Gestärkte Abwehr Weil es Italiener sind?

Gestärkte Abwehr Weil es Italiener sind?
Nr. 20
Preis Deutschland 3,60 €
SCHWARZ
S. 1
DIE ZEIT
DIE
cyan
magenta
ZEIT
WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR
yellow
Nr. 20
7. Mai 2009
44 Sommer-Seiten
Titelbild: Stefano Dal Pozzolo/Contrasto/laif (Papst); Carl & Ann Purcell/CORBIS (Fahne); Montage: DZ
Der Papst
und die
Juden
Benedikt XVI. ist von Krise zu Krise
gestolpert. Ausgerechnet jetzt tritt er seine
schwerste Reise an – nach Israel
Liza Minnelli in concert, 90 Jahre
Bauhaus, Baden in Kunst u. v. a.:
Höhepunkte des Kultursommers
Revolte statt Duldung
Das Private ist politisch:
Veronica Lario trennt sich von
Silvio Berlusconi – und rettet
Italiens Ehre
POLITIK SEITE 8
Jetzt am Kiosk
POLITIK SEITE 4/5
Der ZEIT Studienführer
mit dem größten
Uni-Ranking vom
Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)
Weil es Italiener sind? Gestärkte Abwehr
M
ie Restaurants in Mexiko-Stadt dürfen
Ohne besonnene Bürger bleibt jeder Warner in
im Lauf der Woche wieder öffnen, der fatalen Lage, das Unheil zwar vorherzusehen,
nachdem sie ihre Gäste tagelang aus- aber kein Gehör zu finden – das wissen wir seit der
sperren mussten. So hat es der mexi- Seherin Kassandra aus der altgriechischen Sagenkanische Gesundheitsminister in Aussicht gestellt. welt. Für sie war die schreckliche Vorahnung eine
Burritos und Salsa im gemütlichen Gedränge, das Qual, die niemandem nutzte. Diesmal jedoch
passt zu der vorsichtigen Entspannung, die sich scheint eine kluge Kassandra das rechte Maß für
nun ebenso rasch ausbreitet wie zuvor die Furcht ihre Warnung gefunden zu haben.
Paradox ist bloß: Ob alle Unheilsbotschaften
vor AH1N1, der Schweinegrippe, die viele Forscher
mittlerweile »Amerikanische Grippe« nennen. Hat der vergangenen zwei Wochen gerechtfertigt oder
die rasche Reaktion einer gut vernetzten Welt uns übertrieben waren, lässt sich im Nachhinein kaum
vor einem Seuchenzug bewahrt?
sagen. Wer wirkungsmächtig warnt, riskiert autoGewiss ist, nie waren wir besser vorbereitet als matisch den Vorwurf, er habe übertrieben. Andeheute. Die Millionen Opfer vergangener Seuchen- rerseits leistet, wer stets Panikmache wähnt, der
züge haben das Bewusstsein von Forschern und Abstumpfung Vorschub. Dabei ist gewiss, dass solGesundheitspolitikern geschärft. Anders als bei der che Epidemien wiederkehren werden. Ob schreckverheerenden Spanischen Grippe von 1918/19 licher Killer oder vergleichsweise harmloses Virus,
verfügen wir heute über antidas wird sich indes niemals
virale Medikamente und könsofort bestimmen lassen. In
einer idealen Welt würde danen prinzipiell auch massenhaft
her jeder neue Erreger die
Impfstoffe produzieren.
Aufmerksamkeit schärfen,
Noch ist die Seuche nicht
gleichsam als perfektes Traibesiegt. Noch stecken sich
Mit dieser Ausgabe erscheinen
ning für unser globales seuMenschen weltweit mit dem
die Ressorts Feuilleton und
chenmedizinisches Immunneuartigen Virus an. Aber die
Literatur in einem gemeinsamen
system.
Zahl der Infizierten ist deutlich
16-seitigen Zeitungsbuch.
Wenn jetzt die Schweinegeringer als befürchtet. Zudem
Bewährtes wird durch neue
verläuft die Krankheit in den
grippe keine traurigen SchlagElemente ergänzt – in einem
meisten Fällen milde. Die
zeilen mehr liefert, wird sich
klassisch-modernen
Weltgesundheitsorganisation
die Aufmerksamkeit rasch anErscheinungsbild
hofft, die Ansteckungswelle
deren Krisenherden zuwenwerde nun abebben.
den. Dabei betont die WeltDie Welt hat erfolgreich in Wachsamkeit in- gesundheitsorganisation, für eine Entwarnung sei
vestiert. Europa gründete ein neues Zentrum für es noch zu früh, die Bedrohung dauere an. TatsächSeuchenkontrolle in Stockholm, in Deutschland lich müssen die Virenwächter dieser Tage eine
regelt ein penibler Plan den Pandemiefall. Vor schwere Entscheidung treffen. Sie müssen abwägen,
allem jedoch haben Regierungen und Bevölke- ob der Ausbruch in Mexiko nur eine erste Welle
rung diesmal diszipliniert reagiert, statt sich war, wie es sie bei früheren Pandemien oft gab.
leichtsinnig über Warnungen hinwegzusetzen Kehrt das Virus in einem halben Jahr zurück?
oder aber hysterisch zu werden.
Jede Antwort ist hier Spekulation. Die Frage
Noch bei der Lungenkrankheit Sars, ebenfalls jedoch, die beantwortet werden muss, lautet: Braudurch ein Virus hervorgerufen, war das ganz an- chen wir trotz der gefühlten Entwarnung einen
ders. Im Frühjahr vor sechs Jahren ängstigte Sars Impfstoff gegen AH1N1? Und wie wichtig ist uns
die Welt. Das am schwersten betroffene Land, dieser? Denn die übliche Wintergrippe – auch wenn
die Volksrepublik China, vertuschte das Ausmaß sie in ihrer erwartbaren Regelmäßigkeit kaum Aufder Epidemie, verzögerte Schutz- und Hilfsmaß- merksamkeit findet – fordert jedes Jahr weltweit
nahmen. Später konnten Forscher den Erreger zwischen einer Viertel- und einer halben Million
bis in die südchinesische Provinz Guangdong zu- Menschenleben, Tausende davon in Deutschland.
rückverfolgen, wo er bereits Monate zuvor auf- Konzentriert man nun aus Angst vor einem neuen
getreten war – und womöglich hätte eingedämmt 1918/19 die begrenzten Ressourcen auf die Herwerden können.
stellung einer Schweinegrippeimpfung, so sterben
Transparenz und Schnelligkeit sind die wich- 2009/10 sicher mehr Menschen an der ganz getigsten Tugenden der Seuchenhygiene. Zwischen wöhnlichen Grippe.
einem und anderthalb Monaten hat es bei der
Die erfolgreichen Warner sind mit einem
Schweinegrippe von der ersten Infektion eines neuen Kassandra-Dilemma konfrontiert – und
Menschen bis zur globalen Sensibilisierung ge- die Menschheit steht vor einer widersprüchlidauert. Diesmal tat sich China als besonders eif- chen Herausforderung: Sie muss gerade die verriger Virenwächter hervor. Von Anzeichen einer hinderten Katastrophen im Gedächtnis bewahPanik indes wird weder aus der Volksrepublik ren, um sich vor den kommenden noch besser
noch aus anderen Teilen der Welt berichtet. In schützen zu können. Besonders vor jener Pandeden Wind geschlagen haben die Bürger die In- mie, die nun fürs Erste vertagt wurde.
formationen von Gesundheitsämtern, Reisevera www.zeit.de/audio
anstaltern und Fluglinien aber ebenso wenig.
an braucht schon viel Fantasie, um
sich vorzustellen, dass aus den geldverbrennenden Opel-Werken, dem
hoch verschuldeten Fiat-Konzern
und dem insolventen US-Hersteller Chrysler ein
starker Autoriese gebildet werden könnte. Sergio
Marchionne hat diese Fantasie.
Was dem Fiat-Chef fehlt, ist das nötige Geld.
Marchionne will seine Vision eines neuen transatlantischen Autokonzerns mit deutschen Milliardenbürgschaften verwirklicht sehen. In dieser
Woche war er in Deutschland auf Werbetour.
Er hat gute Argumente, aber er stößt auf Argwohn und Ablehnung. Die Financial Times
Deutschland nannte Marchionne einen »Heiratsschwindler«. Man unterstellt dem Italiener, er
habe es nur auf deutsche Technik und deutsches
Geld abgesehen. Dahinter steckt ein Vorurteil
gegenüber einer Autofirma, die lange Zeit nicht
für Qualität stand. Dahinter steckt auch ein Ressentiment gegenüber einem Land, das den Unternehmer Silvio Berlusconi – einen Mann, der
Privates, Geschäftliches und Politisches nicht zu
trennen vermag – dreimal zum Ministerpräsidenten gewählt hat. Und der nennt die OpelAllianz jetzt einen »Traum für alle Italiener«.
Ein Investor für Opel, der kein
Staatsgeld braucht, wird noch gesucht
Bei den Opelanern sind es nicht nur Vorurteile,
sondern auch Erfahrungen, die sie gegen Fiat
einnehmen. Die beiden Unternehmen haben
von 2000 bis 2005 zusammengearbeitet, und bei
Opel hat man diese Zeit in schlechter Erinnerung behalten. Die Ingenieure in Rüsselsheim
fühlen sich denen in Turin technisch überlegen.
Heute fürchten sie bei Opel, nach einer amerikanischen Stiefmutter bald einer italienischen
ausgeliefert zu sein. Dabei ist doch größtmögliche Unabhängigkeit das erklärte Ziel. Die Opelaner blenden aber nicht nur den Umstand aus,
dass sie als Tochterfirma eines amerikanischen
Konzerns über Jahrzehnte gut gefahren sind.
(Ohne den Einstieg von General Motors hätte
Opel schon die Weltwirtschaftskrise von 1929
nicht überlebt.) Sie verschließen die Augen auch
vor der Tatsache, dass der Autobauer auf sich gestellt keine Überlebenschance hat. Opel kann
sich weder komplett von General Motors lösen,
noch kommt das Unternehmen ohne neue Partner und Investoren aus. Opel muss weiter Personal abbauen und, über kurz oder lang, auch
Werke schließen. Daran führt nur ein Weg vorbei, und der ist mit Subventionen gepflastert. Es
gibt heute auf der Welt Autofabriken, die für
eine Produktion von 90 Millionen Fahrzeugen
im Jahr ausgelegt sind. Aber nur halb so viele
werden 2009 auch Käufer finden.
Fiat-Chef Marchionne kennt das Problem
der Überkapazitäten genau. Und er liegt auch
richtig in seiner Analyse, dass Fiat und Opel eine
bessere Chance im internationalen Wettbewerb
D
hätten, wenn sie künftig ihre Modelle auf einer
gemeinsamen Plattform bauen würden. Beide
Hersteller sind auf kleinere und mittlere Autos
spezialisiert und konkurrieren bislang miteinander. Was aus Sicht der Opel-Arbeitnehmer ein
Argument gegen den Zusammenschluss mit Fiat
ist, das ist industriell gesehen eines dafür. VW
macht vor, wie man mit großen Stückzahlen und
vielen Marken Milliarden an Kosten einspart.
So verwegen, wie er klingt, ist der Plan des
Sergio Marchionne also nicht. Er ist auch nicht
unlauter, weil er mit Steuergeldern rechnet. Man
darf ja nicht vergessen, dass sich bislang weltweit
kein Investor gefunden hat, der Opel kaufen
wollte, ohne dass ihm der deutsche Staat dabei
hülfe. Die Autofirma ist alles andere als eine begehrte Braut. Diese Erkenntnis sollte bei allen
Beteiligten, die Vertreter der Arbeitnehmer eingeschlossen, für eine gewisse Demut sorgen.
Die Wirtschaftswelt hat sich stark gewandelt.
Feindliche Übernahmen waren gestern. Allem
Angstgerede von Heuschrecken und Staatsfonds
zum Trotz fehlt es an privaten Investoren, besonders an solchen, die Eigenkapital haben und
nicht nur Kreditnehmerqualitäten.
Sicher, auch Marchionne kommt nicht mit
Geld, sondern mit einer industriellen Idee. Diese muss abgewogen werden gegen das Angebot
des kanadisch-österreichischen Autozulieferers
Magna, der gemeinsam mit russischen Geldgebern Interesse für Opel zeigt. Magna ist der
Wunschpartner der Arbeitnehmer und einiger
SPD-Granden, weil es anders als beim Zusammengehen mit Fiat kaum Überschneidungen
gibt. Derzeit erscheint das Konzept des Topmanagers aus Turin allerdings als das besser durchdachte, denn es läuft auf einen großen internationalen Autokonzern hinaus, der in einem Massenmarkt bestehen kann.
Man sollte nicht außer Acht lassen, dass Marchionne ein erprobter Sanierer und Konzernreformer ist. Der Italokanadier mit den zwei
Pässen und den drei Universitätsabschlüssen hat
mehrere Firmen auf Vordermann gebracht. Bei
der Sanierung von Fiat ist ihm das für unmöglich Gehaltene gelungen. Zwar schreibt auch der
größte italienische Konzern in der Autosparte
rote Zahlen, Staatshilfe braucht er aber nicht.
Es scheint ausgeschlossen, dass Opel am
Ende keine Staatsbürgschaft aus Berlin bekommt, denn in Deutschland ist Wahlkampf.
Wenn der Autobauer aber durch den Einsatz
von Steuergeld gerettet werden soll, geht das nur
durch international abgestimmte Industriepolitik. Mit dem Segen der US-Regierung ist Fiat
gerade bei Chrysler eingestiegen. Ein Dreierbündnis mit Opel wäre ohne Zweifel schwierig
umzusetzen. Aber es ist bislang auch das einzige
Konzept, das langfristig Erfolg verspricht.
Das neue Feuilleton
Siehe auch Wirtschaft, S. 23; Feuilleton, S. 47
a www.zeit.de/audio
Nr. 20 DIE ZEIT
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SIEHE CHANCEN SEITE 73–75
WWW.ZEIT.DE/RANKING
Mein Mond
Der große
Peter Sartorius
besucht nach 40
Jahren noch einmal die MondMAGAZIN SEITE 10
Eroberer
PROMINENT IGNORIERT
Eva-Elisabeth MüllerLüdenscheidt-Dieckmann
So viele Namen!
Unsereins macht keinen Wind
und heißt Hinz oder Kunz. Andere »wohnen bei den Sternen droben«, wie Hugo Laurenz August
Hofmann, Edler von Hofmannsthal, einst schrieb. Sie heißen Elisabeth Noelle-Neumann-MaierLeibnitz, wie sie wirklich mal hieß.
Jetzt sagt das Verfassungsgericht:
Dreifachnamen bleiben verboten.
Liebe Frau Rosemarie ThalheimKunz-Hallstein aus München!
Dürfen wir Sie Rosi Kunz nennen
(ganz unter uns)?
GRN.
Kleine Fotos v.o.n.u.: Daniela Federici; Contrasto/laif;
Jens Passoth; SZ Photo; dpa/Montage:DZ
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NR.
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64. Jahrgang C 7451 C
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Die Angst vor der Schweinegrippe lässt nach. Die Welt hat Glück gehabt –
aber sie war auch gut vorbereitet VON STEFAN SCHMITT
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Fiat will mit Opel und Chrysler eine starke Autoallianz schmieden – und
stößt trotz guter Argumente auf großen Argwohn VON RÜDIGER JUNGBLUTH
Nr. 20
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DIE ZEIT
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POLITIK
WORTE DER WOCHE
»Das ist wie bei Sexualdelikten:
Ist die Frau erst mal ausgezogen
und vergewaltigt, dann fällt es anderen
leichter, auch mitzumachen.«
Ehrhart Körting, Berliner Innensenator, über die
Krawalle am 1. Mai
»Ich bitte um Vergebung.«
Dieter Althaus, Ministerpräsident von Thüringen,
über seinen Skiunfall, bei dem eine Frau starb
»Die Beitragssätze der Rente
werden im gesamten nächsten
Jahrzehnt nicht über die heutige
Höhe von 19,9 Prozent steigen.«
Olaf Scholz, Bundesarbeitsminister (SPD), zur Zukunft
der Rentenfinanzierung
»Die Aufnahme ist auf jeden
Fall mit einem erheblichen Risiko
verbunden. Ich sehe deshalb
keinen Grund, dass Deutschland jetzt
sofort laut Ja rufen sollte.«
Wolfgang Bosbach, CDU-Innenpolitiker, zu einer
möglichen Aufnahme von Guantánamo-Häftlingen
»Es werden sich sicher viele freuen,
dass ich noch vier Jahre bleibe.
Dann haben sie jemanden, den sie
angreifen können.«
Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, über
seine Vertragsverlängerung
»Wer Steuern hinterzieht, schadet
seinen Mitbürgerinnen und
Mitbürgern und gefährdet den
Zusammenhalt unserer Gesellschaft.«
Peer Steinbrück, Finanzminister (SPD), über die Folgen
von Steuerhinterziehung
»Ich sage nicht, dass ich sie gewinne,
aber sie ist völlig offen.«
Gesine Schwan, SPD-Herausforderin von Horst Köhler, ,
über ihre Chancen bei der Bundespräsidentenwahl
»Die bisherige Taktik war hit and run,
schießen und wegrennen. Das ist jetzt
etwas anders.«
Wolfgang Schneiderhan, Generalinspekteur der
Bundeswehr, über eine Taliban-Attacke in Afghanistan,
bei der ein Soldat ums Leben kam
»Wir sind in der Lage, wieder zur
Normalität zurückzukehren.«
Felipe Calderón, Präsident von Mexiko, über die
sinkende Gefahr von Schweinegrippe-Neuinfektionen
in seinem Land
»Außergewöhnliche Situationen
erfordern außergewöhnliche
Maßnahmen.«
Patricia Nyaondi, Frauenrechtlerin, über den Sexstreik
von Frauen in Kenia aus Protest gegen die Korruption
und Reformunfähigkeit der Regierung
»Keine Tradition kann eine
Entschuldigung für ein solches
Verbrechen sein.«
Recep Tayyip Erdoğan, türkischer Ministerpräsident,
über das Blutbad bei einer Verlobung in der türkischen
Provinz, bei dem mehr als 40 Menschen starben
yellow
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Schießen und Tee trinken
Der amerikanische General David Petraeus hat den Krieg im Irak eingedämmt. Kann das auch in Afghanistan gelingen? Ein Gespräch
DIE ZEIT: Herr General, als Sie im September 2008
den Irak nach 19 Monaten an der Spitze der Koalitionskräfte verließen, waren die Gewalttaten um
80 Prozent gesunken, jetzt um 90. Ist der Krieg
gewonnen?
DAVID PETRAEUS: Niemand würde das behaupten.
Der Fortschritt, obwohl groß, bleibt fragil. Es
gibt noch eine ganze Reihe kampffähiger extremistischer Elemente. Al-Qaida, Sunnis, Schiiten.
Al-Qaida frischt die eigenen Reihen über Nachschubwege durch Syrien auf.
ZEIT: Der Abzugskalender besagt jedenfalls, dass
der Krieg für Amerika vorbei ist. Ende Juni sollen
alle Kampftruppen aus den Städten verschwinden, im August 2010 aus dem ganzen Land …
PETRAEUS: Der Krieg ist natürlich nicht vorbei.
Das alles hängt davon ab, ob die 600 000 irakischen Soldaten wie geplant das Heft in die Hand
nehmen. Außerdem werden sie nach wie vor
wichtige Hilfe von uns erhalten: nachrichtendienstliche, logistische, Luftunterstützung …
ZEIT: … auch US-Einsatzkräfte?
PETRAEUS: Selbstverständlich. Aber all das hängt
von der irakischen Regierung ab. Schritt für
Schritt geben wir alles an die Iraker zurück, Provinz um Provinz.
ZEIT: Also ein Erfolg?
PETRAEUS: So schrecklich die jüngsten Attacken
auch waren, sie sind nichts im Vergleich zu den
durchschnittlich 55 Toten, die Tag für Tag allein
unter den Irakern anfielen. Im Juni 2006 täglich
160 Attacken.
ZEIT: Erklären Sie uns Ihren Erfolg.
PETRAEUS: Wir haben die Klassiker zum Thema
der Aufstandsbekämpfung aus den Regalen geholt und dann die neuen Fakten aus dem Irak
dazugestellt, zum Beispiel die Selbstmordattentäter. Dann haben wir die irakische Armee wiederaufgebaut und Nation-Building betrieben.
ZEIT: Es hieß doch unter der Bush-Administration: »We don’t do nation building«, das sei nicht
das Geschäft der Armee.
PETRAEUS: Wir haben es aber gemacht, mit meiner
101. Luftlandedivision zum Beispiel.
ZEIT: Ihre Hauptdevise lautete: clear, hold, build.
Also: säubern, dann halten, dann aufbauen. Was
ist der Unterschied zur Vietnam-Strategie »search
and destroy«, den Feind aufspüren und vernichten?
PETRAEUS: Ein enormer. »Search and destroy« zielte
allein auf den Feind. Unser Fokus war das Volk.
Das entscheidende Terrain ist sozusagen das
menschliche. Die Hauptaufgabe ist Sicherheit für
die Bevölkerung. Das schafft man nur, wenn man
mit ihr lebt, und das war entscheidend.
ZEIT: Als ich 2003 im Irak war, galt genau das Gegenteil: Rückzug in die Stützpunkte, in die Festung der Grünen Zone von Bagdad.
PETRAEUS: Ja, so war es. Aber dann haben wir allein in Bagdad 77 neue Sicherheitsstationen eingerichtet …
ZEIT: … die welche Funktion haben?
PETRAEUS: Wir sind dorthin gegangen, wo es die
meisten zivilen Opfer gab, haben dort unser
Quartier aufgeschlagen. Bei dieser Arbeit, habe
ich meinen Leuten gesagt, gibt es keinen Pendlerverkehr. Wir haben leere Häuser bezogen, dort
geschlafen und gegessen.
»Ich war meinen Oberen ergeben wie
ein Deutscher Schäferhund.«
Mit ein paar Mann?
Nein, in Kompaniestärke, sonst hätte
das ja niemanden beeindruckt. 80 bis 100 Leute.
Und wenn die Leute realisieren, dass du bleibst,
fangen sie an, dir Informationen zu geben. So
lernt man das Wichtigste: Wer sind die Unbelehrbaren, wer die Bekehrbaren?
ZEIT: Vor Ihnen war Colin Powell (der ehemalige
Generalstabschef ) das Maß aller amerikanischen
Kriegführung: Tempo, Feuerkraft, Präzision, im
Vorfeld wochenlanges Bombardement, bis es sich
zum tödlichen Schlag verdichtet – und dann wieder raus, die Exit-Strategie. Haben Sie eine »Kulturrevolution« angezettelt?
PETRAEUS: In mancher Hinsicht ja.
ZEIT: Was war der Kern dieser Revolution?
PETRAEUS: Die großen Ideen müssen stimmen.
Das heißt, die Unterscheidung zwischen Angriff
und Verteidigung wird aufgehoben. Alle Operationen sind beides, und beides wird überwölbt
von Stabilisierung und Unterstützung der Bevölkerung. Außerdem muss man über Phase vier
nachdenken, bevor man Phase eins beginnt, also
über Nation-Building und Bewahrung. Das geschah alles mitten im Irakkrieg. Nicht nur die
materielle Verstärkung, der surge mit 30 000 zusätzlichen Soldaten, sondern auch dieser Schub
der Ideen und Konzepte.
ZEIT: Nichts ist schwerer, als eine so konservative
Institution wie die Armee zu verändern …
PETRAEUS: Alles begann mit einer neuen Doktrin,
mit neuen, großen Ideen. Und wenn der Chef die
von ganz oben verkündet, wenn der sagt, lass uns mal
alles durchschütteln, wenn dann die jungen Offiziere
ganz anders ausgebildet werden, dann geht das.
ZEIT: Wann ist denn all das passiert?
PETRAEUS: 2004 bis 2006.
ZEIT: Als der Krieg verloren zu gehen schien.
PETRAEUS: Alle, die wir im Irak gedient hatten,
wussten, dass etwas geschehen musste. Die Armee
ZEIT:
PETRAEUS:
Der Über-General
Seit Oktober 2008 leitet General
David Petraeus das US-Regionalkommando Centcom – und damit
auch die Einsätze im Irak und in Afghanistan.
Petraeus schloss mit 21 Jahren die
Militärakademie in West Point ab,
war sechs Jahre später Kompaniechef und promovierte im Alter von
35 Jahren an der Princeton-Universität über den Vietnamkrieg. Im Irak
war er von 2004 bis 2005 für den
Aufbau der Armee zuständig, konnte aber nicht verhindern, dass ein
Drittel der gelieferten Waffen verschwand. Zwei Jahre später gelang es
ihm nach einer massiven Aufstockung der US-Truppen, die Lage im
Irak zu stabilisieren.
Das Foto zeigt ihn 2007 in seinem
Büro in der Green Zone, der Sicherheitszone von Bagdad.
schien auf Autopilot gestellt zu sein. Und ich
fragte: Warum üben wir stur den Häuserkampf,
wenn Anti-Guerilla-Kriegführung gefordert wird?
Das haben wir innerhalb eines Monats umgekrempelt. Keine Panzerschlachten mehr, wie wir
sie jahrelang in der Mojave-Wüste geübt hatten.
Und wir haben die ganz jungen Hauptleute, so
um die 25 Jahre alt, ermuntert, selbst die neuen
Lehrpläne zu schreiben.
ZEIT: Klingt nicht wie die klassische U. S. Army.
PETRAEUS: Nein, aber in der Feuerprobe des Iraks
ist eine völlig neue Armee entstanden.
ZEIT: In der neuen Doktrin heißt es: Wer die moralische Legitimität verliert, der verliert den Krieg.
Nur: Wie kann eine fremde Besatzerarmee je legitim sein?
PETRAEUS: Man zeigt durch sein Tun, dass man da
ist, um der Bevölkerung zu helfen – ihr Sicherheit
zu geben, die Wirtschaft zu beleben, Schulen zu
bauen, genau, was wir jetzt im Irak machen.
ZEIT: Eine Armee ist doch kein Wirtschafts- und
Wohlfahrtsministerium.
PETRAEUS: Doch. Wir haben Reservisten, Bürgermeister, die wissen, wie man eine Stadt verwaltet.
Ingenieure, die Zivilprojekte leiten.
ZEIT: Sie bleiben trotzdem die Fremden.
PETRAEUS: Nicht nur das. Wir sind von einer anderen Religion und Kultur. Das ist nicht wie in
Deutschland, wo unsere Soldaten sagen konnten:
Hey, mein Opa war auch Deutscher. Übrigens
bin auch ich ein halber Europäer, der Sohn eines
Holländers.
ZEIT: Trotzdem: Die Aufgabe einer Armee ist es,
zu töten, zu zerstören.
PETRAEUS: Das ist eben das Neue, die bemerkenswerte Verwandlung unserer Soldaten. Die haben
wie die Teufel gekämpft. Kaum aber war der
Feind besiegt, mussten sie Nation-Building betreiben. Am nächsten Tag die Grundversorgung
sicherstellen. Lokalwahlen organisieren.
ZEIT: Westliche Demokratien mögen keine »imperialen Kriege« mehr. Wir mögen Kriege, die kurz,
blutlos und siegreich sind. So wie Grenada und
Panama. Aber dieser Krieg …
PETRAEUS: … ist wirklich hart, kompliziert, langwierig …
ZEIT: … also keine Exit-Strategie?
PETRAEUS: Doch, die braucht man immer, aber das
kann Jahre dauern. (klopft auf die Tischplatte) Toi,
toi, toi. Im Irak haben wir es geschafft.
ZEIT: Aber diese Geduld fehlt gerade den Amerikanern …
PETRAEUS: Ja, Amerikaner sind ungeduldig. Andererseits wächst die Erkenntnis, dass wir in einem
sehr langfristigen Kampf gegen den Extremismus
stecken. Immerhin hat Präsident Obama nicht
nur vom Rückzug aus dem Irak gesprochen, sondern auch von der Verstärkung in Afghanistan.
ZEIT: Kann Ihr Rezept auch in Afghanistan funktionieren?
PETRAEUS: Ja und nein. Ja, weil es auch in Afghanistan darum geht, der Bevölkerung Sicherheit zu
verschaffen, ihr zu dienen. Afghanistan ist schon
immer die »Grabstätte der Imperien« gewesen.
Umso mehr kommt es darauf an, nicht als Eroberer aufzutreten. Nein, weil Afghanistan nie diese
zentralstaatliche Tradition entwickelt hat wie der
Irak. Die Herrschaft läuft zwischen Mullah und
Stammesführer ab; es gibt zu viele Gesprächspartner. Wir können dort auch nicht unter den Menschen leben; wo sollen wir in den Dörfern ein
Wohnhaus wie in Bagdad hernehmen? Also müssen wir auf der Anhöhe nebenan unsere Zelte
aufschlagen, buchstäblich. Schließlich ist der Bildungsstand im Irak sehr viel höher. In Afghanistan mit 70, 80 Prozent Analphabeten müssen die
Polizisten Gesetze einhalten, die sie selbst nicht
lesen können.
ZEIT: »Man muss viele Tassen Tee trinken«, haben
Sie in Ihrer Münchner Rede zu Jahresbeginn gesagt, also sehr viel Geduld aufbringen.
PETRAEUS: Ich habe schon sehr, sehr viele Tassen
getrunken. Aber vergessen Sie nicht, wie viel Erfahrung wir inzwischen gesammelt haben. Die
Truppe, die jetzt zur Verstärkung nach Afghanistan geht, hat schon vier Jahre im Irak gekämpft,
davor in Bosnien. Es gibt keine Armee in der
Welt, die so viel Erfahrung mitbringt, außer Teile
der britischen.
ZEIT: Sie haben gesagt, es gehe in Afghanistan
nicht allein um Afghanistan. An diesem neuen
great game seien Indien, Iran, Russland, China
beteiligt. Das klingt nach viel mehr als nach einem schlichten Anti-Guerilla-Kampf.
PETRAEUS: Deshalb muss sich Central Command,
das 20 Länder umfasst, auch auf dieser Ebene bewähren. Ich habe 18 dieser Länder besucht – außer Syrien und Iran, wo wir nicht hingehen. Ich
rede mit den Regierungschefs und den hohen
Militärs.
ZEIT: Sie kriegen fast 20 000 neue Soldaten für Afghanistan.
PETRAEUS: Im Herbst werden es insgesamt 60 000
sein.
ZEIT: Nicht einmal die Hälfte der Truppen im
Irak.
PETRAEUS: Ja, aber dafür haben wir auch mehr Koalitionskräfte mit noch einmal 30 000 Soldaten:
aus England, Australien, Kanada, Frankreich.
ZEIT: Und die Deutschen und Italiener, die aber
nicht kämpfen.
PETRAEUS: Das würde ich so nicht sagen. Die stehen einfach anderswo. Die werden schon kämpfen, wenn sie es müssen. Mit den nationalen Vorbehalten muss man eben leben – genauso wie ich
es in Bosnien tun musste: Der darf das nicht, der
kann jenes nicht.
ZEIT: Ein Strategie-Professor am Air War College
schreibt in der New York Times: »General David
Petraeus, nicht Außenministerin Hillary Clinton,
wird Amerikas Rolle im Mittleren Osten während
der nächsten Jahre bestimmen.« Falsch?
PETRAEUS: Eine riesige Übertreibung und eine
Verfälschung der Wirklichkeit. Tatsächlich habe
ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihr. Aber entscheidend ist: Unsere Politik im Mittleren Osten
ist eine gewaltige Teamanstrengung. Die Arbeit
eines Teams, das sich aus Teams zusammensetzt.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE JOSEF JOFFE
i Berichte und Kommentare zur aktuellen Lage im Irak auf
ZEIT ONLINE: www.zeit.de/irak
Kaing Guek Eav, Folterchef der Roten Khmer,
über seine Verantwortung für den Tod Abertausender
Menschen
»Meine Ehe ist zu Ende. Ich kann
bei keinem Mann bleiben, der mit
Minderjährigen verkehrt.«
Veronica Lario, Ehefrau des italienischen
Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, fordert
öffentlich die Scheidung
»Sei schön und wähle.«
Slogan einer libanesischen Wahlwerbung, mit der sich
der Politiker Michel Aoun an Wählerinnen wendet
NÄCHSTE WOCHE IN DER ZEIT
ler Willy Brandt ist soeben ins Bonner Palais
Schaumburg eingezogen. Da werden ihm von
einem hohen Beamten drei Schreiben vorgelegt. Brandt will sich erst weigern, die »Unterwerfungsbriefe« zu unterzeichnen. Dann
unterschreibt er doch. Egon Bahr, damals
Staatssekretär im Bundeskanzleramt, erinnert
sich in der ZEIT-Serie Mein Deutschland an
eine unbekannte Episode
POLITIK
GENERAL PETRAEUS
in seinem Büro
in Bagdad
Nr. 20 DIE ZEIT
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Fotos: interTOPICS; ullstein bild (l.) - 70. Geburtstag von Brandt am 18.12.1983
Herbst 1969: Der neu gewählte Bundeskanz-
Nr. 20
DIE ZEIT
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Fotos: Bela Szandelszky/AP (o.); Peter Kohalmi/AP; Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images; Ferenz Isza/Getty Images; Bela Szandelszky/AP (unten v. li. n. re.)
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Unter der Fahne
der Faschisten
Wie tief kann ein Land stürzen? Ungarn ist so gut wie bankrott,
Rechtsradikale überfallen »Zigeuner, Juden und Fremdherzige«, kaum
jemand stellt sich ihnen entgegen VON CHRISTIAN SCHMIDT-HÄUER
Budapest
er Philosoph hatte eingekauft und seine
Wohnung fast erreicht. Es war helllichter Tag im Herzen von Budapest. Durch
die Straßenschlucht aus der Gründerzeit
kam ihm ein Trupp der rechtsextremen Ungarischen
Garde entgegen. Im Gleichschritt. Schwarze Uniformen, Schirmmützen, Springerstiefel. Halstücher
in den rot-weiß gestreiften Farben, die zuletzt die
magyarischen Faschisten der Nazizeit trugen. Der
Zugführer kommandierte: »Eins! Zwei! Eins …!«
Hob den Arm und brüllte zum Philosophen hinüber:
»Heil Hitler, Herr Tamás, wie geht es?«
Der jüdische Intellektuelle Gáspár Míklós Tamás
ist aus Fernsehdiskussionen nicht nur den Ungarn
bekannt. Auch Franzosen und Italiener, Rumänen
und Slowaken schätzen seine geschliffenen Analysen.
Budapests radikale Kohorten aber zählen ihn zu den
»Fremdherzigen«, die den Volkskörper »verunreinigen«. Auf der Startseite der Website »Kuruz Info«
steht sein Foto im Rahmen eines Grabkreuzes. Die
Homepage listet Juden und andere »Feinde« auf:
Namen, Adressen, Telefonnummern, Wochenendhäuser, Bekanntenkreise.
Die Juden in den Städten – Budapest zählt etwa
200 000 jüdischstämmige Bürger – sind bisher
noch glimpflicher davongekommen als die Roma
auf den Dörfern. Seit zwei Jahren landen immer
wieder Molotowcocktails auf ihren Dächern. Auf
Familien, die aus den brennenden Häusern fliehen, wird geschossen; hier stirbt ein Vater mit seinem Sohn, dort eine Mutter mit ihren Töchtern.
In den vergangenen Wochen ist ein Dutzend
Brandsätze gegen Wohnungen von Politikern der
regierenden sozialistischen Partei MSZP geflogen.
D
»Die Ungarische Garde ist hart wie die
geballte Faust, scharf wie das Schwert«
Soll das Ungarn sein, das Land der legendären Erinnerungen? Das Reiseziel der ersten Wirtschaftswundertouristen, die Lieselotte Pulvers Piroschka
in die Puszta folgten? Der sozialistische Gulaschstaat, den die schöpferischen und scheinbar so
fröhlichen Freisassen des Sowjetimperiums in eine
Mikrowelt des handverputzten bürgerlichen Wohlstands umflickten? Dessen Pfadfinder zwischen
Kommunismus und Kapitalismus im Mai vor genau 20 Jahren die Grenzbefestigungen zu Österreich abbauten und damit die Schleusen für die
Fluchtwellen der DDR-Bürger öffneten?
Es war einmal, dieses Ungarn. Heute ist Budapest so sehr vom Absturz bedroht wie die bröckelnden Engel in den neoklassizistischen Hinterhöfen
seiner unsanierten Viertel jenseits des Stadtkerns.
Den Staatsbankrott konnte im Oktober nur eine
schnelle Nothilfe von 20 Milliarden Euro verhindern. Internationaler Währungsfonds (IWF), Europäische Zentralbank und EU schnürten das
größte Kreditpaket, das sie in der jetzigen Krise
vergeben haben. Das Weltfinanzdebakel hat nur
grell beleuchtet, wie ausgeliefert Ungarns Wirtschaft und wie deprimiert seine Gesellschaft ist.
Die Tragödie, die mit dem Transformationsprozess
über dem Land heraufgezogen ist, zeichnete sich mancher Jugendliche denkt, dass es zu Trianon im schen durch Stadtbezirke und Dörfer mit Romaschon früher ab. Es war gerade der Systemwechsel, vergangenen Jahr kam und dass die Schuld daran Bevölkerung verkünden, lauten wörtlich oder sinnder die knapp zehn Millionen Magyaren bald spü- der gerade zurückgetretene sozialistische Regie- gemäß: Roma (ungarisch: Cigányok) zurück nach
ren ließ, wie arm ihr Land ohne alle Rohstoffe und rungschef Ferenc Gyurcsány trägt.«
Indien; Siebenbürgen, die serbische Vojvodina und
mit einem Berg von Auslandsschulden in WahrWirrköpfe, Glatzen, autonome Gewalttäter mar- andere verlorene Gebiete zurück an Ungarn. Zu
heit ist und bereits vor der Wende war. Schon die schieren die rechten Ränder Europas überall ab. ihren faschistoiden Präambeln gehört: »Die ungakommunistische Führung um János Kádár hatte Doch in den meisten Ländern halten sie Bürger- rische Garde ist hart wie die geballte Faust, zäh wie
ihre Landsleute auf Pump konsumieren lassen, um initiativen und Rechtsregeln unter Quarantäne. In Bast, scharf wie das Schwert.«
den Volksaufstand von 1956 vergessen zu machen Ungarn nicht. Es gibt keine organisierten Proteste,
Zwar schrecken viele Bürger, die kaum weniger
– den einzigen vor 1989, der die sowjetischen Pan- keinen demokratischen Konsens gegen sie. Die fremdenfeindlich denken, vor dem martialischen
zer kurzfristig vertrieb.
Grenzen zwischen Rechtsradikalen und der konser- Mummenschanz denn doch zurück. Ihnen bietet
Seit 1989 überrollten die westlichen Multis vativen Bevölkerungsmehrheit verlieren sich im sich Jobbik an. Die rechtsradikale Mutterpartei der
auch noch jene frühen Ich-AGs der ungarischen Sumpf rassistischer und nationalistischer Blüten. Garde hat neben der national-konservativen BürPrivatisierung, die zuvor auf den halb verbotenen Der populistische Oppositionsführer Viktor Orbán, gerunion Fidesz und den in ein tiefes Tal abgestürzPfaden zwischen Sozialismus und Kapitalismus dem die nächsten Wahlen eine rechtskonservative ten Sozialisten als dritte Partei die Chance, jetzt
aus Blech folkloristisches Blattgold gehämmert, Zwei-Drittel-Mehrheit bescheren könnten, hat in einen Sitz im EU-Parlament zu gewinnen. Ihre
aus grauen Eckhäusern nostalgisch schimmernde den vergangenen Jahren die Bürger gegen das Par- Spitzenkandidatin ist die 1963 geborene Krisztina
Fin-de-Siècle-Cafés gezaubert hatten. Gefragt wa- lament ausgespielt, um mithilfe der Straße die so- Morvai, Dozentin für Strafrecht an der ehrbaren
ren nun der Produktmanager, der Controller, der zialliberale Koalition zu stürzen. Nicht wenige Pfar- Loránd-Eötvös-Universität. Bis 2004 genoss sie ein
Broker, vielsprachig, unter 30. Budapests post- rer und Priester haben sich ihm angeschlossen. Kein respektables Ansehen als unabhängige Expertin in
kommunistische Elite wickelte die Integration in Gesetz bestraft Hasstiraden, weil in der neuen Ver- der UN-Frauenrechtskommission. Seit Ungarns
die EU ab, kümmerte sich um die alten Netzwerke fassung nach 1989 die Meinungsfreiheit über die sozialliberale Koalition ihr Mandat nicht verlängert
und die neuen Geschäfte, nicht aber um die eigene Menschenwürde gestellt worden ist. »Damals, nach hat, feuert sie den Antisemitismus im Lande an.
Gestaltung des Landes. So erfuhr die Mehrheit der den Jahren der Zensur, war das zu begrüßen«, sagt
Zur Eröffnung von Krisztina Morvais WahlBevölkerung die Wiedervereinigung Europas mehr der Ombudsmann Ernö Kallai, der die Rechte der kampf in der Stadt Érd ließ Jobbik die Gojund mehr als ein Stück Selbstaufgabe.
13 Minderheiten vertritt und selbst aus einer Kolonne vorfahren: schwarzlederne Jungs auf
Doch wirtschaftlicher Niedergang alschweren Motorrädern, die ihlein erklärt noch nicht den Einbruch
ren röhrenden Konvoi demonsdes Rechtsradikalismus in die Getrativ nach dem hebräischen
Ungarn
sellschaft. In Ungarn kommt die
Wort für Nichtjuden benannt
Manipulation der Geschichte
haben. Morvai sprach den überBudapest
hinzu. Sie hat leichtes Spiel mit
füllten, verzückten Saal an, als
keinen demokratischen Konsens
den Magyaren, die einst aus dem
habe sie einen Kindergarten für
gegen die Rechtsradikalen. Die
Ad
Ural als Spätankömmlinge in
den Fundamentalismus zu beria
Grenze zwischen Extremisten und
Europa einwanderten und sich
geistern: »Liebe Unsereine! Als
später von den mächtigeren Nachchristliche Juristin fallen mir um
konservativer Mehrheit verschwimmt
barn ausgesperrt fühlten. Heute
Ostern immer Szenen aus der
400 km
wandert ein großer Teil der BevölkeBibel ein. Jesus wusch die Füße
rung durch einen Irrgarten von Mythen in
Roma-Familie stammt, »heute ist es beängs- seiner Jünger. Ein Zeichen von Demut. Daran
die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ab.
fehlt es unserer Regierung … Unsere Gegner sind
tigend überholt.«
Dessen Ende hatte die Verlierer an der Seite
Am 18. April, einen Tag vor dem Holocaust- Erscheinungen des Satans, und wir müssen gegen
Österreichs ungleich härter getroffen als die Deut- Gedenktag, marschierte ein Trupp der Ungarischen die satanischen Kräfte kämpfen …« Draußen verschen mit dem Versailler Vertrag. Das Abkommen Garde unter Polizeischutz zur Deutschen Botschaft kauften die Parteifreunde der EU-Kandidatin dervon Trianon nahm ihnen zwei Drittel des Territo- auf die Burg hinauf. Das größte Transparent an der weil ein T-Shirt mit dem Bild von Míklós Horthy,
riums und über die Hälfte der Bevölkerung. Die Spitze des Zuges spielte auf das Tor in Auschwitz Hitlers Verbündeten bis 1944.
Hoffnung auf Rückgewinnung der verlorenen Ge- an: »Wahrheit macht frei!« Vor den 200 Gardisten,
Horthys Büste steht im Budapester Zentrum,
biete führte das Land unter seinem Reichsverweser Skinheads und Sympathisanten an der abgesperrten am Freiheitsplatz. Man entdeckt sie nicht gleich.
Míklós Horthy an die Seite Hitlers.
Botschaft verlas der Führer der Schar eine Petition Der steinerne Kopf gehört zu den Säulenheiligen
an den Stufen zur großen, reformierten »Kirche
In jener Zwischenkriegszeit entstand die natio- mit dem Tenor: Nichts ist wahr am Holocaust.
nalistische Ideologie des völkischen MagyarenGábor Vona, 30-jähriger Produktmanager für der Heimkehr«. Neben Horthy ist dort auch Altums. Liberale und Kommunisten wurden als Sicherheitstechnik, hat die Garden 2007 als para- bert Wass verewigt, ungarischer Gendarmerie-OfWurzel allen Übels, die Juden als Hauptgefahr für militärischen Arm der rechtsradikalen Partei Jobbik fizier, der nach seinen Kriegsverbrechen in Siebendie ungarische Kultur gebrandmarkt. Das sehen gegründet. Auch diese »Bewegung für ein besseres, bürgen in die USA fliehen konnte. Heute gehören
mehr und mehr Menschen jetzt von Neuem so. rechteres Ungarn« leitet Vona. Die schwarzen seine Bücher über Siebenbürgen zur Pflichtlektüre
Horthy erscheint ihnen wieder als einer der größ- Uniformjacken, die sich die mehrheitlich armen eines jeden Rechten. Und der Pastor des Gottesten Ungarn der Historie. Die Geschichte soll Gardisten selbst kaufen müssen, stammen vom hauses, Sohn des Bischofs der Reformierten KirSelbstschutz und Abwehrkampf legitimieren.
Budapester Chinesenmarkt. Die Montur ist für che, wettert gegen »Judeobolschewiken« und
»In Deutschland«, sagt der renommierte Fi- militärische Rangabzeichen vorgesehen, die Mit- »fremdherzige« Liberale.
nanzwissenschaftler László Lengyel, »kennt und glieder sind aufgerufen, das Schießen zu lernen.
Von ihrer Wohnung hoch über der Donau schaut
schätzt man heute nur noch die Repräsentanten Lajos Für, ehemals Verteidigungsminister der ers- die Soziologin Mária Vársáhelyi auf ein Haus mit
einer schon vergangenen Kultur wie die Schrift- ten christlich-konservativen Nachwende-Regierung, einem eckigen Turm. Es gehörte einst einem jüsteller Eszterházy, Nádas oder Dalos. Die nach- überreichte jedem frisch vereidigten Gardisten bei dischen Unternehmer. 1944 ließ es Adolf Eichmann
gewachsene Generation streift durch einen Wald der Gründungszeremonie 2007 eine Urkunde. Zie- für sich requirieren. Der Organisator der Judenverethnischer Legenden. Zugespitzt formuliert: So le und Losungen der Garde, die sie bei ihren Mär- nichtung war in Budapest, um die Deportationen
Es gibt in Ungarn
Mitglieder der Ungarischen Garde
beim AUFMARSCH in Budapest
(oben). Proteste gegen die Regierung.
Rechtsextremisten demonstrieren
gegen Roma. Eine Roma-Familie
gedenkt der Opfer eines Anschlags.
Gardisten vor ihrer Vereidigung
(unten von links)
Nr. 20 DIE ZEIT
S.3
SCHWARZ
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zu beschleunigen. Das gelang, nachdem die Nazis
1944 den von Hitler abrückenden Horthy zur Abdankung gezwungen hatten. Die faschistische Partei
der Pfeilkreuzler übernahm die Regierung. In den
letzten Kriegsmonaten ließ sie noch 437 000 Juden
deportieren und Tausende Kinder, Frauen und Greise in die Donau treiben, ertränken und erschießen.
Sie mordete unter der rot-weiß gestreiften Fahne
des ungarischen Gründergeschlechts der Arpáden,
die heute auf rechten Demonstrationen weht.
Mária Vársáhelyi hat von klein auf gelernt, mit
Bangen auf die Geschichte zu blicken. Ihr Vater saß
lange in der Todeszelle. Er war der Informationsminister des nach dem Ungarn-Aufstand von 1956
hingerichteten Regierungschefs Imre Nagy gewesen.
»Extremistische Parolen«, sagt die Soziologin, »sind
heute völlig salonfähig geworden. Kein Wunder,
dass die Leute inzwischen glauben, es gehöre zu ihren Bürgerrechten, ungehemmt fremdenfeindlich
zu sein. Die parlamentarische Demokratie hat schon
fast ihren Geist aufgegeben. Die sozialistische Partei
ist zur Geisel von geschäftstüchtigen Glücksrittern
geworden. Ich weiß nicht, wie sie noch verhindern
will, dass Viktor Orbán bei den nächsten Wahlen
eine rechtskonservative Zwei-Drittel-Mehrheit gewinnt. Dann kann er die Verfassung nach Belieben
für die autoritäre Präsidialdemokratie ändern, die
er anstrebt – mit einer Mischung aus Sarkozy und
Berlusconi, Kaczyński und Horthy.«
Dass dem Populisten Orbán zumindest jedes
Mittel recht ist, um an die Macht zu kommen, bewies er bei den Kommunalwahlen 2006, als er seine
Bürgerunion Fidesz gemeinsame Kandidaten mit
der rechtsextremen Jobbik aufstellen ließ. Dem
einstigen Freidenkertum, das ihn nach 1989 zum
Jungstar von Davos und anderen neoliberalen Kultstätten gemacht hatte, schwor er im Juli 2007 endgültig ab. »Die Ordnung ist eine gottgefällige Sache«, so verkündete er, »sie hat daher einen höheren
Stellenwert als die Freiheit.«
Zum Auftakt des EU-Wahlkampfs hat Ungarns
starker Mann Mitte April angedroht: Die sozialistischen Politiker, die das Land in den Ruin getrieben
hätten, würden mit aller Härte zur Verantwortung
gezogen. Dafür ist Orbán, der einst als Ministerpräsident selbst keineswegs vor dubiosen Geschäften
zurückgeschreckt war, der Beifall fast aller Ungarn
sicher. Denn der neue sozialistische Ministerpräsident Gordon Bajnai, stand zuvor im Ruf eines
Oligarchen, der durch seine Geschäftsinteressen
viele kleine Existenzen vernichtete. Doch vor Bajnais
jetzigem Sparprogramm, das ungleich schmerzhafter
als etwa Hartz IV in Deutschland ist, gäbe es auch
für Orbán kein Entrinnen – egal, wie überwältigend
sein Wahlsieg ausfällt.
Wie er dann auf die weiter wachsenden Aufmärsche der Rechtsradikalen reagieren würde? Kein
Problem: Wie Horthy, so hat er in einer Rede wissen lassen, werde er ihnen zwei Ohrfeigen versetzen
und sie nach Hause schicken. Wenn Ungarns oft
tragische Vergangenheit und Gegenwart sich doch
nur so einfach bewältigen ließen.
a www.zeit.de/audio
Nr. 20
POLITIK
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Titelgeschichte
Fotos: Alessandra Benedetti/Corbis; Seite 05 [M]: Kobi Gideon/picture-alliance/dpa (o.); Naftali Hilger/laif (u.)
4
SCHWARZ
S. 4
DIE ZEIT
Nicht immer gut
beraten:
Benedikt XVI. hält
Audienz im
VATIKAN,
während zwei
Bischöfe wispern
Auf dem heiklen Stuhl
S
als Wiedergutmachung für die Rede von Regensburg.
An seiner alten Universität hatte er noch einmal wie
der Professor, der er einst war, über die Stärken und
Schwächen von Religionen philosophieren wollen
– und die muslimische Welt in Aufruhr versetzt. Sein
Satz vom April 2009, Kondome vergrößerten nur die
Gefahr von Aids – gefallen im Flugzeug Richtung
Jaunde, Kamerun –, stellte fast völlig in den Schatten,
was das Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken
in Afrika vermitteln wollte. Beinahe vergessen ist da
schon wieder der Bischofskandidat für Linz, ein skurriler Hardliner, den Rom zurückziehen musste nach
nie gekannten Protesten von Klerus und Kirchenvolk.
Von »zyklischen Krisen« des Pontifikats spricht darum
Marco Politi, der Vatikanexperte der römischen Zeitung La Repubblica. Eine Öffentlichkeit, die halbwegs
Volles Programm
Der Papst fliegt zunächst nach Jordanien und am 11. Mai weiter nach Jerusalem. Dort stehen ein Treffen mit
Präsident Peres und ein Besuch der
Gedenkstätte Jad Vaschem auf dem
Programm, tags darauf Begegnungen
mit muslimischen und jüdischen
Geistlichen. Am dritten Tag bricht
der Papst nach Bethlehem im Westjordanland auf, wo er Palästinenserpräsident Abbas trifft. Eine Begegnung mit Israels Regierungschef
Netanjahu ist am vierten Tag in Nazareth vorgesehen. Während seines
Aufenthalts hält Benedikt XVI. vier
Predigten und 23 Ansprachen. Am
15. Mai fliegt er zurück nach Rom.
LIBANON
SYRIEN
GolanSee höhen
Mittelmeer
Genezareth
Nazareth
Jordan
Rom
eitdem er Papst geworden ist, hat Joseph
Ratzinger nicht mehr ein Leben, sondern
zwei. Das wichtigste Verkehrsmittel von
Benedikt XVI. ist darum nicht das Papamobil. Es ist der Aufzug, der seine zwei
Leben verbindet. Das eine findet im zweiten Stock
des apostolischen Palastes am Petersplatz statt, es ist
das Leben für die Staatsbesucher, Bischofsdelegationen und Fernsehkameras. Das andere, im dritten
Stock, ist stiller, privater und zugleich wichtiger:
Hier wird geschlafen, gebetet und gegessen, aber
auch beraten und regiert. Anders als im offiziellen
Aufzug im Palast, der über reichlich Platz, Pracht
und einen Fahrstuhlführer verfügt, wird es im privaten Papstlift schon drangvoll eng, wenn mehr als
zwei Benutzer gleichzeitig einsteigen. Allerdings ist
das selten der Fall. Abgesehen vom Papst hat noch
sein Sekretär eine Unterkunft im Obergeschoss.
Neben den Druckknöpfen im Aufzug markieren
zwei farbige Zettel die Stockwerke, gelb der eine,
weiß der andere, damit auch der dritte regelmäßige
Liftfahrer sich zurechtfindet, wenn er auf Besuch
ist: Georg Ratzinger, der große Bruder, dessen Augen sich schwertun, die Ziffern zu lesen.
Der Privatlift des Papstes verbindet nicht nur zwei
Etagen des Palastes, sondern auch die zwei Welten
eines sehr besonderen älteren Herrn: Gott und die
Politik. Zwischen diesen zwei Anforderungen ist der
Papst, das hat man gelernt, immer für einen Fehler
gut. Die Gefahr ist nirgends so groß wie auf seiner
nächsten, der schwierigsten Reise, die ihn Ende der
Woche ins Heilige Land führt. In Israel, wo der Spielraum angemessener Worte und Gesten für jeden
Deutschen minimal ist, wird die Welt mit angehaltenem Atem den Pontifex agieren sehen.
Benedikt reist mit schwerem Gepäck: Es ist die
Reise eines Papstes, der schon von Amts wegen die
Last von zwei Jahrtausenden christlich-jüdischer Geschichte mit sich trägt – eine Geschichte der Diskriminierung und Verfolgung von Juden durch Christen.
Es ist die Reise eines Deutschen der Kriegsgeneration
in den Staat Israel, der als Antwort auf die Schoah
gegründet wurde. Und es ist die Reise Joseph Ratzingers, der persönlich die Beziehungen der Kirche zum
Judentum belastete: Er hat für die lateinische katholische Messe einen Gebetstext formuliert, in dem
Kritiker den arroganten Geist christlicher Judenmission wiederaufleben sahen. Vor allem aber erließ Benedikt XVI. Anfang des Jahres vier Bischöfen der
traditionalistischen Pius-Bruderschaft die Exkommunikation, bevor er erfuhr, dass einer davon ein
Holocaust-Leugner war. Er fährt nach Israel wie auf
Bewährung. Im fünften Jahr seines Pontifikats, im
Alter von 82 Jahren, ist Benedikt XVI. der Papst, der
sich beweisen muss.
Wie ein Fluch, wie ein böser Zauber hat sich das
Missgeschick an die Fersen dieses Mannes geheftet
– und ihn zu einem Papst in der Defensive werden
lassen. Sein bedeutender, ja historischer Besuch 2006
in der Blauen Moschee von Istanbul wirkte vor allem
Westjordanland
Tel Aviv
Amman
FlüchtlingsJerusalem
lager Aida
GazaStreifen
Bethlehem
Totes
Meer
Berg Nebo
Madaba
JORDANIEN
ISRAEL
Vorgesehene
Stationen
der Papstreise
ÄGYPTEN
ZEIT-Grafik
40 km
Nr. 20 DIE ZEIT
bereit war, dem Papst eine Chance zu geben, kehrt zu
ihrem alten Bild vom »Panzerkardinal« Ratzinger
zurück. Hat Benedikt XVI. noch eine Chance?
Wer den Papst besucht, den erwartet die Farbenpracht der Schweizer Garde und dahinter eine Welt
der Gobelins, goldenen Sessel und reich verzierten
Kassettendecken. Wer dagegen den Oberrabiner von
Rom besucht, keine fünf Kilometer vom Vatikan
entfernt, dem öffnet sich eine Seitentür der Synagoge
und gibt den Blick frei auf Wände, die lange keine
frische Farbe gesehen haben, auf Kabel, die unverputzt aus dem Mauerwerk quellen. Jahrhundertelang
bildeten die Straßenzüge um die Synagoge herum das
Ghetto von Rom, eingerichtet von den Päpsten, die
damals auch weltliche Herrscher der Stadt waren.
Den jüdischen Bewohnern legten sie Bürden auf, die
sie in Bedrückung hielten und ihnen allenfalls Nischen zum Atmen ließen.
Seit fast 150 Jahren ist das jetzt vorbei, 1870 mussten die Päpste ihre weltliche Macht an den neu begründeten italienischen Staat abgeben. Die Juden
wurden freie Bürger, und heute werben Restaurants
im Umkreis der Synagoge selbstbewusst mit koscherer
Küche um hungrige Touristen. Das Machtgefälle von
einst wirkt trotzdem nach. Und so sitzt Oberrabiner
Riccardo di Segni in einem Hinterzimmer der Synagoge und zeigt durchaus Verständnis für die Schwierigkeiten eines Kirchenfürsten: »Sehen Sie, der Papst
leitet eine große Institution. Von den vielen Problemen, die ihn beschäftigen müssen, sind die jüdischen
wahrscheinlich ziemlich am Ende der Liste.«
Wenn der Mann wüsste! Mögen die Weltmedien
den Fall des Holocaust-Leugners Bischof Williamson
hinter sich gelassen haben, im Vatikan wirkt er wie
ein Brandbeschleuniger. »Es waren vielleicht die zwei
schwierigsten Wochen im Pontifikat«, sagt ein wichtiger Geistlicher, der auf Anonymität besteht, »und
die Brandstellen tun alle noch weh.« Im Gespräch
mit einem Ordensmann fällt gar ein Satz, der sonst
an ein Sakrileg grenzte: »Wenn er heute stirbt …«
Dahinter steht die Frage: Was bliebe dann?
Die Sorge in Rom um dieses Pontifikat ist existenziell. Aber gilt das auch für den Palast selbst, das
Zentrum der päpstlichen Autorität? Die Mauern
werden dicker, die Bitten um Diskretion dringlicher,
aber, ja, der Stoß, der Schock traf ins Zentrum. Ein
Satz muss genügen: »Es ging in Richtung Karfreitag.«
An Karfreitag wurde Jesus Christus gekreuzigt.
Von den Gesprächspartnern, die im Vorfeld der
Israel-Reise zu sprechen waren – Kirchenhierarchen
und Kurienbeamte, Vatikan-Insider und Papstbegleiter, jüdische Vertreter und weltliche Beobachter –,
verrieten die Insider die größte Besorgnis. Fast nur
noch Jesuitenpater Federico Lombardi, Leiter des
päpstlichen Presseamtes Sala Stampa, versucht den
Eindruck aufrechtzuerhalten, die Probleme seien
vorübergehend. »Wir wollen keine Pannen provozieren«, sagt er, »aber wenn so was passiert, ist das nicht
das Ende der Kirche.« Hinter zugezogenen Vorhängen
und unter verblichenen Strohblumengestecken reibt
sich ein Mann ohne Chance die übermüdeten Augen.
S.4
SCHWARZ
Schwierige Mission im Heiligen Land: Beim Besuch von
Benedikt XVI. in Israel steht die Zukunft seines
Pontifikats auf dem Spiel VON JAN ROSS UND PATRIK SCHWARZ
Anders als Johannes Pauls jahrzehntelanger Sprecher,
der Opus-Dei-Mann Navarro-Valls, bekommt Lombardi seinen Chef kaum zu sehen; oft wird er erst
gerufen, wenn das Kind schon überm Brunnen hängt.
Qua Amt Image-Retter für einen Mann zu sein, von
dem selbst Wohlmeinende sagen, er sei kein »Genie
des Image«, muss eine niederdrückende Aufgabe sein.
Trotzdem, für alle, die vorschnell über Benedikt zu
Gericht sitzen, hat sein Sprecher einen Tipp parat,
der gerade in seinem eigenwilligen Deutsch eindringlich wirkt: »Man muss mit Gleichgewicht urteilen.«
Die goldene Tischuhr in einem der Säle des
päpstlichen Palastes schlägt Viertel vor sieben am
Abend. Draußen streben die Touristen den billigen
Pizzerien und Abendlokalen zu. Drinnen lassen Benedikt und sein Sekretär die kühlen Räume des
Palastes hinter sich. Könnte man über die Mauer
blicken, man sähe zwei Männer langsam durch die
üppig-grüne Frühjahrsherrlichkeit der Vatikanischen
Gärten spazieren. Dann beten sie gemeinsam.
An der Spitze der katholischen Kirche steht heute ein Intellektueller, der zu den Schlüsselthemen
der Gegenwart nicht weniger zu sagen hat als weltliche Köpfe wie Habermas oder Rushdie. Der mit
dem Christentum einen dritten Weg zwischen Fundamentalismus und Relativismus sucht – also ungefähr das, wonach jeder denkende Zeitgenosse sich
sehnt. Und Benedikt ist mehr als ein kluger Mann.
Die Jahrzehnte der Einübung eines geistlichen Weges haben Spuren hinterlassen. Es geht von ihm, in
seinen besten Stunden, auch ein zarter Zauber aus.
Dieser Benedikt ist eine kostbare, gefährdete
Spätblüte Europas, sein Pontifikat so etwas wie eine
Arche für die Schätze des Abendlandes, vom Latein
bis zu den Heiligen. Ein Mann, der in Worten, die
nicht aus Plastik sind, die großen Fragen stellen
kann: Gibt es Gott? Wie sollen wir leben? Was ist
der Mensch? Benedikts Treffen mit amerikanischen
Katholiken, die als Kinder und Jugendliche von
Priestern missbraucht worden sind, war von bewegender Demut. Es hat etwas Bitteres, Tragisches,
wenn ausgerechnet die Chance dieses Sensiblen und
Hochbegabten verspielt wird, wenn ihm die Verkündigung im Halse stecken bleibt.
Über sich sagt er im kleinen Kreis in letzter Zeit
häufiger, mit einer Mischung aus Seufzer und bayerischem Schalk: »Ich bin ein altes Mandl.« Würde
er sich gern in seine Studierstube zurückziehen?
Schreibt er deshalb bereits an seinem zweiten JesusBuch? »Es gibt alte Leute, die werden immer einsamer, ängstlicher, enger«, befürchtet ein Kurialer,
der mit Ratzinger, dem Kardinal, noch öfters im
Austausch stand. Nein, behauptet ein anderer, der
ihn regelmäßig beim Regieren erlebt, er ist eher zupackender geworden, »entschiedener in seinen Entscheidungen«.
Zu seinen repräsentativen Aufgaben pflegt er
trotzdem ein nüchternes Verhältnis. Gewiss, schon
im Vorraum zu den Empfangsräumen hängt links
ein Jesus von El Greco und rechts einer von Albrecht
Dürer. Sicher, er begrüßt Staatsgäste in einer so-
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genannten Bibliothek, die auch mit Büchern ausgestattet ist, vor allem aber mit zwei vergoldeten
Telefonen, die ausschauen wie aus einem JamesBond-Film der sechziger Jahre. Und einmal, als
Putin ihn unbedingt zu einer vorgegebenen Zeit
erreichen wollte, da hat der Papst sogar den goldenen
Hörer abgehoben. Ansonsten telefoniert er fast ausschließlich »oben«, in seinem privaten Arbeitszimmer, auf einem Apparat ganz ohne Glamour.
Neulich etwa wollte ihn die deutsche Kanzlerin
unbedingt sprechen, um ihrer harschen Kritik an
seinem Williamson-Auftritt einige versöhnliche Worte hinterherzuschicken. Viel geholfen hat der Anruf
wohl nicht. Der Schmerz, von einer christlichen Politikerin (und sei sie auch Protestantin) öffentlich
angegangen zu werden, scheint weiter tief zu sitzen.
»Es herrscht schon fast so etwas wie ein Dogma
von der Fehlbarkeit des Papstes: Alles, was er sagt,
ist falsch!« Obwohl Andrea Riccardi ein enger Vertrauter von Johannes Paul II. war, findet er dessen
Nachfolger ungerecht beurteilt. »Der tote Papst«,
stellt er halb amüsiert, halb bitter fest, »ist immer
der beste.« Riccardi ist jemand, den es nach einem
weltlich-politischen Rechts-links-Schema gar nicht
geben dürfte: Gründer einer von 1968 inspirierten
katholischen Laienbewegung, die gegen die Todesstrafe kämpft und Aids-Kranke pflegt – und zugleich
papsttreu bis in die Fingerspitzen, mit allerbesten
Verbindungen in die Spitze der Kurie.
Das Hauptquartier von Riccardis »Gemeinschaft
von Sant’Egidio«, ein ehemaliges Kloster im einst
armen, längst schick gewordenen römischen Stadtviertel Trastevere, war auch Schauplatz in jenem
historischen Drama, das die Beziehungen zwischen
Kirche und Judentum bis heute überschattet: der
Verfolgung und Vernichtung der Juden unter dem
Nationalsozialismus. Als die deutschen Besatzer der
Ewigen Stadt am 16. Oktober 1943 in einer Razzia
Jagd auf die römischen Juden machten, da fanden
viele der Gesuchten in Kirchen und Ordenshäusern
Unterschlupf – auch im Konvent von Sant’Egidio.
Aber aus dem Vatikan, vom damals regierenden
Papst Pius XII., kam kein klares öffentliches Wort
gegen den Holocaust, während des gesamten Zweiten Weltkriegs nicht.
Johannes Paul II. und Benedikt XVI. dagegen
nennt Riccardi »zwei Zeugen der Schoah«. Joseph
Ratzinger, erklärt er, »war einer der Theologen,
die am meisten für die Annäherung von Christentum und Judentum getan haben« – gegen das
Kappen der jüdischen Wurzeln, gegen eine platte
und hochmütige Sicht der Heilsgeschichte, nach
der Gottes »alter Bund« mit dem Volk Israel durch
das Auftauchen Jesu einfach ersetzt ist.
Zum 25. Geburtstag der Gemeinschaft, ein
Gedenkstein im Innenhof erinnert daran, kam
Johannes Paul II. persönlich zur Gratulation. Der
polnische Papst und einstige Erzbischof von Krakau, in dessen Diözese das Vernichtungslager
Auschwitz lag, hat sich von Pius XII. nie distanziert, aber das katholisch-jüdische Verhältnis mit
Nr. 20
DIE ZEIT
SCHWARZ
S. 5
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POLITIK
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
dramatischen Gesten revolutioniert. Als erster
Die größte Gefahr für das katholisch-jüdische
Papst hat er 1986 in Rom die Synagoge besucht, Verhältnis freilich droht nach der Reise, man weiß
der heute Oberrabiner di Segni vorsteht, und nicht, wann: die Seligsprechung von Pius XII., dem
die Juden die »älteren Brüder« der Christen ge- Papst, der schwieg. Es gibt keinen zwingenden
nannt. Unter ihm hat der Heilige Stuhl 1994 Grund, den gebürtigen Italiener Eugenio Pacelli
diplomatische Beziehungen mit Israel auf- zur Ehre der Altäre zu erheben. Benedikt müsste
genommen, nachdem noch Paul VI. auf einer nur Nein sagen. Und doch ist ein Eklat möglich,
Reise ins Heilige Land 1964 nicht einmal den nach dem üblichen Muster der Missgeschicke dieNamen des Staates Israel in den Mund genom- ses Pontifikats: Die Kurie werkelt, und der Wille
men hatte. Und Johannes Pauls II. Israel-Reise des Papstes ist ein Geheimnis. La Repubblica-Kom2000 stand im Zeichen des Schuldbekenntnis- mentator Politi konstatiert: Die Causa Pius XII.
ses zu den historischen Sünden der Gläubigen »ist ein weiteres Zeichen des Zickzackkurses dieses
und ihrer Hirten – den Antisemitismus einge- Pontifikats«. Wird ausgerechnet der erste deutsche
schlossen. Mit zitternder Hand steckte das alte Papst nach dem Holocaust einen Papst zum Vorbild
und kranke Oberhaupt der katholischen Kirche erheben, der für den Holocaust keine Worte fand?
vor den Augen der Welt einen Gebetszettel in Oberrabiner di Segni gibt sich vorsichtig optimiseine Ritze der Klagemauer am Tempelberg in tisch, dass Benedikt das Projekt ausbremsen wird:
Jerusalem.
»In anderen Händen wäre die Seligsprechung binIst das alles nun ruiniert? Im Garten von Sant’- nen zwei Monaten vollzogen worden.« Noch einmal
Egidio lernten sich einst Ratzinger und der heutige muss sich Benedikt entscheiden im Spannungsfeld
Oberrabiner di Segni kennen. Riccardi hatte das zwischen Kirche und Synagoge, Katholiken und
vertrauliche Abendessen vermittelt, mit di Segni Juden, dem Holocaust einst und Israel heute. Herr
war er zur Schule gegangen. Riccardi ist überzeugt: Rabbiner, ist Joseph Ratzinger ein Freund des jüAls Papst drang Benedikt XVI. persönlich auf die- dischen Volkes? »Ja«, sagt Riccardo di Segni ohne
se Israel-Reise – gegen die Skepsis vieler im Vatikan Zögern. Dann lächelt er. »Auf seine Weise.«
Menschlich ist Benedikt größer geworden, als
und unter den palästinensischen Christen, die darin
zu viel Unterstützung für die derzeitige Regierung es Joseph Ratzinger war. Nach der PR-Katastrophe
in Jerusalem sahen. »Dieser Papst«, erklärt er nicht um den Holocaust-Leugner hat der Papst einen
ohne Pathos, »wird Israel nie im Stich lassen.«
offenen Brief geschrieben – um sich zu erklären und
Und doch hat ausgerechnet der Freund des zu entschuldigen. Der Text ist ein beispielloses DoJudentums auf dem Papstthron zuletzt so viele kument, kein Nachfolger Petri, auch der permanenJuden verärgert. Woher dieser Widerspruch zwi- te Tabubrecher Johannes Paul II. nicht, hat jemals
schen guter Absicht und oft verquerem Ergebnis, so weit das Visier geöffnet, so rückhaltlos den Blick
der so prägend für Benedikts Amtszeit ist? Man hinter die Kulissen zugelassen. Benedikt gibt die
muss dazu auch auf die weltliche, praktische Seite »Pannen« im Vatikan zu, er spricht von seiner Verdieses politisch-geistlichen Doppelgebildes namens letzung durch die »sprungbereite Feindseligkeit«,
Vatikan blicken. Wie regiert die Kurie, die zentra- mit der seine Gegner die Affäre zur Wiederbelebung
le Verwaltung der Weltkirche – und warum tut sie alter Ratzinger-Klischees genutzt haben. Der Brief
es offenbar so schlecht?
ist nicht ganz frei von An»Hier wird nicht geflügen damenhafter Gewählt, und hier wird nicht
kränktheit – aber insgesamt
abgewählt«, sagt ein Beein entwaffnendes Beispiel
obachter aus der weltvon Größe in der Selbstlichen Politik, »und hier
erniedrigung. Unvorstellwird nicht in Pension gebar, dass ein Politiker oder
gangen.« Die Folgen sind
Wirtschaftsführer sich so
überall spürbar: Das Prinverunsichert und nachzip Papst gilt gefühlt für
denklich zeigen würde.
alle – es herrscht eine Art
Womöglich ist der
Biotop auf Lebenszeit.
Brief auch ein Modell da»Wir kuscheln zusammen,
für, wie Benedikt XVI. die
und wir mauscheln zuSympathie des Publikums,
sammen«, erklärt ein Mitdes Kirchenvolks, der Welt
arbeiter. Verglichen mit
(zurück-)gewinnen kann.
den Zehntausenden von
Er wird seine unpopulären
Ministerialbeamten in eitheologischen Positionen
ner europäischen Hauptnicht revidieren; das müssstadt nehmen sich die
te ihm als Selbst- und
Strukturen des VatikanGlaubensverrat vorkomstaats ohnehin übersichtmen. Aber er kann sich
lich aus. Gerade mal 2000
schwach zeigen, Irrtümer
Mitarbeiter hat die Kurie.
eingestehen und korrigieViele kennen sich seit 20
ren, einen leisen, humanen
Jahren oder sind sich in
Ton anschlagen.
der Weltkirche andernorts
In den ersten Monaten
bereits einmal über den
nach Joseph Ratzingers
Weg gelaufen. Umso zenWahl zum Papst war imtraler ist die Figur des Karmer wieder überrascht von
dinalstaatssekretärs, eine
seiner »Menschwerdung«
Art Premierminister, der
die Rede. Aber Menschfür den Papst möglichst JERUSALEM, heilige Stadt der Juden,
werdung bedeutet mehr als
straff die Zügel führen Muslime und Christen – hier trifft der
die neu entdeckte Fähigsoll. Doch römische Be- Papst Vertreter der anderen Religionen
keit, Babys zu küssen; es
schreibungen für Kardinal
heißt auch, sich der WirkTarcisio Bertone, Benelichkeit intensiver, schmerzdikts Premier, variieren zwischen »jovial« und hafter auszusetzen, als es der wohlbehütete Muster»Kindskopf«. Und so warnt einer aus der obersten kleriker und feinsinnige Denker Joseph Ratzinger
Riege: »Es gibt eine Desintegration der Kurie.« gewohnt war. Die blütenweiße Soutane des Papstes
Hier nun verschränken sich offenbar drei Ursachen täuscht: Dies ist ein Amt der Mühen, Fehlschläge,
der Krise: ein Papst ohne politisches Gespür, die Überforderungen und Wunden. Am alten und
Schwäche seines gegenwärtigen Apparats und eine kranken Johannes Paul II. hat es jeder gesehen; Bedurchaus sympathische Abneigung des Amtsinha- nedikt XVI. muss es auf seine Weise erleben. Der
bers gegen Bürokratie. »Verwaltung, das mag er fehlbare Papst zu sein, darin steckt auch die Channicht, das ist nicht seine Welt«, erzählt ein Kardi- ce auf eine neue, andere, nicht mehr monarchennal, »ich verstehe das, mir liegt das auch nicht.«
hafte Autorität. So ganz aus der Luft gegriffen ist
Daher sind vor der Israel-Reise die Verhältnis- das Wort vom Karfreitag nicht.
se verkehrt: Die Gäste machen sich mehr Sorgen
Mittwoch, halb zwölf Uhr mittags vor dem Peum den Besuch als die Gastgeber. Wer wissen will, tersdom. Der Wind weht deutsche Worte des bayewie Israel den Deutschen auf dem Stuhl Petri emp- rischen Papstes über den Petersplatz, in dieser eifangen wird, bekommt bei Mordechai Lewy davon gentümlich hohen Stimme mit ihrer unverkennbar
einen guten Eindruck. Botschafter Israels beim landsmannschaftlichen Färbung: »Der auferstanHeiligen Stuhl ist er und verströmt in diesen Tagen dene Herr Jesus Christus macht uns zu Mitarbeitern
beste Laune. »Ein Papstbesuch ist ein Selbstläufer«, seines Heils. Der Herr segne Euch alle.«
Mag sein, dass die Generalaudienz ihren Ursagt er. Der Diplomat hat mit der Zusage der Reise durch den Papst sein wichtigstes Ziel bereits sprung hat in der quasifeudalen Pflicht zur Huldierreicht: Israels diplomatische Aufwertung in gung früherer Jahrhunderte. Heute hingegen wirkt
schwierigen Zeiten. In dem Augenblick, da durch sie viel eher wie eine Geste pastoraler Zuneigung
den Wechsel von Präsident Bush zu Obama die für die angereisten Gläubigen. Da steht unter freiem
Gefahr internationaler Isolation wächst, ist jeder Himmel ein zartgliedriger Mann von über 80 Jahhochrangige Besuch willkommen.
ren, der absoluter herrschen kann als jeder andere
Ein Problem gab es nur mit Pius XII., dem Staatschef in Europa außer Alexander Lukaschenko,
Papst, der zum Holocaust schwieg. Im Holo- und unterzieht sich doch einem Ritual von fast decaust-Museum der Gedenkstätte Jad Vaschem mokratischer Demut: Er stellt sich allwöchentlich
hängt eine Tafel, die den Papst der Kriegsjahre den Sehnsüchten seiner Gefolgschaft zur Verfügung.
als moralisch knieweichen Zuschauer der Scho- Die Pilger und Besucher, Tausende an der Zahl,
ah darstellt und gegen die der Vatikan vergeblich wollen ihn sehen, von ihm gesehen werden und mit
protestiert hat. Für die bevorstehende Reise wur- ihm Andacht halten. Er wendet sich dem Strom in
de ausgehandelt, dass Benedikt XVI. nur die ei- einer fast meditativen Litanei einzelner Willkomgentliche Gedenkstätte, nicht aber das an- mensgrüße in verschiedenen Sprachen zu. Und auch
geschlossene Museum besuchen wird. Damit das lässt sich erleben, mittwochmittags auf dem
wird ihm der Angriff auf seinen Vorgänger er- Petersplatz: wie wenig dieser 82-Jährige ein Politiker
spart, dem Museum die Entfernung der Tafel. ist, wie wenig er kalkulierend um die Zuneigung
So entschärfen Diplomaten Bomben.
von Menschen buhlt. Nachdem er geduldig sogar
Wer aber kann den Papst, diesen politischen Kleingruppen von 30 Gläubigen durch persönliche
Pilger durchs Heilige Land, vor Fehltritten bewah- Ansprache willkommen geheißen hat, überlässt er
ren? Eigentlich besteht der Beraterkreis des Papstes ausgerechnet die Begrüßung auf Italienisch einem
nur aus einer Person – ihm selbst, meint mit iro- anderen Geistlichen. Der Platz, der sicher zu zwei
nischem Lächeln John Allen, amerikanischer Autor Dritteln von Italienern beherrscht wird, bricht in
von zwei Büchern über Benedikt. Ein Mann frei- frenetischen Jubel aus. Benedikt XVI. schaut unter
lich könnte die heikle Aufgabe der dienenden Ob- dem luftigen weißen Baldachin von seinen Notizen
hut vielleicht übernehmen, der zweite Deutsche auf. Erfreut, aber eben auch etwas überrascht, lächelt
im apostolischen Palast, Benedikts Sekretär Gäns- er in die Sonne.
wein. Über dessen Einfluss wird viel spekuliert in
Rom, man kann seine Stellung aber auch ganz ein- i Der ewige Konflikt. Weitere Berichte und Kommentare
zu Nahost auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/nahost
fach fassen: Er teilt sich den Lift mit dem Papst.
Nr. 20 DIE ZEIT
D
as Verhalten der christlichen Kirchen gegenüber den Juden ist bis weit ins 20.
Jahrhundert hinein so schrecklich mit
Schuld beladen, dass man eigentlich immer noch
davor zurückscheuen müsste, von einer wirklichen
Beziehung zwischen Juden und Christen zu reden.
Was immer von beiden Kirchen nach dem Holocaust an Selbstkorrekturen formuliert wurde, kann
diese Geschichte nicht bannen.
Wie prekär diese »Beziehungen« bleiben werden, wird besonders deutlich an der Frage der
»Judenmission«: Dürfen Christen vor Juden für
ihren Glauben werben? Das Zentralkomitee der
deutschen Katholiken hat gerade ein Papier veröffentlicht, das der Judenmission eine besonders
kategorische Absage erteilt – und ist damit auf
Widerspruch bei einer Reihe von Bischöfen gestoßen. Dass das Thema der Geschichte wegen
gegenwärtig nicht auf der Tagesordnung stehen
kann, schafft das Problem nicht prinzipiell aus
der Welt. Wenn über Kardinal Walter Kasper
vermeldet wird, er bekräftige die »Absage an Judenmission«, so muss man genauer lesen, denn
er sagte: »Es kann keine Judenmission geben, so
wie es eine Heidenmission gibt.« In der Tat: Das
Glaubensgespräch von Christen mit Juden muss
immer etwas anderes sein als jenes mit allen anderen Zeitgenossen. Denn die ersten Christen
sind aus dem Judentum hervorgegangen und
wollten als Juden Jünger des Juden Jesus von Nazareth sein. Ein Christentum, das seine jüdischen
Glaubenswurzeln kappen oder gar den Bund
Jahwes mit seinem Volk aufkündigen wollte,
wäre ein Ding der Unmöglichkeit.
Um diesen Sachverhalt zuzuspitzen: Die erste
christliche Mission war ausschließlich Judenmission, denn Petrus predigte den Juden. Und der
erste große urchristliche Streit unter den Protagonisten Petrus und Paulus handelte nicht von der
Frage, ob die Apostel unter Juden missionieren
dürften, sondern im Gegenteil davon, ob die
Botschaft Jesu überhaupt an Nichtjuden weitergegeben werden dürfe. (Paulus hatte sich damals
als Heidenmissionar durchgesetzt.)
In diesem Missionsstreit wurde allerdings
schon eine bis heute bleibende Asymmetrie
deutlich. Die Juden sind gewissermaßen Petrus
treu geblieben: Sie kennen aufs Ganze gesehen
bis auf den heutigen Tag keine Mission außer-
S.5
SCHWARZ
Die
älteren
Brüder
Nach dem Holocaust kann es normale
Beziehungen zwischen Juden und
Christen kaum geben – und schon gar
keine »Mission« VON ROBERT LEICHT
halb des Judentums. Jude kann im Prinzip nur
sein, wer von einer jüdischen Mutter geboren
wurde. Das Judentum kennt also keinen (erst
im 19. Jahrhundert so genannten) »Missionsbefehl«, und deshalb kennt es jenseits des eigenen Volkes auch keinen Religionsimperialismus
und keine Verfolgung Andersgläubiger in seiner Geschichte.
Die zweite Besonderheit im Verhältnis zwischen Juden und Christen liegt in dem bleibenden Widerspruch zwischen ursprunghafter Identität (theologisch dokumentiert in den gemeinsamen Schriften des sogenannten Alten Testaments und personell vermittelt in der ersten Urgemeinde, die nach und nach aus der Synagoge
hinausgedrängt wurde) auf der einen Seite – und
der geschichtlich gewordenen Spaltung über der
Frage, ob Jesus von Nazareth spätestens »nach
Ostern« als der verheißene Messias zu betrachten
ist. Jesus wollte in seinem endzeitlichen Bewusstsein eher der ultimative fromme Jude und nicht
etwa der erste Christ sein, wurde aber gerade dies
im Glauben seiner Jünger aufgrund seiner radikalisierten jüdischen Frömmigkeit.
Zwar kennt das Judentum keine Mission,
gleichwohl aber scharfe theologische Auseinandersetzungen im eigenen Hause, zum Beispiel
mit den ersten Jüngern Jesu. Selbst der spätere
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5
Apostel Paulus (damals noch: Saulus) gehörte zunächst zu deren Verfolgern. Wenn also Paulus in
seinem Römerbrief gegen die hergebrachte jüdische Frömmigkeit und die »Verstocktheit« der
Juden gegenüber dem Evangelium polemisiert,
muss man immer zuvor die Verse 3 bis 5 des 9.
Kapitels lesen: »Ich selber wünschte, verflucht
und von Christus getrennt zu sein für meine
Brüder, die meine Stammverwandten sind nach
dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund
und das Gesetz und der Gottesdienst und die
Verheißungen, denen auch die Väter gehören,
und aus denen Christus herkommt nach dem
Fleisch …«
Paulus führt also seine theologische Polemik
ausdrücklich vor dem Hintergrund seines emphatischen Bekenntnisses zum Judentum und
zu seinem religiösen Erbe. Das Neue Testament
beurkundet ein Auseinandertreten zweier religiöser Strömungen an der Messiasfrage, ist aber
selber weder antijudaistisch noch gar antisemitisch. Das Problem des von Paulus missionierten Heidenchristentums besteht freilich vom
Anfang an darin, dass es über die Juden nicht
mehr so sprechen konnte wie Paulus, und die
Aneignung der paulinischen Worte war deshalb
bald mit der Hypothek eines Tonfallschwindels
belegt. In Rom sah man das lange Zeit gelassener und – undifferenzierter: Solange die Juden
noch vom Kaiserkult dispensiert waren, waren
es die ersten Christen auch, als eine, wie man
meinte, jüdische Sekte.
Was heißt dies nun heute für die sogenannte
Judenmission – abgesehen davon, dass es ja messianische Juden durchaus gibt, die von Christen
nicht ignoriert werden können? Bei aller Rücksichtnahme auf die Geschichte, bei aller Selbstkritik an der Überwältigungsmission überhaupt
– weder ein Nichtgespräch noch ein bekenntnisloser »Dialog« können der unvergleichlichen
christlich-jüdischen Paradoxie zwischen bleibender ursprünglicher Identität und historisch gewordener Differenz gerecht werden. Gläubige
Juden und Christen können unter dem einen
Gott nur getrennt miteinander reden, unverkürzt
authentisch: zwar ohne Proselytengier, ohne den
Versuch einer oberflächlichen Bekehrung – aber
eben auch ohne Konversionsverbot.
Nr. 20
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POLITIK
Fotos: N. Kadirhan/AFP/Getty Images (l.); I. Usta/AP (r.); P.O.A./S.J.; AP (u.l.)
6
SCHWARZ
S. 6
DIE ZEIT
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Der Säulenheilige
Ankara
TÜRKEI
TÜRKEI
Die CSU besinnt sich wieder ganz auf Franz Josef Strauß. Aber was
könnten seine Epigonen heute noch von ihm lernen? VON GUNTER HOFMANN
Diyarbakır
Südostanatolien
Bilge
D
Mardin
ZEIT-Grafik
Massaker
im Namen
der Ehre
Die Türkei steht nach dem Blutbad
auf einer Verlobungsfeier unter
Schock VON MICHAEL THUMANN
RETTUNGSWAGEN in
der Tatnacht.
Angehörige der
Opfer warten vor
dem Hospital.
Soldaten bewachen den
Zugang zum Dorf Bilge
(Fotos im Uhrzeigersinn)
SY R I E N
40 km
Istanbul
ie Umgebung von Mardin lockt mit
sanftgrünen Hügeln und Obstbäumen. Dahinter beginnen die Abgründe. Das Massaker von Bilge bei Mardin in der Nacht auf Dienstag erinnerte in seiner
Brutalität an die vielen Kriege, die diese Gegend
in den vergangenen hundert Jahren gesehen hat.
Gegen Armenier und arabische Christen, gegen
Türken, zuletzt gegen Kurden in den neunziger
Jahren. Jetzt haben maskierte Mörder eine ganze
Familie ausgelöscht – samt Kindern, Enkeln, Neffen, Nichten. Im Visier war die Zukunft des Celebi-Clans. Die Täter hatten sich eine Verlobungsfeier für die Vernichtung der Sippe ausgesucht.
Die ganze Türkei und mit ihr Europa ist schockiert über das Verbrechen in Südostanatolien.
Während in Bilge Schaufelbagger die Gräber für
44 Tote aushoben, trat in Ankara die türkische
Regierung vor die Mikrofone. »Kein Terrorakt«,
sagte der Innenminister. Er verzichtete auf die
sonst übliche reflexartige Beschuldigung der kurdischen Guerillaorganisation PKK. Der Premierminister setzte nach: »Keine Tradition kann diese
Bluttat rechtfertigen.« Tayyip Erdoğan verwarf
die klassische Ausrede vom uralten Brauchtum
im unterentwickelten Osten. Das ist schon mal
gut so. Doch reicht es aus für eine aufrichtige
Debatte über die Ursachen dieses Massakers? Am
Dienstagabend war noch vieles unklar über den
genauen Hergang der Tat. Aber das Umfeld des
Verbrechens zeichnet sich schon ab. Kein Zufall,
dass es im Südosten der Türkei passierte.
Jahrhundertealte Traditionen sind keine
Rechtfertigung, aber eben eine unleugbare Realität in dieser Gegend. Nichts steht höher als die
Familienehre, nichts ist dringlicher als Sühne
mit allen Mitteln, sollte jemand diese Ehre beschmutzt haben. Die Celebis waren eine große,
stolze kurdische Sippe, hört man aus Mardin.
Nicht alle Angehörigen seien mit der Wahl des
Bräutigams für eine Tochter der Familie einverstanden gewesen. Was immer der Auslöser war:
Bei solchen Fehden sind die Befürworter von
Ausgleich und Nachsicht in der Minderheit.
Die Vendetta gilt als das beste Mittel, das Gesicht zu wahren, auch wenn es einen das Leben
kostet.
D
Nr. 20 DIE ZEIT
Blutrache ist nichts speziell Kurdisches oder
Türkisches. Sie ist weder an islamische Tradition
gebunden noch an diese Region. In den kaukasischen Staaten ist die Vendetta an der Tagesordnung, in Albanien ebenso, Fälle von Blutrache
kommen in China und auf Korsika vor, zunehmend im Jemen und immer noch in Süditalien.
Die Türkei ist also nicht allein mit diesem Problem. Deshalb fällt es türkischen Politikern
leichter, darüber zu sprechen. Weniger gern reden sie über eine zweite Besonderheit in Südostanatolien. Diese hat mit dem Krieg gegen die
PKK zu tun und der Art, wie der türkische Staat
Kurden gegen Kurden ausspielt.
Bilge bei Mardin ist ein sogenanntes mobilisiertes Dorf und steht unter der Kontrolle von
»Dorfschützern«. Das sind Kurden, denen die
türkische Armee vor Jahren ein »Angebot« gemacht hatte, das sie nicht ablehnen konnten:
Entweder ihre Häuser und Höfe gehen in Flammen auf, oder sie kämpfen auf türkischer Seite
gegen die PKK. Manche Clans erklärten sich sogar freiwillig bereit, als Dorfschützer zu arbeiten,
vor allem solche, die mit der PKK in Fehde lagen. Der türkische Staat zahlt ihnen seither ein
regelmäßiges Gehalt und Sozialleistungen. Eine
Rarität im armen kurdisch besiedelten Südosten.
Seit der Einführung 1985 ist die Armee der
Dorfschützer heute auf 70 000 angewachsen.
In der Umgebung von Mardin und anderen
Städten zieht diese Miliz breitbeinig über die
Straßen, im Kampfanzug, das Gewehr stets entsichert. Hunderttausende moderner Waffen hat
der Staat ihnen gegeben, damit sie ihre Dörfer
»schützen«. Die türkische Armee hält sich heraus. So sind rechtsfreie Räume entstanden.
Schon 1995 stellte das türkische Parlament fest,
dass Dorfschützer Häuser abbrennen, dass sie
foltern, vergewaltigen, morden und mit Drogen
handeln. Geändert hat sich trotzdem nichts.
Menschenrechtsorganisationen und die UN
identifizieren die Dorfschützer als einen Hauptgrund für die Gewalt im Südosten der Türkei.
Ob die Mörder von Bilge Dorfschützer waren, war bei Redaktionsschluss noch unklar.
Doch ist Bilge unzweifelhaft ein Dorf, in dem
diese Miliz ihre Prinzipien durchsetzt. Diese
Ordnung hat 44 Menschen das Leben gekostet.
S.6
SCHWARZ
agegen sind die Latexhandschuhe der schaft« liege einsam bei ihm – und damit bei einer demütig-gehorsamen Christlich-Sozialen
Gabriele Pauli nichts!
Mit Franz Josef Strauß im Kopf Union.
Dann sein Umgang mit den Parteifreunden
als heimlichem Modell will Horst
Seehofer demnächst die Europawahl gewin- in Bonn, namentlich mit Helmut Kohl: Nie
nen. Die bronzene FJS-Büste, von seinem Vor- wusste man, ob Strauß die Eigenständigkeit seigänger Beckstein verbannt, steht wieder im ner Partei nur instrumentalisierte, um die UnBüro des bayerischen Ministerpräsidenten. fähigkeit des Pfälzers zu beweisen, oder ob er
Und auch auf dem Parteitag der CSU an die- vorexerzieren wollte, wie eine wirklich harte Opsem Samstag wird Seehofer den Mythos aus- position auszusehen hätte. Mit seiner Sontgiebig beschwören – so viel Strauß wie derzeit hofener Geheimrede 1974 wollte er die Anhänwar in der CSU lange nicht. Und dann das: ger einschwören auf eine Art Verelendungskurs:
Da wagt es seine Sozialministerin, Christine Es muss alles noch schlimmer kommen, damit
Haderthauer, öffentlich herzufallen über den wir gerufen werden! Der Zweck heiligt die Mit»Unersetzlichen«, wie Strauß bei seiner Beiset- tel. Solchem Geist entsprang auch der Kreuther
zung vor 21 Jahren von so vielen genannt wor- Trennungsbeschluss im Jahr 1976, der darauf
den ist. Superinteressant, imponierend und zielte, CDU und CSU zu separieren, um auf der
faszinierend sei er gewesen, hat sie dem Regio- Rechten leichter Stimmen sammeln zu können.
nalsender Radio IN gestanden, als »Vorbild- Das war der Gipfel seiner Dekonstruktionspolitiker« aber empfinde sie ihn nicht. Viele kunst.
Dinge gebe es da, die nicht unbedingt zur
Nachahmung zu empfehlen seien. Als Vorbil- Strauß bediente die Sehnsucht nach
der übrigens nannte sie kess den ersten Kanz- Machtwillen und Größe
ler Konrad Adenauer, den Bundespräsidenten
Richard von Weizsäcker und die FDP-Politi- Im versöhnlichen Rückblick, er hatte ja schließkerin Hildegard Hamm-Brücher, »die fand ich lich nur sehr begrenzten Erfolg, könnte man
immer stark«.
argumentieren, dennoch sei Strauß zur Chiffre
Die CSU scheint es anders zu sehen. Aber für Positiveres geworden: für eine verdeckte
Strauß als Vorbild? In welche Welt träumt sie deutsche Sehnsucht nach Größe und authentisich damit zurück? Zunächst einmal: Wer nicht schem Machtwillen, nach einer Art archaiunbedingt Strauß-gläubig ist, dem erscheint schem Politikertypus, der sich über unsere
heute dieser »Titan«, wie auch die ZEIT res- Korrektheitsskrupel und Zögerlichkeiten mit
pektvoll zum Abschied schrieb, sehr weit weg. klaren Worten und Entscheidungen hinwegUntergegangen ist die Welt, in der er seine spe- setzt. Helmut Schmidt hat, auf vielfach gefilzifische Methode ausreizte, ein gutes Jahr nach terte und demokratische Weise, auch etwas von
seinem Tod im Oktober 1988. Strauß zehrte diesen Hoffnungen eingelöst. Aber nie hatte
vom Gegensätzlichen, er brauchte Schwarz »Macht« sich bei ihm derart verselbstständigt,
und Weiß, Freiheit oder Sozialismus – spätes- nie schimmerte in der Art, wie er »geistige
tens am 9. November 1989 ging das zu Ende.
Führung« und »politische Führung« mixte, der
Sehr weit weg erscheint aber auch sein Ver- reine Machtzynismus und -opportunismus
ständnis von Politik als Machtpolitik pur, der durch. Auch nicht beim »machtbesessenen,
alles untergeordnet wird. Wehner, Brandt, machtvergessenen« Kohl!
Schmidt, Kohl, Schröder, alle waren sie auch
Strauß’ Affären waren nur die andere Seite
Machtpolitiker, und zu Angela Merkels be- derselben Medaille. Er nahm sich sein Recht.
sonderer Kunst gehört evident – Machtsinn. »HS-30-Affäre«, »Onkel-Aloys-Affäre«, »FibagBei Strauß aber handelte es
Affäre«, »Starfighter-Affäre« –
sich um einen spezifischen
immer ging es um GeldgeschäfFall. Er war in allem extrem,
te, die Freunde und Vertraute
auch in seinen Widersprüaus dem Umfeld des Verteidichen. Kalter Krieger beispielsgungsministers Strauß beim
weise war er in seiner RhetoAufbau der Bundeswehr machrik, aber als es drauf ankam,
ten. Bereichert euch! An diese
fädelte er einen MilliardenZeiten knüpfte nahtlos die »Airkredit für SED-Chef Erich
bus-Affäre« (1985 bis 1988) an:
Honecker ein.
Die Luftfahrtindustrie war nicht
Bewundernswert pragmanur Herzenssache aus standorttisch? Falsch. Das war er zwar
politischen Gründen für ihn,
auch, aber stark und einzig
nach Meinung der Augsburger
war Strauß als destruktiver
Staatsanwaltschaft ging wenige
Charakter. Adenauer über ihn:
Tage nach seinem Tod eine erste
Er habe »kein Maß«. KalkuProvisions-Tranche für den Verlierbar allerdings war Strauß
kauf von 34 Maschinen beim
in einer Hinsicht: Immer
Schweizer Bankverein ein, für
wenn es um Macht ging – mal
einen Empfänger namens »Masfür seine CSU, für Bayern, für
ter«. Master stehe für Strauß,
die Unionsparteien gemein- FJS IN BRONZE. Auch
hat der Lobbyist Karlheinz
sam in der Opposition oder in Horst Seehofers Büro
Schreiber ausgesagt. Wie sehr
speziell für ihn, man wusste steht wieder eine Büste
Strauß Geld und Politik mitdas nie so genau –, dann hat des früheren CSU-Chefs
einander verquickte, auch mit
er ziemlich bedingungslos gewelcher ungenierten Direktheit,
kämpft. Man muss auch die Spiegel-Affäre im das wurde im Jahr 1996 noch einmal publik, als
Jahr 1962 als Produkt eines langen Macht- nämlich per Zufall eine Sammlerin beim Diakampfes verstehen. Der gerade gewählte CSU- konischen Werk in Siegburg als Trödelware elf
Chef und damalige Verteidigungsminister Aktenordner über Strauß als Parteispendenvermasselte sich im Krieg gegen das Nachrich- sammler entdeckte.
tenmagazin, das unter dem Titel Bedingt abAtemberaubend! Jahrzehntelang zahlten
wehrbereit schonungslos über die Lage der Firmen, zumal aus Bayern, offenbar oft direkt
Bundeswehr referiert hatte, vor allem aber mit hohe monatliche Summen an ihn, über die
seinen Lügen gegenüber dem Parlament selbst Verwendung der Millionenspenden auf Sonseine Chance, Adenauer-Nachfolger zu wer- derkonten wusste ohnehin niemand so recht
den. Obwohl: Ungewollt trug der Bayer damit Bescheid. Auch Freunde attestierten ihm, es sei
zur Liberalisierung der Bundesrepublik bei. ihm wohl nicht zuletzt um Geld für die eigene
Die Republik wurde abwehrbereit, sie lernte Familienkasse gegangen. Schon zu Lebzeiten
mit Strauß gegen Strauß. Der Bayer redete hatte Strauß natürlich ein Schweigegebot verwild, der erste Gewehrschuss am Eisernen hängt über all seine Sonderkassen und das FiVorhang müsse den Dritten Weltkrieg aus- nanzgebaren: Omertà! Wehe dem, der spricht!
lösen, wünschte die »deutsche Atombombe« Nachahmenswert?
herbei, denunzierte die Opposition als Vorhut
Oder ist vorbildlich seine legendäre »Intedes Kremls, Schriftsteller brandmarkte er als grationskunst« nach rechts außen? Rechts von
»Ratten und Schmeißfliegen« – ja, er pro- ihm sollte kein Platz sein für andere Parteien.
vozierte politische Diskussionen, aber oft Die Mittel jedoch, die er dazu nutzte, würden
spielte er dabei mit dem Feuer. Und fast im- heute kaum greifen. Peinlich würden seine
mer geschah es auf eine Weise, die man, mit Lieblingsplädoyers wirken, aus dem »Schatten
Christine Haderthauer gesprochen, besser der Geschichte« herauszutreten und das Haupt
nicht nachmachen sollte. Strauß’ Denkwelt nicht länger mit Asche zu bestreuen. Die Rewirkt vorgestrig – und das Egomanen-Fach, publik hat dazugelernt. Vorbei sind die Zeiten,
die Macht-pur-Rolle, wird inzwischen eher in denen das »rechte Lager« zusammengehalvon Populisten und modernen Spielern wie ten werden konnte mit der plumpen Drohung
Berlusconi besetzt.
vor einer Machtergreifung von links.
Christine Haderthauer hat recht, Horst
Seehofer nimmt sich den Falschen zum VorOb Sonthofen oder Kreuth – der
bild. »Viele Dinge« kommen in den Sinn, die
Zweck heiligte stets die Mittel
wahrlich nicht nachahmenswert sind. Außer
An Macht lag ihm viel, sein spezifisches Pro- vielleicht: Hinreichend selbstreflexiv wäre er
blem aber war, dass Macht auch demokratisch wohl, um zu durchschauen, worin er sich überlegitimiert sein musste. Und kontrolliert von lebt hat. Er taugt nicht zum Zombie. Sicher,
Medien! Zu überlegen fühlte er sich ja vielen geschmeichelt würde Franz Josef Strauß sich
anderen, die er als »Pygmäen« verhöhnte. immer noch fühlen, wenn er mitbekäme, dass
Schwer begreiflich, wie sich ganze Parteitage zu er Modell steht als Säulenheiliger einer Partei,
reinen Ergebenheitskundgebungen umwandeln die verzweifelt ihr Alleinstellungsmerkmal
ließen: Politik als Epiphanie. Aber das war der sucht. Aber zugleich würde der Mann mit dem
Dank, weil er die Stammtische beherrschte, dis- Klarblick, den er ja hatte, über die Epigonen,
kursfähig auf vielen Ebenen war und rigoros die ihn immer noch auf den Sockel stellen,
den Eindruck erweckte, die »Meinungsführer- insgeheim herzlich lachen.
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Nr. 20
SCHWARZ
S. 7
DIE ZEIT
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POLITIK
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
7
Mit Guido
mobil
W
as die Grünen im Herbst 2005
erlebten, war vielleicht eine Art
Euphorie des Machtverlustes.
Die rot-grüne Regierung war zu
Ende, aber auch die Zeit der Zumutungen,
als die sich die Jahre mit Schröder, Schily und
Clement für die Grünen oft erwiesen hatten.
Am Schluss hatte der Kanzler, ohne seinen
Koalitionspartner auch nur zu fragen, das Ende
des Bündnisses herbeigeführt, autokratisch,
wie die Grünen es von den Genossen gewohnt
waren. Schon der Stolz gebot es da, sich künftig auch nach anderen Möglichkeiten umzusehen.
Gleich nach der Wahl hatte sich die grüne Führung mit Angela Merkel und Edmund
Stoiber getroffen. Es war klar, dass es den
fliegenden Wechsel ins andere Lager nicht
geben würde. Und doch schien Musik in der
Sache: Die bloße Ahnung, dass es für die
Grünen eine Perspektive jenseits der SPD
geben könnte, beflügelte die Partei. Auf sich
selbst und die Oppositionsrolle zurückgeworfen, schwelgte sie eine Weile in der
Vorstellung, es führten ganz unterschiedliche
Wege zurück an die Macht.
Selbst »Jamaika« schien damals nicht nur
ein schillerndes Emblem. Die Kombination
aus Schwarz, Gelb und Grün stand als diskussionswürdige Variante neben der Ampel
aus SPD, FDP und Grünen. Und es war
Joschka Fischer, der die Partei in ihrer neuen
Offenheit bestärkte. Bei seinem Abschied
unkte er von den Dreierkonstellationen, auf
die sich die Grünen einstellen müssten, wenn
sie zurück an die Macht gelangen wollten. Er
ließ offen, welche der denkbaren Kombinationen er dabei im Auge hatte.
Keine vier Jahre ist das her. Eine Legislaturperiode haben die Grünen in der Opposition zugebracht. »Ihre« Themen Klimaschutz, Energieeffizienz, erneuerbare Energien haben seither einen beispiellosen
kommunikativen Boom erlebt. Anders als vor vier Jahren sind die
grünen Herzensthemen heute
Teil des Mainstreams. Und
selbst wenn es nicht alle damit so ernst meinen wie
die Grünen: Allein die veränderte Debattenlage
müsste die Anschlussfähigkeit der Partei und ihre
lagerübergreifenden Perspektiven deutlich gestärkt
haben. Doch das Gegenteil ist der Fall. Zu Beginn
des Bundestagswahlkampfes ist von der Palette unterschiedlicher Bündnisse nichts geblieben. Der
Anspruch der Grünen, ihren »Inhalten zur Macht
zu verhelfen«, wie es in ihrem Wahlaufruf heißt,
ist ungebrochen. Nur auf die Frage, wie das gelingen könnte, hat sich die Partei inzwischen in eine
skurrile Rat- und Sprachlosigkeit manövriert.
Längst gilt der Ökopartei Rot-Grün wieder als
die schönste Koalitionsform. Nur ist der Klassiker
heute so weit von jeder Mehrheitsfähigkeit entfernt, dass man damit kaum ernsthaft vor die
Wähler treten kann. Die schwarz-grüne Perspektive hingegen scheitert allein schon daran, dass die
Union immer die FDP als Partner vorziehen wird.
So lässt sich der innergrüne Stimmungswandel am
Schicksal der Jamaika-Option ablesen. »Wir stehen als Mehrheitsbeschaffer für Schwarz-Gelb
nicht zur Verfügung«, heißt es dazu im Wahlaufruf des Parteivorstandes, den der Parteitag am Wochenende verabschieden soll. Jamaika ist tabu. Die
rot-grün-gelbe Ampel und ein rot-rot-grünes
Linksbündnis bleiben unerwähnt: Man will sie
nicht ausschließen, man will sie nicht ansprechen.
Es gibt keinen Umstand, der das grüne Dilemma zu Beginn des Wahlkampfes klarer beleuchtet.
Die Spitzenkandidaten haben versucht, diesem Problem zu entgehen.
In dem Gefühl, die Partei brauche eine Machtperspektive,
um ihren inhaltlichen
Anliegen Nachdruck
zu verleihen, wollten Renate Künast und
Jürgen
Nr. 20 DIE ZEIT
Trittin die Ampel zumindest als »die wahrscheinlichste« Regierungskonstellation benennen. Doch
damit brachten sie die Parteibasis auf die Palme.
Kaum hatte sich das Duo zum ersten Mal hervorgewagt, musste es klein beigeben.
Schon immer galt den Grünen die FDP als antipodische Partei. Je inhaltlicher – auch moralischer
– die Grünen sich selbst sahen, desto heftiger geriet ihre Verachtung für die FDP, die ihnen als Inkarnation von Beliebigkeit und Machtopportunismus erschien. Die Finanzkrise hat die alte Aversion
noch einmal verstärkt. Je steiler die Umfragekurve
der FDP verläuft, desto lauter brandmarken die
Grünen die Liberalen als geistige Urväter der Krise. Doch zugleich wollen sie – vielleicht – mit ihnen regieren.
Es ist ein merkwürdiger Kreislauf aus Abwehr
und Fixierung, in den sich die Partei da hineinmanövriert. Je mehr sie zum Machtgewinn auf die
FDP angewiesen ist, umso offener zeigt sie ihre
Herablassung gegenüber dem potenziellen Partner.
Darin sind sich Spitze wie Basis einig. Doch weil es
so schwer ist, Verachtung und mögliche Kooperation unter einen Hut zu bringen, hat die Basis
der Spitze verboten, weiter darüber zu reden. Die
Grünen haben jetzt eine Koalitionsperspektive, die
ihnen so hässlich erscheint, dass sie sich dafür
schämen. Dass aus solch einer Konstellation im
Herbst eine Regierung hervorgehen wird, die
die Republik durch die wirtschaftlich schwierigste Phase ihrer Geschichte führen soll,
klingt ziemlich unwahrscheinlich.
Zu den Fehlern der grünen Spitze gehört nicht, dass sie die Regierungsvariante mit den Liberalen ansprechen wollte. Nur den opportunistischen Zug, mit
dem sie es tat,
muss sie sich
vorwer-
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SCHWARZ
fen. Keiner hat versucht, ein solches Bündnis wirklich auszuloten. Statt bei jeder Gelegenheit mit
Häme festzustellen, dass Guido Westerwelle gar
nichts anderes übrig bleibe, als sich am Ende in
eine Ampel zu retten, hätte es den Grünen gut angestanden, ernstlich zu überlegen, wo sich Potenziale finden, die man vielleicht gemeinsam realisieren könnte. Statt zu überlegen, ob gerade diese
drei Parteien in der Krise eine Politik entwickeln
könnten, die Kapital, Arbeit und Umwelt gerecht
zu werden versucht, haben sich die Ampelfreunde
bei den Grünen so verhalten, wie sie es der FDP
immer unterstellen: nicht an Inhalten, sondern
nur an Macht interessiert. Der Macht sind sie damit nicht näher gekommen.
Aber müssen die Grünen überhaupt regieren?
Wenn es im Herbst nicht klappen sollte, »dann gestalten wir die Politik aus der Opposition heraus«,
heißt es im Wahlaufruf. Doch nach den vergangenen vier Oppositionsjahren – gegen eine Große
Koalition, eingeklemmt zwischen FDP und Linken – klingt dieses Versprechen seltsam dünn.
Zwar sind die Grünen heute stolz darauf, dass sie
an die alte Verbindung zu den sozialen Bewegungen wieder anknüpfen konnten, die in den Regierungsjahren abgerissen war. Und doch ahnen sie,
dass auch der Rekurs auf die Basis kaum reichen
wird. Allein schon im Interesse einer entschiedeneren Klimapolitik, die die Grünen für so essenziell
halten, müssen sie zurück an die Macht.
Dafür sind sie derzeit nicht aufgestellt. Nur Experten für grüne Binnenkultur können heute noch
den innerparteilichen Sinn und Zweck einer Führungsstruktur erkennen, in der die Beteiligten ihre
Impulse und Ambitionen voreinander verstecken
und am liebsten gegenseitig neutralisieren. Zwei
Spitzenkandidaten und zwei Parteivorsitzende sorgen dafür, dass sich die Grünen hauptsächlich in
internen Kleinkriegen verheddern, deren Bedeutung sich außerhalb niemandem erschließt. Vielleicht würde man den Grünen ihre Marotten auch
künftig nachsehen. Aber Animositäten, Indifferenz
und Unernst an der Spitze passen immer weniger
zum existenziellen Nachdruck, mit dem
die Partei die Weltlage thematisiert. Je
drängender die Probleme der Klimaund der Finanzkrise werden, zu deren
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Bearbeitung sich die Grünen berufen fühlen, desto
bizarrer wirken ihre internen Eskapaden. Das »grüne Lager« wächst weltweit, propagiert die Partei in
ihrem Wahlaufruf. Nur in ihrer eigenen Entwicklung können die Grünen da nicht mithalten.
Nun aber kommt eine neue Machtoption ins
Spiel: Rot-Rot-Grün. Vor vier Jahren war das noch
der Wunsch einiger radikaler Außenseiter. Doch
der Trend nach links, dem die Grünen seither gefolgt sind, hat den Blick verändert. Sosehr Jamaika
heute jenseits ihrer Vorstellung liegt, so sehr
scheint das Linksbündnis realistischer geworden.
Freilich gilt auch hier: Die Grünen wollen nicht
die Trendsetter sein. Schon früh hat Jürgen Trittin
einmal anklingen lassen, dass die programmatischen Schnittmengen zwischen SPD, Grünen und
Linken am größten seien. Zugleich verweist er
heute noch auf die kaum beherrschbare Heterogenität der Linkspartei und die Ablehnung der SPD
gegenüber einer solchen Kooperation. Auch das
ist für die Grünen bequem. So kann die Führung
diese Frage in der Schwebe lassen – bis der Trend
sich Bahn bricht. In NRW, wo der Aufstand gegen
die Ampel am heftigsten losbrach, geht die Tendenz auf Landesebene in diese Richtung. Das
Tabu bröckelt.
In einem Alternativentwurf für den Wahlaufruf, der vor dem Parteitag kursiert, heißt es jetzt
auch für die Bundesebene: »Wir würden uns dem
Versuch, mit SPD und Linkspartei gemeinsam ein
Regierungsbündnis auszuhandeln, nicht verweigern.« Dazu erklärt Parteichef Özdemir, es werde
auf dem Parteitag in Berlin »vielleicht Akzentverschiebungen, aber keine Richtungsänderung« geben. Vorerst mag das stimmen. Aber der Trend bei
den Grünen geht nach links. Die Idee, sie müssten
ihre politischen Anliegen so ernst nehmen, dass sie
sie selbst über Lagergrenzen hinweg voranzubringen suchen, verkümmert.
Als Verlust empfinden die Grünen das nicht.
Die Umfragenwerte sind passabel. Die zurückliegenden Wahlergebnisse auch. Mit etwas Glück
und auf der Welle des weltweiten Booms »ihrer«
Themen können sie im Herbst sogar ein anständiges Ergebnis einfahren. Und doch hat man den
Eindruck, die Partei bleibe weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Illustration: Jochen Schievink für DIE ZEIT/www.jochenworld.de
Regieren – aber mit wem? Erst mit der FDP als Partner
könnten die Grünen an die Macht kommen.
Doch noch lieber sind ihnen die Liberalen als Feinde VON MATTHIAS GEIS
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DIE ZEIT
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POLITIK
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Politik als
Porno
Für Berlusconis Zukunft ist
Veronica Lario wichtiger als die linke
Opposition VON BIRGIT SCHÖNAU
Rom
eulich in der Wüste: Der Italiener Silvio
Berlusconi und der Libyer Muammar
al-Gadhafi schauen sich Familienfotos
an. Es sind Bilder von Berlusconis Ehefrau Veronica mit ihrem kleinen Enkel auf dem
Arm. Eine junge, schöne, selbstverständlich faltenlose Großmutter von knapp über 50 Jahren, sie
trägt ihre Löwenmähne offen zum Blümchenkleid.
Berlusconi präsentiert sie Gadhafi mit kaum verhohlenem Stolz – wie ein Großvater, der zum anderen sagt: »Sehen Sie, das ist meine Familie.« Die
Fotos, die Gadhafi höflich-interessiert betrachtet,
sind allerdings nicht in einem Album angeordnet.
Die perfekt ausgeleuchteten und retuschierten Bilder fanden sich in der Klatschpostille Chi, einer
Illustrierten aus einem Verlag Berlusconis. Vor
Gadhafi haben sie im August 2008 Tausende von
italienischen Lesern gesehen. Und dieselbe Botschaft
empfangen wie der libysche Staatschef: Die Erste
Familie ist intakt. Es geht ihr bestens. Ein Spiegelbild Italiens.
In der Inszenierung des Silvio Berlusconi spielte
seine Familie stets eine wichtige Rolle – als Bürge für
seine politische Solidität. Jenseits der Machosprüche
blieb Berlusconi ein Patriarch mit fünf Kindern und
vier Enkeln, der für Italien, so die Botschaft, ebenso
treu sorgen könne wie für seine eigene Familie. Während er in Rom Politik machte und den Gockel gab,
hütete Veronica in ihrem Visconti-Schloss vor den
Toren Mailands die Kinder und den Bio-Gemüsegarten. Dass sie zu Staatsempfängen nie mitkam, ihn
aber von zu Hause aus manchmal öffentlich rüffelte,
störte die Idylle nicht, im Gegenteil: Berlusconi konnte sich als italienischer Klischee-Ehemann gerieren,
der neben den Mächtigen der Welt auch noch die
eigene Ehefrau bei Laune halten muss. Ein medienwirksamer Kniefall ab und zu, und die Show ging
weiter. Dass Veronica jetzt türenknallend die Bühne
verlassen will, kann für Berlusconi verheerende politische Folgen haben. Nicht nur über seine Ehe senkt
sich der Vorhang. Auch der Familienvater erweist sich
N
als Kulissenfigur, eine einfache, durchsichtige Requisite. Mag er auch draußen tönen, er sei populärer als
Obama – zu Hause mögen sie ihn nicht mehr.
Veronica Berlusconi hat die Scheidung eingereicht.
Sie verkündete das über sorgfältig ausgewählte Medien, die nicht dem Ehemann gehören. Berlusconis
Frau nannte weniger private als politische Gründe
für die Trennung, allen voran die dubiose Kür hübscher und politisch unbedarfter Fernseh-Starlets als
Kandidatinnen für die Europawahl im »Volk der
Freiheit«, der Partei ihres Mannes. Es handele sich
um eine Schamlosigkeit, um »Schmuddelkram« – die
Frauen seien einzig dazu erwählt, »dem Kaiser zu
gefallen«, sie seien »Jungfrauen für den Drachen«.
Der Medienmogul ist Teil einer
Telenovela geworden
Vor dem Palazzo Grazioli, Berlusconis Residenz in
Rom, übergoss sich vergangene Woche aus Protest
gegen Berlusconi ein Mann mit Benzin. Es handelte
sich um den Vater einer jungen Frau, die nicht in die
engere Kandidatinnenauswahl des »Freiheitsvolks«
geraten war. Diese Szene habe sie erschüttert, sagte
die Nochehefrau des Premiers: »Ein Land, in dem so
etwas geschieht, ist nicht mein Land.« Als Scheidungsanwältin beauftragte sie eine Mailänder Juristin, die
durch einen Sterbehilfefall um eine Komapatientin
bekannt wurde. Über die völlig hilflose Kranke hatte
Berlusconi seinerzeit behauptet, sie könne durchaus
Kinder bekommen.
Dass seine eigene Frau öffentlich härter gegen ihn
opponiert als die eigentlich dafür zuständige parlamentarische Linke, ist ein harter Schlag für Berlusconi. Sein Siegerimage ist wenige Wochen vor der
Europawahl empfindlich angekratzt – von seiner
20 Jahre jüngeren Gattin verlassen zu werden lässt
den bereits einmal geschiedenen, fast 73-jährigen
Berlusconi schlagartig als alten Mann erscheinen.
Schlimmer noch, Berlusconi muss um die Stimmen
der gläubigen Katholiken fürchten. Die Tageszeitung
der italienischen Bischofskonferenz, L’Avvenire, ver-
dammte ihn in einem Leitartikel als »leutseligen
Cäsar, der die Prahlerei als Mittel zur Konsensbeschaffung« erfunden habe. Es sei erschreckend, wie er
junge Frauen als »politische Köder« benutze. Politik
und Spektakel seien unter Berlusconi eine »tödliche
Umarmung« eingegangen. »Die Bürger hätten gern
darauf verzichtet«, schreibt die Zeitung. »Die menschliche Substanz eines Regierungschefs, sein Stil und
die Werte, mit denen er sein Leben ausfüllt, können
uns nicht gleichgültig lassen. Wir möchten einen
Präsidenten, der mit Zurückhaltung der nicht deformierte Spiegel unseres Landes sein kann.«
Die Exfrau und die Bischofszeitung vereint gegen
sich zu haben, dicker kann es für einen Italiener eigentlich kaum kommen. Oscar Luigi Scalfaro, der
tief katholische frühere Staatspräsident, hatte noch
in den fünfziger Jahren in einer römischen Trattoria
eine Signora geohrfeigt, weil sie einen unsittlich tiefen
Ausschnitt trug. Der 90-jährige Giulio Andreotti geht
jeden Morgen zur Messe und hat seit mehr als sechs
Jahrzehnten dieselbe Ehefrau, von der man wenig
mehr weiß als ihren Vornamen Livia. Italien, das Land
mit der aktivsten Frauenbewegung der Nachkriegszeit, hatte noch nie eine First Lady, die es gewagt
hätte, ihren Mann vorzuführen.
Vergebens behauptete Berlusconi, Veronica sei
einem »Einflüsterer« aufgesessen, ein Opfer der linken
Presse, die sie manipuliere. Seine Scheidung sei reine
Privatsache. Da hatte ein ihm nahestehendes Blatt
schon Nacktfotos von Frau Berlusconi auf der Titelseite gebracht, wie um die Schlammschlacht offiziell
zu eröffnen. Veronica gab bekannt: »Ich fühle mich
wie ein kleiner Soldat, der von feindlichen Heeren
umzingelt ist.« Aber sie hat schon bewiesen, dass sie
die Medien-Klinge zu kreuzen weiß, vielleicht sogar
besser als der Meister, von dem man alle Geheimnisse schon kennt. Berlusconi ahnt, dass er zum Protagonisten in einer Telenovela werden kann, in der weder
er noch seine Vasallen Regie führen. Und im Drehbuch steht kein Happy End.
a www.zeit.de/audio
Amt ohne Würde
Ob Ehefrau oder Mätresse: In der Geschichte hatte der Regent stets Ruhe vor seiner Frau – weil er ein
Staatsamt bekleidete. Doch für Berlusconi will seine Gattin kein Opfer mehr bringen VON ADAM SOBOCZYNSKI
B
Foto (Ausschnitt): Antonio Scattolon/contrasto/laif; kl. Fotos v.li.n.re.: akg-images; Keystone; K. Schultes/Reflex; Antonio Scattolon/contrasto/laif; People Picture/Prisma; Sean Gallup/action press
einahe 30 Jahre lang waren sie liiert, 19 Jahre davon im Ehestand. Nun hat Veronica
Lario, die Frau des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, bekannt gemacht, dass
sie sich von ihrem Mann scheiden zu lassen gedenke. Die Bekanntschaft mit einer 18-Jährigen, einem
Showgirl namens Noemi Letizia, zu dessen Geburtstagsfest Berlusconi erschienen war, brachte das Fass
zum Überlaufen. Berlusconi, sagte seine Frau, sei
zu keinem 18. Geburtstag seiner Kinder gekommen,
trotz Einladung. Der wiederum fordert von seiner
Frau nun eine öffentliche Entschuldigung. Es gehe
nicht an, dass sie ihn verleumde.
Nun ist diese Angelegenheit keine jener Seifenopern, an die man sich unter Berlusconi beinahe
schon gewöhnt hat. Man verkennt die Brisanz dieses ehetragischen Vorgangs, wenn man ihn unter
die herkömmlichen Eskapaden des Ministerpräsidenten einreiht: die Prahlerei über seine Manneskraft, seine öffentlichen Turteleien mit einem ehemaligen Nacktmodell und derlei mehr. Berlusconi
aber betrieb zuletzt systematisch eine pornografische
Vergiftung des politischen Raums: Er machte Mara
Carfagna, ebenjenes Nacktmodell, zur Ministerin
für Gleichstellungsfragen, er verhöhnte die Europawahl, als er beabsichtigte, ungewöhnlich junge
und gut aussehende Kandidatinnen aufzustellen,
die dem italienischen Big Brother-Container entstiegen waren oder anderen Shows seiner Fernsehsender. Bereits dagegen hatte seine Frau öffentlich
protestiert. Dass sie sich von ihm nun in befreiender
Geste lossagt, berührt den Kern einer geradezu archetypischen Inszenierung von Herrschaft: Einerseits ließ Berlusconi regelmäßig in den Klatschmagazinen seines Medienimperiums Fotogeschichten
abdrucken, die ihn heiter mit seiner Gattin zeigten,
andererseits suggerierte er eine vitale außereheliche
Umtriebigkeit, die Jugend und Junggesellentum
ausstrahlen sollte. Es haftete dem Doppelspiel Berlusconis etwas Höfisches an, etwas aus Männerperspektive durchaus Verlockendes: Der zweckmäßigen
Ehe hatte sich in gut alteuropäischer Tradition das
Liebesglück mit einer Mätresse beizugesellen.
Es gehörte zur Rolle der Staatschefsgattin – ob sie
nun Rut Brandt oder Danielle Mitterrand hieß –,
jenes private Ungemach, das von den Männern ausging, für gewöhnlich tapfer schweigend zu ertragen.
Wo dies nicht gelang, da eine Affäre öffentlich wurde
wie bei den Clintons, stellte sich die Frau schützend
vor den Mann. Sie bezog ihre Würde aus einem geradezu metaphysischen Opfer. Seit je ist der Mann,
der Staatschef ist, kein gewöhnlicher Mann. Er ist
zum einen eine natürliche Person mit den üblichen
Verfehlungen und Lastern, andererseits aber Amtsinhaber und damit Inkarnation des Staatskörpers.
Bereits das Mittelalter hat rechtsmystisch zu entfalten
versucht, dass der Körper des Königs nur in einer
Verdopplung begreifbar ist: Er ist faktisch und fiktiv
zugleich, body natural und body politic, sterblich und
unsterblich. Sich vor den Mann zu stellen hieß also
gleichsam, den Staatskörper zu schützen. Die eiserne
Disziplin, mit der manche Witwe die trauernde Ge-
UNTERSCHIEDE Madame de
liebte am Grab des Mannes ertrug, zeugte noch im
20. Jahrhundert vom Respekt für das Staatsamt eines
Gatten, den man womöglich schon lange nicht mehr
liebte. »Es ist«, sagte Hannelore Kohl einmal, »eines
der wesentlichen Dinge im Leben, dass man weiß,
wann man sich zurücknehmen muss.« – »Die Kritik
der Frau«, sagte Rut Brandt, »soll in den häuslichen
vier Wänden bleiben.«
Seit je war das Gattinnenglück an der Seite eines
Regenten flüchtig, seit je die Nähe zur Macht zerstörerisch. Einst heiratete man aufgrund politisch-dynastischer Erwägungen. Von der Gattin wurde verlangt,
dass sie Kinder bekam, vom Mann, dass er sie zeugte.
»Immer im Bett, immer schwanger, immer beim Gebären«, klagte Ludwig XV. über seine Frau, um sich
deutlich intensiver mit Madame de Pompadour zu
beschäftigen, der berühmtesten aller französischen
Mätressen, die bald schon enormen Einfluss auf die
Staatsgeschäfte hatte: Sie setzte mit intrigantem Geschick Staatssekretäre ab, ernannte im Siebenjährigen
Krieg Generäle oder förderte Intellektuelle wie die
Autoren der Encyclopédie Denis Diderot und Jean le
Rond d’Alembert. Über den Umweg körperlicher
Reize gelangten Mätressen zur politischen Macht, die
der Herrschergattin in der Regel verwehrt blieb. Ebenso wie das Liebesglück. Da Fortpflanzungsdruck
herrschte, mussten sich die Ungeliebten lieben, mit
allerlei erwartbaren Komplikationen: Nicht recht zueinander fanden Marie Antoinette und Ludwig XVI.,
über den sein Schwager schrieb, dass man ihn »peitschen müsste, damit er aus Wut ejakuliert, wie es die
Esel tun«.
Eskapaden wurden nie offen zur Schau
gestellt – bis Berlusconi kam
Die Königin hatte aus Sicht des Herrschers eindeutig
den Nachteil, dass sie – aufgrund eng geknüpfter
Bande zwischen den Herrschaftshäusern – kaum
mehr entsorgbar war. Anders als die Mätresse, die sich
mit einem regelrecht bürgerlichen Leistungsethos
politischen Einfluss erkämpft hatte: Ihre Position
verdankte sie einzig der Gunst des Herrschers, der sie
– wie den Angestellten der deregulierten Marktwirtschaft – jederzeit suspendieren konnte. Als Anna
Constantia von Cosel, die Mätresse von August dem
Starken von Sachsen, sich den Ministern als zu machtvoll erwies, führten sie ihm eine jüngere Gespielin
zu. Da die 40-jährige Cosel sich ihrer Abdankung
nicht fügen wollte, sperrte man sie auf die Festung
Stolpe, in der sie bis zu ihrem Tod 49 Jahre lang gefangen gehalten wurde.
Die Nähe zur Macht hatte sowohl für die Königin als auch für ihre zu Liebesdiensten bereite Gegenspielerin unangenehme Begleiterscheinungen:
Der Posten der Mätresse war immerzu vakant, die
lebenslang an den Regenten gefesselte Königin für
Staats- als auch Liebesangelegenheiten häufig belanglos. Betrogene waren sie in diesem fein austarierten Koordinatensystem der Macht beide.
War es für die höfische Gesellschaft konstitutiv,
dass sich der Hof zum theatralen Schauplatz zwi-
IM DUNSTKREIS der
Macht: Hannelore Kohl,
Mara Carfagna,
Carla Bruni
und Michelle Obama
Pompadour machte Politik an
der Seite Ludwig XV.
Rut Brand äußerte Kritik nur
in den eigenen vier Wänden
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SCHWARZ
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schengeschlechtlichen Begehrens entwickelt hatte,
so suchte die Aufklärungsmoral höfische Schauplätze als Stätten moralischer Verkommenheit zu brandmarken. Die Aufklärungsanthropologie suchte die
allseitige erotische Reizbarkeit in ruhende Scham,
zeremonielle Äußerlichkeit in Herzenswärme zu verwandeln. König und Königin hatten sich gefälligst
verzärtelt zu lieben und dies auch dem Volk zu demonstrieren: Friedrich Wilhelm III. und Luise sollten
– kaum anders als heute, wenngleich ironisch gebrochen, Barack und Michelle Obama, Nicolas Sarkozy
und Carla Bruni – einen Bund eingehen, der dem
Volk zum Vorbild dient.
Der Hof und das Herrscherpaar waren seinerzeit ausgesprochen verärgert, dass nunmehr
über ihr Privatleben in der Öffentlichkeit räsoniert wurde. So wie heute, noch einmal massenmedial verstärkt, enthüllte Affären den Staatschef und seine Frau durchaus noch zu beschädigen vermögen – Berlusconi, der Meister medialer Inszenierung, könnte diesmal zum Getriebenen werden. Wenngleich die Skandalwirkung
etwas abgenutzt scheint. Selbst die sogenannte
bürgerliche Wählerschicht lässt sich, wie man
am Fall Horst Seehofer gut beobachten kann,
von der Schwäche des Fleisches ihrer Regenten
kaum mehr irritieren.
Offen zur Schau gestellt – Berlusconi bildet hier
die Ausnahme – wurden Eskapaden aber zu keiner
Zeit. Noch gegenüber den mittlerweile gut dokumentierten Affären von Kennedy und Brandt, den
Gerüchten um Kohls Freizügigkeit hatten selbst die
Medien in ihrer Berichterstattung eine Zurückhaltung an den Tag gelegt, die nicht unbedingt Zeichen
selbst auferlegten Schamgefühls war. Sie beruhte vielmehr auf jener Verfilzung und wechselseitigen Abhängigkeit, die sich in der Bonner Republik zwischen
Journalisten und Machthabern entfaltet hatte. Ein
Arrangement, das immerhin die Betrogenen davor
schützte, in ihrer Düpierung entblößt zu werden.
Aus Staatsräsongründen und Amtsrespekt hat es
gewiss immer noch Sinn, nicht jedes zwischenmenschliche Versagen eines Regierungschefs der
allgemeinen Neugierde preiszugeben, mit der sich
die Fernsehquote steigern lässt. Berlusconi aber hat
selbst die Entweihung seines Amtes in einem Ausmaß
betrieben, das die Schweigsamkeit seiner Frau zur
befreienden Revolte verkehrte. Ein Aufbegehren, mit
dem sich so manche Frau zu identifizieren vermag,
die sich, allen Emanzipationsbestrebungen zum Trotz,
in der Duldungsstarre häuslicher Genügsamkeit eingerichtet hatte. Das Enthüllungsinterview gab Veronica Lario der oppositionellen Zeitung Italiens La
Repubblica. Ausgerechnet Veronica Lario, Theaterund Filmschauspielerin, die selbst berüchtigt gewesen
sein soll für leicht bekleidete Auftritte, wird damit
zur Ikone der italienischen Opposition, die sich auch
gegen die Pornografisierung des Politischen richtet,
die Berlusconi betrieb. Ein Amt aber, das der Regent
selbst aushöhlte, es entbürgerlichte durch ostentative
Vulgarität, verdient keinen Schutz mehr. Es ist des
Opfers nicht mehr wert.
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DIE ZEIT
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
»Das nicht!
Aber was?«
Vier Bürgerrechtler aus dem Osten sprechen über die
Magie von 1989 und was daraus geworden ist
DIE ZEIT: Gab es einen biografischen Punkt, durch
ZEIT: Eine erstaunliche Selbstoffenbarung der
den Ihr Weg in die Opposition bestimmt wurde? Lehrerin. War sie eine verkappte Dissidentin?
WOLFGANG TEMPLIN: Für mich unweit von hier,
GÖRING-ECKARDT: Das war eine Lehrerin, die danämlich an der Humboldt-Uni. Ich bin mit der mals kurz vor der Rente stand und sich immer
Hoffnung auf ein Zukunftsprojekt DDR in die- darum gekümmert hat, dass ihre guten Schüler
ses Philosophiestudium gegangen und habe am lernten, frei zu denken. Mit ihr haben wir in eiEnde, Mitte der siebziger Jahre, gemerkt, dass es nem kleinen Kreis über Literatur geredet. Und in
das nicht war. Von dem Entschluss, innerhalb des der Jungen Gemeinde, die ziemlich fromm geweSystems an seiner Entwicklung mitzuwirken, sen ist, habe ich diskutieren gelernt.
blieb nur heftige Verunsicherung, Ratlosigkeit, HANS MISSELWITZ: Ich habe mit dem Wort Disein innerer Streik: Das nicht! Aber was? Zunächst sidenz ein Problem. Ich komme aus Verhältniseinmal begann eine Suche in Milieus, die ich vor- sen, in denen man dagegen war. Für mich begann
her kaum wahrgenommen hatte, die Kirchen- es politisch gerade in einer Phase, als ich aufhörte,
gruppen, die Alternativszenen am Prenzlauer auf die Dissidenten aus der kulturellen und poliBerg. Ich wollte zu einer Bewegung gehören, die tischen Elite zu hoffen. Mitte der siebziger Jahre,
den gesamten Ostblock aufbricht und verändert. nach der Biermann-Ausbürgerung, als viele IntelWir in der DDR waren Teil des Ostblocks und lektuelle in den Westen gingen, haben wir geeines historischen Prozesses, der 1945 begann dacht, dass wir jetzt dran sind. Wir gründeten
und uns in eine gemeinsame Situation gebracht 1977 mit Freunden einen Kreis, der sich Adornohatte.
Kreis nannte, eine Art Aufarbeitung von 1968.
Niemand dachte daran, den Staat direkt anzugreiULRIKE POPPE: Bei mir waren schon als Kind ganz
simple Erfahrungen auslösend für Empörung: fen. Die DDR war Realität. Dass die SED das
dass Schüler aus politischen Gründen von der Monopol über diesen Staat hatte, war ein UnSchule flogen, dass Familien durch die Mauer ding, das wir nicht akzeptieren konnten.
auseinandergerissen wurden, dass uns verboten ZEIT: Warum haben Sie dann Theologie studiert?
wurde, über das Westfernsehen zu erzählen. Die MISSELWITZ: Ich war bis Anfang der achtziger JahHeuchelei und Lügen, diese Erziehung, die Ak- re als Biochemiker an der Humboldt-Uni. Man
zeptanz der Lüge. Dass wir die Rolmachte mir klar, dass ich keine
ling Stones nicht hören durften. Wir
Perspektive an einer sozialistiwollten Anschluss an die internatioschen Universität hätte. Dann die
nale Jugendkultur. Wir wollten »Ich wollte als
Frage: bleiben oder gehen? Da
Jeans und lange Haare tragen und
meine Frau damals schon im
uns nicht von dem Polizisten auf Jugendliche
kirchlichen Dienst war, hatten
dem Bahnhof die Haare schneiden für die DDR sein, wir zusammen mit zwei Kindern
lassen. Das zielte noch gar nicht auf
eine soziale Existenzgrundlage.
eine grundlegende gesellschaftliche weil mein Vater
Die Theologie war eine EntscheiVeränderung, sondern war erst ein- so dagegen war.
dung für ein gemeinsames Engamal nur Empörung gegen Unrecht,
gement als Christen, auch in der
eingeschränkte Freiheit. Gab es das Er hatte ›Mein
Verantwortung für unsere Kinbei dir nicht, Wolfgang?
Wir fühlten: Wenn wir es
Kampf‹, ins ›Neue der.
politisch ernst meinen, ist der
TEMPLIN: Ich versuchte das zu ratioWechsel in den Westen keine Lönalisieren. Das waren unangenehme Deutschland‹
sung. Wir hatten ein gemeinErfahrungen in der Jetztzeit, denen
sames Problem in Europa. Die
ich aber lange die Vorstellung einer eingepackt,
Friedensbewegung sahen wir als
positiven Entwicklung des DDRauf dem
Legitimationsbasis, öffentlich zu
Sozialismus entgegengestellt habe.
widersprechen.
KATRIN GÖRING-ECKARDT: Ich wollte
Schrank liegen«
als Jugendliche unbedingt für die
ZEIT: Es ist im Rückblick schwieDDR sein, auch weil mein Vater so
rig, sich authentisch an die Wendagegen war. Er war Fan von Franz
dezeit zu erinnern. 1989 »in echt«
Josef Strauß, er hatte Mein Kampf, schön ins Neue war ja eine offene Geschichte, mit ungeheurer BeDeutschland eingepackt, auf dem Schrank liegen. schleunigung, Wann ging Ihnen auf, dass dieser
Prozess unumkehrbar wurde?
