie
schließen von sich selbst auf Gott und folgern, auch er müsse einen Anfang und ein Ende
in der Zeit haben. Ich sage dann: Ihr irrt euch! Gott unterliegt nicht dem Werden und
Vergehen wie wir. Er wurde nicht, sondern er war schon immer. Er verschwindet auch
nicht, sondern wird immer sein. Er wird nicht älter und nicht müde. Alle Zeit vergeht.
Gott aber bleibt immer der, der er ist. Doch noch während ich das sage, machen mir die
ungläubigen Gesichter der Kinder deutlich, dass solchen Erklärungsversuchen enge Grenzen gesetzt sind. Denn „Ewigkeit“ – wer kann sich das wirklich vorstellen?
Was wir uns denken können, ist höchstens eine unbegrenzte Verlängerung der Zeit in
die Vergangenheit und in die Zukunft hinein – ein Leben ohne Anfang und Ende. Ewigkeit aber ist noch sehr viel mehr: Denn Ewigkeit ist nicht nur verlängerte Zeit, sondern
Ewigkeit ist der Gegensatz der Zeit. Ewigkeit ist keine besonders große Wegstrecke innerhalb der Zeit, sondern Ewigkeit ist ein Standpunkt jenseits aller Zeit. Ewigkeit ist
keine Steigerung der Zeiten, sondern eine völlig andere Qualität. Gott existiert also nicht
in der Zeit – wie wir – nur viel länger. Sondern Gott steht jenseits der Zeit als Grund und
Ursache aller Zeit. Ihm ist darum Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges gleich
nah und gleich präsent. Für uns gibt es das alles nur in geordnetem Nacheinander. Für
Gott aber ist es alles jetzt. Denn seine Ewigkeit ist nicht bloß ewig verlängerte Zeitlichkeit, sondern seine Ewigkeit ist aller Zeitlichkeit enthobene Freiheit gegenüber der Zeit.
126
Wenn sie sich das nun aber nicht vorstellen können, so ist das ganz normal. Denn für
Gott sind tausend Jahre wie ein Tag. Wir fühlen uns demgegenüber wie Eintagsfliegen.
Wir spüren die Fremdheit und Distanz, die uns von Gottes ewiger Majestät trennt. Aber
das ist ganz in Ordnung so. Denn erst, wenn wir jene Distanz ermessen haben, werden
wir begreifen können, was da Aufregendes geschah, als der ewige Sohn Gottes auf Erden
inmitten der Zeit erschien. Da verbanden sich nämlich Dinge, die sich nach menschlichem Ermessen gar nicht verbinden können. Und es geschah dabei nicht nur etwas mit
dem ewigen Gott, sondern es geschah auch etwas mit der Zeit, in die er einging. Denn als
Christus den Frieden der himmlischen Welt hinter sich ließ, konnte das ja nicht ohne
Folgen bleiben:
Der Ungewordene und Unvergängliche setzte sich dem Werden und Vergehen aus. Der,
der ohne Anfang und ohne Ende ist, nahm einen Anfang in Bethlehem und nahm ein
Ende auf Golgatha. Der, der die Zeit geschaffen hat, wurde ein Teil dessen, was er geschaffen hat – und stieg aus sicherer Höhe hinab in den reißenden Fluss – Erstaunlich
genug! Warum aber das? Warum erschien der Ewige inmitten der Zeit? Doch nur darum,
damit wir, die es wohl verdient hätten, mit der Zeit zu vergehen, den Rockzipfel der
Ewigkeit ergreifen und gerettet werden könnten. Denn woran sonst hätten wir Gefangenen der Zeit uns festhalten sollen? Es steht ja nichts still und nichts bleibt fest in der
Zeit – alles fließt. Christus aber kam und blieb. Und mit ihm bleiben nun die Seinen.
Alles fällt, er aber steht, und mit ihm stehen wir. In dieser Welt rollen die Tage dahin
wie die Wellen auf dem Meer. Die einen gehen, die anderen kommen, keine kann verweilen. Wir aber dürfen bekennen, dass inmitten der Zeit etwas von ewiger Bedeutung
geschah. Denn in Christus berührte der Himmel die Erde, in ihm durchdrang die Ewigkeit das Jetzt. Und seither ist „Ewigkeit“ für uns nichts Kaltes und Unvorstellbares mehr.
Christus hat die Tür zwischen Zeit und Ewigkeit aufgestoßen. Und er lehrt uns, Gottes
Ewigkeit nicht als etwas Fremdartiges zu betrachten, das Gott sich vorbehalten hat, sondern als etwas, das er mit uns teilen will. Nicht bestaunen sollen wir Gottes Ewigkeit,
sondern freuen sollen wir uns daran. Denn sie ist Gewähr dafür, dass Gott sich nicht
morgen alles anders überlegt, sondern dass er mit der unveränderlichen Treue und Verlässlichkeit des Ewigen an dem festhält, was er uns in Christus zugesagt hat. Was Menschen beteuern, ist oft nur Gerede. Denn ein Mensch, der mir heute etwas verspricht,
kann morgen schon wieder ganz anders denken. Heute schwört er Treue, und morgen
hat er’s vergessen. Menschen machen Pläne und Versprechungen auf Jahre hinaus – und
wissen doch nicht einmal, ob sie den nächsten Tag erleben.
Doch Gott ist sich treu. Er wankt und wackelt nicht. Er hat keine Launen. Er ist nicht
vergesslich. Er stielt sich nicht davon. Und er hängt sein Fähnchen auch nicht nach dem
Wind. Gott folgt keiner Mode. Er hält sich keine Hintertür offen. Er sagt, was er denkt.
Und er tut, was er sagt. Berge können im Meer versinken und Sterne vom Himmel fallen,
doch Gottes Wort steht fest. Und das ist ein Segen. Das ist unser großes Glück. Denn Gott
steht unverrückt – und mit ihm stehen wir. Ich meine dies ist es, woran wir uns fröhlich
erinnern sollten, wenn uns die Zeit mal wieder durch die Finger rinnt und die Tage zu
verfliegen scheinen. Mag auch Geliebtes in der Vergangenheit verschwinden, mag Gefürchtetes aus der Zukunft auf uns zukommen, so geht doch das, was geht, nur in Gottes
Ewigkeit ein, und kommt das, was kommt, nur aus Gottes Ewigkeit heraus. Wandern wir
also durch die fliehende Zeit, wie Christen gebührt: Ganz gelassen, ganz vertrauensvoll
und ganz dankbar dafür, dass unser Gott der bleibt, der er ist – heute, morgen und auf
ewig…
127
32. Gottes Allmacht
Der 33. Psalm ist in der Bibel treffend überschrieben. Denn es steht da als Überschrift:
„Ein Loblied auf Gottes Allmacht und Hilfe“. In der Tat freut sich der Psalmbeter, den
allmächtigen Gott hilfreich an seiner Seite zu wissen. Und wenn man genau hinhört, so
gibt er sogar eine Definition dessen was er unter Gottes Allmacht versteht. Denn im 9.
Vers heißt es: „Wenn er spricht, so geschieht's; wenn er gebietet, so steht's da.“
Dem bibelkundigen Hörer ist diese Feststellung natürlich nicht neu, sondern sie erinnert
ihn an die Schöpfungsgeschichte, wo Gott ja auch kein anderes Werkzeug benutzt als nur
sein gebietendes Wort: Jeder Schöpfungstag beginnt damit, dass Gott spricht: „Es werde....“ Und wenig später wird der Vollzug gemeldet mit den Worten: „Und es geschah so.“
Doch ist die Schöpfungserzählung längst nicht der einzige Beleg für Gottes Allmacht,
sondern die ganze Bibel ist voll von Berichten, die uns Gottes unumschränkte Macht
ganz im Sinne des 33. Psalms veranschaulichen: Wenn Gott will, dann steht die Sonne
still. Wenn er will, teilen sich die Wasser des Meeres. Wenn er will, fällt Feuer vom
Himmel. Wenn er will, stehen Völker gegeneinander auf. Wenn er will, werden Tote
wieder lebendig. Wenn er will, macht er mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Menschen satt. Ja, zahllos sind die biblischen Texte die das Psalmwort bestätigen: „Wenn er
spricht, so geschieht's; wenn er gebietet, so steht's da.“ Überall im Alten und im Neuen
Testament erfahren wir, dass Gott, wenn er etwas will, durch nichts und niemand daran
gehindert werden kann. Sein Wille ist im wahrsten Sinne des Wortes „unwiderstehlich“.
Denn Gott ist einer, der, was er will, auch kann. Und genau dieses Können ist es, was das
Glaubensbekenntnis meint, wenn es von Gottes „Allmacht“ spricht. So weit – so gut. Nur
ist es auf diesem Hintergrund erstaunlich, dass die Theologie der Gegenwart von Gottes
Allmacht nicht mehr viel wissen will und sie nur ungern thematisiert. Ja, es gibt Geistliche, denen das Wort „Allmacht“ gar nicht mehr über die Lippen kommt, weil sie es lieber
umgehen und durch andere Worte ersetzen. Sie bekennen sich höchst ungern zu einem
allmächtigen Gott. Woher aber kommt dieses Unbehagen? Was ist anstößig an dem, was
der 33. Psalm so fröhlich bekennt?
Nun, es ist nicht schwer zu erraten. Denn nehmen wir Gottes Allmacht ernst, so müssen
wir in ihm den Regenten dieser Welt sehen, den Lenker aller Schicksale. Und wenn er
das wirklich ist, so fällt ihm auch Verantwortung zu für das, was schief geht. Hat Gott
tatsächlich Macht über alles, so muss er auch Macht haben über das Elend und das Leiden der Welt. Gebraucht er diese Macht aber nicht, um das Leid zu beenden – scheint er
es zu wollen, indem er es bewirkt oder wenigstens zulässt – so gerät Gott um seiner Allmacht willen ins Zwielicht. Rätselhaft erscheint uns dann dieser allmächtige Gott – und
manchmal auch richtig grausam. Denn bei tragischen Todesfällen kann man kaum begreifen, dass solches Unglück „Gottes Wille“ gewesen sei. Man kann es nicht verstehen.
Man kann es schon gar nicht erklären. Und so ist die Versuchung groß, dem Problem auszuweichen, indem man Gottes Allmacht verschweigt oder leugnet.
Ja, auch Pfarrer wollen Gott auf diese Weise in einem freundlicheren Licht erscheinen
lassen. Und sie meinen’s gut, denn ihre Aufgabe ist es, Menschen in eine positive Beziehung zu Gott zu bringen. Um die möglich zu machen, möchten sie Gott lieber nicht durch
Allmacht belasten, sondern durch Ohnmacht entschuldigen. Denn ein hilfloser Gott, der
nichts ändern könnte, ein Gott, dem die Hände gebunden wären und der sich solidarisch
mitleidend an die Seite der Machtlosen stellte – der wäre in einer Welt voller Leid viel
128
leichter zu vertreten. Er böte weniger Angriffsfläche und erschiene „sympathischer“. Nur:
Wäre es noch der Gott der Bibel? Und wäre es der Gott Jesu Christi? Die Bestreiter der
Allmacht berufen sich gern auf Jesu Passion. Denn am Kreuz geht er tatsächlich nicht den
Weg der Macht, sondern entäußert sich aller Macht. Jesus trumpft nicht auf und ruft
auch kein Engelheer zu Hilfe, sondern liefert sich wehrlos aus. Nur: Kann man daraus
schon folgern, der Gott der sich in Christus offenbart, sei kein „allmächtiger“ Gott? Widerruft die Selbsthingabe Christi das, was die Heilige Schrift im Übrigen über Gott zu
sagen weiß, oder ist es nicht gerade die Pointe des Kreuzesgeschehens, dass der allmächtige Vater eins ist und eins bleibt mit dem Sohn, der den Weg der Liebe und des Leidens
geht?
Tatsächlich haben die, die Gottes Allmacht verschweigen, nicht bedacht, dass der Opfertod Jesu eine nutzlose Tragödie geblieben wäre, wenn sich Gott nicht am Ostermorgen
herrlich und vor allem mächtig zu seinem Sohn bekannt hätte. Das Kreuz wäre kein Siegeszeichen, wenn nicht die Auferstehung als ein Signal göttlicher Kraft und Autorität es
dazu gemacht hätte. Und darum kann der Machtverzicht Jesu auch unmöglich als Argument gegen die Allmacht Gottes herhalten: Denn Gott ist ja gerade die Macht in Jesus
und hinter Jesus. Gerade der Allmächtige ist es, der Jesu Wort beglaubigt und damit Jesu
Werk Bedeutung verleiht.
Nur Gottes Allmacht bietet Gewähr dafür, dass Jesu Verheißungen wahr werden. Und
darum gilt es – auch wenn’s unpopulär ist – am Bekenntnis zum Allmächtigen festzuhalten. Denn stünde hinter Jesus nicht der allmächtige Vater, so könnte uns Jesu Wort nicht
mit Hoffnung erfüllen. Die Liebe Jesu wäre hilflos und stünde auf verlorenem Posten,
wenn nicht das Durchsetzungsvermögen des Allmächtigen ihren Hintergrund bildete.
Der gute Wille zur Erlösung wäre vergebens, wenn ihm nicht Gottes Arm die nötige
Schlagkraft verliehe. Und darum ist es Unsinn, Gottes Allmacht zu verschweigen oder
einzuschränken, die doch den Grund unserer tröstlichen Gewissheit bildet:
Nur weil Gott allmächtig ist, sind wir in seiner Hand sicher geborgen. Nur weil seine
Kraft ohne Grenze ist, vermag sie unsere Lasten zu tragen. Nur weil Gottes heilvoller Wille unwiderstehlich ist, wissen wir, dass er unfehlbar das Ziel unserer Vollendung erreichen wird. Und so hängt – bei Lichte besehen – unser ganz persönliches Heil an der
Wahrheit jenes Satzes: „Wenn er spricht, so geschieht's; wenn er gebietet, so steht's da.“
Gott ist tatsächlich der, der, was er will, auch kann. Wenn er aber nicht immer will, was
wir meinen, das er wollen sollte, dann ist das kein Grund an seiner Macht und Freiheit
zu zweifeln, sondern dann müssen wir mit dieser seiner Freiheit zu leben lernen und
müssen die Wahrheit aushalten, dass unter Gottes Allmacht in der Tat nichts geschehen
kann als allein das, was er geschehen lässt.
Das birgt dann gewiss manche Anfechtungen, weil wir leidend daran leiden, dass Gott es
nicht anders will. Wir leiden nicht mehr an irgendwas, sondern leiden an diesem Gott,
der partout nicht will, wie wir wollen. Und das ist schwer durchzuhalten. Doch bieten
uns diejenigen die Gottes allmächtiges Regieren verschweigen, keine Alternative. Denn
sie meinen zwar Gottes Ehre zu retten und ihn weniger angreifbar zu machen. Sie wollen
ihn entschuldigen und rechtfertigen, gerade als wäre er kein Richter, sondern ein Angeklagter, der ihre Verteidigung nötig hätte. In Wahrheit aber entziehen sie dem Glauben
jeden Trost, weil ein ohnmächtiger oder nur begrenzt mächtiger Gott dem Satan gegenüber nicht das letzte Wort behalten könnte. Man müsste dann für denkbar halten, dass
Gott den Kürzeren zieht. Und der Glaube würde den Boden unter den Füßen verlieren.
Denn die Macht, die man leugnet, wenn man Gottes Allmacht leugnet, ist die Macht, die
129
hinter dem Evangelium steht. Es ist die Macht, die sich in Christus an die Liebe gebunden hat. Es ist die Macht, die die Erfüllung aller Verheißungen garantiert. Es ist die
Macht, die allein uns erwarten lässt, dass am Ende der Weltgeschichte alle Macht liebevolle Macht – und alle Liebe mächtige Liebe sein wird. Dies aber in Zweifel zu ziehen, ist
keine gute Idee, und schon gar kein Evangelium. Sondern im Gegenteil ist dies eine gute
Nachricht, wenn wir dem biblischen Zeugnis glauben, dass gegen Gottes guten Willen
kein Kraut gewachsen ist. Jesus sagt, dass bei Gott alle Dinge möglich sind. Nichts ist im
Himmel und auf Erden, das ihn an der Durchsetzung seines Willens hindern könnte.
Niemand hält ihn auf. Keiner vermag Gott einen Weg zu verstellen – und das ist wahrlich
gut so. Lassen wir uns also nicht auf falsche Fährten locken. Und lassen wir uns bezüglich einer Eigenschaft Gottes, die die Heilige Schrift unmissverständlich bezeugt, keine
Zweifel einreden. Denn man löst keine theologischen Probleme, indem man das biblische Zeugnis ignoriert, aus dem sie entstehen. Aber man stärkt die christliche Zuversicht,
wo man sich fröhlich zur Allmacht bekennt:
Gottes Arm ist länger als der Arm seiner Feinde. Sein guter Wille ist unwiderstehlich.
Und wenn sich der Pulverdampf der Weltgeschichte eines Tages verzogen haben wird,
dann wird Gott sich als letzter über dem Staub erheben und wird genau das tun und erfüllen, was er von Anbeginn versprochen hat. Weil er’s aber tun wird um unseretwillen
und mächtig sein wird zu unserem Besten, darum können wir schon heute in den Jubel
des 33. Psalms einstimmen:
„Wenn er spricht, so geschieht's; wenn er gebietet, so steht's da.“
33. Gottes Unveränderlichkeit
Vom längeren Atem des Ewigen (in enger Anlehnung an eine Predigt S. Kierkegaards)
Im Buch des Propheten Jesaja, im 46 Kapitel, spricht Gottes über sich selbst und sagt unter anderem: „Auch bis in euer Alter bin ich derselbe.“ Das klingt nicht spektakulär. Und
doch beschreibt der Satz einen wichtigen Unterschied zwischen Gott und seinen Geschöpfen, weil wir nämlich alt werden und uns im alt werden erheblich verändern, er
aber in der Zwischenzeit und überhaupt für all Zeit „derselbe“ bleibt. Während wir uns
wandeln, mal so sind und mal so, bleibt Gott sich gleich, er bleibt sich völlig treu und
wird durch nichts aus seiner Bahn gebracht: „Auch bis in euer Alter bin ich derselbe.“
Dieser Satz beschreibt maximale Kontinuität. Und diese Unveränderlichkeit Gottes die er
ausspricht, wird von anderen biblischen Texten bestätigt:
Für den Jakobusbrief etwa ist Gott der „Vater des Lichts, bei dem keine Veränderung ist,
noch Wechsel des Lichts und der Finsternis.“ Gott kennt keine Schwankungen, heißt das,
und er durchläuft auch keine Entwicklung, denn er hat keine Entwicklung nötig. Im Unterschied zu uns ist Gott vollkommen. Und wenn das Vollkommene sich änderte, könnte
es dadurch ja nur schlechter werden. Das Vollkommene bedarf keiner Verbesserung. Es
ist keiner Steigerung fähig und kennt natürlich auch keinen Verfall, weil der schon ein
Zeichen der Unvollkommenheit wäre.
Nur mangelhafte Wesen wie wir, die wandeln sich, entstehen, wachsen, reifen ändern
ihre Meinungen, ändern sie wieder, behaupten etwas, nehmen es zurück, ermüden, verfallen und sterben. Dass das bei Gott in Ewigkeit anders sein muss, kann man verstehen.
Und doch lässt uns diese Einsicht erst mal kalt, weil man nicht gleich sieht, was das mit
uns zu tun hat.
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Allenfalls wird man Gott um seine Unveränderlichkeit beneiden. Aber selbst diesen Neid
würde nicht jeder teilen. Denn in unseren Ohren klingt „Unveränderlichkeit“ auch ein
wenig nach „Stagnation“. Man fürchtet fast, Gott müsse sich langweilen, weil er doch
immer „derselbe“ ist. Doch sind das kindliche Vorstellungen, die schnell verfliegen,
wenn wir es wagen, Gottes Unveränderlichkeit auf unser Leben zu beziehen, und uns
klar machen, dass sie dann auch die Unveränderlichkeit seines göttlichen Willens einschließt, der unveränderlich etwas von uns will.
Da endet dann das Gedankenspiel – und es läuft uns kalt den Rücken herunter. Denn
Gott fordert ja etwas von uns! Er fragt nach uns, er sieht uns, und sein auf uns gerichteter Wille ist – samt der auf uns gerichteten Aufmerksamkeit – „unabänderlich“! Muss
einem da nicht mulmig werden? Gott hat jedem von uns eine Bestimmung gegeben. Er
hat uns seine Weisungen nicht verheimlicht. Er erhebt Anspruch auf unser Leben. Und
dieser Anspruch Gottes, der jeden Einzelnen von uns ganz persönlich meint, der ist unveränderlich – und eben darum „nicht verhandelbar“! Ist das nicht eine grauenvolle Entdeckung, wenn wir doch fühlen dass wir mit Gottes Willen nicht übereinstimmen? Es
wäre uns wohl lieber, er würde mal wegsehen oder ließe sich in gewissen Dingen umstimmen!
Wenn Gott aber mit nimmermüdem Interesse auf unser Leben hinsieht und seine Erwartung an uns auch nie revidiert, ist es dann nicht unausweichlich, dass unser Wille mit
dem Willen Gottes in einen Konflikt gerät, den wir nicht vermeiden und in dem wir auch
nicht siegen können? Wie kann dieser Konflikt schon enden, wenn doch die Richtung
des göttlichen Willens unveränderlich ist? Kollidiert etwa eine Mücke mit einem
Schnellzug und wirft ihn aus der Bahn?
So ist es schlimm genug, mit Menschen uneins zu sein. Doch bei Menschen kann man
hoffen der Stärkere zu bleiben. Man kann immerhin hoffen, dass der Andere sich ändert,
dass er aufgibt oder weggeht, dass er es sich anders überlegt oder einen Kompromiss
schließt. Wenn man der Schwächere ist, kann man versuchen den Kampf so lange durchzuhalten, bis der andere Mensch müde wird und die Lust verliert.
Aber wenn ich uneins bin mit dem Unveränderlichen – worauf soll ich dann hoffen? Gott
wird ja nicht von mir ablassen! Er wird meinetwegen nicht die Richtung ändern! Und was
er fordert, das wird er sich auch nicht anders überlegen! Wie also könnte man ihm gegenüber den längeren Atem haben? Könnte ich ihm 10 Jahre lang widerstehen, so wäre
seine Forderung doch noch ganz dieselbe. Und könnte ich mich 100 Jahre lang widersetzen, so wäre sein Wille auch nach 100 Jahren kein anderer geworden. Für Gott sind 1000
Jahre wie ein Tag. Er wird nicht müde. Er braucht keine Kompromisse. Und er kann darum auf seinen Forderungen eine Ewigkeit lang insistieren, während wir uns keine
Ewigkeit lang widersetzen können. Gott wird nie aufhören, an unsere Türen zu klopfen.
Und für den, der um keinen Preis aufmachen will, muss die Beharrlichkeit, mit der Gott
nach ihm fragt, entsetzlich sein…
Menschen ändern ihre Absichten. Gott aber, der Unveränderliche, gab Weisungen, die
ewig gelten werden, und wenn er seine Gegenwart auch nicht immer merken lässt, so ist
er doch immer da – und schaut uns zu. Freilich: Die meisten Menschen ignorieren ihn
und hoffen, dass Gott irgendwann das Interesse verliert, dass er weggeht und sie in Ruhe
lässt. Sie selbst sind ja so sprunghaft, dass sie ständig ihre Absichten ändern, ihre Meinungen und Moden. Weil ihnen das Stehvermögen fehlt, schwanken sie hin und her –
und nennen das „Fortschritt“. Gott aber, der Unveränderliche, der seiner nicht spotten
lässt, der sitz ganz stille da – denn er hat Zeit.
131
Gott kann unseren Fluchtversuchen gelassen zuschauen, weil er weiß, dass er unveränderlich ist. Er kann jeden Konflikt aussitzen und kann geduldig sein, weil einmal der Tag
kommt, wo er Rechenschaft fordert über jedes unnütze Wort, das gesprochen, über jede
Träne, die vergossen, und über jedes gute Werk, das unterlassen wurde…
Wir wollen’s nicht wahrhaben! Und doch hat all unser Leichtsinn einen ewig Unveränderlichen zum Zeugen, der aufgrund seiner Unveränderlichkeit nicht das Geringste vergisst! Was nützt es mir also, wenn meine Schuld 20 Jahre zurückliegt? Und was würde es
ändern, wenn es 200 Jahre wären? Bei menschlichen Zeugen kann ich darauf warten,
dass sie eines Tages samt ihrem Wissen begraben werden und Gras darüber wächst. Vor
unseren Gerichten gibt es eine Verjährung. Gott aber bleibt sich gleich – und wird sich
stets an alles erinnern, als wäre es gestern geschehen, denn auch nach 1000 Jahren ist für
ihn der Zeiger der Ewigkeit nicht vorgerückt.
Alles, was wir in unserem Leben tun, tun wir unter den aufmerksamen Augen unseres
Gottes, dessen Wille fest steht, dessen Gedächtnis keine Lücken kennt, und von dem wir
in Ewigkeit nicht loskommen. Ob diese Erkenntnis nun aber schlimm ist und bedrückend – das liegt zu einem guten Teil an uns selbst. Sie muss es nicht sein!
Denn Gottes große Beharrlichkeit ist nur solange unangenehm, wie sich Widerstand in
mir regt und ich trotzig anders sein möchte, als Gott mich haben will. Gebe ich diesen
sinnlosen Widerstand auf, bringe ich meinen Willen mit seinem in Übereinstimmung
und bejahe das, was Gott unveränderlich von mir will, so ergibt sich sofort ein ganz anderes Bild, weil dann Gottes Unveränderlichkeit mit einem Schlag zu etwas ganz Tröstlichem und Beglückenden wird.
Ja: Gottes große Festigkeit zeigt sich dann von einer ganz anderen Seite. Denn bedenken
sie, wie herrlich das ist, von Gottes „Sturheit“ zu profitieren! Was könnte größerer Trost
sein als zu wissen, dass einer das, was ich auf fehlbare schwankende und schwache Weise will, seinerseits auf unveränderliche, ewige und eindeutige Weise will? Was könnte
beruhigender sein als die Gewissheit, einen ewig-unverrückbaren Fels hinter sich zu haben? Tatsächlich ist die Beharrlichkeit Gottes, vor der es seinen Feinden grausen muss,
für den Gläubigen ein Grund zum jubeln.
Denn wenn der Unveränderliche immerzu unverändert für uns ist – wer kann dann noch
gegen uns sein? Wenn Gott uns zu den Seinen zählt und uns liebt in unveränderlicher
Treue – wer will uns dann aus seinen Händen reißen? Wer hätte dann wohl die Macht,
den Unveränderlichen zu ändern, ihn von seinem Wege abzubringen und sein barmherziges Werk an uns zu hindern? Keiner kann ihn umstimmen – und das ist unser großes
Glück! Denn selbst wenn man unsere Asche auf den Weltmeeren verstreute, wenn man
unsere Namen aus dem Gedächtnis der Menschheit tilgte, wenn man all unsere Spuren
verwischte und Millionen Jahre vergingen, so wären wir doch Gott, dem Unveränderlichen, noch genauso gegenwärtig und so lieb wie am heutigen Tag – und wären nicht
überwunden, weil er es nicht ist.
Es kostet Gott nur ein Fingerschnippen, uns zu neuem Leben erstehen zu lassen, und
alle unsere Feinde werden umsonst an unserem Verderben gearbeitet haben. Wenn das
aber so ist, warum sollten wir dann noch furchtsam sein? Tod und Teufel mögen toben –
Gott bleibt sich gleich. Und hat er sich einmal unser erbarmt um Christi willen, so wird
er seine Meinung über uns nicht wieder ändern. Da mag Satan Gift und Galle spucken,
Gott hat uns dennoch freigesprochen und nimmt keines seiner Worte zurück, bis irgendwann jedem Widerstand im Ringen mit dem Unveränderlichen die Puste ausgegangen ist.
132
Da wird die Hölle eine herbe Enttäuschung erleben, weil sie vergeblich auf uns wartet
und doch nicht den längeren Atem hat. Die Gläubigen aber werden mit ihrer Zuversicht
auf ewig Recht behalten. Denn das Irdische ist unbeständig, die Zeit verfliegt – selbst
Himmel und Erde werden vergehen – Gottes Wort aber, das bleibt und gilt, und wer ihm
sich unterstellt, den wird Gottes Unveränderlichkeit stets unverändert fröhlich machen…
In gewissem Sinne haben wir also die Wahl. Wir können zwar nichts dagegen tun, dass
wir unter den Augen des Unveränderlichen leben. Auch wenn wir Gott leugnen, bringen
wir ihn damit nicht zum verschwinden. Wir haben aber insofern die Wahl, als wir uns an
Gottes Unveränderlichkeit den Schädel einrennen oder uns fröhlich unter ihren Schutz
begeben können. Wir können uns darüber ärgern, dass Gott sich treu bleibt, oder wir
können darüber jubeln. Wir können unseren närrischen Eigenwillen sinnlos seinem Willen entgegensetzen oder wir können mit Demut unseren Willen in seinem aufgehen lassen.
Im ersten Falle wird es uns wie ein Fluch erscheinen, dass wir Gott nicht loswerden
können. Im zweiten Falle aber wird uns gerade das Trost und Mut verleihen. Die Mücke
kann sich dem Schnellzug frontal entgegenwerfen, wenn sie etwas so Dummes tun will.
Oder sie kann sich auf’s Dach setzen und fröhlich durch die Gegend brausen. Gottes ausdrücklicher Wunsch ist aber, dass wir das Letztere tun. Es ist ihm viel lieber, wenn sein
Durchsetzungsvermögen uns nützt, als wenn es uns schadet. Es ist ihm viel lieber, dass
die Sünder sich bekehren, als dass sie verloren gehen. Aber um das zu erreichen, wird er
die Richtung seines Willens bestimmt nicht ändern.
Denn der Ewige geht nicht mit der Zeit, sondern er steht über aller Zeit. Und er hat darum seine Meinung in ethischen Fragen auch seit biblischer Zeit nicht geändert. Gottes
Weisung ist nicht das, was gestern galt oder morgen gelten wird, sondern was immer gilt.
Seine Maßstäbe unterliegen keiner Mode, weil das Ewige als Ewiges zu jeder Zeit „zeitgemäß“ ist. Wer’s aber besser weiß als Gottes Wort, der streite darüber mit Gott, belehre
Gott und sehe zu, wie weit er damit kommt. Wenn die ganze Welt gegen ihn anliefe und
es anders wollte, so würde sie Gottes Gebot und Satzung doch keinen Millimeter von der
Stelle rücken, denn Gott bleibt sich treu. Wir werden alt, er aber bleibt derselbe! Freuen
wir uns dessen und danken wir es ihm von Herzen, denn wer mit Gott lacht, lacht am
längsten…
34. Gottes Ehre
Unter Christen ist die „Ehre Gottes“ ein geläufiger Begriff. Aber sind wir mit der Sache
wirklich vertraut? Wir feiern zwar unsere Gottesdienste zur Ehre Gottes, wir singen nach
dem Psalm „Ehr‘ sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist…“ und singen
zum Lobpreis „Ehre sei Gott in der Höhe…“ – aber was damit gemeint ist, scheint mir
durchaus nicht so klar. Denn was ist überhaupt „Ehre“ – und was bedeutet es, jemandem
„die Ehre zu geben“ oder sie ihm „nicht zu geben“? Heißt das etwa, dass Gott an seiner
Ehre etwas fehlte, wenn wir ihm nicht Ehre „geben“? Oder heißt „Gott ehren“ einfach
nur anzuerkennen und zuzugeben, dass ihm allein die Ehre gebührt, weil er allein ehrens
- wert ist?
Im ersten Falle käme Gottes Ehre erst dadurch zustande, dass die Geschöpfe ihn ehren.
Und im zweiten Falle wäre sie eine Gegebenheit, die der Mensch bloß noch zur Kenntnis
133
nimmt. Wer das aber verwirrend findet und zur Klärung in die Bibel schaut, kommt auch
nicht gleich weiter, weil er dort für beides Belege findet.
Die Bibel sagt sowohl, dass Gott die Ehre hat, als auch, dass sie ihm zu geben ist. Und
eine Alternative scheint das nicht zu sein. Die Bibel appelliert an uns: „gebt unserm Gott
allein die Ehre!“, „bringet dar dem Herrn Ehre und Macht!“, „lobsinget zur Ehre seines
Namens!“, „eifert für die Ehre Gottes“ und „was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre“, denn „alle Lande sollen seiner Ehre voll werden!“ Selbst die Engel in der Weihnachtsgeschichte singen „Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“
Das alles sind Aufforderungen, die den Eindruck erwecken, Gottes Ehre müsse dadurch
verwirklicht werden, dass man ihn ehrt. Dem gegenüber stehen aber ebenso viele biblische Worte, die in Gottes Ehre ein Faktum und eine Gegebenheit sehen. Denn er wird
nicht, sondern ist „der König der Ehre“ und der „Gott der Ehre“. „Sein ist die Ehre und
Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“, „alle Lande sind seiner Ehre voll!“, denn „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.“ Wie denn
nun, fragt man sich: Ist Gottes Ehre ein zu verwirklichendes Ziel oder eine bereits vollendete Tatsache? Für die Bibel gilt aber beides zugleich, weil Gott künftig überall und
von allen die Ehre gegeben werden soll, die ihm schon heute und schon immer zukommt
und gebührt. Gottes Ehre ist, auf Gott selbst gesehen, eine Gegebenheit, zu der niemand
mehr etwas beitragen muss. Sie wird aber längst nicht von jedem Geschöpf anerkannt
und ist insofern einer Steigerung fähig. Gottes Ehre muss nicht hergestellt, aber sie soll
anerkannt werden. Und sie bedarf insofern einer Steigerung, als sie heute noch von vielen Menschen verleugnet, verkannt und verlästert wird. Einst aber wird „die Erde voll
werden von Erkenntnis der Ehre des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt.“ Und dann
werden „alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des
Vaters.“
Damit könnte man sich auf den ersten Blick zufrieden geben. Doch bleibt noch offen,
was Ehre überhaupt ist. Was wird unter Menschen „erkannt“, wenn einer die Ehre des
anderen „anerkennt“? Hat das mit Respekt zu tun, mit Würde, mit Ehrfurcht, mit Achtung, mit Leistungen oder Tugenden? Ehren wir jemanden, weil er sich ehr - würdig verhält? Respektieren wir ihn erst, wenn er sich unseren Respekt verdient? Oder achten wir
schon seine angeborene Menschenwürde? Es ist so unklar, was Ehre ist und wem sie gebührt, weil die Begriffe Würde, Ehre und Respekt oft gleichgesetzt werden. Ich meine
aber, dass man sie besser auseinanderhalten sollte.
Die Würde eines Menschen ist mit seinem Dasein schon (vor-)gegeben und ist in dem
Sinne „unantastbar“ und „unverlierbar“, dass Menschenwürde weder durch das unwürdige Verhalten der Person selbst noch durch die menschenunwürdige Behandlung eines
Anderen gemindert oder zerstört werden kann. Die Würde des Menschen ist einfach
deshalb eine unverlierbare Gegebenheit, weil unser Schöpfer uns wollte, uns zu seinen
Ebenbildern bestimmte – und an dieser guten Bestimmung auch da festhält, wo wir sie
verfehlen. Menschenwürde ist darum von unserem eigenen Verhalten, von Qualitäten
und Leistungen ganz unabhängig.
Doch mit der Ehre verhält es sich da ganz anders. Die Ehre ist vom Verhalten durchaus
abhängig, denn die Ehre eines Menschen liegt in der Übereinstimmung seines Verhaltens
mit dem von ihm erhobenen Anspruch, mit seinen Werten, seinen Pflichten und den von
ihm gegebenen Zusagen. Bei der Ehre geht es um die persönliche Integrität eines Menschen, der hält, was er verspricht, und tut, was er sagt. Denn Ehre ist eine Form der
134
Selbstübereinstimmung, die der Einzelne durch standes- und pflichtgemäßes Verhalten
wahren oder durch Fehlverhalten verlieren kann. Ehre ist also keine Gegebenheit wie
Menschenwürde, sondern Ehre als persönliche Integrität kann verspielt und wiedergewonnen werden. Sie ist die Übereinstimmung mit den Werten, zu denen man sich bekennt, weshalb auch die Ehre eines ehrlichen Kaufmannes in etwas anderem liegt als die
Ehre einer verheirateten Frau, und die soldatische Ehre verschieden ist von der Standesehre eines Arztes.
Ob ein Mensch aber – auf sich selbst gesehen – ehrenhaft lebt und handelt, das ist völlig
unabhängig davon, ob der Rest der Welt das anerkennt. Und darum müssen wir nicht nur
die Würde von der Ehre unterscheiden, sondern müssen mit dem Respekt noch eine
dritte Größe einführen. Denn der äußerlich bezeugte Respekt ist selbst nicht Ehre, sondern ist bloß das positive Urteil über die Ehre des Anderen, dem wir Respekt bekunden.
Dem Ehrenhaften gebührt Respekt. Aber seine Ehre wird nicht geringer, wenn andere
ihm diesen Respekt versagen. Der Ehrenmann bleibt ein solcher – auch wenn seine Mitmenschen das nicht (an-)erkennen. Und der Ehrlose bleibt ehrlos – auch wenn ihm
Schmeichler noch so viele Respekt erweisen. Ehre ist eine innere Verfassung des Einzelnen, der mit Lob nichts hinzugefügt und der mit Schimpf und Verleumdung nichts abgebrochen werden kann. Denn Ehre entsteht nicht aus dem erwiesenen Respekt, sondern
umgekehrt: Der Respekt ist die Achtung vor dem ehrenhaften Verhalten eines Menschen,
der so behandelt wird, wie es seiner treuen Pflichterfüllung entspricht und zukommt.
Und das heißt auch, dass Respekt nicht von jedem eingefordert werden kann, sondern
„verdient“ werden muss. Bezeugungen des Respekts sollen das ehrenhafte Verhalten eines Menschen honorieren. Sie können es aber weder ersetzen, wenn es fehlt, noch können sie der Ehre Abbruch tun, wenn sie gegeben ist. Denn die wahre „Ehre“ besteht im
anspruchsgemäßen Sein – und nicht in der Anerkennung dieses Seins durch andere
(weshalb man seinen Ehrgeiz auch nicht darauf richten sollte, Anerkennung und Lob zu
empfangen, sondern nur darauf, der Anerkennung und des Lobes würdig zu sein).
Einer kann in sich viel Ehre haben, auch wenn’s weit und breit niemand bemerkt. Und es
kann einer in sich drin ehrlos sein, auch wenn die ganze Welt ihn hofiert und vor ihm
buckelt. Wahrhaftiger und gerechter ist es aber natürlich, wenn der, dem Ehre gebührt,
auch Ehre empfängt. Gerecht geht es nur dort zu, wo man anerkennt, was Anerkennung
verdient, und dementsprechend das Hohe hoch und das Geringe gering schätzen. Und
eben darauf zielen die biblischen Appelle, die wir eingangs genannt haben. Erinnern Sie
sich? Wir hatten uns gewundert, dass die Ehre Gottes einerseits als Gegebenheit erschien
und andererseits als ein zu verwirklichendes Ziel. Doch dürfte nun klar sein, dass im
ersten Fall Gottes innere Ehre gemeint ist, und im zweiten der ihm äußerlich gebührende Respekt. Die Ehre als Selbstübereinstimmung und Integrität der Person, steht bei Gott
völlig außer Frage, weil Gott sagt, was er denkt, tut, was er sagt, und hält, was er verspricht. Gott handelt stets in vollendeter Treue zu seinem Bund und seinen Verheißungen und bleibt niemandem etwas schuldig. Gott kennt weder Heuchelei noch Versagen –
und also auch kein Abweichen von Sein und Schein, Pflicht und Wirklichkeit. Gott ist der
Inbegriff der Ehre!
Nur: Wo bleibt der Respekt, der einem solchen Maß von Ehre entspräche? Dieser Respekt, diese Anerkennung ist genau das, was diese Welt ihrem Schöpfer schuldig bleibt,
weil Kleinglaube, Irrglaube und Unglaube Gott nicht die Ehre geben, die ihm gebührt,
sondern die Güter dieser Welt höher schätzen als den Geber. Groß ist die Zahl derer, die
Gott in ihrem Leben nicht wirklich Gott sein lassen, die gegen ihn murren und Argwohn
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hegen. Groß ist die Zahl derer, die Gott samt seiner Gebote und Verheißungen ignorieren, seiner spotten und lästern. Groß ist die Zahl derer, die sich selbst zuschreiben und
zugutehalten, was Gott ihnen großzügig geschenkt hat. Und insofern geht es Gott wie
einem Menschen, der zwar völlig integer ist, gerecht und treu, dem aber die dafür gebührende Achtung versagt bleibt.
Das bedeutet natürlich nicht, dass an Gottes innerer Ehre etwas fehlte! Er ist nicht weniger des Lobes und der Ehrfurcht wert, weil blinde Menschen das nicht sehen. Aber uns
Menschen fehlt etwas an Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Klarsicht, wenn wir – an der
falschen Stelle jubelnd und an der falschen Stelle verachtend – Hohes und Niedriges
durcheinanderbringen. Wer die Güter dieser Erde höher achtet als den Schöpfer, der sie
gegeben hat, wer mehr auf sich selbst vertraut als auf den Allmächtigen und das Gerede
der Mitmenschen mehr fürchtet als das Urteil Gottes, der irrt nicht bloß, sondern er lebt
auch verkehrt. Und wenn er dann, statt Gott zu ehren und seinen Namen zu heiligen,
lästerlich redet, dann sind die Konsequenzen keineswegs harmlos. Denn Gott lässt seiner
nicht spotten. Der Heilige ist nicht für jeden Spaß zu haben. Und wer meint, er müsste
auf Gottes Kosten Witze machen, wird einmal von Gott selbst eine passende Antwort
bekommen! Doch wenn jemand meint der Ehre Gottes zu dienen, indem er die unter
Druck setzt, die sie nicht respektieren, ist das genauso falsch. Denn aus dem Gesagten
ergibt sich ja, dass Gewalt in diesen Dingen nichts erzwingen kann.
Wahre Ehrfurcht kann nur aus der inneren Einsicht folgen, dass Gott alle Ehre gebührt.
Und zu solcher Einsicht hilft kein Zwang, sondern nur Gottes Geist. Wollen wir aber den
biblischen Appell aufgreifen und für die Ehre Gottes eintreten, so tun wir das am besten
durch ein Zeugnis des Geistes und der Kraft, indem wir uns selbst von aller Lästerung
frei halten und darauf achten, an der richtigen Stelle zu lachen. Ja, wir können Gottes
Ehre bezeugen in Wort und Tat! Oder war es nicht früher ein großes Lob, wenn man sagte, der und der sei ein „gottesfürchtiger“ Mann und er führe mit seiner Frau ein „gottgefälliges“ Leben? Mögen diese Begriffe auch veraltet sein, so ist es die Sache doch nicht.
Denn unser vorrangiges Interesse sollte nicht sein, dass unser Name gerühmt und geheiligt werde, sondern dass Gottes Name geheiligt werde. Gottes Ansehen sollte uns viel
mehr beschäftigen als unser eigenes. Und abschätziges Reden von Gott sollte uns härter
treffen als Beleidigungen gegen unsere eigene Person. Es sollte uns eine Herzensangelegenheit sein, dass Menschen so gut von Gott denken, wie es seiner tatsächlichen Güte
entspricht!
Und doch trifft man das selten. Denn wenn man sich mit Menschen unterhält, hört man
sie öfter ihr eigenes Lob singen als das Lob Gottes. Oder irre ich mich? Ist einer gesund,
so dankt er nicht Gott, sondern sagt, er habe ja auch fleißig Sport getrieben und auf seine
Ernährung geachtet. Hat’s einer zu Wohlstand gebracht, so lobt er nicht Gott, sondern
brüstet sich, dass er ja auch tüchtiger war als andere. Und geraten ihm seine Kinder, so
preist er nicht Gott, sondern meint, es läge an seiner hervorragenden Erziehung…
Wahrlich, viele von uns sind gut gestellt und gut versorgt, haben ihr Haus und ihr Auskommen – und es sei jedem einzelnen von Herzen gegönnt! Aber dass so viele meinen,
sie verdankten sich das selbst, statt Gott die Ehre zu geben – das ist nicht in Ordnung.
Denn was haben wir denn, das wir nicht von ihm empfangen hätten? Gott allein ist die
Quelle des Guten! Keiner ist gut als er allein! Er beschenkt uns reichlich mit unverdientem Segen. Und es wäre darum nur recht und billig, alles Lob an ihn weiterzuleiten und
jeden auf ihn zu verweisen. Sagt einer „Sie haben aber tolle Kinder!“, kann man antworten „Ja, die hat mir Gott geschenkt!“ Sagt einer „Sie leisten aber viel!“, sollte man ant136
worten „Ja, Gott ist so freundlich, mir die nötige Kraft zu geben!“ Sagt einer „Sie sind
aber rüstig für ihr Alter!“, kann man antworten „Ja, Gott hat mich gut behütet und bewahrt!“ Das wäre nur recht und billig! Denn wenn ich ein schönes Bild bewundere, verdient ja auch nicht die Leinwand das Lob, sondern der Maler. Und wenn mir ein Brot
schmeckt, habe ich nicht Hochachtung vor dem Mehl, sondern vor dem Bäcker. Gefällt
mir Musik, so danke ich nicht dem Instrument, sondern dem Musiker. Und für ein schönes Möbelstück preise ich nicht die Säge, sondern den Schreiner. Wär’s da nicht gerecht,
mit Gott genauso zu verfahren und – derselben Logik folgend – nicht die Kreaturen zu
loben und diese wundervolle Welt, sondern den Schöpfer, der sie so meisterhaft und
schön gemacht hat? Es wäre ganz einfach, es wäre nur gerecht und wahrhaftig, Gott die
Ehre zu geben! Darum lassen sie uns nicht länger zögern, sondern lieber in unserem Reden, Denken und Tun das realisieren, was wir so oft singen: „Ehr‘ sei dem Vater und
dem Sohn und dem Heiligen Geist!“
35. Gottes Güte
Vielleicht erscheint es ihnen seltsam, aber ich möchte sie fragen, ob sie den Unterschied
kennen zwischen gut und böse. Na klar, werden sie sagen – und werden vielleicht sogar
entrüstet sein über diese Frage. Denn wer sollte ihn nicht kennen, den Unterschied zwischen gut und böse! Schließlich ist kaum ein Gegensatz für unser Leben so fundamental
wie dieser. Gut und böse unterscheiden zu können, ist eine der Fähigkeiten, die den
Menschen über das Tier erheben. Denn ohne diese Unterscheidung gäbe es keine Verantwortung, kein Gewissen und keine Moral. Ja: Wer den Unterschied von gut und böse
nicht kennt, ist eine Gefahr für die menschliche Gesellschaft! Und doch scheint mir, dass
diesbezüglich gerade in unserer Zeit große Unklarheit herrscht. Denn geschwunden ist
nicht nur der gesellschaftliche Konsens darüber, welche konkreten Taten für gut oder
böse zu halten sind. Unklar sind nicht nur die Maßstäbe, an denen Gut und Böse zu bemessen sind. Sondern noch viel grundsätzlicher und tiefgreifender ist die Verwirrung,
weil man nicht mehr weiß, worin denn diese Unterscheidung überhaupt ihren Ursprung
hat. Denn wer bestimmt eigentlich, was gut und böse ist – wer legt das fest?
War der Unterschied schon immer da, wie ein Naturgesetz. Oder hat irgendwann jemand
beschlossen, dass er gelten solle? Ist das Gute immer und überall „gut“, und ist das Böse
immer und überall „böse“? Kann sich die Grenzen zwischen beidem im Laufe der Jahre
verschieben, oder ändern sich bloß unsere Ansichten darüber? Wenn der Unterschied
aber nicht variabel sein sollte, wer hat ihn dann festgelegt und in Geltung gesetzt?
Manche sagen, „gut“ sei bloß das, was zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten
Gesellschaft Sitte sei, und die Unsitte, das „was man nicht tut“, das sei eben „böse“. Sie
wollen „gut“ und „böse“ an dem orientieren, was in einer Gesellschaft üblich und mehrheitsfähig ist. Nur muss man dann zugestehen, dass Sklaverei dort, wo sie „üblich“ ist,
auch „gut“ ist, wie im alten Rom, dass manchmal die Unterdrückung der Frauen „gut“ ist,
wie heute in Afghanistan, und dass manchmal der Kannibalismus „gut“ ist, einfach weil
es Gesellschaften gibt, die diese Dinge „gut“ finden und praktizieren.
Andere sagen natürlich: Nein, nein! So geht das nicht. Gut ist in Wahrheit nur, was den
Menschen glücklich macht, und böse ist, was den Menschen traurig macht. Wenn es aber
Drogen sind, durch die einer glücklich wird, oder wenn es Gewalt ist, die ihm Spaß
macht, sind diese Dinge dann „gut“? Und wenn es die ungeschminkte Wahrheit wäre, die
137
einen Menschen traurig macht, weil er mit seinen Illusionen bisher bequemer lebte, wäre die Wahrheit zu sagen, dann „böse“?
Der Philosoph Friedrich Nietzsche ging noch einen ganz anderen Weg. Er meinte, das
ganze Moralgerede sei überhaupt eine Erfindung der schwachen und missratenen Menschen, die damit nur die Starken daran hindern wollten, von ihrem natürlichen Vorrecht
der Stärke Gebrauch zu machen. „Gut“ ist es nach Nietzsche, wenn der Starke die moralischen Fesseln abwirft, um sich – seiner Natur entsprechend – frei und wild wie ein
Raubtier über die Lämmer herzumachen. „Böse“ erscheinen ihm hingegen diese schwachen und dummen Lämmer, die dem Starken seine Stärke vorwerfen und dem Tiger seine Zähne, weil sie damit dem gesunden menschlichen Raubtier ein schlechtes Gewissen
einreden.
Manche Philosophen wollen den Unterschied von gut und böse auf ein ewiges Sittengesetz zurückführen – quasi auf eine universale Weltordnung, an die sich selbst die Götter
halten müssen. Andere meinen, der Mensch sei „sich selbst Gesetz“ und handle darum
soweit „gut“, wie er mit seinem eigenen Wesen übereinstimmt (nämlich mit seiner Vernunft), und handle nur dann „böse“, wenn er gegen das Gebot seiner Vernunft verstößt.
Manche schütteln darüber den Kopf und verlassen sich darauf, dass ihr Gewissen ihnen
schon sagen wird, was „gut“ ist und was „böse“. Sie meinen nämlich, sie hätten das „im
Gefühl“, und ihr Gefühl könne nicht trügen. Viele aber, die die ganze Verwirrung leid
sind, bestreiten, dass es zwischen gut und böse überhaupt einen echten Unterschied
gibt. Denn das Ganze, meinen sie, sei Ansichtssache: Den Begriffen „gut“ und „böse“ entspräche gar keine Wirklichkeit, und überhaupt sei in der Moral alles ganz relativ...
Es ist, als wollte man ein Bild aufhängen und fände keinen Nagel in der Wand, der es
tragen könnte. Denn unsere Zeit findet keinen festen Punkt mehr, an dem sie den Gegensatz von „gut“ und „böse“ festmachen könnte. Die Menschheit taumelt darum wie
ein Stürzender, der zwar noch weiß, dass es irgendwo „oben“ und „unten“ geben muss,
der aber selbst herumgewirbelt wird – und darum nicht mehr sagen kann, wo oben und
wo unten ist. Wir aber, taumeln wir mit? Haben auch wir die Orientierung verloren? Oder unterstellen wir einfach, „gut“ sei, was wir „gut“ finden, und „böse“ sei, was uns persönlich „böse“ vorkommt? Sollte es so sein, so könnten wir mit unserem Problem jedenfalls zu Jesus gehen. Denn der war überhaupt nicht verwirrt, sondern als sich der reiche
Jüngling bei ihm nach dem „Guten“ erkundigte und das offenbar für eine komplizierte
Frage hielt, da antwortete ihm Jesus fast barsch mit größter Klarheit und Strenge:
„Was fragst du mich nach dem, was gut ist? Gut ist nur Einer. Willst du aber zum Leben
eingehen, so halte die Gebote.“
Jesus braucht nur drei Sätze, um den Nagel in die Wand zu schlagen und das Bild dranzuhängen. Länger braucht er nicht, um Klarheit zu schaffen und jede weitere Diskussion
abzuschneiden. Denn „Gut ist nur Einer“ – nämlich Gott. Und wer zum Leben eingehen
will, der sollte seine Gebote halten. Gut ist nämlich, was Gott will, und böse ist, was Gott
nicht will – das ist schon die ganze Definition!
Sie ist aber nicht so zu verstehen, dass Gott sich mit seinem Willen an einen moralischen
Maßstab halten würde, der von ihm unabhängig schon bestünde, sondern so müssen wir
es verstehen, dass Gottes Wille selbst der alleinige Maßstab des Moralischen ist. Gut ist
nur einer – nämlich Gott selbst. Und darum will er, was er will, nicht weil es „an sich“
schon gut wäre. Sondern, was Gott will, wird dadurch „gut“, dass er es will, und es ist
auch allein darum „gut“, weil er es will. Gott hält sich also an keine Norm, Gott ist die
Norm. Er folgt keiner Ordnung, sein Wille ist die Ordnung. Gott respektiert nicht einen
138
vorgegebenen Unterschied von „gut“ und „böse“, sondern indem er handelt und gebietet
setzt er diesen Unterschied in Kraft. Wollte Gott aber plötzlich das Gegenteil von dem,
was er will, so wäre im selben Moment dieses Gegenteil nicht mehr „böse“, sondern
„gut“ zu nennen, weil es für „gut“ und „böse“ keinen anderen Maßstab und keine andere
Norm gibt, als eben den Willen Gottes.
Es ist wie bei einem runden Tisch, bei dem man sich lange vergeblich fragen kann, wo
das Kopfende und wo „oben“ ist. Wenn aber der Chef kommt und setzt sich an den runden Tisch, dann hat sich die Frage geklärt. Denn wo der Chef sitzt, da ist immer oben,
und es ist dort aus keinem anderen Grund „oben“, als eben, weil der Chef dort sitzt. Mit
anderen Worten: Über „gut“ und „böse“ entscheidet keine Vernunft und keine Pragmatik, keine Konvention und kein Naturgesetz, sondern allein der frei gewählte Standpunkt
Gottes. Nichts kann jemals „gut“ sein, was gegen sein Gebot geschieht, und nichts kann
„böse“ sein, was seinem Gebot entspricht. Denn Gottes Wille ist der Nagel in der Wand,
an dem die ganze Unterscheidung hängt, ja Gottes Wille ist der magnetische Nordpol, an
dem sich die ethische Kompassnadel ausrichtet.
Wer das aber verstanden hat, der wird sich über die Verwirrung in den ethischen Diskussionen unserer Zeit nicht mehr wundern. Denn wo man den Willen Gottes nicht als
Norm gelten lässt, wird man vergeblich versuchen, die Unterscheidung von „gut“ und
„böse“ auf etwas anderes zu gründen. Da reden die Philosophen dann vergeblich von
Naturrecht und Vernunft, von Konvention und Gemeinnutz, da konstruiert man vergeblich eine Herrenmoral der Starken oder eine Mitleidsmoral der Schwachen. Denn „gut“
ist nicht die Vernunft „an sich“ oder die Natur „an sich“ – auch nicht das Leben oder die
Gesellschaft oder die Stärke „an sich“ sind „gut“, sondern „Gut ist nur Einer“. Und außer
ihm ist nur „gut“, was seinem Willen entspricht. Wollen wir also herausfinden, wo am
runden Tisch „oben“ ist, müssen wir schauen, wo der Chef sitzt. Wir müssen Gottes
Standpunkt als Norm anerkennen, haben dann aber die Chance, der allgemeinen Verwirrung zu entkommen und ein paar wichtige Folgerungen zu ziehen:
1. Folgerung
Wenn man irgendwo die Frage aufwirft, ob Gottes Handeln moralischen Maßstäben genügt, ob er die Welt also fair, gerecht und gut regiert oder eher schlecht, dann liegt schon
in der Fragestellung ein Missverständnis, weil es keinen außergöttlichen Maßstab des
„Guten“ oder „Bösen“ gibt, den man kritisch an Gottes Handeln anlegen könnte:
Gottes Wollen und Regieren ist keiner Kritik unterworfen, weil er als die Norm aller
Normen an keiner Norm gemessen werden kann. Wollte er heute noch das Leben auf
Erden auslöschen, so wäre das „gut“ und „richtig“, weil er es wollte, und der Fortbestand
des Lebens wäre dann aus demselben Grund „schlecht“, denn Gottes Wille unterliegt
keinem Gesetz, sondern er ist das Gesetz. Er ist kein Gegenstand von Kritik, sondern ist
selbst der Ursprung aller Kritik!
2. Folgerung
Wenn der Wille Gottes die Quelle aller ethischen Normen ist, dann kann es für uns keine anderen Autoritäten geben, die im Widerspruch oder in Konkurrenz zum Willen Gottes unseren Gehorsam verlangen dürften. Denn wenn nur einer „gut“ ist, dann steht die
Autorität über unser Gewissen auch nur diesem Einem zu. Da mag die Vernunft dann
ruhig widersprechen oder die Sitte, die Tradition, das „gesunde Volksempfinden“ oder
die politische Führung – es hat sich doch alles zu beugen und ist zweitrangig, weil man
139
Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Was der Staat im Widerspruch zu Gottes
Gebot erlaubt, ist darum noch lange nicht erlaubt, und was er im Widerspruch zu Gottes
Gebot verbietet, ist darum noch lange nicht verboten.
3. Folgerung
Wenn nur einer „gut“ ist – nämlich Gott – dann sollten wir uns selbst nicht gut nennen
lassen, sollten auch kein Lob annehmen und keine Bewunderung dulden. Denn Jesus
selbst hat einmal einen Mann, der ihn mit „Guter Meister“ anredete, scharf zurückgewiesen. Er sagte: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“ Jesus, der
hier als Mensch unter Menschen wandelte, wollte offenbar, dass das Prädikat des „guten“ Gott vorbehalten bleibt. Wenn aber schon Jesus – der es wahrlich verdient hätte –
sich nicht „gut“ nennen und loben ließ, sollten wir dann nicht um so entschlossener Ehrungen dieser Art zurückweise? Nur einer ist gut – und wir sind’s nicht!
4. Folgerung
Wenn nur „gut“ ist, was mit dem Willen Gottes übereinstimmt, dann sollten wir dieses
Prädikat nicht nach Gefühl vergeben, sondern nur nach ernsthafter Prüfung, damit wir
nicht unsere Maßstäbe mit Gottes Maßstäben verwechseln. Denn was in unseren Augen
„gut“ scheint, kann in Gottes Augen sehr leicht „böse“ sein, und umgekehrt. Will Gott
z.B., dass ich an etwas leide, so ist es „gut“ für mich, daran zu leiden, und es wäre in
Wahrheit „schlecht“ für mich und „böse“ gedacht, wenn ich gegen Gottes Willen das Leiden umgehen wollte.
Was tatsächlich ein Unglück war und was ein Segen, erkennen wir ja oft erst im Nachhinein. Und so dürfen wir auch im Bereich von „gut“ und „böse“ nicht einfach nach Gefühl und Wellenschlag entscheiden, sondern müssen ganz ernsthaft danach forschen,
was Gott will. Gottes Gebote helfen uns dabei – gewiss! Aber auch sie wollen nicht als
tote Satzungen befolgt werden, sondern wollen von innen heraus verstanden werden, so
dass wir den Geist der Gebote von Gottes Zielen her begreifen, und dann nicht etwa widerwillig tun, was er sagt, sondern selbst von Herzen wollen, was er will.
Wir sollten versuchen, den Willen Gottes von seinem Ziel her zu verstehen, das nicht
einfach nur in der Fortsetzung des menschlichen Lebens besteht, sondern in der Läuterung dieses Lebens und in der Erziehung des Menschen auf Gott hin. Denn Gott will uns
ja tauglich machen für sein Reich. Er will, dass wir den Heimweg finden, und will, dass
wir sicher bei ihm ankommen. Was diesen Weg hindert, werden wir deshalb „böse“ nennen, auch wenn’s glänzend und freudig daherkommt. Was diesen Weg aber fördert, das
dürfen wir zu Recht „gut“ nennen, selbst wenn’s Mühen und Tränen kostet. Denn „gut“
ist nur der Eine – und das, was uns ihm näher bringt…
36. Dreifaltigkeit und Offenbarung Gottes
So sehr sich die vielen christlichen Kirchen und Konfessionen auch unterscheiden – darin sind sie sich doch einig, dass der Glaube an den „dreieinigen“ Gott das Zentrum ihres
Bekenntnisses ausmacht. Bei allen wird „...gelehrt und festgehalten, dass ein einziges
göttliches Wesen sei, das Gott genannt wird und wahrhaftig Gott ist, und dass doch drei
Personen in diesem einen göttlichen Wesen sind, alle drei gleich mächtig, gleich ewig:
Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist.“ (Augsburger Bekenntnis Art. 1).
140
Allerdings kann heute nicht mehr jeder die Hochschätzung der „Trinitätslehre“ nachvollziehen. Ist es nicht schon schwierig genug, überhaupt an Gott zu glauben und sich bei
dem Begriff „Gott“ etwas zu denken? Was soll da die Zumutung, sich diesen Gott noch in
drei „Personen“ unterschieden – und doch als unzerteilt – vorzustellen? Die Lehre von
der Dreieinigkeit erscheint oft als abstrakte, komplizierte und lebensferne Angelegenheit. Kein Wunder, dass mancher „praktische“ Christ nur ein Schulterzucken dafür hat
und diese „Theorie“ gleichgültig den Theologen überlässt. Allerdings liegt in solchen Fällen ein Missverständnis vor. Denn die Theologen sprechen ja nicht vom dreieinigen Gott,
weil sie Spaß an Theorien und Zahlenspielen hätten. Sondern einfach, weil Gott sich so
und nicht anders bezeugt. Gott zwingt uns, in dreifacher Weise von ihm zu reden, weil er
uns in dreifacher Weise begegnet. Gehen wir nämlich mit offenen Augen durch die Welt,
so kommen wir inmitten all dem Weltlichen an drei Punkte, wo wir stehen bleiben und
gestehen: Hier ist Gott gegenwärtig, hier bezeugt er sich, hier erfahren wir ihn:
Der erste Punkt ist die Schöpfung:
Wir entdecken, dass wir uns nicht selber gemacht haben, wie sich auch die übrige Kreatur nicht selbst gemacht hat. Von nichts kommt ja nichts. Ist aber etwas – und nicht
nichts – so muss das einen Grund haben. Das kreatürliche Leben sprudelt aus einer
Quelle, die jenseits des kreatürlichen Lebens liegt: In Gott dem Schöpfer.
Der zweite Punkt ist Jesus Christus:
Inmitten all der Menschen, die Vergangenheit und Gegenwart bevölkern, begegnet uns
einer, der aus dem Rahmen fällt, weil er anders ist. Einer, der Gottes Willen vollkommen
lebt. Einer, der uns Gottes Wort auf den Kopf zusagt. Einer, in dem uns Gott so nahe
kommt und so gegenwärtig wird, dass wir sagen müssen: Das ist er selbst – dieser Jesus
Christus ist Gottes Sohn.
Der dritte Punkt aber ist der Heilige Geist:
Manche Menschen hoffen, wo nichts mehr zu hoffen ist, lieben, wo nichts Liebenswertes ist, verzeihen Unverzeihliches, glauben, wo aller Augenschein dagegen spricht, bekennen fröhlich, obwohl es sie den Kopf kostet, leiden, ohne zu verbittern, und sterben,
ohne zu hadern. Das alles ist mehr als menschliche Seelen aus sich selbst heraus vermögen. Es geht über unsere Kraft – und verweist uns damit wiederum auf eine fremde Kraft,
die in und durch solche Menschen wirkt: Gottes Heiliger Geist.
Die Christen aller Zeiten teilen die drei genannten Erfahrungen. Sie begegnen dem
Schöpfer in der Natur, sie begegnen Jesus Christus im Neuen Testament und sie begegnen dem Heiligen Geist in ihren Gemeinden. Und unmöglich können sie sagen: Das ist
alles dasselbe. Nein. So unterschiedlich wie sich Gott zeigt, so unterschiedlich ist er auch
zu bezeugen. Der Vater ist nicht der Sohn, und der Sohn ist nicht der Heilige Geist. Und
doch glaubte man in der Christenheit nie an drei Götter, sondern immer nur an einen.
Nie hat man vergessen, was das Alte Testament so nachdrücklich einschärft: Es gibt nur
einen Gott und keinen anderen neben ihm. Aber wie geht das zusammen?
Kritiker haben immer wieder gemeint, dies müsse auf die absurde Gleichung 3 = 1 und 1
= 3 hinauslaufen, der Glaube der Christen enthielte also in seinem Zentrum einen logischen Widerspruch. Doch so verständlich der Zweifel an der theologischen Logik ist, so
unberechtigt ist er auch. Wir können das an einem simplen Beispiel zeigen: Jedermann
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weiß ja, dass das Eis eines Eisberges etwas anderes ist als der Dampf über einem Kochtopf. Und der Dampf, der Wolken bildet, ist wiederum etwas anderes als Flusswasser.
Das Eis trägt, das Flusswasser nicht. Der Nebel schwebt, das Flusswasser fließt. Das
Flusswasser ist durchsichtig, der Eisberg nicht. Jedes Kind kann diese drei Dinge unterscheiden. Und doch wissen wir: Es ist alles Wasser. Die chemische Zusammensetzung
des Eises ist dieselbe wie die des Dampfes und des Flusswassers. Es ist immer H 2O. Die
drei Dinge sind verschieden und sind doch in ihrem Wesen ganz eins. Ist daran nun irgendetwas „unlogisch“ oder „widersprüchlich“?
Für die Trinitätslehre gilt dasselbe: Der Vater ist etwas anderes als der Sohn, und der
Sohn ist etwas anderes als der Heilige Geist. Die drei „Personen“ des dreieinigen Gottes
wirken auf unterschiedliche Weise an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten. Und obwohl wir diese Unterschiede sehen, wissen wir doch: Es ist jedes Mal Gott.
Das Wesen des Vaters ist auch das Wesen des Sohnes und des Heiligen Geistes – sie sind
eins.
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Freilich: Wie jeder Vergleich, hinkt auch dieser. Und es ist wichtig zu wissen, in welcher
Hinsicht. Eis kann man nämlich kennen, ohne zu wissen, was Wasserdampf ist. Und die
Eigenschaften des Flusswassers kann man erkennen, auch wenn man nicht weiß, dass
die Wolke am Himmel aus demselben Stoff ist. Das aber ist bei Gott anders. Man muss
nämlich Jesus Christus kennen, um den Schöpfer richtig zu begreifen. Man muss von
Gott dem Vater wissen, um in Jesus seinen Sohn zu erkennen. Und beides ist nur möglich, wenn der Heilige Geist uns Vater und Sohn offenbart. Eine „Person“ erschließt uns
die andere. Doch auch das ist nicht ungewöhnlich. Denn es gibt ja viele Dinge, bei denen
man das „Ganze“ vor Augen haben muss, um die einzelnen „Teile“ zu verstehen:
In Indien lebte ein König, der wollte sich einen Spaß machen. Er ließ drei blinde Männer
kommen und führte sie an einen Elefanten heran. Sie sollten ihm beschreiben, wie ein
Elefant aussieht. Der erste Blinde geriet an das Bein des Elefanten und sagte: „Ein Elefant ist wie ein Baum“. Der zweite Blinde bekam den Schwanz des Elefanten zu fassen
und sagte: „Ein Elefant ist wie ein Seil“. Der dritte Blinde erwischte mit seinen suchenden Händen das Ohr des Elefanten und meinte: „Ein Elefant ist wie das Blatt einer Palme“. Die drei Blinden gerieten in Streit, wer von ihnen Recht habe. Sie hatten ja alle drei
denselben Elefanten betastet. Der König aber hatte seinen Spaß daran.
Die drei Blinden in dieser Geschichte waren von der rechten Erkenntnis des Elefanten
weit entfernt. Sie erfassten immer nur einen isolierten Teil und nie das Ganze. So ist
auch der von der Erkenntnis Gottes weit entfernt, der sich nur an den Schöpfer hält oder
nur an Jesus Christus oder nur an den Heiligen Geist. Ohne den „ganzen“ dreieinigen
Gott zu kennen, würden wir auch diese drei „Ausschnitte“ seines Wirkens missverstehen:
Glaubten wir nur an Gott Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde, so wüssten wir
nicht wirklich, was von ihm zu halten ist. Denn Natur und Geschichte geben eine zweideutige Auskunft über den Allmächtigen. Da ist Herrliches, aber auch Schreckliches, Leben, aber auch Tod, Freude und Glück, aber auch Leid und Schrecken. Die Natur hat eine
grausame Seite und die Weltgeschichte erst recht. Woher sollten wir wissen, dass nicht
diese Seite Gottes wahres Wesen widerspiegelt, wenn wir Jesus Christus nicht hätten?
Woher sollten wir wissen, dass Gott gnädig ist und Gutes im Schilde führt? Das wissen
wir erst, wenn wir Gott als Dreieinigen begreifen und den Schöpfer von Jesus Christus
her verstehen.
Entsprechendes gilt aber auch von Jesus Christus: Würden wir ihn isoliert betrachten
und davon absehen, dass er der Sohn von Gott dem Vater ist, müssten wir ihn verkennen. Wir würden annehmen, er sei ein gescheiterter Prophet, einer von vielen Wanderpredigern, eine interessante, aber im Grunde nebensächliche Figur am Rande der Weltgeschichte. Dieser religiös und moralisch vorbildliche Mann mit dem tragischen Ende wird
eben erst wichtig, wenn wir in ihm den Sohn des Vaters – und also eine Person des dreieinigen Gottes – erkennen. Schließlich hätte niemals ein Mensch die Macht gehabt, unsere Schuld zu überwinden und an Ostern den Tod zu besiegen. Nur Gott konnte die Erlösung bringen. Daher gilt: Erkennen wir in Christus nicht Gott, erkennen wir in ihm
auch nicht unseren Erlöser – verkennen ihn also ganz.
Dies ist – zusammengefasst – das Wesentliche an der „Trinitätslehre“: Dass sie uns anleitet, vom Vater zu denken wie von Jesus Christus, und von Jesus Christus zu denken wie
vom Vater. Wem das gelingt – wer bekennt und glaubt, dass diese beiden zusammengehören, weil sie eines göttlichen und barmherzigen Wesens sind – der verdankt diesen
Glauben ganz gewiss dem Heiligen Geist und erkennt dabei auch ihn. Denn den Heiligen
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Geist erkennen heißt, die Botschaft zu erkennen, die er bringt. Wer aber diese drei auseinander reißt, indem er die Barmherzigkeit des Vaters, die Gottheit Christi oder das
wahrhaftige Zeugnis des Heiligen Geistes leugnet, muss wissen, dass er mit der Trinitätslehre nicht irgendeine „Theorie“ aufgibt, sondern den christlichen Glauben selbst…
37. Gottes Liebe
„Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1.
Joh 4,16) Das ist ein schönes Wort. Und doch gestehe ich, dass ich es ungern behandle. Ja
tatsächlich: Jene Gleichung „Gott ist die Liebe“ macht mir Probleme. Und zwar nicht,
weil etwas daran falsch wäre. Sondern weil sie so oft missverstanden wird. Wollen wir
jenes Wort aus dem 1. Johannesbrief recht verstehen und auslegen, so müssen wir zuerst
allen falschen Beigeschmack davon lösen und klar sagen, was es nicht bedeutet:
„Gott ist die Liebe“ – das heißt nicht, Gott sei identisch mit jenem romantischen Gefühl,
das Menschen manchmal haben. Und es heißt schon gar nicht, menschliche Liebe sei
irgendwie etwas „Göttliches“. „Liebe“ ist ja überhaupt ein furchtbar abgegriffenes Wort,
ein geschundenes, getretenes, missbrauchtes Wort. Es klebt viel Schmutz daran. Viele
sagen „Liebe“ und meinen bloß „Sex“. Andere reden von „Liebe“, und woran sie denken,
ist doch nur Kitsch. Manche wollen ihren Ehepartner besitzen und beherrschen – und
nennen es „Liebe“. Andere prügeln ihre Kinder und behaupten, sie täten es aus „Liebe“.
Nein: Diese „Liebe“, von der Schund–Romane erzählen und Schlager singen, diese gierige
Liebe, diese Affenliebe, hat wenig mit Gott zu tun.
Und noch in einer zweiten Richtung müssen wir den Satz aus dem 1. Johannesbrief vor
Missverständnissen schützen. „Gott ist die Liebe“ – das heißt nicht: „Gott ist lieb“. Denn
„lieb sein“ ist in unserer Umgangssprache ein Ausdruck für Harmlosigkeit. „Das ist ein
lieber Hund“ sagt man – die Kinder können ihn am Schwanz ziehen ohne dass er bellt
oder beißt. „Das ist ein lieber Opa“ sagt man – selbst wenn er verschaukelt wird, bleibt er
gutmütig und freundlich zu jedermann. „Das ist ein liebes Kind“ sagt man – wenn die
anderen Kinder ihm das Spielzeug wegnehmen, gibt es sie her, und streitet nicht. Nein,
in diesem Sinne ist der so genannte „liebe Gott“ nicht „lieb“. Der Gott der Bibel ist kein
harmloser Alter. Er ist auch nicht unendlich geduldig. Und er ist überhaupt nicht „nett“
oder „konfliktscheu“.
Wenn nun aber einer fragt „Wieso ist Gott nicht lieb, wenn er doch ’die Liebe’ ist?“, dann
nähern wir uns dem rechten Verständnis der Sache. Denn man wird antworten müssen:
Gott ist zwar die Liebe, er ist aber gerade deshalb nicht „lieb“, weil er „Liebe“ ist. Wirkliche Liebe will nämlich etwas. Sie will es mit heißem Herzen. Sie will es leidenschaftlich.
Deshalb kann der, der ernstlich liebt, nicht immer „lieb“ sein, Mäßigung üben oder zurückstecken. Wenn das, worauf sich die Liebe richtet, bedroht wird, dann zeigt sich, dass
die Liebe eine brennende Seite hat, dann ist sie nämlich ein verzehrendes Feuer – eine
Kraft, der man besser nicht in die Quere kommt. „Gott ist die Liebe“ bedeutet also keinesfalls, Gott kenne keinen Zorn, oder der Zorn sei durch die Liebe ausgeschlossen. Sondern im Gegenteil: Der Zorn Gottes ist die brennende Seite seiner Liebe, die sich gegen
alles wendet, was seiner guten Schöpfung schadet.
Suchen wir also einen Vergleich für Gottes Liebe, so denken wir am besten an eine Grizzly–Bärin, die mit ihren Jungen durch die Wildnis zieht. Wer ihren Jungen zu nahe
kommt, erfährt schnell, dass Liebe Kampfbereitschaft nicht aus- sondern einschließt.
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„Gott ist die Liebe“ das heißt demnach: Gott ist ein kraftvoll-entschlossenes, leidenschaftliches Wollen. Und das ist er durch und durch, wie Luther sagt: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.“
Was aber will Gottes Liebe? Was ist das Ziel dieser gewaltigen Energie? Nun – wir sind es.
Gott will nicht dies oder das. Gott will uns. Jenes brennende, kraftvoll-entschlossene
Wollen richtet sich auf jeden von uns. Denn Gott will uns tauglich machen für ein Leben
mit ihm. Er will uns mitreißen in der Bewegung seiner Liebe, auf dass wir nicht kalt
bleiben im Herzen, sondern uns wärmen an ihm, dem glühenden Backofen voller Liebe.
Doch sollen wir nicht nur warm werden für uns selbst. Gottes Liebe will durch uns hindurchglühen und hindurchstrahlen zu allen Menschen, die noch frieren. Wir sollen weitertragen, was uns erfüllt, wir sollen lieben, wie wir geliebt sind, sollen verzeihen, wie
uns verziehen ist, und sollen einander annehmen, wie wir von Gott angenommen sind –
bis auch dem Letzten das Gute widerfährt, zu dem ihn Gott bestimmt hat.
Gottes Liebe schaut uns also nicht aus der Ferne zu. Gottes Liebe greift nach uns. Und
wir müssen uns so oder so dazu verhalten. Wir können uns den liebevollen Zugriff Gottes gefallen lassen, um Empfänger und Vermittler seiner Liebe zu werden. Oder wir können uns entziehen. Aber neutral bleiben können wir nicht. Denn das ist es ja, was jener
Nachsatz im 1. Johannesbrief meint: „..wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und
Gott in ihm“. Man kann in der Liebe Gottes bleiben und sich von diesem Mantel umhüllen lassen. Man kann ihn aber auch zurückweisen.
