Diss hrau 2004

Diss hrau 2004
Karl Heinrich Rau
ein beitrag zur sozialgeschichte der professorenschaft
im 19. jahrhundert
Inauguraldissertation
zur Erlangung des Grades eines Dr. phil.
an der Fakultät für
Verhaltens-und empirische Kulturwissenschaften
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
vorgelegt von Gabriele Haupt · Heidelberg 2004
Meiner Familie
Inhaltsverzeichnis
1.
2.
3.
vorwort
03
kindheit und jugend
04
1.1. Herkunft und Familie
04
1.2. Kinderjahre und erste Schulzeit
09
1.3. Ausbildung bis zum Abitur
14
1.4. Studienjahre
31
1.5. Eine Zwischenbilanz
43
lehr-und wanderjahre
45
2.1. Privatdozent und Gymnasiallehrer in Erlangen
45
2.2. Reise durch Deutschland
50
2.3. Anstellung als Professor
64
professor in heidelberg
68
3.1. Zur Professionalisierung des Hochschullehrerberufs
68
3.1.1. Vom Gelehrtenstand zur Hochschullehrerschaft
68
3.1.2. Die Reformuniversität Humboldt’scher Prägung
72
und ihre Professoren
3.1.3. Fritz Ringer und die „Deutschen Mandarine“
3.2. Zur Institutionalisierung der Nationalökonomie
76
81
3.2.1. Von der Kameralistik zur Nationalökonomie
81
3.2.2. Von der „Kameral Hohen Schule zu Lautern“
86
zum ökonomischen Lehrfach in Heidelberg
3.3. Die Situation an der Universität Heidelberg um 1820
91
3.4. Der Professor Karl Heinrich Rau
95
3.5. Rau als Prinzenerzieher
109
Seite 1
4. rau als Prorektor
5.
115
4.1. Das Prorektorat 1831/32
116
4.2. Das Prorektorat 1847/48
131
vertreter der universität heidelberg
in der 1. kammer des badischen landtages
142
5.1. Die badische Verfassung von 1818
142
5.2. Rau in der 1. Kammer des Landtages
146
6. revolution 1848/49
165
7.
reisen
189
Das Beispiel England 1851
189
8. weitere aktivitäten – jubiläen – ehrungen – tod
215
8.1. Mirarbeit in Universitätsgremien
215
8.2. Mitarbeit in kirchlichen Gremien
217
8.3. Arbeit für die Astor-Stiftung
220
8.4. Jubiläen und Ehrungen, Tod
225
9. ist rau der typische professor des 19. jahrhunderts?
238
literaturverzeichnis
243
Seite 2
Vorwort
Karl Daniel Heinrich Rau (1792–1870) galt als einer der bedeutendsten Nationalökonomen seiner
Zeit. Geboren und aufgewachsen in Erlangen, begann er auch seine wissenschaftliche Laufbahn
an der Universität seiner Vaterstadt. 1822 erhielt er einen Ruf an die Universität Heidelberg, den
er annahm. Nahezu fünfzig Jahre lang lehrte und wirkte er hier. Sein „Lehrbuch der politischen
Ökonomie“, erstmals 1826 erschienen, erlebte zahlreiche Neuauflagen und galt als Standardwerk.
Er war aber nicht nur Gelehrter, sondern trat 1833 als gewählter Abgeordneter der Universität in
die erste Kammer der badischen Ständeversammlung ein, später wurde er vom Großherzog dahin
berufen. 1848 war er Mitglied des Frankfurter Vorparlamentes.
Nachdem nahezu 130 Jahre nach seinem Tode 1999 sein Tagebuch der Badischen Revolution in
Heidelberg 1 erschienen ist, soll nun der Versuch unternommen werden, sein Leben darzustellen.
Die Quellen dafür finden sich in seinem Nachlaß, der in Privatbesitz ist. Das Archiv der Universität Heidelberg hat diesen Nachlaß geordnet und in 111 Archivnummern verzeichnet sowie
auf Mikrofilm genommen, so daß er der Öffentlichkeit zugänglich ist. In der Folge wird bei Zitaten
auf diese Archivnummern Bezug genommen. Es können allerdings keine Seitenzahlen angegeben
werden, da keine verzeichnet sind.
Dieser umfangreiche Nachlaß umfaßt persönliche Zeugnisse, Notizen, Zeichnungen, Tagebuchaufzeichnungen, Landtagspapiere, Reisetagebücher, Protokolle sowie eine mannigfaltige Korrespondenz mit Fachkollegen und anderen Persönlichkeiten seiner Zeit.
Kurz nach dem Tode Raus wurde auf Bitten der Familie vom Neffen Rudolf Köhler eine Lebensgeschichte Raus und seines Vaters, Johann Wilhelm Rau, aufgezeichnet. Auch diese befindet sich
beim Universitätsarchiv Heidelberg. Hinweise darauf werden hier unter „Köhler Rau“ gegeben.
Auch hier können keine Seitenzahlen angegeben werden.
Im Rahmen des Promotionsaufbaustudiums wurde 1999 an der Pädagogischen Hochschule
Heidelberg von der Verfasserin eine wissenschaftliche Hausarbeit mit dem Titel: Karl Daniel
Heinrich Rau. Ein Leben zwischen Aufklärung und beginnendem Industriezeitalter - Kindheit und
Jugend - vorgelegt. Diese Arbeit findet in veränderter und gekürzter Form auch hier Eingang.
1
Karl Heinrich Rau: Die vierzig Tage in Heidelberg. Ubstadt-Weiher 1999
Seite 3
1.
Kindheit und Jugend
1.1. herkunft und familie
Karl Daniel Heinrich Rau wurde am 23. November 1792 in Erlangen geboren.
Sein Vater war der Doktor der Theologie Johann Wilhelm Rau, ordentlicher Professor und Pfarrer
an der Altstädter Kirche in Erlangen, geboren am 9. März 1745 in Rentweinsdorf in Franken, wo
sein Vater Freiherrlich v. Rotenhan’scher Hausverwalter war. Da Johann Wilhelm Rau nicht nur als
Vater für den Sohn wichtig und bedeutsam war, sondern auch an seiner Ausbildung wesentlichen
Anteil hatte, soll hier der Bildungsgang und das berufliche Wirken des Vaters kurz dargestellt
werden.
Johann Wilhelm Rau besuchte schon als vierjähriger Knabe 1749 die Dorfschule in Bonnland in
Franken. Nach verschiedenen Stationen, die durch beruflich bedingten Ortswechsel des Vaters
notwendig wurden, kam er auf das Gymnasium Casimirianum in Coburg. Offenbar hat er damals
schon theologische Studien betrieben, denn es ist das Konzept einer Predigt überliefert, die wohl
auch vor einer Gemeinde gehalten wurde und „allgemeinen Beifall“ 2 fand. Nachdem die Bewerbung um ein Familienstipendium insofern erfolgreich war, als Johann Wilhelm die Hälfte der ausgesetzten Summe bekam, bezog der theologisch vorgebildete junge Mann im April 1766 die
Universität Göttingen.
Göttingen war damals nicht ausdrücklich theologisch ausgerichtet, sondern galt als eine Universität, an der man eine moderne weltmännische Bildung erwerben konnte. Ihren Ruf verdankte
die Universität vorwiegend den staatswissenschaftlichen und historisch-politischen Fächern
(Schlözer, Gatterer, Heeren), auch Naturwissenschaften und Mathematik (Haller, Lichtenberg,
Kästner) und Philologie, letztere vertreten durch Gesner, Heyne und Michaelis.3
Folgerichtig erstreckten sich Raus Studien nicht allein auf theologische Kollegien, er hörte auch
reine und angewandte Mathematik, Philologie und Physik. Dazu kamen Sprachstudien in Englisch, Arabisch, Syrisch, Chaldäisch und Rabbinisch. 4 Daneben übernahm er auch eine Hauslehrerstelle. Heyne nahm ihn in sein Philologisches Seminar auf. Ein Jahr später erhielt er als
Mitglied des theologischen Repetentencollegiums seine erste amtliche Stelle. Mit 28 Jahren
erhielt er auf Heynes Empfehlung einen Ruf als Rektor in der Stadt Peine, damals im Hildesheimischen. Der Theologe wurde also, ganz seiner klassisch-humanistischen Ausbildung gemäß,
erst einmal Lehrer.
2
3
4
Köhler/Rau; Zeugnis des Pfarrers Wolfhart
vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts. Leipzig 1885, s. 441 ff.
vgl. Köhler/Rau
Seite 4
Für seinen Familienstand wurde Peine eine wichtige Station: Im April 1776 heiratete er Caroline
Henriette Hedwig Hübener, Tochter des Syndicus Christoph Gottlieb Hübener, geboren am 28.
August 1755 in Peine. Von Caroline ist nur überliefert, daß sie musikalisch war und aus einer
angesehenen Familie stammte, über ihre schulische oder sonstige Bildung ist nichts bekannt,
was für die Mädchenbildung ihrer Zeit typisch ist.
1776 trat Johann Wilhelm Rau sein neues Amt als Gymnasiarch und Professor der Theologie in
Dortmund an. 1777 wurde ihm das Prorektorat und der größte Teil vom Lehramt der Philosophie
am Archigymnasium übertragen. Zu den öffentlichen Prüfungen dort im September 1778 lud er
durch ein Programm ein: „Etwas über die neuere gelehrte Erziehung“, worin er gründlichen
Jugendunterricht und keine spielende Lehre fordert, die zur Verzärtelung und Hohlheit führe.
1779 nahm er den Ruf auf die zweite, also am schlechtesten bezahlte theologische Professur in
Erlangen an. Seine lateinische Antrittsrede hielt er über das Thema: „Wie der Theologieunterricht
dem Geiste unserer Zeit anzubequemen sei.“
1783 wurde er 3. Professor und Pfarrer an der Altstädter Kirche. 1788 rückte er in die zweite
Professur auf. Viermal war er Prorektor, und 1807 wurden ihm die Arbeiten der Superintendentur
übertragen.
Am 1. Juli 1807 starb Johann Wilhelm Rau im Alter von 62 Jahren. Er hinterließ eine kränkliche
Witwe mit drei Söhnen, zwei Töchtern und vier Enkeln. Bei der Mutter lebten noch die einundzwanzigjährige Tochter Johanna und der vierzehnjährige Sohn Carl Daniel Heinrich. Die wirtschaftliche Situation war äußerst schwierig, lange Zeit verging, bis eine Witwenpension gezahlt
wurde.
Johann Wilhelm und Caroline Rau hatten insgesamt acht Kinder, von denen fünf das
Erwachsenenalter erreichten. Sie seien hier aufgeführt, da die Geschwister im Leben Carl Daniel
Heinrichs eine nicht unwichtige Rolle spielten:
1.
Sophie, geboren 1777 in Dortmund, verheiratet mit dem Professor für Kameralistik
Carl Daniel Heinrich Bensen, der 1805 in Würzburg starb; Sophie starb 1828.
2. Gottlieb, geboren 1779 in Erlangen, der 1840 in Gießen als Professor der Medizin
und Physicus (Arzt) starb.
3. Johanna, geboren 1786 in Erlangen, starb unverheiratet in Erlangen 1856.
4. Heinrich Hermann, geboren 1787 in Erlangen, der 1852 als Professor der
französischen Sprache in Heidelberg starb.
5. Carl Daniel Heinrich, geboren 23. 11. 1792 in Erlangen.
Seite 5
Bei der Geburt des Jüngsten stellt sich die Familiensitiuation wie folgt dar: Der Vater war 47 Jahre
alt, beruflich saturiert und erfolgreich. Finanziell war man nicht üppig ausgestattet, hatte aber
genug, um ein bürgerlich-bescheidenes Leben zu führen. Seine beiden Berufe als Theologieprofessor und Pfarrer füllten ihn aus.
Die Mutter Caroline war 37 Jahre alt, hatte vier Kinder zu versorgen und erlebte ihre achte
Entbindung. Drei Kinder waren im Kleinkindalter gestorben. Die vier Kinder im Hause waren 15,
13, 6 und 5 Jahre alt, stellten also beträchtliche und völlig unterschiedliche Anforderungen an
die Mutter. Caroline wird gelegentlich als „nervös“ oder „kränklich“ beschrieben – angesichts der
vielen Schwangerschaften und Entbindungen, anstrengenden Mutterpflichten, eines großen
Haushaltes und der Verpflichtungen als Pfarrersfrau vermag dies nicht zu verwundern. Dazu kam
noch das Leid, drei Kinder in frühestem Alter sterben zu sehen.
Nun kam also Carl Daniel Heinrich dazu, eine neue Schwangerschaft, ein neues Baby. Er sollte
das letzte sein. Er war von Anfang an der „Kleine“, denn seine Geschwister waren alle deutlich
älter. Selbst Heinrich, der ihm im Alter nächste Bruder, war fünf Jahre älter, was zur Folge hatte,
daß sie kaum gleiche Interessen verfolgen konnten. Von seiner Geschwisterposition her war Carl
also nicht nur ein „Jüngster“, sondern auch fast ein Einzelkind. Dennoch konnte ihm das reiche
Familienleben im Pfarrhaus ausgezeichnete Entwicklungschancen bieten.
Seite 6
Johann Wilhelm Rau
1745-1807
Seite 7
Caroline Henriette Rau
geb. Hübener · 1755-1813
Seite 8
1.2. kinderjahre und erste schulzeit
Von der Hand des Vaters liegt ein kleiner Zettel5 vor, auf dem vermerkt ist:
„Den 23. Nachts kurz vor 10 Uhr ist uns ein Söhnchen geboren und
den 24. Nachmittags von Herrn Geheimen Kirchenrat Seiler getauft worden.
Er hat die Namen erhalten: Karl Daniel Heinrich. Den 25. hat H.(err)
M.(agister) Besenbeck vormittags für mich gepredigt und des Nachmittags
katechisirt.“
Vater Rau hat das Geburtsjahr nicht erwähnt; dieses ist aber auf dem 1831 ausgestellten
Taufschein mit 1792 dokumentiert. Dieser nennt auch den Paten: Karl Daniel Heinrich Bensen,
Hofmeister zweier Studenten von der Reck in Erlangen. Bensen, 1761 in Einbeck geboren, hatte
in Halle und Göttingen zunächst Theologie studiert, später Kameralistik und Ökonomie. In Halle
hatte er fünf Jahre lang eine Lehrstelle am Pädagogium inne. Mit zwei seiner Eleven, den Freiherren von der Reck, ging er dann nach Erlangen. Aus dieser Zeit stammt wohl seine Bekanntschaft mit der Familie Rau. Anschließend ging er nach Göttingen, wo er die Rechte studierte. 1794 erhielt er die juristische Doktorwürde in Erlangen, 1797 wurde er hier ordentlicher
Professor der Philosophie und der Kameralwissenschaften. In diese Zeit fällt wohl die Hochzeit
mit der ältesten Schwester seines Patenkindes, Sophie. 1804 erhielt er einen Ruf nach Würzburg
als Professor der Staatswirtschaft. Dort starb er schon 1805.
Bemerkenswert an beiden Dokumenten ist dieses: Vater Johann Wilhelm trägt sein neugeborenes Söhnchen nicht in sein kleines Notizbuch mit Familiennachrichten ein, in dem er bis 1784
alle wesentlichen Ereignisse, wie Ausbildung, Heirat, Geburten von Kindern, deren Krankheiten
und auch Tod gewissenhaft aufgeschrieben hatte. Seine Aufzeichnungen in diesem Büchlein
enden 1784 mit der Nachricht von der Erkrankung seines Töchterchens Johanna Karolina
Barbara. Von anderer Hand hinzugefügt ist der Zusatz, daß dieses Kind am 22. 7. 1784 starb. Es
war 11 Monate alt. Vorangegangen war der Tod seines Söhnchens Georg Friedrich Burkhard,
Fritzchen genannt, der im August 1783 im Alter von 17 Monaten an der Ruhr gestorben war, im
gleichen Monat, in dem Johanna geboren wurde. Diese beiden Schicksalsschläge hintereinander
haben dem Vater wohl die Freude an seinem Familiennachrichtenbüchlein genommen. Ab diesem Zeitpunkt schreibt er nichts mehr ein, auch nicht die Daten seiner überlebenden Kinder
Johanna (geb. 1786 und nach der verstorbenen Schwester benannt) und Heinrich (geb. 1787).
5
Rau 77
Seite 9
Auch der kleine Sohn Johann Wilhelm (1789-1790) findet keine Erwähnung. Nun könnte man vermuten, auch im Jahr 1792 war sich der Vater nicht sicher, ob dieses Kind überleben würde. So
bleibt es zunächst bei dem dürftigen Zettel. Auffallend ist auch der Umgang mit dem Paten.
Während bei den ersten drei Kindern bis zu fünf Paten pro Kind aufgeführt sind, alle mit Rang
und Namen, aus der Familie oder dem Freundeskreis stammend, schreibt Vater Rau bei seinem
letzten Kind nur auf, daß es getauft wurde, auch daß sein Vorgesetzter, Kirchenrat Seiler, das
Kind taufte. Von einem Paten schreibt er nichts. Diesen nennt nur das Kirchenbuch. Ob der
Familie Rau die Paten ausgegangen waren? Es gibt keinerlei Hinweis darauf, wieso gerade Carl
Daniel Heinrich Bensen Pate wurde; eine spätere Heirat mit der damals 15-jährigen Tochter
Sophie zeichnete sich wohl noch nicht ab, auch war seine berufliche Ausbildung keineswegs
beendet. Dieser Pate sollte später festlegen, daß Carl Daniel Heinrich Rau ein Kameralstudium
absolvieren sollte.
