Bibliotheksfassung

Bibliotheksfassung
-1-
Bewahrung und Entzauberung.
Thomas Mann und Max Weber.
Zur Konservatismusdiskussion in der Wilhelminischen Ära
Inauguraldissertation
zur Erlangung des akademischen Grades Dr. phil.
an der Neuphilologischen Fakultät,
Germanistisches Seminar
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
eingereicht bei
Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Borchmeyer
und
Herrn Prof. Dr. Helmuth Kiesel
vorgelegt von
Stefanie Maiwald-Wiegand
aus Eppelheim bei Heidelberg
Heidelberg, im Oktober 2010
-2Danke!
Es ist mir ein Bedürfnis meiner Dissertation Dankesworte vorauszuschicken.
Zuerst danke ich Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Borchmeyer für die wissenschaftliche und
menschliche Betreuung. Er war mir als Doktorvater eine Hilfe, besonders, wenn die Arbeit
zeitweise alle meine Kräfte forderte.
Dank schulde ich auch Herrn MD Prof. Wassermann, der mir als Mitglied in seinem Chor des
Internationalen Studienzentrums der Universität Heidelberg die musikalischen Impulse für
diese Arbeit gegeben hat.
Ich danke Frau Elisabeth Schulte-Randt für ihre Hilfe beim Korrekturlesen des Manuskriptes
und Frau Dr. Bukowski für Hinweise zur formalen Gestaltung.
Nicht zuletzt meinen Eltern gebührt Dank für ihre tatkräftige Unterstützung und Geduld.
Heidelberg, im Oktober 2010
Stefanie Maiwald-Wiegand
-3Inhalt
Seite
Vorwort: Die innerweltliche Askese in einer entgötterten Welt
I. Einleitung: Konservatismus als Reflexivwerden des Traditionalismus
1. Liberalismus und Konservatismus bei Max Weber und Thomas Mann
9
25
25
a) Der Begriff des ironischen Konservatismus
25
b) Die Herkunft des Konservatismus
32
2. Die Verbindung Thomas Mann - Max Weber über die drei reinen Typen
der Herrschaft und deren Quintessenz Bürokratie und Askese bzw.
Leistungsethik
37
a) Umwertung
37
b) Die Protestantismusthese Max Webers
40
c) Max Webers Charismalehre - Die drei Herrschaftstypen Max Webers
47
ca) Die rationale Herrschaft
48
cb) Die traditionale Herrschaft
49
cc) Die charismatische Herrschaft
50
cd) Exkurs zu Sigmund Freud
62
II. Agrarkommunismus und Industrieproletariat
75
1. Problemaufriss
75
2. Die Definition des ,patrizischen oikos'
89
a) Das Preußische Dreiklasssenwahlrecht
89
b) Das Preußische Allgemeine Landrecht
90
c) Die Nachkriegsordnung: Weber und die DDP; die Stellung des Reichspräsidenten
92
3. Die Entwicklung von dem ,oikos', dem Patriarchat, der Gutswirtschaft
hin zum industriellen Kapitalismus
97
a) Die Wechselbeziehung zwischen Grundherrschaft und Großbetrieb
97
b) Die Entwicklung der traditionalen Herrschaft von ihren Anfängen
99
4. Das Aufkommen des Bürgertums
105
a) Innenpolitische Entwicklungen im Spiegel zeitgenössischer
Kommentare Max Webers und Thomas Manns
105
-4b) Bismarcks Sozialgesetzgebung
110
5. Die Dekadenzproblematik im ,oikos'
124
a) Die Dekadenz im Calvinismus
124
b) Die Dekadenz im Luthertum
125
III. Die "Buddenbrooks": Calvinismus vs. Luthertum als
Ausprägungen der protestantischen Ethik
126
1. Definitionen
126
a) Calvinismus: Innerweltliche Erlösungsreligion mit asketischen Zügen
126
b) Luthertum: Innerweltliche Erlösungsreligion mit
kontemplativen Zügen
128
2. Recht auf Widerstand
130
3. Bedeutung der Arbeit
130
a) Im Calvinismus
131
b) Im Luthertum
135
c) Im Katholizismus
137
d) Zum Unterscheidungsmerkmal der Prädestinationsgnade
138
4. "Die Buddenbrooks"
141
a) Vorbemerkungen
141
b) Der Begriff der ,doppelten Optik' - der Mythos in den "Buddenbrooks"
147
c) Das Kontor
149
d) Der Generationenwandel
152
da) ,Thomas Buddenbrook'
153
db) ,Christian Buddenbrook'
162
dc) Der Generationenkonflikt
165
e) ,Tony' und ,Thomas' als Beispiele eines lutherischen Lebenswandels
171
ea) ,Tony Buddenbrook'
173
eb) ,Thomas Buddenbrook'
175
f) Die Dekadenz im Getreidekontor
177
fa) ,Hanno Buddenbrook'
178
fb) ,Gerda Buddenbrook'
179
IV. Die protestantische Ethik - Der Leistungsethiker bei
Thomas Mann und Max Webers Konzept ,Bürokratie und Askese'
182
-51. Exkurs: Bismarcks Bündnissystem unter
Berücksichtigung der Kommentare Max Webers und Thomas Manns
183
2. Der "Tod in Venedig" als Höhepunkt der Künstlerproblematik
bei Thomas Mann
189
a) Der Meisterstil oder der Aspekt des ,Soldatischen'
190
b) Der Aspekt des Leidens
204
c) ,Der fremde Gott'
207
ca) Woran stirbt ,Gustav von Aschenbach'?
215
cb) Thomas Manns eigene Stellungnahme
221
cc) Heldenekstase, Askese und Berufsethos im Calvinismus
224
V. Der Dilettant - Das Gegenbild zum Leistungsethiker und Bürokraten
1. Der Dilettant im Frühwerk Thomas Manns
229
231
a) "Tristan"
233
b) "Der kleine Herr Friedemann"
235
2. Der Begriff des Dilettantismus bei Max Weber
237
VI. Der "Tonio Kröger" zwischen Fiktion und Wirklichkeit das Problem der Bürgerlichkeit
243
1. Leben vs. Geist; Kunst vs. Leben bzw. Künstlertum vs. Bürgertum
243
a) Die Polaritäten Geist - Leben und Künstlertum - Bürgertum
245
b) Die Künstlerproblematik im "Tonio Kröger"
248
ba) Die ambivalenten Begriffe der Künstlerproblematik
250
bb) ,denn alles Handeln ist Sünde in den Augen des Geistes'
252
c) Resumee der ersten Schaffensperiode Thomas Manns
254
d) "Königliche Hoheit"
257
e) Der Begriff der Bürgerlichkeit bei Max Weber
262
2. Religion vs. Kunst
262
a) "Gladius Dei"
262
b) "Fiorenza"
264
VII."Der Zauberberg": Das Problem der Zeit, des mythischen ,In-den-SpurenGehens'
270
1. Die Kategorien der "Betrachtungen eines Unpolitischen"
270
-62. Mythische Substrate im "Zauberberg"
277
a) Die Zeit im "Zauberberg"
278
b) Hermes im "Zauberberg"
279
c) Der Zeitbegriff bei Max Weber
284
VIII. Die Entstehung und Entwicklung der innerweltlichen Askese:
Die Religionssoziologie Max Webers im Vergleich mit dem
Getreidehandel in den "Buddenbrooks" und dem Ährentraum in den
"Josephromanen"
287
1. Der Mythos in den "Josephromanen"
288
a) Der Zeitbegriff in den "Josephromanen"
293
2. Der pervertierte Tausch in den "Josephromanen" als Ausdruck
einer gestörten ökonomischen Beziehung: Vergleich der biblischen
Geschichte mit dem Begriff des Tausches bei Max Weber
298
IX. Der Leistungsethiker wird (wieder) zum ,Bruder':
Umkehrung der ökonomischen Verhältnisse und Aufspaltung der
Leistungsethik in eine innere und eine äußere Ethik
319
1. Erklärung der Verbrüderung aus Freuds "Totem und Tabu" und Webers
Charismatheorie
319
2. Die ,Laufbahn' des ,Joseph': Vom Verwalter zum ,brüderlichen
Freund' bis zum ,Nachkommenlassen' der ganzen Sippe
323
a) Beschreibung seiner Posten im ,Wirtschaftlich-Verwalterischen'
324
aa) Max Webers Ausführungen zum altägyptischen Beamtentum
336
b) ,Joseph' und die drei Formen der Herrschaft
337
ba) Verhältnis zur traditionalen Herrschaft
337
bb) Verhältnis zur rationalen Herrschaft
339
bc) Charismatische Herrschaft als Schnittmenge zwischen
rationaler und traditionaler Herrschaft
339
X. Schluss: Die Stadt auf dem Weg zum Monotheismus - Anwendung der
bisherigen Erkenntnisse auf einen exemplarischen Fall
346
1. Methodische Überlegungen
346
a) Die Stadt als Zentrum des Urchristentums
346
-7b) Der ,Idealtypus' der Stadt Max Webers
2. Gesellschaftsleben in Ägypten
349
360
a) Die Verhältnisse am ägyptischen Hof: Der Herrscher und
sein Hofstaat
b) Die Patrimonialbürokratie Ägyptens
361
363
ba) Die Entwicklung der Patrimonialbürokratie
363
bb) Der Aufbau und die Organisation der Patrimonialbürokratie
367
c) Die Stadt als religiöses Zentrum
371
ca) Die Götterwelt Ägyptens
371
cb) Zauberei vs. Religion
374
cc) Die Revolution des Echnaton und das Weltbild von Amarna
376
cd) Die Priesterschaft
379
ce) Die ,Lehre des Cheti' und ihre Bedeutung für die ägyptische
Gesellschaftspyramide
381
cea) Die Bauern
384
ceb) ,Sklaven' und Tagelöhner
386
cec) Das Bürgertum (Die Handwerker; der Kaufmann und der
Händler)
387
ced) Der politische Beamte
391
cee) Die Frauen
392
3. Abweichungen vom ,Idealtypus': Andere Stadtkategorien
393
4. Exkurs Venedig
394
a) Die mittelalterliche Geschlechterstadt Max Webers als Ort der
Dekadenz
b) Die Rolle Venedigs in der Novelle
395
396
Schlussbetrachtungen
401
Tabellarische Lebensläufe: Thomas Mann und Max Weber
405
Literatur
1. Primärliteratur
408
2. Sekundärliteratur
424
-8Anmerkungen zur Zitiertechnik
437
-9-
VORWORT
DIE INNERWELTLICHE ASKESE IN EINER ENTGÖTTERTEN WELT
Was versteht man unter Konservatismus? Karl Mannheim unterscheidet
Konservatismus und Traditionalismus voneinander: "Während ,Traditionalismus' eine
mehr oder minder unbewußte Tendenz zum Festhalten am Althergebrachten meint, ist
,Konservatismus' bewußte politische Aktion, die erst aus der Gefährdung eines
traditionalistischen Lebenszusammenhangs entsteht. Konservatismus ist dann ,nichts
anderes als ein Reflexivwerden des Traditionalismus'".1 Der Gegensatz zum
Traditionalismus ist die einzig allgemein anerkannte Definition. Mannheims
Konservatismusdefinition lautet also folgendermaßen:
"Ein so verstandener
Konservatismus hat immer ein kritisches,
systemsprengendes und revolutionäres Molement, ein Moment des Herstellens
einer verlorenen Irrationalität."2
Auf der anderen Seite lässt sich der Begriff von dem der Progressivität
folgendermaßen abgrenzen: Da eine prinzipielle Unterscheidung von progressiv und
konservativ nach Kurzke nur möglich ist, wenn bewusstes Handeln der Menschen zur
Steuerung und Veränderung des Geschichtsverlaufs als möglich gedacht wird, ist das
Verhältnis zur Praxis ihr entscheidendes Kriterium: Wie kann eine abstrakte
revolutionäre Idee mit der geschichtlichen Wirklichkeit vermittelt werden?3 Die
konservative Kritik der Abstraktheit der rationalen geschichtsverändernden Idee
1
Kurzke, Hermann, Romantik und Konservatismus. Das <politische Werk> Friedrich von Hardenbergs
(Novalis) im Horizont seiner Wirkungsgeschichte, München 1983, 68.
2
ebd., 73.
3
s. Kurzke Hermann, Auf der Suche nach der verlorenen Irrationalität: Thomas Mann und der
Konservatismus, Würzburg 1980, 13.
- 10 -
angesichts der konkreten individuellen Vielheit der Geschichte ist demnach das formale
Zentrum der konservativen Geschichtsdeutung. Der Konservative betont das Leben
gegenüber der Theorie, die dem Leben selbst innewohnende Idee gegenüber dem ihm
äußerlichen Begriff, Schicksal gegenüber Kausalität, Kultur über Zivilisation.4 Dies ist
ein die Diskussion bestimmendes Gegensatzpaar der Mannschen "Betrachtungen eines
Unpolitischen", die in dieser Arbeit zur Diskussion stehen. Hier kommt der
Französischen Revolution ein entscheidender Stellenwert zu. Sie stellt somit die Achse
zur modernen Welt dar. Die progressive Kritik der Abstraktheit zielt auf den Mangel an
Vermittlung einer bestimmten abstrakten Idee mit einer bestimmten historischen
Situation, während die konservative Kritik die Vermittelbarkeit schlechthin bestreitet
und
die
ewige
Fremdheit
von
gedachten
Geschichtskonstruktionen
zum
begriffsfeindlichen Reichtum der historischen Realität behauptet. Dies bezeichnet
Kurzke als sogenannte Abstraktheitskritik. Die konservative Kritik der Abstraktheit
gerät damit in ein unaufhebbares Dilemma: Die Lebensimmanenz des Sinnes als allem
bewusst sinnplanenden Denken vorgeordnete Irrationalität des individuellen Seins ist
nicht mehr gegeben, sondern wird als Wiederherzustellendes gesucht. Das Dilemma
des Konservatismus ist also das Paradox einer rationalistischen Suche nach
Irrationalität.5 Solchem Herstellen widerspricht sie jedoch prinzipiell. Wo nicht
Surrogate die Einheit vortäuschen, ist die konservative Suche nach der verlorenen
Irrationalität also essentiell tragisch. Auf der Suche nach der Seinsimmanenz des Sinns
ist der Konservative zunächst der Feind alles Utopischen. Daraus ergibt sich, dass
konservatives geschichtliches Handeln allenfalls die bestehende Realität mit ihrer
eigenen Idee zur Deckung bringen, aber keine dieser Realität vorauseilende Idee
entwickeln kann. Die konservative Utopie kann damit das Kontinuum des Seins niemals
aufsprengen.6 Die Suche nach der verlorenen Irrationalität gestaltet sich damit
folgendermaßen: Mit Irrationalität ist das unbewusste Einssein mit der Geschichte,
spezieller das traditionale Eingebundensein in die Konventionen einer festgefügten
4
s. ebd., 14f.; s. auch Soziologische Exkurse, hrsg. v. Institut für Sozialforschung, Frankfurt, 4. Aufl.,
83f.
5
s. Kurzke, Romantik und Konservatismus, 68.
6
s. Kurzke, Auf der Suche nach der verlorenen Irrationalität, 17.
- 11 -
Gesellschaft oder Klasse angesprochen, das die konservative Berufung auf
Althergebrachtes, auf Tradition, auf organisches Wachstum geschichtlicher Verhältnisse
ersehnt. Dies stimmt mit Adornos Begriff der Tradition weitgehend überein:
"Tradition steht im Widerspruch zur Rationalität, obwohl diese in jener sich
bildete. Nicht Bewußtsein ist ihr Medium, sondern vorgegebene, unreflektierte
Verbindlichkeit sozialer Formen, die Gegenwart des Vergangenen (...)"7
Dies wird im Spätwerk Thomas Manns zum mythologischen ,Einst' ausgebaut, was
noch zu untersuchen sein wird. Die Suche nach der verlorenen Irrationalität hat also ihr
heimliches Telos in der Wiederherstellung der Vorgeschichte des Menschen. Das
,Dilemma' reflektiert sich in dieser Definition in der Weise, dass die Tröstlichkeit der
Irrationalität erst in dem Augenblick behauptet wird, wo sie schon verloren ist. Ihre
einzige Möglichkeit, dem Dilemma standzuhalten, ist ein tragisch-pessimistisches
Bewusstsein der ewigen Verlorenheit des angenommenen Glücks der Vorgeschichte.
Irrationalismus, der Surrogate der verlorenen Irrationalität anbietet, und Pessimismus,
der den Ausweg in die geschichtliche Vermittlung nicht findet, aber auch nicht verrät,
sind dabei die Grundformen des konservativen Bewusstseins.8 Beides findet sich im
Werk Thomas Manns vor dem Ersten Weltkrieg.
Das antithetische Gegenüber von ,Geist' und ,Leben' bestimmt nicht nur die
Lebensphilosophie Thomas Manns, sondern auch die Max Webers. Genauer gesagt geht
es um die Frage, was man unter Entzauberung versteht, denn Max Weber sieht den
abendländischen Geschichtsverlauf als fortschreitende Rationalisierung.
Nach Max Weber gibt es in der Moderne keine geheimnisvollen unberechenbaren
Mächte mehr, wie er es in "Wissenschaft als Beruf" mit dem Begriff der ,Entzauberung
der Welt' ausgedrückt hat.9 Wir stehen daher vor der Notwendigkeit, dem Leben in der
entzauberten und entgötterten Welt einen nicht mehr geoffenbarten, sondern vom
7
Adorno, Über Tradition, 29, zitiert nach Kurzke, Auf der Suche nach der verlorenen Irrationalität, 23.
8
s. Kurzke, 23.
9
Weber, Wissenschaft als Beruf, 87ff.; ebd., in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. v.
Johannes Winckelmann, Tübingen 1974, 4. Aufl., 612.
- 12 -
Menschen selbst erzeugten Sinn zu geben. Surrogate helfen uns in einer gottfremden,
prophetenlosen Zeit nicht weiter.
Die Kehrseite dieser Entwicklung ist folgende: Die Funktionsdifferenzierung im
Einzelnen macht den Überblick über die rationale Basis des Ganzen unmöglich, die den
Menschen "verborgener zu sein pflegt wie dem ,Wilden' der Sinn der magischen
Prozeduren eines Zauberers."10 Hier ist vor allem Max Webers Charismatheorie von
Bedeutung. Der partiellen Rationalisierung vieler Einzelbereiche entspricht somit eine
komplementäre Irrationalisierung des Ganzen. Ohnmacht des Individuums und
irrationale
Übermacht
des
gesellschaftlichen
Ganzen
bestimmen
also
die
gesellschaftliche Situation, auf die sich die Lebensphilosophie bezieht. Das scheinbar
Individuelle
ist
in
Wahrheit
manipuliert
durch
die
gesellschaftlichen
Organisationsformen. Diese Ohnmacht des Individuums und die korrelative Übermacht
des Allgemeinen bildet die gesellschaftliche Basis der extremen Polarisierung von Geist
und Leben.
Konservatismus und Entzauberung stehen also in einem Wechselverhältnis: Die
Schlüsselstelle dieses Themas bildet daher Webers Protestantismusthese in den
"Betrachtungen eines Unpolitischen" Thomas Manns, die die Situation und den
Lösungsansatz der beiden Zeitgenossen vor dem Ersten Weltkrieg verdeutlicht:
"Max Weber in Heidelberg und nach ihm Ernst Troeltsch haben über ,die
protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus' gehandelt, und auf die
Spitze getrieben findet sich der Gedanke in Werner Sombarts 1913 erschienenem
Werke ,Der Bourgeois', - welches den kapitalistischen Unternehmer als Synthese
des Helden, Händlers und Bürgers deutet. Daß er in hohem Grade recht hatte, geht
aus der Tatsache hervor, daß ich seine Lehre zwölf Jahre, bevor er sie aufstellte,
als Romanschriftsteller gestaltet hatte: gesetzt nämlich, daß die Figur des Thomas
Buddenbrook, die vorweggenommene Verkörperung seiner Hypothese, ohne
Einfluß auf Sombarts Denken gewesen ist."11
Es geht beiden um den Zusammenhang zwischen protestantischer Ethik und der
asketischen Idee der Berufspflicht, zieht man Webers Charismatheorie hinzu, lautet die
10
Weber, Ueber einige Kategorien der verstehenden Soziologie, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur
Wissenschaftslehre, Tübingen 1968³, 473.
11
Betrachtungen eines Unpolitischen, 162f.
- 13 -
einzig mögliche Zukunftsperspektive beider: Beruf im Sinne von Berufung bzw.
moderne Bürokratie und Askese.
Es geht in dieser Arbeit um Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich des
Protestantismusbegriffs bei Thomas Mann und Max Weber. Besonders die Bedeutung
der Arbeit spielt hier eine Rolle. Sie wurde von Weber calvinistisch-asketisch, von
Mann dagegen lutherisch-kontemplativ interpretiert. Aber auch die Begriffe Broterwerb
und die Legitimation von Herrschaft spielen hierbei eine Rolle.12
Hervorzuheben ist die Vergleichbarkeit soziologischer Texte und literarischer Werke
aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, da beide Autoren das Werk des jeweils anderen
gekannt und sich darauf bezogen haben, wobei Thomas Mann seiner Aussage gemäß
mehr von Weber rezipiert hat als umgekehrt. Allerdings gibt es auch in Max Webers
Werk Stellen, die auf einen Einfluss Thomas Manns hindeuten.13
Die Leistungsethik ist bezüglich des Begriffs Arbeit der zentrale Punkt, in denen
sich die Theorien und Arbeiten Max Webers und Thomas Manns treffen. Thomas Mann
hat dem ,Typus des Leistungsethikers' in seinem Werk vor dem Ersten Weltkrieg viele
Gesichter gegeben. Sie werden in dieser Arbeit im Einzelnen zu besprechen sein. So hat
Thomas Mann beispielsweise in einer Stellungnahme betont, dass die Novelle "Tod in
Venedig" vom Künstlerdilettanten ,Gustav von Aschenbach' auch seiner Stimmung
ihrer Entstehung, das heißt der Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg, entspricht. Der
Meisterstil ,Gustav von Aschenbachs' wird in dieser Novelle von Thomas Mann selbst
übernommen und parodiert, denn beide erkennen, dass er nichts weiter als Lüge und
Narrentum ist. Darin kommt die tragische Ironie Thomas Manns zum Ausdruck, mit der
er das humanistische Bildungsgut und den Meisterstil seiner Zeit parodiert. Mit dem
12
vgl. dazu auch die Begriffe ,in Lohn und Brot stehen' bzw. mittelalterlich formuliert ,wes Brot ich ess,
dess Lied ich sing'. Sinnbildlich steht die Ähre in den "Buddenbrooks" wie den Josephromanen als
Fruchtbarkeitssymbol. Bei der Legitimation von Herrschaft sei hier auf Max Webers Charismatheorie
verwiesen.; vgl. auch die Redewendung "Leben um zu arbeiten - arbeiten um zu leben".
13
Genannt seien hier noch der Begriff Ma`at bei Max Weber (Grundriß der Sozialökonomik, 244) und die
Formulierung ,Dichter unter den Kaufleuten', ebenfalls bei Max Weber, Die protestantische Ethik oder
der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 54f. Auf diese Stellen wird
noch gesondert eingegangen.
- 14 -
Fall des Meisterstils stürzen auch die wilhelminische Oberschicht, die preußischen
Leistungsethiker, vom Sockel. Daher kann die ,Klassizität' dieses ,Geschlechts' der
Patrizier von Thomas Mann nur in parodierter Form wiedergegeben werden. Die
Thematik vom Künstlertum, das dem Tod anheim gegeben ist, erreichte im "Tod in
Venedig" ihren Höhepunkt und seinen Abschluss.
Thomas Mann äußert sich dazu folgendermaßen:
"Der ,Tod in Venedig' also nimmt eine eigentümlich markante Doppelstellung ein
in meinem persönlichen Leben als Schriftsteller und zugleich in der Epoche, der
dieses Leben angehört. Die Erzählung erschien 1913, knapp vor Ausbruch des
ersten Weltkrieges also, mit dem ein Abschnitt des europäischen Lebens sich
endigte und neue Schicksalswenden sich für den Fortlebenden auftaten: und
diesem für mein Gefühl nicht zufälligen Standort an einer Zeitenwende entspricht
genau die Rolle, die sie in meinem internen Leben spielt, insofern als sie darin ein
Letztes und Äußerstes, einen Abschluß bedeutet: sie war die moralisch und formal
zugespitzteste und gesammelte Gestaltung des Décadence- und Künstlerproblems,
in dessen Zeichen seit Buddenbrooks meine Produktion gestanden hatte, und das
mit dem Tod in Venedig tatsächlich ausgeformt war, - in voller Entsprechung zu
der Ausgeformtheit und Abgeschlossenheit der individualistischen GesamtProblematik des in die Katastrophe mündenden bürgerlichen Zeitalters. Auf dem
persönlichen Wege, der zum Tod in Venedig geführt hatte, gab es kein Weiter,
kein Darüber Hinaus (…)"14
Der Zeitgenosse Lukács betont, dass es einen Unterschied zwischen der
konservativen Haltung der ,machtgeschützten Innerlichkeit' Goethes im napoleonischen
Rheinbund und der Thomas Manns im wilhelminischen Imperialismus gibt:
"Jedoch die Geschichte wiederholt sich nie. (...) Darum müssen wir uns die
Unterschiede zwischen der ,machtgeschützten Innerlichkeit' Goethes im
napoleonischen Rheinbund und der Thomas Manns im wilhelminischen
Imperialismus klar vor Augen halten. Goethe vertrat eine in allen wesentlichen
Fragen progressive Weltanschauung, während es Thomas Manns Schicksal war,
in das Zeitalter der Dekadenz hineingeboren zu sein, mit dem ihm eigentümlichen
Pathos, diese Dekadenz nun durch ein gestalterisches Auf-die-Spitze-Treiben
14
Thomas Mann, On Myself. "Doppellecture" vor den Studenten der Universität Princeton, 2./3. Mai
1940, in: Hans Wysling, Dokumente und Untersuchungen. Beiträge zur Thomas-Mann-Forschung,
Thomas-Mann-Studien III, Bern - München 1974, 84-87.
- 15 -
ihrer letzten moralischen Konsequenz zu überwinden (…) Weiter: aus Goethes
Stellung zur napoleonischen Macht ergab sich keinerlei objektiv-konfliktvolle
Verpflichtung zur Verteidigung reaktionärer Tendenzen, während der Ausbruch
des Weltkrieges die Lage für Thomas Mann, für das deutsche Bürgertum
umkehrte: die "Innerlichkeit" mußte nun zum ideologischen Schutz der "Macht",
das heißt: des reaktionären preußisch-deutschen Imperialismus, in den Kampf
treten."15
Das Leistungsethos und seine Gefahren werden bei Max Weber an mehreren Stellen
betont. So heißt es beispielsweise: "Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne
Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums
erstiegen zu haben."16
Nach den "Buddenbrooks" nähern sich die beiden Konzepte Max Webers und
Thomas Manns den Protestantismusbegriff betreffend immer weiter an, bis die
Unterschiede in der "Religionssoziologie" Max Webers und den Josephromanen
Thomas Manns nur noch geringfügig sind. Dies zeigt auch die teilweise gleiche
Wortwahl.17
Die Josephromane Thomas Manns gehen den Weg zurück nach Ägypten und zum
Mythos. Das altägyptische philosophische Konzept ,Ma`at' ist wie gesagt bei Max
Weber in der "Religionssoziologie" erwähnt und dürfte Thomas Mann aufgrund der
damaligen Ägypteneuphorie bekannt gewesen und bei der Konzeption seiner ,Joseph'-
15
Lucács, Georg, Thomas Mann. Auf der Suche nach dem Bürger, in: ders., Werke Band 7 (Deutsche
Literatur in zwei Jahrhunderten), Darmstadt - Neuwied 1964, 505-519, 505ff.
16
Weber, Die protestantische Ethik, I, hrsg. v. Johannes Winckelmann, München - Hamburg 1969, 189.
17
genannt seien hier exemplarisch die Wörter ,Entrücktheit' im "Tod in Venedig" und in "Wirtschaft und
Gesellschaft" Max Webers, ,Askese' bzw. ,Asket' in Webers "Religionssoziologie" und - ironisch
verwendet - in Manns Erzählung "Die vertauschten Köpfe", ,Gnadenwahl' bezüglich ,Josephs'
Himmelstraum in den Josephromanen und bezüglich des Calvinismus bei Max Weber, das Symbol der
Ähre auf der Ahnentafel der "Buddenbrooks", im Ährentraum ,Echnatons' und ,Josephs' in den
Josephromanen und in den Ausführungen Max Webers zur Getreideversorgung in Ägypten in der
"Religionssoziologie", der Begriff ,Greuel' in Max Webers "Wirtschaft und Gesellschaft" und in Bezug
auf das ,Überständige' in den Josephromanen und der Begriff der ,Laufbahn' in Bezug auf ,Josephs'
Karriere in Ägypten und hinsichtlich der Beschreibung der Beamtenlaufbahn in Max Webers "Wirtschaft
und Gesellschaft".
- 16 -
Figur hilfreich gewesen sein. Im Verlauf der Arbeit soll öfters methodisch auf dieses
Konzept zurückgegriffen werden.18
Das altägyptische Wort gehört zu jenen, für die es weder eine direkte Übersetzung
gibt noch eine einfache Eingrenzung. Dennoch gehört ,Ma`at' zu den wichtigsten
Errungenschaften, die die altägyptische Kultur hinterlassen hat. Worum es geht, ist die
Frage nach dem, was die Menschen zur Gemeinschaft verbindet. Ma`at ist eine Göttin
des ägyptischen Pantheons, ein Wort der ägyptischen Sprache und ein - wenn nicht
geradezu - der Zentralbegriff der altägyptischen Kultur, an dem sich das
Zusammenleben der gesamten Gesellschaft festmachen lässt. Der Schlüsselbegriff
altägyptischen Denkens lässt sich mit Wahrheit, mit Gerechtigkeit und Weltordnung
umfassen, wobei er auch die Zähmung des Menschen zum Menschen meint, was Jan
Assmann zum Anlass nimmt, das Alte Ägypten in seiner Rolle als früheste Kultur mit
einem Zusammenleben der Menschen in staatlich organisierter Struktur zu untersuchen.
Hierbei werden natürlich auch grundlegende Fragen angesprochen, die dem Wesen der
Kultur im Alten Ägypten nachgehen, ihren Werten und ihrem das Zusammenleben
bestimmenden Menschenbild. Interessant ist dabei nicht nur der Einblick in die weit
zurückliegenden Jahrtausende, sondern auch die Tatsache, wie sehr zentrale
altägyptische Ideen bis in die Gegenwart nachwirken. Die Ma`at führt über die Schwelle
zwischen
den
beiden
Religionsformen,
den
Bekenntnisreligionen
und
den
Kulturreligionen, zurück in eine andere geistige Welt, die zwar als eine teils
verabscheute, teils bewunderte Vor-Welt neben Israel und Griechenland weiterbestand
und fragmenthaft und in einseitiger Beleuchtung in deren Tradition bewahrt wurde, die
aber in ihrem eigenen Kulturraum in Vergessenheit geraten ist.
Eine der drei Hauptsünden gegen die Ma`at im Sinne von Solidarität,
Mitmenschlichkeit, Verlässlichkeit und Altruismus kann mit Vergesslichkeit bzw.
Trägheit umschrieben werden:
18
vgl. den Begriff des ,kulturellen Gedächtnisses' im Rahmen der allgemeinen Kulturtheorie bei Assmann,
Das kulturelle Gedächtnis, München 2005, 5. Aufl., Religion und kulturelles Gedächtnis, München 2004,
2. Aufl., Thomas Mann und Ägypten, Mythos und Monotheismus in den Josephromanen, München 2006,
Jan Assmann, Ma`at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, München 2006. Dieses Buch
liegt
den
folgenden
Ausführungen
kulturanthropologisches Interesse.
zugrunde.
Weber
ebenso
wie
Mann
entwickelten
ein
- 17 -
"Diese Verantwortlichkeit, am ,Gestern' festzuhalten, kennzeichnet den ,guten
Charakter'. Sein Gegensatz ist der ,Träge', der ,kein Gestern hat', der sich der
naturhaften Vergeßlichkeit hingibt. Er sagt sich los von der Verläßlichkeit, der
,Berechenbarkeit', die das Wesen des Kulturmenschen, das Ziel der ,Arbeit des
Menschen an sich selber' (Nietzsche) darstellt."19
Dieser Trägheit steht im Spätwerk Thomas Manns der mythologische Begriff des
,Einst' entgegen.
Die zweite Hauptsünde lässt sich folgendermaßen formulieren: "Wer für die Ma`at
taub ist, hat keinen Freund."20 Es geht hier also um die Ma`at als kommunikative
Solidarität bzw. Reziprozität.
Die dritte Sünde ist die Habgier. Sie widerspricht dem Gemeinsinn als intentionale
Solidarität.21
Diese drei Hauptsünden widersprechen der horizontalen Solidarität. Dieser wird
durch den Begriff der vertikalen Solidarität ergänzt:
"Ma`at, im Horizont des diesseitigen Lebens eher das Prinzip der Kultur, das ein
geordnetes Zusammenleben der Menschen ermöglicht, erweist sich im Horizont
der Fortdauer nach dem Tode als das Prinzip der Beständigkeit, also der Erlösung
von Tod und Vergänglichkeit und damit als eine eminent religiöse Idee."22
Dies kann auch in einem größeren Rahmen gesehen werden: "Ägypten teilt mit dem
ganzen Vorderen Orient und mit der indischen Überlieferung die Auffassung, daß ,Staat
und Recht um der Armen und Schwachen willen da sind' und daß es die Aufgabe des
Herrschers ist, den Schwachen vor der Unterdrückung und Ausbeutung durch den
Starken zu schützen."23
Beide Ebenen entsprechen einer Art innerweltlichen Askese und sind damit der
protestantischen Ethik vergleichbar.
19
ebd., 63 mit Bezug auf Nietzsche.
20
ebd., 69.
21
ebd., 85ff.
22
ebd., 92.
23
Assmann, Ma`at, 245ff.
- 18 -
"Ähnlich wie für Nietzsche stellte sich auch für M. Weber die Wende, für die K.
Jaspers später den Begriff der ,Achsenzeit' prägte, als eine Umwertung der Werte
dar. In seiner Rekonstruktion handelt es sich um jene ,axiologische Kehre' (W.
Schluchter), die von traditional gewachsenen Lebensformen zu rational
begründeten Stilen ,methodischer Lebensführung' überleitet. Dieser ,großartige
Rationalismus der ethisch- methodischen Lebensführung', ,der aus jeder religiösen
Prohetie quillt' und der dem Neben- und Gegeneinander der traditionalen
Wertsphären, dem ,Polytheismus der Werte' (Weber) ein Ende macht, ist geradezu
die Signatur des Zeitalters, die sich in zahlreichen philosophischen und religiösen
Bewegungen von West bis Ost manifestiert und durchaus in Form einer
Weltrevolution auftritt. Überall werden neue, alternative Formen eines
bewußteren, kompromißloseren Lebens gesucht, gefordert, gestiftet. Die
axiologische Kehre bedeutet den Ausstieg aus den traditionalen Lebensformen in
die bewußten Formen methodischer Lebensführung."24
Die Ma`at ist nach Assman solch eine Achsenzeit-Kultur.25
Betrachtet man die Abfolge der einzelnen Kapitel dieser Arbeit, so lässt sich
Folgendes feststellen: Je mehr die ,Entzauberung' der Welt um sich greift, umso mehr
Sinnerfüllung wird in der innerweltlichen Askese gefordert.
"Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht
eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man
steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben
daran, daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also
prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da
hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen
beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt. Nicht mehr,
wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muß man zu magischen Mitteln
greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel
und Berechnung leisten das. Dies vor allem bedeutet die Intellektualisierung als
solche."26
24
Assmann, 276 mit Bezug auf W. Schluchter und Max Weber, Wissenschaft als Beruf, 605. Max Weber
sieht den abendländischen Geschichtsverlauf als fortschreitende Rationalisierung, vgl. S. N. Eisenstadt,
Kulturen der Achsenzeit.
25
Deren Symptomatik wird noch näher zu erläutern sein, s. Assmann, 55.
26
Aus: Weber, Wissenschaft als Beruf, in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg. v.
Johannes Winckelmann, Tübingen 1968³, 582-613, 594.
- 19 -
"Aber rationalen und systematischen Fachbetrieb der Wissenschaft: das
eingeschulte Fachmenschentum, gab es in irgendeinem an seine heutige
kulturbeherrschende Bedeutung heranreichenden Sinn nur im Okzident. Vor
allem: den Fachbeamten, den Eckpfeiler des modernen Staats und der modernen
Wirtschaft des Okzidents."27
"Aber der Okzident kennt in der Neuzeit daneben eine ganz andere und nirgends
sonst auf der Erde entwickelte Art des Kapitalismus: die rational-kapitalistische
Organisation von (formell) freier Arbeit. Nur Vorstufen dafür finden sich
anderwärts. Selbst die Organisation unfreier Arbeit hat ja nur in den Plantagen
und, in sehr begrenztem Maß, in den Ergasterien der Antike eine gewisse
Rationalitätsstufe erreicht, eine eher noch geringere in den Fronhöfen und
Gutsfabriken oder grundherrlichen Hausindustrien mit Leibeigenen- oder
Hörigenarbeit in der beginnenden Neuzeit."28
"Die moderne rationale Organisation des kapitalistischen Betriebs wäre nicht
möglich gewesen ohne zwei weitere wichtige Entwicklungselemente: die
Trennung von Haushalt und Betrieb, welche das heutige Wirtschaftsleben
schlechthin beherrscht und, damit eng zusammenhängend, die rationale
Buchführung."29
Folgende Stufen haben Thomas Mann und Max Weber auf der Suche nach der
innerweltlichen Askese dabei durchlaufen: Gesinnungs- und Verantwortungsethik,
Leistungsethik bzw. Bürokratie und Askese, Innen- und Außenmoral.
Festzuhalten ist, dass Max Weber und Thomas Mann ausgehend von dem
gemeinsamen Konzept der protestantischen Ethik in den "Betrachtungen eines
Unpolitischen" für ihre Zeit die Lösung der Konservatismusdiskussion in einem ,Aufdie-Spitze-Treiben' der Situation und ihren Anforderungen sahen: So gab Thomas Mann
wie schon erwähnt der ,Leistungsethik' in seinem Werk immer neue Facetten, während
Max Weber ,Bürokratie und Askese' postulierte. Der Protestantismusbegriff bei Thomas
Mann und Max Weber wird in dieser Arbeit daher hauptsächlich zu untersuchen sein.
Auch die Annährung zwischen Max Weber und Thomas Mann im Hinblick auf den
Begriff des ,patrizischen oikos’ erfolgte vergleichbar dem Problem der ,Protestantischen
27
Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 3.
28
ebd., 7.
29
ebd., 8.
- 20 -
Ethik' von verschiedenen Seiten her (Luthertum und Calvinismus). Dies soll in den
ersten beiden Kapiteln untersucht werden.
Thomas Manns "Buddenbrooks" bis hin zum "Tod in Venedig" stehen als auf die
Spitze getriebene Leistungsethik in der Tradition des Luthertums und der aus ihm zu
interpretierenden Dekadenzproblematik. Die Geschichte des Leistungsethikers endet bei
Thomas Mann mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Diese Aspekte werden in den
Kapiteln III und IV thematisiert.
Gemeinsam ist dem Dilettanten wie dem Leistungsethiker bei Thomas Mann, dass
sie scheitern. Darin besteht auch eine Gemeinsamkeit mit Max Weber. Der Weg nach
,oben' sowie nach ,unten' ist ihnen verwehrt. Als einzige Möglichkeit bleibt die
Bewährung als Bürger im Mittelfeld. Doch auch diese ist nicht gewährleistet, wie die
Analyse des "Tonio Kröger" ergibt. Darum soll es in den Kapiteln V und VI gehen.
"Das Geheimnis aber und die stille Hoffnung Gottes liegt vielleicht in ihrer
Vereinigung, nämlich in dem echten Eingehen des Geistes in die Welt der Seele,
in der wechselseitigen Durchdringung der beiden Prinzipien und der Heiligung
des einen durch das andere zur Gegenwart eines Menschentums, das gesegnet
wäre mit Segen oben vom Himmel herab und mit Segen von der Tiefe, die unten
liegt."30
Dieser Weg ist dem ,Tonio Kröger' noch verwehrt und wird erst mit dem Übergang
ins mythische bzw. biblische Zeitalter beschritten.
Dieser Übergang von der weltlichen zur geistlichen Ebene findet im "Zauberberg"
statt, denn die hermetische Zeit ist durch den Ersten Weltkrieg aufgesprengt worden.31
Dies soll im VII. Kapitel thematisiert werden.
In den Josephromanen wie in der "Religionssoziologie" Max Webers geht das
Konzept der Leistungsethik bzw. der Bürokratie und Askese in eine innere und äußere
Ethik über. Dieser Aspekt steht im VIII. und IX. Kapitel im Mittelpunkt der
Betrachtung.
30
Thomas Mann, Josephromane, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1974, Vorspiel, 48f.
31
Diesem Faktum tragen auch die Biographien Max Webers und Thomas Manns mit der Entwicklung von
Calvinismus bzw. Luthertum hin zur umfassenderen Sichtweise in der "Religionssoziologie" bzw. in den
Josephromanen Rechnung.
- 21 -
Wurde der ,Idealtypus' mit den ,drei reinen Typen der Herrschaft' Max Webers
schon in der Einleitung angesprochen, so soll im Schlusskapitel der Begriff der Stadt als
Max Weberscher Idealtypus formuliert und als Vergleichspunkt auf die Städte des Alten
Ägyptens in den Josephromanen sowie auf das Lübeck in der "Buddenbrook"-Zeit unter
Berücksichtigung vorgehender Erkenntnisse angewendet werden. Dabei soll sowohl das
gesellschaftliche wie auch das Geschäftsleben innerhalb der jeweiligen Stadt untersucht
werden. Ein Exkurs über das mittelalterliche Venedig, wie es dem "Tod in Venedig" als
Vorlage gedient haben könnte, soll das Kapitel abschließen sowie die Arbeit als
Gesamtheit abrunden.
Bei dem Versuch den Weg der beiden herausragenden Intellektuellen ihrer Zeit
nachzuvollziehen, ist das Konzept der ägyptischen achsenzeitlichen Ma`at als
allgemeinverbindliche Ethik immer stärker in das Blickfeld geraten, sie scheint dem
Begriff der innerweltlichen Askese, so wie sie sich Max Weber und Thomas Mann
jenseits aller Unterschiede von Calvinismus und Luthertum gewünscht hätten, am
nächsten zu kommen.
Beim Konzept ,Ma`at' scheint es sich um eine Art innerweltlicher Askese des ganzen
Volkes gehandelt zu haben, während man es im Monotheismus eher mit einer
Entwicklung hin zu einer privaten Frömmigkeit wie im Puritanismus zu tun hat.32
"Hier zeichnet sich ein Wandel im Weisheitsverständnis ab: von der Weisheit als
Einsicht in den immanenten Richtungssinn des ,Geschehenden' (…) zur Weisheit
als Einsicht in die Abhängigkeit des Menschen vom Willen Gottes. (…) Wenn der
Wille Gottes an die Stelle dieser Ordnung tritt, verschwindet die Ma`at. (…)
Handle richtig auf Erden, dann kann der Erfolg nicht ausbleiben, und zwar
erscheint dabei die Folge von Tat und Erfolg in der älteren Zeit als eine
sozusagen naturgesetzliche Erscheinung. Jetzt dagegen wird Gott als die Ursache
des Handelns wie auch des Erfolgs eingeschaltet."33
32
s. Kap. X, S. 415f., Anm. 121.
33
Assmann, 252f.
- 22 -
"Hieß es früher etwa ,,handle für den, der handelt, dann wird auch für dich
gehandelt werden“, dann heißt es jetzt: ,,wer etwas Gutes tut, den belohnt
Gott.“"34
"Das Ende der Ma`at ist der Anfang der ,Persönlichen Frömmigkeit'."35
Diese Entwicklung schlägt sich auch im Begriff der ,vertikalen Solidarität’ nieder:
"Der soziale Frieden und Einklang (htpw) verwirklicht sich in der vertikalen
Achse, als Schutz von oben und Gehorsam, Vertrauen und Dankbarkeit von unten.
(...) Zahlreiche Prädikate, die zuerst in Gaufürsten- und Magnatenbiographien der
Ersten Zwischenzeit auftreten und dann das Königsbild des Mittleren Reichs
kennzeichnen, begegnen jetzt als Prädikate der Gottheit: Vater und Mutter, Vater
der Waisen, Gatte der Witwe, Zuflucht des Bedrängten, Schutzwehr des Armen,
der gute Hirte, der Richter des Armen, der den Elenden rettet vor dem Stärkeren
usw."36
So wird im ,Vorspiel' das ,Einst' der innerweltlichen Askese dem Monotheismus
gegenübergestellt:
"Was uns beschäftigt, ist nicht die bezifferbare Zeit. Es ist vielmehr ihre
Aufhebung im Geheimnis der Vertauschung von Überlieferung und
Prophezeihung, welche dem Worte ,Einst' seinen Doppelsinn von Vergangenheit
und Zukunft und damit seine Ladung potentieller Gegenwart verleiht. Hier hat die
Idee der Wiederverkörperung ihre Wurzeln. Die Könige von Babel und beider
Ägypten, jener bartlockige Kurigalzu sowohl wie der Horus im Palaste zu
Theben, genannt Amun-ist-zufrieden, und alle ihre Vorgänger und Nachfolger
waren Erscheinungen des Sonnengottes im Fleische - das heißt, der Mythus wurde
in ihnen zum Mysterium, und zwischen Sein und Bedeuten fehlte es an jedem
Unterscheidungsraum. Zeiten, in denen man darüber streiten konnte, ob die
Oblate der Leib des Opfers ,sei' oder ihn nur ,bedeute', sollten erst dreitausend
Jahre später sich einstellen;"37
34
ebd., 254
35
ebd., 256
36
Assmann, 258.
37
Mann, Josephromane, Vorspiel, 32.
- 23 -
So ergibt sich für die innerweltliche Askese in einer entgötterten Welt Folgendes: Es
besteht eine Dreiteilung aller für diese Untersuchung relevanten Konzepte, der
protestantischen Ethik, der Ma`at sowie des Kantschen kategorischen Imperativs:
Der kategorische Imperativ Kants lautet bekanntlich:
"Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip deiner
allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."38
Hier sieht Assmann eine Verbindung zur ägyptischen Ma`at:
"Handle für den, der gehandelt hat (do quia dedisti), um zu veranlassen, daß er
handelt (do ut des)."39
Im Fall der protestantischen Ethik war die Arbeit laut Max Weber zunächst
antiökonomisch und anethisch, in den Klöstern wurde sie domestiziert (,ora et labora'),
der Weg führte also zunächst von der Materie zur Transzendenz, erst nach der
Verbindung von Hierokratie (Priesterherrschaft) und Bürgertum wurde die Arbeit vom
Bürgertum dazu benutzt den Kapitalismus zu rechtfertigen, der Weg führte hier also in
die andere Richtung - von der Transzendenz zur Materie - mit Gottes Segen). Der
,Joseph' Thomas Manns wird den umgekehrten Weg gehen, was noch zu zeigen sein
wird. Assmann spricht in dem Zusammenhang zum einen von einem chronologischen
Abstieg, vom Jetzt zum Einst in ,illo tempore', zum zweiten um einen ontologischen,
aus dem Empyreum der Transzendenz in die niedere Welt der Materie.40
Analog dazu wird die Dekadenz in den "Buddenbrooks" an drei Generationen
veranschaulicht und der Mythos in den Josephromanen ist dreigeteilt in ,Leben - Tod Leben', wobei hier nochmals eine Untergliederung möglich ist: Von der Kindheit bis
zum Brunnenfall; die Zeit in Ägypten bis zum Verließ; von der Entlassung bis zum
Wiedersehen mit den Brüdern. Er ergibt sich also genaugenommen die Abfolge: "Leben
38
Kritik der praktischen Vernunft, Werke V, 35 in: Immanuel Kants Werke, hrsg. v. Ernst Cassirer, Berlin
1912ff.
39
Assmann, Ma`at, 187 und vor allem 77.
40
Assmann, Mythos und Monotheismus, 19.; s. dazu Kapitel VIII.
- 24 -
- Tod - Leben - Tod- Leben." Der mittlere Lebensbegriff stellt hierbei die
Arbeitsgrundlage auch dieser Untersuchung dar. Er umfasst den Begriff der
,protestantischen Ethik' wie der ,Ma`at' wie den kategorischen Imperativ.
Der here Anspruch ist ebenfalls im ,Vorspiel' vorformuliert:
"Der Urmensch, heißt es, sei zu allem Anfange der erkorene Streiter Gottes im
Kampfe gegen das in die junge Schöpfung eindringende Böse gewesen, sei aber
dabei zu Schaden gekommen, von den Dämonen gefesselt, in die Materie
verhaftet, seinem Ursprung entfremdet, durch einen zweiten Abgesandten der
Gottheit jedoch, der geheimnisvollerweise wieder er selbst, sein eigenes höheres
Selbst gewesen sei, aus der Finsternis der irdisch-leiblichen Existenz befreit und
in die Lichtwelt zurückgeführt worden, wobei er aber Teile seines Lichtes habe
zurücklassen müssen, die zur Bildung der materiellen Welt und der
Erdenmenschen mitbenutzt worden seien: (…)"41
Im Falle ,Josephs' ist dies im "Vorspiel" folgendermaßen formuliert:
"Joseph wußte natürlich, warum. Es mußte so sein, weil man einem Gotte diente,
dessen Wesen nicht Ruhe und wohnendes Behagen war, einem Gotte der
Zukunftspläne, in dessen Willen undeutliche und große, weitreichende Dinge im
Werden waren, der eigentlich selbst, zusammen mit seinen brütenden Willensund Weltplänen, erst im Werden und darum ein Gott der Beunruhigung war, ein
Sorgengott, der gesucht sein wollte und für den man sich auf alle Fälle frei,
beweglich und in Bereitschaft halten mußte."42
41
Mann, Josephromane, Vorspiel, 39.
42
Vorspiel, 52.
- 25 -
I. EINLEITUNG: KONSERVATISMUS ALS REFLEXIVWERDEN DES
TRADITIONALISMUS
1. Liberalismus und Konservatismus bei Thomas Mann und Max Weber
Als Strukturelemente des lebensphilosophischen Konservatismus im Fall Thomas
Manns ergeben sich für Kurzke die Abstraktheitskritik, die Suche nach der verlorenen
Irrationalität und die Tendenz zur Wiederherstellung der Vorgeschichte.1 In allen
Ausformungen der Lebensphilosophie wird der abstrakten ratio damit entweder ein
Begriff ,lebendiger Erkenntnis' oder ein unverhüllter Irrationalismus entgegengehalten.
So bestimmt das antithetische Gegenüber von ,Geist' und ,Leben' die Struktur der
Lebensphilosophie.
So wird die vorübergehend pseudokollektive surrogierte Irrationalität in den
"Betrachtungen eines Unpolitischen" behauptet, nämlich Kunst sei Leben. Erst mit den
"Betrachtungen" wird das gesellschaftlich Verlorene als ,Leben' surrogiert, danach bis
1945 findet eine Politisierung des Geistes statt.
a) Der Begriff des ironischen Konservatismus
Ironie wird oft als das Dritte, Höhere gegenüber Geist und Leben betrachtet, man
sieht in ihr die ausreichende Antwort auf die Problematik von Rationalität und
Irrationalität. Sie hat zwei Seiten: Zum einen steht der Geist dem Leben ironischliebend gegenüber und der Geist steht sich selbst ironisch gegenüber. Die Ironie ist nach
beiden Seiten offen. Sie wendet sich gegen den Geist wie gegen das Leben:
1
Mann, Essays II, 212-215, 29.
- 26 -
"Ironie aber ist immer Ironie nach beiden Seiten hin; sie richtet sich gegen das Leben
sowohl wie gegen den Geist, und dies nimmt ihr die große Gebärde, dies gibt ihr
Melancholie und Bescheidenheit."2
Die Ironie ist also ein geistiges Mittel, das Leben zu bejahen. Der Rationalismus der
Ironie dient dem Irrationalismus des Lebens. Die "Betrachtungen eines Unpolitischen"
lassen also die Synthese zwischen Rationalität und Irrationalität zugunsten des
Irrationalen stattfinden. Thomas Mann ist somit von der schroffen Antithetik der
Frühzeit bei verschiedenen Synthesen angelangt. Ironie als Mittel zwischen Geist und
Leben ist offenbar das Zentrum von Manns Kunsttheorie.
Die Kunst nimmt ebenso eine Mittlerrolle ein, sie bezieht eine Mittelstellung
zwischen Geist und Leben, zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen den
Zeitaltern und den Sphären. Wer sie ausüben will, bedarf nach Thomas Mann eines
mittleren Zustandes, den schon Goethe für das Talent bei weitem am zuträglichsten
beobachtete.3
Nicht
zufällig
erkannte
Thomas
Mann
schon
in
Nietzsches
philosophischen Traktaten ,ein Element tiefster Ironie'. Ironie ist also, so Koopmann,
angewandte doppelte Optik. Wie die Ironie spielt auch die Kunst, die mit doppelter
Optik arbeitet, unverschlagen und unverbindlich' zwischen den Gegensätzen; wie die
Ironie hat es auch die Kunst unter doppelter Optik ,mit Parteinahme und Entschließung
nicht sonderlich eilig.'4
Das Verhältnis von Ironie zur verlorenen Irrationalität sieht dabei folgendermaßen
aus: Der Ironiker ist konservativ.5 Die gesellschaftliche Ortlosigkeit des entwurzelten
Bürgers Thomas Mann wirkt sich künstlerisch aus als die verlorene Irrationalität. Ironie
ist die echtkonservative Antwort auf diese verlorene Irrationalität. Wenn je von einem
Werk eine sprengende Kraft ausgehen konnte, dann durch die Ironie, die sich allen
2
Mann, XII, 573; Betrachtungen, 125.
3
Koopmann, Helmut, Die Entwicklung des ,intellektualen Romans' bei Thomas Mann. Untersuchungen
zur Struktur von "Buddenbrooks", "Königliche Hoheit" und "Der Zauberberg", Bonn 1962., 36.; zum
Begriff der Ironie s. GW XII, 265f., 95; Betrachtungen, 576.
4
Koopmann, 26 mit Bezug auf Mann, Neue Studien, 153.
5
Mann, Betrachtungen, GW XII, 568.
- 27 -
Formen surrogierter Irrationalität widersetzt.6 Dies bezeichnet Mann als ironischen
Konservatismus. In diesem Sinn kann Ironie als konservativ bestimmt werden,
Konservatismus als "erotische Ironie des Geistes" gegen das Leben, als ästhetische
Affirmation des Wirklichen.7 Dieser wendet sich gegen den Reinheitsfanatismus des
Zivilisationsliteraten.
Auch Max Weber lässt sich hier einordnen: Er sieht den abendländischen
Geschichtsverlauf als fortschreitende Rationalisierung. Die Kehrseite der Entwicklung
wird von ihm auch gesehen: Die Funktionsdifferenzierung im Einzelnen macht den
Überblick über die rationale Basis des Ganzen unmöglich, die den Menschen
,verborgener zu sein pflegt wie dem ,Wilden' der Sinn der magischen Prozeduren eines
Zauberers', wie schon oben angesprochen wurde. Hier ist vor allem seine
Charismatheorie interessant, auf die noch eingegangen wird. Der partiellen
Rationalisierung
vieler
Einzelbereiche
entspricht
somit
eine
komplementäre
Irrationalisierung des Ganzen.
Ohmacht des Individuums und irrationale Übermacht des gesellschaftlichen Ganzen
bestimmen also die gesellschaftliche Situation, auf die sich die Lebensphilosophie
bezieht:
Das scheinbar Individuelle ist in Wahrheit manipuliert durch die gesellschaftlichen
Organisationsformen. Diese Ohmacht des Individuums und die korrelative Übermacht
des Allgemeinen bilden die gesellschaftliche Basis der extremen Polarisierung von
Geist und Leben. Sowohl für Max Weber als auch für Thomas Mann spielen beide
Theorien, die des Liberalismus und die des Konservatismus, eine Rolle, obwohl beide
als herausragende Intellektuelle ihrer Zeit sich weder in die Wertewelt des 19. Jhds.
noch in eine einsinnig rationalistische Moderne widerspruchslos einfügen lassen.8
Gemeinsam
ist
ihnen
eine Art
von
voluntaristischem
Liberalismus
und
Reformkonservatismus.
6
s. Kurzke,126ff., Betrachtungen, 572, 576; GW XII, 585, 40, 418, XI, 829; vgl. auch Borchmeyer,
Politische Betrachtungen, 86.
7
Mann, Betrachtungen, 569, 572; Kurzke, 129.
8
Für Weber siehe Weiller Edith, Max Weber und die literarische Moderne. Ambivalente Begegnung
zweier Kulturen, Stuttgart – Weimar 1994.
- 28 -
Weber kann als Vertreter des deutschen Liberalismus gesehen werden.9 Unter
Liberalismus soll hier eine Staats-, Wirtschafts- und Gesellschaftsauffassung verstanden
werden, die von der Freiheit des einzelnen Menschen im Sinne der freien Entfaltung der
Persönlichkeit als grundlegendstem Wert menschlichen Zusammenlebens ausgeht.
Epochal gesehen ist der Liberalismus mit dem Verfassungs- und Rechtsstaatsgrundsatz
der Gewaltenteilung verbunden. Er wandte sich sowohl gegen feudale Machstrukturen
als
auch
gegen
Bedrohungen
der bürgerlichen
Eigentumsverhältnisse durch
frühsozialistische Kräfte.
Begrifflich unterscheidet man zwischen dem politischen und dem wirtschaftlichen
Liberalismus: Der politische Liberalismus tritt für die parlamentarische Demokratie als
Regierungsform ein. Im wirtschaftlichen Bereich vertritt der Liberalismus die
Marktwirtschaft. Grundlegend dabei ist das Privateigentum an Produktionsmitteln und
der freie Wettbewerb.
In Deutschland setzen sich die liberalen Ideen zunächst weniger im politischen als im
kulturellen Bereich, in Literatur und Kunst, Lehre und Wissenschaft, durch.
Für Weber sind Wirtschaft und Politik eins. Hennis bezeichnet Weber als
bourgeoisen Liberalen, der einen eigenartigen voluntaristischen Liberalismus vertrat.
Demnach lautet der liberale Kengedanke seiner Meinung nach ,Abschaffen, Entgrenzen,
Freisetzen.'10
Doch Weber war weit entfernt von einem friedlichen Wettbewerb. Hinter dem
Selbstverständlichen, Unproblematischen, immer das Problematische sehen, erschien
ihm
als
die
eigentliche
Aufgabe
der
Wissenschaft.
In
seiner
Freiburger
Antrittsvorlesung 1895 umreißt Max Weber den Sachverhalt folgendermaßen:
"Es gibt keinen Frieden auch im wirtschaftlichen Kampf ums Dasein. (…) Nicht
Frieden und Menschenglück haben wir unseren Nach- | fahren mit auf den Weg zu
geben, sondern den ewigen Kampf um die Erhaltung und Emporzüchtung unserer
nationalen Art. Und wir dürfen uns nicht der optimistischen Hoffnung hingeben,
daß mit der höchstmöglichen Entfaltung wirtschaftlicher Kultur bei uns die Arbeit
9
s. Mommsen, 140.
10
s. Hennis,199.
- 29 -
getan sei, und die Auslese im freien und friedlichen ökonomischen Kampfe dem
höher entwickelten Typus alsdann von selbst zum Siege verhelfen werde. (…)"11
Und was war ihm problematischer als die moderne Zivilisation?12
"Es ist höchst lächerlich, dem heutigen Hochkapitalismus, wie er jetzt nach
Rußland importiert wird und in Amerika besteht, - dieser ,Unvermeidlichkeit'
unserer wirtschaftlichen Entwicklung, - Wahlverwandtschaft mit ,Demokratie'
oder gar mit ,Freiheit' (in irgend einem Wortsinn) zuzuschreiben (…)"13
Das Politikverständnis Thomas Manns vor dem Ersten Weltkrieg, so wie es sich in
den "Betrachtungen eines Unpolitischen" darstellt, soll ebenfalls kurz umrissen werden:
Thomas Mann bejahte beispielsweise als Reformkonservativer die Demokratie, indem
er für das allgemeine Wahlrecht plädierte: Ihm erschien die Gewährung des allgemeinen
und gleichen Stimmrechts in Preußen als ein Postulat der praktischen Vernunft.14 Hier
soll auch schon seine politische Nachkriegshaltung angedeutet werden, nämlich seine
radikale Ablehnung der Münchner Räterepublik und ihrer Literatenpolitik, jedoch
Sympathie mit der praktischen Vernunft der Sozialdemokratie. Er setzt den ,Vater Ebert'
gegen den ,Literaten-Staatsmann' Kurt Eisner.15
Lehnert bezeichnet Mann als "von Nietzsche beeinflußten Antiliberalen".16 Mann
selbst rechnet sich dem deutschen Bildungsliberalismus zu.17 Für die Freiheit der
Kreativität von jeder Ideologie sollten die Deutschen kämpfen und damit auch gegen die
Tradition der französischen Jakobiner, der sich angeblich Heinrich Mann verschrieben
11
Weber, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik, in: ders., Schriften 1894-1922, Stuttgart
2002, 33.
12
s. Hennis, 218.
13
Weber, PS (Gesammelte Politische Schriften), Tübingen 1988, 5. Aufl., 63f.
14
s. Mann, GW, XII 270.
15
s. Mann, Von deutscher Republik, 1922, XI 822.; Zu Friedrich Eberts Tod, 1925, XII, 635.
16
Lehnert, Herbert, Thomas Manns Politikverständnis 1893-1914, in: Theodor Fontane und Thomas
Mann, hrsg v. Heftrich, E., Nürnberger, H., Sprecher, Th. und Wimmer, R., Frankfurt a.M. 1998, 77-98,
Thomas-Mann-Studien XVIII, 79.
17
s. Mann, Thomas, Betrachtungen, 252. Seine Wurzeln sieht er dabei bei Goethe, den er als gemäßigten
Liberalen und gemäßigten Konservativen bezeichnet; 271.
- 30 -
hatte. Somit sind Thomas Manns Kriegsaufsätze hochpolitische Dokumente, denn sie
reflektieren
das
Bestreben,
nationale
Autorität
auszuüben.
Thomas
Manns
Politikverständnis war dabei zutiefst ambivalent.18 Die deutsche Politik nach Bismarck
sah er als Schwäche. Mitte der 90er Jahre kam es unter den Intellektuellen zu einem
konservativen Rückschlag: Wilhelm II. mit seiner Prunkentfaltung wurde von den
gebildeten Neokonservativen als modern-dekadent empfunden.19 Manns Haltung ist
daher weder als liberal noch als wilhelminisch- konservativ zu bezeichnen.
In dem Spannungsfeld zwischen diesen beiden Extremwerten bewegte sich auch
Max Weber in den politischen Auseinandersetzungen ständig hin und her, wie noch
ausführlich dargestellt werden wird. In Bezug auf die Dreyfussaffäre führt Lehnert
folgendes aus: Während Schriftsteller wie Heinrich Mann und Harden auch politisch
Macht ausüben wollten, hat Thomas Mann solche nie ersehnt, sondern wollte politisch
ungebunden bleiben. Auch diese distanzierte Haltung verbindet ihn mit Max Weber, der
in seiner Karriere so viele politische Ämter ausgeschlagen hat, wie noch dargestellt
werden wird.
Diese Haltung Manns bereitet nach Lehnert den modernen Pluralismus vor. Beispiele
aus seinen Werken sind zahlreiche Stellen aus den "Buddenbrooks", die konservativ und
liberal zugleich sind.20 So wird ,Morten Schwarzkopf' beispielsweise durch angelernte
liberale Prinzipien charakterisiert, etwa wenn er behauptet, man brauche keine Adligen
zu kennen um sie alle zu verurteilen, denn es handle sich um das Prinzip. Auf der
anderen Seite steht ,Tonys' konservatives Festhalten am Herkommen, der religiöse und
sehr bürgerliche Glaube an das Wachstum der Familie. Doch beide verbindet eine
Freundschaft.
Auch die Revolution von 1848 wird ironisch dargestellt: Ziel des Volksaufstandes sei
nach den Lagerarbeitern "noch een Republik".21 ,Konsul Buddenbrook' hingegen erklärt
die Republik als eine Farce, die in Berlin an ästhetischen Teetischen vorbereitet wurde,
während das Volk auf der Straße die Gewalt ausbaden musste. Die Lübecker Revolution
18
s. Lehnert, 78.
19
s. Lehnert, 80.
20
s. Lehnert, 94.
21
Thomas Mann, Gesammelte Werke I, 193.
- 31 -
im Roman verlief ins Leere, weil der Senat des kleinen Stadtstaates schon eine
demokratische Verfassung hatte. Die traditionelle, konservative Institution kam also
dem liberalen Programm zuvor. Das ist das politische Ideal des deutschen
Beamtenbildungsbürgertums.22 Sontheimer betont, dass Thomas Mann in dem Essay
der "Betrachtungen" einen verschmitzten und skeptischen Nationalismus preisgibt, wie
er den deutschen Konservativen und den späteren Deutschnationalen nicht eigen war.23
Mann wendet sich auch gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht und fordert wie
Max Weber ein gleiches Wahlrecht in Preußen. Er stellt sich damit bewusst gegen die
Konservativen, die meinten, sie haben damit den Ersten Weltkrieg verloren.24
Liberalismus, Konservatismus und die Monarchie sind für ihn miteinander
vereinbar.25
Zu den Friedensverhandlungen äußert er sich ebenfalls ähnlich wie Weber.26 Zu
einem nicht unerheblichen Teil spielt bei der Frage nach Liberalismus und
Konservatismus Max Webers und Thomas Manns die Tatsache mit, dass beide ,Kinder
des Wilhelminismus' waren, worauf noch eingegangen werden wird.27
Die Standortbestimmung Thomas Manns in der Konservatismusdebatte ist wie schon
angedeutet
differenziert:
Sie
ist
geprägt
von
,patriarchalisch-aristokratischer
Bürgerlichkeit', sie vertritt die Position des Adels in der Umbruchzeit um 180028. Ein
Grund ist vor allem im Zusammenbruch des Kaiserreichs zu suchen, die Folge war nicht
eine Entwicklung Manns hin zum Reaktionär und nicht zum konservativen
Revolutionär, sondern zum Republikaner. Er wird daher auch als ,Vernunft-
22
Weitere Beispiele aus den Werken bei Lehnert, 193ff.
23
s.Sontheimer, Kurt, Thomas Mann und die Deutschen, München 1961., 24. So bekennt er sich wie Max
Weber zur Politik Bethmann-Hollwegs, nicht in allen Punkten, doch er ist ihm lieber als der ,glatte,
mondäne und ententmäßigere Fürst Bülow', s. Betrachtungen, 160.
24
s. Betrachtungen, 265.
25
ebd., 274f.; zum Konservatismus s. 524.
26
s. ebd., 281.
27
vgl. Hennis, 231.
28
s. Borchmeyer, Politische Betrachtungen eines angeblich Unpolitischen, in: Thomas Mann Jahrbuch,
Bd. 10, 1997, begr. v. Heftrich, E. und Wysling, H., Frankfurt a.M. 1998., 89ff.; Betrachtungen GW XII,
138f.; 434.
- 32 -
Republikaner' bezeichnet, der sich zur Republik nicht aus Gefühl, sondern aus
Reflexion und Verantwortung bekannte.29 Ein wichtiges Ereignis bei dieser
Entwicklung stellt die Französische Revolution dar. Mann ergreift hier die Position des
gegenrevolutionären Weimar, vertritt einen gemäßigten Liberalismus wie Goethe und
verwirft die Ereignisse der Französischen Revolution. Beispiele für gegenrevolutionäres
Vokabular finden sich in den "Betrachtungen" zuhauf.30
b) Die Herkunft des Konservatismus
Epstein macht drei Gründe für das Entstehen des Konservatismus bis 1790
verantwortlich: Die Aufklärung, den Kapitalismus und den Aufstieg des Bürgertums,
das mit den traditionellen Herrschaftsformen unzufrieden war. Er unterscheidet in dem
Zusammenhang drei politische Gruppen voneinander: Liberale, die für die bürgerliche
Freiheit, die gesetzliche Gleichheit oder das ,laissez-faire' einstehen, Demokraten, die
der Volkssouveränität verpflichtet sind und Sozialisten, die die soziale Gleichheit und
Ökonomie fordern.
Der Konservatismus erscheint Epsteins Meinung nach meist als Verteidigung des
Status Quo, seine Vordenker hatten mit Ausnahme Edmund Burkes keinen großen
Einfluss auf andere Länder. Insgesamt unterscheidet er drei Typen des Konservatismus:
Da sind wie gesagt zum einen die Verteidiger des Status quo, zum anderen die
Reformkonservativen und drittens die Reaktionäre.
Die erste Gruppe charakterisiert er als ahistorisch, von einer statischen Weltsicht
geprägt, meist aus Mitgliedern der Oberschicht bestehend. Der Verteidiger des Status
quo kann an der Hoffnungslosigkeit seines Ziels scheitern, da dies sich immer
verändert, und so in die Reaktion zurückfallen.
Der Reformkonservative geht eine freiwillige willentliche Kooperation mit der
Geschichte ein, er versucht die maximal mögliche historische Kontinuität zu erreichen,
29
s. Görtemaker, Manfred, Thomas Mann und die Politik, Frankfurt a.M. 2005, 48f.; s. dazu Aufsatz
Manns "Von deutscher Republik", In: Die Neue Rundschau, 33. Jg. (1922), 819.
30
s. Mann, GW XII 32, 129, 117, 332.
- 33 -
er ist also für graduelle Reformen im verfassungsrechtlichen Rahmen. So konnte das
parlamentarische System im 19. Jhd. Epsteins Meinung nach durch eine Reihe von
Reformen demokratisiert werden, allerdings nicht in Frankreich.
Der Reaktionär schließlich möchte frühere Bedingungen wiederherstellen, er hat eine
romantische Sicht auf eine bestimmte Periode der Vergangenheit, dabei ist er ein
unbeirrbarer Optimist in seinem Glauben an die Möglichkeit die Vergangenheit
wiederherzustellen. Er möchte zu einer natürlichen Ordnung zurückkehren, von der die
Gesellschaft ausgegangen ist.31
Man kann bei der Entwicklung des Konservatismus in Deutschland bzw. Preußen
drei Stufen unterscheiden:
Die 1. Stufe hat ihre Ursachen, wie schon ausgeführt, in der konservativen
Abstraktheitskritik in Deutschland nach der Französischen Revolution. Dies führte
einerseits zur absolutistischen Gestalt der deutschen Aufklärung, andererseits zur
historischen Verspätung der politischen Emanzipation in Deutschland. Marx bezeichnet
dies als größere Abstraktheit der Revolution in einem Land, das die Stufen, die es
theoretisch schon überwunden hat, praktisch noch nicht erreicht hat.32 Kurzke führt
dafür folgende Ursachen an: Zum einen resultiere diese Ungleichzeitigkeit aus dem
Tatbestand, dass die sozialen Verhältnisse in Deutschland erst um 1843 denen
Frankreichs um 1789 gleichkamen.33 Auch Karl Mannheim hat darin den Grund
gesehen, warum in Deutschland 1789 keine radikale Revolutionierung eintrat, eine
Rezeption der französischen Ideen also nur im Bewusstsein stattfand und sich nur als
Revolution von oben verwirklichte, zum Beispiel in den Stein–Hardenberg–
Scharnhorstschen Reformen.34
31
s. Epstein, Klaus, The Genesis of German Conservatism, Princeton – New Yersey 1966, 3ff.
32
s. Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, MEW I, 384.
33
s. Kurzke, 24.
34
s. Mannheim, Das konservative Denken, in: Karl Mannheim, Wissenssoziologie, Neuwied - Berlin
1964, 449f.
- 34 -
Der Konservatismus von 1848 bis 1871 stellt die 2. Stufe dar. Nach dem Scheitern
der Revolution von 1848 in Deutschland entwickelte sich die bürgerliche Gesellschaft
nur in wirtschaftlicher, nicht hat aber in politischer Hinsicht.35 Die Ideen der Freiheit
und Gleichheit erhielten seitdem ideologische Züge. So diente das Pathos der Freiheit
und Gleichheit bei der Reichsgründung 1871 nur zur Verbrämung der Freiheit und
Chancengleichheit konkurrierender Privatunternehmer auf dem Markt. Dies tangierte
auch die konservative Kritik der revolutionären Ideen: Wenn das abstrakte Recht
Ideologie wird, bevor es je politische Realität war, ist es um die Glaubwürdigkeit
geschehen. Es entstanden konkrete Bedürfnisse nach Freiheit und Gleichheit im
Proletariat.36
Diesen versuchte man durch verschiedene Theorien zu begegnen.37
Zeitgeschichtlich gesehen lässt sich der Konservatismus in Deutschland nicht nur
vom Traditionalismus eindeutig abgrenzen, er ist auch stark mit dem Liberalismus
verknüpft. Konservatismus wurde in den bisherigen Überlegungen im Zusammenhang
und gemäß E. Burke hauptsächlich als Gegenbewegung zur Französischen Revolution
gesehen.
Das Erstarken der Arbeiterbewegung und die Gefahr der sozialen Revolution seit
1848 riefen jedoch auch ein Bündnis zwischen dem Konservatismus, der sich nunmehr
35
s. dazu auch Helmut Böhme, Deutschlands Weg zur Großmacht, Köln 1966; ders., Prolegomena zu
einer Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands, Frankfurt a.M. 1968.
36
s. Kurzke, 25.
37
Neben Karl Marx gab es in der Zeit auch andere Versuche zur Lösung der sozialen Frage: Ferdinand
Lassalle hatte den Plan, Fabriken als Eigentum des Staates ohne Privatunternehmer zu betrachten. Der
Arbeiter wäre demnach Eigentümer der Fabriken. Dies führte 1863 zur Gründung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins. Die Sozialdemokratie, 1869 als Sozialistische Arbeiterpartei in Eisenach von
August Bebel begründet, fühlte sich anfangs dem Gedankengut von Karl Marx verbunden. Der
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die Sozialistische Arbeiterpartei vereinigten sich in Gotha zur
Sozialdemokratischen Partei (SPD). Die Gründer August Bebel und Karl Liebknecht waren marxistisch
orientiert. Es gab auch christliche Sozialbewegungen wie Wichern mit dem Auftrag zur inneren Mission
(1848), Bodelschwingh (Bethel-Anstalten) (1867), Bischof Ketteler forderte 1850 soziale Reformen,
Kolping gründete Gesellenvereine (Heime für wandernde Gesellen) und Papst Leo XIII. forderte in seiner
Enzyklika "Rerum Novarum 2 Anteile am Sozialprodukt für die Arbeiter und die Anerkennung des
Privateigentums.
- 35 -
zum Einheitsstaat und zur Verfassungsidee bekannte, und dem gemäßigten
Liberalismus,
soziologisch
betrachtet
also
zwischen
dem
großbürgerlichen
Unternehmertum und dem Großgrundbesitz hervor. Der deutsche Konservatismus war
somit durch eine Fehlanpassung an die Industrielle Gesellschaft gekennzeichnet.
Nach
1848
weist
Epstein
das
Zusammengehen
von
Liberalismus
und
Konservatismus an mehreren Stellen seines Werkes nach:
So ist er mit Wehler und Kerr, der sich auf Karl Marx und Max Weber stützt, der
Ansicht, dass die Industrialisierung die entscheidende Entwicklung der modernen Welt
sei.38 Er behauptet mit Böhme, dass die politische Vereinigung Süd- und
Norddeutschlands im Jahre 1870 über die sachliche Notwendigkeit hinausging, da die
wirtschaftlichen Bedürfnisse durch eine Neuorganisation des Zollvereins im Jahre 1867
bereits befriedigt worden seien.39 Böhme legt dar, wie die süddeutschen Staaten durch
Preußens wirtschaftliche Vorrangstellung zur Annahme neuer Zollvereinkonditionen in
den Jahren 1853 und 1864 gezwungen wurden.40 Das Reich sicherte sich somit ein
verbessertes Finanzsystem, indem es durch die Zölle unabhängiger von den Beiträgen
der einzelnen Staaten wurde, obwohl die neuen Zölle etwas den wirtschaftlichen
Fortschritt hemmten. Der Schutz der Landwirtschaft, der in erster Linie den Junkern
zugute kam, verhinderte, dass Deutschland ein einseitig industrialisiertes Land wie
England wurde.41 Die Kehrseite der Medaille war allerdings, dass ein Großteil des
industriellen Bürgertums viel von seinem Liberalismus aufgab und die feudalen Werte
akzeptierte.42
Krieger beantwortet die Frage, warum der Liberalismus in der deutschen Geschichte
eine so wenig erfolgreiche Rolle gespielt habe, vor allem mit seiner inneren Schwäche,
die er als Folge einer "spezifisch deutschen Haltung der Freiheit gegenüber"
interpretiert.43 Denn das deutsche Bürgertum nahm die Lehre vom ,aufgeklärten
38
s. Epstein, Geschichte und Geschichtswissenschaft im 20. Jhd., hrsg. v. Pikart, Eberhard; Junker, Detlef
und Hufnagel, Gerhard, Frankfurt a.M. – Berlin – Wien 1972, 19.
39
s. ebd., 26.
40
vgl. ebd.,28.
41
s. ebd., 31.
42
s. ebd., 31.
43
ebd., 35.
- 36 -
Absolutismus' in einer Zeit hin, in der die englische und die niederländische
Bourgeoisie bereits im Besitz von erheblicher politischer Macht war und die
französische Bourgeoisie die unumschränkte Volkssouveränität forderte.44
Als Folge der wirtschaftlichen Expansion der 1860er Jahre gewann der Liberalismus
endlich, was ihm zuvor gefehlt hatte: Eine ihm gemäße wirtschaftlich-soziale
Grundlage.
Denn der liberale Idealismus war 1848 erschüttert worden. Kleinbürger, Bauern und
das kapitalistische Bürgertum zitterten vor dem aufkommenden Sozialismus und ließen
sich in eine nationalistische Haltung treiben.
Der durch die napoleonische Unterdrückung wachgerufene Nationalismus gebärdete
sich unliberal. Nach 1848 war dann bei großen Teilen des Bürgertums die Furcht vor
dem Proletariat wie gesagt größer als vor der Aristokratie.45
Simon wirft in dem Zusammenhang die Frage auf, warum weder der ,Obrigkeitsstaat'
noch der ,agrarische Feudalismus', die beiden Kräfte also, durch deren Fortbestand die
Entwicklung in Deutschland von derjenigen Westeuropas sich so verschieden gestaltete,
von den Reformern nicht überwunden worden sind.46 Da Staatskanzler Freiherr Karl
August von Hardenberg als Nachfolger des Reichsfreiherrn vom und zum Stein keine
Möglichkeiten der Volkssouveränität schuf, konnten die Reformer immer als ,Jakobiner'
angeprangert werden, die ausländische Ideen nach Preußen hineinschmuggeln wollten.
Der überkommene preußische Obrigkeitsstaat hatte die unheimliche Fähigkeit, liberale
Elemente so weit zu assimilieren, dass sie seine geschichtlich feudal-bürokratische und
absolutistische Struktur zwar belebten, diese aber niemals zu wandeln vermochten.
Die ,Dualisten' stellten den linken Flügel der National-Liberalen bis zur Trennung im
Jahr 1881 und danach den rechten Flügel der Freisinnigen. Diese Gruppe zwischen
Gemäßigten und Radikalen zog Männer wie Friedrich Naumann und Max Weber an.47
44
s. ebd., 37.
45
s. ebd., 50.
46
s. ebd., 46.
47
s. ebd.,39.
- 37 -
Der Konservatismus ab 1871 stellt die 3. Stufe dar: Die Neuorientierung des
Konservatismus erfolgte danach nur zögernd, denn beim Übergang vom Liberalismus
zum staatlich gesteuerten Oligopolkapitalismus wurde die neugewonnene Macht der
Geschichte gegen die Menschen gewendet: Nicht mehr die Konstruktion einer am
Glück aller Einzelnen orientierten Gesellschaft, sondern die immer totalere
Durchorganisation der Gesamtgesellschaft als eines funktionierenden Betriebes war der
moderne Lebensinhalt.48 Auf konservativer Seite wird die totale Funktionalisierung
meist nicht explizit als Kapitalismuskritik, sondern oft als Technikkritik behandelt.49
Somit
ergibt
sich
hinsichtlich
des
Konservatismus
ein
dreistufiges
Entwicklungsmodell: Auf den antiaufklärerischen folgt der antikapitalistische und
darauf der technokratische Konservatismus.
2. Die Verbindung Thomas Manns mit Max Weber über die drei reinen Typen der
Herrschaft und deren Quintessenz Bürokratie und Askese bzw. Leistungsethik
a) Umwertung
Moderne wird in dieser Zeit vor dem Ersten Weltkrieg assoziiert mit Gebrochenheit
und ,Parzellierung der Seele'.50 Alfred Weber hat seinen älteren Bruder als ,Romantiker'
bezeichnet. Doch Max Weber stand auf dem Boden der modernen ,entzauberten' Welt,
48
s. Kurzke, 27.
49
vgl. F. G. Jünger, Die Perfektion der Technik, Frankfurt a.M. 1946, 157.; s. dazu Kiesel, Helmut,
Wissenschaftliche Diagnose und dichterische Vision der Moderne. Max Weber und Ernst Jünger,
Heidelberg 1994.; Danach ist beiden der Exodusimpuls gemeinsam, der sie versuchen ließ, das ,stahlharte
Gehäuse' der ,entzauberten Welt' zu sprengen, nämlich durch eine Überbietung der Entzauberungsthese, s.
ebd., 70ff.; s. dazu auch Bolz, Norbert, Auszug aud der entzauberten Welt: Philosophischer Extremismus
zwischen den Weltkriegen, München 1991², 16.
50
Nietzsche, MAM, KSA II, 207 und Weber, SSP (Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und
Sozialpolitik), 414.
- 38 -
deren Unverbindlichkeit dem Menschen nichts übrig lässt, als den Rückhalt an seiner
eigenen Existenz. Weber konnte diesen Rationalisierungsprozess erst fassen, nachdem
er den religiösen Entzauberungsprozess entdeckt hatte. Weiterhin führt Weber aus, dass
das juristische dem magischen Denken entspringt.
So stellt Hennis fest, dass zur Erkenntnis Webers ,Lebensthemas' die frühere und
mittlere Schaffensperiode nicht ausgeschlossen werden dürfe, sondern im Gegenteil
hier, wo er die ersten wissenschaftlich reflektierten Lebenserfahrungen gemacht hat,
dürfte das gesuchte Thema auch zuerst in das Blickfeld geraten sein.51 So ist die
Forschung Webers bis 1910 als kulturwissenschaftlich zu bezeichnen. Die
,Kulturprobleme' des Menschen bleiben auch Gegenstand des Werkes, eben die
Probleme, die sich durch die ,Hineinstellung' des Menschen, als eines zu sozialem
Handeln fähigen Wesen, in gesellschaftliche Konstellationen ergeben, die den
Menschen formieren, in seinen Fähigkeiten entfaltend oder deformierendergreifen bis
hin zur möglichen ,Parzellierung der Seele'. Es ist letztendlich die Kulturproblematik
der Zeit, vor der man nach Webers ,Thema' suchen müsse. Webers Werk weist die
große Spannbreite ,neuer Themen' auf und sein Werk und seine Person zeigen die für
die Umbruchsituation der Jahrhundertwende charakteristischen Ambivalenzen. Max
Weber galt als die Verkörperung der ,Brechungen' seiner Zeit.52 Hugo von
Hofmannsthal sah in ihm eine epochale Gestalt, Symptom der ,gespaltenen Zeit': "der
deutsche geistige Mensch dieser nahen dunklen Epoche (…)"53 Das absolute
Pflichtethos, das Hofmannsthal an Weber wahrnahm, auf der einen Seite, Webers
Selbstbeschränkung auf die Fachwissenschaft auf der anderen Seite geraten in die Nähe
eines ,intellektuellen Pharisäertums' und einer ,konventionellen Ethik', sein Habitus des
Ertragens des Schicksals zur geistigen Selbstschädigung. Einen ähnlichen ambivalenten
Eindruck behielt Ricardas Huch von Webers Vortrag von "Politik als Beruf", den er
1919 in München hielt. Das Gefühl des Selbstzwanges, der Kompensation verlorener
51
s. Hennis, Wilhelm, Max Webers Fragestellung. Studien zur Biographie Webers, Tübingen 1987, 62ff.
52
s. Jaspers, Karl, Max Weber. Politiker – Forscher – Philosoph, München 1958, 71.
53
Hofmannsthal, Hugo von, Biographie, in: Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Prosa IV, Frankfurt
a.M. 1966, 361, zitiert nach Weiller, Edith, Max Weber und die literarische Moderne. Ambivalente
Begegnungen zweier Kulturen, Stuttgart - Weimar 1994, 27f.
- 39 -
Unmittelbarkeit, entstand bei ihr, das sie veranlasste, ihn mit einem Schauspieler zu
vergleichen.54 Weber selbst verstand sich als Bürger, der aber nie nachließ, die
Ohnmacht und Feigheit seiner eigenen Klasse anzuprangern, ihre Unsensibilität und
Hilflosigkeit gegenüber den sozialen Problemen der industrialisierten Gesellschaft, zu
deren Lösung sie lieber nach einem ,neuen Cäsaren' riefen als das eigene
Spießbürgertum aufzugeben.55 Weber und Mann sind sich der Umwertung aller Werte
durchaus bewusst, denn Nietzsche diente ihnen als Drehscheibe. Borchmeyer weist
darauf hin, dass Nietzsche das Wort ,Umwertung' in die Diskussion eingeführt habe.56
Max Weber sagt dazu:
"Die Redlichkeit eines heutigen Gelehrten und vor allem eines heutigen
Philosophen, kann man daran messen, wie er sich zu Nietzsche und Marx stellt.
Wer nicht zugibt, daß er gewichtige Teile seiner eigenen Arbeit nicht leisten
könnte ohne die Arbeit, die diese beiden getan haben, beschwindelt sich selbst
und andere. Die Welt, in der wir selbst geistig existieren, ist weitgehend eine von
Marx und Nietzsche geprägte Welt."57
Nietzsche als Drehscheibe und Vermittler zwischen Weberschen Positionen und
literarischen Ansätzen geht auch aus der hier zu besprechenden Stelle in Thomas Manns
"Betrachtungen"
hervor:
Thomas
Mann
begründet
diese
,Übereinstimmung'
dichterischer und wissenschaftlicher Erfahrung "durch ein höheres, das höchste geistige
Mittel, durch das Mittel ,Nietzsche'":
54
s. Huch, Ricarda, Brief an Marie Baum vom 2.10.1928, in: Briefe an die Freunde, hrsg. v. Marie Baum,
neu bearbeitet von Jens Jensen, Zürich 1988, 172f.
55
s. Weiller, Edith, Max Weber und die literarische Moderne. Ambivalente Begegnungen zweier
Kulturen, Stuttgart – Weimar 1994, 169 mit Bezug auf Weber, PS 24, 64.
56
Borchmeyer, D., Fontane, Thomas Mann und das ,Dreigestirn' Schopenhauer – Wagner – Nietzsche,
217-248, in: Theodor Fontane und Thomas Mann. Die Vorträge des int. Kolloquiums in Lübeck 1997,
hrsg. v. Heftrich, E. u.a., Frankfurt a.M. 1998, Thomas-Mann-Studien, XVIII, 220.; Webers Bezug zu
Nietzsche ergibt sich aus zahlreichen Stellen, Bsp. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie.
Einleitung. Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen (1920), in: Schriften, 573-608.; auf Nietzsche im
Zusammenhang mit Thomas Mann wird später noch genauer eingegangen.
57
s. Baumgarten, Eduard, Max Weber. Werk und Person, Tübingen 1964, 554f.
- 40 -
"Was ich aber als neu hinzufügen möchte, ist die Vermutung, welche einer
Gewißheit gleichkommt, daß unsere Übereinstimmung über die psychologische
Reihe ,Kalvinismus, Bürgerlichkeit, Heldentum' durch ein höheres, das höchste
geistige Mittel besteht: durch das Mittel Nietzsche;"58
Nietzsche war für diese Generation die zentrale Figur der Kritik an satter
Bequemlichkeit des Bürgertums eines altgewordenen Europas. Dagegen stand das noch
gar nicht satte voluntaristische Amerika. 59
b) Die Protestantismusthese Max Webers
In Bezug auf die ethische Problematik treffen sich gerade hier die Vorstellungen
Thomas Manns und Max Webers, denn bürgerliches Selbstverständnis und asketische
Persönlichkeitsformung gehören für Max Weber und Thomas Mann unabdingbar
zusammen. Bei Harvey Goldman heißt es dazu: "The ,Occidental self' of Weber's work
and the artist's calling of Mann's are devices of self-transformation with enormous
ramifications, both historical and personal."60 Und an anderer Stelle heißt es: "For both
Weber and Mann it is not work simply understood that is at issue: it is work as a form of
selfless service (Dienst) and submission or devotion (Hingabe) to a higher ideal, goal or
object."61
Wenn Thomas Mann wie gesagt in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" für
sich in Anspruch nahm, mit der Figur des Leistungsethikers ,Thomas Buddenbrook'
Webers Behauptung der Entstehung der modern-kapitalistischen Erwerbsmenschen mit
seiner asketischen Berufspflicht aus dem Puritanismus antizipiert zu haben, so stellt
sichaus dieser parallelen Thematisierung die Frage nach der Bedeutung von Askese
und Beruf in zeitsymptomatischer Hinsicht neu.
58
Thomas Mann, Ges. Werke, 145; ders., Betrachtungen eines Unpolitischen, 162f.
59
vgl. Hennis, 233ff.
60
Goldman, Harvey, Max Weber and Thomas Mann .Calling and the Shaping of the Self, Berkeley – Los
Angeles – London 1988, 210.
61
Goldman, 14.
- 41 -
Hier sieht Goldman die zwei vergleichbaren Konzeptionen von ,Berufung' und
Persönlichkeit bei Weber und Mann verwirklicht:
Bei Weber haben wir es demnach mit einer ,Aristokratie des Geistes' zu tun, während
Mann den bürgerlichen Künstler ins Leben gerufen hat.62
Weber habe die Reformation ganz bewusst ins Zentrum seiner Betrachtungen
gestellt, um die sich die westliche Kultur herum gebildet habe. Der asketische
Protestantismus ist danach die Seele des Kapitalismus und des Berufsmenschen.
"With the Reformation, however, there were profound changes that began when
Luther separated the notion of vocation from the humanist ethic by arguing that
both the ,temporal calling' and the religious call were from God."63
Der rationale, an Marktchancen orientierte Kapitalismus wäre danach beim
Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit entstanden, als den Städten im 17. und 18. Jhd.
die Militär-, Gerichts- und Gewerbehoheit entzogen worden sei. So sei auch der
Puritanismus entstanden.64 Goldman drückt dies folgendermaßen aus: "Weber was
convinced that the Reformation had brought, as part of its contribution to Western
culture, a new organization of the self and person – the ,personality'."
Bei Mann hingegen steht der Künstler im Mittelpunkt der Betrachtung unter der
Berücksichtigung seiner Einbindung in die Gesellschaft: "Mann was also fascinated
with wrong turns, with the deadends and problematical resolutions of the dilemma of
artistic existence in bourgeois society."65
Umso verwunderlicher und faszinierender ist es, dass beide, von unterschiedlichen
Maximen ausgehend, zu vergleichbaren Ergebnissen kommen.
Thomas Mann greift explizit auf Webers Protestantismusthese zurück, wenn er
behauptet, diese, derzufolge puritanisch-asketisches Ethos und kapitalistische
62
s. Goldman, 16.
63
Goldman, 36. Auf den entscheidenden Unterschied zwischen Calvinismus und Luthertum muss an
anderer Stelle ausführlicher eingegangen werden.
64
s. Goldman, 43f.
65
Goldman, 111, gilt auch für das vorausgegangene Zitat.
- 42 -
Gesinnung ihren seelischen Antrieben nach eng verbunden sind, in seinem frühen
Roman vorweggenommen zu haben:
"Max Weber in Heidelberg und nach ihm Ernst Troeltsch haben über die
,protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus' gehandelt, und auf die
Spitze getrieben findet sich der Gedanke in Werner Sombarts 1913 erschienenem
Werke ,Der Bourgeois', - welches den kapitalistischen Unternehmer als Synthese
des Helden, Händlers und Bürgers deutet. Daß er in hohem Grade recht hatte, geht
aus der Tatsache hervor, daß ich seine Lehre zwölf Jahre, bevor er sie aufstellte,
als Romanschriftsteller gestaltet hatte: gesetzt nämlich, daß die Figur des Thomas
Buddenbrook, die vorweggenommene Verkörperung seiner Hypothese, ohne
Einfluß auf Sombarts Denken gewesen ist."66
In seinem Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus"67 von
1904 führt Weber aus, dass die Mehrzahl der reichen Städte sich im 16. Jahrhundert
dem Protestantismus zuwandte, dies komme dem Protestantismus noch heute im Kampf
ums Dasein zugute.68 Der Calvinismus erfasste dabei vor allem bürgerliche Schichten.
Schon die Art und Weise der Erziehung unterschied sich Max Webers Meinung nach in
beiden Konfessionen, die Protestanten hätten im Unterschied zu den Katholiken eher
technische Berufe ergriffen. Zudem würden die Protestanten zum ökonomischen
Rationalismus neigen. Den Grund dafür sieht er in der angeblich größeren
Weltfremdheit der Katholiken. Im 26. Abschnitt grenzt er Luthertum, Quäker,
Mennoniten, Pietisten, Calvinisten, Protestanten und Katholiken voneinander ab.
Im zweiten Kapitel, das mit ,Geist des Kapitals' übertitelt ist, führt er als Vorbild für
seine Theorie Benjamin Franklin an, der für ihn den Prototyp des kreditwürdigen
Ehrenmannes darstellt, der sich zur Mehrung des Kapitals verpflichtet fühlt.69 Jedoch
zieht er dort eine Grenze, wo der Erwerb eine Eigendynamik entwickelt: Der Erwerb sei
für den Menschen da, nicht umgekehrt.70 Werner Sombart führt diesen Bereich noch
genauer aus, indem er zwischen Bedarfsdeckung und Erwerb unterscheidet. Die
66
Thomas Mann, Gesammelte Werke. Bd. XII, 145.
67
s. Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Max Weber, Schriften
1894-1922, hrsg. v. Kaesler, D., Stuttgart 2002, 150-226.
68
s. ebd., 1. Kap., Abs. 19, 151.
69
s. ebd., 33.
70
s. ebd., 33.
- 43 -
Schichten des gewerblichen Mittelstandes sind also die Träger des Geistes des
Kapitalismus nach Max Webers Meinung.71 Des Weiteren führt er als Exempel das
Leben eines Verlegers an, bei dem Traditionalismus harter Nüchternheit wich, wobei
dieser Wechsel nicht friedlich verläuft72: Wut und Hass werden erzeugt, moralische
Entrüstung entsteht.
Voraussetzung des Wechsels ist ein, so Max Weber, ,ungewöhnlich fester Charakter
des Unternehmers'.73 Er bezeichnet einen solchen als ,Dichter unter den Kaufleuten'.74
Auch Benjamin Franklin trägt, wie viele literarische Gestalten Thomas Manns, das
Gesicht der Askese, denn er hat nichts von seinem Reichtum außer Berufserfüllung.
Dies unterscheidet den Kapitalismus vom Präkapitalismus. Sombart spricht in diesem
Zusammenhang
vom
ökonomischen
Rationalismus,
der
auch
die
Technik
miteinschließe.75
Es besteht also nach Weber eine Goethesche ,Wahlverwandschaft' zwischen
religiösem Glauben und Berufsethik, wobei er auf die Unterschiede zwischen
puritanischer Berufsidee und Luthertum hinweist.76 Er unterlegt seine Theorie mit
alttestamentlichen Motiven, der Ablehnung der Kunst, Feudalisierung der englischen
merkantilischen Schriftsteller und führt den Reichtum der Methodisten an.77 Sein Fazit
lautet ähnlich wie das ,Naphtas' im "Zauberberg": Es muss ein Ausgleich zwischen
Materie und Spirituellem stattfinden.
71
s. ebd., 94.
72
s. ebd., 51ff.; Dieser besitzt starke Ähnlichkeit mit ,Thomas Buddenbrook' aus Thomas Manns
gleichnamigem Roman. Dass Weber den Roman gekannt hat, ist erwiesen. Äquivalent dazu weist auch
Thomas Mann seinerseits darauf hin, dass er Webers Aufsatz gekannt habe; s. Thomas Mann,
"Betrachtungen eines Unpolitischen", 162ff.
73
ebd., 54.
74
ebd., 54.; Auf die unterschiedlichen Bedeutungen von Dekadenz bei Mann und Weber wird noch
eingegangen.
75
s. ebd, 55ff.
76
s. ebd., 175. Darauf wird noch genauer einzugehen sein.
77
s. ebd.,55.
- 44 -
Werner Sombart führt in seiner Schrift "Der moderne Kapitalismus" dazu aus, dass
die religiöse Ordnung auf drei Ebenen entstehe. Er geht auf der ersten Ebene von den
sozio-ökonomischen Strukturen aus, die dann auf der zweiten Ebene beim Individuum
eine ,innerweltliche Askese' hervorrufen würden und soziale Gruppen schaffen würden.
Auf der dritten Ebene entstünde schließlich der ,Geist des Kapitalismus'.78 Weber selbst
unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen einer innerweltlichen und einer
weltflüchtigen Askese. In seinem Aufsatz "Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen"
führt er aus, dass sich besonders die Erlöserreligionen nicht an die Glücklichen,
Besitzenden und Herrschenden richten würden, sondern an die Bedrückten. Es bestünde
also eine rationale Theodizée des Unglücks. Die polaren Begriffe Askese und Mystik
führen ihn zur Typologie der Weltablehnung: Er unterscheidet demnach zwischen einer
innerweltlichen
und
einer
weltflüchtigen
Askese
und
einer
weltflüchtigen
Kontemplation und einer innerweltlichen Mystik. Die innerweltliche Askese bildet
dabei die Norm bürgerlicher Existenz.79
Eine innerweltliche Askese fordert auch das ,Konzept Ma`at', allerdings im
altägyptischen Kontext. Da sich Max Weber und Thomas Mann über Ältägypten wie
gesagt kulturanthropologisch im Verlauf ihres Schaffens immer weiter annähern, sei es
berechtigt, Jan Assmanns Ausführungen zu ,Das Herz und den inneren Menschen' hier
anzuführen:
"Wie der Mensch nicht mehr in einer einzigen Welt lebt, in der er auch nach dem
Tode fortzudauern sucht, sondern von einer anderen Welt weiß und sich auf den
Übergang vorbereitet, so lebt er auch nicht mehr ausschließlich im ,Außen' seiner
sozialen Einbindung als ein Baustein im Staatsgefüge und ein Instrument des
königlichen Willens. Vielmehr entsteht jetzt ein neues Bild vom Menschen, in
dem sich ,Außen' und ,Innen' die Waage halten. Der ,Außenstabilisierung' des
Individuums durch seine Einbindung in das Gesellschaftsgefüge mit dem König
als Zentrum steht nun eine ,Innenstabilisierung' durch das Herz gegenüber, das als
78
s. Werner Sombart, "Der moderne Kapitalismus, Konfessionen und soziale Schichtung. Eine Studie
über die wirtschaftliche Lage von Katholiken und Protestanten in Baden", Band IV, Heft 5 der
Volkswirtschaftlichen Abhandlungen der Badischen Hochschulen, Tübingen - Leipzig 1901.
79
s. Weber, Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen (1920), in: Kaesler, 6ff.; Auf die Feinheiten
diesbezüglich soll in Kapitel III genauer eingegangen werden.
- 45 -
Sitz von Wollen, Denken und Fühlen die Führung übernimmt und den Menschen
,anleitet' zum Tun des Guten und zum Dienst in der Beamtenlaufbahn. Nicht der
König, sondern das eigene Herz gilt jetzt als die Triebfeder menschlichen
Handelns."80
"Die Ausweitung des Ma`at-Konzepts nach dem Alten Reich geschieht also in
zwei Richtungen: nach ,außen', in ein Jenseits, in dem der Tote nicht ,fortdauert',
sondern in göttliche Form verwandelt unsterblich ist, und in einen inneren
Bewußtseinsraum, in dem der Mensch sich seiner Individualität bewußt wird und
,von innen' gesteuert weiß. In ihrer doppelten Ausrichtung nimmt diese
Ausweitung die typische Form jener ,Durchbrüche' vorweg, wie sie die Theorie
der Achsenzeit für bestimmte Gesellschaften des 1. Jahrtausends v. Chr.
beschreibt. Es scheint sich um eine typische Struktur zu handeln: Die Sphären des
,Jenseits' und der ,Seele', in denen sich nun die ägyptische Welt in zwei
verschiedene Richtungen ins Unsichtbare und Imaginäre ausweitet, bedingen sich
gegenseitig."81
So heißt es an anderer Stelle:
"Im Begriff der Ma`at liegt ungeschieden beieinander, was später in Staats-,
Moral-, Naturphilosophie und Theologie auseinandertreten wird. Die ägyptische
Ma`at-Lehre bezieht sich auf den Ort des Individuums in der Gesellschaft, den Ort
der Gesellschaft im pharaonischen Staat und den Ort des Staates im Kosmos. (...)
Die Ma`at-Lehre ist eine ,Religion', aber eine heidnische, sie ist weltbezogen,
innerweltlich und umfassend; als In- und Oberbegriff aller Normen,
Verpflichtungen und Axiome, die das menschliche Leben in den sozialen und
politischen Ordnungen des Zusammenlebens steuern, deckt sie sich mit dem, was
auch ,Kultur' genannt werden könnte, sie ist eine ,symbolische Sinnwelt', die alles
Handeln und alle Ordnungen und Institutionen fundiert."82
"Der ,Wille' (ägyptisch: das Herz) ist das Entscheidende: Ihn gilt es zu bändigen
und zu sozialisieren, genau im Sinne jener Unterordnung des Eigenwillens unter
den Gemeinwillen, die S. Freud als das Grundprinzip der Kultur herausgearbeitet
hat."83
80
Assmann, Ma`at, 119. Dies findet im Mittleren Reich statt.
81
ebd., 121.
82
ebd., 18; vgl. hier auch den Begriff der Weltordnung als ,gelingender Prozeß' und die ,zyklischen
Abläufe' des ägyptischen Weltbildes, 174, 177.
83
Assmann, Ma`at, 89. Der ,Wille' ist also auch in einem anderen Zusammenhang von Bedeutung.
- 46 -
Dies soll im Zusammenhang mit dem Begriff des Neurotikers in Freuds "Totem und
Tabu" im Folgenden näher erläutert werden. Mit der protestantischen Ethik verbindet
die ,Ma`at' in diesem Zusammenhang die vertikale Solidarität, wie im Vorwort bereits
angedeutet wurde. Man beachte in beiden Fällen die konstruierte Kreuzform.
"Wenn wir mit Max Weber Macht als die Chance definieren, ,innerhalb einer
sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen',
und Herrschaft als ,die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei
angebbaren Personen Gehorsam zu finden'84, dann können wir feststellen, daß der
ägyptische Staatsgedanke darauf abzielt, die gesellschaftlich amorphe Macht
durch die politisch geformte, im König verkörperte Herrschaft zu bändigen und
aufzuheben. Das ist nichts spezifisch Ägyptisches. Ägypten teilt mit dem ganzen
Vorderen Orient und mit der indischen Überlieferung die Auffassung, daß Staat
und Recht um der Armen und Schwachen willen da sind und daß es die Aufgabe
des Herrschers ist, den Schwachen vor der Unterdrückung und Ausbeutung durch
den Starken zu schützen. Herrschaft ist also, nach orientalischer Auffassung,
gerade nicht die durch die Institutionen politischer Organisation nur noch
verstärkte, d.h. legitimierte und implementierte Gewalt der Starken über die
Schwachen, sondern ganz im Gegenteil ein Gegenprinzip, ein Drittes gegenüber
Herr und Knecht, dazu bestimmt, den Menschen von der Dynamik dieser
Dialektik zu befreien."85
"Wenn Gott, wie es gerade die neueste christliche Theologie auf protestantischer
wie katholischer Seite betont, ,auf der Seite der Armen steht', dann steht solche
Parteinahme in der Tradition der vertikalen Solidarität, die das Kernstück des
frühen Staatsgedankens bildet."86
Im Folgenden soll daher in Bezug auf Max Weber und Thomas Mann auf diese
Aspekte genauer eingegangen werden.
84
Wirtschaft und Gesellschaft, § 16, zitiert nach Assmann, 245.
85
Assmann, 245.
86
ebd., 247; Diese Aspekte spielen vor allem bei der Konstruktion des ,Joseph' bei Thomas Mann eine
Rolle. Dieser erfüllt durch sein vorbildliches Verhalten sowohl die horizontale wie die vertikale
Solidarität im Sinne einer innerweltlichen Askese. Seine Herrschaft ist in diesem Sinne ,legitim'. Darauf
wird im IX. Kapitel genauer einzugehen sein. Darin kann er als genaues Gegenteil ,Thomas
Buddenbrooks' angesehen werden, bei dem beide Aspekte durch Dekadenz gekennzeichnet sind.
- 47 -
c) Max Webers Charismalehre - Die drei Herrschaftstypen Max Webers
Webers Charismalehre wurde weitgehend von Nietzsches Verständnis des
Cäsarismus bestimmt.87 Für Politik und Kunst der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war
sie von großer Bedeutung.
Nach Webers Meinung kann einer Ordnung demnach aus folgenden Gründen
Legitimität zugesprochen werden:
Aus traditionellen Gründen, das heißt, eine Herrschaft ist legitim, da sie es immer
gewesen ist, aus rationalen oder aus charismatischen Gründen.
Die Voraussetzungen für alle drei Arten sind folgende: Ein affektueller, besonders
emotionaler Glaube, aufgrund ein wertrationaler Glaube oder eine Satzung, an deren
Legitimität geglaubt wird. Zweckorientierte, wertorientierte, traditionelle, affektuelle
Handlungsformen gehen in drei Herrschaftsformen über.88 In jeder dieser legitimierten
Ordnungen konstituiert sich eine Herrschaft. Diese ist nach Weber Teil eines
dreipoligen Begriffssystems neben Macht und Disziplin:
"Disziplin soll heißen die Chance, kraft eingeübter Einstellung für einen Befehl
prompten, automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren
Vielheit von Menschen zu finden."89
87
Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 176.; ursprünglich bedeutet der griechische Begriff auch bei Weber
,Gnadengabe':
"Hatte er (Weber) den Kern der Religion in der ,Protestantischen Ethik' zunächst als Überwindung der
verdorbenen menschlichen Natur durch asketische Lebensmethodik aufgefaßt, hat sich bei ihm in den
Jahren darauf eine andere Vorstellung entwickelt: dass Sinn und Seele der Religion in der ,Erlösung'
bestünden und diese ein leiblich-seelischer Vorgang sei."; s. dazu Radkau, S. 539ff. "Obwohl die
charismatische Herrschaft in ,Wirtschaft und Gesellschaft' äußerlich hinter der rationalen und der
traditionalen Herrschaft rangiert, ist sie in Wahrheit Ursprung und Ziel der Gedanken Webers über
Herrschaftssysteme.", ebd., 600f.
88
vgl. Richter, Rudolf, Soziologische Paradigmen, Wien 1997, 135ff.
89
Weber, WG § 16 Kap. I, Bd. 1, 28. Die Weberschen Definitionen von Macht und Herrschaft finden sich
bereits bei Assmann zitiert, s.v. S. 47, Anm. 85.
- 48 -
Aus den beiden Begriffen der Legitimität und dem der Herrschaft leitet Weber ,drei
reine Typen legitimer Herrschaft' ab, nämlich die rationale, die traditionale und die
charismatische.
Voraussetzung für alle drei Herrschaftstypen ist dabei der Legitimitätsglaube der
Regierten auf der einen, der Legitimitätsanspruch der Regierenden auf der anderen
Seite.90 Weber betont allerdings, dass der Glaube an eine Herrschaft niemals
vollkommen ist.91
ca) Die rationale Herrschaft
Die rationale Herrschaft beruht "auf dem Glauben an die Legalität gesetzter
Ordnungen und des Anweisungsrechts der durch sie zur Ausübung der Herrschaft
Berufenen", im Gegensatz dazu beruht die traditionale "auf dem Alltagsglauben an die
Heiligkeit von jeher geltender Traditionen und die Legitimität der durch sie zur
Autorität Berufenen", die charismatische "auf der außeralltäglichen Hingabe an die
Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie
offenbarten oder geschaffenen Ordnungen."92
"Mit dem Siege des formalistischen juristischen Rationalismus trat im Okzident
neben die überkommenen Typen der Herrschaften der legale Typus der
Herrschaft, dessen nicht einzige, aber reinste Spielart die bureaukratische
Herrschaft war und ist. Das Verhältnis des modernen Staats- und
Kommunalbeamten, der modernen katholischen Priester und Kapläne, der
Beamten und Angestellten der modernen Banken und kapitalistischen
Großbetriebe stellt, wie schon erwähnt, den wichtigsten Typus dieser
Herrschaftsstruktur dar."93
90
s. Weber, WG,122.
91
s. ebd., § 13, Kap. III, 153.
92
s. Weber, WG, § 2, Kap. III, Bd. 1, 124.
93
Weber, Die protestantische Ethik, Religionsoziologie Bd. 1, 269. Um das Wechselverhältnis und die
gleitenden Übergänge zwischen Großgrundbesitz und Großbetrieb, so wie sie sich Weber darstellen, wird
im folgenden Kapitel einzugehen sein. Dort steht der Begriff des ,patrizischen oikos' als Gemeinsamkeit
zwischen Max Weber und Thomas Mann im Mittelpunkt der Betrachtung.
- 49 -
cb) Die traditionale Herrschaft
Der zweite von Max Weber beschriebene Herrschaftstypus ist der der traditionalen
Herrschaft. Den Begriff der Tradition verwendet Weber schon im ersten Kapitel über
soziologische Grundbegriffe: Hier bezeichnet er die Regelmäßigkeiten des sozialen
Handelns als Bräuche, Bräuche mit langer Tradition als Sitten.94 Er führt zur
Charakterisierung traditionaler Herrschaften Unterschiede zu den beiden anderen
Herrschaftstypen auf: Vom charismatischen Typus grenzen sie sich demnach durch
ihren Alltagscharakter ab, von dem rationalen durch die Absolutheit ihrer zentralen
Normen.95
"Es soll im nachfolgenden: ,Traditionalismus' die seelische Eingestelltheit auf und
der Glaube an das alltäglich Gewohnte als unverbrüchliche Norm für das Handeln
heißen, und daher ein Herrschaftsverhältnis, welches auf dieser Unterlage, also:
auf der Pietät gegen das (wirklich oder angeblich oder vermeintlich) immer
Gewesene ruht, als ,traditionalistische Autorität' bezeichnet werden."96
Als
wichtigste
Form
der
traditionalistischen
Autorität
sieht
Weber
den
Patriarchalismus an, den er beim Vorhandensein politisch-staatlicher Strukturen
Patrimonialismus nennt. Begriffe dieser Herrschaftswelt sind ,Herr, Untertan oder
Diener'. Gehorsam wird aus Pietätsgründen geleistet. Im Verwaltungsstab der
patriarchalen Herrschaft sitzen persönlich Abhängige, Verwandte, Freunde und durch
persönliches Treueband Verbundene. Der Verwaltungsstab ist zu persönlicher
Dienertreue verpflichtet. Die reinste Form der patriarchalen Verwaltung besteht nach
Weber
aus
Sklaven,
Günstlingen,
Eunuchen,
Plebeyern
und
Hörigen.
Die
Herrscherwillkür ist bei der sultanischen Herrschaft und der ständischen Herrschaft am
höchsten.97 Zudem existiert ein Nebeneinander von traditionsgebundener und freier
94
s. Weber, Grundriß der Sozialökonomik, § 4 Kap. 1, Bd. 1, 14f.
95
vgl. Breuer, S., Max Webers Herrschaftssoziologie, Frankfurt a.M. – New York 1991, 74.
96
Weber, Die protestantische Ethik, Religionssoziologie, 269.
97
s. Weber, Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft, 723.
- 50 -
Sphäre, zum Beispiel im Feudalismus.98 Honigsheim nennt diesen als Beispiel für ein
auf Überlieferung beruhendes Herrschaftssystem, den Weber gesondert bespricht.99 (So
sollte auch die Ordnung nach dem Kriege Webers Meinung nach Elemente der
Monarchie und der parlamentarischen Demokratie in sich vereinen.100) Der Nachteil
einer traditionalistischen Herrschaft liegt nach Weber darin, dass sie die Kontrolle ihres
Verwaltungsstabes nur unzureichend gewährleisten kann und daher entweder eine rein
feudale oder eine rein patrimoniale Organisation schafft.101
cc) Die charismatische Herrschaft
Die charismatische Herrschaft beruht, wie schon erwähnt, auf dem Charisma des
Herrschenden:
",Charisma' soll eine als außeralltäglich (ursprünglich, sowohl bei Propheten wie
bei therapeutischen wie bei Rechts-Weisen wie bei Jagdführern wie bei
Kriegshelden: als magisch bedingt) geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen,
um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder
mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen
Kräften oder Eigenschaften oder als gottgesendet oder als vorbildlich und deshalb
als ,Führer' gewertet wird.(...)"102
"Es soll bei den nachfolgenden Erörterungen unter dem Ausdruck: ,Charisma' eine
(ganz einerlei: ob wirkliche oder angebliche oder vermeintliche) außeralltägliche
Qualität eines Menschen verstanden werden. Unter ,charismatischer Autorität'
also eine (sei es mehr äußerliche oder mehr innerliche) Herrschaft über Menschen,
98
s. Weber, 726; Der Feudalismus spielt vor allem in der ägyptischen Welt der Josephromane eine Rolle,
aber auch die Welt der "Buddenbrooks" ist traditionalistisch geprägt, s. dazu Kapitel III und VIIIff.
99
vgl. Honigsheim, Paul, On Max Weber, New York - London 1968, 558.
100
vgl. Weiller, E., 163ff.
101
vgl. Breuer, 209; Die feudalen Strukturen behandelt Max Weber vor allem in Grundriß der
Sozialökonomik, 4. Abschnitt Kap. IX, Bd. 2, 625-53, das den Titel „Feudalismus, Ständestaat und
Patrimonialismus“ trägt.
102
ebd., § 10 Kap. III, Bd. 1, 140. Als reinste Formen bezeichnet er die Herrschaft des Kriegshelden, des
Demagogen, des Propheten, Max Weber, Schriften 1922, Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft,
717-735.
- 51 -
welcher sich die Beherrschten kraft des Glaubens an diese Qualität dieser
bestimmten Person fügen. Der magische Zauberer, der Prophet, der Führer auf
Jagd- und Beutezügen, der Kriegshäuptling, der sog. ,cäsaristische' Herrscher,
unter Umständen das persönliche Parteihaupt, sind gegenüber seinen Jüngern,
seiner Gefolgschaft, der von ihm geworbenen Truppe, der Partei, usw. solche
Herrschertypen."103
"Wir wollen hier unter einem ,Propheten' verstehen einen rein persönlichen
Charismaträger, der kraft seiner Mission eine religiöse Lehre oder einen
göttlichen Befehl verkündet. Wir wollen dabei hier keinen grundsätzlichen
Unterschied darnach machen: ob der Prophet eine (wirklich oder vermeintlich)
alte Offenbarung neu verkündet oder füglich neue Offenbarungen zu bringen
beansprucht, ob er also als ,Religionserneuerer' oder als ,Religionsstifter' auftritt.
(...) Entscheidend ist für uns die persönliche Berufung".104
"Vom Zauberer unterscheidet er sich dadurch, daß er inhaltliche Offenbarungen
verkündet, der Inhalt seiner Mission nicht in Magie, sondern in Lehre und Gebot
besteht."105
"Die Christenheit des apostolischen und nachapostolischen Zeitalters kennt den
wandernden Propheten als eine reguläre Erscheinung. Immer wird dabei der
Beweis des Besitzes der spezifischen Gaben des Geistes, bestimmter magischer
oder ekstatischer Fähigkeiten verlangt. (...) Der typische Prophet propagiert die
,Idee' um ihrer selbst willen, nicht – wenigstens nicht erkennbar und in geregelter
Form – um Entgelts willen. Die Unentgeltlichkeit der prophetischen Propaganda,
z.B. der ausdrücklich festgehaltene Grundsatz: daß der Apostel, Prophet, Lehrer
des alten Christentums kein Gewerbe aus seiner Verkündigung mache, nur kurze
Zeit die Gastfreundschaft seiner Getreuen in Anspruch nehmen, entweder von
seiner Hände Arbeit oder (wie der Buddhist) von dem ohne ausdrückliche Bitte
Gegebenen leben muß, wird in den Episteln des Paulus (und, jener anderen
Wendung, in der buddhistischen Mönchsregel) immer erneut mit größtem
Nachdruck betont (,wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen' gilt den Missionaren)
und ist natürlich auch eines der Hauptgeheimnisse des Propagandaerfolgs der
Prophetie selbst. - Die Zeit der älteren israelischen Prophetie, etwa des Elia, ist in
ganz Vorderasien und auch in Hellas eine Epoche stark prophetischer Propaganda
gewesen. Vielleicht in Anschluß an die Neubildung der großen Weltreiche in
Asien und der nach längerer Unterbrechung wieder zunehmenden Intensität des
internationalen Verkehrs beginnt, namentlich in Vorderasien, die Prophetie in
allen ihren Formen. Griechenland ist damals der Invasion des thrakischen
103
Weber, Die protestantische Ethik, Bd. 1, 1963, 268f.
104
ders., Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 1, 250.
105
ebd., 251; Diese Unterscheidung ist im Hinblick auf den Begriff des ,Überständigen' in den
Josephromanen von Bedeutung, s. Kap. VIIIff.
- 52 -
Dionysoskultes ebenso wie der allerverschiedensten Prophetien ausgesetzt
gewesen."106
"Dann bleiben noch zwei Typen von Prophetentum in unserem Sinn, deren einer
am klarsten durch Buddha, deren anderer besonders klar durch Zarathustra und
Muhammed repräsentiert wird. Entweder ist nämlich der Prophet, wie in den
letzten Fällen, ein im Auftrag eines Gottes diesen und seinen Willen – sei dies ein
konkreter Befehl oder eine abstrakte Norm – verkündendes Werkzeug, der kraft
Auftrags Gehorsam als ethische Pflicht fordert (ethische Prophetie). Oder er ist
ein exemplarischer Mensch, der anderen an seinem eigenen Beispiel den Weg
zum religiösen Heil zeigt, wie Buddha, dessen Predigt weder von einem
göttlichen Auftrag, noch von einer ethischen Gehorsamspflicht etwas weiß,
sondern sich an das eigene Interesse der Heilsbedürftigen wendet, den gleichen
Weg wie er selbst zu betreten (exemplarische Prophetie)."107
Charisma entsteht durch ,Heldentum, Macht der Rede, des Geistes, Offenbarungen
oder magische Fähigkeiten', heißt es an anderer Stelle. Honigsheim weist darauf hin,
dass der charismatische Führer sich dabei selbst aufgrund besonderer Eigenschaften als
Herrscher proklamiert und dann erst eine Anhängerschaft findet.108 Seine Anhänger
werden als ,Jünger' bezeichnet. Der Verwaltungsstab wird ausgelesen nach persönlicher
Hingabe und ebenfalls Charisma, nicht nach Stand wie bei der traditionalen Herrschaft
oder nach Fachqualifikation wie bei den Beamten.109 Voraussetzung einer solchen
Herrschaft ist nach Weber ein magisches oder religiöses Weltbild.110 Weber bezeichnet
das Charisma als große revolutionäre Macht, die insbesondere traditional gebundene
Herrschaftssysteme zum Einstürzen bringen kann, worauf später noch genauer
eingegangen werden soll. Den Umformungscharakter hat es dabei mit der ,ratio'
gemeinsam, doch diese führt nach Weber eine Veränderung von außen herbei, während
die charismatische Herrschaft von innen her wirke.111 Ein weiteres Identitätsmerkmal
106
ebd., 251.
107
ebd., 255.
108
s. Honigsheim, P., 557f.
109
s. ebd., 557f.
110
s. Breuer, 20.
111
s.Weber, Grundriß der Sozialökonomik § 19 Kap. III, Bd. 1, 142.
- 53 -
des Charismas ist nach Webers Meinung seine Wirtschaftsfremdheit, die aus seiner
Außeralltäglichkeit resultiere.112
"Die charismatische Herrschaft ist in allen Dingen, und so auch in ihrer
ökonomischen Substruktion, das gerade Gegenteil der bürokratischen. Ist diese an
stetigen Einnahmen, daher wenigstens a potiori an Geldwirtschaft und
Geldsteuern gewiesen, so lebt das Charisma in und doch nicht von dieser Welt.
Das will richtig verstanden sein. Nicht selten zwar perhorresziert es ganz bewußt
den Geldbesitz und die Geldeinnahme als solche, wie der heilige Franz und viele
seinesgleichen. Allein natürlich nicht als Regel. Auch ein genialer Seeräuber kann
ja eine ,charismatische' Herrschaft im hier gemeinten wertfreien Sinn üben und
die charismatischen politischen Helden suchen Beute und darunter vor allem
gerade: Gold. Immer aber – das ist das Entscheidende – lehnt das Charisma den
planvollen rationalen Geldgewinn, überhaupt alles rationale Wirtschaften, als
würdelos ab. Darin liegt sein schroffer Gegensatz auch gegen alle ,patriarchale'
Struktur, welche auf der geordneten Basis des ,Haushalts' ruht. (...) Das ,reine'
Charisma ist im Gegensatz gegen alle (in dem hier gebrauchten Sinn des Worts)
,patriarchale' Herrschaft – der Gegensatz aller geordneten Wirtschaft: es ist eine,
ja geradezu die Macht der Unwirtschaftlichkeit, auch und gerade dann, wenn es
auf Güterbesitz ausgeht, wie der charismatische Kriegsheld. Es kann dies, weil es,
seinem Wesen nach, kein stetiges ,institutionelles' Gebilde ist, sondern, wo es in
seinem ,reinen Typus' sich auswirkt, das gerade Gegenteil. Die Träger des
Charisma: der Herr wie die Jünger und Gefolgsleute, müssen, um ihrer Sendung
genügen zu können, außerhalb der Bande dieser Welt stehen, außerhalb der
Alltagsberufe ebenso wie außerhalb der alltäglichen Familienpflichten. Der
Ausschluss der Annahme kirchlicher Ämter durch das Ordensstatut der Jesuiten,
die Besitzverbote für die Mitglieder der Orden oder auch – nach der
ursprünglichen Regel des Franziskus – für den Orden selbst, das Zölibat des
Priesters und Ordensritters, die faktische Ehelosigkeit zahlreicher Träger eines
prophetischen oder künstlerischen Charisma sind alle der Ausdruck der
unvermeidlichen ,Weltabgewendetheit' derjenigen, welche Teil (...) haben am
Charisma."113
"Es gibt keine ,Amtssprengel' und ,Kompetenzen', aber auch keine Appropriation
von Amtsgewalten durch ,Privileg'. Sondern nur (möglicherweise) örtliche oder
sachliche Grenzen des Charisma und der ,Sendung'. Es gibt keinen ,Gehalt' und
keine ,Pfründe'. Sondern die Jünger oder Gefolgen leben (primär) mit dem Herren
in Liebes- bzw. Kameradschaftskommunismus aus den mäzenatisch beschafften
Mitteln."114
112
s. ebd., 142ff.; Inwieweit diese Charakteristika auf Manns ,Joseph' zutreffen, wird in Kapitel IX zu
zeigen sein.
113
ebd., Bd. 2, 754f.
114
ebd., 141.
- 54 -
"Die traditionale Herrschaft ist gebunden an die Präzedenzien der Vergangenheit
und insoweit ebenfalls regelhaft orientiert, die charismatische stürzt (innerhalb
ihres Bereichs) die Vergangenheit um und ist in diesem Sinn spezifisch
revolutionär. Sie kennt keine Appropriation der Herrengewalt nach Art eines
Güterbesitzes, weder an den Herren noch an ständische Gewalten. Sondern
legitim ist sie nur soweit und solange, als das persönliche Charisma kraft
Bewährung ,gilt', das heißt: Anerkennung findet und ,brauchbar' der
Vertrauensmänner, Jünger, Gefolge, nur auf die Dauer seiner charismatischen
Bewährtheit."115
In den Anmerkungen heißt es dazu:
"Die Ablehnung kirchlicher Aemter durch die Jesuiten ist eine rationalisierte
Anwendung dieses ,Jünger'-Prinzips. Daß alle Helden der Askese, Bettelorden
und Glaubenskämpfer dahin gehören, ist klar. Fast alle Propheten sind
mäzenatisch unterhalten worden. Der gegen das Missionarsschmarotzertum
gerichtete Satz des Paulus: ,wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen', bedeutet
natürlich keinerlei Bejahung der ,Wirtschaft', sondern nur die Pflicht, gleichviel
wie ,im Nebenberuf' sich den notdürftigen Unterhalt zu schaffen, weil das
eigentlich charismatische Gleichnis von den ,Lilien auf dem Felde' nicht im
Wortsinn, sondern nur in dem des Nichtsorgens für den nächsten Tag
durchführbar war. – Auf der anderen Seite ist es bei einer primär künstlerischen
charismatischen Jüngerschaft denkbar, daß die Enthebung aus den
Wirtschaftskämpfen durch Begrenzung der im eigentlichen Sinn Berufenen auf
,wirtschaftlich Unabhängige' (also: Rentner) als das Normale gilt (so im Kreise
Stefan Georges, wenigstens der primären Absicht nach)."116
Das Charisma bleibt jedoch nicht zuständlich, sondern wird im Laufe seiner
Geschichte immer stärker versachlicht: Erst ist es magisch, dann religiös, dann durch
Vernunft bedingt.117 Weber bezeichnet diesen Vorgang als ,Veralltäglichung'.118 Durch
sie wird die Wirtschaftsfremdheit des Charismas beseitigt.119
"Damit wandelt sich aber unerbittlich der innere Charakter der Struktur. Einerlei
ob aus der charismatischen Gefolgschaft eines Kriegshelden ein Staat, aus der
charismatischen Gemeinde eines Propheten, Künstlers, Philosophen, ethischen
115
ebd., 141.
116
ebd., 142.
117
s. Breuer, 34.
118
Weber, WG, § 11 Kap. III, Bd. 1, 142.
119
s. ebd., 142f.
- 55 -
oder wissenschaftlichen Neuerers eine Kirche, Sekte, Akademie, Schule, aus einer
charismatisch geleiteten, eine Kulturidee verfolgenden Gefolgschaft eine Partei
oder auch nur ein Apparat von Zeitungen und Zeitschriften wird, - stets ist die
Existenzform des Charisma nun den Bedingungen des Alltags und den ihn
beherrschenden Mächten, vor allem: den ökonomischen Interessen ausgeliefert.
Stets ist dies der Wendepunkt, mit welchem aus charismatischen Gefolgsleuten
und Jüngern zunächst – wie in der ,trustis' des fränkischen Königs – durch
Sonderrechte ausgezeichnete Tischgenossen des Herrn, dann Lehensträger,
Priester, Staatsbeamte, Parteibeamte, Offiziere, Sekretäre, Redakteure und
Herausgeber, Verleger, welche von der charismatischen Bewegung leben wollen,
oder Angestellte, Lehrer oder andere berufsmäßige Interessenten,
Pfründenbesitzer, Inhaber patrimonialer Aemter oder dergleichen werden. (...)
Zumal das Ineinanderfließen der beiden, in der Wurzel einander fremden und
feindlichen Mächte: Charisma und Tradition, ist dabei regelmäßige
Erscheinung."120
"Auf die Dauer tritt überall, wo ursprünglich charismatische Gemeinschaften den
Weg der Kürung des Herrschers betreten, eine Bindung des Wahlverfahrens an
Normen ein."121
"Mit der Veralltäglichung mündet also der charismatische Herrschafts-Verband
weitgehend in die Formen der Alltagsherrschaft: patrimoniale, insbesondere:
ständische, oder bureaukratische, ein. Der ursprüngliche Sondercharakter äußert
sich in der erbcharismatischen oder amtscharismatischen ständischen Ehre der
Appropriierten, des Herrn wie des Verwaltungsstabs, in der Art des HerrenPrestiges also. Ein Erbmonarch ,von Gottes Gnaden' ist kein einfacher
Patrimonialherr, Patriarch oder Schech, ein Vasall kein Ministeriale oder Beamter.
Das Nähere gehört in die Lehre von den ,Ständen'".122
"Nur kollegiale, eventuell solidarisch zusammenstehende Beamtenkörperschaften
konnten insbesondere den zum ,Dilettanten' werdenden Fürsten des Okzidents
allmählich politisch expropriieren."123
"Wie diese Beispiele zeigen, gibt es charismatische Herrschaft keineswegs
lediglich auf primitiven Entwicklungsstufen, wie denn überhaupt die drei
Grundtypen der Herrschaftsstruktur nicht einfach hintereinander in eine
Entwicklungslinie eingestellt werden können, sondern miteinander in der
120
ebd., 762.; Inwieweit das für die Sippe ,Jaakobs' und ,Josephs' Nachkommen zutrifft, wird in Kapitel
IX zu untersuchen sein.
121
ebd., 766.
122
Grundriß der Sozialökonomik, Typen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung, 146.
123
ebd., 165.; Der Begriff der Dekadenz wird im V. Kapitel zu untersuchen sein.
- 56 -
mannigfachsten Art kombiniert auftreten. Allerdings aber ist es das Schicksal des
Charisma, mit zunehmender Entwicklung institutioneller Dauergebilde
zurückzutreten."124
"Während all das, was wir bisher als mögliche Konsequenz der Veralltäglichung
des Charisma betrachtet haben, dessen streng an die konkrete Person gebundenen
Charakter unberührt ließ, haben wir uns nun Erscheinungen zuzuwenden, deren
gemeinsames Merkmal eine eigentümliche Versachlichung des Charisma darstellt.
Aus einer streng persönlichen Gnadengabe wird es dabei eine Qualität die
entweder 1. übertragbar oder 2. persönlich erwerbbar oder 3. nicht an eine Person
als solche, sondern an den Inhaber eines Amts oder an ein institutionelles Gebilde
ohne Ansehnen der Person geknüpft ist. Dabei noch von Charisma zu sprechen
rechtfertigt sich nur dadurch, daß stets der Charakter des außergewöhnlichen,
nicht jedermann zugänglichen, den Qualitäten der charismatisch Beherrschten
gegenüber prinzipiell präeminenten erhalten bleibt und daß es eben hierdurch für
diejenige soziale Funktion tauglich ist, zu der es Verwendung findet. Aber
natürlich bedeutet gerade diese Form des Hineinströmens des Charisma in den
Alltag, seine Umwandlung in ein Dauergebilde, die tiefgreifendste Umgestaltung
seines Wesens und seiner Wirkungsart."125
Den
ersten
Fall
der
Versachlichung
des
Charismas
beschreibt
Weber
folgendermaßen:
"Der geläufigste Fall einer Versachlichung des Charisma ist der Glaube an seine
Übertragbarkeit durch das Band des Blutes. Die Sehnsucht der Jünger oder
Gefolgen und der charismatisch beherrschten Gemeinde nach einer Verewigung
des Charisma wird so auf die einfachste Weise gestillt. Dabei ist der Gedanke an
ein eigentliches individuelles Erbrecht hier noch ebenso fern zu halten, wie er der
Struktur der Hausgemeinschaft ursprünglich überhaupt fehlt. An Stelle des
Erbrechts steht einfach die Unsterblichkeit der perennierenden Hausgemeinschaft
als Trägerin des Besitzes gegenüber dem wechselnden Einzelnen. Auch bei der
Erblichkeit des Charisma handelt es sich ursprünglich darum, daß es an eine
Hausgemeinschaft und Sippe geheftet ist, welche ein für allemal als magisch
begnadigt gilt, derart, daß nur aus ihrem Kreise die Träger des Charisma
hervorgehen können."126
Der zweite Fall sieht folgendermaßen aus:
124
ebd., 770.
125
ebd., 772.
126
ebd., 772.
- 57 -
"Ist einmal die charismatische Befähigung zu einer sachlichen Qualität geworden,
die durch irgendwelche zunächst rein magische, Mittel übertragen werden kann,
so ist damit der Weg zu ihrer Verwandlung aus einer Gnadengabe, deren Besitz
erprobt und bewährt, nicht aber mitgeteilt oder angeeignet werden kann, in etwas
dem Prinzip nach Erwerbbares beschritten. Damit wird die charismatische
Befähigung möglicher Gegenstand der Erziehung. Freilich wenigstens
ursprünglich nicht in der Form rationaler oder empirischer Lehre. Heldentum und
magische Fähigkeiten gelten zunächst nicht als lehrbar. Sondern sie können nur,
wo sie latent vorhanden sind, durch Widergeburt der ganzen Persönlichkeit
geweckt werden. Wiedergeburt und dadurch Entfaltung der charismatischen
Qualität, Erprobung, Bewährung und Auslese des Qualifizierten ist daher der
genuine Sinn charismatischer Erziehung. Isolierung von der gewohnten
Umgebung und dem Einfluß aller natürlichen Bande der Familie (bei primitiven
Völkern direkt Uebersiedelung der Epheben in den Wald), immer aber Eintritt in
eine besondere Erziehungsgemeinschaft, Umgestaltung der gesamten
Lebensführung, Askese, körperliche und seelische Exercitia in den
verschiedensten Formen zur Weckung der Fähigkeit zur Ekstasis und zur
Wiedergeburt, fortwährende Erprobung der jeweils erreichten Stufe
charismatischer Vervollkommnung durch psychische Erschütterungen und
physische Torturen und Verstümmelungen (die Beschneidung ist vielleicht in
erster Linie als Bestandteil dieser asketischen Mittel entstanden), endlich
stufenweise feierliche Rezeption der Erprobten in den Kreis der bewährten Träger
des Charisma."127
Zum dritten Fall führt Weber Folgendes an:
"Neben jener Art von ,Versachlichung' des Charisma, welche seine Behandlung
als Erbgut darstellt, stehen andre, historisch wichtige Arten. Zunächst kann statt
der Uebertragung durch das Blut die künstliche, magische, Uebertragbarkeit
treten: die apolstolische ,Sukzession' durch die Manipulation der Bischofsweihe,
die durch die Priesterordination erworbene, unvertilgbare charismatische
Qualifikation, die Bedeutung der Krönung und Salbung der Könige und zahllose
andre ähnliche Vorgänge bei Natur – und Kulturvölkern führen darauf zurück.
Weniger das an sich meist zur Form gewordene Symbol als solches ist praktisch
wichtig, als der in vielen Fällen damit verbundene Gedanke: die Verknüpfung des
Charisma mit der Innehabung eines Amtes – in welches die Handauflegung,
Salbung usw. einführt – als solchen. Denn hier liegt der Uebergang zu jener
eigentümlichen institutionellen Wendung des Charisma: seine Anhaftung an ein
soziales Gebilde als solches, als Folge der an die Stelle des charismatischen
persönlichen Offenbarungs- und Heldenglaubens tretenden Herrschaft der
Dauergebilde und Traditionen."128
127
ebd., 776.
128
ebd., 775.
