Jansen Winkeln Zu den Koregenzen der 12 Dynastie

Originalveröffentlichung in: Studien zur Altägyptischen Kultur 24, 1997, S. 115-135
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
von
Karl Jansen-Winkeln
Erneute Untersuchung zu den Mitregentschaften der 12. Dynastie, deren Existenz in einigen neueren
Beiträgen bestritten worden ist. Die Korengenzen von Sesostris I. mit Amenemhet IL, Amenemhet II. mit
Sesostris IL, Sesostris III. mit Amenemhet III. sowie Amenemhet III. mit Amenemhet IV. sind sicher, die
Argumente dagegen nicht tragfähig. Besonders ausführlich wird die Koregentschaft von Amenemhet I. mit
Sesostris I. behandelt, die in jüngster Zeit besonders umstritten ist. Auch hier sprechen die epigraphischen
wie die literarischen Belege eindeutig für eine 10jährige Koregenz, die zugleich die erste überhaupt gewesen
sein dürfte, da die "Lehre des Amenemhet" offenbar eine Begründung für die Einführung dieses neuen
Herrschaftsprinzips gibt.
1.
Der ägyptische König ist gemäß der Theologie und "Königsideologie" der alten Ägypter ein
singuläres göttliches Wesen1 und daher eigentlich nur als Alleinherrscher, als "Monarch" vor­
zustellen. Daß sich zwei Könige die Herrschaft teilen und gemeinsam herrschen, beide als
gekrönte Monarchen, ist demnach mit dem Konzept des Pharaonentums kaum vereinbar.
Dagegen bietet es aus pragmatischen Erwägungen heraus ohne Frage große Vorteile: Thron­
wechsel, und damit Machtwechsel, dürften in Ägypten, wie auch in anderen orientalischen
Monarchien, sicher sehr häufig durch Harimsintrigen, Morde und Umstürze inszeniert
worden sein, fraglos sehr viel öfter als die wenigen Male, wo unsere Quellen derartiges aus­
sagen oder andeuten. Das Bild, das A. Erman2 gezeichnet hat, ist wohl erhebüch realistischer
als viele der heute üblichen Darstellungen. Gewaltsames Vorgehen dürfte im Zusammenhang
mit Thronwechseln eher die Regel als die Ausnahme gewesen sein. Gegen diese Gefahren
bot die vorzeitige Krönung des designierten Nachfolgers, noch zu Lebzeiten des alten
Königs, eine gewissen Sicherheit: Wollte man beim Tod des alten Herrschers einen anderen
als den legitimen Erben zum König zu machen, hätte man dann einen schon gekrönten
Monarchen beseitigen müssen.
1
2
Vgl. O.D. Berlev, in: D.W. Young (ed.), Studies Presented to Hans Jakob Polotsky, 1981, 362-5.
A. Erman, Ägypten und ägyptisches Leben im Altertum, 1885, 84-6.
116
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
Daß man aus rein pragmatischen Erwägungen dogmatische Gegebenheiten verletzt oder
umgeht, ist ja auch aus anderen Monarchien bekannt: In der russischen Monarchie z.B. hat
es grundsätzlich immer nur einen gesalbten Zaren gegeben, aber 1682 wurden dennoch zum
ersten Mal zwei Zaren gekrönt (von zwei verschiedenen Müttern, deren Familien beide die
Thronfolge ihres Kandidaten beanspruchten).
2.
In der Ägyptologie hat lange Zeit hindurch die 12. Dynastie als das klassische Zeitalter der
Koregenzen gegolten. Für die meisten (und wichtigsten) Könige dieser Epoche hat man
angenommen, daß sie schon vor dem Tod ihres Vaters und Vorgängers gekrönt worden sind.
Im ersten zusammenfassenden Werk über die Koregenzen werden die "first clearly attested
instances of joint rule in Egyptian history" noch als ganz sicher dargestellt 3 . Kurz darauf sind
sie zum ersten Mal in Frage gestellt worden, als R. Delia die "double dated inscriptions" in
Zweifel gezogen und sie nicht mehr als Beweis für eine Mitregentschaft akzeptiert hat4.
Gegen die Kritik daran durch W. Murnane 5 hat sich Delia verteidigt und dieses Mal die
Koregentschaften der 12. Dynastie insgesamt in Frage gestellt 6 . Das gleiche hat E. Graefe
im selben Jahr in einem bis jetzt unveröffentlichten Vortrag getan7. W. Helck akzeptiert dem­
gegenüber die gemeinsame Herrschaft von Sesostris I. und Amenemhet II. und generell die
durch ausdrücklich (mithilfe von hft) gleichgesetzte Daten bezeugten Koregenzen, während
er die (zuvor als besonders gut dokumentiert geltende) Koregentschaft von Amenemhet I.
und Sesostris I. ablehnt 8 . Dagegen ist gerade diese erste Koregenz zur selben Zeit von E.
Blumenthal 9 wiederum ausdrücklich befürwortet worden, ebenso später von D. Franke in
einem kritischen Überblick über Pro und Kontra der einzelnen Koregenzen der 12.
Dynastie 10 , von mir selbst" sowie von J. von Beckerath 12 . Der bislang letzte und bei weitem
ausführlichste Beitrag zur Koregenz von Amenemhet I. und Sesostris I. ist C. Obsomers
3
W. Murnane, Ancient Egyptian Coregencies, SAOC 40, 1977, lff.
R. Delia, A New Look at Some Old Dates: A Reexamination of Twelfth Dynasty Double Dated
Inscriptions, BES 1, 1979, 15-28.
5
W. Murnane, In Defense of the Middle Kingdom Double Dates, BES 3, 1981, 73-82; vgl. auch G.
Vittmann, in: Enchoria 11, 1982, 129-31.
6
R. Delia, Doubts about Double Dates and Coregencies, BES 4, 1982, 55-69.
7
Vgl. den Hinweis bei Obsomer, Sesostris Ier (s.u. Fußnote 13), 446.
8
W. Helck, in: GM 67, 1983, 43-6; vgl. auch in: OrNS 58, 1989, 315-7.
9
E. Blumenthal, Die erste Koregenz der 12. Dynastie", in: ZÄS 110, 1983, 104-21.
10
D. Franke, in: OrNS 57, 1988, 115-20.
11
K. Jansen-Winkeln, in: SAK 18, 1991, 246-50.
12
J. v. Beckerath, in: OrNS 64, 1995, 448.
4
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
117
Werk über Sesostris I.13, der nicht nur diese Mitregentschaft entschieden ablehnt, sondern
auch alle übrigen dieser Dynastie14. Dem hat sich sein Lehrer C. Vandersleyen ange­
schlossen15 sowie N. Grimal16, während D. Franke zwar nach Obsomers Ausführungen die
gemeinsame Herrschaft von Amenemhet I. und Sesostris I. nicht länger für erwiesen hält,
aber an den anderen Koregenzen der 12. Dynastie grundsätzlich festhält17.
Die ganze Frage der Koregenzen der 12. Dynastie ist also derzeit in der Schwebe, und
besonders umstritten und komplex ist diejenige zwischen Amenemhet I. und Sesostris I., da
hier auch noch die Interpretation von gleich zwei literarischen Texten ins Spiel kommt. Der
folgende Beitrag behandelt daher zunächst die (möglichen) Koregenzen ab Sesostris
I./Amenemhet II., dann erst die Frage der Mitregentschaft zwischen Amenemhet I. und
Sesostris I.
3.
Eine Koregenz zwischen Sesostris I. und Amenemhet II. hat man v.a. aufgrund der Stele
Leiden V.418 angesetzt. In ihrer Hohlkehle stehen sich die ausführlichen Titulaturen Sesostris'
I. und Amenemhets II. symmetrisch gegenüber, unterhalb der von Sesostris ist auf dem Rand
"Regierungsjahr 44" zu lesen, unter der von Amenemhet "Regierungs[jahr] 2". Dieses
Arrangement galt lange Zeit als "double­date", als Datierung, die ein und dasselbe Jahr
zugleich als 2. Regierungsjahr Amenemhets II. und 44. Regierungsjahr Sesostris' I. benennt.
Diese Interpretation ist von R. Delia in Zweifel gezogen worden19, der darin entweder eine
Angabe vermutet, daß der Stelenbesitzer 44 Jahre unter Sesostris I. und 2 Jahre unter
Amenemhet II. verbracht habe, oder alternativ, daß es sich um Daten handele, die sich auf
zwei verschiedene Ereignisse bezögen. Dem letzteren Vorschlag hat sich auch C. Obsomer
angeschlossen20, der konkret annimmt, daß sich das "jüngere" Datum (Jahr 2) auf die
Redaktion der Stele bezieht, das "ältere" (Jahr 44) auf die Ernennung des Stelenbesitzers zum
Priestervorsteher in Abydos durch Sesostris I. Beide, Delia und Obsomer, vermuten also in
den Daten (zumindest partiell) biographische Angaben.