Immerhin scheint sich Vater Rau anläßlich der Geburt und Taufe seines jüngsten Kindes einen
Sonntag frei genommen zu haben; denn er notiert gewissenhaft, daß Magister Besenbeck ihn
beim Predigen und Katechisieren vertreten hat. Mochte Vater Rau bei der Geburt seines Jüngsten
bezüglich dessen Überlebens und Aufwachsens eine eher vorsichtig-abwartende Haltung gehabt
haben, änderte sich das später glücklicherweise. Als Karl offenbar komplikationslos über seine
ersten Jahre gekommen war, schrieb er dessen „Erste Jugendgeschichte“ auf. Leider ist sie nicht
datiert, es steht nur darunter: „Eigenhändig von Joh. Wilh. Rau“. Der Text sei hier in der Originalschreibweise wiedergegeben:
„Erste Jugendgeschichte Carl Daniel Heinrich Rau 6
Dieser ist gebohren den 23.ten Nov. 1792 abends 10 Uhr, er war sehr
groß und gesund. Wie er 1/2 Jahr alt war, merkte schon viel Freude an
der Musik an ihm, von dieser Zeit an spielte ich ihm auf der Harfe vor,
seine Wärtherin stellte sich, ihn auf dem Arm haltend, an die Harfe,
er legte seinen Arm um den Harfenknopf, und dann seinen Mund auf
den Knopf, so konnte er Stunden lang liegen, er sog ordentlich die
Thöne ein. So hörte er auch gern das Clavier, aber durchaus kein Adagio.
Er zeigte in den nächsten Jahren viel Feuer, aber auch Ernst, wenn
ich ausging und ihm befahl, mit seinen Spielsachen auf einem gewiesenen Platz sitzen zu bleiben, so stand er gewiß nicht auf. Wie er
4 1/2 Jahr alt war, mußten wir ihm viel erzählen. Da ich dazu nicht immer
Zeit und Lust hatte, so verlangte er in die Schule, damit er lesen lernte,
um die Geschichten selbst lesen zu können.
6
Rau 77
Seite 10
Am Montag nach Ostern schickten wir [ihn] 1796 zum ersten mal
in die Schule zu demSchullehrer Mennerstörfer. Er kante noch nicht alle
Buchstaben, doch fing er bald an zu buchstabiren. Wie er das erste
maal in der Schule eine geistliche Melodie singen hörte, sprang er voll
Zorn unter die Kinder und rief Nein, das müßt ihr nicht singen,
sondern „Freuet euch des Lebens pp. Nun buchstabirte er beständig,
in der Nacht stöhrte er uns oft, weil er lange im Bette saß und laut
buchstabirte, sein Vater verboht dem Lehrer, ihnnoch lange nicht zusammen
lesen zu lassen, wie er aber kaum 2 Monat in der Schule war, laß er
schon recht gut, nun fieng er auch an zu schreiben und zu rechnen, in
kurzem laß er alle Geschichten die in seinen Büchern standen, da
gaben wir ihm den Robinson v. Kampe, er laß ihn in 2 Stunden durch.“
Der Text offenbart vieles über die Erziehungsvorstellungen und den Erziehungsstil des Vaters
Rau, auch über die Bedingungen, unter denen das Kind Karl aufwächst. Vater Rau fällt schon am
sechs Monate alten Kind ein ausgesprochener Hang zur Musik auf, speziell zur Harfenmusik,
aber auch zu der auf dem Klavier. Das zeigt, daß es im Pfarrhaus beide Instrumente gibt und daß
Vater Rau sie spielen kann. Weiterhin wird deutlich, daß Vater Rau offenbar bereit ist, seine Zeit
auch dem winzigen Kleinkind zu widmen, was durchaus nicht als Selbstverständlichkeit gelten
kann. Das Kind hat zwar seine Wärterin – Personalprobleme gibt es nicht im Pfarrhaus – aber
immerhin hält sich das Baby in Vaters Zimmer auf; denn es ist anzunehmen, daß die Instrumente
in der sogenannten „Studierstube“ standen. Das Verhalten des Kindes, auch in Abwesenheit des
Vaters am angewiesenen Platz sitzenzubleiben, läßt auf sehr frühe Disziplin schließen, vom Vater
als Ernst charakterisiert.
Aber auch wißbegierig ist das Kind, vom Geschichtenerzählen kann es nicht genug kriegen. Der
Vater gibt ohne Umschweife zu, dazu nicht immer Zeit und Lust zu haben – aber vielfach gab er
doch wohl dem Drängen des Kindes nach. Endlich schickt er den Kleinen mit viereinhalb Jahren
in die Schule. Bei der Jahresangabe „1796“ muß ein Irrtum vorliegen, denn Ostern 1796 wäre
Karl erst 3 1/2 Jahre alt gewesen; es muß sich also um 1797 handeln. Für Vater Rau ist die frühe
Einschulung nichts Ungewöhnliches, ist er doch selbst bereits mit vier Jahren in der Schule im
fränkischen Bonnland gewesen.
Die dargestellte Szene mit der Reaktion des kleinen Karl auf geistlichen Gesang ist für einen
Pfarrerssohn erstaunlich. Man sollte doch annehmen, daß das Kind geistliche Gesänge gewohnt
gewesen sei. Aber seine Neigung galt wohl mehr dem Weltlichen. Sie zeigt außerdem, daß der
kleine Karl recht selbstbewußt und gar nicht furchtsam ist; obwohl er der Kleinste ist, „springt er
Seite 11
unter die Kinder“ und fordert ein anderes Lied. Er hätte ja auch anfangen können zu weinen,
wenn ihm das Lied nicht gefällt, oder es einfach kommentarlos ertragen. Aber er wehrt sich
energisch – „voll Zorn“ – und verlangt ein anderes Lied. „Freut Euch des Lebens“ findet er offenbar fröhlicher.
Vater Rau stellt dann die überaus schnellen Lernerfolge des Kleinen dar, der aus eigenem Antrieb
so lange buchstabiert, bis er lesen kann. Dem Vater wird es fast ein wenig unheimlich, er verbietet dem Lehrer sogar, den Kleinen „zusammen lesen“ zu lassen, aber er kann nicht verhindern,
daß der Kleine lesen lernt. Schon nach zwei Monaten kann er es „recht gut“, schnelle selbständige Lektüre schließt sich an. Schreiben und Rechnen folgen.
All dies zeigt, daß der kleine Karl ein früh entwickeltes Kind war, das beachtliche Anlagen zeigte.
Es wird aber auch deutlich, daß er im Elternhaus, besonders durch den Vater, eine liebevolle
Förderung genoß.
Dem heutigen Beobachter fällt auf, wie komplikationslos die Aufnahme des Viereinhalbjährigen
in die Schule erfolgt. Er möchte hingehen, seine Eltern sind dafür, der Lehrer ist auch einverstanden, und so kommt Karl in die Schule. Das läuft ab ohne Schulreifetest, ohne psychologisches Gutachten, ohne Grundsatzdebatten über Früheinschulungen oder Elitebildungen, ohne
Schulamt, Gesundheitsamt und ohne bürokratische Formalitäten. Wäre es Karl nicht gelungen,
Anschluß an den Leistungsstand seiner älteren Klassenkameraden zu finden, wäre er sicher auch
ebenso komplikationslos wieder ausgeschult worden. Karl ist aber offensichtlich ein begeisterter
Schüler mit großem Lerneifer.
Hier ist eine Bildungsmaßnahme angewandt worden, die sich ausschließlich am Bedürfnis des
Kindes orientiert und im Einverständnis zwischen Kind, Lehrer und Eltern zu den wünschenswertesten Ergebnissen geführt hat. Wenn man diesen Vorgang mit den heutigen Debatten über die
flexible Einschulung vergleicht, drängt sich der Schluß auf, daß vor zweihundert Jahren die Bereitschaft größer war, sich den Gegebenheiten des Kindes anzupassen, als dies heute der Fall ist.
Über Karls frühe Schulzeit gibt es auch ein richtiges Zeugnis. Es wurde erst im Jahre 1807 ausgestellt, als Karl Rau offenbar begann, derartige Leistungsnachweise zusammen zu tragen, weil
seine Schulzeit sich dem Ende näherte.
Seite 12
Sein Lehrer schreibt am 17. Juli 1807:
„Daß Carl Daniel Rau als 4jähriger Knabe in meine Schule gegangen,
und in Zeit 2 Monathen die Buchstaben, Buchstabieren und das Lesen
gut gelernt,auch im Schreiben und Rechnen und anderen Sachen
großen Fleiß bewiesen,und überhaupt durch sein Lernen und artigen
Betragen mir viele Freude gemacht bezeugt hiermit
F. M. Männerstörfer
Schullehrer wie auch Stadtkirchner.“
Später geht Karl Rau, wie er im „Hausbuch“ 7, eine Art Tagebuch, vermerkt, in die „höhere
Abtheilung der Altstädter Schule unter Höfer, einem sehr guten Lehrer“. Was er da gelernt hat,
wird leider nirgends aufgeführt. Da Rau selbst später so ein positives Urteil über seinen Lehrer
abgibt, wird er auch mit der Entwicklung und dem Wissenszuwachs aus dieser Zeit zufrieden
gewesen sein. Auch über diese Schulzeit gibt es ein Zeugnis:
„Carl Daniel Heinrich Rau hat 3 Jahre, nemlich von seinem
6 bis 9ten Jahre, meine Schule besucht. Da er sich vorzüglich
durch einen rühmlichen Fleiß, durch Aufmerksamkeit und
Pünktlichkeit in den Unterrichtsstunden vor anderen Schülern
auszeichnete, seine glücklichen Naturgaben auf’s beste anwandte, durch sein sittliches Betragen andern zum Muster
diente, und mir dadurch viele Freude und Erleichterung verschaffte, so fühle ich mich verpflichtet ihm dies hiedurch öffentlich zu bezeugen, und alles gebührende Lob seines Wohlverhaltens wegen zu ertheilen.
Altstadt Erlangen d. 20. Julius 1807 Johann Friedrich Höfer
Cantor und Schullehrer“.
Lehrer Höfer äußert sich nur an einer Stelle über Begabung, Fähigkeiten und Kenntnisse seines
Schülers: er habe seine glücklichen Naturgaben auf’s beste angewandt. Das läßt den Schluß zu,
daß Höfer den kleinen Karl für begabt hält, aber auch, daß er die Anwendung und Umsetzung
der vorhandenen Begabung in Lernergebnisse für sehr gelungen hielt.
7 Rau 113
Seite 13
Kurz gesagt, er hält ihn für einen intelligenten Jungen, der auch gut lernt. Weit ausführlicher
beurteilt er das, was heute gelegentlich als „Sekundärtugenden“ in Verruf geraten ist:
Rühmlicher Fleiß, Aufmerksamkeit und Pünktlichkeit, sittliches Betragen und Wohlverhalten werden Karl attestiert. Höfer gibt seiner Freude über den Schüler Ausdruck, geht sogar so weit zu
sagen, er habe ihm durch sein sittliches Betragen „Erleichterung“ verschafft. Karl ist also nicht
nur gescheit und lerneifrig, er ist auch noch überaus brav – ein richtiger Musterschüler.
Mehr ist über die ersten Schuljahre des kleinen Karl nicht überliefert. Lehrer Höfer bescheinigt
den Schulbesuch bis in das 9. Jahr seines Zöglings, danach scheint das beendet zu sein, was wir
heute die Grundschulzeit nennen. Für Karl beginnt eine neue Phase, der Eintritt in eine weiterführende Schule. Das geht ganz anders vor sich als heute. Karl bekommt keine Grundschulempfehlung, die nach genauem Zahlenschlüssel seine Begabung und Eignung attestiert und ihm
eine bestimmte Schulart zuweist. Es gibt keine Nachhilfestunden, keine Debatten und keinen
Schulstress. Die Grundschulzeit ist einfach beendet, und man gewinnt den Eindruck, als habe
Lehrer Höfer dem Kind beigebracht, was in seiner Schule möglich ist, und entlasse den Jungen
jetzt in eine Zukunft, die er nicht mehr beeinflussen kann.
1.3. ausbildung bis zum abitur
Rau schreibt in seinem „Hausbuch“ über die weitere Ausbildung, die zunächst parallel zur Grundschule verläuft, folgendes:
„Um das Jahr 1799 begann der Vater, ein guter Lateiner,
früher auch Schulmann, den lateinischen Unterricht,
anfangs ohne bestimmte Stunden. Später kam Griechisch hinzu.“
Das bedeutet, Karl beginnt mit noch nicht einmal sieben Jahren Latein zu lernen. Der Vater geht
es langsam an, „anfangs ohne bestimmte Stunden“. Offenbar will er dem Jungen die Sache ganz
allmählich schmackhaft machen, bringt nicht zuviel auf einmal, läßt die Sache reifen. Wenn es
allerdings heißt, daß anfangs keine bestimmten Stunden eingehalten werden, bedeutet das doch,
daß nach einiger Zeit sehr wohl zu festgesetzten Zeiten unterrichtet wurde, und zwar regelmäßig.
Wie lange die Zeit des „anfangs“ war, wissen wir nicht. Es folgt dann die Aufnahme des
Griechisch-Unterrichts, offenbar in nicht allzu großem zeitlichen Abstand.
Seite 14
Wenig später wurde der Unterricht dann neu organisiert und ausgeweitet. Rau schreibt in seinem „Hausbuch“:
„Um das Jahr 1801 verbanden sich die Väter Hildebrandt,
Rau und Langsdorf, ihre Söhne gemeinschaftlich zu
unterrichten. Ersterer lehrte Geographie, Geschichte, las
in besonderen Abendstunden Nieupoort ritus romani
mit den 3 Knaben. Sein Unterricht war unendlich belebend.
Langsdorf lehrte Geometrie, Rau lateinisch.“
Karl Rau war um diese Zeit zwischen 8 und 9 Jahren alt, Karl Hildebrandt ein Jahr älter (geb.
8.10.1791) und Georg Langsdorf, dessen Lebensdaten nicht überliefert sind, etwa im gleichen
Alter. Für Karl Rau bedeutet das, daß der Unterricht parallel zur Grundschule stattfindet. Ob das
bei den beiden anderen auch so war, ist nicht überliefert, aber wahrscheinlich. Das heißt, daß
der Übergang zwischen zwei Schularten durchaus fließend verläuft und so gar nicht als besonderer Einschnitt empfunden wird.
An dieser Stelle ist es angebracht, auf das Schulwesen der damaligen Zeit und auf die Persönlichkeiten der unterrichtenden Lehrer-Väter einzugehen. Das Zeitalter der Aufklärung brachte
erst allmählich ein staatlich organisiertes Schulwesen hervor. In Preußen, zu dem Erlangen zwischen 1791 und 1810 gehörte, gab es 1763 mit dem General-Landschul-Reglement die erste
große Volksschulordnung mit allgemeiner Schulpflicht, der geistlichen Aufsicht des Lehrplanes
und dem Gedanken einer seminaristischen Lehrerausbildung.
Mit dem Oberschulkollegium konstituierte sich 1787 erstmalig eine oberste Landesbehörde, die
ausschließlich für das Schul-und Unterrichtswesen zuständig war. Sie war losgelöst von den
Kirchen-und Justizbehörden, mit denen sie bis dahin verbunden war. Der Behördenchef, Karl
Abraham von Zedlitz (1731-1793), legte im gleichen Jahr den ersten „Gesamtplan für ein künftig
vom Staat zu verantwortendes Unterrichtswesen“ vor. In diesen Vorschlägen entwickelte Zedlitz
ein System von Bildungseinrichtungen, in dem jedem Bürger gemäß seinen gesellschaftlichen
Aufgaben ein bestimmtes Maß an Bildung zuteil werden sollte. Der Kernsatz lautete, „daß der
Bauer anders als der der künftige, Gewerbe oder mechanische Handwerke treibende Bürger, und
dieser wiederum anders als der künftige Gelehrte oder zu höheren Ämtern des Staates bestimmte Jüngling, unterrichtet werden muß. Folglich ergeben sich drei Abteilungen aller Schulen des
Staats; nämlich: 1.) Bauer- 2.) Bürger- und 3.) Gelehrte Schulen.“8
8
Peter Lundgreen:Sozialgeschichte der deutschen Schule im Überblick. Teil 1.: 1770-1918. Göttingen 1980
Seite 15
Dies bedeutet, dass das Schulwesen der künftigen Berufsausübung dienen sollte und der Staat
ein Interesse an der möglichst effizienten Ausbildung seiner Untertanen hatte. Allerdings sind
die Begriffe „Staatliche Schule“ und „Schulpflicht“ differenziert zu betrachten. Wie Wolfgang
Neugebauer 9 ausführt, steht es den Eltern grundsätzlich frei, „den Unterricht und die Erziehung
ihrer Kinder auch in ihren Häusern zu besorgen.“10
Auf dem Lande oblag die Durchführung der Schulpflicht der Gutsherrschaft, die im Verein mit
der Geistlichkeit für eine „gute und christliche Erziehung“ der Kinder zu sorgen hatte. Die
Schulen unter dem Patronat von Gutsherren oder von Pächtern, in den Fällen, wo der König der
„Patron“ war, hält Neugebauer auch nicht eigentlich für staatliche Schulen: „Es wäre also falsch,
die Landschulen königlichen Patronats ohne weiteres als Staatsschulen zu betrachten. In den
Städten waren in aller Regel die Magistrate Inhaber des Schulpatronats, sieht man von wenigen
großen Gymnasien ab, die auch vom Staat finanziell unterstützt, unter landesherrlichem Patronat
standen.“11
Auch die königlichen Oberschul- und Oberkonsistorialräte waren angewiesen, ihre Aufsichtsfunktion so auszuüben, dass sie nicht mit den „Privat-Rechten der Adelichen und anderen
Schulpatronen oder den Magisträten“12 in Kollision gerieten.
Neugebauer fasst zusammen: „Der preußische Untertan im 18. Jahrhundert hatte schulische
Bildung und Erziehung empfangen entweder in einer staatsfernen Patronatsschule, in einer
staatsfernen Privatschule oder im privaten Haus durch einen Hauslehrer, Hofmeister etc.Die
Intensivierung des Staatszugriffs ist erst nach Humboldt eingetreten, erst seit der Reformzeit
und im Vormärz wird die Schule zu einem essentiellen Bestandteil staatlicher Sozialpolitik und
Gesellschaftssteuerung.“13
In den Städten ergab sich im Laufe der Zeit eine Mischform von städtischer Bürgerschule und Gelehrtenschule, von denen die erstere die Aufgabe hatte, die Bürgersöhne auf einen bürgerlichen
Beruf vorzubereiten, und die zweite die Vorbereitung auf ein Studium bieten sollte. In der Realität
sah es aber so aus, wie es der Direktor eines Berliner Gymnasiums und Mitglied des Oberschulkollegiums, Gedike, beschrieb: „Unser Gymnasium hat wie alle städtische Schulen die große
Unbequemlichkeit, dass die Lehrlinge desselben in den unteren Klassen ein buntes Gemisch sind:
teils künftige Studierende, teils solche, die zu allerlei bürgerlichen Metiers bestimmt sind.
