Leseprobe

Leseprobe
Dr. med. Herbert Renz-Polster
Dr. med. Nicole Menche
Dr. med. Arne Schäffler
Moderne Medizin | Naturheilverfahren | Selbsthilfe
Gesundheit für Kinder
Kinderkrankheiten
g verhüten
g erkennen
g behandeln
4., überarbeitete Auflage
Mit 575 farbigen Abbildungen
und Tabellen
Kösel
GfK4.indb 1
25.08.2010 13:00:04
2
Übersicht
Unter dem Motto »Gesund sein – gesund bleiben« stehen die einführenden grünen
Kapitel. Hier erfahren Sie alles, was Sie wissen sollten, damit Ihr krankes Kind rasch wieder
ge­sund wird. Aber auch, was es braucht, da­mit Ihr Kind sich gesund entwickelt und ge­sund
bleibt: Ernährung, Entwicklungsförderung und die medizinische Vorbeugung durch Vor­
sorgeuntersuchungen und Impfungen.
Dieses violette Kapitel hilft Ihnen herauszufinden, was Ihrem Kind fehlt, z.B. wenn es Fieber
oder Husten hat. In dem Kapitel erfahren Sie nicht nur, wie Sie die Warnsignale des Körpers
richtig deuten, sondern auch, wie Sie Ihrem Kind jetzt rasch helfen.
Die dunkelroten Kapitel behandeln die akuten Erkrankungen in den ersten Le­bens­­monaten
und geben eine (knapp ge­fasste) Übersicht über angeborene Ge­sund­heits­störungen und
Behinderungen.
Den Hauptteil des Buches bilden die 13 blauen Kapitel zu den Erkrankungen des Kindes.
Diese Kapitel sind nach den Körperorganen gegliedert.
Schon bei der Überschrift können Sie die Häufigkeit der dargestellten Erkrankung mit Hilfe des
blauen »Bärchen-Logos« erkennen (Näheres siehe S. 7). Ein einleitender Abschnitt fasst dann
vorab das Wichtigste zu einer Erkrankung zusammen. Anschließend geht es in die Details und
diese sind, damit Sie sich schnell zurechtfinden, immer wie folgt gegliedert:
Leitbeschwerden: Welche Beschwerden sind typisch für die Erkrankung?
Wann zum Arzt: Muss mein Kind zum Arzt? Und wenn ja: wie schnell?
Das Wichtigste aus der Medizin: Wie und warum entsteht die Erkrankung?
Das macht der Arzt: Welche Untersuchungen sind nötig und wie wird behandelt?
So helfen Sie Ihrem Kind: Möglichkeiten und Grenzen der häus­lichen Selbsthilfe.
Möglichkeiten der Naturheilkunde: Bewährte alternativmedizinische Ver­fahren.
Vorsorge: Wie beuge ich der Erkrankung vor?
Vom Sonnenschutz am heimatlichen Badesee bis zur Planung einer Fernreise – alles Wichtige
zum Thema Reisen mit Kindern finden Sie in diesem Kapitel.
Kinder verunglücken leicht, sie sind unternehmungslustig und unterschätzen oft die Ge­fahren.
Auch wenn die meisten Unfälle glücklicherweise harmlos verlaufen – dieses Kapitel hilft Ihnen
mit kompetentem Rat und vielen Schritt-für-Schritt-Bildanleitungen, auch ernste Situationen
rasch in den Griff zu bekommen.
Das Register am Ende des Buches hilft Ihnen, schnell das zu finden, was Sie suchen.
GfK4.indb 2
25.08.2010 13:00:05
3
Bedienungsanleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1–7
1
2
3
4
5
6
7
Gesund sein – gesund bleiben
Gesund werden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Born to be wild – so stärken Sie Ihr Kind. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Schritte ins Leben – die Entwicklung des Kindes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Gesunde Ernährung für gesunde Kinder. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Das große Selbsthilfepraktikum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Alternative Heilverfahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Beim Kinderarzt: Impfungen und pädiatrische Vorsorge . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Kapitel 8
Was fehlt meinem Kind?
Beschwerden und erste Maßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
Kapitel 9–10
9
10
Erkrankungen des Säuglings und Kinder mit Handicaps
Der kranke Säugling. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
Kinder mit Handicaps. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
Kapitel 11–23
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
Erkrankungen des Kindes
Kinderkrankheiten und andere Infektionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen von Atemwegen und Lunge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen von Herz und Kreislauf. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen des Blutes und der Abwehr; bösartige Erkrankungen. . . . . . . . . .
Erkrankungen von Mund und Zähnen, Magen und Darm. . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen von Stoffwechsel und Hormondrüsen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen von Nieren, Blase und Geschlechtsorganen . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen von Knochen und Muskeln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen der Haut. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen der Augen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen von Hals, Nase und Ohren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erkrankungen von Gehirn und Nervensystem. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Seelische Störungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Kapitel 24
Mit Kindern reisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 475
Kapitel 25
Erste Hilfe bei Kinder-Notfällen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 487
Register
3500 Stichwörter zum schnellen Auffinden von Sachverhalten . . . . . . . . . . . . . 513
7
11
27
43
73
89
107
121
225
259
283
291
307
335
349
363
377
417
431
441
453
GfK4.indb 3
25.08.2010 13:00:05
4
Fotografien und Grafiken von:
Anja Messerschmidt, Lübeck; Gerda Raichle, Ulm; Dr. med. Thomas Eppinger,
Pfaffenweiler; Dr. med. Reinhold Klein, Pfaffenhofen/Glonn; Susanne Adler,
Lübeck; Michael Amarotico, München, und vielen anderen mehr
Wichtiger Hinweis: Die Erkenntnisse in der Medizin unterliegen laufendem
Wandel durch Forschung und klinische Erfahrungen. Die Herausgeber dieses
Werkes haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass die gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Aufgrund des Charakters
des Werkes sind die gemachten Angaben grund­sätzlich nicht auf Vollständigkeit oder auf umfassende Aufklärung über Neben­wirkungen und Dosierungen angelegt. Jeder Nutzer dieses Buches ist deswegen verpflichtet, die
Behandlung seiner Kinder in Absprache mit dem Kinderarzt und in eigener
Verantwortung zu bestimmen. Beipackzettel von Medikamenten oder Produktinformationen von medizinischen Hilfsmitteln können dazu Hilfestellung
bieten.
4., überarbeitete Auflage 2010
© 2004 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Für Copyright in Bezug auf das verwendete Bildmaterial siehe Bildnachweis S. 528
Umschlag: fuchs_design, Dr. Herbert Renz-Polster, Dr. Arne Schäffler
Umschlagfoto: Mauritius/Esplanade
Satz: Schäffler & Kollegen GmbH, Augsburg
Layout: Dr. Arne Schäffler, Dr. Herbert Renz-Polster
Redaktion: Heike Mayer
Druck und Bindung: Mohn Media, Gütersloh
Printed in Germany
ISBN: 978-3-466-30904-7
www.koesel.de
Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen,
durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme
jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.
GfK4.indb 4
25.08.2010 13:00:07
5
Liebe Mütter, liebe Väter,
liebe Erzieherinnen und Erzieher,
Gesundheit für Kinder – das ist der große
Wunsch von uns allen, die wir Verantwortung für Kinder tragen.
Und es ist auch der Wunsch, den wir Autoren mit diesem Buch verbinden: dass dieses Werk Ihnen hilft, Ihren Kindern so viel
Ge­­sund­heit zu ermöglichen wie nur irgend
erreichbar.
Ein Buch auf vier Säulen
Dabei ist uns klar: Gesundheit für Kinder
ist kein Rezept, das man ausstellen kann.
Keine Leistung, die das Gesundheitswesen allein vollbringen kann. Gesundheit
für Kinder ist vielmehr der Weg, den wir
jeden Tag mit unseren Kindern gehen. Die
Informa­tionen auf den nächsten 520 Seiten sollen Ihnen auf diesem Weg bei der
Orientierung helfen.
Dabei stehen vier »Säulen« oder Grund­
themen im Vordergrund:
g Krankheiten: Wie Sie Ihrem Kind am
besten helfen, wenn es krank ist.
g Vorbeugung: Wie Sie ihm helfen, Krank-
heiten aus dem Weg zu gehen.
g Entwicklung: Wie Kinder ihre Fähigkei­
ten entfalten und sich ihre Chancen
und Möglichkeiten erschließen.
g Erziehung: Wie Sie Ihrem Kind helfen
können, eine starke, gesunde Persönlich­
keit zu werden.
Warum dieses Buch?
Das Thema »Gesundheit für Kinder« ist
seit langem Teil dessen, was wir beruflich
machen. Den Anstoß für dieses Buch aber
gaben unsere Erfahrungen als Eltern: Da
war das anscheinende Schielen des neu­ge­
bo­renen Sohnes, die fragliche Entwicklungs­
störung der Einjährigen, der immer wiederkehrende Ärger mit »Polypen« bei einem
unserer Fünf­jährigen, die jahre­langen
Neuro­der­mitis-­Probleme der Siebenjährigen – von immer neu auftretenden LäuseAttacken im Kindergarten gar nicht zu
reden.
GfK4.indb 5
Und immer wieder machten wir die gleiche Erfahrung, egal ob im Internet, in bunten oder weniger bunten Ratgebern: Es
gab viele Tipps – aber wenig echte Hilfe.
Viele Allerweltsweisheiten vom Typ »Jetzt
braucht Ihr krankes Rotznäs­chen vor allem
Liebe«. Und viel Schwammiges der Sorte
»Zur Abhärtung soll Ihr Kind viel draußen
spielen – aber nicht bei schlechtem Wet­
ter.« Zu viel Fastfood-Information, die nicht
satt macht. Und zu viele hochprozentige
Heilsversprechen, die vielleicht in ir­gend­­
eine Welt­anschauung oder Schule passen, aber nicht zu dem Leben mit Kindern,
wie wir es kennen. Und schließlich sind
sich auch die professionellen Helfer nicht
im­mer einig darüber, welcher Weg denn
der erfolgversprechendste ist.
Eltern den Rücken stärken
Unser Ziel war deshalb: ein Buch zu
ma­chen, das Ihnen als Eltern durch begrün­
dete, umfassende Information einen eigenen Standpunkt ermöglicht. Das Ihnen
ver­stehen hilft, wie Kinder von ihrer Biologie, ihrer Psyche und ihrer Entwicklung
her »funktionieren« und welche Wirkungen
Krankheiten an ihrem Körper und in ihrer
Seele entfalten.
Unser Ziel war ein Buch, das Ihnen mit soliden Fakten hilft, auf dem oft widersprüch­
lichen Gesundheitsmarkt Schein und Sein
zu trennen. Und das Sie mit praktisch
um­setzbaren Informationen dabei unterstützt, die unvermeid­lichen Krankheiten
gut zu bewältigen.
Blick unter die Oberfläche
Mit diesem Buch wollen wir aber auch
einen Blick »in die Tiefe« anregen. Denn
das gesunde und erfolgreiche Heranwachsen unserer Kinder ist trotz allen materiellen Wohlstandes heute nicht leichter
geworden. Nicht nur sind Kinder rein mengenmäßig eine bedrohte Art – wir sind uns
auch immer weniger sicher, was unsere
Kinder eigentlich brauchen. Was sind nur
Wünsche und was echte Bedürfnisse?
Wir alle wissen: Behandeln ist gut, vorbeugen ist besser. Und was es bei Kindern
braucht, damit sie gesund bleiben – dazu
hat die Wissenschaft in den letzten Jahren
viele neue Kapitel geschrieben. Viele alte
Theorien, etwa wie Allergien zu verhindern
sind, sind dabei auf dem Müllplatz der
Geschichte gelandet.
Und was dabei auch klar geworden ist:
Was wir Eltern zu Hause für unsere Kinder
tun ist wichtig, aber genauso zählt, was
ihnen »dort draußen« begegnet.
Und deshalb durchzieht der kritische Blick
auf die Lebens- und Umwelt unserer Kinder dieses Buch wie ein roter Faden. Denn
nur, wenn wir Strategien entwickeln gegen
die »ganz normale« Bewegungsarmut, den
»ganz normalen« Sog hin zu den elektronischen Medien und die kindliche Vorliebe
für »total leckeres«, aber minderwertiges
Essen, gelingt es, die vermeidbaren Probleme in der Entwicklung unserer Kinder auch
wirklich zu vermeiden.
Wir glauben, dass Eltern hier mehr bewegen können, als sie sich manchmal zutrauen. Wo immer möglich, geben wir deshalb
im Alltag erprobte Tipps – etwa was Sie
machen können, damit bei Ihrem Dreijährigen gesundes Essen besser klappt, was
Ihr Kleinkind besser ein- und durchschlafen
lässt und was Ihrem Schulkind aktiv und
be­weglich zu bleiben hilft.
Und so hoffen wir für dieses Buch:
g dass es seinen Wert in der Ausnahme­
situation unter Beweis stellt, die eine
akute Erkrankung für Kind und Eltern
gleichermaßen bedeutet,
g und dass es Ihnen hilft, mit Ihrem Kind
auch im gewöhnlichen Alltag so zu
leben, dass es sich gesund entwickeln
kann.
Vogt, Langen und Augsburg,
im Herbst 2010
Die Autoren
25.08.2010 13:00:08
6
Was ist neu an Gesundheit für Kinder?
