98Theke

98Theke
INFORMATIONSBLATT DER MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER
IM BIBLIOTHEKSSYSTEM DER UNIVERSITÄT H EIDELBERG
Inhalt
1998
7
Der DigiKat: Der digitalisierte alphabetische Zettelkatalog 1936-1985
der Universitätsbibliothek Heidelberg
9
Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg
15
Die Digitalisierung des Alphabetischen Zettelkataloges 1936–1985
18
Hochschulpublikationen als elektronische Volltexte: eine Aufgabe für Bibliotheken
26
Die „Schurman-Bibliothek für Amerikanische Geschichte“
am Historischen Seminar der Universität Heidelberg
28
„Gotthard de Beauclair“ in der Universitätsbibliothek Heidelberg
45
Die Bücher der Maya, Mixteken und Azteken
55
Der Heidelberger Karl-Theodor-Globus
in den Sammlungen der Universitätsbibliothek Heidelberg
62
Passive und aktive Buchpflege
65
Die Bibliothek als Sammlung
72
Zum Stand der Inkunabelkatalogisierung in der UB Heidelberg
75
Philipp Melanchthon und Wilhelm Reiffenstein: eine Humanistenfreundschaft
im Spiegel neu entdeckter Melanchthonbriefe aus der Bibliotheca Palatina
81
Bibliographie zum Bibliothekssystem der Universität Heidelberg
Theke 1998
Herausgeberin:
Universitätsbibliothek Heidelberg
Plöck 107-109, D-69117 Heidelberg; Postfach 10 57 49, D-69047 Heidelberg
Fax (0 62 21) 54 26 23, Tel. (0 62 21) 54 23 80, E-Mail: [email protected]
Redaktion:
Dr. Achim Bonte, UB, ☎ 54 - 25 79
Peter Brose, UB, ☎ 54 - 27 75
Dr. Hermann Josef Dörpinghaus, UB, ☎ 54 - 23 80
Jutta Erraß, UB, ☎ 54 - 23 80
Eveline Maintz, UB, ☎ 54 - 25 75
Dr. Sybille Mauthe, UB, ☎ 54 - 26 12
Franz Martin Scherer, M. A., Seminar für Klassische Philologie, ☎ 54 - 22 60
Angelika Stabenow, Hochschule für Jüdische Studien, ☎ 91 25 25 oder 54 - 76 17
Ralf Werner Wildermuth, UB, ☎ 54 - 26 26
Korrespondierendes Mitglied:
Rose Ullmer, Stadtbücherei, ☎ 58 36 06
Herstellung:
Universitätsbibliothek
Erscheinungsweise:
1 Jahresheft
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Herausgeberin gegen Quellenangabe und Zusendung zweier Belegexemplare.
Preis:
fer umme
ISSN 0175-5781
URL: http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/epubl/theke/
Seite 2
Theke 1998
Autoren
dieses Heftes
Dr. Achim Bonte, Leiter der Abteilung Informationsanwendung und Non-BookMedienverwaltung, Fachreferent für Allgemeines, Germanistik und Medien/
Theater/Film, Universitätsbibliothek
Jens Dannehl, Diplom-Restaurator, Universitätsbibliothek
Dr. Hermann Josef Dörpinghaus, Ltd. Direktor der Universitätsbibliothek
Barbara Duttenhöfer, wissenschaftliche Hilfskraft am Historischen Seminar/
Schurman-Bibliothek für Amerikanische Geschichte
Dr. Eckhard Eichler, Leiter der Technischen Abteilung, Fachreferent für Ägyptologie (Sondersammelgebiet der DFG), Orientalistik, „übrige Sprachen“, Ur- und
Frühgeschichte, Geschichte Asiens, Volks- und Völkerkunde, Judentum und
Wissenschaftswesen
S. Excellenz Roberto Friedrich, Botschafter der Vereinigten Mexikanischen
Staaten, Bonn
Hans Adolf Halbey, ehemaliger Direktor des Klingspor-Museums, Offenbach, und
des Gutenberg-Museums in Mainz, Herausgeber des internationalen Schriftkunstkalenders SCRIPTURA
Dr. Wolfgang Metzger, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Handschriften und Alte Drucke, Universitätsbibliothek
Andreas Nentwich, freiberuflicher Lektor und Kritiker (u. a. für „Die Zeit“, „Neue
Züricher Zeitung“ und „Süddeutsche Zeitung“), ehemaliger Pressereferent des
Verlags Klett-Cotta
Dr. Eberhard Pietzsch, Leiter der Abteilung Informationstechnologie, Fachreferent
für Informatik, Universitätsbibliothek
Dr. Veit Probst, Leiter der Erwerbungsabteilung, Fachreferent für Klassische und
mittellateinische Sprach- und Literaturwissenschaft, Alte Geschichte und Klassische Archäologie (Sondersammelgebiet der DFG), Universitätsbibliothek
Dr. Armin Schlechter, Leiter der Abteilung Handschriften und Alte Drucke,
Fachreferent für Handschriften- und Inkunabelkunde sowie Buch- und
Bibliothekswesen, Universitätsbibliothek
Prof. Dr. Peer Schmidt, Lehrstuhl für Geschichte Lateinamerikas, Universität Erfurt
Sieghard Wanka, Mitarbeiter in der Restaurierungswerkstatt der UB Heidelberg
Seite 3
Theke 1998
Editorial
Nicht wenige der großen und leistungsstarken wissenschaftlichen Bibliotheken der
Bundesrepublik geben – einmal oder mehrfach jährlich erscheinend – eigene Hauszeitschriften heraus. Im Bundesland Baden-Württemberg sind das z. B. die Universitätsbibliotheken in Freiburg, Heidelberg, Konstanz und Tübingen sowie die Landesbibliothek in Karlsruhe. Der gelegentlich von Nichtbibliothekaren vertretenen Meinung,
Bibliothekare sollten sich lieber um ihre tägliche Arbeit kümmern, statt Zeitschriften
zu produzieren, ist entgegenzuhalten, daß ja genau dies, die Beschäftigung mit der
täglichen Arbeit, das primäre Anliegen der bibliothekarischen Hauszeitschriften ist:
➣ Die Hauszeitschrift, die in der Regel nicht nur an die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter der Bibliothek und des örtlichen Bibliothekssystems verteilt, sondern
oft auch an benachbarte Bibliotheken oder – wie in Heidelberg – an eine Vielzahl
von Bibliotheken im In- und Ausland versandt wird, ermöglicht der Bibliothek,
umfassend über einzelne ihrer Leistungen auf ihren verschiedenen Arbeitsgebieten zu berichten – viel umfassender und substantieller als es z. B. im Jahresbericht
der Bibliothek oder im Jahresbericht der Universität möglich wäre. Die Hauszeitschrift einer Universitätsbibliothek demonstriert damit auch nach außen, ob und in
welcher Weise die Bibliothek mit ihren verschiedenartigen Dienstleistungen zum
Image der Universität beitragen kann.
➣ Der Versand der Hauszeitschrift an auswärtige Bibliotheken ist Voraussetzung
für den Leistungsvergleich zwischen den Bibliotheken z. B. eines Bundeslandes und bietet gleichzeitig die Basis, auch von den Leistungen anderer Bibliotheken zu profitieren. Ein fruchtbarer Ideenaustausch, der kritische, nicht
mißgünstige Blick auf die Aktivitäten anderer Bibliotheken, die sich in den
Hauszeitschriften widerspiegeln, kann dazu beitragen, anderweitig längst
Realisiertes auch auf Übernahme im eigenen Haus zu prüfen.
➣ Die eigene Hauszeitschrift gibt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der
Bibliothek und des Bibliothekssystems Gelegenheit, sich auf leichte Weise
über aktuelle Leistungen, aber auch Probleme ihrer Bibliothek zu informieren,
sich z. B. auch mit der Geschichte und Bedeutung der Bibliothek vertraut zu
machen, kurzum sich mit „ihrer“ Bibliothek zu identifizieren.
➣ Nicht zu verkennen ist schließlich auch, daß das Vorhandensein einer Hauszeitschrift zur Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unmittelbar
beiträgt, sind es doch „ihre“ Leistungen, über die in der Hauszeitschrift
berichtet wird. Leistungen, auf die sie stolz sein können, Leistungen, die Dank
und Anerkennung verdienen.
Seite 4
Wer unter diesen verschiedenen
Aspekten, denen leicht noch weitere hinzugefügt werden könnten, das vorliegende Jahresheft 1998 der Heidelberger bibliothekarischen Hauszeitschrift Theke durchblättert, den erwartet auch diesmal ein
reiches Kaleidoskop von Wissenswertem,
das nicht zuletzt und gerade auch für Nichtbibliothekare von Interesse sein dürfte.
Herausragende und bundesweit beachtete Leistung der Universitätsbibliothek Heidelberg war im Jahre 1998 zweifellos die Digitalisierung ihres Zettelkatalogs 1936–85 mit 1,2 Millionen Titelkarten und dessen Präsentation als recherchierbare Kartenimages im Internet: H. J.
Dörpinghaus hat die erstmalige Präsentation des sog. „DigiKat“ in der Öffentlichkeit am 16. Juni 1998 zum Anlaß genommen, in einem Referat die Geschichte der
Katalogisierungsbemühungen der Heidelberger Universitätsbibliothek über die
Jahrhunderte hinweg nachzuzeichnen. E.
Pietzsch stellt die von ihm selbst entwikkelte DigiKat-Software vor, für die sich
inzwischen auch andere Bibliotheken interessieren. Schon im Vorgriff auf ein
weiteres anspruchsvolles EDV-Projekt das
1999 auch in Heidelberg realisiert werden
soll, orientiert E. Eichler über den augenblicklichen Stand der Planungen auf Landesebene zum Aufbau fakultätsübergreifender Volltextserver.
Wer glaubt, daß heute in den großen
wissenschaftlichen Bibliotheken schon
längst alles entdeckt sei, der wird von
gleich vier Autoren eines Besseren belehrt:
J. Dannehl und H. J. Dörpinghaus schildern
gemeinsam die wahre Geschichte von der
Theke 1998
Wiederauffindung eines verschollen geglaubten kostbaren Erdglobus aus dem 18.
Jahrhundert, der sich inzwischen bereits dank der Großzügigkeit eines Kreises von
Sponsoren, die der Universität Heidelberg nahestehen, in einer Kölner Restaurierungswerkstatt befindet. Er soll 1999 in altem Glanz der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
V. Probst und W. Metzger berichten über im Jahre 1997 in der Heidelberger UB erstmals (!) entdeckte, der Wissenschaft also bislang unbekannte Melanchthon-Briefe und
machen anhand der Exegese eines dieser Briefe auf die Bedeutung des Fundes für die
Humanismusforschung aufmerksam.
Trotz aller Sparmaßnahmen hat die UB Heidelberg auch 1998 wieder zwei in der
Öffentlichkeit stark beachtete Ausstellungen präsentiert. Themen waren im Frühjahr
der Buchkünstler Gotthard de Beauclair und im Herbst eine von der UB Eichstätt
übernommene farbenprächtige Zusammenstellung von Faksimile-Handschriften der
Mayas, Mixteken und Azteken. Die bei den beiden Ausstellungseröffnungen gehaltenen Reden dokumentieren die hohe Qualität, die für die Ausstellungen der Bibliothek
inzwischen selbstverständlich geworden ist.
Auch in diesem Heft von Theke wird die Berichterstattung über wichtige Bibliotheken des Heidelberger Bibliothekssystems fortgeführt: B. Duttenhöfer orientiert
sachkundig über die noch gar nicht so alte „Schurman-Bibliothek für Amerikanische
Geschichte“ am Historischen Seminar.
Die älteste deutsche Universität der Bundesrepublik darf zurecht auf die reichen
historischen Buchbestände in ihrer Bibliothek stolz sein, die die Wirren zweier
Weltkriege nahezu unbeschadet überstanden haben. Weniger Anlaß zu Stolz bietet
sich allerdings, wenn man weiß, daß ein großer Teil dieser Bestände immer noch
nicht für die Wissenschaft erschlossen ist und sich darüber hinaus in einem beklagenswerten physischen Zustand befindet. J. Dannehl und S. Wanka schildern in
einem Werkstattbericht, wie man schon mit einfachen Maßnahmen zumindest den
gröbsten Schmutz beseitigen kann. A. Schlechter geht auf den Arbeitsstand bei der
Katalogisierung der 1700 Heidelberger Inkunabeln ein, mit der 1996 begonnen
wurde, eine Aufgabe, die an anderen Bibliotheken des Landes schon vor 20 Jahren
abgeschlossen worden ist. Der gleiche Autor versteht es, in seinem Beitrag „Die
Seite 5
Bibliothek als Sammlung“ anhand von
Heidelberger Altbuchbestand den Schicksalen einzelner Titel über die Jahrhunderte hinweg nachzuspüren, und läßt gewissermaßen virtuell Gelehrtenbibliotheken
aus früherer Zeit neu entstehen.
Ganz am Schluß des Heftes findet
der geneigte Leser beziehungsweise die
geneigte Leserin die von A. Bonte für das
Berichtsjahr 1997 zusammengestellte Bibliographie zum Bibliothekssystem der
Universität Heidelberg, nachdem im Vorjahr vom gleichen Autor erstmals eine
Kumulation der Berichtsjahre 1990 bis
1996 vorgelegt worden war. Dem auch
damals schon erfolgten Hinweis Bontes,
daß die Bibliographie auch als beachtliche Leistungsbilanz der Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter des Heidelberger Bibliothekssystems gelesen werden kann,
stimmt die Redaktion nicht nur voll zu,
sondern ergänzt ihn noch mit der Feststellung, daß die Heidelberger Universitätsbibliothek – wie auch die Beiträge
dieses Heftes von Theke dokumentieren
– einen Leistungsvergleich auf keinem
ihrer vielen Arbeitsgebiete zu scheuen
braucht. Womit wieder auf die einleitenden Sätze dieses Editorials zu verweisen
wäre.
Theke 1998
Seite 6
Theke 1998
Der DigiKat: Der digitalisierte
alphabetische
Zettelkatalog 1936-1985
der Universitätsbibliothek
Heidelberg
Als erste deutsche Universitätsbibliothek
digitalisierte die UB Heidelberg im Jahre
1998 einen umfangreichen Zettelkatalog
und stellte ihn mit einer vom Leiter der
Abteilung Informationstechnologie, Herrn
Dr. Eberhard Pietzsch, eigens dafür geschaffenen Software als im Internet recherchierbaren Graphik-Image-Katalog
weltweit zugänglich zur Verfügung. Mit
rund 1,2 Millionen Katalogkarten umfaßt
der sog. „DigiKat“ die bibliographische
Beschreibung aller 800.000 Titel, die von
der UB Heidelberg zwischen 1936 und
1985 erworben wurden.
Im Beisein zahlreicher Gäste wurde
der „DigiKat“ am Dienstag, dem 16. Juni,
im Rahmen einer Feierstunde der Öffentlichkeit präsentiert. Nach der Begrüßung
der Gäste durch den Rektor der Universität, Herrn Professor Dr. Jürgen Siebke,
nahm der Leiter der Bibliothek, Herr Dr.
Hermann Josef Dörpinghaus, die Gelegenheit wahr, die historische Entwicklung der
Kataloge an der Heidelberger Universitätsbibliothek zu skizzieren. Anschließend
stellte Herr Dr. Pietzsch sein Projekt vor.
Theke veröffentlicht nachfolgend die Texte
dieser beiden Referate.
Seite 7
Theke 1998
Seite 8
Theke 1998
Kataloge der Universitätsbibliothek
Heidelberg
Ein kurzer Streifzug durch die Geschichte
Vortrag anläßlich der Präsentation des DigiKat in der
Universitätsbibliothek Heidelberg am 16.6.1998
Die Einladung, die Ihnen zu der heutigen
Präsentation eines hochmodernen elektronischen Kataloges zugegangen ist, ziert
eine Abbildung des früheren prachtvollen Lesesaals dieser Bibliothek. Nachdem er – seit 1905 in Benutzung – zwei
Weltkriege unbeschadet überstanden hatte, fiel er einer für uns Heutige nicht mehr
nachvollziehbaren, schon fast barbarisch
zu nennenden Umbaumaßnahme in den
Jahren 1953 bis 1956 zum Opfer, bei der
die schönen Stukkaturen radikal entfernt
wurden und durch Einziehen einer Zwischendecke und Anhebung des auf dem
Bild noch deutlich erkennbaren Glasdaches zwei neue Säle entstanden, von denen der obere, neugeschaffene bis zur
nächsten Umbaumaßnahme in den 80er
Jahren als Lesesaal diente, der untere
aber hinfort als Katalogsaal fungierte,
das heutige Informationszentrum im Erdgeschoß.
Die Arbeit an und mit den Katalogen
galt von je her und noch bis in die jüngste
Zeit hinein als eigentlicher „Schwerpunkt
der Bibliotheksarbeit“1. Für einen der berühmtesten Bibliothekare in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts, für Fritz Milkau, den Generaldirektor der Preußischen
Staatsbibliothek Berlin in den 20er Jahren, war der Katalog der Bibliothek „ihr
unentbehrlichstes Werkzeug, dessen Erhaltung, Vervollkommnung und Ausbau
der Bibliothekar als seine Hauptaufgabe
ansieht“2.
Auch wenn heutige Bibliothekare
diese Beurteilung Milkaus in ihrer apodiktischen Ausschließlichkeit nicht mehr teilen können, weil sie in den Katalogen in
Zeiten des Internet
nur noch einen Teilbereich der Informationsquellen sehen, die sie den Benutzern erschließen
und vermitteln wollen, bleiben Kataloge als Verzeichnisse des Bestands einer Bibliothek, die
nach bestimmten,
wie immer gearteten Regeln geführt
werden, unverzichtbar. Nur sie alleine geben Antwort auf die Frage,
ob die Bibliothek
eine in ihren bibliographischen Daten
bekannte Schrift besitzt, über welche
Schriften eines bestimmten Verfassers sie verfügt und
wo, d. h. an welcher
Stelle in der Bibliothek diese Schriften
zu finden sind. Je
nach Art des Kata-
Seite 9
loges läßt sich aber auch ermitteln, welche
Schriften über einen bestimmten Gegenstand oder aus einem bestimmten Fachgebiet in der Bibliothek vorhanden sind.
Abb. 1
Theke 1998
des und zumeist auch des Standortes innerhalb einer Aufstellung: Es waren also
im eigentlichen Sinne Inventare.
In der ältesten Universität Deutschlands entsteht schon rund 80 Jahre nach
ihrer Gründung unter dem Rektorat von
Erhard Knab ein derartiges Inventarverzeichnis und dies gleich in doppelter Ausfertigung: Knapp 1.600 Werke in 841
Bänden werden verzeichnet und geben
uns ein Abbild des Aufbaus der universitären Büchersammlungen Heidelbergs in
der Mitte des 15. Jahrhunderts. Beide
Verzeichnisse sind uns als einzige mittelalterliche Kataloge erhalten geblieben3
(Abb. 1).
Für die folgenden Jahrhunderte erfahren wir zwar verschiedentlich, daß
Kataloge des universitären Bücherbestandes wiederholt vom Senat der Universität
gefordert, wohl auch zumindest für Teilbereiche angelegt und fortgeführt wur-
den4, doch sind nur wenige dieser Verzeichnisse bis auf unsere Zeit überliefert
worden5. Vom Ende des 18. Jahrhunderts
wissen wir, daß der Gymnasiallehrer Johann Christoph Pflaum zur großen Freude
des Senats (1791) einen Katalog hergestellt hat, doch scheint diese Freude von
kurzer Dauer gewesen zu sein, wird doch
schon 1804 die Universitätsbibliothek von
einem Zeitgenossen als „chaotisch durcheinander geworfene Masse“ bezeichnet6.
Auch Pflaums Katalog hat die Zeitläufe
nicht überlebt.
Überlebt hat hingegen ein anderer
beeindruckender Katalog, der der Erwähnung wert ist: Nach der Säkularisation
übernahm die Heidelberger UB den Bestand des Klosters Salem, der 446 kostbare Handschriften und rund 30.000 Druckschriften zählte und damit auch den kurz
vor der Säkularisation begonnenen 15
Bände in Großfolio umfassenden hand-
Abb. 2
Das Bedürfnis, Kataloge zu erstellen,
gibt es, seit Menschen Schriftliches aufbewahren und es geordnet wissen wollen.
Berühmtestes Beispiel im Altertum ist der
riesige, aus 120 Schriftrollen bestehende
Katalog der alexandrinischen Bibliothek,
die sog. „Pinakes“, den der griechische
Gelehrte Kallimachos im 3. Jahrhundert
vor Christus für Ptolemäus II. verfaßte,
womit er gleichzeitig eine Grundlage für
die griechische Literaturgeschichte schuf.
Das Mittelalter kennt Bibliothekskataloge im eigentlichen Sinne nicht. Die
Bücherverzeichnisse des Mittelalters dienten primär der Fixierung des BesitzstanAbb. 3
Seite 10
Theke 1998
Abb. 4
schriftlichen Katalog des Ordensangehörigen Mathias Schiltegger (1761-1829),
der rund 23.000 Titel systematisch erfaßt
hatte7 (Abb. 2). Dieser Katalog darf als
hervorragendes Beispiel für die Katalogisierungskunst an der Wende vom 18. zum
19. Jahrhundert gelten.
Eine den Ansprüchen des beginnenden 20. Jahrhunderts genügende Katalogisierung der Bestände erfolgt dann erst
mit der in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts ungeahnt anwachsenden
Bücherproduktion, die in allen Universitäten eine Neuordnung des Katalogwesens erzwingt. Die Heidelberger Universität hat damals das Glück, mit dem ersten
Berufsbibliothekar der Universität, dem
Oberbibliothekar Karl Zangemeister, dem
auch die Planung für dieses Bibliotheksgebäude zu verdanken ist, einen ungemein tatkräftigen Mann zu gewinnen, der
in seiner von 1873-1902 währenden Amtszeit die Geschicke der Bibliothek bis weit
ins 20. Jahrhundert hinein geprägt hat.
Dies gilt namentlich auch für die Katalogisierung.
Man kann die äußere Gestalt der
Kataloge der letzten 100 Jahre in diesem
Haus, die in der Amtszeit von Zangemeister ihren Ursprung haben, aus meiner
Sicht in drei große Phasen einteilen, die
sich allerdings nicht streng voneinander
abgrenzen, sondern sich mehrfach überschneiden. Eine erste Phase ist die Zeit der
sog. Albumkataloge, die vom Ende des
19. Jahrhunderts bis 1962 andauert. In
Zangemeisters Amtszeit ändert sich nicht
nur in Heidelberg, sondern auch in einer
ganzen Reihe anderer deutscher Universitätsbibliotheken die äußere Gestalt der
Kataloge. An die Stelle der Inventarverzeichnisse, auf denen man Blatt für Blatt
die einzelnen Titel in starr aufeinanderfolgender, nicht mehr veränderbarer Reihenfolge beschrieb oder notierte, traten
jetzt die meist großformatigen Albenkataloge. Der Albumkatalog war
dem Vorbild der
zeitgenössischen
Fotographiealben
nachempfunden, in
denen man die Bilder in rahmenartige Ausschnitte einfügte. Dementsprechend zerschnitt
man ältere schon
vorhandene Bandkataloge so in Streifen, daß sich auf
jedem Streifen eine
Titelbeschreibung
befand,
oder
schrieb bei Neuzugang die Titelbeschreibung auf vorgefertigte lange
Streifen, die man
dann in die rahmenartigen Ausschnitte der Bandkataloge hineinschob.
Vorteil dieses Verfahrens war, daß
man damit erstmals – wenn auch mit einem gewissen Zeitaufwand – die Reihenfolge der Titel durch Herausnehmen aus
den Rahmen und Neuanlegen an anderer
Stelle immer wieder ändern konnte. Es ist
eines der vielen Verdienste von Zangemeister, diese damals sehr moderne Art
der Kataloge auch in Heidelberg eingeführt zu haben (Abb. 3 und 4).
Aufbauend auf Arbeiten seiner Vorgänger teilte er außerdem den Gesamtbestand der Bibliothek in 17 systematische
Gruppen ein, das sog. Zangemeistersche
System, gemäß dem die Bücher noch bis
Seite 11
1962 in den Magazinen aufgestellt wurden. Erschlossen wurde diese Aufstellung
durch einen systematischen Katalog, der
zugleich Standortkatalog war und zusätzlich durch einen alphabetischen Katalog,
der etwa ab Beginn des 20. Jahrhunderts
nach dem strengen Regelwerk der „Preußischen Instruktionen“ geführt wurde. Neu
hinzukommende Titel konnten immer
wieder sowohl im alphabetischen wie im
systematischen Katalog an die für sie passende bzw. dem Katalogisierer geeignet
erscheinende Stelle eingeschoben werden, wobei es bei der Systematisierung
Theke 1998
schon infolge des Fortschritts der Wissenschaften recht bald allerdings zu Schwierigkeiten kam, weil die Systematik immer
feiner untergliedert oder gar gänzlich neu
bearbeitet werden mußte. So entstanden
im Laufe der Jahre die berühmten Heidelberger „Katalognester“, Systematikstellen, auf denen oft mehrere Dutzend Titel
unter einer einzigen Signatur verzeichnet
wurden. Sowohl der noch bis 1978 für vor
1935 erschienene Titel geführte alphabetische wie der bis 1962 geführte systematische Katalog in Albenform wurden fast
ausschließlich handschriftlich fortgeschrieben. Am Ende dieser auch aus heutiger Sicht imponierenden Katalogisierungsleistung standen 734 Großfoliobände für den alphabetischen und weitere 877
Großfoliobände für den systematischen
Katalog, insgesamt also 1611 Bände, die
sich noch heute im Besitz der Bibliothek
befinden.
Erwähnung verdient an dieser Stelle
auch eine weitere, für die damalige Zeit
fast schon genial zu nennende Katalogvariante: der sog. „Strumpfbandkatalog“.
Dieser in 44 Systematikgruppen geordnete Katalog war speziell für Broschüren
und Dissertationen gedacht und wurde
ebenfalls in Zangemeisters Amtszeit begonnen. Seine Besonderheit lag darin, daß
die Form der Katalogstreifen zwar die
gleiche war wie beim Albumkatalog, doch
wurden die Streifen nicht in ein großformatiges Album eingelegt, sondern innerhalb der 44 Systematikgruppen jeweils
alphabetisch geordnet hintereinandergelegt. Dies bot natürlich die Möglichkeit,
immer wieder neue Streifen zwischenzuordnen. Die einzelnen Streifen wurden
dann mit einer Schnur, die phantasievolle
Bibliothekarinnen als „Strumpfband“ bezeichneten, zusammengebunden, so daß
kleine blockartige Bändchen im Format
Abb. 5
Seite 12
der Katalogstreifen entstanden. Bei Nachträgen knüpfte man die Schnur auf, schob
den Nachtrag an die von der Ordnung her
vorgesehene Stelle und knüpfte dann die
Schnur wieder zusammen. Wurde ein
Bändchen durch allzuviele Nachträge zu
umfangreich, machte man daraus wie bei
der Zellteilung zwei Bändchen. Auch dieser Katalog, der ca. 586.000 Titel mit
Erscheinungsjahr bis 1935 erfaßt, ist uns
noch in seiner ursprünglichen Form mit
insgesamt 1.200 Bändchen erhalten geblieben.
Auch wenn die Alben und Strumpfbandkataloge in Heidelberg noch bis weit
über die Mitte dieses Jahrhunderts zum
Teil fortgeführt, auf jeden Fall aber noch
in Gebrauch waren, hatten sie sich doch
schon spätestens in den dreißiger Jahren
überlebt. Sie werden nach dem Vorbild
amerikanischer Bibliotheken verdrängt
durch Kataloge, die aus aufrecht hintereinander gestellten Zetteln international
genormter Größe im Format 75 x 125 mm
bestehen. Die Aufbewahrung erfolgt in
entsprechend großen Schubladen, bei denen meist eine Stangensicherung verhindert, daß Benutzer einzelne Zettel entnehmen können, andererseits ist für den Bibliothekar auf leichte Weise das Einlegen
neuer Zettel möglich. Die Schubladen sind
Teil von Katalogschränken, in die bei den
in Heidelberg verwendeten Modellen bis
zu 56 Schubladen passen (Abb. 5).
Die Umstellung der Kataloge auf
Zettel des sog. internationalen Formats
leitet in Heidelberg die zweite Phase der
Kataloggestaltung ein und beginnt immerhin schon 1927 mit der erstmaligen
Anlage eines Dissertationenkatalogs in
diesem Format. Ab 1936 erfolgt die Katalogisierung für alle monographischen Titel mit Erscheinungsjahr ab 1936 erstens
maschinenschriftlich und zweitens auf
internationalem Format. Nur die vor 1936
Theke 1998
erschienenen, aber erst nach 1936 erworbenen Titel werden nach wie vor und noch
bis 1980 handschriftlich erfaßt und in den
alten Albumkatalog eingelegt.
Der alte Zangemeistersche Sachkatalog in Albenform wird Mitte der 60er
Jahre eingestellt und ab 1962 mit dem
Aufbau eines neuen, standortunabhängigen Sachkatalogs im internationalen Format nach dem damals hochmodernen System Eppelsheimer begonnen.
Ihre eigentliche Blütezeit erleben die
Zettelkataloge nicht nur in Heidelberg,
sondern auch in anderen Universitätsbibliotheken des Landes dann in den 70er
Jahren. Zum einen wird der alte alphabetische Zangemeistersche Albumkatalog
verfilmt und dabei die langen handschriftlichen Streifen auf internationales Zettelformat gewissermaßen zusammengedrückt. In dieser Form ist er als alphabetischer Katalog für alle bis 1935 einschließlich erschienenen Titel im Informationszentrum des Erdgeschosses auch heute
noch in Benutzung. Zum anderen werden
zur gleichen Zeit mit erheblichen Sondermitteln des Landes die in unterschiedlichsten Formaten geführten Kataloge der
meisten der insgesamt 108 Instituts-/Seminar- und Klinikbibliotheken durch Verfilmung bei einer Spezialfirma auf Zettel
im internationalen Format umgestellt,
wobei eine Kopie dieser Zettel als Grundstock für den Aufbau eines in der UB
geführten Gesamtkatalogs der Institutsund Seminarbestände dient. Dieser 1991
abgebrochene Katalog umfaßt zu diesem
Zeitpunkt immerhin rund 2,3 Mio. Titelnachweise. Parallel mit dem Aufbau des
Gesamtkataloges wurde in der UB eine
zentrale Titelkartenvervielfältigungsstelle
eingerichtet, die auch heute noch existiert
und die in ihren Glanzjahren mehr als
600.000 Titelkarten pro Jahr für die unterschiedlichen alphabetischen, Standort-
und systematischen Kataloge der universitären Instituts- und Seminarbibliotheken produzierte.
Der Hochblüte der Zettelkataloge in
den 70er Jahren ist ein rasches Ende beschieden, als sich die elektronische Datenverarbeitung auch in den Katalogabteilungen der Bibliotheken etabliert und
damit die dritte Phase der Katalogumstellung in diesem Jahrhundert eingeleitet
wird. In Heidelberg beginnt diese Phase
schon recht früh mit Beginn der 80er
Jahre, weil das im April 1978 installierte
integrierte Bibliothekssystem HEIDI von
Anfang an auch eine Katalogisierungskomponente anbietet, die zunächst für
Kurztitelaufnahmen, für die Katalogisierung der Lehrbuchsammlung und als Bestellkatalogisierung für erstmals verlangte ältere Literatur genutzt wird. Auch einzelne Seminare und Institute beginnen
schon frühzeitig in den 80er Jahren damit,
ihre Katalogisate in HEIDI elektronisch
anzufertigen, müssen diese Titel aber dennoch dann auf Zettel im internationalen
Format ausdrucken lassen, weil HEIDI
die elektronisch erfaßten Titel nur im
Rahmen eines Gesamtkatalogs darstellen
kann, also nicht die Möglichkeit bietet,
den Katalog eines einzelnen Instituts gesondert anzubieten.
Der Trend zur elektronischen Erfassung der Titel verstärkt sich, als 1986 die
UB Heidelberg als eine der ersten Bibliotheken des Landes an den SWB Konstanz
angeschlossen wird. Seit diesem Zeitpunkt
erfolgt die Erfassung neuerworbener Titel der UB im Südwestdeutschen Bibliotheksverbund (SWB) Konstanz, und gleiches gilt seit den 90er Jahren auch für die
Erfassung der neuerworbenen Titel der
meisten Instituts- und Seminarbibliotheken. Aus diesem Grunde werden 1991
sowohl der alphabetische Zettelkatalog
der UB, der seit 1986 zu den SWB-Kata-
Seite 13
logisaten noch parallel geführt wurde, wie
auch der Gesamtkatalog der Instituts- und
Seminarbestände in Zettelform abgebrochen.
Das gleiche Schicksal erleidet der
seit 1962 in Zettelform geführte Sachkatalog nach dem System Eppelsheimer. Er
wird seit 1992 nicht im SWB, wohl aber in
HEIDI nur noch elektronisch geführt.
Ende 1997 sind im SWB rund 670.000
Monographien der UB und weitere
400.000 Monographien der Institute und
Seminare nachgewiesen. In HEIDI waren
zum gleichen Zeitpunkt mehr als 2 Mio.
Bestandsnachweise aus UB und Instituten erfaßt. Die Ende 1999 geplante Umstellung auf das neue Lokalsystem HORIZON der Firma DYNIX zwingt die Bibliothek dazu, einen Großteil der nur in
HEIDI erfaßten Titel dem Datenformat
des SWB anzupassen, eine Arbeit, die zur
Zeit alle Kräfte bindet.
Der in den letzten drei bis vier Jahren
für jedermann sichtbar gewordene Aufstieg des Internet mit seiner Möglichkeit,
Datenbestände beliebigen Umfangs für
alle weltweit recherchierbar zu machen,
ist auch für die Katalogisierungspraxis
der Heidelberger UB nicht ohne Auswirkungen geblieben: Schon seit 1997 wird
die komplette Lehrbuchsammlung der Bibliothek als WWW-OPAC präsentiert.
Seit Frühjahr 1998 bieten wir allen Instituten und Seminaren die Möglichkeit, ihre
seit 1990 im SWB erfaßten Titel als
WWW-OPAC institutsbezogen zu recherchieren.
Als dritte Neuerung binnen weniger
Monate wird im Rahmen der heutigen
Veranstaltung die Recherche im digitalisierten alphabetischen Zettelkatalog 1936
bis 1985 der UB Heidelberg, den wir auf
den Namen DigiKat getauft haben, freigegeben. Hier handelt es sich um den schon
oben erwähnten 1936 begonnenen und bis
Theke 1998
1985 fortgeführten alphabetischen Zettelkatalog der UB mit einem Volumen von
rund 1,2 Mio. Titelkarten. Selbstverständlich halten wir es auch weiterhin für notwendig, diesen Bestand auch im SWB
zentral nachzuweisen. Tatsächlich sind
nach unseren Auszählungen auch schon
ca. 200.000 Titel dieses Bestandes im
SWB erfaßt. Die ordnungsgemäße Erfassung der bislang nicht nachgewiesenen
Titel würde jedoch noch einen Arbeitsaufwand von ca. 100 Personenjahren erfordern. Obwohl das Land Baden-Württemberg im Rahmen der Zukunftsoffensive den wissenschaftlichen Bibliotheken
des Landes erstmals in diesem Jahr zusätzliche Mittel für die retrospektive
Erfassung älterer Titel im SWB zugewiesen hat, dürfte es wohl noch viele Jahre
dauern, bis der gesamte Bestand dieses
Kataloges dort nachgewiesen ist.
In dieser Situation bietet die vom
Leiter unserer Abteilung Informationstechnologie, Herrn Dr. Pietzsch, kommende Idee, diesen Katalog als GraphikImage-Katalog im WWW zu präsentieren
und mit einer von ihm selbst entwickelten
Software recherchierbar zu machen, eine
elegante Zwischenlösung an, die es ermöglicht, schon ab heute und eben nicht
erst in vielen Jahren im WWW auf diesen
Katalog zuzugreifen.
Nicht ohne Stolz kann ich darauf
verweisen, daß die UB Heidelberg die
erste deutsche Universitätsbibliothek ist,
die ein derartiges Projekt realisiert. Bislang haben sich nach meinem Wissen im
deutschsprachigen Raum nur die Zentralbibliothek Zürich und die Bayerische
Staatsbibliothek München an ähnliche
Vorhaben gewagt, freilich unter ganz anderen Rahmenbedingungen und mit einem erheblich höheren Kostenaufwand.
Gerade im Hinblick auf die Kosten
dürfte das Heidelberger Verfahren auch
für andere Bibliotheken mit ähnlichen
Problemen erprobenswert sein, wobei allerdings nicht verschwiegen werden soll,
daß die mit dem Scannen beauftragte Stuttgarter Firma Glöckle bei diesem Projekt
ganz erheblich Lehrgeld zahlen mußte,
ergaben sich doch hier eine Vielzahl von
Problemen, die zunächst nicht unbedingt
voraussehbar waren.
Daß es überhaupt möglich war, dieses Projekt zu realisieren, ist der Universitäts-Gesellschaft Heidelberg zu verdanken, deren Verwaltungsrat im Frühjahr
1997 auf meinen Antrag hin das Vorhaben einstimmig befürwortete und die erforderliche Summe von insgesamt
130.000,– DM zur Verfügung stellte. Der
Universitäts-Gesellschaft Heidelberg darf
ich sehr herzlich für ihr Vertrauen in unsere Arbeit danken. Ich glaube, daß wir es
nicht enttäuscht haben und die von Herrn
Dr. Pietzsch und vom Leiter unserer Katalogabteilung, Herrn Wildermuth, für das
Projekt geleistete Arbeit sich sehen lassen
kann. Auch diesen beiden Herren gilt daher mein herzlicher Dank.