9
10
11
12
13
Wolfgang Neugebauer: Bildung, Erziehung und Schule im Alten Preußen. In: Karl Ernst Jeismann Hrsg.:
Bildung, Staat, Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1989.
a.a.O. S.26.
a.a.O. S.33
a.a.O. S.32
a.a.O. S. 39
Seite 16
Es ist also Bürgerschule und Gelehrtenschule zugleich.“ 14 Das Gymnasium war also nicht eine
Schule, die zwingend zum Abitur führte. Es gliederte sich vielmehr in die „Schule“ (Sexta bis
Untertertia) und in das eigentliche Gymnasium, die „gelehrten Klassen“ (Untersekunda bis
Prima). Die „Schule“ konnte man wahlweise oder nach Angebot entweder in einer Stadtschule
oder in einem Gymnasium besuchen.
Erst die „gelehrten Klassen“ führten dann zum Abitur oder zu der Möglichkeit, eine Eingangsprüfung an einer Universität abzulegen. Erst im Abiturreglement von 1812 werden im Gegensatz
zum Vorläufer von 1788 Gegenstände und Form der Prüfung genauer festgelegt, „ohne freilich
schon jetzt dem Gymnasium ein Monopol für die Regelung des Universitätszuganges einzuräumen.“15
Die Niederlage Preußens 1806 gegen Napoleon führte in der Folge zu den preußischen Reformen, die sich auf alle Bereiche des Staates erstreckte, vom Militär über die Verwaltung bis zum
gesamten Bildungswesen. Das zeitlich kurze Wirken Wilhelms von Humboldt in den Jahren 1809
und 1810, das schließlich in der Gründung der Berliner Universität seinen Höhepunkt fand, leitete entscheidende Veränderungen ein. Nicht zuletzt betrafen diese den Beruf des Lehrers. Volker
Lenhart schreibt hierzu: “Trotzdem entsteht mit dem Ausbau des Bildungssystems in den Jahren
nach 1800 allmählich der neue Lebensberuf Lehrer, im Bereich der Volksschule dadurch, dass
der nebenamtlich unterrichtende Handwerker oder ausgediente Soldat oder zunftmäßige Schulmeister nach und nach durch den seminaristisch ausgebildeten Volksschullehrer ersetzt wird, im
Bereich des Sekundarschulwesens dadurch, dass das Lehramt, bislang eine berufliche Durchgangsstation des Theologen auf dem Wege ins Pfarramt, volles Berufsziel von nun nicht mehr
Theologie, sondern die „Schulwissenschaften“ Studierenden wird.“16
Dies wird deutlich durch das vielfältige Wirken der „Herren Kandidaten“-man mußergänzen: für
ein Pfarramt- als Hauslehrer auf den Gütern der Adeligen, vor allem im Osten Deutschlands.
Auch die berufliche Entwicklung von Johann Wilhelm Rau, dem Vater von Karl Heinrich, die unten
beschrieben wird, zeigt den Weg vom Theologen/Philologen über das Lehramt zum Pfarrer und
zum Professor der Theologie. Hier muß Friedrich August Wolf (1759-1824) als einer der Pioniere
der Lehrerausbildung genannt werden. Ab 1783 lehrte er als Professor der Philosophie in Halle
und hatte vorwiegend das Ziel, dem deutschen Schulwesen tüchtige Lehrer zuzuführen, die auf
dem Fundament des klassischen Altertums als Vorbild die Jugend zu unterrichten hätten.
14
15
16
Peter Lundgreen: Sozialgeschichte der deutschen Schule im Überblick. Göttingen 1980. S. 43
aa.a.O. S.66
Volker Lenhart: Zur Wissenschaftsgeschichte der Erziehungswissenschaft: Erziehungskunst- Erziehungslehre-Erziehungswissenschaft. Die Entstehung des Programms einer wissenschaftlichen Pädagogik
in Deutschland 1750-1830. In: Volker Lenhart Hrsg.: Historische Pädagogik. Wiesbaden 1977 S.147
Seite 17
Nach der Aufhebung der Universität Halle ging er 1807 als Mitglied der Akademie der Wissenschaften nach Berlin, wo er am Aufbau der neuen Universität mitwirkte. Er war als Direktor der
wissenschaftlichen Deputation und Mitglied der Sektion für den öffentlichen Unterricht tätig,
blieb aber nur kurze Zeit im eigentlichen Staatsdienst, weil seine Wünsche nicht völlig berücksichtigt wurden. Er beschränkte sich dann auf die Vorlesungen an der Universität.
Es ist festzuhalten, dass es zur Zeit der schulischen Ausbildung Karl Heinrich Raus keine verbindlich festgelegten Verfahren für den Schul-und Universitätsbesuch gab, sondern die gesamte
Bildungswelt befand sich im Umbruch und Aufbau, wobei Preußen eine gewisse Vorreiterrolle
übernahm. Es gab auch noch keine endgültige und konsequent durchgeführte Trennung zwischen
Gymnasien und Universität. Dies gilt insbesondere für den Lehrkörper. Ein Professor konnte
durchaus gleichzeitig am Gymnasium und an der Universität unterrichten.
Ein besonderes staatliches Verfahren zum Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife gab es auch
nicht, es blieb den einzelnen Schulen überlassen, wie sie dies handhabten. Zur Zeit von Johann
Wilhelm Rau gab es offenbar gar nichts dergleichen, denn er berichtet nur, daß er "die Universität
Göttingen bezogen“ habe; von einem vorher abgelegten Abitur ist nirgends die Rede. Auch als er
seine universitäre Ausbildung beendet hatte, war er zunächst an einem Gymnasium tätig, erst
später kam der Ruf nach Erlangen, wo er an der Universität lehrte. Die Übergänge sind also zwischen Grundschule und höherer Schule, zwischen Gymnasium und Universität fließend.
In seiner „Encyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens“ definiert K. A.
Schmid 17 das Gymnasium folgendermaßen: „Unter den mit dem Namen Gymnasium bezeichneten Schulen werden diejenigen Anstalten begriffen, deren Aufgabe es ist, der Jugend vornehmlich auf Grund der Beschäftigung mit der classischen Literatur der Griechen und Römer eine
höhere Bildung zu gewähren und die deshalb oft schlechtweg als gelehrte Schulen bezeichnet
werden.“ Hier ist ein Bezug zu Wolf festzustellen.
Es bedeutet, daß eine „höhere Bildung“ ohne Latein und Griechisch gar nicht denkbar ist. Aus
diesem Grunde hat wohl Vater Rau mit Latein und Griechisch bei seinem Sohn begonnen. An
dieser Stelle soll nun auf die lehrenden Väter etwas näher eingegangen werden.
Johann Wilhelm Rau, dessen Lebenslauf schon zu Beginn dargestellt wurde, war für den
Unterricht in Latein und Griechisch zuständig.
17
K.A. Schmid: Encyclopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens. Gotha 1862, Bd. 3, S.170 ff.
Seite 18
Er hatte in Göttingen bei Heyne studiert, war von diesem besonders gefördert worden, hatte auf
Initiative seines Lehrers sogar seine erste Stelle als Rektor eines Gymnasiums erhalten. Heyne
war Schüler Gesners (1691-1761), der sich um die neuhumanistische Bildung besonders verdient
gemacht hatte und Göttingen zum Zentrum einer neuen Bildungsform entwickelt hatte.
Wie er über den Lateinunterricht dachte, zeigt folgendes Zitat:
„Wenn man das Latein nicht anders lernen kann, als daß man vor allen Dingen die Deklinationen
und Konjugationen und Vokabeln aus der Grammatik nach der Ordnung auswendig lernt, so wäre
es gut, man beeidete alle Eltern, sie sollten ihre Kinder nicht Latein lernen lassen.“18
Seine Vorstellungen sind diese: Der Anfänger hat den lateinischen Text vor Augen, ein Schüler
oder der Lehrer liest den deutschen Text vor, der Schüler folgt mit den Augen; da ihm die Sachen
bekannt sind, auch einzelne Wörter, so bedarf es nur noch der nachhelfenden Fragen des
Lehrers, und der Schüler hat den Text erschlossen. Es kam ihm also nicht auf die Formalien an,
sondern darauf, daß die Schüler Sinn und Inhalt des Textes begreifen sollten und über das
Begreifen allmählich zur Erkenntnis der Schönheit der Sprache vordringen sollten.
Sein Schüler und Nachfolger Heyne hatte in seiner Kindheit einen schlechten Zugang zum Latein,
weil der Unterricht durch „Pedanterie und Härte des Lehrmeisters zur steten Qual wurde“. Um
so mehr legte er in seinen Lehrveranstaltungen, die besonders der Lehrerbildung gewidmet
waren, Wert auf Inhalte: Mythologie, klassische Literatur, griechische und römische Altertümer
und Archäologie.
Seine Methode, die griechische Sprache zu erlernen, beschreibt er wie folgt:
„Zum Anfang bedarf es bloß die allgemeine Übersicht der Elemente; gleich darauf wird zum
Lesen geschritten, aber nicht nach der unseligen Schulmethode, da ein Scholar aufgerufen wird
und exponieren d.h. vertieren soll, wo er weder die Sache, noch die Worte einzeln, noch die
Zusammenstellung und den Bau, noch den Zusammenhang weiß; während daß der träge Lehrer
auf seinem Stuhle sitzt und untätig lauert, und allenfalls bloß ein dumpfes Nu! ertönen läßt. Nein,
der Lehrer muß für den Lehrling alles selbst thun, er muß für ihn Grammatik, Lexikon, Interpret
sein; ihm jedes Wort, das er noch nicht wissen kann oder noch nicht weiß, voraus erklären, die
Worte stellen, den Sinn entwickeln, ins Gedächtnis prägen, ihm durch die kleine Summe des
Erlernten Mut machen.“19
18
19
vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts, Leipzig 1885, S, 429
vgl. Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts. Leipzig 1885, S. 444
Seite 19
Sein philologisches Seminar bestand regelmäßig nur aus neun Mitgliedern, denen er sich
besonders sorgfältig widmete und die er auch streng behandelte. Insgesamt gingen aus seiner
Schule etwa dreihundert junge Männer hervor, die an den Gymnasien und Universitäten Einfluß
gewannen. Einer davon war Johann Wilhelm Rau, der nun ein Vierteljahrhundert später den
Unterricht seines Sohnes und seiner beiden Freunde in den alten Sprachen übernahm. Es ist
davon auszugehen, daß er den Unterricht der drei Jungen so ansprechend wie möglich gestaltet
haben wird. Wir kennen nur das Ergebnis:
Sohn Karl ist sein Leben lang ein sicherer Lateiner gewesen. Lateinische Reden zu halten, gehörte zu seinem Beruf, und bis ins hohe Alter las er römische und griechische Autoren im Urtext.
Georg Friedrich Hildebrand20, geboren 1764 in Hannover, hatte Arzneikunde, Anatomie, Chemie
und Physiologie studiert, wollte aber nie Arzt werden, sondern als akademischer Lehrer in einem
dieser Fächer tätig werden. 1783 wurde er zum Doktor der Medizin promoviert. 1785 wurde er
Professor der Anatomie in Braunschweig, 1793 fünfter Professor der Arzneikunde in Erlangen,
widmete sich aber vorwiegend der Chemie. 1796 wurde er ordentlicher Professor der Philosophie
in Erlangen, um besonders technische und metallurgische Chemie lehren zu können. Später kam
noch Physik dazu.
Dieser vielfach gebildete Mann unterrichtete nun also drei Knaben zwischen 9 und 10 Jahren in
Geographie und Geschichte. Dazu las er mit den Jungen die Schrift „Rituum, quorum apud romanos obtinerunt, succinta explicatio ad intelligentiam veterum auctorum facili methodo conscripta“ von Willem Hendrik Nieupoort. Ob die Jungen die Schrift auch so leicht faßlich fanden, wie
der Autor verspricht, wissen wir nicht. Aber Karl Rau fand Hildebrands Unterricht jedenfalls
„unendlich belebend“. Hildebrand wurde später auf der Universität sein Lieblingslehrer.
Karl Christian (von) Langsdorf,21 Mathematiker und Technologe, war der dritte der lehrenden
Väter. Er wurde 1757 in Nauheim als Sohn eines Salinenarchivars geboren. Er studierte in Göttingen und Gießen, wandte sich danach in Nidda dem Studium des Salinenwesens zu. In Gießen
begann er eine wissenschaftliche Laufbahn als Privatdozent, war später Landrichter in Mühlheim,
noch später Salineninspektor in Gerabronn. Von 1796-1804 wirkte er als Professor der Maschinenkunde in Erlangen. Von da aus ging er nach Wilna, wo er Mathematik und Technologie
lehrte. 1806 wurde er, mit dem russischen Adelsprädikat versehen, nach Heidelberg berufen.
20
21
Deutsches Biographisches Archiv, München 1982
Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1970
Seite 20
Langsdorf also lehrte Geometrie.
Der Privatunterricht bei den Vätern dauerte bis 1804, dann trat Karl Rau zusammen mit Karl
Hildebrand in das Gymnasium über. Über Karl Raus Zeit auf dem Gymnasium gibt es eine Quelle,
die anläßlich der Bemühungen um ein Stipendium entstanden ist. Es handelt sich um einen Brief
des Vaters an seinen Universitätsfreund Faber, Gymnasialrektor in Ansbach, aus dem Jahre 1806.
Sehr viel später wird dieser Brief dann auszugsweise von Karl Rau abgeschrieben und auf
Wunsch seiner Frau aufbewahrt. Amalie Rau hat darauf vermerkt:
„Diese Zeilen sollen von unseren Kindern gelesen werden, da sie von Vaters frühen Geistesthätigkeiten zeugen, und dieser Auszug auf meinen Wunsch von ihm selbst gemacht wurde, aus
einem alten Brief von seinem Vater.“
„Er (gemeint ist Karl) ist zu Ende des Nov. 13 Jahre alt geworden und kurz
vorher in die erste Classe des hiesigen Gymnasiums gekommen. Im
Lateinischen habe ich ihn selbst unterrichtet, in Geographie, Geschichte,
Mathematik hat er von Hildebrand und Langsdorf mit den Söhnen dieser
Männer Unterricht empfangen; im Griechischen hat er bei mir den Anfang
gemacht, dann habe ich ihn die griechischen Lehrstunden in der zweiten
Classe besuchen lassen. Nach einem Jahr schon that mir der Rector Besenbeck den Vorschlag, ich möchte ihn in seine griechischen Stunden gehen
lassen, worin er den Homer lese. Ich trug Bedenken, weil ich glaubte, daß
mein Knabe noch zu weit zurück sey. B. versicherte, er kenne ihn und sey
überzeugt, daß er schon mit den übrigen bald würde fortschreiten können.
Ich gab also nach und endlich entschloß ich mich, ihn auch die übrigen
Lehrstunden der ersten Classe besuchen zu lassen. Er ist der jüngste in
dieser Classe. Es wird sich auch seit vielen Jahren der Fall nicht ereignet
haben, daß ein Knabe von 13 Jahren Primaner geworden wäre. Aber dieser
mein Karl hat freilich auch – ich darf es ohne Scheu sagen – Talente, in
Ansehung welcher er Mehreren vorspringen kann.“
So weit der stolze Vater, aber auch die stolze Frau und Mutter, die dieses Dokument an ihre
Kinder weitergegeben hat. Bei Karl Rau hört es sich weniger dramatisch an: „1804 trat Karl Rau
im griechischen Unterricht in die zweite Classe des Gymnasiums, 1805 in allen Stunden in Prima,
zugleich mit Karl Hildebrand und Karl Glück, beide älter, doch contrastirten die drei jungen
Primaner sehr gegen die drei älteren.“22
22
Hausbuch Rau 112
Seite 21
Das heißt, in der Prima gab es sechs Schüler, was einen sehr individuellen Unterricht möglich
machte. Karl Glück, der zum Freund aus Kindertagen Karl Hildebrand dazukam, war der älteste
Sohn des Erlanger Professors Christian Friedrich von Glück, Jurist, der später auf der Universität
Karl Raus Lehrer wurde. Karl Glück war 1791 geboren, also war Karl Rau der jüngste Schüler in
der Prima.
1806 gibt es einen Lehrerwechsel: Familie Langsdorf geht nach Wilna, wohin der Vater einen Ruf
bekommen hat. Der neue Lehrer ist der Professor Christian Leberecht Rösling, der 1805-1809
an der philosophischen Fakultät Mathematik lehrte. Bei Karl Rau hat er sich große Dankbarkeit
erworben, weil er ihn nach dem Tode des Vaters mehrere Jahre lang unentgeltlich weiter unterrichtete.
An dieser Stelle muß festgehalten werden, daß die sechs Primaner offenbar einen beträchtlichen
Anteil ihrer Stunden von Universitätsprofessoren erhielten. Dies ging weit über das gegenseitige
Kinder-Unterrichten dreier befreundeter Väter hinaus und geschah offenbar gegen Entgelt. Es
zeigt dies aber auch, daß die Trennung zwischen Lehramt am Gymnasium und Lehramt an der
Universität, wie wir sie heute kennen, in der Form nicht bestand.
Dies gilt auch für den Leiter des Gymnasiums, Caspar Jakob Besenbeck.23 Wie damals üblich, ist
er für die alten Sprachen zuständig. Besenbeck, 1760 geboren, hatte das Gymnasium in Erlangen
besucht, war dort seinen Lehrern schon durch seine besondere Vorliebe für Griechisch und alte
Philosophie aufgefallen, hatte nach seinem Abgang vom Gymnasium 1778 alte Sprachen und
Theologie studiert und danach die neu eingerichtete „Collaboratur“ am Gymnasium übernommen. Dies diente seiner Aus- und Weiterbildung als Lehrer.