13
C. Obsomer, Sesostris Ier, Etüde chronologique et historique du regne, 1995, 35-136; vgl. auch id., La
date de Nesou-Montou (Louvre C 1), in: RdE 44, 1993, 103-40.
14
Vgl. Obsomer, Sesostris Ier, 137-55.
15
C. Vandersleyer, L'Egypte et la vallee du Nil, II, 1995, 50-3; 77; 83; 103.
16
N. Grimal, Coregence et association au tröne: l'Enseignement d'Amenemhat Ier", in: BIFAO 95, 1995,
273-80.
17
Vgl. D. Franke, Das Heiligtum des Heqaib auf Elephantine, SAGA 9, 1994, XI-XIII.
18
Vgl. Obsomer, Sesostris Ier, 535-9, Doc. 31.
19
Delia, BES 1, 1979, 22-4; ebenso in BES 4, 1982, 57-8.
20
Obsomer, S6sostris Ier, 137-43.
118
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
Das kann aber nicht richtig sein: Bei Textelementen, die derartig außerhalb des Haupt­
textes an hervorgehobener Stelle angebracht sind, handelt es sich grundsätzlich um Aussagen
über das Denkmal selbst, nie um biographische Angaben. Und gerade der repräsentativ auf
einem Denkmal (nicht nur auf Stelen, auch auf Statuen, Architraven etc.) angebrachte
Königsname bedeutet grundsätzlich, daß dieses Denkmal in der Zeit dieses Königs errichtet
oder sogar von ihm genehmigt oder gestiftet worden ist. Bei zwei symmetrisch angebrachten
Königsnamen und zwei symmetrischen Daten ist es daher evident, daß dadurch das Denkmal
beiden Königen gemeinsam zugeordnet und die Regierungsjahre ein gemeinsames Jahr be­
zeichnen (das sich dann sicher auf das Ereignis bezieht, das zur Errichtung der Stele führte) 21 .
Auf jeden Fall kommen biographische Angaben nicht in Betracht, und man kann die Stele mit
bestem Gewissen als Beleg für eine Koregenz zwischen Sesostris I. und Amenemhet II.
heranziehen.
Neben dieser einen "double dated inscription" gibt es noch eine ganze Reihe von "single
dates" 22 . Obsomer 23 ist der Meinung, die bloße Existenz der "single dates" steile schon ein
Problem für die Koregenzthese dar, eine solch große Anzahl sei aber gewiß ein beachtliches
Argument dagegen. Davon kann m.E. keine Rede sein: Wenn es zwei Könige gab, die je­
weils mit allen entsprechenden Rechten ausgestattet waren, konnte man selbstverständlich
nach j e d e m von ihnen oder auch nach beiden datieren. Daß in allen bekannten Fällen der
Jüngere der beiden häufiger belegt ist, überrascht nicht, sondern ist gerade das, was man
erwarten sollte: Er war ja der zukunftsträchtigere Machthaber.
4.
Zeugnis für die Koregenz von Amenemhet II. und Sesostris II. ist eine Felsstele bei
Konosso 24 . Sie ist eingerahmt von den symmetrisch angebrachten Namen Amenemhets II.
und Sesostris' II. (und wird schon dadurch in deren gemeinsame Regierungszeit datiert), und
die Inschrift ist "gemacht im Jahr 3 unter (Sesostris II.) entsprechend (hft) dem Jahr 35 unter
(Amenemhet II.)". Für die Verbindung gleichzeitiger Regierungsjahre durch hft gibt es ein­
deutige Parallelen aus der 12. Dynastie selbst, in der Biographie des Ameni in Beni Hassan 25
Anders als Obsomer wiederholt betont (Sesostris Ier, 106; 140), dürfte ein solches Datum kaum die Zeit
der Redaktion des Stelentextes oder der Errichtung der Stele bezeichnen, einen vollkommen
unwesentlichen technischen Vorgang.
Obsomer, Sesostris F r , 143.
Ibid.
S. die Angaben bei Obsomer, Sesostris Ier, 614­5 (Doc. 60); 150, Fig. 19.
Vgl. ibid., 587­93 (Doc. 50).
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
119
und in der Inschrift Semna RIS 726, ebenso wie aus dem Ende der 20. Dynastie27. Die ver­
meintliche Alternative von E. Graefe und Obsomer28 die Stele sei "gemacht im Jahr 3 ...
entsprechend (der [Stele] des) Jahres 35 ..." ist eine typische Verzweiflungslösung und wird
wohl niemanden überzeugen. Die dafür von Obsomer herangezogene Parallele, die Inschrift
RIS l 29 ist in einem entscheidenden Punkt eben ganz anders: Dort werden nicht zwei
Datierungen durch hft gleichgesetzt, sondern ein Ereignis bzw. Zustand (der Nilstand des
Jahres 8) mit einem Datum.
Die Felsstele bei Konosso ist mithin ein unwiderlegliches Zeugnis für die Koregenz von
Amenemhet II. mit Sesostris EL (und damit auch für die Existenz von Koregenzen in dieser
Dynastie überhaupt).
5.
Für eine Koregenz zwischen Sesostris U. und m. gibt es keine seriösen Hinweise, wohl aber
für eine zwischen Sesostris III. und Amenemhet HJ.; dafür hat man zwar kein "double date",
aber eine ganze Reihe von Indizien30. Die beiden wichtigsten davon sind die Stele Kairo CG
20691 und einige Berüner Inschriftenfragmente31.
Auf CG 20691 finden sich wieder die antithetisch plazierten Titulaturen und Namen von
Sesostris III. und Amenemhet HJ., und dies ist m.E. gegen D. Franke32 ein eindeutiger
Hinweis auf eine Koregenz: Es kann nur bedeuten, daß die Stele in der Regierungszeit beider
Könige errichtet (bzw. ihre Errichtung genehmigt o.ä.) wurde33.
Dunham-Janssen, Semna-Kumma, 132.
Vgl. Kitchen, Ram. Inscr. VI, 764,3; 765,6; 865,4.
28
Obsomer, Sesostris Ier, 151-2.
29
Ibid., 152; zur nach wie vor unsicheren Interpretation der Inschrift vgl. F. Hintze/W.F. Reineke, Fels­
inschriften aus dem sudanesischen Nubien I, 1989, 156.
30
Vgl. I. Matzker, Die letzten Könige der 12. Dynastie, 1986, 91­2; Franke, in: OrNS 57, 1988, 118­119.
31
Berl. Inschr. I, 138; 268.
32
Franke, in: OrNS 57, 118.
33
Auf der Stele CG 20538, auf die Franke als eine Art Gegenbeispiel verweist, findet man den Namen von
Sesostris III. auf der einen Seite im Stelenrund, den von Amenemhet III. auf der anderen (also nicht
antithetisch gegenübergestellt), aber im Haupttext wird Sesostris III. als mic-hrw bezeichnet. Dennoch
werden auch hier die Königsnamen im Stelenrund eine Aussage über das Denkmal sein; vielleicht ist
seine Aufstellung wahrend der gemeinsamen Regierungszeit der beiden genehmigt worden, oder aber
es hat mit der Anrufung der >vrft­Priester beider Herrscher zu tun: vielleicht war das Denkmal irgendwie
in den Kult für diese beiden Herrscher eingebunden. Die Stele BM 101, die Franke gleichfalls heranzieht,
kann beiseite bleiben; die Inschrift mii nfrw Nbw-kiw-Rc mic-hrw bezieht sich ja deutlich auf eine
Zeremonie für den toten Sesostris.
27
120
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
Eindeutiges Zeugnis für die Einsetzung von Amenemhet III. zum Mitherrscher sind die
bekannten Berliner Inschriftfragmente 34 . Darin kommen der Thronnamen Sesostris III. sowie
der Nbtj-Name Amenemhets HI. vor, und der Textzusammenhang läßt sich nach einer Kopie
der 18. Dynastie in Deir el­Bahari 35 eindeutig bestimmen: Dort handelt es sich um die Ein­
setzung der Hatschepsut zur Koregentin und dasselbe muß hier von Amenemhet gelten. Die
Bemerkung Frankes 36 , die Koregentschaft der Hatschepsut sei fiktiv, ist zwar völlig richtig,
aber das heißt keineswegs, daß auch deren offenbares Vorbild aus der 12. Dynastie ebenso
fiktiv wäre, im Gegenteil: Wenn Hatschepsut diese Inschrift als Vorlage nahm, wenn sie eine
Koregenz vortäuschen wollte, mußte zumindest diese Vorlage untadelig sein37, sonst hätte
das ganze Unternehmen ja eher das Gegenteil bewirkt 38 .
