Philosophischer Sperrmüll - gpunkt

Philosophischer Sperrmüll - gpunkt
Gunar Musik
Philosophischer
Sperrmüll
Kulturarbeit und Mortifikation —
Kreativität und Beziehungsarbeit
Die Welt geht nur dank dem Missverständnis ihren Weg. Dank dem
allgemeinen Missverständnis verständigt alle Welt sich miteinander.
Denn wenn man unglücklicherweise sich verstände, so könnte man
sich nie verständigen.
Charles Baudelaire: Mein bloßgelegtes Herz
2. Auflage © Gunar Musik 2008
ISBN 978-1-4092-3995-6
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Teil 1: Kultur und Tod
Einleitung
Kunst und Menschenbild
Altpapierrecycling. Präsentation, Repräsentation, Norm — vom
Königsmechanismus zur Ersatzleistung
Krise der Kritik, Wandel der Mimesis, Autonomie der Kunst
Umrisse einer Kritischen Theorie der symbolischen Formen in Benjamins mimetischer Theorie
Belege und Denkanstöße
Ungleichzeitigkeiten und die Qualen der Sublimierung
Familie und Tod
Mamas masturbierende Schreibmaschine
Altpapierrecycling — Moralisten, Muttersöhne, Erben und Intellektuelle
Angst und Distanzierung
Everybody is a Star
Teil 2: Kreativität und Beziehungsarbeit
Einleitung — Die im Sächsischen Staatsministerium vorgetragenen
Thesen zur Konzeption eines Instituts für Literatur
Kleine Ästhetik des Verpassens
Antigenealogie
Verdrängte Homosexualität, Tabu auf der Weiblichkeit, Wirkungsweisen der Macht
Zauber
Böser Blick
Beobachtungen zur Institutionsneurose
Identität und Beziehungsarbeit — Sexualität als Problemlösung
Sexuelle Rollendefinitionen
Altpapierrecycling — Familienphantome
Spiegel und Masken — Geschichte und Geschichten
Vergessen
Avantgarde
Bildwelt und Erfahrung
Kom-Post-Moderne versus Staatsmonopol für Pornographie
Der Anfang kehrt am Ende wieder
Altpapierrecycling — Universalisierter Kleinbürger, Selbstdementierung
Macht kaputt, was euch kaputt macht
Literaturverzeichnis
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Einleitung:
Peter Sloterdijk: Zur Welt kommen — Zur Sprache kommen. Alle
Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Also — ist Sokrates sterblich. Das Schulbeispiel für den Modus Barbara ist noch immer tödlich wie in den antiken Logiklehrbüchern. ... Also, was ist
Sokrates, wenn er noch etwas anderes ist als ein Sterblicher, der die
Hebamme spielte? Nun, Sokrates ist ein Geburtlicher. ... Von dem
Augenblick an, in dem Menschen verstehen, dass sie nicht nur Geborene sind, sondern auch Geburtliche, können sie begreifen, dass
Wahrheit eine Funktion ihres Zurweltkommens ist und dass mit der
metaphysischen Fixierung des Blicks auf die Sterblichkeit das erste
Falsche in die Welt kam.
Religion, Kunst und Wissenschaft sind Formen institutionalisierter
Welterfahrung. Im Fortgang ihrer Differenzierung und gegenseitigen
Abgrenzung ging das Wissen um den pragmatischen Gehalt — er
liegt dazwischen, ist Resultat von Grenzerfahrung und Relationalität
— jedoch verloren. Die Forderung nach Gewissheit oder Objektivität
sollte verdecken und vergessen machen, dass 'der Geist', 'das Wissen', 'die Erfahrung' aus Intersubjektivität resultierten und Ränder
wie Übergänge mitobjektiviert worden waren. Die diesem Dazwischen angemessene Frage nach dem Wechselverhältnis aus Darstellung und Erfahrung ventilierte irgendwann nur noch antiquierte
oder rückwärts gewandte Einsichten — bis nicht mehr übersehen
werden konnte, dass die Grenze zwischen Faktum und Fiktion selbst
fiktiv ist: Die Angst war die Mutter der Methode, Verleugnungsstrategien schufen Institution und Identität, das Vergessen konstituierte die
späteren kulturellen Errungenschaften. Dietmar Kamper kreiste diese Fraglichkeiten in 'Zur Geschichte der Einbildungskraft' ein, und
mittlerweile findet sich manche brauchbare Einsicht in den Veröffentlichungen des Forschungszentrums für Historische Anthropologie.
Viele der auf die aristotelische Logik zurückgehenden Dichotomien
dienten nur dem Zweck der Reduzierung der Mischungsverhältnisse
des Wirklichen, der Verleugnung von Schwellen und Übergängen!
Diese Komplizenschaft ist aufgekündigt, seit mit den Massenmedien
die Wirklichkeitsmächtigkeit der Phantasie nicht mehr verleugnet
werden kann. Das betrifft vor allem die „Theoreme von Faktizität und
Fiktionalität. Ihre säuberliche Trennung — falls es sie je gab — ist
neuerdings vollständig ins Durcheinander geraten. Faktum und Fiktion spielten gerade wegen ihrer Unentschiedenheit ein gemeinsames
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Spiel, dessen Regeln jetzt offenkundig aufgekündigt sind. Vielleicht
geht es um die Freilegung eines verbindenden Dritten: jener 'imagination fondatrice', deren Gesetzmäßigkeit nun zur Debatte steht.“
(Kamper, 'Atlantis zum Beispiel', 259)
Die Mutter, wie sie um 1800 als Idealgeliebte entworfen wird und
hinter aller Dichtung halluzinierbar bleibt, ist Produkt der kulturschwulen Vereinigung um die Namen Bildung und Erziehung. Sie
dient als effektivstes Ventil des Imaginären, der Spiegelbezug wird in
Institutionen reflektiert und gesteigert: Die eine Vernunft, die eine
Geschichte, der eine Sinn, der Mensch (als Mann), der identische
Ich, heißen die Resultate. Aber jede beschwörende Angstbewältigung sucht nach einer Bestätigung der Angst — ihr hinterhältigstes
Produkt wird der psychotische Sog, vor dem sie auf der Flucht zu
sein meint. (Vgl. Kittler, 'Aufschreibesysteme')
Wenn in der Folge Geschichten des düsteren und sich dabei bunt
illuminiert gebenden Weltzeitalters nachgezeichnet werden, dem
unser Altpapier entsprungen ist, entspringen wollte, so vor dem Hintergrund: Was lässt sich geistesgegenwärtig verwenden an Geschichten, Interpretationen und Sinnen, wie sind die Verkennungsanweisungen Geschichte, Interpretation und Sinn zu vermeiden. Wir
stellen unsere Wirklichkeit erst her!
Was ursprünglich Barbaran heißen sollte, die Bestimmung und Zerstörung der Form Roman, setzte immer mehr Themen frei, in denen
geschichtliche Virulenzen toben. Die Abstraktionsleistung der Institutionen Kunst und Literatur scheint mit der Sprengkraft dieser Themen gar nicht mithalten zu können, keine Form schien ihnen gewachsen, sonst wären nicht so viele Verleugnungsstrategien und
Verkennungsanweisungen ausgebrütet worden. Also zurück zum
Schmerz, zur realen Ausgeliefertheit, zur beißenden Wut — die einst
aufgekündigte Einheit von Leben und Werk stellt sich wieder ein,
wenn die Mühe um eine lebenswerte Gegenwart dokumentiert wird:
Fragmente und Folterrituale, Schrott und Waffenarsenale, Einsichten
und Verzichtleistungen. Nach und nach wurden geheime Wahrheiten
der fast allgegenwärtigen Behinderungssysteme deutlich: Auch in
Stuttgart schien es eine „Gesellschaft vom Turm“ zu geben, den
Eingeweihten bekannt unter dem Namen der Vereinigung der Feinde
und Verhinderer der Altpapierautoren. Nachdem der Roman erschien, war an panischen Reaktionen und verkrampften Gesichtern
abzulesen, wie viele Nullen in den verschiedenen Institutionen den
Ehrgeiz gehabt haben mussten, mangels eigener Fähigkeiten oder
Erfolge an einem grandiosen Scheitern mitzuwirken und dabei selbst
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zu scheitern. Nun ließ sich über die Jahre hinweg zurückverfolgen,
wie „das Paar“ mit allen Mitteln der kulturschwulen Vereinigung gesprengt werden sollte; wie der mimetische Taumel der Rivalitätsstruktur angekurbelt und gegen Ende sogar der Versuch unternommen wurde, eine institutionalisierte Psychose zu Ansteckungszwecken zu verwenden. Was mussten diese hochdekorierten Bildungsbürger für Dreck am Stecken haben, welche Furcht durchschaut und
bloßgestellt zu werden, wenn die Analysen dieses kleinen Buchs
schon vorweg so viel Einheit in der Negation bedingten? Die Antwort
geht in den folgenden Texten weit über das hinaus, was einmal repressive Kulturalisation genannt wurde!
Von einem theoretischen Versuch, der diese Form der Beziehungsarbeit begleitet und auch thematisiert, darf keine Geschlossenheit,
keine Widerspruchsfreiheit, kein systematischer Anspruch, keine
unverrückbare Wahrheit erwartet werden. Außer theoretischen
Schnipseln, die im Altpapier aus Gründen sogenannter „Leserfeindlichkeit“ keinen Platz fanden, Gedanken zur Geschichte der Form
Roman, zur Funktion der Kunst und Phantasie; zu Identität, Lebensgeschichte und geschlechtsspezifischem Rollenverhalten — Partnervermeidungsschemata und die Ästhetik des Verpassens; zu Sündenbock, Norm und Abweichung — die gesellschaftliche Funktion
von Randgruppen und Outsidern; zu Nachahmungszwängen und
frühkindlichen oder auch vorgeschichtlichen Opferritualen — die
grauenhaften Fundamente von Konvention und Vertrag; zu Wechselwirkungen von Kunst und Lebenswelt als Verkennungsanweisungen — manche Technik der Lebensersparnis pumpte die vorhandenen Energien ins institutionalisierte Imaginäre und Lebendigkeiten
blieben dabei auf der Strecke.
Brauchbare Einsichten aus der zu den genannten Themen gängigen
Literatur wurden mit anderen kontrastiert; manches Zitat spricht für
sich, manches andere gibt seine bitteren oder auch spaßigen Wahrheiten erst im jeweiligen Kontext preis. Devereux ('Angst und Methode...') führte vor, warum Forschung immer auch eine Form von Autobiographie ist. Wir haben das Verhältnis umgekehrt: Es gibt keine
unbefleckte Erkenntnis! Im Altpapier wurden unsere biographischen
Ableger der großen philosophischen Probleme der Menschheit dargestellt, hier sollen einige theoretische Folgerungen daraus gezogen
werden.
(Die einzelnen Kapitel entstanden 86 - 90 und wurden öfter überarbeitet — immer wenn das Altpapier aufgrund von Absagen oder Vorschlägen zur Modifikation wieder einmal umgearbeitet worden war.
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Das Mimesiskapitel entstand Anfang 91 und geht auf ein paar Seiten
des Benjaminbuchs zurück, die Ästhetik des Verpassens in der zweiten Hälfte 91.)
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Kunst und Menschenbild: Mit dem Roman — als Epopöe einer
gottverlassenen Welt — begann die Kunst in ihren Geltungsbereich
Funktionen zu übernehmen, die in früherer Zeit der Religion zugefallen waren. Das auratische Moment am Kunstwerk — Verweisungszusammenhang und Verheißung, an einem Heilsgeschehen teilzuhaben — schien sich zu verselbständigen. Es wurde aufgebläht,
beanspruchte noch einmal als theologische Schwundform einen
uneingeschränkten Eigenwert, um dann endgültig in sich zusammenzufallen, eine kümmerliche Rente von der Forschung zu beziehen oder auf der Ebene von Kitsch und Massenunterhaltung Humus
für die Wucherungen der Surrogate zu liefern. Auch die für den Menschen nützlichen Sekundärleistungen der Religion wanderten über
kritische Brücken in die Kunst, vor allem in den Roman aus, bis sie
dann für Therapiezwecke zur Verfügung gestellt werden: Definition,
Darstellung und Pragmatik der Lebenswelt — hier der bürgerlichen
Welt. In der Form Roman wird eine Entwicklungsgeschichte der Intelligenz zwischen Ausdruck und Konvention aufbewahrt wie komprimiert: Vom Schamanen oder Magier über den Priester, den Kanzlisten, zum Freigeist, Professor, Intellektuellen oder Bürokraten. Die
Mischungsverhältnisse und Reibungen zwischen dienender oder
transzendenter und technischer oder freischwebender Intelligenz
bilden die formende Kraft, das mythische Analogon künstlicher Welten. Der Wunsch ist der Vater dieser Form, doch die jeweiligen Prägungen sind Abkömmlinge seines Schicksals: Die Psychologie des
Romanhelden gehorcht einem dämonischen Zeitalter, hier kehrt
wieder — und wirkt auf Alltagspraxis und psychische Modellierung
zurück —, was (männliche) Aufklärung und bürgerliche Erwerbsstrategien verdrängten, während neue Ufer in den Blick gerieten. Die
dargestellte Welt ist selten Produkt gereifter und abgeklärter Männlichkeit, zurückgestaute oder lebenslange Pubertät, verbohrte oder
verspielte Radikalität, verkrampfte oder entfesselte Hysterie, institutionalisierter oder haltloser Autismus haben ihre Welten geschaffen
— das ewig Weibliche lieferte Projektionsflächen der Sehnsucht und
Nischen der Angst. Wie die Gewichte entsprechend den kulturellen
und gesellschaftlichen Vorgaben verteilt sind, kommen Mischungsverhältnisse aus Magie und Technik zustande, werden Entbindung
und Objektivierung, Sinnstiftung, hierarchische Ordnung und Auflehnung ineinander verknotet. Was tabuisiert wurde oder gefördert, was
nur Nebengleis oder eine allgemeine Bewegung darstellte, was ein
Auftrag erzwang oder Berufung hervorkitzelte — innerhalb mehr
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oder weniger stark institutionalisierter Repertoires gehorchte das
jeweilige Produkt neben affirmativen Entlastungen immer auch dem
urwüchsigen Drang, die Bewohnbarkeit der Welt herzustellen oder
zumindest zu behaupten.
Seit der revolutionären Frühromantik erprobte die bürgerliche Intelligenz in den Medien Roman oder Romantheorie das Apriori der
Kommunikationsgemeinschaft — um immer wieder zu scheitern,
weiter auszuholen und abseitigere Reserven zu mobilisieren. Diesem ausholenden, mehr und mehr verzweifelten Bemühen wird
Lukàcs Charakterisierung „transzendentale Heimatlosigkeit“ nicht
gerecht, sie thematisiert nur die Seite des Scheiterns. Selbst dieses
negative Moment beinhaltet wichtige Funktionen auf dem Weg von
der Relativierung zur Relationalisierung der wertbestimmten Begriffsbildungen — dem Dogmatiker blieben sie fremd. Schließlich
taugen in unserem Jahrhundert Sprechergemeinschaft und Prinzip
Fallibilität als Fundamente einer wissenschaftlichen Weltsicht, für die
Heimat erst durch den Verzicht auf Transzendentalien hergestellt
werden kann: Als befriedeter Raum für gleichberechtigte ZeitGenossen verschiedener Kommunikationsgemeinschaften.
Zum begleitenden Prozess der bürgerlichen Emanzipation gehörte
die Erprobung und Ausarbeitung neuer Konventionen oder gewandelter Identitätsvorstellungen. Je besser dies gelang, je weniger
konnten sie als Setzungen durchschaut werden, die Berufung auf
Natur und Subjektivität — beide Schöpfungen um das Phantasma
Mutter — diente als Begründung: Was als Fundament der Konvention gedient hatte, sollte paradoxerweise helfen, Konventionen aufzusprengen! Der Bildungsbeamte wurde an diesem Punkt installiert.
Die Entwicklung zur Verabsolutierung von Ausdrucksformen bewirkte
die starre Trennung der tatsächlich nur als Wechselgefüge fruchtbaren Polarität. Ursprünglich richteten sich die Gewichtsverschiebungen zwischen Institution und Subjektivität, bzw. zwischen Konvention
und Ausdruck, gegen erstarrte feudale Werte, später und schon innerhalb der Institution gegen Folgen der Überbewertung bürgerlichen Erwerbs- und Leistungsdenkens, gegen immer rigidere Vorschriften auf der Grundlage von Norm und Funktion.
Der von Kant überkommene kahle Wald des Wirklichen war viel zu
lange kein soziales Faktum, die Metaphysik als Schwundform der
Theologie schien keineswegs am Ende, und die Legitimität des Vertrauens auf einen Sinn des Lebens stand für die wenigsten auch nur
zur Debatte. Außerdem schossen die Strategien, mit denen man sich
missliebige Wahrheiten vom Leib hielt, schneller in die Höhe, als die
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Wahrheiten selbst: Die kleinen Pflänzchen Lebendigkeit und Geistesgegenwart mussten liebevoll gepflegt werden, wenn sie überhaupt Wurzeln ziehen sollten, die alten Unkräuter Weltflucht, Selbstverstümmlung und Askese wuchsen wie von alleine, noch dazu auf
jedem Boden. (Schon an dieser Stelle könnte Blochs Frage nach der
Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen interessant werden — sie wäre
für unsere Zeit, auch gegen die konservative Lesart „vergangene
Zukunft“ durch Koselleck, neu zu gewichten. Das scheinbar private
Bedürfnis nach Befriedigung und Sinn, wie das gesellschaftlich modellierte System der Bedürfnisse, beide verschränken uralte Formen
der Angstbewältigung oder Hoffnung mit den jeweils aktuellen Anlässen — Jugendsekten und Kaufhausesoterik machen nur offensichtlich, was hinter der angeblich so notwendigen Forderung nach
Sinn steht: Denk- und Erfahrungsersparnisse.)
Sprach- und Geschichtsphilosophie, Kunst- oder Staatstheorie setzten geformte Gehalte voraus. Erziehung, Erfahrung und Lebensplan,
alltägliche Belange wollten nichts von Aporien wissen. Wenn die
Unlösbarkeit metaphysischer Probleme mit der Organisation des
menschlichen Denkens zu tun hatte, gehorchte der Durchschnittsmensch dem Realitätsprinzip und wagte sich nicht soweit vor, wie
ein Heroe des Geistes aus Königsberg. Zum gesunden Menschenverstand — in den platten Zügen immer Philosophie oder Theologie
von vorgestern — gehörte: zu glauben, zu bewundern, mitzulaufen...
und natürlich zu gehorchen. Fürsten und Staatsmänner, vor allem
aber Militärs, exerzierten eine Form der Lebensklugheit vor, die
schlicht pragmatisch genannt werden könnte, wenn die Zeit einfach
stillgestanden wäre. Die alten Werte galten ihnen weiter als Handlungsanweisungen für Untertanen — erst spät brachte ein Vaihinger
dieses Unternehmen in die bürgerliche Theorie ein und taufte es:
'Philosophie des Als-ob'. Was Bildungsbeamten als Wille zur Nacht
und Verdumpfung erscheinen konnte, entsprang nicht nur Sicherheitsbedürfnissen und infantilen Abhängigkeiten, sondern gehorchte
dem Prinzip Effektivitätssteigerung. Technische Neuerungen und
sozialer Wandel hatten nichts miteinander zu schaffen, einfachste
Erklärungen gingen immer von bestehenden Herrschaftsverhältnissen aus; die beste Lösung, mit der dann zur Tagesordnung von Leistung und Profit übergegangen werden durfte, fand sich in der Tradition: Die Welt war, wie sie sein musste und wer hinter dem oberflächlichen Wandel nicht die ewigen Werte sehen konnte, disqualifizierte
sich selbst.
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Um 1800 konstituierte sich das Erziehungs- und Bildungsbeamtentum als staatstragende Schicht. Ihr Mythos der Mutter als Wahrheit,
Grundlage der kulturellen Bildsamkeit, aber ausgesperrt von Politik
und Ökonomie, prägte grundlegende Selbstdefinitionen. An der strikten Trennung der Geschlechter, der unvermittelten Differenzierung
von Rezeptivität und Spontaneität, Generativität und Kreativität
krankte die Konzeption Des Menschen — tatsächlich war er „Hommosexuell“, Lacan ('Encore', 92): Das Geschlecht zählt nicht. Das
Phantasma Frau machte Kinder sprechen und Männer schreiben,
Leserinnen spiegelten sich in der Dichtung und reservierten ihre
Libido für den literarischen Erzeuger; Bildung sperrte die einzelne
Frau aus, während Dichter ihr als der einen eine „tutti-Liebe“ widmeten. Nicht zeitenthoben, sondern geschichtsträchtig ist Lacans Zynismus einzuholen: Es gebe kein Verhältnis der Geschlechter. Medien sind dazwischen geraten! Der Mann war das Subjekt der Geschichte, Frauen wurden Subjekte der Mimesis, solange reale Erfahrungen eingeschränkt oder umdefiniert wurden zugunsten von Ersatzproduktionen und Fetischismen.
Die behauptete Autonomie des Geistes diente einer realen Subalternisierung, der Beamte rettete sich vor mancher Wahrheit in kulturschwule Vereinigungen und schuf an der Wahrheit Frau für den
Staat, seine Schöpfung ist nur noch Ersatz und liefert den Grundstock einer endlosen Reihe Ersatzbefriedigungen. Kultur wurde als
Institution zur Selbstdementierung des zivilisatorischen Fortschritts,
zur bestellten Form des Understatements für hingehaltene und vertröstete wirtschaftliche Gewinner, für künftige politische Sieger, lange
bevor Selbstdementierung zum hektischen Lebensnerv des Kleinbürgers taugen durfte. Wer allerdings beim Fortschritt nicht mithalten
konnte, war krank oder selber schuld.
Die Frühromantiker schwankten zwischen einem verzweifelt aufrichtigen Nihilismus — gegen die vertrocknete und ungerecht eingerichtete Lebenswelt des Bürgers, der sich vom Adel zu emanzipieren
versucht, indem er ihn nachahmt und sich seinen Regeln unterwirft
— und der begeisterten Wiederentdeckung mancher von der bürgerlichen Aufklärung verdrängten Gehalte — eine Korrektur, die anfangs nicht einmal konservativ zu nennen war und mit der reaktionären Wendung der späteren Romantik auf keinen Nenner zu bringen
ist. Was Abstraktionsschübe der abendländischen Geschichte hinter
die Szene verbannt hatten, wurde in der Dichtung — auf der Projektionsfläche des Weiblichen — wieder erahnbar: Bedürfnisse, die sich
an der durch bürgerliche Gesellschaft und Freisetzung des Kapitals
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fremder werdenden Welt entzündeten. Aber das ist nicht alles: Ein
Überdruckventil der nach Geschlechterrollen „halbierten Moderne“
(Ulrich Beck) verlegte die Problematik der Sinne und des Geschlechts in einen entsexualisierten, dafür aber Zeichen und Formen
erotisierenden Sonderbereich der Erfahrung der Kunstwerke. „Die
Ordnung der Leidenschaft ist die Ästhetik. Psychologie die der erotischen Beziehung. Wo die Ästhetik das Außerordentliche und Unvergleichliche, das Unüberholbare und Exzentrische riskiert — immer die Willkür einer Übertretung — lässt Psychologie sich vom Pathos nichts vormachen. Noch die gewagteste Rolle ist für sie Symptom und Funktion: ein Anspruch des Methodischen auf Geltung im
Liebesleben.“ Was Gert Mattenklott ('Sexualität und Leidenschaft', in:
'Lust und Liebe', 216) zum Verstummen der Leidenschaft und zur
Funktionalisierung der Sexualität ausführt, um den zwingenden Bezug zwischen Leidenschaft und sprachlichen Ausdrucksmitteln darzulegen, könnte vielleicht auf die Ausbruchsversuche im Rahmen
der Kunst verlängert werden: Die Ästhetik als Reservat nahm Restbestände der Sinnensubjekte in sich auf und sekundierte auf diese
Weise sogar dem Prozess der abendländischen Abstraktionsanstrengung — die scheinbar entgegengesetzte Tendenz der Psychologisierung alltäglicher Belange wurzelte in der Literatur und befestigte
bon sens und Realitätsprinzip in den Köpfen. Die literarisch vermittelten und aufgestachelten Leidenschaften sind nicht nur die Negation
einer platten Rationalität, sind nicht nur ein „Aufstand der Sinne gegen das abstrakt gewordene Leben“, wie Rolf Grimminger ausführt.
Sie sind das zwar auch, aber im Auftrag der Kolonialisierung. „Die
Moderne erzeugt sich seit der Frühromantik in einem unaufhörlichen
Prozess der Negation des Negativen, sie probt die große Verweigerung, sie kämpft wie ein David der Sinnlichkeit und der Kunst gegen
einen Goliath der riesig organisierten Vernunft, der die elementare
Lust am Dasein, auf welcher der Kleine beharrt, zu gründlich aus
dem Zweckgetriebe seiner Welt hinausgeworfen hat.“ Grimmingers
literaturwissenschaftliches Plädoyer für eine neue Dialektik der Aufklärung — 'Die Ordnung, das Chaos und die Kunst' (vgl. 96) — wendet die Vielsträngigkeit eines erweiterten Aufklärungsbegriffs sowohl
gegen die Auflösung des Subjekts, wie gegen die identitätslogische
Kanalisierung durch Habermas in der Theorie des kommunikativen
Handelns, der vor diese Dialektik der Moderne zurückgehe. Die
Funktion des Überdruckventils gerät allerdings in Vergessenheit: Der
Aufstand der Sinne ist tatsächlich einer der Ersatzsinnlichkeit! Die
Sinne in ihren Eigengesetzlichkeiten waren dämonisiert, verteufelt
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und verketzert worden — anhand der verschiedenen Anstrengungen, einer Theorie der Mimesis auf die Sprünge zu helfen, wird diese
Entwirklichung deutlich werden.
Wichtig war das frühromantische Spannungsfeld, weil ein Modell
späterer sozialphilosophischer Entwicklungen in Lebenslinien vorgeprägt und auf eine Kunstform — den Roman — projiziert werden
konnte. Dialektische Bewegungen zwischen Engagement und Resignation, zwischen progressiver und konservativer Denkungsart, der
Flucht in eine offene Zukunft oder der Suche nach Geborgenheiten
der Wiederholung, Ausgreifen in die Ferne oder Rückzug nach Innen
usw.: Der geographischen, wirtschaftlichen, politischen, sozialen und
psychologischen Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen antwortet die
Fiktion der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, der hier wirksame
Mutterbezug wird aufzuschlüsseln sein. Dichtung als Entgrenzung,
als literarische und erotische Reise, bringt deutsche Klassiker hervor: Männer, die sich an Fruchtbarkeit gegenseitig in den Schatten
stellen, um selbst in einer Frau nur zu masturbieren, ansonsten aber
der Mami nachzutrauern — außerdem seelenvolle, dem Tod geweihte Frauenbilder. In Lesebücher einsperrt, zur bescheidenen Nachahmung empfohlen, werden sie Vorbilder für den Schulaufsatz!
Kultur zwischen Müllkippe, Rumpelkammer und Museum! Im Ablauf
des Jahrhunderts beginnt diese Fiktion immer mehr zur Wirklichkeit
zu werden, Massenmedien treten ihr Erbe an.
(Prinzip Hoffnung und Prinzip Verantwortung sind am träumerischen
Ursprung noch ungeschieden — statt Jonas starrer Entgegensetzung wäre ihr Wechselbezug — wie der zwischen Chaos und Ordnung im Rahmen der Kunst — als Entlastungsstrategie zu erkennen.
Wieder einmal rechnete ein Konservativer der Kritik Marcuses, der
gesellschaftlichen Chiffre Blochs vor, sie habe technokratische Omnipotenz in Gang gesetzt, dabei war im Gegenteil nur vorgeschlagen
worden, die technischen Möglichkeiten im Sinne der Menschen zu
nutzen — der Sack wird geprügelt, der Esel gemeint, aber wer den
Profit einstreicht steht nicht zur Debatte.)
Die exponierte Stellung einer Intelligenz, die sich innerhalb spezieller
Nischen im erprobenden Weltverhalten verausgaben darf, um unwirksam zu bleiben, bietet ein trauriges Schauspiel: Sie prägte Institutionen, in denen im folgenden wertvollste Anstrengungen, beste
Einsichten und seltenste Energien auflaufen und versanden. Wenn
gelegentlich ein Grenzgänger von anderen Wirklichkeiten berichtet,
werden sie zu Exotismen erklärt, katalogisiert und ähnlich gemacht,
bis nichts mehr an ihre Eigenart erinnert — Museum; findet ein spät
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aufgestandener Magier noch einen Rest an Kraft zur Schaffung einer
Welt, werden seine Geschöpfe zur Ader gelassen, ausgelutscht und
nachgeahmt, bis sie sich nicht mehr von den blassen Schemen des
Instanzenwegs unterscheiden. Und dieser Müll ist häufig nur Preis
des Erfolgs, was ignoriert, verboten oder zerstört werden kann, erfordert im Regelfall nicht die Mühe der Vereinnahmung. Wobei die
geschickteste Variante des Instanzenwegs natürlich der Erfolg post
mortem sein durfte — Rumpelkammer; die Energien wurden mit
einer kleinen zeitlichen Verzögerung in die Verwaltung umgeleitet
und arbeiteten emsig mit, ohne die vorgegebenen Abhängigkeiten zu
bedrohen. Erst spät erschienen poetische Lumpensammler (Baudelaire), psychologische Abfallverwerter (Freud) oder philosophische
Spurenleser (Benjamin) auf der Szene und bürsteten solche Verfahrensweisen gegen den Strich.
Ästhetische Beutezüge fanden im Kontext eines bürgerlichen Lebensalltags statt, der keine Kriterien zur Verfügung stellte, die Ergebnisse der Reflexion, die Eroberungen künstlerischer Wahrnehmungen, zur Kenntnis zu nehmen, ins Weltbild zu integrieren und auf
Konsequenzen der täglichen Handlungen abzustimmen — noch die
„methodische Dauerreflexion“ des beamteten Intellektuellen ist eine
späte Folge entschärfender Arbeitsteilung und vernebelnder Delegierungstaktik. Sie verleugneten ihre Möglichkeiten und gehorchten der
Not, also den bestehenden Verhältnissen — und sie arbeiteten aktiv
daran, dass möglichst keiner in die Lage kam, von ihrem zur Norm
erhobenen Verzicht abzuweichen.
Wenn mittlerweile der Tod des Intellektuellen und das Ende der
Kunst beklagt werden, wird gern vergessen, über das Missverhältnis
zwischen einer jeweils kleinen Zahl kritischer Denker und produktiver
Künstler und der großen Zahl der Mitläufer, Nachahmer und Abschreiber nachzudenken. Vielleicht war das Bürgertum zu lange von
der Macht ferngehalten worden, vermutlich hatte es an seinen Entwürfen zu Frauenbildern erfolgreich gelernt, wie viel einfacher jedes
Unternehmen aussah, wenn man die Verantwortung nicht selbst
tragen musste. Typische deutsche Gelehrte, viele Erfolgsschriftsteller oder Künstler des Bürgertums, dokumentierten eine Hypostasierung des Charakterbegriffs, die auf Wunschdenken und einer Technik der Realitätsbewältigung durch Traumarbeit beruht haben muss:
Darstellung durch das Gegenteil! Sie hatten den Charakter vorzuführen, ihr Publikum betrog sich gern um selbstverleugnende Aspekte
der täglichen Pflicht. Sie wurden Heldendarsteller der bürgerlichen
Prosa, während ihre Zugehörigkeit zu Denkschulen, Kunststilen und
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Weltanschauungsgruppierungen, ihre Rücksicht auf geltende Regeln
und vorgeordnete kanonische Formen alles eher als individuell zu
nennen wären. 'Der Bürger als Held' (Schlaffer) produzierte solange
sozialgeschichtliche Widersprüche, bis nicht mehr abzustreiten war,
wie tödlich jede Abweichung ausfallen musste — er produzierte im
Auftrag.
Welchen Skandal konnten Abweichungen bewirken? Wie häufig (vgl.
die Zusammenstellung bei Hans Mayer) arbeitete der Außenseiter
mit halber Kraft für sich, mit voller aber an Selbstdementierung und
Selbstzerstörung. Die Alternative Doppelleben versus Gleichschaltung bedient nur unbeteiligte und schmarotzende Konsumenten mit
der Verheißung von Freiheit und Abenteuer. Häufig wurde der Dissident bürgerlicher Stillstellung dann nach einem elenden Leben, einem frühen Tod — schon hier Beweisfigur für die Notwendigkeit der
bürgerlichen Prosa — enteignet und seine Werke im Sinne der Anpassung umgedeutet. Oft wurde er ein zweites Mal zur Beweisfigur
pervertiert, wenn er nachträglich die symbolische Teilhabe am unreglementierten Leben vermittelte, gleichzeitig aber als Entlastung
von Ausbruchsversuchen zum Ausnahmemenschen, zum bewundernswerten und unerreichbaren Kulturheroen umgefälscht wurde.
Außenseiter als „Leibgeber“ oder als Zitatlieferanten. Wie wenig
blieb tatsächlich von den Abweichungen in den Institutionen Kunst
und Wissenschaft übrig, nachdem das Lektorat, der Verleger oder
Aussteller die Rücksicht auf den guten Geschmack oder die gefällige
Konsumierbarkeit durchgesetzt hatten? Was zählt am ideologischen
Versatzstück der Künstlerexistenz, nachdem gezeigt werden konnte,
dass die Abweichungen tatsächlich in den meisten Fällen formimmanenten Gesetzmäßigkeiten gehorchten?
Undurchschautes, aus diesem Grund implodierendes höfisches Erbe
erzwang die Idealisierung des bürgerlichen Charakters, häufig genug
musste der Kontakt zur Lebenserfahrung abbrechen oder verleugnet
werden. Die Zähmung der Natur im eigenen Innern wurde nicht mehr
durch Lustpolitik in Schach gehalten; die Erfahrung der Macht im
Außen ging dagegen fast vollständig verloren. Nach den Vorgaben
des Gesamtkunstwerks fürstlicher Geometrie wurde nicht mehr gebaut, getanzt oder geliebt, sondern gedacht, erzogen und gedrillt.
Weil den paranoisierenden Repräsentationsschemata der Macht
immer weniger in der äußeren Erfahrung entsprach, haben sie sich
als psychische Systeme rekonstruiert. Die beiden Tendenzen Souveränität und Autonomie hätten sich gegenseitig in Schach halten können, doch mit der Negation der adligen Selbstdarstellung blieb dem
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Bürgertum eine verkrampfte Autonomiekonzeption, die sich nach
dem Vorbild asketischer Praktiken an der Selbstdestruktion bewies.
Das ist das geheime Fundament aller bürgerlichen Repräsentation.
Die Welt verschwand im Mief der guten Stube, der aus der Politik
ausgegrenzte weibliche Lebensbereich taugte als Sanatorium, und
das männliche Individuum zeichnete sich vor allem in der Mühe aus,
die es darauf verwandte, zwischen alltäglicher Konformität und festlichem Schauspiel Kultur fein säuberlich zu scheiden. Schon hier Dividuum, auch wenn erst in der Massengesellschaft deutlich wird,
dass der Begriff Entfremdung noch immer affirmativ unterstellt, eine
gebildete und in sich ruhende Persönlichkeit sei möglich. Der Fetisch
Charakter leitete die Abschaffung des Individuellen ein. Vor allem
aber galten Watte und Pomp, hohle Phrasen und wohltönende Überzeugungen, verlogene Konventionen und eine doppelbödige Moral:
Feine Unterschiede als Beschäftigungstherapie und als Bestätigung
in einer Hinterwelt. Stillstellung hieß ihr Schicksal, besser ist die spätere Kriegshysterie nicht zu erklären, und noch die Begeisterung, mit
der die Nazis begrüßt wurden, rührt daher.
Subalternitätsschulungen übelster Art, Abschreibtechniken, Titelfetischismen, Kulte der großen Männer usw. lieferten Auswahlkriterien
und Eintrittskarten für die Kultur. Wer nicht auf diesen traurigen Werdegang angewiesen war — Familienvermögen und Beziehungen
bewirkten mehr, als jede individuelle Leistung und zur Mystifizierung
taugte der Spott über Brotstudium und Bildungsphilister bestens:
Bildung sei, was übrig bleibe, wenn man alles abziehe, was ein
Mensch gelernt habe, hieß es auf gut französisch — konnte kein
großes Interesse an einer kritischen Durchdringung der kulturellen
Vorgaben haben, solange seine Vorteile gottgewollt erschienen. Erst
als Privilegien nicht nur hinterfragt wurden, sondern ihre materiellen
Grundlagen zu bröckeln begannen, rekrutierten sich Intellektuelle
häufiger aus den Kreisen, die zuvor hohe Militärs, Diplomaten und
Politiker gestellt hatten. Ob sie mit den Intellektuellen des seit der
Dreyfus-Affaire erweiterten Schimpfwortrepertoires verrechnet wurden, ist im Einzelfall leicht zu klären. Oft genug konnten Aristokraten
des Geistes in esoterischen Zirkeln vergessen, was für subalterne
Speichellecker, wie viele unterwürfige Verbeugungen, den Weg zur
einsamen Größe vorbereiten halfen. Und andere ahmten diese großen Vorbilder auf einem geringeren Niveau nach, liefen mit, ohne
jemals zu bemerken, wie wenig der durch Nachahmungszwänge
fundierte Konformitätsdruck mit Geist oder Kreativität zu tun hat.
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Keine Ehrenrettung des Durchschnittsgelehrten — warum sollte er
es anders machen, als die Größen — kommt an der Tatsache vorbei, dass die Geschichte wissenschaftlicher Subalternitätsschulung
Buchreihen füllen könnte. Es gibt ihn heute häufiger als früher und
solange Prämiensparverträge richtig arbeiten, darf die verwaltete
Welt noch als beste aller möglichen Welten gedacht werden. Zudem
ist an der Entwicklung der osteuropäischen Intelligenz zur bürokratischen Klassenmacht abzulesen, dass die Sicherung seiner Zukunft
gewährleistet sein wird — gerade wenn die Dogmen zerfallen und
Reformbestrebungen die Arbeitsbereiche durch Dialog und Diskussion vervielfältigen. Im Westen wird es nicht schwergefallen, zu beweisen, wie viel Freiheitsspielräume heute gehandhabt werden —
auch wenn er wehmütig an Zeiten zurückdenkt, als Forschung noch
in Büchern objektiviert wurde und nicht in Fachzeitschriften und
Sammelbänden. Der Gelehrte spielt noch immer mit Existenzbeweisen der Persönlichkeit und hat auf diesem Umweg Teil an einer
durchtriebenen Ideologie — häufig genug musste er das Gegenteil
nahelegende Erfahrungen umdeuten, wozu gab es eine Hermeneutik.
Subalternitätsdressuren werden aus trüben Quellen gespeist: Gesellschaftlich vorgegebene Rollenanweisungen und Statuszwänge
wollen ausgehalten werden! Die Beliebigkeit des Status durfte nicht
erkannt, Legitimations- und Sozialisationsfunktionen des Wissens
(vgl. Bourdieu, 'Die feinen Unterschiede') sollten nicht deutlich werden. Wie einfacher und reibungsloser, als wenn man die Norm sich
zu eigen machte und verinnerlichte. In späterer Zeit wurde sie nicht
mehr bemerkt! Bildung und Kultur beruhen auf einer fundamentalen
Verkennung ihrer gesellschaftlichen Funktion: Surrogate herzustellen
und von den tatsächlichen Gesetzmäßigkeiten abzulenken — deutlich zu sehen an der Zentralisierung der Macht im Absolutismus und
der einhergehenden Beschäftigungstherapie für den entmachteten
Adel. Die immer wieder Konventionen durchbrechenden Ausdruckscharaktere, das Heilsversprechen der Ungeregeltheit oder der geheimen, wertvolleren Eigengesetzlichkeit, haben Teil an dieser Verführung. Man musste die Leute nur in die Wüste führen, dann
brauchte es Vor- und Leitbilder, Heilsbotschaften und Auserwählte,
die in den Oasen zu Hause sein durften — nur die am eigenen Leib
gewachsene Erfahrung war wenig wert.
Einen scheinbaren Gegenzug zur austrocknenden Hohlheit bildete
das Interesse an Randgruppen (vgl. die im Sündenbockmechanismus gründende Dialektik Monster-Norm), der Bedarf an Feindbildern
17
und anderen gemeinschaftsbindenden Stigmatisierungen: Spätes
Resultat der Negationstechniken, aus denen die Norm hervorgegangen war. Einst waren sie zu fürchten und zu bestrafen, Härte und
Grausamkeit entschädigten für den Mangel an Welt. Später war die
Abweichung zum politischen Verstoß, zur Krankheit oder zum Wahn
zu erklären, Internierungs- und Erziehungsmaßnahmen verdrängten
die Anlässe, am lustvollen Foltern, am gerechtfertigten Zerstückeln
teilzuhaben. Wenn nun den einen oder anderen abschreckende Beispiele nicht völlig von der Norm überzeugten, weil auch stillgestellte
Bürger mit ihrer Unterdurchblutetheit auskommen mussten, durfte er
sich als Leichenfledderer der Expression, als Nekrophiler in ästhetischen Gefilden therapieren: An garantiert entschärften Abweichungen! Rausch, Reiz und Skandal aus zweiter Hand, ob zur Warnung
und Abschreckung oder zum heimlichen Behagen.
Ästhetische Wahrnehmung galt einmal als Resultat innerer Distanz
und gezähmter, in Dienst gestellter Triebkräfte: Interesseloses
Wohlgefallen! Vielleicht resultierten Sublimierung und Abstraktionsleistung schon aus einem Mangel an Welthaltigkeit — sicher aber
konnten sie sich im Laufe der Geschichte mit Lustfeindschaft und
Körpertabu verbinden. Wenn trotzdem der sinnliche Reiz genossen
werden wollte, dann mit gezähmtem Sensorium; wenn Liebe oder
Ekstase gestaltet werden durften, dann unter der Aufsicht von Tod
und Verderben. Ariès 'Geschichte des Todes' führt vor, wie Eros und
Thanatos in ein inniges Verhältnis treten: Die Liebe beginnt unter der
Perspektive des Todes an Bedeutung zu gewinnen, wie sich Individualität, Betonung von Einzigartigkeit, seiner Handschrift verdanken.
Hegel hat diese Geschichte in der 'Phänomenologie des Geistes'
spekulativ auf die Wurzeln zurückverfolgt, die Dialektik zwischen
Herr und Knecht erweist das Selbstbewusstsein als Todesbewusstsein. Wird die Libido erst in Todessehnsucht eingespeist, verschwinden die Auslöser — Angst vor dem anderen, Angst vor Erfahrungen, Angst vor dem Geschlecht — und Erwartungen der Vereinigung im Jenseits lassen vergessen, dass im Diesseits nichts so sehr
geflohen wurde, wie die tatsächliche Vereinigung — dieser Todesbezug ist geheimes Machtmittel der bürgerlichen Frau, er wandelt
sich unter der Hand in Rachefeldzüge für das Tabu auf der Weiblichkeit. Als Nietzsche die Welt nur als ästhetische gerechtfertigt sehen
wollte, hat ein Muttersohn manches über seine innere Abhängigkeit,
die Feigheit vor den realen Vollzügen, den Ekel vor der Welt verraten: Der Dritte im Bunde verhinderte jede exklusive Nähe und gewährleistete die ästhetische Höhenluft.
18
Grimminger zeigte, wie ästhetische Distanz und zielgehemmte Regung ineinander griffen: „Ausschließlich die Distanz des Vergnügens
in der Anschauung errichtet das Reich des Schönen. Ohnehin gilt
das 'Gesicht' in der Erfahrungspsychologie des 18. Jahrhunderts als
der höchste aller fünf Sinne, und der niedrigste ist der Tastsinn. Er
bleibt ausgeschlossen, solange vom Schönen die Rede ist. Die
ästhetische Kultur findet zu einem Programm, sie erotisiert das Sehen, das Hören und die literarische Imagination der Sprache, sie
stellt den Sinnen der verschiedenen Künste ein autonomes Terrain
zur Verfügung, das jenseits sich berührender oder gar in der massiven Zielstrebigkeit der Sexualität antreibender Körper liegt. ... Was
immer als schön empfunden wird, eine Frau, eine Landschaft oder
ein Kunstwerk, es hat gleichermaßen zu unberührbaren Gegenständen von Anschauung und Imagination zu werden, wenn die 'Veredelung' der Sinnlichkeit glücken, die schöne Distanz trotz aller Zuneigung möglich werden soll. Die ästhetische Theorie fordert die Distanz, die literarischen Texte stellen sie dar. Noch während sie die
chaotische Wildnis gerade der Sexualität in vorsichtiger Sprache
stilisieren und schließlich scheitern lassen, folgen sie ihrem eigenen
Entwicklungsgesetz. Sie zeigen, dass und wie aus der körperlichen
Natur, die berühren, betasten und besitzen will, das gereinigte Vergnügen der Kunst entstehen kann und muss. Es entsteht immer aus
dem Untergang dieser Natur, es ist ihre Transzendenz, ihre verfeinerte Form.“ ('Die Ordnung...', 161f.) Diese Transzendierung und
Sublimierung steht in einer langen Tradition. Mancher Mythos hatte
genau diese Funktion darzustellen (vgl. Hartmut Böhme, 'Sinne und
Blick') und folgt man Girards Analyse des Sündenbockmechanismus,
so ist diese mehr oder weniger verstellte Darstellung schon ein
Spätprodukt, während im Opferritual die Sublimierung und Transzendierung mit Zähnen und Klauen vorgenommen wurde — noch
das faszinierende Schauspiel der Anatomie im 16. und 17. Jahrhundert partizipiert an Opferkult und Folterritualen. (Vgl. Klaus Mollenhauer, 'Der Körper im Augenschein — Rembrandts Anatomie-Bilder
und einige Folgeprobleme', in: 'Der Schein des Schönen', 182.)
Grimminger machte deutlich, dass Negation, Verzicht und Verstümmlung nur die geheime Rückseite des Bezugs zwischen Empfindsamkeit und Mitleid sind. Die Herstellung des Leids gehorcht
einer geheimen Versuchsanordnung und dient der Verwerfung des
Triebs als Beweis. An anderer Stelle (165) bietet sich sogar die
Schlussfolgerung an: Innerlichkeitsemphase, Trauer und Schmerz
verwandeln das Mitleid in einen Orgasmusersatz! Denis de Rouge19
mont — der einen Exkurs wert sein sollte — hat in 'Die Liebe und
das Abendland' (vgl. 184) Partnervermeidungszwänge als Grundlage
der romantischen Liebe aufgeschlüsselt und ihren geheimen Motor
— wie könnten Eros und Tod sonst in ein so inniges Verhältnis treten
— in der Todessehnsucht ausgemacht. Das Szenario der heiligen
Liebe kennzeichnet Spaltung und Trennung, die Vereinigung darf
erst im Tod stattfinden, die Liebe existiert nur als unglückliche von
der Abwesenheit ihres Objekts — die Leidenschaft als profanisiertes
Erbstück der Mystik trägt schwer an der vergeblichen Konzeption
eines abwesenden Gottes. Dieses Modell der Liebe als einer fundamentalen Abwesenheitsdressur steht in einem direkten Verhältnis
zum Mangel an sinnlicher und materieller Nähe — Girards Literaturanalysen führen die romantische Leidenschaft folgerichtig auf die
kulturschwule Rivalität zurück: Begehrt wird um des Konkurrenten
willen, das Objekt des Begehrens lädt sich an der Rivalität auf, aber
der mimetische Motor löst das Begehren von der Körperlichkeit ab.
Zwar wusste Ariès von sinnlicher Intensität und Nähe zum Material
zu berichten, fraglich ist aber, dass sie ein Produkt der Institution
Kirche und ihrer Haltestricke waren, wahrscheinlicher handelt es sich
um melancholisch stimmende Schwundstufen, um als Perversionen
wiederkehrende Reste des Verdrängten (176): „Wir haben heute
Mühe, uns die Intensität des früheren Verhältnisses zwischen Menschen und Dingen verständlich zumachen. Sie bleibt etwa noch beim
Sammler erkennbar, der den Objekten seiner Sammlung eine wirkliche Passion entgegenbringt und nicht müde wird, sie zu betrachten.
Diese Passion ist übrigens nie interesselos; selbst wenn die Gegenstände für sich genommen wertlos sein können, so verleiht ihnen die
Tatsache, dass er sie in einer seltenen Häufung zusammengetragen
hat, doch einen besonderen Wert. Ein Sammler ist also zwangsläufig
ein Spekulant. Nun sind aber Kontemplation und Spekulation, welche die Psychologie des Sammlers charakterisieren, auch spezifische Wesenszüge des Frühkapitalismus, wie er in der zweiten Hälfte
des Mittelalters und in der Renaissance in Erscheinung tritt.“ Wird es
einen Sammler geben, wenn keine Möglichkeit der Exklusivität besteht, wenn nicht mit anderen um die wette gesammelt werden
kann? Die Intensität des Verhältnisses scheint nicht nur Aufschluss
über die verdrängte und zugleich gemeinschaftsstiftende Gewalt zu
geben, sie ist auch im Kontrast zur gängigen Liebesvorstellung zu
sehen: stoned, eins mit den Dingen und ungerührt wie sie.
Oder mit einem anregenden Hinweis auf das Wechselverhältnis zwischen Materialismus und Idealismus — ihre Wahrheit finden sie
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dazwischen! (177) „Lässt sich von einer Zivilisation, die den Besitz
von Gütern und sie selbst derart entleert hat, sagen, dass sie materialistisch sei? Es war — im Gegenteil — das Hochmittelalter bis zur
beginnenden Neuzeit, das materialistisch war! Der Niedergang der
religiösen Glaubensinhalte, der idealistischen und normativen Moralvorstellungen des Alltagslebens führt nicht zu einer Welt von größerer Stofflichkeit. Die Gelehrten und Philosophen können ihren Anspruch auf die Erkenntnis der Materie ruhig für sich reklamieren; der
Durchschnittsmensch glaubt in seinem Alltag an die Materie nicht
mehr als an Gott. Der Mensch des Mittelalters glaubte an die Materie
und an Gott zugleich, wie er ans Leben und an den Tod zugleich
glaubte, an den Genuss der Dinge und an die Entsagung.“ Leider
wird das Dazwischen nicht thematisiert: ob Rivalitätsstruktur oder
Netz des Signifikanten, ob Relationsgefüge oder mimetischer Taumel, in deren Wechselbezug wird tatsächlich erst hergestellt, was
dann als Ordnung der Dinge ausgegeben werden muss. Dieser Materialismus des Hochmittelalters wurde geprägt von Todesangst und
Katastrophenbewusstsein. Er transzendierte die Materie zugleich,
lud sie mit Bedeutungen auf, versuchte ihr sogar Passierscheine für
das Jenseits abzugewinnen — die Leidenschaften des Sammlers
und Spielers, des Fetischisten oder Hasardeurs funktionieren als
theologische Auswüchse, wie die Liebe verdankten sie sich dem
Todesbezug vergeblicher, weil vergänglicher sinnlicher Intensität!