1790 übernahm er das Konrektorat am Gymnasium, verbunden mit dem Diakonat an der Altstädter Kirche. Er galt nicht als glänzender Kanzelredner, wurde aber gerühmt wegen seiner profunden Kenntnisse der alten Sprachen und Theologie. 1787 hatte er auch seine Inauguralschrift
eingereicht und damit die Erlaubnis erworben, öffentliche Vorlesungen halten zu dürfen. Karl
Rau äußert sich nicht so positiv über ihn: „Im Gymnasium lehrte Besenbeck die alten Sprachen:
aber nachlässig, fast ohne alle schriftlichen Arbeiten.“24 Offenbar war Karl von seinem Vater und
Lateinlehrer anderes gewöhnt. Gelesen wurden: Virgil, Horaz, Livius, Platon, Xenophon, Homer.
23
24
Deutsches Biographisches Archiv, München 1982. S. 130 ff.
Rau 112
Seite 22
Besenbeck beurteilt seinen Schüler allerdings freundlicher:
„Daß der Primaner Karl Daniel Heinrich Rau seit
dem 1. October 1806 die erste Classe des hiesigen
Gymnasiums besuche, und sich eben so sehr
durch Talente als durch Fleiß und gute Sitten auszeichnete, wird hierdurch bezeuget.
Erlangen, den 21. Juli 1807, M. Caspar Jakob Besenbeck
Rector des Gymnasiums.“
Die Lehrveranstaltungen, die Karl Rau besuchte, sind durch entsprechende Zeugnisse dokumentiert. Es fällt auf, daß alle Zeugnisse aus seiner Schulzeit vom Jahr 1807 datiert sind, aber auch
zurückliegende Zeiten betreffen. Dies hängt zusammen mit dem am 1. Juli erfolgten Tod seines
Vaters. Dieser stürzte die Familie in eine drückende Notlage. Rau notiert dazu im Rückblick des
Jahres 1829:
„1807 Tod meines Vaters, bedrängte Lage
der Mutter in der französischen Invasionszeit.
Pension lange nicht flüssig.“ 25
Napoleon befand sich auf seinem Siegeszug durch Europa. Im Oktober 1806 hatte Preußen in
der Schlacht bei Jena und Auerstedt eine vernichtende Niederlage erlitten. Im Frieden von Tilsit
entging Preußen nur durch russischen Einspruch seiner Auflösung. Das Königreich Preußen und
die Universitätsverwaltung von Erlangen hatten wohl andere Sorgen, als sich um die Versorgung
der Witwe und der Waisen des Professors und Stadtpfarrers zu kümmern, der gerade unter großer öffentlicher Anteilnahme und unter Bekundung allergrößter Wertschätzung zu Grabe getragen worden war.
Diese Erkenntnis machte Karl schnell klar, daß etwas geschehen mußte. Hinzu kam, daß die
Bemühungen des Vaters um das Familienstipendium, das er selbst einst zur Hälfte bekommen
hatte, erfolglos geblieben waren. Selbst die Einschaltung Herders hatte nichts genutzt. Der andere Bewerber, obwohl nicht näher mit dem Stifter verwandt, wurde vorgezogen, weil er in Jena
studierte, wo sich die Stipendienverwaltung befand. So hatte Vater Rau kurze Zeit vor seinem
Tod noch voller Schmerz gesagt: „Nun kann der Kleine nicht studieren!“
25
Rau 112
Seite 23
Karl allerdings gedachte nicht, ein solches Schicksal einfach hinzunehmen. Er nahm den Kampf
auf, der seine akademische Laufbahn zum Ziel hatte. Als erstes suchte er, seine Schulzeit zu beenden. Als Voraussetzung dafür sammelte er nun Zeugnisse über seine absolvierten Lehrveranstaltungen.
Diese sollen nun hier gewürdigt werden, zusammen mit einer kurzen Beschreibung der sie ausstellenden Lehrpersonen, da nur so einige Rückschlüsse darauf gezogen werden können, was
Karl in seiner Gymnasialzeit alles gelernt hat.
Es soll mit dem Zeugnis Langsdorfs begonnen werden, dessen Werdegang bereits dargestellt ist.
Er schreibt:
„Herr Karl Daniel Heinrich Rau hat in den letzten zwei Jahren meines
Aufenthaltes in Erlangen, etwa vom 10ten Jahre seines Alters bis zum 12ten
meinen Unterricht in der Arithmetik, Geometrie, Trigonometrie und in den
Anfangsgründen der Algebra genossen. Noch erinnere ich mich mit dem größten
Vergnügen der ausgezeichneten Talente, des ohnunterbrochenen Fleißes,
der starken Fortschritte in den Kenntnissen und des lobenswürdigsten sittlichen
Betragens dieses trefflichen jungen Menschen. Ich ertheile ihm diese gewissenhafte Empfehlung mit dem herzlichen Wunsche, daß er diejenige Unterstützung finden möge, auf welche junge Leute dieser Art hoffen dürfen,
und die er als gut gearteter Sohn eines verdienstvollen und ihm und der Welt
viel zu früh entrissenen Vaters aus doppeltem Grund hoffen darf.
Heidelberg d. 30. August 1807
K. Chr. Langsdorf, Prof. Math.“ 26
Was Langsdorf hier darstellt, ist dies: in einem Alter, in dem man heute die fünfte und sechste
Klasse besucht, haben die drei Jungen bereits Unterricht in Trigonometrie und Algebra bekommen und diesen Stoff offenbar auch bewältigt. Im Fach Mathematik folgt als Lehrer Professor
Rösling. Er schreibt:
„Daß der Herr Carl Daniel Heinrich Rau schon von seinem zwölften Jahr
bei mir ein und ein halbes Jahr hindurch Unterricht in der Mathematik
und in den Anfangsgründen der Landbaukunst genossen und sich während
desselben als einen sehr talentvollen und fleißigen Jüngling zu erkennen
gegeben hat, von welchem sich in Zukunft etwas bedeutendes erwarten läßt
und welcher daher allen denen anempfohlen zu werden verdient, die etwas
zu seiner ferneren Ausbildung beyzutragen vermögen; dies bezeuge ich hiermit.
Erlangen, am 5. August 1807, Chr. Leb. Rösling, Prof.“
26
Rau 77
Seite 24
Aus heutiger Sicht erscheint es verwunderlich, daß Karl im Mathematikunterricht etwas über
Landbaukunst lernt. Allerdings ist es für sein späteres Studium von großem Nutzen.
Sein letzter Mathematiklehrer ist Professor Heinrich August Rothe 27. Seine Liebe zur Mathematik wurde in der Dresdner Kreuzschule geweckt. Er studierte dann in Leipzig Jura, was ihn zu
einem künftigen Beruf vorbereiten sollte. Er ging jedoch bald zur Mathematik über und wurde
1796 zum außerordentlichen Professor der Mathematik ernannt. 1800 siedelte er unter Beibehaltung aller seiner akademischen Rechte nach Freiberg über, um dort bergmännische Studien
zu treiben und Mathematikvorlesungen zu halten. 1804 folgte er einem Ruf als ordentlicher
Professor nach Erlangen.
Er schreibt über seinen Schüler:
„Daß Herr Carl Daniel Heinrich Rau aus Erlangen die
von mir imWinterhalbjahre 1805-1806 über Arithmetik,
Geometrie und ebene Trigonometrie gehaltenen Vorlesungen mit ausgezeichnetem Fleiße angehört und
besucht hat bezeuge hiermit
Erlangen, am 20. Juli 1807
Heinrich August Rothe, Prof. Mathes.“ 28
Professor Hildebrand äußert sich zum Fach Physik wie folgt:
„Daß Hr. Carl Daniel Heinrich Rau, aus Erlangen, im
Jahre 1805 meinen Cursus der Experimental-Physik
vom Anfang bis zum Ende mit sehr lobenswürdigem
Fleiße beigewohnt, auch außerdem in einigen Privatunterrichtungen, welche ich demselben mit meinen
Kindern gegeben, sich immer sehr emsig, aufmerksam,
ordentlich und gesittet gezeigt habe, wird hierdurch
mit Vergnügen bezeugt.
Erlangen, am 16. Juli 1807
D. Hildebrand, Phys. Ppo.“
27
28
Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1970
Rau 77
Seite 25
Karl Rau hört auch Vorlesungen bei Prof. Esper. 29 Dieser hatte zunächst Theologie studiert,
dann aber als Erzieher im Hause eines Freiherrn nebenbei sich mit dem Studium der Naturgeschichte beschäftigt. In Erlangen wurde er zum Doktor der Philosophie promoviert, habilitierte
sich schließlich als Professor der Naturgeschichte und wurde auch Direktor des Naturalienkabinetts.
Er schreibt über seinen Schüler:
„Herr Carl Heinrich Rau, aus Erlangen gebürtig, der
Cameral-Wissenschaften Beflissener, hat die in diesem
Sommerhalbjahrvon mir gehaltenen Vorlesungen über
die Mineralogie mit rühmlichem Fleiß und angelegenster
Ereyferung besucht, welches ich hiermit, auf Verlangen,
der Wahrheit gemäß, bezeuge.
Erlangen, den 28ten September 1807
Eugenius Joh. Christ. Esper, ord. Professor.“
Erstaunlicherweise bezeichnet er Karl bereits „der Cameral-Wissenschaften Beflissener“, was eigentlich Student des genannten Faches bedeutet. Karl ist aber erst 14 Jahre alt und hat nach
unserem Verständnis noch nicht einmal Abitur. Auch dies stützt die schon gemachte Beobachtung, daß die Grenzen zwischen Gymnasium und Universität fließend sind.
Karl Rau hat auch Französisch gelernt. Sein Lehrer hieß Bonniot, mehr ist über ihn nicht zu
erfahren. Er schreibt über seinen Schüler:
„Daß der Gymnasiast Carl Rau, unseres vor kurzem
verstorben würdigen und unvergeßlichen Scholarchus,
Herrn D. Rau’s jüngster Sohn die Lehrstunden der
französischen Sprache am hiesigen Gymnasium nicht
nur sehr fleißig besucht, sondern auch noch durch
gesittetes Betragen die Liebe seines Lehrers zu erwerben
gesucht hat, überdies seit mehreren Jahren Privatunterricht in genannter Sprache von mir erhalten und
dadurch die einem Geschäftsmann unentbehrlichen
Kenntnisse in derselben bereits erlangt hat, dies
bezeugt hiermit Bonniot,
Lehrer der französischen Sprache am Gymnasium.“ 30
29
30
Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1970
Rau 77
Seite 26
Dieses Zeugnis zeigt, daß Karl nicht nur die klassischen toten Sprachen, sondern auch eine
lebendige gelernt hat. Die Motivation dafür lag sicherlich weder im Bestreben, die Sprache des
Nachbarn zu können, noch darin, die geistig-philosophische Entwicklung im Nachbarlande nachzuvollziehen, sondern war sicher eine politische. Die Umwälzungen, die nach Revolution, Republik und Kaiserreich in Frankreich, nach Kriegen und territorialen Neuordnungen in Deutschland stattfanden, ließen es angeraten sein, die Sprache des Siegers zu beherrschen. Herr
Bonniot betont auch, daß Karl bei ihm „die für einen Geschäftsmann unentbehrlichen Kenntnisse“ erworben hat, was auf einen sehr praktisch orientierten Unterricht hinweist. Der Unterricht muß recht effektiv gewesen sein, denn er befähigte Karl einige Jahre später, einen wissenschaftlichen Text von Jean Baptiste Say ins Deutsche zu übersetzen.
Die musische Bildung, die heute wie damals für unverzichtbar gehalten wird, fehlt auch bei Karl
Rau nicht. Er hatte Musikunterricht, genauer Klavierstunden, bei Johann Christoph Maier.
Rudolf Köhler vermutet, daß dieser aus einer alten, damals wohl bekannten Kantorenfamilie
stammt. Er schreibt dazu: „Nach obiger dürftiger Andeutung – Musik bei Maier gelernt –, der
einzigen fast in all seinen Aufzeichnungen, sollte man kaum vermuthen, daß Rau ein so tiefer
Kenner der classischen, heiligen, profanen und modernen Musik in all ihren Formen war, dem
gelungene Aufführungen die größten Genüsse bereiteten, der selbst in seinen jüngeren Jahren in
Liedercompositionen sich versuchte, der mit unendlicher Mühe so viele Noten selber abschrieb.“31
Sein Musiklehrer, der dafür wohl den Grund legte, schreibt:
„Herr Carl Rau machte unter meiner Leitung vom Jahre 1804
bis heute, ob er gleich nur wöchentlich 2 Stunden Unterricht
genoß, so gute Fortschritte im Clavierspielen, daß ich ihm
wegen seines Fleißes das beste Zeugniß geben kann. Mit dem
größten Vergnügen unterschreibt dies deshalb
Johann Christoph Maier, Musicus Erlangen, am 23. Juli 1807“
Das sind die Zeugnisse,über die Karl Rau aus seiner Gymnasialzeit verfügte. Es sind alle, denn
bei Karls Neigung zu Ordnung und Systematik ist schwer vorstellbar, daß er welche ausgelassen
oder etwa nicht aufgehoben hätte. Resümiert man nun, in welchen Fächern er Unterricht hatte,
so kommt man auf Latein und Griechisch, Mathematik, Physik, Mineralogie, Französisch und
Musik. Es fällt auf, daß das Fach Deutsch vollständig fehlt, ebenso ist nichts über Englischunterricht bekannt. Karl hatte aber so geläufige Englischkenntnisse, daß er später nicht nur John
Malthus übersetzte, sondern auch wissenschaftliche Korrespondenz in dieser Sprache führte.
31
Köhler/Rau
Seite 27
Es wird auch keinerlei Zeichen- oder sonstiger Kunstunterricht erwähnt, obwohl Karl sehr gut
zeichnete, was aus seinen Reisetagebüchern ersichtlich ist. Man kann nur vermuten, daß Rudolf
Köhler recht hat, wenn er schreibt: „Ohne Frage war er auch in der Musik, wie Sprachen und
allen Fächern meist sein eigener Lehrer.“32
Karl hat, wie die Zeugnisdaten zeigen, alle diese Unterlagen unmittelbar nach dem Tode seines
Vaters gesammelt. Er wird zwei Ziele damit verfolgt haben: Einmal, die Schule abzuschließen
und mit dem Studium zu beginnen, und zum zweiten, auf Wunsch der Mutter einen letzten Versuch zu unternehmen, doch noch in den Genuß des bereits abgelehnten Familienstipendiums zu
gelangen. Caroline Rau hatte sich wohl vom Hinweis darauf, daß der Familienvater und Ernährer
gestorben war, doch noch ein Umdenken erhofft. Aber es sollte vergeblich bleiben. Im August
1808 wurde das Gesuch wieder abgelehnt. Das Dekret des herzoglich-sächsischen Oberconsistoriums mit dem enttäuschenden Inhalt kostete die Mutter auch noch 6 Kreuzer Zustellungsgebühr.
Karl aber ließ sich nicht entmutigen. Zu Osten 1808 legte er das Abiturienten-Examen vor dem
Scholarchat des Erlanger Gymnasiums ab. Damit hatte seine Schulzeit ihr Ende gefunden.
32
Köhler/Rau
Seite 28
So sieht Carl Daniel Heinrich Raus Abiturzeugnis aus:
Seite 29
„Daß der Abiturient Karl Daniel Heinrich Rau, dritter Sohn weil.
Herrn D. Johann Wilhelm Rau, zweiten ordentlichen öffentlichen
Lehrers der Theologie auf hiesiger Universität und Stadtpfarrers
bey der Altstädter Gemeine bey dem vorhergegangenen Abiturienten-Examen von einem hochlöbl. Scholarchat für tüchtig befunden wurde die Akademie zu beziehen, und daß er auch
heute beym allgemeinen Examen schöne Proben seines Fleißes
und seiner Kenntnisse abgelegt habe, auch in Gegenwart eines
hochlöbl. Scholarchats öffentlich entlassen worden sey, wird
demselben hiedurch unter Anwünschung alles göttlichen
Segens bezeuget.
Erlangen den 25. April, 1808.
M. Kaspar Jakob Besenbeck,
Rector des Gymnasiums.“
Karl hatte es also geschafft. Mit drei Freunden, Kießling, Fleischmann und Ohm, hatte er das
Abitur abgelegt und durfte sich als Student betrachten. Er war 15 Jahre alt. Das Studium konnte
beginnen.
Seite 30
1.4. studienjahre
Vor dem Beginn eines Studiums pflegt die – manchmal schwierige – Entscheidung für ein
Studienfach zu stehen. Nicht so bei Karl Daniel Heinrich Rau. In seinem „Hausbuch“ 33 schreibt
er: „Ich war zum Kameralstudium bestimmt.“ Diese Bestimmung hängt offenbar zusammen mit
seinem Paten, dem Professor für Philosophie und Kameralwissenschaften, Dr. Karl Daniel
Heinrich Bensen, dem Mann seiner ältesten Schwester Sophie, dessen Vornamen er in der Taufe
erhalten hatte.
Die Stellung eines Paten hatte in der damaligen Zeit offenbar einen ganz anderen Wert als das
heute üblich ist. Der Pate beeinflußt das Leben seines Patenkindes nicht nur, dem Taufversprechen gemäß, im Sinne einer christlichen Erziehung, sondern greift sogar in die Studien- und
Berufswahl ein. Obwohl Pate Bensen bereits 1805 verstorben war und Karl mit seinem Vater, der
ja immerhin noch bis 1807 am Leben war, eine Änderung hätte verabreden können, wird die
Frage offenbar gar nicht diskutiert. „Ich war zum Kameralstudium bestimmt.“ Dagegen gibt es
offenbar keinerlei Auflehnung.
Die Gespräche in der Familie beschäftigten sich wohl eher mit der Frage, wie man Karl überhaupt ein Studium ermöglichen könne. Das Studienfach mochte dabei von untergeordneter
Bedeutung sein. Aus den Lebensläufen der bisher vorgestellten Professoren ist ersichtlich, daß
das ursprüngliche Studienfach durchaus nicht immer mit dem später ausgeübten Beruf oder
Lehrfach identisch war. Deshalb sah Karl wohl auch keine Notwendigkeit, wegen seines Faches
grundsätzliche Auseinandersetzungen zu suchen. Mit wem hätte er auch streiten sollen? Es war
nur noch seine Mutter da, die sich über sein Fortkommen schon genug Sorgen machen mußte.