Das Wissen über Kinder hat sich in den
letzten Jahren stark erweitert. Die Forschung hat dabei einige beunruhigende
Ergebnisse zu Tage gefördert – etwa:
g wie früh – meist schon im Säuglingsund Kleinkindalter – sich entscheidet,
mit welchen Krankheitsrisiken ein Kind
durchs Leben geht,
g dass auch die seelische Gesundheit ihre
Wurzeln in der Kinderzeit hat – so zeigt
die Glücksforschung, dass sich die meis­
ten Menschen ihr ganzes Leben lang in
etwa so zufrieden fühlen, wie sie es als
Sechsjährige waren,
g dass es eben nicht ausreicht, wenn Kinder zu allen Vorsorgeuntersu­chun­gen
gehen. Zu viele Kinder fallen durch die
Maschen, und zu wenig kann man noch
tun, wenn dann etwas Auffälliges entdeckt wird.
Auf der anderen Seite gibt es auch neue
Er­kennt­nisse, die Hoffnung machen: Vieles
von dem, was Pädagogen, Hirnforscher,
Pä­­­di­ater und Entwicklungs­psycho­logen zu­­
sam­­men­getragen haben, hilft uns, die Wurzeln von Gesundheit und Krankheit immer
besser zu verstehen.
Wir lassen Sie »mitlesen«
Wir haben versucht, Sie an diesen aktuellen Ent­wick­lungen teilhaben zu lassen, und
ha­ben deshalb in dieses Buch viele neue,
span­­­nen­de For­­schungs­­ergebnis­se auf­­ge­
nom­­men. Etwa wie groß die Spann­­breite
der nor­­ma­len kindlichen Ent­wick­lung ist
(siehe S. 48), wie wichtig frühe Kon­tak­te
mit Mi­kroben für unser Im­mun­system sind
(siehe S. 33), wie Allergien entstehen (siehe
S. 34), wie die Weichen für einen gesunden
Stoffwechsel ge­stellt werden (siehe S. 30)
und warum es Jungs heute in der Schule
und im Verhalten so viel schwerer haben
als Mädchen (siehe S. 461).
Und wir haben versucht, die Erkenntnisse
der Forschung umzusetzen: Was bedeuten
diese Ergebnisse für den Alltag? Für die
Er­zie­hung? Für die Rahmenbedingungen
zu Hause und »draußen«?
GfK4.indb 6
Kein Streit der Schulen
Wir sagen Danke!
Gesundheit für Kinder ist für uns kein Pri­
vi­leg einer bestimmten The­ra­pie­richtung
oder Welt­anschauung. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass sowohl die Schul­
me­di­zin als auch die Naturheilverfahren
wertvolle Möglichkeiten zur Behandlung
und Vor­beugung von Krankheiten bei Kindern bei­steu­ern. Unsere Empfehlungen
be­ziehen deshalb drei Bereiche ein:
Zum Schluss wollen wir auch bei einem
Buch, bei dem vieles unkonventionell ist,
et­was ganz Konventionelles tun, nämlich
Dank sagen.
g den Wissensstand der Schulmedizin,
g die Möglichkeiten der Naturheilverfahren
g und wie Sie selbst mit bewährten Hausmitteln für Linderung und Heilung sorgen können.
In der Darstellung der verschiedenen An­sät­
ze und Schulen haben wir uns bemüht, fair
zu sein, aber nicht »wischiwaschi«. Wo wir
meinen, dass ein Verfahren besser wirkt als
ein anderes, da sagen wir Ihnen das.
Wer wir sind
Dieses umfassende Buch beruht auf un­se­
ren Kenntnissen als Ärzte. Hier bringen wir
Erfahrungen aus verschiedenen Bereichen
mit: der Kinderheilkunde (darunter auch
viele Berufsjahre in den USA), der Wissenschaft (Forschungen vor allem im Bereich
der kindlichen Allergien sowie der Mikro­
biologie) und pädiatrischer Spezialgebiete
(Dr. Renz-Polster ist Spezialist für Lungenerkrankungen bei Kindern).
Zum Zweiten war dieses Buch nur durch
pro­fessionelle Teamarbeit zu bewältigen.
Und die hat sich über Jahre eingespielt, in
denen wir gemeinsam Lehrbücher für Me­di­
zin­­studenten, Ärzte und Krankenpflegende
herausgegeben und mitverfasst haben.
Und zum Dritten, wir haben es schon er­­
wähnt, haben wir dieses Buch auch unter
dem Blick unserer drei, vier bzw. sechs Kinder geschrieben, die uns nicht nur viele der
glück­lich­sten Momente unseres Lebens
ge­schenkt haben, sondern auch so manche
schlaflose Nacht und Stunden der Verzweiflung. Und auch diese Erfahrungen wollen
wir mit diesem Buch an Sie weitergeben.
Gedankt sei unseren Partnern und Kindern,
die gute Miene machten, wenn die Mama
oder der Papa mal wieder im Büro verloren
ging oder ein Schild an der Bürotür hing:
»Bitte nicht stören, aber lebe noch«.
Gedankt sei den vielen Kindern – und ihren
Eltern – die der neugierigen Linse des Fotoapparates ihre Aufmerksamkeit schenkten.
Gedankt sei den medizinischen Experten,
die uns bei Spezialfragen mit ihrer Erfahrung zur Seite standen, und auch denen,
die jedes Kapitel wie Spürhunde durch­such­
ten, ob sich das Ganze nicht klarer, knapper
oder weniger trocken sagen ließe – allen
voran Ulrich Renz.
Ein großes Dankeschön geht an den KöselVerlag, insbesondere an Dagmar Olzog
und Heike Mayer vom Lektorat sowie an
Ar­min Köhler von der Herstellung, die uns
in jeder Hinsicht unterstützt haben und
mit einer guten Por­tion Optimismus und
Humor dafür sorgten, dass wir den Mut
nicht verloren.
Und gedankt sei allen Kollegen und Eltern,
die bei der Entwicklung unseres Konzepts
mitwirkten, an Kritik nicht sparten und uns
wertvolle Anregungen gaben.
Diese großartige Unterstützung zu bekommen, das war auch für uns drei eine tolle
Erfahrung.
Dr. med. Herbert Renz-Polster
Dr. med. Nicole Menche
Dr. med. Arne Schäffler
25.08.2010 13:00:09
7
Gesundheit für Kinder erfolgreich nutzen: Bedienungsanleitung
Damit Sie diesen großen Ratgeber optimal
nutzen können, werden im Folgenden sei­ne
Besonderheiten kurz erklärt.
Wo ist das Inhaltsverzeichnis?
Gesundheit für Kinder enthält kein detail­
lier­tes In­halts­ver­zeichnis. Suchen Sie et­was
Bestimmtes, bitten wir das – sehr aus­führ­
liche – Regis­ter am Ende des Werkes zu
nutzen.
Eine Übersicht über die einzelnen Buchteile finden Sie auf S. 2 und 3.
So sind die Krankheiten
­dargestellt
Um Ihnen einen raschen Überblick über
alles Wesentliche zu ermöglichen, sind alle
Erkrankungen nach einem einheit­lichen
Schema aufgebaut:
Zuerst beschreiben wir in einer kurzen
Er­klä­rung, worum es bei der Krank­heit
geht. Dabei werden auch die in der Me­di­
zin leider sehr häufigen Synonyme – d. h.
andere Na­men für die gleiche Krankheit –
mit er­läutert.
Dann folgen – jeweils mit einem eigenen
grafischen Symbol hervorgehoben – diese
Abschnitte:
Leitbeschwerden
In kurzen Absätzen erfahren Sie, welche
Beschwerden typischerweise bei der jeweiligen Er­kran­kung zu erwarten sind.
Wann zum Arzt*
Die schwerste Frage ist oft die: Muss ich
zum Kin­der­arzt? Und wenn ja: so­fort oder
kann ich mein Kind erst ein­mal schla­fen
lassen? Muss ich ins Krankenhaus? Diese
Fragen stehen hier im Mit­tel­punkt.
* Der Einfachheit halber ist im Buch vom
Arzt oder vom Kinderarzt die Rede, na­­tür­
GfK4.indb 7
lich ist immer Arzt oder Ärztin bzw. Kin­der­
ärztin gemeint.
Das Wichtigste
aus der Medizin
Für den ersten Überblick können Sie diesen
Abschnitt auch überspringen. Wenn Sie
jedoch das Wieso und Warum einer Erkrankung verstehen möchten: Hier finden Sie
es.
Das macht der Arzt
Die notwendigen
Untersuchungen wer­den
hier genauso erklärt wie die Behandlungsstrategien, die innerhalb der Schulmedizin
zur Verfügung stehen.
So helfen Sie
Ihrem Kind
Bei vielen Erkrankungen können Sie selbst
erfolgreich Hand anlegen. Hier erfahren
Sie, welche Möglichkeiten Ihnen die häus­
liche Selbsthilfe bietet – und wo ihre Grenzen sind.
Möglichkeiten der
Naturheilkunde
Bei vielen akuten wie chronischen Er­kran­
kungen bietet der Schatz tra­di­tio­nel­ler und
auch mo­derner alter­nativ­medi­zi­nischer Ver­
fahren oft die bessere Wahl:
Gesundheit für Kin­der stellt sie dabei nicht
nur kurz vor, sondern versucht auch zu differenzieren, was sich bei einer Erkrankung
be­währt hat und was nicht.
Wegen der Vielzahl der alternativ­me­di­
zi­ni­schen Heilverfahren ist die Aus­wahl
der Em­pfeh­lungen auf jeweils einige
b­esonders wichtige und bewährte Heilmethoden beschränkt geblieben.
Eine ausführliche Darstellung fast aller
gängigen naturheilkundlichen Verfahren
bei Kindern findet sich in Kapitel 6 »Naturheilverfahren«.
So erkennen Sie, wie häufig eine
Erkrankung ist
Für die Einschätzung von Beschwerden
Ihrer Kinder ist es wichtig zu wissen, was
an im Raum stehenden Erkrankungen häufig ist und was eher selten. Deshalb sind
die Häu­fig­keiten der Erkrankungen des
Kindes durchgehend grafisch angezeigt:
Weit verbreitet
Fünf kleine Bären bedeuten: weit verbreite­
te und sehr häufige Erkrankung. Sie tritt,
zu­mindest wenn Sie zwei oder mehr Kinder
haben, wahrscheinlich in der Familie auf.
Häufig
Vier kleine Bären bedeuten: häufige
Er­krankung. Ihr werden Sie in der Kindergartengruppe oder Schulklasse vermutlich
ein oder mehrere Male begegnen.
Mittelhäufig
Drei kleine Bären bedeuten: mittelhäufige
Erkrankung. Sie tritt in einem großen Kindergarten oder einer Schule ein oder einige
Male im Jahr auf.
Eher selten
Zwei kleine Bären bedeuten: eher seltene
Erkrankung, die in der Kinderarztpraxis
ein oder mehrere Male pro Monat erkannt
oder behandelt wird.
Rarität
Ein einzelner Bär bedeutet: rare Er­kran­
kung. In einer Kinderarztpraxis – wenn sie
nicht auf die entsprechenden Krankheiten
besonders spezialisiert ist – wird sie im Mittel einmal im Jahr oder seltener auftreten.
25.08.2010 13:00:11
8
Gesundheit für Kinder erfolgreich nutzen: Bedienungsanleitung
Ein Wort zur Homöopathie
Zumindest die klassische Homöopathie
(Näheres siehe S. 115) berücksichtigt bei
jeder Verschreibung die bei jedem Kind
ganz un­ter­schiedlichen Begleit­um­stän­
de und die persönliche Konstitution des
Patien­ten. Wenn zehn Kleinkinder an der
»gleichen« Erkrankung leiden (etwa einer
be­stim­mten Allergie), werden sie deshalb
nicht alle das gleiche Mittel erhalten.
Im Extremfall bekommt jedes Kind etwas
anderes verschrieben, und mehr noch:
Jedes Kind kann Wo­chen oder Monate später für dieselbe Erkrankung ein zweites und
nochmals später möglicherweise ein drittes
ho­möo­pathisches Mittel erhalten.
Die im Buch aufgeführten Mittel können
des­halb lediglich Musterbeispiele dar­stel­
len, die in »typischen« Kons­tel­la­tio­nen häufig verordnet werden.
Zu einer individuell stimmigen The­ra­pie
ist in der klassischen Homöopathie aber
immer eine Einzelfallberatung not­­wendig,
die wir in diesem Buch keinesfalls ersetzen
können.
Tees, die wirken und die problemlos
zubereitet werden können
Besonders ausführlich finden Sie die
Zu­be­reitung von Tees geschildert. Die
entspre­­chenden Rezepte finden Sie in den
wie hier mit grünen Blättern unterlegten
Kästen.
Vorsorge
Unter dem Zeichen des Regenschirms
er­fah­ren Sie alles, damit eine Er­kran­kung
erst gar nicht oder zumindest nicht noch
ein­mal auftritt.
Ersteres nennen die Mediziner primäre Prä­
ven­tion und letzteres sekundäre Präven­
tion. Und beides wird immer wichtiger für
unsere Kinder: denn die Medizin ist letztlich ein Reparaturbetrieb; ein oft risikorei-
GfK4.indb 8
cher und teurer noch dazu. Viel besser ist
es, Krankheiten erst gar nicht entstehen
zu lassen. Und dies gelingt oft bei Kindern
erstaunlich leicht.