Solange der Tod gegenwärtig war, gezähmt durch die Kontinuität der
Lebensgemeinschaft und das kurze Gedächtnis der Weiterlebenden,
verhinderten kurze Mittelglieder zwischen Reiz und Reaktion, zwischen Bedürfnis und Befriedigung, den Absturz in melancholisches
Grübeln. Der Tod prägt die Bedeutungen, er wurde erst von jenen
„Asketen“, die der täglichen Lebensmühe enthoben waren, als Bedrohung der Persönlichkeit empfunden — viele der späteren narzisstisch verkrallten und mit Selbstbestrafungen arbeitenden Beweise
der eigenen Besonderheit verdanken wir ihrer Muße, auch die Repräsentation ist ein Produkt des Todesbezugs — Ariès sollte mit
Baudrillard und Kittler quergelesen werden: Lacan hat die Genese
des Symbols auf den Tod bezogen.
Hier wäre manches über die Wechselwirkung der Sinnesfelder einzufügen: taktiles, optisches oder akustisches Ordnen der Gegebenheiten; auch eine Kurzfassung von Benjamins mimetischer Theorie
und ihrer Umsetzung als Literaturmetaphysik oder relationaler Materialismus könnte angebracht sein, wäre aber so umfangreich, dass
21
dem Ansatz und einigen Folgerungen ein spezielles Kapitel zu widmen ist.
Ariès hat die Beziehung zwischen Portrait, Repräsentation und Tod
verfolgt. Vor allem der Bezug auf die Ähnlichkeit zeigt, wie sehr sich
die Einheit des Individuums, die spätere narzisstische Verkralltheit
des Selbst, des Fetischs Charakter, der Mortifikation verdanken und
mimetischen Ambivalenzen gehorchen. Individualisierung und Ähnlichkeit sind erst nach und nach als zwei verschiedene Entwicklungslinien am Grabmal zusammengewachsen. Die durch den Tod eingeleitete und durch Denkmäler geleistete Schematisierung einer Erinnerung, die Stiftung eines Sinns, hat den Charakter durch die Zeiten
zu retten. Die Individualisierung des Grabes tritt, sechs Jahrhunderte
nach dem Verschwinden des Grabes mit Bildnis und Inschrift, gegen
Ende des 11. Jahrhunderts wieder in Erscheinung. Adel und Kirche
lieferten unter stabiler gewordenen Verhältnissen die Vorbilder. Aber
es dauerte drei Jahrhunderte, bis Ähnlichkeit angestrebt wurde, bis
die Grabbildnisse zu wirklichen Portraits wurden. Und es ist zu beobachten, dass sinnliche Intensität und Nähe zum Material plötzlich
nicht mehr selbstverständlich sind. (332 f.) „Von der Mitte des 14.
Jahrhunderts an wird unser imaginäres Museum jedoch zum Portrait-Museum. ... Dieses Bedürfnis nach Ähnlichkeit ist nicht zwangsläufig und unausweichlich aufgetaucht. ... ein originärer und bemerkenswerter kultureller Wesenszug, der mit dem in Zusammenhang
gebracht werden muss, was wir aus Anlass der Testamente, der
makabren Bildwelt, der leidenschaftlichen Liebe zum Leben und des
Lebenswillens angemerkt haben, denn es besteht eine direkte Beziehung zwischen Portrait und Tod, wie auch eine Beziehung zwischen makabrer Verwesungsfaszination und gesteigertem Lebenswillen besteht. ... 335 Die Abnahme von Totenmasken...: man versuchte etwas aus dem Schiffbruch zu retten, was eine unverwesliche
Individualität zum Ausdruck bringt, namentlich das Gesicht als Geheimnis der eigenen Person. ... 336 Gleichzeitigkeit dieser unterschiedlichen Phänomene: Der Beziehung zwischen dem Antlitz des
Toten und dem Portrait des Lebenden (Trauermasken), der großen
Trauerkondukte und Leichenbegängnisse und der ersten monumentalen Gräber, die nach Art der Katafalke und ihrer représentations
erbaut werden. Es hat sich also eine enge Beziehung zwischen Tod
und Ähnlichkeit hergestellt... eine Beziehung wie zwischen gisant
oder priant des Grabes und realistischem Portrait.“ Die Figuren „gisant“ wie „priant“ stehen einem neutralen Zustand nahe, während
Repräsentation und Portrait einen unversöhnlichen Dualismus des
22
Seins voraussetzen. Der Glaube an einen neutralen Zwischenzustand beruhte auf der Ablehnung des Gegensatzes zwischen Toten
und Lebendigen, während Totenkult und Individualisierung, gesteigerter Lebenswille und angekurbelte Hysterie ihre Energien aus dem
mimetischen Motor beziehen. Anfangs waren die Zwischenwelten
und Übergangserfahrungen notwendig, um den Tod zu zähmen,
dann musste eine fixiertere und bewusster erfahrende Individualität
gerade die Zwischenformen und Übergänge mit dem Tabu belegen,
um den Tod fernzuhalten. Der psychotische Sog geht von der Ähnlichkeit aus (Girard); sie führt als Entdifferenzierung auf Formen des
Schreckens zurück, bei denen nur noch die Tötung eines Sündenbocks die Angst vor dem Tod zu bannen versprach; dessen Leiche
wurde als Gott oder Kulturheroe zur Garantie eines ewigen Jenseits.
Am kulturschwulen Fundament des Abendlands führte die Mimesis
des Todes zur Weisheit — die den Göttern vorbehalten bleibt —,
während Mortifikationstechniken die klaren Verhältnisse der ersten
Philosophie vorbereiten. Klaus Heinrichs religionsphilosophische
Einführung in die Logik verfolgt ein Wechselspiel aus Angst und Verleugnung, Reinigungsritual und Rationalität, 'tertium datur': „47 Mit
diesen bedrohlichen, dämonischen, mit Schicksal und Tod, mit Zerrissenwerden und zuletzt mit Orientierungslosigkeit, also Sinnlosigkeit des Lebens drohenden Qualitäten wird verfahren, indem von
ihnen mit einem entdämonisierenden Satz gesagt wird: Dies alles
hat keine Existenz; ... 49 der wissende Mann kann sehen, wie diese
ganze Scheinwelt entsteht und wieder vergeht; er wird davon nicht
berührt, er hat das unwandelbare Sein, er hat hier die Offenbarung
des schicksalslosen, schicksalsüberlegenen Seins — allerdings um
den Preis, dass dieses zu haben gleichzeitig bedeutet, sich selber so
weit wie möglich dem Totsein anzuähneln. ... 57 f. Die Mythologie ist
realistischer als die Philosophie: sie benennt Erfahrungen als
unausweichlich; ihre Figur dafür, dass sie begründende Erfahrungen
sind, dass sie die eigentlichen Gründungs-Erfahrungen sind für alles
das, was sich später in dieser Form, nach ihrem Modell, begreift. ...
der Realismus, in dem die Mythologien von den Erfahrungen der
Menschen reden, ist nicht nur Realismus im Sinne: So ist es... sie
sind nur die andere Seite des Ritus. In ihnen wird jeweils dargestellt:
Tod und Zerrissen-Werden; aber dabei bleibt es nicht: jedes Jahr
zeigt, dass von neuem etwas beginnt, was wächst, was sich entfaltet, was dann abermals den Keim des Todes in sich trägt — und
dieser ständige Umlauf, der immer wieder das Gleiche bringt, ist das
Heilsversprechen (in der Realität, die gespielt und dargestellt wird)
23
als die andere Seite der Mythologie.“ Was der Mann der Substanzmetaphysik nicht aushält, darf er verleugnen oder ästhetisch entschärfen, immer aber meint er Verhängnisverhütung zu treiben und
flüchtet nebenbei vor einer Fruchtbarkeit, für die er keine Begriffe
findet. „70 ...die Große Leere. Das ist ein Attribut, wie es Göttinnen
zuteil wird. ... eine unterweltliche daimon, die alles zu grausiger Paarung und Geburt trieb. Eine weibliche Dämonin beherrscht die
Mischwelt, von der sich die Sätze der Logik zu befreien versuchen,
gegen die die Offenbarungen der Logik (von dem Einen, unveränderlichen, alterslosen Sein, von den Grundsätzen seiner unveränderlichen Identität: dessen, dass es da keinen Gegensatz gibt, dessen,
dass eine Mischung nicht zugelassen ist) sich wehren. ... Kennzeichen der ganzen griechischen Philosophie: sie ist essentiell dort, wo
sie ihre Logik entwickelt... homosexuell. Das heißt: sie ist es in exakt
der Weise, dass 'Mischung' und 'Mischung': Vermischung als Geschlechtermischung und Mischung als dieses aus Leben und Tod
Gemischte, miteinander identifiziert sind; dass an sich das Weibliche
als Verschlingendes und Gebärendes erscheint; und dass sich die
Philosophie mit ihrem Privatmysterium wendet gegen einen Kultzusammenhang, der Jahrtausende lang... ein Kult der Großen Mutter
gewesen ist.“
Die Verleugnung von Mischungen und Zwischenwelten und die
Angst vor angeblich heilloser Generativität führen zur Panik, wenn
mühsam hergestellte Unterschiede zerfallen, wenn die beschworenen Differenzen für Augenblicke nicht helfen, weil sie nichts unterscheiden — auf die hier wirksamen Kriegsschauplätze der Geschlechtsdifferenz wird später einzugehen sein. Diese Nicht und
Nichts sind Angelpunkte, weil sie für den Tod und das Geheimnis
stehen und in den Ritualen kunstvoll überbaut wurden. Von der Erotik bis zur Theologie: Immer soll davon ausgegangen werden, dass
hinter dem Schleier die Wahrheit zu finden sei, wenn sie nur erträglich wäre. Dabei symbolisiert diese Unerträglichkeit vermutlich nur,
dass die Abwesenheit des gefürchteten Gesuchten unerträglich ist.
(Devereux nannte als primäre Angstauslöser das Schweigen der
Natur, des Gottes, der Macht!) Alle Draperien, alle Repräsentation,
jedes Spiel mit dem zeigenden Verbergen und dem verbergenden
Zeigen ziehen ihre Macht aus dem Wechselspiel aus Angstbewältigung und psychotischem Sog. Die Installierung konventioneller Mittelglieder zwischen Reiz und Reaktion, die Institutionalisierung der
feinen Unterschiede, die Codierung geschlechtlicher Rollen und gesellschaftlicher Sphären sind lediglich verschiedene Einsätze in ei24
nem Spiel, dessen Preis keiner nennen darf. Nur deswegen sind die
späteren kulturelle Anstrengungen so unfruchtbar: Sie arbeiten sich
an Stellvertretern von Stellvertretern ab, sind auf Nebenkriegsschauplätzen von Nebenkriegsschauplätzen zu Hause. Ersatzbefriedigung und Machtspiel haben darüber hinwegzutäuschen, wie wenig
dem Individuum in Institutionen bleibt; Machtspiele sind etwas für
Machtlose; erpresste Identität und ausgeschlossenes Drittes dienen
als Beruhigungsmittel kulturschwuler Vereinigungen.
Die Welt, in der sich das instinktreduzierte Lebewesen Mensch bewegt, ist eine der Sprache, der sprachliche Kosmos seine zweite
Natur. Sprache handhabt Abwesenheiten, Entmaterialisierung und
Tod sind ihre genauer zu betrachtenden Brennpunkte. Um 1800 fand
ein gewaltiger Rückstau der Libido auf Mütter statt und potenzierte
frühere Ängste, während sie völlig unkenntlich gemacht wurden. Die
Mutter wurde zur Phantomgeliebten, im Resultat war Kindersexualität ein Programm, das lebenslänglich gebundene Delegierte hervorbrachte und zur Beziehungsunfähigkeit verurteilte. Im Gegenzug wucherte die Sprache als Dichtung, die Halluzinierbarkeit der Mutter
zwischen allen Zeilen durfte den Mangel versüßen. Kultur wurde in
den Institutionen zur alma mater, und kritische Einsichten verhindern
den Behördenmenschen oder die verwaltete Welt nicht etwa, sondern machen sie lebensfähig. Simulanten der Selbstheit garantieren
von da an Den Menschen.
Die Stillstellung wurde durch Abwesenheitsdressuren geleistet: aus
dem romantischen Ausschweifen in weite Fernen wurde in der nächsten Instanz der Krieg: letzte wirkliche, weil tödliche Erfahrung einer
sinnleeren Welt, die jüngste Instanz war dann das Medium als Botschaft: Anschluss an Surrogatsinne dauernder und willkürlicher Informationsströme. Der von Lacan unterstrichene Todesbezug des
Fort-Da zu Beginn der Sprachentwicklung führt auf die aller Handhabung von Abwesenheit zugrundeliegende Frustration: Alleine gelassen und ausgeliefert zu sein. Abwesenheit ist vom Tod noch nicht
unterschieden, später geht sie in Todstelleffekte über und wenn die
ursprüngliche Angst nicht abgearbeitet wird, wenn ihre Wiederkehr
droht, bietet sich die Flucht in den Tod an. Dagegen beruht symbolisches Leistungsvermögen auf einem Quantum Urvertrauen, das in
die sprachlich konstituierte Welt überführt wurde: Durch die Lust am
Spiel mit den Abwesenheiten. Urvertrauen meint nichts metaphysisches, sondern die positive Zuweisung eines Ortes im Signifikantennetz, Namensgebung als Hohlform späterer Entwicklungsmöglichkeiten, von der ausgehend sich Gewissheiten des körperlichen Um25
gangs bilden und Welt sensomotorisch einverleibt werden kann.
Doch diese Übertragung wird immer auf den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext angewiesen sein: Sie kann in Idealisierungen des
Zwangs, in ein Lob der Askese umkippen oder aber modernisiert
zum Resignieren in der Ersatzbefriedigung taugen. Mittlerweile prägen Massenmedien das Realitätsprinzip und sorgen für ein multimediales Anderswo, Phantomfamilien (Anders, 'Die Antiquiertheit des
Menschen') verlängern die Abhängigkeit auf Lebensdauer.
Kontrastfolien lieferten Sartres Beobachtungen. (Mallarmé): Jener
frühgeschichtliche Wahn, im Kind einen Verstorbenen wiederzuentdecken und danach das Kind zu modellieren, sei modernste Alltagspraxis.
(Baudelaire): Baudelaires Reue mache den Eindruck, als gehe sie
der Tat vorher — die fundamentale Unaufrichtigkeit, sein Schwanken
zwischen Sein und Existenz ist eine Entlastung von der Eigenverantwortung. Entlastet die Tat von vorwegnehmenden Gewissensqualen oder wird er zum Vorläufer des Stillgestellten und Überangepassten, der den Vorhof der Möglichkeiten nur auf der Folie des Verzichts
aushält? Sartre nennt Urentscheidung, was nur als Netz der Signifikanten verstanden werden kann. Damit wird ein Wiederholungszwang zum Akt der Freiheit umgefälscht — einleuchtend beim Dieb
Genet, der sich als Ausgestoßenen wählt —, was gerade bei Baudelaire oder Mallarmé nicht stimmig ist. Den Zusammenhang stellt
Sartres positive Wertung des Imaginären her, (vgl. aber die Analyse
der eigenen Ewigkeitsneurose Literatur in 'Die Wörter', der Bezug
zwischen Produktivität, Mangel an Über-Ich und Mutter in der Rolle
der Schwester) geschätzt als Notausgang, als Entscheidung für den
eigenen Entwurf, wenn es sich um einen Entwurf handelt, der nicht
zu leben ist. Allerdings schon im Saint Genet findet die Urentscheidung im diskursanalytischen Sinne einer Ur-Szene statt! Wenn das
Imaginäre als Spiegelbeziehung aufgefasst wird, als Medium illusionärer Identitäten nach dem Vorbild ihrer Majestät der Eltern, kann es
nicht den Entwurfcharakter der Freiheit tragen, es wird sie unmöglich
machen. Ob Baudelaire oder Flaubert, der Dienst an der Kunst hat in
vieler Hinsicht die infantilen Abhängigkeiten zu verschleiern oder zu
idealisieren. Wenn es darum geht, die Zwänge zu sprengen, die
Energien abzugraben und umzuleiten, sollte mehr rausspringen, als
lediglich der Bezug zwischen individueller und gesellschaftlicher
Neurose. Neurose ist Institutionsminiatur — Sonnemann!
Zornig, lüstern oder resigniert wurde ungelebtes Leben dementiert,
während die im Mutterbezug fixierte Sexualität Energien in den Mo26
tor der gesellschaftlichen Entwicklung einzuspeisen hatte. In der
Phrasenhaftigkeit der verwalteten Welt führen geheime Abkürzungen
in einen Garten beschnittener Lüste: Freuds Vorlustprinzip ist ein
Äquivalent der ästhetischen Wahrnehmung. Was vielleicht einmal
den Vollzug einer heiligen Handlung vorbereiten und aufheizen durfte, wurde gebremst und verbogen, dann aber um seiner selbst willen, als Beweglichkeitsreservoir der Institutionen, gepflegt. Selbsternannte lustbetonte Charaktere konnten ab einem gewissen Grad der
Stillstellung sogar zu gepriesenen Vorbildern werden, auch wenn sie
nur „große Masturbatoren“ waren. Die von Fritz J. Raddatz (in:
„Stichworte zur 'Geistigen Situation der Zeit'„) als Kennzeichen der
Kunst und Literatur der 70er Jahre beklagte „Kontaktsperre“ im Verhältnis der Geschlechter ist viel früher zu datieren — und sie diente
der Entwicklung der Produktivkräfte. Die Selbstbefriedigungs- und
Selbstzerstörungsriten fanden lange genug auf der Rückseite der
Liebeslyrik und der romantischen Geschichten statt, die in der Regel
im Dienste der Partnervermeidung arbeiteten, während erst mit dem
Mangel an Liebesgeschichten deutlich wird, woran es seit zwei Jahrhunderten immer häufiger mangelt.
Umfassende und andauernde Geilheitsdressuren wirken im Sinne
des Marktes und beschleunigen die Zirkulation abstrakter Einheiten,
solange die Negation der materiellen Zugänge zur Welt Voraussetzung jeder Erziehung ist. Der hysterische Sozialcharakter bewegte
sich in imaginären Welten, nachdem einmal festgeschrieben wurde,
dass reale Befriedigung für den Menschen nicht zu leben sein soll:
Der actus purus wurde delegiert.
Im 20. Jahrhundert sind die politischen Schattenseiten einer durch
ästhetische Wahrnehmung verstärkten Antriebsstörung nicht mehr
zu verleugnen. Der Futurismus feierte den Krieg, weil der erst die
technischen Möglichkeiten für ein Schauspiel ohnegleichen freisetzte, der Faschismus steckte die Welt in Brand, um sie in ein Gesamtkunstwerk zu verwandeln. Die Protagonisten waren oft genug kleine
Spießer, in Form getretener Quark, zu feige, einen eigenen Furz zu
lassen. (Castanedas Don Juan: Wer furzt der lebt!) Seitdem schieben Supermächte die Entscheidung über ein Ende der Welt vor sich
her, keiner will es gewesen sein und jeder hat Angst vor dem andern, aber am Bildschirm und im Kino wird der Untergang längst
konsumiert — wie wäre die freigesetzte Angst sonst auszuhalten.
Sloterdijk ('Kopernikanische Mobilmachung...', 39) formulierte: Ästhetik sei die Krücke, auf der sich eine unmögliche Philosophie durchs
20. Jahrhundert schleppe. Refugium, in dem ein archaischer Wahr27
heitsbegriff — als Vision des wahren Lebens — überwintere. Er
sieht, welche materialen Zugänge zur Welt hier aufbewahrt sind,
dass diese Vision des wahren Lebens vielleicht einmal einen realen
Grund im mimetischen Vermögen hatte (vgl. Benjamins mimetische
Theorie als materialistische Fundierung seiner Relationsmetaphysik)
und übersieht, dass sie nun mit der gespeicherten Kraft der Mimesis
entgegengesetzten Zwecken der Welt- und Lebensersparnis dient.
Altpapierrecycling. Präsentation, Repräsentation, Norm — vom
Königsmechanismus zur Ersatzleistung: Die Monstrosität jeglicher Norm zeigt sich an ihren frühen Vorläufern. Das gemeinschaftsstiftende Opfer, die Entlastungsfunktion des Sündenbocks waren an
die Erfahrung der Entdifferenzierung und der Krise gebunden. Willkürlich hergestellte Stigmen waren ein erster Versuch, die Krise zu
besänftigen, aber die mimetische Eskalation beruhigt sich erst auf
einem Friedhof der Bedeutungen, und Zeichen gewordenes Fleisch
lieferte den gesellschaftlichen Kitt (vgl. Serres, 'Carpaccio'; Girard,
'Der Sündenbock'). Das Monster hatte ähnliche Funktionen zu erfüllen, es mahnte den Menschen und verwies ihn auf die über ihm
wirksame Macht.
Vergleiche Etymologieduden: Monstrum s „Ungeheuer; großer, unförmiger Gegenstand; Ungeheuerliches, Riesiges; Missbildung,
Missgeburt (Med.)“: Im 16. Jh. aus gleichbed. lat. monstrum entlehnt,
das mit einer Grundbed. „Mahnzeichen“ zu lat. monere „mahnen“
(vgl. monieren) gehört.- Dazu: Monster... (aus engl. monster < a)frz.
monstre < lat. monstrum) als Bestimmungswort von Zusammensetzungen mit der Bed. „Riesen..., riesig“, wie in Monsterfilm „Film, der
mit einem Riesenaufwand an Menschen und Material hergestellt
wurde“; monströs „ungeheuerlich, missgestaltet“ (17. Jh. älter:
'monstros'; aus lat. monstr(u)osus „ungeheuerlich; widernatürlich,
scheußlich“ bzw. frz. monstrueux). — Beachte noch das von lat.
monstrum abgeleitete Verb lat. monstrare „zeigen, weisen, hinweisen, bezeichnen“ in den FW > Monstranz, > demonstrieren, Demonstration, demonstrativ, ferner in unserem LW > Muster und dessen Ableitungen.
Die etymologische Wurzel der Monster führt in ein Denk- und Weltsystem zurück, in dem Theologie und Naturgeschichte einander
durchdringen oder ergänzen. Die von Foucault für diese Zeit präparierte 'Ordnung der Dinge' wurde durch Symbole — Bedeutetes und
Bedeutendes zugleich — bewirkt. Diese Ordnung war aufgrund von
Ähnlichkeiten und Signaturen gedacht worden; auch wohlverborgen,
28
sie waren prinzipiell auffindbar. Es ist die Welt der Präsentation, das
Zeigen, die Ein- und Anordnung aufgrund von Ähnlichkeiten, die
Zeichen an den Dingen.
Wenn frühere Raritätenkabinette Monstrositäten ausstellten, so als
Besonderheiten, wie andere Preziosen. In diesem Zusammenhang
ist ein Rahmen der Heilsgeschichte vorgegeben, göttliche Vorsehung garantiert die Ordnung. Abnormitäten waren auf die Ordnung
der Dinge bezogen, nur den Zusammenhang musste man der göttlichen Macht vorbehalten. Also gaben sie den Anlass für Grübeleien
und absonderlichste naturgeschichtliche Hypothesen — wobei entscheidend ist, dass sich eine eigentliche und von der Theologie
unabhängige Naturgeschichte erst ausbildete, als die Repräsentation
in den Vordergrund trat.
Die Welt der Repräsentation wiederholt die Welt der Präsentation in
einem qualitativ neuen Seinsbereich: dem der Zeichen und ihrer
Bedeutungen. Hier wird die Macht, das heißt die rechtssetzende
Gewalt, bedeutsam, denn nur ihre Reflexion scheint den Zusammenhang von Zeichen und Bedeutung zu verbürgen. Die derart hergestellte Dignität der Konvention rückt das Monster in einen weiteren
Zusammenhang: Es wird zur Beweisfigur — und wiederholt auf der
Ebene der Bedeutungen und Bildwelten jenen Wirkungszusammenhang der Verfolgung, aus dem gesellschaftliche Macht erst hervorgegangen war. Schon hier ist eine Einsatzstelle jener Kritik auszumachen, die mit Benjamin von der „objektiven Verlogenheit“ der
Konvention ausgeht und als Ergebnis dann die Norm findet.
Eine andere Ordnung entsteht mit der Norm aus der Bewegung des
Sich-Absetzens von der Welt der Repräsentation in die der Innerlichkeit: Das bürgerliche System der Selbstdefinition auf Kosten des
anderen und mancher lebendigeren Alternative beruht auf sublimierten Todesritualen. Gesundheit wird erst thematisiert, nachdem die
Kontrastfolie Krankheit definiert ist — die Spezialisten waren häufig
genug Komplizen des Todes. Menninger ('Selbstzerstörung') erinnert
nicht umsonst an den Leitsatz: Ein guter Arzt habe den Patienten
(und dessen Familie) vor allem daran zu hindern, sich umzubringen.
Das zeigt sich heute als Problem einer auf Eigenwerte des Lebens
bezogenen Medizin: Es fällt noch immer sehr schwer, Bedingungen
der Gesundheit und Rhythmen des Lebendigen auf die Spur zu
kommen.
Zum Spiel zwischen Repräsentation/Norm treten Prozesse der Internalisierung hinzu. Elias „Königsmechanismus“ führt schon für die
Welt der Präsentation vor, wie der Prozess der Machtzentralisation
29
einen Schub Verinnerlichung auslöst. Die vorgeordnete Macht wird
ertragen, indem man ihre Regeln aus Gründen des Prestiges für sich
nachzuspielen beginnt. Manches, was von protestantischer Ethik
und innerweltlicher Askese zur Konstitution eines transzendentalen
Subjekts beitragen sollte, um im bürgerlichen Charakter verdinglicht
zu werden, gibt sich nach außen hin protzig und pompös, während
es im Innern schon Verzagtheit oder Resignation befördert. Habermas' 'Strukturwandel der Öffentlichkeit', der Übergang von der Repräsentationsöffentlichkeit zur bürgerlichen Öffentlichkeit zeigt, es ist
eine entschärfte Öffentlichkeit für den privaten Leser; oder Kosellecks 'Kritik und Krise' führt auf die Pazifizierung der bürgerlichen
Welt durch Ausgrenzung und Verlagerung ihrer Konflikte an den
Rand. Nachdem die mittelalterliche Ordnung der Welt aufgebrochen
war, wanderte sie als Modell der jeweiligen Machtkonstellationen in
Köpfe und Körper hinein. Sie wurde als Schema internalisiert: Notwendiger Halt in einer wacklig gewordenen Ordnung. Ein Begleitprozess zur Rationalisierung der Welt, die nicht vernünftiger werden
musste, nur immaterieller und instrumenteller: ob Herrschaftsinstrument oder Ausbeutungsobjekt. Je besser die jeweilige Macht verinnerlicht wird, je weniger muss sie sich bemerkbar machen. Die Repräsentation der Macht wurde diffuser.
Foucaults archäologische Grabungen auf den Friedhöfen der europäischen Wissenschaften, seine Vermessung der Katakomben ihrer
Weltbilder, führen auf zwei Brüche, die für unser Denken und Wahrnehmen von entscheidender Bedeutung sind, weil wir sie nicht mehr
bemerken wollen. Die Geltung von Norm und Funktion hat sie verbannt an den Rand des Diskurses und in die Abwegigkeit des Unbewussten. Doch von dort aus beharren sie noch immer auf Gültigkeit. Sei es als Rückwendung der poetischen Sprache auf sich
selbst, sei es als Fehlleistung und was sich sonst noch mit dem Präfix ver- verbinden mag: verstecken, verdrängen, vergessen, verschieben, verdichten, vergnügen...
Bis zum 16. Jahrhundert ist Ähnlichkeit wichtig; die Welt als Buch
und Don Quichotte als ihr zu spät gekommener Narr. Der erste
Bruch zeigt sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Die durch Synthesen besorgte Gesamtschau entlang Signaturen und im Glauben an
Symbole wird abgelöst vom unterscheidenden, analytischen Denkgestus des klassischen Rationalismus. Programm ist die mathesis
universalis, Erfolg die Repräsentation. Die Ordnung des Diskurses
verwandelt die Welt in ein unendlich dicht vermitteltes Netz von Repräsentationen. Sade handhabt diese Geometrie der Macht als letzter.
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Zu dieser Zeit, beginnend etwa um 1770 und parallel zur Reduktion
des Großen Hauses auf die konjugale Kernfamilie, verliert die Macht
der Repräsentation an Gültigkeit. Ab etwa 1800 kündigten sich Spiele der Moderne an. Wechselverhältnisse von Norm und Funktion, die
Repräsentation degenerierte zur Ersatzleistung — aber der in ihr
verborgene Todesbezug begann zu wuchern.
Von der Präsentation über die Repräsentation zur Norm wird die
Welt abstrakter und vermittelter, dagegen gewinnen die Zugänge zur
Welt immer mehr Eigenleben. Die Welt der Repräsentation wird in
den gängigen Theorien an der des Adels abgelesen. Wenn der Adlige aus dem Fenster schaut, so sieht er seine Ländereien, weiß wer
er ist und stellt sich mit dem notwendigen Prunk dementsprechend
dar. Eine auf eine göttliche Ordnung bezogene Macht wird repräsentiert und weist einen Rang in der Hierarchie zu. Wenn dagegen der
Bürger wissen will, wer er ist, macht er den Tresor auf oder er stellt
sich sein Bankkonto vor. Ansonsten beschränkt er die Welt der Repräsentation auf die Kultur. Für ihn herrscht ein verinnerlichter Marktmechanismus. Die gesellschaftliche Macht ist zum Gewissen geworden, weil sie mit Privilegien ködern konnte. Ein weiterer Schritt:
Mängel und Abwesenheiten treiben den Kleinbürger in die Repräsentation der Massenmedien. Eine nach innen gerichtete Paranoiadressur musste wieder veräußerlicht werden, wenn Erkennungszeichen dem Satz: Was sollen denn die Leute denken! weiterhin Gültigkeit garantieren sollten. Zur gehaltvollen Bedürfnispolitik langte diese
Selbstdefinition nicht, schon deshalb mussten die Urteile gegen Abweichungen rigoros ausfallen.
Die Modernisierung, nach Wirtschaftswunder und Wohlfahrtsstaat,
lautet heute nicht anders. Nur ist längst klar, dass die Leute nicht
denken, sondern dass für sie gedacht wird. Machtspiele der Repräsentation bedienen sich der mimetischen Ambivalenz: anziehen und
abstoßen, anähneln oder ausgrenzen. Das Medium liefern Gruppenidentitäten, das Spiel ist der Mode unterworfen und der Einfluss der
Familie schrumpfte zugunsten anonymerer Sozialisationsagenturen.
Ein psychologisches Repertoire taugte, die ganze Welt in eine Phantomfamilie zu verwandeln — die von Todesritualen besessen ist.
Die meisten Intellektuellen wollten Funktionen der Repräsentation in
den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts nicht ernstnehmen.
Benjamin hat auf die Funktion verwiesen, als er versuchte den Faschismus zu begreifen. Der Faschismus als Massenbewegung war
schließlich, wie Theweleit vorgeführt hat, die Folge einer sozialpsychologischen Bedürfnisstruktur. Ventil des enthemmten Spießers,
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des unvollständig sozialisierten und gleichzeitig Überangepassten —
Resultat einer stillgestellten und verhärteten psychischen Ökonomie.
Die Ventilfunktion hat es in sich; sie macht aus Massen „Ornamente“
(Kracauer) der Macht. Benjamin hat sie genau getroffen: „Der Faschismus versucht, die neuentstandnen proletarischen Massen zu
organisieren, ohne die Produktions- und Eigentumsordnung, auf
deren Beseitigung sie hindrängen, anzutasten. Er sieht sein Heil
darin, die Massen zu ihrem Ausdruck (beileibe nicht zu ihrem Recht)
kommen zu lassen.“
Mittlerweile sind Massenbewegungen in Massenmedien stillgestellt
worden, dafür hat der Einzelne mit der Turnschuhgeneration neue
Sozialisationsforderungen zu erfüllen: Gesundheit heißt Beweglichkeit, Fitness ist Trumpf, der Körper wird wiederentdeckt und starre
gesellschaftliche Rollenanweisungen werden vom Immer-nurLächeln abgelöst. Die von Elias am Modell des Königsmechanismus
vorgeführte Verinnerlichung wird im Prozess der Informalisierung
ergänzt und korrigiert durch Veräußerlichungen — die Abstraktionszwänge der Repräsentation gehen unmerklich über in die Simulation
von Lebendigkeiten.
Konservierende Formen des Ausdrucks führen auf bescheidende
Selbstdarstellungen zurück — auf proletarische Perspektiven muss
heute nicht mehr eingegangen werden. Farbigste Massen, rot-rosalila-grün-schwarz-braun, haben Teil an modischen Bewegungen:
Eine unheimliche Repräsentation. Als Eitelkeitsdressur sorgt sie für
Hektik und als Garant für Gruppenzugehörigkeiten stellt sie still!
Der modernisierte Kleinbürger repräsentiert Massenkultur und Unterhaltungsindustrie, und er wird von ihnen repräsentiert — unter
dem seltsamen Vorbehalt, Einzelner zu sein. Aus diesem Wechselspiel ergeben sich die Möglichkeiten der Selbstdefinition aus den
ausgelutschten, wiedergekäuten Resten dessen, was er Leben nennen soll. Eine Totalisierung der Regel, nach der massenweise Reproduktion der Reproduktion von Massen entgegengekommen war. Er
ist die Ware, die sich selbst genießt und mit Anders ist zu korrigieren: Inzwischen wird nicht Masse, sondern massenhafte Einsamkeit
hergestellt. Der modischen Evolution immergleicher Beklopptheiten
entspricht ein leerlaufender, nihilistischer Fortschritt. Der Nihilismus
war einmal eine Entlarvungsgebärde, mit der im 19. Jahrhundert
abgestorbener großbürgerlicher Kulturschrott beiseitegeräumt wurde. Schon Nietzsche hat allerdings Bezüge zur christlichen Sklavenmoral hergestellt, die damit einhergehende Bilderflut, das Wuchern der Phantasie, unterstehen theologischen Registern und prä32
gen die Materialisierung der Vorstellungen und Ängste. Dieser Nihilismus bereitete den Kleinbürger um so besser auf die gegenwärtige
Prostitutionsschulung vor. Ihre Wurzeln reichen in die Selbstverleugnung durch Arbeitsethik und sogar bis in die Weltflucht des Individuums zurück. Die Einfühlung in den Tauschwert steht an der Wiege
der Massenunterhaltung, als ausuferndes Suchtverhalten prägt sie
Wahnspiralen des Konsums. Die Beliebigkeitsschulung resultierte
aus der Reduzierung verbindlicher Werte, die Manipulationstechniken aller Arten Propaganda setzten eben diesen Mangel voraus.
Allerdings scheint die Ausgeliefertheit gegenüber den Spielen der
Warenästhetik nur eine späte Konsequenz der Simulation, der schon
die verbindlichen Werte gehorcht hatten: Der Mensch machte sich
was vor — er wurde zum Dichter und Schauspieler, um Überzeugungen bemühen zu dürfen —, vom Schamanen oder Gaukler zur
sich selbst erfüllenden Prophezeiung... (Vgl. Bilz, 'Paläoanthropologie II', 278)
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Krise der Kritik, Wandel der Mimesis, Autonomie der Kunst:
Benjamins Feststellung zur Lage der Kritik passt heute wie vor 60
Jahren, nur betrifft sie alles, was einmal Kultur genannt wurde: „Narren, die den Verfall der Kritik beklagen... Kritik ist eine Sache des
rechten Abstands.“ Der rechte Abstand war das durch Traditionen
oder Gattungsgeschichten vermittelte Verhältnis aus Nähe und Ferne; Benjamin fasste Überlegungen des Kunsthistorikers Riegl zusammen, wie Taktilität, Nahsicht und Fernsicht in einem Kunstwollen
organisiert werden und Weltwahrnehmung ermöglichen. Nachdem
das Geld als Schrittmacher der Abstraktion von Welthaltigkeit und
materialer Nähe fungiert hatte und Ströme des Kapitals in künstliche
Warenwelten umgeleitet werden konnten, ist die Welt als Materie
unendlich ferngerückt, als Information und Sensation dagegen
brennt sie unter der Haut. Mangelt es am richtigen Verhältnis aus
Nähe und Ferne, hat traditionelle Kritik Teil an der Verschleierung
ihrer gesellschaftlichen Funktion: Entlastung und Legitimation. Wie
lange taugt sie schon für Delegierte? Wie häufig war der rechte Abstand der der Idee?
Der sogenannte Verrat der Intellektuellen an der Idee hatte selten
genug stattgefunden oder war zu einer Aktualisierung der Rolle des
Hofnarren geraten. Die ewigen Werte allerdings konnten nicht übler
gepflegt und vertreten werden — falls es sie jemals gegeben hat: Zu
ihren Verteidigern hatten sich eben jene subalternen Denker ernannt, die nicht in der Lage sein konnten, zwischen einer leeren
Konvention und der Objektivierung ungewohnter, abweichender
Empfindungen oder überdurchschnittlicher Kraft, der Prägung von
neuen Erfahrungen angemessenen Begriffen, zu unterscheiden. Die
Hochschätzung des Ideals der abstrakten Persönlichkeit und die
Ausarbeitung der entsprechenden Kataloge guten und richtigen
Handelns nahmen ihren Anfang bei Klerikern; was an Wertlehren
aufgestellt wurde und auf die Menschenmodellierung einwirken sollte, kann diese Abkunft nicht verleugnen: Sie verdanken außerweltlicher Askese und körperlichem Verzicht wesentliche Anregungen,
Angst vor dem Tod schmiedete die endgültigen Formen. Hebräische,
griechische und römische Wurzeln des mittelalterlichen Denkens
hatten Mortifikation und Entmaterialisierung zur Voraussetzung.
Double-binds in den Gründungsakten, Freuds Gegensinn der Urworte war einer der Urverhältnisse: Leben ist Tod, Lust ist Leid, Angst ist
Glaube, usw. Was vom Individuum heute narzisstische Blicktäuschung und Selbstzerstörung fordert, prägte einmal die großen Institutionen der Menschheit.
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Solange die Stufenleiter der Werte einer gottgegebene Hierarchie
gehorchte, kam jede Infragestellung einer Gotteslästerung gleich,
der Mensch brauchte nicht zu wissen, er sollte glauben, alles Vernünfteln war Unrecht. Die Inhumanität der Theologie schützte gegen
den mimetischen Taumel und bewirkte zugleich, dass die Hierarchie
ihr Eigenrecht behauptet und damit ein Bild vorgegeben hat, nach
dem Verzicht und Askese, Selbstverstümmlung und Verrat als Konstituentien des Menschlichen galten. Blumenberg bemerkt an verschiedenen Stellen, dem Menschen werde innerhalb des Absolutismus der Theologie oft alle Gewissheit genommen, der Rationalität
jeder Wert abgesprochen. Das Wissen-wollen ist satanisches Prinzip, die Menschen sollen glauben. Das Wissen ist bei Gott und die
Unwissenheit als Vertrauen in ihn ist Voraussetzung der Offenbarung, die sich in der Kirche und ihrer Macht als Institution objektiviert:
Auf diesem Fundament behaupten heute Institutionen den Vorrang
vor den menschlichen Belangen und arbeiten an der verwalteten
Welt.
Wie wenig Lernbereitschaft für die kirchliche Hierarchie selbst übrig
blieb, zeigt die von Groethuysen dargestellte Unfähigkeit, bürgerliche
Welt- und Lebensanschauung überhaupt als solche zu erkennen.
Europa hatte sich mit der Umkremplung des Weltbilds, der Entdeckung Amerikas, den neuen ungeheuren Reichtümern verändert,
größere Städte, wachsende Mobilität, intensiverer Handel, aufblühende Industrie wandelten das Verhältnis zu Arbeit und Geld. Arbeit
galt der katholischen Weltanschauung als Fluch, Geldverleih war
eine Sünde. Mit dem bürgerlichen Arbeitsethos wird Arbeit für einen
gesellschaftlichen Stand, der in der dualistischen Weltaufteilung der
Kirche in arm und reich nicht vorgesehen war, zur Bestätigung richtigen und guten Lebenswandels; ab einem gewissen Kapital arbeitete
das Geld mit, also konnte auch auf der rechtmäßigen Investition kein
Makel liegen. Der Unterschied der Weltanschauungen schien nicht
kommunizierbar, je mehr die Kirche auf einer weltflüchtigen Moral
beharrte, je besser widerlegte der zeitgemäße Erfolg des bürgerlichen Arbeitsethos nach und nach das ganze kirchliche Gedankengebäude — anders als in den protestantischen Ländern: Arbeit als
innerweltliche Askese sorgte für eine größere Kontinuität der Abhängigkeitsverhältnisse. Der moralisch zu legitimierende Fortschritt koppelte die bürgerliche Welt- und Lebensanschauung von der katholischen ab, sie wurde zur Privatsache, während der angekurbelte
kritische Schub — in Frankreich stellvertretend für die restlichen
35
europäischen Herrschaftsformen — die Zeit weitertrieb und nun andere Werte in Angriff nahm.
Das achtzehnte Jahrhundert war das der Kritik. Kosellecks der Institutionenlehre verpflichtete Ableitung des Verhältnisses von Kritik und
Krise richtet der bürgerlichen Kritik ein Schuldkonto der Verlogenheit
ein: Kritik berufe sich auf die Krise, um Programme der Aufklärung
zu legitimieren, rede die Krise aber erst herbei — hier ist der Begriff
der Krise auf den mimetischen Taumel zu beziehen, der ein Resultat
der Entdifferenzierung ist. Der absolute Monarch hatte verfeindete
gesellschaftliche Parteien und Tendenzen gegeneinander auszuspielen und dafür zu sorgen, dass sie sich in Schach hielten. Die Gefahr eines Bürgerkriegs war geheimer Trumpf und sicheres Fundament des Absolutismus. Der Anspruch der Aufklärung, durch Kritik
auf Krisenherde aufmerksam zu machen und Reformen zu ermöglichen, bringe eine vorgegebene, aber mühsam errungene Balance
der Kräfte durcheinander. Das wachsende Selbstbewusstsein des
Bürgers, die entstehende öffentliche Meinung und der Wandel der
ökonomischen Abhängigkeiten beziehen Kraft und Durchsetzungsvermögen aus eben der Krise, die sie doch beheben wollen. Vorgebliche Versuche der Eindämmung seien ein Spiel mit falschen Karten,
bis die politischen und gesellschaftlichen Prozesse sich soweit verselbständigen, dass die alte Gesellschaftsordnung zusammenbricht.
Die konservative Lesart dieser Entwicklung hatte Habermas' 'Strukturwandel der Öffentlichkeit' schon unterm Vergrößerungsglas des
Emanzipationsgedankens. Schließlich hing im achtzehnten Jahrhundert die Krise als Drohung nicht über allen in gleicher Weise, sie
wurde zum Signum der Moderne — die definiert werden kann durch
die Aufgabenstellung einer kritischen Durchdringung der jeweiligen
Gegenwart —, sie läutete nicht das Ende der Welt, sondern ein
neues Zeitalter ein. Spielen wir beide Lesarten gegeneinander aus,
so wird vor allem deutlich, wie politischer Verzicht und Ersatzbefriedigung die Kultur prägen und das Sündenbockregister gute Dienste
leistet. Als sich die bürgerliche Öffentlichkeit gegen die politische
konzipierte, geschah das unter Bedingungen der Wirkungslosigkeit.
Private Meinung, Diskussion im Kaffeehaus und kulturelles Ereignis
in der Zeitung entlasteten schon wieder: Von der Politik, wie die Politik! Sie fand weitgehend ohne den Bürger statt, und er gewöhnte sich
an diesen Zustand: Ein nächster Strukturwandel der Öffentlichkeit
wurde wie selbstverständlich hingenommen. Die Politik konnte so
lange auf seine Mitarbeit verzichten, bis die Massenmedien über
seine Nachkommen verfügten.
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Schon die Folgen der Französischen Revolution hatten viele Drehpunktpersonen der Aufklärung frustriert. Experimentelles Welterproben im Sinne eines sapere aude bekam ein Asyl in der Kunst zugewiesen oder durfte sich, unverbindlich für den Emanzipationsgedanken, in der technischen Entwicklung austoben. Von nun an wollten
säkularisierte Heilserwartungen der Alltagsrationalität als Störfaktor
erscheinen, wofür gab es die Kirche — zudem wurden sie in die
beschleunigten Zeitabläufe der Technik umgeleitet. Die sich ausprägende Zeitökonomie beerbte den Heilsgedanken und verwies im
gleichen Zug kritische oder utopische Konzeptionen in Asyle: Wenn
Anlässe für Emanzipationsbestrebungen große Hoffnungen eingaben, Enttäuschungen aber nicht unbedingt mit dem gängigen Fortschrittsdenken in Einklang zu bringen waren, hatten Nebenkriegsschauplätze und ewige Werte: Große Fragen des Als-ob! die freiwerdende Negativität umzuleiten.
Der Verinnerlichungsdruck der bürgerlichen Normen — Resultat der
Aufklärung: weitere Unterdrückung der inneren Natur, forcierte Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel — war leichter auszuhalten, und er schien auch viel effizienter, wenn Entlastungsventile und
Emanzipationsbedarf auseinander hervorgingen und mit verkehrten
Vorzeichen zur Entschärfung jeder Krise taugten. Das neunzehnte
Jahrhundert ist das der gescheiterten bürgerlichen Revolutionen und
das der Hysterie. Die ursprüngliche moralische Hybris der bürgerlichen Kritik wurde zur Grundlage ihrer Wirkungslosigkeit. Wenn dann
noch ökonomische Entwicklungen hinterherhinkten und keine Monarchie um die politische Einheit beerbt werden konnte, war der Kritiker oft genug Geheimagent der Herrschenden — Baudelaire. Er
plauderte die in einer gegebenen Situation brodelnden Fraglichkeiten
aus und entzog der bestimmten Negation einen Teil ihrer Kraft. List
der einen Vernunft, falls es sie gegeben haben sollte; sie machte
konservative Gegner dieser Kritik zu besten Maskenbildnern: Was
erbitterte Verteidiger der herrschenden Verhältnisse derart in Wut
brachte, konnte sie doch nicht stabilisieren! Zudem wurde die Kategorie des Sündenbocks verjüngt: sozialgeschichtlich bestimmte Verhaltensformen und Erkenntnisbedingungen, die als Resultate von
Not und politischer Bevormundung nicht durchschaut werden durften, wurden an auserwählten Opfern, an Außenseitern, stellvertretend inszeniert und abgestraft. Noch der jüngste Versuch, Gesellschaftskritik in die Nähe des Terrorismus zu rücken, gehorcht vergleichbaren Gesetzmäßigkeiten: In Wirklichkeit wurde, wie Albrecht
Wellmer (in seinem Beitrag zu „Stichworte zur 'Geistigen Situation
37
der Zeit'„ 289 f.) gezeigt hat, das geheime Zusammenspiel von Terror und Reaktion nur verdeckt und dann stellvertretend an der als
Sündenbock fungierenden Gesellschaftskritik abgestraft — sie hatte
die Probleme benannt, also wurde sie als deren Urheber dingfest
gemacht, und die vernebelten gesellschaftlichen Konflikte durften
nicht in den Blick geraten.
Der Prozess der Moderne erreichte eine fortwährende Verjüngung
früherer Fraglichkeiten, und während ihn die einen für gescheitert
erklärten, halten andere an der versprochenen Offenheit der Welt
fest. Vielleicht sind schon um Achtzehnhundert Modernisierungsbestrebungen an Stelle von Krisenbewusstsein und Aufbruchstimmung
getreten: Der Prozess könnte dann nicht scheitern und drehte sich
im Kreis, würde aber mit jedem Durchgang leerer, immaterieller, und
eine vollstreckte Aufklärung (Kamper) produzierte das blendende
Licht autonomer Bildwelten. Selbst der Terminus der Katastrophe
wird ambivalent: Wenn aufgrund der Angst Lebenshemmung und
Stillstellung im biographischen Zentrum sitzen, werden Lernverhalten
und Erfahrung manchmal nur noch durch Katastrophen stimuliert.
In die Kunst waren Individualität und Autonomie, Lust und Liebe,
Lernverhalten, Mut, Widerstandskraft und Verweigerung verbannt
worden und erst im Laufe des Jahrhunderts fanden sie, verkrüppelt
und pervertiert, über Freiheitsbewegung oder Boheme wieder ins
Leben zurück: über Ränder und Abseitigkeiten, an denen sich alltägliche Stillstellungen regenerieren durften! Rites de Passages als
Schwundstufen, Grenzerfahrungen als Durchgangsstadien des
ästhetischen Zeichens. Eine Resakralisierung der Kunst lag sehr
nahe — es gab wieder Märtyrer, das Heilige tauchte erneut auf als
Abglanz des Verworfenen, die Weltferne des Ästhetizismus garantierte sowohl Auserwähltheit wie Folgenlosigkeit.
Als nichts mehr gehen durfte, ging es nur noch um die Kunst —
kennzeichnend schon für die frühromantischen Protagonisten sind
Lebensfremdheit und Antriebsschwäche, Hysterie und Masochismus: Sie nehmen die Geschichte bürgerlichen Scheiterns vorweg
und prägen die Fluchtwege. Die Kunst wurde autonom und die Subjektivität des Künstlers aus der Alltagswelt herauskatapultiert. Die
bürgerliche Autonomiebestrebung verkommt, von Außenseitern und
Vorzeigeschweinchen abgesehen, zur Stellvertretung im Bereich der
Kunst. Eines der Asyle des Emanzipationsgedankens, nicht das
einzige: Diverse Nischenbildungen und Abschottungen — vom Krieg
bis zur Weltausstellung, vom Sperrbezirk bis zu den Kolonien —
wurden immer wichtiger, um bürgerliche Verzichtleistungen abzufe38
dern und ein entfremdendes System der Selbstdefinition zu prämieren wie zu verschleiern. In solchen Nischen schien die Autonomie
als Selbstzerstörung in Schach gehalten durch Restbestände einer
Souveränität, wenn auch der Ersatzleistungen: rücksichtslose Verschwendung, Luxus der Selbstdarstellung und bewusste Kontraproduktivität — in diesen Zusammenhang passt auch Castoriadis ('Gesellschaft als imaginäre Institution') Unterstreichung, dass es gerade
die sozialistischen und kommunistischen Bewegungen waren, die
die Bürokratisierung der Welt, das Wuchern unproduktiver Verwaltungen beschleunigten: Organisation ist der acte graduit der Massen.