Er schreibt darüber in seinem „Hausbuch“:
„Ich war zum Kameralstudium bestimmt, hörte philosophica mit
Eifer bei Mehmel, Botanik mit großer Wärme bei Schreiber, der
mir auf seinen Excursionen besondere Gunst erwies; Mathematik
bei Rothe, Physik und Chemie bei Hildebrand, dem verehrtesten
aller meiner Lehrer, ius bei Gros, Glück, Posse, cameralia bei Harl
und Lips, mittelmäßig genug.“
Dies ist alles, was Karl Rau über sein vierjähriges Studium der Kameralwissenschaften schreibt.
Allerdings sagt er gleich, daß es sich beileibe nicht nur um „cameralia“ gehandelt hat. Er hat
sich auch mit Philosophie , Botanik, Mathematik, Physik, Chemie und Jura beschäftigt.
33
Rau 112
Seite 31
Wenn man seine Zeugnisse nachliest, kommen noch Geschichte und Zoologie dazu. Interessant
sind die Bewertungen der Fächer, die er siebzehn Jahre später abgibt. „Mit Eifer“ hört er philosophica bei Mehmel, „mit großer Wärme“ Botanik bei Schreber, bei dessen Exkursionen ihm
besondere Gunst erwiesen wurde. „Mathematik bei Rothe“ bleibt unkommentiert wie die juristischen Fächer „ius bei Gros, Glück, Posse“. Physik und Chemie hört er bei seinem schon von Kindesbeinen vertrauten Lehrer Hildebrand, der dem Erwachsenen als der verehrteste aller seiner
Lehrer erscheint.
Nur die Lehrer seines eigentlichen Studienfaches kommen schlecht weg. „Cameralia bei Harl
und Lips, mittelmäßig genug“. Wer waren nun diese akademischen Lehrer, bei denen Karl Rau
seine Studien absolvierte und sein akademisches Rüstzeug erwarb?
Gottlieb Ernst August Mehmel 34, geboren 1761 in Winzigerode/Thüringen, studierte in Halle
Theologie und Philosophie und wurde 1781 als Lehrer im dortigen Pädagogium angestellt. 1788
übertrug ihm Hardenberg die Erziehung seines Sohnes, mit dem sich Mehmel zwei Jahre in
Kopenhagen aufhielt und 1791 an die Universität Erlangen ging.
1792 erhielt er durch Hardenberg, der als preußischer Minister die Regierung in Ansbach-Bayreuth
übernahm, die Stelle eines außerordentlichen Professors der Philosophie und schönen Wissenschaften, 1799 wurde er ordentlicher Professor der Philosophie in Erlangen.
Dem Studenten Karl Rau testiert er insgesamt fünf Lehrveranstaltungen: Sommersemester 1808
Logik und Naturrecht, Wintersemester 1808/09 Sittenlehre, Sommersemester 1810 Ästhetik,
Wintersemester 1810/11 Psychologie. Sein letztes Zeugnis vom 15. Juli 1811 sei hier aufgeführt:
„Herr Karl Heinrich Rau aus Erlangen hat bey mir die Logik, die
Psychologie, das Naturrecht, die Sittenlehre und die Aestetik gehört
und durch ausgezeichnete Fähigkeiten, durch unermüdeten
Eifer, musterhaften Fleiß und ein stilles, anständiges, untadelhaftes
Betragen die vorteilhaftesten Erwartungen von sich erregt.“
Johann Christian Daniel (v.) Schreber 35, geboren 1739 in Weißensee/Thüringen, studierte in
Halle Medizin und Naturwissenschaften, aber auch Theologie. Seine Vorliebe für die Botanik
trieb ihn 1760 nach Upsala, um den Großmeister Linné selbst zu hören.
34
35
vgl. Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1970, s. 186
vgl. Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1970, S. 465 ff.
Seite 32
Unter dessen Leitung vollendete er seine Studien und errang die medizinische Doktorwürde. In
Erlangen begann er zunächst als dritter Professor der Arzneikunde, wobei er nebenher Botanik,
Naturgeschichte, Ökonomie und Cameralwissenschaft zu lehren hatte.
1773 wurde er Direktor des neu angelegten Botanischen Gartens, 1776 Professor der Naturgeschichte mit der Oberaufsicht über das Naturhistorische Museum. Es folgen alle akademischen
Würden, erste Professur, Prorektor, Dekan. Außerdem wurde er kaiserlicher Rat, Pfalzgraf und
Leibarzt, verbunden mit der Erhebung in den Adelsstand. An der medizinischen Fakultät lehrte
er Botanik, Physiologie, Diätetik und materia alimentaria, an der philosophischen mehrere
cameralistische Fächer, Landwirtschaft und Technologie. Er besaß auch gute astronomische
Kenntnisse. Dazu war er der griechischen und hebräischen Sprache mächtig und schrieb ein
klassisches Latein. Über ihn ist überliefert, seine Lehrmethode sei trocken und wenig anregend,
er habe sich mit dem Nimbus des unnahbaren Gelehrten umgeben und nur einen kleinen Kreis
vertrauter Freunde um sich gehabt.
Karl Rau urteilt anders über ihn. „Mir großer Wärme“ habe er die Botanik betrieben, ihm sei bei
den Exkursionen „besondere Gunst“ erwiesen worden. Ein Zeugnis von Schreber liegt nicht vor,
was vermutlich damit zusammenhängt, daß Schreber bereits im Dezember 1810 gestorben ist.
Seine Lehrer in den Rechtswissenschaften waren Gros, Glück und Posse.
Carl Heinrich v. Gros36 wurde 1765 in Sindelfingen als Sohn eines Theologen geboren und war
nach einem philosophischen und theologischen Kurs in Tübingen von 1788 an Instruktor der
Prinzen von Württemberg. Ab 1793 studierte er Jura in Halle und Göttingen, 1796 wurde er vom
preußischen Minister v. Hardenberg, der damals für die Markgrafschaft Ansbach-Bayreuth
zuständig war, an die damals preußische Universität Erlangen berufen. 1802 folgte er einer
Berufung als Consulent der württembergischen Landschaft. Diese Berufung führte zu einem
Konflikt zwischen den Landständen und dem Herzog, der den Ruf nicht bestätigen wollte. Gros
wurde sogar für fünf Wochen auf dem Hohen Asperg in Haft genommen. Schließlich bekam
Hardenberg Gros frei und dieser nahm, mit dem Titel eines königlich-preußischen Hofrats ausgezeichnet, seine Vorlesungen in Erlangen wieder auf. Seinem Schüler Rau testiert er eine Lehrveranstaltung über die Institutionen des Römischen Rechtes im April 1809.
36
vgl. Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1970, S. 740 ff.
Seite 33
Christian Friedrich v. Glück37 wurde 1755 in Halle als Sohn des Syndicus der Universität geboren,
studierte Jura in Halle, wo er nach einem Zwischenspiel als Referendar bei der Landesregierung
in Magdeburg zunächst als Privatdozent Vorlesungen hielt. 1784 folgte er einem Ruf nach Erlangen, wo er fast fünfzig Jahre lang lehrte. Er lehnte viele ehrenvolle Berufungen ab und blieb
Erlangen auch in schweren Zeiten treu, wie beispielsweise in der Zeit der französischen Okkupation, als die Gehälter gekürzt wurden und die Hörsäle leer wurden. Als das Fürstentum
Bayreuth 1810 dem Königreich Bayern eingegliedert wurde, ging es wieder aufwärts.
Glück galt als ungemein fleißiger Lehrer. Noch lange nach seinem Tode lebte in Erlangen die
Erinnerung, daß er seine Pandekten-Vorlesung gegen Schluß des Semesters nicht nur täglich
fünf bis sechs Stunden lang hielt, sondern sie sogar bis weit in die Ferien fortsetzte, einmal
sogar erst kurz vor Anfang des neuen Semesters fertig wurde.
Sein ältester Sohn Karl war in Prima Schulkamerad von Karl Rau.
Seinem Schüler Karl Rau schrieb Glück folgendes Zeugnis:
„Herr Carl Daniel Heinrich Rau aus Erlangen hat nicht nur
meine Vorlesungen über die Pandecten und das Kirchenrecht
mit musterhaft ausgezeichnetem Fleiße besucht, sondern
sich durch seinen untadelhaften Lebenswandel und gutes sittliches Betragen vorzüglich empfohlen, welches ich hiedurch
der Wahrheit gemäß mit Vergnügen bezeuge.
Erlangen, d. 13. Juli 1811.
D. Christ. Fried. Glück.“
Adolph Felix Heinrich Posse38 wurde 1760 in Sondershausen als Sohn eines Kirchenrats geboren, studierte in Göttingen Jura und Neuere Geschichte und wurde 1789 als ordentlicher Professor für Staats-, Lehens- und deutsches Privatrecht nach Rostock berufen. 1805 folgte er
einem Ruf nach Erlangen und übernahm als königlich-preußischer Hofrat die vierte Professur. Er
schlug mehrere Berufungen aus, blieb in Erlangen, wurde 1810 bayerischer Untertan und freute
sich des Aufblühens der Universität.
37
38
vgl. Allgemeine Deutsche Biographie Berlin 1970, S. 235 ff.
vgl. Allgemeine deutsche Biographie Berlin 1970, S. 459 ff.
Seite 34
Seinem Schüler Rau testiert er:
„Daß Herr Carl Heinrich Rau aus Erlangen meine
Vorlesungen über das teutsche Privatrecht und über
das Lehenrecht mit dem rühmlichsten Fleiße und
steter Aufmerksamkeit besucht habe, wird hiermit
bezeuget.
Erlangen d. 20ten Oct. 1810.
D. Adolph Felix Heinrich Posse,
Hofrat und Professor.“
Raus Lehrer in den Kameralwissenschaften, dem zentralen Bereich seiner Studien, waren Harl
und Lips, deren Unterricht er mit den Worten „mittelmäßig genug“ bewertet.
Johann Paul Harl 39 wurde 1772 in Hof im Salzburgischen geboren und beendete 1842 in Nürnberg sein Leben durch Selbstmord. Nach absolvierter Gymnasialausbildung studierte er Theologie und wurde Weltpriester und Lehrer der Pädagogik in Salzburg, gab aber bald seine Stelle
auf. Er lebte einige Jahre in Berlin, wo er sich mit philosophischen und literarischen Studien
beschäftigte.1805 erhielt er einen Ruf als Professor der Philosophie und Cameralwissenschaft
nach Erlangen. Er war ein Günstling des Ministers Montgelas, der ihm den Hofratstitel und das
Ritterkreuz der französischen Ehrenlegion verschaffte, auch seine wissenschaftlichen Arbeiten
begünstigte und seine Zeitschrift „CameralCorrespondent und Cameralverkündiger“ (1805-1812)
durch Empfehlung und Druck auf Behörden und Beamte protegierte. Nach Montgelas’ Entlassung
wurde er in den Ruhestand versetzt, arbeitete weiter an cameralistischen Themen, verlor aber
schon zu Lebzeiten sein Ansehen in den Wissenschaften. Seine Zeitgenossen urteilten sehr hart
über ihn. In der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ findet sich ein Hinweis darauf, daß Rau ihn
einen „stumpfen Kopf“ genannt habe und Mohl40 über seine Schriften gesagt habe, sie seien „so
schlecht als möglich“ und „von bodenloser Unbrauchbarkeit“.
Harl urteilt bedeutend freundlicher über seinen Schüler. Für das Sommersemester 1810 bescheinigt er ihm, er habe seinen Vorlesungen über „Polizei und über Staatswirthschaft mit dem ausgezeichnetsten Fleiße beigewohnt“.
39
40
vgl. Allgemeine Deutsche Biographie Berlin 1970, S. 601 ff.
Robert von Mohl, 1799-1875, Staatsrechtsprofessor in Tübingen und Heidelberg
Seite 35
Zum Ende seiner Studien bescheinigt er ihm:
„Daß der Herr Studios. Rau aus Erlangen
den Vorlesungen über Polizei, über
Staatswirthschaft und Finanz mit dem
ausgezeichnetsten und rühmlichsten
Fleiße beigewohnt habe, bezeugt
Dr. J. P. Harl
Professor.
Erlangen, i. Septb. 1811“
Michael Alexander Lips 41, geboren 1779 in Frauenaurach bei Erlangen, studierte in Erlangen
Theologie, Philosophie und Philologie, in Göttingen Geschichte und promovierte und habilitierte
sich in Erlangen. Er las über geschichtliche Fächer, mitunter auch über theologische
Gegenstände, später auch über Politik, Landwirtschaft und Technologie. Der Versuch, auf seinem Landgut in Marloffstein eine landwirtschaftliche Schule zu errichten, scheiterte, und so ging
er nach Erlangen zurück und wurde zum Professor extraordinarius ohne Besoldung ernannt.
Später reiste er zum Wiener Kongress, veröffentlichte darüber einige Broschüren und wurde
schließlich aufgefordert, 1814 der verbündeten Armee als Herausgeber einer amtlichen Kriegszeitung zu folgen. Allerdings kam es durch die schnelle Beendigung des Feldzuges nicht mehr
dazu.
Lips zeigt sich in politischen und wirtschaftlichen Fragen als Anhänger liberaler Ideen. Er
bekämpft die Vorrechte des Adels, die Feudallasten, das Zunftwesen und die deutschen Binnenzölle. Er ist ein Freund der modernen Wirtschaftsformen, der rationellen Landwirtschaft und des
Maschinenbetriebs und wünscht die Entwicklung Deutschlands zu einem Industriestaat.
Im Sommer 1810 bescheinigt er seinem Schüler Rau den Besuch seiner Vorträge über CameralEncyclopädie, später schreibt er ihm:
„Daß der Herr stud. cam. et mathes.
Carl Daniel Heinrich Rau aus Erlangen
die dieshalbjährlichen Vorträge über
Technologie und Handelswissenschaften
mit ununterbrochenem Fleiß und
mit vorzüglichem Fortschritte besucht habe,
bezeugt mit Vergnügen
D. Lips, der Philos. außerord. Professor.
Erlangen, den 30. Sept. 1811.“
41
vgl. Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1970, S. 739 ff.
Seite 36
Dies sind die Professoren, die Karl Rau in seinen Aufzeichnungen selbst erwähnt. Es gibt aber
noch andere Lehrveranstaltungen, die er besucht hat und über die Zeugnisse vorliegen.
Bei Professor Meusel hört er Geschichte und erhält dafür drei lateinisch geschriebene Zeugnisse. Von Professor Esper gibt es ein Zeugnis über zwei Semester Zoologie mit „dem Wunsch
des beglücktesten Wohls“.
Professor Rösling, der schon Karls Gymnasialjahre begleitet hatte, bezeugt ihm drei Jahre Unterricht in Mathematik und bescheinigt „bedeutende Fortschritte“ in der Arithmetik, Geometrie,
der ebenen wie der sphärischen, wie auch in der Algebra und den Anfangsgründen der Geodäsie.
Das Fach Geographie studierte Rau bei Professor Johann Ernst Ehregott Fabri 42. Dieser
wurde 1755 in Oels in Schlesien als Sohn des Prorektors des dortigen herzoglichen Seminars
geboren. Er studierte in Halle, wo er sich mit Philosophie, Mathematik und Physik, Philologie,
Naturgeschichte, Geschichte und Theologie beschäftigte. 1796 wurde er außerordentlicher
Professor der Statistik und Geographie in Jena. 1794 wechselte er nach Erlangen, um die
„Großische Realzeitung“ zu schreiben und begann 1797 mit öffentlichen Vorlesungen. Er wird
bezeichnet als „einer unserer gewiegtesten Geographen, dessen gründliche Kenntnisse in diesem Fache, in der Geschichte und Statistik, vereinbart mit wahrer Humanität, ihm Ruhm und
Achtung erzeugt haben“.
Aus dem Zeugnis, das er seinem Schüler Rau schrieb, geht etwas detaillierter als bei solchen
Bekundungen sonst üblich hervor, was man bei ihm lernen konnte:
„Herr K. H. Rau, der Kameralwissenschaft Beflissener,
aus Erlangen, hat meine Privatvorlesungen
1. über Statistik der Europäischen Staaten im Sommersemester 1809
2. über Geschichte und Statistik des Baierischen Staates
im Wintersemester j. 1810/1811
3. auch über teutsche Nazional- und Reichs-Geschichte im dismaligen
Sommer-Semester
mit ununterbrochenem, musterhaftem Fleiße und Aufmerksamkeit benuzt;
desgleichen in den von mir über Baierische Geschichte veranstalteten
Examinatorien die erfreulichste Gnüge geleistet, überdis in einem
mir eingereichten, von ihm fleißig ausgearbeiteten Aufsatze, über Baierns
Macht-Verhältnisse zu einigen andern europäischen
Staaten lobenswürdige Beweise von seinen vorzüglichen Talenten,
Kenntnissen, und von seinem Privatfleiße gewährt;
42
vgl. Deutsches Biographisches Archiv München 1982, S. 273 ff.
Seite 37
übrigens sich ununterbrochen
durch sittliches und wohlanständiges
Betragen aufs beste empfohlen.
Erlangen, 16ter Juli 1811.
D. Joh. Ernst Fabri, Prof. Ordinar.“
Das Wintersemester 1811/12 sollte Karl Raus letztes sein. In seinem „Hausbuch“ 43 schreibt er:
„Im Winter 1811/12 reifte der Plan, mich zum Lehrfach zu bestimmen, wozu der gute Erfolg eines
Stipendiaten-Examens beitrug, u. der Umstand, daß Lips gerade sich zurückgezogen hatte.“
Hier fiel eine Entscheidung. Rau hätte sich auch bei einer Regierung um eine Anstellung in der
öffentlichen Verwaltung bewerben können, aber das Lehrfach war ihm lieber. Die Beendigung
der Lehrtätigkeit von Lips scheint auch die Hoffnung auf eine Anstellung zu nähren.
Im März 1812 erfolgten Examen und Promotion, verbunden mit der Erlaubnis, als Privatdozent
Vorlesungen zu veranstalten. Der frisch gebackene Doktor und Privatdozent war 19 1/2 Jahre alt.