Hermann Josef Dörpinghaus,
UB, Tel. 54 - 23 80
Seite 14
Anmerkungen
1. Roloff, Heinrich: Die Katalogisierung. In: Handbuch der Bibliothekswissenschaft, Bd. 2: Bibliotheksverwaltung. Leipzig 1961, S. 246
2. Milkau, Fritz: Denkschrift betreffend die Kataloge der preußischen Bibliotheken und ihre Reform
durch den Druck des Gesamtkataloges. Leipzig 1925,
S. 5
3. Heid. Hs. 47, 47a. Registrum librorum omnium
librariarum totius universitatis
4. Vgl. dazu im einzelnen die Hinweise bei Weisert,
Hermann: Geschichte der Universitätsbibliothek
Heidelberg. Überblick 1386-1975. In: Bibliothek
und Wissenschaft 20.1986, S. 191 ff
5. Vgl. die Übersicht in: Handbuch der historischen
Buchbestände in Deutschland. Bd. 7: Baden-Württemberg und Saarland. A-H, hrsg. von Wolfgang
Kehr. Hildesheim usw. 1994, S. 267
6. Vgl. Weisert (s. Anm. 4), S. 211 f
7. Cod. Sal. XI, 27. Catalogus Bibliothecae Salemitanae
Theke 1998
Die Digitalisierung des Alphabetischen
Zettelkataloges 1936–1985
Jeder kennt ihn: Der Alphabetische Zettelkatalog 1936 bis 1985 ist das wichtigste
Recherche- und Nachweisinstrument für
die in dieser Zeit erschienene Literatur im
Besitz der Universitätsbibliothek Heidelberg. Als Papierkatalog im Katalogsaal
der Hauptbibliothek beheimatet – lange
Zeit mit einer nicht ganz aktuellen Kopie
in der Zweigstelle –, wird er gleichermaßen als Dienst- und Publikumskatalog genutzt. Einige Eigenschaften will ich in
Erinnerung rufen: Der Katalog umfaßt
etwa 1,2 Mio. Titelkarten (genau sind es
1.219.929) und weist etwa 800.000 Titel
nach. Seine Ordnung richtet sich nach den
Preußischen Instruktionen (PI), einem Regelwerk, das erstmals am 10. Mai 1899
veröffentlicht wurde und erfahrenen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren bestens geläufig ist.
Viele heutige Benutzer haben aber
so ihre Probleme mit dem Papierkatalog,
sei es wegen fehlender PI-Kenntnisse, sei
es, weil man sich zu seiner Nutzung in
die Bibliothek begeben muß. Eine retrospektive Katalogisierung der Titel würde
diese Nachteile zwar beheben, unterschiedlichen Schätzungen zufolge aber
50 bis 100 Personenjahre in Anspruch
nehmen. Ein Ausweg fand sich in der
Digitalisierung des Zettelkataloges, also
der Herstellung eines elektronischen Abbildes, dem DigiKat. Er konnte „sofort“,
d. h. innerhalb weniger Monate realisiert
werden und bietet verschiedene günstige
Nutzungsaspekte:
•
•
Der DigiKat steht im Internet bereit
und ist von jedem daran angeschlossenen Computer unabhängig
von den Öffnungszeiten der
Bibliothek benutzbar.
Die meisten Benutzer führt er im
Vergleich zum Papierkatalog
schneller zum Ziel und liefert mit
seinem permutierten Index oft eine
reichhaltigere Treffermenge.
•
Bei Bedarf können Ausdrucke der
Kartenimages gefertigt werden, so
daß nach Belieben eigene Katalogauszüge hergestellt werden können.
Auch für Bibliothekarinnen und Bibliothekare ergeben sich Vorteile: Wegzeiten können reduziert werden, Stellfläche wird gespart (die Katalogkopie in der
Zweigstelle wurde bereits obsolet), die
Nachweisbarkeit im Bibliothekssystem
Heidelberg wird transparenter, und nicht
zuletzt wird anderen Bibliotheken die passive Fernleihe erleichtert.
Um in den Genuß all dieser Vorteile
zu gelangen, reicht die bloße Digitalisierung der Titelkarten natürlich nicht aus.
Auch Daten für die Recherche werden
gebraucht, und nicht zuletzt wird eine
Software benötigt. Insgesamt hat eine
Partnerfirma – unter der Projektleitung von
Ralf Werner Wildermuth, UB Heidelberg
– folgende Daten für uns hergestellt:
•
Images: Jede Karte wurde als Bild
digitalisiert.
•
OCR-Daten: Der Text jeder Karte
wurde automatisch rekonstruiert.
Diese Texte werden aber erst für
eine spätere Ausbaustufe benötigt.
•
Liste der Köpfe: Die Köpfe der
Karten wurden gemeinsam in einer
Liste zusammengefaßt, die als
Grundlage für die Recherche dient.
Damit standen alle wesentlichen Daten zur Verfügung, und es ging an die
Erstellung einer Software, die gleich mehrere Aspekte erfüllen sollte:
Seite 15
•
Der DigiKat sollte im Internet
zugänglich, also mit üblichen
WWW-Browsern leicht und intuitiv
zu bedienen sein.
•
Er sollte nur einen Bruchteil
anderer digitalisierter Kataloge
kosten.
•
Mit der Software wollten wir uns
nicht von bestimmten Herstellern
oder Produkten abhängig machen,
sie sollte plattformunabhängig sein.
•
Schließlich sollte „fast“ jede Karte
über ihren Kopf recherchierbar
sein, auch unter Berücksichtigung
der PI-Regeln.
Gerade die letztgenannte Anforderung stellte sich bei näherer Betrachtung
als problematisch heraus, denn einige
Katalogsegmente sind den Ordnungsregeln entsprechend inhaltlich geordnet und
nicht alphabetisch: Der Alphabetische
Katalog wird seinem Namen also nur in
Teilen gerecht. Darüber hinaus haben sich
über immerhin etwa 50 Jahre lokale Gepflogenheiten herausgebildet, die die Lage
nicht gerade verbessern. Beispielhaft seien nur genannt: nicht ordnende Funktionsbezeichnungen vor dem Vornamen,
abgekürzte und ausgeschriebene Namensbestandteile in beliebiger Reihenfolge,
Sonderzeichen in Ordnungsbegriffen, und
nicht zuletzt steht so manche Karte nicht
an ihrem richtigen Platz. All diese weniger günstigen Eigenschaften des Papierkataloges sollte die Software ausgleichen.
Genauer gesagt sollte sie den Benutzer bei
einer Recherche „fast immer“ zur gewünschten Katalogstelle führen und ihm
dort durch leichte Navigation weiterhelfen.
Theke 1998
Wen es interessiert, dem sei hier unser Vorgehen skizziert. Man stelle sich
eine Menge vor, die man anordnen kann,
beispielsweise die Namen in einem Telephonbuch: sie gehorchen einer Ordnungsrelation, also einer formalen Regel, die für
die Anordnung in genau dieser Reihenfolge sorgt. Für einen PI-Katalog gibt es aber
keine solche formale Regel, denn manche
Katalogsegmente werden nach inhaltlichen Kriterien geordnet. Also bestand die
Aufgabe darin, eine Ordnungsrelation –
eben eine formale Regel – zu erfinden, der
möglichst viele Karten genügen. (Diese
formale Regel ist übrigens nicht das Alphabet, wie man zunächst annehmen könnte, denn die Regel I=J ist z. B. ebenso zu
berücksichtigen wie die alphabetisch unterschiedliche Handhabung von Autorenund Sachtitelschriften.) War diese Ordnungsregel erst einmal gefunden, so
brauchten bloß noch die Karten, die der
Regel genügen, als recherchierbar deklariert zu werden und die anderen als nicht
recherchierbar.
Die gefundene Ordnungsrelation
sorgt für die Recherchierbarkeit von immerhin 94% aller Kartenköpfe. Die nicht
Seite 16
recherchierbaren Köpfe sind ausschließlich per Navigation erreichbar. Wer den
DigiKat einmal benutzt hat, weiß, daß
dies kein wirklicher Nachteil ist, denn im
wesentlichen sind dieselben Katalogsegmente problematisch, an denen auch der
Benutzer des Papierkataloges gut beraten
ist, in der Umgebung seiner Fundstelle zu
blättern.
Was geschieht nun bei einer Recherche nach einem Autor oder einem Sachtitel? Es wird derjenige Kopf im Katalog
gefunden, der recherchierbar ist und entweder genau der Anfrage entspricht oder
Theke 1998
unmittelbar darauf folgt. Den Rest erledigt der Benutzer durch Navigation in der
Nähe der Fundstelle. In der Regel braucht
er dazu bloß die Nachbarn seiner Fundstelle zu betrachten; für ihn ist die Suche
also ganz einfach.
Nun zum permutierten Index. Verfügten wir erst einmal über die Liste der
Köpfe, stellte sich unmittelbar die Frage,
ob man mit diesen Daten nicht mehr machen kann, als bloß die Recherche in den
PI-Köpfen zu erlauben. Und in der Tat:
Ein permutierter Index wurde implementiert und sorgt in vielen Fällen für die
Aufhebung der für manchen Benutzer
undurchsichtigen PI-Regeln. Folge ist eine
vielfach gegenüber dem Papierkatalog
verbesserte Trefferausbeute.
Der DigiKat sollte heute noch nicht
als abgeschlossenes Projekt betrachtet
werden. Vielfältige Erweiterungen sind
vorstellbar, und wie so oft in der Datenverarbeitung wächst die Erwartungshaltung sprunghaft nach dem ersten gelungenen Schritt. Folgende Ausbaustufen bieten sich unmittelbar an:
•
Entwicklung eines Ausleihsystems,
d. h. Ablösung des weißen Leihscheines für die noch nicht in Heidi
erfaßten Bestände dieses Kataloges.
•
Fehlertolerante Recherche in den
Kartentexten. Die Daten liegen mit
den OCR-Texten bereits vor.
All die bereits vorhandenen und noch
gewünschten Funktionen eines digitalisierten Kataloges werden natürlich stets
begleitet von der Frage, ob nicht die retrospektive Katalogisierung des betreffenden Bestandes die wirklich angemessene
Bearbeitungsform ist.
Eberhard Pietzsch, UB, Tel. 54 - 27 96
•
Digitalisierung weiterer Kataloge.
•
Zusammenführung mehrerer
digitalisierter Zettelkataloge analog
zum KVK („Karlsruher Virtueller
Katalog“).
Seite 17
Theke 1998
Hochschulpublikationen als
elektronische Volltexte:
eine Aufgabe für Bibliotheken
1. Einleitung
Der wissenschaftliche Betrieb produziert
tagtäglich in zunehmenden Maße Texte,
die maschinenlesbar vorliegen. Oft handelt es sich um Dateien, die mit Textverarbeitungsprogrammen erzeugt wurden
und gewissermaßen nur ein „Abfallprodukt“ der eigentlichen Druckausgabe dieser Texte sind.
Viele Gründe haben Wissenschaftler, v. a. Naturwissenschaftler, Mathematiker und Mediziner dazu veranlaßt, diese
elektronischen Volltexte nun anstelle von
Papierausgaben zu verwenden, denn elektronische Volltexte sind schnell und kostengünstig zu erstellen, können von jedem Interessierten leicht kopiert und beliebig weiterverarbeitet werden, sind leichter zu aktualisieren und verbrauchen wenig Platz.
In elektronischer Form lassen sich
außerdem Texte verbreiten, für die es kein
gedrucktes Äquivalent gibt: Protokolle
wissenschaftlicher Tagungen, „Reports“
über laufende Arbeiten, Zwischenberichte aus Forschungsprojekten oder Magister- und Diplomarbeiten, die in aller Regel von Universitätsbibliotheken nicht
aufgestellt werden.
Des weiteren sind von der Seminarankündigung bis hin zum Mensa-Speiseplan alle möglichen Informationen denkbar, die elektronisch verbreitet werden
können.
Mit der Ausbreitung des Internets
und v. a. des Dienstes WWW hat die
Erzeugung elektronischer Volltexte einen raschen Aufschwung erfahren: Server sind schnell eingerichtet, vorhandene
Textdateien können leicht kopiert werden, und in der Tat gibt es heute kaum ein
größeres Institut, das nicht über elektronische Volltexte irgendwelcher Art verfügt.
Allerdings: Hat sich erst einmal eine
gewisse Menge solcher Dokumente angesammelt, dann treten bald zahlreiche Probleme auf, die nicht einfach und schon gar
nicht maschinell zu lösen sind: Wie können und sollen elektronische Volltexte
einer Universität langfristig gespeichert
werden? Wer sorgt dafür, daß sich in der
Welt der raschen Änderungen der Datenformate diese Texte auch noch in 10 Jahren leicht lesen lassen, ohne längst veraltete Programme verwenden zu müssen?
Und wie können die Dokumente vor Veränderungen geschützt werden? Gibt es
überhaupt rechtliche Probleme, z. B. mit
dem Urheberrecht? Und wie werden diese
Texte formal und/oder sachlich eigentlich
erschlossen? Wie kann man nach solchen
Dokumenten suchen, wenn man Titel oder
Autoren nicht kennt? Kann man in einem
Bibliotheksverbund wie dem SWB denn
auch elektronische Dokumente finden?
Und was passiert, wenn sich die „WWWAdresse“ (URL) ändert und die mühsam
gesammelten Links zu „toten Links“ werden und die Dokumente dann nicht mehr
Seite 18
aufzufinden sind? Wäre das nicht ein
merkwürdiger „Katalog“, dessen Eintragungen auf Publikationen verweisen, die
der Benutzer dann aber nicht mehr findet?
Diese und viele andere Probleme treten zwangsläufig auf und wurden an den
verschiedenen Universitäten bislang entweder gar nicht gelöst, nur teilweise gelöst oder aber an jeder Universität wieder
auf ganz unterschiedliche Weise gelöst.
Um die anfallenden elektronischen
Publikationen bewältigen zu können, haben sich viele Institute in Eigeninitiative
mehr oder weniger gute Systeme aufgebaut, mußten aber vor vielen Problemen
kapitulieren, weil grundsätzliche Schwierigkeiten bestanden, die man im Alleingang nicht lösen konnte. So blieb es denn
in vielen Fällen bei gut gemeinten lokalen
Initiativen, deren Qualität zwangsläufig
begrenzt bleiben mußte.
Ohne Beteiligung von Bibliotheken
haben sich auf diese Weise viele Institute
eigene Server aufgebaut, in denen sie
Volltexte archiviert haben, für die sich die
Bibliotheken allein schon deshalb oft nicht
interessiert haben, weil sie die gedruckten
Äquivalente dieser Volltexte ja auch nicht
aufgestellt hätten.
Ein weiteres Problem hat die Lage
noch erschwert und nun auch zwangsläufig die Universitätsbibliotheken berührt,
nämlich elektronische Dissertationen, die
v. a. in den Naturwissenschaften stetig an
Anzahl zunehmen.
Theke 1998
2. Koordination und
Kooperation bei
elektronischen Volltexten
Die vielen dezentralen Aktivitäten und
sehr unterschiedlichen Lösungsansätze,
die aber letztlich alle vor den gleichen
Problemen stehen, haben das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst dazu bewogen, eine Arbeitsgruppe „Volltexte und
Hochschulpublikationen“ ins Leben zu
rufen. Diese Arbeitsgruppe (im folgenden
„AG Volltexte“ genannt) soll nicht nur
die bisherigen Aktivitäten sichten und
bewerten, sondern konkrete Lösungsvorschläge für die gemeinsamen Probleme
entwerfen und den bislang weniger aktiven Universitäten eine Handreichung für
die Einrichtung von Volltextarchiven an
die Hand geben.
Vor allem aber sollen an einer Stelle
die Probleme und ihre Lösungen gebündelt werden, damit nicht an jeder Universität des Landes das Rad gleichsam neu
erfunden werden muß, Synergieeffekte
genutzt werden können und sich eine gewisse Vereinheitlichung bei der Behandlung elektronischer Volltexte einspielt.
Kurzum: Die anstehenden Probleme
sollen gelöst werden und es soll zugleich
einer weiteren „Verwilderung“ der elektronischen Volltextlandschaft entgegengewirkt werden.
Die AG Volltexte wird von einem
Mitarbeiter des „Bibliotheksservice-Zentrums Baden-Württemberg“ (BSZ) geleitet. In ihr sind VertreterInnen nahezu aller
großen Bibliotheken des Landes versammelt. Da sich die AG mit der Behandlung
von Volltexten aus der Region des Südwestdeutschen Bibliotheksverbundes
(SWB) befaßt, sind auch Teilnehmer vertreten, die nicht aus Baden-Württemberg
stammen, wie z. B. die UB Kaiserslautern
oder die Bibliothek der TU Chemnitz.
Die AG Volltexte hatte – und hat –
ein großes Pensum zu bewältigen: Zunächst einmal mußte die AG auf einer
Sitzung konstituiert werden und traf sich
erstmalig am 19.3.1998 in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart.
Aufgrund eines Versehens war ein Vertreter der UB Heidelberg gar nicht eingeladen worden!
Hauptaufgabe war es zunächst, sich
mit dem ministeriellen Papier „Zukunftsoffensive Baden-Württemberg: Wissenschaftliche Bibliotheken“, S. 14 ff, zu befassen. Dort nämlich wird angestrebt, eine
„verteilte digitale Forschungsbibliothek“
aufzubauen, ein Ziel, von dem man im
März 1998 noch reichlich weit entfernt
war.
Es wurden die Projekte im Lande
vorgestellt und es war leicht erkennbar,
welch heterogene Landschaft sich herausgebildet hatte. Das einzige, was allen
Projekten gemeinsam war, waren immer
dieselben Probleme, vor denen alle Betreiber standen:
So stellte die UB Karlsruhe ihr Projekt „VVV“ („Virtuelles Veröffentlichungs-Verzeichnis“) vor, das seit Anfang 1997 läuft1. Viele der Programme
des VVV mußten an der UB Karlsruhe
selbst entwickelt werden. Dafür wurde
ein System geschaffen, welches es ermöglicht, die Dokumente aus dem elektronischen Katalog der UB heraus aufzurufen.
Einen ganz anderen Weg ist die UB
Mannheim gegangen: Das Projekt MATEO („Mannheimer Texte Online“)2 existiert seit 1996 und ist das Ergebnis einer
Allianz von Rechenzentrum, Universitätsbibliothek und dem Daten- und Dokumentationszentrum Mannheim. Es gibt
eine „alte“ Abteilung, die eingescannte
Seite 19
alte Drucke zur Verfügung stellt, die mittels Texterkennungssoftware (OCR) in
Fließtexte überführt werden sollen, sowie
eine „neue“ Abteilung, die eine Plattform
bietet, elektronisch zu publizieren; interessant ist hier der Ansatz, sich nicht auf
Angehörige der Mannheimer Universität
zu konzentrieren, sondern prinzipiell jedem Interessenten offenzustehen, so daß
hier das Konzept eines Universitätsverlages verfolgt wird. Die Autoren können für
ihre elektronischen Volltexte sogar eine
ISBN beantragen, wodurch die Arbeit
dann über den Buchhandel bestellbar wird.
Die UB Konstanz bietet seit Herbst
1996 den Zugriff auf Volltexte an und hat
u. a. versucht, elektronische Dissertationen und Diplomarbeiten zu erfassen.
Während Diplomanden durchaus Interesse an einer elektronischen Veröffentlichung zeigten, war die Resonanz auf die
Möglichkeit der Abgabe einer Dissertation in elektronischer Form gering. Der
Antrag, die Promotionsordnungen dahingehend zu verändern, daß DoktorandInnen ihre Dissertationen auch in elektronischer Form abliefern können, wurde indes von den Konstanzer Fakultäten für
Biologie, Chemie und Jura abgelehnt.
Die UB Stuttgart konnte im Rahmen
des Testbetriebes des selbst entwickelten
Systems OPUS („Online Publikationen der
Universität Stuttgart“)3 weitere wertvolle
Erfahrungen sammeln. Im Rahmen des
Aufbaus von OPUS traten nämlich grundsätzliche Fragen auf: Die langfristige Verfügbarkeit der Dokumente sollte gesichert
werden, die Dokumente müssen vor Änderungen geschützt sein, Fragen der inhaltlichen Überprüfung stellen sich ebenso wie
das immer wieder auftretende bibliothekarische Kernproblem: die Frage nach der
Qualitätskontrolle und -sicherung.
Als besonders problematisch erwies
sich der Umgang mit sogenannten „Meta-
Theke 1998
daten“. Diese sind „Daten über Daten“,
also weitere Informationen über das elektronische Dokument, die nicht unbedingt
aus dem Dokument selbst hervorgehen.
Sie sind – grob gesagt – mit den Angaben
einer Titelaufnahme vergleichbar.
Erfahrungen mit Metadaten haben v.
a. die KollegInnen aus Kaiserslautern gesammelt, die am Projekt MathNet4 beteiligt sind und für den Südwesten Deutschlands das Sammeln von mathematischer
Fachinformation im Internet übernommen
haben und hier v. a. elektronische Preprints aus der Mathematik anbieten5.
Erste Erfahrungen mit der Methode,
Metadaten durch die Autoren der Dokumente selbst abliefern zu lassen, waren in
Kaiserslautern allerdings nicht sehr ermutigend: Als zu groß erwies sich (noch)
die Hürde, die Autoren der Texte dazu
anzuhalten, die erforderlichen Metadaten
gleich mitzuliefern.
Einen anderen Weg geht die TU
Chemnitz, die seit mehr als drei Jahren
das Projekt MONARCH (Multimedia
Online Archiv Chemnitz)6 betreibt. Hervorgegangen ist MONARCH aus einem
Projekt des Rechenzentrums der TU
Chemnitz, das einen Prototyp zum Archivieren seiner Publikationen erstellt hat.
Die UB Chemnitz ist mittlerweile in das
Projekt eingebunden. Diese Einbindung
hat zum einen zu einer starken bibliothekarischen Betreuung geführt (so wurde z.
B. die Schlagwort-Normdatei integriert),
zum anderen der Bibliothek wertvolle
Erfahrungen über den Umgang mit Metadaten vermittelt. Die Anmeldung der Interessenten erfolgt über ausgereifte
WWW-Formulare, die Verwaltung des
elektronischen Archivs ist weitgehend
automatisiert.
Während an anderen Universitäten
die Bibliotheken die Fachbereiche ermutigen, auch elektronische Fassungen von
Dissertationen einzureichen, ging an der
TU Chemnitz die Initiative von den naturwissenschaftlichen Fakultäten aus: Die
jetzige Regelung sieht allerdings zusätzlich zur elektronischen Fassung der Dissertation noch die Abgabe von 6 gedruckten Exemplaren vor.
Zuletzt stellte das BibliotheksserviceZentrum Baden-Württemberg (BSZ) seinen „Virtuellen MedienServer“7 vor, der
das elektronische Depot (sog. E-Depot)
des SWB darstellt. Das BSZ verfolgte
zunächst den naheliegenden Gedanken,
die praktische Erprobung der elektronischen Speicherung von Dokumenten für
die Bibliotheken des Landes in einem
Prototyp einer „elektronischen Speicherbibliothek“ zu realisieren und damit die
Aufgabe einer zentralen Archivierungsstelle für alle Bibliotheken des Landes zu
übernehmen.
Dieser Gedanke wurde aber bald aufgegeben – zu weit waren die Projekte
einzelner Bibliotheken gediehen, und es
lagen bereits viele Dokumente auf den
Servern anderer Einrichtungen, so daß
dem BSZ eher die Funktion zukommen
mußte, die vielen Aktivitäten zu bündeln,
anstatt ein zentralistisches Monopol auf
die Archivierung elektronischer Volltexte durchzusetzen.
Die Fülle der Erfahrungen und Probleme brachten die AG Volltexte dazu,
gemeinsam ein Papier zu erarbeiten, an
dem sich arbeitsteilig alle AG-Mitglieder
beteiligt haben. Dieses Papier sollte alle
anfallenden Probleme behandeln, Vorschläge erarbeiten und allen Universitätsund Landesbibliotheken eine Art Anleitung liefern, Volltext-Nachweis- und Archivierungssysteme aufzubauen.
Der Entwurf befaßt sich u. a. mit den
Problemkreisen Promotionsordnung, Urheberrecht, elektronische Datenformate,
Metadaten, Technik der Dokumentver-
Seite 20
waltung, Akzeptanz und „Vermarktung“
an den Hochschulen und der generellen
Konzeption einer „Virtuellen Forschungsbibliothek“.
Um alle bisherigen Systeme und
Konzepte vorzuführen, wurde die Informationsveranstaltung „Virtuelle Forschungsbibliothek“ am „Forschungszentrum Umwelt“ der Universität Karlsruhe
durchgeführt8. Am 18.5.1998 trafen sich
die TeilnehmerInnen der AG Volltexte
und viele andere KollegInnen und Interessierte und konnten hier alle bislang entstandenen Archive online betrachten und
durch Vorträge Einzelheiten über Architektur, Funktionsweise und Probleme der
einzelnen Systeme erfahren. Deutlich war
zu erkennen, daß die typischen „Kinderkrankheiten“ solcher Einrichtungen allmählich überwunden wurden, die Bibliotheken nun deutlich mehr Einfluß auf die
Entwicklung ausgeübt hatten und das Interesse an elektronischen Volltexten nun
auch bei jenen Bibliotheken geweckt war,
die sich bislang eher zurückhaltend gezeigt hatten.
Neben den Fortschritten der Projekte
MONARCH, VVV, MATEO und OPUS
hat das BSZ durch zwei seiner Vertreter
das Konzept seines „Virtuellen Medienservers“ vorgestellt. Dieser virtuelle Medienserver dient der Speicherung, Erschließung und Bereitstellung von elektronischen Dokumenten und erscheint als
gemeinsames Zugangssystem für die bei
den Bibliotheken archivierten und angebotenen elektronischen Dokumente. Er
soll damit eine integrierende Funktion
erfüllen und eine gegenseitige Nutzbarmachung lokal vorhandener Ressourcen
ermöglichen. Das BSZ sieht sich als zentrale bibliothekarische Dienstleistungseinrichtung v. a. bei drei Arbeitsgebieten in
der Pflicht:
Theke 1998
1. die Einführung der Metainformationen auf der Basis von Dublin Core
im zentralen Teil des Medienservers,
2. die Integration weiterer lokaler
Objektserver: Derzeit existieren
mehrere geographisch verteilte
Server bei den teilnehmenden
Bibliotheken und ein zentraler
Server beim BSZ,
3. der Aufbau eines Dokumentemanagementsystems.
Für die Zukunft plant das BSZ u. a.
die Einbindung weiterer Medienarten wie
Videos oder Sound-Dateien, die Überführung von Konvertierungstools in den Routinebetrieb, die Weiterentwicklung des
bisherigen Dokumentemanagementsystems in eine Datenbanklösung sowie die
Einbindung weiterer Objektserver der
Verbundregion in den Virtuellen Medienserver des BSZ.
Damit hat das BSZ bei den elektronischen Dokumenten eine ähnliche Funktion, wie sie der „Karlsruher Virtuelle Katalog“ (KVK) für Bibliothekskataloge im
WWW erfüllt: Das BSZ ist nicht „die
Zentrale, die alles archiviert“, sondern
liefert einen Überbau als einheitliches
Dach, unter dem die dezentral vorhandenen Informationen zusammengeführt werden.
Genau vier Wochen später, am
18.6.1998 traf sich die AG Volltexte zu
ihrer zweiten Sitzung, um die Entwicklungen im Lande weiter voranzubringen.
Zunächst wurden die zwischenzeitlich erarbeiteten einzelnen Kapitel der
„Empfehlungen“ detailliert durchgesprochen und zahlreiche Änderungen und Ergänzungen vorgenommen. Alle diese
Änderungen mußten protokolliert wer-
den, und einem Mitarbeiter des BSZ fiel
die Aufgabe zu, die nun endgültige Fassung des Papiers zusammenzustellen und
an die TeilnehmerInnen der AG zu versenden. Damit lag nun erstmalig ein einheitliches Konzept vor, das den Bibliotheken des Landes einerseits die Notwendigkeit zur Einrichtung von Volltextservern nahebringen sollte und andererseits
auch viele Aspekte und Probleme sowie
Lösungen hierzu aufzeigte. Das Papier ist
mittlerweile auch online im WWW verfügbar9 und umfaßt folgende wesentliche
Punkte:
•
ein Konzept des BSZ zum Aufbau
von Forschungsservern an den
Universitäts- und Landesbibliotheken Baden-Württembergs,
•
eine Erörterung der Vorteile
elektronischer Volltexte,
•
drei Beispiele (OPUS, MONARCH
und VVV) von Volltextservern mit
Erklärungen von Speicherung,
Datenfluß, Indexierung etc., um die
Struktur solcher Systeme transparent zu machen,
•
eine Darlegung der Formatanforderungen für das Anlieferungsformat,
das Archivierungsformat und das
Präsentationsformat elektronischer
Volltexte,
•
eine Erörterung des Problems der
Metadaten, ein Beispiel für das
Erfassen durch den Autor selbst
(„Prä-Katalogisieren“) und die
Problematik des Einspielens von
Metadaten in einen Bibliotheksverbund am Beispiel OPUS und SWB,
•
einen Überblick über die urheber-
Seite 21
rechtlichen Aspekte von OnlinePublikationen im Internet,
•
ein gesondertes Kapitel über
elektronische Dissertationen
•
und zum Schluß einen Überblick
über die bibliothekarischen Aspekte
der Dokumentverwaltung, wie
Zugang, Erwerbung, Katalogisierung und Benutzung.
Diese Empfehlungen wurden an alle
Bibliotheken des Landes versandt, um
gleichzeitig zu Anträgen auf Beschaffungen zur Realisierung einer Volltextserver-Infrastruktur aufzurufen. Hierfür wurde aus Landesmitteln im Rahmen der „Zukunftsoffensive“ eine ausreichende Summe bereitgestellt. Nachdem nun entsprechende Anträge eingegangen waren, war
es eine Aufgabe der AG, diese Anträge zu
begutachten und dem Ministerium für
Wissenschaft und Kunst zur Annahme
oder Ablehnung zu empfehlen.
Zwischenzeitlich war auch die Entwicklung der Volltextsysteme weiter fortgeschritten, wie man auf der 3. Tagung
der AG Volltexte am 10.9.1998 leicht
sehen konnte:
1. Ein großer technischer Fortschritt
ist im Bereich Katalogisierung
beim System OPUS erzielt worden:
Die OPUS-Daten können nunmehr
automatisch in die SWB-Verbunddatenbank eingespielt werden. Die
nötige manuelle Bearbeitung der
Daten war weniger aufwendig als
erwartet und bestand hauptsächlich
in der Kontrolle der Autoren- und
Titelansetzungen. Damit konnte die
Katalogisierung der elektronischen
Volltexte – auch bei Bibliothekaren
ein gefürchtetes Unterfangen –
Theke 1998
durch Automatisierung erheblich
vereinfacht werden.
2. Das Stuttgarter System OPUS fand
innerhalb kürzester Zeit die mit
Abstand weiteste Verbreitung. Es
wird derzeit (November 1998) an
folgenden Einrichtungen verwendet
bzw. geplant:
•
UB Konstanz
•
UB Tübingen
•
Bibliotheksservice-Zentrum
Konstanz
•
UB Stuttgart zusammen mit
Hohenheim
•
Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart
•
UB Mannheim: Beschaffung eines
lokalen Volltextservers für die
„neue Abteilung“ des Systems
MATEO, das allmählich in OPUS
aufgehen soll.
•
UB Tübingen: Beschaffung eines
Objektservers zur Einrichtung des
Systems OPUS.
•
UB Ulm: Beschaffung eines NTServers für elektronische Volltexte.
•
BSZ Konstanz: Beschaffung eines
eigenen Servers für elektronische
Volltexte, v. a. für Bibliotheken,
die keinen eigenen Server besitzen.
Das BSZ wird das System OPUS
einsetzen.
•
WLB Stuttgart, UB Stuttgart, UB
Hohenheim werden im Rahmen
eines gemeinsamen Antrages das
System OPUS nutzen.
Geplant ist der Einsatz von OPUS an
weiteren Einrichtungen wie
•
der UB Mannheim, die sich
allmählich von MATEO lösen
wird,
•
der UB Karlsruhe, die sich allmählich von VVV lösen wird und
•
der UB Heidelberg
Um die Ziele der Empfehlungen der
AG Volltexte zu verwirklichen, wurden
nun die eingegangenen Anträge begutachtet und folgende Aktivitäten dem Ministerium zur Förderung empfohlen:
•
UB Konstanz: Beschaffung eines
Volltextservers zur Einrichtung des
Systems OPUS ab Herbst 1998.
Die Bibliotheken in Chemnitz und
Kaiserslautern sind bei der Vergabe dieser Mittel leider nur „Zaungäste“, da sie
nicht zum Bundesland Baden-Württemberg gehören und so nicht in den Genuß
der Landesmittel kommen können.
Drei weitere Bibliotheken werden in
naher Zukunft ebenfalls Aktivitäten in
dieser Richtung unternehmen:
•
Die Badische Landesbibliothek
Karlsruhe wird 1999 einen Volltextserver aufbauen, hat ihren
Antrag aber zurückgestellt, da man
derzeit mit der Migration nach
HORIZON beschäftigt ist,
•
die UB Freiburg wird 1999 einen
Volltextserver aufbauen und hat
sich für OPUS entschieden,
Seite 22
•
die UB Heidelberg wird ebenfalls
1999 einen Volltextserver aufbauen
und hierfür ebenso das System
OPUS einsetzen.
Der Umfang dieser Projekte und die
Anzahl der beteiligten Bibliotheken spiegeln das gestiegene Interesse an elektronischen Volltexten wider.
Die vorhandenen Softwarelösungen
bieten bereits eine praktische Umsetzung
vieler Ansätze: So können die Autoren
ihre Dokumente selbst auf elektronischem
Wege „abliefern“, alle Dokumente können auf einem Server abgespeichert werden, man kann in ihnen Volltextsuche
durchführen oder nach Autoren, Titelstichwörtern etc. suchen. Vorher aus einer
Auswahlliste vom Autor selbst ausgesuchte Schlagwörter können angewählt und so
mit dem Dokument verknüpft werden.
Auf diese Weise wird verhindert, daß durch
freie Eingabe beliebiger Begriffe das Suchvokabular „verwildert“.
Besonders wichtig ist, daß weitere
Metadaten eingeben werden können, von
denen sich das „Dublin Core Metadata
Set“, kurz „Dublin Core“ genannt, allmählich weitgehend durchgesetzt hat.
Da die bisherigen Lösungen, DublinCore-Daten durch Suchmaschinen auszuwerten, bislang nicht befriedigt haben10,
ist ein weiterer Projektantrag der Universitätsbibliothek Stuttgart positiv beurteilt
worden: der Aufbau eines „Suchdienstes
der wissenschaftlichen Bibliotheken für
ein gezieltes Retrieval mittels strukturierter Metadaten (DC-Metadaten)“, kurz
SWiB/DC. Auch dieses Projekt wird durch
die Mittel der „Zukunftsoffensive“ gefördert. Es soll eine Suchmaschine entstehen, die Dublin-Core-Daten auswerten
kann und direkt auf das Volltext-Archivierungssystem OPUS aufsetzt.
Theke 1998
Die weite Verbreitung von OPUS
macht dieses Produkt zu einem heimlichen „Landessystem“, dessen Verwendung aber keineswegs obligatorisch sein
muß: Auch andere Systeme können von
Bibliotheken eingesetzt werden und dann
virtuell miteinander verknüpft werden, so
daß man über eine einheitliche „ÜberOberfläche“ in verschiedenen Servern
suchen kann.
Diese Aufgabe, die dezentralen Dienste virtuell zusammenzuführen, kommt
dabei dem Bibliotheksservice-Zentrum
(BSZ) zu.
3. Der „Geschäftsgang“
bei einem Volltext-System
Am Beispiel von OPUS kann einmal der
mögliche „Gang der Dinge“ bei einem
solchen Volltextserver durchgespielt werden, obwohl über die Einzelheiten des
Geschäftsganges noch nicht abschließend
entschieden wurde. Der Autor verfügt über
einen elektronischen Volltext wie z. B.
eine Diplomarbeit. Er möchte diese im
Volltextserver der UB gespeichert und
nachgewiesen haben.
Durch WWW-Aufruf des Servers
erfährt er, daß nur bestimmte Datenformate zugelassen sind. Besonders verbreitet sind hier HTML, PostScript und PDF.
Dies muß deshalb so sein, weil nicht alle
archivierten Formate leicht angezeigt
werden können und sich nicht jedes Format gleichermaßen für die langfristige
Archivierung eignet.
Hat man sein Dokument in einem
anderen Format gespeichert, muß man es
selbst konvertieren. Für die Konversion
von TeX-Dateien (z. B. Textverarbeitungspaket LaTeX, das bei Mathematikern und Naturwissenschaftlern beson-
ders beliebt ist) gibt es bereits OnlineKonvertierungshilfen, und immer mehr
Textverarbeitungsprogramme erlauben es,
die Dateien auch im Format PostScript
(ps) oder PDF abzuspeichern. Für PDF
werden eigene Programme benötigt, um
die Dokumente lesen zu können. Diese
sind aber kostenlos im Internet verfügbar
und auf vielen PCs ohnehin installiert. Für
PostScript sind dies die Programme Ghostview oder Gsview, für PDF ist vor allem
der Acrobat Reader zu nennen.
Mittlerweile ist es auch üblich geworden, Textverarbeitungsprogramme zu
befähigen, die erzeugten Texte im WWWFormat HTML abzuspeichern.
Nachdem also der Autor sein Dokument in das Format PDF oder PostScript
gebracht hat, kann er nun sein Dokument
„abliefern“.
Der Autor muß in einer Eingabemaske seinen Namen, den Titel der Arbeit,
das Jahr, den Umfang etc. eingeben.
Er kann außerdem aus einer Liste
Schlagwörter heraussuchen, die den Inhalt seiner Arbeit möglichst genau charakterisieren, damit unter diesen Schlagwörtern seine Arbeit aufgefunden werden
kann.
Er soll noch weitere Metadaten anliefern. Die Dublin-Core-Daten werden in
einzelnen Feldern abgefragt, und die Autoren können zusätzlich noch eine kurze
Inhaltsangabe abgeben.
Damit katalogisieren die Autoren ihre
Arbeiten praktisch selbst, man spricht hier
von einer „Prä-Katalogisierung“. Allerdings ist der Arbeitsaufwand gering und
durch die Vorgabe strukturierter Masken
leicht verständlich und wenig fehleranfällig.
Das System OPUS ist in der Lage, die
Metadaten in den Südwestdeutschen Bibliotheksverbund (SWB) „hochzuladen“
und per Programm in eine Titelaufnahme
Seite 23
zu konvertieren. Allerdings gibt es hier
gelegentlich Anlaß zu einer Nachbearbeitung, da die Programme eben noch nicht
alles automatisch verarbeiten können.
Alle Katalogisate werden von Bibliothekaren auf formale Richtigkeit geprüft.
Alle angenommenen Dokumente
werden auf dem Volltextserver abgespeichert, wobei die einmal vergebene Internet-Adresse (URL) die ganze Zeit über
konstant bleibt, damit das Dokument stets
über den Katalogeintrag im SWB oder im
Lokalsystem aufgerufen werden kann.