- 58 -
"Das Amtscharisma – der Glaube an die spezifische Begnadung einer sozialen
Institution als solcher – ist keineswegs eine nur den Kirchen und noch weniger
eine nur primitiven Verhältnissen eigene Erscheinung. Es äußert sich auch unter
modernen Bedingungen in politisch wichtiger Art in den innerlichen Beziehungen
der Gewaltunterworfenen zur staatlichen Gewalt. Denn diese kann sehr
verschieden sein, je nachdem sie dem Amtscharisma freundlich oder feindlich
gegenübersteht. Die spezifische Respektlosigkeit des Puritanismus gegenüber
allem kreatürlichen, seine Ablehnung aller Kreaturvergötterung wirkte dahin, im
Bereiche seiner Herrschaft alle charismatischen Respektverhältnisse aus der
inneren Stellungnahme gegenüber den Gewaltigen der Erde auszumerzen: alle
Amtsführung ist ein business wie an anderes, der Herrscher und seine Beamten
sind Sünder wie andere (von Kuyper in seinen Konsequenzen stark betont) nicht
klüger wie andere."129
Weber verstand Charisma im System der Herrschaftsstrukturen als die ,große
revolutionäre Macht' in traditional gebundenen Epochen und als Antipode einer
bürokratisierten Welt.130
Das Charisma steht also zwischen Tradition und Bürokratie. Es kann aber auch eine
Schnittmenge mit der rationalen und der traditionalen Herrschaftsform bilden.
Bei der Ausbildung des Charismas ist zudem die Askese von Bedeutung:
"Das religiöse oder ,magische' Handeln oder Denken ist also gar nicht aus dem
Kreise des alltäglichen Zweckhandelns auszusondern, zumal auch seine Zwecke
selbst überwiegend ökonomische sind. Nur wir, vom Standpunkt unserer heutigen
Naturanschauung aus, würden dabei objektiv ,richtige' und ,unrichtige'
Kausalzurechnungen unterscheiden und die letzteren als irrational, das
entsprechende Handeln als ,Zauberei' ansehen können. Der magisch Handelnde
selbst unterscheidet zunächst nur nach der größeren oder geringeren Alltäglichkeit
der Erscheinungen. (…) Nicht immer nur diese, aber vornehmlich diese
außeralltäglichen Kräfte sind es, welchen gesonderten Namen: ,mana', ,orenda',
bei den Iraniern: ,maga' (davon: magisch) beigelegt werden, und für die wir hier
ein für allemal den Namen ,Charisma' gebrauchen wollen. Das Charisma kann
entweder – und nur dann verdient es in vollem Sinn diesen Namen - eine
schlechthin an dem Objekt oder der Person, die es nun einmal von Natur besitzt,
haftende, durch nichts zu gewinnende, Gabe sein. Oder es kann und muß dem
Objekt oder der Person durch irgendwelche, natürlich außeralltägliche, Mittel
129
Grundriß der Sozialökonomik, 775.
130
s. Weiller, 69.
- 59 -
künstlich verschafft werden. Die Vermittlung bildet die Annahme: daß die
charismatischen Fähigkeiten zwar in nichts und Niemandem entwickelt werden
können, der sie nicht im Keime hat, daß aber dieser Keim verborgen bleibt, wenn
man ihn nicht zur Entwicklung bringt, das Charisma – z.B. durch ,Askese' –
,weckt'. Alle Formen der religiösen Gnadenlehre: von der gratia infusa bis zur
strengen Werkgerechtigkeit liegen so schon in diesem Stadium im Keim
beschlossen. Diese streng naturalistische (neuerdings sog. präanimistische)
Vorstellung verharrt in der Volksreligiosität hartnäckig. Kein Konzilsbeschluß,
der die ,Anbetung' Gottes von der ,Verehrung' von Heiligenbildern als bloßen
Mitteln der Andacht scheidet, hat gehindert, daß der Südeuropäer noch heute das
Heiligenbild selbst verantwortlich macht und ausspuckt, wenn trotz der üblichen
Manipulationen der beanspruchte Erfolg ausbleibt."131
Friedrich Wolters formulierte das persönliche Charisma Webers nach einem
Zusammentreffen Webers mit Stefan George 1910 in Heidelberg folgendermaßen:
"Von den deutschen Gelehrten, mit denen George zusammen traf, war Max
Weber vielleicht die menschlich größte Kraft, an Lauterkeit des Charakters
Simmel, an Umfang und Klarheit des Wissens Dilthey vergleichbar. Er gehörte zu
jenen protestantischen Menschen, die, mit asketischer Strenge, die unbedingte
Vereinzelung der Trotz-Person aufrechterhielten: die nichts mehr fürchteten, als
einem verstandlich nicht auflösbaren Zauber zu erliegen und darum eher die
völlige Entzauberung aller menschlichen Gebilde durch den alles erkennenden
Verstand verfochten, die lieber noch Narr und Revolutionär auf eigene Faust sein
wollten als nur die Möglichkeit einer Bindung für den heutigen Menschen
einzugestehen."132
Der Georgekreis, der unweit des Weber-Kreises im Max-Weber-Haus in der
Ziegelhäuser Landstr. 17 auf Stift Neuburg tagte, hatte durch Edgar Salin oder
Friedrich Gundolf Kontakt zu jenem, jedoch lehnte Weber Georges Forderung der
Hingabe an eine objektiv gewordene Persönlichkeit ab.
Zum Weber-Kreis gehörten Künstler wie Mina Tobler, die Schauspielerin SchmidRomberg, Ernst Toller, Philosophen und Kunstwissenschaftler wie Ernst Bloch, Georg
131
Weber, Grundriß der Sozialökonomik, III. Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 1., Kapitel
Religionssoziologie, 228; vgl. dazu die Ausführungen zu ,Joseph' und seiner Karriere in Kapitel IX.
132
Wolters, Stefan George und die Blätter für die Kunst. Deutsche Geistesgeschichte seit 1890, Berlin
1930, 471, zitiert nach Weiller, 61.; Weber selbst verwendet den Begriff erstmals in Bezug auf George in
einem Brief an Dora Jellinek am 9. Juni 1910., s. dazu Radkau, 542, 601.; 1904 wurde der ,Eranos-Kreis
gegründet, den religiöse Neugier verband, s. dazu Radkau, 455.
- 60 -
Lucács, A.F. Schmid, Emil Lask, Friedrich Gundolf, Karl Jaspers, Werner Sombart,
Robert Michels, Georg Simmel, Paul Honigsheim, Karl Loewenstein. Der Weber-Kreis
tagte dort seit 1907, als Max Weber das Haus nach seiner Übernahme des Lehrstuhls für
Nationalökonomie und Finanzwissenschaften 1896 von den Großeltern Fallenstein
übernahm.
Wenn das Charisma verblasst, ist ferner eine Opferung möglich, ebenso wie der
charismatische Führer seinerseits Opfer verlangen kann:133 In diesem Zusammenhang
spielt der Begriff des Tabus eine wichtige Rolle:
"Zu den verbreiteten, wenn nicht gar universalen Symbolbildungen zählt der
Totemismus: Menschen identifizieren sich mit den bewunderten Kräften eines
Tieres – des Bären, Löwen, Adlers -, ja, indem sie dieses Tier ins Zeichen, ins
Bild bringen, als das Tier sich verkleiden, es im Tanz verkörpern, ,sind' sie Bär,
Löwe, Adler. Diese Verkörperung besitzt entscheidende Bedeutung für die
Gruppenbildung, für die Entwicklung eines ,Wir'-Bewußtseins. Denn das
Totemtier ist tabu, unantastbar; man darf es nicht jagen, töten, essen."134
Auch in der Politik spielt der Begriff des Tabu eine wichtige Rolle: Tabuisierung und
Enttabuisierung von Handlungen bestimmen den politischen Alltag. Dies ist stets ein
Balanceakt zwischen Abgrenzung einerseits und Grenzüberschreitung andererseits, wie
der folgende Vergleich verdeutlichen soll:
"Die Stämme auf früher Kulturstufe, die einander besuchen, ,imponieren und
beschwichtigen' zugleich: Männer tanzen den Kriegstanz und schütteln ihre
Speere, doch die Frauen und Kinder tanzen mit Palmzweigen ihnen vorweg. (...)
Führen wir uns dies anschaulich vor Augen, so scheint sich über die Jahrtausende
hin wenig genug verändert zu haben: Der Staatsgast, der aus dem Düsenflugzeug
auf den roten Teppich herabsteigt, wird mit Kanonendonner, Trommelwirbel und
von Soldaten empfangen, die das Gewehr präsentieren. Schulklassen,
fähnchenschwingend, säumen den Weg, und ein Kind überreicht Blumen."135
133
Der Begriff des Opfers wird in Kapitel IV in Bezug auf ,Gustav von Aschenbachs' Leidensfähigkeit im
"Tod in Venedig" und in Kapitel IX in Bezug auf das Verhältnis ,Josephs' zu seinen Brüdern thematisiert.
134
v. Krockow, Chr., Politische Symbole, in: Politikwissenschaft. Begriffe - Analysen - Theorien. Ein
Grundkurs, Hamburg 1985, 155-162, 161.
135
Fuchs-Heinritz, W.,,Tabu', in: Lexikon der Soziologie, 667.
- 61 -
Das Belegen einer bestimmten Handlung mit einem absoluten sozialen Verbot
bezeichnet die Soziologie als ,Tabuisierung'. Der Begriff des Tabus umfasst in der
Soziologie
drei
Bedeutungsebenen,
nämlich
die
ethnologische
oder
kulturanthropologische, die gesellschaftliche und die psychoanalytische:136
In der Ethnologie und der Kulturanthropologie bezeichnet Tabu eine religiöse und
sittlich-juristische Einrichtung. Diese äußert sich in einem Verbot oder einer Vorschrift
und stellt ein wichtiges Strukturelement der primitiven Gesellschaften dar. Man
unterscheidet zwischen Speiseverboten, Berührungsverboten bezüglich bestimmten
Dingen oder Menschen, was bis zum Verbot, diese überhaupt anzuschauen, reichen
kann.
Auf der gesellschaftlichen Ebene ist Tabu eine Bezeichnung für Regelungen, die ein
bestimmtes Verhalten verbieten. Bei ihrer Missachtung droht eine schwere Strafe. Die
psychoanalytische Ebene weist auf die Antriebskraft hin, die zur Brechung des Verbotes
führt, nämlich das Unbewusste. Die Schwelle zwischen dem erlaubten und dem
tabuisierten Verhalten wird als ,Tabuschranke' bezeichnet. Bei einem Berührungstabu
beispielsweise liegt die Tabuschranke zwischen Anschauen und Anfassen.137
Max Weber greift in seinem Werk "Wirtschaft und Gesellschaft" den Begriff des
Tabus auf und verbindet ihn mit dem des Totems. Zusätzlich berbindet der beide
Begriffe mit dem der ,Sippe' bzw. der ,Hausgenossenschaft':138
"Die Wirkung der Gemeinschaft kann sich beschränken auf das Verbot der Heirat
unter den Genossen (Exogamie) und zu diesem Zweck können gemeinsame
Erkennungszeichen und der Glaube an die Abstammung von einem als solches
dienenden Naturobjekt (meist ein Tier) bestehen, dessen Genuß dann den
Sippengenossen verboten zu sein pflegt (Totemismus)."139
136
Der Begriff der Tabuschranke findet sich auch in Max Webers "Wirtschaft und Gesellschaft", § 2 Kap.
IX, Bd. 1, 745.
137
Fuchs-Heinritz, 667.
138
s. dazu auch seine Ausführungen zum Begriff des ,oikos'; diese werden im folgenden Kapitel genauer
besprochen.
139
Weber, WG, Bd. 1, Kap. II § 4, 201f.
- 62 -
Die Sippe wird nach Max Weber gebildet von einem Personenkreis, dessen äußeres
Einigungsmerkmal allenfalls in einer positiven Kultgemeinschaft oder einer negativen
Scheu vor Verletzungen oder Genuss des gemeinsamen heiligen Objekts (Tabu) besteht.
Die Macht, Tabus zu verhängen, wird in Kapitel V von "Wirtschaft und Gesellschaft",
das sich mit der Religionssoziologie beschäftigt, Menschen zugesprochen, die ein
,magisches Charisma' besitzen. Diese Personen gehören also dem von Weber so
benannten ,charismatischen Herrschaftstypus' an.
Der Grund für das Belegen von Menschen, Tieren oder Gegenständen mit einem
Tabu sieht Max Weber in ökonomischen und sozialen Interessen, die Religion dient
damit außerreligiösen Zwecken. Weber spricht in diesem Zusammenhang von einer
,Rationalisierung des Tabus'. Das Tabu ist also nach Weber in erster Linie dazu da, eine
soziale Beziehung innerhalb einer Gruppe von Menschen herzustellen:
"Aber das Totem ist nicht auf sexualpolitische Zwecke und überhaupt nicht auf
die ,Sippe' beschränkt und keineswegs notwendig auf diesem Gebiet zuerst
erwachsen, sondern eine weitverbreitete Art, Verbrüderung unter magische
Garantie zu stellen."140
cd) Exkurs zu Sigmund Freud
Der Aspekt der Verbrüderung erinnert sehr stark an die Darstellung des Totemismus
in Freuds "Totem und Tabu":141
140
Grundriß der Sozialökonomik, Tübingen 1921, Kap. IV, § 3, 247.
141
MWG II/5, 394ff.; Radkau weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass Weber von Freud viel stärker
beeinflusst war, als er zugab. Seine Selbstanalyse sei geradezu überfreudianisch gewesen. Weber hielt es
demnach für möglich, dass die Psychoanalyse die nervlich-seelische Gesundheit fördere. Daher studierte
er diese neue Lehre sehr intensiv und übernahm den Schlüsselbegriff Freuds, ,Sublimierung', in seine
Terrminologie. Zudem lernte er in Heidelberg den Nervenarzt Willy Hellpach kennen, der Freud
nahestand; s. dazu Radkau, 300ff.; zudem las Thomas Mann für seine Josephromane ebenfalls die
religionspsychologische Schrift "Totem und Tabu", s. dazu Hermann Kurzke, Mondwanderungen.
Wegweiser durch Thomas Manns Joseph-Roman, Frankfurt am Main 2003,151. Darauf wird an anderer
Stelle genauer eingegangen.
- 63 -
"Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und
verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie
und brachten zustande, was dem einzelnen unmöglich geblieben wäre (...) Daß sie
den Getöteten auch verzehrten, ist für den kannibalen Wilden selbstverständlich.
Der gewalttätige Urvater war gewiß das beneidete und gefürchtete Vorbild eines
jeden aus der Brüderschar gewesen. Nun setzten sie im Akte des Verzehrens die
Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an.
Die Totemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Menschheit, wäre die
Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat,
mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die
sittlichen Einschränkungen und die Religion. Um, von der Voraussetzung
absehend, diese Folgen glaubwürdig zu finden, braucht man nur anzunehmen, daß
die sich zusammenrottende Brüderschar von denselben, einander entsprechenden
Gefühlen gegen den Vater beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des
Vaterkomplexes bei jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen
können. Sie haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen
Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten ihn
auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren Wunsch nach
Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die dabei überwältigten
zärtlichen Regungen zur Geltung bringen. Es geschah in der Form der Reue, es
entstand ein Schuldbewußtsein, welches hier mit der gemeinsam empfundenen
Reue zusammenfällt. Der Tote wurde nun stärker, als der Lebende gewesen war;
all dies, wie wir es noch heute an Menschenschicksalen sehen. Was er früher
durch seine Existenz verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der
psychischen Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten
,nachträglichen Gehorsams'. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die Tötung des
Vaterersatzes, des Totems, für unerlaubt erklärten, und verzichteten auf deren
Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen versagten. So schufen sie aus
dem Schuldbewußtsein des Sohnes die beiden fundamentalen Tabu des
Totemismus, die eben darum mit den beiden verdrängten Wünschen des ÖdipusKomplexes übereinstimmen mußten. Wer darwiderhandelte, machte sich der
beiden einzigen Verbrechen schuldig, welche die primitive Gesellschaft
bekümmerten."142
Freuds Abhandlung "Totem und Tabu", bestehend aus vier Aufsätzen, entstand
zwischen 1912 und 1913 und wurde erstmals in der von Freud herausgegebenen
Zeitschrift "Imago" veröffentlicht. Ihre Titel lauten: "Die Inzestscheu", "Das Tabu und
die Ambivalenz der Gefühlsregungen", "Animismus, Magie und Allmacht der
142
Freud, S., Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker,
GW, Bd. 9, hrsg. v. Freud, A., London 1948², 171-73; Eine Totemmahlzeit in neuerer Zeit wird am Ende
des Romans "Das Parfüm" von Patrick Süskind beschrieben (Zürich 1985, 318ff.)
- 64 -
Gedanken" und "Die infantile Wiederkehr des Totemismus". Freud selbst sagt über
"Totem und Tabu", es sei das wichtigste Werk, das er je geschrieben habe.
Über den vierten Aufsatz äußert Freud sich folgendermaßen: "Seit der Traumdeutung
habe ich nichts mit ähnlicher Überzeugung geschrieben, ich kann also das Schicksal des
Aufsatzes vorherahnen."143
Freud setzt für seine Ausführungen in "Der Inzestscheu" voraus, dass das
Seelenleben der so genannten Wilden mit dem des zivilisierten Neurotikers vergleichbar
sei, da beide Vorstufen zum gesunden Menschen darstellten. Diese These brachte ihm
später allerdings Kritik von Seiten der Ethnologen ein.144 Kenkomplex der Neurose ist
nach Freud das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern. Die Wurzeln
dieses Wunsches seien bei den primitiven Völkern zu suchen: Das Zusammenleben der
,Wilden' ist nach Freud wie gesagt durch das System des Totemismus geregelt: Das
Totem kann dabei durch ein Tier, eine Pflanze oder eine Naturkraft verkörpert werden
und wird als Stammvater und Beschützer der Sippe verehrt. Die Angehörigen der
Totemgemeinschaft sind daher verpflichtet, das Totem weder zu töten noch zu essen.
Die dritte Auflage ist die der Exogamie, das heißt, die Mitglieder derselben
Totemgemeinschaft dürfen nicht in geschlechtliche Beziehung zueinander treten. Die
Exogamie soll also Inzest innerhalb der Totemgemeinschaft verhindern, zu dem bei den
Primitiven nach Freud ein starker Wunsch bestehe.145
143
zitiert nach Jones, E., Das Leben und Werk von Sigmund Freud, II, Bern – Stuttgart, 1962, 334-433,
hier: 417. Auch Weber verwendet den Begriff des ,Animismus' in Zusammenhang mit den
Metamorphosen, die auch im Werk Max Schelers, inbesondere "Die Stellung des Menschen im
Kosmos", hrsg. v. M. S. Frings, 2005, 16. Aufl., eine Rolle spielen.; vgl. "Wirtschaft und Gesellschaft",
229. Die Themengebiete ,Prophetie' (18), ,Zivilisationskritik' (40), ,Idealtypen' (74), ,Calvinismus',
,Gnadenlehre' (80), ,Soziologie des Wissens' (185), die Verbindung ,Arbeit' und Calvinismus (196), die
,rationale
Weltansicht'
(304),
,Werturteilsfreiheit'
(502),
,Weltanschauungslehre'
(520),
,Religionssoziologie' (535) sind Scheler wie Weber gemeinsam, vgl. Max Scheler, Die Wissensformen
und die Gesellschaft. Probleme einer Soziologie des Wissens (1-223), Erkenntnis und Arbeit (233-482),
Universität und Volkshochschule (589-525), Leipzig 1926.
144
s. Richard Thurnwald, Psychoanalyse und Ethnologie, in: Prinzhorn, H. (Hg.), Auswirkungen der
Psychoanalyse in Wissenschaft und Leben, Leipzig 1928, 114-133.
145
s. Freud, Sigmund, Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der
Neurotiker, GW Bd. 9, hrsg .v., Freud, A., London 1948, 2. Auflage, 5-25.
- 65 -
In "Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen" ordnet er dem Begriff des
Totems den des Tabus zu. Die drei Hauptkomponenten dieses Begriffs lauten: ,Tabu'
kommt aus dem Polynesischen und besitzt zwei ambivalente Bedeutungsaspekte:
,Heilig', ,geweiht' als auch ,unheimlich', ,gefährlich', ,verboten', ,unrein', somit dem
Bedeutungsspektrum des lateinischen ,sacer' vergleichbar. Das Tabu realisiert sich im
Verbot. Daraus ergibt sich, dass die Übertretung des Tabus bestraft wird. Entweder
rächt sich das verletzte Tabu dabei selbst oder es folgen gesellschaftliche Sanktionen.146
Auch hängt die Bestrafung von der magischen Kraft, dem so genannten Mana des
Tabus, ab. Der Totemismus ist ein Beispiel für ein solches Tabu, denn er basiert auf
dem Verbot des Tötens und Essens des Totems, wie schon oben erwähnt wurde. Der
Begriff hat sich nach Freuds Meinung im Lauf der Zeit gewandelt, nämlich insofern, als
das Mana, also die magische Kraft, in Ehrfurcht einerseits und Abscheu andererseits
zerfiel. Das heißt, der ambivalente Charakter des Tabubegriffes war nicht von Anfang
an gegeben.
Freud sieht auch hier eine Verbindung vom primitiven Tabu zur modernen Neurose:
Grundlage des Tabus ist wie schon erwähnt, das Verbot des Tötens und Essens des
Totems sowie die Exogamie. Doch zu allen drei Verhaltensweisen besteht im
Unbewussten angeblich eine starke Neigung. Durch diesen Konflikt wird die Trieblust
verdrängt, woraus die so genannte ,Ambivalenz der Gefühlsregungen' folgt, die dem
Tabu anhaftet. Dieser archaische Ambivalenzkonflikt ist beim neurotischen Menschen
noch vorhanden. Daher muss er das Tabu aus sich selbst reproduzieren, was sich in
Zwangshandlungen realisiert.147 Freud sagt dazu sinngemäß,daß die Neurosen ,asoziale'
Bildungen seien; sie suchten mit privaten Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft
durch kollektive Arbeit entstand.148
In "Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken" nimmt Freud die Einteilung der
menschlichen
146
Entwicklung
in
ein
animistisches,
ein
religiöses
und
ein
Hier besteht also wie bei Weber eine Verbindung zwischen Totemismus und Askese; vgl. auch im
Ma`at-Konzept kehrt die Tat zum Täter zurück: "Wer Ma`at tut, dem wird Ma`at zuteil, wer Isfet (sc.
Unrecht) tut, dem wird Isfet gegeben." Assmann, 64.
147
s. Freud, Totem und Tabu, 26-92.
148
s. ebd., 91f.
- 66 -
wissenschaftliches Stadium vor. Das animistische Stadium verbindet wiederum
Primitive und Neurotiker: Kennzeichnend ist nach Freud hier die geistige
Übereinstimmung.149
Im letzten Kapitel "Die infantile Wiederkehr des Totemismus" erläutert Freud die
Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.150 Er greift dabei auf
Darwin zurück und zwar auf das Bild der Darwinschen Urhorde: Danach steht am
Anfang der Stammesvater, der alle Frauen der Sippe für sich beansprucht und die
heranwachsenden Söhne aus diesem Grund vertreibt. Diese Söhne bildeten daraufhin
die oben beschriebene Urhorde, die den Vater eines Tages gemeinsam erschlugen und
verzehrten um sich so dafür an ihm zu rächen. Dies führte zu einem kollektiven
Schuldbewusstsein auf Seiten der Söhne, woraus die Erhöhung des Vaters zu Gott
folgte und die Religion entstand. Als Beispiel für die Rolle der Schuld in der Religion
führt er das Christentum an: Jesus erlöst die Menschen danach durch Selbstopferung
von der Erbsünde. Daraus entsteht die Versöhnung mit Gott für das Verbrechen des
Mordes an ihm als reale Vatergestalt. Gleichzeitig schafft das Schuldbewusstsein die
Tabus des Totemismus, wie in der oben beschriebenen Totemmahlzeit und ihren Folgen
dargestellt wurde. Freud sieht in diesem Vorgang den Beginn der Kultur und der
patriarchalischen Gesellschaft. Die immer wieder durchgeführte Opferung des
Totemtieres in der festlichen Totemmahlzeit erinnert die nachfolgenden Generationen
stets aufs neue an die Ermordung des Vaters. Das dabei immer wieder hervorbrechende
Schuldbewusstsein kann nur durch die Solidarität aller Teilnehmer eingedämmt werden.
Diese Haltung schließt auch das Bewusstsein bei allen ein, dass die Tat nicht wiederholt
werden darf. Daher müssen neue Moralvorschriften geschaffen werden. Freud spricht
hier vom schöpferischen Schuldbewusstsein der Neurotiker. In Bezug auf das
Inzestverbot beschreibt Freud dieses Solidaritätsverhalten folgendermaßen:
"Das sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten sich
die Brüder verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder des anderen
Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater alle für sich haben
wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wäre die neue Organisation zugrunde
149
s. ebd., 93-121.
150
s. ebd., 122-194.
- 67 -
gegangen. Es war kein Überstarker mehr da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg
hätte aufnehmen können. Somit blieb den Brüdern, wenn sie miteinander leben
wollten, nichts übrig, als – vielleicht nach Überwindung schwerer Zwischenfälle –
das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von ihnen
begehrten Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster Linie den Vater
beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche sie stark gemacht hatte,
und die auf homosexuellen Gefühlen und Betätigungen ruhen konnte, welche sich
in der Zeit der Vertreibung bei ihnen eingestellt haben mochten."151
Im Laufe der Zeit wird diese Solidarität allerdings untergraben durch das Bestreben
eines einzelnen Sohnes sich an die Stelle des Vaters zu setzen. Damit wächst auch
wieder die tabuisierte inzestuöse Libido, die Freud für den Neurotiker annimmt. Damit
wäre wieder der Ausgangspunkt von Freuds Hypothese erreicht, nämlich die
Gleichsetzung des ,primitiven' mit dem neurotischen Menschen.
Der rationale Herrschaftstypus ist für Weber derjenige, der von allen drei Formen auf
Dauer Bestand haben kann. Er kennzeichnet wie bereits ausgeführt die moderne
Struktur von Staat und Gemeinde, den privaten kapitalistischen Betrieb, den Verein. Die
Bürokratie ist ihr technisch reinster Typus. Begriffe aus diesem Herrschaftsbereich sind
Beamter,
Mitglieder,
sachliche
Kompetenz,
Vorgesetzter,
Amtspflicht,
Betriebsdisziplin.152 Daher benennt er auch ausführlicher die Bedingungen seiner
Wirksamkeit.153 Die durch ihn herbeigeführte Rationalisierung zerstört dabei nicht alle
Möglichkeiten von Weltorientierung, allerdings verlieren die Werte durch sie ihre
objektive Geltung.154 Die Stütze der rationalen Herrschaft liegt nach Weber in ihrer
Bürokratie,
sie
ist
damit
die
einzige
Herrschaftsform,
die
sich
ihre
Existenzbedingungen selbst schafft. Doch die rationale Herrschaft kommt bei den
Regierenden nicht ohne den Begriff des Charismas aus, das diese haben müssen. Die
151
ebd., 174.
152
s. Weber, Die drei reinen Typen, in: Schriften 1922, 717f.
153
vgl. Breuer, S., Max Webers Herrschaftssoziologie, Frankfurt a.M. – New York 1991, 209.
154
s. ebd., 199.
- 68 -
Gefahr dieser Herrschaftsform liegt darin, dass die Bürokratie nach und nach die Politik
ersetzt, da alle charismatischen Elemente in unpolitische Nischen gedrängt werden.155
Max Webers Ausführungen zu Bürokratie und Askese und damit auch zum
Leistungsethos und gegen den Zivilisationsliteraten finden sich an zahlreichen Stellen,
unter anderem in seinem Aufsatz "Politik als Beruf".156 Als Politik definiert er hier jede
selbständig leitende Tätigkeit und führt ein Zitat Trotzkis an: "Jeder Staat ist auf Gewalt
gegründet."157 Danach führt er die Entwicklung des Fachbeamtentums aus:
"Bei den Finanzen der Fürsten geschah der entscheidende Schritt. (...) Die
Entwicklung der Kriegstechnik bedingte den Fachoffizier, die Verfeinerung des
Rechtsganges den geschulten Juristen. Auf diesen drei Gebieten siegte das
Fachbeamtentum in den entwickelteren Staaten endgültig im 16. Jahrhundert.
Damit war gleichzeitig mit dem Aufstieg des Absolutismus der Fürsten gegenüber
den Ständen die allmähliche Abdankung seiner Selbstherrschaft an die
Fachbeamten, durch die ihm jener Sieg über die Stände erst ermöglicht wurde,
eingeleitet."158
Gleichzeitig mit dem Aufstieg des fachgeschulten Beamtentums vollzog sich nach
Webers Ansicht auch die Entwicklung der leitenden Politiker. Er stellt, wie oben schon
ausgeführt wurde, drei Eigenschaften des Politikers heraus: Leidenschaftlichkeit,
Augenmaß, Verantwortungsgefühl. In diesem Zusammenhang unterscheidet er
zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik: Zur Kennzeichnung der
Gesinnungsethik schreibt er: "Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim."
155
s. ebd., 209ff.; "Immer wieder sucht er der deutschen Öffentlichkeit seinen Lieblingsgedanken
beizubringen, eine Parlamentarisierung Deutschlands sei nötig, um kraftvolle, im politischen Kampf
gestählte Führernaturen und nicht farblose Bürokraten an die Spitze gelangen zu lassen", s. Radkau, 610.
,Rationalisierung' bedeutet bei Weber ein methodisches Streben nach regelhafter Ordnung und findet sich
erstmals in seiner Musikstudie, bevor er es in der "Wirtschaftsethik der Weltreligionen" weiter ausbreitet.,
s. Radkau, 577.
156
s. Max Weber, Politik als Beruf (1919), in: Schriften, hrsg. v. Kaesler, 512-556.
157
ebd., 512ff.
158
ebd., 526f.
- 69 -
Den Verantwortungsethiker hingegen kennzeichnet er folgendermaßen: "(…) daß
man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat."159 Es stellt
sich also die Frage, ob der Zweck die Mittel heilige. Er führt als aktuelles Beispiel die
Sozialisten in ihrer Haltung zur Weiterführung des Ersten Weltkrieges an, die nicht für
einen Verständigungsfrieden, sondern für einen Siegfrieden einstanden.160 "Denn: wo
nichts ist, da hat nicht nur der Kaiser, sondern auch der Proletarier sein Recht
verloren."161
Weber führt den Begriff der Askese vor allem auch in seinem Verständnis des
Wissenschaftsbegriffes aus: ,Rein' soll der wissenschaftliche Begriff sein.162 So
vergleicht er in seinem Aufsatz "Wissenschaft als Beruf" Wissenschaftskarrieren in
den USA und in Deutschland. Er stellt dabei fest, dass die amerikanischen Universitäten
staatskapitalistische Institutionen sind, die nach dem Prinzip der Trennung des Arbeiters
von den Produktionsmitteln erfolgen.163 Er stellt des Weiteren fest, dass Künstler und
Forscher den Rausch der Eingebung gemeinsam haben und nennt als Götzen der Zeit
die Persönlichkeit und das Erleben.164 Der Forscher dagegen müsse die Dinge durch
Berechnung, er nennt dies ,Entzauberung' der Welt, beherrschen.165 "Nicht mehr, wie
der Wilde, für den es solche Mächte gab, muß man zu magischen Mitteln greifen, um
die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung
159
Max Weber, Politik als Beruf (1919), in: Schriften, hrsg. v. Kaesler, 545.
160
s. ebd., 546ff.
161
Politik als Beruf, in: Schriften, 555. Er verurteilt die Haltung der Gesinnungsethiker zum Krieg, wobei
er Luther und die Calvinisten als Beispiele anführt.
162
s. Weber, RUK (Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie),
in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre WL, 133.; s. auch 1904 "Die Objectivität
sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis" und "Der Sinn der ,Wertfreiheit' der
soziologischen und ökonomischen Wissenschaften", in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre,
hrsg. v. J. Winckelmann, Tübingen, 1985, 6. Aufl., 489-540.
163
s. Weber, Max, Wissenschaft als Beruf, in; Max Weber Schriften, hrsg. v. Kaesler, Stuttgart 2002, 474-
511.
164
Zu ,Thomas Buddenbrook', s. auch die "Betrachtungen", 91, 107.
165
s. Weber, Wissenschaft als Beruf, 485.
- 70 -
leisten das."166 Es folgt ein geschichtlicher Abriss über die Wissenschaftsentwicklung:
Die Hellenen stellten sich danach die Frage: "Wie handelt man im Leben als
Staatsbürger richtig?" In der Renaissance stand dagegen das rationale Experiment im
Zentrum der Betrachtung. "Aber das Experiment zum Prinzip der Forschung als solcher
erhoben zu haben, ist die Leistung der Renaissance."167 In den Naturwissenschaften
hoffte man also, den Weg zu Gott zu finden. Max Webers Fazit lautet: Politik gehört
nicht in den Hörsaal.
Anders als der Bielefelder Soziologe Joachim Radkau, der 2005 in seiner Biographie
"Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens" die Bedeutung der Weberschen
Körperlichkeit betonte, vertritt die Heidelberger Soziologin Uta Gerhardt die
Gegenthese, nach der Weber leidenschaftlich um Objektivität in seinem Denken
bemüht war. So übernahm er nach seiner Rückkehr aus den USA, wo er im Rahmen
eines wissenschaftlichen Weltkongresses anlässlich der Weltausstellung in St. Louis
zum Thema „Deutsche Agrarprobleme in Vergangenheit und Gegenwart“ referierte, mit
Edgar Jaffé und Werner Sombart die Redaktion des „Archivs für Sozialwissenschaften
und Sozialpolitik“. In seinem berühmten Objektivitätsaufsatz von 1904 entwarf er ein
Wissenschaftsprogramm, das bis heute gilt. Er stellt darin die Begriffsbildung durch
Idealtypen dar, was zum charakteristischen Verfahren der Weberschen Analysen
werden sollte.168 Dabei bildet der Forscher unter der Problemstellung ein hypothetisches
Gedankenbild, das den geschichtlich- gesellschaftlichen Sachverhalt zeichnet.169 Seinen
wissenschaftlichen Standpunkt diesbezüglich formuliert Weber folgendermaßen:
"Logisch betrachtet aber ist gerade dies: die normative ,Richtigkeit' dieser Typen,
kein Essentiale. Sondern es kann ein Forscher, um z.B. eine spezifische Art von
typischer Gesinnung der Menschen einer Epoche zu charakterisieren, sowohl
einen ihm persönlich ethisch normgemäß und in diesem Sinn objektiv ,richtig',
166
ebd., 488.; ebd., Tübingen 1968³, 594.
167
ebd., 491.
168
s. Weber, Max, Einleitung zum "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik" 19 (1904).
169
vgl. den Vortrag Uta Gerhardts im Grünen Salon des Max-Weber-Hauses in Heidelberg, s. Rhein-
Neckar-Zeitung vom 4.3.08. Sie widerspricht damit vehement Joachim Radkaus Biographie "Max Weber.
Die Leidenschaft des Denkens", München 2005, die vor allem den ,Leib des Wissenschaftlers' betone.; s.
auch "Der Leib des Wissenschaftlers", RNZ-Artikel vom 14.12.2005.
- 71 -
wie einen ihm ethisch durchaus normwidrig erscheinenden Typus von Gesinnung
konstruieren und dann das Verhalten der zu untersuchenden Menschen damit
vergleichen, oder endlich auch einen Gesinnungstypus, für den er persönlich gar
kein positives oder negatives Prädikat irgendeiner Art in Anspruch nimmt. (...)
Denn welchen Inhalt immer der rationale Idealtypus hat: ob er eine ethische,
rechtsdogmatische, ästhetische oder religiöse Glaubensnorm oder eine technische
oder ökonomische oder eine rechtspolitische oder sozialpolitische oder
kulturpolitische Maxime oder eine in eine möglichst rationale Form gebrachte
,Wertung' welcher Art immer darstellt, stets hat seine Konstruktion innerhalb
empirischer Untersuchungen nur den Zweck: die empirische Wirklichkeit mit ihm
zu ,vergleichen', ihren Kontrast oder ihren Abstand von ihm oder ihre relative
Annäherung an ihn festzustellen, um sie so mit möglichst eindeutig verständlichen
Begriffen beschreiben und kausal zurechnend verstehen und erklären zu
können."170
Das Fazit des Forschers Max Weber aus dem konservativen Dilemma lautet also:
Moderne Bürokratie und Askese: Der Leistungsethiker Thomas Manns steht in direktem
Vergleich dazu. Auf diese Verbindung soll nun im Folgenden näher eingegangen
werden.
Im Fall Max Webers und Thomas Manns lautet die einzige mögliche
Zukunftsperspektive auf der konservativen Suche nach der verlorenen Irrationalität in
der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: Moderne Bürokratie und Askese bzw.
Leistungsethik. Hier liegt die Verbindung zwischen Max Weber und Thomas Mann, der
Grund, warum die beiden in dieser Arbeit als Repräsentanten des Wilhelminismus
ausgewählt wurden.
Gesinnungsethos, Leistungsethik, Verantwortungsethos: Sie sind die zentralen
Begriffe, in denen sich die Theorien und Arbeiten Max Webers und Thomas Manns
treffen.
Beide
wenden
sich
damit
gegen
den
Zivilisationsliteraten,
der
in
den
"Betrachtungen" so oft kritisiert wird.171
170
Weber, Der Sinn der ,Wertfreiheit' der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften, in:
Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen1968³, 489-540, 535f.; dem Idealtypus lassen
sich auch die oben beschriebenen drei reinen Typen der Herrschaft zuordnen.
171
Dieser wird auch als Bourgeois bezeichnet, s. Mann, Betrachtungen, 52f. u. 257. Max Scheler spricht
von Gesinnungs- und Zweckmilitarismus, ebd., 54, (110, 142, 257, 77, 153, 156f.), s. dazu auch den
- 72 -
Thomas Mann hat dem Typus des ,Leistungsethikers' in seinem Werk viele Gesichter
gegeben. Eine der deutlichsten Protagonisten dieses Typus ist die Person ,Gustav von
Aschenbach' in der Erzählung "Tod in Venedig", die 1911/12 entstand, also noch in die
Vorkriegszeit fällt. Dort heißt es über den Künstler ,Gustav von Aschenbach': Einer "der
Überbürdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch Aufrechthaltenden, all dieser Moralisten
der Leistung, die, schmächtig von Wuchs und spröde von Mitteln, durch
Willensverzückung und kluge Verwaltung sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen
der Größe abgewinnen. Ihrer sind viele, sie sind die Helden des Zeitalters."172
Diesen Typus legte er bereits mit der Gestalt ,Thomas Buddenbrook' an. In den
"Buddenbrooks"
lässt
sich
demnach
die
Verbindung
zu
Webers
Protestantismusforschung am leichtesten herstellen. Stellt Weber den Prozess der
Entwicklung des bürgerlich-kapitalistischen Selbstverständnisses von seinen Anfängen
her dar, analysiert Thomas Mann den Verfall eben dieser Norm, stellt seine Décadence
dar. Auf den entscheidenden Unterschied, nämlich die Betonung des Calvinismus bei
Weber, die des Luthertums bei Mann, wird noch gesondert eingegangen.
Das rastlose Arbeiten als solches sieht auch Weber wie schon gesagt als Symptom
der ,neuen Zeit'.173 Weber charakterisiert den puritanischen Ethos folgendermaßen: "die
Arbeit ist darüber hinaus, und vor allem, von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des
Lebens überhaupt."174 Und an anderer Stelle heißt es: "Der Mensch ist auf das Erwerben
Aufsatz "Gedanken im Kriege" von 1914; Das Problem der Deutsch-Französischen Beziehungen, in:
Essays II, 445-486; Damit meint er unter anderem auch seinen sozialkritisch eingestellten Bruder
Heinrich Mann, der durch Werke wie "Der Untertan" auf sich aufmerksam machte, s. dazu den Aufsatz
"Friedrich und die große Koalition". Max Scheler stand mit Thomas Mann und auch Max Weber in einem
wissenschaftlich-literarischen Diskurs, s. auch S. 65, Anm. 143. Der europäische Krieg war innerhalb der
Beziehung der Manns also auch zu einem Bruderkrieg geworden. So sieht er im Bruder Heinrich vor
allem das französische Prinzip inkarniert.
172
Mann, Tagebücher, Bd.1, 21.1.1929, 370; Mann, zit. bei Peter de Mendelsohn, Der Zauberer. Das
Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Jahre der Schwebe 1919 und 1933, Frankfurt a.M.
1992, 314.; s. auch Erzählungen, Frankfurt a.M. 1986, 504.
173
s. GW, I , 391 , 418, 269, 361.
174
Weber, RS I, 171.
- 73 -
als Zweck seines Lebens, nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum
Zweck der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse bezogen."175
Festzuhalten bleibt hier, dass Max Weber und Thomas Mann ausgehend von dem
gemeinsamen Konzept der protestantischen Ethik für ihre Zeit die Lösung im Rahmen
ihrer konservativen Grundhaltung in einem ,Auf-die-Spitze-Treiben' der Situation und
ihren Anforderungen sahen: Thomas Mann fügte der ,Leistungsethik' in seinem Werk
immer neue Facetten hinzu, während Max Weber ,Bürokratie und Askese' postulierte.
Man könnte auch sagen, dass Weber sich in seinem Konstrukt der drei Formen der
Herrschaft quasi mit der vertikalen Solidarität der Ma`at, wie sie rudimentär im
Calvinismus zum Ausdruck kommt, beschäftigt, Thomas Mann in den "Buddenbrooks"
hingegen mit der horizontalen (aktiven, kommunikativen und intentionalen) Solidarität,
wie sie ebenso rudimentär das Luthertum umreißt, wobei die Quintessenz aus beiden
Konzeptionen wiederum vergleichbar ist:
In der Gestalt ,Thomas Buddenbrooks' würden beide Konzeptionen (Beruf und
Askese
/
Leistungsethik
bzw.
Bürokratie
und
Askese)
dann
kreuzweise
zusammentreffen. Beide beschäftigen sie jedoch eher mit Übertreibungen der
protestantischen Ethik, nicht mit dieser selbst, wenn man die ,Ma`at' wie die
protestantischen Ethik als Formen der innerweltlichen Askese begreift.176
Zusammengetroffen waren Thomas Mann und Weber übrigens zweimal im Winter
1919 im Haus des Justizrates Max Bernstein in München.177Mann hob Webers
175
Weber, RS, 35f.
176
vgl. dazu auch Georg Lukács 1911 in Zusammenhang mit Webers Entzauberungsthese und Ernst
Jüngers Überhöhung der Technik: "Wenn etwas einmal problematisch geworden ist (…), so kann das
Heil nur aus der äußersten Zuspitzung der Fragwürdigkeit, aus einem radikalen Bis-zu-Ende-gehen in
jeder Problematik entspringen."; s. dazu Bolz, Norbert, Auszug aus der entzauberten Welt:
Philosophischer Extremismus zwischen den Weltkriegen, München 1991², 16.
177
s. Weber, Brief an Mina Tobler vom 29.1.1920, Hinweis bei Lepenies, Die drei Kulturen, 368; Kaesler,
Einführung, 220.; Handexemplar der 2. Auflage, Tübingen 1923 im Thomas Mann-Archiv der ETH
Zürich, Hinweis bei Lepenies, die drei Kulturen, 374.; Die Briefe Thomas Manns, Regesten und Register,
- 74 -
rhetorisches und argumentatives Talent hervor und zählte ihn später zu den
Kulturphilosophen, die auch in der Sektion für Dichtungskunst der Preußischen
Akademie der Künste Platz finden sollten. Weber seinerseits rechnete Thomas Mann zu
den jungen Leuten, die er und seine Frau in ihren Kreis aufnehmen wollten, sobald
Weber sich in München etabliert habe. Nach dem Tod Max Webers war Thomas Mann
Gast in den Sonntagszirkeln, die Marianne Weber weiterführte.
In politischer Hinsicht war Weber nach dem Ersten Weltkrieg in Manns Augen nicht
konservativ genug, erst 1933 änderte er seine Meinung. Nicht nur politisch, auch
kulturanthropologisch kamen sich beide Zeitgenossen näher. Besonders der dritte Band
aus Webers Religionssoziologie fand Eingang in Manns Joseph-Romanen.178
bearbeitet und hrsg. v. Hans Bürgin und Hans-Otto Meyer, unter Mitarbeit von Yvonne Schmidlin, Bd. 1,
Frankfurt /M. 1976, 507f.; Mann, Joseph und seine Brüder, GW IV und V.
178
s. dazu Bukowski, Evelyn, Jüdisches Erzählen und mythische Erinnerung in Thomas Manns
Josephromanen, in: Thomas Mann. Memoria. Bd. 5, hrsg. v. Walter Delabar und Bodo Plachta, Berlin
2005, 169-180. In der vorliegenden Arbeit geht es dagegen mehr um den Protestantismusbegriff, wie er
im Calvinismus und demgegenüber im Luthertum zum Ausdruck kommt.
- 75 -
II. AGRARKOMMUNISMUS UND INDUSTRIEPROLETARIAT
1. Problemaufriss
Die Annäherung Max Webers und Thomas Manns im Hinblick auf den Begriff des
,patrizischen oikos' erfolgt vergleichbar dem der protestantischen Ethik von
verschiedenen Seiten und liefert ebenfalls vergleichbare Ergebnisse.
In einer Quelle Max Webers heißt es:
"Die ostelbischen großen Güter sind keineswegs nur Wirtschaftseinheiten,
sondern lokale politische Herrschaftszentren. (…) Der Gutsherr war nicht ein
gewöhnlicher Arbeitgeber, sondern ein politischer Autokrat, der die Arbeiter
persönlich beherrschte, im übrigen einen so erheblichen Bruchteil der
unmittelbaren materiellen Interessen mit ihnen gemeinsam hatte, wie dies bei
keinem modernen Unternehmer sonst im Verhältnis zu seinen Arbeitern der Fall
ist. Schlechter Ernteausfall, niedrige Getreide- und Viehpreise belasten das
Budget eines auf Land- und Rohertragsanteil gestellten Instmannes, der Getreide
und selbst gezogene Schweine verkauft, ebenso schwer oder schwerer als das des
Herrn. Daß diese Sachlage die Arbeiter um so unbedingter der Disposition des
Herrn auslieferte, liegt auf der Hand. Wichtiger aber war für die Grundlagen der
Machtstellung des Gutsherrn jenes starke materielle Interessenband, welches die
Landarbeiter – oder doch deren im Osten weitaus wichtigste Schicht: die
,Instleute' – von dem gewerblichen Proletariat scharf trennte. Ein gegen die Herrn
gerichtetes Klassenbewußtsein des ländlichen Proletariats konnte, außer in Zeiten
hochgradiger politischer Erregung, sich nur rein individuell gegenüber dem
einzelnen Herrn, soweit er hinter der durchschnittlichen Mischung naiver
Brutalität mit Menschenfreundlichkeit zurückstand, entwickeln. Dem entsprach es
auf der anderen Seite, daß die Landarbeiter normalerweise nicht dem Druck einer
rein geschäftlichen Ausbeutung ausgesetzt waren. Ihnen stand eben nicht ein
,Unternehmer', sondern ein Territorialherr en miniature gegenüber. Der
mangelnde spezifisch geschäftliche Erwerbssinn der Herren und die stumpfe
Resignation der Arbeiter ergänzten einander und waren die psychologische Stütze
der traditionellen Betriebsweise wie der traditionellen politischen
Herrscherstellung der Grundaristokratie. (…) Die Dekadenz dieser politischen
Machtstellung aber in Verbindung mit der teils eingetretenen, teils drohenden
Depossedierung durch das kapitalkräftigere Bürgertum – sei es in Form des
- 76 -
Kaufes, sei es der Verpachtung der Güter – führen mit zwingender Gewalt die
Herren der landwirtschaftlichen Großbetriebe, wenn sie dies bleiben wollen, dazu,
zu werden, was sie früher nicht – wenigstens nicht in erster Linie – waren:
Unternehmer, die unter rein geschäftlichen Gesichtspunkten wirtschaften. (...)
Damit aber wird der isolierten Gutswirtschaft der letzte Stoß versetzt. (...) Sie
werden freilich keine bäuerlichen, aber bürgerlich–kapitalistische Großbetriebe
und verschmelzen – eine in den Rübendistrikten zu beobachtende Erscheinung mit den aufsteigenden großbäuerlichen Betrieben zu einer einheitlichen Masse
von Unternehmungen mit bürgerlich–gewerblichem Typus."1
"Mit anderen Worten: An die Stelle der Grundaristokratie tritt – mit oder ohne
Personenwechsel
–
mit
Notwendigkeit
eine
landwirtschaftliche
Unternehmerklasse, die sich in ihren sozialen Charakterzügen von den
gewerblichen Unternehmern prinzipiell nicht unterscheidet. (…) Gerade der
Geldlohn ist aber das auf die Dauer unentbehrliche Korrelat jeder auf rein
geschäftlicher Grundlage ruhenden Wirtschaftsverfassung und wird auch den
landwirtschaftlichen Betrieben, zumal in Gestalt des nach der Leistung
bemessenen Geldakkordsystems, aufgezwungen. Wir müssen, um die volle
Bedeutung dieser langsamen, aber unvermeidlichen Umwandlung zu verstehen,
näher auf die charakteristischen Eigentümlichkeiten der ländlichen
Arbeitsverfassung im Osten eingehen. (...) Darauf beruht die typische
Unterscheidung von ständigen und Saisonarbeitern in der Landwirtschaft. (...) Die
Veränderung der Arbeitsverfassung, welche durch die moderne Umgestaltung der
Betriebsweise herbeigeführt wird, betrifft nun sowohl die Zusammensetzung der
Arbeiterschaft als Ganzes, wie den Typus jeder Kategorie für sich. Es ändert sich
einmal das Zahlenverhältnis der ständigen zu den unständigen Arbeitskräften, und
es verwandelt sich ferner sowohl die Physiognomie der ständigen Arbeiterschaft,
für sich betrachtet, wie die der unständigen."2
"Anders mit Umsichgreifen der intensiven Kultur. Sie bedarf verstärkter
Saisonarbeit und schafft sie sich durch Steigerung der Saison-Geldlöhne. Es
entsteht und wächst dadurch mit den modernen Verkehrsmitteln eine Klasse von
Arbeitern, die überhaupt nur landwirtschaftliche Saisonarbeiter sind, die
Wanderarbeiter. (...) Sie opfern ihre gewohnten Lebensverhältnisse dem Streben
nach Emanzipation aus der Unfreiheit: ihre stumpfe Resignation wird
durchbrochen. Die vielbeklagte ,Mobilisierung' der Landarbeiter ist zugleich der
erste Anfang der Mobilmachung zum Klassenkampf."3
1
Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter (1894), in: Schriften, Stuttgart
2002, 1-21, 2ff., andere hier zitierte Ausgabe: Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte, hrsg. v. Marianne Weber, Tübingen² 470-507, 471, 474f.
2
ebd., 476ff.; Schriften, 8ff.
3
ebd., 492f., Schriften 14f.
- 77 -
"Ein großer ostelbischer Gutsbetrieb um 1890 war Saisonbetrieb; die
landwirtschaftlichen Arbeiten waren verschiedentlich über das Jahr verteilt, und
der Winter brachte den Landarbeitern gewerbliche Nebenarbeit, deren Wegfall
später einer der Hauptgründe für die Arbeitsschwierigkeit wurde."4
"Max Weber hatte sich bereits zu Beginn der 1890er Jahre sehr intensiv mit
Fragen der Agrarpolitik auseinandergesetzt. Er tat dies zunächst im Rahmen der
Enquete des Vereins für Sozialpolitik über die Verhältnisse der Landarbeiter im
Deutschen Reich, wo man ihn mit der Auswertung der Daten für die ostelbischen
Gebiete Deutschlands betraut hatte. Dabei diagnostizierte er die Abwanderung
deutscher Landarbeiter und ihre Ersetzung durch polnische und ruthenische
Saisonarbeiter als eine Erscheinung der Agrarkapitalismus und des damit
einhergehenden Zusammenbruchs der älteren patriarchalischen Sozialordnung.
Die Großgrundbesitzerschicht habe dadurch ihre traditionelle Funktion als ,Stütze
der Monarchie’ verloren. Sie wandele sich in eine Klasse landwirtschaftlicher
Unternehmer, die sich von gewerblichen Unternehmern kaum unterscheide und
deshalb die alte Stellung in Staat und Gesellschaft nicht mehr beanspruchen
könne. Nicht zuletzt aus nationalpolitischen Gründen bekannte sich Weber zum
Programm der ,Inneren Kolonisation’, dessen Ziel es war, deutsche Bauern auf
Kosten des Großgrundbesitzes in den östlichen Provinzen anzusiedeln."5
In seinem berühmten Aufsatz von 1894 geht Weber also von der Prämisse aus, dass
die ostelbischen Güter keineswegs nur Wirtschaftseinheiten seien, sondern lokale
politische Herrschaftszentren. Somit sieht er im Gutsherrn keinen gewöhnlichen
Arbeitgeber, sondern einen politischen Autokraten, der die Arbeiter persönlich
beherrschte. Diese Grundaristokratie ist nun politischen Veränderungen unterworfen,
durch politische Machtveränderungen und ein zunehmendes kapitalkräftiges Bürgertum,
wie bereits ausgeführt wurde. Dies zwingt die Großgrundbesitzer dazu, Unternehmer zu
werden, die unter rein geschäftlichen Gesichtspunkten wirtschaften. So wird der
Naturallohn durch Geldlohn ersetzt, die Landarbeiterschaft gleicht sich immer mehr der
Industriearbeiterschaft an, da die patriarchale Arbeitsverfassung und das persönliche
Verhältnis außer Kraft gesetzt werden. Die Folgen sind Saisonarbeiterschaft und
4
Wirtschaftsgeschichte. Abriß der universalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, hrsg. v. S. Hellmann
und M. Palyi, München - Leipzig 1923, 92.
5
Max Weber, Gesamtausgabe. Im Auftr. Der Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der
Bayerischen Akademie der Wissenschaften, hrsg .v. Horst Baier u.a., Abt.1 Schriften und Reden, Bd.8,
Wirtschaft, Staat und Sozialpolitik, hrsg. v. Wolfgang Schluchter in Zus. mit P. Kurth u. B. Morgenbrod,
Tübingen 1998, 85.
- 78 -
Kolonisation. Dadurch wird nach Weber der Klassenkampf innerhalb der Arbeiterschaft
verschärft.
Dabei lässt sich nach Weber auch ein Unterschied zwischen Ost und West
konstatieren: Der Osten Deutschlands war also zu der Zeit von Großgrundbesitz geprägt
und agrarisch strukturiert, während der Westen kaufmännisch und gewerblich orientiert
war.6 Kennzeichnend für den östlichen Großgrundbesitz war dabei folgendes:
"Die Bürokratisierung und Demokratisierung bedeutet daher innerhalb der
staatlichen Verwaltung trotz ihres normalerweise ,wirtschaftlicheren' Charakters
gegenüber jenen Formen eine Steigerung der baren Ausgaben der öffentlichen
Kassen. Die Ueberlassung fast der gesamten Lokalverwaltung und der niederen
Gerichtsbarkeit an die Grundherren im Osten Preußens war bis in die neueste Zeit
die – wenigstens vom Kassenstandpunkt des Staats aus gesehen - billigste Art der
Deckung
des
Bedürfnisses
nach
Verwaltung.
Ebenso
die
Friedensrichterverwaltung in England. Die Massendemokratie, welche mit
feudalen, patrimonialen und – wenigstens der Absicht nach – plutokratischen
Vorrechten in der Verwaltung aufräumt, muß unweigerlich bezahlte Berufsarbeit
an die Stelle der überkommenen nebenamtlichen Honoratiorenverwaltung
setzen."7
In der "Wirtschaftsgeschichte von Max Weber. Abriß der universalen Sozial – und
Wirtschaftsgeschichte", hrsg. v. S. Hellmann und M. Palyi, München und Leipzig 1923
wird die Problematik des östlichen Großgrundbesitzes im ersten Kapitel ,Haushalt,
Sippe, Dorf und Grundherrschaft’ aufgegriffen:
"In Deutschland besteht ein starker Unterschied zwischen dem Westen, wo die
Rentengrundherrschaft weiterdauert, und dem Osten und Österreich, wo
Fronwirtschaft herrscht. Ursprünglich war dabei die Lage der Bauern hier wie dort
ziemlich gleich, im Osten sogar eher günstiger. Der Osten kannte anfänglich keine
Leibeigenschaft; er besaß das beste Bodenrecht Deutschlands, die Bauern saßen
auf Großhufen (nach dem Maß der alten Königshufe), das Bauernlegen war seit
Friedrich Wilhelm I. von Preußen und Maria Theresia durch die Staatsgewalt
verboten, da der Bauer Steuerzahler und Rekrut war. Auch in Hannover und
Westfalen war das Bauernlegen verboten, dagegen am Rhein, in
Südwestdeutschland und in Bayern erlaubt. Trotzdem hat das Bauernlegen im
Osten gewaltige Dimensionen angenommen, nicht aber im Westen und Süden.
Die Gründe sind verschiedener Art. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, der für den
6
Mommsen, Wolfgang J., Max Weber und die deutsche Politik 1890-1920, Tübingen 1974², 97.
7
Grundriß der Sozialökonomik, 666f.
- 79 -
Bauernstand eine furchtbare Dezimierung bedeutete, wurden die Bauernhufen im
Westen neu besetzt, im Osten dagegen zum Gut geschlagen."8
Was bewirkte nun die Auflösungsentwicklung der Gutswirtschaft?
"Die treibenden Kräfte bei der Sprengung der Grundherrschaft wirkten zunächst
aus dem Innern der Grundherrschaft und waren dann in erster Linie ökonomischer
Natur. Es waren die Absatzchancen und Absatzinteressen sowohl der Grundherren
wie der Bauern und die stete Erweiterung des Marktes für Agrarprodukte durch
die Geldwirtschaft. Allein haben diese Momente jedoch entweder überhaupt nicht
zur Sprengung der Gutsherrschaft geführt, oder wenn doch, so erfolgte sie im
Interesse des Herrn, der die Bauern expropriierte und das eingezogene Land
benutzte, um darauf einen Großbetrieb zu errichten. Andere Interessen mußten
von außen hinzutreten: das Marktinteresse eines neu entstehenden städtischen
Bürgertums, das ein Interesse an der Schwächung und Sprengung der
Grundherrschaft hatte, weil sie eine Schranke für seine Absatzinteressen bildete.
Stadt und Stadtwirtschaft auf der einen und Grundherrschaft auf der anderen Seite
standen sich nicht so gegenüber, daß hier reine Naturalwirtschaft, dort umgekehrt
reine Geldwirtschaft bestanden hätte; sondern die Grundherrschaft produzierte in
weitem Umfang für den Markt, ohne dessen Absatzmöglichkeiten der Grundherr
vom Bauern keine Geldabgaben hätte erheben können."9
Weber weist die Problematik der modernen, entzaubert–rationalisiert–disziplinierten
Lebensweise am Kapitalismus auf. Denn dieser brauche den Menschen nur partiell.
Demgegenüber stehe der ,ganze Mensch', der zur vollen persönlichen ,Hingabe' fähig
sei an eine die Individualität überschreitende Sache.10 Weber drückt dies
folgendermaßen aus:
"Das Charakteristikum der modernen Entwicklung ist der Wegfall der
persönlichen Herrschaftsverhältnisse als Grundlage der Arbeitsverfassung und
damit der subjektiven, psychologischen, einer religiös-ethischen Deutung und
8
Wirtschaftsgeschichte, 89f.; als Bauernlegen bezeichnet man die Enteignung und das Einziehen wüst
liegender Bauernhöfe durch Grundherren um sie als Gutsland selbst zu bewirtschaften. Ebenfalls wird das
Ankaufen freier Bauernhöfe, das oftmals unter Anwendung von Druckmitteln erfolgte, als Bauernlegen
bezeichnet. Das Legen der Bauernhöfe hatte in der Regel den Zweck, das Einkommen der Gutsbesitzer
durch unmittelbare Bewirtschaftung der meist nur geringen Ertrag abwerfenden Güter zu erhöhen.; s.
dazu von der Löhe, Innere Kolonisation in Preußen und England, in: Schmollers Jahrbuch, 43. Jg., 291.
9
ebd., 94f.
10
s. Hennis, 98f.
- 80 -
Ausprägung zugänglichen Voraussetzungen der Abhängigkeit der beherrschten
Klassen (…) Die moderne Entwicklung aber setzt an die Stelle dessen zunehmend
die unpersönliche Herrschaft der Klasse der Besitzenden, rein geschäftliche an die
Stelle der persönlichen Beziehungen, Tributpflichten an eine unbekannte, nicht
sichtbare und greifbare Macht an die Stelle der persönlichen Unterordnung und
beseitigt damit die Möglichkeit, das Verhältnis der Herrschenden zu den
Beherrschten ethisch und religiös zu erfassen."11
So erklärt sich auch sein Fachwechsel von der Jurisprudenz zur Nationalökonomie
mit seinem anthropologischen Interesse.12 Die Nationalökonomie Karl Knies ist für ihn
hier ein Vorbild. Dieser vertritt eine handlungsorientierte Nationalökonomie. Hier findet
er seinen religionssoziologischen Ansatz vorgedacht. Der Einfluss der Religion auf den
Menschen sei innerlich und daß das psychologische Moment in diesem Faktor der
Gütererzeugung von sehr hohem Wert sei, "so schätzen wir die Einwirkung der
religiösen Lehre auf die wirtschaftlichen Verhältnisse hoch genug."13So tritt Weber
1898 in Heidelberg die unmittelbare Nachfolge Knies an. Nach diesen Entwicklungen
wird sein Werk öfters auch in zwei Abschnitte eingeteilt: Bis 1904 und danach bis zu
seiner Krankheit.14
Als Beispiel für die maroden Zustände und die Wechselverhältnisse zwischen
Gutswirtschaft und Industrie geht Weber auf die Fideikommissfrage in den ostelbischen
Gebieten ein:
"Mit dem ,Vorläufigen Entwurf’ sollte eine einheitliche Regelung für den
gebundenen Großgrundbesitz im gesamten preußischen Territorium geschaffen
werden. Er bestand aus 245 Paragraphen, denen eine Begründung von 212 Seiten
beigegeben war. Die Familienfideikommisse wurden sowohl staatspolitisch als
auch volkswirtschaftlich gerechtfertigt."15
11
Weber, in: Was heißt christlich-sozial?, in: Die christliche Welt, 8. Jg. (1894) Nr. 20, Sp. 472-477, 475.;
in der Ma`at-Konzeption heißt es vergleichbar: "Der von der Ma`at lebt ist das Prädikat einer ,ethischen
Instanz', die für die Durchsetzung der Ma`at sorgt und für die sie gesagt und getan wird." Assmann, 212.
12
s. Weber, Marianne, Max Weber. Ein Lebensbild, 212.
13
zitiert nach Hennis, 152.
14
s. Hennis, 186.
15
aus: Agrarstaatliche und sozialpolitische Betrachtungen zur Fideikommißfrage in Preußen, Editorischer
Bericht und Text, in: Max Weber. Gesamtausgabe. Im Auftr. der Kommission für Sozial- und
- 81 -
"Gleichwohl ist es dann nicht mehr zu jener größeren Untersuchung gekommen,
so daß der Fideikommißaufsatz von 1904 in gewissem Sinne als der Abschluß von
Webers agrarstaatlichen Studien gelten muß."16
"Die folgende Abhandlung Max Webers ist Teil seiner Untersuchungen der
deutschen Agrarverfassung, insbesonere ihre Veränderungen unter dem Einfluß
des Kapitalismus. Sie bildet zugleich einen Höhepunkt seines publizistischen
Kampfes gegen die einseitige Bevorzugung der Großgrundbesitzer vor allem in
den östlichen Provinzen Preußens. Den konkreten Anlaß dazu bot der im
Frühsommer 1903 veröffentlichte, ,Vorläufige Entwurf eines Gesetzes über
Familienfideikommisse', mit dem die Regierung das Fideikommißrecht in
Preußen auf eine neue und einheitliche Grundlage stellen wollte."17
"Das große Fideikommiß wirkt eben, wenn man es rein technisch betrachtet, wie
eine Art Vergesellschaftung des Produktionsmittels Boden, verbunden mit einer
monarchischen und privatwirtschaftlich interessierten und verantwortlichen
Spitze. Mit jeder Herabminderung des Ausmaßes des Fideikommisses mindert
sich naturgemäß dies Element der Stärke, und wo das Fideikommiß mit dem
Umfang eines oder zweier Rittergüter zusammenfällt, da ist jener Konflikt, der in
der Natur unserer privatwirtschaftlichen Produktionsordnung liegt: daß technisch
zweckmäßiges Betriebsausmaß und standesgemäße Rente je ihre eigenen Wege
gehen, in voller, ja trotz aller Privilegien des von Erb- und Kaufschulden freien
Besitzers in gesteigerter Schärfe vorhanden, da ja keine Macht der Welt durch die
Generationen hindurch die Speisung des Eigenbetriebes mit dem, zumal für eine
im Sinne schnelleren Kapitalumschlages intensivere Wirtschaft erforderten,
Betriebskapital gewährleisten kann, und da der Übergang zur Verpachtung, je
kleiner der Besitz, um so weniger sicher gerade jenes Ausmaß von Rente
einträgt."18
Zunächst geht Weber auf die Vorteile dieser Institution ein um danach auf die
Nachteile zu sprechen zu kommen:
Wirtschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, hrsg. v. Horst Baier, M. Rainer
Lepsius, Wolfgang J. Mommsen, Wolfgang Schluchter, Johannes Winckelmann, Abt. 1, Schriften und
Reden, Bd. 8 Wirtschaft, Staat und Sozialpolitik. Schriften und Reden 1900-1912, hrsg. v. Wolfgang
Schluchter in Zus. mit Peter Kurth und Birgitt Morgenbrod, Tübingen 1998, 81-188, 84. (Editorischer
Bericht)
16
ebd., 88.
17
ebd., 81.
18
ebd., 165.
- 82 -
"Ein großer Fideikommißbesitzer kann z.B. auch in seinem eigenen Interesse, auf
die von ihm abhängigen Mittelbetriebe erzieherlich wirken und so Vorbilder für
kleinere Wirtschaften schaffen, worauf die Motive solches Gewicht legen. Was
die Bauern von einem durchschnittlichen Rüben- oder Branntweinbaron eigentlich
ökonomisch lernen sollten, leuchtet dagegen nicht ein, und um ihnen die
technischen Fortschritte, deren Anwendung ihnen möglich wäre, vor Augen zu
führen, dazu genügt ein Zehntel der jetzt im Osten vorhandenen Großbetriebe."19
"Jedes Institut, welches durch künstliche Stützung des Großbesitzes und –
Betriebes und seiner Erweiterung die Anteilnahme am Boden erschwert, gräbt
dem Heimatgefühl der Landbevölkerung die Wurzel ab."20
Im Folgenden begründet er seine ablehnende Haltung: "Kurz, die ratio der
Fideikommisse liegt in dem sittlich (!) politischen Wert aristokratischer Überlieferung
und Gesinnung. In letzter Linie ist die Fideikommißgesetzgebung (...) ein Problem der
nationalen Charakterbildung."21
"Vorurteilslose Mitglieder des heutigen preußischen Beamtentums pflegen die
Degeneration der altpreußischen Tradition zu jenem charakterlosen, nach unten
,schneidigen’, nach oben geschmeidigen ,Assessorismus’ der Gegenwart mit
seiner überzeugungslosen Pflege der rein formalen ,Staatserhaltung’ ohne alle
inhaltlichen Ziele stets zuzugeben, mit dem typischen Zusatz: ,aber die
Bürgerlichen sind immer die schlimmsten’. Gewiß: Bürgerliche mit feudalen
Prätensionen, eben solche, wie sie der Fideikommißsentwurf in Reinkultur
massenhaft züchten will. (…) Durch die Zu|lassung zahlreicher kleinerer
Fideikommißgründungen vollends wird nicht ,aristokratische Gesinnung’ in
irgend einem Sinn des Wortes erzeugt, sondern – wie immer wieder gesagt
werden muß – es werden Familien, die nach ihren Einkommensverhältnissen auf
bescheidene bürgerliche Lebensführung hingewiesen wären, mit feudalen
Prätensionen erfüllt. Die Möglichkeit bürgerlicher und briefadliger
Fideikommißgründung überhaupt aber lenkt, indem sie die verächtlichste Eitelkeit
kitzelt, das bürgerliche deutsche Kapitals von dem Wege ökonomischer
Eroberungen in der weiten Welt in verstärktem Maße auf die Bahn der Schaffung
von Rentiersexistenzen, die ohnehin im Zuge unserer protektionistischen Politik
liegt."22
Daher zieht er folgendes Fazit:
19
ebd., 166.
20
ebd., 174.
21
ebd., 177.
22
ebd., 184f.
- 83 -
"Es genügt, konstatiert zu haben, daß die Auslieferung der besten Böden an die
Eitelkeits- und Herrschaftsinteressen des Agrarkapitalismus – das Ergebnis der
vom Entwurf sanktionierten materiellen Fideikommißgründungsfreiheit – einem
Lebensinteresse der Nation: dem an einer zahlreichen und kräftigen
Bauernbevölkerung, jede Zukunft abgräbt."23
Es handelt sich also in der von Max Weber beschriebenen Situation um eine
Fehlanpassung des deutschen Konservatismus an die Industrielle Gesellschaft, denn die
wachsende Arbeiterbewegung und die Gefahr der sozialen Revolution seit 1848 führten
bekanntlich
zu
einem
Bündnis
zwischen
Konservatismus
und
gemäßigtem
Liberalismus, soziologisch gesehen zwischen großbürgerlichem Unternehmertum und
Großgrundbesitz.24 Dies führt auf der schon beschriebenen dritten Stufe der
Konservatismusentwicklung oft dazu, daß nicht etwa der Kapitalismus, sondern die
Technik kritisch beleuchtet wird, wie bereits ausgeführt wurde.25
23
ebd., 188.; Unter dem Begriff Fideikommiss versteht man ein unverkäufliches, unbelastetes und nur im
Ganzen vererbliches Landgut, lat. fideikommissum ,auf Treu und Glauben anvertrauter Vermögensteil’;
die Familienfideikommisse wurden zum Erhalt des Familienvermögens adeliger Familien über
Generationen hinweg eingesetzt. Schlösser, Burgen und Herrensitze mit den dazugehörigen land- und
forstwirtschaftlichen Betrieben waren oft in den Familienkommissen gebunden. Sie dienten vor allem
auch dazu, adelige Söhne, die schlecht besoldete, aber prestigeträchtige und einflussreiche Ämter in Staat
und Heer einnahmen, finanziell aus dem Familienvermögen zu versorgen. Im 19. Jhd. gerieten die
Familienkommisse in die Kritik, weil sie durch das sie betreffende Verfügungsverbot nicht am
Güteraustausch teilhaben konnten und damit das Wachstum des Sozialproduktes bremsten. Da sie auch
einem Belastungsverbot unterlagen, konnten sie ebenfalls nicht als Realkreditsicherheiten eingesetzt
werden. Auch behinderte das Belastungsverbot die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit. Ferner wurden die
Familienfideikommisse als Sonderrecht des Adels kritisiert. Zudem wurden sie auch in Ansehung der
Eigentumsfreiheit als eine zu starke Einschränkung empfunden. Durch die Familienfideikommisse konnte
die ,kalte Hand’ des Erblassers über Generationen hinweg das Schicksal des Eigentums ohne Mitwirkung
der das Eigentum innehaltenden Familie lenken. Siehe dazu auch die Erklärung Max Webers in "Die
Protestantische Ethik und der >Geist< des Kapitalismus", in: Schriften 1894-1922, hrsg. v. Dirk Kaesler,
Stuttgart 2002,180.
24
s. S. 36.
25
s. S. 38, Anm. 49; Dies hängt natürlich mit der industriellen Revolution zusammen: In der Zeit um die
Jahrhundertwende, in der Max Webers "Protestantische Ethik" und Thomas Manns "Buddenbrooks"
entstanden, waren Erkenntnissituation und Optik nicht nur durch Nietzsche bestimmt, sondern
Industrialisierung, Technisierung, Bürokratisierung und Rationalisierung erreichten einen neuen
- 84 -
Während Thomas Mann dabei die Dekadenz des Patriziers, also das Luthertum
beschreibt, geht es Max Weber um eine Art ,Industriearbeiteroptimierung’.26 In beiden
Fällen handelt es sich um keine alle Seiten zufrieden stellende Lösung. Dazu hätte
Thomas Mann explizit gegen das Großbürgertum und den Feudalismus Stellung
beziehen müssen. Das hat er zwar im Hinblick auf das preußische Dreiklassenwahlrecht
getan, was noch erörtert werden wird, doch ansonsten mischte er sich wenig in die
Politik ein, denn seine Haltung ist geprägt von ,patriarchalisch-aristokratischer
Bürgerlichkeit’. Max Weber demgegenüber hätte stärker gegen die Industriemagnaten
Stellung beziehen müssen. Der Konservatismus hätte sich also noch stärker für das
Bürgertum einsetzen müssen, was in Anbetracht der politischen Verhältnisse allerdings
Höhepunkt und veränderten die Gesellschaft und das Leben tiefgreifend. Der Rationalisierungsprozess
umfasst danach drei Bereiche: Zum einen werden alle Vorgänge des Lebens durch Berechnung erfasst,
zum anderen findet eine intellektuelle Durcharbeitung und Systematisierung von Erkenntnis- und
Sinnzusammenhängen statt, welche die Stellung des Menschen gegenüber Welt und Sein bestimmen
(metaphysisch-ethische Rationalisierung), drittens äußert sich dies in einer methodischen Lebensführung
(praktische Rationalisierung). ; s. dazu Kiesel, 25ff.
26
Hierzu passt folgendes Zitat:
"Daß dagegen die ,militärische Disziplin' ganz ebenso wie für die antike Plantage auch das ideale
Muster für den modernen kapitalistischen Werkstattbetrieb ist, bedarf nicht des besonderen
Nachweises. Die Betriebsdisziplin ruht, im Gegensatz zur Plantage, hier völlig auf rationaler
Basis, sie kalkuliert zunehmend, mit Hilfe geeigneter Messungsmethoden, den einzelnen Arbeiter
ebenso, nach seinem Rentabilitätsoptimum, wie irgendein sachliches Produktionsmittel. Die
höchsten Triumphe feiert die darauf aufgebaute rationale Abrichtung und Einübung von
Arbeitsleistungen bekanntlich in dem amerikanischen System des ,scientific management’,
welches darin die letzten Konsequenzen der Mechanisierung und Disziplinierung des Betriebs
zieht. Hier wird der psychophysische Apparat des Menschen völlig den Anforderungen, welche
die Außenwelt, das Werkzeug, die Maschine, kurz die Funktion an ihn stellt, angepaßt, seines,
durch den eigenen organischen Zusammenhang gegebenen, Rhythmus entkleidet und unter
planvolle Zerlegung in Funktionen einzelner Muskeln und Schaffung
einer optimalen
Kräfteökonomie den Bedingungen der Arbeit entsprechend neu rhythmisiert. Dieser gesamte
Rationalisierungsprozeß geht hier wie überall, vor allem auch im staatlichen bürokratischen
Apparat, mit der Zentralisation der sachlichen Betriebsmittel in der Verfügungsgewalt des Herrn
parallel.", Grundriß der Sozialökonomik, 647.
Radkau spricht von Webers ,Psychophysik' der Industriearbeit, s. ebd., 429ff.;
vgl. dazu auch die Überhöhung der Technik bei Jünger und die Technikkritik als getarnte
Konservatismuskritik auf der 3. Stufe der Konservatismusentwicklung.
- 85 -
ein herer Anspruch ist, denn staatliche Hilfe war im politisch maroden System des
Wilhelminismus kaum möglich.27
Mit den oben genannten Max Weber-Zitaten können folgende Thomas-Mann-Stellen
verglichen werden:
Die Auseinandersetzung der ,Konsulin' mit der Köchin
,Trina' in den
"Buddenbrooks" lässt sich hier anführen: ",,Warten Sie man bloß, Fru Konsulin, dat
duert nu nich mehr lang, denn kommt’ ne annere Ordnung in de Saak; denn sitt ick doar
up’ m Sofa in ’sieden Kleed, und Sei bedeinen mich denn ...“ Selbstverständlich war ihr
sofort gekündigt worden."28
Auch hier wird die bisherige Ordnung in Frage gestellt, Patrizier und Proletarier
stehen sich unversöhnlich gegenüber. Der letzte Satz ist jedoch in Thomas Mannscher
Manier ironisch zu verstehen. Weiter heißt es in den "Buddenbrooks":
"Aber es gab keine Ruhe. Die Welt war ganz in Unordnung. Jeder wollte die
Verfassung und das Wahlrecht revidieren, und die Bürger zankten sich.
,,Ständisches Prinzip!'' sagten die einen; auch Johann Buddenbrook, der Konsul,
sagte es. ,,Allgemeines Wahlrecht!'' sagten die anderen; auch Hinrich Hagenström
sagte es. Noch andere schrien: ,,Allgemeine Ständewahl!“ und vielleicht wußten
sie sogar, was darunter zu verstehen war. Dann schwirrten noch solche Ideen in
der Luft umher wie Aufhebung des Unterschiedes zwischen Bürgern und
Einwohnern, Ausdehnung der Möglichkeit, das Bürgerrecht zu erlangen, auch auf
Nichtchristen ... Kein Wunder, daß Buddenbrooks Trina auf Gedanken verfiel wie
der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach, es sollte noch ärger kommen. Die
Dinge drohten eine fürchterliche Wendung zu nehmen ..."29
Und weiter:
"Die Sache war die, daß während des ganzen Tages bereits Unruhen in der Stadt
geherrscht hatten. In der Breiten Straße war am Morgen die Schaufensterscheibe
des Tuchhändlers Benthien vermittelst Steinwurfes zertrümmert worden, wobei
27
s. S. 85f. Auf Bismarcks Sozialistengesetz, die Arbeiter- und Soldatenräte und den Kulturkampf soll in
diesem Kapitel noch eingegangen werden.
28
Mann, Die Buddenbrooks, 149.
29
Mann, Die Buddenbrooks, 149.
- 86 -
Gott allein wußte, was das Fenster des Herrn Benthien mit der hohen Politik zu
schaffen hatte."30
Auch hier ist der letzte Satz ironisch gehalten. In diesen Zusammenhang gehört auch
die Beschreibung der Senatsversammlung:
"Plötzlich schwoll draußen das Getöse an ... Die Revolution war unter den
Fenstern des Sitzungssaales angelangt! Mit einem Schlage verstummten die
erregten Meinungsäußerungen hier drinnen. Man faltete, stumm vor Entsetzen, die
Hände auf dem Bauch und sah einander ins Gesicht oder auf die Fenster, hinter
denen sich Fäuste erhoben und ein ausgelassenes, unsinniges und betäubendes
Ho- und Hö- Geheul die Luft erfüllte. Dann jedoch, ganz überraschend, als ob die
Aufständischen selbst über ihr Betragen erschrocken gewesen wären, ward es
draußen ebenso still wie im Saale, und in der tiefen Lautlosigkeit, die sich über
das Ganze legte, ward lediglich in der Gegend der untersten Sitzreihen, wo
Lebrecht Kröger sich niedergelassen hatte, ein Wort vernehmbar, das kalt,
langsam und nachdrücklich sich dem Schweigen entrang: ,,Die Canaille!“"31
Einige Seiten weiter:
"„Je, Herr Kunsel...“, brachte Carl Smolt kauend hervor. „Dat's nu so'n Saak ...
öäwer ... Dat is nu so wied ... Wir maaken nu Revolutschon.“ (…)
„Smolt, wat wull Ji nu eentlich! Nu seggen Sei dat mal!“
„Je, Herr Kunsel, ick seg man bloß: wie wull nu'ne Republike, seg ick man bloß
...“
„Öwer du Döskopp ... Ji heww ja schon een!“
„Je, Herr Kunsel, denn wull wie noch een.“
Einige der Umstehenden, die es besser wußten, begannen schwerfällig und
herzlich zu lachen, (…)"32
Das Gespräch ,Konsul Krögers' mit ,Johann Buddenbrook' über die Revolution lässt
sich ebenfalls diesem Gedankenkreis zuordnen:
"„Ich glaube wahrhaftig, sie lassen sich die Sache zu nahe gehen, Vater“, sagte
der Konsul. „Wenn man bedenkt, was für eine Narrenposse das Ganze war ... Eine
Farce ...“ Und um irgendeine Antwort und Äußerung des Alten zu erlangen, fing
30
ebd., 151.
31
ebd., 157.
32
ebd., 161ff.
- 87 -
er an, lebhaft über die Revolution im allgemeinen zu sprechen ... “Wenn die
besitzlose Menge zu der Erkenntnis gelangte, wie wenig sie in diesen Zeiten ihrer
eigenen Sache dient ... Ach mein Gott, es ist überall das nämliche! Ich hatte heute
nachmittag ein kurzes Gespräch mit dem Makler Gosch, diesem wunderlichen
Manne, der alles mit den Augen eines Poeten und Stückeschreibers betrachtet ...
Sehen Sie, Schwiegervater, die Revolution ist in Berlin an ästhetischen Teetischen
vorbereitet worden ... Dann hat das Volk die Sache ausgefochten und seine Haut
zu Markte getragen ... Wird es auf seine Kosten kommen?“"33
Von anderer Seite beleuchtet wird diese Problematik während ,Tonys' Aufenthalt an
der Küste in der Sommerfrische vor ihrer geplanten Heirat mit ,Grünlich'; sie freundet
sich mit dem Sohn des Hauses an:
",,So!“ sagte Tony. ,,Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen anzufangen,
Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schön von Ihnen ... Haben Sie
jemals einen gekannt?“
„Nein!“ rief Morten beinahe entrüstet. „Gott sei Dank!“
„Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mädchen allerdings, Armgard von Schilling
dort drüben, von der ich Ihnen schon erzählte. Nun, sie war gutmütiger als Sie und
ich, sie wußte kaum, daß sie >von< hieß, sie aß Mettwurst und sprach von ihren
Kühen ...“
„Sicherlich gibt es Ausnahmen, Fräulein Tony!“ sagte er eifrig. „Aber hören Sie
... Sie sind eine junge Dame, sie sehen alles persönlich an. Sie kennen einen
Adligen und sagen: Aber es ist doch ein braver Mensch! Gewiß ... aber man
braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu verurteilen! Denn es handelt sich um
das Prinzip, wissen Sie, um die Einrichtung! Ja, darauf müssen Sie schweigen ...
Wie? Jemand braucht nur geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu
sein ... der verächtlich auf uns andere herabblicken darf ... die wir mit allen
Verdiensten nicht auf seine Höhen gelangen können?“ Morten sprach mit einer
naiven und gutherzigen Entrüstung; er versuchte, Handbewegungen zu machen,
sah selbst, daß sie ungeschickt waren, und unterließ sie wieder. Aber er redete
fort. Er war in Stimmung. Er saß vorgebeugt, einen Daumen zwischen den
Knöpfen seiner Joppe, und gab seinen gutmütigen Augen einen trotzigen
Ausdruck ... „Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir bis jetzt genannt
worden sind, wir wollen, daß nur noch ein Adel des Verdienstes bestehe, wir
erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir leugnen die jetzige Rangordnung der
Stände ... wir wollen, daß alle Menschen frei und gleich sind, daß niemand einer
Person unterworfen ist, sondern alle nur den Gesetzen untertänig sind! ... Es soll
keine Privilegien und keine Willkür mehr geben! ... Alle sollen gleichberechtigte
Kinder des Staates sein, und wie keine Mittlerschaft mehr existiert zwischen dem
Laien und dem lieben Gott, so soll auch der Bürger zum Staate in unmittelbarem
Verhältnis stehen!“ (...) „Ach, das ist alles eins, Fräulein Buddenbrook! Ja, ich
33
ebd., 164.
- 88 -
nenne Ihren Familiennamen, und zwar mit Absicht ... und ich müßte eigentlich
noch ,Demoiselle' Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind
bei und etwa die Menschen freier, gleicher, brüderlicher als in Preußen?
Schranken, Abstand, Aristokratie - hier wie dort! ... Sie haben Sympathie für die
Adligen ... soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie selbst eine Adlige sind! Ja-ha,
haben Sie das noch nicht gewußt? ... Ihr Vater ist ein großer Herr, und sie sind
eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt Sie von uns anderen, die wir nicht zu Ihrem
Kreise von herrschenden Familien gehören. Sie können wohl einmal mit einem
von uns zur Erholung ein bißchen an der See spazierengehen, aber wenn Sie
wieder in Ihren Kreis der Bevorzugten und Auserwählten treten, dann kann man
auf den Steinen sitzen ...“"34
Die Patrizier werden hier mit Adligen gleichgesetzt, sehen sich bei Mann also als
Adlige, obwohl sie Teil des Bürgertums sind. ,Mortens' Ausführungen zeigen, dass das
Bürgertum um die Jahrhundertwende an sich kein gefestigter, in sich homogener und
sich selbst definierender Stand war: Der Großgrundbesitzer verlor wie schon ausgeführt
seinen Stellenwert an den Großindustriellen, während as Land- und Industrieproletariat
zunahm. Auch klingt hier schon das Leistungsethos an, wenn ,Morten' einen ,Adel des
Verdienstes' fordert. Diesen Schwebezustand bezeichnet ,Morten' als ,Auf-den-Steinensitzen'.
Gemeinsam ist den Quellen Max Webers und Thomas Manns Folgendes:
bürgerliche
Revolution
spaltet
die
Gesellschaft
in
Patrizier
(Agrar-
Die
und
Industriekapitalisten) und Proletarier (ebenfalls im Industrie- und Agrarsektor). Sie
schafft Zustände, die sie vorgibt zu beseitigen. Dem aufstrebenden Bürgertum wird der
Vorwurf gemacht, den Moralbegriff zu pervertieren und die ständische Moral zu
unterhöhlen.
Als
einzige
Überbrückungsmöglichkeit
sehen
Mann
wie
Weber
den
Leistungsethiker, der in den Quellen Max Webers als ,Wanderarbeiter' oder im Rahmen
des ,scientific management' erscheint.
Aus diesen Überlegungen ergibt sich die Vergleichbarkeit von Webers Begriff des
,oikos' mit Manns Begriff des Patriziers.
34
ebd., 114ff.
- 89 -
2. Die Definition des ,patrizischen oikos’
a) Das Preußisches Dreiklassenwahlrecht
Weber und Mann waren beide für die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts der
alten Ordnung, da es vor allem die ostelbischen Gutsherren privilegierte, denn die
Klassen wurden nach Steueraufkommen eingeteilt. Die revidierte preußische
Verfassung vom 31. 1. 1850 teilte danach die Wahlbezirke nach dem Steueraufkommen
ein. Von beispielsweise 12 000 Stimmen fielen danach 4% (480 Stimmen) auf die 1.
Klasse, 16% (1920) Stimmen auf die zweite und 9600 Stimmen oder 80% auf die dritte
Klasse. Die Kriterien des Dreiklassenwahlrechts waren daher ungleich, öffentlich und
mündlich.35
Max
Weber und
Thomas
Mann
befürworteten
stattdessen
die
parlamentarische Demokratie.
Friedrich Wilhelm II. führte Preußen in die exponierte europäische Stellung durch
kraftvolle Reformen, die zu einem Aufstieg der Bevölkerung und Vermögensbildung
führten.
Mehr als 100 Jahre nach der Entstehung des Preußischen Dreiklassenwahlrechts sieht
sich Weber auf der einen Seite mit den Entwicklungen des Internationalismus und des
Proletariats und auf der anderen Seite mit der des Feudalismus und der
Industriemagnaten konfrontiert. Beide gegensätzlichen Entwicklungen werden seiner
Meinung nach aus dem maroden System des preußischen Wahlrechtes gespeist, dem er
ein allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht bei gleichzeitiger Stärkung des
Bürgertums wie in England gegenüberstellt. Seine Forderungen waren demnach: Das
Volk müsse Einfluss auf die staatliche Willensbildung haben, das preußische
Dreiklassenwahlrecht müsse verschwinden, ebenso die Beamtenschaft, die Regierung
müsse parlamentarisiert und staatliche Einrichtungen demokratisiert werden. Er strebt
also eine Verbindung zwischen charismatischer, traditionaler und rationaler Herrschaft
als Ideal an. Der Idealzustand wäre demnach eine parlamentarische Monarchie und
soziale Demokratie. Er betont allerdings auch, dass die rechtliche Ordnung vom
35
Zum preußischen Dreiklassenwahlrecht s. Epstein, Conservatism, 348.
- 90 -
Ausgang des Krieges abhänge. Max Weber fordert die Machtübernahme des
Bürgertums und, als ihre verfassungsrechtliche Konsequenz, die Parlamentarisierung
des Reiches und die Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts, was die politische
Vorrangstellung des deutschen Adels beseitigen würde.36 Solange die preußischen
Konservativen nicht auf das Privileg des Dreiklassenwahlrechts verzichteten, blieb
Weber entschieden föderalistisch gesinnt.37 Er hielt die Konservativen zudem für
proletarier- und industriefeindlich. Als 1917 nach Beginn des uneingeschränkten UBoot-Krieges Verfassungsreformen als Notwendigkeit zur Stärkung der inneren Front
anstanden, und zwar versuchten die ostelbischen Großgrundbesitzer ihre Stellung
wieder einmal auf Kosten der freien Bauern zu festigen, polemisierte Weber erneut
gegen das preußische Dreiklasssenwahlrecht, das den Konservativen und der
Aristokratie ihre Vorzugsstellung im politischen Mächtespiel sicherte.38
b) Das Preußische Allgemeine Landrecht
Das Dreiklassenwahlrecht von 1848 privilegierte eindeutig die preußischen
Großgrundbesitzer. Es basiert auf dem Preußischen Allgemeinen Landrecht, das 1794 in
Kraft trat. Es wurde 1780 begonnen, 1794 abgeschlossen. Es sollte Preußens
unterschiedliche Provinzen einen und eine Synthese zwischen deutschem, römischem
und natürlichem Recht darstellen. Der antike Haustand, oikos, galt noch für das
Preußische Allgemeine Landrecht als kleinste Einheit der Gesellschaft. Der Entwurf
zum Gesetzestext gliederte sich dementsprechend in drei Stufen, von denen die erste die
Rechte und Pflichten des Hausstandes behandelte. Darauf folgen die Rechte und
36
s. Mommsen, W. J., Max Weber und die deutsche Politik 1890-1920, Tübingen 1974², 28.
37
s. ebd., 188.
38
s. ebd., 265.; siehe dazu auch Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen Landarbeiter
(1894), in: Schriften 1894-1922, ausgewählt von Kaesler, D., Stuttgart 2002, 1-21.; Weber, Die
Verhältnisse der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland (1892), in: Schriften, 780ff.; Weber,
Deutschland als Industriestaat (1897), in: Schriften, 532ff.
- 91 -
Pflichten der Stände und die des Staates.39 Aus der Sozialform des ,ganzen Hauses’
ergab sich zwangsläufig die privilegierte Stellung des Hausvaters:
"Er muß Wirt, Hausherr, Pfleger im ältesten Sinn sein, der über die hier
vereinigten Menschen, Produktionsmittel, Verbrauchsgüter verfügen kann, der
Produktion, Arbeitseinsatz und Konsumption gleichzeitig zu regeln vermag. Die
Bauernwirtschaft ist ohne die lohnlose Arbeit der Familienmitglieder, ohne die
Herrschaft des Wirtes über die Familie nicht denkbar."40
Das Gesinde wurde streng überwacht. Auch das Recht der körperlichen Züchtigung
blieb dem Arbeitgeber vorbehalten.41
In Verbindung mit dem preußischen Dreiklassenwahlrecht wendet sich Weber auch
gegen Bismarck, der als preußischer Junker für die Schließung der östlichen Grenze
eintrat, um die deutsche Nationalität im Sinne der Großgrundbesitzer zu erhalten.42
Trotz seiner Bejahung der Abschaffung des antiken ,oikos' und damit der Macht des
,pater familias' ist Weber nach dem Krieg daher für eine starke Stellung des
Reichspräsidenten.
39
vgl. Kosselleck, Preußen zwischen Reform und Revolution. Allgemeines Landrecht. Verwaltung und
soziale Bewegung, Stuttgart, 2. Aufl. 1975, 54.; s. auch ders., Die Auflösung des Hauses als ständischer
Herrschaftseinheit, in: Familie zwischen Tradition und Moderne. Studien zur Geschichte der Familie in
Deutschland und Frankreich vom 16. bis zum 20. Jhd., hrsg. v. Bulst, N., Goy, J. und Hoock, J.,
Göttingen 1981, 109-124. Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten. Unter Andeutung der
obsoleten oder
aufgehobenen Vorschriften
und
Einschaltung der
jüngeren noch geltenden
Bestimmungen, hrsg. v. C. F. Koch, Berlin - Leipzig 1884, 8. Aufl.
40
vgl. Brunner, O., Das ,ganze Haus' und die alteuropäische ,Ökonomik', in: ders., Neue Wege der
Sozialgeschichte, Göttingen 1954, 33-61, 39.; s. auch Rebel, H., Peasant Classes. The Bureaucratization
of Property and Family Relations under Early Habsburg Absolutism 1511-1636, Princeton 1983.;
Schwab, D., Familie, in: GG (Geschichtliche Grundbegriffe) Bd. 2 (1975) 235-301.; zur Einteilung in
,potestas', ,manus', ,mancipium' siehe Huchthausen, 19f.
41
vgl. Kosselleck, 114-20.; zum frühmittelalterlichen grundherrschafltlichen ,familia'-Begriff siehe
Rösener, Agrarwirtschaft, Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft im Mittelalter, München 1992, 15.;
zu den antiken Grundlagen, vor allem der Einteilung in ,potestas’, ,mancipium’ und ,manus’ siehe Gaius,
Institutiones I, 195 b, übs. v. Huchthausen, 49f.;
42
s. Weber, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik, in: PS (1895), 1-25, hier: 10.
- 92 -
c) Die Nachkriegsordnung: Weber und die DDP; die Stellung des Reichspräsidenten
Nach dem Krieg stützte Weber die Deutsche Demokratische Partei (DDP), die
Mitte November 1918 von Naumann, Alfred Weber und Theodor Wolff gegründet
wurde und nach ihrem Programm auf dem Boden der Weimarer Verfassung stand. Die
deutsche Republik musste danach ein Volksstaat sein und unverbrüchlich zugleich ein
Rechtsstaat. Doch die DDP erreicht mit ihrem Programm bei den Reichstagswahlen am
19.1.1919 nur 18% der Stimmen. Ursprünglich wollte Max Weber nicht eintreten, da er
die Monarchie stützen wollte, die DDP jedoch republikanisch gesinnt war. Weber tritt
für eine Stärkung der Länder gegen Preußen ein. Er möchte den liberalen
Verfassungsstaat und eine liberale Weltmachtpolitik durchsetzen.
"Max Weber gehört zu den politischen Denkern, die am frühesten die Konsequenz
der Wandlung des gesellschaftlichen Gefüges im Gefolge der Industrialisierung
für die Formen des politischen Betriebes erkannt haben. Weber sah klar, daß die
Entstehung der modernen Massendemokratie die Voraussetzungen des
herkömmlichen liberalen Verfassungsdenkens weitgehend erschüttert hatte."43
So tritt er wieder aus der DDP aus und zieht sich aus der aktiven Politik zurück,
obwohl die DDP trotz geringer Wählerstimmen ab 1919 mit SPD und Zentrum
zusammen die Regierung bildet.
Weber war für die Einsetzung eines Bismarckschen Bundesrates, um die einzelnen
Länder gegenüber Preußen zu stärken. Er war daher für ein bundesstaatliches
Verfassungssystem. Der Reichspräsident wurde darin Schlüsselfigur. Ihm dachte
Weber die Rolle des großen cäsaristischen Führers zu, welche ihm in der modernen
Massendemokratie
unentbehrlich
schien.44
So
gab
die
Verfassung
dem
Reichspräsidenten bekanntlich eine sehr starke Stellung. So konnte er z.B. in der
Situation eines Notstandes mit Hilfe des Artikels 48 die freie Meinungsäußerung
aufheben oder Personen ohne Haftbefehl und zeitlich unbegrenzt verhaften lassen sowie
43
Th. Schieder, Der Liberalismus und die Strukturwandlungen der modernen Gesellschaft vom 19. zum
20. Jhd, Relazioni del X. Congresso Internazionale di Scienze Storiche, Vol. V. Storia contemporanza,
160f.; vgl. Weber, PS, 200.
44
s. Weber, PS, 364ff., vgl. dazu die Charismatheorie, S. 51ff.
- 93 -
Gesetze in ,Krisenzeiten' erlassen. Er hatte den Oberbefehl über die Reichswehr
(Berufsheer: ,Staat im Staate'), ernannte und entließ den Reichskanzler, konnte den
Reichstag auflösen, ein Referendum durchführen, er ernannte die Richter des
Staatsgerichtshofes in Leipzig. Zudem durfte er Notverordnungen erlassen, die
Gesetzeskraft hatten. Besonders in den letzten Jahren der Weimarer Republik machte er
regen Gebrauch von diesem Recht. 104 Notverordnungen standen ganze 39 vom
Reichstag beschlossene Gesetze gegenüber. Der Reichspräsident füllte dann als Teil der
Exekutive auch Rechte der Legislative aus. Die Gewaltenteilung, ein wesentlicher
Grundsatz der Demokratie, war aufgehoben. In Krisenzeiten hatte der Reichspräsident
fast die Stellung eines Diktators inne, er wurde deswegen auch als ,Ersatzkaiser'
bezeichnet.
Weber wollte ursprünglich nach amerikanischem Vorbild die Exekutive vom
Vertrauen des Parlamentes unabhängig machen. An die Stelle des erbcharismatischen
Monarchen trat der gewählte Monarch, gestützt nicht auf dynastische Legitimität,
sondern auf die revolutionäre Legitimität der unmittelbaren Wahl durch das Volk. Das
Vakuum, das durch den Sturz der Hohenzollern entstanden war, sollte durch die
charismatische Legitimität des Reichspräsidenten aufgefüllt werden. Weber ordnete die
Staatsform allerdings den Machtinteressen des Staates unter. Sinn und Aufgabe der
modernen Demokratie reduzierte sich nach Weber auf zwei Funktionen: Die Auslese
politischer
Führungspersönlichkeiten
und
die
Kontrolle
der
technischen
Verwaltungsbürokratie. Er stellte sich dabei den Typus der Führerdemokratie vor: Dem
charismatischen Führer muss dabei Folge geleistet werden, solange er Erfolg hat.45
Bei Max Weber heißt es dazu:
"Die ,plebiszitäre Demokratie' – der wichtigste Typus der Führer-Demokratie – ist
ihrem genuinen Sinn nach eine Art der charismatischen Herrschaft, die sich unter
der Form einer vom Willen der Beherrschten abgeleiteten und nur durch ihn
fortbestehenden Legitimität verbirgt. Der Führer (Demagoge) herrscht tatsächlich
kraft der Anhänglichkeit und des Vertrauens seiner politischen Gefolgschaft zu
seiner Person als solcher. Zunächst: über die für ihn geworbenen Anhänger
weiterhin, im Fall diese ihm die Herrschaft verschaffen, innerhalb des Verbandes.
45
vgl. hierzu den Aspekt ,Bürokratie und Askese'.
- 94 -
Den Typus geben die Diktatoren der antiken und modernen Revolutionen: die
hellenischen Aisymneten, Tyrannen und Demagogen, in Rom Gracchus und seine
Nachfolger, in den italienischen Städtestaaten die Capitani del populo und
Bürgermeister (Typus für Deutschland: die Zürcher demokratische Diktatur), in
den modernen Staaten die Diktatur Cromwells, der revolutionären Gewalthaber
und der plebiszitäre Imperialismus in Frankreich (…) Der Führerdemokratie ist
dabei im allgemeinen der naturmäßige emotionale Charakter der Hingabe und des
Vertrauens zum Führer charakteristisch, aus welchem die Neigung, dem
Außeralltäglichen, Meistversprechenden, am stärksten mit Reizmitteln
Arbeitenden als Führer zu folgen, hervorzugehen pflegt. Der utopische Einschlag
aller Revolutionen hat hier seine naturgemäße Grundlage. Hier liegt auch die
Schranke der Rationalität dieser Verwaltung in moderner Zeit, - die auch in
Amerika nicht immer den Erwartungen entsprach."46
Auch Thomas Mann ergriff für die Republik Partei:
"Nicht kommt es darauf an, daß eine Partei gute Fahrt hat, sondern daß der Staat
sie hat; und wenn jede Partei klüglich den Wind benutzt, mit dem die andere
segelt, so werden sie alle gut segeln, das heißt die Republik wird gut segeln, - was
zu erreichen war. Darum ist anzuraten, daß auch die ,Republikaner' bedacht seien,
den ,Monarchisten' den Wind aus den Segeln zu nehmen."47
"Erkenntnis, wie es scheint, braucht nicht unbedingt hamletischen Ekel am
Erkannten und seine Vernichtung im Erkenntnisekel zu bedeuten, wie bei
Nietzsche; sie kann bejahend sein."48
Er bekennt sich also aktiv zu der neu entstandenen Staatsform:
"Deutschland beginnt seinen Blick wieder nach Westen zu richten, wie besonders
deutlich geworden in einer Schrift, die großes und bezeichnendes Aufsehen in
unserer Mitte gemacht hat. Sie stammt von Ernst Troeltsch (...)"49
Er will die Jugend überzeugen," (...) daß Demokratie etwas Deutscheres sein kann als
,imperiale Gala-Oper' und redet vom ,Vater Ebert'."50
46
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 156f., Anmerkungen.; Mann und Weber sprechen sich für
die parlamentarische Monarchie aus.
47
s. Thomas Mann, Von deutscher Republik, in: Essays II, 514-559, hier 530.
48
ebd., 542.
49
Deutschland und die Demokratie, in: Essays II, 938-947, hier: 946f.
50
s. Von deutscher Republik, in: Essays II, 531.
- 95 -
Also auch aus der zeitgenössischen Politik erschließt sich die Definition des
,patrizischen oikos' näher.
Aus den folgenden Quellen Max Webers erschließt sich der Begriff des ,oikos':
"Die ungebrochene Fortdauer der patria potestas des römischen Familienhaupts
bis an sein Lebensende z.B. ist in ihrer Entstehung teils ökonomisch und sozial,
teils politisch, teils religiös bedingt gewesen (Zusammenhalt des Vermögens des
vornehmen Hauses, militärische Gliederung nach Sippen und, vermutlich,
Häusern, Hauspriesterstellung des Vaters). Sie hat aber die denkbar
verschiedensten ökonomischen Entwicklungsstadien überdauert, ehe sie, unter
den politischen Bedingungen der Kaiserzeit, auch den Kindern gegenüber
Abschwächungen erfuhr."51
Hier ist also die Hausvaterproblematik von Bedeutung, worauf schon eingegangen
wurde.
"Dagegen ist die Hausgewalt dort besonders unzerbrechlich, wo Viehbesitz,
überhaupt aber Besitz als solcher die vornehmliche Grundlage der Existenz bildet.
Namentlich der Bodenbesitz, sobald der Bodenüberfluß sich in Bodenknappheit
verwandelt hat. Ueberall ist der feste Zusammenhalt des Geschlechtes, aus den
schon mehrfach erwähnten Gründen, ein spezifisches Attribut des Grundadels und
der grundbesitzlose oder grundbesitzarme Mann entbehrt überall auch des
Geschlechtsverbandes."52
"Ein ,Oikos' im technischen Sinne ist nicht etwa einfach jede ,große'
Hausgemeinschaft oder jede solche, die mannigfache Produkte, z.B. gewerbliche
neben landwirtschaftlichen, in Eigenproduktion herstellt, sondern er ist der
autoritär geleitete Großhaushalt eines Fürsten, Grundherrn, Patriziers, dessen
letztes Leitmotiv nicht kapitalistischer Gelderwerb, sondern organisierte naturale
Deckung des Bedarfs des Herrn ist. Dazu kann er sich aller Mittel, auch des
Tauschs nach außen, in größtem Maßstab bedienen. Entscheidend bleibt: daß das
formende Prinzip für ihn ,Vermögensnutzung' und nicht ,Kapitalverwertung' ist.
Der ,Oikos' bedeutet seinem entscheidenden Wesen nach: organisierte
Bedarfsdeckung, mögen ihm zu diesem Zweck auch erwerbswirtschaftliche
Einzelbetriebe angegliedert sein. Zwischen beiden Prinzipien gibt es natürlich
eine Skala unmerklicher Uebergänge und auch ein häufiges Gleiten und
Umschlagen vom einen in das andre. In der Realität des Empirischen ist der
51
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 1947, 210.
52
ebd., 210.
- 96 -
,Oikos', bei irgend entwickelter materieller Kultur, in wirklich rein
gemeinwirtschaftlicher Form notwendig selten. Denn ganz rein, d.h. unter
dauernder Ausschaltung des Tauscherwerbsgesichtspunkts kann er allerdings nur
bestehen, wenn er, mindestens dem Streben nach, in ökonomischer ,Autarkie', d.h.
also: als möglichst tauschlose Eigenwirtschaft auftritt. Ein Apparat von
haushörigen Arbeitskräften mit oft sehr weitgehender Arbeitsspezialisierung
erzeugt dann den gesamten, nicht nur ökonomischen, sondern auch militärischen
und sakralen, Bedarf des Herrn an Gütern und persönlichen Diensten, der eigene
Boden gibt alle Rohstoffe her, eigene Werkstätten mit eigenhörigen
Arbeitskräften erzeugen alle anderen Sachgüter, eigenhörige Dienstboten,
Beamte, Hauspriester, Kriegsmannen beschaffen die sonstigen Leistungen, und
der Tausch dient nur allenfalls der Abstoßung gelegentlicher Überschüsse und der
Ergänzung des schlechterdings nicht selbst Erzeugbaren. Dies ist ein Zustand,
welchem in der Tat die Königswirtschaften des Orients, namentlich Aegyptens,
und in kleinerem Maßstab die Wirtschaft der Adligen und Fürsten des
homerischen Typus sich weitgehend annähern und mit dem die Hofhaltungen der
Perser- und auch der Frankenkönige starke Verwandtschaft besitzen, in dessen
Richtung sich die Grundherrschaften der römischen Kaiserzeit mit zunehmendem
Umfang, zunehmender Knappheit der Sklavenzufuhr und zunehmender
bürokratischer und leiturgischer Einengung des kapitalistischen Erwerbs
zunehmend entwickelten – während die mittelalterlichen Grundherrschaften im
ganzen mit wachsender allgemeiner Bedeutung des Güterverkehrs, der Städte und
der Geldwirtschaft die gerade entgegengesetzte Entwicklungstendenz zeigten.
Rein eigenwirtschaftlich ist aber der Oikos in all diesen Formen niemals gewesen.
Der Pharao trieb auswärtigen Handel und ebenso die große Mehrzahl gerade der
primitiven Könige und Adligen des Mittelmeerbeckens: sehr wesentlich auch auf
dessen Erträgen beruhten ihre Schätze."53
Dem ,oikos des Patriziers' liegt nach Weber also eine traditionale Herrschaftsform
zugrunde.54 In ihrem Fall "wird der Person des durch Tradition berufenen und an die
Tradition (in deren Bereich) gebundenen Herrn kraft Pietät im Umkreis des Gewohnten
gehorcht."55 Diese Herrschaftsform ist aber in Anbetracht der Annäherung von
Grundherrschaft und Großbetrieb wie schon erwähnt massiven Veränderungen
unterworfen.
53
ebd., 213.
54
Diese Bezeichnung soll auch im Hinblick auf Manns Begriff des Patriziers im Folgenden verwendet
werden. Er drückt den gleitenden Übergang zwischen Großgrundbesitz und Großindustrie aus.
55
Grundriß der Sozialökonomik, 2. Teil § 2, 124, in: 1. Halbband, 1947, vgl. auch obige Ausführungen.
- 97 -
3. Die Entwicklung von dem ,oikos', dem Patriarchat, der Gutswirtschaft hin zum
industriellen Kapitalismus
a) Die Wechselbeziehung zwischen Grundherrschaft und Großbetrieb
Folgende Quellen gehen eher auf die calvinistische Sichtweise ein:
"Das bestehen von ,Herrschaft' spielt insbesondere gerade bei den ökonomisch
relevantesten sozialen Gebilden der Vergangenheit und der Gegenwart: der
Grundherrschaft einerseits, dem kapitalistischen Großbetrieb andererseits, die
entscheidende Rolle. Herrschaft ist, wie gleich zu erörtern, ein Sonderfall von
Macht. Wie bei anderen Formen der Macht, so ist auch bei der Herrschaft im
speziellen es keineswegs der ausschließliche oder auch nur regelmäßige Zweck
ihrer Inhaber, kraft derselben rein ökonomische Interessen zu verfolgen,
insbesondere etwa nur: eine ausgiebige Versorgung mit wirtschaftlichen Gütern
für sich zu erreichen. Aber allerdings ist die Verfügung über wirtschaftliche
Güter, also die ökonomische Macht, eine häufige, sehr oft auch eine planvoll
gewollte Folge von Herrschaft und ebenso oft eines ihrer wichtigsten Mittel. (...)
Herrschaft in dem ganz allgemeinen Sinne von Macht, also von: Möglichkeit, den
eigenen Willen dem Verhalten anderer aufzuzwingen, kann unter den
allerverschiedensten Formen auftreten."56
"Wir vergegenwärtigen uns daher nur, daß es, neben zahlreichen anderen
möglichen, zwei polar einander entgegengesetzte Typen von Herrschaft gibt.
Einerseits die Herrschaft kraft Interessenkonstellation (insbesondere kraft
monopolistischer Lage), und andererseits die Herrschaft kraft Autorität
(Befehlsgewalt und Gehorsamspflicht). Der reinste Typus der ersteren ist die
monopolistische Herrschaft auf dem Markt, der letzteren die hausväterliche oder
amtliche oder fürstliche Gewalt. Die erstere gründet sich im reinen Typus
lediglich auf die kraft irgendwie gesicherten Besitzes (oder auch marktgängiger
Fertigkeit) geltend zu machenden Einflüsse auf das lediglich dem eigenen
Interesse folgende formal ,freie' Handeln der Beherrschten, die letztere auf eine in
Anspruch genommene, von allen Motiven und Interessen absehende
schlechthinige Gehorsamspflicht. Beide gehen gleitend ineinander über. Z.B. übt
jede große Zentralbank und üben große Kreditbanken kraft monopolistischer
Stellung auf dem Kapitalmarkt oft einen ,beherrschenden' Einfluß aus. Sie können
den Kreditsuchenden Bedingungen der Kreditgewährung oktroyieren, also deren
ökonomische Gebarung im Interesse der Liquidität ihrer eigenen Betriebsmittel
weitgehend beeinflussen, weil sich die Kreditsuchenden im eigenen Interesse
56
Grundriß der Sozialökonomik, 3. Teil, 2. Halbband, 1947, 603f.
- 98 -
jenen Bedingungen der ihnen unentbehrlichen Kreditgewährung fügen und diese
Fügsamkeit eventuell durch Garantien sicherstellen müssen. Eine ,Autorität', d.h.
ein unabhängig von allem Interesse bestehendes Recht auf ,Gehorsam' gegenüber
den tatsächlich Beherrschten nehmen aber die Kreditbanken dadurch nicht in
Anspruch, sie verfolgen eigene Interessen und setzen diese durch gerade dann,
wenn die Beherrschten formell ,frei' handelnd ihren eigenen, also durch die
Umstände zwingend diktierten, rationalen Interessen folgen. Jeder Inhaber auch
eines nur unvollständigen Monopols, der in weitem Umfang trotz bestehender
Konkurrenz Tauschgegnern und Tauschkonkurrenten die Preise ,vorschreiben',
d.h. durch eigenes Verhalten sie zu einem ihm genehmen Verhalten nötigen kann,
obwohl er ihnen nicht die geringste ,Pflicht' zumutet, sich diese Herrschaft
gefallen zu lassen, ist in gleicher Lage. Jede typische Art von Herrschaft kraft
Interessenkonstellation, insbesondere kraft monopolistischer Lage, kann aber
allmählich in eine autoritäre Herrschaft überführt werden."57
Hier wird der gleitende Übergang zwischen Großgrundbesitz und Großindustrie
betont.
"Wo die städtische Entwicklung dürftig war und also die Ernte nur durch Export
voll verwertet werden konnte, - wie im deutschen und europäischen Osten in der
beginnenden Neuzeit im Gegensatz zum Westen und auf der ,schwarzen Erde'
Rußlands im 19. Jahrhundert, - da war die Benutzung der Bauern als Arbeitskräfte
in einer eigenen Fronwirtschaft des Herrn oft der einzige Weg, sie zur Erzielung
von Geldeinnahmen nutzbar zu machen und entwickelte sich daher innerhalb des
,Oikos' ein landwirtschaftlicher ,Großbetrieb'. Die Schaffung von eigenen
gewerblichen Großbetrieben mit unfreien Arbeitskräften oder unter Zuhilfenahme
oder ausschließlicher Verwendung gemieteter Ergasterien kann den Herren eines
Oikos, der sich solche Betriebe angliedert, ganz dicht an einen kapitalistischen
Unternehmer heranrücken oder ganz in einen solchen umschlagen lassen, wie dies
z.B. bei den Schöpfern der schlesischen ,Starosten–Industrie’ vollständig
geschehen ist. Denn nur der letzte Sinn: rentenbringende Nutzung eines
vorhandenen Vermögensbestandes, charakterisiert den ,Oikos', und dieser kann
von einem primären Verwaltungsinteresse vom Unternehmerkapital tatsächlich
ununterscheidbar und schließlich auch inhaltlich mit ihm identisch werden.
Innerhalb einer ,Starosten-Industrie' wie der schlesischen ist z.B. der Umstand, der
an die grundherrliche Entstehung erinnert, vor allem die Art der Kombination
verschiedener Unternehmungen: etwa riesiger Forstbetriebe mit Ziegeleien,
Brennereien, Zuckerfabriken, Kohlengruben, also: von Betrieben, welche nicht so
verknüpft sind, wie etwa eine Reihe von Betrieben, die miteinander in einer
modernen ,kombinierten' oder ,gemischten' Unternehmung vereinigt werden, weil
sie verschiedene Verarbeitungsstadien der gleichen Rohstoffe: Ausnutzung von
Nebenprodukten und Abfall enthalten oder sonst durch Marktbedingungen
57
ebd., 604f.
- 99 -
verbunden werden. Allein der Grundherr, der an seine Kohlegruben ein
Hüttenwerk und eventuell Stahlwerke, an seine Forstwirtschaft Sägemühlen und
Zellulosefabriken angliedert, kann praktisch dasselbe Ergebnis herbeiführen und
nur der Ausgangspunkt, nicht das Resultat, sind dann hier und dort verschieden."58
b) Die Entwicklung der traditionalen Herrschaft von ihren Anfängen
In Bezug auf Thomas Manns "Buddenbrooks" sind die Quellen Max Webers von
Interesse, die die Entwicklung der traditionalen Herrschaft von ihren Anfängen her
darstellen. Sie entsprechen eher der lutherischen Sichtweise:
Denn auch der Familienbetrieb der "Buddenbrooks" ist noch traditional organisiert,
die Familienmitglieder fest in den Betrieb eingespannt.59 Wie sieht diese Abhängigkeit
aus?
"Die primären Typen der traditionalen Herrschaft sind die Fälle des Fehlens eines
persönlichen Verwaltungsstabs des Herrn:
a) Gerontokratie und
b) primärer Patriarchalismus
Gerontokratie heißt der Zustand, daß, soweit überhaupt Herrschaft im Verband
geübt wird, die (ursprünglich im wörtliche Sinn: an Jahren) Aeltesten, als beste
Kenner der heiligen Tradition, sie ausüben. Sie besteht oft für nicht primär
ökonomische oder familiale Verbände. Patriarchalismus heißt der Zustand, daß
innerhalb eines, meist primär ökonomischen und familialen (Haus-)Verbandes ein
(normalerweise) nach fester Erbregel bestimmter einzelner die Herrschaft ausübt.
Gerontokratie und Patriarchalismus stehen nicht selten nebeneinander.
Entscheidend ist dabei: daß die Gewalt des Gerontokraten sowohl wie des
Patriarchen im reinen Typus an der Vorstellung der Beherrschten (,Genossen')
orientiert ist: daß diese Herrschaft zwar traditionales Eigenrecht des Herren sei,
aber material als präeminentes Genossenrecht, daher in ihrem, der Genossen,
Interesse ausgeübt werden müsse, ihm also nicht frei appropriiert sei. Das, bei
diesen Typen, völlige Fehlen eines rein persönlichen (,patrimonialen')
Verwaltungsstabs des Herrn ist dafür bestimmend. Der Herr ist daher von dem
Gehorchen w o l l e n der Genossen noch weitgehend abhängig, da er keinen
58
ebd., 214f. Mit letzterem sind so genannte ,vertikale Betriebe' gemeint.
59
vgl. Weber, Grundriß der Sozialökonomik, 131. Danach kann die traditionale Herrschaft und ihr
typischer Verwaltungsstab durch Pietätsbande mit dem Herren Verbundenen, also patrimonial rekrutiert
sein. Dem Verwaltungsstab der traditionalen Herrschaft im reinen Typus fehlt allerdings die feste
,Kompetenz' nach sachlichen Regeln.
- 100 -
,Stab' hat. Die Genossen sind daher noch ,Genossen', und noch nicht: ,Untertanen'.
Aber sie sind ,Genossen' kraft Tradition, nicht ,Mitglieder' kraft Satzung. Sie
schulden die Obödienz dem Herren, nicht der gesatzten Regel. Aber dem Herren
allerdings nur: gemäß Tradition. Der Herr seinerseits ist streng
traditionsgebunden."60
"Patrimonialismus kann in dieser Hinsicht höchst Verschiedenes bedeuten.
Typisch aber ist namentlich:
a) Oikos des Herren mit ganz oder vorwiegend natural-leiturgischer
Bedarfsdeckung (Naturalabgaben und Fronden). In diesem Fall sind die
Wirtschaftsbeziehungen streng traditionsgebunden, die Marktentwicklung
gehemmt, der Geldgebrauch ein wesentlich naturaler und Konsum–orientierter,
Entstehung von Kapitalismus unmöglich. In diesen Wirkungen steht diesem Fall
nahe der ihm verwandte:
b) mit ständisch privilegierender Bedarfsdeckung. Die Marktentwicklung ist auch
hier, wenn auch nicht notwendig in gleichem Maße, begrenzt durch die, die
,Kaufkraft' beeinträchtigende naturale Inanspruchnahme des Güterbesitzes und der
Leistungsfähigkeit
der
Einzelwirtschaften
für
Zwecke
des
Herrschaftsverbandes."61
Diese Beschreibung der traditionalen Herrschaft trifft noch auf die erste Generation
der "Buddenbrooks" zu.
"Dem reinen Typus (sc. der Hausgemeinschaft) ist Gemeinschaft der Wohnstätte
essentiell."62
Auch dieser Punkt zeigt sich im Symbol des Hauses in der Mengstraße bei den
"Buddenbrooks", aber auch diese Hausgemeinschaft löst sich Parallel zum Verfall nach
dem Einzug in das neue Haus allmählich auf.
"Von den vorbürokratischen Strukturprinzipien ist nun das weitaus wichtigste die
patriarchale Struktur der Herrschaft, Ihrem Wesen nach ruht sie nicht auf der
Dienstpflicht für einen sachlichen, unpersönlichen ,Zweck', und der Obödienz
gegenüber abstrakten Normen, sondern gerade umgekehrt auf streng persönlichen
Pietätsbeziehungen. Ihr Keim liegt in der Autorität eines Hausherrn innerhalb
einer häuslichen Gemeinschaft. Seiner persönlichen autoritären Stellung ist
60
ebd., 133.
61
ebd., 137f.
62
ebd., 197.
- 101 -
gemeinsam mit der sachlichen Zwecken dienenden bürokratischen Herrschaft: die
Stetigkeit des Bestandes, der ,Alltagscharakter'."63
"(...) die Kinder aller in der Hausgewalt eines Mannes, es sei als Weib oder
Sklavin, stehenden Frauen gelten ohne Rücksicht auf physische Vaterschaft,
sobald er es so will, als ,seine' Kinder, wie die Früchte seines Viehs als sein Vieh.
Neben Vermietung (in das mancipium) und Verpfändung von Kindern und auch
Weibern ist der Kauf fremder und Verkauf eigener Kinder noch entwickelten
Kulturen eine geläufige Erscheinung. Es ist geradezu die ursprüngliche Form des
Ausgleichs von Arbeitskräften und Arbeitsbedarf zwischen den verschiedenen
Hausgemeinschaften. So sehr, daß als Form der Eingehung eines ,Arbeitsvertrags'
seitens eines freien Selbständigen noch in babylonischen Kontrakten der zeitlich
befristete Selbstverkauf in die Sklaverei sich findet. Daneben dient der
Kindeskauf anderen, speziell religiösen Zwecken (Sicherung der Totenopfer), als
Vorläufer der ,Adoption'."64
"Als Gegenpol zu der Entwicklung des aus Erwerbswirtschaft des Hauses
entstehenden und von ihr sich aussondernden kapitalistischen ,Betriebs' lernten
wir ferner die gemeinwirtschaftliche Form einer inneren Gliederung des Hauses:
den ,Oikos' kennen. Hier haben wir jetzt diejenige Form der Herrschaftsstruktur
zu betrachten, welche auf dem Boden des Oikos und damit auf dem Boden der
gegliederten Hausgewalt erwachsen ist: die patrimoniale Herrschaft."65
In der Generation von ,Thomas, Christian und Tony Buddenbrook' beginnen sich die
streng persönlichen Pietätsbeziehungen zu den Vorfahren an zu lockern, obwohl sie
nach wie vor eingefordert werden. Der ,patrizische oikos’ löst sich allmählich auf.66
Weitere Beispiele sind:
"Als Ahnenpietät geht sie in die religiösen Beziehungen, als Pietät des
Patrimonialbeamten, Gefolgsmanns, Vasallen, in diese Beziehungen über, die
ursprünglich häuslichen Charakter haben. Hausgemeinschaft bedeutet
ökonomisch und persönlich in ihrer ,reinen' - wie schon bemerkt, vielleicht nicht
immer ,primitiven' – Ausprägung: Solidarität nach außen und kommunistische
63
Grundriß der Sozialökonomik, 3. Teil, 2. Halbband, 1947, 679.
64
ebd., 680.
65
ebd., 682.
66
Hier kann auf das unterschiedliche Verhalten der Brüder ,Thomas' und ,Christian' hingewiesen werden,
,Gerda' und ,Hanno' gehören schon von Beginn an der Welt der Dekadenz an, vgl. dazu im Einzelnen
Kapitel III.
- 102 -
Gebrauchs- und Verbrauchsgemeinschaft der Alltagsgüter (Hauskommunismus)
nach innen in ungebrochener Einheit auf der Basis einer streng persönlichen
Pietätsbeziehung. Das Solidaritätsprinzip nach außen findet sich rein entwickelt
noch in den periodisch kontraktlich regulierten, kapitalistische Unternehmungen
betreibenden, Hausgemeinschaften der mittelalterlichen, und zwar der
kapitalistisch fortgeschrittensten, nord- und mittelitalienischen Städte: (…)"67
Hier kann exemplarisch ,Tony Buddenbrooks' Hochzeit mit ,Grünlich' angeführt
werden, mit der sie die Familienehre retten will. Hier steht noch der ökonomische
Aspekt im Vordergrund. Als die Ehe unter anderem wegen des Bankrotts ,Grünlichs'
scheitert, zieht der Senator gegenüber ,Grünlich' folgendes Fazit: "Antonie ist meine
Tochter. Ich werde zu verhindern wissen, daß sie unschuldig leidet."68 Die zweite Ehe
,Tonys' mit ,Herrn Permaneder' ist aus ihrer Sicht als Tilgung dieses Schandflecks zu
sehen. Sie heiratet hauptsächlich um der Ehre willen. Zwar funktionniert die Solidarität
nach außen in beiden Fällen noch, doch beide Ehen scheitern trotz ,Tonys' pietistischer
Einstellung.69
"Das allen Fällen derartiger ökonomischer Interessiertheit, sei es seitens der
Angestellten oder seitens kapitalistischer Mächte, Gemeinsame ist: daß das
Interesse am ,Inhalt' der gemeinsamen Ideale der Mitglieder notwendig hinter dem
Interesse an dem Fortbestand oder der Propaganda der Gemeinschaft rein als
solchem, gleichviel welches der Inhalt ihres Handeln ist, zurücktritt. Ein
großartiges Beispiel dieser Art ist die vollkommene Entleerung der
amerikanischen Parteien von festen sachlichen Idealen."70
"Scheidet eins ihrer Mitglieder aus durch Tod, Ausstoßung (wegen religiös
unsühnbaren Frevels), Ueberlassung in eine andere Hausgemeinschaft (Adoption),
Entlassung (,emancipatio') oder freiwilligen Austritt (wo dieser zulässig ist), da ist
bei ,reinem' Typus von keiner Abschichtung eines ,Anteils' die Rede".71
67
ebd., 196.
68
Buddenbrooks, 191.
69
Broterwerb und Ehrbegriff sind in der tradtionalistischen Welt aneinander gekoppelt. Da Manns
"Buddenbrooks" aus lutherischer Sicht die Dekadenz dieser Welt beschreibt, sind beide Begriffe zum
Scheitern verurteilt.
70
Grundriß der Sozialökonomik, 186.
71
ebd., 196.; s. Formen der ,manus'-Ehebegründung, ,confarreatio', ,coemptio', ,usus' Gaius, Institutiones
I, 55-56.
- 103 -
Hier lässt sich ebenfalls ,Tonys' Ehe mit ,Grünlich' als Beispiel anführen, denn ihre
Mitgift ist dem Bankerott ,Grünlichs' zum Opfer gefallen. Dies kommt ironischerweise
dem Ausscheiden aus der Hausgemeinschaft durch Heirat ohne Überlassung eines
Anteils gleich.
Das Problem der Arbeit schließt sich hierzu an:
"Zum Gegenstand selbständiger und stabiler Berufe werden nur Leistungen,
welche ein Mindestmaß von Schulung voraussetzen und für welche
kontinuierliche Erwerbschanchen bestehen. Berufe können traditional (erblich)
überkommen oder aus zweckrationalen (insbesondere: Erwerbs-) Erwägungen
gewählt oder charismatisch eingegeben oder affektuell, insbesondere aus
ständischen (,Ansehens')-Interessen ausgeübt werden. Die individuellen Berufe
waren primär durchaus charismatischen (magischen) Charakters, der gesamte Rest
der Berufsgliederung - soweit Ansätze einer solchen überhaupt bestanden –
traditional bestimmt. Die nicht spezifisch persönlichen charismatischen Qualitäten
wurden entweder Gegenstand von traditionaler Anschulung in geschlossenen
Verbänden oder erblicher Tradition. Individuelle Berufe nicht streng
charismatischen Charakters schufen zunächst – leiturgisch – die großen
Haushaltungen der Fürsten und Grundherren, dann – verkehrswirtschaftlich – die
Städte. Daneben aber stets: die im Anschluß an die magische oder rituelle oder
klerikale Berufsschulung entstehenden literarischen und als vornehm geltenden
ständischen Erziehungsformen."72
"Traditionale Arbeitswilligkeit, wie sie namentlich innerhalb der Landwirtschaft
und der Hausindustrie (unter allgemein traditionalen Lebensbedingungen) typisch
ist, hat die Eigenart: daß die Arbeiter ihre Leistungen entweder: an nach Maß und
Art stereotypen Arbeitsergebnissen oder aber: am traditionalen Arbeitslohn
orientieren (oder: beides), daher schwer rational verwertbar und in ihrer Leistung
durch Leistungsprämien (Akkordlohn) nicht zu steigern sind. Dagegen können
72
ebd., 80f.; vgl. in dem Zusammenhang die Veralltäglichung des Charismas.,vgl. auch Weber, Grundriß
der Sozialökonomik, Kap. II: Soziologische Grundkategorien des Wirtschaftens, 1. Halbband 1947, 70 u.
80: Danach kann die Appropriation der Arbeitsverwertung vom Besitzer haushaltsmäßig benutzt werden.
Die Berufsverteilung kann durch heteronome Zuteilung von Leistungen und Zuwendungen von
Versorgungsmitteln innerhalb eines wirtschaftsregulierenden Verbandes (unfreie Berufseinteilung)
geschehen. Weber unterscheidet zwischen unfreier und freier Berufseinteilung. Erstere erfolgt leiturgisch
oder oikenmäßig durch Zwangsrekrutierung der einem Beruf Zugewiesenen innerhalb eines fürstlichen,
staatlichen, fronherrlichen oder kommunalen Verbandes.
- 104 -
traditional patriarchale Beziehungen zum Herren (Besitzer) die affektuelle
Arbeitswilligkeit erfahrungsgemäß hoch halten."73
Das eingangs erwähnte Revolutionsgespräch in den "Buddenbrooks" greift diese
Punkte auf.74 Das hat für die von Weber beschriebene Entwicklung vom ,oikos' hin zum
industriellen Kapitalismus folgende Konsequenzen: "Für die ,Wirtschaftlichkeit' der
Verwaltung
bedeutet
dies
das
gleiche
wie
der
kapitalistisch
zentralisierte
Großbetrieb."75
"Es liegt auf der Hand, daß bei solchen ,demokratisierenden' (sc. gemeint sind die
traditionalen Strukturen auflösenden) Entwicklungen fast immer irgendwelche
ökonomischen Bedingungen mitwirkend im Spiele sind. Sehr häufig eine
ökonomisch bedingte Entstehung neuer Klassen, sei es nun plutokratischen oder
kleinbürgerlichen oder proletarischen Charakters, welche eine politische Macht,
sei diese nun legitimen oder cäsaristischen Gepräges, zu Hilfe oder auch erst ins
Leben rufen oder zurückrufen, um durch ihre Hilfe ökonomische oder soziale
Vorteile zu erlangen."76
Die Entstehung neuer Klassen durch die Ökonomie findet auch in den
"Buddenbrooks" statt: Das Proletariat tritt in den Revolutionsszenen zutage, Neureiche
bürgerliche Familien wie die ,Hagenströms' verdrängen die alteingesessenen Familien.77
Während Weber den Prozess der Entwicklung des bürgerlich-kapitalistischen
Selbstverständnisses von seinen Anfängen her darstellte, analysiert Thomas Mann den
Verfall der althergebrachten Norm, stellt also seine Décadence dar.78 Die Annäherung
Thomas Manns und Max Webers an den ,patrizischen oikos’ erfolgt also von
verschiedenen Seiten, vergleichbar dem Problem der Protestantischen Ethik, das in der
Einleitung besprochen wurde. Das Fazit lautete dort: Bürokratie und Askese bzw.
Leistungsethik.
73
ebd. , 87.
74
S. 87f.
75
Grundriß der Sozialökonomik, 2. Halbband, 1947, 666.
76
ebd., 668.
77
ebd., 668f.
78
s. auch S. 146.
- 105 -
Wichtig ist bei Max Webers wie bei Thomas Manns Darstellung, dass sich mit dem
Aufkommen des kapitalistisch orientierten Bürgertums die Situation im Hinblick auf
dne ,patrizischen oikos’ vollständig ändert. Daher soll dieser Prozess im Folgenden
genauer analysiert werden.
4. Das Aufkommen des Bürgertums
a) Innenpolitische Entwicklungen im Spiegel zeitgenössischer Kommentare Max
Webers und Thomas Manns
Innenpolitisch ist Max Weber bestrebt, das Bürgertum zu stärken, jedoch mit der
Schwierigkeit, dass kein Besitzbürgertum mehr vorhanden ist, sondern eine
Verfallsbewegung des Bürgertums bis 1890 zu verzeichnen ist. Nach 1871 vollzogen
sich in Deutschland dramatische ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen.
Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich das deutsche Kaiserreich zur führenden
Industriemacht des Kontinents, die Bevölkerung wuchs bis 1914 von 41 auf
67
Millionen, immer mehr Menschen zog es von den agrarischen Gebieten des Ostens in
die westlichen Industriezentren, in den Großstädten bildeten sich große Elendsquartiere,
und die Gegensätze zwischen der kleinen wirtschaftsbürgerlichen Elite und der rasch
expandierenden Industriearbeiterschaft verschärften sich.79 Die Rolle der modernen
Großstadt darf in diesem Zusammenhang nicht unterschätzt werden.80
Auch jede proletarische Politik schwächte Webers Meinung nach das Bürgertum und
unterstützte insofern indirekt das reaktionäre Bündnis der Konservativen mit der
Industrie, das diese allein in die Lage versetzte, den Aufstieg der Arbeiterklasse
79
Ulrich, Volker, Politik und Weltflucht. Wilhelm Busch und das Kaiserreich, in: Die Zeit – Geschichte,
Nr. 4 2007, 46-53.
80
Weber, Diskussionsrede zu Barth bzw. Sombart, SSP (Gesammelte Aufsätze zur Soziologie und
Sozialpolitik), 485, 453.
- 106 -
wirksam aufzuhalten.81So setzt er sich mit dem Klassencharakter des Proletariats im
Unterschied zu den bürgerlichen Reformen auseinander. Er schimpft in diesem
Zusammenhang über den Jakobinismus und die Französischen Revolution. Er wendet
sich auch z.B. gegen die Zentrumspartei. Bei den Reichtagswahlen 1907 wurde seine
Hoffnung auf die Stärkung der liberalen Parteien auf Kosten des Zentrums allerdings
enttäuscht.82
Weber befindet sich also in einer Zwicklage, die von ihm selbst erkannt wurde:
So wandte Weber sich beispielsweise in dem Aufsatz "Zur Gründung einer nationalsozialen Partei" gegen den nationalen Sozialismus, der mit der Parole ,Nieder mit den
wirtschaftlich Starken!' versuchte, Wählerstimmen zu erlangen.83 Weber war dagegen,
da er darin eine Bedrohung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse sah: "Sie haben
heute einzig und allein die Wahl, welches von den einander bekämpfenden Interessen
der heute führenden Klassen Sie stützen wollen: das bürgerliche oder das agrarischfeudale."84
In anderem Zusammenhang verurteilt Weber das moderne Proletariat als ,Erbe der
bürgerlichen Ideale' und die Utopie einer ,Arbeiteraristokratie'. Dies stellte für ihn eine
Fehlanpassung an die Industrielle Gesellschaft dar.85 Hier orientiert er sich in seinem
Urteil vor allem auch an der Lage in Russland: "Der ökonomische Interessengegensatz
und der Klassencharakter des Proletariats fällt den spezifisch bürgerlichen Reformen in
den Rücken: das ist das Schicksal ihrer Arbeit hier wie überall."86
Und zur Lage der Liberalen in Russland zieht er ebenfalls eine Verbindungslinie:
81
ebd., 139. Dies ist auch sein Kritikpunkt gegenüber Bismarck. Hier kann auch auf die Fehlanpassung
des deutschen Konservatismus zurückverwiesen werden.
82
Weber, PS, 147.
83
Weber, Zur Gründung der national-sozialen Partei, in: PS, hrsg. v. Johannes Winckelmann, Tübingen
1958 (Nov. 1896), 26-29.
84
ebd., 27.
85
Weber, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik, in : PS (1895), 1-25, 22f.
86
Weber, Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Rußland, in: PS (Febr. 1906), 30-65, 33; ebd.,
Tübingen 1988, 5. Aufl., 36.
- 107 -
"Die Pfade der sozialreformerischen russischen liberalen Demokraten sind
entsagungsvoll. Sie haben keine Wahl -nach ihrer Pflichtauffassung sowohl wie
nach Erwägungen, die durch das demagogische Verhalten des alten Regimes
bestimmt sind -, als bedingungslos das allgemeine gleiche Wahlrecht zu fordern.
(...) und schon deshalb scheint es Lebensfrage, daß der Liberalismus seinen Beruf
nach wie vor darin findet, den bürokratischen ebenso wie den jakobinischen
Zentralismus zu bekämpfen und an der Durchdringung der Massen mit dem alten
individualistischen Grundgedanken der ,unveräußerlichen Menschenrechte’ zu
arbeiten, welche uns Westeuropäern so ,trivial’ geworden sind, wie Schwarzbrot
es für den ist, der satt zu essen hat."87
Zur Lage der Konservativen in Russland heißt es: "(…) die mächtige Einwanderung
der Ideen des Westens zersetzt den patriarchalen und den kommunistischen
Konservatismus hier, (…)"88
Das patriarchale System sieht er also als tot geweiht an.