Aus Elternsicht
Bei den lang dauernden Erkrankungen, wie
chronischer Mittelohrentzündung, Neurodermitis oder obstruktiver Bronchitis, kommen unter dieser Rubrik betroffene Eltern
zu Wort. Wie sich eine Krankheit zu Hause
»anfühlt« und was sich am Zusammenleben der Familie ändert, wird also aus der
Sicht der Eltern thematisiert.
Tipps zum Weiterlesen
Wenn eine Krankheit nicht nur acht Tage
dauert, möchte man als Eltern noch mehr
wissen. Gesundheit für Kinder zeigt hierfür
mehrere Wege auf:
Selbsthilfegruppen, Buch­
tipps und Internetlinks
gGeprüfte Buchtipps für viele chro­ni­
sche Erkrankungen, aber auch allgemeine
Erziehungsfragen.
gEmpfehlungen zu interessanten Web­
seiten zu speziellen Themen. Egal, ob es
um Konservierungsstoffe oder um die neuesten Impfempfehlungen geht – hier bietet oft das Internet die aktuelleste Information.
gAdressen und Internetlinks zu den
Selbst­hilfe­gruppen. Diese existieren in­zwischen für fast alle chronischen Kinderkrankheiten.
hingewiesen werden, dass nicht alle Selbsthilfegruppen unabhängig sind:
Nicht wenige Selbsthilfegruppen erhalten
Zuwendungen von Arzneimittel- oder Ge­rä­
te­herstellern, um ihre aufwändige Arbeit
zu finanzieren; und manche sind dafür
auch zu Gegenleistungen z.B. in Form von
Empfehlungen be­stimmter Medikamente
oder sonstiger product placements bereit.
Diese sind von außen – auch für uns –
nicht immer erkennbar, wenn sie z.B. in
Berichte von betroffenen Eltern eingebettet werden.
Die Mehrzahl der Pharmaunternehmen
mischt heute in der Selbsthilfeszene mit,
ent­we­der indirekt über die Zu­sam­men­
arbeit mit Selbsthilfegruppen oder ihren
Dachorganisationen oder selbst über Tochterfirmen oder -stiftungen mit oft wohlklingenden Namen wie z.B. OncoCare (Hexal).
Wer zu diesem heiklen Thema mehr wissen
will, dem sei das Buch Von Abhängigkeiten
und Überlebenschancen. Patienteninitiativen und Sponsoring (Springmann Stiftung,
Berlin, 2004) empfohlen.
Vernetzungen und
­Querverweise
Der kindliche Organismus ist ein hochgradig vernetztes System, und auch ein großer
Ratgeber über Kinder lässt sich nicht wie
eine Perlenkette Kapitel für Kapitel und
Satz für Satz aneinander reihen.
Wir haben deshalb in dem Buch über
1 000 Querverweise angebracht, die es
Ihnen ermöglichen, den wechselseitigen
Abhängigkeiten, etwa von Ernährung und
Krankheit oder von psychischen und somatischen (»körperlichen«) Erkrankungen,
nachzugehen.
Ein Wort zu den Selbsthilfe­gruppen
Selbsthilfegruppen leisten oft großartige
Arbeit, die in den meisten Fällen auf der
ehrenamtlichen Tätigkeit von Mitgliedern
und Eltern beruht. Dennoch muss darauf
Die medizinischen Befundfotos
Besonders natürlich bei Haut­er­kran­kun­
gen, aber auch bei vielen Infektionen, die
25.08.2010 13:00:14
9
Gesundheit für Kinder erfolgreich nutzen: Bedienungsanleitung
mit Ausschlägen einhergehen, genügt dem
erfahrenen Arzt oft ein Blick, um zu sagen:
Das ist es. Gesundheit für Kinder versucht,
diesen Blick auf die Erkrankung, die gerade in der traditionellen Medizin eine große
Rolle spielt, auch den Eltern zu ermöglichen.
Dabei wurden nicht nur die »glasklaren«
Befunde als Foto aufgenommen, sondern
auch die frühen und eher zarten Anfänge
einer Erkrankung. So sind die Hautausschläge der typischen »Kinderkrankheiten«
zusätzlich in Computerrekonstruktionen
dargestellt, wodurch insbesondere der zeitliche Verlauf eines Ausschlags gezeigt werden kann.
Es soll jedoch nicht verschwiegen werden,
dass beispielsweise die korrekte Interpretation von Hautausschlägen selbst dem
versierten Kinderarzt oft nicht sicher möglich ist. Zu vielfältig sind die Variationen
im Einzelfall, und erst der weitere Verlauf
sowie die Zusammenschau mit anderen
Symptomen und gelegentlich Laboruntersuchungen ermöglichen dann die sichere
Diagnose.
GfK4.indb 9
Besondere Information zu
Arzneimitteln
Welche Medikamente der Kinderarzt
besonders häufig verordnet, steht in diesen Kästen. Hier werden auch die Probleme angesprochen, die die Arzneitherapie
manchmal mit sich bringt, wie etwa häufige Nebenwirkungen.
Die in den einzelnen Kapiteln angesprochenen Medikamente sind jeweils auch im
Register am Ende des Buches aufgeführt,
so dass Sie die entsprechenden Arzneiinformationen rasch finden.
Unser Wunsch: Ihre Kritik
Wir brauchen Ihre Kritik und Ihre Rückmeldung, um Gesundheit für Kinder noch
besser zu machen. Kein Buch ist perfekt,
manchmal sind Formulierungen nicht
eindeutig und klar genug, und in anderen Fällen mögen Sie aus Ihrer eigenen
Elternpraxis anderslautende Erfahrungen
gemacht haben. Wenn Ihnen deshalb
etwas einfällt, was Sie in dem Ratgeber ver-
missen oder gerne aufgenommen hätten,
schreiben Sie uns eine E-Mail:
[email protected]
oder besuchen Sie die Website des Buches
www.gesundheitfuerkinder.de
Und wenn Sie den Postweg bevorzugen,
dann schreiben Sie an
Dr. med. Arne Schäffler
Prinzregentenstr. 5
86150 Augsburg
Oder an den Verlag:
Kösel-Verlag
Lektorat Pädagogik
Flüggenstraße 2
80636 München
Im Voraus vielen Dank. Wir werden Ihre
Vorschläge bei der Planung der nächsten
Auflage von Gesundheit für Kinder sorgfältig berücksichtigen.
Die Autoren
25.08.2010 13:00:15
Erster Teil
Gesund sein – gesund bleiben
Das wünschen wir uns alle für unsere Kinder: Gesundheit. In den folgenden Kapiteln sind die Zutaten beschrieben: Wie Sie für eine
gesunde Entwicklung und Ernährung sorgen können, wie Sie selbst
Krankheiten vorbeugen können und was der Kinderarzt zur Vorsorge
unternimmt.
1
2
3
4
5
6
7
GfK4.indb 10
Gesund werden
Born to be wild – so stärken Sie Ihr Kind Schritte ins Leben – die Entwicklung des Kindes Gesunde Ernährung für gesunde Kinder Das große Selbsthilfepraktikum
Alternative Heilverfahren Beim Kinderarzt: Impfungen und pädiatrische Vorsorge
11
27
43
73
89
107
121
11.08.2010 15:21:49
1
GfK4.indb 11
Gesund werden
11.08.2010 15:21:55
12
Wir wollen Sie ermutigen:
Kinder brauchen auch ihre
Eltern als Experten – gerade
in Sachen Gesundheit. Wer
Ihr Kind ist, welche Persön­
lichkeit sich da entwickelt,
das wissen Sie als Eltern am
besten.
Gesundheit ist mehr als die ­
Ab­wesenheit von Krankheit –
zur Gesundheit gehören auch
­seelisches Wohlbefinden und
der sichere Bezug zur Umwelt,
und zwar vom ersten Atemzug
an. Die Beziehung zur Mutter
­bildet das Fundament hierfür.
[AS]
Gesundsein und Kranksein
Eine Sache für Experten?
Persönliche Entscheidungen
Ankommen
Die Schwangerschaft der Mutter, die ersten
Atemzüge des Kindes – überall sind Ge­sund­
heits­experten mit von der Partie: Ärzte,
Hebammen, Krankenschwestern und andere
Gesundheitsprofis. Leute, die wissen, was zu
tun ist und wohin die Reise gehen soll. Die
professionelle Fürsorge tut uns gut und ist
(meist) zum Besten des Kindes. Doch schnell
entsteht für uns Eltern das Gefühl, dass
Gesundheit etwas ist, das uns und unseren
Kindern durch andere, durch Sachkundigere
»widerfährt«. Dass da überall Gefahren lau­
ern, die man ohne Expertenhilfe gar nicht
erkennen, geschweige denn umschiffen
kann. Dass wir Eltern in Sachen Gesundheit
besser ins zweite Glied treten.
Wenn sich Experten zu Wort melden, klingt
manches nach hoher Wissenschaft, was
medizinisch auf schwankenden Füßen steht
und allenfalls als persönliche Meinung gel­
ten kann.
Wenn Ihnen ein derzeit viel gekaufter
»Ex­per­tenratgeber« empfiehlt, »bei schlech­
tem Wetter sollte Ihr Kind nicht länger als
eine Stunde draußen spielen«, dann dürfen
Sie über diesen meisterlichen Rat genauso
herz­lich lachen wie über die Empfehlung
eines anderen Ratgebers, man solle einem
Baby beim täglichen Waschen die Augen
»mit zwei Mulltupfern jeweils vom äußeren
zum inneren Augenwinkel auswischen«.
Auch andere Entscheidungen, die wir für
Wenn wir Gesundheit in diesem Sinne be­­
trach­ten, dann verstehen wir auch, warum
ein gesundes Leben nicht durch ein paar Pil­
len oder Rezepte herzustellen ist – und auch
nicht durch noch so sanfte Medizin. Kein
Wunder auch, dass Gesundheit sich nicht
automatisch einstellt, indem wir das Richtige
essen oder ganz penibel alle Gesundheitsrisi­
ken vermeiden.
Denn ob wir gesund sind oder nicht, das hat
nur zum Teil mit Techniken oder Lebensre­
geln zu tun, sondern auch damit, ob wir mit
unseren mensch­lichen Bedürfnissen »ankom­
men«. Ob wir uns auf unsere Eltern, Freunde,
Lehrer, ja, selbst die Gesellschaft als Gan­
zes verlas­sen können. Kurz: Zur Gesundheit
gehört auch eine Mit- und Umwelt, die uns
ermutigt, fördert und fordert.
Der Körper der Kinder
mag klein und zart sein –
schutzlos ist er nicht.
Er ist ausgestattet
mit Sicherheitsnetzen,
die sich über Hun­dert­
tausende von Jahren
bewährt haben. Deshalb bedarf es auch
bei Krankheiten meist
nicht mehr als der sanf­
ten Unter­stützung der
­Körperfunktionen. [RP]
Wenn wir unseren Kindern Gesundheit wün­
schen, an was denken wir dann? Dass sie
von Krankheit verschont bleiben? Das ganz
bestimmt. Aber schwingen da nicht noch
größere Wünsche mit, als dass Viren und
Bakterien, Unfälle und Verletzungen einen
Bogen um sie machen mögen?
Wenn wir uns ein gesundes Kind vorstellen,
dann denken wir auch an seine bestmögli­
che Entfaltung, Vitalität und Selbstständig­
keit. Ein gesundes Kind ist ein Kind, das am
Leben teilnimmt und seine menschlichen
Möglichkeiten entfaltet.
1
GfK4.indb 12
Ob Ihr Kind sich gesund
ernährt oder seinen Appe­
tit mit Junkfood stillt – dar­
auf haben Sie mehr Einfluss
als der Kinderarzt und der
Schularzt zusammen. Ob Ihr
Kind Spaß an körperlichem
Auslauf hat oder lieber die
Couch belegt – Sie sind der
entscheidende Impulsgeber.
Gesund werden
11.08.2010 15:21:57
13
unser Kind treffen, werden immer wieder
mit angeblich medizinischen Argumenten
kom­mentiert oder kritisiert, sind aber im
Grun­de persönliche Entscheidungen, wie
wir mit unserem Kind leben wollen: Ob ein
gesundes Neugeborenes einen Tag in der
Ge­burts­klinik verbringt oder fünf, macht es
nach den heutigen Forschungsergebnissen
weder kränker noch gesünder. Ob wir es mit
uns herumtragen oder eher in den Wagen
legen, lässt sich nicht medizinisch entschei­
den (siehe S. 55). Dasselbe gilt für die Frage,
ob wir es zu uns ins Bett nehmen oder es
allein schlafen lassen (siehe S. 61). Auch
ob wir unserem Baby Vitamin-D-Tabletten
geben oder es stattdessen ab und zu unter
freiem Himmel schlafen lassen, ist medi­
zinisch kaum zu klären – vom gesundheit­
lichen Effekt her sind dies gleichwertige
Lösungen (siehe S. 124).
Die Beispiele zeigen, dass wir als Eltern gut
da­ran tun, auch in Gesundheitsentscheidun­
gen un­se­re eigene Sicht der Dinge einzubrin­
gen – die Konsequenzen tragen wir (bzw.
unsere Kinder) ja auch zu 100 % selbst.