Die Kunst wurde autonom, allerdings um den Preis ihres Gehalts! An
die Stelle der Mäzene oder Fürsten waren Kunst- und Buchmarkt
getreten, die Autonomiebewegung war eine der Institution Kunst und
der objektiven Gesetzmäßigkeiten, die nach und nach den Gehalt
des einzelnen Kunstwerks unwichtig werden ließen, während die
Form als solche sich verselbständigte. Private Abhängigkeiten wurden durch unpersönliche, abstrakte Instanzen ersetzt: Der Marktmechanismus konnte gerechter erscheinen — er muss es noch lange
nicht sein -, solange er nicht im Auftrag der Mächtigen gehandhabt
wurde. Die sich beschleunigende Zeit des modischen Wandels, die
Inflation von Themen und Formen, der Druck, Neues oder bisher
Ungekanntes zu produzieren, schrieben allerdings immer ausgeprägtere Relativierungen vor. Während Bibliotheken und Museen an
die Stelle früherer Sammlungen traten und schon nach Stilrichtungen
und Forschungsinteressen sondierten, wurden die Strategien der
Entmaterialisierung vervollkommnet. Wie „der Mensch“ im Mittelalter
formalisiert und institutionalisiert worden war — bei Elias: Als Gegenstand von Benimm- und Tugendregeln, die ihn modellieren sollen; bei Ariès: Als Seele, die ein verkleinertes Bild des Verstorbenen
lieferte, über die Umwege Seelengrab und Repräsentation zur Verinnerlichung einlud und bei Foucault zum Gefängnis wurde; später
und systematisch als Geschichte der Kindheit, die den Mythos Kind
entwickelt und über Jahrhunderte an der Aufblähung eines fiktiven
Sonderbereichs der unendlichen Formbarkeit und Schulbarkeit arbeitet —, wie er zugunsten der Kirche auf materiale Wahrheiten verzichten musste, erging es nun den Kunstwerken, die zugunsten der
Form, der Institution Kunst, an Wirklichkeit verloren. Der Real- oder
Materialgehalt des einzelnen Werks, hier steckte genug Sprengkraft
verborgen, wurde zugunsten metaphysischer Formbestimmungen
vernachlässigt oder übersehen. Erst als eine Formenvielfalt zur freien Verfügung stand, begann die Reflexion auf Kunstmittel selbstän39
dig zu werden. Mit einer entstehenden Avantgarde wuchs der Protest gegen Institutionalisierung und Formenkanon, die Kunst sollte
ins Leben zurückgeführt werden. Ohne die Parallele zwischen
Kunstwerk und Mensch zu strapazieren, kann auf anthropomorphe
Kategorien aller Kunstkritik verwiesen werden, „der Mensch“ wird zu
einem Zeitpunkt für die Theorie fraglich, als abstrakte Kunst, serielle
Musik und konkrete Poesie die Ähnlichkeiten aufkündigen.
Zwar betont Gombrich ('Meditationen über ein Steckenpferd') immer
wieder die Bedeutung der Institution Kunst gerade für das Einzelwerk: Maler hätten weit mehr aus Bildern über die von ihnen dargestellte Wirklichkeit gelernt, als aus ihren Wahrnehmungen, Bücher
entstanden weitgehend aus Büchern... Die Geschichte einer Gattung
schreibe schon ein Repertoire vor, während die Übertreibung der
Ausdrucksfunktion eben diese immanenten Gesetzmäßigkeiten wegleugne. Gombrichs Verweis widerspricht der Kritik an der Institution
nur solange, wie davon ausgegangen werden will, den Künstler als
Schöpferpersönlichkeit zu inszenieren: Als Vorführschweinchen
diente er politischen Interessen! Was aber, wenn die Tricks der Materialbeherrschung in zweiter Lesung ein ursprüngliches Weltwissen
leisten sollten, wenn noch jetzt dieser pragmatische Bezug der Kunst
allen späteren Forderungen ein geheimes Fundament liefert? Gespannte Aufmerksamkeit, bewaffnetes Auge, witternde Nase, feines
Gehör und beherzt zugreifende Hand wollen sowohl jagen und
kämpfen, als auch regenerieren, wollen sich gelegentlich in Synästhesien gehen lassen, um ein bisschen mehr von der Welt, jenseits der Spezialisierung, zu erfahren — Dewey drängte in 'Kunst als
Erfahrung' auf die Voraussetzungen sinnenbewusster Wahrnehmungs-, Handlungs- und Wissensweisen.
Mit der Institutionalisierung der Kunst war erst die Möglichkeit gegeben, den Formenkanon vorzuordnen. Durch Arbeitsteilung und Nischenbildung — dialektisches Gegenstück der dem alltäglichen Anpassungsdruck immer wieder entspringenden Negation — war ein
Grad der Unverbindlichkeit künstlerischer Einsichten vorbereitet
worden, vergleichbar der zu Beginn des 18. Jahrhunderts anlaufenden Institutionalisierung der Kritik. Wenn Spezialisten ihre Aufgabe
erfüllen, wenden sie sich an Spezialisten; für menschliche Belange
gibt es schließlich Spezialisten für Unwägbarkeiten: Die Lebenserfahrung wurde entlastet, aber manche Antwort auf ihre Fragen durfte
nicht mehr erwartet, manche bereitstehende Einsicht konnte nicht
mehr zur Kenntnis genommen werden. Ein wachsendes Aufgebot an
Spezialisten änderte jedoch die alltägliche Praxis: Vorhandenes
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Wissen, Fingerfertigkeiten, Sinnenbewusstsein verloren an Wert
oder wurden delegiert an den arbeitsteilig dafür zuständigen Fachmann. Wie häufig verloren große Fragen der Menschheit genau zu
dem Zeitpunkt an Bedeutung, als eine mögliche Lösung in Sicht
war? Wie häufig wurden sie einfach nur vergessen, weil andere Fragen besser gemanagt wurden! Nicht zu verwechseln mit einer Kunst
des Vergessens, sie müsste eine Richtung nehmen, die in einem
späteren Kapitel skizziert wird.
Zur Autonomie des Kunstwerks gehört die gesellschaftlich vorangetriebene Ausdifferenzierung aller Fertigkeiten in jeweils prüfbaren und
abrufbaren Sparten. Die Kompetenz wurde universalisiert, das Wissen in den alltäglichen Lebensformen durch solche Abstraktionsforderungen aber entmündigt. Wer sich dagegen sperrte, wurde, sofern
er sich durchsetzen konnte, Spezialist einer eigens entstandenen
Sonderdisziplin. Die reine Poesie ist nicht Quintessenz der vorangegangenen, sondern Rückzugsgefecht aus einer zum bloßen Mittel
degradierten Sprache, abstrakte Kunst steht für den Versuch, gegen
den Marktmechanismus Unverwertbarkeiten zu schaffen. Das
schlichte Lob der Kommunikationsgemeinschaft übersieht, wie die
Entwicklung der Sprache — als Dichtung, Unterweisung, Mitteilung,
Hinweis, Ausdruck und Befehl — zu Information und Kommunikation
— als formale Zeichensysteme — diese Veränderungen für die Alltagspraxis spiegelt: Warmer Wind macht taub und blind, Komplement zum leeren Instanzenweg. Wobei in diesem Zusammenhang
nichts gegen die 'Theorie des kommunikativen Handelns' einzuwenden ist: Habermas hat Sprechakttheorie und Philosophie der normalen Sprache auf Defizite des strategischen Gebrauchs abgeklopft.
Gelingende Kommunikation gehorcht Unwahrscheinlichkeitskriterien.
Eine selbstzerstörerische Version des Autonomiebegriffs (zur Lippe,
'Autonomie als Selbstzerstörung') war im Prozess der Aufklärung
durch die Ausgrenzung des Anderen, die Verleugnung des Weiblichen, die Mechanisierung des Körperlichen, mit Schubkraft versehen
worden und hatte die agonale Subjekt-Objekt-Dichotomie auf einen
Höhepunkt gebracht. Man könnte fast sagen, eine melancholische
Version, die, über eine verlorene imaginäre Einheit trauernd, die
Restbestände des Dazwischen trotzig vernichtete und verleugnete,
wenn der Melancholiker nicht gerade das Feindbild der Aufklärer
(Böhme, 'Natur und Subjekt', 258) gewesen wäre. Die hergestellten
Monaden staunten über dennoch feststellbare menschliche Möglichkeiten und fassten im Sturm und Drang oder während der revolutionären Frühromantik — nach dem Vorbild einer als uneinlösbar kon41
zipierten Liebe — unter der Kategorie des Humanen zusammen,
was an Resignation und Verzicht, an Verkrüpplung und Verzweiflung
erfahren werden musste. Die freigesetzte Bewegung entlud sich im
neunzehnten Jahrhundert in der Autonomie des Kapitals — später in
der Macht des Politischen oder Sozialen — oder entwickelte in der
Kunst, entsprechend der Reduzierung der Welt durchs autonome
Individuum, jene Eigendynamik, die keinen Inhalt und schließlich
keine Form mehr übriglassen wollte.
Als die Kunst fast völlig vom nüchtern berechenbaren Lebensvollzug
abgespalten worden war, durften ihre ursprünglich pragmatischen
Leistungen nicht mehr in den Blick geraten: Was häufig genug erlaubte, sich auf den Schein von Kreativität und Originalität zu beschränken, ohne verbindliche Lebensrezepte zu erarbeiten — solche
Selbststilisierungen verbanden den Bürger mit der Feierabendkultur,
und sie hielten auch eine Drohung parat. Schon in Hoffmanns 'Das
Fräulein von Scudéri' führt die Dichotomie von höfischer Lustpolitik
und innerweltlicher Askese auf die mit Mord und Wahnsinn schwangere Möglichkeit einer Kunstreligion, während ein morsches Realitätsprinzip den Utopiegedanken auf das Glas Wein nach Feierabend
vertröstet. So entstand eine reguläre und erwünschte Kehrseite der
therapeutischen Nische: Viele Möglichkeiten der Korrektur bürgerlicher Werte oder Vorschriften wurden, gerade weil sie dringend gefragt waren und Kulturarbeiter sie erfinden oder wiederfinden mussten, in eine therapeutische Nische abgedrängt, die sie für den Rest
der Welt schon wieder um ihre Kraft beraubte.
Erst bei garantierter Unverbindlichkeit durfte ausagiert und geprobt
werden, was ursprünglich den Anspruch anthropologischer, später
auch bürgerlicher Weltaneignung ausgemacht hatte: Welt entsprechend den eigenen Bedürfnissen zu gestalten. An der Wiege der
Moderne Pate standen Fichtes absolutes Ich oder Hegels Verachtung der schlechten, weil dem Geist widerspenstigen Tatsachen, der
romantische Rückgriff auf Erfahrungen der Mystiker oder der politische Traum vom Gesamtkunstwerk. Unverbindlich und wirkungslos
wurde aus prospektiver Imagination ein Reich des Scheins und in
zweiter Instanz, aus subjektiver Phantasie ein Fluchtweg in die Surrogate, ein Ventil der Hysterisierung: Die größten Wünsche kehrten
als Totgeburten wieder, ein vergebliches Jenseits rief selbstmörderische Existenzbeweise hervor. Die Subjektivität des Künstlers hatte
sich in Randpositionen abzuarbeiten, sein Sonderstatus musste die
Verständigung mit der Lebenswelt einschränken oder sogar abschneiden: Zur Resonanzlosigkeit verflucht, wurden oft extremste
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Kraftanstrengungen unternommen. Das Humane war erst als Nebelwelt bedeutsam, Verkennungsanweisungen sahen dort wie Heilsversprechen aus, Selbstzerstörung galt als Gnade.
Nachdem kritische und kreative Intelligenz zur Wirkungslosigkeit in
der Wirklichkeit verdammt war, führten Wechselwirkungen der Unverbindlichkeit zum Doppelnulleffekt der sich steigernden Spiegelung
von innerer Leere und Substanzlosigkeit der Welt. Ekstasen der
beiden Extreme autonome Kunst und absolutes Künstlersubjekt: l'art
pour l'art und Außenseiterkünstler warteten auf ihren Einsatz. Kunst
oder Reflexion taugten als vertröstende Bereiche des Absoluten, der
Ausdruck wurde gegen die Konvention beschworen, Esoterik wanderte in die Selbstdefinition hinein, Magier und Propheten hatten
wieder Zulauf. Künstler und Intellektuelle fanden sich zwar nicht unbedingt mit der Rolle unzufriedener, aber erleuchteter Nörgler ab.
Sie hatten oft genug Einsichten zur Hand, die erst hundert Jahre
später in ihrer Gültigkeit nachvollzogen oder gewürdigt werden. Aber
dem herrschenden Realitätsprinzip — das als Entlastung von den
lebendigen Mühen der Erfahrung und als Delegierung der Qualitäten
des Subjektiven an auserwählte Sündenböcke besonders gut funktioniert — hatten sie zugunsten bestehender Abhängigkeiten nichts
Entscheidendes entgegenzusetzen: Ihre Rolle und Funktion beruhte
schließlich auf diesen beiden Momenten.
Die Problematik ging noch zu ihren Lasten, das auf sich selbst zurückgeworfene Subjekt, auch oder weil es unter großen Projekten
stöhnte, übernahm in der Funktion der Stellvertretung das Gewicht
einer problematischen Weltordnung. Die durfte dann so bleiben wie
sie war, gewordene Dignität, aber mehr schlecht als recht: Schließlich hatten sich hervorragende Geister an ihrer Verbesserung abgearbeitet und — je nach Argumentationsbasis — so gut wie nichts
verändert oder den herrschenden Status sogar mitbegründet. Verdummung und Selbstverleugnung — das sind die ausgeprägtesten
Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Welt — begannen schon mit
dem Gedanken der nationalen Erhebung zu galoppieren, die Entfremdung der Massen kündigte sich seit 1830 mit volksbildenden
Ideologien an. Funktionäre der Nebelwelt entsprangen nicht selten
einem unfruchtbaren, nach hinten orientierten Kunst- und Wissenschaftsbetrieb; sie waren immer rechtzeitig zur Stelle. Aber solange
Kulturträger einen historischen Standindex abgaben, der zur Legitimation der Verführung in gleicher Weise taugte, wie zur Still- oder
Kaltstellung eines emanzipatorischen Potentials, war alles halbwegs,
43
auf Kosten der Opfer und mit der Kraft möglicher Veränderer, geregelt.
Der Roman als exponierteste Form der bürgerlichen Welt — auf den
Weg geschickt als progressive Universalpoesie — ist Ausdruck und
Kampfplatz dieser Spannungen, er versucht sie aber auch häufig
genug zu idealisieren. Wenn dennoch einige der gelungensten
Exemplare dieser Gattung die Idealisierung verweigern, sorgt die
institutionalisierte Kritik mit den entsprechenden Gattungsbegriffen:
Bildungs-, Eheroman usw. für die nötigen Verkennungsanweisungen. (In Wilhelm Meisters Lehrjahren wird nichts gelernt und die
sogenannte Bildung geht bankrott; die Wahlverwandtschaften führen
die bürgerliche Ehe als erster Ehebruchsroman auf ihre Konsequenz!) Hörisch, 'Gott, Geld und Glück': „241 So beschreiben die
großen Bildungsromane Bildung... als Geschichte der Verarmung an
Lebensintensität. Diese Geschichte hat eine verborgene Tiefenstruktur; sie ist es, die Rationalität und Aufklärung in den quasi mythischen Bann über die Aufgeklärten umschlagen lässt. Und als Gebannte stehen die melancholischen Helden der Bildungsromane am
Ende dar. ... 243 Die Verarmung der pluralen Götterwelt ging der
Verarmung der zahllosen Begierden, der zahllosen Dinge und der
zahllosen Reden paradigmatisch voraus. ... Einmal mehr bewährt
sich der Satz von der 'enormen Transformationskraft theologischer
Erfahrungen'. Dass sich nämlich Liebe, Tausch und Sprache nach
göttlichem Bilde haben monozentrieren lassen, gibt gleichsam lakonisch resümierend der begriffsgeschichtliche Umstand zu verstehen,
dass im 18. Jahrhundert, in dem jene zentrierenden Mutationen sich
durchsetzten, der Kollektivsingular 'Geschichte' an die Stelle zahlreicher Geschichten tritt. ... Ablösung vieler Geschichten durch die eine
Geschichte; vieler Begierden durch das eine Begehren, ein solcher
werden zu wollen, wie der Vater einer gewesen ist; vieler Tausch-,
Aneignungs- und Verschwendungsformen durch das eine Allgemeinäquivalent und Tauschmedium Geld; und vieler aleatorisch ergehender Reden durch die eine Rede der einen Vernunft. ... 248 Mit
den historischen Mutationen in den Bereichen des Liebens, Tauschens und Sprechens, die die Bildungsromane weitaus präziser
beschreiben und analysieren als die gängigen Diskurse etwa der
Pädagogik, der Psychologie und der Ökonomie, die dem Willen zur
Wunschcodierung, zur Identität und zur Wertäquivalenz selbst blind
verfallen sind, wird die Literatur zum Anachronismus, der Anachronismus aber zum 'lebensweltlichen Bedarf'.“
44
Und dann darf nicht einfach ausgesprochen oder geschrieben werden, dass nichts zum Zwecke des Ich geschieht, sondern häufig
genug der Ich nur zum Zwecke der anderen erfunden wurde, dass
der Charakter ein dummer, unbeweglicher und höchst ankratzbarer
Panzer ist, dass die errichteten Barrieren und Lattenzäune der Kultur
willkürlich gezogen wurden, dass Triebverzicht und Lustprinzip geheime Komplizen sind, dass Selbstentfaltung und Autonomiekonzeption zur Selbstzerstörung umgebogen werden müssen, dass Kommunikation zur Ersatzbefriedigung und Souveränitätstraining zum
Zwang degeneriert... Und dabei war das alles schon in Romanen zu
lesen, die um 1800 geschrieben worden sind — zu lesen vielleicht,
aber nur, wenn eine/r sich nicht an die herrschenden Regeln hielt,
wie zu lesen sei. “Die Gesellschaft vom Turm“ bediente sich der
Restbestände des „Sozialen Körpers“, um mit den Mitteln des Tratsches und der Intrige Krüppel zu züchten und menschliche Belange
zu beherrschen: Welches abgekartete Spiel gegen die Wirklichkeit
lebendiger Beziehungen, um als Ergebnis dann die Regieanweisungen einer biographischen Entwicklungslinie als Schrift vorweisen zu
können. Der spätere Rückversicherungsverein gegen Revolutionsschäden hatte von Anfang an die Gesetzmäßigkeiten der verwalteten Welt ausgebrütet. Und „Mittler“, jener säkularisierte Stifter heiliger Verbindungen zwischen den Geschlechtern, ist völlig unfähig für
diese Aufgabe. Ein Störenfried, der alle Beziehungen zum Scheitern
verurteilt; im Endeffekt ist er nur die Verselbständigung des Mediums, das nun gierig und neidisch darüber wacht, dass keine Beziehungsarbeit außerhalb der entleerten Bezüge von Sprachhülsen
und Eitelkeitsdressuren gelingt: Und innerhalb herrschen Abwesenheitsdressur und Verzicht.
Zur Herkunft der Verkennungsanweisungen aus fehlerhaften Identifizierungen — an deren Wurzeln der mimetische Taumel zu erwarten
ist, die Angst vor dem Numinosen oder die Panik der Entdifferenzierung — findet sich bei Hörisch eine prägnante Zusammenfassung —
außerdem ein wichtiger Hinweis darauf, wie die vielfältigen Unterschiede des Sinnenbewusstseins in eben der Erfahrung wirksam
werden, die den Zwangscharakter der Identität zerbrechen kann. 'Die
Krise des Bewusstseins und das Bewusstsein der Krise. Zu SohnRethels Luzerner Exposé: „26 ... eine Kritik der reinen Vernunft als
Kritik der politischen Ökonomie et vice versa zu schreiben... Denn so
kann allein deutlich werden, dass gültiges Erkennen im Rahmen
eines gesellschaftlichen Funktionszusammenhangs und Verkennen
des eigentlichen Sachverhalts eins sein können, ja dass ein 'Verde45
ckungszusammenhang ... das Konstitutionsverhältnis der Erkenntnis'
ist. Verdeckt aber wird durch den Tausch von Äquivalenten, dass die
getauschten Dinge eben nicht gleich und schon gar nicht identisch
sind. ... 27 Denn die Kritik an der Kraft dieser statthabenden Äquivokation ist ja gerade die Pointe der Kritischen Theorie selbst. Sie kritisiert diesen einen Sachverhalt, dass die mannigfachen Weisen möglicher Verhältnisse von Dingen und Personen zu sich und anderen
nach dem einen Bilde des Tausches formiert werden, sofern sie
verbindliche Gültigkeit haben sollen. Der Tausch aber identifiziert
eine Sache als diese eine Sache, indem er sie als einer anderen als
wertgleich identifiziert (Äquivalenz). Zugleich sorgt er damit für die
Identität (Adäquanz) zwischen Denk- und Funktionskategorien. Und
er verantwortet, dass ein Tauschender jene personale Identität ausbildet, die sich intersubjektiv bewährt.: ich bin derjenige, der x hat
und y nicht hat, während jener y hat und x nicht hat. Die Universalisierung dieser schlichten Funktion sorgt zugleich für die 28 Konstitution der Identität (Einheit) einer Gesellschaft von Tauschenden, die
über dieselben Kategorien oder über dieselben Verbindlichkeiten
verfügen. Im Tausch werden wie die mannigfaltigen Dinge so auch
die mannigfaltigen Subjekte zu dem einen Gesellschaftszusammenhang synthetisiert. Diese Äquivokationen im Identitätsbegriff sind
demnach eben nicht Produkte willkürlicher Begriffsverwirrung, sondern vielmehr in Verdinglichungsphänomenen gründende Gleichklänge. Äquivokationen aber gleichwohl. Das macht die konsequenzreiche Pointe des Luzerner Exposés aus: es weist die universal identitätsstiftende Kraft des Tausches als blendende und täuschende
aus. Der Tausch funktioniert blendend, aber seine Macht bleibt eine
erschlichene. Denn er macht aus dem, was er in seinen Zusammenhang bringt, etwas, was es zuvor weder war noch per se werden
wollte. Durch ihn wird der Gebrauchswert zum Tauschwert, das je
einzelne Ding zum kompatiblen Äquivalent, das polymorphe Subjekt
zum rationalen Funktionsträger und die discurrierende Gemeinschaft
zu der einen Gesellschaft, die deshalb unter universalem Beziehungswahn steht. Ist nicht ein Gesellschaftssystem elementar von
double-bind-Strukturen geprägt, das im Tauschvorgang und somit in
einem Individuationsvollzug sui generis zugleich die Grundfigur verbindlicher Intersubjektivität organisiert? ... 29 Diesen machtvollen
Schein des Tauschs machen freilich regelmäßig Krisen verlegen. Sie
verweisen darauf, dass die Verhältnisse so ausgeglichen nicht sind,
wie der Schein vom gerechten Tausch der Äquivalente es suggeriert.
In gesellschaftlichen Krisen revoltieren die Differenzen, die den Din46
gen, der Arbeit und den dissoziierten Subjekten innewohnen, gegen
den Bann der Tauschidentität. In Krisen manifestiert sich ein Widerspruch gegen den Identitätszwang der Tauschabstraktion. Ein Bewusstsein, das den gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisen angemessen wäre, dürfte keines mehr sein, das sich vom Tausch herleiten und also täuschen ließe.“
Wissenschaft, Kunst und Kritik erweisen sich im Beziehungswahn
als Erben der magischen Verfolgungskausalität (Girard, 'Der Sündenbock', 289 ff), und sie werden zu Komplizen, wenn es darum
geht, die Täuschung im Tausch — auch des Opfers — zu verdecken: Medien der Verkennung lebenswichtiger Wahrheitsgehalte, die
die im Innern der Double-binds angesiedelten Konflikte an den wichtigen Schaltstellen vernebeln. Das Opfer als Transzendierung leistete die grundsätzlich fehlerhafte Identifizierung schon an der Materialität des Körpers; das Geld als inhaltleerster aber allgemeinster Signifikant beraubt diese fehlerhafte Identifizierung um ihr Substrat; die
Liebe als Intensivierung der Abwesenheitsdressur machte das Reich
der Ideen zur Bildwelt. Die Angst vor der Wahrnehmung des Anderen, das Tabu auf dem Verhältnis der Geschlechter, waren verborgene Antriebe und leiteten kritische Energien in kulturschwule Rivalitätsstrukturen um; der Einfluss der Kleinfamilie, der Double-bind in
der Rolle der Frau, der Rückstau von Libido auf ein idealisiertes Mutterbild und die heilige Allianz zwischen Müttern und Bildungsbeamten blockierten selbst noch die Notausgänge. Der Anachronismus als
lebensweltlicher Bedarf beförderte so jene Aufblähung imaginärer
Welten, die der Entlastung von den Folgen der Entlastung zu dienen
schienen, die jene als Verarmung umschriebenen Komplexitätsreduktionen auszuhalten halfen, indem sie Nischen für fiktive Unwahrscheinlichkeiten zur Verfügung stellten — aber um den Preis einer
weiteren Verarmung an Lebensintensität und Sinnenbewusstsein.
Gregory Bateson, 'Ökologie des Geistes': „Was ist mit 'Barbara verwandelte das Unendliche...' ... Nun, sie ist barbarisch, und sie ist
weiblich, und sie ist der mnemotechnische Ausdruck für einen syllogistischen Modus. Ich dachte, sie würde eher passen als ein monströses Symbol für „Denken“. Ich kann sie mir jetzt vorstellen, wie sie
mit einem Taster in ihr eigenes Gehirn stößt, um ihr Universum zu
verändern.“
47
Ungleichzeitigkeiten und die Qualen der Sublimierung: Mittlerweile wird mit den Zeiten gespielt, während die Zeit abstirbt, nur
deshalb wird manche durch den Fortschrittsbegriff verstellte Wahrheit wieder deutlich: Die eine Geschichte war ein Kunstprodukt und
gehorchte dem Fetisch Identität. „Erst seit rund 1780 kann man davon sprechen, dass es eine 'Geschichte überhaupt' gibt, eine 'Geschichte an und für sich', eine 'Geschichte schlechthin'... 263“ —
Reinhart Koselleck, 'Vergangene Zukunft'. „363 Der Begriff des 'Fortschritts' wurde erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts geprägt, als es
auch darum ging, eine Fülle neuer Erfahrungen der vorausgegangenen drei Jahrhunderte zu bündeln. 366 Der 'Fortschritt' ist der erste
genuin geschichtliche Begriff, der die zeitliche Differenz zwischen
Erfahrung und Erwartung auf einen einzigen Begriff gebracht hat.“
Heute zerfällt die Geschichte wieder in Geschichten (Lyotard, 'Das
postmoderne Wissen'), die Historiker haben die Narrativität wiederentdeckt (Ginzburg, 'Spurensicherungen'), und einer 'Historischen
Anthropologie' (Lenzen, 'Melancholie, Fiktion und Historizität', 24 f.)
gerät die Erzählung zur „Wissenschaft des Augenblicks“. Das jeweilige Verhältnis aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liefert
noch immer die Fundamente unserer Erfahrung, an deren Ursprung
Tod und Macht, Trauer und Vergessen, Angst und Erinnerung in
einem diffusen Begründungszusammenhang stehen.
Koselleck präparierte im Zusammenhang von Institutionenlehre und
Hermeneutik einige brauchbare Bestimmungen, die sich im Fortgang
— mit Manfred Frank — für unsere Zwecke verfremden lassen.
Merkmale geschichtlicher Zeit: Sie ist personengebunden und interpersonal, beruht auf einer zeitlichen Differenz im Heute, Vergangenheit und Zukunft ungleich ineinander verschränkend, die Prognosen
freisetzt. „353 Die Bedingungen der Möglichkeit wirklicher Geschichte sind zugleich die Bedingungen für deren Erkenntnis. Hoffnung und
Erinnerung, oder allgemeiner gewendet Erwartung und Erfahrung, —
denn Erwartung umfasst mehr als nur Hoffnung, und Erfahrung greift
tiefer als nur Erinnerung — sie konstituieren Geschichte und ihre
Erkenntnis zugleich. ... 354 Erfahrung ist gegenwärtige Vergangenheit, deren Ereignisse einverleibt worden sind und erinnert werden
können. Sowohl rationale Verarbeitung wie unbewusste Verhaltensweisen, die nicht oder nicht mehr im Wissen präsent sein müssen,
schließen sich in der Erfahrung zusammen. Ferner ist in der je eige107
nen Erfahrung, durch Generationen oder Institutionen vermittelt,
immer fremde Erfahrung enthalten und aufgehoben. ... Ähnliches
lässt sich von der Erwartung sagen: auch sie ist personengebunden
und interpersonal zugleich, auch Erwartung vollzieht sich im Heute,
ist vergegenwärtigte Zukunft, sie zielt auf das Noch-Nicht, auf das
nicht Erfahrene, auf das nur Erschließbare. Hoffnung und Furcht,
Wunsch und Wille, die Sorge, aber auch rationale Analyse, rezeptive
Schau oder Neugierde gehen in die Erwartung ein, indem sie diese
konstituieren. ... 358 So verweist uns die von den beiden Kategorien
induzierte Differenz auf ein Strukturmerkmal der Geschichte. In der
Geschichte ereignet sich immer mehr oder weniger, als in den Vorgegebenheiten enthalten ist. ... Erfahrungen überlagern sich, imprägnieren sich gegenseitig. Mehr noch, neue Hoffnungen oder Enttäuschungen, neue Erwartungen schießen rückwirkend in sie ein.
Also auch Erfahrungen ändern sich, obwohl sie als einmal gemachte
immer dieselben sind. Dies ist die temporale Struktur der Erfahrung,
die ohne rückwärtswirkende Erwartung nicht zu sammeln ist. Anders
verhält es sich mit der temporalen Struktur der Erwartung, die ohne
Erfahrung nicht zu haben ist. Überraschen kann nur, was nicht erwartet wurde: dann liegt eine neue Erfahrung vor. Die Durchbrechung des Erwartungshorizontes stiftet also neue Erfahrung. ... Es
ist die Spannung zwischen Erfahrung und Erwartung, die in jeweils
verschiedener Weise neue Lösungen provoziert und insoweit geschichtliche Zeit aus sich hervortreibt. ... 359 So gesehen, zieht der
zur Zukunft hin offene Erfahrungsraum selber den Erwartungshorizont aus. Erfahrungen geben Prognosen frei und steuern sie. ... Sie
konstituieren eine zeitliche Differenz im Heute, indem sie Vergangenheit und Zukunft auf ungleiche Weise ineinander verschränken.
Bewusst oder unbewusst hat der Zusammenhang, den sie jeweils
stiften, selber eine prognostische Struktur. Damit hätten wir ein
Merkmal geschichtlicher Zeit gewonnen, das zugleich deren Veränderbarkeit anzeigen kann. ... Meine These lautet, dass sich in der
Neuzeit die Differenz zwischen Erfahrung und Erwartung zunehmend vergrößert, genauer, dass sich die Neuzeit erst als eine neue
Zeit begreifen lässt, seitdem sich die Erwartungen immer mehr von
allen bis dahin gemachten Erfahrungen entfernt haben. ... 361 Vor
allem dort, wo binnen einer Generation der Erfahrungsraum gesprengt wurde, mussten alle Erwartungen verunsichert, neue provoziert werden. ... 374 Je geringer der Erfahrungsgehalt, desto größer
die Erwartung, dies ist eine Formel für die zeitliche Struktur der Moderne...“
108
Aus dem Zerfall der Erfahrung zogen lange genug konservative oder
reaktionäre Beschwörungen der vergangenen Werte und Ordnungskonzeptionen viel Kraft, während die emanzipatorischen oder utopischen Programme an den Erwartungen festgemacht werden wollten.
Eine Dichotomie, die mit dem Ruin des Fortschrittsbegriffs in ihrer
Falschheit durchschaubar wird: Man/frau kann sich genauso wenig
vom Abwesenden ernähren, wie in der dünnen Luft des Imaginären
ein Halt zu finden ist. Nur in wenigen Fällen mögen solche Versuche
heute noch gelingen, dann aber auf fehlerhaften Prämissen beruhen
— auch wenn Weltreligionen und Kultformen keine anderen Wurzeln
aufweisen können. Manfred Frank betonte, wie notwendig Erfahrung
und Erwartung ineinander verschränkt sind, wie selbst die Erinnerung durch die Erwartung geprägt wird, wie erst dieser Zukunftsbezug tradierbare Einsichten möglich macht. „Wer sagt: 'Erkläre die
Welt, verändere sie nicht', oder wer der Philosophie zur Aufgabe
macht, 'alles zu lassen, wie es ist' sieht nur nicht, dass Lassen Verändern und Erklären Neudeuten ist. Das Alte ist durch nichts an sich
selbst gebunden. Dies Nichts bringt seine Bedeutung in die Schwebe. In dieser Schwebe, in diesem Nichts, nistet die Zukunft. Ihr gehört die Freiheit und Unabsehbarkeit alles Sinns ebenso wie die
Vergeblichkeit alles Traditionalismus und die Notwendigkeit aller
Umgestaltungen. ... ein tätiges Wiederholen und Neuschematisieren
in Traditionen sedimentierten Sinns. Und dieses Wiederholen bezieht seine Bedeutung nicht minder aus Zukunftsentwürfen als die
gewollte Innovation. Auch der Neokonservative lebt, wenngleich mit
mauvaise foi, in der Zukunft; auch ihm ist sie die eigentliche Zeit in
der Zeit.“ ('Die eigentliche Zeit in der Zeit', in: 'Vor der Jahrtausendwende: Berichte zur Lage der Zukunft', 159 u. 167) Wir sind unfertig,
es gibt uns noch nicht, wir stellen uns und die Wirklichkeit erst her:
Identität ist kein Sparschwein eines unvordenklichen Seins und keine
Armatur gegen das Nichts, sondern eine Bedienungsanleitung für die
Techniken des Dazwischen — gerade weil dieser in die Zukunft greifende Entwurf an den leiblichen Fragmenten und Sinnensubjekten
ansetzt!
Im Hier und Jetzt des gelebten Augenblicks verschränken sich die
Zeiten, das Wissen um eigene Geschichten und Ballast des Vergangenen, wie die Erwartung des Kommenden und in die Zukunft vorausgreifende Antizipation. Entscheidend ist, wie sich Vergangenheit
und Zukunft ineinander verknoten, wie in dem, was eine/r als Handelnde/r, Erleidende/r und Reflektierende/r gewesen sein wird, Verdinglichung und Entgrenzung gegeneinander wirken. Immer geht
109
Vergangenes in die Gegenwart ein und trägt sie, immer wieder versucht das Vergangene die Gegenwart zu entwerten oder zu erdrücken; immer ist die noch unbekannte Zukunft Auslöser von Angst, die
als Motor der Verhärtung und der rückwärts gewandten Flucht dient,
immer wieder ist aber der Traum von einer besseren Welt in der
Zukunft die einzige Möglichkeit, die Folgen einer schlechten Vergangenheit auszuhalten: Wenn Erwartung und Erfahrung auseinanderdriften, wenn Erwartungen den Motor der Hysterie speisen und dann
sogar Erfahrungen verhindern, ist das Glück häufig genug das
Glücken des Unvorhergesehenen. Das Jetzt, vom Dunkel des gelebten Augenblicks, bis zur intensiven Leuchtkraft der Geistesgegenwart, ist jedes Mal erst herzustellen! Wenn die intellektuelle Spannkraft auf ein Repertoire Geschichten voller Körpergeistigkeit zurückgreifen kann, wird das Wechselspiel der Zeiten Kreativität und Wissen freisetzen.
Als im Prozess der Moderne die verbindlichen Werte im Kurs verfielen, wäre die notwendige Konsequenz gewesen, Lernverhalten und
Erfahrungslust als neue, angemessenere Werte zu propagieren. Es
wäre sogar zu argumentieren gewesen, dass diese Formen schon
den früheren Werten zugrunde gelegen haben mussten — wo kamen sie sonst her! Aus politischen Gründen mögen Ermunterungen
zur Exploration nicht gefragt gewesen sein, die sozioökonomischen
Gegebenheiten hätten sie vermutlich zum Scheitern verurteilt — die
mittlerweile durchgesetzte patrilineare Kernfamilie und die ambivalenten Reaktionsformen der in private Nischen abgedrängten Mütter,
ihr sentimentaler Bezug auf den Tod des anderen und die in diesem
Rahmen gegebenen Fluchtversuche vor der Welt werden noch zu
betrachten sein. Die in der Kleinfamilie geprägte differenziertere
psychische Struktur war ein „Fortschritt“ in Sachen autonomer Charakter — autonom wie das Reich der Ideen, also weltfern und lebensfeindlich —, hier wurden in vielen Fällen Einschränkungen des
Lernvermögens produziert, imaginäre Wälle gegen die Kommunikation aufgerichtet, tragbare Gefängnisse konstruiert. Dieser Fortschritt
ist die Katastrophe, der gegenüber der Zerfall der traditionellen Bindungen und überkommenen Erfahrungen schon sekundär erscheint.
Was hatte die früheren Werte ausgemacht, wenn nicht ein regulativer Bezug auf eine statische Welt, ein Pragmatismus der konservativen Sinnstiftung — der Verbindlichkeit entsprachen Unwandelbarkeit
der vorausgesetzten Welt und Gültigkeit der Handlungsanweisung.
In einer sich immer schneller wandelnden Welt war der Bedarf an
Verbindlichkeit — nicht unbedingt die Verbindlichkeit, aber die sie
110
prägenden Bedürfnisse — als Herrschaftsmittel einzusetzen. Während technische und ökonomische Verhältnisse den Fortschritt feierten, hatten Familienabhängigkeiten dafür zu sorgen, dass die Menschen sich in ihren Bedürfnissen nach Orientierung und Halt möglichst wenig veränderten. Die Angst vor allem Neuen — trauriges
Resultat frühkindlicher Prägungen, die der Abwertung der Frau, der
Ablehnung einer biologischen Basis, dem daraus folgenden Mangel
an Wärme und Bindung gehorchten — legte eine Änderung im Lernverhalten nicht unbedingt nahe. Ob eine/r in allen Belangen nur bereits Bekanntes aufsucht, oder ob eine/r auf die Offenheit des menschlichen Horizonts mit dem nötigen Maß an Entdeckerfreude reagiert, Neuem und Unbekannten Lust und Erfahrung abgewinnt,
macht einen wesentlichen Unterschied. Politisch war er zu nutzen,
der angeordnete bis verkrampfte Konservativismus hatte Folgen —
auch in der psychischen Ökonomie. Der Abschied von den Verhärtungen und Panzern war selten gefragt, aber seitdem taucht immer
wieder und in immer resignierterer Form eine Diagnose der Antiquiertheit des Menschen auf. Nachdem die Wandlungsfähigkeit an
ökonomische und technische Fortschritte delegiert worden war, hielt
der stillgestellte Bürger dem Entwicklungstempo der eigenen Produkte nicht stand. Nicht nur die physische Leistungsfähigkeit wurde
überholt, auch das Bedürfnis, die Welt den Erfordernissen des eigenen Leibes anzupassen, geriet ins Abseits. Was an der Umleitung
der Ströme des Triebgeschehens in Kapitalbewegungen und Zeichenfolgen offensichtlich wurde, war nicht der Anfang, sondern eine
späte Phase in einem Prozess der Entmaterialisierung der Welt,
einer Entkörperlichung und damit Fiktionalisierung — die These von
der Entfremdung des Menschen, der Aufspaltung einer Gesamtpersönlichkeit in Arbeitsfunktion und entleerte Subjektivität, ist in diesem
Zusammenhang als Verleugnung einer viel fundamentaleren Entfremdung zu durchschauen: Der kulturelle Kontext, die sprachlich
konstituierte Lebenswelt und die ihnen entsprechenden Verkennungsanweisungen sind als regulative Fiktionen immer schon vorgeordnet und sollen nun nicht mehr gesehen werden; die zur Konzeption des bürgerlichen Ich notwendige Komplexitätsreduktion verringert und zerstört Spielräume der Erfahrung.
Entsprechungen finden sich im Geschichtsverständnis, im Bewusstseinsbegriff, im Verhältnis der Generationen und in dem der Geschlechter. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen heißt: auf engstem Raum — ein Priester segnet Kruppkanonen — sind menschheitsgeschichtlich divergenteste Stilbildungen aufzufinden, in ein und
111
demselben Kopf hat finsteres Altertum neben modernstem Problembewusstsein Platz. Das heißt aber auch: In diesem Bezug sind Glanz
und Elend der Mutter-Kind-Dyade aufzuschlüsseln, hier finden sich
die Regieanweisungen für die Notwendigkeit oder Unmöglichkeit
eines Verhältnisses der Geschlechter. Was in der alltäglichen Erfahrung der nach Geschlechterrollen halbierten Moderne (Ulrich Beck)
nicht wahrgenommen werden durfte, wurde in der Ästhetik inszeniert
oder in der Halbwelt ausagiert, und es fand böse Nebenkriegsschauplätze in der Politik. Dem entsprach, dass Zerfall der ewigen
Werte, Inflation der Erfahrung und Relativierung des Wissens einher
gingen mit dem Aufblühen weit gefächerter Spezialisierungen für das
Abwesende. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen war in den
grundlegenden Beziehungen gewährleistet; sie ersparte breiten Bevölkerungsschichten den Gedanken, vielleicht ohne verbindliche
Werte auszukommen — und wenn es der Mode und den politischen
Strömungen unterworfene Verbindlichkeiten waren. Immerhin etwas;
genug, um den Bedarf an ewigen Werten zu konservieren. Die intellektuelle Creme machte keine Ausnahme — welcher Wirbel wurde
um das Wörtchen Nihilismus veranstaltet! Zum jeweiligen Herrschaftswissen gehörte der Bedarf an ewigen Werten und die Notwendigkeit ihrer Verabreichung dazu. Auch das tödliche Licht, in das
modische Insignien getaucht scheinen, die schon die Ablösung hinter sich haben, findet hier eine Erklärung. Der Ewigkeitsbedarf ist
unerbittlich, und wenn ein Wert verfällt, wird sein Träger dafür haftbar gemacht, während ein kleiner Unterschied schon Nachfolger
nobilitiert.
Ob akademisches Dienstleistungsgewerbe oder militärische und
nationale Verdummung: von der Predigt über die Propaganda bis zur
Unterhaltung waren diese intelligiblen und ideologischen Korrekturen
am Gang der Zeit alles andere als freischwebend — mit dieser
Kennzeichnung wurden höchstens ihre Kritiker denunziert. Sie hatten ein konkretes Fundament in den Ängsten und Bedürfnissen der
Menschen, die sich von Gang der Modernisierung bedroht fühlten.
Vor allem die rapide technische Entwicklung und die Erfahrung der
Großstadt stellten in Frage, was an gewohnten Sicherungen zur
Verfügung stand. Dass immer tiefer in der Vergangenheit nach Zitaten gefischt wurde, war nur das Gegenstück zur Erfahrung der Haltlosigkeit aller bisherigen Wertsetzungen. Statt nach und nach künstlich am Leben gehaltene Hoffnungen zu verabschieden, sollte die
Geschichte, das Volk, die Rasse usw. Haltepunkte liefern. Neurotische Ersatzbildungen und wieder aufgewärmte Mythen hatten zu
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kompensieren, was als Mangel nicht mehr verleugnet werden konnte. Weil alle Fischzüge schließlich vom Gegenteil überzeugen mussten und genau dieses Ergebnis auf keinen Fall eintreten sollte, gehörten Projektion und Selbstbetrug ab einen gewissen Grad der Enttäuschung zur Sache selbst. Ganz bewusst wurde inszeniert, was in
den self-fulfilling prophecies des Glaubens an intuitive Regeln gebunden war. Häufig genug wurde darauf hingewiesen, wie wenig
glaubwürdig die Nazis waren. Eben das war ihr Erfolgsrezept: Wenn
schon wenig Gründe für feste Werte vorlagen, konnte es nicht mehr
um die Werte gehen. Die Haltung war vordringlicher! Welcher Rechthaber lässt sich auf Widerlegungen ein, „der Ausnahmezustand“
forderte den Mut zu glauben, den Willen, sich etwas vorlügen zu
lassen. Man musste nur laut genug mitlügen können — um dann
nach tausend Jahren von nichts gewusst zu haben. Die aller konventionalisierten Wahrheit zugrundeliegende Fiktion wurde zu einem
Zeitpunkt deutlich und deshalb fehlinterpretiert, als nur noch die
Entmündigung des Individuums auf der Tagesordnung stand.
Das Schema der Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen totalisiert Gesetzmäßigkeiten des 19. Jahrhunderts, aber mit den neuen
technischen Möglichkeiten haben die Nazis im Endeffekt nichts
unangetastet gelassen. Indirekt haben sie dafür gesorgt, dass sich
für eine auf dem Weltmarkt zuspätgekommene Nation endlich das
politische und ökonomische Spiel der Moderne in voller Tragweite
mitspielen ließ — Schutt, Asche und Millionen Tote als Voraussetzungen eines Wirtschaftswunders. Und als geschichtlicher Erfolg
eine Wiederkehr des Verdrängten: Es waren Frauen, die den Wiederaufbau trugen, Trümmerfrauen! Es waren schon in den Stiftungsdenkmälern Frauentrümmer, die den Gang der Kultur zu tragen hatten. Zum Erfolgsrezept der Nazis kann mit Irigaray und Castoriadis
ergänzt werden: Die Wahrheit ruht immer einer Fiktion auf, die der
Mann seit Platons Höhlengleichnis nicht mehr als Fiktion erkennen
darf und mit seiner Wahrheit Identität vor allem vergessen muss,
dass er Produkt einer Mutter ist, dass seine Fiktion des Weiblichen
der einen Wahrheit huldigt. Wenn weibliche Fiktion als Drohung der
Subversion trotzdem nicht aus der Welt verschwindet, muss sie als
inszenierte Lüge in den Dienst der Macht gestellt werden: Wie viel
sexuelle Energie in Propaganda und Feindbild instrumentalisiert
wurde, hat Theweleit belegt — auf Parallelismen von Leidenschaft
und Krieg ist anhand de Rougemonts zurückzukommen. Der erste
Nebenkriegsschauplatz war der Krieg selbst: Dort durfte das eine
und identische Ich an der Zerstücklung und Kastration des anderen
113
seinen Vorrang beweisen, das Tabu auf der Weiblichkeit war bei
Vergewaltigung, Plünderung und Zerstörung stellvertretend auszuagieren.
Marcuse hat Funktionen des Vergessens dargestellt, um die Beziehung zwischen Kultur und Vergessen auf Verzicht und Unterwerfung
zurückzuführen und dahinter eine fatale Todeskonzeption zu entdecken. Bloch hat die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen thematisiert, um der Verführungsgewalt faschistischer Propaganda auf die
Schliche zu kommen. Benjamin hat mit einem paradoxen Bild des
Begriffs/aus Begriffen der Geschichte gespielt: Ein Verweisungs- und
Zitatzusammenhang kann auf die ihn erst bedingende Schematik der
Macht, die nur Verstümmlung und Melancholie zurückließ, abgeklopft werden! Auch wenn bestellte Historiker von dieser Wahrheit
nichts wissen wollten, man höre sie noch am trauernden Unterton,
der aus dem Verfahren der Einfühlung — das schon lange ein todbringendes Verständnis (Todorov) mit sich gebracht hatte — in eine
vergangene Epoche resultierte.
Gesammelte Schriften I.2, 696: „Die Natur dieser Traurigkeit wird
deutlicher, wenn man die Frage aufwirft, in wen sich denn der Geschichtsschreiber des Historismus eigentlich einfühlt. Die Antwort
lautet unweigerlich in den Sieger. Die jeweils Herrschenden sind
aber die Erben aller, die je gesiegt haben. Die Einfühlung in den
Sieger kommt demnach den jeweils Herrschenden allemal zugut.
Damit ist dem historischen Materialisten genug gesagt. Wer immer
bis zu diesem Tag den Sieg davontrug, der marschiert mit in dem
Triumphzug, der die heute Herrschenden über die dahinführt, die
heute am Boden liegen. Die Beute wird, wie das immer so üblich
war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als Kulturgüter.
Sie werden im historischen Materialisten mit einem distanzierten
Betrachter zu rechnen haben. Denn was er an Kulturgütern überblickt, das ist ihm samt und sonders von einer Abkunft, die er nicht
ohne Grauen bedenken kann. Es dankt sein Dasein nicht nur der
Mühe der großen Genien, die es geschaffen haben, sondern auch
der namenlosen Fron ihrer Zeitgenossen. Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und
wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess
der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den andern gefallen ist. ... 695 Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es
zu erkennen 'Wie es denn eigentlich gewesen ist'. Es heißt, sich
einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr
aufblitzt. ... In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung
114
von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht,
sie zu überwältigen. ... 701 ff. Die Geschichte ist Gegenstand einer
Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern
die von Jetztzeit erfüllte bildet. ... Auf den Begriff einer Gegenwart,
die nicht Übergang ist sondern in der Zeit einsteht und zum Stillstand
gekommen ist, kann der historische Materialist nicht verzichten.