Unstrittig ist inzwischen, daß das 1. Jahr Amenemhets III. auf das 19. Sesostris' III.
folgte39 (also chronologisch nur 19 Jahre zu verrechnen sind, unabhängig von der Dauer der
Koregenz) und man ist meist nur von einer kurzen Mitregentschaft ausgegangen 40 . In­
zwischen sind aber Hinweise aufgetaucht, die eine lange, etwas zwanzigjährige Koregenz
wahrscheinlich machen 41 .
Auch die kurze Koregenz von Amenemhet IV. mit seinem Vater Amenemhet III. ist
gesichert. Recht eindeutige Zeugnisse sind ein Statuensockel aus Karnak 42 , die Dekoration
des Tempels von Medinet Madi 43 und vor allem ein Doppeldatum bei Semna 44 . Zwar steht
die Lesung der höheren Jahreszahl nicht zweifelsfrei fest, aber es handelt sich wieder um eine
Gleichsetzung von zwei Regierungsjahren durch hft, ein verläßlicher Hinweis auf eine Mit­
regentschaft (s.o., § 4).
6.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Institution der Koregenz während der 12.
Dynastie ganz sicher bezeugt ist. Es gibt so viele und so vielfältige Zeugnisse dafür, daß sie
34
Berl. Inschr. I, 138/268.
Urk. IV, 259ff.
36
Franke, in: OrNs 57, 1988, 118.
37
Ein gefälschter Hundertmarkschein beweist unzweifelhaft, daß es echte Hundertmarkscheine gibt.
38
Vgl. auch die treffenden Bemerkungen von E. Blumenthal, in: ZÄS 110, 1983, 114.
39
Vgl. zuletzt J. von Beckerath, in: OrNS 64, 1995, 446.
40
Vgl. ibid.; Franke, in: OrNs 57, 1988, 119.
41
Vgl. F. Arnold, in: GM 129, 1992, 27­31, Franke, Heqaib, XII und v. a. die überzeugenden
Ausführungen von J.W. Wegner, in: JNES 55, 1996, 249­79.
42
M. Maurice Pillet, in: ASAE 24, 1924, 65­8.
43
Vgl. Murnane, Coregencies, 14/15.
44
S. Franke, in: OrNs 57, 1988, 120; von Beckerath, in: OrNs 64, 1995, 446.
35
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
121
einfach nicht wegzudiskutieren ist. Bemerkenswert ist auch, daß alle potentiellen älteren
Koregenten recht lange regiert haben und andrerseits alle halbwegs verläßlichen möglichen
Belege für eine Koregenz nur bei diesen Königen auftreten, nicht dagegen bei Sesostris
n./III. oder Nefrusobek. Eben dies sollte man auch a priori erwarten, denn einen Mitregenten
wird ja nur ein bereits etwas älterer König ernannt haben. Auch die Tatsache, daß
Hatschepsut einen Text der 12. Dynastie kopiert (oder exzerpiert), als sie von ihrer (fiktiven)
Koregenz berichtete, zeigt, daß es in der 12. Dynastie Mitregentschaften gegeben hat, die in
der ägyptischen Tradition als legitim galten.
Wenn aber die Institution der Koregenz in der 12. Dynastie fast durchgehend belegt ist,
so ist es a priori nicht unwahrscheinlich (wenn auch keineswegs zwingend), daß sie schon
auf den Gründer dieses Hauses zurückging. Tatsächlich ist dies ja auch in der Vergangenheit
durchweg angenommen worden, und man hat die Mitregentschaft von Sesostris I. mit seinem
Vater sogar für besonders gut dokumentiert gehalten. Nachdem aber R. Delia und W. Helck
sie schon früher bestritten,haben, hat nun C. Obsomer die Sache noch einmal in größter
Ausführlichkeit untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß diese Mitregentschaft
definitiv ausgeschlossen werden kann. Er teilt bei seiner Untersuchung die entsprechenden
Zeugnisse in drei Gruppen ein: epigraphische Belege, die möglicherweise für eine Koregenz
sprechen, solche, die dagegen sprechen könnten und drittens literarische Zeugnisse dazu.
fäfiWW0?*™^1
In der ersten Gruppe 45 werden die Stelen Kairo CG 20516 (Beleg A) und Louvre C l (B)
besprochen, einige nubische Felsgraffiti (C), ein Passus aus der Biographie Sarenputs I. in
Assuan (D), die Statue Kairo JE 33263 (E), einige Reliefs aus dem Totentempel Amenemhets
I. in Lischt (F), die "control notes" von der Pyramide Sesostris' I. (G), Reliefs aus dem
Tempel des Min in Koptos (H) und ein Türsturz aus Heliopolis (I).
Man wird Obsomer sogleich zugestehen müssen, daß die Belege C, E und H entfallen und
keinerlei schlüssige Hinweise auf eine Koregenz enthalten. Vor allem bei den Eelsgraffiti (C),
die auch in jüngerer Zeit verschiedentlich als relativ verläßlicher Hinweis herangezogen
worden waren, hat sich Obsomer wirklich ein Verdienst erworben, indem er die Sache noch
einmal gründlich überprüft hat. Auch die unter F geführten Belege wird man wohl besser bei­
seite lassen, sie enthalten zumindest keine Hinweise, die nicht ebensogut auch anders ver­
standen werden könnten, und es spricht einiges für Obsomers Deutung. Ebenso kein sicherer
Beleg für eine Koregenz ist D, ein Abschnitt in der großen biographischen Inschrift aus dem
45
S. Obsomer, Sesostris Ier, 45­104.
122
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
Grab 36 der Qubbet el-Hawa 46 , wo Sarenput I. sagt, er sei im Dienst des Königs tätig ge­
wesen und schließlich zum Zweiten von zweien und Dritten von dreien geworden 47 . In
ägyptischen Autobiographien wird Bescheidenheit und Zweitrangigkeit immer nur gegenüber
dem König geübt (etwa in Phrasen wie "der Zweite nach dem König im Palast"), keineswegs
aber gegenüber anderen Beamten, im Gegenteil: Die jeweiligen Verfasser betonen überaus
häufig, daß sie Vorrang vor allen anderen Beamten hatten. Insofern würde ein Ausdruck wie
"der Zweite von zweien und der Dritte von dreien" eigentüch nur dann zur sonstigen Phraseo­
logie biographischer Texte passen, wenn er sich auf den König bezöge, und dann könnte
darin durchaus ein Anspielung auf die gleichzeitige Existenz von zwei Königen hegen.
Immerhin ist aber die Formulierung so ungewöhnlich, daß man sie allenfalls dann als Hinweis
auf ein Koregenz wird verstehen dürfen, wenn sie auch aus anderen, sichereren Quellen
belegt ist.
8.
Die beiden "klassischen" Belege für diese Koregenz sind die Stelen Kairo CG 20516 (A) und
Louvre C l (B). Zur Stele CG 20516 und ihrer Giebelfeldinschrift, den symmetrisch gestellten
Königsnamen Amenemhets I. und Sesostris' I. und der Angabe rnpt (sie) 30 bzw. 10 hr hm
n darüber, ist gerade in jüngerer Zeit so viel geschrieben worden 48 , daß ich mich auf wenige
Punkte beschränken will:
a) Das Arrangement ist singulär, damit muß sich jedweder Interpretationsversuch
abfinden.
b) Die Schreibung rnpt (ohne 0 ) ist in Daten belegt, wenn auch nur sehr selten 49 .
c) Daten kommen bei Stelen des Mittleren Reiches recht häufig im Giebelfeld vor,
"biographische" Jahresangaben dagegen niemals 50 .
d) Der gesamte Stelentext enthält, von Namen und Titel abgesehen, keinerlei bio­
graphische Angaben. Wenn in anderen Inschriften manchmal die Zahl der Jahre angegeben
wird, die ihr Besitzer unter einem König verbrachte, geschieht dies immer in zusammen­
hängenden biographischen Texten.
46
Urk. W , 3,9­10; vgl. dazu auch H. Buchberger, Transformation und Transformat, ÄA 52, 1993), 376.
Entgegen der Auffassung Obsomers, Sesostris Ier, 85, bezieht sich das Pseudopartizip hpr.k(w) sicher
nicht auf das vorhergehende wj, sondern es wird unabhängig sein.
48
Vgl. zuletzt Obsomer, Sesostris Ier, 45­54.
49
Selbst wenn man diese seltenen Fälle als Irrtümer abtut wie Obsomer, kann man selbstverständlich
dennoch nicht behaupten, die Interpretation der Jahresangabe auf CG 20516 als Datum unterstelle "une
erreur de graphie repetee deux fois" (Obsomer, op.cit., 53).
50
Obsomer (op.cit., 52­3) benötigt denn auch eine ganze Serie wenig wahrscheinlicher Spekulationen, um
eine "biographische" Interpretation zurechtmachen zu können.
47
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
123
Mithin enthält auch CG 20516 im Stelenrund ein ­ zugegeben ungewöhnlich ge­
schriebenes ­ Doppeldatum und bezeugt die Koregenz Sesostris' L mit seinem Vater.
9.