Diese Garantie der Authentizität der URL
ist ein wesentlicher Vorteil solcher Volltextarchive gegenüber der Sammlung und
Katalogisierung von Links, denn diese
können sich immer wieder ändern (und
tun dies auch), gerade bei so flüchtigen
Textsorten wie der elektronischen „grauen Literatur“.
Eine Datenbank verwaltet diese Dokumente, und der Nutzer kann nun nach
Autoren, Titeln, Jahren, Schlagworten etc.
suchen, bis er wie in einem Bibliothekskatalog gedruckter Bücher die entsprechenden „Treffer“ findet. Diese kann er
sich am WWW-Browser ansehen und
ebenfalls kostenfrei herunterladen, um sie
sich am eigenen Rechner auszudrucken
oder weiterzuverarbeiten.
Theke 1998
4. Die
Universitätsbibliothek
als elektronisches
Volltextarchiv der
Universität
Junge Generation: (Wissenschaftliche
Bibliotheken)“ beschaffen und installieren. Es wird das System OPUS aus Stuttgart zum Einsatz kommen.
Die konkrete Umsetzung der Planungen
auf Landesebene führten in unserem Hause zur Erarbeitung eines „Vorläufigen
Entwurfs eines Informations- und Publikationskonzepts der Universitätsbibliothek Heidelberg zum Aufbau einer Digitalen Bibliothek für elektronische Volltexte und Hochschulpublikationen“, der
im folgenden vorgestellt sei:
Die Universitätsbibliothek plant, ihre
konventionellen Archivierungsaufgaben,
die sich bisher lediglich auf Dissertationen
der Hochschule bezogen haben, zu erweitern und einen Volltextserver für elektronische Hochschulpublikationen aufzubauen. Sie wird die notwendige Infrastruktur
(Hard- und Software) bereitstellen, ein
geeignetes Dokument-Management-System zur Verfügung stellen sowie ein
Verfahren entwickeln, daß die Ablieferung
und Speicherung der Volltexte regelt.
Die Universitätsbibliothek kümmert
sich um die formale Erschließung der
zentral bereitzustellenden Dokumente in
regionalen und lokalen Datenbanken und
deren dauerhafte Archivierung. Sie sorgt
für die Authentizität (Unveränderbarkeit)
des Dokuments, die dauerhafte Gültigkeit
der vergebenen URLs und für die Datensicherung des gesamten Archivs. Zusätzlich zum Titelnachweis im regionalen und
lokalen OPAC wird die inhaltliche Recherche über sachliche Erschließungskriterien und Suchmaschinen ermöglicht.
Die Universitätsbibliothek wird noch
im Frühjahr 1999 einen Volltextserver
aus den Mitteln der „Zukunftsoffensive
Es werden von der Universitätsbibliothek
elektronische Dokumente angenommen,
die folgende Kriterien erfüllen müssen:
•
Vorläufige
Archivierungsgrundsätze
•
•
•
Es müssen Dokumente mit Inhalt
sein, also keine Ankündigungen,
Einladungen oder dergleichen.
Es müssen Dokumente von „wissenschaftlicher Relevanz“ sein. Die
Qualität sollte zumindest so sein,
daß eine gedruckte Fassung
erworben würde und eine langfristige Archivierung sinnvoll erscheint.
Allerdings bleibt es den Autoren
überlassen, über diese wissenschaftliche Relevanz zu entscheiden, d. h.: Die UB wird zumindest
in einer Testphase kein Dokument
aus inhaltlichen Gründen ablehnen.
Die Dokumente müssen von der
Universität Heidelberg stammen,
d. h. es dürfen keine Dokumente
sein, die von anderen Quellen im
Internet stammen (z. B. „Lecture
Notes“ amerikanischer Universitäten). In Übereinstimmung mit den
Richtlinien, die die AG Volltexte
im Auftrage des Ministeriums
erarbeitet hat, können aber des
weiteren wissenschaftliche Einrichtungen aus dem Umfeld der
Hochschule am Volltextserver
beteiligt werden. In Heidelberg sind
dies z. B. die Max-Planck-Institute
oder das DKFZ.
Seite 24
Es müssen Dokumente in den
Formaten PDF, HTML oder
PostScript sein. Konvertierungstools werden bereitgestellt, im
Zweifelsfall sollte das URZ
konsultiert werden. Die UB kann
keine Datenkonversionen vornehmen. Dokumente, die nicht in den
oben genannten Formaten angeliefert werden, müssen von der
Universitätsbibliothek abgelehnt
werden.
Bei der Archivierung elektronischer Volltexte sind folgende Verfahrenshinweise
zu beachten:
•
Die Autoren müssen ein Formular
ausfüllen, eigenhändig unterschreiben und an die UB schicken, aus
dem zweifelsfrei hervorgeht, daß
der Universitätsbibliothek alle
Rechte an dem Dokument übertragen werden, die Universitätsbibliothek die Dateien dauerhaft archivieren darf und Rechte Dritter nicht
betroffen sind.
•
Die Autoren müssen der Universitätsbibliothek ihre Dateien zur
Verfügung stellen und sich bereit
erklären, daß die Dokumente
langfristig von der UB gespeichert
werden. Sie können aber auch ein
„Verfallsdatum“ angeben, das von
der UB beachtet werden muß.
Danach sind die Dokumente und
die Katalogeinträge von der UB zu
löschen.
•
Die Autoren müssen eine Eingabemaske ausfüllen, in denen bibliographische Erschließungsdaten
nach Dublin Core abgefragt
werden. Diese sog. Metadaten
Theke 1998
werden maschinell in Titelaufnahmen übersetzt und von der UB auf
formale Richtigkeit überprüft.
•
Zusätzlich bietet die Universitätsbibliothek weitere sachliche Erschließungsinstrumente an, über die noch
zu befinden ist. Die „Schlagwortnormdatei“ steht bereits zur
Verfügung.
Vom hier skizzierten Arbeitsablauf
unberührt bleiben die Aktivitäten Heidelberger Institute, die eigenen Quellen auf
eigenen Servern noch einmal zu speichern, hierfür andere Formate zu wählen,
Linksammlungen anzulegen, heruntergeladene Dateien zu speichern etc.
Durch die oben genannten Vorgaben
soll garantiert werden, daß die „Ablieferungsschwelle“ für elektronische Dokumente nicht zu hoch angesetzt wird und
möglichst viele WissenschaftlerInnen und
Studierende in die Lage versetzt werden,
ihre Arbeiten archivieren zu lassen. Es
soll Instituten ohne ausgefeilte WWWInfrastruktur die langfristige Archivierung
elektronischer Dokumente ermöglicht und
ihre Authentizität garantiert werden. Ihre
Haltbarkeit, Sicherung und Verfügbarkeit
sollen ebenso gesichert werden wie eine
formal korrekte Erschließung.
Darüber hinaus wird die Universitätsbibliothek auf dem Volltextserver langfristig auch multimediale Anwendungen
und Dateien (Digitalisierte Videos und
Tonaufzeichnungen) oder digitalisierte
Volltexte aus UB-Besitz bereitstellen.
Ob sich das hier skizzierte Verfahren
bewähren wird, kann allein die Praxis
zeigen, und ggf. müssen die Arbeitsabläufe noch modifiziert oder revidiert werden.
5. Das weitere Vorgehen
der AG Volltexte
Wie wird es nun mit der AG Volltexte
nach der flächendeckenden Einführung
solcher Objektserver weitergehen?
Zum einen soll der Kontakt zu anderen Arbeitsgruppen wie der „AG Multimedia“ intensiviert werden, damit sich
die Konzepte nicht „auseinander entwikkeln“, zum anderen sollen die auf den
Weg gebrachten Projekte begleitet und
evaluiert werden. Die gesammelten Erfahrungen sollen durch die AG Volltexte
gesammelt und bewertet werden und so
durch Vermittlung an die Bibliotheken
wieder allen Teilnehmern zugute kommen.
Des weiteren sind auch kommerzielle Lösungen zu prüfen und zu bewerten.
Hier soll das Bibliotheksservice-Zentrum
eine Anforderungsbeschreibung erarbeiten. Zu nennen wären hier Produkte wie
die IBM Digital Library (die in einem
eigenen Projekt des BSZ geprüft wird),
IHS von Dataware, Dynix („Virtuelle Bibliothek der Zukunft“), Xerox (Digitalisierungszentrum München), Satztec (Digitalisierungszentrum Göttingen) und einige andere mehr.
Die AG Volltexte wird nach dem
Vorbild anderer Institutionen Empfehlungen zur Einführung von Volltextservern
vorstellen und ggf. auch Hinweise, Hilfen
und Richtlinien für Autoren erstellen.
Eckhard Eichler, UB,
Tel. 54 – 25 84
Seite 25
Anmerkungen
1
http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/vvv/
2
http://www.uni-mannheim.de/mateo/index.html
3
http://www.uni-stuttgart.de/opus/
4
http://www.math-net.de/math-net/
5
http://www.mathematik.uni-kl.de/Preprints/
6
http://archiv.tu-chemnitz.de/
7
http://www.swbv.uni-konstanz.de/wwwroot/
s71800_d.html
8
Das Protokoll der Veranstaltung liegt online auf
dem Server des BSZ auf und findet sich unter der
URL: http://www.swbv.uni-konstanz.de/wwwroot/
metadata/inf980518.html.
9
„Empfehlungen zum Aufbau eines Servernetzes
für elektronische Hochschulpublikationen“ unter
http://www.swbv.uni-konstanz.de/depot/dokersch/
6800000/6853000/6853597k.html.
10
Als Beispiel kann hier die Suchmaschine „Fireball“ dienen (http://www.fireball.de/). Weitere Links
zum Thema Suchmaschinen für Dublin-Core-Metadaten findet man unter http://www.swbv.unikonstanz.de/links/suchdienste.html#meta.
Theke 1998
Die „Schurman-Bibliothek für
Amerikanische Geschichte“ am
Historischen Seminar der Universität
Heidelberg
Um Lehre und Forschung zur amerikanischen Geschichte in Heidelberg anzuregen und zu verbessern, wurde 1986 die
„Schurman-Bibliothek für Amerikanische
Geschichte“ von Prof. Dr. Detlef Junker
als selbständige Abteilung der Bibliothek
des Historischen Seminars gegründet. In
der Zwischenzeit wurden zwei größere
zum Innenhof gelegene Räume neben dem
Hexenturm zur Schurman-Bibliothek bestimmt. Hier erwarten die interessierten
Benutzer inzwischen mehr als 6400 Titel
zu allen Aspekten der amerikanischen
Geschichte.
Benannt wurde diese Spezialbibliothek nach dem Amerikaner Jacob Gould
Schurman (1854 – 1942), der sich als
Botschafter nach dem 1. Weltkrieg um
Ausgleich und Verständigung mit
Deutschland bemühte. Eine besondere
Beziehung zwischen der Universität Heidelberg und Schurman entwickelte sich,
als er 1927 in den USA eine Spendensammlung zugunsten der Universität Heidelberg organisierte. 1931 führte seine
Initiative zur Errichtung des neuen Vorlesungsgebäudes, der Neuen Universität.
Von seinem Beispiel angeregt, begann Professor Junker eine Spendenaktion in der BRD und den USA durchzuführen, die die finanzielle Grundlage für die
Schurman-Bibliothek legte. 1991 wurde
von ihm der „Verein zur Förderung der
Schurman-Bibliothek“ ins Leben gerufen, der sich der Motivation Schurmans
verpflichtet fühlt, die deutsch-amerikani-
schen Kulturbeziehungen durch Förderung wissenschaftlicher Vorhaben zu intensivieren.
Seine Aufgaben formulierte der Verein in viererlei Hinsicht:
Erstens beabsichtigt er, den Ausbau
der „Schurman-Bibliothek“ durch finanzielle Zuwendungen zu gewährleisten.
Zum zweiten vergibt er ein „Curt-Engelhorn-Stipendium“ an wissenschaftliche
Nachwuchskräfte mit dem Ziel, Forschung
und Lehre im Fach „Amerikanische Geschichte“ zu fördern. Drittens veranstaltet
er die „Schurman-Lectures“, die inzwischen regelmäßig stattfinden und eine breitere Öffentlichkeit ansprechen. Als Diskussionsforum konzipiert, informiert hier
jeweils ein ausgewiesener Kenner der
deutsch-amerikanischen Beziehungen
über Geschichte, aktuelle Probleme und
Befindlichkeiten des atlantischen Partners.
Viertens stellte erstmals 1997 die Vergabe des mit 10.000 DM dotierten „Preises
für Amerikanische Geschichte“ eine Erweiterung der Vereinsaktivitäten dar. Der
erste Preisträger war im Mai 1997 Jürgen
Heideking, der Lehrstuhlinhaber für anglo-amerikanische Geschichte in Köln ist.
Er wurde für sein als Habilitationsschrift
konzipiertes 1988 erschienenes Werk,
„Die Verfassung vor dem Richterstuhl,
Vorgeschichte und Ratifizierung der amerikanischen Verfassung, 1787 – 1791“
ausgezeichnet.*
Die Schurman-Bibliothek wird insbesondere von den Heidelberger Studen-
Seite 26
ten in Anspruch genommen, die an den
kontinuierlich gehaltenen Lehrveranstaltungen zur amerikanischen Geschichte
teilnehmen. Häufig richten sich Studierende und Wissenschaftler von außerhalb
an die Schurman-Bibliothek, um Informationen zu speziellen Themen der amerikanischen Geschichte zu erhalten bzw.
um sich Ratschläge bei bestimmten Rechercheproblemen einzuholen. Die seit
1998 in deutsch und englisch eingerichtete Homepage liefert für Interessenten eine
erste, wichtige Orientierungshilfe. Neben
den allgemeinen Informationen zu Organisation und Bestand der Schurman-Bibliothek bietet sie einen besonderen Service: Jeweils monatlich wird sie durch ein
Verzeichnis der neu erworbenen Fachliteratur aktualisiert.
Außerdem kann man sich nun über
die Lehrveranstaltungen informieren, die
inzwischen von dem Vertreter Professor
Junkers, Prof. Dr. Clemens Zimmermann,
angeboten werden und die jährlich durch
die Veranstaltungen eines amerikanischen
Gastdozenten des Fulbright-Austauschprogramms ergänzt werden. Derzeit ist es
Norman A. Graebner von der University
of Virginia.
Schon seit Gründung der SchurmanBibliothek ist ein überregionaler Zugriff
auf ihre Bestände durch die EDV-gestützte Katalogisierung und Eingabe ihrer Bestände in Heidi und in den SWB gewährleistet. Umgekehrt dient die Zusammenarbeit im SWB der Koordinierung bei
Theke 1998
besonders teuren Anschaffungen wie größeren Quelleneditionen, Microformen
oder Zeitschriften. So besitzt die
Schurman-Bibliothek aus der wichtigsten
laufenden Bibliographie zur amerikanischen Geschichte, „America: History and
Life“, die Reihe C, „Abstracts and Citations“, die Darstellungen, Artikel und Dissertationen nachweist und vorstellt. Über
den bibliothekseigenen Rechner ist die
Vernetzung mit dem Katalog der Library
of Congress in Washington gewährleistet,
so daß Studienaufenthalte in Amerika noch
in Heidelberg gezielter vorbereitet werden können. Diesen Zweck dient auch das
von der Schurman-Bibliothek erworbene
„National Inventory of Documentary
Sources in the United States“, ein Verzeichnis der Bestände sämtlicher nationaler Archive der USA (z. B. der Manuscript
Division der Library of Congress, der
Präsidentenbibliotheken u. a.).
Bei den Erwerbungen handelt es sich
sowohl um Neuerscheinungen als auch
um antiquarisch gekaufte Werke, vor allem „Klassiker“ der Geschichtsschreibung. Es werden einerseits bevorzugt Bibliographien und Standardwerke zu den
wichtigsten Bereichen amerikanischer
Geschichte, zum Beispiel zur Amerikanischen Revolution und zum Amerikanischen Bürgerkrieg, und andererseits Bücher zur US-Außenpolitik, zu den deutschamerikanischen Beziehungen und neuerdings vermehrt zur Sozial- und Kulturgeschichte angeschafft.
Zu den wichtigsten Anschaffungen
zählen: eine inzwischen fast vollständige
Sammlung der Quellenedition zur amerikanischen Außenpolitik (Foreign Relations of the United States = FRUS) und die
„Papers“ herausragender Persönlichkeiten, wie z. B. von Benjamin Franklin,
Thomas Jefferson, Samuel, John und John
Qunicy Adams, Alexander Hamilton,
George Clinton, Henry Clay, John C. Calhoun, John Marshall, Daniel Webster,
Abraham Lincoln, Ulysses S. Grant, Carl
Schurz, Woodrow Wilson, Franklin D.
Roosevelt, Dwight D. Eisenhower, John
Foster Dulles. Als Microformen besitzt
die Schurman-Bibliothek vor allem Quellen zur Außenpolitik der Nachkriegszeit,
so die „Documents of the National Security Council“, die „Minutes of Meetings
of the National Security Council“, die
„Records of the Council on Foreign Relations“, die „Confidential U. S. State Department Central Files. Germany: Foreign Affairs“.
Außerdem wurde das „William and
Mary Quarterly“, die wichtigste Zeitschrift
zur frühen amerikanischen Geschichte im
17. und 18. Jahrhundert abonniert, die bisher in Heidelberg noch nicht vorhanden
war. Diese Zeitschrift ist eine wichtige
Ergänzung zu den im Historischen Seminar gehaltenen Zeitschriften zur amerikanischen Geschichte: „American Historical
Review“, „Diplomatic History“, „Foreign
Affairs“, „The Historian“, „The Journal of
American History“. An die Anschaffung
weiterer wichtiger Periodika zur amerikanischen Geschichte ist gedacht.
Trotz der großzügigen Unterstützung
des Vereins zur Förderung der SchurmanBibliothek sieht sich auch die SchurmanBibliothek einem Problem gegenüber, mit
dem viele Bibliotheken konfrontiert sind:
Da der Aquisitionsetat momentan über
keinen großen Umfang verfügt, können
Neuanschaffungen nicht in dem Ausmaß
und in der nötigen Breite (Bsp. Kulturgeschichte) erworben werden, wie es der
Anspruch einer Spezialbibliothek erfordern würde. Damit die Schurman-Bibliothek das bewährte Hilfsmittel für die Forschung bleiben kann, müssen weitere
Anstrengungen unternommen werden, um
ihre Finanzierungsbasis zu sichern.
Seite 27
*
Jürgen Heideking, Die Verfassung vor dem Richterstuhl. Vorgeschichte und Ratifizierung der amerikanischen Verfassung 1787 – 1791, Berlin, New
York 1988; vgl. auch Heidekings weitere Veröffentlichungen: Die amerikanischen Präsidenten. 41 Portraits von Washington bis Clinton, München 1995;
Geschichte der USA, Tübingen, Basel 1996; Geheimdienstkrieg gegen Deutschland, Göttingen 1993;
zusammen mit Christof Mauch als Hrsg, Die USA
und der deutsche Widerstand, Tübingen, Basel 1993.
Barbara Duttenhöfer, Schurman-Bibliothek für
Amerikanische Geschichte, Tel. 54 – 24 77
Theke 1998
„Gotthard de Beauclair“ in der
Universitätsbibliothek Heidelberg
Am 28. Mai 1998 öffnete in der Universitätsbibliothek Heidelberg die Ausstellung
„Gotthard de Beauclair: Buchgestalter, Lyriker, Verleger“ ihre Pforten und zog bis 29.
August die Besucher in ihren Bann.
Heidelberg würdigte mit der Ausstellung einen der bedeutendsten Buchgestalter,
der wie kaum ein anderer die deutsche Buchkultur in diesem Jahrhundert geprägt hat.
17 Jahre betreute der 1907 im Tessin geborene Beauclair die Gestaltung des InselVerlags - zunächst als Hersteller, dann als künstlerischer Leiter. So geht das Erscheinungsbild der berühmten Reihe Insel-Bücherei auf seine Tätigkeit zurück. Nach dem
Abschied von Insel gründete er einen eigenen Verlag, Ars librorum, den er später um
die Edition de Beauclair, die sich auf den Druck von Künstlergraphik spezialisierte,
erweiterte. Gleichzeitig übernahm er als Buchgestalter aber auch Aufträge für Propyläen oder die Büchergilde Gutenberg. 1972 zog er sich in den Süden Frankreichs
zurück, um nur noch dem „dichterischen Inbild“ zu leben, der Lyrik.
In seinem schöpferischen Leben entstanden neben streng kalkulierten Gebrauchsbüchern auch aufwendige Faksimileausgaben. Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie
Oskar Kokoschka oder Mark Tobey ließ Werke entstehen, die aufgrund der Typographie, der Finessen des Einbandes Meisterwerke darstellen.
Zwischen 1951 und 1971 sammelte Beauclair 55 Auszeichnungen. Die höchste
war vielleicht diejenige, die ihm 1963 auf der Londoner Ipex verliehen wurde: Seine
von Imre Reiner illustrierte Aristophanes-Edition wurde als eines der 30 schönsten
Bücher des Jahrhunderts prämiert.
Die in der UB Heidelberg gezeigte Ausstellung gab einen Überblick über das
Schaffen Beauclairs. Im Mittelpunkt standen die Drucke der Trajanus-Presse, des
Verlags Ars librorum und der Edition de Beauclair. Ergänzt wurden diese Exponate
durch Gebrauchsbücher und Beispiele aus Radierungs- bzw. Lithographiefolgen.
Der Katalog, der anläßlich der Ausstellungen im Stadtmuseum Siegburg, in der
Deutschen Bücherei Leipzig und in der Universitätsbibliothek Heidelberg erschienen
ist, ist eine Hommage an Beauclair und wurde bereits von der Stiftung Buchkunst als
eines der „schönsten Bücher“ ausgezeichnet.
Theke veröffentlicht die Reden anläßlich der Ausstellungseröffnung am 28. Mai
im Foyer der Universitätsbibliothek Heidelberg. Es sprachen der Direktor der UB, Dr.
H. J. Dörpinghaus, der ehemalige Direktor des Klingspor-Museums von Offenbach
bzw. später des Gutenberg-Museums in Mainz, Hans Adolf Halbey, und der Lektor und
Kritiker Andreas Nentwich.
Seite 28
Theke 1998
Einführung zur Ausstellungseröffnung
Gotthard de Beauclair in der
Universitätsbibliothek Heidelberg am
28.5.1998
„Beauclair [bo’kler], Gotthard de, Buchgestalter, Schriftsteller, *Ascona
(Schweiz) 24.7.1907, † 31.3.1992; wirkte
v. a. für den Insel-Verlag (bis 1962), gab
dann in eigenem Verlag bibliophile Bücher heraus; schrieb hoch stilisierte Gedichte von hymnischem Charakter.“
Meine Damen und Herren,
Sie haben es längst bemerkt: Ich habe
zitiert. Ich habe wortwörtlich den Eintrag
wiedergegeben, der in der neuesten Auflage des „Brockhaus“, der 20. Auflage
von 1996, zu finden ist. Den stets wissbegierigen Bibliothekar interessiert natürlich sofort die Frage, ob frühere Auflagen
des Brockhaus auch einen Hinweis auf
Beauclair enthalten, läßt sich doch daraus
ein Rückschluß auf Bedeutung und Bekanntheitsgrad ziehen, den die Lexikonmacher dem jeweilig Genannten zuweisen. Es gehört zu den Vorzügen einer
großen Universitätsbibliothek, selbstverständlich auch über alle früheren Auflagen bekannter und auch unbekannterer
Nachschlagewerke zu verfügen. Ich habe
mir daher die Mühe gemacht, auch in
früheren Auflagen des Brockhaus nachzuschlagen und wurde auch da schon fündig. Erstmals wird Beauclair bereits im
Ergänzungsband der 16. Auflage erwähnt,
der 1958 erschienen ist. Zu diesem Zeitpunkt war Gotthard de Beauclair exakt 51
Jahre alt. Wohl nur wenige unter Ihnen
werden sich rühmen können, bereits in
solch jungen Jahren ihr Lebenswerk in
einer der größten und bekanntesten deutschen Enzyklopädien gewürdigt zu finden. Und nur am Rande sei gesagt, daß
natürlich auch „Meyers’ encyclopädisches
Lexikon“ in seinen verschiedenen Auflagen über Beauclair informiert.
Mit der heute zu eröffnenden Ausstellung wird der wohl bedeutendste Buchgestalter dieses Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum gewürdigt, ein feinsinniger Künstler mit vielen Begabungen
nicht nur als Buchgestalter, sondern ebenso auch als Lyriker und Verleger jedem
von Ihnen bereits bekannt. Georg Ramseger, der namhafte Publizist und Literaturkritiker hat ihn in der FAZ anläßlich einer
Würdigung zum 70. Geburtstag 1977 als
den „unerreichten Generalintendanten des
vollkommenen Buches“ apostrophiert,
und zahlreich sind die Würdigungen, die
ihm für sein Werk zuteil wurden. Bereits
1937, also im Alter von erst 30 Jahren,
erhält er auf der Pariser Weltausstellung
für die typographische Gestaltung der Insel-Bücherei die höchste internationale
Auszeichnung, die Goldmedaille. 1969
wurde seine Aristophanes-Edition durch
das Britische Museum als eines der dreißig schönsten Bücher des 20. Jahrhunderts prämiiert. Und im jährlichen Wettbewerb der schönsten Bücher des Jahres,
den der Börsenverein des deutschen Buchhandels veranstaltet, zählte er zu den unablässigen Preisträgern. Allein in den Jahren 1951 bis 1971 sammelte er 55 Auszeichnungen.
Nun ist es nicht meine Aufgabe, heute abend vor Ihnen, die ich herzlich begrüßen darf, Werk und Leben Gotthard de
Beauclairs zu würdigen. Hier gibt es weitaus Berufenere. Mich freut es daher sehr,
daß sich Professor Dr. Heinz Adolf Halbey bereit erklärt hat, uns mit der Arbeit
Beauclairs als Buchgestalter und Verleger vertraut zu machen. Professor Halbey
ist für mich gewissermaßen ein alter Bekannter, wovon er selbst vermutlich aller-
Seite 29
dings nichts weiß. Während meiner Ausbildungszeit an der Frankfurter Bibliotheksschule, zu Beginn der 70er Jahre,
gehörte Herr Halbey als Gastdozent zu
den Lehrkräften der Schule. Mit einer
Begeisterungsfähigkeit, die mir noch heute
lebhaft in Erinnerung ist, hat er es damals
verstanden, uns jungen Referendaren einen faszinierenden Einblick in die Buchund Schriftkunst zu gewähren und das
vielleicht noch kleine Flämmchen der
Bibliophilie zu entfachen, die entgegen
einer weit verbreiteten Meinung keineswegs zu den Grundtugenden eines Bibliothekars gehören muß. Für mich ist es
daher ein ganz besonderes Vergnügen,
Sie, lieber Herr Halbey, in der ältesten
deutschen Universitätsbibliothek willkommen zu heißen, hätte doch kein Geeigneterer für diese Einführung gefunden
werden können. Nicht nur sind Sie durch
zahlreiche Publikationen zur Buch- und
Schriftkunst bekannt geworden, Ihr dreißigjähriges berufliches Wirken als Direktor des Klingspor-Museums in Offenbach
und dann als Direktor des GutenbergMuseums in Mainz hat darüber hinaus
auch einen sehr direkten Bezug zur Arbeit
Beauclairs. Grundstock des KlingsporMuseums, das sich primär der modernen
Buch- und Schriftkunst widmet, ist die
bibliophile Sammlung der Familie Klingspor, die eine berühmte Schriftgießerei in
Offenbach betrieben hat. Und in eben
dieser Schriftgießerei hatte der gerade
sechzehnjährige Beauclair 1923 seine
Lehre begonnen, um sich in die Geheimnisse der schwarzen Kunst einführen zu
lassen.
Ebenso herzlich wie Herrn Professor
Halbey darf ich aber auch den zweiten
Theke 1998
Redner dieses Abends, Herrn Andreas
Nentwich, willkommen heißen. Herr Nentwich, vom Fach her Germanist und Kunsthistoriker, ist an Jahren noch jung – er
beabsichtigt, im nächsten Jahr das 4. Lebensjahrzehnt abzuschließen – dürfte aber
der großen Mehrzahl von Ihnen zumindest mit Namen ebenfalls bereits bekannt
sein. Als freiberuflicher Lektor und Kritiker tätig, hat er sich durch zahlreiche
Essays und Literaturrezensionen einen
Namen gemacht, auf die Sie immer wieder in der „Zeit“, in der „Süddeutschen“
und in der „Neuen Zürcher Zeitung“ stoßen. Seine Bibliographie weist nach, daß
er sich auch intensiv mit der Lyrik Gotthard de Beauclairs auseinandergesetzt hat.
Ich bin daher sehr dankbar für Ihre Bereitschaft, uns einen Einblick in das lyrische
Schaffen Beauclairs zu geben und begrüße Sie herzlich.
Vielleicht wäre gerade an dieser Stelle noch darauf hinzuweisen, daß wir Ihnen im Begleitprogramm der Ausstellung
am Dienstag, dem 09. Juni, abends um 18
Uhr in unserem Vortragsraum Gelegenheit geben werden, sich auch bei einer
musikalisch umrahmten Lesung mit Beauclairs Werken ganz unmittelbar zu befassen. Auch dazu lade ich sehr herzlich
schon heute ein.
Meine Damen und Herren, der Plan,
eine solche Ausstellung als Hommage
für Gotthard de Beauclair zu erarbeiten,
entstand schon kurz nach seinem am
31.3.1992 erfolgten Tod. Schon 1993
führten die Herren Professor Sühnel, Professor Meller und Herr Poell, die sämtlich heute abend anwesend sind und denen mein herzlicher Gruß gilt, ein erstes
diesbezügliches Gespräch mit mir, um
eine damals von Wolfenbüttel aus geplante retrospektive Ausstellung zum
Werk Beauclairs auch hier in der Heidelberger Universitätsbibliothek zu präsen-
tieren. Die damaligen Pläne ließen sich
aber so schnell nicht realisieren, und so
schien das Jahr 1997, in dem Beauclair
am 24. Juli seinen 90sten Geburtstag gefeiert hätte, der geeignete Termin für eine
Ausstellung zu sein, die inzwischen auch
schon in Siegburg sowie in der Deutschen Bibliothek an deren Standorten in
Leipzig und in Frankfurt gezeigt worden
ist. Letzte Station ist nun also Heidelberg. Die Wahl dieser Ausstellungsorte
ist nicht zufällig. In Leipzig hat Beauclair
17 Jahre lang bis 1945 die Buchgestaltung des Insel-Verlags betreut. In Frankfurt war er nach dem Krieg von 1951 bis
1972 tätig, baute dort die Trajanus-Presse auf, war künstlerischer Leiter und später auch Verlagsleiter des Insel-Verlags
und gründete 1962 seinen eigenen Verlag Ars librorum. Zu Siegburg und Heidelberg wiederum gibt es persönliche
Verbindungen, Mitarbeiter und Freunde
Beauclairs.
Einen dieser Mitarbeiter und Freunde darf ich hier ganz besonders hervorheben: Herrn Heinz Richter, der Anfang der
50er Jahre Mitarbeiter und später auch
einer der engsten Vertrauten von Beauclair wurde. Lieber Herr Richter, wir alle
schulden Ihnen Dank dafür, daß Sie diese
Ausstellung nicht nur gemeinsam mit Ihrer Frau konzipiert, sondern auch buchstäblich vierhändig in den letzten Tagen
in unseren Ausstellungsräumen aufgebaut
haben, unterstützt lediglich von unserer
Buchbinderin, Frau Zipp, der ebenfalls
mein Dank gilt. Sie, lieber Herr Richter,
haben mit Akribie und feinem Gespür für
das Machbare dafür gesorgt, daß trotz
sehr begrenzter finanzieller Mittel eine
beeindruckende Präsentation entstanden
ist, die die Gestaltungskraft Beauclairs in
all ihren Ausprägungen sehr unmittelbar
und ganz expressiv auf den Betrachter
einwirken läßt.
Seite 30
Besonders hinweisen darf ich darauf,
daß Herr Richter Wert darauf gelegt hat,
eines der konstitutiven Arbeitsprinzipien
Beauclairs in der Ausstellung an einigen
Beispielen demonstrativ zu verdeutlichen,
das Prinzip nämlich, Buchgestaltung als
einen schöpferischen Prozeß zu verstehen, der das Innere, den Text in der Typographie, in der Bebilderung, in der Einbandgestaltung nach außen widerspiegelt,
sichtbar macht. Aus diesem Grunde werden Sie in unserer Ausstellung manche
Werke doppelt, ja sogar dreifach finden,
um eben diesen Zusammenhang aus den
verschiedenen Perspektiven heraus deutlich zu machen.
Insgesamt erwarten Sie rund 120
durchweg hochwertige Exponate. Ein größerer Teil dieser Exponate stammt natürlich von Herrn Richter selbst. Dankbar
darf ich als weitere Leihgeber aber auch
Herrn Heinz Schultebraucks aus Kamen
nennen sowie das Klingspor-Museum in
Offenbach und die Stiftung Buchkunst in
Frankfurt a. M.
Speziell zu dieser Ausstellung ist ein
großformatiger, opulent gestalteter Katalog mit zahlreichen mehrfarbigen Abbildungen erschienen. Auch dieser Katalog
ist von Heinz Richter und Gert Fischer im
Sinne de Beauclairs konzipiert worden
und hat bereits eine eigene Geschichte:
Als er Ende 1996 erschien, prämierte ihn
die Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher des Jahres. Was diesen Katalog für uns Heidelberger aber ganz besonders kostbar macht, ist der einfühlsame
und feinsinnige, einleitende Beitrag, den
der Heidelberger Emeritus und Doyen der
Anglistik, Rudolf Sühnel, beigesteuert hat.
Herr Professor Sühnel hat sich auch in
früheren Jahren bereits mehrfach mit dem
Lebenswerk und insbesondere der Lyrik
Beauclairs auseinandergesetzt. Mich freut
es deshalb ganz besonders, daß Sie, hoch-
Theke 1998
verehrter Herr Professor Sühnel, ebenfalls heute abend bei dieser Ausstellungseröffnung anwesend sind.
Meine Damen und Herren, dieser
wunderschöne Katalog, den Sie heute
abend zu einem Sonderpreis von nur DM
75,– erwerben können – im Buchhandel
ist er für DM 128,– erhältlich –, ist ein
lebendiges Beispiel dafür, daß die Buchkunst, so wie sie von Gotthard de Beauclair geprägt wurde, auch im Zeitalter des
Computersatzes und des Flachbettscanners nicht untergeht. Aus meiner persönlichen Sicht heraus ist Beauclairs Buchkunst keineswegs schon totes Vermächtnis vergangener Jahrzehnte, dem bestenfalls unser Respekt oder unsere Bewunderung gelten; Beauclairs Werk ist lebendige und stets aktuelle Basis buchkünstlerischen Schaffens von höchster Qualität.
Beauclairs Werk setzt zeitlose Maßstäbe
und inspiriert eben deshalb die Nachgeborenen unmittelbar zu neuer Kreativität.
Meine Damen und Herren, lassen Sie
mich schließlich noch einige Worte in
eigener Sache der Bibliothek sagen: Parallel zur Eröffnung dieser Ausstellung
öffnen wir heute abend auch wieder den
schon seit Monaten verschlossenen Manesse-Raum, diesmal mit einer Präsentation von aufwendig gestalteten FaksimileAusgaben bekannter Handschriften und
Drucke. Die Heidelberger Universitätsbibliothek verfügt als Sondersammelgebietsbibliothek der Deutschen Forschungsgemeinschaft für Mittlere und
Neuere Kunstgeschichte über einen besonders reichen Schatz an kostbaren Faksimiles, die – oft nur in kleinster Auflage
erschienen – ebenfalls als Raritäten bezeichnet werden dürfen. Unser Diplomrestaurator Herr Jens Dannehl, dem die
Auswahl der Exponate und die Konzeption dieser kleinen Ausstellung zu verdanken sind, hat die Vitrinen des Manesse-
Raums verschiedenen Wissensgebieten
zugeordnet. Den Juristen wird interessieren, daß der Sachsenspiegel, das älteste
deutsche Rechtsbuch, in den vier verschiedenen überlieferten Handschriften
aus Dresden, Heidelberg, Oldenburg und
Wolfenbüttel, alle an der gleichen Stelle
aufgeschlagen, miteinander verglichen
werden können. Der Theologe wird das
Stundenbuch des Duc de Berry oder das
Evangeliar Heinrichs des Löwen bewundern können, aber auch einige Naturwissenschaften und die Geographie sind mit
ebenso farbenprächtigen wie bemerkenswerten Werken vertreten.
Und selbstverständlich fehlt natürlich auch nicht die berühmteste Heidelberger Handschrift, der Codex Manesse –
aber auch dieser Codex nur als Faksimile.
Wie viele von Ihnen schon wissen, ist es
uns nicht mehr möglich, das Original wie
in früheren Jahren über lange Zeit hinweg
zur Schau zu stellen. Ein restauratorisches Gutachten hat zweifelsfrei ergeben,
daß die Handschrift über die letzten Jahrzehnte hinweg Schäden erlitten hat, die
auch mit heutigen modernen Mitteln nicht
zu beheben sind und die geraten erscheinen lassen, die Handschrift geschlossen
im klimatisierten Tresor aufzubewahren,
um sie der Nachwelt zu erhalten.
Allerdings glauben wir es verantworten zu können, die Originalhandschrift für
etwa 6-8 Wochen pro Jahr noch zeigen zu
können. Dies wird in diesem Jahr ab Mitte
Juli im Manesse-Raum der Fall sein. Der
Termin wird in der Presse bekanntgegeben.
Wer von Ihnen unseren ManesseRaum schon früher besucht hat, dem wird
sicher nachher auffallen, daß der Raum
deutlich heller geworden ist und man deshalb auch die Exponate in all ihren Einzelheiten wesentlich besser betrachten kann.
Dies hat eine ganz einfach zu erklärende
Seite 31
Ursache: Da es sich bei allen jetzt gezeigten Exponaten um Faksimiles handelt,
konnten wir die Lichtstärke von ca. 40 auf
ca. 110 Lux heraufsetzen. Es handelt sich
ja bei den Faksimile eben nicht um die
hoch lichtempfindlichen Originale sondern durchweg um möglichst originalgetreue Wiedergaben der Originale auf fotomechanischem Weg, die alle erst in den
letzten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts
entstanden sind.