Denn dieser Begriff definiert eben die Gegenwart, in der er für seine
Person Geschichte schreibt. ... Zum Denken gehört nicht nur die
Bewegung der Gedanken sondern ebenso ihre Stillstellung. Wo das
Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation plötzlich
einhält, da erteilt es derselben einen Chock, durch den es sich als
Monade kristallisiert.“
Das Vergessen liefert einen Bewusstseinsschutz, ein gesellschaftliches Beruhigungsmittel, eine geschichtliche Legitimation. Eine Methode, die mit dem Geheimnis des Erschreckens arbeitet, zerstört
den schönen Schein, unter der glatten Oberfläche wird das Grauen
freigesetzt. Die Monade ist hier ein Verweisungszusammenhang,
eine zum Repräsentamen gewordene Zeitmaschine, in der intersubjektive und interobjektive Wissensweisen kulminieren — gegen die
dem Tod huldigende Einfühlung, gegen die Haltung der Erben und
die Gefahr des Konformismus. Bloch hatte sich in 'Erbschaft dieser
Zeit' um eine Theorie der Ungleichzeitigkeit bemüht. In der Ungleichzeitigkeit gesellschaftlicher Verhältnisse war die ideologische Wirksamkeit von Irrationalismen auszumachen. Der geradlinige Entwicklungs- oder Fortschrittsbegriff wurde vorsichtig in Frage gestellt,
Bloch plädierte für eine „Dialektik der Ungleichzeitigkeit“, um den
Verführungsgewalten auf die Schliche zu kommen, die jede Utopiekonzeption pervertierten. Benjamin ging mit der Theorie des Diskontinuums noch weiter: messianische Geschichtsauffassung, rückwärts
gekehrte Prophetie, rettendes Heraussprengen aus einem Kontinuum der Katastrophe, Zweifel am geradlinigen Verlauf der Geschichte, an der Kategorie des Fortschritts; die Geschichte zerfiel in
Geschichten, wurde Potentialgeschichte; in den homogenen Zeitverlauf sind Splitter des messianischen eingesprengt, in jedem geschichtlichen Datum kulminieren Gesetzmäßigkeiten verschiedenster
Zeiten, während der politische Standindex des Erkennenden, „das
Jetzt der Erkennbarkeit“, Auswahlkriterien bestimmt. Bloch meinte,
was im Vergangenen als unabgeschlossen und unerfüllt aufscheine,
sei das einzig Wichtige — keine Regression der Utopie, sondern
utopisches Glück in den kleinen Nebensächlichkeiten und Abfällen,
die in ein seltsames Licht rückten: „die Hoffnung der Zukunft als der
115
noch gärenden Wirklichkeit“, „Hoffnungsbilder des betroffenen Staunens“ — er hatte Benjamin um 'Traumkitsch' beklaut und trotzdem
die brauchbarsten Ansätze verpasst. Was der kritischen Erforschung
an Emanzipationswissen aus diesem Gesichtspunkt der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zukommt, macht deutlich, welchen Gesetzmäßigkeiten der Regression die das Vergessen befördernde,
rückwärts laufende Zeitmaschine gehorcht. Werbung verspricht das
Paradies, Kitsch transportiert den Abglanz des Göttlichen — Benjamin setzte hier an. Anhand seiner Einsichten ist sehr genau nachzuvollziehen, wie die Praktiken der Normalität in letzter Instanz immer
nur eines bewirken: Die „Jetztzeit“ der „Geistesgegenwart“ zu vermeiden und ihr leibhaftes Fundament zu zerstören.
Als Gegenbewegung zu Stillstellung und Rationalisierung fanden
sich immer ausgeprägtere Zitattechniken in der Welt und später in
den Köpfen ein, mit deren Hilfe die abstrakter und zweckrationaler
gewordenen alltäglichen Gegebenheiten und die ihnen entsprechenden Erfahrungen mit Lebendigkeit und Einzigartigkeit aus zweiter
Hand stilisiert werden sollten. Beutezüge der Kunst auf exotischen
Gebieten und abgelegenstem Terrain prägten Modelle dieser Gebraucht-Intensitäten-Vermittlung für den späteren multimedialen
Gebrauch. Während Ästhetik im Dienste des Markmechanismus
ständige Anregungen lieferte, wurde die Zitattechnik adaptionsfähig
für andere Bereiche, die dann einer modischen Stilisierung unterworfen werden konnten. Der alte Bedarf an Verbindlichkeit, Halt und
Identifikation war mit neuen, den Gesetzmäßigkeiten des Wertes und
der Warenwelt gehorchenden Registern zu versehen. Diesen Gebrauchtintensitäten korrelierte die Rückkehr archaischer Strafbedürfnisse, vorweggenommene Schuld hatte ausgedünnte Weltkontakte
zu kompensieren, Selbstbestrafung und Opfer sollen wie einst einen
Gott nun eine Welt erzwingen — und zugleich suchen sie nicht nur
einen Sinnersatz, sondern beschleunigen die Arbeit am Ersatz der
Sinne! Bildwelten transportieren — gemäß der Beobachtung Freuds,
dass etwas entweder in der Wahrnehmung oder in der Erinnerung
sei, dass das Bewusstsein als Reizschutz und Puffer sich immer nur
einer dieser Oberflächen zuwenden könne — all das, was uns nicht
bewusst werden soll. Im Kontext konservativer Hermeneutik kann
von 'vergangener Zukunft' die Rede sein, wann immer Zitate ausgegraben werden, die einen Schein von Gegenwart aus der Vergangenheit transportieren. Koselleck deutet ein mögliches Ende der Geschichte an, wenn alle aus dem Wechselverhältnis zwischen Kritik
und Krise entspringenden Konflikte ausgereizt oder an die Randzo116
nen der westlichen Welt delegiert und ausgegrenzt worden sind.
Eine systemtheoretische Pointe, bei der allerdings der Gedanke der
Ungleichzeitigkeit entschärft wird — vielleicht ist die Geschichte zu
Ende, seit nur noch Zitate zitiert werden, vielleicht zerfiel sie aber in
Geschichten, die produktiv genutzt werden könnten.
'Die Moderne — ein unvollendetes Projekt'? Habermas deutete in
verschiedenen Zusammenhängen an, dass mit der Einebnung der
Klassengegensätze und der Funktionalisierung pädagogischer, moralischer und sozialer Bereiche neue Konfliktzonen entstanden, die
mit dem klassischen am Fortschritt orientierten Emanzipationsdenken nicht mehr in Einklang stehen. Er unterscheidet in der 'Theorie
des kommunikativen Handelns' (II 578ff.) die Emanzipations- von
den Widerstands- und Rückzugspotentialen, und gerade die letzteren gewannen in den 80er Jahren immer mehr an Bedeutung: Jugend-, Alternativ-, Ökologie- und Friedensbewegungen. Die neuen
Konflikte wachsen an den Nahtstellen und Berührungsflächen von
System und Lebenswelt nach, die darauf bezogene Kritik arbeite an
der Entfunktionalisierung; die Widerstands- und Rückzugsbewegungen seien auf die Eindämmung formal-organisierter zugunsten
kommunikativ strukturierter Handlungsbereiche gerichtet. Habermas
betonte die wichtige Funktion der Familie im Sinne einer Sozialisation kommunikativen Handelns. Er scheint Batesons Beobachtungen
nicht zur Kenntnis genommen zu haben: Die Familie kann mit Recht
als Zentrum von Behinderungssystemen aufgeschlüsselt werden, die
in der Lebenswelt für die Suspendierung des symbolischen Tausches sorgen. Diese Fraglichkeit kehrt auf den verschiedenen Ebenen wieder. So hat K. H. Bohrer im Kontext der Identitätskrise des
Intellektuellen mit der Unterscheidung der drei Kultur-Begriffe — auf
die im Rahmen der Überlegungen zur Avantgarde zurückgekommen
werden soll — für die Medien der Selbstdarstellung und der Gruppenidentität formuliert: „Entweder nämlich werden historische Bestände aktualisiert oder aber die Aktualität wird historisiert. Je nach
Vorherrschen dieser einander polemisch ausschließenden, kategorial aber entsprechenden Alternative — das ist unsere These — wird
man New Culture, Old Culture und Popular Culture über eine reine
Deskription hinaus auch theoretisch fruchtbar machen können.“(In:
'Stichworte...', 641) Die kritische Spannweite eines auf kommunikatives Handeln ausgerichteten Bewusstseins, seine synthetische Leistungsfähigkeit, divergenteste Zeiten und Erfahrungsansätze interessegeleitet zu verknüpfen, kann der dumpfen Selbstbehauptung entgegengesetzt werden, die vor Einsichten — in die Zusammenhänge
117
— flieht, um dann mit Vorliebe Unmittelbarkeiten zu behaupten und
Überzeugungen zu bemühen. Tatsächlich ist in jedem Einzelfall neu
zu prüfen, in welcher Funktion Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit
bemüht werden. Die Bemühung um Authentizität steht gegen die
Schauspiele der Simulation.
Die sozialgeschichtlichen Entwicklungen sind über das bürgerliche
Individuum und seinen inneren, sozialisationsbedingten Halt in familialen Identifikationen hinweggegangen. Massenbewegungen entwurzelter Kleinbürger waren die Folge — in erster Instanz antworteten darauf die Mythen von Führer, Volk, Blut und Boden. Der Mangel
an innerem Halt — Resultat ökonomischer Infragestellung und politischer Verunsicherung — produzierte die Rufe nach einem starken
Mann, nach dem Versprechen auf Absicherung. Eine „autoritäre
Charakterstruktur“ war zu diagnostizieren, wenn Konformität und
Vorurteil ersetzen sollten, was früher verbindliche Werte bewirkt
hatten. Daran wird allerdings deutlich, wie wenig dieses Urteil besagt, schließlich waren es die verbindlichen Werte, die den Bedarf
an Denk- und Erfahrungsersparnis zur Voraussetzung hatten, und
der vielgelobte Halt familialer Identifikation war tatsächlich ein
Wahnsystem. Was Mitscherlich zum Bildungsbegriff ('Auf dem Weg
zur vaterlosen Gesellschaft') ausführt, beruht auf Unwahrscheinlichkeitskriterien: Die klassische Bildungsvorstellung als Entäußerung,
als erarbeiteter Reifeprozess, der den ganzen Menschen durchdringt
und formt, war vielleicht für eine einsame Elite zuträglich, vielleicht
auch nur eine ideologische Beschönigung der Feierabendkultur —
Einsamkeitsfähigkeit ist zwar die Grundlage neuer Entdeckungen,
Sehweisen und Werke, aber sie ist non-konform, sprengt das soziale
Band! Den sozialgeschichtlich relevanten Mehrheiten hatte ein solcher Bildungsgedanke nur Fehlinvestitionen bedeutet und seit der
Jahrhundertwende stellen technische Medien die Möglichkeiten zur
Verfügung, die den ganzen Menschen, den hermeneutischen Sinn,
als überflüssigen Umweg, als eine unter anderen Unwahrscheinlichkeiten kennzeichnen.
In der psychoanalytischen Erfahrung der Übertragung wird das Verhältnis der Zeiten gegenwärtig als Modell einer Machtkonstellation.
Der in der patrilinearen Kernfamilie verstärkte Internalisierungsdruck
modernisierte im 19. Jahrhundert Verkennungsspiele der Identifikation und frühere Abhängigkeiten transportierten nun den Schein von
Geborgenheit. Das mit Notwendigkeit falsche Bewusstsein der Ideologiekritik erlebte als Unbewusstes eine nächste Auflage. Die Interpolation der Zeiten in der psychischen Ökonomie ist ein wirkungs118
mächtiger Vorläufer des von Elias beschriebenen Königsmechanismus: Die Mutter als Subjekt der Mimesis prägt die Ventile, über die
die Schematik der Macht in den Menschen hineingeleitet wird und
ihn modelliert, bevor er väterliche Autoritäten nachahmen und verinnerlichen kann. Es wird das Kind sein, mit dem die Frau dem Mann
ausweicht, es war die Mutter, dank der der Mann vor der Frau flieht.
Die Mutter-Kind-Dyade senkt die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen ins biographisches Fundament ein. Ihre weit zurückgreifende
Angst wird seine aktuelle Qual: ihre Negation wird seine Körpererfahrung, ihre Ausgeliefertheit wird sein Misstrauen, ihre Verdrängungstechnik wird sein Rollenkonzept. Ein lebenslänglich Delegierter
darf vor allem eins nicht wissen: Dass die Vergangenheit in ihm ein
Vorrecht behauptet und das vergessene Leid früherer Generationen
auf der Bühne der eigenen Gegenwart als quälendes Misserfolgsstück wiedergegeben wird. Aus diesem nicht-Wissenwollen/dürfen/können resultieren die üblichen Denk- und Erfahrungsbehinderungen der heute immerhin als notwendig anerkannten
Beziehungsarbeit — die eben nicht am isolierten Relat Mann/Frau,
sondern an der Beziehung zwischen ihnen und tatsächlich am gesamten Kontext (Bateson) anzusetzen hätte.
Das Unbewusste ist nicht nur wie eine Sprache strukturiert und folgt
den Gesetzmäßigkeiten von Metonymie und Metapher, es hat die
Regeln des Kontextes bewahrt. Die visuelle Verhaftetheit, der Bezug
zwischen Blick und Macht, wird in der Metonymie aufgehoben. Der
Bruch der Dyade, die Diskontinuität der Erweiterung auf das den
Vater einschließende Beziehungsdreieck ermöglichten die Symbolbildung in der Gestalt der Metapher. Und dieses Verhältnis aus „mütterlicher Metonymie“ und „väterlicher Metaphorik“(vgl. Guy Rosolato,
'Das Fragment und die Ziele der Psychoanalyse', in: 'Fragment und
Totalität', 88 f.) unterliegt dem geschichtlichen Wandel, auch wenn
Zitatmontagen in den Bezügen auf frühere Verhältnisse zurückführen. Soweit die Techniken des Unbewussten nachvollzogen wurden
und damit der Aufklärung unterlagen, war ein weiteres Ausweichmanöver fällig, die Flucht nach vorn. Ob Geständniszwang oder Selbstdementierung, das wissende und handelnde Subjekt erklärte sich für
nicht mehr zuständig, während das Unbewusste systematisch in
Waren- und Unterhaltungsästhetik umgeleitet wurde. Die Nachfolge
der Mütter haben die Medien angetreten. Als Form des zynischen
Bewusstseins tauchte bei Sloterdijk eine Regelhaftigkeit auf, die sich
in die letzten Schlupfwinkel einer abgeklärten und grau gewordenen
Aufklärung verfolgen lasse: Ein Statthalter des zeitgemäßen Wis119
sens muss auch immer wissen, inwieweit man sich um dieses Wissen nicht mehr kümmern darf — es ist schon nicht mehr zeitgemäß:
In den Köpfen, aber nicht mehr mit ihnen, wird gedacht. Einsame
Masse oder massenhafte Einsamkeit sind folgerichtiges Produkt der
Medien, die von den Mühen der Entäußerung und Bildung nur konsequenter entlasten — und dem sozialen Körper huldigen. Anders
beschrieb die damit verbundene Ersatzleistung Ikonomanie: In der
Bildersucht des Menschen tauchen frühkindliche Abhängigkeiten
wieder auf. Verbiederung als verschleiernde, bildproduzierende Forcierung der Entfremdung — die Welt wird durch Medien familiarisiert
— bringt neue Formen der sanften und versüßten Anpassung hervor: Mittlerweile wird der Sozialcharakter des Hysterikers abgelöst
durch den massenhaft produzierten Autisten, der Konformismus ist
bunter und lustbetonter geworden, wenigstens soweit es in den
Kram einer Konsumgesellschaft passt. Multimediale Sozialisationsagenten prägen Schemata in Köpfe und in Körper ein, Familienabhängigkeiten werden künstlich inszeniert, Individualitäten aus zweiter
und dritter Hand entstehen: Abwaschbar, auswechselbar, aber unverkennbar meins — schließlich hab ich dafür bezahlt. Das läuft wie
geschmiert, immer reibungsloser, wie moderne Varianten des Geschlechtsverkehrs — vgl. Jarrys: 'Der Übermann' —, zu denen es
nur noch einen durch die Maschine vertretenen Partner braucht. Nur
folgt aus dieser Reibungslosigkeit ein maßloser Reizhunger, den
weder Rasereien in den verschiedensten Prothesen(welten), noch
härteste Pornos/Brutalos auf die Dauer stillen — der Bedarf an Extremerfahrung und Abenteuerurlaub zeigt schon Gegenbewegungen
einer Entlastung von der Entlastung. Zudem vergrößert der Mangel
an Erfahrungen die Angstanfälligkeit und mindert die Bereitschaft wie
die Fähigkeit, reale Konflikte befriedigend zu lösen — die schlimmste
Erwartung scheint die der Angst zu sein, die Angst vor der Angst.
Probleme der Identität, die an anderer Stelle noch genauer zu betrachten sind: Identität resultiert aus einer Verschränkung der Zeiten
— Ich bin, was ich gewesen sein werde! Wenn am Ursprung der
Zeitmaschine die Negation wütet und befriedigende Selbstwahrnehmungen mangeln, wenn nicht genügend Erfahrungen zu machen
sind, die einem das positive Gefühl vermitteln: Aha, so einer bist du
also — werden wieder Mythen notwendig, um einer statischen Identitätskonzeption über Legitimationen der Dummheit auf die Beine zu
helfen. Ein altbekanntes Mittel, es braucht Feindbilder, Minderheiten,
und prompt gehört man wieder zu den Leuten, die es sich leisten
können, zu sagen: Wir sind ja wer! Und die wichtigsten Angelegen120
heiten müssen eben vergessen werden. Das Dummspiel klappt zwar
selten und dann nie sehr dauerhaft, aber der richtige Weg hätte die
Verabschiedung eines internalisierten Machtschemas vorausgesetzt.
Edgar Wind dachte Kleists Überlegung — wir müssen ein zweites
Mal vom Baum der Erkenntnis essen — weiter und deutet in seinen
Vorlesungen 'Kunst und Anarchie' an, was alltäglicher Selbstdefinition häufig unzuträglich, künstlerischer Wahrnehmung aber möglich
ist: „69 Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen und können
uns nicht rückwärts ins Paradies zurückstehlen: das Tor ist verriegelt, und der Engel wacht davor. Aber der Garten ist vielleicht am
andern Ende offen.“ Unter der fundierten Erwartung: je mehr Vergangenheit, desto mehr Zukunft, konnte Kamper in 'Zur Geschichte
der Einbildungskraft' weitere Bruchstücke einer paradiesischen, vordiskursiven Erkenntnis ausgraben — die Verschränkung der Zeiten
steckt im Zentrum der Einbildungskraft. Angst und Phantasie gehorchen einer zwanghaften Verbindung, die in gleicher Weise Mutterbezug und Todesfurcht verknüpfte: der Eingang — nur das macht ihn
so wichtig — ist verrammelt, und er wird bewacht, sonst käme vielleicht eine/r auf den rettenden Einfall, die Fixierung abzustreifen und
in der Offenheit menschlicher Horizonte auf paradiesische Erkundungen auszugehen. Duerr oder Macho — eine weitergehende Lesart des Kleistzitats in der Richtung: Kreativität als Umkehrung des
Opferkultes, findet sich in Machos: 'So viele Menschen...' — legen
den Gedanken an eine erste Überflussgesellschaft nahe; das Paradies war vielleicht die Welt der Wildbeuter, in der weder Krieg noch
Opferkult durch genealogische Abhängigkeiten vorgegeben waren.
Marcuse hat in 'Triebstruktur und Gesellschaft' entscheidende Hinweise zu dem Wechselspiel Erinnern- Vergessen zusammengefasst:
Sie machen mit Blick auf den Tod die Frage möglich, ob Kultur immer auf Triebverzicht und Unterwerfung beruhen muss und nähern
sich der Konzeption einer nicht-repressiven Sublimierung (228 ff.):
„Die bloße Voraussicht des unvermeidlichen Endes, die in jedem
Augenblick gegenwärtig ist, muss in alle libidinösen Beziehungen ein
repressives Element bringen und selbst die Lust leidvoll machen...
Der Fluss der Zeit ist der natürlichste Verbündete der Gesellschaft in
ihrem Bestreben, Recht und Ordnung, Gleichheit und all die andern
Einrichtungen aufrechtzuerhalten, die die Freiheit auf eine ewige
Utopie verweisen; der Fluss der Zeit hilft den Menschen das zu vergessen, was war und was sein kann: er macht sie vergesslich gegenüber der besseren Vergangenheit und einer besseren Zukunft...
Solch ein Vergessen bringt immer von neuem die Bedingungen her121
vor, die immer von neuem Ungerechtigkeit und Knechtschaft hervorbringen: vergangene Leiden vergessen, heißt den Kräften vergeben, die diese Leiden verursachten — ohne diese Kräfte zu überwinden. ...die Einseitigkeit der Gedächtnis-Schulung in unserer Kultur ... wurde hauptsächlich darauf ausgerichtet, Pflichten zu erinnern
statt Freuden; das Gedächtnis wurde mit schlechtem Gewissen, mit
Schuldgefühl und Sünde in Verbindung gebracht. Es ist Elend, Unglücklichsein und Strafdrohung, was im Gedächtnis haftet, nicht
Glück, nicht das Versprechen der Freiheit. Ohne die Freisetzung der
verdrängten Gedächtnisinhalte, ohne die Lösung der befreienden
Macht der Erinnerung ist eine nicht-repressive Sublimierung unvorstellbar. Von der Orpheussage bis zu den Romanen Prousts waren
Glück und Freiheit stets mit der Vorstellung der wiedergefunden Zeit
verbunden: le temps retrouvé. Die Erinnerung bringt die verlorene
Zeit zurück, die die Zeit der Erfüllung und Befriedigung war. Der
Eros, der ins Bewusstsein eindringt, wird von der Erinnerung bewegt;
mit ihr wendet er sich gegen die Ordnung des Verzichts; er benutzt
die Erinnerung in seiner Bemühung, die Zeit in einer Welt, die von
der Zeit beherrscht ist, zu überwinden. Aber insofern die Zeit ihre
Macht über den Eros behauptet, ist das Glück wesentlich eine Sache
der Vergangenheit. ...Erinnerung, die Freude ohne Angst vor ihrem
Schwinden verschafft und ihr damit eine sonst unmögliche Dauer
verleiht. Die Zeit verliert ihre Macht, wenn die Erinnerung die Vergangenheit wieder zurückbringt. Dennoch ist dieser Sieg über die
Zeit künstlich und unecht; das Gedächtnis ist keine wirkliche Waffe,
wenn es nicht in geschichtliche Aktion übertragen wird. Dann erst
wird der Kampf gegen die Zeit zu einem entscheidenden Moment im
Kampf gegen die Herrschaft. ...Mit seinem Streben nach ewiger
Dauer verstößt Eros gegen das entscheidende Tabu, wonach die
libidinöse Lust nur als zeitweiliger kontrollierter Zustand zugelassen
wird, nicht als beständiger Quell menschlichen Daseins. Es ist tatsächlich so: wenn das Bündnis zwischen der Zeit und der geltenden
Ordnung sich auflöste, dann würde das 'natürliche' private Unglück
nicht mehr das organisierte, gesellschaftsformende Unglück unterstützen. Die Verweisung der menschlichen Erfüllung auf die Utopie
würde kein entsprechendes Echo in den menschlichen Trieben mehr
finden und das Streben nach Befreiung würde jene erschreckende
Kraft gewinnen, die es in der Wirklichkeit noch nie hatte. ... Von jedem Maßstab her beurteilt, erscheint das Streben nach der Erhaltung der Zeit in der Zeit, nach dem Festhalten der Zeit, nach der
Besiegung des Todes unvernünftig, und unter der Hypothese des
122
Todestriebes, die wir akzeptiert haben, völlig unmöglich. ...Ist das
Ziel des Todestriebs nicht die Beendigung des Lebens, sondern das
Ende des Leides — das Fehlen von Spannungen — dann ist, paradoxerweise, im Sinne des Triebs der Konflikt zwischen Leben und
Tod um so geringer, je mehr sich das Leben dem Zustand der Befriedigung nähert. Gleichzeitig würde Eros, befreit von der zusätzlichen Unterdrückung, erstarken und als solcher die Ziele des Todestriebs absorbieren. Der Triebwert des Todes wäre ein anderer geworden: können die Triebe ihre Erfüllung in einer unterdrückungsfreien Ordnung verfolgen und erreichen, so verliert der Wiederholungszwang viel von seiner biologischen Begründung. Wenn Leid
und Mangel abnehmen, könnte sich das Nirwanaprinzip mit dem
Realitätsprinzip versöhnen. Wäre der erreichte Lebenszustand erfreulich und wünschenswert, so würde das der unbewussten Anziehung, die die Triebe auf einen 'früheren Zustand' zurückzieht, erfolgreich entgegenwirken. Die 'konservative Natur' der Trieb käme in
einer erfüllten Gegenwart zur Ruhe. Der Tod hörte auf, ein Triebziel
zu sein. ... In einer repressiven Kultur wird der Tod selbst zu einem
Instrument der Unterdrückung. ... der Unterwerfung und der Preisgabe. ... Die herrschenden Mächte haben eine tiefe Affinität zum Tode;
der Tod ist ein Wahrzeichen der Unfreiheit, der Niederlage. ... Eine
Philosophie hingegen, die nicht als Handlangerin der Unterdrückung
arbeitet, reagiert auf die Tatsache des Todes mit der 'Großen Weigerung' — der Weigerung Orpheus, des Befreiers. Der Tod kann zum
Wahrzeichen der Freiheit werden. Die Unvermeidlichkeit des Todes
widerlegt nicht die Möglichkeit einer schließlichen Befreiung. Gleich
den anderen Notwendigkeiten kann er vernünftig gestaltet werden —
schmerzlos. Die Menschen können ohne Angst sterben, wenn sie
wissen, dass das was sie lieben, vor Elend und Vergessen bewahrt
ist.“
Diesen Fraglichkeiten begegnen wir in allen Kapiteln des Philosophischen Sperrmüll: das Verhältnis von Abtötung und Kulturalisation,
die Beziehung zwischen Tod und Wert, bzw. Bedeutung, die Bedingungen einer Lebendigkeit jenseits der Verstümmlung. Die Größe
der Aufgabenstellung bemisst sich am Ausmaß des erfahrenen
Schreckens, doch mittlerweile scheint schon die Angst das Ergebnis
fehlerhafter Fraglichkeiten — Orpheus wurde von Frauen zerrissen,
er widmete sich im Mythos der gleichen Verhängnisverhütung wie
Proust in der Moderne. Paz oder de Rougemont legen die Vermutung nahe, dass diese Angst angekurbelt wurde, um die tatsächliche
Konkurrenz der kulturschwulen Vereinigung im Jenseits zu halten:
123
Die bekämpfte und verleugnete Wirklichkeit des Paares, der Beziehungsarbeit der Geschlechter, wurde von allen Institutionen als
Skandalon empfunden. Die Zeit ist mit der herrschenden Ordnung
verschwistert, seit sie als genealogisches Ordnungsschema taugte;
Stammbäume und Verwandtschaftsregeln sind die Grundlagen der
gesellschaftlichen Gewalt — kreative Eigenarbeit und putative Bündnisse zwischen den Geschlechtern könnten eine Zeit des Findens
prägen, jenseits des Todesmodus des Verpassens. Kulturschwule
Vereinigungen leben von der Angst vor dem Tod, ersparte Lebendigkeit ventiliert Institutionen, doch höhere Grade der Stillstellung
multiplizieren die Angst: der Tod ist Drohgebärde, Blutbank und Beruhigungsmittel — wenn noch alles zu retten ist, wird er zum Horrortrip, erst wenn nichts mehr läuft, verspricht er Erlösung.
So wichtig der Emanzipationsgedanke in den Einsichten der frühen
Kritischen Theorie zu nehmen ist, so gefährlich die Haltung des kulturellen Erben — spätestens seit der Dialektik der Aufklärung sollte
dieses Erbe Nessus zugeordnet werden. Der Traum, den Tod aus
der Welt zu schaffen, zeigt sich als Alptraum: emanzipatorisches
Streben bediente die Todesmaschinerie, alle Flucht vor dem Tod hat
ihn immer nur soweit geködert, dass er ein Moment der Unterdrückung oder Selbstzerstörung wurde: In ihm kehrt die Negativität zurück, in der der Gebärneid des Mannes und das Tabu auf der Weiblichkeit zur Gründungsakte der Kultur erklärt worden waren und das
Vergessen auch noch vergessen werden musste — alle Bestimmung
geschehe durch Negation? Wiederholung, Wiederholungszwang und
Todestrieb sind Steigerungsformen der Vergeblichkeit. Die großen
Fragen und Aufgabenstellungen können als Formen der Angstbewältigung verstanden werden. Sie wurden gegen die „Erfahrungslosigkeit und Undenkbarkeit des Todes“ — Thomas Macho, 'Todesmetaphern' — konzipiert und machten ihn vielleicht erst zu diesem gefräßigen Abgrund; die Hysterisierung färbte auf alle Lebensvorgänge
ab. An Heideggers Kategorien wurde eine geringfügige Verschiebung vorgenommen — Sloterdijks Thematisierung der Geburtlichkeit
erscheint von Macho aus in einem unerbittlichen Licht: „106 Vielleicht ist ja das Grauen vor dem Man in dem Wunsch verankert, sich
von aller Abhängigkeit zu befreien. Und vielleicht erschreckt die 'Geworfenheit' des 'In-der-Welt-Seins' darum, weil sie die einzige unaufhebbare Abhängigkeit offenbart: die Abhängigkeit von der Mutter, die
mich geboren hat. Diese Einsicht muss aber verleugnet werden, da
sie die Idolatrie des Individuums bremst: also denken wir an das —
nicht erst seit Schopenhauer geläufige — Gegenstück zur Geburt, an
124
den Tod. ... 107 An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, ob gar
das 'Nichts' in aller Philosophie nur chiffriert, woran nicht gedacht
werden soll. Wer von der Geburt als der 'Entstehung aus dem Nichts'
redet, will offensichtlich vergessen, dass dieses 'Nichts' die konkrete
Gestalt einer Mutter verbirgt; wer vom Tod als dem 'Übergang ins
Nichts' redet, will offensichtlich vergessen, was nach dem Tod, aufs
schrecklichste, übrigbleibt: die bestimmte Leiche.“ Diese Verkennungsanweisung kann noch zynischer formuliert werden: Wenn an
die biologische Basis, an die Mutter als Materie und Matrix nicht
gedacht werden darf und das Gesetz des einen und mit sich Identischen als Wahrheit gilt, wenn Übergänge und Zwischenwelten weggeleugnet sind, soll alles Fragen nach den Ursprüngen mit dem Tod
abgespeist, mit der Angst eingeschüchtert werden. Nicht der Muttermord führt in die kulturschwule Vereinigung (vgl. die Ästhetik des
Verpassens); es ist sogar zu bezweifeln, dass er im Fundament der
abendländischen Identitätskonzeption (Sloterdijk, 'Eurotaoismus')
aufzuschlüsseln sein soll: Die den kulturschwulen Halt stiftende Identifikation mit dem Vater beruht auf unterlassenen Handlungen, auf
verdrängten Phantasien; erst an Ersatzobjekten waren die Aggressionen auszuagieren. Oft genug ist die Angst vor dem Tod eine
Deckadresse, ein Ausagieren der verdrängten Ängste, die sich frühen Praktiken der Mütter verdanken! Das heißt aber, dass unter den
heutigen Bedingungen erst einmal zu lernen wäre, richtig geboren zu
werden und auf einer lebensbejahenden Ebene des Signifikantennetzes anzulangen — jenseits der kulturschwulen Vereinigung und
ihren Strategien der Partnervermeidung.
Der späte Marcuse fand die Bedingungen des gelebten Lebens nur
noch in der Ästhetik — Macho folgt den Andeutungen, auf welchem
Boden eine nichtrepressive Sublimierung gedeihen könnte und setzt
sich mit Fromms Kategorie Nekrophilie auseinander; sie liefert nur
scheinbar eine Kontrastfolie des alltäglichen Wahnsinns. Unsere
Gesellschaft zeichnet sich insgesamt durch jene Züge aus, die
Fromm der Pathologie des bösartig Nekrophilen vorbehalten wollte.
Die Zerstücklung ist allgegenwärtig, Leidenschaft und Abwesenheit
bzw. Tod stehen in einem Wechselbezug, was lebendig ist, muss in
etwas Unlebendiges umgewandelt werden; es wird zerstört um der
Zerstörung willen. Diese Kultur: „360 hat eine merkwürdige Vorliebe
für die Verwandlung des Lebendigen in tote Bilder... von allem, was
tot, vermodert, verwest oder krank ist, sich angezogen fühlt... muss
zerstören um der Zerstörung willen, um neuen Bedarf für immer
neue Waren und Produkte zu stimulieren... geprägt von einem mas125
siven Interesse an der Mechanisierung des Lebens ... 361 Diese
Nekrophilie ... muss als das Organisationsprinzip dieser Gesellschaft
reklamiert werden. ... Ob es hilft — wie Baudrillard hofft — die 'Todesspekulation' zu radikalisieren? Gibt es einen Fluchtraum... Vielleicht müsste die Flucht die Nekrophilie durchqueren, anstatt sie zu
vermeiden. ... Denn die Perversion, und ihre Steigerung zur Nekrophilie, trägt eine Januskopf: einerseits ist sie chaotisches Ergebnis
unserer Zivilisationsgeschichte, diffuses Resultat der Kapitalisierung
und Psychotisierung unserer Lebensform; andererseits aber ist sie
vielleicht die Ahnung der Erlösung, der Emanzipation, sofern sie nur
radikalisiert und konkretisiert werden kann. Dieses Projekt müsste
nämlich riskieren, den Ausschluss der Toten aus dem gesellschaftlichen Leben zu widerrufen — jene Verbannung, die womöglich die
universelle Ausbreitung der Nekrophilie, und ihre Versenkung ins
Unbewusste, von Anfang an begünstigt hat. Aus der längst fälligen
Reform der Narzissmustheorien könnte resultieren, dass erst bewusste Nekrophilie ermöglicht, 362 sich selbst sogar als die Leiche
lieben, die wir mitunter verkörpern müssen, sich auch als Toten zu
achten und zu erkennen. Dergleichen wäre zur Zeit unvorstellbar:
also verachten wir uns selbst, verachten alle anderen Leichen und
sehen insgeheim zu, dass jeder Rest von Leben in uns und um uns
zu Tode gebracht wird. Wir lieben keine Toten; es sei denn in ästhetischer Verpackung. Von den Sterbenden wollen wir gar nichts wissen. Aber wir lieben den Tod, und wir lieben das Töten. ... Wir müssten den Blick der wahren Nekrophilie erlernen, der Liebe als Grenzerfahrung und Leichenmimesis, jenseits der Sprache, jenseits der
Pornographie, jenseits von Sadismus, Masochismus und 'L'Erotisme', jenseits aller Obszönität.“
Liebe als Grenzerfahrung und Leichenmimesis... Auf Ambivalenzen
des mimetischen Bezugs wurde bereits hingewiesen, ihre Übersetzung in gesellschaftliche Widersprüche deutet an, was eine Beziehungsarbeit der Geschlechter leisten müsste: Sterben zu können
und Abschied zu nehmen! Sterben als Aufsprengen der Familienkonstellation, die Modi der Behinderung dürften verabschiedet werden; wiedergeboren zu werden in einer antigenealogischen Beziehung aus Bedürfnis und Vertrag. Trauerarbeit würde zum Schulungsgang kreativer Lustpolitik. Was einmal störte und verstümmelte,
wäre einer gedoppelten Betrachtungsweise kein versiegeltes Geheimnis mehr: Annahme verweigert, zurück an die Absender der
Negation! Eine nichtrepressive Sublimierung entstände auf jenem
schmalen Grat zwischen Wildnis und Kultur: Im Angesicht der eige126
nen Geschichten Weltenspringer werden, Trickster oder Menschenfresser. Während der Passagen der Traumzeit vor aller Trennung
zwischen verrückt und normal sind aneinander Wiedergeburten zu
üben, bis Opfer- und Sündenbockrituale als unnütze Angstbewältigungen, Machtspiele als überflüssige Nebenkriegsschauplätze
durchschaubar werden.
In Irigarays 'Speculum', einer geduldigen Untersuchung der Platonischen Höhle, der glänzenden Spiegel männlicher Macht und der
vereisten Matrix des weiblichen Phantasmas, des Phantasmas des
Weiblichen, wird jener Wille zur Zerstücklung, jene Lust des Abtötens, am Fundament der abendländischen Metaphysik aufgeschlüsselt. Erst das Vergessen des Vergessens schließt das eine und nur
mit sich Identische derart in sich ab, dass ihm — da hilft keine Wiedergeburt in der Idee — jede Grenzerfahrung abgeht. Die verleugnete, fragmentierte Mutter Materie und Matrix hat den Preis für alles
Nichtidentische zu zahlen, wie durch die Jahrhunderte zu gewährleisten. Mortifikationslust und Zerstücklungssucht werden mit psychoanalytischen Mitteln auf einen gestörten Selbstbezug zurückgeführt. Sie prägten frühkindliche Erfahrungsformen und beherrschten
die Mutter-Kind-Dyade, das Todesunternehmen Kultur als Mord in
Raten, als Opfer in unendlichen Metamorphosen, zeigt die tragischen Folgen der Ausgrenzung des Weiblichen: Wer die erste Bezugsperson der bevorzugt männlichen Nachkommen aufgrund ihres
Geschlechts mit einem Tabu belegt, wird den Fluch auf seinem Haus
den Göttern zuschreiben und in Tragödien besingen lassen — von
einer/m Schuldigen zu reden ist von da an müßig, es kann ja keine/r
gewesen sein, wenn die Schuld als tragische Macht installiert wurde.
Individualität und Todessehnsucht werden miteinander verklammert
wie Verdrängung und Mutterbezug! Macho fasste die Beobachtungen Melanie Kleins zusammen: „245 Der Tod ist verlockend: als
Ruhe, Geborgenheit, Schlaf; und er ist schrecklich: als erstickende
Enge, Schweigen, Ohnmacht. Diese Ambivalenz empfinden wir auch
gegenüber der Mutter. ... Genauso wie Glück und Geborgenheit auf
das befriedigende Objekt, werden Zorn und Rachegelüste auf das
versagende Objekt projiziert. In jeder späteren Trennungserfahrung
wird die primordiale Ambivalenz aufs neue belebt; Trennungen provozieren Todeswünsche...“
Familie und Tod: Kamper hat mit 'Der Körper des Königs' einen
Bogen beschrieben, der von Kantorowicz 'The King's Two Bodies'
zum 'Anti-Ödipus' von Deleuze und Guattari eine verdrängte und
127
verschollene Wirksamkeit und damit einen „dauernden Effekt der
symbolischen Ordnung im Abendland“ nachzeichnet. Die Bindungskräfte des sozialen Körpers, der wie ein imaginärer Spiegel wirkt und
dem die symbolische Ordnung und „der Name des Vaters“ aufgepfropft worden sind: Das instinktreduzierte Lebewesen Mensch projiziert in ihn jene Ganzheit, die es an sich vermisst und müht sich
dann im Kleinen, im biographischen Rahmen, als Ich und Charakter,
das große Vorbild nachzuahmen. Vom heimatlosen, aber im Paradies wandernden Nomaden zum paranoiden Sozialkörper und den
grundlegenden, familienbezogenen Abhängigkeiten in einer haltlosen Welt. Baudrillard hat die erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Prämissen nachgezeichnet, um deutlich zu machen, dass
diese Vermittlung durchs Imaginäre mittlerweile auf das referenzlose
Spiel der Signifikanten hinausläuft: die materielle Dichte der Welt, die
Anstoßmöglichkeiten des Realen, die kreatürlichen Stolpersteine
einzelner Körper drohen in ihrer Simulation ganz verloren zu gehen.
Dagegen sind im Gefolge von Kampers 'Zur Geschichte der Einbildungskraft' die Notausgänge und subversiven Strategien erahnbar
geworden, die mit dem Instrumentarium Baudrillards nicht mehr zugänglich waren. Erinnert sei an die in der mimetischen Ambivalenz
wirksamen Bindungskräfte des sozialen Körpers: Die Spur von Nachahmungszwängen und Ähnlichkeitsstiftungen führt heute in die
mutterzentrierte Kleinfamilie, als müssten die uralten Bannsprüche
über der Lebendigkeit unerkannt und umdefiniert weiterwirken.
In einer kurzen und prägnanten Auseinandersetzung mit Sloterdijks
Darstellung des kynischen Prinzips — 'Der soziale Körper: Kynismus
und Organisation' (Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“,
S. 297 ff.) — haben Heintel/Macho die Voraussetzungen des sozialen Körpers zusammengefasst und den Preis dafür genannt: Körperausschaltungsprinzipien. Jede Individualisierung ist notwendig leibfeindlich; der Leib kann zunächst nur gegen seine Bedürfnisse
selbstgenügsam gemacht werden. Die kynische Verkörperung ist
eine Form der Askese und kein lustbetonter Zugang zum Körper für
Softies. Diogenes wird zum Frauenfeind; der masturbatorische Gestus verneint jede Beziehungsarbeit; die Verkörperung als Inszenierung materieller Nähe lässt die Sehnsucht nach der rigorosen Gemeinschaft eines Kriegerstaats ahnen. Die kynische Schamlosigkeit
ist demonstrativ: sie meint nicht den eigenen, sondern den sozialen
Körper. Dessen Gesetzmäßigkeiten tauchen in allen Grenzerfahrungen wieder auf: Passagen und Wiedergeburten auf anderen Signifikantenebenen bewirken tatsächlich Veränderungen oder Perspekti128
venwechsel dieses übergeordneten Kontextes. Wenn Kreativität zur
Umkehrung des Opferkultes wird, verschwinden die gegen diese
Reifungen eingesetzten Behinderungssysteme der Familienwelt.
Was Leroi-Gourhan ('Hand und Wort') als Exterritorialisierung beschrieben hat, als Veräußerlichung der körperlichen Fertigkeiten in
der Geschichte der Technik, hat für die Möglichkeiten der Bewusstseinsbildung und der Zuordnung zu einem haltgebenden Wissen
sehr weitreichende Folgen. Der soziale Körper (Heintel/Macho) ist
„303 die 'intimste soziale Fessel, die uns, vor allen konkreten Gewissensregeln, an die allgemeinen Verhaltensstandards bindet'. ... Der
soziale Körper muss als Synthesis von Leiblichkeit und Individualität
gedacht werden. ... 304 folgende Entwicklung als entscheidende
Bedingung der Genese des 'homo sapiens': die Transformation des
animalischen Körperanpassungsprinzips in das spezifisch humane
Körperausschaltungsprinzip. ... Irgendwann müssen nun die direkten
Vorläufer des menschlichen Geschlechts folgende einschneidende
Erfahrung gemacht haben: die Erfahrung, 'dass Verfolger durch distanzierende Mittel von der Verfolgung abgehalten, ja selbst zur
Flucht genötigt' werden können. ... Flucht ließ sich ab diesem 'point
of no return' durch aktive Distanzierung ersetzen. Die Ausbildung
dieser neuen Überlebenstechnik... 305 erlaubt eine alternative Organisationsform der Gruppe: die 'Insulation' des sozialen Körpers gegen die Anpassungspressionen der Außenwelt. Im 'luxurierenden
Innenklima' der aktiv geschützten, in 'befriedetem Raum' stabilisierten Gruppe kann sich die evolutionäre 'Sonderentwicklung' des Menschen vollziehen. ... Einerseits ermöglicht die neue Organisationsform spezifische Individualisierungen, die im Geltungshorizont des
Körperanpassungsprinzips — als überlebensfeindliche — gar nicht
entfaltet werden durften. Instinktive Handlungsregulation kann nunmehr zugunsten von Planung und Motivation der Handlungen zurückgedrängt werden. ... Andererseits muss diese Eröffnung von
Individualisierungsmöglichkeiten durch die enorme Verstärkung der
Gruppenzusammengehörigkeit kompensiert werden. Die Gruppe
leistet ja erst jene Distanzierung, der sich die Individualisierungschancen verdanken... 306 Die jeweils erworbene Individualisierungsstufe bleibt strikt gebunden an das Gruppen-Ich, an die psychische
Repräsentanz der Gruppe in den Einzelindividuen; die umfassende
Prägung durch die Gruppe muss als Preis für den Gruppenschutz
und dessen insulative Stabilisierungsleistung — mit Notwendigkeit —
entrichtet werden. Die besondere Qualität des menschlichen Sozialkörpers entsteht aus der unwiderruflichen Verpflichtung der einzel129
nen Individuen auf die soziale Identität der Gruppe... 310 Bei zunehmender Ausdifferenzierung der insulativ konstituierten sozialen
Körper muss ... mit der Potenzierung des folgenden Widerspruchs
gerechnet werden: der Entfaltung und Steigerung allgemeiner Individualisierungsmöglichkeiten korrespondiert die wachsende Verdrängung der — jeder Individualisierung vorausgesetzten — Synthesis
des sozialen Körpers. ... Komplexe Gesellschaften mit hohem Individualisierungsniveau produzieren die Verdrängung des sozialen Körpers: je differenzierter 'das Klassifikationssystem einer Gesellschaft
und je stärker der es erhaltende Druck ist, um so mehr wird vom
sozialen Austausch angenommen, es handle sich bei ihm im Grunde
um einen Verkehr zwischen körperlosen Geistern'. ... 315 An die
Stelle der zerstörten naturischen Sozialkörper treten in der bürgerlichen Organisationsgeschichte jene Institutionen, die Michel Foucault
unter den Titel der 'Disziplinen' versammelt hat. ... die modernen
Einrichtungen der Schule, der Klinik, des Gefängnisses, der Psychiatrie, der Justiz und der Polizei.“
Vom Körperausschaltungsprinzip zur Institution, von der Verdrängung des symbolischen Tausches, des sozialen Körpers, zur Todesbesessenheit. Das Prinzip Familie ist nicht genannt: Es liegt der Geschichte der sozialen Körper zugrunde, seit Stammbaumdenken und
Frauentausch die Kategorien vorgaben. Die Wiederkehr des Verdrängten fand zu einer Zeit in der Familie statt, als bürgerliche Erwerbswelt und bürokratische Institutionen eine Aufteilung der Welt in
öffentlich/privat vorbereiteten. Die Familie — Mütter sekundiert von
Bildungsbeamten — ist jener Ort, der für die Verknüpfung von Leiblichkeit und Individualität zuständig wurde. Die um die Macht betrogenen Frauen sorgten unter Aufsicht des Todes für die Erhaltung
uralter Einflusssphären. Aber die Geschichte ist nur solange zwingend, wie der homo clausus darauf beharrt, er selbst zu sein. Machos Frage ('Todesmetaphern') nach der versäumten Trauerarbeit —
der Fähigkeit loslassen zu können, in der Erinnerung aufzubewahren, abzuarbeiten und in Objektivierungen zu verewigen: Trauerarbeit als eine kreative Umkehrung des Opferkults — führt auf den
ursprünglichen Todeswunsch: René Girard hat die gemeinschaftsstiftende Funktion von Sündenbockritualen herausgearbeitet; das
Körperausschaltungsprinzip muss am lebendigen Objekt eingeübt
worden sein. Machos kreative Version der Trauerarbeit ist scharf zu
trennen von einer gängigen des verkrampften Klammerns und heimlichen Abstrafens, die die Behinderungen und Tabus erst hervorbringt. Die bereitgestellten Wahnwelten wirken, weil jene Lügenge130
spinste und Todesverleugnungen dem Menschen unabdingbar wurden — weil er nicht über seine Endlichkeit, über das Leid seiner
Kindheit trauern durfte, um davon Abschied zu nehmen. Liebe als
Grenzerfahrung und Leichenmimesis ist suspendiert, wenn ein Fetisch der Selbstheit installiert wird! Die Fähigkeit zu einer Wiedergeburt auf anderen Signifikantenebenen verkümmert, wenn der Tod
des anderen von Grenzerfahrungen entlastet: Alles lustvolle
Schlachten war eine Flucht vor der Leichenmimesis. Der verdrängte
und darum allgegenwärtige Tod (Baudrillard) wurzelt in einem verdrängten Todeswunsch; er ist das verstellte und verleugnete Gegenstück mütterlicher Opferrituale — unsere fragmentierte Wahrnehmung verweist auf Frauentrümmer. Im doppelten Sinne: Frauen
waren die Opfer, Frauen halten ihren Status aus, weil sie die Opferrolle weitergeben ans Kind.
Ariès' 'Geschichte des Todes' — die konservative Verklärung der
Vergangenheit kann mit Kittlers 'Aufschreibesysteme' weggestrichen
werden — liefert den Schlüssel jener Trauerarbeit, die im nachträglichen insgeheimen Triumph wurzelt. Das Todes- und Trauermodell,
das die Psychologen für naturgegeben erklärten, reicht gerade bis
ins 18. Jahrhundert zurück. Davor hatte die Affektivität nicht den
Rang, der ihr im 19. Jahrhundert zugefallen ist; Verlust und Todessog wurden durch die traditionelle Geschäftigkeit der Gruppe abgefangen, die beim Tode zugegen war und häufig auch rasch überwunden. „745 Die mittelalterliche und moderne Trauer ist eher soziale als individuelle Trauer... Dieser Trauer ist im 19. Jahrhundert eine
andere Funktion aufgebürdet worden... mehr und mehr zum Ausdrucksmittel eines unendlichen Schmerzes geworden... 572 Das
Gefühlsleben des neunzehnten Jahrhunderts könnte sehr gut von
Frauen gestaltet sein... in dem Augenblick, wo sie ihre rechtliche
Macht und ihren ökonomischen Einfluss verloren haben. ... 556 Zu
schmerzliche Erinnerungen, als dass jemand sich darin gefallen
kann: Sie vergiften das Leben jeden Tag mit Trauer und machen es
unerträglich. Der Wunsch zu sterben... ist keine literarische Haltung,
sondern eine tiefe Wunde; nicht eine individuelle Wunde, sondern
ein Unglück der Epoche und der Kultur.“ Die Rachefeldzüge eines
Mutterphantasmas, verdeckt von der neuen Rollenzuweisung der
alphabetisierenden Mutter, tobten sich in diesem unendlichen
Schmerz aus, bis er zum Sog wurde, bis schöne Seele, stille Einfalt
und edle Größe zu Wiederholungen des biblischen Fluchs gerieten.
Die Verkralltheit lieferte mit den Trennungsschmerzen Gründe, den
Leib als Gefängnis und die Welt als Jammertal zu beweisen: Die
131
Leidensmiene wurde zum Erfolgsrezept, wenn dann Verzicht und
Askese als Gegenleistungen einzuklagen waren. Der Terror durfte
nur nicht durchschaut, sondern musste als Schwäche anerkannt
werden. Mit diesem familiären Realitätsprinzip wurde in den Tiefenschichten der Zeit ein Kampf ausgetragen, und das Spiel konnte sich
bis ins Unendliche potenzieren: Opferverhalten und Sündenbockmechanismus reichten die Negation weiter, die mit dem verdrängten
sozialen Körper virulent geworden war.