ZEIT: Was war Ihr Vater von Beruf?
GÖRING-ECKARDT: Tanzlehrer, 1921 geboren. In
POPPE: In drei Etappen. Die erste war der 9. OkWestdeutschland hätte man sich als 68er mit ihm tober in Leipzig, als die Menschen plötzlich spürauseinandersetzen müssen. Er wollte, dass darü- ten, dass sie sich mit Kerzen den Machthabern
ber nicht geredet wird. Meine Mutter wurde 1952 widersetzen konnten. Ein Bewusstsein eigener
von der Schule geworfen und durfte kein Abitur Stärke entstand. Dann, dass die Truppen der
machen, weil sie zur Jungen Gemeinde ging. Das NVA und die Sowjettruppen nach dem 9. Nohat sich bei mir eingepflanzt. Andererseits gab es vember in den Kasernen blieben, die Grenze nicht
immer das Bemühen zu sagen, dass der Sozialis- wieder geschlossen wurde und sich damit der
mus eigentlich die sinnvollere und gerechtere Idee ganze Eiserne Vorhang hob. Aber erst mit den
ist. Ich habe als Jugendliche gehört: Eigentlich freien Wahlen im März 1990, mit der Etablierung
müsste er funktionieren, wenn man es nur ein demokratischer und rechtsstaatlicher Verhältnisbisschen vernünftiger, besser und freier machen se, waren wir uns sicher, dass der Prozess unwürde. Ich wollte Lehrerin werden. Als ich 16 umkehrbar geworden ist.
war, hat mich meine Deutschlehrerin zu sich nach GÖRING-ECKARDT: Bis Ende November waren wir
Hause bestellt. Sie sagte dann: Du kannst nicht uns nicht sicher, ob die Entwicklung nicht auch
Lehrerin werden. Du kannst den Kindern nie- wieder umkippt. Als die Grenze aufblieb und als
mals ein Leben lang etwas erzählen, was du selber so viele nach Westen unterwegs waren, aber auch
nicht glaubst. Ich habe zwei Wochen lang geheult. wieder zurückkamen, wusste man irgendwann,
Aber da wurde mir klar, dass ich die Verstellung dass sich das nicht mehr zurückdrehen ließ. Ich
wirklich nicht ausgehalten hätte.
fand die Zeit, als wir darüber diskutiert haben,
wie wir ein anderes System erreichen können, unendlich spannend. »Wollen wir jetzt wirklich die
Einheit, oder wollen wir uns erst einmal selber
entwickeln und dann irgendwann die deutsche
Einheit haben?« Dieses ewig alte Thema hat mich
sehr umgetrieben. Dass im Laufe der Entwicklung das Diskutieren und das Demonstrieren
nachließen, war für mich eine Enttäuschung.
Trotzdem blieb die Begeisterung dafür, dass sich
so viele Leute entschieden hatten, etwas zu tun,
dass sie ihrer Angst nicht nachgaben, sondern den
Mut hatten, vor die Tür zu gehen.
ZEIT: Die Opposition befand sich lange in extremer Minderheitensituation. Waren Sie bitter?
POPPE: Manchmal war es schon sehr erdrückend.
Mir kamen immer wieder Zweifel, ob das alles
einen Sinn hat. Wir waren als Staatsfeinde stigmatisiert.
TEMPLIN: Ich habe das als Ehrenprädikat angesehen, und ich wäre beleidigt gewesen, wenn sie
mir das verweigert hätten.
POPPE: Ja, so habe ich es dann auch versucht zu
sehen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren. Nach
einer zeitweiligen Untersuchungshaft beim MfS
musste mich meine damalige Arbeitsstelle, das
Museum für Deutsche Geschichte, 1984 wieder
einstellen. Das geschah auf Anweisung der Stasi,
um mich dort durch entsprechende inoffizielle
Stasi-Mitarbeiter kontrollieren zu können. Der
Generaldirektor des Museums hat mir damals gesagt: Sie bekommen in der DDR keinen Fuß
mehr auf den Boden. Das hieß: Gehen Sie nach
drüben. Andererseits hat mich die Unmöglichkeit, in der DDR noch irgendetwas zu werden,
frei gemacht, mich in der Opposition zu profilieren. Ich fand eine Heimat bei denjenigen, die sich
wie ich über die entwürdigenden Zwänge und
Bevormundungen empörten.
ZEIT: Haben Sie sich gegen Ihre Minderheitensituation mit Volksverachtung gewehrt? Oder mit
Elitegefühlen?
POPPE: Ja, die Situation war nur zu ertragen in
dem Gefühl, moralisch besser zu sein als diejenigen, die sich aus Opportunismus der Macht andienten.
TEMPLIN: Wir hatten vielleicht Verachtung für die
Schergen. Aber viel wichtiger war für mich die
Frage: Wie kommt es, dass bei so vielen, die wir
eigentlich erreichen wollen, der Funke nicht
überspringt? Man passte sich nicht nur aus Furcht
und Ausweglosigkeit an, sondern auch, weil man
sich einrichten wollte. Auch in Polen gab es das
System, aber die Gesellschaft war viel sperriger.
90 Prozent der DDR-Intellektuellen unterstützten die SED-Diktatur.
MISSELWITZ: Teil einer Minderheit zu sein war sicher oft bedrückend. Aber nicht immer. Für mich
war es auch eine reiche Zeit, in der wir erlebten,
wie Menschen sich öffneten, und es viele Erfahrungen von Solidarität gab. Wir hatten den Pankower Friedenskreis. Die Frage war: Wodurch
können wir als Minderheiten den gesellschaftlichen Wandel effektiv inspirieren? Wann passiert
der Umschwung, wo die Mehrheit bereit ist, den
Pakt mit dieser Machtkulisse aufzugeben? Dafür
braucht es ein paar Strukturen. Es braucht Menschen, die das vorleben, die Organisation bieten,
die Anlässe schaffen und die Signale aussenden.
1989 gab es sie.
ZEIT: 1989 wurde die Opposition plötzlich zum
Kern einer Bewegung, die das SED-Regime zum
Einsturz brachte. Und dann, bei den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 entfielen auf das
Vier Leben
geboren 1950 in Altenburg,
Biochemiker und Theologe, leitete 1990 als stellvertretender Außenminister die DDR-Delegation
bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen. Er ist
Sekretär der SPD-Grundwertekommission und
Geschäftsführer des Forums Ostdeutschland.
Ulrike Poppe, geboren 1953 in Rostock, war Mitbegründerin des Netzwerkes Frauen für den FrieHans Misselwitz,
Foto:
Sabine Gudath
für DIE ZEIT
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POLITIK
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Fotos (S.10 und 11): Jan-Peter Boening/Zenit/laif; Zentralbild/dpa Picture-Alliance; Bernd Settnik/dpa Picture-Alliance (v. li. n. re.)
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
WIR SIND DAS VOLK: Demo am
4. November 1989 in Berlin
OPPOSITION: Gründungstreffen des Neuen Forums
am 28. Januar 1990 in Berlin
Bündnis 90 spektakuläre 2,9 Prozent. Ulrike eine Niederlage. Das, was bleibt, ist die Freiheit.
Poppe sagte danach sinngemäß, so sei das eben Auch in der Situation, in der wir verloren hatten,
mit Bürgerrechtlern; sie stoßen etwas an, das sich waren wir frei, weiter zu reden, etwas zu tun und
dann selbstständig macht. Das klang nach Selbst- es besser zu machen.
tröstung.
TEMPLIN: Die Menschen haben nicht nach Überzeugungen gefragt. Sie haben nach Interessen
POPPE: Nicht nur, es lag auch daran, dass wir ein
distanziertes Verhältnis zur Macht hatten. Wir gehandelt und sich gefragt: Wer ist der Stärkste?
taten uns auch unter den veränderten Verhältnis- Wer hat die Erfahrung und vor allem das Geld in
sen schwer, Macht positiv als Gestaltungsmög- der Hand? Wer kann uns am schnellsten ans anlichkeit zu begreifen. Ich erinnere mich noch, als dere Ufer bringen? Dass sie uns das nicht zutraues darum ging, wer am Runden Tisch sitzen soll, ten, kann ich ihnen nicht einmal verdenken.
da wollte niemand.
ZEIT: Der öffentliche Diskurs ist heute durch die
GÖRING-ECKARDT: Also, ich wollte. Ich war natürwestliche Mehrheitsgesellschaft geprägt. Ist das
lich noch jung, und es war ein kleiner, regionaler Wir-sind-das-Volk zum Fünftelvolk geworden?
Runder Tisch, aber ich wollte.
GÖRING-ECKARDT: Ich fühle mich nicht als Teil eiPOPPE: Viele waren der Auffassung: Wenn wir
nes Fünftels. So wenige sind wir nicht: auch
echte Demokraten sind, dann müssen wir auch nicht in der Öffentlichkeit, in öffentlichen Ämder Mehrheit erlauben, ihr Urteil zu fällen. Dass tern, in der Wirtschaft. Das wird immer wieder
die in uns Oppositionellen nicht die Experten unterschätzt. Meine Generation ist in Ost wie
gesehen haben, die das Land aus dem Staats- West 1989 in die Politik eingestiegen. Unsere
Geschichte war bis dahin nicht gleich, aber von
bankrott reißen, ist nachvollziehbar.
da an wurde sie gemeinsam gelebt. Unsere geMISSELWITZ: Ich bin am 1. September 1989 Pfarrer in Hennigsdorf geworden. Dort erlebte ich meinsame bewusst gelebte Geschichte als Genedie Arbeiter. Mitte Oktober fingen die Demons- ration ist heute schon länger als die davor.
trationen an. Am Tag nach der Leipziger Mon- ZEIT: Hat sich während dieser Wende oder Revotagsdemonstration kam eine Delegation von vier lution Ihr Menschenbild geändert?
Leuten aus dem Stahlwerk zu mir – zwei Ältere, POPPE: Vor 1989 habe ich die Mehrheit der Menzwei Jüngere. Sie fragten mich:
schen so erlebt, dass sie die herrHerr Pfarrer, was machen wir jetzt?
schenden Verhältnisse abgelehnt
Wenn wir jetzt losmarschieren,
oder auch billigend in Kauf gedann wird es hart. Sie erzählten »Die Menschen
nommen hat. Aber im Herbst
dann die Geschichte von 1953.
1989 haben diese Menschen IdeVierzehn Tage später gab es die ers- haben sich
en und Konzepte entfaltet und
te Demonstration in Hennigsdorf. gefragt: Wer kann eine Diskussionskultur gezeigt. Es
Ich habe dann zu diesen Demos
liegen sehr viel mehr Potenziale in
immer die Leute nach Hennigs- uns am
den Menschen, als ich jemals für
dorf eingeladen, die ich aus der schnellsten ans
möglich hielt.
Berliner Opposition kannte. Die
ZEIT: Diese demokratische AufHennigsdorfer hörten ihnen zu. Es andere Ufer
bruchskreativität war spätestens mit
gab Beifall, wenn es gegen die SED
der Wahl vom 18. März vorüber.
ging, aber eigentlich trieben sie an- bringen? Dass sie
GÖRING-ECKARDT: Ja, die Leute hatdere Dinge um. Sie sagten: Ihr uns das nicht
ten zu dem Zeitpunkt, als wir gerdenkt an eure große Demokratie
ne weiter über die Verfassung disund an Systemfragen. Wir sehen zutrauten, kann
kutieren wollten, einfach andere
bloß, dass es hier nicht mehr funkInteressen und andere Sorgen. Mir
ich ihnen nicht
tioniert. Es ging also vor allem um
geht es ähnlich wie Ulrike Poppe.
ökonomische und soziale Fragen. einmal verdenken« Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass
Meine Entscheidung, in die SPD
man gegenüber den Menschen
zu gehen, lag in der Überlegung
doch sehr optimistisch sein kann,
begründet, dass es diese Leute sind,
wenn es um eine Frage geht, die sie
um die es geht, wenn es gelingen soll. Und: Unter brennend interessiert. Sie können dann Grenzen,
der SPD konnten sie sich etwas vorstellen.
innere Grenzen, überwinden, die sie zuvor für
völlig unüberwindbar gehalten haben. Ich habe
ZEIT: Das DDR-Volk, inklusive Bürgerrechtlern,
war sich weitgehend einig, was es nicht mehr woll- etwas Ähnliches später noch einmal in der Ukraine erlebt, während der Orangenen Revolution.
te. Was es wollte, darüber gab es keine Einigkeit.
Die Demonstranten sagten immer wieder: Wir
POPPE: Es gab einen Minimalkonsens gegen die
entmündigenden Strukturen. Aus dieser Demü- sind viele, und wir sind nicht zu besiegen. Ich
tigung herauszukommen war auch der Impuls habe mit ihnen diskutiert, wie es weitergehen
sollte. Und sie haben geantwortet: Das sollen die
für die Losung »Wir sind das Volk«.
machen, die es können. Wir können das nicht
ZEIT: Woran lag es, dass Helmut Kohl die Kräfte
mit der Politik. Das klang enttäuschend. Aber es
des Aufbruchs so schnell überstrahlte?
hat mich auch an den Herbst 89 erinnert.
GÖRING-ECKARDT: Wir haben es nicht geschafft,
die Leute davon zu überzeugen, dass man sich TEMPLIN: Kaum einer der Akteure damals hat die
gemeinsam auf den Weg begeben kann, auch Tiefe des Grabens zwischen Ost und West vorohne dass jemand schon genau vorgibt, wo es hergesagt. Und wie stabil ist diese Demokratie?
langgeht. Hinzu kam dann etwas von außen, die- Welchen Belastungen hält sie stand?
ses Überrollen der »Allianz für Deutschland«. GÖRING-ECKARDT: Wenn man sich ansieht, dass
Plötzlich hingen überall diese Plakate …
die Zustimmung zur Demokratie in Ostdeutschland abnimmt, müssen wir als Politiker uns fraTEMPLIN: Ja, natürlich, weil sie die Infrastruktur
gen, warum es uns nicht gelingt zu zeigen, dass
der Blockparteien übernommen haben.
die Demokratie eine wunderbare Sache ist.
GÖRING-ECKARDT: Ja, klar. Und wir haben darüber
diskutiert, ob man Plakate mit Nägeln an Bäu- MISSELWITZ: Interessant wird es als Demokrat
men befestigen darf. Trotzdem war das nicht nur doch erst, wenn man die Institutionen selber
den, der Initiative Frieden und Menschenrechte
und 1989 der Bürgerbewegung Demokratie
Jetzt. Heute ist sie Studienleiterin der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg.
Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) wurde 1966 in Friedrichroda geboren. Sie
studierte Theologie und ist heute Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präsidin der
miterschafft, wenn ihr Sinn aus dem Gebrauch
wächst. Aber was geschah 1990? Der Eindruck war:
Der Zug ist abgefahren. Die westdeutsche politische Klasse demonstrierte, dass sie es ist, die die Sache regeln kann. Diese Blaupause West ist ein tief
sitzender Schaden, der bei einer ganzen Ost-Generation nachwirkt und blockiert. Zur Demokratie
gehört eben auch die Gestaltungskompetenz.
ZEIT: Welche Rolle spielte die deutsche Einheit für
den Herbst 1989?
POPPE: Unser Ziel war ein blockfreies vereinigtes Europa. Im Zusammenhang damit konnten wir uns
vorstellen, dass die beiden deutschen Staaten zusammenkommen. Noch auf der Demonstration vom 4.
November gab es kein einziges Plakat, auf dem die
Wiedervereinigung eine Rolle spielte. Die kam erst
mit dem Mauerfall am 9. November auf die Agenda. Für mich waren die Mauer und das Grenzregime
etwas Schreckliches. Das vereinigte Deutschland ist
für mich kein großes Thema gewesen.
KANZLERBESUCH: Helmut Kohl besucht 1995 das Haus der
Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley in Berlin
MISSELWITZ: Deutsche Einheit war 1990, nicht 1989.
Ich verstehe, dass sich für die Mehrheit im Westen das
Jahr 1989 mit den Bildern von Flüchtlingen und dem
Mauerfall verbindet. In diesen Bildern fällt 1989 mit
der Einheit zusammen. In dieser Art Erinnerung gibt
es drei Stationen: die Öffnung der ungarischen Grenze,
Hans-Dietrich Genscher auf dem Prager Balkon, Mauerfall. Die Erinnerungslücke in Bezug auf demokratischen Wandel, gesellschaftlichen Umbau wächst.
TEMPLIN: Es gibt auch die Leute, die 1989 als europäisches Jahr verstehen. Daran können die Herzenspatrioten mit ihrer nationalen Aufwallung
nicht einfach vorbei. Bei mir ist die osteuropäische Hälfte des Herzens bis heute stärker.
GÖRING-ECKARDT: Ich habe nicht auf die Einheit hingearbeitet. Ich würde auch sofort sagen, dass ich mich
als Europäerin fühle. Aber es gefällt mir sehr gut, dass
wir dieses gemeinsame Land haben. Auch dass ich in
Gelsenkirchen so viel »Osten« entdecke und so viel
»Westen« im Prenzlauer Berg.
Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Wolfgang Templin, geboren 1948 in Jena, arbeitete bis zu seinem SED-Austritt 1983 am Zentralinstitut der Akademie der Wissenschaften der
DDR. 1985 war er Mitbegründer der Initiative
Frieden und Menschenrechte. 1988 wurde er verhaftet und in die Bundesrepublik abgeschoben.
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Diese in Ost und West unterschiedenen
Geschichten sind für mich immer noch viel stärker
als die gemeinsame Geschichte, die es auch gibt. Bis
die gemeinsame Geschichte stärker wird, wird vielleicht noch einmal doppelt so viel Zeit wie bisher
vergehen. Die anspruchsvolleren Probleme bei der
Gestaltung der Einheit haben wir noch vor uns.
MISSELWITZ: Ich wünsche mir, dass auch im Westen
kritisch über die eigene Geschichte nachgedacht
wird. Wann können wir endlich auf Augenhöhe
reden? Jeder im Westen weiß, dass die westdeutsche Gesellschaft auch nicht die perfekte ist. Wenn
du aber als Ostdeutscher einmal damit anfängst,
westdeutsche Eigenheiten infrage zu stellen, dann
bist du Kommunist.
TEMPLIN: Ja, genau, dann bist du ein Deutschlandverweigerer.
TEMPLIN:
DAS GESPRÄCH FÜHRTEN CHRISTOPH DIECKMANN
UND MATTHIAS GEIS
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
HEUTE: 12.2008
ZEITGEIST
Kurz und platt
Auch die Panikmache ist ein Fundament
der Demokratie, meint JOSEF JOFFE
Foto: Mathias Bothor/photoselection
JOSEF JOFFE ist
Herausgeber der ZEIT
rer Parteien eigentlich ihr höchstes Gut ist, stehen
sie doch alle zur drögen, aber vitalen Normalität
des demokratischen Rechtsstaates. Weimar wurde
zum Schluss nur von der SPD verteidigt.
Diese ultrastabile Demokratie ist das Neue im
Leben der Deutschen. Anders als die von 1929 ff.
blicken die von 2009 auf sechzig gesegnete Jahre
zurück, die für Gelassenheit und Identifikation
mit diesem Staat sorgen. Solche Fundamente spült
eine Rezession nicht weg, und sei sie auch tiefer
und länger als je zuvor. Vielleicht gehört auch die
ritualisierte Hysterie zu diesen Fundamenten. Sie
lässt erschauern, aber wohlig – wie die Grimmschen Horrorgeschichten, die die Kids selig einschlafen lassen.
Wegblicken
Wie fotografiert man Politiker? Die
politische Ikonografie im Zeitalter
unserer technischen Reproduzierbarkeit kennt zwei populäre Stile, den
Propagandastil des 20. Jahrhunderts
und den Werbestil der Gegenwart.
Beide haben eine unverhohlene symbolische Botschaft: Betrachte, bewundere, begehre, wähle, kaufe,
liebe mich! Sie tritt in der Politikerwerbung nur etwas weniger direkt
zutage, denn ihr Kennzeichen ist der
abgewandte Blick: Die Porträtierten
sehen uns fast nie direkt an. Kokett
lächeln sie eine Nebenfigur der Bildinszenierung an (gern einen anderen
Politiker), oder sie vertiefen sich in
die Betrachtung eines Rosenarrangements (jetzt in dem Porträtband
Angela Merkel). Aber das ist es nicht
allein, warum wir die gute alte frontale Propaganda vermissen. Es ist
dieses geheuchelte Desinteresse der
Kanzlerin an uns, ihrem Publikum,
hinter dem wir ein echtes Desinteresse an uns als Bürgern zu vermuten
nicht umhinkönnen.
EF
Foto: Laurence Chaperon; aus: »Angela Merkel, Das Porträt«, Droemer Verlag 2009
Wer aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehrt, trifft auf eine Art latenter, genauer: ritualisierter Hysterie, die so gar nicht zu einem Land
passen will, das in seiner Geschichte nie glücklicher und normaler gewesen ist als heute. Da trifft
man auf eine Präsidentschaftskandidatin, die die
»Wut der Menschen« und eine »explosive Stimmung« an die Wand malt. Der DGB-Chef warnt
vor »sozialen Unruhen«. Für den Bundestagsvize
Thierse sind das auch keine »überzogenen Dramatisierungen«.
In Frau Illners Talkshow doziert ein Professor
der Wirtschaftsgeschichte über die Parallelen zwischen 1929 und 2009. Umringt von Konditionalen und Konjunktiven, wie es sich für einen Professor gehört, kündet er von den Schrecken der
Dreißiger, wie sie auch heute dräuten, wenn die
»Gerechtigkeitslücke« nicht geschlossen werde.
»Natürlich muss noch viel passieren, bevor DaxVorstände um ihr Leben fürchten müssten«, beruhigt der Professor, aber die Suggestion sitzt nun
fest mit uns auf der Couch: Wut, Aufruhr, rote
und braune Fahnen.
Der Zuschauer, der gerade vom Mars eingeflogen ist, also aus Amerika, wo die Leute zu Tausenden zwangsgeräumt werden, wo die Arbeitslosigkeit schon über acht Prozent liegt, den schaudert’s,
aber nur kurz. Denn er weiß, dass die Linke jetzt
nur noch einstellig in den Umfragen steht; seltsam, wo doch diese Partei den Weimarer Beelzebub seit Schröders Zeiten zum Stimmenfang
nutzt. Die NPD? Sie bleibt bei ihrem kläglichen
Bodensatz.
Daraus lässt sich schließen: Die ritualisierte
Hysterie (sie röhrt nicht, sie raunt nur) ist ein Phänomen der politischen oder schwatzenden Klasse.
Dazu gehören übrigens auch die Beschwichtigungsappelle von der anderen Seite. Also warnt
der Bundespräsident vor »Panikmache«, die Krise
sei »beherrschbar«.
Die Wirklichkeit imitiert inzwischen die Talkshow: Jeder, der sich dazu aufgerufen fühlt, sagt
das Erwartbare, und das muss, dem Gesetz des
Soundbite gehorchend, kurz und platt sein. Erhellender wäre es zum Beispiel, die tausend Aspekte
zu nennen, die Weimar überhaupt nicht vergleichbar machen mit der Berliner Republik. Wir wollen gar nicht davon reden, dass heute kein Arbeitsloser ins Bodenlose fällt, dass die Rattenfänger
keine Resonanz finden, dass am Anfang dieser
Zweiten Republik nicht Niederlage und Niedergang standen, sondern Wirtschaftswunder und
westliche Gemeinschaft, dass die Langeweile unse-
BERLINER BÜHNE
Wir sind Präses
Mit Katrin Göring-Eckardt werden die deutschen Protestanten jünger, grüner und stärker als die Katholiken VON JÖRG LAU
Katholische und evangelische Kirche liegen
hierzulande ziemlich gleichauf, was die Mitgliederzahl angeht: je etwa 25 Millionen
Gläubige. Aber was das öffentliche Interesse
angeht, könnte man meinen, gab es in den
vergangenen Jahren eine klare Neigung zu
Papstkirche.
Kann es sein, dass sich das Blatt nun wendet? Die Protestanten haben am vergangenen
Wochenende auf ihrer Synode in Würzburg
eine kleine Kulturrevolution angezettelt. Die
ostdeutsche Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt hat den ehemaligen bayerischen
Ministerpräsidenten Günther Beckstein mit
72 zu 50 Stimmen auf den zweiten Platz verwiesen und wird damit Präses, also Chefin des
einflussreichen evangelischen Kirchenparlaments. Jung, grün, weiblich und aus dem
Osten: Für sechs Jahre soll die 42-jährige Thüringerin nun das Gesicht und die Stimme der
25 Millionen evangelischen Laien sein.
Es werden entscheidende Jahre. Denn schon
im Herbst muss ein neuer EKD-Vorsitzender in
die riesengroßen Fußstapfen von Bischof Huber
treten. Oder erstmals eine Vorsitzende? Katrin
Göring-Eckardt wird als EKD-Ratsmitglied dabei entscheidend mitzureden haben. Und so
kann es durchaus sein, dass bald noch eine weitere Frau an die Spitze des deutschen Protestantismus aufsteigt: Margot Käßmann, die Bischöfin von Hannover, auch gerade erst fünfzig Jahre
alt. Zwei berufstätige Mütter stünden dann für
das Evangelische – toughe, meinungsstarke und
attraktive Frauen, die beide gegen Widerstände
ihren Weg gemacht haben.
Der scheidende Bischof Huber hat seiner
Kirche mit zahlreichen Interventionen – zum
Nr. 20 DIE ZEIT
Klima, zur Armut, zum Dialog mit dem Islam, zur Unverantwortlichkeit der Manager –
wieder ein öffentliches Gewicht gegeben. Aber
gegen den Sog der anfänglichen Papst-Euphorie kam auch er nicht an. Selbst noch in seinen
späteren Skandalen war Benedikt meist interessanter als die klügste EKD-Einmischung.
»Vatikanisierung« der EKD haben seine Neider Huber vorgeworfen. Das war ungerecht,
wenn es auch tatsächlich einen klammheimlichen Neid der Protestanten auf die katholische
Konkurrenz im Kampf um die fromme Hegemonie in Deutschland gab.
Mit einem Team Göring-Eckardt/Käßmann könnte etwas kippen: Die Evangelischen kämen wieder in die Vorhand bei der
Frage, was »Kirche der Freiheit« heute bedeutet – ein Teil dieser Gesellschaft zu sein und
doch einem Heilsversprechen treu zu bleiben,
das nicht von dieser Welt ist.
Beide Frauen können sehr lebhaft von dem
alltäglichen Kampf erzählen, den das bedeuten kann, von Erfolgen ebenso wie von Bedrängnis und Scheitern – als christliche Dissidentin im Osten die eine; als Frau, die mit
Kindern, Karriere und Krankheit jonglieren
musste und eine Scheidung nicht vermeiden
konnte, die andere.
Mit der Grünen an der Spitze der EKD endet ein Vierteljahrhundert, in dem die führenden Evangelischen stets Sozialdemokraten waren. Auch wenn früher einmal große Kirchenpolitiker wie der mehrfache SPD-Minister
Jürgen Schmude diese Zeit geprägt haben: Es
ist gut für die Glaubwürdigkeit der Kirche,
dass das Abo der Sozialdemokratie auf dieses
Amt nun abgelaufen ist. Die Sozialdemokra-
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SCHWARZ
ten haben im Übrigen durch ihren erbitterten
Berliner Kulturkampf gegen den Religionsunterricht selbst einiges zur neuen Distanz
beigetragen. Und die Kirche muss nach ihrer
Niederlage an den Wahlurnen ihr politisches
Engagement überdenken. Folgen daraus nun
Rückzug und Entpolitisierung? Nein. Die Synodalen von Würzburg haben mit ihrer Wahl
zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht weniger gesellschaftliche Einmischung der Kirche
wollen – aber doch eine weniger berechenbare als zuvor.
Wenn diese Einmischung gelegentlich etwas lebensfroher daherkäme, wäre schon viel
gewonnen. Katrin Göring-Eckardt hat aus der
DDR eine vitale Bindung an die Kirche mitgebracht, an die Kirche als Raum der Freiheit:
»Ich hätte das nicht überstanden, wenn es damals die Kirche nicht gegeben hätte.« Durch
die Wende ist sie seinerzeit aus der Theologie
in die Politik getrieben worden. Sie brach ihr
Studium in Leipzig ab, um sich politisch einzumischen. Nun ist sie als Politikerin berufen,
das Kirchenvolk wieder stärker in der Gesellschaft in Erscheinung treten zu lassen.
Der deutsche Protestantismus neigt dazu,
sich in Sorge, Mahnung und moralischer
Selbstüberforderung zu verzetteln. Ob es nicht
auch anders geht, wird die Probe für die Neue:
»Wir müssen öfter zeigen«, sagt Göring-Eckardt, »dass es uns erleichtert und nicht etwa
beschwert, Christen zu sein.«
Dass die evangelische Kirche im Jahr 20
nach der Wende eine Bürgerrechtlerin aus
Thüringen an ihre Spitze wählt, die einen
»fröhlichen, einladenden Protestantismus«
vertritt, ist kein schlechter Anfang.
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Fischzug
Warum die SPD im Wahlkampf auf den
Hai kommt
In Findet Nemo, dem weltweit gefeierten Animationsfilm der Pixar-Studios aus dem Jahr 2003,
trifft der Clownfisch Marlin auf der Suche nach
seinem verschollenen Sohn Nemo in den Weiten
der Weltmeere auf den Hai Bruce. Zusammen mit
seinen Artgenossen Hammer und Hart hat Bruce
einen Vegetarier-Club gegründet und Fisch von
der Speisekarte des modernen, weltläufigen Hais
gestrichen. Und obwohl Bruce, sobald er Blut
wittert, seine natürlichen Triebe nicht mehr unterdrücken kann, bleibt er doch ein possierliches
Tierchen, ein Hai wie du und ich.
Sechs Jahre später feiert Bruce nun ein Comeback – auf den Wahlplakaten der SPD. »Finanzhaie«, so steht darauf, »würden FDP wählen« – und
man sieht: Bruce. Oder vielmehr den Kopf von
Bruce, wie er da auf einem Menschenkörper sitzt
und mit seinem fiesesten Haifischlächeln das deutsche Wahlvolk anstrahlt. Niedlich.
Nun grüßen von den SPD-Plakaten zwar auch
noch Föhn-Köpfe und 50-Cent-Köpfe mit Sprüchen wie »Heiße Luft würde DIE LINKE wählen«
oder »Dumpinglöhne würden CDU wählen«.
Highlight ist aber der Hai. Nicht wegen des Slogans. Sondern weil man sich schon lange fragt, wie
die SPD das eigentlich ihren Wählern vermitteln
will. Dass sie die FDP im Wahlkampf als bös neoliberal verteufelt. Anschließend aber mit ihr in einer Ampel koalieren will. Die Antwort lautet: Die
FDP ist wie Bruce, der nette Hai von nebenan.
Eine Gefahr, die man einfach lieben muss. Wahrscheinlicher ist aber, dass der Wähler glaubt, die
Ampel sei wie Findet Nemo: eine grandios inszenierte Fiktion.
PETER DAUSEND
Nr. 20
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MEINUNG
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Foto: Dieter Blum; aus: »Mensch, Schröder«, teNeues Verlag 2005; Foto unten: Olaf Ballnus
DAMALS: 12.2004
Vorbeihuschen
Wie fotografiert man Politiker nicht?
In der Kanzlerikonografie der Postmoderne gibt es zwei peinliche Stile,
von denen sich die Pressestrategen
eine günstige Wirkung auf den Wähler erwarten. Einerseits der harte
Sonntagabend-Tatort-Stil mit dramatischer Beleuchtung und FilmNoir-Requisiten. Andererseits der
zarte Montagabend-Liebesschnulzen-Stil mit weichgezeichneter Landschaft und Sehnsuchtsgestik. Beide
Stile unterminieren die Autorität der
Politiker, die entgegen dem Gerücht
eben doch keine professionellen
Schauspieler sind. Sie wirken in der
Rolle des Kommissars oder der Blumenfrau unsicher, sodass man sich
fragt, warum der Regisseur nicht
gleich Götz George gecastet hat.
Durch das verhuschte Auftreten des
Tatort-Kanzlers (mehr Szenen in
dem Fotoband Mensch, Schröder)
wird die beabsichtigte Bildrhetorik
konterkariert, wir Krimifans zweifeln
unwillkürlich auch am politischen
Talent des Trenchcoatmanns. EF
60 Jahre und kein bisschen heilig
Wer das Grundgesetz zur Bibel verklärt, schadet der Demokratie
Sind Verfassungen wie das Grundgesetz einfach zu deuten – um dann etwa aus dem sechsten Gebot
nur Gesetze mit höherem Rang? Oder stellen sie (»Du sollst nicht ehebrechen«) zwingend das Verbot
so etwas wie eine Heilige Schrift dar, ein Doku- der Selbstbefriedigung, der Pornografie, der Prosment absoluter Wahrheit und tiefer Weisheit? titution, der Homosexualität und der EmpfängnisDie Vereinigten Staaten neigen zur Überhöhung: verhütung zu folgern.
Dort wurden schon die frühen Verfassungen der
Übertragen auf weltliche VerfassungsgrundsätBundesstaaten dem Urteil Thomas Paines zufol- ze, heißt das: Je mehr man in die Verfassung hineinge als »politische Bibel« angesehen, und die US- liest, desto geringer werden die Möglichkeiten des
Verfassung von 1787 wuchs spätestens nach dem Gesetzgebers, Konflikte eigenständig zu lösen. GeBürgerkrieg in die Rolle einer hymnisch verehr- setze sind dann nicht mehr Akte der Selbstbestimten Schrift hinein. Der deutsche Staatsrechtsleh- mung einer Gesellschaft Freier und Gleicher, sonrer Richard Thoma hat dies als »Verfassungshei- dern bloße Ableitungen aus der vielbeschworenen
ligung« bezeichnet – ganz im Gegensatz zu dem Wertordnung des Grundgesetzes. Und über die
nüchternen Verständnis, das man seinerzeit von Korrektheit dieser Ableitungen wacht das Bundesder Weimarer Reichsverfassung pflegte. Genauso verfassungsgericht, welches dann schon einmal aus
galt das Grundgesetz lange Zeit als eher tech- den sehr allgemein gehaltenen Grundrechten folnisches Juristenwerk, nützlich und praktikabel, gert, dass in Gaststätten von bis zu 75 Quadrataber nicht aufregend.
metern ein absolutes Rauchverbot unzulässig ist.
Ebendies scheint sich in den letzten Jahrzehnten Auf der Strecke bleibt das Verständnis von Gesetzgeändert zu haben. Schon aus Anlass einer Rück- gebung als grundlegender Form politischer Autoschau auf vierzig Jahre Grundgesetz hatte ein scharf- nomie einer Gesellschaft freier Bürger.
sichtiger Autor wie der Rechtshistoriker Dieter
Es ändern sich aber durch die Sakralisierung der
Simon dessen »quasireligiöse Aufwertung« diagnos- Verfassung und namentlich des Satzes von der Mentiziert. Ist das eigentlich schlimm? Oder sollte man schenwürde – zweiter Aspekt – auch Struktur und
sich über eine solche gesteigerte Wertschätzung der Stil der politischen Debatte. Rasch kann hier durch
Verfassung nicht eher freuen?
Rekurs auf höchste Güter die offene AuseinanderErste Zweifel regen sich, wenn man auf die Fol- setzung abgeschnitten werden. Und wo sie wegen
gen einer quasireligiösen Aufladung eines Verfas- der Hartnäckigkeit, ja »Unbelehrbarkeit« divergensungstextes schaut: In den USA wird der Streit um ter Auffassungen nicht sogleich komplett gekappt
die Auslegung der allgemein vergötterten Consti- wird, macht sich doch bald eine charakteristische
tution mit einer Vehemenz ausgetragen, wie sie in Unduldsamkeit breit. Das Maß an Unerbittlichkeit
Europa und Deutschland glücklicherweise noch und Fanatismus, das wir aus Glaubenskämpfen
nicht (ganz) durchschlägt. In den
aller Art kennen, erfasst dann auch
moralisch hochangereicherten Dedie Verfassung und lässt die Debatbatten um Abtreibung und Biote um ihre treffende Auslegung
schnell zu einer Art von Heiligem
ethik führt das zu zugespitzten,
Krieg werden. Wer beispielsweise
nicht selten gewalttätigen Konflikin bioethischen Fragen eine Positen – eben weil man in der Verfastion vertritt, die von der anderen
sung so viel mehr sieht als das zeitSeite als Verstoß gegen die Mengebundene Ergebnis einer verfassunggebenden Versammlung: einen
schenwürde eingestuft wird, vertritt
Speicher letzter Wahrheiten. Noch
dann eben nicht nur eine falsche
andere Meinung, sondern versünfinsterer wird es, wenn im Namen HORST DREIER, 54,
digt sich an einer Art von Heiligewiger Verfassungswerte mit reli- lehrt Jura in Würzburg.
giöser Inbrunst der Kampf gegen 2008 verhinderte die
tum. Aus der konkurrierenden
das Böse ausgerufen und mit mi- Union seine Wahl zum
verfassungspolitischen Auffassung
litärischen Mitteln ausgefochten Verfassungsrichter
wird ein Sakrileg. Bis zur Verteufewird. George W. Bush war nicht
lung der Vertreter abweichender
der erste und wohl auch nicht der letzte amerika- Auffassungen ist es dann nicht mehr weit.
nische Präsident, der auf diese Karte gesetzt hat.
Zumindest tendenziell gefährdet wird schließDoch muss man gar nicht solche düsteren Sze- lich, drittens, die freiheitsfördernde Trennung von
narien bemühen, um die Kosten und Defizite zu Recht und Moral. Die zuweilen obsessive Fixierung
benennen, die eine Sakralisierung der Verfassung der Politik auf das Grundgesetz findet ihr Pendant
mit sich bringt. In Mitleidenschaft gezogen werden, in der Vorstellung, dass alle relevanten ethischen
kurz gesagt, erstens die Gestaltungsfreiheit des de- und moralischen Fragen in der Verfassung bereits
mokratischen Gesetzgebers, zweitens die Freiheit ihre definitive Antwort gefunden hätten, die nur
der politischen Debatte und drittens die moralische noch dechiffriert werden müssten. Die Verfassung
Freiheit des Bürgers.
wird so zum »Moralsubstitut«. Genau das aber verWenn in der Verfassung wie in der Heiligen kennt, dass ungeachtet aller inhaltlichen ÜberlapSchrift alle Antworten auf die zentralen politischen pungen nur die prinzipielle Eigenständigkeit von
Fragen schon enthalten sind, dann sieht sich der Recht und Ethik die Freiheitlichkeit des Gemeindemokratische Gesetzgeber auf eine bloße Vollzugs- wesens sicherstellen kann. Andernfalls wäre ein
instanz reduziert. Die Verfassung, so hatte vor Jah- Tugendstaat die unausweichliche Folge. Das Recht
ren der Staatsrechtler Ernst Forsthoff gespottet, ist aber, wie man bei Kant lernen kann, keine Minwird so eine Art von juristischem Weltenei, aus dem derform der Sittlichkeit, sondern ein aliud. Durch
die Gesamtrechtsordnung schlüpft. Demokratische ihre Vermengung verlören beide Systeme ihren guGesetzgebung erscheint nur noch als bloße Deduk- ten Selbststand. Freiheit etwa meint doch, um ein
tion und Ableitung aus der Wertordnung des Beispiel für eine systematische Trennung von Recht
Grundgesetzes. Man fühlt sich an die Naturrechts- und Ethik zu nennen, in christlicher Perspektive
lehre der katholischen Kirche erinnert, die sich seit beileibe nicht das Gleiche wie im verfassungsrechtje kraft der Gnadengabe der Erleuchtung dazu be- lichen Sinn der Gewährleistung grundrechtlicher
fähigt sieht, das ewige Sittengesetz im Allgemeinen Ansprüche. Auch wenn das Demokratieprinzip
und den Dekalog im Besonderen konkretisierend heute zu den unantastbaren Prinzipien der staatli-
Nr. 20 DIE ZEIT
VON HORST DREIER
chen Ordnung zählt, steht es einer Religionsgemeinschaft frei, ihr Oberhaupt auf Lebenszeit zu bestimmen
und mit allen Vollmachten auszustatten.
Bei einer Moralisierung der Rechtsordnung oder
umgekehrt einer Juridifizierung der Moral können
beide Seiten nur verlieren: Die Identifizierung von
Recht und Moral ist ein unverwechselbares Signum
totalitärer Staaten. Die Juridifizierung der Moral kolonisiert das individuelle Gewissen und die eigenen
ethischen Maßstäbe. Umgekehrt führt die Moralisierung des Rechts regelmäßig dazu, Gruppenmoralen mit staatlicher Zwangsgewalt als allgemein verbindliche Normen durchzusetzen, wie sich das an
der BGH-Judikatur aus den 1950er Jahren zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in der Fami-
S.13
SCHWARZ
lie studieren lässt, die sich umstandslos an der katholischen Soziallehre orientierte.
Das Grundgesetz ist keine Bibel, das politische Leben kein Gottesdienst, der Verfassungsexeget kein
Hohepriester. Eine Verfassung hat schon viel, sehr viel,
erreicht, wenn sie die Staatsgewalt rechtsstaatlich limitiert, demokratisch legitimiert und die politische wie
private Freiheit ihrer Bürger garantiert. Sie auch noch
als unerschöpfliche Antwortquelle auf alle Probleme,
letzte Sinnfragen eingeschlossen, zu verstehen verkennt
sie – und schwächt sie. Wir sollten das Grundgesetz
ganz nüchtern als Form friedensstiftender und freiheitsgarantierender Herrschaftsrationalisierung begreifen. Gerade dann bleibt an unserer Verfassung noch
genug zu rühmen.
cyan
magenta
yellow
13
WIDERSPRUCH
Die »Gräfin«?
Es gibt in Deutschland keinen Adel
mehr VON HEIDE BRAUKMÜLLER
Immer wieder ist in der ZEIT vom deutschen Adel die Rede, zuletzt in Gunter Hofmanns Artikel Das Weltkind zum 80. Geburtstag von Ralf Dahrendorf (ZEIT,
Nr. 19/09). Aber den Adel gibt es nicht
mehr, und bei größter Hochachtung: Frau
Dr. Marion Gräfin Dönhoff war nicht Gräfin, sie hieß so, denn Majestäten, Hoheiten,
Durchlauchten und Erlauchten sind in
Deutschland passé, und das schon seit recht
langer Zeit. Es gibt bei uns keine bevorrechtigten Klassen, folglich keinen Adel mehr –
gänzlich aufgehoben, weil sich unser Land
vor fast 90 Jahren von einer konstitutionellen Monarchie in eine parlamentarische Republik verwandelte.
Die am 11. August 1919 von der Nationalversammlung beschlossene, die sogenannte Weimarer Verfassung, bestimmt
durch ihren Artikel 1 mit dem Aufbau des
Reiches, dass alle Staatsgewalt vom Volke
ausgehe. Überdies besagt sie mit den
Grundrechten und den Grundpflichten in
Artikel 109 unter anderem die Aufhebung
des Adels, der bislang auch nicht wieder zugelassen wurde (bestätigt mit Artikel 3 des
Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland): »Alle Deutschen sind vor dem Gesetz
gleich. (…) Öffentlich-rechtliche Vorrechte
oder Nachteile der Geburt oder des Standes
sind aufzuheben. Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen
nicht mehr verliehen werden. Titel dürfen
nur verliehen werden, wenn sie ein Amt
oder einen Beruf bezeichnen; akademische
Grade sind hierdurch nicht betroffen.«
Quasi über Nacht wurden aus Edelleuten normale Bürgerliche; sie alle verloren
ihre Adelsprädikate, die flugs ihren Familiennamen de jure hinzugefügt wurden. Eindeutig bestimmt die Weimarer Verfassung
den vergangenen Adelstitel untrennbar, unverrückbar zum Bestandteil des bürgerlichen
Zunamens. Dieser kann nicht mehr gleich
einem Adelsprädikat entzogen werden. Dafür stehen ebenso die geltenden Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches,
welches in seinem Sachwortverzeichnis das
Stichwort »Adel« nicht anführt.
Heide Braukmüller, 68, ist Lehrerin und lebt
in Weener (Ems)
Jede Woche erscheint an dieser Stelle ein »Widerspruch« gegen einen Artikel aus dem politischen
Ressort der ZEIT, verfasst von einem Redakteur,
einem Politiker – oder einem ZEIT-Leser. Wer
widersprechen will, schickt seine Replik (maximal
2000 Zeichen) an [email protected] Die
Redaktion behält sich Auswahl und Kürzungen vor
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IN DER ZEIT
NR.
POLITIK
a
Ungarn
Die Mutter ist in den
ersten Jahren unersetzlich
Im Heiligen
Land kämpft Benedikt XVI. um
sein Pontifikat
Über das heikle
Verhältnis von Christen und Juden
VON ROBERT LEICHT
TOMAS NIEDERBERGHAUS, 45 JAHRE
Das Massaker von Mardin
wurzelt in Blutrache und
Kurdenkrieg VON MICHAEL THUMANN
Türkei
Wie geht’s Deutschland?
8
Die Grünen zwischen
Rot und Ampel VON MATTHIAS GEIS
33
12 Zeitgeist
SEINE LESEEMPFEHLUNG: Jens Jessen über »Autos ohne Charakter«
FEUILLETON SEITE 65
VON BENEDIKT ERENZ
Wahlkampf Unhaltbare Steuerversprechen? Kein Grund zum
Ärgern VON ELISABETH NIEJAHR
Fotografie
VON MILAN CHLUMSKY
59 ZEIT-Museumsführer (1)
Die Kunsthalle in Karlsruhe
VON HANNO RAUTERBERG
Das »Gallery
Weekend« in Berlin
Kunstmarkt
62 Mitarbeiter der Woche
VON PETER KÜMMEL
Beilage:
35 Boden Die Haut der Erde
REISEN
Innovationen
sollen aus der Wirtschaftskrise
führen VON ANDREAS SENTKER
Forschungspolitik
Die Angst fliegt mit
VON KARIN CEBALLOS BETANCUR
64 Hoteltest Kempinski Palace
Der Architekt Werner Sobek
Portoroz, Slowenien
VON TOBIAS TIMM
39
VON HEIDE BRAUKMÜLLER
19 Mein Deutschland (8)
63 Mexiko Mexico City und zurück:
38 Wer denkt für morgen? (6)
vor der Verfassung schwächt die
Demokratie VON HORST DREIER
Es gibt in
Deutschland keinen Adel mehr
VON PATRICIA ENGELHORN
a Amerikagrippe Ein Besuch im
Lagezentrum des Robert-KochInstituts VON CHRISTIAN HEINRICH
65
VON FRITZ J. RADDATZ
Internetfilme auf dem Fernseher
SPEZIAL HOCHSCHULRANKING
43 Wissenschaft Verrückte
69
kriegen jetzt Junge
15 Integration Wie Familie Opoku
aus Ghana in Hamburg ihren vier
Söhnen ein besseres Leben
ermöglichen will
von HENNING SUSSEBACH
Spezialität Raki und ihre Panscher
a
Zeit zum Vorlesen
könig
20 Wochenschau Die türkische
VON MICHAEL THUMANN
70 Studienwahl Warum Ranglisten
VON SUSANNE GASCHKE
46
47
Kochwettbewerb
hilfreich sein können
VON THOMAS KERSTAN
Der Frosch-
71 Ergebnisse 2009 Wie die
VON ANNIE M. G. SCHMIDT
FEUILLETON
Universitäten in Medizin,
Informatik und den Naturwissenschaften abgeschnitten haben
a Warenwelt Wenn Opel und
Fiat fusionieren, geht das Artensterben weiter VON JENS JESSEN
ZEITLÄUFTE
84 Kaiserreich Im Mai 1909 starb in
Gut, dass »Westkunst« und Einheitsdenkmal
scheitern VON FLORIAN ILLIES
WIRTSCHAFT
21 Banker Darf die Zockerei
VON UWE JEAN HEUSER
Wie die großen
Vertriebsfirmen junge Leute anlocken VON TOBIAS ROMBERG
Auteurs revolutioniert das Kino
Fotos: www.bildarchiv-boden.de; ZEIT-Grafik
VON STEFAN MAUER
23
Boden speichert Kohlendioxid, liefert Nahrung und ist die
Heimat eines faszinierenden Mikrokosmos. Doch der
irdische Untergrund ist schwer bedroht – Raubbau und
Erosion zerstören die Grundlage des Lebens WISSEN SEITE 35–37
Nr. 20 DIE ZEIT
50 Erinnerungsliteratur
Fiat Der hochriskante Plan
einer Welt AG VON DIETMAR H.
VON ELISABETH VON THADDEN
gegen den Jobabbau
25 ThyssenKrupp Tausende Jobs sind
VON JUTTA HOFFRITZ
26 Twitter Was Unternehmen sich
VON KERSTIN BUND
Billigwerbung
lohnt sich selten
40
44 LESERBRIEFE
Autobiografie Tracey
48 Der Augenblitz/Was mache ich
Emin
VON CHRIS KÖVER
hier?/Mosaik/Diskothek
a Erzählungen Angelika
Klüssendorf »Amateure«
51 Gedicht / Wir raten zu
VON GABRIELE KILLERT
52 Vom Stapel
Jürgen Wertheimer
»Als Maria Gott erfand«
62
Roman
VON ROLF VOLLMANN
S.14
a Stimmt’s?/Erforscht und
erfunden/Technik im Alltag
Macht der Geschlechternormen«/
»Krieg und Affekt« VON W. TRAPP
»Strangeland«
53
Worte der Woche
33 Macher und Märkte
52 Sachbuch Judith Butler »Die
24 Unternehmer Der tägliche Kampf
Virales Marketing
2
51 Roman Arnold Stadler »Salvatore«
LAMPARTER UND BIRGIT SCHÖNAU
versprechen
RUBRIKEN
Die Kriegskinder Europas
VON ANDREAS MAIER
a
gefährdet
VON GERD FESSER
VON KATJA NICODEMUS
22 AWD Das große Geschäft als
Vertreter? Ein Selbstversuch
Berlin Friedrich von Holstein, die
Graue Eminenz des Kaiserreichs,
der große Unbekannte,
der Dämon im Auswärtigen Amt
49 Kino Das Internetportal The
Finanzberater
a Medizin Studiengänge mit
hohem Praxisanteil sind beliebt
VON CHRISTIAN HEINRICH
45 KinderZEIT Die Eichhörnchen
Nationalkultur
VON CHRISTIANE
GREFE UND
URS WILLMANN
Golf für Anfänger
Warum machen Sie das?
Gedankenleser Thorsten
Havener hält seine Fähigkeiten
nicht für übersinnlich – und
doch sind sie ihm ein Rätsel
CHANCEN
VON DIRK ASENDORPF
Experimente aus dem Labor
DOSSIER
weitergehen?
Portugal
Frisch gestrichen: ZEITAutoren überlegen, worauf sie
notfalls verzichten könnten
67 Magnet Frisch vom Markt
VON RETO SCHNEIDER
WOLFRAM SIEBECK
a
Ein Land hinterm Schleier:
Der Fotograf Olaf Unverzart
konnte zwei Wochen lang
durch den Iran reisen
40 Technik im Alltag Die Blobbox für
High Society: Wie es bei den
Schönen und Reichen der alten
Bundesrepublik zuging
VON CHRISTIAN SCHMIDT-HÄUER
Kultursommer
VON CHRISTIANE GREFE, TANJA BUSSE,
URS WILLMANN
Widerspruch
7. Mai 2009
Eine Ausstellung
tschechischer Künstler in Bonn
a
WISSEN
VON JÖRG LAU
Foto: Bela Szandelszky/AP
Interview mit Charles Goodhart
20
Der Regisseur Sam Mendes
Die Kirche wird
jünger, grüner und östlicher
Ungarn sieht schwarz. Uniformierte Garden verfolgen
Roma und Juden. Armut macht Bürger zu Rechtsradikalen. Der Autor, der das Land seit 40 Jahren kennt,
hat es noch nie so verzweifelt erlebt POLITIK SEITE 3
Zum 80. Geburtstag
von Hans Traxler
unternehmer Anno August
Jagdfeld? VON BURKHARD WETEKAM
VON JOSEF JOFFE
13 Grundgesetz Zu viel Ehrfurcht
VON HARRY ROWOHLT
Karikatur
34 Was bewegt … den Immobilien-
Protestanten
Unter der Fahne der Faschisten
58 Pooh’s Corner
Steueroasen Die Regierung muss
auch gegen deutsche Banken
vorgehen VON GERHARD SCHICK
ADAM SOBOCZYNSKI
blieb. Gespräch mit Bürgerrechtlern
Löcher
32 Banken Zerschlagt die Riesen! Ein
a Italien Berlusconis Ehefrau
rettet ihre Ehre – und die ihres
Landes VON BIRGIT SCHÖNAU UND
10 1989 Was von der Revolte übrig
VON STEFAN KOLDEHOFF
in den Sozialkassen
VON GUNTER HOFMANN
Parteien
Welfenschatz in Berlin?
wollen den Liberalismus beleben
Taugt Franz Josef Strauß
noch als Vorbild?
7
57 Nazi-Raubkunst Wem gehört der
31 Großbritannien Konservative
CSU
Der gebürtige Westfale studierte Französisch und Betriebswirtschaft und volontierte bei der Heilbronner Stimme. Für
die taz zog er als Korrespondent nach Prag. Danach holte ihn
der Tagesspiegel. 2000 kam er zu uns in die »Reise«. Er
schreibt Reportagen aus dem Orient und Afrika und testet
die schönsten und die gruseligsten Hotels der Welt. Auch das
jährlich im Herbst erscheinende Hotel-Spezial konzipiert er.
In seinem Buch »Menschen im Hotel« porträtierte er berühmte Hotelliebhaber. In dieser Ausgabe beschreibt er, wie es ist,
wenn man zum ersten Mal einen Golfschläger in die Hand
nimmt und an der Algarve die Platzreife anstrebt. S. 65
Indien Ein Gespräch mit dem
Bollywood-Superstar Aamir Khan
VON JONAS VIERING
Mission
6
VON VOLKER HAGEDORN
Teilzeit – geht das?
VON JAN ROSS UND PATRIK SCHWARZ
Köpfe der ZEIT:
Sciarrino und Wolfgang Rihm
VON DOROTHEA BÖHM
Der Papst in Israel
5
56 Oper Neue Stücke von Salvatore
29 Führungskräfte Chefinnen in
TITEL
4
Regisseur Jürgen Gosch und dem
Schauspieler Ulrich Matthes
Contra
Unter der Fahne der
Faschisten
Foto: Cyrus Saedi für DIE ZEIT
Frauen dürfen Baby und
Beruf lieben VON JUTTA HOFFRITZ
Pro
Afghanistan
3
54 Theater Ein Gespräch mit dem
28 Berufstätige Mütter
Ein Gespräch mit
General David Petraeus über die
künftige US-Strategie
2
Die Haut
der Erde
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Foto: Olaf Unverzart ( bilder aus dem iran )
14
SCHWARZ
S. 14
DIE ZEIT
SCHWARZ
Foto: Arno Declair/Berliner Festspiele
Nr. 20
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a Wörterbericht/Tatort
Das Letzte
Impressum
magenta
yellow
STOFF ZUM DENKEN
In Berlin treffen sich die
wichtigsten deutschen
Theatermacher und
beleuchten den Zustand
unserer Welt.
ZEIT ONLINE begleitet
das Festival in Text,
Bild und Video
www.zeit.de/theatertreffen
STUDIEREN – ABER WAS UND WO?
Mehr als 2000 Fachbereiche und 250 Universitäten – das neue Hochschulranking ist online
www.zeit.de/hochschulranking
Die so a gekennzeichneten
Artikel finden Sie als Audiodatei
im »Premiumbereich« von ZEIT.de
unter www.zeit.de/audio
ANZEIGEN IN DIESER AUSGABE
Link-Tipps (Seite 18), Spielpläne
(Seite 40), Museen und Galerien
(Seite 60), Bildungsangebote und
Stellenmarkt (Seite 70)
Nr. 20
SCHWARZ
S. 15
DIE ZEIT
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DOSSIER
7. Mai 2009
DIE ZEIT Nr. 20
JEDEN SONNTAG
besucht Familie
Opoku den Gottesdienst: Godwin,
Felix, Samuel,
Mavis, Raphael und
Winfried (von links
oben nach rechts
unten)
Foto: Irina Ruppert für DIE ZEIT
15
Die Opokus von nebenan
Eine Familie aus Ghana: Der Vater putzt in der Hamburger Oper, die Mutter in einem Einkaufszentrum. Ihre vier Söhne sollen es in Deutschland einmal
besser haben. Deshalb tun die Eltern etwas, was kein Nachbar begreift: Sie schicken ihre Kinder auf eine Privatschule VON HENNING SUSSEBACH
D
a ist ein Mann auf seinem Weg zur
Arbeit, wie leicht kann man ihn übersehen. Es ist noch dunkel, kurz nach
vier, als er mit bedächtigen Schritten
die Treppen zum U-Bahnhof Rauhes
Haus hinabsteigt. Die Sohlen seiner Turnschuhe
quietschen leise auf den Kacheln, auf dem Bahnsteig
in Richtung Innenstadt stellt er seine Tasche ab. Er
trägt eine dunkle Lederjacke und eine schwarze Jogginghose. Seine Schirmmütze ist tief in die Stirn
gezogen, fast wie ein Visier. Nichts Auffälliges ist an
ihm. Bis auf seine schwarze Haut.
Samuel Kwasi Opoku, geboren am 25. Januar
1948 in Ghana, ein kräftiger, nicht sehr großer
Mann vom Stamme der Ashanti, betritt diesen
Bahnhof im Hamburger Osten als Nachtgestalt.
Wie ein stummer Alltagskomparse steht er am
Gleis und wartet. Allein mit sich und seinen Gedanken, die in der Bleischwere einer ausklingenden Nacht immer zweifelnder sind als später, am
Tag, wenn die Hektik seine Fragen erstickt. Ist das,
was er hier tut, das, was er tun wollte? Und was
werden seine Söhne machen, wenn sie einmal erwachsen sind?
Wer einen Doktortitel hat, der ist oben.
So sieht Samuel Opoku die Welt
Im Fernsehen hört Samuel Opoku die deutschen
Politiker manchmal von »Integration« reden. Vor
allem, wenn Kinder im Alter seiner Söhne wieder
Mist gebaut haben. Aber was erwarten diese Politiker von ihm, von Samuel Opoku? Vor 27 Jahren ist
er in Hamburg angekommen, fast ebenso lange
stellt er sich diese Fragen. Nur kann sie niemand
hören, weil Samuel Opoku sie niemals ausspricht.
Sein Deutsch ist immer noch zu schlecht.
Der Zug fährt ein und nimmt ihn mit zum
Jungfernstieg, aus dem rauen Stadtteil Horn in
Hamburgs feine Mitte. Es ist fünf Uhr, als Samuel
Opoku im Keller der Hamburgischen Staatsoper
Eimer, Mülltüten und Duftreiniger auf einen
Putzwagen stapelt und noch einige Lappen dazu,
blaue für die Tische, rote für die Toiletten.
Es wird dann sechs, als auch seine Frau Mavis,
schwarz wie Samuel, die kleine Mietwohnung in
Hamburg-Horn verlässt, um Raphael, den Zweijährigen, zum Kindergarten zu bringen. Ehe dann
auch sie zu putzen anfängt, in einem Einkaufszentrum nah der Alster.
Es wird dann sieben, wenn im Flur derselben
Wohnung das Telefon klingelt, weil die Opokus Tag
für Tag mit einem Anruf von der Arbeit ihre drei
älteren Söhne wecken, Godwin, Winfried und Felix,
den Großen, der dann seinen MP3-Player anstellt,
um beim Zähneputzen Rap von P. Diddy zu hören,
während Godwin und Winfried aus ihrem Etagenbett klettern und sich Hosen, T-Shirts und Pullover
suchen in einem Zuhause, das auf den ersten Blick
nichts als Unordnung und Enge ist. Wo Handtücher
über Türen trocknen, auf dem Boden Wäsche liegt
und sich Schuhe stapeln, überall.
Es wird dann acht, wenn die drei Jungen das
Treppenhaus hinunterhasten, vorbei an den Klingelschildern der Pinis, Sahins, Singhs, vorbei an der
Aldi-Filiale, über die vierspurige Horner Landstraße und hinauf zur Schule in den stillen Horner
Weg. Es gibt dort zwei: die Gesamtschule mit
70 Prozent Ausländeranteil. Und die Schule der
Opoku-Kinder: die Wichern-Schule mit etwas
mehr als 20 Prozent Ausländeranteil. Mit 1500
Schülern ist sie die größte evangelische Privatschule
in Norddeutschland.
Der Vater putzt seit drei Stunden, wenn seine
Söhne dort, oft etwas zu spät, an ihre Pulte stürzen.
Winfried, der Zweitklässler. Godwin, der Sechstklässler. Und Felix, der Zehntklässler, der ins backsteinerne Paulinum hetzt, einen kirchenartigen
Schulbau aus der Kaiserzeit, an dessen Portal die Namen früherer Abiturienten in Messing gefräst sind.
Samuel Opoku hofft, dass diese Schule eine Antwort ist auf jene Fragen, die ihm durch den Kopf
gehen. Dass ihr Portal das Tor wird, durch das seine
Kinder es nach Deutschland schaffen. Söhne eines
Nr. 20 DIE ZEIT
S.15
putzenden Afrikaners, aus denen Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler werden. Am liebsten aber Ärzte. »Doctors«, dieses Wort intoniert Samuel Opoku
voller Ehrfurcht. Wer Arzt ist, ist oben. Deshalb
wolle er, dass sie lernen. Damit sie nicht tun müssen,
was er tut. Damit sie nicht werden, was er ist. In
Samuel Opokus Worten heißt das: »I tell them to
study hard. To have a better life.«
Felix, geboren am 27. März 1993 in Hamburg,
sitzt in der Schule in der ersten Reihe links außen.
Ein stiller Junge mit Kapuzenpulli und weißen Turnschuhen. Er ist groß und schmal, in seinen dunklen
Augen liegt etwas Suchendes. Und in seinen Zügen
kündigt sich eine Ähnlichkeit zum Vater an.
Der älteste Sohn geht aufs Gymnasium
– er darf keine Freundin haben
Im Paulinum stehen neun Stunden an. In Raum P.05
sortieren 21 Schülerinnen und Schüler ihre Taschen
und sich selbst. Die Pubertät hat den Jungen die Stimmen aufgeraut und die Mädchen plötzlich zu Frauen
geformt. Manchmal werfen die Jungen befangene
Blicke. Die zehnte Klasse ist eine Schicksalsstufe. Kinder verwandeln sich in Erwachsene. Und mit dem
nächsten Zeugnis entscheidet sich, welchen Weg sie
nehmen, ob sie den Sprung in die Oberstufe schaffen,
zum Abitur. Eine Arbeit folgt der nächsten, Englisch,
Deutsch, Französisch, Mathematik. Vorn an der Tafel
steht Victor Rengstorf, der Klassenlehrer, in Jeans und
dunklem Sakko. 30 Jahre in der Schule haben seine
Stimme geschliffen, wie ein Messer durchschneidet
sie das Gemurmel der Schüler. »Können wir jetzt anfangen?« Es ist mehr Feststellung als Frage. Die Religionsstunde beginnt.
Es geht um Ostern, um die Auferstehung Jesu
und die Vorstellungen der Christen von einem Leben nach dem Tod. Es sind meist Mädchen, die
sich melden. Die Jungen verbringen die Stunde
hinter verschränkten Armen. Rengstorf spricht den
Test durch, den er vorige Woche hat schreiben lassen. Worin unterscheidet sich die älteste Auferste-
SCHWARZ
cyan
hungsgeschichte, die des Paulus, von den späteren? Alle
vier Evangelisten schildern die Auferstehung – worin
sind sich alle einig? Was war das Fischwunder? Wie
stellt sich Matthäus das Jüngste Gericht vor? Nach
welchen Kriterien kommt der Mensch laut Matthäus
in den Himmel?
»Der unglaubliche Thomas, lieber Max, ist übrigens der ungläubige Thomas«, sagt Rengstorf.
Unter Gelächter gibt er die Tests zurück. In der
Klasse erhebt sich »Und was hast du?«-Geschnatter.
Felix hat eine Drei minus. Er lächelt seine Enttäuschung weg. Dann dreht er das Blatt um.
In den Reden der Politiker sind die Opokus
»Menschen mit Migrationshintergrund«. Sechs
von 15 Millionen. Sie machen fast 20 Prozent der
in Deutschland lebenden Menschen aus und bekommen ein Drittel aller Kinder. Eine Minderheit
kann man sie nicht mehr nennen, zur Mitte der
Gesellschaft gehören sie trotzdem nicht: Sie sind
fast doppelt so oft arbeitslos wie Deutsche, ihre
Kinder verlassen die Schulen häufig ohne Abschluss. Und hinter den Debatten um Drogendealer und Ehrenmorde sind ihre Lebensgeschichten
oft vergessen worden.
Es war 1982, im Sommer, als sich Samuel Opoku im Hamburger Hafen von einem Kakaofrachter
stahl, weil er teilhaben wollte an dem Reichtum,
den er so oft aus Afrika in alle Welt gefahren hatte.
Und weil das Wort »Deutschland« für ihn nach
Wohlstand klang, ging er hier von Bord. Er lief in
die Stadt mit nichts als einem Hemd, einer Hose
und seiner Zuversicht: Samuel Opoku, frommer
Sohn eines Goldschmieds, Bruder von neun Geschwistern, plante einen Sturmlauf in den reichen
Norden – und nach wenigen Jahren eine triumphale Rückkehr, mit Geld für einen Supermarkt zu
Hause in Berekum.
Es ist nicht so gekommen. Bis heute gehört
Samuel Opoku zum unsichtbaren Servicepersonal
der Stadt, gemeinsam mit Tatjana aus der Ukraine,
magenta
Fortsetzung auf Seite 16
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Nr. 20
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DOSSIER
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Fotos: Irina Ruppert für DIE ZEIT (S.16 u. S.17)
16
SCHWARZ
S. 16
DIE ZEIT
SAMUEL
OPOKU
frühmorgens
in der
Hamburger
Oper. Sein
Sohn FELIX
in der Schule
Die Opokus von nebenan
Fortsetzung von Seite 15
Folly aus Togo und Dionisia aus Venezuela putzt er die
Oper, fegt den Orchestergraben, wischt den Ballettsaal,
saugt die Samtsessel im Zuschauerraum. Wenn er sich allein wähnt in den Fluren, befeuert er sich mit Kirchenliedern: »On the mountain, in the valley, on the land and in the
seas – hallelujah, the lord is mine.« Samuel Opoku singt mit
vollem Bariton, er gießt Wasser aufs Linoleum und verteilt
es mit dem Mopp, in engen Kreisen, nah am Körper, immer aufrecht, damit abends der Rücken nicht schmerzt.
Sein Putzen sieht aus, als tanze er auf einem Spiegel. Seine
Arme, stark und sehnig, künden noch von seiner Jugend.
Seine Hände sind rissig von Wasser und Seife, Müdigkeit
hat seine Augen verschattet. Er ist jetzt 61 Jahre alt.
Sieht er im Spiegelbild den, zu dem er werden wollte?
Samuel Opoku hat lange über seine Antwort nachgedacht. Er hat mit seiner Frau und seinen Söhne beratschlagt, ob die Öffentlichkeit ihre Geschichte hören soll.
Er hat die Anteile von Stolz und Scham in seinem Leben
abgewogen. Und er hat dann zugestimmt, vielleicht auch
aus der Überraschung, dass sich nach 27 Jahren jemand
für ihn interessiert. Doch in seiner warmen Stimme, die
zwischen Deutsch und Englisch mäandert, schwingt kein
Groll mit, sondern die Ergebenheit eines Mannes, der sich
damit abgefunden hat, dass aus seinem Sturmlauf ein Alltag voller Trippelschritte wurde.
Samuel Opoku kann sich heute noch wundern über das
Land, dem er damals seine Zukunft anvertraut hat: Hier
laufen Menschen und Hunde, mit Leinen verbunden,
durch die Straßen. Hier geben Kinder ihre eigenen Eltern
in sogenannte Altersheime; das erzählten ihm sehr bald andere Ghanaer, die dort Teller sauber kratzten und Matratzen wendeten. Hier rennen die Menschen zu den Haltestellen – und ärgern sich dann, dass der Bus noch nicht da ist.
Samuel Opoku kommt immer wieder ein Sprichwort aus
seiner Heimat in den Sinn: »Ihr Europäer habt die Uhren,
wir Afrikaner haben die Zeit.«
Und er staunt noch heute über die Stille überall, auf den
Straßen, in den Läden, in den Zügen. Darüber, dass die
Deutschen seinen Blicken ausweichen. Und nicht nur seinen, »sie haben ja sogar Angst, miteinander zu reden«. Ihre
Kneipen haben Vorhänge aus Leder. Ihre Gärten sind den
Straßen abgewandt. Nach acht Uhr sind ihre Städte leer,
dann flackert hinter den Gardinen das kalte Licht der Fernseher. Und als Samuel Opoku seine Söhne zum Aschenplatz des Horner TV brachte, weil Deutschsein doch vor
allem Fußballspielen heißt, waren da fast nur Türken, Russen und Kroaten.
Er war in ein sprachloses Land geraten, wie sollte er da
reden lernen? Außerdem musste er doch arbeiten. Und
auch bei seiner Arbeit sind ja keine Deutschen, sondern
nur Tatjana, Folly und Dionisia.
So sieht es Samuel Opoku, der die Deutschen bis heute
eigentlich nur über den Müll kennt, den sie fallen lassen
und den er wieder aufhebt, bei Schuhe Görtz und Brille
Fielmann, in den Büros der Volksfürsorge und in
der Oper. Er kennt ihre Brillen, die sie auf den
Schleswig-Holstein
Schreibtischen vergessen, ihre Män12
tel, die sie in Garderoben hängen
lassen, und ihre Liebe zu Laugenbrezeln, die ihn verzweifeln
lässt: all die Körner und KrüHamburg
mel, die er Nacht für Nacht
Bremen,
aus den Teppichen der Oper
Niedersachsen
kratzt.
Berlin
Doch Samuel Opoku hat
vor Jahren schon begriffen,
5
dass es für die Familie eines
ostdeutsche
NordrheinBundesländer
Einwanderers nur einen Weg
Westfalen
16
25
23
23
Rheinland-Pfalz
17
23
Der Psychotherapeut spricht von einem
Stadtteil »voller Angst und Depression«
Nun hat Felix diese Drei in Religion, ausgerechnet Religion. Auf seinem Halbjahreszeugnis hatte er in Biologie
und Französisch eine Fünf. Er ist ins Wanken geraten. Er
darf jetzt nicht auf die falsche Seite kippen.
Felix hat von seinem Vater gelernt, dass alles aus zwei
Hälften besteht, »right« und »wrong«, »good« und »bad«.
Sogar mit Hamburg ist das so. Es ist, als verlaufe eine gesellschaftliche Wasserscheide durch die Stadt: Die Reicheren fahren vom Hauptbahnhof aus nach Westen, nach
Rotherbaum, Othmarschen und Blankenese. Die Ärmeren fahren nach Osten, nach Billstedt, Mümmelmannsberg und Horn.
Die Geschäfte hier haben freudlose Namen, Biershop,
Änderungsstube, Bakir Allgemeine Zeitarbeit. Nur Sein,
kein Schein. Horn ist kein Viertel, in dem es für Neugeborene T-Shirts mit dem Aufdruck »Abi 2027« gibt.
Samuel Opoku lebt hier, weil die Wohnungen billig sind.
Der Preis, den er dafür zahlt, ist die Sorge um seine Söhne
in diesem Meer von Menschen.
In der angejahrten Gesamtschule kleben an den Toilettentüren Plakate mit Notrufnummern für »Opfer von
häuslicher Gewalt und Zwangsheirat«. Pro Familia bietet
Sexualkunde für muslimische Mädchen an, zur Schulzeit,
damit ihre Väter nichts davon erfahren.
In einer kleinen Praxis an der Washingtonallee erzählt
Erich Schröder, Allgemeinarzt und Psychotherapeut, von
einem Stadtteil »voller Angst und Depression«, in dem er
seinen Patienten manchmal jede Zuversicht entgleiten
sieht. Er lernt sie als junge Familien kennen, »Türken und
Farbige voller Begeisterung für ihre Kinder, alles an ihnen
sagt: So wie du bist, bist du in Ordnung.« Die Deutschen
im Viertel hingegen, unter ihnen viele mit Alkoholproblemen, vermitteln den Kleinen das Gegenteil: »Du bist lästig.«
Aber wenige Jahre später, sagt Schröder, sitzen die türkischen und afrikanischen Eltern »mit Schmerzen im Bewegungsapparat« in seinem Wartezimmer. Ihre Kinder, vor
allem die jungen Türken, kommen mit Kopf- und Bauchschmerzen, »typischen Präsentiersymptomen«, hinter denen Schröder pure Angst diagnostiziert: vor den Vätern,
vor der eigenen Schwäche. Und die Afrikaner, das liest er
aus ihren Blutproben, »rauchen Haschisch wie die Teufel«.
Im Polizeirevier Billstedt, das auch für Horn zuständig
ist, sagt dem Dienststellenleiter Kondoch seine Erfahrung,
dass für die Kinder in den Straßen ein Messer eigentlich
keine Waffe mehr ist, sondern »allgemeines Statussymbol«.
Dass bei manchen Schlägereien niemand mehr einschreitet, weil die Jugendlichen lieber alles mit ihren Handys
filmen. Und dass seine Kollegen im Polizeicomputer mittlerweile phonetisch nach Namen suchen können, weil
kein Deutscher mehr weiß, wie sich all die Schläger, Dealer
und Ladendiebe schreiben, nach denen sie gerade fahnden. Mit 33 000 Einsätzen im Jahr ist das Polizeikommissariat 42 die einsatzstärkste Dienststelle in Hamburg. In
der Asservatenkammer liegen Messer, Axtstiele, Hantelstangen, Schraubenzieher, Zangen, Hockeyschläger – fast
alles, womit man einander fertigmachen kann.
In der Kindertagesstätte Blostwiete, einem unscheinbaren Bungalow zwischen Mietshausriegeln, erzählt die Erzieherin Marina Buske, wie oft ihr Eltern sagen, sie hätten
keine fünf Euro für einen Ausflug. Und dass andere diese
fünf Euro in Raten abzahlen. »Bitte und Danke sagen, den
anderen ausreden lassen, montags nicht das Wrestling
nachspielen, das sie sonntags im Fernsehen gesehen haben«,
dieses »Hinterhererziehen« sei Alltag in Hamburg-Horn.
Kinder, die mühsam lernen müssen, mit einer Gabel zu
essen. Und die sich fürchten in der Stille eines Museums.
Marina Buske weiß noch, wie 1993 das Ehepaar Opoku vor ihr stand. Vater und Mutter, in ihren Armen ein
Kind namens Felix, in den Augen Zuversicht und Vertrauen, wie es selten geworden ist in Horn. Beide Opokus gingen putzen. Die Mutter brachte Felix ganz früh, »noch
halb schlafend«, der Vater holte ihn nachmittags wieder
ab. Einmal, als der Vater warten musste auf seinen Sohn,
ist er dabei eingenickt.
Marina Buske erinnert sich an Felix als ein Kindergartenkind, das die Geschichten aus der Bibel kannte und
Schach spielen konnte, das Streit aus dem Weg ging und
sich vor seinem eigenen Blut fürchtete, aber erzählte, sein
Vater wolle, dass es Arzt werde. Manchmal lieh sie Felix
Spielsachen, die er mochte und für die aber das Geld zu
Hause nicht reichte. Zu den Weihnachtsfeiern erschien
der Junge im Anzug.
Für die Erzieherin waren das alles Gründe, sich zu freuen. Und sich Sorgen zu machen. Felix erschien ihr »zu ergeben« für ein Leben in Horn. »Er wäre nie auf die Idee
gekommen, mal in den Bonbontopf zu greifen.« Sie fürchtete, dass Felix nicht robust genug sein würde für die Gesamtschule. Er würde zerbrechen, wie so viele. Wie könnte
sie Felix helfen, über die Zeit im Kindergarten hinaus?
Marina Buske dachte an die Schule ihrer eigenen Kinder,
die Wichern-Schule, in der die Religion »der Mittelpunkt
des Lebens« sei. »Ich dachte, das passt.«
Samuel Opoku hatte noch nie etwas gehört von dieser
»Wichern-Schule«. Doch Frau Buske, an die er sich so gut
erinnert wie sie sich an ihn, erzählte Samuel Opoku vom
»aktiven evangelischen Leben« dort, von der Schulpastorin
und den wöchentlichen Andachten.
Endlich war da etwas, das Samuel Opoku bekannt
vorkam. Eine Schnittmenge zwischen ihm und Deutschland, das ihm bis dahin als Land ohne Eigenschaften erschienen war.
Die Wichern-Schule liegt in Horn wie eine Insel der
Hoffnung oder wie eine elitäre Unverschämtheit – je nach
ideologischer Sicht der Dinge. Schon ihre Lage in einem
Park unter hohen, alten Bäumen hebt sie aus dem Grau des
Stadtviertels heraus. Kleine Reetdachhäuser, das himmelstürmende Paulinum und schlichte Nachkriegsbauten fügen sich zu einem Campus, aus dem sich Entstehen und
Wachsen der Schule ablesen lassen. Horn lag noch vor den
Toren Hamburgs, als der Theologe Johann Hinrich Wichern hier 1833 das Rauhe Haus gründete, ein Rettungsdorf für verwahrloste Kinder eines neuen Stadtproletariats.
1874 wurde das Paulinum eingeweiht, bis heute Kern
der Schule, die jedes Jahr Reisegruppen nach Taizé schickt
und alle Zehntklässler zu einem sozialen Praktikum in
Altersheimen, Suppenküchen, Krankenhäusern verpflichtet. Jüngere Schüler bekommen ältere Schüler als Tutoren
zur Seite gestellt. In der Oberstufe heißt der Leistungskurs
Geografie »System Erde – Mensch« und der Leistungskurs
Biologie »Mensch – Natur – Forschung«. Das klingt weich,
doch die Lehrer hier gelten als streng und fordernd.
»Man soll keine Fünf haben«, sagt
Felix Opoku, als sei es das elfte Gebot
Die Wichern-Schule und die Gesamtschule in Horn sind
nur durch den schmalen Horner Weg getrennt, der wie eine
Demarkationslinie zwischen zwei Schülerschaften und zwei
Bildungskonzepten verläuft. Es gibt hin und wieder Prügeleien, die immer die Gesamtschüler gewinnen. Wie auch die
regelmäßigen Fußballspiele. Dem Direktor der Gesamtschule fällt es leicht, seine Schüler ansonsten als schuldlose Verlierer zu beschreiben, als Opfer eines ärgerlichen Systemkampfes. Die Schule auf der anderen Seite der Straße sei
eben privat. Eine, die sich die besten Kinder aussuchen könne. Und die anderen sich selbst überlasse.
Privatschule. Für Samuel Opoku klang das anfangs unerreichbar fern. Aber er hat bald gemerkt, dass das Wort
»privat« eine Täuschung ist. Die Schule seiner Söhne ist
keine Schule für die Reichen, denn die Reichen scheuen
dieses Viertel. Für die 112 Gymnasialplätze gibt es jährlich
etwa 160 Anmeldungen. Auf dem Campus sind eine
Grundschule, eine Hauptschule, eine Realschule und ein
Gymnasium verteilt. Die Wichern-Schule nimmt Magersüchtige auf, Schüler mit psychischen Störungen aus dem
Universitätsklinikum Eppendorf. Sie ist eine Privatschule,
die sich sogar der Putzmann Samuel Opoku leisten kann.
Er zahlt pro Monat 80 Euro für seine drei Söhne.
Samuel Opoku hat sich oft gefragt, warum die Nachbarn seine Begeisterung über diese Schule nicht teilen.
Wieso viele nicht einmal wissen, dass es sie gibt, nur fünf
Gehminuten von seinem Zuhause entfernt. Inzwischen
glaubt er die Antwort zu kennen: Die Wichern-Schule teilt
nicht die Kinder von Horn, sie teilt deren Eltern – in solche, die noch für die Zukunft ihrer Töchter und Söhne
kämpfen. Und in solche, die das nicht mehr tun. Oder die
nicht bereit sind, sich auf eine Schule einzulassen, die ihnen etwas abverlangt, die etwas präsentiert, woran es
Deutschland so sehr fehlt: eine Haltung. »Discipline and
respect.« So sieht es Samuel Opoku. Einmal in der Woche
müssen alle Schüler in die Andacht, auch die Muslime, Juden und Atheisten. Die Eltern sollten das »in neutralem
Wohlwollen« mittragen, sagt die Direktorin. Mehr verlangt
sie nicht, es solle ja jeder bei seinem Glauben bleiben.
Doch so viel Anpassung ist vielen schon zu viel.
Und die 80 Euro, sagen Samuel Opokus Nachbarn,
die könne er doch besser für später anlegen. »So do I«,
antwortet er dann, »mache ich doch.« Und seine Stimme
bricht vor Zorn.
Felix ahnt, dass er und seine Brüder ihrem Vater etwas
zurückzuzahlen haben. Nicht die 80 Euro, sondern einen
Lohn für 27 Jahre. »Man soll keine Fünf haben«, sagt Felix, als sei es das elfte Gebot. Für ihn wiegt jede Note
schwerer als für die meisten Klassenkameraden. Denn sie
bewertet ihn nicht nur als Schüler, sondern auch als Sohn.
Hessen
18
17
Bayern
Saarland
gibt, um wirklich nach Deutschland zu gelangen, in die
Logenplätze der Theater, in die Gärten hinter den Häusern, an die Schreibtische in den Büros. Einen Weg, auf
dem seine Söhne jetzt die Schritte machen sollen, die ihm
nicht gelungen sind. Den Weg, der zur Bildung führt.
»The little that I know, I have to give it to them«, sagt
Samuel Opoku tief im Bauch der Oper.
»Das wusste ich noch gar nicht.« Diesen Satz sagt Felix
ziemlich oft, seit sein Vater sich entschlossen hat, aus seinem Leben zu berichten. Es ist, als habe sich ein tiefer Spalt
geöffnet. Ein Schiff? Seine Eltern erzählen ja nicht einmal
von ihrer Arbeit. Nur manchmal hört Felix sie abends miteinander reden, leise, auf Twi, in ihrer Muttersprache. Daher weiß er, dass ihnen der Rücken schmerzt, die Arme, die
Gelenke. Aber sein Vater – ein Abenteurer, der vom Schiff
ging? Die Söhne wussten nichts von dem Moment im Hafen, in dem ihr Vater Schicksal spielte, auch für sie. Der
Vater hat es nie erzählt, die Söhne haben nie gefragt. Als sei
keine Zeit für einen Blick zurück gewesen, alles immer nur
ein Vorwärts in eine bessere Zukunft.
Samuel Opoku aus der Sicht seines ältesten Sohnes:
Das ist ein Vater, hinter dessen Strenge Felix erst allmählich die Fürsorge erkennt. »Er will immer, dass wir alles
richtig machen.« Deshalb holt der Vater nach der Arbeit
Die Wilden Fußball-Kerle aus der Stadtbücherei und bittet
seine Kinder zum Diktat. Deshalb lässt er sich die Hausaufgaben zeigen, Abhandlungen zum Sandmann von
E.T.A. Hoffmann, die er kaum versteht. Deshalb sollen sie
mit ihm Schach spielen und dürfen nur am Wochenende
an die Playstation. Deshalb darf Felix, der 16-Jährige, erst
eine Freundin haben, wenn das Abitur geschafft ist. Deshalb sollen sich die Söhne fernhalten von all den Ausländern in Horn, denn, so sagt der Vater seinen Söhnen, »zu
viele Ausländer machen zu viel Scheiße«. Deshalb ist
Samuel Opoku aus gleich zwei Gründen froh, dass Felix
der einzige Schwarze in Klasse 10 G4 der Wichern-Schule
ist: Es macht ihn stolz. Und es erleichtert ihn.
24
Baden-Württemberg
Ungleiche Startbedingungen
Wie weit bringen es Migranten in Deutschland?
Migranten
Einheimische
Anteil von Menschen mit
MIGRATIONSHINTERGRUND
nach Bundesländern
Migrantenanteil
gesamt...
alle Angaben
in Prozent
... davon mit
... davon in
deutscher
bikulturellen
Staatsbürger- Ehen
schaft
ohne
Bildungsabschluss
Schüler
der
gymnasialen
Oberstufe
(Fach-)
Hochschulreife
Erwerbstätige
Jugenderwerbslosenquote
Hausfrauenquote
Selbstständige
Vertrauensberufe (z. B.
Arzt oder
Lehrer)
Beschäftigte
im öffentlichen Dienst
Abhängige
von
öffentlichen
Leistungen
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Deutschland
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15
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ZEIT-Grafik/Quelle: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Datengrundlage: Mikrozensus 2005
Nr. 20 DIE ZEIT
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Nr. 20
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DOSSIER
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
17
MAVIS
OPOKU,
fotografierend
in der Kirche.
FELIX UND
SEINE
BRÜDER
Winfried (l.)
und Godwin
auf dem
Schulhof
»Ich habe manchmal so ein komisches Schuldgefühl, weil
meine Eltern selber ja nicht glücklich sind.«
Wenn seine Brüder bei den Hausaufgaben nicht weiterwissen, hilft Felix ihnen. Wenn er selber nicht mehr
weiterweiß, sucht er nach Antworten im Internet. Sein
kleines Zimmer sieht aus wie die Schlafstätte eines Arbeiters auf Montage: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Kleiderschrank und ein Poster der Fußballer von Arsenal London. Hier hat sich noch kein Leben abgelagert, nichts,
was schon in eine Richtung weisen würde. Felix ist der
Vorarbeiter seiner Brüder. Er wird ihnen den Weg weisen,
so oder so. Ob er scheitert oder siegt, für Godwin, Winfried und Raphael ist er das Vorbild. Es ist, als habe er ein
Ehrenamt übernommen. Das des Integrationsbeauftragten der Familie Opoku.
Vor ein paar Jahren, beim Fußball, stand es zur Halbzeit
0 : 6, und Haluk, der türkische Torwart, ist damals einfach
abgehauen. Da stellte sich Felix zwischen die Pfosten. Ihm
flogen die Bälle um die Ohren, viermal musste er hinter
sich greifen. Aber er ist im Tor geblieben, bis heute.
Wenn Felix nachmittags aus der Schule nach Hause
kommt, sitzt der Vater oft auf dem schwarzen Ledersofa,
das zu groß wirkt für das kleine Wohnzimmer. »Wie war
es?«, fragt er dann. »Gibt es Neuigkeiten? Tell me!«
Die Wohnung, in der zunächst nur Unordnung und
Enge zu erkennen waren, besteht bei näherem Hinsehen
aus Details, die leicht zu lesen sind. Das Bild vom Abendmahl über dem Fernseher. Die Brockhaus-Bände in der
Vitrine. Und die einzigen gerahmten Bilder: Fotos der Söhne bei der Einschulung. Urkunden, vom Leben verliehen.
Für einen 16-Jährigen wie Felix ist ein Vater kein unabänderliches Naturphänomen mehr, sondern ein Mann,
den ein Sohn irgendwann zu hinterfragen beginnt. Bei Felix ist es noch ein stilles Staunen über den Vater, der zu
Hause so stark ist und draußen so schwach. Der ihm das
Leben erklärt, dem er aber Behördenbriefe übersetzen
muss. Der ihm sagt, dass er mehr lesen soll, aber bei der
Interpretation des Sandmanns nicht helfen kann. Der ihm
eine Freundin verbietet, aber immer noch nicht den Genitiv beherrscht. Der wie ein Schatten durch die Stadt
huscht, in der seine Freunde shoppen gehen. Der ein Ausländer ist, der seinen Sohn vor Ausländern warnt. Der sich
mit jeder Mahnung, zu lernen, um nicht so zu werden wie
er, immer auch ein wenig selbst erniedrigt. Und der, als die
Familie im vergangenen Sommer nach Ghana flog, noch
mal ein anderer war: der erfolgreiche Samuel Opoku aus
Deutschland, der einen Container voller Geschenke vorausschickte für die Onkel und Tanten, die Cousins und
Cousinen in Berekum und Kumasi. Einmal hat Samuel
Opoku, der in Hamburg nur Bus und Bahn fährt, sogar
einen gebrauchten Opel nach Afrika verschiffen lassen.
»So viele Geschenke. Das bin ich nicht gewohnt von
meinen Eltern«, sagt Felix, wenn sein Vater nicht mit-
hört. »Ich glaube nicht, dass ich die Kraft hätte, so zu
leben wie er.«
Wenn seine Söhne nicht mithören, sagt der Vater, wie
stolz er auf sie ist. »Sie haben Perspektive, sie haben Respekt. Noch nie stand ein Polizist vor meiner Tür und hat
gesagt: Mister Opoku, kommen Sie mal mit und schauen
sich an, was Ihr Sohn angestellt hat.«
Hin und wieder überlegt Samuel Opoku, ganz bei
sich, wie es wäre, nach Afrika zurückzukehren. Nicht
mehr zu putzen. Seit ein paar Jahren überweist er Geld an
seinen Bruder in Kumasi, der davon Orangenbäume kauft
und einen Hain anlegt. Es sind schon viele, doch die Bäume sind noch nicht stark genug, um ihn daheim in Afrika
zu tragen. »Ich glaube an Gott«, sagt Samuel Opoku, »es
ist sein Wille, dass ich immer noch hier bin.« Auch in
dieser Frage ist Gott Samuel Opokus Zuflucht. »Er will,
dass ich bleibe. If my children are right here, so am I.« Auch
falls er, was sein eigenes Leben betrifft, vor 27 Jahren in
die falsche Richtung gelaufen sein sollte: Wenn er jetzt
umkehrt, wäre niemandem geholfen.
In der Kirche finden die Opokus Worte, hier
wird aus dem Putzmann ein tänzelnder Herr
Wenn die Opokus sonntags in die Kirche schreiten, vollzieht
sich an den Eltern eine wundersame Wandlung. Aus Samuel,
dem Putzmann, wird ein tänzelnder Herr im Anzug, seine
vier gestriegelten Söhne im Gefolge. Mavis, 20 Jahre jünger
als ihr Mann, trägt ein prächtiges Kleid in Grün, Rot und
Braun und ruft »hello!«, »hello!«, »hello!« in die Bänke. All die
Tage hat sie sich hinter einem Lächeln versteckt, freundlich,
aber undurchdringlich, dahinter verborgen die Scham, auch
nicht besser Deutsch zu sprechen als ihr Mann. In der Kirche
haben Felix’ Eltern Worte.
Mit dem 116er-Bus sind sie von Hamburg-Horn nach
Wandsbek gefahren, dort in den 8er umgestiegen und
weiter nach Bramfeld in den Norden der Stadt. Die Busfahrpläne kleben an der Innenseite ihrer Wohnungstür,
eine Stunde dauert die Reise. In der evangelischen Thomaskirche, etwas verloren am Rand eines Gewerbegebietes, hält die Presbyterian Church of Ghana wöchentlich
ihre Gottesdienste ab. Zweihundert Menschen sind gekommen, alle schwarz, alle gut angezogen, geschmückt
und geschminkt. Die Männer klatschen sich ab wie Basketballstars, die Frauen tragen Lipgloss, Nagellack und
waghalsig hohe Schuhe, ihre Absätze schlagen auf den
steinernen Boden. Hinten im Kirchenschiff verkeilen sich
die Kinderwagen, vorn am Altar predigt Reverend Ebenezer Kofi Decker, im vergangenen Jahr aus Accra entsandt, auf Englisch und Twi. »Herrgott, wir danken Dir
für jeden neuen Tag, auch dafür, dass es jetzt wieder regnet.« Emmanuel Boakye, montags bis samstags arbeitslos,
sonntags Organist, holt weit aus, dann setzt der Chor ein.
Nr. 20 DIE ZEIT
S.17
Männer und Frauen klatschen, tanzen, singen. Oh, Lord!
Die Gemeinde wogt drei Stunden lang.
Die Kinder sitzen währenddessen im Pfarrhaus etwas
gelangweilt bei einem kleinen Gottesdienst – auf Deutsch,
weil nicht mehr alle Twi verstehen. Felix würde sonntags
gerne mal etwas anderes unternehmen, vor allem jetzt, da
der Sommer naht. Ins Freibad gehen wie seine Klassenkameraden. Die Mädchen im Bikini sehen. Felix sagt, er
mag besonders die weißen, die mit den langen, glatten
braunen Haaren. Wenn er mit seiner großen Sonnenbrille
und seinen weiten Hosen in die Schule kommt, sagen sie
manchmal: »Du siehst aus wie P. Diddy.« Das ist das größte Kompliment. Er könnte sich vorstellen, einmal zwei
Kinder zu haben, einen Jungen und ein Mädchen, ein
deutsches Leben in einem deutschen Haus. »Vielleicht
gehe ich aber auch nach Amerika. Ich weiß noch nicht.«
Seine Mutter tanzt im Mittelgang der Kirche, mit einem Tuch wischt sie sich den Schweiß von der Stirn. Sein
Vater geht durch die Reihen und sammelt Geld ein, er ist
der Kassenwart der Gemeinde. Sein Anzug, ihr Kleid: Sie
erzählen, dass doch nicht alles gleich wichtig oder gleich
unwichtig ist. Dass es noch Gründe gibt, dem Leben hin
und wieder mit geputzten Schuhen gegenüberzutreten.
Und womöglich wäre es Samuel und Mavis Opoku leichter
gefallen, in einem Land heimisch zu werden, das es genauso hält. Das weiß, was ihm wichtig ist. Das sich freuen und
vielleicht sogar ein wenig selbst lieben kann. Seit 2002 hat
Samuel Opoku einen deutschen Pass, aber seine emotionale Staatsbürgerschaft ist nach wie vor ghanaisch. Wenn es
um Fußball geht, drückt er seine Daumen für Asante Kotoko, den Club der Ashanti. Und noch nie in seinen 27
Jahren Hamburg war er an der Nordsee.
Es wäre leicht, zu sagen, dass sich Samuel Opoku auch
nach so langer Zeit nicht integriert hat. Er hat sich, fast
ökonomisch, ausschließlich auf die Bildung seiner Söhne
konzentriert. Das klingt nach wenig. Aber wenn Eltern
stolz genug sind, die eigene Schwäche zu ertragen, und
wenn Söhne stark genug sind, nicht zu zerbrechen unter
der Erwartungslast der Eltern, dann ist das viel.
Dann ist das mehr, als viele Deutsche leisten.
Am Nachmittag fährt die Familie mit dem 8er-Bus
durch die sonntagsleere Stadt nach Hamburg-Wandsbek
und von da aus mit dem 116er nach Hause, in ihren Alltag aus Putzen und Lernen, der einige Tage später vom
Elternsprechtag in der Wichern-Schule durchbrochen
wird. Felix und sein Vater sollen um sieben Uhr abends
bei Klassenlehrer Rengstorf sein, die Mutter geht mit
Godwin und Winfried. Im Treppenhaus des Paulinums
nimmt Felix gleich zwei Stufen. Sein Vater bleibt einige
Schritte zurück. Er ist jetzt wieder klein.
Aus den Klassenzimmern ist das Gemurmel der Lehrer und Eltern zu hören, bedeutungsschwer in der Stille
einer leeren Schule. Die Tür zu Raum P.05 steht offen.
SCHWARZ
cyan
Rengstorf trägt wieder Jeans. Für ihn ist das hier Alltag, für Samuel Opoku ist es alles. Zehn Minuten
Schicksal. Er hat wieder einen Anzug angezogen. Und
gute Schuhe.
»Ah, Familie … Opoku!«, ruft Rengstorf. Samuel Opoku gelingt ein heiseres »Guten Tag«. Er setzt sich Rengstorf gegenüber und legt die Hände in den Schoß.
Der Lehrer blättert in einem Stapel Papier und sagt dann,
Felix habe Probleme mit der Pünktlichkeit. Da sei wohl morgens viel zu tun zu Hause. Samuel Opoku schaut auf seine
geputzten Schuhe. Felix fängt den Blick des Lehrers auf.
Dann ist es wie so oft, wenn Vater und Sohn sich hinaus nach
Deutschland begeben: Der Sohn wird zum Dolmetscher.
Jetzt übersetzt er in eigener Sache.
Beim Elternsprechtag geht der Vater vor
Demut rückwärts aus dem Klassenzimmer
»Felix«, sagt Rengstorf, »in Französisch und Biologie musst
du kämpfen.«
»Ja. Da habe ich die Arbeiten verhauen, Papa.«
Felix knetet die Mütze durch, die er seit dem Morgen
trägt. Er sollte von einer dieser Fünfen runter, sagt Rengstorf, mündlich sei er da auf einem guten Weg.
»Willst du noch deine anderen Heldentaten wissen?«
»Okay.«
»In Geschichte könntest du dich mehr zeigen. In
Deutsch waren deine Arbeiten ganz ordentlich. Politik
machst du allerdings lieber. Religion auch. Alles in allem
wirst du wohl in die elfte Klasse versetzt werden.«
Dann blickt der Lehrer Samuel Opoku an. »Herr
Opoku, das heißt: Felix wird das Abitur schaffen.«
Der Vater strafft sich. Zweimal räuspert er sich die Aufregung aus der Kehle. »Aber Biologie muss er kämpfen?«
»Ja. Bio ist nicht sein Ding. Nicht wahr, Felix?«
Samuel Opoku hört, wie Felix und der Lehrer klären,
dass er in der Oberstufe besser den Schwerpunkt »Erde –
Mensch« wählen sollte. Geografie, nicht Biologie.
Samuel Opoku nickt.
Sein Sohn wird wohl kein Arzt werden, no doctor. Aber
der Vater hat ein herrliches Wort gehört: »Abitur«. Ein
Wort, das bislang anderen vorbehalten war. Jenen, deren
Schreibtische er putzt und denen er die Kaffeetassen
spült.
Als die zehn Minuten um sind, geht Samuel Opoku
rückwärts aus dem Klassenzimmer.
Draußen hat sich der Abend auf die Stadt gelegt, in
Hamburg-Horn breitet sich fast feierliche Stille aus. Unter
den Bäumen vor der Schule setzt sich eine kleine Prozession in Gang. Samuel, Mavis, Felix, Godwin, Winfried
und Raphael Opoku auf ihrem Weg nach Hause. Der Vater geht voran. Es ist kaum zu hören, aber er hat ein leises
Summen auf den Lippen.
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Nr. 20
DIE ZEIT
SCHWARZ
S. 19
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POLITIK
19
Fotos: Literaturarchiv Marbach (o.); Matthias Luedecke (u.)
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Mein
Deutschland
8. Teil
Die Bundesrepublik
wird sechzig Jahre alt.
Zugleich jährt sich zum
zwanzigsten Mal der Fall
der Mauer. In einer
25-teiligen Serie
erinnern wir an
Momente, die im
kollektiven Gedächtnis
haften geblieben sind –
geschildert von denen,
die damals dabei
waren
GABRIELE HENKEL UND FRITZ J. RADDATZ im Glanz der Wagner-Festspiele von Bayreuth
Butterbrot und Kaviar
High Society: Wie es bei den Schönen und Reichen der alten Bundesrepublik zuging – und wie Heiner Müller den Untergang der DDR begoss
Fritz J. Raddatz
Kein ZEIT-Redakteur hat sich
eleganter und – für Hamburger Verhältnisse – mutiger gekleidet als er. Fritz J. Raddatz,
der 1977 als Feuilletonchef zu
uns kam, liebt das edle Tuch,
den großen Auftritt und die
geistreiche Pointe. In der einen
Hand die Zigarette, in der anderen das Champagnerglas – so
streitet er am liebsten: über Literatur, Politik und guten Stil.
Der Journalist, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller
Raddatz hat nach seinem Abschied aus der ZEIT-Redaktion
2001 zahlreiche Bücher vorgelegt, zuletzt Rilke. Überzähliges Dasein. Eine Biographie.
»Mein Deutschland« heißt auch
die dreiteilige Dokumentation in
der ARD, in der sich zahlreiche
prominente Persönlichkeiten an
ihr Leben in West und Ost erinnern – von Helmut Schmidt
und Angela Merkel über Alice
Schwarzer und Gregor Gysi bis
zu Franz Beckenbauer und Günther Jauch. Die zweite Folge
(Montag, 11. Mai 2009, 21.30
Uhr) trägt den Untertitel »Fremde
Nachbarn« und beschreibt die
Zeit vom Mauerbau 1961 bis
zum »Deutschen Herbst« 1977.
E
ine »High Society« gab (und gibt) es nicht
in der Bundesrepublik; jedenfalls nicht,
misst man dem Begriff Werte bei. Hitler
hat nicht nur Millionen Juden umbringen
lassen, er hat auch die großen jüdischen Vermögen
– zumeist unersetzliche Kunstwerke – konfisziert,
ihre Besitzer verjagt, enteignet, ermordet. Wer »ein
Haus führte« in der Weimarer Republik, den gab es
bald nicht mehr (oder nur noch verarmt in der Emigration): die avantgardistischen Kunstsalons von Paul
Westheim, Paul Cassirer; das stolze Palais von Thomas Manns Schwiegereltern Pringsheim oder die
prachtvollen Besitzungen des Zeitungszaren Rudolf
Mosse, alle waren Zentren geistigen Lebens; wie auch
der berühmte Salon des Harry Graf Kessler – die
Möbel entworfen von van de Velde, in den Erkern
Skulpturen von Maillol, an den Wänden Bilder von
Seurat, zu Tische Albert Einstein neben Josephine
Baker. Eine untergegangene Welt der Kultur.
Nach dem Krieg, der auch das deutsche Bürgertum weitgehend verschlungen hatte, gab es rasch
neue Reiche, auch Neureiche genannt. Viele von
ihnen waren intelligent, manche nur schlau, einige
begabt. »Gesellschaft« im hergebrachten Sinne waren sie nicht. Cadillac-Fahrer Rudolf Augstein bat
schon mal zu Festen, bei denen aufmäulige Jungautoren und staunende Mimen den Kaviar mit Löffeln aus Fässern schöpften; seine diversen Residenzen waren ohne Geschmack – es sei denn, er hatte
ihn sich geliehen: die verloren herumstehenden
Antiquitäten, in London eingekauft von LedigRowohlts kapriziöser Gattin Jane, die lieblos gehängten Bilder besorgt von einem Museumsdirektor. ZEIT-Verleger Gerd Bucerius – mehrere Jahre
Miteigentümer des sterns – hatte sich zwar im Tessin von Stararchitekt Richard Neutra ein beachtliches Haus errichten lassen, seine Hamburger
Mietwohnung aber war ohne Stil, bei den wohl
hanseatisch gemeinten Einladungen auf »ein Butterbrot und ein Glas Wein« wurde das dann allerdings üppige Buffet serviert auf Platten und Geschirr des Catering-Service. Der Revue-König von
München, Helmut Kindler, mietete dort gelegentlich das Hotel Vier Jahreszeiten für einen »diplomatischen Empfang« – er war, das galt seinerzeit als
schick, Konsul von Chile – nur gab es in München
gar keine Diplomaten. Selbst ein pfiffiger Autor
wie Erich Kuby bewohnte nach dem Mädchen Rosemarie-Erfolg eine Villa, deren Clou darin gipfelte,
dass sich ein weiß lackierter Bartresen durch den
Wohnraum schlängelte, in den rote Geranien eingepflanzt waren; gleichsam der Kir Royal-Beginn.
Undenkbar all das etwa beim französischen
Schriftsteller-Kollegen Joseph Breitbach, dessen Pariser Luxuswohnung von so erlesener wie dezenter
Eleganz war. Doch auch der von ihm hoch geschätzte Friedrich Sieburg, nun wahrlich ein Geistmensch,
Nr. 20 DIE ZEIT
lebte im Ambiente-Pump: nämlich im Gartenhaus
des Anwesens seiner Geliebten, einer vermögend
verheirateten Fabrikantengattin, der er die viel bescholtenen goldenen Teller wie alles andere verdankte. In Frankreich hatte sich eben ein traditionsbewusstes Bürgertum erhalten. So unterschied sich
ein Empfang im diskret-vornehmen Hause des Verlegers Gallimard halt doch recht wesentlich von den
Einladungen des lärmenden Henri Nannen, der
sein eigener stampfend-bunter Musikdampfer war
und gerne mit den zwei Yachten protzte, die im
Norden oder in Positano seiner harrten.
Souverän, fast frech mischte die Dame
des Hauses das Tischkarten-Spiel
Es gab eine Ausnahme. Das waren die zeremoniös
arrangierten Feste, die Gabriele Henkel in ihrem
Düsseldorfer Haus – oder im weitläufigen Sitz des
seit Generationen reichen Henkel-Clans vor den
Toren der Stadt – ausrichtete: der einzige Salon internationalen Formats, durchaus vergleichbar den
großen Diners in New York oder Paris. Der unprovinzielle Charme solcher Abende bestand nicht zuletzt in der fast frech zu nennenden Souveränität,
mit der die Dame des Hauses das Tischkarten-Spiel
mischte. Da saß Hildegard Knef neben dem Bundespräsidenten, neben Henry Kissinger ein ZEITRedakteur, neben Lord Weidenfeld ein KonkretJournalist, neben dem filzhutbewehrten Joseph
Beuys ein mäkliger Galerist, Wolf Wondratschek
neben einem Bankier, und der Hausherr-Tycoon
hatte Alice Schwarzer als Tischdame. Wenn man bedenkt, dass sogar Axel Springer, Sammler edler Porzellane und schöner Frauen, Verächter seines Goldesels Bild, im ungefügen Klenderhof in Kampen auf
Sylt in klobigen Sesseln vor unproportioniertem
Kamin empfing – dann war Gabriele Henkels leichte Inszenierungshand exzeptionell. Schließlich schaukelte ja auch in West-Berlin das, was sich wohl als
»High Society« empfand und auf den Namen Harald Juhnke oder Bubi Scholz hörte, auf miesen Alkoholwellen zwischen Zehlendorf und Kurfürstendamm dahin, gelegentlich planschte darin ein Frisör
oder ein Damenschneider mit, der sich Couturier
nannte und selbst eine Rut Brandt in seine monströsen Tulpenkleider presste. Einen memorablen
Abend bot das alles nicht. Den erlebte ich – und mit
ihm einen sehr anders gearteten Begriff von Gesellschaft – im anderen Teil von Berlin.
November 1989. Die Mauer ist gefallen. Aber es
gibt noch eine DDR. Nicht mehr die des Diktators
Erich Honecker, der vor der Liebe seines Volkes
zum Pastor Uwe Holmer geflüchtet ist, in dessen
Obhut der atheistische Kommunist nun am Abendgebet teilnehmen muss. Es gibt noch immer zwei
Währungen. Eine staatspolitische und – für viele
S.19
SCHWARZ
Menschen – moralische Zwiespaltsituation, einmalig in der jüngeren deutschen Geschichte.
Ich mache (für eine ZEIT-Reportage) eine Reise
nach Ost-Berlin, gemeinsam mit Inge Feltrinelli. Diese Frau ist einerseits »High Society« durch ihre Heirat
mit dem italienischen Milliardär Giangiacomo Feltrinelli, seinerzeit einer der reichsten Männer Europas;
sie ist andererseits – auch und vor allem durch dessen
bis heute ungeklärten Tod 1972 nach seinem Abdriften in den linksradikalen Untergrund – eine Ikone
der Linken. So kann sie sich ebenso gut in internationalen Salons bewegen wie zu Napfkuchen und Kaffee
an Christa Wolfs Meißen-gedecktem Tisch sitzen,
kann mit Grandezza den feinen Krug-Champagner
bei Lipp in Paris bestellen wie genussvoll Räucheraal
mit Kartoffelsalat in einer Kneipe. In jenen Tagen
hieß der Ostberliner Geheimtipp Offenbach Stuben,
zu deren Kohlrouladen nur Gäste zugelassen waren,
die mit Westgeld bezahlten. Unvergessliche Tage gelebter Schizophrenie. Der Boy im »Devisen«-Grandhotel sagt kess, »So ’n Auto ha ick noch nie jesehn, det
kann ick nich parken«, und will die fünf Westmark
Trinkgeld nicht nehmen – »det is ja viel zu ville«. Mit
diesem Auto aber komme ich vom Lustgarten, wo
soeben Stefan Heym und Christa Wolf auf einer Massenkundgebung »Wir wollen dieses Land« verkündet
haben; sie wollten ein Land des »besseren« Sozialismus
– nur kann mir keiner meiner Interviewpartner – nicht
diese beiden Redner, nicht Stephan Hermlin noch
Christoph Hein – erklären, was das denn sei, der
»freie«, der »menschliche« Sozialismus – Braunkohleschlamm und BMW, chemieverseuchte Gewässer
und Mallorca-Urlaub, Verlage mit 180 Lektoren, aber
ohne Kalkulation der Bücher, und garantierter Absatz
jeder Auflage bei Vollbeschäftigung – bis zur Rente?
Es riecht leicht nach Mottenpulver im
Kabinett der verwehten Macht
Einer kann es. Mit ihm und Inge Feltrinelli verbringe ich jenen für mich völlig einmaligen Tag,
nach dem die ZEIT mich nun fragt: Heiner Müller.
Wir sitzen auf einer Art Empore jenes »Grandhotels« Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße, auf
der man noch auf zerborstenem Trottoir stolpert,
als schreibe man das Jahr 1946, und wo man,
schummrig beleuchtet, ein Schild »Tausche Zahngold gegen Eheringe« entziffern kann. Heiner Müller schmaucht seine Havanna (er lebt ja in edler
Konkurrenz mit Thomas Brasch, wer die bessere
Brecht-Kopie sei), das Eis im Whiskyglas scheppert
so laut, man hört das Kratzen des Eisbergs am
Luxusliner; noch wird es von schmusiger Musik
übertönt, denn unten – bald wird die Volkspolizei
andere Uniformen tragen, die Nationale Volksarmee der Nato eingegliedert sein und der Stasispitzel seine Pension in D-Mark West erhalten –,
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VON FRITZ J. RADDATZ
unten wird Tango getanzt. Ein ganzer Staat, nicht
nur ein Überseedampfer, geht unter: Aber die Herren mit Silberschlips und die Damen in chinesischer Seide tanzen Wange an Wange.
»Gibst du mir Asyl, wenn ich türmen muss?« –
mit dieser Frage an die italienische Verlegerin beginnt Heiner Müller das Gespräch. Der gerne zynische Dramatiker weiß Antwort auf meine Fragen.
»Was hier passieren wird, läuft in drei Akten. Erster
Akt: Gregor Gysi und sein Kumpan SchalckGolodkowski müssen das riesige Vermögen der
SED retten. Ihr beiden habt keine Ahnung, wie
enorm die Summen sind – allein der nicht abzuschätzende Grundbesitz. Aber Gysi ist gerissen –
und wenn er dazu eine Partei gründen muss. Er
wird die Mäuse verstecken. Zweiter Akt: Der Westen übernimmt den ganzen Laden hier. In zwei Jahren gibt es an jeder Ecke von Leipzig ’ne CocaCola-Bude und für jeden Strandkorb auf Rügen
Nivea. Dritter Akt …« Da unterbricht Heiner Müller sich. Das Multitalent hat während des Gesprächs
auf mehrere kleine Zettel ein Gedicht gekritzelt.
Ich bin an die Brüstung getreten, schaue hinunter
auf die Tangofrivolität, mir ist schlecht. Er tritt zu
mir, schenkt mir die Lyrikfetzen. Worte der Bitterkeit, des Abschieds. Dann die Bühnenanweisung:
»Kommt mal mit.« Er zeigt uns das bislang streng
geheime »Honecker-Zimmer«, Hirschgeweihe und
tiefe Clubsessel aus Kunstleder. »Hier saß der Proletarierfürst oft, streng bewacht, abgeschirmt vom
Ostmark-Volk, und genoss den verbotenen Westmark-Luxus.« Es riecht leicht nach Mottenpulver
im Kabinett der verwehten Macht, der geflüchteten
High Society des Sozialismus.
Und der dritte Akt?, mahne ich den mit Staatspreisen dekorierten, in beiden Deutschland-Hälften
viel gespielten Stückeschreiber. »Der dritte Akt ist
nur einen langen Satz lang, und dessen Ich sind
wir.« Heiner Müller pafft, trinkt, kritzelt, die Femme du Monde aus Mailand sitzt wie erstarrt. »Ich
war dieses Land, das ich unwillig wollte und Willens
war nicht zu wollen und das, mich verbietend, mich
behütete wie ein Kerker, in dem mir wohl war bis
zum Erfrieren, und aus dem Packeis schlug ich meine Sätze, meine Themen, meine hoffende Hoffnungslosigkeit, die ich nun, hautlos dickfellig einem
eisigen Pack darbieten werde, dessen Teil ich bin
und an dem ich nie Anteil nehmen werde, weil zwischen Hirschgeweihen und Tango unterging, was
meins war ohne mir zu gehören, Ich, der ich die
Katastrophe genieße, die mich ekelt – mich, der
nun ohne Heimat.«
In der nächsten Woche:
Egon Bahr – Bundeskanzler Willy Brandt will einen
»Unterwerfungsbrief« nicht unterschreiben
Nr. 20
DIE ZEIT
SCHWARZ
S. 20
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WOCHENSCHAU
20
Die Hochzeit
der Woche
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
aus Italien, die als Kurzform von »Fehler In Allen
Teilen« Weltruhm erlangte. Der Bräutigam betagt
und bankrott, die Braut zwar rüstig, aber rostig,
das wird lustig. Nun sollen sie ihr Ja- beziehungsweise Si-Wort geben, und das eben bringt uns
zur Frage, wie die Eheleute künftig heißen wollen.
»Opiat« ist hier der Vorschlag der Stunde: Darin
Fotos: Heimo Aga (li.); [M] Globetrotter Ausrüstung (re.)
Wir wollen ausnahmsweise die Dinge nicht beim
Doppelnamen nennen (siehe Seite 1), sondern
die Hochzeit von Herrn Kom und Frau Li zu
asiatischer Einfachheit führen, und das ist jetzt
gar nicht so kom-li-ziert, wie Sie vielleicht denken.
Nehmen wir einen deutschen Rekord-Hersteller,
der nach Adam selig Opel hieß, und eine Firma
klingt exotische Ferne an, rauschhaftes Erleben,
das Überschreiten von Grenzen, und sei es nur
bei der Plünderung des eigenen Bankkontos zum
Kauf eines neuen Automobils. »Opiat«, das lindert
den Schmerz über versteckte Mängel und spricht
auch die Älteren unter uns an. Der Name wird
diese Ehe befeuern! (Was aber droht: Seite 47)
Stau in der Wildnis
Berlins erster Outdoor-Laden für Kinder erlebt zur Eröffnung
den Ansturm einer atmungsaktiv betuchten Klientel
VON HEIKE KUNERT
A
Zeig mir die Flasche!
Raki ist eine türkische Spezialität – und manchmal tödlich. Unser Korrespondent
über die Verhaftung eines Panschers und eigene Erfahrungen VON MICHAEL THUMANN
E
ine türkische Freundin trinkt für ihr Leben
gern Raki – und hat das noch nie bereut.
Wenn wir mit Freunden ins Istanbuler
Szeneviertel Beyoglu eintauchen, sucht sie
gezielt Tavernen aus, die nicht allzu billig sind. Den
Kellner hält sie an der kurzen Leine. Sie besteht
darauf, dass er eine ungeöffnete Flasche an den Tisch
bringt. »Darf ich?«, fragt sie. Überprüft die Steuermarke am Drehverschluss. Schaut sich die Tülle an.
Ist die nicht fest angeschweißt, lehnt sie sofort ab.
Aus der Tülle kann nämlich nur etwas herausfließen,
nichts hinein. Sie riecht am puren Schnaps. Hmm,
gut. Der Kellner gibt Eis ins Glas, den Raki darauf,
ein wenig Wasser dazu. Şerefe – zum Wohl!
Die Vorsicht unserer Freundin hat Gründe. In
der Türkei ist nicht immer das drin, was draufsteht. Hochprozentiger Alkohol wird verdünnt,
nicht nur mit Wasser. Drei deutsche Jugendliche
aus Lübeck, die im März in Kemer bei Antalya auf
Klassenfahrt waren, dachten, sie hätten WodkaCola im Glas und tranken einen Mix mit Methanol. Sie fielen ins Koma und starben. Vergangene
Woche hat man den Getränkehändler verhaftet,
der den Alkohol geliefert hatte. Der Mann war
schwer bewaffnet und schoss wild um sich, als
Polizisten sein Versteck entdeckt hatten.
Gepanschter Raki ist ein wiederkehrendes Thema in den Zeitungen. Meistens sind es Türken, die
sich vergiften. Seit Anfang März sind außer den
Lübeckern sieben weitere Menschen ums Leben
gekommen. Vor zwei Jahren erwischte es vier Türken, im Jahr 2005 starben sogar 22 Menschen. Bei
Bei der Mainzer Regionalentscheidung des Kochwettbewerbs »Gutes aus
Österreich« gewannen
nicht die raffiniertesten
Gerichte, sondern die
einfachsten. Sie waren
dafür perfekt zubereitet
und besser gewürzt –
befand die Jury um
Wolfram Siebeck
ch
Kontrollen fliegen regelmäßig Fälscher auf, Hoteliers kommen vor Gericht, Hunderttausende Flaschen mit Ungenießbarem werden konfisziert.
Seitdem vor vier Jahren 500 000 Steuerbanderolen
aus einem Behördendepot gestohlen wurden, gibt
es noch mehr Grund zur Vorsicht.
Wieso ist die Panscherei in der Türkei so verbreitet? Eine Erklärung lautet: Die Pauschalreisen
ausländischer Touristen sind zu billig. Absolut
richtig. Wer als Veranstalter für wenige Hundert
Euro Flug, Hotel, Strand, Essen und frei trinken
anbietet, will ja auch noch etwas verdienen. Also
kauft er das billigste Fleisch und den billigsten
Fusel.
Eine zweite Erklärung lautet: Der Alkohol in
der Türkei ist zu teuer. Auch da könnte etwas dran
sein. In den Supermärkten Istanbuls kostet ein
halbwegs genießbarer Wein mindestens 20 Euro.
Ein Raki, den man ohne Kopfschmerzen trinken
kann, ist kaum billiger. Türkische Freunde verdammen gern die Regierung mit ihrem gläubigen und
abstinenten Regierungschef Tayyip Erdoğan. Doch
war es nicht er, sondern seine streng säkulare Vorgängerregierung, die die Alkoholpreise über eine
Spezialverbrauchssteuer im Juni 2002 hochgedrückt
hatte. Heute, in der Wirtschaftskrise, senken die
Raki-Fabriken sogar selbst ihre Preise, damit sich
die Leute nicht vergiften müssen.
Und, drittens, die Verschwörungstheorie: Die
Panscherei wird geduldet, weil in der Türkei sowieso nur Atheisten, Christen und Ausländer trinken.
Auf einer Reise in den kurdischen Südosten der
IST DIE KLETTERWAND bei
Globetrotter nicht auch
ganz schön naturnah?
Lungenstrudel und Topfencreme
M
2009
erb
ainz ist die Hauptstadt von RheinlandPfalz, das einen Teil von Deutschlands
besten Weinen produziert und zu seinen
kulinarischen Spezialitäten den Saumagen zählt. Ein
guter Platz also für die zweite Etappe unseres Kochwettbewerbs mit dem österreichischen Akzent. Oder?
Julian Digel, dem jüngsten unserer Mainzer Teilnehmer, war das ziemlich egal. Hauptsache, es gab
etwas zu kochen! Digel ist noch Gymnasiast, aber
bereits ein passionierter Hobbykoch, der nach dem
Abitur in die Gastronomie will. Sein erster Gang
n-Ko wettbe
war denn gleich eine kniffelige Angelegenheit,
i
z
w
ga
weil »Blunzenravioli« (bei ihm mit Safranschaum) zwar gern gegessen werden, aber fast
immer mit zu dickem Teig aufgetischt werden,
sodass die Ravioli bestenfalls als Maultaschen
durchgehen.
Christa Wünsche und Sigrid Kessler kenmit Wolfram Siebeck
nen sich in den Toprestaurants der Welt aus.
Da Frau Wünsche eine echte Österreicherin ist,
die seit 20 Jahren in Hamburg lebt, war das Menü
i Alle Rezepte im Internet:
www.zeit.de/essen-trinken
der beiden Damen mit k. u. k Spezialitäten geradeZEITM
a
Türkei drängte sich dieser Eindruck auch mir vorübergehend auf. Nach einer Fahrt entlang der
umkämpften türkisch-irakischen Grenze war ich
vergangenen Mittwoch im Städtchen Şirnak angekommen. Jetzt eine scharf gegrillte Köfte und ein
kühles Pils! Die Suche dauerte. Kein Bier, nirgends.
Endlich fand ich in einer dunklen Seitengasse einen trübrot beleuchteten Alkoholladen. Schon etwas schuldbewusst erstand ich eine Flasche Efes
Pilsener, lauwarm. Wo trinken? Auf der Straße unter den gläubigen Kurden? Unmöglich. Ich fragte
in der Grillstube. Ausgeschlossen, in Şirnak hat
kein Restaurant eine Alkohollizenz. Also stürzte
ich das Bier in meinem Herbergszimmer herunter,
heimlich, wie es sich gehört.
Und doch ist der Eindruck völlig falsch, Muslime würden nicht trinken. Schon Prinz Cem, Sohn
des Eroberers von Konstantinopel, ließ sich den
Wein mit Nelken und Pfeffer würzen, damit der
Alkohol nicht so durchscheint. Kemal Atatürk, der
Gründer der modernen Türkei, liebte Raki und
Whisky und litt an seiner kranken Leber. In
Istanbuler Restaurants und Bars sind wunderschön
aufgereihte Flaschen mit Hochprozentigem zu bestaunen. Auch viele Türken können da nicht widerstehen. Einer Studie zufolge ist der Alkoholkonsum im Land vergangenes Jahr um 20 Prozent
angestiegen. Auch dieser Zuwachs ist ein Anreiz
zum Verschnitt.
Deshalb trinke ich Raki nur nach dem Muster
unserer türkischen Freundin. Und türkisches Bier
schmeckt auch ziemlich gut, wenn es kalt ist.
Der Laden tut so, als sei er eine Waldlichtung mit seinem Vogelgezwitscher, dem hohen
Gras und den riesengroßen Schmetterlingen in
der Luft. Schnell wird klar, dass der Bewegungsdrang und die Neugierde der Kinder nicht generell nachgelassen haben, wie es oft kolportiert wird. Inmitten des Gekrabbels
stellt man beruhigt fest: Es ist alles noch da.
Die Empörung der Bundesregierung über
zwei Millionen übergewichtiger Kinder, die
ihre Freizeit nur noch mit Chips vorm Fernseher verbringen, ist verständlich. Aber vielleicht
gibt es Probleme auch jenseits der Esskultur?
»Es ist nicht schwer, den Kindern das Draußenspielen schmackhaft zu machen«, sagt der Outdoor-Verkäufer Bombis. »Aber die Eltern müssen mitgehen, und sie nehmen sich viel zu selten die Zeit dafür.«
Sein TrekkingShop gibt auf 350
Quadratmetern
eine durchaus ansprechende Vorahnung von diesem Draußen.
Natürlich geht es um Kaufen und Verkaufen,
um den technisch letzten Schrei, aber eben
auch um die Freude am Archaischen.
Der neueste Trend ist Lowtech: Es darf wieder geschnitzt werden. Am Samstag wurde
geschnitzt und geschnitzt und geschnitzt,
bis vom Stöckchen kaum noch etwas übrig war. Äste zu Grillspießen!
Der Laden arbeitet mit dem Naturschutzbund Deutschland und den Waldschulen der Berliner Forsten zusammen.
Vom poetischen Abendspaziergang im
Plänterwald bis zur Wildschweinspurensuche am Rande der Großstadt bieten die so
ziemlich alles an, wofür das Kinderland die
passende Ausrüstung hat. Geschäft und Lehre gehen hier eine beachtliche Symbiose
ein, die in anderen Branchen so kaum
üblich ist.
Darüber hinaus ermöglicht ein Besuch in diesem Trekking-Kinderland
dem aufmerksamen Beobachter auch
eine soziologische Feldforschung, denn
zu sehen ist ein atmungsaktiv betuchtes
Publikum, das wild entschlossen scheint, sich
und seinen Kindern mit allen Mitteln ein
Stück Ursprünglichkeit zu sichern.
Im Tumult des Eröffnungstages ging dann
tatsächlich um die Mittagszeit ein Vater verloren, und immer aufgeregter und lauter
konnte man die Frage vernehmen: Wo ist
Papa? Er war nicht in der benachbarten Filiale, mal schnell einen Kaffee trinken, oder
draußen, um zu telefonieren. Er saß vor der
Kletterwand und schnitzte gedankenverloren
an einem Stöckchen.
Foto: Sina Preikschat für DIE ZEIT
SKYLINE DER
SCHNÄPSE vor
der Blauen
Moschee in
Istanbul
m vergangenen
Wochenende eröffnete auf der sehr urbanen Steglitzer
Schloßstraße Berlins und wohl Deutschlands erster Outdoor-Shop für Kinder, und man
könnte meinen, es war höchste Zeit. Denn der
Andrang war so groß, dass sogar die Kinderwagen
im Stau standen. Die Geschäftsidee des europaweit handelnden Unternehmens Globetrotter,
direkt neben dem Stammgeschäft eine eigens für
die lieben Kleinen konzipierte Filiale zu eröffnen,
scheint aufzugehen.
Die unerschrockenen Pärchen von einst, die
mit wasserfesten Zündhölzern, Campingkocher und Schnitzbeil in die Wildnis zogen, haben jetzt Nachwuchs,
was nun nicht
bedeutet, dass sie den
geliebten Trekking-Urlaub zugunsten des familienfreundlichen Hotels am Mittelmeer aufgeben wollen.
Die Bergtour mit Baby ist möglich. Es gibt diverse Rucksackmodelle mit integriertem Kindersitz. Der Kauf eines solchen Gestells will
ähnlich gut überlegt sein wie die Anschaffung
eines Autos. Was dort Motorbauart, Verbrauch
und Innenausstattung, sind
im Fall der
Kindertrage die Lageverstellriemen, der
Hüftgurt und das Staufach für Windeln und
Schmusebär. Die auf den elterlichen Rücken
probethronenden Kinder illustrieren den
Aufstieg eines Hobbys zur
modernen Familientradition.
Der kleine Leon in der
»Buddelbüx«, die smarte Hannah im Hosenrock »Desert
Queen«, das klingt auch ziemlich
naturbelassen, und wenn man dann
an der Kasse steht, greift man so
gern ins Portemonnaie wie im
Reformhaus.
Carsten Bombis, der Filialleiter, streift als ein zufriedener König durch
sein kleines Reich.
»Wir
haben bei der Gestaltung auf
Natur gesetzt und ganz
bewusst auf
Multimedia verzichtet«, sagt er, und man
muss schon genau hinhören, um ihn zu verstehen, so laut ist es an der Kletterwand oder im
Baumhaus. Überdies betritt ab und an ein als
Grashüpfer verkleideter Stelzenmann den Laden, und es versteht sich von selbst, dass er mit
großem Hallo begrüßt wird. Eigentlich ist er
draußen unterwegs und verteilt Windmühlen;
macht sozusagen Werbung für sein Biotop und setzt ab und an ein Kind auf
seine Schultern. Man wünschte, er könnte größere Sprünge machen, nach Hellersdorf vielleicht oder nach Marzahn.
Nr. 20 DIE ZEIT
zu gespickt. Es gab »in Most geschmorte Taube auf
Essig-Linsen mit Bärlauchknödel« und vor allem
»Lungenstrudel mit gebackenen Kalbsbriesrosen,
Klacheln und Krensoße«. Die Klacheln wurden
wohl wegen der Alliteration nicht übersetzt; auf
Deutsch heißen sie Schweinefuß. Damit waren die
Reserven der österreichischen Küche jedoch noch
lange nicht erschöpft. Christine Lang-Blieffert erinnerte sich an ihre bei Linz verbrachte Kindheit
und bot als Vorspeise ein mit Käse gefülltes Backhendl im Kürbiskernmantel an, als Hauptgericht
einen Strudel vom Saibling und abschließend flambierte Topfen-Marillen-Palatschinken. Wer danach
noch Kartoffeln sagte statt Erdäpfel, musste schon
sehr begriffsstutzig sein.
Die beiden Schwestern Kapatsina aus Frankfurt
waren es jedenfalls nicht. Sie sagten »Wiener
Schnitzel« und gewannen damit den ersten Preis.
Als Vorspeise reichten sie »Zanderfilet auf Morchelsauce« und als Dessert »Rhabarberkompott auf
Topfencreme«. Ein stärkerer Gegensatz zum Menü
der zweitplatzierten Damen Wünsche und Kessler
S.20
SCHWARZ
lässt sich nicht vorstellen. Dabei zeigte sich, dass
raffinierte Technik und ausgebufftes Tellerarrangement nicht immer die Oberhand behalten. Und
wenn es nur, wie in Mainz, dem handfesten, aber
sehr leckeren Rhabarberkompott gelang, ein kompliziertes Dessert zu übertrumpfen. Und ein
schmackhafter Kartoffelsalat ist nun mal einer raffinierten Knödelfüllung überlegen, wenn die nur
halbherzig gewürzt ist.
Am Gewürz, und es war immer wieder das fehlende Salz, scheiterten viele Einzelleistungen, mochten sie auch einen technisch geradezu brillanten
Auftritt gehabt haben. Eine zweite Schwachstelle
bildeten die Panaden. Gewiss sind sie urtypisch für
die österreichische Küche: Backhendel, Wiener
Schnitzel, Bries und was sonst alles in Brösel gewälzt
und ausgebacken wird. Aber das lernt man nicht aus
dem Kochbuch, dazu bedarf es der Routine einer
oft kochenden Hausfrau oder eines Küchenchefs.
Sonst werden sie zu hart oder zu verbrannt, zu blass
oder matschig; auch in einem so prächtigen Hotel
wie dem Hyatt in Mainz.
WOLFRAM SIEBECK
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DIE SIEGERINNEN Elisabeth (links) und
Agathi Kapatsina servierten ein perfektes
Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat
Nr. 20
21
DIE ZEIT
SCHWARZ
S. 21
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WIRTSCHAFT
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Fast wie früher
Illustration: Thomas Kuhlenbeck für DIE ZEIT/www.jutta-fricke.de (auch S. 22 u.)
Sind wir Josef Ackermann und Co.
zu Dank verpflichtet?
Sie heißen DVAG, AWD oder MLP und sind die Unternehmen
hinter den freundlichen Finanzberatern, die vielen Deutschen in
deren Wohnzimmern Sparpläne zur Riester-Rente oder
Lebensversicherungen verkaufen. Immer neue Vertreter spülen
den Chefs Provisionen in die Kasse. Ein Selbstversuch zeigt, wie
schwer der Anfang in dieser Branche ist (siehe Seite 22)
»Brutal viel Geld verdienen«
Wie große Finanzvertriebe junge Menschen als Vertreter ködern – und sie manchmal nicht mehr gehen lassen
P
laschka war mal eine große Nummer.
Ein Umsatzbulle, wie man in der Branche sagt. Es hagelte Auszeichnungen,
Geschenke, Reisen. Plaschka blühte auf
in einer Welt, die ausschließlich aus Leistung und Anerkennung bestand. Immer höher,
immer weiter. Stillstand ist der Tod, Zufriedenheit
ein Fremdwort.
Doch dann ist der Umsatzbulle zusammengebrochen: Überforderungssyndrom, Depressionen. Dazu
Williams Christ, Doppelkorn, Jägermeister. Im Auto.
Unter der Brücke. Auf einmal ist der Umsatzbulle
ein angeschlagener Mann. Und muss sich trotzdem
zur Wehr setzen.
Der 51-Jährige sitzt im Wohnzimmer seines Hauses in einer niedersächsischen Kleinstadt. Neubaugebiet, Kleingärtnerverein ganz in der Nähe. Plaschka (der Name ist geändert) ist ein kerniger Typ. Breites Kreuz, kurze Haare, Geheimratsecken, Schnurrbart. Es geht ihm wieder besser, er trinkt nicht mehr.
Auf dem Tisch zwei dicke Aktenordner: Deutsche
Vermögensberatung AG (DVAG), gesetzlich vertreten durch den Vorstandsvorsitzenden, Herrn Dr.
Reinfried Pohl, gegen Michael Plaschka. Man kann
auch sagen: Strukturvertrieb gegen Mensch.
»Manche Arbeitsverträge halte ich für
moderne Leibeigenschaft«
Plaschka sollte sich wieder einreihen, sollte weiter
funktionieren. Man fürchtete, er könnte zur Konkurrenz gehen. Die größte Sorge war wohl eine
andere: Wenn einer wie Plaschka geht, verdienen
andere weniger. So ist das im Strukturvertrieb.
In diesem Pyramidensystem erhält derjenige eine
Provision, der ein Finanzprodukt verkauft. Aber auch
derjenige, der den Verkäufer geworben hat. Und derjenige, der den geworben hat, der den Verkäufer geworben hat. Und so weiter. Das Bundesverbraucherschutzministerium hat jüngst eine Studie über Finanzvermittler herausgegeben. Darin steht: »Jede
Hierarchiestufe verdient an den Untergeordneten
direkt mit, weshalb die Vermittler in den unteren
Rängen den größten Teil ihrer Provisionen nach oben
abgeben müssen. Ausbildung findet begrenzt statt
und meist nach organisationsinternen Standards.«
In der Studie steht auch, dass die Kunden im
Jahr bis zu 30 Milliarden Euro durch schlechte
Finanzberatung verlören. Das liegt auch am
Provisionssystem. Der Verkäufer wird nicht für
gute Beratung, sondern für rasche Vertragsabschlüsse bezahlt.
Das Geschäft boomt. Die DVAG hat gerade Rekordzahlen vorgelegt. Der Umsatz
wuchs 2008 um 22 Prozent auf 1,22 Milliarden Euro. Die Finanzfirma ist ein Krisengewinner und profitiert von den Enttäuschungen, die viele Bürger mit Banken erlebten.
Im System der Strukturvertriebe gibt es
für Mitarbeiter zwei Möglichkeiten, Geld
zu verdienen: Entweder man wird ein Topverkäufer,
oder man sieht zu, dass unter einem eine breite, vielschichtige Pyramide entsteht. Deshalb werden immer
neue Verkäufer in diese Welt gelockt. Sie werden auf
der Straße angesprochen, an Unis mit Rhetorikseminaren geködert (ZEIT Nr. 4/09) oder im Freundesund Bekanntenkreis akquiriert. Versprochen wird
ihnen die große Karriere: eigenes Büro, eigener Porsche, sechsstellige Monatsabrechnungen.
»Neue Vermittler in diesen Systemen sprechen
meist zuerst ihren eigenen Bekanntenkreis an und
lassen sich dort weiterempfehlen«, heißt es in der
Studie. »Nachdem dieser auf persönlichem Vertrauen gegründete Kundenkreis mit den Standardprodukten (in der Regel Riester-Renten, Bausparverträge und Lebensversicherungen) versorgt ist, verringern
sich die Abschlusserfolge in einem solchen Maße, dass
die meisten Strukturvermittler schon nach kurzer Zeit
wieder aufgeben.« Nicht selten sei das persönliche
Beziehungsnetz dann allerdings beschädigt.
In den Strukturvertrieben weint man solchen
Kurzzeitvertretern nicht groß hinterher. Anders ist
es, wenn einer wie Plaschka gehen will, ein Hauptberuflicher, der fast 20 Jahre lang im Dienste der
DVAG stand. Er hatte zwar keine große Pyramide
unter sich, sondern immer nur ein paar Mitarbeiter,
einige Schichten, aber er, der Umsatzbulle, verkauft
selbst unheimlich gut. Lebensversicherungen, Bausparverträge und Investmentfonds.
Für jeden Verkauf werden Plaschka Einheiten gutgeschrieben, für die er Geld erhält. Und je mehr
Plaschka verkauft, desto mehr bekommt er für eine
einzelne Einheit und desto mehr verdienen seine
Vorgesetzten. In guten Monaten kassiert Plaschka
12 000 Euro. Bei denen über ihm in der Pyramide
sollen es sechsstellige Monatsverdienste sein. Plaschka gehört zeitweilig zu den fünf Besten von gut
30 000 Verkäufern. Er fährt ein ordentliches Auto,
baut ein Eigenheim.
Er will mehr. Mehr Einheiten, mehr Geld, mehr
Anerkennung. Jemand könnte ihn überholen auf der
Leistungsautobahn. Anfang 2007 startet Plaschka mit
drei Kollegen, einer ist sein Bruder, eine Anwerbeoffensive. Die Pyramide unter Plaschka soll wachsen.