Die Stele Louvre C l beginnt mit einem (halb zerstörten) Datum, darunter steht hr hm n und
die ausfuhrliche Titulatur Amenemhets L, unmittelbar gefolgt von der ebenso ausführlichen
Namensreihe Sesostris' I. Ohne Übergang beginnen dann die biographischen Beiworte des
Besitzers: blk.sn mic mrr.sn hzy.sn jrr hzzt.sn nbt m hrt hrw nt rc nb, darauf folgen seine
Titel und sein Name und eine Biographie.
Dieses Arrangement der Stele ist von Obsomer besonders eingehend und hebevoll
besprochen worden 51 , um zu zeigen, daß es nicht für eine Koregenz spricht. Schon die Tat­
sache, daß nur ein Datum erscheint (also kein "double date"), aber zwei Könige, hält er für
ein Argument gegen eine Mitregentschaft. Das will mir nicht einleuchten: Wenn die Ko­
regenten der 12. Dynastie jeweils eigene Jahreszählungen hatten, wie einige Belege unzwei­
deutig beweisen (s.o., § 3­4), gab es während einer Mitregentschaft zwei parallele legitime
Jahreszählungen (wenn auch vermutlich nur eine davon von der Bürokratie genutzt wurde),
wie es zwei legitime Könige gab, und man konnte natürlich jede davon benutzen, ohne
Gefahr zu laufen, Irrtümer zu provozieren. Da sich die Jahreszählungen der Koregenten nicht
überschneiden, ist jede Datierung, die nur auf einen von ihnen bezogen ist, völlig unzwei­
deutig, sofern beide Königsnamen angegeben werden. Es ist nicht einzusehen, warum man
immer ein "double date" hätte anbringen sollen 52 .
Die Reste der Jahreszahl auf Louvre C l lassen viele Lesungsmöglichkeiten zu 53 . Obsomer
entscheidet sich mit großer Bestimmtheit für das Jahr 854, und zwar, weil die Stele Louvre
C3, die offenbar von derselben Hand hergestellt worden ist, aus dem Jahr 9 Sesostris I.
stammt. Man wird aber wohl kaum mehr sagen können, als das die Stelen C l und C3 zeitlich
recht nahe beieinander liegen, und das hat man ja schon immer angenommen 55 . Auf jeden Fall
spricht das Datum in keiner Weise gegen eine Koregenz.
51
Obsomer, Sesostris Ier, 54­81 und in: RdE 44, 1993, 103­33.
52
Überdies ist zu beachten, daß die Institution der Mitregentschaft ja ganz neu war, es gab noch keine
festen Gepflogenheiten. Varianten bei der Datierung innerhalb der Koregenzzeit sind deshalb im Gegen­
teil a priori zu erwarten.
53
Obsomer, Sesostris Ier, 56.
54
Ibid., 81.
55
Wenn man (unter Annahme einer Koregenz) von einer Lesung "Jahr 24" ausging. Obsomers Voraussetz­
ung, daß sich derartige Daten auf die "Redaktion" oder die Errichtung der Stele beziehen, ist zweifelhaft
(Obsomer, op.cit., 80; vgl. oben, § 3). Wenn sie, was näherliegend erscheint, auf ein markantes Ereignis
verweisen, z.B. den Besuch des Stelenbesitzers in Abydos, könnten beide Stelen durchaus auch dann zur
selben Zeit hergestellt worden sein, wenn dieses besondere Ereignis einige Jahre auseinanderlag.
124
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
Als Beleg/wr eine Koregenz ist die Stele ist die Stele oft deshalb herangezogen worden,
weil in der Datierung zwei Könige erscheinen und der Besitzer der Stele auf sie mit dem
(dualischen oder pluralischen) Pronomen .sn verweist. Diejenigen, die eine Mitregentschaft
von Sesostris I. mit seinem Vater ablehnen, haben mit diesen beiden Königsnamen ihre
Probleme gehabt. Die Lösungsversuche von Delia (Amenemhet wird nur "ehrenhalber"
erwähnt) und Helck (Datum und Königsnamen sind "biographische" Angaben) werden von
Obsomer zurecht abgelehnt, aber sein eigener ist auch nicht überzeugender: Er knüpft an eine
unglückliche Idee von E. Graefe an, nach der man es hier mit einer Filiationsangabe des
(seltenen) Typs A's (Sohn) B zu tun habe. In einer Königstitulatur, die ja selbst schon die
Filiationsangabe zi Rc enthält, ist ein derartiger Hinweis auf die menschliche Abstammung
ausgeschlossen und würde allem widersprechen, was man über ägyptische Königsideologie
weiß56. Obsomer bemüht sich deshalb auch einerseits, Parallelen zu finden, andrerseits text­
interne Hinweise in Louvre Cl selbst aufzuspüren. Belege, die etwas so Unerhörtes wie eine
königliche Filiationsangabe glaubhaft machen könnten, sollten entweder die Form König A,
zi König B haben oder aber man müßte eine Parallele für eine Datierung wie in Louvre C1
finden, deren Könige nachweislich keine Koregenten waren. Die beiden Parallelen, die
Obsomer anführt, bestehen nun einfach darin, daß zwei Königsnamen (ohne z£!) unmittelbar
aufeinander folgen bzw. nebeneinander stehen ­ und diese beiden Könige sind wieder
Amenemhet L und Sesostris 1.1 Diese "Parallelen" beweisen also gar nichts; es kann sich
wieder um Zeugnisse aus der Zeit der Mitregentschaft handeln57. Man sollte sich doch fragen,
warum es derartige Belege denn nicht von Königen gibt, die nachweislich keine Koregenten
waren.
Textinterne Hinweise darauf, daß die Königstitulatur eine Filiation ausdrücke, sieht
Obsomer in gewissen graphischen Anordnungsschemata der Stele, die er akribisch aufzu­
spüren versucht hat58. Wenn all diese graphischen Bezüge, die er dort aufführt, tatsächlich
existieren sollten (und das erscheint mir recht zweifelhaft, das meiste davon dürfte ­ abge­
sehen von dem Bestreben nach einem gewissen ästhetischen Arrangement ­ purer Zufall sein
und jedenfalls belanglos), was besagten sie denn anders, als daß der Schreiber die (bekannte)
Tatsache, daß Sesostris I. der Sohn Amenemhets war, durch graphische Mittel ausdrücken
wollte. Und das wäre dann auch noch gänzüch überflüssig, wenn die Datierung tatsächlich
56
S. dazu v.a. O.D. Berlev in: Studies Presented to Hans Jacob Polotsky, 1981, 361ff.
Anders als auf Louvre Cl bezieht sich auf der von Obsomer zitierten Stele aus Elephantine der Stelen­
besitzer mit dem singularischen Suffix ./auf den König. Auch das beweist nichts, es kann ja im zerstörten
Teil eine allgemeine Bezeichnung des Königsamtes vorausgegangen sein.
58
Obsomer, in: RdE 44, 115­27; id., Sesostris Ier, 67­76.
57
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
125
eine ausdrückliche Filiation enthielte. Falls dieses ganze graphische Verweissystem tat­
sächlich existiert haben sollte, spräche es eher gegen die Filiationstheorie. Und welchen
Zweck hätte eine derartige Filiationsangabe eigentlich gehabt? Sie verstieße massiv gegen
theologische Grundsätze, ohne dafür irgendeinen Nutzen zu haben, denn die menschliche Ab­
stammung war ja jedem bekannt. Zudem kommt Vergleichbares nachher nie mehr vor, was
immerhin erstaunüch wäre, wenn man die Prägekraft gerade der Zeit Sesostris' I. bedenkt.
Auch der Gebrauch des Pronomens .sn in den auf die Königsnamen folgenden Epitheta
zeigt, daß die beiden Königsnamen keine Vater­Sohn­Beziehung anzeigen sollen: Eine
Filiationsangabe ist grammatisch eine Apposition, d.h. eine Verbindung zweier referenz­
identischer Nominalphrasen, von denen die zweite ein erläuternder Zusatz zu der ersten ist.
Steht eine davon im Singular, ist das gesamte Syntagma singularisch: A's Sohn B ist nur eine
einzige Person, auf die man sich nur mit einem singularischen Pronomen beziehen kann59.
Es bleibt nur der Schluß: Die Stele Louvre Cl ist ein sicherer Beweis der Koregenz
Sesostris' I. mit Amenemhet I.
10.
Auch die Belege G und I sind m.E. deutliche Hinweise auf eine Koregenz.
In GM 115, 1990, 7­14 hatte A. Awadalla einen Türsturz aus Heliopolis veröffentlicht,
den er zurecht für "un document prouvant la coregence dAmenemhat et de Sesostris I" hielt.