Die Diskriminierung der Frau hatte einen abschließenden Höhepunkt
erreicht, als mit der systematischen Verdrängung von Ammen, Kindermägden und weisen Frauen die Reform der europäischen Kinderstube, die Geschichte der Kindheit begann. Erziehungsbeamte
und zur Mutter bestimmte bürgerliche Frauen um 1800 (Kittler, 'Aufschreibesysteme') richten die imaginären Dämme auf, mit denen das
Begehren auf die Mutter zurückgestaut wurde und alle weiteren Anstrengungen auf den Tod, auf ein Jenseits vertrösten sollten oder
fehlerhaft erschienen. Das Todesventil wurde im Imaginären installiert — an das die Familie direkt angeschlossen war, und nichts
machte die aufs Heim reduzierte Frau mächtiger, als die Synthese
aus Totenkult und Fürsorglichkeit, auch das Thema Krankheit gehorchte ihrem Herrschaftsbereich. In kulturschwule Vereinigungen
vor der Frau fliehende Beamte huldigten einem Kult der Mutter, die
zwischen allen Zeilen halluzinierbar ist: „Mütter bilden Beamte, die
Mütter bilden, um Beamte zu bilden ...“ — noch die spätere Matriarchatsemphase scheint daher zu rühren, die Institution selbst wurde
zur Mutter! Die für den Staat notwendige Subalternität war an den
Bildungsgedanken gekoppelt, während der Mythos genialer Produktion — der simulierte Schwanzlängenvergleich unter Gleichgeschlechtlichen — über die stillstellenden Abhängigkeiten tröstete.
Eine spezifisch matriarchale Hominisation unter Bedingungen der
patriarchalen Familie wird in vieler Hinsicht dafür sorgen, dass die
Emanzipation aus dem familiären Einflussbereich nicht gelingt — der
mögliche spätere Partner des Kindes steht in einer von vornherein
besiegelten Konkurrenz zur Mutter. Erotik und Pathologie/Tod werden in der entstehenden Kleinfamilie in spezifischer Form zusammengeschweißt. Kittler, 'Das Phantom unseres Ichs...', hat diese
Fusion einer an Lacan, Derrida und Foucault geschulten Diskursanalyse unterworfen, um den späteren Bruch nachzuvollziehen, der das
Bildungsmedium Mutter vom technischen Medium Film trennt: „Erst
die vom symbolischen Austausch entkoppelte Kleinfamilie wird zur
Produktionsstätte so aufdringlicher wie undurchdringlicher Bedeu132
tungen. ... Der sein Unglück auf die Kindheit zurückschreibt, bleibt
Kind und Gefangener seiner Kindheit bis in den Tod. Denn erst die
bürgerliche Familie, die als Reich der Innerlichkeiten von der Öffentlichkeit gesondert ist, sondert in ihrem Innern noch einmal eine Welt
der Kinder... 162 Der Fehl vom Metakommunikation produziert eine
imaginäre Realität als Korrelat der monologischen Innerlichkeit. ...
Die endophysische Trennung zwischen Manifestem und Latentem...
hat historische Bedingungen. Sie bildet, wie Norbert Elias zeigte, nur
die intersubjektive Schranke ab, die die Desymbolisierung der Familie zwischen Öffentlichem und Geheimem gezogen hat.“('Urszenen',
161) Der Batesonbezug wird in einem späteren Kapitel auszuarbeiten sein: Gerade das Fehlen von Metakommunikation, die Verstellung der mütterlichen Imperative, überhaupt der Widerspruch zwischen der gesellschaftlich geforderten Mutterliebe und der Imprägnierung aller Zuwendungen durch die erlittene Negation — erpresste
Rücksichtnahmen und geschenkte Nötigungen, die ständigen Winkelzüge, dem Gegenüber die eigenen Motivationen zu unterstellen,
die Legitimation terroristischer Quälereien durch die eigene Ausgeliefertheit — werden in Batesons Schizophrenietheorie eine wesentliche Rolle spielen. Die Mutter redet den Kindern ein, sie selber
wünschten, was sie wünscht. Der modus vivendi besteht aus den
widersprüchlichen Worten der Mutter, ihrem ständigen Umdefinieren
der Wirklichkeit und dem Schweigen des Vaters, der sich in der Welt
des Geschäfts zu beweisen, aber der alphabetisierenden Mutter
nichts Vergleichbares entgegenzustellen hat: Seinem Mangel an
Substanz innerhalb der Familienwelt entspricht ihre Macht über die
erfahrbare Wirklichkeit. Die schizophrenogene Familie entsteht,
wenn eine Metakommunikation der Eltern über ihre Kommunikation
ausgeschlossen worden ist. Ariés vollzog auf der Ebene der Kindheit
und der des Todes nach, wie dieser Sonderbereich der Lüge und
Verleugnung entstanden ist, wie im Laufe der Jahrhunderte aus kleinen Erwachsenen immer größere und ältere Kinder werden. Nach
dieser vorgegebenen Fiktion Kindheit kann die Mutter dem Kind
Konflikte ersparen wollen und es dem besonders schweren Konflikt
aussetzen, dass ein Widerspruch zwischen seiner Kindheit und dem
wirklichen Leben entsteht — der durch die Stärkung der Institutionen
und durch die Verleugnung des Lebendigen abgefedert werden
muss.
Das neue geschichtliche Sozialsystem Kernfamilie verfestigte sich in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Bis dahin sind die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern nach dem Prinzip des „Großen
133
Hauses“ definiert, ökonomische Angewiesenheit in einer Totalität
produktiver und konsumtiver Verhaltensweisen. In dieser Produktionsgemeinschaft ist das Verhältnis von Vater und Kind eines von
Herrschaft und Dienstbarkeit. Die Macht des Vaters endet mit der
„Emanzipation“ des Kindes. Die Bindungskräfte bleiben diffus, Identitätsstiftungen können am Umweg über andere Hausbewohner und
Verwandte Repertoireerweiterungen erfahren — vgl. 'Dichtung und
Wahrheit', Goethe profitierte auf einer Epochenschwelle von den
ursprünglichen Pluralitäten, arbeitete aber an den imaginären Einheitspostulaten mit, während er im Untergrund seiner Romane eine
Erinnerung ans Verdrängte bewahrte. Erst die bürgerliche „konjugale“ Kleinfamilie mit den Bezugspunkten Vater-Mutter-Kind trennt
konsumtive von produktiven Funktionen und organisiert sich „innerhalb der geschlossenen Familie, in den auf Intimität abgestellten
Wohnungen, den neuen, gegen jegliche Popularisierung gefeiten
Stadtvierteln.“ ('Geschichte der Kindheit', 564) Innerhalb werden
Kindheit und Jugend inszeniert, draußen ist die böse Welt, die immer
näher an den Tod herangerückt wird. Die Kinder werden aus einer
polymorphen Umwelt herausgelöst und einer systematischen, sorgenvollen Aufzucht unterworfen — hier entsteht der eine Sinn, die
Geschichte, die Vernunft, die Sexualität, aus den auf die Mutter zurückgestauten Bindungen. 'Die Geschichte des Todes' zeigt, welche
Bedeutsamkeit der Tod des anderen genau in dieser Zeit gewinnt:
Was auf den ersten Blick aussieht, wie morbide Hirngespinste von
Frauen, die von Priestern beherrscht wurden, ist gegenwärtig in aller
Innerlichkeitsemphase. Der Tod prägt die Bedeutungen und liefert
Nebenkriegsschauplätze wie Therapeutika.
Die unter dem Einfluss der Kleinfamilie entstehenden Änderungen in
der psychischen Ökonomie ersetzen auf vielen Gebieten Abmachungen durch emotionale Bindung und führten zu einer „600 Revolution des Gefühls“. Die Affektivität wird gestaut und investiert; die
früheren Beliebigkeiten der Bindungskräfte werden mit Hilfe des
Todes beseitigt. Ariès zeigt, wie der „578 Wandel des Testaments in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der Wandlung der Gefühle zwischen dem Erblasser und seinen Erben zusammenhängt.
Einst waren diese Gefühle eher misstrauisch. Sie sind vertrauensvoll
geworden. Beziehungen der gegenseitigen Zuneigung haben
Rechtsbeziehungen ersetzt. Es schien unerträglich, den Austausch
zwischen Wesen, die durch gegenseitige Liebe im einen wie im anderen Leben verbunden waren, vertraglich festzulegen. 599 Alles,
was Körper, Seele, Seelenheil, Freundschaft betraf — die Religion
134
eingeschlossen —, war dem juristischen Bereich entzogen, um
häusliche Angelegenheit, Angelegenheit der Familie zu werden.
...Indiz für einen neuen Typ von Beziehungen innerhalb der Familien,
wo die Zuneigung den Sieg über jede andere Erwägung des Interesses, des Rechts, der Schicklichkeit davontrug... Diese Zuneigung,
die kultiviert und sogar verherrlicht wurde, machte die Trennung
durch den Tod schmerzlicher und lud dazu ein, sie durch die Erinnerung oder andere mehr oder weniger konkrete Formen des Weiterlebens zu kompensieren. 600 ... Das Wesen, die Intensität und die
Gegenstände des Gefühls haben sich gewandelt. In unseren alten
Gesellschaften war die Affektivität auf eine größere Zahl von Personen verteilt, die nicht auf die Mitglieder der Familie beschränkt blieb.
Sie erstreckte sich auf immer weitere Kreise, wo sie sich auflöste.
Andererseits wurde sie nicht völlig investiert; die Menschen bewahrten sich eine Menge frei verfügbarer Affektivität, die sich den Zufällen des Lebens entsprechend entlud, als Zuneigung oder ihr Gegenteil, Aggressivität.“
Jene Desymbolisierung im Einwirkungsbereich der Familie pumpte
hysterische Gewalten in die psychische Ökonomie: Gerade weil der
symbolische Tausch suspendiert wurde, weil die jedem kommunikativen Handeln zugrundeliegende Vertragsfähigkeit (vgl. Habermas
Darstellung und Kritik verdeckt strategischer Sprechhandlungen)
tabuisiert wurde, sammelte und staute sich die Affektivität. Akkumulierte Reste prägten Geld wie Unbewusstes — der symbolische
Tausch funktionierte ohne Rest, Gabe gegen Gabe — der oft in die
Utopie verwiesene Gebrauchswert der Arbeit kann mit Habermas
(ThdkH II 494) aus dem kommunikativen Handeln abgeleitet werden.
Das Wuchern der Tauschwerte, Todesbesessenheit und Nekrophilie,
entsprechen einem gigantischen Sparsamkeitstick; die toten Werte
haben Vorrang, weil Lebendigkeit selbst als bedrohlich erscheint.
Und jenes Gefühl für den Anderen ist nicht mehr als eine Deckadresse, eine Rationalisierung psychischer Abhängigkeit und ökonomischer Strategie — nicht umsonst ist es im testamentarischen Kontext
zuerst beobachtet worden. In 'Am Anfang war Erziehung' (49) hat A.
Miller „die gefährliche Wärme des heimischen Herds“ zitiert, an dem
die Libido in Töpfchen der Bildung und Wohlanständigkeit eingekocht wurde: Geborgenheit, Wärme und Vorausplanung haben eine
Schattenseite; sie erdrücken alle wache Lebendigkeit und arbeiten
im Sinne der schwarzen Pädagogik an der Umformung der ihnen
Ausgelieferten in Prothesenwesen. Die gefühlsbeladene Gegens-
135
trömung zu Rationalität und Ordnung hat Teil an dieser Schattenseite — sie prägte die durchtriebensten Abwesenheitsdressuren.
Oft genug wurde die kindliche Entwicklung mit der gesellschaftlichen
parallelisiert und diese dadurch verharmlost: Sie habe in verkürzter
Form einen Bildungs- und Zivilisierungsprozess nachzuholen. Doch
der Prozess der Zivilisation ist keiner der freundlichen Modellierung,
wenn im 18. Jahrhundert das Andere: der Leib, die Natur, die sympathetische Wahrnehmung und am Ende die Einbildungskraft, aus
der Welt ausgetrieben werden müssen — auch das erklärt, warum
die Aufmerksamkeit für das Andere, das zum Stellvertreter verdrängter und ausgegrenzter Erfahrungen wird, in hysterischen Schüben
zunimmt. Die Brüder Böhme haben anhand Kants Rationalitätsstrukturen gezeigt, welchen Ängsten die Aufklärung gehorcht und welcher
Preis für die befriedete Insel Vernunft gezahlt werden musste. 'Das
Andere der Vernunft': „273 Vernünftig sein bedeutet eine dauernde
Anstrengung. Jederzeit ist dieser Status bedroht durch das Andere,
durch dessen Beherrschung er sich konstituiert. Es ist der Leib, es
sind die Gefühle, die Natur und die Einbildungskraft, denn sie ist es,
die das Andere selbst im Bewusstsein repräsentiert. Die Vernunft der
Aufklärung, die Kantische Vernunft, ist von Anstrengung und Furcht
gezeichnet. Es ist eine spastische Vernunft: rigide und verschlossen.
... Sie befestigt ihr eigenes Territorium und macht die Grenzen dicht.
Was hinter den Grenzen liegt, bleibt sich selbst überlassen. Keine
Vernunft mehr in den Sinnen, keine Vernunft mehr im Leibe, keine
Vernunft mehr in der Religion, keine Vernunft mehr in der Natur. So
produziert die Vernunft durch ihren Rückzug zugleich ihr Irrationales.
Die Sinne werden zur bloßen Sinnlichkeit, der Leib wird zum bestialischen Teil im Menschen, die Religion außerhalb der Grenzen der
bloßen Vernunft zur Schwärmerei, die Natur zur teils gefürchteten,
teils verehrten Wildnis. Das kritische Programm erweist sich vom
Anderen der Vernunft her gesehen als Rückzug. Zwar bestimmt die
Vernunft ihre legitimen Grenzen und befestigt das Land der Wahrheit, doch dieses Land der Wahrheit erweist sich als eine Insel: die
Vernunft isoliert sich.“
Die Robinsonade der Vernunft findet zugleich als Pädagogisierung
der Kindheit statt. Aus diesem Grund tauchen die Abtötungsriten und
Grenzbefestigungen einer narzisstischen Größenphantasien huldigenden Vernunftkonzeption, die nicht hinter ihre Verstümmlung
kommen darf und sie stellvertretend an den Kindern ausagiert, in all
jenen Störungen wieder auf, die in einer therapeutischen Gesellschaft ins Blickfeld geraten. Behinderung und Lebenslüge sind die
136
notwendigen Stützen des Familiensystems, und sie legitimieren den
Bildungsbeamten, der seine verborgensten, uneingestandenen Bedürfnisse ausleben darf — die Folgen hat Miller anhand der Schwarzen Pädagogik herausgearbeitet: „32 Das erklärt auch den Widerstand gegen die Rezeption und Integration des unbestreitbaren Wissens... eine allgemein gültige psychologische Gesetzmäßigkeit...:
Die Machtausübung des Erwachsenen über das Kind, die wie keine
andere verborgen und ungestraft bleiben kann. ... 47 Bezeichnenderweise wird hier Ursache mit Wirkung verwechselt und etwas als
Ursache bekämpft, das man selber bewirkt hat. Ähnliches findet sich
nicht nur in der Pädagogik, sondern auch in der Psychiatrie und Kriminologie. Ist nun das 'Böse' durch Unterdrückung des Lebendigen
erzeugt, so ist jedes Mittel gerechtfertigt, um es im Opfer zu verfolgen. ... 48 Da wird die 'Lebenshemmung' von Schleiermacher unverschleiert zugegeben und als Tugend gepriesen. Es wird aber wie bei
vielen Moralisten übersehen, dass die echten freundlichen Gefühle
ohne den lebendigen Grund der 'Heftigkeit' gar nicht wachsen können. Moraltheologen und Pädagogen müssen besonders erfinderisch sein oder im Notfall wieder zur Rute greifen, denn auf dem
durch frühe Zucht ausgetrockneten Boden wird die Nächstenliebe
nicht leicht wachsen. Immerhin — es bleibt ja noch die Möglichkeit
der 'Nächstenliebe' aus Pflicht und Gehorsam, also wiederum die
Lüge.“ Zu diesem Selbstbetrug der Abtötung und zu den Eiswüsten
der bürgerlichen Abstraktion passen die Überlegungen zum Terrorismus und dessen Bezug auf die unbarmherzigen Werte des Pfarrhauses(84-85). Ein soziologischer Ort im Zentrum der bürgerlichen
Kulturproduktion, der materielle Not und politische Unterdrückung
auszuhalten half, dank dem analog konstruierten Heilsversprechen
immaterieller Werte und gehorsam nachgespielter Zwänge. Die Bildungswerte gelten eben wegen ihrer Immaterialität allen greifbaren
Werten überlegen. Der Abwesenheitsbezug heiligt den Wert, seine
Nähe zum Tod verklärt die Subalternität, die Lüge wird zum Wahrheitsersatz, und die Lust am Quälen verdeckt die eigene Verstümmlung. Für den Erzieher können Dünkel und Selbstgerechtigkeit nahtlos mit der geforderten Demut zusammentreten — das ist ein Gewinn des Instanzenweges. Die toten Werte haben Vorrang; der Hang
zum Nichts (Ariés, 437) hatte einmal aus der Entwicklung des Glaubens an eine Zweiteilung des Seins resultiert, der Gegensatz zwischen Körper und Seele verlängerte sich in der Negation der materiellen Zugänge zur Welt.
137
Nekrophilie und bürgerliche Gesellschaft treten nicht nur in der Metaphysik als systemischer Zusammenhang auf, sondern sie werden
in der Pädagogik zu praktischen Zwecken innig miteinander verknüpft: Nekrophilie als Folge der schwarzen Pädagogik. „63 Man
darf dem Nutznießer der Manipulation nicht auf die Spur kommen.
Die Fähigkeit, zu entdecken, wird zerstört oder pervertiert mit Hilfe
von Ängstigung. ... 64 Mit Leichenbildern gegen den Geschlechtstrieb anzukämpfen gilt als legitimes Mittel, um die 'Unschuld' zu
schützen, zugleich aber wird so der Boden für die Entwicklung von
Perversionen gelegt. Auch der systematisch gezüchtete Ekel vor
dem eigenen Körper erfüllt diese Funktion.“ Ariés hat die Verknüpfung von Tod und Triebverzicht nachgezeichnet, die besonders offensichtlich wird am mondänen Erfolg der Anatomie. „471... Anziehung durch die schwer definierbaren Erscheinungen auf der Grenze
zwischen Leben und Tod, zwischen Sexualität und Leiden ... des
Verworrenen und des Morbiden. Diese neue Kategorie, die im neunzehnten Jahrhundert aus einer Annäherung von Eros und Thanatos
entstanden ist, hatte am Ende des fünfzehnten oder zu Beginn des
sechzehnten Jahrhunderts begonnen und sich während der ersten
Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts erweitert. ... 472 Der Tod ist
nicht mehr Werkzeug der Notwendigkeit, er ist von Begierde nach
Genuss belebt, er ist zugleich Tod und Begierde. ... 476 Die Verwechslung von Tod und Wollust geht soweit, dass jener das Hochgefühl nicht unterbricht, sondern im Gegenteil noch steigert. Der tote
Körper wird seinerseits zum Gegenstand der Begierde.“ Und zwar
als toter, als verfügbarer Körper, als einzig adäquater Gegenstand
der monomanen Besessenheit des homo faber — es ist eine Frage
der Zeit gewesen, bis dieser masturbatorische Elan seine Omnipotenzphantasien in der Warenwelt austoben durfte.
Liebe und Tod — die Einbruchstellen der gefährlichen Natur in die
angeblich befriedete Welt — verwilderten nach Ariés in einer Periode
wachsender Rationalität. Die Machtmechanismen gegen diese Natur
heißen Delegierung und Verschiebung, doch was an Funktionskreisen zustande kam, situierte sich außerhalb des Familiensystems,
dessen Macht dann im Inneren verstärkt angekurbelt wurde, um die
Fäden nicht aus den Fingern zu lassen. Wenn nötig entwickelte das
Familiensystem spezielle Sendeanlage zur Fernsteuerung: Liebe
und Tod unterstehen mittlerweile der Familienregie des weiblichen
Lebensbereichs und melden ein lange überhörtes Veto an. Im 19.
Jahrhundert, als Techniken der Industrie, der Landwirtschaft, der
Verwaltung, die dem wissenschaftlichen Denken zu verdanken sind,
138
ihre Triumphe feiern, treibt die Romantik eine Sensibilität der grenzen- und vernunftlosen Leidenschaft hervor. Der Einfluss der Kleinfamilie, der von ihr beanspruchte Bereich der Privatheit, hatte mit der
Aufmerksamkeit für den Tod des Anderen die Energien freigesetzt:
„Die einst freischwebende, diffuse Affektivität hat sich auf einige
wenige Wesen konzentriert, von denen getrennt zu werden man
nicht mehr erträgt... Ein originärer Typus gewinnt bald die Oberhand
über sämtliche anderen Formen der neuen Empfindsamkeit: der des
Privatlebens im Sinne der englischen privacy. Er hat seinen Platz in
der 'Kernfamilie' gefunden, die sich aufgrund ihrer neuen Funktion
der absoluten Affektivität zu konsolidieren vermochte... So steht die
privacy sowohl im Gegensatz zum Individualismus als auch zum
Gemeinschaftssinn und ist Ausdruck einer ganz eigenständigen und
originären Relation. Unter diesen Bedingungen hatte der eigene Tod
keine Bedeutung mehr. Die Angst vor dem Tode... wurde auf den
Tod des Anderen verschoben, auf den Tod des geliebten Wesens.“
Die Einbildungskraft besorgte im Kompromiss der Schönheit die
Projektion des Familienschemas in ein jenseitiges Paradies. In
Trauerarbeit und Totenkult wird das Jenseits zu einem mächtigen
Verbündeten gegen die irdische Misere. Der Tod rückt an die pathetischen Züge der Natur heran, um desto gründlicher über die Wahrnehmungsweisen der Familienmitglieder zu verfügen. Die kleine
Lüge gegen die Wahrnehmung von Krankheit und Zerfall wird zur
umfassenden Simulation von Wert und Charakter im Nachhinein; der
Tod wurde zum ästhetischen Medium, in dem die lieben Verstorbenen ganz nach den eigenen Wünschen zu modellieren waren. „784
Der Kompromiss der Schönheit ist das letzte Mittel, um die maßlose
Pathetik einzudämmen, die die alten Schutzwälle durchbrochen hat.
Ein Abwehrmittel, das zugleich auch ein Zugeständnisse ist: Es verleiht dem Phänomen, das man damit schwächen wollte, einen außerordentlichen Glanz... 555 die beiden grundlegenden Aspekte des
romantischen Todes...: Das Glück und die Vereinigung der Familie.
Der eine ist die Evasion, die Befreiung, die Flucht in die Unendlichkeit des Jenseits, der andere ist der unerträgliche Bruch, den man
mit einer Wiederherstellung dessen im Jenseits, was einen Augenblick zerrissen war, kompensieren muss. ... 575 In dieser seltsamen
Logik wurde der Tod kultiviert und gewünscht, weil er das Wiedersehen in die Ewigkeit einführte. Man fand im Himmel alles, was auf
Erden glücklich machte, also die Liebe, die Zuneigung, die Familie
— ohne das was traurig machte, das heißt die Trennung.“
139
Die Schönheit ist eine Chiffre des Anderen, auch der Wilde und die
Fremde werden unter dieser Kategorie verarbeitet (Todorov), bis
nichts mehr von ihnen übrig ist — und um diese Vernichtung geht es
tatsächlich. Diese Hysterisierung hatte zwei Seiten: Faszination des
Todes und Wohnung im Himmel. Die Todessehnsucht verdankte
sich jener auf die Mutter rückgestauten Libido; die Nekrophilie verrät
nebenbei, was mit den Kindern tatsächlich geschah: Sie wurden
abgetötet und wussten sich nur als Tote geliebt! Zwangssysteme, die
seit jener Zeit die Körper disziplinierten und in kindergerechte Gefängnisse sperrten, unterstehen dem Todeswunsch: Nur wer tot ist,
kann der Familie nicht mehr entkommen; die Flucht in Arbeit oder
andere Beziehungen ist nur eine Frage der Zeit. Wenn eine/r der
Familie ganz gegeben ist, wird alles in der Erinnerung zurechtgerückt, bis nichts mehr stört! Ästhetische Wahrnehmung lieferte nicht
nur die Optik, sie prägte auch am Todesbild des Charakters, und
über den Umweg der mimetischen Ambivalenz gelang eine weitere
Einschränkung des Individuellen zugunsten der Familie: Ein System
aus Lüge und Verleugnung untergrub eben jene Formen der Identität, die aus den Verinnerlichungsdruck hervorgegangen waren —
lauter Rücksichtnahmen annullieren Schritt für Schritt den Namen
des Vaters.
Auch der Einspruch des Realen — des Faktums Tod, unerklärbar
aber anstößig wirksam, wie ein nackter Körper — wird aus der Welt
gebracht, durch Verdrängung und falsche Rücksichtnahmen ersetzt.
Erst in den heiligen Hallen des Imaginären behält das Familiensystem auf ewig recht. Die Lüge selbst wird zur Wahrheit erklärt und
lieferte den Code für Wahrnehmbarkeiten: „601 Da der Tod nicht das
Ende des geliebten Wesens ist, so tief der Schmerz des Überlebenden auch sein mag, ist er weder hässlich noch furchterregend. Er ist
schön, und der Tote ist auch schön. ... Der Tod hat begonnen, sich
zu verbergen, trotz der scheinbaren Publizität, die ihn in der Trauer,
auf dem Friedhof, im Leben wie in der Kunst oder der Literatur umgibt: er verbirgt sich unter der Schönheit. 718... neue Hemmungen
vor der Todesankündigung... die Liebe zum Anderen, die Angst, ihm
wehzutun und ihn in Verzweiflung zu stürzen, die Versuchung, ihn
davor in Schutz zu nehmen, indem man ihn über sein nahes Ende im
Unklaren lässt. ... Jeder ist also Komplize in einem Lügengewebe,
das sich in eben dieser Zeit zu entwickeln beginnt und den Tod von
nun an immer entschiedener in den Untergrund verdrängt. Der Kranke und seine Familie spielen miteinander die Komödie: 'Es ist alles
140
beim alten' ... 787 die Bedeutung des Individuums und seiner Identität... von der familiären Fürsorglichkeit unterdrückt worden ist.“
Peinlichkeitsdressur, Sauberkeitsriten und Todesverleugnung sind
Steigerungsstufen der Macht des Familiensystems — und sie sind
nur die Kehrseite neurotischer Sexualitäten. Das Lügengewebe im
Umkreis des Sterbenden dient, neben der Maskierung des Todes
durch die Krankheit, der Herrschaftssicherung, wie auch die ständige
Beschäftigung mit Krankheit und Tod eine Drohung virulent hält. Der
schmutzige und ungehörige Tod steht in letzter Instanz für die böse
Außenwelt, wie oft die Geburt als Bedrohung durch das biologische
Faktum Kind als Einbruch abgestraft wurde. Uta Ottmüller, 'Das Kind
im ersten Lebensjahr — ein Außenposten' ('Der Andere Körper'),
geht den Zeugnissen einer Dialektik der Verstümmlung nach, die am
Kind als Stellvertreter für eine böse Außenwelt, ausagiert wird. Unter
dem Vorwand des Behütens dürfen peinlichste Rituale des Entzugs
von Lebendigkeiten inszeniert werden. Die Frau findet im Familiensystem jenen Ort, der ihre Diskriminierung auszuhalten hilft; sie wird
Lebendigkeit und Lustpolitik in dem Maß unmöglich machen, dem
ihre Unterwerfung unter das Gesetz des Mannes gehorcht. Diese
Wiederkehr des Weiblichen — der weiblichen Fiktion — im VaterMutter-Kind-Imaginären, ist geprägt vom Tabu: Was ihr geschah,
wird zum Schicksal „Des“ Menschen. Die Alphabetisierung verstellt
die Verherrlichungen des Verzichts, Erziehung und Bildung arbeiten
dann an Idealisierungen der Kastration!
Auch ohne die klare Perspektive des Todes erscheinen Erziehung
und Bildung als Verfolgung des Lebendigen. Die von Miller dargestellten Grundsätze und Verhaltensformen der schwarzen Pädagogik
haben zwei Ausgangspunkte: Mütter und Bildungsbeamte! Der Wirkungszusammenhang über die Generationen legt den Gedanken
nahe: Heute verwirklicht sich Erbsünde auf diese Weise! Eltern
kämpfen bei ihrem Kind um die Macht, die sie bei ihren eigenen Eltern eingebüßt haben und garantieren dem Spiel der Verkennungen
die Zukunft. „29 Wenn es vor allem darum geht, Kinder so zu erziehen, dass sie nicht merken, was man ihnen zufügt, was man ihnen
nimmt, was sie dabei verlieren, wer sie sonst gewesen wären und
wer sie überhaupt sind, und wenn diese Erziehung früh genug einsetzt, wird der Erwachsene später den Willen des anderen, ungeachtet seiner Intelligenz, als den eigenen erleben. Wie kann er wissen,
dass sein eigener Willen gebrochen wurde, da er ihn nie erfahren
durfte? Und doch wird er daran erkranken können. ... 31 Das Bedrohtsein der ersten Lebensjahre, das sie nicht erinnern können,
141
erleben sie bei den eigenen Kindern zum ersten Mal, und hier erst,
beim Schwächeren, wehren sie sich oft ganz massiv. Dazu dienen
unzählige Rationalisierungen, die sich bis heute erhalten haben.
Obwohl Eltern immer aus inneren Gründen, d. h. aus der eigenen
Not, ihre Kinder misshandeln, gilt es in unserer Gesellschaft als klare, ausgemachte Sache, dass diese Behandlung für die Kinder gut
sein soll.“ Millers Antipädagogik gipfelte in der klaren Feststellung,
dass Erziehung den Bedürfnissen neurotischer Eltern gehorche
(119) und diese zugleich als Bedürfnisse verschleiert würden. Das
gilt nicht weniger für den Prozess der Aufklärung: Kant verwirklichte
als Beinahe-Totgeburt jene innige Beziehung von Größenselbst und
Über-Ich durch rigorose Selbstabtötung im Auftrag einer Mutter. Der
Sterilität seiner Vernunftkonzeption verdanken wir die Folterkammern bürgerlicher Prosa. Das Andere ist nicht verschwunden, es
wurde nur verdrängt und diente den unredlichen Formen der Disziplinierung als Stichwortgeber. Die Untersuchungen der Böhmes ('Das
Andere...', 246 f.) arbeiten die wesentlichen Ansatzstellen heraus
und legen eine Deutung der Beziehung zwischen Todessehnsucht,
Tod des Anderen und Einbildungskraft nahe: Die Einbildungskraft
wird gerade deswegen so wichtig, ein Funktionsträger des Todes
und der Verdrängung, weil sie verteufelt worden war. „Ja, was Aufklärung ist, wird explizit erst in dieser Abwehr — rückblickend scheint
es fast so, als seien Aufklärer und Phantasten aneinander gebunden, riefen in immer neuen Auftritten sich wechselseitig auf die Bühne. Rationalismus und Irrationalismus bedingen sich gegenseitig —
und doch ist diese Beziehung asymmetrisch: Was Vernunft ist, definiert sich selbst — das ist das Programm der kritischen Philosophie
—, das Andere ist nur das Andere, das Irrationale, ein wolkiges Gemisch, das allenfalls in der Polemik noch auf einen Nenner gebracht
wird: Einbildungskraft. Die erhitzte, die ungezügelte, die kranke Einbildungskraft soll für alles verantwortlich sein. Der Historiker wird
diese Verkürzung nicht mitmachen. Der Versuch, das Andere der
Vernunft wieder zur Sprache zu bringen, muss gerade zeigen, dass
dieses 'Andere' nicht bloß Einbildungskraft ist, muss also vom Leib,
von den atmosphärischen Gefühlsmächten, von sozialen Bewegungen, von Natur und ihrer Aneignung reden.“
Menschheitsgeschichtlich ist die Schädlichkeit einer Erziehung durch
Abtötung und Disziplinierung im Sinne Girards generationsübergreifend zu begründen: Solange das Kind dem Erwachsenen dazu dient,
die eigene Problematik nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern sie
zu verdrängen und dann stellvertretend abstrafen zu dürfen, wird der
142
Bann auf der Lebendigkeit nicht zu lösen sein: Diese Verkennungsanweisung (vgl. 'Das Heilige und die Gewalt', 256) ist ein weiteres
Resultat des Sündenbockrituals! Die Mimesis zwischen Vater und
Sohn, zwischen Mutter und Tochter, liefert die Grundlagen aller späteren Techniken der Verführung; die zwanghafte Anähnelung erhält
die Lebenslüge der Erwachsenen auf Kosten der Lebendigkeit und
Intelligenz der Kinder. Diese alternative Lesart des Mythos von der
Erbsünde soll in späteren Zusammenhängen noch einmal aufgenommen werden — sie hat für die psychische Ökonomie, für das
Verhältnis von Identität und Erfahrung, weitreichende Konsequenzen: Devereux ('Angst und Methode...' 119 f.) zeigte, dass statt von
einem Ödipus- viel notwendiger von einem Laios-Jokaste-Komplex
ausgegangen werden sollte, dass kreative Eigenarbeit Heilmittel
gegen die Idealisierung der Kastration ('Angst und Methode...' 191)
bereitstellen kann.
Solange das Verhältnis der Generationen durch Gewalt und Verführung bedingt ist, sind die von Miller vorgeführten (203) psychischen
Ventile aufgedreht: Wo die Trauerarbeit — über die Verstümmlung
der Gefühlswelt der Kindheit wie über die Ausgrenzung des Anderen
— nicht möglich ist, werden Wiederholungszwang und Aggressivität
herrschen. Sie hat dann bei der Analyse der Ausgeliefertheit und
Not, aber auch Willfährigkeit von Hitlers Mutter (214) sogar angedeutet, wie das Tabu auf der Weiblichkeit in böser Regelmäßigkeit Weltgeschichte schreibt. Ihre Einwände gegen einen metaphysisch konzipierten Todestrieb, der die Erkenntnis des frühkindlichen Leids
verhinderte und seine Folgen bagatellisierte, können mit Marcuse
und Macho weitergedacht werden: Wenn die Konzeption eines Todestriebs sinnvoll ist, dann nicht auf der biologischen Ebene von
Spannungsfreiheit, nicht auf der informationstheoretischen von Entropie, sondern auf der der familialen Homöostase, die Bateson dargestellt hat. Habermas 'Theorie des kommunikativen Handelns'
könnte in diesem Sinne abgeklopft werden auf familiale Subversionen der Kommunikativität; Lacans Unterscheidung Real-ImaginärSymbolisch und die dialektische Vermittlung des Signifikanten durch
den Tod legen den Schluss nahe: Ein metaphysischer sollte einen
familienbedingten und in vielen Formen ausagierten Todestrieb verdecken. Todestrieb und Verführungshypothese haben unter dem
Einfluss der Kleinfamilie die gleiche Bahn vom Realen zum Imaginären beschrieben, die Freud verfolgen musste, um dann die wichtigsten seiner Entdeckungen wenigstens im Modus des als-ob als Erforschung von Phantasmen durchsetzen zu können.
143
Ulrich Beck hat die Folgen einer nach Geschlechterrollen halbierten
Moderne prägnant zusammengefasst. Die Problematik in den wesentlichen Beziehungen wurde nicht gelöst, sondern auf die biographische und private Ebene abgewälzt. Damit entstehen die Legitimationen der Behinderung und Abtötung an den entscheidenden Knotenpunkten immer wieder wie von selbst. „Was sich in die private
Form des 'Beziehungskonflikts' kleidet, sind vielmehr — gesellschaftstheoretisch gewendet — die Widersprüche einer im Grundriss
der Industriegesellschaft halbierten Moderne. Die unteilbaren Prinzipien der Moderne — individuelle Freiheit und Gleichheit jenseits der
Beschränkung von Geburt — werden im Entwurf der Industriegesellschaft immer schon geteilt und qua Geburt dem einen Geschlecht
vorenthalten, dem anderen zugewiesen. Die Industriegesellschaft
war und ist nie als Nurindustriegesellschaft möglich, sondern immer
nur als halb Industrie-, halb Ständegesellschaft. Die Zuweisung zu
den Geschlechtsrollen ist dabei Basis der Industriegesellschaft und
nicht etwa ein traditionales Relikt, auf das zu verzichten ein Leichtes
wäre. Ohne Trennung von Frauen und Männerrolle keine traditionale
Kleinfamilie. Ohne Kleinfamilie keine Industriegesellschaft in ihrer
Schematik von Arbeit und Leben. Das Bild der bürgerlichen Industriegesellschaft basiert auf einer unvollständigen, genauer: halbierten
Vermarktung menschlichen Arbeitsvermögens. Vollindustrialisierung,
Vollvermarktung und Familien in den traditionalen Formen schließen
sich aus. In den heute aufbrechenden Konflikten zwischen Männern
und Frauen müssen so die ins Persönliche gewendeten Widersprüche einer Industriegesellschaft ausgetragen werden, die im Zuge von
Modernisierungsprozessen die ständischen Grundlagen ihres Zusammenlebens aufhebt. Doch nicht nur in den Schwierigkeiten der
Partnerschaft, auch in den Idealisierungen der modernen Liebesbeziehung spiegelt sich noch einmal der Weg der Moderne. Die Überhöhung ist das Gegenbild zu den Verlusten, die diese hinterlässt.
Gott nicht, Priester nicht, Klasse nicht, Nachbar nicht, dann wenigstens Du. Und die Größe des Du ist die umgedrehte Leere, die sonst
herrscht. Das Bedürfnis nach geteilter Innerlichkeit... wächst mit den
Frösten der Einsamkeit, die die Moderne als Kehrseite ihrer Möglichkeiten beschert.“(Beck, 'Jenseits von Frauen und Männerrolle oder
Die Zukunft der Familie', in: 'Vor der Jahrtausendwende...', 349 f.;
vgl. 'Risikogesellschaft', 179-181) Die Fröste der Einsamkeit, die die
Moderne als Kehrseite ihrer Möglichkeiten in den Schwierigkeiten
der Partnerschaft und in den Idealisierungen der modernen Liebesbeziehung spiegelt, sind also am allerwenigsten den Bedürfnissen
144
der Einzelnen anzulasten. Die Widersprüche wurden hergestellt, die
Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen diente der Entmaterialisierung:
In den konkreten Bedürfnissen steckte genug Sprengkraft, die durch
Abwesenheitsdressur und Fiktionalisierung lahmgelegt oder umgeleitet werden musste. Vielleicht ist an den Bedürfnissen sogar zu mancher Wahrheit zurückzufinden — wir werden zeigen, wie konkrete
Beziehungsarbeit, als kreative und leibzentrierte Eigenarbeit in biographischen Kontexten, von den verschiedenen Institutionen verhindert werden soll, weil sie das herrschende System aus Lebenslüge
und Ersatzbefriedigung in jeder Hinsicht in Frage stellen kann. Dann
sind die Methoden und Verlockungen der Institutionen der Hysterisierung und des Autismus vorzuführen. Sie arbeiteten an der Partnervermeidung, dienten dem kulturellen Verzicht und verbreiten seit
Jahrhunderten die frohe Botschaft einer Ästhetik des Verpassens: Es
gebe kein Verhältnis der Geschlechter, nur des Knaben Wunderhorn.
Mamas masturbierende Schreibmaschine: Die Geschichte des
Todes zeigte eine Schattenseite der familialen Homöostase, in deren
imaginärem Halbdunkel Behinderung, Verleugnung und Dummheit
gezüchtet werden. Ihre Glanzlichter aber heißen 'Autorschaft und
Liebe': Die Macht der Phantasie adelte Antriebsschwäche und Partnervermeidung, und noch die Illumination erzeugte einsam und gefährlich durchs All jagende Dunkelsterne. Das Vergessen der realen
Beziehungen gehorchte einer Schematik der Macht, die je wirksamer
war, je leichter es gelang, Simulationen und Nebenkriegsschauplätze
an deren Stelle zu setzen. Der Kult der großen Künstler und Schriftsteller zeigt eine Kraft am Werk, die die Supplementstruktur der Liebe sublimiert in den Glanz ihres Namens. Es ist alles noch da —
unter anderen Vorzeichen; die Libido steht unter Hochspannung —
im Modus des Als-ob; eine Beziehung der Geschlechter ist so außergewöhnlich wie selten — im Imaginären der tutti-Liebe und des
Traummannschemas.
Tut ein Schilf sich doch hervor, Welten zu versüßen! Möge diesem
Schreibe-Rohr Liebliches entfließen! Anhand Eisslers psychoanalytischer Studie 'Goethe' ist zu zeigen, wie der Übergang von der höfischen Institution Kunst zur bürgerlichen Literatur und dann zur
Selbstthematisierung als Literaturwissenschaft zugleich einer ist, der
von der Lustpolitik zur Askese führt, die dann ausgehalten werden
kann, wenn sie an Abhängige und Schutzbefohlene delegiert werden
darf. Gerade der Verzicht auf die körperliche Vergegenwärtigung,
145
Einleitung zum zweiten Teil
Im Sächsischen Staatsministerium vorgetragene Thesen zur
Konzeption eines Instituts für Literatur:
Sehr geehrte Damen und Herren, ich darf mich für die Einladung
bedanken und möchte Sie für Ihre Aufmerksamkeit mit einer kleinen
Nachtmusik entschädigen. Wenn es mir für Augenblicke gelingen
soll, Sie vergessen zu machen, warum Sie hier sitzen, werden sie
mich dabei unterstützen, zu vergessen, dass ich als literarischer
Schwellenkundler an einer Schwelle angelangt bin, die die Literatur
immer wieder neu vergessen machen möchte — an der Schnittstelle
dieser Ambivalenz wäre meine künftige Arbeit anzusiedeln.
Unter dem Oberbegriff 'Organisationsformen von Lebenserfahrung'
würde ich verschiedene Ansätze weiterführen, die sich während der
Jahre im Bücherregal ankündigten, und die bei den späteren literarischen und ästhetischen Arbeiten immer wieder präsent waren. (Vorlesungen, Seminare und Übungen mit Gästen aus Philosophie, Soziologie, Literatur- und Sprachwissenschaft, Ethnologie, und Psychoanalyse usw., die sich zu den verschiedenen Themen als
fruchtbringend erwiesen haben.)
1. Literatur ist Subversion: Sprache, Macht und Begehren überkreuzen einander und bewirken Induktionen, die sich während der Sozialisation — und vor allem in den modernen Medien — als Abwesenheitsdressuren bemerkbar machen. Ursprünglich scheint die Schrift
das Medium des Toten, die Liebe das Medium der Lebendigkeiten,
die Macht das Medium der Vermittlung beider — und die gesprochene Rede besorgte gar zu oft, dass Leben und Tod verwechselt wurden. Repräsentation, Warmer Wind und Konsumverhalten sind Verselbständigungen des Vorlustprinzips, die oft genug die materielle
Dichte der Welt verleugnen. Zu studieren ist diese Gesetzmäßigkeit
vor allem an der der Leidenschaft gewidmeten Literatur: Als Institution der Partnervermeidung setzte sie gegen genealogische und konventionalistischen Zwänge unwahrscheinlichste Spielräume frei und
eroberte das Unmögliche — leider auf Kosten der menschlichen
Möglichkeiten. Heute wäre diese Technik zu überdrehen und als
konkrete Beziehungsarbeit gegen die unheimlichen Arrangements
von Stillstellung und Ersatzleistung zu verwenden. Das eiskalte Medium der Schrift müsste dem in Hysterien vagabundierenden Tod
gewachsen sein.
2. Der Gründungsdirektor eines Fachs, das den gesellschaftlichen
Stellenwert in Sachen Phantasie längst an die Medien abgegeben
195
hat, könnte sich dieser Aufgabe als Desillusionist nähern: Die 'theologischen Mucken der Ware' waren tatsächlich Qualitäten des Menschlichen. Ich würde versuchen zu zaubern, bis hinter den kategorialen Verspannungen von Wert und Bedeutung die grundlegenden
Verkennungsanweisungen zum Vorschein kommen. Die denkbar
primitivste Funktion aller Bildungsgüter und Besitztitel besteht
schließlich darin, nichts mit Bildung und Besitz anzufangen — und
gerade dieses Nichts wird manchmal zum Hohlraum vor aller Delegierung. Das heißt, Literatur kann man/frau nicht lehren, nicht einpauken, nur leeren — und das heißt ausmisten. Statt zu deuten und
zu bewundern, verwenden, vorführen, mitmachen und gewähren
lassen.
3. Anregungen für volles Sprechen, Geistesgegenwart, Beziehungsarbeit: Zu einer Theorie des Symbols, die auf die Wirkungsweisen
der Macht reflektiert, Verkennungsanweisungen aufschlüsselt, die
Narbenschrift der Identität entziffert, Modi des Verpassens kennzeichnet, Möglichkeiten jenseits der Wechselspiele von Autonomie
und Souveränität anzielt, die Simulation von Wert und Bedeutung
verabschiedet und der Authentizität gewidmet ist. Baudrillards Kennzeichnung der Poesie müsste in den Dienst der Lebendigkeiten treten: „Die Arbeit des Signifikanten zur Auflösung des Signifikanten
verwenden.“
(Ansätze bei: Benjamins Sprachtheorie, Adornos Ästhetik, Lacans
Symbolbegriff, Jakobsons Poesie und Grammatik, Foucaults Machtdispositiven, Derridas Differenzkriterium, Elias Figurationen, Batesons Transkontextualität, zur Lippes Sinnenbewusstsein...)
4. Literatur als Trauerarbeit: Von der Melancholie zu den kreativen
Techniken schneller Brüter; von den Modi des Verpassens, zu Buchstabierkünsten intensivster Nähe; von der Vergangenheitsbewältigung zur Umkehrung des Opferkults. — Der Bann kann gelöst werden, rückwärts buchstabiert, Urszenen verlieren als bloßgestellte
Kriegsschauplätze die Faszination des Wiederholungszwangs.
(Rites de Passages, Sozialer Tod, Wiedergeburts- und Todesmetaphern — Medialität jenseits der Subjekt-Objekt-Dichotomie: Schamanismus im Bücherregal, Wildnis im Zettelkasten, Archive der
Traumzeit...)
5. Vom Kreativen Schreiben zur Selbsterlebensbeschreibung: Gewohnheiten erleichtern das Leben, Institutionen steigern diese
Komplexitätsreduktionen in konventionalisiert befriedeten Nischen —
aber sie sperren Lebendigkeiten aus und schränken Erfahrbarkeiten
ein, bis vor lauter ersparter Lebendigkeit nichts mehr stattfindet. Also
196
braucht es innerhalb dieser Nischen wieder Asyle, in denen Glauben, Wissen und Können Echtheitsgrade zurückerobern. Die uralte
Denkfigur, dass im Verworfenen die Wahrheit zu finden sei, wäre für
die Bemühung um Authentizität und Inkommensurabilität in Anspruch zu nehmen. Das hieße, erfahren und formulieren jenseits der
Phrasen und Klischees, die Dinge sein zu lassen, sich auf die Sinne
einzulassen, Erfahrbarkeiten gewähren zu lassen. Die Vielschichtigkeit in den biographischen Mustern wieder konkret wahrzunehmen;
jenseits der Dressur zu Simulanten der Selbstheit auf die kleinen
Wahrheiten zu horchen.
(Signifikantennetze, Assoziationsmuster und Metaphorologie, Druck
auf der Schwelle und Zeit des Findens, Zivilcourage und unverstellte
Wahrnehmung.)
6. Übungen im Dienstleistungsgewerbe: Die Frage ist, wie man/frau
von der Literatur leben soll, wenn es sich nachweislich fast nie von
der Literatur leben lässt. Das will geübt sein, sonst wird im Ernstfall
jeder brauchbare Ansatz durch die Verführungen von Prostitution
und Rivalität geschluckt. Übrig bleiben oft abgeklärte Zyniker und
Machtprothesen, und das sind nicht die Besten, wenn die Besten
nachweislich am liebsten auf der Strecke bleiben. Dabei sind in der
Literatur genügend Überlebenstricks und Verwirklichungsanweisungen aufbewahrt: Sie müssten so aufgeschlüsselt und ernstgenommen werden, dass sie zum Überleben außerhalb von Instituten beitragen können.
Finanzierungen: Vorstellbar wäre eine Vermittlung von SchriftstellerInnen-Nachwuchs für Messen und Ausstellungen, als Werbeberater
und für Mediendiskussionen: Bei solchen Gelegenheiten sind ganz
gemeine Erfahrungen zu machen — wie wehrt man/frau sich dagegen, ohne die Lust am Schreiben verhunzt zu bekommen.
Hinterbandkontrolle: Möglich wäre die Einrichtung eines kleinen DtpZentrums, das den Satz der an der Uni anfallenden wissenschaftlichen Arbeiten übernehmen könnte, die Texterfassung für Archive
oder Dokumentationen... — und nebenbei könnte die manchmal
ewig anmutende Wartezeit, bis ein Manuskript in Buchform umgefüllt
ist, durch den Genuss eines Typoskripts in Buchdruckqualität erträglicher werden.
7. Ich komme zum Ende, an dem alles seinen Anfang nehmen könnte. Literatur in meinem Sinne ist Souveränitätstraining: Immer wieder
neu müssen die Spiegelsysteme zerschlagen werden, die uns umgeben. Den mimetischen Imperativen fehlerhafter Identitätsstiftungen, den Übertragungsphänomenen in allen zwischenmenschlichen
197
Beziehungen, sollten SchriftstellerInnen gewachsen sein — eine
mitleidlose Haltung gegenüber der eigenen Biographie, den Vorlieben und Ängsten, eine rückhaltlose Offenheit, liefern die notwendigen Voraussetzungen. Wenn hausgemachte Sicherheiten wegfliegen und liebgewordene Gewohnheiten zerfallen, treten die aufgeführten Punkte in einer lebensgeschichtlichen Konstellation zusammen. Ein Status der energiegeladenen inneren Leere kann Literatur
manchmal zur Wissenschaft des Augenblicks befördern...
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!
198
Kleine Ästhetik des Verpassens: Das Stichwort Abwesenheitsdressur ist in verschiedenen Zusammenhängen gefallen — sie äußerte sich als Verhinderung des Jetzt und Hier der Geistesgegenwart, als Ideologisierung und Entkörperlichung, als warmer Wind und
Partnervermeidungszwang, als Entmaterialisierung und Verlichtung,
als mimetischer Taumel einer fehlerhaften Identifizierung. All diese
Momente hat Denis de Rougemont schon vor über einem halben
Jahrhundert in gewöhnlichen Metamorphosen oder in absurden Verkleidungen präsentiert und unter dem antiquiert anmutenden Titel
Treue Gegentendenzen versammelt, die eine Konzeption der Beziehungsarbeit jenseits der Substanzmetaphysik befruchten könnten. Er
betonte den Vorrang der religiösen und literarischen Institutionen vor
der einzelnen Lebensäußerung oder -unfähigkeit und ging zu den
theologischen Fundamenten der Abwesenheit zurück. (KassnerBezüge deutete Kamper an: 'Zur Geschichte der Einbildungskraft'.)