Unserem Restaurator, Herrn Dannehl,
danke ich recht herzlich für die von ihm
geleistete Arbeit, danken darf ich ebenso
unserer Öffentlichkeitsreferentin, Frau Dr.
Mauthe, und ihrer Mitarbeiterin, Frau
Hämmerle, für ihre wieder einmal bewährte Hintergrundsarbeit und mit Ihnen,
meine Damen und Herren, freue ich mich
jetzt auf die unser Wissen vertiefenden
Vorträge von Herrn Halbey und Herrn
Nentwich.
Hermann Josef Dörpinghaus,
UB, Tel. 54 - 23 80
Theke 1998
Zur Eröffnung der Ausstellung
Gotthard de Beauclair in der
Universitätsbibliothek Heidelberg
Das Leben von Gotthard de Beauclair ist
gekennzeichnet von einer besonders glücklichen Kongruenz von Talenten, Neigungen und Fügungen. Die Liebe zur Kunst
und das Talent dazu kamen von den Eltern, die der Malerei verbunden waren. Es
war schon eine lebensbestimmende Fügung, daß sein Onkel, der Darmstädter
Buchkünstler und Pressendrucker Christian Heinrich Kleukens, den jungen Beauclair, in dem die Liebe und Fähigkeit zum
Wort schon angelegt waren, an den bedeutenden Schriftkünstler Rudolf Koch
empfahl, der in Offenbach am Main wirkte und lehrte. Von ihm empfing de Beauclair wesentliche Impulse, jedoch keineswegs im künstlerischen Stil des Rudolf
Koch, sondern vielmehr in dessen vorbildlicher Gesinnung in dem heute fast
abhanden gekommenen Zusammenwirken von Kunst und Handwerk mit dem
Ziel der höchsten Qualität. So war es nur
natürlich, daß Rudolf Koch seinem Studenten zu einer Schriftsetzer-Lehre riet,
natürlich in der Schriftgießerei Gebr.
Klingspor am gleichen Ort. Wieder eine
glückliche Fügung: Gebr. Klingspor galt
damals als die Hohe Schule der Satz- und
Druckkunst, und die Schriftgießerei war
ja auch Rudolf Kochs breit gefächertes
Wirkungsfeld im Entwerfen neuer Druckschriften.
Wieder war es Fügung, daß de Beauclair dort in Verbindung kam mit dem
bedeutendsten Handbuchbinder, Ignatz
Wiemeler, der später über 100 Handeinbände im Auftrag von Karl Klingspor
fertigte (heute im Klingspor-Museum) und
später an der Leipziger Akademie lehrte,
und mit Ernst Kellner, dem nachmaligen
Leiter der weithin angesehenen QualitätsDruckerei, der Offizin Haag-Drugulin in
Leipzig. Kellner holte de Beauclair 1928
nach Leipzig, in das Mekka der deutschen
Buch- und Schriftkunst, des Verlagswe-
Seite 32
Theke 1998
sens und des Buchhandels. Nach einigen
Monaten in der Setzerei von Haag-Drugulin wurde Anton Kippenberg, der Inhaber des Insel-Verlags in Leipzig, auf den
herausragenden jungen Setzer aufmerksam und holte ihn als Hersteller in den
Insel-Verlag. Wieder eine glückliche Fügung für Gotthard de Beauclair und für
die deutsche Buchkunst!
Was diese Berufung bedeutete, hat
Hans Peter Willberg in seiner Eröffnungsrede zur de Beauclair-Ausstellung in der
Deutschen Bibliothek in Frankfurt, Stiftung Buchkunst, wie folgt dargestellt:
„Alle Detail-Entscheidungen (auf die es
in der Typographie so sehr ankommt)
wurden vom Setzer gefällt, der seine
Handwerksregeln gelernt hatte. Mit steigender Produktion brauchte der Verleger
einen Helfer. Das war die Geburtsstunde
des „Herstellers“. Er hatte den Kontakt
zwischen dem Verlag und dem Drucker,
dem Buchkünstler, dem Buchbinder zu
halten und die Materialien mit zu bestimmen. Für die „Insel“ wurde das de Beauclair. Weil der aber nicht nur ein Setzerei-Briefträger war, sondern ein junger
Mann mit einem denkenden Kopf und
mit Augen in diesem Kopf, mischte er
sich ein, wurde gehört, bekam Gewicht,
nahm Einfluß auf die gesamte Buchgestaltung, und irgendwann sah man, daß
die Bücher von einer Person gestaltet
waren und nicht von einer Druckerei. Das
war die Geburtsstunde des Typographen,
des Buchgestalters, der dem Verlag das
Gesicht gab.“
Nun, der Insel-Verlag hatte damals
schon ein Gesicht, doch es bekam unter de
Beauclair ein verfeinertes und umfassenderes. Ob für die in ihrer Art einzigartige
Insel-Bücherei mit ihren herrlichen Buntpapier-Einbänden oder für die anderen
Verlagsausgaben, de Beauclair verstand
es, die unterschiedlichsten Künstler zur
Seite 33
Theke 1998
Zusammenarbeit zu gewinnen, und oft
überließ er auch einem einzigen Künstler
die Gesamtgestaltung eines Buches. Was
die neuere Zeit des Wirkens von de Beauclair anbetrifft, möchte ich noch einmal
Willberg zitieren: „Er arbeitete gern mit
Erwin Poell und Peter Steiner zusammen,
weil die nicht nur an ihre eigene Auffassung dächten, sondern bereit seien, auf
seine, des Insel-Verlegers Wünsche und
Vorstellungen einzugehen.“ De Beauclair
war von 1952 bis 1962 künstlerischer
Leiter und zuletzt Verlagsleiter des InselVerlags in Wiesbaden und dann in Frankfurt am Main.
Gotthard de Beauclair war ein Talentsucher (aus Leidenschaft, so Willberg),
und er war ein großer überzeugender Anreger. Die Buchkünstler Wolfgang Tiessen, der lange mit ihm eng zusammenarbeitete, Heinz Richter, Heinz Sarkowski,
Wolfgang Staudt, Erwin Poell, Hans Peter
Willberg und der Kopenhagener Schriftkünstler Ellegaard Frederiksen verdanken
ihm viel. De Beauclair ist es gelungen, den
großen Typographen und Schriftkünstler
Jan Tschichold für den Entwurf einer neuen Druckschrift zu gewinnen. So entstand
die meisterhafte Antiqua „Sabon“. De
Beauclair kritisierte auch, wo es ihm angebracht schien; so hat er bei der Schriftgießerei D. Stempel angeregt und durchgesetzt, daß Hermann Zapfs hervorragende
Antiqua-Schrift „Palatino“ schmaler gestaltet und geschnitten und gegossen wurde, da sie ihm zu weit lief und deshalb die
Bücher umfangreicher und also teurer
machte; so entstand die außerordentlich
erfolgreiche „Aldus-Buchschrift“. Den
Maler Oskar Kokoschka hat er dazu angeregt, es doch einmal mit der Technik der
Kaltnadel zu versuchen; es entstanden die
überragenden Graphiken zu Kleists
„Penthesilea“ und zu „Die Frösche“ des
Aristophanes. Mark Tobey hat er zu
Seite 34
Theke 1998
Aquatinta-Radierungen angeregt; die
höchst qualitätsvollen Ergebnisse zeigt die
Edition de Beauclair. Übrigens: Kleists
„Penthesilea“ ist 1970 erschienen, und der
vor zwei Jahren in Hamburg verstorbene
Handbuchbinder Kurt Londenberg,
Freund von de Beauclair und auch von
meiner Frau und mir, Schüler von Ignatz
Wiemeler, hat einen weit herausragenden
Ganzledereinband dazu gefertigt. Er und
der Heidelberger Willy Pingel schufen
wunderbare Einbände für de Beauclair, der
eine große Liebe zum Bucheinband hatte.
Was den Buchkünstler de Beauclair
besonders auszeichnet, ist die Feststel-
lung, daß er keinen Unterschied machte
zwischen dem Gebrauchsbuch in hohen
Auflagen und dem auflagenlimitierten
kostbaren Pressendruck. Er füllte beim
Gebrauchsbuch den von der Kalkulation
bestimmten engen Rahmen buchkünstlerisch voll aus und widmete ihm die gleiche Sorgfalt wie dem Pressendruck in
eigener Regie.
Hier, im Bereich der Sonder- und
Pressendrucke hat de Beauclair Unvergeßliches geschaffen. Aus Talent, Ausbildung, Erfahrung und Neigung wurde er
zum bedeutenden Verleger. Aus seiner
weit ausgreifenden Bildung heraus ver-
Seite 35
Theke 1998
legte er in der Trajanus-Presse (ab 1951),
in seinem Verlag Ars Librorum (ab 1962)
und in der Edition de Beauclair (ab 1966)
bedeutende Werke der Antike (Aristophanes, Apulejus, Platon und Sophokles)
sowie der späteren und neueren Literatur
(Boccaccio, v. Chamisso, Mörike, Johann
Peter Hebel, v. Hofmannsthal, Camus und
Pound). Seiner poetischen Natur gemäß
gab er der Lyrik Raum in seinem Verlagsprogramm; zu nennen wären Goethe, Jean
Morèas, Georg Trakl und natürlich auch
de Beauclair. Auch das Märchen und die
Fabel zierten das Programm, und mit wesentlichen Ausgaben war auch die Religi-
on vertreten (Laudate Dominum, Das Johannes-Evangelium griechisch-deutsch,
das Hohe Lied und die Genesis). Mit der
Württembergischen Bibelanstalt in Stuttgart arbeitete de Beauclair über längere
Zeit eng zusammen. Viele der dort erschienenen Bibel-Ausgaben nennen seinen Namen im Impressum, und er gestaltete dort auch die erste deutsche Altarbibel in Antiqua-Schrift.
Die Zahl der an dieser verlegerischen
Arbeit beteiligten Künstler ist groß, und
ihre stilistischen Eigenarten liegen weit
auseinander. Zwischen Felix Hoffmann,
Fritz Kredel und Wilfried Blecher einer-
Seite 36
Theke 1998
seits und Oskar Kokoschka, Alfred Hrdlickar, Hans Fronius, Gerhart Kraaz, Heinz
Battke und Ossip Zadkine andererseits
liegen Welten, um nur einige der Künstler
zu nennen. Die Künstler Ferdinand Springer, Mark Tobey, Eduard Bargheer und
Max Peiffer-Watenphul vertreten die
malerische Note. Das Erstaunliche dabei
ist, mit welcher Sicherheit de Beauclair
jeden einzelnen Künstler mit dem ihm
gemäßen Text zusammenbrachte und wie
er die unterschiedlichsten Graphiken mit
der ihnen gemäßen Typographie verband.
Willberg sagt dazu: „Eine Typographie,
die nicht mit Anstrengung gemacht wird,
sondern die wächst.“ Für mich ist das
Faszinosum des de Beauclair die vollendete harmonische Kongruenz des Wortschöpfers mit dem Wortgestalter.
Ich zitiere Rudolf Sühnel aus dem de
Beauclair-Katalog: „Was William Morris für die Gründerzeit der ersten Industrierevolution im 19. Jahrhundert darstellte, das verkörpert im 20. Jahrhundert
auf seine Art Gotthard de Beauclair als
unbeirrter Dirigent eines Orchesters von
Meisterspielern gegen den Strich der
zweiten Industrierevolution des Herrenwahns von Wissenschaft und Technik auf
ihrer Einbahnstraße zur Endstation Brave
New World.“ Das führt natürlich zur Frage: Wie hielte es heute de Beauclair mit
den Satz- und Druck-Computern? Ich
glaube, er sähe die neuen technischen
Möglichkeiten in gleicher Gesinnung als
neuartige Werkzeuge, und er würde in
seinem Anspruch auf Höchstleistung der
Technik zugunsten der höchsten buchkünstlerischen Qualität der neuen Technik alles abverlangen und abgewinnen.
Vielleicht sah de Beauclair gegen Lebensende die Zukunft der Schwarzen
Kunst dunkler und widmete sich nur noch
der Edition Graphik, teilweise mit wenig
Text.
Seite 37
Theke 1998
Ein besonders auffälliges Merkmal
der Buchgestaltung de Beauclairs ist die
lichte Offenheit seiner Typographie. Er
ließ den Texten viel lichten Raum auf der
Seite, auch mit weiteren Durchschüssen,
und so strahlt seine Typographie Ruhe
und Souveränität aus. Mit dieser Art von
Typographie kamen auch die von ihm
eingesetzten Druckschriften besser zur Eigenwirkung – wie die Palatino, Aldus
und Optima von Hermann Zapf, die Diotima von Gudrun Zapf-v. Hesse, Tschicholds Sabon oder die Bell-Antiqua und
Walbaum-Antiqua. Schon aufgrund seiner Setzerlehre in der Schriftgießerei
Gebr. Klingspor und seiner Mitwirkung
in der künstlerischen Abteilung der
Schriftgießerei D. Stempel uwaren sein
Auge und sein Sinn für die Feinheiten
einer Schrift nd für ihre jeweilige Anmutung auf das Feinste ausgebildet. Wer so
wie de Beauclair dem Wort und seinem
Klang, seiner Bedeutung und seinem Gewicht verbunden war, wußte um die Nuancen der graphischen Wiedergabe des
Worts.
Zum Schluß möchte ich de Beauclair selbst zitieren (um Ende der Gutenberg-Ära): „Wir gesellen uns der kleinen
Schar zu, die vor allem das Buch zu lieben weiß – ob schlichter oder aufwendiger –, das ein Spiegel ist seines edlen
Kerns“.
Wenn Sie, verehrte Damen und Herren, nun diese Ausstellung betrachten, so
erinnern Sie sich der Worte von Robert
d’Hooge: „Es ist, als habe ein kultivierter
Sammler, der in sich das antike humanistische Geisteserbe mit dem Gespür für
die wesentlichen künstlerischen Regungen der Gegenwart vereint, uns Einblick
in die Schätze seiner Liebhaberei gewährt“.
Hans Adolf Halbey
Seite 38
Theke 1998
Ein Blick auf Gotthard de Beauclairs
lyrisches Alterswerk
Meine sehr verehrten Damen und Herren:
„Keiner starb jemals am Tod“. Ein Auftakt, der ins Hören zwingt; Pathos und
Beiläufigkeit sind bewahrt und zugleich
überwunden in einem reinen Sagen, das
um Zustimmung wie um Widerspruch
gleichermaßen unbekümmert scheint.
Wer so gelassen solches spricht, muß eine
Vorstellung von „Leben“ haben, die sich
nicht auf die empirische Existenz beschränken läßt, der muß auch eigen über
das Sterben denken: so, als sei es nicht an
den Tod gebunden oder überhaupt gar
nicht möglich:
Keiner starb jemals am
Tod. Wann Zeitliches endetWas aus Schranken
Sich aufhob, das
Nie Verlöschliche
lebt.
Gotthard de Beauclairs Überzeugung, daß alles auch der Tod, Anfang
meint, hier ausgesprochen in dem Gedicht „Vom Tod des Todes“, ist tatsächlich der Schlüssel zu seinem lyrischen
Werk. Wer ein wenig teilnehmen konnte
an seinem Schaffensprozeß, weiß, daß er
sich zwar gelegentlich „verbindliche“
Fassungen für eine Buchpublikation abgerungen hat, in Wahrheit aber und getreu seiner Überzeugung nie zu einem
Ende kam. Ein publiziertes Gedicht hatte
Schonfrist, mehr nicht. Seinem Selbstverständnis nach Übersetzer von Chiffren, von Zeichen, in denen sich die Unsterblichkeit alles Lebendigen aussagt,
ließ er zu, daß auch an seinem Gedicht
fort und fort „Unaufhörliches handelt“,
wurde er nicht müde, auf die Sprache der
Elemente, Tiere und Pflanzen zu horchen,
immer bereit, sich vom einmal gefundenen Wort zugunsten einer genaueren
Selbstaussage des „Unfaßlichen, davon/
Die Schöpfung kündet“ zu lösen. Wo,
Seite 39
Theke 1998
außer bei Gotthard de Beauclair, fragt
Rudolf Sühnel in seinem Essay über das
lyrische Spätwerk (Nachwort zu „Oden
auf Namenlos“, S. 105), „gibt es in heutiger Dichtung ein solches Sich-Anheimgeben an das unergründliche Wunder des
Schöpfungsgeschehens?“
Leben, im selben Selbstverstehn,
Mit dem wir’s gelten lassen, wirds uns
Gewahr, wie es schon immer trug …
heißt es in der späten „Ode vom Innesein“.
Mit diesem Sich-Anheimgeben mag
es auch zu tun haben, daß dem Lauscher
und Späher auf der Spur des „Sinnbeständigen …/Über den Untergängen“ die unauslotbar schlüssigen Wörter eines entschiedeneren Gestern inhaltsschwer und
kostbar geblieben sind: Demut, Gnade,
Sein, Speisung, Urgrund, Walten.
Er nutzte die einfache Macht wortmagischer Naturverklärung:
Schleiriger Zauberdunst, mit
Kuckucksruf durchwirkter,
Umschmiegt der Eiche
Rötlich erstes Grün,
Spricht Frühlicht quellenblank wie
Neu erwachte Liebe
Auf Weißdornhalden,
Frierendes Herz!, dir zu.
So feinmaschig sind die Fangnetze
seiner Lyrik geknüpft, Fangnetze aus
Wörtern und Wendungen von starker Zauberkraft: Anruhen, Eiszapfenstrauch, Inkraft, Ockerlaub, Zirrus-Wolkenflaum,
Schöpfungsprüfling, Gäste aus Zeitvorbei, Mohnroter Hornklang der Nacht,
Auch im Blauen sind Nester, Früchtetropfenden Herbstmonds Freund, Dolde, ins
Neigen geneigt …
Der Maßstab freilich, an dem sich
alle diese Eingebungen zu messen hatten,
war, daß „Gegenwart/Durchsichtig [wurde]/ Für das verborgen/Gemeinsame Immerdar“. Vor der tiefsinnigen Ordnung
Seite 40
Theke 1998
der Kristalle, vor dem Wachstumsgesetz
des Baumes, das „Gehn“ und „Säumen“
zugleich ist oder auch: Beruhen im Drang,
vor dem Lied der Lerche, in dem die Liebe
selbst sich aussingt – vor diesen „Boten
des Seienden“ bedeutete dem Dichter der
aktuelle Kurswert der Wörter wenig bis
nichts. Wo „Ströme Lebens/… ins Dauern“ rissen, war es ihm darum zu tun,
jedes Wort in Dienst zu nehmen, das die
mannigfachen Fließgeschwindigkeiten
eines unentwegt bewegten Lebens irgend
fassen, irgend halten, und auch noch dem
„Dauern“ zu einer im Gedicht erlebbaren
Präsenz verhelfen konnte.
Oh, wer da mithält, wenn
Der Fruchtbaum saugt;
Wes Pulsschlag aufholt, was
Die Nacht ihm preist …
Und so wie die Wörter, in gleicher
Dienstbarkeit, fließen Rhythmus und
Melodie des Beauclairschen Gedichts mit
den Lebensströmen, schnell, langsam,
mitunter stockend: gemäß dem Pulsschlag
der Geschöpfe und Naturphänomene, in
die sich der Autor meditativ versenkte.
Jenes „Seiende“, jenes „Dauern“ selbst
freilich, dem Bewußtlosen als Gesetz, dem
Menschen als Ahnung mitgegeben, die,
läßt er sie nur zu, „Wie Geliebtes leitet“ –
es gibt sich niemals anders als in Zeichen.
Gotthard des Beauclair, der fromme Heide und weltverliebte Metaphysiker – „konfuzianisch chinesisch“ nennt ihn Arnold
Stadler – hieß es: „Namenlos“. „Namenlos“ – das unsichtbare Gegenüber seiner
späten Oden – bezeichnet einen der unzähligen Gegensätze in seinem Werk, die
„miteins lesbar“ sind: Unbenannt benannt,
ohne Namen und doch anrufbar, noch Du
und schon Aufhebung des Vereinzelten.
So steht es unter dem Gesetz der Zeichen,
dem Baum gleich, der, Ineins von Ruhe
und Drang den Wanderer im Entschluß
Seite 41
Theke 1998
zum „Gehn“ sowohl als dem zum „Säumen“ das Ununterscheidbare, ein „Gleichviel“, sehen lehrt: beides ist „Handlung“.
Als „Mitte/Des Sturms, die der/Sturm nicht
fand“ bezeugt das Lied der Lerche nicht
minder als aus seinem unendlich trägeren
Pulsschlag der Baum, wie sehr die Paradoxien unserer Welt in den, wie es heißt,
„gültigen Sphären“, im Raum des Namenlosen, das ganz Andere sind, nämlich
das ununterschiedene Leben selbst:
HANDLUNG
Wenn an sonnwarmen Stamm
Anruht eine Weile, gelassen,
ein Vielgewanderter:
Wohltat ists und
Zwiegespräch, zu dicht
Für Worte.
Bahnen Hochsommerlichts
sinken auf Wälle von Dorn;
In Schwärmen, aus Wolkengetürm,
Pfeile, glanzknospende,
Öffnen
Wege der Demut für weit.
Gehen oder Säumen –
Gleichviel. Noch
Der Neigung das Nächste,
Alles
Meint Anfang.
„Alles meint Anfang“, dem Leben ist
das Künftige der Tod, doch noch in seiner
Stunde befreit er sich aus den verkürzenden Maßen „falscher Endlichkeit“ zu –
sich selbst.
„Keiner starb jemals am Tod“: Wer
sich hier schon auf die Spur der Zeichen
setzt, findet „hinter dem Werden,/… hinterm Vergehn/Das Beruhen“, findet allüberall die mitgegebene Ahnung gespiegelt. Beauclairs mit jedem Gedicht neu
Seite 42
Theke 1998
ausgesprochenes „Ja“ zu einem Leben,
das nichts Lebendiges aus sich entläßt, ist
trostreich.
Ein Trostlyriker aber war er nicht:
Totgeborenes ist immer benannt, auch um
den Preis, daß es den Rhythmus bricht und
die Melodie zu Verstummen bringt: durch
die Wunde am Gedicht schmerzt das verletzte Leben.
Streng setzte er sein „Nein dem
Schwarz“ gegen das lichtlose Dasein von
„in Zweifeln Erblindeten“, die – „entfremdet“ unter den Zeichen hausend – an
sich selber nichts verspüren als Werden
und Vergehen, denen Leben nur als Sein
zum Tode gilt:
Selbstbetrügerisch, für immer
Kein Wählbares
Dünkt dem in Zweifeln Erblindeten
(Wühlendem Maulwurf gleich,
Blicklosem, unter
Zerschmetterten Denksteinen)
Lobpreis zeugrischen Lichts und
Niemals bewiesen
Die Legende des Morgenrots.
„Keiner starb den Tod“. Ob die Negation gültiger Sphären auch die Verbannung aus ihnen, aus allem, was Anfang
meint, nach sich zieht und einem nun
tödlichen Sterben, einem „währenden
Nichts“ diesseits und jenseits der Todesschwelle gleichkommt? Vielleicht stirbt
man an der Abkehr vom Leben?
Gotthard de Beauclair hätte sich an
dieser Stelle vermutlich in Schweigen
gehüllt; ich glaube, er wäre sogar den
Zeichen untreu geworden, hätten sie ihm
Böses verraten. Denn „Lebendiges muß
hoffen“. Das war sein kategorischer Imperativ. Und er, der dem Lebendigen
Dienstbare, hätte niemals abgelassen von
der Hoffnung, daß „Adams“ Sehnsucht
nach Leben – und sei es mit dem letzten
Hauch – seinen „Hadesschlaf“ bezwingt
Seite 43
Theke 1998
und aus ihm den Tag erweckt, der „Hier
nicht anfing/Hier nicht enden kann“.
Andreas Nentwich
Ausgaben:
Alles meint Anfang. Gedichtauswahl, Eisingen (Heiderhoff) 1987
Oden auf Namenlos. Gedichte. Mit einem Essay von
Rudolf Sühnel. Eisingen (Heiderhoff) 1992
Hiersein. Gedichtauswahl. Hg. von Andreas Nentwich und Arnold Stadler, Siegburg (Rhenania) 1998
Seite 44
Theke 1998
Die Bücher der
Maya, Mixteken und Azteken
Faksimileausgaben praehispanischer und kolonialer Codices –
Ausstellung in der UB Heidelberg vom 23. September bis zum
20. November 1998
Zu den herausragenden kulturellen Leistungen der Völker des Alten Amerikas
zählt die Speicherung
von Information in
Form von Bilderschriften. Zentrum
der Buchherstellung
war Mesoamerika;
ein Gebiet das einen
großen Teil von Mexiko, Honduras und
Guatemala umfaßt
und in dem hauptsächlich die Maya,
Azteken und Mixteken diese Kunst beherrschten. In ihren
Faltbüchern (Leporellos) hielten sie ihr
Wissen um Religion
und Geschichte, aber
auch Natur- und
astronomische Beobachtungen fest.
Von den Manuskripten der mesoamerikanischen Indianer sind lediglich
14 aus vorspanischer
Zeit erhalten geblieben. Dies liegt zum
einen an den aus organischem, leicht zerstörbarem Material bestehenden Schriftträgern, zum anderen aber auch am missionarischen Eifer der spanischen Erobe-
rer: Traurige Berühmtheit erlangte dabei
der Bischof von Yucatan, der 1562 in
Mani, einem Kulturzentrum der Maya,
Tausende von Götterfiguren und eine
Vielzahl von Handschriften vernichten
ließ.
Seite 45
Mit der Eroberung Amerikas durch die
Spanier geriet die Tradition der Buchherstellung jedoch
nicht in Vergessenheit: Die indianischen Gemeinden
pflegten die Herstellung von Bilderhandschriften
weiter. In Zentralmexiko wurden bis
zu Beginn des 18.
Jahrhunderts Codices angefertigt.
Die wissenschaftliche Erforschung der indianischen Manuskripte
begann erst in unserem Jahrhundert.
Lange Zeit galt das
vorspanische Amerika als schriftlos
bzw. die existierenden Schriftsysteme
wurden als unvollständige Vorformen angesehen.
Die Mayaschrift –
die auch heute
noch nicht vollständig entschlüsselt ist – schien noch am
ehesten den Kriterien einer Vollschrift zu
entsprechen: Hier finden sich Silben- und
Wort-, aber auch Vokalzeichen. Die Mög-
Theke 1998
Begrüßung anläßlich der Eröffnung der
Ausstellung „Die Bücher der Maya,
Mixteken und Azteken“ am 22.9.1998 in
der Universitätsbibliothek Heidelberg
lichkeit einer sprachgebundenen Schrift
(vergleichbar unserer Buchstabenschrift)
ist damit gegeben. Eine solche Schrift ist
jedoch nur in einem einheitlichen Sprachgebiet wie dem der Maya sinnvoll. Das
übrige Mesoamerika zeichnete sich durch
eine enorme Sprachenvielfalt aus. Hier
finden wir in den Schriften meist Wortoder symbolische Bedeutungszeichen, die
von Sprechern verschiedener Idiome verstanden werden konnten. Einige Piktogramme erinnern an unsere heutigen Comics: Sprechblasen stehen für „Rede“
oder Fußstapfen für „gehen“. Sie fassen
die Information auf wenig Raum zusammen und können vom Interpreten mit einem Blick erfaßt werden.
Die zunehmende Beschäftigung der
Forschung mit der Schriftproblematik
bzw. Funktion der Schriften der mesoamerikanischen Kulturen motivierte zur
Ausstellung der Universitätsbibliothek
Eichstätt, die in der UB Heidelberg am
22. September 1998 in Anwesenheit des
mexikanischen Botschafters eröffnet wurde. Sie bot dem Betrachter nicht nur einen
Blick auf Faksimileausgaben der farbenprächtigen Bilderschriften, sondern führte ihn auch durch die Geschichte der südamerikanischen Assimilation und erinnerte an die Auseinandersetzung zweier
Kulturen und Welten.
Theke veröffentlicht die Ansprachen
der Redner auf der Ausstellungseröffnung
am 22. September 1998 in der Universitätsbibliothek Heidelberg. Leider war es
allerdings nicht möglich, auch die Ansprache von Herrn Professor Dr. Jansen,
Leiden, für Theke zu erhalten.
Es freut mich sehr, daß Sie zur Eröffnung der Ausstellung „Die Bücher der Maya,
Mixteken und Azteken“ so zahlreich erschienen sind. Für den Bibliothekar der ältesten
deutschen Universität, in deren Bibliothek ein ebenso umfangreicher wie kostbarer
Schatz an mittelalterlichen deutschen und lateinischen, französischen und griechischen Handschriften gehütet wird, ist es eine sehr reizvolle Aufgabe, einmal eine
Ausstellung präsentieren zu können, deren Exponate nicht nur einem ganz anderen
Kulturkreis entstammen, sondern auch aus unserem Umkreis dessen Existenz sich im
Unterschied zu unserem Kulturkreis bereits bis weit in die vorchristliche Zeit hinein
nachweisen läßt. Erst und gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten ist es möglich
geworden, die bilderreiche Schrift dieser Kultur zunehmend zu entschlüsseln. Neben
Tausenden von Dokumenten dieser Schrift, die meist in Stein gehauen sind, oft aber
auch auf Keramik, Jade und sogar in Muscheln geritzt existieren, sind uns auch echte
Handschriften, Codices überliefert, deren wissenschaftliche Erforschung erst in diesem Jahrhundert begonnen hat. Der Entstehungszeitraum dieser schriftlichen Zeugnisse der süd- und mittelamerikanischen Kulturen in Buchform, der von den vorspanischen Mayakulturen bis zur Kolonialzeit, d. h. bis ins 18. Jahrhundert reicht, überschneidet sich über mehrere Jahrhunderte hinweg mit der Entstehungszeit der Codices,
die in unserem Hause aufbewahrt werden – und doch, wie fremdartig und zugleich
faszinierend ist ein Blick in die ganz anders gestalteten Bilderhandschriften namentlich der vorkolonialen Zeit.
Ich bin sehr glücklich darüber, Ihnen heute abend gleich zwei Spezialisten
vorstellen zu können, deren wissenschaftliche Arbeit sich primär mit diesem Themenkreis beschäftigt. Für den Einführungsvortrag gelang es, Herrn Professor Dr. Maarten
Jansen vom Zentrum für Archäologie an der Universität Leiden zu gewinnen. Herr
Professor Jansen hat sich seit seiner 1983 in Leiden erfolgten Promotion, einem
Kommentar zu einer mixtekischen Bilderhandschrift, die auch in unserer Ausstellung
in einem kleinen Ausschnitt zu sehen ist, in vielen Veröffentlichungen mit der
Archäologie und Kulturgeschichte des indianischen Amerika auseinandergesetzt. Er
ist Herausgeber und Kommentator der Reihe „Codices Mexicanos“ im renommierten
Verlag Fondo de Cultura Económica. In den letzten Jahren hat er sich vor allem mit den
indianischen Herrschergenealogien, ihren vielfachen Widersprüchen – gerade bei der
Datierung – sowie mit der politischen Ikonographie beschäftigt. Sein besonderes
Interesse gilt zur Zeit einem mixtekischen Herrscher, der in mehreren mixtekischen
Codices immer wieder genannt wird: Herr Acht Hirsch Jaguarkralle. Dieser historischen Persönlichkeit widmet er auch den heutigen Einführungsvortrag: „Herr Acht
Hirsch Jaguarkralle, ein mixtekisches Königsdrama im Spiegel der Codices“. Herzlichen Dank, Herr Professor Jansen, daß Sie zu uns gekommen sind und uns als
ausgewiesener Kenner der Materie heute abend in die geheimnisvolle Welt der
mixtekischen Kultur einzuführen werden.
Ich begrüße außerdem Herrn Professor Dr. Peer Schmidt, der seit seiner 1989 in
Hamburg bei Horst Pietschmann erfolgten Promotion am Lehrstuhl für die Geschichte
Lateinamerikas an der Katholischen Universität Eichstätt tätig ist. Herr Professor
Schmidt habilitierte sich 1996 mit einer Arbeit zum Thema: „Das spanische Weltreich
in der Propaganda des Dreißigjährigen Krieges“. Seine Arbeitsgebiete umfassen
Südeuropa und Lateinamerika in ihrer historischen Breite, wobei der Schwerpunkt auf
Seite 46
Theke 1998
der Kolonialgeschichte Mexikos liegt. Im
Juli dieses Jahres erhielt er einen Ruf auf
den Lehrstuhl „Geschichte Lateinamerikas“ an der neu gegründeten Universität
Erfurt – dem erst vierten Lehrstuhl für
diese Weltregion in der Bundesrepublik.
Herr Professor Schmidt hat diesen Ruf
vor wenigen Tagen angenommen, dem frisch gebackenen Ordinarius auch von dieser Stelle
aus herzliche Glückwünsche.
Herrn Professor Schmidt ist
Konzept und Aufbau der Ausstellung zu verdanken, die er gestern mit zwei Helfern aus der
Eichstätter Universitätsbibliothek eigenhändig in unseren Vitrinen installiert hat. Sein Grußwort wird uns dazu sicherlich
einige Erläuterungen geben. Dabei ist darauf hinzuweisen, daß
Herr Professor Schmidt bereits
über einige Erfahrungen als Ausstellungsmacher verfügt, ist doch
Heidelberg nicht die erste Etappe dieser Ausstellung. Sie wurde
zuvor schon in der Eichstätter
Universitätsbibliothek, im Instituto Cervantes in München und
in der Erlanger Universitätsbibliothek gezeigt. Daß sie von
heute an für die Dauer von 9
Wochen auch in Heidelberg zu
sehen ist, ist keineswegs ein Zufall.
Wie sich sicherlich noch viele von Ihnen erinnern werden,
fanden in Heidelberg im Frühjahr diesen Jahres schon zwei
Ausstellungen statt, die Mexiko zum Thema hatten. Beide Ausstellungen sind ganz
wesentlich der Initiative von Herrn Professor Schwake vom Romanischen Seminar unserer Universität zu verdanken. So
veranstaltete das Institut Français unter
dem Thema „Rencontre avec Mexique“
eine Fotoausstellung, die eindrucksvolle
schwarzweiße und Colorfotographien europäischer Fotografen von Menschen und
Landschaften aus dem mexikanischen
Bundesstaat Oaxaka zeigte. Zur gleichen
Zeit präsentierte das Heidelberger Völ-
kerkundemuseum eine Kunstausstellung
mit 40 Werken moderner mexikanischer
Künstler, die einen repräsentativen Querschnitt durch die moderne Kunstlandschaft
Mexikos bot. Schon im Vorfeld dieser
Veranstaltungen kam Herr Professor
Seite 47
Schwake, dem ebenfalls mein herzlicher
Gruß gilt, auf mich mit der Bitte zu, ihm
doch einige Ausstellungsvitrinen zu überlassen, um eine kleine Auswahl mittelamerikanischer Codices präsentieren zu
können. Dies war zum damaligen Zeitpunkt nur schwer möglich, kollidierte der
Wunsch von Herrn Schwake
doch mit den Vorbereitungen
zu unserer Ausstellung mit
Werken des Buchkünstlers
Gotthard de Beauclair. Daraus entstand die Idee, die
Ausstellung erst im Herbst –
dann aber in wesentlich größerem Rahmen – zu veranstalten und ihre Eröffnung mit
dem mexikanischen Nationalfeiertag, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung, zu verbinden, der am vergangenen
Mittwoch, dem 16. September, gefeiert wurde.
Wenn uns nun auch eine
taggenaue Eröffnung aus terminlichen Gründen nicht
möglich war, so ist es mir
doch eine ganz besondere
Ehre, den Botschafter der Vereinigten Mexikanischen Staaten in Bonn, Exzellenz Roberto Friedrich, heute abend
persönlich begrüßen zu dürfen. Ich bin Ihnen sehr dankbar Herr Botschafter, daß Sie
trotz Ihrer vielen Verpflichtungen eigens von Bonn nach
Heidelberg gekommen sind,
um an dieser Eröffnung teilzunehmen und auch ein Grußwort zu sprechen. Mein Dank und Gruß gilt aber auch
dem mexikanischen Generalkonsulat in
Frankfurt, das heute abend durch Herrn
Generalkonsul Rolf Schlettwein und Herrn
Konsul Lino Santa-Cruz vertreten ist. Das
Theke 1998
Generalkonsulat hat zur Realisierung dieser Ausstellung ebenfalls wesentlich beigetragen.
Ich hoffe, daß Sie Exzellenz und die
Herren Konsuln sich in unserer Stadt, die
sie schon von Besuchen im Frühjahr her
kennen, auch heute abend wohl fühlen
werden. Daß im übrigen die Stadt Heidelberg Ihre heutige Anwesenheit zu schätzen weiß,
dokumentiert sich nicht
zuletzt darin, daß anstelle
der leider verhinderten
Frau Oberbürgermeisterin sich heute abend der
Leiter des städtischen
Kulturamtes unter uns
befindet. Seien Sie herzlich willkommen, Herr
Mumm. Mein Willkommensgruß gilt aber auch
einer ansehnlichen Zahl
von Stadträten, die sich
ebenfalls zu dieser Eröffnung eingefunden haben.
Ich begrüße und nenne namentlich in streng alphabetischer Reihenfolge
Herrn Stadtrat und Bundestagskandidat Lothar
Binding, Herrn Stadtrat
Ingo Imbs, Frau Stadträtin Katharina Katt, Herrn
Stadtrat und Oberbürgermeisterkandidat Wolfgang Lachenauer, Herrn
Stadtrat Dr. Raban von der Malsburg und
Herrn Stadtrat und Landtagsabgeordneten Werner Pfisterer. Ich freue mich, daß
der Heidelberger Stadtrat heute abend so
zahlreich vertreten ist.
Schließlich darf ich Sie aber auch
namens der Universität Heidelberg herzlich begrüßen. Magnifizenz Professor
Siebke, der sich zur Zeit in Korea befin-
det, hat mich gebeten, Ihnen diese Grüße
auszurichten und in seiner Vertretung befinden sich heute als Rektoratsmitglieder
Frau Kanzlerin Gräfin vom Hagen sowie
Herr Prorektor Professor Loewe unter
unseren Gästen. Ferner darf ich darauf
hinweisen, daß sich unter den heutigen
Gästen Professoren und Dozenten aller
Fakultäten der Universität befinden. Seien Sie alle willkommen geheißen.
Meine Damen und Herren, unsere
Ausstellung zeigt 24 Faksimileausgaben
präkolonialer und kolonialer Bilderhandschriften. Die Aufbewahrungsorte der
Originalhandschriften befinden sich über
die halbe Welt verstreut. 6 der 24 Bilderhandschriften sind in Italien, jeweils 5 in
Seite 48
Mexiko bzw. England an den verschiedensten Orten, jeweils 3 in Paris und Wien,
1 in den USA zu finden, während Spanien
speziell Madrid, wo man aufgrund der
historischen Gegebenheiten den größten
Bestand erwarten dürfte, nur eine einzige
besitzt.