Geheimwissenschaften
Auf der Suche nach der »richtigen« Be­hand­
lungs­methode finden sich Eltern oft in ei­ner
Welt mit sieben Siegeln wieder. Was der
eine Arzt empfiehlt, lehnt der andere stirn­
run­zelnd ab. Auch die Verfahren der Alter­
nativ­medizin folgen oft recht eigenwil­ligen
Schulen – zusätzlich zu einem Diplom, so
scheint es, bedarf es ausgefallener men­
schen­bildlicher Ansätze, um die normalen
Erkrankungen des Kindesalters zu meistern.
Wo wir nach klaren Ratschlägen suchen,
sehen wir Eltern uns also nicht selten einem
exklusiven Club von Wissenden gegenüber,
die dem ignoranten Fußvolk ihre Erkennt­
nisse und ihre in (vorzugsweise Schweizer)
Speziallabors hergestellten medizinischen
Prä­pa­rationen herunterreichen.
Unsere Meinung: Keine Behandlung ist so
kompliziert, dass sie nicht in klaren Wor­ten
erklärt werden könnte – und sei es durch
einen weiteren hinzugezogenen Arzt. Hei­
lung sollte Sie als Eltern einschließen, nicht
ausschließen. Und was die Alternativmedi­
zin angeht: Natürlich kann ein be­stimmtes
Menschenbild auch gesundheitlich wichtige
Anregungen geben. Effektive Hilfe für Ihr
Kind ist jedoch kein Monopol bestimmter
Philosophien oder Lebensweisheiten.
Kinder besitzen ein angeborenes »Programm«, das ihnen erlaubt, ihren Körper fit und gesund zu
halten. Kinder wollen ihren Spieltrieb ausleben, sie wollen ihrem Bewegungsdrang nachgeben,
sie wollen einen Platz in der Gruppe einnehmen. Was wir Eltern tun ­können: dafür sorgen, dass
diese eingebauten Programme auch ablaufen können. [AM]
Aber die Krankheiten?
Einfacher als Sie denken
Wir wollen nicht missverstanden werden:
Experten haben eine wichtige Rolle und
können für Ihr Kind entscheidende Lebens­
begleiter und -helfer sein, insbesondere
wenn es chronisch krank, behindert oder
schwer erkrankt ist. Ärzte und andere medi­
zinische Experten ermöglichen solchen Kin­
dern Schritte ins Leben, die sie sonst nicht
machen könnten.
Diese unterstützenden Behandlungs- und Pfle­
ge­maßnahmen sind auch von Laien er­lern­
bar. Sie werden überrascht sein, wie rasch
Sie sich ein paar leicht einsetzbare Techni­
ken für die häufigsten Beschwerden des
Kindesalters aneignen können. Ihnen steht
schließlich für die häusliche Behandlung ein
oft unterschätzter Schatz an Hausmitteln
und Erfahrungen zur Verfügung, der teilwei­
se über Jahrtausende angesammelt wurde
(siehe Kapitel 5).
Das Ziel ist Kooperation
Und doch gibt es ein weites Feld auch in der
Behandlung von Krankheiten, welches wir
Eltern mit Experten teilen können. So sind
die meisten »Routineerkrankungen« im Kin­
desalter – vom Schnupfen bis zum Insekten­
stich – auch zu Hause sicher und einfach zu
behandeln. Es bedarf keines Medizinstudi­
ums, um einem Kind mit verstopfter Nase
oder einem wunden Po die Erleichterung zu
verschaffen, die es braucht.
Denn Gott sei Dank ist es bei den meisten
Erkrankungen des Kindes weder erforderlich
noch sinnvoll, dem Körper mit einer gan­
zen Maschinerie von Medikamenten und
kompli­zierten Maßnahmen ins Räderwerk
zu greifen – eine sanfte Unterstützung der
Körper­funktionen ist da zweckmäßiger und
sinnvoller, und diese Strategie hat sich auch
über Generationen bewährt.
Selbstversorgung?
Dennoch kann Selbsthilfe kein Selbstzweck
sein. Kinder können rasch richtig krank wer­
den und brauchen dann mehr als eine sanf­
te Unterstützung der Eigenkräfte.
Selbsthilfe, wie wir sie verstehen, heißt des­
halb keineswegs medizinische Selbstver­sor­
gung. Verstehen Sie sich als Teil des Gesund­
heits­teams – behandeln Sie Ihr Kind dann
zu Hause, wenn Sie sich kompetent dazu
fühlen, und versichern Sie sich fachlicher
Hilfe, wenn Sie Ihre Grenzen erreichen oder
Ihnen irgendetwas nicht geheuer ist – oder
Sie sich einfach mit einem Arzt abstimmen
wollen. Tipps, wann fachliche Hilfe ange­
zeigt ist, finden Sie auf S. 16.
1
GfK4.indb 13
11.08.2010 15:21:59
14
Kranksein hat eine
Bedeutung
So lästig Krankheiten sind und so sehr unse­
re Kinder auch darunter leiden – im »größe­
ren Schema der Dinge« sind Krankheiten
wichtige Entwicklungsstationen.
Eine biologische ­Notwendigkeit
Die Mutter streckt ihrem neugeborenen
Kind lebenswichtiges Kapital vor: Die Abwehr­stoffe, die das Baby aus dem Körper
sei­ner Mutter übernimmt (siehe S. 227),
sorgen dafür, dass der Säugling die ersten
6–9 Mo­nate weitgehend ohne Infektions­
krank­hei­ten übersteht. Danach aber muss
das Ab­wehr­system auf eigenen Füßen ste­
hen und sich gegen natürliche Feinde weh­
ren, die nun einmal Teil der Natur sind.
Dieser Schritt in die biologische Selbst­stän­
dig­keit ist ein mühsamer Lernprozess: Das
Kind macht dabei Bekanntschaft mit Hun­
derten von Krankheitserregern! Auch wenn
es sich mit vielen davon unbemerkt ausein­
ander setzt, macht es im Kindergartenalter
im Schnitt 12 infektionsbedingte Krankhei­
ten pro Jahr durch, 6–8 im Schulalter und
immerhin noch 5 pro Jahr als Jugendlicher
(im Vergleich zu 2–3 beim Erwachsenen)!
Krankheit und seelische
Reifungsschritte
Darüber, wie Krankheiten mit der seelischen
Entwicklung von Kindern zusammenhängen,
wird viel diskutiert. Dass Krankheiten so­wohl seelische Ursachen als auch seelische
Auswir­kun­gen haben können, erfahren wir
Eltern manch­mal auch. Da sind z. B. Krank­
heiten, die sich ganz pünktlich dann einstel­
len, wenn wir uns verrannt haben in unse­
rem Leben, uns überlastet haben, und dann
liegen wir da mit unseren ungelösten Prob­
lemen und einer Bronchitis noch dazu, bis
wir mit der einsetzenden körperlichen Hei­
lung auch wieder seelische Klarheit gewin­
nen.
Auch bei unseren Kindern haben wir oft den
Eindruck, dass sie gerade vor wichtigen Ent­
wicklungsschritten krank werden, wie etwa
vor dem Laufenlernen, beim »Zahnen« oder
bevor sich ihr Wortschatz auf einmal schlag­
artig erweitert. Vielleicht raubt ihnen die
Tat­sache, dass sie so viel wollen, aber noch
nicht können, das innere Gleichgewicht und
macht sie für Krankheiten anfälliger?
Oder vielleicht ist es genau anders herum:
Kinder werden krank, aus welchem Grund
auch immer, und es ist dann die Erfahrung
der Krankheit, die damit verbundene see­
lische »Neuordnung«, die das Kind reifer
macht und zu neuen Entwicklungsschritten
anspornt?
Wie dem auch sei: Man sollte die Theorien
nicht überstrapazieren. Nicht jede Krank­
heit ist ein Sprungbrett zur seelischen Ent­
wicklung, und nicht jede Krankheit ist Aus­
druck ei­ner »Entwicklungskrise«, wie oft
behauptet wird. Die meisten Kinderkrank­
heiten betreffen ganze Schulklassen oder
Kindergarten­grup­pen und stellen damit
eher einen Raubzug eines ansteckenden
Virus dar als ein auf individuelle Entwick­
lungsbedürfnisse abgestimmtes Schicksals­
ereignis.
Bendele, U.: Tränen im Regenbogen.
Attempto, 2003. Ein von kranken, zum Teil
lebensgefährlich kranken Kindern geschrie­
benes, gedichtetes und gemaltes Buch, in
dem Kinder ihre eigene Sicht auf Kranksein
und Sterben entwickeln
Symptome unterdrücken?
Krankheiten haben verständlicherweise einen schlechten Ruf: Das hustende Kind hält
die Familie ganze Nächte lang wach, Fieber
kann in manchen Fällen Fieberkrämpfe aus­
lösen, und Durchfall und Erbrechen lassen
manche Kinder austrocknen.
Wer jetzt denkt, die Natur sei falsch konzi­
piert, sollte aber bedenken: Viele der Krank­
heitszeichen, unter denen Kinder leiden,
sind eigentlich äußerst sinnvolle Abwehrme­
chanismen. Durchfall oder Erbrechen etwa
sorgen dafür, dass in Magen oder Darm
aufgenommene Giftstoffe oder Erreger sich
nicht im Körper festsetzen können. Übelkeit
verhindert die weitere Aufnahme verdor­
bener Nahrung, Husten befreit die Bron­
chien vor dem ansteckenden Schleim aus
den oberen Luftwegen. Die Müdigkeit, die
kranke Kinder befällt, bewahrt sie vor der
übermäßigen Plünderung von Energiereser­
ven. So gesehen sind Krankheitszeichen also
»gesunde Signale eines kranken Körpers«
und ein erster Schritt zu seiner Besserung.
1
GfK4.indb 14
Krankheiten, wie der Scharlach dieses fünfjährigen Jungen, bringen ganz schön Stress in die Familie –
andererseits ermöglichen sie oft auch einen intensiven Austausch zwischen Eltern und Kind. [RP]
Gesund werden
11.08.2010 15:22:01
15
Kinderkrankenpflegetage
Jedem berufstätigen Elternteil stehen zur
Pflege eines kranken Kindes pro Jahr zehn
Kinderkrankenpflegetage zu, allein Erziehen­
den pro Kind 20 Tage. Auf Attest des Arztes
können Sie auch Angebote von Familien­
pflegestellen in Anspruch nehmen, die von
den Krankenkassen bezahlt werden. Zur Pfle­
ge Ihres kranken Kindes kommen dann Fach­
kräfte der Sozialstationen ins Haus. Dies
ist z. B. eine wichtige Hilfe, wenn Sie selbst
erkrankt sind oder die Pflege aus anderen
Gründen nicht »packen«. Sprechen Sie Ihren
Arzt darauf an und erkundigen Sie sich bei
der Krankenkasse oder beim Jugendamt.
Das braucht das
kranke Kind
Viele von uns Eltern haben ganz intensive
Erinnerungen an die Zeiten, in denen wir als
Kind krank waren. An die Tage, in denen die
Zeit stillstand und wir irgendwie bloßlagen.
In denen ein dicker Vorhang vorgezogen
schien vor der Welt, die ganz in der Ferne
weiterlief, wie in Watte gepackt.
Jetzt ist Ihr Kind dran. Sie merken, dass es
mehr an Ihnen hängt, weinerlich wird, zu
unmöglichen Zeiten ins Bett will. Bald schon
läuft die Nase oder andere Krankheitszeichen
treten auf, wie etwa Durchfall oder Fieber.
Krankheiten können
in der Entwicklung des
Kindes – in jedem Alter –
eine wichtige Rolle spie­
len, weil sich Kinder im
Spiegel der Krankheit neu
erfahren, in neue Räume
und Rollen vorstoßen und
durch die Auseinander­
setzung mit einem »ver­
änderten Ich« manchmal
rasche Entwicklungen
durchlaufen. Eltern
fällt dann auf, dass ihre
­Kinder nach einer durch­
littenen Krankheit inner­
lich gewachsen sind. [KP]
Umschalten
Haben Sie die medizinischen Dinge abge­
klärt (muss ich mit meinem Kind zum Arzt?,
siehe S. 16), so richten Sie sich auf die Pfle­
ge des kleinen Patienten ein. Das kann für
Sie ganz schön stressig sein, schließlich
haben Sie die Krankenpflege wohl kaum
ein­ge­plant! Besonders wenn beide Eltern
berufs­tätig oder Sie allein erziehend sind,
kann das Familienleben mit Wucht aus der
Bahn fliegen.
Aber es hilft nichts: Schalten Sie innerlich
einen Gang zurück, geben Sie der Krankheit
Ihres Kindes Raum, so gut es geht. Der All­
tag lässt sich vielleicht nicht unterbrechen,
Krankheit schafft besondere Bedürfnisse
Das kranke Kind braucht das, was es sonst
auch braucht, nur in konzentrierterer Form,
also: Zuwendung, Verständnis, Liebe.
g Trösten Sie Ihr Kind, ohne es zu bemitlei­
den – Mitgefühl unterstützt, Mitleiden lähmt.