Wieder einmal lieferte die Literatur ein Repertoire an Fragestellungen und methodischen Zugriffen, und manche poetischen Umwege
geraten erst mit den Möglichkeiten der Ethnologie zu nackten Tatsachen, die für die Diskurstheorie nahe legen, „dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“('Die Ordnung
der Dinge', 462) Die Diskussion über die Priorität der Katharer kann
mit dem Hinweis auf die Gezeiten übergangen werden; wichtig ist,
dass hier Urszenen der Konzeption des Menschen in den Blick geraten, und dass an dieser Stelle noch Möglichkeiten aufzuschlüsseln
sind, die hinter dem referenzlosen Spiel der Zeichen auf eine andere
Wirklichkeit — der materiellen Dichte, der biomagnetischen Spannungsbögen — verweisen. Rougemont zerlegte den Motor der romantischen Liebe; zum Vorschein kamen Lebensekel und Todessehnsucht, Askese und Verzicht: Denn er liebt nicht, was er hat—
'Die Liebe und das Abendland'.
„130 Im zwölften Jahrhundert werden wir im Languedoc und im Limousin Zeugen eines in der Geschichte einmaligen Zusammenfließens geistiger Strömungen. Auf der einen Seite eine große religiöse
manichäische Strömung, die im Iran ihren Ursprung hat und durch
Kleinasien und über den Balkan 131 bis nach Italien und Frankreich
dringt mit ihrer esoterischen Lehre von der Sophia-Maria und der
Liebe für die 'Lichtform' des Selbst. Auf der anderen Seite eine
höchst verfeinerte Rhetorik mit ihren Techniken, ihren Themen und
stets wiederkehrenden Personen, mit ihren Doppeldeutigkeiten, die
stets an den gleichen Stellen auftauchen, und schließlich mit ihrer
Symbolik, die aus dem Irak von den platonisierenden und manichäi199
sierenden Sufis bis ins arabische Spanien vordringt, über die Pyrenäen wandert und in Südfrankreich auf eine Gesellschaft trifft, die
nur auf die sprachlichen Ausdrucksmittel zu warten schien, um auszudrücken, was sie weder in der Sprache der Geistlichkeit noch in
der volkstümlichen Sprache einzugestehen wagte noch eingestehen
konnte. Aus diesem Zusammentreffen ist die höfische Dichtung geboren worden. So entstand am Zusammenfluss der 'Häresien' der
Seele und des Begehrens, die aus demselben Orient an den beiden
Ufern des Meeres der Zivilisationen entlanggewandert sind, das
große westliche Modell der Sprache der leidenschaftlichen Liebe. ...
139 Und wir sehen nun, dass diese Religion der veredelten Liebe
von denselben Männern gefeiert wird, die die Sexualität nach wie vor
für 'verworfen' erklären und wir sehen häufig in ein und demselben
Dichter einen begeisterten Verehrer der Dame, die er preist, und
einen Verächter der Frau, die er erniedrigt. ... Merkwürdig die Tatsache, dass die Troubadoure, bei denen wir diesen Widerspruch feststellen können, sich nicht darüber beklagen! Es scheint fast, als hätten sie das Geheimnis einer lebendigen Versöhnung unversöhnlicher
Gegensätze gefunden. Sie scheinen die Bewusstseinsspaltung (die
ihrerseits das schlechte Gewissen erzeugt) widerzuspiegeln, aber
indem sie sie überwinden, die Bewusstseinsspaltung, die sich in der
großen Masse einer Gesellschaft herausgebildet hat, die nicht nur
zwischen Fleisch und Geist geteilt ist, sondern außerdem noch zwischen Häresie und Orthodoxie und innerhalb der Häresie noch weiter zwischen der Forderung der Vollkommenen und dem realen Leben der Gläubigen... 150 Die höfische Liebe ist im zwölften Jahrhundert inmitten einer Revolution der abendländischen Psyche entstanden. Sie ist aus derselben Bewegung hervorgegangen, die das
Weibliche Prinzip der shakti, den Kult der Frau, der Mutter und der
Jungfrau in das Halbdämmern des Bewusstseins und des lyrischen
Seelenausdrucks aufsteigen ließ. Sie nimmt teil an jener Epiphanie
der Anima, die in meinen Augen die Rückkehr eines symbolischen
Morgenlandes im abendländischen Menschen darstellt. Sie wird uns
verständlich durch gewisse historische Marksteine: Durch ihre Verbindung mit der zur gleichen Zeit entstandenen Häresie der Katharer
und durch ihren versteckten oder offenen Gegensatz zur christlichen
Eheauffassung. Sie wäre uns vollkommen gleichgültig, hätte sie
nicht durch zahlreiche Wiedergeburten hindurch, deren Verlauf wir
noch zu beschreiben haben, in unserem Leben ein geheimes, stets
wieder neues Gift hinterlassen. ... 161 das Zusammenhangsprinzip...
das die höfische Mystik in die religiösen, soziologischen oder epi200
schen Elemente, die aus dem alten bretonischen Untergrund ererbt
waren, hineinbrachte. Dieses Prinzip ist die Schmerzensliebe, die als
eine Art Askese betrachtet wird, das 'geliebte übel' der Troubadoure.
... denn er liebt das nicht, was er hat! ... 170 Die im Mythos verherrlichte leidenschaftliche Liebe ist zum Zeitpunkt ihres Auftretens im
zwölften Jahrhundert eine Religion in der vollen Bedeutung des Wortes gewesen, und zwar eine historisch bestimmbare christliche Häresie. ... Am Anfang unserer Ehekrise steht nichts Geringeres als der
Konflikt zweier religiöser Traditionen, das heißt eine Entscheidung,
die wir fast immer unbewusst treffen, ohne uns über Ursache, Wirkungen und einzugehende Risiken im klaren zu sein, zugunsten
einer fortbestehenden Moral, die wir nicht mehr zu rechtfertigen vermögen. ...“
Die Schmerzensliebe etwas anders gewichtet — als Resultat der
Verteuflung des Leibes, der Abwertung der Frau, als Reaktionsbildung auf die Platonismen der Entmaterialisierung — und die Fragestellung könnte lauten: Was machte die erfüllte Liebe denn so gefährlich? Warum mussten Glückstaumel, außergewöhnliche Gefühle der
Freude und Verzückung umgebogen werden zu Erleuchtung oder
spiritueller Kraft? Wie verweist die Aufsprengung der Subjekt-ObjektDichotomie noch über die universalen Verschmelzungsphantasien
der Mystiker hinaus auf einen Weltzustand des Einssein mit der Welt
und den Dingen? Welche neurotischen oder psychotischen Mechanismen der Institutionen des Glaubens haben die Beziehungsarbeit
im Laufe der Jahrtausende immer mehr verstellt? Wie traten „Häresien der Seele und des Begehrens“ als Nebenkriegsschauplätze an
deren Stelle und wurden nach und nach selbst zur Beziehungsarbeit
erklärt? Wie schmarotzten sie an ursprünglicheren Errungenschaften
des Sinnenbewusstseins bis nichts mehr davon übrig blieb? Führte
vielleicht gerade die Konstanz jener Ersatzproduktionen zu dem
konservativen Liebäugeln mit einer angeblich noch heilen Vergangenheit, während im Prozess der Moderne tatsächlich nur Nebenkriegsschauplätze um Schmachtlappen und Unendlichkeitsrüschen
erleichtert worden waren — leider aber die ihnen vorausgegangenen, sie in den Resten noch tragenden Errungenschaften nicht mehr
in den Blick gerieten? Das Geheimnis einer lebendigen Versöhnung
unversöhnlicher Gegensätze ist der Double-bind, in dessen Zentrum
ein Machtkonflikt ausgetragen wird, über den nicht geredet, der nicht
reflektiert werden darf! Was dann zu sehen ist oder repräsentiert
wird, gehorcht immer schon den Verkennungsanweisungen. Oben,
Geborgenheit vermittelnd, die Begierden spiegelnd und dennoch
201
unerreichbar, die idealisierte Dame, ein Repräsentamen der Macht
des Herrn an ihrer Seite — unten das entfesselte und von der Macht
des Blicks in Form gezwungene Fleisch kulturschwuler Rivalitätsrituale. Der Verzicht bringt Simulanten der Selbstheit hervor; das
Schauspiel des Helden ist schon auf dem Weg zur Inszenierung des
bürgerlichen Charakters. Auf der Rückseite dieser Selbstdarstellungen entstehen vielfältige Verdrängungstechniken, lustvolle Körperbezüge gehorchen dem Tabu, konkrete Erinnerungen werden beseitigt oder in der Negation auf die reale Frau projiziert. Subalterne
Männer unter sich: Weil sie nicht lieben dürfen oder können, üben
sie das Töten!
Macho hat diesen Konflikt im Prinzip Genealogie entstehen sehen —
in deren Zeitbezug keimen alle Fragestellungen der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen. Die metaphysische Seinsmächtigkeit der
Krise der Ehe verliert unter der Perspektive putativer Bündnisse nicht
nur an Bedeutung, sondern für die Antagonismen von Leidenschaft
und Treue verblasst der Gegensatz. 'So viele Menschen. Jenseits
des genealogischen Prinzips' ('Vor der Jahrtausendwende: Berichte
zur Lage der Zukunft', 44). „Während die nomadischen Wildbeuter,
die nach unseren Kriterien nirgends und überall zuhause waren, sich
an den Räumen orientieren mochten, die durch ihre Wanderungen
aufgeschlossen wurden, erzwang die dauerhafte Besiedlung abgegrenzter Territorien ein System neuer, zeitlich gerichteter Antworten
auf jene Fragen, die — von den ältesten Kosmogonien bis zur jüngsten Philosophie — als Elementarfragen der Menschentiere gelten
können. 'Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir?' —
diese Fragen wurden von der Bewegung im Raum auf eine (imaginäre) Bewegung in der Zeit verschoben. Zugehörigkeit und soziale
Position mussten nun durch Geburt und Abstammung festgelegt
werden und nicht mehr — wie bei Jägern und Sammlerinnen - durch
individuelle Kooperationsfähigkeit und freie Entscheidung. Verwandtschaftssysteme gerieten zur primären, buchstäblich verheerenden Organisationspotenz; die putative 45 Verwandtschaftslogik
der Wildbeuter, welche erlaubte, Verwandtschaftsbeziehungen aus
Freundschaft und Sympathie abzuleiten, wurde hingegen suspendiert. Die sesshaft gewordenen Menschentiere entwickelten ein geschärftes Bewusstsein von genealogischer Bindung und Verpflichtung, ein Bewusstsein freilich auch von jener Schuld, die sich dem
Wissen um die primäre Verursachung, die existentiale Fremdbestimmung des eigenen Lebens, assoziiert. Geburt und Tod wurden
zunehmend — und höchst folgenreich — identifiziert... Die Freiheit
202
von Jägern und Sammlerinnen, 'nur dann zusammenzuleben, wenn
man sich auch verstand', musste aufgegeben werden; ab jetzt entschied die Geburt 'über soziale Zugehörigkeit im Leben wie im
Tod...’... Diese 'Abstammungsideologie' begann wohl auch die 46
Beziehungen zwischen den Geschlechtern zu dominieren: wo früher
Männer und Frauen kommuniziert haben mochten, trafen nun ausschließlich Mütter, Väter, Söhne oder Töchter aufeinander. Die Karriere primärmasochistischer Impulse, die hochkulturelle Begünstigung destruktiver Akosmizität, verdankte sich solcher Subsumption
des Geschlechtsverhältnisses unter die 'heilige Ordnung' der Genealogie. Das blutige Drama zwischen Müttern und Söhnen, zwischen
den Göttinnen und ihren Helden, wurde ebenso forciert und ausdifferenziert wie jene — erst unter genealogischen Prämissen relevante
— Konkurrenz zwischen Müttern und Vätern, die ein bis heute geläufiger Spruch bezeugt: mater semper certa, pater semper incertus.
(Anders gesagt: Söhne, die Väter werden wollten, die also ein Heldenschicksal auszuschlagen gedachten, mussten männliche Abstammungsordnungen konstruieren und durch institutionelle Gewalt
garantieren.)“
Nur dann zusammenzuleben, wenn man sich auch versteht! Beziehungsarbeit scheint für das Verhältnis der Geschlechter so zwingend
zu sein, dass in ihrem Ursprung das Wahre, das Gute und das
Schöne noch identisch sind — Gemeinsamkeiten zu pflegen und zu
genießen! Aus jenem realen Beziehungsgefüge stammen die uralten
Vergegenwärtigungstechniken, die durch die Dualität von Gegensätzen versuchten, eine Ganzheit (vgl.: Luhmann, 'Funktion der Religion', 190) zu setzen. Machos antigenealogische Perspektive kann
dazu taugen, Rougemonts wesentliche Einsichten — seine Darstellung der Treue als Werk, im Gegensatz zur metaphysisch fundierten,
auf der Seinsebene der Religion angesiedelten Liebe als Partnervermeidung — aus dem literarischen Pomp und manchem rückwärtsgewandten Wagnerschen Bombast herauszuschälen und von
den seltsamen Annahmen eines Kriegsinstinkts, eines Todesinstinkts usw. zu befreien: Volles Sprechen, kommunizierende Körper
und eine auf geteilten Interessen beruhende Logik des Vertrags
konnten das Glück gewährleisten, der symbolische Tausch hat die
Reziprozität der Gefühle, Gaben und Anstrengungen begründet. Die
Liebe ist dann die Realität jenes Dazwischen, an dem die Relate
Mann und Frau teilhaben, um zu werden, was sie im Wechselbezug
sind, weil ein Außerhalb dieser wesentlichen Beziehungen für beide
schlicht unmöglich scheinen musste. Die ursprüngliche Subsistenz203
einheit (Leroi-Gourhan) ist das Paar, das nach Bateson oder Duerr
als ein Mikrokosmos der umfassenden Beziehungsgefüge erfahren
wurde. Später, als die einseitige Betonung des einen Relats die Reziprozität in den Untergrund und an die Ränder zur Wildnis verbannte, wurde aus den Schatten des Dazwischen Seele, Leidenschaft,
Intuition, Unbewusstes und Kreativität — seitdem wandelte das
Glück sich zum Glücken des Unvorhergesehenen. Der Mann als
Charakter und identisches Ich hatte die konventionalisierten Zwischenglieder einer Separat- und Kunstwelt auszuarbeiten. Die Frau
modellierte entsprechend ihrer biographischen Kränkung die Verführungen einer komplementären Maskerade und stabilisierte den
Wahn der Selbstheit. In den Vorbehalten der Ungleichzeitigkeit, den
Zwängen einer halbierten Moderne, den Anachronismen als lebensweltlichem Bedarf, wurden die ursprünglichen Bedürfnisse nicht weniger konserviert, wie die genealogisch bedingten Nebenkriegsschauplätze immer weiter ausgebaut und vervielfältigt. Die Simulation ist auf etwas angewiesen jenseits der Simulation, sonst könnte
sie ihre Aufgabe der Ersetzung dieses Etwas nicht so durchgreifend
erfüllen - der Bezug auf Instinkte oder göttliche Gebote hat gerade
dieses Wechselverhältnis zu verschleiern. Im Unverständlichkeitsstreben der Psychose, in den Vieldeutigkeiten der Neurose, im Müll
gescheiterter Beziehungsarbeit sind in kleinen Details theologische
Sinnforderungen vergangener Epochen gegenwärtig — damit aber
auch Möglichkeiten, Verweisungszusammenhänge aufzuschlüsseln.
LuA140 „Denn alle, die wir da sind, führen, ohne es zu wissen, unser
Leben von Zivilisierten in einer eigentlich unsinnigen Konfusion von
niemals ganz toten Religionen, die selten ganz verstanden oder
ausgeübt worden sind, in einer Konfusion von Moralauffassungen,
die ursprünglich einander ausschlossen, sich später aber übereinandergelegt haben oder sich im Hintergrund unseres elementaren moralischen Verhaltens miteinander verbunden haben, in einer Konfusion von unbewussten, aber um so wirksameren Komplexen und von
Instinkten, die weniger aus irgendeiner tierischen Natur als aus völlig
in Vergessenheit geratenen Gewohnheiten, die zu ganz unbewussten geistigen Spuren oder Narben geworden sind und auf Grund
dieser Tatsache leicht mit dem Instinkt verwechselt werden können.“
Die Definition menschlicher Instinkte dürfte hiermit geklärt sein und
keinen weiteren Kommentar erfordern — die Wirkungsgeschichte
vergangener Religionen und Denksysteme dagegen legt eine Kritik
an der Institutionenlehre nahe. Der antiquarische Bezug resultiert
nicht nur aus dem Bedürfnis nach Halt und Sicherheit, sondern auch
204
aus dem Versprechen einstigen Glücks — während das Verhältnis
von Macht und Sexualität nur als Folge der Verschränkung von
Angstbewältigung und Opferverhalten zu verstehen ist. Devereux'
ungläubiges Staunen über einen Grund der Irrationalität im Verhältnis zur Sexualität kann diese andere Gewichtung begründen; 'Angst
und Methode in den Verhaltenswissenschaften', 131: „So vertraute
man das Ersinnen sexueller Codes und Rituale und sogar die Sexualforschung impotenten alten Männern, frigiden Frauen nach der
Menopause, neurotischen, religiösen Junggesellen wie dem selbstentmannten Origines, schizoiden Homosexuellen wie Plato und sogar Eunuchen an. Mithin befasst sich selbst die sogenannte erotische Literatur weitgehend mit Perversionen, während mehr als ein
wissenschaftlicher Rebell hauptsächlich argumentiert, dass die Perversion 'wirklich' normal sei.“ Gegen die Wechselwirkung von Angst
und Verleugnung hat Devereux an verschiedenen Stellen (137, 191,
210, 215) vorgeführt, dass die wesentliche Voraussetzung aller Beziehungsarbeit heiße: Sexualität ist eine Form der vielschichtigen
Kommunikation, eine Manifestation des Lebens und der Sozialität —
alle Beziehungsarbeit habe also das Gewährenlassen der Beziehung
zur Voraussetzung, das sich Einlassen auf den anderen, ohne ihn in
seiner Andersheit zu leugnen oder zu assimilieren. Das erklärt auch
schon, warum die genannten Vertreter der Institutionen kein Interesse an dieser vielschichtigen Wirklichkeit haben können: Die Konkurrenz wäre zu groß und ihr Wahrheitsanspruch hinfällig. LuA 472:
„Das Paar ist die ursprüngliche soziale Zelle, deren grundlegende
Kräfte zwei Wesen individueller und unterschiedlicher Gesetze sind,
die sich aber entschlossen haben, eine 'Verbindung ohne Verschmelzung, Trennung und Unterordnung' einzugehen...“
Instinktreste oder eingesenkte Gewohnheitsmuster, Religion und
Weltanschauung wurden bei Habermas in einem Wechselspiel von
Institutionalisierung und Verdünnung präsentiert. Rougemont hat den
Vorrang der Institution so rigoros behauptet und die Folgerungen
sind derart überzeugend, dass die Frage, wo die von den Institutionen vorgegebenen Gewohnheiten und Handlungsanweisungen denn
ursprünglich hergekommen seien, fast absurd erscheint - gerade
deshalb darf er hier stellvertretend für viele Verleugnungskünstler
oder Assimilationsprediger herangezogen werden. Der Ausgangspunkt soll verloren gegangen sein, die ursprünglichen Passformen
erodierten oder fielen aus irgendwelchen Gründen einfach aus, der
Mensch musste durch Institutionen und konventionalisierte Gewohnheitsmuster einen neuen, wackligen Halt in der Welt mühsam erar205
beiten. Mit Edgar Morin und den Folgerungen Kampers und Sloterdijks ist dieses Verhältnis umzukehren: Der Einbruch der Angst vor
Sexualität und Tod hat die ursprünglichen Passformen vermutlich
zurückgedrängt. In Rausch und Todesritual versuchte eine Gemeinschaft, den Wahnsinn zu bändigen und nach und nach an Ekstasetechniker zu delegieren, deren Visionen dann eine symbolische
Überlagerung und frühe Als-obs möglich machten — Schamanen
scheinen sich über ihre Rolle als Simulanten weitgehend im klaren.(Vgl.: 'Authentizität und Betrug in der Ethnologie') Die gegen die
Angst geschaffenen Riten und Mythen — und damit kehrt sich das
Verhältnis um: Alle Angstbewältigung arbeitet an der Erhaltung der
Ausgeliefertheit — generierten verbindliche Konventionen, zu Institutionen verdichtet, drängten diese die ursprünglichen Passungen
immer mehr ins Abseits der Gemeinschaft und in den Untergrund der
Kultformen — die partizipierenden Verhaltens- und Erfahrungsmuster wurden im mimetischen Vermögen aufbewahrt. Das erklärt, warum konventionalisierte Gewohnheitsbildungen das Leben erleichtern,
es aber zugleich ausdörren und immer mehr abtöten — Kreativitätsbedarf ist eine Reaktionsbildung, während Kreativität, wie Bateson
zeigte, aus dem Zerbrechen eines Kontextes von Gewohnheiten
resultiert und die Fähigkeit freisetzt, ganz andere Aspekte am
scheinbar Bekannten wahrzunehmen.
Dennoch oder gerade deshalb: die Arbeitsweise der Institutionen
beruht auf der Komplexitätsreduktion, die Erfahrungs- und Wissensweisen des einzelnen Menschen gelten als nachrangig, unterstehen
der nämlichen Reduktion, aber alles, was an Wissensformen objektiviert und zur Nachahmung empfohlen worden war, muss in einem
ersten Schritt noch der Erfahrungsdichte und dem Wahrnehmungsvermögen des in seinen Kontext eingebetteten Lebewesens entsprochen haben. Die Komplexität wurde also verarbeitet: Schamanen und Religionsgründer, weise Frauen und Mütter, Dichter und
Demagogen bemächtigten sich weiterhin je nach Abstand vom vorgegebenen Wissen jener weltsetzenden Kompetenz der Komplexitätssteigerung — Liebende rufen, sofern die Partnervermeidung
nicht das letzte Wort hat, im gemeinsamen Bündnis und der Anerkennung ihrer Verschiedenheit, eine Alternative ins Leben: Sie reduzieren das Behinderungssystem. LuA“378 Eine Treue, die im Namen
dessen gehalten wird, der sich nicht wie wir verändert, enthüllt nach
und nach ihr Geheimnis: Jenseits der Tragödie ist wieder das Glück.
Ein Glück, das dem alten ähnelt, das aber nicht mehr der Gestalt
dieser Welt angehört, denn dieses Glück gestaltet die Welt um.“
206
Schon deshalb sorgen die Vertreter der Institution durch Arbeitsethos, Verdumpfungszwang und Rivalitätsvorgabe eifersüchtig dafür,
dass putative Bündnisse nicht reifen sollen. Wenn sie gelängen,
lieferten sie eine konkurrierende Institution, im besten Fall sogar eine
Widerlegung der Ersatzleistungen und Verstümmlungen des geforderten Modus vivendi. Rougemont zeigt, wie eine charakteristische
Form von Fern-Liebe aus der Reduktion der realen Beziehung entsteht und aufs Hindernis bezogen ist, wie dann aber im Innern der
Institution eine Ersatzkomplexität die Regieanweisungen der
Zwangsneurose ausbrütet — an diesem Punkt wäre die Kritik an
Marquards Begriff einer „Inkompetenzkompensationskompetenz“
anzusiedeln: Die Inkompetenz muss durch die übermacht des institutionellen Verfügens erst einmal hergestellt worden sein. An der Ausschaltung der körperlichen Kontakte, an der Vergrößerung der Abstände, gewinnt jene Entmaterialisierung, welche die Fiktionalisierung aus sich entlässt, immer mehr Kraft, während die leiblichen
Erfahrungen verdünnt werden. Geduld und Mut, die Fähigkeiten des
Vertrauens, sich aufs Geschehen einzulassen, die Geschichten
kommen zu lassen, den anderen loszulassen, die Welt sein zu lassen, verlieren immer mehr den realen Boden unter den Füßen und
werden im besten Fall zur Weisheit sublimiert.
Wenn dann gesungen wird, wird der Verlust besungen, wobei die/der
Geliebte zur Variablen all dessen gerät, was verloren gegangen ist,
also gar keinen Eigenwert jenseits des Projektionsschirms haben
darf — Fromms negative Charakterisierung der Verliebtheit ('Die
Kunst des Liebens') ist bis zur Konzeption eines abwesenden Gottes
zurückzuverfolgen. Hier findet jene charakteristische Setzung gegen
die reale Beziehung statt, mit der den Institutionen und ihren Repräsentanten alle Wirklichkeitsmächtigkeit zugeschrieben wird: „455
Gewiss sind da nicht nur die Troubadoure, aber am Anfang stehen
die Troubadoure, denn am Anfang ist die Poesie. Dann erst kommt
das Gefühl, das sie auszudrücken vermochte und das sie durch ihren Ausdruck weckt. Und auf diese Weise hat sich das Drama ereignet, jenes Drama, das wir, ohne es zu wissen erwartet hatten — von
dem Augenblick an aber, als es Sprache wurde, wussten wir, dass
es das war, worauf wir gewartet hatten. Und dann kommt die Moral.“
Erst die Poesie, dann das Gefühl, dann die verbindliche Regelung
über das Investment des Gefühls — die Versuchsanordnung geht
von der Handlungshemmung aus, um ihr zu gehorchen. Erst wenn
das Schöne, das Wahre und das Gute auseinander dividiert worden
sind, kann die Poesie den Schein ihrer Einheit vermitteln; alles weite207
re aber ist schon Surrogat und Rückkopplung im Dienste eines „Königsmechanismus“: die schönen Vorstellungen, die erhabenen Gefühle, die selbstlosen Schwüre — resultieren aus warmem Wind!
„208 Leidenschaft und Ausdruck sind kaum voneinander zu trennen.
209 Die Leidenschaft hat ihren Ursprung in jenem Auftrieb des Geistes, der auf einem anderen Wege die Sprache entstehen lässt. Sobald sie den Instinkt übersteigt, sobald sie wahrhaft Leidenschaft
wird, strebt sie im gleichen Atemzug danach, sich selbst zu erzählen,
sei es um sich zu rechtfertigen, um sich zu erhitzen oder auch nur
um sich zu erhalten und sich zu unterhalten. In diesem Bereich ist es
leicht, eine Nachprüfung anzustellen. Die Gefühle, die die Elite empfindet, und darauf auf dem Wege der Nachahmung die große Masse,
sind literarische Schöpfungen in dem Sinne, dass eine bestimmte
Rhetorik eine ausreichende Bedingung ist, sie einzugestehen und
sich ihrer somit bewusst zu werden. Wäre die Rhetorik nicht vorhanden, gäbe es zweifellos diese Gefühle, aber in einer nicht anerkannten, zufälligen Weise, in der Gestalt von Seltsamkeiten, die man sich
nicht gern eingesteht. Aber man hat immer wieder beobachten können, dass die Schaffung einer Rhetorik bestimmte latente Kräfte des
Herzens rapide zum Wuchern gebracht hat.“ Diese Vereinheitlichung, Fixierung, Monozentrierung zieht immer mehr Energien aus
den Lebendigkeiten ab. Die sprachlichen Wucherungen weniger und
ganz einseitiger Ängste oder Erwartungen gehen auf Kosten einer
gleichverteilten Aufmerksamkeit und eines vollen Sprechens, auf
Kosten pluraler Sinnensubjekte, die Künstler oder Diskursanalytiker
wiedersein lassen können, wenn sie den Wahrheiten des Kontextes
auf der Spur sind. Aus diesem Grund ist der dyadischen Konzeption
Ausdruck-Gefühl zu widersprechen; diese komplementäre Zuordnung ist in ihrer Eindeutigkeit zu starr und überspielt die mitwirkenden Machtmechanismen, deren hemmende und einschränkende
Wirkung die Leidenschaft vielleicht erst staute und anwachsen ließ.
Auch gegen Mattenklotts Insistieren (vgl. 'Lust und Liebe', 234) auf
der Notwendigkeit der sprachlichen Mittel für die Entstehung der
Leidenschaft wäre zu fragen, ob die Erfindung der Liebe als Vergeblichkeit und das einhergehende Wuchern der Surrogate nicht auf
ganz reale Imperative antworten? Die Heiratspolitik verstockter Mumien und die Herrschgelüste impotenter Kalker arbeiteten an abstrakten Machtvolumina, die noch so divergieren oder konkurrieren
konnten und dennoch ein identisches Prinzip verfolgten, seit Heiratsregeln und Frauentausch die symbolische Matrix vorgaben: Vor al-
208
lem musste ausgeschaltet werden, was an die uralten Mächte der
Kontextsetzung heranreichen könnte.
Der Königsmechanismus der Ersatzleistung hat für Liebe und Krieg
die gleiche Ansatzstelle: Die Komplexität der Welt und des Erlebens
wird reduziert. Erst über diesen notwendigen Umweg wird dann
möglich, was Luhmann in 'Liebe als Passion' als Ermöglichung von
Unwahrscheinlichkeit gekennzeichnet hat: die Nische für eine Steigerungsform von Komplexität im Rahmen der Innerlichkeit — des
einsamen Ichs oder des schmachtenden Paares. Das beginnt mit
der Poesie als Retardierung, in der das der Liebe entgegenstehende
Hindernis den Motor der Handlung, die Rechtfertigung der Erzählung
abgibt, um dann im Leben zur Idealisierung der Antriebshemmung
umgefälscht zu werden: die lustbesetzte Kennzeichnung der Widerstände, das Hinausschieben des Endes, das Lob der Umwege. Die
Ästhetik des Verpassens resultiert aus einer Reflexionsfigur der Liebe, die sie zum Abstraktum werden lässt. Die Darstellung des Leidenswegs, der Intensität des Leidens, hatte einmal die Wahrheit
einer Religion zu verbürgen, nun gilt es die Wahrhaftigkeit und Materialität des Imaginären durchzusetzen: 45 „... der Dämon der höfischen Liebe, der im Herzen der Liebenden die Listen hervorbringt,
aus denen ihr Leiden entsteht, ist eben der Dämon des Romans, wie
ihn der Abendländer liebt. Was ist also der wahre Gegenstand der
Legende? Die Trennung der Liebenden? Ja, aber im Namen der
Leidenschaft und um der Liebe zu eben der Liebe willen, die sie
quält, um sie zu erheben, sie zu verklären — auf Kosten ihres
Glücks und selbst ihres Lebens... 55 Es handelt sich also immer
darum, das äußere Verhängnis auf ein inneres Verhängnis zurückzuführen, das die Liebenden freiwillig auf sich nehmen. ... Wir kommen
so in extremis zu einer Umkehrung der Dialektik LeidenschaftHindernis. In Wirklichkeit ist es nicht mehr das Hindernis, das im
Dienste der verhängnisvollen Leidenschaft steht, sondern es ist im
Gegenteil das Ziel, das um seiner selbst willen ersehnte Ende geworden. Und die Leidenschaft hat also nur die Rolle einer läuternden
Prüfung, man möchte fast sagen einer Buße im Dienste dieses verklärenden Todes gespielt. Wir berühren damit das letzte Geheimnis.
Die Liebe zur Liebe selbst verbarg also eine bedeutend schrecklichere Leidenschaft... Ohne es zu wissen haben die Liebenden wider
Willen immer nur den Tod geliebt! ... 60 Leidenschaft heißt Leiden,
etwas erduldet haben, Übergewicht des Schicksals über die freie
und verantwortliche Persönlichkeit. Die Liebe mehr als den Gegenstand der Liebe zu lieben, die Leidenschaft um ihrer selbst willen lie209
ben, von Augustins amabam amare bis zur modernen Romantik, all
das heißt nur das Leiden lieben und suchen. Leidenschaftliche Liebe: Verlangen nach dem, was uns verletzt und uns durch seinen
Triumph 61 vernichtet. Das ist ein Geheimnis, das das Abendland
niemals hat eingestehen wollen und das es stets von sich gewiesen
— und bewahrt hat! ... Warum will der abendländische Mensch diese
Leidenschaft, die ihn verletzt, und die seine ganze Vernunft verdammt, erleiden? Warum will er diese Liebe, deren Glanz nur sein
Selbstmord sein kann? Weil er sich selbst erkennt und erfährt, unter
Bedrohung seines Lebens, im Leiden und an der Schwelle des Todes. ... 63 Das ist der große Fund der Dichter Europas, das, was sie
vor allem in der Weltliteratur auszeichnet, was am tiefsten die Besessenheit des Europäers zum Ausdruck bringt: Erkenntnis durch
den Schmerz hindurch, das ist das Geheimnis des Tristanmythos,
die leidenschaftliche Liebe, die zugleich geteilt und bekämpft wird,
die um ein Glück bangt, das sie zurückstößt, die in ihrer Katastrophe
verherrlicht wird — die gegenseitige unglückliche Liebe. ... Sie lieben
einander, aber jeder liebt den anderen nur von sich selbst, nicht vom
anderen her. Ihr Unglück hat so seine Quelle in einer falschen Gegenseitigkeit, die die Maske eines doppelten Narzissmus ist. 65 wir
wissen auf Grund des Endes des Mythos, dass die Leidenschaft eine
Askese ist. Sie setzt sich dem irdischen Leben in einer Art entgegen,
die um so wirkungsvoller ist, wie sie die Form des Begehrens annimmt und wie dieses Begehren seinerseits sich in das Verhängnis
hüllt. Beiläufig haben wir erwähnt, dass eine solche Liebe nicht ohne
tieferes Band mit unserer Freude am Krieg verknüpft ist. Wenn es
endlich wahr ist, dass die Leidenschaft und das Bedürfnis nach Leidenschaft Aspekte unserer abendländischen Art und Weise der Erkenntnis sind, so müssen wir — wenigstens in Form einer Frage —
dazu kommen, eine letzte Beziehung aufzustellen, die sich letzten
Endes vielleicht als die wichtigste von allen herausstellen wird.
Durch das Leiden hindurch erkennen, ist das nicht gerade die Tat
und die Kühnheit unserer lichtesten Mystiker?“
Der primärmasochistische Sog der narzisstischen Spiegelungen
verdankt sich einer fehlerhaften Identifikation: „Im mimetischen
Wunsch können die drei Begriffe Identifizierung, Objektwahl und
Rivalität nie vollständig voneinander getrennt werden.“(Girard, Das
Heilige..., 264) Gerade die Reflexionsfigur: Die Liebe lieben umkreist
eine Wahrheit, um ihren Schrecken gegen den Schrecken des Todes
zu tauschen und sich zu täuschen: Dass primär der Austausch, die
Überlappung, die Metonymie, die Interferenz eine klare Trennung
210
zwischen dem Ich und dem anderen ausschließen und erst das Hinzutreten eines Dritten die Bewegung stillstellt — aufbewahrt in den
Erfahrungen jeder frühen Kindheit, die in der Verliebtheit wiederkehren. Vielleicht ist das Verlangen nach dem, was verletzt und vernichtet auf eine andere Wahrheit zu beziehen, auf keine Erkenntnis des
Selbst, sondern auf eine der Kontextwirksamkeiten, auf die Suche
nach den viel tiefer liegenden Mustern der Wirklichkeit. Wenn
schließlich in der leidenschaftlichen Liebe das Ich mit Hilfe des Todes zur Monade eingekapselt wird, kommt es der fehlerhaften Identifikation nicht auf die Schliche: Das erklärt den Vorbildcharakter der
literarischen Form viel besser, denn dort wird stellvertretend gestorben, dort wird der Tod konsumierbar und liefert Bilder und Situationen zur Nachahmung in der Vorstellung. Die Erfahrung, im Schmerz
ein anderer zu sein, im Zeichen den Tod zu haben, in der Repräsentation die Vernichtung zu leben, macht die Katastrophe zum Existenzbeweis — auf diese Weise hat sich der Sündenbockmechanismus durch die Zeiten erhalten. Die Algodizee (vgl. Sloterdijk, KrdzV,
815 ff.) als Rechtfertigung oder Sinngebung durch Schmerz und
Leiden ist nicht etwa ein Erbstück der Theodizee in der Moderne, mit
dem politische Ersatztheologien produziert werden. Sie war in dieser
Konzeption der Liebe schon vorhanden, als an eine Theodizee noch
gar nicht gedacht werden musste. Das legt die Überlegung nahe, ob
der bittere Kern einer Sinnstiftung durch Gott vielleicht erst deutlich
wurde, als der keinen Sinn mehr verbürgen konnte.
Die mimetische Rivalitätsstruktur setzt beim realen Männerbund der
Gefolgschaft an und reicht bis zum Imaginären narzisstischer Spiegelungen. Der Wunsch ist ein Resultat der Mimesis, mit jeder Spiegelung wird er mächtiger und zugleich immaterieller, bis nur noch der
Schmerz die Welt verbürgt und die Wirklichkeit der Leidenschaft
abzahlt. Diese abstrakte Intensität macht die Immaterialisierung erträglich und fördert zugleich 'Aus Leiden Freuden'(Reik): Schmerzlust, Angstlust — das sind vor allem Vorlustprinzipien, die dem Ersatz huldigen und den Beschiss durch den Ersatz dann mit Blut und
Tränen kompensieren müssen. Wenn eine ursprüngliche Form von
Erkenntnis der Einheit mit den Gesetzmäßigkeiten der umgebenden
Welt zu verdanken war, so ist die durch den Verzicht, durch das
Leiden geprägte Erkenntnis — durch Opfer, Askese und Selbstabtötung — die kleinere Spielform einer sich bildenden Innerlichkeit und
Subjektivität, für die der Krieg mit seinen Möglichkeiten der lustvollen
Fragmentierung und Vernichtung das Vorbild abgab. Wer nicht vergewaltigen, plündern, schlachten und verstümmeln durfte — und all
211
das sind schon Ersatzleistungen, die sich der Reduktion von Komplexität verdankten —, der durfte als verarmter oder schwuler Edelmann wenigstens vor dem Hofstaat und zur Unterhaltung der Damen
davon singen: Am Anfang war nicht die Poesie, war nicht der Krieg
— am Anfang steht die Reduktion der Komplexität des hieros gamos, das Aufsprengen der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, zwischen Mensch, Natur und Gott, zwischen Leben und Tod.
So ist in dieser höchsten, durch das Leiden geprägten Wahrheit der
Mystiker der Nachklang einer früheren Einheit als Trennungsschmerz aufgehoben, während die Trennung in der Poesie schon
eigenhändig exzerziert wird, um dann den Gedanken der Möglichkeit
einer Einheit aushalten zu können: der Abstand wird erträglich gemacht durch die Tröstung, dass bereitwillig an der Vergrößerung des
Abstands gearbeitet wurde.
Erfahrungen der Leidenschaft und des Kriegs gipfeln in der obszönen Fragmentierung des Selbst oder des anderen. Die Zufälligkeit
der Äußerungen eines kommunikativen Gegenübers muss ausgeschaltet werden, und die Vielfältigkeit der sinnlich erfahrbaren Welt
fällt weg — jeder Süchtige führt in seinem privaten Laboratorium vor,
wie die Flucht vor einer als bedrohlich erfahrenen Fülle einen Punkt
erreicht, an dem nur noch eines interessiert, der nächste Schuss,
während der ganze Rest der Welt nicht mehr zu existieren scheint.
Rougemont setzt den Bezug von Leidenschaft und Droge in verschiedenen Zusammenhängen. Jene Übertragung von Bedeutsamkeit auf eine Kunstwelt wird gerade im Scheitern offensichtlich; eine
Wahrheit über den das Ich-Selbst konstituierenden Verzicht in unserer Kulturalisation, die die von Bateson analysierten Alkoholiker ausagierten: Es geht einfach nicht! 176 „Ein Grundzug der Leidenschaft
— und der Mystik im allgemeinen... Die Leidenschaft ist gar nicht
jenes reichere Leben, von dem die Jugend träumt. Sie ist im Gegenteil eine Art entblößter und entblößender Intensität, ja mehr noch, sie
ist eine bittere Entblößung, eine Verarmung des menschlichen Bewusstseins, das aller Vielseitigkeit beraubt ist, ein Besessensein der
Vorstellungskraft, die auf ein einziges Bild konzentriert ist — und
alsbald schwindet die Welt, die 'anderen' sind nicht mehr da, es gibt
weder den Nächsten noch Pflichten und Bande, die einen zurückhalten, noch Erde und Himmel: Man ist allein mit allem, was man liebt.
... 184 Die leidenschaftliche Liebe hat die Tendenz, sich mit der
Übersteigerung eines Narzissmus zu vermengen... In dieser zwar
nicht bewusst vorgenommenen, aber objektiv gesehen blasphemischen Umsetzung, die erst nach dem zwölften Jahrhundert vollzogen
212
worden ist, hat das moderne Bewusstsein ein primäres Faktum zu
sehen geglaubt. Es hat das Höchste durch das Niedrigste 'erklären'
zu können geglaubt, die reine Mystik durch die menschliche Leidenschaft. ... Unsere 'Wissenschaft' bleibt also gültig, vorausgesetzt,
dass wir das Vorzeichen zu jedem ihrer Sätze ändern. Da zum Beispiel, wo die Wissenschaft verkündet, die Mystik resultiere aus einer
Sublimierung des Instinkts, wird es genügen, das festgestellte Beziehungsverhältnis zu ändern und zu schreiben, der erwähnte Instinkt resultiere aus einer Profanierung der als ursprünglich anzusetzenden Mystik.“
Das ist das Lob des „Objektiven Geistes“, des Vorrangs der Institutionen und literarischen Gattungen. Am Schnittpunkt subjektiver Libido mit den Erfahrungsweisen einer überindividuellen Mystik ist jene
Ersetzung aufzuschlüsseln, die den Institutionen alle Wirkungsmacht
zurechnet und die sinnenbewussten Erfahrungsweisen wegdefiniert.
Wieder eine Dichotomie, die an der Verkennung der realen Verhältnisse mitarbeitet — die Frage nach der Priorität von Henne oder Ei
erübrigt sich, wenn das Dritte — hier die Entwicklung — zwischen
den Zweien betrachtet werden darf. Der Prozesscharakter der Geschichte unterstreicht, dass es Machtbalancen und hierarchische
Figurationen sind, die diese Trennung zwischen Leidenschaft und
Mystik notwendig machten. Die einen wollen sich mit einem unerreichbaren Gott vereinen, die anderen mit einer unerreichbaren Dame, und die Kühnsten sprachen aus, dass sie sich selbst meinten.
(Vgl.: Wulf, 'Die Liebesflamme', in: 'Das Heilige', 335) Die Fixierung
der Identität und die damit verbundenen Verkennungsanweisungen
führten erst zu einer abstrakten Dichotomie, die von der konkreten
Verwurzelung beider absehen konnte. Der Parallelismus der Formen
von Liebe und Krieg, die Darstellungen des Kampfes der Geschlechter, verweisen auf das zunächst gar nicht abstrakte Verhältnis von
Macht und Sexualität — der Überlegene beansprucht die Frauen für
sich; Verteilung und späterer Tausch werden durch Stammbäume
geregelt. Nur wenn dieser Bezug nicht gesehen werden darf, müssen subalterne Reaktionsbildungen durch die quasireligiöse Dignität
der Institution aufgewertet werden. Der Weg der abendländischen
Romantik verläuft abstrahierend von den Sinnen, von der Begierde
zum Tod über die Leidenschaft, und er bleibt wirksam in den Symbolen der höfische Mystik. Liebesbegriff und Frauenbild sind mit einem
Begriff vom fruchtbaren Leiden verknüpft, der den Gefallen am Krieg
beschönigt oder legitimiert — wenn die realen Vollzüge mangeln,
wenn so gut wie nichts mehr stattfindet, verspricht die Krise Aus213
weichmöglichkeiten, liefert die Katastrophe letzte Existenzbeweise.
Das hat tiefgreifende Konsequenzen für die Moral, die Erziehung, die
Politik. Die Lust an der Notwendigkeit der Verstümmlung wird wachgehalten, Verstümmelte sind die besten Krüppelzüchter! Formalisierungen und Modellierungen, die auch den Krieg versuchten zu zähmen, dienen vor allen Dingen dem Machtgefälle.
Was zwischen den Geschlechtern stattfindet, wird nicht erst seit der
Antike mit Kriegsmetaphern beschrieben: Belagerung, Eroberung,
Unterwerfung — Duerr deutete es als ein Nachklingen jener Präsenz
eines umfassenden Beziehungsgefüges ('Sedna oder die Liebe zum
Leben'), wenn Waffe und Geschlecht, töten und vögeln, geboren und
begraben werden, in metaphorische Zusammenhänge treten. Gerade deshalb ist zu vermuten, dass Kriegsmetaphern als Reaktionsbildungen auf Verknappung und Panzerung zu verstehen sind — die
Problematik der Entdifferenzierung taucht im Verhältnis der Geschlechter zugleich mit dessen Reglementierung auf. Der ursprüngliche Bezug muss vergessen gemacht werden, wenn literarische Traditionen einen ähnlichen, aber im Vergeblichen verpuffenden Bezug
begründen sollen. Rougemont hält es für müßig, Ähnlichkeiten zwischen der Taktik der Alten und ihrer Liebesauffassung zu suchen.
Erst ab dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert könne man verfolgen, wie die Sprache der Liebe durch Wendungen bereichert werde, die nicht nur mehr elementare Kriegergesten bezeichnen, sondern die in ganz präziser Weise der Sprache der Schlachtenkunst
und der militärischen Taktik jener Zeit entlehnt seien. Die Erklärung
durch eine gemeinsame Norm der Liebes- und der Kriegskunst des
Rittertums trifft den fiktionalen, entmaterialisierenden, zähmenden
Zugriff sehr genau. Es fehlt nur der Rückschluss von der Reaktionsbildung auf die Auslöser, die in der Antike klarer zu sehen sind, als
zweitausend Jahre später — Foucault hat gezeigt, wie 'Die Sorge um
sich' die Ansprüche alter Weisheitslehren aufnimmt und konserviert.
Eine Kunstwelt entsteht, wenn der Verzicht einmal durchgesetzt ist;
wenn er sich selbst erhalten soll, zieht nicht mehr die Komplexitätsreduktion des realen Kriegs, sondern die Steigerung in einer ästhetischen Sphäre. Elias verwendete den Begriff Modellierung — Affekte
werden gezügelt, zwischen Reiz und Reaktion treten Mittelglieder,
Antriebe werden auf Repräsentationsformen umgeleitet: In religiös
verbrämten Zeremonien werden die Gesetzmäßigkeiten der Macht
nachgespielt und in einem Als-ob-Rahmen ertragbar eingeübt. So
beginnt die Innerlichkeit noch ganz außen, die Ehre lässt sich an
Schmuck und Gefolge ablesen, und doch ist schon ein abgegrenzter,
214
den Lebensvollzügen enthobener Bereich entstanden. „294 Hier tritt
der besondere Charakter des höfischen Ideals, das der harten Wirklichkeit der Zeit radikal entgegengesetzt ist, am deutlichsten hervor:
Es spielt die Rolle einer Anziehungskraft auf die geprellten geistigen
Bestrebungen. Es ist eine Form romantischer Ausflucht und gleichzeitig ein Zaum für die Instinkte. Der minuziöse Formalismus des
Krieges steht dem Ungestüm des feudalen Blutes gegenüber, wie
der Keuschheitskult bei den Troubadouren der erotischen Exaltiertheit des zwölften Jahrhunderts gegenübersteht. ... Es gibt jedoch
einen Bereich, in dem sich eine fast vollkommene Synthese der erotischen und kriegerischen Instinkte und der idealen höfischen Regel
vollzieht. Das ist der klar umrissene Kampfplatz, auf dem sich die
Turniere abspielen. Dort findet das Toben des Blutes freien Lauf,
aber unter der Ägide und im symbolischen Rahmen einer sakralen
Zeremonie. Es ist ein sportliches Äquivalent der mythischen Funktion
Tristans, so wie wir sie definiert haben: Die Leidenschaft in ihrer
ganzen Gewalt ausdrücken, aber indem man sie religiös verschleiert,
um sie dem Urteil der Gesellschaft annehmbar erscheinen zu lassen.
Das Turnier 'spielt' physisch den Mythos... 295 Liebe und Tod vermählen sich hier in einer künstlichen und symbolischen Landschaft
von außerordentlich tiefer Melancholie.“ Der Weg von der Repräsentation zur Selbstdementierung ist vorgezeichnet, der Regelkreis von
Idealisierung und Melancholie genannt. Das Als-ob ist schon da, die
Handlungshemmung fast durchgesetzt, die Entmaterialisierung in
vollem Gange. So wird in einer Anmerkung zur dramatischen Funktion des Turniers eine Parallele zur modernen Tragödie gezogen, die
entstand, als sich kriegerische, sportliche und theatralische Elemente voneinander lösten. „Die Tragödie wäre dann eine vom physischen Risiko, wie dies das Turnier mit sich brachte, befreite 'Handlung', die dafür um so besser das Bedürfnis nach sentimentaler und
geistiger Emotion befriedigt.“ Für einen hysterischen Sozialcharakter
lösen sich Gedanken oder Gefühle von den Begebenheiten ab und
heften sich an die Worte. Die freigesetzten Bedürfnisse entfernen
sich von den realen Vollzügen, aber schon die Stilisierung arbeitete
an deren Eindämmung. Dieses äußere Innere wird weiter umbaut
und eingemauert, bis in der Kirche ein nächster Schub Entweltlichung weitere Innerlichkeiten befördert. Die Gewalt der Körper wurde beim Turnier unter Beweis gestellt, wenn auch unter der Bedingung der Trennung der inszenierten Liebenden, unter der Macht des
Blicks. Die Kirche konnte unter Bedingung der Augenüberwachung
und des Absehens vom Körper zu einem Ort der Liebenden werden,
215
der ersten Blicke, der verstohlenen Begegnungen, der heimlich getauschten Briefe. Ein Ort der Trennung der Geschlechter, der in der
Literatur zugleich einer ihrer Begegnung sein konnte: der Entführung, der Zuflucht, des Ehebruchs.