Die Gesellschaftsordnung nach dem Krieg sah er trotz allem auf das Bürgertum
gestützt: "Es existiert (…) in Deutschland keine Aristokratie von hinlänglicher Breite
und politischer Tradition. (…) Die Deutschen sind ein Plebeyervolk, - oder wenn man
es lieber hört: ein bürgerliches Volk, und nur auf dieser Basis könnte eine spezifisch
,deutsche Form’ wachsen." Er wendet sich in diesem Zusammenhang explizit gegen das
neue Literatentum. In diesem Zusammenhang verurteilt Weber in einer Literatenschelte
die Gesinnungspolitiker. Er bezeichnet dessen Angehörige als Tagediebe und
Kaffeehausintellektuelle, die er im Gegensatz zum industriellen Proletariat sieht: " (...)
verglichen
mit
jenen
(gemeint
sind
die
Zivilistionsliteraten)
gänzlich
verantwortungslosen Elementen eine Macht, die der Ordnung und der geordneten
Führung durch ihre Vertrauensmänner, durch rational denkende Politiker also, zum
mindesten fähig ist."89
87
ebd., 54 u. 62.
88
ebd., 66.
89
Weber, Wahlrecht und Demokratie in Deutschland, Dez. 1917, in: PS, 233-279, 270ff. Zu Webers
Verhältnis zum Internationalismus (Münchner Räterepublik und Lauensteiner Tagung) siehe
Weber, Brief an Neurath vom 4.10.1919, in Ges. Pol. Schriften, München 1921, 488; Weber, Der
Sozialismus, in: Schriften 1894-1922, ausgewählt von D. Kaesler, Stuttgart 2002, 436ff.; Weber, Der
- 108 -
Sinn der ,Wertfreiheit' der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften (1917), in: Schriften, 258394, s. auch Weiller, 163ff.; Weber, Der Sozialismus, in: Baumgarten, Max Weber, 609.; Weber,
Einleitung zu: Zur Politik im Weltkrieg, MWG I/15, 2. LB, 642; Toller, eine Jugend, GW IV, 78f.;
Weber, WUG, 142.; Weber, Deutschlands künftige Staatsform, PS, 449, 451; Weber, Das
Arbeitsverhältnis in den privaten Riesenbetrieben, in: Max Weber. Wirtschaft, Staat und Sozialpolitik.
Schriften und Reden 1900-1912, hrsg. v. Wolfgang Schluchter, Tübingen 1998, 244-259, 259.; Die
"Betrachtungen" Manns richten sich wie schon erwähnt ebenfallsgegen den ,Zivilisationsliteraten', gegen
den Geist als Aktivismus, Expressionismus, Politik, Aufklärung, Gesellschaftsutopie, also gegen den
Geist als Abstraktheit angesichts des unableitbaren Lebens. (54) Thomas Mann begreift statttdessen das
Leben als etwas Erhaltendes, Konservatives, Antiutopisch-Realistisches, Unpolitisches, Innerliches,
Künstlerisches und Ehrliches. Kurzke merkt dazu an, dass die in grundsätzliche Affirmation
umgeschlagene Abstraktheitskritik alle kritische Distanzierung zu einzelnen Wirklichkeiten und
Tatsachen verhindere und alle Unterschiede verwische. (Kurzke, 89) In den "Betrachtungen" spielt auch
der Begriff der Wirklichkeitsreinheit eine Rolle: Der Unpolitische verteidigt sie und weniger eine
spezifische politische Ideologie gegen den Zivilisationsliteraten, an dem ihn letztlich weniger die
Gedanken stören, die er vorbringt, sondern die unironische, ungewürzte, unfreie Art, wie er sie vorbringt,
die definitive, im politischen Tageskampf anwendbare Banalität, die mangelnde Freiheit und die
mangelnde Selbstironie, kurz die Politik. (Kurzke, 110) Auf einmal erscheint das aristotelische Prinzip
ethisch–politischen Handelns, nämlich die Klugheit, auch bei Thomas Mann und im Gegensatz zu
früheren Äußerungen hält er nun die von Klugheit bestimmte Politik für die Wahre, die von abstrakten
Prinzipien ausgehende literarische Politik dagegen für keine Politik. Da Politik die Sphäre der
Kompromisse sei, "so wird das eigentlich vernünftige Verhalten hier immer ein mäßig–mittleres (...) eine
Politik der mittleren Linie sein. Radikalismus sei statthaft und notwendig, wo man will, in der Moral, in
der Kunst, in der Politik ist er ein Unfug." (XII 357, hier 124) Konservatismus und Kultur werden
gleichgesetzt und dem Zivilisationsliteraten gegenübergestellt. Verwiesen sei hier auf den schon
erwähnten Aufsatz "Gedanken im Kriege" von 1914, in dem Mann das Gegensatzpaar Kultur –
Zivilisation verschiedenen Völkern zuordnet. Als Gewähr der Freiheit und aus Ablehnung der
Politisierung des gesamten öffentlichen Lebens spricht er sich für die Monarchie aus. (GW XII, 261) Der
Unpolitische ist auch hier der Wirklichkeitsreine, der das Reich der Innerlichkeit, des Ästhetizismus und
der Ironie gegen die Käuflichkeit für Interessen jeder Art verteidigt.
Durch Bismarcks Bündnissysteme und die Isolation Frankreichs war gerade dieses Land oft im
Schussfeld der literarischen Kritik, was sich im Schlieffenplan und dem anschließenden Stellungskrieg
bitter bewahrheiten sollte (Verdun). So heißt es in den "Betrachtungen" dazu:
"Der Unterschied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und
Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; (…) Der Unterschied von
Geist und Politik ist, zum weiteren Beispiel, der von kosmopolitisch und international. Jener
Begriff entstammt der kulturellen Sphäre und ist deutsch; dieser entstammt der Sphäre der
Zivilisation und Demokratie und ist – etwas ganz anderes. International ist der demokratische
- 109 -
Die Position der von Thomas Mann wie Max Weber gleichermaßen als
,Zivilisationsliteraten' beschimpften Agitatoren erntet wenig Beifall. Thomas Manns
Äußerungen diesbezüglich finden sich vor allem in den "Betrachtungen eines
Unpolitischen".
Zudem sah Weber die Gefahren einer neuen demokratischen Gesellschaftsordnung
voraus: "Ob eine wirklich brauchbare parlamentarische Neuordnung in Deutschland
kommt, wissen wir heute nicht. Sie kann sowohl von rechts her hintertrieben wie von
links her verscherzt werden."90 Dies sollte sich in der Weimarer Republik bitter
bewahrheiten.
Bourgeois (...); der Bürger (...) - Gegensatz zur Zivilisation, das Deutsche gegen das
Französische." (Betrachtungen, 52f. u. 257)
Der römische Westen ist nach Mann literarisch, Deutschland hingegen sei das unliterarische Land, wie er
im zweiten Kapitel ausführt. Er stemmt sich mit aller Gewalt gegen den Siegeszug der Zivilisation. Der
Propagandist des zivilisatorischen Fortschritts ist für ihn der Zivilisationsliterat, der die Politisierung,
Intellektualisierung und Radikalisierung Deutschlands vorantreibt. Thomas Mann schreibt seine geistige
Abkunft dagegen vielmehr Schopenhauer, Nietzsche und Richard Wagner zu. Er fühlt sich weiterhin als
bürgerlicher Schriftsteller. So achtet und ehrt er die Demokraten der 48er Revolution, die national
gewesen seien, indem sie Demokraten waren, während heute Demokratie in Deutschland nur ein anderes
Wort für kosmopolitischen Radikalismus sei.
Demokratie jedoch, so fürchtet Thomas Mann, bedeutet schlechthin Herrschaft der Politik, und Politik
wiederum bedeute ein Minimum an Sachlichkeit. Daher verabscheut er den Dünkel und Hochmut des
Zivilisationsliteraten, der die Wahrheit über den richtigen Weg des Fortschritts und der Zukunft allein zu
besitzen vorgibt. (Betrachtungen, 52, 77, 153, 156f.)
Max Weber weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass auch Kommunismus und Konservative die
pazifistischen Literaten der Rätedemokratie ablehnten. Beide politische Haltungen führen in diesem
Punkt seiner Meinung nach also zum gleichen Ergebnis.
Einig sind sich auch Thomas Mann und Max Weber in der Ablehnung des ,Zivilisationsliteraten' oder
,Gesinnungsethikers'.
An diesen Maßstäben der Mannschen Kunstauffassung, wie sie in den "Betrachtungen" angesprochen
werden, werden die vorgestellten Werke interpretiert.
90
Weber, Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland, in: PS 294-431, 297; ebd., Tübingen
1988, 5. Aufl., 309.
- 110 -
In diesen Kontext passt wiederum das eingangs erwähnte Revolutionsgespräch in
den "Buddenbrooks", in dem die bürgerliche Revolution wie bei Weber eher negativ
bewertet wird, da diese die Gesellschaft in zwei Lager teilte.91
b) Bismarcks Sozialgesetzgebung
Bismarcks Herkunft aus dem preußischen Junkertum kennzeichnet in gewisser
Hinsicht auch seine Sozialgesetzgebung (keine Emanzipation der Arbeiterschaft), sein
Sozialistengesetz (Ausschaltung starker Gegner) und den Kulturkampf (durch seine
Herkunft als preußischer protestantischer Junker).
Bismarcks Sozialpolitik war Webers Meinung nach deswegen gescheitert, weil sie
nur auf die Wohlfahrt der Arbeiter bedacht gewesen sei. Sozialpolitik aus rein sozialem
Empfinden lag Weber fern. Er stand darin Nietzsche mit seiner radikalen Abwertung
des Mitleids nahe.92 Ihn verband in dieser Frage vielmehr eine Freundschaft mit
Naumann. Beide waren der Ansicht, dass die Arbeiterschaft dem nationalen Staat
zurück gewonnen werden sollte. Das Bismarckbeamtentum hatte Webers Meinung nach
vollständig versagt. Bismarck habe das Parlament herabgedrückt.93
"Was war infolgedessen (...) BISMARCKS politisches Erbe? Er hinterließ eine
Nation ohne alle und jede politische Erziehung, tief unter dem Niveau, welches
sie in dieser Hinsicht zwanzig Jahre vorher bereits erreicht hatte. Und vor allem
eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen, gewohnt, daß der große
Staatsmann an der Spitze für sie die Politik schon besorgen werde."94
Weber setzt sich stattdessen für die Gewerkschaften ein:
"Der einzige Hort idealistischer Arbeit und idealistischer Gesinnung innerhalb der
sozialdemokratischen Partei sind und werden, unter unseren deutschen
Verhältnissen sein: die Gewerkschaften. Darum lehne ich jeden Vorschlag ab, der
91
S. 87f., Anm. 33.
92
Weber, PS, 108f.
93
ebd., 178f.
94
Weber, Parlament und Regierung im neugeordneten Europa,PS, 306; ebd., Tübingen 1988, 5. Aufl.,
319.
- 111 -
ihr Wesen bedroht, gleichviel ob er sich auf materielle Interessen der Arbeiter
beruft."95
Zwar steht Weber explizit hinter Bismarck als nationalliberalem Führer, schloss er
doch das Bündnis mit den Nationalliberalen im Reichstag und stand für eine liberale
Wirtschaftspolitik, insbesondere den Freihandel ein, auch wenn 1876 der Bruch mit
den
Nationalliberalen
aufgrund
landwirtschaftlicher
Schutzzölle
erfolgte.
(Paradoxerweise unterstützte ihn jetzt das Zentrum.) Im Gegensatz dazu sah er die
schon mehrfach erwähnten politischen Literaten, denen "durch die gegenwärtige
subalterne Literatenmode die Qualität von Repräsentanten deutschen Geistes
zugesprochen wird."96
Bismarck duldete bekanntlich keine andere starke Partei oder Politiker neben sich,
das beweisen beispielsweise die Militärvorlagen und das Sozialistengesetz. Bismarck
sprengte damit Webers Ansicht nach die einzig damals mächtige Partei und löste damit
den Reichstag auf. Das Sozialistengesetz führte zudem zur Sprengung der
Gewerkschaften.
Zur Reaktion auf den fast gleichzeitig mit dem Sozialistengesetz sich entwickelnden
Kulturkampf äußert Weber sich folgendermaßen: "Es war kein Zufall, wenn die
Nation das Geschehnis seines (Bismarcks) Rücktritts in vollkommener Gleichgültigkeit
aufnahm."97
95
Weber, Das Arbeitsverhältnis in den privaten Riesenbetrieben, in: Max Weber. Wirtschaft, Staat und
Sozialpolitik. Schriften und Reden 1900-1912, hrsg. v. Wolfgang Schluchter, Tübingen 1998, 244-259,
259.
96
Weber, Parlament und Regierung im neugeordneten Europa (Mai 1918), 294-431, in: PS, hrsg. von
Johannes Winckelmann, Tübingen 1958², 301.
97
PS, 306ff.; zum Jesuitenverbot siehe "Jesuiten. Informationen der deutschen Provinz der Jesuiten", 57.
Jg. 2006/1, München 2006; Jesuiten. Jahrbuch der Gesellschaft Jesu 2006, Publikation der Generalskurie
der Gesellschaft Jesu, Januar, Rom, 2006., Interessant ist in diesem Zusammenhang das Leben Clemens
August Droste zu Vischerings. Inwieweit Bismarck als ostelbischer protestantischer Junker von dieser
Auseinandersetzung wusste, die seine ambivalenten Reaktionen gegenüber der Kirche erklären würden
(erst keine Reaktion auf das Dogma, dann umso schärfere Angriffe bis hin zum Verbot der Jesuiten) muss
- 112 -
Bismarcks Kulturkampf spiegelt sich auch im Werk Thomas Manns wider, z.B. in
der Darstellung des ,Herrn Gosch' in den "Buddenbrooks" und im Zwiegespräch
,Naphtas' und ,Settembrinis' im "Zauberberg":
Wenn man von den Gesprächen ,Settembrinis' mit ,Naphta' in Thomas Manns "Der
Zauberberg"98 ausgeht, so stellt sich das Problem folgendermaßen dar: Das
Streitgespräch entzündet sich hier an der unterschiedlichen Haltung des Mittelalters und
der Neuzeit gegenüber der Frage des Zinses. Die Antike bezeichnet ,Naphta' hier als
vom Geld beseelt, während das Mittelalter die Abhängigkeit von der materiellen Welt
erkannt und aufgehoben habe. Die Positionen Max Webers und Thomas Manns kann
man diesen beiden Gesprächsteilnehmern zuordnen. ,Naphta' bezeichnet sich in diesem
Disput als christlichen Kommunisten, ,Settembrini' hingegen als ,republikanischen
Kapitalisten'. Nach diesen beiden Antipoden, Quietismus und Religion auf der einen,
Renaissance, Aufklärung, Naturwissenschaft auf der anderen Seite, lässt sich das
gesamte Gespräch aufteilen.
Der Jesuit ,Naphta' vertritt Platon, die Philosophie, das ptolemäische Weltbild, die
Scholastik. Gott und Welt stehen sich seiner Meinung nach einander gegenüber, woraus
der Dualismus zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem folgt. Da der Kosmos seiner
Ansicht nach endlich ist, spielen Gesellschaftsfragen in seinem Weltbild nicht die
Hauptrolle, sondern der Glaube dient als Organ der Erkenntnis. Er glaubt an einen
Urzustand der Menschheit, an Staats- und Gewaltlosigkeit, an Gotteskindschaft.99 In
seiner Utopie existiert keine Strafe, kein Unrecht, keine Klassenunterschiede, keine
Arbeit, kein Eigentum, sondern es herrschen Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche
Vollkommenheit. Pädagogik bedeutet für ihn Gehorsam. Settembrinis Meinung nach
vertritt er die Welt des Todes. Der Juda-Jesuit ,Naphta', ein Geschöpf des 19. Jhs.
dessen besseres Element angeblich das Jüdische ist, ist nach einer Lektüre Manns von
Gustav Freytag entstanden. Mann bezeichnet ihn als ,Projektion von eigenen abgelebten
noch erforscht werden. Auch das Simultangesetz Jan Wilhelms ist in diesem Zusammenhang von
Bedeutung. Inwieweit Bismarck dieses System kannte und die preußische protestantische Ordnung
dadurch bedroht sah, muss noch herausgefunden werden.
98
Thomas Mann, Der Zauberberg, Frankfurt a.M. 1991, 552ff.
99
Zauberberg, 549.
- 113 -
Ideologien'. In ihm lässt er die Jesuiten- und Judenschelte der 1870er Jahre
wiederauferstehen.100
Dieses Gespräch ist vermutlich von Max Weber vorgedacht: "Wie soll auf der einen
Seite ein gläubiger Katholik, auf der anderen Seite ein Freimaurer in einem Kolleg über
Kirchen- und Staatsformen oder über Religionsgeschichte, - wie sollen sie jemals über
diese Dinge zur gleichen Wertung gebracht werden?"101
Die Entwicklung des Bürgertums verläuft bei Max Weber im Einzelnen
folgendermaßen:
"Im Gegensatz zu allen anderen Herrschaftsformen ist die ökomomische
Kapitalherrschaft ihres ,unpersönlichen' Charakters halber ethisch nicht
reglementierbar. Sie tritt schon äußerlich meist in einer derart ,indirekten' Form
auf, daß man den eigentlichen ,Herrscher' gar nicht greifen und daher ihm auch
nicht ethische Zumutungen stellen kann. Man kann an das Verhältnis des
Hausherrn zum Dienstboten, des Meisters zum Lehrling, des Grundherrn zum
Hörigen oder Beamten, des Herren zum Sklaven, des patriarchalen Fürsten zu den
Untertanen, weil sie persönliche Beziehungen sind und die zu leistenden Dienste
ein Ausfluß und Bestandteil dieser darstellen, mit ethischen Postulaten herantreten
und sie inhaltlichen Normen zu unterwerfen suchen. Denn, innerhalb weiter
Grenzen, sind hier persönliche, elastische Interessen im Spiel und kann das rein
persönliche Wollen und Handeln entscheidende Wandlungen der Beziehung und
Lage der Beteiligten herbeiführen. Dagegen sehr schwer das Verhältnis des
Direktors der Aktiengesellschaft, der die Interessen der Aktionäre als der
eigentlichen ,Herren' zu wahren verpflichtet ist, zu den Arbeitern von deren
Fabrik und gar nicht dasjenige des Direktors der die Aktiengesellschaft
finanzierenden Bank zu jenen Arbeitern oder etwa dasjenige eines
Pfandbriefbesitzers zu dem Besitzer eines von der betreffenden Bank beliehenen
Guts. Die „Konkurrenzfähigkeit, der Markt: Arbeitsmarkt, Geldmarkt,
Gütermarkt, ,sachliche', weder ethische noch antiethische, sondern einfach
anethische, jeder Ethik gegenüber disparate Erwägungen bestimmen das
Verhalten in den entscheidenden Punkten und schieben zwischen die beteiligten
Menschen unpersönliche Instanzen. Diese ,herrenlose Sklaverei', in welche der
100
s. dazu Sagarra, Eda, Intertextualität als Zeitkommentar. Theodor Fontane, Gustav Freytag und Thomas
Mann oder: Juden und Jesuiten, in: Theodor Fontane und Thomas Mann. Die Vorträge des internationalen
Kolloquiums in Lübeck 1997, hrsg. v. Heftrich, Eckhard u.a. (Thomas-Mann-Studien Bd. 18), Frankfurt
a.M. 1998, 27.
101
Weber, Wissenschaft als Beruf (1919), in: Schriften, Stuttgart 2002, 474-511.; In dem Fall würde
,Settembrini' die Position des Freimaurers, ,Naphta' die des Katholiken einnehmen.
- 114 -
Kapitalismus den Arbeiter oder Pfandbriefschuldner verstrickt, ist nur als
Institution ethisch diskutabel, nicht aber ist dies – prinzipiell – das persönliche
Verhalten eines, sei es auf der Seite der Herrschenden oder Beherrschten,
Beteiligten, welches ihm ja bei Strafe des in jeder Hinsicht nutzlosen
ökonomischen Untergangs in allem wesentlichen durch objektive Situationen
vorgeschrieben ist und – da liegt der entscheidende Punkt – den Charakter des
,Dienstes' gegenüber einem unpersönlichen sachlichen Zweck hat. Dieser
Sachverhalt nun steht in unverjährbarem Konflikt mit allen elementarsten sozialen
Postulaten jeder Hierokratie einer irgendwie ethisch rationalisierten Religion. Die
stets irgendwie durch eschatologische Hoffnungen beeinflußten Anfänge aller
ethisch gewendeten Religiosität stehen unter dem Zeichen der charismatischen
Weltablehnung: sie sind direkt antiökonomisch. Auch in dem Sinn, daß ihnen der
Begriff einer besonderen ,Würde' der Arbeit durchaus fehlt. Allerdings: soweit sie
nicht durch Spenden von Mäzenaten oder von direktem Bettel leben können oder,
wie der Islam, als Kampfreligion, vom Kriegskommunismus ausgehen, leben die
Mitglieder mit exemplarischer Lebensführung von ihrer Hände Arbeit. Paulus
ebenso wie der heilige Aegidius. Die Anweisungen der altchristlichen Kirche,
ebenso wie die genuinen Vorschriften des hl. Franz empfehlen das. Aber nicht
weil die Arbeit als solche geschätzt wurde. Es ist einfach eine Fabel, daß ihr z.B.
im neuen Testament irgend etwas an neuer Würde hinzugefügt wurde. ,Bleib in
Deinem Beruf' ist ein Ausdruck ebenso völliger, eschatologisch motivierter
Indifferenz, wie ,gebet dem Kaiser was des Kaisers ist' nicht – wie man es heute
gern deuten möchte – eine Einschärfung der Pflichten gegen den Staat, sondern
umgekehrt der Ausdruck absoluter Gleichgültigkeit dessen, was in dieser Sphäre
geschieht (gerade darin beruht ja der Gegensatz zur Stellungnahme der
Judenparteien). Die ,Arbeit' ist weit später, und dann als asketisches Mittel, zuerst
in den Mönchsorden, zu Ehren gekommen. Und was den Grundbesitz anlangt, so
kennt die Religion in ihrer charismatischen Periode dafür ebenfalls nur Ablehnung
(Verteilung an die Armen) – für die vollkommenen Jünger – oder – für alle
Gläubigen – Indifferenz. Ausdruck dieser Indifferenz ist jene abgeschwächtere
Form des charismatischen Liebeskommunismus, wie er in der altchristlichen
Gemeinde in Jerusalem offenbar bestanden hat: daß die Gemeindemitglieder ihren
Besitz nur so haben, ,als hätten sie ihn nicht'; denn dies: das schrankenlose,
unrationalisierte Mitteilen an die bedürftigen Brüder in der Gemeinde, welches
dann dazu führte, daß die Missionare, speziell Paulus, in der ganzen Welt für
diese antiökonomisch lebende Zentralgemeinde Spenden sammeln mußten, und
nicht
irgendeine
,sozialistische'
Organisation
oder
kommunistische
,Gütergemeinschaft', wie man unterstellt hat, ist wohl der Sinn jener viel
beredeten Ueberlieferung. Mit dem Schwinden der eschatologischen Erwartungen
ebbt der charismatische Kommunismus in allen seinen Formen ab und zieht sich
in die Kreise des Mönchtums als einer Sonderangelegenheit dieser exemplarisch
lebenden Gottesgefolgschaft zurück, auch dort, wie immer, stets auf der
gleitenden Ebene zur Präbendalisierung. Es wird notwendig, das Verlassen des
Berufs zu widerraten und vor den missionierenden Schmarotzern zu warnen (das
- 115 -
berühmte ,wer nicht arbeitet, soll nicht essen' ist bei Paulus ein Satz, der ihnen
und nur ihnen gilt)."102
Die Entwicklung von der Vorstellung einer Würde der Arbeit wird auch in den
"Buddenbrooks" angesprochen, zum Beispiel, als ,Thomas' in seiner persönlichen und
geschäftlichen Krise das Bild ,Johan Buddenbrooks' auf einer Ahnentafel, die ihm
,Tony' und ,Hanno' zum Geburtstag geschenkt haben, betrachtet:
"Eine stilisierte, goldene Kornähre zog sich zwischen den Bildern hin, unter
denen, ebenfalls in Golddruck, die Zahlen 1768 und 1868 bedeutsam
nebeneinander prangten. Zu Häupten des Ganzen aber war in hohen gotischen
Lettern und in der Schreibart dessen, der ihn seinen Nachfahren überliefert, der
Spruch zu lesen: „Mein Sohn, sey mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber
mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.“"103
Dies ist dem Max Weberschen Postulat "Bleibe in Deinem Beruf" vergleichbar.
Doch für ,Thomas' haben die Worte keine religiöse Bedeutung mehr. Sie sind vielmehr
ein Nachhall aus traditionalistischen Zeiten: ",,Ja, ja“, sagte er plötzlich mit ziemlich
spöttischem Akzent, „eine ungestörte Nachtruhe ist eine gute Sache...“"104
"Was unter ,Wirtschaftsethik’ einer Religion verstanden ist, ergibt hoffentlich die
Darstellung selbst in ihrem Verlaufe zunehmend deutlich. Nicht die ethische
Theorie theologischer Kompendien, die nur als ein (unter Umständen allerdings
wichtiges) Erkenntnismittel dient, sondern die in den psychologischen und
pragmatischen Zusammenhängen der Religionen gegründeten praktischen
Antriebe zum Handeln sind das, was in Betracht kommt (...) Zu den
102
Grundriß der Sozialökonomik, 800f.; In den frühen Schriften Max Webers gibt es aber auch Stellen ,die
sich direkt auf das Luthertum beziehen. So bezeichnet er dieses in einem Brief an Adolf von Harnack
vom 5. Februar 1906 als den "Schrecklichsten der Schrecken", s. zitiert bei Radkau, 495f.; im zweiten
Teil der "Protestantischen Ethik" spricht er von der ",geringeren' asketischen Durchdringung des Lebens
durch das Luthertum im Gegensatz zum Calvinismus.", ebemfalls bei Radkau, 497. Diese Sichtweise
ändert sich allerdings wenig später, siehe Kapitel III.
103
Buddenbrooks, 410.
104
ebd., 410. Auf den Dekadenzbegriff wird in den folgenden Kapiteln genauer eingegangen.
- 116 -
Determinanten der Wirtschaftsethik gehört als eine - wohlgemerkt: nur eine - auch
die religiöse Bestimmtheit der Lebensführung."105
"In den Schatten der Kirche flüchteten sich nun vielmehr alle vom Kapitalismus
und er Macht des Bürgertums gefährdeten traditionalistischen Schichten: das
Kleinbürgertum, der Adel und – nachdem das Zeitalter des Bündnisses der ihrer
Macht sicheren Fürstengewalt mit dem Kapitalismus verflossen ist und die
Herrschaftsgelüste des Bürgertums gefährlich zu werden drohen – auch die
Monarchie."106
"Die Hierokratie ( sc. Priesterherrschaft) ihrerseits kommt dem entgegen. Sie hat
zwar zeitweise ökonomisch eschatologische Hoffnungen auf einen ,christlichen',
d.h. hierokratisch geleiteten ,Sozialismus' – worunter sehr verschiedene, meist
kleinbürgerliche, Formen von Utopien verstanden wurden – gesetzt und zur
Untergrabung des Glaubens an das bürgerliche ökonomische System das ihrige
beigetragen. Aber die typische und fast unvermeidliche Autoritätsfeindlichkeit der
Arbeiterbewegung verschiebt ihre Attitude. Der moderne Proletarier ist kein
Kleinbürger. Nicht magisch zu beherrschende Dämonen und Naturgewalten sind
es, die seine Existenz bedrohen, sondern gesellschaftliche, rational
durchschaubare Bedingungen. Die ökonomisch kraftvollsten Schichten der
Arbeiterschaft verschmähen vielfach die Lenkung durch die Hierokratie oder
lassen sie sich als eine kostenlose Interessenvertretung gefallen, soweit sie dies
ist. Die hierokratischen Interessen fordern, je mehr sich die Unzerbrechlichkeit
der kapitalistischen Ordnung herausstellt, desto mehr, ein Paktieren mit den neu
aufgerichteten Autoritäten. Die Hierokratie sucht ihren naturgemäßen ethischen
Interessen entsprechend, das kapitalistische Abhängigkeitsverhältnis der
Arbeiterschaft vom Unternehmertum nach Art einer persönlichen autoritären, der
Caritas zugänglichen Hörigkeitsbeziehung zu gestalten, insbesondere durch
Empfehlung jener ,Wohlfahrtseinrichtungen', welche die autoritätsfeindliche
Bewegungsfreiheit des Proletariats hemmen, soweit möglich auch durch
Begünstigung der, scheinbar wenigstens, dem ,Familienband' und dem
patriarchalen Charakter der Arbeitsbeziehungen günstigen Hausindustrie
gegenüber der, für die Entstehung des autoritätsfeindlichen Klassenbewußtseins
günstigen, Zusammenballung der Fabrik. Sie steht dem autoritätsfeindlichen
Kampfmittel des Streiks und allen sozialen Gebilden, die ihm dienen, mit tiefem
inneren Mißtrauen gegenüber, am meisten dann, wenn daraus eine ihren
Interessen abträgliche interkonfessionelle Solidarität zu erwachsen droht. Die
Existenzbedingungen der Hierokratie verschieben sich innerhalb der modernen
Demokratie als solcher. Ihre Machtstellung den politischen Gewalten und
feindlichen sozialen Mächten gegenüber hängt nun von der Zahl der auf ihren
Willen verpflichteten Abgeordneten ab. Sie hat keine andere Wahl, als eine
105
Die protestantische Ethik, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1963, 5. Aufl.,
238.
106
Grundriß der Sozialökonomik, Kap. 3, Typen der Herrschaft, 805.
- 117 -
Parteiorganisation zu schaffen und Demagogie zu treiben, mit den gleichen
Mitteln, wie alle Parteien. Diese Notwendigkeit steigert die Tendenz zur
Bürokratisierung, damit der hierokratische Apparat den Funktionen einer
Parteibürokratie gewachsen sei. Die Machtstellung der für den politischen Kampf
und die Demagogie entscheidenden Faktoren einerseits, die Zentralgewalt
andererseits steigt, wie in jeder kämpfenden Massengruppe, auf Kosten der alten
(bischöflich–priesterlichen) Lokalgewalten. Die Mittel sind – neben der
Verwendung spezifisch emotionaler Andachtsmittel, wie sie die Schöpfer der auf
die Massenagitation ausgerichteten Gegenreformation von Anfang an
verwendeten – ähnliche, wie bei den anderen Massenparteien: Schaffung von
hierokratisch geleiteten Genossenschaften (entweder wird z.B. die Gewährung
von Darlehen geradezu von der Vorlegung des Beichtzettels abhängig gemacht
oder doch die Kreditwürdigkeit mit der religiösen Lebensführung in Eins
verschmolzen), Arbeitervereinen, Jugendvereinen, vor allem aber naturgemäß: die
Beherrschung der Schule. Wo sie Staatsschule ist, wird die Kontrolle des
Unterrichts durch die Hierokratie verlangt, oder ihr durch Schulen, welche von
Mönchen geleitet werden, eine sie unterbietende Konkurrenz gemacht. Das
überkommene Kompromiß mit der politischen Gewalt unter strafrechtlicher und
zivilrechtlicher Privilegierung und ökonomischer Ausstattung der ,wandernden'
Kirchen wird, womöglich, aufrecht erhalten, und die Unterordnung der
Staatsgewalt in allen kirchlich reglementierten Lebensgebieten gilt als das
eigentlich Gottgewollte. Allein unter der Demokratie, welche die Macht in die
Hände gewählter Abgeordneter legt, kann sich die Hierokratie auch mit der
,Trennung von Staat und Kirche' abfinden. Darunter kann bekanntlich sehr
Verschiedenes verstanden werden und je nach den Umständen kann für die
Hierokratie die gewonnene Bewegungsfreiheit und Freiheit von Kontrolle eine
Machtstellung ermöglichen, welche sie formale Privilegien verschmerzen läßt."107
Hier wird die Entwicklung vom Standpunkt des Industrieproletariats aus beleuchtet,
der anethische Zustand des Kapitalismus wird von der Hierokratie aufgefangen. Diese
musste sich nach Max Weber den neuen Gegebenheiten anpassen. Wie kam es zu dieser
Entwicklung?
"Jedenfalls ist die Beziehung der politischen zur kirchlichen Macht 1. beim
priesterlich, sei es als Inkarnation, sei es als gottgewollt legitimierten, 2. beim
priesteramtlichen, also als Priester auch die Königsfunktionen versehenden und
endlich – die beiden Fälle der ,Hierokratie' (sc. Priesterherrschaft) – 3. beim
weltlichen, cäsaropapistischen, d.h. kraft Eigenrechts auch die höchste Macht in
kirchlichen Dingen besitzenden weltlichen Herrscher sehr verschieden."108
107
ebd., 805f.
108
Grundriß der Sozialökonomik, 3. Teil, Typen der Herrschaft, 2. Halbband, 1947, 780.
- 118 -
"Irgendwelches Minimum von theokratischen oder cäsaropapistischen Elementen
pflegt also mit jeder legitimen, politischen Gewalt, welcher Struktur immer, sich
zu verschmelzen, weil schließlich jedes Charisma doch irgendeinen Rest von
magischer Herkunft beansprucht, also religiösen Gewalten verwandt ist und also
das ,Gottesgnadentum' in irgendeinem Sinne immer in ihr ist. (...) Die Hierokratie
schafft einen autonomen, hierokratisch geleiteten Aemterapparat, entwickelt ein
eigenes Abgabensystem (Zehnten) und Rechtsformen (Stiftungen), für die
Sicherung des kirchlichen Bodenbesitzes. Aus der charismatischen Spendung der
magischen Güter, welche zuerst ein freier erlernter ,Beruf' und Erwerbszweig
wird, entwickelt sich ein von fürstlichen und grundherrlichen Pfründnern
verwaltetes patrimoniales Amt, für das – unter Umständen – eine Amtspfründe an
einen Tempel, (als ,Stiftung') in irgendeinem Maße gegen Eingriffe unheiliger
Gewalten sichergestellt ist. (...) Denn der alles entscheidende Punkt, dessen
Ausflüsse diese, in sehr verschiedenen Graden von Reinheit entwickelten
Prinzipien sind, ist die Loslösung des Charisma von der Person und seine
Verknüpfung mit der Institution und speziell: mit dem Amt."109
"Die radikalen Anforderungen des alle Ordnungen der Welt umstoßenden, fast
stets eschatologisch orientierten Charisma sind innerhalb jener Ordnungen,
welche unvermeidlich den Kompromiß mit den ökonomischen und anderen
unheiligen Machtinteressen verlangen, nie durchführbar, und die ,Weltflucht' aus
Ehe, Beruf, Amt, Besitz, politischer und jeder andern Gemeinschaft nur die
Konsequenz dieses objektiven Sachverhalts."110
"Dann aber und namentlich: indem die Askese gänzlich umgedeutet wird zu
einem Mittel, nicht in erster Linie der Erringung des eigenen Heils auf eigenem
Wege, sondern der Tauglichmachung des Mönchs zur Arbeit im Dienst der
hierokratischen Autorität: der äußeren und inneren Mission und des Kampfes
gegen die konkurrierenden Autoritäten. Bedenklich mußte eine solche
innerweltliche Arbeit, welche sich auf ein eigenes spezifisches Charisma stützte,
der alles aus ihrem Amtscharisma ableitenden kirchlichen Autorität bleiben und
ist es auch immer geblieben. Aber die Vorteile überwogen. Die Askese tritt damit
aus der Klosterzelle heraus und trachtet die Welt zu beherrschen, zwingt durch
ihre Konkurrenz ihre Lebensform (in verschiedenem Umfang) der
Amtspriesterschaft auf und nimmt an der Verwaltung des Amtscharisma den
Beherrschten (Laien) gegenüber teil. Immer freilich bleiben die Reibungen
bestehen."111
Hierokratie und Amtscharisma werden dem eschatologisch orientierten Charisma
gegenübergestellt.
109
ebd., 782f.
110
ebd., 785.
111
ebd., 785f.
- 119 -
"Das Mönchtum ist in dem charismatischen Stadium seiner Entwicklung eine
antiökonomische Erscheinung, der ,Asket' der Gegenpol des bürgerlichen
Erwerbsmenschen sowohl wie des seinen Besitz ostensibel genießenden
Feudalherren. Er lebt einsam oder in frei sich bildenden Herden, ehe- und also
verantwortungslos, unbekümmert um politische oder andere Gewalten, von
gesammelten Früchten oder vom Bettel und hat keine Stätte in der ,Welt'. Die
ursprüngliche Regel der buddhistischen Mönche erlegt ihnen, außer in der
Regenzeit, unstetes Wandern auf und begrenzte zeitlich jeglichen Aufenthalt am
gleichen Ort, ausschließlich der in ihren Zielen und Mitteln zunächst gänzlich
irrational orientierten, d.h. auf die Abstreifung der Gebundenheit wie an die
ökonomischen, so auch an die physischen Bedingungen des irdischen Daseins und
die Erringung der Vereinigung mit dem Göttlichen, gerichteten Askese. In dieser
Form ist es in der Tat ein Teil jener spezifischen Macht der
Nichtwirtschaftlichkeit, welche das genuine Charisma überall darstellt. Das
Mönchtum ist die alte genuine charismatische Jüngerschaft und Gefolgschaft, nur
daß nicht mehr ein sichtbarer religiöser Held, sondern der ins Jenseits entrückte
Prophet sein nunmehr unsichtbarer Leiter ist. Allein bei diesem Stadium bleibt es
nicht. Die äußeren Tatsachen bezeugen es. Rationale ökonomische Erwägungen
einerseits oder auch raffiniertes Genußbedürfnis andererseits reichen hinsichtlich
ihrer Tragfähigkeit an die Leistungen des religiösen Charisma - die, wie dieses
selbst, ,außeralltäglichen Charakters' sind – nicht heran. Das gilt freilich für die
Leistungen der hierokratischen Gewalt überhaupt. Die völlige Sinnlosigkeit der
Pyramidenbauten wird nur durch die Qualität des Königs als inkarnierten Gottes
und den unbedingten Glauben der Beherrschten daran erklärlich."112
Das Mönchtum wird als antiökonomische Erscheinung definiert, der Asket als
Gegenpol des bürgerlichen Erwerbsmenschen gesehen.
In Bezug auf die Pyramiden Ägyptens verwendet Thomas Mann den Ausdruck
,Großgerümpel des Todes'113; dies ist auch mit der hohlen Würde des Palastes
,Potiphars' vergleichbar, zu der Entmannung, Inzucht und das Problem des
,Überständigen' gehören. Auf die Patrimonialbürokratie Ägyptens und wie sich ,Joseph'
in diese einfügt, wird im zweiten Teil der Arbeit noch genauer eingegangen werden.
Kurz gesagt: Der Asket wird einerseits vom Bürger, andererseits vom Feudalherrn
abgegrenzt. Dies hängt auch mit den drei Formen der Herrschaft nach Max Weber
zusammen. Hervorzuheben ist auf dieser Stufe, daß die Arbeit des Mönches noch nicht
kapitalistisch gewertet wird. Diese Umwertung erfolgt jedoch nun aus einer schon
angesprochenen innerkirchlichen Entwicklung heraus sowie aufgrund von Bedürfnissen
112
ebd., 786f.
113
Joseph und seine Brüder, Bd. 2, Joseph in Ägypten, Frankfurt a.M. 1947, 747.
- 120 -
des sich bildenden Bürgertums: "Die bloße Existenz von ,Kapitalismus' irgendwelcher
Art genügt offensichtlich ganz und gar nicht, um ihrerseits eine einheitliche Ethik,
geschweige denn eine ethische Gemeindereligiosität aus sich zu erzeugen."114
Dies ändert sich jedoch durch die fortwährende Rationalisierung der Lebensführung:
"Die Art des Kausalzusammenhangs der religiösen rationalen Ethik mit der
besonderen Art des kaufmännischen Rationalismus da, wo dieser Zusammenhang
besteht, lassen wir vorläufig noch außer betracht und stellen zunächst fest: daß
eine, außerhalb der Stätte des ökonomischen Rationalismus, also außerhalb des
Okzidents nur gelegentlich, innerhalb seiner aber deutlich, und zwar je mehr wir
uns den klassischen Trägern des ökonomischen Rationalismus nähern, desto
deutlicher zu beobachtende Wahlverwandtschaft zwischen ökonomischem
Rationalismus einerseits und gewissen, später näher zu charakterisierenden Arten
von ethisch–rigoristischer Religiosität zu beobachten ist."115
"(…) die Methodik der indischen Mönche gleicht in dem wesentlichen
Grundstock der Bestimmungen denen des christlichen Mönchtums sehr stark, nur
daß vielleicht das Raffinement physiologisch (Atemregulierung und ähnliche
Methoden der Yoga und anderer Virtuosen) dort, psychologisch (Beichtpraxis,
Gehorsamsprobe, exercitia spiritualia der Jesuiten) hier im ganzen stärker
entwickelt ist und daß dem Abendlande die so folgenschwere Behandlung der
Arbeit als asketischen Mittels zwar nicht allein vorbehalten, aber dort doch, aus
Gründen historischer Art, weit konsequenter und universeller entwickelt war und
praktisch wurde. Ueberall aber steht die Gewinnung der unbedingten Herrschaft
des Mönchs über sich selbst und seine kreatürlichen, daher der Vereinigung mit
Gott widerstreitenden Triebe im Mittelpunkt. Schon dieses inhaltliche Ziel weist
auf immer weitere Rationalisierung der Lebensführung hin, und diese ist denn
auch überall eingetreten, wo das Mönchtum sich zu einer starken Organisation
zusammenschloß: die üblichen Formen des charismatischen und zünftigen
Noviziats, die Hierarchie der Weihen und sonstigen Stellungen, der Abt, eventuell
Zusammenschluß der Klöster zu einer Kongregation oder einem ,Orden' stellen
sich ein, vor allem: das Kloster und die das ganze Leben darin bis ins einzelne
reglementierende Ordensregel."116
"Damit ist aber das Mönchtum in das Wirtschaftsleben hineingestellt. Von seinem
Unterhalt durch rein antiökonomische Mittel, insbesondere den Bettel, kann
dauernd nicht mehr die Rede sein, mag formal das Prinzip als Fiktion
114
Grundriß der Sozialökonomik, Wirtschaft und Gesellschaft, 1. Halbband, 274.
115
ebd., 274f.
116
ebd., 786f.
- 121 -
aufrechterhalten werden. Im Gegenteil – wie noch zu erörtern – die spezifisch
rationale Methodik der Lebensführung muß auch die Art der Bewirtschaftung
stark beeinflussen. Gerade als Asketengemeinschaft ist das Mönchtum zu den
erstaunlichen Leistungen befähigt gewesen, welche über das hinausgehen, was die
normale Wirtschaft zu leisten pflegt. Das Mönchtum ist nun die Elitetruppe der
religiösen Virtuosen innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen."117
"Die von Stufe zu Stufe steigende Rationalisierung der Askese zu einer immer
ausschließlicher in den Dienst der Disziplinierung gestellten Methodik erreichte
im Jesuitenorden ihren Gipfel. Jeder Rest von individueller charismatischer
Heilsverkündigung und Heilsarbeit, deren Eliminierung aus den älteren Orden,
zumal aus der Gründung des hl. Franz, die kirchliche Autorität, welche darin eine
Gefährdung der Stellung des Amtscharisma erblicken mußte, soviel Mühe
gekostet hatte, ebenso jeder irrationale Sinn der Askese als eines eigenen Weges
des Individuums zum Heil – ebenfalls ein für das Amtscharisma bedenklicher
Punkt – und auch alle irrationalen, d.h. in ihrem Erfolg nicht berechenbaren Mittel
sind hier verschwunden: der rationale ,Zweck' herrscht ( und ,heiligt' die Mittel –
ein Satz nicht etwa nur der jesuitischen, sondern jeder relativistischen oder
teleologischen Ethik, der nur als Pointe der rationalen Lebensreglementierung
eine charakteristische Note empfängt.) (…) Im Islam spielten die Orden nur in
den eschatologischen (methodistischen) Bewegungen eine führende Rolle. Dem
Judentum fehlt das Mönchtum gänzlich. In keiner Kirche aber ist vor allem eine
Rationalisierung der Askese in der Art vollzogen und für hierokratische
Machtzwecke nutzbar gemacht worden, wie sie das Abendland, am vollendetsten
im Jesuitenorden, gesehen hat. -"118
"Denn vor allem sind auch die Gegner typisch die gleichen im Altertum wie im
Mittelalter, die feudalen Geschlechter, in deren Hand in der Antike zugleich die
politische Gewalt und der Darlehenswucher lag. Daher findet jeder Anstoß zur
Autonomie und Rationalisierung der hierokratischen Gewalt sehr leicht eine
Stütze im Bürgertum. (...) Die altchristliche Kirche besteht aus
Kleinbürgergemeinden, die päpstlichen Autonomieansprüche ganz ebenso wie die
puritanischen Sekten des Mittelalters haben in den Städten ihren stärksten Sitz,
aus bestimmten Gewerben sind sowohl ketzerische wie Ordensbewegungen –
beides streift einander – direkt erwachsen (so die Humiliaten) und der asketische
Protestantismus im weitesten Sinn des Wortes (calvinistische und baptistische
Puritaner, Mennoniten, Methodisten, Pietisten) finden den Kern seiner
Anhängerschaft auf die Dauer im mittleren und kleineren Bürgertum, wie die
unerschütterliche religiöse Legalität des Judentums erst mit seiner Stadtsässigkeit
einsetzt und an ihr hängt. (...) Luther wendet sich an den ,christlichen Adel' (=
hoher Adel, Fürstenstand) und das Hugenottentum in Frankreich wie der
Calvinismus in Schottland wurden in den Zeiten der großen Kämpfe vom Adel
117
ebd., 788.
118
ebd., 789f.
- 122 -
gelenkt, die Revolution der englischen Puritaner aber durch die Reiterscharen der
ländlichen gentry zum Siege geführt: die Glaubensspaltung geht, im wesentlichen
wenigstens, vertikal durch die Stände hindurch."119
Das Bürgertum verknüpft nun also den Arbeitsbegriff mit seinem Wirtschaftsethos.
"Aber allerdings macht sich weiterhin auf die Dauer im Laufe des Schwindens der
eschatologischen Erwartungen und im Gefolge der nun eintretenden
Veralltäglichung der neuen religiösen Gehalte immer wieder stets die
Wahlverwandtschaft des religiös geforderten mit dem sozial bedingten Lebensstil
der Stände und Klassen fühlbar, und an die Stelle der vertikalen beginnt
zunehmend die horizontale Schichtung zu treten: der hugenottische wie der
schottische Adel haben den Calvinismus später im Stich gelassen, und die weitere
Entwicklung des asketischen Protestantismus hat diesen überall zu einer
Angelegenheit des bürgerlichen Mittelstandes gemacht. - Es kann diesen Dingen
im einzelnen nicht nachgegangen werden, - so viel ist jedenfalls sicher, daß die
Entwicklung der Hierokratie zu einem rationalen Herrschaftsapparat und die
damit zusammenhängende rational–ethische Entwicklung des religiösen
Gedankenkreises selbst gerade in den bürgerlich–städtischen Klassen, besonders
im Kleinbürgertum, trotz aller an anderer Stelle zu erörternden Konflikte auch mit
ihnen, einen besonders starken Anhalt zu finden pflegt."120
Hierokratie und Bürgertum verfolgen fortan gemeinsame Ziele.
"Anders stand es in dieser Hinsicht mit der gewerblichen Tätigkeit speziell der
Klöster. Die konsequente Durchführung der – in der älteren Praxis der
Benediktinerregel doch mehr nach Art einer hygienischen Entlastung
verstandenen - körperlichen Arbeit als asketischen Mittels, und die Verfügung
über die zahlreichen Arbeitskräfte der Laienbrüder und Hörigen führte zu einer oft
weitgehenden Konkurrenz der gewerblichen Klosterarbeit mit dem Handwerk, bei
der die erstere, auf zölibatär und asketisch lebende, dabei ,berufsmäßig'
angespannt im Dienst des Seelenheils arbeitende Kräfte, rationale Teilung und
gute, den Absatz sichernde Verbindungen und Patronagen gestützt, notwendig
überlegen war. Die Klostergewerbe waren daher einer der wesentlichen
ökonomischen gravamina des Kleinbürgertums unmittelbar vor der Reformation,
so etwa wie die Gefängnisarbeit und die Konsumvereine heute. Die Säkularisation
119
ebd., 795.; An anderer Stelle erläutert Max Weber die Unterschiede zwischen Luthertum und
Calvinismus differenzierter: Während im Luthertum ein Ausbruch aus dem System unmöglich erscheint,
gibt es im Calvinismus durchaus ein Recht auf Widerstand. Dies wird im folgenden Kapitel exemplarisch
am Verhalten ,Tonys und Thomas' Buddenbrooks' zu untersuchen sein.
120
ebd., 796.
- 123 -
der Reformationszeit und noch mehr die der Revolutionsepoche haben den
kirchlichen Betrieb sehr stark dezimiert. (...) Ungleich tiefer aber denn als
wirtschaftliche Gemeinschaft pflegt die Hierokratie als Herrschaftsstruktur und
durch die ihr eigentümliche ethische Lebensreglementierung auf die ökonomische
Sphäre zu wirken."121
"Denn als Rest der alten Liebesgesinnung der charismatischen
Brüdergemeinschaft bleiben dann durchweg, im Islam und im Judentum so gut
wie im Buddhismus und Christentum: ,caritas', ,Brüderlichkeit' und ethisch
verklärte persönliche, also patriarchale Beziehungen des Herrn zum persönlichen
Diener die elementarsten Grundlagen der Ethik von ,Kirchen' in dem hier
festgehaltenen Sinn. Die Entstehung des Kapitalismus bedeutet, daß diese Ideale
dem Kosmos der ökonomischen Beziehungen gegenüber ganz ebenso praktisch
sinnlos werden, wie z.B. die in der Konsequenz aller Ideen des frühen
Christentums liegenden pazifistischen, die Gewalt als solche ablehnenden Ideale
es gegenüber den politischen, letztlich überall auf Gewalt ruhenden
Herrschaftsbeziehungen von jeher gewesen sind. Denn im Kapitalismus werden
alle echt patriarchalen Beziehungen ihres genuinen Charakters entkleidet und
,versachlicht', caritas und Brüderlichkeit aber können vom Einzelnen, dem Prinzip
nach, nur noch außerhalb seines, diesen durchaus fremden ökonomischen
,Berufslebens' geübt werden."122
Das Dilemma der Ethik nimmt zu diesem Zeitpunkt seinen Anfang: Die Arbeit war
nach Max Webers Ausführungen an sich nicht würdevoll, sondern antiökonomisch und
anethisch. Erst die Domestizierung durch die Klöster verschaffte ihr einen ideellen bzw.
moralischen Stellenwert. Mit dem Aufkommen des an sich anethischen Kapitalismus
wird der Arbeitsbegriff durch das entstehende Bürgertum für dessen Zwecke nutzbar
gemacht, d.h. um dessen kapitalistisches Streben und den damit verbundenen Lebensstil
zu rechtfertigen. Der asketische Protestantismus als Moralbegriff entsteht. Auch die
Hierokratie hat ein Interesse an dieser Entwicklung um ihre Herrschaft zu untermauern.
Dem Arbeitsbegriff wird damit der Ethikbegriff aus ökonomisch-machtpolitischem
Interesse übergestülpt, wenn man wie Max Weber einen "Pakt" zwischen
Priesterherrschaft und Bürgertum voraussetzt. Der Begriff ,ora et labora' wird somit in
den Dienst der kapitalistischen bürgerlichen Moralauffassung gestellt.
121
ebd., 798.
122
ebd., 801.
- 124 -
5. Die Dekadenzproblematik im ,oikos'
Dekadenz wird im Calvinismus und im Luthertum verschieden gesehen.
a) Die Dekadenz im Calvinismus
Im Calvinismus stellt der Sündenfall die Dekadenz dar. Man kann sie daher als
Abfall (von Gott) interpretieren:
"(...) wo der Geisterglaube zum Götterglauben rationalisiert wird, also nicht mehr
die Geister magisch gezwungen, sondern Götter kultisch verehrt und gebeten sein
wollen, schlägt die magische Ethik des Geisterglaubens in die Vorstellung um:
daß denjenigen, welcher die gottgewollte Ordnung verletzt, das ethische
Mißfallen des Gottes trifft, welcher jene Ordnungen unter seinen speziellen
Schutz gestellt hat. Es wird nun die Annahme möglich, daß es nicht Mangel an
Macht des eigenen Gottes sei, wenn die Feinde siegen oder anderes Ungemach
über das eigene Volk kommt, sondern daß der Zorn des eigenen Gottes über seine
Anhänger durch die Verletzungen der von ihm geschirmten ethischen Ordnung
erregt, die eigenen Sünden also daran schuld seien und daß der Gott mit einer
ungünstigen Entscheidung gerade sein Lieblingsvolk hat züchtigen und erziehen
wollen. Immer neue Missetaten Israels, eigene der jetzigen Generation oder solche
der Vorfahren, wissen seine Propheten aufzufinden, auf welche der Gott mit
seinem schier unersättlichen Zorn reagiert, indem er sein eigenes Volk anderen,
die ihn gar nicht einmal anbeten, unterliegen läßt. Dieser Gedanke, in allen
denkbaren Abwandlungen überall verbreitet, wo die Gotteskonzeption
universalistische Züge annimmt, formt aus den magischen, lediglich mit der
Vorstellung des bösen Zaubers operierenden Vorschriften die ,religiöse Ethik':
Verstoß gegen den Willen des Gottes wird jetzt eine ethische ,Sünde', die das
,Gewissen' belastet, ganz unabhängig von den unmittelbaren Folgen. Uebel, die
den einzelnen treffen, sind gottgewollte Heimsuchungen und Folgen der Sünde,
von denen der Einzelne durch ein Gott wohlgefälliges Verhalten: ,Frömmigkeit',
befreit zu werden, ,Erlösung' zu finden, hofft. Fast nur in diesem elementaren
rationalen Sinn der Befreiung von ganz konkreten Übeln tritt der folgenschwere
Gedanke der ,Erlösung' noch im Alten Testament auf. Und die religiöse teilt mit
der magischen Ethik zunächst durchaus auch die andere Eigenart: daß es ein
Komplex oft höchst heterogener, aus den allerverschiedensten Motiven und
Anlässen entstandener, nach unserer Empfindungsart ,Wichtiges' und
- 125 -
,Unwichtiges' überhaupt nicht scheidender, Gebote und Verbote ist, deren
Verletzung die ,Sünde' konstituiert."123
Die Verletzung der gottgewollten Ordnung wird also a priori als ethische Sünde
bezeichnet, die durch Frömmigkeit als vorbeugende Maßnahme schon im Vorfeld
gesühnt werden kann. Mit ,Gott wohlgefälligem Verhalten' ist im Sinne des
Calvinismus die rastlose Berufsarbeit gemeint.
b) Die Dekadenz im Luthertum
Thomas Mann beschreibt die Dekadenz im ,oikos' über das Luthertum. Hier ist die
Dekadenz die Folge des Sündenfalls. Lutherisch könnte man die Dekadenz daher als
Verfall (vor Gott) kennzeichen.
Auch bei diesem Thema erfolgt die Annäherung Max Webers und Thomas Manns
von verschiedenen Seiten aus mit allerdings vergleichbaren Ergebnissen, wie die
folgenden Kapitel zeigen werden.
123
ebd., 249.
- 126 -
III. "DIE BUDDENBROOKS": CALVINISMUS VS. LUTHERTUM ALS
AUSPRÄGUNGEN DER PROTESTANTISCHEN ETHIK
Worin besteht nun diese ,protestantische Ethik'? Was sind ihre Ziele? Wie grenzt sie
sich von anderen Glaubensrichtungen ab? Zunächst sollen die für das Verständnis
relevanten Begriffe umrissen werden, wobei der Unterscheidung zwischen Luthertum
und Calvinismus besondere Bedeutung zukommt.
Thomas Manns "Buddenbrooks" bis hin zum "Tod in Venedig" stehen als auf die
Spitze getriebene Leistungsethik in der Tradition des Luthertums und der aus ihm zu
interpretierenden Dekadenzproblematik. Die Geschichte des Leistungsethikers endet bei
Thomas Mann mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Dies soll in den folgenden zwei
Kapiteln nachgewiesen werden.
1. Definitionen
a) Calvinismus: innerweltliche Erlösungsreligion mit asketischen Zügen
"Der unvermeidliche Heilsaristokratismus des Mystikers, der die Welt dem für
alle Unerleuchteten, der vollen Erleuchtung Unzugänglichen nun einmal
unvermeidlichen Schicksal überläßt – die zentrale, im Grunde einzige
Laientugend der Buddhisten ist ursprünglich: Verehrung und Almosenversorgung
der allein zur Gemeinde gehörigen Mönche – tritt gerade darin drastisch hervor.
Ganz generell ,handelt' aber irgend wer, auch der Mystiker selbst unvermeidlich
und minimisiert sein Handeln nur, weil es ihm niemals die Gewißheit des
Gnadenstandes geben, wohl aber ihn von der Vereinigung mit dem Göttlichen
abziehen kann, während dem Asketen eben durch sein Handeln sich sein
Gnadenstand bewährt."1
1
Grundriß der Sozialökonomik, III. Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft, 1. Halbband, 1947, 314.; Die
innerweltliche Askese ist dem Konzept Ma`at vergleichbar: "Die Ma`at als Richtschnur göttlicher
- 127 -
"Der Asket muß, wenn er innerhalb der Welt handeln will, also bei der
innerweltlichen Askese, mit einer Art von glücklicher Borniertheit für jede Frage
nach einem ,Sinn' der Welt geschlagen sein und darum sich nicht kümmern. Es ist
daher kein Zufall, daß die innerweltliche Askese sich gerade auf der Basis der
absoluten Unerforschlichkeit seiner Motive des jedem menschlichen Maßstab
entrückten, calvinistischen Gottes am konsequentesten entwickeln konnte. Der
innerweltliche Asket ist daher der gegebene ,Berufsmensch', der nach dem Sinn
seiner sachlichen Berufsausübung innerhalb der Gesamtwelt, - für welche ja nicht
er, sondern sein Gott die Verantwortung trägt – weder fragt noch zu fragen nötig
hat, weil ihm das Bewußtsein genügt, in seinem persönlichen rationalen Handeln
in dieser Welt den für ihn in seinem letzten Sinn unerforschlichen Willen Gottes
zu vollstrecken. Dem kontemplativen Mystiker umgekehrt kommt es gerade auf
das Erschauen jenes ,Sinnes' der Welt an, den er in rationaler Form zu ,begreifen'
eben um deswillen außerstande ist, weil er ihn als eine Einheit jenseits aller realen
Wirklichkeit erfaßt. (...) Die Welt als solche wird weder von der Askese noch von
der Kontemplation bejaht. Aber vom Asketen wird ihr kreatürlicher, ethisch
irrationaler empirischer Charakter, ihre ethischen Versuchungen der Weltlust, des
Genießens und Ausruhens auf ihren Freuden und Gaben, abgelehnt. Dagegen wird
das eigene rationale Handeln innerhalb ihrer Ordnungen als Aufgabe und Mittel
der Gnadenbewährung bejaht. Dem innerweltlich lebenden kontemplativen
Mystiker dagegen ist Handeln, und vollends Handeln innerhalb der Welt, rein an
sich eine Versuchung, gegen die er seinen Gnadenstand zu behaupten hat."2
Lebensprüfung ist identisch mit den Grundlagen innerweltlicher Erfolge, sozialer Einbindung und
fortdauernden Andenkens." (Assmann, 36).
2
ebd., 314.; demgegenüber steht die weltablehnende Askese:
"Oder: das spezifische Heilgut ist nicht eine aktive Qualität des Handelns, also nicht das
Bewußtsein der Vollstreckung eines göttlichen Willens, sondern eine Zuständlichkeit spezifischer
Art. In vorzüglichster Form: ,mystische Erleuchtung'. Auch sie ist nur von einer Minderheit
spezifisch Qualifizierter und nur durch eine systematische Tätigkeit besonderer Art:
,Kontemplation', zu erringen. Die Kontemplation bedarf, um zu ihrem Ziel zu gelangen, stets der
Ausschaltung der Alltagsinteressen. Nur wenn das Kreatürliche im Menschen völlig schweigt,
kann Gott in der Seele reden, nach der Erfahrung der Quäker, mit welcher nicht den Worten, wohl
aber der Sache nach, alle kontemplative Mystik, von Laotse und Buddha bis zu Tauler,
übereinstimmt. Die Konsequenz kann die absolute Weltflucht sein. Diese kontemplative
Weltflucht, wie sie dem alten Buddhismus und in gewissem Maße fast allen asiatischen und
vorderasiatischen Formen der Erlösung eigentümlich ist, sieht der asketischen Weltanschauung
ähnlich, ist aber dennoch streng von ihr zu scheiden. Die weltablehnende Askese im hier
gebrauchten Sinn des Worts ist primär auf Aktivität eingestellt. Nur Handeln bestimmter Art hilft
dem Asketen diejenigen Qualitäten erreichen, welche er erstrebt und diese wiederum sind solche
eines aus göttlicher Gnade heraus Handeln–Könnens. In dem Bewußtsein, daß ihm die Kraft zum
Handeln aus dem Besitz des zentralen religiösen Heils zufließe und er Gott damit diene, gewinnt
er stets erneut die Versicherung seines Gnadenstandes. Er fühlt sich als Gotteskämpfer, einerlei,
wie der Feind und die Mittel seiner Bekämpfung aussehen, und die Weltflucht selbst ist
psychologisch keine Flucht, sondern ein immer neuer Sieg über immer neue Versuchungen, mit
denen er immer erneut aktiv zu kämpfen hat. Der weltablehnende Asket hat mindestens die
negative innere Beziehung vorausgesetzten Kampfes zur ,Welt'. Man spricht deshalb bei ihm
zweckmäßigerweise von ,Weltablehnung', nicht von ,Weltflucht', die vielmehr den kontemplativen
Mystiker kennzeichnet. Die Kontemplation dagegen ist primär das Suchen eines ,Ruhens' im
Göttlichen und nur in ihm, Nichthandeln, in letzter Konsequenz Nichtdenken, Entleerung von
- 128 -
Hier wird also die Verbindung zwischen Asketentum und Calvinismus gezogen und
dieser von der Mystik abgegrenzt.
b) Luthertum: Innerweltliche Erlösungsreligion mit kontemplativen Zügen
allem, was irgendwie an die ,Welt' erinnert, jedenfalls absolutes Minimisieren alles äußeren und
inneren Tuns sind der Weg, denjenigen inneren Zustand zu erreichen, der als Besitz des
Göttlichen, als unio mystica mit ihm, genossen wird: einen spezifischen Gefühlshabitus also, der
ein ,Wissen' zu vermitteln scheint." (Weber, Grundriß der Sozialökonomik, 312.)
Hier wird also eine Gegenbewegung beschrieben. Der weltablehnende Asket taucht in Manns Erzählung
"Die vertauschten Köpfe" auf: ,Nada, Schridaman und Sita' suchen darin einen ,Asketen voll
Selbstbezwingung' auf, der ihnen bei der Lösung ihres Problems helfen soll. Dieser empfängt sie mit
folgenden Worten:
"Wohl war es mein erster Antrieb, euch zu verscheuchen aus meiner Menschenleere, aber auch das
war ein Trieb, den ich verneine, und eine Versuchung, der ich zu widerstehen gewillt bin. Denn ist
es Askese, die Menschen zu meiden, so ist es eine noch größere, sie bei sich aufzunehmen. Ihr
könnt mir glauben, daß eure Nähe und der Lebensdunst, den ihr mit euch bringt, sich mir schwer
auf die Brust legt und mit unliebsam die Wangen erhitzt, wie ihr sehen könntet ohne die
Aschentünche, mit der ich mir schicklicherweise das Gesicht bestrichen." (Mann, Erzählungen,
929).
"Kurzum, die Askese ist ein Faß ohne Boden, ein unergründlich Ding, weil sich die Versuchungen
des Geistes darin mit den sinnlichen Versuchungen vermischen, und ein Stück Arbeit ist es damit
wie mit der Schlange, der zwei Köpfe nachwachsen, wenn man einen abschlägt." (ebd., 930).
"Er selbst nahm währenddessen eine asketische Stellung ein, welche man die Kajotsarga-Stellung
nennt: mit unbeweglichen Gliedern, straff abwärtsgerichteten Armen und durchgedrückten Knien,
wobei er nicht nur seine Finger, sondern auch seine Zehen auf eine eigentümliche Art zu teilen
wußte." (ebd., 931).
Bei allen Stellen ist das Stilmittel der Ironie unverkennbar.
"Dem Asketen erscheint die Kontemplation des Mystikers als träger und religiös steriler, asketisch
verwerflicher Selbstgenuß, als kreaturvergötternde Schwelgerei in selbstgeschaffenen Gefühlen.
Der Asket wird, vom Standpunkt des kontemplativen Mystikers aus gesehen, durch sein, sei es
außerweltliches, Sichquälen und Kämpfen, vollends aber durch asketisch–rationales
innerweltliches Handeln stetig in alle Belastetheit des geformten Lebens mit unlösbaren
Spannungen zwischen Gewaltsamkeit und Güte, Sachlichkeit und Liebe verwickelt, dadurch stetig
von der Einheit in und mit Gott entfernt und in heillose Widersprüche und Kompromisse
hineingezwungen." (Weber, Grundriß der Sozialökonomik, 313).
Hier wird die Askese von der Mystik unterschieden.
- 129 -
"Soweit eine innerweltliche Erlösungsreligion durch kontemplative Züge
determiniert ist, ist die normale Folge mindestens relativ weltindifferente,
jedenfalls aber demütige Hinnahme der gegebenen sozialen Ordnung."3
"Der mystische Einschlag in der lutherischen Religiosität, deren höchstes
diesseitiges Heilsgut letztlich die unio mystica ist, bedingte (…) die Indifferenz
gegenüber der Art der äußeren Organisation der Wortverkündung und auch ihren
antiasketischen und traditionalistischen Charakter. Der typische Mystiker ist
weder ein Mann starken sozialen Handelns ünerhaupt, noch vollends der
rationalen Umgestaltung der irdischen Ordnungen an der Hand einer auf den
äußeren Erfolg gerichteten methodischen Lebensführung. Wo auf dem Boden
genuiner Mystik Gemeinschaftshandeln entsteht, da ist es der Akosmismus des
mystischen Lebensgefühls, der seinen Charakter prägt."4
Hier kann das Luthertum in den "Buddenbrooks" als Beispiel dienen, worauf noch
ausführlicher eingegangen wird. Hier wird allerdings schon deutlich, daß es im
Luthertum im Gegensatz zum Calvinismus eher um das Ertragen von Leid geht.
Der ,Schopenhauer-Traum’ ,Thomas Buddenbrooks' ist ein Beispiel für diese
Sichtweise einer innerweltlichen Erlösungsreligion mit kontemplativen Zügen:
"Irgendwo in der Welt wächst ein Knabe auf, gut ausgerüstet und wohlgelungen,
begabt, seine Fähigkeiten zu entwickeln, gerade gewachsen und ungetrübt, rein,
grausam und munter, einer von diesen Menschen, deren Anblick das Glück des
Glücklichen erhöht und die Unglücklichen zur Verzweiflung treibt: - Das ist mein
Sohn. Das bin ich, bald ... bald ... sobald der Tod mich von dem armseligen
Wahne befreit, ich sei nicht sowohl er wie ich ..."5
"Die Einheit und Strenge der methodischen Lebensführung wurde dadurch
tatsächlich durchbrochen. Als Menschenkennerin rechnete die Kirche gar nicht
damit, daß der einzelne eine geschlossene einheitliche ethische Persönlichkeit sei,
sondern nahm als feststehend an, daß er trotz Beichtmahnung und noch so
3
Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 1, 315.
4
Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, hrsg. v. Johannes Winckelmann, 2
Bde., Köln 1964, zitiert nach Radkau, 499; Tübingen 1922, 315. Weber fand im Unterschied zur Frühzeit
(siehe Kapitel II) durch die Mystik einen neuen Zugang zum Luthertum. Radkau betont, dass die
lutherische Gleichgültigkeit gegenüber der politischen Ordnung und die antiasketische Einstellung für
Weber jetzt nichts Verächtliches mehr haben, sondern im Idealtypus einem ,mystischen Liebesgefühl'
entspringen, s. Radkau, 499.
5
Buddenbrooks, 560.
- 130 -
strenger Bußen doch wieder ethisch kollabieren würde, d.h. sie ließ ihre Gnade
scheinen über Gerechte und Ungerechte."6
"Mit diesem System hat die R e f o r m a t i o n entscheidend gebrochen. Schon
die Aufhebung der Consilia evangelica durch die lutherische Reformation
bedeutete den Wegfall der doppelten Ethik, der Unterscheidung zwischen einer
allgemein verbindlichen und einer spezifisch vorteilhaften Virtuosenmoral. Die
außerweltliche Askese hörte damit auf. Die straff religiösen Naturen, die bis dahin
in das Kloster gegangen waren, mußten von jetzt an i n n e r h a l b der Welt das
gleiche leisten."7
2. Recht auf Widerstand
Diese Unterscheidung zwischen Calvinismus und Luthertum wirkt sich auf das Recht
auf Widerstand in beiden Glaubensrichtungen unterschiedlich aus:
"Luther verwarf wie den Glaubenskrieg so auch die Glaubensrevolution
schlechthin. Auf der anderen Seite steht der Standpunkt des gewaltsamen
Widerstandes wenigstens gegen Vergewaltigung des Glaubens. Die
Glaubensrevolution liegt dem innerweltlichen asketischen Rationalismus, der
heilige, gottgewollte Ordnungen der Welt kennt, am nächsten. So innerhalb des
Christentums namentlich im Calvinismus, der die gewaltsame Verteidigung des
Glaubens gegen Tyrannen zur Pflicht macht (wenn auch, dem anstaltskirchlichen
Charakter entsprechend, bei Calvin selbst nur auf Initiative berufener –
ständischer Instanzen). (...) Für Luther dagegen, der Glaubenskrieg,
Glaubensrevolution und aktiven Widerstand absolut verwirft, ist bei politischen
Kriegen die weltliche Obrigkeit, deren Sphäre durch rationale Postulate der
Religion gar nicht berührt wird, allein verantwortlich für das Recht eines Krieges,
und der Untertan belastet sein Gewissen nicht, wenn er ihr hier wie in allem, was
nicht seine Beziehung zu Gott zerstört, auch aktiv gehorcht."8
3. Bedeutung der Arbeit
6
Wirtschaftsgeschichte, München - Leipzig 1923, 311.
7
ebd., 312.
8
Grundriß der Sozialökonomik, Bd. 1, 341.
- 131 -
a) Im Calvinismus
"Wo dagegen eine innerweltliche Erlösungsreligion spezifisch asketische Züge
trug, hat sie stets den praktischen Rationalismus im Sinn der Steigerung des
rationalen Handelns als solchen, der methodischen Systematik der äußeren
Lebensführung und der rationalen Versachlichung und Vergesellschaftung der
irdischen Ordnungen, seien dies Mönchsgemeinschaften oder Theokratien,
gefordert."9
"(…) als wesentliches Charakteristikum aber tritt andererseits gerade im Okzident
als hygienisch–asketisches Mittel die Arbeit hervor und steigert sich dann an
Bedeutung in der ganz methodisch die rationalste Schlichtheit pflegenden
Zisterzienserregel. Das Bettelmönchtum wird im Gegensatz zu den indischen
Bettelmönchen alsbald nach seinem Entstehen in den hierarchischen Dienst
gezwungen und dient rationalen Zwecken: systematischer Caritias – der im
Okzident zum sachlichen ,Betrieb' entwickelt wurde – oder der Predigt und der
Ketzerjurisdiktion. Der Jesuitenorden endlich streifte die antihygienischen
Elemente der alten Askese völlig ab und ist die vollendeste rationale
Disziplinierung für Zwecke der Kirche."10
Die Bedeutung der Askese der Arbeit ist jedoch im Calvinismus am ausgeprägtesten:
"Die geschichtlichen Träger des asketischen Protestantismus (im hier gebrauchten
Sinn des Ausdrucks) sind in der Hauptsache viererlei: I. der Calvinismus in der
Gestalt, welche er in den westeuropäischen Hauptgebieten seiner Herrschaft im
Lauf insbesondere des 17. Jahrhunderts annahm; 2. der Pietismus; 3. der
Methodismus; 4. die aus der täuferischen Bewegung hervorgewachsenen
Sekten."11
"Dies: der absolute (im Luthertum noch keineswegs in allen Konsequenzen
vollzogene) Fortfall kirchlich-sakramentalen Heils, war gegenüber dem
Katholizismus das absolut Entscheidende. Jener große religionsgeschichtliche
Prozeß der Entzauberung der Welt, welcher mit der altjüdischen Prophetie
einsetzte und, im Verein mit dem hellenischen wissenschaftlichen Denken, alle
magischen Mittel der Heilssuche als Aberglaube und Frevel verwarf, fand hier
seinen Abschluß."12
9
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 316.
10
ebd., 318.
11
Die protestantische Ethik, in: Religionssoziologie, Tübingen 1920, 84.
12
ebd., 94f.
- 132 -
"Vor allem die Praxis der Seelsorge, welche auf Schritt und Tritt mit den durch
die Lehre geschaffenen Qualen zu tun hatte, konnte es nicht. Sie fand sich mit
diesen Schwierigkeiten in verschiedener Art ab. Soweit dabei nicht die
Gnadenwahl uminterpretiert, gemildert und im Grunde aufgegeben wurde, treten
namentlich zwei miteinander verknüpfte Typen seelsorgerischer Ratschläge als
charakteristisch hervor. Es wird einerseits schlechthin zu Pflicht gemacht, sich für
erwählt zu halten, und jeden Zweifel als Anfechtung des Teufels abzuweisen, da
ja mangelnde Selbstgewißheit Folge unzulänglichen Glaubens, also
unzulänglicher Wirkung der Gnade sei. (...) Und andererseits wurde, um jene
Selbstgewißheit zu erlangen, als hervorragendstes Mittel rastlose Berufsarbeit
eingeschärft."13
Hier gibt es einen Unterschied zu Thomas Manns "Buddenbrooks": Gläubigkeit
wächst gerade aus Selbstzweifel, wie man an den Gedanken ,Thomas Buddenbrooks' im
Schopenhauerkapitel unschwer erkennen kann.14
"Worin andererseits der Gegensatz der calvinistischen gegen die mittelalterliche
Askese bestand, liegt auf der Hand, es war der Wegfall der ,consilia evangelica'
und damit die Umgestaltung der Askese zu einer rein innerweltlichen."15
Die mittelalterliche Askese wird dem Calvinismus nochmals gegenübergestellt.
"Dem Herausfluten der Askese aus dem weltlichen Alltagsleben war ein Damm
vorgebaut und jene leidenschaftlich ernsten innerlichen Naturen, die bisher dem
Mönchtum seine besten Repräsentanten geliefert hatten, waren nun darauf
hingewiesen, innerhalb des weltlichen Berufslebens asketischen Idealen
nachzugehen. Der Calvinismus fügte aber im Verlauf seiner Entwicklung etwas
Positives: den Gedanken der Notwendigkeit der Bewährung des Glaubens im
weltlichen Berufsleben hinzu. Es gab damit den breiteren Schichten der religiös
orientierten Naturen den positiven Antrieb zur Askese, und mit der Verankerung
seiner Ethik an der Prädestinationslehre trat so an die Stelle der geistlichen
Aristokratie der Mönche außer und über der Welt die geistliche Aristokratie der
durch Gott von Ewigkeit her prädestinierten Heiligen in der Welt, eine
Aristokratie, die mit ihrem character indelebilis von der übrigen von Ewigkeit her
verworfenen Menschheit durch eine prinzipiell unüberbrückbarere und in ihrer
Unsichtbarkeit unheimlichere Kluft getrennt war, als der äußerlich von der Welt
abgeschiedene Mönch des Mittelalters, - eine Kluft, die in harter Schärfe in alle
sozialen Empfindungen einschnitt. Denn diesem Gottesgnadentum der Erwählten
13
ebd., 104f.
14
S. 163, Anm. 122.
15
ebd., 118.
- 133 -
und deshalb Heiligen war angesichts der Sünde der Nächsten nicht nachsichtige
Hilfsbereitschaft im Bewußtsein der eigenen Schwäche, sondern der Haß und die
Verachtung gegen ihn als einen Feind Gottes, der das Zeichen ewiger Verwerfung
an sich trägt, adäquat."16
"Eine gewisse Verwandtschaft damit zeigt die innerweltliche Askese dann, wenn
sie, wie der radikale Calvinismus, die Herrschaft der zur ,reinen' Kirche gehörigen
religiösen Virtuosen über die sündige Welt zu deren Bändigung als gottgewollt
hinstellt, wie dies z.B. der neuenglischen Theokratie, wenn nicht
ausgesprochenermaßen, so doch in der Praxis, natürlich mit allerhand
Kompromissen zugrunde lag. Ein Konflikt fehlt aber auch da, wo, wie in den
indischen intellektualistischen Erlösungslehren, (Buddhismus, Jainismus) jede
Beziehung zur Welt und zum Handeln in ihr abgebrochen, eigene Gewaltsamkeit
ebenso wie Widerstand gegen die Gewalt absolut verboten, aber auch
gegenstandslos ist."17
Calvinismus und Buddhismus werden miteinander verglichen. Es gibt auch
Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit dem Judentum:
"Das Judentum stand auf der Seite des politisch oder spekulativ orientierten
,Abenteuer'–Kapitalismus: sein Ethos war, mit einem Wort, das des Paria–
Kapitalismus, - der Puritanismus trug das Ethos des rationalen bürgerlichen
Betriebs und der rationalen Organisation der Arbeit."18
"Mit Reichtum segnet Gott den frommen Juden. Reichtum ist aber – wenn rational
und legal erworben - auch eines der Symptome der ,Bewährung' des
Gnadenstandes bei den asketischen Richtungen des Protestantismus (Calvinisten,
Baptisten, Mennoniten, Quäker, reformierte Pietisten, Methodisten). Freilich
befinden wir uns mit diesen letzten Fällen bereits innerhalb einer Auffassung,
welche trotzdem den Reichtum (und irgendwelche anderen diesseitigen Güter)
sehr entschieden als ein ,religiöses Ziel' ablehnen würden."19
Ein Beispiel für einen calvinistischen Unternehmer ist der typisch amerikanische
Boss:
16
ebd., 119f.
17
ebd., 340.
18
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur
Religionssoziologie, 181.; Auf die Frage nach innerer und äußerer Ethik wird in einem späteren Kapitel
eingegangen.
19
Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 1, 302.
- 134 -
"Es ist Benjamin Franklin, der in diesen Sätzen - den gleichen, die Ferdinand
Kürnberger in seinem geist- und giftsprühenden ,amerikanischen Kulturbilde' als
angebliches Glaubensbekenntnis des Yankeetums verhöhnt - zu uns predigt (…)
Wenn Jakob Fugger einem Geschäftskollegen, der sich zur Ruhe gesetzt hat und
ihm zuredet, das gleiche zu tun, da er nun doch genug gewonnen habe und andere
auch gewinnen lassen solle, dies als ,Kleinmut' verweist und antwortet: ,er
(Fugger) hätte viel einen andern Sinn, wollte gewinnen, dieweil der könnte', so
unterscheidet sich der ,Geist' dieser Aeußerung offensichtlich von Franklin: was
dort als Ausfluß kaufmännischen Wagemuts und einer persönlichen, sittlich
indifferenten, Neigung geäußert wird, nimmt hier den Charakter einer ethisch
gefärbten Maxime der Lebensführung an."20
"Sondern Macht, auch ökonomische, kann ,um ihrer selbst willen' gewertet
werden und sehr häufig ist das Streben nach ihr mitbedingt durch die soziale
,Ehre', die sie bringt. Aber nicht jede Macht bringt soziale Ehre. Der typisch
amerikanische Boß ebenso wie der typische Großspekulant verzichtet bewußt auf
sie, und ganz allgemein ist insbesondere gerade die ,bloß' ökonomische Macht,
namentlich die ,nackte Geldmacht', keineswegs eine anerkannte Grundlage
sozialer ,Ehre'. Und andererseits ist nicht nur die Macht die Basis sozialer Ehre.
Sondern umgekehrt kann soziale Ehre (Prestige) die Basis von Macht auch
ökonomischer Art sein und war es sehr häufig. Die Rechtsordnung kann ebenso
wie Macht, so auch Ehre garantieren."21
"Man wird aber sowohl sagen müssen, daß sie Leute sind, die hypnotisiert von
dem Ehrgeiz, das Unerhörte möglich zu machen, den Geldwert als Sport
behandeln, daß Männer wie Carnegie, Morgan weit davon entfernt sind, im
einzelnen Fall so sehr auf das Geld, was sie verdienen, zu sehen, wie die große
Mehrzahl unserer deutschen Kartellmitglieder es tut, nicht etwa wegen sittlicher
Minderwertigkeit, sondern unter dem Druck der Notwendigkeit ganz einfach tun
muß. Und sie haben den großen Vorzug, daß sie nicht, wenn man von
Arbeitsorganisationen spricht, sich hinstellen und sagen: ,,Dann spiele ich nicht
mehr mit.“"22
Der Calvinismus Amerikas dient Weber also als Bewertungsmaßstab für die
deutschen Verhältnisse.
20
Die protestantische Ethik, Religionssoziologie, 32f.
21
Grundriß der Sozialökonomik, 3. Teil, Typen der Herrschaft, 631.
22
aus: Das Verhältnis der Kartelle zum Staate. Diskussionsbeitrag auf der Generalversammlung des
Vereins für Sozialpolitik am 28. September 1905, in: Schriften und Reden 1900-1912, 260-279, 270.
- 135 -
b) Im Luthertum
"Die asketischen Richtungen des Protestantismus haben überall da die Herrschaft
gewonnen, wo das Bürgertum eine soziale Macht war, die am wenigsten
asketischen Reformationskirchen: der Anglikanismus und das Luthertum dort, wo
(damals) Adels- oder Fürstenmacht die Oberhand hatten. Es ist die spezifische
Natur der Frömmigkeit der überhaupt intensiv religiös empfindenden bürgerlichen
Schichten, - ihr stärkerer Gehalt an rationaler Ethik, wie die Art ihrer Arbeit, und
die intensivere Beschäftigung mit der Frage der ,Rechtfertigung' vor Gott, die
ihrer, gegenüber den Bauern, weniger durch die organischen Naturvorgänge
bestimmten, Lebensführung entsprach-, die sie, ganz ebenso, wie früher die
Hierokratie gegen den Imperialismus, den Bettelorden gegen den Weltklerus, so
jetzt den reformerischen Prädikanten gegen den traditionellen kirchlichen Apparat
zufallen ließ."23
"Luthers Stellungnahme zum Wirtschaftsleben ist streng traditionell gebunden,
steht, am Maßstab der ,Modernität' gemessen, weit hinter den Ansichten der
Florentiner Theoretiker zurück, und seine Kirche ist ganz ausdrücklich auf das
Amtscharisma des zur Wortverkündigung berufenen Pfarrers gegründet, eine
abgesagte Feindin aller Auflehnung gegen die von Gott verordnete Obrigkeit."24
"Nun ist unverkennbar, daß schon in dem deutschen Worte ,Beruf' ebenso wie in
vielleicht noch deutlicherer Weise in dem englischen ,calling', eine religiöse
Vorstellung: - die einer von Gott gestellten Aufgabe – wenigstens mitklingt und,
je nachdrücklicher wir auf das Wort im konkreten Fall den Ton legen, desto
fühlbarer wird."25
"Unbedingt neu war jedenfalls zunächst eins: die Schätzung der Pflichterfüllung
innerhalb der weltlichen Berufe als des höchsten Inhaltes, den die sittliche
Selbstbestätigung überhaupt annehmen könne. Dies war es, was die Vorstellung
von der religiösen Bedeutung der weltlichen Alltagsarbeit zur unvermeidlichen
Folge hatte und den Berufsbegriff in diesem Sinn erstmalig erzeugte. Es kommt
also in dem Begriff ,Beruf' jenes Zentraldogma aller protestantischen
Denomination zum Ausdruck, welches die katholische Unterscheidung der
christlichen Sittlichkeitsgebote in ,praecepta' und ,consilia' verwirft und als das
einzige Mittel, Gott wohlgefällig zu leben, nicht eine Ueberbietung der innerweltlichen Sittlichkeit durch mönchische Askese, sondern ausschließlich die
23
Grundriß der Sozailökonomik, 808.
24
ebd., 808.
25
Luthers Berufskonzeption, in: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in:
Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, I, Tübingen, 1988, 9. Aufl., 63.
- 136 -
Erfüllung der innerweltlichen Pflichten kennt, wie sie sich aus der Lebensstellung
des einzelnen ergeben, die dadurch eben sein ,Beruf' wird."26
"Die mönchische Lebensführung ist nun nicht nur zur Rechtfertigung vor Gott
selbstverständlich gänzlich wertlos, sondern sie gilt ihm auch als Produkt
egoistischer, den Weltpflichten sich entziehender Lieblosigkeit. Im Kontrast dazu
erscheint die weltliche Berufsarbeit als äußerer Ausdruck der Nächstenliebe und
dies wird in allerdings höchst weltfremder Art und in einem fast grotesken
Gegensatz zu Adam Smiths bekannten Sätzen insbesondere durch den Hinweis
darauf begründet, daß die Arbeitsteilung jeden einzelnen zwinge, für andere zu
arbeiten. Indessen diese, wie man sieht, wesentlich scholastische Begründung
verschwindet bald wieder und es bleibt, mit steigendem Nachdruck betont, der
Hinweis darauf, daß die Erfüllung der innerweltlichen Pflichten unter allen
Umständen der einzige Weg sei, Gott wohlzugefallen, daß sie und nur sie Gottes
Wille sei und daß deshalb jeder erlaubte Beruf vor Gott schlechterdings gleich
viel gelte."27
Es erfolgt also eine Umwertung des Berufsbegriffs vom Mönchtum hin zum
Luthertum.
"Daß diese sittliche Qualifizierung des weltlichen Berufslebens eine der
folgenschwersten Leistungen der Reformation und also speziell Luthers war, ist in
der Tat zweifellos und darf nachgerade als ein Gemeinplatz gelten. (...) Aber wie
nun im einzelnen die praktische Bedeutung jener Leistung des Protestantismus
vorzustellen sei, das wird im allgemeinen wohl mehr dunkel empfunden als klar
erkannt. (...) Erst recht aber würde Luther selbst ohne allen Zweifel jede
Verwandtschaft mit einer Gesinnung, wie sie bei Franklin zutage tritt, schroff
abgelehnt haben. Natürlich darf man hier nicht seine Klagen über die großen
Kaufleute, die Fugger u. dgl. als Symptom heranziehen."28
Die Berufskonzeption Luthers und die Calvins stehen also einander gegenüber:
"Bedenke, daß – nach dem Sprichwort – ein guter Zahler der Herr von jedermanns
Beutel ist. Wer dafür bekannt ist, pünktlich zur versprochenen Zeit zu zahlen, der
kann zu jeder Zeit alles Geld entlehnen, was seine Freunde gerade nicht brauchen
(…) Außerdem zeigt dies, daß du ein Gedächtnis für deine Schulden hast, es läßt
dich als einen ebenso sorgfältig wie ehrlichen Mann erscheinen und das vermehrt
deinen Kredit."29
26
ebd., 69.
27
ebd., 71.
28
ebd., 72.
29
ebd., 32, Anmerkungen.
- 137 -
"Es ist namentlich keineswegs selten, sondern recht häufig bei ihm (Weber
bezieht sich hier auf den ,Idealtypus' des kapitalistischen Unternehmers) ein Maß
von kühler Bescheidenheit zu finden, welches wesentlich aufrichtiger ist als jene
Reserve, die Benjamin Franklin so klug zu empfehlen weiß. Er ,hat nichts' von
seinem Reichtum für seine Person, - außer: der irrationalen Empfindung guter
,Berufserfüllung'.30
"Die Leistung der Reformation als solcher war zunächst nur, daß im Kontrast
gegen die katholische Auffassung, der sittliche Akzent und die religiöse Prämie
für die innerweltliche, beruflich geordnete Arbeit mächtig schwoll. Wie der
,Berufs'-Gedanke, der dies zum Ausdruck brachte, weiter entwickelt wurde, das
hing von der näheren Ausprägung der Frömmigkeit ab, wie sie nunmehr in den
einzelnen Reformationskirchen sich entfaltete."31
"(…) man kann in jedem Stande selig werden, es ist auf der kurzen Pilgerfahrt des
Lebens sinnlos, auf die Art des Berufs Gewicht zu legen. Und das Streben nach
materiellem Gewinn, der den eigenen Bedarf übersteigt, muß deshalb als
Symptom mangelnden Gnadenstandes und, da es ja nur auf Kosten anderer
möglich erscheint, direkt als verwerflich gelten."32
So lautet die These des Luthertums.
c) Im Katholizismus
Calvinismus, Luthertum und Katholizismus werden gegeneinander abgegrenzt:
"Ein Blick in die Berufsstatistik eines konfessionell gemischten Landes pflegt mit
auffallender Häufigkeit eine Erscheinung zu zeigen, welche mehrfach in der
katholischen Presse und Literatur und auf den Katholikentagen Deutschlands
lebhaft erörtert worden ist: den ganz vorwiegend protestantischen Charakter des
Kapitalbesitzes und Unternehmertums sowohl, wie der oberen gelernten
Schichten der Arbeiterschaft, namentlich aber des höheren technisch oder
kaufmännisch vorgebildeten Personals der modernen Unternehmungen."33
30
ebd., 55. Auf diese Stelle wird später in Zusammenhang mit ,Thomas Buddenbrook' noch genauer
einzugehen sein.
31
ebd., 74.
32
ebd., 76.
33
Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Religionssoziologie, 17f.
- 138 -
"Vielmehr besteht die Tatsache: daß die Protestanten (insbesondere gewisse später
besonders zu behandelnde Richtungen unter ihnen) sowohl als herrschende wie
als beherrschte Schicht, sowohl als Majorität wie als Minorität eine spezifische
Neigung zum ökonomischen Rationalismus gezeigt haben, welche bei den
Katholiken weder in der einen noch in der anderen Lage in gleicher Weise zu
beobachten war und ist."34
"Man könnte nun bei oberflächlicher Betrachtung und aus gewissen modernen
Eindrücken heraus versucht sein, den Gegensatz so zu formulieren: daß die
größere ,Weltfremdheit' des Katholizismus, die asketischen Züge, welche seine
höchsten Ideale aufweisen, seine Bekenner zu einer größeren Indifferenz
gegenüber den Gütern dieser Welt erziehen müßten. (...) „Der Katholik (...) ist
ruhiger; mit geringerem Erwerbstrieb ausgestattet, gibt er auf einen möglichst
gesicherten Lebenslauf, wenn auch mit kleinerem Einkommen, mehr, als auf ein
gefährdetes, aufregendes, aber eventuell Ehren und Reichtümer bringendes Leben.
(...)“ Aber nicht nur lagen die Dinge in der Vergangenheit sehr anders: für die
englischen, holländischen und amerikanischen Puritaner war bekanntlich das
gerade Gegenteil von ,Weltfreude' charakteristisch und zwar, wie wir noch sehen
werden, grade einer ihrer für uns wichtigen Charakterzüge."35
d) Zum Unterscheidungsmerkmal der Prädestinationsgnade
"Während eine – im Ergebnis – antikapitalistische Gesinnung und Sozialpolitik, in
der einen oder anderen Form, Gemeingut aller eigentlichen ,Erlösungs'–
Religionen ist, stehen in dieser Hinsicht einsam zwei Religionsgemeinschaften
abseits, die sich ganz anders, wenn auch untereinander verschieden, verhalten: der
Puritanismus und das Judentum. Von den ,puritanischen' religiösen
Gemeinschaften im weitesten, alle wesentlich asketischen protestantischen
Gemeinschaften umfassenden Sinne ist nur eine nicht eine ,Sekte', sondern eine
,Kirche' im hier festgehaltenen soziologischen Sinn, d.h. eine hierokratische
,Anstalt': der Calvinismus. Die innere Eigenart dieser Kirche weicht von allen
anderen Kirchen, der katholischen sowohl wie der lutherischen und islamischen,
beträchtlich ab. In einer, bei der Knappheit des Raums, notgedrungen absichtsvoll
auf die Spitze getriebenen Formulierung würde ihre Theorie etwa so zu fassen
sein: Das Grunddogma des strikten Calvinismus: die Prädestinationslehre, schließt
es prinzipiell aus, daß die Kirche der Calvinisten eine Spenderin von Gütern sei,
deren Empfang für das ewige Heil des Empfängers irgendwelche Bedeutung
haben."36
34
ebd., 23f.
35
ebd., 24f.
36
Grundriß der Sozialökonomik, 808f.
- 139 -
Hier geht es also um die Gemeinsamkeit zwischen Calvinismus und Judentum in
Abgrenzung zum Luthertum.
Volker Reinhardt widerspricht der These, dass Calvin härter und illusionsloser als
alle anderen die Ansicht vertrat, dass es nicht auf die Anstrengungen, die Gebete, das
fromme Handeln des Menschen ankomme, sondern einzig und allein auf den Willen
Gottes: Ob ein Mensch scheitere oder nach dem Tod in die Seligkeit eingehe, sei seit
Ewigkeiten vorherbestimmt, so heißt es beim Calvin Max Webers. Nach Reinhards
Meinung geht die Gleichung Kapitalismus und Calvin jedoch nicht auf. Das sei ein
mehrfaches Missverständnis, das auf Max Weber zurückgeht.37
"Aber der Grund des, Katholiken und Lutheranern gemeinsamen, Abscheues liegt
doch auch in der ethischen Eigenart des Calvinismus begründet. Schon der
oberflächlichste Blick lehrt, daß hier eine ganz andersartige Beziehung zwischen
religiösem Leben und irdischem Handeln hergestellt ist, als sowohl im
Katholizismus wie im Luthertum."38
Zum Calvinismus heißt es weiter:
"Als sein am meisten charakteristisches Dogma galt damals und gilt im
allgemeinen auch heute die Lehre von der Gnadenwahl. Man hat zwar darüber
gestritten, ob sie ,das wesentlichste' Dogma der reformierten Kirche oder ein
,Anhängsel' sei."39
Die Lehre von der Gnadenwahl (Prädestinationlehre) ist also das ,tertium
comparationis'
zu
allen
anderen
Glaubensrichtungen.
Der
Grund
für
die
unterschiedliche Interpretation der Arbeit ist also vor allem in der Prädestinationslehre
des Calvinismus zu suchen.
"Er (sc. Melanchton) gab ihn auch später nicht förmlich auf, - aber nicht nur
gewann der Gedanke keine zentrale Stellung bei ihm, sondern er tritt immer mehr
37
s. Reinhardt, Volker, Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf, München 2009.
38
Die protestantische Ethik, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 80.; vgl. hierzu bezüglich
der Josephromane den Begriff des ,Abjekts'.
39
ebd., 88f.
- 140 -
in den Hintergrund, je ,realpolitischer' er als verantwortlicher Kirchenpolitiker
notgedrungen wurde. Melanchthon vermied es ganz absichtlich, die ,gefährliche
und dunkle' Lehre in die Augsburger Konfession aufzunehmen und für die
Kirchenväter des Luthertums stand es dogmatisch fest, daß die Gnade verlierbar
(amissibilis) ist und durch bußfertige Demut und gläubiges Vertrauen auf Gottes
Wort und die Sakramente neu gewonnen werden kann."40
"Wenn etwa die Verworfenen über das ihrige als unverdient klagen wollten, so
wäre das ähnlich, als wenn die Tiere sich beschweren würden, nicht als Menschen
geboren zu sein. Denn aller Kreatur ist durch eine unüberbrückbare Kluft von
Gott geschieden und verdient vor ihm, soweit er nicht zur Verherrlichung seiner
Majestät ein anderes beschlossen hat, lediglich den ewigen Tod. Was wir wissen,
ist nur: daß ein Teil der Menschen selig wird, ein anderer verdammt bleibt.
Anzunehmen, daß menschliches Verdienst oder Verschulden dieses Schicksal
mitbestimme, hieße Gottes absolut freie Entschlüsse, die von Ewigkeit her
feststehen, als durch menschliche Einwirkung wandelbar ansehen: ein
unmöglicher Gedanke. Aus dem menschlich verständlichen „Vater im Himmel“
des Neuen Testaments, der sich über die Wiederkehr des Sünders freut, wie ein
Weib über den wiedergefundenen Groschen, ist hier ein jedem menschlichen
Verständnis entzogenes tranzendentes Wesen geworden, welches von Ewigkeit
her nach gänzlich unerforschlichen Ratschlüssen jedem einzelnen sein Geschick
zuteilt und über alles Kleinste im Kosmos verfügt hat. Gottes Gnade ist, da seine
Ratschlüsse unverwandelbar feststehen, ebenso unverlierbar für die, welchen er
sie zuwendet, wie unerreichbar für die, welchen er sie versagt."41
Besonders zu beachten bei der Charakterisierung der protestantischen Ethik ist also
die Unterscheidung zwischen Calvinismus und Luthertum.
Im Konzept der Ma`at sind die Unterschiede zwischen Calvinismus und Luthertum
weitgehend aufgehoben, darauf wird im IX. Kapitel genauer eingegangen. "Die Ma`at
als Richtschnur göttlicher Lebensprüfung ist identisch mit den Grundlagen
innerweltlichen Erfolgs, sozialer Einbindung und fortdauernden Andenkens. (…)"42
Die Ma`at spricht in dem Zusammenhang auch von methodischer Lebensführung.
Durch sie wird vor allem auch das Weiterleben nach dem Tode gesichert:
40
ebd., 91f.
41
ebd., 93.
42
Assmann, 36.
- 141 -
"Ma`at, im Horizont des diesseitigen Lebens eher das Prinzip der Kultur, das ein
geordnetes Zusammenleben der Menschen ermöglicht, erweist sich im Horizont
der Fortdauer nach dem Tode als das Prinzip der Beständigkeit, also der Erlösung
von Tod und Vergänglichkeit und damit als eine eminent religiöse Idee."43
Zum Konzept Ma`at heißt es bei Assmann im Kapitel "V. Reinheit und
Unsterblichkeit: Die Idee des Totengerichts":
"Mit dem Ausdruck ,Gesetze der Halle der beiden Ma`at' sind explizit die rund 80
Verbote gemeint, die im 125. Kapitel des Totenbuchs aufgezählt werden und die
im Neuen Reich - zumindest für einzelne - zur Grundlage eines gottgefälligen
Lebens, einer ersten Form ,methodischer Lebensführung' werden. (…) Zweifellos
bildete vom Neuen Reich an das Totengericht einen Faktor im Denken und
Handeln der Ägypter."
Die Forderungen des Totengerichts erscheinen also als eine Grundlage diesseitiger
Lebensführung und des Weges Gottes. Damit sind sie der protestantischen Ethik
vergleichbar.44
4. "Die Buddenbrooks"
a) Vorbemerkungen
In Bezug auf den Protestantismusbegriff muss beachtet werden, dass die Stellen Max
Webers, die bei Thomas Mann rezipiert werden, hinsichtlich des Calvinismus auf einem
Missverständnis beruhen, denn die Calvinisten im Max Weberschen Sinn sind
größtenteils nach Amerika ausgewandert. Der buddenbrooksche ,Patrizier' ist hingegen
mehr vom Luthertum beeinflusst worden, die Religion in den "Buddenbrooks" ist
bereits Décadenceprodukt. Mann wurde übrigends mehr von Weber beeinflusst als
umgekehrt.
43
Assmann, 92.
44
ebd., 156ff. Diese Angabe gilt auch für oben genanntes Zitat.
- 142 -
Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, wie die Welt der
"Buddenbrooks" hinsichtlich des Protestantismusbegriffs aufgebaut ist.
Die Abstraktheitskritik ist, wie oben ausgeführt, konservativ, wenn sie nicht mehr
auf Vermittlung zielt, sondern die Vermittlung schlechthin bestreitet und die ewige
Fremdheit von gedachten Geschichtskonstruktionen zum prinzipiell begriffsfeindlichen
Reichtum der historischen Realität behauptet. Das ist in der Lebensphilosophie Thomas
Manns der Fall:45
Zwischen Geist und Leben gibt es keine Vermittlung, sie stehen sich unverbunden
gegenüber. Das Dilemma, die Irrationalität willentlich und rational wiederherstellen zu
müssen, ist ebenfalls in der Lebensphilosophie Thomas Manns vorhanden, nämlich im
Pessimismus statt in der Surrogatbildung:
Der Pessimismus der frühen Thomas Mann spiegelt den Tatbestand der
gesellschaftlich verlorenen Vermittlung von Geist und Politik und das daraus
resultierende Lebensgefühl.
Nach Kurzkes Definition handelt es sich dabei um eine echtkonservative,
pessimistisch ehrliche Form. Dies entspricht auch der Geschichtsdeutung des frühen
Thomas Mann: "Die Weltgeschichte ist ein ewiger Übergang vom Alten zum Neuen. Im
steten Kreislauf der Dinge zerstört alles sich selbst, und die Frucht, die zur Reife
gediehen ist, löset sich von der Pflanze ab, die sie hervorgebracht hat (...)"46
Pseudokonservative Surrogate würden dagegen Geschichte als Leben verstehen und sie
aller
rationaler
Durchschaubarkeit
und
allen
verständlichen
Begründungszusammenhängen entziehen.
Besonders aktiviert wurde die echtkonservative Erkenntnis durch das Fehlschlagen
der aufklärerischen Versuche, aufgrund rationaler Erkenntnis den Geschichtsverlauf zu
planen und den guten und gerechten Staat zu schaffen. Als solchen Fehlschlag empfand
man wie gesagt die Französische Revolution, die sich weit mehr als Entfesselung
45
Die "Buddenbrooks" sind nach Kurzkes Einteilung damit der ersten von vier Phasen zuzurechnen. Diese
umfasst die Frühzeit bis "Tonio Kröger", die 1. Stufe der ersten Phase wird bei Kurzke als ungebrochene
,Buddenbrook-Naivität' bezeichnet, ders., 75.
46
GW XII, 582f.; Dies ist Nietzsches Naturmetaphorik entlehnt.
- 143 -
irrationaler Kräfte, die gegen alle planende Vernunft elementar dahinschossen, denn als
aktive Gestaltung von Geschichte darbot. Der antiaufklärerische Affekt im
Konservatismus ist seitdem mit dem gegen die Französische Revolution unauflösbar
verbunden.47
Im weiteren Lebensverlauf stellt sich allerdings die Frage, wohin sich die
konservative Aktivität bewegt.48 Auch hier bieten sich zwei Möglichkeiten an: Die
Flucht aus der Geschichte oder die Flucht nach oben durch Regression oder Herstellen
einer Höheren Ordnung.
Zur ersten Möglichkeit zählen die Nordischen Renaissance, die Heimatdichtung und
auch Ernst Jüngers Kriegsschriften. Jünger sieht den Krieg als Naturgesetz, er erhöht
ihn zur mythischen Macht, unterwirft sich ihm und berauscht sich daran.49 Kurzke weist
darauf hin, dass die Technisierung des Krieges in den Materialschlachten des Ersten
Weltkrieges eines der charakteristischen Symptome der soziologischen Entwicklung im
19. und 20. Jhd. war.50
Die Höhere Ordnung als Möglichkeit findet sich beispielsweise bei Hesse, der ein
,drittes Reich des Geistes' schaffen will. Das regressive Vergessen träumt von der
Kindheitsgeborgenheit, die ,Höhere Ordnung' macht diese Träume zur philosophischen
Theorie der Welt. Gleichzeitig wird die Tradition enthistorisiert: Der Zwang zu
Rationalität und Effizienz in der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft macht Tradition
dysfunktional; die Geschäfte des ,königlichen Kaufmanns' sind nicht mehr
konkurrenzfähig.51
Als Reaktion Thomas Manns auf die Krise der Kunst als Problem der verlorenen
Irrationalität bezeichnet Kurzke den 1901 erschienenen Roman "Buddenbrooks". Denn
dieses Werk stellt die Studie des Verfalls dar. Das Themenspektrum des Romans deckt
somit Ethik – Verfall – Bürgerlichkeit ab.52
47
s. Mann, Betrachtungen, GWXII, 583.; s. dazu auch Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie
für das Leben, Kap. Kunst und Religion.
48
s. Kurzke, 42f.
49
s. Kurzke, 44f.
50
s. Kurzke, 51.; vgl. Jünger, Der Kampf als inneres Erlebnis, Werke V, Stuttgart, 43.
51
s. ebd., 63.; Der Begriff ,königlicher Kaufmann' trifft auf den ,Buddenbrookschen Patrizier' zu.
52
s. ebd., 124.
- 144 -
Der Roman behandelt die ,Vermenschlichung' des deutschen Bürgertums von der
urgroßväterlichen Generation bis zu der Thomas Manns.53 Er zeichnet die Bewegung
von einer ursprünglichen Gesundheit zum Zustand des Bürgertums um 1890 als
Verfallsbewegung.
Er
zeigt
damit
die
Ohnmacht
des
Bürgertums
in
der
oligopolkapitalistischen Ära.54
"Und diese Augen gehören dem durch Entartung sublimierten und nur noch
musikalischen Spätling des Bürgergeschlechts, dem kleinen Johann"55: Dieses Zitat
steht auch in einem biografischen Bezug zu Thomas Mann: Mann stammte bekanntlich
aus Lübeck, einer staatlich-selbstständigen, oligarchischen Stadtdemokratie des
Nordwestens,
einem
altbürgerlich-gravitätischen
Gemeinwesen
von
stark
konservativem Gepräge. Er erlebte den Niedergang seines väterlichen Handelshauses
und den Ausflug seines letzten Inhabers auf das Gebiet der bürgerlich-pessimistischen
Philosophie: So entspricht die Kulisse des Romans weitgehend der Thomas Manns
Herkunft:
"1794, den 24. April, nahm die Freie und Hansestadt Lübeck Johann Siegmund
Mann, ,einen Kaufmann', ,zum Bürger Recht an'. Ein Stadtschreiber gab der
Urkunde am ,9. Maii' das ,iuravit'. Der Eintrag begründete für einhundert Jahre
eine glänzende hansisch-patrizische Familiengeschichte. Johann Siegmund Mann
war der Urenkel eines Gewandschneiders und Ratsherrn in Grabow, der, wie die
Familienchronik überliefert, sich sehr gut gestanden hat.' Erst sein Sohn ließ sich
in Rostock nieder, dort wurden die Manns Kaufleute und gingen als Kauffahrer
auf See. Johann Siegmund Mann, der Gründer der hansischen Getreidefirma,
brachte es zum ersten ,zünftigen' lübischen Titel des ,Äldermann der
Bergenfahrer' - einer der Genossenschaften, die neben den Schonenfahrern, den
Nowgorodfahrern, den verschiedenen Bruderschaften die mittelalterlichen
ständischen und beruflichen Korporationen der reichsfreien Hansestadt noch im
19. Jhd. verkörperten. Sein Ältester übernahm Firma und Titel, vertrat die
Niederlande als Konsul und wurde in die Bürgschaft gewählt. Johann Siegmund
erlebte die Heirat seines Sohnes mit der Tochter des Kaufmanns und Konsuls
Johann Heinrich Marty, eines Schweizers, der in Lübeck seßhaft geworden war
und das schönste Haus ,vorm Burgtor' besaß. (…) 1848, im Revolutionsmärz,
starb er an einem Schlaganfall, wie erzählt wird, den ihm seine Wut über die
randallierende ,Canaille' zugezogen hatte. Der erste Lübecker Bürger unter den
53
s. Betrachtungen, 107.
54
s. Kurzke, 77f.
55
Betrachtungen, 46.
- 145 -
Manns hinterließ den Seinen die wohlfundierte Getreidefirma samt
Speicherbauten an der Untertrave und ein geräumiges Haus in der Mengstraße
(…)"56
Man gelangte vom Kontor nach wenigen hundert Metern zum Umschlagplatz an der
Trave. Der älteste Sohn der Konsulin Elisabeth Mann war der Kaufmann, Konsul und
spätere Senator Thomas Johann Heinrich Mann. Ihre Tochter Elisabeth Amalia
Hypolitha ist als Tony Buddenbrook zu einer besonderen Berühmtheit geworden, der
jüngste Sohn Friedrich Wilhelm Lebrecht diente als Vorbild für die Romangestalt des
,Christian'.
"Der Stadtstaat Lübeck war souveränes Mitglied des Deutschen Reichs. Gemäß
einer Verfassungsurkunde, die zu Lebzeiten Thomas Johann Heinrich Manns als
Ergebnis langwieriger Revisionen zustande kam, bildeten Senat und Bürgerschaft
die beiden höchsten Staatskörper. Der Senat repräsentierte die Souveränität des
Staates, ihm und der Stadt leisteten die Bürger den Treueeid. (…) Unter den
vierzehn Ämtern der Senatoren bekleidete Thomas Johann Heinrich das
einflußreichste: das des ,Steuersenators' (...) Er war ein gebildeter, redegewandter
Mann, wenngleich er die Schulausbildung im Katharineum vorzeitig hatte
abbrechen müssen, um als Juniorchef der Firma J. S. Mann vorzustehen. Er leitete
die Firmen- und Staatsgeschäfte mit Umsicht und Tatkraft."57
Dass er Londoner Anzüge trug, russische Zigaretten rauchte und französische
Romane las, bewies seinen Geschmack. Einige seiner Charakterzüge sind unverkennbar
in die Gestalt ,Thomas Buddenbrooks' eingeflossen.58
Somit steht Thomas Manns Familie in der Tradition patriarchalisch–aristokratischer
Bürgerlichkeit. Thomas Johann Heinrich war die Vorlage für den Buddenbrookschen
,Patrizier'. Bürgerlichkeit und zwar patriarchalisch-aristokratische Bürgerlichkeit als
Lebensstimmung empfand Mann also als sein persönliches Erbe, die ,Entartung' einer
solchen alten und echten Bürgerlichkeit ins Subjektiv-Künstlerische stellt für ihn die
Voraussetzung der Entwicklung zum Künstler dar.59
56
Schröter, Klaus, Thomas Mann mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 1964, 7.
57
ebd., 10ff.
58
s. ebd., 12.
59
s. Betrachtungen, 156f.
- 146 -
Der Erfolg der "Buddenbrooks" und die Hochzeit mit Katja Pringsheim schwächten
das Einsamkeitsgefühl jedoch beträchtlich.60
Auf der ethischen Ebene werden Protestantismus wie Kapitalismus im Roman nicht
geschichtlich wahrgenommen, sondern nur als Phänomene des Lebens gesehen, sie
werden damit letztlich affirmativ beglaubigt als Faktisches, demgegenüber der Geist
zwar innere Reserve wahrt, die er aber auch nicht zu verändern beabsichtigt.61 Hier
zeigt sich der Einfluss des Luthertums ebenso wie der Schopenhauer-Wagnersche
Einfluss, ethisch-pessimistisch und episch-musikalisch.62
Mann bezeichnet ,Thomas Buddenbrook' als den
"Moralisten und ,Militaristen' nach meinem Herzen", den "späten und
komplizierten Bürger, dessen Nerven in seiner Sphäre nicht mehr heimisch sind,"
den "Mitregenten einer aristokratischen Stadtdemokratie, welcher, modern und
fragwürdig geworden, unherkömmlichen Geschmacks und von entwickelt
europäisierenden Bedürfnissen, die gesunder, enger und echter gebliebene
Umgebung zu befremden und - zu belächeln längst begonnen hat."63
In der Person ,Thomas Buddenbrooks' treffen die Vorstellungen Thomas Manns und
Max Webers zusammen, denn bürgerliches Selbstverständnis und asketische
Persönlichkeitsformung gehören für Max Weber und Thomas Mann unabdingbar
zusammen, wie schon ausgeführt wurde.64 Anhand der "Buddenbrooks" lässt sich die
Verbindung zu Webers Protestantismusforschung also am leichtesten herstellen: Stellt
Weber
den
Prozess
der
Entwicklung
des
bürgerlich-kapitalistischen
Selbstverständnisses von den Anfängen her dar, analysiert Thomas Mann den Verfall
eben dieser Norm, stellt seine Décadence dar.
60
s. Kurzke, 87.
61
Kurzke, 108.; vgl. die Ausführungen zum Recht auf Widerstand im Luthertum, S. 131f.
62
vgl. Betrachtungen, 109.
63
Betrachtungen, 91; s. auch S.100 zum Thema ,Zweckmilitarismus'.
64
s. S. 74.
- 147 -
b) Der Begriff der ,doppelten Optik' – der Mythos in den "Buddenbrooks"
Das Jugendwerk verweist trotz seiner vermeintlichen Naivität weit über seine Zeit
voraus auf spätere Arbeiten Thomas Manns.
So werden mit Hilfe der doppelten Optik bei Koopmann einzelne Probleme der
Romane untersucht. In den "Buddenbrooks" ist es dies die Ambivalenz des Verfalls.
Diese Verfahrensweise ist im Hinblick auf Nietzsche durchaus berechtigt.
Unter der doppelten Optik werden schon im Frühwerk Thomas Manns, vor allem
aber im "Zauberberg", mythische Substrate sichtbar.65
So wird die Zeit als Urelement des epischen Erzählens, etwa wie im "Zauberberg", in
sich selbst problematisch, da sie zugleich Gegenstand und Mittel der Erzählung ist; wo
sie – wie in den "Buddenbrooks" - eindeutig gehandhabt wird, liegen schließlich
dahinter noch andere Dimensionen verborgen, die das zeitlich relativ genau berichtete
Geschehen zum höchst vordergründigen Geschehen werden lassen, während das
Hintergründige sich als das Eigentlichere entpuppt.66
Die Leitmotivtechnik in den einzelnen Werken Thomas Manns steigert sich parallel
dazu. So sind sie in den "Buddenbrooks" noch physiognomisch-charakterisierenden
Ursprungs und auf eine Gestalt beschränkt. Insgesamt beschreiben die Leitmotive ein
allgemeineres Phänomen wie etwa das des Verfalls.67 Manche Leitmotive werden zu
Symbolen68: Bei den "Buddenbrooks" ist das vor allem beim ,Haus' der Fall: Im ersten
Teil des Romans steht das Haus für familiäre Integrität.69 Gleichzeitig will ,Thomas' ein
neues Haus bauen, das aber zum Symbol des Unglücks wird; zudem ziehen die
Konkurrenten ,Hagenström' in das alte, was als Ironie des Schicksals gedeutet werden
kann.
65
s. Koopmann, Die Entwicklung des ,intellektualen Romans', 36.; s. ausführlich zum Zeitproblem Kap.
VI.
66
vgl. Koopmann, 35.
67
s. ebd., 57f. ; In der Beziehung ,Mortens' zu ,Tony' kann hier beispielsweise das ,Auf-den-Steinen-
sitzen' angeführt werden, wenn sich einer von beiden ausgestoßen fühlt. Auch ,Tonys' aufgeworfene
Unterlippe kann hier angeführt werden, die in ,ambivalenten' Situationen zum Vorschein kommt.
68
s. ebd., 61.
69
s. ebd., 62f.
- 148 -
In den "Buddenbrooks" werden die Repräsentanten einer Welt eingeführt, in der sich
der Verfall einer Familie vollzieht. Die Verfallspsychologie Nietzsches und der humane
Pessimismus Schopenhauers sind für Mann Stufen auf dem Weg zu einer Philosophie
der Dekadenz.70 Etwas Ähnliches kannte bereits die deutsche Romantik, zum Beispiel
Novalis. Schon er entdeckte in der Krankheit zugleich die Entbindung positiver Kräfte
und vermag umgekehrt, die gesunde Normalität, das Gewöhnliche und Alltägliche als
eine eigentliche Form der Krankheit begreifen. Auch Nietzsche verbindet in seiner
Psychologie des Verfalls das Problem der Krankheit mit dem des Verfalls.71 Nietzsches
Leidenschaft, so erkennt Thomas Mann, äußert sich in seinem Hang zur Psychologie,
deren Aufgabe es ist, die ambivalenten Möglichkeiten zu erkennen. Sie, ein Instrument
des Intellekts, wird dabei gleichzeitig zum ,Anwalt des Lebens' und sie dient dem
Leben, indem sie alle ,guten' Triebe verdächtigt und die ,bösen' als die eigentlich
vornehmen und lebenserhöhenden Triebe ausruft. Das Ergebnis ist die oben erwähnte
Umwertung der Werte.72
Die Ambivalenz des Verfalls äußert sich also einerseits im Niedergang, in der
biologischen Dekadenz und parallel dazu im wirtschaftlichen Verfall, andererseits in
einer Steigerung, geistigen Verfeinerung und Sublimation des Seelischen.
Wie trägt nun der Einfluss Max Webers dazu bei, diese ,Ambivalenz des Verfalls' im
Roman wirksam werden zu lassen? Die Definition des ,patrizischen oikos' in den
"Buddenbrooks" stützt sich dabei vor allem auf die Ausführungen im letzten Kapitel.
Wichtig ist diesbezüglich vor allem Max Webers Feststellung, dass das formende
Prinzip des oikos in erster Linie Vermögensnutzung, nicht Kapitalverwertung ist, wobei
die reine Eigenwirtschaftlichkeit allerdings nie gegeben war.73
70
s. ebd., 108.
71
vgl. Mann, Neue Studien, Stockholm 1948, 112.
72
Koopmann, 109f.
73
s. S. 96f.; Anm. 53.
- 149 -
c) Das Kontor
Als Hauptkennzeichen des ,patrizischen oikos' in den "Buddenbrooks" kann das
Luthertum gelten.74 Auch in den "Buddenbrooks" bewegt sich die Definition des ,oikos'
zwischen den beiden Polaritäten des Wirtschaftens, Subsistenzwirtschaft und
Erwerbswirtschaft. Bei Weber heißt es dazu: "Gegenüber der Wirtschaft zur Deckung
des eigenen Bedarfs ist die zweite Art des Wirtschaftens Wirtschaft zum Erwerb: die
Ausnutzung des spezifisch ökonomischen Sachverhalts: Knappheit begehrter Güter, zur
Erzielung eigenen Gewinns an Verfügung über diese Güter."75
"Doch wenden wir uns zunächst wieder der Gegenwart und zwar nunmehr den
Unternehmern zu, um auch hier die Bedeutung des ,Traditionalismus' uns zu
verdeutlichen. Sombart hat in seinen Erörterungen über die Genesis des
Kapitalismus als die beiden großen ,Leitmotive', zwischen denen sich die
ökonomische Geschichte bewegt habe, ,Bedarfsdeckung' und ,Erwerb' geschieden,
je nachdem das Ausmaß des persönlichen Bedarfs oder das von den Schranken
des letzteren unabhängige Streben nach Gewinn und die Möglichkeit der
Gewinnerzielung für die Art und Richtung der wirtschaftlichen Tätigkeit
maßgebend werden."76
Die spezifische Funktionsweise des modernen Beamtentums drückt sich in folgender
Quelle aus:
"I. Es besteht das Prinzip der festen, durch Regeln: Gesetze oder
Verwaltungsreglements generell geordneten behördlichen Kompetenzen, d.h.: 1.
Es besteht eine feste Verteilung der für die Zwecke des bürokratisch beherrschten
Gebildes erforderlichen, regelmäßigen Tätigkeiten als amtlicher Pflichten; - 2. Die
für die Erfüllung dieser Pflichten erforderlichen Befehlsgewalten sind ebenfalls
fest verteilt und in den ihnen etwa zugewiesenen (physischen oder sakralen oder
sonstigen) Zwangsmitteln durch Regeln fest begrenzt; - 3. Für die regelmäßige
und kontinuierliche Erfüllung der so verteilten Pflichten und die Ausübung der
74
Die Einteilung dieses Kapitels orientiert sich daher an der des vorhergehenden, nur im Hinblick auf die
lutherische Glaubensrichtung.
75
Weber, Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 1947, 2. Teil, Typen der Vergemeinschaftung und
Vergesellschaftung, 181f.
76
Die protestantische Ethik, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 48.
- 150 -
entsprechenden Rechte ist planmäßige Vorsorge getroffen durch Anstellung von
Personen mit einer generell geregelten Qualifikation."77
"III. Die moderne Amtsführung beruht auf Schriftstücken (Akten), welche in
Urschrift oder Konzept aufbewahrt werden, und auf einem Stab von
Subalternbeamten und Schreibern aller Art. Die Gesamtheit der bei einer Behörde
tätigen Beamten mit dem entsprechenden Sachgüter- und Aktenapparat bildet ein
,Büro' (in Privatbetrieben oft ,Kontor' genannt). Die moderne
Behördenorganisation trennt grundsätzlich das Büro von der Privatbehausung.
Denn sie scheidet überhaupt die Amtstätigkeit als gesonderten Bezirk von der
privaten Lebenssphäre, die amtlichen Gelder und Mittel von dem Privatbesitz des
Beamten. Dies ist ein Zustand, der überall erst Produkt einer langen Entwicklung
ist. Heute findet es sich ganz ebenso in öffentlichen wie privatwirtschaftlichen
Betrieben, und zwar erstreckt er sich in diesen auch auf den leitenden
Unternehmer selbst. Kontor und Haushalt, geschäftliche und Privatkorrespondenz,
Geschäftsvermögen und Privatvermögen sind, je folgerechter der moderne Typus
der Geschäftsgebarung durchgeführt ist – die Ansätze finden sich schon im
Mittelalter – prinzipiell geschieden. Man kann ganz ebenso als die Besonderheit
des modernen Unternehmers hinstellen: daß er sich als ,ersten Beamten' seines
Betriebes geriere, wie der Beherrscher eines spezifisch bürokratischen modernen
Staates sich als dessen ,erster Diener' bezeichnete. Die Vorstellung, daß staatliche
Bürotätigkeit und privatwirtschaftliche Kontortätigkeit etwas innerlich
wesensverschiedenes seien, ist europäisch–kontinental und den Amerikanern im
Gegensatz zu uns gänzlich fremd."78
Im Getreidekontor der "Buddenbrooks" ist diese Trennung von Privatbehausung und
Büro verwirklicht wie es in einem typischen Kontorhaus der Hansestadt Lübeck üblich
war.
Doch durch die unterschiedliche Arbeitsweise der Brüder ,Thomas' und ,Christian'
im Kontor wird die Ambivalenz des Verfalls im Roman sichtbar gemacht:
"Johann Buddenbrook empfand auf schmerzlichste die wenig ehrenvolle
Entwicklung der Familie seiner Frau und blickte mit desto ängstlicherer
Erwartung auf seine eigenen Kinder. Er war berechtigt, die vollste Zuversicht in
die Tüchtigkeit und den Ernst seines ältesten Sohnes zu setzen, was aber Christian
betraf, so hatte Mr. Richardson geschrieben, der junge Mann habe sich zwar mit
entschiedener Begabung die englische Sprache zu eigen gemacht, zeige aber im
Geschäft nicht immer hinreichendes Interesse und lege eine allzu große Schwäche
für die Zerstreuungen der Weltstadt, zum Beispiel für das Theater, an den Tag.
77
Grundriß der Sozialökonomik, 3. Teil, 2. Halbband, 1947, Typen der Herrschaft, 650.
78
ebd., 651.
- 151 -
Christian selbst bewies in seinen Briefen ein lebhaftes Wanderbedürfnis und bat
eifrig um die Erlaubnis, ,drüben', das heißt in Südamerika, vielleicht in Chile, eine
Stellung annehmen zu dürfen. ,,Aber das ist Abenteuerlust“, sagte der Konsul und
befahl ihm, vorerst während eines vierten Jahres seine merkantilen Kenntnisse bei
Mr. Richardson zu vervollständigen. Es wurden dann noch einige Briefe über
seine Pläne gewechselt, und im Sommer 1851 segelte Christian Buddenbrook in
der Tat nach Valparaiso, wo er sich eine Position verschafft hatte. Er reiste direkt
von England, ohne vorher in die Heimat zurückzukehren."79
",,Der Kaufmannsstand ist doch ein schöner, wirklich beglückender Beruf!“ sagte
er (Christian). „Solide, genügsam, emsig, behaglich ... ich bin wahrhaftig ganz
dafür geboren! Und so als Angehöriger des Hauses, wißt ihr ... kurz, ich fühle
mich so wohl wie nie. Man kommt morgens frisch ins Kontor, man sieht die
Zeitung durch, raucht, denkt an dies und jenes und wie gut man es hat, nimmt
einen Kognak und arbeitet mal eben ein bißchen. Es kommt die Mittagszeit, man
ißt mit seiner Familie, ruht sich aus, und dann geht’s wieder an die Arbeit ... Man
schreibt, man hat gutes, glattes, reinliches Firmenpapier, eine gute Feder ...
Lineal, Papiermesser, Stempel, alles ist prima Sorte, ordentlich ... und damit
erledigt man alles, emsig, nach der Reihe, eins nach dem anderen, bis man
schließlich zusammenpackt. Morgen ist wieder ein Tag. Und wenn man zum
Abendbrot hinaufgeht, fühlt man sich so durchdringend zufrieden ... jedes Glied
fühlt sich zufrieden ... die Hände fühlen sich zufrieden ...!“ „Gott Christian!“ rief
Tony. „Du machst dich ja lächerlich! Die Hände fühlen sich zufrieden!…“"80
,Christians' Selbstbeschreibung seines Tagesablaufes im Kontor zeigt, wie sehr er
sich schon von einer rationalen Berufsarbeit entfernt hat. Dies entspricht fast schon der
,hohlen Würde' des Hauses ,Peteprês' in den Josephromanen, die später noch
besprochen werden. Er hat keinen Geschäftssinn, er hat den Sinn des Kontors nicht
verstanden und zudem kein Interesse am Erhalt der Firma. Die Beschreibung seiner
Kontortätigkeit ist im Prinzip ,getarnte Faulheit', der Trägheit im Sinn der Ma`at
vergleichbar. Assmann bezeichnet Ma`at in diesem Sinn als ,Füreinander-Handeln' und
,aktive Solidarität' bzw. ,Reziprozität'.81
"Der städtische Berufshändlerstand hat folgende Entwicklungsstadien
durchlaufen: Der ortsansässige Kaufmann ist zunächst r e i s e n d e r H ä n d l e r.
79
Buddenbrooks, 200.; vgl. hierzu die obigen Ausführungen zur Bedeutung der Arbeit im Calvinismus
und im Luthertum.
80
ebd., 228.
81
Assmann, 60.
- 152 -
Er reist periodisch, um Produkte nach auswärts zu vertreiben oder von dort
hereinzubringen, und ist ein ansässig gewordener Hausierer. Das nächste Stadium
ist, daß er reisen läßt, und zwar entweder einen Angestellten oder Diener oder
aber einen Associé. Das eine geht in das andere über. Die dritte Stufe bildet das
F a k t o r e i e n s y s t e m. Der Händler ist an Kapitalkraft so gewachsen, daß er
an auswärtigen Plätzen selbständige Niederlassungen gründet oder wenigstens
Angestellte dort hält, also ein interlokales Filialensystem aufrichtet. Schließlich
bleibt der ortsansässige Händler ortsansässig und handelt nach auswärts im Wege
der K o r r e s p o n d e n z. Dieser Zustand war erst im späten Mittelalter möglich,
weil er genügende Sicherheit der interlokalen Transportverhältnisse und ebenso
genügende interterritoriale Rechtssicherheit voraussetzte."82
Beim alten Senator gibt es noch alle vier Stufen, er schickt sogar seine Söhne.
,Christian' bleibt praktisch Fernhändler (am Ende für Spirituosen), ,Thomas' wirbt in
den Niederlanden um ,Gerda', für die das Feinste und Beste gerade gut genug ist, wird
aber ortsansässig. Beide Handlungen deuten allerdings schon die Dekadenz an.
"(…)ihre innere Politik (gemeint sind die Kaufmannsgilden) war darauf gerichtet,
die Herrschaft einer Kaufmannsaristokratie zu bewahren, indem sie die Zünfte
niederhielt. In ihrer Gesamtheit stellen sich diese Maßregeln als eine Politik dar,
die vom Standpunkt eines ortsansässigen Fremdhändlertums aus orientiert war."83
Dies kennzeichnet die Stellung der Patrizier Lübecks in den "Buddenbrooks".
d) Der Generationenwandel
Das Buch ist also auch auf einem Generationenkonflikt aufgebaut, der im Streit der
Brüder ,Thomas' und ,Christian' offen zutage tritt.
Im Vorfeld des Romans werden die Charaktere ,Thomas' und ,Christian' daher auch
unterschiedlich gestaltet:
82
Wirtschaftsgeschichte, 192.
83
ebd., 208.
- 153 -
da) ,Thomas Buddenbrook'
Kindheit und Jugend werden folgendermaßen beschrieben: "Augenscheinlich
waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen zu setzen als auf seinen Bruder.
Sein Benehmen war gleichmäßig und von beständiger Munterkeit;"84
"Er sprach ein mit spanischen Lauten untermischtes Französisch und setzte
jedermann durch seine Liebhaberei für gewisse moderne Schriftsteller satirischen
und polemischen Charakters in Erstaunen ... Nur bei dem finsteren Makler, Herrn
Gosch, fand er in der Stadt für diese Neigung Verständnis; sein Vater verurteilte
sie aufs strengste."85
Daraus ergibt sich seine Charakteristik: "Thomas Buddenbrook, noch ein wenig
blaß, war eine auffallend elegante Erscheinung."86 Er entwickelt sich zum
Leistungsethiker, während gleichzeitig die Moral unterhöhlt wird:
"Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen Bedürfnissen unserer
Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen sind. Das, was man Thomas
Buddenbrooks ,Eitelkeit' nannte, die Sorgfalt, die er seinem Äußeren zuwandte,
der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb, war in Wirklichkeit etwas gründlich
anderes."87
"... wie sollte man das ausdrücken, Teufel noch mal! Und dann diese Zitate aus
Heine und anderen Dichtern, die er manchmal bei den praktischsten
Gelegenheiten, bei geschäftlichen oder städtischen Fragen in seine Rede
einfließen ließ ..."88
Samuel Lublinski (1868-1910), deutscher Schriftsteller und Literaturhistoriker,
wurde vor allem durch seine kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen
Literatur bekannt. Die wohlwollende Besprechung der "Buddenbrooks" in seiner Schrift
84
Buddenbrooks, 55f.
85
ebd., 199f.
86
ebd., 198.
87
ebd., 355.
88
ebd., 249.
- 154 -
"Die Bilanz der Moderne" führte zu einer freundschaftlichen Beziehung mit Thomas
Mann. Er äußert sich über den Roman folgendermaßen:
"Eine ursprünglich robuste und heraufgekommene Kaufmannsfamilie geht
langsam zugrunde, weil mit der Kulturverfeinerung die brutalen und selbst etwas
dummen Instinkte abzubröckeln beginnen, und weil dieser Zersetzungsprozeß
unglücklicherweise seinen Höhepunkt in den siebziger Jahren erreicht, deren
kapitalistischer und industrieller Aufschwung nach robusten Gewaltnaturen
förmlich schrie. (...) Denn Thomas Mann befleißigt sich einer streng
naturalistischen Sachlichkeit und gibt fast niemals Farbe und Lyrik, sondern klare
und kalte Linien, die er mit fester und kalter Hand hinzeichnet, so daß sie nicht
mehr zu verwischen sind. Das hängt mit einer intellektuellen und jünglingshaften
Männlichkeit zusammen, die in stolzer Scham die Zähne aufeinander beißt und
ruhig dasteht, während ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen. Diese
Haltung entspricht dem Charakter seiner Menschen und zumal des Haupthelden,
des Konsuls und Senators Buddenbrook, der immer noch durch eine vornehme
und kühle Haltung die Geschäftsehre und Tradition aufrecht zu erhalten weiß,
während er sich längst von innen heraus unterhöhlt fühlt."89
Sein Verhältnis zu seinem Bruder ,Christian' lässt sich folgendermaßen
kennzeichnen: Das Verhältnis der beiden spitzt sich immer weiter zu, bis es zum
offenen Streit zwischen ,Thomas' und seinem Bruder kommt:
",,Und du erfrechst dich, eine solche Bemerkung von dir zu geben, du, der du
keine Ahnung ... nicht einmal eine Ahnung davon hast, was Arbeit ist, der du dein
Leben ausfüllst, indem du dir mit Theater und Bummelei und Narreteien eine
Reihe von Gefühlen und Empfindungen und Zuständen verschaffst, mit denen du
dich beschäftigen, die du beobachten und pflegen, über die du in schamloser
Weise schwatzen kannst ...“"90
Der Verfall und Wertezerfall seiner Familie macht ,Thomas' zu schaffen: Die
Verwandtschaft der ,Overdieks' ist nach dem Tode des Bürgermeisters ,wertlos', die
,Krögers' spielen keine Rolle mehr durch ihren missratenen Sohn und Onkel ,Gottholds'
Missheirat, ,Tony' ist geschieden und ,Christian' ein lächerlicher Mensch, zudem
89
Samuel Lublinski, Die Bilanz der Moderne, Deutsche Texte 29, Berlin 1904, Tübingen 1974, 225f.
Diese Beschreibung trifft auch auf ,Gustav von Aschenbach' im "Tod in Venedig" zu.
90
ebd., 271f.
- 155 -
verschuldet: "Aber sie (,Christian' und der Klub) waren eben nicht ernst zu nehmen; sie
zählten in ernsthaften Angelegenheiten nicht mit."91
"Er dachte daran nicht oder ging, seiner Art gemäß, nach einem Augenblick
seltsam unruhigen Nachdenkens darüber hinweg. Sein Bruder, der Konsul aber
wußte es; er wußte, daß Christian den Widersachern der Familie einen
Angriffspunkt bot, und ... es waren der Angriffspunkte bereits zu viele."92
Der große Jugendroman ist also auf einem Doppelkontrast zwischen den Brüdern
,Thomas' und ,Christian' aufgebaut.
"So ist die Thomas Buddenbrooksche ,Haltung' entstanden als Ästhetik und
Moral, als Kulturphilosophie einer neuen Bürgerlichkeit. (…) In Christian (…)
lösen die Neuzeit und ihre Auflockerung des altpatrizischen Bürgertums die alte
Moral vollständig auf (…) Der Typus der Jahrhundertwende, des Fin du siècle,
hat hier seine Vorfahren: die Selbstauflösung der Persönlichkeit durch innere
Untergrabung der formenden bürgerlichen Lebensprinzipien, der Pflichterfüllung,
des Berufsgedankens. (...)"93
Lukács stellt dies aber sofort wieder in Frage:
"Aber hat Thomas Mann damit nun seinen Bürger gefunden? Ach nein! Thomas
ist wirklich, auch innerlich, der Bruder Christians, er ist Bürger geworden aus
Selbstvergewaltigung, und als sein erster und einziger Versuch, die neue
ökonomische Wendung des Bürgertums, die Hagenströmsche, mitzumachen,
gescheitert ist, wird er immer stärker – und von Thomas Mann mit ironischen
Akzenten beleuchtet - zur dekorativen Figur, zum Schauspieler seines eigenen
Lebens."94
Damit repräsentiert ,Thomas' auf der politischen Ebene die Verfallsbewegung des
Bürgertums bis 1980.
91
ebd., 266.
92
ebd., 266.
93
Lucács, Georg, Thomas Mann, in: ders., Deutsche Literatur in zwei Jahrhunderten, Werke, Bd. 7, Berlin
- Neuwied 1964, 505ff.
94
ebd., 513.
- 156 -
Bei allen Gegensätzen verbindet ihn mit ,Christian' doch folgende Gemeinsamkeit:
Beide spielen aus unterschiedlichen Gründen im bestehenden System mit, stehen ihm
aber reserviert gegenüber. Beide gegensätzlichen Pole verbindet sozusagen die
lutherische Dekadenz bzw. die Ambivalenz des Verfalls.