Doch er übernimmt sich, das Vorhaben geht
über seine Kräfte. Jetzt will er raus, möglichst
sofort. Per Sonderkündigung wegen Krankheit. Das ist im November 2007.
Aber das geht nicht so leicht.
Plaschka steckt in einem System
des wirtschaftlichen und psychologischen Drucks. Wer ranghoch
geht, schadet anderen in der Struktur,
gefährdet die Stabilität der Pyramide.
Die DVAG, die einmal Plaschkas zweite Familie war, wird nun zum erbitterten Gegner.
»Manche Arbeitsverträge halte ich für moderne Leibeigenschaft«, sagt Plaschkas Rechtsanwalt Kai Behrens, der zum DVAG-Spezialisten in Deutschland geworden ist: »Man
Nr. 20 DIE ZEIT
VON TOBIAS ROMBERG
kommt schnell rein, nach einer Weile aber nur schwer
wieder raus.« Durch das System der Provisionen werden Abhängigkeiten geschaffen. Es gibt da diese Klausel in DVAG-Vermögensberater-Verträgen: Bei »großen« und lukrativen Finanzprodukten wie Lebensversicherungen werden Provisionen erst drei Jahre
nach dem Verkauf ausgezahlt. Doch die DVAG zahlt
ihren Vermögensberatern einen Großteil sofort aus,
sonst hätte sie große Schwierigkeiten, Verkäufer zu
finden. Wenn nun ein Mitarbeiter kündigt, fällt dieses »Entgegenkommen« sofort weg – und das bei
Kündigungsfristen von bis zu drei Jahren. Das heißt
dann für den Aussteiger: bis zu 36 Monate arbeiten,
eventuell ohne zunächst auch nur einen Cent zu bekommen. Für die meisten Mitarbeiter ist das nicht
zu finanzieren.
Der Direktionsrepräsentant zeigt seine
Monatsabrechnung: 165 190 Euro
Plaschka hatte, wie in Strukturvertrieben üblich
und gewollt, Freundschaften zu etlichen DVAGKollegen gepflegt. Die Rechtsabteilung schickte
ihm im Mai 2008 eine Klage: Seine fristlose Kündigung sei unwirksam. Er müsse den Schaden ersetzen, der infolge der Einstellung seiner Vermittlertätigkeit entstanden sei. Vorläufiger Streitwert:
50 000 Euro. »Es ist ein brachiales, existenzvernichtendes System«, sagt Rechtsanwalt Behrens.
Aber erfolgreich. Die DVAG ist in dieser ganz auf
Geld fixierten Branche das nach Mitarbeiterzahl und
Umsatz größte Unternehmen. Die anderen heißen
AWD, MLP, OVB und Hamburg-Mannheimer Invest (HMI). Sie alle haben ihre besonderen Klauseln.
Was bei der DVAG die Provisionsklausel, ist beim
AWD die Honorarpraxis des sogenannten linearisierten Provisionsvorschusses: AWD-Mitarbeiter bekommen Provisionen, die sie noch nicht verdient haben,
die man ihnen aber zutraut. Läuft es mal nicht so gut,
wird der Vertreter zum Schuldner.
Dennoch lassen sich junge Menschen in großer
Zahl auf das Abenteuer ein. »Der deutsche Finanzvermittlungsmarkt außerhalb der Banken ist geprägt von einer kleingliedrigen Struktur mit vielen gering qualifizierten Akteuren«, heißt es in
der Finanzvermittler-Studie. »Die gängigen
Statistiken gehen von 400 000 bis 500 000
Vermittlern aus.« Die Fluktuation ist
hoch: »Jährlich werden nach Schätzungen befragter Experten mindestens zehn
Prozent der Strukturvertriebsvermittler
in Deutschland auf diese Weise ausgetauscht.« Die neuen Mitarbeiter werden von den Anwerbern dort gepackt,
wo sie leicht zu bekommen sind. Es geht
um den Traum vom großen Geld und
von Anerkennung. Nicht mehr nur
Durchschnitt sein, sondern etwas
Besseres. Ein Adler sein, wie man das
bei der HMI nennt.
S.21
SCHWARZ
Ein Samstag im Spätsommer 2006. Münchner
Mitarbeiter der HMI fahren Bewerber für das Grundseminar in das Hotel Alpenkönig in Seefeld, Tirol.
Auf dem Parkplatz glänzen Porsches in der Sonne. Es
herrscht Anzug- und Krawattenpflicht.
In den vorausgegangenen Wochen haben HMIler
der unteren Stufen Mitarbeiter rekrutiert. Sie haben
die Leute in der Fußgängerzone angesprochen: »Hey
Sie, Sie sehen so dynamisch und smart aus. Haben
Sie nicht Lust, als Teamleiter nebenher viel Geld zu
verdienen?« Wer anbeißt, sitzt einige Tage später in
einem Büro der HMI und erfährt, dass es vorrangig
um die Riester-Rente geht, die bei der HMI auch
»Kaiser-Rente« genannt wird. Auf einem Flipchart
wird der schnelle Weg zum großen Geld erklärt. Auch
hier die Provisionspyramide, siebenstufig: Anfänger,
dann Stufe eins bis sechs. Darüber schweben millionenschwere Generäle. »Es ist eine geile Chance, brutal viel Geld zu verdienen«, sagt der Vorgesetzte. Er
schwärmt von einem 30-Jährigen, der einen 660-PSPorsche fährt, und zeigt ein Video: Porsche-Fahrer
halten Lobesreden auf die HMI, dazu satte Hip-HopMusik mit dem Text »Make the money«.
Die etwa 30 Teilnehmer im Hotel Alpenkönig
haben jeweils 135 Euro gezahlt, die sie zurückbekommen sollen, wenn sie der HMI einige Zeit die Treue
halten. Das Bild eines Porsches wird an eine Leinwand
geworfen. Der Referent stellt simple Fragen, fordert
Applaus, wenn Seminarteilnehmer richtige Antworten geben. In den kommenden zwölf Stunden wird
hier eine Show zelebriert, die manche Ehemalige als
Gehirnwäsche bezeichnen. Geschulte Trainer hämmern den Teilnehmern ein, dass sie etwas Besseres
seien, die Leistungselite. Adler eben.
Den Höhepunkt bildet der Auftritt des 660-PSPorsche-Fahrers am Samstagabend. »Er hat 350 Mitarbeiter, er liebt Autos, er reist gern, er züchtet Kois
und hat sich gerade ein Pferd gekauft. Begrüßen Sie
mit mir den Direktionsrepräsentanten der Stufe
sechs«, sagt der Moderator. Applaus. Und dann steht
er da. Maßgeschneiderter Anzug, dazu ein Hemd und
eine Krawatte in rosa Farbtönen. Die Haare dynamisch nach oben gestylt. Er erzählt, dass er 1997 sein
Grundseminar absolviert habe, und lässt seine Abrechnung aus dem Juli 1997 auf die Leinwand
werfen: 2200 Mark. Nebenberuflich, damals
noch Zeitsoldat. Zehn Minuten später präsentiert
er seine Abrechnung aus dem Juli 2004: 165 190
Euro. Raunen im Publikum. Dann die
erlösenden Worte: »Wenn man für etwas kämpft, dann schafft man das auch.
Sie können das auch.« Er empfiehlt Biografien von Muhammad Ali und Arnold
Schwarzenegger, dann ist die zweistündige Show vorbei, das Publikum elektrisiert.
Es folgt ein Abend des Hochgefühls. Keiner stellt
die Frage, die angebracht wäre: Wie viele kommen
in dieser Pyramide nach oben? Oder die grundFortsetzung auf Seite 22
cyan
magenta
yellow
Danke, sagte der Deutsche-Bank-Chef Josef
Ackermann vergangene Woche, als er den Milliardengewinn seines Instituts für die ersten
Monate des Jahres verkündete – man könne
ihm doch jetzt auch mal »Danke« sagen.
Das war einer dieser Ackermann-Momente. Erst erliegt man seinem bubenhaften Lächeln, dann denkt man: Wo lebt der Mann?
Ein Danke gebührt in erster Linie dem
Staat, ergo den Steuerzahlern, die mit Hunderten Milliarden die Kernschmelze des Finanzsystems verhindert haben. Wahrscheinlich gäbe es die Deutsche Bank gar nicht
mehr, wäre die Bundesregierung nicht
mehrfach zur Rettung der maroden Hypo
Real Estate geeilt, hätte sie nicht einen
Schirm über das gesamte Bankensystem gespannt und die Bilanzierungsregeln für verlustreiche Papiere gelockert, wie sie auch die
führende private Bank des Landes hält.
Ansonsten bestätigte der Chef sein altes
Ziel einer Rendite von 25 Prozent auf das Eigenkapital. Doch ein solches Ziel erreicht man
vor allem mit wenig Eigenkapital – es verführt
also dazu, sich hoch zu verschulden und gefährliche Geschäfte einzugehen. Und dafür soll
Deutschland Danke sagen? Die Deutsche
Bank war etwas besser als die anderen, ja, aber
ihre Risikomanager wissen: Es war auch Glück
dabei, dass man rechtzeitig aus dem Geschäft
mit US-Hypotheken ausgestiegen war (und
diverse Schrottpapiere munter an deutsche
Staatsbanken verkauft hatte).
Etwas einfühlsamer ist da der DeutschlandChef der amerikanischen Großbank Goldman
Sachs. Er gestand dem Spiegel, dass er und seinesgleichen die Erwartungen der Gesellschaft
enttäuscht hätten. Doch auch Alexander Dibelius will dem Staat nicht zur Dankbarkeit
verpflichtet sein. Die zehn Milliarden von Washington für Goldman Sachs? Man wurde
gezwungen, sie zu nehmen. Ausstehende Posten bei anderen Instituten, die ohne Staatshilfe verloren gewesen wären? Man hätte noch
Reserven gehabt. Dann vergleicht der Chef
seine Bank mit dem fast übermenschlichen
Rekordschwimmer Michael Phelps. So ernst
kann er seine vorher erhobene Forderung nach
»kollektiver Demut« nicht gemeint haben.
Mit der Bescheidenheit der Banker ist es
nicht sehr weit her. Man muss nur clever genug sein, dann kann man weiter das große,
das übermäßige Geld verdienen, lautet die
selbstbewusste Botschaft. So gut die Goldmänner und Deutschbanker sein mögen –
das ist genau die Mentalität, aus der die Finanzkrise überhaupt erst entstanden ist.
Unter dem staatlichen Schirm wird längst
wieder ein großes Rad gedreht. Mit Devisenspekulationen, Anleihegeschäften, Übernahmefinanzierungen. Es ist einerseits erfreulich,
dass die große Furcht vor der Kernschmelze
der Normalität weicht. Umso eiliger müssen
sich andererseits die Politik und das Land fragen, was sie von dieser alten Normalität noch
wollen und was sie durch ihre Hilfen vielleicht
ungewollt fördern. Wie groß sollen die Banken
künftig sein, und wie stellen wir sicher, dass sie
ihre Hauptfunktion nicht gefährden: die Kreditversorgung? Die Regulierung und Neuordnung des Bankwesens muss jetzt erfolgen,
sonst regiert wieder das Selbstverständnis der
Banker.
UWE JEAN HEUSER
60 SEKUNDEN FÜR
Rauch
Die Regierungen in Europa werfen derzeit den
Leuten Geld nach, damit sie etwas wegwerfen,
was vielleicht noch taugt, und sich dafür etwas
kaufen, was sie vielleicht ohnehin kaufen wollten. Und deshalb später nicht mehr kaufen
werden. Das nennt sich dann Abwrackprämie.
Oder verpuffte Konjunkturmaßnahme.
Die Chinesen dagegen machen vor, wie
sich die schwächelnde Abnahme von Gütern
einfach und direkt ankurbeln lässt. In Gong’an
verordnete die Bezirksregierung ihren Beamten
per Dekret, heimische Tabakware zu qualmen.
Man befindet sich dort in hartem Wettbewerb
mit der Zigarettenindustrie der Nachbarprovinz Hunan. Die Shanghai Daily schreibt von
23 000 Kartons à 10 Päckchen jährlich, die
zwangsweise verteilt werden. 400 für die meisten Abteilungen und Regierungsorganisationen und noch mal 140 für jede Schule.
Wobei nicht ganz klar ist, ob die Schüler
sich an der wirtschaftsrettenden Maßnahme
beteiligen dürfen und ob auf Lunge geraucht
werden muss. Wer die Quote allerdings nicht
erfüllt, kann mit einer Strafe von 1000 Yuan
rechnen, immerhin 109 Euro. Chen Nianzu,
Mitglied des Gong’an-Zigarettenmarktaufsicht-Teams, ist stolz auf die wegweisende
Konjunkturstütze. »Wir leiten die Menschen
an, die lokale Wirtschaft zu fördern«, sagt er.
Und selbst, wenn die Wirkung nicht so groß
sein sollte wie erhofft: Verpafftes Konjunkturpaket klingt irgendwie besser. ANNA MAROHN
Nr. 20
22
SCHWARZ
S. 22
DIE ZEIT
magenta
WIRTSCHAFT
schwärmt der Kompaniechef von Geld und Anerkennung. Irgendwann startet Plaschka seine Karriere bei
der DVAG – zeitgleich mit dem Bruder. Sie sind zunächst »Vertrauensleute«, kassieren für Termine, die
sie für Bekannte organisieren, die dann von Plaschkas
Vorgesetzten beraten werden. Plaschka erlebt ein Seminar, »auf dem schon ordentlich geprotzt wurde«.
Der gelernte Gas-Wasser-Installateur schaut in eine
andere Welt, besucht Seminare und wird Vermögensberaterassistent. Im April 1990 steigt er hauptberuflich ein.
Im Jahr 2000 erlebt Rechtsanwalt Kai Behrens ein
DVAG-Seminar in Aschaffenburg: Umsatzbullen
erhalten Auszeichnungen, ihre Autos werden auf dem
Parkplatz bestaunt, geschulte Redner heizen ein. »Es
war die perfekte Samstagabendshow, und ich dachte
mir: Das kann doch alles nicht wahr sein!« Ein Freund
hatte Behrens damals für das Seminar gewonnen.
Zwei Jahre später braucht dieser Freund Behrens’
Hilfe: Die in Aussicht gestellte Karriere ist ins Stocken
geraten, er will die DVAG verlassen. Nun beginnt
eine ganz andere DVAG-Karriere – die des Rechtsanwalts Kai Behrens. Er kämpft für Vermögensberater und auch für ihre Kunden. Seit 2002 hat er 300
Mandanten vertreten. »Viele Aussteiger erfahren Aggressionen: Beleidigungen, Telefonterror und Hausbesuche«, sagt Behrens. Rabiater als alles, was er
bisher gekannt habe.
Dutzende Aktenordner mit der Aufschrift
»DVAG« füllen eines der Regale im Büro von Behrens. Akribisch sammelt der 46-Jährige Material zur
DVAG. Auf dem Tisch liegen ein Vermögensberatervertrag, eine Tabelle mit den Grundprovisionen,
Informationen zum DVAG-Versorgungswerk, von
dem hauptberufliche Mitarbeiter profitieren, die
konstant Leistung bringen, und ein stern online-Artikel aus dem Jahr 2007: Die DVAG hatte sich an
Kunden von Lebensversicherungen gewandt, die
Verträge seien schlechter als die nun zu empfehlenden
Riester-Renten. Die Umstellung erfolgte im Wesentlichen zum Wohle der Vermögensberater. Frische
Provisionen flossen. Etliche Vermittler kämpfen um
ihre eigene Existenz. Behrens rechnet vor: »Wenn
man den Gesamtumsatz der Deutschen Vermögensberatung durch die Anzahl der Mitarbeiter teilt,
kommt man auf einen Durchschnittsumsatz von
etwas über 2000 Euro monatlich. Wenn man sich
überlegt, dass es Vermögensberater gibt, die monatlich 30 000 Euro und mehr erhalten, liegt es auf der
Hand: Viele Vermögensberater haben existenzielle
Probleme.«
Ganz oben in der DVAG steht ein Mann, den sie
den »Doktor« nennen: Reinfried Pohl. Er ist Milliardär und Übervater der mehr als 37 000 Vermögensberater. Der 80-Jährige hat den Finanzvertrieb 1975
gegründet. Für einen Rückzug fühlt er sich zu jung,
aber unlängst hat Pohl die Weichen dafür gestellt,
dass die Vertriebsfirma in Familienhand bleibt, und
den Anteil seiner Söhne erhöht. Pohl schmückt sich
und die DVAG mit Aushängeschildern und Werbepartnern wie Michael Schumacher, Otto Rehhagel
oder Joachim Löw. Er pflegt auch wichtige Kontakte
in die Politik. Er ist Duzfreund von Helmut Kohl,
der heute Vorsitzender des DVAG-Beirats ist. Kohls
früherer Kanzleramtsminister Friedrich Bohl saß
viele Jahre im DVAG-Vorstand, bevor er im April an
die Spitze des Aufsichtsrats wechselte. Dem Vorstand
gehört seit April 2008 auch der ehemalige hessische
Wissenschaftsminister Udo Corts an, der noch 2007
die Laudatio hielt, als das Land Hessen Pohl den Titel eines Professors verlieh. Auch Ex-Finanzminister
Theo Waigel sitzt im neunköpfigen Aufsichtsrat.
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am 20.
November 2008 auf einer DVAG-Vertriebskonferenz
zu über 8000 Vermögensberatern. Sie lobte das Familienunternehmen (»ein klassisches Konzept der
sozialen Marktwirtschaft«) und schwärmte von einem
Treffen vor vier Jahren: »Damals wie heute hat mich
schon allein die Zahl der Vertriebsmitarbeiterinnen
und -mitarbeiter zutiefst beeindruckt, weil sie etwas
über das Wurzelgeflecht aussagt, das ein Stück Sicherheit in unserem Lande schafft, wobei hinter jedem
von Ihnen Engagement steht, die Fähigkeit, Menschen anzusprechen, kennenzulernen und ihnen
beratend zur Seite zu stehen.« Überaus freundliche
Worte an die versammelte Vertriebstruppe.
Ich habe keine Ahnung, was das Ergebnis für len, was ich demnächst mache. Mindestens 100
meine Karriere bei AWD bedeutet. Wolf erklärt es Einladungen soll ich verschicken. Wolf zückt ein
mir: »Wirtschaftliches Denken steht für Sie zwar Heft. Networking, Kontakte und Empfehlungen launicht an erster Stelle im Leben, aber weit genug tet der Titel. Auf den Seiten sind Schaubilder mit
oben, dass Sie bei uns anfangen können. Von uns vielen bunten Pfeilen und leere Tabellen, in die
aus kann es jetzt losgehen.«
Adressen eingetragen werden sollen. »Bis Sie hier
Den Höhepunkt meiner AWD-Euphorie erlebe fest anfangen, sollten da mindestens 250 Namen
ich am Samstag nach meinem Test. Und auch den drinstehen«, sagt Wolf. »Und jetzt nehmen Sie mal
Tiefpunkt. Ich passte zum Unternehmen, hatte man Ihr Handy.«
Schlagartig wird mir bewusst: Das Geld des
mir gesagt. Ich könne mir nur noch selbst im Weg
stehen, hatte man mir gesagt. Jetzt erklärt der Ge- AWD kommt von Menschen. Von denen aus
bietschef mir und den anderen Bewerbern, die es meinem Handy. »Sie rufen jetzt mal bei einem Ihgeschafft haben, was AWD für uns bedeuten soll: rer Freunde oder Verwandten an und fragen, ob
Sie AWD als Ihren neuen ArbeitErfolg hat, wer »Einheiten schreibt«.
geber vorstellen dürfen«, sagt Wolf.
Einheiten gibt es für jedes Finanz»Wenn das nicht klappt, mache ich
produkt, das ein Kunde abschließt.
den nächsten Anruf.« Er nennt
Von der Riester-Rente über die pridiese Kontakte »Meinungsträgervate Krankenversicherung bis hin
gespräche«. Es komme nicht dazum Kauf von Investmentfonds. Pro
rauf an, dass diese Leute sich wirkEinheit, lerne ich weiter, verdiene ich
lich vom AWD beraten lassen. Sie
am Anfang vier Euro, später möglisollen mich nur weiterempfehlen,
cherweise mehr als zehn Euro. Die
bei ihren Freunden und BekannZahlen am Ende der Berechnungen AWD-CHEF
ten. Wir sitzen uns an Wolfs
sind gigantisch: Nur zwei oder drei Carsten Maschmeyer
Schreibtisch gegenüber und üben
Riester-Verträge und eine kleine Versicherung im Monat, und schon habe ich 5000 Euro Anrufe. »Ich bin Ihr Onkel. Wie bringen Sie mich
in der Tasche. Wer in der Hierarchie aufsteigt, ver- dazu, Sie zu einem Gespräch einzuladen?« Ich
dient an denen mit, die unter ihm sind – Tausende rede los. Immer wieder unterbricht er, gibt FeedEuro, wenn die sich anstrengen. Man zeigt uns Rang- back. »Sie brauchen zu lange, um zum Punkt zu
listen der besten Gebietsleiter. Die Zahl der geschrie- kommen. Sagen Sie einfach: ›Ich habe eine Bitte‹,
benen Einheiten ist an der Spitze sechsstellig, wir und legen Sie dann los.« Ich fühle mich unwohl,
Bewerber rechnen: Diese Leute müssen Einkom- möchte in seiner Gegenwart nicht telefonieren.
mensmillionäre sein. Der Chef erklärt: »Die Gewin- Wir üben länger als eine Stunde, bis er mich entne mögen Ihnen hoch vorkommen. Aber in der Fi- lässt. Ich darf allein telefonieren, bekomme aber
nanzbranche steckt nun mal so viel Geld. Auch für einen festen Auftrag: »Wenn die ersten beiden
Sie.« Mein Mentor holt mich ab. Auf dem Weg in Anrufe nicht klappen, hören Sie auf, und wir masein Büro sprechen wir darüber, dass bei AWD nie- chen den Rest gemeinsam.«
An vier Samstagen schult mich der AWD in
mand angestellt ist, sondern alle Berater selbstständig
arbeiten. Wir sprechen darüber, warum das besser ist, »Grundlagen der Kommunikation und Finanzberaauch steuerlich. Wir sprechen über den Porsche, den tung«. Da geht es um die richtigen Worte im Beraer als Dienstwagen fährt. Und über den Aston Mar- tungsgespräch und die Palette des AWD-Angebots.
tin seines Vorgesetzten.
In einer Präsentation bekommen wir Schritt für Schritt
AWD möchte mir eine Party schenken, erklärt aufgezeigt, wie man seine Kunden als Berater am besWolf in seinem Büro. Bis zu 1000 Euro darf ich ten anspricht: »Halten Sie den Finanzmarkt für eher
für Essen, Trinken und Unterhaltung ausgeben. übersichtlich oder unübersichtlich?« Antwort abwarIch soll möglichst vielen Menschen davon erzäh- ten, dann: »AWD macht den Markt überschaubar.«
Mit Formulierungen wie dieser, erklärt einer
der Topverkäufer von Köln und Umgebung,
hätten wir das Rüstzeug für das erste Gespräch
mit echten Kunden. »Es hilft, diese Sätze mehr
oder weniger auswendig zu kennen.« An Beispielrechnungen zeigt man uns, wie man etwa
durch bessere Versicherungen und umgeschuldete Kredite das verfügbare Geld eines Haushalts
erhöhen kann. Viel Geld für den Berater gibt es,
so erfahre ich, wenn dieses frei gewordene Geld
dann wieder investiert wird, in einen RiesterVertrag oder eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit.
Wolf und ich besuchen meine Verwandten
und Freunde. Wir sitzen um 22 Uhr im Wohnzimmer eines Freundes, der sich offensichtlich
köstlich über mein weißes Hemd und die Krawatte amüsiert. »Wir machen dann vielleicht
noch eine Bestandsaufnahme, beraten wird heute
nicht«, sagt Wolf jedes Mal, bevor wir abfahren.
Doch nach fünf »Meinungsträgergesprächen«
stehe ich noch immer ohne ein einziges ausgefülltes Formular da. Wolf sagt dazu nichts. Das muss
er auch gar nicht, ich setze mich schon selbst unter Druck: Wenn niemand ein Formular ausfüllt,
dann bekomme ich kein Geld. Und er auch
nicht. Dann sind die vielen Kilometer, die wir
mit seinem Porsche zu meinen Freunden und
Verwandten fahren, für ihn Geld- und Zeitverschwendung.
Bei unseren Treffen kommt er jedes Mal mit
der Metapher vom Flugzeug, das beim Start besonders viel Gas geben muss. Ich bekomme Hausaufgaben: Bis zum nächsten Treffen soll ich mindestens 50 Menschen nennen können, denen ich
von meiner neuen Tätigkeit erzählen kann, die ich
vielleicht sogar zu meiner Einweihungsfeier einladen möchte. Bis zum zweiten Treffen sollen es
mindestens 100 sein.
Ich lerne: Der Erfolg meiner Arbeit bei AWD
wird nicht daran gemessen, wie gut ich jemanden
berate, sondern daran, wie viel Geld er am Ende
für Produkte ausgibt, die ich empfehle. Ich soll
meine Beziehungen und Kontakte zu Geld machen. Wie gut ich berate, ist zweitrangig. Wie gut
mein persönliches Netzwerk ist, das zählt.
Fortsetzung von Seite 21
sätzliche Frage: Sollte das Geld, das in das exorbitante Einkommen dieses 30-jährigen Porsche-Fahrers
fließt, nicht eher den Leuten zugutekommen, die ihm
vertrauen und einen Rentenvertrag abschließen?
Nichts gegen gute Bezahlung, aber wenn es um die
Absicherung von Menschen geht, um Altersvorsorge,
wäre dann nicht Verhältnismäßigkeit geboten?
Die Seminarteilnehmer in Seefeld wittern aber
die Chance, ein Adler zu werden, die große Beute zu
reißen. Wie das funktioniert, erläutert ein Referent
am nächsten Tag: »Suchen Sie neue Mitarbeiter. Das
ist das passive Geld, das uns alle interessiert.« An einem einzigen Mitarbeiter, der seinen Weg nach oben
mache, könne man eine Viertelmillion verdienen.
Zum Abschluss trägt der Referent seine HMI-Fabel
vor: die Geschichte eines Adlers, der im Glauben
aufwächst, ein Huhn zu sein. Einst hatte ein Bauer
ein Adler-Ei gefunden und es in den Hühnerstall
gelegt. Vor seinem Tod wünscht sich der Vogel, der
ein Leben lang vom Fliegen geträumt hat: »Ach, wäre
ich bloß als Adler auf die Welt gekommen.« Den
Neuen wird eingebläut: »Wir sind alle Adler.« Dann
fahren sie nach Hause, in den großen Autos der Vorgesetzten. Solche Seminare finden bis heute in Seefeld
statt, aber auch an vielen anderen Orten.
Wenn Plaschka geht, soll er sein Haus
und 40 000 Euro verlieren
Sabine Kregel hat so etwas erlebt. Ein HMIler
sprach die heute 31-Jährige im Arbeitsamt Salzgitter an. Sie war beruflich unzufrieden, suchte eine
Alternative, interessierte sich sofort dafür, nebenberuflich bei der HMI einzusteigen. Sie fährt zu
einem Grundseminar, für das sie 250 Euro zahlt,
lässt sich mitreißen. »Da lag eine Begeisterung in
der Luft, die irgendwie seltsam war und furchterregend ansteckte«, sagt sie heute. Während des
Seminars muss sie telefonisch einen Freund überzeugen, sie und einen Vorgesetzten noch am Abend
für ein Beratungsgespräch zu empfangen. Am selben Abend durchforstet ein anderer Vorgesetzter
Kregels Unterlagen, um zu sehen, ob es auch für
sie etwas Besseres gibt. »Natürlich gab es etwas
Besseres – eine Rentenversicherung über die HMI.
Er wollte die Versicherung für mich abschließen,
die Abschlussprämie sollte ich später bekommen.«
Erst nach dem Wochenende kommt sie zur Vernunft, steigt aus, erhält noch einige Anrufe und
einen unerbetenen Besuch am Arbeitsplatz.
Plaschka, der DVAG-Umsatzbulle, hat Schlimmeres erlebt. Nach seinem Entschluss aufzuhören
klingelt ein Weggefährte an seiner Tür, will ihn umstimmen. Er wird ausfallend und droht, dass Plaschka sein Haus und 40 000 Euro verlieren werde. Und
all das, nachdem Plaschka fast 20 Jahre hauptberuflich für die DVAG geackert hatte.
Seine Karriere hatte im Sommer 1985 begonnen.
Damals wurde er Zeitsoldat. Ein Vorgesetzter sprach
ihn an. Nun, da er Beamter auf Zeit sei, benötige er
eine private Absicherung und könne vermögenswirksame Leistungen anfordern. Ein Oberleutnant erstellt
eine »Vermögens- und Subventionsanalyse«, dann
berät der Kompaniechef. Plaschka unterschreibt. Jetzt
soll er auch Mitarbeiter werden. Er zögert. Hartnäckig
yellow
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
»Brutal viel Geld ...«
Fotos: Arne Dede/picture-alliance/dpa; Günter Schiffmann/picture-alliance/dpa; Dennis Gundlach/action press; Karlheinz Schindler/picture-alliance/dpa (v.o.n.u.)
cyan
FREUNDE: Helmut Kohl und DVAG-Gründer Reinfried Pohl 1995,
Michael Schumacher 2005, Ex-Vorstand Friedrich Bohl 2008 (Zweiter von links)
Die Riester-Rente ist ein Konjunkturprogramm für die Finanzberater
Während die DVAG als der CDU nahestehend gilt,
kann man dem AWD eine Nähe zur SPD attestieren.
Im Wahlkampf 1998 finanzierte AWD-Chef Carsten
Maschmeyer eine 600 000 Euro teure Kampagne für
Gerhard Schröder: »Ein Niedersachse muss Kanzler
werden.« Schröders Regierungssprecher Béla Anda
ist seit April 2006 Kommunikationschef des AWD.
Und gerade hat der Ex-»Wirtschaftsweise« Bert Rürup, SPD-Mitglied, als Chefökonom bei dem Finanzdienstleister angeheuert. Neben der personellen Nähe
gibt es auch eine finanzielle Verbindung: In den Jahren 2004 bis 2006 spendete die DVAG 436 150 Euro
an die CDU. Auch andere Banken und Versicherer
gaben großzügig, mehr als zehn Millionen Euro in
zehn Jahren flossen an Parteien. Die Firmen konnten
es sich leisten. Vor allem die Riester-Rente war ein
Konjunkturprogramm für die Finanzbranche.
Der DVAG-Gründer hat inzwischen auch eine
gute Presse. Im August 2008 nahm ihn das manager
magazin auf die Titelseite. Die unglaubliche Karriere
des Reinfried Pohl: Deutschlands bester Verkäufer, stand
da. Von der Nummer wurden mehr als 162 000
Exemplare verkauft, im Vormonat waren es 136 000
und im folgenden 125 000. Tatsächlich kaufte die
DVAG 25 000 Exemplare des Heftes, wie die Manager Magazin Verlagsgesellschaft auf Anfrage bestätigt.
»Eine Zusage oder Absprache« habe es vorher aber
nicht gegeben. »Auch uns, den Vertrieb, hat die Nachfrage der Vermögensberatung überrascht«, sagt Vertriebschef Stefan Buhr. Der Verlag weist per Druckrechnung nach, dass er einen Nachdruck von 28 000
Exemplaren hat anfertigen lassen.
Auch für Plaschka war die DVAG lange eine Erfolgsstory. Doch dann wollte er mit seiner Anwerbeoffensive zu hoch hinaus.
Auf eine Zeitungsanzeige hin melden sich 40 Bewerber. Plaschka investiert Zeit und Geld, er lässt das
eigene Geschäft schleifen und bezahlt die protzigen
Grundseminare für neue Bewerber. »Einen auf dicke
Hose machen gehört auch zum Geschäft«, sagt er.
Nach einem halben Jahr ist keiner der Bewerber mehr
dabei. Und die Anfänger haben kaum Provisionen
gebracht. »In diesen Monaten habe ich 20 000 Euro
Privatgeld verbrannt«, sagt Plaschka. Dass ausgerechnet ihm das geschah. Dem Umsatzbullen.
i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE:
www.zeit.de/geldanlage
Schneller sein als die anderen
STEFAN MAUER
A
heuerte beim Finanzdienstleister AWD an. Ein Erfahrungsbericht über seine ersten Schritte in der Vertreterwelt
ls der Pilot vollen Schub auf die Triebwerke
gibt und die Beschleunigung mich in den
Sitz drückt, ist meine Entscheidung gefallen:
Ich werde aussteigen. Nicht aus diesem Flugzeug,
mit dem ich in Urlaub fliege, sondern bei einem
der größten Finanzberater Deutschlands. Beim
AWD. Dabei bin ich noch gar nicht lange dabei.
»Gerade am Anfang müssen Sie Gas geben, um
als Finanzberater erfolgreich zu sein. Wie bei einem
Flugzeugstart.« Das hat Gerhard Wolf (Name geändert) mir wieder und wieder gesagt. Er war in den
vergangenen drei Monaten mein Mentor. Und noch
nie hat eine Organisation und ihre Art zu denken
mich so schnell in ihren Bann gezogen.
Meine Zeit beim AWD beginnt mit einem seltsamen Bewerbungsverfahren. Zwei Stunden nachdem
ich ein Formular im Internet ausgefüllt habe – Student kurz vor dem Diplom, an Finanzen interessiert,
zielstrebig, günstig und fleißig, sucht Job –, höre ich
die Stimme von Gerhard Wolf am Telefon. »Sie haben sich beworben, und wir möchten Sie kennenlernen. Kommen Sie doch nächsten Montag in mein
Büro, und bringen Sie Ihren Lebenslauf mit.«
»Sonst nichts?«
»Sonst nichts.«
Das Vorstellungsgespräch ist ein Kaffeeklatsch,
bei dem mein künftiger Chef mit mir über seine Familie, sein Haus, sein Auto und mein Interesse an
Börsenkursen und spekulativen Investments plaudert.
»Ich würde Ihnen etwas abkaufen, das ist erst mal das
Wichtigste. Alles Weitere entscheidet unser Test
für Führungskräfte«, lautet das Fazit nach fast
zwei Stunden. Ich bekomme noch den Rat:
»Ab jetzt ziehen Sie am besten immer ein
weißes Hemd mit Krawatte an. Daran erkennt man uns.«
Als ich zum ersten Mal das Kölner
Hauptquartier des AWD betrete, ist
die Präsentation bereits in vollem Gange. Es geht um Geld. Nicht das der
Anleger, sondern das der Berater. Die
Beispiele sind beeindruckend: 400 Euro
im Monat verdient man hier wohl
schon, ohne wirklich zu arbeiten, sechsstellige Einkommen pro Monat scheinen
nur eine Frage der Zeit zu sein.
Die meisten der 25 Mitbewerber sind Mitte bis
Ende 20 und kommen wie ich von der Uni oder
haben eine Ausbildung gemacht und gearbeitet. Die
Gespräche auf dem Flur handeln meistens von der
Anfahrt oder dem Wetter. Kaum einer scheint sich
mit Finanzen auszukennen. Ich rede mit einem jungen Fitnesstrainer. »Die Ausbildungsstelle bei AWD
ist meine große Chance«, sagt er. Dann unterhält er
sich mit seiner »Führungskraft« über eine Geschichte aus einem Motivationsbuch, das er am Tag vorher
gelesen hat: Zwei Männer wollen vor einem Bären
fliehen. Während der eine schon läuft, bindet der
Zweite sich noch die Schuhe. »Du musst schneller
sein als der Bär, hör auf, deine Zeit zu verschwenden«,
ruft der Erste. »Nein, ich muss nur schneller sein als
du«, erwidert der Zweite. Der junge Mann und sein
Mentor lachen. Jeder hier steht unter den Fittichen
eines erfahrenen AWD-Mitarbeiters, der in den kommenden Monaten viel Zeit investieren wird, um
seinen Schützling zu einem Finanzvermittler auszubilden. Auch meine Führungskraft ist anwesend.
»Wir brauchen Mitarbeiter, die wirtschaftlich denken
und andere überzeugen können«, sagt Wolf. »Sie
sollten eine soziale Ader haben, aber keine zu starke.
Wir wollen schließlich auch Geld verdienen.«
Der Test beginnt mit der Frage, welches Wort
mir besser gefällt: spontan, umgänglich, positiv
oder friedlich. Ähnlich geht es weiter. In 24 Aufgaben soll ich Wörter in eine Reihenfolge bringen,
über deren Rangordnung ich mir noch nie Gedanken gemacht habe. Die Zeitvorgabe ist so knapp,
dass ich einfach irgendetwas ankreuze. Am Ende
soll ich noch auswählen, was ich mit einer Million Euro machen würde und wie man Steuergeld am besten einsetzen sollte. Nach nicht mal
einer Viertelstunde ist das Ganze vorbei.
»Danke, auf Wiedersehen, wir melden
uns.«
Zwei Tage später sind die Fragen
ausgewertet, und ich erfahre, was AWD
nun über mich weiß: Mein »Leadership-Check«
hat mehr als 30 Seiten und ist extrem ausführlich. Ich ergriffe gern die Initiative, steht da. Ich
könne Menschen motivieren. Man sollte sich
mir gegenüber nicht patriarchisch verhalten. Und so weiter und so weiter.
Nr. 20 DIE ZEIT
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SCHWARZ
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WIRTSCHAFT
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
JEEP, OPEL,
FIAT sollen
unter ein Dach
Ein Weltkonzern, aber bitte umsonst
Ist das visionär oder nur trickreich, wenn der hoch verschuldete Autobauer Fiat den Konkurrenten Opel mit Milliarden von Staat retten will?
D
er schnittige Maserati, mit dem FiatChef Sergio Marchionne Anfang der
Woche bei der Bundesregierung vorfuhr, war geliehen – von der Scuderia
Berlin, einem Maserati-und Ferrari-Händler. Die
beiden kleinen, aber feinen Marken gehören zum
Fiat-Konzern, und der Händler aus der Hauptstadt
hat ihm das Prunkstück gern überlassen.
Der Fiat-Konzernchef war gekommen, um sich
weit mehr zu borgen als ein Auto. »Zwischen fünf
und sieben Milliarden Euro als Konsolidierungsbedarf für Opel« hat Marchionne bei den Politgesprächen genannt. Für das nötige Kapital sollen
wohl die europäischen Staaten aufkommen, in denen die zehn Fabriken von Opel und General Motors (GM) stehen. Und da Deutschland mit rund
25 000 Mitarbeitern die Hälfte aller Beschäftigten
in Europa stellt, soll der größte Brocken des Kredits
oder der Bürgschaft dafür aus dem Opel-Heimatland
kommen.
Warum sollte das nicht klappen?, mag der Italokanadier gedacht haben. Schließlich hat er gerade
in Amerika einen ähnlichen Deal – ohne eigenen
finanziellen Beitrag – ausgehandelt. Der Pakt mit
der Regierung sieht vor, dass Fiat zunächst 20 Prozent des gerade in Konkurs gegangenen Autobauers
Chrysler geschenkt bekommt und ihn führen darf.
Die Milliardenkredite für den weiteren Betrieb stellen die USA und Kanada.
Fotos: AP (2); Drive Images/F1online; Toni Bader/AUTO BILD; Montage: DZ; dpa (2, unten)
Wer erinnert sich noch an das Gerede
von der »Hochzeit im Himmel«?
Ausgerechnet der schon mehrfach totgesagte Autobauer Fiat schickt sich an, zu einem der größten
Autokonzerne aufzusteigen. Legte man die Autosparte des Fiat-Konzerns, Chrysler und Opel/GM
Europa zusammen – dann entstünde ein Konzern,
der mit gut 150 000 Mitarbeitern weltweit fast sieben Millionen Fahrzeuge baut. Auf einen Schlag
wäre »Fiat/Opel«, wie Marchionne das geplante
Unternehmen nennt, nach Toyota die Nummer
zwei, gleichauf mit dem VW-Konzern. Schon Anfang des Jahres hatte Marchionne eine alte Weisheit
der Autobauer beschworen: Auf lange Sicht bleiben
nur sechs Konzerne übrig. Ein Hersteller von Massenautos müsse »fünf bis sechs Millionen Fahrzeuge«
herstellen, um zu überleben. Und einen Zusammenschluss mit Opel pries er in der Financial Times:
»Industriell wäre das eine Hochzeit im Himmel.«
Hochzeit im Himmel? Den Spruch kennen die
Deutschen aus der Welt AG des einstigen DaimlerChefs Jürgen Schrempp, der seine Firma mit Chrysler verheiratete und damit grandios scheiterte. Marchionnes unbedachte Äußerung war Futter für die
Gegner der Hochzeit von Fiat und Opel. Viele von
ihnen würden es bevorzugen, wenn der kanadischösterreichische Zulieferkonzern Magna und russische Investoren den Zuschlag erhielten. Opel-Betriebsratschef Klaus Franz führt die Riege der FiatGegner an und wird von IG-Metall-Chef Berthold
Huber darin unterstützt. Skeptisch ist auch der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität
Duisburg-Essen: »Gegen Marchionne sind alle Hedgefonds zahme Hunde, der will sich ohne eigenes
Geld zwei große Unternehmen schnappen und von
den beteiligten Staaten finanzieren lassen«.
Mag ja sein, aber der branchenerfahrene Münchner Berater M. Jon Nedelcu kommt unter dem
Strich zum entgegengesetzten Urteil: »Fiat ist eindeutig die bessere Lösung. Unter der Führung der
Italiener hat Opel die besseren Überlebenschancen,
weil Fiat näher am Kunden ist als ein Zulieferer wie
Magna.« Nun sickern Nachrichten über den von
Marchionne geplanten Jobabbau bei Opel durch,
und die Diskussion wird hitziger. Einzig die Führung
von General Motors in Amerika und Europa hielt
sich bislang offiziell mit Kommentaren zurück.
In Italien wurden die Verhandlungen um Chrysler und Opel anfangs mit einem patriotischen Überschwang verfolgt, als handele es sich um Spielzüge
des Fußballnationalteams. Schon Fiats Einstieg bei
Chrysler galt vielen als Triumph. Der Ökonom
Giorgio Ruffolo sprach sogar von einem neuen italienischen Wunder: »Sein Wesen ist es, Reichtum
zu schaffen, der sich nicht in Stärke, sondern in
Schönheit wandelt.« Tagelang beherrschte Fiat-Chef
Sergio Marchionne weit vor den Politikern die
Schlagzeilen, und die Kommentatoren rühmten sein
Verhandlungsgeschick und sein Durchsetzungsvermögen: Italien–USA 1 : 0. Das größte italienische
Unternehmen als Gewinner der Weltkrise – nach
der demütigenden Vorstellung um den Pleiteflieger
Alitalia schien das fast zu schön, um wahr zu sein.
Doch als die Partie mit Deutschland in die Verlängerung ging, meldeten sich die ersten kritischen
Stimmen. Die Gewerkschaften erinnerten daran,
dass in den italienischen Fiat-Werken ein Großteil
der Beschäftigten kurzarbeiten müsse. Eine Entspannung der Situation sei durch die Expansionspolitik
nicht in Sicht, im Gegenteil: Wenn Fiat Teil eines
Konzerns würde, der die von Marchionne angestrebten sechs Millionen Autos im Jahr baut, müssten die
italienischen Arbeiter in veralteten Werken und mit
hohen Löhnen gegen die Kollegen in Deutschland
oder den USA konkurrieren. Fiat solle seine Zukunftspläne für den Standort Italien darlegen, forderte Industrieminister Claudio Scajola deshalb.
Auch die heimische Zuliefererindustrie betrachtet
die neuen internationalen Ambitionen mit Sorge.
Egal. Marchionne ist derzeit damit beschäftigt,
die Bedenken der Deutschen zu zerstreuen, die ebenfalls fürchten, über Gebühr unter dem unvermeidlichen Kapazitätsabbau leiden zu müssen. Auch sonst
wäre es fraglich, wie sehr er sich in die italienische
Volksseele einfühlen wollte. Der Manager kennt die
amerikanische Unternehmenskultur, in Italien geboren, ist er in Kanada aufgewachsen und hat dort
seine Karriere begonnen. Bei Schweizer Unternehmen hat er sich dann einen Ruf als erfolgreicher
Sanierer erworben. An einem dieser Unternehmen
war auch die Fiat-Eignerfamilie Agnelli beteiligt,
deren Vertrauter Fiat-Chefaufseher Luca di Montezemolo den talentierten Landsmann zurück nach
Italien holte. Dort ist der Mann mit dem Spitznamen
»Blackberry« für seine Leute stets empfangsbereit.
Aber die politische Arena überließ er bislang anderen
Fiat-Arbeitsteilung
Fiat-Chef Sergio Marchionne (Foto
oben), der »Mann im Pullover«, ist
für die Tagesarbeit zuständig, die Politik überlässt er
dem stets perfekt
gekleideten FiatPräsidenten und
Chefaufseher aus
altem Adel Luca
Cordero di Montezemolo (Foto
unten), Ziehsohn
des legendären Fiat-Patriarchen Gianni Agnelli. Montezemolo gilt als einer
der einflussreichsten Männer Italiens,
war bis 2008 Präsident des Unternehmerverbandes und wurde von Silvio
Berlusconi für einen Ministerposten
umworben. Im Hintergrund hält sich
auch Montezemolo-Vize John Elkann,
ein Agnelli-Enkel.
Der 33-Jährige
mischt sich derzeit lieber in die
Trainerwahl des
familieneigenen
Fußballklubs Juventus Turin ein
als in die FiatStrategie. Aber: Sowohl er wie auch
Montezemelo unterstützen Marchionne ohne Vorbehalte.
BSCH
VON DIETMAR H. LAMPARTER UND BIRGIT SCHÖNAU
Fiat-Größen: »Ich treffe Politiker nur, wenn es meine Arbeit verlangt. Ich frequentiere keine Salons,
weder in Rom noch in Mailand oder Turin.«
Als Marchionne 2004 in Turin antrat, lag der
Autobauer am Boden. »Marchionne fing seinen
Sparkurs nicht bei den Arbeitern an, sondern dünnte zuerst das mittlere Management aus, strich komplette Hierarchieebenen«, lobt ein ehemaliger FiatManager, der direkt dem Chef unterstellt war.
»Wenn einer solch eine Herkulesaufgabe wie die
Dreierfusion schaffen kann, dann Marchionne.«
GM versprach Fiat: Wenn ihr wollt,
dann kaufen wir euch
Der erwies sich zum einen als hart: Er verkürzte die
Entwicklungszeiten drastisch und nötigte die Gläubigerbanken, Schulden in Anteile am Konzern einzutauschen. Zum anderen hat er Geschick im Marketing, wie er eindrucksvoll bei einer riesigen Feier
zur Einführung des neuen Fiat Cinquecento – mit
Wasserballett und Riesenfeuerwerk – zeigte. Fiat ist
wieder da, hieß damals die Botschaft. Zwölf Millionen Euro soll die aufwendigste Autopräsentation
aller Zeiten gekostet haben, die Zehntausende Zuschauer in Turin und Millionen Italiener am Bildschirm live erlebten. »Clever sparen« hieß sein Prinzip beim Cinquecento. Technisch baut das Auto auf
dem wenig spektakulären Fiat Panda auf, zudem
teilte sich Fiat die Entwicklungskosten mit Ford, das
ein ähnliches Auto herstellt. Die Anschubfinanzierung für den 500er lieferte widerwillig die OpelMutter General Motors. Und diese Geschichte ist
bis heute für die internen Widerstände bei Opel
höchst relevant.
Ende der neunziger Jahre liefen die Geschäfte für
GM gut. Der damalige Chef Rick Wagoner handelte mit Fiat im Jahr 2000 einen folgenschweren Deal
aus. Die Amerikaner kauften sich mit 20 Prozent
bei der Autosparte von Fiat ein, anschließend fusionierten sie den Einkauf sowie die Motoren- und
Getriebesparte ihrer deutschen Tochter Opel mit
den entsprechenden Bereichen bei Fiat – und verpflichteten sich zur gänzlichen Übernahme der FiatAutosparte, sofern es die Turiner wollten.
Ende 2004 war es mit den guten Zeiten bei
GM vorbei. Da kam Sergio Marchionne, der
Stratege, zum Vorschein. Er ließ GM die Wahl:
Entweder ihr kauft Fiat, oder ihr kauft euch von
der Verpflichtung frei. Rick Wagoner zahlte lieber
1,5 Milliarden Euro Abstand. Bei Opel hat man
schlechte Erinnerungen an diese Zeit, auch wenn
bis heute Opel-Autos mit Dieselmotoren von Fiat
fahren und der Opel Corsa sich die technische
Grundlage mit dem Fiat Grande Punto teilt.
Marchionne jedenfalls schaffte es schon 2006,
mit der Fiat-Autosparte schwarze Zahlen zu schreiben, und steigerte den Gewinn in den beiden Folgejahren. Auch der Absatz florierte bis Mitte 2008.
Dann kam die Krise, in den ersten Monaten 2009
schrieb man rote Zahlen, der Schuldenstand des
Fiat-Konzerns stieg wieder auf gut sieben Milliarden
Euro an. Viel eigenes Geld für Zukäufe kann und
will Marchionne deshalb nicht investieren. Also
braucht er Wachstum ohne Kosten – und muss dann
Verbundvorteile schaffen. Das aber würde für seine
junge Managergarde zur extremen Herausforderung.
Kommt es zum Opel-Einstieg, dann würde der Markenwirrwarr von Chrysler, Dodge und Jeep, von
Fiat, Alfa, Lancia, Opel und Vauxhall frappant an
GM erinnern, und dem lange Zeit größten Autobauer der Welt ist dies schlecht bekommen.
Der ehemalige Fiat-Manager sagt es denn auch
klar: »Wenn das Staatsgeld aufgebraucht ist, kommen mit Sicherheit Nachforderungen.« Und ob
Opel und Fiat den Ausleseprozess der kommenden
Jahre überlebten, sei auch bei einem Zusammenschluss offen. »Man darf nicht darauf setzen, dass
plötzlich alle Leute Fiat, Alfa oder Opel kaufen.«
Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE:
www.zeit.de/wirtschaft/autokrise
a www.zeit.de/audio
Nr. 20 DIE ZEIT
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DIE ZEIT
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WIRTSCHAFT
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
»Die Menschen machen das Geschäft«
E
s sind Tage der Abrechnung. Nun offenbaren
die Buchhalter, wie es der deutschen Wirtschaft in den ersten Monaten des Jahres
ergangen ist. Wie tief die Unternehmen in
der Weltwirtschaftskrise stecken. Das Hamburger
Solarunternehmen Conergy etwa hat im ersten Quartal 70 Prozent weniger Umsatz erwirtschaftet als im
Jahr zuvor. Adidas macht praktisch keinen Gewinn
mehr, Metro derbe Verluste, und andere werden folgen. Noch diese Woche nennen der Sportmodehersteller Puma, der Chemiekonzern Lanxess und die
Deutsche Telekom ihre Zahlen. Eine Vorhersage, wie
es weitergeht, wie das Jahr enden wird, wagen nur
wenige.
Dass Jobs dabei verloren gehen, war zu erwarten. Dass es nicht Hunderttausende sind, grenzt an
ein kleines Jobwunder – ein Jobwunder, dass der
Wissenschaftler Horst Wildemann nicht allein mit
der Kurzarbeit erklären mag. Wildemann lehrt Unternehmensführung und Produktion an der Technischen Universität München. Zugleich begleitet er
einige Dutzend Firmen als Berater. »Momentan
überlegen alle: Welche Struktur muss ich mir leisten, um sofort loslegen zu können, wenn es wieder
aufwärts geht?«, sagt Wildemann. »Meine Wahrnehmung ist: Auch Unternehmen, die 40 Prozent
Umsatzrückgang haben, halten ihre Belegschaft
und vereinbaren lieber vorübergehende Lohnkürzungen.« Im Vergleich zu vorangegangenen Rezessionen dächten »viele Unternehmer und Manager
weiter in die Zukunft«.
Im Abschwung der Jahre 2002 bis 2005 begann
der Jobabbau schneller, er war gleich der Normal-,
nicht der Sonderfall. Heute ist das anders. Die
Stammbelegschaften werden geschützt, was durch
Zeitarbeit und Subunternehmertum leichter ge-
Nr. 20 DIE ZEIT
worden ist. Doch das ist es nicht allein. In vielen
Fällen hat sich auch die Haltung der Chefs verändert.
Eine wesentliche Ursache nennt Robert Bauer,
der Vorstandsvorsitzende von Sick, einem Hersteller von Sensoren: »Vor allem mittelständische Unternehmen wissen, wie teuer der Personalaufbau in
den vergangenen Jahren war. Und weil die Deutschen altern, spricht alles dafür, die Mitarbeiter
und ihr Know-how zu halten. Das höre ich auch
von den meisten meiner Kunden.« Mit seinen Sensoren, die eine wichtige Rolle in der Automatisierung spielen, hat Sick im vergangenen Jahr einen
Umsatz von fast 740 Millionen Euro erwirtschaftet. Danach ging es rasant bergab, aber Bauer sagt,
dass in einzelnen Märkten die Auftragseingänge
schon wieder über den Umsätzen liegen. »Wir wollen die Krise mit der Stammmannschaft meistern,
S.24
SCHWARZ
VON GÖTZ HAMANN UND RÜDIGER JUNGBLUTH
solange es irgendwie geht. Denn die Menschen
machen das Geschäft. Maschinen und Geld
sind nur Hilfsmittel.« Bauer erinnert an die
Rezession der neunziger Jahre. Damals trennten sich viele Unternehmen rasch von Ingenieuren und Technikern – was unerwartet
langfristige Folgen hatte: Studienanfänger
mieden mit einem Mal technische Berufe, woraus ein Mangel entstand, den die Branche bis
heute spürt und der sie vorsichtig macht.
Andere Unternehmen halten ihre Mitarbeiter, weil sie fest davon überzeugt sind, dass ihr
Geschäft nur vorübergehend zurückgeht. Südchemie aus München gehört dazu. Vorstandschef Günter von Au sieht keine Anzeichen
dafür, dass seine Chemikalien seltener gebraucht werden. Sie dienen dazu, Flüssigkeiten und Öle zu reinigen, Gussformen zu festigen, Papier und vieles mehr herzustellen. »Weder mittel- noch langfristig müssen wir unsere
Strategie ändern, Krise hin oder her. Das Erdöl geht irgendwann zu Ende, wir müssen CO₂
vermeiden, wir müssen Wasser und Luft reinigen, wir müssen Alternativen für Stoffe finden, die jetzt auf Erdöl basieren. Wir müssen
Elektrofahrzeuge bauen. Und weil wir diesen
Trends mit unseren Produkten längst folgen,
denken wir, aus dieser Krise als Gewinner herauszukommen.«
In diesem Jahr sinkt der Umsatz von Südchemie zwar unter 1,2 Milliarden Euro und
damit unter den des Vorjahres, und weil es die
Möglichkeit gibt, arbeiten in einigen Sparten
rund 400 Mitarbeiter kurz; andere Tochtergesellschaften aber wachsen unbeirrt. Hier bedient die Südchemie grundlegende Bedürfnisse
in Schwellenländern: »Es gibt einen Zusammenhang zwischen wachsendem Wohlstand
und dem Bedarf an pflanzlichen Ölen. In den
Entwicklungs- und Schwellenländern wie China wird derzeit viel Öl aus tierischen Fetten
durch Pflanzenöl ersetzt, das mit unseren Produkten gereinigt wird. Sonst würde es innerhalb von zwei Wochen ranzig.«
Wie sicher die Agrarbranche ist, spürt auch
Martin Richenhagen, Vorstandschef des internationalen Landmaschinenkonzerns Agco. Er
erwartet in diesem Jahr rund fünf Prozent
mehr Umsatz. »Unser Geschäft ist getrieben
vom sehr starken Wachstum der Weltbevölkerung und ihrer Ernährung.« Weil zugleich der
Ackerboden begrenzt sei, müsse dieser zunehmend industriell bearbeitet werden. Die Maschinen dafür stellt Agco her und investiert gerade 170 Millionen Euro in seine deutschen
Fendt-Werke im Allgäu.
Auch in Dax-Konzernen werden derzeit
vergleichsweise wenige Stellen abgebaut. Das
geschieht nicht zuletzt, weil die Vorstandschefs
einen geringeren Druck von Finanzinvestoren
spüren. Noch vor eineinhalb Jahren mussten
sie davon ausgehen, dass Private Equity Fonds,
Hedgefonds und Konkurrenten problemlos
die notwendigen Milliarden für eine Übernahme zusammenbekommen. Zu den Abwehrmaßnahmen der Vorstände von Daimler,
Deutscher Bank und Deutscher Telekom gehörte damals, ihre Unternehmen ständig zu
trimmen, selbst wenn die Rendite schon hoch
war. So wurden Tausende von Jobs trotz Rekordgewinnen gestrichen. Heute gibt es diesen
Druck nicht mehr. Die Ära des billigen Geldes
ist vorbei.
Voraussetzung für das Jobwunder ist also
auf die eine oder andere Weise der Glaube an
die eigenen Freiräume. Wo es ihn nicht gibt,
endet auch das Jobwunder. Horst Wildemann
nennt eine der wesentlichen Ursachen: »Die
deutsche Wirtschaft hat kein Strukturproblem. Doch in einigen Bereichen bekommen
wir dauerhaft ein Mengenproblem.«
Eben das haben der Stahlkonzern ThyssenKrupp (siehe Seite 25) und die Automobil-
cyan
magenta
yellow
zulieferer Johnson Controls und Federal Mogul
gemeinsam. Alle drei Unternehmen erwarten,
dass ihr Geschäft langfristig schrumpft. Allein mit
dem Ende des weltweiten Booms ist das nicht zu
begründen, sondern auch mit der Tatsache, dass
die drei Automobilzulieferer sind, mithin für eine
Branche arbeiten, die große Überkapazitäten hat.
Für ThyssenKrupp sind die Autokonzerne wichtige, für Johnson Controls und Federal Mogul die
entscheidenden Abnehmer. Letztere haben ihren
Stammsitz in den Vereinigten Staaten und ihre
deutschen Ableger in Burscheid im Bergischen
Land. Und beide wollen nun in großem Stil Arbeitsplätze abbauen.
Allein Federal Mogul beschäftigt in Deutschland mehr als 7000 Menschen. Von denen sollen
1200 ihre Arbeitsstelle aufgeben. In den Burscheider Werken, wo das Unternehmen Kolbenringe
produziert, sind zwischen 300 und 600 der bisher
2000 Stellen bedroht. Am Maifeiertag zogen Mitarbeiter des Konzerns deshalb mit Transparenten
durchs nahe Köln, auf denen stand: »Entlassungen sind keine Alternative«. Die Firmenleitung
sieht das anders. Schon vor Wochen hatte Geschäftsführer Karsten Evers gesagt, das Unternehmen habe für 300 Leute in Burscheid langfristig
keine Beschäftigung mehr.
Die Europazentrale des anderen Zulieferers,
Johnson Controls, hat der zuständigen Arbeitsagentur in Bergisch Gladbach vor zwei Wochen
eine sogenannte Massenentlassungsanzeige zukommen lassen: 99 von 1770 Mitarbeitern will
das Unternehmen kündigen – falls sie nicht
freiwillig gehen. Auffallend ist, dass überdurchschnittlich viele Ingenieure gehen sollen. Bis
vor Kurzem galten solche Spezialisten noch als
Fachkräfte, die unbedingt im Unternehmen gehalten werden müssen. Aber jetzt verschieben
die Autokonzerne Entwicklungsaufträge oder
ziehen sie ganz zurück. »Wir haben einen Überhang an Ingenieuren an Bord«, heißt es im Un-
ternehmen. Und der soll nun abgebaut werden.
Die globale Autokrise hat den Umsatz von
Johnson Controls, das zu den führenden Herstellern von Autoinnenausstattung und -elektronik gehört, in den ersten drei Monaten dieses
Jahres fast halbiert. Für das gesamte Jahr lautet
die Prognose: minus 36 Prozent. »Wir glauben
einfach nicht, dass die alten Umsätze wieder
zurückkehren werden«, sagt eine Pressesprecherin des Unternehmens.
Da würde es nicht einmal helfen, wenn die
Große Koalition tatsächlich beschließen sollte, die
Kurzarbeit auf bis zu 24 Monate zu verlängern.
Der Plan sieht auch vor, dass der Staat nach einigen Monaten alle Sozialbeiträge übernimmt. Es
wäre zwar ein »Schutzschirm für Arbeit«. Doch
die einen Unternehmen hätten nichts davon, und
die anderen spannen ihn bereits für ihre Angestellten – aus Eigeninteresse.
i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE:
www.zeit.de/finanzkrise
Illustration: Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT/[email protected]
In früheren Krisen waren Massenentlassungen schnell beschlossen. Heute halten Firmen ihre Mitarbeiter länger
Nr. 20
DIE ZEIT
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WIRTSCHAFT
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Bei ThyssenKrupp droht der Verlust Tausender Jobs. Schuld daran ist nicht allein die Stahlkrise
K
Foto [M]: Thomas Pflaum/VISUM
Von Arbeitsplatzgarantien will die
Konzernführung nichts mehr wissen
In Duisburg sorgt all das für gewaltige Unruhe. Die
Mitarbeiter fürchten, dass ihre Hochöfen auf Dauer
kalt bleiben könnten. Schon zweimal zogen sie seit
Jahresbeginn mit Trillerpfeifen und Transparenten
vors Haus: »Für den Erhalt der Flüssigphase in Duisburg« stand darauf, Wörter wie »Arbeitsplatzsicherheit« prangten dort in Großbuchstaben.
All das hält Schulz nicht davon ab, immer neue
Projekte anzustoßen. Für die Edelstahlsparte des
Mischkonzerns will er Partner suchen, die zivilen
Werften und Autozulieferer würde er am liebsten
komplett verkaufen. Auch die Konzernspitze soll
schlanker werden: Wollte er die Zwischenholdings,
die all die Töchter verwalten, zunächst nur reduzieren,
so soll diese Ebene künftig ganz wegfallen – und mit
ihr Sekretärinnen, Buchhalter und Sachbearbeiter.
Inzwischen geht konzernweit die Angst um. Von
3000 bedrohten Jobs war bisher die Rede, doch dabei
dürfte es kaum bleiben. »Ich rechne mit dem Verlust
von deutlich über 5000 Stellen«, sagt Detlef Wetzel,
IG-Metall-Vorstand und Aufsichtsrat bei ThyssenKrupps Stahltochter. Was genau Schulz für die
insgesamt 200 000 Beschäftigten des Konzerns vorgesehen hat, will er erst am Mittwoch bei der Aufsichtsratssitzung verraten. Dann könnte es laut werden
in den holzgetäfelten Hallen der Essener Villa Hügel.
Bei dieser Sitzung geht es nicht nur um Jobs, sondern
um den Umgang zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bei ThyssenKrupp und im Kapitalismus
generell – speziell wenn dieser in die Krise gerät.
Anlass für die Grundsatzdebatte lieferte schon die
letzte Aufsichtsratssitzung Ende März. Um die Arbeitnehmer für Reformen zu gewinnen, sicherte der
Chef ihnen schriftlich zu, auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten zu wollen – nur um seither beständig zu verkünden, dass dies kein Versprechen war:
Es sei »unseriös, in der Krise einen Personalabbau
auszuschließen«, sagt Schulz dann. Und dass es in
dieser Sache keine »Garantie« geben könne. Mit diesem Hakenschlag brachte er die Arbeiternehmer
vollends in Aufruhr. »Wortbruch. Der Vorstand setzt
unser Vertrauen aufs Spiel«, schimpft IG-MetallMann Wetzel und kündigt für Montag gleich den
nächsten »Aktionstag« an.
Das Problem: ThyssenKrupp ist kein Einzelfall.
So sinnierte etwa BASF-Chef Jürgen Hambrecht im
ZEIT-Interview über die Öffnungsklauseln des Standortsicherungsvertrags. Ähnliche Drohungen gab es
auch bei Daimler, woraufhin die Autowerker flugs
einem Lohnverzicht zustimmten.
Dass der Konflikt nun gerade bei ThyssenKrupp
zu eskalieren droht, muss nicht verwundern. Vier von
fünf Mitarbeitern dort sind in der Gewerkschaft organisiert. Alles, was sich rund um die Hochöfen in
Duisburg abspielt, unterliegt der Montan-Mitbestimmung. Und betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden ist für die Malocher dort von jeher eine Frage der Ehre. Zwar gingen in der Stahlindustrie so
viele Arbeitsplätze verloren wie in kaum einer anderen
Branche: 421 000 Beschäftigte gab es auf der Höhe
des Wiederaufbaus 1961 allein im Westen der Republik, heute sind es bundesweit 94 000. Aber allen
Schicksalswendungen zum Trotz gelang der Abbau
stets sozialverträglich.
Natürlich, einfach war das nie, wie der Niedergang
der Hütte Rheinhausen zeigte: Das Duisburger Stahl-
Nr. 20 DIE ZEIT
25
STAHLWERK von
ThyssenKrupp in
Duisburg
Revier in Angst
urzarbeit bei ThyssenKrupp in Duisburg:
Einer von vier Hochöfen steht still, die
anderen laufen auf Sparflamme. Peter
Schmidmeier arbeitet an einem davon.
Immer wieder tritt er mit seinem silbernen Schutzanzug dicht ans Abstichloch, um Proben zu schöpfen. Täglich 7500 Tonnen weiß glühendes Metall
flossen im Boom an ihm vorbei – jetzt sind es noch
3000 Tonnen. »Weniger geht nicht, sonst blasen
wir den Ofen kaputt«, sagt er und blickt kurz zur
Wand, wo die Heißluftzufuhr angezeigt wird. 24
Jahre ist er schon dabei, doch in diesen Tagen braucht
der Stahlofen seine ganze Aufmerksamkeit.
Einen Ofen, ja einen ganzen Konzern runterzufahren ist keine leichte Aufgabe. Das merkt auch ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz. Fünf Jahre lang
ging es nur darum, die Nachfrage zu decken. Um
besser an Rohstahl zu gelangen, plante er in Brasilien,
direkt neben den Erzminen, eine riesige Hütte nebst
Hafenanlagen. Dann ließ die Krise den Stahlmarkt
kollabieren. Heute sitzt Schulz auf einem Schuldenberg und – ab Jahresende, wenn das Werk in Übersee
anläuft – auch auf neuen, inzwischen überflüssigen
Kapazitäten.
yellow
VON JUTTA HOFFRITZ
werk, das in der Hochphase 16 000 Leute beschäftigte, stand 1987 erstmals vor dem Aus. Monatelang
organisierten Arbeiter Mahnwachen, Messen und
Brückenblockaden. Doch sie konnten das Sterben
nur hinauszögern. Als 1993 dann endgültig Schluss
war, verhandelte die IG Metall noch einmal, nun mit
den anderen Stahl-Arbeitgebern – und verteilte die
4000 Kruppianer auf die Hütten der Konkurrenz.
Die graue Eminenz Berthold Beitz
hält unbeirrt am Vorstandschef fest
Hans-Peter Lauer kann sich noch gut an diese Zeit
erinnern. Die Gottesdienste im Walzwerk von Rheinhausen waren seine ersten Einsätze. Direkt nach dem
Studium fing der protestantische Pfarrer beim »kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt« an. Erst jetzt im
April hat er seine erste eigene Gemeinde übernommen. Das Thema Stahl wird ihn nicht loslassen, denn
die Kreuzeskirche in Duisburg liegt direkt neben dem
Werkszaun von ThyssenKrupp. »Wenn die betriebsbedingt kündigen, kriegen wir hier einen heißen
Sommer«, sagt er und kratzt nachdenklich sein Resthaar. »Das wäre ein absoluter Bruch der Tradition.«
Säße Manager Schulz ihm gegenüber, hier im
Gemeindezentrum, wo es eine Hartz-IV-Beratung
gab, bevor das Geld ausging, sähe Schulz den maroden Gründerzeitputz und die alten Heizkörper – dann
würde er wohl sagen, dass sich auch ein Konzern
Großherzigkeit nicht immer leisten kann. Er würde
sagen, dass die Nachfrage, die in früheren Krisen um
10 Prozent sank, nun branchenweit 50 Prozent unter
Vorjahr liegt und dass er reagieren muss.
Überzeugen würde der Boss damit vermutlich
nicht. Viele Probleme des Unternehmens sind selbst
verschuldet. »Die Stahlleute haben aus den vergangenen Krisen nichts gelernt und bauen munter Kapazitäten auf«, spottete Wolfgang Leese, Chef des
Konkurrenten Salzgitter, schon auf der Höhe des
Booms vor zweieinhalb Jahren. Gemeint war sein
früherer Arbeitgeber ThyssenKrupp, der mit seinen
brasilianischen Hochöfen schon beim Bau jede Kostenplanung sprengte und noch ein Walzwerk in den
USA in Auftrag gab, als längst klar war, dass künftig
weniger Autobleche gebraucht würden.
Inzwischen scheint man auch bei ThyssenKrupp
die Fehler zu sehen. Konzernchef Schulz sucht für
S.25
SCHWARZ
Immer abwärts
Beschäftigte der Eisen- und Stahlindustrie
in Deutschland; Angaben in Tausend
400
300
200
100
0
1950
1960
1970
1980 1990 2000 2008
ZEIT-Grafik/Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl
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diese beiden insgesamt acht Milliarden Euro teuren
Projekte inzwischen Partner. Er hat die Chefs der
Stahl- und Edelstahltochter gefeuert, und er will auch
die Aufsichtsräte der Sparten abschaffen. Er brauche
einen »deutlich stärkeren Durchgriff auf das operative Geschäft«, sagte er vergangene Woche. »Wir sind
übermitbestimmt.«
Solche Worte fachen die Wut bei den Arbeitnehmervertretern nur weiter an – und sie werden der
Lage nicht gerecht. Man kann den Betriebsräten zwar
vorwerfen, dass sie die Gefahr unterschätzten, selbst
als sich die Bauten in Übersee Jahr um Jahr verzögerten. Doch das gilt für Arbeitnehmer wie Arbeitgeber.
Und auch für die Aufseher auf allen Ebenen.
Das Problem: In Wirklichkeit hat bei ThyssenKrupp bis heute nur einer etwas zu sagen, der KruppVerweser Berthold Beitz.
Vor jeder Sitzung des Konzernaufsichtsrats lädt
der Ehrenvorsitzende die Vorstände zum Rapport.
Weil er als Kopf der Krupp-Stiftung gut ein Viertel des Kapitals vertritt, fürchten die Manager sein
Wort mehr als alles andere. Zuletzt jedoch schien
Beitz wenig anzuecken. Vielleicht stimmten ihn
die Gewinne der Vergangenheit milde. Vielleicht
fällt es dem 95-Jährigen auch zunehmend schwer,
sich auf die Zukunft einzustellen. Darauf deutet
etwa der Umgang mit der Personalie Schulz hin.
An sich wäre der Konzernchef seit fast drei Jahren
reif für die Rente. Doch weil Beitz sich partout nicht
auf einen Nachfolger festlegen wollte, wurde der
Vertrag des inzwischen 67-jährigen Schulz ein ums
andere Mal verlängert und läuft nun noch bis Januar
2011. In jedem normalen Unternehmen wäre spätestens jetzt, in der Krise, ein Wechsel fällig. Doch
Beitz scheint davon überzeugt, dass diejenigen, die
für die Probleme verantwortlich sind, das Unternehmen nun auch wieder aus der Krise führen müssen.
»Sie haben mein Vertrauen. Das müssen wir gemeinsam durchziehen«, zitiert Schulz seinen Gönner.
Es mag ein Trost sein, dass Pfarrer Lauer den Konzern weiter in seine Fürbitten einschließt. In seiner
neuen Gemeinde, nur einen Steinwurf von Deutschlands größter Moschee entfernt, gibt es zwar noch
ganz andere Herausforderungen. Doch die »politischen Nachtgebete« für die Stahlarbeiter will Lauer
trotzdem nicht aufgeben. Sein Thema im April hieß:
»Lernen aus der Wirtschaftskrise«.
Nr. 20
26
DIE ZEIT
2. Fassung
SCHWARZ
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WIRTSCHAFT
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Das Geschäft mit der Geschwätzigkeit
Der Internetdienst Twitter startete als Jugendphänomen – nützt er auch Firmen?
S
ZEIT-GRAFIK
onntagnachmittag, halb vier. Irgendwo in Deutschland isst »Pippi_lotta«
»Schoki mit Karamell-Füllung« und
ärgert sich darüber, dass »das Zeug in
der Sonne ganz schön schmiert«. »Katti« wird
währenddessen in Bochum »gleich Küche putzen«. Und »Klaus42« aus Österreich hat zum
zweiten Mal »was über dem rechten Aug gestochen«.
Diese Small-Talk-Brocken teilen die drei
Nutzer nicht nur ihren Partnern oder Freunden mit. Sie verbreiten sie im Internet – über
Twitter. Der Kurznachrichtendienst, der binnen drei Jahren rund 25 Millionen Nutzer
gefunden hat, basiert auf der schlichten Frage: »Was machst du gerade?« Die kann dann
jeder für sich und andere beantworten. Die
Antworten, die aus der ganzen Welt eintrudeln, dürfen nicht mehr als 140 Zeichen umfassen, das entspricht genau der Länge dieses
Satzes.
Das meiste, was täglich in geschätzten
sechs Millionen Mitteilungen verbreitet wird,
ist Geplapper. Twitter ist ja auch das englische
Wort für zwitschern oder schnattern. Doch
seit das Internetangebot als nächste große
Hoffnung des Silicon Valley gehandelt wird,
nutzen auch viele Unternehmen den Dienst
für ihre Zwecke: um Kunden direkt anzusprechen. Um herauszufinden, was sie interessiert,
und ihnen dann passende Angebote zu empfehlen. Und Ähnliches mehr.
Marketingleute zum Beispiel glauben, dass
sie beim Stöbern im Dickicht der TwitterWortmeldungen feststellen können, wie ihre
Firma oder ihre Produkte gerade so ankommen. Die Twitter-Nutzer tauschen sich ja gelegentlich auch über Handyverträge aus, über
Automarken oder Schokoriegel. »Das Feedback der Kunden ist direkt und unverfälscht«,
sagt Mark Heising von der PR-Agentur Weber Shandwick, der im Auftrag von T-Mobile
twittert. Und indem sich Firmen in die Konversation einklinken, versuchen sie die Kontrolle darüber zurückzugewinnen, was und
wie über sie geredet wird. Das ist Imagebildung auf SMS-Länge.
Um Twitter zu nutzen, muss man sich auf
der Website anmelden. Dann kann jeder
zwitschern, was er will. Das geht per Internet,
Instant Messenger oder vom Handy aus. Und
er kann sich andere Mitglieder aussuchen, deren Selbstauskünfte er kontinuierlich mitlesen kann. So erschafft sich jedes Mitglied
ein Mikrouniversum aus unzähligen Informationsfetzen, die von überall hereinströmen.
»Die Menschen nutzen den Dienst, um herauszufinden, was gerade passiert«, sagt Twitter-Mitgründer Biz Stone. Für Trendspotter
im Netz ist es das nächste große Ding.
Die einen nutzen Twitter, um mit Freunden Kontakt zu halten oder mit Kollegen zu
plaudern. Andere auch für die professionelle
Arbeit: Projektteams und Wissenschaftler
tauschen sich inzwischen über die Plattform
aus. Und seit sich auch viele Prominente dort zur Schau stellen, bietet Twitter
für Millionen ein Guckloch ins Leben
ihrer Stars. Die Statusmeldungen von
Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher, der die Twitter-Promi-Liste anführt, verfolgen 1,6 Millionen Leser.
Den meisten scheint es dabei egal zu
sein, ob Popdiva Britney Spears, der
Basketballer Shaquille O’Neal oder der
Radprofi Lance Armstrong tatsächlich
selber schreiben oder schreiben lassen.
Aufseiten der Firmen dürfte das Interesse zumindest so lange anhalten, wie
Twitter in Mode ist und noch nicht
vom nächsten Trend abgelöst wurde.
Keine andere Website wächst derzeit so
schnell. Geschätzte 14 Millionen Menschen waren in den USA im März auf
der Twitter-Seite – zwölfmal so viele wie
vor einem Jahr. Genaue Zahlen gibt das
Unternehmen nicht bekannt. Jeden Tag
sollen 5000 bis 10 000 neue Nutzer
hinzukommen. In Deutschland besuchten im Februar 760 000 Nutzer die
Website – ein Zuwachs von 400 Prozent
in nur drei Monaten.
Bei der Kaffeehauskette Starbucks jedenfalls können Kunden derzeit über
Twitter Fragen stellen und Beschwerden
loswerden. Der Computerhersteller Dell
informiert per Twitter exklusiv über Sonderangebote im Onlineshop und hat nach
eigenen Angaben in 18 Monaten eine
Million US-Dollar über den neuen Absatzkanal eingenommen – bei 61 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz. Nachdem
sich Kunden neulich auf der Twitter-Seite
über die zu eng gestellte Tastatur bei Dells
Netbook Mini 9 beschwert hatten, behob
der PC-Anbieter das Problem beim Nachfolgermodell.
Die US-Fluggesellschaft JetBlue twittert Reisetipps, und der Onlinehändler
Amazon nutzt den Dienst, um auf seinen Musikshop im Internet aufmerksam
zu machen. Mit einiger Verzögerung
entdecken nun auch deutsche Firmen
den Kurzmitteilungsdienst. Die Deutsche Bahn etwa meldet Fahrplanänderungen und informiert über Gleisarbeiten. T-Mobile verloste zum Marktstart
im Februar das Google-Handy G1 über
Twitter. Und knapp 80 deutsche Medien verbreiten Schlagzeilen oder Neuigkeiten aus ihren Redaktionen und locken auf ihre Onlineportale.
Twitter selbst allerdings ist noch in der
Phase, die man in Internetkreisen »Geldverbrennen« nennt: Das Unternehmen
schreibt rote Zahlen. Ein Geschäftsmodell,
das daran etwas ändern würde, ist bisher
nicht in Sicht. Denn im Augenblick ist der
Dienst für jedermann kostenlos und fast
werbefrei. Ist Twitter also nur die nächste
Nr. 20 DIE ZEIT 2. Fassung
Virale Werbung kann teurer werden als gedacht
VON KERSTIN BUND
Heiße-Luft-Nummer, die sich einreiht hinter
Facebook, YouTube oder MySpace? Sie alle haben Großes versprochen und finanziell nichts
erreicht. Bei Twitter gibt man sich gelassen. Die
Macher betonen stets, dass Umsatz derzeit
weniger wichtig sei. Sie können da auch ganz
entspannt sein, weil die Finanzierung bis auf
Weiteres gesichert ist: Insgesamt 55 Millionen
US-Dollar Risikokapital haben Geldgeber in
den Dienst investiert.
»Zunächst konzentrieren wir uns darauf, das
Netzwerk zu vergrößern und neue Funktionen
zu entwickeln. Die Erlöse kommen später«, sagt
Biz Stone. Redet er so, weil er selbst nicht weiß,
wie sich mit der Website Geld verdienen lässt?
Oder wartet er einfach nur ab, um den Preis
hochzutreiben und Twitter dann mit hohem
Gewinn zu verkaufen? Seit Monaten wird über
eine Übernahme spekuliert. 500 Millionen USDollar soll die Netzwerkplattform Facebook im
Herbst für den Kurzmitteilungsdienst geboten
haben – und Twitter-Chef Evan Williams soll
abgelehnt haben.
Auch Google hat Interesse bekundet: Für
den Internetriesen ist Twitter vor allem wegen
dessen Suchmaschine attraktiv, die Millionen
Mitteilungen durchforstet und anzeigt, worüber
im Augenblick geredet wird. Aber wird Twitter
selbst jemals Geld einspielen?
Man könnte Werbung schalten. Unternehmen zur Kasse bitten, die sich auf Twitter präsentieren. Zusätzliche Funktionen für zahlende
Nutzer bieten, die etwa Statistiken über Besucherzahlen ausspucken oder mehrere TwitterNamen gleichzeitig verwalten. »In Premiummitgliedschaften für Firmen sehe ich das größte
Potenzial«, sagt Nicole Simon, Buchautorin und
Twitter-Expertin. Sie empfiehlt schon heute
jedem Unternehmen, seinen Markennamen auf
der Seite zu sichern, bevor ein anderer in seinem
Namen zwitschert.
Es gibt aber auch Risiken für twitternde Unternehmen. Dann nämlich, wenn Marketingabteilungen Twitter als »Ablaichkanal für Pressemitteilungen« benutzen, wie es Wolfgang
Lünenbürger-Reidenbach von der PR-Agentur
Edelman formuliert. »Das vergrätzt die Leute«,
sagt er. Eine weitere Gefahr ist das Thema Sicherheit. »Wenn Mitarbeiter Interna aus ihrem
beruflichen Umfeld verbreiten, können sie ihrem Arbeitgeber einen Bärendienst erweisen«,
warnt Jeffrey Mann vom Marktforschungsinstitut Gartner.
Und dann ist da noch das Problem der unerwünschten Werbung. Schon jetzt beklagen
sich Nutzer, denen Viagra oder nigerianische
Gelddeals auf Twitter feilgeboten werden. »Das
Spamming wird zunehmen«, glaubt Nicole Simon. Und das könnte dazu führen, dass die
Akzeptanz auch gegenüber seriösen Unternehmen schwindet, die im Netzwerk das Gespräch
mit ihren Kunden suchen.
i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE:
www.zeit.de/digital
S.26
SCHWARZ
E
rfolgsgeschichten sprechen sich
herum. Die Geschichte von Klaus
Kluge von der Verlagsgruppe Lübbe zum Beispiel. Kluge wollte im
Jahr 2008 einem neuen gruseligen Krimiband zum Erfolg verhelfen – ohne viel zu
bezahlen. Am Ende hatte er dann etwa
50 000 Euro mithilfe der Berliner Werbeagentur vm-people ausgegeben, und das
Buch mit dem Titel Das Kind landete auf
der Spiegel-Bestsellerliste.
Die billige Werbung wandte sich nicht
an die ganze Republik, sondern erst mal an
elf Leute. Sorgsam ausgesuchte, hartgesottene Krimifans, bei denen es eines Abends
an der Tür klingelte. Ein Bote überreichte
eine Pizza, die sie nicht bestellt hatten. Im
Karton lag ein USB-Stick. Darauf ein mysteriöser Videoclip. Verwackelte Aufnahmen,
das Innere eines Aufzugs, eine Fahrt nach
unten, kurz ist eine Internetadresse zu sehen.
Krimifans mögen Rätsel.
Das Mysterium wuchs sich später zu einer Art Schnitzeljagd rings um die Geschichte dieses Kriminalromans aus. Mal im Internet, mal bei richtigen Ortsterminen. Die elf
Auserwählten nahmen begeistert teil und
erzählten davon, andere Interessenten stießen dazu. Medien wurden aufmerksam, und
erst gegen Ende war klar: alles Werbung.
»Virales Marketing« werden Aktionen,
Sprüche oder Filmchen genannt, die so originell oder interessant sind, dass sie sich herumsprechen. Die so ansteckend wirken wie
ein Schnupfenvirus oder ein unkontrolliertes Gähnen in einem zu gut beheizten Konferenzraum. Eng verwandt ist das »GuerillaMarketing«: aufsehenerregende Aktionen,
bei denen man anfangs möglichst nicht
merkt, dass geworben wird.
Die beiden Ideen gehen in der Werbewirtschaft seit Jahren um, aber gerade sind
sie wieder besonders populär. »Mittlere und
kleinere Kunden entdecken das jetzt für
sich«, sagt Wolfgang Alexander Malter, Chef
der Hamburger Werbeagentur Alexanderplatz. »Oft geschieht dies vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Zwänge, wie zum
Beispiel: Wir können uns große, klassische
Medienetats nicht mehr leisten.«
Klar, dass sich viele Werber auch Sorgen
machen. Volker Nickel vom Zentralverband
der deutschen Werbewirtschaft wettert:
»Nach meiner Einschätzung handelt es sich
um Randphänomene der kommerziellen
Kommunikation.« Der Werbeumsatz in
Deutschland betrage etwa 30 Milliarden
Euro, der Umsatz mit viraler Werbung
höchstens ein paar Millionen.
Doch Geld ist nicht alles. Wo Werbekampagnen zum Selbstläufer werden, geraten sie tatsächlich zu spektakulären Erfolgen.
Das hat mit dem Internet zu tun. Webseiten
wie Facebook oder MySpace dienen als virtuelle Treffpunkte, an denen Freunde ihren
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VON THOMAS FISCHERMANN
Freunden weitersagen können, was gerade
spannend ist. Das ist digitale Mundpropaganda, effizient und im großen Stil organisierbar. Einige Konzerne haben sie sich
bereits zunutze gemacht – etwa die Getränkemarke Johnnie Walker, die mit dem rasend
schnell verbreiteten Spiel Das Moorhuhn
beworben werden sollte. So etwas wollen
kleine Firmen nun auch.
Der Skeptiker Nickel liegt dennoch nicht
falsch: Über Anekdoten hinaus gibt es kaum
Zahlen, wie viel alternative Werbung tatsächlich betrieben wird und wie sie wirkt.
Was es gibt, sind Werber, die ihre Dienste
mit großen Versprechungen anpreisen. »Virals sind eine hervorragende Möglichkeit,
um mit geringem Mediabudget gut und
unterhaltsam eine junge Zielgruppe anzusprechen«, sagt Uli Brodbeck, Geschäftsführer bei ponyfilm in Hamburg. Aber
günstig ist es am Ende nicht immer. »Videoclips etwa, die sich virenartig im Internet
verbreiten können, gibt es für 20 000 Euro,
aber auch für 200 000 Euro«, sagt Maik Königs von der Hamburger Agentur elbkind.
»Je nachdem, wie der Film gemacht ist.«
Königs glaubt, dass mehr Aufwand auch
mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann.
Etwa dann, wenn spektakuläre Special Effects zum Einsatz kommen. Auch andere
Werber meinen, dass ein Internetspot so
teuer produziert werden müsse wie einer fürs
Kino. »Sie müssen bedenken, dass allein auf
der Videoplattform YouTube jede Stunde
Material für neun Stunden reingestellt wird«,
sagt Königs. Wie da auffallen? »Ohne den
Einsatz von Geld ist das ein reines Glücksspiel«, sagt er. Vor allem dann, wenn der
Erfolg termingerecht eintreten soll, etwa zur
neuen Produktvorstellung.
Manche Agenturen beschäftigen daher
kleine Armeen von Hilfsarbeitern, die in
Blogs und auf sozialen Internetseiten das
Wissen über diese tollen neuen Inhalte, die
in Wahrheit Werbung sind, verbreiten. Seeding heißt das – die Aussaat. Solche Helfer
laden auch alle paar Stunden erneut das gleiche Werbevideo auf YouTube und andere
Videoseiten im Netz und wissen, wie man
die Werbespots besonders häufig auf Websites und als Ergebnisse von Suchanfragen
erscheinen lässt. Billig arbeiten sie nicht.
Am Ende, sagt Jörg Jelden von der Hamburger Forschungsfirma Trendbüro, reiche
es aber nicht aus, nur aufzufallen, wer einen
Prozess anstoßen wolle, müsse dann einen
»Dialog zwischen dem werbenden Unternehmen und den Kunden beginnen«. Im
Klartext: Rabattaktionen etwa, Preisausschreiben, Einladungen zu Veranstaltungen,
die Mitgliedschaft in einem »Club«.
Diese wohlbekannten Werbeinstrumente sind personalintensiv – und teuer. Wer
glaubt, dass die virale Werbung viel Geld
einspart, wird also doch enttäuscht.
Nr. 20
28
DIE ZEIT
WIRTSCHAFT
SCHWARZ
S. 28
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7. Mai 2009
Kommen Kinder zu kurz, wenn Frauen Karriere machen? Nein,
Mütter haben stets hart gearbeitet, wir brauchen nur mehr
Krippen, sagt JUTTA HOFFRITZ. Das ist der falsche Weg, erwidert
DOROTHEA BÖHM: Die Mutter ist in den ersten Jahren unersetzbar.
Der Staat sollte sie stärker fördern – zu Hause und bei der Rente
M
ütter dürfen nicht nur, sie müssen sogar
möglichst frühzeitig wieder an den Beruf
denken. Denn spätestens drei Jahre nach
der Geburt eines Kindes verlangen Arbeits- wie
inzwischen auch Scheidungsrecht die Rückkehr
in den Job. Dass es Frauen gibt, die freiwillig vorher einsteigen, weil sie nicht nur ihr Baby, sondern
auch ihren Beruf lieben, sollte eigentlich nicht
weiter erwähnenswert sein. In Deutschland ist es
das leider doch. Arbeitende Mütter haben einen
schweren Stand, dabei müsste man sie in jeder
Hinsicht unterstützen.
Früher sei es um die Familie besser bestellt gewesen, so hört man; seit auch Frauen an Karriere
dächten, kämen die Kinder zu kurz. Neu an alledem
ist allein das Wort »Karriere« – denn hart gearbeitet
haben Mütter immer schon. Und je weiter man
zurückgeht, desto mehr Pflichten lasteten auf ihren
Schultern. Melken, buttern, jäten,
ernten – kaum eine Familie konnte sich früher erlauben, auf die
Muskelkraft der jungen Frauen zu
verzichten. Während sie auf dem
Feld rackerten, kümmerten sich daheim Omas,
Tanten oder ältere Geschwister um die Kleinkinder.
Die Bauern schufteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang – von der 35-Stunden-Woche oder
gar dem Teilzeitjob unserer Müttergeneration konnten Familien nur träumen.
Heute gehen die Eltern statt auf den Acker
ins Büro und ihre Kinder in Kitas und Kindergärten, so sich denn ein Platz findet. Häufig genug scheitert das, weshalb das Geschäft der Babysitter boomt – diese sind leider meist ohne
Ausbildung und soziale Absicherung. Wo früher
gewachsene Dorf- und Familienstrukturen halfen, ist ein Schwarzmarkt entstanden, zum Leidwesen der Kinder und derer, die sich um sie
kümmern. Das ist kein tragfähiges Modell für
eine Gesellschaft, und deshalb hat die Politik nun
beschlossen, mehr Kindertagesstätten – wie auch
geprüfte Tagesmütter – zu subventionieren.
Was die, die vorher gegen Fremdbetreuung
waren, nicht etwa versöhnte, sondern im Gegenteil zu neuen Protesten provozierte. Nun wettern
sie gegen die »Verstaatlichung der Kindheit«. Ein
gewaltiges Missverständnis, denn von einer verordneten Unterbringung kann nicht die Rede
sein. Mit Glück wird von 2013 an jedes dritte
Kleinkind vernünftige Betreuung finden. Mit
Glück, denn das alles wird eine Menge kosten,
und man kann nur hoffen, dass der Staat das
Geld aufbringt – trotz Wirtschaftskrise.
Aber warum das alles? Weil Deutschland wenig
fruchtbar ist. Mit 1,4 Kindern pro Frau stehen wir
ziemlich am Ende der internationalen Geburtenstatistik. Wir fragten uns lange, warum, und appellierten stets an die Mütterlichkeit. Aber ist es nicht
verwunderlich? Auf unserem Kontinent tun sich
eigentlich nur Italien, Spanien und Polen noch
schwerer mit der Vermehrung. Sind das nicht alles
streng katholische Länder? Länder, in denen der
Papst den Gläubigen die Verhütung verwehrt? Länder, in denen das Vorbild der Mutter Gottes Frauen
die rechte Opferbereitschaft lehrt? In der Wirklichkeit ist die Geburtenrate umso niedriger, desto größer das Mütterlichkeitsideal ist.
In Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland bekommen Frauen dagegen im Schnitt 1,8
Kinder, in Frankreich sind es sogar 2,1 Kinder. All
diese Länder zeichnen sich nicht nur durch hohe
Fruchtbarkeit, sondern interessanterweise auch durch eine hohe
Frauenerwerbsquote aus. Dort hat
der Staat frühzeitig in Fremdbetreuung investiert. Wir lernen:
Frauen gebären nicht auf Kommando. Frauen bekommen Kinder, wenn sie glauben, deren Wohlergehen sicherstellen zu können. Heutzutage gehört
dazu: gute Betreuung fürs Kind und eine Mutter
mit eigenem Einkommen. Es gibt einfach keinen
besseren Schutz vor Kinderarmut.
Deutschland hat begonnen, darauf zu reagieren.
Inzwischen bekommen junge Eltern, die daheim
beim Baby bleiben, in den ersten 14 Monaten ihr
Arbeitseinkommen ersetzt. Und für die Zeit danach
werden landauf, landab die Kindergärten ausgebaut.
Es gibt einige, denen das nicht genügt. Sie fordern
eine Fortsetzung des Elterngeldes, um Müttern zu
ermöglichen, länger zu Hause zu bleiben.
Doch das wäre fatal, denn gerade die Kinder aus
bildungsfernen Familien brauchen die Kitas am
dringendsten. Jedes zusätzliche Jahr in einer Kindertagesstätte erhöht die Chance, später ein Gymnasium oder eine Realschule zu besuchen, um acht
Prozent, so das Fazit einer Studie der Freien Universität Berlin. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam
gerade eine weitere, groß angelegte Untersuchung
der Bertelsmann Stiftung. Statt beim Krippenausbau weiter über das Ob zu streiten, sollten wir deshalb lieber über das Wie diskutieren. Auch da sind
uns andere Länder voraus.
Pro
Foto: Volker Schrank für DIE ZEIT/www.volker-schrank.de
Arbeiten gegen Armut
Jutta Hoffritz ist Mitarbeiterin der ZEIT,
Mutter eines Sohnes und Autorin
des Buches »Aufstand der Rabenmütter«
Arbeiten, aber als Mutter
E
s gibt eine exklusiv weibliche Kompetenz:
Nur Frauen werden schwanger. Das könnten sie als Privileg auffassen, viele dagegen
scheinen es eher als Benachteiligung zu empfinden.
Zur Belastung wird Mutterschaft aber dann, wenn
man einen blinden Fleck für die Biologie erzeugt
und Frauen in männerorientierte Erwerbsbiografien lockt oder zwingt. Das ist falsch.
Menschen kommen als Traglinge auf die Welt.
Sie benötigen verlässlichen individuellen Kontakt
in Form eines sie liebenden Erwachsenen. Weil die
Natur um die Wichtigkeit dieser Beziehung weiß,
wird die Babyphase durch die Schwangerschaft minutiös vorbereitet und vom Stillen begleitet. Dieser
Umstand prädestiniert die Mutter, primäre Bindungsperson zu sein, auch wenn theoretisch oder
im Schicksalsfalle jeder bindungsbereite, liebende
Mensch ein Baby begleiten kann. Allen anderslautenden Behauptungen zum Trotz
ist nicht egal, wessen Arm ein
Kleinkind hält, wer es tröstet und
mit ihm spricht. Die aktuelle Forschung untermauert dies. Schon
das Ungeborene kommuniziert mit der Mutter über
Kindsbewegungen und kennt ihre Stimme. Ein
neugeborener Mensch tastet sich wörtlich in die
Bindungsbeziehung hinein.
Seine Mutter macht genau das Gleiche. Viele
Male am Tag sorgen gegenseitige Berührungen und
Laute für die Festigung des emotionalen Bunds, der
für ein Baby lebensnotwendig und für die Mutter
unter normalen Bedingungen ein wundervolles
Erlebnis ist. Dieses Glückspotenzial ist gewollt,
denn die Bindung muss Krisen wie mütterlichen
Schlafmangel und kindliche Schreiphasen überbrücken. Liebe in den Kleinkinderjahren ist die Basis
für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit.
Nur so entsteht die Fähigkeit, Emotionen zu steuern, Aufmerksamkeit zu lenken und Konzentration
aufrechtzuerhalten. Keine noch so professionelle
Betreuung ist dafür ein adäquater Ersatz.
Ein Kleinkind, welches stundenlang aus der elterlichen Obhut entfernt und in einer Gruppe platziert wird, fühlt sich emotional verlassen. Freilich,
manche Kinder sind von Natur aus robust genug,
um Trennungsepisoden zu verkraften. Viele Kinder
jedoch fangen sogleich an zu weinen, wenn man sie
in der Krippe absetzt, und signalisieren damit Bedürftigkeit. Wenn Eltern dieses Signal verkennen
und – oft auf Rat der Profis – fortgehen, setzen sie
ihr Kind erheblichem Stress aus. Wenn es dann
aufhört zu weinen, entspricht dies oft weniger echter Beruhigung als innerer Resignation. Das Kind
geht gewissermaßen in den emotionalen Winterschlaf, bis – eine gefühlte Ewigkeit später – der
Frühling in Form seiner abholenden Eltern zurückkehrt. Oft brechen sich dann die angestauten Bedürfnisse Bahn, das Kind weint.
Wenn Eltern, selbst müde vom Berufsalltag,
dann nicht die Kraft aufbringen, die seelischen Verletzungen durch liebevolle Zuwendung zu heilen,
dann bleibt der Stresshormonspiegel rund um die
Uhr erhöht, und die Hirnentwicklung wird beeinträchtigt. Dies kann sich bis ins Teenageralter in
erhöhter Aggressivität äußern, wie das amerikanische National Institute of Child Health and Human Development in der größten laufenden Krippenstudie nachweist. Eine Gesellschaft, die solche
Zusammenhänge ignoriert, wird gereizter, stressanfälliger und kränker.
»Noch wickeln und schon wieder arbeiten«, ob Mütter »das dürfen«? Die Frage impliziert einen
Gegensatz, wo keiner ist. Wickelnde Mütter arbeiten, und zwar bestmöglich. Es
wäre frauen-, familien- und kinderfreundlich, aktive Mutterschaft wertzuschätzen, solidarisch zu
fördern und materiell abzusichern. Neben der Rentenkasse brauchen wir eine Kinderkasse. Bundeskanzler Konrad Adenauer irrte, als er glaubte, auf
diesen Teil des Generationenvertrages verzichten
zu können, weil er davon ausging, dass Kinder
»doch immer« kämen.
Wenn wir mehr und gesünderen Nachwuchs
wollen, müssen wir umdenken: Kleinkinder haben
ein Recht auf ihre primäre Bindungsbeziehung.
Vollzeitmutterschaft muss in den ersten drei Lebensjahren jedes Kinds entgolten und mit angemessener
Altersversorgung verbunden sein. Emotionale Verfügbarkeit bedeutet bei der Erziehung keineswegs,
alle Erwachseneninteressen verleugnen zu müssen.
Auch Mütter haben ein Gehirn. In den Schlafpausen
des Kindes muss nicht gebügelt oder gebacken werden, man kann auch am PC sitzen oder Fachliteratur lesen. Im Anschluss an die Familienarbeitsphase
sollten Mütter beruflich aktiv gefördert werden,
denn sie haben der Gesellschaft einen unschätzbaren
Dienst erwiesen.
Contra
Dorothea Böhm ist studierte Medizinerin, Mutter von
zwei Kindern und engagiert sich beim Familiennetzwerk
für die Anerkennung der Vollzeitmutterschaft
Nr. 20 DIE ZEIT
S.28
SCHWARZ
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Nr. 20
SCHWARZ
S. 29
DIE ZEIT
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WIRTSCHAFT
DIE ZEIT Nr. 20
29
Geteilte Chefinnen
Führungskräfte, die nicht mehr Vollzeit arbeiten?
Einige Betriebe probieren das aus – und es funktioniert
M
DOPPEL AN DER SPITZE: Gabriele Mussotter (links)
und Sabine Kohleisen vom Daimler-Marketing
ut, darum geht es. »Man muss den Mut
haben, irgendwo auch mal nicht dabei
zu sein«, sagt Irmgard Heinz. Aus ihrem
Munde klingt das unerwartet. Heinz
ist nämlich eine Unternehmensberaterin für das
Münchner Büro der amerikanischen Booz & Company; mit ihren 42 Jahren ist sie bereits eine Partnerin
bei dem Unternehmen, also Miteigentümerin. Sie
berät die Finanzchefs von Großkonzernen und jettet in diesem Job auch mal heute nach London und
morgen nach Tokyo.
Aber Heinz arbeitet Teilzeit. Weil sie sich um
ihre zweijährigen Zwillinge kümmern will. Und
weil es funktioniert.
Teilzeit gilt eigentlich als Tabu, wenn man oben
mitspielen will. Echte Leistungsträger, davon geht
man aus, klotzen jeden Tag sechzehn Stunden ran
und halten alle Strippen in ihrer starken Hand.
»Immer da sein, lange im Büro sein, das Leben der
Arbeit widmen«, so beschreibt Michel Domsch,
Managementforscher an der Hamburger HelmutSchmidt-Universität, dieses Leitbild. Abweichler
von diesem Schema werden mit einer Mischung
aus Misstrauen, Neugier und Neid beäugt. Wie
könnten die auch die gleiche Leistung erbringen?
Tatsächlich schafft die Teilzeit Probleme. Manche Führungskräfte haben genauso viele Aufgaben
wie vorher, nur weniger Zeit dafür. Wer da nicht
die Kunst des Delegierens beherrscht, stolpert
schnell. Fast alle Teilzeitkräfte – schon diejenigen,
die keine Führungsposition besetzen – hetzen sich
fürchterlich ab zwischen Job und Familie. Manche
Experten raten daher ab.
Kathrin Mahler Walther etwa, eine Expertin
der Europäischen Akademie für Frauen in Politik
VON JONAS VIERING
und Wirtschaft, kennt die bittere Praxis. Wer verkürzt arbeite, sagt sie, habe »keine Zeit mehr fürs
Netzwerken: für die Flurgespräche und Kongresse
und abendlichen Dienstessen«. Das sei fatal.
Aber trotzdem: Es gibt einen leisen Trend hin
zur Führung in Teilzeit. Jeder zehnte leitende Mitarbeiter versuche es bereits, schätzen Experten.
Und manchen Unternehmen fällt auf, dass diese
Führungs-Teilzeitler auch ihre Vorzüge haben.
Walter Jochmann, Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Kienbaum, hält das Führen
in Teilzeit schon ganz kategorisch für eine Überlebensfrage der deutschen Wirtschaft. Kienbaum
vermittelt Führungskräfte, und Jochmann weiß:
Es gibt wenige Frauen in deutschen Führungsetagen, zu wenige. Die Hälfte aller Mitarbeiter insgesamt sei weiblich, bei den Teamleitern seien es
aber nur noch zwanzig bis dreißig Prozent, in der
mittleren Führungsebene nur zehn bis zwanzig
und ganz oben fünf bis acht Prozent. In allen Tests
aber erwiesen sich Frauen als »mindestens so qualifiziert wie Männer«, konstatiert Jochmann. »Auf
ihre Fähigkeiten zu verzichten, das kann sich
Deutschland schlicht nicht mehr leisten.«
Frauen aber kriegen Kinder, und sie wollen sich
auch ein bisschen um sie kümmern. Also müssten
familienfreundliche Arbeitszeitmodelle her, sagt
Jochmann. Das sagen auch Ökonomen wie Elke
Holst vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Und dreißig bis vierzig Prozent der deutschen Großkonzerne, schätzen Experten, entwickelten derzeit Konzepte für Teilzeitführung.
Nicht aus Edelmut, sondern aus Eigeninteresse.
Doch gibt es auch noch genug andere Unternehmen, in denen man davon nichts wissen will.
Wenn der Managementforscher Domsch Fir- Kohleisen. »Die müssen gegenüber den Kindern
menchefs zum Thema Teilzeit bei Führungs- auch geschlossen auftreten.« Und wenn der Konkräften befragt, dann sagen die häufig, es gebe zernvorstand eine Prognose zur Preisentwicklung
doch gar keinen Bedarf. Wenn der Forscher je- im Automarkt haben will, »dann wird am Mondoch die Mitarbeiter und ihre Führungskräfte tag der Auftrag von der einen definiert, und die
befragt, streng anonym, dann findet mehr als andere präsentiert vielleicht am Freitag die Erjeder dritte Teilzeit ziemlich gut. Auch bei Hoch- gebnisse«, sagt Mussotter. »Das muss sein wie aus
schulabsolventen herrscht vielfach der Wunsch einer Hand.« Keine darf sich auf Kosten der annach einer besseren Balance zwischen Job und deren profilieren – das verlangt auch BescheidenLeben vor; das hat auch Stefan Becker beobach- heit und Selbstdisziplin.
»Permanente Erreichbarkeit ist die Voraussettet, der für die Hertie-Stiftung und in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung Firmen auf zung dafür, dass es klappt«, sagt Sabine KohlFamilienfreundlichkeit prüft. Selten aber wird eisen. Immer auf Stand-by, jederzeit kann das
aus dem Wunsch dann Wirklichkeit. »Da gibt es Handy klingeln. Ein ungeheurer Druck. Und
oft Blockaden in den Unternehmen«, sagt Be- doch finden die beiden Daimler-Frauen, dass es
cker. »Aber auch Blockaden in den Köpfen der sich lohnt. »Es rückt manche Dinge in die richtige Perspektive – zu Hause und im Büro«, sagt
Führungskräfte selbst.«
Wie also kriegen die Pioniere der Teilzeitfüh- Sabine Kohleisen. Manches häusliche Drama ist
rung das hin? »Angst ist der erste Grund dafür, gar nicht mehr so schlimm, wenn man an den
dass es nicht klappt«, sagt Irmgard Heinz von nächsten Tag im Job denkt. Und manche BüroBooz & Company. »Dann denkt man jede freie katastrophe verliert an Brisanz, wenn man einen
Minute an den Beruf und arbeitet auch in Teil- Nachmittag mit Kastaniensammeln und Männzeit letztlich Vollzeit.« Es gehört also eine innere chenbasteln verbracht hat.
Nicht aus der Not haben sich Kohleisen, 44,
Souveränität dazu – und ein aufgeschlossener Arbeitgeber. Teilzeit ist bei Booz Normalität, mehr und Mussotter, 40, für die Teilzeit entschieden,
als elf Prozent der Führungskräfte arbeiten hier sondern weil sie es so wollten. Kinderbetreuung
reduziert. Das ist eine Menge im rasanten Bera- von früh bis spät könnten sie durchaus bezahlen
tergeschäft. McKinsey etwa mag auf Anfrage gar – und die Einkommenseinbuße durch Teilzeit
nicht erst verraten, wie hoch dort die Teilzeit- verkraften sie als Gutverdiener eben auch, und
quote ist – oder wie niedrig. Der Konkurrent zwar gern. Das ist bei Führungskräften der groBooz hingegen versucht, auf diese Weise Spit- ße Unterschied zu all jenen, die weniger verzenkräfte wie Irmgard Heinz ans Unternehmen dienen und bisweilen unfreiwillig in Teilzeit
tätig sind.
zu binden.
Die Daimler-Frauen greifen auf ein ausgeklüHeinz hat ihren Job zu einer Teilzeitstelle gemacht, indem sie weniger Kunden betreut als geltes System aus Ganztagskindergarten, Tagesihre Vollzeitkollegen. Die Struktur des Berater- mutter und Babysitter zurück. Ohne ginge es
geschäfts lässt das zu. Die Beraterin muss aber nicht. Ihre Männer nämlich sind selbst Fühdennoch viel mehr planen und vorbereiten als rungskräfte, der eine ist Architekt, der andere
eine Vollzeitkraft – damit alles läuft, wenn sie Geschäftsführer einer Spedition, beide in Vollnicht da ist. Sie kalkuliert, wann die kritischen zeit. Diese Konstellation ist typisch. KarrierePunkte eines Projekts kommen, bei denen sie ge- frauen habe meistens Karrieremänner, wie Daten
braucht wird. Wenn unerwartet ein Problem auf- des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsfortaucht, muss sie flexibel sein und zu ihrem Team schung zeigen. Dagegen haben männliche Fühbeim Kunden eilen, dann springt daheim die rungskräfte meist nicht oder nur in Teilzeit arbeitende Frauen. Hoch qualifizierte Frauen suchen
Haushaltshilfe ein.
Anja Schlicht, 37, führt das Hauptstadtbüro sich einen Mann auf Augenhöhe, hoch qualifider PR-Agentur Print. Zwölf Leute arbeiten zierte Männer eine zu ihnen aufschauende Frau,
dort, und Schlichts Job ist eigentlich nicht teil- könnte man vereinfacht sagen.
Entscheidend sei deshalb, dass sich auch
bar, sie ist alleinverantwortlich. Und doch ist
auch sie an zwei Nachmittagen der Woche auf bei den Männern etwas ändere, sagt Kathrin
dem Spielplatz mit ihren Sprösslingen, ein und Mahler Walther von der Frauen-Akademie. Erst
dann werde es auch für
drei Jahre alt. »Ich dachte,
weibliche Führungskräfte
das zweite Kind ist erst mal
einfacher, Job und Familie
der Karrierkiller«, sagt sie.
zu vereinbaren. Derzeit trefDoch noch während der
fen Männer beim Thema
Elternzeit hat ihr derzeitiTeilzeit aber sogar auf gröger Arbeitgeber sie aus ihschafft Probleme. Manche
ßere Barrieren als Frauen,
rem alten Job abgeworben.
Führungskräfte haben
erklärt Kathrin Mahler WalUnd hat ihr von vornherein
genauso viele Aufgaben
ther. »Bei Frauen geht man
verblüffenderweise Teilzeit
wie vorher, nur weniger
davon aus, dass sie gleichangeboten.
sam nicht anders können,
Natürlich würden die
Zeit dafür. Wer da nicht
als Kinder zu kriegen und
Anforderungen an eine Büdie Kunst des Delegierens
sich um die zu kümmern –
roleitung nicht geringer,
beherrscht, stolpert
bei Männern gilt das als
nur weil sie reduziert arbeiselbst gewählte Entscheite, sagt Anja Schlicht. Für
schnell. Fast alle
dung gegen das Unternehden Arbeitgeber ist das in
Teilzeitkräfte hetzen hin
men.« Also als Affront.
gewisser Weise eine feine
und her zwischen Job
Bernhard Riehm hat es
Sache: die Vollzeitkraft zum
dennoch gewagt. Seit sieTeilzeitpreis. Anja Schlicht
und Familie
ben Jahren schon kümmert
aber gewinnt dem Zeitder Informatiker sich zwei
mangel positive Seiten ab.
Nachmittage in der Woche
»Sonst macht man schöne
Seminare zu Zeitmanagement, um effizienter zu nur um seine inzwischen zwölfjährige Tochter.
arbeiten – aber wenn man die Zeit einfach nicht Als die in der Schule einen neuen Stundenplan
bekam, hat er seine Arbeitsplanung im Betrieb
hat, hilft das enorm«, scherzt die Chefin.
Vieles delegiert sie, jede Mail von ihr geht in angepasst – weil das Kind seit dem Wechsel aufs
Durchschrift an einen Mitarbeiter. Wobei sie das Gymnasium die Eltern eher mehr braucht als
ganz unabhängig von der Teilzeit richtig findet, früher in der Grundschule. Die Mutter ist selbst
zur Qualitätssicherung. Trotzdem ist sie im Führungskraft, und Bernhard Riehm ist als LeiDauerspurt zwischen Schreibtisch und Sand- ter der Entwicklungsabteilung ein wichtiger
kiste. Im Auto hat Anja Schlicht immer Jeans Mann in seiner Firma. Aber das Programmieren
und Pulli als Dreckklamotten für den Spielplatz; hat er inzwischen an Mitarbeiter abgegeben,
sonst müsste sie jeden Tag aufs Neue ihren schi- obwohl ihm gerade das immer besonders am
cken Businessanzug in die Reinigung tragen – Herzen lag. Und sein Arbeitgeber, das auf Perund dafür ist nun wirklich keine Zeit. »Nicht sonalverwaltungssysteme spezialisierte Softwaremehr so selbstbestimmt« sei sie, sagt Schlicht. unternehmen Perbit im schwäbischen TrossinAber sie schiebt das nicht auf den Job, sondern gen, akzeptierte seine Entscheidung.
Inzwischen ist die Firma als besonders famiauf die Entscheidung fürs Kinderkriegen. Die
Stunden draußen gemeinsam mit ihrem Nach- lienfreundlich von der Bundesregierung auswuchs findet Anja Schlicht nicht nur schön, son- gezeichnet worden – Perbit ist ein Vorzeigedern auch nützlich. »Im Büro klingelt ständig betrieb, Riehm ein Vorzeigepapa.
Zumindest, solange die Geschäfte gut laufen.
das Telefon«, sagt sie. »Auf dem Spielplatz kann
Ein gleichfalls Teilzeit arbeitender Mann, Fühich frei nachdenken, das ist nicht schlecht.«
Als vor ein paar Monaten ein Mitarbeiter mit rungskraft bei einem Dax-Konzern, trug zu dieeiner schwierigen Frage zu Gabriele Mussotter sem Beitrag zwar mit Hintergrundinformationen
kam und sie ihm ihre Sicht der Dinge darlegte, bei – aber öffentlich mag er im Augenblick nicht
»da platzte es aus ihm heraus«, erzählt sie: über seine Position reden. »Bei uns wird gerade
»Genau das Gleiche hat mir gestern die Frau umstrukturiert«, erläutert er, »da muss ich aufKohleisen schon gesagt.« Das hat sie aber nicht passen«: keine Schwäche zeigen in der Krise.
Teilzeitführung wird eben doch immer mal
geärgert, sondern gefreut. Mussotter leitet zusammen mit Sabine Kohleisen die Abteilung wieder als eine Schwäche ausgelegt. Beim Riestrategische Planung im Marketing von Daimler senkonzern Lufthansa, wo Personalvorstand Ste– und die beiden tun das völlig gleichberechtigt fan Lauer die löbliche Parole »Führung ist teilbar« ausgegeben hat, ließ sich für diesen Beitrag
im Jobsharing.
Dass die eine da das Gleiche sagt wie die an- keine einzige männliche Führungskraft in Teildere, ist für die beiden Frauen ein Zeichen, dass zeit finden, die sich öffentlich äußern mochte.
Der EDV-Experte Riehm von der Firma Persie wirklich auf einer Linie sind. Dass der Mitarbeiter einfach mal bei beiden angefragt hat, bit registriert das eher entspannt. »Ich weiß, dass
zeigt allerdings eine der großen Fallen beim Job- ich ein Exot bin«, sagt er. »Aber ich kann das nur
sharing. »Das ist wie bei einem Elternpaar«, sagt empfehlen.«
Teilzeit
Nr. 20 DIE ZEIT
S.29
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Nr. 20
DIE ZEIT
SCHWARZ
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WIRTSCHAFT
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Thatchers milde Enkel
Freie Märkte nein, freie Bürger ja: Großbritanniens Konservative wollen den Liberalismus neu definieren
E
Dass Banken stärker zu regulieren
sind, akzeptieren die Tories
Labour ließ die City of London
gewähren – und weitete den Staat aus
Foto: Peter Marlow/Magnum Photos/Agentur Focus
Die Krise reißt die Sozialkassen in die roten
Zahlen. Eine Prognose zum Budgetdefizit;
Angaben in Milliarden Euro
VON JOHN F. JUNGCLAUSSEN
Da ist er, ein alter konservativer Ansatzpunkt
für den neuen Liberalismus der Tories: weniger
Staat. »Grundsätzlich ist am Staat nichts Unausweichliches«, meint Parteichef David Cameron.
Die letzte Dekade habe einmal mehr gezeigt, wie
leicht er der Versuchung erliege, »sich selbst zu
dienen«. Cameron will den angelsächsischen Drang
nach individueller Freiheit wiederbeleben, ihm aber
eine neue Zielrichtung geben. An die egoistische
Suche nach Glück und Wohlstand à la Thatcher
glaubt er nicht. Seit Cameron vor vier Jahren die
Parteiführung übernahm, treten die Tories wie
weich gespült auf, betonen ihr soziales Gewissen,
das sie jetzt auch nicht aufgeben wollen. Nur setzen
sie auf soziale Wohltaten, die einer langen britischen Tradition entsprechend abseits des Staates
organisiert werden. »Die Zentralisierung und Verstaatlichung aller Lebensbereiche hat zum Zusammenbruch des Gemeinschaftsgefühls auf lokaler
Ebene geführt«, glaubt Cameron. Er will dem dritten Sektor – gemeinnützigen Vereinen und Verbänden – mehr soziale Aufgabe überantworten.
»Statt zentraler Regelung brauchen wir staatliche
Dienstleistungen, die auf lokaler Ebene den Bedürfnissen der Kommune angepasst sind.«
PARTEICHEF CAMERON kämpft gegen die »Verstaatlichung aller Lebensbereiche«
on war eine andere.« Anders als Thatcher hat Labour den Glauben an den starken Staat nie aufgegeben. Als Tony Blair 1994 die Partei übernahm,
lebten in Großbritannien mehr als zwölf Millionen
Menschen in relativer Armut, mussten also mit
weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens über die Runden kommen. Die Vision des
Premiers Blair und seines Schatzmeisters Brown
war es, den Wohlstand in der Gesellschaft gleichmäßiger zu verteilen. Dafür führten sie Steuervorteile für die Unterschicht ein und gaben mehr Geld
für den öffentlichen Dienst aus als jede Regierung
vor ihnen. Seit der Regierungsübernahme 1997
wuchsen die Ausgaben für die Gesundheitsversorgung und andere staatliche Dienste inflationsbereinigt um fast vier Prozent pro Jahr. Im Staatsdienst
entstanden knapp eine Million neue Stellen.
Zur Finanzierung setzten Blair und Brown auf
die Vitalität der Finanzwelt. Die City of London
wurde zum Geldautomaten der Regierung. »Der
Ausbau der Dienstleistungsgesellschaft wurde unter Labour gezielt vorangetrieben, denn sie ver-
Nr. 20 DIE ZEIT
sprach zuverlässig hohe Steuereinnahmen für das
politische Projekt«, erklärt Phillip Blond vom konservativen Thinktank Demos. Den Kampf gegen
soziale Ungerechtigkeit habe Labour trotzdem
verloren. Tatsächlich wuchs die Einkommenskluft
wie überall in Europa auch in Großbritannien. Die
Reichen konnten ihren Wohlstand versechsfachen,
die Ärmsten müssen heute effektiv mit weniger
Geld auskommen als bei Labours Amtsantritt.
Noch immer leben mehr als elf Millionen Briten
in Armut.
Für den gelernten Theologen Blond, der aktuell zu einem der Vordenker der neuen Tories avanciert, liegt das Versagen von Labour nicht im Ansatz, sondern in der Ausführung. Blairs Regierung
habe ein »doppeltes Monopol« geschaffen, sagt er.
Die Finanzindustrie hätte durch die Liberalisierung
eine Art Monopolstellung in der Gesamtwirtschaft
erreicht. Und zur Lösung aller gesellschaftlichen
Probleme hätte Labour auf den Staat gesetzt, der
somit eine politische Monopolstellung bekommen
habe.
S.31
31
Die Milliarden-Lücke
s ist eine Zeit der politischen Todesanzeigen. »New Labour – geboren 1994, gestorben am 22. April 2009. Beisetzung
im engsten Kreis. Bitte keine Blumen.«
Mit diesen Worten und viel Verachtung in der
Stimme beerdigte der Finanzminister im Schattenkabinett der Konservativen, George Osborne,
kürzlich Gordon Browns Labour-Regierung. Als
Todesdatum wählte Osborne den Tag, an dem
Schatzkanzler Alistair Darling den neuen Haushalt
vorgelegt hatte und eingestehen musste, wie desolat die Lage Großbritanniens ist.
Allein für dieses Jahr rechnet die Regierung
mit einer Neuverschuldung von 175 Milliarden
Pfund, was 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht. Über die nächsten fünf
Jahre wird sie sich 770 Milliarden Pfund leihen
müssen, und selbst diese Summe wird nur dann
reichen, wenn die Konjunktur zum Jahresende
wieder anläuft und 2010 eine Wachstumsrate
von 1,25 Prozent bringt – was den meisten Analysten übertrieben optimistisch vorkommt. »Es
könnte Jahrzehnte dauern, bis die britischen
Staatsfinanzen wieder in Ordnung gebracht
sind«, glaubt Carl Emmerson, Direktor am einflussreichen Institute for Fiscal Studies. Ob die
Regierung das überlebt, wird sich erst bei den
Wahlen in einem Jahr herausstellen, aber fest
steht, dass die Chancen für einen Sieg der Konservativen noch nie so hoch waren.
Ausgerechnet zu einer Zeit, in der die Politik in
vielen Staaten nach links rückt und Wirtschaftsliberale in der Defensive sind, sehen die britischen
Konservativen sich im Vorteil. Und das, obwohl
auch für sie in diesen Wochen mediale Totenmessen zelebriert werden. Es ist genau 30 Jahre her,
dass Margaret Thatcher in die Downing Street
einzog und jenem rigorosen Wirtschaftsliberalismus die Bahn brach, der die Finanzwelt in den
vergangenen zehn Jahren zur Hybris verführte. Rest
in peace, »Ruhe in Frieden«, schreiben die Kommentatoren in den Zeitungen unter die Fotos der
schonungslosen Lady Thatcher, wenn sie jetzt die
Rückkehr des Staates in die Wirtschaft beschreiben.
»Das Experiment mit dem Thatcherismus ist
schlechthin gescheitert«, urteilt Financial TimesKolumnist Gideon Rachman. Für eine Rückkehr
der Tories an die Macht spricht all das nicht.
Doch der Ruck nach links, mit dem Staat als
Wirtschaftslenker, ist bisher nur die logische Folge
einer Notsituation – eine politische Philosophie
steht nicht dahinter. Weder in Großbritannien
noch anderswo. Als eine der ersten Parteien wagen
die britischen Konservativen nun den Versuch, der
Zukunft ein neues intellektuelles Fundament zu
geben. Sie wollen den Staats- und Marktliberalismus neu definieren.
Was das in Großbritannien heißt, lässt sich nur
verstehen, wenn man die britische Politik der vergangenen Jahre kennt. Zumindest vordergründig
knüpfte auch Labour da an, wo Thatcher aufgehört
hatte. »Es stimmt, Labour hat die City of London
von der Leine gelassen«, sagt Tom Clark, einst Berater von Gordon Brown. »Das war die Fortsetzung
der konservativen Revolution. Aber die Motivati-
yellow
SCHWARZ
Das Misstrauen der Konservativen gegen den Staat
geht nicht so weit, dass sie sich gegen mehr Regulierung stellen würden. Aber der Staat als Teilhaber
an Banken und Versicherungen, das darf in den
Augen von George Osborne nie mehr als eine
»Übergangslösung« sein. Grundsätzlich sei das
»inakzeptabel«.
Beim Volk hallt der Ruf nach weniger Staat
schon deshalb nach, weil in einer finanziellen Krise wie der jetzigen überall gespart werden muss. Ihr
Umfragevorsprung bestätigt Cameron und Osborne darin, sich als Stimme der fiskalen Vernunft
zu betrachten, wenn sie von »Sparmaßnahmen am
richtigen Ende« reden, also nicht bei der Unterstützung und Förderung der Ärmsten, sondern
beim Abbau von »Labours Bürokratiespeck«.
Um die Stimmung in Labours Lager ein wenig
aufzuhellen, kündigte Alistair Darling in seiner
Haushaltsansprache eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 50 Prozent an – die logische Folge
von Labours erzwungenem Linksruck. Die Konservativen streben genau das Gegenteil an. »Unsere erste Priorität ist es, den Haushalt wieder in
Ordnung zu bringen, aber langfristig ist klar, dass
nur niedrigere Steuern helfen, um die Wirtschaft
wieder in Gang zu kriegen«, sagt Osborne.
Die britischen Wähler sind nicht zu beneiden.
In den vergangenen 20 Jahren haben die meisten
einen grandiosen Wohlstand erlebt. Nun fühlen
sie sich von der Finanzwelt übers Ohr gehauen und
von der Regierung verraten, weil sie den Staat aufgebläht und seine Finanzen ruiniert hat. Zu einem
der beiden ehemaligen Monopolisten müssen sie
jetzt wieder Vertrauen fassen, und die Tories bieten
ihnen eine neue Variante alter Ideen an. Das Porträt
der »Eisernen Lady«, die von einigen auch ehrfürchtig »Mrs T.« genannt wird, hängt übrigens
nach wie vor in der Parteizentrale der Konservativen. Man sagt, sie sei milder geworden im Alter –
genau wie ihre Partei. Aber tot ist sie noch nicht.
cyan
magenta
yellow
– 17,0
Noch spüren viele Menschen die Krise nicht.
Doch das könnte sich bald ändern. Denn die Rezession wird Milliardenlöcher in die Sozialkassen
reißen – und Beitragserhöhungen damit wohl unvermeidlich machen. Am schlimmsten trifft es
nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft die Bundesagentur für Arbeit (BA). Ihr
fehlen nicht nur Beitragseinnahmen, sie muss
auch die steigende Arbeitslosigkeit finanzieren.
Die Forscher erwarten deshalb für ihren Etat in
diesem Jahr ein Minus von 15 Milliarden Euro.
Bei konstantem Beitragssatz würde sich die Lücke
im Haushalt der BA 2010 auf 17 Milliarden ausweiten. Spätestens dann sind nach Einschätzung
der Ökonomen Beitragserhöhungen fällig.
Doch auch an den anderen Zweigen der Sozialversicherung geht die Krise nicht spurlos vorüber.
Die Kranken- und Pflegeversicherung wird laut
Kieler Prognose im kommenden Jahr ein Defizit
von vier Milliarden Euro erwirtschaften, bei der
Rentenversicherung könnte es sogar fünf Milliarden betragen. Die Schätzungen beruhen auf der
Wachstumsprognose der Bundesregierung. Diese
geht für 2009 von einer Schrumpfung der Wirtschaft um sechs Prozent aus. Für 2010 erwartet
sie ein leichtes Wachstum von 0,5 Prozent. Würde
man die pessimistischeren Prognosen einiger
Wirtschaftsinstitute für 2010 zugrunde legen, fielen die Defizite noch deutlicher aus.
FR
Nr. 20
32
DIE ZEIT
SCHWARZ
S. 32
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FINANZEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
DAX
DOW JONES
JAPAN-AKTIEN
4882
+1,5 %
8427
–2,8 %
Nikkei: 8977
+1,3 %
RUSSLANDAKTIEN
RTS: 871
+37,8 %
EURO
ROHÖL
GOLD
WEIZEN
ALUMINIUM
1,34 US$
–3,5 %
56 US$/Barrel
+26,4 %
913 US$/Feinunze
+5,9 %
5,6 US$/Scheffel
–8,5 %
1539 US$/Tonne
+5,8 %
Veränderungen
seit Jahresbeginn
Illustration: Paula Troxler für DIE ZEIT/www.paulatroxler.com
»Macht
sie klein!«
Große Banken seien einer der Gründe
für die große Krise, sagt
Charles Goodhart. Deshalb sollte
man sie zerschlagen oder
erst gar nicht so riesig werden lassen
Herr Professor Goodhart, rund um die
Welt legen Regierungen neue Rettungspakete für
die Banken auf. In den USA erhalten sie frisches
Kapital, in Deutschland sollen Bad Banks gegründet werden, die den Geldinstituten ihre faulen
Wertpapiere abnehmen. Was halten sie davon?
CHARLES GOODHART: Wir kommen nur aus dieser
Rezession, wenn wir das Finanzsystem sanieren. Insofern ist es richtig, dass der Staat handelt. Es gibt
verschiedene Modelle, sie haben alle ihre Schwächen und Stärken.
ZEIT: Wo liegen denn die Probleme?
GOODHART: Wir kennen den Wert der Finanzanlagen in den Bilanzen der Banken nicht. Es ist ja nicht
so, dass alle Papiere völlig wertlos sind. Die Preise
sind zum Teil so niedrig, weil an den Märkten Panik herrscht. Wenn sich die gelegt hat, werden die
Preise wieder steigen. Mir gefällt deshalb der Begriff
DIE ZEIT:
toxische Papiere nicht, ich würde eher von wertgeminderten Papieren sprechen.
ZEIT: Wenn die Regierungen den Banken zu viel bezahlen, dann verschenken sie Steuergelder.
GOODHART: Genau. Die Frage ist doch: Wie gehen
wir mit schwachen Banken um? Ich habe viel Sympathie für den Ansatz, sie unter die Kontrolle der
Regierung zu stellen. Die könnte dann die Bank sanieren und ihren Einfluss geltend machen – um
zum Beispiel sicherzustellen, dass weiter Kredite
vergeben werden.
ZEIT: Sie wollen die Banken verstaatlichen?
GOOODHART: Auch dieser Begriff gefällt mir nicht. Es
geht nicht darum, den Sozialismus einzuführen. Ich
spreche lieber davon, dass die Banken vorübergehend unter die Obhut des Staates kommen.
ZEIT: Das sind doch Wortklaubereien, ökonomisch
gesehen, gibt es da keinen Unterschied.
GOODHART: Aber politisch. Der Begriff Verstaatlichung ruft in fast allen Ländern enorme Widerstände hervor. Das muss man berücksichtigen.
ZEIT: Die Banken werden gerettet, weil sie so groß
sind, dass ihre Pleite eine Katastrophe auslösen würde. Im Moment entstehen überall neue Finanzgiganten, weil Institute zwangsfusioniert werden
oder weil sie Marktanteile gewinnen.
GOODHART: Und damit schafft man neue Probleme.
Je größer die Bank, desto größer die Risiken für das
Finanzsystem. Es ist doch völlig klar, dass der Staat
auch diese neuen Großbanken im Krisenfall stützen
muss, denn ihr Zusammenbruch würde eine neue
Katastrophe auslösen.
ZEIT: Was schlagen Sie vor?
GOODHART: Bei der Regulierung der Banken muss
Größe eine Rolle spielen. Je größer die Bank, desto
strenger die Regeln. Es muss einen Anreiz für die
Institute geben, nicht so groß zu werden, dass
der Staat sie retten muss. Ich glaube auch, dass
die Regierung eingreifen sollte, wenn der Marktanteil einer Bank einen gewissen Wert überschreitet. In der Wettbewerbspolitik werden die
Behörden in solche Fällen seit jeher aktiv. Warum sollten sie das nicht genauso tun, wenn die
Finanzstabilität gefährdet ist?
ZEIT: Das bedeutet konkret?
GOODHART: Es gab immer wieder Fälle, in denen
Großkonzerne zerschlagen wurden. Nehmen sie
den Telefonriesen AT&T. Vielleicht müssen wir
auch einige Banken zerschlagen.
ZEIT: Ziemlich radikal – wer wäre zu groß?
GOODHART: Das muss natürlich genau analysiert
werden. In den USA könnte die Citigroup zu
den Kandidaten gehören, in der Schweiz möglicherweise die Credit Suisse und die UBS, in
Deutschland vielleicht die Deutsche Bank. Eine
der Lehren aus dieser Krise ist doch, dass einige
Banken so groß sind, dass der Staat mit ihrer Rettung finanziell überfordert ist – denken Sie an
den Fall Island. Ich glaube nicht, dass wir so etwas noch einmal erleben wollen.
ZEIT: Die G 20 haben sich kürzlich auf einen Katalog zur besseren Kontrolle der Finanzmärkte
geeinigt. Sind sie mit dem Ergebnis zufrieden?
GOODHART: Man sollte nicht zu viel von diesen
Treffen erwarten. Mehr als zwanzig Leute sitzen
um einen Tisch, alle Primadonnen. Ein Beispiel:
Wir haben in der Europäischen Union einen gemeinsamen Binnenmarkt ,aber keine Möglichkeiten, eine Finanzkrise auf europäischer Ebene
zu bekämpfen. Alles passiert auf nationaler Ebene. Wenn wir den Binnenmarkt erhalten wollen,
müssen wir uns darüber Gedanken machen, wie
wir das ändern, wie wir einen europäischen Rahmen für die Krisenbekämpfung schaffen.
ZEIT: Warum ist das so wichtig?
GOODHART: Die meisten Banken werden in dem
Land reguliert, in dem sie ihren Sitz haben, auch
wenn sie im Ausland aktiv sind. Wenn eine Bank
zusammenbricht, hat aber das Gastland das Problem. Es muss die Scherben aufsammeln und die
Rechnung bezahlen. Die Banken leben international, sie sterben national. Das wird man so
nicht mehr akzeptieren.
ZEIT: Die EU-Staaten wollen sich bei der Finanzaufsicht enger abstimmen und denken sogar über
eine gemeinsame Behörde nach.
GOODHART: Das reicht nicht. Wichtig ist, dass
eine solche Stelle mit Geld ausgestattet wird,
denn sonst kann sie keine Krisen bekämpfen.
Bislang ist das nicht geschehen, weil die Staaten
keine Kompetenzen abgeben wollen. Wir stehen
aber an einem Scheideweg: Entweder wir sind
bereit, sehr viel mehr Europa zu akzeptieren,
oder wir kehren zurück zum Nationalstaat.
ZEIT: Sie sind ein ehemaliger Zentralbanker. Die
Notenbanken haben tatenlos zugesehen, wie die
Blase immer größer wurde.
GOODHART: Das ist nicht ganz richtig. Kaum jemand hat den genauen Verlauf der Krise vorhergesehen, aber viele Zentralbanker haben gewarnt,
dass sich an den Finanzmärkten Ungleichgewichte aufbauen. Das Problem ist, dass die Notenbanken, außer zu warnen, nicht viel gegen Spekulation an den Finanzmärkten tun können.
ZEIT: Sie könnten die Zinsen erhöhen!
GOODHART: Einen Boom an den Vermögensmärkten werden Sie mit moderaten Zinserhöhungen
nicht verhindern. Werden die Zinsen stark angehoben, leidet die Wirtschaft. Es geht hier um
ein grundlegendes Problem: Eine Zentralbank
hat nur ein Instrument – den Zins –, und sie soll
damit zwei Ziele erreichen: Finanzstabilität und
Preisstabilität. Diese Ziele stehen oft im Widerspruch zueinander. Wenn die Inflation lange Zeit
niedrig ist, schwanken die Märkte weniger stark,
und die Investoren sind bereit, höhere Risiken
einzugehen. Das ist der ideale Nährboden für
eine Blase. Vergessen Sie nicht: Die größten
Crashs folgen auf Phasen mit stabilen Preisen.
Das gilt für die derzeitige Krise, aber auch für die
USA in den dreißiger Jahren und Japan in den
neunziger Jahren.
ZEIT: Was sollen wir tun? Mehr Inflation erzeugen? Darunter würden die Sparer leiden.
GOODHART: Wir brauchen ein zweites Instrument.
Es geht darum, dass die Zentralbank – oder die
Finanzaufsicht – die Banken in den guten Zeiten enger an die Kandare nimmt und in den
schlechten Zeiten die Zügel locker lässt. Ein
wichtiger Punkt dieser antizyklischen Regulierung wäre, die Institute im Boom – wenn die
Wirtschaft wächst, die Aktienkurse steigen und
viele Kredite vergeben werden – dazu zu zwingen, mehr Kapital zurückzulegen. Das bremst
die Expansion.
ZEIT: Man muss die neuen Möglichkeiten dann
aber auch nutzen.
GOODHART: Das ist richtig. Wer in den guten Zeiten auf die Bremse tritt, wird von Bankern, Kreditnehmern und Politikern verurteilt werden.
Gerade die Regierenden verkaufen eine Blase
gerne als strukturelle Verbesserung des wirtschaftlichen Umfelds, die sie sich selbst zugute
halten können. Die Aufsichtsbehörden werden
viel Mut und Unabhängigkeit brauchen, um dieser geballten Macht entgegenzutreten und Exzesse an den Finanzmärkten zu dämpfen.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE MARK SCHIERITZ
i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE:
www.zeit.de/finanzkrise
Grandseigneur der Geldpolitik
Kaum jemand kennt sich im Finanzwesen besser
aus als Charles Goodhart. Er arbeitete 20 Jahre
für die britische Zentralbank, zuerst als Chefökonom und von 1997 bis 2000 als Mitglied im
geldpolitischen Ausschuss, der über die Zinsen
entscheidet. Goodhart lehrte Volkswirtschaft in
Cambridge und an der London School of Economics, wo er heute das Programm für Regulierung
und Finanzstabilität leitet. Auf den 72-Jährigen
geht eine unter Ökonomen als Goodharts Ge-
Nr. 20 DIE ZEIT
S.32
SCHWARZ
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setz bekannte Regel zurück. Sie besagt, dass sich
empirisch festgestellte Zusammenhänge zwischen Größen wie Geldmenge und Inflation auflösen, wenn die Politik diese Gesetzmäßigkeiten
nutzen will – um beispielsweise mittels einer
Steuerung der Geldmenge die Inflation zu kontrollieren. Der Grund: Die Menschen reagieren
und ändern ihr Verhalten. Goodharts neues Buch
The Regulatory Response to the Financial Crisis ist
im März im Verlag Edward Elgar erschienen.
Nr. 20
DIE ZEIT
SCHWARZ
S. 33
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WIRTSCHAFT
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
ARGUMENT
33
MACHER MÄRKTE
Hypo Real Estate profitiert von neuen Regeln
Valium fürs Volk
Merkel
lanzregeln 2008 genutzt, um Vermögenswerte von
stolzen 76,1 Milliarden Euro in andere Kategorien
einzustufen. Auf diesem Weg vermied sie weitere
Wertkorrekturen von 7,8 Milliarden Euro. Nach
alten Regeln läge das bilanzielle Eigenkapital – das
sich anders errechnet als das aufsichtsrechtlich relevante – somit bei minus 8,4 Milliarden Euro.