Nur muss man dann wissen, was man tut. Denn wenn ich Gottes Liebe nicht erfahren
will, entziehe ich nicht nur mich seiner Liebe, sondern entziehe zugleich mir seine Liebe.
Und was behalte ich übrig? Gewiss seinen Zorn. Denn wer das freundlich zugewandte
Gesicht Gottes, nicht sehen will, dem ist nicht zu helfen. Will er es so, so wird er dann
eben das andere Gesicht Gottes kennenlernen.
Und es meine keiner, das sei unbillige Härte. Was hat es sich Gott nicht kosten lassen,
uns seine Liebe zu erweisen und uns mit der Nase drauf zu stoßen! Seinen Sohn, sich
selbst hat Gott dahingegeben ans Kreuz, um uns zu erlösen. Marter bis zum Tod hat er
für uns auf sich genommen.
Da sollte man doch denken, jedes Herz würde weich und würde davon bewegt. Doch offenbar sind viele Herzen härter als Stein und verachten die Liebe, die ihnen entgegengebracht wird. Darum schreibt Luther: „Unser Herrgott tut eben recht daran, dass er zu der
undankbaren Welt spricht: Willst du die große Liebe nicht, ... dass ich meinen liebsten
Sohn für dich in so große Marter gesteckt habe, wohlan, so will ich dich auch nicht.
Fragst du nicht danach, was ich getan habe, so frage ich auch nicht nach dir. Willst du
meinen Sohn Jesus Christus nicht haben, so nimm dafür Barrabas, ja den Teufel selbst.“
Hier wird noch einmal deutlich, dass man Gottes Liebe nicht missverstehen darf: Sie
geht uns nach, aber sie zwingt sich nicht auf. Der Schutzraum der Liebe Gottes öffnet
sich uns, aber man zerrt uns nicht hinein. Jeder darf sich wärmen an Gott, dem glühenden Backofen voller Liebe. Wer aber unbedingt will, darf auch frieren und kalt bleiben,
darf sich verschließen gegen Gott und seinen Mitmenschen. Er lebt dann freilich am
Sinn und an der Bestimmung seines Lebens vorbei. Denn wenn er mit Menschen- und
mit Engelszungen redet und hat die Liebe nicht, so ist er ein tönendes Erz oder eine
klingende Schelle. Und wenn er prophetisch reden kann und weiß alle Geheimnisse und
alle Erkenntnis und hat allen Glauben, so dass er Berge versetzen kann, und hat die Liebe
nicht, so ist er nichts. Und wenn er alle seine Habe den Armen gibt und lässt seinen Leib
verbrennen, und hat die Liebe nicht, so ist’s ihm nichts nütze (vgl. 1. Kor 13). Denn nicht
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darauf kommt es an, ob wir Großes oder Kleines tun, Erfolg haben oder scheitern. Sondern darauf kommt es an, dass wir, was wir tun, mit Liebe tun, dass wir in Gottes Liebe
und von Gottes Liebe leben – und davon weitergeben so viel wir vermögen.
38. Gottes Liebe im Verhältnis zu seinem Zorn
Es gibt Dinge, über die man in der Kirche ungern redet. Es gibt Themen, die man lieber
vermeidet. Und wenn man davon eine Liste anfertigen würde, welcher Begriff stünde
dann ganz oben? Ich bin ziemlich sicher, dass auf der Liste der unbeliebten Themen der
„Zorn Gottes“ den ersten Platz belegen würde. Kein Wunder, wird man sagen: wer denkt
schon gern an so etwas Unerfreuliches? Niemand. Denn spricht ein Pfarrer vom Zorn
Gottes, so sehen die Menschen einen überdimensionalen, drohenden Zeigefinger vor
sich. Sie spüren ihr schlechtes Gewissen, sie erinnern sich an ihre Versäumnisse und
Fehler. Und sie ärgern sich über den Pfarrer, der ihnen anscheinend Angst machen will
und dafür sorgt, dass sie sich schlecht fühlen. Das freilich wollen Pfarrer am wenigsten –
und darum vermeiden es die meisten, vom Zorn Gottes zu reden. Sie wollen zwar die
Menschen zur Buße bewegen, sie sollen umkehren von falschen Wegen – aber die Menschen sollen das nicht aus Furcht tun, sondern aus besserer Einsicht.
Darum reden viele meiner Kollegen am liebsten gar nicht von Gottes Zorn, sondern nur
von Gottes Liebe und seiner großen Freundlichkeit. Sie zeichnen kein bedrohliches, sondern ein einladendes Bild von Gott, damit es den Menschen leichter fällt, sich auf diesen
Gott einzulassen. Sie schweigen vom Zorn Gottes, damit nur niemand an seiner Liebe
zweifelt. Denn das scheint ja ganz klar: Wenn Gott zornig ist, dann liebt er uns nicht,
und wenn er uns liebt, dann kann er nicht zornig auf uns sein – oder?
Doch möchte ich an diesem Punkt Zweifel anmelden. Denn es klingt zwar auf den ersten
Blick ganz logisch: wer zürnt liebt nicht, und wer liebt zürnt nicht. Aber stimmt es wirklich? Schließt Zorn wirklich Liebe aus und schließt Liebe Zorn aus? Ich meine da liegt ein
Irrtum vor. Und es ist gar nicht schwer, ihn zu erkennen. Es genügt, die Sache anhand
der eigenen Gefühle zu überprüfen. Schließlich war jeder von uns schon einmal zornig
auf Menschen, die er liebt. Auf den Ehepartner, auf die Eltern, auf die eigenen Kinder
vielleicht. Erinnern sie sich mal an solch eine Situation, in der sie zornig waren. Und
fragen sie sich dann, ob sie, während sie zornig waren, aufgehört haben, ihren Partner
oder ihre Kinder zu lieben.
Hat die Liebe wirklich aufgehört, als der Zorn da war? Nein? Dann geht es ihnen wie mir.
Denn ich kann sehr zornig sein auf meine kleine Tochter, wenn sie z.B. gegen mein Verbot an Steckdosen herumspielt. Ich schimpfe dann sehr mit ihr. Und doch stellt das keinen Moment meine Liebe zu ihr in Frage. Im Gegenteil: Ich schimpfe mit ihr, weil mir so
viel an ihr liegt, und streite mit ihr, weil sie mir so viel bedeutet. Denn wäre sie mir
gleichgültig, so würde ich mich ja nicht aufregen, wenn sie etwas Gefährliches oder Falsches tut. Wäre sie mir egal, so wäre mir auch ihr gefährliches Fehlverhalten egal. Das ist
es aber nicht. Und so entdecke ich an mir selbst, dass der Zorn die Liebe nicht ausschließt, sondern aus der Liebe erwächst. Ja, Zorn ist überhaupt nicht das Gegenteil von
Liebe, sondern er ist fast immer Ausdruck verletzter, besorgter oder enttäuschter Liebe.
Zorn und Liebe schließen sich also keineswegs aus. Sie sind beide Ausdruck derselben
tiefen Bindung, die ein Mensch zum anderen hat. Und der Zorn ist ein sicheres Zeichen
dafür, dass diese Bindung noch besteht. Das kann man bei Ehekrisen beobachten. Solan146
ge Ehepartner miteinander streiten, kämpfen sie noch umeinander – da hat die Ehe noch
gute Chancen. Wenn die zwei es aber aufgeben, zu streiten, und es aufgeben, zornig zu
sein, wenn sie nicht mehr umeinander kämpfen, sondern gleichgültig werden – dann ist
ihre Ehe so gut wie verloren. Der wahre Gegensatz der Liebe ist nämlich nicht der Zorn,
sondern die Gleichgültigkeit. Die Liebe brennt heiß, und der Zorn brennt auch heiß – sie
sind eng verwandt! – die Gleichgültigkeit dagegen ist kalt.
Wenn das aber bei Menschen so ist, könnte es sich dann bei Gott nicht ähnlich verhalten? In der Tat, ich meine, auch bei Gott liegen Zorn und Liebe eng beieinander. Darum
sehe ich – im Unterschied zu vielen Pfarrerkollegen – keinen Grund, von Gottes Zorn zu
schweigen. Im Gegenteil. Denn Gottes Zorn ist ein Zeichen dafür, dass wir ihm nicht
gleichgültig sind. Ein negatives Zeichen – zugegeben –, aber doch ein deutliches Zeichen:
Gottes Zorn ist Ausdruck seiner verletzten Liebe, die wir so oft missachten, die aber weiter um uns kämpft, gerade weil wir Gott so viel bedeuten. Sein Zorn ist nur deshalb so
groß, weil seine Liebe zu uns so groß ist. Denn wir sind wie kleine Kinder, die an einer
Steckdose spielen – an der Steckdose des Bösen. Und wie könnte das unserem Vater egal
sein, wenn er uns liebt?
Darum meine ich, wenn Gottes Zorn verschwände, so wäre das kein gutes Zeichen. Würde Gott nämlich aufhören, das Böse zu hassen, so müsste man folgern, dass er wohl das
Gute nicht mehr liebt. Würde Gott aufhören, der Sünde zu zürnen, die seine Schöpfung
zerstört, so müsste man folgern, dass er dieser Schöpfung nicht mehr die Treue hält,
sondern ihr gleichgültig gegenübersteht. Verschwände der Zorn, so müssten wir fürchten, die Liebe Gottes habe nachgelassen. Denn Zorn und Liebe sind beide Ausdruck der
emotionalen Bindung an das Gegenüber, um dessentwillen es sich lohnt, zornig und
gnädig zu sein.
Es gibt hier also keine Alternative: Entweder Zorn oder Liebe. Es gibt nur beides zugleich.
Denn wie sollte Gott das Leben seiner Geschöpfe bejahen, ohne dabei die Sünde zu verneinen, die ihnen den Tod bringt? Wie sollte seine Liebe nicht streitbar brennende Liebe
sein, wenn das, was er liebt, im höchsten Maße bedroht ist? Das ist unmöglich – und
darum dürfen wir Gottes Zorn nicht missverstehen, als wäre er etwas Negatives. Denn
Gottes Zorn ist nichts weiter als sein Wider-Wille gegen das Böse. Er ist Ausdruck dessen,
dass Gott an der guten Bestimmung seiner Schöpfung beharrlich festhält. Wer daher
wünscht, Gott möge von seinem Zorn ablassen, der verlangt, Gott solle von seinem Wider-Willen gegen das Böse ablassen und solle zuschauen, wie es die Schöpfung zerfrisst.
In dieser Weise aber das Böse gewähren lassen hieße selbst böse sein – und das kann
man von Gott kaum verlangen.
In Wahrheit gibt es nur einen Weg, wie der Gegensatz Gottes und des Bösen aufgelöst
werden kann, nämlich durch Auflösung und Vernichtung des Bösen im Jüngsten Gericht.
Bis Gottes Zorn aber zu diesem Ziel gelangt ist, kann niemand ernstlich wünschen, der
Zorn möge nachlassen. Denn beharrte Gott nicht gegen allen Widerstand darauf, seine
Schöpfung im Guten zu vollenden, hätte keiner von uns mehr etwas zu hoffen. Sollte
Gott seinen zornigen Widerstand aufgeben und dem Bösen die Zügel schießen lassen, so
würden wir es gewiss nicht wieder einfangen. Und so scheint die Sache ganz eindeutig:
Gottes Zorn wendet sich gegen das Böse. Und darum ist dieser Zorn eine gute Sache, mit
der wir eigentlich ganz einverstanden sein müssten. Denn nur der Böse kann etwas dagegen haben, dass Gott etwas gegen das Böse hat.
Da allerdings hat die Sache ihren Haken. Da berührt sie unser persönliches Problem.
Denn das Böse ist nicht irgendwo, das Böse ist in uns. Die Bösen, das sind nicht die an147
deren, die Bösen, das sind wir. Und dadurch wird unser Verhältnis zum Zorn Gottes wieder zweischneidig und schwierig. Wir spielen nämlich in der Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Bösen eine Doppelrolle: Wir sind einerseits Teil der guten Schöpfung, um derentwillen und zu deren Gunsten Gottes Zorn gegen das Böse eifert. Wir sind
andererseits aber als Sünder Teil jener bösen Macht, gegen die der Zorn Gottes sich richtet. Und das bedeutet, dass wir Gott für und gegen uns haben.
Und wer will das schon? Wer in dieser Situation Gottes Zorn als berechtigt bejaht, muss
sich darüber im Klaren sein, dass er damit Gottes negatives Urteil über den eigenen „alten Adam“ anerkennt und unterschreibt. Denn will ich, dass Gott gegen das Böse vorgeht, muss ich zugleich wollen, dass er gegen das Böse in mir vorgeht. Die Bejahung des
Guten schließt für den Bösen also Selbstverwerfung ein. Und Selbstverwerfung geht uns
gegen die Natur.
Sofern ich selbst betroffen bin, sofern ich Sünder bin, sträube ich mich gegen Gottes
Zorn. Sofern ich selbst böse bin, wünsche ich, das Böse möge ungestraft bleiben. Und da
beginnt dann tatsächlich ein Teufelskreis von göttlichem Zorn und menschlichem Starrsinn, da verhärten sich die Fronten immer weiter – bis Gottes Heiliger Geist den Teufelskreis aufbricht und einen Ausweg schafft. Wie das geschieht, ist leicht erklärt. Denn wir
kennen solche Situationen aus der Familie:
Wenn kleine Kinder trotz deutlichen Verbots an einer Steckdose spielen, ziehen sie sich
den Zorn des Vaters zu. Und oft genug reagieren Kinder dann mit Trotz. Sie verstehen
nicht die Gefahr, die ihnen droht, und sie fühlen sich durch den Zorn des Vaters ungerecht behandelt, weil er ihnen scheinbar grundlos ein schönes Spielzeug vorenthält. Da
beginnt der Teufelskreis von Zorn und kindlichem Starrsinn. Denn das uneinsichtige
Kind wird immer wieder versuchen, an die Steckdose heranzukommen, wenn der Vater
nicht hinsieht. Wie aber wird der Teufelskreis durchbrochen?
Das Kind gibt seinen Trotz auf, sobald es begreift, dass der Zorn des Vaters Ausdruck seiner Liebe und seiner Besorgnis ist. Wenn es einsieht, dass die Steckdose kein Spielzeug,
sondern eine große Gefahr ist, versteht es auch, dass ihm nichts Schönes vorenthalten
werden soll, sondern dass der Vater es vor Schaden bewahren will. Dann kann sich das
Kind dem Verbot beugen und wird die Finger auch dann von der Steckdose lassen, wenn
es unbeobachtet ist.
Mehr als diese schlichte Einsicht des Kindes wird auch von uns Erwachsenen nicht verlangt, wenn uns die Heilige Schrift zur Buße aufruft. Auch wir stehen an dem Punkt, wo
es zu begreifen gilt, dass Gott kein missgünstiger Vater ist, der uns etwas vorenthalten
will. Was seine Gebote verbieten, verbietet er uns aus Liebe. Und wenn er zürnt, zürnt er
aus Liebe. Denn es ist ihm eben nicht egal, wenn wir böse und gefährliche Wege gehen.
Es ist ihm nicht egal, weil wir ihm nicht egal sind. Und darum sollten wir seinen Mahnungen auch nicht mit kindlichem Trotz begegnen. Geben wir unseren Starrsinn auf,
beugen wir uns dem Zorn Gottes und lassen wir die Finger von der Steckdose des Bösen.
Schließen wir lieber vom Ausmaß des göttlichen Zorns auf das Ausmaß seiner Liebe zu
uns – so werden wir Gott verstehen. Denn wenn er das Böse in uns verdammt, dann
doch nur, weil er Gutes in uns legen will. Und wenn er die Sünde hasst, dann doch nur,
weil er die Sünder liebt. Macht es Sinn, weiter bockig zu sein, wenn man das weiß?
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39. Gottes Verborgenheit
Christlicher Glaube lebt davon, dass Gott sich dem Menschen erschließt und ihm zugänglich wird. Doch tut Gott das nicht andauernd. Sondern manchmal scheint es uns, als habe er den Kontakt abgebrochen. Wir haben dann das Gefühl, Gott sei abwesend, fern oder gar feindselig. Und diese Erfahrung ist so bedrohlich, dass man nicht gern darüber
spricht. Für gewöhnlich redet man ja lieber von der Gegenwart Gottes – man versichert
sich seiner Nähe. Es ist ja auch viel schöner, zu betonen und zu betrachten, wie Gott sich
uns offenbart, sich uns erschließt und sich uns freundlich zuwendet.
Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir auch das andere gestehen, das wir ebenso erfahren: Dass Gott uns nämlich für kürzere oder längere Zeit entgleitet, dass er sich von
uns abzuwenden scheint, sich entzieht und sich verbirgt. Vielleicht reden wir ungern
davon, weil wir diese Erfahrung auf unsere Glaubensschwäche zurückführen. Wir meinen, es läge an uns. Doch das stimmt nicht. Selbst ein Mann wie der Prophet Jesaja
musste es erfahren. „Fürwahr“ sagt er „du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der
Heiland.“ (Jes 45,15) Das ganze Buch Hiob erzählt von der schrecklichen Unbegreiflichkeit Gottes. Die Klagelieder Jeremias sind voll davon. Und sogar Jesus fühlte sich am
Kreuz von Gott verlassen. Warum also sollten wir leugnen, dass auch wir solche Stunden
kennen, wo uns der Glaube abhandenkommt, weil Gott schweigt, weil er fern erscheint,
finster und unzugänglich?
Manchmal kommt das über einen einzelnen Menschen – und manchmal kommt es über
ein ganzes Land oder eine Epoche. Wir verlieren dann einfach den Kontakt, Gottes Angesicht scheint sich in eine undurchschaubare Maske zu verwandeln, das biblische Wort
redet nicht mehr zu uns, wir finden keinen Zugang. „Gottesfinsternis“ hat das mal jemand genannt. Und ich kenne keinen reifen Christenmenschen, der davon nicht zu berichten wüsste. Es ist eine Erfahrung, um die keiner herumkommt. Die Frage kann darum nur sein, wie man angemessen damit umgeht. Wie verhält man sich in geistlichen
Dürreperioden? Was sollen wir tun, wenn Gott sich uns entzieht? Gibt es darauf eine
sinnvolle menschliche Reaktion? Ich will versuchen, mit einem Gleichnis darauf zu antworten:
Es war einmal ein Indianerstamm, der lebte ganz und gar von der Büffeljagd. Die Zelte, in
denen die Indianer wohnten, waren aus Büffelhaut. Das Fleisch, das sie aßen, war Büffelfleisch. Und die Tänze, die sie am Lagerfeuer tanzten, waren allesamt Büffeltänze. So war
das schon seit Hunderten von Jahren. Und niemand konnte sich erinnern, dass es je anders gewesen wäre. Hätte jemand die Indianer gefragt, was sie eigentlich zu Indianern
macht, so hätten sie geantwortet: „Wir jagen den Büffel, wir essen den Büffel, wir tanzen
den Büffeltanz – das macht uns Indianer zu Indianern!“ Doch niemand stellte diese Frage. Denn es gab keinen Anlass dazu. Eines Tages aber bemerkten die Indianer, dass sich
etwas veränderte.
Es waren nämlich immer weniger Büffel, die das Indianerland durchzogen. Natürlich waren die Indianer nicht glücklich darüber. Aber sie fanden Wege, um damit zu leben:
Wenn die Büffel ausblieben, jagten sie stattdessen Hasen und Rebhühner. Wenn ihre
Zelte repariert werden mussten, nahmen sie an Stelle von Büffelleder Ziegenleder. Und
als nicht mehr alle von der Jagd leben konnten, begannen einige sogar Schafe zu züchten
und Getreide anzupflanzen. Es ging den Indianern gar nicht so schlecht dabei.
149
Nur wurde es immer schwieriger, mit den jungen Indianern über Büffel zu reden. Denn
sie wuchsen auf, ohne jemals einen Büffel gesehen zu haben. „Was gehen uns die Büffel
an?“ – sagten sie manchmal. „Vielleicht gibt es gar keine! Vielleicht gab es nie welche!“
Die älteren Indianer standen dann wie vom Donner gerührt. Und der Häuptling wies die
Jungen zurecht: „Natürlich gibt es Büffel. Es muss sie ja geben. Denn wie könnten wir
sonst Indianer sein? Wir jagen den Büffel, wir essen den Büffel, wir tanzen den Büffeltanz. Das ist es schließlich, was uns Indianer zu Indianern macht!“ Es herrschte dann
Ruhe. Und trotzdem war es nicht mehr wie früher. Denn der Indianerstamm begann sich
allmählich in verschiedene Gruppen aufzuspalten.
Die erste Gruppe sagte: „Wenn das Leben mit dem Büffel den Indianer zum Indianer
macht, dann kann man ohne Büffel kein Indianer sein. Es gibt aber keine Büffel mehr.
Also hat es keinen Sinn, dass wir uns weiterhin Indianer nennen.“ Sie legten alle Waffen
ab, die man zur Büffeljagd braucht. Sie zogen in die Städte der Weißen und trugen fortan
auch ihre Kleider. Sie arbeiteten in den Fabriken der Weißen und vermischte sich bald
mit ihnen. Sie vergaßen, wie man den Büffeltanz tanzt. Und sie erzählten ihren Kindern
auch die alten Büffelgeschichten nicht mehr. Denn für sie waren das „Märchen“.
Die zweite Gruppe hatte dafür nur Verachtung übrig. Sie sagten: „Wir sind Indianer und
wir wollen Indianer bleiben. Es macht aber den Indianer zum Indianer, dass er tut, was
Indianer immer taten. Also werden wir den Büffel finden und ihn jagen – koste es, was
es wolle.“ Sie unternahmen lange Streifzüge durch die Wälder, wie es schon die Väter
getan hatten. Sie marschierten, bis es ihnen vor Müdigkeit vor den Augen flimmerte.
Dann tranken sie starke Getränke, sangen die alten Lieder und tanzten die ganze Nacht
hindurch den Büffeltanz, bis sie in Verzückung gerieten. Wenn sie am nächsten Tag erschöpft ins Lager zurückkehrten, schauten sie stolz auf die anderen herab und sprachen:
„Ha, es gibt sehr wohl noch Büffel! Man muss nur tun, was die Väter schon immer taten.
Dann kann man sie da draußen sehen.“ Ein Büffelfell haben sie aber nie mit nach Hause
gebracht. Und wenn man sie danach fragte, wurden sie sehr böse. Ihre Kinder mussten
den Büffeltanz so lange üben, bis sie selbst glaubten, sie wüssten, wie sich ein Büffel
bewegt. Und wenn einer von den Jungen Zweifel äußerte, wurde er aus der Gemeinschaft
verstoßen.
Der dritten Gruppe erschien diese Haltung unbarmherzig. Waren denn nur die Harten
und Starken vollwertige Indianer? Durfte man die Jugend vom Indianer-Sein abschrecken, indem man ihr eine mühselig-erfolglose Büffelsuche zumutete und ihr traditionelle Jagdtechniken vermittelte, die sie gar nicht mehr brauchte? Würde man sie mit solch
hohen Ansprüchen nicht den Weißen in die Arme treiben? „Nein“ sagten sie: „Es macht
den Indianer zum Indianer, dass er ein Indianer sein will“. Man befand also, dass eine
Kuh ja quasi fast ein Büffel sei, hängte einer Kuh ein altes Büffelfell über und veranstaltete dann in bequemer Ortsnähe eine (fast echte) „Büffeljagd“. Es musste zwar den Ungeübten beim Zielen geholfen werden. Und in Einzelfällen musste man den zu jagenden
„Büffel“ sogar an einen Pfahl anbinden. Aber auf diese Weise kam jeder zum Schuss,
konnte sich seiner indianischen Identität vergewissern und durfte sich hinterher „Jäger“
nennen.
Freilich gab es auch noch eine vierte Gruppe, die alle anderen belächelte. Denn sie bestand aus Intellektuellen. Sie hatten lange nachgedacht und waren zu dem Schluss gekommen, dass das „Leben mit dem Büffel“, das den Indianer zum Indianer macht, eigentlich schon immer eine „innere“ und „spirituelle“ Angelegenheit gewesen sei. Sie
sagten: „Es macht den Indianer zum Indianer, dass er wie ein Indianer denkt und fühlt.
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Und dazu braucht man keinen Büffel aus Fleisch und Blut. Man hat ihn nie gebraucht.
Denn es kommt allein auf den indianischen Geist an. Wer die büffelmäßige Einstellung
hat, der kann auf Pfeil und Bogen verzichten. Denn entscheidend ist das indianische
Selbstverständnis.“ Diese Gruppe verstand sich auffallend gut mit den Weißen. Sie aßen,
lebten und arbeiteten eigentlich ganz wie die Weißen. Aber sie legten großen Wert darauf, echte Indianer zu sein.
Nur eine Familie konnte sich keiner dieser Parteien anschließen. Sie wollten einfach nur
Indianer bleiben - und sie liebten den Büffel. Sie hörten darum nicht auf, Pfeile für die
Büffeljagd zu schnitzen. Und sie hörten nicht auf, die alten Büffelgeschichten zu erzählen. Sie gaben offen zu, lange keinen Büffel mehr gesehen zu haben. Aber sie warteten
geduldig auf seine Rückkehr. Und wenn jemand fragte, ob sie eigentlich noch vollwertige
Indianer seien, so antworteten sie: „Solange der Büffel nicht da ist, macht es den Indianer zum Indianer, dass er auf den Büffel wartet: Er tut nicht so, als wäre der Büffel da. Er
tut nicht so, als könne er ihn entbehren. Und vor allem lässt er nichts anderes an seine
Stelle treten. Nur der hört auf ein Indianer zu sein, der anfängt etwas anderes zu sein.
Nur der verrät den Büffel, der nicht mehr auf ihn wartet.“
Viele Jahre vergingen. Eines Tages aber kehrte der Büffel tatsächlich zurück. Ein Indianerjunge entdeckte es zuerst, und lief aufgeregt ins Lager. Er rief: „Kommt! Ich habe Büffel
gesehen! Kommt alle mit: Im Tal sind Büffel!“ Die Indianer erschraken. Einige wollten
schon aufspringen. Doch sollten sie dem Jungen wirklich folgen? Wer von ihnen konnte
noch etwas anfangen mit echten Büffeln aus Fleisch und Blut? Für die einen war der Büffel nur noch eine ehrwürdige Tradition. Für die anderen war er ein interessanter Mythos.
Und die dritte Gruppe hatte sich an den Umgang mit verkleideten Kühen gewöhnt. Keiner von ihnen fühlte sich der Begegnung mit wirklichen Büffeln gewachsen. Nur die eine
Familie, die parteilos geblieben war, stand auf und stellte sich dem Jungen zur Seite. Sie
sprachen zu den anderen:
„Feine Indianer seid ihr! Nun, da der Büffel zurückgekehrt ist, zeigt sich, dass ihr längst
ohne ihn auskommt. Euer „Indianertum“ hat begonnen, ohne den Büffel zu funktionieren. Es hat aufgehört Indianertum zu sein. Denn ihr habt zwar ständig vom Büffel geredet. In Wahrheit aber habt ihr ihn durch Kühe, Mythen und Traditionen ersetzt. Ihr
braucht ihn schon lange nicht mehr. Wir aber brauchen ihn, und haben ihn jetzt lange
genug entbehrt.“ Mit diesen Worten verließen die letzten Indianer das Lager, um im Tal
den Büffel zu jagen. Und die Jugend zog mit ihnen...
Wir kehren zu unserem Ausgangspunkt zurück. Und ich hoffe, dass sie sich noch daran
erinnern: Von der Verborgenheit Gottes wollten wir reden, vom Gefühl der Ferne und
Feindseligkeit, vom Schweigen Gottes, das manchmal unseren Glauben bedroht. Das ist
eine Erfahrung, die nur schwer auszuhalten ist. Denn wie der Indianer auf den Büffel
angewiesen ist, so sind Christen auf Gott angewiesen. Wir brauchen ihn, um zu sein, was
wir sind. Wir verlieren den Boden unter den Füßen, wenn er sich entzieht. Und doch
sollten wir nicht reagieren wie jene vier Parteien von Indianern:
Die einen geben gleich auf, wenn Gott aus ihrem Blickfeld verschwindet. Und die anderen leugnen einfach, dass er sich verborgen hat. Die dritte Partei ersetzt Gott durch eine
schlechte Kopie. Und die vierte bastelt sich einen Glauben zurecht, der auch ohne Gott
funktioniert. All diese Strategien sind möglich – und sie werden in Teilen der Christenheit tatsächlich praktiziert. Doch handelt es sich so oder so ein Ausweichen vor der Prüfung, die Gott uns zumutet. Man betrügt sich selbst. Darum kann man jemandem, der in
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eine Glaubenskrise geraten ist, nur empfehlen, dem Beispiel jener letzten Familie zu folgen. Leugnen wir Gottes Verborgenheit nicht, aber geben wir auch den Glauben nicht
auf! Versuchen wir nicht, Gottes Nähe durch irgendetwas anderes zu ersetzen, setzen wir
nichts an seine Stelle, sondern ertragen wir einfach die Leere, die er uns zumutet. Halten
wir seinen Platz frei. Denn wenn wir Gott entbehren, und uns dabei nicht irre machen
lassen, wenn wir die Prüfung geduldig bestehen, wird er sich uns wieder zuwenden. Gott
kann am Ende nicht verleugnen, dass er der barmherzige Vater Jesu Christi ist. Er verstellt sich zwar und verbirgt sich, um unser Vertrauen zu prüfen. Aber er verlässt uns
nicht wirklich. Vielmehr verhält er sich wie ein Vater, der seinem Kind das Laufen beibringt:
Er hilft uns auf die Beine und er stützt die ersten Schritte unseres Glaubens. Doch nach
einiger Zeit will er dann sehen, wie weit wir sind. Er will sehen, ob wir auf eigenen Beinen stehen können, wenn er uns mal nicht unter die Arme greift. Er zieht sich kurz zurück. Am Ende aber lässt er uns nicht im Stich. Denn wenn wir aufhören, es zu fühlen,
hört er doch nicht auf, uns zu lieben. Er kommt zurück, um zu sehen, ob wir noch auf
ihn warten. Und die geduldige Bereitschaft, auf ihn zu warten, der Entschluss, ihn durch
nichts zu ersetzen – das ist Glaube…
40. Schöpfung, Naturwissenschaft und Urknall
In jedem Gottesdienst bekennt sich die Gemeinde zum Schöpfungsglauben und spricht
gemeinsam: „Ich glaube an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Dieses Bekenntnis ist uns selbstverständlich, denn es ist grundlegend für alles andere, was dann
auch noch über Gott gesagt werden muss. Und doch wissen wir, dass gerade dem Schöpfungsglauben in den Bildungseinrichtungen unserer Gesellschaft regelmäßig widersprochen wird. Denn an Schulen und Universitäten lehrt man es anders, gibt für das Dasein
dieser Welt eine andere Erklärung und stellt diese als bessere Alternative dem Schöpfungsglauben gegenüber: „Früher“ sagt man, „Früher glaubten die Menschen, Gott habe
die Welt geschaffen, aber inzwischen hat die Naturwissenschaft festgestellt, dass die
Welt durch den Urknall entstand!“
Wissenschafts–Sendungen im Fernsehen untermalen diese Botschaft mit bunten Animationen und verkünden, der Ursprung des Universums sei damit geklärt, das Rätsel unserer Herkunft gelöst und der naive Glaube endlich durch handfestes Wissen ersetzt. Der
Schöpfungsglaube scheint überholt, eine andere Weltenstehungs-Theorie nimmt seinen
Platz ein, religiöse Mythen müssen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen weichen –
und der moderne Mensch ist damit sehr zufrieden. Ich aber erlaube mir Zweifel anzumelden, an einem ganz bestimmten Punkt. Und der betrifft nicht die Urknalltheorie als
solche (die durchaus richtig sein könnte), sondern vielmehr den Gebrauch, den man von
ihr macht, und den großen Erklärungswert den man ihr zuschreibt. Ich leugne gar nicht,
dass am Anfang der Welt dieser sogenannte Urknall stattgefunden haben kann: Vielleicht
war es genau so, wie man es in bunten Filmchen vorgeführt bekommt!
Aber ich bestreite, dass damit viel gewonnen und die Schöpfungsfrage beantwortet sei.
Denn die eigentliche Frage, die „Menschheitsfrage“ hinter alledem, lautet doch, warum
überhaupt etwas ist, wo doch auch nichts sein könnte! Als Mensch hat man das sichere
Gefühl, dass es für das Dasein von alledem, was man kennt, einen Grund geben muss.
Und der Hinweis, dass das Universum mit seinem Anfang angefangen habe – nämlich
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mit dem besagten „großen Knall“ – ist eine völlig ungenügende Antwort. Denn es macht
einen Unterschied, ob ich frage, wie etwas angefangen hat, oder ob ich frage, warum es
angefangen hat.
Nicht „wie“ unsere Welt wurde, sondern „warum“ gilt es zu klären. Und diesbezüglich
sind die Naturwissenschaftler ausgesprochen schweigsam. Sie präsentieren uns zwar den
Urknall als das erste Glied einer langen Kausalkette. Und die späteren Glieder in der Kette finden ihren Grund in den vorangehenden. Wenn aber am Anfang der Kette ein Glied
steht, dessen Grund nicht angegeben werden kann, welchen Erklärungswert hat dann
das Ganze? Man müsste dann doch fragen, warum der Urknall stattfand – und warum er
nicht ausblieb! Was war seine Ursache? Kann man aber das nicht beantworten, so bleibt
damit nicht nur der Ursprung des ersten Gliedes ungeklärt, sondern zugleich der Ursprung der ganzen Kausalkette.
Man hat ihrem Anfang dann zwar einen Namen gegeben, aber man hat den Grund ihres
Daseins nicht angegeben. Und das ist höchst unbefriedigend. Denn wenn der Urknall ein
Teil der Wirklichkeit ist, die es zu erklären gilt, bedarf selbstverständlich auch er der Erklärung. Nichts, was wir kennen, ist seine eigene Ursache – auch der Urknall nicht! Und
darum muss man ziemlich leichtgläubig sein, um sich mit dem Hinweis auf jenen „Big
Bang“ zufrieden zu geben.
Ich sage es noch einmal, damit man mich nicht missversteht: Ich bestreite gar nicht, dass
der Urknall der Anfang der uns bekannten Welt gewesen sein kann. Nehmen wir ruhig
an, es sei so! Ich bestreite aber, dass damit die Existenz der Welt schon erklärt wäre, oder
dass etwas für oder gegen den Schöpfungsglauben entschieden sei. Denn die Frage nach
dem Ursprung unseres Daseins zielt auf etwas Anderes und auf etwas Tieferes, als uns
hier gezeigt wird. Es geht in der Schöpfungsfrage gar nicht darum, wie die Welt angefangen hat, und welcher zweite Schritt auf den ersten folgte, sondern es geht darum, warum
überhaupt etwas ist und geschieht – wo doch genauso gut auch nichts geschehen könnte.
Nicht den Anfang wollen wir sehen, sondern den Grund wollen wir begreifen. Und diese
letztere, ihrem Wesen nach philosophische und theologische Frage, wird niemals eine
naturwissenschaftliche Antwort finden, weil dabei Frage und Antwort auf unterschiedlichen Ebenen liegend aneinander vorbeigehen.
Es macht einen großen Unterschied, ob ich nach dem Anfang oder nach dem Grund einer
Sache frage, und sie werden das sofort spüren, wenn ich ein paar Beispiele nenne. Wir
sagen z.B.: „Das Theaterstück begann, als sich der Vorhang hob.“ Aber wir würden nicht
behaupten, das Theaterstück sei aufgeführt worden, weil sich der Vorhang hob. Wir sagen zu Recht, dass der 2. Weltkrieg 1939 angefangen hat. Aber niemand würde behaupten, der 2. Weltkrieg habe deswegen stattgefunden, weil er 1939 anfing. Eine Segelregatta
beginnt, wenn der Startschuss ertönt. Aber dass die Segelregatta veranstaltet wird, hat
seinen Grund gewiss nicht in dem Startschuss. Ein Erdbeben beginnt zweifellos mit den
ersten Erdstößen. Aber niemand würde behaupten, es habe in diesen ersten Erdstößen
seinen Ursprung. Und wenn man bei einer Goldenen Hochzeit den Ehemann fragt, was
der Grund sei für seine lange und glückliche Ehe, wird er wahrscheinlich nicht sagen:
„Der Grund ist, dass ich meiner Frau 1962 auf einer Party begegnet bin.“ Nein: Das war
natürlich nicht der Grund! Denn 1962 sind sich viele Menschen auf Partys begegnet –
und die meisten sind nicht 50 Jahre beisammen geblieben! So eine Antwort erkennen
wir im Alltag sofort als ungenügend! Wenn aber einer sagt, der Urknall sei der Grund
unserer Existenz, dann geben wir uns zufrieden? Ist das nicht seltsam? Fragt ein Mensch,
warum die Scheune abgebrannt ist, und ein anderer antwortet: „Weil das Stroh Feuer
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fing“, so ist das ungenügend. Fragt einer, warum das Dorf überschwemmt wurde, und die
Antwort lautet: „Weil das Wasser immer weiter stieg“, so ist das ungenügend. Fragen wir,
warum eine Halle voller Menschen ist, und jemand antwortet: „Weil die alle nacheinander zur Tür hereingekommen sind“, so ist auch das ungenügend. Fragen wir aber, warum
das Universum existiert, und man antwortet: „Weil es mit einem großen Knall anfing“ –
dann sollte das genügen, und damit sollten wir zufrieden sein?
Wahrlich: Nein! Die Urknalltheorie beschreibt lediglich, wie das wurde, was wir sehen,
sie erklärt aber nicht, warum es wurde. Sie zeigt uns den Anfang, nennt aber keinen
Grund. Und sie steht darum zum Schöpfungsglauben gar nicht in Konkurrenz. Sie bietet
keine Alternative und behandelt noch nicht einmal dasselbe Thema, sondern erweitert
nur unser Wissen von der Welt um einen interessanten Vorspann, der spektakulär gewesen sein mag, der aber nichtsdestotrotz auch seinerseits der Erklärung bedarf.
Denn der Urknall ist Teil des Rätsels – er ist nicht die Lösung. Und darum macht man
von der Urknall-Theorie, selbst wenn sie richtig sein sollte, doch einen falschen Gebrauch, sobald man meint, sie könne den Schöpfungsglauben ersetzen. Denn das überfordert sie: Sie erklärt vielleicht treffend, wie die Welt entstand, aber sie erklärt in keiner
Weise, warum sie entstand. Sie beschreibt ihren Anfang, aber sie benennt nicht ihren
Grund. Und als naturwissenschaftliche Antwort auf eine philosophisch-theologische Frage ist sie darum ganz ungeeignet. Warum aber merkt das keiner? Der Mensch will wissen,
warum das große Welttheater aufgeführt wird, und die Naturwissenschaft antwortet:
„Weil der Urknall den Vorhang aufgezogen hat“. Das ist nicht viel mehr als ein Taschenspielertrick! Und trotzdem fühlt sich die Menschheit nicht veralbert, sondern fühlt sich
hinreichend belehrt über den Grund ihrer eigenen Existenz.
Ist das nicht seltsam, wie leicht der Mensch zufrieden ist? Diejenigen aber, die unzufrieden bleiben, weil sie immer noch nicht wissen, warum dieses Universum da ist, das doch
auch nicht sein könnte, die dürfen tiefer schürfen und eigene Folgerungen ziehen. Denn
wenn unser gesamtes Universum aus Dingen besteht, die nicht ihre eigene Ursache sind,
und auch innerhalb des Universums nichts zu finden ist, was die Ursache des Universums sein könnte, so muss diese Ursache jenseits des Universums gesucht werden.
Eine befriedigende Antwort kann nicht aus dem Bereich der Natur kommen, auf den die
Naturwissenschaft ihren Blick beschränkt, denn was Natur erklären soll, kann seinerseits
nicht Teil des zu Erklärenden sein. Um sich selbst zu verursachen, müsste das Universum
da gewesen sein, bevor es da war! Was aber sollte dem Universum vorausgehen und wer
könnte ihm gegenüberstehen, wie ein Maler seiner Leinwand gegenübersteht, wenn
nicht Gott? Wer außer ihm wäre der Summe des Vorfindlichen gegenüber „jenseitig“? Es
ist ganz unausweichlich, hier an Gott zu denken. Denn wenn die Dinge dieser Welt bei
all ihrer Verschiedenheit doch dies gemeinsam haben, dass keines von ihnen sich selbst
hervorbringt, wie sollte dann die Welt als Summe dieser Dinge sich selbst hervorbringen?
Ist jedes Einzelne in ihr abhängig und von einer Ursache bedingt, kann auch das Ganze
weder unbedingt noch durch sich selbst bedingt sein.
Die Welt muss ihren Ursprung in etwas haben, das radikal anders ist als sie selbst. Und
dies radikal Andere ist nicht der Urknall, der als erster Akt der Welt zur Welt dazu gehört,
sondern es ist Gott, der nicht ein Teil seiner Schöpfung ist, sondern ihr Gegenüber. Er ist
kein weiteres Sein, das in die Reihe des Seienden einzuordnen wäre, sondern ist der
Grund des Seins. Er ist nicht einfach „wirklich“, sondern im Vergleich zu unserer Wirklichkeit „mehr als wirklich“. Und er muss es auch sein: Denn der den Anfang setzt, muss
selbst ohne Anfang sein, und der die Zeit erschuf, muss selbst der Ewigkeit angehören.
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Nur Gott ist aus sich selbst und von sich selbst. Nur er ist Ursache, ohne selbst Wirkung
zu sein. Und darum kommt die Frage nach dem Warum auch erst bei ihm zur Ruhe. Nun:
Ich kann das nicht weiter ausführen – und will auch gar nicht behaupten, dies sei eine
zwingende Beweisführung für den Schöpfungsglauben. Aber es gibt auch keine Beweisführung gegen ihn. Der Jubel seiner Gegner entbehrt jeder Grundlage, denn die UrknallTheorie stellt keine Alternative dar. Sie erklärt nur das „Wie“ und nicht das „Warum“.
Und deshalb gefährdete sie den Schöpfungsglauben nicht einmal, wenn sie bewiesen
wäre. Das eigentliche Rätsel aber sind unsere vielen Zeitgenossen, die so sehr an die Naturwissenschaften glauben und sich so überaus kritisch geben – und doch nicht merken,
wenn man ihnen ein X für ein U vormacht…
41. Sein und Nicht-Sein, Wirklichkeit und Schein
Es gibt etwas, über das man sich selten unterhält, obwohl es grundlegend wichtig ist. Es
wird fast nie zum Thema gemacht, weil es als schwierig gilt. Aber wäre es nicht lohnend,
einmal nicht über dies und das nachzudenken, was „ist“, sondern über das „Sein“ selbst?
Ich meine nicht dies oder das Seiende. Ich meine nicht die Dinge, die es „gibt“, denn
davon kennen wir ja mehr als genug. Es „gibt“ Steine und Bäume, Pflanzen und Tiere,
nette Leute und andere Leute, Männer und Frauen und, und, und. Mit solchen Gruppen
des Seienden beschäftigen wir uns ständig – wir selbst gehören ja dazu! Aber das Sein an
sich, dieses Wunder der Existenz, das all die seienden Dinge verbindet, diese seltsame
Macht „da“ zu sein und sich im Dasein eine Weile zu behaupten: Woher kommt die?
Alles was ist, könnte schließlich auch nicht sein – das wissen wir nur zu gut: Es gibt für
alles ein Vorher, als es noch nicht war, und ein Hinterher, wo es nicht mehr sein wird.
Alles, was „ist“ – einschließlich unserer eigenen Person – ist unmittelbar vom Nicht-Sein
bedroht. Alles ist nur mal kurz aus dem Nichts hervorgehoben in den Zustand des DaSeins, und alles wird einmal in den Zustand des Nicht-Seins zurücksinken. Unsere Welt
ist ein einziges Werden und Vergehen. Es dauert nur einen Augenblick. Und doch machen manche Dinge den Eindruck, als seien sie von substanzieller Beharrlichkeit und
trügen in sich die Kraft ewig zu sein.
Wenn ich z.B. einen mannshohen Granitblock sehe, der irgendwo an einer Steilküste
liegt, wenn ich ihn anfasse und seine Massivität, sein immenses Gewicht, und die Härte
seiner Oberfläche betrachte, dann imponiert mir die Beharrlichkeit seines Seins. So ein
Granitblock lässt keine Zweifel aufkommen an seiner Wirklichkeit. Er war schon viele
tausend Jahre – und wird wahrscheinlich noch viele tausend Jahre bleiben. Ungerührt
liegt er da. Tonnenschwer und imposant. Nicht zu sein, scheint für ihn gar nicht in Frage
zu kommen. Und doch liegt er an dieser Steilküste in der Reichweite des Meeres, das ihn
eines Tages zu Millionen von Sandkörnern zerreiben wird.
Manches „Seiende“ kann seiner Vernichtung richtig lange trotzen. Und dann zeigt sich
doch, dass die Dinge ihr Sein bloß geliehen haben. Sie sind nicht aus eigener Kraft und
nicht auf Dauer, sind nicht notwendig oder prinzipiell „da“, sondern nur mal vorübergehend – so lange sie am „Sein“ teilhaben dürfen. Die seienden Dinge kommen also und
gehen. Aber das Sein selbst – wo ist das her? Der Stein hat die Macht zur Existenz doch
offenbar nicht in sich oder von sich selbst. Sonst würde er ja bleiben. Und auch ich,
wenn ich über die Macht verfügte, mich endlos im Da-Sein zu halten, würde wahrscheinlich davon Gebrauch machen.
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Doch der Boden des Seins wird mir noch viel schneller unter den Füßen weggezogen als
dem Stein, und auch in mir wird sich zuletzt nichts finden, was man meiner Auflösung
entgegensetzen könnte. Mit allem Seienden gemeinsam sind wir Menschen auf dem Wege in jenes Nicht-Sein, das man „Vergangenheit“ nennt. Und ganz egal wie breitbeinig
und stark ein Mensch auch im Leben steht, ganz egal wie unüberwindlich er sich vorkommen mag, so sind doch seine Tage gezählt. Wenn aber der Eindruck des Wirklichen
und Harten, des Substantiellen und geradezu Ewigen, wenn das Schein ist – was ist denn
dann wirklich wirklich?
Was ist das Ewige im Vergänglichen, das dem Vergänglichen seine begrenzte Dauer verleiht? Wer gibt dem Dauernden seine Dauer? Wer schenkt dem Harten seine Härte? Wer
ist das Sein in all dem Seienden?
Sie können sich denken, dass meine Antwort lautet: Gott. Denn er ist die Wirklichkeit
hinter all dem Wirklichen – oder besser gesagt: Er ist eigentlich das einzig Wirkliche. Die
Dinge dieser Welt aber, die uns so ungemein wirklich vorkommen, sind es nur, insoweit
sie an Gottes Wirklichkeit teilhaben. Wir alle sind nur in dieser abgeleiteten Weise
„wirklich“. Wir sind nur, weil Gott als Grund und Quelle des Seins uns Sein verleiht. Er
hat uns aus dem Nichts gerufen, wie man etwas hervorzieht aus einem tiefen, dunklen
Loch, und er hält uns über dem Abgrund des Nichts. Wenn er aber seine Hand zurückzöge, und von uns nur bliebe, was wir abgesehen von Gott „an und für sich“ sind, so wären
wir: Null, Komma – Nichts.
Können sie sich aber vorstellen, welche Tragweite das hat – und wie sehr es gegen das
Lebensgefühl der meisten Zeitgenossen verstößt? Die meisten meinen, ihre eigene Existenz stehe felsenfest, sie seien auf jeden Fall wirklich, während sie bei Gott längst nicht
so sicher sind. Doch in Wahrheit verhält es sich umgekehrt, weil Gott das Wirkliche in
allem Wirklichen ist, und der Mensch im Vergleich dazu eine labiles Gebilde und ein
flüchtiger Schatten. Was wir gemeinhin Wirklichkeit nennen, das hat nur den Schein des
Seins. Gott hingegen ist der Inbegriff des Wirklichen und verhält sich zu uns etwa so, wie
der Filmprojektor zu den flackernden Bildern, die er an die Wand wirft. Er ist die Realität, die uns zu flüchtigem Leben erweckt. Unsere Wirklichkeit verdankt sich seiner Wirklichkeit, während seine von der unseren durchaus unabhängig ist.
Wenn wir das aber immer wieder vergessen, dann liegt es nicht daran, dass der Sachverhalt zu abstrakt wäre, sondern im Gegenteil: Dass er so konkret ist und so allumfassend.
Fühlen sie nur einmal die Härte des Stuhles, auf dem sie sitzen. Diese Härte ist eigentlich nicht die Härte des Holzes selbst, sondern ist ein Teil von der Härte Gottes, die er
diesem Holz vorübergehend geliehen hat. Fühlen sie die Schwere ihres eigenen Körpers:
Es ist eigentlich nicht ihre Schwere, sondern ein Teil von der Schwere Gottes, die er ihrem Körper geliehen hat.
Das Licht der Sonne dort draußen gehört nicht wirklich der Sonne. Im Grunde ist es Gottes Helligkeit, die uns durch die Sonne nur vermittelt wird. Schneiden sie sich an einer
Klinge, so hat Gottes Schärfe sie verletzt. Und essen sie einen süßen Kuchen, so hat Gottes Süße sie erfreut. Denn das Wirkliche am Wirklichen ist letztendlich immer Gott, und
kein Seiendes hat sein Sein woanders her als von ihm. Stellen sie sich die größte Meereswelle vor, die sie sich denken können, weit höher als ein Kirchturm, fühlen sie die
ungeheure Kraft, die in ihr steckt – und dann ziehen sie von dieser Vorstellung die Welle
ab: Was sie übrig behalten, das ist Gott. Stellen sie sich das schönste und eleganteste Tier
vor, das sie kennen, vielleicht ein galoppierendes herrliches Pferd, malen sie sich seine
Schönheit so richtig aus – und dann denken sie sich bloß das konkrete Pferd weg: Was
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sie übrig behalten, das ist Gott. Denn er ist die Leichtigkeit des Leichten, und das Abgründige des Abgrunds. Er ist das Dunkle der Nacht, und das Strahlen des Morgens. Er ist
die Substanz aller Dinge, und ohne ihn wären sie nicht einmal Schatten zu nennen.
Denn in Wahrheit haben die Dinge keinerlei Substanz, sondern Gott ist ihre Substanz.
Nichts ist da, ohne dass Gott darin ist. Und nichts bleibt, wenn nicht Gott darin bleibt.
Denn alles was wir sind, ist uns von ihm geliehen, und was uns vom Sein selbst gehört,
das sind höchstens unsere Mängel. Heißt das nun aber, dass es die Welt in Wahrheit gar
nicht gäbe, weil Gott eigentlich alles ist? Nein. Diese Folgerung ginge zu weit. Denn Gott
schuf sich in der Welt und im Menschen ein reales Gegenüber. Aber dieses Gegenüber ist
eben nie „real“ aus sich selbst, sondern immer nur aus ihm. Das Sein der seienden Dinge
ist und bleibt Gott. Und das Wirkliche in allem Wirklichen ist er. Nichts hat Substanz,
wenn ihm Gott nicht Substanz verleiht.
Er erfüllt Himmel und Erde so sehr, dass wir nach den Worten des Paulus „in ihm leben,
weben und sind“. Und doch ist kein Ding mit Gott identisch – und auch die Natur insgesamt ist es nicht. Denn wenn auch Gott das ganze Universum so umfängt und durchdringt, dass er nirgendwo nicht ist, so ist doch das Universum nicht Gott, und erst recht
die Natur ist nicht Gott, sondern ist in Gott und aus Gott, als eine ihm nachgeordnete,
immer abhängige Wirklichkeit. Wahrlich: Sehe ich Farben, sehe ich etwas von der Buntheit Gottes. Fühle ich den Wind auf der Haut, liegt darin die Frische Gottes. Und in der
Massivität des Granitblocks imponiert mir die Mächtigkeit Gottes. Aber all das ist stets
nur ein schwacher Abglanz. Die Schöpfung spiegelt die Herrlichkeit des Schöpfers, ohne
dass ich deswegen die Schöpfung mit dem Schöpfer verwechseln dürfte. Es gibt da keine
Verschmelzung!
Und doch wär’s noch schlimmer, wenn ich die Schöpfung vom Schöpfer trennen wollte.
Denn wenn ich die Wirklichkeit abtrenne von dem, der in ihr wirkt, wird sie unwirklich,
und in der gewollten Abkehr vom eigenen Ursprung sogar böse. Suche ich die Substanz
der Dinge und erkenne sie nicht im Lichte dessen, der ihre Substanz ausmacht, so jage
ich ein Phantom. Und die Folgen des Irrtums sind fatal. Denn isoliere ich das Leben von
seiner Quelle, so muss es versiegen. Betrachte ich das Seiende abgesehen vom Grund
seines Seins, so wird es zum Schattenbild. Es pervertiert. Und das gilt nicht zuletzt von
der eigenen Person.
Auch wir selbst – aus der Gemeinschaft Gottes herausgelöst – werden zum Schatten und
zur bloßen Simulation des von Gott gewollten Menschen. Denn Gott ist nicht nur die
Härte des Holzes, die Schärfe der Klinge und die Helligkeit der Sonne. Sondern er ist
auch die Lebenskraft in meinen Adern, die Klarheit in meinem Kopf, und die Liebe die
mich vorantreibt. Nichts von alledem ist substanziell „mein“, alles Gute ist mir geliehen,
höchstens meine Fehler gehören mir selbst.
Wenn ich das aber weiß, wie kann ich dann mein eigenes Sein wenden gegen den Ursprung dieses Seins? Heißt das nicht, sich selbst abzuschaffen, wie ein Baum, der sich
gegen seine Wurzel wendet? Und werde ich darum nicht eher versuchen, „nah dran“ zu
bleiben an der Quelle, die mein Leben speist? Ja: Nicht nur Einsicht und Weisung sind
bei Gott zu finden, nicht nur Vergebung und Gemeinschaft, sondern auch die schlichte
Kraft zum Da-Sein beziehen wir von ihm. Alles Irdische schwebt über dem Nichts – und
schwebt dort gewiss nicht ewig –, Gott aber hält es über dem Nichts, solange er will.
Nichts bleibt, was nicht bleibt in ihm. Und die persönliche Konsequenz daraus ist leicht
zu ziehen, dass man sich besser an ihn hält als an die Irrlichter und Schatten dieser Welt.
Denn der Filmprojektor ist realer als die flüchtigen Bilder, die er an die Wand wirft. Sie
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haben keine eigene Substanz, Gott aber ist ihre Substanz, und er heißt darum nicht zufällig der „Ich bin“. Kennen sie die biblische Szene? Mose fragt am brennenden Dornbusch
nach dem Namen Gottes, und dieser Name wird ihm offenbart als „Jahwe“. „Jahwe“ aber
ist gebildet aus der hebräischen Wurzel des Wortes „Sein“, so dass man den Namen Gottes übersetzen kann als: „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich werde sein, der ich sein werde.“
Es ist eine gewisse Bandbreite der Übersetzungen möglich. Doch so oder so stellt sich
Gott vor als der in seinem Wirken wahrhaft Wirkliche. Gottes Name beschreibt ihn als
den Seienden und Sich-Erweisenden, den Gegenwärtigen und Immer-Gleichen, den
Wirklichen und Wirkenden, der das Sein ist, und ins Sein ruft. Was das aber für uns bedeutet, die wir immer nur einen Wimpernschlag vom Nichts entfernt sind, das muss ich
nun gar nicht mehr ausführen, denn es versteht sich von selbst:
Weil unsere Wirklichkeit nur geliehen ist, darum gilt es inmitten einer Welt voller
Träume und Schäume all die Irrlichter und Illusionen nicht mit Realitäten zu verwechseln, sondern stets Anschluss zu suchen und Kontakt zu halten zu dem einen Herrn, der
Substanz hat und Leben schenkt, der bleibt und bleiben lässt…
42. Gottes Allgegenwart
Glauben heißt, Gott in allen Dingen zu finden. Und dennoch ruft es Verwunderung hervor, wenn man das tut. Denn wer Gott in allen Dingen findet, scheint einem wichtigen
theologischen Prinzip zu widersprechen: Muss Gott nicht von allen Dingen strikt unterschieden werden? Wird nicht oft betont, dass der Schöpfer „über“ seinen Geschöpfen
steht? Wie soll man ihn also „in“ den Geschöpfen finden können?
In der Tat gilt, dass man zwischen Gott und der Welt klar unterscheiden muss. Daran ist
gar nicht zu rütteln. Und doch kann diese Unterscheidung nicht so aussehen, dass wir
eine Beziehung zu Gott hätten wie zu einer isolierten Größe „neben“ der Welt. Denn
stünde Gott neben der Welt als etwas, was es „auch noch“ gibt, so wäre er nicht die alles
umfassende und alles bestimmende Wirklichkeit. Er wäre dann nur ein Teilaspekt dieser
Wirklichkeit. Unsere Gottesbeziehung müsste sich neben vielen anderen „weltlichen“
Beziehungen einreihen. Sie würde durch diese Beziehungen relativiert. Und der Glaube
beträfe nur noch einen mehr oder weniger wichtigen Ausschnitt unseres Lebens. Man
könnte wohl eine Stunde am Sonntagmorgen für „religiöse“ Betätigung reservieren. Der
Rest der Woche aber bliebe davon unberührt, weil man sich da der „Welt“ zuwendet.
Das wäre wohl kaum der Glaube, von dem die Bibel spricht. Denn Gott und Welt zu unterscheiden, kann ja nicht bedeuten, dass man sie unverbunden nebeneinander stellt. Es
kann nicht heißen, dass wir nach dem Gottesdienst auf die Straße hinaustreten und dabei Gott in der Kirche zurücklassen. Vielmehr begegnen wir ihm, wenn wir ihn „drinnen“
kennengelernt haben, auch überall „draußen“ in der Welt. Denn die Welt ist zwar nicht
Gott. Und Gott ist auch nicht „in“ der Welt wie wir das sind. Aber die Welt ist „in“ Gott.
Sie ist vollständig durchdrungen von Gottes Macht und wird vollständig getragen von
seinem Willen, so dass ohne Gott kein Blatt vom Baum fällt und kein Haar von unserem
Kopf. Gott ist die alles bestimmende Wirklichkeit – ohne ihn ist nichts, was ist. Sich dessen aber bewusst zu sein und überall hinter der bunten Vielfalt von Natur und Geschichte die schöpferische Hand Gottes wirksam zu sehen – das ist Glaube.
Freilich: Man könnte an dieser Stelle Zweifel anmelden. Denn was soll das eigentlich
heißen, dass man Gott in allen Dingen „findet“ und sein Wirken „sieht“? Sehen denn
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nicht alle das Gleiche, wenn sie mit wachen Sinnen durch die Welt gehen? Beanspruchen
die Gläubigen etwa, schärfere Augen zu haben als andere? Das klingt absurd. Und doch
lässt sich an einem einfachen Beispiel zeigen, wie es gemeint ist: Nehmen wir an, eine
Gruppe von Wanderern käme an einer mächtigen alten Dorflinde vorbei. Wenn die Wanderer dort stehen bleiben und den Baum betrachten, sieht dann jeder dasselbe? Ich behaupte: Nein! Denn wenn ein Bildhauer unter den Wanderern ist, dann sieht er in der
alten Linde vor allem ausgezeichnetes Material zum Schnitzen – und vielleicht steht vor
seinem inneren Auge schon die Statue, die er aus diesem Stamm herausarbeiten könnte.
Wenn ein Historiker dabei ist, dann sieht er eine Gerichtslinde vor sich, die geschichtliche Bedeutung hat, weil unter solchen Linden im Mittelalter Recht gesprochen wurde. Ist
ein Busunternehmer in der Gruppe, so sieht er ein Naturdenkmal, das touristisch erschlossen werden könnte, wenn man daneben einen Biergarten anlegen würde. Der Biologielehrer unter den Wanderern sieht in der Linde einen großen Pflanzenorganismus
mit interessanten Spuren von Pilzbefall. Der Hobby–Maler sieht in dem Baum ein herrliches Motiv für eine Landschafts–Idylle, die er gern in Aquarelltechnik ausführen würde.
Und wenn ein Kind dabei ist, dann sieht es wahrscheinlich ein Kletter- und Spielgerät, an
dessen Ästen man prima eine Schaukel aufhängen könnte.
Mit anderen Worten: Wenn unterschiedliche Menschen dasselbe sehen, sehen nicht alle
dasselbe. Sondern ein jeder sieht, wie er zu sehen gelernt hat – und was zu sehen er fähig ist. In diesem Sinne ist nun auch der Glaube eine Schule des Sehens. Und wer sie
durchläuft, der kommt zu einer neuen Wahrnehmung der Welt. Denn der Glaube hat für
die Dinge dieser Welt (nicht den einzigen, aber) den tiefsten Blick: Er sieht in allem Gottes schaffende und leitende Hand. Und er begegnet darum in allen Dingen Gott. Er sieht
nicht bloß die Schönheit der Natur, sondern sieht darin einen Abglanz von Gottes Kraft
und Herrlichkeit. Er erlebt nicht nur Tagespolitik und Weltgeschichte, sondern er sucht
dahinter Gottes Führung zu erkennen. Er genießt nicht einfach Essen, Musik und Geselligkeit, sondern er erfreut sich dabei Gottes großer Freundlichkeit. Er erlebt Schicksalsschläge nicht als sinnlose Zufälle, sondern er ahnt dahinter Gottes raue Pädagogik. Er
sieht in seinem Ehepartner nicht seine eigene „Eroberung“, sondern ein großes Geschenk Gottes. Er weiß, dass seine Freunde bei aller Freundschaft doch Sünder sind –
wie er selbst. Und er weiß, dass seine Feinde trotz aller Feindschaft doch immer Gottes
geliebte Geschöpfe bleiben.
Kurz gesagt: Der Gläubige macht überhaupt keine Erfahrung, die nicht in irgendeinem
Sinne auch Gotteserfahrung wäre. Es begegnet ihm nichts, worin er nicht indirekt auch
Gott begegnete. Und darum hat für ihn jede noch so alltägliche Handlung mit Gott zu
tun. Denn Glaube ist keine „Sonderfunktion“ des Lebens, die man am Sonntag und zu
besonderen Anlässen aktiviert. Sondern wenn Glaube seinen Namen verdient, dann ist
er die „Grundfunktion“, in die alle anderen Funktionen und Beziehungen integriert sind.
Dem Gläubigen ist darum nichts so „banal“, dass es nicht mit Gott zu tun hätte. Denn
Gott ist auch im Banalen. Und er ist auch im Harten. Er ist in der Frische des Windes.
Und in der Wärme des Bettes. Gott ist im Schmerz meines Zahnes. Und er ist im Lachen
meines Kindes. Er ist in der Peinlichkeit meines Versagens. Und er ist in meinem erfrischenden Schlaf. Er ist in der Grube, in die ich falle. Und er ist auch in der Hand, die
mich wieder herauszieht. Denn „in ihm leben, weben und sind wir“ (Apg 17,28). Wenn
das aber stimmt – was sollte dann einem Menschen je widerfahren können, was nicht
auch Gotteserfahrung wäre, für den, der versteht? Freilich: Das Verstehen ergibt sich
nicht einfach von selbst. Es setzt das Evangelium voraus. Und es setzt einen gereiften
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Glauben voraus. Denn Gottes Gegenwart in der Welt ist eine verborgene Gegenwart. Wer
anfängt Gott mit der Welt zu verwechseln, der starrt vergeblich auf die Phänomene. Wer
aber Gott aus dem Evangelium „kennt“, der vermag ihn auch in Natur und Geschichte
„wiederzuerkennen“. Und der entdeckt dann in seinem ganzen Leben nichts mehr, was
ihm nicht entweder von Gott gegönnt oder von Gott zugemutet wäre.
Die Vielfalt der Welt wird für ihn transparent wie das Glasfenster einer Kirche. Denn
bunt ist so ein Glasfenster, wie die Welt auch bunt ist. Es enthält zahllose Farbnuancen.
Und doch ist es nur das eine Licht der Sonne, das all die gelben, roten, blauen und grünen Scheiben zum Leuchten bringt. Kinder denken manchmal, es wären die Glasscheiben, in denen die Farbe steckt. Doch wenn draußen die Sonne untergeht werden alle
Scheiben grau – und es zeigt sich, dass das Glas aus sich heraus nicht leuchtet. Erst wenn
die Morgensonne wieder darauf scheint, dringt durch jede Scheibe ein bestimmter Anteil
farbigen Lichtes. Es sind nicht etwa verschiedene Lichter! Nein – es ist nur das eine.
Doch jede bunte Scheibe lässt uns einen bestimmten Farbanteil dieses Lichtes erkennen,
während sie andere Anteile herausfiltert. Wenn aber Glas „transparent“ ist für das hindurchscheinende Licht – sollte dann nicht auch die Schöpfung „transparent“ sein können für den Glanz des Schöpfers, der dahinter steht? Sollte dem Glauben nicht jede Erfahrung eine (so oder so „gefärbte“) Erfahrung Gottes sein?
Der Ungläubige kann das nicht einsehen. Denn er meint ja, die Welt leuchte aus sich
selbst heraus. Der Gläubige aber erhascht überall einen Blick auf Gottes Vielfalt und
Reichtum. Hier erfährt er Gottes Geduld. Und dort Gottes Strenge. Einmal begegnet ihm
Gott in strahlendem Glanz. Und ein anderes Mal in melancholischer Dämmerung. Doch
ohne Gott ist der Gläubige nirgends. Und wenn er das bunte Ganze überblickt, wenn er
Gott in allen Dingen findet, so bleiben seine Gedanken auch nicht bei den Dingen hängen, sondern sie steigen über die Dinge hinaus zu dem, dessen Abglanz sie sind. Der
Glaube kann gar nicht anders. Denn hat man einmal erfasst, dass der Farbenglanz nicht
in den Scheiben steckt, sondern in der Sonne dahinter, so findet man überall und jederzeit Gleichnisse und Hinweise auf den Schöpfer:
„Ich fragte die Erde, und sie sprach: Ich bin‘s nicht. Alles, was auf ihr ist, bekannte dasselbe. Ich fragte das Meer und seine Abgründe und das Gewürm, das in ihm lebt, und sie
antworteten: Nicht wir sind dein Gott, suche höher, über uns! Ich fragte die säuselnden
Winde, und das ganze Reich der Luft mit all seinen Bewohnern gab zur Antwort: ... Ich
bin nicht Gott. Ich fragte den Himmel, die Sonne, den Mond und die Sterne, und sie sagten: Auch wir sind’s nicht, der Gott, den du suchst. Und ich sprach zu all dem, was draußen vor den Türen meines Fleisches steht: So sagt mir doch von meinem Gott, wenn
ihr’s denn nicht seid, sagt mir etwas von ihm. Sie aber riefen mit gewaltiger Stimme: Er
hat uns geschaffen! Meine Frage aber, das war meine Betrachtung, und ihre Antwort war
ihre Schönheit.“ (Augustin)
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43. Natur, Schicksal und Geschichte
Wer das politische Geschehen beobachtet, kann regelrecht zusehen wie die Welt ihr Gesicht verändert. Völker erheben sich und befreien sich von ihren Herrschern, aber um die
Ecke wartet schon die nächste Tyrannei. Politische und wirtschaftliche Krisen tauchen
auf, versetzen die Menschen in Angst und werden doch bald von neuesten Entwicklungen überholt. Alte Bündnisse zerbrechen und neue Supermächte erheben sich am Horizont. Der Mensch aber, der bei alledem zugleich Beobachter und Betroffener ist, sucht
einen Schlüssel zum Verständnis der geschichtlichen Prozesse. Er versucht das große
Bühnenstück zu interpretieren, in dem er selbst eine Rolle spielt. Und er fragt sich, welcher rote Faden eigentliche die vielen verworrenen geschichtlichen Fäden zusammenhält:
Ist es vielleicht der Fortschritt, der die Geschichte beständig vorantreibt? Oder sind es
die ökonomischen Verhältnisse? Bestimmen einzelne Politiker und Feldherren den Lauf
der Welt? Oder tut das der Wettstreit der Ideologien? Ist Geschichte ein Kampf der Rassen und Klassen? Bestimmen dumpfe Gesetzmäßigkeiten ihren Lauf – oder doch eher
Zufälle? Hat die Geschichte ein Ziel? Hat sie Vernunft? Oder funktioniert sie nach den
Regeln des Glücksspiels?
Das sind Fragen, die jeden nachdenklichen Menschen bedrängen. Wer aber tiefgreifende
Antworten will, weil er mit den Erklärungsversuchen der Fernsehkommentatoren nicht
zufrieden ist, sollte einen Blick in die Bibel werfen. Denn entgegen der üblichen Vorurteile lebt der biblische Glaube gerade nicht weltabgewandt im luftleeren Raum, sondern
lebt in unmittelbarer Auseinandersetzung mit der Geschichte. Denn der Glaube selbst ist
nichts anderes als der Entschluss, alle Geschichte von Gott her zu verstehen. Ob es die
große Weltpolitik ist oder der eigene kleine Lebenslauf – der Glaube setzt alles in Beziehung zu Gott. Und wo die Vernunft dann urteilt, Geschichte sei das zufällige Produkt von
menschlicher Größe und menschlicher Dummheit, da blickt der Glaube tiefer. Er erkennt, dass er es in aller geschichtlichen Wirklichkeit zuletzt immer mit Gottes zu tun
hat – und mit niemand sonst:
„Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.“ (1. Sam 2,6-7)
So lesen wir es im Alten Testament. Und wir erkennen darin unschwer das Kennzeichnen biblischer Geschichtsbetrachtung, dass sie schlechthin alles Geschehen transparent
werden lässt für die darin verborgen wirkende Hand Gottes. Oberflächlich betrachtet
mischen sich im biblischen Geschichtsbild dieselben Faktoren, die wir auch aus den Tagesnachrichten kennen. Da gibt es aufsteigende Staaten und zerfallende Reiche, Helden
und Schurken, Korruption und Verrat, Krieg und Frieden, Naturkatastrophen und Hunger, Fortschritt und grenzenloses Elend. All das finden wir auch in der Bibel. Aber die
Bibel steht nicht ratlos davor, sondern sie zeichnet all diese Ereignisse entschlossen ein
in den großen Gesamtrahmen göttlichen Handelns. Wie immer die Völker heißen mögen,
die Könige und die Schauplätze – die Bibel geht doch davon aus, dass man es zuletzt immer und überall mit Gott zu tun hat. Denn nicht Josua eroberte das gelobte Land. Und
nicht Nebukadnezar hat Israel daraus vertrieben. Sondern Gott hat es getan. Der Herr
tötet und macht lebendig, er macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er
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belohnt und bestraft, er droht und lockt, er hindert und fördert. Aber er tut das eben
nicht unmittelbar, sondern in der Regel mittelbar durch die Hand von Menschen und
Völkern, die wissend oder auch unwissend zu Gottes Werkzeugen werden. Gott selbst
muss dabei nicht in Erscheinung treten. Und darum sagt Luther sehr treffend, der Weltenlauf sei „Gottes Mummerei“. Ja, Gott führt sein Regiment verborgen unter Masken
und Larven. Und eben deshalb ist es unmöglich, vom Lauf der Geschichte auf Gottes Willen zu schließen. Denn der weltgeschichtliche Mummenschanz verbirgt Gott viel mehr,
als dass er ihn offenbarte. Gott ist zwar überall in der Geschichte tätig, aber er ist längst
nicht überall greifbar. Er begegnet uns in allen historischen Fakten, aber er offenbart sich
darin nicht, sondern in der Regel verbirgt er sich so tief unter Blut, Schweiß und Tränen,
dass seine Barmherzigkeit gegen den Augenschein geglaubt werden muss. Deshalb muss
man Gott schon kennen, um ihn in der Geschichte wiederzuerkennen. Und deshalb gibt
es auch zur christlichen Betrachtung der Geschichte nur den einen Schlüssel, der Jesus
Christus heißt. Denn Christus ist der eine Punkt der Geschichte, an dem man Gott packen kann, weil er genau dort gepackt werden will. Christus ist die einzige geschichtliche
Gestalt, in der uns Gott ohne Maske gegenübertritt. In Christus ist Gott ganz er selbst.
Und darum ist der Blick auf Jesus Christus ein tiefer Blick in Gottes Herz. Wer diesen
Blick getan und gesehen hat, wieviel Liebe da ist, der weiß künftig mehr als alle Weltgeschichte ihm je hätte verraten können. Denn indem er Christus kennt, kennt er Gottes
tiefste Gedanken – und kann von hier aus dann auch die Tiefendimension der Geschichte und ihr heilvolles Ziel ermessen.
Vordergründig sieht ein Christ natürlich dasselbe wie alle anderen – nämlich ein wildes
Handgemenge von Völkern, Rassen, Ideologien und Wirtschaftsmächten. Doch aus der
Begegnung mit Christus weiß er, dass hinter all den Puppen, die Gott da tanzen lässt, als
Generalthema der Geschichte etwas viel Ernsteres steht. Dahinter steht Gottes Ringen
um seine Schöpfung, die sich dem Bösen zugewandt hat, und die unaufhaltsam vom Bösen zerfressen werden müsste, wenn Gott nicht zornig und barmherzig dazwischenträte.
Menschen schlagen und vertragen sich. Sie gönnen sich zwischen den Kriegen auch mal
eine Pause. Gott aber schließt keinen Frieden und er schließt keinen Kompromiss, sondern kämpft um jedes einzelne seiner Geschöpfe. Er ringt mit brennender Geduld um
jede Seele. Und eben diese Beharrlichkeit Gottes ist das Geheimnis und der eigentliche
Motor der Geschichte. Sie ist ihr verborgenes Thema, dessen man nicht innewerden
kann, ohne dass Geschichtsbetrachtung in Selbsterkenntnis umschlägt.
Der Mensch gewinnt dabei keine Einsicht in die konkreten Pläne Gottes – nein, das
nicht. Warum gerade ihm der Keller voller Wasser läuft, warum gerade ihm seine Ehe
gelingt, warum gerade er befördert oder gefeuert wird – das kann ihm durchaus verborgen bleiben. Aber er weiß als Christ trotzdem mehr als andere. Denn er weiß, dass alles,
was ihm gegönnt oder zugemutet wird, ihm von Gott gegönnt oder zugemutet wird. Es
ist kein blindes Schicksal, das ihn da mit Ereignissen bewirft, sondern es ist der Vater
Jesu Christi, der es zuletzt nicht böse mit ihm meinen kann. Denn der Herr der Geschichte arbeitet nicht gegen seine Kinder, sondern er arbeitet an ihnen. Er kämpft nicht gegen
sie, sondern um sie. Und das zu wissen ist nicht wenig, sondern ich meine, es müsste
genügen, um einen Menschen mit seinem kurzen und oft verworrenen Leben zu versöhnen. Denn wir stehen zwar ungefragt auf der Bühne der Geschichte und sind uns über
unsere Rolle genauso wenig im Klaren, wie all die anderen Akteure.
Aber wir kennen den Regisseur, der die großen und die kleinen Fäden in der Hand behält, und können uns mit dem rätselhaften Drehbuch der Geschichte versöhnen, weil
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Gott es geschrieben hat und auch die Aufführung stets im Griff behält. Er versteht die
Irrungen und Wirrungen, die wir nicht begreifen. Und er stellt uns mit Bedacht, auf unseren Platz im großen Welttheater, wo denn auch nichts geschieht, worin nicht Gott mittelbar wirksam wäre. Alle Akteure sind Gottes Masken und Larven. Und die falschen Alternativen, über die so viele Menschen stolpern, gibt es darum nicht.
Menschen fragen, ob die Welt durch den Urknall oder durch Gott entstanden ist. Aber
warum soll nicht beides zutreffen? Kann der Urknall nicht Gottes Werkzeug gewesen
sein? Jeder von uns kann einen Hammer benutzen. Und wenn die Frage aufgeworfen
würde, ob der Handwerker den Nagel eingeschlagen hat oder der Hammer, so würden wir
darin sofort eine sinnlose Alternative erkennen. Denn der Handwerker hat es mit Hilfe
des Hammers getan.
Muss man da fragen, ob unser tägliches Brot aus der Bäckerei kommt – oder von Gott?
Natürlich nimmt Gott Landwirte, Bäcker und Lebensmittelhändler in seinen Dienst, um
seine Geschöpfe zu ernähren. Er bedient sich ja auch der Ärzte, um Menschen zu heilen.
Er gebraucht Lehrer, um Menschen zu bilden, und Polizisten, um sie zu schützen. Hinsichtlich des Ertrages aber gilt, dass wir ihn nicht entweder den Menschen oder Gott verdanken, sondern ganz vorrangig unserem Gott, der durch Menschen das Erforderliche
geschehen lässt.