Auch die zweite Hauptsünde gegen die Ma`at ist mit dem Streit der Brüder
verwirklicht: Assmann bezeichnet Ma`at in dem Zusammenhang als kommunikative
Solidarität bzw. Reziprozität:
"Wie die Trägheit der Handlung, so entspricht die Taubheit dem Hören, d.h. der
Sprache, dem Verstehen. Wie der erste Vers die Handlung an das ,Gestern', d.h.
an die Zeitdimension und die Erinnerung knüpfte (,anamnetisches Handeln'), so
knüpft dieser Vers das Verstehen an die Freundschaft, d.h. die Sozialdimension
(,kommunikatives Handeln'). Wie der Träge in der Zeitdimension, so isoliert sich
der Taube in der Sozialdimension."95
,Thomas Buddenbrooks' Stellung als Geschäftsmann ist hoch: Er genießt
Ansehen innerhalb der Bürgerschaft:
"Dank seinen Reisen, seinen Kenntnissen, seinen Interessen war Thomas
Buddenbrook in seiner Umgebung der am wenigsten bürgerlich beschränkte Kopf,
und sicherlich war er der erste, die Enge und Kleinheit der Verhältnisse zu
empfinden, in denen er sich bewegte."96
"Die Geschäfte hatten nach dem Tode des Konsuls ihren ununterbrochenen und
soliden Gang genommen. Aber bald wurde bemerkbar, daß seitdem Thomas
Buddenbrook die Zügel in Händen hielt, ein genialerer, ein frischerer und
unternehmenderer Geist den Betrieb beherrschte. Hie und da ward etwas gewagt,
hie und da ward der Kredit des Hauses, der unter dem früheren régime eigentlich
bloß ein Begriff, eine Theorie, ein Luxus gewesen war, mit Selbstbewußtsein
angespannt und ausgenützt ..."97
Doch die Ambivalenz und Doppelbödigkeit von Moral und Gefühl wird ihm immer
stärker bewusst: Er besaß "Geist genug, seinen Ehrgeiz, es im Kleinen zu Größe und
95
Assmann, 69. Dies Zitat bezieht sich auf die ,Klagen des Bauern'.
96
Buddenbrooks, 307.
97
Buddenbrooks, 225f.
- 157 -
Macht zu bringen, gleichzeitig zu belächeln und ernst zu nehmen".98 Zwar hält er einen
Vortrag über die Verbesserung der Infrastruktur und reicht eine Petition für den
Zollverein nach dem Willen seines Vaters ein.99 Doch er setzt sich selbst immer mehr
unter Druck:
",,Wir müßten längst die Million erreicht haben!“, sagte er mit vor Erregung
gepreßter Stimme, indes seine Hände zitterten ... ,,Großvater hat in seiner besten
Zeit schon neunhunderttausend zur Verfügung gehabt ... Und welche
Anstrengungen, seitdem, welch hübscher Erfolg, welche guten Coups hie und
da!“"100
Sein Prestige rührt von seiner traditionsreichen Herkunft:
"Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur er selbst;
man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines Vaters,
Großvaters und Urgroßvaters, und abgesehen von seinen eigenen geschäftlichen
und öffentlichen Erfolgen war er der Träger eines hundertjährigen
Bürgerruhmes."101
Sein Verhältnis zu seiner Schwester ,Tony' lässt sich folgendermaßen beschreiben:
,Thomas' vertraut sich seiner Schwester ,Tony' an, als er den Verfall und die
Überlebtheit spürt:
",,Aber ich fühle mich in dieser Zeit älter, als ich bin. Ich habe geschäftliche
Sorgen (...) Mir ist, als ob mir etwas zu entschlüpfen begönne, als ob ich dieses
Unbestimmte nicht mehr so fest in Händen hielte wie ehemals (...) Glück und
Erfolg sind in uns. Wir müssen sie halten: fest, tief. Sowie hier drinnen etwas
nachzulassen beginnt, sich abzuspannen, müde zu werden, alsbald wird alles frei
um uns her, widerstrebt, rebelliert, entzieht sich unserem Einfluß ... Dann kommt
eins zum anderen (...) Aber der Rückgang ... der Abstieg ... der Anfang vom Ende
(…) Ich weiß, daß oft die äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und
Symbole des Glückes und Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles
schon wieder abwärts geht.“"102
98
ebd., 307.
99
ebd., 305.
100
ebd., 216.
101
ebd., 348.
102
ebd., 365f.
- 158 -
Doch er will dem Abstieg und Verfall auf seine Art trotzen: ",,Ach, wir wollen uns
hinsetzen, zum Teufel, und etwas leisten, wie unsere Vorfahren etwas geleistet haben
...“"103
,Tony' antwortet daraufhin:
",,Ja, Tom, du sprichst meine Ansicht aus. Wenn ich bedenke, daß diese
Hagenströms sich immer mehr aufnehmen ... O Gott, das Geschmeiß, weißt du ...
Mutter will das Wort nicht hören, aber es ist das einzig richtige. Glauben sie
vielleicht, daß es außer ihnen keine vornehmen Familien mehr gibt in der
Stadt?“"104
Die Moral der Väter fällt also der Doppelmoral zum Opfer, Neureiche drängen an die
Macht. Leistung ist nur noch in Konkurrenz zu den neureichen Familien möglich, die
durch Habgier geprägt sind. Als Beispiel kann hier der Kauf der ,Hagelernte' angeführt
werden, bei dem sich ,Thomas' verspekuliert, nur um ,Hagenströms' zuvorzukommen.105
Damit ist die dritte Sünde gegen die Ma`at angesprochen: Habgier als Verstoß gegen die
intentionale Solidarität:
"Habgier ist im Ägyptischen eine Eigenschaft des Herzens; der ägyptische
Ausdruck ,wn-jb' ist mit dem Wort für ,Herz' gebildet und bedeutet wörtlich
,raffgierig in bezug auf das Herz'. Nach ,Handeln' und ,Sprechen' als den Medien
kommunikativer Einbindung des einzelnen in die Gesellschaft geht es also nun
um den inneren Menschen."106
Im
Fall
Max
Webers
und
Thomas
Mann
lautet
die
einzig
mögliche
Zukunftsperspektive wie schon ausgeführt: Leistungsethik bzw. moderne Bürokratie
und Askese. Thomas Mann hat dem Typus des Leistungsethikers in seinem Werk oft
beschrieben. Dieser Typus ist bereits mit der Gestalt ,Thomas Buddenbrooks' angelegt.
103
ebd., 224.
104
ebd., 224.
105
Buddenbrooks, 400. Darauf wird noch genauer eingegangen werden.
106
Assmann, 85f.
- 159 -
Der Moralbegriff ,Thomas Buddenbrooks' lässt sich folgendermaßen beschreiben:
Die Moral der Firma wird vor allem in der Ahnengalerie erkennbar, in der der Spruch
zu lesen ist: "Mein Sohn, sey mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur
solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können."107 Doch diese ist im Laufe der Zeit
nicht mehr zu halten, sie wird unterhöhlt: "(…) wie eine Maske fiel die längst nur noch
künstlich festgehaltene Miene der Wachheit, Umsicht, Liebenswürdigkeit und Energie
von diesem Gesichte (gemeint ist das von Thomas) ab, um es in dem Zustande einer
gequälten Müdigkeit zurückzulassen;"108 In einem inneren Monolog wird dargestellt,
wie er sich innerlich aufreibt, der Abgrund des Dionysos ist nahe (,SchopenhauerKapitel'): "Wäre erst dieser Tag vorüber! Würde er einen Augenblick allein sein, einen
Augenblick seine Gesichtsmuskeln abspannen können? Empfänge während des ganzen
Tages, bei denen es galt, den Gratulationen von hundert Menschen mit Takt und Würde
zu begegnen (...)"109
Das Verhältnis zu seiner Frau ,Gerda' ist nicht spannungsfrei:
"Er hatte einst, allem Kopfschütteln schnell verblüffter Philister zum Trotz, Gerda
Arnoldsen heimgeführt, weil er sich stark und frei genug gefühlt hatte,
unbeschadet seiner bürgerlichen Tüchtigkeit einen distinguierteren Geschmack an
den Tag zu legen als allgemein üblich."110
Die Frage des Stammhalters ist für den Konsul bedrückend, für ,Gerdas' Einstellung
dazu ist ,souveräner Gleichmut', ,degoutierte Ablehnung' charakteristisch.111 ,Thomas'
versteht nicht ihre zweckfreie und unkaufmännische Liebe zur Musik, ,Gerda' und sein
Sohn ,Hannes' entfremden sich daher von ihm.112
107
Buddenbrooks, 410.
108
ebd., 396.
109
ebd., 407.
110
ebd., 432.
111
ebd., 309.
112
ebd., 433.
- 160 -
Er spricht also nicht die ,Sprache der Musik' wie ,Gerda' und ,Hanno'. Auch hier
handelt es sich um ein Kommunikationsproblem, das den Anforderungen der Ma`at
widerspricht.
Sein Verhältnis zu seinem Sohn ,Hanno' ist angespannt: So besteht er
beispielsweise bei einem Gedichtvortrag seines Sohnes an seinem Geburtstag auf einer
aufrechten Haltung: Er quält seinen Sohn damit über die Maßen: "Das war grausam,
und der Senator wußte es wohl, daß er dem Kinde damit den letzten Rest von Haltung
und Widerstandskraft raubte. Aber der Junge sollte ihn sich nicht rauben lassen! Er
sollte sich nicht beirren lassen! Er sollte Festigkeit und Männlichkeit gewinnen (…)"113
Beim Tod von ,Thomas' muss ,Hanno' lachen, was eine groteske Situation schafft und
auf mangelnde Bindung zum Vater hindeutet.114
Seine Entwicklung lässt sich folgendermaßen beschreiben: Er hat Depressionen
beim Hören von Musik, zum Beispiel von Palestrina, dem ,Meistersinger'- Vorspiel,
,Tristan und Isolde'115 Ihm ist bewusst, dass sein Ende naht:
"Die phantasievolle Schwungkraft, der muntere Idealismus deiner Jugend war
dahin ... Was für ihn zu erreichen gewesen war, hatte er erreicht, und er wußte
wohl, daß er den Höhepunkt seines Lebens, wenn überhaupt, wie er bei sich
hinzufügte, bei einem so mittelmäßigen und niedrigen Leben von einem
Höhepunkt die Rede sein konnte, längst überschritten hatte."116
Überlebtheit macht sich breit: "(…) es gab nur noch Gegenwart und kleinliche
Wirklichkeit, aber keine Zukunft und keine ehrgeizigen Pläne mehr."117 Sein
Lebenstraum ist vorbei.
113
ebd., 412f.; ,Schäfers Sonntagslied' kann damit als Persiflage auf den antiken Heldengesang, wie ihn
auch Weber beschreibt, angesehen werden, s. Grundriß der Sozialökonomik, 600. Der Stabreim in
,Schäfers Sonntagslied' würde dann den Gegensatz zum Heldengesang unterstreichen.
114
ebd., 586.
115
ebd., 418ff.
116
ebd., 519.
117
ebd., 520; Dies entspricht ebenfalls der ,Trägheit' im Sinne der Ma`at.
- 161 -
Dies deutet darauf hin, dass die mythologische Ebene verlassen wurde. Wo das
Märchen sagt: "Es war einmal", beschwört der Mythos: "Es war einmal“ – und ist damit
immer.118 Man konnte dies auch mit der Textstelle aus dem Offertorium aus Mozarts
"Requiem" ausdrücken, wo es heißt: "Quam olim Abrahae promisisti et semini ejus". In
Rachmaninows "Chrysostomos-Liturgie" und in den Zehn Chören zur "Ganznächtlichen
Vigil" von Tschaikowsky ist von "I nyne i prisno, i prisno i vo veki vekov, amin'" die
Rede. All diese Wendungen bezeichnen dasselbe. ,Einst' hat einen ,Doppelsinn von
Vergangenheit und Zukunft', ,Überlieferung und Prophezeiung' (IV, 32), ,Ur-Kunde und
Prophetie des Letzten' (IV, 40), es ist ein unumschränktes Wort mit zwei Gesichtern (V,
1555). "Wer nicht das Einst der Zukunft ehrt, ist nicht des Einst der Vergangenheit wert
und stellt sich auch zum heutigen Tag verkehrt." (V,1555)119 Dies soll im
Zusammenhang mit den Josephromanen weiter ausgeführt werden.
Trotzdem legt ,Thomas' sehr viel Wert auf sein Äußeres, mit dem "Befriedigungsund Bereitschaftsgefühl, mit dem ein Schauspieler, der seine Maske in allen
Einzelheiten vollendet hergestellt hat, sich zur Bühne begibt ..."120 Es spielt also nur
noch eine Rolle, ist nicht mehr er selbst.
,Olim'-Gedanken sind nur noch in Bezug auf die Familie möglich, allerdings nur als
Surrogat: "Sein Familiensinn, dieses ererbte und anerzogene, rückwärts sowohl wie
vorwärts gewandte, pietätvolle Interesse für die intime Historie seines Hauses"121.
Er wird immer mehr in die Enge getrieben:
"War nicht jeder Mensch ein Mißgriff und Fehltritt? Geriet er nicht in eine
peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefängnis! Gefängnis! Schranken und
Bande überall! Durch die Gitterfenster seiner Individualität starrt der Mensch
hoffnungslos auf die Ringmauern der äußeren Umstände, bis der Tod kommt und
ihn zu Heimkehr und Freiheit ruft ... Individualität! Ach, was man ist, kann und
hat, scheint arm, grau, unzulänglich und langweilig; was man aber nicht ist, nicht
kann und nicht hat, das eben ist es, worauf man mit jenem sehnsüchtigen Neide
blickt, der zur Liebe wird, weil er sich fürchtet, zum Haß zu werden."122
118
Borchmeyer, "Zurück zum Anfang aller Dinge", in: Thomas-Mann-Jahrbuch, Bd. 11, 1998, 17.
119
GW Thomas Manns, zitiert nach Borchmeyer, "Zurück zum Anfang aller Dinge", 27.
120
Buddenbrooks, 522f.
121
ebd., 526.
122
ebd., 559ff.
- 162 -
Heute würde man dieses Phänomen als ,Burn-Out' bezeichnen.
Der Glaube an den Übermenschen (Nietzsche) gewinnt an Bedeutung123, er befasst
sich mit dem Leib-Seele-Problem124.
So tritt sein Tod nicht unangekündigt ein.125
db) ,Christian Buddenbrook'
Der Asket ,Thomas' erhält in ihm einen Gegenspieler aus der eigenen Familie.
Für seine Jugend ist Folgendes charakteristisch: "Seiner Art gemäß verlieh er im
Familienkreise der Stimmung Worte, die ihn erfüllten".126 ,Christian' erschien im
Gegensatz zu ,Thomas' "launenhaft, neigte einerseits zu einer albernen Komik und
konnte andererseits die gesamte Familie auf die sonderbarste Weise erschrecken ..."127
Er ist als Dilettant und Bohèmien dem Titelhelden des "Bajazzo", Schnitzlers
"Anatol" oder Figuren des Wiener Fin de Siècle aus Schnitzlers "Reigen" ähnlich.
Er hat wenig Bindung an das Elternhaus: So segelt er 1851 nach Valparaiso, wo er
sich eine Position verschafft hatte. Er reist, es wurde bereits erwähnt, direkt nach
England, ohne vorher in die Heimat zurückzukehren.128
Sein Verhältnis zu seinem Bruder ,Thomas' ist wie schon angesprochen
angespannt: ",,Warum sagst du eigentlich fortwährend ,Du lieber Gott'?“ fragte Thomas
gereizt. Aber das war es nicht, was ihn ärgerte. Sondern er fühlte, daß Christian diese
Geschichte nur deshalb mit soviel Freude erzählte, weil sie ihm eine Gelegenheit bot,
mit Spott und Verachtung von der Arbeit zu sprechen."129 Es kommt zum offenen Streit
123
s. ebd., 560.
124
ebd., 561f.
125
ebd., 583.
126
ebd., 228.
127
ebd., 55f.
128
s. ebd., 200.
129
ebd., 231.
- 163 -
mit ,Thomas': "Du bist ein Auswuchs, eine ungesunde Stelle am Körper unserer
Familie!"130
Die Reaktion von ,Thomas' auf seine Reisen ist folgende: "Erfuhr Thomas es nicht
gern, daß sein jüngerer Bruder weiter herumgekommen sei und mehr gesehen habe als
er? Oder empfand er mit Widerwillen ein Lob der Unordnung und der exotischen
Gewalttätigkeit in diesen Messer- und Revolvergeschichten?"131
Der Klub, in dem sich ,Christian' für gewöhnlich aufhält, wird so dargestellt: "Aber
wie die übrigen behäbigen Lebemänner verstand er es, die richtige Miene dazu zu
machen, Ärgernis zu vermeiden und seinen politischen und beruflichen Grundsätzen
den Ruf unanfechtbarer Solidität zu wahren."132. Die Mitglieder des Klubs tragen jedoch
durch ihre geschäftliche Untätigkeit zur Unterhöhlung des ehrbaren Berufsstandes und
seiner Moral bei: "Aber sie waren eben nicht ernst zu nehmen; sie zählten in ernsthaften
Angelegenheiten nicht mit;"133
"Die Puritaner vertraten demgegenüber ihre entscheidenste Eigenart: das Prinzip
asketischer Lebensführung. Denn im übrigen war die Abneigung des Puritanismus
gegen den Sport, selbst bei den Quäkern, keine schlechthin grundsätzliche. Nur
mußte er einem rationalen Zweck, der für die physische Leistungsfähigkeit
erforderlichen Erholung, dienen. Als Mittel rein unbefangenen Sich-Auslebens
ungebändigter Triebe dagegen war er ihm verdächtig, und soweit er zum reinen
Genußmittel wurde oder gar den agonalen Ehrgeiz, rohe Instinkte oder die
irrationale Lust zum Wetten weckte, war er selbstverständlich schlechthin
verwerflich. Der triebhafte Lebensgenuß, der von der Berufsarbeit wie von der
Frömmigkeit gleichermaßen abzieht, war eben als solcher der Feind der rationalen
Askese, mochte er sich als ,seigneuraler' Sport oder als Tanzboden- und
Kneipenbesuch des gemeinen Mannes darstellen."134
130
ebd., 272.
131
ebd., 229.
132
ebd., 265.
133
ebd., 266.
134
Weber, Die protestantische Ethik, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 184.
- 164 -
Unter diese Kritik am Puritanismus fallen der Klub ,Christians', das Tanzvergnügen
,Hans Hansens' und der blonden ,Inge' im "Tonio Kröger" und ,Tonios' sportlicher
Freund, wie später noch ausgeführt werden wird.
Zur Geschichte des amerikanischen Klubs äußert sich Weber folgendermaßen:
"Vom Boys'club auf der Schule angefangen zum Athletic Club oder zur Greek
Letter Society oder zu einem anderen studentischen Klub gleichviel welcher Art
und dann zu einem der zahlreichen Honoratioren-Klubs der Geschäftleute und des
Bürgertums oder schließlich zu den Klubs der Plutokratie in den Großstädten
geleitete den typischen Yankee noch der letzten Generation eine Serie von solchen
exklusiven Gesellschaften durch das Leben. Zu ihnen Zutritt zu erlangen war
gleichbedeutend mit einem Billet zum Aufstieg, vor allem mit der Bescheinigung
vor dem Forum seines eigenen Selbstgefühls: sich ,bewährt' zu haben. (…) Heute
sind
zahlreiche
derartige
Klubs
Träger
jener
ständischen
Aristokratisierungstendenzen, welche, neben und - was wohl zu beachten ist zum Teil im Gegensatz zur nackten Plutokratie, der amerikanischen Entwicklung
der Gegenwart charakteristisch sind. (sc. Weber spricht hier in den Anmerkungen
von einer ,Europäisierung der amerikanischen Gesellschaft'.) (…) Wem das (sc.
die Bewährung in einem Klub) nicht gelang, der war kein Gentleman, wer es
verschmähte - wie die Deutschen meist -, der hatte einen schweren Weg, vor
allem auch: geschäftlich."135
Diese amerikanische Wirklichkeit ist also bei Mann im Fall ,Christians' auf die
dekadente europäische Ebene übertragen.
,Christian' wird als Hypochonder beschrieben. Er hat seit frühester Jugend
Nervenschmerzen in der linken Seite.136 Dies ist eine typische Krankheit des
Dilettanten.137 Zudem beobachtet er sich fortwährend selbst.138 Zu ,Thomas' sagt er bei
einer Auseinandersetzung: "Du wärest ... Nein, das ist stark! Tony! Gerda! Er sagt, er
sei kränker als ich! Was! Hast du vielleicht in Hamburg mit Gelenkrheumatismus auf
dem Tode gelegen?! Hast du nach jeder kleinsten Unregelmäßigkeit eine Qual in
135
Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1947, 215f.
136
Buddenbrooks., 364.
137
vgl. Worbs, Michael, Nervenkunst. Literatur und Psychoanalyse im Wien der Jahrhundertwende,
Frankfurt a.M. 1983.
138
Buddenbrooks, 463.
- 165 -
deinem Körper auszuhalten, die ganz unbeschreiblich ist?! Sind vielleicht an deiner
linken Seite alle Nerven zu kurz?!"139
Er kokettiert mit seiner Krankheit, da er die Haltung und Würde seines Bruders satt
hat.
Zum Ende des Romans hin erfolgt seine Einweisung in eine Nervenheilanstalt140.
Eventuell könnte man dies als Surrogat durch Regression nach Freud deuten.
dc) Der Generationenkonflikt
Doch das zutage tretende unterschiedliche Geschäftsgebaren der Brüder deutet sich
schon über Generationen an.
Die Generationenthematik bzw. der Generationenkonflikt spielt in dem Roman
dabei eine einschneidende Rolle: Der Prozess der Entbürgerlichung und Enttüchtigung
zieht sich über drei Generationen hinweg.
Die 1. Generation: Ihr gehört ,Johann Buddenbrook sen.' an. "Konsul Buddenbrook
war begeistert vom Zollverein!"141 Der Gründer des Handelshauses wird als ein
rechtschaffener, unsentimentaler Mann, frei von Skrupeln oder Selbstzweifeln und
seinem Instinkt folgend, beschrieben.142 Gesinnungs- und Verantwortungsethik sind
hier noch nicht voneinander getrennt.
Die 2. Generation: ,Johann (Jean) Buddenbrook jun.' wird alleiniger Inhaber.143 Er
ist pietistisch beeinflusst, er vertritt die Arbeitsmoral eines asketischen Puritanismus.
Das Bild des ,Johann Buddenbrook' ist angeleht an das der Puritaner des 17. Jhds., die
139
ebd., 491.
140
ebd., 644.
141
ebd., 32ff.
142
GW I, 49, 31, 32.; auch sein Vater, der Geschäftsgründer wird noch erwähnt, Buddenbrooks, 58.
143
Buddenbrooks, 59.
- 166 -
Weber beschreibt. Deren Lebensmotto beschreibt Goldman als "work, pray and save
(...) success and fortune derived from God."144 Ihn kennzeichnen Leistungswille und
Sparsamkeit und das Verbot, die Früchte der Arbeit zu genießen, eben genauso wie
Weber den frühen puritanischen Unternehmer beschrieb. ,Jean' finanziert mit dem
Gewinn
seines
Unternehmens
zudem
Wohlfahrtseinrichtungen
und
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.145
"Aber es war ,traditionalistische' Wirtschaft, wenn man auf den Geist sieht, der
die Unternehmer beseelte: die traditionelle Lebenshaltung, die traditionelle Höhe
des Profits, das traditionelle Maß von Arbeit, die traditionelle Art der
Geschäftsführung und der Beziehungen zu den Arbeitern und dem wesentlich
traditionellen Kundenkreise, der Art der Kundengewinnung und des Absatzes
beherrschten den Geschäftsbetrieb, lagen – so kann man geradezu sagen – dem
,Ethos' dieses Kreises von Unternehmern zugrunde."146
Weber charakterisiert den puritanische Ethos folgendermaßen: "Aber die Arbeit ist
(...) vor allem von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des Lebens überhaupt."147 Und an
anderer Stelle heißt es: "Der Mensch ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens,
nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum Zweck der Befriedigung
seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen."148
Ein Brief des Konsuln an Thomas nach Amsterdam gibt ,Jeans' Lebensmotto
wieder149: "Gottes Segen mit Dir, mein Sohn! Arbeite, bete und spare!" Auch der
Spruch aus der Ahnengalerie ist hier bezeichnend: "Mein Sohn, sey mit Lust bei den
Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen
144
Goldman, Harvey, Max Weber and Thomas Mann. Calling and the Shaping of the Self, Berkeley – Los
Angeles – London 1988, 66 u. 69.
145
Er ist damit dem Prinzip der ,vertikalen Solidarität' der Ma`at verpflichtet.
146
Weber, Die protestantische Ethik, in: Religionssoziologie, 51ff.
147
Weber, RS I, 171.
148
ebd., 35f.
149
Buddenbrooks, 147.
- 167 -
können."150 Als die Ehe ,Tonys' mit ,Grünlich' am Bankrott ,Grünlichs' scheitert, ist
seine Reaktion folgende:
"(…) und wieder durchschauerte ihn die schwärmerische Ehrfurcht seiner
Generation vor menschlichen Gefühlen, die stets mit seinem nüchternen und
praktischen Geschäftssinn in Hader gelegen hatten (…) Hundertzwanzigtausend
Mark ... wiederholte er innerlich, und dann sagte er ruhig und fest: „Antonie ist
meine Tochter. Ich werde zu verhindern wissen, daß sie unschuldig leidet.“"151
Die 3. Generation: Sie beginnt mit der Geschäftsübergabe an ,Thomas'. Dieser
übernimmt die Arbeitshaltung seines Vaters, doch die erwünschten großen Erfolge
bleiben aus. Arbeitsunlust stellt sich bei ihm ein. Dennoch vernachlässigt er nicht sein
Tagwerk. Für ,Jeans' Sohn ,Thomas’ ist Gott nicht mehr die alleinige Inspiration. Das
Rationale seiner Berufung ist für ihn verschwunden. Er hat ausschließlich ein Gefühl
der Strenge, dem er sich verantwortlich fühlt. Goldman betont, "that makes Thomas a
direct forebear of that soldier of art Gustav von Aschenbach."152
Exemplarisch steht sein missglückter Coup um den "Hagenströms" zuvorzukommen:
",,Dies ist zu Ende!“ wiederholte er (,Thomas'). „Es muß ein Ende gemacht
werden! Ich verbummele, ich versumpfe, ich werde alberner als Christian!“ Oh, es
war unendlich dankenswert, daß er sich nicht in Unwissenheit darüber befand, wie
es mit ihm stand! Nun war es in seine Hand gegeben, sich zu korrigieren. Mit
Gewalt! ... Laß sehen ... laß sehen ... was war es für ein Angebot, das ihm da
gemacht worden war? Die Ernte ... Die Pöppenrader Ernte auf dem Halm? ,,Ich
werde es tun!“ sagte er mit leidenschaftlichem Flüstern und schüttelte sogar eine
Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. „Ich werde es tun!“ Es war ja wohl das,
was man einen Coup nennt? Eine Gelegenheit, ein Kapital von, sagen wir einmal,
vierzigtausend Kurantmark ganz einfach - und ein wenig übertrieben ausgedrückt
- zu verdoppeln? ... Ja, es war ein Fingerzeig, ein Wink, sich zu erheben! Es
handelte sich um einen Anfang, einen ersten Streich, und das Risiko, das damit
verbunden war, ergab nur eine Widerlegung mehr aller moralischen Skrupeln.
Gelang es, dann war er wiederhergestellt, dann würde er wieder wagen, dann
150
ebd., 410.
151
Buddenbrooks, 191. Er steht dem Studium von Griechisch und Latein kritisch gegenüber, sein
entscheidender Fehler war allerdings, seine Tochter ,Tony Buddenbrook' mit einem Bankrotteur
verheiratet zu haben.
152
Goldman, 76.
- 168 -
würde er das Glück und die Macht wieder mit diesen inneren elastischen
Klammern halten ..."153
Er kauft die Ernte völlig überstürzt. Diese entpuppt sich als Hagelernte. Auch hat er
von ,Herrn von Maiboom’, dem Besitzer, keine Sicherheiten.154 Eventuell ist die
,Hagelernte' als calvinistischer ,Lohn Gottes' interpretierbar?! Spekulation bedeutet das
Ende seines Geschäftslebens.
"Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als tätiger Mann präsentiert; aber
soweit er mit Recht dafür galt - war er es nicht, mit seinem gern zitierten
Goethe'schen Wahl- und Wahrspruch - aus bewußter Überlegung gewesen? Er
hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt ... aber waren sie nicht nur aus dem
Enthusiasmus, der Schwungkraft hervorgegangen, die er der Reflexion verdankte?
Und da er nun dar niederlag, da seine Kräfte - wenn auch, Gott gebe es, nicht für
immer - erschöpft schienen: war es nicht die notwendige Folge dieses unhaltbaren
Zustandes, dieses unnatürlichen und aufreibenden Widerstreites in seinem Innern?
... Ob sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater die Pöppenrader Ernte auf dem
Halme gekauft haben würden? Gleichviel! ... Gleichviel! ... Aber daß sie
praktische Menschen gewesen, daß sie es voller, ganzer, stärker, unbefangener,
natürlicher gewesen waren als er, das war es, was feststand! ..."155
Wegen der unterschiedlichen Arbeitshaltungen kommt zu immer häufiger zu offen
ausgetragenen
Generationskonflikten:
"Was
ging
vor?
Etwas
Entsetzliches,
Grauenerregendes, etwas, was den Beteiligten selbst als monströs und unglaublich
erschien: Ein Streit, eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn!"156
,Thomas' sagt darin: "Oh, mich dünkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und
eines maroden Narren auf...": Es geht um ,Claras' Erbe, das ,Christian' ,Tiburtius'
zugesprochen hat.157
Die Familie der ,Hagenströms' ist neben den ,Möllendorpfs' eine der mit den
,Buddenbrooks' konkurrierenden Familien. "Verdienen wird großgeschrieben. Und was
153
Buddenbrooks, 402f.
154
ebd., 385.
155
ebd., 400.
156
ebd., 367.
157
ebd., 367f.
- 169 -
diese Verlobung (sc.,Julchen') betrifft, so ist das ein ganz korrektes Geschäft. Julchen
wird eine Möllendorpf, und August bekommt einen hübschen Posten ..."158
Die Firma leitet ,Hermann Hagenström':
"Das Neuartige und damit Reizvolle seiner Persönlichkeit, das, was ihn
auszeichnete und ihm in den Augen vieler eine führende Stellung gab, war der
liberale und tolerante Grundzug seines Wesens. Die legere und großzügige Art,
mit der er Geld verdiente und verausgabte, war etwas anderes als die zähe,
geduldige und von streng überlieferten Prinzipien geleitete Arbeit seiner
kaufmännischen Mitbürger."159
Der Gegensatz zu dem ,buddenbrookschen' Geschäftsgebaren ist offensichtlich.
Max Weber schreibt:
"Irgendwann nun wurde diese Behaglichkeit plötzlich gestört, und zwar oft ganz
ohne daß dabei irgendeine prinzipielle Änderung der Organisationsform - etwa
Übergang zum geschlossenen Betrieb, zum Maschinenstuhl und dgl. stattgefunden hätte (...) Die Idylle brach unter dem beginnenden erbitterten
Konkurrenzkampf zusammen, ansehnliche Vermögen wurden gewonnen und
nicht auf Zinsen gelegt, sondern immer wieder im Geschäft investiert, die alte
behäbige und behagliche Lebenshaltung wich harter Nüchternheit, bei denen, die
mitmachten und hochkamen, weil sie nicht verbrauchen, sondern erwerben
wollten, bei denen, die bei der alten Art blieben, weil sie sich einschränken
mußten. Und - worauf es hier vor allem ankommt - es war in solchen Fällen in der
Regel nicht etwa ein Zustrom| neuen Geldes, welcher diese Umwälzung
hervorbrachte - mit wenigen Tausenden von Verwandten hergeliehenen Kapitals
wurde in manchen mir bekannten Fällen der ganze Revolutionierungs-Prozeß ins
Werk gesetzt -, sondern der neue Geist, eben der ,Geist des modernen
Kapitalismus', der eingezogen war."160
Die 4. Generation: Sie besteht aus ,Hanno' und ,Tonys' Tochter ,Erika'. Auf ,Hanno'
wird noch eingegangen. ,Erika' soll im Gegensatz zur Mutter eine ,gute Partie' machen,
doch ihr Schicksal bleibt im Ungewissen.
158
ebd., 368.
159
ebd., 347.
160
Die protestantische Ethik, in: Schriften 1894-1922, hrsg. v. Dirk Kaeseler, Stuttgart 2002, 177ff.
- 170 -
"Buddenbrooks" als Generationenroman hebt die Individualität im Typus auf, "der
Typus ist mystisch"161, in einem mystischen Romanwerk geht der Weg also vom
Individuum zum Typus und von dort zum Mythos.162 In den "Buddenbrooks" ist es
vordergründig umgekehrt, das Individuelle siegt schließlich über das TypischMythische, das Leben wird immer weniger zu einem Wandel in tief ausgetretenen
Spuren163. So ist beispielsweise in der Familienchronik unschwer zu erkennen, daß das
Individuelle zusehends das Formelhafte und Unpersönliche überragt, es überlistet das
Konventionelle und Schematische. Doch die neu gewonnene Freiheit ist in Wirklichkeit
eine Scheinfreiheit, wie das ,Schopenhauer-Kapitel' zeigt. Das Typische und das
Mythische wird in den "Buddenbrooks" sozusagen verlassen, ist aber trotzdem
anwesend, wie zu Beginn dieses Kapitels erwähnt wurde.
Die Zeitthematik soll beim "Zauberberg" und bei den "Josephromanen" eingehender
besprochen werden.
Auch der Brüderstreit zwischen ,Thomas' und ,Christian' hat eine mythische
Komponente, wenn man ihn mit der Theorie der Verbrüderung in Freuds "Totem und
Tabu" und mit Max Webers Ausführungen zur Ausbildung der charismatischen
161
Koopmann, 150f., Mann, Adel des Geistes, Stockholm 1948, 9.
162
Carl Gustav Jung (1875-1961) gilt gemeinsam mit Freud und A. Adler bekanntlich als Hauptvertreter
der Tiefenpsychologie und Begründer der analytischen Psychologie. Nach dem Abbruch der
Zusammenarbeit mit Freud 1913 trat Jung aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aus,
der er von 1910 bis 1914 als Präsident vorstand, und entwickelte eine eigene Lehre des Unbewußten, in
der die Wiederentdeckung symbolischer, religiöser, mystischer, gnostischer und alchimistischer Elemente
eine entscheidende Rolle spielt. Zur Formulierung dieser Lehre trugen Studienreisen zu Völkern in
Nordafrika, Nordamerika, Ostafrika und Indien bei. In seinem Werk "Über die Psychologie des
Unbewußten" von 1917 grenzt er seine Neurosentheorie von der Freuds und Adlers ab. Nach seiner
Methode können die Archetypen außerhalb der individuellen Psyche verstanden werden, sie gewinnen
eine therapeutisch bestimmende Funktion jedoch nur durch den natürlichen Individuationsprozess, nach
dem sich eine individuelle Differenzierung der kollektiven Elemente jeweils verwirklicht, wie er im 7.
und 8. Kapitel ausführt. Im Schlusswort vertritt Jung die These, dass sich eine praktische Psychologie
nicht auf die Erkenntnisstufe des Intellekts beschränken kann. Noch zu Lebzeiten Jungs galt sein Werk
als eines der früheren Zeugnisse des wesentlichen Unterschiedes zwischen analytischer Psychologie und
anderen Arten der Tiefenpsychologie. s. Volpi, Bd. 1, 780ff.
163
vgl. Koopmann, 151.
- 171 -
Herrschaft und zur Entstehung des Tabus vergleicht. Das Tabu könnte man dann mit
dem Leistungsethos der Väter umschreiben, das nicht angetastet werden darf. ,Christian'
hält sich nicht an dieses ungeschriebene Gesetz und ,Thomas' spürt seine ,hohle
Würde'.164
e) ,Tony' und ,Thomas' als Beispiele eines lutherischen Lebenswandels
"Sie (sc. die Glaubenserlösung) kann dadurch, wie es der lutherische
Protestantismus getan hat, der religiösen Wertung der innerweltlichen
Berufsarbeit direkt zugute kommen und deren Antriebe namentlich dann stärken,
wenn sie auch die priesterliche Buß-und Sakramentsgnade zugunsten der
alleinigen Wichtigkeit der persönlichen Glaubensbeziehung zu Gott entwertet.
Dies hat das Luthertum prinzipiell von Anfang an, noch verstärkt in seiner
späteren Entwicklung nach völliger Beseitigung der Beichte und speziell in den
Formen des von Spener und Francke her asketisch, durch quäkerische und andere
ihnen selbst wenig bewußte Kanäle, beeinflußten Pietismus getan. Aus der
lutherischen Bibelübersetzung zuerst stammt überhaupt das deutsche Wort ,Beruf',
und die Wertung der innerweltlichen Berufstugend als einziger Form
gottwohlgefälligen Lebens ist dem Luthertum von Anfang an durch aus
wesentlich. Da aber die ,Werke' weder als Realgrund der Seelenrettung, wie im
Katholizismus, noch als Erkenntnisgrund der Wiedergeburt, wie im asketischen
Protestantismus, in Betracht kamen, und da überhaupt der Gefühlhabitus des
Sichgeborgenwissens in Gottes Güte und Gnade die vorwaltende Form der
Heilsgewißheit blieb, so blieb auch die Stellung zur Welt ein geduldiges ,Sich–
Schicken' in deren Ordnungen, im ausgeprägten Gegensatz gegen alle jene
Formen des Protestantismus, die zur Heilsgewißheit eine Bewährung (…) in guten
Werken oder einer spezifisch methodischen Lebensführung forderten, und
vollends zu der Virtuosenreligion der asketischen Sekten. Es fehlen dem
Luthertum jegliche Antriebe zu sozial oder politisch revolutionärer oder auch nur
rational- reformerischer Haltung. Es gilt in der Welt und gegen sie das Heilsgut
des Glaubens zu bewahren, nicht sie rational ethisch umzugestalten."165
Ganz anders fällt dagegen die Berufsdefinition im Calvinismus aus:
164
So wird es später in den Josephromanen in Zusammenhang mit dem Leben im Palast ,Peteprês' heißen,
s. Joseph in Ägypten, Joseph und seine Brüder Bd. 2, Frankfurt a.M. 1974, 848.
165
Grundriß der Sozialökonomik, 326f.; Hier geht es vor allem um die unterschiedlichen Interpretationen
des Widerstandsrechts und der Bedeutung der Arbeit im Calvinismus und im Luthertum, wie sie in der
Einleitung zu diesem Kapitel angesprochen wurden.
- 172 -
"Denn für jeden ohne Unterschied hält Gottes Vorsehung einen Beruf (calling)
bereit, den er erkennen und in dem er arbeiten soll, und dieser Beruf ist nicht wie
im Luthertum eine Schickung, in die man sich zu fügen und mit der man sich zu
bescheiden hat, sondern ein Befehl Gottes an den einzelnen, zu seiner Ehre zu
wirken. Diese scheinbar leichte Nuance hatte weittragende psychologische
Konsequenzen und hing mit einer Weiterbildung jener providentiellen Deutung
des ökonomischen Kosmos zusammen, welche schon der Scholastik geläufig
war."166
"Ist soweit die Motivierung rein utilitaristisch und durchaus verwandt mit
manchen in der weltlichen Literatur der Zeit bereits üblichen Gesichtspunkten, so
tritt der charakteristisch puritanische Einschlag alsbald hervor, wenn Baxter an die
Spitze seiner Auseinandersetzungen das Motiv stellt: ,,Außerhalb eines festen
Berufs sind die Arbeitsleistungen eines Menschen nur unstete Gelegenheitsarbeit
und er verbringt mehr Zeit in Faulheit als in Arbeit“, und wenn er sie
folgendermaßen beschließt: ,,und er (der Berufsarbeiter) wird seine Arbeit in
Ordnung vollbringen, während ein anderer in ewiger Verwirrung steckt und sein
Geschäft nicht Ort noch Zeit kennt ... darum ist ein fester Beruf (,certain calling’,
an anderer Stelle heißt es ,stated calling’) für jedermann das beste.“ Die unstete
Arbeit, zu welcher der gewöhnliche Tagelöhner gezwungen ist, ist ein oft
unvermeidlicher, aber stets unerwünschter Zwischenzustand. Es fehlt eben dem
Leben des ,Berufslosen' der systematisch–methodische Charakter, den, wie wir
sahen, die innerweltliche Askese verlangt. Auch nach der Quäkerethik soll das
Berufsleben der Menschen eine konsequente asketische Tugendübung, eine
Bewährung seines Gnadenstandes an seiner Gewissenhaftigkeit sein, die in der
Sorgfalt und Methode, mit welcher er seinem Beruf nachgeht, sich auswirkt. Nicht
Arbeit an sich, sondern rationale Berufsarbeit ist eben das von Gott Verlangte.
Auf diesem methodischen Charakter der Berufsaskese liegt bei der puritanischen
Berufsidee stets der Nachdruck, nicht, wie bei Luther, auf dem Sichbescheiden
mit dem einmal von Gott zugemessenen Los."167
"Die Erlösung kann endlich ganz freies grundloses Gnadengeschenk eines in
seinen Ratschlüssen unerforschlichen, kraft seiner Allwissenheit notwendig
unwandelbaren, durch menschliches Verhalten überhaupt nicht zu beeinflußenden
Gottes sein: Prädestinationsgnade (sc. göttliche Vorhersehung). Sie setzt den
überweltlichen Schöpfergott am unbedingtesten voraus und fehlt daher aller
antiken und asiatischen Religiosität."168
"Die radikale und wirklich endgültige Entwertung aller magischen, sakramentalen
und anstaltsmäßigen Gnadenspende gegenüber Gottes souveränem Willen ist die
166
Die protestantische Ethik, Religionssoziologie, Bd. 1, 172.
167
ebd., 173f.
168
Grundriß der Sozialökonomik, 328.
- 173 -
unvermeidliche Folge jeder konsequent durchgeführten Prädestinationsgnade und
ist auch, wo immer sie in voller Reinheit bestand und erhalten blieb, eingetreten.
Die weitaus stärkste Wirkung hatte sie in dieser Hinsicht im Puritanismus. (...)
Auch die Prädestinationsgnade ist der Glaube religiösen Virtuosentums, welches
allein den Gedanken des ,doppelten Dekrets' von Ewigkeit her erträgt. Mit
zunehmendem Einströmen in den Alltag und in der Massenreligiosität wird der
düstere Ernst der Lehre immer weniger ertragen, und als caput mortuum blieb
schließlich im okzidentalen asketischen Protestantismus jener Beitrag zurück, den
speziell auch diese Gnadenlehre in der rational kapitalistischen Gesinnung: dem
Gedanken der methodistischen Berufsbewährung im Erwerbsleben, als Einschlag
zurückgelassen hat."169
Die Unterschiede zwischen Luthertum und Calvinismus umfassen verschiedene
Ebenen, sie wirken sich beruflich wie politisch aus, wie einleitend bereits ausgeführt
wurde. Die Besonderheit des Luthertums liegt in dem ,Sich- Schicken' in den weltlichen
Lauf der Dinge. Dies kann man an der Entwicklung ,Thomas’ und ,Tonys’ im Roman
nachweisen. Ganz anders gestaltet sich dagegen die Haltung des Calvinismus mit der
Prädestinationsgnade als entscheidendem Kennzeichen.
ea) ,Tony Buddenbrook'
In ihrer Jugend genoss sie eine Erziehung außerhalb des Hauses bei ,Sesemi
Weichbrodt’ mit mehreren anderen höheren Töchtern: "Sie ging in der Stadt wie eine
kleine Königin umher, die sich das gute Recht vorbehält, freundlich oder grausam zu
sein, je nach Geschmack und Laune."170 Sie genießt also eine exponierte Stellung. Von
ihr wird ironisch mit liebenswürdigem Unterton erzählt.171 Beispielsweise wird an
vielen Stellen ihre vorgeschobene Unterlippe erwähnt.
Ihr Verhältnis zu ihrem ersten Mann ,Grünlich', der ihr den Hof macht und den
sie schließlich widerwillig heiratet, ist ganz anderer Art als das zu ,Morten', dem Sohn
der Vermieter in der Sommerfrische: Der Konsul sagt über die Verbindung mit
,Grünlich' zu seiner Frau: "Ach, Bethsy, sie ist zufrieden mit sich selbst; das ist das
169
ebd., Wirtschaft und Gesellschaft, 329f.
170
Buddenbrooks, 53.
171
ebd., 291.
- 174 -
solideste Glück, das wir auf Erden erlangen können."172 "Die Zeiten jetzt sind
wahrhaftig nicht gut für den Kaufmann ... Kurz, es ist nicht viel Freude dabei. Unsere
Tochter ist heiratsfähig und in der Lage, eine Partie zu machen, die allen Leuten als
vorteilhaft und rühmlich in die Augen springt - sie soll sie machen! Warten ist nicht
ratsam, nicht ratsam, Bethsy!"173 Dabei handelt es sich jedoch um ein Missverständnis:
,Tony' möchte durch die Heirat mit dem ungeliebten ,Grünlich' lediglich ihren Vater
zufrieden stellen. Auf ethischer Ebene möchte sie damit das Familienerbe retten, was
böse fehlschlägt und sich ins Gegenteil verkehrt, da ihr Erbe für ,Grünlichs' Schulden
eingesetzt wird.
Ihre zweite Ehe zu ,Herrn Permaneder' entwickelt sich auf andere Art zur
Katastrophe: Er betrügt sie kurz nach ihrer Hochzeit mit einer Hausangestellten.
Außerdem will er sich ins Privatleben zurückziehen, Privatier werden. ,Tony' ist
entsetzt.174 "Tony's Briefe aber verloren von nun an nicht mehr den Ton von
Hoffnungslosigkeit und selbst von Anklage ... ,,Ach Mutter“, schrieb sie, „was kommt
auch alles auf mich herab! Erst Grünlich und der Bankerott und dann Permaneder als
Privatier und dann das tote Kind. Womit habe ich soviel Unglück verdient!“"175 Die
Reaktion ,Thomas Buddenbrooks' auf diese Briefe ist folgende:
"Der Konsul, zu Hause, wenn er solche Äußerungen las, konnte sich eines
Lächelns nicht erwehren, denn trotz allen Schmerzes, der in den Zeilen steckte,
verspürte er einen Unterton von beinahe drolligem Stolz, und er wußte, daß Tony
Buddenbrook als Madame Grünlich sowohl wie als Madame Permaneder immer
ein Kind blieb, daß sie alle ihre erwachsenen Erlebnisse fast ungläubig, dann aber
mit kindlichem Ernst, kindlicher Wichtigkeit und vor allem – kindlicher
Widerstandsfähigkeit erlebte."176
,Tonys' Verhältnis zu ihrem Bruder ,Thomas' kann als gut bezeichnet werden,
auch wenn er sie zuweilen bevormundet: So möchte er die Ehe ,Tonys' mit ,Herrn
172
ebd., 139.
173
Buddenbrooks, 94.
174
ebd., 310.
175
ebd., 313.
176
ebd., 313.
- 175 -
Permaneder' retten: ,Tony' soll diesem verzeihen und zu ihm zurückkehren: "Meine
Bitte geht nur dahin, du möchtest die Dinge etwas weniger entrüstet und ein wenig mehr
vom politischen Standpunkte aus betrachten ..."177 ,Tony' besitze ,Permaneder'
gegenüber das ,moralische Übergewicht'.178 Doch ,Tony' weist diesen Vorschlag von
sich.
Ihre Moral ist traditionell geprägt: ,Tony' möchte in der Familienchronik den
dunklen Fleck ihrer Scheidung durch die Wiederheirat mit ,Herrn Permaneder' tilgen.179
Sie versucht auf naive Weise, den Schein des Hauses zu wahren.180 Als ihr die
,Möllendorpfs' auf einem Ausflug begegnen und "sie genau über Julchen Möllendorpfs
breitrandigen und eleganten Hut hinwegblickte ... In dieser Minute setzte sich ihr
Entschluß endgültig und unerschütterlich in ihr fest ..."181: Nämlich ,Herrn Permaneder'
zu heiraten und damit die Familienehre zu retten. Daher finden sich auch bei ihr
Anklänge an den Leistungsethiker.
Ihr Verhältnis zu ihrer Tochter kann knapp und schnörkellos beschrieben werden:
Sie soll die Erwartungen und fehlgeschlagenen Hoffnungen der Mutter erfüllen.182 Hier
hat man es mit einer ,Surrogatbildung der Höheren Ordnung' nach Kurzke in Anlehnung
an Freud zu tun.
eb) ,Thomas Buddenbrook'
Nachdem ,Thomas Buddenbrooks' Geschäftsgebaren schon ausführlich besprochen
wurde, bleibt eine Anmerkung von Max Weber anzufügen: "Ein planmäßiger rationaler
177
ebd., 323.
178
ebd., 323.
179
s. ebd., 290.
180
Die Tafel im Hausheiligtum des ,Laban' könnte man als Entsprechung des Familienstammbuchs der
,Buddenbrooks' sehen, s. Jaakobs Geschichten, 265.
181
ebd., 296.
182
ebd., 373.
- 176 -
,Betrieb' ist an die Stelle des intermittierenden und irrationalen Gelegenheitshandelns
getreten und funktioniert weiter, auch wenn der ursprüngliche Enthusiasmus der
Beteiligten selbst für ihre Ideale längst verflogen ist."183 Hierin drückt sich eine gewisse
Schicksalsergebenheit aus, die nach Max Weber dem Luthertum eigen ist. Dies kommt
auch in dem bereits erwähnten Gespräch ,Thomas' und ,Tonys' über den weiteren
Verlauf der Firma zum Ausdruck.184
Zu der ökonomischen kommt dann noch seine persönliche Krise, die parallel dazu
verläuft. Während ,Thomas Buddenbrooks' Krankheit gibt es noch ein kurzes
Aufflackern des alten Glanzes, doch die Überlebtheit ist unübersehbar:
",,Nun, jetzt kommen gute Zeiten, wie, Herr Senator? Geld im Lande ... Und
frische Stimmung weit und breit …“ Und der Senator stimmte dem halb und halb
bei. Er bestätigte, daß der Ausbruch des Krieges den Verkehr in Getreide von
Rußland zu großen Aufschwung gebracht habe, und erwähnte der großen
Dimensionen, die damals Haferimport zum Zwecke der Armeelieferung
angenommen habe. Aber der Profit habe sich sehr ungleich verteilt …"185
Weber beschreibt das Leben eines Verlegers, bei dem diese ,behagliche
Lebenshaltung' harter Nüchternheit wich, wobei dieser Wechsel nicht friedlich verläuft:
Wut und ,Haß' werden erzeugt, ,moralische Entrüstung' entsteht. Voraussetzung des
Wechsels ist ein, so Max Weber, ,ungewöhnlich fester Charakter des Unternehmers'. Er
bezeichnet einen solchen als ,Dichter unter den Kaufleuten'.186
Diese Quelle lässt sich auf ,Thomas Buddenbrook' anwenden, sie scheint sich
geradezu auf ihn zu beziehen:
183
Grundriß der Sozialökonomik, 186.
184
s. S. 159., Anm. 102, 103, 104; Auch hier ist von einer Endzeitstimmung die Rede.
185
Buddenbrooks, 474.; Hier gibt es eine Verbindung zur Autonomie des ,ägyptischen oikos' nach Weber,
in dem das stehende Heer durch Naturalabgaben entlohnt wird, s. Kap. X.
186
S. 44, Anm. 74. Die protestantische Ethik; in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 52f.; Auf
die unterschiedlichen Bedeutungen von Dekadenz bei Mann und Weber wird noch im V. Kapitel
eingegangen.
- 177 -
"Dank seiner Reisen, seinen Kenntnissen, seinen Interessen war Thomas
Buddenbrook in seiner Umgebung der am wenigsten bürgerlich beschränkte Kopf,
und sicherlich war er der erste, die Enge und Kleinheit der Verhältnisse zu
empfinden, in denen er sich bewegte ... und so besaß er denn Geist genug ...
seinen Ehrgeiz, es im Kleinen zu Größe und Macht zu bringen, gleichzeitig zu
belächeln und ernst zu nehmen."187
Seine ausgesuchte Garderobe, seine Bildung und sein exquisiter Geschmack
unterstreichen diesen Eindruck. Auf seine Haltung im Sinne der Leistungsethik bei
gleichzeitiger Unterhöhlung der Moral wurde an früherer Stelle eingegangen.
f) Die Dekadenz im Getreidekontor
Der Décadence- und Bohèmecharakter des Künstlertums an sich kommt in Thomas
Manns Romanerstling deutlich zum Ausdruck:
In dem stark autobiographischen Roman "Buddenbrooks" wird der Untergang einer
bürgerlichen Kaufmannsfamilie geschildert, die, auf ihr Ende zugehend, eine
Künstlernatur hervorbringt: Es ist der kleine ,Hanno', der Thomas Mann selbst
darstellen soll, ein kränkliches und schwächliches Kind, den der Verfall des
bürgerlichen Patrizierhauses hervorgebracht hat, und mit dem sein Geschlecht
ausstirbt.188 ,Hanno' hat keinerlei kaufmännische Berufung mehr, er fühlt sich der
Tradition nicht mehr verpflichtet.
Damit war der Grundstein zur Thematik des ,Künstler-Dilettanten' für die späteren
Werke Thomas Manns gelegt, wobei diese ständig neue Variationen dieser Problematik
widerspiegeln.
Exemplarisch seien bezüglich der Entwicklung des Verfalls im Roman hier zwei
Figuren herausgegriffen.
187
s. S. 158, Anm. 96.
188
Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, 46: "Und diese Augen gehörten dem durch
Entartung sublimierten und nur noch musikalischen Spätling des Bürgergeschlechtes, dem kleinen
Johann." Auch ,Christian Buddenbrook' gehört natürlich in diese Welt der Dekadenz.
- 178 -
fa) ,Hanno Buddenbrook'
In ihm hat sich Thomas Mann selbst als Figur dargestellt, wie aus den
Selbstzeugnissen hervorgeht.
Er wird folgendermaßen charakterisiert: Er war eine ,schwere Geburt'189 und leidet
daher unter einer verzögerten Entwicklung:190 "Was das Gehen betraf, so war ihm jetzt,
im Alter von fünf Vierteljahren, noch kein selbstständiger Schritt gelungen, und es war
um diese Zeit, daß die Damen Buddenbrook (,Friederike, Henriette und Pfiffi') mit
hoffnungslosem Kopfschütteln erklärten, dieses Kind werde stumm und lahm bleiben
für sein ganzes Leben." Er besitzt einen ,wehmütigen und ängstlichen Ausdruck,
eigenartig goldbraune Augen mit bläulichen Schatten.'191 Er wird als sensibel und
weinerlich beschrieben.192 So versagt er wie schon erwähnt am Geburtstag seines Vaters
beim Gedichtvortrag.193 Andererseits wird seine unberührte Kindheit zwischen zwei
Kriegen beschrieben (Friede von 1865)194: Er liebt das Meer, den Strandurlaub: "Welch
ein beruhigtes, befriedigtes und in wohltätiger Ordnung arbeitendes Herz er immer
mitnahm vom Meere! Und wenn er sein Abendbrot mit Milch oder stark gemalztem
Braunbier
im
Zimmer
gegessen
hatte
..."195
Er
besitzt
ein
träumerisches
Bewusstsein,196wie beispielsweise im Weihnachtserlebnis beschrieben.197
Seine Entwicklung kommt etwas in Gang durch das Erlernen des Klavierspiels.198
Jedoch bildet er sich trotz einer gewissen Begabung nicht zum Klavierspieler aus.199 In
der Familienchronik zieht er den Schlussstrich unter seinen Namen und rechtfertigt sich
189
Buddenbrooks, 336.
190
ebd., 358.
191
s. ebd., 358, 359.
192
s. ebd., 393f.
193
ebd., 411ff.
194
ebd., 370f.
195
ebd., 539.
196
s. ebd., 453.
197
s. ebd., 455.
198
s. ebd., 426ff.
199
s. ebd., 639.
- 179 -
dafür mit den Worten: "Ich glaubte ... ich glaubte ... es käme nichts mehr ..."200 Er
versteht sich mit seinem Onkel ,Christian'.201
Das Maskenspiel des Vaters durchschaut er202, doch er beschränkt sich voyeuristisch
auf das Schauen anstatt an seiner eigenen Lebenstüchtigkeit zu arbeiten.203 Seine
Weltsicht ist nicht kaufmännisch geprägt.204
Zu seinem Vater ,Thomas' hat er ein angespanntes Verhältnis: Er wird von
diesem psychisch gequält; er besitzt keine Bindung zum Vater. So heißt es nach dessen
Tod: "Der alten Ida Verabschiedung schloß sich in seiner Anschauung folgerichtig den
anderen Vorgängen des Abbröckelns, des Endens, des Abschließens, der Zersetzung an,
denen er (sc. ,Hanno') beigewohnt hatte".205
Der kleine ,Hanno' stirbt mit fünfzehn Jahren an Typhus.206
fb) ,Gerda Buddenbrook'
,Gerda Buddenbrook' gehört ebenfalls dieser Welt der Dekadenz an.
Über ihr Äußeres und ihre Charakteristik sagt Mann: "Kurz, es ist nicht der
gewöhnliche Maßstab an sie zu legen. Sie ist eine Künstlernatur, ein eigenartiges,
rätselhaftes, entzückendes Geschöpf."207 ,Gerda' als morbide und rätselhafte Schönheit
"hegte eine tiefe Abneigung gegen Unternehmungen wie die heutige: zumal im
Sommer, und nun gar am Sonntag. Sie, deren Wohnräume meistens verhängt, im
Dämmerlicht lagen, und die selten ausging, fürchtete die Sonne, den Staub, die
200
ebd., 445.
201
ebd., 458.
202
ebd., 533.
203
ebd., 535
204
ebd., 537.
205
ebd., 595.
206
ebd., 644.
207
ebd., 257.
- 180 -
festtäglich gekleideten Kleinbürger, den Geruch von Kaffee, Bier, Tabak ... und über
alles in der Welt verabscheute sie die Erhitzung, das Dérangement."208
Ihr Verhältnis zu ,Thomas' wurde oben schon ausgeführt.
Einer ihrer Verehrer in der Stadt ist ,Herr Gosch'. Er wird als ,finsterer Makler'
beschrieben, der seinen ,Jesuitenhut' vor ,Gerda' zieht. "Diese Welt der Mittelmäßigkeit
bot ihm keine Möglichkeit, für diese Frau eine Tat von gräßlicher Ruchlosigkeit zu
begehen, welche er, bucklig, düster und kalt in seinen Mantel gehüllt, mit teuflischem
Gleichmut verantwortet haben würde!"209
,Herr Pfühl' musiziert mit ,Gerda', vor allem Wagner.210 ,Hanno' erhält bei diesem
auch Klavierunterricht.
Das Verhältnis zu ihrem Sohn ,Hanno' lässt sich als innig beschreiben. ,Gerda' und
,Hanno' sind durch die Musik verbunden und entfremden sich dadurch von ,Thomas'.
Nachdem ,Hanno' an Typhus gestorben ist, kehrt ,Gerda' wieder in ihre Heimat in
die Niederlande zurück.211 Dies könnte man nach der oben ausgeführten Einteilung nach
Kurzke als Surrogat, und zwar durch Regression deuten.
Der Verfall des Bestehenden kommt im Roman also deutlich zum Ausdruck. Dies
entspricht dem lutherischen Verfall vor Gott, wie im ersten Kapitel ausgeführt wurde.
Bei Weber ist der Dekadenzbegriff schon in der klösterlichen Lebensführung
angelegt:
"Es war das ja das gleiche Schicksal, welchem die Vorgängerin der
innerweltlichen Askese: die klösterliche Askese des Mittelalters, immer wieder
erlag: wenn die rationelle Wirtschaftsführung hier, an der Stätte streng geregelten
208
ebd., 291.
209
ebd., 350.
210
ebd., 424.
211
ebd., 644.
- 181 -
Lebens und gehemmter Konsumtion, ihre Wirkung voll entfaltet hatte, so verfiel
der gewonnene Besitz entweder direkt – wie in der Zeit vor der Glaubensspaltung
– der Veradligung oder es drohte doch die klösterliche Zucht in die Brüche zu
gehen und eine der zahlreichen ,Reformationen' mußte eingreifen."212
"Ihre volle ökonomische Wirkung entfalteten, ganz wie es hier Wesley sagt, jene
mächtigen religiösen Bewegungen, deren Bedeutung für die wirtschaftliche
Entwicklung ja in erster Linie in ihren asketischen Erziehungswirkungen lag,
regelmäßig erst, nachdem die Akme des rein religiösen Enthusiasmus bereits
überstiegen war, der Krampf des Suchens nach dem Gottesreich sich allmählich in
nüchterne Berufstugend aufzulösen begann, die religiöse Wurzel langsam abstarb
und utilitarischer Diesseitigkeit Platz machte, - wenn, um mit Dowden zu reden,
in der populären Phantasie ,Robinson Crusoe', der isolierte Wirtschaftsmensch,
welcher nebenher Missionsarbeit treibt, an die Stelle des in innerlich einsamem
Streben nach dem Himmelreich durch den ,Jahrmarkt der Eitelkeit' eilenden
Bunyanschen ,Pilgers' getreten war."213
Dekadenz ist bei Weber also einerseits mit Überlebtheit konnotiert, auch wenn er von
den ,Dichtern unter den Kaufleuten' spricht.214 Dies nähert sich schon stark der
lutherischen Konzeption dieses Begriffs, wie die Ausführungen zu ,Thomas
Buddenbrook' gezeigt haben. Dagegen spricht er an gleicher Stelle im Hinblick auf die
Fideikommissbesitzer als einem ,epigonenhaftes Décadenceprodukt'. Dies deutet eher
auf die calvinistische Interpretation im Sinne des Abfalls von Gott hin.215 Auf die
unterschiedliche Interpretation der Dekadenz im Calvinismus und im Luthertum wird
im V. Kapitel genauer eingegangen.
212
Die protestantische Ethik, Religionssoziologie, 195f.
213
ebd., 197f.
214
Die protestantische Ethik, in: Religionssoziologie, 54ff.
215
ebd., 54ff., S.125f. Anm. 123.
- 182 -
IV. DIE PROTESTANTISCHE ETHIK - DER LEISTUNGSETHIKER BEI THOMAS
MANN UND MAX WEBERS KONZEPT ,BÜROKRATIE UND ASKESE'
Die gemeinsame Diagnose der eher vom Calvinismus geprägten Sichtweise Max
Webers und der eher lutherischen Thomas Manns auf die gesellschaftliche Krise vor
dem Ersten Weltkrieg bezogen lautet, wie in der Einleitung bereits ausgeführt wurde,
Bürokratie und Askese bei Weber bzw. Leistungsethik bei Mann. Beide Theorien
wurden von ihnen als Heilungsvorschläge eingebracht. Ob diese für eine ,Gesundung'
der wilhelminischen Gesellschaft tragfähig waren, soll im Folgenden untersucht
werden.
Der Leistungsethiker in den Werken Thomas Manns, ausgehend von den
"Betrachtungen eines Unpolitischen" wurde schon in der Einleitung umrissen. Die
Darstellung des konservativen Dilemmas wird schließlich im "Tod in Venedig" auf die
Spitze getrieben. Danach gab es kein ,Darüber-Hinaus', die Geschichte des
Leistungsethikers endet bei Thomas Mann mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges.1
Nach Lukács, der übrigens Weber und Mann persönlich kannte, sind Thomas Mann
und Theodor Fontane die ersten und einzigen deutschen Schriftsteller, die die innere
Gebrechlichkeit der ,preußischen Haltung' aufgedeckt haben.2
"So geriet Thomas Mann, der Entwicklung seines Vaterlandes entsprechend, in
einer zuallertiefst problematischen ideologischen Lage, in den Ersten Weltkrieg.
Seine Situation war (…) äußerst paradox: sowohl die dichterische Kritik am
Preußentum wie die menschlich-politische Zuneigung zu ihm haben beim
Ausbruch dieser nationalen Krise in Thomas Mann ihren Gipfelpunkt erreicht.
(...)"3
1
s. S. 15, Anm. 14; s. auch Kunst als Krieg, Erzählungen, 540.
2
verwiesen sei hier auf das Zitat von Lucács im Vorwort, S. 15f., Anm. 15.
3
Lucács,Thomas Mann. Auf der Suche nach dem Bürger, in: Werke Band 7, 505ff.
- 183 -
Da die Außenpolitik dieser Zeit durch ihre Zuspitzung keine unwesentliche Rolle für
das Werk Manns und Webers spielt, seien hier die wichtigsten Aspekte und die
Kommentare Max Webers und Thomas Manns diesbezüglich zusammengefasst.
1. Exkurs: Bismarcks Bündnissystem unter Berücksichtigung der Kommentare Max
Webers und Thomas Manns
Weber übte Kritik an Bismarcks Bündnissystem, vor allem die Dreibundpolitik und
die mangelnde Ausdehnung Italiens wurden kritisiert, auch wenn Bismarck
außenpolitisch als Garant für eine Politik der Bewahrung stand.4
Bismarcks Außenpolitik ging bekanntlich von einer Bedrohung des Reiches wegen
seiner Mittellage aus, das zudem durch keine natürlichen Grenzen geschützt war. Sein
Ziel war die Isolierung des republikanischen Frankreich und die Ablenkung auf die
Kolonien in Africa. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg herrschten Spannungen
zwischen Deutschland und Frankreich und zwischen Österreich–Ungarn und Russland.
Österreich war ein Vielvölkerstaat. Der österreichische Kaiser gewährte den Ungarn
Gleichberechtigung, denn er war seit 1866 im Zuge der K.u.K.-Doppelmonarchie König
von Ungarn. Russland unterstützte alle slawischen Völker. Sein Ziel war die Befreiung
von Österreich–Ungarn unter der Schutzmacht Russlands, des so genannten
Panslavismus.
Der Weg zur Erreichung von Bismarcks Zielen war nicht einfach:
1872 wurde in der Dreikaiserverständigung das Neutralitätsabkommen der
Großmächte
Deutschland–Österreich–Russland
beschlossen.
Das
Ergebnis
war
tatsächlich die Isolation Frankreichs und die Überbrückung des österreichischrussischen Gegensatzes auf dem Balkan (Panslawismus).
4
vgl. dazu ausführlich Radkau, 602.; s. auch Weber, Bismarcks Außenpolitik und die Gegenwart
(Dezember 1915), in: PS, 109-126.; Deutschlands äußere und Preußens innere Politik (März 1917), in:
PS, 173-186.; Deutschland und die europäischen Weltmächte (Oktober 1916), in: PS 152-172.
- 184 -
Als 1875 die Orientkrise ausbrach, erhoben sich Russland und die Balkanstaaten
gegen die Türkei. Es kommt zum Krieg. Österreich ist für den ,Status quo' auf dem
Balkan. Deutschland trat für Österreich ein. 1877 kam es zum russisch–türkischen Krieg
und zum Friedensdiktat von San Stefano, das die Aufteilung der europäischen Türkei
beschloss. Die Meerengen fielen dabei an Russland. England und Österreich erhoben
Einspruch. Es bestand Kriegsgefahr.
1878 auf dem Berliner Kongress trat Bismarck als ,ehrlicher Makler' für eine neue
Balkanordnung auf. Rumänien, Serbien, Montenegro wurden unabhängige Staaten,
Russland erhielt Bessarabien, Österreich erhielt das Verwaltungsrecht über Bosnien und
Herzegowina. Bulgarien wurde tributpflichtiges Fürstentum. England erhielt Zypern.
Russland war über diese Aufteilung verärgert und Deutschland und Österreich fühlten
sich dadurch bedroht.
1879 folgt der Zweibund mit Österreich: Es handelte sich um ein Defensivbündnis,
denn Bismarck befürchtete ein Bündnis Russlands mit Frankreich. Das Bündnis
besagte: Neutralität bei einem Angreifer, befindet sich allerdings Russland unter den
Angreifern, wird Waffenhilfe zugesagt. Ziel war die Verständigung mit Russland.
Das Dreikaiserbündnis von 1881 war ein Neutralitätsabkommen zum Schutz vor
einem Zweifrontenkrieg. Doch die Balkanprobleme wurden hier nur aufgeschoben.
Der Dreibund mit Italien 1882 kam zustande, da Italien verärgert über die
französische Besetzung Tunesiens war. So wurde eine Beistandspflicht vereinbart,
außer gegen England. Allerdings bestand ein italienisch-österreichischer Gegensatz von
Anfang an in Bezug auf den Brenner in Südtirol. Max Weber bemerkt dazu: "Die
Eigenart des Dreibundes folgte aus der allgemeinen Eigentümlichkeit der in jedem Sinn
,konservativen' Bismarckschen Politik." Er meinte damit den Defensivcharakter.5
5
Weber, Bismarcks Außenpolitik und die Gegenwart (Dezember 1915), in: PS, 109-26, 110.
- 185 -
Der Rückversicherungsvertrag 1887 war nötig geworden, da neue Gegensätze
zwischen Russland und Österreich auf dem Balkan entstanden waren. Daraufhin suchte
Frankreich das Bündnis mit Russland. Österreich wurde von Deutschland nicht auf dem
Balkan unterstützt. Daher stellte der Vertrag eine Annäherung an Russland dar durch
ein deutsch-russisches Neutralitätsversprechen, das geheim blieb. Es besagte: Keine
Unterstützung Österreichs bei einem Angriff auf Russland. Deutschland befürwortete,
dass Russland die Meerengen erhielt.
In der Mittelmeerentente von 1887 verbündeten sich schließlich England,
Österreich und Italien. Ziel war die Sicherung des Status quo im Mittelmeer. Die
Meerengen waren dadurch nicht in russischer Hand. Das wurde durch Bismarck
gefördert.
Die Bündnispolitik hing stark mit dem Imperialismus der Großmächte um 1900
zusammen. Am Beispiel der USA äußerte sich dies im Dollarimperialismus, bei
Großbritannien im Glauben and das British Empire, Frankreich stellte seinen
Nationalstolz zur Schau, Deutschland war auf den Kurs ,Ein Platz an der Sonne'
eingefahren, Russland kämpfte um die Vormachstellung auf dem Balkan und Japan
suchte seine Vormacht in Ostasien auszubauen. Methoden dabei waren vor allem der
Kampf um Seewege, die Konkurrenz der Großmächte und der Wettlauf um die
Aufteilung der Erde. Die Folgen für die Großmächte waren gegenseitiges Misstrauen,
politische Krisen und eine latente Kriegsgefahr. Die Kolonialpolitik der Großmächte
bestand vor allem aus Geschenken wie Glasperlen, Verträgen mit einheimischen
Häuptlingen, in der Eroberung, Unterwerfung, Zerschneidung von Stammesgrenzen,
Besiedlung, im Bau von Schulen, Straßen, Krankenhäusern, militärischen Stützpunkten
durch billige einheimische Arbeitskräfte und der Verwaltung durch Weiße. Die Folgen
für die Kolonialvölker waren verheerend: Die Bodenschätze wurden ausgebeutet, die
landwirtschaftliche Autarkie durch Monokulturen auf Plantagen zerstört, die
Stammeskulturen unterdrückt und europäisiert durch Zivilisation und Religion,
politische Unmündigkeit und eine rückständige Industrie, die vom Weltmarkt abhängig
war, gehörten ebenfalls zu den Auswirkungen. Bis heute besteht diese wirtschaftliche
und politische Abhängigkeit der Entwicklungsländer von den Industrienationen.
- 186 -
Im Imperialismus der europäischen Großmächte und vor allem Deutschlands nach
1880 liegt bekanntlich auch eine der Ursachen für den Ersten Weltkrieg. Denn der
Eintritt in die Weltpolitik fand in Deutschland vor allem unter Kaiser Wilhelm II. unter
dem Slogan ,Ein Platz an der Sonne' statt. Damit wurde der Erwerb von Kolonien
begründet. Allgemein äußerte sich der Imperialismus auf europäischer Eben wie schon
gesagt in einem übersteigerten Konkurrenzkampf um die ,freien' Gebiete der Welt.
Damit hängt die zweite Ursache zusammen: Der Militarismus. Im Deutschen Reich
äußerte er sich im forcierten Flottenbau, auf europäischer Ebene im Wettrüsten aller
Großmächte und der Rivalität Deutschlands mit England. Neben Nationalismus und
Antisemitismus bildete der Militarismus das dritte Charakteristikum in der politischen
Kultur des Kaiserreiches. Durch die drei Einigungskriege hatte das preußische
Offizierskorps einen hohen gesellschaftlichen Prestigezuwachs erfahren: ,Nicht durch
Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das
ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen -, sondern durch Eisen und Blut', so
Bismarck als frisch ernannter preußischer Ministerpräsident am 30. September 1862
gegenüber der liberalen Opposition in der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses.
Diese Worte sollten sich bewahrheiten: Drei Kriege führte Bismarck, um die deutsche
Einheit unter Preußens Führung zu verwirklichen: 1864 mit Österreich gegen
Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870/71 gegen Frankreich. Der Krieg gegen
Napoleon III. war populär, da Bismarck es gelungen war, ihn als Aggressor
hinzustellen, obwohl die eigentliche Kriegsprovokation von ihm selbst ausging. Jetzt
wurde wieder der alte Hass gegen den ,Erbfeind' jenseits des Rheins geschürt, und ganz
Deutschland wurde von einer Welle des Nationalismus erfasst. Daraus leitete sich die
exklusive Sonderstellung des Militärs ab, militärische Wertvorstellungen und Leitbilder
breiteten sich nach 1871 schnell in der deutschen Gesellschaft aus. Sie bestimmten das
Verhalten bis in die Alltagsgewohnheiten, bereits die Kleinsten wuchsen mit der
Bewunderung für das Militär auf. So fehlte in kaum einem Kinderzimmer ein Satz
Bleisoldaten. Die militärischen Denk- und Verhaltensmuster setzten sich dann in der
Schule fort. Viele Lehrer sahen sich nicht als einfühlsame Pädagogen, sondern als
unerbittliche
Drillmeister,
die
mangelndes
Verwendung des Rohrstocks kompensierten.
didaktisches
Geschick
durch
die
- 187 -
Bereits 1890 nahm Max Weber anders als andere Liberale Anstoß an den
mangelnden Führungsfähigkeiten Wilhelm II. und an der außenpolitischen
Verantwortungslosigkeit der kaiserlichen Politik. Vor allem Wilhelms II. Präsentationen
der militärischen Macht lehnte er ab, ohne jedoch die Monarchie grundsätzlich in Frage
zu stellen.
Durch folgende internationalen Entwicklungen kam es bekanntlich zur Abkehr vom
europäischen Kräftegleichgewicht: In Deutschland war vor allem die Abkehr von
Bismarcks Bündnissystem dafür verantwortlich und die damit einhergehende
Einkreisung Deutschlands mit seinem letzten Bündnispartner Österreich-Ungarn. Auf
europäischer Ebene sorgte die Triple Entente zwischen England, Frankreich und
Russland dafür.6 Der Nationalismus äußerte sich bekanntlich in Floskeln wie ,Am
deutschen Wesen soll die Welt genesen', der Politik der ,freien Hand', dem ,Recht des
Stärkeren'. Darin drückte sich das Herrendenken und das Geltungsbedürfnis bei allen
Großmächten aus. Schließlich führten die internationalen Krisen wie die Unterstützung
Österreich-Ungarns auf dem Balkan aus deutscher Sicht und aus europäischer Sicht die
Balkankrise mit ihrem Gegensatz zwischen dem Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn und
Russland/Serbien (serbisches Großreich) auf dem Balkan zum Ersten Weltkrieg.
Literarisch ist der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die mit ihm einhergehende
,Entzauberung' im "Zauberberg" Thomas Manns dargestellt.
Nach Bismarcks Entlassung, bei der persönliche Gründe (ein Generationengegensatz
und Altersunterschied von 44 Jahren zwischen Bismarck und Wilhelm II.),
innenpolitische Gründe wie vor allem das Sozialistengesetz und das Verbot der SPD
und außenpolitische Gründe wie die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages
und die damit einhergehende Verärgerung des Zaren eine Rolle spielten, lag die
Bündnispolitik vor allem in den Händen des Kaisers. Um die Weltmacht Deutschlands
unter dem Slogan ,Ein Platz an der Sonne' aufzubauen, war das Ziel Wilhelms II. vor
allem der Aufbau einer Kriegsflotte als Konkurrenz zur englischen Seeherrschaft. Der
6
Thomas Mann spricht in diesem Zusammenhang an mehreren Stellen abfällig vom ,Ententegeist', s. z.B.
in: Das Problem der deutsch-französischen Beziehungen, in: Essays II, 456.
- 188 -
deutsche Flottenverein unter Admiral Tirpitz wurde gegründet. England sah sich
bedroht und die Bündnisverhandlungen scheitern. Es kommt zum Wettrüsten.
Frankreich und Russland schlossen 1892 ein Militärbündnis, denn nach
Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages wandte sich Russland Frankreich zu
und es bestand die Gefahr eines Zweifrontenkrieges.
Die Entente cordiale hatte zur Voraussetzung, dass der Streit Englands und
Frankreichs um die Kolonie im Sudan beigelegt war. Dies ermöglichte erst das
Militärbündnis zwischen Frankreich und England. Im englisch-russischen Bündnis von
1907 lag die Voraussetzung vor, dass der Streit Russlands mit England um den Iran und
Afghanistan beigelegt worden war. So verblieb Deutschland nur ein einziger
Bündnispartner mit großen Problemen: Österreich-Ungarn war ein Vielvölkerstaat, der
sich aus Deutschen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Slowenen, Serben, Kroaten, Polen
und Ruthenen, Italienern und Rumänen zusammensetzte. Der Panslawismus mit
Russland als Führer aller slawischen Völker in Österreich und auf dem Balkan führte zu
ständigen Spannungen mit Österreich-Ungarn und den schon beschriebenen
Balkankrisen. Hauptverbündeter Staat mit Russland war dabei Serbien.7
Der Anlass zum Ersten Weltkrieg war dann wie allgemein bekannt die Ermordung
des österreichischen Thronfolgers Erzherzogs Franz-Ferdinands durch serbische
Nationalisten am 28. Juni 1914. Als Grund kann man das Streben Franz-Ferdinands
nach Ausgleich mit den Nationalitäten im Land sehen, damit wäre Russlands Einfluss
zurückgegangen. Am 23. Juli 1914 erfolgte ein Österreichisches Ultimatum an Serbien,
das die Befreiung der Attentäter, ein Verbot der Untergrundorganisationen und die
Untersuchung durch österreichische Behörden beinhaltete. Dieses wurde von Serbien
nur
teilweise
angenommen.
An
Österreich
erfolgte
die
uneingeschränkte
Rückendeckung Wilhelms II. (Blancoscheck).
Am 28. Juni erfolgte die Österreichische Kriegserklärung an Serbien, da es mit
Russland verbündet war. Russlands Reaktion war die Mobilmachung der Truppen an
den Grenzen Österreichs und Deutschlands. Deutschlands Ultimatum an Russland
7
vgl. Karl Ploetz, Auszug aus der Geschichte, Würzburg 1956.
- 189 -
lautete: Rücknahme der Truppen an der Grenze zu Deutschland. Am 1.8.1914 erklärte
Deutschland Russland den Krieg, am 3.8.1914 Frankreich. So bestand die Gefahr eines
Zweifrontenkrieges. Zwar war noch Italien mit Deutschland und Österreich verbündet,
doch es griff auf Seiten der Entente in den Krieg ein. Insofern hatte Weber mit seiner
Kritik an der mangelnden Einbindung Italiens Recht. Die deutsche Heeresleitung
beschloss, zuerst Frankreich, dann Russland anzugreifen, da dies einen größeren
Anmarsch erforderte und nur schlechte Ausrüstung zur Verfügung stand.
2. Der "Tod in Venedig" als Höhepunkt der Künstlerproblematik im Werk von Thomas
Mann
Thomas Mann selbst verknüpft seinen Roman "Die Bekenntnisse des Hochstaplers
Felix Krull", den "Zauberberg", "Buddenbrooks" und die Novelle "Tod in Venedig"
thematisch miteinander:
"Es folgten die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, die nichts weiter waren
als eine neue Abwandlung des künstlerischen Einsamkeits- und
Scheinbarkeitsproblems ins Kriminelle. (...) Der Krullsche Memoirenton, ein
heikelstes stilistisches Balance-Kunststück war ohne Ermüdung nicht Jahr und
Tag durchzuhalten, und ich war wohl heimlich auf der Suche nach neuen Dingen,
als ich Sommer 1912 den Lido von Venedig besuchte. Dort kam eine Reihe
kurioser Umstände und Eindrücke zusammen, um in mir den Gedanken zu einer
Erzählung keimen zu lassen, deren Titel mit dem Namen der Lagunenstadt
verbunden ist. Der Tod in Venedig war als rasch zu erledigende Improvisation und
Einschaltung in die Arbeit am Betrügerroman gedacht; aber die Dinge haben ihren
eigensinnigen Willen, und es widerfuhr mir dasselbe wie schon vorher bei
Buddenbrooks und später beim Zauberberg: die Geschichte des würdig
gewordenen Künstlers von Aschenbach wuchs sich aus. (...) Alles stimmte auf
eine besondere Weise, und wie im jugendlichen Tonio Kröger ist auch im Tod in
Venedig kein Zug erfunden: der verdächtige Gondolier, der Knabe Tadzio und die
Seinen, die durch Gepäckverwechslung mißglückte Abreise, die Cholera, der
ehrliche Clerk im Reisebüro, der bösartige Bänkelsänger – alles war durch die
Wirklichkeit gegeben, war nur einzusetzen. Streckenweise hatte ich während
dieser Arbeit ein Gefühl einer souveränen Getragenheit, wie ich sie sonst nicht
gekannt.
Ursprünglich hatte ich ganz etwas anderes machen wollen. Ich war von dem
Wunsche ausgegangen, Goethes Spätliebe zu Ulrike von Levetzow zum
Gegenstand meiner Erzählung zu machen, die Entwürdigung eines
- 190 -
hochgestiegenen Geistes durch die Leidenschaft für ein reizendes, unschuldiges
Stück Leben darzustellen – jene schwere Krise Goethes, der wir seine herrliche
Karlsbader Elegie verdanken, diesen Aufschrei aus tiefstem Verstört- und
Hingerissensein, das für ihn fast zum Untergang geworden wäre und jedenfalls ein
Tod vor dem Tode gewesen ist. – Damals hatte ich es nicht gewagt, die Gestalt
Goethes zu beschwören, ich traute mir die Kräfte nicht zu und kam davon ab
(…)"8
So beschreibt Thomas Mann die Entstehungsbedingungen des "Tod in Venedig".
"Ich schuf mir einen modernen Helden, einen Helden des zarten Typus, den ich in
früheren Werken schon sympathievoll gestaltet hatte, einen Bruder Thomas
Buddenbrooks (...), einen Helden der Schwäche also, der am Rande der
Erschöpfung arbeitet und sich das Äußerste abgewinnt, kurz: einen Helden vom
Schlage des von mir selbst so getauften "Leistungsethikers"."9
Und in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" heißt es zu dieser Problematik:
"Wenn ich irgend etwas von meiner Zeit sympathetisch verstanden habe, so ist es
ihre Art von Heldentum, die modern–heroische Lebensform und –haltung des
überbürdeten und übertrainierten, ,am Rande der Erschöpfung arbeitenden'
Leistungsethikers ... und hier ist meine seelische Berührung, eine einzige, aber
eine wichtige und mich erschütternde, mit dem Typus des neuen Bürgers. Ich
habe ihn niemals real, als politisch–wirtschaftliche Erscheinung gestaltet; dazu
reichte weder meine Sympathie noch meine Kenntnis aus: Aber das Dichterische,
das schien mir immer das Symbolische zu sein, und ich darf sagen, daß ich
beinahe nichts geschrieben habe, was nicht Symbol wäre für ein Heldentum dieser
modernen, neubürgerlichen Art."10
a) Der Meisterstil oder der Aspekt des ,Soldatischen'
8
Thomas Mann, On Myself. ,Doppellecture' vor den Studenten der Universität Princeton, 2./3. Mai 1940,
in: Hans Wysling, Dokumente und Untersuchungen. Beiträge zur Thomas-Mann-Forschung (ThomasMann-Studien 3. Bd.), Bern - München 1974, 84-87.
9
ebd., 84ff.; zum Begriff des Leistungsethikers siehe Vorwort, S. 14f.
10
Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Kapitel ,Bürgerlichkeit', in: Gesammelte Werke in
zwölf Bänden, Frankfurt a.M. 1960, Bd. XII, 144; Frankfurt a.M. 2001, 161f.
- 191 -
Der "Tod in Venedig"11 bildet also den Höhepunkt in der Darstellung der
Künstlerproblematik. Thomas Mann zeigt hier das scheinbar gemeisterte Leben eines
Künstlers, der dem Typus des ,Leistungsethikers' angehört, das durch ,Eros–Dionysos'
entwürdigt und als sinnlos erkannt verworfen bzw. vernichtet wird. Der Einbruch der
Leidenschaft in dieses Leben führt zur Selbstauflösung der künstlerischen Existenz.
Diese künstlerische Existenz lässt sich auf folgende Definition von Kunst und
Künstlertum zurückführen: Der Künstler unterscheidet zwischen der Gestalt, in der
seine Kunst ausgedrückt wird und dem Gehalt, den dieses Kunstwerk besitzt. Ist die
Beziehung zwischen Gestalt und Gehalt eines Kunstwerkes vollkommen, so bezeichnet
man es als schön. Sinnbildlich dafür steht die griechische Bronzestatue des
Dornausziehers aus dem 1. Jhd. v. Chr.. Der Künstler stellt also Geistiges sinnlich dar
und ist somit dem Geistigen wie dem Sinnlichen verbunden. Der Weg des Künstlers
geht vom Sinnlichen zum Geist. Doch auf diesem Weg findet sich Eros ein, der sich
vom Führer zu vollkommener Schönheit zum Dämon wandelt, der in den Abgrund des
Lebens führt und damit die Welt des Künstlers als Scheinwelt entlarvt, die Zucht der
Künstlerexistenz auflöst und in Zügellosigkeit verwandelt.
Dieser Niedergang kommt zum Beispiel gegen Ende des Buches ganz deutlich zum
Ausdruck, in der ,Aschenbach' sich auf einem Platz im schwülen sonnigen Venedig
befindet.12 In dieser Szene hat sich die Wandlung von Zucht in Zügellosigkeit im
Wesen des Künstlers ,Aschenbach' schon vollzogen, denn ,heilsame Ernüchterung' nicht
wollen zu können, ist Zügellosigkeit. ,Aschenbach' ist sich seiner Mitschuld bewusst,
wenn er das Wissen über das Übel, d.h. die Cholera, die Venedig heimsucht, seiner
Umwelt und besonders seinem geliebten ,Tadzio' gegenüber verheimlicht, doch er
nimmt diese Schuld ohne schlechtes Gewissen auf sich. Der Gedanke an seine
Mitwisserschaft berauscht ihn sogar, "wie geringe Mengen Weines ein müdes Hirn
berauschen".13 Sein vernunftwidriges Verhalten ist schon weit entfernt von der Zucht,
die ,Aschenbach' vor Antritt der Reise verkörperte. Um diese Wandlung im Wesen
11
Thomas Mann, Der Tod in Venedig und andere Erzählungen, Frankfurt a.M. 1985.
12
Thomas Mann, Der Tod in Venedig, Frankfurt a.M. 1985, 60.
13
ebd., 61.
- 192 -
,Aschenbachs' erklären zu können, muss man seine stufenartig erfolgende Entwicklung
von der Zucht zur Zügellosigkeit in ihrem Verlauf beschreiben.
,Aschenbachs' Künstlertum wird im zweiten Teil der Novelle ausführlich
beschrieben: ,Gustav von Aschenbach' kommt aus einer Familie, deren Vorfahren
Offiziere, Richter, Verwaltungsbeamte waren, die also im Dienst des Königs ,ihr
straffes, anständig karges Leben geführt hatten'14 Sein Vater hatte auch alle diese
Eigenschaften vorzuweisen. Die Mutter ,Aschenbachs' hingegen war aus Böhmen, sie
brachte ,dunkle und feurige Impulse' mit in die Familie. Diese beiden unterschiedlichen
Charaktere der Eltern werden auf Aschenbach übertragen.15 Sein Künstlertum ist für ihn
preußisch getreue Pflichterfüllung, und es gilt die Gefühle, sein anderes Ich von Seiten
der Mutter, völlig zu unterdrücken. In dieser Unterdrückung der einen Seite seines
Wesens auf Kosten der anderen, liegt die Wurzel für seine spätere Wandlung und
Vernichtung. ,Aschenbach' war ein schwächliches Kind, das vom Schulunterricht
ausgeschlossen war und schon früh in der Öffentlichkeit stand, weil er eine Begabung
für das ,geformte Wort' entwickelte. Seine Natur war nicht zu ständiger Anspannung
geboren, sondern nur berufen.16 Seine Jugend wird als leidend-tätig beschrieben, was
auch auf Thomas Mann zutrifft. Seine Lieblingsworte sind ,Durchhalten' und ,Zucht'.
Zu seinen Eigenschaften gehören Willensdauer und Zähigkeit, die völlig die zweite
Seite seines Wesens, nämlich seine Gefühle, beherrschen. Das kommt auch sehr gut
durch eine Aussage zum Ausdruck, die einmal über ihn gemacht worden ist: ",,Sehen
Sie, Aschenbach hat von jeher nur so gelebt“ - und der Sprecher schloß die Finger
seiner Linken fest zur Faust -; ,,niemals so“ - und er ließ die geöffnete Hand bequem
von der Lehne des Sessels hängen."17 So spiegelt auch seine Kunst seine Lebensweise
14
Mann, Erzählungen, 500.
15
vgl. die unterschiedliche Herkunft Thomas Manns Eltern: Der Vater war der hanseatische Patrizier
Senator Thomas J. H. Mann, die Mutter Julia, geb. da Silva-Bruhns war brasilianischer Abstammung.
Über sie schreibt er: "Unsere Mutter war außerordentlich schön, von unverkennbar spanischer Turnüre –
gewisse Merkmale der Rasse, des Habitus habe ich später bei berühmten Tänzerinnen wiedergefunden –
mit dem Elfenbeinteint des Südens, einer edelgeschnittenen Nase und dem reizendsten Munde, der mir
vorgekommen.", s. dazu Klaus Schröter, Thomas Mann, Hamburg 1986, 14.
16
Erzählungen, 501.
17
ebd., 501.
- 193 -
wider. Er beschreibt in seinen Werken immer wieder einen ,Helden der Schwäche', denn
alles Große steht für ,Aschenbach' als ein ,Trotzdem' da, trotz Kummer und Qual,
Körperschwäche, Laster und Leidenschaft.
Seinen Aufstieg zu Ruhm und Ehre bezeichnet er als bewussten une trotzigen, alle
Hemmungen des Zweifels und der Ironie zurücklassenden Aufstieg zur Würde.
,Aschenbach' selbst ist ein Held der Schwäche, er zwingt sich zur Leistung, indem er
das natürlich Gegebene seines Wesens unterdrückt um Würde und Ruhm zu erreichen.
Diese Haltung ,Aschenbachs' ist auch bezeichnend für seine Zeit: Seine Werke sind
beliebt bei den ,Moralisten der Leistung', den ,Leistungsethikern', wie Thomas Mann
diese Art von Menschen bezeichnet, die sich durch ,Willensverzückung' wenigstens
eine zeitlang die Wirkungen der Größe abgewinnen. Seine Kunst richtet er
dementsprechend nach diesen Anforderungen aus. Er selbst hat schon in frühen Jahren
Zweifel an der Kunst gehegt, sie in Frage gestellt. Doch diese Erkenntnis, die von
Anfang bis Ende in der Novelle wieder auftaucht, nämlich, dass das Künstlertum eine
Sympathie mit dem Abgrund hat, wird von ihm verdrängt und schließlich als falsch
verworfen. Seine Werke spiegeln die ,Abkehr von allem moralischen Zweifelsinn, von
der Sympathie mit dem Abgrund' wider. Seine Kunst wandelt sich damit ins
,Mustergültig-Feststehende' und ,Formelhafte'.
Schon in seinen Jugendjahren erkannte er das fragwürdige Wesen der Kunst, er
stellte sie öffentlich in Frage, d.h. er verriet seine Kunst. Doch er erkannte, dass er durch
diese Erkenntnis sein Talent misshandelte und gefährdete. Daher wandelte er seinen
Stil: Er wandte sich von der Erkenntnis ab, die Sympathie mit dem Abgrund hat und
damit gegen den ,unanständigen' Psychologismus der Zeit, den der angehende
Naturalismus und die Anfänge des Expressionismus mit sich brachten. Er verbannt
jedes gemeine Wort aus seinen Werken, die das Wunder der wieder gewonnenen
Unbefangenheit verkörpern. Sein Stil wird als Meisterstil bezeichnet, der von
ungeheurer Klassizität ist. Durch Züchtigung seiner Leidenschaft und seiner Gefühle
und damit durch die Unterdrückung einer Seite seines Wesens, das von mütterlicher
Seite stammt, verwandelt er die Kunst in preußische Pflichterfüllung und setzt damit die
bürgerliche Tradition seiner Vorfahren fort. Der Künstler ,Aschenbach' wird zum
,Ehrenbürger' der Gesellschaft, die ihn bewundert und schätzt und ihm sogar die
Auszeichnung des Adelstitels verleiht.
- 194 -
,Aschenbach' erstarrt innerlich: Er ist nicht fähig Gefühle zu haben und verletzbar zu
sein. Die Kunst wird für ihn zu einem erhöhten Leben jenseits von Laster und
Leidenschaft. Er ist stolz auf seine Nobilitierung, auf sein allgemeines Ansehen, das er
in der Welt genießt. ,Würde' ist für ,Aschenbach' ein sehr wichtiger Begriff: Jedem
Talent, so sagt er, ist ein natürlicher Drang zur Würde eingeboren. Seinen Aufstieg
bezeichnet er als Weg zur Würde, der alle Zweifel und damit auch die Ironie hinter sich
lässt. Er ist seiner Meinung nach vollkommen, er hat den Verlust, das heißt die
Verdrängung seiner Gefühle akzeptiert, er hält dies sogar für notwendig um Würde zu
erreichen. Dieses Leben ist für ihn endgültig gemeistert, aber eben nur scheinbar, wie
im Verlauf der Erzählung deutlich wird. Er vertritt ganz den Typus des
Leistungsethikers. Auch in den Werken ,Aschenbachs' kehrt dieser Heldentypus immer
wieder: Verkörpert ist er in der Sebastiansgestalt, die die ,elegante Selbstbeherrschung
bis zur inneren Unterhöhlung' bewahrt und ,den biologischen Verfall vor den Augen der
Welt verbirgt'. Diese Auffassung ,Aschenbachs' vom Heldentum entspricht genau dem
Zeitgeist, was seine Werke so beliebt werden und sein Ansehen in der Gesellschaft bis
zur Nobilitierung wachsen lässt. "Gustav Aschenbach war der Dichter all derer, die am
Rande der Erschöpfung arbeiten, der Überbürdeten, schon Aufgeriebenen, sich noch
Aufrechterhaltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmächtig von Wuchs
und spröde von Mitteln, durch Willensverzückung und kluge Verwaltung sich
wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Größe abgewinnen. Ihrer sind viele, sie
sind die Helden des Zeitalters."18
Ein Vorbild für ,Aschenbachs Arbeitsweise' ist der Musiker Gustav Mahler (18601911):
"Äußerlich trägt dieser Gustav von Aschenbach die Züge Gustav Mahlers, des
großen österreichischen Musikers, der damals gerade als schwerkranker Mann
von einer amerikanischen Konzerttournée zurückgekehrt war; und sein fürstliches
Sterben in Paris und Wien, das man in den täglichen Bulletins der Zeitungen
schrittweise miterlebte, bestimmte mich, dem Helden meiner Erzählung die
leidenschaftlich strengen Züge der mir vertrauten Künstlerfigur zu geben."19
18
Mann, Der Tod in Venedig und andere Erzählungen, Frankfurt a.M. 1985, 14.
19
Thomas Mann, On Myself, in: Hans Wysling, Dokumente und Untersuchungen, Bern - München 1974,
84-87.
- 195 -
Aber auch Züge August von Platens sind in die Figur des Dichters mit eingeflossen,
vor allem sein Gedicht "Wer die Schönheit angeschaut mit Augen ..."20
Am 4. Oktober 1930 hielt Thomas Mann in der Platen-Gesellschaft zu Ansbach eine
Rede über den Dichter August von Platen:
"Man kennt die spielerische makabre und pointenhafte Verkoppelung der Begriffe
Liebe und Tod, wie die Romantik und wie noch Heine in seine romantisierenden
Liedchen und Romanzen sie dichterisch praktizierte. Hier, in Platens Gedicht,
sind diese Ideen auf eine Weise aneinandergebunden, die weit über das äußerlich
und sentimental Romantische hinausführt in eine Seelenwelt, für die ebendiese
geheimnisvollen Verse ,Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode
schon anheimgegeben' die Ur- und Grundformel bilden, eine Welt, in welcher der
Lebensbefehl, die Gesetze des Lebens, Vernunft und Sittlichkeit nichts gelten,
eine Welt trunken hoffnungsloser Libertinage, die zugleich eine Welt der
stolzesten Form und der Todesstrenge ist und die den Adepten lehrt, daß das
Prinzip der Schönheit und Form nicht der Sphäre des Lebens entstammt, daß seine
Beziehung zu ihm höchstens die eines rigorosen und melancholischen Kritizismus
ist: es ist die Beziehung des Geistes zum Leben. Liebe und Tod, diese
Zusammenziehung romantischen Witzes, ist es noch nicht, was die Welt, von der
ich spreche, bestimmt. Schönheit und Tod, und daß der Pfeil des Schönen der des
Todes und ewigen Sehnsuchtsschmerzes ist, erst darin vollendet sich's. Tod,
Schönheit, Liebe, Ewigkeit sind die Sprachsymbole dieses zugleich platonischen
und rauschvoll musikalischen Seelenwunders voll Faszination und Verführung
(...)."21
,Aschenbachs' Arbeitsweise hat Thomas Mann in der Erzählung "Schwere Stunde"
aus dem Jahre 1905 Schillers mühsamer Arbeit am "Wallenstein" zu nächtlicher Stunde
zugeschrieben. Damit wurde auch Schiller zum Vorbild für die Gestaltung des Dichters
,Aschenbach'.
"Er stand vom Schreibtisch auf, von seiner kleinen, gebrechlichen
Schreibkommode, stand auf wie ein Verzweifelter und ging mit hängendem
Kopfe in den entgegengesetzten Winkel des Zimmers zum Ofen, der lang und
schlank war wie eine Säule. Er legte die Hände an die Kacheln, aber sie waren fast
ganz erkaltet, denn Mitternacht war lange vorbei, und so lehnte er, ohne die kleine
20
August von Platen, Tristan, in: August von Platen, Gedichte, Heidelberg 1958, 43.; s. auch das Gedicht
"Venedig", in: ders., 165-170.
21
Thomas Mann, August von Platen, in: Thomas Mann, Essays, Bd. 1, hrsg. v. Michael Mann, Frankfurt
a.M. 1977, 113-123.
- 196 -
Wohltat empfangen zu haben, die er suchte, den Rücken daran, zog hustend die
Schöße seines Schlafrockes zusammen, aus dessen Brustaufschlägen das
verwaschene Spitzenjabot heraushing, und schnob mühsam durch die Nase, um
sich ein wenig Luft zu verschaffen; denn er hatte den Schnupfen wie gewöhnlich.
Das war ein besonderer und unheimlicher Schnupfen, der ihn fast nie völlig
verließ. Seine Augenlieder waren entflammt und die Ränder seiner Nasenlöcher
ganz wund davon, und in Kopf und Gliedern lag dieser Schnupfen ihm wie eine
schwere, schmerzliche Trunkenheit. Oder war an all der Schlaffheit und Schwere
das leidige Zimmergewahrsam schuld, das der Arzt nun schon wieder seit
Wochen über ihn verhängt hielt? (...) Das sechseckige Zimmer, kahl, nüchtern und
unbequem, mit seiner geweißten Decke, unter der Tabaksrauch schwebte, seiner
schräg karierten Tapete, auf der oval gerahmte Silhouetten hingen, und seinen
vier, fünf dünnbeinigen Möbeln, lag im Lichte der beiden Kerzen, die zu Häupten
des Manuskripts auf der Schreibkommode brannten. (...) Er stand am Ofen und
blickte mit einem raschen und schmerzlich angestrengten Blinzeln hinüber zu dem
Werk, von dem er geflohen war, dieser Last, diesem Druck, dieser Gewissensqual,
diesem Meer, das auszutrinken, dieser furchtbaren Aufgabe, die sein Stolz und
sein Elend, sein Himmel und seine Verdammnis war. Es schleppte sich, es
stockte, es stand – schon wieder, schon wieder! Das Wetter war schuld und sein
Katarrh und seine Müdigkeit. Oder das Werk? Die Arbeit selbst? Die eine
unglückselige und der Verzweiflung geweihte Empfängnis war? (...) Müde war er,
siebenunddreißig erst alt und schon am Ende. Der Glaube lebte nicht mehr, der an
die Zukunft, der im Elend sein Stern gewesen. Und so war es, dies war die
verzweifelte Wahrheit: Die Jahre der Not und der Nichtigkeit, die er für Leidensund Prüfungsjahre gehalten, sie eigentlich waren reiche und fruchtbare Jahre
gewesen; und nun, da ein wenig Glück sich herniedergelassen, da er aus dem
Freibeutertum des Geistes in einige Rechtlichkeit und bürgerliche Verbindung
eingetreten war, Amt und Ehren trug, Weib und Kind besaß, nun war er erschöpft
und fertig. Versagen und verzagen – das war's, was übrigblieb. (...) Aber er
glaubte ja an den Schmerz, so tief, so innig, daß etwas, was unter Schmerzen
geschah, diesem Glauben zufolge weder nutzlos noch schlecht sein konnte. Sein
Blick schwang sich zum Manuskript hinüber, und seine Arme verschränkten sich
fester über der Brust ... Das Talent selbst – war es nicht Schmerz? Und wenn das
dort, das unselige Werk, ihn leiden machte, war es nicht in der Ordnung so und
fast schon ein gutes Zeichen? Es hatte noch niemals gesprudelt, und sein
Mißtrauen würde erst eigentlich beginnen, wenn es das täte. Nur bei Stümpern
und Dilettanten sprudelte es, bei den Schnellzufriedenen und Unwissenden, die
nicht unter dem Druck und der Zucht des Talentes lebten. Denn das Talent, meine
Herren und Damen dort unten, weithin im Parterre, das Talent ist nichts Leichtes,
nicht Tändelndes, es ist nicht ohne weiteres ein Können. In der Wurzel ist es
Bedürfnis, ein kritisches Wissen um das Ideal, eine Ungenügsamkeit, die sich ihr
Können nicht ohne Qual erst schafft und steigert. Und den Größten, den
Ungenügsamsten ist ihr Talent die schärfste Geißel ... Nicht klagen! Nicht
prahlen! Bescheiden, geduldig denken von dem, was man trug! Und wenn nicht
ein Tag in der Woche, nicht eine Stunde von Leiden frei war – was weiter? Die
Lasten und Leistungen, die Anforderungen, Beschwerden, Strapazen gering
achten, klein sehen, - das war's, was groß machte! (...) Der Wille zum Schweren ...
- 197 -
Ahnte man, wieviel Zucht und Selbstüberwindung ein Satz, ein strenger Gedanke
ihn kostete? (...) Wunder der Sehnsucht waren seine Werke, der Sehnsucht nach
Form, Gestalt, Begrenzung, Körperlichkeit (...)."22
In "Friedrich und die große Koalition" wird die Arbeits- und Lebensweise des
Leistungsethikers ebenfalls beschrieben:
"Seine Lebenshaltung war sonderbar, sie stach ab gegen jedwede Geflogenheit
zeitgenössischen Monarchentums. Im Sommer stand er um drei Uhr auf ... Aber
um drei Uhr geht man zu Bett, wenn man von Gottes Gnaden und folglich
geboren ist, sein Leben ein wenig zu genießen! Kaum war ihm das Haar gemacht,
so begann er zu regieren. Regierte er denn gut? Jedenfalls mit einem Eigensinn,
einem Mißtrauen, einem Despotismus, der unerhört und grenzenlos zu nennen
war, der sich auf alle Gebiete, auf das Kleinste wie auf das Wichtigste erstreckte
und der Arbeit aller anderen die Würde entzog. Er liebte die Arbeit in dem Maße,
daß er sie ganz allein an sich riß und seinen Dienern nichts davon gönnte, denn
was für sie übrig blieb, war Schreibfron, ganz ohne Ehre und Selbständigkeit, und
er beargwöhnte und kontrollierte sie auch hierin noch auf das beschämendste. (...)
Man weiß, der Kampf dauerte sieben Jahre, - diese alte Märchenzahl von
Prüfungsjahren, und er ging ein wenig hinaus über das, was den Prinzen und
Müllerburschen des Märchens an Prüfung auferlegt zu werden pflegt, - es war
ohne Übertreibung die schrecklichste Prüfung, die eine Seele auf Erden überhaupt
jemals auf Erden zu bestehen gehabt hat. Um sie zu bestehen, dazu gehörten
passive und aktive Eigenschaften, ein Maß von durchhaltender Geduld und von
erfinderisch-tätiger Energie, wie unseres Wissens weder vorher noch nachher ein
Mensch sie bekundet oder zu bekunden Gelegenheit gehabt hat. Sieben Jahre lang
zog König Friedrich umher und bataillierte, schlug hier den einen Feind und dort
den anderen, ward auch geschlagen, geschlagen bis zur Vernichtung, richtete sich
zitternd wieder empor, weil ihm etwas einfiel, was vielleicht noch versucht
werden konnte, versuchte es mit unerhörtem, ganz unwahrscheinlichem Glück
und kam noch einmal davon. Immer im schäbigen Waffenrock, gestiefelt,
gespornt und den Uniformhut auf dem Kopf, atmend jahraus, jahrein im Dunst
seiner Truppen, in einer Atmosphäre von Schweiß, Leder, Blut und Pulverdampf,
ging er zwischen zwei Schlachten, zwischen einer trostlosen Niederlage und
einem unglaubhaften Triumph, in seinem Zelt hin und her und blies auf die Flöte,
kritzelte französische Verse oder zankte sich brieflich mit Voltaire. (...) Er hatte
den Haß, den psychischen Gegendruck einer Welt überwunden, und damit waren
der physischen Macht seiner Feinde wichtige Stützen entzogen. Ein übriges tat
sein moralischer Radikalismus, die Tiefe seiner Entschlossenheit, die ihn den
anderen so widerwärtig zugleich und entsetzlich, wie ein fremdes und bösartiges
Tier erscheinen ließ, so daß ihnen zuletzt vor ihm graute. Sein sittlicher Vorteil
22
Thomas Mann, Schwere Stunde, in: Der Tod in Venedig und andere Erzählungen, Frankfurt a.M. 1954,
411-420, 411ff..
- 198 -
war, daß es für ihn um Tod und Leben ging; das gab ihm eine Unbedingtheit, von
der die anderen nichts wußten."23
Das erste dichterische Werk, das Mann in den ersten Kriegsmonaten 1912 gestaltete,
war das über Friedrich den Großen. Sontheimer schreibt dazu:
"In der Stunde nämlich, in der Thomas Mann seinen Friedrich-Essay schreibt, den
er Anfang 1915 der Öffentlichkeit übergibt, ist er mit seinem ganzen Herzen bei
seinem von allen Seiten geschmähten Deutschland. Jeder Propagandaangriff der
Entente trifft ihn persönlich, jedes verleumderische Wort über seine Nation
verwundet ihn. Und wie hart muß es ihn erst treffen und heimsuchen, als solche
Worte aus unmittelbarer, aus brüderlicher Nähe an sein Ohr dringen, und als er
selbst, wenn auch in verhüllter Form, zum Gegenstand der ,antideutschen'
Polemik wird."24
Gemeint ist damit Folgendes: Anfang 1915 veröffentlichte der Bruder Heinrich
Mann in den von René Schickele herausgegebenen "Weißen Blättern" einen großen
Essay über Emile Zola. Er war als eine Replik auf den Friedrich-Essay des Bruders
gedacht.
"So wie Thomas den preußischen König zum Sinnbild des Deutschtums erhoben
und mit ihm Deutschlands Sein und Handeln erklärt und gerechtfertigt hatte,
wiederholte Heinrich in seinem ,glänzenden Machwerk' (Thomas Mann) das
flammende ,j´ accuse' des historischen Zola, diesmal gegen die herrschenden
Gewalten seines Landes (...), Friedrich als Sinnbild des Preußentums und seiner
erschreckend faszinierenden Kräfte, Zola als flammender Rhetor einer gerechten,
menschenwürdigen und freien Republik, das war der literarische und
tiefpersönliche Kontrast, der nun aufbrach."25
Thomas Mann schrieb, noch vor Erscheinen seiner "Betrachtungen eines
Unpolitischen", am 3.1.1918 an Heinrich:
"Hattest Du es schwer mit mir, so hatte ich es natürlich noch viel schwerer mit Dir
... Das brüderliche Welterlebnis hörte alles persönlich. Aber Dinge, wie du sie in
23
Thomas Mann, Friedrich und die große Koalition, in: Essays II (1914-26), hrsg. v. Kurzke, Hermann,
Frankfurt a.M. 2002, 55ff., hier 67ff. Beide Werke werden später nochmals gesondert besprochen.
24
Sontheimer, Kurt, Thomas Mann und die Deutschen, München 1961, 23.
25
Sontheimer, 25.; Die Konkurrenz der Brüder ist der Alfred und Max Webers vergleichbar.
- 199 -
deinem Zola-Essay Deinen Nerven gestattet und den meinen zugemutet hast, nein, dergleichen habe ich mir niemals gestattet und nie einer Seele zugemutet ...
Laß die Tragödie unserer Brüderlichkeit sich vollenden."26
Der europäische Krieg war innerhalb der Beziehung der Manns also auch zu einem
Bruderkrieg geworden. So sieht er im Bruder Heinrich vor allem das französische
Prinzip (,Zivilisation' vs. ,Kultur') inkarniert.
Viele der aufgeführten Werke ,Aschenbachs' hatte Thomas Mann selbst geplant. So
wollte er unter dem Einfluss von Schopenhauers Philosophie beispielsweise in den
Jahren 1900-1911 einen Roman mit dem Titel "Maya" schreiben. Das Projekt wurde nie
verwirklicht. Umfangreiche Vorarbeiten erlauben aber Rückschlüsse auf die
Konzeption: Für Schopenhauer existiert die ganze Wirklichkeit, also alle Dinge,
Sachverhalte und Ereignisse, die wir mit den Sinnen wahrnehmen, bekanntlich nur in
unserer Vorstellung. Der Baum oder Strauch etwa hat in der Weise, wie wir ihn als
raum-zeitlichen Gegenstand vorstellen, keine wahrhafte Existenz. Schopenhauer drückt
dies dahingehend aus, dass der ,Schleier der maja' (indisch ,maya' = Zauberkraft,
Blendwerk, Illusion) die Welt verhüllt und das Wesen der Dinge zum Blendwerk macht.
Im Anschluss an Schopenhauer werden im Romanteppich "Maja" einzelne, von
einander unabhängige Episoden aus dem Leben verschiedener Menschen erzählt, die
alle das gleiche Schicksal ereilt: Sie können den ,Schleier der Maja' nicht lüften,
verzehren sich in Sehnsüchten, Verlangen und Weltbegehren und begreifen nicht den
illusionären Charakter des Lebens.
Beispielsweise liebt eine verheiratete, unerfüllt lebende Frau einen Musiker, der sie
durch seine Schönheit, sein geselliges Wesen und seine Fröhlichkeit so gefangen
nimmt, dass sie nur noch an ihn denkt. Diese Liebe gestaltet sich aber notgedrungen
schwierig: Vergebliches Warten und Hoffen, aber auch Augenblicke freudiger
Überraschung wechseln sich ab. Ihr Wunsch, den Geliebten ganz für sich zu besitzen,
erweist sich als illusionär: Sie wird betrogen und erschießt ihn öffentlich in der
Straßenbahn.
26
A. Kantorowicz, Heinrich und Thomas Mann. Die persönlichen, literarischen und weltanschaulichen
Beziehungen der Brüder, Berlin 1956, 110-14.
- 200 -
Andere Episoden hat Thomas Mann selbst in den Erzählungen "Die Hungernden",
"Ein Glück", "Beim Propheten" und "Anekdote" verarbeitet.27
,Aschenbach' spricht vom "starren, kalten und leidenschaftlichen Dienst" an der
Kunst.28 Es empfindet die ,Kunst als Krieg' und beansprucht durch sie ,Größe', auch in
der Politik. Dieser Charakterisierung ,Aschenbachs' als Leistungsethiker entsprechen
folgende Stellen in Max Webers Werk:
"Darüber hinaus erst dann allmählich, wenn diese Gelegenheitsvergesellschaftung
zu einem Dauergebilde wird, welches die Waffentüchtigkeit und den Krieg als
Beruf pflegt und sich damit zu einem Zwangsapparat entwickelt, welcher
umfassende Ansprüche auf Gehorsam durchzusetzen vermag."29
Der Begriff der Disziplin wird mit dem des Krieges verbunden, wie bei der
Beschreibung von Aschenbachs Vorfahren. Das Kriegsthema ist in Anbetracht der
politischen Situation für beide, Thomas Mann und Max Weber, äußerst wichtig.30 "Das
Schießpulver und alles, was an Kriegstechnik an ihm hing, entfaltete seine Bedeutung
erst
auf
dem
Boden
der
Disziplin
und
in
vollem
Umfang
erst
des
31
Kriegsmaschinenwesens, welches jene voraussetzt."
Weber schreibt:
"Die Herrengewalt des Königs ist bei den Spartiaten nur in Friedenszeiten dem
Nullpunkt nahe, im Felde ist der König im Interesse der Disziplin allmächtig. Eine
durchgängige Abschwächung der Disziplin pflegt dagegen mit jeder Art von
dezentralisierter, sei es präbendaler, sei es feudaler Militärverfassung verbunden
zu sein. Dem Grade nach sehr verschieden. Das einexerzierte Spartiatenheer, die
(...) der sonstigen hellenischen und der makedonischen und mancher
orientalischen Militärverfassungen, die türkischen präbendenartigen Lehen,
27
vgl. Wysling, Hans, Aschenbachs Werke. Archivalische Untersuchungen an einem Thomas-Mann-Satz,
in: Euphorion 59 (1965), 272-294.; Darauf wird in Kapitel V genauer eingegangen.
28
Erzählungen, 498.
29
Grundriß der Sozialökonomik, Typen der Herrschaft, 2. Halbband, 616.
30
vgl. dazu auf die Ausführungen zu Ernst Jüngers Überhöhung der Technik, S. 38, Anm. 49.
31
Grundriß der Sozialökonomik, 644.
- 201 -
endlich die Lehen des japanischen und okzidentalen Mittelalters sind lauter Stufen
der ökonomischen Dezentralisation, welche mit einer Abschwächung der
Disziplin und einem Aufsteigen der Bedeutung des individuellen Heldentums
Hand in Hand zu gehen pflegt. Der sich selbst nicht nur equipierende und
verproviantierende und seinen Troß mit sich führende, sondern auch
Untervasallen, die sich ebenfalls selbst ausrüsten, aufbietende grundherrliche
Lehensmann ist vom Standpunkt der Disziplin ganz ebenso das äußerste
Gegenbild des patrimonialen oder bürokratischen Soldaten, wie er es, ökonomisch
betrachtet, ist, und das erstere ist die Konsequenz des lezteren. Sowohl die im
späten Mittelalter und im Beginn der Neuzeit herrschende ganz oder halb
privatkapitalistische Beschaffung von Soldheeren durch einen Kondottiere wie die
gemeinwirtschaftliche Aushebung und Ausrüstung der stehenden Heere durch die
politische Gewalt bedeutet demgegenüber Steigerung der Disziplin auf der Basis
der zunehmenden Konzentration der Kriegsbetriebsmittel in den Händen des
Kriegsherren. Die zunehmende Rationalisierung der Bedarfsdeckung des Heeres
von Moritz von Oranien bis zu Wallenstein, Gustav Adolf, Cromwell, den Heeren
der Franzosen, Friedrichs des Großen und der Maria Theresia, der Uebergang
vom Berufsheere zum Volksaufgebot durch die Revolution und die
Disziplinierung des Aufgebots durch Napoleon zum (teilweisen) Berufsheer,
endlich die Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht im 19. Jahrhundert sind
hier im einzelnen nicht zu schildern. Die ganze Entwicklung bedeutet im Erfolg
eindeutig eine Steigerung der Bedeutung der Disziplin und ebenso eindeutig die
konsequente Durchführung jenes ökonomischen Prozesses."32
Die Entwicklung der militärischen Disziplin und Organisation wird also als ein
ökonomischer Prozess verstanden und mit dem Entstehen von Bürokratie in Verbindung
gesetzt.
"Ob im Zeitalter der Maschinenkriege die exklusive Herrschaft der allgemeinen
Dienstpflicht das letzte Wort bleiben wird, steht dahin. Die
Rekordschießleistungen der englischen Flotte z.B. scheinen durch die jahrelange
Kontinuität des Ensembles der die Geschütze bedienenden Söldner bedingt. Es
steht wohl fest, daß, zumal wenn der zur Zeit freilich in Europa stockende Prozeß
der Verkürzung der Dienstzeit seinen Fortgang nehmen sollte, die esoterisch, in
manchen Offizierskreisen, bereits vielfach bestehende Ansicht, daß für gewisse
Truppengattungen vielleicht der Berufssoldat kriegstechnisch stark überlegen sei,
an Macht gewinnen wird; schon die französische Herstellung der dreijährigen
Dienstpflicht (1913) wurde hie und da mit der, mangels jeder Differenzierung
nach den Truppengattungen, wohl etwas deplacierten Parole: ,Berufsheer'
motiviert. Diese noch sehr vieldeutigen Möglichkeiten und ihre denkbaren, auch
politischen, Konsequenzen sind hier nicht zu erörtern, sie alle werden jedenfalls
32
Grundriß der Sozialökonomik, 646.; Auch hier ist wie bei Thomas Mann von Friedrich dem Großen im
Zusammenhang mit der Bürokratie und Askese bzw. Leistungsethik die Rede.
- 202 -
die exklusive Bedeutung der Massendisziplin nicht ändern. Hier kam es auf die
Feststellung an, daß die Trennung des Kriegers von den Kriegsbetriebsmitteln und
deren Konzentration in den Händen des Kriegsherren, vollziehe sie sich
oikenmäßig, kapitalistisch, bürokratisch, überall eine der typischen Grundlagen
dieser Massendisziplin gewesen ist.-"33
Bürokratie und Disziplin setzen also mit dem Aufkommen des ökonomischen
Prozesses und der Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln im Heer ein.
"Die Disziplin des Heeres ist aber der Mutterschoß der Disziplin überhaupt. Der
zweite große Erzieher zur Disziplin ist der ökonomische Großbetrieb. Von den
pharaonischen Werkstätten und Bauarbeiten an – so wenig im einzelnen über ihre
Organisation bekannt ist – zur karthagisch–römischen Plantage, zum
spätmittelalterlichen Bergwerk, zur Sklavenplantage der Kolonialwirtschaft und
endlich zur modernen Fabrik führen zwar keinerlei direkte historische
Uebergänge, gemeinsam ist ihnen aber: die Disziplin. Die Sklaven der antiken
Plantagen lebten ehe- und eigentumslos und schliefen kaserniert, eine
Einzelwohnung – etwa nach Art unserer Unteroffizierswohnungen oder nach Art
eines Gutsbeamten moderner landwirtschaftlicher Großbetriebe – hatten nur die
Beamten, insbesondere der villicus, nur er auch – normalerweise – ein
Quasieigentum (peculium, ursprünglich: Viehbesitz) und eine Qasiehe
(contubernium). Die Arbeitssklaven traten morgens ,korporalschaftsweise' (in
,decuriae') an und wurden durch Einpeitscher (monitores) zur Arbeit geführt; ihre
Bedarfsgegenstände waren, im Kasernenbegriff ausgedrückt, ,auf Kammer' in
Verwahrung und wurden nach Bedarf ausgegeben, Lazarett und Arrestzelle
fehlten nicht. Wesentlich lockerer, weil traditionell stereotypiert und daher die
Gewalt des Herren immerhin einschränkend, ist die Disziplin der Fronhöfe des
Mittelalters und der Neuzeit. Daß dagegen die ,militärische Disziplin' ganz ebenso
wie die antike Plantage auch das ideale Muster für den modernen kapitalistischen
Werkstattbetrieb ist, bedarf nicht des besonderen Nachweises. Die
Betriebsdisziplin ruht, im Gegensatz zur Plantage, hier völlig auf rationaler Basis,
sie kalkuliert zunehmend, mit Hilfe geeigneter Messungsmethoden, den einzelnen
Arbeiter ebenso, nach seinem Rentabilitätsoptimum, wie irgendein sachliches
Produktionsmittel. Die höchsten Triumphe feiert die darauf aufgebaute rationale
Abrichtung und Einübung von Arbeitsleistungen bekanntlich in dem
amerikanischen System des ,scientific management', welches darin die letzten
Konsequenzen der Mechanisierung und Disziplinierung des Betriebes zieht. Hier
wird der psychophysische Apparat des Menschen völlig den Anforderungen,
welche die Außenwelt, das Werkzeug, die Maschine, kurz die Funktion an ihn
stellt, angepaßt, seines, durch den eigenen organischen Zusammenhang
gegebenen, Rhythmus entkleidet und unter planvolle Zerlegung in Funktionen
einzelner Muskeln und Schaffung einer optimalen Kräfteökonomie den
33
ebd., 646f.
- 203 -
Bedingungen der Arbeit entsprechend neu rhythmisiert. Dieser gesamte
Rationalisierungsprozeß geht hier wie überall, vor allem auch im staatlichen
bürokratischen Apparat, mit der Zentralisation der sachlichen Betriebsmittel in der
Verfügungsgewalt des Herrn parallel."34
Ägypten stellt nach Webers Ansicht die ,Wiege' der Disziplin dar. Auf diesen Aspekt
soll später noch tiefer eingegangen werden.
Anhand des ,scientific management' wird nochmals das calvinistische Denkmodell
Webers deutlich, das sehr viel härter als das des Luthertums formuliert ist.
Danach folgt die Entwicklung der staatlichen Bürokratie denselben Regeln wie im
Bereich der militärischen und ökonomischen Entwicklung.
"So geht mit der Rationalisierung der politischen und ökonomischen
Bedarfsdeckung das Umsichgreifen der Disziplinierung als eine universelle
Erscheinung unaufhaltsam vor sich und schränkt die Bedeutung des Charisma und
des individuell differenzierten Handelns zunehmend ein."35
Hier wird betont, dass zuviel Disziplin das Charisma schwächt, während es ohne
Disziplin allerdings auch kein Charisma gibt. Das Charisma muss erst durch Askese
geweckt werden. Bürokratie und Askese gehen bei der Entwicklung des Charismas
folglich Hand in Hand.36
Disziplin und Charisma stehen einander gegenüber, daraus ergibt sich eine ähnliche
Bedeutung von Disziplin und Askese.
Es folgt im Weiteren bei Weber eine Verknüpfung zwischen Bürokratie und Askese,
auf die schon eingegangen wurde:
"Für die innere und äußere Stellung der Beamten hat dies alles folgende
Konsequenzen:
I. Das Amt ist ,Beruf'. Dies äußert sich zunächst in dem Erfordernis eines fest
vorgeschriebenen, meist die ganze Arbeitskraft längere Zeit hindurch in Anspruch
nehmenden Bildungsganges und in generell vorgeschriebenen Fachprüfungen als
34
ebd., 647.
35
ebd., 647.
36
vgl. dazu auch die Ausführungen zur rationalen Herrschaft in der Einleitung S. 59f., Anm. 131.
- 204 -
Vorbedingungen der Anstellung. Ferner in dem Pflichtcharakter der Stellung des
Beamten, durch welchen die innere Struktur seiner Beziehungen folgendermaßen
bestimmt wird: die Innehabung eines Amts wird rechtlich und faktisch nicht als
Besitz einer gegen Erfüllung bestimmter Leistungen ausbeutbaren Renten- oder
Sportelquelle – wie normalerweise im Mittelalter und vielfach bis an die Schwelle
der neusten Zeit – und auch nicht als ein gewöhnlicher entgeltlicher Austausch
von Leistungen, wie im freien Arbeitsvertrag, behandelt. Sondern der Eintritt in
das Amt gilt auch in der Privatwirtschaft als Uebernahme einer spezifischen
Amtstreuepflicht gegen Gewährung einer gesicherten Existenz."37
So sind auch ,Aschenbachs' Werke Schulpflichtlektüre, seine Vorfahren waren wie
gesagt unter anderem hohe Staatsbeamte.
Die Konzentration der Kriegsbetriebsmittel in den Händen des Kriegsherrn trägt
nach Max Weber also zur Steigerung der Disziplin bzw. zu einem höheren Grad der
Askese und einer Ausweitung und Effizienzsteigerung der Bürokratie bei. Dies
überträgt Max Weber auch auf den ökonomischen Großbetrieb und den Staat.
Bürokratie und Askese sind folglich für Weber wie auch für Mann die beiden
Stützpfeiler der modernen Gesellschaft.
b) Der Aspekt des Leidens
Bei der ,Sebastiansgestalt' Thomas Manns, der die Schwerter durch den Leib gehen,
wird die Verbindung zwischen Kriegswesen und Mönchtum hergestellt. Diese
Verknüpfung existiert auch bei Max Weber:
"Die Existenz der Kriegerschaft ist unter diesen Bedingungen ein vollkommenes
Pendant
zur
Mönchsexistenz,
deren
Klosterkasernierung
und
Klosterkommunismus ja ebenfalls dem Zweck der Disziplin im Dienst ihres
jenseitigen (und im Gefolge davon eventuell auch: diesseitigen) Herrn dient. Auch
außerhalb der direkt nach Analogie der Mönchsorden geschaffenen zölibatären
Ritterorden geht bei voller Entwicklung der Institution die Loslösung aus der
37
ebd., 651f.; ,Sportel' bedeutet ,Gebühr', ,Speisekörbchen' (lat. ,sportula'), ,Gegenwert einer Mahlzeit,
Geldgeschenk'; s. Kluge, Friedrich, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. von Elmar
Seebold, Berlin - New York 2002, 24. Aufl., 669.
- 205 -
Familie und von allen privatwirtschaftlichen Sonderinteressen oft bis zum
völligen Ausschluß von Familienbeziehungen."38
"Verschlungener sind dagegen die Wege, welche zur Umkehrung dieses
Standpunktes: zur religiösen Verklärung des Leidens also, führten. Primär wirkte
die Erfahrung, daß das Charisma ekstatischer, visionärer, hysterischer, kurz: aller
jener außeralltäglichen Zuständlichkeiten, welche als ,heilig' gewertet wurden und
deren Hervorrufung deshalb Gegenstand der magischen Askese bildete, geweckt
oder doch begünstigt wurde durch zahlreiche Arten von Kasteiungen und
Enthaltungen sowohl von der normalen Ernährung und vom Schlaf wie vom
Sexualverkehr. Das Prestige dieser Kasteiungen war Folge der Vorstellung, daß
gewisse Arten von Leiden und durch Kasteiung provozierten abnormen Zuständen
Wege zur Erlangung übermenschlicher: magischer, Kräfte seien. Die alten TabuVorschriften und die Enthaltungen im Interesse kultischer Reinheit:
Konsequenzen des Dämonenglaubens, wirkten in gleicher Richtung. Dazu trat
aber dann als selbständiges und neues die Entwicklung der ,Erlösungs'–Kulte,
welche dem individuellen Leiden gegenüber eine prinzipiell neue Stellung
einnahmen."39
Auch hier liegt der Vergleich mit der Sebastiansgestalt im "Tod in Venedig" nahe:
Verklärung der Leiden gilt als ein Weg hin zum Charisma, wenn man an den Erlöser
glaubt und den gleichen Weg geht wie er.
Das Charisma kann durch Askese geweckt werden, darauf wurde schon in
Zusammenhang mit Webers drei reinen Typen der Herrschaft in der Einleitung
hingewiesen.
Der Opferbegriff ist die Grundlage der christlichen Religion. Auf den Begriff des
Opfers bei Weber und Freud soll hier nur rückverwiesen werden.40
"Bei diesem Volk (sc. gemeint sind die Israeliten), und in dieser Konsequenz nur
hier, wurde – unter sehr besonderen Bedingungen – das Leiden einer
Volksgemeinschaft, nicht das des Einzelnen, Gegenstand religiöser
Erlösungshoffnungen. Die Regel war: daß der Heiland zugleich individuellen und
universellen Charakter trug: das Heil für den Einzelnen und für jeden Einzelnen,
der sich an ihn wendete, zu verbürgen bereit war. – Die Gestalt des Heilands
konnte verschiedener Prägung sein. In der Spätform der zarathustrischen Religion,
mit ihren zahlreichen Abstraktionen, übernahm eine rein konstruierte Figur in der
38
Grundriß der Sozialökonomik, 645.
39
Die protestantische Ethik, Religionssoziologie, 242.
40
s. S. 61ff.
- 206 -
Heilsökonomie die Rolle des Mittlers und Retters. Oder gerade umgekehrt: eine
durch Wunder und visionäres Wiedererscheinen legitimierte historische Person
stieg zum Heiland auf. Für die Realisierung der sehr verschiedenen Möglichkeiten
waren rein historische Momente maßgebend. Fast immer entstand aber aus den
Erlösungshoffnungen irgend eine Theodizee des Leidens."41
"Eine prophetisch verkündete Heilands-Religiosität hatte daher in der großen
Mehrzahl der Fälle ihre dauernde Stätte vorzugsweise in den minder begünstigten
sozialen Schichten, welchen sie die Magie entweder ganz ersetzte oder doch
rational ergänzte. (...) Der im Heilandsmythos im Keime vorgebildeten rationalen
Weltbetrachtung aber fiel eben deshalb in aller Regel die Aufgabe zu, eine
rationale Theodizee des Unglücks zu schaffen. Zugleich aber versah sie das
Leiden als solches nicht selten mit einem ihm ursprünglich ganz fremden
positiven Wertvorzeichen."42
Es findet also eine Läuterung durch Leiden statt. Diese wird durchaus ,rational'
gesehen.
"Eine gewaltige Steigerung aber erfuhr die Macht dieser Einzelmomente unter
Umständen durch das mit zunehmender Rationalität der Weltbetrachtung
zunehmende Bedürfnis nach einem ethischen ,Sinn' der Verteilung der
Glücksgüter unter den Menschen. Die Theodizee stieß dabei mit zunehmender
Rationalisierung der religiös–ethischen Betrachtung und Ausschaltung der
primitiven magischen Vorstellungen auf steigende Schwierigkeiten. Allzu häufig
war individuell ,unverdientes' Leid. (...) Die metaphysische Vorstellung über Gott
und Welt, welche das unausrottbare Bedürfnis nach der Theodizée hervorrief,
vermochte gleichfalls nur wenige, - im ganzen, wie wir sehen werden, nur drei –
Gedankensysteme zu erzeugen, welche rational befriedigende Antworten auf die
Frage nach dem Grunde der Inkongruenz zwischen Schicksal und Verdienst
gaben: die indische Karmalehre, den zarathustrischen Dualismus und das
Prädestinationsdekret des Deus absconditus."43
Das Aufkommen des Calvinismus hängt also mit diesem zunehmend rationalisierten
Erlösungsmythos zusammen.
Hier wird deutlich, dass Webers Begriffspaar ,Bürokratie und Askese' aus der
protestantischen Ethik, insbesondere dem Calvinismus erwächst.
41
Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Die protestantische Ethik, 244.
42
ebd., 245.
43
ebd., 246.
- 207 -
Der Aspekt des Leidens setzt sich bei Mann wie Weber also ebenfalls aus Bürokratie
und Askese zusammen.
c) ,Der fremde Gott'
Doch der Spaziergang zu Beginn des ersten Kapitels im "Todes in Venedig" stellt
schon den ersten Schritt zur Auflösung dieses scheinbar gemeisterten Lebens dar: Der
Todesbote, der hier in der Person des weither gekommenen Wanderers auftritt, löst in
,Aschenbach' ein Verlangen in die Ferne und weg vom kalten Dienst an der Kunst aus,
was im Gegensatz zu seiner bisherigen Auffassung vom Reisen an sich steht, das für ihn
nur eine Notwendigkeit darstellte, das ,produzierende Triebwerk in seinem Innern'
weiter aufrechtzuerhalten. Der Wanderer ist eine der vielen Hermesfiguren und
Todesboten, die seinen Weg kreuzen: Hermes, Sohn des Zeus und der Bergnymphe
Maia, ist bekanntlich einer der ältesten und vielseitigsten Götter. Als Gott der Hirten
wird er manchmal mit einem Widder auf der Schulter dargestellt; es lässt sich sogar
vermuten, dass er ursprünglich Widdergestalt angenommen hat. Daneben wird ihm auch
die Aufgabe zuteil, Hüter des Hauses zu sein: Er stellt sich in die Haustüre und bewacht
den Eingang. Hermes ist als Gottheit an keinen festen Ort gebunden. So wird er zum
Schutzherrn der Wanderer und Reisenden, dargestellt mit rundem Hut, Sandalen und
Wanderstab. Der Wanderer ist mit Basthut, der ihm ,ein Gepräge des Fremdländischen
und Weitherkommenden' verleiht, und einem mit eiserner Spitze versehenen Stock
ausgestattet. Hermes als Götterbote geleitet als Hermes Psychopompos die toten Seelen
aus dem Diesseits ins Jenseits. So begegnet der Wanderer ihm auch am Friedhof. Er
besitzt auch eine totenkopfähnliche Physiognomie.
Sein Herolds- und Wanderstab dient ihm auch zum Einschläfern, und so gilt Hermes
auch als Gott des Schlafes und der Träume: Des Wanderers Anblick löst eine
anfallartige Reiselust bei ,Aschenbach' aus. Die Schlauheit ist ein wesentlicher
- 208 -
Charakterzug des Hermes. Er erfand die Leier und stahl als Säugling mit viel List die
Rinder des Apollon. So ist er auch der Gott der Diebe und Betrüger.44
In den Josephromanen Manns taucht ein ähnlich beschriebener Todesbote auf,
nämlich auf ,Josephs' Weg zu seinen Brüdern nach Schekem. Auch jener trägt einen
Wanderstab und bezeichnet sich als Bote und Führer der Reisenden:
"Verwirrt betrachtete Joseph ihn von der Seite. Er sah ihn recht gut. Der Mann
war eigentlich noch kein Mann in des Wortes vollster Bedeutung, sondern nur
einige Jahre älter als Joseph, doch höher gewachsen, ja lang, in einem ärmellosen
Leinenkleide, das bauschig durch den Gürtel hinaufgezogen und so zum Wandern
kniefrei gemacht war, und einem über die eine Schulter zurückgeworfenen
Mäntelchen. Sein Kopf, auf etwas geblähtem Halse sitzend, erschien klein im
Verhältnis, mit braunem Haar, das in schräger Welle einen Teil der Stirn bis zur
Braue bedeckte. Die Nase war groß, gerade, und fest modelliert, der
Zwischenraum zwischen ihr und dem kleinen, roten Munde sehr unbedeutend, die
Vertiefung unter diesem aber so weich und stark ausgebildet, daß das Kinn wie
eine kugelige Frucht darunter hervorsprang. Er wandte den Kopf in etwas
gezierter Neigung zur Schulter und blickte über diese aus nicht unschönen, aber
mangelhaft geöffneten Augen mit matter Höflichkeit auf Joseph hinab, schläfrig
verschwommenen Ausdrucks, wie er entsteht, wenn einer zu blinzeln verabsäumt.