In vier Zeilen stehen sich die Namen ­ abwechselnd Thron­ und Eigennamen ­ von
Amenemhet und Sesostris symmetrisch gegenüber. Bei seiner Erörterung dieses Objekts geht
Obsomer60 auf den entscheidenden Punkt gar nicht ein: Was ist das für ein Text, welchen
Zweck hat die Inschrift auf dem Türsturz? Architekturinschriften dieser Art haben grund­
sätzlich die Funktion, ein Bauwerk seinem Stifter und Bauherrn, dem lebenden König, zuzu­
ordnen (s.o., § 3), und für diesen Fall, wo beide Könige vollkommen gleichrangig behandelt
werden, folgt daraus, daß wir es hier mit zwei lebenden Königen zu tun haben.
Auch bei der Diskussion der "control notes" von der Pyramidenanlage Sesostris' L in
Lischt geht Obsomer an den wirklich wichtigen Argumenten vorbei61: Nach der Liste bei F.
Arnold62 wurde mit dem Bau der Grabanlage Sesostris' I. nicht vor seinem Jahr 10 begonnen,
Obsomer (Sesostris Ier, 59, n.55) verweist zum Beweis des Gegenteils auf die Beiträge von Delia und
Helck, aber mit deren jeweiligen Thesen (die aus anderen Gründen nicht akzeptabel sind) war das .sn
durchaus vereinbar, nicht aber mit der von Obsomer.
Obsomer, Sesostris Ier, 102­4.
Ibid., 95­100.
F. Arnold, The Control Notes and Team Marks, PMMA 23, 1990, 31.
126
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
während die anderen Könige der 12. Dynastie möglichst früh damit begannen63. Die Er­
klärung dafür dürfte zweifellos darin hegen, daß es in Lischt schon (bzw. noch) eine Groß­
baustelle gab, nämlich die Grabanlage Amenemhets L, und wenn daran noch ungefähr ein
Jahrzehnt nach der Thronbesteigung Sesostris' I. gearbeitet wurde, kann das nur bedeuten,
daß Amenemhet in dieser Zeit noch lebte. Zumindest aus dem Neuen Reich wissen wir
sicher, was man auch für das Mittlere Reich erwarten sollte: "The death of a king and the
accession to the throne of his successor marked an important point... : the tomb of the old
king had to be finished as quickly as possible ... , and the work on the tomb of the new king
begun64." Auch Sesostris I. hat sicher mit dem Bau seines Grabes begonnen, sobald das
möglich war65. Daß neben den Arbeiten in Lischt auch in anderen Teilen des Landes gebaut
wurde, ist a priori zu erwarten und für die Argumentation irrelevant66. Die Organisation
mehrerer Großbaustellen in verschiedenen Teilen des Landes war sicher kein Problem,
während eine zeitlich parallele Arbeit an zwei Großprojekten in Lischt nicht möghch
gewesen sein dürfte. Das Hauptproblem bei Großbauten ist ja (auch heute noch) die Organi­
sation großer Massen und zahlreicher Arbeitsabläufe nebeneinander.
So spricht also auch die Datierung des Arbeitsbeginns an der Pyramide Sesostris' I.
deutlich für eine etwa zehnjährige Koregenz.
IL
Es gibt also nicht wenige epigraphische Zeugnisse, die trotz der Einwände Obsomers
deutlich, m.E. unwiderleglich, für eine Koregenz von Amenemhet I. und Sesostris I.
sprechen. Demgegenüber gibt es auch zwei Stelen, die als Beweis gegen eine Mitregentschaft
herangezogen worden sind, zumindest gegen eine zehnjährige67: Louvre C2 und Kairo CG
20518.
63
Loc.cit.
J.Cerny, The Valley of the Kings, BdE 61, 1973, 15.
65
Und er hat wohl kaum, wie Obsomer das annimmt, nach Vollendung des Grabes seines Vorgängers noch
alle möglichen Projekte in Angriff genommen, bevor er sein Grab begann.
66
Auch wenn daran Bauleute aus Lischt teilnahmen. Es ist doch ohnehin zu erwarten, daß bestimmte Fach­
leute, wenn sie ihre Aufgabe an einer Baustelle erledigt hatten (ohne daß deshalb der gesamte Bau fertig
zu sein braucht) zu einem anderen Projekt geschickt wurden.
67
Daneben betrachtet Obsomer auch die Tatsache, daß es nicht weniger als 17 "single dates" aus den
Jahren 21­30 Amenemhets I. bzw. 1­10 Sesostris' I. gibt, als deutlichen Hinweis darauf, daß es keine
Koregenz gab. Davon kann m.E. keine Rede sein; diese Einzeldaten besagen nichts dergleichen,
gleichgültig, wieviel es davon gibt. Bei einer Mitregentschaft kann legitimerweise nach beiden Königen
oder einem von ihnen datiert werden, und jedes derartige Datum ist unmißverständlich. Daß man meist
die einfachere Form wählte, ist selbstverständlich, ebenso, daß man meist den jüngeren Herrscher wählte,
s.o., § 3.
64
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
127
CG 20518 ist in das 7. Jahr Sesostris' I. datiert und bezeichnet Amenemhet I. als mic-hrw,
in Louvre C2 erscheint Amenemhet I. unter den Göttern der htp-dj-njswt-¥orme\. Der
Besitzer der letzteren Stele ist Vorsteher der Totenpriester des Totentempels Amenemhets
I.; es wäre leicht denkbar, daß er aus diesem Grund Amenemhet schon zu Lebzeiten als Gott
(d.h. als "Stifter" des Opfers) in die Opferformel aufnahm. Bei CG 20518 muß man dagegen
annehmen68, daß Datum und Fertigung der Stele mehrere Jahre auseinanderliegen, was auch
in anderen Fällen gut möglich erscheint (s.o., § 9). Es besteht kein Grund, mit Obsomer
davon auszugehen, das Datum auf einer Stele beziehe sich auf deren Errichtung oder
Redaktion69, sondern es hegt auf der Hand, daß dieses Datum einem besonders bemerkens­
werten Ereignis im Leben des Besitzers der Stele entsprechen muß. Bei Stelen von Aus­
wärtigen in Abydos läge es nahe, den Besuch in Abydos für dieses markante Ereignis zu
halten. Auf jeden Fall erscheint es unproblematisch, daß zwischen Ereignis und Herstellung
der Stele einige Jahre vergangen sein könnten.
Es gibt also keinerlei epigraphische Belege, die schwerwiegende Argumente gegen eine
zehnjährige Koregenz von Amenemhet I. mit Sesostris I. lieferten oder es gar erlaubten, sie
"kategorisch zurückzuweisen"70.
12.
Neben den epigraphischen gibt es noch einige "literarische" Zeugnisse, die teils für, teils
gegen die Mitregentschaft Sesostris' I. beansprucht worden sind.
Ein gutes Argument gegen eine Koregenz scheint auf den ersten Blick das Datum auf der
"Berliner Lederhandschrift" (Berlin 3029) mit der Königsnovelle über den Bau eines Tempels
in Heliopolis zu sein71. Die Thronsitzung, in der Sesostris seinen Plan verkündet, soll in
seinem Jahr 3 stattgefunden haben, am Tag 8 des 3. Monats der ^­Jahreszeit, und das wäre
der Tag gewesen, der auf den Todestag Amenemhets I. (30, III. iht, 7) folgte, allerdings
einige Jahre vorher, sofern es eine Koregenz gab.
Der Text der "Lederrolle" dürfte ursprünglich, als "Königsnovelle", auf einer Stele oder
einer Tempelwand gestanden haben. Man wird annehmen dürfen, daß eine solche Ge­
schichte, in der die Gründung des Tempels erzählt wird, erst nach dem Bau dieses Tempels
konzipiert und eingemeißelt wurde, sicher nicht schon zu Beginn, während das Datum selbst­
verständlich auf das Jahr des Baubeginns bezogen war. Auf jeden Fall werden bis zur Voll­
Was im Prinzip natürlich auch bei Louvre C2 zutreffen könnte.
S.o., Fußnote 21.
Obsomer, Sesostris Ier, 112.
Obsomer, op.cit., 133-5.
128
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
endung eines Tempels Jahre vergangen sein, und es wäre leicht denkbar, daß die Thron­
sitzung, in der der Bau beschlossen wurde, dann auf den Jahrestag des Beginns der Allein­
herrschaft Sesostris' I. gelegt wurde, um seine alleinige Verantwortung dafür deutlich zu
machen. Das Datum der Berliner Lederhandschrift spricht also keineswegs notwendigerweise
gegen eine Koregenz.
13.
In der "Lehre Amenemhets für seinen Sohn" berichtet Amenemhet L, wie ein Mordanschlag
auf ihn verübt wurde72. Der König sagt: "Siehe, der Anschlag (o.ä.) geschah, als ich ohne dich
war, bevor der Hof gehört hatte, daß ich dir vererbe, bevor ich mit dir zusammen gesessen
hatte". Wie auch immer hmsj hnc und swd im einzelnen zu verstehen sind, eines ist klar:
Wenn der Anschlag erfolgreich war und Amenemhet dabei umkam, dann ist er in seinem 30.