Die Originale dieser Handschriften
für eine spezielle Ausstellung an einem einzigen Ort zusammenzuführen, wäre ein sisyphusartiges Unternehmen, das auch noch nie
versucht worden ist. Ein
derartiges Unternehmen
würde schon an den
immensen Versicherungskosten scheitern,
die für Transport und
Unterbringung der Originale aufzubringen
wären, es wäre aber
auch aus konservatorischen Gründen unmöglich. Genau wie bei der
Manesse-Handschrift,
die wir nur noch im bibliothekseigenen klimatisierten Tresor aufbewahren und nicht mehr
nach außen geben, werden auch die meisten
dieser mexikanischen
Originalhandschriften
aus konservatorischen
Gründen nicht mehr außer Haus vergeben. Dies ist auch gar nicht mehr notwendig, weil für fast alle Originale inzwischen vorzügliche Faksimileausgaben
existieren, deren Entstehungszeit bis in
den Anfang unseres Jahrhunderts zurück
reicht.
Daß Sie heute abend die Möglichkeit
haben, gleich 24 dieser Faksimileausga-
Theke 1998
ben in einer beeindruckenden Synopse zu
bewundern, ist der Universitätsbibliothek
Eichstätt zu verdanken. Die 1980 gegründete Katholische Universität Eichstätt, die
schon seit 1972 als kirchliche Gesamthochschule existierte, kann sicherlich zu
den Universitäten der Bundesrepublik
Deutschland gezählt werden, die sich im
besonderen Maße der Forschung Lateinamerikas widmen. Sie verfügt nicht nur
über einen Lehrstuhl zur Geschichte Lateinamerikas, sondern an ihr ist auch ein
Zentralinstitut für Lateinamerika-Studien
eingerichtet, das sich mit der Literatur,
der Soziologie, Politologie, der Kulturgeographie und Ethnologie Mittel- und
Südamerikas beschäftigt. In den mehr als
25 Jahren ihres Bestehens hat sich die
Eichstätter Universitätsbibliothek unter
ihrem Leiter Herrn Dr. Hermann Holzbauer von Anfang an bemüht, einen für
Forschung, Lehre und Studium gleichermaßen effizienten Bestand an Literatur
über Lateinamerika aufzubauen. Dieser
Bestand wird heute hinsichtlich seines
Umfangs und hinsichtlich seiner Qualität,
weit über die Grenzen Eichstätts hinaus,
von einschlägigen Fachwissenschaftlern
aus aller Welt geschätzt und entsprechend
konsultiert. Innerhalb dieses Bestandes
bilden die Faksimileausgaben altamerikanischer und in der Kolonialzeit angefertigter Bilderhandschriften einen einzigartigen Schwerpunkt. Es ist mir daher
nicht nur angenehme Pflicht, sondern auch
ausgesprochenes Vergnügen, meinem
Eichstätter Kollegen, Herrn Ltd. Bibl.
Dir. Dr. Holzbauer,
dem ich mich kollegial eng verbunden
weiß, ganz herzlich
für die Überlassung
der in dieser Ausstellung gezeigten
kostbaren Exponate zu danken. Ganz
besonders zu danken, lieber Herr
Holzbauer, habe ich
darüber hinaus aber
auch für die Großzügigkeit, mit der
Sie Vorbereitung
und Durchführung
dieser Ausstellung
personell und finanziell gefördert und
unterstützt haben.
Ohne Ihre Freundlichkeit, Ihr Entgegenkommen und
Ihre ideelle und materielle Hilfsbereitschaft wäre diese
Ausstellung niemals zustande gekommen.
Nochmals herzlichen Dank und Ihnen
verehrte Anwesende für heute abend gleichermaßen Bereicherung und Vergnügen.
Hermann Josef Dörpinghaus,
UB, Tel. 54 - 23 80
Seite 49
Theke 1998
Rede des Botschafters der Vereinigten
Mexikanischen Staaten in Bonn
Im April dieses Jahres hatte ich das Vergnügen, eine Ausstellung von 15 mexikanischen Künstlern hier zu besuchen, die wir dank auch eines Professors der Universität
Heidelberg, Professor Schwake, in Schwung bringen konnten. Die Ausstellung wurde
in einer unvergleichlichen Rekordzeit von zwei Monaten organisiert, was für deutsche
Verhältnisse unmöglich erschien. Es ist Herrn Professor Schwake gelungen, und wir
danken ihm sehr, daß er eine solche Ausstellung im Völkerkundemuseum möglich
machte. Während der Ausstellung entstand auch die Idee, eine Ausstellung der Codices
hierher zu bringen.
Ich bin sehr froh darüber, daß wir die Zeit gehabt haben, die Ausstellung
entsprechend vorzubereiten, denn ich glaube, es ist eine Ausstellung, die wirklich Zeit
und Geduld braucht, um richtig vorgestellt zu werden.
Einige der hochstehenden Kulturen Mesoamerikas, hauptsächlich die der Maya,
der Mixteken und Nahua, entwickelten eigene Schrift- und Zahlensysteme und
besaßen ihren eigenen Kalender. Die prähispanischen Codices, dokumentarische
Hinterlassenschaft der Völker des alten Mexikos, bestanden aus langen Papierbahnen,
die aus Baumrinde und aus Wild- und möglicherweise sogar aus Jaguarhäuten
hergestellt wurden. Sie waren mit Lack überzogen, auf den dann gezeichnet und mit
Farben gemalt wurde. Sie waren vom Ausmaß her klein, oft an ihren Enden mit Holz
eingerahmt und sahen wie richtige Bücher aus.
Die Codices wurden als Mittel verstanden, das dazu diente, mit Hilfe von Linien
und Farben den Verlauf der Geschichte zu dokumentieren und die Chronologie der
Ereignisse, die astronomischen Kenntnisse, die Genealogie der Herrscher und große
militärische Taten, durch die unterworfene Völker tributpflichtig wurden, nicht in
Seite 50
Vergessenheit geraten zu lassen. Die Kontinuität der magischen Fähigkeiten der
Priester wurden ebenso dargestellt, wie
das Wissen um die zeitlich begrenzte
Macht der Herrschenden.
Die Codices stellten für die Zeichner
und Maler, die sogenannten TLACUILOS,
prunkvolle Meisterstücke ihrer Kunst dar.
Trotz Unterschieden zwischen den einzelnen Kulturen hatten sie alle einen gemeinsamen Nenner: die Form.
Wir müssen bedenken, daß sich das
Volk, das man ethnisch und linguistisch
als die Maya bezeichnet, seit dem 5. Jahrtausend vor Christus in dem Gebiet des
heutigen Südmexikos, in Guatemala, Belize, Teilen El Salvadors und Honduras
niedergelassen hatte. Von den vier Schriftsystemen, die in Mesoamerika entwickelt
wurden, dem zapotekischen, mixtekischen, aztekischen und der Mayaschrift,
war letztere das komplexeste System. Aus
Texten sind uns 750 bis 800 Zeichen bekannt. Dabei handelt es sich zum Teil um
Bilder, zum Teil um phonetische Zeichen.
Im 16. Jahrhundert kam es unter Fray
Diego de Landa zu Ketzergerichten, in
deren Folge es in Mani, auf der Halbinsel
Yukatán, zu Bücherverbrennungen kam,
bei denen auch viele Codices verbrannt
wurden. Aufgrund dieser Tatsache sind
uns ausgerechnet von den Maya die wenigsten Handschriften erhalten geblieben.
Bis vor kurzem waren nur drei von ihnen
wissenschaftlich untersucht worden. Jedes dieser drei Bücher trägt den Namen
der europäischen Stadt, in der es aufbewahrt wird: Dresden, Madrid und Paris.
Bei anderen bestehen Zweifel an der Echtheit, einige können nicht geöffnet werden, da sie beim Öffnen zerstört würden.
Die mixtekisch sprechenden Völker
konzentrieren sich im Norden und Westen
des heutigen Staates Oaxaca und in einigen
Gebieten der Staaten Guerrero und Puebla.
Theke 1998
Man nimmt an, daß Ende des 16. Jahrhunderts – was die Sprache angeht – ähnliche
Verhältnisse herrschten wie im Jahre 1980.
Etwa 350.000 Menschen sprachen und
sprechen mixtekisch. Ein Drittel davon
beherrscht keine weitere Sprache. Ihre Hieroglyphen gleichen sich untereinander
sehr. Die mixtekische Schrift kann man auf
neuen Manuskripten studieren, die aus der Zeit
von 824 nach Christus bis
1542 stammen. Es handelt sich dabei um auf
Hirschhaut gemalte Bilderzeichen, die sich inhaltlich mit historischen
Ereignissen und genealogischen Themen befassen. Einer der bedeutendsten dieser Codices ist der
Codex NUTTAL, ein wertvolles Kunstwerk aufgrund seiner feinen Zeichentechnik, seines Farbenreichtums und der
phantasievollen Darstellungen.
Die Azteken waren das Volk, das den
bedeutendsten prähispanischen Staat auf
heutigem mexikanischem Staatsgebiet
gründete. In ihren Anfängen ein unbedeutender, von seinen Nachbarn geduldeter
Stamm, entwickelten sie sich schließlich
zur bedeutendsten und durchsetzungsfähigsten Macht in Mesoamerika. Die vier
aztekischen Codices sind mit sicherem,
festem, nüchternem Strich gezeichnet. Sie
sind einfarbig oder in gedämpften Farben
gemalt.
Die posthispanischen Codices sind
in ihrer Ausführung nicht so puristisch
wie die meisten aus der vorspanischen
Zeit. Sie sind meist mit lateinisch geschriebenen, spanischen oder in einer Eingeborenensprache verfaßten Texten versehen. Dabei wurden Blätter oder Bahnen
aus einheimischem oder italienischem Papier verwendet. Die ursprüngliche Technik, die symbolhafte Sprache und die
künstlerische Gestaltung der Bilder wurden beibehalten.
Überlebt hat die ursprüngliche Technik in vier verschiedenen Gruppen:
Diese Ausstellung von Faksimiles der
Codices der Maya, Mixteken, Azteken in
der Universitätsbibliothek Heidelberg
kann dazu beitragen, den Studenten der
Universität und Bürgern dieser Stadt die
historische und künstlerische Vergangenheit Mexikos näherzubringen. Ich freue
mich über die gelungene Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Eichstätt und
Heidelberg und dem
Mexikanischen Generalkonsulat in Frankfurt
und danke Ihnen für Ihre
Mühe und Ihren Einsatz,
die diese Ausstellung ermöglicht haben. Meinen
Landsleuten und allen
Freunden Mexikos danke ich für ihr Interesse
an unserem Land.
S. Exzellenz
Roberto Friedrich
a) in Kopien verschwundener Codices,
wie die des Codex Magliabecchi;
b) in Codices, die die indianische
Technik in ziemlich reiner Form
bewahren, wie dem Codex Mendocino von 1541, der auf den Einladungskarten abgebildet ist;
c) in von Indianern gefertigten
Codices mit puristischem europäischem Einfluß, wie dem Codex
Tlatelolco aus dem Jahre 1559;
d) in Codices, bei denen die ursprüngliche charakteristische Spontaneität
verloren gegangen ist, wie dem
Codex oder Atlas von Durán aus
dem Jahre 1579.
Seite 51
Theke 1998
Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Die
Bücher der Maya, Mixteken und Azteken“
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich, daß Sie der Einladung zur Ausstellungseröffnung so zahlreich
gefolgt sind. Erlauben Sie mir, als einem der Ausstellungsorganisatoren, daß ich knapp
etwas zur Genese, Motivation und Thematik der Ausstellung ausführe.
Zu den Verpflichtungen, mit denen sich heute Wissenschaft und Universitäten –
in noch stärkerem Maße als dies früher der Fall war – auseinandersetzen müssen, gehört
die Darstellung, ja sogar die Legitimierung der eigenen Arbeit und Forschung, und
zwar sowohl gegenüber der Politik als auch gegenüber der breiten Öffentlichkeit. Der
Lehrstuhl Geschichte Lateinamerikas in Eichstätt und das Zentralinstitut für Lateinamerikastudien an der Katholischen Universität haben diese Herausforderung immer
als einen besonderen Auftrag verstanden. Vor diesem allgemeinen Hintergrund ist
auch die hier zu besichtigende Ausstellung zu betrachten. Meine Kollegin Frau Dr.
Carmen Arellano Hoffmann, Ethnologin und Altamerikanistin am Zentralinstitut für
Lateinamerikastudien – sie kann leider heute abend nicht unter uns sein –, und ich
hatten die Idee, eine Ausstellung mit Codices aus Mesoamerika, also dem heutigen
Mexiko, Teilen Guatemalas und Honduras, zu organisieren, Codices, die aus der
vorspanischen und der kolonialen Zeit stammen. Diese Codices stellen – ich bleibe im
Bild – gleichsam die Schokoladenseite unserer Amerikabestände dar. Sie einem
breiteren Publikum, einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, war unsere
Motivation, diese Ausstellung in Angriff zu nehmen, die – das muß man hier nochmals
ausdrücklich betonen – ohne die tatkräftige Unterstützung durch die UB Eichstätt und
insbesondere Herrn Ltd. Bibliotheksdirektor Dr. Hermann Holzbauer in dieser Form
nicht zustande gekommen wäre!
Diese Ausstellung sollte sich zunächst vor allem an das Publikum in unserer
Region richten. Doch schon während der Planung merkten wir ein starkes Interesse
auch noch andernorts – und eben auch in Heidelberg. Um die Ausstellung, damals noch
in der Planung, über den Einzugsraum der Universität hinauswirken zu lassen, wurde
seinerzeit auch ein Katalog in Angriff genommen. Bei beidem, bei der Ausstellung, vor
allen Dingen aber beim Katalog, war sehr schnell klar, daß wir ein solches Unternehmen nicht allein mit
Eichstätter Sachverstand und Kollegen, ja nicht einmal im nationalen
Rahmen, bewältigen konnten. Von
vornherein war uns
bewußt, daß beim
Katalog die Mitarbeit im internationalen Rahmen erfolgen mußte. Kollegen aus Mexiko,
USA, Spanien und
mit Herrn Jansen
Seite 52
dankenswerter Weise aus Holland beteiligten sich am Projekt des Katalogs. Aber
auch der Aspekt des interdisziplinären
Zugangs zu den Codices – die Codexerforschung wird betrieben von Kunsthistorikern, Ethnologen, Altamerikanisten, Kolonialhistorikern und Linguisten – war
eine wichtige Voraussetzung, sich dem
Thema zu nähern. Nur mittels dieser Zusammenarbeit ließ sich das Projekt verfolgen, denn wir wollten die Darbietung
der Codices mit einer im Augenblick unter Altamerikanisten und Kolonialhistorikern laufenden Debatte über die Schrift in
den Codices verbinden.
Die Frage der Schrift und ihres Charakters wurde in den letzten Jahren unter
einem neuen Blickwinkel betrachtet. Bislang galt, was die Schrift in den Codices
angeht, die Einschätzung der spanischen
Missionare und der spanischen Kolonialbürokratie, die wiederum auf Aristoteles
fußte: Schrift war nur dann Schrift, wenn
sie ein Alphabet ausgebildet hatte, wenn
sich damit Wörter konstruieren und formen ließen und wenn diese dann einigermaßen eindeutig auszusprechen waren.
All das liegt scheinbar bei den vorspanischen Codices nicht vor. Diesem Schriftbegriff folgten auch die Altamerikanisten
bis in die jüngste Zeit. Gleichwohl war da
immer ein Zweifel, denn seit der Entdekkung dieser Codices und seit der Eroberung durch die Spanier galten die Leporellos der Maya und Mixteken im europäischen Bereich und bei den europäischen
Betrachtern als eine Art Funktionsequivalent für Bücher. Die Spanier bezeichneten sie als Bücher, und so haben wir auch
diesen Begriff aufgenommen für die Ausstellung.
Der Anstoß nun für die Neubewertung der Schrift ging im Grunde von unserer (post)modernen Gesellschaft aus. Wir
leben in einem Zeitalter hoher Mobilität
Theke 1998
in einem internationalen Beziehungsgeflecht und im Zeitalter der Kommunikationstechnologie. Dabei zeigt sich, daß die
Verständigung unter Angehörigen von
verschiedenen Sprachen, Völkern und
Kulturen nicht allein mit einer sprachgebundenen, glottographischen Schrift zu
bewerkstelligen ist, wie wir sie hier kennen. Zunehmend bekommt die sprachgebundene Schrift Konkurrenz durch Bilder. Wir alle kennen diese Bilder, wir
begegnen ihnen alltäglich im Straßenverkehr, auf Flughäfen, auf öffentlichen Plätzen und z. B. bei der Benutzung von
Computersoftware, wo sie uns in Form
von Icons, also von Symbolen, entgegentreten. Wir müssen dieses Notationssystem dann jedesmal speziell lernen, so
wie auch die Altamerikanisten sich in den
Codex einlesen müssen. Wir müssen lernen, diese Symbole zu lesen und zu deuten. Die Botschaft eines Zeichens, z. B.
einer durchgestrichenen Zigarette, wie wir
sie häufiger hier in der Bibliothek finden,
ist ein klares Zeichen für jeden, egal welcher Sprachfamilie er angehört: „Bitte
nicht rauchen!“ „Hier darf nicht geraucht
werden!“ Wie wir dies dann jeweils
sprachlich umsetzen, stellt ein nicht geringes Problem dar. Dies gilt freilich auch
für den Altamerikanisten, der solche Zeichen in den Codices zwar zunächst erkennt, aber es dann eben sprachlich umsetzen muß. Da hat nicht nur das Zeichen
eine Bedeutung, auch die jeweils verwandte Farbe spielt eine wichtige Rolle.
Die Beobachtung aus unserer heutigen Zeit zeigt uns, daß wir immer stärker
auch mit solchen Bildern zu tun haben,
und eines der Probleme des Internets ist es
ja, Icons zu finden, die von Angehörigen
verschiedener Sprachfamilien und Kulturen gelesen und interpretiert werden können. Diese Strategie, also das Rekurrieren
auf Bildsymbole zur Überwindung linguistischer Barrieren, stellt nun aber keinesfalls ein Novum des Computerzeitalters dar. Schon die Völker Mesoamerikas
bedienten sich eben dieser Bildersprache,
um über unterschiedlichste Sprachgruppen hinweg sich verständigen zu können.
Es ist eben so, daß in Mexiko und in
Teilen Zentralamerikas auf engstem Raum
Bevölkerungsgruppen miteinander leben
Seite 53
oder nebeneinander leben, deren Sprachen kaum verwandt sind. Wollten also
die Azteken eine Form der Sprache finden, so mußten sie notwendigerweise auf
das Bild rekurrieren.
Es ist keine Übertreibung, wenn man
feststellt, daß wir bald 500 Jahre gebraucht
haben, um diesem Neuansatz in der
Sprachforschung und in der Interpretation von Sprachen zu folgen. Die Ausstellung verdeutlicht nun diese Problematik,
sie zeigt aber auch auf, was mit der Schrift
inhaltlich verbunden wird und welche
Funktion die Schrift einnahm bei der Fixierung religiöser, gesellschaftlicher und
naturkundlicher Inhalte.
Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen viel Freude und auch Anregungen beim Betrachten der von uns organisierten Ausstellung.
Vielen Dank
Peer Schmidt, Lehrstuhl für Geschichte
Lateinamerikas an der Universität Erfurt
Theke 1998
Nachwort
Meine Damen und Herren,
gestatten Sie mir ein ganz kurzes Nachwort. Zunächst habe ich allen Rednern
dieser Eröffnung zu danken. Ich glaube
daß Sie alle dazu beigetragen haben, um
uns einen ersten Einblick in die in dieser
Ausstellung präsentierten Exponate zu
geben.
Für diejenigen von Ihnen, die diese
Kenntnisse vertiefen möchten, ist ein ganz
ausgezeichneter Katalog erschienen, der
von Herrn Professor Schmidt und Frau
Carmen Arrelano Hoffmann herausgegeben wurde. Der Katalog ist in zwei Teile
gegliedert, einem instruktiven und sehr
lesbaren Aufsatzteil, an dem gleich 12
Autoren mitgearbeitet haben, folgt der
eigentliche Ausstellungskatalog, in dem
jedes einzelne Exponat detailliert beschrieben wird. Den beiden Herausgebern wurde für diesen Katalog, der inzwischen
schon in der zweiten Auflage vorliegt, der
Preis der Katholischen Universität Eichstätt für herausragende interdisziplinäre
Forschungsarbeit zuerkannt. Der Katalog
ist auch schon ins Spanische übersetzt und
wird in aller Kürze in einem mexikanischen Verlag ebenfalls erscheinen. Sie
können diesen ganz hervorragenden Katalog, der übrigens auch farbige und
schwarzweiße Abbildungen enthält, heute abend zum Preis von nur 39,80 DM
erwerben.
Besonders herzlich darf ich schließlich dem Verein der Freunde der Universitätsbibliothek und seinem Vorsitzenden,
Herrn Direktor Kaiser, danken, der auch
diesmal wieder dafür gesorgt hat, daß
neben dem geistigen auch das leibliche
Wohl bedacht wird. Der Verein lädt Sie
ein, nicht nur die Exponate der Ausstel-
lung zu genießen, sondern auch spanischen Rioja und außerdem gibt es auch
mexikanische Tacos. Selbstverständlich
sind für den Heimatverwurzelten wie immer Pfälzer Wein und Brezeln vorhanden.
Hermann Josef Dörpinghaus,
UB, Tel. 54 - 23 80
Seite 54
Theke 1998
Vorbemerkung
Im Jahre 1995 stieß der Restaurator der
Heidelberger Universitätsbibliothek, Herr
Jens Dannehl, bei Aufräumungsarbeiten
auf einen verschollen geglaubten großen
Erdglobus. Sofort eingeleitete Recherchen von Herrn Dannehl ergaben,
daß es sich dabei um einen Globus aus der Werkstatt des
französischen Kartenmachers Robert Didier de
Vaugondy handelte,
der in der Mitte des
18. Jahrhunderts
durch den Pfälzer Kurfürsten
Karl-Theodor
für seine Privatbibliothek
gekauft wurde und später in den
Besitz der
Heidelberger
Universitätsbibliothek gelangte. Weltweit existieren
nur noch weitere
6 Exemplare dieses
Globentyps, und der
Wert des Heidelberger
Exemplars kann sicher auf
mehrere 100.000,– DM geschätzt werden. Allerdings bedarf der Heidelberger Globus dringend einer aufwendigen Restaurierung,
deren Kosten die Möglichkeiten der UB
Heidelberg bei weitem übersteigen.
Auf Initiative des Rektors der Universität, Herrn Professor Dr. Jürgen Siebke, beschloß im Juni 1998 der „Kreis der
61“, eine Vereinigung von Persönlichkeiten, die der Universität Heidelberg nahe
stehen und sie in vielerlei Form unterstützen, die Kosten für die aufwendige Restaurierung des Globus zu übernehmen.
Dem Beschluß ging ein von Herrn Dannehl und Herrn Dr. Dörpinghaus gemein-
0
Selbst in der bestorganisierten Bibliothek – vor allem dann, wenn es sich
um eine alte und ehrwürdige handelt –
lassen sich auch heute noch Entdeckungen machen. Das gilt z. B. für die Bearbeitung unseres Altbestands, also alter Schriften aus dem 16. oder
17. Jahrhundert. Hier gibt es
auch heute noch Trouvaillen, wenn man diese bei
der Bearbeitung sorgfältig kollationiert
und dann auf einmal beim Durchblättern feststellt, daß der
Band nicht nur
den im Titelblatt genannten Text enthält, sondern
einen weiteren, ganz unbekannten Text,
der hinten im
Band einfach mit
eingebunden ist,
wie das z. B. bei unserer Inkunabelkatalogisierung erst jüngst
wieder der Fall war.
Nicht ganz selten ist es
auch, daß der Restaurator
beim Erneuern oder Reparieren alter Einbände erstaunliche Funde
macht: Diese alten Einbände sind teilweise aus aufeinander geschichteten und
miteinander verleimten Pergamentseiten
hergestellt worden, wobei man damals
der Sparsamkeit halber beschriebenes
nicht mehr für brauchbar gehaltenes Pergament verwendete, das man in für den
Einband geeignet erscheinende Abschnit-
Der
Heidelberger KarlTheodor-Globus in den
Sammlungen der
Universitätsbibliothek
Heidelberg
Ein Zeugnis für die Pflege der
Wissenschaft in der Kurpfalz
im 18. Jahrhundert
sam erarbeiteter Diavortrag voraus, der
das Ziel hatte, die Mitglieder des „Kreises
der 61“ mit dem Projekt bekannt zu machen:
Seite 55
Theke 1998
te zerschnitt, schichtete und miteinander
verleimte. Hier kann man bis zum heutigen Tag auf hoch interessante Textüberlieferungen stoßen, die der Forschung bislang nicht bekannte Textvarianten überliefern. Aber auch innerhalb des Textes
eines Buches oder einer Handschrift
macht man zuweilen noch echte Entdekkungen. Erst vor wenigen Monaten entdeckte einer unserer Bibliothekare bei der
erstmaligen Katalogisierung einer in Rom
befindlichen Heidelberger Handschrift,
deren Texte uns sämtlich als Film vorliegen, gleich drei der Forschung bislang
völlig unbekannte Melanchthon-Briefe.
Zur Zeit befindet sich eine kommentierte
Edition dieser drei Briefe in Vorbereitung.
Absoluten Seltenheitswert hat indes
die Entdeckung eines realen Gebrauchsgegenstands aus alten Zeiten. Doch auch
damit kann die Heidelberger Universitätsbibliothek dienen.
Als im Jahre 1995 im Zuge von längst
fälligen Aufräumarbeiten im Vorraum der
technischen Werkstätten der Bibliothek
einige Schränke und Materialregale abgebaut wurden, fand sich dahinter ein unter
Papier, Folien und viel Staub verborgenes
Gestell mit einer Gipsglobuskugel, das
unser Restaurator nie zuvor gesehen hatte. Eine Vermessung ergab, daß das Gestell 145 cm hoch ist, die aus zwei Halbkugeln zusammengesetzte Globuskugel einen Durchmesser von 45 cm hat und ihr
Außenumfang am Äquator gemessen 142
cm betrug. Trotz des schlechten Erhaltungszustandes war zu erkennen, daß es
sich einmal um ein sehr repräsentatives
Objekt gehandelt haben mußte. Daraufhin einsetzende Nachforschungen in alten
Inventarverzeichnissen und in unserer
Handschriftenabteilung ergaben, daß im
Handschriftentresor unserer Bibliothek
tatsächlich noch leider nicht ganz voll-
ständige Papiersegmente aufbewahrt wurden, die einmal die Globuskugel bedeckten und irgendwann von der Kugel abgelöst worden waren.
Zweifelsfrei eine schon sensationell
zu nennende Entdeckung, von der der erst
seit 1991 im Amt befindliche Bibliotheksdirektor gegenüber der Öffentlichkeit aber
zunächst nichts verlauten ließ. Erst einmal sollte geklärt werden, um was für ein
Objekt es sich handelte und wie hoch sein
Wert einzuschätzen war. Die nun beginnenden aufwendigen Ermittlungen und
Literaturrecherchen, die Kontaktaufnahme zu der internationalen Coronelli-Gesellschaft für Globen- und Instrumentenkunde mit Sitz in Wien, von deren Existenz wir zuvor keine Ahnung hatten, aber
auch die Kontaktaufnahme zu diversen
Archiven, Bibliotheken und Museen nahmen fast zwei Jahre in Anspruch, bis wir
zweifelsfrei wußten, auf was für ein Objekt wir gestoßen waren. Heute ist es uns
möglich, erstmals vor einer größeren Öffentlichkeit Ihnen das zweifelsfreie und
vielfach abgesicherte Ergebnis unserer
Recherchen mitzuteilen.
Zu Beginn unserer Untersuchungen
standen uns lediglich zwei konkrete Fakten zur Verfügung:
1. Eine auf einem der abgelösten
Papiersegmente befindliche
Kartusche, worunter man hier ein
meist mit Allegorien geschmücktes
wappenartiges Schild versteht, wie
es im Barock und Rokoko beliebt
war, gab u. a. an, daß es sich um
einen „Globe terrestre dressé par
ordre du roi“ handelte, also um
einen Erdglobus, der im Auftrag
des Königs hergestellt war,
hergestellt, von einem gewissen
Didier Robert de Vaugondy im
Jahre 1751.
Seite 56
2. Eine am Fuß des Globus befindliche, noch recht gut erhaltene,
polychrom gefaßte Wappenkartusche wies in zwei Medaillons mit je
fünf Wappen sowie zwei Ordenswiedergaben, bei denen es sich um
den Orden vom goldenen Vlies und
den Hubertusorden handelte, auf
den Kurfürsten Karl Theodor von
der Pfalz, der von 1724-1799 lebte
und in Mannheim, später in
München residierte, als Besitzer
bzw. Eigentümer hin.
Für unsere Untersuchungen ergaben sich
daraus drei Fragenkomplexe:
1. Wie ist dieser offensichtlich für den
französischen König hergestellte
Erdglobus zeitlich und wissenschaftsgeschichtlich einzuordnen?
2. Wie kommt der Pfälzer Kurfürst
Karl Theodor in den Besitz dieses
Globus, und welchem Zweck diente
der Globus?
3. Wie kommt die Heidelberger
Universitätsbibliothek in den Besitz
dieses Globus, welchen Wert hat er,
und was ist zu tun?
Theke 1998
1
Die Ablösung des antiken und mittelalterlichen ptolemäischen Weltbildes vollzieht
sich im 15. und 16. Jahrhundert, wesentlich mitverursacht durch die großen Entdeckungen dieser Zeit. Schon 1492 entwirft Martin Behaim (ca. 1459-1507) aus
Nürnberg seinen berühmten Globus, fertigt auch eine Karte für die bevorstehende
Reise Fernão Magelhaes an, mit der durch
verbesserte Tabellen, Astrolabien usw.
für eine wesentlich bessere Orientierung
und Navigation auf offener See gesorgt
wird. Spätestens dessen Weltumsegelung
1522 bedeutet das endgültige Ende des
ptolemäischen Weltbildes. Vom späten
16. Jahrhundert an entstehen die ersten
Atlanten, z. B. von Gerhard Mercator
(1512-1594), Willem Janszoon Blaeuw
(1571-1638), Matthaeus Merian (15931650) oder Johann Baptist Homann (16631724). Besonders in Frankreich, dem ersten zentralistisch organisierten Staat in
Westeuropa, besteht zu dieser Zeit ein
großer Bedarf an Kartenmaterial nicht nur
für militärische Zwecke, sondern auch für
die wirtschaftliche Entwicklung des Landes (Kanal- und Straßenbau, Vorkommen
von natürlichen Bodenschätzen u. a.).
1666 wurde mit Unterstützung von
Ludwig XIV. die „Académie Royale des
Sciences“ in Paris gegründet, die sich
unter anderem der Aufgabe widmete, die
Gestalt der Erde und ihre Oberflächenbeschaffenheit mit verbesserten Methoden
und Instrumenten zu erfassen. Die aufsehenerregenden Vermessungsexpeditionen
von Charles de La Condamine in das
Äquatorgebiet von Peru im Jahre 1735
und die Expedition von Pierre de Maupertius nach Lappland jenseits des Polarkreises 1736/37 bewiesen die Theorie von der
sphäroidischen, an den Polen abgeflachten Gestalt der Erde. Aufgrund zahlrei-
cher Messungen erfolgte eine Reformierung der französischen Kartographie; so
führten die Astronomen und Mathematiker Jean Picard und Philippe de La Hire
eine Reihe astronomischer Bestimmungen verschiedener Punkte in Frankreich
durch. Hierzu wurde auch der berühmte
italienische Astronom Cassini gewonnen,
der die ersten Tabellen für die Beobachtung der Trabanten des Jupiter zusammengestellt hatte, wodurch die Festlegung
der genauen Längen geographischer Punkte ermöglicht wurde.
1682 beendeten Picard und de La
Hire ihre Arbeiten an der Karte Frankreichs; ihre astronomischen Beobachtungen hatten dazu geführt, daß auf der neuen
Karte Frankreich um 2 Grad Länge und
0,75 Grad Breite verkürzt wurde, was
Ludwig XIV. dazu veranlaßte, den sich
ihm vorstellenden Astronomen im Spaß
zu sagen: „Ich sehe mit Bedauern, meine
Herren, daß Ihre Reise mich ein gutes
Stück von meinem Reich gekostet hat.“
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab die
Pariser Akademie der Wissenschaften erste trigonometrische Vermessungen in
Auftrag, um eine topographische Karte
von Frankreich zu erstellen. Zwischen
1732 und 1744 legte man mehrere Dreiecksketten mit 40.000 Dreiecken (Meßpunkten) durch Frankreich. Ihre Punkte
dienten als Festpunkte für die Aufnahme
des ganzen Landes in großem Maßstab.
Die dadurch auf 182 Blättern geschaffene
„Carte géométrique de la France“ (17561815) war das erste Kartenwerk, das nicht
nur ein ganzes Staatsgebiet lückenlos erfaßte, sondern sich dabei auch auf sichere
geodätische Unterlagen stützen konnte.
Als erste Hersteller von Atlanten in
Frankreich gelten der bekannte Königliche Geograph Nicolas Sanson d’Abbeville
(1600-1667) sowie dessen Söhne und sein
Enkel Pierre Moulard. Ein Neffe Pierre
Seite 57
Moulards war Gilles Robert de Vaugondy, der den Verlag seines Onkels weiterführte. Er war Géographe Ordinaire du
Roi und galt im 17. Jahrhundert als bester
Kartenmacher Frankreichs. Auch sein
Sohn, Didier Robert de Vaugondy (17231786) wurde von seinem Vater zum Kartenmacher ausgebildet, wandte sich aber
schon bald von der Tradition der ausschließlichen Kartenherstellung ab und
versuchte sich von 1745 an – gerade zweiundzwanzigjährig – auch an der Produktion von Globen. Schon 1750 fertigte er
einen 6-Inch-Globus, den er Ludwig dem
XV. präsentierte; der König, der als Kind
den bedeutenden Geographen Guillaume
Delisle als Lehrer hatte, zeigte starkes
Interesse. Da ihm aber de Vaugondy’s 6Inch-Globus zu klein erschien, um die
exakte Gestalt der Erdkugel wiederzugeben, beauftragte er de Vaugondy mit der
Herstellung eines größeren Globus für die
Marine. Ein Jahr später stellte Vaugondy
schon einen dreimal so großen 18-InchGlobus her, (das ist die Größe des Heidelberger Globus) der von den Mitgliedern
der Akademie der Wissenschaften mit
positivem Ergebnis begutachtet wurde.
Zu diesem Erdglobus fertigte de Vaugondy auch einen passenden Himmelsglobus,
wie es zu dieser Zeit üblich war. De
Vaugondy’s Globus war der bis dahin
größte in Paris hergestellte Globus seit
den 3-Fuß-Globen von Vincenzo Coronelli, deren Herstellung von der Akademie 1693 unterstützt worden war.
Verkauft wurde der 18-Inch-Globus
in Subskription; im April 1753 erschien
im „Journal des savants“ auf den Seiten
254-255 folgende Verkaufsanzeige: „…
diese Globen wurden auf Anordnung des
Königs konstruiert. M. Robert [Vaugondy] hat ihren Durchmesser auf 18 Inches
[ca. 45 cm] festgelegt, da sie bei größerem
Durchmesser zu schwerfällig wären. Die
Theke 1998
Größe wurde vom König genehmigt, der
die Globen zum Gebrauch in der Marine
bauen ließ. Der Künstler wendete für ihre
Herstellung jedmögliche Präzision auf;
sie stimmen mit den neuesten [wissenschaftlichen] Beobachtungen überein und
die fähigsten Handwerker wurden für das
Design und das Stechen beschäftigt“. Der
Preis für de Vaugondy’s 18-Inch-Globen
war je nach Ausführung gestaffelt: Ein
einfaches Modell kostete 460 Livres, für
einen reich verzierten Prunkglobus mußten 1000 Livres gezahlt werden. Zweifelsfrei handelt es sich bei dem von uns
aufgefundenen Exemplar um ein solches
Prunkstück. Aber wie kam es in die Pfalz
und wie in den Besitz des Pfälzer Kurfürsten?
2
Als im April 1753 die Subskriptionsanzeige für die Globen des Robert de Vaugondy im Journal des savants erschien,
war Karl Theodor, Kurfürst von der Pfalz,
28 Jahre alt. 10 Jahre zuvor, 1743, hatte er
die Kurfürstenwürde übertragen bekommen, nachdem der Hof bereits 1720 von
Heidelberg nach Mannheim verlegt worden war. Heutige Historiker sehen in ihm
keine große Persönlichkeit. An Friedrich
den Großen, der ihn nicht ohne Neid das
„Glücksschwein“ genannt hat, den „Faulen Kerl“, dem all seine Erwerbungen
sozusagen in den Schoß fielen, während
Friedrich sich alles erkämpfen mußte,
reicht er ebensowenig heran wie an Maria
Theresia. Was ihm historische Bedeutung
gibt, ist zum einem seine Regierung über
so viele Gebiete (die Markgrafschaft Bergen ob Zoom, die Herzogtümer PfalzSulzbach und Pfalz-Neuburg, die Kurpfalz, die niederrheinischen Herzogtümer
Jülich und Berg sowie seit 1778 auch
Bayern) und zum zweiten vor allem auch
die Länge seiner Regierung. 56 Jahre am
Rhein und 21 Jahre davon auch an der
Isar. Karl Theodor zeigte an Politik und
Regierungsgeschäften wenig Interesse.
Sein Interesse galt den schönen Frauen,
aber auch den schönen Künsten, die Förderung der Wissenschaften war ihm besonders wichtig. Während in Heidelberg
der Lehrbetrieb an der Universität stagnierte, gründete er unter dem Einfluß
Voltaires, der mehrfach hochwillkommener Gast am Mannheimer Hofe war, 1763
die Pfälzer Akademie der Wissenschaften, aufgeteilt in zunächst zwei, später
drei Klassen:
•
Die „Historische Klasse“ bemühte
sich um eine Gesamtdarstellung der
kurpfälzischen Landesgeschichte.