Seine Arme waren rund, aber blaß und ziemlich kraftlos. Er trug Sandalen und
einen Stock, den er sich offenbar selbst zum Wandern geschnitten."45
,Joseph' fragt ihn nach dem Aufenthaltsort seiner Brüder. Darauf antwortet er
folgendermaßen: ",,Was du sagst. Du bist also ein Bote. Auch ich bin ein solcher. Ich
mache oft Botenwege an meinem Stabe. Aber ich bin auch ein Führer“ (...) ,,Ich führe
die Reisenden und öffne ihnen die Wege, das ist mein Geschäft, und darum sprach ich
dich an und fragte dich, da ich sah, daß du in die Irre suchtest.“"46
44
vgl. Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, Hamburg 1974, 176ff.; siehe
dazu auch "Die homerischen Götterhymnen" (Übersetzung von Thassilo von Scheffer), Jena 1927, 24-43.
45
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder. Der junge Joseph, GW, Frankfurt a.M. 1983, 152f. ; ebd.,
Frankfurt a.M. 2008, 391f.
46
Thomas Mann. Joseph und seine Brüder. Der junge Joseph, Gesammelte Werke in Einzelbänden,
Frankfurter Ausgabe, hrsg. v. Peter de Mendelssohn, Frankfurt a.M. 1983, 152f.; zur Funktion ,Josephs'
als Hermes, s. Fischer, Handbuch zu Thomas Manns ,Josephromanen', 716.; ebd., Frankfurt a.M. 2008
392.
- 209 -
Auch diese Figur entspricht eindeutig dem Hermes Psychopompos.
Diese Reiselust ,Aschenbachs' im "Tod in Venedig" steigert sich zur Vision einer
Urwaldwildnis, in der lauernd der Tiger kauert. ,Aschenbach' verharmlost diesen
Tagtraum, indem er ihn seiner Überarbeitung und der schlechten Wetterlage zuschreibt.
Um sein Werk fortsetzten zu können, beschließt er jedoch, eine Reise nach Brioni zu
unternehmen, um drei bis vier Wochen Kräfte zu sammeln. Auch andere seltsame
Begebenheiten auf diesem Spaziergang, wie der ziegenbärtige Mann von eigenartiger
Beredsamkeit, der seinen Weg säumt, beachtet er nicht, vergisst sie nach wenigen
Minuten wieder oder versucht, sie rationalistisch zu erklären. Auf der Überfahrt zu
seinem Reiseziel Venedig rufen weitere seltsame Erscheinungen wie z.B. die des
greisen Gecks, der als falscher Jüngling zurechtgemacht ist und die eines Gondoliere,
der ihm sonderbar und unheimlich vorkommt wie das Gefährt selbst, das ihn an Särge
und Tod erinnert, in ihm jedoch ein Gefühl der sonderbaren Entstellung der Welt und
der träumerischen Entfremdung hervor, die seine Gedanken aber nicht weiter
beschäftigen:
"Das matte Karmesin der Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem
farbig umwundenen Strohhut Perücke, sein Hals verfallen und sehnig, sein
aufgesetztes Schnurrbärtchen und die Fliege am Kinn gefärbt, sein gelbes und
vollzähliges Gebiß, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und seine Hände, mit
Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines Greises."47
,Aschenbach' verspürt bei der Überfahrt lediglich eine ,ungewohnte und süße
Lässigkeit' und hegt den Wunsch, die Fahrt sollte immer währen. ,Aschenbach' ahnt zu
dem Zeitpunkt nicht, dass sich sein Wunsch, die ,Fahrt in einer Bahre, einem Sarg' bald
erfüllen wird.
Die Wortwahl ähnelt hier einigen Stellen in den Josephromanen, so zum Beispiel in
"Joseph, der Ernährer", als sich ,Joseph' vom Amtmann des Gefängnisses, der so
genannten ,zweiten Grube', in die er wegen des vermeintlichen Ehebruchs durch
,Pothipar' gestoßen wurde, verabschiedet:
47
Erzählungen, 511.
- 210 -
"Ich aber will dein gedenken ohne Vergessen, und wenn meines Vaters Gott mit
mir ist, woran ich nicht zweifle, um Ihn nicht zu kränken, so sollst auch du aus
dieser Höhle und Langweile gezogen sein. Es gibt drei schöne Dinge und
Denkzeichen, die dein Fronknecht hegt; sie heißen >Entrückung<, >Erhöhung<
und >Nachkommenlassen<."48
Und an an anderer Stelle in diesem Zusammenhang heißt es:
"Wie in der ersten Grube, ein Großjahr früher, bekannte er sich reuig zu seiner
Schuld, und es war ihm weh um den Vater, um Jaakob war ihm weh, und er
schämte sich bitterlich vor ihm, weil er es fertiggebracht und sich im Land der
Entrückung aufs neue in die Grube gebracht hatte. Welche schöne Erhöhung war
aus der Entrückung bereits erwachsen, und wie war jene nun, mangelnder
Weisheit halber, wieder zerstört und eingeebnet, so daß das Dritte, nämlich das
Nachkommenlassen, unabsehbar vertagt erschien!"49
Auch der Gondoliere ist wie der seltsame Wanderer und der greise Geck von
seltsamer Physiognomie und mit einem Strohhut bekleidet: ,Ein paar Mal zog er vor
Anstrengung die Lippen zurück und entblößte seine weißen Zähne. Die rötlichen
Brauen gerunzelt, blickte er über den Gast hinweg ...' Er erinnert damit an Charon, den
Totenfährmann in der Unterwelt, der als mürrischer Greis, zuweilen auch krummnasig
und mit gefletschten Zähnen dargestellt wird. Er übernimmt die toten Seelen, die ihm
Hermes Psychopompos zuführt, und bringt sie über die Unterweltsflüsse Acheron,
Kokytos und Styx in den Hades (Aides). Für die Überfahrt ist ein Fährlohn zu
entrichten, der dem Toten unter die Zunge gelegt wird. (",,Was fordern Sie für die
Fahrt?“ Und über ihn hinsehend, antwortete der Gondolier: „Sie werden bezahlen“."50)
Wenn das Reich der Lebenden unmittelbar an die Unterwelt grenzt, wie etwa in
Hermione, durch das der Acheron fließt, führt Charon seinen Fährdienst auch
48
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder IV, Joseph der Ernährer, Gesammelte Werke in Einzelbänden,
Frankfurter Ausgabe, hrsg. v. Peter de Mendelsohn, Frankfurt am Main 1984, 102.
49
Joseph, der Ernährer, 25f.
50
Erzählungen, 518.
- 211 -
unentgeltlich aus. Die Hermionienser gaben ihren Toten nicht den üblichen
Fährgroschen mit; für sie existierte kein trennendes Gewässer zum Reich der Toten.51
Im Hotel erregt ein außerordentlich schöner Jüngling, ,Tadzio', ,Aschenbachs'52
Aufmerksamkeit und regt ihn zu Gedanken über Kunst und menschliche Schönheit an,
wobei er die Schönheit ,Tadzios' mit der zuchtvollen Schönheit seiner eigenen Werke
gleichsetzt. In seiner Gegenwart fallen ihm längst vergessene mythologische Zitate aus
der griechischen Welt Platons und Sokrates ein, die seine humanistische Bildung
erkennen lassen und sich ihm erst im Anblick von ,Tadzios' Schönheit in ihrem wahren
Sinngehalt erschließen. Er verbringt seine Tage in taktvollem Gleichklang und in
Eintönigkeit, in Beobachtung und Bewunderung des Jünglings:
"Nun lenkte Tag für Tag der Gott mit den hitzigen Wangen nackend sein
gluthauchendes Viergespann durch die Räume des Himmels, und sein gelbes
Gelock flatterte im zugleich ausstürmenden Ostwind. Weißlich seidiger Glanz lag
auf den Weiten des träge wallenden Pontos. Der Sand glühte. Unter der silbrig
flirrenden Bläue des Äthers waren rostfarbene Segeltücher vor den Strandhütten
ausgespannt, und auf dem scharf umgrenzten Schattenfleck, den sie boten,
verbrachte man die Vormittagsstunden. Aber köstlich war auch der Abend, wenn
die Pflanzen des Parks balsamisch dufteten, die Gestirne droben ihren Reigen
schritten und das Murmeln des umnachteten Meeres, leise heraufdringend, die
Seele besprach. Solch ein Abend trug in sich die freudige Gewähr eines neuen
Sonnentages von leicht geordneter Muße und geschmückt mit zahllosen, dicht
beieinanderliegenden Möglichkeiten lieblichen Zufalls."53
Diese Schilderung der südlichen Sonnentage erinnert an die Ma`at als das Gelingen
des kosmischen Prozesses:
"Der Sonnenlauf erscheint so zum einen als Ausübung von Herrschaft, die sich
nur in fortwährender Überwindung des ,Rebellen' behaupten kann, und zum
anderen als die Daseinsform eines Lebens, das nur in fortwährender Überwindung
des Todes möglich ist: Unter diesem Aspekt altert der Sonnengott täglich und
51
vgl. Erzählungen, 517.; siehe Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie,
Hamburg 1974, 90.; Erwin Rohde, Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen, 2 Bände,
Tübingen ²1898, Reprogr. Nachdruck Darmstadt 1980 (Wissenschaftliche Buchgemeinschaft), I, 214.
52
vgl. hierzu die Namensgebung: Aschenbach = ,Bach der Asche'. Der Name ist also eine Metapher und
bedeutet, dass alles zu Asche wird, kaputt geht.
53
Erzählungen, 541.
- 212 -
sinkt als gestorbener Greis ,jenseitsversorgt' in die Unterwelt hinab, um am
Morgen als Kind wiedergeboren zu werden."54
"Als Handlung bzw. ,konzertierte Aktion' bedeutet der Sonnenlauf die Ausübung
von Herrschaft. Der Sonnengott übt diese Herrschaft in der Form einer
Barkenfahrt aus, d.h. einer ,Königsreise' derselben Art, wie sie der ägyptische
König nach seiner Thronbesteigung durchführt zum Zeichen seines
Herrschaftsantritts und wohl auch danach noch, vor allem in der Frühzeit des
ägyptischen Staates, regelmäßig vollzieht. (…) heißen die beiden Sonnenboote in
den frühen Quellen ,die beiden Ma`at'. (… ) Daher ist die Mittagsstunde, die Zeit
der größten Sonnenstrahlung, die Zeit des Triumphes, in der Apopis überwunden
und der Himmel in Harmonie versetzt wird. (…) Ma`at ist die Göttin der ersten
Tagesstunde. Jede Stunde untersteht einer besonderen Gottheit: Die Morgenröte
gehört der Ma`at (…)"55
Dabei vergleicht ,von Aschenbach' das Verhältnis seiner Person zu ,Tadzio' mit dem
des Sokrates zu Phaidros, einem, der die Schönheit hat, und einem, der sie hervorbringt,
wobei jedoch derjenige, der liebt, der bewundert, göttlicher ist als der Geliebte, da
dieser nur das Abbild ist, durch das der Liebende die Urbilder der geistigen Schönheit
zu schauen fähig wird.56
,Aschenbach' vergleicht ,Tadzios' Schönheit mit griechischen Bildwerken aus
edelster Zeit. Das Motiv Griechenland und dessen Mythologie wird nun immer
54
Assmann, 177.
55
Assmann, Ma`at, Kapitel "Die zornige Gerechtigkeit. Der Sonnenlauf als Herrschaftsausübung", 180ff.
Assamnn führt hier eine Quelle zur Königsreise Haremhabs in Theben an.
56
Platon, Gastmahl (Übersetzung von Rudolf Kassner), Leipzig 1903, 10-13, 44-50; Platon, Phaidros
(Übersetzung von Rudolf Kassner), Jena - Leipzig 1904, 6-7, 43-44.; s. dazu auch Plutarch, Über die
Liebe (Erotikos), in: Plutarch, Vermischte Schriften Band 2 (Übersetzung von Kaltwasser), München Leipzig 1911, 43-48.; Xenophon, Erinnerungen an Sokrates (Übersetzung von Peter Jaerisch), 1980,5153.; Georg Lucács, Sehnsucht und Form. Charles-Louis Philippe, in: Georg Lukács, Die Seele und die
Formen, Neuwied/Berlin 1971, 133-138.; Arthur Schopenhauer, Metaphysik der Geschlechtsliebe, in:
Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung II, Darmstadt 1976 (Wissenschaftliche
Buchgesellschaft), 718-720; Friedrich Nietzsche, Dionysos-Dithyramben, in: ders., Werke in zwei
Bänden, Band 2, Zürich 1977, 549-551.
- 213 -
stärker.57 Er sieht in ihm den ,Dornauszieher', den Eros Kephalos und andere Gestalten
aus der griechischen Götterwelt, z.B. den Ganymed, den Hyakinthos, den Narziss.58
Er betrachtet ihn anfangs noch mit einer ,fachmännisch kühlen Billigung, mit
welcher Künstler zuweilen ihr Entzücken ausdrücken.' Doch die Gefühle weichen bald
immer mehr dieser kühlen Betrachtungsweise. Er erfreut sich an der Gestalt ,Tadzios'
am Strand, am Rande des Elements, das auch wieder ,Aschenbachs' zweite Seite, den
Hang zum Ungegliederten, Maßlosen und zum Nichts verkörpert. Er gibt sich der
Trägheit hin, er ist vollkommen damit beschäftigt, die Schönheit ,Tadzios' zu studieren
und sich an ihr zu erfreuen. Als er merkt, daß er dem Klima in Venedig nicht gewachsen
ist, kehrt er um, aber wegen einer zufälligen Gepäckverwechslung entschließt er sich zu
bleiben. Von da an beginnt eine Wandlung in ,Aschenbachs' Verhältnis zu ,Tadzio'. In
die Betrachtung der Schönheit ,Tadzios' mischt sich im weiteren Verlauf der Novelle
immer mehr Bewunderung und Verehrung. Die mütterliche Seite von ,Aschenbachs'
Wesens, die seit Jugendzeit geknechtete und unterdrückte Gefühlswelt kommt immer
mehr zu Tage und drängt die Welt der Pflichterfüllung und der Zucht in den
Hintergrund. Doch bevor diese Welt völlig aufgelöst und vernichtet wird, stellt sich
noch ein Ausgleich beider unterschiedlicher Charaktere ein. ,Aber an diesem Punkte der
Krisis war die Erregung des Heimgesuchten auf Produktion gerichtet.' Ihm gelingt eine
halbe Seite erlesener Prosa, zu deren Verwirklichung er die Schönheit ,Tadzios' wie
eine Schablone verwendet. Gefühle und Vernunft treten an dieser Stelle in ein gesundes
Verhältnis zueinander, keiner der beiden Charaktere, weder der apollinische noch der
dionysische, wollen sich gegenseitig unterdrücken, sondern beide sind gleichwertig.
Doch dieser Ausgleich des apollinischen mit dem dionysischen Wesen kann auf Dauer
nicht gelingen:
So empfindet ,Aschenbach' beim Wiedersehen mit dem ,Bewunderungswürdigen'
eine abenteuerliche Freude, er akzeptiert den ,Gleichtakt seines Daseins': "Das war der
Rausch; und unbedenklich, ja gierig hieß der alternde Künstler ihn willkommen."59
57
s. dazu auch ‚Willy R. Berger, Thomas Mann und die antike Literatur, in: Thomas Mann und die
Tradition, hrsg. v. Peter Pütz, Frankfurt a.M. 1971, 59.
58
Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, 140, 185, 265.
59
Erzählungen, 545.
- 214 -
Dionysos ist bekanntlich eine thrakische Gottheit, die über Indien auf dem Land- und
Seeweg nach Griechenland kam. Bevor Dionysos Indien erreichte, musste er den Tigris
überschreiten. Dabei half ihm ein Tiger, den sein Vater Zeus gesandt hatte.
Dionysos wird in einem orgiastischen Kult, einem Baccanal, verehrt. Seine Anhänger
sind des Gottes voll (,Enthusiasmos'). Sie geben ihre alltägliche und gesittete
Lebenshaltung auf und folgen dem Gott, der von Satyrn, Silenen und Nymphen
begleitet wird, durch Berge und Wälder, lärmend, trunken und rohes Fleisch
verzehrend. Meist wird zu seinen Ehren auch ein Phallos mitgeführt. Dionysos erscheint
dann seinen Verehrern, meist Frauen, in Tiergestalt, oft als Bock.60
Dieses Verhalten ,Aschenbachs' zeigt sich auch in der Begegnung mit ,Tadzio', in der
,Aschenbach' die Möglichkeit verspielt, seinen Rausch und seine Sehnsucht durch die
heilsame Ernüchterung der Bekanntschaft zu beenden. Denn der Künstler will diese
Ernüchterung, die ihn sich selbst wiedergegeben hätte, nicht. Er ist von seiner
ehemaligen Zucht schon sehr weit entfernt und dem Stadium der Zügellosigkeit nahe.
,Aschenbachs' Liebesrausch weitet sich im weiteren Verlauf immer weiter aus. Der
,fremde' Gott, Dionysos, nimmt von ihm vollends Besitz um ihn zu vernichten. Thomas
Mann äußert sich dazu in einem Vortrag am 2. Mai 1940 in Princeton: "Wieder war
mein Thema der verwüstende Einbruch der Leidenschaft, die Zerstörung eines
geformten, scheinbar endgültig gemeisterten Lebens, das durch den "fremden Gott",
durch Eros-Dionysos entwürdigt wird und ins Absurde gestoßen wird."61
60
Dionysos, Gott des Weines und des Rausches, ist der Sohn des Zeus und der Semele. Auf Anraten der
eifersüchtigen Hera wünscht Semele, ihren göttlichen Liebhaber in wahrer Gestalt zu sehen. Zeus
erscheint unter Blitz und Donner, und Semele verbrennt bei seinem Anblick. Die sechsmonatige
Leibesfrucht trägt Zeus in seinem Schenkel aus. Auf Heras Befehl wird der neugeborene Dionysos von
den Titanen in Stücke gerissen, und ein Granatapfel entspringt dem Boden an der Stelle, wohin sein Blut
getropft ist. Aber seine Großmutter Rhea fügt alle Teile wieder zusammen. Um ihn vor weiteren
Nachstellungen Heras zu schützen, verwandelt Hermes auf Befehl des Zeus Dionysos zeitweilig in ein
Zicklein, nach: Herbert Hunger, Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, 48-50 und 110112; Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie, Hamburg, Band 1, 91-93; Johannes Irmscher
(Hrsg.), Lexikon der Antike, Bayreuth 1985, 140.
61
Thomas Mann, On Myself. "Doppellecture" vor den Studenten der Universität Princeton, 2./3. Mai
1940, in: Hans Wysling, Dokumente und Untersuchungen. Beiträge zur Thomas-Mann-Forschung
(Thomas-Mann-Studien) , 3. Band, Bern - München 1974, 84ff.
- 215 -
Dies zeigt auch die Begegnung ,Aschenbachs' mit ,Tadzio' am Ende des vierten
Kapitels. ,Aschenbachs' und 'Tadzios' Blicke treffen sich unverhofft und ,Tadzio' lächelt
,Aschenbach' an. Dieses Lächeln hat auf ,Aschenbach' eine starke Wirkung. Er ist
erschüttert und überwältigt, dem Leser ist nun klar, wie ,Aschenbach' zu ,Tadzio' steht.
Er liebt ihn, er betet ihn direkt an. Doch diese eindeutige Beziehung wird von
,Aschenbach' wie schon so oft in der Novelle rationalistisch erklärt und verharmlost.
Das Lächeln des ,Tadzio' wird mit dem Lächeln des Narziss verglichen, betört von
seiner eigenen Schönheit und betörend für den Betrachter. ,Aschenbach' flüchtet sich
hier wieder in seine ,Traumwelt' der griechischen Mythologie, die es ihm erleichtert
seine Situation zu verdrängen.
Er begnügt sich im weiteren Verlauf nicht mehr damit, ,Tadzio' durch zufällige
Begebenheiten nahe zu sein, sondern er stellt ihm regelrecht nach, indem er seinem
Geliebten durch die Gassen Venedigs folgt. Einige Male erkennt ,Aschenbach' seinen
würdelosen Weg und ist versucht, zu seiner alten Zucht und Ordnung zurückzukehren,
d.h. seine Würde vor der Außenwelt zu wahren. Doch er nimmt diese Chancen zur
Umkehr nicht mehr wahr.
ca) Woran stirbt ,Gustav von Aschenbach'?
,Aschenbach' verfolgt ,Tadzio' in krankhaftem Wahn durch das Labyrinth von
Venedig. ,Tadzio' spielt dabei die Rolle des Hermes, des Totenführers, der die Seelen
ins Reich der Toten geleitet: Er wendet sich öfters um, um sich der Gefolgschaft seines
Liebhabers zu versichern. Über ,Aschenbachs' scheinbare Homoerotik äußert sich
Thomas Mann:
"Ich sage das, obgleich ich den "Tod in Venedig" geschrieben, dem Sie in Ihrem
Brief so freundliche Worte der Verteidigung widmen, - gegen Einwänden und
Vorwürfe, die Ihnen selbst nur zu geläufig sein mögen. (...); denn es wäre mir
höchst unerwünscht, wenn Ihnen – und anderen – der Eindruck bliebe, daß ich
eine Gefühlsart, die ich sehr ehre, weil sie fast notwendig – mit viel mehr
Notwendigkeit jedenfalls, als die "normale" – Geist hat, hätte verneinen oder sie,
soweit sie mir zugänglich ist – und ich darf sagen, sie ist es mir kaum bedingter
- 216 -
Weise – hätte verleugnen wollen. Den artistischen Grund, warum es diesen
Anschein gewinnen konnte, haben Sie klug und klar erkannt. Er liegt in dem
Unterschied zwischen dem dionysischen Geist unverantwortlich–individualistisch
sich ausströmender Lyrik und dem apollinischen objektiv gebundener, sittlich–
gesellschaftlich verantwortlicher Epik. Ein Gleichgewicht von Sinnlichkeit und
Sittlichkeit wurde angestrebt (...) Aber der künstlerische Anlaß zum
Mißverständnis ist eben nur einer unter anderen, die rein geistigen sind sogar
wichtiger: z.B. die naturalistische, euch Jungen so fremde Einstellung meiner
Generation, die mich zwang, den "Fall" auch pathologisch zu sehen und dies
Motiv (Klimakterium) mit dem symbolischen (Tadzio als Hermes Psychopompos)
changieren zu lassen: Etwas noch Geistigeres, weil Persönlicheres kam hinzu: die
durchaus nicht "griechische", sondern protestantisch-puritanische ("bürgerliche")
Grundverfassung des erlebenden Helden nicht nur, sondern auch meinerselbst; mit
anderen Worten: unser gründlich mißtrauisches, gründlich pessimistisches
Verhältnis zur Leidenschaft selbst und überhaupt (...) Leidenschaft als Verwirrung
und Entwürdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel, - was ich
ursprünglich erzählen wollte, war überhaupt nichts Homo-Erotisches, es war die
– grotesk gesehene – Geschichte des Greises Goethes zu jenem kleinen Mädchen
in Marienbad, das er mit Zustimmung der streberisch-kupplerischen Mama und
gegen das Entsetzen seiner eigenen Familie partout heiraten wollte, was aber die
Kleine durchaus nicht wollte. (...)
Der Brief mußte liegen bleiben. Abschließen wollte ich ihn nicht, ohne Ihnen über
mein Verhältnis zu jener Gefühlsrichtung im Allgemeinen noch etwas gesagt zu
haben. Sie werden nicht von mir verlangen, daß ich sie absolut über die
landläufigere stelle. Sie absolut darunter zu stellen, könnte nur ein Grund: der
ihrer "Unnatürlichkeit", den schon Goethe triftig zurückgewiesen hat. Offenbar
gilt das Gesetz der Polarität nicht unbedingt, das Männliche braucht nicht
notwendig vom Weiblichen angezogen zu werden, die Erfahrung widerlegt die
Behauptung, daß "Effemination" dazu gehöre, damit es sich vom gleichen
Geschlecht angezogen fühle. Sie lehrt freilich auch, daß Entartung, Zwittertum,
Zwischenstufenwesen, kurz abstoßend Pathologisches der Grund sein kann und
häufig der Grund ist. Das ist die medizinische Sphäre, sie kommt höchstens
humanitär, aber nicht geistig und kulturell in Betracht. Es kann andererseits keine
Rede davon sein, daß etwa Michelangelo, Friedrich der Große, Winckelmann,
Platen, George unmännliche oder weibische Männer seien. Man sieht hier die
Polarität einfach versagen und wird einer Männlichkeit der Art oder sogar des
Geistes ansichtig, daß auch in erotischen Dingen nur die Sphäre des Männlichen
Bedeutung und Interesse für sie hat. Mich wundert es keinen Augenblick, daß ein
Naturgesetz (das der Polarität) auf einem Gebiete aussetzt, das trotz seiner
Sinnlichkeit mit Natur sehr wenig, viel mehr mit Geist zu thun hat. Daß reife
Männlichkeit zarter und schöner sich zärtlich neigt, diese nach jener die Arme
streckt, darin finde ich nichts Unnatürliches und viel erzieherischen Sinn, viel
hohe Humanität. (...) Was mich persönlich betrifft, so ist mein Interesse zwischen
(...) beiden Prinzipien der Gesellschaft, der Familie und den Männerbünden,
einigermaßen geteilt. Ich bin Familiensohn und Familienvater von Instinkt und
Überzeugung. Ich liebe meine Kinder, am innigsten ein kleines Mädchen, das
meiner Frau sehr ähnlich ist, ein Franzose würde von Vergötterung sprechen, - da
- 217 -
haben sie den Bürger. Soll nun aber vom Erotischen, vom unbürgerlichen, geistigsinnlichen Abenteuer die Rede sein, so stellen die Dinge sich doch ein wenig
anders dar. Das Problem des Erotischen, ja das Problem der Schönheit scheint mir
beschlossen in dem Spannungsverhältnis von Leben und Geist. Ich habe darüber
Andeutungen gemacht an einer Stelle, wo man es nicht hätte erwarten sollen. "Das
Verhältnis von Leben und Geist" sage ich in den "Betrachtungen", "ist ein äußerst
delikates, schwieriges, erregendes, schmerzliches mit Ironie und Erotik geladenes
Verhältnis ..." Und ich spreche weiter von einer "verschlagenen" Sehnsucht, die
vielleicht das eigentlich philosophische und dichterische Verhältnis des Geistes
zum Leben bilde. ,"Sehnsucht nämlich geht zwischen Geist und Leben hin und
wider. Auch das Leben verlangt nach dem Geiste. Zwei Welten, deren Beziehung
erotisch ist, ohne daß die Geschlechtspolarität deutlich wäre, ohne daß die eine
das männliche, die andere das weibliche Prinzip darstellt: das sind Leben und
Geist. Darum gibt es zwischen ihnen keine Vereinigung, sondern nur die kurze,
berauschende Illusion der Vereinigung und Verständigung, eine ewige Spannung
ohne Lösung ... Es ist das Problem der Schönheit, daß der Geist das Leben, das
Leben aber den Geist als "Schönheit" empfindet ... Der Geist, welcher liebt, ist
nicht fanatisch, er ist geistreich, er ist politisch, er wirbt, und sein Weben ist
erotische Ironie ..." Sagen Sie mir, ob man sich besser "verraten" kann. Meine
Idee des Erotischen, mein Erlebnis davon ist vollkommen ausgedrückt. (...)"62
In dem folgenden Traum vom fremden Gott Dionysos wird ,Aschenbachs' bisheriges
Wesen völlig zerstört und seine Selbstauflösung offensichtlich. Der Traum war für ihn
ein ,körperhaft–geistiges' Erlebnis, bei dem er Angst und dann Lust und Neugier
empfindet. Er erlebt das Fest des Dionysos, des fremden Gottes, gegen den er sich bis
zuletzt zur Wehr setzen will ((…)"bis zuletzt das Seine zu schützen gegen den Fremden,
den Feind des gefaßten und würdigen Geistes").63 Er empfindet Ekel beim Anblick der
wahnsinnigen Menschen, doch er unterliegt schließlich der Macht des Fremden, der
Gefühle, und er ist schließlich dem fremden Gott hörig. Anfang ist er zwar noch
bemüht, das Seine vor dem fremden Gott zu schützen, d.h. sein apollinisches
Lebensprinzip gegen das des Gottes Dionysos zu verteidigen, doch nach dem Zug des
62
Thomas Mann an Carl Maria Weber, 4. Juli 1920, in: Erika Mann (Hrsg.), Thomas Mann, Briefe 1889-
1936, Frankfurt a M. 1961, 176-179.; Hier handelt es sich um ein Missverständnis Thomas Manns, wenn
er von der protestantisch-puritanischen Grundverfassung des Helden spricht und diese mit seiner eigenen
Bürgerlichkeit gleichsetzt. Denn er interpretiert das Scheitern im Sinne des Luthertums, wie die
Ausführungen zu den "Buddenbroos" gezeigt haben. Im "Tod in Venedig" herrscht dagegen das Konzept
der Leistungsethik, das dem der ,Bürokratie und Askese' Max Webers zum Verwechseln ähnlich sieht.
63
Mann, Erzählungen, 575.
- 218 -
Dionysos mit seinen Satyrn, Silenen und Baccaten bleibt seine Existenz zerrüttet und
zerstört zurück. Der Auftritt der Straßensänger kündigt den Einzug des Gottes Dionysos
im Leben ,Aschenbachs' an. Der Bariton–Buffo der Gruppe verkörpert alle Todesboten,
die im vorherigen Verlauf auf das Ende ,Aschenbachs' hingedeutet haben. Er hat etwas
Herrisches und Kühnes, ,Aschenbach' fühlt sich von ihm angezogen und abgestoßen
zugleich, er ist, wie ,Aschenbach' sagt, gleichzeitig gefährlich und unterhaltend. Er
verliert im Verlauf der Novelle wie gesagt immer mehr von seiner Würde, die er sich in
seinem Leben als Künstler so hart erkämpft hat. Diese Selbstaufgabe des Künstlers
mündet am Ende in den Tod, der die einzige Alternative darstellt. ,Aschenbachs'
Künstlertum ist wie das von Thomas Mann von Anfang an tot verbunden. Der Künstler
bewegt sich danach kontinuierlich auf den Abgrund zu. Er kann zwar die Erkenntnis,
d.h. das Wissen um die Nichtigkeit des Künstlertums verwerfen und sich dadurch den
Anschein von Würde eine Zeit lang aufrechterhalten. Aber die Absage an den Abgrund
führt zwangsläufig wieder zu ihm zurück, denn der Weg des Künstlers läuft durch das
Sinnliche zum Geistigen. Diese Auffassung vom Künstlertum hat Thomas Mann, wie
schon erwähnt, den antiken Schriften "Gastmahl" und "Phaidros" entnommen: Danach
schaut der Künstler bekanntlich zuerst die Schönheit des Körpers und schließlich
kommt er durch sie zur Liebe der vollkommenen Schönheit, nämlich der Philosophie.
Die menschliche Schönheit ist ein Abbild der Urbilder der ewigen vollkommenen
Schönheit. Wenn der Künstler nun so ein Abbild der ewigen Schönheit erblickt, leitet
ihn Eros, der Liebesgott, von der sinnlichen zur geistigen Schönheit, die sich in seinen
Werken ausdrückt. Doch dieser Weg des Künstlers, der über die Sinne führt, ist nach
Thomas Mann ein Irr- und Sündenweg, der notwendigerweise wieder zum Abgrund des
Lebens führt. Denn Eros ist zwar der Führer des Künstlers vom Sinnlichen zum Geiste,
doch eben darin liegt die Gefahr und die Vergänglichkeit dieses Weges. Er führt nicht
nur zu vollkommener Schönheit, sondern vielmehr zu Rausch und Begierde, zur
Leidenschaft und damit zur Auflösung des Künstlertums. Daraus folgt die Konsequenz,
dass das Künstlertum nicht würdig werden kann; ,Aschenbach' erkennt auf seinem
Irrweg durch Venedig auf den Stufen der Zisterne selbst, dass die würdevolle
Meisterhaltung seines Stils Lüge und Narrentum ist, dass der Ruhm und die Ehre, die
dem Künstler zuteil werden, eine Posse sei und dass das Volksvertrauen der Menge zu
- 219 -
den Künstlern höchst lächerlich und sogar gefährlich sei.64 Durch Eros wird die Welt
des Scheins, die Welt der scheinbar gemeisterten künstlerischen Existenz, letztlich als
Trugbild entlarvt und damit vernichtet. Nietzsches Philosophie spiegelt sich in Thomas
Manns Auffassung von Kunst und Künstlertum wider: Der apollinische Künstler, der
hier durch ,Aschenbach' vertreten ist, steht der Welt gegenüber. Seine Kunst spiegelt
den Schein der Welt wider, hinter dem sich jedoch etwas anderes verbirgt.65 Wenn
dieses andere zutage tritt, löst sich die apollinische Kunstauffassung auf, denn dieses
andere gehört zum dionysischen Verständnis vom Künstlertum: Der dionysische
Künstler steht nicht der Welt gegenüber, er steht mitten in ihr. Er schafft in seiner Kunst
kein Abbild der Wirklichkeit, das durch irgendeine Macht untergraben werden kann,
sondern er ist durch sein Künstlertum der Welt sehr eng verbunden. Dadurch, dass er
nicht durch Zucht seine Gefühlswelt unterdrückt, kann er erst gar nicht zur
Zügellosigkeit kommen. Doch Thomas Mann betont, dass das Künstlertum eine
Mischung von Zucht und Zügellosigkeit darstellt, dass Künstlertum also apollinisch wie
dionysisch zugleich ist.66 ,Aschenbachs' apollinische-protestantisch-calvinistisches
Künstlertum drückt sich in den zahlreichen mythologischen Anspielungen der Novelle
aus. Sie verschleiern ihm bis zuletzt seinen wahren Gefühlzustand, da sie seine Neigung
64
Thomas Mann, Der Tod in Venedig und andere Erzählungen, Frankfurt a.M. 1907-67, 66.
65
Apollon, ein schöner Jüngling, Sohn des Zeus und der Leto, wird zuweilen als Lichtgott angesehen und
als Helios (Sonne) verehrt. Er ist der Garant der sittlichen Ordnung, der Gott des geistigen Lebens, der
Klarheit und der Künste. Als Gott der Weissagung besitzt Apollon viele Orakelstätten. In Delphi sitzt die
Phythia, die von Apollon inspirierte Seherin, auf einem Dreifuß, einem Metallbecken mit drei Füßen. Der
Dreifuß galt in Griechenland auch als Weihegeschenk des Apollon. s. Herbert Hunger, 140. Nietzsche
ordnet das Apollinische der Kunst des Bildners, das Dionysische der unbildlichen Kunst der Musik zu.
Auch die Entwicklung Aschenbachs findet sich bei ihm wieder. "Und so war, überall dort, wo das
Dionysische durchdrang, das Apollinische aufgehoben und vernichtet.", Nietzsche, Die Geburt der
Tragödie, in: Friedrich Nietzsche, Werke in zwei Bänden, Bd.1, 12-30. Friedrich Nietzsche, der unter
anderem vom Darwinismus beeinflusst wurde, wollte bekanntlich einen neuen Menschen schaffen,
nämlich den an der Renaissance orientierten Übermenschen. Sein Kampf richtete sich daher gegen alles
Krankhafte, alles Lebensfeindliche, gegen die Verlogenheit der bürgerlichen Moral, in seinen "DionysosDithyramben" vor allem gegen das Christentum. s. Dionysos-Dithyramben, in: Friedrich Nietzsche,
Werke in zwei Bänden, Bd. 2, Zürich 1977, 549-551.
66
Der Tod in Venedig und andere Erzählungen, Frankfurt a.M. 1985, 44.
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für ,Tadzio' als erste Stufe zur Erreichung der vollkommenen Schönheit sehen und
damit seine Gefühle, die er für ihn hegt, rational begründen.
Erwin Rohde (1845-1898), Professor für klassische Philologie, war eng mit
Nietzsche befreundet. Er galt als Kenner der griechischen Mythologie und wandte die
Methoden der vergleichenden Religionswissenschaft auf antike Überlieferungen an:
"Daß die Heimat des Dionysoskultes Thrakien war, (...) das haben die Griechen
selbst oft und vielfach bezeugt. (...) Der Kult dieser thrakischen Gottheit (...) trug
völlig orgiastischen Charakter. Die Feier ging auf Berghöhen vor sich, in dunkler
Nacht, beim unsteten Licht der Fackelbrände. Lärmende Musik erscholl, der
schmetternde Schall eherner Becken, der dumpfe Donner großer Handpauken und
dazwischen hinein der "zum Wahnsinn lockende Einklang" der tieftönenden
Flöten, (...). Von dieser wilden Musik erregt, tanzt mit gellendem Jauchzen die
Schar der Feiernden. Wir hören nichts von Gesängen: zu solchen ließ die Gewalt
des Tanzes keinen Atem. (...) im wütenden, wirbelnden, stürzenden Rundtanz eilt
die Schar der Begeisterten über die Berghalden dahin. Meist waren es Weiber, die
bis zur Erschöpfung in diesen Wirbeltänzen sich umschwangen; seltsam
verkleidet: sie trugen "Bassaren", lang wallende Gewänder, wie es scheint, aus
Fuchspelzen genäht; sonst über dem Gewande Rehfelle, auch wohl Hörner auf
dem Haupte. Wild flattern die Haare, Schlangen (...) halten die Hände, sie
schwingen Dolche, oder Thyrsosstäbe, die unter dem Efeu die Lanzenspitze
verbergen. So toben sie bis zur äußersten Aufregung aller Gefühle, und im
"heiligen Wahnsinn" stürzen sie sich auf die zum Opfer erkorenen Tiere, packen
und zerreißen die eingeholte Beute, und reißen mit den Zähnen das blutige Fleisch
ab, das sie roh verschlingen. (...) Aber welchen Sinn hatte das alles? (...) Die
Teilnehmer an diesen Tanzfeiern versetzten sich selbst in eine Art von Manie,
eine ungeheure Überspannung ihres Wesens; eine Verzückung ergriff sie, in der
sie "rasend, besessen", sich und anderen erschienen. (...) Diese äußerste Erregung
war der Zweck, den man erreichen wollte. Einen religiösen Sinn hatte die
gewaltsam herbeigeführte Steigerung des Gefühls darin, daß nur durch solche
Überspannung und Ausweitung seines Wesens der Mensch in Verbindung und
Berührung treten zu können schien mit Wesen einer höheren Ordnung, mit dem
Gotte und seinen Geisterscharen. (...) Alles stellt uns eine gewaltsame Erregung
des ganzen Wesens vor Augen, bei der die Bedingungen des normalen Lebens
aufgehoben schienen. Man erläuterte sich diese aus allen Bahnen des Gewohnten
schweifenden Erscheinungen durch die Annahme, daß die Seele dieser
"Besessenen" nicht "bei sich" sei, sondern "ausgetreten" aus ihrem Leibe.
Wörtlich so verstand es der Grieche ursprünglich, wenn er von der "Ekstasis" der
Seele in solchen orgiastischen Reizzuständen sprach. (...) Aber die Ekstasis (...)
gilt nicht als ein flatterndes Umirren der Seele in Gebieten eines leeren Wahns,
sondern als eine Hieromanie, ein heiliger Wahnsinn, in dem die Seele, dem Leibe
entflogen, sich mit der Gottheit vereinigt. Sie ist nun bei und in dem Gotte, im
Zustand des "Enthusiasmos"; die von diesem Ergriffenen (...) sind in dem Gotte;
- 221 -
noch im endlichen Ich fühlen und genießen sie die Fülle unendlicher
Lebenskraft."67
cb) Thomas Manns eigene Stellungnahme
Thomas Mann hat in einer Stellungnahme betont, dass diese Künstlernovelle auch
seiner Stimmung ihrer Entstehung, d.h. der Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg,
entspricht.68 Der Meisterstil ,Gustav Aschenbachs' wird in der Novelle von Thomas
Mann selbst übernommen und parodiert, denn beide erkennen, dass er nichts weiter als
Lüge und Narrentum ist. Damit kommt die tragische Ironie Thomas Manns zum
Ausdruck, mit der er das humanistische Bildungsgut und den Meisterstil seiner Zeit
parodiert. Mit dem Fall des Meisterstils fällt auch die wilhelminische Oberschicht, die
preußischen Leistungsethiker, vom Sockel. Daher kann die ,Klassizität' dieses
Geschlechts nur in parodierter Form von Thomas Mann wiedergegeben werden. Diese
Thematik vom Künstlertum, das dem Tod anheim gegeben ist, erreichte im "Tod in
Venedig" seinen Höhepunkt und seinen Abschluss. In späteren Werken hat Thomas
Mann das Künstlertum als dem Leben verbunden definiert, das aber dennoch vom Tod
weiß. Er selbst äußert sich dazu wie schon erwähnt folgendermaßen:
"Der Tod in Venedig also nimmt eine eigentümlich markante Doppelstellung ein
in meinem persönlichen Leben als Schriftsteller und zugleich in der Epoche, der
dieses Leben angehört. Die Erzählung erschien 1913, knapp vor Ausbruch des
ersten Weltkrieges also, mit dem ein Abschnitt des europäischen Lebens sich
endigte und neue Schicksalswenden sich für den Fortlebenden auftaten: und
diesem für mein Gefühl nicht zufälligen Standort an einer Zeitenwende entspricht
genau die Rolle, die sie in meinem internen Leben spielt, insofern als sie darin ein
Letztes und Äußerstes, einen Abschluß bedeutet: sie war die moralisch und formal
zugespitzteste und gesammelte Gestaltung des Décadence- und Künstlerproblems;
in dessen Zeichen seit Buddenbrooks meine Produktion gestanden hatte, und das
67
Erwin Rohde, Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen, 2 Bände, Tübingen, 2.
Auflage 1898, Reprogr. Nachdruck Darmstadt 1980 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), II, 6-30.; s.
auch "Die homerischen Götterhymnen" (Übersetzung von Thassilo von Scheffer, Jena 1927, 87-88.
68
s. auch Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, 36: "wenn die Wende des persönlichen
Lebens von den Donnern einer Weltenwende begleitet und dem Bewußtsein furchtbar gemacht wird."
- 222 -
mit dem Tod in Venedig tatsächlich ausgeformt war, - in voller Entsprechung zu
der Ausgeformtheit und Abgeschlossenheit der individualistischen GesamtProblematik des in die Katastrophe mündenden bürgerlichen Zeitalters. Auf dem
persönlichen Wege, der zum Tod in Venedig geführt hatte, gab es kein Weiter,
kein Darüber Hinaus (…)."69
Eine Erklärung der Existenz des Dionysoskultes findet sich auch bei Max Weber:
"Auch in Hellas hatte der Dionysoskult bei seinem ersten Auftreten ein dort sonst
ganz unerhörtes Maß von Emanzipation der an den Orgien beteiligten Frauen von
aller Konvention mit sich gebracht, eine Freiheit, die freilich je länger je mehr
künstlerisch und zeremoniell stilisiert und reglementiert und damit gebunden,
insbesondere auf Prozessionen und einzelne andere Festakte in den verschiedenen
Kulten beschränkt wurde und so schließlich in ihrer praktischen Bedeutung ganz
schwand. Der gewaltige Vorsprung der christlichen Propaganda innerhalb der
kleinbürgerlichen Schichten gegenüber ihrem wichtigsten Konkurrenten: der
Mithrasreligion, war, daß dieser extrem maskuline Kult die Frauen ausschloß. In
einer Zeit universeller Befriedigung nötigte dies seine Bekenner dazu, für ihre
Frauen einen Ersatz in anderen Mysterien, z.B. denen der Kybele, zu suchen und
zerstörte so von vorneherein die Einheitlichkeit und Universalität der
Religionsgemeinschaft selbst innerhalb der einzelnen Familien, in starkem
Kontrast gegen das Christentum. Im Prinzip nicht ganz so, aber im Effekt vielfach
ähnlich stand es mit allen eigentlichen Intellektuellenkulten gnostischer,
manichäischer und ähnlicher Art. Keineswegs alle Religionen der „Bruder- und
Feindesliebe“ sind zu dieser Geltung durch Fraueneinfluß gelangt oder
feministischen Charakters: die indische Ahimsareligiosität z.B. absolut nicht. Der
Fraueneinfluß pflegt nur die emotionellen, hysterisch bedingten Seiten der
Religiosität zu steigern. So in Indien. Aber es ist gewiß nicht gleichgültig, daß die
Erlösungsreligiosität die unmilitärischen und antimilitärischen Tugenden zu
verklären pflegt, wie dies negativ privilegierten Schichten und Frauen nahe liegen
muß."70
69
Thomas Mann, On Myself. "Doppellecture" vor den Studenten der Universität Princeton, 2./3. Mai
1940, in: Hans Wysling, Dokumente und Untersuchungen. Beiträge zur Thomas-Mann-Forschung
(Thomas-Mann-Studien 3. Band, Bern - München 1974, 84-87.; In den "Betrachtungen eines
Unpolitischen" bezeichnet er sich als Abkömmling der deutsch-bürgerlichen Erzählkunst des neunzehnten
Jahrhunderts.", S. 43: "(…) so liegt auch mein geistiger Schwerpunkt jenseits der Jahrhundertwende.
Romantik, Nationalismus, Bürgerlichkeit, Musik, Pessimismus, Humor - diese Atmosphärilien des
abgelaufenen Zeitalters bilden in der Hauptsache die unpersönlichen Bestandteile auch meines Seins."; s.
auch 123, 227; s. Vorwort S. 15, Anm. 14.
70
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 280.
- 223 -
Die
Gemeinsamkeit
von
Dionysoskult
und
Christentum
lag
in
deren
Frauenfreundlichkeit. Dementsprechend lassen sich die dunkleren Seiten von
,Aschenbach' Wesen, die angeblich von seiner Mutter herrühren, mit Dionysos
gleichsetzen.
"Die Ekstase als Mittel der ,Erlösung' oder ,Selbstvergottung', als welches sie uns
hier allein angeht, kann mehr den Charakter einer akuten Entrücktheit und
Besessenheit oder mehr den chronischen eines, je nachdem, mehr kontemplativ
oder mehr aktiv gesteigerten spezifisch religiösen Habitus, sei es im Sinne einer
größeren Lebensintensität oder auch Lebensfremdheit haben. Für die Erzeugung
der lediglich akuten Ekstase war natürlich nicht die planvolle Heilsmethodik der
Weg, sondern ihr dienten vorzüglich die Mittel zur Durchbrechung aller
organischen Gehemmtheiten: die Erzeugung akuten toxischen (alkoholischen oder
durch Tabak oder andere Gifte erzielten) oder musikalisch-orchestrischen oder
erotischen Rausches (oder aller drei Arten zusammen): die Orgie. Oder man
provozierte bei dazu Qualifizierten hysterische oder epileptoide Anfälle, welche
die orgiastischen Zustände bei den anderen hervorriefen. Diese akuten Ekstasen
sind aber der Natur der Sache und auch der Absicht nach transitorisch. Sie
hinterlassen für den Alltagshabitus wenig positive Spuren. Und sie entbehren des
,sinnhaften' Gehalts, den die prophetische Religiosität entfaltet. Die milderen
Formen einer, je nachdem, mehr traumhaft (mystischen) als ,Erleuchtung' oder
mehr aktiv (ethischen) als Bekehrung empfundenen Euphorie, scheinen dagegen
den dauernden Besitz des charismatischen Zustandes sicherer zu verbürgen,
ergeben eine sinnhafte Beziehung zur ,Welt' und entsprechen qualitativ den
Wertungen einer ,ewigen' Ordnung oder eines ethischen Gottes, wie ihn die
Prophetie verkündet."71
Die Wörter ,Entrücktheit', ,träumerische Entfremdung', ,Benommenheit', ,Lässigkeit',
,Trägheit', ,der Enthusiasmierte', ,der Berückte' tauchen im "Tod in Venedig" auf und
bilden Synonyme.72 Der musikalische Rausch wird durch den Bänkelsänger vorbereitet,
der toxische durch verdorbene Erdbeeren.73
Auch die Ambivalenz der Ekstase, Lebensfremdheit vs. Lebensintensität, wird hier
angesprochen.
71
ebd., 307.
72
Der Tod in Venedig, in. Erzählungen, 511, 514, 516, 531, 436, 578.
73
ebd., 563, 569, 576, 581.
- 224 -
cc) Heldenekstase, Askese, Berufsethos im Calvinismus
"Denn wie jede Art von Rausch, die orgiastische Heldenektstase ebenso wie die
erotischen Orgien und der Tanzrausch unvermeidlich mit physischem Kollaps
wechselte, so die hysterische Erfülltheit vom Pneuma mit dem psychischen
Kollaps, religiös gewendet: mit Zuständen tiefster Gottverlassenheit. Und wie
deshalb die Pflege disziplinierten kriegerischen Heldentums bei den Hellenen die
Heldenekstase schließlich zur stetigen Ausgeglichenheit der ,Sophrosyne'
ausbalancierte, welche nur die rein musikalisch-rhythmisch erzeugten Formen der
Ekstasis duldete und auch dabei – ganz ebenso, nur nicht so weitgehend wie der
die Pentatonik allein zulassende konfuzianische Rationalismus – sehr sorgsam das
,Ethos' der Musik, als ,politisch' richtig abwog, so entwickelte sich die
mönchische Heilsmethodik immer rationaler, in Indien ebenso bis zu derjenigen
des alten Buddhismus, wie im Abendland bis zu der Methodik des historisch
wirksamsten Mönchsordens: der Jesuiten."74
Eventuell ist daher im "Tod in Venedig" von der indischen Cholera die Rede.
Durch die Heldenekstase ergibt sich eine Verbindung zu den Ausführungen zum
,Aspekt des Soldatischen' und zum ,Aspekt des Leidens'75: Heldenekstase und Askese
wechselten einander ab und bedingten einander. Das Christentum machte sich dies
zunutze und bildete die Virtuosenethik aus, wie unten noch ausgeführt wird. Nicht nur
die magische Askese haben Kulte und Christentum damit gemeinsam, sondern auch die
Ekstase.76
"Der Kriegstanz ist zunächst Produkt der aus Wut und Angst gemischten
Aufregung vor dem Kampf und erzeugt direkt die Heldenekstase: insoweit ist
auch er nicht symbolisch. Sofern er aber (nach Art etwa unserer ,sympathetischen'
Zauberwirkungen) den Sieg mimisch antizipiert und dadurch magisch verbürgen
soll, und soweit jene Schlachtung von Tieren und Menschen in die Form fester
Riten gebracht und nun die Geister und Götter des eigenen Stammes zur
Teilnahme an der Mahlzeit aufgefordert werden, soweit endlich die Teilnehmer an
der Verspeisung eines Tieres sich als untereinander besonders nahe verwandt
glauben, weil die ,Seele' des gleichen Tieres in sie gefahren ist, steht der
Uebergang zur ,Symbolik' vor der Tür."77
74
Grundriß der Sozialökonomik, 309.
75
s. S. 193ff., 207ff.
76
s. S. 225, Anm. 71.; Daher kann man analog zu ,Eros-Dionysos' auch von ,Christus-Dionysos' sprechen.
77
Grundriß der Sozialökonomik, 231.
- 225 -
Hier tritt auch der Begriff des Opfers wieder auf, den das Christentum ebenfalls mit
den Kulten in Bezug auf das Totemtier gemeinsam hat.78
Weber äußert sich dazu:
"Stets aber ist eine in diesem Sinn methodische religiöse Heilslehre eine
Virtuosenethik. Stets verlangt sie, wie das magische Charisma, die Bewährung
des Virtuosentums. Ob der religiöse Virtuose ein welterobernder Ordensbruder,
wie der Moslem in der Zeit Omars, oder ein Virtuose der weltablehnenden
Askese, wie meist der christliche und, in geringerer Konsequenz, der jainistische,
oder ein solcher der weltablehnenden Kontemplation, wie der buddhistische
Mönch, ein Virtuose des passiven Märtyrertums wie der antike Christ oder ein
Virtuose der innerweltlichen Berufstugend, wie der asketische Protestant, der
formalen Gesetzlichkeit wie der pharisäische Jude oder der akosmistischen Güte
wie der heilige Franz ist, in jedem Fall hat er – wie wir schon feststellten – die
echte Heilsgewißheit nur dann, wenn sich seine Virtuosengesinnung unter
Anfechtungen ihm selbst stets erneut bewährt. Diese Bewährung der
Gnadengewißheit sieht nun aber verschieden aus je nach dem Charakter, den das
religiöse Heil selbst hat. Immer schließt sie die Behauptung des religiösen und
ethischen Standard, also die Vermeidung wenigstens ganz grober Sünden ein, für
den buddhistischen Arhat ebenso wie für den Urchristen. Ein religiös
Qualifizierter, im Urchristentum also: ein Getaufter kann, und folglich: darf nicht
mehr in eine Todsünde fallen. ,Todsünden' sind diejenigen Sünden, welche die
religiöse Qualifikation aufheben, deshalb unvergebbar oder doch nur durch einen
charismatisch Qualifizierten, auf dem Wege ganz neuer Begnadung mit dem
religiösen Charisma, dessen Verlust sie dokumentieren, absolvierbar sind."79
,Gustavs
von
Aschenbachs'
permanente
Heldenekstase
wird
von
Mann
folgendermaßen dargestellt:
"Überreizt von der schwierigen und gefährlichen, eben jetzt eine höchste
Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und Genauigkeit des Willens
78
s. S. 61ff.
79
Grundriß
der
Sozialökonomik,
310.,
Radkau
führt
dazu
aus,
dass
Weber
in
seinen
"Zwischenbetrachtungen" die Erlösung mit der Ekstase und mit ,akosmistischer' Liebe verbindet. Die
Erlösung begründe demnach einen Heroismus eigener Art und kenne keinen Bruch mit der menschlichen
Natur. ,Held' und ,Virtuose' werden gleichgesetzt. Von der "Protestantischen Ethik" habe sich Weber
damit weit entfernt, auch wenn er sie nie zurückgenommen habe. Es geht Weber darum allgemeine
Regeln für Askese und Ekstase, Charisma und Erlösung aufzustellen. ; s. Radkau, 541ff.
- 226 -
erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden, hatte der Schriftsteller dem
Fortschwingen des produzierenden Triebwerkes in seinem Innern, jenem ,motus
animi continuus', worin nach Cicero das Wesen der Beredsamkeit besteht, auch
nach der Mittagsmahlzeit nicht Einhalt zu tun vermocht und den entlastenden
Schlummer nicht gefunden, der ihm, bei zunehmender Abnutzbarkeit seiner
Kräfte, einmal untertags so nötig war."80
"Zu beschäftigt mit den Aufgaben, welche sein Ich und die europäische Seele ihm
stellten, zu belastet von der Verpflichtung zur Produktion, der Zerstreuung zu
abgeneigt (...)"81
"Und so tat denn eine Einschaltung not, etwas Stegreifdasein, Tagdieberei,
Fernluft und Zufuhr neuen Blutes (…)"82
Die Beschreibung der protestantischen, apollinischen Welt ,Aschenbachs' ist im Stil
Thomas Manns höchst ironisch gehalten, sie ist dem kultischen Baccanal des Dionysos,
dem ,Aschenbach' im Verlauf der Novelle verfällt, ähnlicher, als sie glaubt: Bei Weber
ergibt sich der Begriff der Dekadenz der wilhelminischen Gesellschaft aus der
Vergleichbarkeit von Heldenekstase und der magischer Kulte, bei Thomas Mann
dadurch, dass sich das apollinische und das dionysische Prinzip gegenseitig
ausschließen. Die Symbiose beider reicht bei ,Aschenbach' gerade zu einer "anderthalb
Seiten erlesener Prosa"83, aber nicht dazu, die wilhelminische Gesellschaft zu retten.
Auch in dem Punkt ,Dekadenz' nähern sich Weber und Mann also bis zur
Verwechslung an.84
"Diese Konzentration kann ein förmliches Ausscheiden aus der ,Welt', aus den
sozialen und seelischen Banden der Familie, des Besitzes, der politischen,
ökonomischen, künstlerischen, erotischen, überhaupt aller kreatürlichen
Interessen notwendig, jede Betätigung in ihnen als ein von Gott entfremdendes
Akzeptieren der Welt erscheinen lassen: weltablehnende Askese. Oder sie kann
umgekehrt die Betätigung der eigenen spezifisch heiligen Gesinnung, der Qualität
als erwählten Werkzeugs Gottes gerade innerhalb und gegenüber den Ordnungen
80
Tod in Venedig, Erzählungen, 493.
81
ebd., 497.
82
ebd., 499.
83
Tod in Venedig, 44.
84
vergleichbar den Heilungsvorschlägen ,Bürokratie und Askese' bzw. Leistungsethik, s. S. 72.
- 227 -
der Welt verlangen: innerweltliche Askese. Die Welt wird im letzteren Fall eine
dem religiösen Virtuosen auferlegte ,Pflicht'. Entweder in dem Sinn, daß die
Aufgabe besteht, sie den asketischen Idealen gemäß umzugestalten. Dann wird
der Asket ein rationaler ,naturrechtlicher' Reformer oder Revolutionär, wie ihn das
,Parlament der Heiligen' unter Cromwell, der Quäkerstaat und in anderer Art der
radikale pietistische Konventikel-Kommunismus gekannt hat. Stets aber wird
dann, infolge der Verschiedenheit der religiösen Qualifikation, ein solcher
Zusammenschluß des Asketentums eine aristokratische Sonderorganisation
innerhalb oder eigentlich außerhalb der Welt der Durchschnittsmenschen, die sie
umbrandet – darin von ,Klassen' prinzipiell nicht unterschieden. Sie kann die Welt
vielleicht beherrschen, aber nicht in ihrer Durchschnittsqualität auf die Höhe des
eigenen Virtuosentums heben. Alle religiös rationalen Vergesellschaftungen
haben diese Selbstverständlichkeit, wenn sie sie ignorieren, in ihren
Konsequenzen erfahren müssen. Die Welt als Ganzes bleibt, asketisch gewertet,
eine ,massa perditionis'. Also bleibt die andere Alternative eines Verzichts darauf,
daß sie den religiösen Ansprüchen genüge. Wenn nun dennoch die Bewährung
innerhalb ihrer Ordnungen erfolgen soll, so wird sie eben gerade, weil sie
unvermeidlich natürlich Gefäß der Sünde bleibt, gerade um der Sünde willen und
zu deren möglichster Bekämpfung in ihren Ordnungen eine ,Aufgabe' für die
Bewährung der asketischen Gesinnung. Sie verharrt in ihrer kreatürlichen
Entwertetheit: eine genießende Hingabe an ihre Güter gefährdet die Konzentration
auf das Heilsgut und dessen Besitz und wäre Symptom unheiliger Gesinnung und
fehlender Wiedergeburt."85
"Als Gegenstand dieser aktiven Bewährung werden die Ordnungen der Welt für
den Asketen, der in sie gestellt ist, zum ,Beruf', den es rational zu ,erfüllen' gilt.
Verpönt also ist der Genuß von Reichtum, - ,Beruf' aber die rational ethisch
geordnete, in strenger Legalität geführte Wirtschaft, deren Erfolg, also: Erwerb,
Gottes Segen für die Arbeit des Frommen und also die Gottgefälligkeit seiner
ökonomischen Lebensführung sichtbar macht. Verpönt ist jeder Ueberschwang
des Gefühls für Menschen als Ausdruck einer den alleinigen Wert der göttlichen
Heilsgabe verleugnenden Vergötterung des Kreatürlichen, - ,Beruf' aber die
rational nüchterne Mitarbeit an den durch Gottes Schöpfung gesetzten sachlichen
Zwecken der rationalen Zweckverbände der Welt. Verpönt ist die
kreaturvergötternde Erotik, - gottgewollter Beruf ,eine nüchterne
Kindererzeugung' (wie die Puritaner es ausdrücken) innerhalb der Ehe. Verpönt
ist Gewalt des Einzelnen gegen Menschen, aus Leidenschaft oder Rachsucht,
überhaupt aus persönlichen Motiven – gottgewollt aber die rationale
Niederhaltung und Züchtigung der Sünde und Widerspenstigkeit im zweckvoll
geordneten Staate. Verpönt ist persönlicher weltlicher Machtgenuß als
Kreaturvergötterung, - gottgewollt die Herrschaft der rationalen Ordnung des
Gesetzes. Der ,innerweltliche Asket' ist ein Rationalist sowohl in dem Sinn
rationaler Systematisierung seiner eigenen persönlichen Lebensführung, wie in
85
Grundriß der Sozialökonomik, 311.
- 228 -
dem Sinn der Ablehnung alles ethisch Irrationalen, sei es Künstlerischen, sei es
persönlich Gefühlsmäßigen innerhalb der Welt und ihrer Ordnung."86
Weber umreißt hier das Berufsethos des Calvinismus. Auch im Hinblick auf die
,Heldenekstase' ergib sich das Fazit: Bürokratie und Askese: ,Aschenbachs' Schwärmen
für ,Tadzio' steht ebenso im Widerspruch zum puritaniaschen Ethos wie sein Streben als
Künstler nach Macht und Einfluss.
"Stets aber bleibt das spezifische Ziel vor allem: ,wache' methodische
Beherrschung der eigenen Lebensführung. In erster Linie, aber je nach seinen
einzelnen Abschattierungen in verschiedener ,Konsequenz', der asketische
Protestantismus, welcher die Bewährung innerhalb der Ordnungen der Welt als
einzigen Erweis der religiösen Qualifikationen kannte, gehörte diesem Typus der
,innerweltlichen Askese' an."87
Aus allen drei Abschnitten (Der Meisterstil oder der Aspekt des ,Soldatischen'; der
Aspekt des Leidens; der fremde Gott) ergibt sich das Fazit ,Bürokratie und Askese' bzw.
das ,Leistungsethos' als Heilungsvorschläge für eine ,Gesundung' der wilhelminischen
Gesellschaft. Die unterschiedlichen Konzeptionen Thomas Manns und Max Webers
werden damit vergleichbar.88
86
ebd., 311.
87
ebd., 312.
88
Auf der Ma`at-Ebene geht es hier eventuell um die Vernichtung der ,Isfet': Der König muss danach auf
politischer Ebene Unrecht und Gewalt vernichten, um die Ma`at zu verwirklichen.; s. ausführlich Jan
Assmann, 213ff.
- 229 -
V. DER DILETTANT - DAS GEGENBILD ZUM LEISTUNGSETHIKER UND
BÜROKRATEN
Arbeiten Leistungsethiker und Dilettant bei Thomas Mann auch gegeneinander, so ist
ihnen doch gemeinsam, dass sie scheitern. Der Weg nach ,oben' wie nach ,unten' ist
ihnen damit verwehrt.
Die Symbiose zwischen apollinischer und dionysischer Welt scheitert im "Tod in
Venedig", wie im letzten Kapitel dargestellt wurde.1
In den frühen Erzählungen vor 1912 stilisiert Thomas Mann den von Flaubert
geprägten Begriff Décadence.
Lutherisch gesehen wird die Dekadenz als eine Folge des Sündenfalls beschrieben.
Die Religion wird hier durch die Unterhöhlung der bestehenden Verhältnisse erst
geformt, dieser Prozess vollzieht sich schleichend, wie in den "Buddenbrooks"
verdeutlicht wurde, der Verfall vollzieht sich vor den Augen Gottes und die Dekadenz
ist eher horizontal ausgerichtet.
Auch bei Weber setzt Bürokratie Charisma bzw. Askese zu deren Ausbildung
voraus. Fehlt diese, scheitert sowohl der Bürokrat als auch der Dilettant.
Der Begriff des Dilettanten bezieht sich bei Max Weber zunächst auf den ,oikos':
Max Weber deutet Dekadenz hier als puren Verfall:
"Und vollends das Einlaufen in den Hafen des Fideikommißbesitzes und
Briefadels mit Söhnen, deren Gebarung auf der Universität und im Offizierskorps
ihre Abstammung vergessen zu machen sucht, wie es der übliche Lebenslauf
1
Dies kommt auch schon in der frühen Erzählung "Enttäuschung" zum Ausdruck: "Und wenn er in Freude
sich aufschwingt oder in Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu dem
stumpfen, kalten Bewußtsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren
sehnte?" Hier werden beide Seiten der Dekadenz angesprochen, die im letzten Kapitel angedeutet
wurden.; s. dazu Erzählungen, 111f.
- 230 -
deutscher kapitalistischer Parvenü-Familien war, stellt ein epigonenhaftes
Décadenceprodukt dar. Der ,Idealtypus' des kapitalistischen Unternehmers, wie er
auch bei uns in einzelnen hervorragenden Beispielen vertreten war, hat mit
solchen gröberen oder feineren Protzentum nichts Verwandtes."2
Die neuen Besitzer von Fideikommissen werden also als Angeber und
Emporkömmlinge bezeichnet, worauf schon im ersten Kapitel über den ,oikos'
eingegangen wurde.
Dekadenz wird dann in der Religionssoziologie als Abfall von Gott beschrieben, hat
also im Gegensatz zu Thomas Mann eher eine vertikale, auf die Gesellschaftspyramide
bezogene Ausrichtung.3 Calvinistisch gesehen ist die Dekadenz der Religionsbruch, sie
wird a priori angenommen. Bei Weber ergibt sich der Begriff der Dekadenz der
wilhelminischen Gesellschaft auch aus der Vergleichbarkeit der Heldenekstase mit den
magischen Kulten, wie im vorhergehenden Kapitel ausgeführt wurde.
Doch auch auf Seiten Max Webers ist die Definition der Dekadenz nicht so eindeutig,
wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag:
"(…) wo einmal die Phantasie eines ganzen Volkes in der Richtung auf das rein
quantitativ Große gelenkt ist, wie in den Vereinigten Staaten, da wirkt diese
Zahlenromantik mit unwiderstehlichem Zauber auf die ,Dichter' unter den
Kaufleuten. Aber sonst sind es im ganzen nicht die eigentlich führenden und
namentlich nicht die dauernd erfolgreichen Unternehmer, die sich davon
einnehmen lassen."4
Diese Beschreibung eines Unternehmers als ,Dichter unter den Kaufleuten' besitzt
wie schon ausgeführt starke Ähnlichkeit mit der Figur ,Thomas Buddenbrook' und
2
Die protestantische Ethik oder der Geist des Kapitalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur
Religionssoziologie, 54f.
3
Hier sei nochmals auf die Quelle aus Kapitel I zur Dekadenz verwiesen, s. S. 125f..; Anm. 123. Hier
wird das Missverständnis auf Seiten Thomas Manns hinsichtlich der Rezeption Max Webers
offensichtlich.; vgl. hierzu auch die Ausführungen in der Einleitung zur ,vertikalen Solidarität' der Ma`at
und den drei Herrschaftstypen.
4
ebd., 54f.
- 231 -
mutet fast lutherisch an. Dass Weber den Roman "Die Buddenbrooks" gekannt hat, ist
erwiesen. Äquivalent dazu weist auch Thomas Mann seinerseits darauf hin, Webers
Aufsatz zur protestantischen Ethik gekannt zu haben, worauf die Schlüsselstelle der
vorliegenden Arbeit hinweist.5 Auch in dem Punkt ,Dekadenz' nähern sich Weber und
Mann also bis zur Verwechslung an.6
Auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten bezüglich des Begriffs der Dekadenz
soll im folgenden Kapitel genauer eingegangen werden.
1. Der Dilettant im Frühwerk Thomas Manns
In Deutschland und speziell im Fall Thomas Manns wirkt sich die Décadence als
konservative Reaktion auf den gesellschaftlichen Wertezerfall anders als in Österreich
aus:7
So ist Thomas Mann allein schon durch seine Herkunft als einer ihrer typischen
Vertreter prädestiniert, denn er entstammt wie gesagt einem großbürgerlichen
Patrizierhaus, das nach und nach mitsamt der hauseigenen Firma verfällt. Das Haus der
Manns in Lübeck war im bürgerlichen Prunkstil erbaut, den die Epoche der
Gründerjahre diktierte. Den Großvater kann man als typisch hanseatischen Patrizier
bezeichnen. Thomas Mann aber wurde zum Darsteller und zugleich unbestechlichen
Kritiker jener bürgerlichen Traditionen, die ihn erzogen haben. So wird nach dem Tod
des Vaters 1891 die Firma Johann Siegmund Mann liquidiert. In seiner Darstellung des
Dilettanten ist Thomas Mann stark von Paul Bourget beeinflusst worden. Dieser hat den
Begriff sehr genau definiert: "C'est beaucoup moins une doctrine qu'une disposition de
5
vgl. Betrachtungen eines Unpolitischen, Gesammelte Werke, Bd. XII, 145.; s. S. 43, Anm. 66.
6
vergleichbar den Heilungsvorschlägen ,Bürokratie und Askese' bzw. Leistungsethik, s. S. 72.
7
Die Wiener Moderne, s. dazu Broch, Herrmann, Schriften zur Literaturkritik, Frankfurt a.M. 1975, 144-
175; Epstein, Klaus, The Genesis of German Canservatism, Princeton - New York 1966, 255.; Janz, RolfPeter; Laermann, Klaus, Arthur Schnitzler. Zur Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de Siecle,
Stuttgart 1977, 1-26.; Rasch, Wolfdietrich, Die literarische Décadence um 1900, München 1986;
Wunberg, G. (Hg.), Die Wiener Moderne, Stuttgart 1981.; zur Entwicklung des Dilettantismus in
Deutschland s. Borchmeyer, Weimarer Klassik 355ff.
- 232 -
l'esprit, très intelligente à la fois et très voluptueuse, qui nous incline tour à tour vers les
formes diverses de la vie et nous conduit à nous prêter à toutes ces formes, sans nous
donner à aucune."8 Der Dandy mit betonter Gefühlskälte bei gleichzeitiger Lebensgier,
der Bewusstseinsszwiespalt mit der ,Lust am Zwischen', die Grundstimmung des ,ennui'
mit Lebensekel, Langweile über die Monotonie des Daseins wie im "Bajazzo", die
Romantik der Nerven wie bei ,Christian Buddenbrook' und die Sympathie mit dem
Tode und Untergangsstimmmung wie in den Erzählungen "Enttäuschung" und "Der
Tod" sind die Kennzeichen der Dekadenzdichtung Thomas Manns.9
8
Klaus Schröter, Thomas Mann, 36.
9
Pongs, Lexikon der Weltliteratur, Stuttgart 1954, 335/6.;
"Der Wille zum Glück":
Anklänge an "Tonio Kröger" finden sich in der Erzählung "Der Wille zum Glück". Hier geht es um eine
Schulfreundschaft aus dem ,Pathos der Distanz' dem größten Teil der Mitschüler gegenüber. Die erste
Liebe des Freundes des Ich-Erzählers erinnert an die Darstellung der blonden Inge im "Tonio Kröger":
"Das kleine Mädchen, das es ihm angetan, ein blondes, fröhliches Geschöpf, verehrte er mit einer
schwermütigen Glut, die für sein Alter bemerkenswert war und mir manchmal direkt unheimlich
erschien." "Ich erinnere mich besonders einer Tanzgesellschaft. Das Mädchen brachte einem anderen
kurz nacheinander zwei Kotillonorden und ihm keinen. Ich beobachtete ihn mit Angst. Er stand neben mit
an die Wand gelehnt, starrte regungslos auf seine Lackschuhe und sank plötzlich ohnmächtig zusammen.
Man brachte ihn nach Hause, und er lag acht Tage krank. Es erwies sich damals – ich glaube, bei dieser
Gelegenheit -, daß sein Herz nicht das gesündeste sei.";
erstmals erschienen im "Simplicissimus", München Jg. 1, Nr. 21-23, 22.8./29.8./5.9. 1896.; Zitate in:
Erzählungen, 45, 64.;
"Bajazzo": Im "Bajazzo", erstmals in der "Neuen Deutschen Rundschau", Berlin, Jg. 8, H. 9, im
September 1897 veröffentlicht, stellt er noch die Suche des ,Dilettanten' nach dem Erlebnis dar, das ihn
einmal ganz, seine Sinne und seine Gefühle, beansprucht, das übrigens nicht gefunden wird und glaubt
er, es gefunden zu haben, so umgaukelt ihn nur die Illusion.
"Der Künstler, dem Sinnlichen verbunden, kann nicht wirklich würdig werden." Dieses Zitat von Thomas
Mann spiegelt seine bitter-melancholische Skepsis gegen jede Form des Künstlertums wider, die auch in
vielen seiner Werke sichtbar wird. Die Grundthematik dieser Reihe von Werken ist der Décadence- und
Bohèmecharakter des Künstlertums an sich. Mann greift in dieser Erzählung auf den Typ des Dandy und
den ,ennui'-Gedanken zurück.
Der ,Bajazzo' lässt alles durch sich hindurchfließen. Das steht im Zusammenhang mit der Antinomie von
Geist und Leben: Weil der Geistige am realen gesellschaftlichen Leben nicht teilhat, ist er für nichts
Bestimmtes engagiert. Das Fest, das ist das Leben, in ihm tanzen all die Holden, Naiven, nicht vom Fluch
- 233 -
a) "Tristan"
Im "Tristan" schließlich geht es wie später im neben den "Buddenbrooks" zweiten
großen Werk der Dekadenz im Schaffen Thomas Manns, dem "Zauberberg", um einen
Sanatoriumsaufenthalt.
Hier
treffen
der
lebensschwach–erfolglos–unproduktive
Schriftsteller ,Herr Spinell' und ,Frau Klöterjahn', Gattin eines lebenskräftig–
erfolgreich–produktiven Bürgers, aufeinander. Im Gegensatz zu ihrem kraftstrotzenden
Gatten und ihrem Söhnchen wird sie als morbide Schönheit beschrieben "mit einem
,kleinen, seltsamen Äderchen, das sich blaßblau und kränklich in der Klarheit ihrer wie
durchsichtigen Stirn verzweigte (...) weil es nicht selten geschieht, daß ein Geschlecht
mit praktischen, bürgerlichen und trockenen Traditionen sich gegen Ende seiner Tage
noch einmal durch die Kunst verklärt."10 Hier wird auch schon das Schicksal des
der Erkenntnis Gezeichneten. Daher entwickelt auch hier der Geistige Ansätze zu einer Solidarisierung
mit den von unten gegen das bürgerliche System andrängenden Schichten: Der ,Bajazzo' vergleicht sich
selbst mit einem deklassierten Paria, der aus dem Dunkel auf das holde Leben blickt, und ihm kommt die
Vorstellung eines armen Bettlers, der vor dem Schaufenster eines Juweliers in den kostbaren Schimmer
eines Edelsteins starrt.
Am Ende des Werkes steht der Erkenntnisekel:
",,Ich höre auf zu schreiben, ich werfe die Feder fort, - voll Ekel, voll Ekel! – Ein Ende machen:
aber wäre das nicht beinahe zu heldenhaft für einen ,Bajazzo'? Es wird sich ergeben, fürchte ich,
daß ich weiterleben, weiteressen, schlafen und mich ein wenig beschäftigen werde und mich
allgemach dumpfsinnig daran gewöhnen, eine ,unglückliche und lächerliche Figur' zu sein. Mein
Gott, wer hätte es gedacht, wer hätte es denken können, daß es ein solches Verhängnis und
Unglück ist, als ein ,Bajazzo' geboren zu werden!...“"; s. dazu Kurzke, 82, 85, Zitate aus Mann,
Erzählungen, 152;
"Gefallen": Eine der ersten Erzählungen dieser Reihe trägt den Titel "Gefallen" und wurde erstmals in
"Die Gesellschaft", Leipzig Jg.10, im Oktober 1894 veröffentlicht.
Der Begriff der Dekadenz ist hier in buddenbrookscher Manier ironisch verwendet: ",,Du, Kleiner“, sagte
Rölling eines Tages sehr entschieden, das geht nicht so weiter. Du gerätst ja immer mehr in Dekadenz. Da
muß etwas geschehen. Morgen gehst du einfach zu ihr.“"; s. dazu Erzählungen, 15.
10
erstmals erschienen in "Tristan. Sechs Novellen", Berlin 1903, hier: Erzählungen, 253 und 256.
Weitere Erzählungen in der Reihe der Dekadenzdichtung sind:
"Das Wunderkind":
In "Das Wunderkind" sind die Formen des Künstlertums im "Tod in Venedig" angedeutet: "Er hat in sich
des Künstlers Hoheit und seine Würdelosigkeit, seine Scharlatanerie und seinen heiligen Funken, seine
- 234 -
kleinen ,Hanno' in den "Buddenbrooks" angedeutet. ,Herr Spinell' drückt dies
folgendermaßen aus:
"Ein altes Geschlecht, zu müde bereits und zu edel zur Tat und zum Leben, steht
am Ende seiner Tage, und seine letzten Äußerungen sind Laute der Kunst, ein
paar Gegentöne, voll von der wissenden Wehmut der Sterbensreife ... Sahen sie
die Augen, denen diese Töne Tränen entlockten? Vielleicht, daß die Seelen der
sechs Gespielinnen dem Leben gehörten; diejenige aber ihrer schwesterlichen
Herrin gehörte der Schönheit und dem Tode."11
Schönheit und Tod - ein Grundmotiv des "Tod in Venedig" wird hier schon
angesprochen, ebenso ist ,Spinells' Lebensweise der ,Aschenbachs' vergleichbar: "Früh
aufstehen, grausam früh, ein kaltes Bad und ein Spaziergang hinaus in den Schnee ...
Das macht, daß wir vielleicht eine Stunde lang ein wenig zufrieden mit uns sind."12 Die
gegensätzlichen Charaktere des ,Herrn Klöterjahn' und des ,Herrn Spinell' prallen im
Verlauf der Novelle aufeinander. So schreibt ,Herr Spinell' in einem Brief an ,Herrn
Klöterjahn': "Nehmen Sie das Geständnis, mein Herr, daß ich Sie hasse, Sie und ihr
Kind, wie ich das Leben selbst hasse, das gemeine, das lächerliche und dennoch
triumphierende Leben, das sie darstellen, den ewigen Gegensatz und Todfeind der
Schönheit."13 Die beiden hier miteinander Streitenden sind ,Repräsentanten einer
Verachtung und seinen heimlichen Rausch." Erstmals erschienen in "Neue freie Presse", Wien, Nr.14,
25.12.1903, hier: Erzählungen, 398.;
"Tobias Mindernickel"
Um die Stilisierung des Leidens geht es in "Tobias Mindernickel"; erstmals erschienen in "Neue
Deutsche Rundschau", Berlin, Jg. 9, H.1, Januar 1898, hier: Erzählungen, 164.;
"Enttäuschung"
Interessant
ist
hier
der
Vergleich
der
Darstellung
des
Todes
im
Frühwerk
Thomas
Manns:"Buddenbrooks", Frankfurt 1960, 447 - "Enttäuschung", 50 - "Der Tod", 54 - "Der Zauberberg",
Frankfurt a.M. 1967, 523.;
"Der Tod":
Die Todesverfallenheit wird auch in der gleichnamigen Erzählung "Der Tod" thematisiert; s. dazu
erstmals in "Simplicissimus", München Jg. I, Nr. 42, 16.1.1897, Erzählungen, 66 und 71.
11
ebd., 277.
12
ebd., 251.
13
ebd., 279.
- 235 -
Polarität der Epoche', denen gegenüber Thomas Mann den gleichen ironischen
Vorbehalt hegt.14 Thematisch geht es um unterschiedliche Personifikationen des
Künstlers, der aus jeweils anderer Haltung zum Leben nicht zum wahren Künstlertum
gelangt. ,Gabriele', die potentiell große Künstlerin, geht an das Leben mit seinen
Wirklichkeiten verloren, ,Spinell', der potentielle Künstler, verliert sich an die
Schönheit und in Unwirklichkeiten. Die verschiedenen Ausprägungen des Künstlertums
werden später im "Tonio Kröger" vertieft werden. Der Aufbau der Novelle entspricht
der gleichnamigen Oper Richard Wagners.15
b) "Der kleine Herr Friedemann"
Die Novelle "Der kleine Herr Friedemann", die ebenfalls erstmals in der "Neuen
Deutschen Rundschau" veröffentlicht wurde, erzählt die Geschichte eines Buckligen.16
Trotz seiner Behinderung liebt er das Leben. Seine Haltung zum Leben wird beim Tod
seiner Mutter deutlich: "Das war ein großer Schmerz für Johannes Friedemann, den er
sich lange bewahrte. Er genoß ihn, diesen Schmerz, er gab sich ihm hin, wie man sich
einem großen Glück hingibt, er pflegte ihn (...)"17 Diese Haltung wird für ihn
bestimmend: "Er nahm alle seine Empfindungen und Stimmungen bereitwilligst auf und
pflegte sie, die trüben so gut wie die heiteren: auch die unerfüllten Wünsche, - die
Sehnsucht." Er liebte zärtlich das Leben, "das ihm sanft dahinfloß, ohne große Affekte,
aber erfüllt von einem stillen und zarten Glück, das er sich zu schaffen wußte."18 So
14
s. Jakob Lehmann, Deutsche Novellen von Goethe bis Walser, Bd. 2, 77ff.
15
Die Tristanszene verläuft demnach entsprechend der Abfolge des zweiten Aktes der Oper "Tristan und
Isolde".; s. ebd., 83.
"Wälsungenblut"
In "Wälsungenblut" spielt der Bezug zu Wagner ebenfalls eine Rolle. ; s. dazu Erzählungen, 434f.;
erstmals abgedruckt in "Die Neue Rundschau", Berlin Jg. 17, H.1, Januar 1906.
16
Thomas Mann, Der kleine Herr Friedemann, in: "Neue Deutsche Rundschau", Berlin, Jg. 8, H. 5, Mai
1897; erste Buchveröffentlichung in "Der kleine Herr Friedemann. Novellen", Berlin 1898.
17
ebd., 77.
18
ebd., 78 und 79.
- 236 -
geht er beispielsweise oft ins Theater. Sein beschauliches Leben ändert sich abrupt, als
der Rechtsanwalt mit seiner Gattin ,Frau von Rinnlingen' in die Stadt zieht. Er stattet
dem Paar zusammen mit seinen Schwestern ,Henriette' und ,Pfiffi' einen Besuch ab.19
Als er die Frau des Rechtsanwaltes erblickt, ist er wie vom Blitz getroffen: Sein Leben
erfährt durch die unerwartete Begebenheit eine Veränderung:
"Es war erstaunlich, was für eine Veränderung in diesen acht Tagen mit dem
kleinen Herr Friedemann sich ereignet hatte. Vielleicht lag es zum Teil an dem
weißen Gasglühlicht, von dem der Saal erfüllt war, daß sein Gesicht so
erschreckend bleich erschien; aber seine Wangen waren eingefallen, seine
geröteten und dunkel umschatteten Augen zeigten einen unsäglich traurigen
Schimmer, und es sah aus, als sei seine Gestalt verkrüppelter als je."20
Willenslähmung, Leidenschaftslosigkeit und die Auflösung der Existenz sind die
Folge:
"Niemand beachtete den kleinen Herrn Friedemann, und niemand bemerkte, daß
seine großen Augen ohne Unterlaß auf Frau von Rinnlingen gerichtet waren. In
einer schlaffen Haltung saß er und sah sie an. Es war nichts Leidenschaftliches in
seinem Blick und kaum ein Schmerz; etwas Stumpfes und Totes lag darin, eine
dumpfe, kraft- und willenlose Hingabe."21
Bei einem gemeinsamen Spaziergang im Park bezeichnet er ihr gegenüber sein
dreißigjähriges bisheriges Dasein als Lüge und Einbildung. Er sinkt vor ihr auf den
Boden, sie demütigt ihn noch weiter, indem sie ihn zu Boden schleudert und ihm damit
psychisch den Todesstoß versetzt:
"Was ging eigentlich in ihm vor, bei dem, was nun geschah? Vielleicht war es
dieser wollüstige Haß, den er empfunden hatte, wenn sie ihn mit ihrem Blick
demütigte, der jetzt, wo er, behandelt von ihr wie ein Hund, am Boden lag, in eine
irrinnige Wut ausartete, die er betätigen mußte, sei es auch gegen sich selbst ... ein
Ekel vielleicht vor sich selbst, der ihn mit einem Durst erfüllte, sich zu vernichten,
sich in Stücke zu zerreißen, sich auszulöschen ... Auf dem Bauche schob er sich
19
Das Figurenarsenal der "Buddenbrooks" ist hier bereits teilweise vorhanden.
20
ebd., 99.
21
ebd., 101.
- 237 -
noch weiter vorwärts, erhob den Oberkörper und ließ ihn ins Wasser fallen. Er
hob den Kopf nicht wieder;"22
Haltung und Haltlosigkeit liegen hier nahe beieinander, wie in den Darlegungen zum
"Tod in Venedig" ausgeführt wurde.23
Bei Thomas Mann bildet der Dilettant auf künstlerischer Ebene das Gegenbild zum
Leistungsethiker. Gemeinsam ist beiden jedoch, dass sie scheitern24. Dieses Scheitern
wird in allen angesprochenen frühen Erzählungen als ,Verfall vor Gott' dargestellt.
2. Der Begriff des Dilettantismus bei Max Weber
Bei Weber ist der Dilettant vor allem im Unterschied zur geordneten Beamtenschaft
und somit auch zu den Aspekten ,Bürokratie und Askese' zu sehen:
"Stets ist die Machtstellung der vollentwickelten Bürokratie eine sehr große, unter
normalen Verhältnissen eine überragende. Einerlei, ob der ,Herr', dem sie dient,
ein mit der Waffe der ,Gesetzesinitiative', des ,Referendums' und der
Beamtenabsetzung ausgerüstetes ,Volk', ein mit dem Recht oder der faktischen
Maßgeblichkeit des ,Mißtrauensvotums' ausgerüstetes, nach mehr aristokratischer
oder mehr ,demokratischer' Basis gewähltes Parlament oder ein rechtlich oder
faktisch sich selbst ergänzendes aristokratisches Kollegium oder ein vom Volk
gewählter Präsident oder ein erblicher ,absoluter' oder ,konstitutioneller' Monarch
ist, - stets befindet er sich den im Betrieb der Verwaltung stehenden geschulten
Beamten gegenüber in der Lage des ,Dilettanten' gegenüber dem ,Fachmann'."25
22
ebd., 104f.
23
"Luischen"
Thematisch lässt sich auch die Erzählung "Luischen" hier einordnen. "Ging nicht mehr als jemals von
dieser jammervollen Figur ein kalter Hauch des Leidens aus, der jede unbefangene Fröhlichkeit tötete und
sich wie ein unabwendbarer Druck peinvoller Mißstimmung über diese ganze Gesellschaft legte? (...) ; s.
dazu Erzählungen, 183.; erstmals in "Die Gesellschaft", Leipzig Jg. 16, Bd. 1, 1900, erste
Buchveröffentlichung in "Tristan. Sechs Novellen", Berlin 1903;
24
s. S. 228.
25
Grundriß der Sozialökonomik, II. Abteilung, Wirtschaft und Gesellschaft, 2. Halbband, 671.
- 238 -
Als historisches Beispiel dient Weber wie so oft auch Mann Friedrich der Große:
"Auch der absolute Monarch und in gewissem Sinne gerade er am meisten ist der
überlegenen bürokratischen Fachkenntnis gegenüber machtlos. Alle zornigen
Verfügungen Friedrich des Großen über die ,Abschaffung der Leibeigenschaft'
entgleisten, sozusagen, auf dem Wege zur Realisierung, weil der
Amtsmechanismus sie einfach als dilettantische Gelegenheitseinfälle ignorierte."26
In Bezug auf die legale Herrschaft als Herrschaftstyp führt Weber aus:
"Man hat nur die Wahl zwischen ,Bureaukratisierung' und ,Dilettantisierung' der
Verwaltung, und das große Mittel der Ueberlegenheit der bureaukratischen
Verwaltung ist: Fachwissen, dessen völlige Unentbehrlichkeit durch die moderne
Technik und Ökonomik der Güterbeschaffung bedingt wird, höchst einerlei ob
diese kapitalistisch oder - was, wenn die gleiche technische Leistung erzielt
werden sollte, nur eine ungeheure Steigerung der Bedeutung der Fachbureaukratie
bedeuten würde - sozialistisch organisiert sind."27
Auch in der zeitgenössischen Politik sieht er dazu Parallelen:
"Die mit jedem Uebergang zum Konstitutionalismus unvermeidliche
Konzentration der Macht der Zentralbürokratie in einer Hand: ihre Unterstellung
unter eine monokratische Spitze: den Ministerpräsidenten, durch dessen Hände
alles gehen muß, was an den Monarchen gelangt, stellt diesen letzteren
weitgehend unter die Vormundschaft des Chefs der Bürokratie, wogegen Wilhelm
II. in seinem bekannten Konflikt mit Bismarck ankämpfte, um sehr bald seinen
Angriff auf jenes Prinzip zurücknehmen zu müssen."28
In der Dominanz der Verwaltung sieht Weber also einen Konfliktpunkt zwischen
Bismarck und Wilhelm II.
"Gegen die Bürokratie aber ist der konstitutionelle Monarch eben deshalb
machtlos, wenn er keine Stütze im Parlament findet. Der Abfall der ,Großen des
Reichs': der preußischen Minister und höchsten Reichsbeamten, hat noch im
November 1918 in Deutschland einen Monarchen in annähernd die gleiche Lage
gebracht, wie der auf dem Boden des Lehensstaates entsprechende Vorgang im
26
ebd., 2. Halbband, 672.
27
Grundriß der Sozialökonomik, Kapitel III, 1. Halbband, Die Typen der Herrschaft, 128.
28
Grundriß der Sozialökonomik, 2. Halbband, 672.
- 239 -
Jahre 1056. (...) Nur ökonomisch unabhängige, d.h. besitzenden Schichten
angehörige Beamte können sich, unter sonst gleichen Umständen, gestatten, den
Verlust des Amts zu riskieren: Rekrutierung von besitzlosen Schichten steigert
heute wie von jeher die Macht der Herren."29
"Sie (sc. die bürokratische Herrschaftsstruktur) steht natürlich im Dienste des
Vordringens des ,Rationalismus' der Lebensgestaltung. Aber dieser Begriff läßt
sehr verschiedenartige Inhalte zu. Ganz allgemein läßt sich nur sagen: daß die
Entwicklung zur rationalen ,Sachlichkeit', zum ,Berufs'- und ,Fachmenschentum'
mit allen ihren weitverzweigten Wirkungen durch die Bürokratisierung aller
Herrschaft sehr stark gefördert wird."30
Hier wird von Weber die Herstellung eines Zusammenhangs zwischen Bürokratie
und Askese vorbereitet:
"Die bürokratische Struktur ist überall spätes Entwicklungsprodukt. Je weiter wir
in der Entwicklung zurückgehen, desto typischer wird für die Herrschaftsformen
das Fehlen der Bürokratie und des Beamtentums überhaupt. Die Bürokratie ist
,rationalen' Charakters: Regel, Zweck, Mittel, ,sachliche' Unpersönlichkeit
beherrschen ihr Gebaren."31
Die Bürokratisierung schützt allerdings nicht vollkommen vor Dilettantismus.
Der Dilettantismus kann die Bürokratisierung auch für seine Zwecke missbrauchen:
"Je mehr Massenwirkung beabsichtigt ist und je straffer die bürokratische
Organisation der Parteien wird, desto nebensächlicher wird dabei die Bedeutung
des Inhalts der Rede. Denn diese Wirkung ist, soweit nicht einfache Klassenlagen
und andere ökonomische Interessen gegeben und daher rational zu berechnen und
zu behandeln sind, rein emotional und hat nur den gleichen Sinn, wie die
Parteiumzüge und Feste: den Massen die Vorstellung von der Macht und
Siegesgewißheit der Partei und vor allem von der charismatischen Qualifikation
des Führers beizubringen."32
Dies kommt auch in Manns Erzählung "Der Prophet" zum Ausdruck: Hier werden
Proklamationen eines selbsternannten Propheten in dessen Abwesenheit vor einer
29
ebd., 672f.
30
ebd., 675., vgl. auch S. 19, Anm. 26.
31
ebd., 677.; vgl. auch die Ausführungen zur rationalen Herrschaft in der Einleitung, 49.
32
ebd., 768. Hier wird das Charisma nur vorgetäuscht, nicht durch Askese errungen.
- 240 -
kleinen Schar auserwählter Zuhörer verlesen, wobei es sich lediglich um leere
Worthülsen handelt. Das sakrale Ambiente soll dabei die Macht und angelblich
charismatische Qualifikation des ,Propheten' unterstreichen:
"Der Novellist folgte als letzter. Er trug Gehrock und Handschuhe, entschlossen,
sich wie in der Kirche zu benehmen. Eine feierlich schwankende und flimmernde
Helligkeit, erzeugt von zwanzig oder fünfundzwanzig brennenden Kerzen,
herrschte in dem mäßig großen Raum, den sie betraten. Ein junges Mädchen mit
weißem Fallkragen und Manschetten über dem schlichten Kleid, Maria Josefa,
Daniels Schwester, rein und töricht von Angesicht, stand dicht bei der Tür und
reichte allen die Hand. Der Novellist kannte sie. Er war an einem literarischen
Teetische mit ihr zusammengetroffen. Sie hatte aufrecht dagesessen, die Tasse in
der Hand, und mit klarer und inniger Stimme von ihrem Bruder gesprochen. Sie
betete Daniel an. Der Novellist suchte ihn mit den Augen ... „Er ist nicht hier“,
sagte Maria Josefa. „Er ist abwesend, ich weiß nicht, wo. Aber im Geiste wird er
unter uns sein und die Proklamationen Satz für Satz verfolgen, während sie hier
verlesen werden.“ „Wer wird sie verlesen?“ fragte der Novellist gedämpft und
ehrerbietig. (…) „Ein Jünger meines Bruders“, antwortete Maria Josefa, „den wir
aus der Schweiz erwarten. Er ist noch nicht da. Er wird im rechten Augenblick zur
Stelle sein.“ (…) Zur Rechten des Einganges erhob sich ein altarartiger Schrein,
auf welchem zwischen Kerzen, die in silbernen Armleuchtern brannten, eine
bemalte Heiligenfigur mit aufwärts gerichteten Augen ihre Hände ausbreitete.
Eine Betbank stand davor, und näherte man sich, so gewahrte man eine kleine,
aufrecht au einem Fuße des Heiligen lehnende Amateurphotographie, die einen
etwa dreißigjährigen jungen Mann mit gewaltig hoher, bleich zurückspringender
Stirn und einem bartlosen, knochigen, raubvogelähnlichen Gesicht von
konzentrierter Geistigkeit zeigte (...) Zur Rechten gewahrte man ein verhängtes
Büchergestell, auf dessen Höhe Kerzen in Armleuchtern und antik geformte
Öllampen brannten. Zur Linken war ein weiß gedeckter Tisch aufgeschlagen, der
ein Kruzifix, einen siebenarmigen Leuchter, einen mit rotem Weine gefüllten
Becher und ein Stück Rosinenkuchen auf einem Teller trug."33
Im Weiteren ist von ,Totenmasken, Rosenkränzen, Luther, Savonarola, Lästerungen
und Hosianna, Weihrauch und Qualm von Blut' die Rede, was den sakralen Charakter
unterstreicht. Die Rede des ,Jüngers aus der Schweiz'34 wird folgendermaßen
beschrieben:
33
Mann, Die Erzählungen, 403ff.
34
vgl. den Begriff des ,Jüngers' in der Charismatheorie Webers, s. Einleitung, S. 53.
- 241 -
"Es waren Predigten, Gleichnisse, Thesen, Gesetze, Visionen, Prophezeihungen
und tagesbefehlartige Aufrufe, die in einem Stilgemisch aus Psalter- und
Offenbarungston mit militärisch-strategischen sowie philosophisch-kritischen
Fachausdrücken in bunter und unabsehbarer Reihe einander folgten. Ein
fieberhaftes und furchbar gereiztes Ich reckte sich im einsamen Größenwahn
empor und bedrohte die Welt mit einem Schwall von gewaltsamen Worten.
Christus imperator maximus war sein Name, und er warb todbereite Truppen zur
Unterwerfung des Erdballs, erließ Botschaften, stellte seine unerbittlichen
Bedingungen, Armut und Keuschheit verlangte er, und wiederholte in
grenzenlosem Aufruhr mit einer Art widernatürlicher Wollust immer wieder das
Gebot des unbedingten Gehorsams. Buddha, Alexander, Napoleon und Jesus
wurden als seine demütigen Vorläufer genannt, nicht wert, dem geistlichen Kaiser
die Schuhriemen zu lösen ..."35
Mit Ausnahme dieses Spezialfalles bildet der Dilettant bei Weber den Gegenpol zur
,Bürokratie und Askese', kann diese aber nicht gefährden. Bezieht man jedoch den
letzten Fall mit ein, so können bei Thomas Mann wie bei Max Weber die
Übersteigerungen der protestantischen Ethik, nämlich Leistungsethik bzw. Bürokratie
jeweils durch den Dilettantismus als Gegenbewegung wieder aufgehoben werden, wenn
sie nicht durch Askese bzw. Charisma gestützt werden.36 Vor allem der letztgenannte
Quellenvergleich deutet darauf hin, dass beide die Bedeutung der Parteien für die neu
entstandene Gesellschaftsordnung hoch einschätzten und auch deren Gefährdung
erkannten, die sich in der Zersplitterung der Parteienlandschaft in der Weimarer
Republik bewahrheiten sollte.
Diese Parteienzersplitterung war bekanntlich die Folge eines problematischen
Wahlrechts. Es ermöglichte auch kleinsten Parteien den Einzug ins Parlament. Wenn
35
ebd., 408.; Beßlich weist darauf hin, dass der Erzählung eine Abendeinladung Manns bei Ludwig
Derleth zugrundelag, der als katholisch-mystischer Schriftsteller galt, s. Beßlich, Barbara, Wege in den
,Kulturkrieg'. Zivilisationskritik in Deutschland 1890-1914, Darmstadt 2000, 133ff. Sie weist darauf hin,
dass die Erzählung den bürgerlichen Novellisten mit einer unbürgerlichen Welt konfrontiere. "Der
bürgerlich-disziplinierte, rational-reflektierte Gegenpol zur antibürgerlichen Höhenkunst" und die
Selbstvergewisserungen des Novellisten bezüglich seiner Zugehörigkeit zum bürgerlichen Milieu,
beispielsweise im Gespräch mit der ,reichen Dame' würden hier betont; s. dies., 141ff. Man kann diese
Erzählung meiner Ansicht nach durchaus auch auf die Parteienlandschaft vor dem Ersten Weltkrieg
beziehen.
36
Apollinische und dionysische Welt heben sich bei Mann gegenseitig auf, s. Kap. III, S. 228.; Hierin
spiegelt sich auch der Konstruktcharakter der beiden Konzepte, Leistungsethik bzw. Bürokratie wider.
- 242 -
eine Regierungskoalition zerbrach, bedeutete dies in vielen Fällen, dass Neuwahlen
stattfinden mussten. Keiner der zwischen 1920 und 1933 gewählten Reichstage bestand
volle vier Jahre. Die Demokratie war noch brüchig, der mündige Bürger und damit der
Träger
des
neuen
Charismas
war
noch
nicht
vorhanden.
- 243 -
VI. DER "TONIO KRÖGER" ZWISCHEN FIKTION UND WIRKLICHKEIT - DAS
PROBLEM DER BÜRGERLICHKEIT
Gemeinsam ist dem Dilettanten wie dem Leistungsethiker bei Thomas Mann wie gesagt,
dass sie scheitern. Der Weg ,nach oben' (ins ,Appolinische') wie ,nach unten' (ins
,Dionysische') ist also versperrt. Und auch die Stellung des ,Bürokraten' Max Webers ist in der
krisengeschüttelten Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nicht unantastbar, wie im letzten Kapitel
gezeigt wurde. Einzig bleibt die Bewährung als Bürger im Mittelfeld. Ob dies nach Ansicht
Max Webers und Thomas Manns erfolgreich sein konnte, soll im Folgenden vor allem anhand
der Figur ,Tonio Krögers' untersucht werden. ,Tonio Kröger' vereinigt Künstlertum und
Bürgertum gleichermaßen in sich. Das Dilemma liegt hier in der falschen Verknüpfung.
1. Leben vs. Geist; Kunst vs. Leben bzw. Künstlertum vs. Bürgertum
Manns Frühwerk ist nach Kurzke durch die bei sich bleibende und thematisierte NichtNaivität gekennzeichnet. Das wichtigste Werk dieser Stufe ist der "Tonio Kröger" (1903).
Die Erzählung handelt von einem Künstler, der die Fragwürdigkeit seiner künstlerischen
Existenz erkennt und darunter leidet, nicht wie die ,Blonden und Blauäugigen' ein bürgerliches
Leben jenseits der Kunst und des Talents führen zu können. Im Mittelpunkt der Erzählung steht
also der Gegensatz zwischen Künstler und Bürger. Goldman bezeichnet ,Tonio' als Künstler
mit einer bürgerlichen Identität.1
,Tonio Kröger' stammt aus bürgerlichem Haus und ist Künstler geworden. Er empfindet sein
Künstlertum jedoch als Last und sehnt sich nach der Einfachheit des bürgerlichen Lebens. In
einem Gespräch mit der befreundeten Malerin ,Lisaweta Iwanowa' äußert er sich dazu:
1
Goldman, Harvey, Max Weber and Thomas Mann, Berkeley – Los Angeles – London 1988, 95.
- 244 -
",,Man arbeitet schlecht im Frühling, gewiß, und warum? Weil man empfindet. Und weil
der ein Stümper ist, der glaubt, der Schaffende dürfe empfinden. Jeder echte und
aufrichtige Künstler lächelt über die Naivität dieses Pfuscherirrtums, - melancholisch
vielleicht, aber er lächelt. Denn das, was man sagt, darf ja niemals die Hauptsache sein,
sondern nur das an und für sich gleichgültige Material, aus dem das ästhetische Gebilde
in spielender und gelassener Überlegenheit zusammengesetzt ist. Liegt Ihnen zu viel an
dem, was Sie zu sagen haben, schlägt Ihr Herz zu warm dafür, so können Sie eines
vollständigen Fiaskos sicher sein. Sie werden pathetisch, Sie werden sentimental, etwas
Schwerfälliges, Täppisch-Ernstes, Unbeherrschtes, Unironisches, Ungewürztes,
Langweiliges, Banales entsteht unter Ihren Händen, und nichts als Gleichgültigkeit bei
den Leuten, nichts als Enttäuschung und Jammer bei Ihnen selbst ist das Ende ... Denn so
ist es ja, Lisaweta: Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und
unbrauchbar, und künstlerisch sind bloß die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres
verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems. Es ist nötig, daß man irgend etwas
Außermenschliches und Unmenschliches sei, daß man zum Menschlichen in einem
seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe, um imstande und überhaupt versucht
zu sein, damit zu spielen, es wirksam und geschmackvoll darzustellen. Die Begabung für
Stil, Form und Ausdruck setzt bereits dies kühle und wählerische Verhältnis zum
Menschlichen, ja, eine gewisse menschliche Verarmung und Verödung voraus. Denn das
gesunde und starke Gefühl, dabei bleibt es, hat keinen Geschmack. Es ist aus mit dem
Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.“ (...) ,,Sagen Sie nichts von
,Beruf', Lisaweta Iwanova! Die Literatur ist überhaupt kein Beruf, sondern ein Fluch, damit Sies wissen (...) Sie fangen an, sich gezeichnet, sich in einem rätselharten
Gegensatz zu den anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen zu fühlen, der Abgrund
von Ironie, Unglaube, Opposition, Erkenntnis, Gefühl, der Sie von den Menschen trennt,
klafft tiefer und tiefer, Sie sind einsam, und fortan gibt es keine Verständigung mehr (...)
Ich bin am Ziel, Lisaweta. Hören Sie mich an. Ich liebe das Leben (...), das ,Leben', wie
es als ewiger Gegensatz zum Geiste und der Kunst gegenübersteht, - nicht als eine Vision
von blutiger Größe und wilder Schönheit, nicht als das Ungewöhnliche stellt es uns
- 245 -
Ungewöhnlichen sich dar; sondern das Normale, Wohlanständige und Liebenswürdige ist
das Reich unserer Sehnsucht, ist das Leben in seiner verführerischen Banalität!"2
a) Die Polaritäten Geist – Leben und Künstlertum - Bürgertum
Für ,Tonio Kröger' ergeben sich vier Reproduktionen aus der konservativen Geist– LebenPolarität nach Kurzke. Das Problem für ,Tonio Kröger' liegt hier wie gesagt in der falschen
Verknüpfung:
Es existiert einmal ein Begriff von Geist, der versucht, das irrationale, lebendige Ganze zu
fassen: Er bastelt mechanisch-leere Begriffsgebäude.
Oder es handelt sich um einen entpolitisierten und vereinsamten Geist, der nur noch mit
wehmütiger Sehnsucht auf das entfernt sich abspielende Leben blickt. Dies triff auf Thomas
Manns ,Tonio Kröger' zu.
Auch der Lebensbegriff wird zweigeteilt: Der eine stilisiert und irrationalisiert dessen
Übermacht zum Mythischen, der man sich regressiv unterwirft.
Auf der anderen Seite steht die Sehnsucht nach Unterwerfung unter dieses geistlose Leben,
jedoch im Bewusstsein der Unstillbarkeit dieser Sehnsucht, im Bewusstsein, dass dieses
2
Thomas Mann, Tonio Kröger, in: Die Erzählungen (Bd.1), Frankfurt a.M. 1975, 223ff.; hier: in Erzählungen,
Frankfurt a.M. 1986, 325ff. Der "Tonio Kröger" hat dabei sein Vorbild in dem ersten echten Dichterdrama der
Weltliteratur, nämlich in Goethes "Torquato Tasso". Die Kunst wird für ,Tasso' und ,Tonio' gleichsam zum
Totenreich, zum künstlichen Paradies, aus dem kein Weg zurück ins Leben führt. Der Künstler, so heißt es in
Thomas Manns "Tonio Kröger", trägt ein ,Mal an seiner Stirn', ein Kainszeichen, das ihn für immer aus dem
Kreise der ,Lebendigen' ausschließt: Kein Blatt lässt sich pflücken ,Vom Lorbeerbaum der Kunst, ohne mit seinem
Leben dafür zu zahlen.' Goethe hat im "Tasso" zum ersten Mal, in kaum je wieder erreichter Vieldimensionalität
den Kanonkonflikt zwischen dem modernen, sich auf das Für–sich–sein der Kunst besinnenden bürgerlichen
Künstler und einer Gesellschaft dargestellt, der sein Anspruch fremd bleiben muss, wie er selbst ihren Ansprüchen
entfremdet bleibt. Hier sei auf das Symbol des unfruchtbaren Lorbeers verwiesen.; vgl. dazu Borchmeyer, Tasso
oder das Unglück Dichter zu sein, in: Allerhand Goethe. Seine wissenschaftliche Sendung aus Anlass des 150.
Todestages und des 50. Namenstages der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a.M. - Bern - New
York 1985, 67-88, 81.; ders., Der unfruchtbare Lorbeer. Über ein Existenzsymbol des modernen Dichters. Goethe
- Grillpanzer - Richard Wagner, in: Goethe im Kontext. Kunst und Humanität, Naturwissenschaft und Politik von
der Aufklärung bis zur Restauration, hrsg. v. Wittkowski, Wolfgang, Tübingen 1984, 148-162.
- 246 -
Irrationale rational nicht fassbar ist. Auch hier ist der ,Tonio Kröger' anzuführen, was später
noch vertieft werden muss.3
Für den Begriff von Geist und Kunst ergibt sich, dass bereits die Wirklichkeit einer Sache
zum Ekel des Geistes Anlass gibt. Nur das Wirklichkeitsreine kann vor dem Geist bestehen, die
,abscheuliche Erfindung des Seins' aber, wie ,Tonio Kröger' es ausdrückt, verfällt bereits qua
Sein, qua Wirklichkeit der Kritik.4
Koppmann entwickelt in diesem Zusammenhang den schon bei den "Buddenbrooks"
erwähnten Begriff der doppelten Optik:
"In doppelter Optik erscheint jeder einzelne Begriff in seiner doppelten Potenz, ,Reaktion
als Fortschritt, der Fortschritt als Reaktion'. Es geht Thomas Mann darum, nicht nur die
Komplexität geschichtlicher Konflikte, sondern schon die der geschichtlichen Vorgänge
zu erkennen; was sich als Aggressivität kundgibt, muß noch, so fordert er, als eine Form
der Verteidigung erkannt werden."5
Das Bewertungsschema ist dem Kurzkes von der Polarität von Geist und Leben
vergleichbar. Weiter führt Koopmann aus, dass nicht nur Begriffe und Epochen, sondern auch
das Individuum der doppelten Optik unterworfen ist, denn es ist historisch bedingt und erst der
Einbezug der jeweiligen Vergangenheit und der jeweiligen Zukunft gewährleistet eine Rechte
Schau der Gegenwart. Hier taucht also der ,olim'-Gedanke wieder auf. Als Beispiel führt er
Luthers Reformation als Gesinnungswerk an und stellt die Frage: Wer würde aus dem
Gesichtswinkel von Reaktion und Fortschritt klug daraus? Luthers Werk sei eben sowohl
Fortschritt und Befreiung, die deutsche Form der Revolution und Vorläuferin der französischen
wie Rückfall ins Mittelalter und ein fast tödlicher Reif auf dem zagen Geistesfrühling der
Renaissance- ein Ineinander von beiden, eine Mischung des Lebens, der Tat, der
Persönlichkeit, welcher mit Kriterien des puren Geistes keineswegs beizukommen ist.6
Zu diesem Aspekt heißt es: "Es gibt zweierlei Lebensfreundlichkeit: eine, die vom Tode
nichts weiß; die ist recht einfältig und robust, und eine andere, die von ihm weiß und nur diese,
3
Kurzke spricht hier auch von der Übermacht des Allgemeinen, s. Auf der Suche nach der verlorenen Irrationalität,
33f.
4
s. Kurzke, 108; GW VIII, 300.
5
Koopmann, 30.
6
ebd., 130; Mann, Altes und Neues, Frankfurt a.M. 1953, 170.
- 247 -
meine ich, hat vollen geistigen Wert. Sie ist die Lebensfreundlichkeit der Künstler, Dichter und
Schriftsteller."7
Antagonismen werden also in ihrer dialektischen Bezogenheit gesehen. Selbst die Moral hat
unter diesem Aspekt für Thomas Mann ein doppeltes Gesicht.
Koopmann weist zudem darauf hin, dass Mann realistische und symbolische Stilelemente
miteinander mischt. So habe er vom Naturalismus den ,Exaktheitsdrang' übernommen8,
während die leitmotivische Verknüpfung aus der Musik stammt. Leitmotive im Wagnerschen
Sinne finden sich danach auch im "Tonio Kröger", im "Tristan", in der "Königlichen Hoheit".
Es handelt sich beim "Tonio Kröger" dabei beispielsweise um stehende Wendungen. Mann
selbst bezeichnet das Werk als "Prosa- Ballade, die freilich ohne ,Buddenbrooks' schlecht
bestünde".9 Auch Elemente aus seinen anderen Erzählungen sind hier vorhanden. So tritt hier
beispielsweise der Ballettmeister ,Knaak' wieder auf, der schon als Figur in "Wie Jappe und Do
Escobar sich prügelten" eine Rolle spielte: "Auf seinen Stock gestützt und die Füße gekreuzt,
stand er außerhalb unseres Kreises, erfaßte seinen weichen braunen Schnurrbart mit der
Unterlippe und machte finstere Kenneraugen."10 Er wird in beiden Erzählungen also als
Hermesfigur eingeführt.11
Im "Tonio Kröger" wird der Gegensatz von Geist und Leben nun auf die Welt der
Bürgerlichkeit, der als selig empfundenen Gewöhnlichkeit übertragen, "wie denn ja auch Tonio
Kröger sich als etwas Ironisch-Mittleres zwischen Bürgerlichkeit und Künstlertum empfand,
(…)"12 Diese These stellt Mann in einen größeren Rahmen: "Aber ist man vielleicht gerade
damit deutsch? Ist nicht deutsches Wesen die Mitte, das Mittlere und Vermittelnde und der
Deutsche der mittlere Mensch im großen Stile?" Deutsch sein definiert er also zwischen
Künstler und Bürger stehend, zwischen Konservativem und Nihilisten.13 So sieht es auch
7
Altes und Neues, 289, zitiert nach Koopmann, 34.
8
ebd., 39 ff.
9
Betrachtungen, 108.
10
Wie Jappe und Do Escobar sich prügelten, erstmals erschienen in "Süddeutsche Monatshefte", München Jg . 8,
H. 2, Februar 1911, hier in Erzählungen, 485; zu ,Tonio' s. ebd., 311ff.
11
vgl. die Hermesfigur als vergrößerter Ausschnitt aus einer attischen Hydra, um 320 v.Chr., in: Walter Hans,
Griechische Götter. Ihr Gestaltwandel aus den Bewußtseinsstufen des Menschen dargestellt an den Bildwerken,
München 1972, 277.
12
Betrachtungen, 109.
13
ebd., 129.
- 248 -
,Tonio Kröger' selbst: "Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es
infolgedessen ein wenig schwer."14 Seine Entwicklung und sein Fazit lauten demnach
folgendermaßen: "Denn wenn irgendetwas imstande ist, aus einem Literaten einen Dichter zu
machen, so ist es diese meine Bürgerliebe zum Menschlichen, Lebendigen und
Gewöhnlichen."15
Die Ineinssetzung von Kunst und Erkenntnis, von Künstlertum und Kritik, mit dem Ziel, so
die Wahrheit zu ergründen, ist ein Element aus Nietzsche – doch will ,Tonio' eben nicht in
kalter Distanz, in der unentschiedenen Haltung Hamlets, im ,Erkenntnisekel' verharren.16 Das
Werk ist mit der Philosophie Nietzsches eng verknüpft. So heißt es in den "Betrachtungen"
dazu: "Die Sache war die, daß, während in ,Buddenbrooks' nur der Schopenhauer-Wagnersche
Einfluß, der ethisch-pessimistische und der episch-musikalische, sich hatte geltend machen
können, in ,Tonio Kröger' das Nietzschesche Bildungselement zum Durchbruch kam, das
fortan vorherrschend bleiben sollte."17
b) Die Künstlerproblematik im "Tonio Kröger"
Die Künstlerproblematik wird also zwischen den Axiomen Künstler und Bürger entwickelt.
So ist schon die Physiognomie und das Verhalten der beiden Schulfreunde ,Hans Hansen'
und ,Tonio Kröger' völlig unterschiedlich:
"Hans trug eine dänische Matrosenmütze mit kurzen Bändern, unter der ein Schopf
seines bastblonden Haares hervorquoll. Er war außerordentlich hübsch und wohlgestaltet,
breit in den Schultern und schmal in den Hüften, mit freiliegenden und scharfblickenden
stahlblauen Augen. Aber unter Tonio's runder Pelzmütze blickten aus einem brünetten
und ganz südlich scharfgeschnittenen Gesicht dunkel und zart umschattete Augen mit zu
schweren Lidern träumerisch und ein wenig zaghaft hervor ... Mund und Kinn waren ihm
ungewöhnlich weich gebildet. Er ging nachlässig und ungleichmäßig, während Hansens
schlanke Beine in den schwarzen Strümpfen so elastisch und taktfest einherschritten ..."18
14
Erzählungen, 373.
15
ebd., 373.
16
Lehmann, Jakob, Deutsche Novellen, Bd. 2, 106.
17
Betrachtungen,109; s. auch 124.
18
Tonio Kröger in: Die Erzählungen, 299f.
- 249 -
Auch die Eltern ,Tonios' werden gegensätzlich gezeichnet:
"Tonio liebte seine dunkle und feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel und die
Mandoline spielte, und er war froh, daß sie sich ob seiner zweifelhaften Stellung unter
den Menschen nicht grämte. Andererseits aber empfand er, daß der Zorn seines Vaters
weit würdiger und respektabler sei, und war, obgleich er von ihm gescholten wurde, im
Grunde ganz einverstanden mit ihm, während er die heitere Gleichgültigkeit der Mutter
ein wenig liederlich fand. (...) Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern
anständige Leute, Konsul Krögers, die Familie der Kröger ..."19
Der Riss geht sogar durch seine Namensgebung hindurch. So sagt ,Hans' zu ,Tonio': "Ich
nenne dich Kröger, weil dein Vorname so verrückt ist, du, entschuldige, aber ich mag ihn nicht
leiden. Tonio ... das ist doch überhaupt kein Name. Übrigens kannst du ja nichts dafür,
bewahre!"20
Auch ,Tonio' ist sich der unterschiedlichen Erscheinung beider Schulfreunde bewusst: "Er
liebte ihn (sc. ,Hans Hansen') zunächst, weil er schön war; dann aber, weil er in allen Stücken
als sein eigenes Widerspiel und Gegenteil erschien. Hans Hansen war ein vortrefflicher Schüler
und außerdem ein frischer Gesell, der ritt, turnte, schwamm wie ein Held und sich der
allgemeinen Beliebtheit erfreute."21
Statt seinem Freund nachzueifern, betont ,Tonio' stattdessen die Gegensätze:
"Er machte nicht den Versuch, zu werden wie Hans Hansen und vielleicht war es ihm
nicht einmal sehr ernst mit diesem Wunsche. Aber er begehrte schmerzlich, so wie er
war, von ihm geliebt zu werden, und er warb um seine Liebe auf seine Art, eine langsame
und innige, hingebungsvolle, leidende und wehmütige Art, aber von einer Wehmut, die
tiefer und zehrender brennen kann als alle jähe Leidenschaftlichkeit, die man von seinem
fremden Äußeren hätte erwarten können."22
19
ebd., 302f.; vgl. hier die unterschiedlichen Charaktere von Thomas Manns eigenen Eltern, s. Schröter, 14f.
20
ebd., 306.
21
ebd., 303.
22
ebd., 304. Später stilisiert er diesen Namen, S. 320f.: "dieser aus Süd und Nord zusammengesetzte Klang, dieser
exotisch angehauchte Bürgersname".
- 250 -
Seine Zuneigung wird aber nicht in dem Maße erwidert, wie er sich das vorstellt, denn die
Interessen sind zu unterschiedlich. Während ,Tonio' Verse schreibt und "Don Carlos" liest,
rudert, segelt und schwimmt ,Hans' oder liest Tierbücher.23
ba) Die ambivalenten Begriffe der Künstlerproblematik
Das Schreiben seiner Verse erfüllt ,Tonio' übrigens mit Stolz und Scham, womit bereits
zwei ambivalente Begriffe der Künstlerproblematik genannt wären.
Diese Tätigkeit entfremdet ihn natürlich von seinen Altersgenossen: "er war allein und
ausgeschlossen von den Ordentlichen und Gewöhnlichen (...)"24 Sein Außenseitertum führt
dazu, dass er eine ,neidische Sehnsucht' beim Anblick ,Hans Hansens' empfindet.25 Neid und
Sehnsucht ergänzen die Liste der ambivalenten Begriffe.
Diese Gegensätze vereinen sich bei ,Tonio' zu einer Gefühlstimmung, die für ihn
charakteristisch werden wird: "Damals lebte sein Herz; Sehnsucht war darin und
schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganz keusche Seligkeit."26
Verachtung und Seligkeit kommen als ambivalente Begriffspaare also noch hinzu.
Diese Beziehungskonstellation zwischen ,Tonio' und ,Hans' wiederholt sich, als ,Tonio' sich
in die blonde ,Inge' verliebt. Seine Gedanken und Gefühle sind die Fortsetzung der Beziehung
zu ,Hans Hansen': "Deine länglich geschnittenen, blauen, lachenden Augen, du blonde Inge! So
schön und heiter wie du kann man nur sein, wenn man nicht ,Immensee' liest und niemals
versucht, selbst dergleichen zu machen; das ist das Traurige! ..."27 Bei ihrem Anblick kommt
ihm wiederholt die Verszeile in den Sinn: "Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen."28
So ergibt sich aus ,Tonios' Anlagen fast zwangsläufig sein Berufswunsch, Schriftsteller,
wobei ,Tonio' hier zwischen Berufung und Beruf unterscheidet.29
23
ebd., 301f. u. 305.
24
ebd., 307, s. auch 368.
25
ebd., 303; ebenso bei ,Inge' 313.
26
ebd., 309; ebenso S. 316 in Bezug auf ,Inge' und S. 371 in Bezug auf beide, 376.
27
Tonio Kröger, 315.; ,Inge' steht gleichsam als Allegorie auf das Leben.
28
ebd., 369.
29
ebd., 318f.
- 251 -
Die erfühlte Lebensaufgabe schärft seinen Blick für Komik und Elend30: Als er nach langer
Zeit im südlichen Ausland seine Heimatstadt im Norden wieder besucht, steigen
gleichzeitig Gelächter und Schluchzen gleichzeitig in ihm auf.31
Später wird er die Literatur nicht als Beruf, sondern als Fluch bezeichnen, was schon
erwähnt wurde, und der Malerin ,Lisaweta', seiner Lebensgefährtin, zwei Formen des
Künstlertums gegenüberstellen: "Einen Künstler, einen wirklichen, nicht einen, dessen
bürgerlicher Beruf die Kunst ist, sondern einen vorbestimmten und verdammten, ersehen Sie
mit geringem Scharfblick aus einer Menschenmasse."32
Leiden und Geist gehören für ihn zusammen,33sie stehen dem Leben gegenüber, dies
steigert sich im Lauf der Entwicklung noch zu "Erstarrung, Öde, Eis, Geist, Kunst".34 Er ist
"zerfressen von Ironie und Geist, verödet und gelähmt von Erkenntnis".35 Diese stehen dem
trivialen Leben entgegen: "(…) daß gute Werke nur unter dem Druck eines schlimmen Lebens
entstehen, daß, wer lebt, nicht arbeitet, und daß man gestorben sein muß, um ganz ein
Schaffender zu sein".36
Beim Anblick seiner beiden Jugendlieben ,Hans' und ,Inge' gemeinsam auf einem Tanzball
wird er zwischen den Extremen Heiligkeit und Brunst hin und hergeworfen.37
Er verachtet das Leben nicht, sondern empfindet Scham "vor seiner reinen Natürlichkeit
und seiner siegenden Jugend".38
Das Schicksal des Künstlers besteht nach ,Tonio' darin, sich im Gegensatz zu den
Gewöhnlichen und Ordentlichen zu fühlen, zu denen eine Opposition von ,Ironie, Unglaube,
Opposition, Erkenntnis, Gefühl' aufgebaut wird.39 Der Künstler steht der Wahrheit jedoch
30
ebd., 319.
31
ebd., 339.
32
ebd., 327f.
33
ebd., 334.
34
ebd., 271.
35
ebd., 371.
36
ebd., 321.
37
ebd., 371.
38
ebd., 325.
39
ebd., 327.
- 252 -
bald mit ,ironischer Müdigkeit'40 gegenüber, ,Erkenntnisekel'41 überfällt ihn, das Normale in
seiner ,verführerischen Banalität'42 zieht ihn an.
,Tonio' übt die Kunst aus, "zu deren Dienst er sich berufen fühlte"43, er stellt also auch den
von Thomas Mann so oft beschriebenen Leistungsethiker dar.44 Doch ist nach ,Tonios'
Ansicht nichts so verachtenswert wie der Dilettant, der Bürger, der sich als Künstler versucht,
wozu er sich ebenfalls rechnet.45
,Lisaweta' bezeichnet ihn selbst als einen solchen, als einen ,verirrten Bürger'.46 Dies führt
zu seiner eigenen Selbsterkenntnis als Bohemien mit Heimweh nach der guten Kinderstube:
"Ich stehe zwischen zwei Welten".47
bb) "denn alles Handeln ist Sünde in den Augen des Geistes"48
Die erstgenannten Begriffe lassen sich der Künstlerwelt, die zweitgenannten der des Bürgers
zuordnen. Beide sind jeweils Ambivalenzen ein und derselben Sache: Stolz, Neid, Verachtung,
Schlaf, Berufung, Komik, Gelächter, Leiden, Geist, Erstarrung, Öde, Eis, Kunst, Heiligkeit,
Ironie, Unglaube, Opposition, Erkenntnis, Gefühl, ironische Müdigkeit als Begriffe aus dem
Reich der Kunst stehen somit die Begriffe Scham, Sehnsucht, Seligkeit, Tanz, Beruf, Elend,
Schluchzen, (triviales) Leben, Brunst, Ordentlichkeit, verführerische Banalität aus der
Lebenswelt gegenüber.
So empfindet ,Tonio' beispielsweise in Bezug auf seine frühen Verse Stolz gegenüber der
ihn einengenden Bürgerwelt, gleichzeitig schämt er sich für ebendiese Verse vor demselben
Publikum. In diesen Ambivalenzen spiegeln sich auch die zwei Seiten von Gesinnungs- und
Verantwortungsethik wider: Die gesinnungsethische Ebene liegt bei ,Tonio' auf der Bürger-,
40
ebd., 331.
41
ebd., 331.
42
ebd., 333.
43
ebd., 319.
44
ebd., 321.
45
ebd., 335.; er führt hier einen Leutnant und einen Kaufmann als Beispiel an, S.354.
46
ebd., 336.
47
ebd., 372f.
48
ebd., 333.
- 253 -
die Verantwortungsethik auf der Künstlerseite. Aber der Künstler möchte seine Stimmungen
und Inspirationen ohne Rücksicht auf die Folgen ausleben, also gesinnungsethisch handeln,
seine Bürgerseite hingegen erinnert ihn an seine Abstammung und gemahnt zur Rücksicht und
Vorsicht, gemahnt ihn also an die verantwortungsethische Ebene. Beides sind jedoch zwei
Seiten derselben Medaille. Das Schicksal ,Tonios' ist, dass er diese beiden Seiten verwechselt
und somit auch falsch verknüpft, anstatt sich von ihnen zu emanzipieren und seinen eigenen
Weg zu gehen. Hier bekommt die Novellenkonzeption Goethes von der ,unerhörten
Begebenheit' eine ganz neue Dimension.
Nach der Konzeption Kurzkes kann man den Gedanken, den ,Tonio' gegenüber ,Inge'
oftmals hegt (,Ich will schlafen, aber du mußt tanzen') nicht nur achsen-, sondern auch
punktsymmetrisch auf die beiden Extremwerte von Geist und Leben beziehen: Hier lassen sich
die schon erwähnten vier extremen Polarisierungen nach Kurzke anwenden49:
"Ich will schlafen ..." lässt sich auf Seiten der Verantwortungsethik als entpolitisierter und
vereinsamter Geist, der nur noch mit wehmütiger Sehnsucht auf das entfernt sich abspielende
Leben blickt, deuten. Dies entspricht ,Tonios' Wunsch nach künstlerischer Vereinzelung und
Abgrenzung von der Masse.
Gesinnungsethisch würde der gleiche Halbsatz bedeuten, dass es sich um einen Geist
handelt, der versucht, das irrationale, lebendige Ganze zu fassen: Dieser würde mechanischleere Begriffsgebäude basteln: Dies würde bedeuten, dass ,Tonio' des weltlichen Lebens
überdrüssig ist und nur noch seine Ruhe vor den Mühen des Alltags haben will.
Auch die Lebensebene (= Bürgerseite) lässt sich unterteilen: Ihr entspricht der zweite
Halbsatz "... aber du mußt tanzen".
Auf der verantwortungsethischen Ebene ist dies die Sehnsucht nach der Unterwerfung unter
das geistlose Leben, aber im Bewusstsein der Unstillbarkeit dieser Sehnsucht, im Bewusstsein,
dass dieses Irrationale rational nicht fassbar ist. In Bezug auf den Halbsatz würde dies
bedeuten, dass auch ,Tonio' gerne am Tanzball teilnehmen würde, doch aufgrund seiner
geistigen Konstellation ist ihm dies verwehrt.
Auf der gesinnungsethischen Ebene handelt es sich um einen Begriff von Leben, der diese
Übermacht zum Mythischen stilisiert, der man sich regressiv unterwirft. ,Tonio' wird in diesem
49
Kurzke, 33f.
- 254 -
Fall wie bei dionysischen Kultfesten mit den Tanzenden mitgerissen, er tanzt mit ohne es
wirklich zu wollen wie der Prinz in der Erzählung "Königliche Hoheit".50
Wenn ,Tonio' bei beiden Wahlmöglichkeiten auf der Künstlerseite die gesinnungsethische,
auf der Bürgerseite die verantwortungsethische Sicht einnehmen würde, wäre dies nach Kurzke
echtkonservativ pessimistisch. Er würde die pseudokonservativen Surrogate der Regression
und der Höheren Ordnung konsequent meiden und sich stattdessen dem konservativen
Dilemma stellen und es aushalten.
Doch er empfindet eine ,neidische Sehnsucht'51 beim Anblick der blonden blauäugigen
,Inge' auf dem Tanzball. Die Sehnsucht repräsentiert dabei die bürgerliche Seite, die er noch
nicht ganz verlassen hat, und die ihm am Ende als Künstler scheitern lässt. Er überhöht in dem
Fall die Lebenssebene.
Im Fall der ,stolzen Scham'52 repräsentiert das Schämen die bürgerliche Moralauffassung,
der er sich regressiv auf der Lebensebene unterwirft.
Die falsche Kombination zwischen Gesinnungs– und Verantwortungsethik findet sich bei
allen oben genannten Begriffen. Er entscheidet sich also noch nicht frei zwischen den vier
Möglichkeiten, sondern ist in seinem Urteil befangen.
Diese Einstellung drückt sich auch in Thomas Manns Selbstzeugnissen aus dieser Zeit aus.
So schreibt er in einem Brief an Heinrich Mann vom 13.2.1901: "Ach, die Litteratur ist der
Tod! Ich werde niemals begreifen, wie man von ihr beherrscht sein kann, ohne sie bitterlich zu
hassen!"53 Es handelt sich um Worte der rückwärtsgewandten Sehnsucht des modernen
Intellektuellen nach der naiven Daseinssicherheit des ,Lebens', nach der verlorenen
Irrationalität. Er empfindet seine Tätigkeit als rational und rationalistisch zersetzend.
c) Resümee der ersten Schaffensperiode Thomas Manns
50
Auf dieser Ebene kommt es zur Regression oder dem Suchen nach einer ,Höheren Ordnung'. Die Tanzszene
berührt ,Tonio' in der hier dargestellten Weise, auch wenn er Zuschauer bleibt, s. Erzählungen, 464ff., 369f.
51
Tonio Kröger, 315.
52
ebd., 301f.
53
Thomas Mann-Heinrich Mann-Briefwechsel 1900-49, ed. Wysling, Frankfurt a.M. 1968, 13f.
- 255 -
So ist die erste Phase Thomas Manns Schaffen nach Kurzke von der Frühzeit bis zum
"Tonio Kröger" kritisch-analysierend, erkennend, rational zersetzend, das Leben tötend. Es
besteht ein Geist–Leben-Konflikt, eine Sehnsucht nach Leben bei gleichzeitiger Rationalität,
Trauer um die verlorene Irrationalität und kein Trost in Surrogaten. Hier möchte ich ergänzen,
dass es sich bei den Gegensatzpaaren des "Tonio Kröger" um aus eine Mischung von
echtkonservativ und Surrogat handelt, wie oben herausgearbeitet wurde. Thomas Mann nutzt
im Fall "Tonio Kröger" geschickt Goethes Novellentheorie, insbesondere das Moment der
,unerhörten Begebenheit'.54
Die bei sich bleibende und thematisierte Nicht-Naivität des "Tonio Kröger" ist eine der
Reaktionen Thomas Manns auf die Krise der Kunst als Problem der verlorenen Irrationalität.
Thomas Manns Sehnsucht nach solcher Irrationalität rührt nach Kurzke daher, dass er aus dem
gesicherten gesellschaftlichen Bezugsrahmen des Bürgertums herausgebrochen ist bzw. dass
dieser selbst zerbrechlich wurde und das Leben aus ihm wich, wie schon dargestellt wurde. Der
Ausgestoßene aber gewinnt einen scharfen Blick auf das Leben. Selbst keiner Entscheidung
sicher, durchschaut er die unbewussten Triebkräfte der anderen, ihre Trivialität und die
Täuschungen, auf denen ihre Irrationalität ruht.55 Kurzke betont allerdings auch, dass das, was
die Erlebnisse der frühen Gestalten Thomas Manns zusammenhält, in erster Linie der Begriff
,Leben' ist und nicht etwa der typische Lebensgang eines gesellschaftlich Ausgestoßenen um
1890. Der ,Realismus' Thomas Manns müsse in diesem Licht gesehen werden. Er gehorche,
dem ersten Anschein entgegen, nicht einem mimetischen, sondern einem irrationalen Prinzip.
Er zeichnet somit kein sozialkritisches Bild der Gesellschaft wie beispielsweise Alfred Döblin
in "Berlin Alexanderplatz", sondern konstruiert ein Bild des Begriffs ,Leben'.
So handelt es sich beim "Tonio Kröger" um ein verschobenes und auf eine theoretische
Problematik zugespitztes Selbstporträt:
,Tonio' ist ein Ausgestoßener mit einer südlichen
Mutter, die zudem noch gesellschaftlich nicht integriert ist. Auch hier findet sich der neidische
Blick von außen auf das irrational und selbstverständlich sich vollziehende Leben der noch
54
"denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit", äußert Goethe zu Eckermann
am 29. Januar 1829., s. dazu Borchmeyer, Schnellkurs Goethe, Köln 2005, 167.
55
vgl. Kurzke, 77f.; Neben dem "Tonio Kröger" ist hier auch "Der Bajazzo" von Interesse. Dieser wurde im V.
Kapitel bereits besprochen.
- 256 -
gesellschaftlich Gesicherten.56 Die Abneigung gegen das Festgelegte, gegen den bürgerlichen
Beruf, die Durchlässigkeit des Ich für tausend wechselnde Möglichkeiten schafft einen
Ästhezismus der Form: "denn alles Handeln ist Sünde in den Augen des Geistes".57 ,Tonio'
erkennt die Sehnsucht nach dem Leben als Sehnsucht nach dem Leben des bürgerlichen
Kapitalisten. Die Liebe zum Leben ist daher verbunden mit Hass. Das Hohle der Fiktion, der
Bürger sei der Mensch schlechthin, das Leben des Bürgers sei das Leben schlechthin, der Teil
sei das Ganze und erhebe sich nicht auf Kosten der Ausgestoßenen und Unterdrückten, spürt
der Künstler, wenn er die von diesem Bürgertum garantierten Gefühle pathetisch, sentimental,
langweilig und banal nennt. Dem Künstler bleibt damit nur die ironische Absetzung vom
Ganzen.58 Darum wird zum Grundsatz der Mannschen Ästhetik als Kritik der bürgerlichen
Irrationalität die Ablehnung des Festgelegten, des Schwerfälligen, Täppisch-Ernsten,
Unironischen, Ungewürzten.
Im "Tonio Kröger" deutet sich allerdings, wie ausgeführt, bereits eine Entwicklung zu
surrogierter Irrationalität an: ,Tonio' verteidigt am Ende seine Liebe zum Leben, will Wärme
in den Geist bringen, dem Gefühl in der Kunst seinen Platz anweisen, den Hass der Erkenntnis
in Liebe verwandeln, aus einem Literaten einen Dichter machen: "Denn wenn irgendetwas
imstande ist, aus einem Literaten einen Dichter zu machen, so ist es diese meine Bürgerliebe
zum Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen".59 Gewaltsam biegt ,Tonio' die Polarität
von Geist und Leben zusammen und täuscht sich über die Unwahrheit des Gefühls hinweg
("nur ein klein wenig Verachtung").60 Aus dem tiefen Wunsch der verlorenen Irrationalität
heraus sieht er pseudokonservativ die Irrationalität des Bürgertums als ein Stück Erfüllung an,
statt echtkonservativ in der Sehnsucht auszuharren. Es handelt sich um eine Perspektive
auf das Leben vom Standpunkt ästhetizistischer Menschlichkeit: Es ist die Liebe des
Erfahrenen, bereits der Affizierbarkeit vom Leben entronnenen, des Darüberstehenden zum
"Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen".61
56
Kurzke, 83.
57
Tonio Kröger, 333.
58
vgl. Kurzke, 86.
59
GW VIII, 338.; zitiert nach Kurzke.
60
s. S. 253.
61
vgl. Kurzke, 135.