Regierungsjahr ohne einen Koregenten gestorben, das zumindest läßt sich dem Wortlaut
sicher entnehmen73. Ich habe in SAK 18, 1990, 252­8 zu zeigen versucht, daß die Lehre des
Amenemhet von einem mißlungenen Anschlag spricht, während Obsomer74 beweisen zu
können glaubt, daß er erfolgreich war und mithin (falls die literarische Quelle historisch
verläßlich ist) eine Koregenz ausgeschlossen ist. Im einzelnen geht es um folgende Punkte:
a) Wie die berühmte Stelle jr hp(.n).j 1s hcw m drt.jjw dj.n.j htj hmw mbibi zu verstehen
ist.
Während sie in den meisten Bearbeitungen75 und auch in den Grammatiken als Irrealis ver­
standen wird ("wenn ich ergriffen hätte ... hätte ich zurückgetrieben ... "), woraus natürlich
das Gelingen des Anschlages zu folgern wäre, hat Obsomer jetzt eine neue Idee
vorgebracht76:
72
S. W. Helck, Der Text der "Lehre Amenemhets für seinen Sohn", 1969, 54­6.
Ich kann mich der Meinung von E. Blumenthal (in: BiOr 50, 1993, 590­1) nicht anschließen, man solle
literarische Texte nicht als historische Quellen heranziehen (ebensowenig wie man das mit einem
modernen Roman tue), da man in ihnen keine Faktentreue erwarten könne, im konkreten Fall also die
Lehre des Amenemhet über Koregenz und Königsmord keine verläßliche Auskunft gebe. Auch sie sieht
aber in dem Werk eine politische Tendenzschrift, und eine solche könnte ja nur erfolgversprechend sein,
wenn sie halbwegs ernstzunehmen war, d.h. wenn wenigstens die Rahmenbedingungen, die allen bekannt
waren, stimmten. Wenn wir moderne historische Romane nicht als Quellen verwerten, dann deshalb, weil
wir genug andere haben. Wäre das nicht der Fall, könnte (und müßte) man durchaus auch historische
Romane heranziehen: Denn dort werden in aller Regel die Rahmendaten korrekt wiedergegeben, auch
in einem Roman über die Zeit Napoleons etwa findet die Schlacht bei Austerlitz 1805 statt und der
Rußlandfeldzug 1812, nicht etwa umgekehrt.
74
Obsomer, Sesostris Ier, 112­27.
75
Mit Ausnahme von R. Anthes, in: Gs Otto, 41­5 und E. Blumenthal, in: ZÄS 111, 1984, 105­6.
76
Obsomer, op.cit., 118­20.
73
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
129
Er schlägt vor, die Phrase als "periode conditionelle reelle du passe" zu verstehen und
übersetzt "si je recevais rapidement des armes en mains, je faisais reculer les läches ... "
Diese Deutung ließe es nach Obsomer offen, ob Amenemhet dem Anschlag erlegen wäre
oder nicht: Sie besage nur, daß er, sofern es ihm gelang, die Waffen zu ergreifen, auch in der
Lage war, die Angreifer zu vertreiben, nicht aber, ob er sie tatsächlich ergriffen habe.
Diese Deutung als Realis (bzw. Potentialis) der Vergangenheit ist jedoch glattweg unmög­
lich: Konditionalsätze mit einer realen Bedingung, die in der Vergangenheit liegt, sind nur
dort möglich und denkbar, wo der Sprecher nichts über den Wahrheitsgehalt der Bedingung
weiß, z.B. "wenn er nach Italien gefahren ist, wird er gutes Wetter gehabt haben" oder, in der
1. Person, "wenn ich zu schnell gefahren bin (= gefahren sein sollte), hat mich sicher die
Polizei bemerkt". In beiden Fällen ist dem Sprecher nichts über die Wahrheit der Bedingung
bekannt. Das aber kann bei der fraglichen Stelle aus der Lehre des Amenemhet nicht
zutreffen: Der König muß schließlich wissen, ob er die Waffen ergriffen und den Anschlag
überlebt hat oder nicht! Bei einer Bedingung in der Vergangenheit, deren Wahrheitsgehalt
bekannt ist, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Trifft sie nicht zu, handelt es sich um einen
Irrealis ("wenn ich die Waffen ergriffen hätte"), trifft sie zu, um einen Temporalsatz ("als ich
die Waffen ergriff'). Obsomers Lösung läßt sich mit Sicherheit ausschließen, und man ist
wieder in dem alten Dilemma, Irrealis oder Temporalsatz.
Für einen Irrealis mit jr sdm.f (oder sdm.n.f) in der Protasis und jw sdn.n.fin der Apodosis
gibt es keinerlei Parallelen, und eine solche Konstruktion ist auch a priori wenig wahr­
scheinlich77. Ein Temporalsatz scheint mir dagegen nach wie vor möglich und nach Lage der
Dinge sogar zwingend zu sein, und die Einwände Obsomers dagegen nicht sehr schlüssig:
Er sagt, ein Temporalsatz mit jr sdm.f sei im Mittelägyptischen nicht belegt, aber er
kommt zumindest im Altägyptischen vor78, sein Fehlen im Mittelägyptischen könnte daher
ein Zufall des Belegmaterials sein, und jr sdm.n.f ist als Temporalsatz belegt, wenn auch nur
selten. Überdies verträgt sich der interne Aufbau des Syntagmas, die "wörtliche Bedeutung"
der Einzelelemente, durchaus mit einer temporalen Interpretation ("was betrifft: er hörte" =
"als er hörte"), und jr ist ja auch vor anderen Temporalphrasen zu Beginn eines Satzgefüges
belegt (jr m-ht... ). Demgegenüber ist ein Irrealis mit jr nirgends sonst sicher belegt.
Obsomers zweiter Einwand besagt, daß temporales jr hp.j vorzeitig sein müsse und man
daher eher hp.n.j erwarten solle. Dagegen ist zu sagen, daß ja vielleicht tatsächlich jr hp.n.j
zu lesen ist, wie alle ramessidischen Versionen haben (schließlich muß der Papyrus Millingen
77
78
Vgl. K. Jansen-Winkeln, in: SAK 18, 253.
Ibid., 253, n.72.
130
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
nicht überall die beste Lesung bieten) und zudem eine vorzeitige Interpretation gar nicht
zwingend ist; auch ein gleichzeitiger Temporalsatz ("sobald ich ergriff') wäre ohne weiteres
möglich.
b) Nach dem von jr eingeleiteten Satzgefüge folgt als nächstes eine weitere umstrittene
Stelle, die Obsomer79 mit "mais il n'y a personne qui soit efficace la nuit, personne qui puisse
lutter seul. II est impossible, sans protecteur, qu'une issue heureuse advienne" wiedergibt. Für
ihn (wie für die meisten vor ihm) besagt sie deutlich, daß der Anschlag erfolgreich war: "Le
terme swt marque donc clairement une Opposition entre la possibilite quAmenemhat avait
de se defendre ä condition d'avoir ses armes en main et l'issue fatale qui est necessairement
le lot de tout le monde en pareilles circonstances". Aber das besagt die Passage keineswegs:
Würde swt hier das bedeuten, was Obsomer im Sinn hat, sollte man doch etwas Ähnliches
erwarten wie "aber es gelang mir nicht, die Waffen zu ergreifen, und deshalb konnte ich mich
nicht erfolgreich wehren". So wie er dasteht, würde der Passus dagegen einen groben
logischen Widerspruch enthalten, wenn man nämlich swt mit Obsomer so versteht, daß es
den Gegensatz zwischen der Möglichkeit ausdrückt, sich zur Wehr zu setzen und dem
schließlichen Ergebnis: Denn in dem von nn swt eingeleiteten Satz wird auf diese
Möglichkeit gar nicht eingegangen, im Gegenteil, er spricht von der Unmöglichkeit einer
Verteidigung. Wenn Amenemhet sagt, daß man in der Nacht und allein, ohne Helfer, nicht
erfolgreich kämpfen kann, wird dadurch ja implizit die angebliche Bedingung des
erfolgreichen Kämpfens, der Besitz der Waffen, nachträglich wieder für nichtig erklärt. Es
wäre in jeder Hinsicht ein textinterner Widerspruch (auf den Obsomer gar nicht eingeht), und
deshalb kann sich swt nicht auf den vorausgehenden Satz beziehen. Es wird vielmehr, das
ist die einzig mögliche Alternative, den Gegensatz zwischen dem einmaligen glücklichen
Ausgang des Vorfalls ausdrücken und dem im allgemeinen zu Erwartenden, nämlich daß man
sich allein in der Nacht normalerweise nicht erfolgreich einem Mordanschlag widersetzen
kann80.
c) Die dritte Passage, die beweisen soll, daß der Anschlag geglückt ist und Amenemhet
folglich als Toter spricht, findet sich gegen Ende des Textes: hij.n.jm w'ß n Rc chc.n njswyt
hpr.tj hr-hlt(.f), was Obsomer81 durch "je suis descendu dans la barque de Ra. Leve-toi vers
la royaute qui vint jadis ä l'existence" wiedergibt und in dieser Fassung zweifellos auf den
Tod Amenemhets hinweisen würde. In SAK 18, 258 hatte ich vorgeschlagen, hij.n.j statt
dessen als futurum exactum (in einer emphatischen Konstruktion) zu verstehen, also wörtlich
Obsomer, Sesostris Ier, 120.