43
Rau 112
Seite 38
Seite 39
In einem Brief an seinen jüngeren Kollegen Roscher44 schreibt Rau 1869 über seineStudienzeit:
„Ich kam 1808 mit 15 1/2 Jahren auf die Universität, gut vorbereitet, besonders in der Mathematik. (Schon als Gymnasiast hatte ich Collegien über Physik und reine Mathematik gehört.) Die
Lehrer in der polit. Ök. waren ungenügend, Harl ein stumpfer, Lips ein abenteuerlicher und flüchtiger Kopf, aber in Philosophie, Naturwissenschaft, Naturgeschichte, Rechtsphilosophie, positivem Recht war viel zu lernen, weniger in Geschichte und Statistik.“45
Das Studienende und der Beginn eines neuen Lebensabschnittes veranlassen Rau, über seinen
künftigen beruflichen Weg nachzudenken. Am 20. August 1812, wenige Monate nach seiner
Promotion, legt er sich Rechenschaft ab:
„Ich habe einen Beruf gewählt; mein Leben soll den Wissenschaften geweihet sein. Zuvörderst
kommt es also darauf an, mir in meinem Fache die Kenntnisse eigen zu machen, welche die großen Geister aller Zeiten in ihren Schriften niederlegten; dann aber soll ich auch, wenn es mögl.,
einen Schritt weiter thun. Eine erhabene, große Bestimmung, des wärmsten, unermüdeten Eifers
werth. Hierbey aber darf ich nicht planlos verfahren. Es wird also nöthig seyn, über mich selbst
ein Tagebuch zu führen, in welchem ich, wie jeder gute Wirth pflegt, meine Einnahmen an nützlichen Kenntnissen, die theils durch Lectüre oder Beobachtung gesammelt, theils aus den unergründeten Tiefen des Geistes entwickelt wurden, sorgfältig aufzeichne (wie glücklich ist eine
Wirthschaft, in welcher keine Ausgabe den Fond mindern kann!). Es soll also, wenn es geschehen, tägl. eingezeichnet werden, wie weit ich fortgeschritten bin. Bemerkungen, die nirgends anders
Platz finden, sollen hier stehen, und besonders soll meine Lectüre genau angegeben werden.
Auch das würde ich mir nicht verschweigen dürfen, wenn einmahl (quod deus avertat!) mein Eifer
s. kühlte oder ganz erschlaffte, um, wo mögl. wieder stärker angefacht zu werden durch die
Erinnerung besserer Zeiten. Eine solche Selbstbeobachtung, eine so räth. Spaltung in Denkendes
und Gedachtes, kann nur die nützlichsten Folgen haben.
Stets soll sie mir das Ideal vor die Augen mit neuem Glanze führen, welchem ich treu mein
Daseyn weihen will; als Lehrer unerschütterlich gewissenhaft, als Lernender unermüdet thätig zu
seyn, muß mein Bestreben seyn,. [...]46
44
45
46
Wilhelm Roscher, Nationalökonom. 1814-94
Rau 77
Rau 6
Seite 40
Mit diesen Worten leitet Karl Rau sein Tagebuch ein, das er 1812 beginnt. Sie sind Programm für
seine künftige Tätigkeit.
Als Hilfsmittel legt er sich eine Notizensammlung an, die er „Lesefrüchte“ nennt. Das Buch hat
ein Format von 23 x 37 cm, ist 6 cm dick und wiegt 2200 g. Die Aufzeichnungen sind alphabetisch geordnet – es ergibt sich so eine Art selbst geschriebenes Lexikon.
Seite 41
Seite 42
1.5. eine zwischenbilanz
Hier endet der erste Teil der Lebensbeschreibung. Karl Daniel Heinrich Rau hat sein erstes Ziel
erreicht: Er ist Doktor und Privatdozent und 19 Jahre alt.
Der Beginn dieses Lebens fällt in die Zeit der Französischen Revolution, die drei Jahre vor Raus
Geburt stattgefunden hatte und in ihrer Folge Europa verändern sollte. Im Jahr seiner Geburt
beginnt der erste Koalitionskrieg gegen Preußen und Österreich. Die neu formierte französische
Nation fühlt sich als Vorkämpferin für die Befreiung von Absolutismus und Feudalismus.
Raus früheste Erinnerungen sind sein dritter Geburtstag (23. November 1795) und der Durchzug
des Jourdan’schen Corps im August 1796. Der Krieg erfaßt also seine bisher eher beschaulich
dahinlebende Vaterstadt Erlangen, die erst 1791 preußisch geworden war. Davor gehörte sie zu
Bayreuth. Noch geschieht hier nicht allzu viel, weil Erzherzog Karl die französischen Vorstöße
noch einmal abwenden kann, aber die Landkarte Europas beginnt bereits, sich zu verändern.
Holland beispielsweise wird zur Batavischen Republik, und Preußen verzichtet auf linksrheinische
Besitzungen.
Als Karl lesen lernt, beginnt der Aufstieg des „kleinen Korporals“ Napoleon Bonaparte durch den
Italienfeldzug. Als er anfängt, Latein zu lernen, gründet Napoleon französische Tochterrepubliken
wie die Helvetische oder Römische Republik. Als Karl fleißig weiterlernt, krönt sich Napoleon
zum Kaiser der Franzosen und siegt weiter. Sein Gesetzeswerk Code Civil, auch „Code
Napoléon“ genannt, verändert das Rechtssystem Europas.
Als Karl in Prima sitzt und sein Vater stirbt, hat das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
aufgehört zu existieren, die Rheinbundstaaten sind gegründet, Preußen hat den Krieg verloren,
es gibt die Kontinentalsperre, und Erlangen ist französisch besetzt. Karl, seine Mutter und
Schwester Hanna leben in den dürftigsten Verhältnissen. Rudolf Köhler beschreibt dies so: „Aber
er studierte doch an der Erlanger Universität von Ostern 1808 bis März 1812, indem er unter
Entwickelung eines enormen Fleißes, Verwerthung seiner Kenntnisse und den größten
Entbehrungen nicht nur seine Universitätskosten fast vollständig bestritt, sondern noch Mutter
und Schwester unterstützte und der Ersteren bis an ihren am 26. Februar (1813) im 58. Jahre
erfolgten Tod die größte Liebe eines gehorsamen Sohnes bezeugte. Darum baute ihm auch der
Mutter und des Vaters Segen Häuser in seinem späteren Leben. Wie Rau trotz der schweren
Zeiten und der geschilderten Familienverhältnisse es anfing, die angeborene Heiterkeit seines
Wesens zu bewahren und des Lebens Nothdurft für eine Familie zu bestreiten, wo Andere erst
Seite 43
anfangen, in pecuniären Fragen recht von derselben abzuhängen, darüber fehlt es an schriftlichen Andeutungen.“47
Die angesprochene „Verwerthung seiner Kenntnisse“ ist es, die die Familie über Wasser hält,
denn er gibt Stunden, vor allem in Mathematik. Als Napoleon 1810 Marie-Luise von Österreich
heiratet, geht auch die Neuordnung Deutschlands weiter und Erlangen wird bayrisch. Die
Regierung sitzt nun nicht mehr in Berlin, sondern in München, und mit der Universität geht es
wieder aufwärts. Die Studentenzahlen, die zur Zeit der französischen Besetzung stark zurückgegangen waren, steigen wieder, und es gibt wieder mehr Professorenstellen. Karl beeilt sich mit
seinem Studium. Als er im März 1812 sein Examen ablegt und promoviert wird, ist Napoleon auf
dem Höhepunkt seiner Macht. Drei Monate später beginnt er den Rußlandfeldzug, und der große
Wandel beginnt.
Karl hat seine Ausbildung beendet, aber eine Stelle hat er nicht. Er hat zwar unter mannigfachen
Schwierigkeiten sein Studium abgeschlossen, aber seine Zukunft ist dennoch ungewiß.
47
Köhler-Rau
Seite 44
2.
Lehr- und Wanderjahre
2.1. privatdozent und gymnasiallehrer in erlangen
Im Sommersemester 1812 liest der frisch gebackene Privatdozent vor Zuhörern, die teilweise
älter als er selbst waren:
1.
Enzyclopädie der Staatswissenschaften
2. Landwirtschaft
3. Nationalöconomie und Finanz.
In der Landwirtschaft, die 7 fl. Honorar kostete, hatte er 20 Zuhörer, in den Staatswissenschaften 15, in der Enzyclopädie 5.
Zur gleichen Zeit wird sich der junge Dozent bewußt, wie sehr er immer noch ein Lernender ist.
Er notiert, welche Lektüren er durcharbeiten möchte: „Platons Republik, Herders Ideen, Müllers
Allgemeine Geschichte, Schmidts Geschichte der Deutschen, Esprit des Loix“ und andere.48
Ein undatiertes Notizblatt, auf dem er Stichworte für eine Anfrage Roschers notiert hat, zeigt im
Rückblick seine Gedankengänge.
„Roscher fragt, was ich im Beginn meiner Laufbahn in Lehre und Schrift gemacht habe. Stück
Biographie. Die Politische Ökonomie ausbilden. Damit ist wenig gesagt. Wie? Was schien mir
besonders hiezu nöthig, welche Lücken und Mängel sollten verbessert werden. Meine Vorbereitung. Mathematik. Staatswissenschaft. Positives Recht, besonders Naturrecht. Naturwissenschaft, Gewerbe, – Statistik. Geschichte wohl auch, Zunftwesen, führte dahin, aber ich drang
weniger ein, Mangel guter Lehrer.
Die Ursachen aller volkswirthschaftlicher Erscheinungen mit Hülfe dieser Vorkenntnisse untersuchen. Alle einwirkenden Umstände zusammenfassen; berechnen mit Hülfe der Mathematik.
– Verschiedene Gestaltungen unbeschadet der allgemeinen Gesetze. Gewöhnung an systematisches Denken durch Logik, Philosophie und Mathematik. System ausbauen, Schärfe der Begriffe,
Logik der Schlüsse. Staatsthätigkeit auf Grundsätze bringen. Volkswirthschaftslehre in ihrer
Allgemeinheit und Vielseitigkeit darstellen, Wirtschaftspolitik in Beziehung auf Zeit und Ort.
Diese zugleich praktisch behandeln, doch kam ich dazu erst bei Band 2 und 3.
Smith verehrte ich, doch nicht blind. Hufeland, Lotz in der begrifflichen Klarheit. Schon 1813
oder 14 eine Schrift über die Grundbegriffe, ungedruckt, oder später?
48
Rau 6
Seite 45
Große Reise. Personen, gewerbliche Verhältnisse. (...)
Ansichten zeigen meine Ziele, Natur-geschichtliche Verhältnisse, Besonderheiten. Überall fragen, das Besondere auf das Allgemeine beziehen.“49
Aus diesen wenigen Stichworten wird ein wissenschaftliches Programm sichtbar. Es ist aber auch
zu erkennen, welch schwierige und umfangreiche Aufgabe sich der junge Wissenschaftler stellte.
Im Wintersemester 1812/13 gab der junge Privatdozent nur dem Grafen von Rechtern ein Repetitorium über Logik. Napoleons Rußlandfeldzug und alle anderen damit verbundenen Ereignisse
ließen wohl den Strom der Studenten etwas abschwellen.
Als dann im Februar 1813 seine Mutter starb, stand der junge Dozent mit wenig oder gar keiner
Einnahme vor enormen existentiellen Problemen, denn seine Schwester Johanna, mit der er
zusammen lebte, mußte nun auch unterhalten werden. Doch wurde zunächst die UniversitätsWitwenpension weiter gezahlt und sicherte das Nötigste.
Im Sommer 1813 las er vor sechs Zuhörern Enzyclopädie. Die Befreiungskriege gegen Napoleon
riefen die Jugend auf die Schlachtfelder, die Hörsäle waren verödet. Aus dem gleichen Grund
brachte er auch im Winter 1813/14 keine Kollegien zustande und erlebte eine trübe, sorgenvolle
Zeit. Mehrere Privatstunden in Latein hielten ihn über Wasser. Dazu kamen im Jahre 1814 drei
schwere Krankheiten. Nach der zweiten begann er mühsam die Arbeit an der Preisfrage, gestellt
von der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften, über das Zunftwesen und die Folgen seiner
Aufhebung. Im Juli erfuhr er, daß er den ersten Preis unter vierzehn Konkurrenten errungen hatte.
Dazu notiert er in seinem Tagebuch „Blätter des Lebens“:
„Ich habe in zweifacher Hinsicht großes, recht großes Glück gehabt. Der Göttinger Preis, mir am
21. Juli bekannt geworden, war vielleicht meines Lebens größte Freude. Alles nahm herzlichen
Anteil, nahe und ferne Bekannte, und ich gieng ruhig anspruchslos fort. Ich bin mir selbst ein
Rätsel, mit dem glühenden Ehrgeize, dem gewiß nicht erheuchelten Mißtrauen in mich selbst
und dem ruhigen Verbergen des Verdienstes. Ob es etwa nur eine feinere Eitelkeit ist? Das bin
ich mir schuldig, ich rechne mir nur das Beste, die Schritte zum Guten, am höchsten an, also
keine kleine Eitelkeit. Aber freylich thut es mir so sehr wohl, zu denken: man ahndet, was Du
werth bist!“50
Im Sommer 1814 trat er eine Lehrstelle am Gymnasium mit 300 fl. Besoldung an, die ihm sein
alter Lehrer und neuer Kollege Mehmel zuwendete. Dadurch bekam die gemeinsame Haushaltung
49
50
Rau 6
Rau 6
Seite 46
der Geschwister Rau eine einigermaßen sichere Basis. Auch wurde der zwischenzeitlich erwogene Plan, noch Jura zu studieren und darin zu promovieren, damit hinfällig.
Dazu notiert er:
„Am 1. August habe ich meine Lehrstelle am Gymnasium angetreten, die ich besonders Mehmels
Liebe verdanke. Nun lebe ich sorgenfrei, welch eine Wohlthat! Fast schätze ich sie nicht genug.
Doch ruhig bin ich nicht, denn die 25 J. kommen mir näher! Ich möchte das Wittwengeld entbehren, alles mir verdanken können. Die Jurisprudenz ist vom Halse! Ich hätte darin nichts geleistet.“51
Die Stelle hatte der akademische Senat auf Antrag des Scholarchats verliehen. In dem diesbezüglichen Dokument vom 10. September 1814, das nicht nur Rau betraf, sondern noch zwei
andere Kollegen, heißt es:
„Der A. Senat und das Scholarchat versehen sich, daß diese Lehrer ihren bereits erprobten Fleiß
und treuen Eifer unermüdet fortsetzen und das Beste des Gymnasiums und der ihnen besonders
anvertrauten Zöglinge desselben sich stets zur höchsten Angelegenheit machen, auch für die
Vertheilung der Lehrstunden während der Krankheit des Herrn Conrectors Gerlach also sorgen
werden, daß der Unterricht auf keine Weise leide und jede Beschwerde von Seiten der Älteren
(=Eltern) vermieden, auch insbesondere der Religionsunterricht auf keine Weise vernachlässiget
werde, worüber wir einem von ihnen sobald als möglich zu fertigenden Lehrplan entgegensehen.
Übrigens bezeugen wir diesen würdigen Lehrern unser Vergnügen über die Ermunterung die
Ihnen, und über die Belohnung, die Ihren Verdiensten zu Theil geworden ist.“52
Die Grundlage zu einer gesicherten Existenz ist also gelegt, der Gymnasiallehrer muß, wie damals
üblich, den Privatdozenten ernähren. Der Privatdozent hat 1814 nur ein Privatissimum in Politik
mit dem Grafen von Cetto, dem späteren bayrischen Gesandten in London. Sein väterlicher
Freund und Kolege Gros hatte ihn empfohlen, wohl nicht ganz ohne Hintergedanken, denn von
Cetto galt als Intimus des mächtigen Ministers Montgelas, von dem sich Gros womöglich eine
Förderung seines Schützlings Rau erwartete.
Im Wintersemester 1814/15 gab es ein Privatissimum mit nur vier Studenten, worunter der aus
dem Rußlandfeldzug zurückgekehrte Karl Hildebrand war, sein ehemaliger Schulkamerad.
51
52
Rau 6
Rau 5
Seite 47
Von 1815 an las er stets Kollegien, deren Ertrag zum Lebensunterhalt der Geschwister ausreichte. Allerdings muß nach wie vor Bescheidenheit vorherrschen, denn anhand der aus der Erlanger
Zeit fast vollständig erhaltener Kollegienbögen, aus denen auch hervorgeht, welche Studenten
Gratisten waren, läßt sich berechnen, daß der Gesamtertrag von 5-6 jährlichen Vorlesungen
kaum 300 fl. erreicht. Auf die Tätigkeit im Gymnasium kann daher auf absehbare Zeit nicht verzichtet werden.
Der gewöhnliche Ärger im Schulalltag beschäftigt auch ihn: In seinem Tagebuch vermerkt er
unter dem 19.2.1815: „Ärgerlich doch gewiß, von beiden Classen, nicht zu wissen, daß coelum
im Plural coeli hat!“ Am 5.1.1815: „Poschwitz, Sammer sehr ungezogen und Possen treiben.“
1816 gab er die Preisschrift, neu bearbeitet, bei Göschen heraus, für 1 Dukaten pro Bogen. Daneben schrieb er kleinere Aufsätze in Harls Kameralcorrespondenten. Daneben arbeitet er an seiner lateinisch geschriebenen Dissertation über die Grundlinien der Geschichte der Politik oder
der Lehre vom Staate, die er als die „Frucht mehrjähriger Studien“ bezeichnet. In den Pfingstferien 1816 beginnt er mit der Niederschrift, am 27. Juli verteidigt er. Der Respondent mußte
mühsam eingearbeitet werden. Die öffentliche Disputation fand vormittags von 10 bis 12 Uhr
und nachmittags von 14 bis 16 Uhr statt und hatte dreizehn dem Gebiet der Politik entnommene
Thesen zum Inhalt. Er vermerkt hierzu: „Ich erntete [...] viel Beifall.“
Im Herbst 1816 schrieb er als Programm für das Gymnasium eine kleine Abhandlung „Über den
Luxus“. Davon wurde ein besonderer Abdruck von 200 Exemplaren gestattet, die Palm übernahm. Von dem kleinen Erlös sowie einer Anleihe bei seinem Freund Ausin unternahm er eine
Reise nach Bayreuth, wo er sich am 1. November mit Amalie Fischer, der Tochter des Oberpostmeisters Fischer, verlobte.