Die Notwendigkeit der Formalisierung, der Differenzierungen zwischen Gleichen in dieser Kunstwelt kulturschwuler Ereignisse, legt
den Bezug auf Girards Sündenbockmechanismus und den Ursprung
der Gewalt in der Mimesis nahe. Die Liebe ist an den Repräsentationsformen des Turniers ausgerichtet, nicht an der Schrecklichkeit
des Krieges, die in den Ängsten und Verzichtleistungen als grauenhaftes Faszinosum des realen Vollzugs erscheinen kann. Der
Tausch von Charakterzügen und Vorlieben in der Übertragung, die
Aufhebung des wesentlichen Unterschieds, die Verschmelzung der
Liebenden, die Exzentrik des Orgasmus, das Erlebnis eines ozeanischen Gefühls, machen die Problematik der Entdifferenzierung im
Verhältnis der Geschlechter präsent. Das muss als dauernde Bedrohung der vorgegebenen Hierarchien empfunden worden sein —
vielleicht deshalb hatte eine eingebaute Überlastungsstruktur die
Energien zu bündeln und auf Rivalitäten zwischen Geschlechtsgleichen umzuleiten, die in subalternen Machtspielen die Hierarchie
bekräftigen durften. Als Ersatzleistung und zur Stabilisierung der
herrschenden Abhängigkeiten bot sich ein zeremonieller Totschlag
an. „303 Das Rittertum stelle das Bestreben dar, dem Instinkt einen
Stil zu verleihen. Der klassische Krieg besteht in dem Bestreben,
diesen Stil zu bewahren und neu zu schaffen trotz des Dazwischentretens unmenschlicher Faktoren. Daher der erstaunliche Formalismus der Kriegskunst jener Jahrhunderte. ... Jedes Mal wenn Elemente des Spiels im Krieg wiedererscheinen, kann man daraus folgern, dass die Gesellschaft und ihre Kultur eine Anstrengung machen, den Mythos der Leidenschaft neu zu schaffen, das heißt der
anarchischen Kraft einen Rahmen und rituelle Ausdrucksmittel zu
verleihen. ... 308 Lange Zeit hindurch durch die klassischen Formen
des Krieges zurückgehalten, wird die Gewalt nach der Ermordung
des Königs — in primitiven Gesellschaften eine heilige und rituelle
Handlung — wieder zu etwas gleichzeitig Erschreckendem und Anziehendem.“ Die Gewalt, die sich in der Ermordung des Königs offenbart, beendet den mimetischen Taumel der Entdifferenzierung,
dem sie zugleich entspringt: Ordnung und Hierarchie werden nach
dem Durchlaufen der Krise bekräftigt. Die großen Konflikte begleiteten gewöhnlich Sexualitätsexplosionen, die Entdifferenzierung lieferte Orte und Möglichkeiten einer mehr oder weniger ungezügelten,
216
gewaltsamen Lustpolitik. Doch diese einfache Gegenüberstellung
greift mit dem 20. Jahrhundert nicht mehr, Rougemonts Plädoyers
für die Stilisierungen treten plötzlich in einen Rahmen, der andere
Schlussfolgerungen ermöglicht — der dyadischen Konzeption Ausdruck-Gefühl war schon die Technik der Supplementierung des realen Aktes zuzuordnen, in letzter Instanz gehorcht sie der Ersetzung.
Ein Beleg für die These, dass der Krieg nicht etwa erster und ungezügelter Ausdruck der Leidenschaft sei, sondern Frustration und
Verzicht gehorche, dass er als erster Nebenkriegsschauplatz entstehe, wenn die wesentlichen Beziehungen durch willkürliche Regelungen und Konventionen behindert worden sind. Die Leidenschaft verstumme, wenn sie keine Sprache finde, meinte Mattenklott über die
Verkümmerungstendenzen eines multimedialen Zeitalters — wenn
das eine zureichende Bedingung wäre, würde das AIDS-Virus die
Literatur befördern. Zugleich ist diese Setzung aber eine Legitimation
der Ausdrucksform des Krieges, die genauer betrachtet werden sollte: Die Leidenschaft entsteht aus der Antriebshemmung, aus dem
Verzicht auf die realen Vollzüge, der Formalismus der Kriegskunst
war ein Komplize: Der Stilbegriff ist ein Ersatz der Stilbetätigung.
Eine seltsame Reihung ergibt sich: das kulturschwule Ereignis funktionierte trotz oder vielleicht sogar wegen der Geilheitsdressuren als
Partnervermeidungsschema und beförderte den Triebverzicht; die
Hysterie wurde aufgeblasen mit den gesparten Energien — wäre die
auf den Krieg und die Leidenschaft bezogene Liebe vielleicht eine
Vorform von Impotenz? Die Parallelisierung hätte dann schon an
dieser Aufgabe gearbeitet; sie hatte die Vergrößerung der Abstände
durch Surrogate verklärt und zugleich gefördert: Ferne ersetzte Nähe, Abwesenheiten vermittelten deren Intensität bis zu einem Punkt
des Umschlags, an dem nichts mehr stattfand. „314 Die Technik des
Tötens auf große Entfernungen findet in keiner Ethik der Liebe ein
Äquivalent. ... Der Krieg ...Eine Art gelenkter Besuch der Weltausstellung der Industriezweige und angewandten Künste des Todes mit
täglichen Demonstrationen am lebendigen Material. ... Der Mensch
ist von nun an nur noch Diener des Materials. ... Zahllose Zeugnisse
von Ärzten und Soldaten beweisen, dass der Materialkrieg sich in
Wirklichkeit in eine 'sexuelle Katastrophe' umgesetzt hat. Allgemeine
Impotenz oder zumindest ihre Vorläufer wie chronischer Onanismus
und Homosexualität bildeten das statistische Resultat von vier in den
Schützengräben verbrachten Jahren.“ Der erste Weltkrieg beförderte
damit ans Licht, was der leidenschaftlichen Liebe zugrunde lag. Die
Ablösung der Erfahrung von der biologischen Basis war der Beginn
217
der Partnervermeidung: Wenn der/die Andere nicht mehr in seiner/ihrer eigentümlichen Andersheit erlebt und genossen werden
kann, gehen wesentliche Aspekte der Bezüglichkeit des Selbst verloren. Im Krieg wurde durch die Reduzierung des lebenden Gegenübers eine Ersatzbefriedigung gesucht — wenn das Liebesobjekt als
wehrloses oder gar totes stillhalten muss, wird es nur eine Frage der
Zeit sein, bis sich die Faszination des Toten verselbständigt. Das
Eigenleben der Stilisierungen und sprachlichen Formen, die Verselbständigung von Vorlustprinzipien, Techniken und Sachzwängen
schienen notwendige Folgen; das Ende zeigt den Menschen dann
als Material der von Menschenhand in Gang gesetzten Prozesse —
er ist dem Resultat des Verzichts ähnlich geworden. Die weitere
Entwicklung verweist auf die Klonung im Reagenzglas: Wenn der
Abstand zu groß wird, reißt der Kontakt ab!
In diesem Zusammenhang liegt eine Drehung der Argumentation
ganz nahe. Vielleicht war es die institutionalisierte Form, die den
Verzicht auf Lebenstätigkeiten durchsetzte, vielleicht ist diese trockenlegende „Kulturarbeit“ — ob beim Turnier oder im Ehebett — in
den relevanten Feldern eine Idealisierung der Kastration! Es ist nur
nötig, auf den Spuren der Widersprüche der folgenden Argumentation zu bleiben. „321 Die lebensverneinenden Kräfte, die vom Mythos
lange zurückgehalten worden waren, breiteten sich in den verschiedensten Bereichen aus, woraus eine Auflösung der sozialen Bindungen folgte. Der erste europäische Krieg war das Urteil einer Welt, die
geglaubt hatte, die Formen aufgeben zu können und den tödliche
'Inhalt' des Mythos in einer anarchischen Weise frei machen zu können.“ Das ist keine Begründung, könnte ebenso lauten: Die Auflösung der sozialen Bindungen setzt die Lebensverneinung frei, weil
sie schon das Resultat einer früheren Zerstörung der wesentlichen
Beziehungen waren, an die der Mythos im Trennungsschmerz erinnerte. Die sprachliche Verdrehung entspricht dem unscharfen Denken, das gerade in dieser Unschärfe auf den Bereich dazwischen
verweisen könnte — wer ist Subjekt, wer ist Objekt des Urteils? Wo
sitzen die lebensverneinenden Kräfte, wenn nicht in diesem Mythos
selbst? Er stellte eine Spielform früherer Opferrituale dar, die den
mimetischen Taumel bändigen sollten, den ein putatives Bündnis
zwischen den Geschlechtern im Rahmen der Verwandtschaftslogik
auslöste — vielleicht steckt im mimetischen Taumel, der in der Liebe
lustvoll kodiert werden kann, sogar ein Rest von Erinnerung an jene
Zeit vor der Behinderung der wesentlichen Beziehungen durch konventionalisierte Regeln. Dem Institutionalisten wäre mit Castoriadis
218
zu erwidern, dass die Institution ein Resultat des Imaginären ist,
keines des Realitätsprinzips. Die bei uns immer wieder auftauchende
Frage nach der Beziehungsarbeit — gegen den Zynismus Lacans —
könnte an dieser Stelle als kritischer Hebel wirken: Partnervermeidung ist ein Betriebsunfall im primärmasochistischen Sog — es
muss anders und besser gegangen sein, auch wenn es so aussehen
soll, als sei der Rougemontsche Mythos nur eine Notbremse! Die
dargestellte Krise der Ehe gehorcht nicht etwa einem Verlust des
Halts, den der Mythos bewirkt haben soll, sondern sie ist eher seine
letzte Konsequenz: Partnerunfähigkeit, die in diesem Mythos des
verpassten Geschlechts, des verleugneten Körpers, der Entmaterialisierung der Bedürfnisse gründet und zugleich den mythischen Gehalt der Ehe (Benjamin anhand von Goethes 'Wahlverwandtschaften') aufdeckt. Stendhals Kristallisationstheorie 'über die Liebe'(390)
verrät durch die Metaphernwahl mehr über dieses Geheimnis, als er
durch Erzählung und Reflexion herausbrachte, so skeptisch er dem
Ich und seinen Einbildungen gegenüberstand: Ein entblätterter
Zweig, Lake in einem Salzbergwerk, mineralische Verwandlungen —
„Die kleinsten Ästchen, nicht dicker als eine Meisenkralle, sind mit
unzähligen kleinen, beweglichen und glitzernden Kristallen inkrustiert. Man kann den ursprünglichen Zweig nicht mehr erkennen; es
ist ein Kinderspielzeug, reizend anzusehen.“ Diese Diminutivwelt des
Liebenden (vgl. Bilz) spielt mit dem Tod: Die entblätterten Reize sind
schon solche jenseits des Lebendigen; Salz war das älteste Konservierungsmittel; am Horn einer Kralle findet der Übergang vom Lebenden zum Toten statt, noch dazu ein kleines Vögeln; und das ursprüngliche Objekt ist unter den Formen einer Kombinatorik, die mit
den Prinzipien des Sprachbaus seit Humboldt in Verbindung gebracht worden ist, verschwunden oder zu Licht geworden.
Bei Ariès hatte es geheißen, Liebe und Tod seien die Einfallpforten
einer einst übermächtigen und nun zurückgedrängten Natur. Das
erklärt die beiderseitige Nähe, ihre angstentbindende Wirkung, aber
um den Preis, dass der Gegensatz zwischen Mensch und Natur
festgeschrieben und substantialisiert wird: Auf Kosten der Lebendigkeit werden konventionelle Mittelglieder mit eigenem Leben ausgestattet. Die folgenden Argumentationen pro Institution, für den Rüschenmenschen und gegen die Möglichkeit des Authentischen, lassen auf diesem Hintergrund heute Einsprüche zu. Genau besehen
liefern sie bereits ein Repertoire der Kritik an Phallozentrismus und
Männerkonvention: Gegen den imaginären Geist, gegen das imaginäre Fleisch, die Wirklichkeitsmächtigkeit der Beziehungsarbeit. Die
219
Intensität des Hier und Jetzt, die durch leibliche Rhythmen vermittelte Echtheit, jenseits von Machtritualen und Simulation, kann nicht
von deren Gnaden sein — die Verwandtschaft der Ersatzleistungen
mit dem Wahn wird offensichtlich. „282 Wenn wir unter dem Vorwand, das Künstliche zu zerstören,... vorgeben, in der primitiven Flut
des Instinkts zu versinken, im Larvenhaften, im Nicht-Getanen, in der
'Untat', das heißt im Infekt, glauben wir die Authentizität des Lebens
wiederzufinden, und doch tun wir nichts anderes, als uns dem reißenden Strom der Abgänge der alten Kultur und ihrer zersetzten
Mythen hinzugeben. Denn der Mensch von heute besitzt keine primitive Authentizität mehr. ... Ein solches Hinabsinken liefert uns im
Gegenteil einem Wahnsinn aus,... heißt nicht zum Realen zurückzugelangen, sondern sich in der Zone des Schreckens verlieren, in den
unbestimmten Gebieten, in die alle Ausschüsse einer vergifteten
Kultur abgeleitet worden sind. Die 'Authentizität', die wir uns so sehnlich wünschen, können wir nicht wiederfinden. Sie steht nicht am
Ende einer Bewegung, die uns dem entnervten Instinkt und dem
Ressentiment des Fleisches hingeben lässt. Sie ist nicht verborgen,
sie ist verlorengegangen. Sie vermag nur durch eine der Leidenschaft entgegengesetzte Anstrengung neu geschaffen werden, das
heißt durch ein Handeln, ein Inordnungbringen, eine Reinigung —
eine Rückkehr zur Nüchternheit. 283 ...Handeln heißt in Wahrheit die
Bedingungen, die uns gestellt sind, annehmen und versuchen sie im
Konflikt des Geistes und des Fleisches zu überwinden, aber nicht
mehr indem man die beiden antagonistischen Kräfte zerstört, sondern indem man sie miteinander vereinigt. Der Geist muss dem
Fleisch zu Hilfe kommen und in ihm eine Stütze finden, und das
Fleisch muss sich dem Geist unterwerfen und durch ihn Frieden
finden. So sieht der Weg aus.“ Wenn das alles nur ein klein wenig
anders formuliert würde — jenseits von Dualismus, Ontologie und
Substanzmetaphysik, bezogen auf Netze von Signifikanten, vielleicht
als Wettkampf eines radikalen Imaginären mit einem fundamentierenden Symbolischen, als Agon entfesselter Bildwelten, denen eine
bilderlose Geistesgegenwart gewachsen sein könnte — taugten
wesentliche Einsichten als konkrete Lebensrezepte. Notwendig ist
ein Status der inneren Leere, gewonnen aus der intensiven Vergegenwärtigung der eigenen Geschichten, dann führt die Zerstörung
des konventionalisierten Plüsch, der leeren Phrasen, der unnützen
Machtspiele nicht etwa in den Wahn, sondern ins Hier und Jetzt: Das
Authentische wird nicht gemacht, sondern es ereignet sich, das
Glück des Augenblicks ist das des Unvorhergesehenen.
220
Gemeinsam Handeln, Schritt für Schritt, das wird die Voraussetzung
der Treue sein. Bedingungen ins Leben rufen, die der Abwesenheitsdressur gewachsen sind und die Widerstände gegen die Beziehungsarbeit in Produktivkräfte umwandeln: Das reale Hier und Jetzt
durch volles Sprechen herstellen. Die Dichotomie Geist/Fleisch ist so
falsch, wie die starre Gegenüberstellung von Mann und Frau, aber
Handeln als Prozessbegriff und Nüchternheit als Haltung gegenüber
dem Sog des Imaginären greifen die Problematik und führen über
Marcuses Folgerungen zum Todestrieb hinaus. Die uralte Dualität
von Licht und Dunkelheit steht in einem genauen Bezug zum Lernmodell der Katastrophe! Erinnert sei an Untersuchungen zu veränderten Bewusstseinszuständen, an die Erfahrung des sozialen Todes. Die bittersten Einsichten sind oft die tiefsten, weil sie für einen
Augenblick die falsche Aufteilung offensichtlich machen. Die scheinbaren Alternativen werden als Komplizen in der Verdummung deutlich; die Konvention wird in der historischen Abfolge als eine Form
des Wahns erkennbar: Geist und Fleisch, Mann und Frau, Leben
und Tod — die Wahrheit findet sich dazwischen. Ganz zynisch formuliert: Die durch Ontologie und Substanzmetaphysik hergestellte
Unlösbarkeit der Probleme diente als Katalysator des Aufbaus komplexer Systeme (vgl.: Luhmann, 'Funktion der Religion', 207) — die
Unlösbarkeit der Probleme, und das heißt der Mangel an Glück und
Erfüllung, liefert die Rechtfertigung der Institutionen, deren Vertreter
folgerichtig ein Interesse an diesem Mangel haben müssen. Warum
die Erkenntnis im Schmerz und durch den Schmerz hindurch nicht
Mystikern allein vorbehalten ist und in den Formen Initiation und
Wiedergeburt den jeweiligen Realitätsstatus begründete, dann aber
vergessen werden musste, kann mit Bateson oder Sloterdijk eingeholt werden: So äußern sich Kontextwirkungen, das sind die Geburtsschmerzen der Ablösung von einem früheren Lernniveau! In
jeder Prüfung steckt ein Rest von Schwelle, jede Lebensentscheidung spielt mit Tod und Wiedergeburt, am einschneidendsten der
Bund fürs Leben — und häufig genug arbeiten alle Beteiligten durch
Behinderungen und Umdeutungen daran, dass die Überschreitung
nicht zustande kommt oder in ihren Folgen möglichst unerkannt verebbt. Auf der Rückseite des Wahns wieder aufgetaucht, wird Leibgeistigkeit zum Resultat von Passagen durch biographische Verstrickungen: Angekommen im Hier und Jetzt. „Denn schließlich spielt
sich unser Leben hier unten ab. Auf der Erde müssen wir leben.“
Die modernisierten Formen der Abwesenheitsdressur und die Krise
der Ehe können auf diese Entwicklungshemmungen und Ablösungs221
erschwernisse bezogen werden — die Abstände werden erhalten
und vergrößert unter Bedingungen der Möglichkeit ihrer Aufhebung;
die Partnervermeidung wird durch Phantomfamilien noch zwingender. Der ursprüngliche Widerstreit zweier Moralauffassungen, religiöse Orthodoxie gegen Häresie, kann in seinen späten medialen Ablegern nicht klären, warum die heranwachsenden Generationen mit
einer seltsamen Wahrheit imprägniert werden: „325 Die Leidenschaft
ist die höchste Prüfung, die jeder Mensch einmal kennen lernen
muss, und das Leben wird nur von denen in seiner ganzen Fülle
gelebt, die 'da hindurchgegangen sind'.“ Die Identitätsproblematik
wird klar formuliert, dann schiebt sich jedoch der als unlösbar in die
Welt geschickte Gegensatz zwischen Leidenschaft und Ehe in den
Vordergrund. Die Steigerung von Komplexität durch Gegensätze: die
zivilisatorische Funktion des Mythos äußere sich darin, diesen Zuwachs an Differenzierungen zu ordnen und symbolisch einzuverleiben. Mit dem Zerfall der traditionellen Formen sei zu erwarten, dass
er keine Widerstände mehr finden werde, die hinreichend stark seien, um ihm als Maske und Vorwand zu dienen. Die Frage ist allerdings: Wozu denn? Der Krise der Ehe folgte die Krise der Leidenschaft. Mittlerweile ist erkannt, dass beide dem gleichen Partnervermeidungsschema unterstanden: Die Abwesenheitsdressur der Leidenschaft arbeitete an der Prosa der bürgerlichen Ehe mit — Modistin, Schauspielerin, Tänzerin, Prostituierte hießen verschiedenen
Modelle der Entlastung —, in der abgegrenzte Lebensbereiche und
getrennte Entwicklungsstränge ein Verhältnis der Geschlechter
durchkreuzten. So kann gerade anhand dieser falschen Alternative
ein Ansatz ausgearbeitet werden, der Thesen vom 'Tod des Körper',
vom 'Schwinden der Sinne' in die Linie Rougemonts einordnet, an
den Bruchstellen und Widersprüchen aber die Möglichkeiten von
Geistesgegenwart und vollem Sprechen einbringt: Beziehungsarbeit
ist Arbeit am Anderen! Zwar findet sich schon bei de Rougemont ein
Ansatz der These der Diskurstheorie, alle Liebe beruhe Simulation
und Betrug, aber hier ist noch ein Diesseits der Spiele der Zeichen
zu finden. Nicht die Zeichen, sondern die Beziehungsverhältnisse
führen zur Wahrheit des Hier und Jetzt, zur Intensität des Augenblicks.
Im Post-Scriptum ist von einer Polaritätsphilosophie die Rede, von
Spannungen und Wechselwirkungen; die Komplizenschaft im Antagonismus kommt einem hier angezielten, kreativen Lösungsvorschlag sehr nahe: Kreativität als Umkehrung des Opferkults, als Fähigkeit, auf die Vielfalt des Erfahrbaren einzugehen, die Eigenge222
setzlichkeiten spielen zu lassen, die Komplexität zu bejahen. „469
Ich habe versucht, die Leidenschaft isoliert darzustellen, wie man
eine chemische Substanz isoliert, um ihre Eigenschaften besser
erkennen zu können. Und ich habe aufgezeigt, dass sie im reinen
passiven oder ekstatischen Zustand, wie bei Tristan und einigen der
großen Mystiker, also von ihrem Gegenstück (der aktiven Liebe oder
Agape) isoliert, tödlich ist. ...471 'Prinzipiell die Leidenschaft zu verwerfen, das hieße, einen der Pole unserer schöpferischen Spannkraft aufheben zu wollen. De facto ist dies nicht möglich.' Ich will in
der Tat nichts verwerfen. Ich schlage keinerlei Selbstverstümmelung
vor: Allzuviele Neurosen haben dies bereits besorgt. Ich habe versucht, die Kontraste des Lebens, die Konflikte und Antinomien, die
die Grundmuster unserer Wirklichkeit bilden, zum Ausdruck und zu
Bewusstsein zu bringen und ihre Begriffe besser zu definieren. Und
jetzt gilt es, ihr Spannungsverhältnis zu akzeptieren und sie im kreativen Schaffen ins Gleichgewicht zu bringen... 472 Meine ganze Auffassung von Ethik, Erotik und Politik fügt sich nämlich ein in das
Prinzip der Vereinigung der Gegensätze und der Spannung zwischen den Polen.“
Vorerst ist der Gegensatz absolut gesetzt. Noch dazu wird das
Glück, im Gegenzug zur romantischen Leidenschaft, bei Rougemont
zu einer auf Abruf ins Leben zurückgeholten Toten und der ihr und
Orpheus entsprechende Begriff der Freiheit untersteht den asketischen Praktiken der kulturschwulen Vereinigung. Die Vorstellung,
Glück sei leicht zu erwerben, korreliere der Unfähigkeit, es zu besitzen. Das Haben-wollen verdingliche seinen Gegenstand und unterstelle ihn der Rivalität; in der Welt des Vergleichs habe er jeden Eigenwert verloren — das greift der Frommschen Unterscheidung von
'Haben oder Sein' vor. Die moderne Vorstellung vom Glück beruhe
auf der Vermeidung von Mangel oder Langeweile, die Leidenschaft
diene als Aufputschmittel: die Ehe werde ertragbar durch den Ehebruch. Nur ist die Frage, warum ein auf ein erfülltes Sein bezogenes
Glück Langeweile bewirken soll? Gesetzt den Fall, jemand ist in der
Lage, sich nicht zur relativieren, dann wird auch kein Motiv der Zerstreuung zünden — die gemeinsame Wurzel des Heiligen und des
Verfluchten in der Mimesis verweist auf die nachträglich hergestellte
Inkommensurabilität: Die Biographien Erleuchteter durchlaufen Extremerfahrungen, vom Abseitigen bis zum Verfemten, um die Einzigartigkeit zu garantieren, die den mimetischen Taumel abstellt. Und
so weit, wie der überhöhende Mythos, die schematisierende Legende, müssen wir gar nicht gehen. Die Inkommensurabilität — und
223
damit die Ausschaltung der Rivalitätsstrukturen — stellt sich schon
ein, wenn es ein relativ durch den/die Andere/n erfülltes Sein ist,
wenn zwei sich genügen, aneinander lernen und die übrige Menschheit als unwichtig empfinden. Noch dazu in einer Welt im Wandel,
bei einem durchgestrichenen oder auf wenige Interessen reduzierten
Verhältnis der Geschlechter! In diesem Sinne ist Rougemonts Festhalten an der Ehe im Sinne der Beziehungsarbeit zu modifizieren.
Hier geht es nicht um die Dignität des durch Institutionen abgesicherten Vertrags, der im Alltag zur leeren Konvention verblasst, sondern
um den Wahrheitsgehalt einer an Verantwortlichkeit und Wachstum
ausgerichteten Beziehung: Die Einzigartigkeit des Bündnisses ist in
den täglichen Belangen zu erarbeiten, wenn die Komplexitätsreduktion zurückgebogen wird auf die Rivalität und diese ausblendet. Das
Bedürfnis, in einem wesentlichen Beziehungsgefüge zu verweilen, ist
anachronistisch geworden, aber dennoch in den Sehnsüchten und
Erwartungen Liebender dichteste Wirklichkeit.
„328 Das Glück ist wie Eurydike: Man hat es verloren, sobald man es
greifen will. Es lebt nur, wenn man es annimmt, und es stirbt, wenn
man es als sein Eigentum beansprucht. Denn es hängt vom Sein
und nicht vom Haben ab. ... Jedes Glück, das man empfinden will,
das man in seiner Gewalt behalten will — anstatt wie aus Gnade
darin zu verweilen —, wandelt sich augenblicklich in eine unerträgliche Leere. Die Ehe auf einem solchen 'Glück' zu gründen setzt von
seiten des modernen Menschen eine fast krankhafte Fähigkeit zur
Langeweile voraus — oder die geheime Absicht, zu betrügen. ... Der
Traum von einer möglichen Leidenschaft wirkt wie eine ständige
Ablenkung und macht gegen den Aufruhr der Langeweile unempfindlich. Man verkennt nicht, dass die Leidenschaft ein Unglück wäre aber man ahnt, dass das ein schöneres und 'lebendigeres' Unglück
wäre als das normale Leben, erhebender als unser 'kleines Glück'...
Entweder resignierte Langeweile oder Leidenschaft. Dies Dilemma
führt die moderne Vorstellung vom Glück in unser Leben ein. Und
das kommt auf jeden Fall auf einen Ruin der Ehe als eine durch ihre
Stabilität definierte soziale Institution hinaus. ... 329 Dass die profane
Leidenschaft eine Absurdität ist, eine Form von Vergiftung, eine 'Seelenkrankheit' wie die Alten dachten, jedermann ist bereit, das
anzuerkennen, das ist ja einer der gebräuchlichsten Gemeinplätze
der Moralisten. Aber im Zeitalter des Films und des Romans vermag
niemand das mehr zu glauben — wir sind alle mehr oder weniger
vergiftet —, und dieser feine Unterschied ist entscheidend. Der moderne Mensch, der Mensch der Leidenschaft, erwartet von der
224
schicksalhaften Liebe irgendeine Offenbarung über sich selbst oder
über das Leben im allgemeinen. Ein letzter muffiger Nachgeschmack
der ursprünglichen Mystik.“
Die Komplizenschaft ist deutlich zu sehen, und was als Nachgeschmack der Mystik erscheinen soll, wird tatsächlich zum durchtriebenen Machtschema in einer informalisierten Welt. Der moderne
Mensch wird beschrieben als Zombie, die Antriebsstörung geht in
der Langeweile auf: Lebendigkeiten bezieht die Leiche aus der Konserve, und wer an einem Quäntchen Macht teilhat, wird zum Vampir
und saugt vorhandene Lebendigkeiten ab. Das Sein, auf das das
Glück bezogen wird, ist sicher nicht das ontologische Sein. Gewähren und fließen lassen, die dauernde Veränderung im Wandel der
Zeit, die Netze und Überlappungen, die Interferenzen und Übertragungen sind eben nicht Sein, sondern Werden, Bedeutsamkeit und
nicht Bedeutung. Dem stehen die modernisierten Abwesenheitsdressuren gegenüber, die der Antagonismus von Ehe und Leidenschaft mit immer neuen Energien versorgt. Der Roman brachte die
Gesetzmäßigkeiten der kulturschwulen Vereinigung auf einen Nenner und sorgte zugleich für den nötigen Nachschub; der Film (Kittler)
ist im Extremfall auf die Geschlechterdifferenz nicht mehr angewiesen — zudem taugen diese durchgreifenden Abwesenheitsdressuren als Leidenschaftsersatz: Vor der Glotze wird geweint, autistische
Lüste des Mediums gehorchen allen Geboten des Mythos, während
im Leben gerechnet und erpresst wird. Außerdem verpasst diese
Darstellung der Langeweile den systematischen Zug der sonstigen
Halbheiten. Gerade die Abwesenheit ist das Gift: Die Anführungsstriche, die Als-obs, die Ausklammerung realer Begegnungen und die
damit verbundene Delegierung der Verantwortung für das eigene
Leben, die Verwandtschaft von Lüge und Leidenschaft. Die abstrakte
Trennung der Sicherheit der Konvention (Ehe) von der Lebendigkeit
des Abenteuers (Romanze) leistet tatsächlich ihre Verknüpfung für
die Phantasie; gerade die sorgsame Teilung verhindert den Blick auf
die realen Mischungsverhältnisse, ist verantwortlich dafür, dass eine
radikale Beziehungsarbeit nicht zustande kommt. Von der wäre nämlich eine Offenbarung zu erwarten: über Lebenslüge, Partnervermeidungszwang, Ersatzbefriedigungswahn. Außerdem ein Arbeitspensum und ein Quantum an Verantwortung, denen keine Langeweile
gewachsen ist. Das kann heißen: Wiedergeborenwerden auf anderen Signifikantenniveaus als denen des Habens und der Rivalität, mit
einer Passagenerfahrung über Liebe und Leben, mit der Ruhe und
Gelassenheit derer, die hinter der Katastrophe angekommen sind,
225
die der Intensität und Authentizität gemeinsamer Erfahrungen vertrauen dürfen und Lernschritte ins Neue wagen. Wir sind Schwellenwesen, niemals nur wir selbst: offen, erfahrungshungrig und haben
Angst davor — aber an gemeinsamen Vorlieben, an geteilten Erwartungen, kann die Angst abgebunden und auf ein zulässiges Maß
reduziert werden.
Deutlich wird, dass auch die asketische Konzeption der Freiheit in
einem Gegensatz zu den Fähigkeiten des Vertrauens steht. Sie versucht der Möglichkeit der Verführung zuvorzukommen und zeigt
zugleich eine Anfälligkeit, die mit dem Zwang nicht zu beseitigen, nur
zu verschieben ist. Freiheit und Leidenschaft liefern zusammengenommen jene Dichotomie, vor die zurückgegangen werden könnte:
Wer befriedigt ist, kann nicht mehr verführt werden, wer gefunden
hat, ist nicht mehr auf der Suche — aber vielleicht sattsam beschäftigt. „330 Frei nenne ich einen Menschen, der sich beherrscht. Aber
der Mensch der Leidenschaft strebt im Gegenteil danach, beherrscht
zu werden, enteignet zu werden, aus sich heraus in die Ekstase
geworfen zu werden. Und tatsächlich ist das schon seine Sehnsucht,
die ihn 'verführt' — und er kennt weder ihren Ursprung noch ihr Ende. Seine Illusion von Freiheit beruht auf dieser doppelten Unwissenheit.“ Zu erinnern ist an die von Adorno dargestellten Antinomien
der Freiheit: „Persönlichkeit ist die Karikatur von Freiheit.“ Ein Jenseits des Identitätszwangs findet sich erst in den sinnenbewussten
Wahrnehmbarkeiten und den kleinen Geschichten: Wer sich gehen
lassen kann, wer in Augenblicken großer Belastung neben sich tritt
und das weitere Geschehen aus einer notwendigen Distanz betrachtet, erreicht unter gewissen Bedingungen die Freiheit von den Gewohnheitsbahnungen der Sozialisation. Wieder ist auf eine charakteristische Unstimmigkeit hinzuweisen: Das klassische Ideal der Gemütsruhe, die stoische Unerschütterlichkeit gegenüber verführerischen Reizen oder quälender Not, war ein Akt der Selbstdistanzierung: Das Lichtreich der Ideale musste in der Askese erst konstruiert
werden. Narzisstische Formen der Verliebtheit schlagen jedoch die
entgegengesetzte Richtung ein und bewirken eine Distanzierung von
der umgebenden Welt. Im Gefängnis der Innerlichkeit wiederholen
sie die eigene Geschichte, bestätigen deren Zwang durch eine Vorlust-Technik der Distanzierung vom anderen, der zur Projektionsfolie
sogenannt eigener Wünsche gerät. Die in diesem Kontext genannte
Suche nach dem Typ, nach der Standard-Schönheit, unterstreicht
nur die Partnervermeidung: Den/die andere/n inklusive Körperlichkeit
lässt man nicht an sich heran — nur so endet die Ekstase im Autis226
mus, während sie in der Erfahrung der Liebe, wie zu Zeiten von
Schwellenzauber und Initiationsriten, die sozialisierten — gesetzten
und damit fehlerhaft fixierten — Grenzen der Individuation sprengen
kann.
Gerade mit der Ablehnung des Habens und der Berechenbarkeit
versucht Rougemont die Treue auf der gleichen metaphysischen
Seinshöhe wie die Leidenschaft anzusiedeln. Aber vielleicht wird
Pascals Absurdität des Glaubens hier nur bemüht, weil noch immer
von der Wahl einer Frau und nicht vom zweiseitigen Bündnis ausgegangen wird. „353 Wenn man daran denkt, was es bedeutet, eine
Frau für das ganze Leben zu wählen, kommt man zu dem Schluss:
Die Wahl einer Frau ist eine Wette. 355 Denn solange man etwas
berechnen kann, wäre es zugegebenermaßen töricht, sich dieser
Möglichkeit zu berauben. Aber ich meine, die Garantie für eine dem
Anschein nach vernunftgemäße Verbindung liegt niemals in diesem
Anschein. Sie liegt in dem irrationalen Ereignis einer Entscheidung,
die trotz allem getroffen wird und die eine neue Existenz gründet und
ein neues Risiko sich vor uns auftun lässt. ... 356 Nur eine Entscheidung dieser Ordnung, irrational aber nicht sentimental, nüchtern aber
ohne irgendeinen Zynismus, kann als Ausgangspunkt für eine wirkliche Treue dienen. Und ich meine nicht eine Treue, die ein 'Glücksrezept' enthielte, sondern eine Treue, die möglich ist, weil sie nicht im
Keim durch eine gezwungenermaßen falsche Berechnung bloßgestellt wird.“ Warum eine Frau wählen? Beziehungsarbeit meint, dass
beide wetten, noch dazu hat die Pascalsche Wette hier einen insgeheimen Bezug des Habens aufrechtzuerhalten: Meine Frau! Das
Absurde und die metaphysischen Fragestellungen stellen sich immer
dann ein, wenn Machtbalancen und Konflikte verschleiert werden
müssen; die Setzung von antithetischen Grundbegriffen dient der
Komplexitätssteigerung innerhalb von Institutionen — was da alles
absurd sein kann... Mittlerweile muss es nicht mehr heißen: „Kraft
des Absurden“(358), sondern: kraft des gemeinsamen Handelns und
der Entscheidung gegen das Behinderungssystem; kraft der Erfahrung der vielen Störfaktoren durch Zukurzgekommene, Beziehungsgestörte und Sexualbehinderte. Kraft der Widerlegung eines Signifikantennetzes der Subalternisierung. Kraft der Erfolge im Kampf gegen die institutionalisierten Krüppelzüchter... Die Wette ist etwas
ganz Reales, ein Todeslauf: Schaffen es zwei, zueinander zu finden,
aneinander zu lernen? Gelingt es, das Behinderungssystem auszuschalten? Wenn eben nicht die gegenseitige Verpflichtung problematisch sein soll, sondern die Folgen, die sie nach sich zieht, ist kein
227
überflüssiger Aufwand nötig, das Treueversprechen als absolut zu
betrachten — und die Möglichkeit einer Berechnung wird bei diesem
Abenteuer ein Witz. Aber danach ist eine Rechnung zu präsentieren:
Eine im Durchlaufen der Katastrophe gewonnene gemeinsame Basis
der Identität. Beziehungsarbeit wird zum Nonkonformismus, widerspricht allen anerkannten Werten der Abwesenheitsdressur — Reiz,
Zerstreuung und Rivalität, jenem weitverbreiteten Glück der Süchtigen -, und sie bewährt sich in den alltäglichen Belangen. Sie wird zur
Machttechnik, wenn auf Verführungen und Angebote mit einem
Nein-Danke reagiert werden kann und plötzlich klar ist, dass nicht
Begierde und Zuneigung, sondern delegierte Störversuche ein
Quantum Libido abzapfen sollten. Eine Erkenntnis, die schon auf der
Rückseite des folgenden Zitats zu lesen ist: „361 Die Treue kann nur
eine Handlung sein. Sich damit zu begnügen, seine Frau nicht zu
betrügen, wäre ein Beweis von Armut und nicht von Liebe.“
In dem Kapitel 'über die Treue' finden sich bedenkenswerte Formulierungen und wichtige Einsichten. Wenn nun versucht werden soll,
hinter den Gegensatz von Ehe und Leidenschaft zurückzugehen,
verwandeln wir den Begriff der Treue in den der Beziehungsarbeit —
das impliziert schon die Betonung des Handelns — und begnügen
uns dafür im Sinne der geforderten Nüchternheit mit den Fragmenten, die die metaphysischen Größenphantasien des Widerspiels von
Agape und Eros vernachlässigen zugunsten der Wirklichkeit des
Hier und Jetzt. Ohne den Gegensatz ist auf eine authentische Erfahrung des/der Anderen zurückzukommen; das jeweilige individuelle
Repertoire wird gesprengt; in den Unterschieden und Fremdheiten,
die in die gemeinsamen Erwartungen, Handlungen und Verantwortlichkeiten eingebracht werden, ist das Glück des Unvorhergesehenen zu finden. Eine Treue, die sich gegen ein beziehungsfeindliches
Signifikantennetz konstituiert, wird eben nicht kraft des Absurden
gehalten, sondern das Absurde stellt die Deckadresse für eine
Schematik der Macht dar — der Partnervermeidungszwang ist nicht
vom Himmel gefallen, er stellt sich ein, weil es so sein soll. Wenn
diese Treue in der „Persönlichkeit“ der Gatten gründen wird, so ist
Persönlichkeit der Terminus für jenes Handeln, für jene Beziehungsarbeit, in der das Paar erst wächst, aneinander reift und während
gemeinsamer Passagen durch gesellschaftliche Verstrickungen wird,
was es gewesen sein wird. Der „Gehorsam einer Wahrheit gegenüber“ ist der gegenüber der gemeinsamen Erfahrung, und „der Wille,
ein Werk zu tun“, nennt den schöpferischen, kreativen Aspekt dieser
Wahrheit. „Denn die Treue ist ganz und gar nicht eine Art Konserva228
tivismus. Sie ist vielmehr eine Konstruktion. ...ein ständiges Bedürfnis, für das geliebte Wesen zu handeln, durch ein ständiges Ergreifen der Wirklichkeit, 359 die sie zu beherrschen, der sie nicht zu
entfliehen sucht. Ich sage, eine solche Treue gründe die Person.
Denn die Person offenbart sich wie ein Werk im weitesten Sinne des
Wortes. Sie wird aufgebaut wie ein Werk, zugunsten eines Werks
und unter den gleichen Bedingungen, von denen die erste die Treue
einer Sache gegenüber ist, die nicht war und die man schafft. Person, Werk und Treue: diese drei Wörter sind weder voneinander zu
trennen noch gesondert fassbar. Und alle drei setzen einen gefassten Entschluss voraus, eine schöpferische Grundhaltung. So führt
das Treueversprechen in das bescheidenste Leben eine Chance ein,
ein Werk zu vollbringen und sich auf die Ebene der Person zu erheben.“
Rougemont nähert sich der Ansatzstelle für jene vielschichtige
Kommunikation, die in der schöpferischen Grundhaltung nur nachklingt: Der symbolische Tausch konstituiert sich in der Beziehungsarbeit auf allen Ebenen: Von der begleitenden Stimme der Dinge und
den Botschaften biomagnetischer Spannungsfelder, über kommunizierende Körper, energetische Wirkungen der Macht, unbewusste
Übertragungen, bis zum vollen Sprechen jenseits der Verkennungsanweisungen. Was heißt, wer dazu nicht in der Lage ist, der soll
dazu nicht in der Lage sein! Institutionen beziehen ihre Energien aus
der Unterbrechung dieser Wechselwirkungen; das erklärt, warum sie
Beziehungsunfähigkeit, warmen Wind und Behinderungssysteme
hervorbringen. Der Sprung zur Nächstenliebe ist zu flink, doch der
Anspruch, Begehren und Liebe nicht trennen, unterstreicht die Konkurrenz: Die Vielschichtigkeit der Erfahrbarkeiten, der Bedeutsamkeiten, erledigt den Wahn der Selbstheit und demaskiert die Verfahrensordnungen der Institution als Modi der Verarmung. Eine Bindung
für diese Welt impliziert die Verantwortung für das gemeinsame
Handeln, das zugleich erfolgsorientiert sein kann. Die Durchsetzung
der Eigengesetzlichkeiten des Bündnisses — was im folgenden Ehe
genannt wird, hat nichts mehr mit einer leeren Konvention zu tun —
impliziert die Abschaffung der Behinderungssysteme und bewirkt die
Passage in eine Wirklichkeit der reziproken Eigenarbeit: „361 In der
Ehe weiht der Liebende dem anderen und gleichzeitig seinem wahren Ich die Treue. ...die Schöpfung anzunehmen, den anderen so
annehmen zu wollen, wie er ist, in seiner persönlichen Einzigartigkeit. Die Treue will ...das Wohl des geliebten Wesens, und wenn sie
für dieses Wohl handelt, schafft sie sich gegenüber den Nächsten.
229
Und durch diesen Umweg, über den anderen gelangt das Ich zur
Person — jenseits seines eigenen Glücks. So ist die Person der
Ehegatten ein gegenseitiger Schöpfungsprozess, ein doppeltes Reifen der 'handelnden Liebe'. Das, was das Individuum und seinen
natürlichen Egoismus leugnet, ist das, was die Person aufbaut. An
diesem Punkt wird man die Entdeckung machen, dass die Treue in
der Ehe das Gesetz eines neuen Lebens ist. ... Die Liebe Tristans
und Isoldes war die Angst, zwei zu sein. 362 Und ihre höchste Reife
war das Fallen in das Grenzenlose, in den Schoß der Nacht, wo
Formen, Gesichter, Einzelschicksale sich auflösen. ... Die Liebe der
Ehe aber ist das Ende der Angst, das Annehmen des begrenzten
Wesens, das ich liebe, weil es mich ruft, es zu schaffen, und das
sich zusammen mit mir dem Tageslicht zukehrt, um unseren Bund
zu bezeugen. Ein Leben, das mit dem meinen einen Bund eingegangen ist — für mein ganzes Leben, das ist das Wunder der Ehe.
Ein Leben, das mein Wohl ebenso will wie das seinige, weil es mit
dem seinigen vereinigt ist. ... Lieben ist eine Handlung. 366 ...die
Treue wird durch sich selbst der Untreue gegenüber auf Grund der
einfachen Tatsache garantiert, dass sie den Menschen daran gewöhnt, Begehren und Liebe nicht voneinander zu trennen. Denn
wenn das Begehren schnell und in alle möglichen Richtungen eilt, so
ist die Liebe langsam und schwerfällig, sie verpflichtet wirklich für ein
ganzes Leben und fordert nicht weniger als eine solche Verpflichtung, um ihre Wahrhaftigkeit zu offenbaren. ... 372 Wir hingegen, wir
suchen die Dichte des Seins in der unaufhörlich als solche vertieften
Einzelperson. 'Je mehr wir die einzelnen Dinge erkennen würden',
sagt Spinoza, 'um so mehr würden wir Gott erkennen.' Diese Haltung, die mein Abendland definiert, definiert gleichzeitig die tiefgehenden Voraussetzungen der Treue, der Person, der Ehe — und der
Verweigerung der Leidenschaft. Sie setzt die Annahme des Verschiedenen und damit des Unvollkommenen voraus, das Eingreifen
des Konkreten in seinen Begrenzungen.“
Die in verschiedenen Zusammenhängen gegen die Verarmung unserer Erfahrung vorgeschlagenen Komplexitätssteigerungen haben
genau diesen Ansatz! Weg von den zwanghaften und reduzierenden
Identifikationstechniken: Wer sich selbst erkennen will, findet je mehr
über dieses Selbst heraus, je mehr der/die/das Andere zu Wort
kommen darf. Ein dritter Weg der Liebe führt vielleicht die Gesetzmäßigkeiten jenes ersten wieder ein, der mit Frauentausch und
Stammbaumdenken verdrängt worden war: den, die oder das Andere sein zu lassen, zu lauschen, sich drauf einzulassen, wieder an der
230
Dichte und Vieldeutigkeit von Erfahrbarkeiten zu reifen... Noch einmal wird deutlich, welche Ersatzfunktion die Leidenschaft hatte. Dazu im Post-Scriptum: „470 Comme toi-même: 'Wenn sich die Leidenschaft immer vom Unerreichbaren angezogen fühlt, und wenn der
Andere als solcher in den Augen einer fordernden Liebe das bestgehütete Geheimnis bleibt, — können dann nicht Eros und Agape innerhalb der eingegangenen Ehe selbst eine paradoxe Bindung eingehen? Stellt denn nicht der Andere immer das Unerreichbare dar,
und jede geliebte Frau eine Isolde,... das Hindernis, das stets einzig
und allein vom Menschen selbst abhängt: die Autonomie der geliebten Person, ihre faszinierende Fremdheit?' 471 Sollte sich die Suche
nach dem Engel, dem Geheimnis des anderen, die zugleich Eros
und Agape erregt, nicht eine dritte Form der Liebe sein... Die von mir
gepredigte Treue... ist lediglich das sine qua non — Voraussetzung
eines jeden Kunst- oder Lebenswerks, dessen Entstehungsprozess
Zeit und Konzentration sämtlicher Kräfte erfordert.“
Die Wiedergeburt auf anderen Signifikantenebenen mag nur im
Rahmen der Beziehungsarbeit unumgänglich scheinen; sie betrifft
jedoch alle institutionalisierten Beziehungen — das kann noch einmal unterstreichen, warum und mit welchem Eifer Behinderungssysteme ins Verhältnis der Geschlechter eingebaut worden sind. Erdheim/Nadig liefern wichtige Stichworte zum Thema des sozialen
Todes und dessen nonkonformen, innovativen Korrelationen —
'Wissenschaft, Unbewusstheit und Herrschaft'('Die wilde Seele', Hg.
v. Hans Peter Duerr, 163 ff.). Die Wechselspiele von Verkennungsanweisung und Institution, das subalterne Bedürfnis, fehlerhafte
Identifikationen zu erhalten, prägten einmal die leidenschaftliche
Liebe, und es wundert nicht, dass sie hier wieder auftauchen. Wissenschaft und Unbewusstes stehen lediglich in einem scheinbaren
Gegensatz, denn auch die Wissenschaft stellt Unbewusstheit her,
solange Allmachtsphantasien und Narzissmus — ganz ähnlich der
Leidenschaft — ihre Triebfedern ausmachen. So zeigt erst der Blick
auf das Verhältnis von Herrschaft und Unbewusstheit im Rahmen
komplexer Formen des sozialen Zusammenlebens, wie dies geschieht: Die Macht muss auch vom Wissenschaftler ertragen werden, die erlittene Gewalt wird verdrängt und dann reinszeniert und
an Stellvertretern abgestraft — entfremdende Tendenz in der Wissenschaft — oder — idealisierende Tendenz — verschoben und
dank hermeneutischer Fluchtbewegungen in Exotik oder Abstraktion
als ständiger Antrieb der Distanzierung aufrechterhalten. „Am sozialen Ort der Herrschaft dient die politische Macht dem Narzissmus.
231
Was ihn in Frage stellt, soll ausgelöscht werden, und wo die Gewalt
nicht dazu ausreicht, ist die Bereitschaft vorhanden, jene kränkenden
Bereiche aus der Wahrnehmung auszuschließen und sie unbewusst
zu machen. In dem Maße, wie sich die Gesellschaft in Klassen spaltete und sich divergierende Klasseninteressen entwickelten, nahm
die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit zu und trat in ein
spannungsvolles Verhältnis zur gleichzeitig und notwendig sich entfaltenden rationalen Bewältigung von Natur und Gesellschaft.“ Gewaltmonopol auf dem Wissen und notwendig falsches Bewusstsein
greifen im schlechten Status der Normalität wie Zahnräder ineinander; die hergestellte Unbewusstheit befördert Angst, Ausgeliefertheit
und Sadismus; sie ist im Endeffekt der Motor eingeschränkter Wahrnehmung, neurotischer Dummheit und erwünschter Subalternität. Mit
der Erfahrung des sozialen Todes ist eine Schaltstelle genannt, an
der diese Verkennungsanweisungen aufzusprengen sind. Zum intellektuellen Werdegang Freuds bis zur Traumdeutung und dann zu
deren Rezeption bei den Fachkollegen heißt es: „An sich wäre das
genau die Situation gewesen, um sich in die Rolle des verkannten
Genies zu begeben; statt dessen fand Freud jedoch den Weg zur
Selbstanalyse. Eines ihrer Ergebnisse war die 1899 erschienene
Traumdeutung, die wir heute auch als Chronik eines 'sozialen Sterbens' lesen können, denn Freud stellt darin dar, wie er eine Rolle
nach der anderen, auf die er stolz war und die er für erstrebenswert
hielt, aufgeben und zur 'Unperson' werden musste. Das war die entscheidende Voraussetzung, um das in diesen Rollen und Karrieren
eingefrorene Unbewusste ebenso wie die darin involvierten Größenund Allmachtsphantasien erkennen zu können. Bekanntlich wurde
die Traumdeutung gerade von den Psychiatern nicht zur Kenntnis
genommen. Wir vermuten, dass es nicht so sehr die neuartigen
theoretischen Erkenntnisse waren, etwa über den Traum, die den
Fachleuten unannehmbar schienen, als vielmehr die Art des Diskurses. Noch nie hatte ein Psychiater, geschweige denn ein Naturwissenschaftler, so über sich selbst gesprochen; die Traumdeutung
anzuerkennen hätte geheißen, denselben Anspruch auch auf sich
selbst anzuwenden, und dazu war man damals wie heute nicht bereit. ... Das Annehmen seines eigenen 'sozialen Todes' wäre eine
Voraussetzung dafür, und die ist schwer zu ertragen. ... Wie die
Lehranalyse, so sollte auch die Feldforschung eine Umstrukturierung
der Erfahrung zustande bringen, und zwar dadurch, dass in beiden
Fällen die Rollensysteme, die unsere Identität stützen und unsere
Wahrnehmung lenken, durch die Konfrontation mit dem Fremden
232
erschüttert werden. Gegen diesen Prozess aber, der vom Individuum
als soziales Sterben erlebt wird, werden Abwehrstrategien (Elitarismus, Exotik, Melancholie) eingesetzt, deren Wirksamkeit von den
unbewussten Größen- und Allmachtsphantasien herrühren. ... Es
scheint, dass die Größen- und Allmachtsphantasien einen magischen Kreis um den Alltag ziehen und den Forscher daran hindern,
ihn zum Gegenstand des Wissens zu machen. Der soziale Tod setzt
die Größen- und Allmachtsphantasien frei, entblößt sie ihres institutionellen Glanzes und wirft das Individuum auf seinen Alltag zurück.