Wie der Maler seinen Pinsel benutzt, der Schreiner seine Säge und der Musiker sein Instrument, so nutzt Gott Personen, Mächte und Ereignisse. Sie sind seine Masken und
Larven, wenn er inkognito handelt. Eben deshalb aber ist es kein Widerspruch, wenn wir
die von Menschen geschriebene Bibel als Gottes Wort ansehen, oder den psychologisch
beschreibbaren Glauben als ein Werk des Heiligen Geistes. Nur weil Eltern an der Entstehung ihres Kindes einen biologischen Anteil haben, hört es nicht auf Gottes Geschöpf
zu sein. Wenn wir zu einem Naturereignis die „natürlichen“ Ursachen kennen, heißt das
nicht, dass es keine Handlung Gottes sei. Und wenn ein Mensch stirbt, stirbt er auch
nicht nicht am Versagen irgendeines Mediziners, sondern allemal an dem Beschluss Gottes, hinter dieses Leben einen Punkt zu setzen. Als Christen wissen wir eben nicht nur
um das Werkzeug, das uns trifft, sondern auch um die unsichtbare Hand die es führt. Wir
unterscheiden durchaus zwischen dem Täter und dem Mittel seiner Tat. Aber zwischen
beidem eine falsche Alternative aufzubauen, gibt es keinen Grund…
44. Schicksal, Allmacht, Vorsehung
Das Lied ist sehr bekannt: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreuesten Pflege des, der den Himmel lenkt.“ Vertraut sind uns diese Worte. Aber verstehen wir sie auch? Natürlich ist nicht die Rede davon, man solle Gott etwas befehlen. Das
Lied spricht vom „anbefehlen“. Und nicht nur manche unserer Wege sollen wir Gottes
Obhut anvertrauen, sondern alle. Fröhliche Wege, vielleicht zum Standesamt. Und ebenso traurige Wege, auf den Friedhof. „Befiehl dem Herrn deine Wege“, das ist die Aufforderung, den eigenen Lebensweg vorbehaltlos in Gottes Hand zu legen. Das ist an sich
auch leicht zu verstehen. Doch der Aufforderung nachzukommen, bleibt ungeheuer
schwer. Denn wir geben das Steuer ungern aus der Hand. Wer anderen Menschen Verantwortung überträgt, wird oft genug enttäuscht. Und wir wollen nicht riskieren, dass es
uns mit Gott auch so geht. Darum suchen wir Vorwände, um jener Vertrauensforderung
„Befiehl dem Herrn deine Wege“, nicht nachkommen zu müssen.
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Manche sagen dann: Das ist doch gar nicht nötig, dass ich meinen Lebensweg Gott anvertraue! Gott lenkt sowieso die Wege aller Menschen – ob ich das will oder nicht. Was
macht es also für einen Unterschied, ob ich mich seiner Führung anvertraue oder nicht?
Umfasst seine Vorsehung nicht ohnehin alles Geschehen? Warum soll ich Gott etwas
anbefehlen, was er sowieso in Händen hat? Das ist die eine Art, wie man die Forderung
von Vertrauen zurückweisen kann. Man kommt aber auf entgegengesetztem Wege zum
selben Ziel, wenn man eine Einschränkung der persönlichen Verantwortung beklagt. Ja
wie denn? – ruft man empört. Wenn der allmächtige Gott alles Geschehen auf Erden
lenkt, wo bleibt denn dann meine Freiheit? Gäbe es eine lückenlose Vorsehung, wären
wir ja Gottes Marionetten und für nichts mehr verantwortlich!
Zwei kluge Einwände sind das. Und sie lassen ein vertracktes Problem entstehen, für das
es scheinbar nur schlechte Lösungen gibt. Denn entweder lenkt Gott alles Geschehen –
dann sind wir nur Schachfiguren, die er hin- und herschiebt. Oder wir Menschen sind
frei in unseren Wegen – dann ist Gott nur noch ein unbeteiligter Zuschauer des Weltgeschehens. Das eine scheint so unsinnig wie das andere. Denn wir machen ja schließlich
die Erfahrung der Freiheit. Wir können an einer Weggabelung links oder rechts gehen.
Und doch kann es nicht so sein, dass unsere Entscheidungen Gott überraschen würden.
Lenkte Gott nicht auch unsere Entscheidungen, so würden wir damit ständig seine Pläne
durcheinanderbringen. Gott wüsste heute noch nicht, was morgen geschieht – und das
passt schlecht zu dem allmächtigen und allwissenden Gott, von dem uns die Bibel erzählt.
Wir sind also mit jenem kleinen Satz „Befiehl dem Herrn deine Wege“ in ein riesiges
Problem hineingeschliddert. Entweder lenken wir unsere Wege selbst – dann ist Gott
machtlos. Oder Gott lenkt unsere Wege – dann sind wir machtlos. Das scheint ein unauflöslicher Knoten zu sein. Doch gibt es durchaus eine Lösung. Und die steckt nicht in großen komplizierten Gedankengebäuden, sondern in der kleinen Geschichte von Bildad
und dem Engel des Todes:
Bildad war ein Freund des weisen König Salomo. Oft saßen sie im Garten beieinander
und unterhielten sich. Eines Tages aber ging der Engel des Todes am Garten vorüber und
richtete seine Blicke auf Bildad. Da fragte Bildad den Salomo: „Wer ist dieser Mann?“
Salomo antwortete: „Du kennst ihn nicht? Das ist der Engel des Todes.“
„O weh,“ – rief Bildad – „er hat mich so angeschaut, ich glaube, er hat es auf mich abgesehen. Lieber Salomo, du hast wunderbare Kräfte, befiehl doch dem Wind, dass er mich
davonträgt und im fernen Indien niedersetzt!“ Salomo tat, was Bildad sich gewünscht
hatte – und der Wind trug Bildad davon.
Wenig später kam der Engel des Todes wieder an Salomos Garten vorbei. Salomo sprach
ihn an und fragte, warum er seinen Besucher vorhin so merkwürdig angeschaut habe.
Der Engel aber sprach: „Dass ich Bildad so lange ansah, das geschah aus Verwunderung,
weil mir befohlen worden war, seine Seele aus Indien zu holen, während er doch hier bei
dir in Kanaan war.“
Ich mag diese Geschichte sehr. Denn sie zeigt auf unterhaltsame Weise, dass Gottes Vorsehung und unsere Freiheit einander keineswegs ausschließen. Gottes Vorsehung, wie
sie uns hier präsentiert wird, ist nicht von der Art, dass sie uns entmündigte. Denn zweifellos hatte jener Bildad die Freiheit, Salomo um Hilfe zu bitten oder nicht. Als er den
Engel des Todes sah, wollte er vor ihm fliehen – und er floh. Er tat, was er wollte. Auch
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Salomo hatte die Freiheit, Bildads Wunsch zu erfüllen oder nicht. Er erfüllte ihn. Auch
Salomo tat also, was er wollte. Niemand in dieser Geschichte ist in einer Zwangsjacke,
niemand ist entmündigt, niemand gefesselt, jeder tut durchaus, was er will. Und doch
zeigt das Ende, dass alles in den Bahnen der Vorsehung blieb. Alles läuft zwanglos aber
unausweichlich auf das Ziel zu, das Gott gesetzt hat. Denn Bildads Flucht nach Indien
konnte Gott nicht überraschen. Lange bevor Bildad auf diese Idee kam, hatte Gott sie
einkalkuliert – und hatte schon bei der Beauftragung des Engels gewusst, dass dieser die
Seele Bildads aus Indien würde holen müssen. Bildads Freiheit wird dadurch nicht beschnitten, aber sie erweist sich als untauglich, um damit Gottes Wille zu umgehen. Denn
Gott knechtet niemand und lenkt doch jeden. Wenn das nun aber stimmt, was bedeutet
dann der Appell „Befiehl dem Herrn deine Wege“?
Er besagt jedenfalls nicht, dass Gott erst dann begänne, unsere Wege zu lenken, wenn
wir ihn darum bitten. Nein. Er tut das immer. Auch bei den Menschen die nichts davon
wissen oder die es nicht wollen. Unser Schicksal ist lückenlos in Gottes Hand. Und trotzdem macht es einen Unterschied, ob wir mit seiner Lenkung einverstanden sind oder
nicht. Denn auch das zeigt unsere Geschichte: Wer sich sinnlos gegen Gottes Führung
sträubt wie Bildad, der gewinnt dabei nichts, aber er verliert den Frieden seiner Seele.
Wer meint, er könne erst frei und glücklich sein, wenn er Gottes Vorsehung entkommt,
der wird in diesem Leben nie frei und glücklich – der hadert bis zum Ende damit, dass er
sein Leben nicht im Griff hat und ein anderer sein Herr ist. Die Vertrauensforderung des
37. Psalms „Befiehl dem Herrn deine Wege“ weist uns demgegenüber einen anderen, viel
schöneren Weg. Wir werden nämlich ermutigt in Gottes höhere Weisheit einzustimmen.
Und wenn wir das tun, lernen wir die Abhängigkeit von Gott nicht als Unglück, sondern
als Glück zu betrachten.
Wir lernen dann, uns der Führung Gottes zu überlassen und uns darin geborgen zu fühlen, denn wir wissen dann, dass nichts, was uns trifft, Zufall ist. Was uns an Schönem
begegnet auf unserem Lebensweg, das ist uns von Gott gegönnt, damit wir unsere Freude
daran habe. Was uns an Schlimmem begegnet, das ist uns von Gott zugemutet, dass wir
uns daran bewähren sollen. Aber nichts von alledem, was uns begegnet, entspringt der
Willkür von Menschen. Zwar gibt es viele Menschen, die sich gebärden wie Bildad. Viele
wollen Gott das Heft aus der Hand nehmen, wollen mit eigenen Ideen in Gottes Regiment hineinpfuschen und für andere Schicksal spielen. Aber Gottes Plan gerät durch all
diese Bildads nicht aus den Fugen. Er führt sie – und er führt uns – wohin er will. Und es
ist auch gut so, denn Gott ist weise, und wir sind es nicht. Wer das alles nicht wahr haben will und gegen das Notwendige aufbegehrt, wird dadurch kein bisschen freier. Wer
aber einsieht, dass es gut ist, Gott das Regiment zu überlassen – den macht solche Einsicht wirklich frei: Sie macht ihn frei, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu begreifen
und fröhlich den eigenen Lebensweg in seine Obhut zu stellen.
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45. Selbstbestimmung und Abhängigkeit
Verlassen sie sich gern auf andere? Sind sie gern abhängig von der Zuverlässigkeit anderer Menschen? Die Frage so zu stellen, heißt eigentlich schon, sie zu verneinen. Denn
niemand ist gerne „abhängig“. Auf andere angewiesen zu sein, birgt schließlich Risiken.
Und Risiken vermeiden wir gern. Zwar wächst das Vertrauen, wenn wir mit einem Menschen wiederholt gute Erfahrungen machen. Doch ist man vor Enttäuschungen nie sicher. Man weiß ja nicht wirklich, was im Anderen vorgeht. Man kann sich in Menschen
täuschen. Und darum bauen wir im Zweifelsfall lieber auf uns selbst: Wenn man sicher
sein will, dass etwas klappt, muss man es eben selber machen. Denn sich selbst hat man
unter Kontrolle – die anderen nicht.
Ist es unter diesen Umständen verwunderlich, dass „Unabhängigkeit“ und „Autonomie“
für viele Menschen zum Lebensideal geworden sind? Wer schon einmal im Stich gelassen
wurde, kann das nachvollziehen. Man verlässt sich dann am liebsten nur noch auf sich
selbst. Man baut möglichst nur auf Fundamente, die man selbst gelegt hat. Man glaubt
nur, was man selbst geprüft hat. Und man meidet auch die emotionale Abhängigkeit von
anderen.
Allerdings – das ersehnte Gefühl von Sicherheit stellt sich dabei selten ein. Denn der
Traum, die Rahmenbedingungen des Lebens der eigenen Kontrolle zu unterwerfen, lässt
sich nicht verwirklichen. Gern wäre der Mensch selbst der Garant seines Glückes, gern
hätte er die Fäden seines Schicksals in der Hand. Doch wirkliche „Autonomie“ erreicht er
nie. Denn es gibt zu viele Abhängigkeiten, aus denen er sich nicht lösen kann. Es sind zu
viele Faktoren, die dem Wunsch nach Selbstbestimmung entgegenstehen. Und nicht alle
diese Faktoren kann man „in den Griff“ bekommen. Im Gegenteil: Manche versuchen
mich unter Kontrolle zu bringen! Manches im Leben scheint verlässlich zu sein. Anderes
ist unberechenbar. Und das macht uns „Stress“. Denn der Rahmen, in dem wir versuchen
unser Dasein zu sichern, ist offenkundig instabil. Darüber kann man sich ärgern. Die
Abhängigkeit und die Zerbrechlichkeit unseres Lebens erfüllen uns mit Sorge. Aber es
fehlt uns die Kraft, der Welt unseren Willen aufzuzwingen. So streben wir zwar unablässig nach Selbstbestimmung. Wir erleben aber immer wieder Fremdbestimmung. Und wir
werden dadurch zurückgeworfen in die beständige Sorge um die Stabilität unseres Daseins. Wir würden unser Leben gern auf eigene Ressourcen gründen. Wir spüren aber,
dass uns das überfordert. Und so bleibt der Mensch mit seinem unerfüllten Wunsch
nach Autonomie und Kontrolle eine tragische Figur, die Ruhe sucht und doch niemals
Ruhe findet.
Wirklich niemals? Gibt es keine Alternative? Doch: Der christliche Glaube behauptet, so
eine Alternative zu sein. Denn der Glaube erkennt, dass die Autonomie, von der so viele
Menschen träumen, eine Illusion ist. Nur Gott ist wirklich „autonom“. Nur Gott gründet
in sich selbst und lebt von sich selbst. Der Mensch dagegen ist wesensmäßig abhängig.
Und er kommt erst zur Ruhe, wenn er diese Abhängigkeit (als Abhängigkeit von Gott!)
annimmt und bejaht. Denn Abhängigkeit gehört zum Geschöpf-Sein notwendig dazu.
Wer gegen sie ankämpft, ändert dadurch nichts – er wird nur unglücklich darüber. Wer
sie aber fröhlich bejaht, findet Frieden. Denn er kann aufhören, sich ständig selbst zu
überfordern. Wer Gott kennt, muss nicht krampfhaft danach streben, sein eigener Schöpfer, sein eigener Herr und Erlöser zu sein. Vielmehr darf er das alles Gott überlassen, weil
er weiß, dass die Sorge um sein Dasein in Gottes Händen gut aufgehoben ist. Er akzep166
tiert, dass er nicht von sich selbst, sondern von Gottes Gnade lebt. Und er wird dadurch
wunderbar entlastet, weil er Gott überlässt, was er selbst niemals leisten könnte. Von
solch einer Glaubenshaltung sagt Martin Luther: „Sie reißt uns von uns selbst weg und
stellt uns außerhalb unser, so dass wir uns nicht auf unsere Kräfte, Gewissen, Sinn, Person, auf unsere Werke stützen, sondern auf das, was außerhalb unser ist, nämlich auf die
Verheißung und Wahrheit Gottes, der nicht täuschen kann.“
Was Luther hier rühmt, ist für das Selbstverständnis des modernen Menschen eine Zumutung. Denn der möchte gerade nicht „von sich selbst weggerissen“ werden. Im Gegenteil: Der moderne Mensch möchte in sich ruhen. Er sucht die Wahrheit und den Frieden
nirgendwo anders als in sich selbst. Glaube besteht aber gerade darin, dass ich den Ruhepunkt meines Lebens jenseits von mir in Gott finde. Der Glaube beharrt nicht auf der
Zentralstellung der eigenen Person. Sondern wie ein Wanderer die Heimat „verlässt“, so
„verlässt“ sich der Gläubige (in Richtung) auf Gott. Er nimmt Abschied vom „Ego“ und
kreist nicht weiter um sich selbst, sondern verlegt den Mittelpunkt seines Daseins in
Gott – um Gottes Willen künftig wichtiger zu nehmen als den eigenen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von „Selbstbestimmung“. Denn der Gläubige findet den Grund und
den Maßstab seines Lebens jenseits seines „Selbst“ – in einem anderen. Das riecht nach
„Abhängigkeit“. Und doch ist es in Wahrheit eine fröhliche und befreiende Angelegenheit. Denn im „Anderen“, in Gott, findet der Gläubige, was er in sich selbst vergeblich
suchen würde. Er muss zwar Gott Gott sein lassen. Aber er gewinnt dadurch die Freiheit
als Mensch wirklich Mensch zu werden.
Freilich: Ist das so einfach, wie es klingt? Wie kann das überhaupt geschehen, dass ein
Mensch „von sich selbst weggerissen“ wird? Wie kommt er dahin, „in Gott gegründet“ zu
sein? Ist dieser Glaube nicht selbst so ein Vorhaben, mit dem der Mensch sich überfordert? Nein. Denn „glauben“ bedeutet ja gar nicht, neue Fakten zu schaffen. Es heißt lediglich anzuerkennen, was längst Faktum ist: Dass ich nämlich „für-mich-genommen“ gar
nichts bin, sondern in Wahrheit nur das bin, was ich „für Gott“ bin. Anders gesagt: Es ist
Gottes Beziehung zu mir, die mich zu etwas macht. Denn mein Dasein hat exakt den
Wert, den er ihm beimisst. Mein Leben hat den Sinn, den er ihm verleiht. Und es hat die
Bedeutung, die er ihm gibt. Wer ich bin, das mache ich also nicht mit mir selber aus.
Vielmehr verdanke ich mich der Beziehung zu dem, der mich gewollt hat, und bin nicht
mehr oder weniger als was ich „für ihn“ bin.
Oder könnte jemand sagen, er sei ein „Geliebter“, wenn er es nicht „für“ den Liebenden
wäre? Könnte jemand sagen, er sei ein „Schüler“, wenn es keinen Lehrer gäbe, der ihn
zum „Schüler“ macht? Ist etwas „wichtig“, wenn da keiner ist, der es „wichtig“ nimmt?
So wäre der Mensch „an-und-für-sich“ gar nichts. Er ist nur, was er in der Beziehung zu
Gott, was er „für“ Gott sein darf. Und eben diese Erkenntnis ist es, die uns „von uns
selbst wegreißt“. Sie befreit uns von dem Wahn, uns selbst „erfinden“ und unserem Dasein Bedeutung verleihen zu müssen. Und sie öffnet uns die Augen dafür, dass Quelle,
Grund und Ziel unserer Existenz jenseits von uns in Gott liegen. Denn er allein lebt aus
sich selbst heraus – und wir leben von ihm.
Das scheint auf den ersten Blick sehr ärgerlich zu sein. Und doch sieht der Glaube in der
„Unselbständigkeit“ des Menschen gerade kein Unglück. Sondern er freut sich dessen.
Denn was nicht in unserer Hand liegt, kann auch nicht durch unsere Hand verdorben
werden. Was nicht von unserer Kraft und Geschicklichkeit abhängt, kann auch nicht an
unserer Ungeschicklichkeit scheitern. Und das ist eine große Entlastung! Mag ich in den
Augen der Welt auch ein Versager sein, so bin ich doch in Gottes Augen sein geliebtes
167
Kind. Bin ich auch für mich selbst ein Problem, so bin ich doch für ihn eine Freude. Bin
ich auch schuldig, so spricht er mich doch frei. Wäre ich nur das, was ich selbst aus mir
mache, so dürfte ich wenig hoffen. Da ich aber bin, was Gott mich sein lässt, habe ich
Zukunft. Er reißt mich von mir selbst weg und gründet mich außerhalb meiner selbst auf
festen Grund. Sein Urteil über mich wiegt schwerer, als mein eigenes. Sobald ich mir
darüber aber klar werde, stehe ich schon mitten drin im Glauben und darf jubeln: Gott
sei Dank – ich bin nicht „autonom“!
46. Besitz und Verantwortung
Wo vom christlichen Glauben die Rede ist, da wird immer zuerst behandelt, was den
Christen mit Gott verbindet. Denn in erster Linie ist der Glaube eine Beziehung zu Gott.
Im zweiten Schritt wird dann erwähnt, dass aus diesem Glauben eine besondere Form
der Mitmenschlichkeit erwächst. Neben die Liebe zu Gott tritt die Nächstenliebe. Und
niemand wird sich darüber wundern. Wenn man aber noch einen dritten Schritt hinzufügt und behauptet, der Christ habe auch ein besonderes Verhältnis zu den Dingen dieser Welt, – dann leuchtet das nicht mehr jedem ein. Denn auf den ersten Blick ist nicht
zu erkennen, wie der Glaube da einen Unterschied machen soll. Ein Ding ist schließlich
ein Ding, sagen die Leute. Es ist, was es ist. Man hat es, oder hat es nicht. Wenn es aber
schön und nützlich ist, dann ist es das für Christen und Nichtchristen gleichermaßen.
Oder sollte z.B. der Gebrauchswert einer Kaffeemaschine eine weltanschauliche Frage
sein? Wohl kaum. In diesem Bereich kommt es scheinbar gar nicht auf irgendeinen Glauben an, sondern nur darauf, dass man die Bedienungsanleitung versteht.
Und trotzdem: Ich behaupte dennoch, dass zwei Menschen, die das Gleiche haben, es auf
ganz verschiedene Weise „haben“ können. Denn die Umstände, durch die eine Sache in
unseren Besitz gelangt, können ihr besondere Bedeutung verleihen. Denken sie nur einmal an die vielen „Erbstücke“, die unsere Dachböden füllen! Manch einer hat da Dinge
stehen, die er, wenn er sie auf der Straße fände, nicht einmal aufheben würde, die er
aber dennoch über Jahrzehnte sorgfältig verwahrt, weil ein lieber Verstorbener sie ihm
hinterlassen hat. Ein Außenstehender könnte diesen Dingen nicht ansehen, was sie bedeuten. Er würde sie zum Trödelhändler bringen. Aber der, der sie geerbt hat, „besitzt“
sie auf völlig andere Weise, als ein Trödelhändler sie jemals „besitzen“ könnte. Denn
sobald der Erbe die alten Sachen in die Hand nimmt, ist ihm der Mensch gegenwärtig,
von dem er sie bekam. Wenn ihm der Vorbesitzer lieb und teuer war, so kann das eine
Quelle der Freude sein. Aber auch wenn es für den Erben eine Belastung ist, kann er
doch nie davon absehen, dass die Dinge ihre Geschichte haben. Wenn er wegwerfen sollte, was der Verstorbene mit Leidenschaft und Mühe zusammengetragen hat, so würde er
sich wie ein Verbrecher fühlen. Und wenn er in Versuchung käme, die Sachen einem
Zweck zuzuführen, den der Verstorbene nicht gebilligt hätte, so brächte er es nur schwer
über sich.
Denn die Dinge, die wir als Geschenk oder Erbe empfangen, sind mehr, als was sie
„sind“. Sie repräsentieren ihren ehemaligen Besitzer auf so nachhaltige Weise, dass der
Erbe mit ihnen nichts tun kann, ohne damit sein Verhältnis zum Erblasser neu zu bestimmen. Er kann sich natürlich befreien, indem er die Sachen verbrennt. Er kann versuchen, ihre Existenz auf dem Dachboden zu vergessen. Er kann sie weiterverschenken,
damit vielleicht ein anderer sie in Ehren hält. Dass er aber mit jeder dieser Entscheidun168
gen zugleich auch über seine Beziehung zu dem Verstorbenen entscheidet – das kann der
Erbe nicht ändern. Denn der Geber bleibt auf seltsame Weise mit seiner Gabe verbunden. Er ist geradezu darin enthalten. Man hat sie nicht ohne ihn. Und auch die einfachsten Menschen besitzen dafür ein Gespür. Denn es kann sein, dass ein armer Schlucker,
der 500,– Euro auf der Straße findet, sie direkt und ohne zu zögern ins nächste Bordell
trägt. Wenn aber derselbe Mann 500,– Euro von seiner alten Mutter zugeschickt bekommt – die sie sich (wie er weiß) vom Munde abgespart hat –, so darf man annehmen,
dass er sie im Sinne seiner Mutter zu einem ehrenwerteren Zweck gebrauchen wird.
Freilich: Wohin führen diese Überlegungen? Und was hat das alles mit dem Glauben zu
tun? Der Zusammenhang ist leicht zu sehen. Denn der christliche Glaube schließt die
Überzeugung ein, dass nichts auf dieser Welt ohne Herkunft ist. Die Dinge, die uns begegnen, sind weder Produkte des Zufalls noch sind sie herrenloses Strandgut, sondern
sind allesamt aus Gottes Hand hervorgegangen. Der Asphalt unter meinen Füßen, der
Stock in meiner Hand, das Geld in meiner Tasche und die Luft in meiner Lunge – ja,
mein Körper selbst ist Gabe und Geschenk! Und es wäre seltsam, wenn das mein Verhältnis zu den Dingen nicht in besonderer Weise prägte. Denn wer glaubt, kann nichts
auf die gleichgültige Weise besitzen, wie der Trödelhändler es besitzt. Er kann mit den
Dingen nicht so frei hantieren, als hätte er sie auf der Straße gefunden. Und wozu er sie
verwendet – das ist auch keineswegs beliebig. Denn sie alle sind mehr, als was sie im
materiellen Sinne „sind“. Nichts ist Zufall. Alles ist Gabe. Und in jeder Gabe ist Gott als
Geber präsent. Er hat uns mit tausend Dingen umgeben, die allesamt staunenswert sind.
Und er schenkt uns obendrein den nötigen Verstand, um von jedem Ding einen segensreichen Gebrauch machen zu können. Ob wir das allerdings tun – ob wir die Dinge wirklich im Sinne ihres Schöpfers verwenden –, das ist eine Grundfrage christlicher Ethik.
Wir können sicher sein, dass unser Schöpfer das Eisen nicht ohne Absicht in die Erde
gelegt hat. Doch ob wir daraus Schwerter oder Pflugscharen machen, das liegt in unserer
Hand. Wir können versuchen, die Gaben Gottes im Sinne des Spenders zu verwenden.
Oder wir können sie zweckentfremden. Wir können Gottes Intention folgen – oder können sie ignorieren. Dass wir aber in jeder derartigen Entscheidung zugleich auch über
unsere Beziehung zu Gott entscheiden, das steht unabänderlich fest. Denn der, der uns
mit Talenten, Fähigkeiten und materiellen Mitteln ausgestattet hat, sieht ja, was wir damit machen.
Es bleibt ihm nicht verborgen. Und es ist ihm auch nicht egal. Denn Gott weiß, dass ihn
seine Gaben nicht immer mit den Begabten verbinden, sondern ihn manchmal von ihnen
trennen. Ja, leider: Gerade da, wo Gott die Güter dieser Erde besonders großzügig austeilt, ist auch die Gefahr besonders groß. Denn Gott will zwar, dass wir mit den anvertrauten Schätzen wuchern, uns daran freuen und davon leben. Aber er will nicht, dass sie
uns beherrschen. Er will, dass wir in der Welt leben. Aber er will nicht, dass wir ihr verfallen. Die Herrlichkeiten dieser Erde dürfen uns erfreuen. Aber sie dürfen uns nicht
fesseln. Denn schließlich sollen sie uns mit Gott verbinden, statt uns von ihm zu trennen!
Unsere Beziehungen zu den Dingen dürfen darum nie in Konkurrenz zur Gottesbeziehung treten. Und als „weltliche“ Beziehungen dürfen sie auch nicht unverbunden neben
der Gottesbeziehung stehen, sondern sie müssen dergestalt in die Gottesbeziehung integriert werden, dass im Umgang mit dem eigenen Körper, mit der Natur, dem Geld, den
Freunden, der Familie, mit Schmerz und mit Lust, mit Gold und mit Dreck immer Gott
das eigentliche Gegenüber bleibt. In jeder dieser Gaben ist der Geber so präsent, als ob er
169
sie mir gerade persönlich überreichen würde. Das aber zu wissen und entsprechend zu
leben, gehört zu unserem Glauben unbedingt dazu. Der Glaube „hat“ nichts auf unmittelbare Weise, sondern alles in der Vermittlung durch Gottes Hand, so dass er gar nichts
ohne Gott, sondern alles mit ihm und durch ihn „besitzt“. Eine schöne Singstimme zu
haben, ist daher für den Gläubigen ein Nebenaspekt seiner Gottesbeziehung. Und wenn
er eine Motorradtour genießen darf, erfährt er dabei nichts anderes als Gottes Freundlichkeit. Das Geld, das er hat, sinnvoll einzusetzen, ist eine Verpflichtung, der er vor Gottes Angesicht nachkommt. Und wenn ihm sein Bein höllische Schmerzen bereitet, so ist
auch das eine Art, mit Gott und seinem Willen in Beziehung zu stehen.
Will man das Gesagte in einem Bild zusammenfassen, so kann man ans Erntedankfest
denken und an den mit Erntegaben geschmückten Altar. Denn der alte Brauch, die Dinge,
von denen wir leben, vor den Altar zu bringen, Gott dafür zu danken und erst dann von
ihnen Gebrauch zu machen, veranschaulicht sehr genau, worum es hier geht. Sobald ich
nämlich die Dinge des täglichen Bedarfs am Altar abgegeben und vom Altar her wiederempfangen habe, sind sie ein Teil meiner Gottesbeziehung geworden. Indem ich mit
meinem Besitz den „Umweg“ über die Kirche mache, bekenne ich mich dazu, diesen Besitz nicht auf unmittelbare, sondern auf mittelbare Weise zu „haben“. Und habe ich dann
alles aus Gottes Hand, werde ich auch nicht mehr willkürlich darüber verfügen, sondern
werde stets bedenken, dass es eine Leihgabe ist, für deren Verwendung ich dem Geber
Rechenschaft schulde.
Dass das immer leicht wäre, will ich nicht behaupten. Denn wenn wir etwas am Altar
„abgeben“, müssen wir uns innerlich davon trennen. Doch was vom Altar in unsere Hände „zurückkehrt“, ist dafür „mehr“ als es vorher war: Es ist dann ein Bestandteil unserer
Gottesbeziehung geworden und ist ein sichtbares Band, das uns mit Gott verbindet.
Denken wir also ruhig einmal an all die Dinge, die uns lieb sind! Denken wir an unseren
Lieblingssessel zu Hause und an das Auto vor der Tür. Betrachten wir die Brille, die uns
hilft, und den Kaffee, der uns schmeckt. Schauen wir auf den Hund und auf die bequemen Schuhe, auf den Baum vorm Fenster und auf die guten Bücher im Regal – und sagen
wir zu jedem Stück: „Das hat mir Gott gegeben und gegönnt.“
Schauen wir das Inventar unseres Lebens einmal durch und machen wir uns klar, dass
jedes Stück von Gott her kommt – mit schönen Grüßen! – und jedes Stück von seiner
Fürsorge erzählt. Denn wenn wir das tun, werden wir nicht nur viel dankbarer und zufriedener leben, sondern auch bewusster und verantwortlicher. Weil Ignatius von Loyola
das aber schon vor 450 Jahren wusste, will ich mit seinen Worten schließen:
„Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben, ihm Ehrfurcht zu
erweisen und zu dienen ... Die andern Dinge auf der Oberfläche der Erde sind zum Menschen hin geschaffen, und zwar damit sie ihm bei der Verfolgung dieses Zieles helfen, ...
Hieraus folgt, dass der Mensch die Dinge so weit zu gebrauchen hat, als sie ihm auf sein
Ziel hin helfen, und sie so weit lassen muss, als sie ihn daran hindern...“
170
47. Glück, Unglück und Gerechtigkeit
Geht es gerecht zu in der Welt? Wer diese Frage stellt, erntet sogleich Kopfschütteln und
Verwunderung. Denn kaum jemand würde wagen, sie zu bejahen. „Gerechtigkeit“ müsste
ja bedeuten, dass jeder bekommt, was er (unsrer Meinung nach) verdient. Doch um solche „Gerechtigkeit“ kümmert sich das Schicksal wenig. Oder hat nicht jeder schon erlebt,
wie brave Leute ohne eigenes Verschulden ins Unglück stürzen? Und ist es nicht empörend, dass gleichzeitig viele Schurken ihr Leben in vollen Zügen genießen?
Ja, Gott scheint Glück und Unglück recht wahllos unter den Menschen zu verteilen. Eine
Regel ist dabei nicht erkennbar. Und dass der Betreffende es jeweils „verdient“ hätte,
erscheint sehr zweifelhaft. Die Übeltäter und Spötter, die weder nach Gott noch nach
ihren Mitmenschen fragen, die scheint Gott manchmal geradezu zu belohnen. Und die
Tränen geduldiger Christenmenschen, die ihr Bestes tun und Gott anrufen in ihrer Not,
die scheint er oft genug zu ignorieren. Ist das nicht unfair? Ist das nicht Willkür? Und
stellt es nicht überhaupt unser Christ–Sein in Frage, wenn Gott das Bemühen um ein
gottgefälliges Leben in keiner Weise honoriert? „Soll es denn umsonst sein,“ fragt der
Psalmbeter, „dass ich mein Herz rein hielt und meine Hände in Unschuld wasche?“ (Ps
73,13)
Sehr menschlich, sehr verständlich ist diese Frage. Denn wir hätten‘s halt gern, wenn
sich unser Christ-Sein nicht erst im nächsten Leben, sondern auch schon in diesem ein
wenig lohnte. Doch bevor wir uns nun sinnlos ärgern über Gottes Freiheit, mit der er es
regnen lässt über Gute und Böse, sollten wir lieber noch einmal einen Schritt zurücktreten. Denn es gibt ein biblisches Wort, das unserer Empörung den Wind aus den Segeln
nimmt. Paulus schreibt nämlich im Römerbrief: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott
lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“
(Röm 8,28)
Harmlos klingt dieser Satz. Und doch stellt er die übliche Bewertung von Glück und Unglück völlig auf den Kopf. Denn Paulus behauptet hier, dass den Gläubigen nicht nur das
Gute, Schöne und Erfreuliche „zum Besten dient“, sondern alles. Einfach alles, was dem
Gläubigen widerfährt, soll ihm zum Vorteil gereichen. Alles – also auch das Schlechte! –
soll ihm zum Guten verhelfen. Und diese Behauptung ist schwer zu schlucken. Der Gläubige verliert seinen Arbeitsplatz – und es dient ihm zum Besten? Der Gläubige wird
schwer krank – und es gereicht ihm zum Vorteil? Der Gläubige muss einen lieben Menschen zu Grabe tragen – und es dient ihm zum Besten? Das kann doch Paulus nicht ernst
meinen! Oder würde er etwa auch den Umkehrschluss zulassen: Der Ungläubige
schwimmt im Geld – und es gereicht ihm zum Nachteil? Der Ungläubige findet Liebe und
Anerkennung – und es gereicht ihm zum Nachteil? Der Ungläubige lebt lange und sorglos
– und es gereicht ihm zum Nachteil?
Doch tatsächlich: Paulus behauptet das. Und er verlangt uns damit die Einsicht ab, dass
Glück nicht einfach Glück ist, und Unglück nicht einfach Unglück, sondern, dass das eine
wie das andere sich in sein Gegenteil verkehrt – je nachdem, ob es einem Gläubigen oder
einem Ungläubigen widerfährt. Anders gesagt: Das vermeintliche Glück der Gottlosen,
über das wir uns empören, ist in tieferem Sinne gar kein „Glück“. Und das Unglück der
Frommen, das wir ungerecht finden, ist in tieferem Sinne auch kein „Unglück“. Denn in
der Sicht des Neuen Testamentes ist keine Sache so gut oder so schlecht, dass sie dem
Ungläubigen nicht schadete. Und es ist keine Sache so gut oder so schlecht, dass sie dem
171
Gläubigen nicht nützen könnte. Warum aber das? Einfach weil der Ungläubige von allen
Dingen den falschen Gebrauch macht:
Erlebt er Glück, so sieht er darin die Bestätigung dafür, dass sein falscher Lebensweg
richtig sei. Er fühlt sich dann sicher, weil es ihm gut geht. Er denkt noch weniger nach,
als wenn er zu leiden hätte, und er geht um so sicherer den Weg ins Verderben. Denn wo
ihm Reichtum und Ehre zuteil werden, da gibt der Ungläubige sich diesen vergänglichen
Dingen ganz hin, hängt sein Herz daran und vergisst Gott um so mehr, je mehr er sich in
sein irdisches Glück hinein verliert. Das ist in Wahrheit nicht „Glück“ zu nennen.
Erlebt der Ungläubige aber Unglück, so wird es keineswegs besser mit ihm. Denn auch
davon macht er unseligen Gebrauch: Das Unglück verstärkt nur sein Misstrauen gegen
den Gott, der ihm zumutet zu leiden. Und je härter es ihn trifft, um so mehr nimmt ihn
seine egozentrische Sorge gefangen. Er versucht dann auf Kosten anderer sein Glück zu
erzwingen, er vergeht sich dabei erst recht gegen Gottes Gebote, wird vom Neid zerfressen, hadert mit seinem vermeintlich unverdienten Schicksal und verhärtet sich immer
mehr.
Es ist darum egal, was dem Ungläubigen widerfährt – sei es Glück oder Unglück: Es treibt
ihn doch immer nur weiter voran auf dem Weg, den er eingeschlagen hat. Sei es Glück
oder Unglück – es gibt beides seiner Verstocktheit neue Nahrung und drängt ihn weiter
hinab auf der schiefen Bahn, die er betreten hat. Darum gilt: Es ist keine Sache so gut
oder so schlecht, dass sie dem Ungläubigen nicht schadete.
Doch gilt ebenso das Umgekehrte: Es ist keine Sache so gut oder so schlecht, dass sie
dem Gläubigen nicht nützen könnte. Denn egal, ob es Glück ist oder Unglück, es drängt
beides den Gläubigen weiter voran auf der guten Bahn, die er eingeschlagen hat: Widerfährt ihm Glück, so dankt er dafür seinem Schöpfer und erkennt in allem Schönen eine
segensvolle Gabe, die ihn in der Treue zu Gott bestärkt und bestätigt. Er sieht und
schmeckt Gottes Freundlichkeit und zieht daraus neue Kraft für den guten Kampf des
Glaubens. Widerfährt dem Gläubigen aber Unglück, so vermag auch dies ihm nicht wirklich zu schaden. Denn gerät er auch in Bedrängnis, so übt ihn diese Bedrängnis doch in
Geduld, Geduld aber bringt Bewährung, Bewährung aber Hoffnung (Röm 5,1–5). Der
Gläubige sucht deswegen nicht mutwillig irgendwelche Prüfungen. Aber wenn sie kommen, kann er gestärkt aus ihnen hervorgehen. Denn wo ihn die Welt enttäuscht, verwurzelt er sich nur umso fester in Gott. Das Unglück hilft ihm auf diese Weise, innere Distanz zu allem Irdischen zu gewinnen. Es hilft ihm, den Stolz aus seinem Herzen zu tilgen.
Es lehrt ihn Demut. Und es stärkt seine Sehnsucht nach himmlischer Vollendung. Das
Unglück schwächt also den „alten Adam“, der uns in den Knochen steckt. Es fördert unser geistliches Wachstum – und ist darum nur oberflächlich betrachtet ein „Unglück“ zu
nennen.
Es gilt demnach auch für den Gläubigen, was über den Ungläubigen gesagt werden musste: Was immer ihm widerfahren mag (egal ob Glück oder Unglück), es treibt ihn doch nur
weiter voran auf dem Weg, den er eingeschlagen hat. Was es auch sei: Es gibt dem Glauben neue Nahrung zum Glauben, und dem Unglauben neue Nahrung zum Unglauben.
Darum ist keine Sache so gut oder so schlecht, dass sie dem Gläubigen nicht nützte. Und
darum ist auch keine Sache so gut oder so schlecht, dass sie dem Ungläubigen nicht
schadete.
Der Ungläubige mag einem Wanderer gleichen, der fröhlich pfeift und gut vorankommt –
was aber nützt ihm das, wenn er doch in die falsche Richtung läuft? Der Gläubige hingegen mag einem Wanderer gleichen, der sich mühsam voranschleppt und dabei Tränen
172
vergießt – was aber schadet ihm das, wenn er doch in die richtige Richtung läuft? Dürften
wir denn ersten „glücklich“ nennen, nur weil er pfeift, und den zweiten „unglücklich“,
nur weil er weint? Ist nicht der viel glücklicher, der mit Tränen das gute Ziel erreicht, als
der, der fröhlich pfeifend in den Abgrund fällt?
Mir ist bewusst, wie schwer es ist, die Dinge auf diese Weise zu betrachten. Aber wenn
wir uns daran gewöhnten, könnten wir aufhören, uns über das vermeintliche Glück der
Gottlosen zu ärgern. Und wir könnten aufhören, mit dem eigenen Unglück zu hadern.
Denn wenn Paulus Recht hat, dann ist es gar nicht so entscheidend, ob unsere konkreten
Hoffnungen erfüllt oder enttäuscht werden. Sondern dann kommt es nur darauf an, wie
wir mit beiden Erfahrungen umgehen – und auf welcher Bahn sie uns vorantreiben.
Glück und Unglück können gleichermaßen Stufen sein, die uns Gott näher bringen. Und
darum sollten wir einander nicht vorrangig „Glück“ wünschen, wie es üblich ist. Sondern
einen zuversichtlichen Glauben sollten wir einander wünschen, der Glück und Unglück
gleichermaßen anzunehmen weiß, weil ihm ja doch das eine wie das andere „zum Besten
dienen“ muss…
48. Schmerz, Sinn und Sinnlosigkeit
Wenn wir Leid erfahren, so nimmt es oft großen Raum in uns ein und beherrscht unsere
Gedanken bei Tag und bei Nacht. Wir wälzen es hin und her. Es lässt uns nicht los. Aber
wird’s von all dem Grübeln und Klagen wirklich besser? Bringt es etwas, alte Wunden
offen zu halten und denselben Schmerz immer wieder zu fühlen? Wär’s nicht gesünder,
man würde vergessen?
Tatsächlich ist es nicht gut, in bodenlosem Leid zu versinken. Es zu verdrängen wäre
aber genauso gefährlich. Und so stehen wir vor der Aufgabe, uns leidend mit dem Leid zu
beschäftigen – und es dabei dennoch zu bewältigen. Nur den Schmerz, den man versteht,
kann man annehmen. Diese Annahme aber – erfordert sie nicht so etwas wie „Einsicht“
in die Notwendigkeit eines Verlustes?
Muss man nicht, um den Schmerz akzeptieren und in sein Leben integrieren zu können,
einen Grund und einen Sinn darin finden? Und ist nicht eben die scheinbare Sinnlosigkeit des Leides der Hauptgrund, weshalb wir damit hadern? Ja, sprechen wir das ruhig
aus: Viele, die unter Krankheit, Tod und Einsamkeit leiden, sehen in ihrem Schicksal
einfach nur eine bodenlose Gemeinheit und eine unverdiente Härte, die sie Gott nicht
verzeihen können. Sie finden es ungerecht, leiden zu müssen, und sind überzeugt davon,
dass sie an Gottes Stelle die Welt viel besser eingerichtet hätten! Aber ganz abgesehen
von der Anmaßung die darin liegt: Übersieht man in solcher Klage nicht die konkreten
Gründe, die unser Leiden haben kann, die es erklärlich machen, notwendig – und
manchmal sogar fruchtbar?
Bei einem Theologen des Mittelalters habe ich eine Aufzählung verschiedener Leidensweisen gefunden, die mir in dieser Hinsicht sehr hilfreich erscheint. Jener Mönch namens Heinrich Seuse wurde von einer Ordensschwester gefragt, wozu denn Leid förderlich sein könne. Und er antwortete: „Du sollst wissen, dass sich mancherlei Leiden finden, die auf den Menschen einwirken, und dem, der sie recht aufnimmt, einen guten
Weg öffnen zu seiner Seligkeit.“ Dann aber beginnt Seuse die Möglichkeiten aufzuzählen:
173
(1)
Erstens kann es sein, dass Gott über einen Menschen schwere Leiden verhängt gänzlich
ohne dessen Schuld, weil Gott ihn erproben will, sehen will, was er taugt und was an
ihm dran ist – so wie er z.B. den Hiob prüfte, der ja tatsächlich nichts verbrochen hatte.
(2)
Zweitens aber ist es möglich, dass jemand eine Zeit lang leidet, weil danach Gottes Werke um so herrlicher an ihm offenbart werden sollen, so wie das Evangelium von einem
blindgeborenen Mann berichtet, von dem Jesus sagt, er sei nur blind gewesen, damit
durch seine Heilung Gottes Macht vor aller Welt sichtbar werde.
(3)
Daneben, sagt Seuse, gibt es natürlich auch das selbstverschuldete Leid, in dem jemand
gerechter Weise seine Untaten büßt, so wie z.B. das Leiden des Schächers, der mit Christus gekreuzigt wurde und der von sich selbst bekannte, er sterbe verdientermaßen diesen
schändlichen Tod. So einer erntet nur, was er gesät hat, der Fluch der bösen Tat holt ihn
ein – und nichts daran ist rätselhaft.
(4)
Eine vierte Gruppe bilden jene Menschen, die hinsichtlich des konkreten Leidens das sie
befallen hat keine Schuld tragen, die aber sonst einen Mangel an sich haben, um dessentwillen Gott ihm Leiden schickt, so wie z.B. Gott den übermäßigen Stolz eines Menschen durch eine Krankheit niederbeugen kann, dabei den Menschen auf sich selbst
verweist und seine Überheblichkeit schmerzlich durch Schmerzen vernichtet.
(5)
Fünftens ist damit zu rechnen, dass Gott etliche Leiden in der guten Absicht gibt, dem
Menschen dadurch noch größere Leiden zu ersparen, so wie manche Leute sich ein Bein
brechen und dadurch das Flugzeug verpassen, dass mit allen Passagieren abstürzen wird
– oder wie manchem Kranken durch einen raschen Tod eine jahrelange Leideszeit erspart
bleibt. Ja, manchmal ist Gott gerade darin gnädig, dass er unsere Wünsche nicht erfüllt,
weil es törichte Wünsche sind, deren Folgen wir nicht überblicken.
(6)
Zum sechsten kennt Seuse Menschen, die leiden, weil sie sich für andere aufopfern oder
um des Glaubens willen Verfolgung ertragen. Deren tapferes Leiden, meint Seuse, ist ein
Zeugnis ihrer großen Liebe und ihrer Glaubensstärke, die sie durchaus gern beweisen.
Sie wollen etwas bewusst auf sich nehmen, um Gottes und der Menschen willen, und
tun damit viele gute Werke, die nicht tun kann, wer das Leiden scheut.
(7)
Doch gibt es daneben in einer siebten Gruppe auch wieder eitles und närrisches Leiden,
das Gott gar nicht extra verhängen muss, sondern das der Mensch sich selbst zuzieht und
einhandelt, indem er seinem eigenen Ehrgeiz und seiner Gier dient, sich selbst dafür
prostituiert, seine Seele verkauft für kurze Lust, und durch das Böse vom Bösen selbst
Leid erfährt als wohlverdienten Lohn. Wer sich an Vergängliches klammert und sich ins
Vergängliche verstrickt, muss natürlich mit dem Vergänglichen vergehen – und es versteht sich von selbst, dass solcher Schmerz keine positive Perspektive hat.
(8)
Doch in der achten Gruppe, die Seuse nennt, ist das wieder ganz anders. Denn dorthin
gehören Leute, die Gott gerne erreichen und retten würde, die ihm aber zu ihrem eigenen Schaden widerstreben und immer wieder in das oberflächliche Vergnügen und in die
Ablenkung fliehen. Solche Leute zieht Gott zuweilen durch Leiden zu sich hin: Wohin sie
174
sich auch wenden, um Gott zu entrinnen, verstellt er ihnen durch Unglück und Leid den
Fluchtweg, hält sie zu ihrem eigenen Besten an den Haaren fest und rüttelt sie wach. Sie
stellten sich gerne taub, um Gottes Wort nicht hören zu müssen, aber durch den lauten
Schmerz verschafft sich Gott Gehör.
(9)
Neuntens erwähnt Seuse jene Leute, die gar keine echten Leiden haben, außer dem, dass
sie sich hineinsteigern und für groß veranschlagen, was in Wahrheit nicht für groß zu
halten ist. Sie weinen lauthals, weil sie eine Stecknadel verloren haben, schreien Zeter
und Mordio und machen sich selbst ein schlimmes Leiden in Dingen, die gar keine Leiden sind.
(10)
In die zehnte und letzte Abteilung stellt Seuse dann aber jene Menschen, die Gott dem
Vorbild Christi gleichgestaltet, indem er ihnen ein Kreuz auferlegt. Das ist das edelste
und beste Leiden, meint Seuse, denn wie Christus sich im Leiden geduldig zeigte, so
lässt Gott auch einige seiner liebsten Freunde großes Leid tragen in Geduld, damit die
große Menge der ungeduldigen Menschen bei diesen Gesegneten lerne, geduldig zu sein
und Böses durch Gutes zu überwinden. Das ist dann beispielhaftes Leiden, das anderen
großen Eindruck macht und dadurch hilfreich ist, weil es ihnen vor Augen führt, was
Glaube ist, Treue, Demut und Ergebung.
Ich weiß nicht, wie es ihnen damit geht. Aber mich beeindruckt die Vielzahl dieser Leidensarten, weil sie zeigt, dass Leid nicht gleich Leid ist, dass man nicht alles über einen
Kamm scheren darf und dass Leid auch keineswegs für grundlos, sinnlos oder nutzlos
gehalten werden muss. Ganz im Gegenteil! Gott, wenn er Schmerz zufügt, kann dabei
mancherlei im Schilde führen. Das Leid kann mir selber nützen oder einem anderen. Es
kann zum Vorbild dienen oder auch zur Abschreckung. Es kann nötig sein, um mir gewisse Fehler auszutreiben, oder um andere zur Barmherzigkeit herauszufordern. Es kann
Prüfung sein für mich oder öffentliches Zeichen für die anderen. Es kann der Fluch der
bösen Tat sein, der mich gerechter Weise einholt. Es kann aber auch Gottes herzliche
Umarmung sein, die mich am Weglaufen hindert. Oder es liegt darin sogar die Ehre, mit
Christus gemeinsam das Kreuz zu tragen.
Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Möglichkeiten! Wenn sie mich nun aber fragen, ob
ich ein konkretes Leid immer einer Gruppe zuordnen könnte und immer wüsste, was es
bedeutet, so sage ich ganz offen „nein“. Denn was Gott im Schilde führt, wenn er einen
Menschen leiden lässt, das verrät er uns nicht immer. Und wir sollten uns hüten, es den
Freunden Hiobs gleich zu tun und einem Leidenden naseweis eine bestimmte Erklärung
seines Leidens aufzudrängen. Nein: Grund und Ziel des Leidens bei Gott zu erfragen,
muss immer die Aufgabe des Betroffenen bleiben. Dass Leid aber mancherlei Sinn und
Ziel haben kann, dass verborgene Notwendigkeit darin liegen kann, und sogar großer
Segen für mich oder andere, das sollten wir allemal im Kopf behalten und nicht vergessen. Denn wenn Gott uns bittere Pillen verabreicht, dann denkt er sich etwas dabei. Wir
wissen nicht unbedingt was, aber Gott tut nichts von ungefähr. Und diese positive Unterstellung, die wir als Christen machen dürfen, weil wir ihn kennen, die befreit uns zu
einem produktiven Umgang mit unserem Schmerz und hilft ihn anzunehmen.
Um es in ein Bild zu bringen: Als Christen dürfen wir unser Leiden behandeln, wie die
Austernmuschel das eindringende Sandkorn behandelt. Das Sandkorn, das in die Muschel gerät, ist mit seinen scharfen Kanten natürlich ein Störfaktor – es ist hinderlich,
175
schmerzlich und für den ganzen Organismus gefährlich. Aber was tut die Muschel? Ärgert
sie sich daran zu Tode und erliegt? Nein! Sie kann das Sandkorn nicht loswerden, wie
auch wir unser Leid nicht loswerden. Sie kann das Korn nicht einfach ignorieren, wie
auch wir unser Leid nicht ignorieren können. Aber die Muschel kann das Sandkorn annehmen, kann es nach und nach mit Schichten aus Perlmutt überziehen, kann seine
scharfen Kanten damit abrunden, es umbilden und umgestalten, das Sandkorn auf diese
Weise unschädlich machen und den Fremdkörper in den eigenen Organismus integrieren. Am Ende ist aus dem Sandkorn eine wunderbar schimmernde Perle geworden – und
die Muschel ist wertvoller, als sie ohne die Störung jemals hätte sein können.
Mein Vorschlag ist nun, dass wir es mit unseren Schmerzen genauso machen. Dass wir
sie nämlich nicht verleugnen und erst recht nicht daran zugrunde gehen, sondern sie im
Glauben bewältigen und umformen. Wir dürfen ihnen Sinn und Ziel unterstellen, so wie
wir es bei Heinrich Seuse gesehen haben. Nichts wird uns von Gott ohne Grund zugemutet! Indem wir das aber unterstellen, umhüllen wir das Sandkorn mit Perlmutt, integrieren das Leid in unseren Glauben, nehmen ihm damit die schärfsten Kanten und wenden
zum Guten, was zunächst nur böse schien. Wenn dann aber mit Gottes Hilfe aus dem
Störfall des Leidens eine Perle des Glaubens geworden ist, dann hat Gott erfolgreich an
uns gearbeitet und hat den Fluch zum Segen gewendet, so dass wir unterschreiben können, was Heinrich Seuse abschließend zu jener Ordensschwester sagte:
„Dies alles sollst du berücksichtigen und (darum) nicht ungern leiden, denn woher Leiden auch immer kommt, es kann dem Menschen von Nutzen sein, wenn er das Leid von
Gott anzunehmen, es wieder in Gott zu tragen und mit seiner Hilfe zu überwinden versteht.“
49. Das Leid und die Theodizeefrage
Die Ausgangsfrage des sogenannten „Theodizeeproblems“ wurde von Epikur treffend
formuliert:
Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
Oder er kann es und will es nicht:
Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
Oder er will es nicht und kann es nicht:
Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,
Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:
Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?
Man erkennt leicht, dass sich die Frage der Theodizee nur dort stellt, wo bestimmte
Grundvoraussetzungen gelten, nämlich:
1. Gott ist nicht schwach, sondern besitzt ein Maximum an Macht ( Allmacht )
2. Gott ist nicht missgünstig, sondern besitzt ein Maximum an Güte ( Allgüte )
3. Die Welt enthält Übel, Böses, Leid, das der Mensch als solches klar erkennt.
4. Der Mensch besitzt kritische Maßstäbe, die er auf Gottes Tun anwenden kann.
5. Was über Gott gesagt wird, muss widerspruchsfrei sein, wenn es als glaubhaft gelten
soll.
176
Eine überzeugende Weise, an allen fünf Voraussetzungen (gleichzeitig und uneingeschränkt) festzuhalten, gibt es wohl nicht. Doch können alle Voraussetzungen einer kritischen Revision und Korrektur unterzogen werden, die dazu führt, dass sich das Theodizeeproblem nicht mehr in der geschilderten Weise stellt.
Zu 1. Allmacht
In der Bibel fehlt zwar ein abstrakter Begriff von „Omnipotenz“, doch ist dort Gottes
Allmacht zweifelsfrei vorausgesetzt. Wenn Gott will, steht die Sonne still, das Meer teilt
sich, Tote werden lebendig, Plagen kommen und Heere greifen an. Nie wird in Frage gestellt, dass Gott, was er will, auch kann. Eine Einschränkung gilt allerdings:
Gott will nur, was seinem Wesen entspricht. Er will nichts Widersprüchliches oder Böses,
kann auch nicht lügen, sündigen oder gegen die eigene Ehre handeln. Gott kann nichts
wollen, was sein eigenes Wesen aufheben würde. Und er will auch nichts, was seiner
Gerechtigkeit oder der Treue zu seinem eigenen Wort zuwiderliefe.
Gott kann also immer, was er will. Aber er will nichts, wodurch er sich selbst verriete.
Und daraus resultiert z.B. die innere Notwendigkeit seines strafenden Zorns: Gott könnte nur aufhören, dem Bösen zu widerstehen, wenn er aufhörte, das Gute zu lieben – d.h.
aber, er kann damit nicht aufhören.
Die in Gottes Gesetz festgeschriebene Verknüpfung von Schuld und Strafe, durch die
Gott verneint, was seine Schöpfung bedroht, kann er nicht ohne weiteres aufheben.
Denn das Böse zu verneinen ist dem guten Gott eine Notwendigkeit.
Zu 2. Allgüte
Die Rede von Gottes „Eigenschaften“ erweist sich als problematisch, wenn diese wie „Eigenschaften“ einer Substanz aufgefasst werden. Ein Stoff hat in aller Regel gleichbleibende „Eigenschaften“, weil Stahl eben hart ist, und Butter weich. Wenn Butter plötzlich
stahlhart würde, wäre sie keine Butter mehr. Und wenn Stahl butterweich wäre, würden
wir nicht mehr von Stahl reden. Wenn Feuer nicht mehr heiß wäre, und Wasser nicht
mehr nass, würden wir es nicht mehr Feuer oder Wasser nennen. Substanzen „können
nicht anders“.
Doch in diesem Sinne muss Gott nicht gütig oder liebend sein. Er kann durchaus „anders“. Es ist nicht etwa seine Natur, zu vergeben! Zwar erweist sich Gott in konkreten
Beziehungen als „liebend“ und wird (z.B. in den Psalmen) gepriesen, weil er sich in bestimmten Situationen als liebend erweist. Aber festgelegt ist er damit nicht. Denn Personen sind diesbezüglich nicht mit Substanzen vergleichbar.
Gott muss nicht allen Menschen gleich begegnen und muss sie auch nicht „alle gleich
lieben“. Er schuldet es ihnen nicht, sie vor den Folgen ihrer Bosheit zu bewahren. Vielmehr ist seine Liebe stets eine freie und ungeschuldete Zuwendung. Wessen Gott sich
erbarmt, dessen erbarmt er sich. Aber er muss sich niemandes erbarmen. Niemand hat
einen Anspruch darauf. Denn genau wie die Liebe eines Menschen ist auch die Liebe
Gottes nicht „einklagbar“.
Zu 3. Übel – Böses – Leid
Ein großer Teil des Übels in der Welt ist unmittelbare Folge menschlichen Fehlverhaltens, so dass dafür erst einmal der Mensch selbst haftbar zu machen ist. Tut er nicht das
Gute, das Gott ihm geboten hat, so muss er sich wegen der bösen Folgen nicht wundern.
Er erntet, was er gesät hat, und sollte darüber nicht klagen. Denn als Sünder unter Sün177
dern hat er es durchaus verdient, unter solchen „hausgemachten“ Übeln zu leiden. Ein
anderer großer Teil des Übels und des Leides kann als sinnvoll verstanden und sollte mit
Einsicht angenommen werden, weil er zur Erziehung des Menschen nötig ist. Zuviel
Glück würde den Menschen oberflächlich, stolz und selbstsicher machen, während Erfahrungen des Leides und des Scheiterns ihm Anlass geben zur Besinnung und Reifung.
Insbesondere dann, wenn man es sich im Glauben „zum Besten dienen“ lässt, ist solches
Übel kein wirkliches Übel, sondern eine Hilfe.
Zweifellos bleibt, wenn man die beiden o.g. Arten des Leides abzieht, ein erheblicher
„Rest“ abgründigen, nicht sinnvoll zu deutenden Übels. Doch bleibt immer zu bedenken,
dass sich das, was dem Menschen als „Unglück“ erscheint, in Gottes Augen ganz anders
darstellen kann:
Eine Parabel aus China erzählt von einem armen Bauern, der einen kleinen Acker mit
einem alten, müden Pferd bestellte und mehr schlecht als recht mit seinem einzigen
Sohn davon lebte. Eines Tages lief ihm sein Pferd davon. Alle Nachbarn kamen und bedauerten ihn wegen seines Unglücks. Der Bauer blieb ruhig und sagte: „Woher wisst ihr,
dass es Unglück ist?” In der nächsten Woche kam das Pferd zurück und brachte zehn
Wildpferde mit. Die Nachbarn kamen und gratulierten ihm zu seinem großen Glück. Der
Bauer antwortete bedächtig: „Woher wisst ihr, dass es Glück ist?” Der Sohn fing die Pferde ein, nahm sich das wildeste und ritt darauf los. Aber das wilde Pferd warf ihn ab, und
der Sohn brach sich ein Bein. Alle Nachbarn kamen und jammerten über das Unglück.
Der Bauer blieb wieder ruhig und sagte: „Woher wisst ihr, dass es ein Unglück ist?” Bald
darauf brach ein Krieg aus, und alle jungen Männer mussten zur Armee. Nur der Sohn
mit seinem gebrochenen Bein durfte zu Hause bleiben.
Zu 4. Menschliche Kritik
Die Theodizeefrage zu stellen, heißt, Gottes Handeln einer moralischen Kritik zu unterziehen. Und man muss fragen, ob das überhaupt möglich ist. Denn welchem Maßstab
sollte der unterliegen, der selbst das Maß aller Dinge ist? Gut ist, was Gott will. Und böse
ist, was Gott nicht will. Das ist schon die ganze Definition des Unterschieds. Sie ist aber
nicht etwa so zu verstehen, dass Gott sich mit seinem Willen an einen moralischen Maßstab halten würde, der (von ihm unabhängig) schon bestünde, sondern so, dass Gottes
Wille selbst der alleinige Maßstab des Moralischen ist.
Gut ist nur einer – nämlich Gott selbst. Und darum will er, was er will, nicht etwa, weil
es „an sich“ schon gut wäre, sondern was Gott will, wird dadurch „gut“, dass er es will.
Gott hält sich an keine Norm, Gott ist die Norm. Er folgt keiner Ordnung, sein Wille ist
die Ordnung. Gott respektiert nicht einen vorgegebenen Unterschied von „gut“ und „böse“, sondern indem er handelt und gebietet setzt er diesen Unterschied in Kraft.
Wie aber sollte unter diesen Umständen das Handeln Gottes von Menschen kritisierbar
sein? Gottes Wollen und Regieren ist keiner Kritik unterworfen, weil er – als die Norm
aller Normen – an keiner Norm gemessen werden kann. Gottes Wille unterliegt keinem
Gesetz, sondern er ist das Gesetz. Er ist kein Gegenstand von Kritik, sondern ist selbst
der Ursprung aller Kritik. Nicht Gott hat sich demnach vor dem Menschen zu rechtfertigen, sondern der Mensch vor Gott. Der in der Theodizeefrage implizierte Rollentausch
von Richter und Angeklagtem stellt das Verhältnis von Gott und Mensch in unzulässiger
Weise auf den Kopf.
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Zu 5. Widerspruchsfreiheit
Theologie beansprucht nicht, Gottes Handeln vollständig verstehen und erklären zu
können. Vielmehr erklärt sie ausdrücklich, dass ihr Vieles rätselhaft ist und wohl auch
bleiben wird, bis es im Lichte der Herrlichkeit seine Erklärung findet. Dann, wenn der
Glaube ins Schauen übergeht, wird auch die Theodizeefrage ihre Antwort finden. Doch
wird diese Klärung nicht von uns herbeigedacht, sondern von Gott herbeigeführt. Der
bleibende Gegensatz zwischen Gottes heilvollem Willen und dem Elend dieser Welt wird
also nicht durch kluge Theologie „wegerklärt“ oder rational „bewältigt“, sondern geschichtlich und tatsächlich von Gott selbst überwunden, wenn er den Moment für gekommen hält. Gott selbst übernimmt es, auf alle Vorwürfe zu antworten. Darum ist es
nicht die Aufgabe der Theologie gedanklich zu harmonisieren, was nicht harmonisch ist,
sondern das schmerzlich Unausgeglichene beim Namen zu nennen und im NichtVerstehen wahrhaftig zu bleiben. Es handelt sich letztlich um eine Frage, die wir nicht
gedanklich „lösen“, sondern von der uns Gott „erlösen“ wird.
Schlussfolgerungen
Die Theodizeefrage ist und bleibt irritierend. Aber als Widerlegung des Glaubens kann
sie nicht gelten, denn durch die oben skizzierte Revision der Voraussetzungen ergibt sich
eine veränderte Situation. Keine der fünf Prämissen ist in dem Sinne gültig, den die Religionskritik unterstellt. Und darum sind auch andere Folgerungen zu ziehen. Man kann
nämlich lernen, Gottes Souveränität, seine Unergründlichkeit, seine Strenge, sein Freiheit und sein unhinterfragbares Recht als Herr aller Geschöpfe ernster zu nehmen, als es
die Theodizeefrage tut. Daraus ergibt sich dann ein Gottesbild jenseits von naiv und nett.
Denn Gott ist für den Menschen nicht nur „Grund“, sondern auch „Abgrund“. Er hat es
nicht nötig, von Menschen verteidigt zu werden, weil sich keiner zu Gottes Anwalt oder
Richter aufschwingen kann. Gott hingegen ist beides für uns.
Die Theodizeefrage als logisches Paradox löst sich auf, sobald man erkennt, dass sie auf
falschen oder halbwahren Voraussetzungen beruht. Doch das Problem verlagert sich damit auf die Frage nach der Einheit von verborgenem und offenbarem Gott. Denn Gott
und der Teufel sind im Weltgeschehen schwer zu unterscheiden. Sie auseinanderzuhalten gelingt nur, wenn man den Unterschied an Christus festmacht und Gott dort festhält,
wo der Ungreifbare greifbar wurde und sich an sein Wort gebunden hat. Mehr als dieses
Festhalten ist zur Zeit nicht möglich. Aber mehr braucht man auch nicht, um abzuwarten
und glaubend vor Gott zu Gott zu fliehen, bis Gott selbst für Aufklärung sorgt…
50. Theodizee (erweiterte Fassung)
Wenn Menschen den christlichen Glauben ablehnen, geben sie dafür sehr verschiedene
Gründe an. Und viele der Argumente sind leicht zu entkräften. Eines aber wird sehr
hartnäckig vertreten und wird als „Fels des Atheismus“ angesehen. Und das lautet in
seiner populären Form, dass es Gott nicht geben könne, weil ein liebender Gott, der zugleich allmächtig ist, nie und nimmer das Leid dieser Welt zulassen würde. „Es geschehen zu viele schreckliche Dinge“, sagen die Leute, „da kann ich unmöglich an Gott glauben. Denn wenn er so gut und so mächtig wäre, wie ihr es behauptet, würde er das Leid
doch verhindern.“ Ich muss das nicht weiter ausführen, denn das Argument ist hinreichend bekannt. Was aber ist dem aus christlicher Sicht entgegenzusetzen? Was kann man
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erwidern? Nun, zuerst sollte man zugestehen, dass das Elend dieser Welt auch Christen
nicht kalt lässt. Wir sind nicht weniger betroffen und fühlen genauso mit den Leidenden
wie die Glaubens-Gegner. Doch ist ihre Argumentation nicht so schlagend, wie sie meinen, sondern sie enthält eine Reihe von Fehlern und irrigen Annahmen, die ich im Folgenden korrigieren möchte:
- Sie missverstehen die zentrale Eigenschaft Gottes, auf die sie sich beziehen, weil sie
Gottes Liebe für ein universales Prinzip halten. Und sie lassen demgegenüber andere
Eigenschaften, wie Gerechtigkeit und Zorn, gänzlich außer Betracht.
- Sie nehmen den Mensch nicht als Täter, sondern nur als „unschuldiges“ Opfer in den
Blick. Und weil sie damit den engen Zusammenhang von Leid und Schuld unterschlagen,
der in der Bibel eine so große Rolle spielt, verkennen sie auch die ambivalente Lage, in
die der Schöpfer schuldigen Geschöpfen gegenüber gerät.
- Sie fragen nicht, ob wirklich „gut“ ist, was sie „gut finden“, sondern verstehen unter
„Übel“, „Leid“ und „Bösem“ einfach alles, was das menschliche Wohlbefinden stört. Und
sie meinen darum schon vorweg zu wissen, worin sich Gottes Liebe konkretisieren
müsste, um als echte Liebe zu gelten.
- Das Evangelium aber, das auf seine Weise von nichts anderem handelt als von der Aufhebung des Übels, nehmen sie als Erweis göttlicher Liebe nicht einmal zur Kenntnis. Am
Ende ist keineswegs bewiesen, dass es Gott nicht gäbe, sondern nur, dass Gott nicht ist,
wie die Kritiker ihn gerne hätten. Und ihr argumentatives Ziel ist damit verfehlt…
Um die Zusammenhänge näher zu erläutern und die nötigen Korrekturen anzubringen,
möchte ich ihre Aufmerksamkeit zunächst auf das Missverstehen der göttlicher Liebe
lenken. Denn der Vorwurf der Gegner lebt ja ganz wesentlich von der Unterstellung, dass
ein liebender Gott, von dem es heißt, dass er Liebe „ist“, zwangsläufig gegen jede Kreatur
„lieb“ und gegen keine „hart“ sein dürfe. Das aber ist schlicht ein Irrtum. Denn es gibt
zwar Eigenschaften Gottes, die von so universaler und prinzipieller Geltung sind. Seine
Liebe und sein Zorn gehören aber nicht dazu. Von Gottes Allmacht, kann man sagen,
dass Gott jedem Geschöpf gegenüber gleich allmächtig ist, wie es auch keinen Gegenstand des Wissens gibt, demgegenüber Gott nicht allwissend, und keinen Raum, in dem
er nicht gegenwärtig wäre. Diese Eigenschaften hat Gott in jeder denkbaren Beziehung.
Doch bei Liebe und Zorn ist das anders. Denn barmherzige Liebe und gerechter Zorn sind
keine abstrakten Prinzipien, die selbstverständlich unterstellt oder gar eingefordert werden könnten. Diese Eigenschaften Gottes beziehen sich auf das konkrete Gegenüber, das
sich zu Gott so oder so verhält – und dementsprechend die eine oder die andere Seite
Gottes kennen lernt. Liebe und Zorn gelten darum nicht einfach „jedem“ auf die gleiche
pauschale Weise, sondern sind ganz persönlicher Natur. Dass Gott aber beides kennt, ist
kein Widerspruch, sondern ist nur konsequent, weil ein guter Hirte eben hart ist zu den
Wölfen und mild zu den Schafen. Beides ergibt sich aus der Liebe zu seiner Herde. Und
so schließt auch bei Gott die Bejahung des Guten notwendig die Verneinung des Bösen
mit ein. Gott ist in beidem völlig konstant und konsequent. Denn auf Gottes Liebe darf
jeder rechnen, der seine Verfehlungen bereut und sich zur Barmherzigkeit Gottes flüchtet. Und mit derselben Verlässlichkeit und Konsequenz wird jeder Gottes Zorn erfahren,
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der uneinsichtig am Bösen festhält. So ist Gottes Liebe zwar „universal“ in dem Sinne,
dass sie allen Menschen angeboten wird. Aber sie wird deswegen nicht von allen ergriffen. Christus ist zwar für alle gestorben. Aber das kommt nicht allen zu gute. Denn diejenigen, die das Evangelium ablehnen, schließen sich dadurch selbst aus, entziehen sich
der Liebe Gottes und bleiben damit unter seinem Zorn. Stimmt es also, dass Gott alle
Menschen „gleich“ liebt, wie man das oft hört? Nein. In der Bibel steht das nirgends. Und
im Sinne eines egalitären Prinzips oder einer pauschalen Regelung stimmt es auch nicht.
Denn Gottes Liebe ist nicht unterschiedslos und allgemein, sondern immer persönlich
und konkret.
Gewiss ist richtig, dass Gottes Liebe sich niemandem verschließt, der sie sucht! Aber dass
Gott deswegen zu allen Menschen die gleiche freundliche Beziehung hätte, das ist falsch,
weil eben nicht alle seine Liebe suchen. Gottes Tür ist für alle offen! Aber das heißt
nicht, dass auch alle hineingehen. Gott ist jedem gnädig, der sich nach Gottes Gnade ausstreckt! Weil das aber nicht jeder tut, ist Gott auch nicht jedem gnädig. Und darum ist die
Meinung, dass Gott alle gleich liebte, eine ebenso unzulässige Verallgemeinerung, wie
dass er allen zürnte. Diejenigen, die sich seiner Liebe beharrlich verschließen, liebt er
ebensowenig, wie er denen zürnt, die sich seiner Liebe geöffnet haben. Denn genau so
weit, wie wir Adam sind, gilt uns Gottes Zorn, und soweit wir in Christus sind, gilt uns
seine Liebe…
Weil aber selbst die Besten unter uns immer noch beides sind, dürfen wir nicht erwarten, dass Gottes Verhältnis zu uns und zu dieser Welt allein durch zärtliche Liebe bestimmt sein müsste. Nein, im Gegenteil: Soll sich die Ausgangsfrage – „warum Gott das
Leid in dieser Welt nicht beseitigt“ – wirklich auf den Gott der Bibel beziehen, so darf
man den Blick nicht allein auf seine Liebe und Allmacht richten, sondern muss seine
Gerechtigkeit mit einbeziehen, die das böse Tun mit sehr verdienten Strafen vergilt. Und
dann ergibt sich ein ganz anderes Bild. Denn der Gott der Bibel verneint, was ihn verneint. Er zerstört, was seine Schöpfung zerstört. Und das Verkehrte, das nicht sein soll,
befördert er ins Nicht-Sein. Was aber wäre verkehrter in dieser Welt als der sündige
Mensch?
Das vermeintlich so große Rätsel, warum Menschen krank werden, leiden und sterben,
ist darum leicht zu lösen. Nach biblischer Auskunft ist der Tod „der Sünde Sold“ und also
die verdiente Strafe dafür, dass der Mensch nicht ist, wie er sein sollte. Das ist einerseits
logisch, weil der, der sich von Gott als der Quelle des Lebens abschneidet, sich damit
notwendig den Tod einhandelt. Es ist andererseits konsequent, weil Gottes Wort ja an
tausend Stellen den Übertretern des Gesetzes genau solche Folgen androht. Und es ist
zuletzt auch unausweichlich, weil Gott in seiner beharrlichen Liebe zum Guten gar nicht
anders kann, als das Böse zu hassen. Tatsächlich hat Gottes Allmacht an diesem Punkt
eine Grenze, weil Gott nicht gegen sein eigenes Wesen verstößt. Er ist allmächtig in dem
Sinne, dass er jederzeit kann, was er will. Aber der gute Gott kann schlechterdings nichts
Böses wollen, und kann sich darum auch mit dem Bösen in uns nie anfreunden. Niemand setzt Gott irgendwelche Schranken. Aber sein eigenes Wesen ist ihm insofern eine
Schranke, als er sich selbst nicht widerspricht und sich selbst nicht untreu wird. Und das
heißt: Gott kann in dieser Hinsicht wirklich nicht anders. Er kann das Böse nicht dulden.
Er widersteht notwendig der Sünde, die ihm widersteht. Und er vollzieht darum am
Sünder die durch Gottes Wort öffentlich und verbindliche angedrohte Strafe. Dass der
Mensch seit dem Sündenfall sterben muss, ist so gesehen hart, aber gerecht, und aus
Gottes Perspektive völlig verständlich. Denn er kann ja dort nicht Glück und Ewiges Le181
ben schenken, wo das nur auf eine Verewigung der Sünde hinausliefe. Das Leben des
Sünders unbegrenzt zu verlängern, hieße, dem Bösen unbegrenzte Zeit zugestehen. Gott
würde damit den Widerstand gegen seinen eigenen guten Willen unterstützen. Und das
könnten, recht besehen, nicht einmal die Sünder begrüßen. Denn es ist in Wahrheit kein
Glück, auf ewig das Falsche zu wollen und endlos auf einem Irrtum zu beharren. So verewigt zu werden, wäre auch für den Menschen ein Unglück. Und darum wäre es inkonsequent und gegen Gottes Wesen, die mit der Sünde verbundenen Plagen und Nöte, die
er selbst als Strafen über den Menschen verhängt hat, zurückzunehmen. Warum also
hebt Gott das Leid nicht auf? Vielleicht einfach, weil wir’s verdient haben? Das ist gewiss
nicht die ganze Antwort, die hier zu geben ist. Aber es ist doch ein Teil der Antwort, den
man nicht unterschlagen darf. Und das tun jene, die das Leid als Argument gegen den
Glauben benutzen. Sie tun so, als wäre der Mensch in seinem Leid das unschuldige Opfer eines grausamen Gottes. Doch einerseits gibt es nach biblischer Lehre keine „unschuldigen“ Menschen. Von Jesus abgesehen sind wir alle Sünder. Auch Kinder sind nur
Sünder, denen es bisher an Gelegenheit mangelte! Und andererseits wird der größere Teil
des Leides gar nicht von Gott verhängt, sondern unmittelbar von Menschen Menschen
angetan. Der größte Teil des Leides geht darauf zurück, dass Menschen Kriege führen,
obwohl Gott ihnen den Frieden geboten hat, dass sie die Nahrungsmittel auf Erden nicht
gerecht verteilen, obwohl Gott genug davon wachsen lässt, und einander nicht helfen,
obwohl sie die Mittel dazu durchaus hätten. All das ist hausgemachtes Elend, das man
Gott nicht anlasten kann, weil es gegen seinen ausdrücklichen Willen geschieht. Und es
wäre darum ehrlich zuzugestehen, dass der Mensch in erster Linie unter dem Menschen
leidet. Wir sind keine unschuldigen Opfer, sondern sind allesamt Täter. Und abgesehen
davon, dass wir krank werden und sterben, besteht unser wesentliches Leid darin, dass
wir unter Menschen leben, die genauso lieblos und egozentrisch sind wie wir selbst.