Dass die HRE unter dem neuen Vorstandschef
Axel Wieandt (Foto) noch existiert, verdankt sie
nur dem Bund, der die Übernahme der »systemrelevanten« Bank anstrebt. Bis Montagnachmittag
kam er auf einen Anteil von 41 Prozent. Endgültige Zahlen zum kurz darauf abgelaufenen Kaufangebot sollen diesen Donnerstag vorliegen. STO
Boeing träumt vom Erstflug
Viel Zeit bleibt nicht mehr: Bis Ende Juni muss
Boeings 787 abheben, ansonsten müsste Unternehmenschef Jim McNerney die sechste Verzögerung für den Erstflug des neuen Fliegers bekannt
geben. »Die meisten Beobachter rechnen mit der
nächsten Verspätung«, sagt Richard Aboulafia,
Luftfahrtanalyst beim US-Beratungsunternehmen
Teal Group. Schon jetzt beträgt die Verzögerung
fast zwei Jahre. Probleme mit Technik und Zulieferern haben den ehrgeizigen Zeitplan pulverisiert
– und die 787 zum Gespött der eigenen Mechaniker gemacht: »7Late7«, lästern sie im Stammwerk
nahe Seattle angesichts der Verspätung. Im Boom
war das kein Problem. Mit mehr als 800 Bestellun-
gen brach der Dreamliner, wie er intern genannt wird,
alle Verkaufsrekorde. Ein jährliches Wachstum des
Luftverkehrs von gut fünf Prozent war vorausgesagt,
und Boeings Vorzeigeflieger galt als besonders effizient.
20 Prozent Kerosin soll er gegenüber Vorgängermodellen einsparen. Jetzt aber brechen die Passagierzahlen
ein, und mancher Kunde ist froh, wenn er Neukäufe
stornieren kann. Zumal er angesichts der Lieferverzögerungen kaum Strafzahlungen befürchten muss.
32 Stornierungen gab Boeing zuletzt bekannt. Und
Anfang der Woche nährte Delta Airlines Spekulationen über die Abbestellung weiterer 18 DreamlinerFlugzeuge. »Es würde mich sehr überraschen, wenn
die nicht käme«, sagt Aboulafia.
TAT
Foto: Ted S. Warren/AP
D
ie CDU wiederholt in diesen Tagen Visitenkarten der Bewerber. Der Wähler macht
verschiedene Fehler des Wahljahres sich damit ein Bild von Neulingen, die er nicht
2005 – und zwar nicht nur eigene, son- im Regierungsgeschäft erleben kann. Für alle andern auch noch die der SPD. Schon vor vier deren Politiker gilt: Taten zählen mehr als Worte.
Jahren verhedderte sich die Union in der Steu- Wer regiert, qualifiziert sich mit seiner Bilanz,
erpolitik. Paul Kirchhof, Angela Merkels Kan- nicht mit Absichtserklärungen.
didat für das Finanzministerium, hatte so radiIn diesem Wahljahr treten bekanntlich zwei
kale Ideen, dass er die CDU-Wähler mehr er- Regierungspolitiker gegeneinander an. Der Wähschreckte als erfreute.
ler weiß, was er von Angela Merkel und FrankDiesmal kann die Union sich nicht ent- Walter Steinmeier zu erwarten hat – so unscharf
scheiden, ob sie Steuersenkungen versprechen beide auch als Personen sein mögen. Im Sommer
soll. Je schlechter die Wirtschaftsprognosen, werden die Deutschen außerdem erleben, wie sich
desto unglaubwürdiger wird die Ankündigung die Kanzlerin und ihr Konkurrent verhalten, wenn
von Entlastungen. Es geht also darum, ob die die Krise sich zuspitzt und noch stärker den ArCDU vor allem mit dem Vertrauensbonus der beitsmarkt erfasst. Wie Merkel und Steinmeier
Kanzlerin punkten möchte – dann verbieten sich dann bewähren, wird für den Wahlausgang
sich allzu unseriöse Ankündigungen – oder ob wichtiger als alle Steuerkonzepte sein.
sie mit Wahlgeschenken locken soll. Solidität
Dabei geht es dann nicht nur um Ökonomie,
oder Verheißung. Noch
sondern auch um Psychohat sich die Union nicht
logie: Wie redet man vor
entschieden. Jedenfalls
ängstlichen Opel-Arbeischeint die Steuerpolitik
tern? Wie hart urteilt man
für Merkel auch in diesem
über Banker und andere
kann ihrer Partei den
Wahlkampf kein GewinManager? Wer findet den
nerthema zu sein.
richtigen Ton? Eine Progwirtschaftspolitischen
nose ist heute schon mögDie zweite GemeinsamLinksruck genauso
lich: Es wird ein langweilikeit mit 2005 ist, dass
schlecht erklären wie
ges Duell. Schlimm ist das
Merkel ihrer Partei ihre
aber nicht.
Wirtschaftspolitik genauso
Gerhard Schröder einst
schlecht erklären kann wie
Zu den Besonderheiten
seinen Genossen die
einst Gerhard Schröder seidieser Monate gehört, dass
Hartz-IV-Reformen. So
nen Genossen die Hartzdie regierenden Parteien
IV-Reformen. Der Linksbeide in die Mitte rücken.
lechzt die Union nach
schwenk samt MindestlöhNormalerweise sind Wahleinem einfachen und
nen und Enteignungsgesetz
kämpfe Zeiten der Polaripopulären Thema:
setzt den Christdemokraten
sierung. Diesmal wollen die
Steuersenkungen
genauso zu wie die Agenda
beiden Volksparteien der
2010 der SPD. Umso mehr
Konkurrenz kein populäres
lechzt die Union nach eiThema überlassen. Deshalb
nem einfachen und populären Wahlkampfthema. arrangiert sich die Union mit MindestlohngesetSo kommt es, dass die CDU trotz des beginnen- zen, deshalb kündigt die SPD Steuersenkungen
den Wahlkampfs offen über die richtige Steuer- an. Zudem wollen sich beide möglichst viele Kopolitik streitet.
alitionsoptionen offenhalten.
Auch die SPD hadert mit dem Steuerthema,
Außerem sind Merkel und Steinmeier Poliallerdings leidet sie ausnahmsweise leiser als die tiker, die sich nicht für kräftige Raufereien eigCDU. Seit die Sozialdemokraten eine Reichen- nen. Beide mussten sich noch selten im offen
und Börsenumsatzsteuer angekündigt haben, wird ausgetragenen Duell bewähren. Steinmeier hatihnen ein Linksruck unterstellt. Den hatte die te noch nie als Spitzenkandidat Erfolg. Merkel
Parteispitze nicht im Sinn, er passt auch nicht zu hat nur einmal, 2005, für ihre Partei einen
Steinmeier, Steinbrück, Scholz und Müntefering. knappen, manche sagen: halben Sieg errungen.
Die angekündigten Steuersenkungen für Gering- Außerdem sollen beide mindestens bis zur
verdiener hatte der zuständige Steinbrück lange Sommerpause gemeinsam regieren.
Unspektakulär ist das, aber nicht schlecht.
abgelehnt.
Auch bei der zweiten großen Regierungspartei Denn die Unschärfe der Parteien passt zur wirthakt es also bei der Zusammenführung von Per- schaftlichen Lage. Die Krise erzwingt von der
Politik auch ständig Maßnahmen, die auf den
sonen und Programm.
All das würde in normalen Zeiten für Streit ersten Blick nicht zusammenpassen:
sorgen. Bürger würden sich aufregen über Steuer- • Es ist richtig, den Banken mit Milliarden
auszuhelfen und sie durch Regulierung zu
senkungsversprechen, die nicht zu halten sind.
bremsen.
Andere würden darüber streiten, welche Steuerpolitik gerechter oder effizienter ist, die der CDU • Diese Krise ist die Stunde der Sparer – und
trotzdem muss die Regierung den Konsum
oder die der SPD. Aber diesmal ist es anders: Die
stimulieren.
Aufregung lohnt nicht. Wahlprogramme sind so
unwichtig wie noch nie. Das liegt erstens an der • Es ist richtig, den Sozialstaat zu loben – aber
auch die Reformen der vergangenen Jahre,
Krise und zweitens an der Großen Koalition.
ohne die er weniger leisten könnte.
Die Krise: Jeder Politiker sei unglaubwürdig,
erklärte Finanzminister Peer Steinbrück kürzlich,
der heute noch das Gleiche sage wie vor einem Vergangene Wahlen waren oft Richtungsenthalben Jahr. Wenn aber die Krise ständig alles än- scheidungen – etwa beim Streit um die Ostdert – warum sollten dann ausgerechnet Wahl- politik. Oder sie wurden dazu stilisiert, zum
programme verbindlich sein? Warum sollte aus- Beispiel als Gerhard Schröder den Urnengang
gerechnet der frisch gewählte Kanzler oder die zum Plebiszit über den Irakkrieg machen wollwiedergewählte Kanzlerin nach der Bundestags- te. Das ist diesmal anders als 2005: Den Bürger
wahl genau das tun, was im Frühsommer im erwartet keine Zeit des Entweder-oder, sondern
des Sowohl-als-auch.
Wahlprogramm stand?
Die Koalition: Wahlprogramme sind Werkzeuge für Oppositionsparteien. Sie dienen quasi als a www.zeit.de/audio
Foto: Alessandra Schellnegger/SZ Photo
Die Steuerversprechungen von CDU und SPD sind unrealistisch und
substanzlos. Also bloß nicht aufregen! VON ELISABETH NIEJAHR
Das Eigenkapital der Münchner Hypo Real Estate
(HRE) läge viele Milliarden im Minus, wenn die alten
Bilanzregeln noch gelten würden. Gemäß neuen, von
der Bank veröffentlichten Zahlen betrug das bilanzielle Eigenkapital des Staats- und Immobilienfinanzierers
Ende März 3,3 Milliarden Euro – das aber nur ohne
Berücksichtigung der Neubewertungsrücklage, in der
Wertkorrekturen von Anlagen verbucht werden, die
zum Verkauf bestimmt sind. Diese Wertkorrekturen,
die für den operativen Gewinn irrelevant sind, aber
direkt auf das Eigenkapital durchschlagen, betrugen
3,9 Milliarden Euro – unterm Strich liegt das Eigenkapital bei minus 615 Millionen Euro. Zudem hat die
HRE von der EU abgesegnete Änderungen der Bi-
Experten kritisieren »grüne« Kohle
Erzieherinnen streiken
Pünktlich zur ersten Lesung im Bundestag übt
der Sachverständigenrat für Umweltfragen ungewohnt heftige Kritik am so genannten CCSGesetz, einem zentralen politischen Vorhaben
der Regierung. Durch die Abscheidung von
Kohlendioxid (CO2) bei der Stromerzeugung
und die anschließende unterirdische Lagerung
des Stoffs sollen Kohlekraftwerke, die ohne die
CCS-Technik Strom nur besonders klimaschädlich produzieren können, nach dem Willen der
Großen Koalition auch in den Zeiten des Klimawandels noch eine Chance haben.
Das von der Bundesregierung selbst berufene
siebenköpfige Professorengremium lässt allerdings
fast kein gutes Haar an dem Gesetzentwurf, auf
den sich nach langem Hin und Her Umwelt- und
Wirtschaftsministerium geeinigt hatten. Viele
technische, ökologische und finanzielle Fragen
im Zusammenhang mit der CCS-Technik seien
»ungeklärt«, heißt es in der 35-seitigen Stellungnahme des Gremiums. Obendrein sei »offen«, ob
ihre Anwendung in Deutschland überhaupt sinnvoll ist und ob es sich »im Vergleich zu anderen
Klimaschutzoptionen um eine kosteneffiziente
Technologie handelt«. Alles in allem sei es deshalb
»nicht gerechtfertigt, heute ein Gesetz zu verabschieden, das die kommerzielle Nutzung von
CCS in Deutschland umfassend erlaubt«.
Der Tarifkonflikt in den Kindertagesstätten droht
zu eskalieren. Nach Warnstreiks Mitte dieser Woche plant die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di
unbefristete Streiks. Betroffen wären kommunale
Kitas und andere Sozialeinrichtungen im ganzen
Bundesgebiet mit Ausnahme von Berlin und Hamburg. »Im Wahlkampf reden Politiker von der
großen Bedeutung sozialer Arbeit«, sagt ver.diFachleiter Harald Giesecke, »gleichzeitig verschlechtern sie die Arbeitsbedingungen, diesen
Skandal werden wir anprangern!«
Vordergründig geht es in dem Konflikt um
einen besseren Schutz für Erzieherinnen und Erzieher vor gesundheitlichen Belastungen. Dahinter
steckt jedoch auch ein Streit um Geld. Ver.di und
die Arbeitgeber verhandeln über Lohnstufen – dafür gilt aber noch die Friedenspflicht. Das Problem
der Erzieherinnen: Als vor vier Jahren das Tarifsystem des öffentlichen Dienstes grundlegend neu
gestaltet wurde, blieben ihre Aufstiegsmöglichkeiten ungeregelt. Seitdem hängen viele der rund
600 000 Beschäftigten in den Erziehungsberufen
in der Einstiegsgruppe fest, die von 2130 bis 2475
Euro brutto reicht. Nach den Plänen der Arbeitgeber soll sich ein Teil des Erziehungspersonals nun
auf bis zu 2700 Euro hocharbeiten können. Das
wäre laut ver.di weniger als im alten Tarifsystem
und würde nicht einmal allen offenstehen. RUD
Die Ökoweisen plädieren dafür, jetzt lediglich ein »Forschungsgesetz« zu beschließen und
noch keine Regeln für die »großmaßstäbliche
Anwendung von CCS« festzulegen. Für die
Bundesländer im Norden und Osten, wo sich
die meisten potenziellen CO2-Speicher befinden, berge das Regierungsvorhaben »ein hohes
finanzielles Risiko«, warnen sie.
Auch ein anderer Einwand wiegt schwer.
So könne es aus Klimaschutzgründen in Zukunft womöglich erforderlich werden, Strom
sogar mit negativen Kohlendioxid-Emissionen
zu erzeugen. Dafür eigneten sich Biomassekraftwerke mit anschließender CO2-Bunkerung – allerdings nur dann, wenn die begrenzten Lagerkapazitäten nicht schon für die Speicherung von Kohlendioxid aus der Kohleverstromung genutzt »und damit für die nächsten
100 000 Jahre für andere Nutzungen blockiert
werden«.
So, wie von der Regierung geplant, wird das
CCS-Gesetz vermutlich nie in Kraft treten. Der
Bundesrat hat bereits 89 Einwendungen eingebracht; Ende Mai wird es noch eine ExpertenAnhörung geben. Die Stromkonzerne E.on,
RWE und Vattenfall drängen die Regierung allerdings zur Eile, weil ein Gesetz Voraussetzung
für den Zugang zu Fördertöpfen ist.
VO
Fast alle Euro-Länder verletzen den Stabilitätspakt
Staatsdefizite und -überschüsse in Prozent des Bruttoinlandsprodukts
2008
Belgien
Prognose für 2009
Deutschland
Finnland
4,2
Frankreich
Griechenland
Irland
Italien
Defizitgrenze (–3 %)
Niederlande
Österreich
Portugal Slowakei Spanien
1,0
–1,2
–4,5
–0,1
–3,9
–0,8
–0,4
–2,7
–3,4
–4,5
–5,0 –5,1
–6,6
–3,4
–2,6
–4,2
–2,2
–4,7
–3,8
–6,5
–7,1
–8,6
ZEIT-GRAFIK/Quelle: Eurostat, EU-Kommission
–12,0
Die Milliarden-Programme für die Konjunktur und
die Bankenrettung treiben die Staatsschulden in
die Höhe. 13 der 16 Euro-Staaten nehmen 2009
voraussichtlich mehr als jene drei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt auf, die laut Stabilitätspakt erlaubt
sind. Für Deutschland rechnet die EU-Kommission
mit einem Fehlbetrag von 3,9 Prozent, 2010 dann
gar von 5,9 Prozent. Die Liste der Defizitsünder
führen in diesem Jahr Irland und Spanien an. Mit
einem EU-Verfahren müssen aber zunächst nur
Länder rechnen, die schon 2008 den Stabilitätspakt
verletzt haben: Im Euro-Raum sind das Frankreich,
Griechenland, Spanien und Irland.
KEB
FORUM
Die Kavallerie muss auch im Inland reiten
Wer Steueroasen wirksam bekämpfen will, darf die heimischen Banken nicht schonen VON GERHARD SCHICK
Ganz anders in Deutschland: Hier hat die Union
nach monatelangem Hickhack in der Koalition nun
durchgesetzt, dass die Mitteilungs- und Nachweispflichten für den Geschäftsverkehr mit sogenannten
Steueroasen nicht sofort in Kraft treten sollen. CDU
und CSU haben den Gesetzentwurf, mit dem der
Druck auf die Steueroasen erhöht werden sollte, verwässert – und den betroffenen Staaten eine weitere
Schonfrist gewährt. Zwar poltert Finanzminister Peer
Steinbrück gegen die Schweiz und fordert auf internationaler Ebene weitreichende Fortschritte beim
Kampf gegen Steuerparadiese, doch eine klare Ansage gegenüber den heimischen Banken, wie sie Sarkozy in Frankreich machte, hält man in Deutschland
offensichtlich nicht für erforderlich.
Dabei sprechen die Zahlen für sich: Die Deutsche
Bank unterhält 499 Tochtergesellschaften in Steueroasen, darunter beispielsweise 151 auf den CaymanInseln und 79 auf Jersey. Allein auf Mauritius, ebenfalls ein kleines Eiland mit sehr striktem Bankgeheimnis, beschäftigt die Bank 180 Mitarbeiter. Und auf
der Website dboffshore.com wirbt eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank offen mit ihren Angeboten in Steuerparadiesen: »Effektive Steuerplanung«
Nr. 20 DIE ZEIT
für »hoch vermögende Individuen« wird dort versprochen und als »Hauptattraktion« die Gründung einer Rechtsform angeboten, »die die Steuerbelastung beseitigt oder reduziert« – offensiver
kann man, ohne sich strafbar zu machen, kaum
für Steuerflucht werben.
GERHARD SCHICK
wurde 2005 in den
Deutschen Bundestag
gewählt und ist dort
finanzpolitischer
Sprecher der Grünen
Foto: PR
Nur acht Tage lagen zwischen der Absichtserklärung
des G-20-Gipfels, den Kampf gegen die Steueroasen
aufzunehmen, und dem ersten konkreten Schritt in
Frankreich: Am Karfreitag lud der französische Präsident Nicolas Sarkozy Vertreter der großen französischen Banken in den Élysée-Palast und forderte sie
auf, in Sachen Steueroasen »besonders vorbildlich«
zu sein. Damit hat Sarkozy ein Thema angesprochen, das für die großen Staaten höchst unangenehm
ist: die Präsenz ihrer Banken in den Oasen.
Sie erklärt, warum es jahrelang nicht gelungen ist,
effektiv gegen Steueroasen vorzugehen. Schließlich
haben auch die Banken der großen Industriestaaten
relevante Teile ihrer Gewinne dort erwirtschaftet und
damit von der laschen Finanzaufsicht und dem strikten
Steuergeheimnis ebenso profitiert wie die viel gescholtenen Schweizer und Liechtensteiner Banken. Allein
die französische Großbank BNP Paribas unterhält 71
Filialen und Töchter in Ländern der »Grauen Liste«,
auf der die OECD Steueroasen aufführt. Dass Sarkozy diese Rolle seiner heimischen Banken thematisiert,
zeigt, dass es ihm ernst ist, das in London proklamierte Ziel, das »Ende des Bankgeheimnisses«, zu erreichen.
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Commerzbank und ihrer neuen Tochter Dresdner
Bank: Sie hat 76 Tochtergesellschaften in Steuerparadiesen, davon 24 auf Jersey und 17 in Luxemburg. Auch die Commerzbank wirbt auf ihren
Internetseiten mit »attraktiven Steuergesetzen«
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und der Strenge des Bankgeheimnisses in Offshore-Zentren. Im Geschäftsbericht der Dresdner
Bank Luxemburg werden vermögende Privatkunden aus Deutschland als »stabile Basis unserer internationalen Kundschaft« bezeichnet. Im Klartext: Deutsche sind die zentrale Kundengruppe
der Luxemburger Tochter der Dresdner Bank.
Die naheliegende Frage, warum diese Kunden
sich nicht in Deutschland beraten lassen, sondern
nach Luxemburg reisen, führt eigentlich nur zu einer Antwort: weil sie ihre Geldgeschäfte vor dem
Fiskus verschleiern wollen. Deshalb muss, wer ernsthaft Steuerhinterziehung bekämpfen will, dafür
sorgen, dass deutsche Banken Offshore-Geschäfte
mit deutschen Kunden beenden. Die UBS hat dies
den USA in Bezug auf US-Bürger nach großem
politischem Druck inzwischen zugesagt.
Gerade im Umgang mit der Commerzbank
kommt der Bundesregierung eine besondere Verantwortung zu. Wer Steuergelder erhält, darf nicht
im Verdacht stehen, gleichzeitig bei der Steuerumgehung behilflich zu sein. Die Vertreter der Bundesregierung im Aufsichtsrat der Commerzbank müssen ihren Einfluss geltend machen und auf einen
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Rückzug der Commerzbank und ihrer Tochter
Dresdner Bank aus Steueroasen hinwirken. Von Peer
Steinbrück war dazu bislang wenig zu hören. Die
Bundesregierung redet sich mit dem Hinweis aus
ihrer Verantwortung heraus, dass die Geschäftspolitik allein Sache der Banken bleibe.
Ehrlich machen muss man sich auch, was
Sparkassen und Genossenschaftsbanken betrifft.
Deren Spitzeninstitute sind beim Offshore-Geschäft ebenfalls schwungvoll dabei: Die öffentlich
gewordenen 160 Beteiligungen der HSH Nordbank in diesen Gebieten stellen keine Ausnahme
unter den öffentlich-rechtlichen Banken Deutschlands dar. Auch die Spitze der Genossenschaftsbanken, die DZ Bank, schreckt nicht vor umfangreichen Engagements in Steueroasen zurück.
Es ist an der Bundeskanzlerin und ihrem Finanzminister, nicht nur zu reden, sondern auch
zu handeln. Sie müssen ihre Rolle als unkritische
Förderer deutscher Banken aufgeben, öffentlich
Druck erzeugen und ihren Einfluss bei den vom
Staat unterstützten Häusern nutzen, damit deutsche Banken sich aus den Steueroasen zurückziehen. Alles andere ist unglaubwürdig.
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DIE ZEIT
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WIRTSCHAFT
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
WAS BEWEGT …
Fotos: Valeska Achenbach u. Isabela Pacini für DIE ZEIT/www.achenbach-pacini.de; Soeren Stache/picture-alliance/dpa; Pierre Adenis/GAFF/laif (v.o.n.u.)
Anno August Jagdfeld?
Ich kam, ich sah,
ich kämpfe
Mit dem Grand Hotel in Heiligendamm wollte sich der
Immobilienunternehmer ein Denkmal setzen. Womöglich
erlebt er dort sein Waterloo VON BURKHARD WETEKAM
H
eiligendamm, im Frühjahr. Auf dem
glatt rasierten Rasen schieben sich zwei
Jungen einen Fußball zu. Limousinen
parken vor dem Grand Hotel, die Terrasse vor dem Portikus des Kurhauses ist menschenleer. Ein kühler Wind geht über das Gelände.
Ja, hier war es. Diese Rasenfläche kennt man.
Knalliges Grün zwischen weißem Klassizismus.
Vor zwei Jahren ließen sich hier die Teilnehmer des
G-8-Gipfels ablichten. Bush, Merkel und Sarkozy
und die anderen. Den kleinen Fußballern scheint
die perfekte Grünfläche nicht zu behagen. Kaum
sind sie verschwunden, wirkt die »weiße Stadt am
Meer« wieder wie eine Kulisse, der der große Auftritt noch bevorsteht. Die zweite Chance.
Derjenige, der es hier richten soll und muss,
tritt nicht auf wie ein eloquenter Staatsmann. Er
spricht bedächtig, mit Pausen und so leise, dass
sich das Rauschen der Ostsee immer wieder in das
Gespräch drängt.
Er garniert das Geschäftliche gerne
mit lateinischen Sinnsprüchen
»Wir haben uns hier erst einmal neu orientieren
müssen«, sagt Anno August Jagdfeld, 62 Jahre,
Fondsinitiator, Treuhänder, Immobilienmann, Kaufhaus-, Restaurant- und Klinikbetreiber. Und neuerdings auch Hotelier an der Ostsee. Als Immobilienfinanzierer ist er hier schon länger engagiert.
Mit dem Ausstieg der Kempinski-Gruppe Anfang
Februar aber steht Jagdfeld nun vor einer neuen
Herausforderung: Er muss die Auslastung mit
Vollzahlern über die klägliche 40-Prozent-Marke
steigern.
Fast 2000 Anleger haben in die Hotelanlage investiert und wollen endlich von ihrem Engagement profitieren. Einschließlich öffentlicher Zuschüsse wurden über 200 Millionen Euro verbaut.
Eine Kapitalerhöhung von 40 Millionen ist zwar
beschlossen, aber es wurden bislang erst fünf Millionen gezeichnet. Unter anderem stand die Ablösung eines gekündigten Darlehens der HypoVereinsbank an. Gerade hat sie den Kredit noch
einmal verlängert.
Und was macht der Mann, auf dem diese
drängenden Probleme lasten? Er spricht über Hühnerhaltung. Der hoteleigene Ökohof des Gutes
Vorder Bollhagen produziert nach Jagdfelds Einschätzung die besten Eier Mecklenburgs – ohne
Antibiotika selbstverständlich und nicht nur das:
Mit Begeisterung erklärt Jagdfeld, wie der Landwirt Tag für Tag die fahrbaren Hühnerställe ein
paar Meter weiterzieht, sodass die Tiere ihr Futter
immer von sauberen Böden aufpicken.
Hühner als Botschafter eines neuen Hotelkonzeptes: Die Gäste bekommen nicht nur Luxus geboten, sondern Nähe zur Natur, Lesungen, Konzerte,
klassische Bildung in verträglichen Dosen. Zum charmanten Kinderhaus kommen demnächst Bolz- und
Volleyballplätze, dazu eine Jagdschule. »Wenn einer
sagt, er braucht 30 Boutiquen, dann sage ich: ›Bleiben
Sie doch zu Hause in der Großstadt.‹ Dies ist ein Ort
der Ruhe, der Kontemplation, der Schönheit, der
Fundus-Gruppe
Rund 800 Immobilienprojekte hat
Anno August Jagdfeld in 30 Jahren
auf den Weg gebracht – ein Investitionsvolumen von 5 Milliarden Euro.
Mehr als 50 000 Anleger haben Anteile der Fundus-Fonds gezeichnet.
Eine Pleite erlebten Geldgeber, die
in die Berliner Pyramide (Foto) investierten, ein futuristisches Bürohaus, dessen Platzierung im Stadtteil
Marzahn von Anfang an als riskant
galt. Anleger steckten von 1993 an
mehr als 100 Millionen Euro in
den Fonds, hinzu
kam ein Darlehen von 50 Millionen Euro. Das
Gebäude konnte
jedoch nur zur
Hälfte vermietet
werden,Ausschüttungen fielen aus.
Eine Kapitalerhöhung 1997 konnte den Fonds nicht
retten. 2005 wurde das Haus verkauft. Nach Schätzungen betrug der
Kaufpreis ein Zehntel der ursprünglichen Investitionssumme. Es reichte
nicht, um die Schulden zu tilgen. Die
Anleger erlitten einen Totalverlust.
Ähnlich erging es den Investoren, die
sich für die Gutenberg Galerie entschieden, ein Büro- und Geschäftshaus in der Leipziger Innenstadt. Das
Berliner Hotel Adlon (Foto unten) ist
mit einer Auslastung von etwa 55
Prozent erfolgreicher als Heiligendamm, aber auch das ist nicht wirklich gut. Das Adlon ist an Kempinski
verpachtet. Belastet wird der Fonds
auch dadurch, dass teure Erweiterungen mit Fremdmitteln finanziert wurden. Der geplante Eigenkapitalanteil
von fast 100 Prozent ist auf wenig
mehr als die Hälfte geschrumpft. Folge: Die Rendite der Anleger wird von
Zinszahlungen aufgefressen.
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frischen Luft.« Zielgruppe ist nicht eine diffus definierte internationale Elite, wie sie in früheren Prospekten umrissen wurde, sondern die wohlhabende
Familie aus Hamburg oder Berlin. Schon heute kommen 50 Prozent der Gäste von dort, nur fünf Prozent
aus dem Ausland.
»Heiligendamm ist sicherlich die schwerste
Aufgabe, die im Immobiliengeschäft zu vergeben
ist.« Jagdfeld spricht solche Sätze mit einer eigenen
Haltung, irgendwie demütig und zugleich davon
überzeugt, dass es außer ihm weit und breit niemanden gibt, der dieser Aufgabe gewachsen ist.
Mit seinen naturnahen Hotelideen ist Jagdfeld
nicht weit von den Ursprüngen des Seebades entfernt.
Franz Ferdinand I., Herzog von Mecklenburg-Schwerin, gründete Heiligendamm 1793 als eine Komposition aus Landschaft und Architektur. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich hier einer der vornehmsten
europäischen Urlaubsorte. Zarenfamilie und Kaiser
hielten ihre Füße ins kühle Ostseewasser. Der DDRSozialismus konnte der großbürgerlichen Architektur
wenig abgewinnen – man nutzte das Gelände als Sanatorium und ließ die Bauten verkommen.
Jagdfeld wurde durch ein Foto im Magazin
Focus auf Heiligendamm aufmerksam. Er kam von
dem Gedanken nicht mehr los, mit diesem einmaligen Gebäudeensemble etwas zu unternehmen.
Dann habe er sich Heiligendamm erwandert: »Ich
wollte die Seele dieses Ortes verstehen. Das geht
am besten, wenn man hier herumläuft.«
Mit dem Erfolg des gerade wiedererstehenden
Hotels Adlon im Rücken bekam er den Zuschlag für
die Neugestaltung des ältesten deutschen Seebades.
An die Ausschreibung der Treuhand kann er sich
noch erinnern: Eine Tüte mit Sand war auf den Prospekt geheftet. Jagdfeld liebt diese Details. Er hat eine
Idee, prüft und wägt ab, und irgendwann wird daraus
ein Millionenprojekt, über das mancher ungläubig
den Kopf schüttelt. Natürlich lässt er sich beraten,
rechnet, kalkuliert, aber nicht immer scheint das
wirtschaftliche Kalkül die letzte Instanz zu sein.
Sein Vater, der früh starb, betrieb in Jülich ein
Möbelgeschäft. Gern beruft Jagdfeld sich auf die
»Tugenden der Kindheit«: Fleiß, Bescheidenheit,
aber auch den »Sinn für das Schöne«. Geprägt hat
ihn gleichermaßen das gezügelte Leben in einem
katholischen Klosterinternat. Er studierte Betriebswirtschaft und Altphilologie – und führt auch
heute selten ein Gespräch, in dem nicht beide Disziplinen auf eigenwillige Weise verschmelzen.
Er schwärmt von antiker Lebenskunst und garniert
das Geschäftliche gern mit lateinischen Sinnsprüchen.
Schon als Student verkaufte er Kapitalanlagen. 1981
gründete er die Fundus Fonds Verwaltungen GmbH.
Er plante Einkaufszentren und Möbelmärkte, später
wuchsen ganze Quartiere heran. Das Betonzeitalter
der Nachkriegsjahre wurde abgelöst von der Marmorepoche der Wendezeit: Spätestens mit der Wiederbelebung des Berliner Hotels Adlon beanspruchte
Jagdfeld für sich den Superlativ.
Es gibt nicht wenige, die sagen: Mit dem 2003
wiedereröffneten Heiligendamm ist er in eine Dimension vorgestoßen, die nicht mehr beherrschbar ist. Man spürt, dass dieser Ort, der »Tempel
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am Meer«, für ihn eine existenzielle Bedeutung
hat. Vielleicht entscheidet sich hier draußen, beim
»geliebten Sorgenkind«, wie er sagt, ob Jagdfeld als
Wiederentdecker nobler Immobilienkultur oder
als großer Geldvernichter in Erinnerung bleibt.
Manche Fundus-Anleger haben zu spät begriffen, was es heißt, in einen geschlossenen Fonds zu
investieren. Es ist ein Anlagemodell mit Tücken.
Jagdfeld ist ja nicht nur Fondsinitiator. Für viele
seiner Projekte gründet er eine eigene Entwicklungsgesellschaft, die das Objekt zunächst von
Grund auf saniert. Mit dem Anlegergeld kauft der
Treuhänder Jagdfeld dem Bauunternehmer Jagdfeld das schlüsselfertige Objekt ab – über den Preis
verhandelt er gewissermaßen mit sich selbst.
Erweist sich ein Fonds als zu klein oder der Sanierungsbedarf als zu groß, müssen neue Gelder eingeworben werden. Wer kassiert dafür die »marktüblichen Provisionen«? Jagdfelds Unternehmen. Ein
Geflecht aus GmbHs überzieht vom rheinischen
Düren aus das Land, und überall ist ein Mitglied der
Familie als Geschäftsführer eingetragen. Seine Frau,
die Designerin Anne Maria Jagdfeld, hat die Firma
AMJ Design gegründet, die in vielen Objekten – auch
in Heiligendamm – die gediegene Innenausstattung
beisteuert. Bruder Helmut ist Mitgeschäftsführer in
diversen Gesellschaften, auch die beiden ältesten seiner fünf Söhne haben Posten im Fundus-Imperium.
Mit einer speziellen Art von Understatement sagt
Jagdfeld: »Wir sind ja ein Familienunternehmen.«
»Wer außer uns investiert denn hier?«,
fragt er leicht gereizt
Seine Vorgehensweise ist nicht unüblich. Aber spätestens seit vor allem Projekte in Ostdeutschland
gründlich danebengingen, stehen die geschlossenen
Fonds in einem zweifelhaften Licht. In diesen Konstrukten fehlt es nicht selten an einer gesunden
Machtbalance zwischen Initiator und Anlegern. Die
ließen sich oft von Steuervorteilen in ein riskantes
Geschäft locken und müssen später erkennen, dass
die Möglichkeiten, in die Geschäftspolitik einzugreifen, beschränkt sind. Anleger erzählen, es gelinge
Jagdfeld immer wieder, in den Gesellschafterversammlungen für gute Stimmung zu sorgen, um dann
seine Ziele durchzusetzen. Ob der Vorteil der Fondsgesellschaft oder einer Jagdfeld-Firma sein Handeln
bestimme, sei oft nur schwer zu beurteilen.
Er ist ein Meister des Investoren-Dreischritts:
versprechen, verschieben, vertrösten. Und wenn alles
schiefgeht, sind es die Anleger, die darunter leiden
(siehe Kasten). »Wir haben immer handwerklich
sauber gearbeitet«, sagt Anno August Jagdfeld dazu.
»Die Deutsche Bank hat im Osten viel mehr Flops
gemacht als wir, und die Berliner Landesbank sowieso. Das, was wir beherrschen konnten, das ist gut
gelaufen. Zinsen, Mietmärkte, Volkswirtschaft – das
können wir nicht beeinflussen. Wenn es regnet, werden alle nass.«
Er ist ein Fuchs, der die Grenzen des Rechts ausschöpft. Die zahlreichen Gerichtsverfahren, die Anleger gegen Fundus-Gesellschaften und Bankberater
angestrengt haben, kontert er mit dem Satz: »Wir
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haben noch keinen Prozess verloren.« Und fügt selbstbewusst hinzu: »Was ich für mich als Resümee sagen
kann: Es hat im Osten keiner besser gemacht als ich.
Ich bin mit mir im Reinen.«
Da ist er, der rheinische Großinvestor, leise, aber
über jeden Zweifel erhaben. Und mit guten Kontakten zur Politik. Wolfgang Nagel, vormaliger SPDBausenator aus Berlin, wurde 1996 Geschäftsführer
von Jagdfelds Unternehmen Bredero Projekt Berlin
GmbH, das Schlüsselfertiges liefert und unter anderem das noble Quartier 206 an der Friedrichstraße
betreut. Mit einem linken Pragmatiker wie Helmut
Holter, dem früheren Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, kam Jagdfeld gut zurecht: »Wir
haben festgestellt, dass wir beide unter dem Einfluss
strenger Ideologien groß geworden sind – er im Sozialismus, ich im Katholizismus.«
Johannes Beermann, früher Pressesprecher der
Fundus-Gruppe, ist heute Chef der Sächsischen
Staatskanzlei. An Jagdfeld bewundert er den unternehmerischen Instinkt: »Er sieht Chancen, die andere nicht sehen – und er handelt auch in schwierigen
Situationen überlegt und kreativ.« Dabei sind die
Grenzen des Handelns oft sehr nah. Eine verläuft
direkt vor der Hoteltür, neben dem prachtvollen Severin-Palais. Der Weg wird plötzlich steinig, die untergehende Sonne taucht schmutzige, graubraune
Wände in ein gnädiges Licht. Die »Perlenkette«, eine
Reihe spektakulärer Villen, von der Ostsee nur durch
die Promenade getrennt, verfällt. Villa »Perle« wurde
bereits vor dem G-8-Gipfel abgerissen, »Schwan« und
»Möwe« sollen folgen. Jagdfeld will sie stilecht (aber
mit Tiefgarage) wieder aufbauen. Angeführt von
Fundus-Gegnern und Denkmalschützern, lehnte die
Stadtvertreterversammlung von Bad Doberan den
Bebauungsplan kürzlich ab.
Feierabendpolitiker bringen ein Hotelprojekt
von Weltrang ins Wanken – da wirkt auch Jagdfeld
für einen Augenblick ratlos. »Es sind wenige, aber
lautstarke Leute«, sagt er, »ich hatte nicht mit diesem Ausmaß an Widerstand gerechnet.« Das Hotel, einer der größten Arbeitgeber der Region, hat
die Kommune gespalten. Es gab Streit, weil Zäune
die Gäste von Neugierigen abschotten. »Wer außer
uns investiert denn hier?«, fragt Jagdfeld leicht gereizt. Ein Gönner aus dem Westen, ein Hotel, in
dem ein Zimmer mittlerer Kategorie 400 Euro
kostet – viel Angriffsfläche im armen Nordosten
der Republik.
Aber jetzt soll es ja endlich wieder vorangehen.
Gerade wurde als neuer Hoteldirektor der 38 Jahre
junge Holger König engagiert – er kennt Heiligendamm und kommt pikanterweise von der ungeliebten Kempinski-Gruppe. Wird er den Erfolg bringen?
75 Prozent Auslastung mit Vollzahlern innerhalb von
drei Jahren verspricht Jagdfeld an diesem Nachmittag.
Und der endet mit dem Besuch eines Verbündeten:
Matthias von Hülsen schaut vorbei. Der umtriebige
Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern
könnte ein wichtiger Partner werden, wenn Heiligendamm sich zu einem Hotel für Kulturfreunde
und Bildungshungrige entwickelt. Wann das sein
wird? Na ja, spätestens bis … ach, fragen Sie Herrn
Jagdfeld.
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Geist macht Geld
Die Krise läßt sich auch nutzen – als
Katalysator für Ideen und Allianzen
Totmoosmoor besteht
aus stark humifizierten
Torf- und hellen
Sedimentschichten.
Die Rostfarben bestehen
aus dem Eisenoxid
Ferrihydrit und
zeugen von der
Belüftung des Bodens.
Dieser Boden ist
periodisch überflutet
und mit Flusssedimenten überdeckt
worden. Er ließe sich
erst nach einer
Entwässerung landwirtschaftlich nutzen
Dieser Andosol ist aus
vulkanischen Aschen
entstanden. Die oberen
Lagen sind durch
Humus schwarz, die
unteren durch Eisenoxide braun gefärbt.
Der Boden ist locker
und damit gut durchwurzelbar. Er vermag
viel Wasser und
Nährstoffe zu binden.
Vorkommen:
In Regionen mit
Vulkanismus (Island,
Japan, Neuseeland),
vereinzelt in der Eifel
In schweren Zeiten rücken Menschen enger
zusammen. Forschungsministerin Annette
Schavan macht sich diesen Effekt zunutze.
Wie am Mittwoch dieser Woche in Berlin
versammelt sie Politik, Wirtschaft und Wissenschaft um einen Tisch, stiftet Allianzen
und lässt Strategien schmieden, die von vielen getragen werden.
Peter Löscher (Siemens) trifft in Berlin
auf Hans-Jörg Bullinger (Fraunhofer-Gesellschaft), um »innovationspolitische Impulse«
zu setzen. Stefan Marcinowski (BASF) diskutiert mit Günter Stock (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) über
die Zukunft der Gesundheitsforschung. Dass
die vom Ministerium veranstaltete Konferenz durchaus mehr entzünden kann als ein
rhetorisches Strohfeuer, liegt gerade in der
Krise begründet. Mit Unternehmern und
Forschern versammelt Schavan die wichtigsten Kräfte für den Weg aus dem Tal um
sich. Das zeugt von politischem wie historischem Gespür. »Präsident Franklin D.
Roosevelt hat in den dreißiger Jahren als Reaktion auf die Große Depression eine Verdreifachung des Forschungsbudgets durchgesetzt«, erinnerte Schavan in Berlin. »Das
war eine der Grundlagen für die jahrzehntelange Technologieführerschaft, in deren Folge die USA eine Phase wirtschaftlicher Prosperität erlebten.«
Forschung kann zu Innovation, Innovation zu Wachstum und Wachstum zu Wohlstand führen, das hat auch die Bevölkerung
längst verstanden. Das Institut für Demoskopie Allensbach hat anlässlich des 60. Geburtstags der Republik nach den Vätern des
Erfolgs gefragt. Die Deutschen nannten neben sich selbst als Staatsbürgern (81 Prozent) und den Unternehmern (76 Prozent)
vor allem Wissenschaftler und Ingenieure
(68 und 63 Prozent). Auswege aus der Krise
sehen die Bundesbürger außer in einer finanziellen Entlastung durch Steuersenkungen
vor allem darin, »Unternehmen zu fördern,
die verstärkt in zukunftsfähige Technologien investieren«, und es »Unternehmen zu
erleichtern, Kredite zu erhalten«.
Genau hier will Schavan Akzente setzen.
Sie schlägt vor, Investitionen in Forschung
und Entwicklung steuerlich zu begünstigen,
innovative Start-ups von Sozialabgaben zu
befreien und die Bedingungen für Risikokapitalgeber zu verbessern.
Die Ministerin befindet sich bereits im
Wahlkampf, die Pläne sind bisher nicht mehr
als vorläufige Entwürfe für einen künftigen
Koalitionsvertrag. Der Ansatz aber ist richtig. Enger zusammenrücken kann heißen,
sich gemeinsam vor der Krise zu verstecken.
Oder aber, sie gemeinsam zu nutzen: mit Investitionen in Bildung und damit in junge
Talente, mit Freiraum für Fantasien, mit finanziellen Anreizen für die Forschung, mit
nachhaltigen Ideen für das vielfach beschworene »neue Wachstum«. ANDREAS SENTKER
Dieser Podsol
(»Bleicherde«) hat sich
bei Lüneburg unter
Heidekraut entwickelt,
aus Dünensand.
Die Bleicherde ist
nährstoffarm und
oft schlecht durchwurzelbar, Ackerbau
lohnt sich nur bei
intensiver Düngung.
Podsol-Böden
entstehen auch in
feuchtkühlem Bergland
aus Sandsteinen und
anderem quarzreichen
Material
Die Haut der Erde
Guter Rat
Raubbau und Klimawandel zerstören den Boden. Eine »schwarze Revolution« muss her
Fotos: Otto Ehrmann/www.bildarchiv-boden.de (3); DZ; dpa; Stephan Schute/Zoo Osnabrück (u.)
T
ewolde Berhan Gebre Egziabher ist ein
weltweit geachteter Mann. Er bekam wichtige Preise, doch sein Denken, sagt der
äthiopische Umweltexperte in gepflegtem
Oxford-Englisch, bleibe »bäuerlich, dörflich« geprägt, und gern erzählt er vom Norden des Landes,
aus dem er stammt.
Zum Beispiel von der Gastfreundschaft: Jeder
Fremde habe Herberge, Speise und am Ende auch
noch ein Abschiedsfrühstück bekommen. »Doch
danach ließ man ihn nicht gleich gehen«, sagt
Tewolde Berhan. »Vorher musste er sich erst auf
dem Gelände des Gastgebers diskret
verziehen: zum Düngen!« Der ältere
Herr kichert leise, dann wird er
ernst: »Heute müssen wir erst wieder lernen, dem Boden Respekt zu
zollen.«
Wie Tewolde Berhan fürchten immer mehr
Wissenschaftler, »dass sonst die Grundlagen unserer Ernährung gefährdet sind«; ja sie hoffen, dass
auf die grüne jetzt die »schwarze Revolution« folgt.
Denn im Einsatz für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung konzentrierte sich über
Jahrzehnte alle Welt auf die Ertragsoptimierung
der wichtigsten Kulturpflanzen, mit Gentechnik
oder ohne. Währenddessen lag die Erforschung
der darunterliegenden Nahrungsquelle weitgehend
brach. Erst seit einiger Zeit gerät der Boden wieder
ins Blickfeld; auch beim Kampf gegen den Klimawandel.
Es ist nämlich nicht gut um ihn bestellt. Nach
der jüngsten Erhebung verschiedener UN-Institute (Glada Report 5) ist allein von 1981 bis 2003 fast
ein Viertel der globalen Landmasse degradiert, das
heißt: Die Ertragsfähigkeit hat sich verringert, oder Landwirtschaft offenbarten, gestand selbst die
die Flächen haben sich gar in Wüsten verwandelt. Bush-Regierung Versäumnisse ein. Jetzt finden
Eine Ursache sind Klimaveränderungen, eine an- Stimmen Gehör wie die des Forschers Rattan Lal.
dere: landwirtschaftlicher Raubbau. In unter- In fruchtbarer Erde, sagt er, lägen die Wurzeln für
schiedlichem Ausmaß sind bereits 1,9 Milliarden »politische Stabilität, die Qualität der Umwelt, die
Hektar Land geschädigt, etwa vier Fünftel davon Beseitigung von Hunger und Armut«.
Mit reichlich Superlativen warnt auch
potenzielle Äcker und Weiden. Rund 1,5
der US-Geologe David MontMilliarden Menschen fahren weNacktmulle
gomery davor, die »am meisgen schlechter Böden spärliche
gelten als die hässlichsten Tieten unterschätzte, am weErnten ein.
re der Erde. Dennoch sind die fast haarlonigsten gewürdigte und
Dem weltweiten Versen Nager zur neuen Attraktion in Osnabrück gedabei so existenzielle
lust stünden zwar 15,7
worden. Im März wurde dort im Untergrund
Ressource« weiter
des oberirdischen ein 500 Quadratmeter
zu versiegeln und
großer unterirdischer Zoo eröffnet. Dort
zu verdichten, zu
können Besucher neben den Nacktmullen
übernutzen und
auch Feldhamster, Präriehunde, Graumulle,
zu verschmutzen;
Regenwürmer, Maulwurfs- und Höhlengrillen,
sie zu behandeln
Erdhummeln, Feldmäuse und bald (von Ende
wie »Dreck« – so
Prozent der Bö2009 an) Maulwürfe in ihren Höhlensystemen
lautet der Titel
den gegenüber, die
beobachten. Sprichwörtlich tut sich vor den Beseines Buches über
durch veränderte
suchern der Boden auf. »Naturidentisch« sind Podsol, Schwarzerde,
sie »Erosion der ZiNiederschläge oder
Prärieboden und der für Afrika typische rote sandige Boden nachvilisationen«. Viele aldie Anstrengung von
gebaut. Nebenan geht die Reise durch den Untergrund weiter:
te Kulturen seien »weBauern und NaturschütDas Stollenlabyrinth ist mit dem Naturkundemuseum
niger zugrunde gegangen
zern neu belebt worden
verbunden. Dort sind Waldboden, Ackerboden
als zerkrümelt«, schreibt
seien, rechnet Luc Gnacadja
und Stadtboden, eine Wiese und ein
Montgomery. Auch heute werde
vor. Der frühere UmweltminisMoor nachgebildet.
die existenzielle Grundlage allen Leter Benins leitet das Generalsekretariat
der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüsten- bens vielerorts schneller verbraucht, als sie sich neu
bildung (UNCCD) in Bonn. »Aber es reicht bilden könne.
Bei der Scholle fällt Städtern eben meist nur
nicht«, sagt Gnacadja, »Wir kommen nicht nach.«
Bodendurchlüftung, Gülle und Schichtengrub- Dreck unter den Fingernägeln ein. Einzig die Peber sind eben nicht besonders tauglich für politi- dologen schwärmen vom »Wunder« der Fruchtsche PR. Erst als Preissteigerungen und Hunger- barkeit. Sie erforschen den Boden, der seit jeher
aufstände im letzten Jahr die weltweite Krise der alles verbindet: die Atmosphäre, die Gesteinsdecke,
Im Untergrund
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Wie Wissenschaftler und Politiker
miteinander reden sollten
VON CHRISTIANE GREFE
SCHWARZ
den Wasserkreislauf, die Vielfalt des Lebens. Auch
Raum und Zeit verschmelzen in der »Haut der
Erde«, denn über Jahrhunderte haben Regen und
Wind die Böden geformt, sie zusammengebaut aus
verwittertem Fels, Luft, Wasser, verrotteten Pflanzen und Tieren. In Gemeinschaftsarbeit mit einer
unermesslichen Zahl tatkräftiger Untergrundkämpfer: jagender, wühlender, verdauender Ameisen,
Termiten, Würmer, Mikroorganismen. Dass das
Erdreich Wasser und Nährstoffe für Gras, Bäume
und Kulturpflanzen speichere und ihre Wurzeln
Halt in ihm fänden, sei, schreibt David Montgomery, das Ergebnis einer regelrechten »biologischen Orgie«. Dabei werde »alles Tote ins Leben
zurückgeführt«: Rinde, Blätter, Tierkadaver und,
Erde zu Erde, auch der Mensch. Der Maler Friedensreich Hundertwasser nahm im Humus den
»Geruch der Wiederauferstehung … der Unsterblichkeit« wahr.
Wie vielgestaltig sich die Haut rund um den
Globus gebildet hat, kann man im niederländischen Wageningen bestaunen. Tausend Profile
lagern dort in den Regalen des »Weltbodenmuseums«. Tausend von Tausenden, eine »einzigartige Sammlung«, wie der Leiter Alfred Hartemink
schwärmt.
Der viel gereiste Experte koordiniert für das internationale Boden-Informationszentrum ISRIC
seit Jüngstem ein Großprojekt: die digitale Weltkarte der Böden. So »tot und begraben« sei deren
Erforschung gewesen, sagt Hartemink, dass
»grundlegende Daten oft noch aus den 1960er Jahren stammen«. Die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung
Fortsetzung auf Seite 36
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Politiker nutzen die Wissenschaft wie Betrunkene eine Laterne: Sie suchen nicht Licht,
sondern Halt. So karikiert ein Bonmot das oft
prekäre Verhältnis zwischen Regierenden und
Forschern. »Wissenschaft, Macht, Politik«
lautete das Thema des 33. ZEIT Forums der
Wissenschaft, einer Veranstaltung der ZEIT
und der ZEIT-Stiftung mit dem Deutschlandfunk und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, wünscht sich
von der Politik gerade in Krisenzeiten mehr
Offenheit gegenüber der Politikberatung.
Einig sind sich die Experten, unter ihnen
Claudia Kemfert vom Deutschen Institut
für Wirtschaftsforschung und der Bielefelder
Wissenschaftssoziologe Peter Weingart, dass
es für Politiker schwierig sei, aus den Einschätzungen der verschiedenen Berater verlässliche Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, betonte jedoch: »Wissenschaft
kann Politik nie davon entlasten, Entscheidungen zu treffen.«
Das vollständige Transkript zur Veranstaltung finden
Sie auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/2009/zeitforum
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Die Haut der Erde
Fortsetzung von Seite 35
Fotos: Otto Ehrmann/www.bildarchiv-boden.de (3); DZ
Ein Ranker ist ein
schwach entwickelter
Boden, in diesem
Fall liegt eine dünne
Humusschicht auf
schwach verwittertem
Festgestein. Er tritt
meist an steilen Hängen
auf.
Für Bäume und Kulturpflanzen ist er schlecht
durchwurzelbar,
luftreich und besitzt nur
ein geringes Speichervermögen für Wasser
und Nährstoffe
fördert die neue Orientierungshilfe im Netz mit 18
Millionen Dollar. Die Informationen, die teils aus
Satellitenbildern erhoben werden, sollen Forschern
und Bauern weltweit Anhaltspunkte darüber liefern, mit welchen Mitteln sie die Fruchtbarkeit
ihrer lokalen Böden gezielt verbessern können.
Braune Cambisol-Querschnitte stehen in den
Wageninger Vitrinen und tonreiche Vertisole; Böden aus Westsamoa, der Eifel, Simbabwe. An einem Profil, das in der spanischen Extremadura
gestochen wurde, sind die Folgen extremer Erosion zu erkennen, wie weltweit in ausgeräumten
Landschaften oder an gerodeten Steilhängen:
Dünn und steinig ist die obere Schicht, die Haut
der Erde ist schuppig und schrundig geworden.
Das Muster daneben entstammt einer chinesischen Halbwüste, die verschwenderischer Bewässerung ausgesetzt war. Die Verdunstung hat
schneeweiße Salzkrusten an die Oberfläche steigen
lassen. Von Syrien bis in die USA sind Tausende
von Hektar derart geschädigt, oft wegen falsch gelenkter Subventionen. Auch bei Monokulturen
oder unter dem Druck gewichtiger Landmaschinen geht vielen Böden die Puste aus.
Solche Ermattung sei zwar durch den oft übermäßigen Einsatz von Kunstdünger lange verdeckt
worden, sagt Tewolde Berhan. Doch diese Strategie ähnele, wenn man sie allein verfolge, »der Einnahme von Aspirin gegen Kopfschmerzen: Sie beseitigt nur die Symptome, und am Ende ist der
Kranke zu schwach, als dass Medikamente noch
wirken könnten«. Übrig bleiben Badlands, als Folge kurzfristigen Denkens.
Neben solcher Wohlstandsverwahrlosung entspringt der Mangel an Nährstoffen und Mineralien in tropischen Böden meist dem Gegenteil:
Unterdüngung. Vor allem auf dem alten afrikanischen Kontinent fehlen 85 Prozent der Böden
Stickstoff, Phosphat und Kalium. Pro Hektar werden im Durchschnitt nur acht Kilo Mineraldünger
eingesetzt, im Vergleich zu 93 Kilo weltweit. Dahinter steckt der Teufelskreis der Armut: Bauern
ernten zu wenig, als dass sie die Mittel für Dünger
erwirtschaften könnten; zugleich fehlen ihnen
Kraft und Wissen, um die Fruchtbarkeit natürlich
zu erhöhen. Damit sie nicht ins Bodenlose fallen,
nütze daher zunächst nur chemische Nachhilfe,
meint Alfred Hartemink in Wageningen. Jüngst
haben denn auch Bundesregierung und EU, Weltbank und mehrere Stiftungen Versorgungsprogramme mit Dünger für Afrika aufgelegt.
Doch die Sache hat einige Haken. Zum Beispiel
ist der Markt für Mineraldünger so angespannt,
»dass eine Milliardenspritze für Entwicklungsländer die Preise noch weiter hochtreiben würde«,
urteilt Rudi Buntzel-Cano vom Evangelischen
Entwicklungsdienst. »Allein zwischen 2007 und
2008 stiegen sie um 250 Prozent.« Auch deshalb
gewinnt die Bodenforschung an Terrain. Überall
müssen neue Wege gefunden werden, die Fruchtbarkeit zu erhöhen.
Zumal der Produktionsdruck auf die Böden
steigt. Neben den Nahrungsmitteln für eine wachsende und anspruchsvollere Weltbevölkerung sollen auch noch nachwachsende Rohstoffe gedeihen.
Angesichts möglicher Knappheiten wird schon
»Peak Soil« beschworen, in Anspielung auf Peak
Oil, den Fördergipfel, der den Anfang vom Ende
des billigen Erdöls bedeutete.
Damit nicht genug: Ausgerechnet die Böden
im Süden sind zunehmend Unwettern und Dürren als Folgen des Klimawandels ausgesetzt. Umso
weniger kann der Chef des Wüstensekretariats verstehen, »dass der Eisbär auf seiner schmelzenden
Scholle mehr Aufmerksamkeit erregt als die vielen
Menschen, die wegen schlechter Böden hungern«.
Klimadiplomaten, Energie- und Agrarexperten,
meint Luc Gnacadja, verharrten »jeder in seinem
Elfenbeinturm«. Deshalb würden komplexe Zusammenhänge, aber auch viele Chancen in der
Klimapolitik übersehen.
Je nach Art, wie die Bauern den Boden bearbeiten, tragen sie zur Emission von Kohlendioxid und
der noch aggressiveren Klimagase Methan und
Lachgas bei. Insgesamt ist die Landwirtschaft für
15 Prozent der CO₂-Emissionen verantwortlich,
Die neuen D
Eroberer
Kampf ums Ackerland:
Länder wie Kuwait und China
pachten weltweit Flächen, um die
eigene Bevölkerung zu ernähren
VON TANJA BUSSE
as saudi-arabische Agrarunternehmen Tadco expandiert gerade ins Ausland. Unterstützt vom saudischen König und von
weiteren Partnern, will Tadco 40 Millionen USDollar investieren, um Getreide in Ägypten, Äthiopien und im Sudan anzubauen. In Ländern also,
in denen Millionen Menschen von Hunger bedroht
sind. Kuwait und Qatar züchten bereits für ihre
Bevölkerung Reis in Kambodscha. Derweil verteilen die Vereinten Nationen Nahrungsmittelhilfen
im Wert von 35 Millionen Dollar an hungernde
Kambodschaner.
Das sind typische Beispiele für einen neuen
globalen Trend: Nicht nur die Golfstaaten, auch
China und Südkorea pachten oder kaufen riesige
Flächen fruchtbaren Ackerlands im Ausland, um
ihre Bevölkerung zu ernähren. Auslöser waren die
beiden Großkrisen des letzten Jahres: der plötzliche Anstieg der Lebensmittelpreise und der Zusammenbruch der Finanzmärkte. Sie haben Staaten
alarmiert, die selbst nicht genügend Lebensmittel
für ihre Bevölkerung erzeugen können. Statt auf
freien Handel setzen sie auf Flächensicherung im
Ausland. Das spektakulärste Beispiel lieferte der
südkoreanische Mischkonzern Daewoo. Er stand
Nr. 20 DIE ZEIT
Der Ferralsol besteht,
wie der Name sagt,
aus Eisen- und
Aluminiumoxiden sowie
Tonmineralen (Kaolinit).
Es handelt sich um in
feuchttropischem Klima
im Laufe von Jahrmillionen extrem stark
verwitterten Boden.
Seine Nährstoffvorräte
sind sehr gering.
Dieser Boden aus
Brasilien verdankt
seine rote Farbe dem
Eisenoxid Hämatit
kurz davor, 1,3 Millionen Hektar auf Madagaskar zu pachten – die Hälfte der nutzbaren Agrarfläche der Insel. Das Vorhaben scheiterte zwar
nach dem Putsch der Opposition Mitte März.
Doch der Ausverkauf ist noch nicht voll gestoppt:
Der indische Konzern Larun will laut Le Monde
465 000 Hektar Ackerland im Nordwesten der
Insel pachten. Fünfzig Jahre lang sollen dort Nahrungsmittel für Inder wachsen.
»Hat jemand gesagt, Kolonialismus sei ein
Phänomen der Vergangenheit?«, fragt die internationale Nichtregierungsorganisation Grain in
ihrer Studie Seized über den globalen Verteilungskampf um Agrarflächen.
Ihre Rechercheure in Barcelona haben Dutzende Fälle von »Landnahmen« dokumentiert –
durch Staaten und private Investoren, die ein
gutes Geschäft mit der knapper werdenden Ressource Land wittern.
Dabei bestreiten selbst Entwicklungsorganisationen wie Oxfam nicht, dass Investitionen beispielsweise in die Agrarwirtschaft Kambodschas
dringend notwendig sind. Aber die Armen im
Lande müssten auch am wirtschaftlichen Aufschwung angemessen beteiligt werden.
S.36
SCHWARZ
hinzu kommen 15 Prozent durch Entwaldung
und den Umbruch von Grünland und Mooren.
Denn Böden speichern Kohlenstoff, weltweit
doppelt so viel wie die globale Vegetation und die
Atmosphäre zusammen. Allein in Europa sind 70
Milliarden Tonnen CO₂ in der Erde gebunden;
»eine riesige Menge«, staunte jüngst der EU-Umweltkommissar. Wenn nur ein geringer Teil dieser
Klimagase frei werde, sagt Stavros Dimas, dann
werde das alle übrigen Einsparanstrengungen bei
der Lebensweise der Industriegesellschaften zunichte machen.
Umgekehrt könnten aber die Bewahrung und
neue Einlagerung von Kohlenstoff im Erdreich
den Klimawandel sogar abmildern – und zugleich
die Fruchtbarkeit erhöhen. Seit der letzten Sitzung in Bonn wird daher auch bei den UN-Klimaschutzverhandlungen über den Boden geredet.
In ihrem Rahmen könnten Gelder mobilisiert
werden, damit eine bodenschonende Feldarbeit
in Entwicklungsländern zugleich Hunger und
Klimawandel bekämpft.
Ansätze dafür gibt es viele, von Ägypten bis
Indien haben Dorfgemeinschaften vorgemacht,
wie Steinwälle die Erosion eindämmen, Sträucher
und Bäume über die Jahre organische Materie in
den Boden bringen, Fruchtfolgen Stickstoff binden und mit ihrem reichen Wurzelwerk dazu beitragen können, dass die Feuchtigkeit länger gespeichert bleibt. So sind schon Wüstengebiete
wieder ergrünt. Solche Initiativen würden bisher
nicht ausreichend gefördert, kritisiert der Weltagrarbericht IAASTD.
Erwartungsgemäß blüht auch bei diesem
Thema der grundsätzliche Streit zwischen »konventionell« und »bio«. Die Intensivlandwirte
argumentieren, sie könnten auf weniger Raum
höhere Erträge erzielen und dadurch den Umbruch neuer Ackerflächen verhindern. Viele von
ihnen beginnen, ohne Pflug zu arbeiten, um
Energie zu sparen. Ökobauern indes nehmen
für sich in Anspruch, dass ihre Anbauweise bis
zu 20 Prozent weniger CO₂ emittiert; vor allem,
weil sie keinen Kunstdünger verwenden und
mehr Humus aufbauen. Die Erträge, sagt Paul
Mäder vom Schweizer Forschungsinstitut für
biologischen Landbau (FiBL), seien zwar geringer – aber nur in gemäßigten Breiten, nicht in
den Tropen.
Einen Dämpfer bekamen die Ökobauern dennoch: durch eine Untersuchung des Instituts für
ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Klimaschädlich sind demnach auch Biorinder, die ausgedehnte Weideflächen brauchen; umso mehr,
wenn die Tiere, wie oft in Norddeutschland, auf
trockengelegten Moorböden stehen. Wichtig fürs
Klima wäre es daher, plädiert der Auftraggeber
der Studie, Foodwatch-Chef Thilo Bode, Moore
wieder zu vernässen und als CO₂-Senken zu nutzen. An der Universität Greifswald versuchen
Wissenschaftler, den Konflikt zwischen Bauern
und Klimaschützern im Sumpfland zu mildern.
Erlen, Schilf und Torfmoos zum Beispiel könnten in rekultivierten Mooren als Energiepflanzen
wirtschaftliche Erträge bringen.
Amerikanische und deutsche Forscher experimentieren darüber hinaus mit sogenannter Biokohle. In den Ackerboden gebracht, bindet sie
dauerhaft CO₂ und kann die Erträge ohne Dünger erhöhen, weil Nährstoffe und Wasser besser
gespeichert werden. Noch stecken diese Experimente in den Anfängen; die Kohle, im Idealfall
aus Pflanzenresten und Abfällen gewonnen, muss
biochemische Prozesse durchlaufen, die noch zu
klären sind. Doch Haiko Pieplow vom Bundesumweltministerium erwartet eine »Schlüsselinnovation des Jahrhunderts« – vor allem wenn
die Schwarzerde Teil eines regionalen Stoffstrommanagements werde.
Eine wichtige Komponente in einem solchen
Kreislauf könnten auch Fäkalien sein. Sie würden
dann fruchtbarer als in großen Kläranlagen entsorgt: indem sie den Weg zurück auf den Acker
finden, zwar zuvor in Hightechanlagen gefiltert
– aber letztlich ganz ähnlich wie in Tewolde Berhans Dorf in Äthiopien.
Während die Welternährungsorganisation FAO
vor den Deals mit Ackerland warnt, fördert der
Weltbankchef Robert Zoellick sie, weil beide Seiten davon profitieren könnten. Tatsächlich wird
so endlich wieder mehr Geld in die Landwirtschaft investiert. Doch die Frage bleibt, wem dies
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Die Kalkmarsch ist
Boden des Jahres
2009. Nach dem Bau
von Deichen und
Entwässerungsgräben
bildete sich an der
Nordseeküste dieser für
Getreide-, Raps- und
Kohlanbau geeignete
Boden aus Sedimenten.
Ihre Fruchtbarkeit verdankt die Kalkmarsch
den Regenwürmern, die
das Kalzium mögen:
Hunderte bevölkern
jeden Quadratmeter
nutzen wird. Kritiker mahnen: Die Investoren
werden große industrialisierte Farmen oder Plantagen errichten, und die ehemaligen Bauern, egal
ob sie dort einen Job bekommen oder nicht, werden nie wieder Bauern sein. Das International
Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington bemängelt auch den »Mangel an Transparenz« der Landkäufe; er führe dazu, dass lokal
Betroffene weder beteiligt würden noch sich auf
den Wandel einstellen könnten.
Auch für deutsche Landwirte gibt es Grund
zur Sorge: Für gute Ackerböden sind die Pachtund Bodenpreise hierzulande stark gestiegen. Vor
allem dort, wo Schweinemäster viel Land brauchen, um ihre Gülle loszuwerden, oder Biogasproduzenten für ihre Anlagen Futter kaufen. Insbesondere Nebenerwerbslandwirte haben oft keine
Chance mehr.
Vor Großinvestoren aus Kuwait aber müssen
sich deutsche Bauern nicht fürchten: Das Grundstücksverkehrsgesetz räumt Ansässigen unter bestimmten Umständen ein Vorkaufsrecht ein. Es
bietet eine Sicherheit, von der Kleinbauern in
Madagaskar, Kambodscha oder im Sudan nur
träumen können.
Nr. 20
SCHWARZ
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DIE ZEIT
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WISSEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
37
Alles auf Start
D
em Dreck, zerbröselt man ein paar Krümel Lausitzer Boden zwischen den Fingern, sieht man nichts an. Aber er ist
besiedelt. Wo der Laie nur Sand und
Schmutz erblickt, ist der Forscher mit seinen Gedanken mittendrin in einem faszinierenden Kosmos.
Der Forscher heißt Michael Elmer, ist Landschaftsökologe und weiß: Hier tobt das Leben.
Auf dem Versuchsgelände »Künstliches Wassereinzugsgebiet Hühnerwasser« finden er und seine Kollegen bis zu 40 000 Bodenmilben und
Springschwänze pro Quadratmeter. Hier bewegen
sich Horden von Schalenamöben in dünnen Wasserfilmen zwischen den Bodenpartikeln und jagen
Bakterien. Pro Quadratmeter sind drei Gramm
Bärtierchen und ein Gramm Fadenwürmer unterwegs: Das klingt nach wenig, aber allein diese beiden Tiergruppen stellen in dieser vermeintlichen
Einöde zwei bis vier Millionen Individuen.
Im Jahr 2005 war dieses Stück Boden im Tagebauareal Welzow-Süd, zwanzig Kilometer südlich
von Cottbus, noch wirkliche Einöde. Nachdem
Riesenbagger dem Untergrund seine Braunkohle
entrissen und Vattenfall sie im Kraftwerk Schwarze Pumpe verheizt hatte, musste der Stromerzeuger das zerstörte Gelände pflichtgemäß rekultivieren. Sechs Hektar des malträtierten Landes stellte
er den Bodenkundlern der Brandenburgischen
Technischen Universität (BTU) Cottbus als Versuchsgelände zur Verfügung.
Über die sogenannte Basisschüttung, mit der
die Löcher des Tagebaus aufgefüllt sind, wurde
eine 200 Meter breite, leicht abschüssige Tonschicht gelegt – damit das Regenwasser langsam
nach unten abfließt und nicht versickert. Darüber
liegt nun eine zwei bis drei Meter starke Deckschicht: das originale Substrat aus saalezeitlichem
Geschiebesand und Sandlehm. Am unteren Ende
des Versuchsgeländes sammelt sich das Grundwasser in einem künstlichen See.
Kürzlich wagte sich der erste Säuger
auf die Versuchsfläche – eine Maus
Seither können Hydrologen und Limnologen beobachten, wie der Grundwasserspiegel kontinuierlich steigt. Das Rinnsal, das heute aus dem See
abfließt und versickert, wächst dereinst vielleicht
zu einem Bächlein heran, das die ferne Spree speist
– wie das auf alten Karten verzeichnete natürliche
Hühnerwasser. Geografen, Bodenzoologen, Mikrobiologen und Ökologen, die in einem internationalen Forschungsverbund kooperieren, verfolgen derweil ein spannendes Experiment: wie Leben den humuslosen Boden wieder in Besitz
nimmt. Anfang März ist das Projekt als einer der
365 »Orte der Ideen« ausgezeichnet worden. Kein
Dünger wurde dem Boden zugesetzt, keine Staude
gepflanzt, kein Organismus in der Todeszone
künstlich angesiedelt.
Die Natur muss selber ran, einwandern, Stoffwechsel in Gang setzen. Um ihre Erfolge festzuhalten, messen die Wissenschaftler permanent
Niederschläge, Bodenfeuchte und den Grundwasserspiegel, sie zählen Mikroorganismen und
die Samen von Pionierpflanzen, die herbeifliegen
und in schmierigen Fallen kleben bleiben. Auf
Kärtchen wird eingezeichnet, wie Flora, Fauna
und Erosion die einst platte Fläche mit ihrem
leichten Gefälle in ein buntes Gelände verwandeln. Zu Beginn der Versuche fand Elmer im Untergrund fast ausschließlich Bakterien und einige
Pilze. Aber schon nach Wochen wuchs der Zoo:
Amöben, Fadenwürmer, Kieselalgen. Heute lauern
in feuchten Sandlöchern die Larven der Sandlaufkäfer. Sie jagen Bodenmilben und Springschwänze, schnappen zu, wenn Beute naht.
In den durchsichtigen Därmen von vielen Fadenwürmern und Bärtierchen fanden sich leuchtend grüne Algenreste. Allein das Artenspektrum
der Fadenwürmer belegt genau, wie sich das Leben
im Boden von Jahr zu Jahr entwickelt. Waren die
ersten immigrierten Nematoden noch mehrheitlich Bakterienfresser, vermehrten sich in jüngster
Zeit auffällig die Räuber, Algenfresser und vor allem wurzelsaugende Arten. Für Elmer ein klares
Cottbus
Spree
BRANDENBURG
Drebkau
Welzow
Tagebau
Welzow-Süd
Spremberg
Senftenberg
ZEIT-Grafik
6 km
Domsdorf
SACHSEN
Görigk
Geisen
Hühnerwasser
Jehserigk
Steinitz
Papruth
Abbau-/Rekultivierungsbereich
as
„D
w
er
hn
Hü
se
as
Tagebau Welzow-Süd
Einzugsgebiet
Hühnerwasser
Tagebau Welzow-Süd
2 km
»STÜRMISCHE ENTWICKLUNG«: Geograf
Werner Gerwin (links) und Ökologe Wolfgang
Schaaf auf dem Gelände Hühnerwasser
Zeichen: »Die Nahrungsgrundlage verändert sich.«
Die nächsten Viecher, die er in der Falle erwartet,
sind Regenwürmer, Hornmilben und Asseln.
Noch haben sie sich nicht blicken lassen. Dafür
schaute der erste Säuger vorbei: eine Maus. Jetzt
im Frühjahr quaken Erdkröten und Frösche am
künstlichen See. Doch Wandel heißt auch Abschied nehmen. Sandlaufkäfer werde er nicht mehr
lange antreffen, vermutet Elmer. Die auf diese Lebensräume spezialisierten Insekten werden weiterziehen oder verschwinden. Denn an der Oberfläche beginnt die Wüste zu ergrünen.
»Eine stürmische Entwicklung«, sagt Werner
Gerwin euphorisch. Die Einschätzung überrascht,
wenn man hinter dem Geografen herschreitet, hügelan, zwischen trostlos wirkenden verdorrten, meterhohen Stängeln des Kanadischen Berufkrauts.
Aber Gerwin übertreibt gar nicht mal so sehr. Das
Nr. 20 DIE ZEIT
VON URS WILLMANN
Berufkraut hat im ersten Jahr sofort den ganzen
Platz in Beschlag genommen und sich explosionsartig ausgebreitet. Inzwischen ist die Art wieder
am Verschwinden, weil bis heute mehr als hundert
Pflanzenarten das Hühnerwasser-Einzugsgebiet
ebenfalls für sich entdeckt haben.
Schnellwachsende, schon mannshohe Robinien (Einwanderer aus Amerika) erobern den
Luftraum. Zwischen ihren noch dünnen Stämmen
sprießen Huflattich und Klee, um den Teich ist
ein Schilfgürtel gewachsen. All diese Pflanzen gehen Symbiosen mit Bodenbakterien ein, denn ihre
Wurzeln kämen nicht an die raren Nährstoffe im
Boden heran. Die Einzeller erschließen ihnen das
»dominierende Mangelelement« (Gerwin): Bakterien stellen den wertvollen Stickstoff zur Verfügung. Und profitieren im Gegenzug vom Zuwachs organischen Pflanzenmaterials im Boden.
Ein Zufall hat den Wissenschaftlern interessante Versuchsbedingungen beschert. Als ihr Urboden
damals aufgeschüttet wurde, kippten die Absetzer
erst die eine Hälfte voll, einige Zeit später die zweite. Das Material kam aus dem Vorfeld der aktuellen
Tagebaugrube unweit des Versuchsgeländes. Zwischen der ersten und der zweiten Aufschüttung
hatte sich der gigantische Abraumbagger fortbewegt.
Daher stammt das kulturfähige Substrat nicht exakt
von derselben Stelle. Von der Art her ist es zwar
identisch (Sand aus dem Zeitalter des Quartärs),
aber dennoch gibt es minimale Unterschiede.
»Wir hätten nicht gedacht, dass die Folgen so
groß sind«, sagt der Geoökologe Wolfgang Schaaf.
Er untersucht vor allem, welche Stoffe im »Ausgangssubstrat« den biologischen Kreislauf beschleunigen oder bremsen. Weil der eine Untergrund einen Hauch lehmiger ist als der andere und
Feuchtigkeit besser speichert, feiert das Pflanzenleben hier das viel spektakulärere Fest. »Wir haben
zwei erstklassige Vergleichsflächen«, sagt Schaaf.
Auch zwei wütende Gewitter zeitigten große
Wirkung. Schnell abfließendes Wasser fräste metertiefe Canyons in den Boden. In diesen erodierten Tälchen sammeln sich die Samen. Dort grünt
es heute weitaus intensiver als auf den teilweise
versiegelten Ebenen, auf denen Wasser abfließt
und schneller verdunstet.
Vier Jahre nach dem Start bleiben am Rand einige Mini-Einöden nahezu pflanzenfrei. »Hier ist
wohl geringfügig tertiäres Material reingeraten«,
sagt Schaaf und kniet nieder, wo nichts sich regt.
»Pyrit«, sagt er – einer der schlimmsten Hemmstoffe für das Leben. Oxidiert dieses im Volksmund
Katzen- oder Narrengold genannte Mineral, dann
entsteht Schwefelsäure. Der pH-Wert pyritreicher
Flächen liegt ätzend tief. Da dauert es oft Jahrzehnte, bis die Schöpfung überhaupt Anlauf nimmt.
Bis zur Wende wurde pyrithaltiger Boden einfach
neutralisiert: Kalkhaltige, basische Asche aus dem
Kraftwerk wurde der sauren Erde beigemischt. Diese Abfallverwertung ist heute verboten, aus Angst vor
Schwermetallen. Den DDR-Behörden ermöglichte
sie, öde Abbauflächen rasch zu begrünen: Bis zum
Horizont wächst Kiefernwald, in Monokultur.
Inmitten eines solchen Schwarzkiefernhains,
auf der Bärenbrücker Höhe, unterhält die BTU
Cottbus eine Versuchsparzelle. Wolfgang Schaaf
schildert, was dort im künstlich geschaffenen Boden, im »Technosol«, passiert: Die Baumwurzeln
haben sich nur in den oberen 40 Zentimetern ausgebreitet – in dem mit kalkigem Abfall entsäuerten
Grund. Aber auch darunter tut sich viel. Die Säure
ist nach 40 Jahren abgebaut, übrig bleibt das organische Material. Dessen Kohlebrocken sind erstklassige Wasserspeicher. »Solcher Boden ist nicht
nur schlecht«, sagt Schaaf und verrät, dass auch im
menschgemachten Boden eine Symbiose kleine
Wunder schafft. Hier helfen Pilze den Pflanzen:
»Mykorrhiza« heißt die Symbiose aus Wurzeln
und Pilzen. Letztere nehmen Mineralien und aus
den schwarzen Knollen Wasser auf und geben alles
an die Wurzeln weiter. So überstehen die Wälder
in der trockenen Lausitz auch lange Dürrephasen,
fast unglaublich schnell ist auf dem Technosol
Humus entstanden.
Ähnlich wird es auch im Versuchsgelände Hühnerwasser sein. »Hier hat die Vegetation Anlauf-
S.37
SCHWARZ
schwierigkeiten«, sagt Schaaf und erhebt sich wieder von dem sauren, toten Fleck, wo nur am Rand
spitzbübisch ein paar Silbergrasbüschel den Elementen trotzen. Er ist überzeugt: Wenn in den
pyrithaltigen Ecken die Säure verschwunden ist,
wird auch dort der Technosol zur Turboerde.
Allerdings wird es Jahrhunderte dauern, bis die
Vegetation hier so vielfältig ist wie in typischem
deutschen Waldboden. Erst nach und nach erarbeitet die Forschung das Inventar des Lebensreichtums im Erdgeschoss und entschlüsselt die
symbiotischen Spiele, mit denen es sich die
Unterwelt erschließt. Einige Zahlen belegen die
Fülle: 1 Million Wimperntierchen, 10 Millionen
Wurzelfüßer, 100 Milliarden Pilze, 10 Billionen
Actinomyceten (meist fadenförmige Bakterien
und Pflanzensymbionten) sowie 100 Billionen anderer Bakterien beleben den Humus eines Quadratmeters Waldboden.
Dieser ist dank seines (zu 90 Prozent unbekannten) Artenreichtums quasi der Regenwald unter den
Weltböden. Aber nicht nur in seinem Untergrund,
auch darüber sind ständig vielzählige Recyclingmannschaften beim Verwerten der Biomasse. Sie
zerlegen organisches Material wieder zu anorganischem Pflanzendünger und halten so den Nahrungskreislauf in Schwung. Auf einem Hektar Wald
verwerten – ohne Säuger und Vögel – schätzungsweise 15 Tonnen mehrzelliger Tiere, Pilze und Bakterien jeden Krümel Pflanzenmüll. Ihr Lebendgewicht entspricht dem dreier großer Elefanten.
Im Mikrokosmos unter der Erde geht
es zu wie auf einem Drogenmarkt
Allein die Würmer vollbringen eine wahrhaft tierische Leistung: Täglich schieben sie in dieser Fläche
insgesamt eine halbe Tonne Erde durch ihr Gedärm, lockern und belüften so den Untergrund,
zum Vorteil von Flora und Fauna. In diesem Mikrokosmos geht es zu wie auf einem Drogenmarkt. So
liefern auch Pilze Stickstoff an viele Pflanzen. Diesen besorgen sie sich, indem sie zum Beispiel tote
Fadenwürmer und anderes Material auslaugen.
Die Pilze erhalten für ihre Lieferungen von den
Pflanzen Kohlenhydrate (Zucker). In dieser
Tauschbörse unterhalten sich Anbieter und Nachfrager mit Signalstoffen. So locken Wurzeln Tiere,
Pilze und Bakterien zum Dealen an – oder sie verjagen aufdringliche Parasiten mit Giftstoffen.
Das aufblühende Leben im HühnerwasserAreal erforschen die Cottbuser Bodenkundler
nicht allein. Eine Gruppe der Technischen Universität München kümmert sich um die Grundlagen der Fruchtbarkeit: Im Labor untersucht
Ingrid Kögel-Knabner an Proben des Hühnerwasser-Bodens die »abiotisch geprägten Strukturen und Prozesse«. Die Bodenkundlerin versucht
herauszufinden, welche Mineralien besonders als
Ionentauscher aktiv sind und so für die Initialzündung der biologischen Besiedlung sorgen.
»Boden ist mehr als zerkleinertes Gestein«, sagt
sie. Die Geschwindigkeit, mit der Boden zu Lebensraum oder zur CO₂-Senke gegen den Klimawandel wird, hängt maßgeblich von Mineralien
ab: Je größer die Oberfläche der Eisenoxide, desto
effizienter arbeiten sie als Tauscher von (positiv geladenen) Kationen und (negativen) Anionen. Und
desto schneller entsteht lebendiger Humus.
Auch im Hühnerwasser überschlagen sich die
Ereignisse. »Die ist neu hier«, sagt der Geograf
Werner Gerwin, als er neben dem Pfad aus Kunststoffplatten eine Jungkiefer entdeckt. Jeder einzelne Baum ist hier persönlich bekannt. Prachtstück
ist eine stattliche Robinie, die mitten auf einem
Messfeld steht – fast aufdringlich, als wollte sie
beim botanischen Monitoring auf keinen Fall
übersehen werden.
Gespannt erwartet die Beobachtertruppe weitere Veränderungen, etwa in der Teichfauna. »Eines
Tages wird hier ein Fisch schwimmen«, prophezeit
Schaaf. Wie aber soll der in diese Einöde finden?
»Manchmal kleben Fischeier an Wasservögeln.« Er
lacht: »Enten haben wir schon.«
a www.zeit.de/audio
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Schwarzerde speichert
viel Wasser und Nährstoffe und ist daher sehr
fruchtbar. Die Färbung
ist das Werk von
Regenwürmern,
Hamstern und anderen
Wühlern, welche die
Stoffe des Humusbodens mischen.
Schwarzerde findet man
in der Magdeburger und
der Hildesheimer Börde
oder weltweit in früheren
Steppengebieten
(ungarische Puszta,
Mittelwesten der USA)
Fotos: Otto Ehrmann/www.bildarchiv-boden.de; DZ; Urs Willmann (l.)
Auf einem Versuchsfeld im Kohletagebau verfolgen Cottbuser Forscher, wie sich auf toter Materie Leben entwickelt
Nr. 20
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SCHWARZ
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DIE ZEIT
WISSEN
Serie
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Werner Sobek
Architekt
Gebäude sind die größten
Klimasünder der Welt. Ihr
Bau, ihr Betrieb und Abriss
sorgen für mehr Emissionen
als der gesamte Transport
und Verkehr. Daher hat sich
Werner Sobek einer klimaund ressourcenschonenden
Bauweise verschrieben.
Ein Grüner sei er aber nicht,
sagt der 1953 geborene
Schwabe, der heute
Professuren in Stuttgart und
Chicago innehat und Büros
in New York, Moskau und
Dubai unterhält.
Das Prinzip »Dreimal null«
Vordenker
Frei Otto (* 1925)
Mit ihm zog die Natur in die
Architektur ein: Frei Otto
(oben links) wurde weltweit
bekannt für Bauten, die fast
schwerelos erscheinen und
an organischen Strukturen
orientiert sind. Zu seinen
berühmtesten Entwürfen
zählt das zeltartige Dach des
Münchner Olympiageländes.
Werner Sobek ist Ottos
Nachfolger am Institut für
Leichtbau in Stuttgart.
Gegendenker
Hans Stimmann (* 1941)
Von 1991 bis 2006 prägte
Hans Stimmann (unten
links) das Erscheinungsbild
der deutschen Hauptstadt.
Als Senatsbaudirektor und
Staatssekretär in Berlin
propagierte Stimmann die
»kritische Rekonstruktion«
und verordnete Sandsteinstatt Glasfassaden. Auch der
von ihm befürwortete
Wiederaufbau des Berliner
Schlosses steht Sobeks
Denken diametral entgegen.
Mitdenker
Michael Braungart
»Cradle to Cradle« heißt
das Konzept von Michael
Braungart, von der Wiege bis
zur Wiege. Es steht für eine
Produktionsweise, in der es
keinen Abfall, sondern nur
einen Kreislauf von Stoffen
gibt. Der 1958 geborene
Braungart (unten rechts) ist
Gründer des EPEA-Instituts
in Hamburg und begeistert
mit seiner ökologischen
Vision Umweltschützer
ebenso wie Unternehmer.
W
er das Prinzip Werner Sobek verstehen
will, sollte sich von dem Schwaben sein
Eigenheim zeigen lassen. Mit einem kleinen, verbrauchsarmen Smart Diesel fährt
der Architekt und Ingenieur den Besucher von seinem
Büro in Stuttgart-Degerloch ein paar Kurven weiter zu
einem unscheinbaren Tor, das sich per Fernbedienung
öffnen lässt. Dahinter wird man vom Bellen eines großen Hundes und vom lauten Geschnatter zweier ausgewachsener Gänse begrüßt. Vom Parkplatz führt der
Architekt auf einem Steg, der im sorgsam gepflegten
Bambusgarten über dem Rasen schwebt, hinab zum
Haus: Es ist ein ebenso schlichter wie eleganter dreistöckiger Kubus aus Glas, der einem Steilhang entspringt. Von hier aus hat man einen überwältigenden
Blick über Stuttgart – und wer nur ein wenig von der
Imaginationskraft des Erfinders Sobek hat, der kann
sich hier ganz leicht in die Hollywood Hills träumen.
Drinnen ist vieles von Computern gesteuert, das Haus
kann weit mehr, als Jacques Tati in seinem Film Mon
Oncle zu fürchten wagte: Die Kühlschranktür öffnet sich
auf eine Winkbewegung hin, die Wassertemperatur im
Badezimmer wird über Sensoren gesteuert, das Klima in
diesem luftigen, an Wänden armen Haus kann je nach
Etage kühler oder wärmer eingestellt werden – und das
lässt sich sogar vom Computer im Gästehaus aus steuern,
in das sich Sobeks erwachsener Sohn dauerhaft zurückgezogen hat.
Die technischen Spielereien seien allerdings nur
Beiwerk, sagt der Architekt und wischt ein paar unsichtbare Krümel von der Arbeitsplatte in der Küche.
Das Hauptanliegen bei der Planung und dem Bau vor
gut einem Jahrzehnt war ein anderes. Das Eigenheim
führt den ganzen Ehrgeiz dieses international erfolgreichen Architekten vor, sein Prinzip des Bauens, das
er einmal »Triple Zero« genannt hat, dreimal null:
Das Haus darf aufs Jahr verteilt null Energie mehr
verschwenden, als es selbst durch die Photovoltaikanlage auf dem Dach und den Wärmetauscher am
Boden erzeugen kann. Es soll null Kohlendioxid emittieren. Und es muss vollständig demontierbar und
recyclingfähig sein, sodass irgendwann einmal annähernd null Müll übrig bleibt. Wobei sich die Frage
stellt, wer dieses Haus, das von Dutzenden Architekturzeitschriften als ikonisches Wohnhaus des 21. Jahrhunderts gefeiert wurde, je wird demontieren wollen.
Gebäude sind die größten Klimasünder der Welt.
Ihr Bau und Abriss, ihr Betrieb und ihre Instandhaltung verbrauchen mehr Ressourcen und sorgen für
mehr Emissionen als zum Beispiel der gesamte Transport und Verkehr. Die Gebäude versiegeln die Böden
und hinterlassen Unmengen von Schutt und Sondermüll. Wer also den Wunsch verspürt, die Welt vor der
Klimakatastrophe zu retten, der ist mit einem Architektur- oder Bauingenieurstudium nicht schlecht beraten. Die Frage, die immer mehr Vertreter dieser
Zünfte umtreibt, lautet: Wie können wir die schmutzigen Gebäude an die Leine nehmen?
Im vergangenen Herbst unterzeichneten mehrere
international bekannte Architekten auf der Biennale
in Venedig ein Manifest für eine »Dritte Industrielle
Revolution«. Ende März haben die deutschen Architektenverbände ein eigenes Manifest nachgelegt, ihre
Parole lautet: »Vernunft für die Welt!« Die Baumeister, Stadtplaner und Ingenieure verpflichten sich darin, durch einen gezielten Umbau aus Energiekonsumenten Energieproduzenten zu machen, durch eine
Nr. 20 DIE ZEIT
sinnvolle Verdichtung von Baukörpern Flächen zu
schonen, dem öffentlichen Nahverkehr Priorität gegenüber dem motorisierten Individualverkehr zu verschaffen und den Wasserverbrauch zu reduzieren.
Die Verbände, könnte man einwenden, kümmern
sich reichlich spät um ihre Vernunft. Seit Jahrzehnten
warnen Klimaforscher vor dem Wandel, und seit den
Anfängen der Ökologiebewegung haben sich einzelne
Architekten wie Thomas Herzog, Rolf Disch und Stefan Behling für die Solararchitektur engagiert.
Vor knapp zwanzig Jahren hielt Werner Sobek erste Vorlesungen zum Thema Recycling am Bau. Doch
er ist, wie er selbst betont, kein klassischer »Müsli«
oder Grüner – das würde man ihm auch gar nicht
abnehmen. Neben seinem umweltfreundlichen Smart
fährt er im Sommer auch noch ein großes, böses Cabrio, andauernd pendelt er mit dem Flugzeug zwi-
TEIL 6
Wer
denkt für morgen?
Eine ZEIT-Serie stellt zwölf führende
Aufklärerinnen, Denker und Visionäre
vor. Bisher erschienen:
Nr. 15: Sunita Narain, Ökologin,
und Robert Shiller, Ökonom
Nr. 16: Michael Tomasello, Psychologe
Nr. 17: Eva Illouz, Soziologin
Nr. 18: Thomas Pogge, Philosoph
Nr. 19: Jesper Juul, Familienexperte
NÄCHSTE WOCHE: Der Neuroforscher
Henry Markram baut das Gehirn nach.
Alle Teile der Serie auf ZEIT ONLINE:
www.zeit.de/denker
schen seinen Büros in Stuttgart, New York, Frankfurt,
Moskau, Dubai und seiner zweiten Professur in Chicago. Und zusammen mit dem Architekten Helmut
Jahn hat er auch einen der größten Flughäfen der
Welt gebaut, den in Bangkok. Wahrlich kein TripleZero-Gebäude.
Aber Sobek ist ein fleißiger, erfindungsreicher Ingenieur, der sich vom Klimawandel herausgefordert
fühlt: Er will sich seine schöne Welt – etwa das von
ihm geliebte und oft bereiste Patagonien – nicht kaputt machen lassen. Der modische Wortschwamm
»Nachhaltigkeit« wird bei Sobek sehr konkret, benennt ein Prinzip, das schon dem Nachkriegskind
vom Land mitgegeben wurde. »Das Nachhaltige ist
etwas zutiefst Schwäbisches«, sagt er: »Die extreme
Armut, die über Jahrhunderte in der Region herrschte, aus der ich komme, hat in der Bevölkerung zu
Sparsamkeit und Sorgfältigkeit geführt. Hier wurde
traditionell nichts weggeworfen, man verwendete es
anders weiter.« Eine von Menschenhand gemachte
Katastrophe muss man auch durch Menschenhand
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SCHWARZ
abwenden können, das scheint seine Devise zu sein.
Dabei setzt er vor allem auf bessere Technologien.
Und die müssen laufend weiterentwickelt werden.
Also gibt es zwei Sobeks, einen Fundi-Sobek, der weit
in die Zukunft denkt, der Wohnblasen entwickeln
will und zusammen mit Raumfahrtingenieuren oder
dem Philosophen Peter Sloterdijk über Gebäude aus
Schäumen oder Stoffen nachdenkt.
Und andererseits ist da der Realo-Sobek, der die
Konstruktion des Flughafens in Bangkok oder des
spektakulären Mercedes-Benz-Museums entwickelt
und mit seiner eigens gegründeten Unterfirma WS
Green Technologies für diverse Auftraggeber die
Nachhaltigkeit von einzelnen Bürotürmen oder ganzen Stadtteilen prüft. Der Realo-Sobek gehörte vor
zwei Jahren auch zu den Gründern der Deutschen
Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), eines
Vereins, in den Architekten, Ingenieure, die Bauindustrie und wichtige Immobilienfirmen einbezogen
wurden. Als Präsident der Gesellschaft hat Sobek einen Kriterienkatalog mit erarbeitet, nach dem seit
Anfang dieses Jahres Zertifikate für besonders nachhaltige Bauten verliehen werden – etwa an das von
den Architekten Sauerbruch Hutton in Dessau neu
gebaute Bundesumweltamt.
Sobek und seine Mitstreiter wollten ein System
schaffen, mit dem man die ökologische Qualität eines
Gebäudes genau beziffern kann – und zwar nach
strengeren Kriterien als das konkurrierende Klassifizierungssystem aus den USA namens LEED (Leadership in Energy and Environmental Design). Die
Deutschen bewerten nicht nur Energiebedarf, Treibhauspotenzial und Flächeninanspruchnahme, sondern etwa auch die Innenraum-Luftqualität, den
akustischen Komfort und die Umnutzungsfähigkeit.
Mit dem DGNB-Zertifikat verbindet sich allerdings
für viele nicht nur der Wunsch, die Welt zu retten, sie
wollen auch Profit machen: Nachhaltige Gebäude
können schon heute teurer verkauft und vermietet
werden als »emittierende« Gebäude. Die Baukosten
eines ökologisch integren Hauses sind zwar um ein
paar Prozent höher als bei einem konventionell gebauten Haus, dafür sinken dauerhaft die Unterhaltskosten. So könne, sagt Sobek, ein wirklich nachhaltiger Bau schon nach zehn bis zwanzig Jahren seine
kompletten Baukosten amortisieren.
Das Zertifikat ist jedoch bisher nur auf Neubauten
ausgerichtet. Problematisch bleibt die Sanierung und
Bewertung des Bestands. Man müsse die alten Häuser
einerseits dämmen, andererseits dürften durch die
Dämmstoffe auch keine Komplikationen beim Recyceln entstehen, sagt Sobek. Gleichzeitig müssten Altbauten so hochgerüstet werden, dass sie aus Erdwärme oder Sonnenlicht aktiv Energie erzeugen können
– ohne dass darunter ihre ästhetische Anmutung leide. Wie man das konkret bewerkstelligen soll und wie
man das Nachhaltigkeits-Zertifikat auf den Bestand
anwendbar machen kann, darüber grübelt der RealoSobek noch an seinem Schreibtisch in einem nicht
von ihm entworfenen, langweilig-hässlichen Bürobau
in der Stuttgarter Albstraße, wo auf drei Etagen etwa
zweihundert Menschen für ihn arbeiten.
Der Fundi-Sobek hingegen hat seinen Schreibtisch
in einem Zelt ein paar Kilometer entfernt. Hier träumt
er davon, dass er irgendwann einmal in einer mobilen
Glasblase leben kann, deren sogenannter ökologischer
Fußabdruck noch kleiner ist als der seines jetzigen Ei-
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VON TOBIAS TIMM
genheims. Das Zelt steht auf dem Campus der Stuttgarter Universität, es beherbergt das von Sobek geleitete Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren (ILEK).
Frei Otto, der Konstrukteur des Münchner Olympiazeltes und Vorgänger von Werner Sobek am Institut für Leichtbau, hatte dieses Gebäude 1964 als Test
für den deutschen Expo-Pavillon in Montreal errichtet. Es ist 500 Quadratmeter groß, wurde innerhalb
eines Tages aufgebaut, ein Metallmast steht in der
Mitte, Stahlseile halten die Konstruktion. Zur Dämmung hat man das Zelt mit Schindeln versehen, von
innen auch mit Holz ausgekleidet. Es ist ein schöner,
offener Raum, in dessen Mitte eine erhöhte Bibliothek und eine kleine Teeküche thronen. An den
verglasten Rändern des Rundbaus stehen die Schreibtische der gut zwei Dutzend Assistenten, die hier forschen. In den Regalen und an den Zeltwänden finden
sich alte Modelle und Messinstrumente, darunter
etwa auch eine Seifenblasenmaschine, mit der früher
komplizierte Oberflächenkonstruktionen veranschaulicht wurden. Heute erledigt so etwas der Computer
mit seinen 3-D-Programmen.
»Hier forschen wir für übermorgen, nicht für heute Nachmittag«, sagt Sobek, der den Stolz über seine
Leistungen selten verbergen kann. Wie einst schon
unter Frei Otto lernen die Schüler Sobeks von den
Strukturen der Natur. Sie forschen etwa nach einem
Beton, der wie ein Knochen aufgebaut ist: außen je
nach Belastung stabil, innen aber porös. Die Luftbläschen im Inneren sorgen für die Wärmedämmung.
Dieser wandlungsfähige Beton wäre also nicht nur
leichter, man würde auch am Material sparen und
müsste keine weiteren Dämmstoffe mehr aufkleben
– ein sortenreiner, wiederverwendbarer Werkstoff.
Mehrere Forschungsteams arbeiten hier an vergleichbaren Projekten, aus manchen werden wohl
schon bald neue Baustoffe und Patente hervorgehen
oder Häuserfassaden, die noch mehr Energie sparen.
Die Industrie ist an solchen womöglich sehr profitablen Baustoffen interessiert und unterstützt Sobeks
Forschung mit Drittmitteln. Andere Projekte scheinen noch weit entfernt von der Realisierung. Eine
Studentin hat Glas aufgeschäumt, ein Doktorand
forscht an adaptiven Tragwerken, an Gebäuden mit
Muskeln also, die außergewöhnlich hohe Belastungen
etwa durch Erdbeben oder Schnee ausgleichen können. Und Timo Schmidt, der inzwischen als Projektingenieur für den Realo-Sobek arbeitet, hat für seine
Doktorarbeit zusammen mit Medizinern von der
Universität Tübingen geforscht. Er arbeitet am sogenannten Tissue Engineering, an Technologien, die
aus Zellkulturen dreidimensionale Gebilde wachsen
lassen. Vielleicht wird Timo Schmidt Wege finden,
wie wir unsere Häuser ganz einfach von Bakterien
und Pilzen bauen lassen.
Bis dahin werden allerdings Jahre oder Jahrzehnte
vergehen. Das Fundi-Projekt, das der Realo-Sobek
dagegen noch dieses Jahr umsetzen will, ist ein Eigenheim aus Stoff. Ein Haus aus einem Tuch, das man
vielleicht auf japanische Art faltet, damit es zugleich
stabil und flexibel ist. »Ein Haus aus Stoff«, glaubt
Werner Sobek, der gern gut geschneiderte schwarze
Anzüge und weiße Hemden trägt und Yves Saint Laurent zu seinen wichtigsten Vordenkern zählt, »könnte
noch leichter und nachhaltiger sein als ein Haus aus
Glas.« Und vielleicht auch noch eleganter.
Fotos im Uhrzeigersinn: Andreas Heddergott/SZ Photo; Theodor Barth/laif (groß); Frank Ossenbrink; Eventpress Herrmann
Werner Sobek baut für die Zukunft: Seine Häuser sollen Energie sparen, keinen Müll erzeugen und das Klima retten
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DIE ZEIT
Süd
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WISSEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
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Die Fiebermesser der Republik
Am Robert-Koch-Institut koordinieren Epidemiologen den Kampf gegen die Amerikagrippe. Ein Besuch im Lagezentrum
D
er Patient Deutschland wird in einem
Raum mit elf Telefonen und acht Computern betreut. Krankenzimmer braucht
man hier keine. Um den Einzelnen
kümmern sich die Ärzte draußen vor Ort. »Wir im
Lagezentrum versuchen die ganze Bevölkerung im
Blick zu behalten«, sagt Epidemiologe Osamah Hamouda. Er deutet quer durch den Raum auf eine
meterhohe Karte an der Wand. Rote Punkte markieren die Stellen, wo in Deutschland am InfluenzaVirus AH1N1 Erkrankte liegen. Vor Kurzem ist
Frankfurt an der Oder hinzugekommen, ein Ehepaar,
gerade zurückgekehrt vom Urlaub in Mexiko. Obwohl beide nur schwache Symptome zeigten, wurden sie sofort isoliert. Schnelligkeit, sagt Hamouda,
sei bei einer Epidemie das Wichtigste.
Acht Personen arbeiten an diesem Montagmorgen zur Frühschicht im Lagezentrum des RobertKoch-Instituts (RKI), Standort Weißensee in Berlin.
Gabriele Poggensee, Ende 40, Turnschuhe, Handy
am Gürtel, sitzt an der Stirnseite der Tische, die in
Form eines U einander zugewandt sind. Sie ist heute für die Koordination zuständig, geht von einem
Arbeitsplatz zum nächsten, telefoniert, gibt mit heller Stimme Anweisungen im Minutentakt. Sieben
Stunden lang sortiert Poggensee sämtliche Informationen über Influenza AH1N1 – die Schweinegrippe, die von Fachleuten aber korrekter Amerika- oder
Mexikogrippe genannt wird (weil dort das Virus
erstmals nachgewiesen wurde). Neuigkeiten treffen
im Lagezentrum elektronisch und per Telefon ein,
oder sie werden persönlich überbracht. »Wenn wir
hier den Überblick verlieren, dann hat ihn keiner
mehr in Deutschland«, sagt sie.
Dreh- und Angelpunkt Deutschlands im Kampf
gegen das neue Virus. Täglich von 8 bis 21 Uhr fahnden die Mitarbeiter des RKI hier nach ihm, sammeln
Verdachtsfälle, formulieren Empfehlungen, scannen
das Internet nach Erkenntnissen. Man steht zwar mit
den meisten Organisationen in direktem Kontakt,
aber »die eine oder andere Information bleibt immer
irgendwo hängen«, sagt Koordinatorin Poggensee.
Und gerade die kann maßgeblich sein, um mit der
Amerikagrippe Schritt zu halten.
Durch die Globalisierung und den internationalen Flugverkehr ist nicht nur der Mensch heute
auf der ganzen Welt zu Hause. Die Seuchenkeime
reisen mit. Früher waren Infektionskrankheiten
auf einen Landstrich oder zumindestens auf einen
Kontinent beschränkt. Heute breiten sie sich innerhalb von wenigen Tagen über den ganzen Planeten aus. Kaum eine Woche dauerte es, bis die
Amerikagrippe ihre ersten Opfer in Asien und Europa gefunden hatte. Vermeiden lässt sich das
schnelle Ausbreiten kaum. Wenn Viren Ländergrenzen passieren, reisen sie unbemerkt mit ein,
vorbei an Durchleuchtungsgeräten, Zoll- und
Passkontrollen. Im neuen Territorium breiten sie
sich von Lunge zu Lunge aus, bis ein Arzt sie bei
einem Patienten entdeckt, identifiziert, meldet –
und damit eine Informationskette in Gang setzt,
die im Lagezentrum auf der »Line List« endet.
Wie bei Sherlock Holmes kommt
es auf jedes Detail an
Wenn zwei Viren sich kombinieren:
Das ist das Horrorszenario
EINE VIROLOGIN des
Robert-Koch-Instituts legt
Schutzkleidung an.
Die Forscher fürchten neue
Mutationen des Virus
Foto [M]: Falko Siewert/picture-alliance/dpa
Die Anspannung lässt langsam nach. Fast 20 neue
Verdachtsfälle hielten die Mitarbeiter am Donnerstag vergangener Woche in Atem, heute wird
bis Mittag gerade mal einer gemeldet. Die WHO
bleibt zwar bei der Alarmstufe fünf von sechs, sie
hält eine Pandemie, eine weltweite Verbreitung,
weiterhin für möglich. Mexiko aber meldet, dass
die Epidemie abklingt. Ist die Gefahr vorbei?
Hamouda spitzt den Mund. »Die Erkrankungen außerhalb Mexikos scheinen tatsächlich einen
milden Verlauf zu haben«, sagt er. Andererseits
kenne man noch nicht alle Fälle. Zudem könne
das Virus jederzeit mutieren, könnten verschiedene Viren zu einem neuen verschmelzen. »Das ist
das Horrorszenario«, sagt Hamouda. Die Vogelgrippe etwa ist extrem aggressiv, rund 50 Prozent
der infizierten Patienten starben, doch ein Überspringen von Mensch zu Mensch geschieht extrem
selten. »Würde sich das Virus jedoch mit der leicht
übertragbaren Amerikagrippe kombinieren, könnte das verhängnisvolle Folgen haben.«
Wahrscheinlich ist das nicht, aber möglich. Solange Hamouda nicht genügend weiß, bleibt er bei
seiner Gratwanderung zwischen Dramatisieren
und Verharmlosen. Diesen Balanceakt müssen
auch die Mitarbeiter des RKI an der Hotline ständig bewältigen, wenn sie mit besorgten Bürgern
oder Hausärzten sprechen. »Kennen Sie die Nummer der Hotline?«, fragt Hamouda. Die letzten
vier Ziffern seien ganz leicht zu merken: Man
brauche auf der Telefontastatur nur H1N1 einzugeben.
Bis das Virus vor etwa zwei Wochen die Weltbühne betrat, war das Lagezentrum nicht mehr als ein
Seminarraum, den die Abteilung Epidemiologie des
RKI für interne Konferenzen nutzte. Als die ersten
Meldungen kamen, dass ein Grippevirus in Mexiko
von Schweinen auf Menschen übergesprungen war,
schleppten Techniker kurze Zeit später Bildschirme
und Computer herbei, bauten Beamer auf und richteten acht Arbeitsplätze ein. Seitdem ist das in nur
wenigen Stunden entstandene Lagezentrum der
VON CHRISTIAN HEINRICH
Suche nach dem rauchenden Schwein
Jeder Krimifan kennt die Erzählform des
whodunit (»Wer war’s?«), bei dem mühsam
und mit Spürsinn der Schuldige überführt
wird. Selten nur stoßen Ermittler auf eine
Smoking Gun, den berühmten noch rauchenden Colt, der den Täter überführt und
die Tat aufklärt. Whodunit, fragen sich nun
auch Mikrobiologen angesichts des zunächst
»Schweinegrippe« getauften Virus. Wie entstand es? Wo gelang der Speziessprung? Hat
unsere Agroindustrie es begünstigt? Viel
Detektivarbeit ist noch zu tun, bevor diese
Fragen beantwortet sind.
Zwar erkrankte der mutmaßliche Patient
null in unmittelbarer Nachbarschaft eines
riesigen mexikanischen Schweinemastbetriebs.
Blutproben dortiger Tiere lieferten jedoch
keinen Hinweis auf AH1N1. Tatsächlich
wurde es erstmals in Schweinen eines kanadischen Farmers gefunden, der eben aus
Mexiko heimgekehrt war.
Kalt ist die Massentierhaltungsspur aber
keineswegs. Forscher der New Yorker Columbia University berichten von Hinweisen, das Erbgut von AH1N1 gleiche in Tei-
Nr. 20 DIE ZEIT Süd
len Viren, die aus US-Mastbetrieben bekannt seien. Schon vor Jahren warnten Forscher vor Tierfabriken als Brennpunkten
der Viren-Evolution. Alles passt: viele Individuen, oft mit geschwächtem Immunsystem, Lebendtransporte über weite Strecken
und schließlich permanente Medikation.
Vor einem evolutionären Schub warnte das
Wissenschaftsmagazin Science schon 2003.
Denn seit den neunziger Jahren beobachteten Veterinäre und Virologen, wie die
Kombinationen neuer Grippeviren in USMastbetrieben geradezu explodierten. Ian
Lipkin, Epidemiologe und WHO-Berater,
sagte nun dem Magazin Wired, man könne
mutmaßen, dass die Schweinefabriken
Nordamerikas wahrscheinlich der Ursprung
des Erregers seien. Klingt plausibel, aber
belegt ist es noch nicht.
Man kennt das aus dem Krimi: Spuren, Indizien, eine Theorie zum Tathergang – alles
scheint zusammenzupassen, bloß der entscheidende Beweis fehlt. Die Suche läuft.
Im Fall AH1N1 sprechen Virologen mittlerweile vom Smoking Pig.
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Die Line List registriert alle Verdachts- und Erkrankungsfälle. 39 Zeilen Länge hat die Liste heute, acht
davon sind rot markiert: bestätigte Infektionen mit
AH1N1. Die für die Line List zuständige Mitarbeiterin telefoniert mit dem Gesundheitsamt in Würzburg, zum dritten Mal heute. Gestern wurde von dort
ein Patient mit Verdacht auf Amerikagrippe gemeldet. »Würzburg ist negativ!«, ruft sie in den Raum
und geht zur Deutschlandkarte, um einen blauen
Punkt zu entfernen. Ein Verdachtsfall weniger.
Nur drei Tage nach der Entdeckung von AH1N1
war das Virus bereits genetisch identifiziert. Innerhalb
weniger Stunden lässt sich heute nachweisen, ob ein
Patient mit Schnupfen und Fieber tatsächlich an der
Amerikagrippe erkrankt ist. Manche Gesundheitsämter schicken Abstriche von Nase und Rachen direkt zum RKI, andere machen die Genotypisierung
vor Ort selbst. Als Nächstes gilt es herauszufinden,
woher die Erkrankung stammt. Wie bei Sherlock
Holmes kommt es auf kleine, leicht zu übersehende
Details an. Hielten sich die Infizierten am selben Ort
auf? Haben sie dieselbe Angewohnheit, einen ähnlichen Beruf? »Je besser wir das entfesselte Virus kennen, desto wirkungsvoller können wir ihm Grenzen
setzen«, sagt Hamouda.
Als sich in Bayern vor einigen Jahren Hirnhautentzündungen häuften, waren die örtlichen
Gesundheitsbehörden anfangs ratlos. Wo hatten
sich die Kranken angesteckt? Die Berliner Experten konnten durch Befragung feststellen, dass sich
nur Besucher von ländlichen Diskotheken angesteckt hatten. Da Faschingszeit war, wurden diese
besonders stark frequentiert. Auf den vollen Tanzflächen hatten sich die Bakterien durch Körperkontakt verbreiten können. Doch weil das Ansteckungsrisiko nach dem Ende der Faschingszeit
gegen null ging, wurde eine kostspielige Massenimpfung überflüssig.
Weniger glimpflich verlief eine Masernepidemie in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr 2006.
Masern sind eine häufig unterschätzte Kinderkrankheit, die zu Hirnhautentzündung führen
kann. Schnell war klar: Das Zentrum der Krankheit befand sich in einer Schule in Duisburg. Doch
es dauerte zu lange, bis die Berliner Epidemiologen von der Landesregierung angefordert wurden.
Zudem konnten sich die Behörden nicht zu der
vom RKI empfohlenen Massenimpfung durchrin-
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gen. Innerhalb kürzester Zeit gab es 1700 Krankheitsfälle. Für zwei Kinder kam jede Hilfe zu spät.
Sie starben an Hirnhautentzündung.
»Durch das föderale System in Deutschland
haben wir einerseits ein schlagkräftiges Netz an
Institutionen, aber manchmal gehen wichtige Informationen im Wirrwarr der Zuständigkeiten
verloren«, sagt Hamouda. Die Zahl der Fachgremien für Influenza scheint höher als die Menge
der Krankenhäuser in manchem afrikanischen
Land. Wo genau die Unterschiede zwischen der
Pandemie-Kommission, der Expertengruppe Influenza-Pandemie, der Influenza-Taskforce und
der Arbeitsgemeinschaft Influenza liegen, vermag
nicht jeder auf Anhieb zu sagen. Gabriele Poggensee wurde erst vor Kurzem klar, dass die Pandemie-Kommission und die Influenza-Kommission
ein und dasselbe sind. Zu den deutschen Gremien
kommen die Institutionen auf internationaler
Ebene, angefangen beim European Center for
Disease Prevention and Control bis zur Weltgesundheitsorganisation (WHO). Immer heißt es
telefonieren, informieren, Neuigkeiten sammeln.
Was aber ist der Nutzen für die Praxis? Für den
Kampf gegen das Virus? »Wir geben Empfehlungen heraus, was zu tun ist. Ob sie umgesetzt
werden, entscheidet die Politik«, erklärt Gérard
Krause, Leiter der Abteilung für Infektionsepidemiologie. Im Bundesgesundheitsministerium richtet man sich bei der Amerikagrippe in der Regel
danach, was das RKI rät. Am Wochenende folgte
es der Empfehlung, kein Grippescreening für Einreisende aus Mexiko durchzuführen. Der Großteil
der Erkrankten wäre wegen der verlängerten Inkubationszeit nicht erfasst worden.
In den nächsten Tagen will man in einer Konferenz mit der Europäischen Arzneimittelagentur
beraten, ob Impfstoffe gegen die Amerikagrippe
produziert werden sollen. Es ist eine Richtungsentscheidung. Würde man sich dazu entschließen,
könnten keine Impfstoffe gegen die saisonale Influenza hergestellt werden – für die Produktion
beider Impfstoffe gleichzeitig reichen die Kapazitäten nicht aus. Wie die Entscheidung ausgehen
wird, weiß Hamouda nicht. Nur in einem ist er
sich sicher: »Bis wir Entwarnung geben können,
wird es noch einige Zeit dauern.«
MITARBEIT: FOKKE JOEL
Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE:
www.zeit.de/amerika-grippe
a www.zeit.de/audio
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DIE ZEIT
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Technik im Alltag
L
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Minute hin optimiert«, sagt Auteri. »Im Wohnzimmer wollen wir uns aber zurücklehnen und
entspannen. Dafür ist die normale Fernbedienung
das ideale Instrument.« Ihre vier farbigen Knöpfe,
dazu Start-, Stopp-, Aufnahme-, Enter- und Pfeiltasten reichen, um alle wichtigen Funktionen der
Blobbox aufzurufen. Man hat die Navigationsmöglichkeiten bewusst begrenzt, niemand soll an
Bildschirmarbeit erinnert werden.
Standardmäßig ist der schnelle Zugriff auf YouTube, Googles Fotoportal Picasa und einige andere
häufig genutzte Internetangebote eingerichtet. Zusätzlich kann der Sofasurfer aber auch sein eigenes
Lieblingsprogramm abrufen. Voraussetzung dafür
ist, dass er es zuvor zusammengestellt hat – und
zwar mit Maus und Tastatur am Schreibtisch. Ein
kostenloses Portal des Herstellers dient dazu, Listen
und Links einzusammeln, die später im Wohnzimmer bequem abrufbar sein sollen. Dazu können die
öffentlichen Fotoalben von Freunden genauso gehören wie eigene Favoritenlisten aus YouTube,
Podcasts oder Web-TV-Sender. Jede Blobbox hat
auch eine E-Mail-Adresse. Stößt man auf eine interessante Website, kann man den Link an diese
Adresse mailen und später mit der Fernbedienung
am Fernseher einfach anklicken.
In 120 Testhaushalten hat Auteri untersucht,
wie die Google-Generation ihr Video- und Musikprogramm im Internet zusammenstellt. Wichtiger
als Ranglisten der Anbieter sind Empfehlungen
von Freunden. »Die Tipps aus dem Sozialen Netzwerk führen zu befriedigenderen Ergebnissen als
jedes automatische System«, hat Auteri festgestellt.
Lieblingslinks werden im Freundeskreis herumgemailt oder auf den persönlichen Seiten von Facebook, MySpace oder SchülerVZ veröffentlicht.
Fortgeschrittene Nutzer erlauben ihren Freunden
den Zugriff auf die eigenen Favoritenlisten.
In diesem Prozess, Auteri spricht von »kollaborativer Destillation«, entsteht ein Medienangebot,
das eine wichtige soziale Funktion übernimmt.
Nur wenn Leonies Freundinnen die gleichen TVPannen auf YouTube und Rolfs Kollegen den Auftritt der komischen Bauchtanzgruppe auf Balcony
TV gesehen haben, können sie am nächsten Tag in
der Schule und am Arbeitsplatz gemeinsam darüber lästern und lachen. Ein Bedürfnis, das früher
vom eingeschränkten abendlichen Fernsehangebot
automatisch befriedigt wurde. Wer will, kann die
Rudi-Carrell-Kultur mit der Blobbox jetzt im
Kleinen wiederauferstehen lassen.
Der Freundeskreis, der tagsüber eine gemeinsame Favoritenliste füttert, trifft sich abends auf
getrennten Sofas zum »virtuellen Public Viewing«.
So drückt es Alexander Schulz-Heyn aus. Er ist
Für Sofasurfer
Internetbilder und
-filme ansehen
heißt: Am Computer
hocken. Die Blobbox
verspricht auch
Couch-Potatoes
endlich YouTubeFreuden
VON DIRK ASENDORPF
Infografik: CAEPSELE/www.esjottes.com
eonie ist Schülerin und guckt am liebsten
TV-Pannen aus aller Welt. Ihre Schwester
Rosa erfreut sich an afroamerikanischen
Kochsendungen und lässt sich bei den
Hausaufgaben von harten Raps aus New York begleiten. Kleinkunstliebhaber Rolf liebt Balcony TV:
Durchreisende Künstler treten täglich auf einem
Balkon über der Hamburger Reeperbahn auf und
werden dabei gefilmt. Und das Ehepaar Müller guckt
gern Urlaubsfotos und Videos mit seinen Enkelkindern als Stars. All das finden Leonie, Rosa, Rolf und
die Müllers im Internet. Bisher müssen sie sich dafür an den PC oder vor ihre Laptops setzen. In
Zukunft können sie es sich auch auf dem Sofa vor
dem Fernseher bequem machen.
Die Technik, die das ermöglicht, ist erstaunlich
komplex. Schon vor zehn Jahren hatte Microsoft
erfolglos versucht, Internet und Fernsehen in einem einzigen Home-Entertainment-Gerät zu versöhnen. Auch andere Branchenriesen haben sich
die Zähne daran ausgebissen. Erst vor zwei Jahren
ist mit Apple TV das erste wirklich praxistaugliche
Gerät auf den Markt gekommen. Es kann allerdings nur auf dem Fernseher abspielen, was der
Nutzer zuvor am Computer in iTunes oder iPhoto
abgespeichert hat, den Apple-eigenen MultimediaDatenbanken. Für Windows-Nutzer – und das
sind noch immer fast 90 Prozent – ist die Bedienung umständlich, bei iPhoto sogar unmöglich.
Nur Technikfreaks finden für die
meisten Fundstücke aus dem Netz
auch ein geeignetes Konvertierungsprogramm.
»Mit unserem Gerät kann sich
jeder sein individuelles Unterhaltungsprogramm aus den unendlichen Inhalten des Internets frei zusammenstellen«, verspricht Pancrazio Auteri, technischer Entwicklungsleiter bei TVBLOB. Die Mailänder Firma bringt ihre sogenannte Blobbox in diesen Tagen
für rund 300 Euro auf den europäischen Markt.
Der schwarze Kasten wird direkt an den Fernseher angeschlossen. Er ersetzt die Set-Top-Box für
den Empfang des digitalen Antennenfernsehens
(DVB-T). Wie bei jedem Festplattenrekorder können die TV-Programme auch aufgenommen oder
zeitversetzt abgespielt werden. Zusätzlich hat die
Blobbox einen Anschluss für das Heimnetzwerk,
über den sie Zugang zum Internet findet. Die allermeisten Musik-, Foto- und Videodateien, die es
dort gibt, kann die Box für die Wiedergabe über
den Fernseher aufbereiten. Maus und Tastatur sind
dafür nicht nötig.
»Laptops und PCs sind auf eine hohe Informationsdichte und möglichst viele Interaktionen pro
ERFORSCHT UND ERFUNDEN
Vorsitzender des deutschen IP-TV-Verbandes, zu
dem sich 100 kleine Internetvideo-Anbieter zusammengeschlossen haben. Einen Massenmarkt
traut Schulz-Heyn der Blobbox noch nicht zu.
»Vorher muss sich die Industrie auf einen universellen Standard für das technische Format und den
Abruf der Multimedia-Angebote im Netz einigen.« Die Blobbox gibt einen interessanten Vor-
Netz-TV
Auch Netgear und Wewa bieten Geräte
an, die den Fernseher mit dem Internet
verbinden. Panasonic und Philips haben
den Web-Zugang in ihre neuesten Fernsehgeräte bereits eingebaut. Technikbastler
können sich eine Art Blobbox aus einem
alten PC, einer Funktastatur und kostenloser Software selber zusammenbauen.
All das funktioniert allerdings nur mit vielen Einschränkungen – und wenig Bedienkomfort.
geschmack darauf. Mehr allerdings nicht. So simpel, wie die Bedienungsanleitung verspricht, ist die
individuelle Zusammenstellung des Internet-Fernsehabends noch keineswegs. Zunächst müssen unzählige Einstellungen, Nutzernamen und Passwörter eingegeben werden – und zwar mit dem Daumen auf der Fernbedienungstastatur. Die drahtlose
Einbindung ins heimische WLAN funktioniert
noch nicht, ebenso wenig die Lautstärkeregelung.
Mal bleibt ein Internetvideo beim Abspielen hängen, mal startet es gar nicht erst. Alle paar Tage
verschickt die Mailänder Firma eine leicht verbesserte Version des Betriebssystems. Technikfreaks
mag so etwas beglücken. Normalnutzer sollten lieber noch ein paar Wochen abwarten.
Scottys Erben
Ob Beamen oder Tarnen:
Was im neuen »Star Trek«Film selbstverständlich ist,
wollen Forscher jetzt für
jeden möglich machen.
Das aktuelle ZEIT Wissen: am
Kiosk oder unter www.zeitabo.de
STIMMT’S
Gezwitscher im Blut
Artenkiller Wiesendünger
So kommt Brustkrebs ins Hirn
Der Gesang von Zebrafinken ist anscheinend teilweise genetisch festgelegt und kann sich auch ohne
Gesangsstunden geübter Eltern entwickeln, haben
US-Forscher herausgefunden. Dafür isolierten sie
junge Zebrafinken und verfolgten, wie sich ihr Gezwitscher mit der Zeit veränderte (Nature, online).
Während die ersten Männchen bei Null anfingen
und noch unstrukturiert daherbrabbelten, näherte
sich der Gesang der zweiten und dritten Generation bereits dem Gezwitscher freier Vögel an. In der
vierten Generation trällerten die Zebrafinken
Gedüngte Wiesen sind produktiver, aber auch
ärmer an Arten. Die Ursache dafür liegt laut
Schweizer Botanikern hauptsächlich am Lichtmangel für kleinere Gewächse: Einzelne Pflanzenarten wachsen durch den Dünger schneller
als andere. Dadurch überwuchern und beschatten sie schnell den krautigen Unterbewuchs,
der durch den Lichtmangel abstirbt. Um die
Artenvielfalt zu erhalten, fordern die Forscher
deshalb Naturschutzrichtlinien für das Düngen
von Wiesen (Science, Bd. 324, S. 636–638).
US-Wissenschaftler haben einen Mechanismus
entdeckt, mit dem Brustkrebszellen die BlutHirn-Schranke überwinden und zu Hirnmetastasen führen können: Eine Schlüsselrolle spielt
das Enzym ST6GALNAC5, das normalerweise
nur im Gehirngewebe aktiv ist. Es löst eine chemische Reaktion aus, die einen Film auf der
Oberfläche der Brustkrebszellen erzeugt. So getarnt, können sie besser aus dem Blut in das
Gehirn gelangen und sich dort ansiedeln (Nature, online).
Enttarnte Röntgenstrahler
Verräterisches Saurier-Gewebe
Vor etwa 25 Jahren entdeckten Wissenschaftler
eine diffuse Röntgenstrahlung in der Milchstraße. Jetzt haben deutsche Forscher ihren Ursprung gefunden. Ein Großteil der Strahlung
stammt demnach aus vielen kleinen Quellen,
von denen die Astronomen mit dem Röntgenteleskop Chandra 473 Exemplare identifizieren
konnten (Nature, Bd. 458, S. 1142–1144). Die
Forscher gehen davon aus, dass sich hinter den
meisten Punkten materiesammelnde Weiße
Zwerge und Sterne mit einer hohen Aktivität in
ihrer Korona verbergen.
Gewebefunde bei einem 80 Millionen Jahre alten Hadrosaurus untermauern weiter die Theorie, dass Dinosaurier keine ausgestorbenen
Reptilien sind, sondern eng mit den Vögeln
verwandt sind, berichten US-Forscher (Science,
Bd. 324, S. 626–631). Sie entdeckten Kollagenfasern im Oberschenkelknochen des Brachylophosaurus canadensis, deren Aminosäuresequenz dem Aufbau der Eiweiße von Vögeln
ähnelt. Ähnliche Ergebnisse hatten bereits Gewebeanalysen von Tyrannosaurus Rex gezeigt,
der etwa 13 Millionen Jahre später lebte.
schließlich wie ihre Verwandten in der Natur. Zebrafinkenmännchen imitieren normalerweise ältere Vögel, um den Gesang zu erlernen – eine wichtige Basis für den Paarungserfolg.
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Nr. 20 DIE ZEIT
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SCHWARZ
?
Legendäres Todesspiel
ANDREAS FLECKENSTEIN AUS RODGAU FRAGT: Haben russische
Offiziere früher tatsächlich russisches Roulette gespielt?
Die Offiziere der zaristischen Armee im 19. Jahrhundert sind wohl tatsächlich ziemliche Raubeine gewesen, und auch mit ihren Schusswaffen gingen sie nicht
zimperlich um. In dem Roman Ein Held unserer Zeit
von 1840 schildert Michail Lermontow eine Szene,
in der eine Gruppe gelangweilter Soldaten über die
Vorsehung diskutiert. Einer von ihnen nimmt eine
an der Wand hängende Pistole, hält sie sich an den
Kopf und drückt ab. Es macht nur »klick«. Dann zielt
er an die Decke, und es knallt ein Schuss.
Unter russischem Roulette versteht man aber das
vorsätzliche Laden eines Revolvers mit nur einer Kugel und das anschließende Drehen des Magazins, um
aus der Sache ein Glücksspiel auf Leben und Tod zu
machen. Dieses Spiel wird erstmals 1937 in der Kurzgeschichte Russian Roulette des amerikanischen Autors
Georges Surdez erwähnt.
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Dort erzählt ein russischer Offizier, man habe das
Spiel um 1917 in einer desolaten militärischen Situation in Rumänien gespielt, allerdings in der umgekehrten Version, mit fünf Kugeln und einer leeren
Kammer. Aber auch die heute bekanntere Variante
mit nur einer Kugel erwähnt Surdez.
Der Krimi-Autor ist ansonsten nicht sehr bekannt geworden, aber der Titel seiner Geschichte
wurde zum geflügelten Wort. Dafür, dass das russische Roulette früher wirklich in der russischen
Armee gespielt wurde, gibt es allerdings keinen
einzigen Beleg.
CHRISTOPH DRÖSSER
Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen:
DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg, oder [email protected]
Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts
a www.zeit.de/audio
Nr. 20
SCHWARZ
S. 43
DIE ZEIT
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WISSEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
2006: Versager auf vier Pfoten
Immer wieder kann man in der Zeitung lesen,
wie Hunde nahestehenden Menschen das Leben
retten: Schäferhund Freddie zog sein Herrchen
aus dem eisigen Wasser. Irish Setter Caleigh
holte Hilfe, als sein Besitzer einen Herzinfarkt
erlitt. Golden Retriever Toby sprang seinem
Frauchen auf den Brustkorb, als dieses an einem Apfelstück zu ersticken drohte.
»Ich zweifle nicht daran, dass Hunde Dinge
tun, die Menschen in Notfällen helfen, sondern daran, dass sie dies mit Absicht tun«, sagt
der Psychologe William A. Roberts. Vielleicht
seien die vielen Geschichten über Hunde als
Retter bloß darauf zurückzuführen, dass Hunde die häufigsten Haustiere sind. »Deshalb sind
sie oft zugegen, wenn jemand in Not gerät,
und tun manchmal aus purem Zufall das Richtige«, sagt Roberts.
Er beschloss, zusammen mit der HundeHunde sind gute Lebensretter?
züchterin Krisa Macpherson Notfälle zu inszeDie Forschung zeigt: Das ist
nieren, um die Hilfsbereitschaft der Vierbeiner
zu testen. Zunächst täuschten zwölf HundeUnsinn. Diesen Tierversuch und
besitzer auf einem verlassenen Schulhof einen
andere bizarre Experimente
Herzinfarkt vor, in elf Meter Entfernung saßen
beschreibt RETO U. SCHNEIDER
ein oder zwei Personen auf einem Stuhl und
lasen Zeitung. Mit einer einzigen Ausnahme
berührte kein Hund einen Zeitungsleser, um
ihn auf den Notfall aufmerksam zu machen.
Die Tiere bellten auch nicht. Vielmehr vertrieben sie sich die sechs Minuten bis zum Ende
des Tests damit, in der Nähe des Opfers herumzuschnüffeln und hie und da ein wenig auf dem
Boden zu scharren. Einige waren auch nervös
und senkten den Schwanz. Ein Spaniel ließ sich
durch ein Eichhörnchen von den Leiden seines
Besitzers ablenken, rannte ihm nach und erlegte es mit einem Nackenbiss. Und ein kleiner
Pudel sprang nach dem vorgetäuschten Infarkt
seines Besitzers sofort auf den Schoß des Zeitungslesers; er wollte gestreichelt werden.
Beim zweiten Test begrub ein Bücherregal
die Hundebesitzer unter sich, sodass sie sich
nicht mehr regen konnten, aber bei Bewusstsein waren. Sie simulierten Schmerzen und befahlen dem Hund, eine Person im Nebenraum
zu alarmieren. Doch auch bei diesem Versuch
versagten die Hunde: Kein Einziger ging Hilfe
holen! Eine Hundebesitzerin war darüber so
wütend, dass sie ihren Hund anschrie: »Du bist
die 700 Dollar nicht wert, die ich für dich beBERNHARDINER müssen fürs Retten trainiert werden
zahlt habe!«
Irres
aus dem
Labor
Foto: Prisma
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Nr. 20 DIE ZEIT
1992: Die angeborene Vorliebe der Jungen für
Spielzeugautos
Wenn der Geburtstag des Kindes naht, stehen
aufgeschlossene Eltern wieder vor dem Problem: Sollen sie ihrem Sohn den Betonmischer
kaufen, obwohl er eben erst den Kippsattelzug
bekommen hat? Wäre es nicht an der Zeit, seine Fürsorge weg vom Gabelstapler in Richtung
Puppe zu lenken? Und das Mädchen? Sollte
man ihm nicht den Lego-Kasten schmackhaft
machen statt Barbies drittes Abendkleid? Lange
Zeit vermutete man hinter den Vorlieben der
Geschlechter für bestimmte Spielsachen ausschließlich die Sozialisation. Die Knaben imitieren Männer, die Mädchen Frauen, die Werbung
besorgt den Rest. Doch kann das die ganze Erklärung sein? Die Psychologin Melissa Hines
zweifelte daran.
Als Erstes fand sie an der University of California in Los Angeles heraus, dass Mädchen,
die wegen einer Störung vor der Geburt zu viel
von dem männlichen Sexualhormon Testosteron produziert hatten, sich später mehr für
Hubschrauber und Feuerwehrautos interessierten. Doch die Idee, Spielzeugvorlieben bei Kindern könnten auch hormonell bedingt sein,
stieß auf erheblichen Widerstand. Warum also
die Vorlieben für Spielzeug nicht mit Probanden messen, bei denen jeder Einfluss konservativer Eltern und knalliger Werbung ausgeschlossen war – mit Affen? Also präsentierten
Hines und ihre Mitarbeiterin Gerianne M. Alexander 1992 an der Universität in Sepulveda 88
Gelbgrünen Meerkatzen – 44 Weibchen und
44 Männchen – nacheinander sechs verschiedene Spielsachen und beobachteten, mit welchen sie am längsten spielten. Es waren zwei
typisch männliche (ein Ball und ein Polizeiauto), zwei typisch weibliche (eine Puppe und
ein Kochtopf ) und zwei neutrale (ein Bilderbuch und ein Plüschhund).
Die Resultate waren eindeutig: Die männlichen Affen spielten doppelt so lange mit Ball
und Polizeiauto wie die weiblichen, diese wiederum doppelt so lange mit Puppe und Kochtopf wie die männlichen – ganz wie Menschenkinder.
Die Frage bleibt: Woher kommen diese unterschiedlichen Präferenzen? Wieso mögen das
männliche und das weibliche Gehirn Dinge,
die es noch gar nicht gab, als die Denkorgane
von den Kräften der Evolution geformt wur-
S.43
SCHWARZ
den? Welche Eigenschaft eines Tiefladers macht
ihn für ein männliches Hirn attraktiv? Darüber
wird im Moment eifrig spekuliert.
43
Der Forscher korrigierte auch die Ansicht, dass
die meisten Erhängten ersticken würden. Der Tod
sei vielmehr auf die unterbrochene Blutzufuhr im
Gehirn zurückzuführen.
1905: Der Mann, der sich zwölfmal erhängte
Die Arbeit Etude sur la pendaison (»Studie über das
Erhängen«), die der rumänische Gerichtsmediziner Nicolas Minovici 1905 publizierte, enthält alles, was man je über diese Todesart hat wissen wollen – und vieles, was man lieber nie erfahren hätte.
Minovici sortiert 172 Selbstmorde nach Alter, Geschlecht, Zivilstand, Nationalität und Beruf der
Opfer, er analysiert Ort und Jahreszeit, kategorisiert die Hilfsmittel und die verwendeten Knoten.
Aber wie fühlt sich das Erhängen an? Die einzige Möglichkeit, darüber etwas zu erfahren: Minovici und seine Mitarbeiter mussten sich selbst
hängen. Ihre Experimente begannen ganz harmlos
damit, dass sie ihre Zeigefinger an die Halsschlagader drückten, bis ihnen schwarz vor den Augen
wurde. Als Nächstes unterbrachen sie die gesamte
Blutzufuhr für den Kopf, indem sie eine »unvollständige Erhängung« simulierten, deren Resultat,
wie Minovici begeistert schrieb, »alle unsere Hoffnungen übertraf«. Die »Unvollständigkeit« der Erhängung bezog sich auf die Tatsache, dass Minovici nicht mit seinem ganzen Gewicht am Seil hing.
»Obwohl wir das Experiment oft wiederholten,
hielten wir es nie länger als fünf oder sechs Sekunden aus«, schrieb Minovici. Das Kraftmessgerät
zeigte dabei an, dass mit etwa 25 bis 30 Kilogramm
Gewicht an der Schlinge gezogen wurde, wenn
Minovici das Bewusstsein verlor. »Das Gesicht
wurde rot, dann blau, die Sicht verschwommen, in
den Ohren begann es zu pfeifen, und der Mut verließ uns, wir beendeten die Experimente.«
Das Team steigerte seine Versuche bis zum
Königsexperiment: dem richtigen Erhängen mit
einer Schlinge, die sich zusammenzieht. Die Arbeit
enthält ein Foto von Minovicis Hals, das seine
nüchterne Feststellung illustriert: »Die Verletzungen des Halses als Folge der Experimente waren
von einer großen Vielfalt. Die Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein sind fast unvermeidlich.
Nach dem letzten Experiment hatte ich einen Monat lang Schmerzen.«
Minovici weist in dem Artikel mehrmals auf die
Gefährlichkeit der Versuche hin. Umso rätselhafter
ist es, warum er sich jeweils hochziehen ließ, bis seine Beine einen oder zwei Meter über dem Boden
baumelten, wo doch bereits in fünf Zentimeter Höhe
das gleiche Resultat zu erwarten gewesen wäre.
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1961: Maus mit »Kiemen«
Menschen und Tiere können prinzipiell auch Flüssigkeiten atmen. Der Mediziner Johannes Kylstra
versetzte eine Salzlösung unter acht Atmosphären
Druck mit Sauerstoff und gab dann über eine kleine Schleuse eine Maus in die Druckkammer. Der
Nager wurde von einem Gitter unter der Wasseroberfläche am Auftauchen gehindert. Der Versuch
war erfolgreich – aus Kylstras Sicht. Die 66 Mäuse,
die in seiner Publikation Of Mice as Fish erwähnt
werden, dürften das anders gesehen haben. »Es gelang uns noch nicht, den Übergang von der Luftatmung zur Flüssigkeitsatmung wieder umzukehren«, umschrieb Kylstra die Tatsache, dass alle
Mäuse ertranken – einige allerdings erst nach 18
Stunden, was belegte: Sie hatten tatsächlich Flüssigkeit geatmet. Heute wird die Flüssigatmung
zum Beispiel bei Patienten mit schweren Lungenproblemen eingesetzt.