Seite 58
•
Die „Physikalisch-naturwissenschaftliche Klasse“ mit dem
Hofastronomen Christian Meyer an
der Spitze erbrachte wegweisende
Arbeiten in der Kartographie
(z. B. trigonometrische Vermessungen der Kurpfalz).
•
Die „Meteorologische Klasse“
(ab 1770) diente der Wetterbeobachtung und -erforschung. Sie
besaß ein sich über Europa und
Nordamerika erstreckendes
Wetterbeobachtungsnetz und
bekam von 39 Stationen regelmäßig
die Informationen geliefert.
Mit der Gründung der Akademie war
Mannheim und nicht Heidelberg fortan
Zentrum der Wissenschaft in der Pfalz
geworden. Einen besonderen Stellenwert
hatte die Unterstützung und der Ausbau der
Künste und Sammlungen am Hof des
Kurfürsten. Karl Theodor begann gezielt,
Mannheim zu einem Kulturzentrum der
Kunst und Wissenschaften auszubauen.
Mit Bibliothek, Antiquarium, Archiv,
Münzsammlung, Naturalienkabinett, Gemäldegalerie, Kupferstich-Sammlung,
einem Zeichnungskabinett, einem Statuensaal, einer Oper, einer Kapelle und einer
Schauspieltruppe, die im 1752 fertig gebauten Schwetzinger Theater gastierte,
waren sämtliche Facetten der Kunst vertreten. Hinzu kamen der botanische Garten,
das physikalische Kabinett und die Sternwarte als Einrichtungen, die in Verbindung
mit der Akademie entstanden sind. Seine
Förderungen lockten Künstler wie Wissenschaftler an. In dieser Zeit wurden die
Bauarbeiten am Schloß und an der Jesuitenkirche beendet, ebenso die Anlage des
Schwetzinger Schloßparkes durch Nicolas
de Pigage und Friedrich von Sckell, die mit
den Parkfiguren von Konrad Linck und
Theke 1998
Peter Anton von Verschaffelt ergänzt
wurde. Etwa 1750 begann Karl Theodor
mit dem Aufbau seiner Kunstsammlungen
und der Bibliothek. In seinem Vorhaben,
Mannheim zu einem Zentrum der Kunst
und Wissenschaften aufzubauen, war er
wie schon gesagt sehr von Voltaire beeinflußt. Wie er überhaupt französische Literatur liebte und selbst in dieser Sprache
schrieb, deren Eleganz und Klarheit er
bewunderte. Sein Hof war einer der glänzendsten Deutschlands und zugleich einer
der französisiertesten.
Ein Glanzpunkt dieses Hofes war die
Bibliothek. Bereits 1766 verfügte die Bibliothek über eine stattliche Zahl von ca.
36000 Werken. Besucher der am 15. Oktober 1763 für auswärtige und einheimische Gelehrte geöffneten kurfürstlichen
Bibliothek beschreiben den Bestand für
die neueren Schriften als umfangreich und
die Bibliothek als äußerst prunkvoll gestaltet. Die einzelnen Bände wurden mit
einem Exlibris gekennzeichnet, das die
Initialen des Kurfüsten und die Inschrift
Bibliotheca Palatina enthält, durchaus ein
Versuch, an die Tradition der Bibliotheca
Palatina anzuknüpfen. Zum Bestand dieser Bibliothek gehörte auch das Journal
des savants, das Karl Theodor regelmäßig
studierte und dabei dürfte ihm auch die
1753 erschienene Subskriptionsanzeige
der Globen des Robert de Vaugondy aufgefallen sein. Der Besitz eines Globus
bedeutete zu dieser Zeit nicht nur Wissenszuwachs, sondern es war üblich, schöne und prachtvolle Globen auch als Zierstücke in die private herrschaftliche Bibliothek zu stellen. Mit einem solchen
Globus ließ sich naturwissenschaftliches
und künstlerisches Interesse demonstrieren, mit ihm konnte herrschaftliche Macht
zum Ausdruck gebracht werden. Der Herrscher blickt gottgleich auf die Erdkugel,
die sich unter seinen Händen dreht.
Nun haben wir leider keine Unterlagen darüber, wann Karl Theodor seine
Subskription nach Paris abgesandt hat.
Wir wissen aber, daß er zwei Globenpaare
bestellt haben muß. Ein Paar wird 1776
von Christian Meyer im Inventar der
Mannheimer Sternwarte genannt; es befindet sich heute im Landesmuseum für
Technik und Arbeit in Mannheim. Ein
zweites Paar des Erd- und Himmelsglobus wird Mitte 1773 von dem zeitgenössischen Dichter und Musiker Christian
Friedrich Daniel Schubart als in der Mitte
des Bibliothekssaals befindlich beschrieben. Eine erneute Erwähnung findet dieses Globenpaar 1784 in einer Beschreibung „pfälzischer Merkwürdigkeiten“, wo
es heißt: „Bibliothek … In der Mitte des
Saales erblickt man zwischen den Erdund Himmelskugeln ein sehr künstliches
in Engelland verfertigtes Planiglobium
Copernicanum …“. Zu diesem Zeitpunkt
1784 befand sich Karl Theodor bereits in
München, womit auch das Interesse an
einer weiteren Förderung der Kurpfalz
stark abnahm. Die Mannheimer Akademie ging langsam zugrunde, die Heidelberger Universität war darauf bedacht,
Teile der Sammlungen der Universität
nach Heidelberg zu überführen.
Wie beide Globen ihren Weg nach
Heidelberg gefunden haben, ist ungewiß.
Sie könnten 1791 bei der Auflösung des
Mannheimer Schlosses von der Universität nach Heidelberg überführt oder um
1795 durch Christian Meyer in das Physikalische Kabinett der Universität gebracht
worden sein. Ein viel späterer Zeitpunkt
ist ziemlich unwahrscheinlich, da 1802
die kurfürstliche Bibliothek in den Keller
der Bibliothek eingelagert und im Sommer 1803 mit Ausnahme von etwa 2500
Büchern nach München gebracht wurde;
der prächtige Bibliothekssaal selbst wurde zu einem Privattheater der Großherzo-
Seite 59
gin Stephanie umgewandelt.
Für die Universitätsbibliothek werden die Globen in einem Inventar vom 6.
Juli 1833 erstmals erwähnt. Dort findet
sich unter Punkt I („In den Bibliothekssälen sind befindlich“) die Eintragung: „4) 2
Globus, ein Himmel- und Erdglobus“.
Einige Seiten später wird in einem Anhang näher erläutert, daß die Globen in
Paris gefertigt wurden und die Jahreszahl
1751 tragen.
Im Inventar von 1906 sind die Globen ebenfalls noch beide verzeichnet. Dort
heißt es unter Punkt IIIc: „Nr. 152-153
Globus des Himmels und der Erde, 18.
Jh.“. Ein späterer Eintrag in Bleistift vermerkt, daß die Globen am 1. Mai 1937 ins
Ausstellungszimmer gestellt wurden.
Ab diesem Zeitpunkt verliert sich die
Spur wieder, der Himmelsglobus ist bis
heute nicht mehr aufgefunden worden.
Die Frage, ob der Himmelsglobus im Krieg
völlig zerstört wurde – der Erdglobus weist
Kriegsschäden auf (s. u.) – oder ob er im
oder nach dem Krieg entwendet wurde
und man den beschädigten Erdglobus verschmähte, bleibt offen.
Bei einer Bestandserfassung von
„ehemaligem Raumschmuck“ wird im Juli
1968 auf dem Dachboden im Südtrakt der
Universitätsbibliothek ein Erdglobus erwähnt. Es heißt in dem Bericht an den
Direktor: „Ein Erdglobus (Nr. 54) aus
weissem, mit Papier beklebtem Stuck ist
an einer Stelle eingeschlagen. Er steht auf
einem intakten (lediglich verschmutzten)
prächtig geschnitzten Ständer (2. Hälfte
des 18. Jahrh.)“.
Theke 1998
3
Der von uns wieder aufgefundene Globus, bei dem es sich um den Erdglobus
handelt – der Himmelsglobus ist wie gesagt wohl endgültig verschollen –, hat
zahlreiche Schäden in unterschiedlicher
Ausprägung:
❍ Die 45 cm Durchmesser besitzende Kugel ist besonders stark
geschädigt. Die auf ihr ursprünglich befindlichen Papiersegmente
sind vollständig abgelöst, die
Kugeloberfläche von zahlreichen
Sprüngen und Rissen unterschiedlicher Breite und Tiefe
überzogen und nicht nur ein
größeres Loch, sondern auch ein
klarer Durchschuß aus unbekannter Zeit läßt sich nachweisen.
Gleichwohl wäre eine Restaurierung vorstellbar.
❍ Schwieriger ist die Frage nach der
Wiederverwendung der 28 in
Kupferstichtechnik bedruckten
Papierteile zu beantworten, die als
Ganzes die Globuskarte ergeben.
Alle Segmente sind stark verschmutzt. Trocken- wie NaßReinigungsverfahren haben ihre
jeweils spezifischen Probleme,
andererseits böte sich mit der
Wiederverwendung der originalen
Papiertexte die Möglichkeit, die
wechselvolle Geschichte des
Globus zu demonstrieren. Eine
Alternative wäre die Verwendung
von Kopien intakter Segmentvorlagen, die uns von einem Antwerpener Museum, das einen baugleichen
Seite 60
Globus besitzt, auch schon angeboten wurden.
❍ Auch das Gestell ist insgesamt stark
verschmutzt und weist zahlreiche
mechanisch und klimatisch
bedingte Schäden auf. Gleichwohl
läßt gerade das Gestell den Prunk
und die prachtvolle Ausstattung
noch gut ahnen, die dieser fast 250
Jahre alte Globus einmal besessen
hat. Die vorherrschende Farbe ist
Grün, das in verschiedenen
Abstufungen auftritt. Auf eine
dünne grünlich-weiße Grundierung
ist ein leuchtendes Grün gesetzt mit
zahlreichen Vergoldungen. Das
Gestell, aus mehreren Holzteilen
zusammengesetzt, baut sich aus
drei geschwungenen Beinen auf,
die unten durch sich in der Mitte
treffende Streben
miteinander
verbunden sind;
Streben und Beine
laufen in schnekkenförmig zusammenrollenden
Blattornamenten,
sog. „Voluten“,
aus. Die drei Beine
sind auf je einen
geschnitzten
Löwenfuß gestellt,
in den an der
Unterseite eine
kleine, zu allen
Seiten bewegliche
Rolle eingelassen
ist; durch diese
Rollen läßt sich der
Globus gut
bewegen.
Theke 1998
❍ Vor den Streben ist eine geschnitzte
und farbig gefaßte Wappenkartusche Karl-Theodors befestigt in den
Farben Rot, Blau, Schwarz, Gold,
Silber und Weiß. Die Ausläufer der
Beine gehen oben in eine dreiseitige Platte über, die an ihren Seiten
mit je einer Rocaille verziert ist.
Unterhalb der Rocaillen läuft eine
geschnitzte Blumengirlande, deren
Blüten in rot und blau gefaßt sind
von Bein zu Bein. In der Plattenmitte ist eine strahlenförmige
Rosette – eventuell als Symbol der
Sonne – aufgesetzt, die wiederum
in ihrer Mitte einen drehbaren
Messingknauf mit Führungsschiene
für den beweglichen Meridianring
enthält.
❍ Die Ecken der Platte verlängern
sich bogenförmig nach oben zu
Armen, die einen leicht geschwungenen, ornamentierten Reif tragen.
Auf diesem Reif ist der oktaedrische Horizontring befestigt; er
besteht aus zwei übereinander
liegenden Reifen zu je vier miteinander verzapften Segmenten und
einer halbrunden Profilleiste, die
das Oktagon umrahmt. Fixiert wird
der Horizontring mit zwei angeschraubten Messingplättchen (das
dritte Plättchen fehlt), die unter den
Gestellring greifen.
Nach dieser Schadensdokumentation stellt sich die Frage: „Lohnt sich der
Aufwand einer Restaurierung für dieses
stark beschädigte Kunstwerk überhaupt“?
Diese läßt sich uneingeschränkt mit
Ja beantworten.
Wir haben mit freundlicher Hilfe der
internationalen Globengesellschaft in
Wien ermitteln können, daß weltweit von
diesem Globustyp
nur noch weitere 6
Exemplare existieren, die sich in folgenden Orten befinden: Chartres,
Musée; Paris, Ministère des Affaires
Etrangères; Nancy,
Musée historique
Lorrain; Troyers,
Musée des BeauxArts; Antwerpen,
Museum PlantinMoretus; Mannheim, Landesmuseum für Technik
und Arbeit.
Beim Mannheimer Exemplar
wäre noch zu sagen, daß es sich um
ein zwar baugleiches, aber wesentlich weniger
prachtvoll ausgestattetes Exemplar
für den damaligen täglichen wissenschaftlichen Gebrauch handelt.
Die Seltenheit dieses Typs von Globen läßt den materiellen Wert unseres
Exemplars entsprechend hoch ansetzen.
Aus vor Jahren stattgefundenen Auktionen wissen wir, daß bereits weniger schöne Stücke aus dieser Zeit durchaus Auktionspreise von weit mehr als 100.000,–
DM erzielen können.
Beim Heidelberger Globus handelt
es sich um ein Prachtexemplar, um ein
typisches Produkt des Spätbarocks, der
Louis-Quinze-Epoche, mit entsprechendem kunsthistorischen Wert. Darüber hinaus stellt dieser aus dem Besitz des Pfälzer Kurfüsten Karl-Theodor stammende
Globus für Heidelberg einen lokalge-
Seite 61
schichtlichen Wert da, der – da vom Kurfürsten für eine Bibliothek in Auftrag gegeben – für die Universitätsbibliothek eine
besonders reizvolle und attraktive Bereicherung des Bestands darstellen dürfte.
Die Restaurierung des Globus steht noch
aus. Ein von uns eingeholter Kostenvoranschlag einer aus Diplomrestauratoren
verschiedener Fachrichtungen zusammengesetzten Arbeitsgruppe beläuft sich auf
die Höhe von rund 60.000,– DM. Ein
guter Anlaß zur Wiederherstellung dieses
seltenen Objektes könnte der 200. Todestag des Kurfürsten Karl-Theodor im Jahre
1999 bieten.
Jens Dannehl, Hermann Josef Dörpinghaus,
UB, Tel. 54 - 23 80
Theke 1998
Passive und aktive Buchpflege
Ein Werkstattbericht
Vor nahezu vier Jahren wurden der UB
Heidelberg vom Arbeitsamt zwei ABMStellen für bestandserhaltende Arbeiten
angeboten. Diese Gelegenheit wurde natürlich gerne ergriffen und man beschloß,
die historischen Kalbslederbände aus dem
Bestand des Tiefmagazins konservatorisch
zu behandeln. Nach und nach erfolgte
eine Erweiterung auch auf die Schweinsleder- und Pergamenteinbände, für kurze
Zeit wurden auch Gewebe- und Pappbände behandelt, und auch andere Arbeiten
kamen hinzu. Allerdings werden diese
seit etwa einem Jahr nur noch von einem
Mitarbeiter durchgeführt.
Tag für Tag wurden und werden nun
Bücherwagen zwischen Tiefmagazin und
Restaurierungswerkstatt, wo diese Maßnahme angesiedelt wurde, hin und her
geschoben.
Abb. 1: Schweinslederband in drei
Zustandsstadien: links unbehandelt, Mitte
trocken gereinigt, rechts feucht gereinigt.
Als im Herbst 1996 intensiv mit der
Vergrößerung des Reservata-Bestandes
begonnen wurde, konzentrierte man sich
bei der Pflege auf die Bestände der Abteilung „Handschriften und Alte Drukke“. Die Pflege der Leder- und Pergamenteinbände – der sog. „Alt-Res“ – begann, ebenso die Behandlung der in Leder und Pergament eingebundenen Inkunabeln. Gleichzeitig rollten Bücherwagen
mit Beständen aus dem Landfriedhaus
und dem Tiefmagazin in die Werkstatt;
nach der Einbandpflege wurden die Bestände in den Reservata-Status umgesetzt.
Oft hatte man bei diesen Büchern den
Eindruck, sie wären geradewegs einer
Kohlenhalde entrissen worden, so erstrahlten sie in einem „fröhlichen“
Schwarz-Grau-Ton, der spontan bei jedem Kontakt auf Hände und Kleidung
übersprang.
Mittels eines Staubsaugers, der mit
einem speziellen Feinstaubfilter ausgestattet ist, werden zunächst Buchschnitt
und Einband im Vorraum der Werkstatt
vom gröbsten Schmutz befreit, anschließend können dann weitere Schritte erfolgen. Die Wahl der Maßnahmen richtet
sich nach dem Material des Einbandes
und seinem Erhaltungszustand. Hierbei
wird Erfahrung und Einfühlungsvermögen benötigt, um zu erkennen, ob es sich
z. B. bei einem gelblich-grauen Einband
um Schweinsleder oder Kalbspergament
handelt, um dementsprechend die passende Behandlungsmethode zu wählen
(Abb. 1). So werden Kalbs- und Rindsledereinbände zunächst mit in Petroleumbenzin gelösten Chemikalien nachgegerbt,
um dem Leder wieder Stabilität zu verleihen (Vernetzung der Kollagenfasern)1. Die
Nachgerbung soll auch dem Roten Zerfall
(„red rot“) des Leders entgegenwirken,
den man besonders bei Einbänden des 19.
Jahrhunderts sehr häufig beobachten kann
Seite 62
und der oft durch eine Zersetzung der
Fasern aufgrund der Bildung von Schwefelsäure zur vollständigen Auflösung des
Leders führt.
Nachdem das Benzin wieder aus dem
Leder verdampft ist2, erfolgt eine Nachfettung mit einer Emulsion für die Lederpflege3. Die Nachfettung bewirkt, daß dem
ausgetrockneten und spröden Leder wieder Fett und Feuchtigkeit in ausgewogener Mischung zur Verfügung gestellt werden; die Fasern gewinnen Elastizität und
Biegsamkeit zurück, so daß sie bei mechanischer Beanspruchung (Öffnen des
Buches) geschmeidig aneinander entlanggleiten können.
Pergamenteinbände hingegen dürfen
mit der Nachgerbelösung und der Fettemulsion nicht in Berührung kommen.
Zum Teil reicht eine Trockenreinigung
der Oberfläche mit einem speziellen
Schwamm, bei besonders starken Verschmutzungen kann das Pergament auch
mit einem leicht angefeuchteten Tuch oder
Schwamm abgewischt und sofort mit einem trockenen Tuch abgerieben werden;
das Pergament selbst darf keine Feuchtigkeit aufnehmen, da es sehr empfindlich
auf Feuchte reagiert. Es ist kein Einzelfall, daß sich ein schmutzig-grauer Einband nach der Reinigung zu einem hellgelben edlen Pergamentband mausert.
Oft ist aber nicht nur der Einband
verschmutzt, sondern die Ecken sind abgestoßen, Teile des Überzuges können
eingerissen und lose sein und im Buchblock sind Risse, Fehlstellen und auch
lockere Seiten zu finden. Diese Schäden
werden bei der Pflege des Buches meist
mit behoben. Dabei muß z. B. jeder Riß in
einer Seite mit dünnem Japanpapier und
Kleister geschlossen werden, und erst nach
dem Trocknen des Klebstoffes kann die
Seite umgeblättert und die nächste eingerissene Seite behandelt werden.
Theke 1998
Abb. 2: Regale im Magazin für die GroßfolioBände. Die Bücher haben keinen festen
Stand und biegen sich durch.
Handelt es sich um besonders stark
beschädigte oder besonders aufwendig
dekorierte Einbände, z. B. mit Wappensupralibros, Vergoldungen, Metallbeschlägen oder anderen künstlerischen Verzierungen, so werden die Maße des Buches
aufgenommen, um als Schutz vor Beschädigungen eine Buchkassette anfertigen zu können. Ein Teil dieser Kassetten
wird von einer Firma in Zittau hergestellt,
ein Teil wird aber auch direkt in der hauseigenen Werkstatt gebaut. Die Kassetten
bieten dem Buch Schutz vor Umwelteinflüssen (Licht, Staub, Schadgase, Klimaschwankungen) und mechanischen Beschädigungen beim Einstellen und Ausheben des Buches. Zudem findet man
teilweise in nicht vollständig ausgefüllten
Regalreihen gekippte Bücher, die sich
aufgrund ihres Gewichts durchbiegen oder
anderweitige Beschädigungen erleiden
(Abb. 2). Im Falle einer diagonalen Lagerung der Kassetten durch Kippen der Bücher/Kassetten bleibt das Buch in einer
stabilen Lage, der Buchblock biegt sich
nicht durch und die Deckel können durch
scharfe Regalstreben nicht beschädigt
werden.
Alle paar Monate werden aus Zittau
ein bis zwei Paletten Buchkassetten angeliefert, die sortiert und mit dem jeweiligen
Signaturschild des Buches beklebt werden müssen.
Nach Abschluß dieser buchpflegerischen Arbeiten, werden die Bücher wagenweise zur Codierung, Katalogisierung
und Umstellung auf Reservata-Status
weitergegeben; anschließend können sie
an ihren neuen Aufstellungsort gebracht
werden.
Schon vor Beginn der Umstellungsaktion und dem Buchpflegeprojekt schienen die drei Magazine der Handschriftenabteilung gut gefüllt. Jetzt wurde aber viel
Platz benötigt, um die neuen Altbestände
unterbringen zu können. Zwar wurde der
Abteilung das Magazin im 6. Geschoß
West zusätzlich zur Verfügung gestellt,
doch es wurde schnell deutlich, daß dieser
Zugewinn auf Dauer gesehen nicht ausreichen würde. Also mußte in den bisherigen Magazinen (6. Magazingeschoß Ost,
Handschriftengewölbe, Handschriftentresor) Platz geschaffen werden. Begonnen
wurde mit dem Tresor, wo zuerst der Platz
des kaum genutzten Seminarraums für die
Aufstellung der Handschriften „Cod. Sal.“,
„Cod. Trübner“ und
„Cod. Heid. Orient.“
verwendet wurde.
Es blieb sogar noch
Raum, um die Urkundensammlung
Barth und Teile der
Sammlung „Heidelberger Urkunden“
(früher „Alte Sammlung“) unterbringen
zu können.
Durch Verwendung neuer Regale,
Seite 63
einer neuen Regalierung der Fachböden
und engerer Regalabstände konnte der
Platzbedarf für den Bestand der Inkunabeln deutlich gesenkt werden. Durch diese Maßnahmen wurde etwa 1/3 des Raumes als freie, noch zu nutzende Fläche
gewonnen.
In ähnlicher Weise wurde mit dem
Magazin im 6. Geschoß Ost verfahren.
Zunächst wurden die Bestände, die nicht
unbedingt in einem hochgesicherten Magazin stehen müssen, in das 6. Magazingeschoß West verbracht; dazu gehörte der
Bestand der Simulati-Bände der Bibliotheca Palatina, die „Künstlerischen Drukke“, die Sammlung „Schönste Bücher“
und Mikrofilme der Handschriften aus
der Bibliotheca Palatina. Der Umzug der
Faksimile-Bände (RPR, Re) ist noch im
Gange.
Was so harmlos mit „Umräumen“
und „Umregalieren“ bezeichnet wird, bedeutet aber auch Reinigung der Bücher,
Einkleben von Codestreifen (auf säurefreiem Papier gedruckt), Codierung und
vor allem Putzen der meist stark verdreckten Regalbretter und der Fußböden; die
Anzahl der geschleppten Wassereimer ist
leider nicht gezählt worden.
Abb. 3: Die neue Regalierung und Aufstellung
der Reservata-Bände im 6. Magazingeschoß
Theke 1998
Nachdem die oben genannten Bestandsgruppen verlagert waren, konnte
auch im 6. Magazingeschoß Ost neu regaliert, geputzt und eingestellt werden. Inzwischen hat sich dieses Magazin zu einer
Art „Vorzeigemagazin“ bei wichtigen Bibliotheksführungen entwickelt (Abb. 3).
Eine Neuordnung des Handschriftengewölbes mit dem Bestand der „Heidelberger Handschriften“, der Graphischen Sammlung, sowie des Foto- und
Filmarchivs steht noch aus. Über die Deutsche Bücherei in Frankfurt konnten wir
einige große Kartenschränke bekommen,
die in Zukunft großformatige graphische
Blätter (künstlerische Graphik, Landkarten u. ä.) beherbergen werden. Im Frühjahr 1997 konnten vom Kurpfälzischen
Museum 964 graphische Blätter der
„Sammlung Schreiber“ zurückgenommen
werden, die ursprünglich eine Dauerleihgabe der Universitätsbibliothek an das
Museum waren.
Eine Revision und konservatorische
Bearbeitung der Graphischen Sammlung
wird wohl in nächster Zeit in Angriff
genommen werden müssen, allerdings
besteht auch noch in anderen Fonds mehr
oder weniger dringender Handlungsbedarf, damit die beliebte Heidelberger Leseratte sich weiterhin an den schönen Beständen der Universitätsbibliothek erfreuen kann (Abb. 4).
Anmerkungen
1
Calnan, C. N.: Retannage with aluminium alkoxides – A stabiblising treatment for acid deteriorated
leather.
In: Tagungsband der ICOM Arbeitsgruppe, Leathercraft and related objects, Internationale Lederund Pergamenttagung vom 8. Mai bis 12. Mai 1989
in Offenbach/Main; S. 9-25.
2
Das Benzin dient nur als Transportmittel für die
wirkenden Chemikalien in das Leder. Es selbst hat
keine konservierende Wirkung.
3
Maroquin-Lederbalsam; Fa. Maroquin, Maximilianstr. 7, 60385 Frankfurt.
Abb. 4: Die Leseratte der UB Heidelberg.
Jens Dannehl, Sieghard Wanka,
UB Tel. 54 – 23 76
Seite 64
Theke 1998
Die Bibliothek als Sammlung
Thema dieses Beitrages ist der Sammlungscharakter von historischen Bibliotheksbeständen und ihr spezifischer Quellenwert insbesondere zum Bereich der
Buch- und Provenienzgeschichte. Über
den stetigen, laufenden Erwerb von einzelnen Büchern hinaus lagerten sich zeitbedingte Zugänge in vielen Fällen als
quellenträchtiges historisches Sediment
ab, ohne daß dies zur jeweiligen Zugangszeit beabsichtigt worden wäre. Das Faktum selbst gibt jeder älteren Sammlung im
Regelfall einen unverwechselbaren Zuschnitt. Dieser Ensemblecharakter läßt
sich allerdings nur durch aufwendige,
autoptische Bestandsuntersuchungen eruieren. Als Beispiel dient die Bestandsgeschichte der UB Heidelberg.
Der Begriff „Sammlung“ definiert
heutige bibliothekarische Tätigkeit nur
sehr unzureichend. Unter diesem Wort
wird nach dem Grimm’schen Wörterbuch
verstanden „eine nach bestimmten gesichtspunkten wissenschaftlicher, künstlerischer zwecke oder der liebhaberei zusammengebrachte und geordnete menge
von gegenständen“1. Die Gegenwart ist
weder von einer umfassenden Ordnung
der Gegenstände, hier der Bücher, gekennzeichnet, noch geht die moderne
Anschaffungspraxis im Regelfall über das
Hinzufügen einzelner Bücher zu einem
nicht mehr strukturierten Konglomerat
hinaus, das mit den historischen Beständen des Faches keinen Zusammenhang
mehr zeigt. In Heidelberg, aber auch in
fast allen älteren Bibliotheken, läßt sich
dieser Schnitt schon in der Aufstellung
fassen. Hier steht dem älteren, standortsystematischen Bestand, der sehr spät abgebrochen wurde, ab 1962 der Numeruscurrens-Fonds gegenüber.
Die Erwerbungsgeschichte der UB
Heidelberg ist durch den Bruch des Jahres
1623 gekennzeichnet, in dem die Biblio-
theca Palatina nach der Eroberung der
Stadt als Kriegsbeute nach Rom verbracht
wurde. 1816 konnten immerhin die Codices Palatini germanici, die deutschen
pfälzischen Handschriften, zurückgewonnen werden. Nach der Zerstörung der Stadt
im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1693 begann erst im 18. Jahrhundert wieder ein
langsamer Aufbau. Der Charakter der
Bibliothek ging bis ins 19. Jahrhundert als
Reflex des ursprünglich enzyklopädischen
Zuschnitts jeder Sammlung über den einer reinen Büchersammlung hinaus. So
besitzt das Haus heute noch mehrere tausend Urkunden sowie den Rest der Graphiksammlung des Ästhetikprofessors
Aloys Wilhelm Schreiber (1761-1841).
Beide Fonds waren in erster Linie für
Lehrzwecke angeschafft worden. Wie sehr
aber eine Bibliothek dazu neigt, Randbereiche auszuscheiden, zeigt die Tatsache,
daß die Schreibersche Sammlung bis 1997
für einige Jahrzehnte komplett als Leihgabe außer Haus war. Noch einschneidender läßt sich dies an einem wertvollen
französischen Globus des 18. Jahrhunderts aus dem Besitz des Kurfürsten Karl
Theodor ablesen, der lange Zeit auf dem
undichten Speicher des Hauses untergebracht war. Staub und Nässe haben zu
einer nicht mehr revidierbaren Schädigung der auf der Kugel angebrachten
Weltkarte aus Papier geführt. Allein das
Gestell muß jetzt für mehrere 10.000 DM
restauriert werden.
Eine Topographie deutscher historischer Bibliotheksbestände bis 1900 hat
das „Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland“ versucht. Ein
schwieriges Problem dieses Unternehmens war die Bestandsbeschreibung. Bibliotheken vergleichbarer Größe und vergleichbaren Alters zeigen in vielen Dingen analoge historische, mithin schwer
voneinander abgrenzbare Bestände. In
Seite 65
ihrem Eigenwert leicht faßbar sind dagegen inkorporierte, aber geschlossen aufgestellte Gelehrtenbibliotheken, die die
Sammelinteressen von Einzelpersonen
widerspiegeln.
Die vergleichsweise spät gebildete
Altbestandssammlung der UB Heidelberg
ist weit überwiegend als direkte oder indirekte Folge der Säkularisation geistlicher
Einrichtungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden. In den Organisationsedikten, mit denen das im Zuge der Napoleonischen Neuordnung in dieser Form
erst geschaffene Baden geordnet wurde,
ist die Zuweisung von Büchern an die
Universität Heidelberg aus Klosterbibliotheken schon kodifiziert. Tatsächlich sind
diese Zuweisungen nur eine preiswerte
Mehrung der universitären Bücherbestände gewesen. Die Kostenfreiheit für die
profitierenden Institutionen darf nicht
darüber hinwegtäuschen, daß hier ein enormer Nutzungsbruch gegeben war, da für
die Universität aktuelle Literatur viel wichtiger gewesen wäre, zumal bibliophile
Interessen hier keine große Rolle spielten.
Aus etlichen Institutionen kamen im
Regelfall auf der Grundlage älterer Bibliothekskataloge oder zu diesem Zweck
angefertigter Listen Bücher in die Nekkarstadt, die von den Bibliothekaren als
doch noch nützlich für den Lehrbetrieb
angesehen wurden. Zum Teil lassen sich
dieses Zugänge archivalisch fassen, zum
Teil fehlen Unterlagen, so daß nur eine
Sichtung des Bestandes die Zuweisung
bestimmter Bücher zu einer Vorprovenienz ermöglicht. Zudem erhielt die UB
Heidelberg in keinem Fall kostenlos eine
unzerteilte Klosterbibliothek. Ihr fiel nur
die Nachauswahl zu, nachdem die Hofbibliothek in Karlsruhe auch unter bibliophilen Gesichtspunkten ihr Recht der
Vorauswahl wahrgenommen hatte. Ab
1805 mußte Heidelberg zudem seine
Theke 1998
Wünsche mit der Universität Freiburg
absprechen, die mit dem Breisgau an Baden gefallen war.
Kern der Heidelberger Altbestände
ist die Büchersammlung des 1134/37 gegründeten Zisterzienserklosters Salem, das
über eine über Jahrhunderte gewachsene
Bibliothek verfügte, die lediglich bei einem Brand im Jahre 1697 einen allerdings
wertvollen Teil der Bestände verloren
hatte. Das Kloster wurde zu Beginn des
19. Jahrhunderts dem Haus Baden als
Entschädigung für Abtretungen auf dem
linken Rheinufer an Frankreich in Form
einer privaten Standesherrschaft zugesprochen; bereits im November 1802 erfolgte
die offizielle Zivilbesitznahme. Der Konvent wurde 1804 aufgelöst.
An die UB Heidelberg kam die Büchersammlung, die einen Umfang von
etwa 450 Handschriften und 40.000 Drukken erreicht hatte, 1826/27 durch Kauf.
Tatsächlich wurden Größe und Zuschnitt
der Bibliothek eher als Belastung empfunden. Nachdem 1807 die katholische
Fakultät der Universität ganz nach Freiburg verlegt worden war, fehlte vor Ort
die Nachfrage für die schwerpunktmäßig
theologische Literatur. Bezeichnend ist
das Urteil des Historikers und nebenamtlichen Bibliotheksdirektors Friedrich Christoph Schlosser (1776-1861), der im Juni
1824 schrieb, es sey uns mehr schädlich
als nützlich…, die ganze Bibliothek zu
acquiriren, denn von 50.000-60.000 Bänden können wir höchstens 10.000 bis
12.000 Bände brauchen. Das Andere ist
uns Ballast und Trödelwaare. Er riet, von
dem Ganzen lieber abzustehen, da es selbst
geschenkt uns in die größte Verlegenheit
brächte. Wir haben nur einen Mann auf
der Bibliothek…; um den Quark, der dabey ist, nur einigermaßen zu nützen, müßten wenigstens noch 4-5 Leute angenommen werden. In Worten ist Alles leicht,
man gehe aber einmal auf unsere Bibliothek2.
Die Salemer Bibliothek hatte ab dem
17. Jahrhundert etliche Bibliotheksreisende empfangen, darunter den französischen
Benediktiner Jean Mabillon, Fürstabt
Martin Gerbert von St. Blasien, den St.
Gallener Stiftsbibliothekar Johann Nepomuk Hauntinger (1756-1823) oder den
Augsburger Notar Georg Wilhelm Zapf
(1747-1810). Sie alle fällten ein sehr positives Urteil über den Wert der Sammlung3. Mit Anselm Schwab (1746-1778)
stand dem Kloster in seiner Spätzeit zudem ein bibliophiler Abt vor. Er nutzte
einen Parisaufenthalt im Gefolge des zisterziensischen Generalkapitels 1765 vor
allem auch zur Mehrung der Bibliothek.
Neben zwei Handschriften schaffte er eine
Fülle wertvoller Drucke an, die zum Teil
aus dem Besitz der 1762 aufgelösten Pariser Jesuitenniederlassungen stammten.
Bei der Versteigerung der Bibliothek der
im Vorjahr verstorbenen Madame de Pompadour konnte er sechs Werke in 16 Bänden erwerben, die alle mit ihrem persönlichen Wappensupralibros geziert sind.
Zeitbedingt wurde der tatsächlich
gegebene und in den Reisebeschreibungen auch kodifizierte, hohe Ensemblewert der Salemer Bibliothek bei ihrer
Übernahme durch die UB Heidelberg nicht
gesehen. Obwohl durch die Bemühungen
des Konventualen Matthias Schiltegger
(1761-1829) ein um 1800 entstandener,
15 Bände in Großfolioformat umfassender, aktueller Bibliothekskatalog vorhanden war, betrachteten die Heidelberger
Bibliothekare die Sammlung als zufälliges Bücherkonglomerat, ganz entsprechend den Schlosserschen Äußerungen,
der allerdings wegen der Kaufentscheidung vorher von seinem Amt zurückgetreten war. Die Salemer Sammlung wurde
einer bibliothekarischen Klassifikation
Seite 66
unterworfen, die mit sogenannten
Schranksignaturen arbeitete; in der Amtszeit von Bibliotheksdirektor Karl Zangemeister (1837-1902) erfolgte eine neue
sachliche Ordnung, die zu den heutigen
Signaturen aus Fachgruppenbuchstabe
und Systematikzahl führte. Weiter wurden in großem Umfang dublette Bestände
vor allem aus Säkularisierungszugängen
versteigert; zwei Kataloge von 1829 und
1832 boten 4000 Titel an4, von denen
einige wenige, soweit sie in der Region
verblieben waren, Ende des 19. Jahrhunderts wieder an die Bibliothek zurückfielen. Auch heute tauchen im Antiquariatshandel noch einzelne Drucke Salemer
Provenienz auf.
Mehr als das tägliche, historische
Akzessionsgeschäft der Bibliothekare
bestimmen im großen Bestand aufgegangene Bibliotheken, die Sammlungen in
der Sammlung, das Gesicht der Altbestände einer Bibliothek. Aufgrund der
völlig anders gearteten, bibliothekarischen
Sammlungskriterien sind Büchergruppen
dieser Art nur mit hohem Aufwand faßbar, nämlich nur im Zuge einer Gesamtrevision. Ihr Quellenwert für das frühere,
aufgelöste Ensemble ist zudem erheblich
reduziert. Der Grad dieser Minderung kann
wiederum nur durch die Erforschung der
Übernahmegeschichte eruiert werden.
Quellenwert kommt zu rekonstruierenden Sammlungen in bezug auf die
Geistes- und Buchgeschichte einer nicht
mehr existenten Bibliothek zu. Provenienzvermerke oder auch nur bestimmte
Signaturen und ähnliches ermöglichen die
partielle Rekonstruktion älterer geschlossener Bestände, die in der nicht mehr
existenten Bibliothek aufgegangen waren. Auch im Bereich der Bucheinbände
sind Gruppenbildungen möglich.
Im folgenden soll die ansatzweise
Rekonstruktion von zwei Privatbibliothe-
Theke 1998
ken, der des Dominikaners Wendelin Fabri aus Pforzheim und des Magisters Nikolaus Scheid aus Hagenau, skizziert
werden. Bestände aus diesen Sammlungen gelangten im Zuge der Säkularisation
an die UB Heidelberg. In beiden Fällen
sind die Bücher selbst die einzige Quelle,
die sich zu diesen Privatbibliotheken erhalten hat.