Man muss zugeben, dass es eine recht angemessene Strafe ist, als Sünder unter Sündern
leben zu müssen! Und darum ist es nicht richtig, wenn die Gegner des Glaubens den engen Zusammenhang von Leid und Schuld, auf den die Bibel so deutlich hinweist, einfach
ausblenden und unterschlagen.
Vermeidet man diesen Fehler, und bezieht den Zusammenhang von Schuld, Zorn und
Leid in die Betrachtung mit ein, stellt man allerdings fest, dass es nicht bloß ein „Theodizeeproblem“ gibt, sondern zwei. Denn der Mensch, wie wir ihn kennen, ist ein höchst
ambivalentes Wesen voller Glanz und Elend. Er ist von seinem liebevollen Schöpfer dazu
bestimmt, Gottes Kind und Ebenbild zu sein, ist aber als Sünder unablässig dabei, diese
gute Bestimmung mit Füßen zu treten und ins Böse zu verkehren. Und der Schöpfer, unter dessen Augen das geschieht, wird dadurch doppelt herausgefordert, und sein Handeln
wird doppelt fraglich. Denn einerseits: Wie kann ein liebevoller Gott zulassen, dass seinen Geschöpfen unablässig Böses widerfährt? Sollte seine Allmacht sie nicht retten? Und
andererseits: Wie kann ein gerechter Gott zulassen, dass seine Geschöpfe unablässig Böses tun? Sollte seine Allmacht ihnen nicht das Handwerk legen?
Man hat nicht nur einmal Grund sich zu wundern, sondern zweimal. Denn einerseits ist
es ein Wunder, dass wir trotz der Liebe Gottes noch leiden. Und andererseits ist es ein
Wunder, dass wir trotz seines gerechten Zorns noch leben. Wie kommt das, dass wir unter Gottes allmächtiger Liebe noch sterben müssen? Und wie kommt das, dass wir unter
seinem allmächtigen Drohen noch nicht gänzlich vernichtet sind? Man kann beides rätselhaft finden, und könnte Gott aus beidem einen Vorwurf machen. Denn im Namen der
Liebe kann man fordern, dem Geschöpf die peinlichen Folgen seiner Sünde zu ersparen,
182
und alle Leiden aufzuheben. Und im Namen der Gerechtigkeit kann man fordern, dieses
Geschöpf, als den Ursprung des Bösen in der Welt, durch sofortige Vernichtung unschädlich zu machen. Es versteht sich, dass Menschen selten auf die Idee kommen, das Letztere zu fordern. Aber wenn man Pflanzen und Tiere danach befragen könnte – würde der
Plan nicht vielleicht eine Mehrheit finden, die Sünde aus der Welt zu schaffen, indem
man die Sünder aus der Welt schafft? Der Mensch ist einerseits ein Teil der guten Schöpfung, die Gott nach wie vor bejaht. Er ist andererseits ein Teil des Bösen, das Gottes gute
Schöpfung bedroht und zersetzt. Daraus aber, dass beides zugleich gilt, und sich in Gottes Handeln auch beides spiegelt, eben daraus erklärt sich der bitter-süße Zustand unserer Welt…
Was aber kann geschehen, damit sich an dieser Lage etwas ändert? Und was ist von Gott
zu erwarten? Das Glücksverlangen des Menschen ist ebenso verständlich wie unrealistisch und findet unmittelbaren Ausdruck in der Klage und Forderung gegen Gott, er solle
uns doch bitteschön in der Weise lieben, dass er uns alle Leiden erspart – und weiter
nichts von uns verlangt. Der Mensch sucht die Schuld nicht bei sich, sondern bei Gott,
und fordert, Gott möge dafür sorgen, dass unsere Sünden keine schmerzlichen Folgen
mehr haben, damit Sünder so unbeschwert leben können als wären sie Gerechte. Wenn
Gott dem aber nicht beistimmt, beschuldigt man ihn der Grausamkeit. Denn nicht der
Mensch will sich ändern, sondern nur seine Situation soll sich ändern. Nicht die Sünde
will man sein lassen, sondern nur der Strafe entgehen. Nicht die Krankheit soll Gott heilen, sondern nur die Symptome beseitigen. Unsere Gottlosigkeit soll ruhig bleiben, und
nur das Leid soll verschwinden. Denn dass sich uns Freuden entziehen, finden wir nicht
in Ordnung. Dass wir uns Gott entziehen, aber schon. Und wenn der Allmächtige auf
dieses Spiel nicht eingeht, heißt es: „Siehst du, Gott liebt uns nicht, er versagt, und darum versagen wir uns ihm…“
Es liegt wohl auf der Hand, dass wir so nicht weiterkommen. Der Wunsch, Gott möge
uns glücklich machen und ansonsten so lassen, wie wir sind, ist naiv. Denn wie wir oben
gesehen haben, wäre es gegen Gottes Wesen, das Böse zu tolerieren, es zu verewigen oder
gar noch mit Glück zu belohnen. Es muss eine andere Lösung geben. Und die gibt es in
der Tat. Denn Gott schaut nicht tatenlos zu, wenn der Mensch sich selbst zum Unglück
wird. Wenn Gottes Liebe ihn aber drängt, die Person des Sünders zu retten, und zugleich
seine Gerechtigkeit ihn drängt, die Sünde zu verwerfen, dann kann eine saubere Lösung
nur darin bestehen, den Sünder von seiner Sünde so zu unterscheiden und zu trennen,
dass die Sünde untergeht, der Sünder aber gerettet wird. Und ohne diese Trennung geht
es nicht. Denn es wäre gegen Gottes Wesen, das Böse um des Geschöpfes willen zu dulden. Und es wäre genauso gegen Gottes Wesen, dem Geschöpf um des Bösen willen nicht
zu helfen. Gott muss beides voneinander trennen und erklärt sich darum bereit, alle
Menschen um Christi willen zu erlösen, die sich glaubend von ihrer Sünde distanzieren
und sie selbst von Herzen leid sind.
Mit dem sündigen Tun kann Gott sich niemals anfreunden, mit der Person des Täters
aber schon. Und er ist dazu bereit, wenn diese Unterscheidung vom Betroffenen selbst
mitvollzogen und bejaht wird. Freilich: Wer Gott weder seine Strenge noch seine Güte
glaubt, tut das nicht! Der rebelliert zugleich gegen Gottes Gesetz und gegen sein Evangelium, um trotzig zu bleiben, wie er ist. So einen uneinsichtigen Sünder wie einen Gerechten zu behandeln, wäre unwahrhaftig und wäre ein „Tun-als-ob“, zu dem sich Gott
nicht hergibt. Wenn aber einem Gläubigen seine Sünde so leid ist, dass er sie – wenigstens der Absicht nach – gern los wäre, wenn er also von ihr unterschieden und getrennt
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sein will, dann lässt dieser Mensch Gottes Gesetz gelten, lässt ebenso das Evangelium
gelten, gibt Gott in beidem Recht und wird dadurch in Gottes Augen tatsächlich ein anderer, weil Gott ihm statt seiner persönlichen Schuld künftig die Gerechtigkeit Christi
zurechnet. Einen solchen Menschen kann Gott annehmen, selbst wenn manche seiner
Taten unannehmbar bleiben. Denn ein solcher ist tatsächlich eine neue Kreatur und
wird, wenn er einmal alles Irdische hinter sich lässt, des ewigen Lebens und der Seligkeit
teilhaftig, weil an ihm nichts übrig bleibt, was der gute Gott verneinen müsste.
Das ist, kurz gefasst, das wunderbare Angebot Gottes! Das ist seine Lösung für das große
Problem der Menschheit! Das ist der Heilsweg, den Gott eröffnet, um uns nicht bloß für
einige Zeit leidfrei und glücklich, sondern um uns langfristig und in Ewigkeit selig zu
machen! Wenn es nicht das ist, wonach der Menschheit der Sinn steht, so ist es in
Wahrheit viel besser. Ist es aber besser, wer dürfte dann sagen, Gott kümmere sich nicht
um die Aufhebung des Übels in der Welt? Genau genommen redet die Bibel von nichts
anderem! Nur dass Gott die Sache anders und viel gründlicher angeht, als der Mensch
das erwartet. Denn Gottes Liebe konkretisiert sich nicht einfach in äußeren Wohltaten,
sondern im Heilsweg des Evangeliums. Gott in seiner Allmacht geht massiv gegen das
Böse vor! Nur dass er es auf seine Weise tut und nicht auf unsere. Wir lokalisieren das
Böse außen, im bösen Geschick, in Not, Armut und Krankheit. Gott aber lokalisiert es
innen, in unserer Seele. Er setzt nicht bei dem Bösen an, das den Sünder stört, sondern
bei dem Bösen, der der Sünder ist. Wie jeder gute Arzt behandelt Gott nicht Symptome,
sondern geht dem Übel an die Wurzel. Und die ist nun mal nicht physischer, sondern
geistlicher Natur.
Die Übel, unter denen die Menschheit seufzt, entspringen nicht aus Defiziten der Schöpfung, sondern aus Defiziten des menschlichen Herzens. Unser Hauptproblem ist nicht
ein Mangel an irdischem Wohlbefinden, sondern eine tief gestörte Gottesbeziehung. Und
an diesem Punkt setzt darum das Evangelium an. Wenn aber empörte Menschen Gottes
Therapie nicht würdigen, nicht darauf eingehen und sie nicht anwenden, so liegt es wohl
daran, dass sie die Diagnose nicht verstanden haben. Sie rufen: „Warum beseitigt Gott
nicht endlich das Übel?“ Dabei hat es seine Quelle in ihrem eigenen Herzen. Und Gott
steht bereit, um das Übel dort zu bekämpfen. Weil es aber keinen Sinn machte, das physische Übel aufzuheben ohne das geistliche Übel anzutasten, aus dem es entspringt, darum hebt Gott das Leiden in der Weise auf, dass er zuerst die Voraussetzungen aufhebt,
unter denen das Leiden zwangsläufig ist.
Die Gläubigen erfahren das in eindrucksvoller Weise, weil das Evangelium ihr Hauptproblem löst und ihren inneren Schaden so heilt, dass sie mit Gott ins Reine kommen.
Der Wunsch der Anderen aber, Gott möge sie ungebessert und unverändert bloß glücklicher machen – und sonst in Ruhe lassen –, ist kurzschlüssig. Sie dekretieren, wenn Gott
sie wahrhaft liebte, müsste er doch tun, was sie sich wünschen! Gott aber lässt sich davon nicht irritieren, liebt weiterhin auf seine Weise und tut täglich und verlässlich das,
was er im Neuen Testament versprochen hat: Er bietet mit dem Evangelium Erlösung an
und ist bereit, den Sünder von der Sünde zu unterscheiden, sobald der diese Unterscheidung mitvollzieht. Niemand, der zu Christus kommt, wird abgewiesen! Dem Suchenden
steht Gottes Reich offen! Nur, dass der Weg dorthin auch noch bequem sein müsste, das
sollte man nicht erwarten. Denn Gottes zupackende Liebe hat es in erster Linie nicht auf
unser Wohlbefinden abgesehen, sondern auf unser Heil. Gottes Liebe tut, was für uns
gut ist, und nicht, was wir gut finden. Gottes Liebe will uns für die Gemeinschaft mit
ihm tauglich machen. Und so weit zu diesem Reifungsprozess auch Leiden nötig sind,
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wird Gott es daran nicht fehlen lassen. Denn er liebt nicht so, dass er beliebige Güter
schenkt, nach denen uns gerade der Sinn steht, sondern so, dass er Erfahrungen schenkt,
die wir für unser Fortschreiten nötig haben. Gottes Liebe gibt auch den Christen nicht,
was sie sich wünschen, um auf Erden lustig zu leben, sondern, was sie brauchen, um
sicher bei ihm im Himmel anzukommen. Und Leid steht zu solcher Liebe keineswegs im
Widerspruch, sondern gehört regelmäßig zu der rauen Pädagogik dazu, die Gott unserem
Starrsinn entgegensetzt…
Fazit:
Der Vorwurf, Gott sei dem Übel dieser Welt gegenüber untätig, ist unzutreffend und beruht nur darauf, dass der Mensch nicht einverstanden ist mit der Weise, auf die ihm Gott
zu helfen gedenkt. Gott ist durchaus allmächtig und ist auch voller Liebe, entscheidet
aber selbst, worin sich seine Liebe offenbart. Und das sind nicht beliebige Wohltaten,
sondern es ist genau das, was Christus zur Erlösung der Sünder tat, und der Heilige Geist
immer wieder an ihnen tut. Wenn im Neuen Testament von Gottes Liebe die Rede ist,
dann ist das eine abgekürzte Rede dafür – und für nichts anderes. Denn nicht „irgendwie“ hat Gott die Welt geliebt, sondern „also“, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verlorengehen (Joh 3,16). Gott beseitigt nicht, was
wir für unser Problem halten, sondern, was – nach seiner tieferen Einsicht – unser Problem ist. Wenn es Menschen aber nach einem anderen „Heil“ verlangt und sie Gott zum
Vorwurf machen, dass er sie inmitten ihrer Verkehrtheit und Bosheit nicht glücklicher
macht, dann muss das aus den dargelegten Gründen zurückgewiesen werden.
Ein (theo-)logisches Paradox oder eine Widerlegung des Glaubens ergibt sich nicht, denn
die Theodizeefrage argumentiert unter Voraussetzungen, die der christliche Glaube so
gar nicht teilt. Der lebendige Gott hat deutlich mehr Eigenschaften als nur Allmacht und
Liebe. Er ist auch streng und gerecht. Seine Liebe ist kein abstraktes Prinzip. Sie gilt
nicht einfach „jedem“ und ist schon gar nicht einklagbar. Das menschliche Leiden ist
kein Rätsel, sondern ein Resultat menschlicher Schuld. Und aufgehoben wird es nicht
durch eine äußere Beglückung des Menschen, sondern durch seine innere Wandlung.
Wer aber steht dieser gründlichen Lösung im Wege? Steht etwa Gott ihr im Wege, der
selbst den Kreuzestod nicht scheute, um die nötigen Voraussetzungen zu schaffen? Steht
der Lösung nicht eher der Mensch im Wege, der sein selbstverschuldetes Elend Gott zum
Vorwurf macht, statt den Heilsweg zu gehen, der ihm längst eröffnet und gewiesen wurde? Die Ankläger idealisieren den Menschen und dämonisieren Gott. Er aber will uns
gründlicher helfen als wir es ahnen. Er will die Voraussetzungen aufheben, unter denen
unser Leiden zwangsläufig ist. Und dafür, dass er‘s tut, obwohl die Menschheit es ihm so
schlecht dankt, dafür gebühren ihm Lob und Ehre in Ewigkeit…
Nachbemerkung:
Wie oben gezeigt beweisen die Aporien der Theodizeefrage nicht, dass es Gott nicht gäbe,
sondern nur, dass der Gott, den es gibt, nicht ist, wie der Mensch ihn gern hätte. Dies
aber so ausdrücklich festzustellen, ist ein religionskritisches Eigentor der Atheisten.
Denn mit der Ablehnung, die sie Gott entgegenbringen, widerlegen sie ein anderes,
ebenso populäres religionskritisches Argument. Ihre Ablehnung zeigt eindrucksvoll, dass
der Gott, den es gibt, absolut nicht ist, wie ihn sich menschliche Phantasie zum eigenen
Troste zurechtlegen und ausdenken würde. Eine Projektion menschlicher Wünsche sähe
ganz anders aus! Und das heißt: Der wahre Gott, der biblische Gott, bekommt von seinen
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Gegnern bescheinigt, dass er kein Wunschtraum ist. Sie beteuern, dieser Gott sei kaum
auszuhalten. Und als Christ muss man dem nicht einmal widersprechen. Der Verdacht
aber, der christliche Glaube entspränge einem menschlichen Trost- und Harmoniebedürfnis, ist damit von ganz unverdächtiger Seite unfreiwillig wiederlegt…
51. Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde
Es gibt eine Frage, in der wir eigentlich alle Experten sein müssten, weil sie uns unmittelbar betrifft. Und doch bringt uns gerade diese Frage in Verlegenheit – wenn nämlich
jemand fragt, was eigentlich ein „Mensch“ ist. Was ist ein Mensch? Was macht den Menschen zum Menschen? Das müssten wir eigentlich beantworten können, denn schließlich geht es um uns selbst, um das spezifisch „Menschliche“ unserer Natur, das uns von
den Tieren abhebt und uns eine besondere Würde verleiht – nämlich „Menschenwürde“.
Man sollte meinen, dass wir darüber Bescheid wissen. Und doch, wenn ich Konfirmanden danach frage, kommen sie schnell in Schwierigkeiten: „Was ist der Mensch?“ – „Na
ja, der Mensch ist ein Lebewesen“ sagen sie. Aber das sind auch die Fliege an der Wand
und der Wurm im Garten. Die biologischen Grundprozesse haben wir mit den Tieren
gemein, und darum kann in ihnen das spezifisch „Menschliche“ nicht beschlossen liegen. „Hm“ – sagen die Konfirmanden dann. „Der Mensch beherrscht als einziger den aufrechten Gang“. Aber wenn uns das zu Menschen machte, dann wäre der Gelähmte, der
im Rollstuhl sitzt, kein Mensch mehr. Und das will im Ernst keiner behaupten.
„Na, ja“ heißt es schließlich „Der Mensch kann denken, er ist klug“. Aber wenn es allein
der Verstand wäre, der uns zu Menschen macht, dann würden die Säuglinge, die geistig
Behinderten und die dementen Alten aus dieser Definition schnell herausfallen. Sie
würden mangels geistiger Fähigkeiten den Status des „Menschen“ verlieren. Und zugleich müsste man folgern, dass die besonders Klugen aufgrund ihrer Klugheit in höherem Grade „Mensch“ wären als die anderen. Das verneinen meine Konfirmanden natürlich. Und dann macht sich Ratlosigkeit breit. Denn an dieser Stelle merkt jeder, was für
gefährliche Folgen es hat, wenn man die Wesensbestimmungen des Menschen auf seine
geistigen Leistungen gründet. Es ist dann nämlich ganz leicht, jemandem die menschliche Würde abzuerkennen, sobald er diese Leistungen nicht erbringt. Das kann nicht richtig sein. Aber was ist es dann? Was macht dann den Menschen zum Menschen – was unterscheidet ihn vom Tier?
Die biblische Schöpfungsgeschichte gibt auf diese Frage eine ganz eigene Antwort. Denn
das besondere Kennzeichen des Menschen ist in der Bibel, dass er zum Ebenbild Gottes
geschaffen wurde: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes
schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ So steht’s geschrieben. Nur: Was soll es
besagen? Wer unbefangen hört, der Mensch sei Gottes „Ebenbild“, der beginnt nach Ähnlichkeiten zu suchen. Denn üblicherweise sagt man ja, ein Junge sei das „Ebenbild“ seines Vaters, wenn er die gleiche Nase hat, die gleiche Augenfarbe und vielleicht die gleichen Ohren. Wir unterstellen, ein Ebenbild müsse dem Vorbild ähnlich sein und müsse
ihm möglichst gleichen wie ein Ei dem anderen gleicht. Wenn wir das aber auf uns und
Gott übertragen, kommen wir zu absurden Konsequenzen. Denn wenn Gott sich den
Menschen zum Ebenbilde schafft, kann das ja nicht bedeuten, der Mensch sei genauso
allmächtig, genauso allwissend und barmherzig, so allgegenwärtig und ewig wie Gott.
Das ist ganz offenbar Unfug. Denn sollten wir Gott gleichen wie eine Briefmarke der an186
deren, so müssten aus Menschen Götter werden. Das kann nicht gemeint sein. Was ist
aber dann ein „Ebenbild Gottes“? Ich meine, wir verstehen den biblischen Begriff besser,
wenn wir an den Abdruck denken, den ein Siegel hinterlässt, wenn es in das heiße Siegelwachs gedrückt wird. Der Abdruck, der im weichen Wachs entsteht, ist nämlich ein
genaues Ebenbild des metallischen Siegels, das den Abdruck erzeugt. Und dennoch entsprechen den Vertiefungen im Siegel nicht etwa Vertiefungen im Wachs, sondern Erhöhungen – und den Erhöhungen im Siegel entsprechen im Wachs nicht Erhöhungen, sondern Vertiefungen. Wir finden im Wachs also keineswegs ein zweites Siegel, da entsteht
kein identischer Zwilling, aber wir finden im Wachs ein präzises Abbild. Und genau so
etwas sollen wir Menschen sein im Gegenüber zu Gott, dem wir zwar niemals gleichen
werden, dem wir aber durchaus entsprechen können:
Gottes Allmacht entsprechen wir, wenn wir nicht versuchen unser selbst mächtig zu
sein. Und Gottes Ewigkeit entsprechen wir, wenn wir unsere eigene Endlichkeit annehmen. Gottes Barmherzigkeit entsprechen wir, indem wir darauf vertrauen. Und Gottes
Gebieten entsprechen wir, indem wir gehorchen. Wo Gott ruft, da sollen wir antworten.
Wo er Zusagen gibt, sollen wir ihm glauben. Und wo er spricht, sollen wir zuhören. Das
ist natürlich nicht die Art, wie eine Briefmarke der anderen gleicht. Nein! Aber es ist die
Art, wie der Abdruck im Siegelwachs dem Siegel entspricht, weil es von ihm die Prägung
erhält. Und genau so sollen wir uns prägen lassen von Gottes Wirken an uns: Wo er uns
beschenkt mit dem täglichen Brot – da sollen wir’s mit Dank empfangen. Und wo uns
seine Gebote warnen – da sollen wir die Finger von lassen. Wo Gott uns Grenzen setzt –
da sollen wir sie akzeptieren. Und wo er uns einlädt fröhlich zu sein – da sollen wir uns
nicht bitten lassen. Seiner Liebe entsprechen wir, indem wir sie an andere weitergeben.
Und sein Zorn spiegelt sich in unserer Buße. Gottes Treue entspricht unser Bekenntnis.
Und aus seinen Verheißungen speist sich unsere Hoffnung.
Denn eben dazu hat uns Gott geschaffen, dazu hat er den Menschen bestimmt, dass er
sein Ebenbild und Gegenüber sein soll – darin liegt der besondere Sinn unseres menschlichen Daseins. Denn die Pflanzen und die Tiere, so sehr Gott sie liebt, können ihm doch
auf diese Weise nicht entsprechen. Die Tiere haben keine Worte zum Lobpreis, sie sprechen keine Gebete, sie können Gottes Gedanken nicht folgen, sie erzählen nicht von seinen Wundern und singen auch keine Choräle. Gottes Größe ist ihnen nicht bewusst und
sie haben nicht die Freiheit, „Du“ zu ihm zu sagen. Der Mensch aber kann seinem Schöpfer ein verständiges, antwortendes Gegenüber sein – und entspricht so seiner Bestimmung zum Ebenbild Gottes.
Doch entspricht der Mensch dieser Bestimmung tatsächlich? Leben wir das ganz besondere, ganz auf Gott bezogene Mensch-Sein, das wir gerade beschrieben haben? Sind wir
so? Nein. Es gilt realistisch zu sein. Und die theologische Tradition lehrt darum, dass die
Ebenbildlichkeit des Menschen verloren ging, als er sich dem Bösen öffnete. Sie zerbrach
im Sündenfall. Und seither steht unser Leben nicht mehr in harmonischem Verhältnis
zum Wirken Gottes, sondern im Gegensatz dazu: Wo Gott uns beschenkt, sagen wir meistens nicht danke. Und wo er „halt“ ruft, gehen wir oft weiter. Gottes Einladungen werden vielfach ignoriert. Seine Liebe findet keine Erwiderung. Und seine Warnungen verhallen ungehört. Zwischen Gott und Mensch ist ein Missverhältnis eingetreten. Wir passen zusammen wie Pizza und Schokoladensoße. Wir passen in Gottes Plan wie Sand ins
Getriebe. Wir passen eigentlich gar nicht mehr zu Gott. Und das heißt: Der Abdruck, den
Gottes Siegel im Wachs der menschlichen Natur hinterlassen hat, der ist zerkratzt und
entstellt. Gottes Ebenbild in uns ist fast unkenntlich geworden. Und das wahre Mensch187
Sein findet so gar nicht statt. Das ist gewiss keine gute Nachricht. Aber die Lage ist nicht
aussichtslos. Denn wenn wir auch die Ebenbildlichkeit selbst verloren haben, so haben
wir doch die Bestimmung zum Ebenbild Gottes nicht verloren. Da ist ein Teil unseres
Erbes, den wir nicht verschleudern konnten. Und ich meine, dass wir ihn nun unbedingt
festhalten sollten. Denn zum Ebenbild Gottes „bestimmt“ zu sein, das ist uns geblieben,
daran hängt das Menschsein des Menschen – und das ist auch der Grund seiner menschlichen Würde! Wäre es die Vernunft, auf der diese Würde fußte, wäre es die Sprache, der
aufrechte Gang oder sonst eine besondere Leistung, so wäre die Menschenwürde verlierbar. Den ungeborenen Kindern käme sie genauso wenig zu wie den geistig Behinderten
und den dementen Alten. Sie fielen aus der Definition des Menschseins ganz schnell
heraus! Liegt aber das Wesen des Menschen in seiner Bestimmung zum Ebenbild Gottes,
so ist diese Bestimmung unverlierbar. Sie ist nicht Leistung, sondern Gnade, und bleibt
doch als gnädige Gabe zugleich eine Aufgabe, der wir uns stellen können. Denn durch
den Glauben haben wir die Chance, etwas von dem entstellten Ebenbild in uns wiederzugewinnen. Derzeit bleiben wir zurück hinter dem wahren Mensch-Sein, zu dem wir
berufen sind. Wir hinken unserer Bestimmung hinterher. Wir sind noch nicht, was wir
sein sollen. Uns fehlt ganz viel, um Gottes Ebenbilder zu sein. Aber entmutigen muss
uns das nicht. Denn Gottes große Einladung, von ihm her und auf ihn hin zu leben, wird
deswegen nicht zurückgenommen. Vielmehr hat er uns auf dem Wege zum vollen
Mensch-Sein das denkbar beste Vorbild vor Augen gestellt. Er hat uns Jesus Christus gesandt, der der einzige vollendet “ebenbildliche“ Mensch war. Und durch seine Gnade
ermutigt und befreit, dürfen wir uns im Glauben aufmachen, auch selbst im vollen Sinne
„Mensch“ zu werden. Will man das Gesagte zusammenfassen, so kann man es darum in
eine Aufforderung kleiden, die albern klingt, die aber dennoch ein ganzes Lebensprogramm in sich birgt: „Mach’s wie Gott – werde Mensch“.
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52. Der Sinn des Lebens
Wozu sind wir da?
Manchmal kommt einem das Leben vor wie eine lange Fahrt auf dem Karussell. Die ersten Runden, die man als Kind gedreht hat, waren aufregend, und jeder Tag brachte neue
Sensationen. Aber wenn man älter wird, kennt man’s langsam und fragt sich, ob noch
Überraschungen zu erwarten sind. Wir sind noch ein Jahr dabei, und noch eins – und
nicht alles sieht nach Fortschritt aus, denn das Jahreskarussell bringt einen ja nicht wirklich weiter, sondern immer nur im Kreis der Monate herum zum nächsten 1. Januar.
Was soll also die rasende Fahrt, wenn wir dabei nur älter werden – und nicht unbedingt
besser? Bewältigen wir Tag für Tag bloß weil uns keine Alternative einfällt? Oder halten
wir uns an unserem Platz für unentbehrlich? Machen wir weiter, weil’s immer wieder
lustig ist – oder einfach, weil wir (wie die Tiere) darauf gepolt sind, unser Leben instinktiv zu erhalten? Geben wir uns Mühe alles am Laufen zu halten, weil auch ein sorgenvolles Leben immer noch reizvoller scheint als der Tod? Oder bleiben wir nur im Spiel, weil
wir die Tür nicht finden?
Vielleicht klingt es hart: Aber manche Menschen machen nicht weiter, weil sie in ihrem
Leben Sinn sehen, sondern einfach nur, weil sie nun mal da sind, weil das Weitermachen am einfachsten ist, weil es scheinbar keiner Begründung bedarf und weil die Anderen es ja auch tun.
Manche gehen ihren Weg nur aus Gewohnheit weiter – und weil beim Stehenbleiben
allzu offenkundig würde, dass man gar kein Ziel hat. Vorsichtshalber fragen sie nicht
nach dem Sinn des Ganzen und ob sich’s „lohnt“. Und doch spürt wohl jeder, dass der
Mensch Ziele braucht und tief drinnen wissen will, wofür er da ist! Denn man erträgt so
mancherlei, wenn man weiß wozu. Man ertrüge aber sein Leben nur schwer, wenn man
nicht glauben dürfte, dass es zu etwas gut ist! Und darum versuchen viele, sich immer
neu zu motivieren, indem sie den tieferen Sinn, den sie vermissen, ihrem Leben verleihen wollen, und versuchen wichtig zu werden, indem sie sich wichtig machen.
Je mehr sie daran zweifeln, umso lauter betonen sie, dass sie gebraucht werden – von der
Firma, vom Verein oder von der Familie. Sie sprechen gern davon, dass es ohne sie nicht
ginge, weil’s das ist, was sie glauben möchten. Und dann versuchen sie, sich dem Dienst
einer möglichst bedeutenden Sache zu widmen, damit auch ihr Leben dadurch Bedeutung gewinne. Ihr Dasein soll dadurch gerechtfertigt sein, dass der Betrieb sie braucht,
dass die Familie von ihnen abhängt, der Hund – oder wenigstens der Garten. Ein Teil der
Welt soll auf ihren Schultern ruhen! Denn wenn ich zu etwas gut bin, wie könnte ich
dann nicht „gut“ sein? Es sichert mir meinen Platz in der Welt, wenn ihn kein anderer
auszufüllen vermag. Und darum ist es so beruhigend, gebraucht zu werden.
Doch ich meine, dass in alledem viel Selbstbetrug enthalten ist, und dass er sogar mangelnden Glauben verrät. Denn hinter dem Versuch, die eigene Existenz durch Fleiß zu
begründen und zu rechtfertigen, steht ja die Überzeugung, dass es sonst keiner täte. Es
steht dahinter die Meinung, mein Leben hätte keinen Sinn, wenn ich ihm keinen gäbe.
Und das ist nichts anderes als Unglaube und Gottvergessenheit. Denn wenn ein Mensch
wirklich glaubt, dass Gott ihn geschaffen und gewollt hat – warum sollte der noch nach
anderen Gründen suchen, die ihn zur Existenz berechtigen?
Wollen wir wirklich durch Tüchtigkeit beweisen, dass wir „verdientermaßen“ leben, obwohl Gott uns das Leben doch einfach geschenkt hat? Machen wir uns „nützlich“, um
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den uns drohenden Tod durch Leistung ins Unrecht zu setzen? Will der Fleißige der Welt
beweisen, dass er mehr als der Faule zu leben verdient? Laden wir Lasten auf unsere
Schultern, um uns und anderen zu zeigen wie wichtig wir sind? Wäre es so, so gerieten
wir jedenfalls auf eine ganz schiefe Bahn und würden uns mit solchen Versuchen der
Sinnstiftung selbst überfordern. Denn wirklich sinnvoll ist nur das Tun, bei dem Aufwand und Ergebnis in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Wenn der Aufwand aber
mein gesamtes Leben ist – welches Ergebnis könnte ich dann zuwege bringen, das diesen
Aufwand rechtfertigt?
Welcher Ertrag meines Daseins wäre so dauerhaft und so großartig, dass es sich um seinetwillen gelohnt hätte? Ist es nicht so, dass aus dem Aufwand meines Lebens in erster
Linie mein Tod resultiert? Und: Kann ich überhaupt sicher sein, dass ich der Welt aufs
Ganze gesehen mehr genutzt als geschadet habe? Wer wagte denn zu behaupten, er sei
auf der Welt, weil der Welt sonst etwas gefehlt hätte? Und wer wagte zu behaupten, die
Fürsorge Gottes, die Liebe seiner Eltern und die Mühe seiner Lehrer habe sich gelohnt?
Kein Mensch kann sicher sein, dass das, was ihm wichtig schien, auch wichtig war! Und
schon darum sind menschliche Schultern prinzipiell zu schmal, als dass sie die Last der
Sinnstiftung tragen könnten. Der Versuch, das eigene Dasein durch Leistungen zu rechtfertigen, scheitert bei allen, die ihn unternehmen. Denn in Wahrheit sind wir nicht nötig, sondern könnten durchaus fehlen – ohne dass dadurch in der Welt ein Widerspruch
oder eine Lücke entstünde. Wo das einer aber nicht glauben mag, da erbringt sein Tod
recht bald den Nachweis. Denn das Dasein des Einzelnen hinterlässt keine langfristigen
Spuren. Und auch Gottes Pläne gelingen ohne unsere Mitwirkung.
Der Versuch, in aktiver Selbstbegründung das eigene Dasein durch seinen Nutzen zu
rechtfertigen, scheitert darum – und soll auch scheitern. Denn in Wahrheit ist der Sinn
unseres Lebens nie unsere Tat, sondern ist und bleibt eine Vorgabe des Schöpfers. Der
will uns, bejaht uns und legitimiert unser Dasein nicht etwa, weil wir für ihn unersetzlich wären, sondern tut’s einfach so in göttlicher Freiheit und Freundlichkeit. Und schon
allein, weil’s Gottes Wille ist, ist unser Dasein wertvoll und der damit verbundene Aufwand sinnvoll. All unser „wozu?“ und „wofür?“, „was bringt’s?“ und „was soll’s?“ findet
darin seine Antwort! Denn unser Dasein geht auf einen göttlichen Wunsch und Befehl
zurück, dessen Erfüllung dem Entstandenen seinen Sinn vorgibt.
Oder ist es bei den Dingen, die wir Menschen herstellen, nicht genauso? Man baut einen
Stuhl, um darauf zu sitzen, und einen Kugelschreiber, um damit zu schreiben. Der Erfinder und Schöpfer einer Sache gibt ihr die Form, die sie haben muss, um eine durch seinen Willen vorgegebene Bestimmung zu erfüllen und den von ihm beabsichtigten Zweck
zu erreichen. Da der Mensch nun aber nicht sein eigener Schöpfer, sondern ein Geschöpf
Gottes ist, ist ihm (genau wie dem Stuhl oder dem Kugelschreiber) seine Bestimmung
vorgegeben, die sich aus dem Willen Gottes ergibt. Denn der Daseinszweck des Menschen ist, als Gottes Ebenbild und geschöpfliche Entsprechung mit Gott in Gemeinschaft
zu sein. Und diese Gemeinschaft mit dem Menschen will Gott nicht um eines Zweckes
willen, der jenseits dieser Gemeinschaft läge, sondern will sie um ihrer selbst willen.
Diese Gemeinschaft „bringt’s“, dazu sind wir „gut“, das ist unser „wofür“, darum „lohnt“
unser Leben! Und eine schlagendere Antwort, eine bessere Rechtfertigung als dass Gott
uns wollte, hätte keiner jemals beibringen können. Denn keiner von uns wäre wichtig,
wenn er Gott nicht wichtig wäre. Unser Dasein entspringt keiner Forderung der Vernunft, keiner Kosten-Nutzen-Rechnung und keiner höheren Notwendigkeit, sondern wir
sind bloß da, weil Gott es in seiner Freiheit so will und uns zur Gemeinschaft mit ihm
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geschaffen hat. Wir könnten unserem Dasein keinen Sinn verleihen, wenn es nicht von
Anfang an diesen Sinn hätte.
Dass diese Vorgabe aber von unseren Qualitäten und Verdiensten ganz unabhängig ist,
muss uns nicht kränken, sondern ist in Wahrheit eine gute Nachricht, die uns sehr entlastet. Denn so muss unsere Existenz nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass wir toll,
tüchtig oder einmalig wären, sondern ist (auch bei uns Durchschnittsmenschen!) vollauf
gerechtfertigt, begründet und legitimiert durch den freien Willen und Beschluss des
Schöpfers. Jeder von uns ist nur ein klitzekleiner Teil seines großen göttlichen Planes!
Aber das reicht. Denn wer den kleinsten Teil dieses Planes in Frage stellen wollte, müsste mit dem Allmächtigen Streit anfangen, der ihn entworfen hat. Und weil das keiner
wagen darf, sind wir in der glücklichen Lage, dass ich meine Existenz nicht vor Ihnen
rechtfertigen muss, und Sie müssen es nicht vor mir. Keiner von uns lebt, weil er nützlich und brauchbar wäre als Mittel für die Zwecke der Anderen, sondern jeder von uns ist
Selbst-Zweck! Ohne dass wir uns anstrengen müssten, ist der Aufwand unseres Lebens
schon gerechtfertigt, denn dass ein Mensch da ist, beweist, dass er von Gott vorgesehen
war!
Wenn das aber feststeht, wäre es da nicht sehr überheblich, wenn einer nachträglich beweisen wollte, dass Gott gut daran tat, ihn zu erschaffen? Macht einer sich wichtig, um
nachträglich zu beweisen, dass sich seine Geburt gelohnt hat? Das wäre sehr lächerlich!
Denn wir sind alle bloß da, weil es Gott so gefällt und er (seltsamer Weise) Freude an uns
hat! Er hat uns alle „gratis“ geschaffen und keineswegs, weil er so „tüchtige“ Leute wie
uns gebraucht hätte! Er liebt uns nicht, weil „wir’s bringen“, sondern obwohl wir’s „nicht
bringen“. Eben das aber verleiht uns besondere Würde, dass wir auf allerhöchsten
Wunsch und Befehl auf Erden sind. Denn eine höhere Legitimation kann es nicht geben.
Die Frage, ob einer fürs Getriebe dieser Welt nützlich oder überflüssig sei, hat sich damit
erledigt. Und auch das ganze Gerede, der Mensch müsse seinem Leben Sinn „geben“ oder
Sinn „verleihen“, erweist sich als irreführend und im Wortsinne „gott-los“, weil es den
Gott ignoriert, der allein Sinn zu stiften vermag. Lebenssinn ist nicht unsere Tat, sondern ist eine Gegebenheit in dem wörtlichen Sinne, dass er uns vor-gegeben ist. Für
Christen bedeutet Sinnstreben darum nur, den Sinn zu entdecken, den unser Leben von
Gott her schon hat. Wollte Gott aber die Gemeinschaft mit dem Menschen – was wäre
dann sinnvoller, als diese Gemeinschaft zu leben und das eigene Dasein genau dafür zu
nutzen?
Vielleicht lebe ich diese Gemeinschaft als fleißiger Arbeiter oder als duldsamer Kranker,
vielleicht trage ich vor Gott die Lasten des Alters oder freue mich vor Gott an den Freuden der Jugend. Wie sich das konkretisiert ist so bunt-verschieden, wie wir selbst bunt
und verschieden sind. Aber an seinem Lebenssinn zweifeln oder verzweifeln muss keiner. Denn wer wollte Gott unterstellen, er hätte auch nur einen einzigen Menschen „für
nichts“ geschaffen, hätte es planlos oder grundlos getan? Anzunehmen, Gott habe sich
bei der Erschaffung irgendeines Wesens nichts gedacht, wäre gelinde gesagt eine Frechheit. Denn solange Gott einen Menschen leben lässt, hat sein Leben Sinn. Und hätte es
in Gottes Augen wirklich keinen, so lebte der Mensch nicht. Wenn damit aber feststeht,
dass unser aller Leben Sinn hat, und auch worin er liegt (dass wir nämlich in die Gemeinschaft mit Gott immer weiter hineinwachsen), warum kommt uns dann im Leben
so vieles sinnlos vor?
Ich meine, es liegt nur daran, dass wir bei der Bewertung der Dinge allein auf unsere
menschlichen Pläne starren – und nicht auf Gottes Plan. Wir messen alles an unseren
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eigenen Zielen, und wenn die nicht erreichbar sind, scheint uns alles vergeblich. Wenn
der Gefangene nicht fliehen kann und der Kranke nicht gesundet, wenn der Schwache
nicht siegen kann und der Verliebte abgewiesen wird, dann erreichen sie ihre selbstgesetzten Ziele nicht, und mit ihren Plänen scheitert gewiss auch der Sinn, den sie ihrem
Dasein zu geben gedachten!
Aber wer sagt denn, dass es auf die menschlichen Pläne und Ziele ankäme? Wirklich
sinnlos wäre unser Dasein nur, wenn Gott nichts mehr mit uns vorhätte. Doch der Weg
zu ihm steht immer offen. Und der Lebenssinn, der sich aus Gottes Plan ergibt, kann
darum in jeder Lage ergriffen werden, weil Gott in jeder Lage erreichbar bleibt. Es gibt
keine Umstände, die die Gemeinschaft mit Gott unmöglich machten. Wenn jemand also
meint, er könne nicht sinnerfüllt leben, weil er zu krank sei, zu schwach, zu gelähmt, zu
deprimiert, zu arm, zu schlecht oder zu dumm – dann irrt er. Denn wenn er seine Schwäche nur herzlich vor Gott beklagt und sein Unvermögen Gott vor die Füße legt, dann hat
er in dieser Sekunde mehr Sinnvolles getan als andere in zehn Jahren – und hat sein Leben aufs Beste genutzt!
Unter allen Umständen und in jeder Lage kann man sinnerfüllt leben, weil es nicht die
Umstände sind, die uns dazu Gelegenheit geben müssten, sondern weil es Gott ist, der
uns diese Gelegenheit jederzeit gibt. Der Arbeiter kann Gott seine Arbeit widmen, der
Rentner seine Ruhe, der Sieger seinen Sieg, und der Narr sogar seine Narrheiten. Jeder
kann sein Tun und Lassen auf Gott hin orientieren – und es wird eben darum sinnvoll
sein. Denn auch wenn ein Mensch krank auf dem Rücken liegt und für jeden Handgriff
Hilfe braucht – und er duldet das vor Gott –, so verwirklicht er darin seine menschliche
Bestimmung zur Gemeinschaft mit Gott. Und vielleicht gibt es weit und breit kein sinnvolleres und wichtigeres Werk, als die Geduld dieses Kranken!
Lässt Gott mich auf der Stelle treten, so ist es der Sinn meines Lebens, geduldig vor Gott
auf der Stelle zu treten. Und gibt Gott mir Gelegenheit Neues zu wagen, so ist es der Sinn
meines Lebens, vor Gottes Angesicht Neues zu wagen. Dass aber keine Gelegenheit wäre,
etwas Sinnvolles zu tun, das ist ausgeschlossen, weil man, was auch immer, mit Bewusstsein vor Gott tun kann, es zur Ehre Gottes tun kann – und es dann garantiert sinnvoll ist, weil sich darin die Gemeinschaft mit Gott verwirklicht, zu der wir geschaffen
sind.
Mag unser Alltag banal sein oder großartig, fröhlich oder schmerzvoll, langweilig oder
spannend: Was immer wir tun, kann sinnerfüllt und befriedigend sein, wenn wir‘s nur
von Gott annehmen und ihm widmen. Denn von ihm her und auf ihn hin zu leben, ist
der Zweck unseres Daseins, der nicht nur unter glücklichen Umständen erreicht werden
kann, sondern unter allen Umständen.
Wenn wir das nächste Jahr noch erleben, hat das keinen anderen Grund, als dass Gott die
Gemeinschaft mit uns immer noch will. Und einen anderen Sinn könnten wir unseren
Jahren auch gar nicht geben. Den Sinn aber, den sie von Gott her schon haben, den können wir bewusst leben – und werden am Schluss sagen: „Das hat’s gebracht!“ Denn wenn
unsere Jahre einmal enden, geht unsere zeitliche Gemeinschaft mit Gott ja nur in die
ewige Gemeinschaft über, und der Aufwand unseres Lebens wird sich dann tausendfach
gelohnt haben, weil Gott selbst unser Lohn ist.
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53. Sünde
Ein Freund von mir, der auch Pfarrer ist, erzählte mir einmal von seiner ersten Konfirmandenstunde zum Thema Sünde. Weil er wusste, dass das ein schwieriges Thema ist,
hatte er sich mit der Vorbereitung viel Mühe gegeben. Er erläuterte den Konfirmanden,
was das Wort Sünde in der Bibel bedeutet, und erklärte ihnen, dass der Mensch im
Grunde seines Herzens keineswegs gut ist. Seine Erklärungen schienen sehr einleuchtend zu sein. Denn erfreut und überrascht konnte mein Kollege feststellen, dass die Kinder ihm zustimmten. Ja, sie fanden selbst viele Beispiele für die Schlechtigkeit des Menschen: Kriege und schreckliche Verbrechen, Mord und Totschlag, Lüge und Betrug, Habgier und Rücksichtslosigkeit. Jeder Konfirmand wusste ein Beispiel zu nennen, das zeigt,
dass der Mensch böse ist und nicht gut. Doch die große Selbstverständlichkeit, mit der
das harte Urteil über „den Menschen“ gefällt wurde, machte meinen Freund dann doch
stutzig. Er fragte nach und fand am Ende heraus, dass die Konfirmanden wohl „den Menschen“ insgesamt und überhaupt für sündhaft hielten – nicht aber sich selbst. Dass „der
Mensch“ als solcher nicht gut ist, hatte ihnen schnell eingeleuchtet. Aber sie bezogen
dieses Urteil nicht auf sich. Sich selbst hielten die Konfirmanden für gar nicht so übel.
Sie hatten also von der Sünde gesprochen wie von etwas, das nur die anderen betrifft.
Mein Freund hat aus dieser Begebenheit viel gelernt. Und auch ich finde sie bedeutsam.
Denn sie ist typisch für unseren Umgang mit dem Thema Sünde. Die meisten Erwachsenen würden zwar nicht leugnen, Sünder zu sein. Sich als Sünder zu bekennen, gehört
unter Christen ja gewissermaßen zum guten Ton. Doch fragt sich, ob das Herz auch fühlt,
was die Lippen bekennen. Und da vermute ich, dass es den meisten so geht wie jenen
Konfirmanden: Im Grunde fühlen wir uns nicht als Sünder. Im Grunde finden wir uns
gar nicht so übel. Denn lügen, morden, stehlen wir etwa? Führen wir nicht in der Regel
ein anständiges Leben? Beschränkt sich unsere Sündhaftigkeit nicht auf kleinere moralische Pannen? Und sind wir wegen gewissen menschlichen Schwächen etwa schlechter als
andere? „Nein“ ruft es in uns – wir sind doch Menschen guten Willens! Und schon sind
wir überzeugt von unserer relativen Unschuld, sind beruhigt und gehen zur Tagesordnung über. Doch leider beruht diese Beruhigung auf einem Missverstehen dessen, was
Sünde ist.
1. Sünde ist kein Tun
Es ist ein Missverständnis, wenn wir meinen, Sünde sei etwas, was man tut, Sünde bestehe also in unmoralischen Handlungen. Das ist ein Missverständnis, denn Sünde ist in
erster Linie kein Tun, sondern ein Zustand. Dieser innere Zustand manifestiert sich in
Taten – das ist wohl wahr. Aber die äußeren Taten sind nicht das eigentliche Übel, sondern sind nur Folgen eines tiefer liegenden, inneren Schadens. Verständlich wird das
vielleicht, wenn man die Sünde mit einer Krankheit vergleicht. Wenn jemand hustet und
die Nase läuft, wenn er Fieber hat, wenn er brechen muss und einen Hautausschlag bekommt, folgern wir daraus, dass er krank ist. Doch wissen wir, dass Husten, erhöhte
Temperatur und Übelkeit nicht die eigentliche Krankheit sind. Es sind nur die äußeren
Symptome und Auswirkungen der Krankheit, es sind nur äußere Anzeichen dafür, dass
innen im Menschen etwas nicht stimmt.
Darum würde auch kein Arzt bloß den Husten und die Übelkeit bekämpfen, ohne etwas
gegen die Viren und Bakterien zu tun, von denen alles herrührt. Denn wenn der Arzt
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dem Patienten sagte „Unterdrücken sie den Hustenreiz, husten sie nicht mehr!“, würde
der Patient davon nicht gesund. Wie könnte er auch? Seine Krankheit ist nun mal kein
äußeres Tun, das sich unterdrücken ließe, seine Krankheit ist ein innerer Zustand. Ebenso aber verhält es sich mit der Sünde. Denn moralisches Fehlverhalten ist nichts weiter
als ein Symptom und ein äußeres Krankheitszeichen. Daran, dass wir immer wieder gegen Gottes Gebote verstoßen, wird äußerlich sichtbar, dass in uns Sünde wohnt – ja. Aber
wenn ich einem Kranken sage „Huste nicht mehr!“, so wird er davon nicht gesund. Und
wenn ich einem Sünder sage „Du sollst nicht mehr böse handeln!“, so wird er davon kein
guter Mensch. Vielleicht kann er ein paar unmoralische Handlungen unterdrücken, wie
ein Kranker das Husten unterdrücken kann. Aber sein Problem ist damit nicht gelöst.
Denn die Wurzel des Problems sitzt tiefer – sie sitzt innen im Herzen. Darum muss man
sagen: Sünde ist nicht zuerst Fehlverhalten. Sünde ist ein seelischer Schaden. Sie sitzt
mittendrin im Zentrum unserer Person. Und von diesem Zentrum aus verteilt sie ihr Gift
in alle Bereiche unseres Lebens.
2. Sünde ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel unseres Lebens
Hat man verstanden, wie Sünde unser Zentrum prägt, so klärt sich bald auch das zweite
Missverständnis bezüglich der Sünde: dass man sie nämlich auf bestimmte Ausschnitte
des Lebens beschränkt denkt. Viele sehen das ja so! Weil sie meinen, ihre Sünde bestünde in vielen kleineren und größeren Fehltritten, verstehen sie sie als eine Serie moralischer Pannen in ihrem ansonsten rechtschaffenen Leben. Die Sünde erscheint ihnen als
Ausnahme von der Regel, als unschöne Begleiterscheinung eines ansonsten anständigen
Daseins – sozusagen als ein Kratzer im Lack des Lebens. In Wahrheit ist Sünde aber ein
moralischer Totalschaden. Denn wenn sie als Krankheit im Zentrum der Person sitzt und
von dort ausstrahlt, dann ist klar, dass sie nicht bloß Teilaspekte unseres Daseins in Mitleidenschaft zieht. Vielmehr kommt sie von innen heraus und durchtränkt unser gesamtes Leben, wie Wasser einen Schwamm durchtränkt. Da nützt es nichts, zwischen guten
und schlechten Taten, zwischen schmutzigen und sauberen Aspekten des Lebens unterscheiden zu wollen. Denn wenn Sünde das Leben durchtränkt wie Wasser den Schwamm
– dann ist sie auch wirksam, wo wir meinen recht zu handeln. Ja, sie ist selbst dort präsent, wo wir nach dem Urteil der Welt gute Werke tun. Wie aber das?
Man versteht es, wenn man sich bewusst macht, dass für die Güte unseres Tuns nicht
entscheidend ist, was wir mit unserem Tun ausrichten. Entscheidend ist, ob wir es mit
reinem Herzen tun. Könnten wir etwas aus reiner und guter Gesinnung heraus tun, nur
aus Liebe zu Gott und den Menschen, so wäre es niemals Sünde. Auch dann nicht, wenn
es missglückte, auch dann nicht, wenn es sich durch widrige Umstände schädlich auswirkte und gegen unsere Absicht zum Bösen ausschlüge. Für Gott zählte dann nicht der
Effekt, für Gott zählte allein der gute Wille. Doch gilt das auch im umgekehrten Fall: Was
immer wir aus unreiner Gesinnung heraus tun, das ist niemals gut. Auch dann nicht,
wenn es dem Mitmenschen nützt. Denn die Verkehrtheit des Herzens verdirbt jede noch
so gute Tat.
Da mag einer seine ganze Habe den Armen schenken und viele vor dem Hungertod retten
– wenn es nicht aus Liebe geschieht, wenn es z.B. geschieht, weil er als Wohltäter dastehen will, so ist es kein gutes Werk, sondern Sünde. Denn das Neue Testament sagt: „Was
nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde.“ (Röm 14,23). So ist für die Bewertung
unseres Tuns entscheidend, nicht was wir tun, sondern ob wir es mit reinem Herzen tun.
Was aber kann man mit reinem Herzen tun, wenn man kein reines Herz hat? Nichts.
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Denn ist das Herz falsch und vergiftet, so sind auch alle Gedanken, Worte und Werke, die
aus dem Herzen hervorgehen, ausnahmslos falsch und vergiftet.
3. Sünde setzt kein böses Wollen voraus
Das aber ist nun manchem doch zu viel und erscheint ihm übertrieben, weil wir uns
selbst anders wahrnehmen. Sollte unser Herz wirklich so falsch sein? Sollte da gar nichts
Gutes in uns wohnen? Ist so viel böser Wille in mir? Soll ich mich wirklich für so ein übles Wesen halten, für ein zähnefletschendes Ungeheuer, für einen Knecht des Teufels
gar? Den Schuh ziehen wir uns nicht so schnell an. Denn wir fühlen uns gar nicht „böse“
und empfinden das entsprechende Urteil als ungerecht. Doch beruht auch dies wieder
auf einem Missverständnis der Sünde. Denn um ein Sünder zu sein, ist es nicht erforderlich, anderen Geschöpfen Böses zu wünschen. Es genügt völlig, für sich selbst alles Gute
zu wollen. Um ein Sünder zu sein, muss ich die anderen Menschen nicht hassen. Es genügt völlig, wenn ich mich selbst uneingeschränkt liebe. Damit ist der Teufel schon völlig zufrieden.
Denn natürlich gibt es niemanden, der sich selbst in der Rolle des Bösewichtes sieht. Das
gibt es nur im Fernsehen: Da setzen sich die Bösewichte schwarze Hüte auf und ziehen
ein grimmiges Gesicht, damit auch der letzte Zuschauer merkt, dass sie böse sind. In
Wirklichkeit aber sieht sich niemand selbst in der Rolle des Bösen. Oder glauben sie,
dass Stalin oder Hitler sich selbst für böse hielten und absichtsvoll böse sein wollten? Ich
glaube das nicht, sondern ich vermute, dass sie sich für missverstandene Helden hielten.
Ja, sie waren sicherlich überzeugt, dass sie nur das Beste wollten für die von ihnen regierten Völker. Und hätten sie in sich selbst hineingehorcht wie wir, so hätten sie wahrscheinlich auch gesagt: „Ich finde keinen bösen Willen in mir, ich wollte eigentlich immer nur Gutes.“
Unser subjektives Empfinden von Unschuld beweist also gar nichts und sollte uns auch
nicht beruhigen. Lassen wir uns nicht davon täuschen, wenn wir im Keller unserer Seele
nichts finden, was nach Schwefel stinkt. Lassen wir uns nicht täuschen vom subjektiven
Gefühl der Unschuld. Denn um ein Sünder zu sein, muss man keinen bewussten Bund
mit dem Bösen geschlossen haben – es genügt, einfach so zu sein, wie man ist.
4. Sünde ist eine Form von Egozentrik
Aber wie sind wir? Ich könnte mir vorstellen, dass nun manchem diese Frage unter den
Nägeln brennt. Was soll man sich nach alledem unter „Sünde“ vorstellen? Ein Tun soll es
nicht sein, sondern ein innerer Zustand. Ein Seelenschaden soll es ein, der selbst unsere
guten Taten zu schlechten Taten macht. Und doch soll dieser Schaden nicht darin bestehen, dass der Mensch sich bewusst für das Böse entscheidet. Ja bitte, was soll es denn
dann sein? Ich will ihnen die Antwort nicht schuldig bleiben:
Meiner Meinung nach hat die Sünde ihre Wurzel, ihren Ursprung und ihren harten Kern
in der uns angeborenen Egozentrik. Sie liegt darin, dass jeder von uns sich selbst für den
Mittelpunkt des Universums und für das Maß aller Dinge hält. Natürlich weisen wir das
von uns, wenn jemand fragt. Aber überlegen sie einmal: Woran orientiert sich unsere
Zeitrechnung? Die Zeit zerfällt doch in die Zeit vor mir und nach mir. Was ist Rechts und
Links? Natürlich rechts und links von mir. Wo ist oben? Natürlich über mir. Wo ist unten? Natürlich unter mir. Wer ist reich? Natürlich der, der mehr hat als ich. Wer ist arm?
Natürlich der, der weniger hat als ich. Gutes Wetter ist das, das ich jetzt haben will.
Schlechtes Wetter ist das, das ich gerade nicht brauchen kann. Nett ist, wer mich mag.
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Unfreundlich ist, wer mich nicht schätzt. Nah ist nah von mir. Fern ist fern von mir.
Recht hat, wer meine Meinung teilt, ein Lügner ist, wer mir widerspricht. Was immer
geschieht, wird danach beurteilt, ob es mir nützt oder nicht. Der Bezugspunkt all dieser
Bewertungen sind immer wir selbst. Und das ist verräterisch. Denn auf diese Weise hält
jeder sich selbst für den Mittelpunkt des Weltgeschehens, hält das eigene Interesse für
das Maß aller Dinge und seine Perspektive für die Wahrheit. Jeder ist sich da selbst der
Nächste. Genau darum aber sind wir unseren Mitmenschen fern – und sind auch Gott
fern. Denn Egozentrik ist Trennung von Gott. Und Trennung von Gott – das ist es, was
den Kern der Sünde ausmacht. Es ist nicht böser Wille. Es ist nicht diese oder jene Tat.
Es ist auch keine Charakterschwäche. Sondern es ist dies, dass wir uns mit unseren Interessen und Bewertungen in den Mittelpunkt stellen. Das führt uns in den Konflikt mit
unseren Mitmenschen, die es alle genauso machen. Es führt uns aber auch in den Konflikt mit Gott. Denn wir lassen dabei unser eigenes Ich den Platz einnehmen, der Gott
zukommt. Wir machen Gott den Platz streitig, der ihm gebührt. Wir kreisen um uns
selbst, obwohl wir von Rechts wegen um ihn kreisen sollten.
Denn in Wahrheit ist er der Mittelpunkt des Weltgeschehens. Er ist das Maß aller Dinge,
er ist der Herr über Leben und Tod. Sein Wille entscheidet darüber, ob etwas gut oder
böse ist. Er ist das Zentrum, wir sind die Peripherie. Aber statt dass wir uns seinen Willen zu Eigen machen, erwarten wir, dass er unserem Willen folgen müsste. Statt ihn
wichtig zu nehmen, nehmen wir uns selbst wichtig. Und aus alledem folgt dann unser
Getrenntsein von Gott. Aus der Konkurrenz unserer vielen Egoismen folgt alles Böse dieser Welt. Denn weil wir uns selbst in den Mittelpunkt stellen, ordnen wir unser Interesse dem Interesse des Mitmenschen über. Weil wir so egozentrisch sind, nehmen wir unseren eigenen Willen wichtiger als den Willen Gottes. Und daraus resultiert dann alles
andere, womit wir einander das Leben zur Hölle machen...
54. Anmaßung und Egozentrik
Ich möchte ihnen von einem sehr alten Buch berichten, das im 14. Jahrhundert geschrieben wurde. Über den Verfasser ist kaum mehr bekannt, als dass er nach dem Ort seines
Wirkens „Der Frankfurter“ genannt wurde. Aber im Grunde ist auch gar nicht wichtig,
wer das Büchlein verfasst hat. Denn was daran fasziniert, ist nicht der Autor, sondern der
große und zugleich einfache Gedankengang, der in drei kurzen Kapiteln dargelegt wird,
und den ich hier nachzeichnen will. Ausgangspunkt aller Überlegungen ist die Unterscheidung zwischen dem Vollkommenen und dem Unvollkommenen: dem Stückwerk.
Denn alles, was existiert, muss sich wohl oder übel der einen oder der anderen Seite zuordnen lassen. Was aber ist das Vollkommene – und was das Stückwerk?
„Das Vollkommene“ schreibt der Frankfurter „ist ein Wesen, das in sich und in seinem
Sein alles einbegriffen und beschlossen hält, und ohne das und außerhalb dessen kein
wahres Sein ist, und in dem alle Dinge ihr Sein haben, denn es ist aller Dinge Wesen und
ist in sich selber unwandelbar und unbeweglich und wandelt und bewegt alle andern
Dinge.“
Wir würden vielleicht einfach sagen: das Vollkommene – das ist Gott. Was aber nicht
Gott ist, das ist die gesamte Schöpfung. Und die kann, weil und insofern sie nicht Gott
ist, auch nicht vollkommen sein. Der Frankfurter sagt darum: „...das Stückwerk oder das
Unvollkommene ist das, was aus diesem Vollkommenen seinen Ursprung genommen hat
197
oder wird, genauso wie ein Glanz oder ein Schein ausfließt aus der Sonne oder einem
Licht und erscheint als Etwas, dies oder das, und heißt Kreatur.“
Keine Kreatur ist vollkommen, jede ist irgendwie beschränkt. Und es ist auch kein Geschöpf wirklich in der Lage, sich von seinem Schöpfer eine Vorstellung zu machen. Denn
selbst der Mensch kann nur erkennen und begreifen, was gleich ihm beschränkt und
unvollkommen ist. Gott aber in seiner Vollkommenheit geht weit über den menschlichen Horizont. Als Geschöpf kommt der Mensch wie alles andere von Gott her und fließt
aus ihm, wie Wasser aus einer Quelle fließt. Denn alle Dinge, die in der Welt sind und in
ihrer Summe die Welt ausmachen, verdanken ihr Dasein Gott als dem Grund des Seins.
Was immer sie sind und haben, an Wirklichkeit und Lebendigkeit, Kraft und Erkenntnis,
haben sie von Gott empfangen. Sie haben es nie anders als von ihm her, und sind darum
nie etwas Anderes als ein Abglanz seiner Herrlichkeit und ein Widerschein seiner Macht.
Wenn das aber so ist, fragt der Frankfurter in einer überraschenden Wendung des Gedankens – was ist dann Sünde?
Die Antwort fällt überraschend einfach aus. Denn Sünde ist einfach dies, dass ein Geschöpf den eben geschilderten Zusammenhang verkennt. Sünde, sagt der Frankfurter, ist
„...nichts anderes, als dass sich die Kreatur abkehrt von dem unwandelbaren Gut und
sich zu dem Wandelbaren kehre, das heißt, dass sie sich kehre von dem Vollkommenen
zu dem Teilhaften und Unvollkommenen und allermeist zu sich selber. Nun merke:
Wenn die Kreatur sich etwas Gutes zumisst wie Sein, Leben, Wissen, Erkennen, Können
kurz all das, was man gut nennen muss, so als ob sie das sei oder es ihr eigen sei oder ihr
zugehöre oder von ihr sei, so wendet sie sich ab. DennWas tat der Teufel anderes oder
was war sein Fall oder seine Abkehr anderes, als dass er sich anmaßte, er sei auch etwas
und es sei ihm etwas eigen und gehöre ihm zu. Diese Anmaßung und sein „Ich“ und sein
„Mich“ und sein „Mir“ und sein „Mein“, das war seine Abkehr und sein Fall.“
Es ist atemberaubend, wie rasch der Frankfurter den Bogen schlägt von der Schöpfung
zur Sünde. Aber es ist auch deshalb faszinierend, weil er dabei den Begriff der Sünde erklärt, ohne im Geringsten zu moralisieren oder mahnend den Zeigefinger zu heben.
Denn Sünde ist für ihn in erster Linie ein tragischer Irrtum des Geschöpfes, das sein
Verhältnis zu Gott völlig missversteht und darum meint, es könne oder solle von sich
selbst oder von der Welt leben. Der Sünder erwartet von dem Stückwerk, zu dem er
selbst gehört, was vernünftigerweise nur vom Vollkommenen erwartet werden kann.
Und diese Überforderung der Welt und der eigenen Person führt notwendig zur Enttäuschung.
Denn alles wahre Sein und Leben, alle Erkenntnis und Kraft hat das Geschöpf ja nur,
weil, insofern und so lange es an Gottes Leben und an Gottes Kraft teilhat. Wir Kreaturen
sind bloß Funken die aus seinem Feuer sprühen! Wir sind geschmückt mit fremden Federn, weil wir gar nichts haben, ohne es von Gott zu haben! Eben dies aber zu vergessen
und sich anzumaßen, dass man selbst etwas sei und selbst Substanz habe und selbst etwas darstelle auch abgesehen von Gott – eben das wird hier Sünde genannt. Sünde ist
viel mehr als nur die Übertretung eines göttlichen Gebotes oder ein moralischer Fehltritt.
Denn sie ist in ihrem Kern ein Zustand tiefer Verwirrung, in dem der Mensch seine Lage
verkennt, in der er Gott verkennt, falsche Erwartungen hegt – und darum dann auch falsche ethische Konsequenzen zieht. Den Ursprung hat das aber darin, dass der Sünder von
Gott viel zu gering denkt und von sich selbst zu groß. Das ist für den Frankfurter dann
auch das Entscheidende in der Geschichte vom Sündenfall. Denn man sagt zwar, Adam
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sei deshalb in Sünde gefallen, weil er von dem Apfel aß. Der Frankfurter aber meint: „Es
war wegen seiner Anmaßung und wegen seines „Ich“, „Mein“, „Mir“, „Mich“ und desgleichen. Hätte er sieben Äpfel gegessen und wäre das Anmaßen nicht gewesen, er wäre
nicht gefallen. Aber als das Anmaßen geschah, da war er gefallen und hätte er auch nie
einen Apfel gebissen.“
Der Mensch schreibt sich selbst zu, was er Gott verdankt, er gibt sich selbst die Ehre, die
Gott gebührt, und hält sich selbst zu Gute, was Gott ihm schenkt. Statt Gott zu lieben,
verfällt er der Welt und denkt groß von sich selbst, nur um enttäuscht zu werden. Wenn
das aber nicht bloß die Anderen betrifft, sondern auch mich, weil ich genauso bin wie
Adam – woher kommt dann Rettung und wie kann mein Fall gebessert werden?
Auch hier bleibt der Frankfurter die Antwort nicht schuldig. Er sagt: Auch mein persönlicher Sündenfall „...muss gebessert werden wie der Adams, und von demselben, von dem
Adams Fall gebessert wurde, und in der selben Weise. Von wem aber und in welcher
Weise geschah die Besserung? Der Mensch vermochte es nicht ohne Gott, und Gott wollte es nicht ohne den Menschen. Darum nahm Gott menschliche Natur oder die Menschheit an sich und wurde vermenscht, und der Mensch wurde vergottet. Allda geschah die
Besserung. Und So muss auch mein Fall gebessert werden. Ich vermag es nicht ohne
Gott, und Gott kann oder will es nicht ohne mich. Denn soll es geschehen, so muss Gott
auch in mir vermenscht werden also, dass Gott sich annehme alles dessen das in mir ist
von innen und außen, dass schlechterdings nichts in mir sei, das Gott widerstrebe oder
seine Werke hindere.
Ob Gott alle Menschen an sich nähme die da sind, und er in ihnen vermenscht würde,
und sie in ihm vergottet, wenn es nicht in mir geschähe, mein Fall und mein Abkehren
würden nimmer gebessert, es geschehe denn auch in mir. Und zu dieser Wiederbringung
und Besserung kann oder mag oder darf ich schlechterdings nichts dazu tun, sondern es
sei denn ein bloßes, lauteres Erleiden derart, dass Gott allein tue und wirke und ich erleide ihn und seine Werke und seinen Willen. Und darum, dass ich das nicht erleiden
will, sondern bloß mein „Mein“ und „Ich“ und „Mir“ und „Mich“, das hindert Gott, dass
er nicht allein und ohne Hindernis wirken kann.“
Es wird niemand wundern, dass der Frankfurter zur Überwindung der Sünde auf Christus verweist. Denn das ist ja christliches Allgemeingut. Gott nahm sich des Menschen an,
in dem er menschliche Natur annahm und in Christus ein Mensch wurde. Bemerkenswert ist aber, wie nah der Frankfurter der evangelischen Lehre kommt, wenn er sagt, der
Sünder könne zu seiner Erlösung keinerlei Beitrag leisten, sondern müsse sich ganz passiv verhalten. Lange vor Luther redet der Frankfurter wie ein guter Lutheraner! Doch von
seinem Ansatz her ist das nur konsequent. Denn wenn Sünde darin besteht, dass der
Mensch sich zuviel zutraut und sich zuviel zuschreibt, muss der Weg zur Heilung dann
nicht in die entgegensetzte Richtung führen – nämlich zu einem Glauben, in dem der
Mensch nichts mehr von sich und alles von Gottes Gnade erhofft? Ist Gott der Vollkommene, und wir das Stückwerk, ist es dann nicht logisch, dass die Heilung des gestörten
Verhältnisses nur von der Seite des Vollkommenen ausgehen kann? Wenn das Elend
damit begann, dass der Mensch sein „Ich“ und „Mir“ und „Mein“ und „Mich“ zu wichtig
nahm, wird dann nicht Rettung darin bestehen, das eigene Ego zu relativieren? Ja, es liegt
ganz in der Konsequenz des Gedankens. Und auch der Glaube, der die Anmaßung überwindet, ist seinerseits keine Leistung des Menschen und keine geistliche Anstrengung,
sondern lediglich die Anerkenntnis der menschlichen Lage, zu der Gottes Geist den Sün199
der überführt. Glaube besteht eigentlich nur darin, der Wahrheit ins Auge zu sehen und
die restlose Abhängigkeit von Gott nicht weiter zu leugnen. Und doch ist diese simple
Einsicht der wichtigste Schritt zu einem gelingenden Leben. Denn die Lebenshaltung der
Sünde ist nicht nur (und nicht in erster Linie) unmoralisch, sondern sie ist zuerst und
vor allem sinnlos. Wer das Vollkommene und das Stückwerk verwechselt, um dann all
seine Erwartungen auf das Stückwerk zu richten, der handelt irrational, gerade als würde
er eine Fichte schütteln und erwarten, es müssten Birnen herunterfallen. Der Ausweg
aber heißt nicht: „Ich muss das künftig anders machen, ich, ich, ich...“! Sondern die Lösung heißt: „Er hat es geändert, er ist mir gnädig zu Hilfe gekommen, und ich halte meinem Heiland stille...“
55. Eigennutz und Selbstlosigkeit
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ – sagte Goethe. Doch wer damit Ernst machen
will, steht vor einem Problem. Denn er muss Klarheit darüber gewinnen, welche Handlungsweise „gut“ genannt werden kann. Und das ist nicht so einfach wie es scheint. Jede
Handlung hat nämlich zwei Seiten. Da ist einerseits die (innere) Motivation des Handelnden, der mit seinem Tun eine bestimmte Absicht verfolgt. Da sind andererseits die
(äußeren) Wirkungen seiner Handlung. Und wenn – wie so häufig – das eine nicht mit
dem anderen übereinstimmt, fällt die ethische Bewertung schwer. Denn es kommt vor,
dass jemand mit „guten“ Absichten handelt und hinterher mit Entsetzen feststellt, dass
er schweren Schaden angerichtet hat. Und es kommt auch vor, dass jemand Böses im
Schilde führt, und dann mitansehen muss, wie sein Tun wider Erwarten zum Guten ausschlägt. Welcher von den Beiden hat dann „gut“ gehandelt? Der Erste, der das Gute wollte, oder der Zweite, der das Gute bewirkte?
Wer länger darüber nachdenkt, wird wohl zu dem Schluss kommen, dass die Motivation
des Täters in der Bewertung schwerer wiegt als sein tatsächlicher Erfolg. Wir halten einen Menschen für „gut“, der Gutes gewollt hat, selbst wenn er dabei scheitert. Und wir
halten einen Menschen für „böse“, der Böses wollte, selbst wenn er dabei unfreiwillig
Leben gerettet hätte. Wir nehmen in der Beurteilung die Absicht wichtiger als den Effekt.
Und das ist auch fair und richtig so. Denn unser Wille bestimmt sich selbst, während die
Wirkungen unseres Handelns von äußeren Faktoren mitbestimmt werden: Wer gute Entschlüsse fasst, und nur durch eine Krankheit daran gehindert wird, sie umzusetzen,
bleibt ein „guter“ Mensch. Und wer Böses im Schilde führt, wird nicht besser davon,
wenn seine Bombe eine Fehlfunktion hat. Die arme Witwe, die nur ein paar Groschen in
den Opferkasten werfen kann, die es aber frohen Herzens tut, vollbringt ein gutes Werk
– auch wenn ihre Groschen so gut wie nichts bewirken. Der reiche Mann dagegen, der in
denselben Opferkasten viele große Geldscheine hineinstopft, um dafür bewundert zu
werden, tut ein heuchlerisches (und darum: böses) Werk – selbst wenn sein Geld viele
Hungernde satt macht.
Die Entscheidung zwischen „gut“ und „böse“ findet also im Herz des Menschen statt.
Oder wie Immanuel Kant sagt: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer
derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden könnte,
als allein ein guter Wille.“ Freilich: Wann ist ein Wille „gut“ zu nennen? Woran erkennt
man ihn? Und warum verdient er gelobt und hervorgehoben zu werden? Man kann es
sich an ein paar Beispielen klar machen: Stellen sie sich eine Kassiererin vor, die es ge200
wohnt war, kleine Geldbeträge zu unterschlagen, die nun aber entdeckt, dass ihr Chef sie
neuerdings überwachen lässt. Wenn diese Kassiererin künftig korrekt abrechnet – würden wir sie dann für ihre Ehrlichkeit loben? Nein. Wenn jemand sich Alkohol und Zigaretten verkneift, weil ihm der Verzicht das Gefühl gibt, stark und moralisch überlegen zu
sein, wenn er zugleich über die „Unbeherrschtheit“ anderer spottet und bei jeder Gelegenheit seine eigene Disziplin zur Schau stellt – würden wir ihn für seinen Verzicht loben? Nein. Wenn ein Politiker von sexuellen Ausschweifungen träumt und seine Ehefrau
nur deshalb nicht betrügt, weil öffentliche Affären seine Karriere ruinieren könnten –
würden wir ihn für seine eheliche Treue loben? Nein.
Wir würden in keinem der drei Fälle von „moralischem“ Verhalten reden. Denn die Kassiererin, der Abstinenzler und der Politiker handeln ja aus ganz eigennützigen Motiven.
Was sie tun, erscheint äußerlich „gut“. Aber ihr Wille ist nicht „gut“. Denn auch wenn
Ehrlichkeit, Selbstbeherrschung und eheliche Treue an sich ethisch wertvoll sind, so ist
doch der Wille, der dahinter steht, nicht ethisch wertvoll. Unsere drei Beispielpersonen
streben nämlich nicht nach dem Guten, sondern streben nur nach Vorteilen, die sie
durch „gutes“ Verhalten zu erlangen hoffen. Die Erste will straffrei davonkommen. Der
Zweite will angeben. Und der Dritte will seine Karriere retten. Man kann verstehen, dass
sie so handeln. Vielleicht ist es sogar „klug“. Aber „gut“ würden wir es nicht nennen.
Denn dieses moralische Prädikat verträgt sich nicht mit egoistischen Motiven. Steht das
erst einmal fest, so haben wir die oben aufgeworfene Frage (was guten Willen ausmacht)
schon beantwortet: Von „gutem“ Wollen kann nur die Rede sein, wenn der Mensch, indem er handelt, nicht selbst den Mittelpunkt seiner Bestrebungen bildet. Denn wenn
einer eigennützig handelt und nur tut, was sich für ihn „lohnt“, will und bejaht er weder
das Gute noch seinen Mitmenschen, sondern will und bejaht nur sich selbst. Es gilt darum: (1.) Ob ein Mensch „gut“ ist, bemessen wir nicht am Effekt seiner Taten, sondern
an den Motiven seines Willens. Und: (2.) Wenn diese Motive eigennützig sind, können
wir den Willen nicht „gut“ nennen.