Diese Texte sind gekürzte Auszüge aus:
Das neue Buch der verrückten Experimente
Bertelsmann Verlag 2009; 19,95 Euro
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter
bei NZZ Folio, wo viele der Texte in der
Rubrik »Das Experiment« veröffentlicht worden sind
Nr. 20
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DIE ZEIT
SCHWARZ
S. 44
LESERBRIEFE
MURSCHETZ
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Sind Millionen etwa kriminell?
Susanne Gaschke: »Im Netz der Piraten« und Dirk Peitz: »Legal, illegal, digital« ZEIT NR. 18
Jeder Autor soll geschützt werden.
Jeder der sein künstlerisches Talent
verkaufen kann, soll auch die Chance bekommen, davon leben zu können. Einige haben das geschafft.
Was Google und Pirate Bay machen, ist nach geltendem Recht
Diebstahl. Aber sind die Millionen
Leute, die downloaden, Kriminelle
und die entsprechenden Portale die
Dealer? Ich denke, nein. Die meisten wollen einfach nur lesen, andere
helfen ihnen dabei. Leider illegal.
Aber warum eigentlich?
Warum können die Verlage, die im
Besitz der Rechte sind, das nicht organisieren? Es ist Zeit, daran zu
denken, was die wollen, die die Autoren eigentlich bezahlen (können).
Klauen? Ich zumindest will das
nicht, und ich lese E-Books. Google
sehe ich auch kritischer.
Ich wünsche mir, dass alle begreifen,
wie viele Chancen gerade für Autoren in den Vertriebsmodellen liegen.
Von jedem Arbeitnehmer wird die
Anpassung an die digitale Welt verlangt, warum nicht auch von Autoren und Verlagen? Der Weg dahin
ist steinig. Aber notwendig.
Dr. Christian Seebode, Berlin
Ein Trio reist um die Welt
Studieren ist wie Bulimie
Jan-Martin Wiarda »Macht Studieren dumm?« ZEIT NR. 18
Um Himmels willen, bitte, bitte, bitte, macht
doch nicht in der Anfangsphase den Bachelorstudiengang schlecht. Die Studenten mit
diesem Abschluss haben auch was auf dem
Kasten, und wenn sie durch die ganze Presse
und das Gejammer ihr Selbstbewusstsein verlieren, dann haben wir es mal wieder geschafft,
dass alle Pessimisten sind.
Also bitte, denkt einfach mal ein bisschen optimistisch. Sonst sagt Ihr doch auch, ein bisschen mehr Obama kann nicht schaden!
Ich freue mich riesig auf einen Artikel über
den Bologna-Prozess: welche Chancen sich in
ihm verstecken und welche Erfolge die ersten
Bachelorstudenten nachweisen können.
Natalie Volk, Münster
Ich bin Bachelorstudent, und das ist gut so!
Und: Ich habe keine Lust mehr, mich von allen Seiten bemitleiden zu lassen! Es gilt mehr
Möglichkeiten zu schaffen, doch ist es völlig
klar: Umbruch bringt immer auch Probleme
mit. Hier hilft nur ein offenes Ohr für Ideen
und Hilfsbereitschaft seitens Uni-Verwaltung
und vor allem der alteingesessenen Professoren. Ich schlug der eigens eingesetzten Beauftragten für Studienqualitätsverbesserung (!)
zum Beispiel einen vorlesungs- und übungsfreien Mittwochnachmittag vor, wie ich ihn
während meines Studienaufenthaltes in Großbritannien erlebte. Einheitlich und uniweit.
Für Engagement, Hochschulsport, Jobbing –
oder den universitären Debattierklub. Dies
wäre niemals umzusetzen an meiner allzu elitären Massenuniversität. Freitags Vorlesungen? Sehr witzig.
Schade nur, dass Halbherzigkeit dominiert.
Britische Universitäten haben für viele der
hiesigen Probleme pragmatische Lösungen
gefunden. Möge die Kritik am Bologna-Prozess nicht zur Selffulfilling Prophecy werden.
Wolf-Fabian Hungerland, Bachelorstudent Volkswirtschaft, Universität Göttingen, 22 Jahre
Gratulation zur gelungenen Darstellung der
aktuellen Situation des Bologna-Prozesses in
Deutschland. Die diversen Artikel heben sich
wohltuend von »gefärbten« Aufsätzen in anderen Publikationsorganen ab.
Der Prozess ist zweifelsohne schwierig, und
wir haben in Deutschland viel zu lange am
Anfang zugewartet oder fälschlicherweise geglaubt, der »Sturm« wird schon an uns vorüberziehen.
Prof. Dr.-Ing. Georg Obieglo, Reutlingen
Bologna-Experte des DAAD
Die von Ihnen beklagten Begleiterscheinungen eines modernen Studiums, allen voran
Zeitmangel und Schaffensdruck, sind keine
vornehmlich universitären Phänomene, sondern kennzeichnen die Leistungsgesellschaft.
Wer heutzutage eine Lehre macht, wird genauso ein Lied davon singen können.
Die Frage, warum das Studieren nun dümmer machen soll als das Nichtstudieren, ist
völlig offengeblieben.
Abgesehen davon rechtfertigt der von Ihnen
beklagte Mitgliederschwund irgendwelcher
Hochschulklubs noch lange nicht, ein pauschales Weniger an Intelligenz unter der Studentenschaft zu befürchten. Vielmehr Anlass
zur Sorge gibt, wie eine ganze Generation
von der Wirtschaft instrumentalisiert wird
– gezwungen, immer absurdere Vorgaben
zu erfüllen, um irgendwann auf der »Gewinnerspur« zu landen. Das macht vielleicht nicht unbedingt dumm, aber mit Sicherheit stumpf.
Manuel Arora, Bonn
Wir sind Studenten (Bachelor wie Magister)
der Orientwissenschaften an der Universität
Tübingen. Wir möchten als direkt Betroffene
Stellung nehmen.
Zunächst gilt, die treffende Analyse unseres
Rektors Herrn Engler positiv herauszustellen.
Das Bachelor-System, das in der Theorie gut
klang, wurde in der Praxis mangelhaft umgesetzt. Unsere Dozenten, die ihr Bestes geben
und sich weit über ihr Pensum für uns engagieren, sind vollkommen überlastet: Sie sind
viel zu wenige. An Überlastung stehen wir ihnen wegen unseres engen Stundenplanes in
nichts nach. Die Fokussierung auf Creditpoints ist die unmittelbare Folge des allgegenwärtigen Drucks.
Unser Studium erinnert inzwischen an Bulimie. Wir versuchen so schnell wie möglich so
viel Stoff wie möglich aufzunehmen und wieder von uns zu geben, um wieder neuen Stoff
aufzunehmen. Die Nachhaltigkeit bleibt auf
der Strecke. Dass Tübingen auf diese Problematik »unaufgeregt« reagiert, ist falsch. Man
erkennt deutlich, auch wir können über dieses Thema nicht mehr frei von Emotionen
diskutieren! Es stimmt, dass wir in Tübingen
die Angelegenheit »in längeren Zeiträumen«
betrachten, denn der einzige Trost, den wir
haben, sind die Vergangenheit und die letzten
Überbleibsel des akademischen Ruhmes, die
wir noch erleben können.
Wir fragen uns, warum gerade unser Seminar
weniger Unterstützung bekommt als viele andere geisteswissenschaftliche Fächer. Vor einigen Jahren war unser Institut noch mit fünf
Professoren besetzt, heute lehrt ein Professor,
auf die Besetzung einer zweiten Stelle warten
wir seit zwei Semestern – obwohl unsere Studentenzahlen steigen und unser Fach so aktuell ist wie nie. Wenn wir uns schon an einem
internationalen Studiensystem orientieren,
warum sind wir dann im Gegensatz zu gleich
ausgerichteten Instituten, etwa im anglo-amerikanischen Raum, so unzureichend ausgestattet?
Die Diskrepanz zwischen Konzept und Realität unseres Bachelorstudiengangs ist frappierend. Unser B. A. ist auf Breite angelegt: Wir
lernen mehrere nahöstliche Fremdsprachen
und haben außerdem ein thematisch vielfältiges Spektrum abzudecken. Jedoch kann dies
aufgrund fehlender Unterstützung, vor allem
durch Personalmangel, nicht so umgesetzt
werden, wie es ursprünglich geplant war.
Herr Engler hat eine deutliche Kenntnis der
Lage demonstriert, und wir hoffen, dass dies
die Grundlage für umfassende Verbesserung
bildet.
Im Übrigen bieten wir an, diesen Leserbrief
zu einer wissenschaftlichen Hausarbeit auszuweiten, sofern wir dafür einen ECTS-Creditpoint erhalten.
Orientfachschaft Tübingen
Nr. 20 DIE ZEIT
Machen wir uns doch nichts vor:
Der Kampf ist verloren. Durch die
technischen Fortschritte, die einen
CD- oder Videovertrieb obsolet gemacht haben, wurde »geistigem Eigentum« der Charakter eines öffentlichen Gutes verliehen, das sich
durch Nichtausschließbarkeit und
Nichtrivalität im Verbrauch auszeichnet, wie das Licht eines Leuchtturms oder die öffentliche Sicherheit. Ein Markt ist für diese Güter
nicht mehr aufrechtzuerhalten.
Was tun? Für die Bereitstellung
öffentlicher Güter ist der Staat
zuständig. Also warum nicht eine
»Kultursteuer« einführen, die den
Kulturschaffenden nach dem Gema- oder GEZ-Prinzip direkt zugu-
te kommt und den Konsumenten
einen legalen, weil schon bezahlten
Konsum von beispielsweise Filmen
und Musik im Internet ermöglicht?
Georg Schmidtgen, Brüssel/Belgien
Es müsste Verwerterrecht und nicht
Urheberrecht heißen!
Das sogenannte Urheberrecht schützt
gerade eben nicht die Künstler, Musiker, Autoren und Wissenschaftler,
deren Werke gedruckt, verlegt, auf
CDs gepresst oder zum Download
angeboten werden, nein, es ist ein
Copyright und schützt ausschließlich die Interessen der Verleger, die
Interessen von Sony, Bertelsmann
und Murdoch.
Die eigentlichen Urheber müssen
zumeist gegen ein kleines Honorar,
manchmal noch eine bescheidene
Tranche sämtliche Rechte abtreten.
Ginge es um Wissenschaftler, Schriftsteller und Musiker, so wäre eine
solche Lobbyarbeit, auch eine solch
exorbitante Strafe niemals möglich
gewesen. Das Konstrukt des »geistigen Eigentums« ist ein Konstrukt
von jenen, die sich auf ein »Urheber«recht berufen und doch nur
das Recht des Verwerters meinen.
Daher verwundert es nicht, dass Alternativmodelle, etwa die »Kulturflatrate«, niemals diskutiert werden.
Diese käme nämlich in erster Linie
Künstlern und Autoren zugute und
nicht den Rechtehändlern!
Olaf Koch, Düsseldorf
Frau Gaschke beklagt die geringe
Bedeutung, die das Urheberrecht
für viele im Internet hat. Damit hat
sie Recht. Kostenlose Downloads
aller digitalen Medien sind durch
Tauschbörsen wie Pirate Bay heute
einfacher als jemals zuvor, und die
meisten jugendlichen bis jungen erwachsenen Nutzer haben größtenteils kein Unrechtsbewusstsein. Die
deutsche Rechtsprechung hat hier
mit dem ersten und zweiten Korb
der Urheberrechtsnovelle absichtlich keinen Freibrief für minderschwere Fälle ausgestellt, aber es
bleibt noch viel zu tun, um der Zielgruppe das Verständnis für den –
auch finanziellen – Wert der Kunst
und Kultur wieder nahezubringen.
Dies ist allerdings seit Jahren allgemeines Grundverständnis und
bedarf keines Urteils eines schwedischen Gerichts.
Wenn Frau Gaschke dem Heidelberger Appell voll zustimmt und gleichzeitig Sperrverfügungen fordert,
dann schüttet sie das Kind mit dem
Bade aus. Denn so sehr wir Urheberrechtsverletzungen verurteilen und
deshalb unter Strafen stellen, müssen
wir achtgeben, welche Mittel wir
dazu fordern. Die jetzt beschlossene
Sperrverfügung baut auf eine geheime und von keiner Instanz, auch
nicht von Richtern kontrollierte Liste. Damit ist es jederzeit möglich,
nicht nur illegale, sondern auch
missliebige oder umstrittene Inhalte
auszublenden. Einmal etabliert und
auf mehr als Kinderpornografie ausgeweitet, ist der Wildwuchs von
Sperrungen nicht mehr aufzuhalten.
Daher gehört das von Frau Gaschke
geforderte Stoppschild für den illegalen kostenlosen Konsum kultureller und wissenschaftlicher Inhalte
in unsere Köpfe und nicht in die
Sperrverfügung eines BKA. In einem freiheitlichen, demokratischen
Rechtsstaat sind Zugriffsverbote –
zumal unkontrollierte – abzulehnen, wo immer man sie vermeiden
kann. Denn die Grenzen sind nicht
scharf zu ziehen, sondern fließend.
Was, wenn journalistische Arbeit
sich innerhalb dieser Grenzen bewegt, wie beispielsweise bei den
Datenskandalen der Telekom und
der Bahn? Man bedenke: Wirksame
Sperrverfügungen bedeuten im Umkehrschluss, dass alle Inhalte gefiltert und geprüft werden müssen!
Frank Brennecke, per E-Mail
Massiver Angriff auf unser Grundgesetz
Michael Naumann: »Jeder ist verdächtig« ZEIT NR. 18
Den Herren Baum, Naumann und
Hoppe sowie den weiteren namentlich nicht genannten Persönlichkeiten gebührt der Dank all jener,
denen die Erhaltung der im Grundgesetz verankerten Freiheitsrechte
am Herzen liegen. Wir hoffen und
wünschen, dass die Verfassungsbeschwerde gegen das BKA-Gesetz
von Erfolg gekrönt sein wird.
Monika und Jürgen Rohlfshagen,
Quickborn
Der amerikanische Politiker Adlai
Stevenson hielt 1952 eine Rede, in
der er sagte: »Die Tragik der heutigen Zeit liegt in dem Klima der
Angst, in dem wir leben, und
Angst gebiert Repression. Weil
sich zu häufig ernsthafte Bedrohungen für unsere Grundrechte
und unsere Meinungsfreiheit unter
einem Deckmantel verstecken können – dem Antikommunismus.«
Heute ist es der Deckmantel des
Antiterrorismus, der das BKA-Gesetz – als massiver Affront gegen
unser Grundgesetz – legitimiert. Es
gibt keinerlei Anzeichen, dass den
Menschen in unserem Land überhaupt auffällt, wie bedrohlich dieses
Gesetz wirklich ist. So scheint es
an den Dissidenten unserer Zeit
zu sein, die Menschenrechte von
uns allen zu verteidigen. Beruhigend, dass sich wenigstens eine kleine Gruppe, unter ihnen Michael
Naumann, dieser Aufgabe angenommen hat.
Nikolaus Schulz,
Hohenstein-Ernstthal
Man möchte den Klägern Erfolg
wünschen. Die um unsere Sicherheit
sich sorgenden Politiker leben ein
»Sonderleben«. In großen gepanzerten Limousinen werden Sie durchs
Land gefahren. Personenschützer
sorgen für eine scheinbare Sicherheit. Bedrohungen teilen ihnen ihre
Dienste mit. Darüber darf aber
nichts nach draußen dringen. Weil
sie Angst haben, müssen sie kontrollieren. Kontrollieren lassen. Alles.
Peter Fischer, Radolfzell
Michael Naumanns Argumenten
kann man noch einige hinzufügen:
Das Problem ist schließlich altbekannt. Im alten Rom war, jedenfalls
anfänglich, das Tragen von Waffen
verboten. Auch damals gab es schon
Verbrecher, und wenn nun nach einem brutalen Raubüberfall simple
Gemüter auf den Vorschlag kamen,
man sollte eine bewaffnete Polizei
einführen, dann wurde ihnen ein
Argument entgegengehalten, das
bis heute nicht zu entkräften ist:
Quis custodit custodes? (Wer überwacht die Wächter?). In späteren
Zeiten haben sich Kaiser über diese
Regel hinweggesetzt, indem sie ihre
bewaffnete Garde mitbrachten. Der
Sinn der Regel lässt sich an den Folgen ablesen. War die Garde unzufrieden mit ihrem Sold, mit der
Politik oder mit sonst etwas, wurde
der Kaiser umgebracht und ein
neuer eingesetzt. Es führt eben
Menschen in Versuchung, wenn sie
mit unkontrollierter Machtfülle ausgestattet sind.
Damals hat es auch nicht geholfen,
dass dem Kaiser quasi göttliche Qualitäten zugesprochen wurden. Wie
viel weniger würde sich heute ein Bewacher davon beeindrucken lassen,
dass jemand demokratisch in ein
Amt gewählt wurde, um diesen mit
Verdächtigungen zu überziehen?
Das BKA-Gesetz kann auch als Lizenz zum Stalken, das just unter
Strafe gestellt wurde, bezeichnet
werden.
Dr. G. Zeyer, Bochum
Der Kasus gibt Rätsel auf
Claude Lanzmann: »Ich bedaure nichts« ZEIT NR. 17
Claude Lanzmann berichtet von seinen Erlebnissen als Frankreich-Lektor
an der FU im Berlin der Jahre
1948/49. Nicht zuletzt spielt darin
ein von ihm verfasster kritischer Artikel eine Rolle, der, veröffentlicht
1950 von der Berliner Zeitung in OstBerlin, mächtig in der eben gegründeten Universität eingeschlagen habe:
»Der Rektor wurde unverzüglich entlassen, und nicht wenige andere teilten sein Schicksal.«
Nur: Nirgendwo ist eine Bestätigung dafür zu finden, dass Edwin
Redslob – so der Name des Rektors
– entlassen wurde. Redslob, der
1948 führend an der Gründung der
FU beteiligt war und 1949 ihr Rektor wurde, übergab vielmehr am
26. November 1950 sein Amt an
seinen Nachfolger, in Anwesenheit
S.44
von Ernst Reuter, damals Oberbürgermeister, sowie der Repräsentanten der Stadt und der Alliierten; er
war übrigens, viel geehrt, an der FU
bis 1954 Professor für Kunstgeschichte.
Der Kasus gibt Rätsel auf. Ist Lanzmann im Nachhinein ein Opfer der
damaligen heftigen Ost-Propaganda gegen die FU geworden? In diese
Richtung könnte sein Urteil deuten, die FU, die die mitgründenden
Amerikaner scharf im Auge hatten,
sei »ein Unterschlupf für Nazis« gewesen. Oder hat die Erinnerung
dem verehrungswürdigen Autor der
großen Dokumentation Shoah ein
Schnippchen geschlagen? Dafür
spräche der Umstand, dass der Artikel – den die Berliner Zeitung am
24. Januar 2009 nachgedruckt hat
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– keineswegs den Nazi-Vorwurf im
Visier hat, sondern den – von Lanzmann missbilligten – politischen
Charakter der FU.
Jedenfalls sollte die Behauptung
sich nicht unwidersprochen festsetzen. Denn sie ist offenbar nicht
nur aus der Luft gegriffen, sondern widerspricht mit dem Eindruck, den sie von Redslob transportiert, ganz dem Mann, der eine
der großen Gestalten West-Berlins
war: ein Humanist und Kunstfreund, der Anreger, Inspirator
und Instanz war. Übrigens schon
gleich 1945:Er half, als Mitlizenzträger den Tagesspiegel aus der
Taufe zu heben.
Dr. Hermann Rudolph
Herausgeber des »Tagesspiegels«
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AUS NR.
Titelthema:
Macht Studieren dumm?
23. April 2009
18
Digitales
Desaster
Jürgen Neffe: »Es war einmal«
ZEIT NR. 18
Ich bin selbst (leider?) Teil der
Download-Kultur. Über einen längeren Zeitraum beobachtete ich einen
Wandel in meiner Betrachtungsweise
von Musik. Mehr und mehr verkommt sie zur Wegwerfware, die man
sich mal eben besorgt, sie kurz auf
sich wirken lässt und dann nach einer
Weile in den Weiten der Festplatte
vergisst, während man sich die nächsten paar Alben runterlädt. Fragt man
einen Jugendlichen, wie viel Musik er
besitze, wird er eine absurd große
Summe zur Antwort geben. Das meiste wäre er bereit, augenblicklich zu
löschen.
Ich möchte keinesfalls sagen, dass diese Wegwerfeinstellung alleine an dem
unbegrenzten und problemlosen Zugang übers Internet liegt, aber ich bin
mir sicher, dass die Tendenz dadurch
erheblich gefördert wird. Wie sich das
auf den Umgang mit Literatur auswirken wird, bleibt abzuwarten.
Florian Müller (Abiturient), Hamburg
Als Darwin-Kenner müsste Herr Neffe wissen, dass einseitige Anpassungen
nicht immer einen Selektionsvorteil
bedeuten – weder im biologischen
noch im kulturellen Bereich. Digitalisierungen haben große Vorteile, und
keiner mag sie mehr missen. Dennoch
besteht keine Gewissheit über die Alterungsbeständigkeit. Deshalb ist es
gefährlich, sich bei der Literaturproduktion NUR noch auf dieses Speichermedium zu verlassen. Ab Mitte
des 19. Jahrhunderts machte man den
großen Fehler, Bücher fast nur noch
auf saurem Papier zu drucken – mit
den sattsam bekannten Folgen. Diesem paper disaster könnte ein digital
disaster folgen.
Seltsam, dass Neffe dieses Problem,
das auch seine eigenen Erzeugnisse betreffen würde, mit keinem Wort erwähnt.
Dr. Joachim Stüben, Heist
Wie bei mir spielt sich der Berufsalltag der meisten heute vor dem Bildschirm ab. Auf dem Wege zu oder
von der Arbeit in Bahn und Bus oder
zu Hause angekommen, will ich nicht
auch noch ein Buch, eine Zeitung
oder Zeitschrift über eine wie auch
immer gestaltete digitale Lesemöglichkeit lesen. Der Grund ist nicht
nur das flüchtigere Lesen, sondern
auch das weniger intensive Nachdenken über das, was ich lese. Daher gehe
ich nicht konform mit der Überschrift
»Es war einmal – kein Grund zur
Trauer«. Der Autor J. Neffe mag so
denken, doch ich würde, sollte ich
nach Feierabend über ein Lesegerät
Lektüre konsumieren müssen, auf die
Lektüre verzichten.
Während Gutenbergs Erfindung zu
einem Wachstum von Kultur und
Bildung geführt hat, wird das Lesen
am Monitor, Handy etc. die heute
schon sichtbaren Defizite in Sprache
und Rechtschreibung vertiefen. Dabei kann die vom Autor positiv hervorgehobene Tatsache, dass es heute
mehr Texte in Form von Blogs, SMS
etc. zu konsumieren gibt als vor 20
Jahren, doch nicht als Argument für
das Leben am Bildschirm angeführt
werden, wo doch jeder weiß, was für
Unwichtigkeiten und Unnötigkeiten
dort in der Regel verzapft werden!
Reiner Niebur (35 Jahre),
Schwentinental
BEILAGENHINWEIS
Unsere heutige Ausgabe enthält in Teilauflagen Prospekte folgender Unternehmen:
BT Verlag GmbH, 81667 München;
Landschaftsverband Westfalen-Lippe,
48155 Münster; ZEIT Kunstverlag GmbH &
Co., 81541 München
i Weitere Leserbriefe finden Sie unter
www.zeit.de/leserbriefe
Nr. 20
7. Mai 2009
DIE ZEIT
Nr. 20
SCHWARZ
S. 45
DIE ZEIT
I DE
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ZEIT 45
P O L I T I K , W I S S E N , K U LT U R U N D A N D E R E R Ä TS E L F Ü R J U N G E L E S E R I N N E N U N D L E S E R
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Fragebogen
AHA DER WOCHE:
Pollenflug
Über den schönen Frühling kann nur jubeln, wer
nicht an Heuschnupfen leidet. Jeder sechste
Mensch in Deutschland hingegen könnte in diesen Wochen glatt wahnsinnig werden: Die blühenden Bäume und Gräser lösen eine allergische
Reaktion aus. Wer betroffen ist, muss niesen,
schniefen und sich die tränenden Augen reiben.
In diesem Jahr ist die Plage besonders schlimm,
weil die Baumblüte spät, dafür aber sehr heftig
eingesetzt hat. Wenn die Allergiker Blütenstaub
(Pollen) einatmen, setzt ihr Körper einen Stoff
(das Histamin) frei. Der bringt die Nase zum Jucken und Laufen. So sollen die Fremdkörper aus
dem Körper gespült werden. Weil aber immer
neuer Blütenstaub durch die Luft fliegt, hört und
hört das Geschniefe nicht auf. Wer schweren Heuschnupfen hat, muss zum Arzt. Er braucht Medikamente. Für die anderen gilt: In der Stadt besonders abends drinnen bleiben, bei sonnigem und
windigem Wetter wenig ausgehen, die Lüftung
des Autos abschalten, abends die Haare waschen
(damit kein Blütenstaub aufs Kopfkissen gerät).
Und auf den Herbst hoffen.
Dein Vorname:
Wie alt bist Du?
Wo wohnst Du?
Was ist besonders schön dort?
Und was gefällt Dir dort nicht?
Was macht Dich traurig?
Was möchtest Du einmal werden?
Was ist typisch für Erwachsene?
Wie heißt Dein Lieblingsbuch?
WAS SOLL ICH LESEN?
Bei welchem Wort verschreibst Du Dich immer?
Klaras Kiste
So etwas darf nicht passieren! Nicht bei Menschen, die man kennt und gern hat. Aber bei
Julius’ Lehrerin ist es eben doch passiert – sie hat
Krebs und muss sterben. Julius und die anderen Kinder
aus der vierten Klasse sind
unendlich traurig. Aber sie
verstehen die Lehrerin auch
besser, als die Erwachsenen
das können. Und deshalb fällt
ihnen ein Geschenk zum Abschied ein, das ihre Lehrerin
trotz allem tröstet. Das Buch
ist sehr traurig. Aber manchRachel van Kooji:
mal helfen gerade solche Ge- Klaras Kiste
schichten – besonders, wenn Jungbrunnen
man selbst Kummer hat. Ab Verlag 2008;
9 Jahren.
13,90 Euro
Willst Du auch diesen Fragebogen
ausfüllen? Dann guck mal unter
www.zeit.de/fragebogen
Frühling ist Eichhörnchenzeit: Jetzt kommt der Nachwuchs zur Welt
S
DER ELEKTRONISCHE HUND
Fotos: action press; Duncan Usher/Picture Press; C.Huetter/Arco Images (Eichhörnchen v.o.n.u.); Achim Sass/Westend61 (Nuss);
Illustrationen: Apfel Zet für DIE ZEIT/www.apfelzet.de (Piktogramme); Niels Schröder für DIE ZEIT/www.niels-schroeder.de (Wappen)
Bleeker
chrrrrrrrrrrrrppppppppp,
schrrrrrrrrrrrpppppppp,
schrrrrrrrrppppp« – eines
Tages im vergangenen
Herbst saß ich zu Hause
am Schreibtisch, als ich
plötzlich auf ein seltsames Kratzgeräusch aufmerksam wurde.
Ich schaute aus dem Fenster, und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf: Ein
Eichhörnchen kletterte senkrecht an der
glatten Hauswand hinauf! Im Maul trug
es einen Zweig, der größer war als es selbst.
Mühsam schleppte es seine Last auf ein
Fensterbrett im vierten Stock. Vielleicht
dachte es, dies könnte ein warmer Platz
für ein Nest sein. Aber es hatte Pech: Kaum
war es oben angekommen, fiel ihm der
Zweig wieder hinunter. Ich weiß, dass
manche Biologen nicht viel davon halten,
wenn man Tieren menschliche Gefühle
unterstellt, aber ich schwöre: Dieses Eichhörnchen sah frustriert aus, als es dem
Zweig hinterherblickte. Dann kletterte es
die Wand kopfabwärts wieder hinunter.
Solche akrobatischen Leistungen
schafft das Eichhörnchen, indem es sich
mit seinen starken Krallen an winzige
Unebenheiten in Hauswänden oder
Baumstämmen klammert. Es kommt
nur selten vor, dass Eichhörnchen zu
Tode stürzen. Denn sie haben einen unglaublich guten Gleichgewichtssinn und
können vier bis fünf Meter von einem
Baumwipfel zum nächsten springen.
Wenn sie verfolgt werden, werfen sie
sich zur Not auch von 10 bis 20 Meter
hohen Bäumen hinunter. Dabei benutzen sie ihren buschigen Schwanz als Fallschirm, der sie abbremst. Der Schwanz
ist sowieso eine tolle Sache: Die Hörnchen können sich damit größer machen,
wenn sie Feinde beeindrucken wollen;
im Winter gibt er eine kuschelige Decke für die Jungen ab,
und im Sommer spendet er
Schatten.
Die Eichhörnchen, die
in meinem Hinterhof leben,
rasen auf ihren immergleichen
Nr. 20 DIE ZEIT
VON SUSANNE GASCHKE
Rennstrecken durchs Geäst der Bäume
und schwingen mit Vorliebe an den äußersten Zweigspitzen einiger großer Kiefern hin und her. Die Samen aus Kiefernzapfen fressen sie besonders gern. Sie
verputzen täglich 100 Gramm Samen
bei 300 bis 500 Gramm Hörnchen-Körpergewicht! Die Eichhörnchen nagen
dafür etwa hundert Zapfen ab. Außerdem mögen sie natürlich Nüsse. Und
Beeren, Vogelfutter, Melone, ungezuckerten Zwieback – mit alldem dürft Ihr
sie füttern, wenn Ihr in Eurer Nähe welche entdeckt. Den Antrieb zur selbstständigen Futtersuche verlieren sie dadurch nicht. Und sie sind sehr schlau,
wenn es ums Essen geht: In Skandinavien und Sibirien, wo im Winter tiefer
Schnee liegt, trocknen die Tiere Pilze in
Astgabeln, um sie für die kalte Zeit aufzubewahren. Wenn sie sich von Räubern
beobachtet fühlen, graben sie zur Ablenkung Futterverstecke, in die sie gar nicht
wirklich etwas hineinlegen. Damit sie
immer gut Nüsse knacken können, achten sie auch auf ihre Zähne: Zum Putzen
ziehen sie sich kleine Äste durchs Maul.
Die Eichhörnchen bei uns bekommen einmal, bei gutem Futterangebot
auch zweimal im Jahr Junge. Gerade
jetzt werden viele Eichhörnchenkinder
geboren. Fünf Wochen lang sind sie
blind. Etwa zehn Wochen bleiben sie bei
der Mutter im Nest, dem Kobel, und
werden gesäugt. Den Vater sieht man in
dieser Zeit nie zu Hause: Er kommt erst
im Winter zurück, um sich wieder ins
Familiennest zu kuscheln.
Leider fallen junge Eichhörnchen
manchmal aus dem Nest. Durch lautes
Pfeifen versuchen sie dann, ihre Mutter
auf sich aufmerksam zu machen. Wenn
Ihr ein Eichhörnchen-Waisenkind findet, kommt es auf zwei Dinge an: Lässt
sich die Mutter nicht blicken, müsst Ihr
das Hörnchen wärmen (sie kühlen rasend schnell aus). Das
geht am besten in
Euren Händen. Keine Sorge – falls die
S.45
SCHWARZ
UMS ECKCHEN GEDACHT
Mutter doch noch auftaucht, stört sie
der Geruch nicht. Und dann braucht
das Hörnchen dringend Wasser. Ihr
könnt seine Lippen benetzen und ihm
(vorsichtig!) mit einer Plastikspritze ein
paar Tropfen einflößen. Weil das richtige Füttern und Aufziehen eines jungen
Eichhörnchens wahnsinnig schwierig
ist, solltet Ihr Euer Findelkind danach zu
einer Aufzuchtstation bringen (Informationen beim Eichhörnchen-Notruf unter 0700-200 200 12).
In Deutschland gibt es immer noch
vor allem rote Eichhörnchen. In Italien
und in Großbritannien breiten sich aber
mit großer Geschwindigkeit amerikanische Grauhörnchen aus. Sie werden zu
einer Gefahr für die roten: Die grauen
sind ihnen in vielen Punkten überlegen
und verdrängen sie ziemlich ruppig. Besonders die Briten, die ein sehr liebevolles Verhältnis zu ihren roten Eichhörnchen hatten, sind erbost. Vor einiger Zeit
gab es sogar eine Eichhörnchen-Debatte
im Oberhaus, dem Teil des britischen
Parlaments, in dem die Adeligen sitzen.
Ein gewisser Lord Hoyle beklagte dort
die Frechheit der Grauhörnchen: In einem Londoner Park sei eines an seinem
Hosenbein hochgeklettert – und habe
ihn dann auch noch gebissen! In Großbritannien wollen deshalb manche Leute
die grauen Eichhörnchen auf die Speisekarte setzen: »Iss ein graues, um ein rotes
zu retten«, lautet ihr Wahlspruch. Allerdings sollen Eichhörnchen nicht besonders gut schmecken, also wird diese Idee
wohl keinen Erfolg haben.
Und bei meinen roten Freunden im
Hinterhof denke ich sowieso nicht an
den Kochtopf. Sondern lasse mir lieber
etwas einfallen, wie man die alleinerziehenden Eichhörnchenmütter, die jetzt
so viele Kinder zu versorgen haben, bei
der Futtersuche unterstützen kann. Deshalb gibt es eine Extraration Walnüsse
auf meinen Fensterbänken. Dass sie den
Weg dorthin kennen, weiß ich ja.
www.zeit.de/kinderzeit
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Ein kniffliges Rätsel: Findest Du die
Antworten und – in den getönten Feldern –
das Lösungswort der Woche?
1
B
2
3
M
R
N
4
5
S S
OE
6
F
7
8
L
E
A
9
10
L
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1
u
Der kriegt die größten Blätter im
Gemüsegarten
2
u
Die müssen erst in die Erde,
wenn Pflanzen wachsen sollen
3
u
Blühen bald weiß, reifen bald gelb,
schmecken bald rot
4
u
Der Gärtner wird’s tun, damit das
Pflänzchen nicht auf den Regen warten
muss
5
u
Kommen aus der Erde in den Kochtopf
auf den Teller
6
u
Kann man POKALSAFT im Gemüsegarten
ernten? Wenn wir ihn richtig umrühren, ja!
7
u
Eine ist am Schuh, eine nimmt der
Gärtner mit zum Beet
8
u
Darin gedeihen Gurke und Tomate ohne
Hagel, aber mit Sonnenschein
9
u
Da sind die SPIELTIERE durcheinander:
Die wächst im Kräutergarten
10
u
Der sticht die Scholle, wenn’s ans
Umgraben geht
Schicke es bis Dienstag, den 19. Mai,
auf einer Postkarte an die
*
ZEIT, KinderZEIT,
20079 Hamburg,
und mit etwas Losglück kannst Du mit der
richtigen Lösung einen Preis gewinnen,
ein kuscheliges ZEIT-Badetuch.
Lösung aus der Nr. 18:
1. Erdkunde, 2. Nordpol, 3. Atlantik,
4. Australien, 5. Eiszeit, 6. Groenland,
7. Berge, 8. Amazonas, 9. Wueste,
10. Westen. – KONTINENTE
Nr. 20
46
SCHWARZ
S. 46
DIE ZEIT
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yellow
ZEIT ZUM VORLESEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Der Froschkönig
Die niederländische Autorin
ANNIE M. G. SCHMIDT
(1911 bis 1995) hat aus dem bekannten Märchen der Brüder Grimm eine spannende neue Vorlesegeschichte gemacht
V
zessin. Keine Antwort. »Dann mach mich ganz
zum Frosch«, schluchzte die Prinzessin. »Lieber ein
ganzer Frosch als ein halbes Mädchen.« So jammerte sie am Rande des Weihers, aber nicht ein
einziges Geräusch war zu hören, und da es im Weiher so ruhig blieb, konnte sie sich nun ganz deutlich darin sehen: ein großer, dicker, grüner Froschkopf. Seufzend wandte sie sich um und ging weiter.
Sie wollte nicht wieder nach Hause zurückkehren.
Und so lief sie, bis sie in die Stadt kam. Dort trat
sie in einen Bäckerladen und bat um ein Brötchen,
aber der Bäcker fuhr zurück, und die Bäckersfrau
kam mit dem Teppichklopfer, um sie wegzujagen.
»Darf ich dann vielleicht hier Dienstmagd werden und die allerschmutzigste Arbeit tun?«, fragte
die Prinzessin. »Danke schön«, sagte die Bäckersfrau. »Keine Frösche in meiner Küche.« Überall
wurde die arme Froschprinzessin weggejagt, und
sie sah immer hässlicher aus, denn ihr Kleid wurde
schmutzig und bekam Risse. Endlich gelangte sie
in ein anderes Land, ging zum königlichen Palast
und fragte an der Hintertür, ob man vielleicht Arbeit für sie hätte. »Ich will alles tun«, sagte sie. »Ich
könnte Mist karren oder in einer Ecke wollene Socken stricken.« – »Mein liebes Froschfräulein«, sagte der Oberpersonalchef, der sie anhörte, »wir haben hier keinen Mist, und wollene Socken tragen
wir auch nicht. Es tut mir leid.« Betrübt drehte
sich die Prinzessin um und wollte weitergehen, da
rief der Mann sie zurück und flüsterte: »Warte, ich
wüsste doch vielleicht etwas für dich. Der Königssohn, der hier lebt, ist blind, und man muss ihm
den ganzen Tag vorlesen. Du hast eine schöne
Stimme, und er kann dich ja nicht sehen.« So kam
die Froschprinzessin in den Palast zu dem blinden
Prinzen. Er wohnte in einem Turmzimmer voller
Märchenbücher, die sie ihm vorlesen musste.
or langer Zeit lebte einmal eine
Prinzessin, die war so schön, dass
sogar die Hunde auf der Straße
den Atem anhielten, wenn sie vorüberging. Leider wusste auch die
Prinzessin selbst sehr gut, wie
schön sie war. Jeden Tag saß sie
neun Stunden vor dem Spiegel und guckte und
guckte, bis es jedermann übel davon wurde. Die
Zeit, die übrig blieb, benutzte sie, um sich umzuziehen. Immer wieder ließ sie sich neue Sachen machen,
und sie hatte doch schon hundertsiebenunddreißig
Kleider und zwölfhundertachtundsiebzig Hüte. Es
war schrecklich, und ihre Eltern machten sich große Sorgen. »Das Kind ist viel zu eitel«, sagte der
König. »Wir müssen etwas dagegen tun.«
Er stieg hinauf und trat in das Zimmer seiner
Tochter. Sie saß wieder vor dem Spiegel, umgeben
von lauter grünen Hüten. »Sitzt du schon wieder
vor dem Spiegel?«, fragte der König. »Ich will mir
ein schönes grünes Hütchen aussuchen«, sagte die
Prinzessin. »Aber von keinem gefällt mir das
Grün.« – »Kind«, sagte der König, »jetzt hör endlich mal auf, Hüte aufzuprobieren. Du solltest lieber Klavier üben.« – »Keine Zeit«, sagte die Prinzessin. »Zuerst die Hüte!« Da wurde der König
wütend. Er packte den Spiegel und schmetterte
ihn auf den Fußboden, dass er zerbrach. »So!«, rief
er. »Und jetzt gehst du raus an die frische Luft. Du
gehst im Wald spazieren und kommst erst in einer
Stunde wieder nach Hause. Marsch! Raus!«
Illustration: Rolf Rettich für DIE ZEIT
D
ie schöne Prinzessin senkte den Kopf. Sie
war sehr erschrocken und wagte nicht, ungehorsam zu sein. Sie ging also in den Wald,
bis sie an einen verborgenen Weiher kam. »Hei«,
rief die Prinzessin, »Wasser! Nun habe ich wieder
einen Spiegel.« Sie beugte sich hinunter, um ihr Bild
im Wasser zu sehen, aber die Frösche waren so unruhig, dass die Oberfläche sich kräuselte.
»Was für eine Menge Frösche!«, rief die Prinzessin. »Und alle grün. So ein schönes Grün. So einen
Hut will ich haben.« Und sie rannte nach Hause,
wo sie auf einen Reitknecht traf. »Geh sofort zum
Weiher«, keuchte die Prinzessin atemlos. »Fang alle
Frösche dort. Ich bestelle den Hutmacher, der soll
mir einen Hut aus den Häuten machen.« Der
Stallknecht nahm ein großes Netz und ging zum
Weiher. Aber als er ankam, hatten alle Frösche sich
unter den Wasserpflanzen versteckt. Nur einer war
noch da. Es war der Herrscher der Frösche, der
Froschkönig. »Was willst du?«, fragte der Froschkönig barsch. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte der
Reitknecht höflich und nahm die Mütze ab, »ich
hab den Auftrag von der Prinzessin, alle Frösche zu
fangen.« – »Und was will die Prinzessin mit meinen Fröschen?«, fragte der Froschkönig. »Sie will,
mit Verlaub, einen Hut davon machen lassen«,
sagte der Reitknecht. »Wirklich?«, fragte der
Froschkönig. »Also gut, junger Mann, sie hat den
Hut bereits. Er sitzt ihr ein bisschen tief über den
Ohren, aber das schadet nichts. Geh nach Haus
und bestell ihr Grüße vom Froschkönig. Guten
Tag.« Ein wenig bange und bestürzt ging der Reitknecht in den Palast zurück. Dort fand er die königliche Familie in großer Aufregung. Irgendwas
war mit der Prinzessin geschehen. Etwas Entsetzliches. Ihr Körper war unverändert geblieben. Sie
hatte noch dieselbe schöne Gestalt, aber ihr Kopf
S
war ein Froschkopf geworden. Ein großer, grüner
Froschkopf. Es war ein gräulicher Anblick. »Das
hat der Froschkönig getan, das hat der Froschkönig
getan!«, rief der Reitknecht, aber niemand hörte
auf ihn, und er ging wieder in seinen Stall; der Hof
aber war in großem Aufruhr. Man holte den Arzt
und den Hofadvokaten und den Hautspezialisten,
aber die schüttelten alle drei den Kopf und sagten,
da sei nichts zu machen. »Sie werden sich damit
abfinden müssen«, sagten sie zum König. »Mich
mit einem Froschkopf abfinden! Niemals!«, zeterte
der König. »Vielleicht können wir sie ein bisschen
hübscher machen«, sagte die Königin. »Mit einer
Perücke und ein bisschen Puder kann man viel erreichen.« Die Hoffriseure wurden alle herbeizitiert.
Sie setzten der Prinzessin eine Perücke auf den
kahlen Schädel, sie machten ihr grünes Gesicht
weiß mit Puder und versuchten, ihren Mund rot
anzumalen. Sie verbrauchten einen ganzen Lippenstift, denn so ein Froschmaul ist breit. Als sie
Nr. 20 DIE ZEIT
fertig waren, hielten sie der Prinzessin einen Spiegel vor. Sie warf einen Blick hinein und stieß einen
Entsetzensschrei aus. Es war aber auch wirklich abscheulich. Sie sah aus wie der verrückteste Clown
der ganzen Welt. »Immerhin ist es besser als all das
Grün«, sagte die Königin, aber die Prinzessin riss
sich los und lief in ihr Zimmer, zog die Perücke
vom Kopf und wischte sich die Farbe vom Gesicht.
Dann floh sie durch die Hintertür hinaus.
»Wer war das, mit dem du gesprochen hast?«,
fragte sie den Reitknecht. »Der Herrscher der Frösche«, stammelte er. »Er nennt sich Froschkönig.
Sie haben noch ein bisschen Farbe am Maul.« Die
Prinzessin sah ihn traurig an. »Verzeihung, am
Mund«, sagte der Reitknecht und wurde rot vor
Verlegenheit, aber sie war schon fort. Sie ging in
den Wald, beugte sich über den Weiher und rief:
»Froschkönig!« Aber es kam keine Antwort. Alle
Frösche hielten sich verborgen. »Mach mich bitte
wieder richtig, lieber Froschkönig«, flehte die Prin-
S.46
SCHWARZ
ie machte es so gut, und ihre Stimme
klang so süß, dass der Prinz keine Stunde mehr ohne sie sein konnte. Sie musste mit ihm am Tisch essen und nachts in
einer kleinen Kammer über seinem Zimmer schlafen. »Du bist sicher hübsch. Wie schade,
dass ich dich nicht sehen kann«, sagte der Prinz
manchmal, und die Froschprinzessin schwieg dazu.
Eines Tages, als sie wieder vorlas, hörten sie von
draußen einen ungeheuren Lärm. »Was ist denn da
los?«, fragte der Prinz. Sie beugte sich aus dem Fenster und rief: »Ach, wie komisch! Zwei Hofdamen
haben Krach miteinander. Sie schlagen sich und
zerren sich an den Haaren.« – »Wie schade, dass ich
das nicht sehen kann«, rief der Prinz. Er hatte Tränen in den Augen. Da bekam die Prinzessin solches
Mitleid mit dem Prinzen, dass ihr plötzlich etwas
einfiel, und sie fragte, ob sie wohl zwei Tage freihaben könnte. »Zwei Tage?«, rief der Prinz. »Soll
ich zwei Tage ohne dich sein?«
»Ich werde noch besser lesen, wenn ich wiederkomme«, sagte die Prinzessin. Sie nahm Abschied
und machte sich auf den Weg in ihr eigenes Land,
wo sie sofort den Weiher im Walde aufsuchte.
»Froschkönig!«, rief sie. »Hier bin ich«, sagte der
Froschkönig. Und wahrhaftig, da saß er auf einem
großen Blatt. »Du willst mich sicher bitten, dass ich
dich wieder schön mache«, sagte er. »Nein, nein«,
rief die Prinzessin hastig. »Ich weiß ja, dass Sie das
nicht tun. Ich komme wegen des blinden Prinzen
in unserm Nachbarland. Können Sie ihn wieder
cyan
magenta
yellow
sehend machen?« – »Worrrk«, sagte der Froschkönig. »Das könnte ich wohl, aber hast du daran
gedacht, dass es dann für dich nicht gut aussieht?
Er wird erschrecken, wenn er dich sieht. Er wird
dich wegjagen.« – »Daran hab ich auch schon gedacht«, sagte die Prinzessin, »aber das ist mir gleich.«
– »Also gut«, sagte der Froschkönig. »Geh nur zu
ihm zurück. Ich werde sehen, was ich tun kann.«
Ü
berglücklich eilte die Prinzessin zurück
ins Nachbarland. Als sie zum Palast kam,
stand ein Lakai auf der Türschwelle und
rief: »Es ist ein Wunder geschehen. Der
Prinz kann sehen!« – »Wo ist er?«, fragte die Prinzessin. »Im Garten«, sagte der Lakai. »Er schaut sich
alle Menschen und Tiere und Blumen an, und gerade haben die Hofdamen wieder Krach miteinander,
und er sieht ihnen zu.« – »Schön«, sagte die Prinzessin. Sie schlich die Wendeltreppe hinauf in ihre
runde Kammer und machte sich daran, ihre Siebensachen in ein Küchenhandtuch zu schnüren. Als sie
fertig war, wollte sie die Treppe wieder hinunterschleichen, um endgültig zu verschwinden. In diesem
Augenblick erschien ein Kammerherr und sagte: »Der
Prinz wünscht Sie sofort zu sehen.« – »Oh«, sagte
die Prinzessin verwirrt. »Er ist in seinem Zimmer«,
sagte der Kammerherr. »Er lässt Sie bitten, sofort zu
kommen.« – »Sehr wohl«, sagte die Prinzessin. Es
bestand keine Möglichkeit, sich heimlich davonzumachen, und darum nahm sie die Scheibengardine von
ihrem kleinen Fenster und bedeckte Kopf und Gesicht damit. So trat sie in das Zimmer des Prinzen.
»Kommst du endlich«, sagte er. »Warum hast du
denn eine Gardine über dem Kopf?«
»Die trage ich immer«, sagte die Prinzessin.
»Nimm den Lappen vom Kopf«, sagte er. »Nein«,
sagte sie. »Ich befehle es«, sagte der Prinz. Da begriff sie, dass ihr nichts anderes übrig blieb. Sie
nahm die Gardine und zog sie herunter. Es blieb
sehr still im Zimmer. Endlich hörte sie den Prinzen tief aufatmen, und er sagte: »So hatte ich es
mir nicht vorgestellt.« – »Das dachte ich mir«, sagte die Prinzessin traurig. »Sieh mich an«, sagte er.
Sie hob den Kopf und schlug die Augen auf. Sie
sah, dass der Prinz sie strahlend anstarrte. »Du bist
noch viel schöner, als ich vermutet hatte«, sagte er.
»Mach dich nicht lustig über mich«, sagte die Prinzessin. »Ich hab ein Froschgesicht.« – »Glaubst du
das wirklich?«, fragte der Prinz. »Schau in meinen
Spiegel!« Sie guckte hinein. Zu ihrer Verwunderung sah sie ihr früheres Gesicht. Es war wieder
genauso schön, nur viel freundlicher. Das hatte sie
dem Froschkönig zu verdanken. Sie heirateten
noch im Lauf der Woche und reisten zu ihren Eltern, die überglücklich waren. In den beiden Ländern wurde gefeiert, und am Abend gab es ein
Konzert mit tausend Trompeten. Nur der Prinz
und die Prinzessin waren nicht dabei. Sie lauschten
einem schöneren Konzert. Hand in Hand saßen
sie am Weiher und hörten den Fröschen zu.
a www.zeit.de/audio
In zwei Wochen ...
… lest Ihr hier die Geschichte von der
Seltsamen Jungfer Bock. Bilder: Rolf Rettich
Nr. 20
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FEUILLETON
F
iat und Opel – allein der
Gedanke einer solchen
Konjunktion, ob man sie
nun als rettende Ehe oder
drohende Vergewaltigung
sehen möchte, löst eine
lähmende Traurigkeit aus.
Das Artensterben in der
Automobilindustrie wird
weitergehen. Wenn schon
die partielle Zusammenarbeit von Mercedes und
BMW geeignet ist, das Charakterprofil der
Marken gefährlich zu verschleifen, um wie viel
mehr gilt dies für zwei Firmen, deren Eigenarten
nicht nur in unterschiedlichen Ingenieurskulturen, sondern in zwei gegensätzlichen Nationen
wurzeln.
In ihren Tugenden wie in ihren Untugenden
haben Fiat und Opel immer auch ihre Länder
repräsentiert, einschließlich der mitunter ungerechten Zuschreibungen. Autos von Fiat waren
niemals so unzuverlässig, wie der Ruf es wollte,
und Autos von Opel weder so langweilig noch
so langlebig. Aber es war doch in der guten alten
Zeit unabweisbar, dass ein Opel, behäbig, etwas
schwammig, mit seinen ebenso drehmomentstarken wie drehfaulen Motoren, ein sehr deutsches Ideal verkörperte, während der Fiat, bretthart auf der Straße, mit seiner knochigen Schaltung, den kleinvolumigen, jederzeit giftig hochdrehenden Motoren das nervöse südländische
Temperament zur Anschauung brachte (oder
was man dafür hielt).
Und dann die Wunder der italienischen
Raumausnutzung! Ein Fiat, nicht nur als Cinquecento außen winzig, bot innen großen Platz,
vorausgesetzt, der Fahrer war nicht allzu hochgewachsen und seine Schuhgröße erlaubte es
noch, zwischen den kleinen, rennsportlich dicht
gedrängten Pedalen zu wechseln. Der Opel dagegen, von der lässigen Verschwendungssucht
seiner amerikanischen Mutter General Motors
beflügelt, schneiderte sein Blechkleid immer so,
dass genügend Platz für ein Maximum an
Chrom und Verzierungen blieb. Selbst ein Opel
Rekord (von Kapitän, Admiral und Diplomat
ganz zu schweigen!) vereinigte alle Designelemente eines amerikanischen Straßenkreuzers
auf mitteleuropäisch gedrängtem Raum.
Auf der ursprünglich noch durchgehenden
Vorderbank wie auf einem Sofa lümmelnd, die
Hand mit zwei Fingern auf der taktvoll unpräzisen Lenkradschaltung ruhend, konnte der OpelFahrer, selbstverständlich rauchend und mit
Hut, die wunderbaren neuen amerikanischen
Freiheiten genießen, die über das alte Deutschland gekommen waren – und die Freude daran
war wiederum etwas sehr Deutsches. Ein Fiat
bedeutete dagegen immer einen gewissen Stress,
verlangte nicht nur einen aktiven, fleißig schaltenden Fahrer, sondern auch einen, der das anstrengendere, an Bauhausidealen orientierte, in
seiner Schnörkellosigkeit triumphierende italienische Design goutieren konnte.
Nun ist diese gute alte Zeit, in der sich
Ingenieurskunst gewissermaßen noch
hauteng an eine zugrunde liegenLEKTÜRE
de Nationalkultur schmiegte,
ZUR LAGE
schon etwas länger vorbei.
Silvio Berlusconi (72)
Die Autos in den letzten
schätzt Noemi Letizia (18).
zwanzig Jahren, weDazu Martin Walser in seinigstens in Europa,
nem Roman »Ein liebender
haben sich immer
Mann« über Goethe (73), der in
weiter angegliUlrike von Levetzow (19) verliebt
chen und stanist: »Kein Gefängniswärter und
kein Präsident bleiben davon unbedardisiert. Es
rührt. Alle Übel der Welt sind entsind ja auch
standen durch Liebesmangel. Ulrike
die hochmerkund er werden, weil sie einander genüwürdigen, gegen, die Welt von allen Übeln erlösen.«
radezu schrul-
ligen englischen Autos verschwunden, die Triumph und Rover und Austin und Sunbeam;
und als VW die alte tschechische Marke Škoda
übernahm, war schon ausgemacht, dass die böhmischen Ingenieure keine Chance haben würden, ihrem verschütteten Nationalgeschmack
eine eigene automobile Ausdrucksform zu verleihen. Erst recht Fiat hat in den letzten Jahren,
auf der Suche nach einem gemeineuropäischen
Konsens, erstaunliche Identitätskrisen durchgemacht. Der erfolglose Fiat Stilo war der Versuch, einen Golf mit italienischen Mitteln zu
bauen, ein ernsthaftes, solides Auto, das aller-
fach das bessere, das international Marktgängige
über die bornierten nationalen Eigentümlichkeiten? Nun – denken wir uns zwei Gärten. In
dem einen, wo Rhododendren wuchern, haben
es die Rosen schwer. In dem anderen dagegen,
wo die Rosen unermüdlich blühen, werden Azaleen niemals wachsen. Kurz, nicht jeder Boden
gibt alles Wünschenswerte gleichzeitig her – und
schon gar nicht die köstlichen Überraschungen,
die jeder Gärtner liebt: dass sich das heikle Lungenkraut von selber ansiedelt oder die japanische
Lavendelheide ohne Krankheiten überlebt.
Wenn aber in beiden Gärten die gleichen Pflan-
Autos ohne
Charakter
Wenn Fiat und Opel fusionieren, geht das Artensterben in der
Warenwelt weiter: Individualität verschwindet, die Vielfalt
nationaler Traditionen erlischt VON JENS JESSEN
dings eine unglückliche Liebe zu deutschem
Mangel an Charme und Esprit verriet.
Und nun soll aus dieser Liebe sogar eine Ehe
werden! Auch wenn die empörte, in ihrem Nationalstolz tief verletzte Belegschaft von Opel es
anders sieht – Fiat hat in dieser Beziehung viel
mehr zu verlieren, vor allem mehr als Arbeitsplätze. Denn Opel ist sich über die Jahre, in seiner etwas stumpfen und dumpfen Tüchtigkeit
und gänzlichen Eleganzfreiheit, erstaunlich treu
geblieben, mit Ausnahme vielleicht der jüngsten
Modelle, die etwas zu viel des Guten an Straßenlage und Lebendigkeit vorführten. Fiat dagegen
hat erst gerade eben wieder, mit dem neu nachempfundenen Cinquecento und dem atemberaubend, geradezu sinnlos schönen Bravo, zu
Fragmenten seiner alten Identität zurückgefunden. Und diese sollte nun, durch gemeinsame
Entwicklungen mit Opel, sogleich wieder gefährdet werden?
Gegenfrage: Warum nicht? Was wäre denn
das Schreckliche an einer weitgehenden Angleichung der Konzepte? Siegte am Ende nicht ein-
Nr. 20 DIE ZEIT
zen angebaut werden wollen, dann werden das
nur die langweiligsten, zähesten und schmucklosesten sein – und auf keinen Fall die spontanen Selbstansiedlungen. Das Analoge gilt für die
Automobilindustrie. Denn dass Fiat das Karge
mit dem Temperamentvollen verbindet und
Opel das Üppige mit dem Zähen – das hat niemand eigens gewollt und befohlen, das ist auf
dem italienischen und dem deutschen Boden
einfach so gewachsen.
Das ist das eine. Das andere ist ein eigentümliches Phänomen, das sich am Ende einer hoch
entwickelten Ingenieurskunst einstellt. Wo alle
Vernunftgründe einer Konstruktion ausgereizt
sind, wo allen Zwängen und Vorgaben Rechnung getragen wurde, entsteht merkwürdigerweise eine neue Art von Freiheit. Der Ingenieur
steht plötzlich vor Entscheidungen, die genauso
willkürlich sind wie die Entscheidungen eines
Künstlers vor der Leinwand. Das hat damit zu
tun, dass nicht alles Wünschenswerte zugleich
verwirklicht werden kann. Es sind zwar viele geschickte Kompromisse zwischen Durchzugskraft
S.47
SCHWARZ
und Drehfreude eines Motors denkbar, aber am
Ende muss der Ingenieur doch wissen, welcher
Eigenschaft er den Vorzug geben will – mit anderen Worten, was er schöner findet.
Dieses Schönere wurzelt aber nicht mehr in
Algorithmen, sondern in der Herkunft und Geschmacksbildung, am Ende sogar, weil es nicht
bewusst formuliert werden kann, in Lebensgefühl und Lebensart, also in der Nationalkultur. Wenn ein amerikanischer Ingenieur einen
kompromisslosen Sportwagen entwirft, entsteht
so etwas wie der Dodge Viper, der Motor hat
zehn Zylinder ungeheuerlichen Hubraums,
stammt von einem Lastwagen und schüttelt seine ganze Kraft, unter gewaltigen Vibrationen,
aus dem Drehzahlkeller. Ein Ferrari dagegen, jedenfalls aus klassischer Zeit, verteilte einen vergleichsweise kleinen Hubraum auf zwölf Zylinder, die alle Kraft aus schwindelerregenden
Drehzahlen pressten, aber mit vollständigem
Masseausgleich und vibrationslosem, turbinengleichen Lauf.
Was aber, wer wollte es sagen, ist denn nun
das Bessere, die Raserei hochempfindlicher Feinmechanik (Ferrari) oder die bullige Einfachheit
(Dodge)? Niemand kann es sagen. Das aber ist
das Wunderbare, dass auch in der Welt der
Technik sich am Ende wieder so etwas wie die
göttliche Vielfalt der Schöpfung, ihre Unausdeutbarkeit und Unausschöpflichkeit, herstellt.
Wir können auch durch den Garten der Konsumprodukte staunend gehen, den Kopf schütteln, Entzückensschreie ausstoßen oder Abscheu
empfinden wie in der Natur. Und das ist keine
triviale Empfindung. Denn sie entzündet sich
gerade nicht an dem Warencharakter der Warenwelt, sondern daran, dass auch hier nicht alles manipuliert und kalkuliert ist, sondern voller
Irrationalitäten steckt, die kein noch so abgefeimter Marketingstratege kaufmännisch verzwecken kann.
Der Mensch, auch als Schöpfer seiner Warenwelt, weiß recht eigentlich nicht, was das ist,
was er will – er folgt seinem Ideal des Schönen
gewissermaßen blind. Dieses Schöne, das Ingenieursschöne, entspringt genauso dem Inkommensurablen, wie es Goethe für das Kunstschöne definiert hat. Es ereignet sich gewissermaßen
im Rücken der Marketingabteilungen, die glauben, alles auf den Markt und den eingebildeten
Kundenwunsch zugeschnitten zu haben. Was
aber der italienische oder deutsche Ingenieur am
Ende auf die Beine gestellt hat, trotz ständiger
Gängelung durch Werbung, Vertrieb und Marketing, ist dann doch – nun eben ein Fiat oder
ein Opel.
Der Kompromiss gemeinsamer Entwicklung
aber könnte nur in Autos bestehen, die um ihre
jeweilige nationale Eigenart gekürzt wurden –
also um das Kostbarste, zumindest Unterhaltsamste, was es in der Schöpfung gibt: die Individualität. Nicht das Bessere wird sich durchsetzen (denn dafür gibt es gar keinen objektiven
Maßstab), sondern das Gesichtslose, das Einförmige und Freudlose. Die Wirtschaft, heißt es
gerne, ginge aus allen Krisen gestärkt hervor.
Das Ergebnis einer Krise, in der alles noch verbliebene Nationale verdampft (so viel ist es gar
nicht), könnte aber auch nur – Nivellierung
sein. Auch die kapitalistische Warenwelt könnte
ein Gesicht zeigen, grau und trostlos wie der Sozialismus, in dem sich das Individuum nicht
wiederfindet, weil aus den Produkten jede Individualität ihrer Schöpfer verschwunden ist.
Das Opel-Fiat-Auto, es würde – nun, nicht einmal der Wartburg der Zukunft sein, weil es
nicht einmal dessen menschlich berührende
Untüchtigkeit hätte.
a www.zeit.de/audio
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
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LITERATUR:
Arnold Stadlers neues,
riskantes, furioses Buch
über Jesus, Pasolini
und das Leben
THEATER:
Der Regisseur Jürgen
Gosch und der Schauspieler Ulrich Matthes
über Ruhm und Scham
S. 51
S. 54
Der Beweis
Sehr schön: »Westkunst« und
Einheitsdenkmal sind gescheitert
Abb.: DZ
47
SCHWARZ
S. 47
DIE ZEIT
Gerade die menschlichen Disziplinen, deren Grundlage die Fantasie ist, haben die
größten logischen Probleme zu lösen. Darum suchen die Kriminologie, die Ästhetik,
die Liebe und die Mathematik besonders
fieberhaft nach dem schlagenden Beweis,
nach dem »Quod erat demonstrandum«. Es
ist deshalb ein besonderer Glücksfall für die
Ästhetik, dass Anfang Mai in Berlin unter
gleich zwei ihrer größten im 20. Jahrhundert ungelöst gebliebenen Problemstellungen ein erleichtertes q. e. d. gesetzt werden
kann. Zunächst scheiterte im Gropius-Bau
mit der Schau 60 Jahre – 60 Werke der letzte
Versuch der linksrheinischen Betonfraktion,
der Kunst aus Ostdeutschland ihre Existenzberechtigung abzusprechen (ZEIT vom
30. April). Das altbundesrepublikanische
Sauberkeitsideal, wonach gute Kunst nur in
einem Land der »Freiheit« entstehen könne,
entlarvt sich hier selbst. 60 Jahre – 60 Werke
oder: Wir haben die Absicht, eine Mauer zu
errichten. Nicht die ostdeutsche Kunst in
ihrer Vielfältigkeit zwischen Glöckner, Altenbourg und Tübke erscheint einem angesichts dieses verzweifelt anachronistischen
Ausstellungskonzeptes unfrei, sondern die
Staatskunst des Westens. Die Wahrheit ist
unbequem: Neo Rauch war auch schon zu
Zeiten der DDR ein exzellenter Maler und
wurde es nicht erst seit der Nacht des 9. November 1989.
Und auch wenn es keines weiteren Beweises bedurft hätte, offenbarte sich noch
einmal auf anderem Feld, dass Freiheit und
Demokratie keineswegs per se bessere Kunst
hervorbringen. In einem denkwürdigen Akt
hat die Jury für ein Berliner Denkmal zur
deutschen Einheit, zu dem jeder Bürger
Entwürfe einreichen konnte, erklärt, dass
die Qualität so schlecht war, dass keine Vorauswahl getroffen werden konnte.
Wir lernen: Es gibt keinen Gleichklang
zwischen dem ästhetischen und dem moralischen Fortschritt. Es gibt auch in Staaten,
die die Freiheit repressiv beschränken,
avantgardistische, großartige Kunst. Und in
Staaten, in denen die Künstler jede Freiheit
der Welt genießen, entsteht deshalb noch
lange kein einziges gutes Denkmal. Wie
schön! Jetzt können wir endlich neu zu denken beginnen.
FLORIAN ILLIES
S. 48
SCHWARZ
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FEUILLETON
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Foto (Ausschnitt): Stephan Sahm, aus der Serie «my cage is my castle»
48
DIE ZEIT
DER AUGENBLITZ
In der Hamsterhölle
Wettbewerbs – und ist das Hamsterrad nicht auch
der bevorzugte Aufenthaltsort des spätkapitalistischen Menschen? Pausenlos rackert er sich ab im
Bemühen um Futter und Fortkommen. Davon
erzählen Sahms Bilder in schrillen Farben, aber
auch davon, wie künstlich die Welt dieses ewigen
Rattenrennens in Wahrheit ist. Dass Millionen
Haustieren diese Plastikorgien als natürliches Habitat aufgezwungen werden, sagt eigentlich alles
über unser Naturverständnis. (Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt zeigt bis zum 30.
Juni diese und weitere ausgezeichnete Arbeiten,
www.dam-online.de)
CIS
WAS MACHE ICH HIER?
Spion Kempowski
Mit Krawatte gegen die Krise
Vielleicht ist es ein erstes Vorzeichen dafür,
dass in Deutschland die Gesinnungsdebatten
gelassener geführt werden können, als es in
den letzten 60 Jahren unter Bedingungen des
Kalten Kriegs und seiner Verwerfungen der
Fall war. Tatsächlich könnte es sein, dass zum
ersten Mal in Deutschland ein Schriftsteller
Gegenstand einer Enthüllung wird, und alle
nehmen diese Enthüllung mit zeitgeschichtlichem Interesse, aber ohne moralischen Furor
hin. Die Rede ist von Walter Kempowski, der
vor zwei Jahren gestorben ist. Kempowski saß
als junger Mann acht Jahre in Bautzen ein
wegen »angeblicher« Spionage für die Amerikaner, wie es stets hieß. Nun hat der amerikanische Germanist Alan Keele, der mit
Kempowski befreundet war, auf einem Kongress zu Ehren des Schriftstellers in Rostock
öffentlich gemacht, dass dieses »angeblich« die
Sachlage nicht richtig beschreibt. Aus den Akten des CIC, der Vorgängerorganisation der
CIA, gehe hervor, dass der 18-jährige Kempowski tatsächlich mit dem amerikanischen Geheimdienst zusammengearbeitet habe. Über
seine Haftzeit im »gelben Elend« schrieb Kempowski nach seiner Entlassung den eindrucksvollen Roman Im Bau. Ist also wieder einer der
Schriftsteller-Heroen der alten Bundesrepublik
bei der Geschichtsklitterung erwischt worden?
Kempowskis gelegentliche Dienste für die
Amerikaner waren keine Überzeugungstaten,
sie brachten ihm und seiner Familie kleine materielle Vorteile ein. Warum hat er dann später
nie frei darüber gesprochen? Er habe, so vermutet Alan Keele, seinen ebenfalls inhaftierten
Bruder Robert und dessen Status als politischer Häftling nicht gefährden wollen. Das
klingt glaubwürdig. Kempowski ist jetzt also
nicht mehr das gänzlich grundlose DiktaturOpfer. Alan Keeles Enthüllung mischt etwas
mehr Grau dem Schwarz-Weiß dieser Lebensgeschichte bei, und das heißt: etwas mehr
Wirklichkeit. Kempowskis kleine Geschichtsklitterung in den Kämpfen der Zeit aber macht
sein großes Werk weniger glatt und noch substanzieller.
IJOMA MANGOLD
Berichtigung
Die Tränen der alten Uhrmacher, auf die ich mich
im Gespräch mit Neo Rauch in der ZEIT vom
30. April 2009 beziehe, dürften vom Zusammenschluß der Uhrenwerke Glashütte, Weimar und
Ruhla zum Uhrenkombinat Ruhla herrühren,
nicht Riesa. In Riesa wurden zu DDR-Zeiten
Seifen, Reifen, Sicherheits-Zündhölzer, Nudeln
und Stahl hergestellt, nicht aber Uhren. Zwischen
Ruhla und Riesa liegt eben mehr als Meerschaum
für Tabakspfeifen, ein berühmtes Volkslied oder,
heute, eine Landesgrenze.
UWE TELLKAMP
Ich kann seit
zwanzig Jahren keine Krawatte mehr binden.
Als ich es noch konnte, trugen alle, die ich
kannte, Bundeswehrparkas und zerrissene
Cordhosen, und das langweilte mich so sehr,
dass ich mir in einem Alte-Leute-Laden einen
Anzug und schwarze Budapester besorgte, bei
Woolworth Hosenträger, und im Schrank
meines Vaters fand ich eine breite, weiß-grau
karierte Krawatte aus Tweed, natürlich von
C&A. Alles zusammen kostete 40 Mark.
Die Krawatte, die ich mir jetzt – es war
Mittwochabend, kurz nach acht, und Berlin
hatte einen seiner schönen, warmen, gastfreundlichen Tage gehabt – umbinden wollte, sollte 40 Euro kosten. Alle, die um mich
herumstanden, meinten, das sei wahnsinnig
billig. Wir waren in den neuen, großen,
weißen Räumen der Galerie Sprüth Magers in der Oranienburger Straße im
ehemaligen Ressource-Club, wo
später die Börsenleute einzogen,
dann die Psychologen von Honeckers Humboldt-Uni, und seit
ein paar Monaten wurden hier
Rosemarie Trockel und Cindy
Sherman ausgestellt. Und heute
war Alexander Brenninkmeijer
mit seiner Frühjahrskollektion
da. Er hatte, wie er das zweimal
im Jahr macht, Mäntel, Jacken,
Hosen und Hemden für Männer
und Frauen mitgebracht, alles sehr
schön und durchdacht, aber auch ein
bisschen zu streng, wie Holländer
eben sind, wenn sie ans Arbeiten und
nicht ans Feiern denken. Alexander ist
Holländer, obwohl er in Deutschland
geboren wurde. Jetzt lebt er in München, wo er seine Firma hat, und eigentlich könnte er längst wieder in
Holland leben und einer der Chefs
von C&A sein. »Aber wer einmal raus ist«,
sagt Alexander jedes Mal, wenn er von seiner
Familie spricht, »der ist für immer raus.«
Alexander ist ein großer, freundlicher, verhaltener Mann. Er stand jetzt schon eine Weile neben mir vor einem viel zu kleinen Spiegel,
den seine Leute zusammen mit den Kleidern,
Rechnungsblöcken und der Kreditkartenmaschine aus München mitgebracht hatten,
und zeigte mir, wie man einen Krawattenknoten macht. Beim dritten Versuch gab ich es
auf, ich gab ihm die Krawatte, er band sie für
mich, und ich legte sie mir um. Sie fühlte sich
für eine Sekunde wie eine Schlinge an – wie
eine Krisen-Schlinge. Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten, dachte ich, das ist nicht
der Moment, etwas zu kaufen, nur weil man
Lust auf dieses perfekt temperierte Gefühl
hat, das einen kurz durchströmt, wenn man
Berlin, Oranienburger Straße.
NR.
das erste Mal ein Kleidungsstück trägt, das
schön ist und passt. Früher war ich süchtig
nach diesem Durchströmen. Früher hatte ich,
wenn Alexander mit seiner Kollektion in der
Stadt war, immer etwas gekauft, und dann zog
er weiter nach London oder Düsseldorf, und
ich rief ihn auf dem Handy an und sagte, das
Hemd und diesen Gürtel hätte ich auch noch
gern, und drei Tage später kamen die Sachen
in schönen grauen Kisten, eingewickelt in Seidenpapier, und allein wenn ich sie sah, hatte
ich das perfekte Neue-Kleider-Gefühl. Ist das,
dachte ich, während ich mich traurig mit Alexanders 40-Euro-Krawatte im Spiegel anguckte, für immer vorbei?
Später gingen Alexander und ich ins Tausend am Schiffbauerdamm. Dort machen sie
jetzt in einem S-Bahn-Pfeiler ein Hinterzimmerrestaurant, das genauso grau und
hell eingerichtet ist wie die Bar vorn,
ein Widerspruch, der nur in Berlin
möglich ist. Man kommt rein,
wenn man sich an den Barleuten
vorbei hinter den Tresen schiebt,
und fühlt sich sofort wie in einem
Speakeasy im Prohibitionsamerika, bloß dass bei uns gerade
nicht der Alkohol verboten ist,
sondern – irgendwie – das Geldrausschmeißen. Alexander und
ich redeten beim Essen natürlich
auch darüber. Aber noch interessanter fanden wir, dass wir beide keine
Deutschen sind. Ich sagte, man
merkt es dir an, weil du so furchtlos
bist, und er sagte, stimmt, aber ich
weiß trotzdem nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich vor 60 Jahren
hier gelebt hätte und deine jüdische
Herkunft dein Problem wäre.
Dabei aßen wir Austern, Wachteln, Kalbsfilet, und ich hatte die
Krawatte um, die zum Glück nicht von C&A
war, sondern von Alexanders eigener Firma,
die wie seine Urgroßväter Clemens en August
heißt, und über uns rumpelten die Berliner
S-Bahnen, und es war ein herrlicher Geldrausschmeißabend. Als ich zahlen wollte,
schaute Alexander auf seine verhaltene, disziplinierte, freundliche Art auf die Rechnung
und sagte: »Ganz schön teuer. Das teilen wir
uns.« Ich habe natürlich abgelehnt und die
Rechnung eingereicht.
Zu Hause, während ich meine neue Krawatte, meine Anti-Krisen-Krawatte, vor dem
Spiegel im Flur abnahm, merkte ich plötzlich,
dass ich einen verdammten Parka anhatte. Es
war aber ein israelischer Parka, und ich dachte, ein Glück, damit komme ich bestimmt
noch viel leichter durch diese ungewöhnliche
Zeit.
MAXIM BILLER
D I S KO T H E K
Foto: Naïve
Der Augenblitz ist der scharfe Blick, mit dem etwa
der Türmer Lynkeus im Faust II Himmelsraum
und Erdenbreite scharf überspäht, um zu schauen, »was etwa da und dort sich melden mag«, eine
Herde, ein Heerzug, eine Helena. Fortan sollen an
dieser Stelle kleine Augenblitze in die Welt geschleudert werden, zum Auftakt blicken wir mit
größtmöglicher Schärfe – in einen Hamsterkäfig.
Für seine Aufnahmen aus dieser knallbunten Parallelwelt hat der Münchner Fotograf Stephan
Sahm soeben den Europäischen Architekturfotografie-Preis 2009 erhalten. »Neue Heimat« lautete
das diesjährige Motto des seit 1995 ausgerufenen
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ZEITMOSAIK
Foto: Alexander Brenninkmeijer
Nr. 20
Patricia Kopatchinskaja gehört zu jenen
Künstlerinnen, von denen man selber gerne
eine wäre. Man möchte von ihrer Ausdruckslust befallen sein, tanzen können, spielen wie
sie, fuhrwerken auf der Geige, bis die F-Löcher nach Luft schnappen. Man möchte so
jung sein wie sie (31) und mit nackten Füßen
und Lampenfieber die Konzertpodien der
Welt erobern. Ihre Finger, so erklärt die Moldawierin ihr Faible fürs Barfußspielen, seien
direkt mit ihren Zehen verbunden, auch die
müssten sich also frei bewegen können. Man
möchte CDs hassen wie sie (und doch den
Weg ins Studio finden), man möchte vom
Schwarzen Meer kommen und Ravel und
Bartók im Saal sitzen sehen, während man
Ravel und Bartók spielt. Wie sie. Dann würde man den Komponisten – tot oder lebendig – endlich als Zeitgenossen begreifen. »Ich
will die Leichen von Bach, Beethoven und
Mozart auf die Füße stellen«, sagt Kopatchinskaja, und keiner anderen Geigerin der Gegenwart traute man solche Unerschrockenheit wohl zu.
Durchweg schön kann das nicht klingen.
Eher angriffig, rissig, spitz. Die Geige als
Schlag-, Klopf- und Zupfinstrument. Kopatchinskajas Ton gibt sozusagen von Haus aus
Rätsel auf, nicht nur im Andante von Beethovens Kreutzer-Sonate, mitten im lieblichsten Lerchengetriller der vierten Variation. Wo
Generationen von Geigern vor ihr höflich jubilieren, da setzt Kopatchinskaja mit nervösfedrigen Fingerkuppen mehr den Flügelschlag
in Töne, als würde sie selbst hoch am Himmel
Nr. 20 DIE ZEIT
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SCHWARZ
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stehen. Und wo andere dem Sonatensatz vertrauen, im eröffnenden Adagio sostenuto, da ist
sie in einer Weise sprunghaft und auf der
Hut, dass es schmerzt. Jede unerwartete motivische Wendung baut sie zur Vollbremsung
aus, alles Harmonisch-Inkontinente ist ihr
Anlass, in Wunden zu wühlen, jedes raschere
Tempo eine wilde Jagd. Das Improvisatorische, so lernt man, ist Kopatchinskajas Element: Musik mit den Augen und Ohren eines
Wolfskindes. Vielleicht muss die Geigerin,
die mit 13 nach Wien kam und heute in Bern
lebt, noch radikaler werden, um auch zu verstehen, wie subversiv, wie anarchistisch der
Klassiker Beethoven gerade in der Contenance sein kann.
Der türkische Pianist Fazil Say ist Kopatchinskaja auf ihrer Debüt-CD bei naïve ein
geradezu erotischer Partner. Ob er nun hörbar
und im Brustton mitsingt oder das Klavier für
Ravels G-Dur Sonate mit Aschenbechern
präpariert: Say schenkt sich (und ihr) nichts,
bietet einen trockenen, klangrednerischen
Beethoven und swingt bei Ravel, als habe es
zwischen E und U nie Mauern gegeben. Am
großartigsten aber: Wie die beiden Südosteuropäer Bartóks Rumänische Volkstänze bis
zum Rand mit Seele und Sehnsucht füllen.
Miniaturen aus einer fernen, farbenprächtigen
Welt, in der die Musik mit den Menschen
noch gesprochen hat. CHRISTINE LEMKE-MATWEY
Patricia Kopatchinskaja/Fazil Say: Violinsonaten von Beethoven, Ravel, Bartók und Say
naïve V5146
Nr. 20
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FEUILLETON
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Foto: Melissa Miranda
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
EIN INTERNATIONALES TEAM hat der Firmen-Chef Efe Cakarel (zweiter von links) im kalifornischen Palo Alto um sich geschart
Diese Sieben stürmen das Kino
Die Betreiber der Website The Auteurs haben einen Traum: das Programmkino im Internet. Beim Filmfestival in Cannes präsentieren sie ihren neuesten Coup
V
or genau zwei Jahren bekam
der Leiter der Filmfestspiele von Cannes, Thierry
Frémaux, einen flott geschriebenen Brief. Er lautete ungefähr so:
»Lieber Herr Frémaux,
wenn Ihr Festival bei der
Zukunft der Filmdistribution mitmischen will,
dann sollte es meine Internetfirma mit offenen Armen empfangen. Daher bitte ich Sie, mich für die
diesjährige Cannes-Ausgabe zu akkreditieren.«
Was in dem Brief nicht stand: dass die Firma The
Auteurs, die sich hier viel zu spät um eine der schwer
zu ergatternden Akkreditierungen bewarb, erst zwei
Wochen alt war. Dass diese Firma außerdem kein
Geld und keine Angestellten, kein Büro, ja nicht einmal einen Ort hatte und nur aus einer einzigen Person
bestand: Efe Cakarel, einem in den USA lebenden
Türken, der nach Jahren als Investmentbanker und
Computerentwickler seine Kinoleidenschaft zum
Beruf machen wollte. Die Idee zu seiner Firma kam
Cakarel, als er eines Tages in einem Café in Tokyo
Lust hatte, sich auf seinem Laptop Wong Kar-Wais
Melodram In the Mood for Love anzuschauen. Er
musste feststellen, dass es im Internet keinerlei Möglichkeiten gab, den Film legal herunterzuladen. Seitdem träumte er von einer Internetplattform, auf der
man sich möglichst unkompliziert möglichst gute
Filme anschauen kann.
Jetzt sitzt Efe Cakarel, ein schmächtiger Hansdampf mit Hippiefrisur und schwarzer Kunststoffbrille, in einem modernen Flachbau in Palo Alto,
Kalifornien. Palo Alto in Silicon Valley sei für eine
Internetfirma »the place to be«, sagt er. Hier, wo Facebook und YouTube um die Ecke sind, Google fünf
Autominuten entfernt ist und Twitter drüben in San
Francisco sitzt. Hier, wo es kaum Straßenverkehr, kurze Wege, fast keine Bars, aber jede Menge Cafés gibt,
auf deren Tischen die Notebooks leuchten. Vor allem
aber wird Palo Alto bevölkert von Tausenden jungen
Menschen, die bereit sind, sieben Tage die Woche für
fantastische Pragmatiker oder pragmatische Fantasten
wie Efe Cakarel zu arbeiten.
In Cakarels Großraumbüro sitzen sechs Mitarbeiter vor riesigen Computerbildschirmen, an den Wänden hängen Filmplakate von Wong Kar–Wai, Gus
Van Sant, François Truffaut, Alfred Hitchcock. In
einer Ecke trauert eine gelbliche Palme den Zeiten
hinterher, als die Menschen in ihrer Umgebung noch
Zeit zum Gießen hatten. Einiges ist geschehen, seit
Cakarel seine Cannes-Akkreditierung dann doch
bekam. »Ich kam dort an und kannte niemanden«,
sagt er. »Ich war der einsamste Mensch der Welt auf
dem größten Festival der Welt.« Am zweiten Tag begegnete er der rumänischen Schauspielerin, die zufällig auch Hauptdarstellerin des Siegerfilms Vier
Monate, drei Wochen und zwei Tage war. Auf einem
Empfang lernte er ihren Produzenten sowie Verleiher,
Agenten und Filmhändler kennen und geriet in die
Partymühle des Festivals. Zwischen Häppchen,
Champagner und Kinovorführungen habe er sich
alles Wissenswerte über das Filmbusiness erzählen
lassen, sagt Cakarel. Danach war seine Cannes-Erkenntnis so einfach wie klar: »Durch die Digitalisierung wird sich die Verwertungsmöglichkeit von Filmen extrem erweitern. Alle arbeiten daran, vom
kleinen Kinoverleih über die Fernsehsender bis zu
Großanbietern wie Amazon. Das ist eine Riesenchance für ein Kinoportal im Internet. Eines mit eigener
Handschrift und eigenem Anspruch.« Nach dem
Festival schrieb Cakarel systematisch Briefe an alle
großen internationalen Verleihe und lud sie, wieder
mit enthusiastischen Briefen, ein, ihre Filme gegen
eine finanzielle Beteiligung auf seinem Internetportal
zu zeigen. Das Ergebnis? »Nichts, nichts, nichts.«
C
akarel gab nicht auf. Monate später
gelang es ihm endlich, Kontakt zu Hengame Panahi auzunehmen, Chefin des
großen französischen Kino-Weltvertriebs Celluloid Dreams. Panahi, bei
der von François Ozon über Takeshi Kitano bis Jacques
Rivette alle Regisseure unter Vertrag sind, die im
internationalen Kino Rang und Namen haben, war
auf Anhieb von einer Internetkooperation begeistert.
»Der Deal war der Durchbruch«, sagt Cakarel. Auf
der Basis von Panahis Filmen stellten Cakarel und
seine Kuratoren eine ständig anwachsende Bibliothek
mit derzeit 400 Filmen zusammen, die man einzeln
für fünf Dollar oder innerhalb eines monatlichen
Abonnements herunterladen kann. Sein zweiter großer
Kooperationspartner, die New Yorker DVD- und
Verleihfirma Criterion, präsentiert auf theauteurs.
com regelmäßig Filmreihen, sogenannte Festivals
– etwa zu großen Dokumentarfilmern –, die umsonst
zu sehen sind. Werden Internetportale wie The
Auteurs zum Todesstoß für den klassischen Kinobesuch? Cakarel widersprich vehement. The Auteurs
verstehe sich als Ergänzung zur Leinwand, als Möglichkeit, Filmen, die etwa in den USA nie den Weg
ins Kino schaffen, ein Publikum zu besorgen.
Wenn Efe Cakarel von seiner Verwertungsvision
im Netz erzählt, verströmt er die gleiche Mischung
aus Chuzpe, Größenwahn und Pioniergeist, die ihm
schon die Türen in Cannes geöffnet hat. Das Problem
von Kino im Netz sei das allgemeine Problem des
Internets, sagt er: »Überangebot, Unüberschaubarkeit
und zu viel Müll! Jeder mag Kino, jeder verbringt
Stunden seines Lebens im Netz, aber kein Mensch
schaut sich die Filme dort an. Die meisten Downloadseiten erinnern mich an billige Videoläden in den
Achtzigern in Istanbul. Das sind Supermärkte ohne
jeden Entdeckungsgeist. Außerdem muss man sich
erst umständlich eine Software und dann den Film
herunterladen, meistens in jämmerlicher Qualität.«
Theauteurs.com zeigt die Filme nicht nur in erstklassiger Auflösung. Die Website will auch eine Art
Lotsenschiff im großen Kino-Ozean des World Wide
Web sein. Ein von Kapitän und Offizieren gesteuertes Gefährt, an dem sich auch der Dokumentarfilmliebhaber in Sibirien oder der Godard-Verehrer in der
Weite der amerikanischen Provinz orientieren kann.
Konzept ist, dass sich die Organisatoren und Redakteure der Website selbst positionieren, mit Artikeln,
Interviews, Kommentaren und Festivalberichten. »Es
geht um Vertrauen in unsere kuratorische Kompetenz,
Nr. 20 DIE ZEIT
um eine ästhetische Haltung in der Anonymität des
Internets«, sagt Cakarel, »nur dann schauen sich die
Leute unsere Filme an.« »Vertrauen«, »Bindung«,
»«Heimatgefühle« – die Wörter sind sein Mantra.
Aber dann erzählt er fröhlich, dass seine Website in
dieser Form zunächst einmal gescheitert sei.
Als vor einigen Wochen die Daten von The Auteurs ausgewertet wurden, kam heraus: Bisher nutzen
viel zu wenige Besucher die Downloads. Das mag auch
an den territorialen Lizenzrechten liegen, die die Filme
nur für bestimmte Länder zugänglich machen. Dennoch brummt der Laden über die Maßen – allerdings
in den Diskussionsforen, in denen sich die Cinephilen
aus aller Welt über Lieblingsfilme und legendäre Kameraschwenks austauschen, in den Blogs über den
Blick von Marlon Brando oder die Farben bei Kurosawa. »Aus dieser Begeisterung müssen wir etwas machen!«, ruft Cakarel. »Wenn die Leute keine Lust
haben, uns Geld für Downloads zu geben, dann muss
das Geld eben woanders herkommen. So ist das nun
mal bei einem Start-up-Unternehmen.«
Verbringt man einige Zeit im Auteurs-Büro in
Palo Alto, hat man tatsächlich das Gefühl, dass sich
die Website täglich, manchmal sogar stündlich neu
erfindet: als eine Mischung aus Download- und Kommunikationsplattform. Während unserer Gespräche
schreit Cakarel immer wieder in seinen Computer
hinein. Über das Internettelefon entwickelt er mit
einem Partner in London Sponsorenkonzepte, die
ermöglichen sollen, auf theauteurs.com demnächst
fast alles umsonst zu zeigen. Große Firmen sollen
Kinoreihen oder einzelne Filme auf Vorschlag der
theauteurs-Nutzer präsentieren. In einer Ecke basteln
Danny, der Textredakteur, und Edward, der kürzlich
von MySpace in London abgeworben wurde, an einem Kalender, der die Besucher der Website in den
gesamten USA mit den Programmen der ArthouseKinos in ihrer Nähe verbinden soll. Am Tisch gegenüber arbeitet die gebürtige Peruanerin Melissa am
Design der Diskussionsforen, während der indische
Programmierer Jatinder unter Kopfhörern an der
Beschleunigung der Downloads tüftelt. Im Nebenraum digitalisiert die junge Türkin Amber eine weitere
Kiste mit Filmen von Celluloid Dreams aus Paris.
Gerade ist Das Versprechen der Brüder Dardenne an
der Reihe.
E
in Internetprojekt wie The Auteurs müsse sich sehr schnell weiterentwickeln, sagt
Cakarel, der für die erste Etappe bis nächsten Herbst zwei Millionen Dollar an
Investorengeldern eingesammelt hat: »In
drei Jahren wollen wir rentabel sein. Und das geht
nur, weil wir in Silicon Valley sitzen, wo wir uns mit
Freunden in anderen Firmen austauschen und vernetzen können.« Tatsächlich wurde Palo Alto im
letzten Jahrzehnt zu einer Art Kontaktbörse des World
Wide Web, zu einem kleinstädtischen Versuchslabor,
in dessen Cafés sich die Hipster der Internetzukunft
Programmiererwitze erzählen. Viele Gründer und
Mitarbeiter der Start-up-Unternehmen, die rund um
das Stadtzentrum in Flachbauten und Garagen sitzen,
kennen sich vom Studium an der örtlichen Stanford
University. Es ist ein geschlossenes Ökosystem, eine
S.49
SCHWARZ
Mischung aus Spielwiese und Klassentreffen der Internet-Avantgarde.
Vor ein paar Monaten etwa wandten sich die Entwickler des benachbarten Freundschaftsportals Facebook an The Auteurs mit der Bitte, dem Kinointeresse der Facebook-Nutzer entgegenzukommen. Cakarel
und seine Mitarbeiter reagierten schnell. Sie entwickelten 25 Seiten mit Informationen über häufig auf den
Facebook-Seiten auftauchende Filme und Regisseure
– samt einem Link zu deren Filmen bei The Auteurs.
In den darauffolgenden Wochen wurden diese Seiten
von zwei Millionen Facebook-Nutzern angeklickt.
Umgekehrt wiederum steht unter jedem Film von
theauteurs ein kleines blaues F. Hier kann der Kinoliebhaber all seinen Facebook-Freunden mitteilen, dass
ihm ein Film auf The Auteurs gefallen hat. Es ist ein
großes Hin und Her, ein freundschaftlicher Vernetzungsirrsinn, mit dem Ziel, die Klicks, die magische
Quote des Internets, in die Höhe zu treiben. Je mehr
Klicks, desto mehr Anzeigen und Sponsoren. Und
dann kommt irgendwann das Geld.
Was das Wort Ökosystem in Palo Alto genau
bedeutet, wird an jenem Nachmittag deutlich, als
Melissa, die Webdesignerin, vorschlägt, »unseren
Freunden bei Facebook« einen Besuch abzustatten. Genau wie The Auteurs jetzt war Facebook
vor wenigen Jahren noch eine Garagenklitsche mit
ein paar Ideen und einer Handvoll Programmierern. Inzwischen hat sich das Unternehmen mit
seinen 800 Mitarbeitern krakenartig über mehrere
Gebäude und Straßenzüge in Palo Alto ausgedehnt.
Am Eingangstresen muss man eine mehrseitige
Erklärung unterzeichnen, in der man sich verpflichtet, auch nicht die kleinste Idee zu verraten,
die einem innerhalb des Gebäudes entgegenschwirren könnte. Streng genommen müsste man
solche Erklärungen in Palo Alto auch vor dem Betreten eines Supermarktes, Cafés oder Fitnessstudios unterzeichnen.
Hinter der Pforte nimmt uns Melissas Studienfreund Javier Olivan, zuständig für die internationale Ausweitung von Facebook, in Empfang. Als
wir durch die Räume gehen, in denen Hunderte
junge Programmierer vor ihren Bildschirmen hängen, zwischen Pizzaresten, leeren Kaffeebechern,
Skateboards, Vitaminpillen und Basecaps, stellt
sich ein seltsames Gefühl ein. Auf der einen Seite
das längst Klischee gewordene Bild der übernächtigten Internetpioniere und Garagen-Glücksritter
– und auf der anderen die globale Wucht eines
Unternehmens, das 200 Millionen Nutzer und einen Milliardenmarktwert hat. Demnächst wird
Facebook in eine neue, riesige Konzernzentrale außerhalb von Palo Alto ziehen.
Auf dem Rückweg zum Büro erzählt Melissa, die
wie alle festen Mitarbeiter von The Auteurs Unternehmensanteile besitzt, von den Erfolgsgeschichten
und Palo-Alto-Mythen. Von den Sekretärinnen und
Masseurinnen, die in der Frühzeit von Google mit
winzigen Firmenanteilen bezahlt wurden und deren
Vermögen heute in die Millionen gehe. Vielleicht ist
Google, Megakonzern und Supergeschäftsidee, der
Flucht- und Endpunkt vieler Palo-Alto-Sehnsüchte.
Und wahrscheinlich ist die riesige Google-Trutzburg,
cyan
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VON KATJA NICODEMUS
nur wenige Autominuten entfernt, das Bild, das all
diese jungen Selbstausbeuter befeuert, ihr Leben mit
Applications, Algorithmen und Vernetzungsstrategien
zu verbringen. Der Amerikanische Traum als dickes
glänzendes Internet-Nugget. Nur: Wie lässt sich diese Goldsucherfantasie mit japanischen Autorenfilmen
und britischen Arthouse-Entdeckungen verbinden?
A
m Abend lädt Cakarel seine Mitarbeiter in ein Szenerestaurant ein. Aus den
Preisen und der Überbuchung lässt sich
schließen, dass die amerikanische Krise Palo Alto noch nicht wirklich erreicht
hat. »Zumindest was die Lebensart betrifft, sind wir
unseren milliardenschweren Nachbarn voraus«, sagt
Cakarel und prostet in die Runde. Eine der schönsten Palo-Alto-Geschichten handelt davon, dass die
Übernahme von YouTube durch Google in einer
Filiale von Denny’s, der billigsten aller billigen FastFood-Ketten, besiegelt wurde. Fettige Burger zum
1,65-Milliarden-Dollar-Deal. Bei theauteurs wird
die neueste Firmenstrategie bei Cabernet und Oktopus-Carpaccio diskutiert. Ihr Name ist: Twitter.
Eine Zusammenarbeit mit diesem Internet- und
Handynetzwerk, das auf den sekundenschnellen
Nachrichtenwellen sogenannter Followers beruht,
soll die Klickraten auf The Auteurs weiter in die
Höhe schnellen lassen. Durch eine Verlinkung der
Nutzerprofile beider Websites könnte ein Filmliebhaber binnen Sekunden Tausenden von Followern
mitteilen, dass ihm ein Film auf The Auteurs gefallen hat. »Wir müssen mit unseren Freunden bei
Twitter reden!«, sagt Cakarel.
Plötzlich schwebt über den abgegessenen Desserttellern die Frage, ob sich solche Kommunikationslawinen mit dem Grundgedanken von The Auteurs
– ausgewählte Filme für interessiertes Publikum – verbinden lassen. Manchmal kann man mit Aktionismus
auch an sich selbst vorbeistürmen. Cakarel lässt kurz
die Idee einer zweiten, populäreren Website aufblitzen. Dann wird gezahlt. Es ist halb neun, in Palo Alto
geht man früh zu Bett.
Am nächsten Tag, bevor sich unsere Wege trennen,
erzählt Efe Cakarel von seinem Plan für eines der großen Filmfestivals: der gleichzeitigen Premiere eines
Wettbewerbsfilms im Internet und auf der Leinwand.
»Die Organisatoren von Cannes haben bereits zugestimmt, uns fehlt nur noch ein Produzent, der dazu
bereit ist.« Zum Abschied sagt er: »Das Großartige an
Palo Alto ist, dass man heute eine Idee hat und dass
sie innerhalb zwei Wochen umgesetzt wird.« Am Mittag wird Cakarel nach New York fliegen, um mit Martin Scorseses World Cinema Foundation über eine
mögliche Zusammenarbeit zu reden. Er will den von
Scorseses Stiftung restaurierten Filmen ein eigenes
Kinofenster auf The Auteurs anbieten.
Der grüne Link zu Twitter steht mittlerweile unter
allen Filmen der Website. In der kommenden Woche
wird die Firma in Cannes die Zusammenarbeit mit
der World Cinema Foundation ankündigen. Nur die
Weltpremiere eines Cannes-Films im Internet hat
diesmal noch nicht geklappt. Aber Cakarel ist optimistisch. Vielleicht wird er einfach wieder ein paar
Briefe schreiben.
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DIE ZEIT
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FEUILLETON
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Die Kriegskinder sind unter uns
Die letzten Zeitzeugen des Weltkriegs werden alt. Nun zeigen neue Bücher über die Nachkommen des Kriegs:
In vielen Biografien ging der Schrecken weiter. Bis heute VON ELISABETH VON THADDEN
Foto: Toni Frissell/akg-images
A
ls das Kind dem Lager entkommen war
und der Krieg fast vorbei, hat es sich zu
Fuß auf den Weg nach Westen gemacht
und traf unterwegs auf andere Kinder.
Das Mädchen Ruth Klüger, 1931 in
Wien geboren, als Jüdin nach Auschwitz verschleppt,
hatte sich von dort Anfang 1945 mit der Mutter befreit.
»Liebe Freunde«, heißt es fast 50 Jahre später in Klügers
Erinnerungen Weiter leben, »manche von euch kennen
diese Straßen, auch ihr als Kinder und auf der Flucht,
und erinnert euch nicht gerade mit Freude daran. Wir
wurden von eurem Flüchtlingsstrom mitgeschwemmt
und folgten den Heimatlosen, denen ihr eigenes Elend
im Hals saß … Wir waren glücklich, die Stätten unserer Gefangenschaft hinter uns gelassen und so viel
gewonnen zu haben, nämlich das Recht zu entscheiden,
wohin man den Fuß setzt.« Vernichtungslager, Elend
der Flucht, Freiheit: Ruth Klüger hat für die deutschen
Verbrechen und ihre Folgen eine Sprache gefunden.
Die meisten Deutschen aber haben zu ihrer Geschichte wenig Klärendes zu sagen gewusst.
Mit dem Frühling kommen nun fortgesetzt all
die Jahrestage der Befreiungen, Besetzungen, Siege
und Niederlagen zurück, und mit ihnen – in leicht
variierender Rahmung – werden Erinnerungen geweckt und durch neue Erfahrung, durch neue Deutungen umformatiert. Sie gehen längst in einer professionalisierten Erinnerungsgeschichte auf, bearbeitet von Traumaforschung und Geschichtswissenschaft, Gedächtnisexperten und Therapeuten.
Aber jetzt geschieht etwas Neues: Die letzten
Zeitzeugen, damals Kinder, werden alt, sie erinnern sich nun, im Alter, an lange Verschüttetes,
und in jedem kollektiven Datum verdichtet sich
nun die Erfahrung von Einzelnen, die nicht mehr
lange da sein werden. Für die Vierzigjährigen rückt
der Abschied von den Eltern näher: von denen,
deren Erziehung zumeist noch von der Härte des
Nationalsozialismus geprägt war, deren Eltern zur
Generation der Täter gehörten, die als Kinder den
Krieg, die Kriegsfolgen am eigenen Leibe erfuhren, die dann oft, nur schlecht ausgebildet, unbefriedigende Existenzen führten. Die Erinnerung
LONDON, 1940: Ein Junge in den Trümmern
seines Hauses, unter denen seine Eltern begraben wurden
hat es nicht mehr sehr lange mit ihrer primären
Erfahrung zu tun.
Aber die nimmt sich unter den Kindern Europas
sehr verschieden aus. Etwa so: In den Wäldern bei
Tilsit haben ein paar elternlos streunende »Wolfskinder« vom Kriegsende, vom 8. Mai, nichts gemerkt,
der sechsjährige Dieter aus Mednicken wird nach
dem Tod der Mutter, der Schwestern fast eineinhalb
Jahre so in der Wildnis zu überleben versuchen. Das
behinderte Mädchen Cäcilia in Duisburg, das sich
einen Krieg lang unter einem Cape versteckt hatte,
um nicht deportiert zu werden, hatte am 8. Mai schon
die Gewalt schwer trunkener Befreier erlebt. Von
Vergewaltigung handeln allzu viele der Mädchengeschichten im Osten, die sich im Frühling 1945 auf
den Trecks gen Westen zutragen. Da hat Stephanie,
ein polnisches Mädchen, längst glückselig gefeiert:
Es war vor 1939 als Tagelöhnerkind ins französische
Abbeville gelangt, wo die ersten deutschen Bomben
vor seinen Augen die Mutter verbrannten, und als
endlich ausgerechnet die 1. Polnische Panzerdivision
zur Befreiung eintraf, September 1944, war der Krieg
für die kleine Polin vorbei.
Von all solchen Kriegskindern, von Täterkindern
und Opferkindern, berichten die Journalisten Yury
und Sonya Winterberg, dicht, einfach, aufs Erzählbare konzentriert, sie haben die Geschichten der
Nachbarskinder Europas zu einem Buch verwoben,
das man kaum aus der Hand legen kann, weil erst im
europäischen Rahmen sichtbar wird, was es heißt,
ein Kind dieses Krieges zu sein. Alles liegt in diesem
Netz aus Berichten dicht beieinander. Das Verhungern im eingekesselten Leningrad, das Entsetzen der
Kinder des polnischen, russischen Widerstands, die
erleben, wie die Deutschen ihre Eltern ermorden.
Und das Elend in den Bomben, auf der Flucht.
An jedem Ort Europas, in jeder Biografie, jeder
Familie ist dieser Krieg abermillionenmal etwas anders zu Ende gegangen. Aus den deutschen Verbrechen tritt durch die Recherchen der Winterbergs so
etwas wie ein Panorama europäischer Kindheiten
hervor. Mal hat in den kleinen Seelen die Erfahrung
von Willkür, Ohnmacht, von Nichtigkeit gesiegt.
Mal die des Schutzes und des eigenen Handelns, auch
des Stolzes. Oft hat das Schweigen gesiegt, und das
Verschwiegene hat Biografien gelähmt. Die der
Kriegskinder. Auch vieler Kriegsenkel.
Im kinderlosen Deutschland ist im Frühling 2009
viel von diesen Kindern zu lesen. In auffällig doppelter Aufmerksamkeit hat sich die öffentliche Erinnerung aller zugleich angenommen: der Kriegskinder,
also der Jahrgänge 1930 bis 1945, sowie ihrer Kinder,
der Jahrgänge 1960 bis 1975, und zumeist geht es
um die deutschen Familien. Man wird die Handvoll
neuester Veröffentlichungen wegen ihrer mühsamen
Sorgfalt weder als Journalisten- noch als Generationsbücher abtun können, sondern als eine eigentümliche
Art von Literatur lesen, die Erfahrungen dokumentieren will, bevor die persönlichen Zusammenhänge
zerreißen.
Viel Leid ist unter Disziplin und
Leistung verschüttet worden
Diese neuen Bücher, fürs große Publikum geschrieben, kommen ohne Geschichtsphilosophie aus, ohne
theoretische Rahmung, ihre Historie spielt in der
Normalität. Und vieles wirkt einfach wie eine längst
überfällige Nacherzählung von stets nur Angedeutetem, tapfer Verschwiegenem, von viel wegdiszipliniertem Leid. Die Journalistin Sabine Bode, Jahrgang
1945, hat ihrem Buch über die Kriegskinder nun
eines über die Kriegsenkel in Deutschland folgen lassen (Verlag Klett-Cotta), das in deren biografischen
Porträts den auffälligen seelischen Nöten vieler heute Vierzigjähriger nachgeht; die Winterbergs, Jahrgang 1965, haben jenes Buch über die europäischen
Kriegskinder (Rotbuch Verlag) zum gleichnamigen
Fernsehvierteiler geschrieben; die Journalistin AnneEv Ustorf, Jahrgang 1974, bringt in ihrem Buch Wir
Kinder der Kriegskinder (Herder Verlag), im Gespräch
mit Gleichaltrigen zugleich den Forschungsstand zur
Anschauung. Zudem geht die Studie des Münchner
Psychoanalytikers Michael Ermann, Jahrgang 1943,
durch die Zeitungen, der die traumatischen Belastungen vieler alt gewordener Kriegskinder belegt.
Und es zeigt sich: Von den Großeltern wissen viele der heute Vierzigjährigen wenig, die Verbrechen
dieser Tätergeneration sind oft in einer harmonisierenden Familiengeschichte verschwunden, und das
Leiden von deren Kindern, den Kriegskindern, war
der Rede nicht wert. Immer wieder hat die Loyalität
zur eigenen Familie die verschütteten Wahrheiten
lieber ruhen lassen. Ebendies hatte der Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem Buch Opa war kein
Nazi an der Enkelgeneration gezeigt, die heute in den
Großeltern keine Täter erkennen mag.
Aber nun gilt die Aufmerksamkeit den Kriegskindern. Kinder? Immer noch liegt zuerst die Skepsis
nahe, diese Bücher fänden ihr Publikum, weil gegen
Kinder keiner was haben kann. Weil da eine generelle Unschuldsvermutung gilt, in einer Art barocker
Insgesamttragödie, die nur unschuldige Opfer blinder Vernichtung kennt.
Doch die Forschung hat ja das private Erinnern
inzwischen eingehegt, kommentiert, überprüft,
und all diese Arbeiten der letzten Jahre bilden nun
in den jüngsten Kriegskinder-Büchern das Fundament. Kein Historikerstreit nirgends. Neben
Welzers Büchern sind das etwa die Studie »Maikäfer, flieg!« Hitlers Krieg und die Kinder (2006) des
Historikers Nicholas Stargardt, Jahrgang 1962, die
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gezeigt hat, dass man sich den Erfahrungswelten
der europäischen Kinder zuwenden kann und zugleich die Schuld der Täter analysieren; die Traumaforschung, die seit den achtziger Jahren erweist,
dass extreme Belastungen der Kinder vererbt werden können, nicht immer, denn auch die eigene
Resistenz, das Gefühl von Schutz spielen dabei
eine Rolle; die viel beachtete Studie Kalte Heimat
des Historikers Andreas Kossert, Jahrgang 1970,
die nebenbei auch gezeigt hat, wie viel Kinderleid
einfach zugedeckt wurde, damit die Integration
von 14 Millionen Flüchtlingen aus dem deutschen
Osten irgendwie glückte. Schweigend.
Deutsche Kriegskinder also: Etwa 10 bis 30
Prozent der Jahrgänge 1930 bis 1945 gelten heute
als traumatisiert, bei allen Zahlen wird man die
Skepsis nicht los, sie würden Unmessbares messen,
aber Zahlen gibt es: Auf der Flucht von 14 Millionen Menschen sterben etwa 2 Millionen Zivilisten, die meisten sind Frauen und Kinder. Die
Bomben töten etwa eine halbe Million Menschen.
Etwa 2,5 Millionen Kinder verlieren ein Elternteil. Viele haben die Ohnmachtserfahrung gemacht, Mutter, Vater, Geschwister neben sich sterben zu sehen. Auf irgendeinem Bahnhof verloren
zu gehen, allein die Flucht schaffen zu müssen. Vergewaltigt zu werden, Vergewaltigungen mit ansehen zu müssen. Erschießungen. Erfrieren.
Getrieben von Unruhe,
bindungslos, kinderlos
Ihre Traumata? Das Trauma hat neuerdings der Psychiater Peter Riedesser als eine »dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses« beschrieben, und was das unter deutschen Kindern bei Kriegsende 1945 heißen mag, kann wenigstens ein Zeugnis
dokumentieren: »Am 6. März 1945 traf eine Granate unseren Treckwagen. Meine Mutter, meine Großmutter, mein Großvater starben. Mein Bruder, 14
Jahre, starb an den Folgen am nächsten Tag. Später
wurde mein Vater – ich stand 2 Meter entfernt – erschossen.« In Kosserts Studie Kalte Heimat folgen
Berichte über Vergewaltigungen, im Alter von zwölf
Jahren, auch von fünf.
Dass die Erfahrung der massenhaften und beschwiegenen Vergewaltigung konstitutiv für die
Sozialgeschichte Ostdeutschlands und der 14 Millionen Flüchtlinge ist, wie es zuerst 1997 der amerikanische Historiker Norman Naimark begründet
hat, belegen diese Bücher fern jeder Moralisierung
und Schuldzuweisung, oft nur durch Andeutung.
Inzwischen ist eine individualisierte Öffentlichkeit,
rechtsstaatlich geschult, der ehemaligen Besatzer
ledig, dafür hellhörig geworden. Dieser Öffentlichkeit gilt die Vergewaltigung nicht mehr als zu verschweigende Schande. Die Schätzungen liegen bei
1,4 Millionen Opfern, viele starben während der
Tat. Anne-Ev Usdorfs Buch stellt die auf ein Mehrfaches höher geschätzte Zahl der Vergewaltigungen
durch deutsche Soldaten allein in Russland hinzu.
Und die Folgen: Vielen der Kriegskinder ist eine
fortwährende existenzielle Angst geblieben, ein
scheinbar körperloses Leben, die Aufspaltung in ein
funktionierendes Ich und in eines, das emotional
unerreichbar blieb. Viele haben erst im Alter, als die
Abwehr des Schmerzes nachließ, als sie nicht mehr
angestrengt Leistung abliefern, nicht mehr angestrengt für Harmonie in der Familie sorgen mussten,
von ihren Erfahrungen zu erzählen begonnen – oft
unvermittelt. Indirekt. Aus nichtigem Anlass. Und
zugleich haben viele Symptome entwickelt, für die
schließlich ein Arzt gebraucht wurde.
Sie haben in den sechziger, siebziger Jahren fast
alle Kinder bekommen. Viele dieser Kinder, die oft
kinderlosen Vierzigjährigen also, haben Eigenschaften gemeinsam: Sie haben immer gemeint, ihre Eltern
unmerklich trösten zu müssen, deren stumme Gefühle stellvertretend empfinden zu müssen und durch
Leistung das Leid wettzumachen. In ihrer Wahrnehmung hat es ihnen fast allen an körperlicher Wärme
gefehlt, an Nähe. Sie meinten, unerheblich bleiben
zu müssen, um den Eltern ein Gefühl von Stärke zu
geben, sie haben gesucht und geforscht und nur eigene Mängel gefunden. Immer glaubten sie, die Verantwortung fürs Wohlsein der Eltern zu tragen. Getrieben von Unruhe, bindungslos. Wo ein klares
Gefühl hätte sein sollen, da war einfach nichts.
In diesen Büchern, nicht untypisch für einen bis
in die Forschung verbreiteten Umgang mit Geschichte, dominiert ein Ton des Vertrauens, dass im Erzählen am meisten Erklärungskraft stecken könnte.
Plötzlich ist ein Gewinn der deutschen demokratischen Wohlstandsgeschichte zu sehen: Jene Demokratisierung und Pluralisierung des Überliefernswerten, die vor 30 Jahren durch die Oral History in die
Geschichtswissenschaft einzog und viele subjektive
Geschichten zum Sprechen brachte, hat in diesen
Büchern durch den therapeutischen Diskurs der Gegenwart Verstärkung erfahren. Der ist hier, wie in
allen Kriegs- und Kriegsfolgengebieten der Welt, mal
sinnvoll am Werk: in den Aufklärungsbemühungen
von Flüchtlingsnachkommen. Denn das sind in diesen Büchern die meisten, die sich nicht mit Wiedergutmachungsradau aufhalten, sondern sich befähigen
wollen, mit der Vergangenheit die Gegenwart wahrzunehmen, die eigene. Und die der anderen.
Endlich. Denn all die normative Verunsicherung, die innere Fixierung auf das ungeklärte Vergangene in den Familien, hat lange die Biografien
blockiert. Mitten in Europa, unter den heute privilegiertesten Bürgern der Erde.
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FEUILLETON
LITERATUR
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Arnold Stadler hat ein riskantes, ein furioses Buch geschrieben. Über Jesus, Pasolini und das Leben, das so wehtut
Foto: Jürgen Bauer
Arnold Stadler,
geboren 1954,
lebt in Sallahn
und Berlin
eitdem ich Arnold Stadler zum ersten
Mal gelesen habe, hat er meine Sprache
und meinen Stil verändert, und vor allem
ist er mir als Person unhintergehbar geworden. Wir sind uns öfter begegnet, kennen
uns seit einigen Jahren, aber mit »als Person«
meine ich nicht diesen Menschen, der da
vor mir steht, wenn ich ihm begegne.
Der, der da vor mir steht, schreibt ja
gerade nicht und ist kein Buch. Ich glaube, dass Bücherschreiben auch im Fach
»Belletristik« eine Art sein kann zu denken.
Es gibt sogar Leute, die können eigentlich
nur auf diese Weise denken. Sie führen ein
lebenslanges Denkgespräch mit sich selbst –
manchmal in Erzählprosa, manchmal in anderer Form. Und sie werden durch das Schreiben mit sich vertraut. Sie entstehen, indem sie
sich an sich abarbeiten. Sie bekommen immer
mehr eigenen Wortlaut.
Mich hat nie die Handlung in einem Buch
interessiert, mich hat nie ein Stoff interessiert,
mich hat an einem Buch überhaupt noch nie
etwas »interessiert«. Eigentlich verlange ich von
einem Buch viel mehr. Ich muss mit den Büchern leben und ebenfalls mit ihnen denken
können. Vor der Denk- oder sagen wir sogar:
Lebensbewegung, die ich sehe, wenn ich Stadler und sein Werk betrachte, stehe ich, behutsam
gesagt, mit großer Achtung. Ich sehe darin so
etwas wie eine aufrichtige Selbsterkenntnis,
gepaart mit einer ebenso aufrichtigen (man
könnte auch sagen, wahren) Selbstverhüllung,
die sich aus der Erkenntnis speist, dass bloße
Selbstenthüllung im Regelfall etwas absolut
Vorschnelles ist, sagen wir, eine Art Wahrheitskitsch, an den man schnell selbst nicht mehr
glaubt. Der Kipp-Punkt zwischen diesen beiden
Polen ist Stadlers Erkenntnisbereich. Stadler hält
die Wunde immer offen. Und er macht ein Lebensbild daraus: Es tut weh, also bin ich.
Stadler hat es geschafft, innerhalb seines
Werkes gewisse Worte so zu seinen eigenen
zu machen (vergleichbar zuletzt vielleicht mit
Gottfried Benn, der hatte auch seine eigenen
Worte, und wie), dass es viel Platz brauchte,
diese Begriffe im Stadlerschen Sinn zu explizieren. Vor allem natürlich das Wort Sehnsucht. Erst war es die Sehnsucht nach dem
anderen, die Sehnsucht nach einem anderen
Land, dem Meer, oder sei es nur die nach der
Nordsee. Dann war es die Sehnsucht nach
der Liebe … wobei alles, was mit Liebe zu
tun hat, bei Stadler sehr vielfältig sein kann,
wie im Leben. Es gibt kein Liebesverbot.
Aber es gibt auch keine Sprache (und soll
auch keine geben) für die verschiedenen Arten der Liebe.
Peitschen (das wäre so eine Art) kommen
bei Arnold Stadler jedenfalls nicht vor. Nadeln auch nicht. Gar keine Instrumente. Und
doch zeigt er uns in jedem Satz die Instrumente. Und es ist alles, was da stattfindet,
mit oder ohne Instrumente, Liebe und kann
gar nicht anders sein. Dass ein Mensch leben
muss und leben können will mit dem, was er
ist und wie er nicht anders sein kann, das lese
ich bei Stadler. Und dass er dabei dennoch
immer die Sünde in sich spürt und die Sünde
keine Lüge ist, sondern die Wahrheit, das lese
ich ebenfalls bei Stadler. Und dass es dafür
kein anderes Wort gibt als Sünde. Dass also
auch dieses Wort dazugehört. Und dass es zugleich Leben ist. Daraus wird ein Weltbild
oder, sagen wir – eine conditio humana. Wo
es wehtut, ist Leben.
Nun, in seinem neuesten Buch Salvatore, mentieren aufgehört. Das verärgert besonkommt nach der Sehnsucht auch nach unaus- ders. Das darf man nicht. Und nun finde ich
gesprochenen Dingen, die man eher in Schup- plötzlich dieses Buch Salvatore, das etwas
pen versteckt, damit die anderen sie nicht fin- ganz Ähnliches macht. Es beendet den Disden, etwas Weitergehendes in den Bereich des kurs und wird selbst zum Funken.
Stadlerschen Wortes Sehnsucht und seiner anNormalerweise teilen wir die Welt in zwei
deren Worte. Das ist der liebe Gott. (Ich nen- Gattungen ineinander unübersetzbarer Wene ihn so.) Der war bei Stadler auch schon sen. Da ist zum einen der, der an Gott glaubt.
immer da, so wie bei einem großen Autor so- Das wird respektiert. Es erscheint allerdings
wieso immer schon alles da ist, wenn auch auch als eine Krankheit. Manche »würden«
manchmal erst im Hintergrund. Aber jetzt hat sogar »gern glauben können«, können es aber
der liebe Gott ein Buch bekommen. Auslöser nicht (sagen sie). Und zum anderen sind da
dafür ist Pasolinis Verfilmung des Matthäus- die, die die Gläubigen anschauen wie Wesen
Evangeliums, von dem Stadlers Buch handelt. aus einer fremden Welt. Die Glaubenden reEin Mann, konkurs, abgewirtschaftet und den meist in ihren eingefahrenen Glaubensauch noch Salvatore heißend, gerät am Him- sätzen, die anderen haben eine Batterie an
melfahrtstag, an dem die anderen Vatertag fei- »aufgeklärten« Instrumenten zur Hand, mit
ern und Bierkästen in Kinderwagen herum- denen sie die Ersteren jederzeit für schwachschieben, zum ersten Mal seit langer Zeit in sinnig erklären können, ehrlich gesagt.
einen Gottesdienst und anschließend auch
Selten passiert es, dass plötzlich einer ernoch in eine Vorführung des Matthäus-Evan- leuchtet wird. Das ist, wenn das Wort erlaubt
geliums von Pasolini. Er kommt
ist, unzweifelhaft geschehen, als
verändert aus dem Film heraus, beder ungläubige Pasolini seinen
seelt und erleuchtet. Man könnte
Film Il Vangelo secondo Matteo gedas Buch einen Roman nennen,
dreht hat. Man sieht das und ist
wenn es nicht nach einem Drittel
erschlagen, früher hätte man geseinen erzählerischen Ansatz schon
sagt: ergriffen, noch früher hätte
ad acta legen würde. Das nächste
man vielleicht gesagt: beseelt. Dass
Drittel des Buchs besteht aus einer
da Jesus anwesend sein könnte
Nacherzählung des Pasolini-Films
und vor allem der Heilige Geist,
aus Salvatore/Stadler-Perspektive.
der mir das alles mitteilt, das würDer Film wird zu einem Stadlerde heute keiner sagen.
Text umgeschrieben, aber zugleich
Pasolini war ein Kulturmensch,
schreibt sich Pasolinis Film und Arnold Stadler:
einen Film zu drehen hat alles anseine Atmosphäre auch in Stadlers Salvatore
dere als heiligmäßige Qualitäten
Stil und sein Wort Sehnsucht hi- Roman;
und erfordert eine Menge SekunFischer Verlag,
nein. Dritter Teil: Eine Art Essay Frankfurt a. M.
därtugenden. Also kann man den
über Pasolini und sein Leben und 2008; 223 S.,
Film gern in seine rhetorischen
sein Sterben und seine Liebe. Dann 17,90 €
Einzelteile zerlegen und zeigen,
folgt noch eine Betrachtung über
wie und warum er so auf den Zudie gegenwärtige katholische Kirschauer wirkt, bis nichts von ihm
che. Stadler fällt hier völlig von seinem sons- übrig ist. Man wird dann sagen: Pasolini vertigen Stil ab, lässt jeden Schutz fahren und steht es sehr gut, im Betrachter die und die
schreibt Dinge, die im öffentlichen Diskurs Reaktion zu erwecken, weil er den Betrachter
sofort zerfetzt werden können. Dann folgt und seine Gewohnheiten und Bedürfnisse
noch so etwas wie eine kunstgeschichtliche sehr gut kennt – er ist ja Künstler.
Betrachtung des berühmten Zöllnerbildes CaSchwache Rede! Lese ich Heiligenravaggios. Jesus bestellt den Zöllner zu seinem geschichten, wird mir stets etwas sehr ÄhnJünger, und für Stadler ist der Bestellte natür- liches erzählt wie das, was Pasolini und seinen
lich nicht, wie für die Kunstwissenschaft, der Film angeht. Da gab es Heilige, die liefen healte bärtige Mann, sondern der schöne junge rum und brachten anderen den Glauben, das
Mann am Tischende mit den üppigen Schen- ist noch kein Wunder, aber sie brachten ihkeln. Alle diese Teile fallen im Buch auseinan- nen den Glauben an Wunder, und gleich an
der. Und in allen geht es um dasselbe.
das größte, nämlich dass es für sie einen lieben Gott geben könnte.
Lese ich Stadlers Salvatore, lese ich Eras Buch ist ergreifend disparat
und liebevoll hilflos in seiner schlagenheit, Ergriffenheit und Beseeltheit.
Anlage, und vielleicht wäre es Von einem Film. Oder vom Heiligen Geist?
sonst weniger gelungen. Es Die Gläubigen behaupten, der Geist Christi
wirkt auf mich fast kaputt, sei in die Welt gekommen und habe sich auf
macht sich geradezu mit Absicht angreifbar Jesu Jünger und von dort auf andere übertraund spricht doch gerade vom Salvatore, vom gen, und diese Kette riss nie ab, und wo man
Retter. Wer dieses Buch zur Hand nimmt und selbst keinen Beseelten traf, besorgte man
glaubt, könnte auf den Gedanken kommen, sich wenigstens eine Reliquie und am Ende
wenigstens eine Kontaktreliquie. So kam
hier finde gerade ein Pfingsterlebnis statt.
Stadler nennt den lieben Gott zwar nicht dieser Geist immer weiter und schließlich,
den »lieben« Gott. Aber ich tue das seit ein wenn man reden dürfte wie die Alten, auf
paar Jahren. Ich selbst habe irgendwann ganz Pasolini. Stadler kann das erkennen (denn
aufgehört, von Gott zu sprechen, und spre- auf ihn kam er ja auch), aber nicht ausspreche seitdem nur noch vom lieben Gott. Vie- chen. Aber man kann wenigstens die Sehnlen ist das unangenehm. Einige halten das sucht danach haben, so denken zu können.
Stärkere Rede! Stadler war immer ein Ausogar für ganz und gar dumm und eine Pose.
Eine Anmaßung. Kurz, eine Schweinerei tor des kontrollierten Tabubruchs. Nein,
vielleicht sogar. Vor allem paare ich das da- umgekehrt. Er bricht vornehmlich stets das
mit, dass ich mich auf keinerlei Diskussionen Tabu, keine Tabus haben zu dürfen. Seine
mehr einlasse. Ich habe vollkommen zu argu- Helden und seine Sprache etwa brechen mit
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GEDICHT: MAHMOUD DARWISH
( 1941–2008)
Lieber Gott, lies das mal
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VON ANDREAS MAIER
dem Zwang, sich zur Homosexualität (was
für ein aseptisches Wort!) bekennen zu müssen. Da ist von Liebe die Rede oder von noch
Allgemeinerem. Aber nicht von mehr oder
weniger. Das Wort Homosexualität kam bislang, soweit ich sehe, nie vor. Jetzt, wo es um
Pasolini und Jesus geht, zum ersten Mal.
Der Würfelspieler
Wie leicht wäre es möglich
Keine Schwalbe zu sein
Wenn der Wind dies wollte
Und der Wind allein ist des Reisenden Glück
Ich ging gen Norden gen Osten und Westen
Nur der Süden blieb mir verschlossen
B
ei Stadler muss auch noch kein
Sport getrieben werden. In Mein
Stifter (2005) hat Arnold Stadler
eine Hommage an den notorischen
Dickwanst Adalbert Stifter geschrieben. Sport ist dem, der da in den Büchern
Stadlers spricht, ebenso zuwider wie die moderne Hirnforschung. Überhaupt darf bei
Stadler auch der Tod im Leben schon dazugehören. So altertümlich ist dieser Autor. Er ist
so altertümlich, dass er sogar noch, und zwar
sein ganzes Werk hindurch, Zeugnis abgibt,
von sich und der Welt. Arnold Stadler hat ein
Werk, und er hat ein Leben. Das kann man
nicht über viele sagen.
Daher macht Stadler oft auch das, was
Verlage und Lektoren hassen. Er wiederholt
sich. Er übt sich ein, wie in eine Litanei, und
er schließt dadurch seine Bücher immer mehr
zu einem Großen und Ganzen zusammen.
Sein letztes Buch hieß Komm, gehen wir, mit
diesen Worten finden sich da Liebende am
Strand zusammen und gehen sich lieben.
Nun ist es Jesus, der auf die Fischer trifft und
genau dasselbe zu ihnen sagt. Kommt, gehen
wir. Daraus werden dann Petrus und all die
anderen (vorneweg Andreas). Vorher waren
es noch Liebende.
Es wird bei Stadler auch gegen die Gesundheit geraucht. Es wird bei Stadler, wo es
um Sehnsucht geht, in den Swingerclub gegangen und dort schon mal vorsorglich angewichst, wenn man aus der Umkleidekabine
kommt. Und das alles ist dann nicht Sexualität oder Lustbefriedigung oder sonst etwas in
unserer Sprache, sondern es ist schlicht Sehnsucht und Leben – und hat stets, wie alles,
was die Wahrheit berührt, poetische Kraft.
Mitten dahinein kommt nun bei Stadler Jesus und sagt: Komm, gehen wir.
Und nun wird bei Stadler auch noch in
den Gottesdienst gegangen. Und mehr noch,
nun wird bei Stadler sogar darauf beharrt,
dass man so etwas, wie es Pasolini gemacht
hat, auch selbst machen kann. Nämlich ein
Evangelium, auch wenn es von der Wissenschaft durchforstet ist, auch wenn der Text
erst einmal von Philologen hergestellt werden
muss, auch wenn ganze Komitees die Übersetzungen durchsprechen und alles von
höchster institutioneller Ebene abgesegnet ist
… nämlich ein Evangelium nehmen und lesen und erschlagen, ergriffen und beseelt sein
können. Früher hätte man gesagt, den Heiligen Geist zu sich lassen.
Die Amseln, sagt Stadler, sangen, als
blühten sie. Stadlers Sprache ist auch so ein
stetes Blühen, und nun hat er das Evangelium nach Matthäus in sein Blühen hineingenommen. Stadlers Buch blüht wie der
Film von Pasolini. Und wie das Evangelium
selbst, von dem Stadler vielleicht ja sein eigenes Blühen hat. Und das alles könnte man
dann vielleicht die Anwesenheit des Heiligen
Geistes nennen.
Andreas Maier, geboren 1967, lebt in Bad Nauheim. In
diesem Jahr erschien sein Roman »Sanssouci«
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Denn der Süden ist mein Land
Und so wurde ich zur Metapher einer Schwalbe
Um zu kreisen über meinen Trümmern im
Frühjahr
Und im Herbst und um zu taufen meine Feder
Mit den Wolken des Sees und auszudehnen
meinen Gruß
An den unsterblichen Nazarener weil in ihm
Der Hauch Gottes wohnt denn
Gott ist des Propheten Glück
Und mein Glück seine Nachbarschaft
Aber mein Unglück ist dass das Kreuz ewig
Die Leiter bleibt zu unserem Morgen
Wer bin ich euch zu sagen
Was ich da sage
Wer?
Mahmoud Darwish: Der Würfelspieler
Gedicht; Deutsch/Arabisch; aus dem
Arabischen und mit einem Vorwort von
Adel Karasholi; A1 Verlag, München 2009;
92 S., 12,90 €
W I R R AT E N Z U
Die Wildnis in uns
Wolken. Nebel. Schorfige Felsabhänge, endlose
Farnwiesen, düstere Zedernwälder. Tierspuren.
Eisregen. Elender Hunger, quälender Durst, und
doch, und gerade: leben wollen! Der Natur ist
in diesem Roman eine Hauptrolle zugedacht,
der Natur in uns und um uns herum. Die kanadische Autorin Gil Adamson schickt eine junge
Frau, Witwe aus eigener Hand, auf eine nicht
enden wollende Flucht durch die Wildnis, sie
führt sie weg von sich selbst und anderen, bis an
den Rand dessen, wo der Mensch existieren
kann. Gil Adamson, die zuvor Kurzgeschichten
und Lyrik verfasste, hat ihr Romandebüt gewagt,
und es ist ganz außerordentlich gelungen. Die
Witwe ist eine Gejagte, im Namen des Gesetzes
und des Hasses, und ihre Verlorenheit ist grenzenlos. Sie versinkt in Betrachtungen von Blätterflirren, Vogelgeräuschen, Windbewegungen,
Wolkenformationen, so dicht gewebt, dass sie
die Schrecken der Seele überdecken sollen und
doch nur den Wahnsinn verraten. In weiter Ferne die Hunde entwickelt eine verblüffende Dramatik mit den Requisiten des alten Western und
endet mit einer leichten, ironischen Notiz, als
sei auch Gil Adamson nicht wenig erleichtert,
ihr Wagnis zum glücklichen Ende geführt zu
haben. Wir raten zu.
SUSANNE MAYER
Gil Adamson: In weiter Ferne die Hunde
Roman; aus dem Englischen von Maria Andreas;
Bertelsmann Verlag, München 2009;
383 S., 19,95 €
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DIE ZEIT
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FEUILLETON
LITERATUR
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
V O M S TA P E L
Ewige Arbeit am Geschlecht
eBay für die Liebe
Wie Judith Butler die Folgen ihrer Gender-Theorie langsam selbst unheimlich werden
Zwei Bücher darüber, wie man sich
im Internetzeitalter einen Mann angelt
Lauren Weisberger:
Ein Ring von Tiffany
Aus dem Englischen
von R. Rawlinson
und M. Tichy;
Goldmann,
München 2009;
384 S., 8,95 €
P
Foto: Jürgen Bauer
Ach, die Kennenlerngeschichten! Die schönen
Kennenlerngeschichten, wohin sind sie nur
verschwunden? Die wirkliche, wahre, hier
kurzerhand erfundene Kennenlerngeschichte
geht nämlich so: »Ich dreh mich also um, und
weißt du, wer hinter mir steht?« – »Nein, das
gibt’s nicht!« – »Doch, genau der.« – »Der aus
der S-Bahn?« – »Genau.« – »Aber das ist doch
zwei Monate her!« – »Genau.« – »Und, hat er
dich erkannt?« – »Aber wie.«
Man sieht, worauf es bei den Genregesetzen der klassischen Kennenlerngeschichte ankommt. Auf Unberechenbarkeit und lupenreine Absichtslosigkeit. Auf die zwingende
Macht des schieren Zufalls. Der Greifarm des
Schicksals fährt von hoch oben hernieder,
pickt zwei Menschlein heraus und steckt sie
zum gleichen Zeitpunkt an den gleichen Ort,
in ein S-Bahn-Abteil oder eben eine Kinowarteschlange. Man kann hieraus aber auch
erahnen, woher die Ödnis eines Buches rührt,
in dem die Kennenlerngeschichte als durchgeplantes Projekt auftritt. Ulrike Bornschein,
eine höchst attraktive, muntere Blondine aus
Berlin, unternahm ein Jahr lang den Selbstversuch, bei einer Partnervermittlung im Internet einen Mann zu finden. Ebendarüber
verfasste sie anschließend ein Buch, Bei Anruf
nackt (Meine Partnersuche im Internet; Heyne
Verlag, München 2008; 290 S., 8,95 €).
Eins vorweg: Gegen diese Art des elektronischen Fischfangs ist unter moralischen, kulturellen und lebenspraktischen Aspekten nicht
das Allergeringste einzuwenden! Unter dem
Aspekt der Narration indes, der lohnenswerten, ausgeschmückten Erzählung, sieht die
Sache anders aus. Denn es ist nun mal ein beträchtlicher Unterschied, ob sich die Kennenlerngeschichte aus der Macht des Schicksals
heraus ergibt oder aus einem mit Männerdaten proper gefüllten virtuellen Warenkorb.
Dabei ist die Chance, dass sich der Richtige
im Angebot befindet, gar nicht so klein: Ulrike Bornschein hatte im Laufe eines Jahres
Dates mit rund 50 Männern, verliebte sich
nach eigener Aussage dreimal und geriet noch
ein paarmal mehr in hormonelle Hochstimmung. Das erlebt, wer sich auf den Zufall verlässt, nicht so leicht. Über vierzehn der Kandidaten schreibt die Autorin in ihrem Buch,
und dieses ist, im Sinne gleichsam bürokratischer Erledigung, auch in vierzehn Kapitel
aufgeteilt. Pro Mann ein Kapitel. Nach
Manuel, dem Schweigsamen, und Raoul, dem
Lustmolch, hat sich die Neugier auf den Rest
erschöpft. Es geht nun mal bei diesem Kennenlernen im Internet strukturell nicht anders
zu als bei einem Einkauf bei eBay.
Alarmierend ist indes, dass die poesielose
Liebeskultur, die das Internet hervorgebracht
hat, sich auch außerhalb des Internets als Fantasieprinzip durchsetzt. In dem Unterhaltungsroman Ein Ring von Tiffany von Lauren Weisberger (Verfasserin des Bestsellers Der Teufel
trägt Prada) gehen drei junge New Yorkerinnen
bei ihrer Männersuche so schematisch vor, als
durchforsteten sie ein Kaufhaus nach einer
Hose in der richtigen Länge und zum richtigen
Preis. Bevor das erwünschte männliche Liebesobjekt auftaucht, ist schon klar, welche statistischen Daten es erfüllen soll. Ach, die Kennenlerngeschichten, es sieht wirklich nicht gut für
sie aus.
URSULA MÄRZ
Judith Butler,
geboren 1956,
lebt in Berkeley/
Kalifornien
Butlers neuer Aufsatzsammlung Die Macht
aris brannte, und die Welt fing Feuer. Es war
im letzten Jahrtausend, im Jahr 1990, als der Geschlechternormen allerdings merkt man
der heißeste Funke der jüngeren Geistes- ihr Unbehagen an der Rolle als Schutzheilige
wissenschaften zündete: als in glücklicher der Gender-Debatte deutlich an. ProgramKoinzidenz die Philosophin Judith Butler matisch witzelt der Originaltitel Undoing
ihre Studie Gender Trouble und die Filme- Gender, wie er wieder ins Fließen bringen
macherin Jennie Livingston ihre Dokumenta- will, was stockte: das dubiose Schlüsselwort
tion Paris is Burning herausbrachten. Der Film Gender mit seiner zauberlehrlingshaften
schildert hinreißend melancholisch die New Karriere. Butler hatte den grammatischen
Yorker Dragqueen-Szene, in der arme, farbige, Begriff als Platzhalter für vielfache, unstete,
schwule Männer ihre Daseinsträume als irgend- sprachlich bedingte Geschlechtsidentitäten
wie weibliches Luxusgeschöpf sozusagen flam- politisiert und etabliert. Kulturwissenschaftlich fruchtete der »Gender-Asboyant-radikal auslebten. Was die
pekt« gewaltig, gleichzeitig avanexplosive Frage aufwarf, ob diese
cierte er zum Paradebeispiel eines
Dragqueens nicht nach Lidstrich
verirrten Neologismus: Wer heuund Faden die perfekteren Frauen
te Gender sagt, meint meistens
seien – und was das am Ende für
Frauen und weiß es eigentlich
unsere Begriffe von Geschlechtlichselbst nicht so genau. Daran ist
keit überhaupt bedeuten könnte.
die Wortschöpferin nicht unMan hätte dem bunten Film
schuldig. »Bin ich überhaupt ein
solche Fragen aber wohl nie
Gender?«, fragt Butler nun begestellt, wäre nicht als zementwusst sprachlich verquält, doch
hartes Theoriependant zugleich
Absicht hin oder her: Der hilflos
Butlers Unbehagen der Geschlech- Judith Butler:
eingedeutschte Begriff blieb unter (deutsch 1991) erschienen. Die Macht der
verdaulich, wie das babylonische
Film und Buch begründeten in ver- Geschlechternormen
Aus dem Englischen
Wortmonstrum »Gender Mainführerischer Ergänzung den akade- von Karin Wördestreaming« quasi regierungsamtmischen Paradigmenwechsel der mann, Martin
lich bezeugt.