Malen oder Fan­tasiespiele (etwa »Das Bett
ist ein Schiff und wir fahren darin zusammen
um die Welt«). In der Erholungs­phase ist das
gemeinsame Kuchenbacken oft genau richtig.
g Ein bisschen Verwöhnen schadet nicht.
g Lassen Sie Rückschritte und Regression
ruhig zu. Auch wenn das häufigere Stillen
des Babys nicht unbedingt zum »Pro­gramm«
gehört – Ihrem Säugling hilft es über die
schwersten Tage.
g Ermöglichen Sie Nähe, indem Sie Ihrem
Patienten etwa Bücher vorlesen, Geschichten
erzählen, gemeinsam singen, zusammen ein­
fache Sachen basteln oder einfach nur da sind
und immer wieder nach dem Kind schauen.
g Fördern Sie krankengemäße Beschäf­ti­gun­
gen. Das kranke Kind ist innerlich gestresst,
hat kurze Aufmerk­sam­keits­spannen und ist
verletzlicher als sonst – Fernsehen ist für das
kranke Kind nicht das richtige Medium. Besser
sind »langsamere« Beschäftigungen wie
g Gewährleisten Sie ausreichenden Schlaf. Es
ist völlig normal, wenn ein Zweijähriger statt
einer Stunde während einer Er­kran­kung auf
einmal drei oder sogar vier Stunden Mit­tag­
schlaf macht – und dann haben Sie auch ein
paar Stunden, um selbst wieder aufzutanken.
aber bestimmt ein Stück weit verändern.
Vielleicht helfen Ihnen ja die Nachbarn oder
Verwandten dabei? Und auch die (älteren)
Geschwister können eine aktive Rolle in der
Versorgung der Familie oder des kranken
Geschwisterkindes übernehmen (und dabei
vielleicht erfahren, wie gut es tut, bei dem
gemeinsamen »Projekt Familie« mit anzupa­
cken).
Rückzug
Kranke Kinder brauchen Kraft. Sie schalten
alle »überflüssigen« Körperfunktionen für
eine Weile auf Sparflamme und konzent­
rieren ihre Energie auf das für die Abwehr
Erforderliche. Das Immunsystem macht
Überstunden, die Betriebstemperatur wird
hochgefahren – das Kind ist müde und fie­
bert.
Kinder richten ihre Energie jetzt aber auch
nach innen, sie haben lebendigere Träume
und hängen ihren Gedanken nach. Sie sind
irgendwie verletz­licher, beeindruckbarer, oft
auch schreckhafter und ängstlicher. Man
merkt ihnen an: Die Krankheit beschäftigt
sie – innerlich und äußerlich.
Das kranke Kind braucht jetzt den Raum,
um sich zurückziehen zu können und dabei
trotzdem behütet zu sein.
Ein krankes Kind muss keineswegs immer
beschäftigt oder »bespielt« werden. Was es
vor allem braucht, ist Ruhe und eine ausge­
glichene Umgebung. Schlagen Sie das Kran­
kenlager ruhig in Ihrer Nähe auf, etwa auf
der Wohnzimmercouch – die meisten Kinder
wollen jetzt auf Tuchfühlung bleiben.
1
GfK_01_0728.indd 15
03.09.2010 09:32:21
16
Emotionaler Austausch
Durch die Krankheit rückt Ihnen Ihr Kind
nicht nur ein Stück näher, es macht zunächst
vielleicht sogar einen Rückschritt in seiner
Entwicklung durch (sog. Regression). Klein­
kinder, die vorher trocken waren, brauchen
wieder ihre Windeln, und fast schon von der
Brust entwöhnte Kinder zieht es wieder mit
Macht an den mütterlichen Busen.
Wenn die Krankheit abklingt, sehen Sie
manchmal das Spiegelbild davon: Das Kind
wirkt reifer, innerlich aufgekratzt, aber auch
oft weicher, aufnahmefähiger – eben ein
Stückchen erwachsener.
Die Frage, ob man
mit einem kranken
Kind besser zum
Kinderarzt geht
oder zuerst einmal
zu Hause abwar­
tet, lässt sich
leider kaum durch
»Messungen«
be­­ant­worten. Oft
sind die Beobach­
tung des Kindes
und das »Gespür«
für seinen Zustand
mindes­tens genau­
so wichtig. [MU]
Gerade die Tage der Rekonvaleszenz, wäh­
rend der die Lebenskräfte wieder langsam
in das Kind zurückkriechen, ermöglichen
oft einen ganz intensiven emotionalen Aus­
tausch und fördern die tiefere Verankerung
des Kindes in der Familie.
»Bloß krank« oder »echt krank«?
Wir empfehlen Ihnen, zur Beantwortung die­
ser Frage nicht nur die einzelnen Krankheits­
zeichen Ihres Kindes zu beachten (also z. B.
den Schnupfen, Husten oder den Hautaus­
schlag), sondern vor allem zu beobachten,
ob sich Ihr Kind altersgerecht verhält:
gSäuglinge müssen rasch wachsen und
haben deshalb einen hohen Energiebedarf –
ihre Lieblingsbeschäftigung ist also das Trin­
ken. Ein Säugling, der mehr als 1–2 Mahl­
zeiten verstreichen lässt und der, auch wenn
er dann aufgeweckt wird, nicht »auftanken«
will, sollte dem Arzt vorgestellt werden.
gKleinkinder sind zwanghafte Erforscher.
Sie interessieren sich für ihre Umgebung,
wollen zumindest ab und zu (z. B. wenn das
Fieberzäpfchen »anschlägt«) ihr Spielzeug
benutzen, und sie verfolgen die Tätigkeiten
ihrer Umwelt mit Interesse (oder Sorge). Ein
apathisches, d. h. an seiner Umwelt nicht
mehr interessiertes Kleinkind ist »echt krank«
und muss zum Arzt.
gÄltere Kinder können meist sagen, was
ihnen fehlt – hier können Sie also zuneh­
mend die Maßstäbe anlegen, die Sie auch
bei sich selbst anwenden. Außerdem sind
ältere Kinder dann als »echt krank« einzu­
schätzen, wenn sie sich nicht mehr mitteilen
oder bewegen wollen.
1
GfK4.indb 16
Das Einmaleins der
häuslichen Pflege
Die meisten Eltern erkennen rasch, wenn
ihre Kinder krank sind:
g Sie verhalten sich anders, sind weiner­
licher, anhänglicher und müder als sonst.
g Sie sehen anders aus, haben z. B. glasige
Augen oder dunkle Ringe unter den Augen,
sie sind blasser als sonst oder es zeigt sich
ein Hautausschlag.
g Sie beklagen sich über etwas, das sie
stört, z. B. Bauchweh, Schluckbeschwerden
oder Ohrenschmerzen.
g Sie fallen durch bestimmte Krankheits­
zeichen auf wie Fieber, Erbrechen, Durchfall,
Husten, Heiserkeit oder Schnupfen.
An Säuglingen sind Krankheiten manch­
mal schwerer »abzulesen«: Sie sind einfach
un­leidlich, weinen viel, kommen schlecht zur
Ruhe und trinken entweder weniger oder
auch hektischer und spucken mehr.
Auch Kleinkinder sind manchmal nicht ganz
einfach zu verstehen, da sie den Schmerz oft
nicht richtig lokalisieren können. Haben sie
z. B. Ohrenschmerzen, so deuten sie auf den
Bauch, wenn man sie fragt, wo es wehtut.
Der gestreckte, auf den Nabel zeigende Fin­
ger kann aber auch Kopfweh, einen wunden
Po und Schluckbeschwerden bedeuten –
oder eben doch Bauchweh.
Muss ich mit meinem Kind
zum Kinderarzt?
Egal, ob Sie zur Gruppe der Eltern gehören,
die lieber vorsorglich zum Kinderarzt gehen,
oder zu der Gruppe, die nur dann den
Kinderarzt aufsucht, »wenn es wirklich nicht
an­ders geht« – Sie sollten wissen, wann Sie in
je­dem Fall mit Ihrem Kind zum Arzt gehen
sollten.
Regel 1: Säuglinge, die Ihnen irgendwie
nicht geheuer sind, sollen Sie lieber gleich
zum Kinderarzt bringen – Säuglinge kön­
nen viele Krankheiten wegen des sich noch
entwickelnden Immunsystems nicht so gut
begrenzen und deshalb rasch richtig krank
werden. Zudem zeigen sie aus demselben
Grund oft nur vieldeutige und schwer fass­
bare Krankheitszeichen wie etwa Trink­
schwäche oder Apathie, so dass Krankheiten
schwerer zu erkennen sind. Bei Säuglingen
unter sechs Monaten sollte jedes Fieber
(Temperatur über 38,0 °C im Po gemessen)
Anlass zur Rücksprache mit dem Kinderarzt
geben.
Regel 2: Alle »echt kranken« Kinder gehö­
ren zum Kinderarzt. Betrachten Sie Ihr Kind
immer dann als »echt krank«, wenn Ihnen
der Zustand Ihres Kindes Sorgen macht. Wei­
tere Zeichen, dass Ihr Kind »echt krank« ist,
sind im Kasten links zusammengefasst.
Gesund werden
11.08.2010 15:22:07
17
Regel 3: Sprechen Sie immer dann mit dem
Kinderarzt, wenn Sie sich auf eine Krankheit
keinen Reim machen können. Hat ein Klein­
kind z. B. Fieber ohne den sonst üb­lichen
Schnupfen, so ist ein Besuch beim Kinder­
arzt die richtige Entscheidung.
Regel 4: Wenn eine ernste Erkrankung im
Kindergarten oder in der Schule herum­
geht, die mit bestimmten Medikamenten
behan­delt werden muss (z. B. Scharlach),
so sollten Sie Ihr krankes Kind besser vom
Kinder­arzt untersuchen lassen, ob es nicht
denselben Keim erwischt hat wie seine Spiel­
kameraden.
Regel 5: Immer wenn eine Krankheit ein­
fach nicht besser werden will oder sich trotz
Behandlung zu Hause verschlechtert, ist es
an der Zeit, sich weiterer fachlicher Hilfe zu
versichern.
Auch tagsüber ins Bett?
Bei leichten Erkrankungen muss nicht gleich
die ganze Pflegemaschinerie angeworfen
werden. Alles, was der Körper braucht, ist
etwas Schonung: Lassen Sie Ihr Kind früh ins
Bett gehen und versorgen Sie es mit der rich­
tigen Temperatur – innerlich und äußerlich.
Ihr Kind soll sich tagsüber warm anziehen,
nachts aber ruhig – warm zugedeckt – bei
aufgekipptem Fenster schlafen. Kühle Luft
beruhigt die Schleimhäute und erleichtert
die Atmung bei einer verstopften Nase. Ein
heißer Tee kann abends für Entspannung
sorgen und auch morgens ein Wärme­polster
für den Tag schaffen.
Das Krankenzimmer
Ist Ihr Kind stärker beeinträchtigt, wird es
meist ohne Widerrede auch tagsüber das
Bett hüten. Errichten Sie dort ein Krankenla­
ger, wo Ihr Kind sich wohl fühlt und gleich­
zeitig zur Ruhe kommen kann – das kann im
einen Fall das Kinderzimmer sein, im ande­
ren Fall die Couch oder eine improvisierte
Lagerstatt.
Sorgen Sie für frische Luft und wechseln Sie
die Bettwäsche, wenn sie durchgeschwitzt
ist. Besonders kleine Kinder mit ihrer emp­
findlichen Haut schätzen es, wenn das Bett
auch tagsüber immer mal wieder gemacht
wird und die Krümel und Falten aus dem
Betttuch ausgestrichen werden.
Ins Bett »zwingen«?
Kinder haben eine bessere Überlastungs­
sperre als Erwachsene, die sich bekannt­
lich selbst bei Grippe und Fieber oft noch
Heldentaten abverlangen. Kinder folgen in
der Regel den Signalen ihres Körpers und
schalten bei Erkrankungen von selbst einen
Gang zurück.
Ihr Kind wird Ihnen deshalb auch signalisie­
ren, wenn es sich hinlegen will und wo es
sich am wohlsten fühlt. Will es gelegentlich
spielen, ist vielleicht die Couch der richtige
Ort, um ihm immer wieder etwas Ruhe zu
verschaffen und es trotzdem an der Welt teil­
haben zu lassen.
Ermüdet Ihr Kind aber auch beim Spielen
rasch, so ist es Zeit, ihm eine »dauerhafte«
Lagerstatt einzurichten.
Keinesfalls sollte das Krankenzimmer über­
hitzt sein – 18 °C tagsüber und 15 °C nachts
reichen aus.
Morgens und abends tut auch dem kränke­
ren Kind eine Katzenwäsche gut. Kann das
Kind aufstehen, schadet ihm eine Wäsche
am Waschbecken nicht, hierdurch wird auch
der Kreislauf etwas angekurbelt. Nur wenn
das Kind wirklich zu schlapp zum Aufstehen
ist, waschen Sie es im Bett mit einem lau­
warmen Waschlappen und trocknen es rasch
wieder ab.
Die Zähne zu putzen wird Ihrem kranken
Kind den Mund erfrischen, ausnahmsweise
reinigen aber auch einmal ein paar Apfel­
schnitze den Mund und bringen außerdem
den Darm auf Trab.
Essen und Trinken
Flüssigkeit sollte das kranke Kind immer aus­
reichend zu sich nehmen. Das ältere Kind
trinkt Tee oder gerne auch einen Frucht­
saft, den Säugling zieht es bei Unwohlsein
wieder mächtig an den Busen. Auch wenn
Sie ihn eigentlich gerade entwöhnen woll­
ten – lassen Sie ihn ruhig wieder öfter an der
Brust trinken, das ist oft die einfachste Art,
ein kleines Kind über die »Durststrecke« der
Krankheit zu bringen.