Zwar war seine wirtschaftliche Situation noch nicht so, daß er unbedingt hätte ans Heiraten denken können. Aber er hatte doch einige begründete Hoffnung, eine Anstellung als Professor zu
finden. Sein Gönner Gros riet ihm, von der Regierung Reisegeld zu beantragen, um eine Deutschlandreise zu unternehmen, die ihm sowohl neue Erkenntnisse für seine wissenschaftliche Arbeit
vermitteln, aber auch die Möglichkeit geben sollte, sich nach einer Anstellung umzusehen.
Es hatte den Anschein, als würde eine Stelle in Erlangen frei, weil Lips sich auf eine frei werdende Stelle in Wien bewerben wollte. Mehmel und Gros versprachen Hilfe. Die Leipziger Ökonomische Sozietät schickte ihm ein Diplom, Adam Müller schrieb eine günstige Rezension seines
Buches, insgesamt sah er Hoffnung. All dies mag ihn bewogen haben, ernsthaft um Amalie
Fischer zu werben und sich zu verloben.
Seite 48
In seinem Tagebuch findet sich dazu unter dem 17. August 1816 das Folgende:
„Die Unruhe treibt mich früh vom Lager. Seltsamer Zustand, alle Hoffnungen mit einem Mal auf
die Waage gelegt zu sehen. Günstig wie nicht vielen haben sich mir von je die Umstände gezeigt;
noch nicht 24 J., und schon so nahe Aussichten, so schöne Hoffnungen! Aber um so mehr mag
ich gewohnt sein, immer alles gelingen zu sehen. Ich fühle die Größe des Schrittes, der geschehen ist. Die ungebundene Leichtigkeit hat aufgehört, die Ziele sind unabänderlich bestimmt. Aber
wenige Menschen haben von dem Junggesellenstande so wenig Freude gehabt; ich habe mir
keine erlaubt, immer die Pflichten gegen die Künftige erwägend. Das Herumflattern hat mich nie
ergötzen können, ich habe nie ein Mädchen geküßt als beim Abschied oder im Spiele. So stehe
ich denn am Eingange einer reichen, schönen, blühenden Zukunft, für die alles aufgespart ist.
Mit aller Besonnenheit und Freiheit habe ich gewählt, ohne Leidenschaft. [...]53
Der Hungerwinter 1816/17 bescherte dem jungen Bräutigam zunächst einen herben Rückschlag.
Sein eigener und der Schwester Unterhalt wurde im wesentlichen durch einen Vorschuß auf
seine Übersetzung von Storchs „Cursus der Politischen Ökonomie“ aus dem Französischen
bestritten, den der Verleger Perthes gewährte.
Ende 1816 bewarb er sich um ein Reisestipendium bei der bayrischen Regierung, hatte aber
parallel dazu einige Hoffnung, in Berlin die frei gewordene Professur für Politik zu bekommen.
Am 8. Februar 1817 wurden ihm 500 fl. zu einer Reise behufs praktischer Ausbildung in der
Kameralwissenschaft aus dem Stipendienfonds des Philologischen Seminars in München bewilligt, wobei seine Stellung als Gymnasiallehrer von entscheidender Bedeutung war. Zur Bedingung
wurde gemacht, daß er ohne Erlaubnis der Regierung keinen Ruf ins Ausland annehmen dürfe,
und wenn er es trotzdem tun würde, das Stipendium zurückzahlen müsse. Allerdings wurde ihm
das später erlassen.
53
Rau 6
Seite 49
2.2.
reise durch deutschland 1817
Über seine Deutschlandreise von 1817 hat Rau ausführliche Unterlagen hinterlassen. Es gibt
einen Kurzbericht, in dem die Stationen seiner Reise in Stichworten aufgeführt sind. Der Titel
lautet:
Bericht
über die von mir unternommene
literarische Reise
in besonderer Beziehung auf die
Kameralwiss.[enschaft]
Anfg. Mais – Ende Octob. 1817
Weiterhin existiert das Tagebuch, in dem jede Station ausführlich dargestellt wird und Lage,
Bodenschätze, wirtschaftliche Einrichtungen, Fabrikationen, Landwirtschaft sowie besondere
Einrichtungen geschildert werden.
Eine weitere Quelle ist der Briefwechsel mit seiner Braut Amalie, in der man einen anderen
Aspekt von der Reise gewinnt.
Zur Veranschaulichung ist noch eine Landkarte überliefert, in der er mit Bleistift seine Reiseroute
und alle Stationen eingezeichnet hat.
An zwei Beispielen sei hier dargestellt, wie dies im einzelnen aussieht.
1. Beispiel: Berlin
Im Kurzbericht sieht das so aus:
Berlin. – Charité! Eisen – und Stückgießerey, jene sehr vollkommen. Porcellanfabrik. – Teppichfabrik. – Cockerill’sche gr. Wollenspinnerey, tägl. durch 6 Scheff. Steinkohlen zu 78 gr. bestritten.
Dabey Fabrik v. Spinnmaschienen. – Ofenfabrik. – Taubstummenanstalt.
– Nachtheile der Gewerbsfreyheit sehr sichtbar. Gesetzgebung, besonders über bäuerl.
Verhältnisse. – Dampfboot. – Schwimmschule. – Antiken, worunter 3 Elgine Marbles. – Prof. v.
Savigny, Hermstädt, Schmalz.
Das Tagebuch verzeichnet unter dem 29. Juli 1817:
Der Eintritt ins Leipziger Thor, wo gleich die Leipziger Strasse bis zur Spittelkirche lang ausgebreitet liegt, ist eindrücklich. Alle in der Straße Gehenden schieben sich von weitem in ein dunkles Gewühl zusammen. Gegen 11 Uhr im Hof von Holland, Roßstrasse. Unter Auspacken, Umkleiden, Waschen, Bartputzen vergieng eine Stunde, als der junge F. heraufsprang:
Seite 50
„ Es ist Feuer!“. Auf der Strasse hörte man gleich: „Im Comödienhaus.“ Die Menschenmasse,
die dem schwarzen Dampfe entgegen wogte, leitete mich sicher zur Stelle, doch langsam, da ich
den vielen Fuhrwerken und den Spritzen, wobey Männer mit schwarzen Zwillenröcken und eisernen Hauben, ausweichen mußte. Herrlicher Anblick.
Ich stand in der Mohrenstraße, zwei Häuser von der Ecke der Markgrafenstraße, noch hier war
die Hitze fast unleidlich; die teutsche Kirche schien dicht an der Feuerstätte zu stehen, und ihre
Bildsäulen ruhig und vertrauend in die Flammen herab zu sehen. Soldaten hielten die Strassen
offen und Gassen zu den H., wo Brunnen.
Nach ein paar Stunden zu Tische, dann schnell zu Sacks. Friedrich gieng eben ins Haus; Karl
kam bald nach. Briefe, aus B. und E. –
Nun mit S. I zu Dr. Lücke und Ulrich; dann in der Stadt herum.
Unter die Linden, Brandenburger Thor, Conditor Fuchs, Schloßplatz, Lustgarten. Thee in der SackFamilie. Abends im Gasthofe, der mir aber sehr verleidet war, weil er für nicht anständig genug galt.
30. Juli.
Wohnung gemiethet, 14 Tage, 3 Thaler. Hausvogtey–( vulgo Schinken-)Platz Nr.7, Oberaccise Einnehmer Salbach. Klein, aber reinlich. Hospitirt bei Liers, [...] und Savigny: Nov. 115 habe das
ErbR. ganz neu gebildet. Treffl. Vortrag. – Ich zog nach Tisch ein; Sacks; Hasenheide, wo der
Ferien wegen wenig zu sehen war. – Nach Tisch Feuerwerk im Thiergarten [...]
31. Juli.
Link, Marheinecke besucht. Jener sehr ruhig, einfach. – [...] Nachmittags Hermstädt, Klug (unartig, vielleicht aus Lebensunkunde, denn fein gebildet schien er doch), von Bernuth (Leipziger
Str. Nr 39). Hierauf mit M. und S. II zu Eichhorn, in den vossischen Garten am Wilhelmsplatz.
Auch Savigny’s kamen dahin und der Rittm. v. Scheibler. Abendessen, voll Witz und Geist. Nachts
wegen des falschen Schlüssels bey M. auf dem Sopha.
1.
August.
Besuch bey Savigny, (Pariser Platz Nr. 3), der die baierischen Verhältnisse genau kennt. –
Charité. Freye, ländl. Umgebung. 3 große Flügel schließen einen Gartenraum ein, wo leichtere
Kranke Bewegung haben oder doch die Luft genießen. Hufeland und Horn stehen an der Spitze.
Die Geisteskranken werden einem Nichtarzte nicht gezeigt. Ich besah Säle der Schwangeren,
der frischen und älteren Wöchnerinnen, und chirurgisch kranker Männer. Vorrichtungen für
Beinbrüche u. dergl., um die Lage zu verändern ohne Nachtheil, durch Hängen. Grünes verhangenes Zimmer der Augenkranken. Das Haus hat jetzt über 1000 Kranke, deren Mehrzahl unentgeldlich. Vermögendere bezahlen für den gewöhnlichen Tisch monatlich 5 Thaler 22 Groschen,
Berliner nur 4 2/3 Thaler. Große Küche mit Heerden, wo in großen Kesseln gekocht wird; neben
Seite 51
dem Heerd für feinere Verpflegung. Venerische, Krätzige haben volle Kost, 1 1/2 Pfund Brod.
Andere halb, mit 1 Pfund Brod. Der Verbrauch täglich 70 Tonnen Bier (zu 96-100 Quart).
Monatlich gegen 700 Thaler Getreide und Hülsenfrüchte zu Suppen. – An Brod im Juli 1817 3000
Pfund Schwarzbrot. 16000 Pfund Weißbrod.
An jedem Bette eine Tafel, mit dem Namen und den Vorschriften. Gegen 200 Wärter und Wärterinnen. 2 Hausväter, deren einer mich herumführte. –
Geh. Justizrath Schmalz (bey der Kath. K. Nr. 1); Physiokrat. Dr. Eiselen (ebd. Nr. 2) – geh. R.
Hermbstädt (Georgenstraße 43). Klug (Französische Strasse) – Abends Funchon. Die Musik kam
mir leerer vor als sonst. Frl. Eunicke hat eine schöne, rein klingende Stimme, die nur etwas weicher
seyn sollte, sowie ihr, im Ganzen recht gutes Spiel auch einige Natürlichkeit zu wünschen läßt.
Stürmer (Eduard) ein weicher Tenor, nur ein wenig dumpf. Das Spiel gezwungen. Gern, der Abbé,
recht gut. Frau Eunike gab die Florine für ihr Alter wunderbar leicht, singt ganz hübsch. Unzelmann schon alt; in dem bekannten Liede „Die Welt“ griff er sich recht an; aber ein Komiker muß
jung seyn, sonst kommt es eingelernt und steif heraus. Die G. spielte doch die F. edler, erhabener. –
2. August.
Ziegler wies mich an H. v. K., der nicht zu sprechen. Prof. Rühs (Kupfergraben Nr. 4). Die
Handelsfreiheit führte uns in einen Streit; er ist sehr lebhaft, sprach reissend schnell. [...] 72
Schüsse löseten den Streit; der Prinz Wilhelm hatte einen Sohn gebohren. – Auf dem Comptoir
d. Gesetzsammlung bestellte ich, was mir bedeutend schien. Oberwasserstraße – Feier der Bibelgesellschaft in der Dreifaltigkeitskirche. Neander hatte durch einProgramm eingeladen, dessen
Besitz e. Charte vertrat. Sehr voll. Karl S. predigte; darauf die Geschäfte der Ges. im letzten J.,
zugl. d. sämtl. Tochterges. in Pr., verlesen. Abends noch einmal bey Förstermanns.
3. August.
Predigt bey Hermes in d. kl. Mittelkirche. Schlicht, verständig, voll von Gott; ein wackerer Greis.
– Darauf Universitätsfeyer in dem schönen Saale. Bökh, schöne Rede, über die gegenseitige
Einwirkung der Religion und der Wissenschaften auf einander seit 1517. – Staatsrath Hoffmann,
dem ich durch Marheineke vorgestellt wurde. – Mittagessen, 2 1/2, im Thiergarten. H. v. Bernuth,
Vater, Bruder, Sohn. Geh. Rath Heim, berühmtester Arzt in B., (mir und mich), Frau und Sohn;
des meiningischen Hauptmanns Oheim. Domainen werden jetzt meist verpachtet, nach geschehener Zerschlagung. Kanon unveränderlich. Finanzen mit beständiger Rücksicht auf das VW (vermutlich Volkswohl; d.Verf.).; so ist man bey Nachlässen der Zeitg. milder als die Ges. fordern,
setzt in jedem Widerstreite die Staatse. dem VW. nach. – Abends kam ich noch zu K. in den
Figaro, wo die herrliche, königlich – große Milder – Hauptm. die Susanna, Fischer den Figaro
gab. Schlechtes Stück. F. müßte die Arie wiederholen, wo er Cherubina (Eunike) den Krieg schildert.
Seite 52
Er that es italisch. – Nachher Ballett; das Pathos gar rührend mit ausgestreckten Beinen ausgedrückt. Sonst war das anmuthige Schweben der schönen weißen und rosafarbenen Gestalten,
die endlich die Namenszüge des Königs zu bekränzen sich anschickten, ganz hübsch. – Das
Opernhaus ist groß, einfach. Statt aller Seitenlampen dient der prächtige Kronleuchter. Die
Säulen stehen in den 3 Bogenreihen zurück, um nicht zu hindern.
4. August.
Die königl. Porcellainfabrik wird jedem Fremden durch einen Beamten gezeigt, gegen 8 Gr. C. an
die Invalidencasse. E. großes Gebäude. Die Erde aus Halle. Gepocht, geschlämmt, geschlagen.
In Formen gebildet. Man macht sehr künstl. S., z. B. Statuen; Näpfe v. der feinsten Arbeit an den
Füßen; fein durchbrochene Geschirre. Auf geschmackvolle Formen wird sehr gesehen. Neuere
Tassen meistens geschweift. Der Henkel wird dann aus 3 Stücken zusammengesetzt. Große Figuren aus sehr vielen zusammengesetzten Stücken. Brennen. Dann glasiren. Dann Malen. In
einem Zimmer bloß Blumen, auf Pfeifenköpfe und Teller; hier arbeiten knabenartige Jünglinge. In
einem anderen altere künstlerische Maler, welche sehr fein arbeiten. Den Farben wird ein Beisatz
gegeben, der die Verglasung bewirkt. Manche Farben verändern sich. Vergolden, bloß ächt. Gold
fein gepulvert, mit Öl abgerieben, mit dem Pinsel aufgetragen. Es sieht nun matt aus. Man brennt
es. Was dann glänzen soll, wird geglättet. Herrliche Terrine mit Wappen, für e. Tafelaufs. vom
König. – [...]
Eisengießerey, weit entlegen, mit S. II besucht. Großer Hofraum, worin die Gebäude herum liegen. Alles voll Eisenwaaren. Wir sehen die schönen Denkmale für Schlachtfelder. Wohl mit dem
Kreuz oben auf 8-9’ hoch; teutsche Inschrift. Pyramide, gothische Zierrathen. Im Hofe sogar eine
Wand mit eisernen Planken. Man holt in einer Schreibstube einen Erlaubnisschein für 8 Gr., die
den Invaliden gehören. Vorräthe feiner Sachen; Halsbänder für 7 Thlr.; die königl. Familie, viele
Gemmen u. a. Brustbilder, Leuchter, Crucifixe. Christus, Blücher p. v. etwa 3“ Durchm. für 12 Gr. –
[Ausführliche Beschreibung des Gießvorganges]
Abends zu Hause. Ich aß gewöhnlich Mittags bei Eichler in der Gertrautenstraße, ohnweit der
Brücke, wo Table d’hôte, nämlich Suppe, Gemüse und Auflage, Braten und Sallat, Butter und
Käse für 6 Gr. gegeben wird, oder bey Metzold, Mohrenstraße, zwischen der Charité und
Friedrichstraße, wo nach Münze Portionen. Die Preise für kalte Schale oder Suppe 2 Gr., Rindfleisch 5, 1/2 P. 3. – Gurkensuppe, Birn (einmal erhielt ich 3), 2 Gr., Pellkartoffeln (geschälte) 1
Gr.; Kalbs- oder Hammelbraten 7-4; Schweinebraten, Aal 9-5; Gemüse 2, Brot und Käse 2.
Mehlspeise 5-3. – Abends etwa aus einem Laden 1/2 Pfund Schlackwurst für 3 Gr., oder 1/2
Pfund Schinken, 3 1/2 Gr. Bier theuer. Braunes kostete ich bey H. v. K.; es ist zu trinken.
Seite 53
5. August.
Schleiermacher, Moral. Ein trefflicher Lehrer. Strafe widerstreite der Sittlichkeit, weil sie den
Menschen durch Schmerz bestimme; doch zulässig, da sie das Übergewicht einer Thätigkeit aufhebe und Gleichgewicht hervorbringe. In den verschiedenen Zweigen des Lebens verstattet sie
der Staat noch am ehesten, aber sie wird um so häufiger Zucht, je höher der Mensch steigt. Im
Hause weniger, in der Kirche gar nicht. [...]
Schwimmanstalt des Majors v. Pfuhl, weit entlegen in der Köpenicker Straße. Zelte für die gemeinen Soldaten. Viereckiger Platz, wo das Wasser 9’ tief. Verdeckte Kammern. Verschiedene Stufen. Der Lehrling steigt von einer Leiter ab, einen Gurt um den Leib. Der Soldat geht oben her,
eine Stange, woran ein Seil in den Gurt geschlungen. Hat er den Handgriff behalten, so wird bloß
das Seil gehalten, und loser. Der Soldat geht bloß mit der Stange neben her. Kann einer sich 400
Stosse, wohl 1/2 Stunde im Wasser frey halten, so führt man ihn über die Spree; er muß zurückschwimmen. Prinz Karl obenan. – [...]