Vgl. Jansen-Winkeln, op.cit., 254-5.
Obsomer, Sesostris Ier, 123.
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
131
"daß ich in die Barke des Re eingestiegen sein werde, ist, nachdem ein Königtum entstanden
ist, daß schon vorher [= vor seinem Tod] existierte"; daraus ergäbe sich keine derartige
Schlußfolgerung, im Gegenteil. Obsomer 82 hat dagegen zwei Einwände vorgebracht: Zum
einen sollte man dann "un simple prospectif' statt eines sdm.n.f erwarten, zum anderen sei
die Konstruktion des Satzes unüblich oder unzulässig 83 . Die Konstruktion ist (u.a.) in
Polotskys "Transpositions" (2.6.7.3) besprochen worden 84 ; sie kommt zwar nicht häufig vor,
ist aber auch keineswegs besonders selten. Der Gebrauch des sdm.n.f als futurum exactum
ist auch sonst belegt 85 . Es wäre zwar ohne weiteres ­ wie grundsätzlich bei einem futurum
exactum ­ auch ein einfaches Futur möglich, aber das ergäbe eben einen anderen Blick­
winkel. Verwendet man ein futurum exactum stellt man sich etwas als bereits geschehen vor,
und eben das tut Amenemhet hier: Er stellt sich die Lage vor, wenn er tot ist. Und auch die
folgende Phrase zeigt deutlich, wie der ganze Satz zu verstehen ist: Denn was sollte eine
Aufforderung "erhebe dich zu einem Königtum, das schon vorher existierte" eigentlich be­
sagen? Daß es schon vor Amenemhet ägyptische Pharaonen gab, dürfte ja auch Sesostris
nicht neu gewesen sein. Ich sehe darum nach wie vor in dieser Passage einen deutlichen
Hinweis auf eine Koregenz ­ Amenemhet sagt ausdrücklich, daß vor seinem Tod schon ein
neuer König da ist ­ , keineswegs einen Beweis dagegen, wie Obsomer annimmt.
Auch andere Indizien, die Obsomer anführt 86 , bedeuten keineswegs, daß Amenemhet bei
dem Anschlag ums Leben kam, ganz sicher nicht das mic-hrw hinter seinem Namen zu
Beginn der Lehre. Man muß hier Textinternes und Textexternes (wozu auch die Überschrift
gehört) auseinanderhalten: Amenemhet ist zwar tot, als die Lehre verfaßt wird, spricht aber
in ihr (textintern) als Lebender 87 : Die Lehre, die er seinem Sohn erteilt haben soll, ist eben
erst nach seinem Tod aufgezeichnet worden.
Nach wie vor scheint mir die Lehre des Amenemhet nicht nur deutliche Hinweise auf eine
Mitregentschaft zu enthalten, sondern auch ihrer eigentlichen Zweckbestimmung nach nichts
anderes zu sein als die Rechtfertigung dieses neuen Prinzips der Thronfolge 88 . Dafür spricht
Obsomer, op.cit., 125.
"On comprend mal... pourquoi l'auteur der XEnseignement se serait amuse ä construire une phrase
nominale ä predicat adverbial dont les deux elements ­ sujet et complement de temps ­ seraient des
formes verbales conjuguees!"
H.J. Polotsky, in: IOS 6, 1976, 23.
Vgl. P. Vernus, in: RdE 35, 1984, 159­61,
Obsomer, Sesostris Ier, 126­7. Auf solche, die deutlich für eine Koregenz sprechen (z.B. in: SAK 18,
255­6), geht er nicht ein.
Vgl. auch Jansen­Winkeln, in: SAK 18, 1991, 256­7.
Vgl. schon ibid., 263­4.
132
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
auch die Überschrift, in der das Aussprechen der Lehre als wpt mict bezeichnet wird, was
nach Anthes89 soviel wie "Schaffung neuen Rechts" (durch Präzedenzfall) bedeutet, und das
wäre die Einführung des Prinzips der Koregenz ja in der Tat. Der Einwand von E.
Blumenthal90, nach zehnjähriger Mitregentschaft sei es etwas spät, diese neue Institution
durch ein literarisches Propagandawerk zu rechtfertigen, scheint mir nicht ganz überzeugend:
Die politische "Propaganda" der 12. Dynastie zielte ja nicht (wie etwa die Flugschriften der
frühen Neuzeit) auf Tagesaktualitäten, sondern war auf langfristige Wirksamkeit bedacht:
Wenn diese Schriften in der Schule gelehrt wurden, sollte damit die nächste Generation der
Herrschaftselite beeinflußt werden, auf ein paar Jahre kam es da nicht an91.
14.
Die Erzählung des Sinuhe zeigt nach Obsomer92 deutlich, daß Sesostris I. zum Zeitpunkt des
Todes seines Vaters noch nicht König war. Dies ist m.E. nicht stichhaltig:
Zu Beginn der Geschichte, zum Zeitpunkt des Todes Amenemhets, ist Sesostris auf einem
Feldzug. Er wird als "sein [Amenemhets] ältester Sohn, der 'vollkommene Gott' Sesostris [in
Kartusche]" bezeichnet (R 12-3), etwas später (R 17-8) wird gesagt, daß die Palastbeamten
Boten schickten, um den Tod Amenemhets "dem Königssohn" [Sesostris] mitzuteilen.
Obsomer hält die Bezeichnung Sesostris' als König bei seiner ersten Erwähnung (R 12-3) für
ein textextemes Phänomen, weil die Geschichte unter Sesostris I. (als König) verfaßt wurde;
innerhalb der Erzählung (textintern) sei sie hingegen anachronistisch93. Dagegen beweise die
Bezeichnung als zi njswt in R 18, daß er zu dem Zeitpunkt noch nicht König war. In SAK
18, 248-9 habe ich genau umgekehrt argumentiert: Der Königsname in R 13 zeige, daß er
bereits gekrönt war, während in R 18, bei der Meldung des Todes seines Vaters, nur seine
Funktion als Sohn und nicht als (mit)regierender König relevant war.
Man wird zugeben müssen, daß keine dieser Schlußfolgerungen zwingend ist: Der
Königsname könnte im Sinne Obsomers als textexternes Phänomen erklärt werden und
beweist dann nichts für eine Koregenz, die Bezeichnung als zi njswt kann durch den
situativen Kontext bedingt sein, weil der Tod des Vaters gemeldet wird, und besagt nichts
89
R. Anthes, in: JNES 16, 1957, 184-5.
E. Blumenthal, in: BiOr 50, 1993, 590.
91
Und man wird sich fragen können, ob diese Art der "Propaganda" nicht überhaupt erst unter Sesostris
I. einsetzte.
92
Obsomer, Sesostris Ier, 130-33.
93
Das heißt aber auch, sein Argument, hier werde nur der Eigenname benutzt, bei Amenemhet dagegen
der Thronname (Obsomer, op.cit., 131, n.306) ist irrelevant, da dies wiederum ein textinternes
Phänomen wäre.
90
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
133
gegen eine Koregenz. Man wird also nach weiteren Anzeichen suchen müssen, ob Sesostris
zu dieser Zeit schon König war oder nicht. In SAK 18, 249 hatte ich darauf hingewiesen, daß
Sinuhe zu Beginn der Erzählung Harimsdiener der Königin Sesostris' L ist. Obsomer 94 hält
auch diese Funktion für ihm nachträglich zugelegt (also textextern), ebenso wie dies ja klar
für den Titel cd-mr jty m ßw Stjw (R 1) gilt. Dieser letztere Titel kommt allerdings nur in der
Überschrift der Geschichte vor, nicht im eigentlichen Text, während die Funktion Sinuhes
als Harimsdiener zu Beginn der Erzählung erwähnt wird (Jnk Smsw nb.fblk n jp?t njswt...
). Und daß Sinuhe dieses Amt (Diener des königlichen Harim) tatsächlich schon vor seiner
Flucht einnahm, nicht erst nach seiner Rückkehr, zeigt sich im Text selbst auf vielfältige
Weise; bei seiner Rückkehr nach Ägypten und den Vorbereitungen dazu spielen die Königin
und die Königskinder eine überaus prominente Rolle, was nur verständlich wird, wenn dies
eben sein alter "Arbeitsbereich" war:
In B 166­7 möchte er die Königin im Palast grüßen und die Aufträge der Königskinder
hören, dann (B 176­7) bekommt er, zugleich mit dem Brief des Königs, eine Botschaft der
Königskinder, in diesem Brief des Königs werden das Wohlergehen der Königin und der
Prinzen ausführlich erwähnt und die Königin als pt.k tn bezeichnet, was auf eine engere Be­
ziehung Sinuhes zu ihr schließen läßt (Wb I, 491,11 übersetzt es als "deine verehrte Herrin").