- 257 -
Im Frühwerk Thomas Manns dominiert also der Schmerz der Einsamkeit. Das ironische
Darüber tröstet nicht und vermittelt nicht, sondern vertieft nur den Graben zum Leben. Die
spätere Zeit ist von Vermittlungsversuchen beherrscht, wie sie schon im Schluss des "Tonio
Kröger" anklingen und wie sie im theoretischen Hin und Her des nächsten Jahrzehnts erprobt,
wieder verworfen und wieder neu konzipiert werden. Die Abschwächung des kritischpessimistischen Bewusstseins und die Tendenz zur Versöhnung mit dem Leben hängen
biographisch mit Thomas Manns privater und gesellschaftlicher Konsolidierung zusammen.
In Thomas Manns Lebensweg herrscht also bis zu den "Betrachtungen eines Unpolitischen"
ein ehrlich-pessimistischer, in Manns Herkunft begründeter Konservatismus vor, der sich zu
einem mit pseudokonservativen Tendenzen wandelt.
d) "Königliche Hoheit"
Auch der 1909 entstandene Roman "Königliche Hoheit", der stark autobiographische Züge
trägt62, lässt sich in diese Schaffensperiode einordnen.
Er handelt von einem Prinzen, der trotz einer Behinderung, einer Verkürzung des Armes,
zum Liebling des Volkes wird und trotz seines Standes die Liebe einer bürgerlichen Frau
gewinnt. Der Weg dorthin vollzieht sich in Etappen: Zu Beginn wird ein Tanzball geschildert,
auf dem sich die anderen jungen Leute über ,Klaus Heinrich' lustig machen.63 Durch eine
militärische Ausbildung wird sein Charakter gefestigt. Seine Schwester ,Dietlinde', mit der er
eine innige Beziehung hat (Leitmotiv des ,Stöberns') heiratet einen Bürgerlichen und zieht vom
Schloss mit dem allegorischen Namen ,Eremitage' in ein Stadtpalais. Eine Freundin des Hauses
kündigt den Besuch der reichen amerikanischen Familie ,Spölmann' an. ,Herr Spölmann' will
sich bei ihnen in der Kurstadt erholen. Seine Tochter studiert ,wie ein Mann' Algebra. Die
Familie erwirbt das Lustschloss ,Delfinenort'. Der Bruder überlässt aus gesundheitlichen
Gründen ,Klaus Heinrich' die Nachfolge auf dem Thron.
Anfangs noch von Komplexen wegen seiner verkrüppelten Hand geplagt, die er aber nach
und nach verliert, verliebt er sich in ,Irma Spölmann', die ihm ,kühn und abgesondert' und von
62
In ihm hat Mann seine Heirat mit der reichen jüdischen Professorentochter Katja Pringsheim literarisch
dargestellt.
63
Die Tanzszene erinnert stark an die im "Tonio Kröger", da auch der Tanzlehrer Monsieur ,Knaak' derselbe ist.
- 258 -
einer ,menschlichen Hoheit' erscheint, die er als ,rührend' bezeichnet. ,Irma' glaubt anfangs,
dass er sie nicht ernst nimmt und wirft ihm seine Scheinexistenz vor: "... Sie sind zum Schein
zur Schule gegangen, Sie sind zum Schein auf der Universität gewesen, Sie haben zum Schein
als Soldat gedient und tragen noch immer zum Scheine die Uniform;"64 Sie wirft ihm also vor,
dass ihm nichts am Herzen liegt.65 Dann aber heiraten sie. Sinnbildlich beginnt nun auch der
Rosenstock auf ,Eremitage', der die ganze Zeit einen Modergeruch verströmte, zu duften.
Thomas Mann beschreibt in den "Betrachtungen" den Weg ,Klaus Heinrichs' als den eines
,kleinen einsamen Ästheten', der zum Volkswirt und zu ,tatkräftiger Menschlichkeit' durch die
Liebe erzogen wird."66 Dies bezeichnet er im Nachhinein in höchstem Maße als
zivilisationsliterarisch.
Koopmann weist darauf hin, dass schon "Königliche Hoheit" nicht auf bestimmte
Leitmotive im Wagnerschen Sinn zu reduzieren sei. Schon Thomas Manns eigene
Charakteristik des Romans als ",die anspielungsreiche Analyse des fürstlichen Daseins als
eines formalen, unsachlichen, übersachlichen, mit einem Worte artistischen Daseins und die
Erlösung der Hoheit durch die Liebe' bezeichnet nicht ein Thema oder Leitmotiv, sondern ist
nicht mehr als die Auslegung eines allegorischen Geschehens (…)"67 Die Leitmotive sind nun
im Gegensatz zu den "Buddenbrooks" nicht mehr an eine Person geknüpft, sondern werden
übertragbar. Sie stellen innerhalb des Romans Verbindungen zwischen Personen her, die gar
nicht direkt aufeinander bezogen sind. Dadurch wird ein überpersonaler, transpersonaler
Verweisungszusammenhang geschaffen, indem auf eine geheime Identität scheinbar
voneinander völlig unabhängiger Gestalten, Vorgänge und Situationen verwiesen wird. Ein
Beispiel dafür ist das Motiv des ,Stöberns'.68 Die Leitmotive im Werk Thomas Manns sind also
einer Steigerung unterworfen. Manche Leitmotive werden auch zu Symbolen wie die nach
Moder riechende Rose,69 denn die Prophezeiung des Duftes steht schon am Anfang. In dem
einführenden Kapitel wird wie später im "Zauberberg" all das vorweggenommen, was sich
64
Thomas Mann, Königliche Hoheit, Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Band II, Oldenburg 1960, 303.
65
ebd., 306f.
66
vgl. Betrachtungen, 115.
67
vgl. Koppmann, Die Entwicklung des ,intellektualen Romans' bei Thomas Mann, Bonn 1962, 51.
68
vgl. ebd., 58.
69
vgl. ebd., 61.
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dann im Folgenden in der Vielfältigkeit einzelner Erscheinungen vollzieht.70 Koopmann führt
aus, dass damit das Geschehen des Romans von vorneherein in einer überindividuellen Sphäre
angesiedelt wird und in einen Bereich des Typologischen erhoben wird. Das exemplarische
Geschehen ließ sich seiner Ansicht nach nicht direkt, sondern nur in exemplarischer Form, hier
in märchenhafter Form darstellen. Auch "Königliche Hoheit" ist darin, dass Thomas Mann
eigene Erfahrungen in repräsentativ-allgemeiner Form mitteilt, ein Buch unter doppelter Optik,
das auch nur mit Hilfe der doppelten Optik analysiert werden kann.71 So sind die Personen
typische Figuren, Handlungsträger eines allegorisch-parabolischen Geschehens.
"Der Verlust des Romantischen, der Naturpoesie und des Wunderbaren, der von Novalis
als ,im höchstem Grade unpoetisch' getadelt wird, weil so ,die ökonomische Natur' allein
übrigbleibe, wird in der Optik Thomas Manns zu einem Gewinn. Es ist vor allem die
Ökonomie, die Thomas Mann nun als ein positives dichterisches Prinzip erkennt.
Ökonomisch im höchsten Maße sind alle Dichtungen Thomas Manns, sind vor allem
seine Romane, die das Einzelne in ein Bezugssystem stellen, das die Einheit des
Vielfältigen garantiert."72
Es geht also um das Verhältnis von Realismus und Parabolik unter dem Begriff der
doppelten Optik.
Jürg Zimmermann führt in Bezug auf den Roman die Begriffe Repräsentation und Intimität
aus:
Der
Repräsentationsbegriff
schließt
seiner
Meinung
nach
Anspannung
und
Selbstüberwindung ein und Unmittelbarkeit aus. Intimität ist in dem Prinzenroman zwar kein
Leitwort, fasse aber häufig wiederkehrende Begriffe wie ,unmittelbare Vertraulichkeit',
,unbefangene Freundschaft', ,Glück', ,Teilnahme', ,Ernst' und ,Sachlichkeit' zusammen.
Gemeinsam ist beiden Begriffen jedoch, dass sie eine Haltung bezeichnen: Während die
repräsentative Sphäre sich durch Distanz und Abgeschlossenheit auszeichnet, herrschen in der
intimen Nähe und Zugänglichkeit. Im "Tonio Kröger" hängt die Thematik von
Ausgeschlossenheit und Teilnahme nach Zimmermanns Ansicht mit dem Hauptgegensatz
zwischen Künstler und Bürger zusammen. Auch ,Tonio Kröger' ist demnach ein ,Fürst', wie
,Klaus Heinrich'. Die Repräsentation entspräche somit der Kunst, die Intimität der
Lebensebene. Beide Helden sehen sich ausgeschlossen und möchten doch teilhaben.
70
vgl. ebd., 83.
71
ebd., 136.
72
Koopmann, Die Entwicklung des ,intellektualen Romans', 25f.
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Zimmermann geht danach auf die Ambivalenz des Repräsentationsbegriffs ein: Die positive
Seite umfasst seiner Meinung nach ,Haltung', ,gefaßten Anstand', ,Würde', ,Hoheit'. Die
negative Seite setzt sich aus Begriffen wie ,Öde und Traurigkeit', ,kaltem, strengem und armem
Dasein', ,erkältend', ,Unechtheit', ,Scheinbarkeit', ,Täuschung', ,Unsachlichkeit, Einsamkeit
Strenge und Schwierigkeit seines Lebens' zusammen.
Auch die Intimität ist gestaltet: ,Überzeugungswärme', ,innerlicher Erwärmtheit', ,rote
Backen', ,Herz' als Wörter der Teilnahme stehen ,Sehnsucht und Verachtung' ,Klaus Heinrichs'
gegenüber. Auch dies stellt ein Vorgriff auf den ,Tonio Kröger' dar. Den Grund der
Ausschließung ist nach Zimmermann in mehreren Werken Manns unterschiedlich gestaltet: In
den "Buddenbrooks" bleibt ,Jean Buddenbrook', dem Konsul, die Intimität verschlossen, weil
er nicht sich allein angehöre, sondern der Familie und der Firma gegenüber verpflichtet ist. Bei
,Tonio Kröger' und ,Klaus Heinrich' geht der Grund auf die Kunst zurück.73
Dies geht auch aus einem Brief Manns an Hilde Distel vom 14.11.1906 hervor: "Der
Künstler ist sofern den Fürsten verwandt, als er, gleich diesen, ein repräsentatives Dasein führt.
Was für den Fürsten die Etikette ist, das ist für den Künstler die hohe Verpflichtung zur
Form."74
Borchmeyer weist darauf hin, dass in Thomas Manns Selbstinterpretation seines
Fürstenromans
der
Gedanke
vom
,repräsentativen
Dasein'
als
einer
Chiffre
der
Künstlerexistenz immer wiederkehrt.
In seinem Essay "Unsere Fürsten und wir" von 1910 nennt Thomas Mann seinen zweiten
Roman eine ,didaktische Allegorie'.75
73
vgl. Jürg Zimmermann, Repräsentation und Intimität – Zu einem Werkgegensatz bei Thomas Mann, Zürich -
München 1975.
74
in: Thomas Mann, Briefe I, 1889-1913, hrsg. v. Sprecher, Th., Vaget, H. R. und Bernini, C., Frankfurt a.M.
2002, 370f.
75
Die Allegorisierung der ästhetischen durch die repräsentative Existenz aber ist im Grunde keine Erfindung oder
Entdeckung Thomas Manns, sie lässt sich vielmehr bis in die Ästhetik Goethes und Schillers zurückverfolgen. In
Schillers Traktat "Über die notwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen" von 1795 wird die
ausschließlich ästhetisch orientierte Existenz folgendermaßen charakterisiert: Wo der Geschmack ,der alleinige
Richter' sei, verliere sich aller Sachunterschied der Dinge. Man wird gleichgültig gegen die Realität, und setzt
endlich allen Wert in die Form und die Erscheinung. Den Unterschied zwischen adliger und bürgerlicher
Lebensform konstatiert mit ausgetauschten Wertvorzeichen ,Wilhelm Meister' im Brief an seinen Schwager
Werner im 5. Buch der "Lehrjahre": "Während der Edelmann allein durch die Erscheinung seiner ,Person' wirkt
- 261 -
,Klaus Heinrich' und ,Tonio Kröger' stehen beide zwischen zwei Welten, ,Repräsentation'
und ,Kunst' liegen auf der einen, ,Intimität' und ,Leben' auf der einen Seite. Daraus entwickelt
sich allerdings kein ,bürgerliches' Charisma bzw. Selbstbewusstsein. Bei ,Tonio' liegt das an
der oben dargestellten falschen Verknüpfung, bei ,Klaus Heinrich' an seiner von Thomas Mann
selbst beschriebenen Erziehung zum Volkswirt.76
und ,mit seiner Figur (...) bezahlen muß', vermag der Bürger nur durch das, was er sachlich ,leisten und schaffen'
kann, zu imponieren; dadurch fehlt ihm die gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf personelle Ausbildung des
Edelmanns." Die auf reine Repräsentation reduzierte ,formale Existenz' des Erbprinzen ,Klaus Heinrich' in Thomas
Manns Fürstenroman ist demnach die exakte Bestätigung der von Schiller beobachteten Indifferenz gegenüber der
Realität. "Die anspielungsreiche Analyse des fürstlichen Daseins als eines formalen, unsachlichen, übersachlichen,
mit einem Worte artistische Daseins und die Erhöhung der repräsentativen Hoheit durch die Liebe: Das ist der
Inhalt meines Romans", schreibt Thomas Mann demnach in "Unsere Fürsten und wir". Das Scheinen, der Schein,
von dem ,Wilhelm Meister' in Bezug auf die aristokratische Repräsentation spricht, wird auch in Schillers Briefen
"Über die ästhetische Erziehung des Menschen" mit dem höfisch-adligen Lebensgestus in Verbindung gebracht.
Man kann sozusagen von einem ästhetischen Aristokratismus sprechen. Kälte wird als Ausgeschlossenheit vom
Gefühl, von der Liebe und damit vom Glück interpretiert, sie bildet die Existenzgrundlage der Künstlergestalten
von Thomas Mann, von "Tonio Kröger" bis "Adrian Leverkühn", an ihr leiden sie und aus ihr wollen sie mit
unterschiedlichem Erfolg ausbrechen.
Doch der Weg geht bei ,Wilhelm Meister' wie bei ,Klaus Heinrich' von der Ästhetik zur Ökonomie, das
bürgerliche Ethos trägt am Ende den Sieg über das aristokratische davon. Genau das ist es, was Novalis an der
Tendenz der "Lehrjahre" so missfallen hat: "Wilhelm soll ökonomisch werden durch die ökonomische Familie, in
die er kommt." Der Ästhet wird also zum Volkswirt. Von Anfang an ist die Bodenlosigkeit der repräsentativen
Existenz in "Königliche Hoheit" spürbar, dies wird im Rosenstock symbolisiert.
In "On Myself" bezeichnet Thomas Mann 1940 "Königliche Hoheit" als ,Geschwisterstück' zu "Lotte in Weimar",
denn es wiederholt die Formel von der ,Wendung zum Demokratischen', mit einem durchaus ernsthaften
Vorzeichen, sagt von der ,Fabel' des Romans, dass sie damals, auf der Sonnenhöhe des Wilhelminismus, mehr
,vorwegnahm', als der Leser seinerzeit ahnen konnte.
vgl. dazu Schiller, Sämtliche Werke V, 684, 284f.; Borchmeyer, Goethe, der Zeitbürger, 2. Teil: Das letzte Fest
der alten Welt - Ancien Régime und Revolution im literarischen Kontrast: Melancholie des Scheins - Wilhelm
Meisters Abschied von der höfischen Welt. Mit einem Blick auf Thomas Manns "Königliche Hoheit", 163-176.;
Thomas Mann, GW XI, 570.; Dichter über ihre Dichtungen, 273., s. auch die Erzählungen "Die Hungernden", in:
Die Erzählungen, 291ff.; erstmals in "Die Zukunft", Berlin Jg. 11, H. 17, 24.1.1903 und "Ein Glück. Studie";
erstmals in "Die Neue Rundschau", Berlin Jg. 15, H. 1, Januar 1904.
76
vgl. dazu auch den Aspekt der ,Wirtschaftsfremdheit' des Charismas, s. Einleitung, 53f., Anm. 113.
- 262 -
e) Der Begriff der Bürgerlichkeit bei Max Weber
Der Begriff des Bürgers ist in beiden Werken Thomas Manns ebenso ambivalent wie bei
Max Weber:
So bezeichnet Weber in Bezug auf das Fideikommissrecht wie schon erwähnt "Bürgerliche
mit feudalen Prätensionen" als die allerschlimmsten.77
Auch in seiner Religionssoziologie wird das Bürgertum eher negativ bewertet: So benutzt
dieses die Moral der Klöster für seine Zwecke, um letztendlich die protestantische Ethik zu
begründen.78
Trotzdem kam es Weber innenpolitisch auf eine Stärkung des Bürgertums an, da jede
proletarische Politik seiner Meinung nach eben das Bürgertum schwäche und das reaktionäre
Bündnis der Konservativen mit der Industrie indirekt unterstütze.79
Doch trotz vielfältiger Bemühungen war es nicht möglich, das Bürgertum so zu stärken,
dass es eine tragfähige Basis für die neu entstehende Weimarer Republik bildete. So war die
Weimarer Republik bekanntlich vor allem durch antidemokratisches Denken beeinträchtigt, das
von Parteien, Justiz, Reichswehr und Beamtentum ausging.
Mit den in der intellektuellen Auseinandersetzung erkannten Gegensatzpaaren Leben vs.
Geist, Kunst vs. Leben und Künstlertum vs. Bürgertum hängt auch das folgende zusammen:
2. Religion vs. Kunst
a) "Gladius Dei"
77
S. 83, Anm. 22.
78
S. 124.
79
Die Folgen wurden bereits im zweiten Kapitel ausgeführt, s. S. 84. Das fehlende bürgerliche Selbstbewusstsein
wurde von Weber also durchaus erkannt.
- 263 -
Ähnlichkeit mit den Todesboten im "Tod in Venedig" besitzt die Hauptfigur in der
Erzählung Thomas Manns mit dem Titel "Gladius Dei". Diese wird folgendermaßen
beschrieben:
"Seine dunklen Brauen verdichteten sich stark an der schmalen Wurzel seiner Nase, die
groß und gehöckert aus dem Gesichte hervorsprang, und seine Lippen waren stark und
wulstig. Wenn er seine ziemlich nahe beienanderliegenden Augen erhob, bildeten sich
Querfalten auf seiner kantigen Stirn. Er blickte mit einem Ausdruck von Wissen,
Begrenztheit und Leiden. Im Profil gesehen, glich dieses Gesicht genau einem alten
Bildnnis von Möncheshand, aufbewahrt zu Florenz in einer engen und harten
Klosterzelle, aus welcher einstmals ein furchtbarer und niederschmetternder Protest
gegen das Leben und seinen Triumpf erging …"80
In einer Kunsthandlung entdeckt der Protagonist ein Madonnenbildnis, das allgemeines
Aufsehen erregt. Er versucht den Händler davon zu überzeugen, das Bild aus dem Schaufenster
zu entfernen: "Sie wissen sehr wohl, daß es das Laster selbst ist, das ein Mensch dort gemalt
hat ... die entblößte Wollust!"81 Hier sind Kunst und Religion in der Vorstellungswelt des
Betrachters vermischt. An anderen Stellen der Erzählung heißt es:
"Die Kunst blüht, die Kunst ist an der Herrschaft, die Kunst streckt ihr rosenumwundenes
Zepter über die Stadt hin und lächelt. Eine allseitige respektvolle Anteilnahme an ihrem
Gedeihen, eine allseitige, fleißige und hingebungsvolle Übung und Propaganda in ihrem
Dienste, ein treuherziger Kultus der Linie, des Schmuckes, der Form, der Sinne, der
Schönheit obwaltet ... München leuchtete."82
"Die große, rötlichbraune Photographie stand, mit äußerstem Geschmack in Altgold
gerahmt, auf einer Staffelei inmitten des Fensterraumes. Es war eine Madonna, eine
durchaus modern empfundene, von jeder Konvention freie Arbeit. Die Gestalt der
heiligen Gebärerin war von berückender Weiblichkeit, entblößt und schön. Ihre großen,
schwülen Augen waren dunkel umrändert, und ihre delikat und seltsam lächelnden
Lippen standen halb geöffnet. Ihre schmalen, ein wenig nervös und krampfhaft
gruppierten Finger umfaßten die Hüfte des Kindes, eines nackten Knaben von
distinguierter und fast primitiver Schlankheit, der mit ihrer Brust spielte und dabei seine
Augen mit einem klugen Seitenblick auf den Beschauer gerichtet hielt."83
80
Erzählungen, 219f. Erstmals abgedruckt in "Die Neue Rundschau", Berlin Jg. 17, H. 1, Januar 1906.
81
Erzählungen, 229.; Hier geht es auch um die verschiedenen Formen des Künstlertums, daher lässt sich die
Erzählung auch im V. Kapitel einordnen.
82
ebd., 218.
83
ebd., 221f.
- 264 -
Das ,corpus delicti' ist also eine erotische Darstellung Marias. Die Reaktion der Passanten
wird folgendermaßen beschrieben: "Ein Weib zum Rasendwerden! Man wird ein wenig irre am
Dogma von der unbefleckten Empfängnis."84
"Aber das Bild der Madonna ging mit ihm (...) Und kein Gebet vermochte es zu
verscheuchen (...) Da machte er sich auf am Vormittage und ging, weil Gott es wollte,
den Weg zur Kunsthandlung, zum großen Schönheitsgeschäft von M. Blüthenzweig."85
Der Protagonist möchte den Antiquitätenhändler dazu bewegen, das Bild aus dem
Schaufenster zu entfernen: "Wie ist es dann möglich, davor zu stehen, sich unbedenklich dem
schnöden Genusse hinzugeben, den es verursacht, und sein Gewissen mit dem Worte Schönheit
zum Schweigen zu bringen (...)?"86
"Kunst! rufen sie, Genuß! Schönheit! Hüllt die Welt in Schönheit ein und verleiht jedem
Dinge den Adel des Stiles! ... Geht mit, Verruchte!"87
Den Protagonist treibt sein Gewissen an, sein Verhalten ist der Haltung des Asketen in der
Heldenekstase Max Webers vergleichbar.
b) "Fiorenza"
Entstanden ist das Bühnenstück 1904.88 Es spielt im Florenz des Jahres 1492: Seitdem der
historisch belegte Bettelmönch ,Savonarola' in seinen Predigten die Bevölkerung zu einem
84
ebd., 222.
85
ebd., 223f.
86
ebd., 230.
87
ebd., 231f.
88
Anzusiedeln auf der 2. Stufe, 1. Phase der Kurzkeschen Einteilung, bei der die "rational konstruierte Naivität",
die artistisch erzeugte ,Fülle des Lebens' im Vordergrund steht, findet sich neben "Königliche Hoheit" ein Werk,
auf das sich oben genanntes Begriffspaar ebenfalls anwenden lässt: "Fiorenza" (1906).; s. Kurzke, 75ff.; Thomas
Mann, Erzählungen. Fiorenza. Dichtungen, Frankfurt a.M. 1974.
- 265 -
asketischen Christentum aufruft, gärt es in der lustvoll feiernden Stadt. Mann gibt in "Fiorenza"
das Weltbild der Renaissance detailgetreu wieder.89
In diesem ,Quasi-Drama', wie Mann das Stück in einem Brief zur Bremer Aufführung von
1955 bezeichnet, geht es nun um die Frage: Was zählt im Angesicht des Todes für den letzten
Renaissance-Fürsten ,Lorenzo di Medici'? Schönheit oder Moral? Im Studierzimmer ,Lorenzo
di Medicis' unterhalten sich der siebzehnjährige Kardinal ,Giovanni', der später als Leo X. den
Stuhl Petris bestieg, und sein Erzieher, einer der berühmtesten Dichter der Zeit, ,Angelo
Policiano'. Der junge ,Giovanni' ist von dem Bettelmönch beeindruckt, der in seinen Predigten
von ,Epikureern und Säuen' ganz Florenz vor den Kopf stößt. Der befreundete ,Giovanni di
Mirandola' kommt zu Besuch und bringt in einer ,Mauerschau' die neusten Nachrichten von der
,göttlichen Fiore', der Geliebten des ,Magnifico Lorenzo', als Personifikation der Sünde und
dem Bettelmönch: Diese tritt stets verspätet und nicht geräuschlos in die Kirche ein. Somit
lenkt sie alle Aufmerksamkeit auf sich. Währenddessen predigt der Mönch von ,fetten Kühen'
und überzieht die Stadt mit Strafen, die schaudererregend sind. Unter seinen Worten zuckt die
Menge ,wie ein einziger Körper' zusammen, auf dem Höhepunkt seiner Predigt spricht er
allegorisch von Florenz als der Buhlerin und großen Babel: ,Das Weib bist du Florenz'.
Dagegen setzt ,Savonarola' die Stadt Jesu. Als nun ,Fiore' wie gewöhnlich die Kirche verspätet
betritt, ruft er aus: ,Seht! Die Buhlerin! Das Weib auf dem Tiere! ...das apokalyptische Weib'.
Sie wird zur Personifikation seiner Schmähpredigt. Darauf verlässt sie in Wut mit ihrem
Gefolge den Dom, droht gar ihn ermorden zu lassen. Es folgt ein längerer Monolog des
Erziehers über die Moral, der in dem Ausspruch gipfelt: ,Moral ist das älteste, durchschauteste,
Moral ist unmöglich.' ,Pico' widerspricht ihm. Seiner Ansicht nach ist die Moral wieder
gesellschaftsfähig, seit ,die Schönheit durch die Gassen geschrieen wird.' In Thomas Manns
"Betrachtungen" heißt es über "Fiorenza", Leben und Kunst seien zu einer Idee verschmolzen,
es sei kein Gegensatz wie im "Tonio Kröger" vorhanden. Und in einem Brief an Kurt Martens
heißt es: ",Fiorenza' ist ein Traum von Größe und seelischer Macht. ,Es geht um Seelen, es geht
89
Der Dominikaner und Bußprediger Girolamo Savonarola (1452-1498) predigte seit 1482 in norditalienischen
Städten und vor allem in Florenz. Dort war er 1491 Prior des Klosters San Marco, das er 1493 zu einer eigenen
Kongregation erhob. Seine Predigten richteten sich vor allem gegen die laxen Sitten der Stadt und die Entartungen
an der Kurie. So verkündete er 1484 das nahe Endgericht und eine Erneuerung der Kirche. 1494 errichtete er einen
theokratischen Staat und rief Christus zum König von Florenz aus; daraufhin wurde er von Alexander IV. 1497
exkommuniziert und als Schismatiker und Häretiker gehenkt.
- 266 -
um das Reich' – das ist Alles. Es ist die Darstellung eines heroischen Kampfes zwischen den
Sinnen und dem Geist, - und diese Darstellung ist vollkommen unparteiisch."90
Zum Begriffspaar Kunst-Religion findet sich bei Max Weber folgende Textstelle:
"Das spezifisch Künstlerische überhaupt bewußt zu entdecken ist intellektualistischer
Zivilisation vorbehalten. Eben damit aber schwindet das Gemeinschaftsstiftende der
Kunst ebenso wie ihre Verträglichkeit mit dem religiösen Erlösungswillen. Nicht nur
wird dann jede innerweltliche Erlösung, welche die Kunst nur rein als Kunst zu geben
beansprucht, als widergöttlich und jede Erlösung von der ethischen Irrationalität der Welt
feindlich von der ethischen Religiosität ebenso wie von der echten Mystik perhorresziert,
und vollends der eigentlichen Askese ist jede Hingabe an künstlerische Werte rein als
solche eine bedenkliche Verletzung der rationalen Systematisierung der Lebensführung.
Sondern noch mehr steigert sich die Spannung mit Zunahme der dem Intellektualismus
eigenen, der ästhetischen nachgebildeten Haltung in ethischen Dingen. Die Ablehnung
der Verantwortung für ein ethisches Urteil und die Scheu vor dem Schein beschränkter
Traditionsgebundenheit, wie sie intellektualistische Zeitalter hervorbringen, veranlaßt
dazu, ethisch gemeinte in ästhetisch ausgedeutete Urteile umzuformen (in typischer
Form: ,geschmacklos' statt ,verwerflich')."91
Den Grund dafür formuliert Max Weber so: "Ein wirklicher innerer Ausgleich religiöser und
künstlerischer Stellungnahme aber, dem letzten (subjektiv gemeinten) Sinne nach, wird
allerdings zunehmend erschwert, wo immer das Stadium der Magie oder des reinen
Ritualismus endgültig verlassen wird."92
In diesem ursprünglichen Stadium waren folglich auch die Begriffspaare Geist vs. Leben
und Kunst vs. Leben noch ungeschieden. Daher lässt sich diese Quelle auch auf die eben
genannten Begriffspaare beziehen.
Hier lässt sich dann auch eine Verbindung zum Ma`at-Konzept herstellen:
"Im Begriff der Ma`at liegt ungeschieden beieinander, was später in Staats-, Moral-,
Naturphilosophie und Theologie auseinandertreten wird (…) Die Ma`at-Lehre ist eine
,Religion', aber eine heidnische, sie ist weltbezogen, innerweltlich und umfassend; als Inund Oberbegriff aller Normen, Verpflichtungen und Axiome, die das menschliche Leben
90
Thomas Mann, Briefe 1889-1936, hrsg. v. Erika Mann, Frankfurt a.M. 1961, 64; s. Betrachtungen eines
Unpolitischen, 110.
91
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 347f.
92
ebd., 349. Dieses magische Stadium ist allerdings auch mit dem Begriff des Charismas verknüpft.
- 267 -
in den sozialen und politischen Ordnungen des Zusammenlebens steuern, deckt sie sich
mit dem, was auch ,Kultur' genannt werden könnte, sie ist eine ,symbolische Sinnwelt',
die alles Handeln und alle Ordnungen und Institutionen fundiert."93
Im magischen Stadium sind also Religion und Kultur noch ungeschieden. Dies entspricht
der oben genannten Quelle Max Webers.
Von diesen primären Religionen unterscheidet Assmann aber nun die sekundären: Hier
deckt sich die Religion keineswegs mit ,Kultur', sie wirkt im Gegenteil als eine kultur- und
herrschaftskritische Instanz, sie konstituiert einen archimedischen Punkt, von dem aus die
politischen und sozialen Ordnungen veränderbar werden.
Ma`at konstituiert wie alle
",primären Religionen' einen Zustand geordneter Verhältnisse, zu dessen vielen Aspekten
auch die harmonische Beziehung zu den Göttern gehört. Sekundäre Religionen dagegen
konstituieren eine harmonische Gottesbeziehung, zu deren vielen Aspekten dann auch
geordnete politische und soziale Verhätlnisse gehören,
die aber immer auch Loyalitätskonflikte erzeugen kann, wenn im Einzelfall die
Forderungen gegenüber Gott, Staat und Mitmensch auseinandergehen."94
Das Fazit Assmanns lautet: Ma`at und Religion im sekundären Sinn schließen sich aus.
"Religionen im Sinne von ,Ma`at' kann man als ,Traditions- oder Kulturreligionen'
bezeichnen. (…) Demgegenüber bezieht sich der Begriff einer ,(sekundären) Religion im
strengen Sinne' auf ein System von Überzeugungen und Verpflichtungen, das von den
allgemeinen Fundierungen des Zusammenlebens unterschieden ist und zu diesen in
Konflikt geraten kann. (…) Daher ist dieser Typus wohl am angemessensten als
,Bekenntnisreligion' zu bezeichnen."95
"Die Bindungen, die eine Kulturreligion ihren Mitgliedern auferlegt, sind die allgemeinen
Bindungen der Kultur (von denen etwa S. Freud in Das Unbehagen der Kultur handelt).
Sie implizieren etwa Unterordnung unter politische Herrschaft, Einfügung in soziale
Ordnungen, Hintansetzung egoistischer Interessen, ,präskriptiven Altruismus'. Dafür
vermitteln sie (wie alle Bindungen) Geborgenheit, Identität, Sicherheit und Vertrauen in
einer sinnhaft aufgebauten Welt."96
93
Assmann, 18.
94
ebd., 19. Den letzten Punkt hat Max Weber anhand des Luthertums ausgeführt, s. Recht auf Widerstand S. 131.
95
ebd., 20.
96
ebd., 21.
- 268 -
"Der ,loyale' Mensch lebt nicht in der Gegenwart, sondern in einem größeren
Zeithorizont (…) Die Götter sind in den Traditionsreligionen nicht Gegenstand des
,Glaubens', denn sie gelten als evident. (…) Der Glaube der Bekenntnisreligion richtet
sich auf Inhalte, die der natürlichen Evidenz entzogen sind. (…)"97
Und doch steht Ma`at in einem größeren Zeithorizont gesehen in der Mitte zwischen Moral
und Religion.98.
Ihre mittlere Stellung ist es daher auch, daß sie in modernen Gesellschaften für das
Umschlagen von Kunst und Religion und umgekehrt verantwortlich ist. Jedoch wird diese
,Umwertung' vom modernen ,entzauberten' Menschen nicht mehr bewusst vollzogen und
erzeugt deshalb Entrüstung, wie an den Beispielen "Fiorenza" und "Gladius Dei" unschwer zu
erkennen ist. Das Bürgertum war zur Zeit Thomas Manns und Max Webers zu wenig
emanzipiert und gefestigt, als dass es diesen Wechsel bewusst hätte vollziehen können.
Als Beispiel für eine Art Suche nach primärer Religion kann die folgende Stelle aus den
"Buddenbrooks" angeführt werden, in der es um die Moral in der Kunst geht:
Hier unterhält sich ,Gerda' mit dem Klavierlehrer ,Pfühl' bezüglich Wagner über die Moral
in der Kunst:
"„Pfühl“, sagte sie, „seien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe. Seine
ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie ... Sie finden, im Vergleich
damit, Beethoven rein, klar und natürlich. Aber bedenken sie, wie Beethoven seine nach
alter Weise gebildeten Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat ... und Bach selbst,
mein Gott, man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor! ... Sie sprechen von
Moral ... aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich nicht irre, ist sie der
Gegensatz zu allem Hedonismus?“"99
Als Beispiel einer inszenierten Bekenntnisreligion kann die Erzählung "Beim Propheten"
angeführt werden.100
Das Anliegen von beiden, Max Weber und Thomas Mann, war also das Bürgertum zu
stärken, wie schon im ersten Kapitel ausgeführt wurde. Doch die Kluft zwischen ,Patriziern'
97
ebd., 22.
98
ebd., 243.; vgl. dazu den Begriff ,amity'.
99
Buddenbrooks, 424.
100
S. 242ff.
- 269 -
und ,Proletariern' ließ sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs real wie fiktional nicht mehr
überbrücken.
- 270 -
VII. "DER ZAUBERBERG": DAS PROBLEM DER ZEIT, DES MYTHISCHEN ,IN-DENSPUREN-GEHENS'
"Das Geheimnis aber und die stille Hoffnung Gottes liegt vielleicht in ihrer Vereinigung,
nämlich in dem echten Eingehen des Geistes in die Welt der Seele, in der wechselseitigen
Durchdringung der beiden Prinzipien und der Heiligung des einen durch das andere zur
Gegenwart eines Menschentums, das gesegnet wäre mit Segen oben vom Himmel herab
und mit Segen von der Tiefe, die unten liegt."1
Dieser Weg ist dem ,Tonio Kröger' noch verwehrt und wird erst mit dem Übergang ins
mythische bzw. biblische Zeitalter beschritten. Dieser Übergang findet im "Zauberberg" statt,
denn die hermetische Zeit ist durch den Ersten Weltkrieg aufgesprengt worden. Auch der
Wechsel Max Webers von der Jurisprudenz zur Nationalökonomie und seine Hinwendung zur
Religionssoziologie ist durch eine ähnliche Interessenlage wie bei Thomas Mann, erklärbar.
Gemeinsam ist beiden das sich entwickelnde anthropologische bzw. kulturwissenschaftliche
Interesse. Besonders der dritte Band aus Webers Religionssoziologie ist wie schon erwähnt
nachweislich zur Gestaltung der Josephromane herangezogen worden.2
1. Die Kategorien der "Betrachtungen"
Die nächste Station der kontinuierlichen Analyse des Lebensbegriffs bei Thomas Mann
stellt also der Roman "Der Zauberberg" dar, nämlich die die Artifizialität des Irrationalen
wohlwollend billigende humoristische Ironie und Parodie. Auch die Josephromane sind dieser
1
Mann, Josephromane, Bd.1, Frankfurt a.M. 1974, 48f.
2
1909 übernimmt Weber bekanntlich die Redaktion des "Grundriß der Sozialökonomik" und beginnt mit der
Arbeit an dem posthum unter dem Titel "Wirtschaft und Gesellschaft" veröffentlichten Werk. Ab 1913 geriet die
Arbeit immer mehr in den Sog der "Religionssoziologie", also jener Anthropologie der Erlösungsreligionen, die
ihn von jener Zeit bis zu seinem Tode am stärksten beschäftigte, wie Radkau ausführt; s. ders., 651.; s. auch S. 75,
Anm. 178, vgl. zum Aspekt des Judentums: Fischer, Bernd-Jürgen, Handbuch zu Thomas Manns
,Josephromanen', Tübingen - Basel 2002, 39.
- 271 -
Stufe zuzuordnen.3 Ironie wird hier wohlwollend und gewinnt einen dem Frühwerk fernen
humoristischen Einschlag. Die bewusste Rekonstruktion des Irrationalen gilt jetzt als erlaubter
Volksbetrug, der zur Humanisierung des Menschen beiträgt. "Der Roman (sc. "Der
Zauberberg") ist die Epopöe eines Zeitalters, für das die extensive Totalität des Lebens nicht
mehr sinnfällig gegeben ist, für das die Lebensimmanenz des Sinnes zum Problem geworden
ist und das dennoch die Gesinnung zur Totalität hat."4 Dies lässt sich nur ironisch darstellen.
Der Romanheld ,Hans Castorp' ist dabei der bürgerlichen Wertsphäre und ihrem Berufsethos
durchaus noch verhaftet, auch wenn er sich äußerlich durch seinen Kuraufenthalt bei ,denen da
oben' sehr stark vom Leben ,im Flachland' distanziert hat:
"Wie hätte Hans Castorp die Arbeit nicht achten sollen? Es wäre unnatürlich gewesen.
Wie alles lag, mußte sie ihm als das unbedingt Achtungswertste gelten, es gab im Grunde
nichts Achtenswertes außer ihr, sie war das Prinzip, vor dem man bestand oder nicht
bestand, das Absolutum der Zeit, sie beantwortete sozusagen sich selbst. Seine Achtung
vor ihr war also religiöser und, soviel er wußte, unzweifelhafter Natur. Aber eine andere
Frage war, ob er sie liebte; denn das konnte er nicht, so sehr er sie achtete, und zwar aus
dem einfachen Grunde, weil sie ihm nicht bekam. Angestrengte Arbeit zerrte an seinen
Nerven, sie erschöpfte ihn bald, und ganz offen gab er zu, daß er eigentlich viel mehr die
freie Zeit liebte, die unbeschwerte, an der nicht die Bleigewichte der Mühsal hingen, die
knirschend zu überwindenden Hindernisse (…)"5
,Castorp' wird im Roman ironischerweise als ,Sorgenkind des Lebens' bezeichnet und gerät
zwischen die pädagogischen Fronten:6
Auf der einen Seite steht der Italiener ,Settembrini'. Er ist der Typus des
Zivilisationsliteraten und Hermes Trismegistos zugleich. ,Hans Castorp' bezeichnet ihn als
3
vgl. Hermann Kurzkes Einteilung des Lebenswerks Thomas Manns in Stufen und Phasen in Kurzke, Auf der
Suche nach der verlorenen Irrationalität. ,Parodie' scheint mir in dem Zsammenhang ein etwas zu starker
Ausdruck, den es geht nicht um ,die verspottende, verzerrende oder übertreibende Nachahmung eines schon
vorhandenden ernstgemeinten Werkes oder einzelner Teile daraus unter Beibehaltung der äußeren Form', vgl.
Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 1964, 4. Aufl., 494ff. Thomas Mann war es bei der
Darstellung des Mythos in den Josephromanen vielmehr wichtig, dass dieser ,etwas zu Denkendes sei' , vgl.
Borchmeyer, "Zurück zum Anfang aller Dinge". Mythos und Religion in den Josephromanen, in: Thomas Mann
Jahrbuch Bd. 11, Frankfurt a.M. 1998, 10.; s. auch ders., Mythos, in: Borchmeyer, Dieter/Zmegac Viktor (Hrsg.),
Moderne Literatur in Grundbegriffen, Tübingen 1994², 292-308.
4
Lukács, Georg, Theorie des Romans, Neuwied - Berlin 1965³, 53.; zitiert nach Kurzke, 158.
5
Zauberberg, 52.
6
ebd., 487.
- 272 -
,Drehorgelmann' und ,Oppositionsmann'. Sein Großvater war angeblich ein Rädelsführer und
Verschwörer. Er fungiert im Roman als Pädagoge. "Das Menschengeschlecht komme aus
Dunkel, Furcht und Haß, jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts
einem Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit, der Güte und des Glückes entgegen,
und auf diesem Wege sei die Technik das förderlichste Vehikel, sagte er."7 Nach ,Settembrinis'
Darstellung liegen zwei Prinzipien im Kampf um die Welt:
"(…) die Macht und das Recht, die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das
Wissen, das Prinzip des Beharrens und dasjenige der gärenden Bewegung, des
Fortschritts. Man könnte das eine das asiatische Prinzip, das andere aber das europäische
nennen, denn Europa war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden
Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, die untätige Ruhe
verkörperte. Gar kein Zweifel, welcher der beiden Mächte endlich der Sieg zufallen
würde, - es war die der Aufklärung, der vernunftmäßigen Vervollkommnung."8
Das Ziel ist die Weltrepublik, die Zivilisation.9 ,Settembrinis' für alles Irrationale blinder
Aufklärungsoptimismus wird häufig karikiert. In der Gestalt ,Naphtas' sind unübersehbar die
7
ebd., 82, 130, 143, 213ff., hier 217.
8
ebd., 218f.
9
Thomas Mann, Der Zauberberg, 221f., 336., Thomas Mann hat die Askese in seinem Werk mehrfach postuliert
und Kritik am so genannten Zivilisationsliteraten und Bourgeois geübt. In "Das Problem der DeutschFranzösischen Beziehungen" geht es um die Rezeption der "Betrachtungen eines Unpolitischen" im
Französischen: Mann bezeichnet hier Nationalismus und Internationalismus als die beiden ,platten Gesichter des
janusköpfigen Rhetor-Bourgeois.' (Mann, Das Problem der Deutsch-Französischen Beziehungen, in: Essays II,
445-486, 465) Zudem bestreitet er die alleinige Kriegsschuld Deutschlands: "Bis über beide Ohren, bis über den
Schopf stecken wir alle, steckt Europa in Schuld." (ebd.,466) Er führt als mögliche Ursachen folgende an: "Die
konfessionelle Spaltung des Erdteils, Revolution, Demokratie, Nationalismus, Internationalismus, Militarismus,
Dampfmaschine,
Industrie,
Fortschritt,
Kapitalismus,
Individualismus,
Sozialismus,
Materialismus,
Imperialismus, - ein Irr- und Sündenweg". Der Französischen Revolution verdanken wir seiner Meinung nach
neben der Tugend den Nationalismus, die Volksheere, die Vorherrschaft der ökonomischen Interessen, "kurz, fast
alles Zubehör des Weltkrieges." (ebd., 466f.). Das Aufgehen des Geistes im gesellschaftlichen Leben, der Sphäre
des Internationalen bedeute ferner seine Domestifikation, auf Deutsch: seine Versklavung. (ebd., 454). Dieses
Buch (sc. "Betrachtungen eines Unpolitischen") nennt er eine Revolte gegen die ,Versklavung des Geistes' durch
die Politik: (ebd., 453). "Was sich in Deutschland ,Aktivismus' nennt, so sagte ich schon in den ,Betrachtungen',
ist pazifistisch, humanitär und antinational, kurz: radikale Aufklärung; aber der romantische Aktivismus ist
nationalistisch und kriegerisch, ist radikale Reaktion." (ebd., 453). "Der Geist des offiziellen Frankreich, das den
Krieg führte, war der Ententegeist überhaupt, der vom Schlagwort ,Demokratie' gedeckte Geist des Westens (…)"
(ebd., 456). Mann bezeichnet die Krise der Zeit als Problem des Humanismus und vergleicht sie mit der in
- 273 -
Goethes Jugend, die dieser in der Figur des Wagner in "Faust I" verkörperte. Er siedelt den Bruch des
Humanismus bei Nietzsche an. (ebd., 463) Diese Überlegungen führen ihn zu folgender Schlussfolgerung: "Möge
der ,Geist' sich politisieren - hoch über ihm wird dann der Gedanke sein. Der Gedanke ist nicht politisch, er ist
religiös." (ebd., 467f) Thomas Manns Ausführungen dazu finden sich vor allem im Essay "Betrachtungen eines
Unpolitischen", der während des Ersten Weltkrieges entstand und die Arbeit am "Zauberberg" unterbrach.
Ergänzt werden diese Äußerungen durch zahlreiche Essays Thomas Manns: So stellt er in "Gedanken im Kriege"
ähnlich wie in den "Betrachtungen" die Schlagworte ,Kultur' und ,Zivilisation' einander gegenüber. Kultur ist
demnach ,Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack, ist irgendeine gewisse geistige Organisation der
Welt, und sei das alles auch noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar.'
Zivilisation ist seiner Meinung nach dagegen ,Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptizierung,
Auflösung – Geist.' Als Anekdote führt er Goethes Vorahnung des Erdbebens von Messina an. Er bemerkt dazu:
"Dieser dämonischste Deutsche und kultivierteste Sohn der Natur, der je lebte, mußte sich nicht nur aus
Ordnungssinn kalt verhalten gegen die französische Revolution, sondern namentlich, weil sie so ganz das Werk
eines zivilisierenden Geistes war." Die Humanität der Kultur dagegen ist nach Thomas Manns Ansicht "durchaus
unpolitischen Wesens, ihr Wachstum unabhängig von Staats- und Gesellschaftsformen." (Essays II 1914-26, hrsg.
v. Kurzke, Hermann, 27ff.)
Thomas Mann, der sich bis dahin nie zu politischen Fragen geäußert hatte, veröffentlichte für die literarische
Öffentlichkeit überraschend im Jahre 1914 seinen Aufsatz "Gedanken im Kriege". Er vertritt darin die Interessen
nationaler und konservativer Kreise: Deutsche Kriegsziele seien gerechtfertigt, weil es um den Erhalt deutscher
Kultur und gegen den Einfluss französischer Zivilisation gehe. Hier beschäftigt ihn wie in den "Betrachtungen"
wie gesagt schon der Gegensatz zwischen Zivilisation und Kultur:
"Im Gebrauch der Schlagworte ,Kultur' und ,Zivilisation' herrscht, namentlich in der Tagespresse (…),
große Ungenauigkeit und Willkür. Oft scheint man sie einfach als gleichbedeutend zu verwechseln, oft
sieht es auch so aus, als ob man das erste für eine Steigerung des anderen halte, oder auch umgekehrt (…).
Zivilisation und Kultur sind nicht nur nicht ein und dasselbe, sondern sie sind Gegensätze, sie bilden eine
der vielfältigen Erscheinungsformen des ewigen Weltgegensatzes und Widerspieles von Geist und Natur.
Niemand wird leugnen, daß etwa Mexiko zur Zeit seiner Entdeckung Kultur besaß, aber niemand wird
behaupten, daß es damals zivilisiert war. Kultur ist offenbar nicht das Gegenteil von Barbarei; sie ist
vielmehr oft genug eine stilvolle Wildheit, und zivilisiert waren von allen Völkern des Altertums vielleicht
nur die Chinesen. Kultur ist Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack, ist irgendeine gewisse
geistige Organisation der Welt, und sei das alles auch noch abenteuerlich, skurril, wild, blutig und
furchtbar. (…) Zivilisation aber ist Vernunft, Aufklärung, Sänftigung, Sittigung, Skeptizierung, Auflösung,
- Geist. Ja, der Geist ist zivil, ist bürgerlich: er ist der geschworene Feind der Triebe, der Leidenschaften, er
ist antidämonisch, antiheroisch, und es ist nur ein scheinbarer Widersinn, wenn man sagt, daß er auch
antigenial ist. Das Genie, namentlich in der Gestalt des künstlerischen Talentes, mag wohl Geist und die
Ambitionen des Geistes besitzen, es mag glauben, durch Geist auch Würde zu gewinnen, und sich seiner zu
Schmuck und Wirkung zu bedienen, - das ändert nichts daran, daß es nach Wesen und Herkunft ganz und
gar auf die andere Seite gehört, - Ausströmung ist einer tieferen, dunkleren und heißeren Welt, deren
Verklärung und stilistische Bändigung wir Kultur nennen. (…) Und die Kunst also? Ist sie eine
Angelegenheit der Zivilisation oder der Kultur? Wir zögern nicht mit der Antwort. Die Kunst ist fern
davon, an Fortschritt und Aufklärung, an die Behaglichkeit des Gesellschaftsvertrages, kurz, an der
Zivilisierung der Menschheit innerlich interessiert zu sein." (Thomas Mann, Gedanken im Kriege, in: ders.,
Essays, Band 2, hrsg. v. Hermann Kurzke, Frankfurt a.M. 1977, 27f.)
- 274 -
gefährlichen Tendenzen des deutschen Irrationalismus gestaltet. Der Standpunkt, von dem aus
die Kritik an ,Naphta' und ,Settembrini' erfolgt, ist der der Mitte des Lebens: Weniger das
Inhaltliche des ungleichen Paares wird kritisiert als vielmehr ihre krasse Radikalität, ihre
kompromisslose, unironische Überzeugtheit von sich selbst.
Die Kritik erfolgt vom Standpunkt des ,unpolitischen Betrachters'. ,Peeperkorn' wiederum
ist die Allegorie des irrationalen Lebens selbst.
Der zum geschichtslosen, brockenhaften Material degenerierte Bildungsstoff und seine
Vermittlung zum Individuum in Form additiver Anhäufung zum Zweck mystischer Steigerung
sind pseudokonservativ-lebensphilosophische Umformungen des Bildungsromans.10 Angeführt
sei hier wiederum der Bezug zu Goethes "Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahren".
Psychologie soll dabei den Mythos humanisieren, nicht ihn durch Aufklärung überflüssig
machen, Reflexion den Roman modernisieren, nicht seine Möglichkeiten bestreiten.
Das 6. Kapitel (Schneetraum) im "Zauberberg", das im September 1921 begonnen wurde,
stellt ,Castorps' visionäre Absage an den Tod dar und steht damit unter dem Eindruck der
politischen Erfahrungen, die des Dichters Bekenntnis zur Republik seit 1922 auslösten.11
,Castorp' träumt darin eine ,deutsche Mitte' zwischen dem Französisch –Romanisch–
Westlichen, das als rationalistisch, zivilisiert und oberflächlich dargestellt wird, und dem
Russisch–Asiatisch–Östlichen, dessen Ephiteta das Mystische, Tiefe, Barbarische und
Leiderfahrene ist und das im Roman vor allem durch die geheimnisvolle Russin ,Mme
Chauchat' verkörpert wird. Die Kategorien der "Betrachtungen" sind also auch hier
unverkennbar wirksam. Die Gefühlswelt soll also nach dem Schneetraum dem Tode (dem
Unpolitischen, der Romantik, der Musik, der Mystik, dem Krieg, dem Zeitverlust, dem
träumerischen Rausch) treu bleiben, und nur das Denken und Regieren gehört der Republik.
Hier wird eine charakteristische Schwäche des Politikers Manns deutlich: Die bloß auf
ethisches Sollen gegründete Abstraktheit der Politik, die gefühlsmäßig verneint, was sie
verstandesmäßig bejaht und umgekehrt. Hier liegt die Wurzel für das manchmal hohle Pathos,
In diesem Essay hallt wie in keiner anderen Veröffentlichung Thomas Manns die Stimmung patriotischer
Begeisterung und Ergriffenheit nach, die Deutschland im August 1914 erfasst hatte. (s. Sontheimer, Kurt, Thomas
Mann und die Deutschen, München 1961, 20.)
10
Kurzke, 154.
11
Kurzke, 172.
- 275 -
das vielen seiner politischen Reden anhaftet. Von dem allzu kruden Tagesgeschehen dazu
gezwungen, politisch zu handeln, trägt er doch im Herzen stets den Vorbehalt des
Unpolitischen, Treue zum Tod, dem er nur über die Gedanken keine Herrschaft einräumen will.
Er ist Aufklärer wider Willen, ,Vernunftrepublikaner' und ,Herzensmonarchist'.12
Settembrini' spricht diese nationalpsychologischen Hintergründe an, wenn er ,Castorp' als
den Prototyp des Deutschen sieht und Deutschland zwischen Ost und West gestellt sieht.13
Max Scheler weist darauf hin, dass die Psychologie Frankreichs im "Zauberberg" durch den
Zivilisationsliteraten
,Settembrini'
verkörpert
wird.14
,Naphta'
bezeichnet
die
Gesinnungsethik ,Setembrinis' als ,Vernunfts- und Arbeitsphilisterei'.15 In Manns Aufsatz "Das
Problem der deutsch-französischen Beziehungen" von 1921/22 wird mit deutlicher Anspielung
auf den "Zauberberg" der Zivilisationsliterat mit Frankreich identifiziert und als Sieger des
Weltkrieges bezeichnet.16
Erst nach dem Ersten Weltkrieg nahm Mann die Verantwortungslosigkeit der
Wirklichkeitsreinheit in einem gewissen Grade wahr. Das aufklärerische nur private Sollen in
seiner ganzen Ohnmacht hat Mann meisterhaft an der Wirkung einer Rede ,Settembrinis' auf
12
ebd., 177.; Das gegenrevolutionäre Vokabular der "Betrachtungen eines Unpolitischen" Thomas Manns geht
dabei vor allem auf die Einflüsse von Edmund Burkes "Reflections on the Revolution in France" von 1790 zurück.
Es handelt sich dabei um ein klassisches Traktat des Konservatismus der Achsenzeit um 1800, das durch die
Übersetzung von Gentz (1793/4) Einfluss auf den Konservatismus im Umkreis der Spätaufklärung, der Romantik
und der preußischen Reformbewegung nahm. Manns These, wonach der Mensch nicht nur ein politisch-soziales,
sondern auch ein metaphysisches Wesen ist, bejaht Burke nicht. Für Burke bedeutet Kritik an einem
rationalistischen Politikverständnis im Gegensatz zu Thomas Mann wiederum nicht, dass man unpolitisch sein
muss. Mann liest Burke 1920, hat sein Werk also bei Niederschrift der "Betrachtungen eines Unpolitischen" noch
nicht gekannt; auf einen bedeutenden romantischen Burke-Schüler, nämlich auf Adam Müller und seine
"Elemente der Staatskunst" (1809) beruft er sich allerdings wiederholt.; s. dazu Borchmeyer, Politische
Betrachtungen, 93; TB, 7.5.1920f. (X 39, 59)
13
GW III, 714f.
14
Scheler, Max, Krieg und Aufbau, Leipzig 1916, 105f.; vgl. zur Scheler-Lektüre Thomas Manns Betrachtungen,
GW XII, 183.
15
Zauberberg, 635.
16
GW XII, 621;
- 276 -
,Hans Castorp' ironisiert.17 Mann sagt, der Ästhet wehre sich mit Recht gegen den
Vernunftappell, der dem Einzelnen einen inneren Aufschwung abfordert, der erfahrungsgemäß
ohnmächtig bleibt. Die ästhetische Distanzierung von der ,Moral' der Geschichte ist für den
Kunstcharakter des "Zauberbergs" von entscheidender Bedeutung.
Festgehalten werden kann also, dass die bisherigen Kategorien von Gesinnungs- und
Verantwortungsethik, die Max Weber entworfen hat und die bei Mann in den "Betrachtungen
eines Unpolitischen" ebenfalls aufgegriffen und im "Zauberberg" durch ,Naphta' und
,Settembrini' verkörpert werden, durch Ironie abgemildert und der äußeren Sphäre eingepflanzt
werden. In einer Status Quo-Gesellschaft wird der Konservative es immer mit der
Verantwortungsethik halten, also Moral nur im Rahmen des Möglichen zulassen. Von
Gesinnung hält er gar nichts. In der von Umwälzungen geprägten Zeit vor dem Ersten
Weltkrieg musste das bestehende Wertesystem von den Intellektuellen der Zeit allerdings neu
definiert werden um geistig zu überleben, so auch von Mann und Weber. Auf dem Weg zum
Mythos wird die Gesinnungsethik bei Mann mit der Ebene der Erinnerungen, der Kindheit
gleichgesetzt, die Verantwortungsethik kennzeichnet die daraus resultierenden Taten. Nur
wenn beide Ebenen bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden, kann man von
Persönlichkeit sprechen. Die Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Ethik bzw. Innenund Außenmoral erfolgt dann in den Josephromanen.18
17
GW III, 340.
18
Die Gesinnungs- vs. Verantwortungsethik in Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen"
Thomas Mann nährt sich dem Begriffspaar, ohne die Ausführungen Webers zu kennen, in seinem
Monumentalessay "Betrachtungen eines Unpolitischen" an zahlreichen Stellen an.
Der Zivilisationsliterat ist dabei als typischer Gesinnungsethiker Angriffen an zahlreichen Stellen ausgesetzt.
(GW XII, 293, s. auch Borchmeyer, Politische Betrachtungen eines angelblich Unpolitischen, 83ff.) Mann
beschreibt den Gegensatz von ,persönlicher Ethik und Sozial-Philanthropie', von ,Liebesfähigkeit im Engen, Liebe
des Nächsten und allgemeiner Liebe'. Ein Beispiel für ,entschlossene Menschenliebe' (GW XII, 478, 311, 63;
Betrachtungen, 50, 395) ist für ihn Rousseau, der den berühmten Erziehungsroman "Emile" schrieb, andererseits
seine eigenen Kinder im Waisenhaus aufwachsen ließ. Er ist damit aus Thomas Manns Sicht ein typischer
Gesinnungsethiker. In den "Betrachtungen" Thomas Manns heißt es über Rousseau: "Seit mehr als anderthalb
Jahrhunderten geht alles, was man in geistigerem Sinn unter Politik versteht, auf Jean Jacques Rousseau zurück:
und er ist der Vater der Demokratie, indem er der Vater des politischen Geistes selbst, der politischen
Menschlichkeit ist". (Mann, Betrachtungen, 50). So kenne Rousseau keine einzelnen Nationalitäten mehr, sondern
nur noch Europäer, vielmehr nur noch vernunftbegabte Menschen. ,So steht es bei Rousseau , und so glaubt es
auch der Neu-Jakobiner.' Daraufhin folgt der vernichtende Kommentar Thomas Manns:
- 277 -
2. Mythische Substrate im "Zauberberg"
Auch im "Zauberberg" spielen Leitmotive eine Rolle: Krankheit vs. Gesundheit; Leben vs.
Tod. Doch diese Begriffe kristallisieren sich nicht aufgrund einer geschickt gehandhabten
leitmotivischen Technik heraus, sie stehen schon von Anfang an hinter dem Romanganzen.19
Nicht nur der Erzähler verweist auf den Zusammenhang, die Gestalten des Buches erkennen
selbst
die
geheimen
Bezüge,
die
Gestalten
selbst
stiften
den
leitmotivischen
Verweisungszusammenhang. Dadurch wird die formelhaft beschriebene Wirklichkeit zur
typischen Wirklichkeit. Unter doppelter Optik werden schließlich vor allem im "Zauberberg"
mythische Substrate sichtbar.20 Die Begegnung ,Castorps' mit ,Mme Chauchat' wird dadurch
typisch, dass die mit ,Hippe' vorausging. Hier dient der Bleistift, den sich ,Castorp' sowohl von
,Mme Chauchat' auf dem Faschingsball als auch von seinem Schulfreund ,Hippe' leiht, als
erotisches Leitmotiv.
Im "Zauberberg" erfolgt also eine Aufhebung der Individualität im Typus.21 Manche
Leitmotive werden auch zu Symbolen, so das Sanatorium im "Zauberberg". Darüber heißt es
beispielsweise: "Hinter den Kulissen geht etwas vor sich".22 Am Beispiel des kleinen ,Huius',
der im Sanatorium an seinem Lungenleiden stirbt, wird der doppelsinnige Charakter des
Sanatoriumsbetriebes unterstrichen. Ebenso äußern sich ,Joachim' und ,Settembrini': In der
Walpurgisnachtszene sagt ,Settembrini': ,Der Berg ist heute zaubertoll.'
"Sehr einfach. Zu einfach eigentlich, um schmeichelhaft für <den Menschen> zu sein. Trotzdem meint unser
Demokrat es schmeichelhaft. Er hat des Jakobiners Optimismus, seine vorgefaßten Schäferideen von der Vernunft
und dem schönen Herzen des Menschen ..." (Betrachtungen, 395)
Auch der Marquis Posa in Schillers Don Carlos verkörpert seiner Meinung nach die ,Sozial-Philanthropie' (GW
XII, 305, 286); Schillers Bildungsideal ist in den Don Carlos eingeflossen, s. Borchmeyer, Weimarer Klassik, 391;
s. dazu auch im "Tonio Kröger", 305: "Da ist zum Beispiel die Stelle, wo der König geweint hat, weil er von dem
Marquis betrogen worden ist … aber der Marquis hat ihn nur dem Prinzen zuliebe betrogen, verstehst du, für den
er sich opfert."; denn Schiller habe sein Werk als Staatstragödie mit der tragenden Gestalt des Marquis Posa, des
Vorkämpfers weltbürgerlicher Freiheitsideen, des Künders eines freiheitlichen Staates, wie Schiller sich ihn
dachte, konzipiert.
19
Koopmann, 50.
20
ebd., 36.
21
Koopmann , 60f., Adel des Geistes, 662.
22
zit. nach Koopmann, 67.
- 278 -
Das Sanatorium ist kein Ort der Erholung, es ist ein Reich der Schatten mit eigentümlicher
Zeitrechnung in Monaten und Höhen vs. Unterwelten.
a) Die Zeit im "Zauberberg"
,Krokowski' fungiert im "Zauberberg" als Rattenfänger auf dem Venusberg und das
Laboratorium von ,Behrens' wird von Koopmann folgendermaßen beschrieben: "Wurde im
analytischen Kabinett die Seele zergliedert, so hier der Leib."23 ,Behrens' gewährt Einblick in
das organische Innere, ,Krokowski' in das seelische. ,Castorp' sagt: "Man denkt, ein dummer
Mensch muß gesund und gewöhnlich sein, und Krankheit muß den Menschen fein und klug
und besonders machen. So denkt man es sich in der Regel. Oder nicht? Ich sage da wohl mehr,
als ich verantworten kann"24.
Krankheit als gesteigerte Form der Gesundheit, Gesundheit als letzte Konsequenz der
Krankheit, das ist eine Betrachtung unter Phänomenen der doppelten Optik, die es allein
vermag, die verwickelte und doppelgesichtige, zur Behutsamkeit auffordernde Natur alles
Geistigen zu erkennen.
In diesem Zusammenhang diente Mann Wagner als Vorbild: Er bewunderte seine "gesunde
Art, krank zu sein, seine morbide Art, heroisch zu sein".25 Wagner verkörpert damit geradezu
paradigmatisch ein Künstlertum, das, als echtes Künstlertum, weder ohne die Technik der
doppelten Optik, der ambivalenten Aussage und des mehrdeutigen Spiels auskommt noch ohne
alles das verstanden werden darf.26
,Behrens' bezeichnet die ,Ruhe als die erste Bürgerpflicht, und Ungeduld schadet bloß'. Er
spricht von ,militärischer Ehrbarkeit' und ,Ersatzmittel tiefländischer Pflichterfüllung'. Er
vergleicht also die Krankheit mit dem Militärdienst. Zum Thema ,erzählte Zeit' merkt Weiller
an: Thomas Manns ,Zauberberg' setze sich "kritisch mit den tieferen, in der Mentalität
verankerten Ursachen des Ersten Weltkrieges" auseinander, "dem dämmerhaften Hineingleiten,
23
Koopmann, 71.
24
Zauberberg, 137.
25
Koopmann, 32f.; vgl. zu diesem Aspekt: Der "Zauberberg" ist bekanntlich auf dem Hintergrund eines
Sanatoriumsaufenthaltes Erika Manns entstanden.
26
ebd., 33f.
- 279 -
der aus der Dekadenzdichtung heraus sich verselbständigenden neuen Führerideologie, der
Stilisierung des Kampfs zur Schicksalsmacht sowie konkreten, aber verschleierten
Kriegsinteressen."27
b) Hermes im "Zauberberg"
Die Figurationen des Hermes als ,elegante Gottheit' , als göttlicher Schelm mit vorwiegend
erotischen und diebischen Zügen im ,Felix Krull' sind bekannt, nicht weniger bekannt ist sein
Auftreten als ,bleicher und lieblicher Psychagog' in der Gestalt ,Tadzios' im "Tod in Venedig".
Ebenso ist im "Zauberberg" die Zeit eine hermetische Zeit, denn es herrscht hermetische
Abgeschlossenheit.28 ",,August, August!“, sagte Hans Castorp. “Aber mich friert! Mich friert
abscheulich, nämlich am Körper, denn im Gesicht bin ich auffallend echauffiert, - da, fühle
doch mal, wie ich brenne!“"29
,Saaltöchter' und ,Stumme Schwestern' regeln die Zeit im Sanatorium und ,Hans Castorp'
verkündet: "Es ist überhaupt keine Zeit."30 Auch ,Krokowski' arbeitet als ,Traumzergliederer'
an der Zersetzung der Zeit.31
In seinem Zeitdisput mit ,Joachim' sagt ,Hans Castorp': "Die Zeit ist doch überhaupt nicht
>eigentlich<. Wenn sie einem lang vorkommt, so ist sie lang, und wenn sie einem kurz
vorkommt, so ist sie kurz, aber wie lang oder kurz sie in Wirklichkeit ist, das weiß doch
niemand."32
Hermes hat in der griechischen Tragödie bekanntlich vielerlei Eigenschaften:
Als Hermes Trismegistos kann er eine Röhre luftdicht verschließen, er ist der Gott der
Gelehrsamkeit und der Schrift. Als Zauberer, Wegegott und Götterbote trägt er den caducens,
einen Stab in Gestalt einer doppelköpfigen Schlange. Als Hermes psychopompos ist er der
Führer durch das Schattenreich und Seelenführer (Chthonios = Totengott). Er ist
27
Weiller, Edith, 228f.
28
ebd., 157ff.
29
Zauberberg, 23.
30
Zauberberg, 25, 130, 28.
31
ebd., 30, 261.
32
ebd., 94.; Exkurs über den Zeitsinn s. 143.
- 280 -
sprachbegabter Mittler und Psychologe und gibt als solcher der hermetischen Pädagogik ihren
Namen. Er ist der Gott der Diebe und der Kaufleute; ein Erzschelm, der durch einen Phallos
(Hermessäule) vertreten wird. Gleichzeitig ist er der Behüter der Gräber und Gärten.
Im "Zauberberg" tritt er als Hermes und damit als Vertreter der hermetischen Pädagogik
folgendermaßen in Erscheinung:
In dem zweiten entscheidenden Gespräch über die hermetische Pädagogik vertritt
,Settembrini' den Hermes Trismegistos.33 So bleibt er schon zu Beginn "mit gekreuzten
Füßen, auf seinen Stock gestützt, in anmutiger Haltung vor Hans Castorp stehen."34Als
sprachbegabter Mittler und Psychagog trägt er Flügelschuhe wie Merkur.35
,Naphta' aber erkennt, zugleich sein eigenes Wesen erläuternd, im Hermes den
Psychopomps, den Seelenzwinger und Seelenführer. ,Naphta' ist ,Krokowski' vergleichbar.
Auch sie sind Hermes, sie führen ein in die dunkleren Seiten der hermetischen Pädagogik.
,Castorp' kommentiert diese hermetische Konfiguration zwischen ,Naphta' und ,Settembrini'
folgendermaßen: "Es ist ja lebensgefährlich – ein Teufel rechts und einer links, wie man da in
Teufels Namen durchkommen solle."36
Auch ,Frau Chauchat' trägt hermetische Züge, sie ist die große Reisende, in ihr wird die
Verbindung Hermes zu Aphrodite dargestellt.37
,Peeperkorn' dagegen ist das lebende Abbild einer phallischen Herme; hermetisch ist sein
Schweigen, sein ständiges Sich-selbst-unterbrechen, denn Hermes ist laut Überlieferung
anwesend, wenn plötzlich die Rede verstummt. Hermetisch ist auch ,Peeperkorns' Tod durch
Gift mit Hilfe einer Injektionsspritze, die dem Beißzeug der Brillenschlange nachgebildet ist
wie am Stab des Hermes caducens.38
Im Schneekapitel mit seinem mythologischen Traum träumt ,Castorp', er sei mit
,Settembrini' und ,Naphta' allein im Gebirge. ,Naphta' vertritt, wie oben ausgeführt, die
Jesuiten, Settembrini die Freimaurerei. Bünde und Gesellschaften haben hier eindeutig
33
Zauberberg, 723.
34
ebd., 82.
35
ebd., 655.
36
Zauberberg, Berlin 1959, 714., zitiert nach Koopmann, 162.
37
ebd., 717.; vgl. "Betrachtungen" zu ,Mme Chauchat', 445, 447 bzw. 449.
38
ebd., 857.
- 281 -
hermetischen Charakter.39 Schließlich werden sie beide mit Hermes thanatos identisch:
,Naphta' durch seinen terroristischen Selbstmord, ,Settembrini' durch eine sich ständig
verschlimmernde Krankheit, die seinen baldigen Tod erahnen lässt. Zudem existiert ein
doppelter Mythusbegriff durch Hermes einerseits und den Regress ,Castorps' auf seine
Vorfahren.40
Die Zeit des "Zauberbergs" wird also einerseits auf der horizontalen Ebene durch Monologe
und Dialoge strukturiert (erzählte Zeit), andererseits auf der vertikalen durch die Länge des
Romans (Erzählzeit). Dadurch entsteht auch beim Leser ein Verlust des Zeitgefühls und ein
Gefühl von Ewigkeit, wie sie auch die Atmosphäre auf dem Zauberberg kennzeichnet, entsteht.
So ist das Schicksal ,Hans Castorps' im Schnittpunkt der beiden Achsen als Weg in die
Apokalypse unumkehrbar.
Die Zeit wird im Roman wie gesagt unter dem Aspekt der doppelten Optik behandelt: Zeit
wird zur Dauer, Raum und Zeit gewinnen eine Doppelnatur.41 Die Zeit wird im Roman in
einem doppelten Sinne behandelt: Der erzählte Zeit umfasst 7 Jahre der Vorkriegszeit,
gleichzeitig handelt es sich in der Erzählzeit um einen Zeitroman, bei dem diese zu einem
hintergründigen Thema wird.
Im Roman selbst findet ein Exkurs über den Zeitsinn und jeweils zu Beginn der letzten drei
Kapitel statt. So wird im dritten Kapitel vom ,nunc stans der Gegenwart' berichtet, von der
,Ewigkeitssuppe'.42
Die Begegnungen erfahren in der Iteration eine Steigerung (Bsp. ,Mme Chauchat' und
,Hippe'). Indem die erste Begegnung keimhaft schon den Sinn aller folgenden enthält und alle
folgenden nur als Vollendungen des schon einmal Erlebten gelten können, enthalten sie zwei
Stufen eines Geschehens, die durch das erkennende Bewusstsein ,Castorps' als identisch
erfahren werden.43 Dies zeigt auch der Exkurs zu Beginn des VI. Kapitels: Es enthält die
Steigerung, Erhöhung und Perfektionierung einer bereits gemachten Erfahrung. Zeit ist nicht
39
ebd., 688.
40
s. Koopmann, 166.
41
Zur Artifizialität der Zeit s. auch das Problem der Industrialisierung und der damit verbundenen Zeitumstellung,
Stichwort: Stechuhr.
42
Koopmann, 142.; Zauberberg, 255.
43
ebd., 143.
- 282 -
mehr ausdehnungslose Gegenwart, sondern beständige, unendliche Wiederholung limitierter,
gleichartiger Bewegungen. In der Einleitung zum VII. Kapitel wird im Strandspaziergang ein
archetypisches Geschehen wiederholt: Bewegung ist nicht mehr Bewegung, die Zeit ist
vollends zur Zeitlosigkeit, zur Un-Zeit geworden, weil sie objektiv nicht mehr messbar ist oder
subjektiv gesehen, weil das die Veränderungen konstatierende Bewusstsein die Fähigkeit zur
Anamnesis verloren hat.44 ,Castorps' Unfähigkeit, sein Alter zu bestimmen, spricht ebenfalls
für diese imaginäre Zeit. Es findet also ein Verlust der alten Dreidimensionalität im Roman
zugunsten einer vierten Dimension der Gegenwart statt. Diese Gegenwart erhält im
Bewusstsein des konstatierenden Subjekts nun eine neue Vieldimensionalität (Parodie auf den
deutschen Bildungsroman) und geht in die mythische Zeit über. Dies führt zum Nicht-mehrunterscheiden-können zwischen Noch und Wieder.45
"Das Wort Einst, so könnte man ergänzen, wird für ihn (sc. ,Castorp') doppeldeutig: es
bedeutet ,früher, vor Urzeiten' und ,künftig'. Was typisch ist, kann ständig wiederholt
werden; was ständig wiederholt werden kann, mündet schließlich ins Mythische, und
indem für Hans Castorp jeder Tag den voraufgegangenen Tag wiederholt, wird ihm seine
Zeiterfahrung zum mythischen Erlebnis."46
Das vordergründige Geschehen eines Sanatoriumsaufenthaltes enthüllt sich im "Zauberberg"
in doppelter Optik als mythisches Ereignis.47 Wie die hermetische Zeit in die mythische
hinübergleitet, so löst die Zeit sich real im Ersten Weltkrieg auf. Die Schlussworte des Romans
lauten: "Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist
aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine
hermetische Geschichte (…)"48
In diesem Zusammenhang heißt es in Bezug auf die altägyptische Ma`at:
"Daher würde der Ägypter mit dem, was wir ,Kosmos' oder ,Weltordnung' nennen und
wofür es im Ägyptischen - zumindest auf Wortrang - keine äquivalenten Ausdrücke gibt,
44
Zauberberg, 741ff.
45
ebd., 754.
46
ebd., 981, Koopmann, 146.
47
Koopmann, 158.
48
Der Zauberberg, 984.
- 283 -
weniger an einen wohlgeordneten Raum denken als an einen gelingenden Prozess. In der
ägyptischen Konzeptualisierung des Sonnenlaufs als eine Barkenfahrt über den Himmel
und durch die Unterwelt artikuliert sich der ägyptische Begriff von Kosmos und
Weltordnung. (…) Man hat das ägyptische Weltbild treffend ein perpetuum mobile
genannt, weil es sich in der ewigen Wiederkehr zyklischer Abläufe vollzieht: Der
Sonnenlauf erscheint so zum einen als Ausübung von Herrschaft, die sich nur in
fortwährender Überwindung des ,Rebellen' behaupten kann, und zum anderen als die
Daseinsform des Lebens, das nur in fortwährender Überwindung des Todes möglich ist:
Unter diesem Aspekt altert der Sonnengott täglich und sinkt als gestorbener Greis
,jenseitsversorgt' in die Unterwelt hinab, um am Morgen als Kind wiedergeboren zu
werden."49
Hier lässt sich eine Verbindung zu den Josephromanen herstellen: Die Definition des
Begriffs ,Einst' erfolgt in der "Höllenfahrt": "Was uns beschäftigt, ist nicht die bezifferbare
Zeit. Es ist vielmehr ihre Aufhebung im Geheimnis der Vertauschung von Überlieferung und
Prophezeihung, welche dem Worte ,Einst' seinen Doppelsinn von Vergangenheit und Zukunft
und damit seine Ladung potentieller Gegenwart verleiht."50
Und im "Joseph, der Ernährer" heißt es zu dieser Problematik: "Wer nicht das Einst der
Zukunft ehrt, ist nicht des Einst der Vergangenheit wert und stellt sich auch zum heutigen Tag
verkehrt."51 Zum mythischen Bewusstsein heißt es in den "Geschichten Jaakobs": "Wir geben
uns keiner Täuschung hin über die Schwierigkeit, von Leuten zu erzählen, die nicht recht
wissen, wer sie sind."52 Die Begriffe der Strecke vs. Sphäre im Sinne von Zeitempfinden
werden demnach folgendermaßen festgelegt:
"Hier mündet unsere Rede nun freilich ins Geheimnis ein, und unsere Hinweise verlieren
sich in ihm: nämlich in der Unendlichkeit des Vergangenen, worin jeder Ursprung sich
nur als Scheinhalt und unendgültiges Wegesziel erweist und deren Geheimnis-Natur auf
der Tatsache beruht, daß ihr Wesen nicht das der Strecke, sondern das Wesen der Sphäre
ist. Die Strecke hat kein Geheimnis. Das Geheimnis ist in der Sphäre. Diese aber besteht
in Ergänzung und Entsprechung, sie ist ein doppelt Halbes, das sich zu Einem schließt,
sie setzt sich zusammen aus einer oberen und einer unteren, einer himmlischen und einer
49
Assmann, 174ff.; Auf diese Aspekte wurde schon in Zusammenhang mit dem "Tod in Venedig" S. 210f., Anm.
55 eingegangen.
50
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Die Geschichten Jaakobs, Frankfurt a.M. 1974, 32.
51
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder IV, Joseph, der Ernährer, Gesammelte Werke in Einzelbänden,
Frankfurter Ausgabe, hrsg. v. Peter de Mendelssohn, Frankfurt a.M. 1984, 284.
52
Die Geschichten Jaakobs, 128.
- 284 -
irdischen Halbsphäre, welche einander auf eine Weise zum Ganzen entsprechen, daß,
was oben ist, auch unten ist, was aber im Irdischen vorgehen mag, sich im Himmlischen
wiederholt, dieses in jenem sich wiederfindet. Diese Wechselentsprechung nun zweier
Hälften, die zusammen das Ganze bilden und sich zur Kugelrundheit schließen, kommt
einem wirklichen Wechsel gleich, nämlich der Drehung. Die Sphäre rollt: das liegt in der
Natur der Sphäre. Oben ist bald Unten und Unten bald Oben, wenn man von Unten und
Oben bei solcher Sachlage überall sprechen mag. Nicht allein daß Himmlisches und
Irdisches sich ineinander wiedererkennen, sondern es wandelt sich auch, kraft der
sphärischen Drehung, das Himmlische ins Irdische, das Irdische ins Himmlische, und
daraus erhellt, daraus ergibt sich die Wahrheit, daß Götter Menschen, Menschen dagegen
wieder Götter werden können."53
Diese Zeitrechnung in Sphären taucht in den Josephromanen überall auf.
"Rahel hatte zweiunddreißig Jahre gezählt, als sie unter heiligen Qualen den Joseph
gebar, und siebenunddreißig, als Jaakob die staubigen Riegel brach und sie entführte. Sie
zählte einundvierzig, als sie noch einmal in Hoffnung kam und so von Schekem auf
Reisen gehen mußte, - das heißt: wir sind es, die zählen; in ihrer Gewohnheit und der
ihrer Sphäre lag es nicht, das zu tun; sie hätte sich lange besinnen müssen, um annährend
zu sagen, wie alt sie sei, - das war eine allgemein wenig beachtete Frage."54
Ein anderes Beispiel für die mythologische Zeitrechnung im Roman ist ,Thamar':
"Es war Thamars Wort und ihre Losung. Sich selbst wollte sie einschalten, und tat es mit
erstaunlicher Entschlossenheit, in die große Geschichte, das weitläufigste Geschehen,
von dem sie durch Jaakob Kunde erhalten, und von dem ausgeschaltet zu werden sie sich
um keinen Preis gefallen ließ."55
"Thamar war fest entschlossen, sich, koste es was es wolle, mit Hilfe ihres Weibtums in
die Geschichte der Welt einzuschalten (...) Recht auf die Bahn wollte dies Landmädchen
sich bringen, die Bahn der Verheißung."56
So will sie erst ,Juda', dann jeden seiner Söhne heiraten.
c) Der Zeitbegriff bei Max Weber
53
Jaakobs Geschichten, Frankfurt a.M. 1974, 189f.
54
Joseph und seine Brüder IV, Joseph, der Ernährer, 268.
55
Joseph und seine Brüder IV, Joseph, der Ernährer, Frankfurt a.M. 2008, 1126ff.
56
ebd., 287; ebd., Frankfurt a.M. 2008, 1132.
- 285 -
Auch Max Weber beschäftigt sich mit dem Begriff der Zeitlichkeit.
Die mythische Ebene der Zeit spielt bei ihm in seiner Charismatheorie eine Rolle, sowie in
den Stadien der Magie und des reinen Ritualismus, die jenseits der ,Entzauberung' liegen.57
Folgendermaßen stellt sich die protestantische Ethik zum Zeitaspekt:
"Der Reichtum als solcher ist eine schwere Gefahr, seine Versuchungen sind
unausgesetzte, das Streben danach nicht nur sinnlos gegenüber der überragenden
Bedeutung des Gottesreichs, sondern auch sittlich bedenklich. Weit schärfer als bei
Calvin, der in dem Reichtum der Geistlichen kein Hindernis für ihre Wirksamkeit, im
Gegenteil eine durchaus erwünschte Steigerung ihres Ansehens erblickte, ihnen
gestattete, ihr Vermögen gewinnbringend anzulegen, nur unter Vermeidung von
Aergernis, scheint hier die Askese gegen jedes Streben nach Erwerb zeitlicher Güter
gerichtet. (...) Und es ist mit diesen Bedenken auch durchaus ernst gemeint, - nur bedarf
es etwas näheren Zusehens, um ihren entscheidenden ethischen Sinn und Zusammenhang
zu bemerken. Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem
Besitz, der Genuß des Reichtums mit seiner Konsequenz von Müßigkeit und
Fleischeslust, vor allem von Ablenkung von dem Streben nach ,heiligem' Leben. (...)
Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden. Die Zeitspanne
des Lebens ist unendlich kurz und kostbar, um die eigene Berufung ,festzumachen'.
Zeitverlust durch Geselligkeit, ,faules Gerede', Luxus, selbst durch mehr als der
Gesundheit nötigen Schlaf – 6 bis höchstens 8 Stunden – ist sittlich absolut verwerflich.
Es heißt noch nicht wie bei Franklin: ,Zeit ist Geld', aber der Satz gilt gewissermaßen im
spirituellen Sinn: sie ist unendlich wertvoll, weil jede verlorene Stunde der Arbeit im
Dienst des Ruhmes Gottes entzogen ist."58
Vorausgesetzt, es handelt sich bei dem Konzept Ma`at mit einer Art innerweltlicher Askese
des ganzen Volkes, lässt sich die Verbindung zu Thomas Mann und Max Weber wie folgt
herstellen: In Bezug auf die drei Sünden gegen die Ma`at heißt es bei Assmann:
"Der Träge hat kein Gestern, d.h. er ist unfähig zu solcher Präsenthaltung. Er vergißt das
Gestern und die Forderungen, mit denen es das Heute an sich knüpft. Seine
Vergeßlichkeit löst dieses Band. Er lebt verantwortungslos im fortwandernden Heute und
verstößt auf diese Weise gegen die Ma`at."59
57
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 349.
58
Die protestantische Ethik, in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 165ff.
59
Assmann, 61.
- 286 -
Über diese Haltung beklagt sich der sogenannte ,Lebensmüde' in einem wichtigen Text der
Ma`at-Literatur:
Zu wem kann ich heute noch reden?
Man erinnert sich nicht des Gestern, man handelt nicht für den, der
gehandelt hat heutzutage.60
"Hier ist aber nicht die individuelle, sondern die soziale Vergeßlichkeit gemeint, der
Zerfall des ,Füreinander-Handelns'. Das macht der Nachsatz klar. Wenn das soziale
Gedächtnis zerfällt, ägyptisch gesprochen, ,das Gestern vergessen wird', zerfällt auch das
Netz der Solidarität, und die Welt wird zum Kampfplatz eines Kampfes aller gegen
alle."61
In der Quelle Max Webers werden aber auch das Kommunikationsproblem (,faules Gerede')
und die Habgier (,Luxus') angesprochen, die ebenfalls als Sünden gegen die Ma`at anzusehen
sind.62 Hier bewegt sich Weber gedanklich sozusagen auf der horizontale Ebene des Ma`atKonzepts. Die Enthaltsamkeit in Bezug auf diese drei Sünden hat Einfluss auf das Leben im
Jenseits und damit auf die vertikale Solidarität.
Die protestantische Ethik, die Max Weber vertritt, lässt sich also über das Ma`at-Konzept
mit dem Thomas Mannschen Gedanken des ,Einst' und seiner (wenn auch ironischen)
Sehnsucht danach verbinden.
Beim Übergang ins biblische Zeitalter spielt der Gedanke des ,Einst' (,olim') und die
Aufspaltung in einen orphischen und einen zyklischen Zeitbegriff eine wichtige Rolle.
Damit ist der Weg frei für die Interpretation der Josephromane, die in den folgenden Kapiteln
im Mittelpunkt der Betrachtung stehen sollen.
60
zitiert bei Assmann, 61.
61
ebd., 62.
62
Assmann, 69 und 85.; Zum Aspekt Habgier heißt es sinngemäß in der "Höllenfahrt": "(…) die Geschichte des
Menschen ist älter als die materielle Welt, die seines Willens Werk ist, älter als das Leben, das auf seinem Willen
steht."; Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1974, 39.
- 287 -
VIII. DIE ENTSTEHUNG UND ENTWICKLUNG DER INNERWELTLICHEN ASKESE:
DIE RELIGIONSSOZIOLOGIE MAX WEBERS IM VERGLEICH MIT DEM
GETREIDEHANDEL IN DEN "BUDDENBROOKS" UND DEM ÄHRENTRAUM IN DEN
"JOSEPHROMANEN"
In den Josephromanen wie in der Religionssoziologie Max Webers geht das Konzept der
Leistungsethik bzw. der Bürokratie und Askese, ausgehend von der Protestantismusthese und
den Hilfsmitteln Gesinnungs- und Verantwortungsethik nun in eine innere und eine äußere
Ethik über.
In den Josephromanen hat Mann aller Wahrscheinlichkeit nach die religionssoziologischen
Aufsätze und andere Arbeiten Max Webers verarbeitet. Dies erklärt die zahlreichen
Gemeinsamkeiten bis hin zur identischen Wortwahl.1
Die Unterschiede zwischen calvinistischem und lutherischem Protestantismusbegriff spielen
nun keine entscheidende Rolle mehr:
Bezog Thomas Mann den Max Weberschen ,Patrizier' noch auf sich selbst, nahm ihn somit
unbewusst persönlich, womit die erörterten Unterschiede zwischen Calvinismus und Luthertum
den Protestantismusbegriff betreffend zu erklären sind, und bezog Max Weber möglicherweise
die Wendung "Dichter unter den Kaufleuten" auf ,Thomas Buddenbrook', so wird mit
Behandlung des Mythos und der Religionssoziologie der Grad der Bewusstheit und der Distanz
zu sich selbst bei beiden größer.2
In den Josephromanen (1933-36; 43) folgt im Werk Thomas Manns nun die Zeit, bewusst
in den Spuren von Mythos und Tradition zu gehen. Das ist nach Kurzke als eine
1
Hier werden die Einflüsse der Charismatheorie auf die Figur des ,Joseph', die Unterschiede und
Gemeinsamkeiten in der Darstellung der Revolution des Echnaton, insbesondere die Kunst betreffend, und
dessen Auffassung des Monotheismus, die Beschreibung der Infrastruktur Ägyptens und die Darstellung
,Josephs' als ,Vatersöhnchen', in der sich Reste der lutherischen Auffassung der protestantischen Ethik auf Seiten
Thomas Manns finden lassen, die Verwendung des Begriffs ,Greuel' und die Bekanntheit des ,Ma`at-Konzepts'
auf Seiten Thomas Manns zu untersuchen sein.
2
vgl. in Kapitel II den Begriff des ,patrizischen oikos' und die unterschiedliche Interpretation bei Mann und
Weber, s. auch S. 90ff.
- 288 -
charakteristische Antwort auf die verlorene Irrationalität zu sehen: Sie versucht dabei einerseits
die künstliche Wiederherstellung der Irrationalität, wahrt aber andererseits im Lachen das
Bewusstsein der Künstlichkeit. Dabei verbirgt der Erzähler seine philosophischen Neigungen
hinter der ironischen Maske des skeptischen Kommentators.
Thomas Mann wollte selbst genau dies hören, nämlich dass seine Neigung zum Mythos
nichts mit Irrationalismus zu tun habe, sondern ,etwas zu Denkendes sei'.3
1. Der Mythos in den Josephromanen
Dem biblischen Joseph wird nicht nur ein ganzes Mythenbündel unterlegt, in dem
Griechisches, Jüdisches, Altägyptisches, Babylonisches und anderes bunt durcheinander gehen,
er muss außerdem Manns Künstlerproblem repräsentieren, ist das Glückskind des Märchens,
Hermesnatur, Verkünder von Roosevelts New Deal, ist im Sinn von Manns Goetherezeption
verschmitzte Synthese von Natur und Geist, von Geist und Leben, vereinigt Segen von oben
und von unten, Gott und Erde, Geist und Mythos.4
Thomas Mann verteidigt in den Josephromanen Wagners mystische ,Wollust der Hölle'
gegen Nietzsches Kritik der Sinnlichkeit. Er arbeitet mit dem künstlich hergestellten
rauschhaften Schein des Glücks wie in Wagners "Tannhäuser", z.B. im formalen Kokettieren
des "Zauberberg" und besonders in den Josephromanen.
Die ,Heimkehr' des modernen Romans zum Mythos, über die Karl Kerényi und Thomas
Mann spekulierten, findet in den Josephromanen statt.5
,Joseph' ist weit stärker als alle anderen Gestalten Thomas Manns eine mythische Figur.6
Die Zeit seiner Entstehung beschreibt Thomas Mann als Zeit ,heiter- mythologischen Spiels'.7
3
s. den Brief Heinrichs an seinen Bruder vom 25.12.1933, in: Borchmeyer, Zurück zum Anfang aller Dinge, in:
Thomas Mann Jahrbuch, Bd. 11, 1998, 10.; Nietzsche hat mit seiner "Geburt der Tragödie" bekanntlich den
Grundstein für das moderne Verständnis des Mythos in Deutschland gelegt. Das Zentralanliegen Arnold
Schönbergs, Freuds und Thomas Manns ist nach Assmann die Überwindung der Idolatrie, die Befreiung aus der
sinnlichen Weltverstrickung und die Verwerfung des Nationalsozialismus als Form neuheidnischer Idolatrie., s.
Assmann. Thomas Mann und Ägypten., s. Assmann, Mythos und Monotheismus, 216f.
4
s. Jan Assmann, Thomas Mann und Ägypten, München 2006.
5
Borchmeyer, "Zurück zum Anfang aller Dinge", 29.
6
AN (Altes und Neues), 194.
- 289 -
Zu Beginn Jan Assmanns Abhandlung "Thomas Mann und Ägypten. Mythos und
Monotheismus in den Josephromanen" steht ein Zitat Ernst Cassirers über den Gegensatz von
Mythos und Geschichte:
"Wenn die Geschichte das Sein in die stetige Reihe des Werdens auflöst, innerhalb
dessen es keinen ausgezeichneten Punkt gibt, in dem vielmehr jeder Punkt auf einen
weiter zurückliegenden hinweist, so daß der Regreß in die Vergangenheit zu einem
regressus in infinitum wird – so vollzieht der Mythos zwar den Schnitt zwischen Sein
und Gewordensein, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, aber er ruht in der letzteren,
sobald sie einmal erreicht ist, als einem in sich Beharrenden und Fraglosen aus."8
Sein ,Joseph' lebt auf ganz besondere Weise in Geschichten. Das Besondere dieser
Geschichten besteht darin, dass sie über Generationen hin bis heute erzählt werden und dass sie
immer den gleichen Vorbildern und Schemata folgen. Solche Geschichten nennt man Mythen.
Es handelt sich dabei also um fundierte Geschichten, sie stammen aus dem archaischen
Zeitalter, dem das magische vorausging und dem das von den Griechen eingeleitete ,rationale
Zeitalter' folgte.9
Die Grundstruktur des Mythos ist Leit- und Zentralmotiv des Romanzyklus, der Weg vom
Leben durch Tod und Unterwelt zu neuem Leben. Im ersten Teil geht es um einen
chronologischen Abstieg, vom Jetzt zum Einst in ,illo tempore', im zweiten um einen
ontologischen, aus dem Empyreum der Transzendenz in die niedere Welt der Materie.10
In seiner Rekonstruktion des Tammus–Adonis–Textes lässt Thomas Mann also den Zyklus
von Leben–Tod–Leben durchspielen.11 Die initiatorische Verwandlung erfährt ,Joseph' im
Brunnen. Die Brüder führen dabei eine klassische Freudsche Substitutionsopferung durch: Sie
geben das Blut eines Tieres für ,Josephs' Blut aus und erzählen ,Jaakob', ,Joseph' sei tot. (s.
7
EF (Die Entstehung des Doktor Faustus), 139.
8
Jan Assmann, Thomas Mann und Ägypten. Mythos und Monotheismus in den Josephromanen, München 2006,
15.; Ernst Cassierer, Das Mythische Denken, Philosophie der Symbolischen Formen II, Leipzig 1919.
9
s. beispielsweise die Geschichte des Gottschalks mit der Schildkrötenleier in "Joseph in Ägypten" (3. Die
kretische Laube), die ,Joseph' im Zuge der Traumdeutung Atôn erzählt.
10
Assmann, 16ff. Eine Quelle Thomas Manns war Hans Heinrich Schaeder, "Die islamische Lehre vom
vollkommenen Menschen, ihre Herkunft und ihre dichterische Gestaltung" von 1925.
11
Mann, Der junge Joseph, 107.
- 290 -
"Totem und Tabu") Da er für tot gehalten wird, bezeichnet er sich auch selbst so. "Eine neuere,
höhere Lieblingschaft und Erwählung war es, in der es nun, nach der Grube, zu leben galt."12
Bei Jaspers heißt es dazu: "Damit das so Ausgeblendete zum Gegenstand der
Thematisierung und der Kommunikation wird, bedarf es eines Schocks, eines Bruchs, einer
Vertrauenskrise,
einer
Auflösung
eingeschliffener
Selbstverständlichkeiten,
einer
,Verfremdung'."13
"Zwischen den Mythen des ersten Teils und dem Mythos des zweiten Teils liegt also eine
entscheidende Grenze: die Grenze zwischen dem mythischen Denken des antiken und
vorantiken Polytheismus und der theologisch-philosophischen Spekulation der
Spätantike, die auf der (platonischen, iranischen, biblischen) Entdeckung der
Transzendenz beruht."14
Es geht also um den Bruch vs. die Kontinuität zwischen den frühen Hochkulturen und den
religiösen und philosophischen Bewegungen in Israel und Griechenland. Der Bruch wird von
den monotheistischen Religionen mit ihrer Ausgrenzung des ,Heidentums' und von den
Wissenschaften mit ihrer Trennung von Mythos und Logos betont.
Für Thomas Mann stellt Gott nach Johann Jakob Bachofen vielmehr die Unterscheidung
dar. So gesehen ist Gott also eine Fiktion, die dem Menschen zu seiner Selbstverwirklichung
verhilft. Selbsterkenntnis ist danach nur auf dem Weg der Spiegelung im anderen möglich.
Dies trifft ebenso auf Gott zu. Die Geschichte Gottes und die Geschichte des Menschen sind
danach zwei Aspekte desselben emanzipatorischen Prozesses, in dessen Verlauf Gott erst Gott
und der Mensch Mensch wird. "Im Medium der in die Wirklichkeit hervorgedachten Fiktion
emanzipieren sich Gott und der Mensch vom Absolutismus des Gegebenen und gewinnen die
Freiheit des Geistigen und des Moralischen, die den gemeinsamen Raum des Menschlichen
und des Göttlichen ausmacht."15
In Thomas Manns Augen standen sich Mythos und Logos nicht als Gegensätze gegenüber,
für ihn war Mythos eine Form des Logos und umgekehrt, und das Leben im Mythos galt ihm
als eine zugleich archaische und zeitlose Lebensform.16 Mann selbst sagt dazu: "Der Mythos
12
Mann, Der junge Joseph, Frankfurt a.M. 1991, 107; Joseph in Ägypten, 675, 704.
13
zitiert nach Assmann, 43.
14
ebd., 20.
15
Assmann, 26.
16
Assmann, 29.
- 291 -
wurde in diesem Buch dem Faschismus aus den Händen genommen und bis in den letzten
Winkel der Sprache hinein humanisiert, - wenn die Nachwelt irgend etwas Bemerkenswertes
daran finden wird, so wird es dies sein."17 Dabei standen ihm als Hilfsmittel die
Umfunktionierung des Kollektiven ins Individuelle nach der Tiefenpsychologie Freuds ("Das
kollektive Unbewusste") und Jungs (,Archetypen') zur Verfügung. Er konstruiert Hypothesen
des frühen Menschentums im Sinn der ,nach hinten offenen' Identität von ,Menschen, die nicht
so recht wußten, wer sie waren', so beispielsweise Eliezier in "Jaakobs Geschichten".18
Botho Strauss spricht in diesem Zusammenhang von synchroner und diachroner Identität:
"Und doch: wie möchte man sich immer mehr von diesen Menschen der Stunde, den
ganz und gar Heutigen, unterscheiden. Wie wenig könnte es befriedigen, nur und
ausschließlich der Typ von heute zu sein. Die Leidenschaft, das Leben selbst, braucht
Rückgriffe (mehr noch als Antizipationen) und sammelt Kräfte aus Reichen, die
vergangen sind, aus geschichtlichem Gedächtnis. Doch woher nehmen? Dazugehörigsein
in der Fläche der Vernetzung ist an die Stelle der zerschnittenen Wurzel getreten; das
Diachrone, der Vertikalaufbau hängt in der Luft."19
Man könnte Thomas Manns Werkentwicklung und damit auch die der Problematik von
Gesinnungs- und Verantwortungsethik als Entwicklung hin zum Diachronen bezeichnen.
Hier kann man auch eine Verbindungslinie zum Begriff der ,vertikalen Solidarität' der Ma`at
knüpfen: "Worum es geht, ist die Frage nach dem, was die Menschen zur Gemeinschaft
verbindet."20
17
Mann, Joseph und seine Brüder (1942), GW XI, 654-669, 658.
18
Assmann, 28, 46, s. Mann, Die Geschichten Jaakobs, Mondgrammatik, 90.
19
Botho Strauss, Paare, Passanten, München 1984, 26, zitiert nach Assmann, 49.
20
Assmann, Ma`at, 13.; der Begriff Ma`at findet sich auch bei Max Weber. Thomas Mann dürfte er nach der
Lektüre der religionssoziologischen Aufsätze und anderer Werke Max Webers bekannt gewesen sein. Vgl. dazu
Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. III, Das antike Judentum, Tübingen 1976, 6.
Aufl., S. 269: Hier werden in Bezug auf die Ma`at (hier ,Ma' geschrieben) als Quellen das Verbot der Ägyptischen
Schreiberethik (,Ptahotep') und das ,Totenbuch' genannt, in Bezug auf das Standesgefühl der Schreiberklasse auf
die ,Ramessidenzeit' verwiesen. Damit waren Mann die drei Sünden gegen die Ma`at (vgl. Assmann, 87ff.;
,Totenbuch 125: die Kodifizierung der Ma`at' S. 136ff.; 61ff.; 75ff.; 80ff.) sowie die Idee des Totengerichts
(Assmann, 129ff.; 197ff.) und die Bedeutung der Schriftgelehrten, Zauberer und Traumdeuter, die als typische
,entourage' des Pharaos auftraten, bekannt. Zu Letzteren gehören auch die obersten Vorlesepriester (Assmann,
265). Alle diese Rollen nimmt ,Joseph' ein, was im IX. Kapitel eingehend besprochen wird.
- 292 -
Eine entscheidende Wende in der Entwicklung des Mythos stellt nach Assmann die Schrift
dar. Diese Umstellung des Mythos auf Schrift geschieht nicht nur im antiken Judentum,
sondern überall in der alten Welt könne man die verbindliche Verschriftung von Normen für
ein gutes Leben oder, nach Max Weber, eine methodische Lebensführung beobachten. In der
altägyptischen Schriftkultur sind Schreiben, Kontrollieren und Beherrschen gleichbedeutend
und das ganze Leben wird von der Schrift kontrolliert.21 So fertigt Joseph für den
midiantischen Kaufmann, der ihn nach Ägypten bringt, in "Joseph in Ägypten“ eine
Schreibliste der Warenzusammenstellung an: "So eine Schreibliste ist wie der Ka oder geistige
Leib der Dinge, der neben dem Leibe ist." Und Joseph sagt von sich: "Ich kann
Menschenschrift schreiben und Gottesschrift"22
"Damit das, was zur Sprache kommt, eine umgestaltende Wirkung entfalten kann, muß es
Schrift werden. (…) Tradition ist entweder mündlich oder schriftlich, und schriftliche
Tradition basiert entweder auf Kodifizierung oder Kanonisierung. (…) So können wir in
Ägypten von Thematisierung, Textualisierung und Tradition sprechen, aber nicht von
von dem weitergehenden Schritt, der erst Sinn-Bindung über Jahrtausende ermöglicht:
Kanonisierung und Auslegung. Repräsentativität läßt sich am Text an drei Eigenschaften
festmachen: Ich nenne sie Explizität, Generalität und Zentralität. (…) Dies ist bei der
Ma`at-Literatur der Fall."23
Der Roman weist eine Fülle autobiographischer Bezüge und lässt die Lebensprobleme und
Wesenszüge seines Autors aufscheinen. So wird der erste Teil des Romanzyklus, "Die
Geschichten Jaakobs", bekanntlich im Jahr der Emigration Thomas Manns 1933 veröffentlicht.
Diese führte Mann zuerst nach Sanary–sur–Mer, dann nach Küsnacht bei Zürich, wo die
Familie Mann bis 1938 blieb. "Der junge Joseph" entstand bereits im Jahr der ersten Reise
Manns in die USA 1934, "Joseph und seine Brüder" und "Joseph in Ägypten" 1936, als Mann
die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde und er tschechischer Staatsbürger wurde.
1938 erfolgte schließlich die endgültige Übersiedlung der Manns in die USA. Thomas Mann
erhielt eine Gastprofessur an der Universität zu Princeton. Flucht, Emigration, Verfolgung sind
somit existentielle Themen Manns wie seiner Romanfigur.
21
Assmann, 52ff.; 100.
22
Assmann, 52ff.; 100.; s. Joseph in Ägypten, in: Joseph und seine Brüder 2, Frankfurt a.M. 1974, 686, 679.
23
Assmann, Ma`at, 43ff.
- 293 -
a) Der Zeitbegriff in den "Josephromanen"
Dem mythischen Lebensgefühl des ,Stirb und Werde' steht die methodische Lebensführung
nach dem Drehbuch des Gesetzes gegenüber. Diesen Bruch überbrückt Mann, indem er auch
den Monotheismus als Mythos auffasst.
Die monotheistische Mythologie von Gesetz und Geschichte bilde dabei den extremen
Gegensatz zur kosmotheistischen Mythologie der zyklischen Umläufe. Sein ,Joseph' lebe aber
in beiden Zeiten zugleich, der ,orphischen' Zeit des ,Stirb und Werde' und der ,mosaischen' Zeit
von Gesetz und Geschichte, und veranschauliche dadurch die Möglichkeit, diese polaren
mythischen Zeitgestalten zu vereinbaren. Die Gegenüberstellung von ,Strecke' und ,Sphäre' im
Roman stellt diese Unterscheidung von historischer und mythischer Zeit dar:
"Aber diese herrschende Erstmaligkeit ist zugleich Wiederholung, Spiegelung, Abbild;
das Erzeugnis der Sphärendrehung, die das Obere, Sternenhafte ins Untere bringt, das
Irdische wieder ins Göttliche trägt, sodaß Götter zu Menschen, Menschen auch wieder zu
Göttern werden, das Irdische sich im Sternenhaften vorgebildet findet und der
individuelle Charakter seine Würde darin sieht, daß er sich aus einem zeitlosen,
mythischen Schema ableitet, welches er gegenwärtig macht."24
,Joseph' ist somit mit dem ,doppelten Segen' gesegnet, ,von oben herab und von der Tiefe'.
,Denn wir wandeln in Spuren, und alles Leben ist Ausfüllung mythischer Formen mit
Gegenwart.' Für das mythische Lebensgefühl ,Josephs' können als Beispiel die sieben Gründe
angeführt werden, die ,Joseph' gegen die Verführung durch ,Potiphars' Weib geltend macht: In
Ägypten erwartet ,Joseph' die Versuchung in Gestalt der biblischen Geschichte von Potiphars
Weib.25 Er widersteht. In der jüdischen Rezeption gilt ,Joseph' somit als Inbegriff nicht der
Keuschheit, sondern der Gesetzestreue. Auch eine griechische und eine ägyptische Urform
dieses Themas liegt vor. Assmann weist darauf hin, dass das, was das Thema ,Joseph und Mutem-enet' für Thomas Mann so interessant mache, in Manns privaten Lebenskonstruktion
begründet liege. Denn Mann verstand sich als Künstler, der durch Anklammerung an eiserne
24
Joseph und seine Brüder (1942) GW XI, 654-669, 665.; Dies wurde im VIII. Kapitel bereits angedeutet. Vgl.
dazu auch das ,geflügelte Wort' ,Gott schreibt auf krummen Linien gerade' zum 2. Korintherbrief 3.
25
Besonders hilfreich ist hier die Tabelle mit Gegenüberstellungen von Genesistexten und Entsprechungen im
Josephroman, Assmann, Monotheismus, 123f.
- 294 -
Disziplin und Routine sich vor der Macht seiner erotischen und vor allem homoerotischen
Leidenschaften schützte, die er als zerstörerische Bedrohung empfand.26 So sei sein ,Joseph' ein
wahrer ,Anti-Ödipus', Gott ein Vatergott und die biblische Religion eine Vaterreligion im
Sinne Freuds (vgl. ,Totem und Tabu').
Nach Thomas Manns These kommt die Sünde und Scham erst mit dem Monotheismus, also
mit dem von Abraham vorgedachten Gott in die Welt, genauer gesagt mit dem
Substitutionsopfer: "Was gefordert ist und doch verwehrt, geboten, aber verflucht."27
Die sieben Gründe ,Josephs' gegen die Verführung durch ,Mut' lauten: Seine väterliche
Seite, der Bund mit Scheol, das männische Wesen der Herrin, seine Gottverlobtheit, seine
Treue zu ,Pothipar', die Tatsache, daß es sich bei ,Mut' um ein ägyptisches Weib handelt, und
die Entblößung. ,Mut' steht für die "Greisheit des Landes, in das er verkauft wurde, die Dauer,
welche verheißungslos, in wüster Unwandelbarkeit, hinausstarrte in eine Zukunft, wild, tot und
bar der Gewärtigung".28 ,Olim' jedoch umfasst die Vergangenheit und die Erinnerung und die
Zukunft.
Die
mythische
Organisationsform
besteht
also
in
Wiederkehr,
Wiederholung,
Vergegenwärtigung. "Der Mythus ist die Legitimation des Lebens; erst durch ihn und in ihm
findet es sein Selbstbewußtsein, seine Rechtfertigung und Weihe."29
,Joseph' ist ein Hebräer, babylonisch-ägyptisch gebildet, der nach Ägypten kommt mit der
Lehre des neuen, von Abraham hervorgedachten Gottes, und seine eigentümlich
hochstaplerische Identifikation ist ein Effekt dieser Bildung. Triebverzicht, Sublimation,
innerer Vorbehalt und der sich daraus nährende Stolz der Auserwähltheit, all dies beschreibt
das Porträt, das Thomas Mann von seinem ,Joseph' zeichnet. So spricht er von seiner
,jungfräulichen Geburt durch Rahel, die Liebliche im Sternzeichen der Jungfrau'. Seine
Vorurteile gegenüber Ägypten sind vom Vater geprägt, dieser spricht vom ,äffischen
Ägypterland'. ,Joseph' selbst bezeichnet beispielsweise das ägyptische Bespringungsfest als
,überständig':
26
Assmann, 137. ,Joseph' wird demnach als ein ,Vatersöhnchen' dargestellt. Eventuell sind in dieser Darstellung
auch noch Spuren der lutherischen Auffassung des asketischen Protestantismus erkennbar.
27
Joseph in Ägypten, 920.
28
zitiert nach Assmann, 139.
29
Freud und die Zukunft (1936) GW IX, 478-501, 496ff.; zitiert nach Assmann, 67.
- 295 -
"Denn leicht gilt dem Menschen das Alte für ehrwürdig, eben weil's alt ist, und läßt eines
fürs andere gelten. Ist aber doch manches Mal ein Fallstrick mit des Alten Ehrwürdigkeit,
wenn' s nämlich einfach bloß überständig ist und in der Zeit und verrottet – dann tut' s
nur ehrwürdig, ist aber in Wahrheit ein Greuel vor Gott und ein Unflat."30
Seine Teilnahme an fremden Festen ist somit von Vorbehalt geprägt: "(…) und er hielt bei
dem unnatürlichen Neujahrstag nur mit, wie er mithielt bei allem Leben und Treiben derer hier
unten: vorbehaltvoll und eben mit der Nachsicht, deren er sich von oben her für sein weltliches
Mittun versichert hielt."31
Gott ist nach Thomas Mann jedoch die Zukunft. Hier wird die Hermeneutik in ,Josephs'
Baumgleichnis zu untersuchen sein, in dem es heißt:
"Weiß wohl auch der heitere Wipfel viel von der kotigen Wurzel? Nein, sondern ist mit
dem Herrn hinausgekommen über sie, wiegt sich und denkt nicht ihrer. Also ist' s, meines
Bedünkens, mit Brauch und Unflat, und daß die fromme Sitte uns schmecke, bleibe das
Unterste nur hübsch zuunterst."32
So schildert Mann im Fall des Paares ,Huij' und ,Tuij' die Genese des religiösen Abscheus
(,Abjekts') besonders drastisch: Die Eltern hatten nämlich die Mannheit des Sohnes dem neuen
Sonnenglauben zum Opfer gebracht, in vorauseilendem und irregeleitetem Gehorsam
gegenüber den Geboten der neuen Ordnung. ,Joseph' reagiert darauf mit Abscheu: "Dem Vater
müßte ich erzählen von der Heiden Gottesdummheit."; "Da hatte es einfach an jeder
Aufgewecktheit gefehlt für das Problem, wie weit etwa schon der Brauch zum Greuel
geworden."33
Ägypten begegnet ,Joseph' in verschiedenen Initiationen mit Urteilen und Vorurteilen: Zu
Beginn steht ,Jaakobs' Vorurteil und ,Josephs' Vorbehalt, in der zweiten Initiation begegnet er
dem midianthischen Kaufmann, es folgt die Reise nach Theben. ,Josephs' ganze ägyptische
Karriere gestaltet sich als Gratwanderung zwischen den Vorurteilen, die er gegen Ägypten von
30
Joseph in Ägypten, Frankfurt a.M. 1974, 694f., Auch bei Max Weber findet sich der Begriff ,Greuel' in
Zusammenhang mit Ägypten: s. Kap. X, Anm. 80.
31
Joseph und seine Brüder 2, Joseph in Ägypten, Frankfurt a.M. 1974, 1238.
32
Der junge Joseph, Das bunte Kleid, 352.
33
Assmann, 199; Joseph in Ägypten, 879 u. 880.; auch bei Max Weber ist von ,Abscheu' in Bezug auf den
Calvinismus die Rede, s. S. 140, Anm. 38.
- 296 -
seiner väterlichen Erziehung mitbringt, und den Vorurteilen, die ihm als ,Asiaten' von
konservativen Ägyptern entgegengebracht werden.34 (Asiaten gelten am Hof ,Pothipars' als
,schick'.) Ägypten ist für ,Joseph' das Land der toten Götter, Thomas Manns Ägypten ist ein
Ägypten ohne Geheimnis, ,bar der Gewärtigung'. Es ist nur alt, es hat weder Teil an der
mythisch-festlichen Wiederkehr des Zeitlosen noch an der Gottessorge um das Zukünftige, es
ist im ,Überständigen' erstarrt.35 Hier treffen wir wieder auf das Bild des Baumgleichnisses.
Thomas Mann gelingt es, durch das ,Überständige' diesen Gegensatz von altem und neuem
Mythos oder Mythos und Monotheismus nicht als ein Entweder–Oder, sondern als ein SowohlAls auch, als zwei sich ergänzende Seiten eines vollkommenen Menschentums darzustellen.
Die zyklische und die lineare Zeit, das ,In den Spuren gehen' und das ,Voranschreiten in der
Geistigkeit' gehören danach zusammen wie der Doppelsegen von unten und von oben, die
Kreuzmetapher wird somit hinfällig.
Das sechste Kapitel widmet Assmann in seiner Studie der Untersuchung des Monotheismus
bei Echnaton und bei Abraham.36 Nach Thomas Mann stellt dabei Echnatons religiöser
Umsturz ganz gewiss den wichtigsten Beitrag Ägyptens zur allgemeinen Religionsgeschichte
dar. Hatte dieser nach Max Weber in Wirklichkeit aufgrund der Übermacht der Priesterschaft
zu seinen Lebzeiten noch keinen sichtbaren Erfolg, so ist er dank der Hilfe ,Josephs' schließlich
doch von Erfolg gekrönt. Dieser Umsturz manifestiert sich auf drei Gebieten, dem der
Religion, der Politik und Ökonomie und dem der Kunst. Der letzte Punkt findet sich bei Max
Weber wie bei Thomas Mann im Kapitel "Die Kretische Laube" wieder. Thomas Mann
entwickelt hier eine Theorie vom inneren Zusammenhang dieser Gebiete, die Max Webers
Ausdifferenzierungstheorie umkehrt.37
Echnaton sagt über sich im Roman: "Pharao ist ein Fremdling in der Welt, denn er ist
daheim in der Urzeit, da die Könige ihre Arme zu Rê, ihrem Vater erhoben, der Zeit Hor–em–
34
Assmann, 101.
35
ebd., 114, 195, s. dagegen den Hymnus auf Amun aus der Zeit nach Amarna, in dem Theben, Heliopolis und
Memphis als Sitz der Götter Amun, Re und Ptah gepriesen werden; ders., Ma`at, 106; vgl. auch den Begriff der
,Trägheit' als Sünde gegen die Ma`at in dem Zusammenhang.
36
s. auch Assmanns Beitrag "Von Echnaton bis Mose – wie der Monotheismus entstand" und das Interview über
die Sprache der Gewalt in der Bibel, in: "Der Spiegel" vom 22.12.06, 112ff.
37
Assmann, Monotheismus, 156. Dies soll im X. Kapitel eingehender anhand der Infrastruktur Ägyptens
untersucht werden.
- 297 -
achets, des Sphinxen. Und daheim ist er in der Zeit, die kommen soll und die er verkündigt, da
alle Menschen zur Sonne aufblicken werden, dem alleinigen Gott (…)".38
Von Abrahams Gott heißt es im Roman: "Denn Gott ist eine Anstrengung, aber die Götter
sind ein Vergnügen."39 Denn von Abrahams Gott gibt es nichts zu erzählen, er ist unbeweibt,
eltern- und kinderlos.40 Nach Max Weber trug dieser Umstand "sehr wesentlich dazu bei, ihn
von Anfang an als etwas, anderen Göttergestalten gegenüber, Besondersartiges, Weltfernes
erscheinen zu lassen; vor allem hemmte er echte Mythenbildung, die immer Theogonie ist."
Thomas Mann hat diese Stelle in seinen Josephroman eingebaut.41 Die kategorische
Außerweltlichkeit Gottes macht Mann nach Jan Assmann an der Erzählung von Abrahams
Gottsuche deutlich. Monotheismus ist danach emphatischer Individualismus, die Religion des
sich seiner Würde innegewordenen Individuums. Denn erst dem aus dem mythischen Kollektiv
emanzipierten Subjekt gelinge die Entdeckung Gottes. Die Welt, die durch den neuen Gott
geschaffen werde, sei die moralische Welt.
Zusammenfassend hält Assmann fest: Der Mythos ist zeitlos. Mythos ist bei Thomas Mann
das Übergreifende. Monotheismus gilt ihm nicht als das andere des Mythos, sondern als eine
neue Mythologie, die ein neues Zeitbewusstsein heraufführt, indem sie das vergangenheitsbezogene ,Einst' um das zukunftsbezogene ,Einst' ergänzt. ,In illo tempore', der Formel, mit der
Mircea Eliade das mythische Zeitbewusstsein charakterisiert, bezieht sich in Zeiten des neuen
Gottes nicht mehr nur auf die Urzeit, sondern auch auf die Endzeit. Der werdende Gott steht
quer zur mythischen Zeit der ewigen Wiederkehr und der kreisenden Gleichzeitigkeit.42 Mit
Gott kommt damit Richtung und Zukunft in die Zeit des Menschen. Die Richtung dieser
Zukunftszeit lässt sich nach Assmann nicht besser kennzeichnen als mit Sigmund Freuds
Formel vom Fortschritt in der Geistigkeit oder auch mit Max Webers Begriff der Rationalität
38
Joseph in Ägypten, 1442.
39
ebd., Verkündigung, 1698ff.
40
Ganz im Gegensatz zu den ägyptischen Gottheiten ;vgl. Paulus. "Wir wandeln im Glauben ( pistis), nicht in der
Schau (opsis)." (2 Kor 5.7), s. Assmann, Ma`at, 22.
41
Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie III, Das antike Judentum, Tübingen 1923², Max
Weber, Gesamtausgabe I/21, Das antike Judentum, hrsg. v. Eckhart Otto, Tübingen 2005, 148.; Lehnert, Herbert,
Thomas Manns Josephstudien, 512f.; vgl. Joseph, der Ernährer, Joseph und seine Brüder, Bd. 2, Frankfurt a.M.
1974, 1465ff: "nichts von Gott zu erzählen". Auf die Verbindungslinie zu Weber verweist auch Fischer, 396.
42
Assmann, 197f.
- 298 -
und Weltentzauberung. Auch Webers Charismatheorie spielt hier natürlich eine Rolle. Denn
Manns ,Joseph' besitzt zweifelsohne Charisma.43 Die Religion des neuen werdenden Gottes
bringe eine neue Zeitachse, in der das Alte und das Neue auseinander treten. So gebe es für
Thomas Mann noch ein Drittes neben Sublimation und Abjektion, wie sie oben an Beispielen
dargestellt wurden, nämlich die Verschonung, die Josephs Lebensprinzip darstellt: "Um
Schonung hatte der
Sohn
ihn
bitten
müssen
fürs
Fest
der
Verschonung,
den
schattenspendenden Wipfelbaum, der mit dem Herrn hinausgekommen war über die kotige
Wurzel, aber dorren mußte, wenn man sie ausrodete. Joseph war für die Verschonung, (…)
Gescheitheit und Verschonung, (…)"44
"Joseph war für die Verschonung, er war nicht fürs Ausroden. Er sah in Gott, der
schließlich auch nicht immer gewesen, der er war, einen Gott des Verschonens und des
Vorübergehens, der nicht einmal im Falle der Flut bis zum Letzten und an die Wurzel der
Menschheit gegangen war, sondern in einem Gescheiten den Gedanken des
Rettungskastens erweckt hatte. Gescheitheit und Verschonung, das schienen dem Joseph
geschwisterliche Gedanken, die ihr Kleid trugen im Austausch und wohl gar einen
gemeinsamen Namen trugen: den Namen der Güte."45
So verschont er in "Joseph, der Ernährer" nach einiger List (Bezahlung, silberner Becher)
auch seine Brüder, die ihn um Getreide bitten in den sieben mageren Jahren. Hier lässt sich
eine Parallelstelle über Goethe aus "Adel des Geistes" anführen:
"Goethe hat gewußt, wie wenig Geist und Kunst ohne Liebe sind, daß sie nichts sind
ohne sie und daß der Geist nicht mit der Welt leben kann und sie nicht mit ihm, wenn er
die Liebe nicht hat. Sie äußert sich als Rücksicht, als Zartheit, als Güte, äußert sich in
einer echt Goetheschen Schonungsbereitschaft (...)"46
2. Der pervertierte Tausch in den Josephromanen als Ausdruck einer gestörten ökonomischen
Beziehung: Vergleich der biblischen Geschichte mit dem Begriff des Tausches bei Max
Webers
43
Dies soll im IX. Kapitel thematisiert werden.
44
Joseph in Ägypten, Frankfurt a.M. 1974, 880ff.
45
ebd., 880ff.
46
Thomas Mann, Goethes Laufbahn als Schriftsteller, in: Adel des Geistes, Stockholm 1959, 127-156, hier: 133.
- 299 -
Aus den bisherigen Ausführungen über Max Weber lässt sich folgende These formulieren:
Die Arbeit als solche war zunächst nicht würdevoll. Sie musste einfach getan werden. Auch
im Urchristentum, z.B. bei Paulus, findet sich die Auffassung der Arbeit als mühevolle Last.
Sie ist anethisch und auch noch nicht den Prozessen der Ökonomie unterworfen. Erst mit dem
Aufkommen der Klöster und des Mönchtums erhält die Arbeit ihren ethisch-moralischen
Stellenwert. Das Bürgertum verwendet fortan den innerweltlichen Askesebegriff, der auf dem
domestizierten Arbeitsbegriff der Klöster basiert, um seine Arbeitsthik zu rechtfertigen (siehe
Unterschiede diesbezüglich im Calvinismus, Pietismus, Luthertum).
Dadurch wird der ursprünglich anethische Kapitalismus für das Bürgertum nutzbar gemacht.
Der Ethikbegriff bei Max Weber erhält Konstruktcharakter. Fortan dient die Arbeit als
Grundlage der Ökonomie, wird also zum ökonomischen Begriff.
Wir haben es also beim Stellenwert des Arbeitsbegriffes nicht mit einer logischen
Entwicklung zu tun. Daher sieht Max Weber die einzig wahre wirtschaftliche Beziehung
zwischen Menschen im Tausch begründet:
"Soziologisch betrachtet, stellt der Markt ein Mit- und Nacheinander rationaler
Vergesellschaftungen dar, deren jede insofern spezifisch ephemer ist, als sie mit der
Uebergabe der Tauschgüter erlischt, sofern nicht etwa bereits eine Ordnung oktroyiert ist,
welche den Tauschenden ihren Tauschgegnern gegenüber die Garantie des rechtmäßigen
Erwerbs des Tauschgutes (Eviktionsgarantie) auferlegt. (...) Jeder Tausch mit
Geldgebrauch (Kauf) ist überdies Gemeinschaftshandeln kraft der Verwendung des
Geldes, welches seine Funktion lediglich kraft der Bezogenheit auf das potentielle
Handeln anderer versieht."47
Im Tausch entsteht also eine horizontale Beziehung.
Schon im II. Kapitel wurde bei der Definition des ,patrizischen oikos' darauf hingewiesen,
dass bei der Naturalwirtschaft des Patriziers auch Tausch nach außen möglich war, wenn die
Vermögensnutzung, nicht die Kapitalverwertung, möglichst in Eigenwirtschaft im Vordergrund
steht. So definiert Weber auch die Hausgemeinschaft als Solidargemeinschaft nach außen mit
Hauskommunismus.48
"Schon deshalb ist der Trieb nach Geld als Typus rationalen Erwerbsstrebens religiös
bedenklich. Wenn möglich, hat daher die Priesterschaft (so anscheinend in Aegypten) die
47
Grundriß der Sozialökonomik, Kapitel V Markt (unvollendet), 1. Halbband, 1947, 364.
48
S. 102f., Anm. 67.
- 300 -
Erhaltung der Naturalwirtschaft begünstigt, wo nicht etwa die eigenen ökonomischen
Interessen der Tempel als sakral geschützter Depositen- und Darlehenskassen dem
allzusehr entgegenstanden. Vor allem aber ist es der unpersönliche, ökonomisch
rationale, eben deshalb aber ethisch irrationale, Charakter rein geschäftlicher
Beziehungen als solcher, der auf ein niemals ganz klar ausgesprochenes, aber um so
sicherer gefühltes Mißtrauen gerade bei ethischen Religionen stößt."49
Mit diesem Misstrauen hängt auch das Zinsverbot zusammen:
"Alle Kirchen haben dem Aufwachsen dieser ihnen im Innersten fremden unpersönlichen
Gewalt mit tiefem innerem Mißtrauen gegenübergestanden, und die meisten sind in
irgendeiner Form gegen sie auf den Plan getreten. Die Geschichte der beiden
charakteristischen Moralauffassungen: des Zinsverbots und des Gebots: den ,gerechten
Preis' (justum pretium) für Waren und Arbeit zu fordern und zu geben, kann hier im
einzelnen nicht verfolgt werden. Beide gehören zusammen und entstammen der
urwüchsigen Ethik des Nachbarschaftsverbandes, welche den Tausch nur als Ausgleich
von gelegentlichen Überschüssen oder Produkten eigener Arbeit, die Arbeit im Dienst
des andern nur als nachbarliches Aushelfen und das Darlehen nur als Nothilfe kennt.
,Unter Brüdern' feilscht man nicht um den Preis, sondern fordert für das, was man
überhaupt austauscht, nur die Selbstkosten (einschließlich des ,living wage'), die
gegenseitige Arbeitsaushilfe erfolgt entweder unentgeltlich oder gegen Ausrichtung eines
Mahles, und für das Darleihen entbehrlicher Güter erwartet man keinen Ertrag, sondern
gegebenenfalls Gegenseitigkeit. Zins fordert der Gewalthaber, Gewinn der
Stammfremde, nicht der Bruder. Der Schuldner ist (aktueller oder potentieller) Knecht
oder – in Ariosto – ,Lügner'. Die religiöse Brüderlichkeit fordert die Uebertragung dieser
primitiven Nachbarschaftsethik auf den Umkreis der ökonomischen Beziehungen
zwischen religiösen Glaubensgenossen (denn auf diese beschränkt sich das Gebot,
ursprünglich überall, so namentlich im Deuteronomium und auch noch im alten
Christentum). Wie der älteste Handel ausschließlich Güterverkehr zwischen
verschiedenen Stämmen, der Händler der Stammfremde ist, so bleibt er in der religiösen
Ethik mit dem Odium des wenn nicht Antiethischen, so doch Anethischen seines Berufs
belastet: Deo placere non potest. Man muß sich trotz dieser unverkennbaren
Anknüpfungen hüten, die Zinsverbote allzu ,materialistisch' als ,Spiegelungen' der
ökonomischen Situation: Herrschaft des Konsumtiv-Kredits, zu deduzieren. Zinsfreier
,Produktivkredit' ist dem orientalischen Recht schon in den frühesten erhaltenen
Kontrakten (als Darlehen von Getreide zu Saatzwecken gegen Anteil vom Ertrag)
bekannt. Das christliche absolute Zinsverbot beruht in der Fassung der Vulgata (,mutuum
date nihil inde sperantes') vielleicht auf der Uebersetzung einer falschen Lesart (...)"50
49
Grundriß der Sozialökonomik, Wirtschaft und Gesellschaft, Bd.1, 335.; Anzumerken ist beim Max Weberschen
Text ferner, dass der bäuerliche Ethikbegriff weitgehend antiökonomisch definiert bleibt, während das
Industrieproletariat aufgrund des Wegfalls des patrimonialen Verhältnisses zwischen Grundherrn und Leibeigenen
an einem Verlust an Ethik leidet.
50
ebd., 801f.
- 301 -
"Sodann schreibt die altägyptische Religiosität dem Fluch des Armen besondere Gewalt
bei den göttlichen Mächten zu, und diese Vorstellung ist auch in das Deuteronomium
übergegangen. Der dadurch konstituierte Unterschied zwischen Binnen- und Außenmoral
hat das Exil überdauert, und auch nachdem aus den Israeliten die Juden geworden waren,
blieb der Zins dem Volksgenossen gegenüber verboten, gegenüber den Fremden
(,,Gojim“) erlaubt, so daß Maimonides die Frage aufwerfen konnte, ob der Jude nicht v e
r p f l i c h t e t sei, von ihnen Zins zu nehmen. Ebenso ist das Zinsverbot gegenüber dem
Bruder dem frühen Islam geläufig und dem Bramahnentum. Überall ist der Zins
entstanden auf dem Gebiete der F r e m d e nleihe gegenüber Stammesfremden oder dem
der
S t a n d e sleihe. Dabei ist der Gegensatz zwischen Gläubiger und Schuldner
ursprünglich stets ein solcher zwischen s t a d t s ä s s i g e m P a t r i z i a t u n d l a n d
s ä s s i g e n B a u e r n, so in China, Indien, Rom, und die gleiche Auffassung
beherrscht auch das Alte Testament."51
Das Zinsverbot ändert sich schlagartig mit dem Aufkommen des Calvinismus und in der
Umbruchsituation im ,patrizischen oikos':
"Der Zins wurde jetzt gerade da, wo ihn die Kirche selbst in den Montes pietatis faktisch
geduldet hatte: bei Kredit an die Armen, als liebloser Wucher perhorresziert, - die Juden
sowohl wie die christliche Geschäftswelt empfanden seit langem deren Konkurrenz als
lästig, - dagegen wurde er als eine Form der Teilnahme des Kapitalgebers an dem mit
geliehenem Gelde gemachten Geschäftsprofit und überhaupt für den Kredit an die
Mächtigen und Reichen (politischer Kredit an Fürsten) legitimiert. Theoretisch ist dies
die Leistung des Salmasius. Vor allem vernichtete aber ganz allgemein der Calvinismus
die überkommenen Formen der Karitas. Das planlose Almosen war das erste, was er
beseitigte. (...) Der Calvinismus machte dem allen ein Ende. Vor allem der freundlichen
Beurteilung der Bettler. Für ihn hat der unerforschliche Gott seine guten Gründe, wenn er
die Glücksgüter ungleich verteilt und bewährt sich der Mensch ausschließlich in der
Berufsarbeit. (...) So die konsequente asketisch– rationale Religiosität."52
"Ursprünglich stehen zwei verschiedene Einstellungen zum Erwerb unvermittelt
nebeneinander: nach innen Gebundenheit an die Tradition, an ein Pietätsverhältnis zu den
Stammes-, Sippen- und Hausgenossen unter Ausschluß hemmungslosen Erwerbs
innerhalb des Kreises der durch die Pietätsbande miteinander Verbundenen: B i n n e n m
o r a l – und absolute Hemmungslosigkeit des Erwerbstriebes im Verkehr nach außen, wo
jeder Fremde ursprünglich Feind ist, dem gegenüber es keine ethische Schranke gibt: A u
ß e n m or a l. Die Entwicklung geht nun davon aus, daß auf der einen Seite die
Rechenhaftigkeit in das Innere der traditionalen Verbände eindringt und dort die alten
Pietätsverhältnisse zersetzt."53
51
Wirtschaftsgeschichte, 234f.
52
Grundriß der Sozialökonomik, 337.
53
Wirtschaftsgeschichte, Viertes Kapitel: Die Entstehung des modernen Kapitalismus, 303f.
- 302 -
Eine Wendung von Binnen- zu Außenmoral findet auch in den "Buddenbrooks" zwischen
Grünlich und seinem Bankier Kesselmeyer statt. Diese geht mit einem Vertrauensbruch einher:
",,Mäßigen Sie doch Ihre Stimme, Kesselmeyer! Lachen Sie doch nicht fortwährend so
gottverflucht! Meine Lage ist so ernst … ja, ich gestehe, sie ist ernst; aber ich habe
soundso viele Geschäfte in der Schwebe … Alles kann sich zum Guten wenden. Hören
Sie, passen Sie auf: Prolongieren Sie, und ich unterschreibe Ihnen zwanzig Prozent …“
„Nichts da, nichts da … höchst lächerlich mein Lieber! Nahein, ich bin ein Freund des
Verkaufs zur rechten Zeit! Sie haben mir acht Prozent geboten, und ich habe prolongiert.
Sie haben mir zwölf und sechzehn Prozent geboten, und ich habe jedesmal prolongiert.
Jetzt können Sie mir vierzig bieten, und ich würde nicht denken an Prolongation, nicht
einmal daran denken, mein Lieber … Seit >Gebrüder Westfahl< in Bremen auf die Nase
fielen, sucht für den Augenblick jeder seine Interessen von der bewußten Firma
abzuwickeln und sich sicherzustellen … Wie gesagt, ich bin für rechtzeitigen Verkauf.
Ich habe Ihre Unterschriften behalten, solange >Johann Buddenbrook< zweifellos gut
war … mittlerweile konnte ich ja die rückständigen Zinsen zum Kapitale schlagen und
Ihnen die Prozente steigern! Aber man behält eine Sache doch nur so lange, als sie steigt
oder wenigstens solide feststeht … wenn sie anfängt zu fallen, so verkauft man … will
sagen, ich verlange mein Kapital.“
„Kesselmeyer, Sie sind schamlos!“
„A-ahah, >schamlos< finde ich höchst spaßhaft! ... Was wollen Sie überhaupt? Sie
müssen sich ja sowieso an Ihren Schwiegervater wenden! Die Kreditbank tobt, und im
übrigen sind Sie doch auch nicht grade fleckenlos …“"54
Auch in den Josephromanen spielt die Zinsfrage eine Rolle: Als die Brüder in den sieben
mageren Jahren zum zweiten Mal zu ,Joseph' kommen, bringen sie auf Anraten ,Jaakobs' ,Zins',
in dem Fall das doppelte Geld, mit, um den ägyptischen Herrn gnädig zu stimmen, doch
,Joseph' lehnt dieses ab.
Die ursprüngliche Tauschbeziehung ist also nach Max Weber eine ungespaltene
ökonomische Beziehung durch Naturalwirtschaft. Nur innerhalb der Sippe oder Familie wird
diese innere Ethik verwendet (,unter Brüdern'). Diese beinhaltet auch das Zinsverbot. Nach
außen herrscht ein anderer Ethikbegriff.
So fordert auch ,Joseph' von seinen Brüdern kein Geld für das Getreide, beim zweiten Mal
stellt er eine ,Speisegemeinschaft' mit ihnen her. Doch zu Beginn beschimpft er sie als ,Spione',
,Lügner' im weitesten Sinne. Die Verbrüderung vollzieht sich also in mehreren Etappen, bis
eine symmetrische Beziehung entsteht. Darauf soll in diesem und im nächsten Kapitel genauer
54
Die Buddenbrooks, 174f.
- 303 -
eingegangen werden. In diesem Kapitel geht es vor allem um die dialektische Bezogenheit des
Verhaltens der Brüder und ,Josephs' aufeinander.
Im Land Kanaan herrscht Hungersnot, wie es der Ährentraum ,Echnatons' und der Traum
von den sieben mageren und den sieben fetten Kühen vorausgesagt haben. Im erstgenannten
Traum wiederholt sich übrigens ,Josephs' Ährentraum aus Kindertagen:
"Im Traume stand er (sc. Pharao) am Ufer Hapi's, des Ernährers, an einsamer Stelle, da
war Sumpf und Reute. Er trug die rote Kronmütze von Unter-Ägypten und hatte den Bart
umgebunden, und am Oberschurz hing ihm der Tierschwanz. Ganz allein stand er an der
Stelle, mit schwerem Herzen und hielt den Krummstab im Arm. Da rauschte es auf nicht
weit vom Ufer und tauchte aus der Flut hervor siebenfältig: Sieben Kühe stiegen ans
Land, die wohl im Wasser gelegen hatten nach Art von Büffelkühen, und ging immer
eine hinter der anderen her in einer Zeile, zu siebenen ohne den Stier, es war kein Stier
da, nur eben die sieben Kühe. Prachtvolle Kühe, weiß, schwarz, mit hellerem Rücken,
auch grau mit hellerem Bauch, auch zwei gescheckte, mit Zeichen gefleckte, - so schöne,
glatte und fette Kühe, mit strotzenden Eutern und bewimperten Hathor-Augen und
hochgeschwungenem Leier-Gehörn, und fingen an, gemächlich im Ried zu weiden (...)