... Das soziale Sterben ist jener Prozess, in welchem die sozialen
und kulturspezifischen Rollen zerfallen, die unbewussten Werte und
Identitätsstützen ins Wanken kommen und damit auch die diesen
Verhältnissen angepassten Wahrnehmungsformen. Das soziale
Sterben ist ein alltäglicher Vorgang, dem man sich immer aussetzen
kann, wo man seinen gewohnten Kreis verlässt: die eigene Klasse,
Altersgruppe, 'Sekte'. Nur ist es hier weniger üblich, sein Augenmerk
auf diese Prozesse zu lenken, und desto leichter werden sie überspielt oder nur als 'kleine Krise' bzw. 'depressiver Schub' gedeutet.
Aber gerade wegen dieser individualisierenden Fehlinterpretation
kommt man als der gleiche daraus hervor, als der man hineingeraten
ist.“
Wichtig scheint vor allem der Bezug auf die Alltagssituation: Auf
mystische Offenbarungen oder extraordinäre Grenzerfahrung kann
man/frau ein Leben lang warten, um die in der Biographie versteckten Möglichkeiten der Erweiterung und Veränderung der eigenen
Rolle und deren Spielräume nur um so gründlicher zu verpassen.
Priester oder Dichter, Gurus oder Gelehrte liefern in der Position der
Stellvertretung nur die Gründe, an den Rhythmen und Erfahrungsformen der eigenen Lebendigkeit nicht teilzuhaben. Die möglichen
Veränderungen stehen aber gerade an den kleinen Begebenheiten
zur Verfügung, an den in alltäglichen Zusammenhängen notwendigen Änderungen der eigenen Wahrnehmungsmuster und Verhaltensgewohnheiten — in einem Kontext neuer Handlungen, Gesten,
Sprechweisen: am Rand der symbolischen Ungewissheiten, die sich
zwischen beengenden und einander widersprechenden Schemata
ergeben. Der Stellenwert kreativer Eigenarbeit kann nicht hoch genug angesetzt werden, wenn die Erfahrung des soziales Todes auf
diese Umkehrung des in Familie und Institution verdrängten und
deshalb ständig wirksamen Opferkults bezogen ist. Sie ist Trauerarbeit, die aus der Erfahrung der Grenze resultiert: der soziale Tod
demonstriert, wie die Grenze durch die alltäglichen Belange verläuft;
233
ästhetische Erfahrung gestaltet die Grenze in Metaphern der Überschreitung, erotische Theorie als Resultat von Passagen und Wiedergeburten wird erst an dieser Grenze möglich. Wenn allerdings
statt der Grenze das Dazwischen wirksam werden kann, beginnt das
Kraftwerk der Liebe Energien zu liefern: Die Möglichkeiten Schneller
Brüter sind in die Konzeption blankpolierter Spiegel überführbar.
In Sloterdijks 'Der Denker auf der Bühne' wird dargestellt, wie das
Risiko des sozialen Todes in „Exzesse der Ernüchterung“ münden
kann. Eine existentielle und philosophische Trennungsarbeit, die so
notwendig, wie in den Behinderungssystemen unerwünscht ist, und
an deren Kennzeichnung wir nur die Tricks vermissen, wie institutionalisierte Autismusventile zu schließen sind, um auf einer anderen
Ebene, jenseits der Panzerungen des bürgerlichen Individuums, in
kreativen Prozessen der Beziehungsarbeit erst richtig anzufangen.
„128 Für diejenigen allerdings, die sich in den psychonautischen
Zirkel eingelassen haben, wird der soziale Tod unvermeidlich. Nur er
kann das Zusammenspiel zwischen den kollektiven und den persönlichen Lebenslügen beenden, die sich so gern auf gemeinsame Werte einigen: ich lobe dich, du lobst mich — wir lügen. Aber wer sozial
im Sterben 129 liegt, weil er sich zu finden beginnt, dem hilft kein
Allgemeines mehr und kein äußeres Zureden. Wer glaubt, dass er
denkt, ohne in den Abgrund seiner Singularität geblickt zu haben,
der redet sich nur ein, dass er denkt — er träumt einen konformistischen Traum, und wäre er der des kritischen Bewusstseins. Wer
wirklich denkt, ist zu einer Einsamkeit verurteilt, die zum Neubeginnen und Selberfühlen zwingt; nach diesem gibt es keine 'Tradition'
mehr, sondern nur noch ein Sichwiederfinden in Verwandtschaften
und Konstellationen.“ Warum sollte an dieser Stelle nicht der solipsistische Status des Denkens verlassen werden. Mit Bateson ist
daran zu erinnern, dass ein Großteil des Denkens außerhalb der
Singularität des Kopfes in kulturellen Archiven und institutionalisierten Techniken zu Hause ist. Das Selbst ist ein Konverter, Authentizität gehorcht selten den tradierten Bedeutungen, aber Neubeginn und
Selberfühlen entspringen den Bedeutsamkeiten, die an den Körperfragmenten ansetzen. In diesen Konstellationen und putativen Bündnissen wäre hinter dem Wahn der Selbstheit wieder aufzutauchen: In
der Synthese von Kreativität und Beziehungsarbeit. Die Sprache des
post-metaphysischen Menschen — Gebärden, Energiefiguren, irdische Erregung, Oralität, Herzklopfen, Atem, Mundbewegungen —
mag einem Einzelnen nur in seltenen Augenblicken zugänglich sein,
in den Erfahrungen des Paars ist sie immer wieder gegenwärtig als
234
Heiligkeit des Augenblicks. Benjamin meinte einmal, wenn die Zeit
der Systeme zu Ende sei, kleideten sich große Einsichten in den
Mantel der Kritik — was Sloterdijk hier an Nietzsche entwickelt, ist
tatsächlich eine Kritik an den Selbstdarstellungsriten der verwalteten
Welt, am parasitären Status der Mumien und Kalker, der Vampire
des warmen Winds, die die kulturellen Schwellen besetzt halten und
an den Zugangsvoraussetzungen Macht abzweigen. „132 Nietzsche
erprobte ein Sprechen, da so schnell, so präzise, so trocken, so angemessen und so fatal aus dem Redner hervorsprudelt, dass für
einen Augenblick der Unterschied zwischen Leben und Reden verschwunden wäre. In den Momenten höchster oraler Intensität verzehrt sich das Gesagte im Sagen; es verbrennen alle Vorstellungen
im Akt der Äußerung. Keine Semantik mehr, nur noch Gebärden.
Keine Ideen mehr, nur noch Figuren der Energie. Kein höherer Sinn
mehr, nur noch irdische Erregung. Kein Logos mehr, nur noch Oralität. Kein Heiliges mehr, nur noch Herzklopfen. Kein Geist mehr, nur
noch Atem. Kein Gott mehr, nur noch Mundbewegungen. Die Sprache des post-metaphysischen Menschen. ... 137 Nietzsche weiß,
dass nichts unanständiger ist als Energielosigkeit, die als Wissenschaft auftritt; er fühlt, dass es nichts Verdächtigeres gibt als Angst
vor der Wahrheit, die sich für kritisches Bewusstsein halten lässt;
und nichts Verkehrteres als die Unfähigkeit zur Anerkennung, die
sich mit Überlegenheit verwechselt. Vor allem entwickelte Nietzsche
ein überaus reizbares Gefühl für die Obszönität der sogenannten
Kommunikation von Subjekten, die in ihren Äußerungen nicht riskant
anwesend sind... diese Funktionäre ihrer selbst, diese Schaufensterpuppen ihrer Grundsätze! Nietzsche entdeckt den Vampyrismus—
nicht nur der christlichen Ethik, sondern mehr noch den der moralistisch-theoretischen Kultur.“
Antigenealogie: Die Ablehnung familiencodierter Abhängigkeitsstrukturen findet sich bereits in der Sektenbotschaft des Christentums (zitiert nach Goody, 'Die Entwicklung von Ehe und Familie in
Europa', 100): „Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen
wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter und die
Schwiegertochter wider ihre Schwiegermutter. Und des Menschen
Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater und
Mutter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert. Dies sind die Worte des millenarischen Propheten an die christliche Urgemeinde, Worte, die die familiären Bindungen aufheben, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf ein Minimum reduzieren, Statusunter235
die Spiele der Macht und der Repräsentation über die realen Bedürfnisse der Einzelnen hinweg. Der verantwortliche Sog des Imaginären
beruht nicht nur auf dem Wiederholungszwang; er zieht seine Kraft
aus dem Versprechen auf Identität, das in den Bildwelten haust.
Jene scheinbare Ganzheit der Bilder verführt zur Selbstverstümmelung, die den Fluss möglicher Verwandlungen unterbrechen soll.
Diese Narbenschrift der Identifikation verdanken wir frühen Praktiken
der Mütter, und die Vertreter von Institutionen versuchen unter Beweis zu stellen, dass es gar nicht besser gehen kann.
Anders konstatierte eine Bildersucht als Begleiterscheinung der 'Antiquiertheit des Menschen', aber sie war wohl von Anfang an Notbremse im Fluss des Lebendigen. Das zeigt die ewige Aktualität der
Formel: Du sollst dir kein Bildnis machen. Heute übt diese Sucht
eine ungeheure Sogwirkung aus. Durch Massenmedien wird die
Welt familiarisiert: Eine verschleiernde, bildproduzierende Forcierung
der Entfremdung sorgt für den Phantomcharakter aller Bezüge. Wer
der eigenen Familie schon wenig entgegensetzen konnte, muss vor
der übermacht und Ungreifbarkeit der Medien endgültig kapitulieren.
Bild und Stillstellung pervertieren das Bedürfnis nach Identität, nur
als dialektische Ökonomie des Leibes wäre Identität jener Verführung gewachsen.
Spiegel und Masken — Geschichte und Geschichten: In jeder
Geschichte aus Geschichten taucht immer wieder das Fragespiel der
Identität auf. Weil die übliche Antwort nichts taugt — das Sparschwein Charakter wirkt als vergangenheitsverhafteter Bremsklotz —
ist die Bewegung zwischen Fragen und Irrtümern als Bewegung
ernst zu nehmen und der Blick für Einzelheiten und Umwege zu
schärfen. (Vgl. L. Baier, 'Gleichheitszeichen') Erst dann kommen
Spielräume der Erfahrung zur Geltung: Identität und Erfahrung sind
dialektisch aufeinander bezogen. Identität wird zur Funktion im Hier
und Jetzt der Geistesgegenwart, die allein der Leib verbürgt. Dieser
Verweisungszusammenhang ist zeitlich strukturiert: Identität stellt
dar, was gewesen sein wird. Ihr Medium ist immer Geschichte des
Leibes, oder besser: Konkurrierende Geschichten diskontinuierlicher
Sinnensubjekte. Synthetische, immer auch fiktionale Leistungen
liefern ein auf die jeweiligen zeitgeschichtlichen Standpunkte ausgerichtetes Repertoire; Offenheiten halten es beweglich. Maximum der
Identität ist eine dialektische Verschränkung der Zeiten; Minimum die
Frechheit oder Ausgeliefertheit dessen, der Konsequenzforderungen
nicht gehorchen muss, weil ein aktuelles Ziel sein Handeln steuert.
303
Beides zu verbinden — mit gewordenen Erfahrungen rechnen zu
können und auf Forderungen des Augenblicks mit improvisierenden
Entscheidungen zu antworten —, kann gelingende Identität bedeuten. Als solche weiß sie um ihre Relativität; konkurrierende Geschichten bringen Distanzleistung oder Engagement hervor. Scheiternd wird eine durch Anpassungsleistungen schon vorgegebene
Dialektik der Norm als Stillstellung bestätigt. Die Übung, substantialisierte Identitäten zu zerbrechen, garantiert nicht unbedingt Freiheitsspielräume, aber sie schafft erste Voraussetzungen, die dann in der
Beziehungsarbeit weitergeführt werden können.
In der psychischen Ökonomie führt das Spiel der Identität auf Formen zurück, die mit der mythischen Gewaltenteilung verschwistert
sind: Identität entspringt Zwängen — in beiden Richtungen. Sie ist
ihr Produkt, aber sie kann den Zwang hinter sich zurücklassen —,
und sie kann selbst zum Zwang werden. Die Fraglichkeiten einer
'Dialektik der Aufklärung' sind in den säkularisierten Ritualen einer
weitgehend verwalteten Welt gegenwärtig: Vom Reinigungsritual
zum Waschzwang, vom Opfer zur Selbstbestrafung, vom Abendmahl
zur Psychosomatik. Aber auch: Von der Felszeichnung zur Fleischfabrik, vom Lesen in den Eingeweiden zur Volkszählung, vom herausgerissenen, zuckenden Herzen zum Elektroenzephalogramm
auf dem Bildschirm. Adorno und Horkheimer rekonstruierten die
Odyssee als Urgeschichte der Subjektivität aus der Perspektive der
modernen Ableger. Im Opfer war immer ein Betrug am Gott zugunsten des Menschen geleistet! Im Rahmen moderner Angstbewältigungen fällt das emanzipatorische Moment jedoch aus, Rituale haben ihren Praxisbezug verloren und werden nun zu Zwängen. So
wenig einer Kritischen Theorie die mythische Welt zum goldenen
Zeitalter taugen konnte, so einseitig ist das dem Zusammenbruch
der bürgerlichen Kultur abgetrotzte Urteil: Zivilisation als Introversion
des Opfers. Mit den dargestellten Ansätzen ist das Spiel umzukehren.
Das emanzipatorische Potential einer Gewaltenteilung psychischer
Instanzen war greifbar, nur die Bindung an die philosophische Tradition der Bewusstseinsphilosophie trennte von Benjamins wichtigsten
Einsichten. Ob als erkenntniskritische Methode, als literarische Form
oder als Überlebenstechnik, der Relationsmetaphysiker Benjamin
hat kontrastreiche Scheidungen vorgenommen, widersprüchlichste
Äußerungen gesammelt, unvereinbare Freundschaften gepflegt.
Energien, die er freisetzte und gegeneinander ausspielte, konnte er
besser handhaben: Für ihn waren Subjekt und Denken lediglich Re304
sultate von Konstellationen — mit Blick auf Bateson könnte behauptet werden, Benjamin habe gewusst, wie man Kontexte installierte
und die Kontexte von Kontexten für Erkenntnis und Interesse aufschlüsselte. Das erklärt sein Interesse an Schwellen und Passagen:
Initiation und Wiedergeburt in unterschiedlichen Netzen der Bedeutsamkeit. Eine vergleichbare Thematisierung des Dazwischen findet
sich bei Baudrillard: Gewieft an Tücken des Objekts, erarbeitete er
Strategien der Verführung des Subjekts! Adorno hat trotz des Erkenntnisprogramms einer Entäußerung ans Objekt am Subjektcharakter des Denkens festgehalten. Dabei entspricht das zugrundeliegenden Homo clausus-Konzept (Elias) abendländischer Wissenschaftsgeschichte den monomanischen Verhärtungen des bürgerlichen Charakterbegriffs: Wissen und Denken sind in einem viel größeren Maß in Archiven, in Techniken und in Gewohnheiten zu Hause, als in Eierköpfen oder Betonschädeln. Das Subjekt mauert sich
ein, weil es nur als Verführtes zu Ende gedacht werden könnte, es
verinnerlicht das Opfer in kleinen Dosen, um nicht zum Opfer zu
werden. Ein nutzloser Umweg, überflüssig aber todsicher! Blumenberg stellte mit 'Arbeit am Mythos' eine ergänzende Korrektur an der
sich als scheiternd erfahrenden bürgerlichen Subjektivität und mit
der „Metaphorologie“ Schleichwege in verloren geglaubte Wissensweisen. Was Freud mit der nötigen Portion Ironie „freie Assoziationen“ nannte, erwies sich tatsächlich als Versatzstücke der bestdeterminiertesten Bedeutsamkeiten einer Lebensgeschichte; von Benjamins Symbolbegriff zu Blumenbergs Metaphorologie lässt sich ein
Bogen schlagen, der mit den unwillkürlichen Erinnerungen, den
nicht-gesuchten Einfällen und den sprachlichen Verdichtungen in
einem Witz auf die Seinsebene der Verweisungszusammenhänge
zielt: Vor dem Code und der Bedeutung herrschte der Kontext und
die Analogie. Der Mythos birgt nicht nur einen semantischen Fundus,
er war erste Aufheiterung der Welt gegenüber einem Absolutismus
der Wirklichkeit. Mythische Gewaltenteilung wird Aufklärung, ein
Fundament der Institutionalisierung späterer Instanzen. Noch heute
wirksam in jeder Individuierung, gewinnt sie besonderes Gewicht,
wenn ein bereits erreichter Rationalitätsstandard an Selbstverständlichkeit verliert.
Im 'Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen' hat Klaus Heinrich
vorgeführt, wie das Verhältnis von Identität und Gewaltenteilung
verstanden werden kann. Identität und Identitätsverlust, Kommunikation und Sprachlosigkeit, bestimmte Negation und diffuse Selbstzerstörung werden durch die Fähigkeit nein zu sagen auseinanderge305
halten — von Herder über Nietzsche zu Gehlen hat dieses Nein
konstitutive Leistungen zu verbürgen. Mit Batesons Spieltheorie ist
nachvollziehbar, warum das erst sprachlich ermöglichte Nein mit
Ritualisierungen vollgesaugt ist. Differenzierungen, Gewohnheitsbildungen und Verallgemeinerungen sind lebensnotwendig; konventionalisierte Unterscheidungen aber gehen einen Schritt weiter und
leiten die Stillstellungen ein — hier wendet sich das Nein als Ritualisierung gegen die lebendigen Vollzüge. Bezeichnenderweise überspringt das Verfahren Heinrichs methodische Grenzziehungen und
vermengt Disziplinen. Er hat Spätformen der Gewaltenteilung, in der
Form wissenschaftlicher Spezialisierung, als Panzer der Indifferenz
erfahren. Auch eine Stillstellung, die als Dialektik der Aufklärung
verstanden werden kann. Statt den Einzelnen zur Emanzipation zu
ermuntern, die jeweiligen Fraglichkeiten mit dem zur Verfügung stehenden Wissen aufzuarbeiten, werden immer mehr Teilaspekte Experten überantwortet. Der Instanzenweg war schon immer ein Entmündigungsverfahren.
Strategien dementierender Identität thematisieren Odysseus oder
Keuner: Selbstverleugnung als Gewinn: Niemand und Keiner als
Charaktermasken anonymer Kreativität — noch Sartre hat aus diesem Grund das Schema Wer-verliert-gewinnt für seine Literaturpsychologie strapaziert. Deutungen der Odyssee von der 'Dialektik der
Aufklärung' bis zur 'Kritik der zynischen Vernunft' lassen entgegengesetzte Wertungen zu. Gide oder Beckett führten vor, wie der Ballast der Verdinglichung wegsaust, aber keine erhoffte Freiheit, sondern Skepsis und Verstörtheit kamen zum Vorschein. Die Fragilität
ist nicht überwunden, wenn ins Nicht-Identische geflüchtet wird, aber
Identität geht dann erst recht verloren, wenn sie in der Verdinglichung festgehalten werden will. Ein erster Schritt ist immer schon,
die äußeren Zwänge der Identifizierung zu brechen, jede wirksame
Manipulation schreibt eine Fixierung vor. Vgl. Brechts: Verwisch die
Spuren und Benjamins Technik des Verbergens, nur Teilansichten
zu zeigen, zwischen Extremen zu steuern... Heinrich: Identifikation
als balancierender Begriff — Balance zwischen den Konflikten von
Ich und Du und Wir... Identität ist wie alle wichtigen Kennzeichnungen nur als relationales Gebilde zu verstehen. Die Möglichkeiten,
von der Welt der Eltern Abschied zu nehmen, sich vom Gewohnten
und Verbürgten abzusetzen, wollen erst erarbeitet werden. Das
braucht Zeit, abrufbares Wissen, Vergleichbarkeiten, Erfahrungswerte mit dem „Neuen“, sonst wird es nur nach Maßstäben der Gewohnheit missbraucht.
306
Ein großer Teil der modisch Progressiven stand dem eigenen Sozialisationsgeschehen sprachlos und damit noch immer ausgeliefert
gegenüber. Die Zeit des Aufbruchs, das Andersseinwollen, beginnt
mit der Verdrängung der erlittenen Werte und Normen, die Sozialisationsnarben dürfen nicht mehr bemerkt werden. Die Leute tun, als
hätte es niemals Verstümmlungen gegeben, um dann progressiven
Wertvorstellungen nachzulaufen. Und gemäß den nicht mehr zur
Verfügung stehenden Sozialisationsbedingungen kann's der eine
locker, der andere nur verkrampft. Tatsächlich sind beide nur Mitläufer: Schlimm, was hinter mancher Lockerheit noch durchscheint —
die verdrängte Wahrheit von Naziablegern kehrt dann wieder, wenn
rot-grüne Direktoren und ihre pseudoprogressiven Schwätzer von
einem braunschwarzen Vorstand unter Druck gesetzt werden, um
eine wirkliche Alternative aus dem Weg zu räumen. Wen wundert’s,
dass ab einen bestimmten Alter Anlässe gesucht werden, das programmierte Scheitern, um von manchen nun Illusionen genannten
Alternativen Abschied zu nehmen. Ein Beispiel ist der Praxisschock
der Pädagogen, ein anderes das Verhalten bei der Erziehung eigener Kinder. Das Vorbild der eigenen Eltern gewinnt wieder an Leben
— auch eine Wiederkehr des Verdrängten.
Der richtige Schritt zu einem anderen und den Offenheiten des Lebens angemesseneren Verhaltens wäre, aus der Perspektive des
besseren Wissens und Wollens an die Aufarbeitung der eigenen
Sozialisation zu gehen. Nicht verdrängen, sondern durcharbeiten —
der Ansatz einer Selbsterlebensbeschreibung. Erst dann darf vergessen werden, wenn dem Vergangenen die Energien abgezweigt
worden sind, wenn sie neu investiert werden können. Das Hier und
Jetzt ist dann mit den Energien der eigenen Lebendigkeit gesättigt,
wenn die aufgearbeitete Vergangenheit eine aufnahmefähige Zukunft vorbereitet, erst dann treten wir dem Neuen auch offen gegenüber.
Das ist ein erster Schritt, weitere schließen sich an. Wer erst einmal
geschafft hat, die dämonischen Energien von sich ab und in Kreativität und Produktion umzuleiten, macht eine seltsame Erfahrung. Was
an Selbstzerstörung und Selbstdementierung schädlich war, taucht
nun in der persönlichen Umgebung wieder auf. Als müsste abgestraft werden, dass man/frau ein Schrittchen vorangekommen ist,
versuchen eine/n nun alle möglichen Leute zu den gewohnten Fehlverhaltensweisen zu verführen. Bei manchen ist der Neid, die Unterlegenheitsgeste schon zu erkennen, bei den meisten aber spricht der
gesunde Menschenverstand, die Moral oder ähnliches eine recht
307
verdrehte Sprache. In solchen kleinen biographischen Zusammenhängen beginnt die „Sabotage des Schicksals“ (Sonnemann, 'Negative Anthropologie', 343) als eine Form des intellektuellen Jiu-Jitsu:
Gegen ewige Infantilität und normalisierte Zwangsneurose ist die
ihnen eigene Negation zurückzuwenden; wer behindert und Lebenstätigkeiten erschwert, wird als Behinderter stehen gelassen und darf
in der Negation ertrinken.
Mythos, Theologie, Wissenschaft — aber immer wieder Erzählungen; verschiedene Streckenabschnitte auf dem Weg von einer statischen Welt mit fixierten Identitäten zur offenen Prozesswelt intersubjektiv begründeter Identitätsfunktionen. Auf jeder Stufe ergaben sich
Verdinglichungen und Gegenbewegungen; was als geradliniger Weg
erscheinen mochte, führte oft im Kreis. Verbindende Schleichwege
waren wichtiger, als der abendländische Kahlschlag. Erfahrung fand
einmal Halt in Weisheit, einem als unwandelbar vorausgesetzten
Menschheitswissen. Der Mythos, als Erzählung und als gleichzeitige
Anleitung zum Handeln, bezog Gewissheit aus dem Glauben an eine
Wiederkehr des Gleichen in einem Weltganzen. Doch was als festes
Deutungswissen ausgegeben wurde, hatte im mündlichen Überlieferungsgeschehen mit Improvisationen und Erfindungen auszukommen und musste zudem eine für unsere Verhältnisse ungeheure
Zahl von Wahrnehmungen und Benennungen handhaben: Schon
hier steckt in der Erzählung die Wissenschaft vom Augenblick. Die
einfachsten Figuren einer vorbegrifflichen, semi-materialen Denkweise waren die Übertragung der leiblichen Gegebenheiten auf die
Welt oder an den Himmel, ihnen zugrunde lag das Lesen von Spuren; die Genealogie als Begründungsform, die heroischen Sinnstifter
oder Religionsgründer als Garanten kultureller Kombinatorik traten
immer schon als Schmarotzer auf. Das bis zur Geschlechtsreife gelangte Affenembryo brauchte starre Traditionen als Halt in einer
fremden Welt — doch alle Kulturen hatten Trickster, Shifter, Weltenspringer nötig, um diese Traditionen auszuhalten. Zudem erzwang
die Unangemessenheit von Gewohnheiten und kultischen Vorschriften oft Erfahrungen. Während das Bedeutungsgefüge der Wiederholung unterstand, war Wahrnehmung für das Einzelne in einem ungeheuren Maße offen. Die Wirklichkeit war mythisch verfasst, aber in
der Welt hatte vieles ein Gesicht.
Unter Vorgabe der Schrift brach die Geschichte durch. Aufgrund
theologischer Vorentscheidungen musste eine Reduzierung des
Zukünftigen aufs Vergangene Ewigkeitsstandards gewähren. Theologie erlangte als Heilswissen jene Autorität, die sie nötig hatte, um
308
als Weltwissen aufzutreten: Die Welt ein Sündenpfuhl und die Wahrheit lag bei Gott. Einflüsse der Erfahrung auf Gewohnheiten wurden
zugunsten jüdisch-christlicher Schrift-Tradition verschoben. Die
übermacht der Welt musste keine Erfahrung mehr stimulieren, nachdem sie dank der Belehnung Gottes mit der Macht befriedet worden
war. Früheres Wissen wurde verstellt integriert oder verketzert und
ausgegrenzt. Während sinnenhafte Zugänge zur Welt an Bedeutsamkeit verloren, wanderte die Imagination verstärkt in Institutionen
ab. Das Lob der Institutionen hat hier sein Fundament, nichts Dauerhafteres als die Kirche: Das ist das Lob der Dummheit.
Forschergemeinschaft und Fallibilität als Prinzipien moderner Wissenschaft scheinen ganz vom mythischen Ausgangspunkt absehen
zu können — obwohl oft genug Abhängigkeiten und Schulbildungen
einschränken und Paradigmenwechsel wieder wachrütteln müssen.
Er schleicht sich jedoch über den Umweg der Zwecke und Zielvorstellungen wieder ein. Wenn Sachzwänge und instrumentelle Vernunft Fähigkeiten des Menschen beschneiden, bekommt ein am
Archaischen gewonnener Grenzbegriff prognostischen Gehalt. Die
Aussperrung der Erfahrung durch Errungenschaften der technischwissenschaftlichen Zivilisation, kombiniert mit der Macht zur Auslöschung des Lebens eines ganzen Planeten, führen auf einen neuen
Absolutismus der Wirklichkeit: stillgestellte Zeit, besetzter Raum und
vollständig verwaltete Welt.
Paranoide Aufbewahrungen mythischer Totalitätsansprüche in der
Theologie oder Machbarkeitsemphase und Agon in den Wissenschaften: Erzählung war bescheidener, obwohl wahnhafte Züge in
allen Erzählformen aufbewahrt wurden. Erzählung als sprachlich
begründeter Umgang in und mit der Welt gab es auf allen Etappen
und immer traten in der sprachlichen Form Interesse am Wissbaren
und Anleitung zum Machbaren zusammen. Die Dignität der Erzählung war aus dem Generationen übergreifenden Geschehen abgeleitet worden. Der Erzähler — vgl. Benjamins Essay oder Paz Ausführungen zum Handwerk —, gedacht als Glied einer Kette von Erzählern, berichtete Unwandelbares und den Menschen überdauerndes.
Aber er speiste seine Lebendigkeit ein; nicht als Subjekt, sondern
indem er als Medium an der Geschichte teilhatte. Mündliche Rede
schien dem Tod standzuhalten, oft genug wurde sogar erzählt, um
Tod — Scherezade — oder Krankheit — Decamerone — zu vertreiben. In 'Literatur als Therapie?'(198) wies A. Muschg auf die balancierende Eigentümlichkeit der Begriffe Gesundheit und Kultur hin
und spannte den Bogen von der Ethno-Medizin zur Poetik. Gegen
309
das erstarrte Herkommen, gegen den Druck der Riten und Institutionen, braucht es die Gabe, Neues entdecken zu können. „Gesundheit
heißt dann nicht mehr: alte Bindung, sondern: neue Lösung. ... In
dieser prophetischen Gabe aber sitzt jenes Talent oder Genie, das
spätere Kulturen dem Dichter zusprechen: formende Phantasie,
Einbildungskraft für das im Guten und Schlimmen Mögliche, die
schöpferische Leistung, die das Ganze erhalten will und, weil es sich
in der Erstarrung nicht halten lässt und zum Tod würde, auf die Seite
der Veränderung neigt.“ Vor diesem Hintergrund stellen Institutionen,
die mit der Ausgeliefertheit und Unfertigkeit des Menschen werben
müssen, Karikaturen menschlicher Möglichkeiten her: Der Mensch
nach ihrem Bilde verbindet Selbstdementierung und Wiederholungszwang.
Im objektiven Rahmen der Erzählung erscheinen die Prinzipien Medialität und Kommunikativität. Was Autonomietraining tatsächlich
bewirkte, wenn die Schrift als Sparsamkeitstrick in ihren Dienst trat,
ist zur Genüge bekannt; erahnbar wird aber auch, was es heißen
könnte, wenn sie jederzeit an Sukzessivität und Bedürftigkeit aller
lebendigen Vollzüge erinnern dürfte und damit Zugänge zu einer
dem Menschen möglichen Souveränität gewährleistete. Deshalb
tauchte im kleineren Maßstab und quasi in Anführungsstrichen
Weisheit als mythisches Analogon wieder auf, als Formprinzip oder
als Stil. Schwundstufen und späte Errungenschaften der Verschwendung sind Ironie und Humor, bewusste Relativierungen zu
großer Ansprüche. Als Spielform, aber auch als Korrektiv abstrakter
und vermittelter gewordener Weltinterpretationen, stecken in den
Erzähltechniken Anleitungen, vorgegebene Bedeutungen handhaben
zu lernen und im Umgang mit Praktiken der Bedeutsamkeit manchen
Bann zu lösen. Nichts anderes hat der psychoanalytische Prozess
systematisiert. Der Umgang mit der Sprache, die Konzeption eines
sprachlichen Feldes, in dem sich Subjekte erst konstituierten, setzt
die Erzählung in ihr Recht: Neurose ist Institutionsminiatur — in der
Metainstitution Sprache finden sich nicht nur Verflüssigungsmomente der Gewohnheit, sondern auch Gegeninstanzen der großen Institutionen. Identität ist kein Prämiensparvertrag, sondern eine Bedienungsanleitung. Die relative Konstituierung als kommunikativer Prozess führt Offenheiten wieder in die Biographie zurück. Es werden
Möglichkeiten aufgeschlossen, die dem Festhalten am bürgerlichen
Ich nicht gegeben sind. Lacan hat das Spiegelstadium als Bildner
der Ich-Funktion ausgemacht, hier wird eingeschrieben, was später
als Maske oder Panzer gewählt werden soll. Gehlen vergleichbar,
310
nimmt Lacan die Untersuchungen Portmanns zur biologischen Unfertigkeit des Menschen auf und verarbeitet sie zu Kulturtheorie. Im
Gegensatz zum Institutionszyniker hat der Psychoanalytiker den
Blick für die Vielschichtigkeiten des psychischen Geschehens, für die
vielen kleinen kulturellen Umwege — vielleicht weil seine Sprachtheorie zur Dezentrierung des Subjekts führte. Das Ich wird zur Metapher; das eine und identische Subjekt erweist sich als Schein. Vielfältige Sinnensubjekte treten an seine Stelle: Sie liefern die Ansätze,
zu den Bedürfnissen zu finden und an brauchbaren Modellierungen
zu arbeiten. In Körperfragmenten hausen kleine Wahrheiten, mit
denen Antipsychiatrie umzugehen lernte. Als in Spiegeln Spiegel
Spiegel spiegelten, fand eine gefährliche Einheitsstiftung statt. Doch
was sich als Bedürfnis ergab, ist weit von seiner Wahrheit entfernt.
Die findet sich erst im sprachlichen Horizont und muss aus der Arbeit
am Leib hervorgehen.
Heute lautet die Aufgabe: In einer sprachlich geordneten Welt am
Mittel der Sprache historische Gewordenheit aufzuarbeiten und der
Bevormundung durch Spezialisten zu entziehen: Wechselverhältnisse zwischen Gewohnheit, Erfahrung und Institution können verflüssigt werden, sie müssen in Bewegung bleiben. Die abendländische
Neurose heißt Homo clausus! Sie gehorcht einem mortifizierenden
Autonomiemodell und reproduziert kulturelle Errungenschaften: Isolation, Folter, Besetzung, Versklavung. Jeder Parasit ist lebendiger!
Von Peirce über Mead zu Habermas, von Nietzsche über Lacan zu
Deleuze/Guattari: Notwendige Korrekturen an einem starren Identitätsbegriff. Doch was alltäglichen Erfahrungen nützen könnte,
scheint durch den gesellschaftlichen Wandel und die Vorbildfunktion
mediengerechter Schablonen schon wieder in vieler Hinsicht überholt. Identität springt zwischen Spiegeln und Masken hin und her, bis
sich ein Repertoire bildet und differenziertere Schritte zur Verfügung
stehen. Eine Verschränkung der Zeiten ermöglichte eine bescheidene Erfahrung, Wissen vom Vergangenen und Voraussicht in die Zukunft. Der objektive Idealist Hegel meinte: Das Zeitungslesen des
Morgens früh ist eine Art von realistischem Morgensegen. Die Synapsen wollen klingen, es ist ihnen gleichgültig, was sie befördern —
aus der Zeitung, einer der Gegeninstanzen der bürgerlichen zur politischen Öffentlichkeit, sind multimediale Massenmedien geworden.
Das Medium ist die Botschaft, und sie heißt Konformität. In der Dialektik der Norm wurde Lebenserfahrung auf Beliebigkeiten reduziert
und vom modischen Wandel zerfetzt. An ihre Stelle traten Surrogate,
die das Wechselspiel zwischen Spiegeln und Masken anderen Zwe311
cken dienstbar machen. Nun wird mit Ähnlichkeiten geworben, um
Anpassung zu stimulieren; Masken taugen, die verordnete Hohlheit
auszuhalten. Dagegen hilft oft nur eines: Die bewusste Abstimmung
der jeweiligen Rolle auf die Minimalbedingung des sich selbst beim
Sprechen bezeichnenden Redenden — und die eigenen Ziele nicht
aus den Augen zu verlieren. Der jeder Charaktermaske zugrundeliegende Spiegelprozess taugt in vielen Fällen zur allerbesten Tarnung.
Gerade diese Minimalbedingung wird heute in jeder Hinsicht verschleiert. Wenn keine Erfahrungen mehr reifen, werden alte Abhängigkeiten zu neuen Werten. Die Normalitätsforderung heißt: massenhaft produzierte Pseudoerfahrungen, Sparschwein Charakter und
multimediales Anderswo. Die durchtriebenste Ideologie ist in umfassenden Abwesenheitsdressuren zu erkennen; wer deren Werte als
Begehren verinnerlicht, wird allem nachrennen, um sich selbst zu
finden und tatsächlich nur vor dem davonlaufen, was vom Selbst als
Rest noch droht. Zumindest, solange nicht klar ist, was an ihre Stelle
treten könnte: Radikale Bedürfnisse.
Probleme unserer Gesellschaft der totalen Klassendiffusion, die nicht
mehr mit den Termini des Klassenkampfes angegangen werden
können. Der modernisierte Kleinbürger räkelt sich quer durch alle
Klassengegensätze, die Frontenbildung ist in die Köpfe hineingewandert. An der wild gewordenen Repräsentation des Statusdenkens sind neue Unterscheidungen fällig — schon Sohn-Rethel hat
auf eine dem expandierenden Marktmechanismus zugrundeliegende
Verkennungsstruktur hingewiesen: das Individuum hat als Ureigenes
zu behaupten, was tatsächlich auf der Verleugnung und Negation
der eigenen Lebendigkeiten beruht. Jeder, der in den Wahnspiralen
aus Arbeit und Konsum steckt — sie drehen sich gegen eine ausgepowerte Unendlichkeit, nicht mehr um den Menschen —, wird gedrillt, verlorenes Leben durch Eitelkeit und Repräsentation aufzuwerten. Der gängige Vorwurf narzisstischer Unfähigkeit wird erst zum
Spezialistenurteil, wenn die Narzissmusschulung den gesellschaftlichen Konformitätsdruck überholt. Wo aber kam denn diese Sackgasse her? Im besten Fall stellt sie das Ende eines Lebenswegs dar,
wenn jahrelang geköderte Arbeitskraft uninteressant geworden ist.
Die kleinen Eitelkeiten haben einen therapeutischen Wert, und sie
liefern verborgene Ventile der Macht. Sie pinseln vorgegebene Notwendigkeiten aus, bis in ihnen stillgehalten werden kann, und sie
sorgen für jene Wut des Vergleichs, die dafür sorgt, dass Abweichungen scheitern sollen. Nicht mehr, es gibt geschicktere Lebenslügen. Der übliche Jahrmarkt der Eitelkeiten hat unter heutigen ge312
sellschaftlichen Bedingungen Brisanz in Sachen Unmündigkeitsbedarf gewonnen. Wir dürfen uns gehen lassen, vergessen was sonst
Zwang heißt und auch mal jemand sein! Das leistet die Repräsentation in den Medien heute: In der Verkleidung beliebtester Therapeutika verstellt der Bremsklotz nur den Blick und raubt die Kraft, im
richtigen Augenblick die richtige Entscheidung zu fällen. Vorlieben,
Ängste und Erwartungen wurzeln in einem unbewussten kulturellen
Kontext, der nicht mehr wichtig genommen werden muss, wenn
durchschaut wird, dass der Ich nur ihre Metapher darstellt. Die Verweigerung dieser Verdinglichung am Maßstab der Intersubjektivität
kann verhindern, zum Ich zu werden und damit zum Platzhalter der
immer klingenden Münze inflationärer Ideale oder infantiler Wunschvorstellungen. Auch sie predigen den Verzicht, aber es ist eine andere Art Verzicht. Hier muss das Echte den Surrogaten weichen —
dabei ist längst nicht ausgemacht, welche Mühe es kosten mag, in
Angriff zu nehmen, was das Echte sein soll.
Zeiten, die ihre große, aber entmündigenden Traditionswahrheit
nicht mehr gebrauchen können, müssten an Lernvermögen und Improvisationsgeduld appellieren. Das allein wäre optimal, wenn es
nicht noch das Ideal des verwalteten Menschen gäbe: Konformismus
und Konsumverhalten. Also braucht es Störfaktoren, Hemmer und
Einfallpförtchen der Selbstbestrafung. Wenn man/frau sich mit der
Verantwortung für das eigene Leben auch der befriedigenden Möglichkeiten begibt, schadet das wenig, solange nichts so schwer zu
tragen ist, wie das eigene Versagen. Der ganze Entlastungswahn
kommt aus dieser Richtung des Konformitätsdrucks. Es werden Bedingungen geschaffen, unter denen man/frau nicht mehr versagen
kann und keine Verantwortung für Fehler mehr übernommen werden
müssen. Bedingungen, die in der Konsequenz dafür sorgen, dass
mit den Risiken eines eigenen Lebens auch der Rest verschwindet
und der Mensch nur noch gelebt wird.
Die alte Problemstellung Theorie oder Praxis, Bewusstsein oder
Sein, hat im Streit zwischen Systemtheorie und Theorie des kommunikativen Handelns den Ansatz einer Lösung gefunden — durch
diese Brille zeigen sich dann genügend Anregungen schon bei Benjamin, Elias oder Bateson. Kommunikativ erarbeitete Identität führt
einen Praxisbezug mit sich. Ein am anderen gewonnenes und korrigiertes Selbstverständnis wird andere Handlungen hervorbringen.
Das Sein mag das Bewusstsein bestimmen, im gesellschaftlichen,
wie im biographischen Kontext. Aber das Bewusstsein, das dieses
Bewusstsein über den Umweg Intersubjektivität einzuschätzen weiß,
313
das Konstellationen handhaben lernt und die jeweiligen Kontexte
aufschlüsselt, wird Ansätze finden, auf jenes Sein Einfluss zu nehmen. Auch eine Dezentrierung des Subjekts darf nie an den Unwahrscheinlichkeiten vorbeigehen, die allein in dieser dialektischen
Durchgangsstation zu finden sind. Anlässlich der Verleihung des
Hegelpreises der Stadt Stuttgart 1974 versuchte Habermas eine
behutsame Eingrenzung der Frage: „Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität ausbilden?“ Gegen Luhmann formuliert,
wird der Wahrheitsgehalt dieser Frage unterstrichen und unter Vernachlässigung monadischer Ich-Identität, mit dem Blick auf intersubjektiv begründete Anerkennung jeder Identitätsstiftung, jede kollektive Identität in formalen Bedingungen verankert. Die neue Identität
einer im Entstehen begriffenen Weltgesellschaft wird begründet im
Bewusstsein allgemeiner und gleicher Chancen der Teilnahme an
Kommunikationsprozessen, in denen Identitätsbildung als kontinuierlicher Lernprozess stattfindet. Der Bezug auf die vernünftige Rede
gilt als Voraussetzung, doch reden Institutionen? Im besten Fall liefern sie die formalen Grundlagen und machen reden. Bedenken
könnten entleerte Sprachformen auslösen, warmer Wind und modische Repräsentation, schlimmer noch scheint das Wuchern der
Formalismen, die Entlastungsstrategien der Institutionen. Warum
liegt die Betonung auf der Identität einer Gesellschaft? Der Verinnerlichungsdruck, der auf dem Einzelnen lastet, ist ein Urenkel des von
Elias beschriebenen Königsmechanismus: Die vorgeordnete Machtkonstellation wird imitiert und prägt höchst fragliche Identitätsstiftungen durch alle Veränderungen hindurch. Mit dem Blick auf die Entmündigung durch Experten, die Formalisierung des Wissens und die
Entmaterialisierung der Weltzugänge stellt sich die subversivere
Frage: Ist es in komplexen Gesellschaften nicht sinnlos und gefährlich, statische Identitäten zu lehren oder auszubilden? Wäre eine der
vordringlichsten Aufgaben heute nicht die Zertrümmerung der Spiegel, die Suspendierung der Bildwelten, die Verweigerung der fehlerhaften Identifikation? Was geschähe, wenn nicht das gesellschaftliche System, sondern die kleinste soziale Einheit, das Paar und die
konkrete Beziehungsarbeit, den Rahmen vorgeben würde?
Kampers Entwurf einer methodischen Schizophrenie und Sloterdijks
'Der Denker auf der Bühne' (Bezug der folgenden Seitenangaben)
liefern einen vorläufigen Rahmen dieser Fragestellung. Ein „psychonautischer Zirkel der Bilderverbrennung“ führt auf postmoderne Möglichkeiten der Identität. Klassiker und die Vorgaben ihrer Verehrung
hatten einmal teil an der Bildung des Charakterbegriffs — die auf der
314
Identifizierung beruhende Lesewut von Heranwachsenden diente
häufig genug der Stabilisierung von Interaktionsschäden, die in ihrer
Gewordenheit nicht durchschaut werden durften — vgl. Sloterdijks
'Literatur und Lebenserfahrung'. Als Vorbilder für den Schulaufsatz
— vgl. Kittlers 'Aufschreibesysteme' — modellierten Klassiker die
Fundamente unserer Identität und der entsprechenden Vorstellungswelten — auf deren Rückseite Bedienungsanleitungen einer
methodischen Schizophrenie entziffert werden können: Kamper hat
an einigen der großen bürgerlichen Irren und Selbstmörder vorgeführt, wie Zeichen als Narben auf andere Weltzeitalter verweisen.
Ihre Erfahrungsformen könnten als Heilmittel gegen monomanische
Verhärtungen der Subjektivität wichtig werden. „Die ausgewogene
Klassik der bürgerlichen Hochkultur“ ist heute noch stilbildend für
Kitsch und Lebenslüge, während mit Nietzsche eine „wilde Klassizität der Moderne“ (16) interessant wird, „wenn es darum geht, die
tiefsten Selbstzweifel der Moderne zu fassen und den schwierigsten
Ambivalenzen der Gegenwart denkend auf der Spur zu sein.“(17)
Die umrissene Identitätskonzeption hat wesentliche Gedanken von
Deleuze und Guattari, Foucault, Castoriadis aufgenommen — im
Umfeld der von Bateson angezielten systemischen Erkenntnis- und
Wissenschaftstheorie kann der Vorwurf der Irrationalität übergangen
werden.
Nietzsche streift in seinem Scheitern vor den Bildwelten jene Techniken des Gelingens und der geistesgegenwärtigen Lebendigkeit, die
von den Simulanten der Selbstheit durch Heldenverehrung, Machtfetischismus und Wertekult verstellt worden waren: Seine „Fehltritte
nach oben“ führen auf den bilderlosen Wachheitsgrad im Hier und
Jetzt der Geistesgegenwart und ins Zentrum kreativer Eigenarbeit,
während der Hang zur Stilisierung, die mythische Identifikation, wieder an die Bilder verrät, was schon gelungen sein könnte. Ein mit
Heidegger verarbeiteter Nietzsche und ein als poststrukturalistisches
aufgekommenes Wissen um die Unwahrscheinlichkeit des Identischen lassen — auf der Folie buddhistischer Weisheiten und neben
den als „Unterhaltungsesoterik“ nicht nur überflüssigen metaphysischen Accessoires — eine höchst aktuelle Form von Identität für die
Alltagspraxis und die Lebenswelt gegenwärtig werden.
Diese Verflüssigung des Subjekts — Kamper betonte die Doppelsinnigkeit des Begriffs Liquidierung; zu der von ihm vorgeschlagenen
methodischen Schizophrenie gibt es allerdings ein schlechtes Gegenstück: die von Sloterdijk beschriebene Allgegenwärtigkeit eines
mehr oder weniger diffusen Zynismus —, diese Aufhebung der an
315
Wert und Bedeutung gebundenen Verhärtungen zugunsten der Kräfte des Subjektiven und Lebendigen, findet in systemtheoretischen
Fundierungen einen weiteren philosophischen Rahmen. Das Subjekt
wird dabei nicht etwa zur vernachlässigbaren Variablen, sondern,
von falschen moralischen Verantwortungen und überzogenen politischen Ansprüchen befreit, ist es vielleicht erstmals in die Lage versetzt, die Fiktivität der eigenen Welt nicht nur zu ertragen, sondern
auf eine verblüffende Weise zu nutzen. Ein fingierendes Ich und eine
sich selbst dichtende Welt treten in systemischen Weisheiten in ein
Wechselverhältnis — die Kunst des Lassen-Könnens verfügt in diesen Zusammenhängen über ein reichhaltiges und effektives Repertoire.
Das hat Folgen auch für die Geschichte der Theorie und führt zur
Differenzierung verschiedener Stränge der Aufklärung — die der
Bewusstseinsphilosophie hat längst resigniert, während die systemtheoretische Variante an ihrem Begriff festhält, um das Subjekt verschwinden zu lassen. Sloterdijk denkt Lyotards Verbindung von
Agonistik und Theorie der Sprachspiele weiter und bringt nicht unwichtige Korrekturen an: „Wie wäre es, wenn Geschichtsphilosophie
überhaupt keine — oder nur eine scheinhafte — erzählerische Form
besäße? Vielleicht ist Geschichte kein episches Phänomen, sondern
ein theatralisches...“(46) Im Kontext von Nietzsches rückhaltloser
Selbstinszenierung wird „die dramatische Struktur von Aufklärung“(9)
nahegelegt: „Im Drama der bewussten Existenz begegnen einander
nicht Theorie und Praxis, sondern Rätsel und Transparenz, Ereignis
und Einsicht. Wenn Aufklärung geschieht, dann nicht als Errichtung
einer Diktatur der Durchsichtigkeit, sondern als dramatische Selbstaufhellung des Daseins. ... Der Weltbegriff des philosophischen
Denkens platzt auf in einen Prozess von Prozessen, in denen eine
Welt von Welten gedichtet, erfahren, erkämpft, ertragen vereinbart,
vollzogen und gedacht wird. Somit ist Philosophie... Mitvollzug von
Weltdichtungen und die passionierte Verwicklung in das Abenteuer..., das Erkenntnis heißt.“
Das schon mehrfach in verschiedenen Zusammenhängen vorgeführte Wechselspiel von Autonomie und Souveränität findet sich in jener
Dunkelzone vor aller Subjekthaftigkeit und Identität wieder. Der alte
Gegensatz zwischen Wille und Vorstellung taucht in einer neuen
Verkleidung auf: Vital- und Sexualkraft ringen mit Schau- und Traumlust. Wer sich haben will, verliert sich, wer an einer Maske klebt,
verrät sich, wer Einer und identisch sein will, verpasst sich und wer
alles durchschauend den Verdacht der Schauspielerei artikuliert,
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