Damit unser Handeln „gut“ genannt werden kann, ist es notwendig, dass der eigene Vorteil aus dem Mittelpunkt unserer Bestrebungen weicht. Und der Wille, der aufhört, sich
selbst zu dienen, muss anfangen dem Guten zu dienen. Denn ein guter Mensch fragt
nicht danach, ob er „etwas davon hat“, sondern er verwirklicht das Gute um seiner selbst
willen. Er fragt nicht, ob sich das Tun des Guten für ihn lohnt, sondern tut es, weil es
seinem Mitmenschen nützt. Der wahrhaft „gute“ Wille ist mit seinen Gedanken also
nicht bei sich selbst, sondern ist mit den Gedanken ganz beim Anderen, dem er gerecht
zu werden und zu helfen wünscht. Theologisch gesprochen heißt das: Des Menschen
Wille wird in der Weise eins mit dem Willen Gottes, dass er bejaht, was Gott bejaht, und
verneint, was Gott verneint, ohne dabei auf irgendeinen Lohn zu schielen. Denn dem
wahrhaft „guten“ Willen ist es Lohn genug, wenn das Gute geschieht. Freilich: Wenn das
der Maßstab ist, an dem wir unser Alltagsleben messen, dann wird das Ergebnis bestürzend sein. Denn finden wir da viele Taten, von denen wir behaupten können, sie verdankten sich nicht dem Eigennutz, sondern dem Willen zum Guten?
Ich zumindest sehe bei mir keine einzige Tat, von der ich sagen könnte, sie sei „selbstlos“ gewesen. Denn ich entscheide selten gegen das eigene Interesse. Vielmehr: wenn ich
eine Handlungsoption prüfe und dabei feststelle, dass ich in gar keiner Weise etwas „davon habe“, das zu tun, dann lasse ich es sein. Natürlich tue ich Dinge, die allgemein als
„gute Tat“ angesehen werden – das tun die Kassiererin, der Abstinenzler und der Politiker im obigen Beispiel ja auch. Aber über die Beweggründe darf ich mir keine Illusionen
201
machen. Denn ich profitiere von meinen vermeintlich „guten“ Taten mindestens insofern, als sie mein Gewissen besänftigen. Schließlich gehört das „Gut-Sein“ zu dem Bild,
das ich von mir selbst habe. Und dieses angenehme Bild möchte ich gerne aufrechterhalten. Ich möchte den Forderungen der Gesellschaft genügen, weil ich auf sie angewiesen
bin. Und außerdem scheue ich die Mühe, die es kosten würde, mich über meine Erziehung hinwegzusetzen. Wenn ich täte, wozu ich Lust hätte, könnte ich eine Menge Ärger
bekommen. Das Gefühl der moralischen Integrität wäre dahin. Und mein Ansehen wäre
auch gefährdet. Wenn das aber meine Beweggründe sind, was folgt dann? Meine Selbstprüfung ergibt dann, dass ich das Gute nur tue, weil meine Umwelt es honoriert, und das
Böse oft nur lasse, weil ich die Konsequenzen fürchte. So oder so handle ich aus eigennützigen Motive und tue das Gute (wenn ich es denn überhaupt tue!) keineswegs „um
seiner selbst willen“, sondern nur weil es sich in irgendeinem Sinne für mich „lohnt“.
Was aber heißt das anderes, als dass ich ein „schlechter Mensch“ bin? In der Tat ist das
die Folgerung, die ich ziehen muss. Und es ist nur ein geringer Trost, dass jeder andere
Mensch (am selben Maßstab gemessen) demselben Urteil unterliegen würde. Denn der
rechte Vergleichsmaßstab für einen Sünder kann nicht der Mitmensch sein, der natürlich
„auch nicht besser“ ist. Sondern der rechte Maßstab kann nur die gottgegebene, gute Bestimmung des Menschen sein, an die das Neue Testament immer wieder erinnert. Liebt
euren Nächsten, heißt es da. Segnet, die euch fluchen. Haltet Frieden mit jedermann.
Besucht Gefangene. Speist Hungrige. Kleidet die Nackten. Tröstet die Trauernden. Vergebt den Schuldigen. Wir kennen diese Mahnungen. Doch je mehr wir davon hören, desto stärker regt sich der Widerspruch. Denn warum sollte ich meine Interessen zurückstellen? Was hab ich davon? Was bringt mir das? Was nützt es mir? Wird es einem denn gedankt? Hat man irgendeinen Vorteil davon?
Kaum einer kann sich diesen Fragen entziehen. Und doch verraten sie, wie fern uns das
Gute liegt. Denn gut ist eine Tat nur, wenn es uns um das Wohl unseres Mitmenschen
geht. Und geht es um etwas anderes (um unser Selbstwertgefühl, um ein ruhiges Gewissen, um den Lohn im Himmel), wird man schwerlich von Nächstenliebe reden können.
Nächstenliebe, wie Jesus sie fordert, heißt, ganz dem Gegenüber zugewandt zu sein – und
keinem anderen. Es heißt, für den Hilfsbedürftigen da zu sein – und für nichts sonst.
Nächstenliebe in Jesu Sinne betrachtet ihr Gegenüber immer als Selbstzweck – und nie
als ein Mittel für irgendetwas anderes. Ihr Ziel ist, dass der Nächste gut da steht – nicht,
dass der Wohltäter gut da steht. Aber wie leicht geht das durcheinander! Und wie oft erweisen wir uns als Wohltäter mit Nebenabsichten! Wehe, ich beschenke meine Enkelkinder, und sie lieben mich nicht dafür! Wehe, ich spende an meine Kirchengemeinde,
und der Pfarrer vergisst, mir zu danken! Wehe, einer tut Gutes und bekommt dafür nicht
den Bauch gepinselt! „Das tue ich nie wieder“ heißt es dann „Undank ist der Welt Lohn“.
Der vermeintliche Wohltäter empört sich – und hat sich im selben Moment verraten.
Denn ginge es ihm wirklich ums Helfen, könnte es ihm ja egal sein, wenn der Dank ausbleibt. Mit der vollendeten guten Tat hätte er sein Ziel erreicht und könnte zufrieden
sein. Zieht er sich aber beleidigt zurück, weil seine Tat nicht gewürdigt wurde, so wird
offenbar, dass es ihm weniger ums Helfen ging, als um die erwartete Anerkennung.
Weil das aber für uns alle typisch ist, sollten wir uns kritischer nach den Motiven unserer Lebensführung fragen: Was steht wirklich hinter unseren Versuchen, ein respektables
Leben zu führen? Wollen wir ein gutes Gewissen als sanftes Ruhekissen? Wollen wir gemocht und gebraucht werden? Weiden wir uns an unserer moralischen Überlegenheit?
Oder meiden wir das Böse bloß, weil wir Angst haben erwischt zu werden? Täten wir
202
auch dann noch Gutes, wenn wir wüssten, dass es weder von Gott noch von den Menschen bemerkt und honoriert werden würde? Ich für meinen Teil kann bei keiner einzigen meiner Taten unlautere Motive ausschließen. Ich bezweifle, dass ich je etwas Selbstloses getan habe. Und ich finde es erschreckend, das so sagen zu müssen, weil es zeigt,
wie fremd uns wahre Nächstenliebe ist. Sie ist uns so fremd und liegt so fern, dass wir
erst Gründe für sie suchen müssen. Doch das Gute will gar nicht aus Gehorsam, Angst
oder Berechnung getan werden. Das Gute will um seiner selbst willen getan, der Nächste
um seiner selbst willen geliebt werden. Und das heißt: Solange ich Gründe brauche, um
das Gute zu wollen, bin ich fern vom Guten. Solange ich für meine Nächstenliebe Argumente suchen muss, schleppt sich diese Nächstenliebe auf Krücken dahin. Wir sollten
keine Gründe brauchen, um uns für das Gute zu entscheiden, denn das Gute ist es wert,
um seiner selbst willen gewollt zu werden. Es sollte uns schlicht ein Bedürfnis sein, unseren Mitmenschen von himmlischer Liebe und irdischem Wohlstand umhüllt zu sehen.
Es sollte nicht nötig sein, dass man unserer Moral mit Lockungen, Argumenten und Drohungen auf die Sprünge hilft. Denn ein guter Mensch hätte am Tun des Guten spontane
Freude. Seine Hände würden ganz von selbst das Gute tun, nach dem sich sein Herz
sehnt. Und das Gute verwirklicht zu sehen, wäre ihm Lohn genug. Selbst wenn Gott und
die Welt sein gutes Tun nicht bemerkten, würde er doch die Hungernden speisen, die
Traurigen trösten und die Gefangenen besuchen. Ein guter Mensch brauchte dafür nicht
mal einen Grund! Dass wir aber von diesem guten Zustand himmelweit entfernt sind –
das ist die bittere Erkenntnis unserer Sünde…
56. Verantwortung ohne Wahl
Warum Erbsünde als Schuld zugerechnet werden kann...
Die Geschichte vom Sündenfall ist allgemein bekannt. Kaum ist der Mensch geschaffen,
macht er sich auch schon schuldig und greift nach der verbotenen Frucht. Er zerstört das
Vertrauensverhältnis zu Gott. Und typischerweise versucht er gleich, sich aus der Sache
herauszureden. Denn als Gott den Adam zur Rede stellt, gesteht der nicht etwa, dass er
einen Fehler gemacht hat, sondern zeigt mit dem Finger auf Eva und sagt: „Die Frau, die
du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“ (1. Mose 3,12) Als Gott dann
aber Eva fragt „Warum hast du das getan?“, will sie’s auch nicht gewesen sein, sondern
sagt: „Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.“ (1. Mose 3,13) Keiner der beiden übernimmt die Verantwortung! Die Umstände sollen schuld sein, die Schlange oder vielleicht
Gott selbst, der die Schlange schließlich geschaffen hat! Gott allerdings würdigt diese
Ausflüchte keines Kommentars. Statt die Schuldfrage zu diskutieren, zieht er alle Beteiligten zur Verantwortung und verhängt über jeden eine angemessene Strafe. Das ist an
sich schon eine klare Botschaft, dass Gott die menschlichen Ausreden mit Schweigen
übergeht! Aber haben wir’s deswegen aufgegeben?
Nein. Entsprechende Versuche gibt es immer wieder. Unser Bedürfnis, uns zu rechtfertigen, ist groß. Und manchmal gipfelt es in dem Satz, den ich kürzlich gehört habe: „Na ja,
Gott muss uns Sündern schon gnädig sein, denn er hat uns schließlich so geschaffen. Wir
können ja nicht anders!“ Hoppla, denkt man: Soll Gott am Ende selbst schuld sein, wenn
er uns fehlbare Geschöpfe überfordert und zu viel von uns erwartet? Das ist eine ziemlich freche Sicht der Dinge! Und doch ist sie nicht ganz abwegig. Denn auch vor irdischen
Gerichten ist es üblich, dass die Schuldfähigkeit eines Täters erst mal geprüft werden
203
muss. Die Juristen machen jemand nur dann für seine Taten verantwortlich, wenn er
„selbstbestimmt“ gehandelt hat. Wenn der Täter aber zu jung ist, wenn er aufgrund einer
Krankheit oder wegen seines Alkoholpegels nicht einsichts- oder steuerungsfähig war,
dann gilt er als vermindert schuldfähig oder sogar schuldunfähig. Wer über sich selbst
keine Kontrolle hat, dem rechnet man seine Tat nicht zu. Wer nicht zurechnungsfähig
ist, trägt keine Schuld. Und wer keine Schuld trägt, wird auch nicht bestraft… Das ist für
den Täter recht verlockend! Und so wundert es nicht, dass Menschen im Blick auf Gottes
drohendes Gericht dasselbe versuchen. Denn dass wir Sünder sind, ist zwar nicht zu
leugnen. Wir sind da sehr leicht zu überführen! Aber wir könnten immerhin behaupten,
wir seien ungefragt und schuldlos in die Sache hineingeraten, weil wir doch schon als
Sünder geboren wurden und also gar nicht anders können, als zu sündigen. Die Bibel
sagt doch selbst, dass die Sünde uns von Jugend auf fest im Griff hat! Kann man da nicht
sagen, Sünde sei ein Konstruktionsfehler der Schöpfung, sie käme einem Vollrausch
gleich und schränkte unsere Selbstbestimmung so sehr ein, dass wir für unser Tun gar
nicht verantwortlich sind? Wenn sich das bewahrheitete, hätte es weitreichende Folgen!
Aber stimmt es denn? Um eine Antwort zu geben, müssen wir prüfen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Mensch zur Rechenschaft gezogen werden kann. Gewöhnlich geht man davon aus, dass nur der für etwas verantwortlich ist, der eine Wahl
hatte. Und das umgekehrt der, der keine Wahl hatte, auch nicht verantwortlich sei. Das
scheint nicht nur auf den ersten Blick unwidersprechlich, sondern auch auf den zweiten
und dritten.
Und doch ist es ein Irrtum. Denn worin besteht der Zusammenhang von Wahl und Verantwortung? Warum fragen wir nach Wahlmöglichkeiten, bevor wir jemand für verantwortlich halten? Tun wir’s, weil erst durch eine Wahl Verantwortung entstünde? Nein.
Ich meine, wir achten nicht deshalb auf mögliche Alternativen, weil das Vorhandensein
von Alternativen an der Tat selbst etwas änderte, sondern wir fragen nur deshalb danach,
weil eine vom Täter getroffene Wahl zweifelsfrei anzeigt, dass er sich mit der gewählten
Tat identifiziert. Wenn der Täter andere Möglichkeiten ausschließt, um eine bestimmte
zu wählen, wird sichtbar, dass er genau diese innerlich bejaht. Er macht einen bestimmten Weg willentlich zu „seinem“ Weg, denn stünde er diesem Weg widerwillig gegenüber
hätte er ja gewiss einen anderen vorgezogen. Als Beobachter wollen wir nicht fälschlich
von einer schlechten Tat auf einen schlechten Willen schließen, wenn die Tat vielleicht
erzwungen war. Und darum ist es so sinnvoll, zu prüfen, ob jemand Alternativen hatte.
Die vollzogene Wahl ist dann ein eindeutiger Indikator für die Willensrichtung des Täters. Und wenn er Alternativen hatte, die er nicht nutzte, wird niemand annehmen, er
habe das, was er dann tatsächlich tat, gar nicht gewollt. Aber hat er es etwa gewollt, weil
er eine Wahl hatte? Könnte er es nicht auch ohne Wahl gewollt haben – einfach, weil er
persönliche Gründe hatte, es zu wollen?
Hier kommt es sehr darauf an, die Dinge zu unterscheiden! Denn die Identifikation des
Täters mit seiner Tat besteht ganz unabhängig davon, ob sie sich in einer Wahl manifestiert – oder nicht. Gewiss tritt sie sichtbar zu Tage, wenn jemand andere Möglichkeiten
hat und sie verwirft. Aber notwendig ist das nicht. Denn man kann sich mit dem Weg,
den man geht, auch dann völlig identifizieren, wenn es der einzig mögliche ist. Und dass
der Mensch für seinen Weg verantwortlich ist, hängt allein an dieser Identifikation. Es
hängt nicht an einer vollzogenen Wahl, die für diese Identifikation lediglich ein Indikator ist. Denn entscheidend ist nicht, dass die konkrete Tat des Menschen eine von vielen
möglichen ist, sondern entscheidend ist bloß, dass sie seine ist. Und seine ist sie, sobald
204
er sie mit Bewusstsein bejaht und mit Willen vollzieht. Ich will das an einem Beispiel
verdeutlichen:
Stellen wir uns zwei junge Männer vor, die als Wehrpflichtige zur Armee eingezogen
wurden und beim Ausbruch eines Krieges im selben Truppenverband in dieselbe
Schlacht geführt werden. Und nehmen wir an, sie kommen an der Front in eine Situation, die ihnen tatsächlich „keine andere Wahl lässt“ als voranzustürmen, zu kämpfen und
Feinde zu töten. Wenn sie zu diesem Verhalten keine Alternative haben, schließt das
nach gängigem Verständnis Verantwortung aus. Die beiden „können nicht anders“, und
die Situation lässt auch keinen Raum für eine Wahl, die uns etwas über die Willensrichtung der beiden verraten würde. Sind darum beide Soldaten gleich „unschuldig“, weil die
beiden doch keiner gefragt hat, ob sie in den Krieg wollen? Das ist noch nicht ausgemacht! Denn obwohl sie Seite an Seite kämpfen und töten, ist nicht gesagt, dass beide es
widerwillig tun. Es ist sehr wohl denkbar, dass einer der beiden Soldaten – auch wenn er
Alternativen gehabt hätte – gerne in diese Kampf gegangen wäre, weil er den Krieg innerlich bejaht! Vielleicht ist der Mann ideologisch verblendet und von nationalistischen
Hass beseelt, so dass er sehr gern tut, wozu er keine Alternative hat, während der andere
das Töten zutiefst verabscheut und sich nach einem Ausweg sehnt, den er nicht findet.
Sollte der erste nun als „unschuldig“ gelten, bloß weil die Situation gerade das erzwang,
was er sowieso wollte, und ohne Zwang auch freiwillig getan hätte? Das wäre doch wohl
absurd! Zwar hatten beide Männer „keine Wahl“. Aber entschuldigen kann das nur den,
der gerne eine Wahl gehabt hätte! Denn für die Schuldfrage ist nicht allein maßgeblich,
was die beiden Soldaten taten, sondern vor allem, was sie wollen. Und wenn einer von
ihnen willig und aus Überzeugung tut, was er tut, dann kann und muss es ihm auch als
Schuld zugerechnet werden. Entscheidend ist nicht, dass eine Wahl unter vielen Möglichkeiten stattgefunden hat, sondern dass der Täter sich mit seiner Tat identifiziert.
Und steht das fest, weil er genau das tun wollte, was er tat, ist es nur noch eine akademische Frage, ob er etwas anderes hätte tun können (da er ja nichts anderes gewollt hätte).
Weil er Alternativen, wenn es sie gegeben hätte, verschmäht haben würde, ist der Mann
für seine Tat in demselben Maße verantwortlich als wenn er diese Tat frei aus einer Vielzahl von möglichen Taten gewählt hätte. So wird man dem zweiten Soldaten sicher zugutehalten, dass er sich gegen seinen Willen zum Kämpfen genötigt sah. Für ihn war es
eine „Zwangslage“. Für den ersten aber war dieselbe Lage keine „Zwangslage“, die ihn
entschuldigen könnte.
Nun – aus alledem ist zu ersehen, dass Verantwortung nicht aus Wahlmöglichkeiten resultiert, sondern allein aus der willentlichen Identifikation, die eine Tat zu meiner Tat
macht. Wenn das aber feststeht, in welches Licht rückt dann unsere Sünde, die wir nach
dem Sündenfall ebenso wenig vermeiden können wie jene Soldaten das Kämpfen? Sind
wir in einer „Zwangslage“, in der wir widerwillig zum Sündigen genötigt werden? Oder
identifizieren wir uns mit unserem sündigen Tun? Seien wir ehrlich: Zweiteres ist der
Fall! Denn zu den konkreten Sünden, die wir begehen, werden wir von niemandem gezwungen als nur von uns selbst. Und wir sind dabei auch durchaus bei klarem Verstand,
so dass wir wissen, was wir tun. Oder handelt einer etwa nicht „selbstbestimmt“, wenn
ihn seine ganz persönliche Lust dazu bestimmt, Ehebruch zu begehen? Könnte er nicht
Anderes und Besseres tun, wenn er nur Anderes und Besseres tun wollte? Begeht er den
Ehebruch aber keineswegs unwillig, sondern – wie man annehmen darf – willig und ver205
gnügt, wie sollte ihm dann nicht als Schuld zugerechnet werden, was er willentlich und
aktiv herbeiführt? Handelt einer nicht „selbstbestimmt“, wenn ihn seine ganz persönliche Faulheit dazu bestimmt, jedem Gottesdienst fern zu bleiben und so den Feiertag
nicht zu heiligen? Könnte er nicht Anderes und Besseres tun, wenn er nur Anderes und
Besseres tun wollte? Bleibt er sonntags aber nicht unwillig im Bett, sondern – wie wir
unterstellen dürfen – willig und genussvoll, wie sollte ihm nicht als Schuld zugerechnet
werden, was er bewusst und willentlich am dritten Gebot versäumt? Handelt ein Geschäftsmann nicht „selbstbestimmt“, wenn ihn seine ganz persönliche Gier dazu bestimmt, Geschäftspartner und Kunden übers Ohr zu hauen? Könnte er nicht Anderes und
Besseres tun, wenn er nur Anderes und Besseres tun wollte? Betrügt er die anderen aber
nicht widerwillig, sondern willig und vergnügt, unter Einsatz von Geschick und Raffinesse, wie sollte ihm dann nicht als Schuld zugerechnet werden, was er doch mit Berechnung eingefädelt hat? Es gibt in solchen Fällen überhaupt keinen Grund, auf Schuldunfähigkeit oder auf mildernde Umstände zu plädieren. Denn nichts nötig einen Sünder
zum Sündigen als allein sein eigener verkehrter Wille. Sofern er keinem anderen Gesetz
folgt als allein seinem Willen, handelt er im Wortsinne „autonom“. Und da er beim Ehebrechen, Faulenzen und Betrügen durchaus tut, was er will, hat er dabei auch gar kein
Gefühl der Unfreiheit, sondern ein Gefühl der Freiheit. Nun stimmt es trotzdem, dass
der Sünder, während er tut, was er will, die problematische Richtung seines Willens
nicht zu ändern vermag. Aber da er sie auch gar nicht ändern will, kann ihn diese „Einschränkung“ nicht entlasten. Denn was den Sünder am Gut-Sein hindert, ist nicht etwa,
dass er nicht Gut-Sein „könnte“ ( obwohl er es will ), sondern am Gut-Sein hindert ihn
nur, dass er es nicht will ( obwohl er weiß, dass er es wollen sollte ).
Der Sünder kann sich auf keinen anderen Zwang herausreden als auf den, der in ihm
selber liegt. Und eben der entlastet ihn nicht, sondern belastet ihn. Denn die Motive, die
uns zum Sündigen treiben, werden uns ja nicht als fremde Motive aufgezwungen, sondern sind unsere eigenen. Unser Wille wird von Gründen bestimmt, die uns so wichtig
sind, dass wir ihnen folgen. Wenn es aber unsere eigenen Motive und Gründe sind, die
für unsere Entscheidungen den Ausschlag geben, warum sollten uns nicht auch die daraus folgenden Taten als unsere Taten zugerechnet werden? Vielleicht wollen wir uns
damit entschuldigen, dass wir doch „nicht anders können“ und „keine Wahl“ haben.
Aber das verfängt in diesem Falle nicht. Denn ein Mangel an Alternativen kann nur dort
zur Entschuldigung herangezogen werden, wo jemand glaubhaft macht, dass er eine bessere Möglichkeit – wenn es sie denn gäbe – gern und willig der schlechten Tat vorziehen
würde. Und das ist offenbar nicht der Fall. Denn wenn wir Sünder wirklich eine große
Sehnsucht hätten, gute Menschen zu sein, würde uns ja niemand hindern ab morgen das
Leben eines Heiligen zu führen! Der Weg wäre offen! Jesus hat gezeigt wo’s langgeht!
Doch in Wahrheit sind wir auf den bösen Wegen gar nicht widerwillig unterwegs, sondern sehr willig. Wir müssen uns überhaupt nicht anstrengen, um egoistisch zu handeln,
sondern genau genommen fällt uns nichts leichter und erscheint uns nichts natürlicher
als gerade das! Das Böse macht uns längst nicht so viel Mühe, wie das Gute, zu dem wir
uns so häufig zwingen müssen! Ist es unter diesen Umständen aber glaubhaft, dass wir
gern bessere Menschen wären und es nur – leider, leider – nicht können? Nein, machen
wir uns da nichts vor: Am guten Leben hindert uns niemand außer uns selbst. Und für
das Böse, das wir anrichten, gibt es darum auch keine andere Ursache, als dass wir tun,
was wir wollen. Wir lästern und kränken, lügen und beleidigen, gieren und grollen wie
aus einer lieben alten Gewohnheit heraus. Und wir tun das auch alles in Freiheit, da wir,
206
wenn wir ernsthaft etwas anderes wollten, auch etwas anderes tun könnten. Sündigen
wir aber in Freiheit, wie sollten wir da nicht auch verantwortlich sein und haftbar? Freilich kommen wir schicksalhaft in diesen Zustand! Niemand hat uns gefragt, ob wir Sünder sein wollen! Wir wurden schon so geboren! Doch als Entschuldigung kann das nicht
gelten. Denn ob einer „anders könnte“, spielt nur eine Rolle, wenn er gegebenenfalls
auch anders wollte. Und davon ist uns nichts anzumerken. Wir sündigen nicht widerstrebend, sondern mit Hingabe. Und wir werden darum von Gott auch ganz selbstverständlich zur Rechenschaft gezogen. Als Sünder tut man, statt des Guten, das man soll,
das Böse, das man will. Man weiß durchaus, dass es falsch ist. Und man weiß zugleich,
dass man, wenn man nur etwas anderes wollte, auch etwas anderes tun könnte. Mehr
Freiheit hat kein Mensch. Und mehr braucht man auch nicht, um für das Ergebnis seiner
Selbstbestimmung verantwortlich zu sein. Denn sobald ich anerkenne, dass es meine
eigenen Motive sind, die meinen Willen bestimmen, bin ich auch der Urheber der daraus
folgenden Entscheidungen und Taten…
Freilich: Es ist trotzdem „hart“, dass wir als geborene Sünder immer weiter Schuld aufhäufen und aus dem selbstschädigenden Verhalten keinen Ausweg finden. Aber es bleibt
nicht dabei. Denn als Ausweg aus der Misere ist uns das Evangelium gegeben, das die
Gläubigen aus dem Würgegriff der Sünde befreit und über den jetzigen beklagenswerten
Zustand hinausführt. Die kirchliche Lehre unterscheidet dabei vier Stadien, in denen
sich der Mensch befunden hat – oder sich befinden kann:
(1.) Am Anfang – das bleibt immer festzuhalten! – schuf Gott die Welt und den Menschen „gut“. Er schuf Adam und Eva gewiss nicht als Sünder und auch nicht, damit sie
sündigen, sondern schuf sie lediglich so, dass sie sündigen konnten (posse peccare). Der
Mensch vor dem Sündenfall sollte diese Möglichkeit aber nicht haben, um davon Gebrauch zu machen, sondern um davon aus freien Stücken keinen Gebrauch zu machen.
Er wäre dann aus der Gemeinschaft mit Gott auch nie herausgefallen!
(2.) Da der Mensch dem Bösen aber den kleinen Finger reichte, nahm es nicht nur die
Hand, sondern nahm den ganzen Menschen in Besitz, so dass er der Eigendynamik der
Sünde restlos und dauerhaft verfiel und heute in seiner normalen Verfassung tatsächlich
„nicht nicht sündigen kann“ (non posse non peccare).
(3.) Er kann „nicht mehr anders“, bis er eines Tages zum Glauben findet. Dann aber
wendet sich das Blatt. Denn Gottes Heilige Geist kann den inneren Schaden so weit heilen und den Gläubigen der Sünde so weit entziehen, dass er dort, wo er wirklich ganz aus
dem Glauben heraus handelt, nicht sündigt (posse non peccare). Zu unserer Schande
muss man allerdings gestehen, dass der Glaube nie unser ganzes Leben bestimmt. Dass
wir die Sünde abschütteln, bleibt leider wenigen „lichten Momenten“ vorbehalten.
(4.) Und so steht der vierte und letzte Schritt noch aus: Erst jenseits des Grabes, in der
himmlischen Vollendung, werden wir in der glückliche Lage sein, nicht mehr sündigen
zu können (non posse peccare). Dort aber werden wir es dann wirklich verlernt haben…
So weit das alte Modell der vier Stufen, das nicht nur einleuchtend ist, sondern auch
tröstlich. Denn unser gegebener Zustand, das Sündigen nicht lassen zu können, gleichzeitig dafür verantwortlich zu sein, und dieser Verantwortung doch nie gerecht zu wer207
den, ist in der Tat schrecklich. Und es ist gut, dass Gott uns einen Ausweg weist. Wenn er
aber einst sein Werk an uns vollendet und wir nicht mehr sündigen können, dann wird
das beileibe keine Einschränkung unserer Freiheit sein, sondern gerade ihre höchste
Steigerung. Wir werden dann außer Stande sein, etwas Böses zu tun, weil unser Wille
sich ausschließlich auf das Gute richtet. Wir werden das Gute wollen, das Gott will. Wir
werden zugleich tun, was wir wollen. Und der leidige Konflikt, den es niemals hätte geben dürfen, der Konflikt zwischen der Selbstbestimmung des Geschöpfes und seiner
Fremdbestimmung durch den Schöpfer, gehört der Vergangenheit an, weil unsere freie
Selbstbestimmung dann mit der Zustimmung zum Willen Gottes schlicht zusammenfällt….
Nachbemerkung für philosophisch Interessierte
Wenn jemand meint, der oben vertretende Begriff von Freiheit (der gemäß einer tut, was
er will) begründe allein noch keine Verantwortung, sofern nicht Willensfreiheit dazu
kommt (der gemäß einer auch nach Belieben wollen kann, was er wollen will), so ist das
entweder eine Selbstverständlichkeit oder Unsinn. Eine Selbstverständlichkeit ist es,
weil, wenn dieser Mensch seinem Willen ernsthaft eine neue Richtung geben möchte,
sein Wille im selben Augenblick schon diese neue Richtung hat. Da sind keine Fesseln,
die ihn an der Neuausrichtung seines Willens hindern, denn indem er sie will, beweist er
schon, dass er sie wollen kann – und hat sie im selben Augenblick vollzogen. Mit anderen Worten: Dass man etwas wollen will und nicht wollen kann, gibt es gar nicht! Der
Fall tritt nie ein!
Fordert man aber, um „frei“ zu entscheiden, müsse der Wille erst einmal ganz „frei“ sein
von ihn bestimmenden Gründen, so wird es unsinnig. Denn so ein voraussetzungs- und
richtungsloser, aller Motive entleerter Wille behielte ja nichts übrig, woran er die Wahl
seiner Willensrichtung noch orientieren könnte. Und seine (zwangsläufig unmotivierte)
Richtungswahl wäre von Willkür nicht zu unterscheiden. Ein Wählender, der nicht von
Gründen bestimmt werden will, kann genauso gut würfeln! Willkür aber ist nicht Freiheit. Und sie begründet auch keine Verantwortung, sondern schließt sie faktisch aus.
M.a.W: Willensfreiheit ist ein Ungedanke und ein philosophisches Phantom. Es hat sie
nie gegeben. Es braucht sie keiner. Und „zurechnungsfähig“ sind wir auch ohne sie.
Denn um meinem Schöpfer Rechenschaft zu schulden, genügt es völlig, dass ich der Urheber meiner Taten bin, dass ich sie als verwerflich erkenne und sie trotzdem nicht widerwillig, sondern willig ins Werk setze…
57. Die Sinnlosigkeit des Bösen
Wie ist eigentlich das Böse in Gottes gute Schöpfung hineingekommen? Wo hat es seinen
Ursprung? Ich denke, jeder aufmerksame Leser der Bibel ist schon einmal über dieses
Problem gestolpert. Denn es heißt ja am Ende des Schöpfungsberichtes, dass alles, was
Gott schuf, sehr gut gewesen sei. Da steht: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte,
und siehe, es war sehr gut.“ (1.Mose 1,31) Wenn aber alles so war, wie Gott es wollte,
und nichts existierte, was nicht aus Gottes Hand gekommen wäre, wenn Gott in seiner
Weisheit das Universum gut geordnet hatte – wie um alles in der Welt ist dann das Böse
da hineingeraten? Wo kommt es her, wenn doch der gute Gott das Böse unmöglich geschaffen haben kann?
208
Die Bibel antwortet uns darauf mit der Erzählung vom Sündenfall. Sie verweist uns auf
Adam und Eva, die im Garten Eden von der verbotenen Frucht aßen. Aber als Erklärung
für den Ursprung des Bösen, will diese Geschichte nicht recht taugen. Denn natürlich
fragen wir sofort weiter: Warum haben die beiden von der verbotenen Frucht gegessen?
Geschah es nicht, weil die Schlange sie dazu verführte? Woher also kommt die Schlange?
Dass die Schlange eine Gestalt des Teufels war, ist nicht schwer zu erraten. Aber das
führt uns nur zu der weiteren Frage, woher denn bloß der Teufel kommt. Auch hier gibt
uns die Bibel noch einmal einen Hinweis. Der Teufel soll ursprünglich ein Engel gewesen
sein, der wie alle anderen Engel gut geschaffen war, der dann aber gegen Gott aufbegehrte und zur Strafe aus dem Himmel verstoßen wurde. Nur: Wie es überhaupt möglich war,
dass sich ein Engel gegen Gott wendet – das lässt die Bibel offene. Hat Gott die Engel so
wankelmütig geschaffen, dass sie sich in ihr Gegenteil verwandeln können? Und wenn
ja: Muss er dann nicht die Folgen vorhergesehen haben? Wenn er sie aber vorhergesehen
hat, hat er dann am Ende selbst das Böse in seiner Schöpfung eingeplant? Der Schöpfer
selbst wäre dann der Ursprung jener Macht, die es auf die Zerstörung seiner Schöpfung
abgesehen hat. Gott durchkreuzte seine eigenen Pläne und sabotierte sein eigenes Werk.
Und das machte dann gar keinen Sinn mehr – es wäre absurd. Die Spur verläuft darum
im Sande, ohne, dass uns die Bibel eine abschließende Auskunft geben hätte...
Unbefriedigend ist das für alle, die die Welt zu verstehen suchen. Besonders unbefriedigend aber ist es für die Theologen. Denn wenn das Dasein des Bösen in der Welt unerklärlich bleibt, dann wirkt es wie ein „Konstruktionsfehler“ im Schöpfungsplan – und
Gott gerät in ein schiefes Licht. Um das zu verhindern, gehen manche Gelehrte über die
Bibel hinaus und vertreten selbsterdachte Theorien über den Grund, den Sinn und den
Ursprung des Bösen. Die klingen etwa so:
Gott dulde zwar das Böse in seiner Schöpfung, sagen sie, aber er tue es nur um eines höheren Gutes willen. Er dulde das Böse nämlich nur, damit Freiheit möglich sei. Gott wollte keine bloßen Maschinen und Marionetten schaffen, sagen sie, sondern er wollte sich
im Menschen ein echtes, frei entscheidendes Gegenüber schaffen. Eine Freiheit aber, die
neben dem Guten keine Alternative kennt, wäre keine echte Freiheit. Wer sich nicht
auch für das Böse entscheiden kann, der muss gezwungenermaßen das Gute wählen.
Wenn Gott aber Menschen wollte, die aus freiem Willen heraus das Gute tun, so musste
er ihnen auch die Möglichkeit zum Bösen offen halten und in Kauf nehmen, dass sie
evtl. von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. Der Preis war nicht zu hoch, sagen die
Gelehrten, denn ohne solche Freiheit wäre der Mensch immer unmündig geblieben und
hätte nie zur Erkenntnis des Guten und Bösen durchdringen können. Darum ist der Sündenfall nach ihrer Meinung auch kein Unglück, sondern ein gottgewollter Fortschritt in
der geistigen Höherentwicklung des Menschen. „Wer schließlich wüsste, was gut ist,
wenn er das Böse nicht kennen würde?“ sagen sie. Erkennen wir nicht alles erst aus seinem Gegensatz? Die Wärme kann nur schätzen, wer die Kälte kennt. Den Wert des Lichtes erkennt nur, wer schon mal im Finstern gesessen hat. Das Große schiene uns nicht
groß, wenn es nichts Kleines gäbe. Das Schöne schiene uns nicht schön, wenn es nichts
Hässliches gäbe. Na und das Gute kann eben nur gut sein, weil es sich vom Bösen absetzt. Alle Dinge, so die Argumentation, leben vom Kontrast und sind auf den Kontrast
angewiesen. Und darum, so heißt es, kann Gott auch auf das Böse nicht verzichten. Er
braucht es als die dunkle Folie, von der sich das Gute um so strahlender abheben kann.
Denn ohne Sünde gibt’s schließlich keine Erlösung, ohne Not keine Rettung, ohne Angst
kein Trost. Und wenn man das verstanden hat, so die Theorie, erkennt man, dass der
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Sündenfall in Wahrheit ein Glücksfall war. Denn wäre die Sünde nicht in die Welt gekommen, dann hätten wir Christus gar nicht kennengelernt. Und wären wir nicht auf
Abwege geraten, so hätten wir nie erlebt, wie Gott uns liebevoll nachgeht, um uns zu
erlösen. Kurz gesagt: Unsere Gemeinschaft mit Gott ist nach überwundener Trennung
viel inniger, als wenn diese Gemeinschaft nie in Frage gestellt worden wäre...
Ich mache hier einfach einen Schnitt. Denn es ist deutlich geworden, worauf solche Theorien hinauslaufen. Es sind gutgemeinte Versuche, dem Bösen in der Welt einen Sinn
abzugewinnen. Und sie wollen uns davon überzeugen, dass eine Welt, in der das Böse
nach und nach überwunden wird, irgendwie besser, reifer oder wertvoller sei, als eine
Welt, in der es das Böse nie gegeben hätte. Verführerisch sind diese Gedanken, weil sie
logisch klingen und eine peinliche Wissenslücke schließen. Trotzdem muss ich Wasser in
den Wein schütten und muss warnen vor diesen allzu geschliffenen Erklärungen. Denn –
um es mit einem Wort zu sagen: Das Böse kommt dabei zu ganz unverdienten Ehren. Das
Böse nämlich, das in Gottes Plänen irgendeinen Sinn macht – dieses Böse ist nicht mehr
radikal böse, sondern nur relativ böse. Es wird erklärt. Es wird dabei aber zugleich verharmlost. Denn in dem Moment, wo unsere Grübelei dem Bösen einen Sinn abgewinnt
(und sei es nur als dunkle Folie des Guten), gestehen wir dem Bösen eine gewisse Berechtigung und einen Nutzen zu.
Wir müssen dann zugeben, dass etwas, das als Bedingung unserer Freiheit notwendig in
den Lauf der Welt hineingehört, nicht ganz und gar verwerflich sein kann. Und unversehens haben wir damit dem Bösen eine Daseinsberechtigung zugestanden. Wir beginnen
für das Böse Verständnis aufzubringen, wir beginnen am Bösen etwas Gutes zu finden –
und täuschen uns damit über die wahre Natur des Bösen hinweg. Denn in Wahrheit besteht die Natur des Bösen eben darin, für nichts gut zu sein. Es hat keine Daseinsberechtigung. Und am wenigsten eine, die sich aus Gottes Plänen ergäbe. Nein: Das Böse ist
zutiefst sinnlos. Und an dieser anstößigen, ärgerlichen, tiefen Sinnlosigkeit dürfen wir
nichts abbrechen. Wenn wir uns nämlich damit abfänden, dass das Böse einen notwendigen Platz in der Welt hat, wenn unser Verstand mit dem Bösen Frieden schlösse – warum sollten wir ihm dann noch tagtäglich widerstehen? Ja, ich fürchte, jene gelehrten
Männer, die redeten, wo die Bibel es für klüger hielt zu schweigen, jene Schlauköpfe, die
den Ursprung des Bösen so schön „erklärten“, haben damit (entgegen ihrer Absicht) dem
Teufel zugearbeitet. Eigentlich wollen sie angesichts des Bösen in der Schöpfung den
Schöpfer rechtfertigen. Faktisch liefern sie aber eine Rechtfertigung des Bösen. Und das
ist so ziemlich das Letzte, worauf Christen sich einlassen sollten. Ich möchte darum vor
solchen Grübeleien warnen. Denn als Christen müssen wir das Böse nicht „verstehen“.
Es reicht völlig, wenn wir es verabscheuen. Wollen wir aber unbedingt etwas verstehen,
dann doch bitte dies, dass die einzig angemessene Geisteshaltung gegenüber dem Bösen
Verständnislosigkeit ist. Es ist und bleibt sinnwidrig. Es ist und bleibt ein Fremdkörper
im Organismus der Schöpfung. Und so sollten wir es auch behandeln. Denn die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, das Böse plausibel in unser Weltbild zu integrieren. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, das Böse aus unseren Herzen zu vertreiben. Lassen wir uns also nicht täuschen! In Wahrheit ist das Böse kein Gegenstand
für eine geistreiche Unterhaltung – in Wahrheit ist es der Feind, der uns im Nacken sitzt.
Wir müssen ihm widerstehen – ja! Aber wir müssen uns nicht den Kopf über ihn zerbrechen. Denn mag auch dunkel bleiben, wo das Böse seinen Anfang nahm, so ist doch
nicht ungewiss wie es enden wird. Christus kommt nämlich wieder. Er gibt ihm den
Rest. Und das sei Gott gedankt in Ewigkeit…
210
58. Das Böse in Person
Der Teufel ist kein schönes, aber ein wichtiges Thema, weil er in unauffälliger und alltäglicher Weise unser Leben mitbestimmt. Ja, Satan ist kein Fabelwesen und keine mythologische Figur. Er ist nicht identisch mit den albernen Klischees, die man pflegt, sondern
er ist machtvolle Wirklichkeit. Denn wäre es anders, so würde ja das Neue Testament
nicht so häufig und so nachdrücklich vom Teufel reden. Wollen wir also nicht annehmen, Jesus habe sich bei seiner Versuchung mit einer Phantasiegestalt herumgeschlagen,
wollen wir nicht unterstellen, er habe Dämonen ausgetrieben, die es gar nicht gibt, so
müssen wir den Teufel ernst nehmen und müssen begreifen, dass er auch für uns ein
gefährlicher Gegner ist. Weil man seinen Gegner aber kennen muss, und sich nur wehren
kann, wenn man über ihn Bescheid weiß, darum will ich heute die Lebensgeschichte des
Teufels erzählen…
Freilich: Hat der so etwas überhaupt? „Hat der Teufel eine Biographie?“, werden sie fragen, „So mit Anfang und Ende?“ Es ist wichtig, dass wir diese Frage bejahen können!
Denn das bedeutet ja immerhin, dass der Teufel nicht ewig ist. Er ist zum Glück nicht
von göttlicher Art, wie manche denken, und er ist auch kein Gegengott, der unserem
Schöpfer auf Augenhöhe begegnen könnte, sondern er ist nur ein Geschöpf. Er wurde zu
einem Zeitpunkt, den wir nicht kennen, von Gott geschaffen – wurde aber nicht etwa als
Inbegriff der Bosheit geschaffen, sondern war ganz im Gegenteil ein hoher und herrlicher
Engel, ausgestattet mit großer Macht und bestimmt zum Guten. Ja, ein hoher Engel war
Luzifer, ein privilegierter Diener des Allmächtigen – das erklärt sowohl seine Klugheit als
auch die Faszination, die bis heute von ihm ausgeht! Aber eben das, was er war, ein privilegierter Diener des Allmächtigen, wollte Luzifer um keinen Preis sein. Denn er konnte
nicht ertragen, dass da noch einer über ihm stand.
Er war zwar an Gottes Vollkommenheit viel näher dran, als wir das sind – von seinen
Kräften und Begabungen können wir nur träumen! Aber die letzte Grenze, die auch das
vollkommenste Geschöpf noch von Gott unterscheidet, die wollte Luzifer nicht gelten
lassen, wollte nämlich Gott nicht Gott sein lassen, sondern wollte selber Gott sein. Der
hochgestellte Engel wollte noch höher hinauf – und stürzte dabei ganz tief. Denn indem
er seine Macht, die ihm von Gott verliehen war, gegen Gott einsetzte, verkehrte er all
sein Gutes zum Bösen und fiel aus der Gemeinschaft Gottes heraus – aus dem Himmel
auf die Erde. Er wurde von Gott verstoßen und ist seither dazu verdammt, an seiner eigenen Bosheit zu leiden, Gott verzweifelt zu hassen und ihn doch niemals los zu werden.
Womit aber rächt sich so einer? Was tut er? Nun, Luzifer denkt genau so, wie Neid und
Zorn es auch uns manchmal eingeben: „Was ich nicht haben kann, soll auch kein anderer
haben!“ sagt er sich. „Und wenn ich nicht an Gottes Stelle die Welt regieren kann, so will
ich diese Welt zerstören und will verbrannte Erde hinterlassen.“ Denn der Teufel weiß,
wie sehr Gott seine Schöpfung liebt. Seine Rache soll Gott weh tun! Weil er aber an Gott
nicht herankommt und gegen Gott nichts vermag, darum greift der Teufel nach den Geschöpfen, an denen Gott seine Freude hat, und greift vor allem nach dem Menschen. Was
aber ist der denkbar schwerste Schaden, den er einem Menschen zufügen kann? Womit
kann er ihn am wirksamsten und am nachhaltigsten treffen? Damit, dass er diesen Menschen von Gott trennt und ihn mit hineinzieht in sein eigenes elendes Geschick! Luzifer
wollte Gott gleichen und konnte es nicht. Nun aber will er die Menschen auf denselben
Irrweg führen, damit Gott auch die Menschen verdammen und verwerfen muss, und hin211
terher an dieser Trennung und Verwerfung selber leidet. Von daher ist zu verstehen, dass
der Teufel drei Lieblingsbeschäftigungen hat, denen er nachgeht, wo immer er kann:
Nämlich das Versuchen, das Verklagen und das Verderben. Zuerst führt er die Menschen
in Versuchung, so wie die Schlange im Paradies, damit Menschen gegen Gottes Wort und
Gebot verstoßen. Genau wie Satan selbst sollen auch sie gegen die Grenzen aufbegehren,
die Gott ihnen gesetzt hat. Auch sie sollen die Gemeinschaft mit Gott aufkündigen durch
törichte und stolze Gedanken, Worte und Werke. Wenn der Teufel das aber erreicht hat,
wenn er unsere schwachen Punkte gefunden und genutzt hat, dann verschafft er sich
Gehör bei Gott, um die, die er selbst verführt hat, anzuklagen und zu denunzieren.
„Schau her!“, sagt er zu Gott, „der da und der und der, – die sind alle so wie ich! Die gehören alle zu mir!“ Er breitet vor Gott unsere Sünden aus, er schwärzt uns an. Und weil
er weiß, dass Gott gerecht ist und mit seinen Geboten keine Scherze treibt, kann er sicher sein, dass die Übeltäter verurteilt werden. Sind die Menschen aber erst einmal von
höchster Instanz schuldig gesprochen, so reibt sich der Teufel die Hände. Denn er ist
nicht nur Versucher und Ankläger, sondern ist mit großer Freude auch der Kerkermeister, der die Bestrafung übernimmt. Die Strafe aber besteht darin, dass die Seelen, die sich
auf die Seite des Teufels haben ziehen lassen, mit ihm zusammen die Ewigkeit verbringen müssen – fern von Gott, und damit fern von allem Trost.
Ja, versuchen, verklagen und verderben, das ist das dreifache Geschäft des Teufels. Und
sein Geschäft läuft gut! Der Teufel ist darin so schrecklich erfolgreich, dass er von Adam
und Eva an die gesamte Menschheit in den Griff bekommen hat. Es ist ihm gelungen,
zwischen Gott und die Menschheit einen Keil zu treiben. Er hat es geschafft, die
Menschheit in sein eigenes Geschick mit hineinzuziehen. Und die Entfremdung, die dabei zwischen uns und unserem Schöpfer entstand, ist so groß, dass in der Perspektive
vieler Menschen Gott als ein Teufel erscheint, und in der Perspektive Gottes wohl auch
viele Menschen wie Teufel wirken. Kann jemand ermessen, wieviel Schmerz das bedeutet – nicht nur für uns, sondern auch für Gott?
Doch die Lebensgeschichte des Teufels ist nur am Anfang eine Erfolgsgeschichte. Sie
nahm vor 2000 Jahren eine unerwartete Wende. Denn als Jesus von Nazareth geboren
wurde, geriet der Teufel in eine schwere Krise, von der er sich nicht mehr erholt hat –
und sich nie mehr erholen wird. Bis dahin waren alle Menschen Sünder gewesen. Dieser
Jesus aber war es nicht. Bis dahin waren alle mehr oder weniger ungehorsam gegen Gott.
Dieser aber war’s nie. Alle waren verstrickt in den Teufelskreis von Eigensucht, Misstrauen, Schuld und Strafe. Aber Jesus war von alledem eigentümlich frei.
Und das, obwohl der Teufel es sehr wohl bei ihm versucht hat! Im Neuen Testament lesen wir, wie er Jesus in Versuchung führte. Der Teufel hat ihm mehr als eine Falle gestellt. Als er aber merkte, dass er diesen einen Menschen nicht auf seine Seite ziehen
und nicht korrumpieren konnte – als er merkte, dass Jesus drauf und dran war, die Distanz zwischen Gott und Mensch zu überbrücken – da beschloss der Teufel, ihn zu töten.
Er schürte den Zorn der Pharisäer und der Schriftgelehrten, er fuhr in Judas hinein und
bediente sich des Pilatus, er nutzte seine Macht über die Menschen, um Jesus ein
schreckliches Ende zu bereiten. Wahrscheinlich hat er vor Freude getanzt, als Jesus ans
Kreuz geschlagen wurde. Denn der Teufel meinte, er hätte Jesus mundtot gemacht und
hätte ihn zur Hölle geschickt – ja, er meinte wohl, er hätte da eine besonders fette Beute
verschlungen. Aber dieser Bissen sollte ihm im Halse stecken bleiben. Denn Satan begriff
nicht wirklich, mit wem er es da zu tun hatte. Er hatte mit seinen schmutzigen Händen
nicht bloß nach einem Menschen, sondern nach Gott selbst gegriffen. Gott selbst war der
212
Mensch, über den sich der Teufel hergemacht hatte. Gott selbst hatte er angetastet. Und
das sollte dem Teufel übel bekommen. Denn nun hatte Gott selbst am Kreuz für die
Sünden der Menschheit gebüßt.
Ein Unschuldiger hatte für alle Schuldigen die Rechnung beglichen. Gottes Sohn war
durch die Hölle gegangen und hatte von dort mitgenommen, wen er wollte. Das heißt
aber: Seit Luzifer mit dem Gekreuzigten zu tun bekam, war er nicht mehr Herr im eigenen Haus. Er war einem Stärkeren begegnet. Er hatte sich mit dem Falschen angelegt.
Und als Christus am Ostermorgen auferstand, da war des Teufels Schicksal besiegelt.
Denn von da an stand fest, dass er der ewige Verlierer sein würde. Christus hatte einen
Weg gefunden, wie auch dem größten Sünder Vergebung zuteil werden kann. Und seitdem hat der Teufel, wo man sich auf Christus beruft, alle Rechte verwirkt. Seine Schlingen binden nicht länger und seine Trümpfe stechen nicht mehr. Der Tod ist überwunden, die Hölle zerstört, die Schuld vergeben, die Strafe getragen, das Himmelstor steht
offen.
Und der Teufel? Ist der überhaupt noch da? Täuschen wir uns nicht, er ist noch da. Trotz
seiner großen Niederlage, von der er sich nicht mehr erholen wird, wäre es doch falsch,
ihn jetzt schon für ungefährlich zu halten. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass gerade
eine angeschossene und schwer verwundete Bestie besonders gefährlich sein kann. Der
Teufel ist zweifellos tödlich getroffen. Er weiß selbst, dass ihm nicht mehr viel Zeit
bleibt. Aber gerade darum wütet er umso heftiger und versucht noch möglichst viele von
uns in seinen Untergang mit hineinzuziehen. Er kann das Blatt nicht mehr wenden, aber
er nutzt dennoch den Bewegungsspielraum, den Gott ihm noch lässt.
Warum aber duldet ihn Gott? Warum hat er ihm nicht längst das Licht ausgeblasen? Nun,
ich meine, dass Gott sich des Teufels bedient, wie man sich eines bösen Kettenhundes
bedient. Wenn die Gläubigen ihm begegnen, werden sie dadurch geprüft, gerüttelt und
geschüttelt – sie bewähren sich im Widerstehen, werden gefestigt und geläutert. Wenn
aber die Ungläubigen ihm begegnen, können sie immerhin erschrecken, wachen auf, und
haben dann Gelegenheit, von dem Weg umzukehren, der in die Arme des Teufels führt.
Solche Gründe müssen es wohl sein, die Gott bewegen, den Satan noch zu dulden. Für
den Teufel selbst aber muss es bitter sein, für solch gute Zwecke herzuhalten. Denn
wenn ihn Gott in Dienst nimmt, ist er am Ende ja genau das geworden, was er auf keinen
Fall sein wollte: Er ist dann zu Gottes Werkzeug geworden – und ist es wider Willen.
Denn Gott sorgt dafür, dass seine Bosheit zum Guten ausschlägt, so dass selbst der Teufel zum Gelingen göttlicher Pläne beitragen muss, und miterlebt, wie diese heilvollen
Pläne über ihn hinwegrollen.
Am Ende freilich, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft, hat für
den Teufel die Stunde geschlagen. Denn in Gottes neuer Welt wird kein Platz mehr für
ihn sein, und seine Lebensgeschichte, das darf man ganz ohne Sentimentalität sagen,
wird dann beendet. Denn der Teufel wollte zwar Gott sein. Aber Gott will kein Teufel
sein – und will auf die Dauer auch keinen Teufel dulden. Er lässt darum den bösen Engel, den er einst als einen guten schuf, in dem Nichts versinken, aus dem er ihn gerufen
hat – und das ist für alle Beteiligten das Beste.
Was folgt aus alledem? Es folgt, dass wir den Teufel weder unterschätzen noch überschätzen sollten – denn beides wäre ihm willkommen. Wo man ihn nicht ernst nimmt,
weil man den Teufel für ein Fabelwesen hält, da hat er leichtes Spiel. Wo man ihn aber
zu ernst nehmen wollte, da täte man ihm zu große Ehre an, die der ewige Verlierer nicht
verdient. Darum halten wir uns besser in der Mitte – und halten uns vor allem ganz nahe
213
bei Christus. Denn eine Gefahr ist der Teufel nur, wo wir uns von Christus entfernen.
Sind wir nicht bei Christus, so sind wir leichte Beute und haben allen Grund vor dem
Teufel zu zittern. Sind wir aber dicht bei Christus, wie das Kind am Hosenbein des Vaters, so dürfen wir den Teufel fröhlich verspotten.
Da „mag der Teufel mit seinem großem Ungestüm gegen den Gläubigen anrennen,“ sagt
Martin Luther, „...so fasst der Gläubige doch mitten in den Schreckensfluten Hoffnung
und spricht: Herr Teufel, wolle nicht so wüten, sondern mäßigt euch, denn es ist einer,
der Christus genannt wird; an den glaube ich. Der hat das Gesetz abgetan, die Sünde verdammt, den Tod abgetan und die Hölle zerstört. Der ist Teufel dein Teufel; denn dich
hat er gefangen genommen und besiegt, so dass du mir und allen Gläubigen nicht weiter
schaden kannst.“ „Diesen Glauben kann der Teufel nicht besiegen“ sagt Luther, sondern
„er wird durch diesen Glauben besiegt.“ Darum gebe Gott, dass wir uns alle von solchem
Glauben eine Scheibe abschneiden.
59. Gottes Wille
Die dritte Bitte des Vaterunsers lautet: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Bei näherer Betrachtung kann man diesen Wunsch aber durchaus seltsam finden.
Denn er scheint ja zu unterstellen, dass Gottes Wille bisher nicht geschieht. Geschähe er,
so bräuchten wir nicht darum zu bitten. Bitten wir darum, so geschieht er offenbar nicht.
Nur: Wenn nicht Gottes Wille geschieht – was geschieht denn dann? Der Wille des Teufels etwa? Oder der Wille der Menschen? Man gerät zwangsläufig in Verwirrung. Denn
die Bibel lehrt ja an unzähligen Stellen, dass Gottes Wille unser Dasein bestimmt. Das
Buch der Sprüche sagt: „In eines Mannes Herzen sind viele Pläne; aber zustande kommt
der Ratschluss des HERRN.“ Und an anderer Stelle: „Des Menschen Herz erdenkt sich
seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ Damit scheint klar zu sein, dass
wir dem Willen Gottes gar nicht entrinnen können. Wenn wir ihm aber nicht entrinnen,
wieso müssen wir dann noch darum bitten, dass er geschehe?
Wollen wir nicht annehmen, Jesus habe in einer so zentralen Frage sich selbst und dem
Rest der Bibel widersprochen, so müssen mit einem Wort zwei unterschiedliche Dinge
gemeint sein. Der Wille, von dem wir erbitten, dass er geschehen möge, kann nicht der
Wille sein, der sowieso geschieht. Und das heißt: Es muss zwei unterschiedliche Arten
göttlichen Willens geben. Aber geht das überhaupt – eine Person und zwei Willen? Wer
sich selbst beobachtet, merkt schnell, dass das durchaus vorkommt und sogar etwas sehr
Normales ist!
Stellen Sie sich z.B. vor, dass jemand einen alten Hund hat, den er sehr liebt. Wenn nun
dieser Hund unheilbar krank ist und einem qualvollen Tod entgegengeht – will der Besitzer dann, dass der Hund eingeschläfert wird? Eigentlich müssen wir sagen: Nein. Eigentlich will der Besitzer nicht den Tod des Hundes. Es wäre ihm lieber, er könnte leben.
Weil der Hund aber unheilbar krank ist, willigt der Besitzer ein, ihn einschläfern zu lassen. Wie also: Will er nun den Tod des Hundes – oder will er ihn nicht? Will er ihn nicht
– und veranlasst ihn doch? Offenkundig sind da zwei Arten von Wille im Spiel. Und niemand wird deswegen den Hundebesitzer für wunderlich halten. Denn oft wollen wir
etwas auf die Weise, dass wir es keineswegs für „optimal“ oder „wünschenswert“ halten,
es aber dennoch befürworten, weil es gegenüber einem noch größeren Übel das „kleinere
Übel“ ist. Wir wollen es, ohne es wirklich zu wollen, denn es ist dies ein Wille „zweiter
214
Ordnung“, der nicht aus tiefstem Herzen kommt, sondern durch die gegebenen Umstände bedingt ist. So etwas kennen wir alle. Und ich meine, es gibt das auch bei Gott.
Auch bei ihm muss man unterscheiden zwischen seinem eigentlichen Wille, der aus dem
Herzen kommt, und dem göttlichen Willen „zweiter Ordnung“, der durch die Umstände
bedingt ist. Denn Gottes eigentlicher, guter und gnädiger Wille wäre es, dass die Menschen seinem Wort folgten, in ihm einen Freund fänden und unter seinem Schutz in
Frieden miteinander lebten. Das wäre Gott am liebsten. Unter der Bedingung aber, dass
die Menschen diesen Weg nicht gehen und sich stattdessen dem Bösen zuwenden, kann
Gott sie nicht einfach gewähren lassen, sondern muss ihnen zum Schutze seiner Schöpfung entgegentreten. Natürlich wäre es Gott lieber, es gäbe keine Sünde. Wenn es sie
aber gibt, so muss sie den verdienten Lohn empfangen. Es wäre Gott lieber, es gäbe kein
Unrecht. Wenn es aber Unrecht gibt, so soll der Fluch der bösen Tat den Täter treffen. Es
wäre Gott lieber, die Menschen ließen ab von Hass und Neid und Gier. Wenn sie aber
nicht davon ablassen, so sollen sie sehen und fühlen, was sie damit sich und anderen
antun.
Schauen wir also mit Schrecken in die Zeitung, in die Welt und in unser eigenes Leben,
so müssen wir nicht zweifeln, dass überall Gottes Wille geschieht. Aber – das ist entscheidend: Was da geschieht ist nicht Gottes eigentlicher, heilvoller Wille, sondern es ist
Gottes Wille „zweiter Ordnung“, der bedingt ist durch unsere eigene Verkehrtheit. Denn
natürlich will Gott nicht, dass ein Mensch dem anderen zur Plage sei. Die Liebe liegt seinem Wesen viel näher, als der Zorn. Wo aber der Mensch vom süßen Gift der Bosheit
nicht ablässt, da muss Gott ihn spüren lassen, wohin dieser Weg führt. Wo wir Gott herausfordern, da muss er uns widerstehen. Und wo wir es absolut nicht anders haben wollen, lässt er uns auch an unserer Bosheit zugrunde gehen. Er tut das mit blutendem Herzen. Er tut es nicht gern. Aber wie ein Vater seinen Kindern nicht immer ersparen kann,
dass sie die Folgen ihres Übermuts zu spüren bekommen, so kann uns auch Gott nicht
immer vor uns selbst schützen. Wir sähen Hass und ernten Krieg. Wir steigen hoch hinauf und stürzen tief hinab. Wir bauen unser Haus auf Sand und die Fluten stoßen es um.
Das ist normal und gerecht. Es ist das harte, allgegenwärtige Weltregiment Gottes, in
dem rein gar nichts ohne seinen Willen geschieht. Und um die Durchsetzung dieses Willens müssen wir nicht bitten, weil ihm sowieso keiner entkommt.
Wenn uns Jesus aber beten lehrt: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ ,
dann ist damit etwas anderes gemeint. Denn im Vaterunser geht es um den anderen, den
eigentlichen, heilvollen Willen Gottes, der heute schon im Himmel geschieht. Dort muss
Gott seinen Willen nicht erst schmerzhaft durchsetzen. Sondern dort wollen die Engel
von vornherein das Gleiche, was Gott will. Die Engel sündigen nicht, sie zanken nicht,
sie spielen sich nicht auf – und leben darum in Frieden. Sie wollen von ganzen Herzen
das Gute, so wie Gott selbst es will. Sie leben in der Freude derer, die sich mit Gott einig
wissen. Dass es aber bei uns auf Erden auch einmal so zugehen möge wie dort im Himmel – das ist der Sinn jener Bitte im Vaterunser. Wir bitten nicht „Dein Wille geschehe“,
weil Gott derzeit nur den Himmel regierte. Nein: Gottes Wille geschieht auch auf der
Erde. Doch bitten wir, dass Gottes Wille auch auf Erden in der milden und heilvollen
Weise geschehen möge, wie er jetzt im Himmel geschieht. Denn noch zwingt die menschliche Bosheit Gott, gegen seinen eigentlichen Willen hart zu sein. Noch ist er der Mann,
der seinen Hund einschläfern muss. Noch sträubt sich die Erde und beugt sich seiner
Hand nur unter unwilligem Knirschen und unter großen Schmerzen. Wenn aber Gottes
Reich anbricht, wird zwischen Himmel und Erde kein Unterschied mehr sein. Dann wer215
den alle Geschöpfe ihren Eigenwillen in Gottes Willen einfließen lassen, wie einen Tropfen in den Ozean. Und dann wird Friede sein, weil das Gebet der Christenheit Erhörung
fand…
60. Gottes Gericht in der Zeit
Dass Gott Gericht hält und straft, ist ein zentrales Thema der Bibel. Man denke nur an
die Vertreibung aus dem Paradies, die Sintflut oder Sodom und Gomorrha. Von den ägyptischen Plagen reicht der Bogen bis zum babylonischen Exil, von Belsazars Gastmahl bis
zu Hananias und Saphira. Und er endet erst beim Jüngsten Gericht. Es ist für die Bibel
also eine Selbstverständlichkeit, dass Gott straft. Wenn das aber so ist, tut er es dann
vielleicht auch heute noch – bei uns? Straft Gott noch? Oder hat er es irgendwann aufgegeben? Straft er nicht mehr? Oder merken wir es bloß nicht?
Viele Menschen meinen in der Tat, Gott habe sich seit der biblischen Zeit geändert und
sei „milde“ geworden. Doch das ist ein Irrtum. Denn Gott hält auch heute noch Gericht.
Er tut es tagtäglich – mitten in unserem Leben. Nur sind wir blind dafür geworden, so
dass wir sein Gericht nicht erkennen. Freilich: Wenn Gott Feuer und Schwefel herabregnen ließe, wenn sich Erdspalten auftäten, um Übeltäter zu verschlingen, wenn Engelheere zu den Waffen griffen – dann würde jeder Gottes Strafgericht erkennen. Doch solche
übernatürlichen Eingriffe, bei denen Gott uns spektakulär in den Weg tritt, erleben wir
nicht. Und wir folgern daraus, er strafe nicht mehr. Doch ist das ein voreiliger Schluss.
Denn Gottes Strafe besteht manchmal gerade darin, dass er einen Menschen gewähren
lässt – und ihn nicht aufhält. Gott kann dadurch strafen, dass er einem Sünder nicht entgegentritt, sondern ihn den heillosen Weg, den er eingeschlagen hat, zu Ende gehen
lässt. Er tut ihm damit eigentlich nichts zu Leide. Aber er „gibt ihn dahin“ in seinen
„verkehrten Sinn“ (vgl. Röm 1, 24–28!). Und ich meine, dass das heute Gottes bevorzugte
Art des Strafens ist. Er überlässt Menschen ihrer eigenen Bosheit, durch die sie sich
selbst zu Grunde richten. Er braucht dazu nicht Blitz und Donner vom Himmel herabzusenden. Dramatische Aktionen sind nicht nötig. Vielmehr genügt es, wenn Gott uns den
Konsequenzen unseres Tuns überlässt. Dummheit, Bosheit, Gewalt, Gier und Falschheit
gebären dann schon aus sich selbst heraus das Übel, das sie verdienen. Denn es sind verbotene Früchte, vor denen uns Gott nicht umsonst gewarnt hat. Er hat sie verboten, weil
sie uns schaden. Greifen wir aber trotzdem danach und verschlingen, was nicht bekömmlich sein kann, dann ist es kein Wunder, dass wir uns den Magen verderben. Das „Strafgericht“ vollzieht sich ganz automatisch. Und Gott tut dabei nichts weiter, als dass er uns
unseren Willen lässt und uns vor den Konsequenzen unserer törichten Wünsche nicht
bewahrt. Erleben wir das nicht täglich?
Da ist einer jähzornig und gewalttätig. Aber eines Tages trifft er einen Stärkeren, der ihm
mit gleicher Münze heimzahlt. Er jammert natürlich. Aber geschieht ihm etwa Unrecht?
Da betrügt einer seine Frau, belügt sie, wird von ihr verlassen und bleibt allein zurück. Er
mag über seine Einsamkeit klagen. Aber geschieht ihm etwa Unrecht? Da ruiniert einer
seinen Körper mit Zucker, Nikotin und Alkohol. Er schlägt die Warnungen des Arztes in
den Wind und endet in Krankheit und Siechtum. Aber geschieht ihm etwa Unrecht? Da
vernachlässigt einer seine Kinder und überlässt sie sich selbst, weil Erziehung Mühe
macht. Später missraten sie und machen ihm nichts als Sorgen. Aber geschieht ihm Unrecht? Da berauscht sich einer an der Schnelligkeit seines Autos, lebt auf der Straße seine
216
Aggressionen aus und sucht dabei den „Kick“. Später verbringt er traurige Jahrzehnte im
Rollstuhl. Aber geschieht ihm etwa Unrecht?
Man verstehe mich nicht falsch: Natürlich sind diese Menschen zu bedauern. Wir alle
sind zu bedauern, weil sich jeder auf seine Weise in Sünde verstrickt und so oder so an
den Folgen leidet. Wir schneiden uns damit ins eigene Fleisch, wir spüren den Schmerz –
und sind auch noch selbst schuld. Das ist hart! Dass solches Strafgericht aber ungerecht
sei, wird niemand sagen können. Denn es besteht lediglich darin, dass wir auslöffeln,
was wir uns selbst eingebrockt haben. Wir ernten, was wir gesät haben. Gäbe es eine angemessenere Strafe?
Freilich kann man an dieser Stelle einen Einwand erheben: Was ist, wenn die Folgen
meines Fehlverhaltens einen anderen treffen, oder – umgekehrt – ich die Fehler eines
anderen „ausbaden“ muss? Ist das dann immer noch „gerecht“? In der Tat scheint das
Unglück häufig den „Falschen“ zu treffen. Rücksichtslose Autofahrer bringen oft genug
andere Verkehrsteilnehmer ins Grab. Und Eltern, die ihren Nachwuchs schlecht erziehen,
schaden den Kindern mehr als sich selbst. Die Kosten für die Rehabilitation eines Süchtigen muss die Gesellschaft tragen. Und der untreue Ehemann zerstört das Glück seiner
Frau genauso wie sein eigenes. Sollte auch das noch mit dem „Gericht Gottes“ zu tun
haben? Nun: Bestimmt nicht immer. Aber manchmal schon. Denn Martin Luther sagt,
Gott strafe manchmal „einen Buben durch den anderen“. Das soll heißen: Die Folgen
meiner Sünde treffen zwar oft meine Mitmenschen. Zugleich aber treffen mich die Folgen ihrer Sünden. Und nicht selten kommt dadurch so etwas wie „ausgleichende Gerechtigkeit“ zustande. Denn es trifft ja so oder so keinen Unschuldigen. Jeder von uns ist Täter und Opfer zugleich. Und so gesehen ist dann einer die Strafe des anderen. Unsere
Strafe besteht darin, dass wir unter Menschen leben müssen, die so sind wie wir. Sünder
unter Sündern zu sein, das ist unsere Schuld und unsere Strafe zugleich. Und was andere
uns zufügen, trifft uns durchaus verdient, weil wir die anderen ja auf andere Weise
ebenso plagen und enttäuschen. Die Menschheit ist so gesehen eine große Gemeinschaft
betrogener Betrüger, belogener Lügner, verspotteter Spötter und bestohlener Diebe...
Wenn das aber so ist – was folgt dann daraus? Sind wir dann berechtigt, alles über einen
Kamm zu scheren, so als sei jeder Schicksalsschlag, der einen Menschen trifft, automatisch eine Strafe Gottes? Keineswegs! Es wäre sehr unangebracht, es Hiobs Freunden
gleichzutun und jedem Leidenden zu unterstellen, er habe sein Leiden irgendwie selbst
verschuldet. Nein: Wir haben nicht „alles“ irgendwie „verdient“. Aber manches, was uns
widerfährt, haben wir durchaus „verdient“. Und vielleicht ist es mehr, als wir meinen.
Gewiss bleibt manches Leid auf dieser Welt ein Rätsel. Und dennoch sollten wir, wenn
uns etwas Schweres auferlegt wird, nicht gleich jammern und lamentieren, sondern erst
einmal in Ruhe darüber nachdenken, ob uns nicht vielleicht Recht geschieht. Denn empören dürfte sich ja nur der, der von sich sagen könnte, er sei „unschuldig“. Und ich
kenne niemanden, der das ernsthaft von sich behaupten kann. Darum sollten wir
schlicht der Wahrheit die Ehre geben: Viele Gruben, in die der Mensch fällt, hat er sich
selbst gegraben. Wir gieren nach gesteigertem Lebensgenuss – und leiden an unserer eigenen Unersättlichkeit. Wir befreien uns von Normen und Autoritäten – und bezahlen es
mit Orientierungslosigkeit. Wir beuten die Schöpfung aus – und erleben, wie die Natur
aus dem Gleichgewicht gerät. Wir zerstören die Grundlagen der Familie – und spüren
wachsende Vereinsamung. Wir idealisieren die Jugend – und kommen mit dem Alter
nicht mehr zurecht. Wir manipulieren an den Genen herum – und wundern uns über die
Monster, die dabei entstehen. Doch in alledem vollzieht sich (unbemerkt, aber sehr kon217
sequent) Gottes Gericht. Noch einmal sei es gesagt: Das Gericht besteht nicht darin, dass
Gott uns die Erfüllung unserer törichten Wünsche verweigern und uns seinen Willen
gewaltsam aufzwingen würde. Sondern es besteht im Gegenteil darin, dass er uns unsere
törichten Wünsche erfüllt und unseren Willen gewähren lässt. Denn da wir ohne ihn
sein wollen, lässt er uns erfahren, wohin wir ohne ihn kommen. Das ist nun keine harmlose Sache. Und nichts daran ist erfreulich. Glauben aber heißt, die Konsequenzen trotzdem anzunehmen und die eigene Verantwortung nicht zu leugnen. Der Gläubige erkennt, dass er den Karren selbst in den Dreck gefahren hat. Und darum fasst er sich an
die eigene Nase. Statt Gott für hausgemachte Katastrophen anzuklagen, beugt sich der
Glaube seinem Gericht. Und dieses „Sich-Beugen“ fällt ihm umso leichter, als er weiß,
dass das Gericht ihn nicht zerstören, sondern bessern soll.
Gottes Motiv ist nämlich keineswegs Vergeltung. Nein! Diesen Teil hat Christus durch
seinen Sühnetod am Kreuz ein für alle Mal erledigt. Christus hat den vernichtenden Teil
der Strafe getragen, damit er den Christen erspart bliebe. Es gibt darum keine Verdammnis für die, die in Christus sind. Was aber bleibt, und was der Gläubige zu spüren bekommt, das hat pädagogischen Sinn: Gott rüttelt uns und schüttelt uns, damit wir zur
Besinnung kommen. Er verstellt uns Wege, die wir besser nicht gehen sollten. Und wenn
wir auf seine Warnungen nicht „hören“, dann lässt er uns manchmal „fühlen“. Zweifellos kann das sehr bitter sein. Aber es geschieht nicht, weil Gott uns schaden wollte, sondern damit wir aus solchen Prüfungen gereift und geläutert hervorgehen. Der Allmächtige betreibt manchmal eine raue Pädagogik – eine harte Form der Gnade. Und doch ist
auch das eine Form von Fürsorge. Darum heißt „glauben“, vor Gottes Gerechtigkeit den
Hut zu ziehen, und (wenn überhaupt) nur mit sich selbst zu hadern. Das ist natürlich
nicht leicht. Wir würden die Schuld lieber bei Gott oder bei anderen Menschen suchen.
Aber wenn ich mir mit einer verfehlten Lebensplanung selbst die Grube gegraben habe
und hineingefallen bin, wenn ich im Schlamm gewühlt habe und dabei dreckig geworden
bin, dann macht es wenig Sinn, gegen den Himmel zu grollen. Besser wär’s, die Lektion
zu lernen, bleiben zu lassen, was mir und anderen zum Schaden gereicht, und endlich zu
wollen, was gewollt zu werden wert ist.
61. Gottes Gebote
Es ist schon eine Weile her, da hatte ich einen Besuch zu machen und kam dabei ins Gespräch mit einem rüstigen Rentner. Der lebte in geordneten Verhältnissen, in einem
hübschen Haus mit einem gepflegten Vorgarten, und erzählte mir von seinem Lebenslauf, der ebenso ordentlich und vorzeigbar schien wie der Garten und das Wohnzimmer.
Der Mann war stolz auf seine funktionierende Ehe und auf seine beruflichen Verdienste.
Er ließ durchblicken, dass er mit Klugheit und Courage schon allerhand durchgefochten
hat. Und ich glaubte ihm das gern, denn er war nicht auf den Mund gefallen. Als wir aber
später auf kirchliche Dinge zu sprechen kamen – auf Gottesdienst und Bibel, Gemeinschaft und Glaube – da zeigte sich der Mann ziemlich desinteressiert, wischte das alles
mit einer Handbewegung beiseite und sagte: „Ach, Herr Pfarrer, ich brauche das nicht,
denn ich lebe ja nach den Zehn Geboten. Und das ist schließlich die Hauptsache.“ Sie
können sich vorstellen, dass mich dieser Satz irritierte. Ich kenne nämlich kein einziges
Gebot, mit dem ich nicht im Konflikt wäre. Und da saß einer vor mir, der wirklich meinte, alle Zehn Gebote zu halten! Auf meine erstaunte Nachfrage gestand der Mann zwar,
218
dass auch ihm manchmal moralische Pannen unterliefen – das sei ja nur menschlich, er
sei auch nicht vollkommen. Im Großen und Ganzen blieb er aber bei seiner Ansicht, dass
er sich nichts Schwerwiegendes vorzuwerfen habe, und dass darum auch sein Verhältnis
zu Gott völlig in Ordnung sei. Er meinte wohl wirklich, das Gemeindeleben und der Gottesdienst seien für Menschen bestimmt, die Belehrung, Trost und Vergebung nötiger
hätten als er.
Als ich aber nach einer Weile gehen musste und den Mann mit dem geordneten Leben
durch seinen geordneten Vorgarten verließ, da war mir klar geworden, dass er stellvertretend gesprochen hatte für viele Menschen, die tatsächlich meinen, sie wären weitgehend
„in Ordnung“. Tief drinnen sind sie überzeugt, der „liebe Gott“ könne mit ihnen zufrieden sein. Und ich fürchte, genau darum bekommen sie keinen echten Bezug zum Glauben und verstehen auch nicht, was Christen in der Passionszeit beschäftigt. Denn wenn
sich einer „in Ordnung“ findet – was soll der mit dieser merkwürdigen Botschaft anfangen, Jesus habe die Last seiner Strafe am Kreuz getragen? Wer sich der Erlösung nicht
bedürftig fühlt, weiß sie auch nicht zu schätzen. Vielmehr schaut er mit Unverständnis
auf den Gekreuzigten, schüttelt den Kopf und sagt: „Tja, also für mich hätte er nicht
sterben müssen…“
Und woran liegt’s? Ich meine, ein wesentlicher Grund dürfte sein, dass die Menschen
eine allzu harmlose Vorstellung von den Zehn Geboten haben – und sie in ihrer tatsächlichen Tragweite nicht verstehen. Denn, bitte, was heißt denn „Du sollst nicht töten“?