Noch mehr der Kühe kamen aus dem Wasser hervor, und gab keine Unterbrechung
zwischen diesen und jenen: sieben andere Kühe stiegen ans Land, auch ohne Stier, aber
welcher Stier hätte die auch gemocht? Dem Pharao schaudert's vor dem Vieh, es waren
die häßlichsten, magersten, verhungertsten Kühe, die er zeit seines Lebens erblickt - die
Knochen standen ihnen aus der faltigen Haut, ihre Euter waren wie leere Säcke mit
fadenförmigen Zitzen; abschreckend und überaus niederschlagend war ihr Anblick, kaum
schienen die Elenden sich auf den Beinen halten zu können und ließen dann doch ein
schamlos freches, zudringlich mörderisches Gebaren sehen, das man ihrer Hinfälligkeit
nicht zugetraut hätte, und das doch wieder auch nur zu gut zu ihr paßte, denn es war des
Hungers wüstes Gebaren. Pharao sieht: die Jammer-Herde macht sich an die blanke
heran, die scheußlichen Kühe bespringen die wundervollen, wie Kühe es wohl machen,
wenn sie den Bullen spielen, und dabei frißt und schlingt das Elendsvieh das Prachtvieh
in sich hinein und vertilgt's reinweg von der Weide, - steht aber danach auf dem Fleck so
ausgemergelt wie je zuvor und ist ihm von Füllung nichts anzumerken."55
Der zweite Traum Pharaos lautet folgendermaßen:
"Kaum war er aber entschlafen, so träumte er wieder, - es half nichts, abermals oder
immer noch stand er einsam am Ufer mit Krone und Schweif, und ist da ein geackerter
Feldfleck von schwarzer Erde. Und er sieht: die Fruchterde kräuselt sich und wirft sich
ein wenig auf, und ein Halm wächst hervor, an dem sprießen sieben Ähren, eine nach der
55
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder IV, Joseph, der Ernährer, Gesammelte Werke in Einzelbänden, hrsg. v.
Peter de Mendelssohn, Frankfurt a.M. 1984, 118.
- 304 -
anderen, alle an einem Halm, fette und pralle Ähren, strotzend von Frucht und nicken
gülden in Trächtigkeit. Da will sich das Herz erheitern, kann's aber nicht, denn an dem
Halm sprießt es nach hinterdrein: noch einmal sieben Ähren kommen hervor, trostlose
Ähren, taub, tot und dürr, versengt vom Ostwind, geschwärzt von Kornbrand und Rost,
und wie sie lumpig hervorgehen unter den fetten, so schwinden diese dahin, als
schwänden sie in jene hinein, und ist nicht anders, als ob die Kummer-Ähren die fetten
verschlängen, gleichwie vorhin die Elendskühe die blanken verschlangen, und werden
auch nicht fetter und voller davon."56
Im Vergleich dazu stehen ,Josephs' Träume aus seiner Jugend: Der ,Himmelstraum' wird
von ,Joseph' selbst gegenüber ,Benjamin' folgendermaßen kommentiert: ",,Du kannst dir
denken bei aller Einfalt“, erwiderte Joseph, „daß ich ein wenig verwirrt war ob all der Willkür
und Gnadenwahl und nicht viel Zeit hatte für Rückgedanken.“"57
Man beachte hier die gleiche Wortwahl (,Gnadenwahl') wie beim Calvinismus Max Webers.
,Josephs' Ährentraum, der ihn schließlich in die Grube befördert, lautet folgendermaßen:
"„Bei der Arbeit waren wir“, griff Joseph seine Worte auf, „denn auf dem Acker sah ich
uns alle miteinander, uns Söhne Jaakobs, und wir ernteten den Weizen.“ (...) ,,Da wir
unsere Garben gebunden hatten, ein jeder die seine, ließen wir sie und gingen von ihnen
hinweg, als hätten wir da nichts weiter zu tun, und sprachen nichts. Wir waren aber
zwanzig Schritt miteinander gegangen, oder vierzig, siehe, da blickte Ruben sich um und
wies schweigend zurück mit der Hand auf die Stätte, da wir gebunden. Ruben, du warst
es. Alle standen wir und schauten, die Hände über den Augen. Und sehen: Meine Garbe
inmitten steht da, ganz aufrecht, und eure aber, die sie umringen, neigen sich vor ihr im
Kreise, neigen sich, neigen sich, und meine steht.“"58
Alle Brüder außer ,Benjamin' reisen in den ,sieben mageren Jahren' zu ihrem Bruder
,Joseph', der mittlerweile zur Rechten Hand des Pharao (sc. Wesir) aufgestiegen ist, nach
Ägypten, um um Getreide zu bitten. ,Benjamin' wird vom Vater zurückgehalten, da dieser
Angst hat ihm könne auf der Reise etwas zustoßen und er neben ,Joseph' nicht noch einen Sohn
verlieren will. Die Brüder erkennen ,Joseph' bei ihrem Eintreffen in Ägypten jedoch nicht: "Sie
aber, die ihn ansahen ebenfalls, dachten nicht daran, ihn zu erkennen, und ihre sehenden Augen
waren mit Blindheit bedeckt für die Möglichkeit, daß er es sein könnte."59
56
ebd., 119f.
57
Der junge Joseph, 459ff.
58
ebd., 123f.; Joseph und seine Brüder, Bd. 1, Der junge Joseph, Frankfurt a.M. 1974, 507.
59
Joseph, der Ernährer, Frankfurt a.M. 1984, 330.
- 305 -
,Joseph' hingegen erkennt sie sofort. Er beschimpft sie als Spione: "„Was sagst du da, Herr!
Du bist wie ein Pharao. Welcher Verdacht?“ „Daß ihr Kundschafter seid!“ rief Joseph, schlug
mit der Hand auf die Lehne und stand auf vom Löwenstuhl. Er sagte >daialu<, Spione, ein
akkadisches Wort, schwer anrüchig, und wies ihnen dabei mit dem Fliegenwedel in die
Gesichter."60
"Das sind keine Gründe für einen Mann wie mich, nicht hart die Geschäftslage auszunutzen,
besonders, wenn er's wahrscheinlich mit Spitzeln zu tun hat."61
Hier hat man es wieder mit dem Aspekt Taubheit und Freundschaft der Ma`at als
kommunikative Solidarität bzw. Reziprozität zu tun: "Wer für die Ma`at taub ist, hat keinen
Freund." Die Taubheit entspricht dem Hören, der Sprache, dem Verstehen. Es geht dabei um
kommunikatives Handeln. Der Taube isoliert sich in der Sozialdimension.62
So beschimpft ,Joseph' die Brüder in fremder Sprache als Spione: Sie sprechen nicht
,dieselbe Sprache'. Er will sie absichtlich nicht verstehen und auch nicht verstanden werden,
denn er will sie dadurch einer Prüfung unterziehen. Jedoch gibt er durch einen Versprecher
Hinweise auf seine Identität. Er geht damit unbewusst den ersten Schritt auf sie zu.
Die Beschimpfung ,Josephs' erfolgt in einer Metapher, die an den Ährentraum erinnert: "„Ja,
eine Garbe tauber Ähren seid ihr“, sagte er, ,,und wollt mich bestechen mit eurem Beugen und
Neigen. Dolmetsch, wiederhole ihnen das, was ich gesagt habe, was sie seien, - von hohlen
Ähren ein Greifbund!“"63
,Joseph' fordert, dass ,Benjamin' nachkomme, einer der Brüder soll ihn holen, die anderen
sollen als Bürge bei ihm bleiben, ,Schimeon' stellt sich dafür zur Verfügung. ,Joseph'
entgegnet: "Und was meine Worte betrifft, so bleibt's bei ihnen. Stellt euren jüngsten Bruder
vor mich, hart bind' ich's euch ein. Denn bei Pharao's Leben, vermögt ihr's nicht, so seid ihr der
Kundschafterei überführt!"64
60
ebd., 335.; Joseph, der Ernährer, Joseph und seine Brüder, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1974, 1602.
61
ebd., 353.
62
s. Assmann, 69ff.
63
Joseph, der Ernährer, 352.
64
ebd., 344. Auch in der theologischen Forschung wird von ,Benjamin' als ,besonderem Pfand' in der
- 306 -
"Einer bleibt hier als Bürge gefangen, einer, an dem dem Vater weniger liegt, sagen wir von
den Zwillingen einer (...)"65 Das Zurückbleiben ,Schimeons' steht für die hinter der Ökonomie
stehende Ebene, die ,Joseph' fordert. Doch die Brüder erkennen dies nicht, da sie nicht um die
familiären Bande zwischen sich und dem Verwalter des Pharao wissen und nichts ahnen. Sie
sind blind für die hinter der Ökonomie stehende Ebene.
Die Brüder befürchten zu diesem Zeitpunkt schon, dass dies die Strafe für ihr damaliges
Verhalten ,Joseph' gegenüber ist, behalten den Verdacht aber für sich.66 Der Verkauf ,Josephs'
kommt ihnen jedoch kurz in Erinnerung:
"Aber was half die Bemerkung und was half's, zu beklagen, daß der anziehende Mann so
böse mit ihnen war? Es besserte nichts an der Patsche, in der sie saßen, einer Zwicklage,
von der sie einander gestanden, daß sie bedrohlicher sei, als ihnen je eine zugestoßen.
Und der Augenblick kam, wo sie dem unvernünftigen Verdacht, unter dem sie standen,
mit einem sehr vernünftigen eigenen begegneten: dem nämlich, daß jener zu tun haben
möchte mit dem Verdacht, unter welchem zu leben sie häuslich gewohnt waren, kurzum, daß diese Heimsuchung Vergeltung bedeute für alte Schuld. Es wäre nämlich
ein Irrtum, zu glauben und aus den Texten zu schließen, sie hätten erst vor Josephs
Ohren, beim zweiten Gespräch mit ihm, diese Vermutung ausgetauscht. Nein, schon hier,
in der Klausur, drängte sie sich ihnen auf die Lippen, und sie sprachen von Joseph."67
Den Brüdern kommt also ein Verdacht und auch ,Joseph' sind sie im Sinne eines Verdachts
verdächtig, wie es tautologisch heißt:68
"Der ägyptische Begriff des ,Füreinander-Handelns' bezieht sich auf das Prinzip der
Reziprozität, deren Charakter einer soziogenen Energie par excellence wohl als erster M.
Mauss in seiner berühmten Schrift Die Gabe hervorgehoben hat. (…) Die Gabe hat in
primitiven Gesellschaften die Funktion der Friedensstiftung, die in der bürgerlichen
Gesellschaft vom Staat wahrgenommen wird. Ma`at erweist sich als die Abstraktion
dieses Prinzips. Nicht mehr Waren werden getauscht, sondern Handlungen."69
Josephsgeschichte gesprochen: s. dazu Konrad Schmid, die Josephsgeschichte im Pentateuch, in: J. Gertz,
K. Schmid, M. Witte (Hrsg.), Abschied vom Jahwisten. Die Komposition des Hexateuch in der jüngsten
Diskussion, BZAW 315, Berlin - New York 2002, 83-118, 91.
65
ebd., 351.
66
ebd., 346.
67
Joseph, der Ernährer, Gesammelte Werke, 346.
68
ebd., 345. Hierin zeigt sich auch die doppelte Ebene des Geschehens.
69
Assmann, 68f.
- 307 -
Der ,Ist'-Zustand in der Romanhandlung sieht folgendermaßen aus: Die Reziprozität ist
gestört: Die Brüder handeln aus der Sicht ,Josephs' egoistisch bzw. ökonomisch, denn Geld und
Ware in Form von Getreide besitzt er selbst zur Genüge. ,Joseph' möchte von den Brüdern
etwas anderes als die rein ökonomische Beziehung.
Der ,Soll'-Zustand stellt hierbei die oben beschriebene Max-Webersche Tauschbeziehung
dar, wobei als Gabe die ,Hingabe' ,Josephs' als auch der Brüder aneinander verlangt wird.
,Joseph' möchte damit die fruchtbare Erneuerung ihrer Bruderschaft damit erreichen.70
70
Erwähnenswert ist der Bezug sowohl des biblischen, als auch des Thomas Mannschen Textes diesbezüglich zu
den "Buddenbrooks". Grundlage ist, wie schon öfter erwähnt, die eigene Familiengeschichte Thomas Manns. Max
Weber geht an mehreren Stellen auf den Getreidehandel in Ägypten und auf die Bedeutung der
Nilüberschwemmung ein. Dies wird im X. Kapitel genauer zu untersuchen sein. Der Aspekt der Fruchtbarkeit
verbindet wie gesagt das "buddenbrooksche" Lübeck mit den Städten in den Josephromanen: So ist Amuns
Kornspeicher über die Grenzen Ägyptens hinaus berühmt. ,Josephs' erster Gedanke im Land Gosem in der Stadt
Per-Sopd ist demnach auch nach diesem Speicher Ausschau zu halten: "Schlichtes Erdenland war es, was Joseph
sah, ohne verwirrende Eigenschaften, und nicht einmal die ,Kornkammer' schon, als die man Keme wohl dachte;"
(Joseph in Ägypten, 63). ,Joseph' zieht durch Wêse: Joseph sieht Paläste wie den der Verwaltung der Schatzhäuser
und Kornspeicher und den Palast der ausländischen Prinzen.(Joseph in Ägypten, 119).
In Ägypten wird die Erntezeit zudem durch einen rituellen Getreideschnitt des Pharao eingeleitet:
"wenn Pharao zur Eröffnung der Ernte einen Schnitt in die Ähren tat". (Joseph in Ägypten, 183).
Die Ähre als Fruchtbarkeitssymbol spielt schon bei den "Buddenbrooks" eine Rolle. Doch die "stilisierte
goldene Kornähre", die sich auf einer Ahnentafel zwischen den Bildern hinzieht, wirkt unlebendig, wie es im
Roman auf Seite 410 heißt, und unterstreicht in ihrer Überlebtheit die Dekadenz. ,Thomas' bekommt diese
Ahnentafel von ,Tony' und ,Hanno' zum Geburtstag geschenkt, Buddenbrooks, 409f.; vgl. hierzu auch die
Hagelernte, S. 164, Anm. 153. Erst in den Josephromanen erfolgt die Verlebendigung der Ähre, sie vollzieht sich
hier in Stufen: Von ,Josephs' Kindheitstraum der Garben und seinen Fähigkeiten im Backen über die Deutung des
Traumes des Bäckers im Gefängnis und den Ährentraum des Echnaton bis hin zur Verbrüderungsszene. Der
Warenwert des Produktes Getreide wird in ihr verwandelt. Die Ähre wird damit zum Fruchtbarkeitssymbol der
Verbrüderung.
Übrigens war der Wert der Ware Getreide zu jeder Zeit so wichtig, dass er nicht nur in Ägypten staatlich gesichert
wurde:
Wenn man an die Kornkammern des Pharao in den alten Städten Ägyptens in den Josephromanen
denkt, so bilden diese eine Vorstufe zum Verhalten der antiken Ackerbürger. "Denn Saatzeit ist Trauerzeit, Zeit
der Bestattung des Korngottes." (Joseph, der Ernährer, 23; Grundriß der Sozialökonomik, 518; ebd., 517). Bei
Weber heißt es dazu:
"Wenn so die antike Stadtpolitik in erster Linie städtische Konsumenteninteressen verfolgt, so gilt dies gewiß auch
für die mittelalterliche Stadt. Aber die Drastik der Maßregeln war in der Antike weit größer, offenbar weil es
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Doch dazu muss er erst prüfen, ob die Brüder dies ,wert' sind, ob sie ihr Verhalten ihm
gegenüber geändert haben.71 Daher werden im Folgenden Handlungen dialektisch
gegeneinander ausgetauscht, wobei diese sich in einer Klimax dem Idealzustand annähern:
,Bürgen' bzw. ,Sklaven' werden gefordert, das Geld bzw. der silberne Becher in den Säcken
zurückgegeben, die Brüder kommen mit der doppelten Menge Geldes erneut und bringen den
Lieblingsbruder ,Benjamin' mit. Die Frage, die zwischen den Brüdern und ,Joseph' im Raum
steht, lautet: Wie kann die ursprüngliche Tauschbeziehung wiederhergestellt werden?
Stilistisch ist die Erzählung daher mittels einer Klimax aufgebaut, man kann fast von einem
dramatischen Aufbau sprechen, da immer wieder retardierende Momente und Wiederholungen
die Handlung bis zum Höhepunkt verzögern.72
Der Max Webersche Tausch ist zunächst pervertiert dargestellt: Es handelt sich weder um
einen echten Tausch noch um einen Kauf, da ,Joseph' ihnen bei der Rückreise zwar Getreide
unmöglich schien, für eine Stadt wie Athen und Rom die Getreideversorgung lediglich dem privaten Handel zu
überlassen."(Grundriß der Sozialökonomik, 590).
Aber auch Lübeck als Reichsfreie Stadt und "Königin der Hanse" handelt mit Getreide:
"Lübeck wurde abermals neu gegründet. Für das Jahr 1159 berichtet Helmold: ,,Alsbald kehrten auf Befehl
des Herzogs die Kaufleute freudig zurück, verließen die ungünstige neue Stadt und begannen, die Kirchen
und Mauern der Stadt wieder aufzurichten. Der Herzog aber sandte Boten in die Hauptorte und Reiche des
Nordens, Dänemark, Schweden, Norwegen und Rußland, und bot ihnen Frieden, daß sie Zugang zu freiem
Handel in seiner Stadt Lübeck hätten. Er verbriefte dort auch eine Münze, einen Zoll und höchst
ansehnliche Stadtfreiheiten.Von der Zeit an gedieh das Leben in der Stadt und die Zahl ihrer Bewohner
vervielfachte sich.“"(Thoemmes, 42.)
Heinrich der Löwe hatte mehr erreicht, als er ursprünglich erwartet hatte: Er war jetzt Stadtherr geworden und
konnte diese Gründung als "seine Stadt" unangefochten zur Blüte treiben. Im Jahre 1160 wurde unter Bischof
Gerold sogar der Bistumssitz vom holsteinischen Oldenburg nach Lübeck verlegt.
In den Salzspeichern wurde die kostbare Handelsware gelagert; typisch waren Speicherhäuser aus Backstein.
Lübecks Reichtum beruhte nicht nur auf dem Handel mit Salz. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war
Lübeck Fernhandelsort und es wurde mit Getreide, Pelzen und Bienenwachs aus Rußland, mit luxuriösen Wollund Leinenstoffen auf Flandern, Nordfrankreich oder dem Westen Deutschlands und mit Bernstein von den
Stränden der östlicheren Ostsee, mit Wein vom Rhein, aber auch aus Frankreich gehandelt. (Thoemmes, 42ff.)
Die Einbeziehung des Umlandes soll später durch den Zollverein erreicht werden, wie schon in Kapitel III
dargestellt wurde.
Zum Aspekt ,Tausch und Täuschung' in den Josephromanen s. auch Fischer, 28.
71
vgl. dazu die ambivalente Bedeutung des Adjektivs "wert": >wert, würdig<, s. Kluge, 985.
72
Die theologische Forschung spricht hier von der Josephnovelle mit ihrer Brückenfunktion zwischen Erzvätern
und Exodus.; s. Schmid, 83-118.
- 309 -
mitgibt, aber auch das Geld in die Säcke obenauf legen lässt. Man könnte auch von einem
,Tauschhandel' sprechen. Dieser pervertierte Tausch hat seinen Vorläufer im Verkauf ,Josephs’
durch seine Brüder: In der Erzählung spielt sich der Verkauf ,Josephs' folgendermaßen ab:
"Und nun begann das Handeln und Feilschen um Joseph und dauerte vor Zähigkeit fünf
Stunden lang, bis in den späten Tag und bis Sonnenuntergang. Dreißig Silberlinge
verlangte Juda im Namen der Seinen; aber der Minäer erwiderte, das sei ein Witzwort,
über das man wohl eine Weile lachen möge, doch weiter sei nichts damit anzufangen. Ob
man einen bloßen Heda und schilfgebürtigen Hundejungen, der nachgewiesener- und
eingestandenermaßen an schweren Charakterfehlern kranke, etwa mit Mondmetall
aufwiegen solle ?"73
,Joseph' wird also wie eine Ware feilgeboten. Es handelt sich hier ebenfalls um eine
pervertierte ökonomische Beziehung. Der Menschenhandel treibt die Kaufhandlung sozusagen
auf die Spitze.
Auch die Geschichte um das Linsengericht ,Rebeccas', mit dem sie für ,Jaakob' vor ,Esau'
den Erstgeborenensegen ,Jizchaks' erwirkt, lässt sich als Vorstufe des pervertierten
Tauschhandels deuten.74 Hier werden die Brüder ,Jaakob' und ,Esau' von ,Rebecca'
ausgetauscht.
Die weiteren Etappen auf dem Weg zur Verbrüderung sehen folgendermaßen aus: Erst
allmählich erklären die Brüder im weiteren Verlauf der Geschichte aufgrund ihres schlechten
Gewissens dem Wesir das Verhältnis ihrer Bruderschaft: "Denn wir sind alle Brüder und eines
Mannes Söhne, verbunden durch Brudertum, und wenn es unsre Gemeinschaft gilt und wir
gebündelt sind, so pflegt Ascher, dein gehorsamer Diener, die Aussage zu machen."75
,Juda' rückt langsam mit einem Teil der Wahrheit heraus:
73
Mann, Der junge Joseph, Frankfurt a.M. 2007, 446.; vgl. hierzu etymologisch ,handeln': "Die Bedeutung ist
ursprünglich ,greifen, ergreifen, befühlen', dann auch übertragen ,behandeln', dann im Deutschen allgemein
,verrichten, tun (usw.)'. Die kaufmännische Geltung etwa seit dem 16. Jhd. (...)", aus: Kluge, Friedrich,
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. von Elmar Seebold, 24. Aufl., Berlin - New York
2002, 389.
74
Die List ,Rebeccas', durch die ,Jaakob' anstelle ,Esaus' den Segen des Erstgeborenen von ,Isaak' erhält, ist in den
"Geschichten Jaakobs", Franfurt a.M. 1974, 207ff. beschrieben. ,Jaakob' macht die Missetat durch Kauf
nachträglich ungeschehen: s. Die Geschichten Jaakobs, 150.
75
Mann, Joseph, der Ernährer, 331.
- 310 -
"Zwölf Söhne sind wir, deine Knechte, oder waren es doch - nie haben wir vorgegeben,
vollzählig zu sein, so wie wir dir vor Augen stehen, sondern nur bezeugt, daß wir alle
zehn eines Mannes Söhne sind. Von Hause aus sind wir zwölf, aber unser jüngster
Bruder, von keiner unserer Mütter gebürtig, sondern von einer vierten, die seit so vielen
Jahren tot ist, wie sein Leben Jahre zählt, ist bei unserem Vater zurückgeblieben, und
einer von uns ist nicht mehr vorhanden."76
,Joseph' befiehlt seinen Leuten die Säcke der Brüder vor deren ersten Rückreise mit
Getreide zu füllen und jedem das Geld, mit dem er bezahlt hatte, wieder oben in den Sack zu
legen.
Während der eingelegten Zwischenstation auf der Rückreise bemerken die Brüder das Geld
im Sack, doch sie reisen weiter ohne Konsequenzen daraus zu ziehen.
"Es ist angenehm und zum Lachen, sein Geld wiederzufinden bei der Ware, für die man's
gezahlt, aber auch unheimlich, sogar vorwiegend unheimlich, wenn man ohnedies unter
Bezichtigung steht, - eine verdächtige Annehmlichkeit, verdächtig nach beiden Seiten
hin, nach der Seite der Absichten und nach der eigenen, auf die dadurch ein noch
schieferes Licht fällt. Und dabei hatte es etwas Vergnügtes und dann wieder Tückisches wer wurde klug daraus und wer wollte sagen, warum ihnen Gott das getan?"77
Die doppelte Optik des Erzählens unterstreicht hier die Ambivalenz der Gefühlslage.
Daheim angekommen, erzählen die Brüder ihrem Vater von dem seltsamen Verwalter des
Pharao.
,Jaakob' empfängt sie folgendermaßen: ",,Aber nicht alle“", sagte er unbeweglich. „Ihr mögt
gegrüßt sein. Aber wo ist Schimeon?“ „Nun ja, er ist etwas rückständig“, antworteten sie, „und
für den Augenblick noch nicht zur Hand. Es hängt das mit dem Handelsgeschäft zusammen
und mit den Launen des Mannes da ...“"78 ,Jaakob' entgegnet: "Nur meinen Sohn Schimeon
bringt ihr nicht wieder. Es ist so gut wie klar, daß ihr ihn für gemeine Speise eingetauscht
habt."79 Dieser Vergleich erinnert einerseits an die Totemmahlzeit und Substitutionsopferung,
wie sie Freud und Max Weber beschreiben, andererseits weist der Begriff des Tausches eher
auf eine Binnenmoral hin.
76
ebd., 337f.
77
ebd., 358.
78
ebd., 361.
79
ebd., 361.
- 311 -
Als das Getreide wieder aufgezehrt ist, lässt ,Jaakob' die Brüder und auch ,Benjamin'
schweren Herzens erneut nach Ägypten ziehen. Als die Brüder um die Begleitung ,Benjamins'
bitten, sagt ,Jaakob': "Vollzählig? Und wo ist Joseph? Mit klaren Worten verlangt ihr von mir,
daß ich diesen hier soll zu Joseph dahinschicken auf den Weg. Ihr seid abgewiesen."80 ,Jaakob'
ahnt also unbewusst das Richtige, denn der Wesir ist ja tatsächlich ,Joseph'. Auf Geheiß
,Jaakobs' nehmen sie wie gesagt Gastgeschenke (Naturalien), die persönlicher sind als Geld,
und die doppelte Summe Geldes (als Zins) mit.81
Bei ihrer zweiten Ankunft gibt sich ,Joseph' wieder indirekt zu erkennen: "Nun aber habt ihr
mich versöhnt und versichert durch eure Wiederkunft in rechter Anzahl, so daß alle Brüder
versammelt sind unter einem Dach und in einem Gemach."82
Diesmal empfängt ,Joseph' die Brüder fürstlich. ,Joseph' stellt bei ihrem zweiten Besuch
eine Speise- und eine Trinkgemeinschaft mit ihnen her.83 Er ordnet ihnen bei Tisch Plätze
ihrem Alter entsprechend an, was sie in Erstaunen versetzt, denn eigentlich kann er ihr genaues
Alter ja nicht wissen.84 Darin ist eine Klimax zu erkennen: "denn genau ihrem Alter nach setzte
man sie, wenn auch, vom Hausherrn aus, in umgekehrter Reihenfolge, so daß der Jüngste ihm
am nächsten saß und es von ihm über Sebulun, Issakhar und Ascher rückwärts hinaufging bis
zum großen Ruben."85 Dieser Satz kann sinnbildlich für die ganze Verbrüderungsszene in drei
Schritten analysiert werden, da auch die Verbrüderung im Ganzen auf einer höheren Ebene
erneuert wird:
Der erste Hauptsatz ist in auktorialer Erzählhaltung verfasst, er entspricht schon den
tatsächlichen Verhältnissen, die aber erst von einigen der Hauptpersonen logisch
nachvollzogen werden müssen: So ist der Konditionalsatz in personaler Erzählhaltung aus der
Sicht der Brüder unlogisch, da der Älteste bzw. Erstgeborene nach altem Recht gemeinhin der
,Wichtigste' ist. Der Konsekutivsatz in auktorialer Erzählhaltung ist allerdings für alle
Beteiligten wieder logisch, wenn sie erkannt haben, dass ,Benjamin' zwar der Jüngste der
Brüder ist, aber ,Joseph' persönlich am nächsten steht, also einen ideellen Stellenwert besitzt.
80
ebd., 365.
81
ebd., 373.; Hierin ist eine Klimax zu sehen.
82
ebd., 382.
83
ebd., 375ff.
84
ebd., 383.
85
ebd., 384.
- 312 -
So hebt ,Joseph' ,Benjamin' immer wieder explizit hervor. Diesem ist nicht wohl bei der
Sonderbehandlung, ihn überfällt eine Ahnung, er möchte daher die Rückreise hinauszögern und
Zeit gewinnen.
Die Brüder entgegnen ihm:
"Schuldig, schuldig, sagten sie, ganz allgemein schuldig fühle man sich immer ein
bißchen, wenn auch nicht im besonderen Fall, weshalb man sich denn auch in einem
solchen, wo man gerade unschuldig sei, nicht ganz wohl fühle. Übrigens habe er, der
Kleine, leicht reden; er sei immer unschuldig zu Hause gewesen und sei nicht in die Lage
gekommen, dunkles Geld in seinem Sack zu finden, da sie sich ständig in der Welt
herumzuschlagen gehabt und nicht alle Schuld hätten vermeiden können."86
Und von neuem stellt er seine Brüder auf die Probe: Wieder werden die Säcke mit Getreide
gefüllt, das Geld kommt obenauf und ,Benjamin' bekommt zusätzlich einen silbernen Becher in
den Sack gelegt. Auch hier liegt also eine Wiederholung mit Klimax vor. Auf der Heimreise
werden sie von Truppen ,Josephs' aufgehalten und der vermeintliche Diebstahl wird entdeckt.
Der, bei dem der Becher gefunden wird, soll ,Josephs' Sklave sein. Die Brüder sind verzweifelt,
fürchten sie doch die Reaktion ihres Vaters. ,Juda' möchte die Strafe für seinen Bruder antreten.
Da gibt sich ,Joseph' seinen Brüdern endlich zu erkennen und die Zahl der Brüder ist wieder
hergestellt.87 Der Pharao lässt daraufhin auch ,Jaakob' und seinen Stamm nach Ägypten holen.
Erst als auch der Vater nach Ägypten reist, ist der Endzustand wiederhergestellt und die innere
Ethik verwirklicht. Der Tausch war jetzt erfolgreich.
86
ebd., 379.
87
In der biblischen Zahlensymbolik werden im 2. Buch Moses Kapitel 34, 6 bis 7 die dreizehn Eigenschaften
Gottes aufgeführt.
Nachbiblisch als ,teuflische' Zahl verstanden, entstand die ,13' aus der Störung der Zahl Zwölf, die das göttliche
Gleichgewicht darstellt.
Im Mittelalter wurde sie zu einer Glückszahl: Die zwölf mit Jesus um den Abendmahltisch versammelten Jünger
plus Jesus als der Dreizehnte ergibt die Zahl der Vollkommenheit.
Die zwölf Stämme Israels setzen sich zusammen aus 3 mal 4. Die Drei steht für ,sicherlich, gewiss'. Die
steht für ,in alle Himmelsrichtungen', das ,ganze Land', den ,ganzen Erdkreis'. Das heißt: ,Die
Vier
Nachkommen
Jakobs werden ganz gewiss das ganze Land füllen. " (1. Mose 28, 13-14)
In der babylonischen Zahlensymbolik gibt es die Zwölfteilung des Tierkreises, zwölf Doppelstunden des Tages.
Die Dreizehn gehört zur Zwölf, sie galt als Glückszahl durch zwölf plus ein Götterpaare. vgl. dazu auch Wehrli,
Literatur im deutschen Mittelalter. Eine poetologische Einführung, Stuttgart, 1984, 214ff.
- 313 -
Man hat es im Handlungsverlauf der Geschichte mit einer Störung der Ma`at auf allen drei
Ebenen zu tun:
Die erste Ebene (,Prinzip der aktiven Reziprozität') wurde bereits im letzten Kapitel
angesprochen. Auf ihr gilt:
Der Lohn eines Handelnden liegt darin, daß für ihn gehandelt wird.
Das hält Gott für Ma`at.88
Erst die Ankunft ,Benjamins' entlohnt beide Seiten mit der Bruderschaft.
Auf der zweiten Ebene (,Prinzip der kommunikativen Reziprozität') gilt:
"Während sich für uns das soziale Leben mit seinem Ineinandergreifen des Handelns
unter dem Bild des Marktes und des Warentauschs erschließt, (…) gibt für den Ägypter
die Sprache das leitende Paradigma ab, und hier wiederum, pars pro toto, das Zuhören.
(…) Während das Gegenseitigkeitsprinzip die Ordnung des Tun-ErgehenZusammenhangs voraussetzt und aufrechterhält, setzt das Kommunikationsprinzip die
Ordnung eines Rollenspiels voraus, die in gegebener Situation festlegt, wer Sprecher und
wer Zuhörer, wer Geber und wer Nehmer ist.89
,Joseph' und seine Brüder spielen in der Tat verschiedene Rollenmuster durch, wobei lange
nicht klar ist, wer Geber und wer Nehmer ist, bis Geben und Nehmen paritätisch verteilt sind.
Dahinter steht die Formel ,die Ma`at tun - die Ma`at sagen', die in den Klagen des
Oasenmannes geradezu im Sinne eines kategorischen Imperativs zitiert wird als
(…) jenes schöne Wort, das aus dem Munde des Re selbst kam: Sage die
Ma`at, tue die Ma`at!90
88
zitiert nach Assmann, 65. Die Ma`at als philosophisches Handlungskonzept ist Voraussetzung zum
,ökonomischen' Verständnis der Mannschen Josephromane und wohl auch der biblischen Geschichte an dieser
Stelle.
89
ebd., 70f.
90
zitiert nach Assmann, 77.
- 314 -
"Die Ägypter hatten einen großen Respekt vor der Macht des Wortes. Verleumdung,
Lästerung, Beschimpfung, Streit, Geschrei und natürlich auch Lüge waren ihnen ein
Greuel. Der König wurde rituell geschützt gegen üble Nachrede, (…)"91
So ist die vehemente Reaktion ,Josephs' auf die vermeintliche Lüge der Brüder über ihre
Anzahl auch durchaus ,ägyptisch' zu verstehen, denn ,Joseph' ist ,zusehends zum Ägypter'
geworden.92
Das zweite Lied des ,Lebensmüden' behandelt den Zusammenbruch von Ma`at und
Freundschaft und passt sehr gut auf die Begegnungsszene der Brüder in den Josephromanen.
Drei Strophen daraus lauten folgendermaßen:
Zu wem kann ich heute reden?
Man erinnert sich nicht des Gestern, man handelt nicht für den, der
gehandelt hat heutzutage.
Zu wem kann ich heute reden?
Die Gesichter sind abgewandt, jedermann wendet den Blick zu Boden
gegenüber seinen Brüdern.
Zu wem kann ich heute reden?
Die Herzen sind habgierig, nicht gibt es ein Herz, auf das man sich
verlassen kann.93
"Wo die Sprache aufhört, übernimmt die Gewalt." Dies findet sich in zwei Quellen und
kommt im Brunnenfall ,Josephs' deutlich zum Ausdruck.94
91
ebd., 80.
92
Joseph in Ägypten, Joseph und seine Brüder, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1974, 956.
93
in Auszügen zitiert nach Assmann, 82f.; sinnigerweise liest ,Joseph’ bei seinen Leib-und Lesediensten auch aus
dem ,Lied des Lebensmüden zum Lob des Todes’, s. Fischer, 587: Hier liegt wieder ein Beweis für die
Bekanntheit des Ma`at-Konzepts auf Seiten Thomas Manns vor, da es sich um Ma`at-Literatur aus der 1.
Zwischenzeit handelt..
94
ebd., 84.
- 315 -
Wenn die dritte Ebene (,Prinzip der intensionalen Solidarität') gestört ist, regiert die
Habgier: "Daß der Habgierige unfähig zum Feiern ist, leuchtet ein: Zum Feiern gehört die
Verschwendung, die ,unproduktive Verausgabung'."95
Auch diese Seite des Ma`at-Konzepts ist in den Josephromanen nachzuweisen: Erst als
,Benjamin' auf der zweiten Reise die anderen Brüder begleitet, stellt ,Joseph' eine
Tischgemeinschaft mit ihnen her.96
Thomas Mann spricht im ,Vorspiel' vom ,Fest der Erzählung':
"- Fest der Erzählung, du bist des Lebensgeheimnisses Feierkleid, den du stellst
Zeitlosigkeit her für des Volkes Sinne und beschwörst den Mythus, daß er sich abspiele
in genauer Gegenwart! Todesfest, Höllenfahrt, bist du wahrlich ein Fest und eine
Lustbarkeit der Fleischesseele, welche nicht umsonst dem Vergangenen anhängt, den
Gräbern und dem frommen Es war. Aber auch der Geist sei mit dir und gehe ein in dich,
damit du gesegnet seiest mit Segen oben vom Himmel herab und mit Segen von der
Tiefe, die unten liegt!"97
"Die Bedeutung des Festes als das Andere des Alltags mit dem Sprechakt der Erzählung
in Verbindung zu bringen, hat ohne jeden Zweifel einen wichtigen
kulturanthropologischen Sinn. Das läßt sich auch im Blick auf das Alte Ägypten
bestätigen. Erzählungen gehören in Ägypten zur <Unterhaltung> im weitesten Sinne,
wofür die Ägypter einen Begriff verwendeten, der in wörtlicher Übersetzung <das Herz
vergessen lassen> bedeutet. Was das Herz vergessen soll, ist die Alltagssorge. Das Fest,
auf ägyptisch wie auch auf hebräisch <der schöne Tag> (yom tov, jiddisch jonteff),
schafft die Distanz zu den täglichen Sorgen, in der sich <das Herz> den schönen und
heiligen Dingen öffnet, die im Alltag keinen Ort haben. So hängen Fest und Erzählung,
95
ebd., 86.
96
Hier sind nochmals Speise- und Trinkgemeinschaft zu unterscheiden; letztere wird genaugenommen erst
verwirklicht, nachdem der silberne Becher bei ,Benjamin' gefunden wird. Eventuell ist hier an das biblische
Sedermahl als Vorlage in der Tradition der Juden im Gemeinschaftsmahl zu denken: Der ,Würgeengel' erschlägt
danach alle Erstgeburten der Ägypter in der ,Phase', nur die Häuser der Israeliten werden verschont, dadurch dass
das Blut von Lämmern nach einem Mahl mit ungesäuertem Brot an die Türen der Häuser gestrichen wird, s. Ex
111-1220, in: Die Bibel. Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes. Deutsche Ausgabe mit den
Erläuterungen der Jerusalemer Bibel, hrsg. v. Diego Arenhoevel, Alfons Deissler, Anton Vögtle, Freiburg - Basel
- Wien 1968, 15. Aufl. Zur literarischen Verarbeitung siehe beispielsweise Else Lasker-Schülers Gedicht
"Abschied", in: Klüsener, Erika, Else Lasker-Schüler in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 1980,
139.
97
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Bd. 1,Frankfurt a.M. 1974, 54.
- 316 -
kulturanthropologisch gesehen, eng zusammen und ihr gemeinsamer Nenner lautet
Alltagsdistanz."98
",Habgier' ist das Gegenprinzip schlechthin gegen alles, was Ma`at bedeutet. Wenn Ma`at
eine positive ,soziogene' Energie darstellt, die Kohärenz und Einklang stiftet auf den drei
Ebenen der Zeit (Tun-Ergehen-Zusammenhang), der Gesellschaft und der Person, dann
ist Habgier das destruktive Prinzip, das auf denselben drei Ebenen (und nicht nur auf der
Ebene der Person) zerstörerisch wirkt."99
Als Beispiel für Habgierige in den Josephromanen kann man ,Laban' und den ägyptischen
Kleiderbewahrer ,Dûdu' anführen. Diese gehören der Welt des ,Überständigen' im Roman an.
Dieser Welt müssen ,Joseph' und seine Brüder mit der erneuten Verbrüderung für immer den
Rücken kehren.100
Der Ma`atmäßige kann als Grabherr sein Vermögen an seine Kinder vererben und im Grabe
fortdauern, während dem Habgierigen der Status eines ,Grabherrn' versagt bleibt. Dies ist im
Roman vor allem unter dem Aspekt des ,Nachkommenlassens' wichtig, daher ist es auch von
Bedeutung, dass neben den Brüdern auch ,Joseph' der Ma`at gemäß lebt:
"Drei Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit der Mensch mit dem Sterben nicht
vergeht, sondern fortexistiert:
1. ein Amt, das die Möglichkeit zur Bewährung im Königsdienst und zur Verewigung des
Erdenlebens im Monumentalgrab bietet;
2. eine Nachkommenschaft, die für den Totenkult sorgt, und
3. ein sicherer Platz im sozialen Gedächtnis, in der ,Liebe' der anderen, damit der Besitz
vererbt werden kann und das Grab respektiert wird. Der Habgierige mag in
den ersten beiden Voraussetzungen Erfolg haben, aber er scheitert unweigerlich an der
dritten."101
98
Assmann, Thomas Mann und Ägypten, 33f.; Auch ,Joseph' und seine Brüder haben sich nach ihrem
Wiedererkennen viel zu erzählen.
99
Assmann, Ma`at, 87ff.
100
Schmid spricht in dem Zusammenhang davon, dass die Zusammengehörigkeit der Brüder neu definiert werden
muss, sie müssen eine willentliche, nicht mehr nur eine genealogische Einheit bilden; s. Schmid, 113.
101
Assmann, 96.; Einen Hinweis darauf, dass sich auch ,Joseph' vor Habgier schützen muss, findet sich in der
Bibel selbst, s. Gen 47, 13ff.:
"Die Hungersnot war schwer, weil im ganzen Land kein Getreide mehr wuchs. Nicht nur in Kanaan,
sondern auch in Ägypten litten die Menschen Hunger. Sie konnten zwar bei Josef Getreide bekommen,
aber sie mussten dafür bezahlen; und so kam es, dass schließlich alles Geld aus Kanaan und Ägypten in der
Hand Josefs war. Josef brachte es in den Palast des Pharao. (…) sie brachten ihm (sc. Josef) all ihr Vieh,
Pferde, Esel, Rinder, Schafe und Ziegen, und Josef versorgte sie dafür das ganze Jahr über mit Nahrung.
- 317 -
"Regelmäßig wird die Aufzählung der Ma`at-Taten summiert durch die abschließende
Bestätigung: ,,Ich war ein von seinem Vater Geliebter, von seiner Mutter Gelobter, von seinen
Brüdern geliebt“".102 Übrigens muss das Testament im Wesirbüro vom Wesir persönlich
gesiegelt werden, "so daß die Vererbung einem Offenbarungseid gleich kommt: Unrecht Gut
vererbt sich nicht."103 Eben dies ist die Rolle des ,Joseph' als Wesir des Pharao.
"Vertrauen und Verantwortung sind daher ,kontrovers' aufeinander bezogen, so wie
kaufen und verkaufen, reden und zuhören. Die Wechselbeziehung kontroverser
Handlungen, Haltungen und Erwartungen hat den Charakter eines Vertrags. Es geht nicht
nur um Verstehen, sondern um Vertrauen. Man versteht einander, wenn man einen
gemeinsamen ,Code' benutzt, man vertraut einander, wenn man einen Vertrag eingeht."104
Die ,Heilsgüter des Staates' sind in Ägypten:
1. Versorgung und Fülle,
2. Wahrheit und Gerechtigkeit (Vertrauen, Sicherheit, Frieden, Ordnung und Verständigung),
3. Fortdauer, Beständigkeit, Unsterblichkeit.
,Joseph' geht es in Bezug auf seine Brüder um alle drei Aspekte:
1. um die Versorgung in den sieben mageren Jahren,
(…) Weil die Hungersnot so groß war, musste jeder Ägypter seinen Grundbesitz verkaufen. Josef kaufte
alles auf und machte das ganze Land zum Eigentum des Pharao. Die Bewohner Ägyptens machte er zu
dessen Sklaven. Nur die Priester mussten ihre Felder nicht verkaufen, weil sie von dem Unterhalt leben
konnten, den der Pharao für sie festgesetzt hatte."
Der Bibeltext spielt hier auf Josefs Stellung als Wesir an, der für die Steuereintreibung zuständig war. Auch auf
die privilegierte Stellung der Tempelgeistlichkeit wird hingewiesen; vgl. dazu die Ausführungen zu Kapitel 9.
Was etwas verwundert, ist, dass hier von ,Sklaven' die Rede ist. Die Lutherbibel von 1984 spricht an dieser Stelle
von ,Leibeigenen': "Kaufe uns und unser Land für Brot, daß wir und unser Land leibeigen seien dem Pharao; gib
uns Korn zur Saat, daß wir leben und nicht sterben und das Feld nicht wüst werde." Bei Schluchter 2000 heißt es:
"Warum sollen wir umkommen vor deinen Augen, wir und unser Feld? Kaufe uns um Brot samt unserem
Feld, daß wir und unser Feld dem Pharao dienstbar seien! Gib uns Samen, daß wir leben und nicht sterben,
und daß das Land nicht zur Wüste wird! So kaufte Joseph alles Ackerland der Ägypter für den Pharao auf,
denn die Ägypter verkauften jeder sein Feld, weil die Hungersnot schwer auf ihnen lastete; und so wurde
das Land zum Eigentum des Pharao. Das Volk aber ließ er in verschiedene Städte bringen, von einem Ende
Ägyptens bis zum anderen."
Dies deutet auf jeden Fall auf Josephs Strenge als Wesir hin.
102
Assmann, 106.
103
ebd., 94.
104
Assmann, Ma`at, 91.
- 318 -
2. um das Eingeständnis der Brüder über ihre Anzahl, um Gerechtigkeit für ihm angetanes
Unrecht,
3. um das Nachkommenlassen ,Jaakobs' und seiner Sippe.105
Von ,Joseph' heißt es bei Thomas Mann diesbezüglich: "Denn euer Bruder ist kein
Gottesheld und kein Bote geistlichen Heils", sondern ,versöhnendes Mittlertum' ist seine
Leistung.106
Im zurückliegenden Kapitel ist das Konzept der ägyptischen achsenzeitlichen Ma`at als
allgemeinverbindliche Ethik in den Vordergrund gerückt, es scheint dem Begriff der
innerweltlichen Askese, so wie ihn sich Max Weber und Thomas Mann jenseits aller
Unterschiede von Calvinismus und Luthertum gewünscht haben könnten, am nächsten zu
kommen. Der Begriff ,Ma`at' wird in den Josephromanen als auch in der Religionssoziologie
Webers erwähnt.107
Bei der Verbrüderung im Roman wird die horizontale Ebene der Ma`at (gegen Trägheit,
gegen Taubheit, gegen Habgier) verwirklicht.108
105
vgl. ebd., 226.
106
V, 1686 und 1757.
107
Im Kapitel ,Der Verkauf’ heißt es: ",,Möge sie (sc. die Lüge) allzeit gemieden werden“, versetzte der
Alte, ,,denn die Wahrheit ist Gott und König, und Neb-ma-rê ist ihr Name. Man muß sich ihr neigen, auch wenn
sie verwunderlich anmutet.";Der junge Joseph, Joseph und seine Brüder, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1974, 610. Nach
Fischer bedeutet ,Neb-ma-rê’ ,Der Herr der Ma`at ist Rê’. Dies ist der Thronname Amenophis’ III, Fischer, BerndJürgen, Handbuch zu Thomas Manns ,Josephromanen’, Tübingen - Basel 2002, 426, 450ff. Und im Kapitel ,Die
Reise hinab’ wird dieser Name wiederholt, s. Fischer, 450, vgl. auch Abbildung 450, im Kapitel "Joseph wird
zusehends zum Ägypter" heißt es ,Hoch an Federn!’ Fischer verweist darauf, dass die Feder das Symbol der
Gerechtigkeit bzw. der Göttin der Gerechtigkeit, Ma`at, ist. ,Liebling der Ma`at’ ist ein Beiname zahlreicher
Pharaonen. Zugleich nimmt dieser Ausruf Bezug auf die Sitte der Soldaten, sich als Zeichen des Sieges Federn in
die Haare zu stecken. Die Hieroglyphe für ,Soldat' ist eine knieende Figur mit einer Feder am Kopf., s. Fischer,
602., s. Ausführungen zu Kapitel IX.
108
Die drei Hauptsünden gegen die Ma`at waren im Unterschied dazu bei den "Buddenbrooks" noch verwirklicht,
vgl. Kap. III.
- 319 -
IX. DER LEISTUNGSETHIKER WIRD (WIEDER) ZUM ,BRUDER': UMKEHRUNG DER
ÖKONOMISCHEN VERHÄLTNISSE UND AUFSPALTUNG DER LEISTUNGSETHIK IN
EINE INNERE UND EINE ÄUSSERE ETHIK
Ging es im letzten Kapitel vor allem um die dialektische Bezogenheit des Verhaltens der
Brüder und ,Josephs' aufeinander, soll die Verbrüderung hier aus der Sicht ,Josephs' dargestellt
werden, da dem Aspekt der Leistungsethik bzw. dem Doppelbegriff der Bürokratie und Askese
in dieser Arbeit besondere Beachtung zukommt.
1. Erklärung der Verbrüderung aus Freuds "Totem und Tabu" und Webers Charismatheorie
Im vorhergehenden Kapitel wurde schon darauf hingewiesen, dass der Akt des Tausches bei
Max Weber mit dem Ablauf der Verbrüderung im Roman zusammenhängt. Sind die Brüder
seit dem Brunnenfall ,Josephs' durch eine Art Totemmahlzeit miteinander verbunden, so
fordert ,Joseph' zweimal eine Art Substitutionsopfer für ,Benjamin' (,Schimeon und Juda').
Beide Formen widersprechen jedoch einer echten Verbrüderung, die ohne Opfer stattfinden
muss.
Voraussetzung der idealen Beziehung ist dabei wie schon erwähnt folgende:
"Der ,freie', d.h. der durch ethische Normen nicht gebundene Markt mit seiner
Ausnutzung der Interessenkonstellation und Monopollage und seinem Feilschen gilt jeder
Ethik als unter Brüdern verworfen."1
Dem gegenüber steht die ökonomische Beziehung:
1
Grundriß der Sozialökonomik, Kapitel V,1. Halbband, 365.; Unter diesem Aspekt ist auch ,Thomas
Buddenbrooks' ,Schnäppchen' zu interpretieren: Auf ,Tonys' Tipp hin kauft er die Pöppenrader Ernte
"auf dem Halm". Doch er will damit nur ,Hagenströms' zuvorkommen und einen "Coup" landen. Die
Ernte erweist sich denn auch wie zur Strafe Gottes als "Hagelernte".
- 320 -
"Als ein solcher anethischer Zwangskontrakt war der Geldkontrakt geeignet zum Mittel
der Ausschaltung des magischen und sakramentalen Charakters von Rechtsakten, also als
Mittel der Rechtsprofanierung (so die römische Zivilehe in Form der coemptio gegenüber
der sakramentalen confarreatio)."2
"Wie die hellenischen Phratrien und gewillkürte Verbände der älteren Zeit und wie die
meisten Dauervergesellschaftungen als Rechtsgebiete bis hinauf zu den Totemverbänden,
waren auch die ältesten bekannten römischen Vereine durchweg Verbrüderungen
(sodalitas, soliditates) und als solche Kultgenossenschaften. Der Bruder aber konnte von
dem Bruder so wenig wie irgendein durch Pietätsbeziehungen Verbundener vor Gericht
gezogen werden. Noch das Pandektenrecht bewahrt im Ausschluß der Kriminalklagen
Spuren davon und für das Zivilrecht kam die Existenz der Verbrüderung gerade in diesen
negativen Konsequenzen, als Schranke also, in Betracht."3
Nicht nur die ,patria potestas' stammt aus dem römischen Recht, auch das Recht der
Verbrüderung existierte bis ins römische Recht hinein.
Der Akt der Verbrüderung wird bei Freud wie Weber ursprünglich durch die Schlachtung
des Totemtieres begründet.4 Hier ist die Verbrüderung auf der Grundlage einer Totemmahlzeit
zu nennen. Denn die Brüder hatten seinerzeit ,Joseph' in die Grube geworfen, sein Kleid mit
Tierblut besudelt und dem Vater erzählt, dass ein wildes Tier ihn zerrissen habe. Sie opfern ihn
anstelle des Vaters und sind also durch Mittätterschaft verbunden. Das Tier wird hier als Täter,
nicht als Opfer bezeichnet. Genaugenommen handelt es sich also um eine pervertierte
Totemmahlzeit. Diese wurde schon in der Einleitung ausführlich besprochen.5 Angemerkt sei
zur magischen Bedeutung von Tieren und Blut nur noch Folgendes:
2
Grundriß der Sozialökonomik, III. Abteilung, Wirtschaft und Gesellschaft, bearbeitet von Max Weber, I. Teil,
Tübingen 1921, 417.; Dies kann in Bezug auf ,Tonys' Ehe mit ,Grünlich' folgendermaßen interpretiert werden:
,Tony' soll durch die Zweckheirat der Familie aus der Schuldenmisere helfen. Folglich scheitert die Ehe; Auf die
abhängige Stellung der Frauen im römischen Recht wurde im Zusammenhang mit dem Allgemeinen Preußischen
Landrecht schon eingegangen.
3
Grundriß der Sozialökonomik, 444f.
4
s.
Charismalehre,
51ff.;
religionspsychologische
Wirtschaft
Schrift
und
"Totem
Gesellschaft
und
Tabu"
für
Bd.
1,
seine
41ff.;
Thomas
Josephromane
Mann
gelesen,
hat
Freuds
s.
Kurzke,
Mondwanderungen, 151.
5
s. Einleitung, Die charismatische Herrschaft, 51ff.; ,Josephs' späteres Schicksal ist
bei ,Jaakob' schon
vorgezeichnet : "(...) außerdem aber war es Besorgnis, was er empfand, und von Stund an trachtete er, in Labans
Miene zu lesen, wie es um ihn, den Baas, selber stünde und um seine Gesinnung: ob er wohl aufgelegt sei, zu
- 321 -
"Daß Tierinkarnationen von Geistern als heilige Tiere zu Kultmittelpunkten lokaler,
politischer Verbände werden können, dafür ist Aegypten das hervorragendste Beispiel.
Sie und andere Objekte oder Artefakte können aber auch zu Mittelpunkten anderer, je
nachdem mehr naturgewachsener oder mehr künstlich geschaffener sozialer Verbände
werden. Zu den verbreitetsten hieraus sich entwickelnden sozialen Institutionen gehört
der sog. Totemismus: eine spezifische Beziehung zwischen einem Objekt, meist einem
Naturobjekt, im reinsten Typus: einem Tier, und einem bestimmten Menschenkreise, dem
es als Symbol der Verbrüderung, ursprünglich wohl: der durch gemeinsame Verzehrung
des Tieres erworbenen gemeinsamen Besessenheit von dessen ,Geist', gilt. Die inhaltliche
Tragweite der Verbrüderung schwankt ebenso wie der Inhalt der Beziehung der
Genossen zum Totemobjekt. Bei voll entwickeltem Typus enthalten die ersteren alle
Brüderlichkeitspflichten einer exogamen Sippe, die letzteren das Tötungs- und
Speiseverbot, außer bei kultischen Mahlen der Gemeinschaft, und eventuell, meist auf
Grund des häufigen (aber nicht universellen) Glaubens, von dem Totemtier
abzustammen, auch noch andere kultartige Pflichten. (…) Daher attrahierte die
Reglementierung des Sexuallebens insbesondere, in deren Dienst die Sippe sich stellte,
überall eine tabuartige religiöse Garantie, wie sie am besten die Vorstellungen des
Totemismus boten. Aber das Totem ist nicht auf sexualpolitische Zwecke und überhaupt
nicht auf die ,Sippe' beschränkt und keineswegs notwendig auf diesem Gebiet zuerst
erwachsen, sondern eine weitverbreitete Art, Verbrüderungen unter magische Garantie zu
stellen."6
"Allein für die magisch geschützte und erzwungene Arbeitsteilung der Geschlechter und
die Berufsspezialisierung und damit für die Entwicklung und Reglementierung des
Tausches als regulärer Binnenerscheinung (im Gegensatz zum Außenhandel) haben diese
Motive eine oft sehr bedeutende Rolle gespielt."7
Neben der Totemmahlzeit der Brüder stellen auch die überständigen Sitten ,Labans', von
denen auch eine Verbindung zur Überständigkeit Ägyptens besteht, eine Vorstufe in den
Opferhandlungen dar.
Dazu heißt es:
"Später erfuhr Jaakob, daß das Paar in der Frühzeit seiner Ehe sehr wohl ein Söhnchen
gehabt, es jedoch anläßlich des Hausbaues geopfert, nämlich lebend in einem Tonkruge,
unter Beigabe von Lampen und Schüsseln, im Fundament beigesetzt hatte, um damit
Segen und Gedeihen auf Haus und Wirtschaft herabzubeschwören."
glauben, ein wildes Tier habe Jaakob zerrissen, wenn die Schwäger es aussagten". (Die Geschichten Jaakobs,
359f.)
6
Grundriß der Sozialökonomik, Wirtschaft und Gesellschaft, Bd. 1, 246f.
7
ebd., 247.; hier haben wir es nach Fischer, eher mit ,Täuschung' als mit ,Tausch' zu tun, vgl. Fischer, 28f.
- 322 -
"„Darüber fiel er mehrfach in Sinnen, denn der Mensch tut manches, und siehe, er weiß
nicht, was er tut. Wüßte und bedächt er's aber, so möchte es sein, daß sich das
Eingeweide in ihm umwendete und ihm das Unterste zuoberst käme in Übelkeit, wie
mir's mehrmals im Leben erging, nämlich zum erstenmal, da ich (sc. ,Jaakob' redet)
erfuhr, daß Laban zu Sinear überm Prath einstmals sein erstgeborenen Söhnchen
geschlachtet habe als Darbringung und es in einer Kruke beigesetzt habe im Fundament
zum Schutze des Hauses (…)“ ,,Darum, hätte Laban sich auf den Herrn und die Zeiten
verstanden, so hätte er an Stelle des Knäbleins ein Zicklein geschlachtet und mit dem
Blute die Schwelle und Pfosten bestrichen, so wäre es angenehm gewesen, und sein
Rauch wäre gerade aufgestiegen gen Himmel.“ (sc. entgegnet ,Joseph')"8
Im Zusammenhang mit der Überständigkeit spielt auch die immer wiederkehrende Metapher
von der kotigen Wurzel im Roman eine Rolle.
Als Vorstufe der Ma`at wird die ,amity' oder Sippensolidarität angesehen. Dieser Aspekt
trifft auf ,Labans' Opferhandlung zu. Diese ,amity' muss der Ma`at weichen. "Brauch und Sitte
haben immer nur lokale Geltung, deren Grenzen mit denen des verwandtschaftlich
organisierten Stammesverbandes und daher denen der Sippensolidarität zusammenfallen."9
Als Verbrüderungssymbol bei ,Schekem' dient schon zu ,Jaakobs' Zeiten ein Brunnen, doch
die Verbrüderung war nicht durchgreifend. Streit flammt auf, da ,Dina' entführt wird. Dies
Ereignis kann man als Vorstufe des Brunnenfalls ,Josephs' deuten.10
Doch die Verbrüderung durch Totemmahlzeit und die anderen hier aufgeführten Opferungen
widersprechen wie gesagt einer echten Verbrüderung. Der ursprüngliche natürliche Zustand
lässt sich durch solche Handlungen nicht wieder herstellen. Dies gelingt im Verlauf der
Josephromane auch nicht, erst am Ende ist die Zahl der Brüder durch ,Josephs' Charisma
wieder vollständig und die Ordnung durch eine innere Wandlung der Brüder wiederhergestellt.
Den Sinn der Abkehr von Menschenopferungen erkennt ,Joseph' schon in jungen Jahren und
stellt ihn der Opferung des Totemtieres gegenüber.
8
Jaakobs Geschichten, Frankfurt a.M. 1974, 236; Der junge Joseph, 474f.
9
Assmann, 242.
10
Die Geschichten Jaakobs, 164f.
- 323 -
"Darum, wenn wir einen Widder darbringen oder ein Lamm als Ganzopfer, so hängen
wir ihm wohl ein Siegel an mit dem Bild eines Menschen zum Zeichen der
Stellvertretung. Aber das Geheimnis der Stellvertretung ist größer, es ist beschlossen im
Sternenstande von Mensch, Gott und Tier und ist das Geheimnis des Austausches. Wie
der Mensch den Sohn darbringt im Tiere, so bringt der Sohn sich dar durch das Tier."11
Trotzdem fordert er zweimal eine Geisel/Opfer im übertragenen Sinn (,Schimeon' und
,Juda'), weil er seine Brüder auf die Probe stellen will.
2. Die ,Laufbahn' des ,Joseph': Vom Verwalter zum ,brüderlichen Freund' bis zum
,Nachkommenlassen' der ganzen Sippe
,Josephs' ,Laufbahn'12 in der Bürokratie Ägyptens geht in zwei entgegengesetzte
Richtungen: Zuerst wird er von den eigenen Brüdern nach Ägypten verkauft, um sich dann
leistungsethisch als Verwalter bis an die Spitze des fremden Landes emporzuarbeiten. Sein
Lebensmotto auf dem Weg dorthin lautet ,Gescheitheit' und ,Verschonung'. Die gute Erziehung
seiner Jugendzeit ist ihm hierbei hilfreich. Diesen Teil der Romanhandlung könnte man als
seine weltliche Karriere bezeichnen. In den Zenit seiner Macht als Verwalter des Pharao
(Wesir) fällt die Hungerkrise des Landes.
Als seine Brüder aus Kanaan eintreffen, nimmt seine mythische Entwicklung zurück zu
seinen Wurzeln ihren Lauf. Der Leistungsethiker wird damit wieder zum Bruder, die Ethik
wird damit in eine innere und eine äußere aufgespalten. Diesen dargestellten Weg kann man als
seine geistliche Entwicklung bezeichnen.
,Josephs' ethische Entwicklung tritt an zwei Stellen deutlich zutage:
11
Der junge Joseph, Frankfurt a.M. 1974, 449.; Dieser Einsicht geht die Verwandlung ,Isaaks' zum Widder, in der
Gott, Opfer und Opferer ineinander übergehen und mit der das Menschenopfer endgültig beseitigt wurde, voraus,
s. Fischer zum Aspekt Tausch und Täuschung, 29. Diese Einsicht ,Josephs' in das Geheimnis der Wandlung ist
Voraussetzung für das Schließen eines Bundes. Zu Thomas Manns Verständnis des Bundes siehe Fischer, 581f.
und 349ff. In Webers erstem Aufsatz in den "Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie, Bd. III, Das antike
Judentum, mit dem Titel "Die iraelische Eidgenossenschaft und Jahwe" stellt er die Struktur der altisraelitischen
Gesellschaft dar. Die im "Joseph" gewichtigen Begriffe von Bund, Schuld, Opfer werden ausführlich diskutiert.
12
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Bd. 2, Joseph in Ägypten, Frankfurt a.M. 1974, 828.
- 324 -
"Seh einer an, Adôn! Nun machst du schon eine andere Miene und ziehst andere Saiten
auf deiner Leier. Gar nicht mehr eitel Sanftmut und milde Versöhnung hast du im Sinn,
sondern gedenkst, wie sie mit dir umgesprungen, und scheinst mir der Mann denn doch,
zwischen Tat und Ergebnis recht wohl zu unterscheiden."13
"Daß mich die Brüder zerrissen und mich in die Grube warfen und daß sie nun sollen vor
mir stehen, das ist das Leben; und das Leben ist auch die Frage, ob man die Tat
beurteilen soll nach dem Ergebnis und soll gut heißen die böse, weil sie notwendig war
fürs gute Ergebnis. Das sind so Fragen, wie sie das Leben stellt. Man kann sie im Ernst
nicht beantworten."14
Durch den Brunnenfall und seine anschließende Entwicklung wurde ,Josephs' gesinnungsund verantwortungsethische Sichtweise grundlegend verändert.
a) Beschreibung seiner Posten im ,Wirtschaftlich-Verwalterischen'
Schon der Anführer der Kaufmannsgilde erkennt ,Josephs' Talent ,im Schreiben und GuteNacht-Wünschen und Backen':
"„Kein Klecks“, sagte er, „das ist gut. Aber man sieht auch, daß die Zeichen gezogen
sind mit Genuß und Schönheitssinn, und sind ein Zierart. Hoffentlich stimmt es überein
mit dem Wirklichen, so daß es nicht nur malerisch ist, sondern auch sachgemäß. Es
erfreut, das Seine so bildlich im Reinen aufgeführt und das Verschiedene ebenmäßig
verzeichnet zu sehen. Die Ware ist fettig und harzig; der Kaufmann macht seine Hände
nicht mit ihr gemein, er handhabt sie in ihrer Geschriebenheit. Die Dinge sind dort, aber
sie sind auch hier, geruchlos, reinlich und übersichtlich. So eine Schreibliste ist wie der
Ka oder geistige Leib der Dinge, der neben dem Leibe ist. Gut also, Heda, zu schreiben
verstehst du und kannst auch etwas rechnen, wie ich bemerkte. Auch fehlt es dir für deine
Verhältnisse nicht an Ausdrucksweise, denn wie du dem Herrn gute Nacht wünschtest
vor drei Tagen, das hat mir wohlgetan.“"15
13
Dies sagt einer seiner Bediensteten bei der Ankunft der Brüder zu ,Joseph'., Joseph, der Ernährer, 231.; ebd.,
Frankfurt a.M. 1974, 1588. Hier wird auf die ursprüngliche Unterscheidung von Gesinnungs- vs.
Verantwortungsethik angespielt, die sich im Lauf des Romangeschehens über die Leistungsethik hin zu einer
inneren bzw. äußeren Ethik wandelt.
14
ebd., 326.
15
Joseph in Ägypten, 22.; s. auch Kap. VIII, S. 298f..
- 325 -
"Er kann backen und schreiben und hat einen hellen Kopf."16
Die Beschreibung seiner Dienerschaft ähnelt der ,Jaakobs' bei ,Laban'. Insgesamt bringt
,Joseph' dabei dreizehn Jahre im Haus des ,Potiphar' zu:
"Joseph war, gesellschaftlich gesehen, eine vollkommene Null, als er mit siebzehn oder
knapp achtzehn Jahren bei dem Ägyptern eintrat, und zu der Laufbahn, die er in seinem
Hause zurücklegte, gehört die Zeit, die er tatsächlich dort zubrachte. Nicht am zweiten
oder dritten Tage setzte ,Potiphar' den chabirischen Sklaven über all sein Eigen und ließ
es unter Josephs Hände. Es dauerte seine Zeit, bis er seiner auch nur gewahr wurde - er
und andere Personen, die für den Ausgang dieser bedeutenden Lebensepisode
entscheidend waren. Außerdem aber mußte jene steil aufstrebende Laufbahn im
Wirtschaftlich-Verwalterischen sich notwendig über Jahre erstrecken, um zu der
Vorschule zu werden, als die sie gedacht war: eines Hausmeiertums größten Maßstabes
nämlich, das ihr folgte."17
"Im Grunde nämlich und rein rechtlich gedacht blieb Joseph immer ein ,Knecht', ein
Sklave, blieb es bis in sein höchstes Herrentum hinein und bis an sein Lebensende. Denn
wir lesen wohl, daß er verkauft und wieder verkauft worden sei; aber von seiner
Freilassung oder Auslösung lesen wir nirgends. Seine außerordentliche Laufbahn ging
stillschweigend über das rechtliche Faktum seines Sklaventums hinweg, und keiner fragte
nach seiner jähen Erhöhung mehr danach. Aber auch in Peteprê's Hause schon blieb er
ein Knecht in des Wortes niedrigem Sinn nicht lange, und keineswegs nahm sein
Segensaufstieg in den Eliezer-Rang eines Hausvogtes die sämtlichen Potiphar-Jahre in
Anspruch. Es waren sieben, die dazu genügten, das ist eine Gewißheit; und eine weitere
ist, daß erst der Rest des Dezenniums von den Wirren beherrscht und überschattet war,
die durch die Gefühle einer unglücklichen Frau erzeugt wurden und die Beendigung
dieses Abschnittes herbeiführten."18
Über ,Jaakob' heißt es vergleichsweise:
"- diese sieben Umläufe, die eine Nachahmung und eine Wiederkehr väterlicher Jahre im
Leben des Sohnes waren und der Zeitspanne entsprachen, in welcher Jaakob aus einem
flüchtigen Bettler zum Schwerbesitzer und unentbehrlichen Teilhaber an Labans durch
Segenskraft aufstrotzender Wirtschaft geworden war."19
16
ebd., 140.
17
ebd., Frankfurt a.M. 1983, 165.
18
ebd., 165f.
19
ebd., 170.
- 326 -
Nach der Hochzeit mit ,Lea' musste er bekanntlich noch einmal sieben Jahre um ,Rahel'
freien.
Doch ,Joseph' muss auf seinem Weg viele Widerstände überwinden, denn es gibt bei Hofe
nicht wenige Intrigen. So verhalten sich die beiden Zwerge ,Dûdu' und ,Gottliebchen' ihm
gegenüber beispielsweise durchaus unterschiedlich.
"(…) und wenn auch Pothipars Haus nach seinem inneren Leben kein Segenshaus war im Gegenteil, es zeigte sich bald, daß es in aller Würde ein närrisches und peinliches
Haus war, worin viel Kummer spukte -, so strotzte es doch von wirtschaftlichem
Wohlstande ohnehin, sich darin zum ,Mehrer' zu machen, war schwer und fast
überflüssig."20
"Er wußte von Gottliebchen, seinem frühesten Gönner in Pothipars Haus, daß Dûdu
schon mehrmals vor Mut, der Herrin, geredet und Klage geführt hatte seinetwegen: in
unwahrscheinlichsten Verstecken hatte der Kleine den Unterredungen beigewohnt und
wispernd dem Joseph alles so haarklein zugetragen, daß dieser mit Augen sah, wie der
Kleiderbewahrer im gestärkten Schurz vor der Gebieterin stand, das Dach seiner
Oberlippe würdevoll über die untere schob und sich mit seinen Stummelärmchen
entrüstet gebärdete, indem er mit möglichst tiefer Stimme zur Herrin emporredete über
den Anstoß und über das Ärgernis."21
Eigenes Geschick und Glück kommen ,Joseph' auf seinem Weg allerdings zu Hilfe:
"(...) er entging, nach Gottes Willen, der nur allzu naheliegenden Gefahr, zur Fron auf des
Ägypters Ländereien hinausgeschickt zu werden, wo er hätte am Tage vor Hitze
verschmachten, nachts aber vor Frost hätte beben und unter der Fuchtel eines wenig
gesitteten Vogtes in Dunkel und Dürftigkeit, unerkannt, ungefördert seine Tage hätte
beschließen mögen."22
"Sonderbar weitläufige Zusammenhänge! Pharao's Verstimmung über Amuns oder seines
Tempels anmaßende Stärke war vielleicht die letzte Ursache davon, daß Joseph nicht aufs
Feld kam, sondern bleiben durfte im Hause seines Herrn und mit dem Felde erst zu
20
ebd., 170.; vgl. hierzu beispielsweise die Entmannung ,Peteprês' als Ausdruck der Trägheit und des Vergessens
im Hinblick auf die Ma`at, Assmann, 61ff. :
"Das sind mir Narren vor dem Herrn, dachte er, diese heiligen Elterlein! Und Einblicke habe ich gewonnen
in dieses Segenshauses peinliche Hinterbewandtnisse, daß Gott erbarm'! Da sieht man, daß es vor Narrheit
nicht schützt und nicht vor den ärgsten Schnitzern, im Himmel des hochtragenden Geschmacks zu wohnen.
Dem Vater müßte ich erzählen von der Heiden Gottesdummheit. Armer Potiphar!", Joseph in Ägypten,
216.
21
ebd., 282f., s. auch 402.
22
ebd., 172.
- 327 -
vorgeschrittener Stunde, nicht als Fronender, sondern als Aufseher und Verwalter zu tun
bekam."23
"Aber er mied die Bäckerei, weil dort so kostbare Brötchen gebacken wurden, daß er mit
seinen außergewöhnlich guten Röstfladen keinen Staat hätte machen können, und ließ
sich tunlichst nicht blicken weder bei den Sandalenmachern noch bei den Papierklebern,
den Flechtern bunter Palmbastmatten, den Tischlern und Töpfern. Eine innere Stimme
lehrte ihn, daß es nicht klug sein würde, unter ihnen den Ungelernten und den linkischen
Anfänger zu spielen, mit Rücksicht aufs Spätere. Dagegen durfte er ein- und das
anderemal in der Wäscherei und bei den Kornspeichern eine Liste oder Rechnung
anfertigen, wozu seine Kenntnis der Landesschrift bald genügte."24
Die nächste Stufe in seiner weltlichen Laufbahn stellen die Gartendienste dar: Auf Betreiben
des Hofzwerges ,Gottliebchens' wird er vom Obergärtner angestellt:
"Auch habe er (sc. ,Joseph') ihm, dem Zwerge, glaubhaft zu machen gewußt, daß er einen
Zauber ererbt oder einen so genannten Segen empfangen habe, nämlich einen doppelten:
oben vom Himmel herab und aus der Tiefe, die unten liegt. Das sei doch genau das, was
ein Gärtner brauche, und Chun-Anup möge den Burschen, der müßig gehe zum Schaden
der Wirtschaft, doch einstellen unter die Seinen; die kleinere Weisheit rate es ihm, der
nachzuhandeln niemanden noch gereut habe."25
Danach tätigt ,Joseph' ,Leib- und Lesedienste': Alle sind von ihm betört, mit einer
Ausnahme:
"Nun gar die heiligen Eltern, denen die törichten kleinen Mädchen aufwarteten (denn sie
ertrugen und duldeten keine erwachsene Bedienung) - diese quengelten und mängelten
nur so herum (…)"26
"Er las sich buchstäblich in das Herz seines Zuhörers hinein, und zu näherem Verständnis
seines nur der Tatsache nach bekannten Aufstieges in des Ägypters Gunst sind diese
Lesestunden keineswegs außer acht zu lassen."27
Joseph' wächst ,wie an einer Quelle' als ,Rechte Hand' des Hausmeiers:
23
ebd., 178. Der ägyptische Frondienst wird in Kapitel X weiter ausgeführt.
24
ebd.,182.
25
ebd., 223. Auf die vorausgehenden Dienste als ,Stummer Diener' wird an anderer Stelle eingegangen.
26
ebd., 250. Vgl. dazu den Aspekt des ,Überständigen'.
27
Joseph in Ägypten, 253.; interessant ist hier die von ,Joseph' dargebotene Literatur, es handelt sich nämlich um
Ma`at-Literatur wie das ,Lied des Lebensmüden', s. dazu Fischer, 587, Joseph in Ägypten, 917.
- 328 -
"Wenn Joseph daheim auf dem Hof mit Mont-kaw zwischen den Tischen der
Handwerker hindurchging, ihre Arbeit musterte und aufmerksam sowohl den Rapporten
lauschte, die der Hausvorsteher von den Vorarbeitern und Ressortschreibern
entgegennahm, wie auch die Erläuterungen, die jener ihm dazu gab, so beglückwünschte
er sich, daß es ihm gelungen war, sein Ansehen unter den Werkenden zu schonen, und es
vermieden hatte, seine Ungelerntheit vor ihnen bloßzustellen; sie hätten es sonst schwerer
gehabt, einen allgemeinen Kopf in ihm zu erblicken, geschaffen zur Über- und Aufsicht.
Wie schwer ist es aber, aus sich zu machen, wozu man geschaffen ist, und sich auf die
Höhe zu bringen von Gottes Absichten mit uns, mögen diese sogar auch nur mittlerer Art
sein;"28
,Joseph' wandelt sich kraft seiner Tätigkeit zusehends zum Ägypter:
"Kurzum, Joseph wurde zusehends zum Ägypter nach Physiognomie und Gebärde, und
das ging rasch, leicht und unmerklich bei ihm, denn er war weltkindlich-schmiegsam von
Geist und Stoff, auch sehr jung noch und weich, als er ins Land kam (…)"29
Schließlich wird ,Joseph' in der Nachfolge ,Mont-kaws' selbst Hausmeier:
"(…) und wenn ich dich segnen soll und dir mein Amt vermachen als Meier des Hauses,
so mußt du mir angeloben auf meinem Sterbebett, daß du nicht nur das Haus bewahren
sollst und die Geschäfte für unsern Herrn nach deinem besten Witz und
Geschäftsverstand, sondern auch treulich halten willst unseren zarteren Bund, dadurch,
daß du Liebesdienst versiehst an Peteprês Seele und seine Würde schützest und
rechtfertigst mit all deiner Kunst (...)"30
Seine Karriere wird allerdings durch die Annährungsversuche der Herrin ,Mut-em-menet'
jäh beendet. ,Joseph' widersteht diesen anfangs und zählt hierzu sieben Gründe auf, die schon
erwähnt wurden. Doch der geschickt eingefädelten Verführung durch ,Mut-em-menet' ist er
nicht gewachsen. Sie führt ihm am Neujahrstag regelrecht hinters Licht:
"Sie nahm nicht Teil am schönen Dienst ihrer Schwestern, der Amunskebsen. Nicht
wiegte sie sich im Tanz, auf dem Haupte Hörner und Sonnenscheibe, im Engkleide
Hathors, ließ nicht zum Klange der Silberrassel die beliebte Stimme ertönen."31
28
Joseph in Ägypten, 267.
29
ebd., 297.
30
ebd., 330.
31
ebd., 582.
- 329 -
"man weiß, wie er (,Joseph'), angepaßt, wenn auch innerlich abgerückt, ein Kind und
Mitbewohner des ägyptischen Jahres, seine schrulligen Bräuche und Götzenfeste
freundlich-weltläufig, wenn auch mit Maß und einiger Ironie, mitfeierte im Vertrauen auf
das Augenzudrücken des Mannes, der das Kalb auf diesen Acker gebracht."32
Hier wird wieder das Problem des Überständigen angesprochen.
,Joseph' beschließt früher vom Fest heimzukehren. Diese Situation nutzt die Herrin aus.
"In seinen Gedanken und Absichten legte er Wert darauf, diese Kontrolle und
Nachprüfung allein, ungestört, im noch leeren Hause zu tätigen, bevor noch das ihm
unterstellte Personal, Schreiber und Diener, vom Feste heimgekehrt wäre."33
,Josephs' Karriere beginnt allerdings nicht erst in Ägypten, sondern schon in seiner Kindheit
zeigen sich seine ungewöhnlichen Begabungen, die ihn durch den Neid der Brüder in eine
Außenseiterposition drängen. Seine Entwicklung wird allerdings durch den ,Brunnenfall'
abrupt unterbrochen.
,Joseph' ist mit seinem Brüdern sehr oft nicht auf dem Feld:
"Die Arbeit nun aber, die Joseph mit den Brüdern auf Feld und Weide leistete, tat er nicht
alle Tage, - man darf sie nicht allzu ernst nehmen. Nicht jederzeit war er ein Hirte des
Viehs oder öffnete den Acker zur Wintersaat, wenn er weich war vom Regen, sondern
nur dann und wann tat er das, zwischendurch, wenn es ihm einfiel, nach seinem Belieben.
Jaakob, der Vater, gönnte ihm viel freie Zeit zu höheren Beschäftigungen, die gleich zu
kennzeichnen sein werden. In welcher Eigenschaft aber war er mit jenen, wenn er es war,
- als ihr Gehilfe oder ihr Aufseher? Das blieb den Brüdern auf anstößige Weise
zweifelhaft, denn angewiesen von ihnen als der Jüngste, und zwar barsch genug, leistete
er ihnen zwar leichte Dienste, hielt sich aber in ihrer Mitte nicht recht als ihresgleichen,
nicht als Zugehöriger und Einverstandener ihrer Sohnesgemeinschaft gegen den Alten,
sondern als dessen Vertreter und Sendling, der sie bespähte, so daß sie ihn ungern bei
sich sahen, sich aber auch wieder ärgerten, wenn er nach Belieben zu Hause blieb."34
32
ebd., 584.
33
ebd., 585.
34
Thomas Mann, Joseph und seine Brüder. Der junge Joseph, Gesammelte Werke in Einzelbänden, 12.; Hier wird
auch die Totemgemeinschaft angesprochen, der ,Joseph' von Anfang an nicht angehört.
- 330 -
Die Brüder sind von Anfang an eifersüchtig auf ,Josephs' Sonderstellung:
"Seht, da kommt er geschlendert, der Laffe mit Tintenfingern, und hat Steine gelesen von
vor der Flut! Will er so gut sein, die Geißen zu melken, oder will er nur lauern, ob wir
vielleicht Stücke Fleisches herausschneiden den Tieren für unseren Kochtopf? Ach, käme
es nur auf unsere Lust an, ihn zu verprügeln, er sollte nicht leer ausgehen, wie es nun
leider geschehen muß von wegen der Furcht Jaakobs!"35
,Josephs' Hybris wiederum kommt in seinen Träumen zum Ausdruck. In seinem
,Himmelstraum' besteht wie schon angesprochen eine Verbindung zum Calvinismus Max
Webers durch gleiche Wortwahl:
"Du kannst dir denken bei aller Einfalt“, erwiderte Joseph (sc. dem ,Benjamin'), „daß ich
ein wenig verwirrt war ob all der Willkür und Gnadenwahl und nicht viel Zeit hatte für
Rückgedanken."36
,Josephs' Ährentraum wiederholt sich später in verwandelter Form bei ,Echnaton'.37
Beide Aspekte wurden bereits im VIII. Kapitel ausgeführt.
Doch der Doppelsegen ,Josephs' ist schon in der Jugend unverkennbar:
"Das Geheimnis aber und die stille Hoffnung Gottes liegt vielleicht in ihrer Vereinigung,
nämlich in dem echten Eingehen des Geistes in die Welt der Seele, in der wechselseitigen
Durchdringung der beiden Prinzipien und der Heiligung des einen durch das andere zur
Gegenwart eines Menschentums, das gesegnet wäre mit Segen oben vom Himmel herab
und mit Segen von der Tiefe, die unten liegt."38
,Joseph' wird von dem Lehrer ,Eliezer' unterrichtet:
"Über Eliezers Person und Herkunft waren verschiedene irrtümliche Nachrichten in
Umlauf, denen weiter unten entgegengetreten werden soll. Er war Jaakobs Hausvogt und
Ältester Knecht, lese- und schreibkundig und Josephs Lehrer, das sei hier genug."39
35
ebd., 23.
36
Der junge Joseph, 459ff.
37
Joseph, der Ernährer, 122ff.
38
Die Geschichten Jaakobs, 48f.; so heißt es später beispielsweise auch in: Joseph, der Ernährer, 237.
39
ebd., 14.
- 331 -
Von diesem erhält er eine umfassende Ausbildung, die auch kaufmännische Berechnungen
umfasst. Dieser Unterricht bereitet ihn unabsichtlich auf seine zukünftige Karriere in Ägypten
vor:
"So wurde Hohlraum und damit Gewicht; und Joseph lernte die Werte und
Zahlungsschweren in Gold, Silber und Kupfer nach der gewöhnlichen und der
königlichen, der babylonischen und der phönizischen Norm. Er übte sich in
kaufmännischen Berechnungen, verwandelte Kupfer- in Silberwerte, tauschte einen
Ochsen gegen die Mengen von Öl, Wein und Weizen ein, die seinem Metallwert
entsprachen, und war so quicken Geistes dabei, daß Jaakob, wenn er zuhörte, mit der
Zunge schnalzte und sprach: „Wie ein Engel! Ganz wie ein Engel des Araboth!“"40
,Elizier' unterrichtet ihn auch im Schreiben von ,Menschen- und Gottesschrift':
"Abwechselnd schrieb er die Landes- und Menschenschrift, die zur Befestigung seiner
täglichen Redeweise und Mundart taugte und in der sich Handelsbriefe und aufstellungen nach phönizischem Muster am säuberlichsten zu Blatt bringen ließen, - und
auch wieder die Gottesschrift, die amtlich-heilige von Babel, die Schrift des Gesetzes, der
Lehre und der Mären, für die es den Ton gab und den Griffel. Eliezer besaß zahlreiche
und schöne Muster davon, Schriftstücke, die die Sterne betrafen, Hymnen an Mond und
Sonne, Zeittafeln, Wetterchroniken, Steuerlisten sowie Bruchstücke großer Versfabeln
der Urzeit, die erlogen waren, doch mit so kecker Feierlichkeit in Worte gebracht, daß sie
dem Geiste wirklich wurden."41
Der Vater prägt von Anfang an seinen Vorbehalt gegen Ägypten:
"Und wie verhielt Jaakob, der Vater, sich zu alldem? Er war kein Gelehrter. Er sprach
natürlich neben seiner südkanaanäischen Mundart das Babylonische, dieses sogar besser
als jenes, aber das Ägyptische nicht, schon deshalb nicht, weil er, wie wir ihm anmerkten,
alles Ägyptische mißbilligte und verabscheute. Was er von diesem Lande wußte, ließ es
ihm als die Heimat der Fronfuchtel und der Unmoralität auf einmal erscheinen. Die
staatliche Dienstbarkeit, die dort offenbar das Leben bestimmte, beleidigte seinen
ererbten Sinn für Unabhängigkeit und Selbstverantwortung, und der Tier- und Totenkult,
der drunten in Blüte stand, war ihm ein Greuel und eine Narrheit, - dieser in noch
höherem Grade als jener, denn aller Dienst am Unterirdischen, das aber schon sehr früh,
schon beim Irdischen begann, schon beim Samenkorn, das in der Erde fruchtbar
verweste, war ihm gleichbedeutend mit Unzucht. Er nannte das schlammige Land dort
unten nicht ,Keme' oder ,Mizraim', er nannte es ,Scheol', die Hölle, das Totenreich; und
seine geistlich-sittliche Abneigung erstreckte sich auch auf das übertriebene Ansehen, in
40
ebd., 20.
41
ebd., 22.
- 332 -
dem, wie man hörte, alles Schreibertum dortzulande stand. Seine eigene Übung auf
diesem Gebiet ging kaum etwas weiter als bis zur Zeichnung seines Namens, wenn er ihn
unter rechtliche Verträge zu setzen hatte, wobei er ihn aber meistens auch nur
stempelte."42
"Es ist ein Land weit unten, das Land Hagars, der Magd, Chams Land oder das schwarze
geheißen, das äffische Ägypterland. Denn seine Leute sind schwarz an der Seele, wenn
auch rötlich von Angesicht, und kommen alt aus Mutterleib, so daß ihre Säuglinge
kleinen Greisen gleichen und schon nach einer Stunde anfangen, vom Tode zu lallen
(...)43
,Jaakob' verhält sich den Sitten gegenüber ähnlich wie später ,Joseph':
"Groß war die Zufriedenheit aller, Städter wie Zeltbewohner, und wenn auch Jaakob das
Rauschen und Klimpern nicht liebte, da es betäubte und die Gottesbesinnung nahm, so
machte er doch behagliche Miene um der Leute willen und schlug aus Höflichkeit
manchmal den Takt mit den Händen."44
Auch ,Josephs' Charisma ist bei ,Jaakob' vorgezeichnet.
"Aber man muß die Übertragungs- und Einflüsterungskräfte bedenken, die von Jaakobs
bedeutender Person und seinen geistlichen Vorstellungen ausgingen auf seine ganze
Umgebung und besonders auf die, die ihn liebten."45
Das Leit- und Zentralmotiv des Romanzyklus folgt also wie schon gesagt der Grundstruktur
des Mythos, der Weg führt vom Leben durch Tod und Unterwelt zu neuem Leben.
Hier ist, wie im Vorwort bereits erwähnt, nochmals eine Untergliederung möglich, die eine
rückläufige Entwicklung beinhaltet: Von der Kindheit bis zum Brunnenfall; die Zeit in
Ägypten bis zum Verließ; von der Entlassung bis zum Wiedersehen mit den Brüdern. Es ergibt
sich also genaugenommen die Abfolge: ,Leben - Tod - Leben - Tod - Leben.' Der mittlere
Lebensbegriff stellt hierbei die Arbeitsgrundlage dieser Untersuchung dar. Er umfasst den
Begriff der ,protestantischen Ethik' wie der ,Ma`at' wie den kategorischen Imperativ Kants.46
42
ebd., 27f.
43
Die Geschichten Jaakobs, Frankfurt a.M. 1974, 97.
44
Jaakobs Geschichten, 168.
45
ebd., 370.
46
Man kann dies auch als ,Leben in der Wandlung' deuten.
- 333 -
Auf ,Josephs' weltliche Karriere in Ägypten folgt seine geistliche, die ihn in seine Kindheit
zurückführt: So wird er nach dem vermeintlichen Ehebruch wie gesagt erneut in ein Verließ
geworfen. Doch ,Joseph' weiß sich auch diesen Rückschlag zunutze zu machen. Er macht im
Gefängnis eine Art Alternativkarriere:
"So war es ein von Ruhe und Nicht-Erschrecken durchdrungenes Lazarett, in dem Joseph
dem Amtmann manchmal zur Seite und auch zur Hand ging; denn von der Aufsicht im
Bruch rief dieser ihn bald zurück in den inneren Dienst, und die Redeweise, er habe alle
Gefangenen des Gefängnisses unter Josephs Hand gegeben, sodaß alles, was da geschah,
durch diesen habe geschehen müssen, ist so zu verstehen, daß Potiphars ehemaliger
Hausmeier schon bald, etwa ein halbes Jahr nach seiner Einlieferung, wie von selbst und
ohne daß eine besondere Ernennung erfolgt wäre, zum Herrn des Überblicks in der
Kanzlei und zum Nährvater der ganzen Festung aufwuchs, (...)"47
,Joseph' erhöht in späteren Jahren sogar den Aufseher des Gefängnisses, was er diesem
folgendermaßen ankündigt:
"Ich werde dich als Aufseher über eine Schar von Züchtlingen im Bruche beschäftigen
oder auch im inneren Dienst und in der Schreiberei; denn gewiß kannst du geschwinder
als andere ausrechnen, wieviel Malter Spelt in einem Speicher von der und der Größe
Platz haben, oder wieviel Getreide verbraut ist zu der und der Menge Biers und wieviel
verbacken zu so und so viel Broten, daß man den Tauschwert von beiden ermittelt, und
solche Sachen."48
,Joseph' hilft im Gefängnis auch als Traumdeuter aus. Dem mit ihm einsitzenden Bäcker
sagt er wahrheitsgemäß die Hinrichtung voraus, dem Mundschenk die Beförderung.49 Daher
wird er als Traumdeuter zum Pharao gerufen. Jetzt beginnt sein Aufstieg an die Spitze der
ägyptischen Bürokratie.
Der Pharao begrüßt ihn mit folgenden Worten:
"Siehe jedoch, was tut der Vater seinem geliebten Sohn? Er sendet ihm einen Boten und
Traumdeuter, der ihm seine Träume deutet, Träume von unten und Träume von oben,
47
Joseph, der Ernährer, 55f.; die Atmosphäre erinnert hier an ein ,Sanatorium' wie im "Zauberberg".
48
Joseph, der Ernährer, 50.
49
Joseph, der Ernährer, 85.
- 334 -
reichswichtige Träume und himmelswichtige, daß er in ihm erwecke, was er weiß, und
ihm deute, was ihm gesagt wurde."50
Im Zusammenhang mit der Traumdeutung finden sich folgende Aspekte der Ma`at wieder:
"Die Tat kehrt dann, und nur dann, zum Täter zurück, wenn das Prinzip Ma`at wirksam
ist, also unter den Menschen die solidarische Reziprozität des Aufeinander-Hörens und
Füreinander-Handelns herrscht. Die Rückwirkung der Tat auf den Täter, im Guten wie
im Bösen, ist nach ägyptischer Vorstellung abhängig von der in einer Gesellschaft
herrschenden Gerechtigkeit; man könnte auch sagen: von der ,kommunikativen
Verfaßtheit' der sozialen Welt. Sie ist also eine Sache der Kultur und nicht der Natur, und
der Mensch ist fortwährend aufgerufen, sie aktiv ins Werk zu setzen."51
Diese Reziprozität trifft auf die Traumdeutung beim Bäcker wie beim Mundschenk zu. Dem
Bäcker gibt ,Joseph' zusätzlich den Rat, sich nicht zu grämen, denn durch die Hinrichtung
werde auch er ,erhöht'.52
"Im Sonnenlauf geht es ebenfalls um einen Tun-Ergehen-Zusammenhang. Denn hier geht
es sowohl um Handlung oder vielmehr einen komplexen Zusammenhang vieler
verschiedener Handlungen, eine ,konzertierte Aktion' mit dem Zweck der In-GangHaltung der Welt, als auch um einen intransitiven Lebensprozeß. Ma`at verkörpert das
Gelingen des transitiven (,Tun') wie des intransitiven (,Ergehen') Aspekts dieses
Zusammenhangs."53
Durch die Traumdeutung bei ,Echnaton' stellt ,Joseph' die Ma`at als göttliche innere und
äußere Ordnung ebenfalls wieder her: Er beseitigt durch sie die nervöse Unruhe des Pharao und
bringt dem Reich Frieden durch Vorsorge, denn ,Echnaton' veranlasst auf die Traumdeutung
hin die Einrichtung von Kornspeichern.
In diesem Zusammenhang ist auch das ,Ma`at-Opfer' von Bedeutung: Dabei handelt es sich
um die Verwirklichung der Ma`at als Sprechakt. Assmanns Vermutung ist hier, dass es sich um
ein ,Sprachopfer' handelt. In der angeführten Quelle steigt die Stimme des Sonnenpriesters, der
einen Hymnus an den Sonnengott rezitiert, auf. Er glaubt, damit den Sonnenlauf in Gang halten
50
Joseph, der Ernährer, 196.; vgl. dazu auch die Funktion der Traumdeuter im Gefolge des Pharao, Assmann,
Ma`at, 265.
51
Assmann, 178.
52
Joseph, der Ernährer, Frankfurt a.M. 1974, 1348ff.
53
Assmann, 179.
- 335 -
zu können. "Der Sonnenkult ist als ,das Aufsteigenlassen der Ma`at' die Form, in der der
Mensch die sinnhafte Ordnung der Welt sprachlich nach- und mitvollzieht."54 Das würde auf
die Traumdeutung und Lobpreisung ,Josephs' für ,Echnaton' zutreffen.
"Die Ma`at ,geht hervor' aus dem Sonnengott und wird ihm in der Form eines belebenden
Sprachopfers zurückgegeben. Sie wird aber auch auf Erden verwirklicht, indem zwischen
dem Armen und dem Reichen Recht gesprochen wird."55
Beides ist bei der Deutung des Ährentraum und der Realisierung der Kornspeicher der
Fall.56
"Wenn der Ägypter von dem Bewußtsein durchdrungen war, daß das Gelingen des
kosmischen Prozesses fortwährend auf dem Spiele steht, war es weniger die primitive
Furcht, die Sonne könnte eines Tages nicht mehr aufgehen oder in der Mitte des Himmels
stehen bleiben, als vielmehr die Furcht, daß der kommunikative Sinnzusammenhang des
Ganzen zusammenbrechen würde, wenn er in der rituellen Versprachlichung der Welt
nachlassen würde. (…) Das Aufsteigenlassen der Ma`at, d.h. die Versprachlichung der
kosmischen Vorgänge, erfüllt den Kosmos mit einem Sinn, in dem der Mensch sich
wiederzuerkennen vermag. Die Ma`at, die der Mensch zum Sonnengott aufsteigen läßt,
damit der kosmische Prozeß gelingt, ist dieselbe Ma`at, die auch sein eigenes Leben
gelingen läßt, wenn er es versteht, sich ihr anzupassen."57
Auch dies Gelingen ist bei ,Joseph' der Fall: Die Vergoldung als höchste Auszeichnung setzt
ihn als Verwalter des Pharao (Wesir) ein.58
aa) Max Webers Ausführungen zum altägyptischen Beamtentum
54
ebd., 190ff. In der modernen Kommunikation würde man dies als Miteinander-im-Gespräch-bleiben definieren.
55
ebd, 201ff.; Auf den Unterschied ,Kosmorphose' vs. ,Echnatons' Revolution wird in Kapitel X eingegangen. Der
vertikale Aspekt der Ma `at wird somit verwirklicht.
56
Genaugenommen hilft ,Joseph' ,Echnaton' seine Träume selbst zu deuten. Im Roman ist das entsprechende
Kapitel daher mit "Pharao weissagt" überschrieben, s. Joseph, der Ernährer, 1430ff.; vgl. dazu die Bedeutung
,Josephs' als Hermesfigur, Fischer, 716.
57
Assmann, 195ff.
58
Joseph in Ägypten, 214ff.
- 336 -
,Josephs' Laufbahn als ägyptischer Beamter lässt sich mit folgenden Ausführungen Max
Webers vergleichen:
"Der klassische Weise ist der gebildete Beamte, der die Weisheitsschriften in seiner
Jugend gelernt, in einem langen erfolgreichen Berufsleben in Handlung und Erfahrung
umgesetzt hat und der in seinem Alter die Lehre bereichert und geläutert seinen Kindern
(Schülern) weitergibt."59
"Der Beamte ist, entsprechend der hierarchischen Ordnung der Behörden, auf eine
,Laufbahn' von den unteren minder wichtigen und minder bezahlten Stellen zu den
oberen eingestellt."60
"Die persönliche Stellung des Beamten gestaltet sich bei all dem folgendermaßen: Auch
der moderne, sei es öffentliche, sei es private, Beamte erstrebt immer und genießt meist
den Beherrschten gegenüber eine spezifisch gehobene, ,ständische' soziale Schätzung.
Seine soziale Stellung ist durch Rangordnungsvorschriften und, bei politischen Beamten,
durch besondere strafrechtliche Bestimmungen für ,Beamtenbeleidigungen',
,Verächtlichmachung' staatlicher und kirchlicher Behörden usw. garantiert. Die
tatsächliche soziale Stellung der Beamten ist am höchsten normalerweise da, wo in alten
Kulturländern ein starker Bedarf nach fachgeschulter Verwaltung besteht, zugleich starke
und nicht labile soziale Differenzierung herrscht und der Beamte nach der sozialen
Machtverteilung oder infolge der Kostspieligkeit der vorgeschriebenen Fachbildung und
der ihn bindenden Standeskonventionen vorwiegend der sozial und ökonomisch
privilegierten Schichten entstammt. Der an anderer Stelle zu erörternde Einfluß der
Bildungspatente, an deren Besitz die Qualifikation zum Amt gebunden zu sein pflegt,
steigert naturgemäß das ,ständische' Moment in der sozialen Stellung der Beamten. Es
findet im übrigen vereinzelt – so im deutschen Heere – eine eindrucksvolle ausdrückliche
Anerkennung in der Vorschrift, daß die Aufnahme unter die Aspiranten der
Beamtenlaufbahn von der Zustimmung (,Wahl') der Mitglieder des Beamtenkörpers
(Offizierskorps) abhängt. Aehnliche, eine zunftartige Abschließung der Beamtenschaft
fördernde, Erscheinungen finden sich typisch auf dem Boden des patrimonialen, speziell
präbendalen Beamtentums der Vergangenheit. Bestrebungen, sie in umgestalteter Form
wiederentstehen zu lassen, sind in der modernen Beamtenherrschaft keineswegs ganz
selten und spielten z.B. auch in Forderungen der stark proletarisierten Fachbeamten
(,tretyi element') während der russischen Revolution eine Rolle. Die soziale Schätzung
der Beamten als solcher pflegt besonders gering da zu sein, wo - wie oft in
Neusiedelungsgebieten – vermöge des großen Erwerbsspielraums und der starken
Labilität der sozialen Schichtung sowohl der Bedarf an fachgeschulter Verwaltung wie
die Herrschaft ständischer Konvention besonders schwach sind. So namentlich in den
Vereinigten Staaten."61
59
ebd., 650ff.
60
Grundriß der Sozialökonomik, 655.
61
Grundriß der Sozialökonomik, 3. Teil, Typen der Herrschaft, 2. Halbband, 652.
- 337 -
"Der Grundherr als solcher soll die Instanz sein, durch deren Vermittlung der Herrscher
mit den Hintersassen überhaupt in Beziehung tritt, an ihn soll man sich wegen krimineller
und steuerlicher Haftung dieser letzteren halten, ihm soll die Stellung der Rekruten, die
Leistung und Subrepartion des Steuersolds für sie überlassen bleiben. Daneben wird
natürlich, da der Grundherr die Prästationsfähigkeit der Hintersassen an Fronen und
Abgaben für sich selbst auszunutzen wünscht, deren Leistung an den Patrimonialfürsten
möglichst herabgesetzt oder doch fixiert werden. Immunitätsprivilegien, welche
verschieden große Bruchteile solcher Ansprüche erfüllen, finden sich schon im 3.
Jahrtausend in Aegypten (zugunsten von Tempeln und Beamten) und dann im
babylonischen Reich (hier auch zugunsten privater Grundherren)."62
Rangordnung und soziale Schätzung erreicht ,Joseph' durch Initiationsriten. Beispiele dafür
sind der Brunnenfall, der Aufenthalt im Verließ. Diese Riten sind durch ,Tod' und
,Wiedergeburt' gekennzeichnet. So ist sein zweiter Aufenthalt im Verließ nach dem
vermeintlichen Ehebruch nur die Vorstufe zu einer viel höheren Laufbahn.63
Der weitere Verlauf der Handlung, insbesondere das Eintreffen der Brüder und die
anschließende ,Verbrüderung' auf einer höheren Ebene wurden in Kapitel VII bereits
analysiert.
b) ,Joseph' und die drei Formen der Herrschaft
ba) Verhältnis zur traditionalen Herrschaft
Zuerst soll das Verhältnis ,Josephs' zur traditionalen Herrschaft behandelt werden. Hier ist
zu berücksichtigen, dass ,Joseph' im Feudalismus Ägyptens emporsteigt. Bei Max Weber stellt
der Feudalismus eine Sonderform der traditionalen Herrschaft dar. Hierzu sind folgende
Äußerungen Max Webers von Interesse:
"Der Feudalismus stellt den Grenzfall in der Richtung des ,ständischen' im Gegensatz
zum ,patriarchalen' Patrimonialismus dar."64
62
Grundriß der Sozialökonomie, 714.
63
Joseph in Ägypten, 153.; vgl. dazu auch die Tabelle mit der Gegenüberstellung von Kapitel 5 und 7 bei Fischer,
654.
64
Grundriß der Sozialökonomik, Kap. VIII, 735.
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"Die hier zunächst interessierende Erscheinung ist vornehmlich: daß infolge
zunehmender Stetigkeit und Kompliziertheit der Verwaltungsarbeit, vor allem aber
infolge der Entwicklung des den patrimonialen und feudalen Gebilden charakteristischen
Verleihungs- und Privilegienwesens, und endlich als Folge steigender Rationalisierung
der Finanzen, die Schreib- und Rechenbeamten eine steigende Rolle zu spielen beginnen.
Ein Herrenhaushalt, dem sie fehlen, ist zur Unstetheit und Ohnmacht verurteilt. Je
entwickelter das Schreib- und Rechenwesen, desto stärker, auch im reinen Feudalstaat
(z.B. im normannischen England und im Osmanenreich in der Zeit seiner stärksten
Machtentfaltung) die Zentralgewalt. Im antiken Aegypten beherrschten die Schreiber die
Verwaltung."65
"Abweichend von diesen den modernen Kapitalismus teils direkt fördernden, teils
ablenkenden Wirkung des Patrimonialismus ist die Wirkung der feudalen Ordnung auf
die Wirtschaft. Während der Patrimonialismus das ganze Gebiet der freien Gnade des
Herren als Beuteland für Vermögensbildung zur Verfügung stellt, der Bereicherung des
Herrschers selbst, seinen Hofbeamten, Günstlinge, Statthalter, Mandarinen,
Steuereinheber, Vermittler und Verkäufer von Gnadenerweisen aller Art, der großen
Händler und Geldbesitzer als Steuerpächter, Lieferanten, Kreditgeber, freie Hand
gewährt überall da, wo nicht Traditionsgebundenheit oder Stereotypierung feste Grenzen
ziehen, und während dabei Gnade und Ungnade des Herrn, Privilegien und
Konfiskationen fortwährend Vermögensbildungen provozieren und wieder vernichten, wirkt die feudale Herrschaftsstruktur mit ihren fest umschriebenen Rechten und Pflichten
im allgemeinen stabilisierend nicht nur auf das wirtschaftliche System als Ganzes,
sondern auch auf die individuelle Vermögensverteilung. Zunächst schon durch den
Grundcharakter der Rechtsordnung. Der feudale Verband und auch die ihm
nahestehenden ständisch stereotypierten Patrimonialgebilde bilden eine Synthese von
lauter konkreten Rechten und Pflichten individuellen Inhalts. Sie konstituieren, wie
ausgeführt wurde, einen ,Rechtsstaat' auf der Basis nicht ,objektiver' Rechtsordnungen,
sondern ,subjektiven' Rechts. An Stelle eines Systems abstrakter Regeln, bei deren
Innehaltung jedem die Freiheit des Schaltens mit seinen ökonomischen Mitteln eröffnet
ist, steht hier ein Bündel wohl erworbener Rechte Einzelner, welches die Freiheit des
Erwerbs auf Schritt und Tritt hemmt und seinerseits nun wieder auf dem Wege der
Verleihung konkreter Privilegien, - wie sie den ältesten Manufakturschöpfungen
durchweg zugrunde liegen, - dem kapitalistischen Erwerb Raum gibt. Dieser erhält zwar
dadurch eine Unterlage, die weit stetiger als die stets arbiträr wandelbare persönliche
Gnade des patriarchalen Patrimonialismus, immerhin aber, da ältere erworbene Recht
unberührt bleiben, stets die Gefahr der Anfechtung der erteilten Privilegien in sich
schließt. Noch mehr aber hemmen die spezifisch ökonomischen Grundlagen und
Konsequenzen des Feudalismus die kapitalistische Entwicklung. (...) Diese Bindungen
und die feudale Struktur überhaupt sind nun zwar keineswegs notwendig – wie wohl
gesagt worden ist – der Geldwirtschaft feindlich."66
65
ebd., 738.; s. auch Joseph in Ägypten, 22, 52, im Vergleich dazu die Kaufmannsethik der Karawane 26ff., 56.
66
ebd., 745.
- 339 -
"Die grundherrlichen Gewerbebetriebe ferner ruhen auf Zwangsarbeit."67
"In fast allen diesen Punkten wirkt nun der patriarchale Patrimonialismus abweichend auf
die Lebensführung. Der Feudalismus in allen seinen Formen ist die Herrschaft der
Wenigen, Wehrhaften. Der patriarchale Patrimonialismus ist Massenbeherrschung durch
einen Einzelnen. Er bedarf durchweg der ,Beamten' als Organe der Herrschaft, während
der Feudalismus den Bedarf an solchen minimisiert. Er ist, soweit er sich nicht auf
fremdbürtige Patrimonialheere stützt, sehr stark auf den guten Willen der Untertanen
angewiesen, dessen der Feudalismus sehr weitgehend entbehren kann."68
,Joseph' ist also durch seine Schreib- und Rechenkundigkeit und sein geschicktes Verhalten
den Herrschenden gegenüber für eine Beamtenkarriere innerhalb der Lehenshierarchie dieser
traditionalen Herrschaftsform prädestiniert.
bb) Verhältnis zur rationalen Herrschaft
Zu seinem Verhältnis zur rationalen Herrschaft soll vorerst nur festgehalten werden, was zur
altägyptischen Bürokratie bereits gesagt wurde.69
bc) Charismatische Herrschaft als Schnittmenge zwischen rationaler und traditionaler
Herrschaft
Die Unwirtschaftlichkeit im Fall ,Josephs' wurde schon angedeutet70: ,Joseph' leistet in dem
kostbaren Gewand ,Rahels' beispielsweise oft ,Jaakob' Gesellschaft, anstatt wie die anderen
Brüder
harte
Feldarbeit
zu
verrichten.
Durch
seinen
,Brunnenfall'
und
seinen
außergewöhnlichen Lebensweg sowie die späte Heirat mit ,Asnat' nach seiner Etablierung wird
das Außenseitertums auch in späteren Jahren fortgesetzt.
67
ebd., 750f.
68
ebd., 751.; s. dazu auch die Unterschiede zwischen Patrimonialismus, Patriarchalismus und Feudalismus in der
traditionalen Herrschaftsform in der Einleitung S. 50f., Anm. 98.
69
s. S. 353ff.
70
vgl. Wirtschaftsfremdheit des Charismas , S. 51ff.
- 340 -
In Bezug auf die Art seines Prophetentums kann man festhalten, dass ,Joseph' sich zu seiner
Sonderstellung persönlich berufen fühlt, wie sein Verhalten den Brüdern gegenüber und seine
Träume erkennen lassen.71
"Die frühere Analyse der Alltagsgewalten der bürokratischen, patriarchalen und feudalen
Herrschaft hatte nur erörtert: in welcher Weise diese Gewalten funktionieren. Aber die
Frage: nach welchen Merkmalen der in der Hierarchie höchststehende bürokratische oder
patriarchale Gewalthaber selbst ausgelesen wird, ist damit noch nicht erledigt. Das Haupt
eines bürokratischen Mechanismus könnte ja denkbarerweise auch seinerseits ein nach
irgendwelchen generellen Normen in seine Stellung einrückender höchster Beamter sein.
Aber es ist nicht zufällig, daß er dies meist nicht, wenigstens nicht nach den gleichen
Normen, wie die ihm hierarchisch unterstehenden Beamten ist. Gerade der reine Typus
der Bürokratie: eine Hierarchie von angestellten Beamten, erfordert irgend eine Instanz,
die ihre Stellung nicht ihrerseits auch wieder auf ,Anstellung' im gleichen Sinn wie die
anderen gründet. Die Person des Hausgewalthabers ergibt sich in der Kleinfamilie von
Eltern und Kindern von selbst und ist in den Großfamilien regelmäßig durch eindeutige
Regeln der Tradition festgelegt. Nicht aber ohne weiteres die des Hauptes eines
patriarchalen Staatswesens oder einer Lehenshierarchie."72
Das Charisma des ,Joseph' bildet hier die Schnittmenge zwischen Bürokratie und
Tradition.73 Hierzu soll ein Beispiel gegeben werden:
"Nehmen Sie als Spitze die autoritäre Gewalt des Staates oder der Gemeinde in einem
monarchischen Staatswesen, dann erinnert das lebhaft an das Ägyptertum der Antike, das
von diesem Geist des ,Pöstchens' durchtränkt war von oben bis unten. Es hat nie eine
Bureaukratie gegeben, bis heute nicht, die an die ägyptische Bureaukratie herangereicht
hätte. Das steht für jeden fest, der antike Verwaltungsgeschichte kennt, und es steht
ebenfalls felsenfest, daß wir heute unaufhaltsam einer Entwicklung entgegeneilen, die
recht genau diesem Vorbilde, nur auf anderer Grundlage, auf technisch verbesserter,
rationalisierter, also noch weit stärker mechanisierter Grundlage, folgt."74
Hier wird die Bürokratie Ägyptens als Teil der rationalen Herrschaftsform dargestellt. Die
zeitgenössische Entwicklung in dieser Herrschaftsform sieht Weber allerdings wie schon
erwähnt in Bezug auf die Effektivität (,efficiency') kritisch.
71
S. 368ff.
72
Grundriß der Sozialökonomik, 763.
73
In Bezug auf die Ma`at spielen hier die Reiche diesseits und jenseits der Achsenzeit eine Rolle, s. Assmann,
288., Inwieweit die Charismatheorie Max Webers auf Thomas Mann bezüglich seines ,Joseph' Einfluss nahm,
lässt sich an dieser Stelle nur vermuten.
74
Aus: Die wirtschaftlichen Unternehmungen der Gemeinden. Diskussionsbeitrag auf der Generalversammlung
des Vereins für Sozialpolitik am 28. September 1909, in: Schriften und Reden 1900-1912, 356-366, 362.
- 341 -
"(...) welche Art der Organisation hat heute die größte ,efficiency' – um einen englischen
Ausdruck zu gebrauchen? und dann kann ich vorläufig nicht anerkennen, bei aller tiefen
Verbeugung vor dem ethisch korrekten Mechanismus der deutschen Bureaukratie, daß sie
heute noch sich fähig zeige, auch nur so viel zu leisten für die Größe unserer Nation, wie
das moralisch vielleicht tief unter ihr stehende ausländische, seines göttlichen Nimbus
entkleidete Beamtentum, verbunden mit dem nach Ansicht vieler von uns so höchst
verwerflichen Gewinnstreben des privaten Kapitals."75
"Daß die Welt nichts weiter als solche Ordnungs-Menschen kennt – in dieser
Entwicklung sind wir ohnedies begriffen, und die zentrale Frage ist also nicht, wie wir
das noch weiter fördern und beschleunigen, sondern was wir dieser Maschinerie
entgegenzusetzen haben, um einen Rest des Menschentums freizuhalten von dieser
Parzellierung der Seele, von dieser Alleinherrschaft bureaukratischer Lebensideale. Die
Antwort auf diese Frage gehört freilich heute nicht hierher."76
"Der Mensch kann ohne Staat nicht leben. Der Grund ist: Er bedarf einer übergeordneten
Instanz, die die Ma`at realisiert und garantiert. Der einzelne kann nur in einem
beschränkten und abhängigen Rahmen agieren. In diesem Rahmen kann er die Ma`at ,tun'
und ,sagen'. Um aber die Ma`atsphäre im Großen zu verbreiten, innerhalb derer
kommunikatives, d.h. auf Vertrauen und Verständigung basierendes Handeln überhaupt
erst möglich ist, bedarf es einer übergeordneten Instanz. Diese Instanz ist das
Königtum."77
Was die ,ägyptischen Hofpöstchen' betrifft, so verwirklicht sich die Ma`at hier im Kleinen:
So sind die einzelnen ,Hofpöstchenbesitzer' im "Joseph in Ägypten" höchst ironisch gestaltet.
Ihr Aufgabengebiet ist auf einen ganz kleinen Rahmen beschränkt, doch sie versuchen diesen
gemäß der vertikalen Solidarität optimal zu gestalten. Hier sei exemplarisch ,Josephs' Dienst
als ,Stummer Diener' bei den Elterlein ,Hui und Tui' im Kapitel "Der Auftrag" angeführt:
Dieser Posten wird ihm von ,Gottliebchen' vermittelt und ,Cha'ma't', der lange Schreiber, weist
ihn in den Dienst ein, er unterstellt ihm aber a priori, alles falsch zu machen:
"Die Labung ist schon zur Hand und ist aufgeschrieben: die silberne Schüssel, das
goldene Kännchen mit Granatapfelblut, die goldenen Becherchen dazu und fünf
Muscheln des Meeres mit Trauben, Feigen, Datteln, Dumfrüchten und Mandelküchlein.
Du wirst ja wohl nicht naschen oder gar stehlen?"78
75
ebd., 366.
76
ebd., 363.
77
Assmann, 201.
78
Joseph in Ägypten, 856ff.
- 342 -
Den Dienst führt ,Joseph' jedoch formvollendet aus:
"Dabei kniete Joseph mit seinem Geschirr schräg nahe vor ihnen in der Ecke. Aber er
wußte wohl, daß er nur ein Stummer Diener war, von nicht mehr als dinglicher
Gegenwart, und blickte mit gläsernen Augen dicht an den Köpfen der Alten vorbei."79
,Joseph' fügt dem bürokratischen, traditionellen Dienst also noch das asketische Element
hinzu und übt durch die Vereinigung aller drei Herrschaftstypen die ,vertikale Solidarität' der
Ma`at aus, indem er die Rangunterschiede achtet.
"Das Mittlere Reich folgt auf die Periode des Zerfalls als eine Epoche der
Rezentralisierung und des restaurativen Rückgriffs auf die Idee der Ma`at. (…) Die
folgende Analyse des Ma`at-Konzepts nimmt daher ihren Ausgang von den Texten dieses
Diskurses. Da sie im Gegensatz zu allen anderen ägyptischen Texten den Begriff Ma`at
nicht voraussetzen, sondern explizit entfalten, d.h. Antworten auf die Frage darstellen
,Was ist Ma`at?', gebührt ihnen methodisch der Vorrang."80
"Der Außenstabilisierung' des Individuums durch seine Einbindung in das
Gesellschaftsgefüge mit dem König als Zentrum steht nun eine ,Innenstabilisierung'
durch das Herz gegenüber, das als Sitz von Wollen, Denken und Fühlen die Führung
übernimmt und den Menschen ,anleitet' zum Tun des Guten und zum Dienst in der
Beamtenlaufbahn. (...) Nicht der König, sondern das eigene Herz gilt jetzt als die
Triebfeder menschlichen Handelns."81
Auch ,Joseph' konstituiert durch sein Charisma die Ma`at neu.
"Die ägyptischen Götter besitzen in ihrer kosmischen und politischen Dimension genau
jene überwältigende Evidenz oder Sichtbarkeit, die für den Gott Israels so emphatisch
bestritten wird (…) Sie sind Gegenstände der ,Schau'. (…) Denn die Götter sind
innerweltlich."82
79
ebd., 856ff.; ,Joseph' fügt sich mit seinem Dienst in die Ordnung ein, daher entspricht die Form dieses Kapitels
auch der musikalischen Fuge, s. Fischer, 554f.
80
s. Assmann,, 57., vgl. Ma`at-Literatur als Weisheitsliteratur, 48.
81
ebd., 119.; s. auch "Zuhörenkönnen als hohe Beamtentugend", 75.
82
Assmann, 22f.
- 343 -
Die Sinnlichkeit Ägyptens und damit die Sichtbarkeit der Götter manifestiert sich an dieser
Stelle der Josephromane auch in der Kleidung und im Hofzeremoniell.83
Im Fall ,Josephs' ist auch der Aspekt des ,Nachkommenlassen der ganzen Sippe' von
Interesse,er stellt eins der Motive der Hauptfigur dar:
"Welche schöne Erhöhung war aus der Entrückung bereits erwachsen, und wie war jene
nun, mangelnder Weisheit halber, wieder zerstört und eingeebnet, so daß das Dritte,
nämlich das Nachkommenlassen, unabsehbar vertagt erschien !"84
Diesem Aspekt entspricht bei Max Weber die Umbildung des Charismas.85 Die in der
angegebenen Quelle geforderte Tischgenossenschaft wird beim zweiten Besuch der Brüder
verwirklicht,
durch
das
Nachkommenlassen
der
ganzen
Sippe
werden
alle
zu
Pfründenbesitzern.86
Was die Umbildung und Versachlichung des Charismas betrifft, so tritt diese bei ,Josephs'
Nachkommen aufgrund des Glaubens an seine Übertragbarkeit durch das Band des Blutes in
Erscheinung.87 Bezüglich der Versachlichung des Charismas ist auch der in der Einleitung
angesprochene zweite Fall von Interesse.88
Der Initiationsritus zur asketischen Erziehung ist im Nachhinein im Fall ,Josephs' im
,Brunnenfall' zu sehen, denn dadurch wird sein bisheriges Leben von Grund auf erschüttert
und völlig umgestaltet. Bei seinem Aufstieg muss er wie gesagt viele Rückschläge und
Widerstände überwinden, bis er schließlich an der Spitze von Pharaos Reich anlangt. In seinem
Fall handelt es sich allerdings eher um eine ,Selbsterziehung', die anderen als Vorbild dienen
kann.
83
Ein anderes Beispiel ist ,Dûdu' als Kleiderbewahrer in : Joseph in Ägypten, Die Zwerge, 789ff.; ,Mut-em-menet'
vor ,Peteprê', in: ebd., Die Gatten, 1022ff.
84
Joseph, der Ernährer, 26.
85
S. 54ff.
86
s. Joseph in Ägypten, 84, 160.
87
Thomas Buddenbrook' glaubt hingegen nicht an das Erbcharisma, was im Schopenhauer-Kapitel zum Ausdruck
kommt. s. Kap.III, S. 163, Anm. 126; "Buddenbrooks" S. 560.
88
Grundriß der Sozialökonomik, 776.; s. S. 51ff., Anm. 126; Anm. 127, Anm. 128, Anm. 129.
- 344 -
"Zum Gegenstand selbständiger und stabiler Berufe werden nur Leistungen, welche ein
Mindestmaß von Schulung voraussetzen und für welche kontinuierliche
Erwerbschanchen bestehen. Berufe können traditional (erblich) überkommen oder aus
zweckrationalen (insbesondere: Erwerbs-)Erwägungen gewählt oder charismatisch
eingegeben oder affektuell, insbesondere aus ständischen (,Ansehens')-Interessen
ausgeübt werden. Die individuellen Berufe waren primär durchaus charismatischen
(magischen) Charakters, der gesamte Rest der Berufsgliederung, soweit Ansätze einer
solchen überhaupt bestanden – traditional bestimmt. Die nicht spezifisch persönlichen
charismatischen Qualitäten wurden entweder Gegenstand von traditionaler Anschulung
in geschlossenen Verbänden oder erblicher Tradition. Individuelle Berufe nicht streng
charismatischen Charakters schufen zunächst – leiturgisch – die großen Haushaltungen
der Fürsten und Grundherren, dann – verkehrswirtschaftlich – die Städte. Daneben aber
stets: die im Anschluss an die magische oder rituelle oder klerikale Berufsschulung
entstehenden literarischen und als vornehm geltenden ständischen Erziehungsformen."89
"Die genuin charismatische Erziehung ist aber der radikale Gegenpol der von der
Bürokratie postulierten fachspezialistischen Lehre. Zwischen der auf charismatische
Wiedergeburt gerichteten Erziehung und dem auf bürokratisches Fachwissen gerichteten
rationalen Unterricht mitten inne liegen alle jene auf ,Kultivierung' in dem früher
besprochenen Sinn des Wortes: Umgestaltung der äußeren und inneren Lebensführung,
gerichteten Arten der Bildung, welche die ursprünglichen irrationalen Mittel der
charismatischen Erziehung nur in Resten bewahrt, und deren wichtigster Fall von jeher
die Heranbildung zum Krieger oder Priester war."90
Hier tauchen also die zwei Ausprägungen des Leistungsethikers, wie schon im Fall ,Gustavs
von Aschenbachs' herausgearbeitet, wieder auf.
Das Charisma ,Josephs' spielt in allen hier angesprochenen Aspekten die zentrale Rolle:
Nur das Charisma kann eine geistige Wandlung herbeiführen und macht damit die Opferung
im Sinne von "Totem und Tabu" hinfällig.
Durch das Charisma Josephs werden die zwei leistungsethischen Stränge seiner Karriere in
Ägypten verbunden. Damit wird die horizontale Ebene im Sinne der Ma`at verwirklicht (keine
Trägheit, keine Taubheit, keine Habgier). ,Bürokratie und Askese' bzw. Leistungsethik werden
in der Zeit ,Josephs' in Ägypten durch sein Charisma ,geerdet', können also endlich ,Wurzeln
schlagen.'
89
ebd., 80ff.
90
ebd., 776f.
- 345 -
Festgehalten werden kann drittens, dass ,Joseph' am Ende seiner Karriere alle drei Formen
der Herrschaft in sich vereinigt und sich damit auch in den Dienst der ,vertikalen Solidarität'
stellt.91
Somit kann eine echte vertikale und eine horizontale Solidarität entstehen. Dies ist der
Unterschied zu den diesbezüglich aufgeworfenen Fragen in der Einleitung.92
X. DIE STADT AUF DEM WEG ZUM MONOTHEISMUS: ANWENDUNG DER
BISHERIGEN ERKENNTNISSE AUF EINEN EXEMPLARISCHEN FALL
91
"Als das Prinzip des Schutzes setzt es die ,Schwachen' und deren Schutzbedürftigkeit, als das Prinzip der
gerechten Verteilung setzt es vorgängige Vereinnahmung des zu Verteilenden, und als das Prinzip der
Wohltätigkeit setzt es ,Arme' voraus." (Assmann, 103.) Darauf soll im folgenden Kapitel genauer eingegangen
werden.
92
s. S. 74.
- 346 -
1. Methodische Überlegungen
a) Die Stadt als Zentrum des Urchristentums
Die Konservatismusdiskussion in der Wilhelminischen Ära gestaltet sich wie in der
Einleitung ausgeführt als ,Suche nach der verlorenen Irrationalität'. Das Dilemma des
Konservatismus ist also das Paradox einer rationalistischen Suche nach Irrationalität.1 Solchem
Herstellen widerspricht sie jedoch aus Prinzip. Wo nicht Surrogate die Einheit vorübergehend
vortäuschen, ist die konservative Suche nach der verlorenen Irrationalität essentiell tragisch.
Auf der Suche nach der Seinsimmanenz des Sinns ist der Konservative zunächst der Feind alles
Utopischen. Dies gilt auch für Thomas Mann und Max Weber, was in den Kapiteln I bis VII
ausgeführt wurde. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zwingt jedoch beide Intellektuelle zu
einer Suche nach Auswegen aus der Sinnentleerung, in Bezug auf das vorliegende Thema vor
allem zu einer Neudefinition des Sinns von Arbeit im bürgerlichen Zeitalter. Beide suchen die
Lösung in der scheinbar weit zurückliegenden Vergangenheit, nämlich in Ägypten.2
Mann als Schriftsteller ist dabei die fiktionale Freiheit vorbehalten, Figuren
zusammenzubringen, die historisch nicht eindeutig zeitgleich zu datieren sind.3
1
s. Vorwort S. 10ff.
2
Hinzuweisen ist hier auf den Zeitunterschied zwischen der Abfassung von Manns Josephromanen
(Entstehungszeit 1926-43) und Webers Hinwendung zur Religionssoziologie (ab 1913 geriet Webers Arbeit
immer stärker in den Sog der Religionssoziologie). Manns Beschäftigung mit Webers Religionssoziologie kann
man demnach auch als ,Selbstschutz' gegen die sich weiter verschärfende politische Situation begreifen.
3
Echnatons Regierungszeit wird zwischen 1351 und 1334 v. Chr. datiert. Bei der Josefsgeschichte handelt es
sich zwar um eine Legende, sie lässt sich aber mithilfe der Mosesgeschichte einordnen: Die Quellenlage bei
Moses ist schwieriger als bei Echnaton, denn die biblischen Texte lassen eine eindeutige historische Datierung
nicht zu. Die außerbiblischen Quellen berichten erst in hellenistischer Zeit vor allem polemisch über ihn. Die
meisten Ägyptologen und Historiker setzen seine Lebensdaten im 13. Jhd. v. Chr. an. Für Historiker handelt es
sich bei der Mosesgeschichte nicht um einen historisch exakten Bericht, sondern um eine Legende. Dass es einen
historischen Kern dieser Legende gibt, hält Jan Assmann für wahrscheinlich, denn es gab in Ägypten Herrscher
nichtägyptischer Herkunft, z.B. die Dynastie des Hyksos - Einwanderer, die sich im Nildelta ansiedelten. Sie
herrschten als Könige Ägyptens, ehe sie vertrieben wurden und Ägypten Kolonialmacht wurde. Auch in der Bibel
gibt es ein Indiz für einen historischen Kern. Im Buch Exodus findet sich der Name Ramses. Auch der Name
- 347 -
Weber als nationalökonomischer Autor fühlt sich demgegenüber der historischen Wahrheit
verpflichtet, er schreibt daher faktisch.
Vergleichen kann man diese unterschiedlichen Darstellungsweisen mit de Saussures
Begriffen ,signifiant' vs. ,signifié'. Das signifié in den Josephromanen und in der Weberschen
Soziologie lässt sich mit ,Brot zum Leben', Gerechtigkeit, Gesellschaft umreißen."4 Das
,signifiant' jedoch ist bei Weber und Mann verschieden. Weber ist bemüht durch den
geschichtlichen Ausdruck möglichst nah an den Fakten zu bleiben, während Thomas Mann
Israel spielt eine Rolle. Die erste Erwähnung des Namens Israel findet sich in ägyptischen Quellen.; vgl. dazu Jan
Assmann, Thomas Mann und Ägypten. Mythos und Monotheismus in den Josephromanen, Kap. Monotheismus
bei Echnaton und Abraham, München 2006, 158.; Moses ist nach Freud der ,Schöpfer des jüdischen Volkes' (IX,
553) und er begründet dies folgendermaßen: Moses war selbst ein Ägypter, der einer in Ägypten lebenden
jüdischen Volksgruppe den bereits wieder verbotenen Monotheismus des Echnaton als deren nun eigene Religion
auferlegte und auch die ägyptische Sitte der Beschneidung bei ihnen einführte. Dieses Volk führte er dann (kurz
nach Echnatons Tod, die meisten Historiker gehen jedoch von etwa hundert Jahren später aus, also um 1250 v.
Chr.) aus Ägypten heraus, so dass es sich schließlich mit anderen Volksgruppen verschmolzen in Palästina
ansiedelte.; vgl. Jan Assmann, Sigmund Freuds Konstruktion des Judentums, in Psyche, Febr. 2002, 157ff.; Ders.,
Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus, München 2003. Die Jerusalemer Bibel datiert
den Auszug aus Ägypten in die Zeit Merenptahs (1224-1214) oder in die Zeit Ramses II. (1290-1224), s.
Jerusalemer Bibel, 8. Die Josephsgeschichte ist entsprechend mindestens 100 Jahre früher zu datieren, fiele
also noch unter die Regierungszeit Echnatons, denn über Moses heißt es bei Ex 18: "Da kam ein neuer König in
Ägypten zur Herrschaft, der von Joseph nichts wusste." Damit ist eventuell Ramses II. gemeint.
Sowohl die Regierungszeit Echnatons und die Lebenszeit Josephs, die beide auf das Neue Reich zu datieren sind,
werden nun von Thomas Mann fiktiv in das Mittlere Reich zurückverlegt, das durch eine Hochblüte der
Weisheitsliteratur gekennzeichnet ist. Das Mittlere Reich folgt auf die Periode des Zerfalls nach Jan Assmann als
eine Epoche der Rezentralisierung und des restaurativen Rückgriffs auf die Ideen der Ma`at: Aus dem Zerfall der
eingespielten Verständigungstraditionen des Alten Reichs entsteht Öffentlichkeit und Literatur, beispielsweise die
Lehre des Ptahhotep und die Lehre für Merikare. Die Erste Zwischenzeit gehört als Mythos in die Rückerinnerung
des Mittleren Reichs. Das Mittlere Reich legitimiert sich so im Rückgriff auf die Erfahrung der Ersten
Zwischenzeit als die Wiederherstellung von Einheit und Ordnung nach Zerfall und Chaos. Interessant ist hier vor
allem der ,mythische' Aspekt der Ersten Zwischenzeit. Es ist die Epoche, in die das Mittlere Reich einige seiner
bedeutenden Literaturwerke zurückversetzt (vergleichbar dem Kunstgriff Manns). Hier ist vor allem die Lehre des
Lebensmüden zu nennen. Assmanns Analyse des Ma`at-Konzepts nimmt daher ihren Ausgang von den Texten
dieses Diskurses. Da sie im Gegensatz zu den anderen ägyptischen Texten den Begriff Ma`at nicht voraussetzen,
sondern explizit entfalten, d.h. Antworten auf die Frage darstellen, ,Was ist Ma`at?', gebührt ihnen methodisch der
Vorrang.; s. Assmann, Ma`at, 57, 136.
4
Dies wurde im Vorwort bereits angerissen, s. S. 10ff.
- 348 -
durch die literarische Form eine fiktionale Freiheit vorbehalten bleibt. Der Begriff Ma`at spielt
dabei sowohl bei der Thomas Mannschen Fiktion als auch bei Max Webers Fakten eine Rolle.
Mann hat den Begriff Ma`at nach seiner guten Kenntnis des dritten Bandes der Weberschen
Religionssoziologie über das Judentum aller Wahrscheinlichkeit nach in seinen Josephroman
eingebaut. Dem besseren Verständnis halber sei die zentrale Stelle für dieses Kapitel, in dem
der Weg der Stadt zum Monotheismus nachvollzogen werden soll, hier zitiert:
"Gänzlich fehlen andererseits natürlich im Dekalog sowohl wie in der altisraelitischen
Ethik überhaupt die aus den Schicklichkeitskonventionen der ägyptischen Schreiber
entnommenen Regeln, welche zum Teil in das Gebiet des guten Geschmacks, zum Teil
aber auch in das einer sehr sublimierten Ethik fallen. Dahin gehören z.B. das Verbot der
ägyptischen Schreiberethik (Ptahotep): den Gegner durch Ueberlegenheit im Disputieren
zu beschämen und die auch im Totenbuch wiedergegebenen Verbote: sich überhaupt in
Worten gehen zu lassen, zu übertreiben, in Erregung zu geraten und heftig zu werden,
vorschnell zu urteilen, zu prahlen, gegen die Wahrheit taub zu bleiben (B 25. 29, A 34.
33, B 18. 23 21. 19). Derartiges taucht erst im nachexilischen Judentum auf, als die
Träger der jüdischen Lehre selbst ,Soferim' und weiterhin gelehrte Rabbinen geworden
waren.
Auf dem Gebiet der eigentlichen Wirtschaftsethik war die ägyptische Moral
ausgezeichnet durch eine sehr starke Bewertung der beruflichen Pflichttreue und
Pünktlichkeit bei der Arbeit: die ganz natürliche Konsequenz der auf leiturgisch
gegliederter und bürokratisch geleiteter Arbeit ruhenden halb staatssozialistischen
Wirtschaft. Aehnliche Züge, wenn schon weit weniger deutlich, finden sich auch in
Babylonien, wo es anscheinend zeitweise üblich war, die Prinzen praktisch die
Bauarbeiten auch manuell lernen zu lassen. Darin spricht sich die zentrale Bedeutung der
königlichen Bauten aus. In Aegypten tritt ein starker Berufsstolz von Kunsthandwerkern
(namentlich Kunststeinmetzen) schon in der Zeit des alten Reichs hervor, so wie ja auch
in Israel Jahwe die Kunsthandwerker der mosaischen Tempelparamente mit seinem Geist
ausgerüstet hat. Die große Labilität des ägyptischen Reichtums, das (namentlich im
Neuen Reich) sehr häufige Aufsteigen von Plebejern in der Bürokratie ließ hier schon
früh die Vornehmheitsvorstellungen des grundherrlichen Amtsadels zurücktreten, und so
wurde die wirtschaftliche Aktivität schon von Ptahotep als alleiniges Mittel, den
Reichtum zu erhalten, gepriesen. Aber der bürokratische Charakter des politischen
Verbandes und der strenge Traditionalismus der Religion setzten der Tragweite dieser
Auffassung enge Grenzen. Das Standesgefühl der Schreiberklasse, wie es sich in der
Ramessidenzeit in einer höhnischen Satire auf alle anderen Berufe, militärische wie
wirtschaftliche, äußerte, verachtete alle illiterate Tätigkeit als elendes Banausentum.
Während eine scharfe Scheidung persönlicher Freiheit und Unfreiheit fehlte, war die
Schranke zwischen Literaten und Illiteraten sehr schroff. Wer Vornehmer (sar) war,
darüber entschied die Erziehung allein. Und die absolute hierarchische Subordination der
Bürokratie bestimmte das Lebensideal. >Ma<, die >Loyalität<, welche zugleich
>Schicklichkeit<, >Rechtlichkeit< und >Pflichttreue< war, - ein etwas modifiziertes
Gegenbild der chinesischen Bürokratentugend, des Li, - bildete den Inbegriff aller
Vortrefflichkeit. Die Nachahmung des Vorgesetzten, die unbedingte Aneignung seiner
Ansichten, die strenge Innehaltung der Rangordnung, auch in der Lage der Gräber in der
- 349 -
Nekropole, waren Pflichten des loyalen Untertans. >Sein Leben lang sich zu bücken<
galt als des Menschen Schicksal. Die Berufskonzeption blieb demgemäß streng
traditionalistisch. Den Arbeiter außerhalb seines gewohnten Berufs zu beschäftigen war
verboten. Andererseits war der urkundlich bezeugte Streik der Arbeiter in der Nekropole
von Theben nicht sozial bedingt, sondern erstrebte nur die Lieferung der g e w o h n t e n
Gebührnisse, das >tägliche Brot< im Sinn des christlichen Vaterunser."5
Die zentralen Punkte sollen in diesem Kapitel an der Stadt als Zentrum des Urchristentums,
wie sie sich im Roman darstellt, ausgeführt werden. Bei Weber heißt es dazu:
"Es ist ganz unwahrscheinlich, daß eine organisierte Gemeindereligiosität wie die
frühchristliche es wurde, sich so wie geschehen, außerhalb eines städtischen, und das
heißt: eines im okzidentalen Sinn ,städtischen' Gemeindelebens hätte entwickeln
können."6
"Aber auch die spezifischen Qualitäten des Christentums als ethischer Erlösungsreligion
und persönlicher Frömmigkeit fanden ihren genuinen Nährboden auf dem Boden der
Stadt und haben dort immer wieder neue Triebe angesetzt, im Gegensatz gegen die
ritualistische, magische oder formalistische Umdeutung, welche durch das Uebergewicht
der feudalen Mächte begünstigt wurde."7
Das Frühchristentum wird hier eindeutig als Stadtreligion gekennzeichnet.
b) Der ,Idealtypus' der Stadt bei Max Weber
Bei der Analyse der Städte ist vor allem Webers Konstrukt des ,Idealtypus' hinzuzuziehen.