Schließlich wird er im Palast zunächst von den Prinzen empfangen (B 250), und die Königin
und die Prinzessinnen erkennen ihn kaum wieder (263­7), was nur dann eine Pointe ergibt,
wenn sie ihn zuvor gut gekannt hatten. Die Angabe zu Beginn der Erzählung, daß er vor
seiner Flucht Diener des königlichen Harims war, wird also im Verlauf der Geschichte
mehrfach bestätigt. Als Prinz hätte Sesostris zweifellos keinen Harim haben können, als
Koregent dagegen schon, wie die Widmungsinschrift Ramses II. in Abydos zumindest für das
Neue Reich unzweideutig belegt95: Die Zuweisung eines Harims erfolgt dort gleichzeitig mit
der Krönung zum Mitregenten (während Sethos I. noch lebt: shcj sw m njswt [m33].j nfrw.f
jw.j cnh.kw). Die Stellung des Sinuhe als königlicher Harimsbeamter vor seiner Flucht läßt
keinen Zweifel daran, daß Sesostris zu diesem Zeitpunkt schon Koregent war 96 .
75.
Obsomer 9 7 glaubt der Sinuhegeschichte entnehmen zu können, daß Amenemhet bei einem
Attentat starb und daß es sich um dasselbe handelt, das in der Lehre des Amenemhet
Obsomer, op.cit., 131.
Kitchen, Ram. Inscr. II, 328,4­5.
Die von Obsomer, op.cit., 132 zitierten Stellen sagen nichts darüber, wann Sesostris König wurde.
Obsomer, op.cit., 132­3.
134
K. Jansen-Winkeln
SAK 24
geschildert wird: Aus Sinuhe R 18 (hpr m c-hnwtj) schließt er, daß Amenemhet in seinen
Privaträumen starb, was zur Attentatsschilderung der Lehre passen würde. Leider besagt das
nur wenig, die meisten Leute sterben in ihrem Bett.
Weiter geht aus der Lehre hervor, daß Mitglieder des Palastes bzw. des Harims an dem
Anschlag beteiligt waren. Obsomer möchte das mit dem Hinweis des Sinuhe verbinden, daß
auch die anderen Prinzen über den Tod ihres Vaters unterrichtet wurden und sieht in ihnen
(wie schon andere vor ihm) Beteiligte bzw. Nutznießer der Verschwörung. Allerdings sagt
die Sinuhegeschichte derartiges nicht expressis verbis98, eine solche Deutung beruht ganz auf
der Voraussetzung, Amenemhet sei bei dem in der Lehre erzählten Attentat gestorben, mithin
habe es bei seinem Tod eine Verschwörung gegeben.
In Ermangelung ausdrücklicher Hinweise kann uns also nur die innere Logik der
Geschichte deutlich machen, ob die darin geschilderten Umstände für die Verschwörungs­
theorie sprechen oder auf einen friedlichen Tod Amenemhets deuten. M.E. spricht alles ein­
deutig für letzteres, und der beste Beweis, daß Amenemhet nicht bei einer Verschwörung
ums Leben k a m ist die Reaktion des Sesostris: Als die Palastbeamten (smrw nw stp-zi)99 ihm
mitteilen lassen, sein Vater sei gestorben, läßt er seine Armee zurück und begibt sich mit
seinem engeren Gefolge 100 unverzüglich zur Hauptstadt. Wenn das Szenario so gewesen
wäre, wie die Anhänger der Verschwörungstheorie glauben, ergäbe sich damit folgende
Situation: In der Residenz ist Amenemhet ermordet worden, der erste Teil der Verschwörung
war also erfolgreich. Die Benachrichtigung Sesostris' muß demnach von loyal gebliebenen
Beamten ausgehen, während gleichzeitig die anderen Prinzen, die sich ebenso bei dem
Expeditionsheer aufhalten, von den Putschisten unterrichtet werden. Wie die Lage zum
Zeitpunkt seiner Ankunft in Jtj-tiwj sein würde, konnte Sesostris nicht genau wissen, da sich
seit der Abreise der Boten je einiges getan haben konnte. Gleichfalls müßte er, sofern er zu
dieser Zeit noch nicht designierter Thronfolger war, wie Obsomer glaubt, zumindest den
Verdacht haben, daß jemand von den übrigen Thronkandidaten, seinen Brüdern, etwas mit
der Sache zu tun haben oder sich zumindest noch dazu hergeben könnte. Und unter solchen
Umständen sollte er die Armee verlassen, in den Händen seiner Brüder und potentiellen
Rivalen, und sich mit "seinem Gefolge" zum Tatort der Verschwörung begeben und damit
98
Die Übersetzung des unklaren jw.j m crw vW als "j'etais au contact d'un complot" ergibt sich
ausschließlich aus einer bestimmten Deutung des Kontextes.
99
Es wird ihm also ganz offiziell Mitteilung gemacht, nicht etwa heimlich von Überlebenden des
Umsturzes.
100
hncSmsw.f. Obsomers "ses militaires­.frn.yw, son corps d'elite" (op.cit., 133) ist wieder eine reine Inter­
pretation und steht nicht im Text. Im Gegenteil, dort steht, daß die Armee nicht unterrichtet wird (und
zurückbleibt).
1997
Zu den Koregenzen der 12. Dynastie
135
riskieren, gleichfalls in die Hände der Putschisten zu fallen 101 ? Seine Reaktion wäre unter
solchen Umständen so aberwitzig, daß man schon daraus mit Sicherheit wird schließen
können, daß es solche Umstände eben nicht gab, daß nichts dergleichen vorgefallen war.
Ebenso wäre, entgegen der Annahme einiger Kommentatoren, der Zeitpunkt keineswegs so
günstig für einen Anschlag gewesen: Wenn die Attentäter tatsächlich die anderen Prinzen als
(potentielle oder tatsächliche) Mitverschwörer informieren ließen, mußten sie wissen, wo die
Armee sich gerade aufhielt. Aber es wäre doch abenteuerlich gewesen, einen Putsch zu
wagen, wenn der Hauptgegner sich mit einer Armee auf dem Rückmarsch zur Residenz
befand.
Die gesamten Begleitumstände des Todes Amenemhets, wie sie die Sinuhegeschichte
schildert, zeigen klar, daß es zu diesem Zeitpunkt keine Verschwörung gab und Amenemhet
offenbar friedlich in seinem Bett gestorben ist. Auch die Reaktion Sinuhes selbst widerspricht
dem nicht: Er rechnet offenbar aufgrund eines Irrtums oder eines Hörfehlers mit Unruhen,
im weiteren Verlauf der Geschichte beteuert er mehrfach, daß eben nichts vorgefallen war
und nur "sein Herz" ihn irregeleitet hatte102.
16.
Die 12. Dynastie gehört ohne Zweifel zu den forschungsgeschichtlich besonders prominenten
Epochen der ägyptischen Geschichte, und das zurecht, da gerade sie in vielerlei Hinsicht
prägend und richtungsweisend gewesen ist und im Rückblick schon den Ägyptern als "klassi­
sches" Zeitalter galt. Wenn über eine so relativ gut bekannte Zeit so kontroverse Ansichten
über ein so wichtiges Herrschaftsinstrument wie die Mitregentschaft möglich sind, zeigt das
deutlich die Unergiebigkeit und die oft mangelnde Eindeutigkeit unserer Quellen.
Dennoch glaube ich, daß diese Quellen, die "epigraphischen" wie auch die "literarischen",
zusammengenommen unzweideutig dafür sprechen, daß es in dieser Zeit die Einrichtung der
Koregentschaft gibt, bei der ein älterer König nach längerer Herrschaft seinen Nachfolger
noch zu seinen Lebzeiten zum König krönen ließ und dann bis zu seinem Tod zusammen mit
ihm herrschte. Ebenso scheint es mir unzweideutig, daß diese Einrichtung auf Amenemhet
I. zurückging, der die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens in der "Lehre des
Amenemhet" mit seinen schlechten Erfahrungen und dem notwendigen Mißtrauen gegen den
Hofstaat begründet hat.
Wenn, wie Obsomer meint (Sesostris Ier, 253), "le but des comploteurs etait moins de faire disparaitre
le vieux roi que de prendre le pouvoir ä Licht au moment oü eile etait le moins defendue", wäre es um
so unverständlicher, daß Sesostris die Armee zurückließ.
Jansen-Winkeln, in: SAK 18, 1991, 260-1.
Download PDF