Das schließt doch viel mehr ein, als bloß, dass ich nicht morden darf. Es schließt mit ein,
dass ich meinem Nächsten versöhnlich und friedfertig begegnen und, soviel ich vermag,
Gefahren und Übel von ihm abwenden soll. Auch im Verborgenen soll ich keine Hass–
und Rachegedanken gegen meinen Feind hegen, soll ihm böse Worte nicht mit bösen
Worten vergelten, sondern soll ihn lieben, wie mich selbst, soll ihn schützen, wo er an
Leib und Leben bedroht ist, und soll ihm helfen, wo ich kann. So lange ich das aber nicht
tue, ist auch dem 5. Gebot nicht Genüge getan!
Und was heißt „Du sollst nicht ehebrechen“? Manch einer scheint zu glauben, er erfüllte
diese Forderung schon, wenn er nicht fremdgeht. Doch in Wahrheit geht’s ja nicht darum, sich einen Seitensprung zu verkneifen, sondern es geht darum, die verkehrte Lust
zu überwinden – und mit ihr alle unreinen Gedanken. Wir sollen die eheliche Treue
nicht gezwungenermaßen bewahren, sondern freudig, sollen unseren Leib zu einem
Tempel des Heiligen Geistes machen, sollen unseren Partner von Herzen lieben, seine
Fehler mit Geduld tragen und seine Fürsorge dankbar erwidern. So lange wir das aber
nicht tun, kann keine Rede davon sein, wir hielten das 6. Gebot!
Wollen wir’s da vielleicht mit etwas Einfacherem versuchen – und das zweite Gebot betrachten? „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen“ Das besagt anscheinend
nur, dass ich von Gott nicht leichtfertig oder lästerlich reden soll. Und das trauen wir uns
zu. Doch mit der bloßen Unterlassung ist es auch hier nicht getan, denn tatsächlich
meint dieses Gebot, dass ich Gott Ehrfurcht erweisen soll. Ich soll für die Ehre seines
Namens eintreten gegenüber Spott und Unglauben, ich soll den Namen Gottes im Gebet
anrufen, um ihn zu bitten und um ihm zu danken, ich soll auch nicht faul darin sein, das
Gespräch mit ihm zu suchen, und soll mich öffentlich zu Gott bekennen. So lange ich das
aber nicht tue, und dem Namen Gottes nicht Ehre mache durch mein ganzes Leben, habe
ich auch dem 2. Gebot nicht Genüge getan!
Wollen wir da lieber unser Glück versuchen mit dem achten Gebot: „Du sollst nicht
falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“? Vielleicht hoffen wir ja hier zu bestehen,
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weil wir gewöhnlich keine Lügen erzählen. Aber heißt das denn schon, dass wir unsere
Zunge im Zaum hätten? Haben wir nie jemand Böses nachgeredet und Klatsch weitergetragen? Haben wir immer erst zugehört ehe wir urteilten? Haben wir zum Frieden geredet
und alles zum Besten gewendet? Reden wir stets Gutes von unserem Nächsten – auch in
seiner Abwesenheit! – und schützen wir seine Ehre im Kleinen wie im Großen? Oder haben wir Freude am Spott über andere? Reden wir nicht allzu oft Menschen nach dem
Munde und biegen uns die Wahrheit zurecht, wie wir sie gerade brauchen? Ist dann aber
nicht Klarheit und Wahrhaftigkeit in unserer Rede – wie können wir dann vor dem 8.
Gebot bestehen?
Selbst wenn wir’s könnten und uns auch an den anderen Geboten erfolgreich prüften, so
bliebe doch immer noch das erste und gewichtigste, das da lautet: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Natürlich gibt es auch hier die schlichten Gemüter, die
meinen, das sei doch nicht schwer, solange man nicht an Wotan, Shiva oder Jupiter
glaubt. Aber auch in diesem Fall zählt nicht das Unterlassen des Falschen, sondern das
Tun des Richtigen. Denn das erste Gebot fordert von uns, Gott die letzte und maßgebliche Instanz in allen Fragen sein zu lassen. Wir werden aufgefordert, Gott mehr zu vertrauen als uns selbst, unserem Verstand, unserer Kunst und Macht. Der Friede mit Gott
soll uns höher stehen als jeder irdische Gewinn und seinen Zorn sollen wir mehr fürchten als den Ärger irgendeines Menschen. Wir sollen bereit sein, unseren Willen komplett
dem Willen Gottes unterzuordnen, sollen uns Gott als Werkzeug zur Verfügung stellen
und dann ohne Murren die Rolle spielen, die er uns zuweist. Wenn wir das aber nicht
schaffen – und ich behaupte, dass es keiner von uns schafft! – wenn wir immer wieder
anderen Dingen Priorität einräumen, wie könnten wir da je dem 1. Gebot Genüge tun?
Wenn das aber nicht in Ordnung ist, wie können wir uns dann einreden, irgendetwas
anderes in unserem Leben könnte noch in Ordnung sein? Wir bleiben Gott die Hauptsache schuldig, und dann setzt sich jemand hin, schlürft seinen Kaffee und meint, Vergebung bräuchten die Anderen – weil er ja nach den Zehn Geboten lebt? Kann man Jesus
schlimmer verspotten, als wenn man unterstellt, er sei – was mich betrifft – unnötigerweise am Kreuz gestorben? Der 1. Johannesbrief fällt über solche Anmaßung ein klares
Urteil:
„Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben, und wandeln in der Finsternis,
so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im
Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes,
macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen
wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller
Ungerechtigkeit.“
„Wenn“ sagt Johannes. Und alles hängt daran, dass uns der konditionale Sinn dieses
Wörtchens bewusst wird. Wenn wir unsere Sünden bekennen, wird Gott sie uns vergeben: „Wenn“! Wenn wir unsere Sünde aber nicht bekennen, weil wir sie uns gar nicht
eingestehen, sie nicht bereuen und nicht verabscheuen, wie sollte dann Vergebung möglich sein? Es gibt keine Vergebung ohne Reue – und es gibt keine Reue ohne Einsicht.
Wenn Selbstzufriedenheit aber die Einsicht verhindert, dann ist sie dem Menschen zum
Verhängnis geworden, indem nämlich Christus tatsächlich vergeblich gestorben ist für
die, die meinen, ihn nicht nötig zu haben. Bittet einer nicht um Vergebung, so kann sie
220
ihm auch nicht zu Teil werden. Nimmt er Jesu Opfer nicht an, so kommt es ihm auch
nicht zugute. Schlägt er Jesu Angebot aus, dass Jesus für ihn einstehen will, so muss er
auf eigene Rechnung leben und sterben. Weil das aber keine gute Idee ist, darum nutze
jeder die Zehn Gebote als Checkliste für seinen moralischen Zustand! Das aber nicht,
damit ihm die Strenge dieser Maßstäbe zur Belastung werde, sondern mit dem Ziel, seine
Schuld zu entlarven, sie dann schleunigst an Christus abzugeben und damit zu überwinden.
Denn das Versagen, das ich mir nicht eingestehe und das ich nicht wage beim Namen zu
nennen – das hat weiter Macht über mich. Das erkannte Versagen aber, das kann ich
loswerden, indem ich es Gott zu Füßen lege. Die verschwiegene Sünde kann mich immer
weiter vergiften, weil ich sie weiter mit mir schleppe. Die Sünde aber, die ich Gott bekenne, die ist eben damit schon besiegt. Der Ballast, der an mir hängt, kann mich nur so
lange herunterziehen, bis ich ihn erkannt, benannt und Jesus überlassen habe. Erlauben
wir also Christus, die Zuständigkeit für unsere Fehler zu übernehmen, und hindern wir
ihn nicht bei seiner Arbeit!
62. Desillusionierung, Selbsterkenntnis und Buße
Der erste Psalm enthält einen irritierenden Vers – einen, über den man stolpern kann.
Da heißt es nämlich: „Wohl dem, der ... Lust hat am Gesetz des Herrn.“ Der Satz ist leicht
gesagt. Schwierig wird es aber, wenn man sich fragt, ob man selbst so einer ist. Bin ich
einer, der Lust hat am Gesetz des Herrn? Bereiten mir die 10 Gebote Freude? Es würde
mich wundern, wenn darauf jemand spontan „Ja“ sagte. Wir neigen wohl eher dazu, diese Frage befremdlich zu finden. Denn reicht es nicht, dass man sich an Gottes Gebote
halten soll – ist das nicht schwierig genug? Müssen wir auch noch jubeln über die Vorschriften, die Gott uns macht?
Setzen wir nicht zu hoch an. Der erste Schritt zur Lust am Gesetz des Herrn, ist wohl die
Einsicht in die Berechtigung und in die Notwendigkeit dieses Gesetzes. Und solche Einsicht ist auch schon viel wert. Es ist viel wert, wenn Menschen einsehen, dass sie sich
auf Gottes Grund und Boden befinden. Wir sind in dieser Welt Gäste, und er ist der
Hausherr. Darum ist es sein gutes Recht, eine Hausordnung zu verkünden. Er hat das
Recht, seinen Gästen Verhaltensregeln aufzuerlegen. Und dass er von diesem Recht Gebrauch macht, ist nur zu verständlich. Denn da Gott seine Erde liebt, will er sie vor Zerstörung schützen. Er will nicht, dass seine Gäste übereinander herfallen. Und er will
nicht, dass sie die Einrichtung seines Hauses ruinieren. Weil wir aber nicht aus eigenem
Instinkt heraus das Gute tun, hat er uns seine Hausordnung schriftlich gegeben: Die 10
Gebote.
Es sind weise Gebote, die dem Leben dienen. Das geben sogar Nichtchristen zu! Es sind
gute Regeln, die uns davor bewahren, uns selbst und anderen zu schaden. Trotzdem aber
ist die „Unlust“ am Gesetz des Herrn meist größer als die „Lust“. Und warum? Liegt es
daran, dass wir eigentlich lieber gesetzlos wären? Liegt es daran, dass uns das Böse oft so
verlockend und schön erscheint? Zumindest bei den reiferen Charakteren vermute ich,
dass etwas anderes im Vordergrund steht. Bei ihnen rührt der Widerwille gegen Gottes
Gesetz eher daher, dass sie an der Erfüllung der Maßstäbe, deren Berechtigung sie einsehen (!), so oft scheitern. Ja, unser Scheitern am Gesetz des Herrn verdirbt uns die Lust
daran. Denn es ist ja nicht so, dass man es nicht versuchte. Gerade dann aber, wenn man
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ernstlich Gottes Willen zu tun versucht, merkt man, wie unendlich schwer das ist. Es ist
ja bei weitem nicht damit getan, dass man nur das Stehlen, das Morden und Ehebrechen
unterlässt. Dergleichen zu lassen – das würden wir uns vielleicht noch zutrauen. Aber in
Wahrheit sind die Zehn Gebote nicht bloß Verbote, sondern zugleich Gebote positiver
Aktivität: „Du sollst nicht töten“ heißt auch: Du sollst das Leben des anderen fördern.
„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ heißt auch: Du sollst die Wahrheit ausbreiten. „Du
sollst nicht ehebrechen“ heißt auch: Du sollst deinen Ehepartner lieben und ehren.
Nimmt man diese positiven Forderungen in den Verboten wahr, so wird es schon viel
schwerer, dem Gesetz zu folgen. Und selbst wenn es jemandem gelänge, wäre das noch
nicht genug. Denn Jesus hat die Latte in der Bergpredigt noch höher gelegt. Da fordert er
nicht bloß reine Hände, die das Gute tun, sondern fordert dazu auch noch reine Herzen,
die nichts als nur Gutes wollen und wünschen.
Er sagt: Wenn du in deinem Herzen und in Gedanken Ehebruch begangen hast, so ist es
als hättest du ihn wirklich begangen. Und wenn du im Herzen deinem Feind den Tod
wünschst, so ist es, als hättest du ihn schon umgebracht. Folgerichtig verlangt Jesus von
uns, dass wir nicht nur auf böses Tun verzichten, sondern dass auch die Lust auf dieses
böse Tun aus unserem Herzen verschwindet. Jesus fordert, nicht bloß äußerlich das Gute
zu tun, sondern auch innerlich immer uneingeschränkt das Gute zu wollen. Wer aber
könnte vor diesem Maßstab bestehen und diesem Anspruch gerecht werden – außer Jesus selbst?
Wer das zu Ende denkt, wird finden, dass es auf jene erschreckende Forderung des 1.
Petrusbriefes hinausläuft: „...wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig
sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben: »Ihr sollt heilig sein, denn ich
bin heilig.«„ (1.Petr 1,15–16) Und an diesem Punkt ist es dann wohl vorbei mit der Einsicht. Denn wer sollte sich da nicht überfordert fühlen und die Lust verlieren am Gesetz
des Herrn? Läuft es darauf hinaus, dass wir heilig sein sollen wie Gott heilig ist, so können wir nur scheitern. Und damit wird unser Psalmwort vollends unverständlich. Denn
wie soll man Lust haben am Gesetz des Herrn, wenn es keine Hilfe ist auf dem Weg zu
Gott, sondern eher ein großer Stolperstein? Das Gesetz scheint für nichts anderes zu taugen, als dass es unser Versagen aufdeckt. Es zwingt uns, zu gestehen, dass wir uns mit
aller Willensanstrengung nicht zu guten Menschen machen können. Es blamiert uns,
weil es zeigt, wie wenig wir uns im Griff haben. Und das ist doch kein Gewinn! Oder vielleicht doch? Ja, ich meine tatsächlich, dass es gut ist, wenn das Gesetz uns ins Stolpern
bringt. Es bringt unser moralisches Selbstbewusstsein zu Fall und lässt die Illusion „freier“ Selbstbestimmung platzen. Wir entdecken, wie viel Macht das Böse über uns hat. Und
erschrocken erkennen wir uns wieder in den Worten des Paulus: „Wollen habe ich wohl,
aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht;
sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,18–19).
Das zu erkennen, ist schmerzhaft, aber heilsam. Denn in jedem von uns steckt die Neigung, das Gelingen unseres Lebens zu erzwingen. Wir würden uns erfülltes Leben lieber
erkämpfen oder verdienen, statt es aus der Hand Gottes „gratis“ zu empfangen. Und
selbst den Himmel würden wir am liebsten erobern durch eine „Lebensleistung“, die
Gott anerkennen und honorieren muss. Wir verlassen uns eben lieber auf unsere eigenen Verdienste als auf Gottes Gnade. Doch je früher und je gründlicher diese Illusion
scheitert, umso besser ist es. Denn je eher man aus dieser falschen Bahn geworfen wird,
umso eher wird man die richtige finden. Eben dafür aber sorgt das Gesetz selbst. Es tritt
uns nämlich mit erbarmungsloser Strenge entgegen und lehrt uns dadurch, das Erbarmen
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Jesu Christi zu suchen. Es ist ein „Erzieher“ ein „Zuchtmeister“ auf Christus hin, sagt
Paulus (Gal 3,24). Es ist der Eisberg, an dem die „Titanic“ menschlicher Selbstsicherheit
zerschellt.
Das klingt vielleicht „destruktiv“. Aber was zerbricht, ist nur die Illusion, die den Menschen daran gehindert hat, seinen Erlöser kennenzulernen. Erreicht der Schiffbrüchige
jenes Rettungsboot, das man „Kirche“ nennt, schlüpft er also bei Christus unter, so erreicht er unter Jesu Führung das Ziel, zu dem ihn seine „Titanic“ (sein stolzes Bemühen
um Vervollkommnung) niemals hätte bringen können. Er wird die Nase nun tiefer tragen. Aber das macht nichts. Denn er verdankt dem „Eisberg“ eine neue, realistische
Selbsteinschätzung. Und er beginnt zugleich, das Gesetz anders wahrzunehmen.
Als Christ weiß er, dass das Gesetz ihn nicht erlösen kann, denn er ist ein Sünder. Und er
weiß zugleich, dass es ihn nicht verdammen kann, denn er ist gerechtfertigt durch Christus. Eines aber kann das Gesetz. Für den, der durch Christus gerechtfertigt ist, kann es
sich zurückverwandeln in das, was es vom Anbeginn der Schöpfung eigentlich sein sollte:
Nicht Überforderung, nicht strenger Zuchtmeister und nicht Ankläger, sondern Gottes
gute Hausordnung für das Haus seiner Schöpfung. Wer das erkennt, der empfindet Gottes Gebote am Ende nicht mehr als „Einschränkung“, sondern als Orientierungshilfe. Die
Gebote leisten ihm dann gute Dienste als Warnschilder an Gefahrenstellen des Daseins
und als Geländer, an dem man sich halten kann auf abschüssigen Wegen. Der Einsichtige
übt sich darin, nur noch zu wollen, was Gott will, und gewinnt am Ende das, was unser
Psalm so lobt: Er gewinnt tatsächlich „Lust am Gesetz des Herrn“.
63. Gottes Verborgenheit,
Offenbarung und Menschwerdung
Jesus Christus ist die Mitte des Glaubens, der Schlüssel aller Erkenntnis, der Weg zum
Heil und die zentrale Offenbarung Gottes. Martin Luther hat das in geradezu schroffen
Worten zum Ausdruck gebracht, als er sagte: „Ich kenne noch verehre keinen andern
Gott, als den Menschgewordenen, außer diesem will ich keinen andern haben, denn es
gibt keinen andern, der retten kann.“
Doch so selbstverständlich wie für Luther ist die zentrale Stellung Jesu Christi nicht für
jeden. Und in unserer kulturell veränderten Gesellschaft werden die Einwände immer
lauter: Ist Gott nicht noch viel mehr als bloß dieser Jesus von Nazareth? Ist er nicht auch
der Schöpfer, der den Kosmos werden ließ? Ist er nicht auch der Gesetzgeber, der am Sinai seine Gebote gab? Ist er nicht auch der Heilige Geist, der weht, wo er will? Ist es nicht
die Hauptsache, dass man überhaupt an Gott glaubt? Warum muss es gerade dieser sein,
der in Christus Mensch wurde? Schließlich wird Gott auch in anderen Religionen verehrt,
die ohne Jesus auskommen. Es gibt doch auch Buddha und Konfuzius, Mohammed und
den Dalai Lama. Das sind doch auch alles fromme Leute. Warum also ist Luther so engstirnig? Warum will er ausschließlich mit dem Gott zu tun haben, der Mensch wurde?
Mancher würde Luther empfehlen, seinen Horizont zu erweitern und Christus mal beiseite zu lassen! Würde das nicht gehen?
Machen wir ruhig einmal dieses gedankliche Experiment. Nehmen wir an, Gott wäre
nicht in Jesus Christus Mensch geworden. Denken wir uns alles weg, was das Neue Testament berichtet, und versetzen wir uns in die Lage eines Menschen, der von Christus
nie etwas gehört hat. Was wüssten wir dann von Gott? Zum Ersten wüssten wir, dass
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Gott Himmel und Erde geschaffen hat. Denn das wissen auch viele nichtchristliche Religionen. Gott lässt in der Natur die Dinge wachsen und wieder verdorren, er lässt die
Sonne auf und wieder untergehen, er macht Sommer und er macht Winter, er lässt Völker zu großer Macht kommen und wieder untergehen. Gott erwählt und verwirft, er segnet und flucht, er macht reich und macht arm. Das wissen wir auch dann noch, wenn wir
uns Christus wegdenken.
Nur ist das ein ziemlich zwiespältiges Wissen. Gott schenkt uns das Leben. Und das ist
freundlich von ihm. Aber er nimmt uns das Leben auch wieder. Früher oder später lässt
er uns sterben. Und darin erscheint er eher feindlich. Ja, wie ist er denn nun wirklich –
freundlich oder feindlich? Gott lässt uns die Schönheit der Natur und viel Freude erfahren. Das spricht wiederum für seine Freundlichkeit. Er schickt aber auch Schmerzen und
manches übergroße Leid, als wäre er unser Feind. Mal scheint er uns zu segnen mit
Freunden, mit Kindern, mit Erfolg und Wohlstand. Und das andere Mal scheint er uns
verderben zu wollen, umgibt uns mit Gegnern und Neidern, nimmt uns die liebsten
Menschen, lässt uns scheitern und verzweifeln.
Was für einen Reim soll man sich darauf machen? Wie ist er denn nun wirklich: Freundlich oder feindlich? Auch wenn wir an Gottes Gebote denken, geraten wir in diesen
Zwiespalt. Denn einerseits sind sie eine nützliche Gebrauchsanleitung für die Welt.
Wenn wir uns daran halten, kommen wir mit unseren Mitmenschen gut aus. Andererseits aber drohen uns Strafen, weil wir Gottes Gebote immer wieder übertreten. So werden uns die Gebote, die wir eben noch nützlich fanden, zum Fallstrick. Sie brechen uns
den Hals, weil wir an ihnen schuldig werden. Was also sollen wir denken? Ist dieser Gott,
der Gebote gibt, Freund oder Feind? Die Natur, die Gott geschaffen hat, ist voller Herrlichkeit und voller Grausamkeit. Unser Schicksal, das er lenkt, ist eine süß-saure Mischung aus Höhen und Tiefen. Und die große Weltgeschichte zeigt sich randvoll mit Faszinierendem und auch mit Erbärmlichem. Wenn wir nun aber an Natur, Schicksal und
Geschichte ablesen wollten, wie der Gott ist, der dahintersteht, und alles daran ist ambivalent und zweideutig – bleibt dann nicht auch Gott ambivalent und doppelgesichtig?
Wir könnten nie wissen, wie er zu uns steht und was er mit uns vorhat. Und bei diesem
Nicht-Wissen würde es bleiben, wie lange wir auch unser gedankliches Experiment fortsetzten. Denn solange wir ohne Jesus auszukommen versuchen, bleibt immer Zweideutigkeit. Wer von Christus nichts weiß, kommt nicht dahinter, wie Gott wirklich ist. Er
sieht zwar, was Gott tut. Denn Gott begegnet überall. Aber er erschließt sich dabei nicht,
sondern bleibt inmitten der Begegnung verborgen und unverständlich. Diese Unverständlichkeit muss uns Angst machen, denn der unbegreifliche Gott hat große Macht
über uns. Selbst wenn wir versuchen gottlos zu leben, werden wir Gott nicht los. Er begegnet uns auf Schritt und Tritt. Wie sollen wir uns da verhalten? Uns fehlt die entscheidende Information. Wir wissen nicht, ob Gott es gut mit uns meint. Und das ist eine
schreckliche Ungewissheit…
Luther hat das natürlich gewusst. Anfangs wollten wir ihm eine Horizonterweiterung
empfehlen. Aber er kannte das Ergebnis unseres Gedankenexperiments schon. Wenn
man sich Jesus wegdenkt, wird der Horizont nicht weit, sondern dunkel und rätselhaft.
Und genau deshalb sagt Luther jenen kompromisslosen Satz: „Ich kenne noch verehre
keinen andern Gott, als den Menschgewordenen, außer diesem will ich keinen andern
haben.“ Luther kann das sagen, weil durch Christus alles eindeutig wird, was vorher
zweideutig war. In Christus (und nur in ihm!) nimmt Gott eine Gestalt an, die wir erfassen und verstehen können. Gott wird unseresgleichen und spricht die Sprache, die wir
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verstehen. Gott erklärt sich uns. Er tritt an unsere Seite und lässt uns nicht allein. Er begegnet uns so, dass wir erkennen, was er im Schilde führt. Denn Jesus Christus hat allen
Menschen Gottes Barmherzigkeit verkündigt und hat am Ende den Beweis dieser Barmherzigkeit erbracht. Der menschgewordene Gott ging für uns ans Kreuz. Er ging durch die
Hölle, damit wir es nicht müssen. Und eindeutiger geht’s nicht mehr. Denn wenn Gott
das für uns tut, dann ist in seinem Herz die Liebe mächtiger als der Zorn. Da gibt’s kein
Zweifeln mehr. Gott will unser Leben und nicht unseren Tod, sein letztes Wort ist Segen
und nicht Fluch.
Freilich: Auch wenn wir das wissen, erscheint uns Gottes Tun manchmal rätselhaft. Aber
wir betrachten das Werk seiner Hände dann nicht mehr wie das Werk eines Fremden,
sondern wie das Werk eines Freundes, von dem wir wissen, dass er Gutes im Schilde
führt. Und das macht einen großen Unterschied. Denn wenn ich in einem Flugzeug sitze,
ist mir ja auch nicht egal, wer der Pilot ist. Sitze ich in einem Boot, ist mir nicht egal, wer
der Kapitän ist. Und sitze ich im Reisebus, ist mir nicht egal, wer ihn fährt. In all diesen
Fällen ist es höchst unangenehm, wenn der, in dessen Händen mein Leben liegt, ein rätselhafter Fremder ist, der widersprüchlich handelt und dessen Absichten ich nicht kenne. Ist es aber ein guter Freund, dem ich vertraue, so bin ich beruhigt. In seinem Flugzeug, auf seinem Schiff, in seinem Reisebus fühle ich mich gut aufgehoben. Und mit Gott
ist es nicht anders. Solange ich ihn nicht kenne befinde ich mich in der Hand eines rätselhaften Unbekannten. Habe ich ihn aber durch Jesus Christus kennen und ihm vertrauen gelernt, so weiß ich mich in der Hand eines liebevollen Vaters. Der Herr der Welt
ist mein Freund, nicht mein Feind. Und das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Seien wir also froh, dass es nur ein gedankliches Experiment war, als wir uns Christus
„wegdachten“. Denn unser Glaube kommt nicht ohne ihn aus: Glaube ist eine Beziehung
zu Gott. Diese Beziehung kann man nur haben, wenn man Gott kennt. Und niemand
kennt Gott wirklich, wenn er ihn nicht aus dem Neuen Testament kennt. Denn das einzig wahre Ebenbild Gottes auf Erden ist sein Sohn Jesus Christus. Und von dem wüssten
wir nichts, wenn wir das Neue Testament nicht hätten. Wer da aber nicht hineinschaut –
wie will der Gott verstehen? Wer aber Gott nicht versteht – wie will der eine Beziehung
zu ihm haben? Wer zu Gott aber keine Beziehung hat – wie kann der gerettet werden?
Weil das unmöglich ist, sollte man Gott suchen, wo er gefunden werden will. Hat man
aber in Christus den Zugang gefunden, kann man sich Luthers Worten nur anschließen:
„Wir kennen noch verehren keinen andern Gott, als den Menschgewordenen, außer diesem wollen wir keinen andern haben, denn es gibt keinen andern, der retten kann.“
64. Das Wunder der Jungfrauengeburt
Die Jungfräulichkeit Mariens gehört zu den Glaubensthemen, die am häufigsten missverstanden werden. Dabei ist gar nicht schwer zu verstehen, was der Sache nach gemeint ist:
Wir können den Evangelien entnehmen, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu ist,
sondern dass Gott an Maria das Wunder einer vaterlosen Zeugung vollbracht hat. Das
Kind von Bethlehem ist nicht Josefs Kind, es ist überhaupt keines Mannes Kind, sondern
Gottes Kind, das Maria lediglich austrug. Das ist es, was wir bekennen, wenn wir im
Glaubensbekenntnis sagen „empfangen durch den heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“. Aber wer kann mit dieser Aussage wirklich etwas anfangen? Viele Menschen
beginnen verständnislos zu grinsen, wenn man sie auf die Jungfrauengeburt anspricht –
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sie haben keine Meinung dazu. Und bei denen, die eine haben, gerät man leicht zwischen die Fronten, weil von der einen Seite die Jungfräulichkeit Mariens mit schlechten
Argumenten behauptet und von der anderen Seite mit ebenso schlechten Argumenten
bestritten wird.
Zu dem Plumpsten, was man von Seiten der Bestreiter zu hören bekommt, gehört das
Argument, so etwas wie eine jungfräuliche Geburt könne es gar nicht geben. Die so reden, sind offenbar stolz, zu wissen, wie Kinder normalerweise entstehen. Und ihre Aufgeklärtheit gipfelt in der Einsicht, dass es gewöhnlich ohne einen Mann nicht geht. Mit
unbefangener Naivität setzen sie voraus, dass das, was bei uns nicht geht, selbstverständlich auch für Gott unmöglich sei. Sie unterstellen, dass Gott in derselben Weise den Naturgesetzen unterworfen sei wie wir, und folgern messerscharf, dass er dann in all seiner
Weisheit nicht in der Lage gewesen sein kann, Maria ohne Zutun des Josef schwanger
werden zu lassen. „Das geht doch gar nicht!“ sagt man, freut sich, über die vermeintliche
Naivität der biblischen Autoren hinausgewachsen zu sein – und hält die Sache für erledigt.
Dass darin freilich ein gewaltiger Denkfehler steckt, macht man sich nicht klar. Denn
offenbar hat, wer die Möglichkeit einer jungfräulichen Geburt von vornherein ausschließt, keinen rechten Begriff von Gott. Wüsste er, wer Gott ist, so müsste ihm auch
klar sein, dass Gott kein Gefangener der Naturgesetze ist, die er selbst geschaffen hat.
Und es müsste ihm einleuchten, dass ein allmächtiger Schöpfer, der aus nichts Himmel
und Erde werden ließ, mit einem so kleinen biologischen Kunstgriff kaum Probleme haben dürfte. Wer also darauf beharrt, eine Jungfrauengeburt sei unmöglich, ist bei der Sache, um die es geht, noch gar nicht angekommen. Allerdings: Die Argumente der Gegenseite sind nicht viel besser, wenn die Verteidiger des Glaubenssatzes nur stur auf den
biblischen Buchstaben pochen und verkünden, man müsse blind glauben, weil es geschrieben steht. Wer darauf beharrt, verstehen zu wollen, was er glauben soll, wird von
den übereifrig Bibeltreuen schnell zum Abtrünnigen gestempelt. Und gewonnen ist natürlich nichts, wenn sich Behaupter und Bestreiter der Jungfrauengeburt weiterhin im
Streit über biologisch Mögliches oder Unmögliches verlieren. Solange man über diese
Gesprächsebene nicht hinauskommt, haben auch die Verteidiger des Glaubenssatzes eine
schwache Position. Denn das biblische Zeugnis ist, was die Jungfrauengeburt betrifft,
keineswegs einheitlich. Das Markusevangelium weiß nichts von einer jungfräulichen
Geburt. Paulus erwähnt sie nicht. Und auch das Johannesevangelium schweigt zu diesem
Thema. Das biblische Fundament ist vergleichsweise schmal. Warum also halten wir fest
an einem Satz, der weder zu beweisen noch zu widerlegen ist?
Ich meine, wir tun es, weil das Bekenntnis zur jungfräulichen Geburt Christ einen tieferen Sinn hat, der bisher noch gar nicht angesprochen wurde. Es schützt unsere Sicht Jesu
Christi nämlich gegen jeden Versuch, Christus aus seinem Volk oder seiner Familie abzuleiten und ihn damit als Produkt einer religiösen Entwicklungsgeschichte zu begreifen.
Gewöhnliche Menschen sind das Resultat von Erbanlagen, von Erziehung, von gesellschaftlichen Einflüssen und prägenden Erfahrungen. Jesus aber nicht. Josef hat ihn nicht
hervorgebracht, und auch das Judentum als Ganzes hat ihn nicht hervorgebracht, sondern Gott hat ihn gesandt. Und das ist es, was der Satz von der Jungfrauengeburt eigentlich festhalten und aussagen will: Dass nämlich das Dasein des Erlösers nicht zu erklären
ist aus menschlichen Genen, aus menschlichem Höherstreben oder Fortschreiten. Jesu
Botschaft ist nicht herzuleiten aus menschlichem Nachdenken, und sein Werk ist nicht
zu verstehen als Gipfelpunkt menschlichen Heldenmutes. Denn in diesem Falle hätte die
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Menschheit ihren Erlöser selbst hervorgebracht – und hätte sich damit selbst erlöst. Eben
das aber stellte das Evangelium gänzlich auf den Kopf. Denn das Evangelium besagt gerade nicht, dass die Menschheit sich in Christus auf ihre höchste Höhe hinaufgeschwungen
habe, sondern dass Gott sich in Christus in die tiefste Tiefe hinabgebeugt hat. Christus
ist nicht der erste Mensch, dem es gelang, Adams Sünde abzuschütteln und sich aus der
Barbarei des Unglaubens emporzuarbeiten. Er ist kein „Spitzenprodukt“ menschlicher
Religionsgeschichte, das Gelehrsamkeit und Erziehungskunst eines schönen Tages hervorgebracht haben, sondern er ist Gottes Wunder allein.
Und weil das die eigentliche Pointe unseres Bekenntnisses zur Jungfrauengeburt ist, darum ist dieses Bekenntnis hochaktuell. Denn es setzt allen Versuchen eine Grenze, Christus aus den religiösen Strömungen seiner Zeit zu „erklären“. Viele stoßen sich ja daran,
dass Christen ihn „Gottes Sohn“ nennen. Viele möchten ihn lieber einreihen in die lange
Liste der jüdischen Propheten, Lehrer und Sektengründer – und möchten ihn damit relativieren. Sie möchten uns Christus präsentieren als einen Menschen, der Gott besonders
nahe kam. Unser Bekenntnis lautet aber, dass er Gott war und den Menschen besonders
nahe kam. Das ist ein gravierender Unterschied! Denn wäre der Erlöser ein Produkt der
Menschheit, so müsste in der Bibel stehen, in Christus habe sich die Menschheit mit
Gott versöhnt. Es heißt dort aber, dass Gott sich in Christus mit den Menschen versöhnte.
Das eine wäre der triumphale Aufstieg der Menschheit zu Gott. Das andere ist das barmherzige Herabsteigen Gottes zu den Menschen. Und nur dies letztere ist Grundsatz des
Glaubens. Zu Recht wird also in den Weihnachtsliedern die Jungfrauengeburt besungen
und verkündigt. Zu Recht halten wir an ihr als einem Bestandteil unseres Glaubensbekenntnisses fest. Nur, dass man sich dabei nicht aufs Glatteis begeben sollte, so als ob es
um gynäkologische Besonderheiten Marias ginge. Nein. Das eigentliche Wunder ist nicht
die Jungfrauengeburt als solche, sondern das eigentliche Wunder ist Gottes Entschlossenheit, sich mit der Menschheit zu verbinden. Sein Motiv war Liebe, sein Weg führte
durch den Schoß der Maria, sein Ziel aber waren wir, die wir seine Nähe nötig haben…
65. Gotteserkenntnis und Dreifaltigkeit
„Jesus Christus ist Gottes Sohn“ – so lautet das grundlegende Bekenntnis der Christenheit. Und niemand, der für einen Christen gehalten werden will, wird diesen Satz leugnen. Denn er ist gut biblisch. Und er ist uns vertraut. Nur: Wer näher erläutern soll, was
Jesu „Sohnschaft“ bedeutet – der kommt in Schwierigkeiten. Denn im gewöhnlichen
Sprachgebrauch bezeichnen wir damit ein Verwandtschaftsverhältnis. Der Sohn ist das
Kind seines Vaters, und beide gemeinsam sind Teil einer Familie, die mindestens noch
eine Mutter mit umfasst. Da beginnen aber schon die Probleme. Denn Gott ist schließlich nicht verheiratet. Es gibt keine Mehrzahl von Göttern, die miteinander Familien
gründen könnten. Es gibt nur einen Gott. Und der ist nicht in demselben Sinne „männlich“ oder „weiblich“ wie Menschen es sind. Oder wollte jemand behaupten, Gott unterläge denselben biologischen Regeln wie wir? Dürfte man unterstellen, er beteilige sich an
den Prozessen, aus denen für gewöhnlich Vater-Sohn-Beziehungen entstehen? Nein. In
der griechischen Mythologie mag es so etwas geben. Da paaren sich Götter mit Menschen
und bringen Halbgötter und Heroen hervor. Doch ist das von Gott allzu menschlich gedacht. Solche Vorstellungen sind geschmacklos und mit biblischem Denken unvereinbar.
227
Wenn es aber bei der „Sohnschaft“ Jesu Christi nicht um biologische „Verwandtschaft“
geht – was ist dann damit gemeint? Und warum ist sie so wichtig?
Nun: Um der Antwort näher zu kommen, müssen wir uns klar machen, dass es in biblischer Zeit keine engere menschliche Bindung gab als die Vater-Sohn-Beziehung. „Sohnschaft“ war viel mehr als nur eine Frage der Abstammung. Und ein Vater war viel mehr
als bloß ein „Erzeuger“. Denn der Vater und der (erstgeborene) Sohn bildeten rechtlich
und sozial eine Einheit: Der Sohn ist der Vertraute des Vaters und sein Repräsentant
nach außen. Er ist der Träger des Namens und der familiären Tradition. Der Sohn garantiert den Fortbestand der Familie und empfängt den väterlichen Segen. Er ist Erbe,
Rechtsnachfolger und Sachwalter des Vaters. Er ist bevollmächtigt, an Stelle des Vaters zu
handeln. Er kennt den Vater, wie ihn ein Außenstehender niemals kennen könnte. Er
steht unter des Vaters Schutz, wird von ihm geliebt und führt seinen Willen aus. Mit anderen Worten: Im biblischen Denken gehören Vater und Sohn so eng zusammen, dass,
wer mit dem Sohn zu tun hat, immer zugleich mit dem Vater zu tun hat. Der Sohn repräsentiert den Vater, denn er ist des Vaters „eigen Fleisch und Blut“.
Wenn das aber so ist, was bedeutet es dann im Blick auf das Gottesverhältnis Jesu? Bedeutet es, dass Jesus ein Mensch ist – und trotzdem Gottes „eigen Fleisch und Blut“? Begegnen wir in Jesus immer zugleich auch seinem himmlischen Vater? Ja – genau das will
die Bibel sagen, wenn sie das Verhältnis Jesu zu Gott als „Sohnschaft“ beschreibt. Und sie
hebt damit Jesus ganz bewusst aus der Reihe der Lehrer und Propheten heraus. Denn wir
begegnen in ihm nicht bloß einem Boten, einem Beauftragten oder einem Werkzeug Gottes, sondern wir begegnen Gott „höchstpersönlich“. Vater und Sohn sind gleichen Wesens, gleicher Würde und gleichen Willens. Oder, wie es das Nizänische Glaubensbekenntnis sagt: „Wir glauben an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen
Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott
vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater...“
Jesus Christus und Gott der Vater werden hier so eng zusammengestellt, dass „kein Blatt
Papier“ zwischen sie passt. Denn Vater und Sohn sind nicht nur „einig“, sondern sind
„eins“. Warum aber ist das für den christlichen Glauben so wichtig? Nun, weil es Folgen
hat:
Es folgt daraus nämlich, dass das Wort des Sohnes auch den Vater bindet. Und es folgt,
dass Jesu Taten immer auch Gottes Taten sind. Gottes Wille ist zugleich Jesu Wille. Und
wo wir Jesus verstehen, haben wir zugleich Gott verstanden. Das aber ist eine einmalige
Chance! Die Sohnschaft Jesu Christi gibt uns die Möglichkeit, vom Vater auf den Sohn
und vom Sohn auf den Vater Rückschlüsse zu ziehen. Und wer von dieser Möglichkeit
Gebrauch macht, der glaubt. Denn Glaube besteht in nichts anderem, als dass wir von
Christus denken wie von Gott – und von Gott denken wie von Christus.
Glauben heißt: das Gleichheitszeichen zu entdecken, das zwischen beiden steht – und
von dieser Gleichung aus Gott, die Welt und sich selbst neu zu deuten. Ohne das Gleichheitszeichen könnte man weder den Vater, noch den Sohn, noch sich selbst verstehen:
Würden wir Jesus isoliert betrachten und davon absehen, dass er der Sohn Gottes ist,
müssten wir annehmen, er sei ein gescheiterter Prophet. Er wäre für uns nicht mehr, als
ein religiös und moralisch vorbildlicher Mann mit tragischem Lebensausgang. Entsprechendes gilt aber auch von Gott, dem allmächtigen Schöpfer. Würden wir ihn isoliert
betrachten und davon absehen, dass er der Vater Jesu Christi ist, so müsste er uns ein
Rätsel bleiben. Sein Handeln in Natur und Geschichte ist nämlich schön und schrecklich
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zugleich. Und sähen wir nicht mehr als diese Zweideutigkeit, so wüssten wir nicht, woran wir mit Gott sind.
Wodurch aber kommt Licht in die Sache? Nur durch Gottes Geist, der uns lehrt, den Vater nicht ohne den Sohn und den Sohn nicht ohne den Vater zu betrachten. Den Zusammenhang beider erkennen heißt nämlich Gott erkennen. Und wer sich dieser Erkenntnis
öffnet, dem geht ein Licht auf. Er begreift plötzlich, dass hinter Jesu Worten Gottes Autorität steht. Er versteht, dass Jesu Leben nicht von relativer, sondern von absoluter Bedeutung war. Und er erkennt zugleich, dass Jesu liebevolle Zuwendung zu den Gescheiterten
und Schuldigen Gottes eigene Zuwendung ist. Eben das aber heißt „glauben“. Denn der
Glaube hört den Sohn mit der Vollmacht des Vaters reden. Der Glaube sieht, wie der Wille des Vaters im Handeln des Sohnes Eindeutigkeit gewinnt. Und indem er stetig vom
einem auf den anderen schließt, erschließt der Glauben das rechte Verständnis beider.
Wer aber Gott „versteht“ – sollte der nicht auch sich selbst verstehen können? Wird der
nicht auch das eigene Leben in einem neuen, viel klareren und tröstlicheren Licht sehen?
Ja! Dem Nicht-Christen kann das nicht gelingen. Indem er den Sohn vom Vater und den
Vater vom Sohn trennt, versteht er weder den einen noch den anderen. Wer aber seinen
Schöpfer missversteht – wie sollte der sich selbst verstehen? Begreift er Gottes Willen
nicht, so muss ihm auch die Welt ein Rätsel bleiben. Ist ihm aber das Weltganze rätselhaft, das den Kontext seines Daseins bildet, wird er dann wohl seine eigene Existenz
richtig deuten? Schwerlich.
Spätestens hier wird uns bewusst, dass es bei der „Sohnschaft“ Jesu nicht um eine abstrakte Lehre, sondern um das eigene Leben geht. Denn glauben wir, dass Jesus Gottes
Sohn ist, sehen wir auch das eigene Dasein auf eine neue und tröstliche Weise: Der Gott,
der unser Leben in Händen hält, ist dann kein großer Unbekannter mehr. Sondern er ist
der Vater Jesu Christi. Und das heißt: Seine Macht ist niemals ohne Liebe. Seine Liebe ist
niemals ohnmächtig. Und wer sich auf ihn verlässt, darf fröhlich sein. Denn das ist der
Glaube, „der die Welt überwunden hat“ (1. Joh 5,4).
66. Christi zwei Naturen
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Dieser
Satz steht im Johannesevangelium. Und er geht einem leicht von den Lippen. Er ist ja
auch nicht kompliziert und enthält kein Fremdwort. „Das Wort ward Fleisch und wohnte
unter uns“ – jedes Kind kann das sagen. Doch muss ich bei solchen Sätzen immer an einen meiner Professoren denken, der mich einst ermahnte: „Junger Mann, es genügt
nicht, wenn man etwas mit Worten sagen kann, es muss sich bei den Worten auch etwas
denken lassen.“ Und da wird es freilich schwierig, mit unserem so einfachen Sätzchen
„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“.
Denn: Lässt sich dabei etwas denken? Das Wort ward Fleisch, Gott wurde Mensch, haben
wir eine klare Vorstellung davon, was das bedeutet? Ich fürchte nein. Wie sollten wir
auch? Denn diese Sätze beschreiben die Menschwerdung Gottes. Und die sprengt unser
Vorstellungsvermögen. Wir erkennen das schon daran, dass das Kind von Bethlehem in
kein Raster passt und sich in keiner Schublade unterbringen lässt. Für den gesunden
Menschenverstand gibt es da nämlich klare Alternativen:
Entweder göttliches Wort – oder menschliches Fleisch. Entweder Schöpfer – oder Geschöpf. Entweder Gott – oder Mensch. Weiß nicht jeder, dass zwischen Ewigem und End229
lichem ein großer Abstand ist – so groß wie der Abstand zwischen Himmel und Erde?
Doch Jesus Christus fügt sich nicht in diese Alternativen. Er gibt unserer Vernunft Rätsel
auf, weil er weder in die Schublade „Mensch“, noch in die Schublade „Gott“ passt. Die
Kirche versucht dem gerecht zu werden. Sie räumt Christus eine Sonderstellung ein und
lehrt, dass er wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist. Aber gegen diese Zumutung
sträubt sich unsere Vernunft aus verständlichen Gründen. Denn was soll das auch heißen: „Das Wort ward Fleisch“, „der Schöpfer erscheint als Geschöpf“, „Gott wird
Mensch“? Gibt es denn hölzernes Eisen, gibt es warme Kälte, gibt es trockenes Wasser
und helle Finsternis? Die Kritiker riefen laut: „Das ist Unsinn, das geht gar nicht. Es kann
niemand wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich sein, denn der wäre wie ein eckiger
Kreis. Entweder hat etwas Ecken, dann ist es kein Kreis, oder es ist ein Kreis, dann hat es
keine Ecken. Entweder ist einer ein Mensch, oder er ist Gott – aber einen Gott, der
Mensch ist, gibt es so wenig wie einen eckigen Kreis!“
Die Theologen der frühen Christenheit mussten solcher Kritik gegenüber oft mit den
Schultern zucken. Sie gaben unumwunden zu, dass Gott in Bethlehem etwas getan hatte,
was über unseren Verstand geht. Niemand wusste das besser, als die christlichen Theologen. Sie fanden ja selbst kaum passende Worte, um das Geheimnis der Person Christi
angemessen zu umschreiben. Aber was sollten sie tun? Sie waren nun einmal gebunden
an das Zeugnis der Evangelien. Und die zeigen an Jesus zugleich menschliche und göttliche Züge. Gehen wir einige Lebensstationen Jesu durch!
Denken sie nur einmal an die Geburtsgeschichte. Christus liegt in Windeln gewickelt in
der Krippe – das ist eindeutig menschlich. Aber er ist einer Jungfrau Kind – und das ist
gewiss göttlich. Denken sie an die Versuchung Jesu durch den Teufel. Dass Christus wirklich und ernstlich in Versuchung geführt werden kann – ist das nicht eindeutig ein
menschlicher Wesenszug? Ja. Aber dass er der dreifachen Versuchung des Teufels widerstand – ist das nicht ein Zeichen göttlicher Kraft? Ja. Christus konnte zornig werden, wie
bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel. Emotionen zu haben und zornig zu
werden – das verbindet ihn mit uns Menschen. Doch Christus konnte sich frei machen
von berechtigtem Zorn und konnte später für seine Feinde beten „Vater, vergib ihnen,
denn sie wissen nicht was sie tun“. Soviel Liebe zu Feinden, das überschreitet menschliches Maß – das ist göttlich. Hunger und Durst hat Jesus empfunden. Er hatte einen Leib
wie wir und Bedürfnisse wie wir – das macht ihn menschlich, damit steht er auf unserer
Seite. Doch konnte er Wunder tun, über Wasser gehen, Kranke heilen, Tote auferwecken
und Sünden vergeben – und mit alledem gehört er klar auf Gottes Seite. Christus hatte
Angst vor dem Tod. Im Garten Gethsemane schwitzte er Blut und Wasser und bat seinen
Vater, dass ihm das Kreuz erspart bleiben möge. Das war sehr menschlich. Aber er sagte
am Schluss: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“. Und das war göttlich. Schließlich starb Christus. Er fühlte alle Qualen des Todes und rief „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen..?“ Gibt es einen klareren Beweis, dass er Mensch war? Nach
drei Tagen aber stand er auf von den Toten. Gibt es einen klareren Beweis, dass er Gott
war?
Wir könnten noch lange so fortfahren. Wir würden noch viele Belege finden, dass Christus einer von uns war, ein Mensch, einer „von unten her“. Und ebensoviele Beweise
könnten wir dagegenstellen, dass Christus ganz anders war als wir, eben Gottes Sohn,
eben einer „von oben her“. Was also sollte die Kirche anderes lehren, als dass Christus
wahrer Mensch und wahrer Gott ist? Es blieb ihr gar nichts übrig, als den Evangelien zu
folgen und dies Geheimnis zu bezeugen, dass Gottes Wort Fleisch wurde und dabei doch
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Gottes Wort blieb. Der gesunde Menschenverstand freilich empörte sich und nahm Anstoß an jenem hölzernen Eisen – an jener seltsamen Verquickung von Göttlichem und
Menschlichem in Jesus. Und so war es kein Zufall, dass die Kirche in den ersten vier
Jahrhunderten immer wieder mit Strömungen zu kämpfen hatte, die das spannungsvolle
Geheimnis zu einer Seite hin auflösen wollten. Die einen wollten Jesus ganz auf die kreatürliche Seite ziehen. Sie gestanden Jesus wohl zu, dass er der edelste aller Menschen,
der größte Prophet und beinahe ein Engel gewesen sei. Als das höchste der Geschöpfe
wollten sie ihn ansehen. Aber eben nicht als Gott. Das klang vernünftig und kam gut an,
bis man merkte, dass damit zugleich die Erlösung zweifelhaft wurde. War Christus nicht
Gott, so ist Gott gar nicht unser Bruder geworden. Dann ist Christi Wort nicht Gottes
Wort gewesen, und Christi Passion war nicht Gottes Passion – dann ist überhaupt zweifelhaft, ob dieser Christus uns erlösen und mit Gott versöhnen konnte. War Christus nur
einer von uns, so kann er uns nicht mehr nützen als irgend ein anderer frommer Lehrer
auch.
So machte man den Versuch, das Geheimnis Jesu zur entgegengesetzten Seite hin aufzulösen, Jesus also ganz der göttlichen Seite zuzuordnen. Da musste man freilich alle
menschlichen Wesenszüge Jesu leugnen, von denen uns die Evangelien berichten, und
alles bestreiten, was nicht zu Gott zu passen schien. So lehrte man dann, Christus habe
nur zum Schein einen menschlichen Leib gehabt, er habe auch nur zum Schein Zorn,
Trauer, Hunger und Verzweiflung gezeigt – und vor allem habe er am Kreuz nicht wirklich gelitten und sei nicht wirklich gestorben, sondern nur scheinbar, weil Gott von Natur aus gar nicht leiden und sterben könne. Auch das klang vernünftig und ging den Leuten zunächst gut ein. Doch wieder kamen Zweifel auf. Denn wenn Gott nur zum Schein
Mensch geworden ist, wenn er nur so tat, als wolle er unser Bruder sein, ohne sich wirklich die Finger schmutzig zu machen – stellt das dann nicht unsere Erlösung in Frage? Ja.
Denn wenn Gott nur scheinbar leidet und nur scheinbar für uns stirbt, dann hat er uns
auch nur scheinbar erlöst – nicht wahr? Wenn Gott den Weg vom Himmel bis zur Erde
nur halb gegangen wäre, und sich gescheut hätte, den Fuß in unseren irdischen Schlamm
zu stellen, dann wäre er nicht wirklich bei uns angekommen, und wir wären immer noch
allein in Gottverlassenheit und Schuld.
Nun, das alles war jahrhundertelang umstritten, bis sich die Kirche entschloss, mit ihrer
Lehre von der Person Jesu Christi weder links noch rechts vom Pferd zu fallen. Man hat
irgendwann begriffen, dass ein Mensch, der nicht wirklich Gott war, uns ebensowenig
erlösen konnte wie ein Gott, der nicht wirklich Mensch wurde. Und man fand schließlich
den richtigen Weg darin, die Menschheit und die Gottheit Christi gleichermaßen festzuhalten, und hat dies in der sogenannten „Zwei–Naturen–Lehre“ dogmatisch festgeschrieben. Das ist freilich schon lange her. Und das Verständnis für die alten dogmatischen
Formeln ist so sehr geschwunden, dass viele Christen sie als Belastung empfinden, als
etwas Verstaubtes, Lebensfremdes und Entbehrliches. Doch ist das ein großer Irrtum.
Denn Christus ist unsere Brücke zu Gott – und wie das bei Brücken so ist: Sie nützen
nur, wenn der Brückenbogen, der sich auf einem Flussufer erhebt, auch auf dem anderen
Ufer wieder niederführt. Eine halbe Brücke, eine unvollständige Brücke, die in der Mitte
des Flusses zu Ende ist, ist nicht zu gebrauchen, weil sie die Ufer nicht verbindet. Und
genauso wäre Christus zu nichts zu gebrauchen, wenn er nur Mensch oder nur Gott wäre.
Er stünde dann nur auf der Seite der Geschöpfe, oder nur auf der Seite des Schöpfers, er
würde aber keine Verbindung herstellen, könnte also auch nicht unsere Brücke zu Gott
sein. Und das wäre tragisch für uns. Denn eine andere Brücke, die Himmel und Erde ver231
bindet, gibt es nicht. Wir sind darauf angewiesen, dass an einer Stelle in unserer Welt
Himmel und Erde sich verbinden. Darum hat der Glaube vitales Interesse am Geheimnis
Christi und freut sich der Einheit von Göttlichem und Menschlichem in seiner Person –
selbst wenn diese Einheit nicht in Lehrsätzen einzufangen ist. Entscheidend ist nämlich
nicht, dass wir das Wunder der Menschwerdung bis ins letzte verstehen. Entscheidend
ist, dass es geschah. Verlieren wir uns also nicht in Spekulationen über das Geheimnis
der Person Christi. Denn schließlich hat Gott die Brücke zwischen Himmel und Erde
nicht geschlagen, damit wir sie als Bauwerk bestaunen, sondern damit wir hinübergehen…
67. Der "historische" Jesus
Oft wird unterstellt, das im Neuen Testament gezeichnete Bild Jesu sei dem Glauben der
Autoren entsprungen und zeige darum nur den „geglaubten“ Christus – und nicht den
„wirklichen“ Jesus. Es heißt, der historische Jesus, wie er wirklich war, müsse erst aus
dem Christuszeugnis der frühen Gemeinde herauspräpariert werden, wie man von einem
vielfach übermalten Bild erst die Schichten der Übermalung abheben muss, um das Original freizulegen. Immer wieder versuchen sich Theologen daran. Es fällt aber auf, dass
der „echte“ Jesus, den sie dann als Ergebnis ihrer Forschungen präsentieren, regelmäßig
der Theologie und dem Wunschbild des Forschers entspricht. Man muss darum fragen,
ob es überhaupt möglich ist, an einen verborgenen, historischen Jesus heranzukommen –
oder ob man sich besser an den Jesus Christus hält, den das Neue Testament offen bezeugt.
–A–
Die Autoren des Neuen Testamentes sind keine „neutralen“ Berichterstatter, sondern
Glaubenszeugen, die aus der Tendenz und Absicht ihrer Schriften kein Geheimnis machen: Sie erzählen uns von Jesus Christus als von dem gekreuzigten und auferstandenen
Herrn, zu dem sie sich bekennen, und fordern den Leser auf, auch seinerseits in Jesus
Christus seinen Herrn zu finden.
–B–
Quellen, die eine andere Perspektive einnehmen und ein grundlegend anderes Bild Jesu
zeichnen, stehen uns nicht zur Verfügung. Es gibt keine jüdische oder heidnische Darstellung des Lebens und der Lehre Jesu. Bei den zeitgenössischen Historikern finden sich
über Jesus nur kurze Notizen. Und es gibt auch keine Schriften, die er selbst hinterlassen
hätte, und mit denen man den Bericht der Evangelien vergleichen könnte.
Entscheidend ist nun, was man aus A und B folgert. Meines Erachtens folgt:
–C–
Wir haben durch die Evangelien zwar einen Zugang zu Jesu Leben und Lehre, besitzen
darüber hinaus aber keinen zweiten Maßstab, der zur Bestätigung oder zur Kritik der
neutestamentlichen Darstellung herangezogen werden könnte. Es kann sein, dass der
„wirkliche“ und „historische“ Jesus anders war, als der biblische Christus, den uns die
Evangelien bezeugen. Aber er muss nicht anders gewesen sein. Wir haben keine Möglichkeit, das zu prüfen. Es kann auch sein, dass der „wirkliche“ und „historische“ Jesus
genau so war, wie der biblische Christus, den uns die Evangelien bezeugen. Aber er muss
nicht so gewesen sein. Wir haben keine Möglichkeit, das zu prüfen.
232
Wenn trotzdem immer wieder der Versuch gemacht wird, „hinter“ die Darstellung der
Evangelien zurückzugehen und dort einen „historischen Jesus“ zu suchen oder zu rekonstruieren, den man anschließend mit dem „biblischen Christus“ vergleichen kann, liegt
das daran, dass einem Teil der Forschenden an der Übereinstimmung beider gelegen ist,
und einem anderen Teil an der Nicht–Übereinstimmung:
Die Einen versuchen das kirchlich–dogmatische Bild des „biblischen Christus“ zu stützen
und zu stabilisieren, indem sie beweisen, dass es dem „historischen Jesus“ weitgehend
entspricht. Und die Anderen versuchen dasselbe kirchlich–dogmatische Bild Christi aufzulösen und zu relativieren, indem sie zeigen, dass der „historische Jesus“ ganz anders
war.
Beide Strategien haben ihre Anhänger. Doch ignorieren beide die oben dargestellte Lage.
Denn wie kann jemand anhand der einzigen Quelle, die er hat, beweisen, dass genau
diese Quelle das Bild des geschilderten Gegenstandes verzerrt? Oder wie kann jemand
anhand der einzigen Quelle, die er hat, beweisen, dass diese Quelle den geschilderten
Gegenstand korrekt beschreibt? Ohne Kontrollmöglichkeit ist beides absurd:
Weder kann man den Evangelisten aus ihren eigenen Schriften (!) beweisen, dass sie sich
mit ihrer nachösterlichen Christologie zu Unrecht auf den vorösterlichen Jesus berufen,
noch kann man aus ihren eigenen Schriften (!) beweisen, dass sie es zu Recht tun. Man
kann den „gepredigten“ Christus nicht am „historischen“ überprüfen, weil man den „historischen“ nicht anders hat, als eben „gepredigt“. Und das heißt:
So wie die Quellenlage sich darstellt, ist es sinnlos, hinter dem „biblischen Christus“
einen (vielleicht ganz anderen) „historischen Jesus“ zu suchen. Selbst wenn es ihn gäbe,
hätten wir keinen Zugang zu ihm. Wir brauchen ihn aber auch gar nicht. Denn der Jesus
Christus, den die Christenheit seit Jahrhunderten kennt und braucht, ist der biblische
Christus, der uns im Neuen Testament begegnet. Und der bedarf keiner historischen Beglaubigung. Er beglaubigt seine Vollmacht selbst, indem er Glauben weckt.
(Man vgl. zu dieser Thematik die Schrift von Martin Kähler: „Der sogenannte historische
Jesus und der geschichtliche, biblische Christus“ 1892).
68. Jesu Art, mit Menschen umzugehen
Der Apostel Paulus gibt uns eine Weisung, die erstmal harmlos, nett und einfach daherkommt, die aber bei näherer Betrachtung abgründig wird, anspruchsvoll und tief. Denn
er sagt: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Röm
15,7). Wir sollen einander annehmen, heißt das – und da annehmen das Gegenteil ist
von ablehnen und hassen, scheint es hier nur um eine Variante des Liebesgebotes zu
gehen. Jesus war freundlich zu euch, sagt dieser Vers, also seid auch freundlich untereinander. Jesus hat euch geliebt, also tut es ihm nach und liebt auch eure Mitmenschen.
Nur – wenn man genau liest, steht da ja ein „wie“: „Nehmt einander an, wie Christus
euch angenommen hat.“ Und wenn man da stutzig wird und das Wörtchen ernst nimmt,
muss man fragen, worauf es uns verweist. Wie nimmt Jesus denn an – und auf welche
Weise? Ist es Jesu Art, Menschen „bedingungslos“ anzunehmen, „nett“ und „offen“,
„freundlich“ und „liebevoll“, „ohne jeden Vorbehalt“? Ist er lächelnd mit offenen Armen
auf jeden zugegangen – und ist es das, was wir uns zu Eigen machen sollen? Ich fürchte,
viele fassen den Text genau so auf, als sei er nur eine Variante von „seid nett zueinander“. Aber wenn wir diese Lesart am Neuen Testament überprüfen, bewährt sie sich
233
nicht. Denn Jesus war längst nicht zu allen Menschen nett und freundlich. Und wenn
Jesus das unter Nächstenliebe verstanden hätte, „nett und freundlich“ zu sein, dann hätte er gegen diesen Grundsatz selbst recht häufig verstoßen.
Denken wir nur mal an den reichen Jüngling, der Jesus nachfolgen wollte und an der
Forderung Jesu scheitert, er müsse vorher seinen gesamten Besitz abgeben. Oder denken
wir an den anderen, dem Jesus nicht erlaubte seinen toten Vater zu beerdigen. War das
nicht hart? Wenn die Familie Jesus beanspruchen wollte, hat er manchmal seine eigene
Mutter ziemlich grob abgewiesen. Und die kanaanäische Frau, die sich verzweifelt an ihn
wandte, hat er wegen ihrer heidnischen Herkunft als „Hund“ bezeichnet. Die Schriftgelehrten und Pharisäern hat er mehrfach vor den Kopf gestoßen und hat ihnen entgegengerufen: „Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ Und die Samariterin am Brunnen spricht er ganz offen auf ihre vielen Männergeschichten an und stellt sie damit bloß. Seinen getreuen Petrus blafft er einmal heftig
an und sagt: „Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis!“ Gegen die Händler im
Tempel wird Jesus sogar offen gewalttätig! Die Städte Chorazin, Betsaida und Kapernaum
werden von Jesus regelrecht verflucht. Und von Judas sagt er, es wäre besser für ihn, nie
geboren zu sein. Nein, wirklich: Wenn es Jesu Grundsatz gewesen wäre, zu allen „lieb“ zu
sein und ohne Vorbehalt jeden zu umarmen, so hätte er gegen diesen Grundsatz sehr
häufig verstoßen. Er wäre dann ein sehr inkonsequenter und schlechter Lehrer. Und weil
er das nicht ist, wird uns klar, dass die Sache komplizierter liegt. Die Art, wie Jesus Menschen annimmt, ist nicht einfach die „freundliche“ Art. Er ist nicht mit dem unterschiedslosen Lächeln des Dalai-Lama herumgelaufen. Sondern Jesus begegnet verschiedenen Menschen auf sehr verschiedene Weise. Aber Jesu Art, Menschen zu begegnen, hat
immer mit dem Reich Gottes zu tun, dem zentralen Thema seiner Verkündigung. Und
wenn wir sein Verhalten unter diesem Blickwinkel betrachten, kommen wir dem Kern
der Sache näher. Denn Jesus lebt in der Überzeugung, dass das Reich Gottes nah herbei
gekommen ist, dass mit ihm eine völlig neue Zeit anbricht, und darum für jeden Menschen nur noch wichtig ist, ob er sich dem kommenden Reich öffnet – oder sich davor
verschließt.
Jesu Lebensthema ist die Gottesherrschaft, die mit ungeheurer Dynamik von der jenseitigen Welt in die diesseitige hineindrängt, die mit großen Schritten auf uns zukommt
und jeden Menschen vor eine Entscheidung stellt, die für ihn Heil oder Unheil bedeutet.
An Jesu eigener Person scheiden sich die Geister! Am Verhältnis zu ihm entscheidet sich,
ob einer verloren geht oder den großen Aufbruch mitmacht! Denn durch das Kommen
des Reiches werden die Karten völlig neu verteilt, die alte Welt vergeht, und es zählt nur
noch das Künftige. Da ist jeder gefragt, ob er sein altes Leben hinter sich lässt, um frei zu
sein für den Neubeginn mit Jesus! Und eben darum ist es Jesus so völlig egal, was ein
Mensch früher war oder was er bis heute erreicht hat. Nicht wo einer herkommt, interessiert Jesus, sondern wohin er unterwegs ist! Und er legt darum niemand auf das fest, was
er bisher gewesen ist. Jesus fragt nicht nach dem Bildungsgrad, dem Geschlecht, dem
Ansehen oder dem Strafregister. Er fragt selten, was einer will, und kümmert sich auch
kaum darum, was Leute von ihm erwarten. Jesus hält sich nicht damit auf, was einer war
oder was er vorgibt zu sein, sondern Jesus konzentriert sich auf das, was der Mensch
werden kann und werden soll, weil ein jeder dazu bestimmt ist, ein Kind und Ebenbild
Gottes zu sein. Nicht woher der Mensch kommt, interessiert Jesus, sondern ob er mitgeht und unterwegs ist zum Reich Gottes. Auf genau diesem Weg will Jesus sein Gegenüber voranbringen – und eben das heißt für ihn einen Menschen „annehmen“, dass er
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wegnimmt und beiseite räumt, was den Fortschritt dieses Menschen hemmt, und gleichzeitig schenkt, was der andere zu seinem Fortschritt braucht.
Jesus ist restlos an der Zukunft orientiert. Und das erklärt, weshalb er sich über die gesellschaftlichen Schranken seiner Zeit und auch über religiöse Ordnungen des Alten Testamentes so locker hinwegsetzen kann. Es ist Jesus relativ egal, dass Zachäus bisher ein
Zöllner und ein Betrüger war. Er ermöglicht der Ehebrecherin einen neuen Anfang. Und
er scheut nicht mal den Umgang mit Prostituierten. Jesus lässt viele fromme Leute links
liegen und geht dafür auf Heiden und Ausländer zu. Er redet mit Samaritern, die man
damals zu einer üblen Sekte rechnete. Er lässt sich von einer stadtbekannten Sünderin
berühren und salben. Er nimmt sehr fragwürdige Leute in Schutz. Und mit dem Schächer
am Kreuz befördert er sogar einen Schwerverbrecher direkt ins Paradies hinein, während
er angesehenen und frommen Leuten mit der Hölle droht. Ich meine aber, dass auch dies
Letztere dem entspricht, was Jesus unter „Liebe“ versteht. Den wahre „Liebe“ ist nicht,
wenn ich einem gebe, was er wünscht oder was ihm angenehm ist, sondern wenn ich
ihm gebe, was er braucht, um Gott näher zu kommen. Liebe kann auch darin bestehen,
dass ich dem Anderen auf einem falschen Weg massiv widerstehe und mir damit seinen
Zorn zuziehe! Denn nicht das irdische Wohlergehen zählt, nicht die konfliktfreie Harmonie heute, sondern viel wichtiger ist das ewige Heil von morgen, das mit Gottes Reich
kommt, und das einer leicht verpasst, wenn er nicht wachgerüttelt wird. Durch Gottes
Zugriff auf diese Welt werden die Karten neu gemischt. Und darum hat jeder Jesus gegenüber dieselbe Chance. Da wird niemand auf seine Defizite festgelegt oder auf seine
alte Rolle, aber jeder wird herausgefordert, nach den neuen Regeln des Reiches Gottes zu
leben. Alle Klassenschranken und Unterschiede fallen bei Jesus weg: Jude und Heide,
Mann und Frau, reich und arm, klug und dumm spielen keine Rolle für ihn. Aber an die
Stelle der alten Unterscheidungen tritt nicht milde Indifferenz, sondern eine neue Unterscheidung, weil Jesus nur noch zwei Gruppen kennt, in die die Menschheit zerfällt:
Jesus unterscheidet die, die sich dem in Jesus erschienenen Reich jetzt öffnen, von denen, die sich ihm verschließen. Und nur dieser Unterschied zählt für ihn.
Es interessiert ihn nicht, worin wir bisher versagt haben, aber er will, dass wir endlich
die Menschen werden, die wir von Gott her sein sollen. Was uns daran hindert an
Krankheit, Schuld, Abhängigkeit und Unverstand, das will Jesus radikal wegnehmen, und
was uns zu diesem Aufbruch fehlt an Kraft, Vergebung, Segen, Gnade und Zuversicht, das
will Jesus uns schenken. Zur Heilung der Sünder bedarf es gleichermaßen scharfer
Schnitte und milder Salben! Und Jesus als unser Arzt hat beides im Gepäck, so dass die
Begegnung mit ihm stets einer Operation am offenen Herzen gleicht. Aber Jesus scheut
bei seinem Eingriff vor nichts zurück, was das Gegenüber auf dem Weg zu Gott voranbringt. Er führt dabei keine rückwärtsgewandten Debatten! Nur die Entwicklung vorwärts zählt – und die alten Festlegungen, Verstrickungen und Bequemlichkeiten, die uns
behindern, wischt Jesus beiseite. Aber es ist darum auch keiner, der sich nach dem Heil
ausstreckt, wegen „schlechter Voraussetzungen“ chancenlos. Wo Menschen selbstzufrieden verharren, ist Jesus keine Provokation zu scharf, um sie in Bewegung zu bringen. Wo
Menschen aber für Gott frei werden wollen, da ist ihm keiner zu schuldig oder zu
schmutzig, als das Jesus ihm nicht freudig mit Milde und Barmherzigkeit entgegenkäme.
Jesus weiß, dass (nicht für ihn, sondern für sein Gegenüber) alles auf dem Spiel steht. Er
will Menschen in das kommende Reich Gottes einbinden. Aber dazu muss sich eben
nicht nur das Reich für die Menschen öffnen, sondern auch der Mensch für das Reich.
Braucht‘s dafür Strenge, so ist Jesus streng. Und braucht‘s dafür Milde, so ist Jesus mild.
235
Hilft Konfrontation, so kann Jesus heftig streiten. Hilft aber Trost, so verblüfft uns Jesu
große Nachsicht. Und in alledem erweist er sich als ein wahrer Seelsorger, dass er um
nichts anderes als um die Seelen sorgt und für sie sorgt, indem er ihnen genau das gibt,
was sie brauchen, um auf dem Weg zu Gott, voranzukommen. Was also war Jesu Art,
Menschen „anzunehmen“?
Seine „Annahme“ ist insofern bedingungslos, als er jederzeit bereit ist, die Person des
Sünders von der Sünde zu unterscheiden. Wer sich zu ihm flüchtet, ist willkommen und
muss keine Vorleistungen bringen, um kommen zu dürfen. Die ganze Qualifikation besteht darin, dass einer sich mühselig und beladen weiß und bei Christus seine Last loswerden will. Doch ohne das – ohne dass einer sich nach der Gnade ausstreckt – geht es
nicht. Denn wer an seinem alten Leben festhält, weil er stolz und mit sich zufrieden ist,
wer sich von seiner Sünde gar nicht unterscheiden will, weil er sie nicht als Problem ansieht, der bleibt verstrickt, der beharrt im Falschen – und gelangt auch nicht zu Christus.
Das dann aber nicht, weil er nicht kommen „dürfte“, sondern weil er das, was bei Christus zu finden wäre, gar nicht will. Der Zugang zu Christus ist offen, aber er verlangt von
mir das Eingeständnis, dass ich nötig habe, was Christus für mich tun will. Und darum
finden gerade die Stolzen, die Überfrommen und Anständigen diesen Zugang nicht. Die
hingegen, die sich bedürftig wissen, denen kommt Christus zuvor und empfängt sie
nicht nur herzlich, er erträgt sie nicht bloß, sondern trägt sie voran, dient ihnen, wäscht
ihnen sogar die Füße und gibt sein Leben für sie. Ja, Christus will unsere Not zu seiner
Not machen. Als unser Arzt hält er bittere und süße Medizin bereit, macht sich die Hände
schmutzig an unseren Wunden und erträgt das Gejammer um unserer Heilung willen.
Das ist Jesu Art, einen Menschen „anzunehmen“, das ist der Dienst, den er leistet, und
das ist die Therapie, auf die wir uns einlassen, wenn wir ihn an uns heranlassen. Was
bedeutet dann aber jener Vers: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat
zu Gottes Lob.“?
Es ist ein Appell, den Paulus an die Christen in Rom richtet, und der sich darum primär
auf das Miteinander innerhalb der christlichen Gemeinde bezieht. Denn es wird vorausgesetzt, dass die, die einander annehmen sollen, bereits von Christus – als dem Dritten
im Bunde – angenommen wurden. Sind sie aber durch Christus zur Gemeinschaft verbunden, so soll ihr Verhältnis untereinander bestimmt werden durch das Vorbild Christi.
Und das heißt konkret, dass die wechselseitige Annahme vorbehaltslos sein soll, wie sie
das bei Christus war, dass sie die Bereitschaft zum Dienst einschließt, dass sie Kritik aber
auch keineswegs ausschließt:
D.H. (1.) Wo Christen zusammenkommen, dürfen Herkunft, Vergangenheit, Bildungsstand und sozialer Rang der Gemeinschaft nicht im Wege stehen. Und wo einer belastet
dasteht, weil er sich falsch verhält und selbst daran leidet, da darf es keine Vorbehalte
geben und keine Überheblichkeit, sondern die christlichen Geschwister sollen jederzeit
und immer wieder bereit sein, die Person von ihrer Sünde zu unterscheiden, und die
Person anzunehmen trotz unannehmbarem Verhalten.
Zum (2.) verpflichtet uns aber das Vorbild Christi, einander nicht nur mit mürrischem
Gesicht zu ertragen und irgendwie zu dulden, sondern einander zu dienen. Einer ist dem
anderen seinen Beistand schuldig, so dass er ihm auf seinem Weg zu Gott nach Kräften
voran hilft, bedenkt, was der andere zu Heil und Heilung nötig hat, und ihn auch in weltlichen, ganz praktischen Dingen als Bruder und Schwester behandelt. Denn wenn ich
weiß, dass Christus mich erträgt, soll ich auch meine Mitchristen ertragen und soll die
Liebe, die mir von Christus wiederfährt, an sie weitergeben.
236
(3.) aber scheint mir wichtig, dass Kritik nicht durch Liebe ausgeschlossen wird, sondern
gerade um der Liebe willen nötig ist. Christi Liebe besteht ja auch nicht darin, dass er das
Falsche an uns tolerieren, übersehen oder gutheißen würde! Sondern wo es falsch lief,
hat Jesus mit seinen Jüngern heftig gestritten, hat den Finger in die Wunden gelegt und
war überaus streng – war es aber nicht etwa um Recht zu haben, sondern war streng um
des Anderen willen. Den Anderen annehmen, heißt darum auch für Christen nicht, jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen oder in allem nachgiebig zu sein, sondern in allem
möglichst hilfreich zu sein. „Annahme“ bedeutet nicht, christliche Liebe wie eine süße
Puddingsoße über alles auszugießen, bis jeder Missstand und jedes Krebsgeschwür unter
der süßen Soße, verschwunden ist. Und darum heißt Nächstenliebe auch für uns, nicht
jedem das Angenehme zu geben, das er vielleicht will, um sich wohlzufühlen, sondern
das Hilfreiche, das er braucht, um Gott näher zu kommen. Nicht dass es ihm äußerlich
gut geht, sondern dass er innerlich heil wird, soll uns interessieren. Das aber geht uns
wirklich an – und das sollen wir uns auch etwas kosten lassen. Denn wenn Christus sich
nicht zu schade war, diesem Menschen zu dienen, wie könnte ich mir dann zu schade
sein? Und wenn ich verdammen wollte, was Christus annimmt, käme ich da nicht in
Konflikt mit ihm? Weiß ich, dass Jesus über seinen Schatten gesprungen ist, um mich
anzunehmen, der ich doch eigentlich unannehmbar war und bin, darf ich mich dann zieren den anderen anzunehmen, der doch auch nicht schlimmer ist als ich – sondern bloß
anders?
Zur Sünde müssen wir nicht ja sagen, zum Sünder aber schon. Darum gebe Gott uns den
nötigen Verstand, das eine vom anderen zu unterscheiden und einander dann anzunehmen, wie – und weil – Christus uns angenommen hat…
69. Das Heilswerk Christi im Überblick
Philipp Melanchthon, der Freund Martin Luthers, hat sich einmal die Frage gestellt, wie
man eigentlich Jesus Christus erkennen und verstehen kann. Und er schrieb dann den
berühmten Satz: „Christus zu erkennen bedeutet, seine Wohltaten zu erkennen.“ Melanchthon will damit sagen, dass wir nicht allzu lange über Christi Person nachgrübeln sollten, in der Gottheit und Menschheit auf so geheimnisvolle Weise verbunden sind. Sondern wir sollen unser Augenmerk auf das richten, was Christus für uns tat. Denn Christus zu erkennen bedeutet nicht über seine zwei Naturen zu spekulieren, sondern auf
seine konkreten Wohltaten zu schauen. Wer Christus ist, entnehmen wir am leichtesten
dem, was er tut. Das Werk verrät den Meister! Worin aber bestehen die Wohltaten Christi, welches Werk vollbringt er an uns und für uns? Das Neue Testament gibt darauf nicht
nur eine Antwort, sondern gleich mehrere, und manch einer ist durch diese Fülle schon
in Verwirrung geraten. Darum will ich das große, mehrdimensionale Heilswerk Jesu in 7
Schritten darstellen:
1.