Die Heidelberger Soziologin Ute Gerhardt betont, dass der modernen Soziologie eine
objektive Erkenntnis nur möglich ist, wenn sie "perspektivisch und partikular auf ein
bestimmtes Problem gerichtet ist." Daher ist die Fragestellung des Forschers mitbestimmend
für das Verständnis des geschichtlichen Themas. "Genau diesen Gedanken macht sich Weber
zu eigen. Im Objektivitätsaufsatz entwarf er erstmals 1904 die Begriffsbildung durch
Idealtypen - das charakteristische berühmt-berüchtigte Verfahren der Weber'schen Analysen."
5
Weber, Max, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. III, Das antike Judentum, Tübingen 1976, 6.
Aufl., 268ff.
6
ebd., Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 269f.
7
ebd., 270.
- 350 -
Dabei bildet der Forscher unter der Problemstellung ein hypothetisches Gedankenbild, das den
geschichtlich- gesellschaftlichen Sachverhalt zeichnet. Zum Beispiel würde man einen
idealtypischen Begriff der mittelalterlichen Stadtwirtschaft bilden, um die Frage zu klären, ob
Augsburg im 16. Jahrhundert die Hochburg eines frühen Kapitalismus war. Über Abweichung
vom und Nähe zum Idealtyp wird dann ein Untersuchungsergebnis erzielt. Gerhard urteilt
abschließend über Webers Vorgehensweise folgendermaßen: "Es sind solche Analysen mittels
Idealtypen, worin die Faszination seines Werkes besteht."8
Weber formuliert seine Methodik folgendermaßen:
"Die Konstruktion eines streng zweckrationalen Handelns also dient in diesen Fällen der
Soziologie, seiner evidenten Verständlichkeit und seiner - an der Rationalität haftenden Eindeutigkeit wegen, als Typus (,Idealtypus'), um das reale, durch Irrationalitäten aller
Art (Affekte, Irrtümer) beeinflußte Handeln als ,Abweichung' von dem bei rein
rationalem Verhalten zu gewärtigenden Verlaufe zu verstehen."9
",Verstehen' heißt in all diesen Fällen: deutende Erfassung a) des im Einzelfall real
gemeinten (bei historischer Betrachtung) oder b) des durchschnittlich und
annäherungsweise gemeinten (bei soziologischer Massenbetrachtung) oder c) des für den
reinen Typus (Idealtypus) einer häufigen Erscheinung wissenschaftlich zu
konstruierenden (,idealtypischen') Sinnes oder Sinnzusammenhangs. Solche
idealtypischen Konstruktionen sind z.B. die von der reinen Theorie der
Volkswirtschaftslehre aufgestellten Begriffe und Gesetze'. Sie stellen dar, wie ein
bestimmt geartetes, menschliches Handeln ablaufen würde, wenn es streng
zweckrational, durch Irrtum und Affekte ungestört, und wenn es ferner ganz eindeutig
nur an einem Zweck (Wirtschaft) orientiert wäre. Das reale Handeln verläuft nur in
seltenen Fällen (Börse) und auch dann nur annäherungsweise, so wie im Idealtypus
konstruiert."10
Dafür führt er folgendes Beispiel an:
"Das sog. ,Greshamsche Gesetz' z.B. ist eine rational evidente Deutung menschlichen
Handelns bei gegebenen Bedingungen und unter der idealtypischen Voraussetzungen rein
zweckrationalen Handelns. Inwieweit tatsächlich ihm entsprechend gehandelt wird, kann
nur die (letztlich im Prinzip irgendwie ,statistisch' auszudrückende) Erfahrung über das
8
Vortrag Uta Gerhardts im Grünen Salon des Max-Weber-Hauses über Max Weber im März 2008. Darauf wurde
in der Einleitung schon eingegangen, s. S. 71, Anm. 169.
9
Grundriß der Sozialökonomik, III. Abteilung, 1. Halbband, Tübingen 1947³, 3.
10
ebd., 4.
- 351 -
tatsächliche Verschwinden der jeweils in der Geldverfassung zu niedrig bewerteten
Münzsorten aus dem Verkehr lehren: sie lehrt tatsächlich eine sehr weitgehende
Gültigkeit."11
"Die Soziologie bildet - wie schon mehrfach als selbstverständlich vorausgesetzt - Typen
- Begriffe und sucht generelle Regeln des Geschehens. Im Gegensatz zur Geschichte,
welche die kausale Analyse und Zurechnung individueller, kulturwichtiger, Handlungen,
Gebilde, Persönlichkeiten erstrebt. Die Begriffsbildung der Soziologie entnimmt ihr
Material, als Paradigmata, sehr wesentlich, wenn auch keineswegs ausschließlich, den
auch untern den Gesichtspunkten der Geschichte relevanten Realitäten des Handelns. Sie
bildet ihre Begriffe und sucht nach ihren Regeln vor allem auch unter dem
Gesichtspunkt: ob sie damit der historischen kausalen Zurechnung der kulturwichtigen
Erscheinungen einen Dienst leisten kann. Wie bei jeder generalisierenden Wissenschaft
bedingt die Eigenart ihrer Abstraktionen es, daß ihre Begriffe gegenüber der konkreten
Realität des Historischen relativ inhaltsleer sein müssen. Was sie dafür zu bieten hat, ist
gesteigerte Eindeutigkeit der Begriffe. Diese gesteigerte Eindeutigkeit ist durch ein
möglichstes Optimum von Sinnadäquanz erreicht, wie es die soziologische
Begriffsbildung erstrebt. Diese kann - und das ist bisher vorwiegend berücksichtigt - bei
rationalen (wert- und zweckrationalen) Begriffen und Regeln besonders vollständig
erreicht werden. Aber die Soziologie sucht auch irrationale (mythische, prophetische,
pneumatische, affektuelle) Erscheinungen in theoretischen und zwar sinnadäquaten
Begriffen zu erfassen. In allen Fällen, rationalen wie irrationalen, entfernt sie sich von
der Wirklichkeit und dient der Erkenntnis dieser in der Form: daß durch Angabe des
Maßes der Annäherung einer historischen Erscheinung an einen oder mehrere dieser
Begriffe diese eingeordnet werden kann. Die gleiche historische Erscheinung kann z.B.
in einem Teil ihrer Bestandteile ,feudal', im anderen ,patrimonial', in noch anderem
,bureaukratisch', in wieder anderem ,charismatisch' geartet sein. Damit mit diesen Worten
etwas Eindeutiges gemeint sei, muß die Soziologie ihrerseits ,reine' (,Ideal'-) Typen von
Gebilden jener Arten entwerfen, welche je in sich die konsequente Einheit möglichst
vollständiger Sinnadäquanz zeigen, eben deshalb aber in dieser absolut idealen reinen
Form vielleicht ebensowenig je in der Realität auftreten, wie eine physikalische Reaktion,
die unter Voraussetzung eines absolut leeren Raums errechnet ist. Nur vom reinen
(,Ideal'-)Typus her ist soziologische Kasuistik möglich. Daß die Soziologie außerdem
nach Gelegenheit auch den Durchschnitts-Typus von der Art der empirisch-statistischen
Typen verwendet: - ein Gebilde, welches der methodischen Erläuterung nicht besonders
bedarf, versteht sich von selbst. Aber wenn sie von ,typischen' Fällen spricht, meint sie
im Zweifel stets den Idealtypus, der seinerseits rational oder irrational sein kann, zumeist
(in der nationalökonomischen Theorie z.B. immer) rational ist, stets aber sinnadäquat
konstruiert wird."12
11
ebd., 5.
12
ebd., 9f.
- 352 -
"Je schärfer und eindeutiger konstruiert die Idealtypen sind: je weltfremder sie also, in
diesem Sinne sind, desto besser leisten sie ihren Dienst, terminologisch und
klassifikatorisch sowohl wie heuristisch."13
"Idealtypisch sind aber die konstruktiven Begriffe der Soziologie nicht nur äußerlich,
sondern auch innerlich. Das reale Handeln verläuft in der großen Masse seiner Fälle in
dumpfer Halbbewußtheit oder Unbewußtheit seines ,gemeinten Sinns.'"14
In diesem Kapitel soll der Begriff der Stadt als Max Weberscher Idealtypus formuliert und
als Vergleichspunkt auf die Städte des Alten Ägyptens in den Josephromanen sowie auf
Lübeck in der "Buddenbrook"-Zeit angewendet werden.
Dabei soll sowohl das gesellschaftliche wie auch das Geschäftsleben innerhalb der
jeweiligen
Stadt
untersucht
werden.
Ein
konservativ-utopischer
Exkurs
über
das
mittelalterliche Venedig, wie es dem "Tod in Venedig" als Vorlage gedient haben könnte, soll
das Kapitel abschließen.15
Zu Begriff und Kategorien der Stadt bei Weber heißt es:
"Einen grundherrlichen oder fürstlichen Oikos aber mit einer noch so großen
Ansiedelung fron– und abgabenpflichtiger Handwerker und Kleinhändler pflegt man
nicht ,Stadt' zu nennen, obwohl historisch ein sehr großer Bruchteil der wichtigsten
,Städte' aus solchen Siedelungen hervorgegangen ist, und die Produktion für einen
Fürstenhof für sehr viele von ihnen (die ,Fürstenstädte') eine höchst wichtige, oft die
vorzugsweise Erwerbsquelle der Ansiedler blieb. Das weitere Merkmal, welches
hinzutreten muß, damit wir von ,Stadt' sprechen, ist: das Bestehen eines nicht nur
gelegentlichen, sondern regelmäßigen Güteraustausches am Ort der Siedelung als eines
wesentlichen Bestandteils des Erwerbs und der Bedarfsdeckung der Siedler: eines
Marktes. Nicht jeder ,Markt' aber macht den Ort, wo er stattfindet, schon zur ,Stadt'. Die
periodischen Messen und Fernhandelsmärkte (Jahrmärkte), auf welchen sich zu festen
Zeiten zureisende Händler zusammenfinden, um ihre Waren im großen oder im einzelnen
untereinander oder an Konsumenten abzusetzen, hatten sehr oft in Orten ihre Stätte,
welche wir ,Dörfer' nennen. Wir wollen von ,Stadt' im ökonomischen Sinn erst da
sprechen, wo die ortsansässige Bevölkerung einen ökonomisch wesentlichen Teil ihres
Alltagsbedarfs auf dem örtlichen Markt befriedigt, und zwar zu einem wesentlichen Teil
durch Erzeugnisse, welche die ortsansässige und die Bevölkerung des nächsten Umlandes
für den Absatz auf dem Markt erzeugt oder sonst erworben hat. Jede Stadt im hier
13
ebd., 10.
14
ebd., 10.
15
Die Vergleichbarkeit des Max Weberschen Konzeptes mit den Städten Venedig und Lübeck ist dabei fiktiv,
denn die entsprechenden Werke Thomas Manns liegen zeitlich vor den damit vergleichbaren Max Webers.
- 353 -
gebrauchten Sinn des Wortes ist ,Marktort', d.h. hat einen Lokalmarkt als ökonomischen
Mittelpunkt der Ansiedelung, auf welchem, infolge einer bestehenden ökonomischen
Produktionsspezialisierung, auch die nicht städtische Bevölkerung ihren Bedarf an
gewerblichen Erzeugnissen oder Handelsartikeln oder an beiden deckt, und auf welchem
natürlich auch die Städter selbst die Spezialprodukte und den Konsumbedarf ihrer
Wirtschaften gegenseitig aus- und eintauschen. Es ist ursprünglich durchaus das
Normale, daß die Stadt, wo sie überhaupt als ein vom Lande unterschiedenes Gebilde
auftritt, sowohl Grundherren- oder Fürstensitz wie Marktort ist, ökonomische
Mittelpunkte beider Art – Oikos und Markt - nebeneinander besitzt, und es ist häufig, daß
neben dem regelmäßigen Lokalmarkt
Fernmärkte zureisender Händler im Ort periodisch stattfinden. Aber die Stadt (im hier
gebrauchten Sinn des Worts) ist Marktansiedelung."16
Die Hauptkennzeichen der Stadt sind also: ein Markt für die ortsansässige Bevölkerung, ein
Grundherren- oder Fürstensitz (bei Fürstenstädten) und eventuell Fernmärkte zureisender
Händler.
Diese Kriterien erfüllt das Lübeck der ,Buddenbrookzeit' als Getreidemarkt und umschlagplatz mit seinen Kontoren und als Freie Handelsstadt mit einer Handelsaristokratie als
herrschender Schicht. Verwiesen sei hier nochmals auf die Erkenntnisse aus Kapitel III,
nämlich auf die Trennung zwischen Büro/Kontor und Haushalt als Kennzeichen des
ökonomischen Rationalismus analog der Trennung zwischen ,oikos' und Markt bei Max
Weber.17
So setzt sich schon der erste Konsul Buddenbrook für den Zollverein ein, da dieser die
Märkte, womit die Fernmärkte gemeint sind, öffnet:
"„Ja, du mit deinem Rotsporn, Köppen! Und dann vielleicht mit den russischen
Produkten, davon sage ich nichts. Aber weiter wird ja nichts importiert! Und was den
Export betrifft, nun ja, so schicken wir ein bißchen Korn nach Holland und England,
gewiß! ... Ach nein, es geht leider nicht alles gut. Es sind bei Gott hier ehemals andere
Geschäfte gemacht worden … Aber im Zollverein würden uns Mecklenburg und die
Schleswig-Holstein geöffnet werden … Und es ist nicht auszurechnen, wie das
Propregeschäft sich aufnehmen würde …“"18
,Thomas' äußert sich an anderer Stelle über den Zollverein folgendermaßen:
16
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 514.
17
Kap. III, S. 151f., Anm. 78.
18
Buddenbrooks, 32f.
- 354 -
"„(…) und nun bin ich wieder bei dem ceterum censeo meines seligen Vaters angelangt:
der Zollverein, Wenzel, wir müssen in den Zollverein, das sollte gar keine Frage mehr
sein, und Sie müssen mir alle helfen, wenn ich dafür kämpfe … Als Kaufmann, glauben
Sie mir, weiß ich da besser Bescheid als unsere Diplomaten, und die Angst, an
Selbständigkeit und Freiheit einzubüßen, ist lächerlich in diesem Falle."19
Auch zu Lübeck als Umschlagplatz gibt es im Roman Hinweise.
"Er (sc. ,Thomas') fing an, ihn (sc. ,Hanno') ein wenig in den Bereich seiner zukünftigen
Tätigkeit einzuführen, er nahm ihn mit sich auf Geschäftsgänge, zum Hafen hinunter und
ließ ihn dabeistehen, wenn er am Quai mit den Löscharbeitern in einem Gemisch von
Dänisch und Plattdeutsch plauderte, in den kleinen, finsteren Speichercomptoirs mit den
Geschäftsführern konferierte oder draußen den Männern einen Befehl erteilte, die mit
hohlen und langgezogenen Rufen die Kornsäcke zu den Böden hinaufwanden … Für
Thomas Buddenbrook selbst war dieses Stück Welt am Hafen, zwischen Schiffen,
Schuppen und Speichern, wo es nach Butter, Fischen, Wasser, Teer und geöltem Eisen
roch, von klein auf der liebste und interessanteste Aufenthalt gewesen;"20
Das Blumenmädchen ,Anna', ,Thomas' Geliebte vor der Hochzeit mit ,Gerda', kann als
Vertreterin des Binnenmarktes gelten:
"Anna trug eine weiße Schürze über ihrem schwarzen, schlichten Kleide. Sie war
wunderbar hübsch. Sie war zart wie eine Gazelle und besaß einen beinahe malaiischen
Gesichtstypus: ein wenig hervorstehende Wangenknochen, schmale, schwarze Augen
voll eines weichen Schimmers und einen mattgelblichen Teint, wie er weit und breit nicht
ähnlich zu finden war. Ihre Hände, von derselben Farbe, waren schmal und für ein
Ladenmädchen von außerordentlicher Schönheit."21
Ein Bild für die gesellschaftliche Vielfalt der Freien Reichs- und Handelsstadt liefert die
Volksszene bei der Wahl des Senats:
"Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man sieht Seeleute mit
bloßem, tätowierten Halse, die Hände in den weiten, niedrigen Hosentaschen, Kornträger
mit ihren Blusen und Kniehosen aus schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich
biederen Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zuhauf geschichteten Getreidesäcken
geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des Wahlergebnisses zu harren;
Dienstmädchen mit Halstuch, Schürze und dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weiße
19
ebd., 306.
20
Buddenbrooks, 532.
21
ebd., 140.
- 355 -
Mütze auf dem Hinterkopf und den großen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und
Gemüsefrauen mit ihren Strohschuten; sogar ein paar hübsche Gärtnermädchen mit
holländischen Hauben, kurzen Röcken und langen, faltigen weißen Ärmeln, die aus dem
buntgestickten Mieder hervorquellen … Dazwischen Bürger, Ladenbesitzer aus der
Nähe, die ohne Hut herausgetreten sind und ihre Meinungen tauschen, junge,
gutgekleidete Kaufleute, Söhne, die im Kontor ihres Vaters oder eines seiner Freunde
ihre drei- oder vierjährige Lehrzeit erledigen, Schuljungen mit Ränzeln und
Bücherpaketen …"22
Demgegenüber wird ,Tony Buddenbrook' als verhüllte Dame wie eine Adlige beschrieben,
was die Assoziation zwischen Fürstensitz und Marktort wachhält.23
Der ,Idealtypus' der Stadt im soziologischen Sinn wird bei Weber weiterhin so beschrieben:
"Die Existenz des Markts beruht sehr oft auf einer Konzession und Schutzzusage des
Grundherrn oder Fürsten, welcher einerseits an dem regelmäßigen Angebot fremder
Handelsartikel und Gewerbeprodukte des Fernmarkts und an den Zöllen, Geleits- und
anderen Schutzgeldern, Marktgebühren, Prozeßgefällen, die er einbringt, ein Interesse
hat, außerdem aber an der lokalen Ansiedelung von steuerfähigen Gewerbetreibenden
und Händlern und, sobald an dem Markt eine Marktansiedelung entsteht, auch an den
dadurch erwachsenden Grundrenten zu verdienen hoffen darf, - Chancen, welche für ihn
um so größere Bedeutung haben, als es sich hier um geldwirtschaftliche, seinen
Edelmetallschatz vermehrende Einnahmen handelt. Daß einer Stadt die Anlehnung, auch
die räumliche, an einen Grundherren- oder Fürstensitz völlig fehlt, daß sie entweder an
einen geeigneten Umschlagplatz kraft Konzession nicht ortsansässiger Grundherren oder
Fürsten oder auch kraft eigener Usurpation der Interessenten als reine Marktansiedelung
entsteht, kommt vor. Entweder so, daß einem Unternehmer eine Konzession gegeben
wird, einen Markt anzulegen und Siedler zu gewinnen. Dies war im mittelalterlichen, und
zwar speziell im ost-, nord- und mitteleuropäischen Städtegründungsgebiet etwas
besonders häufiges und kam in der ganzen Welt und Geschichte vor, wenn es auch nicht
das Normale war. Dagegen konnte die Stadt auch ohne alle Anlehnung an Fürstenhöfe
oder Fürstenkonzessionen durch Zusammenschluß von fremden Eindringlingen,
Seekriegsfahrern oder kaufmännischen Siedlern oder endlich auch von einheimischen
Zwischenhandelsinteressen entstehen, und dies ist an den Mittelmeerküsten im frühen
Altertum und gelegentlich im frühen Mittelalter ziemlich häufig gewesen. Eine solche
Stadt konnte dann reiner Marktort sein. Aber immerhin war noch häufiger: das
Miteinander großer fürstlicher oder grundherrlicher Patrimonialhaushaltungen einerseits
und eines Marktes andererseits. Der grundherrliche oder fürstliche Hofhalt als der eine
Anlehnungspunkt der Stadt konnte dann seinen Bedarf entweder vornehmlich
naturalwirtschaftlich, durch Fronden oder Naturaldienste oder Naturalabgaben der von
ihm abhängigen ansässigen Handwerker oder Händler decken, oder er konnte auch
22
ebd., 351.
23
ebd., 351f.
- 356 -
seinerseits mehr oder minder vorwiegend durch Eintausch auf dem städtischen Markt, als
dessen kaufkräftigster Kunde, sich versorgen. Je mehr das letztere geschieht, desto
stärker trat die Marktbasis der Stadt in den Vordergrund, hörte die Stadt auf, ein bloßes
Anhängsel, eine bloße Marktansiedelung neben dem Oikos zu sein, wurde sie also trotz
der Anlehnung an die großen Haushalte eine Marktstadt. In aller Regel ist die
quantitative Ausdehnung ursprünglicher Fürstenstädte und ihre ökonomische
Bedeutsamkeit Hand in Hand gegangen mit einer Zunahme der Marktbedarfsdeckung des
fürstlichen und der an ihn, als Höfe der Vasallen oder Großbeamten, angegliederten
anderen städtischen Großhaushalte."24
Hier kann man ,Thomas Buddenbrook' als ,kaufkräftigsten Kunden' bezeichnen, der als
Patrizier selbstverständlich im Stadtrat sitzt und an den Zollvereindebatten teilnimmt.
"Sondern es läßt sich nur sagen: daß der städtische lokale Markt mit seinem Austausch
zwischen landwirtschaftlichen und nicht landwirtschaftlichen Produzenten und
ansässigen Händlern auf der Grundlage der Kundenbeziehung und des kapitallosen
spezialisierten Kleinbetriebs eine Art von tauschwirtschaftlichem Gegenbild darstellt,
gegen die auf planmäßig umgelegten Arbeits– und Abgabenleistungen spezialisierten
abhängigen Wirtschaften, in Verbindung mit dem auf Kumulation und Kooperation von
Arbeit im Herrenhof ruhenden, im Innern tauschlosen Oikos, und daß die Regulierung
der Tausch- und Produktionsverhältnisse in der Stadt das Gegenbild darstellt für die
Organisation der Leistungen der im Oikos vereinigten Wirtschaften."25
Lübeck erfüllt also in den hier angeführten Beschreibungen die soziologischen Kriterien der
Max Weberschen Stadt.
Thomas Manns berühmte Rede "Lübeck als geistige Lebensform" (1926) bestimmt das
Klassische bekanntlich im Sinne einer ,Gründung einer geistigen Lebensform'. Dass die
Provinzstadt zur Repräsentation eines universalen Daseinsmuster verklärt wird, ist natürlich
nach der Mannschen Terminologie Ausdruck ,erotischer Ironie'. Die Formel ,geistige
Lebensform' bezeichnet das tertium comparationis zwischen dem Klassischen und der Provinz,
also <mythische> Repräsentanz.26
Auch der ,oikos' des Wedelträgers ,Potiphar' mit Handel und Naturalwirtschaft in Wêse in
den Josephromanen erfüllt die Kriterien des ,Idealtypus' Stadt:
24
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Halbband, 514f.
25
ebd., 518.; s. dazu ausführlich Kapitel VIII.
26
Borchmeyer, Weimarer Klassik, 32ff., diese Sichtweise kommt dem Max Weberschen ,Idealtypus' sehr nahe.
- 357 -
"Der Wedelträger stand hoch auf der Liste von Pharao's Zuwendungen, und reichlich
strömten die Belohnungen und Über-Tröstungen für sein uneigentlich-tituläres Dasein.
Der gute Gott zahlte ihm alljährlich eine bedeutende Menge an Gold, Silber und Kupfer,
an Kleidern, Garn, Weihrauch, Wachs, Honig, Öl, Wein, Gemüse, Korn und Flachs, an
Vögeln der Vogelfänger, Rindern und Gänsen, ja auch an Lehnstühlen, Truhen, Spiegeln,
Wagen und ganzen hölzernen Schiffen. Dies alles wurde nur zum Teil für den Bedarf des
Hauses gebraucht, und nicht anders war es mit dem, was die eigene Wirtschaft
hervorbrachte, Handwerksgütern und Früchten des Feldes und Gartens. Zum großen Teil
wurde es verhandelt, auf Schiffen flußaufwärts und -abwärts den Märkten zugeführt und
Kaufleuten gegen andere Waren sowie geformte und ungeformte Metallwerte überlassen,
die Potiphars Schatzkammer füllten. Dies Handelsgeschäft, das mit der eigentlichen,
hervorbringenden und verzehrenden Wirtschaft verquickt war, ergab viele rechnerische
Buchungen und forderte scharfen Überblick."27
,Joseph' wird hierbei folgende Rolle zuteil:
"Den Handarbeitern, den Bäckern, Sandalenmachern, Papyrusklebern, Bierbrauern,
Mattenflechtern, Tischlern und Töpfern, den Weberinnen und Spinnerinnen waren die
Rohstoffe zuzumessen und ihre Produkte teils für den täglichen Bedarf zu verteilen, teils
in die Vorratskammern zu leiten oder nach außen zu bringen gleich den Erzeugnissen der
Nutzbäume und Gemüsepflanzungen des Gartens."28
Er ist sozusagen für die Heimarbeiter zuständig.
"Denn da man große Mengen von Sykomorenfeigen, die der Garten lieferte, in die Stadt,
namentlich aber in der westlichen Totenstadt verkaufte, wo man die Früchte für die
Opfertische der Totentempel und als Grabbeigabe und Zehrung für die Verstorbenen
massenweise benötigte, so verfiel Joseph darauf, von den Töpfern des Hauses in Ton
gearbeitete Modelle und Nachahmungen der Frucht herstellen zu lassen, die in
natürlichen Farben bemalt wurden und in den Gräbern ihren Zweck ebenso gut erfüllten
wie die natürlichen Früchte. Ja, da dieser Zweck magisch war, erfüllten sie ihn als
magische Andeutungen sogar noch besser, so daß drüben bald große Nachfrage nach den
Zauberfeigen war, die den Erzeuger wenig kosteten und sich in beliebiger Masse
herstellen ließen, also daß dieser Zweig von Potiphars Hausindustrie bald in Blüte kam,
zahlreiche Werkleute beschäftigte und zur Bereicherung des Herrn zwar im Verhältnis
zum ganzen kaum erheblich, dennoch aber in unverächtlichem Maße beitrug."29
27
Joseph in Ägypten, 264.
28
ebd., 264.
29
ebd., 267.
- 358 -
Hierbei ist anzumerken, dass die Handwerker hier die magische Ebene noch nicht verlassen
haben.
"Auch auf Handelsfahrten schickte er (sc. der Hausmeier), zu seiner eigenen Entlastung,
den jungen Eleven bald und auf die Märkte mit Waren: flußabwärts sowohl, gegen
Abôdu hin, die Ruhestätte des Zerissenen, ja, bis nach Menfe, wie auch aufwärts gegen
Süden zur Elefanteninsel, so daß Joseph Herr der Barke war oder auch mehrerer, die
Peteprê's Güter führten: Bier, Wein, Gemüse, Felle, Leinen, irden Geschirr und Öl des
Rizinusstrauches, zum Brennen wie auch das feine zur inneren Glättung, so daß binnen
kurzem die Begegnenden sprachen: „Da segelt Mont-kaws Gehilfe, vom Hause Peteprê's,
ein asiatischer Jüngling, schön von Gesicht und geschickt von Benehmen, und führt
Güter zu Markt, denn der Meier vertraut ihm, und das nicht mit Unrecht, denn er hat
einen Zauber in seinen Augen und spricht dir die Sprache der Menschen besser als ich
und du, so daß er für seine Waren einzunehmen weiß, indem er für sich einnimmt, und
Preise erzielt, erfreulich für Pharao's Freund.“"30
Die Karawane in den Josephromanen bietet wiederum ,fremde Handelsartikel und
Gewerbeprodukte des Fernmarktes' an. Beweis für die ,Stadt' ist auch hier der Markt; für die
Verschiffung wird der Nilstrom genutzt.
Folgende Städte spielen in den Josephromanen eine Rolle:
",Die Hunderttorige' nannte man sie dort in mythischer Bewunderung und fügte hinzu,
daß aus jedem dieser hundert Tore zweihundert Mann mit Rossen und Geschirr zum
Streite auszuziehen vermöchten. Man sieht wohl: diese Schwätzer dachten an eine
Ringmauer solchen Umfanges, daß sie nicht durch vier oder fünf, sondern durch hundert
Stadttore unterbrochen sein konnte, - eine kindliche Vorstellung, nur möglich, wenn man
Wêse nie mit Augen gesehen hatte und es allein aus der Sage, vom Hörenschwätzen
kannte."31
"Diese Tempelbezirke, umfriedet mit ihren Gärten, Hainen und Seen, bildeten den Kern
der Stadt, sie waren im Grunde diese selbst, und was profan an ihr war und
Menschenbehausung, füllte die Räume zwischen ihnen;"32
"Die Nähe von Amuns Stolz und Ruhm bedrückte ihn ohnedies, das Vorhandensein eines
anderen Höchsten, Pharao's nämlich, schien ihm ein wohltätig Gegengewicht, und daß
30
ebd., 268.; vgl. hierzu die kosmische Ordnung der Ma`at mit der Barkenfahrt des Sonnengottes als Symbol,
Assmann, 38.
31
Joseph in Ägypten,113f.
32
ebd., 144. Diese Beschreibung bezieht sich ebenfalls auf Wêse.
- 359 -
der Götze es diesem auf seinem eigenen Felde gleichtat und Kriegsvolk hielt, mutete ihn
ärgerlich an; ja, er glaubte zu erraten, daß es auch Pharao ärgerte, und schlug sich auf
dessen Seite gegen den Anmaßenden."33
"Die Stadt, deren Namen später die Griechen, um ihn sich bequem und heimatlich zu
machen, ,Thebai' sprachen, befand sich, als Joseph dort landete und lebte, noch
keineswegs auf der Höhe ihre Ruhmes, obgleich sie bereits so berühmt war, wie es aus
der Art des Ismaeliters, von ihr zu reden, und aus den Empfindungen hervorging, die
Joseph überkamen, als er erfuhr, daß sie sein Ziel sei."34
"(…) daß No (bzw. Wêse, Thebai) im Ägypterland über die Maßen groß und schön, der
Inbegriff baulicher Herrlichkeit und einfach ein Traum von einer Stadt sei."35
No entspricht einem Zentrum des Patrimonialbürokratischen Ägypterstaates.
Assmann spricht als Kennzeichen des Untergangs des Alten Reichs und des Strittigwerdens
der Ordnung davon, dass das Zentrum gegenüber der Peripherie, nämlich den provinziellen
Fürstenhöfen, die nun in Konkurrenz zueinander ein neues kulturelles Leben entfalten,
verblasse.36 Dies ist im Roman auch bei ,No' der Fall.
Die Stadt besitzt ein soldatisches sowie ein religiöses Charisma, ist also ,leistungsethisch'
organisiert. Es handelt sich bei Wêse um einen oikos der Tempelgeistlichkeit. Nicht umsonst
spricht die in diesem Kapitel eingangs erwähnte Quelle vom königlichen ,oikos' und denen der
Tempelgeistlichkeit als Zentren der Macht. Dabei ist zu beachten, dass ein weltlicher und ein
geistlicher Oikos ähnlich aufgebaut war, da sie beide soldatisch geführt und religiös durch
Gottheiten untermauert waren. Dies wird im nächsten Abschnitt besprochen.
Ein Beispiel für die Vermischung beider Sphären, der weltlich-soldatischen und der
religiösen stellt auch folgende ägyptische Ausbildung dar: "Eine eigentümliche Sonderform
rationaler und doch nicht juristisch formaler Rechtslehre wird im reinsten Typus durch die
Rechtslehre der Priesterschulen oder der an Priesterschulen angeschlossenen Rechtsschulen
dargestellt."37
33
ebd., 120. Hier ist ebenfalls Wêse gemeint.
34
Joseph in Ägypten,111. Die aufblühende Stadt wird bald zum Symbol für das Strittigwerden der alten Ordnung.
35
ebd., 112.; auf On wird noch gesondert eingegangen. Ferner ist von der ,Katzenstadt' die Rede, s. Fischer, 479;
zur Bedeutung der Katze in Ägypten vgl. Edda Bresciani, An den Ufern des Nils. Alltagsleben zur Zeit der
Pharaonen, Stuttgart 2002, 130.
36
Assmann, 55.: Dies trifft auch auf das fiktionale Lübeck Thomas Manns zu, s. S. 146f., Anm. 56, 57.
37
Grundriß der Sozialökonomik,458. Dies untermauert den ,leiturgischen' Aufbau des ägyptischen Staatswesens.
- 360 -
Im Vergleich zu No herrscht in Menfe die Dekadenz:
"Aber nicht wie dort, in starrendem Schweigen, bot sich in Mempi's Bild das Uralte den
Sinnen dar, sondern als wimmelndes Leben und geweckteste Gegenwart, als eine Stadt,
darinnen mehr als hunderttausend Menschen und die aus verschiedenen benannten
Quartieren sich ungeheuer zusammensetzte - mit einem Gewirr hügelauf, hügelab sich
windender Enggassen, in denen es kochte und roch von handelndem, wandelndem, sich
plackendem und schwatzenden Kleinvolk und die vertieft waren gegen die Mitte, wo
Abwasser in der Rinne lief (…) Wie seltsam, daß Menfe's Name ein keck
zusammengezogener Grabesname war! Den Joseph beschäftigte es sehr. Gewiß hatten
die Leutchen der Rinnsteingassen ihn sich so lässig zurechtgemacht und mundgerecht
hergerichtet, das rippenmagere Volk der Massenquartiere, in deren einem auch die
Herberge der Ismaeliter gelegen war: eine von allerlei Menschengeblüt, syrischem,
lybischem, nubischem, mitannischem und sogar kretischem, vollgestopfte Karawanserei,
deren kotiger Ziegelhof von Tiergeblök und dem Gequarr und Geklimper blinder
Bettelmusikanten erfüllt war. Wandelte Joseph daraus hervor, so ging es zu wie in den
Städten der Heimat auch, nur in vergröbertem Maßstabe und auf ägyptisch. Zu beiden
Seiten des Abwassers schabten Barbiere ihre Kunden, und Schuster zogen mit den
Zähnen den Riemen an. Es formten Töpfer mit geübten und erdigen Händen das rasch
umgetriebene Hohlgefäß, indem sie Chnum, dem Schöpfer, dem ziegenköpfigen Herrn
der Drehscheibe, Lieder sangen."38
"(…) sondern über sich selber machten die Leute von Menfe sich lustig um
dessentwillen, was ihre Stadt einst gewesen und was sie längst nicht mehr war. (…) und
Wêse trug nun die Doppelkrone und führte das Szepter, Menfe aber, ob auch wimmelnd
volkreich und groß nach wie vor, war eine gewesene Königin, das Grab seiner Größe,
eine Weltstadt mit schnoddrig abgekürztem Todesnamen."39
2. Gesellschaftsleben in Ägypten
a) Die Verhältnisse am ägyptischen Hof : Der Herrscher und sein Hofstaat
Zunächst sollen die Verhältnisse bei Hofe als Zentrum der ägyptischen Stadt, wie sie in den
Josephroman sich darstellen, untersucht werden.
38
Joseph in Ägypten, 89f.; von ,Memphis' ist bei Assmann als Hauptstadt des Alten Reichs die Rede, 51.
39
ebd., 91.
- 361 -
"Ist die Legitimität des Herrschers selbst nicht durch Erbcharisma nach eindeutigen
Regeln feststellbar, so bedarf er der Legitimation durch eine andere charismatische
Macht, und dies kann normalerweise nur die hierokratische sein. Dies gilt auch und
gerade für denjenigen Herrscher, der eine göttliche Inkarnation darstellt, also das höchste
,Eigencharisma' besitzt. Gerade sein Anspruch darauf bedarf ja, sofern er nicht auf
Bewährung durch eigene Taten gestützt wird, der Anerkennung durch die berufsmäßigen
Fachkenner des Göttlichen. Gerade inkarnierte Monarchen sind daher jenem
eigentümlichen Internierungsprozeß durch die nächsten materiellen und ideellen
Interessenten der Legitimität, Hofbeamte und Priester, ausgesetzt, welcher bis zur
dauernden Palasteinsperrung und selbst bis zur Tötung bei Erreichung der Volljährigkeit
gehen kann, damit der Gott nicht die Göttlichkeit zu kompromittieren oder sich von der
Bevormundung zu befreien Gelegenheit habe. Ueberhaupt aber wirkt die Schwere der
Verantwortung, welche ein charismatischer Herrscher gegenüber den Beherrschten nach
der genuinen Anschauung zu tragen hat, sehr stark praktisch in der Richtung des
Entstehens eines Bedürfnisses nach seiner Bevormundung."40
Auch im Palast des Wedelträgers gibt es solche Internierungsprozesse, wenn man an die
Geschwisterehe der Eltern ,Hui und Tui', an die Entmannung ,Potiphars' und die
Kinderlosigkeit ,Mut-em-menets' denkt.
Die Bediensteten lesen ,Pothipar’ jeden Wunsch sprichwörtlich von den Augen ab, vor
allem der Hausmeier ,Mont-kaw’, später ,Joseph’, sind für sein Wohl verantwortlich.41
Auch das Hofvolk stellt sich zur Unterstützung des Charismas des Herrschers in dessen
nächster Nähe als buntes Völkchen dar: Es besteht in nächster Nähe des Regenten nicht in
erster Linie aus Beamten, sondern z.B. aus Zwergen wie ,Gottliebchen' und ,Dûdu',
minderjährigen Mädchen, Asiaten wie ,Joseph' und dergleichen Raritäten.
",,Ein Zwerg bist du immerdar, vom Zwergengeschlechte, so achtbar du dich gebärdest,
und verweisest es mir als Ungebühr, dich höflich nach deiner Familie zu fragen, weil's
mir nicht zieme. Ei, aber dir ziemt es wohl und steht dir recht zu Figur, unter den
Ausgewachsenen den Eheherrn und Nestvater zu spielen, und beweibst dich mit einer
Vollwüchsigen und verleugnest die kleine Art (...)“" (sc. ,Gottliebchen’ zu ,Dûdu’)42
Nicht umsonst spricht ,Jaakob’ bei der Erziehung seines Sohnes in Bezug auf die
Zivilisation Ägyptens vom ,äffischen Ägypterland’. Diese Aspekte sind in Thomas Manns
Josephroman auch in den Begriff der ,Überständigkeit’ eingeflossen.
40
Grundriß der Sozialökonomik, 648.
41
Dies entspricht dem Aspekt der ,Loyalität' in der oben genannten Quelle, S. 360ff., Anm. 5.
42
Joseph in Ägypten, 130.
- 362 -
"Es ist dies das orientalische Pendant zu der Stellung des verantwortlichen Kabinettchefs
im Okzident, namentlich im parlamentarischen Staat. Die Formel: ,le roi règne, mais il ne
gouverne pas', und die Theorie, daß der König im Interesse der Würde seiner Stellung
,nicht ohne ministerielle Bekleidungsgegenstände auftreten' dürfe, oder, noch
weitergehend: daß er sich im Interesse seiner Würde des eigenen Eingreifens in die
normale, von bürokratischen Fachspezialisten geleitete Verwaltung gänzlich enthalten
sollte zugunsten der Führer der politischen Parteien, welche die Ministerposten inne
haben, entsprechen ganz der Einkapselung des vergöttlichten patrimonialen Herrschers
durch die Fachkenner der Tradition und des Zeremoniells: Priester, Hofbeamte,
Großwürdenträger. Die soziologische Natur des Charisma als solchen hat in all diesen
Fällen ebensoviel Anteil daran wie selbstverständlich Hofbeamte oder Parteiführer und
ihre Gefolgschaften. Der parlamentarische König wird trotz seiner Machtlosigkeit
konserviert, vor allem, weil er durch seine bloße Existenz und dadurch, daß die Gewalt
,in seinem Namen' ausgeübt wird: die Legitimität der bestehenden sozialen und
Besitzordnung durch sein Charisma garantiert, und alle ihre Interessenten die
Erschütterung des Glaubens an die ,Rechtmäßigkeit' dieser Ordnung als Folge seiner
Beseitigung fürchten müssen. Neben der Funktion der ,Legitimierung' der
Regierungshandlungen der jeweils siegreichen Partei als ,rechtmäßiger' Akte, was rein
formal ein nach festen Normen gewählter Präsident ebenso leisten kann, versieht aber der
parlamentarische Monarch eine Funktion, welche ein gewählter Präsident nicht erfüllen
könnte: er begrenzt das Machtstreben der Politiker formal dadurch, daß die höchste Stelle
im Staate ein für allemal besetzt ist. Diese letztere wesentlich negative Funktion, welche
an der bloßen Existenz eines nach festen Regeln berufenen Königs als solcher klebt, ist
vielleicht, rein politisch betrachtet, die praktisch wichtigste. Positiv gewendet, bedeutet
sie in dem Archetypus der Gattung: daß der König nicht kraft Rechtsregel (kingdom of
prerogative), sondern nur kraft hervorragender persönlicher Befähigung oder sozialen
Einflusses einen wirklich aktiven Anteil an der politischen Gewalt (kingdom of
influence) gewinnen kann, den er aber in solchen Fällen, wie noch Ereignisse und
Persönlichkeiten der letzten Zeit gezeigt haben, auch wirklich trotz aller
,Parlamentsherrschaft' zur Geltung bringen in der Lage ist. Das ,parlamentarische'
Königtum bedeutet in England eine Auslese in der Zulassung zur realen Macht zugunsten
des staatsmännisch qualifizierten Monarchen. Denn dem König kann ein falscher Schritt
in der äußeren oder inneren Politik oder die Erhebung von Prätensionen, welche seiner
persönlichen Begabung und seinem persönlichen Ansehen nicht entsprechen, die Krone
kosten. (...)43
Die Quelle enthält einen zeithistorischen Bezug im Hinblick auf die exponierte Stellung des
Reichspräsidenten als repräsentatives Staatsoberhaupt mit hoher Würde in der Weimarer
Republik. Auf die politischen Verhältnisse und die Meinung Max Webers dazu wurde im
ersten Kapitel eingegangen.
43
Grundriß der Sozialökonomik, 648f.
- 363 -
b) Die Patrimonialbürokratie Ägyptens
ba) Die Entwicklung der Patrimonialbürokratie
Die Stadt war in Altägypten nicht nur ökonomisches und gesellschaftliches, sondern auch
politisches und religiöses Zentrum des Herrschers. Daher spielen bei der Bestimmung des
,Idealtypus' auch die Max Weberschen Herrschaftsformen und seine ,Typen' der Herrschaft
eine Rolle. In Ägypten handelt es sich dabei wie schon erwähnt um eine Form des
Feudalismus, also des ständischen Patrimonialismus, mit bürokratischen Elementen.44
Voraussetzungen dieser von Weber wieder ,entdeckten' bzw. aus Altem neu entwickelten
Mischform sind:
"Die sozialen und ökonomischen Voraussetzungen dieser modernen Gestaltung des
Amtes (sc. des Beamten) sind: 1. Entwicklung der Geldwirtschaft, soweit die heute
durchaus vorherrschende Geldentlohnung der Beamten in Betracht kommt. Diese ist für
den gesamten Habitus der Bürokratie von sehr großer Wichtigkeit. Allerdings ist sie
allein keineswegs entscheidend für deren Existenz. Die quantitativ größten historischen
Beispiele eines einigermaßen deutlich entwickelten Bürokratismus sind: a) Aegypten in
der Zeit des neuen Reichs, jedoch mit stark patrimonialem Einschlag; (...) Die Fälle a) bis
d) ruhen in sehr starkem Maße, teilweise überwiegend, auf Naturalienentlohnung der
Beamten. Sie zeigen dennoch viele der charakteristischen Züge und Wirkungen der
Bürokratie. Das historische Muster aller späteren Bürokratien – das neue Reich in
Aegypten – ist zugleich eines der großartigsten Beispiele naturalwirtschaftlicher
Organisation."45
Ein Kennzeichen dieser Herrschaftsform ist die Naturalentlohnung.
"Mehr als die extensive und quantitative ist aber die intensive und qualitative
Erweiterung und innere Entfaltung des Aufgabenkreises der Verwaltung Anlaß der
Bürokratisierung. Die Richtung, in der sich diese Entwicklung vollzieht und ihr Anlaß
können dabei sehr verschiedenartig sein. In dem ältesten Land bürokratischer
Staatsverwaltung, Aegypten, war es die technisch-ökonomische Unvermeidlichkeit
gemeinwirtschaftlicher Regulierung der Wasserverhältnisse für das ganze Land von oben
44
Darauf wurde im vorhergehenden Kapitel bereits hingewiesen, S. 350ff. Was die Infrastruktur betrifft, gibt es
einige Gemeinsamkeiten bei Weber und in Manns Josephromanen, jedoch kehrt Mann wie schon erwähnt Webers
Ausdifferenzierungstheorie um, S. 303f.
45
Grundriß der Sozialökonomik, 655. Das neue Reich in Ägypten dient also als historisches Muster aller späteren
Bürokratien.
- 364 -
her, welche den Schreiber- und Beamtenmechanismus schuf, der dann in der
außerordentlichen, militärisch organisierten Bautätigkeit schon in früher Zeit seinen
zweiten großen Geschäftskreis fand. Meist haben, wie schon erwähnt, in der Richtung der
Bürokratisierung Bedürfnisse gewirkt, welche durch die machtpolitisch bedingte
Schaffung stehender Heere und die damit verbundene Entwicklung des Finanzwesens
entstanden."46
"Auf der anderen Seite steht als Beispiel weitgehender Klerikalisierung der Erziehung die
Beherrschung mindestens der Beamten- und Schreiberausbildung durch die Priesterschaft
in dem typisch bürokratischen ägyptischen Staatswesen."47
"Vor allem aber bietet die Bürokratisierung das Optimum an Möglichkeit für die
Durchführung des Prinzips der Arbeitszerlegung in der Verwaltung nach rein sachlichen
Gesichtspunkten, unter Verteilung der einzelnen Arbeiten auf spezialistisch abgerichtete
und in fortwährender Uebung immer weiter sich einschulende Funktionäre. ,Sachliche'
Erledigung bedeutet in diesem Fall in erster Linie Erledigung ,ohne Ansehen der Person'
nach b e r e c h e n b a r e n
R e g e l n. (…) Ihre spezifische, dem Kapitalismus willkommene, Eigenart entwickelt sie
um so vollkommener, je mehr sie sich ,entmenschlicht', je vollkommener, heißt das hier,
ihr die spezifische Eigenschaft, welche ihr als Tugend nachgerühmt wird, die
Ausschaltung von Liebe, Haß und allen rein persönlichen, überhaupt aller irrationalen,
dem Kalkül sich entziehenden, Empfindungselementen aus der Erledigung der
Amtsgeschäfte gelingt. Statt des durch persönliche Anteilnahme, Gunst, Gnade,
Dankbarkeit, bewegten Herren der älteren Ordnungen verlangt eben die moderne Kultur
für den äußeren Apparat, der sie stützt, je komplizierter und spezialisierter sie wird, desto
mehr den menschlich unbeteiligten, daher streng ,sachlichen' Fachmann."48
Dieses
von
Weber
beschriebene
Fachbeamtentum
setzt
sich
in
Ägypten
aus
Schreibkundigen zusammen.
"Die bürokratische Struktur geht Hand in Hand mit der Konzentration der sachlichen
Betriebsmittel in der Hand des Herrn. So in bekannter typischer Art in der Entwicklung
der privatkapitalistischen Großbetriebe, die darin ihr wesentliches Merkmal finden.
Entsprechend aber auch bei den öffentlichen Gemeinschaften. Das bürokratisch geleitete
Heer der Pharaonen, der Spätzeit der römischen Republik und des Prinzipats und vor
allem des modernen Militärstaats ist gegenüber den Volksheeren agraischer Stämme,
ebenso den Bürgerheeren der antiken und den Milizen der frühmittelalterlichen Städte
und gegenüber allen Lehensheeren dadurch charakterisiert, daß bei diesen die
Selbstequipierung und Selbstverpflegung der Heerfolgepflichtigen das Normale ist, beim
46
Grundriß der Sozialökonomie, Typen der Herrschaft, 659.; In der oben genannten Quelle werden das
,Standesgefühl der Schreiber' und ,die strenge Innehaltung der Rangordnung in der Lage der Gräber der
Nekropole' angesprochen, S. 360ff., Anm. 5
47
ebd., 777.; S. 360ff., Anm. 5 ist von ,leiturgisch gegliederter und bürokratisch geleiteter Arbeit' die Rede.
48
ebd., 661f.
- 365 -
bürokratischen Heere aber die Ausrüstung und Verpflegung aus den Magazinen des
Herrn erfolgt."49
"Denn nur die bürokratische Heeresform ermöglichte die Aufstellung stehender
Berufsheere, wie sie sowohl zur dauernden Befriedigung großer Flächenstaaten als zur
Kriegsführung gegen weit entfernte Feinde, namentlich über See, notwendig sind. Auch
die spezifische militärische Disziplin und technische Abrichtung ist normalerweise,
mindestens in ihrem modernen Höhengrade nur im bürokratischen Heere voll
entfaltungsfähig."50
Die Bürokratie hält auch ins Militärwesen Einzug, entstanden ist sie aufgrund der
,Unvermeidbarkeit
gemeinwirtschaftlicher
Regulierung
der
Wasserverhältnisse'.51
Zur
Bedeutung des Nils lassen sich bei Weber folgende Quellen anführen:
"So ist das Maß der Abhängigkeit von den Naturgewalten einerseits, von der eigenen
Arbeit andererseits nicht durchgreifend. Allerdings ist die Bedeutung der
Nilüberschwemmungen an der Entwicklung der Hierokratie mitbeteiligt. Aber nur
insofern, als sie die charakteristische Verbindung der parallel laufenden rationalen
Entfaltung von Staat und Priestertum mit den astronomischen Beobachtungen und der
Jenseitsspekulation ins Leben rufen helfen."52
"Von wesentlich technischen Faktoren endlich kommen die spezifisch modernen, teils
notwendigerweise, teils technisch zweckmäßigerweise, gemeinwirtschaftlich zu
verwaltenden Verkehrsmittel (öffentliche Land- und Wasserwege, Eisenbahnen,
Telegraphen usw.) als Schrittmacher der Bürokratisierung in Betracht. Sie spielen dabei
heute vielfach eine ähnliche Rolle wie im alten Orient etwa die Kanäle Mesopotamiens
und die Nilregulierung. Auf der anderen Seite ist der Grad der Entwicklung der
Verkehrsmittel eine für die Möglichkeit bürokratischer Verwaltung wenn auch nicht
allein ausschlaggebende, aber doch entscheidend wichtige Bedingung. In Aegypten hätte
ohne die natürliche Verkehrsstraße des Nil die bürokratische Zentralisierung auf einer
fast rein naturalwirtschaftlichen Basis sicherlich nie den tatsächlich erreichten Grad
erlangen können. Im modernen Persien wurden die Telegraphenbeamten als solche
offiziell mit der Berichterstattung über alle Vorkommnisse in den Provinzen über den
Kopf der Lokalbehörden hinweg an den Schah betraut und außerdem jedermann das
Recht direkter telegraphischer Beschwerde eröffnet, um die bürokratische Zentralisation
zu fördern."53
49
Grundriß der Sozialökonomik, 665.
50
ebd., 665.
51
s. S. 378, Anm. 46.
52
Grundriß der Sozialökonomik, 793.
53
Grundriß der Sozialökonomik, 660.
- 366 -
Bei Thomas Mann heißt es diesbezüglich:
"da begann er (sc. der Nil) zu schwinden und wieder in sich zurückzugehen- ,die Wasser
verliefen sich', wie Joseph, tief gemahnt, für den Teil diesen Vorgang bezeichnete, so daß
sie unterm Mond unseres Januar schon wieder im alten Bette gingen, worin sie aber
immer noch weiter schwanden und abnahmen bis in den Sommer; und zweiundsiebzig
Tage waren es, die Tage der zweiundsiebzig Verschwörer, die Tage der
Wintertrockenheit, in denen der Gott schwand und starb, bis zu dem Tage, da Pharao's
Stromwarte verkündeten, daß er wieder zu wachsen beginne und ein neues Segensjahr
seinen Anfang nahm, mäßig bis üppig, jedenfalls aber, verhüt' es Amun, ohne
Hungersnot und schlimmere Steuerausfälle für Pharao, so daß er gar am Ende nicht hätte
bauen können."54
"(…) und sie zogen in die Stadt Pharao's ein, die ungeheuer namhafte, noch auf ihrem
Schiff und bevor sie an Land gegangen: denn der Fluß wurde zur Ehrenstraße und ging
hin in einer Flucht himmlischer Bauten, umgrünt von Gartenwonne, zwischen Tempeln
und Palästen rechts und links am Ufer des Lebens sowohl wie an dem des Todes,
zwischen Papyruskolonnaden und Lotosbündelkolonnaden, zwischen Obelisken mit
Goldspitzen, Kolossalstatuen, Tortürmen, zu denen Sphinxalleen vom Ufer führten und
deren Türflügel und Flaggenstangen mit Gold überzogen waren: (…)"55
"Aber Amun habe ihnen geantwortet und sie verwiesen, es könne die Rede nicht sein von
Kuhfleisch, denn Ägypten sei alles Land, das der Nil befruchte stromab und stromauf,
und alle seien Ägypter, die diesseits der Elefantenstadt wohnten und aus dem Flusse
tränken."56
Die Bedeutung, die Mann und Weber dem Stellenwert des Nil im Leben Ägyptens
beimessen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Festzuhalten in Bezug auf die Josephromane ist bisher, dass ,Joseph' ,Menschen- und
Gottesschrift' schreiben kann und diese Fähigkeit in Ägypten sehr viel gilt, dass die
Entwicklung vom Nilland zur Stadt des ,Echnaton' beschrieben wird und dass die Pyramiden
als Produkte der Bautätigkeit als ,Großgerümpel des Todes' bezeichnet werden: "die große
Sphinx, lag hier irgendwo überständig und unvermittelt im Sande."57
54
Joseph in Ägypten, 299.
55
ebd., s. Kapitel Stromfahrt 107f.; s. auch Beschreibung der Nilüberschwemmung 102ff.
56
ebd., 66f.
57
Joseph in Ägypten, 83.
- 367 -
"Die Arbeitskraft der Kinder Keme's gehörte dem König, damit fing es an, und sie wurde
genutzt zur Errichtung ungeheurer Gräber und unglaublicher Prahlbauten, gewiß, auch
dafür."58
Diese Informationen aus den Schriften Webers lassen sich in einem Schaubild darstellen:
Die bürokratische Zentralisierung Ägyptens
↓
↑
Regulierung der Wasserverhältnisse
↕
↕
Schreiber- und Beamtenschaft,
militärisch organisierte
durch Priesterschaft ausgebildet
Bautätigkeit durch stehendes Heer
↕
↕
Vor. Frondienst der Bevölkerung
und Naturalabgaben
bb) Der Aufbau und die Organisation der Patrimonialbürokratie
"Mit Entwicklung des Handels und der Geldwirtschaft kann aus jener oiken-mäßigen
Bedarfsdeckung des patrimonialen Herrschers ein erwerbswirtschaftlicher Monopolismus
herauswachsen, wie im größten Maßstab in Aegypten, wo schon der Pharao der
naturalwirtschaftlichen Frühzeit Eigenhandel trieb, die Ptolemäerzeit und erst recht die
Römerherrschaft aber ein System der verschiedensten Monopole neben zahllosen
Geldsteuern einführte, die an Stelle der alten leiturgischen Bedarfsdeckung der Epochen
vorwiegender Naturalwirtschaft getreten waren. Denn mit Rationalisierung seiner
Finanzen gleitet der Patrimonialismus unvermerkt in die Bahnen einer rationalen
bürokratischen Verwaltung mit geregeltem Geldabgabesystem hinüber. Während das alte
Kennzeichen der ,Freiheit' das Fehlen der nur aus patrimonialen Beziehungen ableitbaren
regelmäßigen Abgabepflicht und der Freiwilligkeitscharakter der Leistungen für den
Herrscher ist, müssen mit voller Entfaltung der Herrengewalt auch ,freie', d.h. nicht der
Patrimonialgewalt des Herren unterworfene Untertanen dazu durch leiturgische oder
steuermäßige Leistungen beitragen, die Kosten seiner Fehden und Repräsentation zu
bestreiten. Der Unterschied beider Kategorien drückt sich dann regelmäßig nur in der
58
ebd., Frankfurt a.M. 1984, 231.
- 368 -
engeren und festeren Begrenzung jener Leistungen und in gewissen Rechtsgarantien für
die ,freien', d.h. nur politischen, Untertanen aus."59
Für die Steuererhebung ist im Roman ,Joseph' in seiner Rolle als Wesir zuständig.
"Dem patrimonialen Amt fehlt vor allem die bürokratische Scheidung von ,privater' und
,amtlicher' Sphäre."60 Daher gibt sich ,Joseph' in der Logik des Systems seinen Brüdern
letztendlich auch zu erkennen.
Zum Aufbau des ägyptischen Beamtenapparates heißt es bei Max Weber:
"Die erste mit voller Konsequenz durchgeführte patrimonialbürokratische Verwaltung,
die wir kennen, war die des antiken Aegypten. Sie war offenbar ursprünglich gänzlich
aus der Königsklientel entwickelt, d.h. aus einem Personal heraus, welches der Pharao
seiner hofhörigen Dienerschaft entnahm, während später allerdings die Rekrutierung der
Beamten notgedrungen auch extrapatrimonial, durch Avancement aus der technisch dafür
allein brauchbaren Schreiberklasse erfolgte, immer aber den Eintritt in ein patrimoniales
Abhängigkeitsverhältnis zum Herrn bedeutete. Die alles überragende Bedeutung der von
oben her systematisch geordneten Wasserregulierung und die Bauten in Verbindung mit
der langen von Feldarbeit freien Zeit, welche die Heranziehung der Bevölkerung zu
Frondiensten in einem sonst nirgends möglichen Umfang gestattete, führten schon im
alten Reich dazu, daß die gesamte Bevölkerung in eine Klientelhierarchie eingespannt
wurde, innerhalb deren der Mann ohne Herren als gute Prise galt und gegebenenfalls
einfach in die Fronkolonnen des Pharao eingegliedert wurde. Das Land war ein Fronstaat,
der Pharao führte u.a. auch die Geißel als Attribut und die zuerst von Sethe korrekt
übersetzten Immunitätsprivilegien aus dem 3. Jahrtausend betreffen Dispens von
Tempelhintersassen oder Beamtenpersonal von der Aushebung zu Frondiensten. Teils in
Eigenbetrieb, teils in unfreier gewerblicher Heimarbeit, teils im landwirtschaftlichen
Kolonenbetrieb, teils durch monopolisierten Eigenhandel, teils durch Abgaben deckte der
Pharao den Bedarf seines Oikos. Verkehrswirtschaftliche Erscheinungen, Markttausch
insbesondere, mit geldartigem Tauschgut (Uten, Metallstäbe) bestanden. Aber die
Bedarfsdeckung des Pharao ruhte, wie die erhaltenen Rechnungen beweisen, dem
Schwergewicht nach auf Magazinen und Naturalwirtschaft, und zu außerordentlichen
Bau- und Transportleistungen bot er die Untertanen, wie die Quellen ergeben, zu
Tausenden auf. Nachdem die großen privaten Grundherrschaften und
Nomarchenherrschaften, deren Entstehen und Bedeutung die Quellen des alten Reichs
bezeugen und welche im mittleren Reich eine Zwischenzeit feudalen Regimes
heraufführten, nach der Fremdherrschaft, ähnlich wie in Rußland nach der Tartarenzeit,
geschwunden waren, standen als privilegierte Schichten über der Masse wesentlich nur
die schon im alten Reich mit Immunitäten versehenen, von den Ramessiden mit enormem
59
Grundriß der Sozialökonomik, 685.
60
ebd., 695.
- 369 -
Besitz bewidmeten Tempel und die Beamten. Den Rest bildeten die Untertanen,
politische und patrimoniale, ohne sichere Scheidung. Auch innerhalb der zweifellos
patrimonial Abhängigen stehen eine Fülle von Bezeichnungen für Hörige und Unfreie
nebeneinader, deren ökonomische Lage und sozialer Rang offenbar verschieden waren,
für uns aber vorerst nicht auseinanderzuhalten sind und vielleicht auch nicht streng
voneinander geschieden waren. Soweit die Untertanen nicht zu Fronen herangezogen
waren, scheint ihre Steuerleistung an den Beamten gegen Pauschalien vergeben worden
zu sein. Durch Prügel und ähnliche Mittel erzwangen diese die Deklaration des
abgabenpflichtigen Besitzes, so daß sich die Steuererhebung typisch als ein plötzlicher
Ueberfall der Beamten mit Flucht der Pflichtigen und Jagd auf sie abspielte. Der
Unterschied von patrimonialen Kolonen des Pharao und der freien politischen
Untertanen, von Eigenland des Pharao und privatem Besitz der Bauern bestand offenbar,
war aber augenscheinlich von wesentlich technischer und vielleicht labiler Bedeutung.
Denn die Bedarfsdeckung des fürstlichen Haushalts wurde, wie es scheint, zunehmend
leiturgisch. Der Einzelne wurde an seine fiskalische Funktion dauernd gebunden und
durch die Funktion an den lokalen Verwaltungsbezirk, dem er durch Abstammung oder
Grundbesitz oder Gewerbebetrieb – das einzelne ist unbekannt – zugehörte oder
zugewiesen war. Die Berufswahl war faktisch weitgehend frei, ohne daß doch zu sagen
wäre, ob nicht im Fall der Notwendigkeit für die fürstliche Bedarfsdeckung, Zwang zur
erblichen Bindung geübt worden wäre. Kasten im spezifischen Sinn existierten nicht.
Ebenso konnte der politische sowohl wie der patrimoniale Untertan faktisch freizügig
sein, rechtlich aber war diese Freizügigkeit durchaus prekär, sobald die Bedürfnisse des
fürstlichen Haushalts die Heranziehung des Untertanen zu seinen Pflichten an den Ort
erforderten, an den er gehörte. Diesen Ort bezeichnete die spätere hellenische
Terminologie als die idia, die römische als die origo des einzelnen, und dieser
Rechtsbegriff hat in der ausgehenden Antike eine weittragende Rolle gespielt. Aller
Landbesitz oder Gewerbebetrieb galt als belastet mit den Robott- oder anderen
Leistungspflichten: als Funktionsentgelt, und hatte also die Tendenz, sich dem Charakter
einer Pfründe anzunähern. Deputatpfründen oder Landpfründen waren der Entgelt für
spezifische Amtsfunktionen sowohl wie für die militärischen Dienstpflichten. Patrimonial
– und dies war der für die Machtstellung des Pharao entscheidende Punkt - war auch das
Heer. Es wurde mindestens im Kriegsfall aus den Magazinen des Königs equipiert und
verpflegt. Die Krieger, deren Nachfahren die Machimoi der ptolemäischen Zeit
darstellten, waren mit Landparzellen bewidmet und wurden sicher von jeher auch zum
Polizeidienst verwendet. Zu ihnen traten, bezahlt aus dem durch Eigenhandel gespeisten
Hort des Königs, Söldner. Die vollkommene Entwaffnung der Massen, deren Widerstand
nur etwa in Form von Renitenz oder Streit wegen ungenügender Ernährung bei den
Fronleistungen aufflammte, machte ihre Beherrschung zu einer einfachen Aufgabe. Die
geographischen Bedingungen, vor allem die bequeme Wasserstraße des Flusses und die
sachliche Notwendigkeit einheitlicher Wasserpolitik erhielten die Einheitlichkeit der
Herrschaft bis zu den Katarakten mit geringen Unterbrechungen aufrecht. Die
Avancementchance und die Abhängigkeit von königlichen Magazinen genügte
anscheinend, um eine weitgehende Appropriation der Beamtenpfründen zu hindern,
welche ja überhaupt bei Sportelpfründen und Landpfründen technisch näher liegt als bei
den hier herrschenden Deputatpfründen. Die zahlreichen Immunitätsprivilegien zeigen
durch ihre eigene Fassung, die gehäuften Versprechungen der Unverletzlichkeit und die
Strafdrohungen gegen Beamte, welche sie verletzen werden, daß der Herrscher
seinerseits, gestützt auf seine patrimoniale Macht, tatsächlich diese Privilegien als prekär
- 370 -
behandeln dürfte, so daß Ansätze zu einem ständischen Staatswesen hier völlig fehlen
und der Patriarchalismus voll erhalten blieb. Die weitgehende Aufrechterhaltung der
Naturalpfründe einerseits, das starke Zurücktreten privater Grundherrschaften
andererseits im neuen Reich wirkten zusammen zugunsten der Erhaltung der
Patrimonialbürokratie. Die völlig durchgeführte Geldwirtschaft der Ptolemäerzeit hat sie
nicht erschüttert, sondern eher befestigt, indem sie die Mittel zur Rationalisierung der
Verwaltung an die Hand gab. Die leiturgische Bedarfsdeckung, speziell die Fronen,
traten zurück zugunsten eines höchst umfassenden Steuersystems, ohne daß doch jemals
der Anspruch des Fürsten auf die Arbeitskraft der Untertanen und die Bindung der
letzteren an ihre idia aufgegeben wäre, die denn auch beide sofort wieder praktisch
wurden, als mit dem 3. Jahrhundert n.Chr. die Geldwirtschaft verfiel. Das ganze Land
erschien fast als eine einzige große Domäne des königlichen Oikos, neben welchem als
annährend gleichwertig in die Hauptsache nur die Oiken der Tempelgeistlichkeit standen.
Dementsprechend ist es denn auch von den Römern rechtlich behandelt worden."61
Wie in Kapitel IX ausgeführt wurde, steigt auch ,Joseph' aus der Schreiberklasse in den
Beamtendienst auf und entkommt so der Fronarbeit auf dem Feld. Auf seine Strenge bei der
Steuereintreibung als Wesir wurde ebenfalls schon eingegangen.62 Auch trifft ihn als Beamten
die Strafe des Verließes nach dem vermeintlichen Ehebruch mit aller Härte.
Das Symptom der Achsenzeit, nämlich das Verblassen des Zentrums zugunsten
provinzieller Fürstenhöfe wird wie schon erwähnt bei Assmann besprochen:
"Der Zerfall des Alten Reiches setzt nun aber genau jenen Vorgang kritischer Reflexion
und Kommunikation in Gang, den Jaspers für ein Symptom der Achsenzeit hält. Jetzt
verblaßt das Zentrum gegenüber der Peripherie, den provinziellen Fürstenhöfen, die nun
in Konkurrenz zueinander ein neues kulturelles Leben entfalten."63
c) Die Stadt als religiöses Zentrum
ca) Die Götterwelt Ägyptens
61
ebd., 706f.; Die Beamten besitzen also wie heutzutage Immunität, was in Bezug auf ,Joseph' bereits ausgeführt
wurde, 346ff., Anm. 62.
62
vgl. Kapitel IX, Beschreibung seiner Posten im ,Wirtschaftlich-Verwalterischen', S. 334ff; vgl. auch Gen 47,
13ff.; in der Quelle S. 360ff. ist von einem ,sehr häufigen Aufsteigen von Plebejern in der Bürokratie' die Rede.
63
Assmann, 55.
- 371 -
"Eine einmal voll durchgeführte Bürokratie gehört zu den am schwersten zu
zertrümmernden sozialen Gebilden. Die Bürokratisierung ist das spezifische Mittel,
„Gemeinschaftshandeln“ in rational geordnetes ,Gesellschaftshandeln' zu überführen. Als
Instrument der ,Vergesellschaftung' der Herrschaftsbeziehungen war und ist sie daher ein
Machtmittel allerersten Ranges für den, der über den bürokratischen Apparat verfügt.
Denn unter sonst gleichen Chancen ist planvoll geordnetes und geleitetes
,Gesellschaftshandeln'
jedem
widerstrebenden
,Massen'
–
oder
auch
,Gemeinschaftshandeln' überlegen. Wo die Bürokratisierung der Verwaltung einmal
restlos durchgeführt ist, da ist eine praktisch so gut wie unzerbrechliche Form der
Herrschaftsbeziehungen geschaffen. Der einzelne Beamte kann sich dem Apparat, in den
er eingespannt ist, nicht entwinden. Der Berufsbeamte ist, im Gegensatz zum ehren- und
nebenamtlich verwaltenden ,Honoratioren', mit seiner ganzen materiellen und ideellen
Existenz an seine Tätigkeit gekettet."64
Weiterhin führt Weber aus, wie das juristische aus dem magischen Denken entspringt:
"Denn wie von rationaler Technik und rationalem Recht, so ist der ökonomische
Rationalismus in seiner Entstehung auch von der Fähigkeit und Disposition der
Menschen zu bestimmten Arten praktisch-rationaler Lebensführung überhaupt abhängig.
Wo diese durch Hemmungen seelischer Art obstruiert war, da stieß auch die Entwicklung
einer wirtschaftlich rationalen Lebensführung auf schwere innere Widerstände. Zu den
wichtigsten formenden Elementen der Lebensführung nun gehörten in der Vergangenheit
überall die magischen und religiösen Mächte und die am Glauben an sie verankerten
ethischen Pflichtvorstellungen."65
Der ökonomische Rationalismus erstreckt sich also auf alle Gebiete und eine dieser
formenden religiösen Mächte dürfte in Ägypten die ,Ma`at' gewesen sein.
"Für die Primatbildung spielen rein rationale Momente stark mit. Wo immer ein
erhebliches Maß von Festigkeit bestimmter Vorschriften irgendwelcher Art, besonders
oft: stereotypierte religiöse Riten, in dieser ihrer Regelmäßigkeit besonders stark
hervortritt und einem rationalen religiösen Denken bewußt wird, da pflegen diejenigen
Gottheiten, welche am meisten feste Regeln in ihrem Verhalten zeigen, also die
Himmels- und Gestirngötter, die Chance des Primats zu haben. In der Alltagsreligiosität
spielen diese Gottheiten, welche sehr universelle Naturerscheinungen beeinflussen und
daher der metaphysischen Spekulation als sehr groß, zuweilen selbst als Weltschöpfer
gelten, gerade weil diese Naturerscheinungen in ihrem Verlauf nicht allzu stark
schwanken, folglich in der Praxis des Alltags nicht das praktische Bedürfnis erwecken,
durch die Mittel der Zauberer und Priester beeinflußt zu werden, meist keine erhebliche
64
Grundriß der Sozialökonomik, 668f.; dazu gehört auch die ,rationale Struktur des Rechts und der Verwaltung', s.
Weber, Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 10f.
65
Aufsätze zur Religionssoziologie, 12.
- 372 -
Rolle. Es kann ein Gott die ganze Religiosität eines Volkes maßgebend prägen (wie
Osiris in Aegypten), wenn er einem besonders starken religiösen – in diesem Falle
soteriologischen – Interesse entspricht, ohne doch den Primat im Pantheon zu
gewinnen."66
,Osiris' wird in den Josephromanen mehrfach erwähnt, beispielsweise an folgender Stelle:
"Ein Leichenzug begegnete ihnen auch, drei Schiffe hintereinander, zusammengetäut, auf
derem letztem, einem weißen Kahn ohne Segel und Ruder, der bunte Osiris, den Kopf
voran, unter Jammernden auf einem löwenfüßigen Schragen lag."67
"Es kann dabei auf die für die Wirtschaft wichtigen Naturobjekte ankommen, von den
Gestirnen angefangen, oder auf organische Vorgänge, welche von Göttern oder Dämonen
besessen oder beeinflußt, hervorgerufen oder verhindert werden: Krankheit, Tod, Geburt,
Feuer, Dürre, Regen, Gewitter, Ernteausfall. Je nach der überwiegenden ökonomischen
Bedeutung bestimmter einzelner Ereignisse kann dabei ein einzelner Gott innerhalb des
Pantheon den Primat erringen, wie etwa der Himmelsgott, je nachdem mehr als Herr des
Lichts und der Wärme oder, besonders oft bei den Viehzüchtern, als Herr der Zeugung
aufgefaßt. Daß die Verehrung der chthonischen Gottheiten (Mutter Erde) im allgemeinen
ein gewisses Maß relativer Bedeutung des Ackerbaus voraussetzt, ist klar, doch geht sie
nicht immer damit parallel. Auch läßt sich nicht behaupten, daß die Himmelsgötter – als
Vertreter des sehr oft in den Himmel verlegten Heldenjenseits – überall die adligen im
Gegensatz zu den bäuerlichen Erdgöttern gewesen seien. Noch weniger, daß die ,Mutter
Erde' als Gottheit mit mutterrechtlicher Sippenordnung parallel ginge. Allerdings aber
pflegen die chthonischen Gottheiten, die den Ernteausfall beherrschen, stärker lokalen
und volkstümlichen Charakter zu haben als die andern. Und allerdings ist das
Uebergewicht der himmlischen, auf Wolken oder auf Bergen residierenden persönlichen
Götter gegenüber den Erdgottheiten sehr oft bedingt durch die Entwicklung ritterlicher
Kultur und hat die Tendenz, auch ursprüngliche Erdgottheiten den Aufstieg unter die
Himmelsbewohner antreten zu lassen. Demgegenüber pflegen die chthonischen Götter,
bei vorwaltendem Ackerbau, oft zwei Bedeutungen miteinander zu verbinden: sie
beherrschen den Ernteausfall und spenden also den Reichtum, und sie sind die Herrscher
der unter der Erde bestatteten Toten. Daher hängen oft, z.B. in den eleusinischen
Mysterien die beiden wichtigsten praktischen Interessen: Reichtum und Jenseitsschicksal
von ihnen ab. Andererseits sind die himmlischen Götter die Herren über den Gang der
Gestirne. Die festen Regeln, an welche diese offenbar gebunden sind, lassen daher ihre
Herrscher besonders oft zu Herren alles dessen werden, was feste Regeln hat oder haben
sollte, so vor allem Rechtsfindung und gute Sitte."68
66
Grundriß der Sozialökonomik; 1. Halbband, Tübingen 1922, 237f.; zu Osiris s. auch Assmann, 118, 124, 134f.;
vgl. auch ,Joseph' trägt einen Totennamen: ,Osaphir'.
67
Joseph in Ägypten, 106.
68
Grundriß der Sozialökonomik, 233f., Erdgötter waren im übertragenen Sinne eventuell auch für den Ernteausfall,
sprich die Hagelernte in den "Buddenbrooks" verantwortlich.
- 373 -
Hier gerät wieder das Konzept Ma`at ins Blickfeld: ,Ma`at-Tun ist Atemluft für die Nase.'
"Dadurch wird Ma`at zwar nicht zu einer ,Luftgottheit' wie I. Shirun-Grumach sie deutet,
aber zu einer Gottheit von luftartigem Wesen, in Analogie zu den Gottheiten der Zeit und
des Schicksals."69
"Neben die unter Umständen wichtige qualitative Differenzierung von guten und
diabolischen Gewalten tritt nun aber – und darauf kommt es uns hier an - innerhalb des
Pantheons die Entwicklung spezifisch ethisch qualifizierter Gottheiten. Die ethische
Qualifikation der Gottheit ist keineswegs dem Monotheismus vorbehalten. Sie gewinnt
bei ihm weittragendere Konsequenzen, ist aber an sich auf den verschiedensten Stufen
der Pantheonbildung möglich. Zu den ethischen Gottheiten gehört naturgemäß besonders
oft der spezialisierte Funktionsgott für die Rechtsfindung und der jenige, welcher über
die Orakel Gewalt hat."70
"Ganz der Realität der Dinge im Leben entsprechend ist der Hüter der Rechtsordnung
keineswegs notwendig der stärkste Gott: weder Varuna in Indien, noch Maat in
Aegypten, noch weniger Lykos in Attika oder Dike oder Themis und auch nicht Apollon
waren dies (...) Die ethischen Ansprüche an die Götter steigen nun aber 1. mit steigender
Macht und also steigenden Ansprüchen an die Qualität der geordneten Rechtsfindung
innerhalb großer befriedeter politischer Verbände, - 2. mit steigendem Umfang der durch
meteorologische Orientierung der Wirtschaft bedingten rationalen Erfassung des
naturgesetzlichen Weltgeschehens als eines dauernd sinnvoll geordneten Kosmos, - 3.
Mit steigender Reglementierung immer neuer Arten von menschlichen Beziehungen
durch konventionelle Regeln und steigender Bedeutung der gegenseitigen Abhängigkeit
der Menschen von der Innehaltung dieser Regeln, insbesondere aber 4. mit steigender
sozialer und ökonomischer Bedeutung der Verläßlichkeit des gegebenen Wortes: des
Wortes des Freundes, Vasallen, Beamten, Tauschpartners, Schuldners oder wessen es sei,
- mit einem Wort: mit steigender Bedeutung der ethischen Bindung des Einzelnen an
einen Kosmos von ,Pflichten', welche sein Verhalten berechenbar machen."71
Hier wird also ganz explizit der Begriff Ma`at bei Max Weber erwähnt. Dass Thomas Mann
ihn auch gekannt hat, lässt sich aufgrund der ,Ägypteneuphorie' dieser Zeit vermuten.72 Der
Begriff Ma`at verweist wie schon des öfteren betont auf ein ganz grundsätzliches Problem der
Ethik, das nicht auf Ägypten beschränkt ist.
69
Assmann, 171.
70
Grundriß der Sozialökonomik, 244.
71
ebd., 244f.
72
vgl. dazu den Vortrag Jan Assmanns und Florian Ebelings über "Mysterienreisen in die ägyptische Unterwelt"
im Deutsch-Amerikanischen Institut Heidelberg am 21.1.10.
- 374 -
cb) Zauberei vs. Religion
"Man kann diejenigen Formen der Beziehungen zu den übersinnlichen Gewalten, die sich
als Bitte, Opfer, Verehrung äußern, als ,Religion' und ,Kultus' von der ,Zauberei' als dem
magischen Zwange scheiden und dementsprechend als ,Götter' diejenigen Wesen
bezeichnen, welche religiös verehrt und gebeten, als ,Dämonen' diejenigen, welche
magisch gezwungen und gebannt werden. Die Scheidung ist fast nirgends restlos
durchführbar, denn auch das Ritual des in diesem Sinn ,religiösen' Kultus enthält fast
überall massenhafte magische Bestandteile. Und die historische Entwicklung jener
Scheidung ist sehr oft einfach so erfolgt, daß bei Unterdrückung eines Kultes durch eine
weltliche oder priesterliche Gewalt zugunsten einer neuen Religion die alten Götter als
,Dämonen' fortexistieren."73
In den Josephromanen ist vor allem das Leben ,Labans' in Kanaan von Zauberei und Magie
bestimmt, die alten Götter ,Esaus' werden demgegenüber in "Jaakobs Geschichten"
beschrieben:
"Denn nicht weniger als drei Bekenntnisse stritten um seine Seele: der El eljon der
Großeltern, die Baalim der mütterlichen Sippe und eine gewittrige und pfeilschießende
Gottheit namens Kuzach, verehrt von den Gebirglern im Süden, den Seïrim oder Leuten
von Edom, zu denen Esau von früh an Beziehungen unterhalten hatte und zu denen er
später vollends überging."74
Beispiele für ,Zauberei' im Roman sind folgende:
"Da an der Lehmmauer, fand er die Alraune (…) Dennoch war es ein rechtes und
wohlschaffenes Zaubermännchen, das er am Schopfe hielt: fleischigweiß, mit zwei
Beinen, kinderhandgroß, bärtig und überall zäsrig behaart, - ein Kobold zum Wundern
und Lachen. Der Knabe kannte seine Eigenschaften. Sie waren zahlreich und nützlich;
besonders aber, so wußte es Ruben, kamen sie den Weibern zugute."75
"Das Öl hatte gesprochen, Rahel werde, wenn auch sehr schwer, eines Sohnes
genesen."76
73
Grundriß der Sozialökonomie, 241.
74
Die Geschichten Jaakobs, Frankfurt a.M. 1974, 134.
75
Die Geschichten Jaakobs, 329.
76
ebd., 342.
- 375 -
"Die kleine Rahel hatte es nicht leicht. Lange bevor ihre Stunde kam, die dann beinahe
ihr Stündlein geworden wäre, begannen die Praktiken, und sie mußte trinken, was ihr
nicht schmeckte, (…) Ein Sühnezicklein lag außerdem immer zu ihren Häupten, wenn sie
schlief, als Ersatzopfer an ihrer Statt für die Gierigen."77
,Laban' opfert den Hausgöttern seinen Erstgeborenen und vergräbt ihn in einer Kruke.
Auf der anderen Seite existieren in den Josephromanen auch in Ägypten viele solcher Sitten,
die durch ,Joseph' als ,überständig' entlarvt werden. Sie gehören noch dem Alten Reich an, sind
vor-,achsenzeitlich'.
"Es war zudem beinahe der herrschende Gedanke des Landes, in dem er gewachsen war
wie an einer Quelle, Ägypterlandes, das ein ängstlich Land war, unaufhörlich im Großen
und Kleinen bedacht, all seine Schritte und jegliches Tun mit Zauberzeichen und -spruch
lückenlos zu sichern gegen lauerndes Übel;"78
Auch der Begriff des ,Tabu' spielt im Zusammenhang von Zauberei und Religion eine Rolle.
Dies sei hier nur angedeutet.79
"Die Rationalisierung des Tabu führt eventuell zu einem System von Normen, nach
denen ein für allemal gewisse Handlungen als rein religiöse Greuel gelten, für welche
irgendeine Sühne, unter Umständen die Tötung dessen, der sie beging, eintreten muß,
wenn nicht der böse Zauber alle Volksgenossen treffen soll, und es entsteht so ein System
tabuistisch garantierter Ethik: Speiseverbote, Verbot der Arbeit an tabuierten
,Unglückstagen' (wie der Sabbat ursprünglich war) oder Heiratsverbote innerhalb
bestimmter Personen-, speziell Verwandtenkreise."80
Diese Überlegungen beziehen sich auch auf dem Begriff der ,Überständigkeit' im Roman:
"Jetzt war er vertraut mit diesen Wundern und Greueln wie einer, ein Ägypter mit Haut
und Haar, - vorbehaltlich des Vorbehaltes, versteht sich, den er in seinem Inneren gegen
die Narrheiten des Landes seiner Entrückung wahrte, und dem Jünglingsstande schon ein
gut Stück ins Männliche entwachsen."81
77
ebd., 343f.
78
Joseph, der Ernährer, 25.
79
s. ausführlich S. 51ff.
80
Grundriß der Sozialökonomik, 246.
81
Joseph, der Ernährer, 33.; Hier ist vor allem an die Entmannung ,Peteprês' zu denken, s. S. 302, Anm. 30.
- 376 -
Hier ist nachweislich dieselbe Wortwahl (,Greuel') bei Max Weber und Thomas Mann
vorhanden.
cc ) Die Revolution des Echnaton und das Weltbild von Amarna
Hier handelt es sich aufgrund des Kunstgriffs Manns, fiktiv Personen zusammenzubringen,
die historisch nicht eindeutig zeitgleich zu datieren sind, um einen zentralen Punkt des
Kapitels: Während die Revolution des Echnaton in Wirklichkeit scheitert, ist sie im Roman
dank der Hilfe ,Josephs' von Erfolg gekrönt.
Als der historische Echnaton den Monotheismus einführen wollte, sollte dadurch die sich
zur Autonomie entwickelnde Priesterschaft in die Schranken verwiesen werden. Daher
verbindet sich mit Echnatons Namen der erste bekannte monotheistische Aufbruch in der
Religionsgeschichte der Menschheit. Diese Tat bedeutete für die Zeitgenossen eine schwer
erträgliche Erfahrung. Jan Assmann hat diesen Vorgang als ,Trauma von Amarna' bezeichnet.
Um 1350 v. Chr. erklärte Echnaton den Sonnengott, in seiner sichtbaren Gestalt als
Sonnenscheibe Aton genannt, zum alleinigen Gott. Echnatons Glaube war eine Gegenreligion,
keine Erlösungsreligion. Assmann spricht in Bezug auf das Weltbild von Amarna von ,direkter
Kausation' und Entpolarisierung der Welt, denn es herrscht nicht mehr Gerechtigkeit, sondern
Wahrheit und es gibt keine Götter mehr, sondern nur einen Gott. Das Weltbild von Amarna
schuf danach eine positive Anthropologie und Kosmologie. In solch einer kosmotheistische
Religion bilden Gott und Kosmos, Gott und Natur eine Einheit. Der Sonnengott (Aton), der
keinen kosmischen Feind mehr bekämpft, kümmert sich auch nicht mehr um die soziale ,Isfet',
also das Unrecht, das zugleich mit der kosmischen ,Isfet' auf dem Weltbild verschwunden ist.
"Einer der auffallendsten Züge des Gottesbildes von Amarna ist die Stummheit: Er spricht
nicht."82
Bei Thomas Mann heißt es dazu:
82
Zum Gegenmodell des Echnaton, s. Assmann, 231-234.; s. S. 292f.; mit der Nichtbekämpfung der ,Isfet' ist
eventuell die Versklavung der Bevölkerung im biblischen Ursprungstext zu erklären, s. Gen, 47, 21.
- 377 -
"Er (sc. Echnaton) lächelte allzu selig, und erblich zugleich auf den Tod, lehnte sich, die
Hände auf dem Rücken, gegen die Bilderwand, schloß die Augen und blieb so zwar
aufrecht, war aber augenscheinlich nicht mehr zugegen."83
"Der monotheistische und damit der Sache nach, universalistische Anlauf des Pharao
Amenophis IV (Echnaton) zum Sonnenkult entstammte gänzlich anderen Situationen:
einerseits auch hier einem weitgehenden priesterlichen und wohl auch
Laienrationalismus, der im scharfen Gegensatz gegen die israelitische Prophetie, rein
naturalistischen Charakters ist, andererseits dem praktischen Bedürfnis des an der Spitze
eines bürokratischen Einheitsstaates stehenden Monarchen, mit der Beseitigung der
Vielheit der Priestergötter auch die Uebermacht der Priester selbst zu brechen und die
alte Machtstellung der vergotteten Pharaonen durch Erhebung des Königs zum ersten
Sonnenpriester herzustellen. Der universalistische Monotheismus der christlichen und
islamischen und der relative Monotheismus in zarathustrischer Verkündigung sind, die
ersten beiden als Fortentwicklungen vom Judentum abhängig, die letztere sehr
wahrscheinlich durch außeriranische (vorderasiatische) Einflüsse mitbestimmt. Sie sind
alle durch die Eigenart der ,ethischen' im Gegensatz zur ,exemplarischen' Prophetie – ein
später zu erörternder Unterschied – bedingt. Alle anderen relativ monotheistischen und
universalistischen Entwicklungen sind also Produkte philosophischer Spekulation von
Priestern und Laien, welche praktische religiöse Bedeutung nur da gewannen, wo sie mit
soteriologischen (Erlösungs-) Interessen sich vermählten (wovon später)."84
"Die religiöse Stereotypierung der Produkte der bildenden Kunst als älteste Form der
Stilbildung ist bedingt sowohl direkt durch magische Vorstellungen als indirekt durch die
im Gefolge der magischen Bedeutsamkeit des Produkts eintretende berufsmäßige
Herstellung, welche schon an sich das Schaffen nach Vorlagen an die Stelle des
Schaffens nach Naturobjekt setzt; wie groß aber die Tragweite des Religiösen dabei war,
zeigt sich z.B. in Aegypten darin, daß die Entwertung der traditionellen Religion durch
den monotheistischen Anlauf Amenophis’IV. (Echnaton) sofort: dem Naturalismus Luft
schafft. Die magische Verwendung der Schriftsymbole; - die Entwicklung jeder Art von
Mimik und Tanz als sozusagen homöopathischer, apotropäisch oder exorzistisch oder
magisch–zwingender, Symbolik; - die Stereotypierung der zulässigen Tonfolgen oder
wenigstens Grundtonfolgen (...)"85
83
Joseph, der Ernährer, 1465.
84
Grundriß der Sozialökonomik, 239.
85
ebd., 231. Hier werden die Veränderungen in der Kunst zur Zeit Echnatons angesprochen, die auch im
Josephroman beschrieben werden, vgl. das Kapitel "Die kretische Laube", in Joseph, der Ernährer, 1400ff.
"Mit der kulturellen Lösung von den tradierten Mustern der Vorzeit verbindet sich, zumindest in Echnatons
Umgebung, der Fortschritt in eine weltoffenere Gesellschaft, die mühelos fremde architektonische und
sprachliche Einflüsse integriert (,Lunch'; ,exquisit'), und die neugierig das Fremde anerkennt (…) Nur in
diesem Rahmen kann der Aufstieg eines Ausländers zum zweiten Mann im Staate glaubwürdig
erscheinen."(Fischer, 710.)
- 378 -
Demgegenüber steht die Übermacht der Priesterschaft.
"Die ägyptische, zarathustrische und zeitweise die altchristliche und während des
vedischen Zeitalters, also vor Entstehung der laienasketischen und der UpanishadPhilosophie auch die brahmanische, in geringerem, durch Laienprophetie stark
durchbrochenem Maße auch die jüdische, in ähnlich begrenztem, durch die sufitische
Spekulation teilweise durchbrochenen, Grade auch die islamische Priesterschaft haben
die Entwicklung der religiösen Metaphysik und Ethik in sehr starkem Maße zu
monopolisieren gewußt."86
,Echnaton' kommt in den Josephromanen durch die Traumdeutung ,Josephs' eine
entscheidende Bedeutung zu. Auch seine Staatsauffassung wird im Roman ausführlich
erläutert:
"Wer aber Ohren hatte, zu hören, und Augen, die Schrift der Steine zu lesen, der
verstand, daß Pharao's lehrhafte Botschaft das Leben des Gottes nicht so aufgefaßt
wissen sollte, nicht als ein Kommen und Gehen, ein Werden, Vergehen und WiederWerden, nicht als ein auf den Tod abgestelltes und darum phallisches Leben, ja überhaupt
nicht als Leben, insofern Leben stets auf den Tod abgestellt ist, sondern als reines Sein,
als die wechsellose, keinem Auf und Ab unterworfene Quelle des Lichts, aus deren Bild
der Mensch und der Vogel hinkünftig entfielen, so daß nur die pure, lebensstrahlende
Sonnenscheibe übrigblieb, mit Namen Atôn."87
Wichtig ist hier, dass im Gegensatz zur Wirklichkeit die Revolution von Amarna im Roman
dank ,Josephs' Hilfe nicht scheitert: Indem ,Joseph' sich mit seinem Charisma in den Dienst der
achsenzeitlichen Ma`at stellt, kann die Revolution ,Echnatons' gelingen und der Monotheismus
eingeführt werden.88
Fischer weist weiter darauf hin, dass das Kapitel "Die kretische Laube" aber auch Anzeichen für den Niedergang
des authentischen Selbstverständnisses der Gesellschaft, die Décadence, für die ,Echnaton' durch sein Äußeres
und seinen Hang zum Extremen steht, bietet.; s. Fischer, 710.
86
Grundriß der Sozialökonomik, 286.
87
Joseph, der Ernährer, 96.; Hier wird also die Verehrung des Aton, der Sonnenscheibe, angesprochen, die
Amenophis IV. (1377-1358) bekanntlich einführte und damit den Sonnenmonotheismus begründete, vgl. dazu
auch S. 292f.
88
vgl. dazu die Ausführungen in Kap. IX. Mit der Verlegung des Geschehens ins Mittlere Reich, das durch eine
Hochblüte der Ma`at-Literatur gekennzeichnet war (vgl. S. 355, Anm. 3), wendet Thomas Mann einen weiteren
Kunstgriff an. Josef gilt in der Bibel unter den Erzvätern bekanntlich als ,Mann der Weisheit', er steht für die
- 379 -
cd) Die Priesterschaft
Die Bedeutung des Charisma für die zum religiösen Dienst Berufenen wurde schon mehrfach
erwähnt.
"Eine irgendwie nach Analogie des beseelten Menschen gedachte Macht kann entweder,
ebenso wie die naturalistische ,Kraft' eines Geistes, in den Dienst des Menschen
gezwungen werden: Wer das Charisma dazu hat, die richtigen Mittel anzuwenden, der ist
stärker auch als ein Gott und kann ihn nach seinem Willen nötigen. Das religiöse
Handeln ist dann nicht ,Gottesdienst', sondern ,Gotteszwang', die Anrufung des Gottes
nicht Gebet, sondern magische Formel: eine unausrottbare Grundlage der
volkstümlichen, vor allem der indischen Religiosität, aber sehr universell verbreitet, wie
ja auch der katholische Priester noch etwas von dieser Zaubermacht in der Vollziehung
des Meßwunders und in der Schlüsselgewalt übt."89
"Aber der Priesterbegriff zahlreicher großer Religionen, auch der christlichen, schließt
gerade die magische Qualifikation ein. (...) Der Gegensatz ist durch eine gleitende Skala
von Uebergängen überbrückt, aber in seinen ,reinen' Typen eindeutig und man kann dann
als Merkmal des Priestertums das Vorhandensein irgendwelcher fester Kultstätten,
verbunden mit irgendwelchem sachlichen Kultapparat behandeln. Oder man behandelt
als entscheidend für den Priesterbegriff: daß die Funktionäre, sei es erblich oder
individuell angestellt, im Dienst eines vergesellschafteten sozialen Verbandes, welcher
Art immer er sei, tätig werden, also als dessen Angestellte oder Organe und lediglich im
Interesse seiner Mitglieder, nicht wie die Zauberer, welche einen freien Beruf ausüben."90
"Den verschiedenen, niemals glatt aufgehenden, Möglichkeiten der Unterscheidung wird
es für unsere Zwecke am meisten gerecht, wenn wir hier die Eingestelltheit eines
gesonderten Personenkreises auf den regelmäßigen, an bestimmte Normen, Orte und
Zeiten gebundenen und auf bestimmte Verbände bezogenen Kultusbetrieb als
wesentliches Merkmal festhalten. Es gibt kein Priestertum ohne Kultus, wohl aber Kultus
ohne gesondertes Priestertum: so in China, wo ausschließlich die Staatsorgane und der
Hausvater den Kultus der offiziell anerkannten Götter und Ahnengeister besorgen. Unter
den typisch reinen ,Zauberern' andererseits gibt es zwar Noviziat und Lehre, wie etwa in
der Bruderschaft (...)"91
Lehre, dass die Tugend des Weisen belohnt wird und dass Gottes Vorsehung menschliche Schuld zum Guten zu
wenden weiss, s. Jerusalemer Bibel, S. 3ff.
89
Grundriß der Sozialökonomik, Tübingen 1921, 239f.
90
ebd., 241.; vgl. auch die vorhergehende Unterscheidung zwischen Religion und Magie, S. 388ff.
91
Grundriß der Sozialökonomik, 242.
- 380 -
"Sowohl beim priesterlosen Kultus aber wie beim kultlosen Zauberer fehlt regelmäßig
eine Rationalisierung der metaphysischen Vorstellungen, ebenso wie eine spezifisch
religiöse Ethik. Beides pflegt in voller Konsequenz nur eine selbständige und auf
dauernde Beschäftigung mit dem Kultus und den Problemen praktischer Seelenleitung
eingeschulte Berufspriesterschaft zu entwickeln."92
Diese Unterscheidung entspricht der obigen zwischen Göttern und Dämonen.93
"Mit steigenden Machtansprüchen der ägyptischen Priesterschaft ist daher gerade der
animistische Tierkult zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses geschoben worden.
Die systematische Denkschulung der Priester an sich in Aegypten war dabei gegenüber
der Frühzeit sicher gewachsen."94
Dies zeigt sich auch bei der Verehrung der Stiergottheit in den Josephromanen.
"On also, das Sonnenhaus, nämlich das Haus dessen, der Chepre am Morgen ist, Rê an
seinem Mittag und Atum am Abend, der die Augen öffnet, und es entsteht das Licht, der
die Augen schließt, und es entsteht das Dunkel, - dessen, der Eset, seiner Tochter, seinen
Namen genannt hatte: On in Ägypterland, tausendjährig an seiner Stätte, lag auf dem
Weg der Ismaeliter gen Süden, überfunkelt von der vergoldeten Vierkantspitze des
riesigen, gleißend polierten Granitobelisken, welcher auf ausladendem Unterbau zu
Häupten des großen Sonnentempels stand, dort, wo lotusbekränzte Weinkrüge, Kuchen,
Honigschalen, Vögel und jederlei Feldfrucht den Alabastertisch Rê-Horachte's bedeckten
und Hausbetreter in gestärkt vorstehenden Schurzen, geschwänzte Pantherfelle auf dem
Rücken, vor jedem Rinde Weihrauch verbrannten: Merwer, dem Großen Stier, der
lebendigen Wiederholung des Gottes, mit einem Nacken aus Erz gleich hinter den
Leierhörnern und machtvoll baumelnden Hoden."95
"Zwar in Aegypten, wo ursprünglich der Pharao selbst ein Gott war, scheiterte später der
Anlauf Echnatons zum astralen Monotheismus an der schon unüberwindlichen Macht der
Priesterschaft, welche den volkstümlichen Animismus systematisiert hatte."96
Die Machtstellung der ägyptischen Priesterschaft wuchs also im Lauf der Zeit erheblich an.
Ihre Machtstellung beruhte dabei zum einen auf Animismus, zum anderen liegt er in deren
92
ebd., 242.
93
S. 388ff.
94
Grundriß der Sozialökonomik, 266.
95
Joseph in Ägypten,74.
96
Grundriß der Sozialökonomik, 256.
- 381 -
Erziehungsaufgaben, in ihrer Ausbildung der Beamten und Schreiber und ihrer eigenen
Schriftlichkeit begründet.
"Das praktisch Wichtige an der Entwicklung einer Religiosität zur Buchreligion – sei es
im vollen Sinn des Worts: Gebundenheit an einen als heilig geltenden Kanon oder in dem
abgeschwächten Sinn der Maßgeblichkeit schriftlich fixierter heiliger Normen, wie etwa
im ägyptischen Totenbuch, - ist die Entwicklung der priesterlichen Erziehung von dem
ältesten rein charismatischen Stadium hinweg zur literarischen Bildung. Je wichtiger die
Schriftkunde für die Führung auch rein weltlicher Geschäfte wird, je mehr diese also den
Charakter der bürokratischen, nach Reglements und Akten prozedierenden Verwaltung
annehmen, desto mehr gleitet die Erziehung auch der weltlichen Beamten und Gebildeten
in die Hände der schriftkundigen Priesterschaft hinüber oder aber diese selbst besetzt –
wie in den Kanzleien des Mittelalters – ihrerseits die auf Schriftlichkeit des Verfahrens
beruhenden Aemter."97
Da ,Joseph' sowohl weltliche als auch Gottesschrift schreiben kann, ist er für eine solche
Ausbildung geradezu prädestiniert, was schon im VIII. Kapitel ausführlich besprochen wurde :
"(…) daß der Wesir, der im ägyptischen Staatsaufbau das Ressort Justiz verwaltet, den
Titel eines Priesters der Ma`at trägt. Ma`at ist das Berufsnumen der Richter, die Göttin
der Rechtssprechung. Der Wesir ist als Sachverwalter der Ma`at auch der höchste
Staatsbeamte."98
ce) Die ,Lehre des Cheti' und ihre Bedeutung für die ägyptische Gesellschaftspyramide
In der oben erwähnten Quellen wird einerseits vom ,Standesgefühl der Schreiberklasse'
gesprochen, andererseits auch von einem ,starken Berufsstolz von Kunsthandwerkern
(namentlich Kunststeinmetzen)'. Die Schranke zwischen Literaten und Illiteraten' war ,sehr
schroff'.99
In der ,Lehre des Cheti' heißt es dazu:
97
ebd., 262. Eventuell wurde von Mann und Weber die nicht zu zerstörende Priesterbürokratie mit dem
Preußentum assoziiert.
98
Assmann, 283. Hierin liegt auch wiederum ein Hinweis für die leiturgische Ordnung vor.
99
S. 360ff., Anm. 5..
- 382 -
Merke: Es gibt keinen Beruf ohne einen Vorgesetzten, außer dem Schreiber - der ist der
Vorgesetzte.100
Werde Schreiber! […] Du hast nicht viele Herren und hast nicht eine Menge von
Vorgesetzten.101
[IV,4] Er [der Beruf des Schreibers] ist doch der höchste aller BERUFE […].
[IV,8] Jeder Holzarbeiter, der den Dechsel führt, der ist müder als ein Hacker auf dem Feld.
Sein Acker ist das Holz, seine Hacke ist die Axt. Es gibt keinen Feierabend für ihn, obwohl er
schon über seine Kräfte viel geleistet hat: In der Nacht muß er noch Licht brennen.
[V,7] Der Töpfer ist unter der Erde, obwohl er noch lebt. Er wühlt sich in den Sumpf boden
mehr als ein Schwein, um seine Töpfe brennen zu können. Seine Kleidung ist steif von Dung,
sein Gürtel nur ein Fetzen. Die heiße Luft bläst ihm ins Gesicht, die geradewegs aus seinem
Ofen kommt. Er hat sich einen Stampfer an seine Füße gebunden, der Stößel daran ist er
selber. Er durchwühlt den Hof eines jeden Hauses, zerstört die öffentlichen Plätze.
[VIII,1] Der Schuster - dem geht es sehr elend unter seinen Ölbottichen. Ihm ist wohl, wenn
einem unter Leichen wohl ist; was er beißt, ist Leder."102
Wenn der Bäcker steht und backt und Brote in das Feuer legt, so ist sein Kopf innen im Ofen
und sein Sohn hält seine Füße fest. Geschieht es, daß er seinem Sohn aus der Hand gleitet, so
fällt er hinein in die Glut. Allein der Schreiber […]103
100
Lehre des Cheti Nr. VIII, 8, zit. nach Brunner (Hrsg.), Weisheitsbücher, 165, abgedruckt bei Fischer, 426.
101
Papyrus Anastasi II, 6 zit nach Erman, Literatur, S. 250, abgedruckt bei Fischer, 426.
102
Lehre des Cheti für seinen Sohn Pepi (18. Dyn. oder früher), Papyrus Sallier I, zit. nach Brunner, Helmut
(Hrsg.), Die Weisheitsbücher der Ägypter. Lehren für das Leben, Düsseldorf - Zürich 1977, hier: Die Lehren, Nr.
5; s. Fischer, 545.
103
Papyrus Anastasi II,6; zit. nach Erman, Adolf, Die Literatur der Aegypter. Gedichte, Erzählungen und
Lehrbücher aus dem 3. und 2. Jahrtausend v. Chr., Leipzig 1923, 250.; abgedruckt bei Fischer, 545.
- 383 -
Wie die Zugehörigkeit der ,Lehre des Cheti' zu den sog. ,Weisheitsbüchern' beweist, ist auch
dieses Standesgefühl der Schreiber und das Herabsehen auf andere Handwerksberufe zunächst
Ausdruck der Ma`at.
Hier gelingt Mann ein weiterer Kunstgriff bei der Gestaltung seiner Josephromane.
Dadurch, dass er ,Joseph' als Schreiber kennzeichnet und dieser durch sein Charisma die
achsenzeitliche Ma`at unter ,Echnaton' konstituiert, werden auch die übrigen Handwerksberufe
positiv umgewertet. Daher kommt der schon erwähnten farbenprächtigen Beschreibung der
Handwerksberufe im Roman besondere Bedeutung zu. Sowohl Joseph, als auch Echnaton und
auch die ,Lehre des Cheti' (alle im Neuen Reich zu datieren) werden damit fiktiv ins Mittlere
Reich verlagert. Dieses ist durch einen Höhepunkt sozialer und wirtschaftlicher Stabilität und
Anerkennung im Ausland, in Asien und Nubien, charakterisiert.
Fischer weist darauf hin, dass Thomas Mann die ,Lehre des Cheti' bekannt war, doch unklar
sei, woher. Die einzige deutsche Übersetzung aus der Zeit stamme von Adolf Ernan, "Die
ägyptischen
Schulerhandschriften",
Abhandlungen
der
preußischen
Akademie
der
Wissenschaften, 1925, Bd. 2. Wie die bisherigen Ausführungen belegen, kommt jedoch mit
großer Wahrscheinlichkeit die oben genannte Stelle bei Max Weber als Informationsquelle
Thomas Manns in Betracht.104
An anderer Stelle schreibt Max Weber in Hinblick auf den ,Schreiberintellektualismus': (…)
wie kann der Bauer, der Schmied, der Töpfer die ,Weisheit' haben, die nur Muße zum
Nachdenken und zur Hingabe an das Studium zu erschließen vermag?"105
Auch bei Weber wird dieser achsenzeitliche Umschwung angesprochen: "In Aegypten
bestand
im
Mittleren
Reich
Amtsfeudalität,
im
Neuen
Reich
bürokratische
Schreiberverwaltung."106
Bei Max Weber hat die allumfassende Bedeutung der Religion in Altägypten auch Einfluss
auf die ägyptische Gesellschaftspyramide bzw. die verschiedenen Gesellschaftsschichten und
ihre religiöse Orientierung. Daher sollen im Folgenden die unterschiedlichen ägyptischen
Gesellschaftsschichten, so wie sie sich bei Mann und Weber darstellen, aufgezeigt werden.
104
Fischer, 426.
105
Grundriß der Sozialökonomik, Tübingen 1922, 291.; Diese Aufzählung erinnert stark an die Auflistung der
Berufsgruppen in der oben zitierten ,Lehre des Cheti'.
106
Grundriß der Sozialökonomik, Kapitel VIII. Die Stadt, 524.
- 384 -
"Aber ebenso wie - trotzdem es doch überall einmal städtische Marktprivilegien, Zünfte,
Gilden und allerhand rechtliche Scheidungen zwischen Stadt und Land in der
verschiedensten Form gab,- doch der Begriff des ,Bürgers' überall außer im Okzident und
der Begriff der ,Bourgeoisie' überall außer im modernen Okzident fehlte, so fehlte auch
das ,Proletariat' als Klasse und mußte fehlen, weil eben die rationale Organisation freier
Arbeit als Betrieb fehlte. ,Klassenkämpfe' zwischen Gläubiger- und Schuldnerschichten,
Grundbesitzern und Besitzlosen oder Fronknechten oder Pächtern, Handelsinteressenten
und Konsumenten oder Grundbesitzern, hat es in verschiedener Konstellation überall
längst gegeben. Aber schon die okzidental-mittelalterlichen Kämpfe zwischen Verlegern
und Verlegten finden sich anderwärts nur in Ansätzen. Vollends fehlt der moderne
Gegensatz: großindustrieller Unternehmer und freier Lohnarbeiter. Und daher konnte es
auch eine Problematik von der Art, wie sie der moderne Sozialismus kennt, nicht
geben."107
,Moderne Stände' sind nach Max Weber also nur unter der Bedingung der freien Arbeit
möglich. Im Folgenden soll auf die Begriffe der Gesellschaftspyramide zurückgegriffen
werden, wie sie sich aus der angegebenen Literatur ergeben.108
cea) Die Bauern
"Je stärker bäuerlich orientiert eine Kulturentwicklung ist: im Okzident in Rom, im
fernen Osten in Indien, in Vorderasien in Aegypten, desto stärker fällt gerade dies
Bevölkerungselement in die Wagschale des Traditionellen und desto mehr entbehrt
wenigstens die Volksreligiosität der ethischen Rationalisierung."109
"Auch in der späteren jüdischen und der christlichen Religionsentwicklung kommen die
Bauern als Träger rational ethischer Bewegungen teils gar nicht oder direkt negativ, wie
im Judentum, teils wie im Christentum, nur ausnahmsweise und dann in kommunistischrevolutionärer Form vor. (...) Ihre Verbindung mit religiösen Forderungen ist in dieser
Art überhaupt nur möglich gewesen auf dem Boden einer schon bestehenden ethischen
107
Weber, Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 9.
108
Bresciani, Edda, An den Ufern des Nils. Alltagsleben zur Zeit der Pharaonen, Stuttgart, 2002; Decker
Wolfgang, Sport und Spiel im Alten Ägypten, München 1987; Budka, Julia, Hohe Verwaltungsbeamte unter
Thutmosis III, in: Kemet 3/2001.; Pardey, Eva, Die Organisation der königlichen Verwaltung, in: Schulz-Seidel,
Die Welt der Pharaonen, Köln 1997, 357-370.; Rachet, Guy, Lexikon des Alten Ägypten. Düsseldorf 2002.;
Silverman, David P., Der Herrscher der Beiden Länder, in: Silvermann, Das Alte Ägypten, München 2001², 106113.
109
Grundriß der Sozialökonomik, 268.
- 385 -
Religiosität, welche spezifische Verheißungen enthält, die zu Anknüpfungspunkten für
ein revolutionäres
N a t u r- r e c h t dienen können, (…) Die Bauern sind nur sehr selten die Schicht,
welche irgendeine nicht magische Religiosität ursprünglich getragen hat."110
"Den Bauern lag, spezifisch naturgebunden und von den Elementargewalten abhängig,
wie ihre ganze ökonomische Existenz war, die Magie: der zwingende Zauber gegen die
über und in den Naturkräften waltenden Geister, oder das einfache Erkaufen göttlichen
Wohlwollens, so nahe, daß nur gewaltige, von anderen Schichten oder von mächtigen als
Zauberer durch die Macht des Wunders legitimierten Propheten ausgehende,
Umwälzungen der Lebensorientierung sie aus dem Verharren in dieser überall
urwüchsigen Form von Religiosität herauszureißen vermochten. Orgiastische und
ekstatische ,Besessenheits'-Zustände, durch toxische Rauschmittel oder durch Tanz
erzeugt, - dem Standesgefühl des Rittertums, als würdelos, fremd, - vertraten bei ihnen
die Stelle der ,Mystik' der Intellektuellen. – Endlich die im westeuropäischen Sinne
,bürgerlichen' Schichten und was diesen anderwärts entsprach: Handwerker, Händler,
hausindustrielle Unternehmer und ihre nur im modernen Okzident heimischen Derivate,
waren – und das ist für uns ganz besonders wichtig – die in den Möglichkeiten ihrer
religiösen Stellungnahme scheinbar vieldeutigste Schicht."111
"Der spätjüdischen Gemeindefrömmigkeit der Chaberim ist ,Landmann' und ,gottlos'
einfach identisch, der Nichtstädter sowohl politisch wie religiös ein Jude zweiter Klasse.
Denn wie beim buddhistischen und hinduistischen, so ist beim jüdischen Ritualgesetz
praktisch so gut wie unmöglich, als Bauer wirklich korrekt zu leben (...) Dem
Frühchristentum heißt der Heide einfach Landmann (Paganus)."112
"Für das modernisierte Luthertum – denn die Stellung von Luther selbst ist das noch
nicht – war der Kampf gegen den intellektualistischen Rationalismus und politischen
Liberalismus, für die slawophile religiöse Bauernideologie, daneben noch der Kampf
gegen den Kapitalismus und modernen Sozialismus das leitende Interesse, während die
Verklärung des russischen Sektierertums durch die „Narodniki“ den antirationalistischen
Protest des Intellektualismus mit der Revolte des proletarisierten Bauernstandes gegen
die den herrschenden Gewalten dienstbare Bürokratenkirche in Beziehung setzen und
dadurch beide religiös verklären möchten. In allen Fällen handelt es sich also dabei in
sehr starkem Maße um Rückschläge gegen die Entwicklung des modernen
Rationalismus, als dessen Träger die Städte gelten."113
110
Grundriß der Sozialökonomik, 268.
111
Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 255f..
112
Grundriß, 269.
113
ebd., 269.
- 386 -
Weber betont hier den Einsatz des Luthertums für die Bauern, doch für das Frühchristentum
gilt diese Sichtweise nicht.114
So ist auch das Leben ,Labans' im Roman wie schon gezeigt von vielen überständischen
Sitten geprägt. ,Jaakob' muss beispielsweise erst ,Lea' heiraten, bevor er nach sieben Jahren
harter Arbeit um ,Rahel' werben darf.
ceb) ,Sklaven' und Tagelöhner
"Endlich die ökonomisch am meisten negativ privilegierten Schichten: Sklaven und freie
Tagelöhner, sind bisher nirgends in der Geschichte Träger einer spezifischen Religiosität
gewesen. Die Sklaven in den alten Christengemeinden waren Bestandteile des städtischen
Kleinbürgertums. Denn die hellenistischen Sklaven und z.B. die im Römerbrief
erwähnten Leute des Narzissus (vermutlich des berühmten kaiserlichen Freigelassenen)
gehören entweder – wie wahrscheinlich die letzteren – dem relativ gut und selbständig
gestellten Hausbeamtentum und der Dienerschaft eines sehr reichen Mannes an, oder und
meist, sind sie umgekehrt selbständige Handwerker, welche ihrem Herrn Zins zahlen und
sich das Geld für ihren Freikauf aus ihren Ersparnissen zu erarbeiten hoffen, wie dies in
der ganzen Antike und in Rußland bis in das 19. Jahrhundert üblich war, oder endlich
wohl auch gutgestellte Staatssklaven."115
Festzuhalten am Beispiel Ägyptens ist, dass vor allem Kriegsgefangene in Militärkolonien
eingegliedert wurden. Diese verloren aber nach einiger Zeit den Sklaven-Status. Die Sklaverei
in Ägypten blieb also sekundär. Was die Bautätigkeit insbesondere der Pyramiden betrifft, so
wurde diese nicht von Sklaven, sondern wie schon erwähnt von freien Einheimischen im
Frondienst verrichtet.
cec) Das Bürgertum
114
Zum religiösen Gegensatz Stadt - Land und dem Frühchristentum als Stadtreligion, s. S. 357f.
115
Grundriß der Sozialökonomik, 277., Weber und Mann verwenden den Begriff ,Sklaven' im Zusammenhang mit
Ägypten im übertragenen Sinn: Mann spricht davon, dass ,Joseph' eigentlich immer ein ,Sklave' des Pharao blieb,
dass er verkauft und wieder verkauft worden sei, s. S.334ff.; Bei Max Weber heißt es: "Im Altertum sind in den
naturalwirtschaftlichen Ländern die ägyptischen Beamten, soweit nicht rechtlich, doch tatsächlich Sklaven des
Pharao." (Grundriß der Sozialökonomik, 2. Halbband, 657). Eventuell ist der Begriff auch im Bibeltext Gen 47,
20f.
im übertragenen Sinn verwendet und bezeichnet den Frondienst der Bevölkerung. Damit stünde die
klimatische Steigerung im Vordergrund: Geld - Vieh - Land als Zahlungsmittel.
- 387 -
Weber schreibt dazu:
"Dagegen ist jeder Gedanke an Abhängigkeit von dem Gang der kosmischmeteorologischen oder anderen, als magisch oder als providenziell bewirkt zu deutenden,
Naturvorgängen ausgeschaltet, wie es s.Z. schon Sombart in schöner Form ausgeführt
hat. Der proletarische Rationalismus ebenso wie der Rationalismus einer im Vollbesitz
der ökonomischen Macht befindlichen, hochkapitalistischen Bourgeoisie, dessen
Komplementärerscheinung er ist, kann daher aus sich heraus nicht leicht religiösen
Charakter tragen, jedenfalls eine Religiosität nicht leicht erzeugen. Die Religion wird hier
vielmehr normalerweise durch andere ideelle Surrogate ersetzt. Die untersten,
ökonomisch unsteten Schichten des Proletariats, denen rationale Konzeptionen am
schwersten zugänglich sind, und ebenso die proletaroiden oder dauernd notleidenden und
mit Proletarisierung bedrohten sinkenden Kleinbürgerschichten können allerdings
religiöser Mission besonders leicht anheimfallen. Aber religiöse Mission ganz besonders
in magischer Form, oder, wo die eigentliche Magie ausgerottet ist, von einem Charakter,
welcher Surrogate für die magisch–orgiastische Begnadung bietet; dies tun z.B. die
soteriologischen Orgien methodistischer Art, wie sie etwa die Heilsarmee veranstaltet.
Zweifellos können weit leichter emotionale als rein rationale Elemente einer religiösen
Ethik auf diesem Boden wachsen, und jedenfalls entstammt ihnen ethische Religiosität
kaum jemals als ihrem primären Nährboden. Es gibt eine spezifische ,Klassen'Religiosität der negativ privilegierten Schichten nur in begrenztem Sinn. Soweit in einer
Religion der Inhalt ,sozialpolitischer' Forderungen als gottgewollt fundamentiert wird,
haben wir uns bei Erörterung der Ethik und des ,Naturrechts' kurz damit zu befassen.
Soweit der Charakter der Religiosität als solcher in Betracht kommt, ist zunächst ohne
weiteres verständlich, daß das ,Erlösungs'-Bedürfnis, im weitesten Sinn des Wortes, in
den negativ privilegierten Klassen einen – wie wir später sehen werden- , freilich
keineswegs den einzigen oder auch nur den hauptsächlichsten, Standort hat, während es
innerhalb der ,satten' und positiv privilegierten Schichten wenigstens den Kriegern,
Bürokraten und der Plutokratie fern liegt."116
"Die unpersönliche, übergöttliche ethische Ordnung des Kosmos und die exemplarische
Erlösung ist dagegen ein der spezifisch unvolkstümlichen, ethisch rationaler
Laienbildung adäquater Intellektuellengedanke. Das gleiche gilt aber für den absolut
überweltlichen Gott. Mit Ausnahme des Judentums und des Protestantismus haben alle
Religionen und religiösen Ethiken ohne Ausnahme den Heiligen- oder Heroen- oder
Funktionsgötterkult bei ihrer Adaptierung an die Massenbedürfnisse wieder aufnehmen
müssen."117
Die Religiosität ganz oberer Schichten ist ausschließlich intellektuell gefasst und nähert sich
der Kunst an. Hier sei nochmals auf die Ausführungen in Kapitel V verwiesen. Die
116
ebd., 278.
117
ebd., 279.
- 388 -
Religionsausübung der unteren Schichten ist weit emotionaler und auf ihr Erlösungsbedürfnis
berichtet.
Die Verhältnisse im Ägyptischen Palast, z.B. die Geschwisterehe zwischen ,Hui und Tui',
und das eunuchenhafte Dasein des Wedelträgers des Pharao sowie der künstlerische
Tempeldienst seiner kinderlosen Gattin, der ,Schnur' ,Mut-em-menet', später der intellektuelle
Anspruch des Herrschers ,Echnaton' untermauern die erste These. (Zudem gibt es für Amun ein
Toten- und Wohnhaus, was die Inkarnation Gottes zu Lebzeiten unterstreicht.)
In der Folge entwickelt sich aus der unterschiedlichen Haltung der bürgerlichen Schichten
zur Religion die innerweltliche Askese:
"Je mehr der Intellektualismus den Glauben an die Magie zurückdrängt, und so die
Vorgänge der Welt ,entzaubert' werden, ihren magischen Sinngehalt verlieren, nur noch
,sind' und ,geschehen', aber nichts mehr ,bedeuten', desto dringlicher erwächst die
Forderung an die Welt und ,Lebensführung' je als Ganzes, daß sie bedeutungshaft und
,sinnvoll' geordnet seien."118
"Eine Erlösungsreligiosität entwickeln sozial privilegierte Schichten eines Volkes
normalerweise dann am nachhaltigsten, wenn sie entmilitarisiert und von der Möglichkeit
oder vom Interesse an politischer Betätigung ausgeschlossen sind. Daher tritt sie typisch
dann auf, wenn die, sei es adligen, sei es bürgerlichen herrschenden Schichten entweder
durch eine bürokratisch–militaristische Einheitsstaatsgewalt entwickelt und entpolitisiert
worden sind, oder sich selbst aus irgendwelchen Gründen davon zurückgezogen haben,
wenn also die Entwicklung ihrer intellektuellen Bildung in ihre letzten gedanklichen und
psychologischen inneren Konsequenzen für sie an Bedeutung über ihre praktische
Betätigung in der äußeren diesseitigen Welt das Uebergewicht gewonnen hat."119
"Das Problem der Theodizee ist verschieden gelöst worden und diese Lösungen stehen
im intimsten Zusammenhang mit der Gestaltung der Gotteskonzeption und auch der Art
der Prägung der Sünden- und Erlösungsideen. Wir greifen die möglichst rational ,reinen'
Typen heraus."120
"Die Uebertragung von Erlösungslehren auf die Massen läßt fast jedes Mal den
persönlichen Heiland entstehen oder stärker hervortreten. Der Ersatz des Buddhaideals,
d.h. der exemplarischen Intellektuellenerlösung in das Nirwana, durch das
Bodhisattvaideal, zugunsten eines zur Erde niedersteigenden Heilands, der auf das eigene
118
ebd., 290.
119
Grundriß der Sozialökonomik, 288., Dies könnte im Roman "Joseph, der Ernährer" in der Zeit Echnatons und
seinem Nichtkümmern um die soziale ,Isfet' der Fall sein.
120
ebd., 297.
- 389 -
Eingehen in das Nirwana verzichtet, um die Mitmenschen zu erlösen, ebenso das
Aufkommen der durch die Menschwerdung des Gottes vermittelten Erlösergnade in den
hinduistischen Volksreligionen, vor allem im Vischnuismus, und der Sieg dieser
Soteriologie und ihrer magischen Sakramentalgnade sowohl über die vornehme
atheistische Erlösung der Buddhisten, wie über den alten, an die vedische Bildung
gebundenen Ritualismus, sind Erscheinungen, die sich, nur in verschiedener
Abwandlung, auch sonst finden. Ueberall äußert sich das religiöse Bedürfnis des
mittleren und kleineren Bürgertums in emotionalerer, speziell in einer zur Innigkeit und
Erbaulichkeit neigenden Legende statt der Heldenmythen bildenden Form. Sie entspricht
der Befriedigung und stärkeren Bedeutung des Haus- und Familienlebens gegenüber den
Herrenschichten. Das Aufkommen der gottinnigen ,Bhakti'-Frömmigkeit in allen
indischen Kulten, in der Schaffung der Bodhisattvafigur so gut wie in den
Krischnakulten, die Popularität der erbaulichen Mythen vom Dionysosekinde, vom
Osiris, vom Christuskind und ihre zahlreichen Verwandten, gehören alle dieser
bürgerlichen Wendung der Religiosität ins Genrehafte an. Das Auftreten des Bürgertums
als einer, die Art der Frömmigkeit mitbestimmenden Macht unter dem Einfluß des
Bettelmönchtums bedeutet zugleich die Verdrängung der vornehmen ,Theotokos' der
imperialistischen Kunst Nicolo Pisanos durch das Genrebild der heiligen Familie, wie es
sein Sohn schuf, ganz wie das Krischnakind in Indien der Liebling der volkstümlichen
Kulte ist."121
Das mittlere und Kleinbürgertum neigt also, wie hieraus zu ersehen ist, zu Formen privater
Frömmigkeit. Dies ist im Zusammenhang mit der ,Lehre des Cheti' durchaus von Bedeutung,
wie im Folgenden ausgeführt wird. Von Osiris ist in den Josephromanen des Öfteren die
Rede.122
- Die Handwerker:
"Also eine höchst bunte Mannigfaltigkeit, welche wenigstens dies beweist, daß eine
eindeutige ökonomische Bedingtheit der Religiosität des Handwerkertums nie bestand.
Immerhin liegt höchst deutlich eine ausgesprochene Neigung sowohl zur
Gemeindereligiosität, wie zur Erlösungsreligiosität und schließlich auch zur rationalen
ethischen Religiosität vor, verglichen mit den bäuerlichen Schichten (…)"123
"Die aktive Askese: nicht Gottesbesitz oder gottinnige kontemplative Hingegebenheit,
wie sie den von vornehmen Intellektuellenschichten beeinflußten Religionen als höchstes
Gut erschien, sondern: gottgeswolltes Handeln mit dem Gefühl, Gottes >Werkzeug< zu
121
ebd., 279.
122
beispielsweise Joseph in Ägypten, 106. Max Weber bezeichnet die Handwerker als ,die in den Möglichkeiten
ihrer religiösen Stellungnahme scheinbar vieldeutigste Schicht.', s. S. 429, Anm. 111.
123
ebd.,Tübingen 1922, 275.
- 390 -
sein, konnte hier (gemeint sind die bürgerlichen Schichten) der bevorzugte religiöse
Habitus werden."124
"Eine spezifische Handwerkerreligiosität war allerdings von Anfang an das alte
Christentum. Sein Heiland, ein landstädtischer Handwerker, seine Missionare wandernde
Handwerksburschen, der größte von ihnen, ein wandernder Zelttuchmachergeselle."125
Die Bedeutung der Handwerker bei der Entstehung der innerweltlichen Askese ist also hoch
einzuschätzen.
Beschreibungen verschiedenster Handwerker finden sich in den Josephromanen zuhauf, sie
werden als buntes Völkchen dargestellt, beispielsweise sei hier auf die Herstellung der
sogenannten ,Zauberfeigen' zurückverwiesen.126 Weber schreibt dazu:
"Der Handwerker speziell ist zwar in den Anfängen der Berufsdifferenzierung ganz
besonders tief in magische Schranken verstrickt. Denn alle spezifizierte, nicht alltägliche,
nicht allgemein verbreitete ,Kunst' gilt als magisches Charisma, persönliches oder, in
aller Regel, erbliches, dessen Erwerb und Erhaltung durch magische Mittel garantiert
wird, seinen Träger tabusitisch, zuweilen totemistisch, aus der Gemeinschaft der
Alltagsmenschen (Bauern) absondert, oft vom Bodenbesitz ausschließt."127
- Der Kaufmann und der Händler
Diese Berufsgruppen unterscheiden sich hinsichtlich der Organisationsformen des
Warentransports und des Handels. Über die Unterscheidung beider heißt es bei Weber:
124
Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen 1947, Die Wirtschaftsethik der
Weltreligionen, 257.; in der oben genannten Quelle ist davon die Rede, dass die ,wirtschaftliche Aktivität schon
von Ptahotep als alleiniges Mittel, den Reichtum zu erhalten', gepriesen wird, S. 360f., Anm. 5.
125
Grundriß der Sozialökonomik, 1. Band, Tübingen 1921, Kapitel IV Religionssoziologie, 275.; diese Stelle wird
auch bei Max Scheler zitiert, s. ders., Die Wissensformen und die Gesellschaft, Probleme einer Soziologie des
Wissens, 95. Durch die Ma`at gelingt mit ,Josephs' Hilfe im Roman sowohl die Revolution des ,Echnaton' und die
Einführung des Monotheismus als auch die Aufwertung der Handwerksberufe (vgl. Jesus war Zimmermann)
und damit nach Weber die Definition des Heilands. Damit sind die zwei wichtigsten Aspekte bei der Bildung
des Christentums angesprochen.
126
S. 371, Anm. 29.; s. auch zum Beispiel Menfe in "Joseph in Ägypten", 62ff.
127
Grundriß der Sozialökonomik, 276.; Hier wird darauf verwiesen, dass auch die Handwerker ein Charisma
besitzen, nicht nur die Schreiber, vgl. Ausführungen zur ,Lehre des Cheti', 396ff.
- 391 -
"Die im vorigen Abschnitt geschilderten Zustände sind nicht nur diejenigen des Handels
im frühen Mittelalter, sondern auch in Arabien und überhaupt der ganzen Welt, solange
der fremde Händler vorherrschte. Vollkommen andere Verhältnisse entstanden, als der
Stand des o r t s a n s ä s s i g e n Kaufmanns sich ausbildete."128
Auch in den Josephromanen wird zwischen Händlern und Kaufleuten, beispielsweise in der
Karawane, unterschieden. Diese haben eine eigene Ethik, die sich nach dem Abnehmer der
Waren richtet.129
"So erklärte es der Alte dem Joseph, und darum sah dieser außer den Kusch-Mohren
unter den Leuten Wêse's: Bedus aus dem Gotteslande vorm Roten Meer; hellgesichtige
Libyer von den Oasen der westlichen Wüste in bunten Wirkröcken und geflochtenen,
starr vom Kopfe stehenden Zöpfen; Amu-Leute und Asiaten gleich ihm, in farbiger
Wolle, mit den Bärten und Nasen der Heimat; chattische Männer von jenseits des
Amanusgebirges in Haarbeuteln und engen Hemden; Mitanni-Händler in der würdigüberfallreichen und befransten Tracht Babels; Kauf- und Seeleute von den Inseln und von
Mykene in weißer Wolle, deren Falten erfreulich fielen, erzene Ringe an dem Arm, den
sie nicht im Gewand verbargen, - und dies alles, obgleich der Alte aus Bescheidenheit
seinen kleinen Zug möglichst armselig-volkstümliche Wege führte und die edlen Straßen
vermied, um nicht ihre Schönheit zu verletzen."130
ced) Der politische Beamte
"Jedes politische Beamtentum andererseits mißtraute allen Arten von individueller
Heilssuche oder freier Gemeinschaftsbildung als Quellen der Emanzipation von der
Domestikation durch die Staatsanstalt, mißtraute ebenso auch der konkurrierenden
priesterlichen Gnadenanstalt, verachtete aber, vor allem, im letzten Grunde das Streben
nach diesen unpraktischen Gütern jenseits von utilitarischen innerweltlichen Zwecken
überhaupt. Religiöse Pflichten waren jeder Beamtenschaft letztlich einfach amtliche oder
soziale Staatsbürger- und Standespflichten: das Ritual entsprach dem Reglement, und alle
Religiosität nahm daher ritualistischen Charakter an, wo eine Bürokratie diesen
bestimmte."131
128
Wirtschaftsgeschichte, 191; s. auch S. 153, Anm. 82.
129
Joseph in Ägypten, 90. Beachte hier den unterschiedlichen Gebrauch der Begriffe bei Mann und Weber.
130
ebd., 118.
131
Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1,, 255.; vgl. dazu auch die Ausführungen zur
Patrimonialbürokratie; dies entspricht dem ,leiturgischen' Aufbau, s. S. 360ff, Anm. 5.
- 392 -
Hier lassen sich als Beispiele ,Josephs' schon in Kapitel IX erwähnte Dienste vom ,Stummen
Diener' bei ,Hui und Tui' bis zum Hausverwalter anführen, die mit der vertikalen Solidarität der
Ma`at zu erklären sind. Politik und Religion sind also in Ägypten aneinander gekoppelt.
cee) Die Frauen
"Der Religiosität der negativ Privilegierten ist ferner, im Gegensatz zu den vornehmen
Kulten des kriegerischen Adels, die gleichberechtigte Heranziehung der Frauen eigen."132
"Ueberall, wo die asketische Kriegserziehung mit ihrer ,Wiedergeburt' des Helden
herrscht oder geherrscht hat, gilt die Frau als der höheren, heldischen Seele entbehrend
und ist dadurch religiös deklassiert."133
In den Josephromanen werden die religiösen Praktiken der vornehmen ägyptischen Frauen
vor allem am Beispiel ,Mut-em-menets' verdeutlicht: Sie besitzen eine eigene religiöse
Kultstätte zu Ehren Amuns, es handelt sich dabei um einen Orden mit Tempeldienst und
Gesang.
"Ein Zug ging vom Frauenhause schräg über den Hof gegen das Herrenhaus: fünf Diener
in Schurzen und knappen Leinenkappen voran, fünf Dienerinnen mit offenem Haar
hinterdrein, aber inmitten über ihnen, auf den nackten Schultern nubischer Knechte
schwebend, mit gekreuzten Füßen hingelehnt in den Kissen einer Art von vergoldeter
Stuhlbahre, die rachenoffene Tierköpfe schmückten, eine Dame Ägyptens, hoch gepflegt,
blitzenden Schmuck in den Pudellocken, Gold auf dem Halse, beringt die Finger und
Lilienarme, deren einen sie - es war ein sehr weißer und wonniger Arm - zur Seite der
Trage lässig herniederhängen ließ, - und Joseph sah unter dem Geschmeidekranz ihres
Hauptes ihr persönlich-besonderes, dem Mondsiegel zum Trotze ganz einmaliges und
vereinzeltes Profil mit den kosmetisch gegen die Schläfen verlängerten Augen, der
eingedrückten Nase, den schattigen Gruben der Wangen, dem zugleich schmalen und
weichen, zwischen vertieften Winkeln sich schlängelnden Munde. Das war Mut-em-enet,
des Hauses Herrin, die sich zur Mahlzeit begab, Peteprê's Ehegemahl, eine
verhängnisvolle Person."134
132
Grundriß der Sozialökonomik, 279.; s. demgegenüber auch Kapitel IV, Urchristentum und Dionysoskult war die
gleichberechtigte Teilnahme der Frauen gemeinsam, S. 221., Anm. 70.
133
ebd., 280.
134
Joseph in Ägypten, 158f.
- 393 -
,Mut-em-menet' selbst sagt:
",,Ich aber bin Amuns ganz und gar mit all meiner Ehre und Frömmigkeit, denn ich bin
seines Tempels Braut und von seinem Frauenhause, Hathor bin ich und tanze vor ihm im
Kleide der Göttin, das ist all meine Ehre und Lust, und weiter habe ich keine, meines
Lebens Ein und Alles ist dieser Ehrenstand (…)’’"135
Doch ihre Religion ist von ,Überständigkeit’ geprägt: "daß ihr Lebensbau, künstlich wie er
war, ins Wanken geraten sei und über den Haufen zu stürzen drohte (…)"136
3. Abweichungen vom ,Idealtypus': Andere Stadtkategorien
Neben der Beschreibung des ,Idealtypus’ führt Weber noch andere Kategorien an:
"Dem Typus der Fürstenstadt, also einer solchen, deren Einwohner in ihren
Erwerbschancen vorwiegend direkt oder indirekt von der Kaufkraft des fürstlichen und
der anderen Großhaushalte abhängen, stehen solche Städte nahe (...): In all diesen und
zahlreichen ähnlichen Fällen ist die Stadt, je nachdem, mehr oder weniger,
Konsumentenstadt. Denn für die Erwerbschancen ihrer Gewerbetreibenden und Händler
ist die Ansässigkeit jener, untereinander ökonomisch verschieden gearteten,
Großkonsumenten an Ort und Stelle ausschlaggebend. Oder gerade umgekehrt: die Stadt
ist Produzentenstadt, das Anschwellen ihrer Bevölkerung und deren Kaufkraft beruht also
darauf, daß – wie etwa in Essen und Bochum – Fabriken, Manufakturen oder
Heimarbeiterindustrien in ihnen ansässig sind, welche auswärtige Gebiete versorgen: der
moderne Typus, oder daß in Form des Handwerks Gewerbe am Ort bestehen, deren
Waren nach auswärts versendet werden: der asiatische, antike und mittelalterliche Typus.
Die Konsumenten für den örtlichen Markt stellen teils, als Großkonsumenten, die
Unternehmer – wenn sie, was nicht immer der Fall, ortsansässig sind -, teils und
namentlich, als Massenkonsumenten, die Arbeiter und Handwerker und, teilweise als
Großkonsumenten, die durch sie indirekt gespeisten Händler und Grundrentenbezieher.
Wie diese Gewerbestadt, so stellt sich schließlich der Konsumentenstadt auch die
Händlerstadt gegenüber, eine Stadt also, bei welcher die Kaufkraft ihrer
Großkonsumenten darauf beruht, daß sie entweder fremde Produkte am örtlichen Markt
mit Gewinn detaillieren (wie die Gewandschneider im Mittelalter) oder heimische oder
doch (wie bei den Heringen der Hansa) von heimischen Produzenten gewonnene Waren
mit Gewinn nach außen absetzen, oder fremde Produkte erwerben und mit oder ohne
Stapelung am Orte selbst nach auswärts absetzen (Zwischenhandelsstädte). Oder – und
das ist natürlich sehr oft der Fall – daß sie alles dies kombinieren: die ,Commenda' und
135
ebd., 377.
136
ebd., 355.; Auch sie fällt ebenso wie ,Gustav von Aschenbach’ dem Gott Dionysos zum Opfer.
- 394 -
,Societas maris' der Mittelmeerländer bedeuteten zum erheblichen Teil, daß ein ,tractator'
(reisender Kaufmann) mit dem von ortsansässigen Kapitalisten ganz oder teilweise ihm
kommanditierten Kapital einheimische oder auf dem einheimischen Markt gekaufte
Produkte nach den Märkten der Levante fuhr – oft genug dürfte er auch ganz in Ballast
dorthin gefahren sein -, jene dort verkaufte, mit dem Erlös orientalische Waren kaufte
und auf den heimischen Markt brachte, wo sie verkauft, der Erlös aber nach vereinbartem
Schlüssel zwischen dem tractator und dem Kapitalisten geteilt wurde. Auch die Kaufkraft
und Ste