Das kranke Kind ist meist kein guter Esser,
und das sollte Sie auch nicht weiter belas-­
t­ en. Denn in Sachen »Treibstoff« funktionie­
ren Kinder (allerdings mit Ausnahme der
Säuglinge) ähnlich wie Erwachsene: Sie sind
so konstruiert, dass sie ein paar Tage von
den Vorräten leben können. Solange sie es
von Wasserloch zu Wasserloch schaffen, d. h.
genügend Flüssigkeit zu sich nehmen, ist ihr
Körper nicht beeinträchtigt.
Wenn ein krankes Kind etwas essen will, so
soll es ruhig wählen können, wobei Sie aber
Unvernünftiges (etwa größere Mengen an
Süßigkeiten) gleich gar nicht auf die Wahl­
liste setzen. Immer wieder gefragt ist z. B.
etwas Fruchtiges (Apfelschnitze, mit Bana­
nenscheiben belegtes Brot), Breiiges (Obst­
quark, Pudding, Kartoffelbrei), bei älteren
Kindern auch schon mal eine klare Brühe,
und natürlich das Lieblingsgericht.
Wenn Letzteres vehement angefordert wird,
können Sie sich sicher sein, dass Ihr Kind
wieder auf dem Weg der Besserung ist.
Wann zurück in den Alltag?
Auch wann Ihr Kind wieder aufstehen soll,
ist Ermessenssache. Wächst das Interesse an
seiner Umwelt, darf es ruhig wieder zu sei­
nen Spielsachen, wenn es dabei allerdings
rasch ermüdet, sollte es auch zurück ins Bett
schlupfen können. Meist ist das Fieber eine
gute Richtschnur: In aller Regel wollen und
sollen fiebernde Kinder ins Bett, um den
Kreislauf nicht noch zusätzlich zu belasten.
In den Kindergarten oder die Schule sollte
ein Kind allerdings erst, wenn das Fieber
ganz abgeklungen ist. Am besten sollte das
Kind zuvor einen fieberfreien Tag zu Hause
verbringen, um langsam wieder »in die
Gänge« zu kommen und sich physisch und
psychisch aufzubauen.
Roederer, C.: Im Krankenhaus. Bibliographi­
sches Institut, 2007. Sachbilderbuch, ab drei
Jahren
Jöcker, D. et al.: Wenn das Bärchen Bauch­
weh hat. Menschenkinder, 1995. Lustige,
aber auch nachdenkliche Geschichten und
Lieder, die kranke Kinder beschäftigen,
trösten und aufmuntern
1
GfK4.indb 17
11.08.2010 15:22:08
18
Jedes Kind reagiert anders auf die fremde
Umgebung beim Kinderarzt – besonders wenn
auch noch Fieber oder Ohrenweh an den
Nerven zerren. Aber selbst wenn es am Anfang
noch etwas skeptisch ist – wie hier der kleine
Junge bei der Anmeldung –, lassen Sie Ihr
Kind beim Kinderarzt von Anfang an
möglichst viel »selber machen«. [AM]
Fachliche Hilfe:
Der Kinderarzt
Im Grunde sind Ärzte ja nichts anderes als
Dienstleister – Profis in Sachen Krankheit,
deren Dienste wir als Eltern in Anspruch
nehmen und die wir dafür (über unsere
Krankenversicherungsbeiträge) auch nicht
schlecht bezahlen. Und doch kommen viele
Eltern mit Ärzten nicht so einfach klar – da
vergisst man seine Fragen, sieht der Begeg­
nung mit Beklemmung entgegen, fühlt sich
untergeordnet, dumm und klein. Aus dem
Experten, dessen Rat man einholt, ist die
Autoritätsperson geworden, die einem ein
Stückchen seiner wertvollen Zeit schenkt.
Wie tief verwurzelt solche Gefühle sind, kön­
nen Sie daran sehen, dass dies selbst Ärzten
so geht, wenn sie selbst krank sind und als
Patient in die Sprechstunde eines Kollegen
müssen!
besser kennen lernt. Wenn Sie Bedenken
gegen einen Behandlungsvorschlag haben
(etwa Anti­biotika), so ist es für den Arzt bes­
ser, wenn Sie ihm Ihre Gedanken mitteilen,
als dass Sie den verordneten Saft einfach
im Kühlschrank alt werden lassen oder in
den Abfluss kippen. Kinderärzte sind aufge­
schlos­sener und flexibler als Sie denken
und finden es spannender, mit Ihnen über
An­sichten oder Konzepte zu reden, als ein­
fach Rezepte auszustellen!
Konflikte
Finden Sie keinen »gemeinsamen Grund«
oder fühlen Sie sich in Ihrer Rolle als »Laien­
experte« (siehe S. 12) und ent­schei­dungs­­
be­fugter Fürsprecher Ihres Kindes miss­ver­
stan­den, so sollten Sie sich den Wechsel zu
einem anderen Kinderarzt überlegen. Denn
so verschieden Eltern in ihren An­sprüchen
an den Arzt sind, so unterschied­lich sind
Kinderärzte: Manche Kinderärzte kennen
Ihr Kind gut, manche nur die Erkrankung,
die Ihr Kind hat, manche beides. Die einen
sind hervorragende Diagnostiker, aber lausi­
ge Zuhörer, sie hören mit ihrem Stethoskop
jedes Knistern im entferntesten Winkel der
Lunge, aber nicht Ihre Fragen und Ängste.
Scheuen Sie sich also nicht, den »richtigen«
Arzt zu suchen – im Gegensatz zum Arzt, der
sich seine Patienten nur selten wählen kann,
haben Sie immerhin das Recht der freien
Arztwahl.
Vertrauen aufbauen
Wahrscheinlich haben Sie als Eltern schon
durch die regelmäßigen Vorsorge­unter­su­
chun­gen so oft Kontakt mit dem Kinder­
arzt, dass sich eine vertrauensvolle Bezie­
hung auf­ge­baut hat. Machen Sie sich ruhig
Notizen bei den Beratungsgesprächen oder
schreiben Sie die Fragen, die Sie nicht ver­
gessen wollen, vor dem Arztbesuch auf.
Scheuen Sie sich auch nicht, Ihre eigene
Meinung zu sagen – dies hilft auch dem
Kinderarzt, der Sie und Ihr Kind dadurch
1
GfK4.indb 18
Wenn Sie Ihrem
Kind schon zu
Hause erklärt
haben, was auf
es zukommt,
kann es sich auf
die ungewohnte
Situation beim
Kinderarzt oft
problemlos ein­
lassen. [AM]
Gesund werden
11.08.2010 15:22:11
19
Einfühlsame Begleitung
Noch wichtiger als Worte ist, wie Sie Ihr Kind
beim Kinderarzt begleiten. Bemitleiden Sie
es nicht, sondern helfen Sie ihm, rasch über
die unangenehmen Hürden zu kommen.
Praktisch jeder Kinderarzt lässt Sie Ihr Kind
bei der Untersuchung halten und erklärt
Ihnen die besten Techniken. Auch wird er
ängstliche Kinder gerne auf Ihrem Schoß
untersuchen.
Natürlich darf das kleine Bärle oder ein ande­
res Stofftier mit in die Praxis, und es kann dort
sogar auch untersucht werden. Denn, wer weiß,
vielleicht hat es sich ja angesteckt? [AM]
Darüber hinaus (»Du darfst auf Mamas
Schoß bleiben«) bedarf es eigentlich keiner
weiteren langwierigen Verhandlungen mit
Ihrem Kind mehr. Helfen Sie dem Arzt, rasch
die wichtigen Informationen zu sammeln,
und kommentieren Sie für das Kind die ein­
zelnen Untersuchungsschritte, falls der Kin­
derarzt dies nicht tut (»Jetzt schaut die Frau
Doktor in das linke Hasenohr ...«).
Und trösten Sie Ihr Kind nach der Untersu­
chung, falls dies nötig ist.
Normale Reaktionen
Den Arztbesuch vorbereiten
Dass Ihr Kind wenig Begeisterung für den
Arztbesuch aufbringt, ist nur verständlich,
schließ­­lich gibt’s beim netten Onkel Doktor
manchmal auch Spritzen und unangenehme
Untersuchungen. Sagen Sie Ihrem Kind ganz
offen, warum Sie mit ihm zum Arzt gehen
und was der Arzt mit ihm machen wird –
selbst wenn es etwas Unangenehmes ist,
wie z. B. eine Impfung. Erklären Sie ihm, dass
der Arzt ihm helfen wird, wieder gesund zu
werden, und dass er deshalb an verschiede­
nen Stellen genau hinhorchen und auch in
Mund und Ohren schauen muss. Spielen Sie
die einzelnen Untersuchungs­schritte zu Hau­
se durch, am besten mit einem Doktorkoffer.
Machen Sie kein großes Aufheben um den
Arztbesuch. Rufen Sie möglichst im Beisein
Ihres Kindes in der Praxis an, um einen Ter­
min zu vereinbaren. Dies verkürzt nicht nur
die Wartezeit, die bei einem unangemelde­
ten Besuch erheblich sein kann, sondern
stimmt Ihr Kind auch auf das Unvermeid­
liche ein (»Die Frau Doktor sagt, wir sollen
um drei vorbeikommen, dann schaut sie
nach dir, damit es dir bald besser geht«).
Beantworten Sie jetzt lieber die Fragen des
Kindes (»Was macht die dann mit mir?«), als
dass Sie das Kind waschen oder besonders
in Schale werfen.
Haben Sie auch Verständnis mit Ihrem Kind,
wenn es sich »unmöglich« verhält oder die
ganze Zeit wie am Spieß schreit – manch­
mal ist ein Kind einfach von Angst überwäl­
tigt und kann selbst durch Beharrlichkeit,
Sach­lichkeit und elterliche Nähe nicht zur
Ko­operation gebracht werden. Der Arzt wird
dann entscheiden, wie wichtig einzelne
Un­ter­suchungen sind, und sich vielleicht auf
wenige Handgriffe beschränken, bei de­nen
das Kind dann trotzdem gut festgehalten
werden muss.
Ob Sie einem Kind eine Belohnung verspre­
chen, z. B. für nach einer Spritze, ist Ihre
Entscheidung. Die Belohnung sollte je­doch
nicht an ein bestimmtes Verhalten gekoppelt
sein (»Wenn du tapfer bist, gibt es ein Eis«).
Wenn ein Kind dann nämlich das ge­wünsch­
te Verhalten nicht schafft, wird es doppelt
bestraft – dadurch, dass es die Er­wartungen
nicht erfüllen konnte, und da­durch, dass ihm
eine Belohnung entgeht.
Das Kind soll mit der Zeit beim Arztbesuch
auch verstehen lernen, dass es um seine
ei­gene Gesundheit geht. Lassen Sie es zu­mindest am Anfang die Fragen des Arztes be­ant­
worten und lassen Sie es auch selbst die
Kleider ausziehen, wenn es das schon kann.
Hausbesuch?
Viele Kinderärzte sind bereit, Ihr Kind in
Not­fällen einmal zu Hause zu behandeln,
z. B. wenn es einen Pseudokrupp-Anfall hat.
Beachten Sie allerdings, dass der Kinderarzt
Hausbesuche nicht bei vollem Wartezimmer
machen kann, so dass Sie meist bis nach
dem Ende der Sprechstunde warten müssen.
Klären Sie deshalb am besten telefonisch
mit dem Arzt ab, ob er im Einzelfall einen
Hausbesuch für richtig hält oder ob er Ihr
Kind vielleicht doch in der Praxis sehen will
oder gar direkt in die Klinik einweist.
Rübel, D.: Wieso? Weshalb? Warum?
Zu Besuch beim Kinderarzt. Ravensburger
Buchverlag, 2010. Einfühlsame Vorbereitung
auf den Arztbesuch für kleinere Kinder
Ständiges Trösten wäh­
rend der Untersuchung
oder beim »Pieks« bringt
dem Kind nichts und zieht
die notwendigen Maß­
nahmen nur in die Länge.
Das Kind kann dann noch
weniger mit seinen Ängs­ten umgehen. Sobald Ihr
Kind Sie nämlich in einer
Beschützer-Rolle erlebt,
bekommt es auto­matisch
das Gefühl: »Die wollen
mir etwas Böses tun.« [MU]
1
GfK4.indb 19
11.08.2010 15:22:14
20
Nichts ist unmöglich
In keinem Bereich werden mehr Ver­
sprechen gegeben (und geglaubt) als
in der Medizin. Immer neue Wellen von
Heilsversprechungen rollen auf Eltern
zu, schwemmen stets neue Prä­pa­rate
in die Apotheken und Reformhäuser
und neue Bücher in die Drehständer
der Buchhandlungen. Im ei­nen Monat
verspricht der Urin uns Hilfe (»Gesund
und fit durch Eigen­urin«), im nächsten
sollen wir ans Auspendeln glauben,
dann soll uns »ge­rührtes« Wasser oder
Salz aus Nepal an Leib und Seele hei­
len. Warum Menschen so empfänglich
Die Grenzen kennen:
Schulmedizin, Selbst­hilfe
und Naturheil­me­tho­den
Eltern kranker Kinder können heute auf
eine ganze Palette von Therapieverfahren
(= Be­hand­lungs­ver­fahren, Heilverfahren) zu-­
rück­greifen, die sich grob in drei Gruppen
einteilen lassen:
Schulmedizinische Verfahren werden an
Universitäten unterrichtet und nur von Ärz­
ten ausgeübt. Die Schulmedizin gründet
sich auf durch wissenschaftliche Methoden
er­wor­­­be­ne Kenntnisse und strebt wissen­
schaftliche Beweisbarkeit an. Bei Diagnose
(= Er­ken­nen und Benennen einer Krankheit)
und Therapie (= Behandlung) stützt sie sich
häufig, jedoch nicht immer, auf technische
Verfahren sowie synthetische (künstlich
er­zeug­te) Produkte.