Die erste Wohltat Christi, die dabei erwähnt werden muss, ist die, die wir an Weihnachten feiern. Denn die Menschwerdung Jesu Christi ist nicht bloß die äußere Voraussetzung eines dann erst folgenden Heilswerkes, sondern, dass Gottes Sohn einer von uns
wurde und rettend an unsere Seite trat, das ist selbst schon heilvoll. Wäre Gott uns fern
geblieben, hätte er sich gescheut unser Schicksal mit uns zu teilen und in unsere Situation hineinzutreten, so wären wir verloren gewesen! Doch „das Licht schien in die Fins237
ternis“, wie Johannes sagt, und „das Wort ward Fleisch“. Jesus kam zur Welt und machte
unsere Not zu seiner Not. Er durchlief unser ganzes Leben und ersparte sich weder
Schweiß noch Blut noch Tränen. Wenn Gott aber in unseren Schuhen läuft und sich unsere Situation aneignet, kann sie dann noch dieselbe bleiben? Muss nicht unser korrumpiertes Menschenleben durch die Berührung mit dem Heiligen geheilt werden? Ja! Indem
Gottes Sohn in unser Menschenleben eingeht, verwandelt er es. Dass er unser Bruder
wird, das ändert alles, denn so ist Gott plötzlich bei uns, ist mit uns und ist für uns. Es
ist, wie wenn einer einen dunklen Kerker betritt mit einer hell leuchtenden Fackel in der
Hand und die dort Gefangenen schauen auf!
2.
Aber der Sohn Gottes (das ist schon die zweite große Wohltat) bleibt nicht etwa stumm,
sondern er redet von der großen Barmherzigkeit des himmlischen Vaters und öffnet uns
damit die Augen. Christus bringt wahrlich eine „Gute Nachricht“, wenn er Gottes Liebe
verkündet. Denn von Gott geliebt zu werden, war so ziemlich das Letzte, was wir als
Sünder hätten erwarten dürfen. Wir sind schließlich von Adams und von Evas Art! Durch
unseren Hang zum Bösen sind wir Gott entfremdet. Und weil wir genau wissen, was unser Tun verdient, verschließen wir uns vor Gott in Misstrauen, Angst und Argwohn. Als
Sünder verstehen wir Gott nicht und fühlen uns auch unverstanden, sind trotzig, bockig
und verstockt. Christi gute Botschaft aber überwindet diese seelischen Blockaden, sie
wärmt die kalten Herzen und erleuchtet die trüben Gedanken, weil Gott Gnade walten
lässt, die wir nicht verdienen. Die verlorenen Söhne und Töchter lädt er ein, in das Haus
des himmlischen Vaters zurückzukehren. Und wenn sich daraufhin unsere ganze Gesinnung wandelt, weil Gottes Liebe bei uns Dankbarkeit, Reue und Gegenliebe weckt, dann
sind dadurch Blinde sehend und Seelen frei geworden. Niemand kennt den Vater als nur
der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will. Ohne ihn hätten wir nie erfahren, wie
Gott wirklich zu uns steht. Darum ist es eine große Wohltat Christi, dass er uns ein Licht
aufgehen lässt, unser Misstrauen aufbricht und Glauben in uns weckt.
3.
Doch lässt er‘s dabei nicht bewenden, sondern lässt dem Weckruf weitere Taten folgen,
insofern er mit den Menschen, die er aufrüttelt und gewinnt, die denkbar engste Verbindung eingeht, so dass er in den Gläubigen, und die Gläubigen in ihm sind. Diese dritte große Wohltat beschreibt das Neue Testament durch das Bild vom Weinstock und den
Reben, vom Leib Christi und vom Haupt dieses Leibes, oder auch vom Bräutigam und
seiner Braut. Die Bilder der innigen Gemeinschaft variieren, sagen aber immer dasselbe:
dass nämlich Christus alles, was er ist und hat, mit seinen Jüngern teilt, und sie an allem
partizipieren lässt, was ihm gehört. Christus und die Seinen werden durch den Glauben
so sehr miteinander verbacken und verschweißt, dass ihn niemand mehr von uns zu
trennen vermag, und wir in engster Gütergemeinschaft und Schicksalsgemeinschaft seinen ganzen Weg mitgehen und von ihm mitgezogen und durchgeschleppt werden bis ins
Reich Gottes. Paulus verdeutlicht das anhand der Taufe, und schreibt an die Römer:
„Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod
getauft? So sind wir ja mit ihm begraben, durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten, durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem
neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleich geworden
sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (Röm 6).
Im Galaterbrief sagt Paulus, dass wir Christus „angezogen“ haben wie ein Kleidungsstück,
und Luther spricht später davon, dass Christus mit den Gläubigen „zusammengebacken“
238
wird wie Milch und Mehl in einem Kuchen. Einen „fröhlichen Wechsel und Tausch“
nennt Luther das, denn Christus nimmt an sich unsere ganze Armseligkeit und Last und
schenkt uns dafür seine Herrlichkeit, sein Leben und seine Gerechtigkeit! Wer hätte je
einen besseren Tausch gemacht?
4.
Mit diesem Gedanken des Austauschs nähern wir uns schon der vierten großen Wohltat
Christi, dem Zentrum seines Werkes, das er am Kreuz vollbringt. Denn Christus macht
unsere Not so sehr zu der seinen, dass er auch unseren Tod auf seine Schultern lädt, den
Fluch, den wir auf uns geladen haben, den Berg unserer Schuld und die dafür angemessene, elende Strafe. Gott will lieber selber leiden als uns leiden zu sehen, und teilt darum sich selbst die Verdammnis zu und uns die Freiheit. Stellvertretend für alle Sünder
geht Christus ans Kreuz, und erleidet als Unschuldiger, was unsere Schuld verdient. Er
fängt mit seinem eigenen Leib den Schlag ab, der von Rechts wegen uns treffen müsste,
und hält den Kopf für uns hin. Denn er ist nach den Worten des Neuen Testamentes
„das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“ (Joh 1,29). Und die ganze Christenheit findet die Erklärung für seinen schrecklichen Kreuzestod in den prophetischen Worten Jesajas: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hiel-
ten ihn für den, der geplagt, und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um
unsrer Missetat willen verwundet, und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe
liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
(Jes 53,4-5)
5.
Ganz ähnlich (und doch etwas anders) beschreibt es der Hebräerbrief, wenn er sagt, dass
Christus sich „für uns“ geopfert hat. Denn während das stellvertretende Leiden in die
Gedankenwelt des Strafrechts gehört, meint der Hebräerbrief tatsächlich ein Sühnopfer,
wie es im Jerusalemer Tempel dargebracht wurde. Man opferte dort täglich zahllose Tiere, um damit so etwas wie sühnende Wiedergutmachung zu leisten. Die Gott dargebrachten Gaben sollten Versöhnung erwirken und das durch menschliche Schuld gestörte Gottesverhältnis heilen. Doch nun, sagt der Hebräerbrief, ist durch den Kreuzestod Christi
alles anders geworden. Denn hier ist es Gott selbst, der die Schuld seines Volkes tilgt
und sühnt, indem Christus als Hohepriester ein Sühnopfer darbringt, das er selber ist.
Gott opfert am Kreuz keinen anderen, Gott opfert sich selbst! Und durch diese unglaubliche Tat macht Gott allem weiteren Opferdienst ein für allemal ein Ende. Denn wer wollte künftig noch irgendetwas geben, nachdem Gottes Sohn sich selbst gegeben hat? Wer
wollte das überbieten? Wer wollte dem noch etwas hinzufügen? Wer müsste da noch etwas ergänzen?
6.
Gott selbst hat den denkbar höchsten Preis bezahlt, um sich mit uns versöhnen zu können. Er hat es sich das Blut seines Sohnes kosten lassen. Und so wundert es nicht, dass
das Neue Testament Christi Heilswerk auch in die Sprache des Besitzrechts beschreiben
kann. Das sechste große Bild für das Werk Christi, ist nämlich das des „Loskaufes“, das
auch Jesus selbst benutzte, als er sagte: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er
sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk
10,45) In unseren Ohren, klingt es vielleicht seltsam, wenn es heißt, Christus habe uns
„freigekauft“. Doch zur Zeit des Neuen Testaments war Sklaverei etwas Alltägliches, das
jeden treffen konnte, denn wer finanzielle Probleme hatte, geriet leicht in „Schuldknechtschaft“. Wenn ein Schuldner nichts hatte, um sich frei zu kaufen, und auch keiner
239
für ihn einsprang, führte die Insolvenz direkt ins Gefängnis oder in die Sklaverei. Christus aber hat es sich sein Leben kosten lassen, uns freizukaufen aus unserer Schuldknechtschaft. Er hat den Preis bezahlt, der nötig war. Denn wir hatten kein Besitzrecht
mehr an uns selbst, sondern hatten unsere Seelen verkauft und verpfändet. Wer der
Sünde dient, der ist automatisch der Sünde Knecht. Wer dem Vergänglichen dient, der ist
dem Tod verfallen. Und wer dem Satan nicht wiedersteht, der ist sein Gefangener. Doch
Christus, sagt der Kolosserbrief, „hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen
gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.“ (Kol 2,14). Christus hat
die Seinen teuer erkauft mit seinem Blut, hat unsere Seelen für Gott erkauft und war
sich nicht zu schade, als Lösegeld dafür sich selbst zu geben.
7.
Oder kann man die Passion Jesu anders verstehen, als dass Sünde, Tod und Teufel sich
der Person Jesu bemächtigten? Haben sie sich etwa nicht an ihm ausgetobt? Sie haben
ihn überwältigt und gefoltert, und während er sich nicht wehrte, haben sie ihn wie eine
Beute weggeschleppt bis in den Tod und in den Abgrund der Hölle hinein, um ihn dort
zu verderben. Wie sich einer gegen Geiseln austauschen lässt, hat Christus sich gegen
uns austauschen lassen, und die Mächte der Finsternis haben ihn wie einen Köder gefressen und verschlungen. Bekommen ist ihnen diese Beute aber schlecht. Denn Gottes
Sohn, der wie ein Opfer zur Hölle fuhr, hat dort die Türen eingetreten und hat die Gefangenen befreit, ist zurückgekehrt, um von den Toten aufzuerstehen – und hat dabei
mächtig über Sünde, Tod und Teufel triumphiert. Denn unsere Gläubiger, aus deren
Schuldknechtschaft Christus uns herauskauft, diese Sklaventreiber und Menschenverderber werden von ihm nicht nur ausbezahlt, sondern anschließend auch erschlagen.
Dies ist die siebte und letzte der großen Wohltaten Christi. Und sie darf nicht verschwiegen werden. Denn wenn die kriegerischen Bilder auch irritieren, so sind sie doch gut
neutestamentlich. Schließlich war schon Jesu Lebensweg geprägt vom Kampf mit den
dämonischen Mächten, die er austrieb, und die seinem Befehl weichen mussten. Johannes sagt: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“
(1. Joh 3,8) Und der Kolosserbrief jubelt: „(Gott) hat die Mächte und Gewalten ihrer
Macht entkleidet, und sie öffentlich zur Schau gestellt, und hat einen Triumph aus
ihnen gemacht, in Christus.“ (Kol 2,15) Christus hat sich den Mächten der Finsternis
nicht ausgeliefert, ohne sie hinterher unter seine Füße zu treten, denn er, der sich erniedrigte und gehorsam ward bis zum Tode, ist derselbe, dem sich beugen sollen „aller
derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ (Phil 2,8-11)
Wahrlich: „Christus zu erkennen bedeutet, seine Wohltaten zu erkennen.“ Melanchthon
sagte das ganz zu Recht. Denn wer nicht weiß, was Christus für ihn tut, der kennt ihn
überhaupt nicht. Wenn wir aber im Neuen Testament gleich sieben Grundmotive der
Erlösung und Versöhnung gefunden haben, stehen die dann etwa in Konkurrenz zueinander? Man könnte durchaus fragen, ob die Menschwerdung das Wichtigste ist, mit der
Christus an unsere Seite tritt, oder ob es eher auf die Offenbarung der Liebe Gottes ankommt, die unser Misstrauen überwindet. Ist die Schicksalsgemeinschaft das Entscheidende, weil Christus die Seinen teilhaben lässt an seinem Weg und seinen Gütern? Oder
steht das Kreuz mit dem stellvertretenden Erleiden unserer Strafe beherrschend über
allem? Christus ist der Hohepriester, der sich selber opfert, er gibt sein Leben als Lösegeld, das uns freikauft, und schließlich siegt er an Ostern groß und herrlich über all die
Mächte, die uns bedrängten! Doch wer dürfte eines dieser Werke gegen das andere aus240
spielen, oder eins davon ignorieren? Sind es nicht nur verschiedene Dimensionen eines
einzigen Werkes, und einer einzigen großen Lebensaufgabe, die den ganzen Weg Jesu
umfasste? Es wäre ganz unsinnig, Weihnachten gegen Karfreitag auszuspielen oder Ostern gegen beide. Denn offensichtlich sind die sieben Wohltaten Christi untereinander
eng verknüpft.
Christus könnte unser subjektives Misstrauen nicht ausräumen, wenn er die Mächte des
Verderbens nicht ganz objektiv besiegt hätte. Und er hätte jene Mächte nicht überwinden
können, ohne vorher die Schuld zu tilgen, die uns ihren Händen auslieferte. Wäre Christus im Tod geblieben, was würde es uns dann nützen, durch die Taufe mit ihm verbunden zu sein? Und wie hätte er unsere Strafe am Kreuz tragen können, wenn er nicht zu
Bethlehem ein Mensch geworden wäre – mit aller Konsequenz?
Das alles bildet einen großen, unlöslichen Zusammenhang. Und wenn sich das eine mehr
auf der Ebene der Erkenntnis abzuspielen scheint, das andere auf der Ebene konkreter
Macht und das dritte auf der Ebene von Schuld und Sühne, so spiegelt es nur wieder,
dass auch unsere Not diese verschiedenen Ebenen der Erkenntnis, der Macht und der
Schuld gehabt hat. Das Heilswerk Jesu Christi ist genauso vielgestaltig wie der menschliche Notstand, den es behebt. Und doch ist es ein und derselbe Heiland, der sich all dieser Mühen unterzieht, um dem Menschen auf mehrfache Weise aus der einen, großen
Misere herauszuhelfen. Wahrlich: „Christus zu erkennen bedeutet, seine Wohltaten zu
erkennen.“ Wer aber diese Wohltaten erkennt, wird zugleich einsehen, dass er sie nötig
hatte. Und dem ist dann zur Erkenntnis Christi zugleich Selbsterkenntnis geschenkt, so
dass er um so mehr Anlass hat, zu staunen und zu danken…
70. Menschwerdung und Liebe Gottes
Wenn Christen Weihnachten feiern, denken sie an Geschehnisse, die sich zeitlich und
räumlich weit entfernt in Bethlehem ereignet haben. Wir überbrücken dann innerlich
2000 Jahre – und erwarten trotz der großen Entfernung, dass uns das Geschehen nahe
kommt. Doch was diese Geburt mit uns zu tun hat – ist das so leicht zu sagen? Das
Weihnachtsthema scheint durch gedankenlose Verwendung völlig abgegriffen und banalisiert zu sein. Jeder verbindet damit, was er gerade will. Das Fest wird überlagert von
sentimentalen Klischees und Missverständnissen. Und trotzdem meinen viele, sie wüssten ganz genau, was es mit Weihnachten auf sich hat! „Ist doch klar“, sagen sie. „Jesus
hat eben Geburtstag. Und was weiter? Gott wurde Mensch? Und was habe ich davon? Er
bringt mir Frieden? Und warum merke ich nichts davon? Er kommt aus Liebe zu mir?
Und warum erfüllt er dann nicht meine Wünsche?“
Da rauft man sich die Haare – und fragt sich doch vergeblich, wie so viel Unverstand zurechtzurücken wäre. Denn tatsächlich wurde Gottes Sohn ein Mensch, um Probleme zu
lösen, von denen die meisten gar nicht mehr wissen, dass sie sie haben. Jesus kommt,
um den Kindern Adams und Evas unter Einsatz seines Lebens aus einer verzweifelten
Lage zu helfen. Und wäre es einfacher möglich gewesen, so hätte er sich den Weg von der
Krippe bis zum Kreuz gewiss erspart. Aber wenn der Mensch meint, er sei doch ganz
„o.k.“, und nur die Welt sei schlecht, wenn er meint, sein Hauptproblem sei die Wirtschaftskrise oder die schmerzende Bandscheibe, wenn seine Gedanken nur um die Heizölpreise kreisen oder um das Fernsehprogramm – wird er dann mit dem Kind von Bethlehem viel anfangen können? Das ist sehr unwahrscheinlich! Denn Jesu Geburt ist Gottes
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Antwort auf eine Frage, die wir gar nicht mehr stellen. Und um sie recht zu verstehen
und ihr Gewicht von ferne zu ermessen, müsste der Mensch sich erst einmal über seine
Situation klar werden. Die weihnachtliche Feierlaune müsste ihm vergehen, und er
müsste seine Verlorenheit spüren. Die Fassade seines Lebens müsste zerbrechen, so dass
er seiner Not angesichtig würde, seiner Schuld, seiner Angst und seiner Vergänglichkeit.
Der Mensch müsste erkennen, welch bodenloser Abgrund, welche tiefe Schlucht ihn von
Gott trennt. Und erst angesichts dieser Entfernung, angesichts des Höllenschlunds unter
seinen Füßen, könnte er dann ermessen, was da an Weihnachten geschieht, wenn Gott
über den tiefen Abgrund hinübergreift, um den Verlorenen auf der anderen Seite hilfreich nahe zu sein.
Gott tut, was wir niemals könnten, und was wir auch dann nicht täten, wenn wir es
könnten. Denn Gott tut, was er nicht nötig hat, verbindet sich mit der Menschheit auf’s
innigste – und macht damit unsere Probleme zu seinen. Gott ergreift unsere Partei und
teilt unser Schicksal, er wird einer von uns, er tritt an unsere Seite und beugt mit uns
den Rücken unter die Last, die wir uns aufgeladen haben. Gott sieht die Menschheit in
ihrer ewigen Gier nach Lust, in ihrer Gleichgültigkeit und Schuld, in ihrer Oberflächlichkeit und Brutalität – und er hätte hundert Gründe, sich angeekelt abzuwenden. Er hätte
tausend Gründe, uns einen Tritt zu geben, der uns endgültig ins „Aus“ befördert! Doch
stattdessen tut er etwas wunderbar Verblüffendes und antwortet auf die Ablehnung
durch seine Geschöpfe mit einer geradezu zärtlichen Geste. Denn Gott schlüpft in unsere
Haut, um an unserer ausweglosen Situation teilzuhaben. Er sieht uns auf verlorenem
Posten und könnte sich angewidert umdrehen. Er hätte es nicht nötig, sich länger mit
uns zu beschäftigen. Er könnte uns einfach den Folgen unseres Eigensinns überlassen.
Aber er entschließt sich, unser Bruder zu werden. Statt sich zu distanzieren, will er an
unserem Schicksal teilhaben. Er umgeht unsere Abwehr und wechselt überraschend die
Seite. Er stellt sich vor die, die für sich selbst nicht geradestehen können. Und er tut das
alles in dem vollen Bewusstsein, dass er wenig später auf Golgatha den Kopf für uns hinhalten wird. Denn vor der Krippe gähnt schon das Grab. „Mitgefangen – mitgehangen“
werden bald die Spötter rufen. „Das hat er nun davon, dass er Mensch wurde!“ Das hat
Gott davon, dass er nicht mehr unterscheiden wollte zwischen unserer Not und seiner
Not. Das hat er davon, dass er unser Bruder wurde! Er aber wusste das von Anfang an –
und wollte es trotzdem. Denn was ihn trieb, war herzliche Liebe und großes Erbarmen.
Aber versteht das ein jeder? Wird es nicht immer mehr zum Geheimnis in dieser materialistischen und selbstgefälligen Welt? Vermutlich lässt sich Weihnachten noch am ehesten
begreifen, wenn man für das himmlisch-große Geschehen irdisch-kleine Gleichnissen
findet. Und darum bin ich froh, dass mir bei Meister Eckhart, einem Mystiker des Mittelalters, eine Geschichte begegnet ist, die den Kern der Sache trifft.
Meister Eckhart erzählt von einem Ehepaar, das sich von Herzen liebt. Und wie es sein
soll, ist der Mann sehr stolz auf seine schöne Frau, und die Frau ist stolz auf ihren stattlichen Mann. Doch eines Tages geschieht der Frau ein Unfall, bei dem sie ein Auge verliert. Und darüber ist sie sehr traurig. Der Mann kommt zu ihr und sagt: „Meine Liebe,
warum bist du so schrecklich traurig? Mit etwas Hilfe kommen wir doch zurecht. Du
sollst nicht so traurig und verzweifelt sein, weil du ein Auge verloren hast!“ Doch die
Frau spricht: „Mein lieber Mann, ich bin nicht traurig, weil ich das Auge verloren habe.
Aber ich bin verzweifelt, weil ich dir so einäugig nicht mehr gefallen kann, und du mich
nun gewiss weniger lieb hast als früher.“
Er widerspricht und ruft: „Aber, nein! Ich habe dich deswegen doch nicht weniger lieb!“
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Sie hört das auch gern, lächelt aber traurig. Denn tief in ihrem Herzen kann sie es nicht
glauben, und so oft er auch seine Liebe beteuert, verbirgt sie sich doch vor ihm, schließt
sich ein, schämt sich ihr Gesicht zu zeigen und versinkt immer mehr in ihrem Kummer.
Ihr Mann jedoch, der das irgendwann nicht mehr ertragen kann, denkt nach, fasst sich
eines Tages ein Herz, und sticht sich selbst ein Auge aus. Er geht zu seiner Frau und sagt:
„Meine Liebe, damit du nun glaubst, dass ich dich liebe, habe ich mich dir gleich gemacht. Schau her, ich bin jetzt ganz wie du und habe auch nur noch ein Auge, und es ist
kein Unterschied mehr, der uns trennen könnte.“
„So ist der Mensch“ schließt Meister Eckhart seine Geschichte. „Denn auch der Mensch
konnte nicht glauben, dass Gott ihn lieb habe, bis dass Gott sich selbst ein Auge ausstach
und menschliche Natur annahm zu Bethlehem...“
Ob es jenes Ehepaar wirklich gegeben hat, weiß niemand – und es ist auch ganz egal.
Denn so oder so ist die Geschichte ein treffendes Gleichnis für das Wunder von Bethlehem. Auch wir sind nämlich entstellt und sind einäugig. Je besser wir uns selbst kennen,
um so weniger können wir glauben, dass Gott uns liebt. Nichts spräche dafür, dass Gott,
dem wir die Treue brachen, uns die Treue halten sollte, wenn Gott sich uns nicht ganz
gleich gemacht und sich durch die Menschwerdung unser klägliches Leben angeeignet
hätte. Wie in Eckharts Geschichte, konnte das niemand erwarten. Aber jener Ehemann
brachte ein großes Opfer, um seiner Frau wieder nahe zu sein. Und auch Gott brachte ein
solches Opfer, als er sich mit uns auf eine Ebene begab. Es war ihm lieber, unsere Not
mit uns zu teilen, als getrennt von uns in Herrlichkeit zu leben. Denn eine andere, eine
schmerzfreie Lösung, hätte es nicht gegeben. Wir Kinder Adams und Evas hatten unser
Leben verwirkt. Wir waren ausgegrenzt und verächtlich, waren nicht, wie wir sein sollten, und trugen das Kainsmal an der Stirn. Gott hätte sich mit Fug und Recht abwenden
können – und Satan, der nur darauf wartete, rieb sich die Hände! Doch unter dem Stern
von Bethlehem geschah das Wunderbare, das seine Pläne durchkreuzt. Denn Gott selbst
wurde Mensch, überwand den tiefen Graben, wurde einer von uns und zeigte damit ein
Maß an Liebe und Opferbereitschaft, mit dem niemand gerechnet hätte.
Gott wollte nicht von uns unterschieden werden, sondern wollte unser Schicksal teilen –
und indem er es mit uns teilte, hat er das Schicksal gewendet. Denn wenn Gott die Gestalt eines Menschen annimmt und sich bewusst unter die Menschen mischt, ist dann
das Menschsein noch wie zuvor ein Zeichen der Verlorenheit? Wenn unter den Verdammten plötzlich der Allmächtige steht, wenn er mit seiner Gerechtigkeit unser Unrecht aufwiegt, wenn er für uns kämpft, der doch unüberwindlich ist, wenn unsere Finsternis überstrahlt wird von seinem Licht, wenn er das Seine und das Unsere einfach zusammenwirft – wird uns die Hölle dann weiterhin für sich reklamieren können? Wird
der Feind noch Rechte an uns haben, wenn da einer unter uns ist und für uns einsteht,
an dem er definitiv kein Recht hat?
Weil das nicht sein kann, darum ist alles anders geworden, seit Christus an unserer Seite
geht. Gott selbst ist den Entstellten ein Entstellter, und den Mühseligen ein Mühseliger
geworden. Und unser Leben ist nicht mehr dasselbe, seit er es mit uns teilt. Denn Gott
atmet nun unsere Luft. Er fühlt, was wir fühlen, und sieht, was wir sehen. Er geht in unseren Schuhen und leidet unser Leiden. Gott ist mittendrin in unserem Leben – und er
spürt wenn’s eng wird. Aber er lässt uns gerade dann nicht allein, sondern führt uns an
der Hand. Ja, Christus kam hinein in unsere verfahrene Situation, und man hätte denken
können, das sei tragisch für ihn – in Wahrheit aber war’s tragisch für die Situation. Denn
sie konnte nun nicht bleiben, wie sie war. Als Christus unsere Not auf sich nahm, da war
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es das Ende dieser Not. Als er unsere Angst auf sich nahm, da war es das Ende dieser
Angst. Und als er für uns durch die Hölle ging, da war das zwar schlimm für ihn, war aber
noch viel schlimmer für die Hölle, denn für sie war es recht eigentlich das Ende ihrer
Macht. Christus geht dort jetzt ein und aus wie es ihm gefällt, geht ein und geht aus,
lässt gern die Türen hinter sich offen und nimmt mit, wen immer er will.
Freilich: Der Versuch zu erklären, was letztlich nicht erklärt werden kann, gerät an Grenzen. Doch das Kind in der Krippe lächelt auch darüber und freut sich vielleicht sogar,
wenn wir mit ihm nicht fertig werden, sondern immer wieder neu anfangen müssen,
nach ihm zu fragen und zu stammeln von dem Wunder seiner Liebe, das so unergründlich ist, unerschöpflich, herrlich, bestürzend und beseligend…
71. Unser Schmutz und Jesu Reinheit
Manchmal fehlen mir die guten Ideen, die man braucht, um eine Predigt zu schreiben.
Und ich denke dann, es wäre besser, wenn Jesus selber käme, um zu erklären, was ich
nicht erklären kann. Ich sitze am Schreibtisch und komme ins Träumen. Einmal aber
träumte ich mir zurecht, wie das wohl wäre, wenn er wirklich käme. Ich stellte mir vor,
wie Jesus bei mir im Arbeitszimmer erschiene und wie strahlend schön seine Gestalt sein
müsste. Schon die Engel werden in der Bibel so beschrieben, dass sie strahlend weiß gewandet sind. Und ebenso lichterfüllt, so rein weiß, glänzend und heilig stellte ich mir
Jesus vor. Er aber ließ mir nicht viel Zeit zu schauen, sondern verlangte, durch meine
Gemeinde geführt zu werden. Und so nahm meine Träumerei eine unerwartete Wendung. Denn Jesus wollte vor allem dorthin, wo etwas nicht in Ordnung war. Ich wandte
ein, ich könnte ihm doch in dieser Stadt auch etwas Schönes zeigen. Aber er ließ sich
darauf nicht ein, und so zogen wir los – und machten eine wirklich greuliche Runde.
Zuerst kamen wir in eine Küche, wo Mann und Frau sich anschrien und unter vielen verletzenden Worten ihre Liebe begruben. Ohne dass sie es merkten, legt Jesus ihnen die
Hand auf die Schultern. Als wir aber hinausgingen, schien es, als habe er etwas von der
Traurigkeit dieses Paares mitgenommen. Gleich darauf betraten wir das Schlafzimmer
eines alten, kranken Mannes, der sich in bösen Träumen auf seiner Matratze wälzte und
stöhnte. Jesus trocknete ihm den Schweiß von der Stirn, und als wir gingen, haftete an
Jesu Gewand noch der Schweiß dieses Unglücklichen. Wir kamen in einen Partykeller,
wo Jugendliche sich sinnlos betranken, weil sie meinten, das sei das wahre Leben. Jesus
weinte um diese Kinder. Und als wir hinaustraten, hing in seinem Mantel noch der Geruch von Alkohol und Erbrochenem.
Mir hätte das längst gereicht. Schließlich hatte ich eine Predigt zu schreiben – und dies
war nichts als ein Traum. Aber Jesus wollte noch mehr und verlangte sogar das Bordell zu
sehen, wo einsame Männer ihr Geld und ihre Würde eintauschen gegen ein bisschen
verzweifelten Spaß. Als Jesus wieder auf die Straße trat, umwehte ihn der Geruch von
billigem Parfüm. Wir waren dann noch im Hinterzimmer eines gescheiterten Geschäftsmannes, dem nur noch eine Fassade aus großen Sprüchen geblieben war. Die Angst vor
dem Ruin stand ihm ins Gesicht geschrieben, und auch Jesu Angesicht wurde immer düsterer. Ich fragte mich, wie das alles enden sollte. Aber Jesus bestand darauf, in ein Altenheim zu gehen, wo die Vergessenen auf ihre Kinder schimpfen und niemanden finden,
der etwas über ihr Leben hören will. Jesus ging mit mir in ein Schulzimmer, wo die Lehrerin genauso verzweifelt war wie die überforderten Kinder, die hier für den Ehrgeiz ih244
rer Eltern büßten. Jesus besuchte mit mir einen Landwirt, der seinen Hof aufgeben muss,
obwohl sich schon fünf Generationen dafür kaputtgeschuftet haben. Und sogar die Abtreibungsklinik wollte Jesus sehen, wo man täglich Kinder tötet. Hier blieb er am längsten – und weinte. Ich konnte ihn dort einfach nicht wegbekommen. Wie ich ihn aber so
ansah, erschrak ich fürchterlich. Denn von seiner anfangs so herrlichen Erscheinung war
fast gar nichts mehr übrig. Es war, als habe sich der ganze Schmutz dieser Welt an ihn
gehängt, und auf seinem ehemals so weißen Gewand war kaum mehr eine weiße Stelle
zu entdecken. In all diese Löcher des menschlichen Elends war er hineingekrochen ohne
Scheu vor Schmutz und Blut und Tränen. Sein Gewand stank nach Rauch und billigem
Schnaps, es roch gleichzeitig nach Krankenhaus und Schweinestall. Und was Jesus gesehen hatte, das hatte in seinem Gesicht so tiefe Falten hinterlassen, als hätten ihn die
paar Stunden um viele Jahre altern lassen.
Ehrlich gesagt sah er nun schlimmer aus und armseliger, als all die unglücklichen Menschen, die wir besucht hatten. Es schien fast, als habe der ganze Dreck dieser Welt auf
ihn abgefärbt. Er sah jetzt aus wie einer von uns – und blutete sogar an den Händen, an
den Füßen, und an der Seite. Aber, das war das Merkwürdige: Er schien trotzdem irgendwie zufrieden. Ich rief: Um Himmels willen, Herr, lass uns diesen Schmutz von dir
abwaschen! Er aber lächelte mich an, es blitzte Etwas in seinen traurigen Augen, und er
fragte mich: „Was meinst du wohl, was sich am Ende durchsetzen wird – euer Schmutz
oder meine Reinheit?“ Ich war verwirrt und schwieg, wie einer, der seinen eigenen
Traum nicht mehr versteht. Er aber erklärte mir, dass es für das, was er wollte, keinen
anderen Weg gegeben habe. „Wohl ist es schlimm, wie ihr lebt“, sagte er. „Da sind Gier
und Geiz, Hass und Feigheit, Lüge und Schamlosigkeit. Ihr schändet und missbraucht das
Gute, das mein Vater in euch gelegt hat, und ihr merkt es noch nicht einmal. Aber wenn
ich mich deshalb von euch abwenden wollte und euch fern bliebe, würdet ihr doch nur
immer tiefer sinken. Darum bin ich in eure Haut geschlüpft und habe eure Kleider getragen, bin durch eure Häuser gegangen und habe von euren Tellern gegessen. Eure Not ist
dadurch meine Not geworden, und eure Verzagtheit habe ich mit euch getragen.
Ich habe mit euch geschwitzt und mit euch geblutet und habe mir euren Schmutz zu eigen gemacht. Ich habe euer Leben von Anfang bis Ende durchlaufen, um es mit euch zu
teilen. Wenn ich aber eure Lage mit euch teile, meinst du, dass sie dann noch aussichtslos ist? Nein, mein Lieber! Wo Gott zu Gast ist, da wird über kurz oder lang der Himmel
sein – und alle, die mich heute beherbergt haben, werden das erfahren. Ich bin in euren
Schuhen gelaufen und habe auf euren Stühlen gesessen, ich bin durch eure Paläste gegangen und durch die einsamen Kammern. Und die Berührung mit mir, hat jeden dieser
Orte geheiligt, so dass euer Weg nun mit meinem Weg zu einem verschmilzt. Ich wurde
Mensch, damit ihr einmal himmlisch werdet, und ohne mich an euch schmutzig zu machen, wäre das nicht gegangen. So hast du richtig gesehen, dass in jedem dieser Zimmer
etwas von euch an mir haften blieb. Euren Schweiß, euer Blut und eure Tränen nehme
ich mit mir. Aber was du nicht gesehen hast, das ist viel wichtiger. Denn ich habe auch in
jedem Raum etwas von mir dagelassen. Spuren sind geblieben, von Hoffnung, Glaube
und Liebe. Und diese Saat wird aufgehen.“
Jesus ging. Mein Traum war zu Ende. Ich saß immer noch vor dem Computer und ärgerte
mich, dass ich, statt zu arbeiten, solchen Phantasien nachgegangen war. Aber immerhin
wusste ich wieder, was die Menschwerdung Christi bedeutet: Jesus eignet sich unser Leben an, geht durch unsere Wohnungen, erträgt unsere Nähe, nimmt unser Elend in sich
auf – und versenkt unsere Not tief hinein in seine Liebe…
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72. Die Nähe des Reiches Gottes
Die Gestalt Jesu Christi ist in unserer Gesellschaft sehr präsent, und Jesu „Bekanntheitsgrad“ lässt nichts zu wünschen übrig. Denn jeder, den man fragt, hat irgendeine Vorstellung von Jesus, und viele können sich auch an zwei oder drei Geschichten aus dem Neuen Testament erinnern. Doch fragt man nach, was denn eigentlich Jesu Botschaft gewesen sei, was er gelehrt und gepredigt hat, sieht man ratlose Gesichter oder bekommt falsche Auskünfte. Frage ich die Konfirmanden, was Jesu Botschaft war, sagen sie manchmal: „Na, Jesus wollte, dass alle an Gott glauben!“ Aber das kann es nicht sein, denn zur
Zeit Jesu gab es gar keine Atheisten. Alle Menschen glaubten an Gott. „Na dann“ sagen
die Konfirmanden, „war’s vielleicht die Nächstenliebe. Jesus wollte, dass sich alle Menschen lieben.“ Doch von Nächstenliebe lesen wir schon so viel im Alten Testament, dass
Jesus damit gewiss kein Aufsehen erregt hätte.
Was also war es, was den erbitterten Widerstand der Pharisäer und der Schriftgelehrten
hervorrief? Was war so anders an der Verkündigung Jesu, dass man seine Lehre für skandalös und den ganzen Mann für gefährlich hielt? Eine schnelle Antwort fällt schwer, weil
Jesu Wirken so vielfältig ist. Jesus wanderte nicht nur umher, berief unterwegs Jünger
und stritt mit Pharisäern, sondern er heilte auch Kranke und trieb Dämonen aus. Er erzählte nicht nur Gleichnisse und erteilte strenge ethische Anweisungen, sondern er gab
sich gleichzeitig mit Prostituierten und mit Zöllnern ab, redete prophetisch und tat
Wunder. Das scheinen sehr verschiedene und sogar gegensätzliche Dinge zu sein. Und
doch gibt es in der Verkündigung Jesu ein zentrales Thema, das alle seine Aktivitäten
miteinander verbindet, weil nämlich alles was Jesus sagte und tat, unmittelbar zu tun
hatte mit dem Reich Gottes.
(1) Schon gleich zu Beginn seines öffentlichen Auftretens nimmt Jesus die Botschaft Johannes des Täufers auf und ruft den Menschen zu: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist
nahe herbeigekommen!“ (Mt 4,17) Für Jesus ist das Himmelreich keine statische Größe,
die irgendwo weit weg auf uns wartet, wenn wir mal gestorben sind, sondern er versteht
das Reich Gottes als eine dynamische Größe, die sich unaufhaltsam auf uns zu bewegt.
Denn Gott bleibt nicht untätig im „Jenseits“, wenn seine Geschöpfe auf Abwege geraten,
sondern Gott kommt, um beanspruchend und heilend zugleich seine Hand auf diese
Welt zu legen. „Gott ist im Kommen“, das ist die Zeitansage mit der Jesus seine Mitmenschen aufschreckt. Gottes Reich ist nahe herbeigekommen! Und wer nicht überrumpelt
werden will, muss sich jetzt für Gottes Reich bereit machen, muss Buße tun und sein
altes Leben hinter sich lassen, um offen und bereit zu sein für das Neue, das Gott geschehen lässt. Alles wird jetzt anders!
(2) Und diesen radikalen Aufbruch mit Jesus gemeinsam zu vollziehen, eben dazu werden seine Jünger berufen. Jesus ruft seine Leute heraus aus dem Trott ihrer familiär und
beruflich festgelegten Situation, damit sie frei werden von allen weltlichen Bindungen,
und dadurch frei werden für das Reich Gottes. Die in die Nachfolge Jesu eintreten, sollen
sich nicht mehr um Alltägliches sorgen indem sie fragen: „Was werden wir essen? Was
werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?“ Sondern sie sollen dem Reiches
Gottes absolute Priorität einräumen: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“, ruft Jesus
ihnen zu, „und nach seiner Gerechtigkeit.“ (Mt 6,31-33) Woran aber haben die Jünger
erkannt, dass das Reich Gottes wirklich nah ist?
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(3) Der Umbruch war für sie ganz offenkundig und sichtbar in den Zeichen und Wundern, die Jesus tat. Denn wenn Menschen krank sind, gelähmt, blind oder aussätzig –
und Jesus heilt sie –, wird dann nicht die Macht ihres bösen Schicksals durchbrochen?
Wenn Menschen besessen sind von bösen Geistern und Dämonen, und Jesus befreit sie
aus dieser Umklammerung, indem er die Dämonen austreibt und bannt, ist dann nicht
die Macht Satans gebrochen? Wenn Menschen tief in Schuld verstrickt sind, in Egoismus,
Misstrauen, Resignation und lasterhafte Gewohnheiten, und Jesus holt sie da heraus,
indem er sie annimmt und ihnen vergibt, ist dann nicht die Macht der Sünde gebrochen?
Ja, Krankenheilung, Exorzismus und Vergebung zeigen, dass Jesus Fesseln löst, die vorher
keiner lösen konnte. So wie die ersten Knospen an den Bäumen den Frühling ankündigen, so künden Jesu Wunder vom kommenden Reich! Wo Jesus auftritt, gelten die gnadenlosen Regeln plötzlich nicht mehr, Satan gerät in die Defensive und verliert zusehends an Boden. Denn in der Person Jesu ist eine Segenskraft erschienen, gegen die er
nicht anstinken kann, und in den mächtigen Taten Jesu manifestiert sich das Reich Gottes eben nicht als jenseitige, sondern als gegenwärtige, hier und jetzt erfahrbare Größe.
Jesus selbst deutet seine Wunder als den Beginn einer Revolution, in deren Verlauf das
Böse auf Erden entmachtet werden wird. Er sagt: „Wenn ich ... durch Gottes Finger die
bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.“ (Lk 11,20)
(4) Wenn das Reich Gottes aber nicht bloß kommt, sondern in und mit der Person Jesu
schon da ist, ist es dann verwunderlich, dass er von sich selbst als von dem „Menschensohn“ spricht – und damit einen Titel wählt der unmittelbar mit der Erwartung des Reiches verbunden ist? Der „Menschensohn“ ist eine Gestalt, die der Prophet Daniel schon
viele Jahrhunderte vor Jesus angekündigt hat (Daniel 7,13–14), und von der Daniel sagt,
dass ihr Erscheinen unmittelbar mit dem Reich Gottes verknüpft sein wird. Jesus aber
wendet genau diesen Begriff häufig auf sich an und dokumentiert damit, wie er seine
Sendung versteht. Er ist es, den die Propheten angekündigt haben. Er ist es, mit dem und
durch den das Reich Gottes kommt.
(5) Und so wundert es auch gar nicht, dass ein besonders großer und typischer Teil der
Lehre Jesu aus Gleichnissen besteht, die das Reich Gottes veranschaulichen. Jesus redet
in seinen Gleichnissen vom Reich Gottes als einem großen Abendmahl oder einer königlichen Hochzeit. Er vergleicht es mit einem Schatz im Acker oder mit einer kostbaren
Perle, für die man alles hingibt. Und von der verborgenen Dynamik des Reiches spricht
Jesus in den Gleichnissen vom Sauerteig, von der selbstwachsenden Saat, vom Senfkorn
und vom Unkraut unter dem Weizen. Nichts ist Jesus wichtiger, als seine Jünger darin zu
unterweisen. Das will er seine Schüler lehren! Denn sie sollen ihre ganze Aufmerksamkeit auf das kommende Reich richten, das klein und verborgen beginnt, wo Jesus Glauben findet, das aber einst groß und revolutionär vor aller Augen sichtbar werden wird.
Jesus arbeitet daran, den Satan zu entmachten! „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes,
dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ (1.Joh 3,8) Denn diese alte Welt, in der sich der
Böse breit gemacht hat, und die er beherrscht durch die Angst und Gier der Menschen,
diese bleierne Zeit wird enden!
(6) Und alle ethischen Weisungen Jesu laufen lediglich darauf hinaus, dass wir den großen Herrschaftswechsel vorwegnehmen und dem Verderber unseren Gehorsam mit sofortiger Wirkung aufkündigen. Denn die Jünger Jesu sollen schon heute leben im Licht
des kommenden Tages und sollen schon heute den Regeln folgen, die im Reich Gottes
gelten. Dort wird Barmherzigkeit herrschen, darum sollen wir schon hier Barmherzigkeit
üben. Dort werden wir reinen Herzens sein, darum sollen wir schon hier den Schmutz
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aus uns tilgen. Dort wird Gerechtigkeit herrschen, darum sollen wir schon hier nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Ja, die gesamte Ethik Jesu läuft darauf hinaus, dass ein
Mensch die Fesseln abwirft, mit denen er gebunden war, und anfängt, nach den neuen
Spielregeln zu spielen, die da heißen Sanftmut, Friede, Demut, Liebe und Wahrhaftigkeit. Die Bergpredigt ist nichts anderes als Jesu Regierungserklärung für das Reich Gottes, das mit ihm und in seiner Person anbricht!
(7) Wer aber ist zu diesem Reich eingeladen? Wer darf schon auf Erden ein Bürger der
Himmels sein? Überraschender Weise richtet Jesus seine Einladung nicht in erster Linie
an die Gerechten und Klugen, an die Frommen und Anständigen, sondern ruft zuerst
und mit besonderem Nachdruck die moralisch und sozial Gescheiterten. Denn Jesus
wendet sich den Sündern zu, den Zöllnern und Prostituierten! Die Pharisäer und die
Schriftgelehrten finden das natürlich höchst anstößig, dass Jesus sich mit solchen Leuten
abgibt. Sie können sich nicht vorstellen, wie einem Menschen Heil widerfahren soll, der
Gottes Gesetz fern steht. Aber Jesus sagt: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen
und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lk 19,10) Jesus unterteilt die Menschen nicht in
brave Bürger und sozialen Abschaum. Er unterscheidet nicht mehr Erfolgreiche und Versager, Reiche und Arme, Angesehene und Verachtete, Schlaue und Dumme. Sondern weil
mit dem Reich Gottes etwas völlig Neues beginnt, unterscheidet Jesus nur noch zwischen
Menschen, die sich dem Reich Gottes vorbehaltlos öffnen, und solchen, die sich ihm verschließen.
Ob einer Zugang findet zu Gottes Reich, das entscheidet sich nicht mehr an seinem Verhältnis zu den religiösen Riten und Vorschriften des Alten Testamentes, sondern es entscheidet sich an seinem Verhältnis zu Jesus selbst. Denn wer Jesus im Glauben annimmt,
der hat in ihm das Reich Gottes – auch wenn er ansonsten komplett scheiterte. Wer aber
Jesus ablehnt, der hat damit zugleich das Reich Gottes abgelehnt und verloren – auch
wenn er ansonsten das Leben eines Heiligen führte. Mit welchem Recht aber stößt Jesus
die alten Maßstäbe über den Haufen, wenn es doch um Gottes Gebote geht, die Jesus
wahrlich nicht gleichgültig sind? Wie kann Jesus den Sündern helfen und ihnen Heil zusprechen, wo sie doch krank sind an sich selbst, wo sie doch unwürdig sind, in Gottes
Gemeinschaft einzugehen, und unfähig, sich zu Höherem aufzuschwingen?
(8) Wir erreichen damit den entscheidenden Punkt, an dem uns bewusst wird, wie eng
Jesu Botschaft vom Reich Gottes zusammenhängt mit seinem Tod am Kreuz. Denn wenn
sein ganzes Leben der Botschaft vom Reich gewidmet war – wäre es da nicht seltsam,
wenn dasselbe nicht auch von seinem Tod gelten würde? Tatsächlich ist der Kreuzestod
Jesu der Schlüssel zum Verständnis des Ganzen. Denn erst dieser stellvertretende Tod
macht es möglich, dass Sünder wie sie und ich zum Reich Gottes Zugang erlangen. Wir,
auf uns gestellt, hätten den Preis für die Eintrittskarte nämlich nie aufgebracht. Wir
würden beschämt vor verschlossenen Türen stehen, weil wir die Rechnungen nicht begleichen können, die wir bei Gott offen haben. Aber Jesus hat sterbend unsere Schuld
gebüßt, und hat uns damit durch Tod und Auferstehung hindurch den Weg gebahnt in
Gottes Reich hinein. Das Lebensthema Jesu hat sich also am Ende nicht im Geringsten
geändert. Es bleibt bis zuletzt das Reich Gottes. Denn alles im Leben Jesu hatte mit dem
Reich zu tun – von den Wundern über die Ethik bis zu den Gleichnissen. Am allermeisten aber hat das Sterben Jesu mit dem Reich Gottes zu tun, weil er darin alles, was uns
vom Reich Gottes hätte trennen können, erleidet und büßt und erträgt und überwindet.
Jesus geht nach Jerusalem, um dort den Fluch unserer Schuld auf sich zu ziehen und uns
dafür den Segen seiner Gerechtigkeit zu schenken. Und am Ostermorgen geht er aus dem
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Grab hervor, um für uns einen Weg zu bahnen, auf dem wir ihm folgen können. Kein
Mensch hätte Zugang zu Gottes Reich, wenn er diesen Zugang nicht hätte in und durch
Jesus. Wer aber Jesus hat, der hat auch das Reich Gottes, und ist ein Bürger der kommenden Welt. Wo aber ist nun dieses Reich? Und wo erfahren wir es? Kommt es erst noch?
Oder ist es schon da?
Nach allem, was wir gesagt haben, dürfte klar sein, dass beide Antworten richtig sind.
Denn obwohl Gottes Reich noch im Kommen ist, ist es doch auch schon gegenwärtig. Das
Reich Gottes ist eine himmlische Wirklichkeit, die durch Jesu Person und Werk in unsere
irdische Gegenwart hineindrängt. Und es ist darum nicht bloß Zukunft, sondern beginnt
schon überall, wo das Verhältnis zwischen Gott und Mensch durch Jesus Christus bestimmt wird. Das Reich ist nicht auf eine entfernte Zukunft beschränkt, so dass es jetzt
noch „unwirklich“ wäre. Es ist aber auch nichts, was in der Gegenwart schon aufginge,
ohne einer künftigen Steigerung fähig zu sein. Sondern am ehesten sollte man an eine
große Flutwelle denken oder an eine heranbrausende Lawine, denn dann versteht man,
warum sich das Reich Gottes nicht in das Schema von Diesseits und Jenseits einfügen
kann. Das Reich Gottes lässt sich weder dem Himmel noch der Erde zuordnen, weil sein
Wesen gerade in der Grenzüberschreitung liegt. Es ist nicht hier oder da. Sondern es ist
die Bewegung von hier nach da. Und in dieser Bewegung geschieht nichts Geringeres, als
dass der Himmel zur Erde kommt. Gott selbst kommt in die Welt und bekräftigt seinen
Anspruch auf jede lebende Seele. In Jesus Christus erschien er auf dem irdischen Schauplatz. Und um Christus herum wächst seither Gottes Reich. Denn Gottes Sohn selbst ist
der Sauerteig, der die Welt nach und nach durchdringt.
Wenn wir getauft sind auf den Namen Jesu, wenn wir in seiner Gegenwart Abendmahl
feiern, wenn wir uns seiner Wahrheit beugen und uns seiner Barmherzigkeit überlassen,
dann ist damit der Himmel schon tief hineingedrungen in unser Erdenleben. Ja, haben
wir durch den Glauben Anteil an Christus, so stehen wir schon jetzt mit einem Bein im
Reich Gottes. Mitten im irdischen Leben sind wir schon Bürger des Himmels. Mitten in
unserer Schuld sind wir schon begnadigt. Und mitten im Gericht sind wir schon durch
das Gericht hindurchgedrungen. Denn Christus sagt eben nicht, irgendwann werde das
Reich Gottes wirklich werden, sondern er spricht von der aktuellen Gegenwart des Reiches, die nichts anderes ist als seine, als Jesu Gegenwart bei uns. Ja: Wo man Jesu Botschaft im Glauben annimmt, dort wird vom Reich Gottes nicht nur geredet, sondern dort
wird es Wirklichkeit. Denn das Reich Gottes ist eine Saat, die Jesus in unsere Herzen gesät hat. Dass diese Saat aber bald aufgehe und viele Früchte trage, innerlich wie äußerlich, das dürfen wir uns von Herzen wünschen und zuversichtlich erwarten.
73. Naturgesetz, Wunder und Freiheit Gottes
Mögen sie Wundergeschichten? Das Neue Testament ist voll davon. Wunder über Wunder. Wir kennen sie – aber bedeuten sie uns etwas? Goethe meint, das Wunder sei „des
Glaubens liebstes Kind“. Aber mir scheint, er hat nicht Recht damit. Denn für viele Menschen (auch für viele Christen!) sind sie eher eine Last und eine Zumutung. Sie hören
von biblischen Wundern und stöhnen: Muss man das alles glauben? Muss ich dutzende
von völlig unwahrscheinlich klingenden, aller Erfahrung widersprechenden Erzählungen
für wahr halten, um zur Kirche zu gehören? Muss ich mich dem Spott aussetzen: Was, du
glaubst an Wunder? An den Weihnachtsmann und den Osterhasen glaubst du wohl auch?
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Sich verspotten zu lassen, ist ein hoher Preis. Und wofür? Was habe ich davon, wenn ich
glaube, dass vor zweitausend Jahren in Israel Gelähmte, Blinde und Aussätzige geheilt
wurden? Sicher war das für die Betroffenen eine erfreuliche Sache. Aber mit mir hat das
Ganze nichts zu tun! Was soll ich also mit solchen Geschichten anfangen?
Es liegt nahe, so zu denken und die Wundergeschichten links liegen zu lassen. Unklar
bleibt dann aber, warum sie überhaupt in der Bibel stehen. Man muss ja annehmen, dass
die Wunder den Autoren des Neuen Testamentes etwas bedeutet haben. Sonst hätten sie
sie nicht gesammelt und überliefert. Versuchen wir also, ihre Beweggründe zu verstehen
– mit Hilfe eines Vergleiches: Stellen sie sich vor, es sei März oder April. Und nehmen
wir an, es sei ein besonders scheußlicher, nasskalter Winter gewesen. Wochenlang nur
trüber Himmel, Schneematsch auf den Straßen, Kälte und Feuchtigkeit überall. Und nun
entdecken sie plötzlich im Garten, dass der erste Baum auszuschlagen beginnt und ein
paar unscheinbare Knospen treibt. Werden sie sich nicht freuen und anderen von diesen
ersten Frühlingsboten erzählen? „Seht her, dieser scheußliche Winter geht zuende – jetzt
können wir uns auf den Frühling freuen!“ Ich denke, die Autoren des Neuen Testamentes tun etwas ganz ähnliches, wenn sie uns von Wundern erzählen. Nicht anders als wir
lebten sie in einer Welt, die nicht von Schnee und Kälte, aber von Zwängen und Gesetzmäßigkeiten beherrscht wird. Starke Völker unterdrücken schwächere Völker, Reiche
werden immer reicher, Arme immer ärmer, es geht eben nicht gerecht zu. Den einen
trifft es so, den anderen so – und wer versucht, den Lauf der Welt zu ändern, macht sich
meist zum Narren. Am Ende kommt es doch, wie es kommen muss. Vieles in der Geschichte wiederholt sich, und, wie der Prediger Salomo schon sagte, geschieht nichts
wirklich Neues unter der Sonne. Krumm bleibt krumm, gerade bleibt gerade. Diese Ordnung hat Gott über die Welt verhängt, und wer klug ist, fügt sich. So zu denken, ist realistisch. Es ist aber zugleich deprimierend wie ein scheußlicher nasskalter Winter.
Und wenn nun etwas Überraschendes passiert, das man als Zeichen des kommenden
Frühlings verstehen muss? Nehmen wir an, ein Mensch, der viele Jahre seines Lebens
krumm und lahm war, wird durch Jesu Wort plötzlich gerade und kräftig. Die Leute
wundern sich und stellen fest, dass das nur eines bedeuten kann: Gott nimmt sich offenbar die Freiheit, alte Ordnungen außer Kraft zu setzen. Gott lässt sich durch die Naturgesetze nicht die Hände binden. Er erweist sich als frei. Und es sieht aus, als mache er
sich daran, dem Lauf der Welt eine neue Richtung zu geben. Der alte Salomo hat sich also
geirrt! Wo der Name Jesu Christi ins Spiel kommt, geschieht doch mal etwas Neues unter
der Sonne. Der Krumme muss nicht krumm bleiben. Denn mit diesem Jesus kommt
Gott. Und er kommt uns ganz anders als bisher! Die Wunder Jesu lassen sich also mit
den ersten Knospen nach dem Winter vergleichen. Sie sind Indizien dafür, dass die Dinge in Bewegung geraten sind, dass sich Großes anbahnt. Und die Zeugen solcher Wunder
haben darum fröhlich weitererzählt, was sie sahen. Andere haben ihre Berichte bis in
unsere Zeit überliefert. Das geschah aber nicht, weil die Schicksale jener Kranken an sich
wichtig wären, sondern weil sie Indizien für Gottes Aufbruch sind. Darum geht es in dieser Sache nicht um Einzelschicksale von Menschen, die längst tot sind und nie etwas mit
uns zu tun hatten. Sondern es geht um Gottes Frühling, der in Christus anbricht. Entscheidend sind dabei nicht zwei oder drei Knospen, sondern entscheidend ist der kommende Frühling. Will sagen: Es kommt nicht auf dieses oder jenes Wunder an, sondern
auf Gottes Neubeginn mit den Menschen. Und wer das weiß, kann auch jene Frage beantworten: „Muss man das alles glauben?“ Nein, man muss nicht „das alles“, aber man
darf Gott seine Freiheit glauben. Christen glauben nicht an bestimmte Wunder. Sie glau250
ben an den Gott, der Wunder tun kann. Deshalb sollte niemand mit dem Wunderglauben
das Gewissen derer belasten, die zweifeln. Man kann durchaus überlegen, ob Gott die
Naturgesetze in seinen Wundern aufgehoben oder sie nur auf eine für uns undurchschaubare Weise benutzt hat. Das ist legitim. Denn man kann über die Knospen streiten
und sich dennoch gemeinsam auf den Frühling freuen. Aber freilich: wer gar keine
Knospen sieht – wird der wohl wirklich mit dem Frühling rechnen? Ohne Bild gesagt:
Wer Gott gar keine Wunder zutraut – hat der wohl Hoffnung für sich und diese Welt? Das
ist eine ernste Anfrage. Denn wenn ich die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt für so stark
und Gott für so schwach halte, dass ich an die überlieferten Wunder der Vergangenheit
nicht glauben kann, werde ich auch in Gegenwart und Zukunft nicht mit Wundern rechnen. Ich stelle mir Gottes Hände dann gebunden vor – nicht frei, mein persönliches Geschick oder den Lauf der Welt zum Guten zu wenden. Und das ist schlimm. Nicht nur,
weil ich dabei Gott verkenne. Sondern vor allem um meinetwillen.
Denn wer an die Knospen nicht glauben kann, der glaubt ja wohl an die Ewigkeit des
Winters. Dass der Lauf der Welt aber ewig der uns bekannte bleiben müsste – das ist ein
tieftrauriger Gedanke. Denn dann wäre auch die Ungerechtigkeit, das Leiden der Kreaturen, die Schuld, der Irrtum, die Lüge und der Tod, eben das ganze über uns Sünder verhängte Elend gleichermaßen ewig. Glücklich, wer nicht an diesen ewigen Winter, sondern mit dem Neuen Testament an Gottes Freiheit glaubt! Ich gebe zu, dass das nicht
einfach ist. Unsere Gegenwart ist arm an Zeichen und Wundern. Viel Winter ist um uns
her. Und Frühlingsboten sind rar. Da gibt es nichts zu beschönigen. Aber gerade für den,
der friert, ist es wichtig, zu entscheiden, ob er an die Ewigkeit des Winters glauben oder
auf den Frühling hoffen will. Denn letztlich geht es nicht darum, was Gott damals an
diesem oder jenem Gelähmten bewerkstelligen konnte, sondern darum, was er an uns
heute und morgen bewerkstelligen kann. Krumm und lahm ist ja jeder von uns auf die
eine oder andere Weise – sei es körperlich oder seelisch. An jedem Herzen nagt ein
Wurm – mag er Eifersucht oder Melancholie heißen, Gier oder Selbstverachtung. Und
stelle ich die Wunderfrage so, im Blick auf meinen eigenen Defekt, hat sie nichts skurriles oder abstraktes mehr, sondern wird zur konkreten und wichtigen Frage an mich
selbst: Traue ich Gott das Wunder zu, mich aufzurichten und zu heilen, traue ich ihm zu,
dass er mich gerecht spricht und einmal durch den Tod hindurch vollendet – oder traue
ich ihm das alles nicht zu?
Damit ist die Frage nach dem Wunder nicht beantwortet (das muss jeder für sich tun),
aber sie ist richtig gestellt. Denn es geht dabei nicht um Mirakel der Vergangenheit, sondern um unsere eigene Zukunft. Gott gebe uns das Zutrauen, dass wir ihm seine Freiheit
glauben dürfen, denn sie ist der Grund der Hoffnung, ohne die Christen nicht sein können…
74. Das konsequente Vertrauen Christi
Die Medien kümmern sich normalerweise nicht viel um Glaubensfragen. Doch wenn es
auf Karfreitag zugeht, fühlt man sich doch in mancher Zeitung und in mancher Talkshow
bemüßigt, über das Kreuz Jesu Christi zu diskutieren. Da geht es manchmal um einen
neuen Jesus–Film, manchmal auch um ein Buch oder einen archäologischen Fund. Oft
aber debattiert man über die Frage, wer denn eigentlich am Tode Jesu schuld sei. Waren
es die Römer? Oder waren es doch vorwiegend die Juden? Hat der Verräter Judas allein
251
die Verantwortung zu tragen? War es eine große Verschwörung? Oder war es einfach ein
Justizirrtum, dem Jesus zum Opfer fiel?
Interessante Fragen sind das an sich. Um so ärgerlicher aber ist es, dass man sie behandelt, ohne den inneren Zusammenhang zwischen Jesu Leben und Jesu Sterben zu berücksichtigen. Das Todesurteil sei ein schrecklicher Fehler gewesen, kann man hören.
Diese oder jene Partei sei schuld. Von einer Tragödie ist die Rede. Von einer Verkettung
unglücklicher Umstände. Und am Ende entsteht der Eindruck, die Menschen damals hätten Jesus bloß missverstanden – und nur deshalb hätte dieser „gute“ Mensch ein so „böses“ Ende genommen. Doch ist das großer Unsinn. Und es stellt die Wirklichkeit auf den
Kopf. Denn Jesu Leben ist genauso wenig wie das unsere ein Lotteriespiel gewesen. Und
es sind auch nicht Zufälle gewesen, die seinem Leben die Richtung gaben. Sondern es
war eine innere Notwendigkeit, dass dieser Mann in der Wahrnehmung seiner Lebensaufgabe bewusst und willentlich auf dieses Ende zugehen musste. Es war bei Jesus nicht
anders als bei allen, die wahrhaft von etwas überzeugt sind und wirklich etwas glauben:
Dass ihm nämlich seine Überzeugung und sein Glaube selbst zum Schicksal wurden. Jeder Mensch, der überhaupt wahrhaft zu leben begonnen hat, hat seine Sicht der Welt.
Diese Sicht bestimmt sein Wesen. Sie bestimmt aber auch seine Entscheidungen. Und
aus denen erwächst sein Lebensweg, sein Erfolg und sein Scheitern. Wer in dieser Welt
ernstlich Position bezieht, der steht und fällt mit dieser Position. Und wenn er um ihretwillen gekreuzigt wird, dann ist das kein Missverständnis, sondern es ist der Preis,
den er dafür zahlt, der zu sein, der er ist.
Ein Arzt, der ein neues Medikament entwickelt und von diesem Medikament überzeugt
ist, muss auch bereit sein, es als Erster zu schlucken. Er macht den Selbstversuch – und
das, wovon er überzeugt ist, wird ihm zum Schicksal. Ein Offizier, der seine Soldaten
durch ein Minenfeld führen will und überzeugt ist, dass er den Weg kennt, geht als erster voran. Er macht den Selbstversuch – und das, wovon er überzeugt ist, wird ihm zum
Schicksal. Ein Seefahrer wie Kolumbus, der annimmt, dass hinter dem Ozean Land erreicht werden kann, nimmt sein Schiff und fährt los. Er macht den Selbstversuch – und
das, wovon er überzeugt ist, wird ihm zum Schicksal. Mit anderen Worten: Alles bewusste Leben ist ein Wagnis. Und jeder der wirklich für etwas eintritt, schließt damit eine
Wette ab, von der sein weiteres Schicksal abhängt. Der Wetteinsatz ist das Leben selbst,
das jeder von uns nur einmal zu leben hat! Wenn das aber so stimmt – und wenn es auch
für Jesus stimmte –, was war dann Jesu Lebenswette? Was war seine Grundüberzeugung,
mit der er lebte und starb?
Es war die radikale Überzeugung, dass der, der sich Gott in die Arme wirft, von Gott aufgefangen wird, dass der, der auf Gottes Reich hin lebt, in Gottes Reich ankommt, und
dass der, der den Weg der Liebe geht, von der Liebe getragen wird. Nicht auf Moral und
Sitte hat Jesus gesetzt, wie die Pharisäer. Nicht rückwärtsgewandt hat er gelebt, wie die
Schriftgelehrten und die Wächter der Tradition. Nicht nach irdischer Macht hat er gegriffen, wie die Römer und die jüdischen Nationalisten seiner Zeit. Vielmehr hat er die Menschen gelehrt, überhaupt nichts von sich selbst und nichts von der Welt zu erwarten, sich
auch nicht an das zu hängen, was die Welt für groß und wichtig hält, sondern in vorbehaltslosem Vertrauen alles von Gott zu erwarten. Ohne Netz und doppelten Boden soll
der Mensch auf Gott hin leben. Demütig und in kindlicher Zuversicht soll er sich dem
Urteil Gottes beugen. Statt sich mit religiösen Übungen und guten Werken gegen Gott
abzusichern, soll er sich ihm ausliefern, soll nichts mehr fürchten, als Gottes Zorn, und
nichts mehr begehren als Gottes Nähe. Eine radikale Lehre ist das – ein kompromissloses
252
Programm mit hohem Anspruch. Doch was hätte es bedeutet, wenn Jesus das nur verkündet und nicht auch gelebt hätte? Nichts natürlich!
Ein Arzt, der ein Medikament empfiehlt, es aber selbst nicht nimmt, ist unglaubwürdig.
Ein Entdecker, der von fernen Ländern schwärmt, sich aber nicht auf den Weg macht, ist
eine lächerliche Figur. Ein Offizier, der im Minenfeld nicht vorangeht, ist ein schlechter
Führer. Und so einer war Jesus nicht. Er ging den Weg, den er empfahl. Er lebte das Programm, das er verkündete. Er hat es nicht verwässert, um den Halbherzigen entgegenzukommen. Er hat sie nicht geschont – und er hat sich nicht geschont. Er hat die Trägen
träge genannt und die Heuchler Heuchler. Er hat uns allen die unbequeme Wahrheit zugemutet, die allein uns retten kann. Und eben deshalb führte sein Weg ans Kreuz. Nicht
etwa, weil man ihn missverstanden hätte, sondern weil ihn die religiösen Führer seiner
Zeit nur zu gut verstanden. Nicht weil die Welt ihn verkannte wollte sie ihn loswerden,
sondern weil sie ihn erkannte. Denn Jesus war geradlinig. Er war eindeutig. Und er war
gerade darum schwer zu ertragen. Für die, die im Dunkel bleiben wollten, war er ein zu
helles Licht. Für die Unentschlossenen war er zu entschieden. Und den religiös Distanzierten kam er viel zu nah. Wäre er in Galiläa geblieben, in der Provinz – da hätte man
ihn gewähren lassen. Aber Jesus zog nach Jerusalem. Er ging in die Höhle des Löwen. Er
legte sich mit dem Teufel selber an. Er konnte nicht anders. Er wollte es so. Die Reaktion
aber war absehbar. Und sie hat Jesus gewiss nicht überrascht.
Warum aber hat er sie dann nicht vermieden? Warum ist er dem nicht ausgewichen, was
er kommen sah? Nun, der Offizier, der seine Leute retten will, muss ihnen zeigen, dass
der Weg durchs Minenfeld gegangen werden kann. Der Arzt, der die Patienten heilen
will, muss sie von der Verträglichkeit des Medikamentes überzeugen. Der Entdecker, der
Neuland besiedeln will, muss beweisen, dass es das Land hinter dem Ozean gibt. Und
auch Jesus, der seine Jünger lehrte, vorbehaltlos auf Gott zu vertrauen, tat genau das, was
er von ihnen forderte. Er lebte seine Überzeugung, er machte den Selbstversuch, ob ihn
die Brücke seines Gottvertrauens tragen würde. Und er erprobte das dort, wo es am
schwersten war. Nämlich in der Finsternis des Karfreitages, im Leid, im Tod und in der
Gottverlassenheit.
Seine Jünger sahen es mit Schaudern. Denn Jesus ging bewusst auf diesen Abgrund zu.
Der Weg, den er im Namen Gottes ging, führte direkt in die Katastrophe. Doch obwohl
Jesus hundert mal hätte ausweichen können, blieb er auf Kurs. Er ging nicht rechts und
nicht links, sondern geradewegs in seinen Untergang. Und als auch die treusten Jünger
nicht mehr mitgehen wollten, ging er allein weiter und warf sich Gott in die Arme. Die
Jünger sahen ihn leiden, sie sahen ihn sterben – und es schien, als sei er ins Bodenlose
gefallen. Sein schmachvoller und qualvoller Tod schien das Programm seines Lebens zu
widerlegen. Das Kreuz schien zu beweisen, dass Jesu Gottvertrauen ein schrecklicher Irrtum war. Und die, die es schon immer gewusst hatten, konnten sich bestätigt fühlen:
„Da sieht man, wohin so etwas führt! Wir haben’s ja gleich gesagt. Selbst schuld. Zuviel
Glaube schadet nur. Das hat er nun davon…“
Doch es wurde Ostern. Jesus stand auf. Er kam zurück. Sein Vertrauen wurde belohnt.
Sein Glaube wurde bestätigt. Und Gott stellte sich unübersehbar auf seine Seite. Deutlicher konnte nicht demonstriert werden, wer hier die Wette seines Lebens gewonnen,
und wer sie verloren hatte. Denn durch die Auferstehung wurde Christus all seinen Spöttern und Kritikern gegenüber ins Recht gesetzt. Er trat ihnen gegenüber als der lebende
Beweis für das Recht seiner Überzeugung. Und in welche Situation kamen dadurch seine
Zeitgenossen? In welche Situation kommen wir? Ganz einfach: Der Offizier, der lebend
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durch das Minenfeld geschritten ist, hat den Beweis erbracht, dass es möglich ist. Und er
kann von seinen Soldaten erwarten, dass sie seinen Fußspuren folgen. Der Arzt, der sein
Medikament im Selbstversuch erprobt hat, hat den Beweis erbracht, dass es heilsam
wirkt. Und er kann von den Patienten erwarten, dass nun auch sie das Mittel nehmen.
Der Seefahrer, der hinter dem Ozean neues Land entdeckt und mit greifbaren Beweisen
zurückkehrt, kann erwarten, dass man seinen Karten und Wegweisungen glaubt. Und
Jesus sollte nicht von uns das Gleiche erwarten dürfen?
Ja. Da gilt nun keine Ausrede mehr. Denn der Weg ist gebahnt, und der Beweis erbracht.
Auf Gott hin leben, sich ihm ganz überlassen und seiner Führung trauen – das geht. Das
ist nicht Wahnsinn. Es ist Weisheit. Es führt nicht nur in den Tod. Es führt auch durch
den Tod hindurch. Die Brücke, über die Jesus gegangen ist, trägt. Und Jesus, der längst
auf der anderen Seite angekommen ist, winkt uns, ihm zu folgen. Sehen wir ihn nicht?
Doch wir sehen ihn. Können wir nicht folgen? Doch wir können. Aber wollen wir vielleicht nicht? Das ist die einzige Frage, die noch bleibt. Und sie ist es, die wir beantworten
müssen. Sie ist es, die über unser Leben entscheidet. Und darum sollten wir nicht länger
zögern. Denn Jesu Hand ist ausgestreckt. Und an seinem Tisch ist ein Platz für uns bereitet. Ergreifen wir also die Hand des Gekreuzigten. Gehen wir mit ihm seinen Weg –
durch das Kreuz ins Leben. Treten wir herzu, um sein Geschick teilend auch seine Freude
zu teilen. Und danken wir ihm von Herzen, dass wir das dürfen. Denn er hat uns einen
Weg gewiesen, den wir allein niemals gefunden hätten…
75. Das Kreuz Christi
In fast jeder Kirche findet sich ein Kruzifix, ein Bild des Gekreuzigten: Blutüberströmt,
geschunden, gefoltert, ermordet. Da ist einer unter die Räder gekommen – das sieht man.
Aber was für Räder waren das eigentlich? Und was bedeutet es, dass Gottes Sohn dieses
Ende fand? Eins unserer Kirchenlieder stellt die Frage so: „Herzliebster Jesu, was hast du
verbrochen, dass man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?“ War Christi Kreuzigung
vielleicht eine Art Justizirrtum, Resultat einer unglücklichen Verkettung von Umständen?
War es ein tragisches Missverständnis, dass man diesen friedfertigen Menschen für gefährlich hielt und aus dem Weg räumte? Dann wäre Christus so eine Art Unfallopfer gewesen...
Aber nein, ein Unfallopfer, das war er am allerwenigsten. Es war kein Zufall, dass dieser
Mann unter die Räder der Justiz geriet. Dass er an Karfreitag dieses Ende fand, ist vielmehr die logische, die zwingende, die unausweichliche Konsequenz des Lebens, das er
bis zu diesem Tag geführt hat. Denn dieses Leben war ein Generalangriff auf alles, was
seinen Zeitgenossen heilig war. Christus war ja als Gesandter Gottes unter die Menschen
getreten. Er redete und handelte im Namen Gottes. Er sprach mit der Vollmacht des
Messias. Aber er tat nicht, was man von Gottes Gesandtem erwartete. Er klopfte den
Frommen und Wohlanständigen nicht anerkennend auf die Schultern, sondern nannte
sie Heuchler. Er sagt ihnen auf den Kopf zu, dass sie mit ihrer ganzen Moralität, Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit nur versuchen, sich und Gott etwas vorzumachen. Dass sie
nicht Freunde Gottes sind, sondern Feinde Gottes. Dass sie sich in ihrer ganzen Religiosität nicht wirklich Gott ausliefern und öffnen, sondern sich durch vorbildliche Lebensweise gegen Gott abzusichern versuchen. Leuten wie uns sagt er das. Und so wird sein
ganzes Leben zu einem Generalangriff auf den Common Sense seiner Zeit.
254
Denn die Angesprochenen waren verständlicherweise verärgert. Als sei das Leben nicht
schon schwer genug, rückte ihnen nun Gott mit diesem Messias auf den Leib. Er stellt
provozierende Fragen und erhebt Forderungen, die kein Mensch erfüllen kann. Der
Mann hat also alles getan, um sich unbeliebt zu machen. Er war ein Ärgernis – und deswegen ist sein Tod die logische Konsequenz seines Lebens. Denn wir Menschen sind
nicht so dumm, dass wir nicht merken würden, wenn man uns den Krieg erklärt. Wenn
uns Gott so kommt, dann wehren wir uns. Dann finden wir einen Weg, Gottes Gesandten aus der Welt zu schaffen. Und so ist Christus gewissermaßen das Opfer einer kriegerischen Handlung geworden: Die Menschen wehrten sich gegen Gottes Angriff auf ihre
religiösen Gewohnheiten. Darum kreuzigten sie Christus, den Repräsentanten Gottes auf
Erden.
Allerdings hat das Kreuz zwei Seiten. Man kann es auch andersherum sehen: Denn
schließlich hat nach dem Zeugnis des Neuen Testaments Gott selbst seinen Sohn in diesen Tod „dahingegeben“. Christus hat in Gethsemane am Ende gesagt: Dein Wille geschehe. Wurde er also nach dem Willen Gottes gekreuzigt, so war er nicht zuerst ein Opfer der Menschen, sondern das Opfer des Gottes, der diesen Tod über ihn verhängt hat!
Tatsächlich: Gott hätte ihm das ersparen können. Er hätte ihn ohne weiteres vor seinen
Verfolgern bewahren und sein Leben erhalten können. Aber Gott wollte nicht. Und damit
fällt ein düsteres Licht auf diesen Gott. Denn warum gab er diesem Menschen einen Auftrag und eine Botschaft, mit der er zum Ärgernis werden musste? Hatte Christus auf seinem Weg nicht schon manches erduldet, war er nicht immer gehorsam gewesen? Alle
anderen waren Sünder, dieser nicht! Alle anderen hätten dieses Ende eher verdient als
er. Warum also? Gott wusste doch, was die Pharisäer und Schriftgelehrten im Schilde
führten, er wusste genau, was seinen Sohn in Jerusalem erwartet. Und doch ließ er ihn
dorthin ziehen – mitten hinein in die Höhle des Löwen. Warum? Hat Gott seine Freude
daran, wenn so ein Mensch unter die Räder kommt?
Wer schon immer an der Gerechtigkeit Gottes zweifelte, bekommt hier scheinbar seine
Bestätigung. Denn nicht Judas der Verräter wird gekreuzigt, nicht Petrus der Feigling,
nicht Barrabas der Schwerverbrecher, nicht Pilatus der Opportunist. Sondern ausgerechnet den, der sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, den lässt Gott in die Falle tappen, den lässt er foltern und hinrichten, für den macht Gott keinen Finger krumm. Und
so müssen wir nun die umgekehrte Folgerung ziehen: Wenn Christus nicht Opfer eines
Unfalles, sondern einer Kampfhandlung wurde, dann war es auch der Kampf dieses rätselhaften Gottes gegen uns Menschen. Christus war dann Repräsentant der Menschheit –
einer von uns – und fiel dem Zorn Gottes zum Opfer. Ist Christus also zwischen die
Fronten geraten?
Es ist kein Wunder, dass die Jünger die Welt nicht mehr verstanden. Sie verstanden auch
Gott nicht mehr, als der Mann aus Nazareth unter die Räder kam. Sie hatten erwartet,
dass er als der Messias Gottes Triumphe feiern und eine herrliche Zeit heraufführen
würde. Gott schien ganz auf seiner Seite zu sein. Aber nun das. Nun hatte es ein böses
Ende genommen. Was sollten die Jünger jetzt denken? Zunächst dachten sie, was alle
dachten: Wenn Gott auf der Seite Jesu gewesen wäre, hätte er ihn nicht der Justiz ausgeliefert. Er hätte nicht zugeschaut, wie sein Beauftragter geschlagen und verhöhnt wird.