Genderstudies. Judith Butler hatte Stempfhuber u. a.;
Die Macht der Geschlechteram Differenzfeminismus kritisiert, Suhrkamp Verlag,
dass er zwar für Frauenrechte Frankfurt a. M. 2009; normen will deshalb die Theorie
414 S., 24,80 €
kritisch auffrischen. Das Buch
kämpfe, aber Ideen einer »weibkreist abermals um jene prekälichen Natur« letztlich nur bestätiren Identitäten, die nicht im
ge. Dagegen hielt sie eine provozierende Dekonstruktion, der zufolge Ge- Entweder-oder, sondern im Weder-noch daschlecht nicht ontologisch begründet, sondern heim, ergo sprachlich unbehaust sind. Um
das Produkt kultureller Praxis sei, eines perfor- metamorphische Körper. Um Inter- und
mativen doing gender: Wir sind nicht Mann Transsexuelle. Um schwule, lesbische Veroder Frau, lesbisch, schwul, hetero, sondern wandtschaftsgrade. Also um extreme Randwir tun so. Und wir könnten auch ganz an- phänomene – welche Butler freilich mit aller
ders. Die subversive Kraft dieses Anderen – denkerischen Schärfe ins Zentrum prindes kontingenten Körpers, der munter Un- zipieller Überlegungen holt. Denn warum,
eindeutigen in Paris is Burning – blieb bis so fragt sie, lösen Transsexuelle eine solche
heute der denkerische Angelpunkt der in juristisch-klinische Kategorisierungswut aus?
Warum sperrt sich Deutschland so heftig geBerkeley lehrenden Starphilosophin.
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Christoph Drösser (Computer), Dr. Sabine Etzold,
gen ein homoeheliches Adoptionsrecht? Weil folgende (Adoption), in denen dann auch
eben von diesen Rändern her das Zentrum die Normen neu formiert werden. Mit ankartografiert wird. Weil eine Transsexuelle deren Worten: Dieser im Kern hochpolitidie Weiblichkeit und schwule Väter die Va- schen Philosophie ist politische Pragmatik
terschaftsnormen selbst verändern. Der einigermaßen fremd.
Dass Judith Butler auch anders kann,
Normbegriff soll die Brücke schlagen von
der Theorie zur Lebenswelt, deren Ignorie- zeigt das klare, frische Büchlein Krieg und
rung man Butler gern vorwarf. Und selbst- Affekt. Hier gelingt es ihr, die These vom
redend durchsiebt sie jegliche soziale Norm kontingenten Körper und seiner basalen
mit gewohnter dekonstruktiver Brillanz, so- Verletzlichkeit in eine Ethik zu überführen.
dass durch die Löcher die Chance auf eine Hier zeigt sie, wie Politik und Medien im
Neuformulierung des Menschlichen strahlt. Irakkrieg das öffentliche Mitleid manipulierten, indem sie eine scharfe
Butler nennt dies eine »PhiloTrennung von betrauernswerten
sophie der Freiheit«, welche die
und nicht betrauernswerten Kör»Möglichkeit selbst als eine
pern propagierten: als sie KriegsNorm« versteht, vor allem die
fotos oder Leidenszeugnisse der
Möglichkeit uneindeutiger SubGuantánamo-Häftlinge unterjekte, »als Personen aufgefasst zu
drückten. Gerade diese Zensur,
werden«. Wer sie verteidigt, so
so argumentiert Butler, darin
Butler, ficht für unser aller verauch eine neue, menschenrechtletzliche und schwache Körper.
lich engagierte Dimension ihres
Schwerfällig, wie auf KrüDenken erschließend, offenbart
cken humpeln freilich die Ardie enorme affektive Macht des
gumente dorthin. »Ich denke, Judith Butler:
verletzlichen Körpers.
man kann wohl sagen, dass« – ja, Krieg und Affekt
dem Englischen
Die Macht der Geschlechterdass Butlers Sprechakt- und Jar- Aus
von Judith
normen aber, diese unglücklich
gonblüten zu ermüdender Um- Mohrmann u. a.;
opernhaft betitelte Reprise, bestandshuberei führen, was die diaphanes,
antwortet endgültig die seit
am Amerikanischen klebende, Zürich/Berlin 2009;
Gender Trouble bestehende Fraoft strauchelnde Übersetzung 112 S., 8,– €
ge, wie sich die subversive Enernicht abmildert. Dabei geht es
gie des kontingenten Körpers
um weit mehr als eine Stilfrage.
denn konkret entfalten solle.
Denn Butlers schnurrender DeJudith Butler, die so unangekonstruktionsmotor kann durch
den wattierten Jargon kaum nach außen fochten filigran jede Ontologie der Gedringen. Soll er auch nicht. Diese Sprache schlechtlichkeit widerlegte, hat damit, so
selbst will möglichkeitssinnig, kontingenz- scheint es, lediglich die DNS einer Mutalöchrig sein, und das führt mitunter zu blin- tion entziffert, die aber ganz selbstständig
den Flecken. Wenn Butler am Beispiel der abläuft. Das zwangsmissverständliche Wort
Homoehe das Pro (mehr Rechtssicherheit) Gender ist das Symptom dieses machtlosen
und das Contra (kein Adoptionsrecht, neu- Theoriecodes. Venus Xtravaganza, eine der
er Normenzwang) diskutiert, bezieht sie Diven in Paris is Burning, hat ihn nie buchpartout keine Stellung. Dabei geht es hier stabieren müssen. Sie hat ihn, überwältidoch weniger um ein dialektisches Pro und gend irritierend und glamourös, schlichtweg
Contra als um den ersten Schritt (Ehe) und gelebt.
Viel Lärm um Tracey
Als Skandalnudel des Kunstbetriebs ist Tracey Emin eine teure Marke. In ihrer Autobiografie findet man eine Pop-Feministin
Tracey Emin ist ein Star. Spätestens seit sie
1999 ihr ungemachtes Bett in einer Ausstellung zeigte, umgeben von Kondomen,
blutbefleckten Unterhosen und leeren Wodkaflaschen, ist sie eine der bekanntesten
Vertreterinnen ihrer Zunft. Die intimen
Details ihres Privatlebens auszustellen war
dabei von Anfang an die Basis von Emins
Kunst – und von Anfang an schied sie damit die Geister: Die einen halten die Frau,
die als eine der sogenannten »Young British
Artists« unter den Fittichen des Sammlers
Charles Saatchi in den neunziger Jahren
groß, berühmt und vor allem teuer geworden ist, für eine reine Provokateurin, die
anderen für die größte lebende Künstlerin
unserer Zeit.
Anlass für die erneuten Lobeshymnen, die
derzeit quer durch die deutsche Medienlandschaft vom Spiegel bis zur FAZ angestimmt
werden, sind Emins Autobiografie Strangeland,
bereits 2005 im englischen Original und nun
auch in einer deutschen Fassung erschienen,
sowie eine Retrospektive ihrer Kunst, die derzeit
durch die europäischen Metropolen tourt (bis
21. Juni im Kunstmuseum Bern). Emin erzählt
in ihrem Buch die Geschichte ihrer Kindheit
Ulrich Schnabel, Dr. Hans Schuh-Tschan (Wissenschaft),
Martin Spiewak, Urs Willmann
Gründungsverleger 1946–1995:
Gerd Bucerius †
Herausgeber:
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Nr. 20 DIE ZEIT
und Jugend, und sie liest sich wie das Drehbuch
eines britischen Drogenfilms: wie Emin in der
Trostlosigkeit des britischen Seebads Margate
mit Mutter und Zwillingsbruder aufwächst,
wie die Familie verarmt, wie sie als Mädchen die
Schneidezähne verliert, magersüchtig und mit
13 vergewaltigt wird,
sich mit 14 quer durch
die männliche Stadtbevölkerung geschlafen
hat, die Schule abbricht,
nach London abhaut
und Künstlerin wird.
Nach dem gleichen
Prinzip wie Tracey
Emins Kunst funktioniert auch ihr Buch: Es
ist sicher kein literarisches Meisterwerk, was
kann man erwarten von einer Frau, die nach
eigener Aussage nie richtig schreiben gelernt
hat. Aber es liest sich so surreal und flüssig,
dass man kaum erwarten kann, die nächste
Seite umzublättern – weil das Leben von
Stars eben faszinierend ist, und das von Tracey Emin in besonderem Maße. Die These,
Emin sei damit eine der wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart, ist schwer aufrecht-
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S.52
SCHWARZ
zuerhalten. Wahr mag sein: Auf dem Kunstmarkt hat Emin großen Erfolg, seit 2007 ist
sie Mitglied der altehrwürdigen Royal Academy. Trotzdem schaffen Kolleginnen wie
Sarah Lucas oder die weitaus weniger bekannte Andrea Fraser wesentlich komplexere Werke, neben ihnen wirkt
Emin auch mit 46
Tracey Emin:
Jahren noch wie ein
Strangeland
rebellischer Teenager.
Autobiografie; aus
Ein empfehlenswerdem Englischen von
tes
Buch ist StrangeSonja Junkers;
land dennoch – vor
Blumenbar Verlag,
allem für diejenigen,
München 2009;
240 S., 17,90 €
die sich für Popfeminismus interessieren.
Denn auch wenn sich
Emin selbst mit Händen und Füßen gegen dieses Label wehrt: Ihre Selbstabrechnung ist in
vielen Punkten feministisch oder kann zumindest so gelesen werden. Wenn sie etwa
immer wieder voller Achtung und Liebe über
die Beziehung zur Mutter und Großmutter
schreibt und damit die weibliche Familiengenealogie betont. Wenn sie die eigenen
sexuellen Bedürfnisse und Fantasien ausspricht, egal wie politisch unkorrekt oder
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cyan
magenta
VON CHRIS KÖVER
dreckig diese sein mögen. Wenn sie im Kapitel M*A*S*C*U*L*I*N*I*T*Y schreibt:
»Nein heißt nein. Und bitte bedeutet nicht
zwangsläufig Bitte fick mich. Es könnte auch
heißen: Bitte, hör auf.« Und ganz besonders,
wenn sie mit fast schmerzhafter Offenheit
über ihre eigenen Abtreibungen berichtet
und damit klassisch feministische Aufklärungsarbeit betreibt.
Natürlich ist Strangeland kein feministisches Manifest. Emin ist ja auch keine Aktivistin, sie ist Künstlerin. Und natürlich kann
ihr Buch trotz feministischer Ansatzpunkte
auch einfach als Bekenntnis einer problembeladenen Exhibitionistin gelesen werden.
Ebenso wie schon Charlotte Roches Feuchtgebiete von fünfzigjährigen Männern als
Softporno genutzt werden konnte. Wie bereits Feuchtgebiete kann aber auch Strangeland wunderbar auf den Punkt bringen, was
die neue Frauenbewegung schon vor 30 Jahren zum Leitmotiv erklärte: Das Private ist
politisch.
Chris Köver, Jahrgang 1979, ist Mitbegründerin
des feministischen Popkultur-Magazins »Missy«, das
im vergangenen Oktober auf den Markt kam
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Nr. 20
S. 53
DIE ZEIT
FEUILLETON
LITERATUR
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
SCHWARZ
L I T E R AT U R 5 3
cyan
magenta
53
Frauen in Halbtrauer
Angelika Klüssendorfs »Amateure« inszenieren weibliche Ohnmacht und Verlorenheit
Foto: Jenny Kocerka
Z
Angelika
Klüssendorf,
geboren 1958,
lebt in Berlin
wanzig Jahre Mauerfall« – eigentlich
doch ein Grund zum Feiern. Im neuen
Erzählband Amateure von Angelika
Klüssendorf allerdings ist die »deutsche Teilung« stabiler denn je. Wie
im historischen Wiedervereinigungsgeschehen geht auch hier in diesen
Beziehungsgeschichten alles viel zu
schnell. Kaum haben sich »zwei völlig
fremde Menschen … auf der Mauer
geküsst«, sind sie auch schon verheiratet oder wenigstens schwanger. Und bei
der ersten gemeinsamen Reise in die »Flitterwochen« geht ihnen dann, wie den beiden Ameisen von Ringelnatz – »schon in
Altona auf der Chaussee taten ihnen die
Füße weh« –, schon die Luft aus.
Edna und Moritz zum Beispiel. Anfangs imponiert der weltläufige Fernsehredakteur der scheuen ostdeutschen »Museologin«. Er kann so gut reden, wirkt so
begeisterungsfähig. Aber bei der ersten gemeinsamen Fahrradtour durch Mecklenburg geht ihr dieses übertriebene Schwärmen von der tollen »desolaten Aura« der
Landschaft ziemlich auf die Nerven. Und
als der Herr Westredakteur dann einen
Ostkellner anherrscht (»Sie wissen wohl
nicht, wer ich bin«), ist die Geschichte
schon wieder zu Ende.
Katharina, der Studentin aus Dresden, ergeht es ähnlich. Sie muss sich von
Steffen, Zahnarzt mit eigener Praxis, anhören: »Easy going … du musst lernen,
easy going zu sein.« Und auch die Malerin Wiebke, die dem Redakteur Moritz
als Nächste ins Netz geht, bekommt auf
Englisch beigebracht, dass sie eine ziemliche Trantüte ist: »The early bird catches
the worm.« Ihre Bilder sind nicht besonders, und deshalb dachte sie ja auch,
»dass es richtig wäre, sich auf Moritz
einzulassen, auf eine Familie«. Was sie
nicht »dachte«, war, dass sie gleich Zwillinge bekommen würde, mit denen sie
nun allein fertig werden muss, weil Moritz, was sie auch nicht für möglich hielt,
ihre Schwangerschaft »wie ein Scherz«
vorkam.
Das Schema dieser »asymmetrischen«
Beziehungen ist immer das Gleiche. Der
Westen pirscht sich in Gestalt eines
zwielichtigen Erfolgsmenschen mit Kreidestimme an das arglose Ost-Rotkäppchen heran. Und wenn er seine Siegergene
weitergegeben hat, ist sein Interesse erloschen. Jeder Kaiserpinguin in der Antarktis (zwei traute Exemplare sind auf
dem Buchumschlag abgebildet) sorgt sich
mehr um seinen Nachwuchs als diese
gefühlsverarmten Westväter. In den beziehungsgeschädigten Kindern wiederholt
VON GABRIELE KILLERT
sich dann das Übel. Der halbwüchsige noch immer weibliche Ohnmacht und
Sohn von Steffen, dem Zahnarzt, be- Orientierungslosigkeit ins Zentrum ihrer
kommt seinen Vater, der seine Zeit lieber Arbeit stellen. Beide Bücher sind ein
mit Computerspielen verbringt, so gut Zyklus von Erzählungen ohne inneren
wie nie zu Gesicht. Seinen Frust reagiert Zusammenhang, an den hier niemand
der Knabe einer alleinerziehenden neuro- mehr glaubt.
Und doch gibt es deutliche Unterschietischen Mutter ebenfalls mit Ballerspielen
ab, wobei er seinen kindischen Vater dann de. Hermanns Erzählungen haben nicht
nur – wie gute Weine – Körper. Sie haben
wenigstens virtuell totschießt.
Gewaltfantasien ziehen sich durch fast ein melancholisches Bewusstsein, das sie
alle elf kurzen Short-Cut-Texte wie ei- mit jeder Silbe ausdünsten, das alle Sätze
atmosphärisch umhüllt. Eine
ne Reihe anderer Leitmotive –
schmerzlich spürbare Diffeetwa die schlagertextartigen
renz zur dargestellten Welt, die
Liebeskitschformeln und Entim ganzen Text vibriert und
fremdungsvokabeln, die Famiden Gefühlsraum des Lesers
lienbande zwischen den Fimit in Schwingung versetzt.
guren knüpfen, die ansonsten
Von den Amateuren bleibt
(obgleich teilweise verwandt)
man beim Lesen jedoch unbeeinzig durch ihre Beziehungsrührt, fast so anästhesiert wie
losigkeit miteinander verbunder arme Georg, wie Edna,
den sind.
Moritz, Wiebke und all die
Angelika Klüssendorf, geanderen und der Text selber,
boren 1958 in der DDR und Angelika
der sich an der Lustlosigkeit
1985 in den Westen ausgewan- Klüssendorf:
und Fadheit der Figuren indert, hat sich schon in ihren frü- Amateure
fiziert hat. Die Beziehungsheren Geschichten (Anfall von Erzählungen;
Glück, Alle leben so) im Genre S. Fischer, Frankfurt losigkeit der Figuren wirkt inam Main 2009;
szeniert und ideologisch. Als
des menschlichen Extremschei- 143 S., 16,95 €
Skandal, an dem sich die Spraterns versucht. Schlimme Kindche aufreibt, wird sie nie spürheit, verheerende Familienverhältnisse sind ihre Spezialität. Im neuen bar. Hier wird ein Scheitern behauptet, zu
Erzählband gibt es sogar die Variante dem man nicht vordringt, weil man über
des extremen Extremscheiterns: das vom das Scheitern von Sätzen nicht hinausScheitern bedrohte Scheitern. Georg, ei- kommt. Vielleicht sollen leblose Syntax,
ner aus der Moritz-Sippe, ist lebensmüde Klischeesprache, hohl tönende Sätze den
und will sich erschießen. Aber der Revol- Stupor der Figuren abbilden, ihre Gever spielt nicht mit. Aus Verzweiflung be- fühlsohnmacht durch Beschreibungsohnschließt der übergewichtige Mann weiter- macht simulieren. Aber solche Mimikry
zuleben und versucht sein Unglück mit geht leicht schief. Keine Wirklichkeit ist
einem Bankeinbruch, der ihm mühelos so öde, so in ihrer Totalität trostlos, wie
gelingt. Auf Teneriffa, wo er das erbeutete hier ertüftelt. Wo bleibt das Chaos, das in
Geld verprasst, bringen ihn weder Son- jedem Kopf ein Wörtchen mitzureden
nenstich noch Langeweile um. Erst ein hat, das Vieldeutige, das sich in Literatur
Flugzeugabsturz kann dieses Werk des ereignen will, das Satz-für-Satz-auf-derKippe-Stehen?
Scheiterns vollenden.
Ein kleiner Text Über das Tragische
All diese Figuren wirken wie verkorkt,
innerlich taub und berührungsresistent, von Ossip Mandelstam bringt die Sache
und klammern sich ebendeshalb hilflos auf den Punkt: »Wenn ein Schriftsteller
aneinander. Eine unauflösbare Trostlosig- es sich zur Pflicht macht, um jeden Preis
›tragisch vom Leben zu künden‹, jedoch
keit geht von ihnen aus.
Daran ist zunächst nichts auszusetzen. auf seiner Palette keine tief kontrastieDie besten und schönsten Texte der Li- renden Farben besitzt; und das Wichtigsteratur handeln von trostlosen Dingen, te – wenn ihm das Feingefühl für jenes
ohne selbst trostlos zu sein. Die von Up- Gesetz abgeht, demzufolge das Tragische
dike etwa oder Raymond Carver, den … sich in ein allgemeines Bild der Welt
Klüssendorf mehrfach »zitiert«. Oder fügen muss, wird er ein ›Halbfabrikat‹
auch die neuen Erzählungen von Judith des Schreckens und der Erstarrung lieHermann. Zwischen dem neuen Her- fern, nur gerade deren Rohmaterial, das
mann-Buch Alice (ZEIT Nr. 19/09) und bei uns ein Gefühl des Widerwillens herden Amateuren gibt es viele Schnittstel- vorruft und in der wohlmeinenden Kritik
len, deren erstaunlichste darin besteht, besser unter dem Kosenamen ›Alltagsdass beide Erzählerinnen im Jahr 2009 und Milieustudie‹ bekannt ist.«
Biblische Liebschaften
Jürgen Wertheimers sympathische Burleske über Maria, Johannes den Täufer und Gottvater
Diese schöne Halbgöttin, charmante Mu- armen ganz liebeleeren Narren verraten und
se ihres Wohlstands für zehntausend zugrunde gerichtet haben, und mit ihm Mafromme Maler, unfromme auch; quasi ria: die nun ihrem späten Geliebten das erhimmlisches Vexierbild aller hiesigen Un- zählt, was vorher war.
widerstehlichkeit, oder wie Heine sagt:
Sie leben und lieben versteckt, man
»Es schweben Blumen und Englein um will sie umbringen als die letzten Zeugen
unsre liebe Frau; die Augen, die Lippen, dessen, was jetzt der offiziellen Version
die Wänglein, die gleichen der Liebsten entgegen ist. Man schafft es auch; nach
genau« – Maria; und nun hat sie’s einem einer allerletzten Nacht verlässt Didymos
wieder so angetan, und hingesie, lässt sie für tot liegen, und
rissen hat er einen ganzen Roflieht, und scheint sich auf ein
man über sie geschrieben, und
Schiff retten zu können, und
reißt uns nun mit hinein in
schreibt auf diesem Schiff, ein
Gefangner im Grunde, denn
diese tolle Liebschaft, die letzte seines Erzählers.
sein Mörder ist schon da,
schreibt nun alles auf, also die
Der Autor schiebt ihn vor,
wahre Geschichte, Marias Geganz durchsichtig, er nennt ihn
schichte. Eh er ins Meer gestoDidymos, griechisch: der Zwilßen wird, gibt er die Geschichling, der Doppelte – nichts ist
te heimlich der Aufseherin
rätselhaft an diesem Buch, aber
über die jüdischen Mädchen,
alles ist verspiegelt, gerissen und
schön verspiegelt. Didymos ist Jürgen Wertheimer: jene voreilig oder nebenher
Als Maria
Liebenden, die man bis vor
Marias letzte Liebe, wie sie seine. Gott erfand
Kurzem gesteinigt hat, aber
Jesus ist tot, er war ihr Kind von Roman; Pendo,
jetzt haben die frommen
einem Wanderprediger damals München/Zürich
Geistlichen entdeckt, dass man
(hinter einer Tamariskenhecke). 2009;
sie doch besser einfach verSie war eine Fremde, aus Jorda- 443 S., 19,95 €
kauft; unten im Schiff hausen
nien, und hatte in die Tischlerdiese Mädchen, und er schreibt
familie ihres an ihr sonst nicht
interessierten Mannes eingeheiratet. Jetzt ist da unten. Jetzt hat die Aufseherin das
sie eine Geschlagne; dennoch schön, faszi- ganze Manuskript.
Der Doppelte da unten schreibt die
nierend, sagen sie beide, der Autor und sein
Double, und sagen wir auch, das sind jetzt Geschichte, und schreibt mit hinein in
schon drei, und wir wissen, was wir sagen: diese Geschichte immer wieder Notizen
schön und faszinierend, wenn sie will, und darüber, wie er schreibt; er schreibt seine
sie will es. Und wenn sie sich lieben, Didy- eigene Geschichte, kursiv, mit hinein in
mos und Maria, erzählt sie ihm die ganze Marias Geschichte, beide Geschichten
Geschichte; selber ist er erst sehr spät in die münden dann ineinander, wenn sie sich
Clique um Jesus geraten, eher ein Zuschau- ineinander verlieben. Und gebannt um
er, und nicht beteiligt daran, wie sie dann, ihretwillen, und um seinetwillen nicht
angeführt vom machtbesessenen Paulus, den ganz leicht, und kommt doch nur schwer
Nr. 20 DIE ZEIT
los von ihm, diesem Erstgeliebten, beschreibt er auch immer wieder jenen Wanderprediger, Jochanaan, das ist Johannes
der Täufer (auch er nun schon hin, ein
bloßer Kopf bei Salome); und ganz und
gar unerbaut beschreibt er zum Beispiel,
wie dieser verrückte Gottesvater linker
Hand dann auch noch den nichts ahnenden Sohn zweier Väter (aber einer schönen, nun ja, und eigenköpfigen, wunderbar arroganten Mutter) im Jordan taufen
muss; solche Sachen, etwas bereinigt, sind
dann ja auch in die Bibel gelangt.
Auf diese Art ineinander verknäult
und unerwartet verwickelt, haben alle diese Geschichten hier oft etwas an sich von
einer schrägen metaphysischen Burleske.
Der vorgeschobene Erzähler, jener Zwilling des Autors, hat große Anlagen zu
Skepsis, zu Zynismus (allenfalls mildert
die Liebe ihm manchmal den Blick); er ist
ein griechisch gebildeter Mann, er liebt
griechische Lyrik, er hat so gar kein Faible
fürs Jungfräuliche und findet zum Beispiel
das Hohelied ziemlich verquast; und so
schlimm das ist, man begreift ihn; seine
Freiheit tut so wohl.
Und das liegt nun sicher an der Handschrift seines Erfinders, des Autors, der, in
fast abenteuerlicher Enthaltung von aller
Kunst, eine Bravour an den Tag legt, die
einen lesen lässt wie in frischer Luft. Wo
alles sonst Angst hat um Kunst und vor
falschen Tönen, schreibt er wie völlig unbesorgt, unbedenklich, bedenkenlos; völlig bewusst das alles, und doch ganz und
gar unforciert, in dieser ruhigen und nur
von Liebe glühenden Respektlosigkeit.
Liebe, Witz und Blasphemie – noch mehr
dieser Romane, und wir glauben gern wieder an Gott und alles.
ROLF VOLLMANN
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Nr. 20
54
FEUILLETON
Noch bis zum 18. Mai läuft
das Berliner Theatertreffen,
bei dem zehn wichtige
Inszenierungen deutschsprachiger Bühnen in der
Hauptstadt gezeigt werden.
Jürgen Gosch, bereits als
»Regisseur des Jahres« ausgezeichnet, ist gleich zweimal
vertreten – Grund genug,
ihn und einen seiner Lieblingsschauspieler, Ulrich
Matthes, nach dem Geheimnis der Theaterkunst zu befragen. Gemeinsam brachten
sie 2008 die »Inszenierung
des Jahres« auf die Bühne –
Tschechows »Onkel Wanja«.
Hier erzählen sie, wieviel
Mut außerordentliches
Theater erfordert
DIE ZEIT
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7. Mai 2009
Kürzlich äußerte sich im Fachblatt Theater ZEIT: Und es funktioniert nur durch Überwindung
heute die Schauspielerin Corinna Harfouch über – durch die Überwindung der eigenen Scham.
Sie, Herr Gosch. Im Umgang mit Ihren Schauspie- MATTHES: Das Problem der Scham ist etwas, was
lern, sagte Frau Harfouch, seien Sie »ungeheuer lie- mich von Anfang an beschäftigt hat. Wenn ich ins
bend und ungeheuer bösartig«.
Theater gehe und Kollegen spielen sehe, denke ich
oft: Unglaublich, was die sich trauen! Dass die sich
ULRICH MATTHES: Bösartig finde ich ihn überhaupt
nicht, Entschuldigung, wenn ich dazwischengehe. trauen, da rauszugehen und ein paar Stunden lang
Da fallen mir ganz andere Regisseure ein, auf die das den anderen Leuten was vorzuspielen.
viel mehr zuträfe: Bösartigkeit, um zu bestimmten ZEIT: Ihr Beruf erscheint Ihnen als Verwegenheit?
Ergebnissen zu kommen. Gosch legt seine Karten MATTHES: Ich sitze manchmal da unten und identifiziemlich offen auf den Tisch. Ich habe selten das ziere mich mit den Zuschauern, die den Beruf des
Gefühl, er führt etwas im Schilde.
Schauspielers ums Verrecken nicht haben möchten.
Der Umstand, dass ich ein paar Tage später auf derJÜRGEN GOSCH: Ich habe mir angewöhnt, die Karten
auf den Tisch zu legen, weil es der unkompliziertere selben Bühne stehe und das Gleiche mache, nötigt
mir wirklich Verwunderung ab. Die Überwindung,
Weg ist.
die es einen doch kostet! Das halte ich für ganz wichZEIT: Über manchen berühmten Regisseur hört man
die ungeheuerlichsten Geschichten: Psychoterror, tig: sich bewusst zu machen, dass es den einen MilliGebrüll, schwarze Pädagogik auf den Proben. Von meter gibt, der einen trennt von denen da unten.
Ihnen dagegen, Herr Gosch, hört man meist Gutes. ZEIT: In Goschs Macbeth waren Sie nicht dabei. HätWahren Sie die Form, weil Sie gegenüber den Schau- ten Sie die Nacktheit der Aufführung mitgemacht?
spielern Ihr Gesicht nicht verlieren wollen?
MATTHES: Da bin ich mir sehr unsicher. Ich habe mich
noch nie ausgezogen auf der Bühne. Vor der Kamera
GOSCH: Für mich ist es kein Genuss, mir solchen Psychoterror auch nur vorzustellen. Es ist mir auch un- komischerweise schon. Obwohl man ja weiß, dass es
vorstellbar, dass Schauspieler das mitmachen. Wozu dann irgendwann ein paar 100 000 Leute sehen werich aber immer aufrufe beim Proben: mehr zu inves- den, habe ich mich da problemlos ausgezogen. Auf
tieren. Mehr zu spielen. Wenn man das nicht tut, der Bühne habe ich das bisher verweigert, da hat sich
gewinnt man auch nichts. Nur dann, wenn unent- eine Art von Scham gemeldet. Es kommt mir fast imwegt investiert wird mit Wissen und mit Schamlo- mer überflüssig vor, wenn ich Nacktheit auf der Bühsigkeit und der Bereitschaft, sich zu irren, gibt es die ne sehe. Die Nacktheit im Macbeth dagegen war etwas so Existenzielles, dass sie »stimmte«. Aber im
Hoffnung einer Auszahlung …
Grunde ist es ja so: Man guckt zuerst doch auf die
MATTHES: Er fordert einen auf, sich in jeder Hinsicht
erst mal zu trauen … emotional, körperlich – zu in- Schwänze (lacht). Das ist ja das Blöde an der Nacktheit im Theater, dass man erst mal gezwungen wird
vestieren.
von der Regie, zum reinen Voyeur zu werden und wie
ZEIT: Ich las über Sie, Herr Gosch, Sie gingen nicht
ins Theater, weil Sie das Theater eigentlich beschä- in der Peepshow das innere Fernglas rauszuholen.
mend fänden, weil Sie beim ZuGOSCH: In meiner Erinnerung ist
sehen oft so etwas wie Fremdscham
mir der Umgang mit der Nacktheit
fühlten.
am besten gelungen in meiner Inszenierung von Roland SchimmelGOSCH: Man geniert sich dafür, ja.
Wenn ich andere
pfennigs Stück Im Reich der Tiere.
Meistens gehe ich ins Theater, um
Schauspieler auf der Dort verwandeln die Menschen sich
einen Schauspieler, der mir empfohlen wurde, zu sehen. Das ist eigentauf der Bühne in Tiere.
Bühne sehe, denke ich gleichsam
lich der einzige Grund.
Man ist gezwungen, sich wirklich
ZEIT: Muss man auch auf Proben
oft: Unglaublich, was im Sinne des Wortes mit der Nacktheit der Kreatur zu beschäftigen.
durch Peinliches hindurch?
die sich trauen!
Ein Medium, das diese BeschäftiGOSCH: Das ist so. Früher habe ich
gung auf eine faszinierende Weise
das nicht so gut ausgehalten. Die
«
betreibt, ist übrigens der Trickfilm.
schlechten Vorschläge der Schauspieler haben mich gekränkt, so wie
ZEIT: Zum Beispiel?
mich auch schlechtes Theater kränkt. Ich habe GOSCH: Bolt – ein amerikanischer Film. Großartig!
darauf unfreundlich reagiert. Und irgendwann habe Ein Hamster spielt da eine große Rolle. Es geht um
ich gemerkt, dass das Quatsch ist, weil es nichts Katzen und Hunde, und ich merke, es interessiert
ändert. Man muss die Geduld haben, das auszu- mich … Ich komme gestärkt aus solchen Filmen
halten – die peinlichen Vorschläge, die nichtssagen- heraus.
den. Und man muss sicher sein, dass andere kom- ZEIT: Der Trickfilm gefällt Ihnen allgemein?
men werden.
GOSCH: Oh ja. Mich fasziniert auch dieser Japaner,
Hayao Miyazaki. Das Wandelnde Schloss, Chihiros
ZEIT: Peinlichkeit ist für Sie eine treibende Kraft. Es
gab, so sagten Sie in einem Interview, Zeiten, wo Sie Reise ins Zauberland – das sind großartige Filme. Die
sich permanent geschämt haben – auch für eigene erste Einstellung von Chihiros Reise ins Zauberland
Inszenierungen. Treiben Sie auch Schauspieler in die zeigt eine Familie in einem Audi 100. Diese Familie
Scham? Ich spiele darauf an, dass Sie viele Schauspie- wird gleich in unglaubliche Mysterien eintauchen,
aber zu Beginn sieht man sie in einem Audi sitzen
ler nackt auf die Bühne bringen.
– solche Gegensätze finde ich faszinierend.
GOSCH: Manchmal glaube ich, die Nacktheit der
Schauspieler, der Körper, könne etwas mitteilen über MATTHES: Das trifft Goschs Arbeit ganz gut. Sie ist oft
die Dinge, mit denen wir uns da beschäftigen. Ich auch ganz profan, geradezu antiesoterisch. Da ist sokann aber nur Männer bitten, sich auszuziehen. zusagen überall der Audi 100 zu sehen. Es geht auf
Man kann nie eine Frau bitten, sich auszuziehen.
den Proben oft um ganz banale Sachen und eben nicht
um: schau mal ganz tief innen in dich hinein und entZEIT: Oft geschieht es, dass die Nacktheit, die im
schauspielerischen Vorgang als die größte Natürlich- decke deine Kindheit. Solches Getue wäre ihm, glaube
keit erscheinen mag, in der Öffentlichkeit als die ich, total peinlich. Da würde er sich bestimmt fremdgrößte Unnatürlichkeit, als Skandal ankommt. Ist es schämen. Es geht eher darum, Realität erfahrbar zu
Ihnen egal, dass von Ihrer Macbeth-Inszenierung die machen, Jetztzeit, egal, mit welchen Mitteln.
breite Öffentlichkeit nur weiß, dass die Schauspieler ZEIT: Der Eindruck der Offenheit in Goschs gelundarin nackt sind? Ist es das wert?
genen Inszenierungen – wie ist der zu erreichen?
GOSCH: Das habe ich mich auch manchmal gefragt.
MATTHES: Auf den Proben herrscht ein letztendlich
Es beantwortet sich in jeder Vorstellung – und in rätselhaftes und beglückendes Klima: der unausjeder Vorstellung anders.
gesprochene Appell zur Eigenverantwortung! Man
wird nicht zensiert, und dadurch zensiert man sich
ZEIT: Es kann in der einen Vorstellung stimmen und
selbst nicht. Was überhaupt nicht heißt, dass nicht
in der anderen falsch sein?
ständig eingegriffen würde. Er lässt die Dinge gar
GOSCH: Ja. Theater ist sehr flüchtig. Im Grunde gibt
es das Theater gar nicht. Es gibt nichts von dem, was nicht laufen; nein, er greift sehr viel ein.
wir beide, Uli Matthes und ich, miteinander getan ZEIT: Sie sagen, Gosch will Realität erfahrbar machen.
haben. Es ist wie eine Fontäne. Es fängt erst wieder Es ist aber eine vom Staub des Alltäglichen gesäuberte
an, wenn er (zu Matthes deutend) wieder anfängt zu Realität. Es gibt Zeitlupen- oder Starrheitsmomente
spielen. Es existiert für die zwei Stunden, da die in seinen Inszenierungen, die uns im Publikum sugSchauspieler es tun. Dann ist es wieder weg.
gerieren, dass es jetzt um was Größeres geht, dass die
DIE ZEIT:
Vom Zittern
der Zeit
»
Jürgen Gosch
Geboren in Chemnitz am 9. September
1943, begann als Schauspieler in Parchim und debütierte in Potsdam als
Regisseur. 1978 übersiedelte er nach
Westdeutschland. Längst ist Gosch zu
einem der wichtigsten deutschen Regisseure geworden. Mit Ulrich Matthes
hat er drei Inszenierungen gemacht,
zuletzt Tschechows »Onkel Wanja«,
eine der großen Aufführungen der vergangenen Jahre. Das Gespräch mit Jürgen Gosch und Ulrich Matthes fand
vor einigen Wochen in Goschs Berliner
Wohnung statt. Der Regisseur leidet an
Krebs; sein Zustand hat sich inzwischen leider verschlechtert; den Berliner Theaterpreis, den er am Sonntag
erhielt, konnte er nicht persönlich entgegennehmen.
Ulrich Matthes
Geboren 1959 in Berlin, lebt wie Jürgen
Gosch am Berliner Savignyplatz. Er
spielte unter anderem an den Münchner
Kammerspielen und an der Schaubühne
Berlin. Seit 2004 ist er am Deutschen
Theater in Berlin engagiert. Hier entstanden die Aufführungen mit Jürgen
Gosch: »Wer hat Angst vor Virginia
Woolf?« und »Im Schlitten Arthur Schopenhauers« (jeweils mit Corinna Harfouch) sowie »Onkel Wanja« mit Jens
Harzer und Constanze Becker. Für die
Darstellung des Wanja wurde Matthes
zum »Schauspieler des Jahres« gewählt. Am 9. Mai wird Ulrich Matthes
50 Jahre alt. Im Verlag Theater der Zeit
ist soeben das Porträt-Buch »Matthes«
(Verfasser: Michael Eberth) erschienen.
Nr. 20 DIE ZEIT
S.54
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ULRICH MATTHES (LIN
dessen Hündin Bell
Jürgen Goschs Wohnu
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Nr. 20
DIE ZEIT
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DIE ZEIT Nr. 20
Ein Gespräch mit dem
Theaterregisseur
Jürgen Gosch und
dem Schauspieler
Ulrich Matthes
über die Scham, die
Wahrhaftigkeit und den
Kampf auf der Bühne
Zeit über ihre Ufer tritt, sozusagen. Da soll der Au- abgemacht, dann wurde eine Schicht Mull abgegenblick verweilen – oder der Schmerz darüber, dass macht, dann die nächste – und man dachte immer,
man die Zeit eben nicht anhalten kann …
jetzt muss ja bald Schluss sein, er wird uns nicht auch
noch die Wunde zeigen. Es war aber keineswegs
GOSCH: Ja, dieses Überfließen des Topfes, den Versuch, etwas zu halten, das eigentlich nicht zu halten Schluss. Sie nahm wirklich alles ab. Bis man … man
ist, das ist mir wichtig. Aber man kriegt solche Mo- sah nur einen Schatten. Man sah in ein Loch hinein,
mente nicht durch Mystifizierung hin, sondern durch das einem nicht wie eine Wunde vorkam. Eher wie
die Verwendung konkreter, realer Mittel. In ihrer An- das Innere eines Sacks, in dem kein Licht war. Es war,
wie wenn man in ein Loch sieht und nicht ermessen
häufung ergibt sich dann so ein Zittern der Zeit.
kann, wo der Stein aufschlägt, den man hineinMATTHES: Die Erfahrung habe ich ganz stark gemacht: Je mehr man sich um bestimmte Abfolgen, wirft … Das empfinde ich als so ein Beispiel von
um Konkretion bemüht, desto größer ist die Mög- Wahrhaftigkeit. Es müsste in jeder Arbeit irgendwie
lichkeit, dass Metaphysik im Raum entsteht. Wenn einen Moment geben, wo man über eine bestimmte
man dagegen die ganze Zeit Metaphysik behauptet Grenze hinausgeht. Wo man in aller Grobheit und
wissend, dass man es eigentlich nicht machen darf,
und anpeilt, entsteht nur: Schmu, Schuhu.
über die Grenze hinausgeht.
ZEIT: Der Regisseur ist ein Penner, der von den Almosen der Schauspieler lebt, sagte Heiner Müller. ZEIT: Wenn wir über Wahrhaftigkeit auf der Bühne
Herr Matthes, stimmt denn der Satz?
reden, müssen wir auch über Christoph Schlingensief reden; er hat längst aufgehört, einen erzähleriMATTHES: Oha, Heiner Müller, hochgegriffen! Na ja,
Gosch kann schon mit guten Schauspielern zusam- schen Rahmen um seine Existenz zu ziehen. Er zeigt
menarbeiten. Aber er schafft es eben wie kein ande- ungeschützt »Die Wunde« – seine schwere Krankrer, dieses Potenzial auch abzurufen. Es ist seine Per- heit und seine Angst vor dem Tod.
son, die einen dazu verführt. Man will es für ihn gut GOSCH: Ich wünsche, dass der Weg für ihn richtig ist.
machen, weil man ihn besonders gern hat und ZEIT: Auch Sie, Herr Gosch, sind schwer krank.
schätzt. Das hat nicht nur mit Professionalität und Darf ich fragen, wie es Ihnen geht?
mit Erfahrung zu tun, sondern auch mit Eros, im GOSCH: Es geht so.
weitesten Sinne. Ich finde ihn auch so lustig! Und für ZEIT: Zu Jahresbeginn haben Sie eine Arbeit an der
jemanden, den ich so lustig finde, möchte ich es Deutschen Oper abgesagt. Hing das mit Ihrer
schön machen, ich will, dass er eine Freude hat!
Krankheit zusammen?
ZEIT: Herr Gosch, Sie haben in der DDR selbst als
GOSCH: Ja, ich hatte Angst vor der Produktion. Je
Schauspieler begonnen. Weshalb gaben Sie das auf?
näher der Probenbeginn rückte, desto mehr habe
GOSCH: Ich fand das nie wirklich gut.
ich mich gefürchtet davor. Und dann habe ich in
letzter Sekunde abgesagt.
ZEIT: Wegen der Scham, die damit einhergeht?
GOSCH: Die Wiederholung war mein Problem. Ich
ZEIT: In New York gibt es zwei Theaterleute, Wallace
musste mal in einer eigenen Inszenierung für einen Shawn und André Gregory, die proben seit Jahren
kranken Schauspieler einspringen,
Ibsens Baumeister Solness. Beide
während eines Gastspiels, und das
haben einen sehr geringen Drang,
dauerte drei Tage. Ich musste die
damit je auf die Bühne zu gehen.
zweite und die dritte Vorstellung
Es müsste in jeder Die ewige Probe, die Rolle als zweiauch spielen. Und das war eine
te Haut – ist das eine Utopie?
Theaterarbeit einen MATTHES: Das entsetzt mich eher.
Qual. Auf der Probe kann ich verantwortungslos unten mitspielen,
habe viel zu viel Zeit im TheaMoment geben, wo Ich
das macht viel Vergnügen. Aber es
ter verbracht. Es gab Situationen in
dann in höchster Qualität wieder- man über eine Grenze meinem Leben, da habe ich das
holen zu müssen, das macht ihr (er
Theater so wichtig genommen,
hinausgeht
deutet auf Matthes) besser.
dass Beziehungen zu Bruch gegangen sind. Die Vorstellung, noch
ZEIT: Bei Ihnen, Herr Matthes, ist
«
mehr Zeit im Theater zu verbrines umgekehrt, oder? Ihnen wird die
gen, um zu einer Art von Deckung
Wiederholung zum Glück?
zwischen Kunst und Leben zu kommen, lässt mich
MATTHES: Es ist eben nicht Wiederholung im Sinne
von klack, klack, klack, Fließbandarbeit. Es ist von zurückschrecken.
der Tagesform abhängig, was so ein Abend bringt. Je ZEIT: Das erinnert an einen ungeheuren Satz, den Sie,
nachdem, was man so gelebt hat, wird man die eine Herr Matthes, als Tschechows Wanja sagen: »Ich
Szene etwas heiterer spielen oder sie ein bisschen kann nachts nicht mehr schlafen vor Wut, weil ich so
mehr in die Traurigkeit treiben. Es gibt im Wanja gedankenlos meine Zeit vertan habe, während ich
einen Dialog mit Jens Harzer, der ist bei jeder Vor- alles hätte haben können, wofür ich jetzt zu alt bin.«
stellung vom Timing, von der Musikalität, selbst MATTHES: Da identifiziere ich mich tatsächlich mit
von der Energie her völlig unterschiedlich.
Wanja: Ich habe zu viel Zeit vertan auf Probebühnen; ich hätte mehr Zeit verwenden sollen zu leben.
ZEIT: Welche Freiheit hat man in einer Gosch-Inszenierung? Wie sehr darf man vom geprobten Weg ZEIT: Gibt es Wut auch zwischen Ihnen beiden?
abweichen?
MATTHES: Einmal hatte ich eine extreme Wut auf
ihn. Es ging in Virginia Woolf darum, dass an einer
MATTHES: Goschs Aufführungen sind, wenn sie denn
so geglückt sind wie Wanja, gleichzeitig stabil und Stelle der Professor eine Flasche zerbrechen und
trotzdem immer anders. Deswegen spielen wir das sie drohend seiner Frau vorhalten muss. Das wollauch so gerne. Während ich bei anderen Inszenie- te ich so nicht spielen, weil ich in einer anderen
rungen manchmal nach der 25. Vorstellung gedacht Inszenierung, einer Arbeit von Andrea Breth, eine
habe, ich kann eine 26. nicht mehr spielen, mir fällt Flasche nach dem Kollegen Traugott Buhre zu
dazu nichts mehr ein, ohne einen Chinakracher in werfen hatte; die Flasche brach und riss dem Koldie Veranstaltung zu schmeißen!
legen eine solche Wunde, dass die Vorstellung abgebrochen werden musste und Buhre ins KranZEIT: Herr Gosch, es geht bei Ihrer Arbeit auch um
Grenzverletzungen. Sie machen immer auch Sa- kenhaus kam. Deshalb weigerte ich mich, in Virginia Woolf diese Flasche zu zerschlagen. Wie Gosch
chen, die das Publikum stören, verblüffen sollen.
sich da über mich lustig machte, das hat mich irre
GOSCH: Es gibt einen französischen Fotografen und
Regisseur, Raymond Depardon. Er hat einen Film geärgert! Anstatt nachzugeben, hat er sich mit der
über seine Heimat, die Cevennen, gemacht. Man hat Kollegin Corinna Harfouch solidarisiert, die jede
den Eindruck, Depardon ist in das Dorf gefahren, Gelegenheit ergreift, wenn es darum geht, auf
aus dem er selbst stammt, hat bei irgendwelchen Proben ein bisschen Kampf zwischen die SchauBauern einen Besuch gemacht, hat die Kamera auf- spieler zu bringen (lacht). Das war aber der einzige
gestellt, hat sie in Gang gesetzt und ist weggegangen. Moment, wo ich wirklich richtig wütend auf ihn
Man sieht Leute bei den alltäglichsten Dingen. Meis- war. Und ich werde schnell wütend!
tens ältere Leute, die einsam auf ihren Höfen leben. ZEIT: Sie wissen das noch, Herr Gosch?
Einer, der unlängst eine Operation gehabt hatte, lief GOSCH: Ich erinnere mich durchaus.
mit einer Augenklappe durch den Film, und ab und ZEIT: Haben Sie zu Ihrer Kollegin Corinna Haran kam eine Krankenschwester zu ihm, die seine fouch ein gespanntes Verhältnis, Herr Matthes?
Wunde versorgte. Seinen Verband abzumachen, war MATTHES: Ein kompliziertes, ein gespanntes nicht. Es
nicht unkompliziert. Erst wurde die schwarze Klappe geht bei ihr auch immer drum zu ermitteln: Wer hat
Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz für DIE ZEIT
»
ND JÜRGEN GOSCH mit
t der Begegnung ist
m Berliner Savignyplatz
Nr. 20 DIE ZEIT
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FEUILLETON
55
gerade die Macht, wer ist das Alphatier? Zwischendurch finde ich das lustig und reizvoll, aber als Dauerzustand ist es anstrengend. Manchmal gibt sie einem nach der Vorstellung auch so Zensuren. Anfangs
fand ich’s blöd, heute lach ich drüber. Manchmal
lacht sie jetzt auch – über sich selber. Ich glaube,
wenn man ihr wie im Tierreich die Flanke bietet, wo
sie reinbeißen kann, dann streichelt sie einen, dann
ist sie entwaffnet. Aber wenn man selber »Rrroarrr«
macht als Partner, dann wird der Kampf unbarmherzig bis zur letzten Sekunde ausgetragen …
ZEIT: Kann man da als Regisseur eingreifen?
GOSCH: Nee. Ich wusste auch gar nicht, dass es so ist.
Bei euren Auseinandersetzungen tret ich doch ’nen
Schritt zurück, ich will’s eigentlich gar nicht so genau wissen.
ZEIT: War das auch ein Grund für Sie, Herr Gosch,
das Schauspielen sein zu lassen? Um aus der Kampfzone rauszukommen?
GOSCH: Ich bin weggegangen, bevor es in diese Bereiche kam. Meine Sorgen waren andere, völlig andere. Ich bin nie so weit in den Betrieb eingestiegen,
dass ich solche Kämpfe wahrgenommen hätte.
MATTHES: Aber diese kleinen Kämpfe gehören zum
Schauspielerdasein dazu! Jens Harzer und ich, wir
mögen und schätzen uns sehr, und doch ist unser
Spiel im Wanja – er als der Doktor Astrow, ich als
Wanja – auch ein unbewusstes Kräftemessen zweier
Protagonisten. Wir sind beide mit der gleichen
Stimmzahl zum »Schauspieler des Jahres« gewählt
worden, das spornt solche Situationen noch an. Ich
finde Jens großartig in seiner Rolle und gönne ihm
seinen Erfolg. Dennoch ist auf der Bühne subkutan
zwischen uns noch etwas anderes im Gang.
ZEIT: Gesprochen haben Sie noch nicht darüber?
MATTHES: Nein, nein. Nie und nimmer. Aber jetzt
wird er es ja lesen …
ZEIT: Ist das der Normalfall auf der Bühne – die
Konkurrenz, das vulkanische Gebrodel von Eifersucht und Neid?
MATTHES: Vulkanisch nicht gerade, aber es herrscht
schon eine ständige unterirdische Bewegung.
ZEIT: Ein argwöhnisches Messen des Könnens und
des Talents der anderen?
MATTHES: Unbewusst ja! Absolut, da bin ich mir
sicher.
ZEIT: Ist das nicht furchtbar?
MATTHES: Nee. So ist das Leben.
ZEIT: Herr Gosch, empfinden Sie das genauso?
GOSCH: Ich höre erstaunt zu, Uli, was Sie erzählen.
Das sind Dinge, mit denen ich mich nicht so befasse.
Sie liegen außerhalb dessen, was wir miteinander verhandeln.
ZEIT: Aber Sie nehmen sie dennoch wahr?
GOSCH: Wenn ich mir Mühe gebe, nehme ich sie
auch wahr. Aber eigentlich will ich es nicht.
MATTHES: Also komm! Das müssen Sie doch merken!
GOSCH: Wie gesagt, wenn ich mir Mühe gebe. Aber
eigentlich interessiert es mich nicht so sehr. Es ist ein
anderes Feld, das ihr da zusätzlich offenbar beackert.
ZEIT: Wenn Kritiker zusammensitzen, läuft vermutlich dieselbe Psychodynamik ab. Oder wenn Regisseure zusammensitzen. Man misst sich …
MATTHES: Das wollte ich gerade auch sagen. Gosch
lässt doch kein gutes Haar an eigentlich allen
Regisseuren.
GOSCH: (mehr beiseite, zu sich selbst) Außer an William Forsythe.
MATTHES: Was die Scheu vor dem Privaten angeht, ist
Jürgen Gosch eine wirkliche Ausnahme. Er ist merkwürdig keusch. Er will von uns sehr selten etwas Privates wissen und gibt auch selbst kaum Privates preis.
Vielleicht ist das für ihn die Bedingung, damit im
Theater mit offenen Karten gespielt werden kann.
ZEIT: Sind Sie denn mit Regiekollegen im persönlichen Gespräch, Herr Gosch?
GOSCH: Ich bin nicht im Gespräch mit Kollegen. Ich
fänd’s aber ganz schön, es zu sein. Mein tiefer
Wunsch wäre, gemeinsam eine Zeitung zu machen.
Eine Zeitung, die mit dem Theater anfängt und
sich dann thematisch ausbreitet. Wenn man einmal
anfinge, sich mit dem Theater ernsthaft auseinanderzusetzen, dann würde man sich ja zwangsläufig
mit der ganzen Welt befassen müssen.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE PETER KÜMMEL
Nr. 20
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SCHWARZ
S. 56
DIE ZEIT
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FEUILLETON
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Ich will hier rein! Ich will hier raus!
Zwei neue Einakter von Salvatore Sciarrino und Wolfgang Rihm zeigen die Extreme zeitgenössischer Opernmusik
VON VOLKER HAGEDORN
W
oran liegt es, wenn wir nicht
weiterkommen? Wenn wir stecken bleiben? Sind die Hindernisse zu groß? Haben wir sie
groß werden lassen und sind
von ihnen hypnotisiert, sollten
wir einfach die Laufrichtung ändern? »Was du suchst,
liegt immer hinter dir«, lässt Goethe seine Proserpina
sagen, die unbedingt dorthin zurück will. Nach oben,
ans Licht und in die Jugend, die »vertaumelte liebliche Zeit«, aus der sie Pluto heruntergerissen hat zur
Zwangsehe in der Unterwelt. Dort kommt sie nicht
heraus, und gerade die Sehnsucht versperrt ihr endgültig den Weg. Bei Kafkas Mann vom Lande ist es
so ähnlich und doch ganz anders. Er hat noch kein
Glück hinter sich. Er kommt von unten und will,
wenn schon nicht nach oben, so doch zur Gerechtigkeit. Vergeblich wartet er Vor dem Gesetz, auch er,
ohne es zu ahnen, mitschuldig an der Blockade.
Er kann nicht rein, sie kann nicht raus. Zwischen Goethes Göttertochter und Kafkas namenlosem Mann liegen 137 Jahre und Welten der
Ästhetik und Perspektive. Doch das gemeinsame
Motiv des Festsitzens lässt aufhorchen, wenn sich
zeitgleich zwei ebenfalls grundverschiedene Komponisten an diese Stoffe setzen und je 75-minütige
Opern daraus machen, Konzentrate mit wenigen
Instrumenten und Stimmen. In Wuppertal wurde
der Einakter La Porta della legge von Salvatore
Sciarrino uraufgeführt, in Schwetzingen die Proserpina von Wolfgang Rihm. Weiter voneinander entfernt können zwei Komponisten derselben Liga
kaum sein als der italienische Silbenstecher »Jahrgang 1947« und der fünf Jahre jüngere Klangvulkan aus Deutschland – das Spektrum zeitgenössischer Musik war nie so weit gespannt wie heute.
kraft und Bühnenpräsenz. Auf ihre Gefangenschaft
reagiert diese Figur mit vokaler Befreiung. Anders
gesagt: Wäre da nicht der Text, man würde eher Lust
als Verlust in der Musik hören. Doch Wolfgang Rihm
hat als Komponist auch einen völlig anderen Weg
genommen als der auf Monteverdis Spuren am Wort
arbeitende Sciarrino. Er begann zwar mit konventionellen Libretti, hat dann aber Texte in Klangeruptionen zerschmolzen wie in Tutuguri, hat ihren musikalischen Gehalt freigelegt jenseits allen Sprechens,
Textfetzen als Material zusammengestellt oder gar
nur, wortlos und ortlos, als Assoziationsbasis verwendet, auf der er Klänge meißelt, malt und übermalt.
Seit einigen Jahren entdeckt Rihm die Geschlossenheit der Dichtung neu, besonders die großen verzweifelten Frauengestalten, Kleists Penthesilea, Botho
Strauss’ Frau im Gehege. Seither durchwebt kantabel
expressiver Gesang sein Klangfluten, das sich in größeren Besetzungen zur Spätromantik verdickt.
Ein Gynäkologenstuhl verbreitet
dekorativen Schrecken
Im Gegensatz zu den traurigen Helden der neuen
Opern stagniert das Spektrum nicht. Salvatore
Sciarrino kann man schwerlich als Masche ankreiden,
was er konsequent mit jedem Werk fürs Musiktheater weiter und neu entwickelt, jenen fraktalen Stil, in
dem die Worte unter enormem Druck gestaut und
zerbröckelt werden, gefesselt von instrumentalen
Gespinsten. Vom Flüstern und dem Gift der Eifersucht in Luci mie traditrici über die Ausweglosigkeit
der Macht in Macbeth bis jetzt, im Stammeln des
Mannes Vor dem Gesetz, geht es um Deformationen
der Seele, die in den Worten verborgen sind. Sciarrino komponiert das Sprechen dahinter, eine Röntgensprache, die uns den Mann vom Lande ganz durchschauen lässt, wenn er abgerissen, knapp an Atem,
sagt: »Nichts. Er kann es mir nicht gestatten.«
Er, das ist der Türhüter vorm Rechteck in der
Wand, die Jürgen Lier für die Wuppertaler Bühne
gestaltet hat wie auch den bürokratengrauen Anzug
des Hüters. Der spricht »normal«, in unzerfetzten
Sätzen, weniger Subjekt als Prinzip, er war schon immer da und wird immer da sein. Michael Tews sitzt
da mit dem schweren Lächeln eines Leguans, ein urzeitliches Scheinlächeln, eine Maske, vor der man
erschrickt, wenn sie sich gar zum Lachen öffnet und
man ein knappes Posaunenfauchen hört. Doch ist
dieser Beamte auch konziliant, stellt seinen Stuhl zur
Verfügung, denn Jahre vergehen hier in Minuten, der
Bittsteller altert, am Ende wird er sterben und gerade
Foto: Martina Pipprich
Der fatale Respekt vor der Macht
lähmt die gesamte Gesellschaft
IN DER EHEHÖLLE: Eine schlafende Fledermaus senkt sich auf Proserpina (Mojca Erdmann) herab
noch erfahren: »Das Tor war nur für dich bestimmt!«
Da ist die kleine Tür längst bühnengroß geworden.
Der Regisseur Johannes Weigand, designierter
Intendant der Oper Wuppertal, lässt Szene, Gestik,
Mimik präzise aus der Partitur heraus entstehen. Der
Bariton Ekkehard Abele, im Schlotteranzug der Armen, windet sich flehend, resignierend, bis in die
Fingerspitzen spiegelt die Körpersprache die Lähmung seines Willens, seiner Worte. Unablässig und
leise tremoliert ein dünnes Donnerblech, wie ein unsichtbarer eiserner Vorhang, doch ist die Situation
nicht ausweglos, die sich aus kleinsten Figuren selbst
zu komponieren scheint. Sind da nicht Geräusche
wie allerfernste Stimmen, gibt es nicht Wutattacken,
in Akkorden geballt, ist da nicht die feuchtsatte Tiefe der Kontrabassklarinette, die Trauer in drei Bratschentönen? Leben? Ja, aber er hört es nicht, und auch
der nächste Bittsteller wird es nicht hören.
Im fatalen Respekt vor undurchsichtiger Macht
sieht Sciarrino die Lähmung der ganzen Gesellschaft. Er hat das darum, Librettist der eigenen
Oper, als Wiederholung geschrieben: Noch mal
das Ganze, die Worte ein wenig anders, die Töne
in gleicher Struktur und neuer Instrumentierung,
diesmal ist der Mann Countertenor (Gerson Sales),
während die weite Öffnung sich zur Tür verengt.
So könnte, so wird das ewig weitergehen, zeigt
Sciarrino resigniert, doch in seinem zur Form erhobenen Pessimismus stellt sich Klarheit ein. In
seinen Tönen durchschauen wir die Lähmung. Im
Stauen und Stottern der Bittsteller, in ihrem flachen
Ambitus, ihrem Repetieren, in dieser reduzierten
Sprache der Defizite entdecken wir Schönheit und
Möglichkeiten, so, wie das durchsichtig unzerreißbare Gespinst der Instrumente dauernd neue feine
Farben hervortreibt – auch dank des unter Hilary
Griffith exzellent agierenden Orchesters. In dieser
vielleicht strengsten aller Sciarrino-Partituren blüht
uns eine subtile Vielfalt entgegen, die wie ihre szenische Umsetzung so frei ist von allem Luxus und
aller Behauptung, in jeder Nuance so dringlich,
dass einem der Geist offen wird für Realität. Das
harte, geschundene Wuppertal draußen ist danach
keine Ernüchterung, eher eine Herausforderung.
Schnitt: von der Problemstadt ins Spargelparadies,
Schwetzinger Festspiele, Schlosstheater mit einem
Park, dessen Schönheit betört, einer Rokokoidylle,
die ihrerseits eine Herausforderung ist für die Regisseure, die hier alljährlich eine zeitgenössische Oper
inszenieren. Kann man neben Brünnlein und Beeten
Bilder finden für die Konflikte, die Beengung, die
Entfremdung, um die es in so vielen neuen Opern
unserer Jahre geht? Es gelang hier schon oft.
Auch Wolfgang Rihms Proserpina vereint kammerorchestral ein paar Streicher mit ebenfalls prominent eingesetzter Viola, Bläser, auch tiefe, und
Schlagzeug. Doch von Anfang an fluten hier raumgreifend die Klänge, von Stößen durchsetzt, von
knurrenden Crescendi aufgeheizt, und tragen den
Gesang der Solistin, die in mitunter schier Straussschem Duktus von Glanz und Elend singt, sich in
allen Lagen, ob hoch, ob tief, ob selig oder entsetzt,
verströmen darf, das schiere Gegenteil der abgeklemmten Vokalgesten bei Sciarrino und nicht weniger anspruchsvoll: Dieses Monodram verlangt von
der Sopranistin Extreme an Technik, Gestaltungs-
In Proserpina weht dieser Tendenz frischer Wind entgegen. Obwohl man immer mal tonale Zentren ahnt
in Vorhaltsbildungen oder Terzenidyllen, bleiben doch
eine Schroffheit, Unberechenbarkeit, Wendigkeit und
etwas seltsam Rohes inmitten weit schwingender Bögen. Da ist Rihm den Sprachfarben Goethes überraschend nah, dem Archaischen, Frühen, Gärenden,
wo »dumpfe Gewitter tosend sich erzeugen«. Die Gefangenschaft der Göttertochter ist eher ein Rahmen,
der die Ausdruckswucht fokussiert. Mit dieser Wucht
muss die Regie klarkommen, der Wolfgang Rihm auch
die Frage überlässt, was dies bedeuten könnte. Warum
ist Proserpina hier, warum entkommt sie nicht? Wofür
steht der Biss in den Granatapfel, der ihr (in Goethes
Version) für immer den Ausweg verschließt? Gefällt
ihr die Ehehölle doch irgendwie?
Den Regisseur Hans Neuenfels interessiert das nur
in Maßen. Mit drei stummen Männern umgibt er
die Sängerin, einer davon ist der schöne Pluto, dem
Proserpina halb willig, halb widerwillig die Brust küsst
und der sich, während sie sich nach Granatapfelgenuss
hinter einen weißen Vorhang zurückzieht, um rhythmisch zu seufzen, verzückt an die Lenden greift. Der
klamme Symbolsex passt ins neoklassische Ambiente von Gisbert Jäkel – ein klinisch reines Säulenrondell, in dem ein düsterer Gynäkologenstuhl dekorativen Schrecken verbreitet. Mal wird die Heldin ein
wenig gefesselt, mal reckt sie verklärt die Hände nach
oben, von wo sich dann erschröcklich eine gewaltige
schlafende Fledermaus herabsenkt. Zum tragenden
Thema wird nichts in diesem hilflosen Arrangement,
weder die Ambivalenz der Heldin noch die Ausweglosigkeit, weder ihre Lebenslust noch ihre Verzweiflung. Was den Abend trägt, ist die grandiose Präsenz,
Kunst und Selbstverausgabung der Sopranistin Mojca
Erdmann, sekundiert von achtzehn unsichtbaren
Damen des SWR-Vokalensembles.
Warum unsichtbar? Was könnte man mit so einem
Chor auf der Bühne anstellen! Doch Neuenfels fehlt
diesmal die Neugier, die ihn beim Angriff aufs bewährte Repertoire so oft beflügelte. Manchmal, das
lehrt der Abend, kommen wir gerade deswegen nicht
weiter, weil ein Hindernis fehlt. Und Rihms Musik,
vom SWR-Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter
Jonathan Stockhammer wunderbar gespielt, lässt viel
offen: eine Tür, vor der kein Hüter sitzt.
Ihr müsst Teil der Lösung werden
An Ihnen kommt man während dieser indischen Parlamentswahlen, die noch bis zum 14.
Mai andauern, nicht vorbei. Warum rufen Sie Ihre
Landsleute auf allen Kanälen dazu auf, sich zu beteiligen?
AAMIR KHAN: Mit den Spots wollten wir die Inder
wach rütteln: Gebt eure Stimme nicht irgendjemandem! Lasst sie euch nicht für Geld abkaufen!
Wählt keine Politiker mit kriminellem Hintergrund! Denn das alles gibt es noch immer in Indien. Wir fordern jeden Bürger dazu auf, sich gut
zu informieren, ehe er abstimmt.
ZEIT: Aber Indien gilt als größte Demokratie der
Welt, und oft genug haben die Bürger ihre Regierung aus dem Amt gejagt.
KHAN: Die Ärmeren schon. Die Mittelschicht aber
findet es offenbar nicht wichtig, wählen zu gehen.
ZEIT: Werben Sie auch für eine Partei?
KHAN: Das wäre nicht in Ordnung, ich arbeite mit
der Vereinigung für Demokratische Reform zusammen, die ist keiner Partei verbunden. Die Leute sollen sich selbst ihr Urteil bilden.
ZEIT: Immer wieder haben Sie Zeitungen und TVSender beschimpft und sogar boykottiert, weil sie
angeblich »ihre wichtige Aufgabe in der Gesellschaft«, die Recherche, nicht mehr erfüllten.
KHAN: Das tun viele Journalisten auch nicht mehr.
Seit ein paar Jahren kommen im Wettbewerb um
Zuschauer und Leser vor allem bizarre, extrem
sensationslüsterne Berichte nach vorn.
ZEIT: Aber sind Medien wirklich »Monster«?
KHAN: Vielleicht war ich manchmal ein bisschen
sehr aggressiv und von oben herab, da habe ich
auch dazugelernt. Ich bin noch genauso kritisch,
aber ich gebe wieder Interviews.
DIE ZEIT:
ZEIT: Gut für uns! In Deutschland sind sich die
Filmkritiker noch nicht ganz einig: Mal werden
Sie als »Indiens Johnny Depp« beschrieben, mal
als Tom Hanks, dann als Tom Cruise von Bollywood. Wem fühlen Sie sich selbst am nächsten?
KHAN: Natürlich ehren mich alle drei Namen, aber
Vergleiche? Ich mache mein eigenes Ding.
ZEIT: So spricht der indische Kino-»Rebell«, bekannt dafür, dass er sich der Fließbandproduktion
von Masala-Filmen verweigert und provozierende
Themen inszeniert. Warum reizt es Sie immer wieder, Anstoß zu erregen?
KHAN: Das war nicht immer so, anfangs waren meine Filme voll im Bollywood-Mainstream. Aber seit
zehn Jahren sagen mir Freunde tatsächlich fast bei
jedem Drehbuch: Lass das lieber, so was läuft nicht!
Und jeder Erfolg steigert dann meinen Mut, auch
beim nächsten Mal ein breites Publikum für ungewöhnliche Geschichten zu erobern.
ZEIT: Ihr jüngster Film Taare Zameen Par (Ein
Stern auf Erden), bei dem Sie auch Regie führen,
erzählt die Geschichte eines Jungen, der wegen
seiner Lese- und Rechtschreibschwäche ausgegrenzt wird. Herzzerreißend – und ein Publikumsrenner. Diente das Kino in Indien bislang
nicht dazu, dass man sich aus Alltag und Problemen wegträumen kann?
KHAN: Als ich das Drehbuch bekam, wusste ich sofort: Diesen Film musst du unbedingt machen.
Schon nach der Lektüre habe ich meine beiden eigenen Kinder mit anderen Augen angesehen.
ZEIT: Sie spielen einen Lehrer, selbst Außenseiter,
der die Talente des legasthenischen Kindes entdeckt und ihm zu Selbstbewusstsein verhilft …
KHAN: … aber es geht nicht nur um eine Behin-
Nr. 20 DIE ZEIT
Foto: Indranil Mukherjee/AFP/Getty Images
Der Regisseur und Schauspieler Aamir Khan ist Indiens größter Filmstar – und politisch hoch engagiert. Ein Gespräch über die gerade laufenden Wahlen in seiner Heimat und die Macht des Kinos
AAMIR KHAN, 44, wird in Indien wie ein Halbgott verehrt. Sein Film »Lagaan« war für den
Oscar nominiert. Immer wieder nutzt er seinen
Ruhm, um soziale Projekte zu unterstützen
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SCHWARZ
derung, sondern um alle Kinder! Der Film zeigt,
dass jeder Junge, jedes Mädchen seine Stärken und
Schwächen hat und Unterstützung braucht, um
beides zu verstehen. Das gilt übrigens genauso für
Erwachsene.
ZEIT: Das Lob der Einfühlung und des Nonkonformismus muss besonders irritierend sein in einer
Gesellschaft, in der Hunderte Millionen Menschen
gnadenlos um Aufstiegschancen konkurrieren.
KHAN: Indiens Kinder stehen wirklich unter einem
gigantischen Druck. Alle sollen sie Ärzte, Ingenieure oder sonst etwas Herausragendes werden.
Aber Ishaans Geschichte hat offenbar einen Nerv
berührt. Ganz selten verändern Filme wirklich etwas – bei diesem ist es so. In Indien beginnt sich
die Vorstellung von dem, was Kindheit und Erziehung bedeuten, zu wandeln.
ZEIT: Auch Ihr vorheriger Film Rang de Basanti
(Die Farbe der Rebellion) hatte eine starke Botschaft: Schluss mit Korruption! Indirekt setzen Sie
einen gewalttätigen Aufstand gegen die englische
Kolonialmacht mit dem Kampf gegen bestechliche
Minister in der indischen Demokratie gleich – gab
es da nicht einen Aufschrei der Politiker?
KHAN: Stimmt, das war wohl ein starkes Statement. Aber Korruption ist in Indien ein Riesenthema, das die Bevölkerung zutiefst empört, und
die Reaktionen waren so positiv, dass sich wohl
kein Politiker mehr getraut hat, mich anzugreifen. Außerdem fordert der Film am Ende die Zuschauer, vor allem die Jugend, dazu auf, sich zu
engagieren: Ihr könnt euch nicht zurücklehnen,
ihr müsst Teil der Lösung werden. Tatsächlich
gab es danach Demonstrationen gegen Korruption, die waren wie in Rang de Basanti inszeniert.
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Oder Auslandsinder haben mir geschrieben: Ich
komme jetzt zurück und helfe, damit diese Gesellschaft wirklich demokratisch wird.
ZEIT: Slumdog Millionär, der dieses Frühjahr acht
Oscars abgeräumt hat, war in Indien sehr umstritten. Welcher Fraktion gehören Sie an?
KHAN: Ich verstehe, dass Zuschauer in anderen
Ländern begeistert waren, aber ich als Inder war es
nicht. Der Film spielt in einer Welt, die mir sehr
vertraut ist, da urteilt man ganz automatisch: Nee,
so läuft’s nicht, oder: Das ist ja total übertrieben.
Alles, was an diesem Film bollywoodesk ist, erinnert mich an 20 Jahre alte B-Movies.
ZEIT: Manche sagen, Sie seien bloß neidisch, weil
Ihr Film Lagaan für den Oscar nominiert war, ihn
aber nicht bekommen hat.
KHAN: Ach was, damit hat das nichts zu tun, ich
freue mich natürlich für Danny Boyle und sein
ganzes Team. Aber wenn Sie mich fragen, muss ich
ja ehrlich antworten.
ZEIT: Der Produzent, Regisseur und Schauspieler
Aamir Khan gilt als ziemlich anstrengend. Woher
rührt Ihr Perfektionismus?
KHAN: Ich glaube gar nicht, dass ich den habe, zumindest nicht in dem Sinne, dass alles kleinkariert
penibel so laufen muss, wie ich es geplant habe. Obsessiv bin ich nur, wen es darum geht, die Seele des
besonderen Augenblicks in einer Szene aufscheinen
zu lassen. Dafür lasse ich allerdings keinen Stein auf
dem anderen. Ja, dann bin ich sehr getrieben.
ZEIT: Was treibt Sie?
KHAN: Ich glaube: Angst. Angst zu scheitern. Aber
auch die Intensität der Spannung: Gelingt es?
DAS GESPRÄCH FÜHRTE CHRISTIANE GREFE
DIE ZEIT
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FEUILLETON
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
E
rst einmal gab es keine Forderung nach
Rückgabe. Erst einmal war es nur ein
Brief mit einer freundlichen Bitte um
Auskunft, den der Marburger Rechtsanwalt Markus Stoetzel Anfang 2008 an
die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) richtete. Im Auftrag der Erben von vier in der NS-Zeit
emigrierten jüdischen Kunsthändlern bat der Jurist
um Informationen zum Erwerb des mittelalterlichen
»Welfenschatzes«, der heute zu den Hauptattraktionen des Berliner Kunstgewerbemuseums zählt.
Zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert entstanden
als Stiftungen der Adelsgeschlechter der Brunonen
und Welfen Goldschmiedearbeiten, Kreuze, Monstranzen, Reliquiare und andere kostbare Kultgegenstände. Zu den Hauptstücken zählen das perlenbesetzte goldene »Welfenkreuz« aus der Mitte des
11. Jahrhunderts, das 45 Zentimeter hohe Kuppelreliquiar, das einst jene heute verlorene Schädelreliquie des heiligen Gregor von Nazianz barg, die
Heinrich der Löwe 1173 aus dem Heiligen Land
mitgebracht hatte, und der blau-goldene Tragaltar,
den der Kölner Goldschmied und Emailleur Eilbertus um 1150 fertigte. Der Welfenschatz ist, anders
als sein Name nahelegt, kein Fürsten- sondern ein
bedeutender Kirchenschatz.
Auskunft erbat Markus Stoetzel darüber, unter
welchen Umständen die Berliner Museen 1935
die wesentlichen Teile dieses mittelalterlichen
Konvolutes erworben haben. Die Antwort aus
Berlin fiel knapp aus: »Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz besteht nach den hier bekannten Erwerbsumständen unter keinem denkbaren
Gesichtspunkt Anlass zu der Annahme, dass der
Ankauf des ›Welfenschatzes‹ 1935 als NS-verfolgungsbedingter Entzug zu bewerten sein könnte.«
Stoetzel gab sich mit dieser nicht näher begründeten Auskunft nicht zufrieden und forschte weiter. Was er herausfand, hat noch unabsehbare
Konsequenzen für einen der wertvollsten kulturhistorischen Schätze, die in deutschen Museen gehütet werden.
Wie die Werke ins Kunstgewerbemuseum
Berlin kamen, ist gut dokumentiert
Der Rechtsanwalt belegte mit Fotokopien historischer
Dokumente, die er in einer 120 Seiten starken Dokumentation schon vor über einem Jahr auch der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz zugänglich machte, dass historisch eigentlich nur ein Schluss möglich
ist: Beim Berliner Welfenschatz handelt es sich um
NS-Raubgut, von dem sich seine Besitzer nur unter
dem Druck ihrer Verfolgung trennten und für den
sie keinen angemessenen Kaufpreis erhielten, über
den sie nachweislich frei hätten verfügen können.
Damit wären jene drei maßgeblichen »Washingtoner
Prinzipien« erfüllt, denen bei einer internationalen
Konferenz 1998 auch die Bundesrepublik Deutschland zugestimmt hatte. Ein Jahr später bestätigte sie
für die öffentlichen Museen in Deutschland noch
einmal die vom damaligen SPK-Präsidenten Klaus
Dieter Lehmann mitinitiierte »Berliner Erklärung«.
Noch im April dieses Jahres hatte sich sein Nachfolger
Hermann Parzinger darauf berufen und erklärt, erst
wenn Museen, Bibliotheken und Archive die Herkunft ihrer Sammlungsobjekte kennten, seien sie »in
der Lage, Fragen zur Restitution zu klären und im
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Sinne der Washingtoner Prinzipien zu fairen und
gerechten Lösungen zu kommen«.
Die Herkunft des Welfenschatzes ist seit Langem gut dokumentiert. Er befand sich zunächst
jahrhundertelang in der Braunschweiger Blasiuskirche und später im Dom. Als die protestantische
Stadt im Juni 1671 ihre Unabhängigkeit verlor
und nach der Eroberung durch die Welfen wieder
in deren Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel
eingegliedert wurde, übergaben die Domherren
den Schatz an den 1651 zum Katholizismus übergetretenen Herzog Johann Friedrich – wohl auch
aus Dankbarkeit, weil er das Stift Sankt Blasien vor
den Protestanten geschützt hatte. Der Herrscher
ließ ihn zunächst nach Hannover bringen. Um die
Kostbarkeiten vor Napoleon zu retten, brachten
die Welfen ihren Schatz 1803 kurzzeitig nach London in den Tower. Von 1862 an wurde er aber
wieder im vom blinden König Georg V. gegründeten Königlichen Welfenmuseum in Hannover
ausgestellt. Als sich vier Jahre später der preußische
Staat das Königreich Hannover angliederte, überließ man Georg V. den Welfenschatz als privates
Eigentum, den er ungehindert mit ins Exil nach
Österreich nehmen konnte: erst nach Schloss
Penzing bei Wien, dann nach Schloss Gmunden
am Traunsee – und nach Ende des Krieges und
der Monarchie dann in den Tresor einer Bank in
Basel. Sein Enkel, Herzog Ernst-August von
Braunschweig-Lüneburg, beschloss schließlich, als
er im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1928 Geld benötigte, die verbliebenen 82 Stücke des Schatzes zu
Geld zu machen, und bot ihn am Kunstmarkt für
24 Millionen Reichsmark an. Zu den Interessenten gehörte neben verschiedenen deutschen Museen auch die Stadt Hannover, die das gesamte
Konvolut zum Vorzugspreis von 10 Millionen
Reichsmark angeboten bekommen hatte, wegen
der schlechten Finanzlage am 30. Dezember 1929
aber ablehnte.
Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg verkaufte die 82 Einzelstücke des Welfenschatzes
deshalb schließlich im Januar 1930 für acht Millionen Reichsmark an ein Konsortium aus vier
namhaften jüdischen Frankfurter Kunsthändlern:
an Zacharias Max Hackenbroch, Isaak Rosenbaum und Saemy Rosenberg in der Firma J. Rosenbaum und an Julius Falk Goldschmidt in der
Firma I. & S. Goldschmidt. Das Quartett organisierte noch im selben Jahr Verkaufsausstellungen
in Frankfurt und Berlin, später auch in New York,
Cleveland, Chicago und Philadelphia. Die prachtvollen Kultgegenstände und die detailreichen Kataloge blieben nicht ohne Wirkung: 39 Stücke
wurden von verschiedenen Museen und privaten
Sammlern angekauft.
Wegen rassischer Verfolgung, die durch die von
Markus Stoetzel zusammengetragenen Dokumente
zweifelsfrei belegt wird, sahen sich die beteiligten
Kunsthändler von 1933 an erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ausgesetzt. Ihr Umsatz sank
im Vergleich zu den Vorjahren auf durchschnittlich ein Zehntel, und die Repressalien nahmen zu,
sodass Rosenbaum, Rosenberg und Goldschmidt
schon nach wenigen Monaten zur Liquidation ihrer Geschäfte und zur Emigration nach Amsterdam und London gezwungen waren. Die 42 Welfen-Stücke, die sie noch besaßen, konnten sie nicht
mehr auf einem freien Markt, sondern nur noch
dem NS-Staat anbieten. Der erkannte seine Chance und legte es, wie ebenfalls zahlreiche Briefwechsel belegen, von Beginn der Verhandlungen an
darauf an, den Preis für einen Ankauf durch die
Notlage der Kunsthändler so weit wie möglich
nach unten zu drücken.
Die einschlägigen Dokumente zum Fall Welfenschatz hat Markus Stoetzel der Stiftung Preußischer
Kulturbesitz vor über einem Jahr, im April 2008, zu-
Nr. 20 DIE ZEIT
Wem gehört der
Welfenschatz?
Ein neuer, spektakulärer Fall von Nazi-Raubkunst: Das weltberühmte
Ensemble mittelalterlicher Kunst gelangte 1935 in Staatsbesitz.
Nun fragt eine Erbin der jüdischen Vorbesitzer nach den Details.
Den Berliner Museen droht ein Aderlass VON STEFAN KOLDEHOFF
57
gesandt. Die Schließungsanordnungen und Betätigungsverbote der Reichskammer für Bildende Künste für die Galerien einiger der Händler zum Beispiel,
durch die ihnen jede Verdienstmöglichkeit genommen wurde. Und einen Brief aus dem Preußischen
Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, in dem es am 31. Oktober 1934 heißt: »Da die
Verkaufsaussichten der geschlossenen Sammlung jetzt
ungünstig sind und eine zum Händlerkonsortium
gehörende Firma sich in Zahlungsschwierigkeiten
befindet, wäre die Zeit für einen Gesamtankauf durch
den Staat zu einem bedeutend geringeren Preis außerordentlich günstig.« Die wirtschaftliche Notlage
des jüdischen Händlerkonsortiums wurde also wissentlich ausgenutzt, Göring selbst war als Preußischer
Ministerpräsident in den Ankauf involviert. Der
ebenfalls erhalten gebliebene Kaufvertrag lautete
schließlich über 4 250 000 Mark, obwohl der Wert
des verbliebenen Welfenschatzes zuvor auf mindestens 7 Millionen Mark geschätzt worden war. Und
schließlich gibt es auch die Unterlagen über die der
Reichskulturkammer gemeldeten Umsätze der Firma
Hackenbroch sowie die Feststellungen der Finanzbehörden aufgrund von fortlaufenden Devisenprüfungen bei der Firma Rosenbaum: Dokumente, die
erheblich geringere Umsätze als zuvor belegen und
bezweifeln lassen, dass den Konsorten tatsächlich
der Erlös aus dem Welfenschatz-Verkauf zugeflossen
ist – was dem ankaufenden NS-Staat nicht verborgen
geblieben wäre.
Die offiziellen Stellen spielen auf Zeit
– die Erbin ist schon 97 Jahre alt
Streit um ein Berliner Prunkstück
stammt ursprünglich aus
der Stiftskirche Sankt Blasius in Braunschweig.
Zu ihm gehören einzigartige Arbeiten wie das
Kuppelreliquiar aus Kupfer, Elfenbein und
Walrosszahn von 1175 (großes Bild) oder
der Tragaltar des Eilbertus. Im Jahr 1671 gelangte der Schatz in den Besitz
der Welfen; 1928 musste
Herzog Ernst-August ihn
aus Geldnot verkaufen.
82 Teile gingen an ein
Konsortium jüdischer
Kunsthändler (das kleine
Bild zeigt Herbert Bier,
den Neffen des KunstDer Welfenschatz
S.57
SCHWARZ
händlers Hackenbroch, mit dem Reliquiar, um
1930). 1935 waren die Händler gezwungen,
die 42 ihnen verbliebenen Stücke an den
Staat zu verkaufen. Seither bilden sie eine
der Hauptattraktionen des Berliner Kunstgewerbemuseums. Doch
war dieser letzte Verkauf
rechtmäßig? Er kam unter
Druck zustande – nach
dem Washingtoner Abkommen über NS-Raubkunst hätten die Erben
damit Anspruch auf eine
Restitution. Und das Museum verlöre einige seiner
Hauptwerke.
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Eine Antwort auf ihre Bitte um Auskunft haben
die Erben der ursprünglichen Besitzer bislang
nicht erhalten, nur belanglose Zwischenbescheide.
»Ich wäre dankbar«, schrieb noch am 14. April
SPK-Vizepräsident Norbert Zimmermann, »wenn
Sie eine Geduld aufbringen könnten, die zu der
Geduld in einem Verhältnis steht, die offenbar zu
der Entschließung erforderlich war, das Rückgabeersuchen auf den Weg zu bringen.« Angesichts
der Tatsache, dass die Tochter von Max Hackenbroch inzwischen 97 Jahre alt und entsprechend
nicht mehr bei bester Gesundheit ist, wirkt eine
solches Hinhalten beinahe zynisch. Man recherchiere noch, bestätigt auch Pressesprecherin Stefanie
Heinlein. »Die Stiftung ist bemüht, die notwendigen Recherchen in der Zügigkeit durchzuführen,
wie dies die sehr spezifischen Sachverhalte zulassen, jedoch kann auf eine Untersuchung in der
nötigen Tiefe nicht verzichtet werden.«
Wann diese Tiefenforschung beendet sein könnte, scheint inzwischen absehbar – die SPK hat
mittlerweile den Anspruchstellern eine »abschließende Stellungnahme« für Ende Mai angekündigt.
Sollte Berlin, was nach Dokumentenlage sehr wahrscheinlich ist, den NS-verfolgungsbedingten Verlust des Welfenschatzes anerkennen müssen, wäre
eine denkbare Möglichkeit, den Welfenschatz für
die deutsche Museumslandschaft zu erhalten, ein
Rückkauf der mittelalterlichen Preziosen – zu einem Preis, der ganz erheblich über jenem von
1935 liegen würde. Bei Kunstwerken dieser Qualität ist die Konkurrenz groß: Museen wie das Getty
Center in Los Angeles und das Metropolitan Museum in New York verfügen über hervorragende
Mittelaltersammlungen – und, anders als die meisten deutschen Museen, nach wie vor auch über
Ankaufsetats. Auf die Klassifizierung des Welfenschatzes als »nationales Kulturgut« und damit auf
ein Exportverbot kann die SPK nicht setzen: Kulturminister Bernd Neumann hat bereits mehrfach
erklärt, er werde bei entsprechenden Restitutionsfällen eine Ausnahmegenehmigung erteilen. Eine
zweite Enteignung berechtigter Eigentümer werde
es mit ihm nicht geben.
Abb.: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum (o.); Foto: privat
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FEUILLETON
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
FO T O G R A F I E
H A R R Y R O W O H LT
Erotisch weich
Pooh’s Corner
Eine Ausstellung in Bonn preist die
tschechische Fotografie
Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand
Ihre Gesichter sind beschmutzt, kahl geschoren
die Schädel. Mit bloßen Händen müssen sie die
Straßen neu pflastern, auf denen sich während
des Prager Aufstandes im Mai 1945 die Barrikaden türmten. Diese Aufnahmen des Prager Fotografen Svatopluk Sova wurden in tschechischen
Illustrierten nie veröffentlicht. Zu deutlich sieht
man jene Soldaten, die mit der Waffe in der Hand
die Demütigung der deutschen Frauen überwachen. Es sind ähnlich bedrückende Bilder wie
die von Henri Cartier-Bresson, der Kollaborateurinnen in Frankreich fotografierte.
Mit etwa 450 Arbeiten von knapp 210
Fotografen zeigt die Bonner Kunsthalle gerade einen hervorragenden Überblick über die
tschechische Fotografie des vorigen Jahrhunderts (bis zum 26. Juli). Zu sehen ist eine
Reihe von Aktaufnahmen Frantisek Drtikols,
des jungen, aufstrebenden und infolge einer
Kriegsverletzung auf einem Auge blinden
Fotografen. Sie bilden neben den abstrakten
Stillleben von Jaromír Funke und den erotischen Kompositionen des Theoretikers Karel Teige die Höhepunkte der Ausstellung.
Aus Prager Museen sind beeindruckende
Originalabzüge nach Bonn gekommen, einige wurden hierzulande nie zuvor gezeigt.
Funkes und Teiges Collagetechniken lassen
sich so direkt vergleichen.
Vor allem weiche, fließende Formen prägen die tschechische Fotografie bis in die
1980er Jahre. Das Brutale und Scharfe findet
sich nur gelegentlich in der sozialkritischen
Fotografie. Nach dem Zweiten Weltkrieg
flüchtete man sich ins Private, Josef Sudek
zum Beispiel schaute aus seinem Fenster und
fotografierte den Zyklus Erinnerungen.
Spätestens nach der Revolution 1989 sagte
die Fotografie dem Schwarz-Weiß Adieu und
wurde farbig. Die Öffnung machte die einst
graue Wirklichkeit bunter; jene Fotografen hingegen, die in ihren schwarz-weißen Bildern unzählige Tonalitäten zu erwecken wussten, sind
seltener geworden.
MILAN CHLUMSKY
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D
a hat man zwei Stunden was für den
NDR gemacht, und jetzt will er zur
Strafe meine Lohnsteuerkarte und
meine Immatrikulationsbescheinigung –, anstatt sich um seinen eigenen Kram zu
kümmern und Gerngehörtes zu senden wie Auf
ein Wort! mit Dr. Julia Dingworth-Nusseck, die
Morgengymnastik mit Hildegund Bobsien, Gerhard Gregor an der Funkorgel und Adalbert
Lutschkowsky und sein Orchester. Wo doch das
augenbetaute Albwachen etwas über den Frühling
gebietet.
Bald werden die winterlichen Plakate mit den Immobilienfachleuten meines
Vertrauens vom Eiskiosk entfernt, und dann gibt es wieder Eis. Eis in den beliebten
Geschmacksrichtungen Kordhose, Hallenbad und Marmelade.
Also mal überprüfen, was
der Frühling mit Winterhude
angestellt hat, einem in seinem Gestaltungswillen einmaligen Nachbarstadtteil. Der
Gestaltungswille der Winterhuder geht so weit,
daß man bei vielen Läden gar nicht weiß, was
für Läden sie sind. Die Namen der Läden sind
meist reine Poesie und helfen kaum weiter.
Mein Lieblingsladen war früher eine ganz normale Muttermilchabsaugpumpenmietzentrale
und wurde durch Umsicht, Tatkraft, unternehmerisches Geschick und Gewerbefleiß zu
einem Fachgeschäft für Hotelbedarf erweitert.
»Wenn es mal mit dem Über-die-KäfferTingeln nicht mehr so klappt«, habe ich oft
gedacht, »kaufe ich mir hier einen Gepäckbock
(chrom oder gold), und wenn ich morgens mit
der üblichen Frage ›Wo bin ich?‹ aufwache,
denke ich nicht: ›Zu Hause‹, und schlafe wieder ein, sondern: ›Bad Soden? Bad Wildungen?
Bad Oeynhausen?‹« Allein zwölf verschiedene
Rezeptionsklingeln für den ungeduldigen Wirk-
warenvertreter gilt es zu bestaunen. Bei der
vorletzten Überprüfung gab es noch zwei weitere Ausstellungsflächen im Souterrain, wo
Spezialnachttischlampen für Analphabeten zu
sehen waren, bei deren Schein man keine Bücher lesen kann. Inzwischen ist dort ein Café,
und auch hier wird das Okkulte gepflegt. Auf
Wunsch führt Silke einen in Magie und Hexerei ein, und die innere Bangbüx gewinnt die
Oberhand. Die dortige Buchhandlung hat eine Schaufensterdekoration, als wäre sie die offizielle Muttermilchabsaugpumpenmietzentrale. Zeit,
ins sachliche Eppendorf zurückzukehren. Ich treffe einen bekannten Literaturkritiker, rüge seine Müßiggängerbräune, aber nach kurzer
Taschenkontrolle (3 Bücher,
1 Collegeblock [spiralgeheftet], 1 Liter Rotwein) darf
er passieren. »Die belletristischen Übersetzer werden
auch immer dreister«, murmelt er und trollt sich in
Richtung Winterhude, wo
er sich mehr Verständnis für Geistesmenschen
erhofft. Die ersten Hunde stürzen sich in die
Alster, aber nur, um sich, vermute ich, anschließend schütteln zu können, nach dem
Prinzip To Whom it May Concern. »Naß geworden?« kucken sie anschließend, als wäre
nichts. Auf den Weg zur »Schramme«, was
keine Notambulanz, sondern eine grundsolide Kneipe ist, haben die Kinderchen mit rosa
Kreide Handicaps geschrieben: GEHE ZUM
1. LEVEL MACHE HANDSCHTAND. Da
man in ständiger Gefahr schwebt, über den
Haufen geschlendert zu werden, wartet man,
bis keiner kommt, und macht dann widerstrebend Handstand. Man weiß ja nie. Und nach
einer notärztlichen Grundversorgung in der
»Schramme« wird es auch allmählich Zeit für
Pfingsten.
Le Grand Traxler
Tröstlich böse: Frankfurt am Main und der Rest der Republik feiern
den Komödienzeichner Hans Traxler VON BENEDIKT ERENZ
T
raxler wird achtzig! Aber das ist nicht
das einzige Datum von Bedeutung. Dazu
kommen 2000 Jahre Traxler-Schlacht
im Teutoburger Wald, 60 Jahre TraxlerRepublik Deutschland und 20 Jahre Deutschland,
einig Traxler-Land. Die Große Traxler-Ausstellung
in Frankfurt am Main, im Museum für Komische
Kunst, wird wohl, wenn diese Zeitung erscheint,
just mit einem gigantischen Fest eröffnet sein, der
prachtvolle Begleitband ist schon da. Es folgt die
Enthüllung des Traxler-Denkmals vor dem Goethehaus am Großen Hirschgraben, anschließend
die feierliche Eröffnung der Traxler-Festspiele auf
dem Römerberg, mit Empfang des Bundespräsidenten durch Traxler. Nur die für Ende Mai
geplante Taufe des ICE Hans Traxler zwischen
Frankfurt und Böhmen verspätet sich wegen einer
Störung im Betriebsablauf voraussichtlich um
wenige Jahre, wir bitten um Ihr Verständnis.
Böhmen? Da stammt er her, le Grand Traxler,
wie die Portugiesen ihn nennen, die Polen sprechen von Pan Traxłer, in Amerika ist er nur the
Big Trax. In Böhmen, in dem kleinen, längst
von Braunkohlenbaggern verschlungenen Orte
Herrlich bei Dux (vgl. Casanova), wurde er geboren, am 21. Mai 1929, ein weiterer Spross
des Jahrhundertjahrgangs, des bedeutendsten
deutschen Jahrgangs vor 1959.
Früh begann er zu zeichnen. Dem Bruder verkaufte er seine erste Bildergeschichte zum Gegenwert einer Spitztüte Himbeerbonbons (so will es
die goldene Klappentextlegende), da war der
Künstler fünf Jahre alt. Von Georg Meistermann
– dessen Fenster für das Dekagon der Basilika
Sankt Gereon in Köln bis heute kontrovers diskutiert werden, und das zu Recht – empfing er
entscheidende Anregungen, in Frankfurt an der
Städelschule. Und Frankfurt hat er die Treue gehalten. Dort legte er – zusammen mit Kurt Halbritter, Chlodwig Poth, F. W. Bernstein, Friedrich
K. Waechter, Robert Gernhardt, Bernd Eilert,
Bernhard Grzimek und anderen – den Grundstein
für den Wiederaufbau des deutschen Humors
nach 45, in den vorläufigen und dann endgültigen
Satiremagazinen Pardon und Titanic.
Ausstellung folgte auf Ausstellung, Bildband
auf Bildband, kurz: ein Künstlerleben, wie es
sein soll, ein einziger Triumphzug. Und doch.
Es muss gesagt werden: Es gibt auch Deutsche,
die Traxler nicht mögen. Denen die ganze
Richtung nicht passt. Denn Traxler hat eine
Eigenschaft, die sie nicht verstehen: Er macht
es leicht. Leicht mögen sie nicht. Leicht wollen
sie nicht. Denn leicht ist nicht tief, und tief
muss es sein.
Da sind allein schon die Leute, die er so illustrierte: den boshaften Heine, die Winterreise. Mark
Twain, den Spötter. Oder den absurden Morgenstern. Und Eichendorffs Taugenichts. Unernst,
wohin man blickt. Mangelnder Tiefsinn.
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Tatsächlich ist die Kunst des Hans Traxler von
bodenlosem Leichtsinn. Einen Karikaturisten
nennt er sich selber recht schlicht. Treffender wäre
Komödienschreiber, Komödienzeichner. Jedes
Blatt, das er geschaffen hat, ob für Pardon oder
Titanic oder für renommierte Humorinstitute wie
die ZEIT, geriet ihm zur Lustspielszene. Darin,
nicht in seinem Stil, der eine eigene, mal melancholische, mal höhnische Drolligkeit hat,
knüpft er an die großen Franzosen des 19. Jahrhunderts an und an die großen Münchner des 20. –
an Gavarni und Daumier, an Thöny und Heine
und Arnold. Er kennt, er kann jedes Milieu: das
ökoalternative, das reihenhäusliche, das frömmelnde und auch die Welt der Manager, Banker und
Staubsaugervertreter, der Sportbeamten, Turbointellektuellen und der Schinkel-Deutschen.
Das Ewigspießige, das zieht ihn an.
So liebt er uns alle. Auf seine Art. Mit der
Häme der Liebe führt er uns vor, wie wir sind:
komisch in unserem Selbstzweifel, unserer Welterforschung, unserem Glauben und Meinen,
Lieben, Kämpfen und Hoffen, in unserem großen Weltzahnschmerz. Das Scheidungspaar erwischt sein Witz genauso wie die Übermutter,
wie den Nachwuchsdichter, wie die Wohnmobilistin auf Afrika-Trip, die kurz vor Timbuktu noch einen dringenden Einkauf erledigen
muss: »Avez-vous des Staubsaugerfilterbeutel?«
Wie den alten Junggesellen, der am Abend, von
der Arbeit heimgekehrt, seinen Lieblingssessel
begrüßt: »Na wie geht’s dir heut, mein altes Mädchen? Nicht so gut, was? Wird schon wieder. Ich
geh jetzt erst mal in die Küche und koch frischen Kaffee, und dann komm ich zu dir, und
wir machen uns ’n gemütlichen Abend, o. k.?«
Ein Klassiker ist längst seine Bildergeschichte
vom Feldmarschall von Blücher, die Preußens unfassbares Wesen aufs Fasslichste zusammenfasst:
»Der Feldmarschall von Blücher / der hat genau
drei Bücher: / Eins zum Lachen / Eins zum Denken / Und das Dritte zum Verschenken / Sprach
er zu Herrn von Grieben: ›Mehr fänd ich übertrieben!‹« Oder die befreite Frau in Rot und
Schwarz, die das Kinderzimmer stürmt und die
Ihren mit der frohen Botschaft überrumpelt:
»Dietmar! Kinder! Ich hab mich verliebt!«
Das ist böse, das ist tröstlich, und vielleicht
ist es gerade das, was uns die Bilder und Bildgeschichten des großen Traxler lieben lässt.
Denn wenn wir komisch sind, dann kann es so
ernst nicht werden. Denn wenn alles zu spät ist,
dann ist es ja zum Glück bald vorbei.
Das ist tröstlich, das ist böse. Und vor allem: auf stille Weise genial. Das Traxler-Jahr
2009 ist eröffnet.
»Löhleins Katze – Traxler Cartoons« vom 7. Mai bis zum
26. Juli im Museum für Komische Kunst in Frankfurt am
Main (Weckmarkt 17, Tel. 069/21 23 01 61). Den prachtvollen Begleitband gibt’s bei Reclam (381 S., 20,– €)
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
o schön kann Leere sein. Eine nackte wei- Besucher kommen, um die ständige Sammlung zu
ße Leinwand, davor eine Dame im hellen sehen, schätzt der Direktor der Hamburger KunstSeidenkleid, Karoline Luise, die Markgrä- halle. Und selbst von diesen zehn Prozent habe sich
fin von Baden, in der rechten Hand einen vermutlich die Hälfte verirrt, auf dem Weg von der
Kohlestift. Gleich wird sie mit dem Zeichnen be- einen Sonderausstellung zur anderen.
Lässt sich das ändern? Lassen sich in Hamginnen. Noch aber schaut sie nur, schaut uns aus
fragenden Augen unverwandt an. Als gälte ihr In- burg, Karlsruhe und anderswo wieder mehr
teresse uns. Als wären wir ihr Malmotiv, mit dem Menschen für die ständigen Sammlungen begeistern? Diese neue Kolumne des ZEIT-Feuilletons
sie die Leere ihrer Leinwand füllen will.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts kommt Karo- will es versuchen. Will auf das schauen, was unline Luise in die neu gegründete Residenzstadt Karls- ser leerer, unser blinder Fleck ist. Will den Kunstruhe. Dort malt sie nicht nur, sie sammelt auch: reichtum zeigen, der uns so selbstverständlich
kauft die wunderbarsten Bilder, Chardin, Boucher, geworden ist, dass wir ihn nicht mehr wertschätzen. Das Besondere, das
Frans van Mieris. Noch
heute stehen wir verwun- TÄGLICH GEÖFFNET, AUSSER MONTAGS Einmalige ist täglich geöffnet, außer montags –
dert davor, dankbar dieser
und doch mindestens so
Dame, die so keck aus
sehenswert wie die Sondem Bild schaut, das Jeanderausstellung.
Etienne Liotard 1745 von
Natürlich hat auch dieihr gemalt hat. Wir sind
se ihr Gutes, sie bietet Oritatsächlich ihr Motiv, wir
entierung. Ein Museum
sollen schauen, wie sie
im Normalbetrieb hingeschaut, sollen staunen über
Der ZEIT-Museumsführer (1):
gen, vor allem ein so großdas, was aus der Leere herDie Kunsthalle in Karlsruhe
artiges wie die Kunsthalle
vorging: wie aus dem markKarlsruhe, macht es dem
gräflichen Mahlerey CabiVON HANNO RAUTERBERG
Besucher nicht leicht. Wo
nett die heutige Kunsthalle
fängt man an bei so vielen
Karlsruhe wurde, eine der
Bildern? Am besten man
eindrücklichsten Sammlunsucht sich eine Nische:
gen weit und breit.
schaut bei den NiederlänMehr als 800 ältere und
dern vorbei, bei den Franjüngere Bilder sind dort zu
zosen oder den Deutschen
sehen, Cranach und Basedes 19. Jahrhunderts, bei
litz, Rembrandt und RichC. D. Friedrich und Joter, Rubens, Menzel und
seph Anton Koch. Oder
Kandinsky, dazu in der Graman begibt sich in kunstfikkammer rund 90 000
religiöse Andacht, eigens
Blatt, und das alles nicht
gibt es eine Bilderkapelle,
in irgendeiner pulsierenden
ausgemalt von Hans ThoHauptstadt, sondern am
ma, der von 1899 bis 1920
Rande, im Städtchen KarlsMuseumsdirektor war.
ruhe. Wie einst Karoline
Aber am wundersamsLuise können wir hier die
ten ist die Kunsthalle bis
Kabinette durchwandern,
heute dort, wo Karoline
still und ungestört. Keine
Luise einst mit dem Samdrängelnden Massen, niemeln begann. Wo jene Bilmand, der einem die Sicht
der hängen, die das Intime
versperrte, nur ein paar
Museumswärter, die uns aufgeschreckt umkreisen. und Stille zeigen. Lauter Alltäglichkeiten bevölkern
Auch das eine Form von Leere: Wir sind hier allein die Leinwände, und das Gewöhnliche wird musemit uns selbst und diesem ungeheuren Bilder- umsreif. Samuel van Hoogstraten zum Beispiel stellt
schatz, ein geradezu aristokratischer Luxus. Und uns vor eine Pinnwand, vollgehängt mit zerknickten
ein unheimlicher außerdem, denn leicht kippt die Briefchen, mit Kamm, Schere, einem Büchlein, mit
Goldmedaille, Federkiel und Brille – und alles sieht
Leere um in Verlassenheit.
So ist das in Deutschland: Die Museen blühen aus, als wäre es nicht gemalt, als hinge es wirklich
und gedeihen, zählen über hundert Millionen Be- dort, zum Greifen nah. Wir sollen unseren Augen
suche im Jahr. Zugleich scheinen sie oftmals wie aus- nicht trauen – und schauen doch nur umso begierigestorben. Denn dort, wo nicht getrommelt wird für ger. Es ist die ständige Sammlung des Künstlers.
Sonder-, Extra-, Megaausstellungen, mag sich kaum Und die schönste Verlockung, auch die des Musenoch jemand begeistern. Nur noch zehn Prozent der ums neu zu entdecken.
DER KLEINE TANZ DER LEEREN KOKS-TÜTCHEN
Die Fotoserie »Ghosts« des Künstlers Zbigniew Rogalski, 2008
Traut euren
Augen!
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KUNSTMARKT
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Abb.: Jean-Etienne Liotard, «Caroline Luise», 1745/Staatliche Kunsthalle Karlsruhe 2008 (Foto: Wolfgang Pankoke)
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Die Nase noch lange nicht voll
Wie reagieren die Berliner Galerien auf die Krise? Ein Rundgang am »Gallery Weekend« VON TOBIAS TIMM
Ist die Tüte leer? Reicht das Geld jetzt nicht mal
mehr für Koks? Für jenes weiße Pulver, das den
Kunstbetrieb die letzten Jahre und Jahrzehnte
befeuert hat und nicht nur die Künstler, sondern
auch Sammler und Galeristen zu neuen Großtaten aufputschte? In Berlin soll der Koksverbrauch parallel zum Boom auf dem Kunstmarkt
und dem Aufstieg der Stadt zur Kunstmetropole
enorm angewachsen sein – behaupten jedenfalls
Typen, die sich als Eingeweihte wähnen. Aber
jetzt, wo der Kunstmarkt kriselt?
Das leere, auf dem Kopf stehende Kokstütchen, das man auf der siebenteiligen Fotoserie
Ghosts des jungen polnischen Künstlers Zbigniew Rogalski sieht, ist wahrscheinlich nie voll
gewesen. Rogalski hat den Tütenboden einfach
mit weißer Farbe angemalt. Was will uns das sagen? Dass der große Spaß vorbei ist? Dass nicht
das Pulver, sondern die Farbe die Droge des
Künstlers ist? Oder Kunst das Spiel mit der Illusion? Seit dem vergangenen Wochenende kann
man Rogalskis symbolträchtigen Tanz des Tütchens in sieben Fotofolgen in der Kreuzberger
Galerie Żak Branicka bewundern. Zeitgleich eröffneten in der Stadt einige Dutzend Galerieausstellungen, und Hundertschaften von Kritikern,
Sammlern und Kuratoren aus dem In- und Ausland kamen zu diesem »Gallery Weekend«.
Als konzertierte Leistungsschau der lokalen
Kunsthändler soll das Weekend so viel internationale Aufmerksamkeit wie eine Kunstmesse
generieren, ohne dass die Galeristen dafür ihre
meist großzügigen und zweckdienlichen Räume
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verlassen müssen. Deshalb funktioniert das Gallery Weekend auch in der Krise noch. Selbst
wenn einige das Geld für die großen Kokainräusche nicht mehr haben sollten, eine Schau in
den eigenen Räumen können sich die Händler
noch allemal leisten.
Die Stimmung auf den Vernissagen war
denn auch so gut wie das Wetter, von sozialen
Unruhen keine Spur. Wenn überhaupt, zeigte
sich die Krise vor allem daran, dass die namhaften Galerien auf allzu große Experimente verzichteten. Diesen Mai holte man die sichere,
gut verkäufliche Ware aus den Lagern, Werke
von zumeist älteren oder bereits verstorbenen
Künstlern. So zeigt die Berliner Gemeinschaftsfiliale der Kölnerin Gisela Capitain und des
New Yorkers Friedrich Petzel Arbeiten von Martin Kippenberger (1953 bis 1997), Daniel
Buchholz präsentiert Jack Goldstein (1945 bis
2003), Aurel Scheibler stellt Ernst Wilhelm Nay
(1902 bis 1968) aus, und Martin Klosterfelde
erweist Hanne Darboven (1941 bis 2009) die
Ehre. Die erst vor Kurzem von Köln und München nach Berlin gezogene Galerie Sprüth Magers zeigt Skulpturen von Richard Artschwager
(Jahrgang 1923), die jetzt nach Entwürfen aus
den sechziger Jahren gebaut worden sind, sonderbar disfunktionale Stühle und Tische. Daneben drei große, rundliche Ausrufezeichen aus
neongrünen Plastikborsten (für 175 000 Dollar
das Stück).
Wer etwas mehr wagt, zum Beispiel Mehdi
Chouakri, der in seinen Haupträumen den fran-
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zösischen Installationskünstler Saâdane Afif ein
verwickelt selbstreferenzielles Spiel treiben lässt,
präsentiert wenigstens in den Nebenräumen
einige Werke seiner etablierten Künstler. Bei
Chouakri stößt man zum Beispiel auf die fast
originalgroßen Schwarz-Weiß-Abbildungen der
Bücherwand von Hans-Peter Feldmann, ein
Kunstwerk, mit dessen Hilfe man sich der Person des sonst öffentlichkeitsscheuen Künstlers
auf Umwegen nähern kann. Ein Kunstwerk
auch für jenen gar nicht so seltenen Typus
Sammler, der sich aus Lesefaulheit für die bildende Kunst entschieden hat. Mit dem Kauf der
Feldmann-Fotos lässt sich schnell eine komplette
Bibliothek simulieren.
Berlin ist, das zeigte sich an diesem Wochenende auch auf den vielen kleinen Veranstaltungen am Rande, immer noch eine Lieblingsstadt
der Künstler und derjenigen, die sie beobachten, sammeln und vermitteln wollen. Jedoch
warnen jene erfahrenen Galeristen, die schon
die letzte große Kunstmarktkrise um das Jahr
1990 durchgestanden haben – damals lebte und
arbeitete man noch in Köln –, vor allzu viel Enthusiasmus. Das Tal sei noch nicht erreicht, die
Krise werde mindestens noch bis zum Winter
dauern, und den könnten manche Galerien
nicht überleben. Welche das sein werden, das
war an diesem sonnigen Wochenende nicht auszumachen. Die Kokstüte von Zbigniew Rogalski war am Sonntag jedenfalls noch nicht verkauft worden, obwohl die Fotoserie bescheidene
3500 Euro kostet.
Fotos: Zbigniew Rogalski, courtesy ZAK/BRANICKE
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M I TA R B E I T E R D E R W O C H E
Sam Mendes
01
Das Letzte
Jetzt bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen: Der Film- und Theaterregisseur bringt mit seinem
»Bridge Project« amerikanisches und englisches Theater zusammen VON PETER KÜMMEL
Feridun Zaimoglu über:
TÖDLICHER EINSATZ
Foto: Brigitte Lacombe
ARD, Sonntag, 10. Mai, 20.15 Uhr
W
enn man in diesen Tagen mit Sam Mendes sprechen
will, meldet man ein R-Gespräch an. Man gibt seinem
Management die eigene Nummer, und Tage später wird
man aus New York zurückgerufen und mit Mendes verbunden. So verhindert der Regisseur von Welt, dass die
Deutschen seine Nummer erfahren. Dann ist es aber erstaunlich gemütlich, sich mit Mendes virtuell über dem
Atlantik zu treffen: britisches Society-Gelächter erklingt,
man wird beim Vornamen genannt und ins Vertrauen gezogen (»To be honest with you«), und nach kurzer Zeit fühlt man
sich, als säße einem der Mann im Klubsessel gegenüber.
The Bridge Project nennt Mendes, der Engländer in New
York, sein neues Projekt. Eigentlich ist es mehr als eine Brücke,
die er da baut zwischen den USA und Europa, man müsste es
The Net Project nennen: Mendes ist einer der großen Netzwerker seiner Zunft. So einen wie ihn gibt es in Deutschland nicht
– einen Theaterregisseur, der mit Filmen zu Ruhm kam und
doch weiter Theater macht. Was das deutsche Theater in schöner, manchmal grauer Konsequenz praktiziert, das Ensembleund Repertoiretheater einer »guten stehenden Schaubühne«
(Schiller), das steigert Mendes glamourös zum Großprojekt:
Sein Ensemble soll je zur Hälfte aus Amerikanern und Engländern bestehen, es bringt berühmte Theater- und Filmschauspieler zusammen, es spielt in den USA und in Europa, und es wird
von amerikanischen und europäischen Trägern gestützt (hauptsächlich von der Brooklyn Academy of Music und von Kevin
Spaceys Londoner Theater The Old Vic).
Zu den Unterstützern des Plans gehören die Ruhrfestspiele
Recklinghausen, die jetzt mit dem ersten Bridge-Produkt eröffnet wurden, in Anwesenheit des Bundespräsidenten übrigens:
Mendes hat Tschechows Kirschgarten inszeniert, hoch konventionell, aber mit Stars wie Ethan Hawke, Rebecca Hall, Simon
Russell Beale und Sinéad Cusack, und diese Berühmtheiten in
Demut durch Recklinghausen wandeln zu sehen ist ein lustiger
Nebeneffekt des großen Brückenbautheaters.
»Es wird viel über die gegensätzlichen Theaterspielweisen in
London und New York gesprochen«, sagt Mendes, »aber in der
praktischen Arbeit sind mir keine fundamentalen Unterschiede
aufgefallen.« Was die Alltagskultur angehe, sehe es anders aus:
»Diese Brücke hat George Bush jr. schwer beschädigt. Seine
Regierung war die unbeliebteste in der amerikanischen Geschichte. Aber mit Obama scheint diese Wunde nun schnell zu heilen.
Er bedient sich übrigens der Künste – er versteht, dass die Kunst
der einfachste und beste Weg der Kommunikation ist.«
Mendes ist ein Wunderkind des Kulturbetriebs. Er war 27,
als man ihn zum Leiter des Donmare Warehouse Theatre in
London ernannte, und sechs Jahre später, 1998, bot ihm Steven
Spielberg die Regie zu American Beauty an. Für seinen Erstling
erhielt er den Oscar als bester Regisseur. Nicht das rabiat Originelle des Genies strahlt von seinen Filmen aus, eher eine enorme
Lernfähigkeit: Mendes arbeitet sich durch die Genres voran, von
der Gesellschaftssatire seines Debüts über den fahlen Thriller
Foto: Norbert Enker/laif (o.); Logo: WDR
Der Tatort ist das letzte Lagerfeuer, um das sich
die deutsche Fernsehsippe verlässlich schart. Ob
Nippelpiercer oder Prothesenträger – Sonntag,
Viertel nach acht, stieren sie alle hin, wenn sich
im matten Glanz der Dienstpistolen zwischen
Kiel und München die deutsche Seele spiegelt.
Tatort gucken heißt: sich selbst erkennen. Diese
Woche sind wir alle Ludwigshafen. Hier zeigt
das Böse selten seine böse Fratze. Meist ballert
ein Halunke mit der Wumme, lässt das Eisen
fallen und ergibt sich. Die Frau Kommissarin
Odenthal ist aber auf wirklich böse Buben angesetzt – sie folgt der Spur eines recht täppischen
Junkies, der sich wie durch ein Wunder seiner
Festnahme entzieht. Eigentlich ein Routinefall
für das Sondereinsatzkommando, doch ein Beamter liegt regungslos am Boden, und auch wenn
man am Kunstblut geknausert hat, Odenthal
weiß, der Mann ist tot. Der Mörder läuft frei
herum, die Kommissarin und ihr Assistent Kopper rennen ihm hinterher. Natürlich kann man
sich da mal verstolpern und auf ein Elektroschweißgerät fallen. Alles kein Drama. Den
Stromschlag und das Herzkammerflimmern
steckt sie weg, und weil sie weiterermittelt, kriegen die harten Kerls das große Flattern. Denn
wir, die begeisterten Tatort-Zuschauer, ahnten
es von Anfang an: Dort, wo man hinguckt, passiert das Verbrechen nie. Während
wir also über das Rätselraten, wer
denn der Mörder sei, fast kirre
werden, rückt das Skript den
SEK-Teamchef Renner in den
Mittelpunkt. Dem Mann sind seine Mannen heilig, er denkt, eine Frau sollte das
Näschen lieber pudern, statt es in Angelegenheiten der Elitekämpfer zu stecken. Er versucht sich
nebenher als Witwentröster, doch die Frau des
abgeschossenen Beamten lässt ihn abblitzen.
Dafür zeigt sie der Kommissarin Fotos aus dem
Familienalbum, und dass die Frauen an der
Schiebetür stehen und hinausblicken auf den
wilden Garten, ist famos: Wir erinnern uns an
die älteren deutschen Kriminalfilme, in denen
Kommissare aus trüben Augen auf gestutzte
Hecken schauten. Odenthal hetzt weiter, massiert sich gelegentlich die wehe Brust. Leise rieselt
der Außenputz, die Fassaden reißen ein, und
auch für den Chef Renner gilt: außen Kruppstahl, innen Mäuschen.
Am Ende sind die bösen Buben überlistet –
alle spielen sie ihre Rollen gut und verlispeln sich
nicht an den Dialogen, die eines Sprechtheatermimen würdig sind. Gibt es nichts zu bemeckern? Wir legen eine mimische Unterweisung der Darsteller nahe, sie sollten die folgenden
Gesichtsmuskelverhärtungen doch bitte schön
vermeiden: Schnappatmung und Backen aufblasen bei Panik; Stieren und trockenes Schlucken bei Melancholie; Atmen durch die Nase
und schmatzendes Schlucken bei drohendem
Kollaps; Atmen durch den Mund nach einer
Verfolgungsjagd … Doch mit dem Lobsingen
sind wir noch lange nicht am Ende. Die weiße
Jeansjacke, auf Taille geschnitten, steht der Kommissarin gut. Wie aber der Kopper, dieser hammerharte Hund, mit einem Schuss aus der Hüfte den Pappkameraden auf dem Schießstand
niederkartätscht – da ist nicht nur der SEK-Chef
baff. Auch wir sind beeindruckt und nehmen
uns vor, kein böses Wort über seine bauchbetonten Hemden zu verlieren.
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Road to Perdition zum Kriegsfilm Jarhead und zum psychologischen Drama Revolutionary Road (mit seiner Ehefrau Kate Winslet und Leonardo DiCaprio). Er lernt dazu und liefert am Ende
jeder Lektion ein Meisterstück ab.
Mendes ist ein großer Freund der »Graphic Novel«, des gezeichneten Romans. »Ich bin zu faul, um einen echten Roman
zu lesen«, so klingt es aus der Leitung, und ein transkontinentales Lachen wird nachgeschoben. Aufgewachsen ist er mit Tim
und Struppi und Asterix, und die Graphic Novel betrachtet er
als eine echte Errungenschaft unserer Zeit: »Eine Verschmelzung
von Kunst und Literatur, von High und Low – genau das, was
das amerikanische Mainstream-Kino gern sein möchte.«
Die Bildgeschichte als Schlüssel zu unserer Kultur – und
vielleicht auch als Schlüssel zur Arbeit von Sam Mendes. Im
Kino erzählt er von Wesen, die gefangen sind in ihren Umrissen
– Genre-Gestalten, die sich gegen das Genre aufbäumen. Und
hier, in Recklinghausen, im Kirschgarten, folgen alle Spieler den
Vorgaben der Tradition, sie spielen das Stück wie eine Nacht im
Theatermuseum, in hellem Leinen und mit Strohhut, mit Seufzern und Vergeblichkeitsgelächter, und ihnen bleibt nur das
Selbstgespräch, um die Einsamkeit zu lindern. In den Umbaupausen erklingt Minimalmusik von der Art, wie Mendes sie gern
im Film einsetzt, wenn er the progression of time, das Vergehen
der Zeit, spürbar macht – eine emsige Musik, sie klingt wie das
vertonte Gewimmel einer Ameisenstraße: Hunderttausende von
Sekunden tragen deine Lebenszeit weg, Mensch!
Diese Warnung ertönt aus allen Mendes-Filmen, und in
seinem Kirschgarten hören wir sie wieder. Mendes hat den
Umgang mit Tschechow unter anderem bei einem Deutschen
gelernt – bei Peter Stein. »Er war sehr großzügig zu mir. Im
Jahr 1990 kam ich an die Berliner Schaubühne und durfte
dabei sein, wie er am Kirschgarten arbeitete. Stein führte das
Stück in den äußersten, überwältigenden Naturalismus. Extremen Naturalismus halte ich aber für eine Sackgasse. Mein
Blick auf das Stück ist ein anderer. Für mich ist Tschechow
kein Naturalist, sondern ein großer Poet.« Und so ist sein eigener Kirschgarten ein Stück soliden angelsächsischen Theaterzaubers – mit dem Amerikaner Ethan Hawke vornweg,
der Tschechows Sätze so triumphal spricht, als gebe er lauter
Lokalrunden aus.
Was ist der Unterschied zwischen Kino und Theater, Mr.
Mendes, die Frage muss am Ende noch sein.
»Ein wunderbarer Theatertag kann damit beginnen, dass der
Regisseur sagt: ›Ich weiß nicht, was wir jetzt tun sollen.‹ Wenn
du am Morgen eines Filmdrehtags ›Ich weiß nicht recht‹ sagst,
schauen dich alle an wie einen Irren.«
Am 9. Mai hat in Recklinghausen der zweite Teil des BridgeProject Premiere: Shakespeares Wintermärchen. Die Engländer
spielen die gebildeten Böhmen, den Amerikanern bleibt es vorbehalten, die Sizilianer, schlichtes Landvolk, zu spielen. Da zeigt
Mendes, der Engländer, ihn dann doch: den transatlantischen
Graben; den Riss in der Brücke.
SCHWARZ
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Als ein Amok fahrender Untertan des niederländischen Königshauses am Königinnentag
den Bus mit den Majestäten nur knapp verfehlte und sieben Landsleute mit in den Tod
riss, hielt sich das Thronfolgerpaar Maxima
und Alexander die Hand vor den Mund. Und
zwar völlig zu Recht. Denn mit dieser Geste
bestätigt das niederländische Königshaus die
Empfehlungen der mexikanischen Gesundheitsbehörden. In Krisenzeiten immer den
Mund schützen.
Der Mund ist eine offene Wunde, die wir
mitten im Gesicht tragen. Hoffnung auf
Wundheilung durch dauerhaftes Mundschließen gibt es nicht. Noch im Tod reißt der
Mensch den Mund in der Regel weit auf, als
wäre, aller biologischen Wahrscheinlichkeit
zum Trotz, noch immer etwas zu sagen. Mühsam, mit Binden oder unschönen, der Kompostierung widerstehenden Plastikhaltern
müssen den Toten die aufgerissenen Münder
vor der Sarglegung geschlossen werden. Eine
im Letzten befremdliche Maßnahme, die das
Tragen einer Burka oder eines Mundtuches
plötzlich in ein freundlicheres Licht setzt.
Daraus ergibt sich wie von selbst der lebhafte Wunsch, dass der Mundschutz aus seiner
sanitären Nischenexistenz herausfände und zu
einem zeitgenössischen Dasein als Designerstück erwachte. Schwarzlederne, mit Strass
oder Troddeln verzierte Teile sind genauso
denkbar wie eine zum eigelben Einstecktuch
harmonierende Herrenvariante. Eine Belebung des Wirtschafts- und Presselebens –
durch neuartige Produkte wie Mundschutzpflegesets oder Artikelserien zum Einfluss der
Ganzmundverhüllung der Kanzlerin auf den
Wahlausgang – wäre die natürliche und begrüßenswerte Folge einer modischen Entwicklung, die uns die Natur recht besehen in den
Mund gelegt hat.
Die Schweine, denen wir diesen Aufschwung dann irgendwie auch zu verdanken
haben, an der Sache teilhaben lassen ist Ehrensache. Zwar kann ein Mundschutz dem
Schwein den schweineüblichen Vergasungstod nicht versüßen. Sorry dafür. Doch sollte
man nicht unterschätzen, was für einen appetitlichen Anblick selbst ein vergastes Schwein
mit einem schmucken senf- oder roséfarbenen
Schnauzentuch dem Betrachter bietet. Und
darauf kommt es doch an. Dass man die Klappe hält, wenn man sich von der Erde verabschiedet.
FINIS
WÖRTERBERICHT
Kindle
Kindle spricht man Kindel, das klingt für deutsche
Ohren nach Kindchen, sehr nett, sehr niedlich,
auch wenn sich hinter dem englischen Begriff ein
kalter Computer verbirgt. Kindle ist ein Lesegerät
für Bücher und neuerdings sogar für Zeitungen.
Kindle ist aber noch mehr, Kindle ist eine Anmaßung. Denn übersetzt heißt das Wort anzünden,
anfachen. Das Gerät behauptet also, es sei so etwas
wie der Grillanzünder der Bücherwelt. Ohne Kindle sind literarische Texte nichts als kalte Kohlen.
Erst wenn sie auf seinem Bildschirm aufscheinen,
erwachen sie zum Leben, beginnen sie zu leuchten
und können ihre ästhetische Hitze entwickeln.
Allein Kindle sei Dank können wir uns an Büchern
entzünden! Erst die Technik gebiert den Geist! Es
zündelt also mächtig im Wörtchen Kindle. Alle
alten Ideen vom Buch aus Papier lässt es in Flammen aufgehen. Und lang wird’s nicht mehr dauern,
dann nennen wir das Weihnachtsbuchgeschäft nur
noch Christkindlemarkt.
HANNO RAUTERBERG
a www.zeit.de/audio
63
DIE ZEIT
SCHWARZ
S. 63
REISEN
I
n der Apotheke im Frankfurter Nordend
sind die Atemschutzmasken ausverkauft.
Die Apotheke liegt 21 Kilometer entfernt
vom Rhein-Main-Flughafen, 9574 Kilometer von Mexiko-Stadt, wo die Zahl der
Schweinegrippetoten an diesem Abend
einen neuen Höchststand erreicht. Das
Auswärtige Amt rät dringend ab von »nicht unbedingt
erforderlichen Reisen« nach Mexiko. Aber was heißt
das? Ist ein gebuchter Urlaub unbedingt erforderlich?
Ein Arbeitstermin? Ein Wiedersehen mit Menschen,
um die man sich sorgt?
Wer in Erfahrung bringen will, wie es den verbliebenen Mexikoreisenden ergeht, kommt kaum
umhin, sich selbst ein Ticket zu kaufen. Die Fraport AG, Betreibergesellschaft des Frankfurter
Flughafens, erlaubt keine Recherchen in den Hallen hinter der Sicherheitskontrolle. Die Ärzte,
heißt es, seien damit ausgelastet, die Ankömmlinge aus Mexiko zu untersuchen.
Am Terminal 1, Halle B, Gate 42 des Flughafens
sieht es am Donnerstagnachmittag zunächst aus, als
wolle überhaupt niemand mehr nach Mexiko. Noch
20 Minuten vor dem Boarding für Lufthansa-Flug
LH 498 ist der Wartesaal leer. Am Schalter liegt ein
Stapel Fotokopien mit »Hinweisen zur Gesundheit
für Flugpassagiere«. Sie richten sich nicht an die Abreisenden, sondern an Heimkehrer nach Deutschland:
»Sehr geehrte Fluggäste, in dem Land, in dem Sie zu
diesem Flug eingestiegen sind, ist es kürzlich zu einer
Grippe-Erkrankung gekommen, die durch ein neuartiges Grippevirus hervorgerufen wurde.« Für die
wenigen, die jetzt noch nach Mexiko wollen, hätte
eine eigene Broschüre wohl nicht gelohnt.
Kurz vor dem Abflug kommen dann aber doch
einige Passagiere. Vielleicht hatten sie Angst, länger
als nötig in einer Risikogruppe zu stecken. Die meisten sind Mexikaner, zwischen ihnen eine einzige europäische Familie, die mit Sonnenhüten urlaubsfrohen
Vorsatz signalisiert; aber die Mienen bleiben ernst.
Eine Frau, die mit dem Rücken zur Halle sitzt, den
reglosen Blick aufs Rollfeld gerichtet. Ein Mann mittleren Alters mit Wollpullover und Jackett, der die
Grippeschlagzeile der Bild-Zeitung überblättert.
Der Mexikaner in Reihe 37 hat sich ein
Grinsen auf die Schutzmaske gemalt
Er lebe mit seiner Familie seit sechs Jahren in Mexiko,
sagt der Mann, der Rechtsanwalt und Deutscher ist.
Er fürchte sich nicht vor der Rückreise, sagt er. Schlimmer sei gewesen, dass er seine Frau und die beiden
kleinen Kinder für berufliche Verpflichtungen habe
allein lassen müssen, als der Ausnahmezustand über
Mexiko-Stadt hereinbrach. Es sei alles sehr schnell
gegangen: am Donnerstagabend die Grippewarnung
im Fernsehen, am Freitag die Schließung der Schulen.
Am Samstag ging sein Flieger. Er habe eine leichte
Erkältung gehabt, als er nach Frankfurt kam, sagt er;
ganz harmlos. Wer neben ihm sitzt, behält diesen Satz
während des ganzen Fluges im Ohr.
Er hätte die Reise lieber verschoben, sagt der
Mann, obwohl er weiß, dass er seine Familie nicht
durch reine Anwesenheit schützen kann. »Mir ist
einfach wichtig, dass wir in diesen Tagen zusammen
sind.« Der Anwalt hat sieben Packungen Tamiflu
im Gepäck, dazu ein paar Atemschutzmasken.
Kein Warnhinweis, keine Lautsprecherdurchsage,
kein Zaudern der Stewardessen weist darauf hin, dass
sich dieser Lufthansa-Flug von anderen unterscheidet.
Über Lautsprecher begrüßt der Kapitän die Gäste an
Bord, schätzt die Reisedauer auf 11 Stunden und 20
Minuten und wünscht einen angenehmen Flug. Zur
Unterhaltung werden die Filme Marley & Ich, Australia und James Bond – Ein Quantum Trost gezeigt.
Und doch merkt man immer deutlicher, dass auf
Flug LH 498 etwas nicht stimmt. Noch ehe im
viertelvollen Jumbo die Anschnallzeichen erlöschen,
zieht das Mädchen in Reihe 39 ihr Vliesquadrat vor
den Mund und schlauchgelbe Handschuhe über die
Finger. Die Plätze rechts und links von ihr sind leer.
In Reihe 38 bekreuzigt sich eine ältere Dame und
schlägt die Falten ihres Blousons vor dem Gesicht
zusammen, ohne dass klar würde, ob die Geste der
Klimaanlage oder der Angst geschuldet ist. Der junge Mexikaner in Reihe 37 hat sich ein Dauergrinsen
auf die Schutzmaske gemalt. Um sich besser unterhalten zu können, nimmt er sie ab, wenn andere
Reisende ihm nahe kommen. Die Amerikaner, sagt
er, hätten das Virus nach Süden gefeuert, um Mexiko
zu vernichten. Es fällt schwer, der Versuchung zu widerstehen, die weiteren Ausführungen mit seinem
antibakteriellen Knebel zu dimmen.
110 Passagiere in der Economy-Class, 22 in der
Business-Class »und in der ersten Klasse unser Arzt«,
erklärt die Stewardess auf Nachfrage. Seit diesem
Donnerstag wird jede Lufthansa-Maschine nach Mexiko von einem Mediziner begleitet, der Passagiere
beraten und ihren Gesundheitszustand prüfen soll.
Jörg Siedenburg hat nicht die Statur jener Lebensretter, die Kranke zur Not auf der eigenen Schulter
ins nächste Krankenhaus schleppen. Vertrauen in den
Lufthansa-Arzt weckt allerdings die ihm eigene Aura
entspannter Kompetenz. Die Schweinegrippe scheint
ihn nicht übermäßig zu beunruhigen. Den Mundschutz schon auf dem Hinflug anzulegen, hält der
Internist für übertrieben. »Nach elf Stunden sind die
Dinger sowieso so nass geatmet, dass sie kaum noch
brauchbar sind.« Und vor Ort, in Mexiko-Stadt? Nun,
schaden könnten sie sicher nicht, jedenfalls dann,
wenn man unter Menschen komme.
Am sinnvollsten sei das Vlies allerdings, wenn
Kranke es trügen, um andere vor Ansteckung zu
schützen. Wie zum Beispiel in Asien, da dächten
die Leute bei Seuchengefahr zuerst ans Gemeinwohl und nicht wie in Deutschland an sich selbst.
Eine Mentalitätsfrage, sagt Siedenburg.
Auch dem Rückflug morgen sieht er gelassen entgegen. Wer schon vor dem Start sichtlich und nachweislich an der Schweinegrippe erkrankt ist, muss
nicht befördert werden. Der Bordarzt bekommt es
nur mit denen zu tun, die auf dem Flug erste Symptome zeigen. Wenn das passiere, würden einfach die
letzten beiden Reihen im Flieger geräumt, eine Stewardess mit Mund- und Augenschutz zur Betreuung
und eine Toilette zur eigenen Nutzung bereitgestellt.
In Frankfurt käme der Patient in die FlughafenKlinik. Zur Not mit Polizeigewalt.
Als der Jumbo gegen 19 Uhr Ortszeit in MexikoStadt landet, leuchtet ein mittelamerikanischer Früh-
Nr. 20 DIE ZEIT
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
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HEIMKEHRER
aus
Mexiko-Stadt
Einmal
Mexiko und
zurück
lingsabend durch die Fenster,
Frauen, weil keiner aus der
Gruppe richtig Spanisch
so sonnengelb und freundsprach und die verstanden
lich, dass man sich dazu
geglaubten Brocken sich
zwingen muss, dem Frieden
schnell zu monströsen Gezu misstrauen. Unaufgeforrüchten türmten.
dert legen die Passagiere
Sie machten sich keine
ihre Atemmasken an, einallzu großen Sorgen um
sichtig und selbstverständihre Gesundheit, sagen die
lich wie eine Gruppe FroschFrauen. »Wir werden das
männer vor dem Tauchgang.
Elf Stunden mit Maske und Arzt an Bord:
beobachten, uns in OldenAm Ende der Fluggastbrücke
Was Passagiere und Crew erleben, wenn die
burg vielleicht auch noch mal
wird das, was noch vor zwölf
Seuchenangst mitfliegt VON KARIN CEBALLOS BETANCUR
untersuchen lassen. Und wenn
Stunden die Ausnahme war,
man dann weiß, dass alles in
schlagartig zur Regel. Der Blick
Ordnung ist, kann man im Büro
trifft auf maskierte Gesichter – an
auch mal aus Spaß anfangen zu
den Gates, zwischen den Sombreros
husten.«
der Souvenir-Shops, hinter den SchalIm Duty-free-Shop erzählt ein deuttern der Informationsstände. In das Schauscher Tourist, er habe von seinem Zimmer
dern mischt sich der beinahe zärtliche Gedanaus die Spitzen einer Pyramide gesehen. Das sei
ke, nicht mehr allein zu sein.
wegen der Sicherheitsmaßnahmen allerdings auch
Üblicherweise muss man für die Einreise am
schon alles gewesen. »Zwei andere haben versucht,
Flughafen Benito Juarez eine Stunde einrechnen.
sich im Schutz der Dämmerung durch ein Loch im
Am Donnerstagabend bildet sich nur am Schalter
für Mexikaner eine Schlange. Die Kontrolle der etwa vier Touristen, die nach jeder Berührung der Zaun auf die Anlage zu schleichen.« Das WachAusländer verläuft ohne Wartezeit. »Sie kommen Waren die Hände mit Desinfektionsmittel säubern. personal habe sie aber bald erwischt und verscheucht.
nur für einen Tag? Wie schade«, sagt die GrenzStatt Verzweiflung herrscht Langeweile bei den Die Zuhörer lachen, schütteln die Köpfe, na-ja-dasbeamtin. Auf den Einwand des Offensichtlichen, Händlern. Irgendwo überträgt ein Radio den Vor- nächste-malen.
der Schweinegrippe, erwidert sie: »Ach, das wird sorge-Spot zur Schweinegrippe. Ehe sie die staubigen
Das Boarding für Flug LH 499 beginnt pünktlich
schon wieder«, ehe sie mit dicken Wachsstift- Samttücher mit den aufgespießten Kettenanhängern um 20.20 Uhr. Vielleicht hat es mit dem Gefühl zu
kringeln die Einreise quittiert.
auf ihrer Vitrine ausbreitet, langt die Schmuckver- tun, mit einer Lufthansa-Maschine bereits ein Stück
Draußen hinter der Schiebetür warten Men- käuferin in einen Bottich mit brackigem Spülwasser, heimischen Boden zu betreten, dass den meisten Passchen mit suchenden Augen über grünen, türkis- um die Glasfläche abzuwischen. Früher hat es einen sagieren nach einer kurzen transatlantischen Nacht
blauen und weißen Tüchern auf ihre Angehörigen. nie gekümmert, was sich hier wohl an Keimen in der Atemschutz nur noch auf Kehlkopfhöhe hängt.
Die Frage, wer wen schützt, gerät zur Nebensache, brütender Hitze zellteilt. Heute folgt auf ein letztes Der Lufthansa-Arzt Jörg Siedenburg schlendert durch
wenn sie einander finden, sich in die Arme fallen, Aufbäumen von Panik gelassene Resignation.
die Gänge. »Alles in Ordnung bei Ihnen? Schön. Und
durch den Stoff reden, durch den Stoff küssen, über
bei Ihnen, auch alles okay?« Sein Mundschutz bauden Stoff hinwegstrahlen, als sei er gar nicht da. Jetzt bloß nicht brechen und den
melt ihm wie ein Pfadfindertuch im Nacken. Bei zwei
Auch die Lufthansa-Crew rollt mit ihren Koffern in gesunden Eindruck ruinieren
Passagieren habe er die Temperatur gemessen, sagt er
Richtung Ausgang. Siedenburg ist der Letzte in der
später. Ohne Befund.
Reihe und der Einzige, der 26 Stunden Mexiko un- Lufthansa-Flug LH 499 verlässt Mexiko-Stadt am
Monitore zeigen die Gates der Anschlussflüge an:
geschützt Stirn, Nase und Mund bietet.