Naturheilverfahren verwenden Mittel aus
der Natur, wie etw­a Luft, Licht, Pflanzen­
extrakte oder Wasser. Die verschiedenen
Na­tur­heilverfahren werden an speziellen
Schulen oder Instituten unterrichtet und in
der Re­gel auch von speziell ausgebildeten
Fachkräften (etwa Heilpraktikern oder natur­
heilkundlich ausgebildeten Ärzten) ange­
wendet. Die Naturheilverfahren werden, in
Ab­grenzung von der Schulmedizin, oft auch
als »alternative« Medizin bezeichnet (Genau­
eres siehe Kapitel 6).
Selbsthilfe (Laienmedizin) – auch Laien
haben zu allen Zeiten medizinischen Sach­
verstand erworben und verschiedene Heil­
1
GfK4.indb 20
verfahren angewendet. Im Gegensatz zur
Schulmedizin und zu den Naturheilverfah­
ren wird die medizinische Selbsthilfe nicht
an speziellen Schulen gelehrt (kann aber
sehr wohl in Kursen, etwa an der Volkshoch­
schule, vertieft werden). Die Laienmedizin
wurde von Generation zu Generation über
persön­liche Berichte oder über für das allge­
meine Publikum verfasste Bücher (wie etwa
Gesundheit für Kinder) überliefert. Sie stützt
sich vor allem auf pflanzliche Mittel, auf
»physikalische« Anwendungen (z. B. Wickel)
sowie auf Ratschläge zur gesunden Lebens­
weise, etwa zur Ernährung (Genaueres siehe
Kapitel 2, 4 und 5).
Unscharfe Grenzen
Die Grenzen der drei medizinischen Säu­
len sind fließend. So sind viele früher als
»alternativ« angesehene (und teilweise ent­
sprechend verpönte) Ansätze heute Teil der
Schulmedizin, so etwa die »Vollwert­er­näh­
rung« oder die Behandlung mit Probiotika
bei Durchfallerkrankungen (siehe S. 320).
Auch streben viele Naturheilverfahren inzwischen ebenfalls nach wissenschaftli­
cher Begründbarkeit und haben hier einige
Erfolge erzielt (z. B. einzelne Bereiche der
Akupunktur und der Pflanzenheilkunde).
Umgekehrt halten sich in der Schulmedi­
zin eine ganze Reihe von Verfahren, die
einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht
stand­halten, z. B. die Therapie mit Schleim­
lösern oder die Behandlung der Mittel­
ohrentzündung mit Nasentropfen (siehe
S. 436). Außerdem ist die Verwendung
für Ge­sund­heits­versprechen sind, ist
eine Ge­schich­te so alt wie die Mensch­
heit. Krankheiten sind schwer zu ver­
stehen, sie machen uns Angst – und
Angst ist nun einmal ein schlechter
Ratgeber. Dazu kommt, dass Verspre­
chungen nur schwer zu überprüfen
sind: Wenn sich ein Architekt verrech­
net, so bricht das Haus zusammen.
Wenn der Kinderarzt oder Heilprak­
tiker dagegen die falsche Medizin
wählt, so wird der kleine Patient meist
trotzdem gesund – die Natur heilt nun
einmal viele Wunden.
kompli­zierter Apparate (»Apparatemedizin«,
»Technomedi­zin«) keineswegs ein Privileg
der Schulmedizin, wie etwa die »alternative«
Bioresonanztherapie oder die oft aufwändi­
ge technische und industrielle Bearbeitung
von pflanzlichen Medikamenten zeigen.
Welches Heilverfahren
hat Recht?
Natürlich fragen sich Patienten, in welchem
»Medizingebäude« sie am besten aufgeho­
ben sind. Dabei wird leider oft vergessen,
dass jede Krankheit und jeder Mensch ver­
schieden sind und eine pauschale Antwort
deshalb gar nicht stimmen kann. Keines der
drei Gebäude hat genug Zimmer, um jeden
Gast zu beherbergen, und keiner der drei
Ansätze vertritt »die ganze Medizin«.
Und geirrt haben sie alle schon ausgiebig:
Aus angeblich wissenschaftlichen Grün­
den sollten noch vor nicht allzu langer Zeit
gesunde Frauen ihre gesunden Kinder vor
und nach dem Stillen wiegen, die Brüste
nach dem Stillen leer pumpen (angeblich
um die Milchbildung anzuregen, eine wohl
aus der Viehzucht entlehnte Vorstellung),
überhaupt war es angeblich zum Besten
des Kindes, wenn man es mit der Uhr in der
Hand fütterte, zu Bett legte, wickelte und
säuberte. Vielleicht mit ein Grund, warum
der Gesellschaft dann allmählich die Lust
auf Kinder vergangen ist.
Aber auch »sanft« behandelte Patienten
sind nachweislich zu Schaden gekommen,
wenn die gewählten Verfahren einseitig
oder für die falsche Indikation angewen­
Gesund werden
11.08.2010 15:22:17
21
det wur­den oder wenn aus dogmatischen
Gründen zu lange auf ärztliche Hilfe ver­
zichtet wurde. Und wir erleben in der Praxis
immer wieder Eltern, die ihre Kindern im
Namen »sanfter« Therapien doch ganz schön
unsanft leiden lassen.
Dazu kommt, dass sich alle drei »Ströme«
aus vielen Quellen speisen: Die Naturheil­
kunde etwa kennt mehrere Hundert Verfah­
ren, manche so alt wie die menschliche
Kultur, andere kaum so alt (und haltbar) wie
das Horoskop in der letzten Ausgabe einer
Illustrierten. Manches Verfahren innerhalb
der Naturheilkunde steht von der Denk­
art her der Schulmedizin sogar näher als
an­deren naturheilkundlichen Methoden. So
basiert die Phytotherapie (Pflanzenmedizin)
weitgehend auf dem schulmedizinischen
Diagnosesystem, während sich die Homöo­
pathie und die chinesische Medizin auf ganz
andere Kategorien wie z. B. die Konstitu­
tionstypen oder innere Kräftegleichgewich­
te berufen.
Selbst die Schulmedizin bietet Raum für die
unterschiedlichsten Denkansätze – nirgend­
wo wird mehr gestritten als auf wissen­
schaftlichen Kongressen.
Kritik an der Schulmedizin
Als Eltern sind wir gewohnt, unsere Kinder
als eigene Persönlichkeit zu sehen. Wenn
wir sie zum Arzt bringen, erleben wir eine
andere Welt: Das Handeln des Arztes ist auf
Effizienz ausgerichtet. Das den ganzen Men­
schen betreffende Leiden wird reduziert auf
Organe und ihre gestörte Funktion. Die The­
rapie ist die gleiche für Gabi und für Jona­
than. Vieler Worte bedarf es meist nicht. Die
Medizin wirkt oft auch dann, wenn man den
Arzt nicht kennt, ja sogar, wenn man ihn
nicht leiden kann.
Neben der mangelnden Individualität miss­
fällt manchen Eltern auch der hohe Einsatz:
Die verordneten Medikamente sind zwar oft
wirksam, falls aber Nebenwirkungen auf­
treten, können diese im ungünstigsten Fall
schlimmer sein als die Krankheit selbst.
Auch ist die Schulmedizin nicht immer so
interessensfrei, wie sie es gerne für sich in
Anspruch nimmt. Die pharmazeutische In­­
dus­trie ist in Instituten und Krankenhäusern
ein gern gesehener Gast, und sie teilt nicht
nur Geschenke aus, sondern fördert auch
den Absatz ihrer Pillen. Was in der »wissen­
schaftlichen« Schulmedizin beim Pa­tien­ten
ankommt ist somit – leider – nicht immer
die reine, durch interessensfreie Forschung
un­ter­mauerte Medizin.
Kritik an der Alternativmedizin
Hier sind sich die meisten Eltern einig: Bei der
Behandlung von Verletzungen und Knochen­brü­
chen hat die Schulmedizin Vorrang. Und doch
gibt es auch hier Kontroversen, und zwar unter
den Medizinern. Bei den häufigen Außenband­
verletzungen am Sprunggelenk z. B. sind sich
auch die Schulmediziner keineswegs einig, nach
welchem Verfahren am besten vorzugehen ist. [AM]
Wer nun denkt, die Alternativmedizin sei
pauschal weniger von Fremdinteressen
be­stimmt und trete nur zum reinen Dienst
an der Menschheit an, der möge sich nur die
enge Verflechtung vieler Alternativ­verfahren
mit bestimmten Herstellern und Anbie­
tern vor Augen halten. Auch die alternati­
ven Arzneimittelhersteller leben, und das
meist nicht schlecht. Was manchen Eltern
zudem missfällt, sind der Absolutheitsan­
spruch und die oft esoterische Ausrichtung
des Therapieangebots, das manchmal nur
über ein be­stimmtes Menschen- oder Welt­
bild verstanden werden kann (siehe S. 13).
Auch können sich nicht alle Eltern vorstel­
len, wie be­stimmte Verfahren wirken sollen.
Kein Wunder, viele Naturheilverfahren sind
selbst unter Naturheilkundlern umstritten.
Da zu­dem wissenschaftliche Beweise für
die Wirksamkeit vieler Naturheilmethoden
fehlen, ist oft ein erheblicher Vertrauensvor­
schuss von Seiten der Eltern gefragt.
Eine Frage des Weltbilds
Die unterschiedlichen »Schulen« in der Medi­
zin spiegeln oft auch verschiedene Auffas­
sungen von der Stellung des Menschen in
der Natur wider:
g Die moderne Schulmedizin ist noch
immer geprägt von ihren Anfangstagen, in
denen sie gegen schwere Infektionskrank­
heiten wie die Diphtherie oder die Lungen­
entzündung mit dem Rücken zur Wand
stand. Damals entstand das bis heute nach­
wirkende Bild einer im Grunde feindlichen
Natur, von der der Mensch umstellt ist und
die es zu beherrschen gilt, indem sie bis in
ihren kleinsten Baustein hinein untersucht
und verstanden wird.
g Dem gegenüber steht heute, wo wir eher
mit Zivilisationskrankheiten als mit Infekti­
onskrankheiten konfrontiert sind, bei vielen
Menschen das Bild einer von Grund auf »gu­
ten« Natur, einer Welt, die dem Menschen
Unversehrtheit und Glück sichert, solange er
ihr nur ihren Lauf lässt.
g Auf einen (vielleicht realistischeren) Mit­
telweg weisen die Erkenntnisse der Evolu­
tionsmedizin – die selbst ein neuerer Zweig
der Schulmedizin ist. Betrachtet man näm­
lich die Entwicklung der Arten und des Men­
schen, so zeigt sich die Natur weder als gut
noch als böse – weder steht sie dem Men­
schen feindlich gegenüber noch interessiert
sie sein Glück oder Unglück. In der Natur
überlebt langfristig nicht der Stärkere (und
auch nicht der Sanftere), sondern der, der
am besten an seine Umwelt angepasst ist –
das gilt für Schmetterlinge genauso wie für
Raubtiere.
Übertragen auf uns Menschen und unse­
re Kinder: Unsere Gesundheit hängt auch
davon ab, ob es uns gelingt, im Einklang
mit unserer »biologischen Rolle«, den in
uns angelegten Möglichkeiten und Begren­
zungen zu leben (mehr zu diesem Thema in
Kapitel 2).
Stärken und Schwächen
Den einzelnen Verfahren liegen unterschied­
liche Konzepte zugrunde: Während ein Teil
der Schulmedizin nach dem Motto »Angrei­
fen und Unschädlichmachen« funktioniert,
sind viele Naturheilverfahren auf die Unter­
stützung von Eigenkräften angelegt und
damit in der Tat zumeist »sanfter«.
1
GfK4.indb 21
11.08.2010 15:22:18
22
Manche Eltern lehnen die Schulmedizin,
an­de­re die Alternativmedizin in Bausch
und Bo­gen ab. Wir meinen: Sowohl mit
Al­ter­na­tiv­methoden als auch mit Schulme­
dizin kann »gute Medizin« – aber auch viel
Unfug – ge­macht werden. »Gute Medizin« ist
auch eine Frage der »Passung«. Nicht jedes
Gesundheitsproblem kann bei jedem Men­
schen auf jede Art gelöst werden. Wir haben
uns deshalb in diesem Buch bemüht, beide
Richtungen fair darzustellen und jeder ihren
Platz zuzuweisen. Natürlich ist auch dies
nicht immer die einzig gültige Wahl: Wo
beim einen das eine Verfahren wirkt, hilft
beim anderen das andere – oder die heilen­
de Kraft der Zeit.
Fünf Wege durch den
Therapie­dschungel
Alternative Heilmittel gelten als sanft und na­türlich.
Aber dennoch sind sie kein Allheilmittel. Jedes Mittel
und jedes Verfahren hat seine Stärken und Schwä­
chen, die sich weder zum Dogma noch als Grund zur
Verteufelung eignen. [WKF]
Je nach Ursache
Umgekehrt: Der Aufbau von Eigenkräften
braucht Zeit und kommt gerade bei schwe­
ren, akuten Erkrankungen in vielen Fällen
zu spät. Hier ist »Angreifen und Unschäd­
lichmachen« für den Patienten in der Regel
die sichere und damit bessere Alternative.