Also muss Gott sich von Christus losgesagt haben. Er hat ihn anscheinend fallen lassen,
hat ihn aufgegeben und ließ ihn darum zum Spielball menschlicher Willkür werden. Das
Kreuz schien zu beweisen, dass sich Gott von jenem Nazarener distanziert hatte. Drei
Tage lang war das die einzig plausible Deutung der Kreuzigung. Die Jünger mussten den255
ken, Christus sei ein von Gott Verlassener und Verworfener, ein tragisch Gescheiterter.
Dann aber wurde es Ostern.
Christus tritt seinen Jüngern als Lebendiger gegenüber. Und die Jünger müssen noch
einmal total umdenken. Denn wenn Gott den Gekreuzigten auferweckt, dann ist er weiterhin auf seiner Seite, dann hat er ihn gar nicht aufgegeben. Hat er ihn aber nicht aufgegeben, sondern zu ihm gehalten, dann kann auch die Kreuzigung nicht das Zeichen eines
tragischen Scheiterns gewesen sein – sie muss irgendeinen Sinn gehabt haben. Sie muss
Teil des Planes Gottes gewesen sein. Wenn Gott weiterhin zu seinem Sohn steht, dann
muss der Kreuzestod irgendwie mit seiner Sendung und seinem Auftrag zu tun haben. Es
muss ein verborgener Sinn darin stecken. Aber welcher? Auf der Suche nach dem verborgenen Sinn der Kreuzigung blätterten die Jünger Jesu im Alten Testament. Und sie fanden dort den Text, der alles erklärt. Sie lasen bei Jesaja im 53. Kapitel Worte, die wie eine
Weissagung auf Karfreitag klangen:
„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten
ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um
unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe
liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir
gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jes 53,4-6)
Könnte jemand so taub sein, dass er nicht hört, wie hier von Christus die Rede ist? Als
die Jünger diesen Text im Alten Testament entdeckten, ging ihnen ein Licht auf: Christus
ist nicht zufällig zwischen die Fronten geraten, sein Tod war kein tragischer Unfall, dieser Tod hatte einen besonderen Sinn. Und Jesaja sagt, worin der Sinn bestand: Christus
trug nicht eine Strafe, die er selbst verdient hätte, sondern die Strafe, die wir verdient
haben. Er beglich unsere Rechnung. Welche Rechnung? „Wir gingen alle in die Irre, wie
Schafe“, sagt Jesaja. Wir Menschen sind alle blind in unserer Sünde und entfernen uns
immer weiter von Gott. Unsere Vorfahren, das sind die ach so anständigen Pharisäer und
Schriftgelehrten, der Verräter Judas, der Feigling Petrus, der Opportunist Pilatus, der
Verbrecher Barrabas – wir sind von ihrer Art, wir sind aus diesem Holz geschnitzt. Und
darum hätte Gott reichlich Anlass, uns zu richten. Aber er erbarmt sich. Gott selbst wird
Mensch und trägt die Strafe, die wir verdienen. „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen.“ Gott hat einen Weg gefunden, unsere
Feindseligkeit und unsere Schuld durch Liebe zu überwinden. Er kehrt unsere Schuld
nicht unter den Teppich, er sieht nicht einfach darüber hinweg, als wäre nichts gewesen.
Schuld muss gesühnt werden. Aber Gott nimmt auf sich, was wir angerichtet haben. Er
lässt sich unsere Erlösung etwas kosten. „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden
hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ sagt Jesaja. Christus geht also für uns
durch die Hölle, damit wir es nicht müssen. Er löffelt die Suppe aus, die wir uns eingebrockt haben. Denn eigentlich – von Rechts wegen – müssten wir dort am Kreuz hängen.
Aber Gott lässt Gnade vor Recht ergehen. Er tritt in Christus an unsere Stelle. Er fängt
mit seinem eigenen Leib den Schlag ab, der uns treffen müsste. Und wir dürfen hinter
ihm in Deckung gehen.
Dieses Angebot gilt auch heute. Und es stellt jeden vor die Entscheidung. Denn jeder hat
die Möglichkeit, das Angebot abzulehnen oder anzunehmen. Wenn ich es ablehne, sage
ich: „Nein, ich will nicht, dass Christus für mich den Kopf hinhält. Nein, ich habe es
nicht nötig, dass jemand für mich stirbt. Ich will für mich selber geradestehen und brauche diesen Gekreuzigten nicht.“ Das zu sagen, steht jedem frei. Denn wenn einer ohne
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diesen Fürsprecher in Gottes Gericht gehen und seine Strafe unbedingt selber tragen
will, wird Gott ihm das bestimmt nicht verwehren. Doch kann man zu Gottes Angebot
auch ja sagen: „Ja, ich habe einen Erlöser nötig. Ja, ich brauche einen Fürsprecher im Gericht – einen, der mir den Hals rettet. Ja, du barmherziger Gott, ich lasse mir gefallen,
was Christus für mich tat.“ Dann ist das Bild des Gekreuzigten voller Trost für mich.
Denn um seinetwillen bekomme ich nicht, was ich verdiene, sondern bekomme stattdessen das ewige Leben…
76. Gottes Zorn, unsere Schuld und Christi Kreuz
In einem Land, nicht weit von hier, regierte einst ein weiser und gerechter König namens
Theophan. Die Leute waren froh, dass sie diesen König hatten, denn er regierte das Land
sehr gut. Andere Könige jener Zeit stürzten ihre Völker in sinnlose Kriege, weil sie
machtgierig waren. Aber nicht so Theophan – er liebte den Frieden. Andere Könige waren
bestechlich. Sie beugten das Recht und begünstigten ihre Freunde und Verwandten.
Doch nicht so Theophan – er urteilte gerecht und ohne Ansehen der Person. Viele andere
Herrscher dieser Zeit beuteten ihre Völker aus und verlangten hohe Steuern, damit sie
ihre Paläste mit allem Luxus ausstatten konnten. Aber auch daran hatte König Theophan
kein Interesse. Er arbeitete viel und widmete sich ganz den Staatsgeschäften. Nur für
eines nahm er sich daneben noch Zeit: Wenn er es irgend einrichten konnte, ging er mit
seiner Mutter im Garten des Schlosses spazieren. Er liebte seine Mutter nämlich sehr. Sie
war alt und schon sehr gebrechlich. Er musste sie beim Gehen stützen. Doch tat er nichts
lieber, als sie durch den Schlossgarten zu führen und mit ihr zu plaudern. Denn dabei
vergaß seine Mutter alle Schmerzen und Beschwerden, die ihr das Alter bereitete.
Allerdings – in letzter Zeit wurden diese Spaziergänge seltener. Die Staatsgeschäfte hielten König Theophan zu sehr in Atem. Denn der König des Nachbarlandes – er hieß Beliar
– war ein machthungriger Diktator. Und Theophan hatte schon lange geahnt, dass sein
Volk in Gefahr war. Nun aber hatte Beliar tatsächlich einen Krieg angezettelt und mit
seinen Truppen die Grenze überschritten. König Theophan liebte den Frieden. Aber er
wusste, dass seinem Volk schlimme Unterdrückung bevorstand, wenn Beliar siegen würde. Darum schickte Theophan dem Feind alle seine Truppen entgegen. Und Theophans
Feldherren waren lange erfolgreich.
Sie verfügten zwar über weniger Soldaten als der Gegner, aber sie taktierten geschickt
und konnten Beliars Angriffe oft zurückschlagen. Theophan war schon voller Hoffnung,
dass Beliar seine Eroberungspläne aufgeben würde. Doch eines Tages kam ein berittener
Bote von der Front. Er stürzte in den Thronsaal und berichtete Theophan von einer vernichtenden Niederlage. Theophans Feldherren hatten eine große Schlacht verloren, weil
Theophans Schlachtpläne an den Feind verraten worden waren. Der König war entsetzt:
Unter seinen engsten Beratern musste es einen Spion geben! Theophan gab sich sofort
große Mühe, die undichte Stelle in seinem militärischen Führungsstab zu finden. Doch
es waren noch keine drei Tage vergangen, da kam der nächste Bote mit schlimmen Nachrichten. Wieder war eine Schlacht verloren, wieder waren hunderte von Soldaten gefallen, weil der Feind über die Aufstellung und die Strategie des königlichen Heeres genau
Bescheid wusste. Theophan war entsetzt und zornig, denn nun stand alles auf dem Spiel.
Er musste den Verräter im eigenen Lager schleunigst finden. Theophan dachte nach und
sandte dann Boten in sein ganzes Königreich aus, die Folgendes öffentlich verkündeten:
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„Im Namen König Theophans: Wer den Verräter unserer militärischen Geheimnisse enttarnt oder einen Hinweis gibt, der zur Enttarnung des Verräters führt, wird mit 100.000
Golddukaten belohnt. Der Verräter aber wird mit 100 Peitschenhieben auf den nackten
Rücken bestraft.“
Wieder vergingen einige Tage. Beliars Truppen hatten schon einen Teil des Landes erobert. Doch dann tat der Erlass des Königs seine Wirkung. Im Schutze der Nacht kam ein
Hauptmann der Schlosswache zu Theophan und sprach: „Herr, ich bin gekommen, um
mir die Belohnung von 100.000 Golddukaten zu verdienen. Ich kenne den Verräter und
kann dir Beweise vorlegen.“ Theophan sprang freudig auf. „Raus mit der Sprache, red’
schon Hauptmann, du sollst die Belohnung haben. Wer ist es?“
Der Hauptmann zögerte. Er schluckte und sprach: „Verzeih mir, Herr. Es wird dir wehtun, das zu hören. Aber der Verräter, der Verräter… – es ist deine Mutter.“ Theophans
Gesicht versteinerte. Er sank auf seinem Thron zusammen. Und er schwieg lange. Dann
verlangte er die Beweise zu sehen. Denn er wollte nicht glauben, dass seine alte Mutter
ihm das angetan hatte. Aber der Hauptmann konnte einen Brief an Beliar vorweisen, der
abgefangen worden war. Es war eindeutig die Handschrift von Theophans Mutter. Wortlos händigte der König dem Hauptmann seine Belohnung aus und schickte ihn weg.
Theophan schloss sich in seinen Gemächern ein, um nachzudenken. Es zerriss ihm das
Herz. War jetzt die Gerechtigkeit wichtiger oder die Liebe? Der Gerechtigkeit nach musste
er seine Mutter öffentlich auspeitschen lassen. So hatte er es dem Verräter schließlich
öffentlich angedroht. Und es wäre nicht gerecht, für die eigene Familie eine Ausnahme
zu machen. Das einmal gegebene Wort des Königs muss gelten. Aber würde seine Mutter
100 Peitschenhiebe überleben? Könnte er der Gerechtigkeit zuliebe zuschauen, wie seine
Mutter öffentlich zu Tode gepeitscht würde? Verrat hin oder her – sie war schließlich
seine Mutter. Er liebte sie wie nichts auf der Welt. Konnte man von ihm verlangen, im
Namen der Gerechtigkeit die Liebe zu vergessen? Drei Tage lang dachte der König darüber nach, was zu tun sei, schlief nicht und aß nicht. Gerechtigkeit und Liebe stritten in
seinem Herzen. Unmöglich konnte er seine öffentliche Drohung zurücknehmen. Unmöglich konnte er seine Mutter peitschen lassen. Endlich aber kam Theophan zu einem Entschluss...
Am nächsten Morgen zogen wieder königliche Boten durch das Land. Sie verkündeten,
der Verräter sei gefasst worden, und jedermann sei eingeladen, der öffentlichen Auspeitschung auf dem Schlossplatz beizuwohnen. Natürlich war der Andrang groß. Die Schaulustigen und Neugierigen drängten in Massen auf den Platz. Auf einer Tribüne hatte König Theophan mit dem Hofstaat Platz genommen, während sich in der Mitte des Platzes
neben einem Holzpfahl ein Knecht mit der Peitsche bereithielt. Schließlich kam der Moment, auf den die Menge so gespannt gewartet hatte. Eine Eskorte von Soldaten trat aus
dem Schlosshof und führte den Delinquenten in die Mitte des Platzes. Welch ein Raunen
ging durch die Menge, als man erkannte, dass es die Mutter des Königs war! Die Soldaten
lösten der alten Frau die Fesseln, banden sie an den Holzpfahl und entblößten ihren Rücken. Der Knecht mit der Peitsche schaute noch einmal fragend zur Tribüne des Königs
hinüber, hob dann aber den Arm und...
„Halt“ schallte es herüber. Der Knecht ließ die Peitsche sinken. König Theophan hatte
„Halt“ gerufen. Die Menge hielt die Luft an. Der König aber sprang von der Tribüne und
sagte laut, so dass alle ihn hören konnten: „Halt. Meine Mutter hat ein Verbrechen begangen, das gesühnt werden muss. Aber ich trete an ihre Stelle. Schlagt mich. Ich trage
ihre Strafe.“ Theophan band seine Mutter los, legte Mantel und Hemd ab und stellte sich
258
selbst an den Pfahl. Der Knecht war entsetzt. Doch Theophan befahl ihm, seine Arbeit zu
tun. Und dann empfing der König 100 Peitschenhiebe. Der Schmerz war schrecklich. Und
doch war König Theophan glücklich. Denn es war ihm gelungen, Gerechtigkeit und Liebe
zu vereinbaren.
Muss man lang erklären, was diese Geschichte mit dem Leiden und Sterben Christi zu
tun hat? Ich glaube kaum. Wer die Geschichte verstanden hat, hat zugleich verstanden,
warum Gott Mensch wurde und sich ans Kreuz schlagen ließ. Denn auch Gott hatte das
Problem, das König Theophan hatte. Auch Gott hatte sich durch das Wort seines Gesetzes
festgelegt. Um seine Schöpfung vor dem Einbruch des Bösen zu schützen, hat er den
Menschen klare Regeln gegeben: Er ließ durch Mose die Zehn Gebote verkünden. Und er
sagte dazu: Wenn ihr euch daran haltet, will ich euch segnen und will euch lange und
glücklich leben lassen auf Erden. Wer aber meine Gebote übertritt, der soll verflucht sein
und soll ausgerottet werden von der Erde. Das ist bis heute unmissverständlich. Gott hat
von Anfang an für klare Verhältnisse gesorgt und kein Geheimnis daraus gemacht, dass
böses Tun seinen Zorn erregt und dass es Strafe nach sich ziehen wird. Aber was muss er
erleben?
So weit das Auge reicht wird gelogen, gestohlen und betrogen, Ehebruch gilt als Kavaliersdelikt und um die Sonntagsheiligung kümmert sich fast keiner mehr. Der Name Gottes wird nicht in Ehren gehalten, vielmehr wird rund um den Globus Blut vergossen. Jeder ist nur auf seinen Vorteil aus – kein einziger steht mit reinen Händen da. Und was
soll Gott in dieser Situation tun? Folgte er dem Grundsatz der Gerechtigkeit, so müsste er
seinem Wort Geltung verschaffen und uns die Konsequenzen unseres Tuns spüren lassen. Von Rechts wegen müsste Gott uns Menschen ausrotten und mit uns zugleich das
Böse, von dem wir nicht die Finger lassen wollen. Das wäre nur gerecht. Er hat ja vorher
gesagt, dass es ihm ernst ist mit den Geboten.
Aber es geht Gott mit uns wie Theophan mit seiner Mutter. Ließe er uns die schrecklichen Folgen unseres Fehlverhaltens tragen, so bräche es ihm das Herz. Es wäre das Ende
der Menschheit, die Gott doch mit viel Liebe geschaffen und erhalten hat. Dass wir so
enden, will Gott nicht. Er liebt auch seine missratenen Kinder. Was aber kann er tun?
Kann er etwa die Drohung seines Gesetzes zurücknehmen? Nein. Kann er die Liebe und
Barmherzigkeit vergessen? Nein. Kann er einen faulen Kompromiss eingehen? Nein. All
das ist unmöglich, denn Gott ist nicht wie wir: Sein Wort gilt auf ewig, seine Liebe ist
unüberwindlich, und Halbheiten macht er schon gar nicht. Darum konnte Gott den Konflikt zwischen Gerechtigkeit und Liebe nicht überspielen und nicht unter den Teppich
kehren, wie wir das wahrscheinlich getan hätten. Gott musste den Konflikt austragen.
Und er tat es so, wie König Theophan in unserer Geschichte: Wie Theophan für seine
Mutter, so sprang Gott für uns in die Bresche. Er wurde Mensch in Jesus Christus. Und er
nahm die Strafe auf sich, die wir verdient haben. Er löffelte die Suppe aus, die wir uns
eingebrockt haben. Er ließ das Gewitter des Zorns über sich selbst niedergehen. Er lud
auf sich den Hass der Menschen, litt unsere Schmerzen, starb unseren Tod. Der Fluch
unserer bösen Taten traf ihn, damit er uns nicht treffe; ja Gott ließ sich verwerfen, damit
wir nicht verworfen würden. Er mutete sich selbst die Gottverlassenheit des Kreuzes zu,
damit sie uns erspart bliebe. Denn so, und nur so – um diesen hohen Preis! – konnte es
ihm gelingen, Gerechtigkeit und Liebe zu vereinen. Die Gerechtigkeit verlangte, dass die
Sünde der Menschheit nicht ungesühnt bleiben durfte. Das Gewitter des Gerichtes musste sich entladen, sonst hätte das, was zwischen uns und Gott stand, nie bereinigt werden
259
können. Die Liebe Gottes aber sorgte dafür, dass der Blitz nicht uns traf, sondern den,
der uns liebt. Gott hielt den Kopf hin für seine missratenen Kinder. Und das ist die ganze
Botschaft der Passion Jesu. Denn wer verstanden hat, warum Christus für uns sterben
musste, der hat das Kreuz verstanden. Und wer das Kreuz Christi verstanden hat, hat
damit einen tiefen Blick in Gottes Herz getan und wird künftig wissen, was er gesehen
hat: In Gottes Herz wohnt nicht ein bisschen Gerechtigkeit unklar vermischt mit ein
bisschen Liebe. Sondern in Gottes Herz ist seine absolute Gerechtigkeit versöhnt mit
seiner unendlichen Liebe.
77. Christi Sühnetod und unsere Erlösung
( Es handelt sich hier um eine freie Bearbeitung des berühmten Werkes „Cur deus homo“
des Anselm von Canterbury (gest. 1109). Die Bearbeitung zitiert an vielen Stellen das
Original, der Gedankengang wurde aber erheblich gekürzt und vereinfacht. Wer sich eingehender mit Anselms Theologie beschäftigen will, muss also das Original lesen! )
BOSO: Hallo Anselm.
ANSELM: Grüß dich, Boso. Warum schaust du denn so traurig?
BOSO: Ach, Anselm, ich bin traurig, weil so viele Menschen unseren Glauben nicht verstehen. Sie spotten darüber, dass Gott Mensch wurde und am Kreuz starb. Sie finden das
ganz lächerlich und meinen, es passe schlecht zur Würde und zur Größe eines allmächtigen Gottes, als Säugling geboren zu werden, Milch zu trinken und Windeln zu brauchen.
Was ist das für ein armseliger Gott, sagen sie, der Erschöpfung und Versuchung kennt,
Hunger, Durst und Leid, der sich foltern lässt – und am Ende auch noch zwischen Verbrechern gekreuzigt wird?
ANSELM: Aber, Boso, wissen die denn nicht, dass eben dieser Weg der Menschwerdung
notwendig war, um die Menschheit zu erlösen?
BOSO: Nein, nein. Sie sagen, ein allmächtiger Gott hätte das Problem mit der Sünde auch
anders lösen können. Er hätte z.B. einen Engel damit beauftragen können oder irgendeinen Propheten, statt selbst in der Gestalt Christi diesen mühseligen Weg zu gehen.
ANSELM: Aber begreifst du denn nicht, dass in diesem Falle, wenn irgendeine andere
Person den Menschen losgekauft und erlöst hätte, alle Menschen dieser Person ihr Leben
verdankten und künftig dieser Person ihre Hingabe schuldeten? Rettete sie nicht Gott,
sondern ein anderer, so wären die Menschen diesem anderen Gefolgschaft schuldig und
wären ihm verpflichtet. Jenes Geschöpf hätte dann mehr Anspruch auf den Menschen als
der Schöpfer. Und das kann Gott nicht wollen.
BOSO: Aber warum muss es denn überhaupt einen Erlöser geben? Würde es nicht genügen, wenn Gott einfach bei sich beschlösse, die Sünde der Menschen nicht zu strafen,
und die Menschheit dann von Sünden frei wäre mit einem Federstrich? Warum spricht
Gott nicht einfach ein Machtwort, um uns von Hölle, Tod und Teufel loszumachen? Ihm
ist doch alles unterworfen! Warum entscheidet er nicht ein für allemal, dass allen alles
vergeben ist? Das wäre doch für ihn – und für uns – viel einfacher!
260
ANSELM: Ach, Boso – mir scheint, dass wir mit diesem Thema ganz von vorne beginnen
müssen, damit du einsiehst, dass es nicht nur tatsächlich so geschah, wie es die Evangelien berichten, sondern dass es auch nach Einsicht der Vernunft so und nicht anders geschehen musste. Beginnen wir also ganz am Anfang: Bist du mit mir einer Meinung, dass
der Mensch von Gott zur Seligkeit geschaffen wurde – nämlich zur ewigen Gemeinschaft
mit Gott in Gottes Reich?
BOSO: Aber ja.
ANSELM: Und weißt du auch, dass zu dieser seligen Gemeinschaft mit Gott niemand
taugt, der sich durch Sünde von Gott entfernt hat?
BOSO: Ja, leider ist das so. Ich kenne auch keinen einzigen Menschen, der von Sünde frei
wäre.
ANSELM: Die Vergebung der Sünden ist somit für den Menschen notwendig, wenn er zur
Seligkeit gelangen und das Ziel seines Daseins erreichen will?
BOSO: Daran halten alle Christen fest.
ANSELM: Die Frage ist also nun, auf welche Weise Gott den Menschen die Sünde nachlässt. Um dabei aber sicher zu gehen, wollen wir zuerst klären, was es heißt zu sündigen,
und was es heißt, für die Sünden Genugtuung zu leisten. Sag’, Boso: Wenn der Mensch
Gott stets gäbe, was ihm gebührt an Ehrerbietung, Liebe und Gehorsam, so würde er
doch niemals sündigen?
BOSO: Da hast du Recht.
ANSELM: Dann ist also Sündigen nichts anderes, als Gott das Schuldige vorenthalten?
BOSO: Ja gewiss. Was aber ist das Schuldige, das wir Gott schulden?
ANSELM: Na – was wir eben genannt haben: Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam! Eigentlich
sollte der gesamte Wille des Menschen mit dem guten Willen Gottes einig sein und ihm
folgen. Das ist sozusagen der gebührende Dank, den wir Gott schulden, weil er uns geschaffen hat, und durch den alle Sünde vermieden würde. Doch ein jeder, der den schuldigen Gehorsam verweigert, sündigt, weil er Gott nicht ehrt und nicht das Gute tut, das
Gott gefällt. Er raubt Gott, was Gott zusteht, und solange er das Geraubte nicht erstattet,
lastet Schuld auf ihm.
BOSO: Das ist wohl leider so.
ANSELM: Wenn der Mensch sich aber eines Tages eines Besseren besinnt, meinst du
dann, dass er einfach nur zum Gehorsam und zum Tun des Guten zurückkehren muss?
Meinst du nicht, dass er Gott eine Art Wiedergutmachung schuldet für die zurückliegenden Verfehlungen – eine Art Schmerzensgeld und Sühne?
BOSO: Aber sicher: Wer fremde Ehre angegriffen und verletzt hat, muss sie nicht nur
wieder herstellen, sondern zugleich Genugtuung hinzufügen. Um die Sache wieder in
Ordnung zu bringen, muss man dem Geschädigten mehr erstatten als nur das Normale,
das ihm ohnehin zusteht. Man muss versuchen, seine Respektlosigkeit wieder gut zu
machen.
ANSELM: So muss demnach jeder, der sündigt, die geraubte Ehre Gott zurückgeben; und
hierin besteht die Genugtuung, die ein Sünder Gott zu leisten hat, wenn er sich mit Gott
aussöhnen will.
261
BOSO: Du hast Recht, Anselm. Aber könnte Gott nicht einfach darauf verzichten und sagen „Schwamm drüber!“?
ANSELM: Stell dir vor, was das bedeuten würde, lieber Boso! Auf diese Weise Sünden
nachzulassen, ohne Sühne oder Wiedergutmachung, hieße doch einfach nur, die Sünde
nicht zu strafen und das geschehene Böse zu ignorieren – gerade als wäre nichts gewesen. Wo aber bliebe da die Gerechtigkeit Gottes? Es geht doch nicht an, dass er über eine
schwere Rechtsverletzung ohne Strafe hinweggeht. Denn dann würde die Sünde gegen
alle Ordnung erlassen – so als hätte Gott zur Sünde nachträglich sein Einverständnis gegeben. Es würde so aussehen, als hätte Gott seine Gebote gar nicht ernst gemeint!
BOSO: Da kann ich dir nicht widersprechen.
ANSELM: Würde es aber zu einem gerechten Gott passen, dem Bösen freien Lauf zu lassen, seine Rechtsordnung preiszugeben, über zahllose Opfer hinwegzusehen, und den
Tätern damit sein Einverständnis zu geben?
BOSO: Auf gar keinen Fall! Wenn Gott Sünder genauso behandelte wie Sündlose, würde
ja er selbst den Unterschied zwischen Recht und Unrecht einebnen. Er würde außer Kraft
setzen, was er durch die Schrift und die Propheten gesagt hat – und damit sein gegebenes
Wort zurücknehmen.
ANSELM: Also sind wir darin einig, dass Gott Unrecht nicht dulden darf. Und Unrecht
wäre es zweifellos, wenn das Geschöpf Gott nicht erstattete, was es ihm genommen hat.
Gott muss seine Weltordnung wahren, indem er ihre Verletzung ahndet.
BOSO: Das sehe ich jetzt ein, Anselm: Keiner kann selig werden und sich mit Gott versöhnen, wenn er nicht zurückerstattet, was er durch die Sünde widerrechtlich an sich
gerissen hat. Eine Wiedergutmachung muss sein. Aber meinst du nicht, dass der Mensch
das durch Frömmigkeit und gute Werke schaffen kann?
ANSELM: Was für Werke sollten das sein, Boso? Lass hören, was du als Wiedergutmachung für deine Sünden an Gott entrichten willst!
BOSO: Nun, ich dachte an Nächstenliebe und Reue, an Entsagungen und fleißige Gebete,
an Fastentage und Pilgerwege, an ein gutes Herz und wohltätige Spenden – und überhaupt an den Gehorsam gegen alle Gebote.
ANSELM: Das sind alles gute Vorsätze, Boso. Aber wenn du Gott bloß gibst, was du ihm
ohnehin schuldest, darfst du das nicht anrechnen für jene Schuld, der du durch die Sünde verfallen bist. Alles, was du angeführt hast, bist du Gott sowieso schuldig. Und wenn
du deinen Vorsätzen nachkommst, tust du damit nur deine ganz normale Pflicht. Was
aber wirst du Gott zahlen und erstatten für die vielen Tage, die du im Ungehorsam verbracht hast?
BOSO: Na wenn ich mich selbst und all mein Können Gott schulde allezeit, wie soll mir
da noch etwas übrig bleiben, womit ich meine Sündenschuld erstatten könnte? Ich schaffe doch nicht einmal, was meine Pflicht ist!
ANSELM: Wenn du aber über deine Pflicht hinaus nichts tun kannst, wie willst du dann
jemals Wiedergutmachung leisten? Und wenn du die nicht leistest, was wird dann dein
Los sein?
BOSO: Ich kann nicht sehen, wie ich da jemals herauskommen soll.
262
ANSELM: Und ich muss dir darin zustimmen. Bedenke nur, dass auch vor irdischen Gerichten die Strafe für ein Vergehen nach der Größe des entstandenen Schadens bemessen
wird: Wer eine Kleinigkeit stiehlt oder zerstört, wird weniger schwer bestraft als der, der
eine große Kostbarkeit gestohlen oder zerstört hat. Wenn du nun aber schon durch deine
kleinste Sünde die Ehre Gottes antastest, die doch unendlich kostbar ist, ist dann nicht
deine Schuld von entsprechendem Gewicht, und erfordert sie nicht eine entsprechend
große – unendlich große! – Wiedergutmachung?
BOSO: Mir wird ganz flau, Anselm. Aber du hast Recht: Tatsächlich ist unsere Schuld von
unendlicher Schwere. Und zur Sühnung steht uns nichts zur Verfügung, als bloß die wenigen guten Werke, die wir Gott ohnehin schulden. Wir schweben in großer Gefahr, Anselm. Und würde mich nicht der Glaube trösten, so könnten mich deine Worte zur Verzweiflung treiben. Denn wie es aussieht, hat überhaupt kein Mensch Aussicht, die Seligkeit und das ewige Leben zu erlangen. Wahrlich: Wenn Gott Gerechtigkeit walten lässt,
gibt es keinen Ausweg für uns arme Menschen – und es scheint, als ob Gottes Barmherzigkeit verschwände.
ANSELM: Ich leugne bestimmt nicht, dass Gott barmherzig ist! Doch soviel müsste uns
nun klar sein, dass die Seligkeit keinem verliehen werden darf, dem nicht die Sünden
vollends vergeben sind, und dass diese Vergebung nur erfolgen kann nach Abtragung der
Schuld.
BOSO: So ist es. Nur – wie um alles in der Welt – soll der Mensch gerettet werden, wenn
er selbst seine Schuld nicht abträgt, ohne Schuldabtragung aber nicht gerettet werden
kann? Ich frage mich wirklich, warum Gott die Menschheit nicht einfach vernichtet, um
sich andere und bessere Geschöpfe zuzulegen!
ANSELM: Aber Boso – auch das würde schlecht zu Gott passen! Denn es verträgt sich
zwar nicht mit seiner Würde, seine eigenen Gebote umzustoßen und zur Sünde sein Einverständnis zu geben. Es vertrüge sich aber ebensowenig mit Gottes Treue, wenn er seinen guten Schöpfungsplan aufgeben würde wie ein gescheitertes Experiment. Es entspricht nicht seinem Wesen, das Böse ungesühnt zu lassen. Aber es entspräche ebensowenig seinem Wesen, seine großen Verheißungen unerfüllt und den Himmel leer zu lassen. Nein, Boso: Wenn Gott den Menschen für die ewige Seligkeit geschaffen und bestimmt hat, so ist es undenkbar, dass nicht wenigstens einige Menschen diese Seligkeit
erlangen! Hat Gott vernunftbegabte Kreaturen gemacht, um sich an ihnen zu erfreuen, so
lässt er sie nicht samt und sonders zu Grunde gehen!
BOSO: Daraus folgt dann aber, dass es einen Weg zur Erlösung geben muss.
ANSELM: Genau. Und du wirst es gleich verstehen, wie der aussieht, wenn wir die Dinge
zusammenfassen: Wir haben festgestellt, dass Gott hinsichtlich der Menschen vollenden
wird, was er angefangen hat. Und wir haben auch gesagt, dass das nur geschehen kann
durch eine vollständige Sühnung der Sünden, die der Sünder selbst nicht leisten kann.
Wenn also geschehen muss, was die Geschöpfe überfordert, liegt dann nicht auf der
Hand, dass es der Schöpfer selbst tun muss?
BOSO: Es bleibt nichts anderes übrig.
ANSELM: Also kann nur Gott solche Sühne leisten.
BOSO: Das folgt mit Notwendigkeit.
263
ANSELM: Und doch sollte diese Sühne niemand leisten als der Mensch, der den Schaden
verursacht hat.
BOSO: Auch das stimmt.
ANSELM: Besteht also die Notwendigkeit der Erlösung, um Gottes Plan zum Ziel zu führen, und kann Erlösung nicht stattfinden, ohne dass eine entsprechende Sühne vorausgeht, die niemand leisten kann außer Gott, und die niemand leisten soll außer der
Mensch: So muss der, welcher sie wirklich leistet, offenbar Gott und Mensch zugleich
sein.
BOSO: Äh, kannst du das noch mal langsam sagen, Anselm?
ANSELM: Na klar: (1.) besteht die Notwendigkeit der Erlösung, um Gottes Plan zum Ziel
zu führen. Und (2.) kann die Erlösung nicht stattfinden, ohne dass eine entsprechende
Sühne vorausgeht. (3.) vermag niemand diese Sühne zu leisten außer Gott. Und (4.) soll
niemand die Sühne leisten außer dem Menschen, der den Schaden verursacht hat. Daraus folgt aber unausweichlich (5.) dass derjenige, der die Sühne wirklich leistet, Gott und
Mensch zugleich sein muss.
BOSO: Gott sei Dank für deine Einsichten, lieber Anselm! Jetzt verstehe ich, warum Gott
diesen beschwerlichen Weg gehen musste, ein Mensch zu werden – und warum es gar
nicht anders ging! Es gab hier ein Werk zu tun, das niemand tun konnte als nur Gott
selbst – und das keiner tun durfte, außer einem Menschen. Unsere Erlösung bedurfte
Gottes in Menschengestalt! Nun erkläre mir aber noch das eine Anselm: Warum konnte
Jesus Christus leisten, was doch sonst kein Mensch vermochte?
ANSELM: Nun, Boso: Das ist einfach. Du erinnerst dich doch daran, dass eine Wiedergutmachung nicht in dem bestehen kann, was ich dem Geschädigten sowieso schuldig
bin, sondern nur in etwas, was darüber hinausgeht. Wir Sünder verfügen über nichts
Derartiges, denn wir schulden Gott den Gehorsam unseres Lebens und schulden – um
der Sünde willen – auch den Tod. Jesus Christus aber war als einziger Mensch ohne Sünde. Er allein war nicht unter dem Verhängnis, das Adam über uns gebracht hat. Als einziger Unschuldiger hätte Jesus nicht sterben müssen. Er hatte das nicht verdient. Eben
deshalb aber konnte Jesus sein Leben aus freien Stücken zum Opfer bringen, und konnte
zu Gunsten der Sünder etwas geben, was er für seine eigene Person niemandem schuldete.
BOSO: Du hast Recht, Anselm. Der Tod ist Folge der Sünde. Und ohne Sünde hätten
Adam und Eva nicht sterben müssen. Wenn also Gottes Sohn unschuldig ist, und dennoch sein Leben hergibt zur Erlösung der Menschen und zur Verherrlichung Gottes, dann
gibt er es freiwillig und über alle Pflicht hinaus.
ANSELM: Richtig. Nun kann man aber nichts Beschwerlicheres zu Gottes Ehre freiwillig
und ungeschuldet erleiden als den Tod. Auf keine Weise vermag der Mensch mehr hinzugeben. Und weil es zudem Gottes eigener Sohn war, der sein Leben gab, darum wiegt
sein Opfer die Schuld der ganzen Welt auf. So viele Sünden auch geschehen auf Erden, so
wird doch diese Wiedergutmachung stets das Übergewicht behalten.
BOSO: Lieber Anselm, ich danke dir! Du hast mir gezeigt, dass die Erlösung der Menschheit nicht unterbleiben sollte, und dass sie nicht anders erfolgen konnte, als indem der
Mensch seine Sündenschuld abtrug – eine Schuld allerdings, die so groß war, dass nur
Gott sie abtragen konnte, weswegen der, der die Last trug Gott und Mensch zugleich sein
264
musste. Es gab keinen anderen Weg. Das ist der Grund, weshalb Gott Mensch wurde.
Und ich danke dir für diese Einsicht. Denn nun hat auch meine Vernunft erkannt, dass
es genau nur so geschehen konnte, wie es nach dem Zeugnis der Schrift tatsächlich geschehen ist. Dass aber Vernunft und Glaube darin so herrlich übereinstimmen – das finde ich toll!
78. Die Selbstdurchsetzung der Liebe
Die Christenheit gedenkt am Karfreitag des Kreuzestodes Jesu und versteht ihn dabei als
ein sinnvolles und zur Erlösung der Sünder notwendiges Opfer: Jesus trug am Kreuz
nicht seine Strafe, sondern unsere, er litt, was wir verdient hatten, er trat als Unschuldiger an die Stelle der Schuldigen und opferte sein Leben, erwirkte damit aber für uns
vollkommene Vergebung, löste den Konflikt, den wir mit Gott hatten, und schenkte uns
die Freiheit, trotz all unserer Fehler doch Kinder Gottes sein zu dürfen. Allerdings werden oft Stimmen laut, die eben diese Botschaft in Zweifel ziehen und damit nicht wenige
Christen verwirren, weil sie behaupten, der Tod Jesu sei zur Erlösung gar nicht nötig gewesen. Man kann dann hören, Gott sei kein blutrünstiger Despot und er brauche darum
auch kein Menschenopfer, um Sündern ihre Sünden vergeben zu können. Vielmehr sei
Gott schon immer ein Gott der Liebe gewesen, der „einfach so“ aus Freundlichkeit vergeben kann – und die Vorstellung, Gottes Sohn habe durch das blutige Opfer der Kreuzigung die Liebe Gottes erst erkaufen und herbeiführen müssen, sei darum ganz abwegig.
Denn eigentlich, sagen diese Stimmen, gäbe es in dieser Sache nur zwei Möglichkeiten:
Entweder glaubt man an einen tyrannischen Gott, der zornig und hasserfüllt auf seine
Geschöpfe schaut, und durch ein blutiges Opfer umgestimmt und besänftigt werden
muss. Jesus muss ihm die Vergebungsbereitschaft dann quasi um den Preis seines Lebens abkaufen und damit bei Gott eine Liebe erwirken, die vorher nicht da war. Oder
man glaubt an einen liebevollen Gott, der von Anfang an barmherzig und gnädig ist, und
der eben darum – weil er nichts als Liebe ist und jedem einfach so vergibt – auch die
Kreuzigung seines Sohnes nicht gebraucht und nicht gewollt hat. Im ersten Fall würde
der Zorn unser Bild von Gott beherrschen. Im zweiten Fall eine selbstverständliche Liebe. Und weil wir das Letztere viel sympathischer finden, neigen wir dazu, die Lehre vom
stellvertretenden Sühnetod Jesu als ein Relikt düsterer, mittelalterlicher Theologie abzulehnen. Selbst hochrangige Kirchenvertreter tun das heute!
Doch wenn diese Stimmen Recht hätten, was wollten wir dann mit dem Neuen Testament machen? Wollen wir etwa annehmen, Johannes der Täufer habe sich geirrt, als er
Jesus traf und sagte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“? (Joh 1,29)
Oder hat Jesus etwa selbst geirrt, als er beim Abendmahl sprach: „Das ist mein Blut…,
das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“? (Mt 26,27–28) Nein. Natürlich
hat Jesus sich nicht geirrt. Und es wäre eine Lästerung, anzunehmen, der Tod, den Jesus
bewusst auf sich nahm, sei überflüssig gewesen. Darum lassen wir uns besser nicht auf’s
Glatteis führen, sondern machen uns klar, wie die Liebe Gottes mit dem Sühnetod Jesu
tatsächlich zusammenhängt. Es ist nämlich weder so, dass ein liebloser und zorniger
Gott durch das Kreuz erst Liebe lernen musste, noch verhält es sich so, dass Vergebung
und Erlösung ohne das Kreuz möglich gewesen wären. Sondern nur so können wir den
Zusammenhang begreifen, dass Gottes Liebe – die natürlich von Anfang an da war! – im
stellvertretenden Tod Jesu den einzig möglichen Weg gefunden hat, um Gottes liebevol265
len Willen zur Versöhnung gegen seinen sehr berechtigten und sehr realen Zorn durchzusetzen. Dabei ist unbedingt festzuhalten, dass die Liebe Gottes von Anfang an da war!
Denn was hätte Gottes Motiv sein sollen, Mensch zu werden und für die Sünder zu sterben, wenn nicht die Liebe zu diesen Sündern? Was hätte wohl Gott zu diesem Schritt
bewegen können, wenn in ihm nichts als Zorn gewesen wäre?
Natürlich war die Liebe schon vor dem Kreuz da. Sie verdankt sich nicht dem Kreuz. Sie
ist nicht das Ergebnis, sondern die Voraussetzung des Heilswerkes. Nur, wie hätte diese
Liebe zum Zuge kommen können – ohne das Kreuz? Wie hätte Gottes Liebe den verlorenen Menschen erreichen sollen, wenn sie keine Lösung gefunden hätte für das Problem
der menschlichen Sünde und des göttlichen Zornes? Gottes Liebe war natürlich da! Sie
war nicht aus Gott verschwunden – wie auch wir einen Menschen sehr wohl lieben können, während wir mit ihm zerstritten sind. Aber was nützt diese Liebe, wenn ihr ein
wahrhaft abgründiger und berechtigter Zorn unbewältigt gegenübersteht? Was nützt so
eine Liebe „aus der Distanz“, wenn sie ein bloßes Gefühl bleibt, wenn sie keinen Ausdruck findet und die zerbrochene Beziehung nicht heilen kann?
So war auch Gottes Liebe längst vorhanden vor dem Kreuzesgeschehen. Aber durch den
Konflikt, den der menschliche Ungehorsam heraufbeschworen hatte, kam sie nicht zum
Zuge und hätte uns rein gar nichts genützt, wenn das Gefühl nicht zur Tat geworden wäre: Gottes Liebe musste erst in Christus den Weg des Kreuzes gehen, um den Fluch zu
brechen, der auf uns lag. Gottes Liebe musste erst unsere Schuld sühnen und unsere
Rechnung begleichen, bevor sie sich als Liebe gegen alle Hindernisse durchsetzen konnte. Und einfacher wäre es nicht gegangen. Denn die Schuld Adams wog viel zu schwer, als
dass man mit einem Federstrich hätte darüber hinweggehen können. Bei aller Liebe
musste auch Gottes Gerechtigkeit Genüge geschehen. Doch war’s kein anderer als Gott
selbst, der den Preis dafür bezahlte.
Gott verhängte über sich selbst die Strafe, die wir verdient hatten, und litt lieber selbst,
als uns leiden zu sehen. Weil aber nur so – und nicht anders – seine Liebe zum Zuge
kommen konnte, darum war das Kreuz Christi notwendig als ein Akt der Selbstdurchsetzung der Liebe. Und darum hat Gott das Kreuz auch gewollt. Nicht weil er es für sich
selbst gebraucht hätte, sondern weil er es für uns brauchte, um uns Frieden zu schenken,
Vergebung und Versöhnung. Kurz gesagt: Gottes Wille zur Vergebung machte das Kreuz
nicht überflüssig, sondern gerade der Wille zur Vergebung machte das Kreuz nötig. Jene
Theologen aber, die heute den stellvertretenden Tod Jesu in seiner Heilsnotwendigkeit
leugnen, verwirren damit die Gläubigen und leisten ihrem Herrn einen schlechten
Dienst…
79. Jesus Christus am Tiefpunkt
Nicht nur Menschen haben seltsame Schicksale – auch Begriffe haben manchmal seltsame Schicksale. Zu gewissen Zeiten sind diese Worte in aller Munde. Und zu anderen Zeiten verschwinden sie aus dem allgemeinen Sprachgebrauch. Mal haben sie Konjunktur,
so dass man sie überall hört und liest. Und dann werden sie wieder unüblich, ja werden
geradezu gemieden. Ein solches Wort mit seltsamem Schicksal ist das Wort „Hölle“. Für
Jesus war die Existenz der Hölle eine Selbstverständlichkeit. Der Bibel folgend sprach die
Kirche des Mittelalters viel von der Hölle. Und die Reformatoren taten es auch. In den
alten Liedern unseres Gesangbuches stoßen wir häufig auf dieses Thema. Nur in der
266
Theologie der Gegenwart wird die „Hölle“ schamhaft verschwiegen. Und in den Predigten
der Gegenwart hört man höchst selten davon. Denn das Wort „Hölle“ ist dabei, aus der
Kirchensprache der Gegenwart zu verschwinden. Es hat bei modernen Pfarrern keine
Konjunktur, weil es zu oft missbraucht worden ist, um Menschen Angst einzujagen. Aber
komischerweise – das von den Theologen gemiedene Wort verschwindet nicht einfach,
sondern macht in der Alltagswelt Kariere. Jenseits der Kirchenmauern hat man sich nämlich des Wortes angenommen. Da werden in der Werbung Autos angepriesen mit dem
Hinweis, sie seien „höllisch schnell“ oder sogar „teuflisch gut“. Und oft genug sieht man
dabei lustige kleine Teufel mit roten Hörnern auf dem Kopf und dreigezackten Spießen
in der Hand. Motorradfahrer schreiben sich auf die Jacke, sie seien „Hells Angels“ – „Höllenengel“. Actionfilme tragen den Titel „Die durch die Hölle gehen...“. Und wenn Jugendliche sich streiten, hört man schon mal den Fluch „Fahr‘ zur Hölle...“.
Dabei ist natürlich viel Gedankenlosigkeit im Spiel. Und doch hat das Ganze einen ernsten Hintergrund. Denn es hat heute den Anschein, als sei die Hölle aus der Vorstellungswelt der Religion ausgewandert und sei eingewandert in den Erfahrungshorizont
des Alltags. Es scheint, als werde sie nicht erst jenseits erwartet, sondern schon diesseits
erfahren. Denn mancher, der gar nicht besonders religiös ist, spricht heute von der Hölle
wie von etwas, das er aus eigener Erfahrung kennt. Von Kriegsteilnehmern, die den Russlandfeldzug mitgemacht haben, kann man den Satz hören: „Das war die Hölle damals“.
Und von Entführungsopfern liest man in der Zeitung, sie hätten in der Hand ihrer Entführer „Höllenqualen“ durchgemacht. Ist so etwas dann nur eine unangemessenübertriebene Ausdrucksweise?
Nein. Ich meine, bei mancher Schreckensnachricht, die uns erreicht, kann man wirklich
auf den Gedanken kommen, die alten Grenzen hätten sich verwischt, und die Hölle rage
an vielen Stellen schon in unsere Welt hinein. Es scheint, dass sie uns nicht erst jenseits
erwartet, sondern uns schon in diesem Leben sehr konkret auf den Leib rücken will. Das
biblische Zeugnis wird dadurch nicht einmal in Frage gestellt! Es gibt jene Hölle, von der
Jesus spricht. Es gibt die Hölle als Ort der Verwerfung und der Gottferne. Es gibt die Unterwelt, die uns nach dem Tod erwarten könnte. Aber im Grunde hat unsere politische
Gegenwart die jenseitige Hölle verblassen lassen, und hat sie durch menschliche Grausamkeiten in den Schatten gestellt. Denn die diesseitige Hölle, die Menschen einander
bereiten, übertrifft alle Vorstellungen, die die Gläubigen sich einst von der jenseitigen
Hölle machten. Wir brauchen heute gar keine Teufel mit Hörnern, mit Dreizack, mit
Bratrost und Feuer mehr. Wir haben Geheimdienste, die über feinere Folterwerkzeuge
verfügen. Wir haben Folterkeller und Arbeitslager auf der ganzen Welt, wir haben die
chinesischen Gefängnisse und die afrikanischen Hungergebiete. Es gibt die Slums von
Südamerika und die Kinderbordelle in Thailand. Wir haben Auschwitz hervorgebracht
und Hiroshima, wir haben Napalmbomben auf Vietnam geworfen, haben die Welt mit
Minen übersäht und haben den Giftgaskrieg erfunden. Ja du liebe Zeit, könnte man denken, was brauchen wir da noch eine Hölle: Wir haben doch uns!
Wir haben es geschafft, dass die Hölle nur noch ein paar Flugstunden entfernt ist. Aber
man muss nicht einmal reisen. Gehen sie nur mal in die Psychiatrie – da hat mancher die
Hölle im Kopf. Gehen sie auf die Krebsstation – da hat mancher die Hölle in den Knochen. Gehen sie nur zwei Häuser weiter, da hat mancher die Hölle in der Familie, weil
Eheleute sich gegenseitig zerfleischen. Und wenn man sich das lang genug anschaut, ist
man geneigt, Jean Paul Sartre recht zu geben, der sagte: „Kein Rost ist erforderlich, die
Hölle, das sind die anderen.“
267
Wenn das aber schon die Philosophen gemerkt haben, was sagen wir dann als Christen
dazu? Mir persönlich ist an diesem Punkt eine alte, halbvergessene christliche Lehre
wichtig. Nämlich die Lehre von der Höllenfahrt Christi. „Davon habe ich noch nie gehört“
werden viele sagen. Aber sie täuschen sich. Denn da, wo es im modernisierten Text unseres Glaubensbekenntnisses heißt, Christus sei „gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes...“, da hieß es früher: Christus ist „niedergefahren
zur Höllen...“. Gemeint ist, dass Jesus Christus nach der Kreuzigung nicht einfach tot im
Grab gelegen hat. Sondern in der Zeit zwischen Karfreitag und dem Ostermorgen ist
Christus hinabgefahren an den Ort der Toten und der Verdammten. Er ist in der Hölle
gewesen. Er ist durch die Hölle gegangen. Nach dem Zeugnis des 1. Petrusbriefes hat er
„gepredigt den Geistern im Gefängnis“ und hat „auch den Toten das Evangelium verkündigt“. Und erst dann – als diese unterste Talsohle der Passion durchschritten war – ist
Christus auferstanden von den Toten und ist aufgefahren zum Himmel, um zur Rechten
des Vaters zu sitzen. Von dieser Höllenfahrt Christi wissen die meisten Christen nichts
mehr, obwohl unser Glaubensbekenntnis davon spricht. Ich halte das aber für einen großen Verlust.
Denn erst die Höllenfahrt Christi macht ganz deutlich, dass Christus den Weg seiner Passion wirklich bis in die tiefste Tiefe gegangen ist. Er ist nicht nur ein bisschen gestorben,
nicht nur zum Schein, sondern richtig. Aus großer Liebe zu uns hat er auch diese Konsequenz seiner Menschwerdung auf sich genommen. Und als Juden und Römer ihn zur
Hölle schicken wollten, hat er sich nicht verweigert, sondern ist zur Hölle gegangen, um
auch unsere Verdammnis stellvertretend für uns zu tragen und auch hier den Fluch zu
brechen, der auf uns lastete. Er wollte auch diese Plage zu seiner Plage machen, um die
Fackel seines Lichtes noch in die äußerste Finsternis hineinzutragen. Er ist heruntergekommen bis an den Ort der Verdammten, damit selbst sie ihn als Bruder an ihrer Seite
erfahren könnten. Und das ist besonders tröstlich im Blick auf die Toten, die zu ihren
Lebzeiten nichts von Gottes Gnade erfahren haben. Denn das hat sich sicher jeder schon
einmal gefragt: Was ist mit den abertausend Menschen, die vor Christus lebten und darum keine Chance hatten, ihn kennenzulernen? Was ist mit denen, die auch heute nicht
das Evangelium hören, weil sie irgendwo leben, wo die Mission nicht hinkommt? Sind
die alle verloren?
„Nein!“ können wir sagen, wenn wir von der Höllenfahrt Christi wissen. Sie sind nicht
zwangsläufig verloren, denn Christus hat im Reich des Todes auch denen gepredigt, die
vor seiner Zeit starben. Und wenn er die nicht vergaß, so wird er wohl auch jene nicht
ohne Chance lassen, die zeitlebens nichts anderes kennenlernten als heidnische Religionen. Denn auch für sie hat er das Licht des Evangeliums hinuntergetragen in die Unterwelt. Wer das aber zuende denkt, dem geht dabei etwas sehr Schönes auf: Dass nämlich
die Höllenfahrt Christi gleichbedeutend ist mit der Zerstörung der Hölle. Gott hat keinen
Deal mit dem Teufel – so nach dem Motto: „Du Teufel, kriegst die bösen Menschen für
die Hölle – und ich behalte die guten, um mit ihnen den Himmel zu füllen.“ Nein! Sondern als Christus das Tor der Hölle aufbrach und seinen Fuß hineinsetzte, da war klar,
dass Gott dem Teufel kein Stückchen dieser Welt überlässt – auch nicht die Unterwelt.
Es gibt hier keine abgesteckten Territorien. Und wenn der Teufel auch gemeint haben
sollte, dies sei sein Reich, so konnte er den Einbruch in seinen Machtbereich doch nicht
verhindern. Christus respektierte die gezogene Grenze nicht, sondern ging mitten hinein
in die Höhle des Löwen, um ihm seine Beute wieder zu nehmen. Er nahm alle für sich in
Anspruch, die da gefangen lagen – auch die ganz Üblen. Er kam, um alle zu suchen, die
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verloren sind. Und er machte dem Teufel die Seelen streitig, die er zu besitzen meinte.
Als Christus für uns gestorben war, da reichten Gottes Arm und Gottes Liebe plötzlich bis
ins unterste Verlies der Hölle. Was aber wird aus der Hölle, wenn da plötzlich Gottes Liebe drinnen wohnt? Was ist das für eine Hölle, in der die Barmherzigkeit Christi erscheint? Wen kann sie noch gefangen halten, wenn Christus die Tür eingetreten hat?
Tatsächlich dürfen wir folgern: Ist Gott selbst in der Hölle, so kann die Hölle nicht mehr
Hölle sein. Denn wo Gott ist, ist der Himmel. Und nur wo Gott fern ist, ist die Hölle. Ist
Gott aber auch in der Hölle nicht mehr fern, so ist die Hölle nicht mehr, was sie war. Sie
ist eine von Christus gestürmte Festung. Die Mauern wackeln, die Feuer verlöschen, der
Ofen ist aus – der Teufel ist nicht mehr Herr in seinem Haus. Und ein jeder von uns, der
die Hölle vielleicht schon auf Erden erlebt – der die Hölle im Kopf oder die Hölle in den
Knochen hat – kann sich damit trösten, dass Christus auch in der Hölle bei uns ist. Leben
wir, so ist er da – sterben wir, so ist er da. Fahr‘ ich zum Himmel, so ist er da – fahr‘ ich
zur Hölle, so ist er auch da. Ich muss also niemals ohne ihn sein. Denn er, der vom
Himmel kam, auf Erden lebte, zur Hölle hinabfuhr, der auferstand und gen Himmel fuhr,
hat auf diesem weiten Weg überall die Fahne seiner Herrschaft aufgerichtet. Auch ganz
unten an der Talsohle des Weges.
Kein Himmel ist ihm zu hoch und keine Hölle zu tief, als dass er die Seinen dort nicht
fände. Was soll also der Kleinmut, was soll das Zittern? Wenn nun aber einer sagt: „Ich
sehe ihn doch nicht, ich spür doch nicht Christus bei mir“ – dann muss man ihm das
zugestehen. Christi Gegenwart inmitten der irdischen Höllenfeuer will geglaubt sein.
Aber man bedenke, dass es uns dabei nicht anders geht, als Christus auch. Auch er ging
durch die Hölle, ohne den Beistand seines himmlischen Vaters immer sehen zu können.
Er wurde von seinen Gegnern verleumdet und von seinen Jüngern verlassen, er wurde zu
Unrecht verurteilt und gefoltert, angespuckt, geschlagen und ermordet. Christus ging
wahrhaft durch die Hölle. Und auch er musste glauben, dass der Vater bei ihm war, ohne
dass er ihn immer hätte sehen oder spüren können. Auch er musste sein Gottvertrauen
gegen den äußeren Augenschein durchhalten. Seien wir also nicht wehleidig, wenn uns
Ähnliches zugemutet wird, sondern seien wir froh, dass wir einen Herrn haben, der sich
im Himmel, auf der Erde und sogar im Reich des Todes auskennt. Denn mit Christus in
der Hölle zu sein, wäre immernoch besser, als mit dem Teufel die Welt zu regieren. Wir
werden die Macht Christi erfahren! Sie wird eines Tages sichtbar werden vor aller Augen!
Dass wir uns bis dahin aber wappnen mit Geduld und Zuversicht und Treue – dazu helfe
uns Gott…
80. Christi Kampf und Sieg
Haben sie manchmal das Gefühl, das Leben sei ein Kampf? Mir jedenfalls geht es
manchmal so. Man kämpft gegen widrige Umstände und gegen Missverständnisse, man
kämpft gegen einen Berg von Arbeit an, man kämpft manchmal gegen Müdigkeit und
manchmal gegen die Trägheit anderer Menschen. Es ist nicht immer dramatischer
Kampf, es ist nicht immer Daseins–Kampf. Aber es ist doch ernst genug, um uns den
Eindruck zu vermitteln, das ganze Menschenleben sei von Anbeginn ein Kampf. Schon
die kleinen Kinder konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Eltern und streiten um das
schönste Spielzeug. Später kämpfen sie sich durch die Schule und kämpfen um einen
guten Abschluss. Sie erkämpfen sich irgendwann die Achtung der Älteren und erkämpfen
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sich eine Stellung im Betrieb. Sie müssen einen Lebenspartner für sich gewinnen. Und
später muss mancher um den Erhalt seiner Ehe kämpfen. Wir kämpfen um die Verwirklichung unserer Pläne und gegen Enttäuschungen. Wir kämpfen gegen Widrigkeiten des
Schicksals und gegen die eigenen Schwächen. Wir erkämpfen uns einen Platz in der Gesellschaft. Und kaum ist uns das gelungen, müssen wir beginnen, gegen den Alterungsprozess zu kämpfen. Wir kämpfen gegen überzählige Pfunde und gegen die ersten grauen
Haare. Wir haben mit dem Nachlassen unserer Kräfte zu kämpfen und müssen uns verteidigen gegen Jüngere, die nach oben streben. Wir kämpfen im Alter mit mancherlei
Zipperlein und Krankheiten. Und schließlich kämpft ein jeder gegen den Tod, den wir
hinauszuschieben versuchen, der uns aber am Ende doch eine Niederlage zufügt. Ja – das
Leben ist Kampf. An dem Satz ist schon was dran.
Nur, genau besehen wirft der Satz mehr Fragen auf, als er beantwortet. Denn wenn das
Leben Kampf ist, dann fragt es sich ja, wer diesen Kampf gewinnt. Wer siegt da am Ende?
Siegt mein Wille zum Leben, oder siegt zuletzt doch die Macht, die mir entgegensteht
und meine Träume platzen lässt? Und wie ist das aufs Ganze gesehen? Was ist mit den
vielen tausend Menschen, die neben mir im selben Kampf stehen? Wird der Tod am Ende über sie alle triumphieren, weil er alle Sterblichen überwindet und zum Schweigen
bringt? Oder haben am Ende wir gewonnen, weil wir dem Schicksal doch etliche Jahrzehnte des Lebens abgetrotzt haben? Ist im Blick auf die Weltgeschichte der Tod der universale Sieger, weil es noch kein lebendiges Wesen gegeben hat, das er nicht zuletzt vernichtet hätte? Oder ist das Leben der universale Sieger, weil auf Bergen von Gebeinen
immer wieder neues Leben keimt?
Vielleicht meinen sie, diese globalen Fragen könnten dem Einzelnen gleichgültig sein.
Vielleicht denken sie, man könne diese großen Fragen beiseite lassen und sich nur auf
den eigenen kleinen Lebenskampf konzentrieren. Aber so einfach ist es nicht. Denn bedenken sie, dass es auch einem Soldaten nicht egal sein kann, wie der Krieg am Ende
ausgeht: Die kleinen Schlachten, die der Einzelne schlägt, die vielen kleineren Scharmützel sind zwar nur winzige Ausschnitte des großen Krieges. Aber vom Ausgang des Krieges
hängt es ab, ob die kleinen Gefechte sich gelohnt haben oder ob sie nur unnötige Opfer
forderten. Am militärischen Beispiel lässt sich das leicht verdeutlichen: Wenn da ein Offizier mit einer Handvoll Männer auf gegnerische Truppen stößt, steht er vor der Wahl,
ob er angreifen oder ausweichen will. Beides kann sinnvoll und beides kann falsch sein –
je nachdem, wie der Krieg endet. Geht der Offizier davon aus, dass seine Seite dabei ist
den Krieg zu gewinnen, macht es Sinn, für dieses Ziel auch Risiken einzugehen. Entschlossenes Vorgehen kann dann den Sieg beschleunigen. Der Offizier muss also angreifen, denn auch ein kleines Gefecht kann ein entscheidender Beitrag zum großen Sieg
sein.
Wenn aber der Krieg im Großen schon verloren ist (wie etwa in Deutschland Anfang
1945), stellt sich die Sache auch im Kleinen anders dar. Denn wenn der Krieg nicht mehr
zu gewinnen ist, wozu sollen sich die Soldaten dann noch Risiken aussetzen? Lohnt es
sich etwa, zu leiden und zu sterben für eine verlorene Sache? Nein. So ist also die Bedeutung einer kleinen Sache abhängig von dem großen Zusammenhang, in dem sie steht. Es
ist nicht tragisch, eine Schlacht zu verlieren, wenn man hinterher den Krieg gewinnt.
Und es ist nichts nütze, dieselbe Schlacht zu gewinnen, wenn man hinterher den Krieg
verliert. Gilt das aber von unserem alltäglichen Lebenskampf nicht auch?
Ich denke da an manche Frau, die ihren kranken Mann pflegt und um sein Leben ringt.
Ich denke an psychisch labile Menschen, die immer wieder gegen ihre Depressionen
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kämpfen müssen, um den Lebensmut nicht ganz zu verlieren. Ich denke an Eltern, deren
Kinder auf die schiefe Bahn geraten sind und die ihre Kinder doch nicht aufgeben. Sie
alle stehen im Kampf um das Leben, das Gott uns anvertraut hat. Wir alle schlagen täglich kleine Schlachten gegen die Angst, gegen die Müdigkeit und gegen die drohende
Verzweiflung. Und manchmal ist die Versuchung groß, im Kampf die Arme sinken zu
lassen. Darum wäre es für uns alle ungeheuer wichtig zu wissen, in welchem Kontext
unsere Bemühungen stehen. Kämpfen wir in einem Kampf, der gewonnen werden kann
und der zum Sieg des Lebens führen wird? Oder zögern wir nur die Niederlage qualvoll
hinaus? Lohnt es sich noch, das Gute zu tun – oder ist der tägliche Einsatz vergebliche
Liebesmüh? Es wäre wichtig, das zu wissen. Denn im einen Fall würde uns Siegesgewissheit beflügeln und ermutigen. Und im anderen Fall könnten wir immerhin Kräfte sparen.
Doch das Problem im alltäglichen Lebenskampf ist dasselbe wie im Krieg: In der Regel
weiß der einzelne Kämpfer an seinem kleinen Frontabschnitt nicht, wie der Krieg eines
Tages ausgeht. In der Regel fehlt uns im Hin- und Herwogen des Gefechtes der Überblick,
um zu beurteilen, ob wir auf verlorenem Posten stehen oder nicht. Es sei denn, uns erreichte die Nachricht, dass eine Entscheidungsschlacht stattgefunden hat. Denn eine
Entscheidungsschlacht unterscheidet sich von anderen Gefechten dadurch, dass ihr Ausgang den Ausgang des Krieges vorwegnimmt. Nach einer Entscheidungsschlacht kann
man sagen: Der, der hier gewonnen hat, wird letztlich nicht mehr zu schlagen sein. Und
der, der hier verloren hat, wird sich von dieser Niederlage nicht mehr wirklich erholen.
Eine Entscheidungsschlacht nimmt den Ausgang des Krieges schon vorweg. Denn es ist
zwar möglich, dass der Unterlegene danach noch dieses oder jenes Gefecht gewinnt. Und
es ist möglich, dass der Sieger noch etliche Niederlagen einstecken muss. Aber am Ergebnis ändert das alles nichts mehr: Nach einer Entscheidungsschlacht ist der Krieg entschieden – und die Soldaten beider Seiten können ihre Konsequenzen daraus ziehen.
Erst damit kommen wir zur Kernfrage unseres alltäglichen Kampfes: Zu der Frage nämlich, ob es im großen und universalen Kampf von Leben und Tod, von Gut und Böse, von
Gott und dem Teufel bereits eine Entscheidungsschlacht gegeben hat. Sind die stärksten
Truppen beider Seiten schon einmal so aufeinander getroffen, dass der Ausgang des Gefechtes auf den Ausgang des Krieges schließen lässt?
Die Antwort des christlichen Glaubens lautet: „Ja!“ Es ist schon einmal zu einer solchen
Konfrontation gekommen. Denn es gab jenen Tag, als der Sohn Gottes die Grenze des
Feindeslandes überschritt und Mensch wurde. Er war gekommen, um für alle Menschen
das Leben zu erstreiten – und er wusste, dass dies eine große Provokation war. Christus
drang in das Gebiet ein, dass der Teufel für sich beanspruchte. Er kam allen in die Quere,
die Gottes Reich auf den Himmel beschränken, auf Erden aber ein eigenes Reich errichten wollten. Die Lage, die durch Gottes Überraschungsangriff entstand, war von Anfang
an unübersichtlich. An Karfreitag aber spitzte sie sich dramatisch zu. Christus begab sich
in den Nahkampf mit der Sünde, dem Tod und dem Teufel. Und am Abend nach der
Kreuzigung schien es als hätten Sünde, Tod und Teufel Christus überwunden und vernichtet. Christus wurde vom Felde getragen und begraben. Am Ostermorgen aber erhob
er sich aus dem Grab und triumphierte über die Mächte, die ihn in das Reich der Toten
hatten verbannen wollen. Er bewies, dass er mit seinem Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes nicht aus der Welt zu schaffen war. Er räumte das Feld nicht, er wich nicht
der Gewalt seiner Gegner, sondern bekräftigte seinen Anspruch auf diese Welt und setzte
ihn durch. Und damit war eine Entscheidungsschlacht gewonnen, wie wir sie oben beschrieben haben. Denn der, der am Ostermorgen gewonnen hat, der wird danach nicht
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mehr zu überwinden sein. Und die düstere Koalition, die am Ostermorgen verloren hat,
wird sich von ihrer Niederlage nicht mehr erholen.
Gewiss: Die Mächte der Finsternis sind nicht einfach von der Bildfläche verschwunden.
Sie treiben noch ihr Unwesen, sie fügen vielen von uns noch Leid zu und gewinnen immer wieder die eine oder andere Schlacht. Aber – das ist entscheidend: Sie gewinnen
nicht mehr den Krieg. Sondern das Ende des großen Kampfes ist vorweggenommen worden am Ostertag. Sehen wir Christus aus dem Grabe hervorgehen, so sehen wir, was
einmal mit allen Gräbern geschehen wird. Denn Christus ist nur der Erste von vielen
Brüdern und Schwestern. Er hat nur den Anfang der allgemeinen Totenauferstehung gemacht. Er hat in unwegsamem Gelände den Weg gebahnt, der viele aus dem Gefängnis
des Todes herausführen wird. Und wir alle, die wir Christus auf diesem Weg folgen, werden erleben, wie auch unsere Fesseln gesprengt werden und wir in dieselbe lichte Freiheit hinaustreten, in die er uns vorausgegangen ist.
Ostern wäre also völlig missverstanden, wenn wir meinten, es ginge da um das Privatschicksal Jesu Christi. Nein! Die Auferstehung Jesu Christi war vielmehr ein Dammbruch.
Da begann etwas ganz klein. Aber als Christus durch die Mauer des Todes ging, war das
der Anfang vom Ende dieser Mauer. Der Damm war gebrochen, die Verteidigungslinie
des Teufels war überrannt – und nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Front
ganz aufgerollt wird. Mag sein, dass es noch dauert. Und doch ist das Wissen um den Sieg
Christi schon heute von größter Bedeutung für unseren täglichen Lebenskampf. Denn bei
allen Rückschlägen wissen wir doch, dass unser Kampf keine „vergebliche Liebesmüh“
sein wird. Die Frau, die ihren kranken Mann pflegt und um sein Leben ringt, darf wissen, dass der Tod nur noch Rückzugsgefechte gewinnt. Und selbst wenn er ihr den Mann
nimmt, kann Gott ihn ihr doch wiedergeben am Jüngsten Tag. Die psychisch Labilen, die
immer wieder gegen ihre Depressionen kämpfen, dürfen wissen, dass da ein Licht ist am
Ende des Tunnels, das nicht mehr verlöschen wird. Und auch die Eltern, deren Kinder
auf die schiefe Bahn geraten sind, dürfen sich freuen. Denn so wie sie ihre Kinder nicht
aufgeben, so gibt auch Gott seine Kinder nicht auf, sondern schenkt ihnen eine Hoffnung, die groß genug ist, um sie aller Verzweiflung entgegenzusetzen. Der Roman der
Weltgeschichte ist noch nicht zuende – wir sind noch mittendrin und leben unser Leben
auf einer von vielen tausend Seiten. Aber seit Ostern wissen wir, was auf der letzten Seite des großen Romans steht. In der Auferstehung Christi hat sich das große Finale vorwegereignet. Wir können schon heute einen Blick auf das glückliche Ende werfen – und
dürfen dann ermutigt darauf zugehen.
Denn die Tage der Dunkelheit sind gezählt. Gott hat sein Licht scheinen lassen in die
Finsternis. Und er lässt die Sonne seiner Barmherzigkeit nicht mehr untergehen, bis ihre
Strahlen auch den ärmsten Tropf erreicht, erleuchtet und gewärmt haben. Denn nicht
dazu ist Christus ans Kreuz gegangen, um dort zu hängen als eine Jammergestalt, die man
bemitleidet. Sondern er hat am Kreuz die unmittelbare Begegnung mit dem Fürsten der
Finsternis gesucht, um ihm eigenhändig das Genick zu brechen. Er ging in den Tod, um
den Gegner auf seinem eigenen Territorium zu stellen. Er ist zur Hölle gefahren, um die
Hölle niederzureißen. Und dass es ihm gelang – das gilt es an Ostern zu feiern. Darum
vergessen sie die Hasen und die Eier und den Frühling. Hören sie aber, was Luther so
fröhlich von der österlichen Entscheidungsschlacht gedichtet hat:
„Es war ein wunderlich Krieg, da Tod und Leben 'rungen; das Leben behielt den Sieg, es
hat den Tod verschlungen. Die Schrift hat verkündet das, wie ein Tod den andern fraß,
ein Spott aus dem Tod ist worden.“ (EG 101,4)
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Lassen sie uns dieses Lied immer wieder singen – fröhlich, beharrlich und mit Lust:
Denn Christenmenschen, die Osterlieder singen, sind wie ein Schwarm lästiger Mücken,
die dem Teufel um den Kopf schwirren. Wir summen ihm die Botschaft von seiner Niederlage in die Ohren – und treiben ihn damit zum Wahnsinn…
81. Ostern unverkürzt
Als ich ein junger Vikar war, bekam ich einmal den Auftrag, in einer Grundschule der
vierten Klasse Religionsunterricht zu erteilen. Bis dahin hatte die Klassenlehrerin Religion unterrichtet. Und weil das Thema „Ostern“ dran war, wollte ich erst einmal herausfinden, was die Kinder schon über Ostern wussten. Ich fragte sie darum, was das denn
bedeute, wenn wir sagen, dass Jesus „auferstanden“ ist. Prompt gingen die Finger hoch
und das erste Mädchen, das ich drannahm, sagte: „Dass Jesus auferstanden ist, heißt,
dass er in uns weiterlebt!“ Ich war etwas überrascht von dieser Antwort. Aber das zweite
Kind gab dieselbe Auskunft, und das dritte ebenfalls: „Auferstehung heißt, dass Jesus in
uns weiterlebt, wenn wir fest an ihn glauben.“ Als ich das von vier Kindern übereinstimmend so gehört hatte, war mir klar, dass die Klassenlehrerin es ihnen eingeimpft
haben musste.
Sie hatte sich die Osterbotschaft so zurechtgelegt, wie sie meinte, dass Kinder sie verstehen könnten. Und ein leeres Grab, ein auf übernatürliche Weise neu belebter Leichnam,
eine leibliche Auferstehung hätte dabei nur gestört. Wunder sind schließlich schwer zu
vermitteln in unserer Zeit. Die gestutzte Osterbotschaft dagegen – dass die Sache Jesu
weitergeht, wo Menschen im Geiste Jesu handeln – die geht jedem leicht ein. Denn
schließlich geht auch die Sache Maos weiter, wo man in seinem Geiste handelt. In diesem Sinne ist natürlich auch Nietzsche nicht tot. Und Mozart auch nicht. Man kann
durchaus sagen: Der „Geist“ solcher Menschen lebt weiter in denen, die sich für ihr Werk
begeistern und es in der einen oder anderen Weise fortführen. Es fragt sich nur, ob sich
dieses Denkmodell auf die Osterereignisse übertragen lässt. Denn: „Jesus lebt!“ – heißt
das nicht mehr, als dass Jesus eine bis heute lebendige Wirkungsgeschichte hat? „Jesus
lebt!“ – heißt das nicht mehr, als dass etwas von seinem Geist in den Christen weiterlebt? Wird er etwa nur dadurch „am Leben erhalten“, dass wir an ihn glauben? Wär’s aus
mit ihm, wenn wir ihn nicht „in uns“ leben ließen? Oder hat ihn Gott vielleicht doch
durch die Auferstehung eingesetzt „zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht und Herrschaft“, wie es das Neue Testament sagt?
Ich hatte damals eine heftige Auseinandersetzung mit der Klassenlehrerin. Doch ist mir
heute klar, dass sie nur vertrat, was auch viele Pfarrer vertreten. Denn es ist normal geworden, das Zeugnis des Neuen Testamentes dem modernen Denken anzupassen und
das Sperrige darin auf gefällige Weise zu interpretieren. „Das mit der Auferstehung Jesu,“
heißt es, „muss man nicht so wörtlich nehmen, sondern mehr symbolisch.“ Und dass
Jesus lebt, will man nur in „übertragenem Sinne“ gelten lassen. „Auferstehung“ heißt
dann: Die Sache Jesu geht weiter, wo Menschen sich im Namen Jesu engagieren. Und die
Frage, ob das Grab Jesu am Ostermorgen leer war, erscheint demgegenüber zweitrangig.
Doch ich glaube, dass wir damit auf dem Holzweg sind. Und ich widerspreche diesem
Trend, weil ich überzeugt bin, dass wir uns die Zumutung, die Ostern darstellt, nicht
ersparen dürfen. Machen wir es uns nicht zu leicht. Denn Ostern ist in Wahrheit nichts
Einleuchtendes – nichts, was uns leicht einginge. Und es kann auch nicht zu etwas Ein273
gängigem gemacht werden. Denn an Ostern geschah etwas höchst Paradoxes, das den
Rahmen unseres Vorstellungsvermögens sprengt. Ostern mutet uns zu, inmitten des Todes an das Leben zu glauben, inmitten der Absurdität an den Sinn, inmitten der Finsternis an das Licht, inmitten der Lüge an die Wahrheit. Ostern ist eine Wirklichkeit, mit der
wir zu rechnen haben, obwohl wir sie nicht sehen können.
Und diese Spannung, den Widerspruch darin, sollten wir nicht umgehen, sondern aushalten. Denn das Paradoxe auszuhalten und das Unglaubliche zu glauben – mit nichts in
der Hand als bloß mit Gottes Wort! – das ist nach biblischem Maßstab ganz normal. Denken sie nur einmal an Abraham. Der hatte Gottes Zusage, dass sein Sohn Isaak ihm reiche Nachkommenschaft schenken würde. Und dann befahl ihm Gott, eben diesen Sohn
in die Wüste zu führen und dort zu töten. Oder denken sie an Noah. Gott befahl ihm, ein
riesiges Schiff zu bauen, mitten auf dem trockenen Land. Noah machte sich damit lächerlich und wurde verspottet. Oder denken sie an Hiob. Er bemühte sich ein gottgefälliges
Leben zu führen. Zum Dank nahm ihm Gott alle seine Kinder, seinen Besitz und seine
Gesundheit. Und trotzdem sollte Hiob an der Güte Gottes festhalten. Absurde Zumutungen sind das! Und trotzdem ist keiner dieser Männer auf die Idee gekommen, Gottes
Wort nicht wörtlich zu nehmen. Stellen sie sich vor, Abraham hätte gesagt: „Isaak zu töten erscheint mir unsinnig – Gott meint das bestimmt irgendwie symbolisch.“ Stellen sie
sich vor, Noah hätte gesagt: „Das mit dem Schiff auf trockenem Land leuchtet mir nicht
ein – Gottes Befehl hat sicherlich einen übertragenen Sinn.“ Nein! Hätten diese Männer
es sich so leicht gemacht, hätten sie nie erfahren, was Gott vermag. Und darum meine
ich, sollten auch wir es uns mit Ostern nicht zu leicht machen. Denn die Osterbotschaft
ist von der selben paradoxen Art! In Anlehnung an ein Wort H. F. Kohlbrügges gesagt:
Wir wissen, dass man uns einmal mit viel Erde bedeckt, wenn wir tot sind – und sollen
doch glauben, dass wir im Himmel tanzen werden. Wir wissen