Abend um 20.55 Uhr. Vor dem Check-in müssen Bilbao, Köln, Florenz, Danzig, Hamburg, Madrid,
Die Regierung hat die Menschen aufgefordert, Reisende auf einem Ankreuzformular mögliche Be- Paris, Rom, Turin, Venedig, Wien, Zagreb, Berlin und
die kommenden Tage zu Hause zu verbringen. Nur schwerden melden: erhöhte Temperatur, starke Kopf- Bremen. Ehe der Flieger durch die Wolken über
Geschäfte, die Waren des dringenden täglichen Be- schmerzen, Muskelschmerzen, Sprechschwierigkei- Frankfurt stößt, bittet der Kapitän die Gäste, nach der
darfs anbieten, sollen noch öffnen. Wer mit dem Taxi ten, Husten, Augenirritationen oder Reizung der Landung sitzen zu bleiben, bis Mediziner der Gesunddurch die Hauptstadt fährt, stellt überrascht fest, dass Nasenschleimhäute. Wahrheitsgemäß müssten die heitsbehörden sie noch einmal in Augenschein gedazu offenbar auch Fahrräder, Schlafanzüge, Elektro- meisten Besucher der smogstickigen 20-Millionen- nommen haben. Im Anflug schüttelt sich das Flugzeug
geräte und Regenschirme zählen. In der Lobby des Metropole zumindest die letzten drei Symptome auch wie ein nasser Hund. Jetzt bloß nicht brechen und den
Hotels reichte der Taxifahrer dem Pagen zur Begrü- ohne grippalen Infekt mit Ja beantworten. Aber die gesunden Eindruck ruinieren.
ßung den linken Ellbogen. Keine Küsse, keine Um- Leute wollen nach Hause. Wärmekameras übertragen
Vor dem Gate sind zwei Krankenwagen geparkt.
armungen, kein Handschlag, lautet die Empfehlung farbschattige Bilder der Passagiere auf Monitore. Es wird still im Flugzeug. Zwei Notärzte in orangefarder Behörden. Es muss mit Galanterie zu tun haben, Bleibt alles im grüngelb-orangefarbenen Bereich, benen Jacken betreten die Maschine, gehen im Laufdass der gleiche Fahrer der Besucherin aus Europa ohne fiebrig rote Stirn, stempeln Soldaten den Fra- schritt die Reihen ab, wiederholen in Schleifen die
trotzdem die Hand hinhält. Und mit dem risiko- gebogen ab, um den danach niemand mehr bitten Ansage: »Wenn Sie sich in den kommenden Tagen
bedingten Verfall der Sitten, dass die Besucherin an wird. An Gate 26 fotografiert sich die Besatzung der nicht wohlfühlen, suchen Sie Ihren Hausarzt auf.«
der Hand vorbei zum Ellbogen greift.
eingetroffenen Lufthansa-Maschine mit Mundschutz Zum Abschied gibt es Flugblätter. »Sehr geehrte FlugIn touristischen Etablissements gehobener Kate- vor einem Duty-free-Shop.
gäste …« Wir kennen den Inhalt.
gorie ist der Ansteckungsschutz zur Statusfrage
Die Gesichter im Wartesaal von Mexiko-Stadt
Muss ich die Gemeinschaft schützen vor dem Rigeworden. Nur das Personal trägt Atemmasken, wäh- wirken gelöster als die in Frankfurt. Was bleibe einem siko, das jetzt von mir ausgeht? Vorerst behalte ich
rend die Gäste mit freien Gesichtern durch die anderes als Humor, wenn man mittendrin stecke, sa- die Maske auf, auch nach Verlassen des Flughafens.
Hotelgebäude laufen. Auf dem Kunsthandwerks- gen zwei deutsche Touristinnen, die erst seit wenigen Am S-Bahnsteig kommt ein junger Kerl grinsend auf
markt von La Ciudadela, wo kein großer Arbeitgeber Stunden einen Mundschutz tragen. Auf den Inlands- mich zu. »Schweinegrippe oder was?« – »Ich komme
Anweisungen erteilt, verkehrt sich das Verhältnis ins flügen gab es keine. Sie waren auf einer Rundreise aus Mexiko«, sage ich. Das Grinsen hängt noch einen
Gegenteil. Dass die Geschäfte im engen Ladenlaby- durch Yucatán, als die Nachricht von der Schweine- Augenblick in seinem Gesicht. Dann geht er betont
rinth überhaupt öffnen, erstaunt in Anbetracht von grippe aufkam. Am Anfang war es schlimm, sagen die beiläufig zehn Schritte auf Abstand.
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Foto (Ausschnitt): Julio Cortez/Houston Chronicle/AP
Nr. 20
Nr. 20
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DIE ZEIT
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REISEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
HOTELTEST
Potpourri im Rosenhafen
Das renovierte Palace Hotel in Portoroz ist Sloweniens erstes Luxushotel. Es mutet dem Gast viele Epochen zu
Foto (Ausschnitt): Kempinski Palace Portoroz
W
Klassisch elegant und mit
guter Aussicht: Die ZIMMER
im alten Gebäude
Nr. 20 DIE ZEIT
eshalb das slowenische Seebad
auf den romantischen Namen
Portoroz getauft wurde, weiß
niemand genau. Der Begriff kommt aus
dem italienischen porto rose und bedeutet
so viel wie Rosenhafen. Allerdings lässt sich
weder in der Landschaft und im Hafen die
Form einer Blüte ausmachen, noch fällt
die Blumenpracht dort üppiger aus als anderswo an der Adria. Die k. u. k. Gesellschaft der Donaumonarchie, die Portoroz
zu Beginn des letzten Jahrhunderts gegründet und zum eleganten Badeort ausgebaut
hat, muss sich hier jedoch wie im Garten
Eden gefühlt haben, knapp 500 Kilometer
südlich von Wien, umgeben von Weinbergen, Olivenhainen und Pinienwäldern. Sie
ließ das schönste Hotel an der Adria errichten und nannte es Palace.
Zwei Weltkriege und 35 Jahre BalkanSozialismus änderten vieles, nicht aber
die majestätische Präsenz dieses BelleEpoque-Palastes an der Uferpromenade.
Bis in die sechziger Jahre beherbergte er
prominente Gäste wie Orson Welles, Sophia Loren und Marcello Mastroianni.
S.64
Zehn Jahre war das Hotel geschlossen, für
die Renovierung fehlte das Geld. Erst
jetzt fand sich ein Investor, der 100 Millionen Euro in die Immobilie einbrachte.
Gemanagt wird das Hotel vom Kempinski-Konzern.
Wer heute die weitläufige, sparsam
möblierte und fast rundum verglaste Lobby betritt, kann den ursprünglichen Charakter des Palastes bestenfalls erahnen.
Durch hohe Fenster sieht man den Garten mit seinen hohen hundertjährigen
Pinien, die Uferpromenade und das Meer.
Links davon rückt ein Teil der minimalistisch gestalteten Poollandschaft ins Bild,
rechts die massigen Steinquader der historischen Fassade, die nur noch die Hälfte des Gebäudes ausmacht, da das Hotel
um einen Glasanbau erweitert wurde.
Weil das Kempinski Hotel Portoroz das
erste und bislang einzige Luxushotel im
Lande ist, kann, darf und muss es vermutlich sogar einiges vereinen, was normalerweise getrennt wird und in aller Regel auch
besser getrennt bleibt. Lampen, Sofas, Stühle und Kunstwerke, Armaturen oder Ge-
SCHWARZ
schirr sind aus allen möglichen Epochen –
Art déco, Art nouveau, Klassizismus, Belle
Epoque, Bauhaus, Kubismus und Minimalismus. Das geht schwer zusammen. Zumindest sind die einzelnen Stilrichtungen
räumlich voneinander getrennt. Man frühstückt in einem opulent mit Stuck und
Goldornamenten verzierten Ballsaal oder
auf einer überdachten Terrasse. Man trinkt
seinen Cappuccino am Pool und sitzt dabei
auf einem geflochtenen Loom-Sessel, der
auf gebürsteten Teakholzdielen steht. Man
isst (ordentlich, aber nicht außergewöhnlich) im Fleur des Sel, einem Restaurant mit
Fichtenholzparkett und weißen Ledermöbeln, das so hell wie ein nordischer Winter
wirkt. Und man nimmt einen Drink in der
Bubbles Bar ein, die mit schummriger Beleuchtung, schwarzen Sesseln und den mit
weinroter Seide bespannten Wänden an
einen Herrenclub erinnert.
Wem die Zimmer im historischen Teil
zu klassisch-elegant sind, kann im modernen Anbau wohnen. Dort mag man
sich über das Strichcodemuster im Teppichboden mokieren und das Fehlen ei-
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nes Ganzkörperspiegels bemängeln, doch
von derlei Haarspaltereien abgesehen,
sind die Zimmer sinnig und sinnlich eingerichtet und mit raumgreifenden Balkons versehen. Endlich kommt das Rosenthema zum Ausdruck: Stilisierte,
großformatige Blüten in müden Rottönen zieren die Wand hinter dem Bett
und auch den naturweißen Bezug eines
ausladenden Louis-quinze-Sessels. Selbst
auf den mit Mosaikkacheln gefliesten
Wänden im Bad finden sich die Rosen
wieder.
»Bald«, sagt der aus Kiel stammende
Hoteldirektor Thies-Christian Bruhn,
»werden wir auch einen Rosengarten anlegen. Obwohl wir nicht wissen, wie der
Ort an seine Rose kam, gehört sie jetzt
auch zum Hotel.«
PATRICIA ENGELHORN
Kempinski Palace Portoroz, Obala 45, 6320
Portoroz, Slowenien, Tel. 00386-5692/70 00,
www.kempinski-portoroz.com,
DZ von 188 Euro an, inklusive Frühstück
Nr. 20
DIE ZEIT
2. Fassung
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REISEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
FRANKREICH
65
PORTUGAL
SPANIEN
Robinson Club
Quinta da Ria
Loulé
Tavira
Alg arve
Faro
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Atlantischer Ozean
10 km
Portugal
Anreise: Verschiedene Airlines fliegen Faro von
deutschen Flughäfen an, zum Beispiel TUIfly
Unterkunft: Robinson Club Quinta da Ria, PT-8900-
057 Vila Nova de Cacela, Algarve, Portugal,
Tel. 00351/281 95 90 01, Fax 00351/281 95 90 05.
Eine Woche DZ inklusive Flug und Vollpension ab
1219 Euro pro Person, EZ ab 1401 Euro. Der Golfkurs für Anfänger (Platzreife) kostet 450 Euro.
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com oder telefonisch unter 01803-76 24 67
Auskunft: Portugiesisches Fremdenverkehrsamt,
Fotos: Cyrus Saedi für DIE ZEIT
Tel. 0180-500 49 30, www.visitportugal.com
Unser Autor
(großes Bild) beim
Abschlag im Bunker.
Trainer Florian Zunker,
32, zeigt im
ROBINSON CLUB
Quinta da Ria, wie
Golfen richtig geht
Ohne Gras kein Spaß
Irgendwann erwischt es jeden. Gestern noch gespottet, heute schon selbst Golfer:
Zur Platzreife in fünf Tagen an der portugiesischen Südküste VON TOMAS NIEDERBERGHAUS
G
olfer sind Leute, die Spazierengehen
Sport nennen. Elitäre Schnösel in karierten Hosen und Karo-Pullundern.
Das habe ich immer gedacht. Und wenn
meine Freundin N. mal wieder vom Golfen
schwärmte und mich mitnehmen wollte, hatte ich
dringend noch etwas zu erledigen. Neulich fragte
sie wieder, und da mir auf die Schnelle keine Ausrede einfiel, begleitete ich sie zur Golfanlage. Auf
dem Parkplatz neben uns hielt ein uralter, heruntergekommener Chevrolet. Drei Typen stiegen aus,
schulterlanges Haar, tiefer hängende Hosen. Ich
nahm an, es seien die Gärtner oder Platzwärter,
doch dann sah ich die Jungs Bälle abfeuern: Sie
flogen schnurgeradeaus und bis weit hinter die 200Meter-Marke. Auch N. war beeindruckt, und als
irgendwann außer den vieren und ein paar balzenden Fasanen weit und breit niemand zu sehen war,
griff ich zum Eisen. Die ersten Bälle hoppelten wie
Karnickel über den Boden. Nach wenigen Minuten
allerdings gab es diesen kurzen Klick, das Zeichen
dafür, dass der Schläger den Ball richtig getroffen
hat. Fünfzig Meter schoss er in Richtung Fahne. Es
war der Augenblick, in dem ich beschloss, mit dem
Golfen zu beginnen. Einer der drei Typen hat meine Freude wohl gespürt, er sagte: »Beim Golfen ist
es wie beim Sex, man muss kein Profi sein, um Spaß
zu haben.«
Es ist neun Uhr. Wir stehen auf einer Rasenfläche, an die ein Orangenhain grenzt. Vor uns
schimmert der Atlantik in der Morgensonne,
silbrig fast, und kleine Schaumkronen spülen an
Land. Wir, das sind Andrea, 39, Berlinerin, Lilian,
ihre 13-jährige Tochter, und Daniel, 26, ein Student aus Wien. Im Robinson Club Quinta da Ria
an Portugals Südküste haben wir einen Golfkurs
für Anfänger gebucht. Unser Trainer heißt Florian
Zunker, 32, smart, Golfspieler seit 27 Jahren. Er
verspricht Platzreife in fünf Tagen. Was er gleich
zu Beginn dieses ersten Tages sagt, ist jedoch nicht
gerade motivierend: »Der Golfschwung ist neben
Stabhochsprung der komplexeste Bewegungsablauf aller Sportarten. Über 100 Muskeln werden
dabei beansprucht.« Ich merke, wie sich allein vom
Zuhören mindestens 35 Gesichtsmuskeln zu einem skeptischen Blick zusammenziehen. Und weitere 15, als er erklärt, wie man den Schläger zu
halten hat. Eins ist gewiss: So hat man noch nie
etwas gehalten, weder einen Kochlöffel, einen Spaten noch die Zahnbürste. Unsere vierköpfige Schlägertruppe steht nun in einer Reihe und gibt ein
ziemlich jämmerliches Bild ab. Meine Bälle zischen
wie Querschläger nach rechts, Lili schlägt in die
Luft, Daniel in den Boden, und Andrea schießt
eine Grasnarbe zum Himmel hoch. Florian sagt:
»Ohne Gras kein Spaß!«
Was ist zu tun, wenn der Ball auf einem
ausgetrockneten Kuhfladen landet?
Am späten Nachmittag sitzen wir auf der Terrasse des
Clubs. Florian erklärt die Theorie. Beim Golfen geht
es darum, mit möglichst wenig Schlägen den Ball in
18 verschiedene Löcher zu bringen. Profis benötigen
dafür im Schnitt 72 Schläge. »Wenn ihr 54 Schläge
mehr braucht, also insgesamt 126, habt ihr die Platzreife«, sagt Florian. Sind es 42 Schläge mehr, beträgt
das Handicap 42, sind es nur 36 mehr, ist das Handicap 36 und so weiter. Während Florian ganz bei
den Spielregeln ist, springt hinter ihm ein nackter
Mann ins Wasser. Von der Terrasse blickt man direkt
auf den Pool und auf einen der beiden Golfplätze,
auch das Meer ist zu sehen. Rechts stehen flache weiße Bauten, Gästezimmer mit Holzterrassen und Balkonen. Überall duftet es nach Rosmarin oder Thymian oder sonst was, der Club liegt mitten in einem
Naturschutzgebiet. Man hört hier Enten schnattern
und sieht Reiher über die Tümpel schwingen, und
manchmal, ja manchmal stibitzt eine Möwe einem
Spieler den Ball und lässt ihn einige Meter weiter
wieder fallen. Legt man den Ball dann zurück? Nein,
sagt Florian, man spielt ihn von dort weiter. Als Florian dann von seitlichen Wasserhindernissen, von
Strafpunkten und gelben und weißen und roten Pflöcken spricht, entdecke ich mein Handicap: Ich bin
hundemüde vom Training an der frischen Luft.
Der nächste Tag beginnt an Loch 10. Zwischen
dem Platz zum Abschlagen (Tee) und der Fahne auf
dem Grün, die das Loch markiert, sind es 380 Meter. Fairway nennt man diese Spielfläche. Florian
zeigt uns auf dem Platz, was wir gestern in der
Theorie gelernt haben: gelbe und rote Pflöcke, die
den Spieler von Weitem auf Wasserhindernisse (Bäche und Teiche) aufmerksam machen, und was zu
tun ist, wenn der Ball in einem Bunker landet. Bunker sind Sandkuhlen. Es würde sie heute wohl nicht
auf einem Golfplatz geben, wenn die alten Schotten
nicht schon im 16. Jahrhundert in Dünennähe Golf
gespielt hätten. Moderne Mäher gab es nicht, Schafe hielten das Gras kurz. Die Viecher blökten und
machten zwischendurch mal kleine Schafe, und
wenn’s ihnen zu kalt und zu nass wurde, suchten sie
Nr. 20 DIE ZEIT 2. Fassung
Schutz in den Dünen, wo sie im Laufe der Zeit den
Strandhafer abtraten. Sand rieselte nach, die Schafe
traten noch mehr ab, weiterer Sand rieselte nach. So
entstanden Kuhlen, die für die Golfer natürlich ein
Hindernis darstellten. Heute sieht man die Bunker
auf jedem Platz der Welt.
Ich hatte immer gedacht, dass Golfen in Schottland erfunden wurde. Wer einmal von St Andrews
gehört hat, dem legendärsten aller legendären Plätze, wird daran auch keinen Zweifel haben. Doch
die Wahrheit liegt näher: Ausgerechnet in den wenig romantischen und für den heutigen Golfsport
fast bedeutungslosen Niederlanden wurde im 13.
Jahrhundert erstmals gespielt. Fragmente vieler
Utensilien, die man dafür benötigte, wurden bei
Ausschachtungsarbeiten in Amsterdam gefunden.
Damals nannte man es noch Colf statt Golf: Da
trieb man den Ball über mehrere Kilometer in ein
Loch oder zu einer Fahne. Auf alten Gemälden
wird das Spiel meistens im Winter gezeigt – auf
abgeernteten Feldern oder im laublosen Gebüsch
verlor man nicht so viele Bälle.
»Liegt ein Ball im Bunker, darf der Schläger vor
dem Abschlag nicht auf dem Boden abgesetzt werden«, sagt Florian und bringt uns auf ein kleines
Übungsgelände am Rande des Platzes. Wir nehmen ein Sandwedge (sprich Sändwädsch), einen
Schläger mit flachem Neigungswinkel, um den
Ball von unten rauszuhebeln. Daniel holt zum
Schwung aus und schlägt. Der Ball bleibt liegen,
stattdessen fliegt so viel Sand, dass wir im Nu wie
paniert danebenstehen. Nach zahlreichen Schwüngen verlassen die Bälle den Bunker wie flügge gewordene Vögel, und auch bei den langen Abschlägen an der Driving Range ist ein kleiner Fortschritt
auszumachen. Um ein Gefühl für den richtigen
Schwung zu bekommen, führt Florian meinen
Arm bei der Ausholbewegung, auch meinen Griff
korrigiert er. Gleich mehrere Schläge gelingen nun
recht ordentlich, die Bälle starten jedenfalls geradeaus in Richtung Fahne. Dass sie im Flug dann
nach rechts abdriften, liegt auch am Wind – Platzreife am Atlantik zu machen ist in etwa so, wie
wenn man den Führerschein in Rom macht.
Der Golfschwung ist eine Philosophie für sich.
Er besteht aus zig Momenten. Wie halte ich den
Schläger? Wie stehe ich zum Ball? Bleibt mein
Oberkörper beim Ausholen ruhig, oder geht er wie
ein Fahrstuhl hoch und runter? Stimmt das Tempo? Schaffe ich es, meinen Blick am Ball zu lassen?
Diese Liste könnte man kilometerlang weiterschrei-
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ben. Florian sagt, dass nur fünf bis sechs Prozent
aller Golfschläge auf dem Platz wirkliche Volltreffer sind und dass die Muskeln sich den optimalen
Schwung irgendwann merken. Das heißt üben,
üben, üben. Worauf es noch ankommt, werde ich
später erst merken. Bis dahin drangsaliert uns Florian immer mal wieder mit Fragen zu den Spielregeln. Was zum Beispiel ist zu tun, wenn der Ball
auf einem ausgetrockneten Kuhfladen landet? Gilt
hier der Grundsatz des Golfspiels (Regel 13), wonach »der Ball gespielt werden muss, wie er
liegt …?« – »Auf den ungewöhnlich beschaffenen
Boden«, sagt Andrea abends an der Clubbar und
hebt das Glas. Sie sieht das ganz lässig. Ihr Mann
golft seit Jahren, und alles, was sie will, ist, »sonntags nicht mehr wie blöd neben ihm herlaufen«,
sagt sie. Dann wird’s laut. Eine Clubangestellte
singt in der Ecke der Bar »erotische Lieder«. Sie
bewegt sich ein bisschen lasziv und hat eine Federboa um den Hals, doch ihre Songs klingen wie
Annemarie Eilfeld im Stimmbruch.
Florian steht hinter mir und sagt:
»Junge, so spielt man in Rom und Paris«
Nichts, aber auch gar nichts deutet am nächsten
Morgen auf einen verheißungsvollen Golftag hin.
Es ist der Tag nach einer traumreichen Nacht, in
der ich mindestens 200 Bälle geschlagen und resigniert im Gras gelegen habe und am Ende von
Bernhard Langer geküsst wurde. Ich bin noch GinTonic-beduselt und habe Muskelkater wie selten
zuvor, aber kaum schlage ich mit einem 5er-Eisen
den ersten Ball ab, da macht es klick. Nicht plopp,
nicht wusch, nicht wuff, sondern dieses kurze, klare Klick. Und kaum hat es geklickt, da fliegt er und
fliegt und fliegt und fliegt, schnurgeradeaus, und
fliegt weiter und weiter und noch weiter – und landet nach mehr als 150 Metern. Florian steht direkt
hinter mir und sagt: »Junge, so spielt man in Rom
und Paris.« Das Gefühl, das mich nun beschleicht,
ist kaum zu beschreiben. Es ist vielleicht eine Art
Ehrfurcht, dass so etwas möglich ist, denn eigentlich spielt man doch einen viel zu kleinen Ball mit
einem viel zu kleinen Schläger in ein viel zu kleines
Loch. Jedenfalls müssen das die Schläge sein, die
aus Golfern Junkies machen.
Zum vierten Tag nur so viel: Wir sind auf dem
Übungsplatz mit sechs Löchern und chippen (flach
gespielter Ball) und pitchen (hoch gespielter Ball) und
putten (Ball einlochen). Das Erlernte scheint jedoch
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vom Atlantikwind weggeblasen zu sein. Der erste Ball
hoppelt, der zweite schlägt quer, wenn das mal morgen nicht schiefgeht, denke ich. Um mich abzulenken, spaziere ich abends zum Meer. Die untergehende Sonne taucht die Landschaft in ein zartes Licht,
ein paar Wolken hängen über der im Atlantik vorgelagerten Sandbank, und die Sträucher und Gräser
leuchten in jedem erdenklichen Grün. Es beruhigt
jedoch nicht ausreichend, um nachts gleich einschlafen zu können. Also zähle ich die Schafe, die in
Schottland gerade ein paar Bunker austreten.
Am Morgen unserer Prüfung treffe ich Florian am
Frühstücksbuffet. »Schlag gut zu«, sagt er, »ein Golfer
macht auf einem 18-Loch-Platz im Schnitt 17 000
Schritte und verbrennt dabei 1400 Kalorien.« Wir
müssen zum Glück nur neun Löcher spielen.
Als ich am ersten Tee erscheine, sind Andrea,
Lili und Daniel bereits da. Florian gibt jedem von
uns eine Scorekarte, auf der die Länge der einzelnen Spielbahnen und die jeweils ideale Anzahl der
Schläge vermerkt sind. »Du fängst an«, sagt er. Ich
stecke einen Holzstab (Tee) in den Boden, lege den
Ball darauf und positioniere mich. Durchatmen,
locker schwingen, und ab geht er, fliegt und landet
100 bis 120 Meter weiter, mitten auf dem Spielfeld. »Sehr schön«, sagt Florian, der an diesem Tag
jeden unserer Schläge mitzählt und in die Scorekarte einträgt. Wir laufen und schlagen und laufen
und schlagen. Es riecht nach Meer, Spatzen zwitschern in uralten Olivenbäumen, in samtenen
Wellen zieht sich der Grasteppich dahin. Da
schießt mir eine Frage durch den Kopf: Wäre es
nicht ein wenig peinlich, ohne Platzreife zurückzukommen? Kaum gedacht, verreiße ich den
nächsten Schlag, der Ball landet auf der benachbarten Spielbahn. Zwei weitere miese Schläge folgen. Erst als Florian sagt: »Schwing locker durch«,
finde ich wieder ins Spiel. Vielleicht die wichtigste
Lektion: Der schlimmste und einzige Gegner beim
Golfen ist immer man selbst. Hat es am Ende des
neunten Loches zur Platzreife gereicht?
Abends sitzen wir an der Bar. Florian erscheint
mit einem großen Umschlag. Nach und nach zieht
er Urkunden heraus. Er gratuliert Lili. Er gratuliert
Andrea, er gratuliert Daniel. Dann schaut er mich
an und sagt: »In zwei Monaten spielst du Handicap 36.« Keine zehn Minuten später klingelt mein
Handy. Es ist N. Bevor sie etwas sagen kann, frage
ich: Sehen wir uns am Sonntag auf dem Platz?
a www.zeit.de/audio
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REISEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Frisch vom Markt
Rovereto und der Futurismus
Ein neuer Stil prägte die italienische Kunstwelt
des frühen 20. Jahrhunderts, er sollte von Malerei
über Bildhauerei, Literatur und Architektur fortan alle Genres beeinflussen. Intentionen und
Ideologien dieser dem Fortschritt geweihten
Kunstrichtung legte ihr Initiator, der Dichter Filippo Tommaso Marinetti, 1909 schriftlich nieder. Italien feiert das hundertjährige Bestehen seines futuristischen Manifests mit verschiedenen
Veranstaltungen und Ausstellungen. So zeigt eines
der renommiertesten italienischen Museen für
zeitgenössische Kunst, das Mart in Rovereto, derzeit die groß angelegte Schau Illuminationen.
Avantgarden im Vergleich. Italien – Deutschland –
Russland. Die Wanderausstellung – spätere Stationen sind etwa Paris, Moskau, Rom und New York
– klärt über die Motive der experimentellen Bewegung auf und liefert anhand von Briefen, Fotografien und Literatur Beweise für einen lebhaften
Kontakt zwischen italienischen Futuristen und
der künstlerischen Avantgarde in Europa. Rovereto gilt als Drehpunkt des Futurismus. Die oberitalienische Stadt war auch Heimat Fortunato Deperos, eines wegen seiner späteren Sympathien für
den Faschismus nicht unumstrittenen Künstlers.
Dort gründete er 1960 sein Futuristisches Kunsthaus und bestückte es mit vielen eigenen Werken
wie etwa der Sammlung großer Wandteppiche
mit Gebirgsmotiven. Zum Jubiläumsjahr Futurismo 100 wurde Deperos Museum nach langer Renovierungsphase nun wiedereröffnet.
Casa d‘Arte Futurista Depero, geöffnet Di–So 9–17 Uhr,
Eintritt 6 Euro. Via Portici 38, I-38068 Rovereto.
Die Ausstellung »Illuminationen« im Mart läuft bis 7. Juni,
geöffnet Di–So 10–18 Uhr, Fr bis 21 Uhr, Eintritt 10 Euro.
Corso Bettini 43, I-38068 Rovereto, Tel. 00390445/23 03 15, www.mart.trento.it; www.visittrento.it
St. Pauli hat den Beat
Mehr als vierzig Jahre ist es her, dass rund um die
Reeperbahn Musikgeschichte geschrieben wurde
und im Star-Club die noch unbekannten Beatles
auftraten. Zwar pflegt St. Pauli bis heute sein
Image, Sprungbrett für eine Weltkarriere gewesen
zu sein, hat sich mit nennenswerten Zeugnissen
aus dieser Zeit aber lange schwergetan. Immerhin
gibt es im Viertel seit September vergangenen Jahres einen Beatles-Platz. Ihm folgt jetzt die BeatlesTour. Der begleitete Rundgang beginnt dort, wo
einmal der Star-Club zu finden war – an der Großen Freiheit 39. Er führt weiter zu Kneipen, Mu-
sikhallen und Discotheken, in denen die Jungs aus
Liverpool damals spielten und feierten. Die anderthalbstündige Exkursion zurück in St. Paulis
große musikalische Vergangenheit endet mit einer
Gesprächsrunde in einem Kiezlokal.
Beatles-Tour Hamburg, mittwochs bis sonntags jeweils
17 Uhr, Tickets inklusive Infomappe 19,50 Euro. Anmeldung
unter Tel. 0162/379 77 47, www.beatles-tour.com
Vielseitige Finca
Selbst auf Mallorca gibt es noch Orte, die nicht jeder
kennt. Die Finca Sa Bassa Blanca liegt in der Nähe
von Alcúdia und ist ohne Forschergeist und exakte
Karten kaum zu entdecken. Wer sich der Mühe unterzieht und überdies die recht eigenwilligen Öffnungszeiten akzeptiert, findet auf dem Anwesen ein
besonderes Kulturzentrum vor. So gibt es in der
Dauerausstellung Nins rund 160 Kinderporträts aus
dem 16. bis 19. Jahrhundert zu sehen, mit Exponaten von Rebecca Horn, Fabrizio Plessi oder Meret
Oppenheim aber auch Gegenwartskunst. Für diese
gelungene Mischung aus Historie und Moderne ist
das Museum der Stiftung Yannick y Ben Jakober soeben für den 2009 European Museum of the Year
Award nominiert worden. Einen Frühlingsbesuch
wert ist auch der Rosengarten. Dort blühen englische Schönheiten wie Charles de Mills, Wife of
Bath und Constance Spry in duftender Fülle.
Finca Sa Bassa Blanca, Es Mal Pas, Alcúdia, Mallorca,
Tel. 0034-971/54 69 15, www.fundacaionjakober.org.
Geöffnet Di 9.30–12.30 und 14.30–17.30 Uhr,
Mi–Sa Besichtigung mit Führung nur nach telefonischer
Anmeldung, Eintritt ab 9 Euro
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Wien mit der Bimmelbahn
Die Straßenbahnlinie 1 war nicht nur bei Bewohnern, sondern auch bei Besuchern beliebt, weil
ihre reguläre Strecke entlang der Ringstraße sie mit
Staatsoper und Hofburg, Parlament und Rathaus
an vielen bedeutenden Sehenswürdigkeiten vorbeiführte. Jetzt folgt der im Oktober vergangenen
Jahres stillgelegten »Ring-Bim« ein neues Gefährt
auf altem Kurs. Die sonnenblumengelb lackierte
Vienna Ring Tram ist mit LCD-Bildschirmen und
Bandansagen in sieben Sprachen ganz auf Touristen zugeschnitten, bietet bis zu vierzig Personen
Platz und braucht für die gewohnte AltstadtRundfahrt circa eine halbe Stunde.
Anne Bude
Fluppen und Illus gehen ja jetzt nicht mehr so doll, und überhaupt ist die Lage durchwachsen, auch im Ruhrgebiet. Doch
das soll uns nicht hindern, sie zu preisen, solange es sie noch
gibt: die Buden, Büdchen, die Kioske, die gerade hier im rheinisch-westfälischen Industrieland zu einer glücksverheißenden
Institution geworden sind. Von der Kindheit (»Zwei Nappos!«)
bis zur Greisheit (»Einmal Frau mit Hund, bitte!«) begleiten die
»Verkaufshallen« und »Trinkhallen«, wie sie sich meist selbstgenerös nennen, des Menschen Erdenwallen und bieten stille
Schicksalserleichterungen für alle Lebenslagen, Jahreszeiten
und Geschlechter. Die vielfach ausgezeichnete Fotoreporterin
Täglich 10–18 Uhr, Juli/August bis 19 Uhr,
Start am Schwedenplatz, Abfahrt alle 30 Minuten, Ticket
6 Euro. Auskunft: Wien Tourismus, Tel. 0043-1/21 11 40,
www.wien.info, www.wienerlinien.at
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Brigitte Kraemer,
eine ehemalige Folkwangschülerin, hat die
schönsten Exemplare mit ihrer Kamera eingesammelt – wie
dieses Büdchen im Essener Süden. Ihre schwarz-weißen Genrebilder und Sozialstudien zeigt jetzt das LWL-Industriemuseum
im malerischen Gebäude der ehemaligen Zeche Hannover in
Bochum.
B.E.
Die Bude. Trinkhallen im Ruhrgebiet, bis zum 1. Juni im LWL-Industriemuseum auf der Zeche Hannover, Günnigfelder Straße 251, 44793 Bochum.
Geöffnet Mi–Sa 14–18, So u. Feiertage 11–18 Uhr; Eintritt frei.
Tel. 0234/610 08 74; [email protected] Der Begleitband ist im
Essener Klartext Verlag erschienen, hrsg. von Dietmar Osses, 136 S., 24,95 €
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CHANCEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
SPEZIAL
HOCHSCHULRANKING
Fotos: Stephan Elleringmann/laif
Wo sind die Studenten mit
ihrem Studium zufrieden?
Welche Universität hat in der
Forschung einen besonders
guten Ruf? Das Centrum für
Hochschulentwicklung hat für
die ZEIT wieder die deutschen
Hochschulen getestet.
Von Biologie über Medizin bis
Physik – die neuen Ergebnisse
finden Sie hier auf drei Seiten
Ran an die Patienten!
Sieben Universitäten bieten in der Medizin Modellstudiengänge mit hohem Praxisanteil an. Die Studenten sind begeistert
A
n seine erste Patientin erinnert
sich Hendrik Rott noch gut. Eine
alte Dame, die Schmerzen hatte
beim Wasserlassen. Erst ließ er
sie erzählen, dann fragte er nach:
Wie lange schon? Wie oft? Trinken Sie viel oder wenig? Gerade
einmal eine Woche studierte Hendrik damals an
der Medizinischen Hochschule Hannover. In den
Tagen zuvor hatte er in Vorlesungen und Kleingruppenunterricht alles über die Niere gelernt, ihre Lage
im Körper, die Funktion, den Aufbau, die Erkrankungen. Dann durfte er sein Wissen anwenden. »Ich
hatte von Anfang an vor Augen, wo meine Ausbildung hinführen sollte«, sagt Hendrik Rott, heute
im achten Semester.
Sein Kommilitone Marc Riemer befragte seinen ersten Patienten mehr als zwei Jahre später, im
fünften Semester. Wenn er irgendwo seinen Studentenausweis vorzeigen musste, staunte er manchmal selbst, was er dort las: Medizin. »Da hätte genauso gut Chemie oder Physik stehen können.
Von dem, was ich eigentlich studiere, habe ich in
den ersten Semestern nicht viel mitbekommen«,
sagt Marc Riemer. Während er monatelang Kohlenstoffchemie und Hebelgesetze paukte, fragte er
sich oft, wofür er das alles überhaupt brauchte.
Die Studenten sollen nicht nur Blut
abnehmen, sondern auch wissen, warum
MEDIZINSTUDENTEN
an der Berliner Charité
studieren am menschlichen
Körper die Anatomie von
Kopf und Hals
Marc Riemer und Hendrik Rott studieren beide Medizin an derselben Universität, aber ihre Ausbildung
zum Arzt ist seit dem ersten Vorlesungstag grundverschieden. Die Weichen wurden schon bei der Einschreibung gestellt: Riemer hat sich im Regelstudiengang eingeschrieben, Rott im sogenannten Modellstudiengang. Dem diesjährigen Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zufolge
sollte man sich für den Weg entscheiden, den Hendrik
Rott gewählt hat – Modellstudiengänge wie derjenige von der Medizinischen Hochschule Hannover
werden von Studenten in Bezug auf Betreuung und
Verzahnung der Studieninhalte in der Regel weit positiver beurteilt als die konventionellen Studiengänge
(siehe Seite 75).
Sieben Universitäten haben in Deutschland bisher einen solchen Modellstudiengang aufgelegt,
rund 1200 Studenten nahmen sie alle zusammen
zum Wintersemester 2008 auf, zahlreiche weitere
Hochschulen treiben die Entwicklung eigener Modellstudiengänge zügig voran. Es wirkt gerade so,
als sei eine optimale Medizinerausbildung anders
nicht mehr möglich, als reichten die zentralen Vorgaben nicht aus. Dabei müsste seit dem Jahr 2002
eigentlich alles anders sein. Mit mächtigem Trommelwirbel hatte man damals eine neue Approbationsordnung eingeführt, die vom ersten Semester
an sicherstellen sollte, dass sich der Medizinstudent
von Anfang an auch als Medizinstudent fühlt:
Theorie und Praxis sollten endlich stärker verzahnt,
die seit Langem beklagte Fachfremde in den ersten
Nr. 20 DIE ZEIT
Die Diskussionen sind bereits in vollem Gange.
Studienjahren behoben werden. Herausgekommen
jedoch ist nur Stückwerk: Marc muss immer noch Die Kultusministerkonferenz will die Reform
fünf Semester warten, bis er seinen ersten Patien- schon seit Längerem auf die Staatsexamens-Studienten sieht. Was als Reform antrat, ist acht Jahre gänge ausweiten: um international wettbewerbsfähig zu bleiben, heißt es von den Politikern. Die
später als Reförmchen im Sande verlaufen.
Nach wie vor häufen Medizinstudenten Berge Bundesärztekammer dagegen ist verschreckt von
von Wissen an, lernen aber nur unzureichend, die- herumgeisternden Ideen, alle Pflege- und Heilstuses auch anzuwenden. In den ersten Berufsjahren diengänge im Bachelor zusammenzulegen. Das
sind viele junge Ärzte dann überfordert. »Sie kön- Qualitätsstudium der Medizin würde auf diese
nen zwar den Namen jedes einzelnen Muskels im Weise völlig aufgeweicht, warnen die Ärzte.
Trotzdem wird der Bachelor wohl auch vor der
Unterarm aufzählen, aber wenn sie einem Patienten verständlich eine Diagnose erklären müssen, Medizin nicht haltmachen. »Ich gehe davon aus,
sind sie ratlos«, klagt Eckhart Hahn, Vorsitzender dass im kommenden Jahr die ersten Studenten ander Gesellschaft für Medizinische Ausbildung fangen werden, Medizin auf Bachelor und Master
(GMA). »Auch nach der Einführung der neuen zu studieren«, sagt Hahn von der GMA. Die UniApprobationsordnung kommen solche Dinge an versität Hamburg sitzt schon in den Startlöchern
und möchte sich als Vorreiter etablieren. Beim akden meisten Universitäten bisher viel zu kurz.«
Die Devise lautet: Neue, andere Ärzte braucht das tuellen Ranking dagegen ist sie vielfach noch
Land. Künftige Studenten sollen vom ersten Semes- Schlusslicht, was ihren Mut für den Neuanfang erter an Erfahrung im Umgang mit Patienten und klären mag. Ein konkretes Konzept für einen BaKrankheiten sammeln, sodass sie sich am Ende der chelor- und Masterstudiengang Medizin haben die
Ausbildung sicherer fühlen. Und anders in den Beruf Hamburger bereits vorgelegt, das Land muss nur
einsteigen können als bisher – besser vorbereitet auf noch zustimmen. Wenn es so weit ist, will man die
die täglichen Herausforderungen in der Klinik. Darin Ausbildung gleich mit verbessern. Als Vorbild
sind sich alle einige, von den Studenten über die Ärz- könnten die Modellstudiengänge dienen.
Sie sind vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie
te bis hin zu den Politikern.
Aber wie? Hier gehen die Meinungen auseinan- früher und stärker auf Kontakt mit den Patienten
der – entsprechend unübersichtlich sind die der- bauen – ohne dabei das theoretische Wissen zu verzeitigen Angebote der Arztausbildung. Nicht nur nachlässigen. Denn die Studenten sollen am Ende
in Hannover, auch etwa in Bochum, Heidelberg der Ausbildung nicht nur Blut entnehmen können,
und Berlin bietet dieselbe Universität jeweils zwei sondern auch wissen, warum sie das tun. Auch in
verschiedene Wege parallel an, die am Ende zum Hannover lernte Hendrik Rott wie sein KommilitoArztberuf führen. Die Grenze verläuft quer durch ne Marc Riemer Fotosynthese und Hebelgesetze.
die Semester. So experimentieren die Universitäten Daran führte kein Weg vorbei: Ob Modellstudienmunter und meist erfolgreich, aber untereinander gang oder nicht, am Ende müssen alle Studenten ihr
unkoordiniert vor sich hin.
Wissen in der letzten Prüfung des Studiums, dem
Im Modellstudiengang der Berliner Charité etwa zweiten Staatsexamen, unter Beweis stellen.
setzt man Schauspieler ein, die Patienten spielen; an
Die Menge von dem, was sie sich bis dahin ander medizinischen Fakultät Mannheim der Univer- eignen, ist enorm: Anatomie, Physiologie, Biolosität Heidelberg dagegen auf problemorientiertes gie, medizinische Psychologie, Augenheilkunde,
und interdisziplinäres Lernen. »Die klassischen Chirurgie, innere Medizin, Kinderheilkunde, die
Fachgrenzen bei uns werden durchListe scheint endlos. Und die Ausbilbrochen, der Unterricht orientiert sich
dung ist teuer. Zwischen 160 000
an Organen und Krankheitsbildern«,
und 240 000 Euro lässt sich der Staat
erklärt Jutta Becher vom Studiendekaeinen Studienplatz offiziell kosten –
nat der Mannheimer Fakultät und
obwohl die Vorgaben in der Praxis
verweist obendrein noch auf die übernicht immer ganz umgesetzt werden.
wiegend positiven Studierendenurteile
Kürzlich erst klagte der Fakultätender eigenen Evaluationen.
tag, dass die Grundmittel pro StudieWährend die Universitäten ihre
renden seit 2003 erneut um zwölf
Reformpläne umsetzen, plant man
Prozent gefallen seien.
vonseiten der Kultusminister bereits
In Frankfurt etwa bekommt man
den nächsten Umbruch: die Ausweiweniger Geld pro Studenten als beitung des sogenannten Bologna-Prospielsweise in Baden-Württemberg.
Ab sofort am Kiosk:
zesses. Nachdem fast alle anderen
In der Medizinischen Fakultät der
Der neue
ZEIT Studienführer
Studienfächer die europäische HochBankenstadt führte man im Jahr 2002
mit Stipendienführer
schulreform durchlaufen haben, will
eine Reform durch. Mehr Praxisbezug
man sich nun auch an die Bollwerke
– von der Krankenschwester über den
Mit Rankings für
der alten Ära wagen, Jura etwa – und
Techniker bis zum Chefarzt wurden
mehr als 30 Fächer
Medizin. Das Ziel: Auch das Medialle in den Entwicklungsprozess ein– von Anglistik bis
zinstudium soll in eine Bachelor- und
gebunden. »Wir sind heute besser bei
Zahnmedizin
eine Masterphase unterteilt werden.
den Physikumsergebnissen und erhal-
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VON CHRISTIAN HEINRICH
ten bessere Evaluationen«, sagt der Frankfurter
Studiendekan Frank Nürnberger, und seine Stimmung trägt ein wenig von der Aufbruchstimmung
in sich, die jetzt überall herrscht. Bisher aber hat
sich die Reformmühe noch nicht ausgezahlt: Im
aktuellen CHE-Ranking liegt Frankfurt im Urteil
der Studierenden in allen Bereichen in der Schlussgruppe, nur in zwei Kriterien, darunter der Praxisbezug, schafft es Frankfurt immerhin ins Mittelfeld. Bei der Studiensituation insgesamt aber ist
Frankfurt nun in der Schlussgruppe anzutreffen,
gemeinsam mit Universitäten wie Duisburg-Essen,
Erlangen-Nürnberg oder Marburg.
Auf einen Studienplatz kommen
heutzutage 4,2 Bewerber
In Lübeck hingegen gehört man auch ohne Modellstudiengang seit Langem zum Spitzenfeld. Immer wieder schafft es die kleine Hansestadt in den
Vergleichen ganz nach oben, so auch in diesem
Jahr beim CHE-Ranking erreicht sie überwiegend
Plätze in der Spitzengruppe. Wie kommt das?
Möglicherweise liegt es an der kleinen Fakultät mit
nur 190 Studenten pro Jahr, die ein angenehmes
Verhältnis zwischen Studenten und Lehrenden ermöglicht. Oder an den regelmäßigen Mentorentreffen, die die Semester miteinander vernetzen?
Auch die gründliche Evaluation könnte eine Rolle
spielen, sagt der Studiendekan Jürgen Westermann. So richtig erklären kann es keiner. Vielleicht
von allem ein bisschen, zusammengehalten durch
eine besondere Philosophie. »Unsere Studenten
müssen nicht unbedingt die besten Noten im Physikum machen«, sagt Westermann. »Das Wichtigste ist für uns, dass sie exzellente Ärzte werden.«
Und dann macht man an der Universität noch
regelmäßig davon Gebrauch, sich in Einzelgesprächen einen Großteil seiner Studenten selbst
auszusuchen.
Denn die Ausbildung zum Arzt ist nicht nur eine
der teuersten, sondern auch eine der beliebtesten. Bis
ein Bewerber einen der rund 8500 Studienplätze
ergattert, muss er durch ein Nadelöhr: die Studienplatzvergabe. Sie soll die Ansprüche auf soziale
Gerechtigkeit, Leistung und individuelle Eignung
gleichzeitig berücksichtigen, woraus ein komplexes
Zulassungsverfahren entstanden ist. Es bietet viele
Möglichkeiten, aber am Ende kommt es in den meisten Fällen dann doch auf die Abiturnote an. »Mit
einer Note von 1,1 kann der Bewerber sich die Universität meist aussuchen, mit einer Note von 1,7 sind
die Chancen selbst an selten nachgefragten Hochschulen sehr schlecht«, fasst Hans-Peter Kaluza von
der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen
(ZVS) zusammen. Und wer sich entschließt zu warten, sollte Geduld mitbringen: Die durchschnittliche
Wartezeit beträgt fünf Jahre.
Doch das alles scheint nicht abzuschrecken:
Kamen 2003 noch 2,8 Bewerber auf einen StudienFortsetzung auf Seite 70
Nr. 20
70
DIE ZEIT
SCHWARZ
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CHANCEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Warum ein Ranking?
STUDENTINNEN der
Zahnmedizin an der
Uni Witten/Herdecke
Zum fünften Mal veröffentlicht die ZEIT den Hochschulvergleich des
Centrums für Hochschulentwicklung VON THOMAS KERSTAN
Foto (Ausschnitt): Theodor Barth/laif
K
Ran an die Patienten!
Fortsetzung von Seite 69
platz, sind es heute 4,2. Medizin boomt. Und das
liegt nicht zuletzt an den Arbeitsmarktaussichten.
Die sind ohnehin meist nicht schlecht, Kranke
gibt es immer, aber in schwierigen Zeiten wie diesen erscheinen sie noch glänzender. Schlägt man
das Deutsche Ärzteblatt auf, die Postille der Mediziner, findet man allein dort wöchentlich mehr als
150 Stellenanzeigen. Selbst wer nur mäßige Noten
hat oder zu den schätzungsweise 30 Prozent der
Absolventen gehört, die nicht promovieren, gelangt in der Regel zügig an einen Arbeitsplatz.
Das wird sich wohl auch in Zukunft nicht ändern. Gerade erst gab die Bundesärztekammer die
Ergebnisse einer Untersuchung bekannt: 2008 ar-
yellow
beiteten knapp 320 000 Ärzte in Deutschland,
ein Zuwachs von 1,5 Prozent gegenüber dem
Vorjahr, aber wegen der Veränderungen in der
Medizin seien immer noch Stellen offen. Der Bedarf an Ärzten steigt weiter. Nur Schonfrist, die
wird der frische Arzt kaum noch haben. Wegen
Unterbesetzung und Sparmaßnahmen ist man
heute vom ersten Tag an voll gefordert – und
überfordert.
Umso dringender ist es nötig, die Ausbildung
zu reformieren. Denn durch die neue Approbationsordnung von 2002 änderte sich in der sogenannten Vorklinik, den ersten vier Semestern des
Studiums, kaum etwas. Im Bereich der klinischen
Ausbildung, die im fünften Semester beginnt,
wurde zwar immerhin einiges erneuert: Unter anderem hat man zwölf zusätzliche Kurse verpflichtend integriert, sogenannte Querschnittsfächer, um
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die strikte Trennung zwischen den einzelnen Disziplinen aufzuweichen. Dazu gab es ein Paket an
Optionen, die eine klinischere und interdisziplinärere Ausbildung stärken sollten. Doch von
den Studenten wurde die neue Approbationsordnung zunächst misstrauisch beäugt. Dem Hammerexamen, wie die Zusammenlegung aller großen klinischen Prüfungen in eine einzige am Ende
des Studiums in Studentenkreisen genannt wird,
standen sie lange ablehnend gegenüber.
Hahn von der GMA sieht trotzdem die richtigen Ansätze: »Mit der neuen Approbationsordnung wurden zusätzliche Möglichkeiten geschaffen, das Studium vor Ort praktischer zu
gestalten.« In der Realität aber machen nur wenige Universitäten davon in vollem Umfang Gebrauch. Die einen versuchen, sich so wenig wie
möglich umzustellen, den anderen reichen die
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ann man die Qualität einer Universität
oder Fachhochschule an ihrem Platz in
einer Rangliste ablesen? Natürlich nicht.
Dazu sind die akademischen Institutionen
zu vielgestaltig und die Perspektiven und Interessen
der Betrachter zu unterschiedlich.
Aber intelligent erstellte Ranglisten können
wichtige Hinweise auf die Qualität einer Hochschule geben. Sie können den angehenden Studenten die Orientierung im Dschungel der Studienangebote erleichtern. Sie können besondere
Leistungen in der Lehre oder der Forschung belohnen, indem sie diese sichtbar machen. Und jenen Hochschulen ein Ansporn sein, die gegenüber
den Spitzenreitern abfallen.
Deshalb veröffentlicht die ZEIT zum fünften
Mal das Hochschulranking des Centrums für
Hochschulentwicklung (CHE). Mehr als dreißig
Fächer wurden an fast allen deutschen Hochschulen von Studenten und Professoren beurteilt. Die
vollständigen Ergebnisse finden Sie im ZEIT Studienführer, der jetzt am Kiosk erhältlich ist, und im
Internet unter www.zeit.de/hochschulranking.
Auf der folgenden Seite stellen wir eine Auswahl der Ergebnisse jener Fächer vor, die das CHE
neu untersucht hat: Medizin, Informatik und die
Naturwissenschaften.
Die ZEIT hat sich aus mehreren Gründen für
das Hochschulranking des CHE entschieden:
– Es ist der größte Hochschulvergleich. In das
aktuelle Ranking gingen Urteile von rund 200 000
Studenten und 15 000 Professoren ein. Über 2000
Fachbereiche an mehr als 250 Hochschulen wurden getestet.
– Es ist der seriöseste Hochschulvergleich. Das
Ranking entsteht in enger Zusammenarbeit mit Professoren aus den jeweiligen Fachdisziplinen und wird
von Jahr zu Jahr weiterentwickelt. Zudem bürgen die
Träger des CHE, die Hochschulrektorenkonferenz
und die Bertelsmann Stiftung, für Qualität.
– Es ist der differenzierteste Hochschulvergleich. Bis zu 34 Kriterien fließen in die Bewertung ein. Dabei vermischt das CHE-Ranking
nicht unzulässig die Ergebnisse verschiedener Kriterien zu einer Gesamtnote, sondern führt sie einzeln auf. Ein Spitzenplatz in der Forschung und
ein schlechtes Ergebnis bei der Studentenbetreuung werden nicht zu einem nichtssagenden Mit-
telplatz vermischt. Auch werden Rangplätze vermieden, weil die Unterschiede zwischen einzelnen
Hochschulen mitunter nur marginal sind. Nur
größere Qualitätsunterschiede führen zur Einordnung in eine Spitzen-, Mittel- oder Schlussgruppe.
Zudem werden nicht ganze Hochschulen, sondern
nur Fachbereiche miteinander verglichen. Wenn
eine Universität im Fach Medizin spitze ist, muss
das nicht ebenso für die Physik gelten.
Diese Differenzierung hat ihren Preis: Das
Ranking ist nicht so leicht lesbar wie eine Bundesligatabelle. Wer sich also über das Angebot in seinem künftigen Studienfach informieren möchte,
muss sich ein wenig Mühe geben. Und seine eigenen Interessen mit ins Spiel bringen. Dadurch
wird das anonyme Ranking dann zu einem ganz
persönlichen Hilfsmittel. Wer viel Wert auf eine
gute Betreuung legt, mag sich für Hochschule A
entscheiden, wem vor Studienbeginn schon bewusst ist, dass es ihn in die Forschung zieht, entscheidet sich vielleicht für Universität B.
Das Ranking ersetzt natürlich nicht andere Informationsquellen wie die Familie, den Bekann-
Schritte nicht aus, und sie legen lieber direkt einen – meist erfolgreichen – Modellstudiengang
auf. Solange dieser jedoch nicht vereinheitlicht
und flächendeckend eingeführt wird, droht die
Ausbildung zu einem Flickenteppich zu werden.
Jeder Reformstudiengang steht wegen seines jeweils eigenen Systems auch für sich allein, niemand kann später von außen hier einsteigen.
Würde jede Universität ihren eigenen Weg einführen, könnte man innerhalb Deutschlands
während des Studiums nicht mehr die Universität
wechseln. In den letzten beiden Semestern des
Medizinstudiums, dem Praktischen Jahr, kurz PJ,
ist das bereits heute so. Patrick Weinmann, Medizinstudent in Hamburg, wollte zum PJ nach
Hannover wechseln – unmöglich. »Ich kann mein
PJ auf Hawaii machen, aber nicht in Hannover.
Es ist absurd«, sagt Weinmann.
Eines der Probleme, die mit der Europäischen
Hochschulreform behoben werden könnten,
denn die Vorgaben des Bologna-Prozesses weisen
den umgekehrten Weg: mehr Möglichkeiten,
den Studienort zu wechseln, mehr Vergleichbarkeit, ein höherer Anteil ausländischer Studenten.
Mithilfe der Bachelor- und Masterstudiengänge
hat man das in den meisten Studienfächern
schon erreicht.
Ob ein Bachelor und Master für Medizin gut
ist oder nicht, kann Marc Riemer von der Medizinischen Hochschule Hannover nicht beurteilen.
Den Modellstudiengang, in dem sein Kommilitone Hendrik Rott eingeschrieben ist, hält er aber
auf jeden Fall für einen Schritt in die richtige
Richtung.
cyan
magenta
yellow
tenkreis oder den Probebesuch an einer Universität
oder Fachhochschule.
Dass wir mit dem Ranking auf dem richtigen
Weg sind, darin bestärkt uns nicht nur die große
Nachfrage nach dem ZEIT Studienführer, sondern
auch das Urteil internationaler Experten. »Das
vom CHE benutzte System zur Bewertung von
Hochschulen ist vermutlich das beste verfügbare
Modell in der Welt der Hochschulbildung«, urteilt
eine Studie der angesehenen Vereinigung Europäischer Hochschulen.
Nicht zuletzt erhoffen wir uns vom Ranking
eine Stärkung der Studenten. Früher lebten Hochschulen einzig vom Ruf ihrer Forschung. Jetzt
können die Studenten mit ihren Urteilen auch die
Qualität der Lehre sichtbar machen.
a www.zeit.de/audio
Nr. 20
SCHWARZ
S. 71
DIE ZEIT
cyan
magenta
yellow
CHANCEN
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
71
Ergebnisse 2009 – eine Auswahl
Im Dreijahresrhythmus werden
die beliebtesten Studienfächer
getestet, in diesem Jahr unter
anderem Medizin, Informatik
und die Naturwissenschaften.
Wie man die Tabellen liest,
erklärt diese kurze
Gebrauchsanweisung
Das Prinzip:
U N I V E R S I TÄT
U N I V E R S I TÄT
U N I V E R S I TÄT
U N I V E R S I TÄT
U N I V E R S I TÄT
Biologie
Chemie
Physik
Medizin
Informatik
Forschungsreputation
Forschungsreputation
Forschungsreputation
Forschungsreputation
Forschungsreputation
Wissenschaftliche Veröffentlichungen
Wissenschaftliche Veröffentlichungen
Wissenschaftliche Veröffentlichungen
Wissenschaftliche Veröffentlichungen
Forschungsgelder
Laborausstattung
Laborausstattung
Laborausstattung
Bettenausstattung
IT-Infrastruktur
Betreuung
Betreuung
Betreuung
Betreuung
Betreuung
Studiensituation insgesamt
Studiensituation insgesamt
Studiensituation insgesamt
Studiensituation insgesamt
Studiensituation insgesamt
0
0
RWTH Aachen
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0
0
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ETH Zürich (CH)
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0
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Uni Wuppertal
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Uni Würzburg
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02
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Uni Würzburg
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0
02
Uni Tübingen
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0
VetMed Uni Wien (A)
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Uni Stuttgart
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02
Uni Ulm
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0
0
0
Uni Saarbrücken
0
0
Uni Tübingen
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0
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Uni Rostock
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01
Uni Stuttgart
0
0
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02
Uni Regensburg
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0
Uni Saarbrücken
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0
Uni Potsdam
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0
Uni Rostock
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Uni Paderborn
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01
Uni Regensburg
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Uni Osnabrück
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Uni Potsdam
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02
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Uni Oldenburg
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0
Uni Osnabrück
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Uni Nijmegen (NL)
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0
Uni Oldenburg
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Uni Münster
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01
Uni Nijmegen (NL)
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0
Uni Münster
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TU München
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LMU München
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Uni Mainz
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Uni Marburg
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Uni Leipzig
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0
Uni Mainz
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0
Uni Konstanz
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Uni Magdeburg
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Uni Köln
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Uni Lübeck
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Uni Leipzig
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0
Uni Karlsruhe
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Uni Konstanz
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0
TU Kaiserslautern
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Uni Köln
0
0
0
02
Uni Jena
0
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Uni Kiel
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0
02
Uni Heidelberg
0
0
02
Uni Kassel
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0
01
Uni Hannover
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Uni Karlsruhe
0
0
0
01
Uni Hamburg
0
0
TU Kaiserslautern
0
0
0
0
Uni Halle-Wittenberg
0
0
Uni Jena
0
0
0
0
Uni Göttingen
0
0
0
Uni Hohenheim
0
0
01
Uni Gießen
0
0
Uni Heidelberg
0
0
01
0
Uni Freiburg
0
0
Hannover (MH, TiHo, Uni)
0
0
0
TU Bergakademie Freiberg
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Uni Hamburg
0
0
0
02
Uni Frankfurt a. M.
0
0
Uni Halle-Wittenberg
0
0
0
Uni Erlangen-Nürnberg
0
0
Uni Groningen (NL)
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0
0
Uni Duisburg-Essen
0
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Uni Greifswald
0
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Uni Düsseldorf
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0
Uni Göttingen
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0
0
0
TU Dresden
0
0
Uni Gießen
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0
0
TU Dortmund
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0
Uni Freiburg
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0
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TU Darmstadt
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Uni Frankfurt a. M.
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01
TU Clausthal
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0
Uni Erlangen-Nürnberg
0
0
02
01
TU Chemnitz
0
0
Uni Duisburg-Essen
0
0
0
Uni Bremen
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Uni Düsseldorf
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0
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01
Jacobs Univ. Bremen (priv.)
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TU Dresden
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0
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TU Braunschweig
0
0
TU Darmstadt
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0
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Uni Bonn
0
0
Uni Bremen
0
0
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Uni Bochum
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01
Jacobs Univ. Bremen (priv.)
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0
0
0
Uni Bielefeld
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TU Braunschweig
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0
0
TU Berlin
0
0
Uni Bonn
0
0
0
0
HU Berlin
0
0
Uni Bochum
0
02
0
FU Berlin
0
02
Uni Bielefeld
0
01
02
0
Uni Bayreuth
0
0
HU Berlin
0
0
02
RWTH Aachen
0
02
FU Berlin
0
0
0
Uni Bayreuth
ETH Zürich (CH)
01
0
Uni Basel (CH)
Das CHE-Hochschulranking vergibt keine Rangplätze. Stattdessen sind die Hochschulen jeweils
pro Fach und Kriterium einer Spitzengruppe
(grüner Punkt), einer Mittelgruppe (gelber Punkt)
oder einer Schlussgruppe (roter Punkt) zugeordnet. Statt eines wenig aussagekräftigen Gesamtergebnisses zeigt das Ranking so, wie die Hochschulen unter verschiedenen Gesichtspunkten
abschneiden. Pro Fach wurden Daten für bis zu
34 Qualitätsmerkmale erfasst. Wie sich die einzelnen Hochschulen bei allen Aspekten schlagen,
0
0
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steht unter www.zeit.de/hochschulranking im Internet. Dort finden sich auch die aktuellen Ranking-Ergebnisse für die Fachhochschulen im
Fach Informatik und für die Fächer Geografie,
Geowissenschaften, Mathematik, Pharmazie,
Pflege, Sportwissenschaft und Zahnmedizin.
Die Tabellen auf diesen Seiten bilden pro Fach
beispielhaft einige der wichtigsten Kriterien ab.
Ein Lesebeispiel:
Die Universität Marburg schaffte es im Fach
Biologie bei drei Kriterien in die Spitzengruppe
RWTH Aachen
Uni Augsburg
Uni Bayreuth
FU Berlin
HU Berlin
TU Berlin
Uni Bielefeld
Uni Bochum
Uni Bonn
TU Braunschweig
Jacobs Univ. Bremen (priv.)
Uni Bremen
TU Chemnitz
TU Clausthal
BTU Cottbus
TU Darmstadt
TU Dortmund
TU Dresden
Uni Düsseldorf
Uni Duisburg-Essen
Uni Erlangen-Nürnberg
Uni Frankfurt a. M.
Uni Freiburg
Uni Gießen
Uni Göttingen
Uni Greifswald
Uni Halle-Wittenberg
Uni Hamburg
Uni Hannover
Uni Heidelberg
TU Ilmenau
Uni Jena
TU Kaiserslautern
Uni Karlsruhe
Uni Kassel
Uni Kiel
Uni Köln
Uni Konstanz
Uni Leipzig
Uni Magdeburg
Uni Mainz
Uni Marburg
LMU München
TU München
Uni Münster
Uni Nijmegen (NL)
Uni Oldenburg
Uni Osnabrück
Uni Paderborn
Uni Potsdam
Uni Regensburg
Uni Rostock
Uni Saarbrücken
Uni Siegen
Uni Stuttgart
Uni Tübingen
Uni Ulm
Uni Würzburg
Uni Wuppertal
ETH Zürich (CH)
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02
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01
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01
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01
0
01
0
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01
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02
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01
0
0
0
0
0
01
01
0
0
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02
02
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02
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02
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02
01
0
0
0
0
0
0
0
0
0
02
0
02
0
Uni Leipzig
Uni Klagenfurt (A)
0
Uni Konstanz
0
0
0
0
Uni Koblenz-Landau
0
0
0
0
0
0
Uni Kassel
0
02
0
Uni Kiel
TU Kaiserslautern
0
0
01
0
Uni Karlsruhe
0
0
0
0
0
0
0
0
Uni Münster
0
0
• Spitzengruppe
• Mittelgruppe
• Schlussgruppe
• Nicht gerankt
Aufsteiger
Absteiger
ETH Zürich (CH)
(gegenüber letztem Ranking)
01
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0
0
0
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0
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01
0
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02
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01
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02
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01
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01
02
01
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01
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01
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01
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01
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0
0
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02
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02
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01
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02
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01
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02
02
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02
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02
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01
02
0
02
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0
0
0
0
0
0
0
Uni Würzburg
0
0
0
Uni Trier
Uni Ulm
0
0
Uni Stuttgart
0
0
0
Uni Siegen
Uni Tübingen
0
01
Uni Saarbrücken
0
02
01
Uni Rostock
(keine Daten vorhanden, zu geringe Fallzahlen)
0
0
Uni Potsdam
0
0
0
HPI Potsdam
0
0
01
Uni Passau
0
0
01
Uni Paderborn
0
0
0
Uni Osnabrück
0
0
0
Uni Oldenburg
0
02
0
Uni Nijmegen (NL)
0
0
0
Uni Lübeck
Uni BW München
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02
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Uni Jena
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TU Ilmenau
01
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0
0
TU München
0
0
02
01
0
01
0
0
0
0
Uni Heidelberg
0
Uni Hannover
0
0
02
Uni Hamburg
02
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LMU München
0
01
0
02
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0
0
01
01
0
0
TU Hamburg-Harburg
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0
0
0
0
Uni Marburg
0
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0
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Uni Mainz
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Uni Halle-Wittenberg
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FernUni Hagen
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TU Graz (A)
Uni Freiburg
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01
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Uni Frankfurt a. M.
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Uni Erlangen-Nürnberg
Uni Magdeburg
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Uni Duisburg-Essen/Essen
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0
0
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Uni Duisburg-Essen/Duisb.
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Uni Würzburg
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0
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01
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Uni Düsseldorf
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Uni Witten/Herdecke (priv.)
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Med. Uni Wien (A)
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TU Dresden
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TU Dortmund
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Uni Ulm
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0
0
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0
TU Darmstadt
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0
01
Uni Tübingen
0
0
0
0
02
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BTU Cottbus
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Uni Saarbrücken/Homburg
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Uni Rostock
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Uni Regensburg
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02
Uni Nijmegen (NL)
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0
Uni Münster
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TU Clausthal
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TU Chemnitz
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TU München
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Uni Bremen
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LMU München
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0
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Jacobs Univ. Bremen (priv.)
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Uni Marburg
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TU Braunschweig
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Uni Mainz
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Uni Magdeburg
0
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0
0
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FU Bozen (I)
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Uni Maastricht (NL)
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Uni Bonn
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Uni Leipzig
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Uni Bielefeld
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Uni Köln
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TU Berlin
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Uni Kiel
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0
Uni Jena
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0
0
0
0
HU Berlin
01
02
02
Uni Heidelberg/Mannheim
0
0
0
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Uni Heidelberg
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0
0
FU Berlin
0
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02
MH Hannover
0
0
0
0
0
02
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Uni Hamburg
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01
Uni Bayreuth
0
0
Uni Halle-Wittenberg
0
0
01
Uni Groningen (NL)
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0
0
02
Uni Bamberg
0
0
Uni Greifswald
0
0
0
Med. Uni Graz (A)
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0
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02
Uni Augsburg
0
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RWTH Aachen
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Uni Göttingen
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Uni Gießen
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0
0
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Uni Freiburg
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Uni Frankfurt a. M.
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Uni Erlangen-Nürnberg
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01
0
0
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0
Uni Duisburg-Essen
0
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0
TU Dresden
0
0
0
0
Uni Düsseldorf
0
0
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Semmelw.-Uni Budapest (H)
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Uni Bonn
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Uni Bochum
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Charité Berlin
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Es gibt drei Arten von Kriterien. Die erste
Gruppe basiert auf Urteilen von Studierenden,
die zweite auf Bewertungen der Professoren eines Fachs und die dritte auf Fakten. Die Stu-
RWTH Aachen
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Die Kriterien:
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denten bewerten zum Beispiel ihre allgemeine
Studiensituation (»Studiensituation insgesamt«)
und die Betreuung durch die Dozenten. Die
Professoren wurden unter anderem gebeten,
Hochschulen zu empfehlen, die in ihrem Fach
führend in der Forschung sind (»Forschungsreputation«). Zu den Kriterien, die auf Fakten
beruhen, zählen die Zahl der wissenschaftlichen
Veröffentlichungen der Forscher und die zusätzlich zum regulären Etat eingeworbenen
Forschungsgelder. Genaueres zu den Kriterien
im Internet unter www.che-ranking.de. STAN
und bei zwei Kriterien in die Mittelgruppe. Die
nach oben gerichteten Pfeile zeigen an, dass die
Universität gegenüber der Erhebung vor drei
Jahren in zwei Kriterien in eine bessere Gruppe
aufsteigen konnte. Ein Pfeil nach unten steht
analog für den Abstieg.
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Biologie
Chemie
Physik
Medizin
Informatik
Werden die Studenten gebeten, die Studienbedingungen in ihrem Fachbereich ganz
allgemein zu bewerten (»Studiensituation
insgesamt«), schaffen es 20 Hochschulen
in die Spitzengruppe. Unter den Professoren des Fachs Biologie ist die Forschung an
fünf Universitäten (Freiburg, Göttingen,
Heidelberg, LMU München, Tübingen)
besonders angesehen (»Forschungsreputation«). Bei diesem Kriterium wird in allen
Fächern nur die Spitzengruppe hervorgehoben.
Wenn die Studenten gebeten werden, die
Studiensituation in ihrem Fachbereich
ganz allgemein zu bewerten (»Studiensituation insgesamt«), dann schneiden 13
Hochschulen besonders gut ab.
An neun davon sind die Studenten darüber hinaus auch mit der Betreuung und
der Laborausstattung überdurchschnittlich zufrieden. Die LMU München
schafft es als Einzige sogar in allen fünf
hier abgebildeten Kriterien in die Spitzengruppe.
An 14 Hochschulen äußern sich die Studenten mit der »Studiensituation insgesamt« besonders zufrieden. Die Technische
Universität Dortmund, die Uni Jena und
die Uni Rostock schaffen es darüber hinaus
auch in den Kriterien »Betreuung«, »Laborausstattung« und »Wissenschaftliche Veröffentlichungen« in die Spitzengruppe. Den
Universitäten Bayreuth und Jena ist im
Vergleich zur letzten Untersuchung gleich
in drei Kriterien der Aufstieg in die Spitzengruppe gelungen.
Beurteilen die Studenten die Situation in
ihrem Fachbereich ganz allgemein (»Studiensituation insgesamt«), schaffen es 14 Unis in
die Spitzengruppe. An neun von ihnen sind
die Studenten auch mit der Betreuung besonders zufrieden, darunter die Charité Berlin, die Uni Heidelberg/Mannheim sowie die
Unis in Lübeck und Magdeburg. Auch die
Studenten der deutschsprachigen Studiengänge an den niederländischen Unis in Groningen und Maastricht sind mit der Betreuung und der Studiensituation zufrieden.
Bei der Informatik landen 16 Universitäten
in der Spitzengruppe, wenn die Studenten
gebeten werden, die Studiensituation ganz
allgemein zu bewerten (»Studiensituation
insgesamt«). An 12 Universitäten sind die
Studenten mit der Betreuung besonders zufrieden. Und vier Universitäten schaffen es in
die Spitzengruppe, wenn die Professoren
gefragt werden, wo besonders gute Forschung
betrieben wird (»Forschungsreputation«):
Aachen, Karlsruhe, TU München und Saarbrücken.
Mehr zum Thema: Die aktuellen Ergebnisse für alle Fächer finden sich unter
Nr. 20 DIE ZEIT
www.zeit.de/hochschulranking im
S.71
Internet. Dort kann sich auch jeder ein persönliches Ranking maßschneidern
SCHWARZ
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Nr. 20
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ZEITLÄUFTE
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7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Abb.: Klaus Göken/bpk (o.); Foto (Ausschnitt): ullstein
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SCHWARZ
S. 84
DIE ZEIT
Auch auf Anton von Werners Darstellung
des BERLINER KONGRESSES 1878 ist Holstein
dabei (Kreis). Vorn Bismarck, rechts die
türkische Delegation, links, auf den Stock
gestützt, Englands Premier Disraeli mit
Russlands Kanzler Gortschakow (im Sessel)
Der Mann im Hintergrund
E
r war der bekannteste Unbekannte des Kaiserreichs, die Graue Eminenz der deutschen Politik von den
letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis zu seinem Tod im
Mai 1909. Otto von Bismarck hatte ihn »entdeckt«, und in gewissem
Sinne ist Friedrich von Holstein wohl sein Schüler
geblieben, sein Zauberlehrling. Vielen Menschen
war er unheimlich, nicht zuletzt seinem Meister.
Den »Mann mit den Hyänenaugen« nannte Bismarck ihn einmal, und die stets wohlinformierte
Fürstin Marie Radziwill verglich ihn gar mit Joseph
Fouché, dem berüchtigten Polizeiminister Napoleons: So wie Fouché arbeite er »im verborgenen
und fischt geheimnisvoll in mehr oder minder trübem Wasser.« Kaiser Wilhelm II. selbst soll ihn
einen »Höllensohn« genannt haben.
Dass Friedrich von Holstein, der ewige »Vortragende Rat« im Auswärtigen Amt, nach Bismarcks
Abschied die Fäden der Berliner Außenpolitik zog,
war für viele Beobachter eine ausgemachte Sache.
Wenn er sich frage, bemerkte etwa der Berliner Korrespondent der Frankfurter Zeitung, August Stein,
wer seit 1890 in Deutschland und Preußen regiert
habe, so komme er zu dem Schluss, dass dies Holstein
gewesen sei. Und der langjährige bayerische Gesandte in Berlin, Hugo Graf von und zu Lerchenfeld,
pflichtete ihm bei: »Holstein hat einen geradezu unheimlichen Einfluss ausgeübt, er hat drei Reichskanzler und drei Staatssekretäre beherrscht.«
In mancher Erinnerung an das Kaiserreich erscheint er wie ein Schatten, ein böser Dämon, ein
Mann ohne Biografie. Dabei ist nichts an Holsteins
Lebensweg und Karriere bis dahin wirklich außerordentlich gewesen.
Zur Welt kommt er am 24. April 1837 in
Schwedt an der Oder. Seine Mutter Karoline ist bei
der Geburt 45 Jahre alt, Friedrich bleibt ihr einziges
Kind. Der Vater, August von Holstein, lebt nach
Jahren in der Armee als Privatier von den Erlösen
seiner Güter. Privatlehrer erziehen den kleinen Friedrich, Spielkameraden hat er kaum. »Im Allgemeinen«, bekennt Holstein später, »war meine Kindheit
zu einsam, um fröhlich zu sein.«
Im April 1848 begibt sich die Familie auf eine
lange Reise durch Italien, Südfrankreich und die
Schweiz. Zurückgekehrt, mietet man in Berlin, Unter den Linden, ein Haus. Als Externer legt Friedrich
von Holstein 1853 am Köllnischen Realgymnasium
sein Abitur ab; zu dieser Zeit beherrscht er das Französische, Englische und Italienische bereits perfekt.
Bismarck ist sehr angetan und gewährt
dem jungen Mann Familienanschluss
Er studiert Jura, absolviert das erste und das zweite
Examen – und versucht alles, um in den diplomatischen Dienst zu gelangen. Preußens Botschafter in
St. Petersburg, Otto von Bismarck, wird auf ihn aufmerksam. Er sorgt dafür, dass Holstein an seine Botschaft kommt. Im Januar 1861 trifft der schlaksige
junge Mann in der Newa-Stadt ein. Und er macht
seine Sache gut. Bismarck ist sehr angetan und gewährt ihm Familienanschluss. Bereits im April 1862
schreibt der Botschafter an den Außenminister Albrecht Graf von Bernstorff: Holstein sei ein Mann,
der »für den auswärtigen Dienst in hohem Grade
brauchbar zu werden« verspreche.
Im September 1862 wird Bismarck zum Ministerpräsidenten von Preußen berufen. Ein Dreivierteljahr
darauf, im Mai 1863, besteht Holstein das diplomatische Examen. Bismarck konnte ein sehr unangenehmer Vorgesetzter sein. Es fällt deshalb auf, wie viel
Wohlwollen und Großzügigkeit er Holstein auch weiterhin entgegenbringt. Er schickt ihn immer wieder
an Orte, wo er viel erleben, viel erfahren kann: im
Sommer 1863 nach Rio de Janeiro, 1864, während
des Deutsch-Dänischen Krieges, in das Hauptquartier
des Generalfeldmarschalls Friedrich von Wrangel,
danach nach London. 1865 genehmigt er dem jungen
Im Mai 1909 starb in Berlin
Friedrich von Holstein,
die Graue Eminenz des Kaiserreichs,
der große Unbekannte,
der Dämon im Auswärtigen Amt
VON GERD FESSER
FRIEDRICH VON HOLSTEIN (1837–1909).
Foto aus seinen letzten Lebensjahren
Diplomaten eine Reise in die USA. Dort bleibt Holstein fast zwei Jahre. Ihn fasziniert die Natur, er reist
durch die Prärie und schießt Büffel; Amerikas Demokratie berührt den jungen Preußen kaum.
1867 ruft Bismarck ihn zurück, schickt ihn nach
Württemberg, dann nach Kopenhagen. Doch so angenehm sich Holsteins Diplomatenleben unter Bismarcks Protektion gestaltet – die Aussicht, die besten
Jahre in einer untergeordneten Position zu versauern,
erschreckt ihn. Er lässt sich beurlauben und wechselt
probeweise in die Wirtschaft. Es wird ein Desaster:
Holstein verliert fast das gesamte Vermögen, das er
nach dem Tode seiner Eltern geerbt hat.
Reumütig kehrt er in den Dienst zurück. Im Oktober 1870 – der Deutsch-Französische Krieg ist
bereits entschieden und Napoleon III. gefangen –
veröffentlicht er, ganz im Sinne seines großen Chefs,
anonym in der Londoner Times einen Artikel, in dem
er eine Annexion Elsass-Lothringens mit historischen
Begründungen rechtfertigt.
Anfang Januar 1871, kurz vor der Kaiserproklamation, stellt Holstein sich unaufgefordert im Hauptquartier in Versailles ein. Bismarck, der ansonsten auf
Eigenmächtigkeiten seiner Beamten sehr allergisch
reagiert, nimmt ihn freundlich auf. Er kann ihn gut
gebrauchen. In der Nacht zum 26. Februar redigiert
Holstein zusammen mit Paul Graf von Hatzfeld den
französischen Text des Präliminarfriedens. Wenig später wird er 2. Sekretär der Botschaft in Paris, die seit
September 1871 Harry Graf von Arnim leitet.
Zum ersten Mal gerät er ins Zentrum eines komplizierten Konflikts. Zwischen Arnim und Bismarck
entstehen Meinungsverschiedenheiten, gleichzeitig
sieht der Kanzler in dem Botschafter einen Rivalen.
Bismarck setzt bei Kaiser Wilhelm I. die Abberufung
Arnims durch und erhebt den Vorwurf, Arnim habe
Akten der Botschaft unterschlagen. Es kommt zu
einem Skandalprozess. Holstein muss als Zeuge aussagen. Arnim ist empört. Sein Verteidiger beschuldigt
Holstein, als Spion Bismarcks seinen Vorgesetzten
überwacht zu haben. Von dem Vorwurf bleibt etwas
hängen – noch zehn Jahre später nannte Holstein die
Arnim-Affäre die »größte Unannehmlichkeit« seines
Lebens.
Nr. 20 DIE ZEIT
Bismarck indes ist zufrieden mit seinem Geschöpf.
Im April 1876 ruft er ihn als »Hilfsarbeiter« ins Auswärtige Amt nach Berlin. Zwei Jahre später wird
Holstein zum Vortragenden Rat ernannt – und das
sollte er 28 Jahre lang bleiben. Tatsächlich aber macht
ihn Bismarck zu seinem engsten außenpolitischen
Mitarbeiter. Wiederholt bestellt ihn der Reichskanzler für längere Zeit auf seine Besitzungen Varzin und
Friedrichsruh bei Hamburg.
Gleichzeitig beginnt Holstein mit dem Einverständnis Bismarcks, einen eigenen Informationsapparat aufzubauen. Er führt mit zahlreichen deutschen
Diplomaten eine umfangreiche private Korrespondenz, die nicht den offiziellen Geschäftsgang durchläuft. Oft gibt er auch in Privattelegrammen dienstliche Anweisungen. Manchem wird dieses Gebaren
mit der Zeit ein wenig unheimlich. Denn über die
speziellen Charaktereigenschaften des eigenbrötlerischen Junggesellen sind sich fast alle, die mit ihm zu
tun haben, einig: extrem misstrauisch, sehr empfindlich, rachsüchtig und intrigant.
Zweifellos bewundert Holstein seinen Meister. Auf
dem Berliner Kongress 1878, auf dem Bismarck als
»ehrlicher Makler« zwischen Russland, England,
Österreich und dem Osmanischen Reich vermittelt,
ist er als Vertrauter des Kanzlers dabei. Noch teilt er
dessen Grundidee, nach der ein kompliziertes System
von Abkommen, Bündnissen und einem Rückversicherungsvertrag die europäische Machtbalance erhalten soll. Und doch beginnt sich Holstein seit Mitte der achtziger Jahre insgeheim von seinem Lehrer zu
emanzipieren. Wie immer bei ihm spielen dabei sowohl sachliche Erwägungen als auch politische Ambitionen und charakterliche Eigenheiten eine Rolle.
Bismarck will unbedingt ein gutes Verhältnis zum
Zaren wahren und jede Gefahr eines Zweifrontenkriegs gegen Russland und Frankreich vermeiden. In
den Führungskreisen des Reiches wird jedoch Kritik
an dieser Politik laut. Ein Krieg mit Russland und
Frankreich, so heißt es, werde ohnehin kommen, und
da sei es besser, ihn präventiv zu führen. Besonders
aggressiv in dieser Frage gebärdet sich der stellvertretende Generalstabschef Alfred Graf von Waldersee.
Er ist Holsteins Mann. Ganz im Geheimen beginnt
der Vortragende Rat, der Russlandpolitik Bismarcks
entgegenzuarbeiten. Er beliefert Waldersee sowie die
österreichische Regierung mit Informationen. Holsteins Ziel: ein Bündnis mit Habsburg und Großbritannien gegen Russland und Frankreich.
In seinem Tagebuch und in Briefen an seine wohl
einzige persönliche Vertraute, die Kusine Ida von
Stülpnagel, äußert er sich nun immer abfälliger über
den inzwischen siebzigjährigen Kanzler. »Seine Art
zu arbeiten«, schreibt er am 10. Oktober 1886 an Ida,
»wird mehr und mehr dilettantenhaft und unzusammenhängend. Er denkt, in einer halben Stunde beim
Frühstück kann er die Welt regieren, den übrigen
Tag faulenzt er oder diktiert müßige Zeitungsartikel,
die alle viel besser ungeschrieben blieben.«
Der neue Kanzler kennt sich nicht aus.
Jetzt schlägt Holsteins Stunde
Als Bismarck 1890 von Wilhelm II. gestürzt wird,
ist von seinem Musterschüler Holstein nichts zu
bemerken. Waldersee und die anderen Gegner des
Reichskanzlers können sich auf ihn verlassen: Holstein unterstützt sie ganz im Stillen mit allen Informationen, die sie gegen Bismarck brauchen.
Ende März 1890 ernennt Wilhelm zur allgemeinen
Überraschung den General der Infanterie Leo von
Caprivi zum Reichskanzler. Der Mann ist außenpolitisch völlig unerfahren und auf Berater respektive Einflüsterer angewiesen. Jetzt schlägt Holsteins Stunde.
Auf sein Drängen hin erneuert die Reichsregierung den Rückversicherungsvertrag mit Russland
nicht. Stattdessen setzt sie auf eine Festigung des
Dreibundes mit Österreich-Ungarn und Italien und
versucht zunächst noch alles, England in diese Allianz
miteinzubeziehen. Dies aber scheitert. Großbritannien bleibt in Splendid Isolation – und die russische
S.84
SCHWARZ
Regierung schließt 1893 eine Militärkonvention mit
dem hocherfreuten Frankreich ab.
Holstein setzt große Hoffnungen in den jungen
Kaiser. Rasch aber erkennt er dessen gefährliche
Schwächen. Am 21. Dezember 1895 warnt Holstein
Wilhelms Vertrauten Philipp zu Eulenburg, der den
Kaiser in seinem Streben nach einem »persönlichen
Regiment«, einer Art neoabsolutistischer Herrschaft,
bestärkt: »Sorgen Sie, daß die Weltgeschichte Sie
nicht einstmals als den Schwarzen Reiter malt, der
zur Seite des Kaiserlichen Wanderers war, als dieser
auf den Irrweg einlenkte.«
An Holstein kommt niemand mehr vorbei. Unermüdlich spinnt er seine Fäden, und das, obwohl
er Gesellschaften meidet und das Leben eines Einsiedlers führt. Selbst den Urlaub pflegt er allein zu
verbringen, meist im Harz, wo er eisern wandert. In
seiner Wohnung will er weder elektrisches Licht noch
Telefon haben. Nur das Aufkommen des Fahrrads
interessiert ihn sehr; zu seinem Kummer aber rät ihm
sein Arzt dringend davon ab, selbst zu fahren.
Emsig arbeitet Friedrich von Holstein an der
neuen Außenpolitik. Zusammen mit dem späteren
Reichskanzler Bernhard von Bülow entwickelt er
1895 seine Leitidee: Das Deutsche Reich solle sich
aus Bismarcks statischem Vertragswerk befreien und
die Gegensätze zwischen den weltpolitischen Rivalen
Großbritannien und Russland sowie zwischen Großbritannien und Frankreich ausnutzen, um eine dynamische »Politik der freien Hand« zu betreiben.
Deutschland könne von der ungebundenen Rolle
des lachenden Dritten nur profitieren.
Im Jahr 1900 wird Bülow zum Reichskanzler
ernannt. Gleich bietet er Holstein an, Staatssekretär
des Auswärtigen Amtes, also Außenminister, zu werden. Der aber scheut jegliches öffentliche Auftreten
und lehnt ab. Holstein, seit Jahrzehnten wie kein
Zweiter mit allen Geheimnissen der deutschen Diplomatie vertraut, bleibt Vortragender Rat – und
behält seinen großen Einfluss, zumal Bülow in den
ersten Jahren seiner Kanzlerschaft viel Zeit und Kraft
für die Innenpolitik aufwenden muss.
Doch auch Bülow misstraut er. In einer wichtigen
Frage nämlich sind der Kanzler und er konträrer
Meinung. Wenn es überhaupt eine Ausnahme von
der »Politik der freien Hand« geben sollte, dann wäre
das für Holstein nur das Bündnis mit Großbritannien (gegen Russland). Bülow hingegen ist strikt
antibritisch eingestellt und kann sich seinerseits nur
ein Bündnis mit Russland vorstellen. Dementsprechend betrachtet Holstein die Flottenrüstung skeptisch, wendet sie sich doch direkt gegen England.
Bülow indes hat sie auf seine Fahne geschrieben, weil
der Kaiser sie unbedingt will. Aber wie immer sie auch
streiten und sooft Bülow Holstein schließlich doch
folgt: 1904 stehen sie beide vor den Trümmern ihrer
»Politik der freien Hand«. Am 8. April schließen die
alten Erbfeinde Großbritannien und Frankreich ihren
Freundschaftsvertrag, die Entente cordiale.
Trost kommt aus dem Osten. 1905 ist das mit
Frankreich verbündete Russland, durch die Niederlage
im Krieg gegen Japan und eine erste Revolution geschwächt, außenpolitisch nicht aktionsfähig. Bülow
und Holstein beschließen, diese Situation zu einem
Vorstoß gegen Frankreich auszunutzen. Sie wollen die
französische Expansion in Marokko stoppen, zugleich
Frankreich demütigen und damit die neue englischfranzösische Entente nachhaltig schwächen.
Am 31. März 1905 reist Wilhelm II. in die Hafenstadt Tanger – zum Zeichen, dass auch das deutsche Kaiserreich Ansprüche auf Marokko erhebt.
Wenige Tage später fordert die Reichsregierung, eine
internationale Konferenz von 13 Staaten einzuberufen, die über die Ansprüche Frankreichs und anderer
Länder auf Marokko befinden soll. Holstein will
die Regierenden in Paris durch Kriegsdrohungen
einschüchtern, einen Krieg aber vermeiden.
Die Rechnung geht auf. Die französische Regierung weicht zurück und stimmt dem Berliner Vorschlag zu. Doch die internationale Konferenz, die
von Januar bis April 1906 in der spanischen Stadt
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Algeciras tagt, endet mit einer schweren Niederlage
für Deutschland: Die Konferenzmehrheit überträgt
allein Frankreich die Kontrolle über die Polizei sowie
das Finanz- und Zollwesen Marokkos.
Das Debakel zerreißt das Bündnis zwischen Bülow und Holstein. Bülow beschließt, sich seinen
dominanten Mitarbeiter vom Halse zu schaffen –
und ihn zugleich durch eine Pressekampagne der
Öffentlichkeit als Sündenbock für Algeciras zu präsentieren. Mittels einer Intrige gelingt der Coup: Am
16. April 1906 entlässt der Kaiser Holstein.
Diesen trifft es wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er ist zunächst überzeugt, Wilhelms Busenfreund Eulenburg habe seinen Sturz herbeigeführt.
Doch bald schon ahnt er, wer tatsächlich Regie geführt hat. Gleichwohl berät Holstein Bülow weiter.
Die Politik lässt ihn nicht los, und nur Bülow ist,
trotz aller Animositäten, für seine Ratschläge zugänglich. Im Übrigen sind sie sich in einem entscheidenden Punkt mittlerweile einig: Auch Bülow hat nun
begriffen, wie hochgefährlich das deutsch-britische
Flottenwettrüsten ist. Er bemüht sich, Einhalt zu
gebieten, scheitert freilich am Widerstand des Kaisers
und des Admirals Alfred von Tirpitz.
Holstein »berät« fleißig weiter. So verfahren Bülow und sein Mitarbeiter Alfred von Kiderlen während der Bosnischen Krise 1908/09 ganz nach seinen
Anweisungen. Sie zwingen Russland durch ein Ultimatum, die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn anzuerkennen – ein
Prestigeerfolg gegen die britisch-französisch-russische
Entente. Doch es ist ein Pyrrhussieg: Der deutschrussische und der österreichisch-serbische Gegensatz
spitzen sich weiter zu, und das gedemütigte Russland
forciert seine Rüstungsanstrengungen.
In einem letzten Brief fleht er Bülow an,
Frieden mit England zu machen
Am 3. April 1909 besucht Bülow den schwer kranken
Holstein zum letzten Mal in dessen Wohnung in der
Großbeerenstraße. Holstein beschwört den längst
amtsmüden Kanzler auszuharren und ruft mehrmals
mit letzter Kraft: »Bleiben, bleiben!« Drei Tage später
schreibt er Bülow mühsam mit Bleistift einen Brief,
in dem er ihn drängt, durch eine Verständigung über
die Flottenrüstung »Frieden mit England« zu machen.
Am 8. Mai stirbt Friedrich von Holstein.
Der Öffentlichkeit wird der Vortragende Rat erst
nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs bekannt.
Jetzt schreiben die meisten der gescheiterten Politiker
der Kaiserzeit ihre Memoiren (oder lassen sie schreiben). Darin machen sie Holstein zum Sündenbock
für alle außenpolitischen Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte. Er sei es gewesen, der das Reich ins
Unglück gestürzt habe. Nicht Wilhelm, nicht die Militärs – er sei der wahre Totengräber Deutschlands.
Erst die Veröffentlichung der Briefe, Tagebücher
und Memoiren Holsteins (1932 und 1956 bis 1963)
entzog der Dämonisierung der Grauen Eminenz den
Boden. Gleichwohl trägt Holstein seinen Teil an der
Schuld. Zwar hat er die politischen Eskapaden Wilhelms und insbesondere die unheilvolle Flottenrüstung intern kritisiert. Doch hat er zugleich maßgeblich zur Verschlechterung der deutsch-russischen
Beziehungen beigetragen, und sein Hoffen auf ein
Bündnis mit Großbritannien war illusionär.
1905/06 und 1908/09 plädierte er – im Streit
mit Frankreich und dann mit Russland – nachdrücklich für einen riskanten Konfrontationskurs am
Rande eines großen Krieges. 1906 kam das Deutsche
Reich bei dieser Politik mit einem blauen Auge davon, 1909 errang es scheinbar einen Sieg. Als die
Regierenden des Kaiserreichs 1914 Holsteins »Erfolgsrezept« erneut anzuwenden suchten, lösten sie
die Katastrophe aus.
Der Autor ist Historiker und lebt in Apolda bei Weimar.
Mehr zum Thema in seinem Buch »›Herrlichen
Tagen führe Ich euch noch entgegen‹ – Das wilhelminische
Kaiserreich 1890–1918«, das diesen Monat
im Donat Verlag, Bremen, erscheint (288 S., 18,50 €)
Nr. 20
Preis Österreich 4,00 €
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DIE ZEIT
DIE
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ZEIT
WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR
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Nr. 20
7. Mai 2009
44 Sommer-Seiten
Titelbild: Stefano Dal Pozzolo/Contrasto/laif (Papst); Carl & Ann Purcell/CORBIS (Fahne); Montage: DZ
Der Papst
und die
Juden
Benedikt XVI. ist von Krise zu Krise
gestolpert. Ausgerechnet jetzt tritt er seine
schwerste Reise an – nach Israel
Liza Minnelli in concert, 90 Jahre
Bauhaus, Baden in Kunst u. v. a.:
Höhepunkte des Kultursommers
Kulturhauptstadt
Wie Linz mit dem Erbe der
NS-Vergangenheit umgeht
und warum das nicht allen
in der Stahlstadt gefällt
POLITIK SEITE 14
Jetzt am Kiosk
POLITIK SEITE 4/5
Der ZEIT Studienführer
mit dem größten
Uni-Ranking vom
Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)
Weil es Italiener sind? Gestärkte Abwehr
M
ie Restaurants in Mexiko-Stadt dürfen
Ohne besonnene Bürger bleibt jeder Warner in
im Lauf der Woche wieder öffnen, der fatalen Lage, das Unheil zwar vorherzusehen,
nachdem sie ihre Gäste tagelang aus- aber kein Gehör zu finden – das wissen wir seit der
sperren mussten. So hat es der mexi- Seherin Kassandra aus der altgriechischen Sagenkanische Gesundheitsminister in Aussicht gestellt. welt. Für sie war die schreckliche Vorahnung eine
Burritos und Salsa im gemütlichen Gedränge, das Qual, die niemandem nutzte. Diesmal jedoch
passt zu der vorsichtigen Entspannung, die sich scheint eine kluge Kassandra das rechte Maß für
nun ebenso rasch ausbreitet wie zuvor die Furcht ihre Warnung gefunden zu haben.
Paradox ist bloß: Ob alle Unheilsbotschaften
vor AH1N1, der Schweinegrippe, die viele Forscher
mittlerweile »Amerikanische Grippe« nennen. Hat der vergangenen zwei Wochen gerechtfertigt oder
die rasche Reaktion einer gut vernetzten Welt uns übertrieben waren, lässt sich im Nachhinein kaum
vor einem Seuchenzug bewahrt?
sagen. Wer wirkungsmächtig warnt, riskiert autoGewiss ist, nie waren wir besser vorbereitet als matisch den Vorwurf, er habe übertrieben. Andeheute. Die Millionen Opfer vergangener Seuchen- rerseits leistet, wer stets Panikmache wähnt, der
züge haben das Bewusstsein von Forschern und Abstumpfung Vorschub. Dabei ist gewiss, dass solGesundheitspolitikern geschärft. Anders als bei der che Epidemien wiederkehren werden. Ob schreckverheerenden Spanischen Grippe von 1918/19 licher Killer oder vergleichsweise harmloses Virus,
verfügen wir heute über antidas wird sich indes niemals
virale Medikamente und könsofort bestimmen lassen. In
einer idealen Welt würde danen prinzipiell auch massenhaft
her jeder neue Erreger die
Impfstoffe produzieren.
Aufmerksamkeit schärfen,
Noch ist die Seuche nicht
gleichsam als perfektes Traibesiegt. Noch stecken sich
Mit dieser Ausgabe erscheinen
ning für unser globales seuMenschen weltweit mit dem
die Ressorts Feuilleton und
chenmedizinisches Immunneuartigen Virus an. Aber die
Literatur in einem gemeinsamen
system.
Zahl der Infizierten ist deutlich
16-seitigen Zeitungsbuch.
Wenn jetzt die Schweinegeringer als befürchtet. Zudem
Bewährtes wird durch neue
verläuft die Krankheit in den
grippe keine traurigen SchlagElemente ergänzt – in einem
meisten Fällen milde. Die
zeilen mehr liefert, wird sich
klassisch-modernen
Weltgesundheitsorganisation
die Aufmerksamkeit rasch anErscheinungsbild
hofft, die Ansteckungswelle
deren Krisenherden zuwenwerde nun abebben.
den. Dabei betont die WeltDie Welt hat erfolgreich in Wachsamkeit in- gesundheitsorganisation, für eine Entwarnung sei
vestiert. Europa gründete ein neues Zentrum für es noch zu früh, die Bedrohung dauere an. TatsächSeuchenkontrolle in Stockholm, in Deutschland lich müssen die Virenwächter dieser Tage eine
regelt ein penibler Plan den Pandemiefall. Vor schwere Entscheidung treffen. Sie müssen abwägen,
allem jedoch haben Regierungen und Bevölke- ob der Ausbruch in Mexiko nur eine erste Welle
rung diesmal diszipliniert reagiert, statt sich war, wie es sie bei früheren Pandemien oft gab.
leichtsinnig über Warnungen hinwegzusetzen Kehrt das Virus in einem halben Jahr zurück?
oder aber hysterisch zu werden.
Jede Antwort ist hier Spekulation. Die Frage
Noch bei der Lungenkrankheit Sars, ebenfalls jedoch, die beantwortet werden muss, lautet: Braudurch ein Virus hervorgerufen, war das ganz an- chen wir trotz der gefühlten Entwarnung einen
ders. Im Frühjahr vor sechs Jahren ängstigte Sars Impfstoff gegen AH1N1? Und wie wichtig ist uns
die Welt. Das am schwersten betroffene Land, dieser? Denn die übliche Wintergrippe – auch wenn
die Volksrepublik China, vertuschte das Ausmaß sie in ihrer erwartbaren Regelmäßigkeit kaum Aufder Epidemie, verzögerte Schutz- und Hilfsmaß- merksamkeit findet – fordert jedes Jahr weltweit
nahmen. Später konnten Forscher den Erreger zwischen einer Viertel- und einer halben Million
bis in die südchinesische Provinz Guangdong zu- Menschenleben, Tausende davon in Deutschland.
rückverfolgen, wo er bereits Monate zuvor auf- Konzentriert man nun aus Angst vor einem neuen
getreten war – und womöglich hätte eingedämmt 1918/19 die begrenzten Ressourcen auf die Herwerden können.
stellung einer Schweinegrippeimpfung, so sterben
Transparenz und Schnelligkeit sind die wich- 2009/10 sicher mehr Menschen an der ganz getigsten Tugenden der Seuchenhygiene. Zwischen wöhnlichen Grippe.
einem und anderthalb Monaten hat es bei der
Die erfolgreichen Warner sind mit einem
Schweinegrippe von der ersten Infektion eines neuen Kassandra-Dilemma konfrontiert – und
Menschen bis zur globalen Sensibilisierung ge- die Menschheit steht vor einer widersprüchlidauert. Diesmal tat sich China als besonders eif- chen Herausforderung: Sie muss gerade die verriger Virenwächter hervor. Von Anzeichen einer hinderten Katastrophen im Gedächtnis bewahPanik indes wird weder aus der Volksrepublik ren, um sich vor den kommenden noch besser
noch aus anderen Teilen der Welt berichtet. In schützen zu können. Besonders vor jener Pandeden Wind geschlagen haben die Bürger die In- mie, die nun fürs Erste vertagt wurde.
formationen von Gesundheitsämtern, Reisevera www.zeit.de/audio
anstaltern und Fluglinien aber ebenso wenig.
an braucht schon viel Fantasie, um
sich vorzustellen, dass aus den geldverbrennenden Opel-Werken, dem
hoch verschuldeten Fiat-Konzern
und dem insolventen US-Hersteller Chrysler ein
starker Autoriese gebildet werden könnte. Sergio
Marchionne hat diese Fantasie.
Was dem Fiat-Chef fehlt, ist das nötige Geld.
Marchionne will seine Vision eines neuen transatlantischen Autokonzerns mit deutschen Milliardenbürgschaften verwirklicht sehen. In dieser
Woche war er in Deutschland auf Werbetour.
Er hat gute Argumente, aber er stößt auf Argwohn und Ablehnung. Die Financial Times
Deutschland nannte Marchionne einen »Heiratsschwindler«. Man unterstellt dem Italiener, er
habe es nur auf deutsche Technik und deutsches
Geld abgesehen. Dahinter steckt ein Vorurteil
gegenüber einer Autofirma, die lange Zeit nicht
für Qualität stand. Dahinter steckt auch ein Ressentiment gegenüber einem Land, das den Unternehmer Silvio Berlusconi – einen Mann, der
Privates, Geschäftliches und Politisches nicht zu
trennen vermag – dreimal zum Ministerpräsidenten gewählt hat. Und der nennt die OpelAllianz jetzt einen »Traum für alle Italiener«.
Ein Investor für Opel, der kein
Staatsgeld braucht, wird noch gesucht
Bei den Opelanern sind es nicht nur Vorurteile,
sondern auch Erfahrungen, die sie gegen Fiat
einnehmen. Die beiden Unternehmen haben
von 2000 bis 2005 zusammengearbeitet, und bei
Opel hat man diese Zeit in schlechter Erinnerung behalten. Die Ingenieure in Rüsselsheim
fühlen sich denen in Turin technisch überlegen.
Heute fürchten sie bei Opel, nach einer amerikanischen Stiefmutter bald einer italienischen
ausgeliefert zu sein. Dabei ist doch größtmögliche Unabhängigkeit das erklärte Ziel. Die Opelaner blenden aber nicht nur den Umstand aus,
dass sie als Tochterfirma eines amerikanischen
Konzerns über Jahrzehnte gut gefahren sind.
(Ohne den Einstieg von General Motors hätte
Opel schon die Weltwirtschaftskrise von 1929
nicht überlebt.) Sie verschließen die Augen auch
vor der Tatsache, dass der Autobauer auf sich gestellt keine Überlebenschance hat. Opel kann
sich weder komplett von General Motors lösen,
noch kommt das Unternehmen ohne neue Partner und Investoren aus. Opel muss weiter Personal abbauen und, über kurz oder lang, auch
Werke schließen. Daran führt nur ein Weg vorbei, und der ist mit Subventionen gepflastert. Es
gibt heute auf der Welt Autofabriken, die für
eine Produktion von 90 Millionen Fahrzeugen
im Jahr ausgelegt sind. Aber nur halb so viele
werden 2009 auch Käufer finden.
Fiat-Chef Marchionne kennt das Problem
der Überkapazitäten genau. Und er liegt auch
richtig in seiner Analyse, dass Fiat und Opel eine
bessere Chance im internationalen Wettbewerb
D
hätten, wenn sie künftig ihre Modelle auf einer
gemeinsamen Plattform bauen würden. Beide
Hersteller sind auf kleinere und mittlere Autos
spezialisiert und konkurrieren bislang miteinander. Was aus Sicht der Opel-Arbeitnehmer ein
Argument gegen den Zusammenschluss mit Fiat
ist, das ist industriell gesehen eines dafür. VW
macht vor, wie man mit großen Stückzahlen und
vielen Marken Milliarden an Kosten einspart.
So verwegen, wie er klingt, ist der Plan des
Sergio Marchionne also nicht. Er ist auch nicht
unlauter, weil er mit Steuergeldern rechnet. Man
darf ja nicht vergessen, dass sich bislang weltweit
kein Investor gefunden hat, der Opel kaufen
wollte, ohne dass ihm der deutsche Staat dabei
hülfe. Die Autofirma ist alles andere als eine begehrte Braut. Diese Erkenntnis sollte bei allen
Beteiligten, die Vertreter der Arbeitnehmer eingeschlossen, für eine gewisse Demut sorgen.
Die Wirtschaftswelt hat sich stark gewandelt.
Feindliche Übernahmen waren gestern. Allem
Angstgerede von Heuschrecken und Staatsfonds
zum Trotz fehlt es an privaten Investoren, besonders an solchen, die Eigenkapital haben und
nicht nur Kreditnehmerqualitäten.
Sicher, auch Marchionne kommt nicht mit
Geld, sondern mit einer industriellen Idee. Diese muss abgewogen werden gegen das Angebot
des kanadisch-österreichischen Autozulieferers
Magna, der gemeinsam mit russischen Geldgebern Interesse für Opel zeigt. Magna ist der
Wunschpartner der Arbeitnehmer und einiger
SPD-Granden, weil es anders als beim Zusammengehen mit Fiat kaum Überschneidungen
gibt. Derzeit erscheint das Konzept des Topmanagers aus Turin allerdings als das besser durchdachte, denn es läuft auf einen großen internationalen Autokonzern hinaus, der in einem Massenmarkt bestehen kann.
Man sollte nicht außer Acht lassen, dass Marchionne ein erprobter Sanierer und Konzernreformer ist. Der Italokanadier mit den zwei
Pässen und den drei Universitätsabschlüssen hat
mehrere Firmen auf Vordermann gebracht. Bei
der Sanierung von Fiat ist ihm das für unmöglich Gehaltene gelungen. Zwar schreibt auch der
größte italienische Konzern in der Autosparte
rote Zahlen, Staatshilfe braucht er aber nicht.
Es scheint ausgeschlossen, dass Opel am
Ende keine Staatsbürgschaft aus Berlin bekommt, denn in Deutschland ist Wahlkampf.
Wenn der Autobauer aber durch den Einsatz
von Steuergeld gerettet werden soll, geht das nur
durch international abgestimmte Industriepolitik. Mit dem Segen der US-Regierung ist Fiat
gerade bei Chrysler eingestiegen. Ein Dreierbündnis mit Opel wäre ohne Zweifel schwierig
umzusetzen. Aber es ist bislang auch das einzige
Konzept, das langfristig Erfolg verspricht.
Das neue Feuilleton
Siehe auch Wirtschaft, S. 23; Feuilleton, S. 47
a www.zeit.de/audio
Nr. 20 DIE ZEIT Österreich
S.1
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SIEHE CHANCEN SEITE 73–75
WWW.ZEIT.DE/RANKING
Mein Mond
Der große
Peter Sartorius
besucht nach 40
Jahren noch einmal die MondMAGAZIN SEITE 10
Eroberer
PROMINENT IGNORIERT
Eva-Elisabeth MüllerLüdenscheidt-Dieckmann
So viele Namen!
Unsereins macht keinen Wind
und heißt Hinz oder Kunz. Andere »wohnen bei den Sternen droben«, wie Hugo Laurenz August
Hofmann, Edler von Hofmannsthal, einst schrieb. Sie heißen Elisabeth Noelle-Neumann-MaierLeibnitz, wie sie wirklich mal hieß.
Jetzt sagt das Verfassungsgericht:
Dreifachnamen bleiben verboten.
Liebe Frau Rosemarie ThalheimKunz-Hallstein aus München!
Dürfen wir Sie Rosi Kunz nennen
(ganz unter uns)?
GRN.
Kleine Fotos v.o.n.u.: Daniela Federici; Contrasto/laif;
Jens Passoth; SZ Photo; dpa/Montage:DZ
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NR.
20
A 64. Jahrgang C 7451 C
20
Die Angst vor der Schweinegrippe lässt nach. Die Welt hat Glück gehabt –
aber sie war auch gut vorbereitet VON STEFAN SCHMITT
4 1 90 74 5 1 03 60 2
Fiat will mit Opel und Chrysler eine starke Autoallianz schmieden – und
stößt trotz guter Argumente auf großen Argwohn VON RÜDIGER JUNGBLUTH
Nr. 20
DIE ZEIT
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ÖSTERREICH
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
13
DONNERSTALK
SEUCHENSCHUTZ:
Moderne Forscher,
frühe Pestärzte und
das Geheimnis der
Mikroben
Die Angst vor der Apokalypse
Seit je flößen Mikroben der Menschheit Furcht und Schrecken ein. Eine kleine Geschichte der Seuchenhysterie
D
ie Urteile könnten unterschiedlicher
nicht sein. In Mexiko, wo der neue
Grippeerreger H1N1 seine Reise um
den Globus begonnen hat, kehren
die Menschen zur Normalität zurück. Sie entfernen die – ohnehin wenig wirkungsvollen –
Schutzmasken von Mund und Nase und beginnen die Straßen, die tagelang wie leer gefegt
waren, zu bevölkern. Ist die Angst vor einem
vermeintlichen Killervirus nun so rasch wieder
verebbt, wie sie angeschwollen war? »Pure Hysterie, wie üblich«, urteilte das Magazin profil zu
Wochenbeginn in Wien. Im globalen Lagezentrum der Weltgesundheitsorganisation in Genf,
dem sogenannten Shoc room, weigern sich die
Virenwächter indessen, zur Tagesordnung überzugehen. Vielmehr zogen sie es am Dienstag
weiterhin in Betracht, die höchste Pandemiestufe 6 auszurufen. Das bedeute zwar nicht, dass
ein Seuchenzug mit Millionen Toten unmittelbar bevorstehe; lediglich sei ein neues, globales
Gesundheitsrisiko manifest geworden, dessen
Gefahrenpotenzial gegenwärtig niemand einschätzen könne. Trotz aller biokryptografischen
Mühen: Die Mikrobe gibt den Forschern weiterhin Rätsel auf. Sie können weder vorhersagen,
welche Tarnmanöver sie lernen wird, um das
menschliche Immunsystem zu täuschen, noch
welche Strategie sie einschlagen wird, um ihrer
evolutionären Bestimmung, massenhafter Vermehrung, gerecht zu werden.
Mit jedem neuen Erreger, der in den vergangenen Jahrzehnten aufgetaucht ist, ob Aids, Sars
oder Vogelgrippe, kehrt auch eine uralte Menschheitsangst zurück: jene vor der apokalyptischen
Seuche. Aller Fortschritt vermochte nicht, die
Macht der Mikroben zu brechen. Vor allem jenen, die ihr Leben damit verbringen, den mikroskopisch winzigen Wesen auf die Schliche zu
kommen, flößt die tödliche Präzision, mit der sie
die Zellen ihrer Opfer vernichten, Respekt ein.
Der im vergangenen Jahr verstorbene Mikrobiologe und Nobelpreisträger Joshua Lederberg beispielsweise kehrte nach seiner Pensionierung als
Universitätsrektor ins Labor zurück, nur um zu
erkennen, dass für jede Antwort, die er fand, sich
ihm eine Legion neuer Fragen stellte. »Viren sind
unsere einzigen wahren Rivalen um die Herrschaft über den Planeten«, sagte er. »Die nächste
Katastrophe kommt bestimmt«, beharrte er.
Der Fortschritt der Zivilisation
bahnt Seuchen den Weg
Sie lässt sich bloß nicht vorhersagen. Immer brechen Seuchen wie aus dem Nichts über die Menschen herein, und ebenso plötzlich stellen die Erreger ihre tödliche Aktivität wieder ein, ohne dass
bis heute eine plausible Erklärung dafür gefunden
wurde, nach welchen Gesetzmäßigkeiten dieser
evolutionäre Dialog der Arten erfolgt. Viren und
Bakterien sind allgegenwärtig, Millionen verschiedener Mikrobenarten umschwirren Mensch und
Tier gleichermaßen. Seit Homo sapiens den Blauen Planeten besiedelt, seit gut hunderttausend
Jahren also, haben sie, die es seit drei Milliarden
Jahren gibt, mehr Opfer gefordert als alle Kriege
und Naturkatastrophen. Sie haben Völkerwanderungen ausgelöst, ganze Stämme ausgelöscht,
Feldzüge entschieden, Imperien vernichtet, den
Lauf der Geschichte verändert. Der Kulturphilosoph Egon Friedell datierte das »Geburtsjahr des
modernen Menschen« sogar auf den Epochenbruch der Pestepidemie von 1348.
Während des ganzen Marsches der Zivilisation
waren Mikroben die getreuesten Begleiter der Spezies Mensch. Mehr noch: Sie haben jeden zivilisatorischen Fortschritt, Sesshaftigkeit, Agrikultur,
Urbanisierung, Handel, Industrialisierung und
Globalisierung, zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen verstanden. Die fortschreitende Modernisierung mit ihrer immer größeren Bevölkerungsdichte und wachsenden Mobilität schuf auch immer
bessere Bedingungen, unter denen Mikroben gedeihen können. Seuchen sind der Preis, den der
Fortschritt fordert. »Man sollte stets daran denken:
Je mehr wir gewinnen, desto mehr bahnen wir
einer potenziellen katastrophalen Infektion den
Weg«, behauptete der Medizinhistoriker William
McNeill, Autor eines Standardwerkes über die
Geschichte der Seuchen (Plagues and Peoples). »Wir
werden niemals den Grenzen des Ökosystems entkommen.«
Es hat allerdings mehrere Jahrtausende gebraucht, bis die Menschheit ansatzweise erkannte, worin die unsichtbare Heimsuchung
bestand, der sie regelmäßig ausgeliefert war.
Erst die Entwicklung des Mikroskops erlaubte
es der Wissenschaft, in die Welt der Mikroben
vorzudringen. Einige der schlimmsten Geißeln
der Menschen, die Erreger von Pest, Tuberkulose, Cholera oder Pocken, wurden erst in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entdeckt,
und erst dann konnten Strategien zur Bekämpfung entwickelt werden. In einer der schaurigsten Seuchenerzählungen, Die Maske des roten
Todes, mutmaßte noch 1842 Edgar Allen Poe,
der selbst eine Cholera-Epidemie in Baltimore
überlebt hatte, über die Ursache des Unheils.
Hinter der roten Maske des Todesboten verbirgt sich nichts.
In ihrer Hilflosigkeit hatten die Betroffenen
gleichviel stets nach Erklärungsmodellen für den
plötzlichen Ausbruch einer Infektionskrankheit
gesucht. Im ersten überlieferten epidemiologischen
Bericht schildert Thukydides, der Vater der Geschichtsschreibung, wie im zweiten Jahr des Peloponnesischen Krieges (430 vor Christus) die Pest
im belagerten Athen wütete. Die soziale Ordnung
brach zusammen, Anarchie griff um sich, und die
Bevölkerung verfiel absurdem Aberglauben. Die
Eingeschlossenen glaubten, entweder ein uraltes
Orakel habe sich erfüllt und die Götter hätten in
den Konflikt eingegriffen oder aber die Invasoren
aus Sparta hätten das Trinkwasser vergiftet. Diese
beiden Deutungsmuster für das unheimliche Ereignis einer Seuche sollten bis heute nicht mehr
ganz aus der menschlichen Vorstellung verschwinden. Noch immer wird mitunter für die Millionen
Opfer, die Aids bisher gefordert hat, eine göttliche
Strafe oder ein gezielter Vernichtungsplan sinistrer
Kräfte (etwa der CIA) verantwortlich gemacht.
Eine seltene Ausnahme bildete da der römische Gelehrte Marcus Terentius Varro, der
um die Zeitenwende in seinem landwirtschaftlichen Ratgeber De Re Rustica davor warnte, zu
nahe an Sümpfen zu bauen, denn dort würden
»ganz kleine Tierchen, die dem Auge unsichtbar, vermittels der Luft durch Nase und Mund
in den Körper gelangen und schwere Krankheiten verursachen«. Das die einzelligen Parasiten
der Gattung Plasmodium, die Erreger der Malaria, durch den Stich der weiblichen Amophelesmücke in den Blutkreislauf übertragen werden,
konnte der weitsichtige Römer nicht erahnen.
Giftige Dämpfe (vom Italienischen mal’aria,
schlechte Luft, leitet sich Name der Infektionskrankheit ab, die auch heute noch jährlich
knapp drei Millionen Todesopfer fordert) wurden nebst himmlischem Zorn meist für die Ausbreitung einer Seuche verantwortlich gemacht.
Im Florenz des Jahres 1348, als in ganz Europa
der Schwarze Tod wütete, sprachen die Ratsherren von »Miasma«, gelbgrünen Wolken, die
nachts die Stadt einnebelten. Pestärzte legten
sich eine eigene Tracht mit seltsamen Schnabelmasken zu, die überall Verbreitung fand und
jahrhundertelang in Gebrauch blieb. Die Wohlhabenden zogen sich, so wie in anderen Städten
auch, auf umliegende Hügelvillen zurück, in
der vergeblichen Hoffnung, die klare Höhenluft
könnte sie vor Ansteckung bewahren.
Ähnlich die Reaktion in Mailand 1630. Zuerst
beschwichtigten die Behörden, es handle sich
lediglich um »Herbstnebel aus den Sümpfen«,
welcher einige Krankheitsfälle hervorgerufen
Nr. 20 DIE ZEIT
VON JOACHIM RIEDL
habe. Am Höhepunkt der Seuche fanden die ohnmächtigen Mediziner einen neuen Sündenbock:
Hexerei und Schwarze Magie. Sie rieten, als therapeutische Maßnahme zum Malleus Maleficarum,
dem Hexenhammer, zu greifen und die Stadt damit
von Satansbräuten zu reinigen.
Ein Massaker an Katzen und
Hunden soll vor der Pest retten
Auch im puritanischen London des Jahres 1655,
berichtete Daniel Defoe, war es vergiftete Luft,
von der man meinte, sie verbreite die Pest. Auf
Rat der Ärzte ordnete der Magistrat an, sämtliche
Hunde und Katzen müssten sofort getötet werden,
denn diese würden in ihrem Fell »Effluvium oder
infektiöse Dämpfe« von Haus zu Haus tragen.
Dem Massaker seien 40 000 Hunde und fünfmal
so viele Katzen zum Opfer gefallen. Empörte Ausschreitungen erwähnte Defoe in seinem Pestjournal nicht, die ähnlich jenen gewesen wären, wie
sie gerade in Kairo stattfinden, da die ägyptische
Regierung Order gab, sämtliche 350 000 Schweine des Landes zu keulen, um die Ausbreitung des
neuen Grippevirus zu verhindern.
Selbst ein rationales Zeitalter ist vor abergläubischen Ritualen nicht gefeit, wenn Seuchenangst um
sich gereift. Davon erzählt Heinrich Heine aus dem
Paris des Cholerajahres 1832, als die Seuche wohl
mit der Eisenbahn aus Berlin eingeschleppt worden
war. Abermals wurden Vergiftungsvorwürfe laut
und Verdächtige auf offener Straße gelyncht. Neuerlich boten falsche Priester geweihte Rosenkränze
zum Schutz vor Ansteckung an.
Doch auch ein neuer Arzneifaktor war hinzugekommen: Ideologie. Die Anhänger des Frühsozialisten Saint Simon behaupteten, allein ihre Ideen
würden vor den unbekannten Mikroben schützen.
Fortschritt sei nämlich ein Naturgesetz, und da
»sozialer Fortschritt nur bei den Saint Simonisten
zu finden ist, dürfe keiner von ihnen sterben, solange die Zahl ihrer Apostel noch nicht ausreicht«.
Im Kontrast dazu rieten die Bonapartisten hingegen, man solle bei den ersten Anzeichen der Cholera einen andächtigen Blick hoch zu Napoleon
werfen, der von der Triumphsäule auf der Place
Vendôme über die Stadt wacht, und man werde mit
Sicherheit verschont bleiben. »Ich für meinen Teil«,
notierte Heine, »vertraue lieber auf einen Rock aus
warmem Flanell.«
Der englische Erfolgsautor Tom Hodgkinson will
mit seinem Leitfaden für faule Eltern gestressten Familien helfen. Seine Ratschläge beschränken sich
lediglich darauf, ein Kind einfach in Ruhe zu lassen. So hätte die lieben Kleinen mehr Freiraum
und könnten dadurch ihre Kreativität und eine gefestigte Persönlichkeit entwickeln. Trotz aller Aufregung ob dieser Billigpädagogik scheint das Modell nun so neu auch wieder nicht. Wenn auch
nicht immer im familiären Umfeld, so wird es doch
seit Langem in Gesellschaft und Politik angewandt.
Ist es nicht eine vorsätzlich inaktive Beamtenschaft,
ALFRED DORFER
ist davon überzeugt,
dass was Eltern billig
ist, dem Staat zum
Wohl gereicht
Foto: Ingo Pertramer
Foto: Gerald Haenel/GARP (li.); Abb.: Archives Charmet/bridgemanart.com
Der faule Staat
die den Staatsbürger daran erinnert, dass er ein
mündiges Wesen ist, das nach Selbstentfaltung
strebt? Ist es nicht die bewusste Zurückhaltung politischer Verantwortungsträger, Reformen in Angriff zu nehmen, welche demokratische Prozesse
erst ermöglicht? Wird nicht ein Künstler oft nur
dann kreativ, wenn er mit der Indolenz der Obrigkeit Bekanntschaft schließt? Sind soziale Freiräume
nicht eine Konsequenz ideenloser Müßiggänger im
Parlament? Müssen denn unsere Talente wirklich
immer durch zwingende Strukturen auf Trab gebracht werden? »Faule Eltern sind kreative Eltern«,
meint Hodgkinson. Ebenso behauptet er: »Faule
Eltern sind sparsame Eltern«. Hier endet leider die
Analogie zwischen Familie und politischer Kaste
abrupt. Schlussendlich postuliert der pädagogische
Lebenshelfer: »Wir trinken Alkohol, ohne Schuldgefühle zu haben.« Womit die Übereinstimmung
von Herr und Gscherr wiederhergestellt wäre.
WORTE DER WOCHE
»Ich glaube an kein Jenseits. Ich möchte
auch nicht als Baumwanze wiedergeboren
werden.«
Fritz Muliar, Theaterlegende. Der Wiener Volksschauspieler
verstarb in der Nacht auf Montag im Alter von 89 Jahren
»Das wird kommen. Im Laufe des Jahres
2010 wird die Mindestsicherung Realität.«
Rudolf Hundstorfer, Sozialminister (SPÖ), glaubt trotz
des Widerstands der Kärntner Landesregierung an die
Einführung des Grundeinkommens. Österreichweit
sollen 270 000 Bezieher 733 Euro netto erhalten
A
S.13
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Nr. 20
DIE ZEIT
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ÖSTERREICH
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
Einmal ganz
woanders
Ein Kosovo-Albaner in Wien: Niq
Krasniqi, 43, hilft bei der Integration
von Flüchtlingen aus seiner Heimat
Ich habe an der Universität Prishtinë im Kosovo Medizin studiert. 1997 kam ich nach
Wien, um den Studienabschluss zu machen.
Ein kompliziertes Verfahren: Bevor meine
Zeugnisse anerkannt wurden, musste ich ein
Jahr lang Deutsch lernen. Zudem durfte nur
jeweils ein Studienabschnitt zur Nostrifikation
eingereicht werden. Als ich es 1999 bis zum
dritten Abschnitt geschafft hatte, brach im
Kosovo der Krieg aus. Zwei Schwestern und
zwei Brüder konnte ich rechtzeitig herausholen. Ob Mutter, Vater und Großmutter
überlebt hatten, war vier Wochen lang ungewiss. Dann fand ich sie wieder. Drei Mal waren
sie vertrieben worden. Unser Haus in Peja,
einer Stadt im Westen des Kosovos, war nur
noch eine Brandruine. Alles war weg.
Seit ich einen kleinen Sohn habe, möchte
ich wissen, wie ich in seinem Alter ausgesehen habe. Weil all meine Fotos mit dem
Elternhaus verbrannt sind, muss ich nun bei
Verwandten nach Bildern suchen.
Das Haus haben wir inzwischen wieder
aufgebaut. Und zwar genau so, wie es war.
Wir haben die gleichen Materialien und Farben verwendet. Sogar einige Fenster haben
wir bewusst wieder an der falschen Stelle
eingesetzt. Das war psychologisch wichtig.
Wir wollten zeigen, dass uns der Krieg nicht
bezwungen hat.
FASSADE ALS MAHNMAL: Narben im Gemäuer erzählen von der Vertreibung
Die Kulturhauptstadt Linz beschäftigt sich mit dem Vermächtnis der NS-Zeit. Das wird nicht immer freundlich aufgenommen
W
enn eine Stadt wie Linz den ehrgeizigen Versuch unternimmt, als europäische Kulturhauptstadt glänzen zu
wollen, so geht sie kalkulierte Risiken
ein: vor allem jenes, vor einer breiten Öffentlichkeit
mit der eigenen Geschichte konfrontiert zu werden.
Im Fall der Stahlstadt an der Donau ist dies besonders heikel. Denn Linz war bereits einmal ausersehen
gewesen, zu einer Kulturmetropole hochgepäppelt
zu werden.
Wohl weil er einen Teil seiner Jugend hier verbracht hatte, plante Adolf Hitler nicht nur, seinen
Alterssitz in diese seine »Patenstadt« zu verlegen,
sondern ihr auch ein glanzvolles Gepränge zu verleihen. In seinem Auftrag wurde in ganz Europa
eine ausufernde Sammlung für ein künftiges »Führermuseum« zusammengekauft und zusammengeraubt und der Entwurf zu einem grandiosen
Stadtneubau in Angriff genommen. Linz verfügte
zweifelsohne über eine besondere Stellung in der
Vorstellungswelt des braunen Diktators.
So gegenwartsbezogen das Veranstaltungsprogramm für ein Kulturhauptstadtjahr auch sein mag,
es muss gleichviel diese Fakten reflektieren. Das löste
mit einiger Verzögerung in lokalen Medien einen
kleinen Sturm entrüsteter Kommentare und Leserreaktionen aus. Einige ortsansässige Historiker mutmaßten etwa, man wolle nur »die internationale
Medienindustrie füttern« und sei der »Versuchung«
erlegen, das »rechte Maß und den objektiven Blick
zu verlieren«. Manche Linzer hatten bald das Gefühl,
ihnen werde eine Überdosis Geschichte verabreicht
– auch wenn sich lediglich zehn Prozent des Programms mit dem NS-Thema beschäftigen und sich
eine historische Stadtvermessung im Schlossmuseum
unter dem umstrittenen Titel Kulturhauptstadt des
Führers als ein Publikumsmagnet entpuppte, der mehr
als 50 000 Besucher anlockte.
Tatsächlich hat die sozialdemokratisch regierte
Stadt schon bisher viel Energie und Geld in die Erforschung dieser historischen Epoche investiert. Das
Stadtarchiv publizierte schwere Bände über Linz im
Nationalsozialismus, die Forschungslage über die
NS-Zeit ist ausführlicher als in den meisten deutschsprachigen Städten. Gelesen haben all diese Bände
außerhalb des Elfenbeinturms allerdings nur wenige.
Mit dem Fokus, den das Programm von Linz 09 nun
auf das Erforschte legt, wird es allgemein präsent.
Und nicht nur im Museum. Auch inmitten der
Stadt, sogar am malerischen Hauptplatz, wird jetzt
auf diese Geschichtsepoche aufmerksam gemacht
– das gefällt nicht allen. Die Kritik reicht bis hin zu
Nachdem sich die Anerkennung meines
Studiums hinzog, bin ich auf ein Diplomstudium für Gesundheitsmanagement umgestiegen. Gleichzeitig engagiere ich mich
für die Integration von Migranten. Zuerst
als Leiter der Vereinigung der Albanischen
Studenten in Österreich, Societas Albania,
später habe ich die Kosovarisch-Österreichische Gesellschaft gegründet. Darüber
hinaus arbeite ich an einem Kunstprojekt:
»Ich bin ganz woanders«, eine Kooperation
mit den Wiener Festwochen. Heimweh ist
das große Thema: Was fehlt den Migranten
und was jenen Menschen, die in der Heimat
zurückgeblieben sind?
Gemeinsam mit Flüchtlingen aus Peja
haben Studenten der Wiener und der Linzer
Kunstuniversitäten ein Jahr zu diesem Thema gearbeitet. Die Ergebnisse sind im Wiener Museum für Völkerkunde ausgestellt.
Im Rahmen dieses Projekts haben wir die
während des Kriegs zerstörte Bibliothek der
Kunstschule Odhise Paskali in Peja wieder
aufgebaut und mit 1500 Kunstbüchern sowie mit Internetarbeitsplätzen ausgestattet.
Demnächst werden wir einige Kunstschüler sowie Eltern und Geschwister von
Migranten für ein paar Wochen nach Wien
einladen. Für diese Menschen ist das die
erste Reise, die sie aus dem Kosovo herausführt. Sie werden in diesen Tagen tatsächlich einmal »ganz woanders« sein.
AUFGEZEICHNET VON ERNST SCHMIEDERER
den Vorwürfen, Neonazis würden angezogen oder
das Bild von Linz in Europa verzerrt werden.
Der Linzer Hauptplatz kann als einer der
schönsten Plätze Österreichs gelten. Hier umrahmen
barocke Bürgerhäuser ein Marktgebiet gewaltiger
Größe, in dessen Mitte eine Pestsäule hochragt.
Der Durchbruch zur Donau bietet Perspektiven
auf die Wiesen des Pöstlingbergs, darüber blauer
Himmel – die Industrie arbeitet heute in Linz nach
strengen Umweltauflagen. Jedoch auch hier bricht
die NS-Geschichte durch.
Vom blumengeschmückten Balkon des alten Rathauses am Hauptplatz sprach Hitler in den Tagen des
»Anschlusses« zu 60 000 Linzern. Einige Jahre später
war Linz bereits durch die Hermann-Göring-Werke
zu einem der zentralen Standorte der NS-Rüstungsindustrie geworden und deshalb den alliierten Bomberflotten ausgesetzt. Ein Bunker unmittelbar unter
dem Platz sollte vor den Angriffen Schutz bieten. Die
Bunkeranlage stößt an die Platzoberfläche – einige
Stufen in der Mitte des Platzes zeugen noch immer
von diesem Vakuum unter der Stadt.
Das Fluchtschiff von einst dient heute
als Ausflugsdampfer und Kulturraum
Den Platzabschluss zur Donau hin bilden die sogenannten Brückenkopfbauten der Nibelungenbrücke – ein Ensemble, das zu den wenigen Bauwerken zählt, die von Hitlers umfassenden Ausbauplänen
für seine »Patenstadt« tatsächlich realisiert wurden.
Die Berliner Künstlerin Hito Steyerl beschäftigte sich im Auftrag von Linz 09 mit diesen Bauten.
Gemeinsam mit der Architektin Gabu Heindl und
dem Historiker Sebastian Markt nahm sie einen
weithin sichtbaren Eingriff an einem der Gebäude
vor. Zahlreiche wenig begeisterte Reaktionen der
Passanten begleiteten sie bei der Realisierung. Tatsächlich ausgesprochener Grundtenor: »Die Juden
nerven eh schon!«
Damit sind natürlich weniger Juden gemeint
als vielmehr ein Überdruss an der Begegnung mit
der Grausamkeit der Geschichte.
Die Recherchen, die Steyerl und ihr Team für
ihr Projekt anstellten, konzentrierten sich zunächst
auf die Baugeschichte der Gebäude und die darin
involvierten Personen – Auftraggeber ebenso wie
Arbeiter und Anwohner.
Unmittelbar nach dem triumphalen Einzug
Hitlers setzte auch in Linz die Verfolgung der
Juden ein. Das traditionsreiche Kaufhaus Kraus &
Schober, heute eine Filiale von Woolworth, wurde
seinen jüdischen Besitzern ebenso geraubt wie der
kleine Gebrauchtwarenladen der Familie Samuely,
auf dessen Grundstück heute das linke Brückenkopfgebäude steht.
Ernst Samuely und sein Sohn Emil wurden
gleich nach dem Anschluss verhaftet. Emil wurde
im Österreichischen Beobachter an den Propagandapranger gestellt und auf einem Foto hinter Gittern
präsentiert. Dann wurden Vater und Sohn in die
Konzentrationslager Dachau und Buchenwald verschleppt, wo der Ladenbesitzer gezwungen wurde,
ein Dokument mit dem Verzicht auf seine Geschäftskonzession zu unterzeichnen. Wenig später
setzte man ihn in einen Deportationszug nach
Nisko am polnisch-sowjetischen Grenzfluss San,
an den die Wehrmacht eben erst vorgedrungen
war. Dort gelang dem Linzer möglicherweise die
Flucht zu einer jüdischen Partisanengruppe – gesicherte Auskunft weiß kein Archiv zu geben.
Sein Sohn Emil hingegen gelang es, an Bord des
Donaudampfers Schönbrunn zum Schwarzen Meer
zu entkommen und ein Flüchtlingsschiff nach Palästina zu erreichen. Dort wurde ihm aber kein Aufenthalt gewährt. Nach einer Odyssee erreichte er schließlich Mauritius. Auch die übrigen Mitglieder der Familien wurden deportiert, ermordet oder zur Flucht
gezwungen. Heute liegt das »Nostalgiedampfschiff«
Schönbrunn, auf dem Emil Samuely seine Flucht
antrat, am Linzer Donaukai vertäut, wird für touristische Ausflüge und auch von Linz 09 als Veranstaltungsort genutzt.
An der Stelle, an dem die Samuelys einst ihren
Trödelladen betrieben, ist nunmehr das Infocenter
der Kulturhauptstadtveranstalter untergebracht.
Wo sich die Wohnung der vertriebenen Familie
befand, hat Linz 09 sein Pressezentrum eingerichtet. Das noch in der NS-Zeit begonnene Gebäude
wurde erst in der Zweiten Republik fertiggestellt.
Beheizt wird es bis heute mit den 1948 in den
SS-Unterkünften des ehemaligen KZ Mauthausen
demontierten Zentralheizungsradiatoren.
Viele der Bauakten sind nicht mehr vorhanden.
Oft geben nur historische Fotos und Unterlagen zu
arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen Auskunft
über die beteiligten Unternehmen und die Baugeschichte. Zusätzlich fanden sich mahnende
Schreiben aus Berlin, in denen Hitler seine Unzufriedenheit mit dem schleppenden Bauvorgang
übermitteln ließ.
Eine Kernfrage der Recherche war es, herauszufinden, welche der bei dem Bau verwendeten Steine aus
den Steinbrüchen der nahe liegenden Konzentrations-
VON NIKO WAHL
lager stammten. Einige Quellen behaupten, dieses
Material aus Sklavenarbeit sei lediglich zur Niveauhebung am Donauufer verwendet worden. Andere
hingegen besagen, diese Steine seien als Schmuckelemente noch an der Oberfläche sichtbar und würden durch ihre dunkle Färbung markant hervortreten.
Eindeutig klären lässt sich das bis heute nicht.
An den Gebäuden erinnert heute keine Hinweistafel an die Geschichte der Vertreibung. Lediglich
eine Aufschrift auf der Nibelungenbrücke besitzt
historischen Inhalt: Sie verweist jedoch auf Angehörige deutschsprachiger Minderheiten aus Osteuropa,
die zu Kriegsende nach Linz flüchteten.
Eine Aphroditen-Statue, ein Geschenk
Hitlers, wurde eilig eingemottet
Steyerls temporäres Mahnmal, in unmittelbarer
Nachbarschaft des Linz-09-Infocenters, setzt nun
ein Memento im Herzen der Stadt. Teile der Fassade des geschichtsträchtigen Gebäudes wurden abgeschlagen – ein symbolischer Versuch, hinter die
Fassade zu blicken. Die Narben bilden ein Netz
verschlungener Bahnen, die Wege aus Linz in die
Welt weisen – einer historischen Landkarte der
Deportation und Vertreibung gleich.
Das Haus mit der zerschundenen Fassade zwingt
Linz eine weitere Diskussion über den Umgang mit
der Vergangenheit auf. Während im vergangenen Jahr
noch eine Aphroditen-Statue, die sich als Geschenk
Hitlers herausgestellt hatte, in einer Panikreaktion
eilig aus einem Park abtransportiert (jetzt befindet
sich dort nur mehr ein leerer Pavillon) und im Depot
des Stadtmuseums eingelagert wurde, harren nun
neue historische Relikte auf eine Entscheidung.
Der Schutt, der beim Abschlagen der Fassade anfiel, wird als Teil der Installation im Erdgeschoss des
Hauses für das Publikum gut sichtbar gelagert. Dieser Schutt, aus Materialien, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest teilweise in Zwangsarbeit
hergestellt wurden, stellt nunmehr eine Hypothek
für die Stadt dar. Er kann aus einer Perspektive als
einfacher Bauschutt angesehen werden, der entsorgt
oder recycelt werden darf. Oder aus entgegengesetztem Blickwinkel als Material, das aufgrund seiner
Geschichte und den Bedingungen, unter denen es
einst hergestellt wurde, ein bewahrenswertes Gut
darstellt. Linz hat die Wahl.
Der Autor ist Historiker und Ausstellungskurator. Er war
Mitglied der Österreichischen Historikerkommission und ist als
Konsulent für Zeitgeschichte im Rahmen von Linz 09 tätig
Lungenstrudel und Topfencreme
M
2009
erb
ainz ist die Hauptstadt von RheinlandPfalz, das einen Teil von Deutschlands
besten Weinen produziert und zu seinen
kulinarischen Spezialitäten den Saumagen zählt. Ein
guter Platz also für die zweite Etappe unseres Kochwettbewerbs mit dem österreichischen Akzent. Oder?
Julian Digel, dem jüngsten unserer Mainzer Teilnehmer, war das ziemlich egal. Hauptsache, es gab
etwas zu kochen! Digel ist noch Gymnasiast, aber
bereits ein passionierter Hobbykoch, der nach dem
Abitur in die Gastronomie will. Sein erster Gang
n-Ko wettbe
war denn gleich eine kniffelige Angelegenheit,
i
z
w
ga
weil »Blunzenravioli« (bei ihm mit Safranschaum) zwar gern gegessen werden, aber fast
immer mit zu dickem Teig aufgetischt werden,
sodass die Ravioli bestenfalls als Maultaschen
durchgehen.
Christa Wünsche und Sigrid Kessler kenmit Wolfram Siebeck
nen sich in den Toprestaurants der Welt aus.