Wendelin Fabri
Die überkommenen Teile der Wendelin
Fabri-Bibliothek5 gelangten über Salem
an die UB Heidelberg. Sein Nativkonvent
war das um 1260 gegründete Dominikanerkloster in Pforzheim. Wahrscheinlich
stammte er aus der Stadt selbst oder dem
Umland; er wird um 1465 geboren und
um 1480/85 in den Konvent eingetreten
sein. Nach dem Besuch des Studium particulare vor Ort hat er aller Wahrscheinlichkeit nach in Italien weiterstudiert. 1503
ist Fabri erstmals urkundlich faßbar. In
diesem Jahr wurde er als Lektor, der über
die Sentenzen des Petrus Lombardus und
die Hl. Schrift zu lesen hatte, seinem Heimatkonvent zugeordnet. Als Beichtvater
kam er 1509 an das Dominikanerinnenkloster Zofingen bei Konstanz, wo er am
3. August eingeführt wurde. Wahrscheinlich im Rahmen des Ordensstudiums erhielt er 1512 die Magister- und die Doktorwürde. Schon am 25. Januar 1510 überließ ihm das Konstanzer Domkapitel einen Schlüssel zur Dombibliothek und erteilte ihm die Erlaubnis, an der Domschule zu lehren6.
Nachweisen läßt sich eine besondere
Vertrauensstellung zum Konstanzer Bischof Hugo von Hohenlandenberg (1496-
1530; 1531-1532)7. 1511/12 unternahm
Fabri eine leider erfolglose Reise nach
Rom, um einen Ablaß für den Wiederaufbau der 1511 abgebrannten Münstertürme zu erreichen8. 1512 folgte, ebenfalls in
bischöflichem Auftrag, eine Visitation des
St. Gallener Dominikanerinnenklosters St.
Katharina.
Im Zuge der Reformation in Konstanz geriet Fabri mehr und mehr in Gegensatz zur evangelisch gesinnten Stadt,
die 1527 ein Predigtverbot für katholische
Seelsorger erließ.
Mit Bischof und
Domkapitel wird er
im Herbst/Winter
1526/1527 nach
Meersburg übergesiedelt sein. Über
sein weiteres Wirken ist nichts bekannt. In der Stiftsbibliothek St. Gallen haben sich in Hs.
990 abschriftliche
Traktate und Predigten des Dominikaners erhalten. Der
Codex wurde 1522
im St. Gallener Kloster St. Katharina
von Nonnen verfertigt.
Bei der Ende
Oktober 1996 begonnenen Revision
und Katalogisierung Heidelberger
Altbestände konnten bisher 23 Inkunabel- und sieben
Frühdruckbände
mit insgesamt über
50 Titeln identifiziert werden, die aus
Fabris Besitz stammen. Das jüngste Buch
stammt aus dem Jahr 1527. Die einzelnen
Bände sind kenntlich an dem später meist
gestrichenen Besitzvermerk: Ex libris
doctoris Wendelini Fabri ordinis predicatorum Phorcensis et capellani Hugonis
episcopi, mit dem wohl nach 1527 die
gesamte Bibliothek einheitlich gekennzeichnet worden ist (Abb. 1); da für die
Folgezeit alle sonstigen Lebenszeugnisse
fehlen, wird Fabri wenig später gestorben
sein. Wie und warum die Bestände an das
Abb. 1
Seite 67
Theke 1998
Zisterzienserkloster Salem und nicht beispielsweise an das Konstanzer Dominikanerkloster gingen, läßt sich nicht sagen.
Immerhin taucht in der Salemer Handschrift Cod. Sal. IX,74 ein Vermerk auf,
nach dem Wendelinus Faber ordinis predicatorum capellanus den Verfasser des
anonym überlieferten Werks zutreffend
als Rupert von Deutz identifiziert habe9.
Dies läßt immerhin auf Beziehungen zwischen ihm und dem Kloster schließen,
wahrscheinlich auf die Nutzung der Salemer Bibliothek.
Insgesamt umfaßt der Fabri-Bestand
53 Titel. Den Schwerpunkt bilden natürlich die theologischen Werke mit 32 Einheiten, darunter neun Werke des Thomas
von Aquin einschließlich Kommentaren.
Allein sieben gehören zum Bereich der
kirchenreformerischen Publizistik. Hier
spielt Jakob Wimpfeling (1450-1528) als
Autor oder Herausgeber eine gewisse
Rolle. Innerhalb der 53 Titel taucht er bei
vier Einheiten auf. Zwei Bücher dagegen
sind antireformatorisch orientiert. Mit zehn
Titeln ist der juristische, insbesonders kirchenrechtliche Bereich relativ gut belegt.
Kleinere Fonds bilden scholastische Philosophie (5 Titel), Humanismus, Pädagogik und Kirchenmusik. Neben Wimpfeling sind aus dem humanistischen Bereich
Marsilius Ficinus (1433-1499), Johannes
Reuchlin (1455-1522) und Heinrich Bebel (1472-1518) vertreten.
Der hier vorliegende Ausschnitt aus
der ursprünglichen Bibliothek Fabris läßt
den durch die biographische Überlieferung bestätigten Schluß zu, daß der Dominikaner über eine profunde theologische
und juristische Bildung verfügte. Wie die
auffällige Zahl kirchenreformerischer
Schriften sowie die zwei antireformatorischen Werke zeigen, negierte er die Mängel der Kirche keineswegs, lehnte die Reformation aber als zu radikal ab. Geistig
verband ihn dies mit den Humanisten der
ersten Generation, die, wie Wimpfeling,
katholisch blieben, sehr wohl aber für
eine Reform der Alten Kirche kämpften.
Erwartungsgemäß enthält auch die Bibliothek Fabris humanistische Literatur.
Nikolaus Scheid
Die Bibliothek von Nikolaus Scheid ist in
der Sammlung des Benediktinerklosters
Gengenbach aufgegangen, das 1802/03
unter badische Oberhoheit gelangte und
1807 endgültig aufgehoben wurde. Anfang des 17. Jahrhunderts waren größere
Bestände an das zu dieser Zeit darniederliegende Benediktinerkloster Ettenheimmünster gegangen; die Bibliothek dieses
Klosters gelangte zum größerern Teil nach
der Aufhebung in die Hofbibliothek in
Karlsruhe, zum geringeren nach Heidelberg. Zur Zeit der Aufhebung Gengenbachs kam es zu etlichen Entfremdungen.
Die Bibliothek in Karlsruhe nahm, wie
üblich in solchen Fällen, ihr Vorauswahlrecht wahr und verlangte 654 Werke,
worunter sich nach dem Zeugnis des Heidelberger Bibliotheksdirektors Friedrich
Wilken (1770-1840) gerade die wertvollsten Stücke befanden. Bei einem Luftangriff 1942 verlor die Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Nachfolgerin der Hofbibliothek, etwa ein Drittel ihrer Inkunabeln sowie den größten Teil der Altdruckbestände späterer Zeit, darunter nachweisbar Bücher aus Scheids Besitz.
Nach der Vorauswahl der Karlsruher Hofbibliothek gingen die Kataloge
der Gengenbacher Sammlung an die Universitäten in Heidelberg und Freiburg,
deren Wünsche sich allerdings weitge-
Seite 68
hend überschnitten. Im Oktober 1809 trafen Abgesandte beider Universitäten in
Gengenbach ein, um die Bücher aufzuteilen; der Rest gelangte an Gengenbacher und Offenburger Schulen oder wurde verkauft. In die Neckarstadt kamen
738 Werke in 870 Bänden10, von denen
möglicherweise ein Teil als Dubletten
verkauft wurde. Weitere Verminderungen gab es hier mit Sicherheit im Zuge
von Auslagerungen im zweiten Weltkrieg,
als in einem Depot Bücher insbesondere
der Fachgruppe Klassische Philologie verbrannten.
Das älteste Zeugnis zur Person des in
Hagenau geborenen Scheid ist die Aussage des Gengenbacher Leutpriesters Cornelius Eselsberger (gest. 1571), daß beide
zusammen die Hagenauer Lateinschule
des Hieronymus Gebwiler11 besucht haben. In der Matrikel der Heidelberger
Universität taucht er im Jahre 1529 auf;
1530 wurde er Bakkalaureus12. 1531 läßt
sich der Student in Tübingen fassen. Hier
erlangte er 1534 den Magistergrad13. Zeugnis der Tübinger Zeit sind die Sammelbände Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Gengenbach 3 und 4. Es handelt sich um überwiegend astronomische
Drucke, denen astronomisch-astrologische Notate oder kleine Opera von Scheids
Hand angebunden sind. Cod. Gengenbach 3 enthält die Abschrift zweier Werke
des Tübinger Mathematikers Philipp Imsser (1500-1570).
Nach der Ablegung des Magisterexamens studierte Scheid Medizin. Der
Anatom und Astronom Johannes Dryander (1500-1560)14 immatrikulierte ihn am
1. Januar 1538 in Marburg. Gemäß diesem Eintrag hielt sich der Hagenauer
Magister hier jedoch nur ein Semester auf
und reiste dann nach Freiburg ab15. Am
12. Oktober 1538 immatrikulierte sich
Scheid schließlich an der medizinischen
Theke 1998
Fakultät in Köln16. Der Kontakt zu Marburg bestand aber auch noch in der Folgezeit. Als Johannes Dryander 1543 das
Werk „De urinis“ von Euricius Cordus
herausgab, widmete er es Dem Erbarn
und wolerfarnen der freiien künsten Magistro Nicolao Scheide von Hagenaw/
medicine candidato/ meynem fruentlichen
discipeln17. Zu einer Promotion Scheids
in der Medizin scheint es jedoch nicht
gekommen zu sein; auch in den Belegen
der Folgezeit taucht er lediglich als Magister auf.
Nach Abschluß der Studien arbeitete
Scheid in seiner Heimatstadt. 1553 bat der
Hagenauer Drucker Sigmund Bund um
die Druckerlaubnis für vier Bücher. Als
Mitglied der städtischen Kommission, die
darüber zu befinden hatte, ist auch M.
Nicolaus Scheid, als Arzt tätig, bezeugt18.
Der bedeutende Hagenauer Mediziner
Johann Georg Schenck (ca. 1560-1620)
nennt Scheid unter den Personen, die ihm
medizinische Handschriften übermittelt
hatten19. Das zeitlich folgende Lebenszeugnis stellt eine auf 1561 datierte Handschrift Scheids dar, die Teil der Straßbur-
ger Johanniterbibliothek war und mit der
Stadtbibliothek 1870 unterging20. Etwa
zeitgleich dürften die handschriftlichen
Kollektaneen Scheids entstanden sein, die
sich im Anschluß an einen Druck von
1560 in Cod. Heid. NF 17 der UB Heidelberg Gengenbacher Provenienz finden.
Scheid blieb dem katholischen Glauben treu und mußte im Zuge des Vordringens reformatorischer Bestrebungen in
Hagenau 1566/6721 die Stadt verlassen.
Erwähnt ist dieser Sachverhalt im auf den
31. Dezember 1567 datierten Vorwort der
ungedruckten Schrift „Christliche und
getrewe Warnung von der vermeintlichen
und betrüglichen Reformation“22. Das auf
den bereits erwähnten Cornelius Eselsberger zurückgehende Werk ist Scheid
gewidmet. Die erhaltenen Spuren lassen
darauf schließen, daß der Hagenauer Magister eine sehr große und wertvolle Bibliothek besessen hat. Allerdings scheint
er nie selbst als Autor hervorgetreten zu
sein.
Neben wenigen Handschriften lassen sich heute aus Scheids Besitz noch 29
Inkunabel- oder Frühdrucktitel nachwei-
Abb. 2
Seite 69
sen, die allesamt an seinem autographen
Besitzvermerk kenntlich sind oder waren
(Abb. 2). Von diesen Titeln gingen 22
nach Karlsruhe (darunter einer über Ettenheimmünster); fünf verbrannten 1942
und sind nur noch über den Vorkriegskatalog faßbar. Weitere fünf Titel wurden
bisher in der UB Heidelberg identifiziert,
je ein Titel in der UB Freiburg und in der
Stadtbibliothek Schlettstadt. Die sachliche Gliederung zeigt Schwerpunkte, die
sich mit der Biographie decken. Zehn
Titel gehören zum Bereich der Theologie,
ebenfalls 10 zum Komplex Mathematik,
Astronomie und Astrologie. Kleinere
Schwerpunkte sind Kirchengeschichte,
Geographie sowie klassische Philologie
und humanistische Literatur. Besonderes
persönliches Interesse ist im Bereich der
Inschriften zu sehen. Der Druck 42 B 245
R der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, eine in Rom erschienene Sammlung
von Inschriften, wurde auf leeren Blättern
mit vielen Nachträgen von Scheids Hand
versehen. In der Straßburger Johanniterbibliothek befand sich eine heute verschollene autographe Handschrift mit älteren und neueren Epitaphia. Auffällig ist
unter den bisher bekannten, zuweisbaren
Titeln das Fehlen jeglicher medizinischer
Literatur. Gerade in diesem Bereich ist es
in Heidelberg allerdings auch zu großen
Kriegsverlusten gekommen.
Die heute nach faßbaren Bestände
Scheids spiegeln ziemlich genau die Bestandsgeschichte Gengenbachs und die
Aufteilung der Klosterbibliothek wider.
Obwohl diese private Sammlung heute nur
stark reduziert überliefert ist, lassen sich
neben dem konkreten Beleg ihrer Existenz
auch noch Aussagen über ihren Zuschnitt
machen. Im Gegensatz zu der Fabri-Bibliothek Salemer Provenienz kann jedoch die
Existenz weiterer, verstreuter Reste nicht
ausgeschlossen werden.
Theke 1998
Die angezogenen Beispiele ließen
sich um viele weitere vermehren. Beispielsweise finden sich in Heidelberg Reste
der bisher völlig unbekannten pfalzgräflichen Bibliothek in Pfalz-Neuburg, die erst
nach 1693, nach den Verheerungen des
17. Jahrhunderts, in die Universitätsbibliothek kamen. Evident dürfte auf jeden
Fall der Quellenwert für die Bibliotheksgeschichte Badens und des Elsasses sein,
den diese Altbestände haben. Durch Identifizierung und Zuordnung einzelner Bücher läßt sich in den Resten privater Sammlungen ein Fonds erschließen, der die
wenigen schriftlichen Quellen zu der jeweiligen Person um eine bedeutungsvolle
Komponente ergänzen kann. Schwerpunktmäßig liegt der größte Quellenwert
bei den Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts. Im konkreten Fall Heidelbergs reichen gruppenbildende Provenienzvermerke mindestens bis zum Anfang des 19.
Jahrhunderts. Danach dominieren die geschlossen aufgestellten Gelehrtenbibliotheken, darunter auch die von Friedrich
Christoph Schlosser. Spätere geschlossene Zugänge sind mangels Besitzvermerken nicht mehr zuzuordnen.
Bei der Provenienzgeschichte handelt es sich um ein bibliothekshistorisches
Fach, dessen Bedeutung in den letzten
Jahren vor allem im angelsächsischen,
französischen sowie belgisch-niederländischen Bereich ganz erheblich zugenommen hat23. Zu nennen ist beispielsweise
der Vorschlag, eine internationale Provenienzdatenbank aufzubauen, die dezentral zu speisen wäre. Meines Erachtens
sollte man aber nicht bei der Erfassung
zerstreuter, eher zufällig in die Bibliothek
gelangter Bücher beginnen, sondern primär die Spuren von Bibliothecae deperditae im eigenen und gegebenenfalls fremden Bestand erschließen. Die mühevolle
Durchsicht wird ergänzt durch histori-
sche Studien, was zwar, wie gezeigt wurde, keine lückenlose Geschichte der Privatbibliothek und ihres Besitzers ermöglicht, insgesamt aber doch zu neuen Erkenntnissen führt, die auf anderen Wegen
nicht zu gewinnen wären.
Die Rekonstruktion von Büchersammlungen, die in alten Bibliotheken
bis ins 19. Jahrhundert übernommen wurden und dann, gewissermaßen entsammelt, im Gesamtbestand aufgingen, wird
zu einer Neubewertung des jeweils singulären Quellenwertes führen, die über den
Wert des Drucks als Teil einer Auflage
weit hinausgeht. Insbesondere dieser Teil
muß, um einen Begriff aus der Denkmalpflege zu übernehmen, unter Ensembleschutz gestellt werden, da Provenienzeinträge, aber auch Einbände und andere
singuläre Besonderheiten Unikatcharakter haben. Damit sind Bände dieser Art
tendenziell eher mit Handschriften zu vergleichen.
Die hier genannten Beispiele zeigen
einmal mehr, daß die heutige bibliothekarische Schwerpunktsetzung letztlich allein von den technischen Möglichkeiten
und den gerade modernen, wellenhaft
aufsteigenden und verschwindenden Themen geprägt ist. Keinesfalls ist das oft zu
konstatierende abnehmende Interesse am
alten Buch darin begründet, daß dieser
Bereich erschöpfend erforscht wäre. Eine
durchaus realistische Abschätzung des
Erschließungsbedarfes der Heidelberger
Altbestände bis 1600 (ohne Berücksichtigung unter anderem der mehreren tausend
Urkunden sowie von etwa 100 nur kursorisch bearbeiteten Nachlässen) kam auf
etwa 100 Personenjahre, was verständlich
wird, wenn man bedenkt, daß der letzte
große, eigene Handschriftenkatalog, von
den Drucken ganz zu schweigen, 1903
erschienen und inzwischen hoffnungslos
veraltet ist. Zudem entfernt sich der bi-
Seite 70
bliothekarische Alltag mehr und mehr von
einer historischen Sicht der Dinge. Dies
kann auch nicht durch die Wissenschaft
aufgefangen werden, da beispielsweise
eine Bestandsrevision kaum einem Außenstehenden anvertraut werden würde.
Zweifellos wird es gerade im Bereich der
Universitätsbibliotheken, die vom Auftrag her in erster Linie für die aktuelle
Versorgung des Campus zuständig sind,
immer schwieriger werden, die Schere
zwischen modernem Anspruch und historischem Erbe zu schließen, zudem alle
Arbeit an den Altbeständen personalintensiv und mühsam ist und nur einem
zwar wichtigen, aber kleinen und somit
statistisch irrelevanten Teil von Wissenschaftlern zugute kommen kann.
Armin Schlechter, UB, Tel. 54 – 23 99
Theke 1998
Anmerkungen
1
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm
Grimm, Bd. 14, Leipzig 1893, Nachdruck München
1984, Sp. 1753.
bliothek Freiburg i. Br. 1795-1823. Personal, Verwaltung, Übernahme der säkularisierten Bibliotheken, Freiburg – München 1971 (Beiträge zur Freiburger Wissenschafts- und Universitätsgeschichte
35), S. 76-79.
2
K. H. Haar, Die Bibliothek des Heidelberger Historikers Friedrich Christoph Schlosser (1776-1861).
Entstehung, Inhalt und Geschichte einer Gelehrtenbibliothek, in: Bibliothek und Wissenschaft 8 (1972),
S. 1-92.
3
D. Jank, Der Bestand „Historica“ der ehemaligen
Bibliothek des Klosters Salem, in: Bibliothek und
Wissenschaft 19 (1985), S. 56-61.
4
A. Schlechter, Gelehrten- und Klosterbibliotheken
in der Universitätsbibliothek Heidelberg. Ein Überblick, Heidelberg 1990 (Heidelberger Bibliotheksschriften 43), S. 15f.
5
K. J. Höpf, Der Zoffinger Spiritual Wendelin Fabri
O. P. aus Pforzheim und seine geistlichen Schriften.
Ein Beitrag zur vorreformatorischen Geschichte der
dominikanischen Observanz und Predigt in der Teutonia, Diss. Fribourg 1951, S. 8-18.
6
M. Krebs, Die Protokolle des Konstanzer Domkapitels, 5. Lieferung, Beiheft zur Zeitschrift für die
Geschichte des Oberrheins 104 (1956), Nr. 3845.
7
Das Bistum Konstanz. Das Erzbistum Mainz. Das
Bistum St. Gallen, redigiert von B. Degler-Spengler,
2. Aufl., Basel 1996 (Helvatia sacra I,2,2), S. 376385.
8
Krebs, Protokolle (wie Anm. 6), Nr. 4340, 4376.
9
Die Handschriften des Zisterzienserklosters Salem, I: Die mittelalterlichen Handschriften, Bd. 1:
Die nichtliturgischen Handschriften, beschrieben
von W. Werner (Kataloge der Universitätsbibliothek Heidelberg) [im Druck].
10
Schlechter, Gelehrten- und Klosterbibliotheken
(wie Anm. 4), S. 18f.; E. Mittler, Die Universitätsbi-
11
M. U. Chrisman, Hieronymus Gebwiler, in: Contemporaries of Erasmus. A biographical register of
the renaissance and reformation, Bd. 2, Toronto u. a.
1986, S. 81f; A.-M. Burg, Gebwiler, Jérôme (Hieronymus), in: Noveau dictionnaire de biographie alsacienne, Nr. 12, Straßburg 1988, S. 1132f.
12
Die Matrikel der Universität Heidelberg von 1386
bis 1662, hrsg. von G. Toepke, Bd. 1, Heidelberg
1884, S. 545,24.
13
Die Matrikeln der Universität Tübingen, hrsg. von
H. Hermelink, Bd. 1: Die Matrikeln von 1477-1600,
Stuttgart 1906, S. 268,13.
14
R. Herrlinger, Dryander (A[E]ichmann), Johannes, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 4, Berlin
1959, S. 142f.
15
Magister Nicolaus Scheyde Haganous. is, bonarum
artium atque medicinae quam sibi ter Germanis
Academiis perlustratis foelicissime comparavit studiosissimus adolescens, anatomiae visendae gratia
huc se extulit, semestri plus minus temporis spacio
sic agens voti sui compos factus Friburgum abiit;
Catalogus studiosorum scholae Marpurgensis per
annos MDXXVII-MDCXXVIII descriptus, hrsg.
von J. Caesar, Marburg 1875-1887, S. 30.
16
Die Matrikel der Universität Köln, bearb. von H.
Keussen, Bd. 2, Bonn 1919, S. 954 Nr. 39.
17
Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts, Abt. 1, Bd.
1-22, Stuttgart 1983-1995, C 5107; A. M. Burg,
Patrizier und andere städtische Führungsschichten
in Hagenau, in: Deutsches Patriziat 1430-1740.
Büdinger Vorträge 1965, hrsg. von H. Rössler, Limburg 1986, S. 374 Anm. 122; A. M. Burg,
L’humanisme de Haguenau, in: Grandes figures de
Seite 71
l’humanisme alsacien courants milieux destins, introduction par F. Rapp, conclusion par G. Livet,
Straßburg 1978, S. 60f.
18
A. Hanauer, Les imprimeurs de Haguenau, Straßburg 1904, S. 122f; Burg, Patrizier (wie Anm. 17), S.
374 Anm. 122.
19
Joannis Zinckii medici, de crisi et diebus criticis
liber manuscriptus; Burg, Patrizier (wie Anm. 17),
S. 374 Anm. 122.
20
J. J. Witter, Catalogus codicum manuscriptorum,
in Bibliotheca sacri ordinis Hierosolymitani Argentorati asservatorum, Straßburg [1749], S. 32: C 91,3:
Clarorum Virorum Epitaphia, vetera & nova, collecta à M. Nicolao Scheidio, 1561. Die handschriftlichen Eintragungen Scheids in dem Frühdruck 42 B
245 R der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe
zeigen ebenfalls die Schwerpunkte Inschriften und
Epitaphia.
21
J.-P. Grasser, Crises et restaurations (1535-1789),
in: Études Haguenoviennes N. F. 9 (1983), S. 159161.
22
Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Ettenheimmünster 34; Die Handschriften des Klosters
Ettenheim-Münster, aufgenommen von K. Preisendanz, Neudruck mit bibliographischen Nachträgen, Wiesbaden 1973 (Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe 9), S. 17, 101;
F. Baumgarten, Bilder aus Gengenbachs Vergangenheit, Neue Folge, in: Schau-ins-Land 22 (1895),
S. 30, 42f. Anm. 87.
23
Ch. Coppens, Provenances and private libraries of
the fifteenth century: a bookhistorical point of view,
in: Scriptorium 50 (1996), S. 325-330; Marks in
books. Proceedings of the 1997 BSA conference,
hrsg. von R. E. Stoddard, in: The papers of the
bibliographical society of America 91 (1997), S.
459-644.
Theke 1998
Zum Stand der Inkunabelkatalogisierung in der UB Heidelberg
Die Heidelberger Inkunabeln, nach früheren Zählungen 1702 Einheiten, sind bisher nur in einem handschriftlichen Bandkatalog verzeichnet gewesen (vgl. zum
Projektbeginn Theke aktuell, 1997, Heft
1). Da er heutigen Ansprüchen längst nicht
mehr genügte, wurde Anfang 1997 mit
einer Neuerfassung begonnen. Als Arbeitsinstrument dient seither das Tübinger Datenbanksystem TUSTEP (Tübinger System von Textverarbeitungsprogrammen), das sich in der Praxis sehr
bewährt hat. Mit ihm wird sich auch die
physische Druckvorlage für den geplanten Katalog herstellen lassen, da es ein
Satzprogramm enthält.
Die Katalogisierung selbst konnte auf
Rohdaten des deutschen Incunable Short
Title Catalogue (ISTC) zurückgreifen, der
in der Bayerischen Staatsbibliothek München bearbeitet wird. Auf der Basis der
Nummern der Standard-Inkunabelverzeichnisse (Hain, Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) etc.) melden die einzelnen Bibliotheken ihren Bestand und erhalten im Gegenzug englische Katalogisate. Diese Daten bilden die Grundlage
für die Titelaufnahme, die in der Handschriftenabteilung durch den zuständigen
Sachbearbeiter, Herrn Ries, erstellt wird.
Allerdings muß immer geprüft werden,
ob Katalogisat und Inkunabeln identisch
sind, da in Heidelberg die einzelnen Hainund GW-Nummern schon vor längerer
Zeit ermittelt wurden. Tatsächlich ließen
sich einige Fehler korrigieren.
Die Titelaufnahme ist zur Zeit im ersten Durchgang beendet, sieht man von
einigen Problemfällen ab. Wenige bisher
als Inkunabeln geführte Drucke wurden
dabei als frühe Drucke des 16. Jahrhunderts
Abb. 1
identifiziert und aus der Datei gelöscht. Offensichtlich bestand in Heidelberg die Tendenz, Zweifelsfälle eher der Inkunabelsammlung zuzuweisen. Andere Wiegendrucke waren bisher früheren Katalogisatoren ganz entgangen. Insgesamt sind zur
Zeit 1695 Inkunabeln identifiziert, darunter etwa 30 Unikate. Gleichzeitig wurden
über 300 Drucke des 16. Jahrhunderts
bestimmt, die Inkunabeln beigebunden
sind. Sie tauchen in Kurzform im Inkunabelkatalog auf, wurden aber auch parallel
im SWB erfaßt. Nicht klären läßt sich die
Frage, ob Drucksammelbänden des 16.
Jahrhunderts, die zu den Reservata gehören, nicht auch noch einzelne Inkunabeln
enthalten, da die Erschließung dieses Bestandes erst begonnen hat.
Nicht geringe Arbeit machen vier
Kartons mit Dutzenden von Inkunabelfragmenten, die seit dem letzten Jahrhundert aus anderen Bänden ausgelöst worden sind, oft leider ohne genaue Angabe
ihrer Herkunft. Zum Teil handelt es sich
nur um Blattfragmente. Die Bruchstücke
Seite 72
werden erschlossen, wenn sie einen gewissen Umfang haben oder wenn sie sich
noch dem Band zuweisen lassen, aus dem
sie stammen. Gerade bei diesen Fragmenten kann es sich um sehr seltenes Material
handeln (s. u.).
An die Titelaufnahme schloß sich die
sogenannte Exemplarbeschreibung an, die
vom Leiter der Handschriftenabteilung,
Herrn Dr. Schlechter, ebenfalls im ersten
Durchgang unternommen wurde. Zu erfassen sind unter anderem der Einband
und die Provenienz. So lassen sich bereits
jetzt dem Zisterzienserkloster Salem 415
Bände zuweisen, dem Benediktinerkloster Petershausen 154. Unter anderem
wurden unter den Salemer Beständen
Bücher aus der Bibliothek des Dominikaners Wendelin Fabri entdeckt (vgl. den
Beitrag „Die Bibliothek als Sammlung“
in diesem Heft der Theke).
Die Katalogisierung wird sich mit
einem zweiten, endgültigen Durchgang
fortsetzen, der auch handschriftliche historische Kataloge miteinbeziehen soll, so den
Theke 1998
Inkunabel- und Frühdruckkatalog der Klöster Salem und Petershausen von 18251. Erheblichen Rechercheaufwand erfordern
noch etliche Besitzeinträge, die sich bisher
noch nicht identifizieren ließen. Weiter soll
der in Druckform geplante Katalog eine
Einleitung erhalten, die die buch- und bibliothekshistorischen Erkenntnisse des
Projektes zusammenfaßt. Gearbeitet wird
darüber hinaus in Zusammenwirken mit
der UB Tübingen an der Idee eines landesweiten Online-Inkunabelkatalogs.
Zwei Beispiele mögen den wissenschaftlichen Gewinn des Projektes sichtbar werden lassen:
(1) Unter den losen Inkunabelfragmenten fand sich eine Holzschnittleiste
(Abb. 1), die einen betenden Bischof vor
Maria und dem Kind zeigt. Am unteren
Rand ist das Wort Amen in angeschnittener Form zu erkennen. Die Zuordnung
zum Band, aus dem das Blatt stammt, war
leicht, da es sich offensichtlich um einen
Teil des Hinterspiegels handelte, der zudem noch die Signatur enthielt. Überraschend war allerdings das Ergebnis der
Recherche. Der Holzschnitt gehörte zu
einer Ausgabe des Directorium Spirense,
das für die Diözese Speyer jeweils für ein
Jahr, beginnend mit dem ersten Advent,
unter anderem regelt, welche liturgische
Feier an welchem Tag Vorrang hat und
welche Formulare in der Messe zu verwenden sind. Die einzige Parallelüberlieferung ist ein nicht ganz vollständiges
Directorium Spirense für 1498/99 im Be-
sitz der British Library. Es ist mit dem
Heidelberger Exemplar allerdings nicht
identisch, da das Amen fehlt. Unser Bruchstück ist mithin ein Unikat (Probedruck?),
läßt sich mangels Vergleichsstück aber
keinem Jahr mit Sicherheit zuweisen.
(2) Die in Lyon gedruckte juristische Inkunabel I 4861-C fol. Inc. ist in einen
Einband gebunden, wie er in der ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts häufig in Salem gefertigt wurde. Die gleichen Einbandstempel tauchen auch bei Beständen
aus dem Kloster Weißenau auf2. Der Hinterspiegel aus einem Doppelblatt einer
anderen Inkunabel (Abb. 2) ließ sich recht
schnell als Bruchstück einer Ausgabe der
Briefe des Humanisten Angelus Politianus identifizieren. Ein bibliographischer
Abb. 2
Seite 73
Theke 1998
Nachweis war jedoch nicht zu ermitteln.
Die Anfrage bei der Redaktion des Gesamtkatalogs der Wiegendrucke brachte
den Hinweis, daß es sich ebenfalls um ein
Unikat handelt. 1496 hatte der Bologneser Drucker Franceso Benedetti, genannt
Platone, mit der Arbeit an einer PolitianBriefedition begonnen, nachdem er schon
andere Werke des Autors verlegt hatte.
Wahrscheinlich schon nach der Fertigstellung der ersten Lage (8 Blätter) starb
Benedetti. Als die Erben die Offizin wieder in Betrieb nahmen, waren bereits andere Politian-Briefausgaben erschienen,
so daß die begonnene Edition nie vollendet wurde. Erst 1988 wies der römische
Bibliothekar Paolo Veneziani auf der Basis eines Makulaturdoppelblattes (Bl. 2
u. 7) der Biblioteca Nazionale auf diesen
Druck hin3. Bei dem Heidelberger Fragment handelt es sich um ein weiteres Doppelblatt, genauer um das äußere Blatt der
ersten Lage mit dem Titel (Bl. 1, 8). Wie
das Bruchstück aber zu einem lyonesischen Druck kam, der in Salem selbst
eingebunden wurde, wird wohl nicht mehr
zu klären sein. Es bleibt zu hoffen, daß
sich vielleicht doch noch irgendwo die
bisher unbekannten Blätter 3-6 der fraglichen Lage finden werden.
Armin Schlechter, UB, Tel. 54 – 23 99
Seite 74
Anmerkungen
1
Vgl. die Beschreibung bei A. Schlechter, Gelehrten- und Klosterbibliotheken in der Universitätsbibliothek Heidelberg, Heidelberg 1990 (Heidelberger Bibliotheksschriften 43), S. 78.
2
E. Kyriss, Die älteren Einbände der Universitätsbibliothek Heidelberg, in: Heidelberger Jahrbücher 4
(1960), S. 132.
3
P. Veneziani, Platone Benedetti e la prima edizione
degli „Opera“ del Poliziano, in: Gutenberg-Jahrbuch 1988, S.95-107.
Theke 1998
Philipp Melanchthon
und
Wilhelm Reiffenstein:
eine Humanistenfreundschaft im
Spiegel neu entdeckter Melanchthon1
briefe aus der Bibliotheca Palatina
Das Schicksal der berühmten Bibliotheca
Palatina, die die Fürsten des Pfalzgräflichen Hauses in ihrer Heidelberger Residenz während des 15. und 16. Jahrhundert
begründet und aufgebaut haben, um sie in
den Wirren des Dreißigjährigen Krieges
an die päpstliche Bibliothek im Vatikan
zu verlieren, ist 1986 durch die große,
auch international beachtete Palatina-Ausstellung nachdrücklich in das Bewußtsein
einer breiten Öffentlichkeit gerückt worden. Weniger bekannt ist dagegen, daß die
gut zweitausend lateinischen PalatinaHandschriften trotz ihrer bedeutenden
Schätze bis heute nicht vollständig erschlossen sind. Die Katalogisierung dieses Fonds auf der Basis von rückvergrößerten Mikrofilmen wird seit Ende der
60er Jahre mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der
Universitätsbibliothek Heidelberg vorangetrieben. Im Zuge dieser wissenschaftlichen Bearbeitung gelangt manches Neue
ans Licht, nicht nur im Bereich der mittelalterlichen Handschriften, sondern auch
bei den frühneuzeitlichen Beständen, unter denen das Reformationsschrifttum einen wesentlichen Schwerpunkt bildet.
Einen bedeutenden Fund stellen drei neue,
der Forschung bisher unbekannte Briefe
Philipp Melanchthons dar, die bei der
Bearbeitung der Briefsammlung des Codex Palatinus Latinus 1834 zutage kamen, wo sie in Abschrift überliefert sind.
Obwohl die Handschrift in der älteren
Literatur durchaus genannt wird, sind die
drei Stücke in der umfangreichen Briefsammlung bisher unbemerkt geblieben.
Bevor wir in diesem Beitrag einen
der genannten Briefe exemplarisch vorstellen und interpretieren, sollen einige
Worte zur Handschrift und ihrer Geschichte den Überlieferungskontext umreißen.
Der Papierkodex von 152 Blatt enthält in
seinem ersten Teil Abschriften von insgesamt 76 Briefen. Die überwiegende Mehrzahl davon gehört der Korrespondenz
Melanchthons an, dazu kommen Schreiben von und an Luther, Erasmus von Rotterdam, Justus Jonas und anderen. Der
kleinere zweite Teil umfaßt Vorlesungsankündigungen Wittenberger Professoren.
Die persönlichen Besitzeinträge der beiden Schreiber bzw. Kompilatoren erlauben es, den Ursprung der Sammlung recht
genau zu fixieren und über einen paläographischen Vergleich jedem der beiden
seinen Anteil zuzuweisen. Sowohl Georg
Seitz aus Eisfeld als auch der zweite Besitzer, Hieronymus Hesberg aus Lohr,
Seite 75
waren in den 30er Jahren Studenten an der
Universität Wittenberg und dürften somit
Schüler Melanchthons gewesen sein.
Seitz wurde gegen Ende des Wintersemesters 1536/37 immatrikuliert (d. h.
im März oder April 1537) und ein knappes Jahr später, am 2. Februar 1538, zum
Baccalaureus Artium promoviert. Die
weitere Promotion zum Magister Artium
erfolgte am 15. September 1541.
Diese Daten setzen auch den zeitlichen Rahmen für die Entstehung des ersten Teiles der Handschrift. Die Abschriften dürften nach der Immatrikulation von
Seitz angefertigt worden sein. Das wechselnde Schriftbild legt die Vermutung
nahe, daß die Niederschrift in Etappen
voranschritt. Möglicherweise schrieb Seitz
seine Vorlagen nach und nach ab, wie er
sie eben bekommen konnte.
Hieronymus Hesberg immatrikulierte sich im Wintersemester 1539/40 und
wurde am 28. September 1541 Baccalaureus Artium. Die „Intimationes“, also Vorlesungsankündigungen, der Universität
Wittenberg reichen vom 16. Juli 1539 bis
zum 10. Januar 1543. Sie erscheinen in
chronologischer Folge und zeigen die
Handschrift des zweiten Besitzeintrages,
d. h. von Hieronymus Hesberg. So kann
Theke 1998
angenommen werden, daß Hesberg die
Texte im Verlauf seines Wittenberger Studiums sammelte, indem er die öffentlichen Anschläge abschrieb oder sich Abschriften von Kommilitonen zum Kopieren auslieh und sofort oder später als Reinschrift in den vorliegenden Codex übertrug. Da Hesberg im September 1541
Bakkalar wurde, jedoch nicht unter den
Magistern erscheint, ist anzunehmen, daß
er wahrscheinlich noch 1543 oder nicht
sehr viel später Wittenberg verlassen hat.
Weder Hieronymus Hesberg noch
Georg Seitz sind bisher an anderer Stelle
nachgewiesen, so daß wir über ihren weiteren Lebensweg nichts erfahren. Ob und
wie lange der Band in Hesbergs Besitz
blieb, muß daher leider im Dunkeln bleiben. Die Handschrift läßt sich erst wieder
in der Heidelberger Bibliotheca Palatina
nachweisen. Der Katalog von 1581 verzeichnet sie dort als Epistolae Philippi
Melanthonis, Intimationes, sie war zu diesem Zeitpunkt in Perment (Pergament)
eingehefftet.