Bei Verletzungen, Unfällen, schweren Infek­
tionen, ja überhaupt bei schweren, akuten
Erkrankungen hat die Schulmedizin sozusa­
gen Heimvorteil.
Andererseits können viele chronische
Erkrankungen, die ja oft Zivilisations- oder
Lebensstilerkrankungen sind, nur über eine
Stärkung der Eigenkräfte oder ein besse­
res Verständnis von uns selbst und unserer
Um­welt überwunden werden. Hier hat die
Schul­medizin noch immer starke Defizi­
te – so wie wir es sehen, ist das Hauptpro­
blem der modernen Medizin nicht, dass sie
nichts Gutes tun könnte oder dass sie gar
auf falschen Grundlagen beruht, son­dern
dass wir uns auch dort auf sie verlassen,
wo eigentlich unser eigener Einsatz gefragt
wäre.
1
GfK4.indb 22
Wir stellen Ihnen im Folgenden fünf Über­
legungen vor, die Ihnen als Eltern vielleicht
helfen, wenn Sie auf dem Weg durch den
Therapiedschungel nicht weiter wissen.
Erwarten Sie Heilung, aber kein Heil
iele naturheilkundliche Verfahren bieten
V
Ihnen Heilung an, und dazu noch die Erlö­
sung. Je mehr Ihnen ein Verfahren Wunder
verspricht, desto mehr Misstrauen ist ange­
zeigt. Wenn die »Medizin«, die Ihnen tagtäg­
lich in den Reformhäusern, den Illustrierten
und an den Drehständern der Buchhandlun­
gen angepriesen wird, wirklich so umwer­
fend erfolgreich wäre – sie wäre schon
längst ein Selbstläufer! Wirkliche Wunder
brauchen keinen Hochglanzeinband.
Das Maß nicht verlieren
Nicht jede Abweichung vom Normalzustand
muss gleich »therapiert« werden. Der Körper
unserer Kinder ist keine stets vom Zerfall
bedrohte Maschine, die ohne regelmäßige
Wartung nicht weiterläuft. Vertrauen Sie bei
den normalen Problemen des Alltags auch
auf die Selbstheilungskräfte Ihres Kindes. Es
ist auch für das Kind kein geeignetes Signal,
wenn wir ihm für jedes kleine Wehwehchen
gleich eine »Therapie« verpassen, als könne
der Körper ohne äußere Hilfe nicht funktio­
nieren. Die Natur hat gelernt, die normalen
Klippen des Lebens auch ohne Hurrazef ®
oder Jubilate D 28 zu umschiffen.
Wo die Autoren stehen
Wir sind alle drei ausgebildete Schulmedizi­
ner und arbeiten teilweise seit Jahren in der
naturwissenschaftlichen Forschung. Für uns
gibt es keine Alternative zur wissenschaftli­
chen Erforschung von Krankheiten – Mütter
wurden so lange etwa für den Autismus
ihrer Kinder verantwortlich gemacht (denen
sie angeblich gefühlskalt entgegentraten),
bis Wissenschaftler durch Zwillingsstudien
die genetische Bedingtheit dieser Erkran­
kung ins Blickfeld rückten. Die Wissenschaft
kann Scheiterhaufen auslöschen.
So gibt es für uns Situationen, in denen nur
die Schulmedizin hilft, etwa bei schweren
Asthmaanfällen, Lungenentzündungen und
Hodenhochstand, um nur ein paar zu nen­
nen. Insofern stehen wir auf dem Boden des
wissenschaftlichen Weltbildes.
Gerade deshalb sind wir aber auch kritisch
gegenüber der Schulmedizin – denn sie hat
bewiesen, dass sie es mit ihren eigenen
Re­geln nicht immer genau nimmt und vieles
ohne ausreichende wissenschaftliche Absi­
cherung anwendet. So sind wir beispielswei­
se darüber besorgt, dass Antibiotika noch
immer viel zu häufig eingesetzt werden,
dass Kaiserschnitte heu­te mehr als doppelt
so oft durchgeführt werden als noch vor
20 Jahren, dass vorbeugende Maßnahmen
viel zu oft zu kurz kommen und dass finanzi­
elle Interessen in der Arzneimittelforschung
eine be­herrschende Stellung eingenommen
ha­ben. Eine Medizin, die nicht kritisch und
fachlich hervorragend ist, kann neue Schei­
terhaufen anzünden.
Ebenso wissen wir aus Erfahrung, dass auch
Methoden wirken können, die die Schulme­
dizin ablehnt, wie etwa viele Bereiche der
Phytotherapie.
Allerdings gilt auch für Naturheilverfahren,
was für die Schulmedizin gilt: Nur eine kri­
tische Hinterfragung kann die Spreu vom
Weizen trennen. Gerade hier haben viele Ver­
fahren eindeutige Defizite – oft begegnen
uns anstelle von Selbstkritik Selbstherrlich­
keit, Heilsversprechungen und Eigennutz.
Darüber hinaus sind wir der festen Überzeu­
gung, dass Gesundheit zu einem guten Teil
nicht durch Medizin (welcher Richtung auch
immer), sondern durch ein vernünftiges
Leben im Alltag erreicht wird (siehe dazu
Kapitel 2).
Gesund werden
11.08.2010 15:22:20
23
Der Wald und die Bäume oder:
Suttons Gesetz
Die Schulmedizin, aber auch die Natur­
heilverfahren, sind riesige Sammlungen
von Ein­­zel­wissen. In all dem »Briefmar­
kenwissen« geht uns das Gespür verloren,
was nun ei­gent­lich für unsere Gesundheit
wichtig ist. Jeder Kinderarzt kennt Eltern,
die bei jedem Schnupfen eine Batterie von
Tröpfchen und Kügelchen auf ihr Kind her­
unterregnen lassen, aber wenn man sie auf
das Problem des Rauchens in der Wohnung
an­spricht, so be­kommt man zu hören: Das
gehe niemanden etwas an und habe mit
den häufigen Erkältungen der kleinen Alina
nichts zu tun.
Wir wollen deshalb hier das Gesetz des
Herrn Sutton zitieren (siehe Kasten unten).
Überlegen Sie sich, wenn Sie nicht weiter­
kommen, »wo das Geld ist«: Sind andere
Dinge für die Gesundheit meines Kindes
vielleicht viel wichtiger? Halte ich mich viel­
leicht zu oft auf Nebenschauplätzen auf?
Sind die häufigen Kopfschmerzen meines
Kindes vielleicht ein Zeichen, dass es in der
Schule »gegen die Wand läuft« und das ein­
zig wirksame Schmerzmittel vielleicht ein
Schulwechsel ist?
Von Schwarz und Weiß
Auch wenn Sie sich von manchen alterna­
tiven Heilverfahren mehr angesprochen füh­
len als von der Schulmedizin – bewahren
Sie sich Ihre Freiheit und Kritikfähigkeit.
Nicht jedes Heilverfahren wirkt, und nicht
jeder schulmedizinische Vorschlag ist »vom
Wesen her schlecht«. Betrachten Sie sich als
Eltern nicht als Versager, wenn Sie einmal
die reguläre Schulmedizin in Anspruch neh­
men müssen. Alternativ heilen kann kein
Dogma sein.
Suttons Gesetz
Als der berühmte amerikanische Bankräuber
Sutton nach Aushebung einer Bank gefasst
wurde, fragte ihn der Richter, weshalb er die
Bank überfallen habe. Seine Antwort war
so kurz wie simpel: »Weil dort das Geld ist.«
Auch in Gesundheitsdingen sollten wir uns
immer wieder überlegen, »wo der Kern des
Problems« und wo die größten Heilungs­
chancen liegen – wo wir also wirklich ent­
scheidende Schritte vorankommen und wo
wir nur viel Aufwand um Ne­ben­sächliches
machen.
Das Krankenhaus ist eine
beängstigende Welt, da brau­
chen Kinder viele Brücken zu
ihrem gewohnten Leben – wie
hier das vertraute Stofftier,
das dem kleinen Mädchen
bei der Narkose­vorbereitung
beisteht. [GW]
Die Grenzen der Medizin
»Behandlung« ist mehr als Medizin. Behand­
lung beruht, wie der Name sagt, auch auf
Handlung – auf dem, was wir mit unseren
Kindern (und uns selbst) »machen«.
Dies gilt auch für die Vorbeugung: Der
Löwen­anteil von Gesundheit entsteht nicht
durch medizinische Verfahren (egal ob schul­
medizinisch oder ob »alternativ«), sondern
durch das, was sich sonst im Leben eines
Kindes tut. Ob Ihr Kind sich viel bewegt oder
den Tag vor dem Fernseher verbringt, ist für
seine Gesundheit entscheidender, als ob Sie
zur Schulmedizin oder zur Naturheilkunde
tendieren. Mehr zu den Gesundheitseffekten
des alltäglichen Lebens in Kapitel 2.
Das Kind im
Krankenhaus
Wenn Ihr Kind ins Krankenhaus muss, sei
es wegen eines Notfalls, wegen eines kom­
plizierten diagnostischen Verfahrens oder
we­gen einer Operation, so ist das stets mit
Ängsten verbunden – sowohl bei den Eltern
als auch beim Kind.
Bei geplanten Aufnahmen ist es deshalb
gut, mit dem Kind schon zu Hause über
das Krankenhaus zu sprechen. Erklären Sie
ihm, was es dort erwartet, wer dort arbeitet
und warum es dort hinmuss. Vieles, was uns
Erwachsenen selbstverständlich ist, versetzt
Kinder in Panik. Woher weiß der kleine Lars
denn, ob ihn seine Eltern in dem riesigen
Haus, das er bisher nur vom Vorbeifahren
kennt, überhaupt wiederfinden werden?
Mit den Ängsten umgehen
Eltern sind gewohnt, ihre Kinder schützen zu
können. Im Krankenhaus können sie das nur
eingeschränkt, da sich unangenehme Unter­
suchungen wie z. B. Blutentnahmen nun ein­
mal nicht vermeiden lassen. Und natürlich
erwarten Kinder auch im Krankenhaus von
ihren Eltern Schutz, und sie reagieren des­
halb oft zornig und verletzend gegenüber
dem begleitenden Elternteil, der außer Trost
nicht viel zu bieten hat – oder?
Keineswegs! Denn auch wenn Ihr Kind Sie
seinen Zorn spüren lässt, sind Sie für Ihr
Kind der Hüter seiner Welt: Solange Sie ihm
beistehen (und wenn Sie im wörtlichen Sinn
nur bei ihm stehen), ihm erklären, was hier
vorgeht oder auch nur durch Ihre Reaktion
zeigen, dass das nun einmal sein muss – so
lange spürt Ihr Kind, dass seine Welt noch
ein paar solide Eckpfeiler hat. Wenn Mutter
oder Vater mit dabei sind und zudem nicht
einmal ausrasten, kann es eigentlich nichts
Böses sein, was die da mit mir machen!
Kooperation
Versuchen Sie deshalb, das Ihre zu einem
kooperativen Umgang mit dem Personal
beizusteuern. Denn ein Kind hat ein gutes
Gespür dafür, wo »die Fronten« verlaufen –
wer sich mit Mama oder Papa gut versteht,
muss ja ganz o.k. sein. Das heißt nicht, dass
Sie immer strahlen müssen wie ein Azoren­
hoch, aber versuchen Sie, eventuelle Kon­
flikte mit dem Personal sachlich und nicht
im Beisein Ihres Kindes zu lösen. Nebenbei:
Eine Schachtel Pralinen oder das Wegräu­
men des Essenstabletts kann dem Personal
1
GfK4.indb 23
11.08.2010 15:22:23
UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE
Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr.
med. Arne Schäffler
Gesundheit für Kinder: Kinderkrankheiten
verhüten, erkennen, behandeln
Moderne Medizin - Naturheilverfahren - Selbsthilfe
Aktualisierte und überarbeitete Neuauflage
Gebundenes Buch, Pappband, 528 Seiten, 20,5 x 26,0 cm
ISBN: 978-3-466-30904-7
Kösel
Erscheinungstermin: Oktober 2010
»Gesundheit für Kinder« hilft Eltern zu erkennen, wann eine schulmedizinische Behandlung
angebracht ist und wann die Naturheilkunde die bessere Wahl ist. Wann sie ihr Kind mit
Hausmitteln selbst kompetent behandeln können oder wann es Zeit wird, zum Kinderarzt
zu gehen. Darüber hinaus vermittelt es ein fundiertes Verständnis davon, wie Kinder sich
entwickeln und wie eine gesundheitsfördernde Erziehung aussehen kann.
• Ausgewogene Darstellung der verschiedenen Heilverfahren
• Kompetenter Rat zur Vorbeugung und zur Behandlung von Kinderkrankheiten
• Informationen zur Entwicklung des Kindes,
• seiner Ernährung und seiner Erziehung als starke, gesunde Persönlichkeit.
Dabei wissen die Autoren nicht nur aus ihrer medizinischen Praxis, wovon sie reden:
Bei insgesamt 13 Kindern von 1 bis 16 Jahren überzeugt neben der fachlichen auch die
familienerprobte Kompetenz.
Was this manual useful for you? yes no
Thank you for your participation!

* Your assessment is very important for improving the work of artificial intelligence, which forms the content of this project

Download PDF

advertisement