Da Frau Wünsche eine echte Österreicherin ist,
die seit 20 Jahren in Hamburg lebt, war das Menü
i Alle Rezepte im Internet:
der beiden Damen mit k. u. k Spezialitäten geradewww.zeit.de/essen-trinken
ZEITM
a
FASSADE ALS SÜNDENFALL: Grandiose Pläne für die »Patenstadt«
Wie viel Geschichte verträgt eine Stadt?
NIQ KRASNIQI
baut mit seinen
Landsleuten an
einer Zukunft in
Österreich
Bei der Mainzer Regionalentscheidung des Kochwettbewerbs »Gutes aus
Österreich« gewannen
nicht die raffiniertesten
Gerichte, sondern die
einfachsten. Sie waren
dafür perfekt zubereitet
und besser gewürzt –
befand die Jury um
Wolfram Siebeck
ch
Foto: Bayerische Staatsbibliothek/Heinrich Hoffmann/bpk
Abb.: Hito Steyerl «Der Bau», Installation, 2009 (Foto: Christoph Haderer CC (Creative Commons, attributive)
DRINNEN
Foto: Sina Preikschat für DIE ZEIT
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Foto: www.ernstschmiederer.com
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Nr. 20 DIE ZEIT
zu gespickt. Es gab »in Most geschmorte Taube auf
Essig-Linsen mit Bärlauchknödel« und vor allem
»Lungenstrudel mit gebackenen Kalbsbriesrosen,
Klacheln und Krensoße«. Die Klacheln wurden
wohl wegen der Alliteration nicht übersetzt; auf
Deutsch heißen sie Schweinefuß. Damit waren die
Reserven der österreichischen Küche jedoch noch
lange nicht erschöpft. Christine Lang-Blieffert erinnerte sich an ihre bei Linz verbrachte Kindheit
und bot als Vorspeise ein mit Käse gefülltes Backhendl im Kürbiskernmantel an, als Hauptgericht
einen Strudel vom Saibling und abschließend flambierte Topfen-Marillen-Palatschinken. Wer danach
noch Kartoffeln sagte statt Erdäpfel, musste schon
sehr begriffsstutzig sein.
Die beiden Schwestern Kapatsina aus Frankfurt
waren es jedenfalls nicht. Sie sagten »Wiener
Schnitzel« und gewannen damit den ersten Preis.
Als Vorspeise reichten sie »Zanderfilet auf Morchelsauce« und als Dessert »Rhabarberkompott auf
Topfencreme«. Ein stärkerer Gegensatz zum Menü
der zweitplatzierten Damen Wünsche und Kessler
S.14
SCHWARZ
lässt sich nicht vorstellen. Dabei zeigte sich, dass
raffinierte Technik und ausgebufftes Tellerarrangement nicht immer die Oberhand behalten. Und
wenn es nur, wie in Mainz, dem handfesten, aber
sehr leckeren Rhabarberkompott gelang, ein kompliziertes Dessert zu übertrumpfen. Und ein
schmackhafter Kartoffelsalat ist nun mal einer raffinierten Knödelfüllung überlegen, wenn die nur
halbherzig gewürzt ist.
Am Gewürz, und es war immer wieder das fehlende Salz, scheiterten viele Einzelleistungen, mochten sie auch einen technisch geradezu brillanten
Auftritt gehabt haben. Eine zweite Schwachstelle
bildeten die Panaden. Gewiss sind sie urtypisch für
die österreichische Küche: Backhendel, Wiener
Schnitzel, Bries und was sonst alles in Brösel gewälzt
und ausgebacken wird. Aber das lernt man nicht aus
dem Kochbuch, dazu bedarf es der Routine einer
oft kochenden Hausfrau oder eines Küchenchefs.
Sonst werden sie zu hart oder zu verbrannt, zu blass
oder matschig; auch in einem so prächtigen Hotel
wie dem Hyatt in Mainz.
WOLFRAM SIEBECK
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DIE SIEGERINNEN Elisabeth (links) und
Agathi Kapatsina servierten ein perfektes
Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat
Nr. 20
SCHWARZ
S. 20
DIE ZEIT
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WOCHENSCHAU
20
Die Hochzeit
der Woche
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
aus Italien, die als Kurzform von »Fehler In Allen
Teilen« Weltruhm erlangte. Der Bräutigam betagt
und bankrott, die Braut zwar rüstig, aber rostig,
das wird lustig. Nun sollen sie ihr Ja- beziehungsweise Si-Wort geben, und das eben bringt uns
zur Frage, wie die Eheleute künftig heißen wollen.
»Opiat« ist hier der Vorschlag der Stunde: Darin
klingt exotische Ferne an, rauschhaftes Erleben,
das Überschreiten von Grenzen, und sei es nur
bei der Plünderung des eigenen Bankkontos zum
Kauf eines neuen Automobils. »Opiat«, das lindert
den Schmerz über versteckte Mängel und spricht
auch die Älteren unter uns an. Der Name wird
diese Ehe befeuern! (Was aber droht: Seite 47)
Fotos: Heimo Aga (li.); [M] Globetrotter Ausrüstung (re.)
Wir wollen ausnahmsweise die Dinge nicht beim
Doppelnamen nennen (siehe Seite 1), sondern
die Hochzeit von Herrn Kom und Frau Li zu
asiatischer Einfachheit führen, und das ist jetzt
gar nicht so kom-li-ziert, wie Sie vielleicht denken.
Nehmen wir einen deutschen Rekord-Hersteller,
der nach Adam selig Opel hieß, und eine Firma
Stau in der Wildnis
Berlins erster Outdoor-Laden für Kinder erlebt zur Eröffnung
den Ansturm einer atmungsaktiv betuchten Klientel
VON HEIKE KUNERT
A
SKYLINE DER
SCHNÄPSE vor
der Blauen
Moschee in
Istanbul
Zeig mir die Flasche!
Raki ist eine türkische Spezialität – und manchmal tödlich. Unser Korrespondent
über die Verhaftung eines Panschers und eigene Erfahrungen VON MICHAEL THUMANN
E
ine türkische Freundin trinkt für ihr Leben
gern Raki – und hat das noch nie bereut.
Wenn wir mit Freunden ins Istanbuler
Szeneviertel Beyoglu eintauchen, sucht sie
gezielt Tavernen aus, die nicht allzu billig sind. Den
Kellner hält sie an der kurzen Leine. Sie besteht
darauf, dass er eine ungeöffnete Flasche an den Tisch
bringt. »Darf ich?«, fragt sie. Überprüft die Steuermarke am Drehverschluss. Schaut sich die Tülle an.
Ist die nicht fest angeschweißt, lehnt sie sofort ab.
Aus der Tülle kann nämlich nur etwas herausfließen,
nichts hinein. Sie riecht am puren Schnaps. Hmm,
gut. Der Kellner gibt Eis ins Glas, den Raki darauf,
ein wenig Wasser dazu. Şerefe – zum Wohl!
Die Vorsicht unserer Freundin hat Gründe. In
der Türkei ist nicht immer das drin, was draufsteht. Hochprozentiger Alkohol wird verdünnt,
nicht nur mit Wasser. Drei deutsche Jugendliche
aus Lübeck, die im März in Kemer bei Antalya auf
Klassenfahrt waren, dachten, sie hätten WodkaCola im Glas und tranken einen Mix mit Methanol. Sie fielen ins Koma und starben. Vergangene
Woche hat man den Getränkehändler verhaftet,
der den Alkohol geliefert hatte. Der Mann war
schwer bewaffnet und schoss wild um sich, als
Polizisten sein Versteck entdeckt hatten.
Gepanschter Raki ist ein wiederkehrendes Thema in den Zeitungen. Meistens sind es Türken, die
sich vergiften. Seit Anfang März sind außer den
Lübeckern sieben weitere Menschen ums Leben
gekommen. Vor zwei Jahren erwischte es vier Türken, im Jahr 2005 starben sogar 22 Menschen. Bei
Kontrollen fliegen regelmäßig Fälscher auf, Hoteliers kommen vor Gericht, Hunderttausende Flaschen mit Ungenießbarem werden konfisziert.
Seitdem vor vier Jahren 500 000 Steuerbanderolen
aus einem Behördendepot gestohlen wurden, gibt
es noch mehr Grund zur Vorsicht.
Wieso ist die Panscherei in der Türkei so verbreitet? Eine Erklärung lautet: Die Pauschalreisen
ausländischer Touristen sind zu billig. Absolut
richtig. Wer als Veranstalter für wenige Hundert
Euro Flug, Hotel, Strand, Essen und frei trinken
anbietet, will ja auch noch etwas verdienen. Also
kauft er das billigste Fleisch und den billigsten
Fusel.
Eine zweite Erklärung lautet: Der Alkohol in
der Türkei ist zu teuer. Auch da könnte etwas dran
sein. In den Supermärkten Istanbuls kostet ein
halbwegs genießbarer Wein mindestens 20 Euro.
Ein Raki, den man ohne Kopfschmerzen trinken
kann, ist kaum billiger. Türkische Freunde verdammen gern die Regierung mit ihrem gläubigen und
abstinenten Regierungschef Tayyip Erdoğan. Doch
war es nicht er, sondern seine streng säkulare Vorgängerregierung, die die Alkoholpreise über eine
Spezialverbrauchssteuer im Juni 2002 hochgedrückt
hatte. Heute, in der Wirtschaftskrise, senken die
Raki-Fabriken sogar selbst ihre Preise, damit sich
die Leute nicht vergiften müssen.
Und, drittens, die Verschwörungstheorie: Die
Panscherei wird geduldet, weil in der Türkei sowieso nur Atheisten, Christen und Ausländer trinken.
Auf einer Reise in den kurdischen Südosten der
Türkei drängte sich dieser Eindruck auch mir vorübergehend auf. Nach einer Fahrt entlang der
umkämpften türkisch-irakischen Grenze war ich
vergangenen Mittwoch im Städtchen Şirnak angekommen. Jetzt eine scharf gegrillte Köfte und ein
kühles Pils! Die Suche dauerte. Kein Bier, nirgends.
Endlich fand ich in einer dunklen Seitengasse einen trübrot beleuchteten Alkoholladen. Schon etwas schuldbewusst erstand ich eine Flasche Efes
Pilsener, lauwarm. Wo trinken? Auf der Straße unter den gläubigen Kurden? Unmöglich. Ich fragte
in der Grillstube. Ausgeschlossen, in Şirnak hat
kein Restaurant eine Alkohollizenz. Also stürzte
ich das Bier in meinem Herbergszimmer herunter,
heimlich, wie es sich gehört.
Und doch ist der Eindruck völlig falsch, Muslime würden nicht trinken. Schon Prinz Cem, Sohn
des Eroberers von Konstantinopel, ließ sich den
Wein mit Nelken und Pfeffer würzen, damit der
Alkohol nicht so durchscheint. Kemal Atatürk, der
Gründer der modernen Türkei, liebte Raki und
Whisky und litt an seiner kranken Leber. In
Istanbuler Restaurants und Bars sind wunderschön
aufgereihte Flaschen mit Hochprozentigem zu bestaunen. Auch viele Türken können da nicht widerstehen. Einer Studie zufolge ist der Alkoholkonsum im Land vergangenes Jahr um 20 Prozent
angestiegen. Auch dieser Zuwachs ist ein Anreiz
zum Verschnitt.
Deshalb trinke ich Raki nur nach dem Muster
unserer türkischen Freundin. Und türkisches Bier
schmeckt auch ziemlich gut, wenn es kalt ist.
m vergangenen
Wochenende eröffnete auf der sehr urbanen Steglitzer
Schloßstraße Berlins und wohl Deutschlands erster Outdoor-Shop für Kinder, und man
könnte meinen, es war höchste Zeit. Denn der
Andrang war so groß, dass sogar die Kinderwagen
im Stau standen. Die Geschäftsidee des europaweit handelnden Unternehmens Globetrotter,
direkt neben dem Stammgeschäft eine eigens für
die lieben Kleinen konzipierte Filiale zu eröffnen,
scheint aufzugehen.
Die unerschrockenen Pärchen von einst, die
mit wasserfesten Zündhölzern, Campingkocher und Schnitzbeil in die Wildnis zogen, haben jetzt Nachwuchs,
was nun nicht
bedeutet, dass sie den
geliebten Trekking-Urlaub zugunsten des familienfreundlichen Hotels am Mittelmeer aufgeben wollen.
Die Bergtour mit Baby ist möglich. Es gibt diverse Rucksackmodelle mit integriertem Kindersitz. Der Kauf eines solchen Gestells will
ähnlich gut überlegt sein wie die Anschaffung
eines Autos. Was dort Motorbauart, Verbrauch
und Innenausstattung, sind
im Fall der
Kindertrage die Lageverstellriemen, der
Hüftgurt und das Staufach für Windeln und
Schmusebär. Die auf den elterlichen Rücken
probethronenden Kinder illustrieren den
Aufstieg eines Hobbys zur
modernen Familientradition.
Der kleine Leon in der
»Buddelbüx«, die smarte Hannah im Hosenrock »Desert
Queen«, das klingt auch ziemlich
naturbelassen, und wenn man dann
an der Kasse steht, greift man so
gern ins Portemonnaie wie im
Reformhaus.
Carsten Bombis, der Filialleiter, streift als ein zufriedener König durch
sein kleines Reich.
»Wir
haben bei der Gestaltung auf
Natur gesetzt und ganz
bewusst auf
Multimedia verzichtet«, sagt er, und man
muss schon genau hinhören, um ihn zu verstehen, so laut ist es an der Kletterwand oder im
Baumhaus. Überdies betritt ab und an ein als
Grashüpfer verkleideter Stelzenmann den Laden, und es versteht sich von selbst, dass er mit
großem Hallo begrüßt wird. Eigentlich ist er
draußen unterwegs und verteilt Windmühlen;
macht sozusagen Werbung für sein Biotop und setzt ab und an ein Kind auf
seine Schultern. Man wünschte, er könnte größere Sprünge machen, nach Hellersdorf vielleicht oder nach Marzahn.
Der Laden tut so, als sei er eine Waldlichtung mit seinem Vogelgezwitscher, dem hohen
Gras und den riesengroßen Schmetterlingen in
der Luft. Schnell wird klar, dass der Bewegungsdrang und die Neugierde der Kinder nicht generell nachgelassen haben, wie es oft kolportiert wird. Inmitten des Gekrabbels
stellt man beruhigt fest: Es ist alles noch da.
Die Empörung der Bundesregierung über
zwei Millionen übergewichtiger Kinder, die
ihre Freizeit nur noch mit Chips vorm Fernseher verbringen, ist verständlich. Aber vielleicht
gibt es Probleme auch jenseits der Esskultur?
»Es ist nicht schwer, den Kindern das Draußenspielen schmackhaft zu machen«, sagt der Outdoor-Verkäufer Bombis. »Aber die Eltern müssen mitgehen, und sie nehmen sich viel zu selten die Zeit dafür.«
Sein TrekkingShop gibt auf 350
Quadratmetern
eine durchaus ansprechende Vorahnung von diesem Draußen.
Natürlich geht es um Kaufen und Verkaufen,
um den technisch letzten Schrei, aber eben
auch um die Freude am Archaischen.
Der neueste Trend ist Lowtech: Es darf wieder geschnitzt werden. Am Samstag wurde
geschnitzt und geschnitzt und geschnitzt,
bis vom Stöckchen kaum noch etwas übrig war. Äste zu Grillspießen!
Der Laden arbeitet mit dem Naturschutzbund Deutschland und den Waldschulen der Berliner Forsten zusammen.
Vom poetischen Abendspaziergang im
Plänterwald bis zur Wildschweinspurensuche am Rande der Großstadt bieten die so
ziemlich alles an, wofür das Kinderland die
passende Ausrüstung hat. Geschäft und Lehre gehen hier eine beachtliche Symbiose
ein, die in anderen Branchen so kaum
üblich ist.
Darüber hinaus ermöglicht ein Besuch in diesem Trekking-Kinderland
dem aufmerksamen Beobachter auch
eine soziologische Feldforschung, denn
zu sehen ist ein atmungsaktiv betuchtes
Publikum, das wild entschlossen scheint, sich
und seinen Kindern mit allen Mitteln ein
Stück Ursprünglichkeit zu sichern.
Im Tumult des Eröffnungstages ging dann
tatsächlich um die Mittagszeit ein Vater verloren, und immer aufgeregter und lauter
konnte man die Frage vernehmen: Wo ist
Papa? Er war nicht in der benachbarten Filiale, mal schnell einen Kaffee trinken, oder
draußen, um zu telefonieren. Er saß vor der
Kletterwand und schnitzte gedankenverloren
an einem Stöckchen.
IST DIE KLETTERWAND bei
Globetrotter nicht auch
ganz schön naturnah?
A
IN DER ZEIT
ÖSTERREICH
POLITIK
2
Afghanistan General David Petraeus
13
über die künftige US-Strategie
3
a
Ungarn Unter der Fahne der
Faschisten
4
Der Papst in Israel Benedikt XVI.
kämpft um sein Pontifikat
5
14
7
8
15
Parteien Die Grünen zwischen Rot
a
20
Italien Berlusconis Ehefrau rettet
ihre Ehre – und die ihres Landes
10
1989 Was von der Revolte übrig
12
Zeitgeist
der Verfassung schwächt die
Demokratie
19
23
28
39
Wissenschaft Verrückte
Jahren unersetzlich
Großbritannien Konservative
wollen den Liberalismus beleben
32
Banken Zerschlagt die Riesen! Ein
Interview mit Charles Goodhart
33
a
Wahlkampf Unhaltbare Steuerver-
sprechen? Kein Grund zum Ärgern
45
50
34
Bollywood-Superstar Aamir Khan
Zum Vorlesen Der Froschkönig
57
58
Warenwelt Das Artensterben
Ranglisten Hilfreich oder nicht?
71
Ergebnisse 2009
tschechischer Künstler in Bonn
59
Die Kriegskinder Europas
ZEIT-Museumsführer (1)
Medizin Studiengänge mit
hohem Praxisanteil sind beliebt
ZEITLÄUFTE
Kaiserreich Friedrich von
Holstein, die Graue Eminenz des
Kaiserreichs
Hans Traxler
Erinnerungsliteratur
44
LESERBRIEFE
62
Impressum
Die Kunsthalle in Karlsruhe
Was bewegt … den Immobilien-
52
Sachbuch Judith Butler »Die Macht
Kunstmarkt Das »Gallery
Weekend« in Berlin
62
der Geschlechternormen«/
»Krieg und Affekt«
SCHWARZ
70
84
Fotografie Eine Ausstellung
Roman Arnold Stadler »Salvatore«
S.20
a
Karikatur Zum 80. Geburtstag von
Kino Das Internetportal The
Portugal Golf für Anfänger
69
Nazi-Raubkunst Wem gehört der
Pooh’s Corner
a
CHANCEN
Welfenschatz in Berlin?
51
NUR ÖSTERREICH
Hoteltest Kempinski Palace
Oper Neue Stücke von Salvatore
Indien Ein Gespräch mit dem
auch gegen deutsche Banken vorgehen
unternehmer Anno August
Jagdfeld?
64
65
Sciarrino und Wolfgang Rihm
Auteurs revolutioniert das Kino
Steueroasen Die Regierung muss
AWD Das große Geschäft als
56
geht weiter
49
Mexiko: Die Angst fliegt mit
Theater Ein Gespräch mit dem
Regisseur Jürgen Gosch und dem
Schauspieler Ulrich Matthes
KinderZEIT Die Eichhörnchen
a
63
Portoroz, Slowenien
»Als Maria Gott erfand«
54
FEUILLETON
47
Erzählungen Angelika
Roman Jürgen Wertheimer
kriegen jetzt Junge
46
a
Klüssendorf »Amateure«
Experimente aus dem Labor
Contra Die Mutter ist in den ersten
Banker Darf die Zockerei
53
Amerikagrippe Ein Besuch im
43
Spezialität Raki und ihre Panscher
31
a
REISEN
Autobiografie Tracey Emin
»Strangeland«
Robert-Koch-Institut
zeit – geht das?
29
52
Der Architekt Werner Sobek
Führungskräfte Chefinnen in Teil-
Wochenschau Die türkische
Nr. 20 DIE ZEIT
Wer denkt für morgen? (6)
Technik im Alltag Die Blobbox
Beruf lieben
a Fiat Der hochriskante Plan
einer Welt AG
38
40
Ghana in Hamburg
Vertreter? Ein Selbstversuch
Boden Die Haut der Erde
lohnt sich selten
Integration Eine Familie aus
Kochwettbewerb
35
Virales Marketing Billigwerbung
triebsfirmen junge Leute anlocken
Mein Deutschland (8)
Die Schönen und die Reichen der
alten Bundesrepublik
versprechen
Finanzberater Wie die großen Ver-
22
Twitter Was Unternehmen sich
Berufstätige Mütter
Pro Frauen dürfen Baby und
weitergehen?
Grundgesetz Zu viel Ehrfurcht vor
ThyssenKrupp Tausende Jobs sind
gefährdet
Kulturhauptstadt In Linz regt sich
WIRTSCHAFT
21
Protestanten Die Kirche wird jünger
13
26
WOLFRAM SIEBECK
blieb. Gespräch mit Bürgerrechtlern
VON JOSEF JOFFE
Donnerstalk Alfred Dorfer über
DOSSIER
Türkei Das Massaker von Mardin
und Ampel
25
Widerspruch gegen Veranstaltungen
zum Thema NS-Zeit VON NIKO WAHL
Mission Über das heikle Verhältnis
CSU Ist F. J. Strauß noch Vorbild?
ben seit je die Angst der Menschheit
nähren VON JOACHIM RIEDL
WISSEN
Unternehmer Der tägliche Kampf
gegen den Jobabbau
den Vorteil eines faulen Staates
von Christen und Juden
6
Mexikanische Grippe Wie Mikro-
24
Mitarbeiter der Woche
Der Regisseur Sam Mendes
cyan
magenta
yellow
L
Die so a gekennzeichneten
Artikel finden Sie als Audiodatei im
Premiumbereich von ZEIT.de
unter www.zeit.de/audio
Nr. 20
Preis Schweiz 6,80 CHF
SCHWARZ
S. 1
DIE ZEIT
DIE
cyan
magenta
ZEIT
WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR
yellow
Nr. 20
7. Mai 2009
44 Sommer-Seiten
Titelbild: Stefano Dal Pozzolo/Contrasto/laif (Papst); Carl & Ann Purcell/CORBIS (Fahne); Montage: DZ
Der Papst
und die
Juden
Benedikt XVI. ist von Krise zu Krise
gestolpert. Ausgerechnet jetzt tritt er seine
schwerste Reise an – nach Israel
Liza Minnelli in concert, 90 Jahre
Bauhaus, Baden in Kunst u. v. a.:
Höhepunkte des Kultursommers
Sprich hochdeutsch!
In vielen Schweizer Kindergärten wird seit Kurzem hochdeutsch gesprochen. Jetzt regt
sich Widerstand. Man fürchtet den Verlust der Mundart
POLITIK SEITE 13
Jetzt am Kiosk
POLITIK SEITE 4/5
Der ZEIT Studienführer
mit dem größten
Uni-Ranking vom
Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)
Weil es Italiener sind? Gestärkte Abwehr
M
ie Restaurants in Mexiko-Stadt dürfen
Ohne besonnene Bürger bleibt jeder Warner in
im Lauf der Woche wieder öffnen, der fatalen Lage, das Unheil zwar vorherzusehen,
nachdem sie ihre Gäste tagelang aus- aber kein Gehör zu finden – das wissen wir seit der
sperren mussten. So hat es der mexi- Seherin Kassandra aus der altgriechischen Sagenkanische Gesundheitsminister in Aussicht gestellt. welt. Für sie war die schreckliche Vorahnung eine
Burritos und Salsa im gemütlichen Gedränge, das Qual, die niemandem nutzte. Diesmal jedoch
passt zu der vorsichtigen Entspannung, die sich scheint eine kluge Kassandra das rechte Maß für
nun ebenso rasch ausbreitet wie zuvor die Furcht ihre Warnung gefunden zu haben.
Paradox ist bloß: Ob alle Unheilsbotschaften
vor AH1N1, der Schweinegrippe, die viele Forscher
mittlerweile »Amerikanische Grippe« nennen. Hat der vergangenen zwei Wochen gerechtfertigt oder
die rasche Reaktion einer gut vernetzten Welt uns übertrieben waren, lässt sich im Nachhinein kaum
vor einem Seuchenzug bewahrt?
sagen. Wer wirkungsmächtig warnt, riskiert autoGewiss ist, nie waren wir besser vorbereitet als matisch den Vorwurf, er habe übertrieben. Andeheute. Die Millionen Opfer vergangener Seuchen- rerseits leistet, wer stets Panikmache wähnt, der
züge haben das Bewusstsein von Forschern und Abstumpfung Vorschub. Dabei ist gewiss, dass solGesundheitspolitikern geschärft. Anders als bei der che Epidemien wiederkehren werden. Ob schreckverheerenden Spanischen Grippe von 1918/19 licher Killer oder vergleichsweise harmloses Virus,
verfügen wir heute über antidas wird sich indes niemals
virale Medikamente und könsofort bestimmen lassen. In
einer idealen Welt würde danen prinzipiell auch massenhaft
her jeder neue Erreger die
Impfstoffe produzieren.
Aufmerksamkeit schärfen,
Noch ist die Seuche nicht
gleichsam als perfektes Traibesiegt. Noch stecken sich
Mit dieser Ausgabe erscheinen
ning für unser globales seuMenschen weltweit mit dem
die Ressorts Feuilleton und
chenmedizinisches Immunneuartigen Virus an. Aber die
Literatur in einem gemeinsamen
system.
Zahl der Infizierten ist deutlich
16-seitigen Zeitungsbuch.
Wenn jetzt die Schweinegeringer als befürchtet. Zudem
Bewährtes wird durch neue
verläuft die Krankheit in den
grippe keine traurigen SchlagElemente ergänzt – in einem
meisten Fällen milde. Die
zeilen mehr liefert, wird sich
klassisch-modernen
Weltgesundheitsorganisation
die Aufmerksamkeit rasch anErscheinungsbild
hofft, die Ansteckungswelle
deren Krisenherden zuwenwerde nun abebben.
den. Dabei betont die WeltDie Welt hat erfolgreich in Wachsamkeit in- gesundheitsorganisation, für eine Entwarnung sei
vestiert. Europa gründete ein neues Zentrum für es noch zu früh, die Bedrohung dauere an. TatsächSeuchenkontrolle in Stockholm, in Deutschland lich müssen die Virenwächter dieser Tage eine
regelt ein penibler Plan den Pandemiefall. Vor schwere Entscheidung treffen. Sie müssen abwägen,
allem jedoch haben Regierungen und Bevölke- ob der Ausbruch in Mexiko nur eine erste Welle
rung diesmal diszipliniert reagiert, statt sich war, wie es sie bei früheren Pandemien oft gab.
leichtsinnig über Warnungen hinwegzusetzen Kehrt das Virus in einem halben Jahr zurück?
oder aber hysterisch zu werden.
Jede Antwort ist hier Spekulation. Die Frage
Noch bei der Lungenkrankheit Sars, ebenfalls jedoch, die beantwortet werden muss, lautet: Braudurch ein Virus hervorgerufen, war das ganz an- chen wir trotz der gefühlten Entwarnung einen
ders. Im Frühjahr vor sechs Jahren ängstigte Sars Impfstoff gegen AH1N1? Und wie wichtig ist uns
die Welt. Das am schwersten betroffene Land, dieser? Denn die übliche Wintergrippe – auch wenn
die Volksrepublik China, vertuschte das Ausmaß sie in ihrer erwartbaren Regelmäßigkeit kaum Aufder Epidemie, verzögerte Schutz- und Hilfsmaß- merksamkeit findet – fordert jedes Jahr weltweit
nahmen. Später konnten Forscher den Erreger zwischen einer Viertel- und einer halben Million
bis in die südchinesische Provinz Guangdong zu- Menschenleben, Tausende davon in Deutschland.
rückverfolgen, wo er bereits Monate zuvor auf- Konzentriert man nun aus Angst vor einem neuen
getreten war – und womöglich hätte eingedämmt 1918/19 die begrenzten Ressourcen auf die Herwerden können.
stellung einer Schweinegrippeimpfung, so sterben
Transparenz und Schnelligkeit sind die wich- 2009/10 sicher mehr Menschen an der ganz getigsten Tugenden der Seuchenhygiene. Zwischen wöhnlichen Grippe.
einem und anderthalb Monaten hat es bei der
Die erfolgreichen Warner sind mit einem
Schweinegrippe von der ersten Infektion eines neuen Kassandra-Dilemma konfrontiert – und
Menschen bis zur globalen Sensibilisierung ge- die Menschheit steht vor einer widersprüchlidauert. Diesmal tat sich China als besonders eif- chen Herausforderung: Sie muss gerade die verriger Virenwächter hervor. Von Anzeichen einer hinderten Katastrophen im Gedächtnis bewahPanik indes wird weder aus der Volksrepublik ren, um sich vor den kommenden noch besser
noch aus anderen Teilen der Welt berichtet. In schützen zu können. Besonders vor jener Pandeden Wind geschlagen haben die Bürger die In- mie, die nun fürs Erste vertagt wurde.
formationen von Gesundheitsämtern, Reisevera www.zeit.de/audio
anstaltern und Fluglinien aber ebenso wenig.
an braucht schon viel Fantasie, um
sich vorzustellen, dass aus den geldverbrennenden Opel-Werken, dem
hoch verschuldeten Fiat-Konzern
und dem insolventen US-Hersteller Chrysler ein
starker Autoriese gebildet werden könnte. Sergio
Marchionne hat diese Fantasie.
Was dem Fiat-Chef fehlt, ist das nötige Geld.
Marchionne will seine Vision eines neuen transatlantischen Autokonzerns mit deutschen Milliardenbürgschaften verwirklicht sehen. In dieser
Woche war er in Deutschland auf Werbetour.
Er hat gute Argumente, aber er stößt auf Argwohn und Ablehnung. Die Financial Times
Deutschland nannte Marchionne einen »Heiratsschwindler«. Man unterstellt dem Italiener, er
habe es nur auf deutsche Technik und deutsches
Geld abgesehen. Dahinter steckt ein Vorurteil
gegenüber einer Autofirma, die lange Zeit nicht
für Qualität stand. Dahinter steckt auch ein Ressentiment gegenüber einem Land, das den Unternehmer Silvio Berlusconi – einen Mann, der
Privates, Geschäftliches und Politisches nicht zu
trennen vermag – dreimal zum Ministerpräsidenten gewählt hat. Und der nennt die OpelAllianz jetzt einen »Traum für alle Italiener«.
Ein Investor für Opel, der kein
Staatsgeld braucht, wird noch gesucht
Bei den Opelanern sind es nicht nur Vorurteile,
sondern auch Erfahrungen, die sie gegen Fiat
einnehmen. Die beiden Unternehmen haben
von 2000 bis 2005 zusammengearbeitet, und bei
Opel hat man diese Zeit in schlechter Erinnerung behalten. Die Ingenieure in Rüsselsheim
fühlen sich denen in Turin technisch überlegen.
Heute fürchten sie bei Opel, nach einer amerikanischen Stiefmutter bald einer italienischen
ausgeliefert zu sein. Dabei ist doch größtmögliche Unabhängigkeit das erklärte Ziel. Die Opelaner blenden aber nicht nur den Umstand aus,
dass sie als Tochterfirma eines amerikanischen
Konzerns über Jahrzehnte gut gefahren sind.
(Ohne den Einstieg von General Motors hätte
Opel schon die Weltwirtschaftskrise von 1929
nicht überlebt.) Sie verschließen die Augen auch
vor der Tatsache, dass der Autobauer auf sich gestellt keine Überlebenschance hat. Opel kann
sich weder komplett von General Motors lösen,
noch kommt das Unternehmen ohne neue Partner und Investoren aus. Opel muss weiter Personal abbauen und, über kurz oder lang, auch
Werke schließen. Daran führt nur ein Weg vorbei, und der ist mit Subventionen gepflastert. Es
gibt heute auf der Welt Autofabriken, die für
eine Produktion von 90 Millionen Fahrzeugen
im Jahr ausgelegt sind. Aber nur halb so viele
werden 2009 auch Käufer finden.
Fiat-Chef Marchionne kennt das Problem
der Überkapazitäten genau. Und er liegt auch
richtig in seiner Analyse, dass Fiat und Opel eine
bessere Chance im internationalen Wettbewerb
D
hätten, wenn sie künftig ihre Modelle auf einer
gemeinsamen Plattform bauen würden. Beide
Hersteller sind auf kleinere und mittlere Autos
spezialisiert und konkurrieren bislang miteinander. Was aus Sicht der Opel-Arbeitnehmer ein
Argument gegen den Zusammenschluss mit Fiat
ist, das ist industriell gesehen eines dafür. VW
macht vor, wie man mit großen Stückzahlen und
vielen Marken Milliarden an Kosten einspart.
So verwegen, wie er klingt, ist der Plan des
Sergio Marchionne also nicht. Er ist auch nicht
unlauter, weil er mit Steuergeldern rechnet. Man
darf ja nicht vergessen, dass sich bislang weltweit
kein Investor gefunden hat, der Opel kaufen
wollte, ohne dass ihm der deutsche Staat dabei
hülfe. Die Autofirma ist alles andere als eine begehrte Braut. Diese Erkenntnis sollte bei allen
Beteiligten, die Vertreter der Arbeitnehmer eingeschlossen, für eine gewisse Demut sorgen.
Die Wirtschaftswelt hat sich stark gewandelt.
Feindliche Übernahmen waren gestern. Allem
Angstgerede von Heuschrecken und Staatsfonds
zum Trotz fehlt es an privaten Investoren, besonders an solchen, die Eigenkapital haben und
nicht nur Kreditnehmerqualitäten.
Sicher, auch Marchionne kommt nicht mit
Geld, sondern mit einer industriellen Idee. Diese muss abgewogen werden gegen das Angebot
des kanadisch-österreichischen Autozulieferers
Magna, der gemeinsam mit russischen Geldgebern Interesse für Opel zeigt. Magna ist der
Wunschpartner der Arbeitnehmer und einiger
SPD-Granden, weil es anders als beim Zusammengehen mit Fiat kaum Überschneidungen
gibt. Derzeit erscheint das Konzept des Topmanagers aus Turin allerdings als das besser durchdachte, denn es läuft auf einen großen internationalen Autokonzern hinaus, der in einem Massenmarkt bestehen kann.
Man sollte nicht außer Acht lassen, dass Marchionne ein erprobter Sanierer und Konzernreformer ist. Der Italokanadier mit den zwei
Pässen und den drei Universitätsabschlüssen hat
mehrere Firmen auf Vordermann gebracht. Bei
der Sanierung von Fiat ist ihm das für unmöglich Gehaltene gelungen. Zwar schreibt auch der
größte italienische Konzern in der Autosparte
rote Zahlen, Staatshilfe braucht er aber nicht.
Es scheint ausgeschlossen, dass Opel am
Ende keine Staatsbürgschaft aus Berlin bekommt, denn in Deutschland ist Wahlkampf.
Wenn der Autobauer aber durch den Einsatz
von Steuergeld gerettet werden soll, geht das nur
durch international abgestimmte Industriepolitik. Mit dem Segen der US-Regierung ist Fiat
gerade bei Chrysler eingestiegen. Ein Dreierbündnis mit Opel wäre ohne Zweifel schwierig
umzusetzen. Aber es ist bislang auch das einzige
Konzept, das langfristig Erfolg verspricht.
Das neue Feuilleton
Siehe auch Wirtschaft, S. 23; Feuilleton, S. 47
a www.zeit.de/audio
Nr. 20 DIE ZEIT Schweiz
S.1
SCHWARZ
cyan
magenta
yellow
SIEHE CHANCEN SEITE 73–75
WWW.ZEIT.DE/RANKING
Mein Mond
Der große
Peter Sartorius
besucht nach 40
Jahren noch einmal die MondMAGAZIN SEITE 10
Eroberer
PROMINENT IGNORIERT
Eva-Elisabeth MüllerLüdenscheidt-Dieckmann
So viele Namen!
Unsereins macht keinen Wind
und heißt Hinz oder Kunz. Andere »wohnen bei den Sternen droben«, wie Hugo Laurenz August
Hofmann, Edler von Hofmannsthal, einst schrieb. Sie heißen Elisabeth Noelle-Neumann-MaierLeibnitz, wie sie wirklich mal hieß.
Jetzt sagt das Verfassungsgericht:
Dreifachnamen bleiben verboten.
Liebe Frau Rosemarie ThalheimKunz-Hallstein aus München!
Dürfen wir Sie Rosi Kunz nennen
(ganz unter uns)?
GRN.
Kleine Fotos v.o.n.u.: Daniela Federici; Contrasto/laif;
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NR.
20
CH 64. Jahrgang C 7451 C
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Die Angst vor der Schweinegrippe lässt nach. Die Welt hat Glück gehabt –
aber sie war auch gut vorbereitet VON STEFAN SCHMITT
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Fiat will mit Opel und Chrysler eine starke Autoallianz schmieden – und
stößt trotz guter Argumente auf großen Argwohn VON RÜDIGER JUNGBLUTH
Nr. 20
DIE ZEIT
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SCHWEIZ
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
13
Unser letzter Schrei
So sind wir: Wie sich die moderne
Schweiz in Hamburg präsentiert
Im Kindergarten verschwindet der Schweizer Dialekt. Bildungspolitiker wollen mit Hochdeutsch die Integration und das
Leseverständnis fördern. Jetzt regt sich Widerstand VON NINA TÖPFER
E
s sieht wie ein Spiel aus. Die Lehrerin es in der Sprachentwicklung der Kinder zu früh für
holt immer neue Früchte aus dem zuge- eine Zweitsprache, denn immer mehr Kinder zeigdeckten Korb. »Öpfel!«, hatten zu Beginn ten in der Muttersprache einen Entwicklungsrückder Stunde alle sechs Kinder gerufen, als stand. Die Ein-Drittel-zwei-Drittel-Regel ist Fink
ein Apfel zum Vorschein kam. Aber die richtige zu viel. »Außerdem ist die Standardsprache weder
Antwort lautet: »Dies ist ein Apfel« – und das eine Hoch- noch eine Schriftsprache, sondern eine
Spiel ist eigentlich Unterricht und heißt Deutsch unmögliche Mischform.« Seit fünf Jahren unterim Kindergarten.
richtet Gabriella Fink auch in HochdeutschsequenWas am Zürcher Zurlinden-Schulhaus schon zen, jedoch nur mit den Kindern des zweiten Kinseit einigen Jahren als Zweitsprachenunterricht dergartenjahres während zwei Stunden pro Woche.
für ausländische Kinder angeboten wird, soll »Diese Vorbereitung auf den Übertritt in die Prinun in fast allen Kantonen neben dem Dialekt marstufe ist absolut ausreichend«, sagt sie. Ihr
zur Umgangs- und Unterrichtssprache im Kinder- grundsätzlicher Protest aber bleibt. »Die Ziele diegarten werden: das Hochdeutsche. Die Kinder ser verfehlten Frühförderung sind völlig unklar.
dürfen aber immer noch von Büsis und Finken Weshalb sollen wir bereits im Kindergarten in dieund Znüni sprechen, und die schweizerdeut- ser unmöglichen Mischmaschsprache von hochschen Lieder und Verse werden weiterhin ge- deutschem Schweizerdeutsch sprechen?« Vielleicht
pflegt. Der Lehrplan hält fest: Wechselt die weil Hochdeutsch auch eine Landessprache ist? Da
Lehrperson die Unterrichtssprache, deklariert sie gibt sie zurück: »Wir leben hier in der Schweiz, und
dies, spricht dann die Hochsprache und »ermu- Hochdeutsch ist keine Landessprache, sie ist unsetigt« die Kinder auch dazu.
re Lese- und Schreibsprache.«
Das aber finden bei Weitem nicht alle richtig.
Auch im Zurlinden-Schulhaus regte sich zu
Im Streit um Deutsch an den
Beginn Widerstand dagegen,
Kindergärten geht es um
im Unterricht StandardspraSchulerfolg, um kulturelle
che zu sprechen. Aber sie
Identität und Integration.
waren vor allem individuell
Seit dem Schock von
begründet: auf Hemmun2000, als Schweizer Schüler
gen, weil man kein BühnenSollen die Kinder schon
laut Pisa-Studie beim Lesedeutsch spricht, auf Unsiim Vorschulalter Hochverständnis schlecht abgecherheiten, weil »man es
schnitten haben, ist ein
nicht in der Ausbildung gedeutsch sprechen? In
»Aktionsplan« in Kraft. Frühabt hat«. In WeiterbildunBasel und Zürich sind
hes Hochdeutsch soll helgen wird diesen Ängsten
Volksinitiativen gegen das
fen. Heute gelten von KanRechnung getragen.
Hochdeutsche im Kinderton zu Kanton jedoch un»Dahinter stecken Leterschiedliche Regelungen
bensgeschichten,
der Gegarten eingereicht. Der
zum Sprachgebrauch in den
brauch von Hochdeutsch
Sprachenstreit sagt auch
Kindergärten, sie reichen
ist in der Schweiz nicht
etwas über das Verhältnis
von »grundsätzlich Mundganz unbelastet«, sagt Corart« über »teilweise Hochnelia Frigerio Sayilir, Dozwischen der Schweiz und
deutsch« zu »grundsätzlich
zentin an der Pädagogischen
Deutschland
Hochdeutsch«.
Hochschule Bern und SpeIn Zürich ist mit Beginn
zialistin für Spracherwerb,
Mehrsprachigkeit und Stödes Schuljahres 08/09, Hochdeutsch Pflicht – mindestens ein Drittel und höchs- rungen der Kommunikation. »Jetzt hat allerdings
tens zwei Drittel der Zeit soll die Lehrperson Stan- eine Auseinandersetzung damit angefangen, und
dardsprache sprechen. Solche Vorschriften riefen der Umgang mit der Hochsprache ändert sich.«
Befürworter des Hochdeutsch haben eher
die Mundart-Befürworter auf den Plan, die Zürcher Volksinitiative »Ja zur Mundart im Kinder- den langfristigen Schulerfolg der Kinder im
garten« ist nun eingereicht. Sie verlangt, dass an Auge. Sprachen, sagt Frigerio Sayilir, lerne man
den Kindergärten wieder Mundart als dominieren- in einem bestimmten Umfeld. Es gehe leichter,
wenn man sie höre und sprechen müsse – wenn
de Unterrichtssprache gepflegt wird.
Ähnlich hin und her ging es in Basel-Stadt. also eine kommunikative Notwendigkeit besteHier will die IG Dialekt der Mundart den Platz he. Die Einstellung der Lehrperson spiele dabei
als Grundsprache im Kindergarten sichern. Unter- eine große Rolle. »Kinder reagieren sehr sensibel
schriften sind auch hier mehr als genug gesam- darauf. Aber grundsätzlich ist der Moment,
melt, die Volksinitiative wurde kürzlich einge- Sprachen zu lernen, im Kindergartenalter sehr
reicht. Zuvor hatte der Erziehungsrat festgelegt, gut. Mehrsprachigkeit löst auch keine Sprachdass die Lehrpersonen im Kindergarten mindes- erwerbsstörungen aus«, sagt Cornelia Frigerio
tens zur Hälfte der Zeit Hochdeutsch sprechen Sayilir. Geht der Erwerb einer zweiten Sprache
sollen. Das, nachdem Ende 2008 bei einer Be- auf Kosten der ersten? »Nur wenn die erste nicht
gleitstudie zum zweijährigen Versuch an über 30 mehr gesprochen und gepflegt wird.
In der Deutschschweiz hat das SchweizerKindergärten in Basel-Stadt 80 Prozent der Eltern und Kindergärtnerinnen die Einführung deutsche jedoch ein hohes Prestige und droht
von Hochdeutsch am Kindergarten positiv be- nicht zu verkümmern. Es ist für den Spracherwerb aber außerordentlich wichtig, dass keiurteilt hatten.
Handelt es sich, polemisch gesprochen, bei ne der beiden Sprachen abgewertet wird.« Dann
der Idee, im Kindergarten Hochdeutsch zu spre- helfe einem jede Sprache, die man gelernt habe
chen, um überzogene Frühförderung von ambi- und die einem zur Verfügung stehe, weitere
tionierten Pädagogen? Was spricht eigentlich Sprachen zu lernen. »Es wäre schön, wenn wir
dagegen, eine Sprache dann zu lernen, wenn es Deutschschweizer eine echte Mehrsprachenidentität entwickeln würden und wir unsere
am leichtesten geht?
Viel, sagen die Gegner und argumentieren mit vielfältigen Sprachfähigkeiten mehr schätzen
der Identität der Schweiz. »Wenn wir mit Vierjäh- könnten.«
Auch auf dem Pausenplatz hören die Kinderrigen nur noch Hochdeutsch sprechen, geht unsere Muttersprache, die Mundart, verloren«, sagt gärtner des Zurlinden-Schulhauses Hochdeutsch
Gabriella Fink, Kindergärtnerin und Mitgründerin von ihren Lehrerinnen. Die Fremdsprache außerder Zürcher Initiative »Ja zur Mundart«. Auch sei halb des Unterrichts kommt der Mundartbefür-
worterin Gabriella Fink »völlig absurd« vor. Geradezu »unfair«, wenn es darum gehe, Integration über
die Sprache zu fördern. Mundart, sagt sie, lerne man
nur sehr jung; mit Hochdeutsch im Kindergarten
verwehre man den fremdsprachigen Kindern diese
Chance. Die Integration der Secondos gehe über
die Mundart, behauptet auch ihr Mitstreiter, der
Sekundarlehrer und Kantonsrat Thomas Ziegler,
auf der Website der Initiative.
Lernen fremdsprachige Kinder tatsächlich leichter Hochdeutsch als Dialekt? »Das kann man so
nicht sagen«, sagt Pädagogin Frigerio Sayilir. »Außerdem führt das eigentliche Problem doch weiter.
In der Schule werden die Kinder an ihrem Hochdeutsch gemessen. Wenn sie den Umweg über den
Dialekt machen müssen, lernen sie erst später und
nicht mehr so leicht Hochdeutsch. Auch weil es für
sie wegen der Ähnlichkeit von Dialekt und Hochdeutsch besonders schwierig ist, beides voneinander
getrennt zu halten. Und wenn schon von Integra-
tion die Rede ist, muss man abwägen, was man
höher gewichten will: Möchte man einem Kind
gute Bildungschancen mitgeben, die mit gutem
Hochdeutsch zusammenhängen, oder will man in
erster Linie, dass es Schweizerdeutsch lernt?«
An einem anderen Zürcher Kindergarten mit
ausschließlich Dialekt sprechenden Kindern klingt
die Frage wieder an: Wozu die Standardsprache?
Aber wenn die Kleinen im Kreis sitzen und die Lehrerin den Sprachwechsel signalisiert hat, spricht sie
Hochdeutsch. Die Kinder antworten, wie sie möchten – sie sollen ja im Kindergarten spielerisch, übers
Vorbild lernen. Auch hier sind Sachen in einem
Korb versteckt, die man anfassen, benennen und
zählen kann. Wer es in einer anderen Sprache kann,
darf das. Anna zählt auf Englisch, Peter auf Hochdeutsch und Livia auf Spanisch. Es wird viel gelacht.
Und bevor der Spaß anfängt, singen sie das GutenMorgen-Lied, und das geht so: »Guete Morge, good
morning, buenos dias, buongiorno, bonjour.«
Foto: Fotoagentur Ex-Press/action press
VON ROGER DE WECK
Typen wie Hitler
››oderBeiAhmadineschad
erreicht man auf diese
Weise nichts.
Ilan Elgar, Botschafter Israels,
über das Treffen in Genf zwischen
dem iranischen und dem
schweizerischen Präsidenten.
Ob man mit diesem Vergleich etwas erreicht?
CH
Sprachenstreit
Nr. 20 DIE ZEIT
NACHSATZ
Foto: Marc Wetli
»Öpfel« heißt jetzt »Apfel«
››
Kinder lernen
HOCHDEUTSCH
Verlässt die Schweiz die Schweiz und tritt auf, dann
ist es gerade jetzt gut, wenn sie zeigt, was sie kann.
Insofern ist unser Motto als Gastland am Hamburger
Hafengeburtstag vielversprechend: »Von Hei-di bis
High-Tech«. Das klingt zwar diskussionswürdig, und
man sollte den Texter, der diesen Geistesblitz hatte,
teeren und federn. Aber inhaltlich ist die moderne
Schweiz immerhin mitsuggeriert. Gehen wir sie also
suchen, schlagen das Kulturprogramm auf, lesen, was
der Hamburger Helvetisches geboten bekommt.
Neben Kuhmelken, Sennen-Curling und Käseherstellung gibt es am Wochenende 13 Mal AlphornHeidi, fünf Mal Alphorntrio Königsgrund, vier Mal
Alphorn-Ensemble Heide Echo. Damit es nicht eintönig wird, tritt die Jodlermesse-Gruppe Bern sechs
Mal auf, 15 Mal gibt es eine Trommelshow aus Basel.
Acht Mal klöppelt Hackbrettspieler Nicolas Senn,
der offenbar für das Moderne steht (Jahrgang 1989).
Weitere kulturelle Beiträge sind nicht vorgesehen.
Ist dem Deutschen unsere Kultur nur als Folklore
zuzumuten? Das Programm hat Michael Wendt vom
Hamburger Veranstalter EwendtS mit dem Schweizer Konsul abgesprochen (kein Wunder, wird dessen
Konsulat 2009 aufgelöst). Wendt glaubt nicht, ein
abgestandenes Bild zu präsentieren. Denn neben der
Bühne stehen Stände: »Freitag-Taschen, Swatch,
Omega, Certina«, sprudelt es aus Wendt heraus, wenn
man fragt. Basel zeige »viel aus dem Nano-Bereich«.
Die Patrouille Suisse, die sechs Mal am Himmel tanzt,
habe moderne Maschinen. Zwei Meter GotthardTunnel im Originaldurchmesser stehen an der Elbe,
es gibt Vorträge zum europäischen Teilchenbeschleuniger am Cern bei Genf. Außerdem sei die »Schokoherstellung«, gezeigt von Lindt, »positiv Hightech«.
Dann ist ja alles noch mal gut gegangen bei der
Planung. Und etwas wundert einen nun nicht mehr:
dass man in Deutschland fast immer nur auf einen
einzigen Schweizer Kulturschaffenden angesprochen
wird. Auf einen, der mit seiner Rolle die Bühne vor
22 Jahren verlassen hat. Emil.
URS WILLMANN
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Nr. 20
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SCHWEIZ
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
»Mehr Sport. Das würde helfen!«
In der Schweiz drohen die Krankenkassenprämien zu explodieren. Dietrich Grönemeyer, der bekannteste Arzt Deutschlands, sagt, was zu tun ist
Herr Grönemeyer, Sie wurden mit Ihrer
Forderung nach einem menschlichen, ganzheitlichen Umgang mit dem Patienten berühmt. Eine
Banalität. Ist Ihr Erfolg Ausdruck des Versagens Ihrer Branche?
DIETRICH GRÖNEMEYER: Das Gesundheitswesen kümmert sich nur noch um Kostenfragen, kaum mehr
um den Menschen und um den Stellenwert der Medizin als Kulturgut. Es ist ein Erbe, das wir mitbringen seit Adam und Eva, ein Verhältnis zu uns selbst.
Das ist in Vergessenheit geraten. Wir verlieren den
Menschen aus den Augen. Das ist ein Versagen.
ZEIT: Auf dem Sie aufbauen können.
GRÖNEMEYER: Das man nicht mehr länger hinnehmen darf.
ZEIT: Erschreckt es Sie nicht, dass Sie mit einer solchen Banalität solchen Erfolg haben?
GRÖNEMEYER: Von Erfolg möchte ich nicht sprechen. Außerdem ist die Wahrheit nie banal, nicht
für einen Aufklärer. Zum Beispiel sind 80 Prozent
der Rückenschmerzen nicht auf einen Bandscheibenvorfall, sondern auf Muskelverspannung zurückzuführen – das weiß aber kaum jemand. Mein
Anliegen ist es, schwierige Sachzusammenhänge
verständlich zu machen, nicht zu banalisieren.
ZEIT: Haben Sie sich Feinde gemacht durch Ihre Banalitäten?
GRÖNEMEYER: Ich habe mir Feinde gemacht, weil ich
gewisse Dinge deutlich sage. Etwa dass die Ärzte,
um bei dem Beispiel Rückenschmerzen zu bleiben,
nicht so viel operieren sollten. Und wenn sie operieren, dann bitte kleiner und feiner. Mit Massagen,
mit Bewegung, Akupunktur und Naturheilkunde
ist meist viel mehr zu erreichen. Es muss ein Miteinander von Schulmedizin und Naturheilkunde
geben, da gibt es auf beiden Seiten Vertreter, die
mich auf den Mond schießen könnten.
ZEIT: Sie sprechen von der »scheinbaren« Kostenexplosion des Gesundheitswesens. Ich meine, die ist
doch sehr real. In der Schweiz befürchtet man gerade eine sehr reale Prämienexplosion.
GRÖNEMEYER: In Deutschland sind die Kosten, gemessen als Prozentsatz des Bruttoinlandsproduktes, in den letzten 20 Jahren relativ konstant geblieben, in der Schweiz ist das nach meinem
Kenntnisstand ähnlich. Wir haben eine Kostenexplosion auf einer anderen Ebene, durch die Zunahme von unnötigen Krankheiten. Das Zappelphilipp-Syndrom bei Kindern etwa, da schwappt
eine Welle von Ritalin verschreibenden Ärzten auf
uns zu. Die Pharmaindustrie, riesige Gewinne vor
Augen, macht zusätzlichen Druck. Und wir geben
das Ritalin brav unseren Kindern. Wir überlegen
nicht, ob diese Kinder zu wenig Sport treiben, ob
die fünf Stunden, die sie täglich vorm Bildschirm
sitzen, nicht zu viel sind. Nein, sie werden morgens zur Schule gefahren, Sport fällt aus. Jeden Tag
DIE ZEIT:
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eine Stunde Sport an den Schulen einzuführen,
wie ich das seit Jahren fordere, würde viel helfen.
Man müsste auch den Schularzt reaktivieren. Oder,
um den Kreis noch etwas weiter zu ziehen, die Bilder der Gewalt, mit denen Kinder heute konfrontiert sind, über die redet ja niemand mit ihnen.
Da soll sich einer wundern, wenn Unruhe und
Aggression entstehen.
ZEIT: Bei diesem Gesundheitswesen profitieren nicht
diejenigen, die sich wirklich um die Menschen
kümmern. In der Schweiz werden die Hausärzte
immer schlechter gestellt.
Der Weltmediziner
Dietrich Grönemeyer, 56, ist Arzt,
Professor und Gründer des Grönemeyer Instituts für Mikrotherapie in
Bochum und Essen. Seine allgemein
verständlichen Ratgeber wie etwa das
»Neue Hausbuch für Gesundheit«
(Rowohlt, Fr. 36,90) sind Bestseller.
Ende 2007 hat er in Zürich die Stiftung für Weltmedizin gegründet. Hier
will der dreifache Vater überliefertes
Heilwissen sammeln, bewahren und
»in einer neuen, die Kulturen und Weltanschauungen übergreifenden Medizin
aufgehen lassen«.
GRÖNEMEYER: Ein Arzt erhält bei uns 16 Euro für
einen Hausbesuch, ein Handwerker hat schon doppelt so viel, wenn er eine kaputte Waschmaschine
nur öffnet. Das ist absurd. Auch in dieser sozusagen
betriebswirtschaftlichen Hinsicht müssen wir viel
mehr für eine ganzheitliche Medizin tun. Wir müssen mehr mit dem Wohlbefinden argumentieren,
weniger mit der Gesundheit, auch ein Arthrosekranker kann sich den Umständen entsprechend
wohlfühlen, wenn ihm seine Schmerzen genommen
werden. Und der Hausarzt, also der Arzt meines
Vertrauens, ist die Schaltstelle, damit sich das Wohlbefinden wieder einstellt. Er hat eine immer wichtigere Schlüsselfunktion, nicht zuletzt vor dem
Hintergrund eines immer rascher wachsenden medizinischen Wissens.
ZEIT: Sie verdienen ja als Mikrotherapeut auch zehnmal so viel wie ein Hausarzt. Müsste man Ihrer Gilde nicht mal sagen, dass das so nicht geht?
GRÖNEMEYER: Ja. Die sprechende, zuhörende Medizin müsste eine viel höhere Wertigkeit bekommen
und viel besser honoriert werden. Die Honorare der
Spezialisten könnten sinken. Nehmen Sie die Radiologie. Das ist doch Wahnsinn, dass sich jeder
Radiologe oder viele Krankenhäuser einen neuen
Kernspintomatografen oder andere Großgeräte
hinstellen. Da müsste man sich doch zusammentun, um die Geräte besser auszulasten, sowohl in
der Diagnostik als auch zur Therapie. Das würde
Mittel freisetzen, etwa für die sprechende Medizin.
Sie ist im Zuge der technischen Entwicklung, um es
noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen, viel zu
sehr zurückgedrängt worden.
ZEIT: Warum passiert nichts?
GRÖNEMEYER: Weil alle nur die Kosten sehen und
die Lobbyisten im Wettstreit liegen.
ZEIT: Warum sind die Lobbys so stark?
GRÖNEMEYER: Weil es um viel Geld geht und weil es,
zumindest in Deutschland, keine Beteiligung der
Patienten an Gesetzesentscheidungen gibt. Der
Mensch findet gar nicht statt. Die Entscheidungen
treffen die Politik, die Ärzte und die Kassen. In
Deutschland hatten wir in den letzten zehn Jahren
fünf Reformen. Wir Ärzte sind die Hälfte unserer
Arbeitszeit damit befasst, Formulare auszufüllen,
um der Dokumentationspflicht nachzukommen.
So verlieren wir den Patienten aus den Augen.
ZEIT: Was ist zu tun?
GRÖNEMEYER: Wir müssten die zehn wichtigsten
Volkskrankheiten nehmen und diese hierarchisieren: Was müssen wir wann tun? Ein Beispiel: 68
Prozent aller Kinder zwischen 10 und 17 Jahren in
Deutschland haben heute Rückenschmerzen, eine
Zunahme von 25 Prozent in der gesamten Bevölkerung in den letzten zehn Jahren. Das wissen wir –
und tun nichts. Aber wenn wir jetzt nichts tun, haben wir in 20 Jahren eine viel höhere Belastung des
Gesundheitssystems durch akute und chronisch
Kranke. Dann brauchen wir noch viel mehr Geld.
ZEIT: Darf sich einer mit chronischen Schmerzen
umbringen?
GRÖNEMEYER: Die Schmerzfreiheit sollte im Grundgesetz garantiert werden. Wir sind nämlich heute in
der Lage, jedem Menschen chronische Schmerzen
zu ersparen. Auch viele Sterbehilfediskussionen
würden sich dann erübrigen. Und wir müssen in die
Ausbildung Fragen integrieren wie: Was ist Leben?
Was ist Sterben? Das musste ich mir alles selbst beibringen. Mir hat nie jemand gesagt, dass man dem
Patienten einfach mal zuhören muss. Heute wird
ein Patient durchschnittlich nach 12 Sekunden vom
Arzt unterbrochen.
ZEIT: Sie haben Zeit zuzuhören?
GRÖNEMEYER: Ich nehme mir diese Zeit. An meinem
Institut sehen immer mindestens zwei Ärzte aus
verschiedenen Disziplinen den Patienten und sprechen ausführlich mit ihm.
ZEIT: Hätten Sie sich schon mal gewünscht, jemandem Sterbehilfe zu leisten?
CH
GRÖNEMEYER: Nein. Sterbehilfe bedeutet für mich,
einem Sterbenden nahe zu sein und alles zu tun,
damit der Mensch ruhig werden kann. Ich habe
während meiner Zeit auf einer Frauenkrebsstation
viele Frauen in den Tod begleiten müssen. Ich habe
auch meinen Bruder begleitet. Wir brauchen eine
Ars Vivendi, die den Tod integriert. Aber ich werde
immer bis zuletzt für das Leben kämpfen.
ZEIT: Sie sind ein Gegner des Selbstmords.
GRÖNEMEYER: Natürlich, ich liebe das Leben zu
sehr, als dass ich mir einen Selbstmord vorstellen
könnte. Und wir haben dieses Leben geschenkt bekommen, wir dürfen es nicht einfach wegwerfen.
Andererseits darf man auch von niemand verlangen, unter inhumanen Umständen weiterzuleben.
ZEIT: Ist der Tod eines Patienten eine Niederlage?
GRÖNEMEYER: Nein, ich bin nur überzeugt, dass jeder das Recht hat, in Würde zu gehen .
ZEIT: Sind Sie schon einmal gescheitert?
GRÖNEMEYER: Am Grabe meines Bruders Wilhelm
war ich mit der Tatsache konfrontiert, dass ich medizinisch seinen Krebs nicht besiegen konnte. Wir
haben alles versucht, wir hatten uns sogar für eine
Knochenmarktransplantation zur Verfügung gestellt. Am Grab musste ich einsehen: Wir entscheiden nicht, wann wir kommen und wann wir wieder
gehen. Da gibt es einen Schöpfer, der das entscheidet. Ich habe mit dem Schöpfer gehadert, verstand
aber zugleich, wir haben die Möglichkeiten, für
das Leben zu kämpfen, und dies so effizient wie
möglich. Danach konnte ich den Tod des Bruders
akzeptieren.
ZEIT: Wie sieht die nächste Welt aus?
GRÖNEMEYER: Das weiß ich nicht. Ich denke natürlich in diesem Moment – wie Sie wohl auch –, ich
sei unsterblich. Aber manchmal erfasst mich ein
Schrecken, dass ich womöglich nie mehr so sein
kann, wie ich bin. Vielleicht sind wir ja nur Energie, die irgendwie weitergereicht wird, an unsere
Kinder, unsere Freunde. Aber was ist mit unserer
Seele, unserer Essenz? Geht die einfach verloren? Ich glaube, da geht etwas weiter.
Und das macht mich ruhig.
ZEIT: 16 Prozent der Schweizer Bevölkerung ist psychisch krank.
GRÖNEMEYER: Auch die Hälfte der Deutschen empfindet heute eine Angst, die sie im
Alltag behindert. Das führt zu Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfällen, Magengeschwüren. Wir haben eine unglaubliche
Zunahme von Sodbrennen. Das ist nicht nur
eine Folge von zu hektischem und falschem Essen,
sondern auch von einer ängstlichen Seele, die einem auf dem Magen liegt.
ZEIT: Ist Depression die Krankheit des Jahrhunderts?
GRÖNEMEYER: Ja. Psychische Krankheiten nehmen
zu und stehen in Europa nach neuesten Veröffentlichungen bereits an erster Stelle der Krankheitsskala. Die Wirtschaftskrise wird dies nicht ändern.
Wir müssen uns diesen Ängsten stellen und sie
nicht mit Medikamenten zudecken.
ZEIT: Der Mensch muss doch verdrängen.
GRÖNEMEYER: Natürlich, aber wenn eine ganze Gesellschaft verdrängt, haben wir ein Problem. Wir
haben uns zum Beispiel in Deutschland immer
noch zu wenig mit dem »Dritten Reich« und auch
mit der DDR auseinandergesetzt. Und jetzt in der
Krise rettet der Staat alle die, die uns mit virtuellen
Produkten oder Überproduktionen in die Krise gestürzt haben? Da sage ich: Es wäre besser, wenn wir
»Ein Arzt erhält bei uns 16 Euro
für einen Hausbesuch, ein Handwerker hat schon doppelt so viel,
wenn er eine kaputte Waschmaschine
nur öffnet. Das ist absurd!«
die Krise als Chance sehen würden, neu anzufangen, umzudenken. Das gilt für die Gesellschaft im
Allgemeinen so wie für die Medizin im Besonderen. Wenn ich ein Hausbuch der Gesundheit schreibe, tue ich das, was der Staat längst hätte tun sollen,
etwa durch die Einführung von Gesundheitsunterricht an Schulen: Ich bemühe mich um die medizinische Aufklärung.
ZEIT: Sie sind ein Pastor im weißen Kittel.
GRÖNEMEYER: Ich wollte mal Pastor werden.
ZEIT: Das liegt in der Familie. Herbert hat etwas
von einem Pastor, der singt.
GRÖNEMEYER: Jeder hat seine Botschaft. Ich habe
erreicht, dass Gesundheitswirtschaft – also medizinische Versorgung und assoziierte Branchen
wie Medizintechnik, Fitness, Landwirtschaft, Seniorenbetreuung – als ein wichtiges Element der
Zukunft gesehen wird. Ich habe durch die Mikrotherapie wesentliche Anstöße zur Reduzierung
von Operationen gegeben. Und ich habe darauf
hingewiesen, dass die Deutschen letztes Jahr etwa
50 Milliarden Euro für Wellness ausgegeben haben. Die Bevölkerung sehnt sich nach Zuwendung, körperorientierter Medizin, Naturheilverfahren.
ZEIT: Das ist ein Geheimnis der Homöopathen. Sie
beschäftigen sich mit dem Menschen, auch wenn
ihre Kügelchen vielleicht gar nichts nützen.
GRÖNEMEYER: Wer heilt, hat immer Recht.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE PEER TEUWSEN
Nr. 20 DIE ZEIT
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Nr. 20
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WOCHENSCHAU
20
Die Hochzeit
der Woche
7. Mai 2009 DIE ZEIT Nr. 20
aus Italien, die als Kurzform von »Fehler In Allen
Teilen« Weltruhm erlangte. Der Bräutigam betagt
und bankrott, die Braut zwar rüstig, aber rostig,
das wird lustig. Nun sollen sie ihr Ja- beziehungsweise Si-Wort geben, und das eben bringt uns
zur Frage, wie die Eheleute künftig heißen wollen.
»Opiat« ist hier der Vorschlag der Stunde: Darin
klingt exotische Ferne an, rauschhaftes Erleben,
das Überschreiten von Grenzen, und sei es nur
bei der Plünderung des eigenen Bankkontos zum
Kauf eines neuen Automobils. »Opiat«, das lindert
den Schmerz über versteckte Mängel und spricht
auch die Älteren unter uns an. Der Name wird
diese Ehe befeuern! (Was aber droht: Seite 47)
Fotos: Heimo Aga (li.); [M] Globetrotter Ausrüstung (re.)
Wir wollen ausnahmsweise die Dinge nicht beim
Doppelnamen nennen (siehe Seite 1), sondern
die Hochzeit von Herrn Kom und Frau Li zu
asiatischer Einfachheit führen, und das ist jetzt
gar nicht so kom-li-ziert, wie Sie vielleicht denken.
Nehmen wir einen deutschen Rekord-Hersteller,
der nach Adam selig Opel hieß, und eine Firma
Stau in der Wildnis
Berlins erster Outdoor-Laden für Kinder erlebt zur Eröffnung
den Ansturm einer atmungsaktiv betuchten Klientel
VON HEIKE KUNERT
A
SKYLINE DER
SCHNÄPSE vor
der Blauen
Moschee in
Istanbul
Zeig mir die Flasche!
Raki ist eine türkische Spezialität – und manchmal tödlich. Unser Korrespondent
über die Verhaftung eines Panschers und eigene Erfahrungen VON MICHAEL THUMANN
E
ine türkische Freundin trinkt für ihr Leben
gern Raki – und hat das noch nie bereut.
Wenn wir mit Freunden ins Istanbuler
Szeneviertel Beyoglu eintauchen, sucht sie
gezielt Tavernen aus, die nicht allzu billig sind. Den
Kellner hält sie an der kurzen Leine. Sie besteht
darauf, dass er eine ungeöffnete Flasche an den Tisch
bringt. »Darf ich?«, fragt sie. Überprüft die Steuermarke am Drehverschluss. Schaut sich die Tülle an.
Ist die nicht fest angeschweißt, lehnt sie sofort ab.
Aus der Tülle kann nämlich nur etwas herausfließen,
nichts hinein. Sie riecht am puren Schnaps. Hmm,
gut. Der Kellner gibt Eis ins Glas, den Raki darauf,
ein wenig Wasser dazu. Şerefe – zum Wohl!
Die Vorsicht unserer Freundin hat Gründe. In
der Türkei ist nicht immer das drin, was draufsteht. Hochprozentiger Alkohol wird verdünnt,
nicht nur mit Wasser. Drei deutsche Jugendliche
aus Lübeck, die im März in Kemer bei Antalya auf
Klassenfahrt waren, dachten, sie hätten WodkaCola im Glas und tranken einen Mix mit Methanol. Sie fielen ins Koma und starben. Vergangene
Woche hat man den Getränkehändler verhaftet,
der den Alkohol geliefert hatte. Der Mann war
schwer bewaffnet und schoss wild um sich, als
Polizisten sein Versteck entdeckt hatten.
Gepanschter Raki ist ein wiederkehrendes Thema in den Zeitungen. Meistens sind es Türken, die
sich vergiften. Seit Anfang März sind außer den
Lübeckern sieben weitere Menschen ums Leben
gekommen. Vor zwei Jahren erwischte es vier Türken, im Jahr 2005 starben sogar 22 Menschen. Bei
Kontrollen fliegen regelmäßig Fälscher auf, Hoteliers kommen vor Gericht, Hunderttausende Flaschen mit Ungenießbarem werden konfisziert.
Seitdem vor vier Jahren 500 000 Steuerbanderolen
aus einem Behördendepot gestohlen wurden, gibt
es noch mehr Grund zur Vorsicht.
Wieso ist die Panscherei in der Türkei so verbreitet? Eine Erklärung lautet: Die Pauschalreisen
ausländischer Touristen sind zu billig. Absolut
richtig. Wer als Veranstalter für wenige Hundert
Euro Flug, Hotel, Strand, Essen und frei trinken
anbietet, will ja auch noch etwas verdienen. Also
kauft er das billigste Fleisch und den billigsten
Fusel.
Eine zweite Erklärung lautet: Der Alkohol in
der Türkei ist zu teuer. Auch da könnte etwas dran
sein. In den Supermärkten Istanbuls kostet ein
halbwegs genießbarer Wein mindestens 20 Euro.
Ein Raki, den man ohne Kopfschmerzen trinken
kann, ist kaum billiger. Türkische Freunde verdammen gern die Regierung mit ihrem gläubigen und
abstinenten Regierungschef Tayyip Erdoğan. Doch
war es nicht er, sondern seine streng säkulare Vorgängerregierung, die die Alkoholpreise über eine
Spezialverbrauchssteuer im Juni 2002 hochgedrückt
hatte. Heute, in der Wirtschaftskrise, senken die
Raki-Fabriken sogar selbst ihre Preise, damit sich
die Leute nicht vergiften müssen.
Und, drittens, die Verschwörungstheorie: Die
Panscherei wird geduldet, weil in der Türkei sowieso nur Atheisten, Christen und Ausländer trinken.
Auf einer Reise in den kurdischen Südosten der
Türkei drängte sich dieser Eindruck auch mir vorübergehend auf. Nach einer Fahrt entlang der
umkämpften türkisch-irakischen Grenze war ich
vergangenen Mittwoch im Städtchen Şirnak angekommen. Jetzt eine scharf gegrillte Köfte und ein
kühles Pils! Die Suche dauerte. Kein Bier, nirgends.
Endlich fand ich in einer dunklen Seitengasse einen trübrot beleuchteten Alkoholladen. Schon etwas schuldbewusst erstand ich eine Flasche Efes
Pilsener, lauwarm. Wo trinken? Auf der Straße unter den gläubigen Kurden? Unmöglich. Ich fragte
in der Grillstube. Ausgeschlossen, in Şirnak hat
kein Restaurant eine Alkohollizenz. Also stürzte
ich das Bier in meinem Herbergszimmer herunter,
heimlich, wie es sich gehört.
Und doch ist der Eindruck völlig falsch, Muslime würden nicht trinken. Schon Prinz Cem, Sohn
des Eroberers von Konstantinopel, ließ sich den
Wein mit Nelken und Pfeffer würzen, damit der
Alkohol nicht so durchscheint. Kemal Atatürk, der
Gründer der modernen Türkei, liebte Raki und
Whisky und litt an seiner kranken Leber. In
Istanbuler Restaurants und Bars sind wunderschön
aufgereihte Flaschen mit Hochprozentigem zu bestaunen. Auch viele Türken können da nicht widerstehen. Einer Studie zufolge ist der Alkoholkonsum im Land vergangenes Jahr um 20 Prozent
angestiegen. Auch dieser Zuwachs ist ein Anreiz
zum Verschnitt.
Deshalb trinke ich Raki nur nach dem Muster
unserer türkischen Freundin. Und türkisches Bier
schmeckt auch ziemlich gut, wenn es kalt ist.
m vergangenen
Wochenende eröffnete auf der sehr urbanen Steglitzer
Schloßstraße Berlins und wohl Deutschlands erster Outdoor-Shop für Kinder, und man
könnte meinen, es war höchste Zeit. Denn der
Andrang war so groß, dass sogar die Kinderwagen
im Stau standen. Die Geschäftsidee des europaweit handelnden Unternehmens Globetrotter,
direkt neben dem Stammgeschäft eine eigens für
die lieben Kleinen konzipierte Filiale zu eröffnen,
scheint aufzugehen.
Die unerschrockenen Pärchen von einst, die
mit wasserfesten Zündhölzern, Campingkocher und Schnitzbeil in die Wildnis zogen, haben jetzt Nachwuchs,
was nun nicht
bedeutet, dass sie den
geliebten Trekking-Urlaub zugunsten des familienfreundlichen Hotels am Mittelmeer aufgeben wollen.
Die Bergtour mit Baby ist möglich. Es gibt diverse Rucksackmodelle mit integriertem Kindersitz. Der Kauf eines solchen Gestells will
ähnlich gut überlegt sein wie die Anschaffung
eines Autos. Was dort Motorbauart, Verbrauch
und Innenausstattung, sind
im Fall der
Kindertrage die Lageverstellriemen, der
Hüftgurt und das Staufach für Windeln und
Schmusebär. Die auf den elterlichen Rücken
probethronenden Kinder illustrieren den
Aufstieg eines Hobbys zur
modernen Familientradition.
Der kleine Leon in der
»Buddelbüx«, die smarte Hannah im Hosenrock »Desert
Queen«, das klingt auch ziemlich
naturbelassen, und wenn man dann
an der Kasse steht, greift man so
gern ins Portemonnaie wie im
Reformhaus.
Carsten Bombis, der Filialleiter, streift als ein zufriedener König durch
sein kleines Reich.
»Wir
haben bei der Gestaltung auf
Natur gesetzt und ganz
bewusst auf
Multimedia verzichtet«, sagt er, und man
muss schon genau hinhören, um ihn zu verstehen, so laut ist es an der Kletterwand oder im
Baumhaus. Überdies betritt ab und an ein als
Grashüpfer verkleideter Stelzenmann den Laden, und es versteht sich von selbst, dass er mit
großem Hallo begrüßt wird. Eigentlich ist er
draußen unterwegs und verteilt Windmühlen;
macht sozusagen Werbung für sein Biotop und setzt ab und an ein Kind auf
seine Schultern. Man wünschte, er könnte größere Sprünge machen, nach Hellersdorf vielleicht oder nach Marzahn.
Der Laden tut so, als sei er eine Waldlichtung mit seinem Vogelgezwitscher, dem hohen
Gras und den riesengroßen Schmetterlingen in
der Luft. Schnell wird klar, dass der Bewegungsdrang und die Neugierde der Kinder nicht generell nachgelassen haben, wie es oft kolportiert wird. Inmitten des Gekrabbels
stellt man beruhigt fest: Es ist alles noch da.
Die Empörung der Bundesregierung über
zwei Millionen übergewichtiger Kinder, die
ihre Freizeit nur noch mit Chips vorm Fernseher verbringen, ist verständlich. Aber vielleicht
gibt es Probleme auch jenseits der Esskultur?
»Es ist nicht schwer, den Kindern das Draußenspielen schmackhaft zu machen«, sagt der Outdoor-Verkäufer Bombis. »Aber die Eltern müssen mitgehen, und sie nehmen sich viel zu selten die Zeit dafür.«
Sein TrekkingShop gibt auf 350
Quadratmetern
eine durchaus ansprechende Vorahnung von diesem Draußen.
Natürlich geht es um Kaufen und Verkaufen,
um den technisch letzten Schrei, aber eben
auch um die Freude am Archaischen.
Der neueste Trend ist Lowtech: Es darf wieder geschnitzt werden. Am Samstag wurde
geschnitzt und geschnitzt und geschnitzt,
bis vom Stöckchen kaum noch etwas übrig war. Äste zu Grillspießen!
Der Laden arbeitet mit dem Naturschutzbund Deutschland und den Waldschulen der Berliner Forsten zusammen.
Vom poetischen Abendspaziergang im
Plänterwald bis zur Wildschweinspurensuche am Rande der Großstadt bieten die so
ziemlich alles an, wofür das Kinderland die
passende Ausrüstung hat. Geschäft und Lehre gehen hier eine beachtliche Symbiose
ein, die in anderen Branchen so kaum
üblich ist.
Darüber hinaus ermöglicht ein Besuch in diesem Trekking-Kinderland
dem aufmerksamen Beobachter auch
eine soziologische Feldforschung, denn
zu sehen ist ein atmungsaktiv betuchtes
Publikum, das wild entschlossen scheint, sich
und seinen Kindern mit allen Mitteln ein
Stück Ursprünglichkeit zu sichern.
Im Tumult des Eröffnungstages ging dann
tatsächlich um die Mittagszeit ein Vater verloren, und immer aufgeregter und lauter
konnte man die Frage vernehmen: Wo ist
Papa? Er war nicht in der benachbarten Filiale, mal schnell einen Kaffee trinken, oder
draußen, um zu telefonieren. Er saß vor der
Kletterwand und schnitzte gedankenverloren
an einem Stöckchen.
IST DIE KLETTERWAND bei
Globetrotter nicht auch
ganz schön naturnah?
CH
IN DER ZEIT
POLITIK
2
Afghanistan General David Petraeus
SCHWEIZ
13
3
a
Ungarn Unter der Fahne der
Faschisten
4
Der Papst in Israel Benedikt XVI.
Nachsatz
kämpft um sein Pontifikat
5
Mission Über das heikle Verhältnis
14
6
Türkei Das Massaker von Mardin
7
Parteien Die Grünen zwischen Rot
15
a
Italien Berlusconis Ehefrau rettet
20
1989 Was von der Revolte übrig
12
Zeitgeist
blieb. Gespräch mit Bürgerrechtlern
13
VON JOSEF JOFFE
Wochenschau Die türkische
WIRTSCHAFT
21
Banker Darf die Zockerei
weitergehen?
Grundgesetz Zu viel Ehrfurcht vor
Finanzberater Wie die großen Ver-
23
Twitter Was Unternehmen sich
Boden Die Haut der Erde
38
Wer denkt für morgen? (6)
39
29
a Fiat Der hochriskante Plan
einer Welt AG
Nr. 20 DIE ZEIT
Führungskräfte Chefinnen in TeilBerufstätige Mütter
Pro Frauen dürfen Baby und
Beruf lieben
Jahren unersetzlich
43
Wissenschaft Verrückte
45
46
a
50
Bollywood-Superstar Aamir Khan
Zum Vorlesen Der Froschkönig
57
58
Warenwelt Das Artensterben
tschechischer Künstler in Bonn
Erinnerungsliteratur
59
71
Ergebnisse 2009
ZEIT-Museumsführer (1)
Medizin Studiengänge mit
hohem Praxisanteil sind beliebt
ZEITLÄUFTE
Kaiserreich Friedrich von
Holstein, die Graue Eminenz des
Kaiserreichs
44
LESERBRIEFE
62
Impressum
Die Kunsthalle in Karlsruhe
Was bewegt … den Immobilien-
52
Sachbuch Judith Butler »Die Macht
Kunstmarkt Das »Gallery
Weekend« in Berlin
62
der Geschlechternormen«/
»Krieg und Affekt«
SCHWARZ
Ranglisten Hilfreich oder nicht?
Hans Traxler
Roman Arnold Stadler »Salvatore«
S.20
70
84
Fotografie Eine Ausstellung
51
NUR SCHWEIZ
a
Karikatur Zum 80. Geburtstag von
Kino Das Internetportal The
Portugal Golf für Anfänger
69
Nazi-Raubkunst Wem gehört der
Pooh’s Corner
a
CHANCEN
Welfenschatz in Berlin?
auch gegen deutsche Banken vorgehen
unternehmer Anno August
Jagdfeld?
Hoteltest Kempinski Palace
Oper Neue Stücke von Salvatore
Indien Ein Gespräch mit dem
Die Kriegskinder Europas
Steueroasen Die Regierung muss
64
65
Sciarrino und Wolfgang Rihm
Auteurs revolutioniert das Kino
Wahlkampf Unhaltbare Steuerver-
sprechen? Kein Grund zum Ärgern
34
56
geht weiter
49
Mexiko: Die Angst fliegt mit
Theater Ein Gespräch mit dem
Regisseur Jürgen Gosch und dem
Schauspieler Ulrich Matthes
KinderZEIT Die Eichhörnchen
a
63
Portoroz, Slowenien
»Als Maria Gott erfand«
54
FEUILLETON
47
Erzählungen Angelika
Roman Jürgen Wertheimer
Experimente aus dem Labor
Banken Zerschlagt die Riesen! Ein
Interview mit Charles Goodhart
33
Technik im Alltag Die Blobbox
a
Klüssendorf »Amateure«
Amerikagrippe Ein Besuch im
40
Großbritannien Konservative
wollen den Liberalismus beleben
32
53
kriegen jetzt Junge
Contra Die Mutter ist in den ersten
31
a
REISEN
Autobiografie Tracey Emin
»Strangeland«
Robert-Koch-Institut
zeit – geht das?
AWD Das große Geschäft als
Vertreter? Ein Selbstversuch
Mein Deutschland (8)
Die Schönen und die Reichen der
alten Bundesrepublik
28
triebsfirmen junge Leute anlocken
22
35
52
Der Architekt Werner Sobek
versprechen
Integration Eine Familie aus
Protestanten Die Kirche wird jünger
der Verfassung schwächt die
Demokratie
19
Gesundheitswesen Der Arzt Diet-
Spezialität Raki und ihre Panscher
WOLFRAM SIEBECK Kochwettbewerb
ihre Ehre – und die ihres Landes
10
26
Ghana in Hamburg
und Ampel
8
gefährdet
DOSSIER
CSU Ist F. J. Strauß noch Vorbild?
ThyssenKrupp Tausende Jobs sind
VON ROGER DE WECK
rich Grönemeyer sagt, wie man die
Prämienexplosion stoppen könnte
von Christen und Juden
25
WISSEN
Unternehmer Der tägliche Kampf
gegen den Jobabbau
Kindergarten Zerstört das Hoch-
deutsche in der Vorschule unsere
Mundart? VON NINA TÖPFER
PR Der Auftritt der Schweiz in
Hamburg VON URS WILLMANN
über die künftige US-Strategie
24
Mitarbeiter der Woche
Der Regisseur Sam Mendes
cyan
magenta
yellow
L
Die so a gekennzeichneten
Artikel finden Sie als Audiodatei im
Premiumbereich von ZEIT.de
unter www.zeit.de/audio
Nr. 20 7. 5. 2009
Meine Mondlandung
01_03 Titel 20.indd 1
30.04.2009 12:35:09 Uhr
Vor 40 Jahren brachte Peter Sartorius uns den Mond nahe:
Der Reporter hat noch einmal die Helden von damals besucht
01_03 Titel 20.indd 3
30.04.2009 12:35:11 Uhr
Inhalt
20
Titelfotos: Getty Images; Dieter Mayr
Titel
Unser Mann im Mond
Iran vor der Wahl
Peter Sartorius flog 1969 als freier Journalist nach
Houston, um von der Mondlandung zu berichten.
Täglich schickte er Artikel nach Deutschland, ohne
zu wissen, ob sie erschienen. Zurück zu Hause,
erfuhr er, dass Zeitungen im ganzen Land sie
gedruckt hatten – sein Durchbruch als Reporter
Als der Fotograf Olaf Unverzart am Ende
seiner Iranreise zum Flughafen in Teheran
zurückwollte, fiel überraschend Schnee.
Die Fahrt im Taxi dauerte so lange, dass
Unverzart irgendwann das Steuer übernahm –
der Fahrer schlief auf der Rückbank
Seite 10
Seite 26
Die Streichliste 2009
Granatapfel – das Obst der Saison
Als wir ZEITmagazin-Autorinnen und -Autoren
darum baten, aufzuschreiben, worauf
sie in der Krise verzichten
könnten, wurde es mehr, als wir drucken
können: Einen Text mussten wir sogar,
nun ja, komplett streichen
Matthias Stolz lernte Granatäpfel durch den
Vater seiner Freundin kennen. Er ist Katalane,
und sein Ritual geht so: Er verzieht sich in
die Küche, darf nicht gestört werden, und nach
einer halben Ewigkeit präsentiert er stolz
eine Schale mit den roten Fruchtstückchen
Seite 20
Seite 24
Diese Woche auf
www.zeitmagazin.de
Ihre Streichliste Auf welche Dinge verzichten Sie wegen der Krise? Schreiben Sie an [email protected]
Warum machen Sie das? Thorsten Havener liest Gedanken – und für uns aus seinem neuen Buch
Fotografie Ein Interview mit Jürgen Teller, der seit zehn Jahren die Mode von Marc Jacobs bebildert
Fotos Olaf Unverzart; bildstelle; Juergen Teller / »Juergen Teller: Marc Jacobs Advertising 1998–2009«
04_05 Inhalt 20.indd 5
ZEIT MAGAZIN

30.04.2009 17:37:19 Uhr
Harald
Martenstein
schaut sich Erotikfilme an, die in
den Alpen spielen
»Offenbar sieht jeder vierte deutsche
Rentner den ersten deutschen
Sexsender speziell für Senioren«
Seit einiger Zeit besitze ich ein Sommerhaus auf dem Lande.
Nun wollte ich in dem Sommerhaus Fernsehen haben, wegen
der Bundesliga, deswegen. Da draußen gibt es nur Empfang,
wenn man eine Satellitenschüssel hat.
Eigentlich bin ich ganz anders. Folglich durfte der Fernsehmann
die Schüssel nicht an der Stelle montieren, wo der Empfang am
besten ist, nein, er musste die viertbeste Stelle nehmen, dort, wo
es nicht so auffällt. Während er die Schüssel anbrachte, dachte ich,
dass ich bigott bin, aber dass ich es wenigstens noch merke. Trotzdem hat es für 800 Kanäle gereicht.
Etwa 400 meiner 800 neuen Sender befassen sich mit Telefonsex.
Man sieht Frauen in Dessous. Sie stöhnen und räkeln sich und
sagen: »Ruf mich an! Tu mir dies! Tu mir jenes! Tu es bald!« Man
kann Telefonsex mit jungen, mittleren oder alten Frauen bekommen, mit dicken und dünnen, schüchternen und aufdringlichen,
auffällig oft mit sogenannten Hausfrauen, vereinzelt auch mit jungen Männern. Nur ältere Männer sind im Telefonsexbusiness nicht
vertreten. Wer mit einem älteren Mann Telefonsex haben will, muss
sich in Deutschland immer noch privat auf die Suche machen.
400 Firmen, die in Deutschland von Telefonsex leben, da muss es
einen gigantischen Markt geben. Wenn keine Kunden da sind,
geht nämlich die Firma recht bald pleite, so viel verstehe auch ich
von Ökonomie. Telefonsex beeinflusst das Denken und Tun der
Deutschen offenbar mindestens so sehr wie Computerspiele, es
schreibt bloß niemand darüber. Und »Hausfrauen« sind offenbar
das Erotischste überhaupt, nun, es gibt ja auch nicht mehr viele.
Ungefähr 50 Kanäle haben sich auf »Parkplatzsex« spezialisiert,
man bekommt den nächstgelegenen Sexparkplatz gebührenpflich
ZEIT MAGAZIN
06 Martenstein 20.indd 6
tig zugesimst. Wieso Tausende Menschen Sex auf einem Parkplatz
als reizvoll empfinden, kann ich nicht begreifen. Vermutlich geht
es um Voyeurismus oder um Partnertausch. Aber die Fensterscheiben beschlagen doch sofort, das weiß ich genau. Das sind dann
wohl Blind Dates, da draußen auf den Parkplätzen.
Dann landete ich auf Alpenglühn TV. Sie zeigten den Film Jagdrevier der scharfen Gemsen. Alpenglühn bringt Sexfilme, die meistens im Gebirge spielen. Im Hintergrund sieht man schneebedeckte Gipfel, im Vordergrund sieht man Mädels und Burschen, die es
tun, umgeben sind sie von wiederkäuenden Kühen. Dazu hört
man Jodelmusik. Die Filme sind fast alle aus den siebziger und
achtziger Jahren, es sind oft Schauspieler zu sehen, die später bei
ARD und ZDF angezogen Karriere gemacht haben. An manchen
Abenden kann man hin und her zappen, und man sieht Sascha
Hehn, Elisabeth Volkmann oder Jutta Speidel auf Alpenglühn
ohne Kleider, bei ZDF und ARD sind sie dann älter und auch
künstlerisch reifer geworden. Alpenglühn TV gehört einer in Bayern ansässigen Familie, dem Vater Gottfried Zmeck sowie seinen
wilden, blutjungen Töchtern Barbara und Julia. »Alpenglühn«,
sagt Gottfried Zmeck im Interview, sei für ein älteres Publikum
gedacht, welches »bodenständige Erotik« bevorzuge. Im Durchschnitt, sagt Gottfried Zmeck, hätten seine Kanäle 1,7 Millionen
Zuschauer. Da es etwa 8 Millionen männliche Rentner gibt, sieht
offenbar jeder vierte deutsche Rentner regelmäßig den ersten deutschen Sexsender speziell für Senioren. Immer wenn ich einen rüstigen älteren Herrn wandern sehe, muss ich jetzt denken: Jagdrevier
der scharfen Gemsen. Auch mein Blick auf Parkplätze ist, dank
meiner Satellitenschüssel, ein völlig anderer geworden.
Illustration Heiko Windisch ––– Zu hören unter www.zeit.de/audio
28.04.2009 12:31:37 Uhr
Deutsche Szenen
20
Die Bundesrepublik wird 60. Wie sieht sie eigentlich heute aus?
Eine Serie des Fotografen Olaf Unverzart
Pin-up in einer leer stehenden Wohnung in Weimar
ZEIT MAGAZIN

07 Deutschlandreise 20.indd 7
28.04.2009 12:32:12 Uhr
Deutschlandkarte
Kisch-Preisträger
*
Herkunftsorte der Träger des
Egon Erwin Kisch-Preises
(seit 2005 wird er im Rahmen des
Henri Nannen-Preises verliehen)
*einen seiner beiden Preise gewann er
unter dem Pseudonym Birgit Saß
Der Egon Erwin Kisch-Preis, 1977 begründet von stern-Chef Henri Nannen, ist der
bedeutendste deutsche Reportagepreis. In
unserer Redaktion hielt sich eine Vermutung: Die meisten Preisträger kommen
aus dem Ruhrpott. Wer in der Kindheit
Männer sah, die morgens mit finsteren Mienen in Bergwerke einfuhren und abends

ZEIT MAGAZIN
08 Karte 20.indd 8
schmutzig zurückkehrten, dachten wir, entwickelt leichter ein Gespür für die großen
sozialen Dramen als jemand aus, sagen wir,
Baden-Baden. In Wirklichkeit sind die
Kisch-Preisträger (zu denen sich an diesem
Freitag ein weiterer gesellen wird) so ziemlich überall aufgewachsen, in großen wie
kleinen Städten, quer übers Land verteilt
(Frankfurt am Main jedoch brachte nie einen großen Reporter hervor). Auch der Osten ist gut repräsentiert, obwohl der Preis die
ersten 13 Jahre ein westdeutscher war. Nach
der Wende lagen die großen sozialen Dramen im Osten. Vielleicht beförderte auch
die Freude, frei schreiben zu dürfen, die
Qualität des Schreibens.
Matthias Stolz
Infografik Jörg Block ––– Recherche Christian Heinrich und Nina Pauer
29.04.2009 14:15:10 Uhr
Gesellschaftskritik
Über die retterhafte Ästhetik
von Sergio Marchionne
Wird der Fiat-Chef Opel zeigen,
was deutscher Stil ist?
Es ist die Aufgabe dieser Kolumne, frühzeitig auf mögliche ästhetische Fehlentwicklungen hinzuweisen. Deshalb plädieren wir hier energisch – und ohne Absprache mit
den Experten aus der ZEIT-Wirtschaftsredaktion – dafür, dass nicht der Automobilzulieferer Magna die Oberhand bei Opel gewinnt, sondern der italienische Fiat-Konzern. Wir wollen die Diskussion hier nicht unnötig mit Fakten über mögliche »Überschneidungen im Modellportfolio« belasten, wie dies Kurt Beck, dieser Opel unter
den deutschen Politikern, gerade getan hat. Uns geht es hier bekanntlich Woche für
Woche allein um die Ästhetik und Symbolik.
Opel demonstriert, dass die Frage, was symbolisch für ein Land steht, in der Regel von
dessen Bewohnern anders beantwortet wird als von den Bewohnern aller anderen
Länder. Mag sein, dass die Fahrzeuge von BMW und Mercedes moderne deutsche
Tugenden verkörpern. Die Niederländer und Engländer erkennen aber genau, dass
diese Tugenden durch nichts so präzise verkörpert werden wie durch einen Opel. Man
kann es auch so sagen: Wahre Nationalsymbole lassen sich dadurch identifizieren, dass
sie nicht das Objekt des Stolzes sind, sondern des Selbsthasses. Und natürlich erhofft
sich der Deutsche, spätestens seitdem Albrecht Dürer zu diesem Zwecke über die
Alpen nach Venedig wanderte, Erlösung aus diesem Selbsthass durch die Berührung
mit der ästhetischen Verfeinerungskraft Oberitaliens.
Im Falle Opels trägt diese Sehnsucht einen Namen: Sergio Marchionne. Der 1952 in
einem Dorf in den Abruzzen geborene Marchionne studierte Philosophie, bevor er
Betriebswirt wurde – vielleicht ist er deshalb einer der wenigen Manager, die eine
Unternehmensphilosophie auch phänotypisch verkörpern können. Mit Nonchalance,
leicht gebräunter Haut, zauseligem Haar und dem konsequenten Ersetzen des Jacketts
durch den Pullover ist er selbst das, was er von Fiat forderte: ein »Inbegriff des italienischen Stils«. Mit diesem Bekenntnis zur nationalen Ästhetik (bei gleichzeitiger Bekämpfung der Nationalkrankheit burocrazia maliziosa) hat er Fiat gerettet. Opel jedoch
raste in die Krise, weil man Autos erfand, die immer undeutscher aussehen wollten.
Es wäre also geschmacksgeschichtlich unbedingt erstrebenswert, dass Marchionne dafür sorgt, dass Opel wieder Autos baut, die zum »Inbegriff des deutschen Stils« werden.
Sie würden vermutlich besser fahren, als sie aussehen.
Florian Illies
Foto ––– Massimo Sestini / Grazia Neri / Agentur Focus
09 Gesellschaft 20.indd 9
ZEIT MAGAZIN

30.04.2009 12:48:29 Uhr
Die da oben
Als die ersten Menschen 1969 den Mond betraten, saß unser Autor im
Kontrollzentrum der Nasa in Houston. Jetzt hat er noch einmal die
Eroberer des Weltraums getroffen, die fast katastrophal gescheitert wären
Von Peter Sartorius
10-19 Mond 20.indd 10
30.04.2009 18:15:26 Uhr
Fußabdrücke für
die Ewigkeit:
Edwin Buzz Aldrin,
fotografiert von
Neil Armstrong,
beim Mondspaziergang
V
iele gibt es nicht mehr, die so nah dabei gewesen sind,
dass sie erzählen können. Von der Zeit, als der Mond
noch weiter weg war von der Erde als heute der Mars.
Und von jenem denkwürdigen Tag im Mai 1961, als
Robert Gilruth und ein paar andere ins Weiße Haus
gerufen worden waren, wo es ihnen den Atem genommen haben muss, als sie hörten, was der Präsident von ihnen wollte. John F. Kennedy war erst ein
paar Monate im Amt. Und schon sollten sie für ihn
einen Menschheitstraum erfüllen helfen, wenn auch
nur als Abfallprodukt. Denn um Politik ging es, nur
darum. Den ideologischen Feind galt es zu bekämpfen; mit einem Know-how, das es noch nicht gab,
genauer: mit einer Rakete, deren Kraft das Begriffsvermögen von Laien sprengte. Gilruth war alles andere als ein Laie. Keiner war mit dem Stand der Technik besser vertraut als er. Drei Jahre vorher war er
damit beauftragt worden, eine Space Task Group zusammenzustellen, eine Spezialistentruppe, die im
Schock nach den ersten russischen Weltraumerfolgen
den eigenen, amerikanischen Vorstoß über die Grenzen der Erdatmosphäre hinaus vorantreiben sollte,
und er selbst hatte dabei den Mond als lohnendes Ziel
ins Spiel gebracht. Gleichwohl: Hätte er den Präsidenten nicht wissen lassen müssen, dass das, was
dieser verlange, so nicht machbar sei, noch nicht? Er
tat es nicht. Er und die anderen baten um Bedenkzeit.
Um dann zu sagen: Mr. President, was Sie vorschlagen – wir sollten es versuchen.
»Als ich es hörte«, sagt fast ein halbes Jahrhundert später Christopher Columbus Kraft, »da dachte
ich, jetzt sind sie alle verrückt geworden.«
Kraft hatte selbst der Space Task Group angehört, und Gilruth war sein großer Förderer. Heute ist
Kraft 85 Jahre alt und lebt im texanischen Bay Oaks,
20 Minuten entfernt von der Skyline Houstons, zurückgezogen in einem stillen Haus am Rande eines
Golfplatzes, auf dem er seinen schmalen Körper gelenkig hält. Auf dem Fensterbord sind Memorabilien
aus weißem Plastik aufgestellt, Düsenflugzeuge, Raketen und ein spinnenbeiniges Ding namens LM.
Hier, vor dem Altar seines Arbeitslebens, leistet Chris
Kraft Abbitte. Mit der Hand schlägt er sich an die
Brust und ruft noch einmal aus: »Dieser Mann hier
hat gedacht, sie seien alle übergeschnappt.«
So als ob es Blasphemie gewesen sei, an einer
nationalen Mission zu zweifeln. An der Eroberung
eines fremden Gestirns.
In Chris Krafts Haus bin ich auf einer Reise zurück in die eigenen Erinnerungen angekommen. Vor
40 Jahren hatte ich zu den Reportern gehört, die
davon berichteten, wie Amerikaner auf dem Mond
einen Fußabdruck für die Ewigkeit hinterließen, in
einem Moment, der mit jenem vor 350 Millionen
Jahren verglichen wurde, als auf der Erde das Leben
dem Wasser entstieg. Die Analogie bot sich an. Zum
ersten Mal schickten sich irdische Lebewesen an,
außerirdischen Boden zu betreten. Und wir durften
im Manned Spacecraft Center in Nassau Bay unweit
von Krafts heutigem Wohnort dabei sein.
Niemand hatte mich dorthin zu schicken brauchen. Ich hatte einfach alles liegen und stehen gelassen, um nur ja nicht den großen Augenblick zu verpassen. Als Nobody gesellte ich mich den erfahrenen
Reportern zu, die, aufgereiht an langen Tischen, ihre
Berichte in Reiseschreibmaschinen hackten und danach zum Stand des Telegrafenbüros Reuters rannten, das die Manuskripte in alle Welt sandte. Ziemlich umständlich war das seinerzeit noch. Einmal, als
ich mich eines konkurrierenden Büros bediente, kam
mein Artikel in Form von 150 Einzeltelegrammen in
Deutschland an. Gedränge gab es kaum in Nassau
Bay. Kaum mehr vorstellbar heute, dass allenfalls ein
paar Hundert der 6000 bei der Nasa akkreditierten
Medienvertreter das Raumfahrtzentrum zum ständigen Arbeitsplatz gemacht hatten, unter ihnen Norman Mailer als Star. Ebenfalls kaum mehr vorstellbar
heute, dass die zubetonierte und mit einer halben
Million Menschen bevölkerte Landschaft um das
ehemalige Manned Spacecraft Center, das heute
Johnson Space Center heißt, Weideland für texanische Longhorn-Rinder war. Dann aber trafen hier
immer mehr junge Männer ein, an denen Mailer
auffiel, dass sie scharf blickende Augen, kurz geschnittenes Haar und das beherrschte Auftreten derjenigen hatten, die gelernt haben, plötzlich ausbrechende Gefühle an die Leine zu legen. Sie waren
Bodentruppen im Kampf der Supermächte um die
Vorherrschaft im All und auf der Erde, und Gilruth
war ihr Chef. Man hatte ihn zum Direktor des
Raumfahrtzentrums ernannt, des Basislagers für
Weltraumexpeditionen.
Chris Kraft zählte zu den bekanntesten seiner
Leute. Sein Kopf hatte es schon 1965 auf den TimeTitel gebracht. Die Astronauten vertrauten ihm ihr
Leben an. Er war der Flight Director, der Fluglotse
aus den Anfangstagen der Raumfahrt, bekannt auch
als Mr. Mission Control. Später sollte er Gilruths
Nachfolger an der Spitze des Raumfahrtzentrums
werden. Aber was Kraft zur Legende machte, war
diese aufregende Zeit vorher, als er die ersten Astronauten auf die Himmelsbahn dirigiert hatte, die
Hände an einem Seilzug, mit dem er die Raumkapsel
von der Rakete absprengen konnte, wenn beim Start
etwas schiefgegangen war.
Das Herantasten an den Weltraum war, irgendwie, noch Handarbeit. Und auch noch danach waren
Computer mächtige Schränke, die ganze Etagen füllten und trotzdem weniger Leistung erbrachten als
heute ein Laptop. Kraft musste damit auskommen, als
Foto ––– NASA
10-19 Mond 20.indd 11
ZEIT MAGAZIN

30.04.2009 18:15:35 Uhr
er, nun schon das Ziel Mond im Auge, im dritten Stock
eines fensterlosen Betonwürfels das Herzstück des
Manned Spacecraft Center schuf, den Mission Operations Control Room, die Steuerungszentrale, die heute
unter Denkmalschutz steht, damit sie für immer Zeugnis gebe vom menschlichen Bewegungsdrang – höher,
weiter, zu den Sternen. Ausladende Leuchttafeln an der
Stirnfront, aufgefaltet wie ein mehrflügliger Altar, und
vier Reihen olivgrüner Konsolen mit drei Dutzend Monitoren und unzähligen Knöpfen, Schaltern und Tasten
sind das Inventar. Solange Chris Kraft hier der Flight
Director war, saß er in der dritten Reihe und starrte auf
die Zahlenkolonnen, die wie Börsenkurse lautlos über
den Screen liefen, und auf die Leuchttafeln, auf denen
die Raumschiffe elegante Linien hinterließen, Kurven,
Kringel, wie von Eistänzern gezogen. Es war Norman
Mailer, der über die Unbestechlichkeit elektrischer
Schaltkreise und die Autorität des menschlichen Geistes
und das Zusammenwirken von beidem nachdachte.
Einer Wirklichkeit sah er sich gegenüber, die sich virtuell darbot, in Lichtpunkten, Chiffren, nicht mehr richtig
greif- und begreifbar, was später alle Verschwörungstheoretiker dieser Welt auf den Plan rufen sollte mit
ihrer Behauptung, der Flug zum Mond sei in Wahrheit
Lüge gewesen.
Chris Kraft wird sich dazu äußern, aber zunächst
wartet die Frage auf eine Antwort, warum ausgerechnet er, der maßgeblich dazu beitrug, dass der Mensch
zum Mond aufbrechen konnte, den Flug dorthin für
unmöglich hielt.
»Nicht den Flug an sich!«, protestiert Chris Kraft.
»Nein, den nicht!«
D
ie Überbrückung von rund 380 000 Kilometern Wegstrecke im luftleeren Raum, das war zwar gewiss technisches Neuland, aber nicht das eigentliche Problem.
Jedenfalls nicht für Gilruth, der den Mond selbst als
Ziel vorgeschlagen hatte. Zunächst war der Mond nur
eine im Kosmos aufgehängte Wendemarke, um die ein
Raumschiff herumschwingen konnte, bevor es sich,
die Schwungkraft ausnutzend, selbst zur Erde zurückkatapultierte. Gilruth nahm an, dass er damit den Präsidenten und dessen besonders hartnäckig auf Raumfahrt-Erfolge drängenden Vizepräsidenten Lyndon B.
Johnson ruhigstellen konnte. Die beiden waren Getriebene. Es herrschte Kalter Krieg. In der Dritten Welt
präsentierte sich die Sowjetunion als das scheinbar
überlegene System, nachdem sie den Satelliten Sputnik, dann die Hündin Laika und schließlich den Major
Gagarin auf eine Umlaufbahn um die Erde geschickt
hatte. Die USA hatten dem nur Fassungslosigkeit entgegenzusetzen. Auf der Startrampe explodierende Raketen prägten das Verlierer-Image des Landes. Es musste etwas her, womit das Ansehen der Amerikaner in der
Welt wiederhergestellt würde. Darum der Mond. Mit
einer Erkundung konnte man den Vorsprung der Russen aufholen. Zwar hatte man keine Rakete für eine
solche Expedition. Aber nach allem, was man wusste,
hatten auch die Russen sie nicht, sodass die Supermächte gleiche Startbedingungen haben würden.
Doch für Kennedy und Johnson war es nicht mehr
genug. Angesichts der Euphorie, die im amerikanischen

ZEIT MAGAZIN
10-19 Mond 20.indd 12
Volk ausbrach, als Alan Shepard am 5. Mai 1961 endlich als erster Amerikaner auf einem ballistischen Flug
über den Rand der Atmosphäre hinausgestoßen war,
wollten sie plötzlich alles, das Unmögliche, die Landung, den Fußabdruck auf dem Mond.
»Genau das war das Verrückte«, sagt Chris Kraft.
Eine Landung – war das nicht eine Sache nur für
ein paar Besessene wie Wernher von Braun, der in Peenemünde für Hitler die »Wunderwaffe« V2 gebaut
hatte und später in Huntsville für die U. S. Army
Großraketen entwarf? Und nun kam dieser charismatische Präsident daher und wünschte die Zusage, dass
ein solches Unternehmen kurzfristig machbar sei.
Er hat sie bekommen. Musste sie bekommen,
ganz dringend. Denn neben allem anderen gab es
plötzlich auch noch ein politisches Debakel zu verdrängen, den von der CIA gesteuerten Versuch von
Exilkubanern, Kuba von Castro zu befreien, eine dilettantische Operation, die in der Schweinebucht der
Zuckerinsel im Fiasko endete. Eile war geboten, das
eigene Volk abzulenken. Und so trat am 25. Mai 1961,
einen guten Monat nach der missglückten Invasion,
Kennedy vor die Häuser des Kongresses und kündigte
an: »Die Zeit ist gekommen, einen Sprung nach vorne
zu machen ... Unsere Nation sollte sich das Ziel setzen,
noch vor dem Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen
auf dem Mond landen zu lassen und ihn sicher zur
Erde zurückzubringen.«
Das Wort war heraus. Mond! Landen! Noch vor
dem Ende des Jahrzehnts! Verrückt! Chris Kraft konnte nur den Kopf schütteln.
Man habe ja noch nicht einmal einen Mann in
eine Erdumlaufbahn gebracht, sagt er. Und überhaupt
keine Vorstellung habe man davon gehabt, was einen
Menschen bei längerem Aufenthalt in der Schwerelosigkeit erwartete. Und wie eigentlich wollte man einen
Abstieg zur Mondoberfläche bewerkstelligen? Mit einem großen, landefähigen Raumschiff, wovon Wernher von Braun träumte? Oder mit einem leichten Beiboot? Letzteres aber setzte ein Koppelungsmanöver
zweier unabhängig voneinander operierender Raumfahrzeuge voraus, ein Rendezvous. Zwar war der Begriff bereits eingeführt. Im berühmten Massachusetts
Institute of Technology in Cambridge bei Boston hatte ein Student namens Aldrin sogar gerade eine Doktorarbeit über »Navigationstechniken für bemannte
Rendezvous im Orbit« in Angriff genommen. Aber für
die Umsetzung in die Praxis fehlte jede Erfahrung.
»In der Rechnung«, sagt Chris Kraft, »gab es einfach zu viele Unbekannte.«
Und dann ist die Rechnung eben doch aufgegangen. Nicht zuletzt, weil Kennedy einen Blankoscheck
ausstellte. Er sagte zu, die Mondlandung werde höchste Priorität genießen und die Nasa könne unbegrenzt
über Geldmittel verfügen. Ungeahnte Energien wurden freigesetzt und auf ein einziges Ziel gelenkt: das
Mare Tranquillitatis auf dem Mond, den Landeplatz.
Beamten- und Ingenieurgeist, wissenschaftliche
Ambition und politisches Kalkül, Fantasie und Logik
mussten miteinander verschmolzen werden. 400 000
Menschen, einer für jeden Kilometer zum Mond, begannen, übers ganze Land verstreut, an der Verwirklichung der nationalen Mission zu arbeiten, der man den
Namen Apollo gab. Man entschied sich für einen Landeversuch mit einem Beiboot. Zwar musste Wernher
Peter Sartorius,
72, begann seine
journalistische
Laufbahn 1957 beim
Schwarzwälder Boten.
Er war Redakteur
der Nürnberger
Nachrichten, der
Stuttgarter Zeitung
und schließlich,
von 1972 an, der
Süddeutschen Zeitung.
Heute ist er freier
Journalist und Buchautor. Für seine
Reportagen wurde er
dreimal mit dem
Egon Erwin Kisch-Preis
ausgezeichnet
Foto ––– privat
30.04.2009 18:15:36 Uhr
Training für einen
Menschheitstraum:
Edwin Buzz Aldrin,
Neil Armstrong
und Michael Collins
(von links) im
Golf von Mexiko
Public Viewing 1969:
Tausende bejubeln
im Central Park in
New York die Mondlandung
Zwei Deutsche
in Amerika:
Peter Sartorius
interviewt
Kurt Debus, den
Direktor des
Weltraumbahnhofs
(linke Seite)
von Braun auch für ein solches Unternehmen eine mehr
als hundert Meter hohe Rakete, die Saturn V, entwerfen.
Aber sie musste sehr viel weniger Schubleistung erbringen als jenes Monster namens Nova, das er als Transportmittel für ein landefähiges großes Raumschiff im
Kopf hatte. Drei mächtige Triebwerksstufen wurden für
seine Mondrakete in unterschiedlichen Landesteilen
gefertigt und auf Schiffen sowie in einem eigens gebauten, unförmig bauchigen Flugzeug zum Cape Canaveral
geschleppt, wo für das Zusammensetzen der Teile eine
Halle so gigantischen Fassungsvermögens errichtet wurde, dass sich ohne ausgeklügeltes Belüftungssystem im
Inneren Wolken gebildet hätten.
I
n Kalifornien schmiedete währenddessen der Luftfahrtkonzern North American Aviation das Raumschiff,
eine Kombination aus Command Module und abwerfbarem Service Module, in dem sich neben der Energieversorgung für das Raumschiff auch dessen Triebwerk
für das Einschwenken in die Mondumlaufbahn und für
den Rückflug befand. In New York fertigte die Firma
Grumman das filigrane Beiboot, profan LM genannt,
Lunar Module. Und im Manned Spacecraft Center in
Nassau Bay fand sich der ehemalige Doktorand Aldrin
ein und ließ sich in einer Zentrifuge herumschleudern,
bis ihm die Sinne schwanden. Vor seinem Studium
hatte er die Militärakademie West Point absolviert und
war im Koreakrieg Kampfpilot gewesen. Und nun war
er Astronaut geworden, gehörte zu den zweieinhalb
Dutzend Auserwählten, die sich Hoffnungen machten,
als Erste den Mond zu betreten.
Am Ende gab man für den Fußabdruck im Staub
des Mare Tranquillitatis 24,6 Milliarden Dollar aus.
Provozierende Frage an Chris Kraft: Sind dort
wirklich die Rippen einer Schuhsohle eingedrückt?
Oder andersherum: Wag the Dog, Hollywoods fabelhafte Satire über die Macht von Bildern und deren
Manipulierbarkeit – war Apollo das Vorbild?
Klar, die Frage ist nicht ernst gemeint. Auf dem
Mond wedelt der Schwanz nicht mit dem Hund, auch
wenn es Irritierendes auf Filmen und Fotos zu sehen
gibt, die zur Erde gelangten. Fehlender Staub. Fehlende Sterne. Manches andere. Alles kann erklärt werden.
Gleichwohl, der Gedanke, dass die Amerikaner nie den
Mond betraten, ist viel zu prickelnd, als dass er mit
Argumenten aus der Welt zu schaffen wäre – etwa damit, dass es unmöglich wäre, jahrzehntelang die Fälscher der Filme, Fotos und Funksprüche daran zu
hindern, mit der Wahrheit herauszurücken. Oder damit, dass die russische Konkurrenz mit ihren aufgestellten elektronischen Ohren den Betrug schneller aufgedeckt hätte, als er hätte begangen werden können.
Oder damit, dass es widersinnig wäre, nach einer getürkten Landung ein halbes Dutzend weitere auf der
Bühne der Illusionisten zu inszenieren.
Chris Kraft brauchte sich nicht zu rechtfertigen.
Er könnte einfach lachen. Aber er tut es nicht.
»Die Wissenschaft«, sagt er mit der Nachsicht des
Alters gegenüber dem Unsinn, der in der Welt kursiert, »hat von uns Materie in die Hände bekommen,
die nachweisbar nie mit Sauerstoff in Berührung gekommen ist. Wie hätte sie auf die Erde gelangen können außer im Gepäck von Menschen, die auf dem
Mond waren?«
Der Verdacht der Lüge muss Chris Kraft gleichwohl mehr schmerzen, als er sich anmerken lässt. Hatte es sich die Nasa nicht zur Pflicht gemacht, den Hunger von uns Reportern nach präziser Information im
Übermaß zu stillen? Unentwegt ließ sie die Männer
Fotos ––– SSPN / NASA; AP Photo
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30.04.2009 18:15:43 Uhr
mit den scharf blickenden Augen ausschwärmen, damit sie Fragen beantworteten, mit Engelsgeduld, notfalls zum tausendsten Mal. Norman Mailer, unter uns
sitzend, den Schreibblock auf den Knien, notierte für
sein Buch vom Feuer auf dem Mond, es komme ihm
so vor, als habe die Nasa entdeckt, warum Ehrlichkeit
stets die beste Politik ist, »deswegen nämlich, weil wahre Information stark und sicher machen kann«.
Mailer ist lange tot. Auch Gilruth. Auch Wernher
von Braun. Und viele der jungen Männer, die uns Rede
und Antwort standen. Nach dem Besuch bei Chris
Kraft bin ich an ihrem Arbeitsplatz im Hauptgebäude
des Raumfahrtzentrums angelangt, wo eine Automatenreihe steht, die so aussieht, als sei sie immer noch
jene, die für uns Konservenbüchsen mit gummiartigen
Spaghetti in Tomatentunke ausspuckte. Der Automat
war unsere Ernährungsquelle und vermutlich auch die
der Leute von Mission Control.
M
an darf heute ihren geheiligten Arbeitsplatz betreten,
von dem es ein Stockwerk tiefer ein Duplikat gibt, einen
zweiten, identischen Kontrollraum, weil man auf alles
vorbereitet sein wollte, auch auf den Ausfall der kompletten Kommandozentrale. Einen simplen Kurzschluss
hatte man nicht auf der Rechnung. An der Querwand
hat ein kreisrundes Emblem mit der Aufschrift Apollo 1
und den Nachnamen Grissom, White und Chaffee einen Ehrenplatz gefunden. Es ist eine Totentafel. Eine
Bemerkung von Chris Kraft lastet schwer im Raum. Er
habe, hat er mir gesagt, die drei Männer sterben hören;
das sei seine furchtbarste Erfahrung gewesen. Im Januar 1967 war das. Bei einem als nicht kritisch angesehenen Bodentest hatte das Cockpit des Apollo-Raum
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schiffs wegen einer defekten Stromleitung Feuer
gefangen. Im reinen Sauerstoff griff es rasend um sich.
Über Funk war Kraft mit der Kapsel verbunden. Er
konnte keinen rettenden Seilzug betätigen.
Doch das Apollo-Programm war nicht zu stoppen. Man trauerte noch um die Toten, als Wernher von
Brauns Saturn V zum ersten Testflug vom Cape Canaveral abhob, das man zu Ehren des ermordeten Präsidenten damals Cape Kennedy nannte. Ein Jahr darauf, im Oktober 1968, der erste Test mit einem
gründlich umgebauten Apollo-Raumschiff auf der
Erdumlaufbahn. Und dann, zwei Monate später, das
Überholmanöver im Rennen der Supermächte zum
Mond, der Triumph mit einem Unternehmen, das die
Ziffer 8 in der Testreihe des Mondprojektes trug und
deshalb Apollo 8 hieß. Aber derart überzeugt war man
inzwischen von der Zuverlässigkeit des Raumschiffs,
dass man es mit seinen drei Insassen nicht, wie ursprünglich vorgesehen, nur auf der Erdumlaufbahn
kreisen ließ, sondern gleich weiterschickte zum Mond,
zu dessen Umrundung. Am Heiligen Abend vernahm
die Welt die Weihnachtsbotschaft des Raumschiffkommandanten Frank Borman. Und erblickte eine
blau-weiß schimmernde Murmel in der Leere des Alls.
Und wurde sich, vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, dramatisch bewusst, wie verletzlich der Planet Erde war.
Doch viel Zeit zur Besinnung gab es nicht. Kennedys Vermächtnis galt es zu erfüllen, noch innerhalb
des Jahrzehnts. Es blieben nur noch Monate. März
1969: Apollo 9, der Test der Mondlandefähre auf der
Erdumlaufbahn. Dann im Mai 1969 das Unternehmen Apollo 10, erneuter Flug zum Mond und Herantasten der Fähre bis auf 14 Kilometer an die Oberfläche
des Gestirns. Schließlich der 16. Juli 1969, das große
Datum. Aufgetankt mit 2500 Tonnen Treibstoff und
Da staunt der Papst:
Paul VI. verfolgt
den magischen
Moment in seiner
Sommer residenz
Eintrittskarte
zur Weltsensation:
Peter Sartorius’
Nasa-Presse ausweis
Foto ––– Bettmann / Corbis
01.05.2009 20:36:59 Uhr
Peter Sartorius hatte sich als Redakteur
der »Nürnberger Nachrichten« beurlauben
lassen, um als freier Reporter aus Houston
zu schreiben. Und die deutschen Zeitungen
konnten von seinen Artikeln nicht genug
bekommen

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Fotos ––– Nürnberger Nachrichten; Stuttgarter Zeitung; Kölnische Rundschau; Frankfurter Rundschau
30.04.2009 18:16:03 Uhr
beobachtet von einer Million Menschen entlang der Strände Floridas und weiteren 500
Millionen in aller Welt, wuchtete sich die
Saturn V in den Himmel über Cape Kennedy, an ihrer Spitze das Raumschiff Columbia
mit dem Kommandanten Neil Armstrong
und dessen Begleitern Edwin Buzz Aldrin
und Michael Collins. Darunter, in einem
Laderaum, das Lunar Module Eagle, die
Landefähre, mit der Armstrong und Aldrin
zum Mond hinabsteigen würden, während
Collins im Mutterschiff den Mond umkreisen und auf die Rückkehr der Gefährten
warten sollte.
Wir Reporter waren, kaum dass sich
der Raketendonner hinter den Mangrovensümpfen am Kap gelegt hatte und der Feuerstrahl am Himmel verschwunden war, zum
nächstbesten Flughafen geeilt, um im
Manned Spacecraft Center in Nassau Bay
den Flug weiterzuverfolgen. Auf Bildschirmen, die über unseren Köpfen hingen, wurden uns graue Bilder aus dem Kontrollraum
offeriert. Aus Lautsprechern hörten wir das
Krächzen des Funkverkehrs. Mit Bergen von
Papier wurden wir überschüttet. Oft ratlos
versuchten wir, aus Kürzeln und Fachbegriffen herauszufiltern, wie sich Utopie in Realität verwandelte. Und dann, plötzlich, wurde uns klar, dass Amerika nicht mehr nur
zum außerirdischen Meer der Ruhe blickte,
sondern fast noch begieriger, sensationslüsterner an die eigene Ostküste, zu den Sanddünen auf dem Eiland Chappaquiddick vor
dem Cape Cod in Massachusetts, dem Sammelplatz der Reichen und Schönen, wo eine
junge Frau namens Mary Jo Kopechne gerade ertrunken war. Der Senator Edward Kennedy war mit ihr im Auto nachts zwischen
Dünen von einem Brückensteg gestürzt,
abgekommen vom rechten Weg. Edward
Kennedy mit seinem Unfall und den Spekulationen, die sich darum rankten, war drauf
und dran, wie Zyniker bemerkten, dem Vorhaben seines ermordeten Bruders die Schau
zu stehlen.
Denn Chappaquiddick war in seiner
begreifbaren Realität eine ganz andere Wirklichkeit als die des Mondes. Erst mit Verzögerung begriff ich, dass auch Apollo vor
einer Katastrophe stand. Als die Fähre Eagle
bereits dicht über die Mondoberfläche glitt,
war ein rotes Licht auf dem Screen des Bordcomputers aufgeflammt. We have a twelve-otwo. Und: We have a twelve-o-one. Nüchterne
Fehlermeldungen der Astronauten, für Laien
ohne Dramatik. Aber im Kontrollzentrum
alarmierten sie alle. Und Chris Kraft gibt
heute zu, dass er sogar zu Tode erschrocken
war. Die Ziffern 1202 und 1201 signalisierten, dass der Computer abzustürzen drohte
– und mit ihm Armstrong und Aldrin.
Die Unbestechlichkeit elektrischer
Schaltkreise, plötzlich irrelevant. Die Autorität des menschlichen Geistes, jetzt gefor-
dert. Der Computer war mit Daten überfrachtet, die für die Landung bedeutungslos
waren. Und unabhängig davon würde die
Fähre das programmierte Landeziel um viereinhalb Kilometer verfehlen. Also: die Landung abbrechen? So kurz vor dem Ziel alles
aufgeben, worauf die Nation zehn Jahre hingearbeitet hatte? Die Gehirne von Astronauten werden darauf trainiert, in Krisenmomenten Entscheidungen unter Ignorierung
von Zweifeln und Ängsten zu fällen. Und
jetzt war ein solcher Moment gekommen.
Armstrong und Aldrin schalteten nicht nur
ihre Emotionen, sondern auch den Computer aus. Handsteuerung. Armstrong überflog
einen Krater, hob die Fähre über dessen
Rand, suchte noch nach einer geeigneten
Landestelle, als bereits neue Warnsignale auf
dem Armaturenbrett aufgeregt signalisierten, dass der Treibstoff zu Ende ging.
Schließlich entdeckte Armstrong einen
Fleck ohne hinderliche Steinbrocken. Die
Eagle setzte weich auf Spinnenbeinen auf.
Es war der 20. Juli 1969, 17 Minuten
und 40 Sekunden nach 15 Uhr Ortszeit,
Houston. Der Treibstoff des Triebwerks für
die Landung hätte allenfalls für weitere 25
Sekunden gereicht.
Armstrong meldete zur Erde: »Hier
Tranquillity-Basis, die Eagle ist gelandet.« Im
Kontrollraum flogen die Arme hoch, und der
Astronaut Charly Duke, der die Verbindung
mit der Besatzung aufrechterhielt, schrie,
dass man es bis zum Mond hörte: »Die ganze
Bande hier hat blau angelaufene Gesichter,
aber jetzt holen wir alle wieder Luft.«
V
ierzig Jahre später ist der Mission Operations
Control Room erfüllt mit feierlicher Stille.
Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten ist er
nicht mehr benutzt worden. Im Zeitraffer
der Erinnerungen huschen Phasen von Armstrongs und Aldrins Aufenthalt auf dem
Mond vorbei. Seltsamerweise hat der Ausstieg der beiden Astronauten aus der Fähre
bei mir keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Vielleicht, weil der Landung mehr
als sechs Stunden angestrengtes Warten gefolgt waren und Erregung und Spannung
bereits aufgebraucht waren, als Neil Armstrong, auf den Monitoren schemenhaft
sichtbar und wie ein Tiefseetaucher wirkend,
endlich die Leiter der Fähre hinunterkletterte und er seinen kleinen Schritt und die
Menschheit ihren großen Sprung machte.
Vielleicht aber auch, weil mein Bericht über
den historischen Augenblick kaum als journalistische Glanzleistung in die Geschichte
eingehen wird. Aus dem Lautsprecher hatte
ich Geknatter, Chiffren, Angaben zur Bodenbeschaffenheit und anderes, scheinbar
Unwesentliches, gehört und, irgendwie entZEIT MAGAZIN
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täuscht, in die Schreibmaschine getippt: kein Königswort! Erst später, nachdem die Ausdrucke des Funksprechverkehrs den Presseraum erreicht hatten, las ich:
»One small step ...« Doch es war zu spät. Der Artikel war
bereits auf dem Weg nach Deutschland.
I
ns Bewusstsein drängen andere Momente, jene vor allem vom nächsten Tag, als die Eagle wieder abhob vom
Mond. Ich notierte, ziemlich lyrisch: »der Kopf der
Spinne, am Leben bleibend, obwohl getrennt von
Rumpf und Gliedern«. Denn das sperrige Untergestell
mit den Spinnenbeinen blieb zurück auf dem Mond.
Dann das Rendezvous mit dem Mutterschiff. Die vorsichtige Annäherung der Raumfahrzeuge aneinander,
das Andocken, das Umsteigen der Mondastronauten
zu ihrem wartenden Kollegen Collins in der ApolloKapsel, das Ablösen des Spinnenkopfes, der, unnütz
geworden, davontaumelte. Dann noch einmal, ein
letztes Mal, diese endlosen zwanzig Minuten jener Leere, die auch in den vorausgegangenen Tagen immer
dann eingetreten war, wenn das Apollo-Raumschiff bei
der Umrundung des Mondes ins Funkloch hinter dem
Mond gefallen war. LOS! Das Kürzel hatte etwas zutiefst Beängstigendes. Loss Of Signal. Und jetzt kam
noch hinzu, dass es wegen des Funkausfalls ja auch
keine Information darüber geben konnte, ob hinter
dem Mond das Triebwerk des Raumschiffes für dessen
Rückkehr zur Erde korrekt gezündet hatte. Welche
Befreiung dann, als Acquisition Of Signal, AOS, Funkempfang, gemeldet wurde und sofort danach, dass die
Columbia korrekt auf Heimatkurs lag.
Acht Tage und drei Stunden nach dem Start in
Florida kamen die drei Männer von Apollo 11 wieder

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auf der Erde an. 3000 Tonnen hatte ihre Saturn V beim
Start in Florida gewogen. Was im Pazifik am Fallschirm
davon zurückkam, waren gerade mal sechs Tonnen –
darunter 23 Kilo Mondgestein als Beweismaterial gegen alle Verschwörungstheorien.
Nachfolgende Besatzungen haben weitere 359
Kilo aufgesammelt, von denen ein Teil noch immer,
jungfräulich, in gasförmigem Stickstoff ruhend, im
Johnson Space Center verschlossen gehalten wird. Ein
Bröckchen vom Mond, das aussieht wie schwarzer
Speckstein, ist hingegen im Space Museum nebenan
ausgestellt. Wollte man es im Labor untersuchen, so
würde man Irdisches an ihm entdecken, Spuren von
Schweiß, Seife und vielleicht auch Hähnchenfett und
Ketchup. Es kann betastet werden. Im Museum ist
heute der Mond zum Greifen nahe.
Er ist es auch in den Werkstätten des Raumfahrtzentrums, wo die Zukunft des Mondes vage
sichtbar wird. An einem vergrößerten Apollo-Raumschiff wird dort gearbeitet, einem, in dem vier Menschen Platz finden sollen. Und Zweckbauten für den
Mond nehmen bereits Gestalt an, aus Plastik und
Sperrholz noch, aber schon in Originalgröße, einer
davon röhrenförmig, der andere an eine Zwiebel erinnernd und beide eine Ahnung davon vermittelnd,
wie erste Siedler in der Mondwüste überleben sollen.
Es ist ja die erklärte Absicht der Amerikaner, abermals
zum Mond zu fliegen, schon in naher Zukunft. Aber
in wie naher Zukunft – das bleibt offen. Als Antrieb
für das Projekt Constellation gibt es nicht mehr das
erbitterte Ringen mit einer rivalisierenden Supermacht. Und deshalb auch keinen nationalen Impuls.
Schon gar nicht in einer Zeit, in der die Energien des
Landes absorbiert sind durch die Finanz- und Wirtschaftskrise. Und so fliegt das neue Mondschiff irgendwie schwerelos im Vakuum.
Sternengucker
am Cape Canaveral
beim Start der
Apollo-Rakete
Er erlebte die
Verwirklichung
seiner Idee nicht
mehr: John F. Kennedy
– hier 1962 mit
Weltraumpionier
Robert Gilruth
und einem Modell
der Raumkapsel
Chris Kraft,
Mond eroberer, heute
– fotografiert
von Peter Sartorius
Foto ––– JP Laffont / Sygma / Corbis; AP Photo; Peter Sartorius
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Den USA bleibt nur, um internationale
Kooperation zu betteln. Weshalb ihnen auch
diesmal an rückhaltloser Offenheit gelegen
ist. Ich werde in einen Hangar geführt, in dem
ein eindrucksvolles Wohnmobil mit dem
Nasa-Wappen und zwei aus dem Heck hängenden Raumanzügen steht. Es ist eigentlich
kein Modell. Es sei einsatzbereit für Fahrten
auf dem Mond, wird mir gesagt. Ob ich es
steuern wolle?
Klar, will ich!
Und so sitze ich plötzlich im Fahrerstand eines elektrisch angetriebenen Lunar
Truck, navigiere das Fahrzeug mithilfe einer
Art Joystick und rumple, gedanklich, über
kahle Ebenen mit nichts als öden Kratern,
einer hinter dem anderen.
Mit solchen Worten hatte Buzz Aldrin
den Mond in einem Interview beschrieben,
das er mir vor einigen Jahren gegeben hatte.
Gottverlassen, hatte er hinzugefügt, sei ein
angemessenes Wort. Wir hatten uns nicht
nur über das abschreckende Mondterrain
unterhalten, sondern auch über die Veränderung der politischen Landschaft auf der Erde
durch den Erfolg von Apollo. Die Mondrakete N 1 der Konkurrenz in Moskau, vergleichbar mächtig wie Wernher von Brauns
Saturn V, hatte sich als untauglich erwiesen,
und Aldrin hatte einen Zusammenhang zwischen dem Scheitern der Russen im All und
dem Umstand hergestellt, dass sich in dieser
Zeit erste Risse im Sowjetimperium gebildet
hatten und die Magie der Sowjetideologie in
der Dritten Welt laufend an Kraft verloren
hatte. Und auch darüber hatte er reflektiert,
dass, andererseits, der Kraftakt der ApolloMissionen in Amerika einen Innovationsschub auslöste. Das Land übernahm die
Führerschaft der weltweiten technologischen
Revolution. Kommunikationstechnik, Medizintechnik, Computerelektronik, Werkstoffentwicklung sind Stichwörter.
Ich habe mich auf meiner Reise zurück
ins Jahr des Mondes 1969 noch einmal mit
Aldrin verabredet, wenn auch nur zum privaten Small Talk. Sorry, kein Interview diesmal, hatte er gemailt und hinzugefügt, er
arbeite an einem Buch, und sein Verlag habe
ihm Redeverbot auferlegt. Also nicht einmal
ein verwertbares Zitat zur Verschwörungstheorie. Aber brauchte ich es wirklich? Aldrins Meinung ist in einem Protokoll der
Polizei von Beverly Hills nachzulesen. Der
Mondfahrer hatte sich eines besonders
schlagkräftigen Arguments bedient. Im Jahr
2002 war das, als ihm in Beverly Hills ein
Filmemacher namens Bart Sibrel in den Weg
getreten war, ihn einen Betrüger genannt
und gegeifert hatte: »Sie sind der, der behauptet hat, auf dem Mond herumgelaufen
zu sein – und Sie haben es nicht getan.« Auf
die Bibel solle er schwören, dass er nicht
lüge. Doch Aldrins Hand war zu keiner Bibel gegangen, sondern in Sibrels Gesicht
gefahren. Es war, im Internet auf Video zu
besichtigen, eine rechte Gerade ans Kinn.
Buzz Aldrin, mittlerweile auch schon
79 Jahre alt, bewohnt mit seiner Frau Lois
in Los Angeles eine Suite in einem luxuriösen Hochhaus am Wilshire Boulevard. Wir
plaudern über alles Mögliche, nur nicht über
den Mond. Immerhin diese eine Frage muss
erlaubt sein: Was seine Gefährten von damals heute machten, wie sie heute lebten?
Well, sagt Aldrin, Armstrong verbringe seine
Zeit, soviel er wisse, auf seiner Farm in Ohio.
Und Collins? Der angle vermutlich in Florida. Es hört sich nicht so an, als habe die
Reise zum Mond die drei Astronauten zu
mehr als Weggefährten auf Zeit gemacht.
Vielleicht sogar: LOS, Loss Of Signal.
A
ldrins Ego – verletzt? Er ist nicht der Erste
gewesen, der den Mond betreten hat. Die
zwanzig Minuten, die er, der Kopilot, nach
Armstrong, seinem Commander, auf dem
Zielstrich ankam, wird er nicht aufholen
können. Was nützt es ihm, dass bei allen vorausgegangenen Aktivitäten im Weltraum es
nie der Commander war, der von Bord ging,
wenn sogenannte Weltraumspaziergänge
anstanden? Es war immer der Kopilot. Und
Aldrin war sogar der Weltrekordinhaber, was
solche Ausflüge anging. In Aldrins Vita ist
vermerkt, dass er nach seiner Rückkehr zur
Erde in ein schwarzes Loch fiel, in dem er
Zuflucht beim Alkohol suchte. Weil er auf
dem Mond zurücktreten musste? Nachdenklich hatte mir Aldrin geantwortet, als
ich mit ihm noch über den Flug sprechen
durfte, dass es sehr schwer geworden wäre,
»sich all den Leuten zu stellen, die gefragt
hätten, ob ich nicht auch den Eindruck hätte, eine unzulässige Bevorzugung vor meinem Commander erhalten zu haben«. Aber
ohnehin, dem ersten Schritt werde zu viel
Bedeutung beigemessen. Die Landung, das
seien 99 Prozent der Mission gewesen – das
verbleibende Prozent, der Ausstieg, sei leichter zu schaffen gewesen als, ja, eben, ein
Weltraumspaziergang.
Ob er jene beneide, die nach ihm kommen und eigene Erfahrungen auf einem
anderen Gestirn machen werden? Auch das
hatte ich Aldrin gefragt. Jetzt, bereits auf
dem Weg zurück nach Deutschland, lese ich
seine Antwort noch einmal nach.
»Ich weiß nicht, warum ich sie beneiden sollte, unsere Stunde in der Geschichte
kam, und wir waren da. Andere werden ihre
Stunde haben. Lindbergh hatte die seine,
und die Wright-Brüder hatten die ihre. Es
wäre schön, aus dem Blickwinkel eines Emeritus große Entdeckungsreisen im All mitverfolgen zu können und sich zu erinnern,
immer von Neuem.«
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30.04.2009 18:16:33 Uhr
Frisch gestrichen
Unsere Autoren, vom Rentner bis zur Studentin, fragen sich
in Zeiten der Krise: Worauf kann ich verzichten?
Ich streiche den Zoo
Ich streiche den Sport
Der Champagner ist alle. Denke ich jedes
Mal, wenn ich am Samstagabend zu Freunden gehe – und eine Flasche »guter Weißwein« oder ein »wirklich leckerer Crémant«
auf dem Tisch steht. Weißwein! Das wäre vor
einem Jahr undenkbar gewesen. Wir hätten
uns um zehn Uhr abends getroffen, voller
Vorfreude auf eine lange Clubnacht in Berlin
– und hätten eiskalten Veuve Clicquot genossen. »Koks für Menschen über 30« nannte das
ein guter Freund. Jetzt ist der Rausch vorüber,
wir kaufen wieder im Kaiser’s Supermarkt
und nicht mehr in den Delikatessabteilungen
von Kaufhof am Alex oder KaDeWe. Ein
Freund kündigte seinen Vertrag mit dem Fitnessstudio, ein anderer verabschiedet sich
vom Traum einer Eigentumswohnung, ein
dritter plant, dieses Jahr seinen Urlaub in Berlin zu verbringen. Wir teilen uns den Genuss
besser ein, dann gibt es die Martin-MargielaSneakers eben erst im Schlussverkauf, wenn
sie um 50 Prozent reduziert sind. Ich halte es
mit den Pet Shop Boys, die in dem Lied Love
etc. singen: »You don’t have to be beautiful but
it’s nice.«
Ulf Lipp