Auf welchem Wege der Codex in die
Palatina gelangte, muß offen bleiben. Große Teile der Reformationsschriften kamen bekanntlich mit der Bibliothek Ulrich Fuggers in die Heidelberger Bibliothek. Dieser wiederum erstand entsprechende Schriften sowohl einzeln als auch
en bloc mit der reichhaltigen Bibliothek
des Augsburger Arztes Achill Pirmin
Gasser. Die erhaltenen Inventare der Bücher Gassers und Ulrich Fuggers führen
jedoch unsere Handschrift nicht auf. Auch
mit den Büchern des Kurfürsten Ottheinrich von der Pfalz (reg. 1556-59), der wie
schon in seinem ererbten Fürstentum Neuburg auch in der Kurpfalz die Reformation einführte, kamen Schriften aus den
ersten Jahrzehnten der Reformation in die
Pfälzer Landbibliothek. Das Verzeichnis
der von ihm aus Neuburg mitgebrachten
Bücher weist jedoch keinen entsprechenden Eintrag auf. Erst wieder das Inventar
der nach Rom verbrachten Palatina-Handschriften verzeichnet den Band. Wie bei
den Handschriften der Bibliotheca Palatina überwiegend der Fall, wurde der heutige Einband erst in Rom gefertigt und kann
so keine weiteren Informationen zum
Seite 76
Überlieferungsweg beisteuern.
Im folgenden wird nun der älteste
und inhaltlich bedeutendste der drei Briefe vorgestellt.
Theke 1998
Philippus Melanchthon Guilelmo
Reiffensteyn
Expectat Martinus anxie adventum
tuum. Scis enim, quo sit erga te
animo. Ego vero impensissime
cupio, ut adventum tuum ad nos
matures, tum propter alia tum quod
in novi testamenti interpretatione in
ineunda ratione monetae nobis
opera tua mire opus est, quia
antiquitatem omnem sic exploratam
habes, ut ungues alii suos. Versavi
me in omnia, contuli, quicquid ea
de re prodidere nostri studii
homines. Sed in tanta autorum
varietate, quid tuto sequar, non satis
video. Multum valuerit vidisse
varia nomismata. Citat Egnatius
quendam Leonardum Poricum [!],
quem ego nondum vidi. Eius si
quid apud te est, fac, ut videamus.
Ubi adveneris, indicabo meam
supputationem, quam doctis aliis
ubicunque ostendes iudicandam.
Nosti proverbium: eÂw énØr oÈde‹w
énÆr unus vir nullus vir. Hunc
iuvenem tabellarium tibi commendo. Vale.
Philipp Melanchthon an Wilhelm
Reiffenstein
Martin erwartet voll Spannung
deine Ankunft. Du weißt ja, wie
viel er von dir hält. Ich jedoch
wünsche am dringlichsten, daß du
dein Eintreffen bei uns beschleunigst, einerseits wegen verschiedener Dinge, dann aber, weil uns
deine Hilfe bei der Übersetzung des
Neuen Testamentes und zwar bei
der nun anstehenden Umrechnung
von Münzen besonders nötig ist;
schließlich hast du ja die ganze
Antike so erforscht wie andere ihre
Fingernägel. Ich habe mich überall
umgetan und zusammengetragen,
was immer die Gelehrten unserer
Universität über diese Sache
beizutragen haben. Aber bei der so
großen Unterschiedlichkeit der
Autoren sehe ich nicht recht, was
ich sicher verfolgen kann. Es
könnte von großem Wert sein,
verschiedene Münzen gesehen zu
haben. Egnatius zitiert einen
gewissen Leonardo Porzio, den ich
noch nicht eingesehen habe. Wenn
du etwas von diesem bei dir hast,
laß es uns sehen. Sobald du hier
bist, werde ich meine Berechnungen unterbreiten, die du anderen
Gelehrten wo auch immer zur
Beurteilung vorlegen sollst. Du
kennst das Sprichwort: Ein Mann
ist kein Mann. Ich empfehle dir
diesen Jüngling als Boten. Leb
wohl.
Seite 77
Zunächst einmal ist die Identität des Adressaten aufzuklären. Empfänger aller drei
bisher unbekannter Briefe ist Wilhelm
Reiffenstein (ca. 1482-1538), der in Stolberg amtende Rat und Rentmeister des
Grafen Botho von Stolberg und Wernigerode. Aus einer im östlichen Taunus
ansässigen, für die Grafen von Königstein-Eppstein tätigen Beamtenfamilie
stammend, war der junge Wilhelm etwa
zwanzigjährig der Gräfin Anna von Königstein-Eppstein, die Graf Botho geheiratet hatte, in den Harz gefolgt. Dort brachte er es innerhalb weniger Jahre nicht nur
zum engen Vertrauten seines Dienstherren, sondern erwarb sich mit vielfältigen
wirtschaftlichen Unternehmungen ein
beträchtliches Vermögen. Zu nennen sind
hier sowohl der Tuchhandel, der ihn regelmäßig auf die Leipziger und Frankfurter Messen führte, als auch verschiedene
Beteiligungen an Bergwerksaktivitäten im
Harz und Mansfeldischen. Das dabei erwirtschaftete Vermögen investierte Reiffenstein in Grundbesitz sowie in gut rentierende Darlehen an verschiedene Adelige. In unserem Zusammenhang interessieren jedoch besonders die engen Beziehungen, die der hohe Stolbergische Beamte aufgrund seiner wissenschaftlichen
Neigungen und konfessionellen Präferenzen zu einer Vielzahl von Humanisten
und Reformatoren unterhielt.
Reiffensteins Freundschaft mit Melanchthon belegen bereits die bisher bekannten Bruchstücke ihrer Korrespondenz. In dem von der Heidelberger Melanchthon-Forschungsstelle bearbeiteten
Briefcorpus finden sich aus den Jahren
1527-1535 18 Melanchthonbriefe, die an
Wilhelm Reiffenstein adressiert sind. Hinzu kommen sieben Briefe, die sich an
Wilhelms Söhne Wilhelm d. Jüngeren,
Albrecht und Johannes richten. Darüber
hinaus hat Melanchthon seinen Stolber-
Theke 1998
ger Freunden vier von ihm verfaßte bzw.
herausgegebene Bücher gewidmet. Durch
die drei bisher unbekannten Briefe gewinnt das Bild dieser Freundschaft nun
beträchtlich an Tiefenschärfe.
Auch wenn die bisher bereits publizierte Korrespondenz erst mit dem April
1527 einsetzt, dürfen wir mit guten Gründen davon ausgehen, daß sich Wilhelm
Reiffenstein und Melanchthon bald nach
dessen Berufung nach Wittenberg (August 1518) kennen und schätzen gelernt
hatten. Denn bereits am 26. Juli 1519
berichtet der Wittenberger Student Philipp Glüenspieß seinem vertrauten Freund
Wilhelm Reiffenstein über die am 21. Juli
abgehaltene Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johannes Eck.
Glüenspieß´ Schreiben endet mit folgendem Verweis auf Melanchthon: „Ich schikke Dir, Wilhelm, bester Freund, den Brief
Philipp Melanchthons, eines Jünglings,
der nicht weniger durch seinen Charakter
als seine Gelehrsamkeit ausgezeichnet ist.
Aus diesem Brief magst du die ganze Sache und den Verlauf der kämpferischen
Disputation leicht von allem Anfang an
entnehmen. (…) Es läßt dich Philipp Melanchthon, dein Freund, aus ganzem Herzen, grüßen.“ Im selben Brief kündigt
Glüenspieß die Zusendung verschiedener
Reformationsschriften Melanchthons und
Luthers an.
Wir sehen also, daß Reiffenstein bereits in dieser Frühphase der Reformation
enge Verbindungen nach Wittenberg unterhielt. Auch die Entscheidung Graf Bothos, seine Söhne Wolfgang und Ludwig
in Wittenberg studieren zu lassen, dürfte
nicht ohne das Zutun seines vertrauten
Rates zustande gekommen sein. Als Reiffenstein 1520 in der Universitätsstadt für
die jungen Grafen Quartier machte und
eine Reihe von Doktoren zu einem Festmahl lud, waren wohl auch Luther und
Melanchthon unter den Gästen. In Luthers Korrespondenz wird Reiffenstein
mehrfach erwähnt bzw. angesprochen. So
läßt der Wittenberger Reformator Reiffenstein am 25. März 1520 durch einen
gemeinsamen Bekannten grüßen. Am 5.
Mai desselben Jahres bittet er Georg Spalatin, ihm einen Brief Reiffensteins zurückzugeben, der ihn gerade eben mit
Verwandten und Freunden in Wittenberg
besucht habe. Am 21. April 1525 übernachtete Luther in Reiffensteins Haus in
Stolberg. Die Förderung des verwaisten
Wittenberger Studenten Lorenz Rieber
empfiehlt Luther dem Stolberger Rentmeister am 4. September 1528. Daß Luther in diesem Schreiben den Adressaten
als seinen freundlichen, lieben Schwager
apostrophiert, läßt auf eine entfernte Verwandtschaft zwischen Luther und Reiffensteins Frau schließen. Die erwünschte
Förderung des Lorenz Rieber durch Reiffenstein ist dann noch einmal am 5. Juni
1529 Gegenstand eines Lutherbriefes an
den gemeinsamen Freund Justus Jonas.
Wie passen nun unsere drei neuen
Melanchthon-Briefe in dieses Panorama?
Für die Briefe gilt, was den Großteil der
erhaltenen Korrespondenz auszeichnet.
Sie sind, wie wir gesehen haben, sekundär, also in Abschriften und, wie in diesem Fall üblich, unter Auslassung des
Datums überliefert. Die Entstehungszeit
und der Entstehungsort müssen über inhaltliche Merkmale erschlossen werden.
Dies ist im Fall des ersten Briefes eine
leicht zu lösende Aufgabe.
Zunächst schildert Melanchthon, wie
sehnlich Martin Luther und er Reiffensteins Ankunft in Wittenberg erwarten.
Der Anlaß für die Erwartungshaltung der
Wittenberger ist dieses Mal, wie zunächst
zu zeigen ist, jedoch ein epochales geistesgeschichtliches Ereignis. Luther hatte, nachdem er zuvor durch Melanchthon
Seite 78
von der großen Nützlichkeit eines solchen
Unternehmens überzeugt worden war, in
den drei letzten Monaten seines Aufenthalts auf der Wartburg das Neue Testament ins Deutsche übersetzt, eine Leistung, die zusammen mit der in den nächsten Jahren folgenden Übertragung auch
des Alten Testaments „ein Gründungsdokument der deutschen Sprache und eine
der berühmtesten Bibelübersetzungen der
Geschichte“ (Horst Folkers) überhaupt
darstellt. Am 6. März 1522 nach Wittenberg zurückgekehrt, hatte er sich zusammen mit Melanchthon sogleich an die
Revision seines Entwurfes gemacht. Damit begann auf dem Gebiet der Bibelübertragung eine über zwanzig Jahre währende, äußerst fruchtbare Zusammenarbeit
zwischen den beiden Reformatoren, die
Luther in seinem einige Jahre später veröffentlichten Sendbrief vom Dolmetschen
folgendermaßen charakterisiert: „Im Hiob
erbeiten wir also, M. Philips, Aurogallus
und ich, das wir yn vier tagen zu weilen
kaum drey zeilen kundten fertigen. Lieber, nu es verdeutscht und bereit ist, kans
ein yeder lesen und meistern, Laufft einer
ytzt mit den augen durch drey, vier bletter
und stost nicht ein mal an, wird aber nicht
gewar, welche wacken und klötze da gelegen sind, da er ytzt uber hin gehet, wie
uber ein gehoffelt bret, da wir haben müssen schwitzen und uns engsten, ehe denn
wir solche wacken und klotze aus dem
wege reumten, auff das man kündte so fein
daher gehen.“ Für diese Aufgabe brachte
Melanchthon als der Gräzist der Wittenberger Universität nicht nur seine philologische Kompetenz, sondern auch seine
großen Spezialkenntnisse auf dem Gebiet
der antiken Realia ein. Bereits kurz nach
Aufnahme der Revisionsarbeiten hatte sich
Melanchthon an Caspar Cruciger in Leipzig gewandt, um an eine dort vorhandene
römische Karte von Judäa zu kommen.
Theke 1998
Denn der neuen Übersetzung sollte zur
besseren Anschaulichkeit eine Palästinakarte beigefügt werden. Viel schwieriger
als die Lösung geographischer Fragen
gestalteten sich jedoch die Probleme, die
sich aus einer sachgerechten Umsetzung
der antiken Münzwerte ergaben. Dabei
hatten die Übersetzer den Ehrgeiz, die
Kaufkraft der alten Münzen exakt zu ermitteln und ihnen moderne Äquivalente
gegenüberzustellen. Vor welchen Rätseln
man dabei vielfach stand, schildert Melanchthon in einem Schreiben an Georg
Spalatin, den gelehrten Sekretär des sächsischen Kurfürsten Friedrichs des Weisen: „Was wir teils selbst über das Münzwesen aufgeschrieben, teils aus den Aufzeichnungen anderer erfahren haben, teilen wir Dir mit. Mir ist es ein wunderbares
Vergnügen, eine so verzweifelte Angelegenheit zu erforschen, bei der wir gemeinhin wie Klippschullehrer im Wasser stekkenbleiben, sooft wir zu einer derartigen
Stelle kommen. Die unzähligen Fehler
der alten Handschriften und die unendlichen Irrtümer der griechischen wie auch
der lateinischen Kommentatoren muß man
durch eine sichere Grundlage des Münzwesens beheben.“
In dieser Situation wendet sich Melanchthon im Frühjahr 1522 an den gemeinsamen Freund Wilhelm Reiffenstein.
Er berichtet, wie wir gelesen haben, von
Luthers Bibelübersetzung und ihren Problemen bei der Berechnung der Münzwerte und bittet Reiffenstein, seine gediegenen Kenntnisse der Antike zur Verfügung zu stellen. Die Kollegen an der Wittenberger Universität sind schon um Rat
gefragt, ohne daß sie hätten entscheidend
weiterhelfen können.
Ein Blick in Melanchthons weitere
Korrespondenz zeigt nun, daß Melanchthon außer Reiffenstein noch weitere
auswärtige Gelehrte um Hilfe angeht. Am
5. Mai schreibt er an den ihm bisher unbekannten, aber von Joachim Camerarius
empfohlenen Erfurter Mediziner Georg
Sturtz, setzt ihn davon in Kenntnis, daß
Luthers Übersetzung des Neuen Testaments gerade in den Druck gegangen ist,
und kommt dann auf das Münzproblem zu
sprechen. Im Neuen Testament sei von
Assen, Denaren, Drachmen und Stateren
die Rede. Die bisherigen Übersetzer und
Kommentatoren hätten keine überzeugende Umrechnung vorgelegt, er, Melanchthon, habe sich immer und immer wieder mit der Sache auseinandergesetzt und
zahlreiche Gelehrte, darunter den überaus
kompetenten Camerarius, befragt, ohne
weitergekommen zu sein. Nun wende er
sich an ihn und bitte um Unterstützung bis
zur demnächst anstehenden Leipziger
Messe. Das Werk sei weitgehend fertig,
die Drucker drängten auf Abschluß. Sturtz
möge doch auch Mutian, den Nestor der
Altertumswissenschaft, hinzuziehen.
Um den 6. Mai wendet sich Melanchthon in derselben Sache an Georg Spalatin und verweist darauf, daß er schon
mehrere Freunde, darunter Mutian, angeschrieben habe.
Damit ist die Datierung des ersten
Reiffenstein-Briefes relativ genau einzuordnen. Terminus post quem ist Luthers
Rückkehr nach Wittenberg am 6. März
1522. Inhaltlich gehört er in die Nähe der
ähnlichen Briefe an Sturtz und Spalatin,
die auf den 5./6. Mai 1522 fallen. Möglicherweise wurde der Reiffenstein-Brief
jedoch einige wenige Wochen früher, also
noch im April, geschrieben. Melanchthon
hat zunächst einmal, wie er dem ihm noch
nicht persönlich bekannten Sturtz und dann
auch Spalatin schreibt, engere Freunde
wie z. B. Camerarius angesprochen. Unter diesen wird auch Reiffenstein gewesen sein. Zudem ist im Reiffenstein-Brief
im Gegensatz zu dem Schreiben an Sturtz
Seite 79
noch nicht vom Abschluß der Revisionsarbeit und den ungeduldig drängenden
Druckern die Rede.
Wir erfahren aus unserem Brief aber
noch ein interessantes Detail, das nur hier
überliefert ist. Melanchthon hat sich nicht
nur an die Gelehrten der Region gewendet, sondern auch die wissenschaftliche
Literatur durchforstet. Dabei hat er bei
Egnatius, also dem venezianischen Humanisten Giovanni Battista Cipelli (14781553), einen Hinweis auf ein einschlägiges Werk eines gewissen Leonardus Portius gefunden und fragt nun an, ob Reiffenstein etwas von Portius besitze.
Bei dem fraglichen Buch kann es sich
nur um den Traktat über antike Geld-,
Gewichts- und Maßeinheiten handeln, den
der Jurist Leonardo de Portis oder Porzio
aus Vincenza verfaßt hat. Diese Schrift hat
Cipelli mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen und vor 1520 herausgegeben. Im deutschen Sprachraum ist sie
dann im 16. Jahrhundert viermal nachgedruckt worden. In welchem Buch des Cipelli aber könnte Melanchthon, wie er
Reiffenstein schreibt, den Hinweis auf de
Portis entdeckt haben? Wir schlagen Cipellis Suetonausgabe vor, die mit seinem
Kommentar erstmals 1516 in Venedig,
dann, um Annotationes des Erasmus vermehrt, 1521 ein weiteres Mal in Venedig
erschienen ist. Dort heißt es bezüglich
antiker Längenmaße und ihrer Verderbnis
durch die Überlieferung: „Diesem Übel
schuf, soweit ich es weiß, als erster Leonardus Portius Abhilfe, der glänzende Vertreter des Vinzentinischen Adels, der diesem
Gegenstand schon vor fünf Jahren ein
Buch gewidmet hat. In diesem hat er in
größter Kürze und Klarheit die alten Zahlen, den Gebrauch von Gold und Silber bei
den Alten, die Münzen sowie deren Wert
und Namen abgehandelt.“ Melanchthon
wird de Portis Münzkunde, wahrscheinlich
Theke 1998
in Frobens Basler Ausgabe von 1520, bald
kennengelernt haben, denn am 7. September 1526 zitiert er in einem Schreiben an
seinen Freund Joachim Camerarius aus ihr.
Daneben hat er wohl bereits im Frühjahr
1522 die 1514 in Paris erschienene und
ebendort 1516 nachgedruckte Abhandlung
De Asse et partibus eius libri quinque des
französischen Humanisten Guillaume
Budé (1467/68-1540) zur Kenntnis genommen. Jedenfalls erzählt Melanchthon
in dem schon genannten Schreiben an
Georg Spalatin vom September 1522, daß
er einen seiner Studenten mit der Durchsicht und genauen Analyse dieses Werkes
beauftragt habe, und kündigt an, daß Spalatin dessen Zusammenfassung erhalten
werde. Neben de Portis war dann einige
Jahre später, im September 1526, wiederum Budé Gegenstand der Diskussion mit
Camerarius. Alle diese Forschungen und
Studien hat Melanchthon übrigens später
in einer kleinen Schrift über die antiken
Maße und Münzen zusammengefaßt, die
1529 in Wittenberg erschien und allein dort
bis 1574 wenigstens zehnmal nachgedruckt wurde.
Doch nun noch einmal zurück zu
unserem Reiffenstein-Brief. Melanchthon
schließt mit der Ankündigung, daß er seinem Stolberger Freund seine Umrechnung vorlegen werde, sobald er in Wittenberg angekommen sei. Dann möge auch
dieser dazu beitragen, daß eine möglichst
breite wissenschaftliche Diskussion ent-
facht wird. Melanchthon hat, offenbar in
baldiger Erwartung von Reiffensteins
Ankunft, auf eine Explizierung seiner
Umrechnungen verzichtet. Welche Relationen dabei zwischen Assen, Denaren
und Drachmen auf der einen und Meissner
Groschen auf der anderen Seite hergestellt wurden, wissen wir jedoch aus dem
schon zitierten Brief an Georg Sturtz vom
5. Mai 1522. Der Brief endet mit einem
griechischen Zitat aus den Adagien des
Erasmus von Rotterdam, das in treffender
Weise die Kommunikationssituation in
der Res publica litteraria der frühen Neuzeit im allgemeinen und das Forschungsethos Melanchthons im besonderen beschreibt: „Ein Mann ist kein Mann.“ Der
wissenschaftliche Fortschritt basiert eben
auf der gedeihlichen Zusammenarbeit
möglichst vieler.
Um nun noch einmal zusammenfassen: Die besondere wissenschaftliche
Bedeutung dieses Fundes liegt nicht allein in der Prominenz des Briefschreibers.
Es wird vielmehr an einem hochbedeutenden Beispiel, eben anhand von Luthers
Bibelübersetzung, deutlich, wie – auch
nach heutigen Maßstäben – „professionell“ die Wittenberger Reformatoren gearbeitet haben. Dazu gehörte die Heranziehung und Sichtung der europaweit erschienenen wissenschaflichen Literatur
ebenso wie die fächerübergreifende Diskussion zunächst mit den Wittenbergern
Professorenkollegen, dann aber auch mit
Seite 80
auswärtigen Gelehrten, wo immer sie auch
saßen. Die persönliche Tonlage, in der
dieser wie auch die beiden anderen, in das
Jahr 1527 zu datierenden Briefe2 gehalten
sind, wirft außerdem ein bezeichnendes
Licht auf eine besondere Gabe ihres Autors, die seltene Fähigkeit nämlich, über
Jahrzehnte hinweg Freundschaften zu pflegen und zu erhalten.
Die Präsentation dieses Fundes sowohl in der wissenschaftlichen Fachliteratur wie auch in der Hauszeitschrift der
Universitätsbibliothek Heidelberg verfolgt
das Ziel, an einem kleinen Beispiel vorzuführen, wie viele ungehobene Schätze in
den noch nicht oder kaum erschlossenen
Altbeständen unserer großen Bibliotheken schlummern und daß größere Projekte, wie das Handschriftenprogramm der
Deutschen Forschungsgemeinschaft,
durchaus ihren guten Sinn haben.
Wolfgang Metzger, UB, Tel. 54 - 26 81
Veit Probst, UB, Tel. 54 – 25 80
Anmerkungen
1
Dieser Beitrag ist die stark gekürzte Version eines
Artikels, den Wolfgang Metzger und Veit Probst für
die literaturwissenschaftliche Zeitschrift Daphnis
27 (1998) verfaßt haben. In den dortigen Anmerkungen, auf die hier aus Platzgründen verzichtet wurde,
finden sich die Auseinandersetzung mit dem bisherigen Forschungsstand sowie sämtliche Quellenbelege. Alle Quellenzitate in der hier vorliegenden
Fassung wurden von den Autoren aus dem Lateinischen übersetzt.
2
Wer sich für die zwei weiteren Briefe interessiert,
sei auf den eingangs zitierten Artikel verwiesen.
Theke 1998
Bibliographie zum Bibliothekssystem
der Universität Heidelberg
Berichtszeitraum 1997
Nachfolgend druckt die Universitätsbibliothek den ersten jährlichen Nachtrag der
Bibliographie zum Bibliothekssystem der Universität Heidelberg ab. Die Motive für
eine regelmäßige Erfassung des bibliotheksbezogenen Schrifttums sind schon in der
Projektankündigung* genannt worden: Die Bibliographie will in erster Linie eine
Informationsquelle für die tägliche bibliothekarische Arbeit sein. Daß sie daneben
auch als beachtliche Leistungsbilanz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bibliothekssystems gelesen werden kann, ist angesichts der anhaltenden Debatte über Status
und Leistungsfähigkeit der Bibliotheken ein nicht unwillkommener Nebeneffekt.
Das Verzeichnis berücksichtigt Monographien und Aufsätze, die sich in nennenswertem Maße auf die universitäre Heidelberger Bibliothekslandschaft beziehen.
Grundsätzlich nicht aufgenommen wurden die Artikel der internen Mitarbeiterzeitschrift Theke aktuell. Presseberichte sind lediglich in sehr grober Auswahl verzeichnet.
Eine relativ umfassende Presseschau bieten traditionell die Hefte von Theke aktuell.
Bei der Titelaufnahme galt der Grundsatz der Autopsie, womit sowohl eine fehlerfreie
Ansetzung als auch die inhaltliche Relevanz der genannten Titel gewährleistet ist. Die
ausgedruckten Aufnahmen folgen formal der DIN.
Die Bibliographie ist in erster Ordnung in ein System von 11 Sachgruppen
gegliedert, das sich eng an das Schema des Dokumentationsdienst Bibliothekswesen
(DOBI) anlehnt. Innerhalb der einzelnen Sachgruppen wird alphabetisch geordnet. Die
beigegebenen Schlagwörter dienen der näheren Inhaltserschließung der verzeichneten
Titel. Bezieht sich ein Titel nur auf eine dezentrale Bibliothek, steht stets der Institutsbzw. Fachbereichsname als erstes Schlagwort (z. B. Germanistisches Seminar ;
Mediensicherung). Die Universitätsbibliothek ist dagegen kein Deskriptor, da die
Mehrzahl der Dokumente die Zentralbibliothek betrifft. Die Zuweisung der Titel zu
den Sachgruppen wie die Schlagwortvergabe bleiben naturgemäß subjektiv.
Nachträge für den Zeitraum 1990–1997 oder Titelangaben für die Jahre 1998 und
1999 sind dem Projektbeauftragten auch weiterhin stets willkommen.
Achim Bonte, UB, Tel. 54 - 25 79
* Vgl. Theke aktuell 4 (1997), H. 1, S. 15f.
Seite 81
Übersicht der
11 Sachgruppen
1. Allgemeines
2. Beruf. Ausbildung
3. Bibliotheksgeschichte
4. Bibliotheksverwaltung.
Betriebsorganisation
5. Bibliotheksbau. Bibliothekstechnik
6. DV-Technik
7. Erwerbung
8. Erschließung
9. Benutzung
10. Öffentlichkeitsarbeit
11. Buchwesen. Handschriftenkunde
Theke 1998
Die im Anhang abgedruckte Bibliographie zum Bibliothekssystem der Universität
Heidelberg (Berichtszeitraum 1997) beginnt mit eigener Seitenzählung.
Seite 82
Bibliographie zum Bibliothekssystem der Universität Heidelberg
1997
1. Allgemeines
BONTE, ACHIM
Bonte, Achim ; Bibliographie zum Bibliothekssystem der Universität Heidelberg :
Berichtszeitraum 1990–1996.
In: Theke (1997), S. 87–88 u. A 1–29
RÖMER, GERHARD
98 B 388
Römer, Gerhard ; Bücher, Stifter, Bibliotheken : Buchkultur zwischen Neckar und Bodensee.
Stuttgart [u. a.] : Kohlhammer, 1997
ISBN 3-17-013025-0
Schlagwörter: Bibliotheksporträt ; Bestandsgeschichte
WEBER, GISELA [HRSG.]
97 A 9837
Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus. Weinheim [u. a.] : Wiley
VCH, 1997
ISBN 3-527-29490-2
Schlagwörter: Dörpinghaus, Hermann Josef
97 A 9837
Weber, Gisela ; Die Universitätsbibliothek Heidelberg 1991–1996 : Entwicklungsstand und Zielsetzungen.
In: Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus, S. 1–44
Schlagwörter: Bibliotheksleitung ; Automatisierung ; Geschäftsgang
A1
2. Beruf. Ausbildung
BERBERICH, STEFANIE
Berberich, Stefanie ; Internet für Forschung und Lehre.
In: Theke (1997), S. 69–73
Schlagwörter: Benutzerschulung
ECKES, ANNETTE
Eckes, Annette ; Studienaufenthalt an der Bibliothèque Interuniversitaire de Médicine in
Paris.
In: BD 31 (1997), 2, S. 194–208
Schlagwörter: Fortbildung
3. Bibliotheksgeschichte
GOETZE, JOCHEN
Goetze, Jochen ; „Zu buwen ein liberii“ : das erste eigene Gebäude der
Universitätsbibliothek im 15. Jahrhundert.
In: Heidelberg : Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2 (1997), S. 105–118
Schlagwörter: Baugeschichte
4. Bibliotheksverwaltung. Bibliotheksbetrieb
HÖFER, KLAUS-MARTIN
Höfer, Klaus-Martin ; Bulettenreklame in der Universitäts-Bibliothek : Heidelberg macht es
vor, Berlin will auch ; Hochschulsponsoring als zusätzliche Einnahmequelle für die Unis.
In: Tagesspiegel [Berlin] 19.08. (1997)
Schlagwörter: Bibliotheksetat ; Sponsoring
A2
KAISER, ALFONS
Kaiser, Alfons ; Die Bank liest mit ; Studenten sammeln für ihre Universitätsbibliothek.
In: FAZ 26.04. (1997)
Schlagwörter: Bibliotheksetat ; Sponsoring
N. N.
N. N. ; Investition „in die Köpfe“ ist Pflicht : Kunst und Wirtschaft heute ; Vortrag zum
Jubiläum der Dresdner Bank ; Sponsor für Uni-Bibliothek.
In: RNZ 16.06. (1997)
Schlagwörter: Bibliotheksetat ; Sponsoring
5. Bibliotheksbau. Bibliothekstechnik
EICHLER, ECKHARD
97 A 9837
Eichler, Eckhard ; „Daran trägt der Architekt keine Schuld!“ : die gebaute, ungebaute und umgebaute Heidelberger
Universitätsbibliothek.
In: Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus, S. 336–376.
Schlagwörter: Baugeschichte ; Baumaßnahme
6. DV-Technik
DÖRFLINGER, GABRIELE
97 A 9837
Dörflinger, Gabriele ; Entwicklung des EDV-Systems HEIDI.
In: Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus, S. 185–203
Schlagwörter: HEIDI ; OPAC ; Integriertes Bibliothekssystem
GRUPE, ODIN
Grupe, Odin: Pietzsch, Eberhard ; Universitätsbibliothek Heidelberg : neue Wege bei der
Informationsversorgung mit CD-ROM-Datenbanken.
In: BD 31 (1997), 4, S. 651–654
Schlagwörter: CD-ROM ; Datenbank ; Netzwerk
A3
PIETZSCH, EBERHARD
97 A 9837
Pietzsch, Eberhard: Eckes, Annette ; HELIOS – Heidelberg Electronic Library Information and Ordering System :
der Weg zur virtuellen Bibliothek.
In: Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus, S. 244–262
Schlagwörter: Datenbank ; Dokumentlieferung ; OPAC ; Internet ; WWW
Pietzsch, Eberhard ; Internet : WWW-OPAC für die Lehrbuchsammlung an der
Universitätsbibliothek Heidelberg.
In: BD 31 (1997), 2, S. 268
Schlagwörter: Internet ; WWW ; OPAC
7. Erwerbung
BONTE, ACHIM
Bonte, Achim ; Erwerbungsprofil Germanistik einschließlich Niederlandistik und
Skandinavistik.
In: Theke (1997), S. 58–68
Schlagwörter: Erwerbungsprofil ; Erwerbungskooperation ; Bibliothekssystem
Bonte, Achim ; Wirtschaftliche Bestandsentwicklung bei elektronischen Publikationen :
Lösungsansätze der Universitätsbibliothek Heidelberg.
In: BD 31 (1997), 6, S. 1108–1117
Schlagwörter: CD-ROM ; Datenbank
DÖRPINGHAUS, HERMANN JOSEF
Dörpinghaus, Hermann Josef ; Erwerbungsprofile : Richtlinien für einen
bedarfsorientierten, transparenten Bestandsaufbau.
In: Theke (1997), S. 57–58
Schlagwörter: Erwerbungsprofil
A4
ULMER, PETER
Ulmer, Peter: Müller-Arens, Hans-Jürgen: Dörpinghaus, Hermann Josef ; Eine Handschrift
kehrt zurück : feierliche Übergabe der Chronik des Matthias von Kemnat am Montag, dem 29.
September 1997, in der Aula der Alten Universität.
In: Theke (1997), S. 7–21
Schlagwörter: Besondere Erwerbungen ; Handschriftenstudie
UTGENANNT, ELKE
Utgenannt, Elke ; Wenn der Hof-Chronist aus der Schule plaudert : Heidelberger Universität
wertvolle Handschrift überreicht.
In: Mannheimer Morgen 01.10. (1997)
Schlagwörter: Besondere Erwerbungen
8. Erschließung
AHLERS, TORSTEN
Ahlers, Torsten: Enderle, Wilfried ; Die DFG-Projekte WEBIS (SUB Hamburg) und SSGFachinformationen (SUB Göttingen) : Aufbau von WWW-Servern zur Unterstützung des
Informations- und Dienstleistungsangebotes von Sammelschwerpunktbibliotheken im Internet.
In: BD 31 (1997), 2, S. 216–219
Schlagwörter: Sondersammelgebiet ; Internet ; WWW ; Meta-Index
MÜNNICH, MONIKA
97 A 9837
Münnich, Monika ; Regeln im EDV-Katalog : Prügelknabe oder einzige Chance?
In: Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus, S. 229–243
Schlagwörter: Formalkatalogisierung ; Verbundkatalogisierung ; RAK ; HEIDI
SCHLECHTER, ARMIN
Schlechter, Armin ; Sensationelles Ergebnis : UB ; Druckschriften der Bibliotheca Palatina
katalogisiert.
In: RNZ 04.03. (1997)
Schlagwörter: Bibliotheca Palatina ; Sondersammlung
A5
9. Benutzung
ECKES, ANNETTE
Eckes, Annette: Pietzsch, Eberhard ; Heidelberger Electronic Document Delivery :
elektronische Bestellung und Lieferung von Zeitschriftenaufsätzen aus der
Universitätsbibliothek Heidelberg (EDD).
In: ZfBB 44 (1997), 2, S. 167–181
Schlagwörter: Zweigbibliothek Neuenheim ; Dokumentlieferung
Eckes, Annette ; Selbstbedienung der Benutzer bei der Dokumentlieferung : Chance oder
Gefahr für Bibliotheken.
In: Theke (1997), S. 74–77
Schlagwörter: Dokumentlieferung
N. N.
N. N. ; Heidi macht 35-Stunden-Woche : drastische Kürzungen jetzt auch in der
Universitätsbibliothek.
In: Ruprecht (1997)
Schlagwörter: Bibliotheksetat ; Lesesaal Altstadt ; Öffnungszeit
N. N. ; Professoren um UB-Spende gebeten.
In: RNZ 15./16.02. (1997)
Schlagwörter: Bibliotheksetat ; Lesesaal Altstadt ; Öffnungszeit
10. Öffentlichkeitsarbeit
BERBERICH, STEFANIE
97 A 9837
Berberich, Stefanie ; Öffentlichkeitsarbeit an der Universitätsbibliothek Heidelberg : ein Erfahrungsbericht.
In: Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus, S. 265–278.
A6
HESSELMANN, PETER
Hesselmann, Peter ; Melanchthon-Ausstellungen zum 500. Geburtstag des Humanisten und
Reformers.
In: Börsenblatt / Aus dem Antiquariat 30.09. (1997), S. A 481–A 487
Schlagwörter: Ausstellung
N. N.
N. N. ; Philipp Melanchthon in Südwestdeutschland.
In: Theke (1997), S. 29
Schlagwörter: Ausstellung
PHILIPP MELANCHTHON IN SUEDWESTDEUTSCHLAND : BILDUNGSSTATIONEN EINES
REFORMATORS
97 A 2343
Philipp Melanchthon in Südwestdeutschland : Bildungsstationen eines Reformators ;
Ausstellung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, der Universitätsbibliothek
Heidelberg, der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart und des Melanchthonhauses
Bretten zum 500. Geburtstag Philipp Melanchthons. Karlsruhe : Badische Landesbibliothek, 1997
ISBN 3-88705-044-4
Schlagwörter: Ausstellung
SEELE, HEIDE
Seele, Heide ; Aus der Schatzkammer der sächsischen Landesbibliothek Dresden : „Von der
Liberey zur Bibliothek“ ; Heidelbergs Universitätsbibliothek präsentiert Meisterwerke der
Buchkunst aus der kurfürstlichen Sammlung.
In: RNZ 14./15.06. (1997)
Schlagwörter: Ausstellung
Seele, Heide ; Bibliophile Kostbarkeiten aus Dresden : Heidelbergs UB präsentiert 171
erlesene Objekte aus der Sächsischen Landesbibliothek.
In: RNZ 11.04. (1997)
Schlagwörter: Ausstellung
A7
ULMER, PETER
Ulmer, Peter: Trotha, Klaus von: Meyer, Hans Joachim ; Von der Liberey zur Bibliothek :
Kostbarkeiten aus der Sächsischen Landesbibliothek in der Universitätsbibliothek Heidelberg.
In: Theke (1997), S. 34–49
Schlagwörter: Ausstellung ; Bibliotheksplanung
WILDERMUTH, RALF WERNER
97 A 9837
Wildermuth, Ralf Werner ; Die „Theke“ der Heidelberger Bibliothekarinnen und Bibliothekare.
In: Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus, S. 279–303
Schlagwörter: Bibliothekszeitschrift
11. Buchwesen. Handschriftenkunde
CONRADUS <DE MEGENBERG>
97 C 4417
Conradus <de Megenberg>: Hartlieb, Johannes ; Das Buch der Natur / Konrad von Megenberg.
Kräuterbuch / Johannes Hartlieb : Farbmikrofiche-Ed. der Hs. Heidelberg, Univ.-Bibliothek,
Cod. Pal. Germ. 311 und der Bilder aus Cod. Pal. Germ. 300. München : Ed. Lengenfelder, 1997 (Codices
illuminati medii aevi 33)
ISBN 3-89219-033-X
Schlagwörter: Bibliotheca Palatina ; Handschriftenstudie
DANNEHL, JENS
97 A 9837
Dannehl, Jens ; Ein Globus für den Kurfürsten Karl-Theodor.
In: Ordnung und System : Festschrift zum 60. Geburtstag von Hermann Josef Dörpinghaus, S. 307–335
Schlagwörter: Sondersammlung ; Restaurierung
Dannehl, Jens ; Zustand und Schadensentwicklung des Codex Manesse.
In: Theke (1997), S. 53–56
Schlagwörter: Bibliotheca Palatina ; Bestandsschaden
A8
SCHLECHTER, ARMIN
Schlechter, Armin ; Von der Handschrift zu den frühen Drucken : Beispiele aus der
Universitätsbibliothek Heidelberg.
In: Theke (1997), S. 22–28
Schlagwörter: Bestandsgeschichte
ZWINK, EBERHARD
Zwink, Eberhard ; Detektivarbeit in der Landesbibliothek : spektakulärer Bibelfund.
In: Forschung : Mitteilungen der DFG (1997), 2–3, S. 34–37
Schlagwörter: Bibliotheca Palatina ; Bestandsgeschichte ; Württembergische Landesbibliothek
A9
Was this manual useful for you? yes no
Thank you for your participation!

* Your assessment is very important for improving the work of artificial intelligence, which forms the content of this project

Download PDF

advertisement