6. August
Früh 6 Uhr Schleiermachers Politik. Dann in der Stadt herum, wo man mancherley sieht und
lernt. Gießhaus hinter dem Zeughause. [...]
7. August
Schleiermacher. Verhältniß der Diplomatie zur Militärmacht, eines von beiden muß jeder Staat
haben, am besten beides. Welches vorwiege, hängt von der Bildungsstufe ab. – Besuch bei
Maurers Buchhandlung. Dr. Vetter. – nachmittag mit Friedrich S. nach Charlottenburg; eine
Menge Wagen steht für 2 Gr. immer bereit. 1 kleine Stunde. Charlottenburg hat Stadtrecht,
obschon es ganz lose und frey gebaut ist, wie ein Dorf, nur mit schönen Häusern. Geheimräthin
S. Manche Berliner Familien wohnen im Sommer hier. Die Gegend kahl, so daß auch der Aufwand
eines reichen Kaufmanns, der ein Gut theils gekauft, theils angelegt hat, etwas herausgebracht
hat, was wo anders Werth hätte. Das Schloß groß, einfach schön. Der Garten vortrefflich. Die
schönsten Gruppen v. Gebüschen, wovon viele fremde. Cypressen, Thujen und ein See, Brücke,
dem Schloß gegenüber, wo ungeheure Karpfen, davon mehrere über 100 Jahre haben, von den
Lustwandelnden gefüttert werden. [...] Alles ist voll von Blumen, welche in Töpfen eingesenkt
sind und mit großer Sorgfalt gewartet werden, wie dies im ganzen Garten der Fall ist. Die schönsten Gruppen sind auf der Blumeninsel. Nicht ferne die Spree. Ein sehr reitzender Ort; hin und
wieder Bänke und 1 oder 2 Häuschen machen die ganze Kunst aus. Wir bestiegen das Dampfboot, verließen es aber wieder, weil es zu spät abgieng. Die Schaufeln des Rades sind mehrere
Füße breit. Ein sehr hoher Rauchfang, ein Cylinder.; oben Seile. Auch ein Seegel kann aufgezogen werden. 2 niedliche Cajüten. Wenn der Kessel geheitzt, so hört man ein starkes Getöse.
Seite 54
Eine Blechröhre von dieser Dicke (gezeichnet ist ein Kreis von 1cm Durchmesser) höchstens,
vielleicht nur wie ein Federkiel, leitet Dampf unter einen Heerd, wo er dient, mehrere eingesetzte Töpfe zu heitzen. – [...]
8. August
Durch die Güte des Ass. Ziegler erhielt ich Adressen von 3 Polizeicommissairen, die mich in die
Fabriken ihrer Reviere begleiteten. Es sind 22 Reviere in Berlin. Jedes hat 1 Commissair, 1
Sergeanten, 1 Schreiber. –
John Cockorill, Wollenspinnerey. Die Familie gieng 1806 aus England nach Lüttich. Seit 4 Jahren
besteht die Anstalt in Berlin in einer ehemaligen Caserne, die der König hergab, in 10 Jahren,
wenn die Fabrik noch geht, soll sie Eigenthum werden. Der Dampfkessel braucht alle 24 Stunden
6 Scheffel Steinkohlen, zu 78 Gr. Sie werden aus Schlesien gebracht. 2 Dampfcylinder von ungleicher Größe sind dicht nebeneinander, gehen vollkommen gleichförmig.16 Pferdekräfte. Am
Balancier ist eine Stange, ein Rad mit einem Krummzapfen. Dieß Rad greift in ein kleineres an
der Hauptwelle, die sogleich schneller läuft wie das erste. Die Welle geht queer durch das Haus,
treibt mit einem Getriebe die der Länge nach laufende Welle, von welcher die Maschienen in
Bewegung gesetzt werden. Alles Radwerk von Eisen. Eine neue Maschiene statt dieser wird bald
ankommen, die 3 mal so viel Kraft hat und doch wohl nicht mehr Kohlen brauchen wird. –
Die Arbeiter wechseln Tag und Nacht. Luftpumpe gleich neben dem Cylinder. 1 Wolf, 1 Schrubbel-, 1 Krempel-, 1 Vorspinn-, 4 Clarspinn- Maschienen werden hier verfertiget. In die Schrubbelmaschiene kommt die rohe, nur vom Wolf gerissene Wolle; sie kommt in dünnen Blättern heraus, die der Rechen von der letzten Wolle abstreift und eine andere Walze aufwindet. [...] Die
Garne werden verkauft, nicht in der Anstalt verwebt. Man verbraucht bloß die feine preußische
Landwolle. Jetzt ist jener Apparat 12 mal im Gange; also 96 Maschienen. Eine Spinnmaschiene
hat 1 erwachsenen Spinner und 1 Knaben. – Stellmacher- und Schreiner-Werkstätten, auch
Schmieden. Große Vorräthe von Theilen solcher Maschienen. 1 Scheermaschiene kostet 73 Thlr.
H. Cockorill, ein ganz junger, hübscher Mann, führte mich überall mit vieler Gefälligkeit herum.
Gegen Abend in Wolfharts magnetischen Saal. 2 Gehilfen arbeiteten neben dem Meister; viele
Kranke; die meisten schliefen bald ein. Auch einige Männer. –
Abendessen bey Sacks. Pestalozzi, Singer, Köhler u.a.
9. August
Ich schrieb Morgens bis 10 Uhr nach B{ayreuth]. und E[rlangen]., wohin der Lectionszettel nebst
einem Briefe an M. abzusenden war.
Hatho und Walper, auf dem Platze bey Monbijou, Nr. 10; eine große Anstalt. 1. Baumw. W. zu
Männerkleidern. Einfärbige und gestreifte Manchester. Hübsche Westen, bald weisser Piqué oder
englisches Leder, bald gestreift, bald gedruckt. Das Weben v. Maschienengarn geschieht außer
Haus. 2. Wollenw. Manchester, den man nicht mehr trägt; woolworks. Besonders Teppiche, die
Seite 55
angeblich weder in Paris noch in L. so schön gemacht werden. Die Muster sind wirklich überaus
geschmackvoll. Ich sah Stücke eines gr. Teppichs für Jerôme, 25 Ellen lang, worin 100 Pfund
Gold, vieles Silber, für 21 m Carolins. Das Wappen trefflich, der Grund azur mit goldenen Bienen.
[...]
(Es folgen Berichte über eine Vitriolbrennerei und eine Ofenfabrik.)
Staatsrath Hoffmann. Reichhaltige Unterredung.
Theater: 3 kleine Stücke. [...]
10. August.
Besprechung mit den S., dann Schleiermachers meisterliche Predigt über die Stelle: „Lasset die
Todten die Todten begraben“ und nachmittags Kaffee in der Sack’schen Familie im Garten. Dann
Spatziergang mit beiden S. und Stiselins. Hofjäger, eine schöne Gegend am Thiergarten.
11. August.
Über das Schloß Bellevue nach Charlottenburg. Der sehr artige Castellan führte mich zu dem
Grabe. Herrlich schön und einfach.; ich dachte nicht, daß der Meißel so viel vermöge. Das Gewand unübertrefflich schön; s. die Fußzehe. Colossal. Leicht erhabener Sternenkranz ums
Haupt. Diadem.2 Candelaber, von Rauch und Tieck. Treppe, von wo die schönste Ansicht. Garten
rings herum; ein alter Wächter. - [...]
Abends der teutsche Mann. Mattausch spielte ihn trefflich; auch Beschort den vornehmen Mann
und Maurer s. Sohn; Devrient den franz. Kammerdiener. Ein Stück in die Zeit; voll Salz gegen die
falsche Teutschheit. Gut das Verdienst des Civile gegen die Kriege: der Zaun um den Garten reiche nicht. –
12. August.
Die halbe Friedrichstraße, mich dünkt, von der Mohrenstraße an, in 26 Minuten bis ans Thor v.
Oranienburg. Taubstummenschule ist offen. Der eine Lehrer sprach mit Wohlgefallen und richtigen Ansichten. Jeder Lehrer lernt hier, das Wesentliche, ja das zuerst Hervorstechende jeder
Sache herauszuheben, die Stelle, wo der Begriff am leichtesten zu fassen ist. Das Geben der
Begriffe hält schwer; am meisten das Reden. Vocale: Hand unter das Kinn. Gefühl, Gesicht sehr
scharf. Gewitter p. fühlen sie im Unterleibe. Unter 70/m P.1 Taubstummer. Im Norden, Preußen,
immer häufiger. Stumm sind nur sehr wenige. Die ganz Tauben leichter zu behandeln. Sprachund Schreibübungen. Nicht die Gedanken bloß, sondern Wort für Wort. „Wird die Erfüllung der
Pflicht bisweilen schwer?“ Jein. Wie folgen (folgten) die Könige von Preußen auf einander? –
Rückenschreiben. In die Luft schreiben. Die Zeichen für alle natürlich. Doppellaute seyen bloß
Übergänge eines Selbstlautes zum andern. – Von etwa 40 Zöglingen sind 14 unentgeldlich. Jeder
muß einzeln unterrichtet werden, weil man sonst die Aufmerksamkeit nicht fesseln kann.
Seite 56
Große Kunst, abgezogene Begriffe zu bezeichnen und zu geben. Das Steigern zur Allgemeinheit
ist hier ganz erfreulich. Jahn und Clöter.Nach Tisch bei Schleiermacher. Im Garten, etwas trocken, spielte Schach. – Dann mehrere Stunden bei Hofmann im Garten. In Preußen dauert der Sommer 5 Monat, in der Breite von Berlin 7.
Dort braucht man mehr Arbeitskräfte, da die Zeit sich umgekehrt verhält wie die Kraft. Dagegen
ist nur hier manches einzuwenden; aber im Ganzen ists wahr, daß die Preußen anders behandelt
werden müssen. –
Übersetzung in den freyen Gewerben rührt oft vom Mangel einer überlegten Wahl her, weil Kinder
schon frühe das älterliche Gewerbe treiben, die Unternehmer gerne Kinder beschäftigen. So wird
man gebunden. –
Iden der Berliner Universität. – Abends bei E. Fr. Göschen, Stadtgerichtsdirector Belitz,
Häfners, Sack I, Eichmann. Windstoß im Garten. –
13. August.
Antiken in Monbijou; lauter Gypsabdrücke. Darunter 3 Elgin marbles; nämlich Theseus, der nackend
ruhend liegt, an Nase und Gliedern verstümmelt; 3/4 des Ilissus; ein Pferdekopf von colossaler
Schönheit. Die anderen in Rom und Paris gemacht, erst kürzlich hier, sollen in der Akademie
besser aufgestellt werden. Ganymed ist entzückend schön. Antinous. [...]
14. August.
Bezahlt, gepackt; zu Vetter; Abschied bey Sacks; Turnjacke gekauft, 1 Tasse Chokolade getrunken, in Begleitung 10 1/2 Uhr aus dem Landsberger Thor. Forsch, frisch, muthig verließ ich B.,
das mir in vieler Beziehung merkwürdig war. – 54
An seine Braut Amalie schreibt Rau aus Berlin:
[...] „Du siehst, daß man in dem „schönen Berlin“, wie Du sagst, recht gut Zeit hat, seinen Gedanken nachzuhängen. Nirgends ist man einsamer als in einer großen Stadt, wo das ganze
Menschengewühl, welches sich Unter den Linden an mir hintreibt, mir fremd ist und bleibt. –
Die Zeit, die ich mit den S. hinbringe, ist immer köstlich, aber sie haben viel zu thun. Manche
Stunde bleibt unausgefüllt, und ich empfinde oft eine unbehagliche Öde in der schönsten Stadt
Deutschlands oder wohl Europas. [...]
54
Beide Dokumente, Kurzbericht und Tagebuch, Rau 9
Seite 57
Die liebe Mutter wird mich beneiden, daß ich gestern in einem großen Zirkel von 60 Personen
den Geburtstag des Königs feiern, mit lautem Rufe seine Gesundheit trinken konnte. Dies
Vergnügen hätte ich gerne mit allen geteilt, denen der wackere König noch wert ist. Er ist ein
braver, streng gerechter, einfacher Mann, der nicht in seinem ungeheuren Schloß, sondern in
einem Haus mit zwei Stockwerken wohnt wie Eures.
Ungewöhnliches darf man von ihm nicht erwarten, weder großen Verstand noch sehr tiefes
Gefühl; er ist geachtet und geliebt, doch nicht schwärmerisch verehrt und bewundert, wie das
wohl in der Ferne geschehen mag. –
Die Nachrichten aus E., besonders die Anstellung des elenden Lips, haben quälende Sorgen in
mir erweckt. Die Ferne verstärkt sie wohl etwas, aber ich arbeite sie eifrig nieder, und vertrauende Hoffnung schwingt sich nach jedem Kampf wieder auf. Hier habe ich schon viele bedeutende Männer kennengelernt, mit dem sehr wohlthätigen Umstand, daß sie mich schon schriftlich
kannten und achteten. – [...] Die Reise eröffnet mir tausend nützliche Verbindungen für die
Zukunft; ich werde in Bayern nicht absterben. Hier ist gar keine Natur zu genießen, außer einem
großen Laubwald vor dem Thor, wo man immer Menschen findet, der Thiergarten. Manche Wege
in der Stadt sind 1 Std. lang, und man läuft sich schrecklich müde; auch kostet alles, was man
sehen oder besorgen will, viel Zeit. Für immer zöge ich gewiß das leichtere freundliche Leben in
einer Mittelstadt vor. Die hiesigen Professoren machen nicht viel Öffentliches mit, sondern halten zusammen in ihren Familien. Und was geht auch über ein einträchtiges, häusliches Leben.“55
Der Kurzbericht und das Tagebuch zeichnen einmal kurz und einmal ausführlich auf, was Rau
erlebt und gesehen hat, auch seine Bewertung der Dinge und Erlebnisse. Der Titel des Kurzberichtes zeigt schon die Absicht der Niederschrift. Es ist eine literarische Reise, das bedeutet,
es soll eine schriftliche Arbeit erstellt werden; „in besonderer Beziehung auf die Kameralwissenschaft“ nennt den Schwerpunkt: Es sollen Beobachtungen gemacht und verwertet werden, die unter kameralwissenschaftlichen Aspekten aufgenommen und der Kameralwissenschaft
dienlich gemacht werden sollen. Es ist dabei zu berücksichtigen, daß er den Organen der bayrischen Staatsregierung, die das Reisestipendium gewährt haben, einen Bericht abliefern muß.
Berlin bietet sicher für die damalige Zeit einen Einblick in eine geradezu stürmische technische
Entwicklung. Die Dampfmaschine setzt sich überall durch, wie man am Beispiel der Eisengießerei, der Wollspinnerei, der Spinnmaschinenfabrik und anderer Fabrikunternehmen erkennen
kann.
55
Rau 79, Brautbriefwechsel
Seite 58
Überall zeichnet er akribisch auf, wie die Anlagenfunktionieren und welche Menschen zu ihrer
Bedienung notwendig sind. Selbst im Verkehrswesen hat die Dampfmaschine bedeutende Veränderungen gebracht:
Rau benutzt ein Dampfboot, was für das Jahr 1817 sicher eine technische Sensation ist. Daß
diese technischen und wirtschaftlichen Neuerungen den Kameralisten interessieren, ist leicht
nachzuvollziehen. Rau aber kümmert sich mit gleicher Intensität um die Charité und die
Taubstummenanstalt, die als öffentliche Einrichtungen der Gesundheitspflege ja nicht primär
wirtschaftliche Bedeutung haben. Selbst die Schwimmschule sieht er sich genau an. Das scheint
darauf hinzudeuten, daß mindestens dieser Kameralist seine Aufgabe nicht nur in eng begrenzten Feldern sah.
Einen breiten Raum nimmt auch die Kultur ein: Theater, Oper, Konzert werden eifrig besucht und
ausführlich beurteilt; an den Vergleichen, die er zieht, erkennt man, daß das Repertoire ihm nicht
ganz neu ist. Aus anderen hinterlassenen Aufzeichnungen geht hervor, daß Theater- Opern- und
Konzertbesuche für ihn Teil des normalen Lebens waren, also gehörte dieser Bereich auch in
Berlin dazu.
Des weiteren wird deutlich, daß er Kontakte sucht zu bedeutenden Männern der Wissenschaft,
wie beispielsweise Schleiermacher, dessen Vorlesungen und Predigten er besucht, oder Prof. v.
Savigny. Man darf dabei nicht vergessen, daß seine Reise nicht nur der Erweiterung seines
Horizontes und seiner kameralistischen Kenntnisse dient, sondern durchaus auch die Suche
nach einer Anstellung beinhaltet.
Im privaten Teil seiner Aufzeichnungen, nämlich in den Briefen an seine Braut Amalie, findet man
noch ganz andere Aspekte seiner Reise. Er schildert seine relative Einsamkeit in der großen
Stadt, die er allerdings als die schönste Stadt Deutschlands oder wohl Europas bezeichnet. Die
Natur fehlt ihm ein wenig, wenn er auch auf den Tiergarten hinweist. Er kennt offenbar auch die
Interessen seiner Damen: speziell für die Schwiegermutter beschreibt er einen Umtrunk zu
Königs Geburtstag und liefert gleich eine Einschätzung der Person des Königs mit. Er hält ihn für
einen redlichen Mann, aber für keine besondere Persönlichkeit, weder intellektuell noch mental,
und weist darauf hin, daß das Volk von Berlin dies ähnlich einschätzt. ( Es handelt sich um
Friedrich Wilhelm III. der von 1797 bis 1840 regierte.)
Was ihn besonders beschäftigt, wird offensichtlich: Es geht um seine Anstellung. Er ärgert sich,
daß man Lips eingestellt hat, von dem er gar nichts hält, und er sieht seine Chancen im Lande
Bayern und besonders in Erlangen immer geringer werden, was ihm Sorgen bereitet. Aber er tröstet Amalie mit den nützlichen Verbindungen, die er im Sinne seiner Zukunft knüpfen kann.
Allerdings wäre ihm die Stadt Berlin wohl etwas zu groß; eine überschaubare Mittelstadt wäre
Seite 59
ihm lieber. Positiv sieht er die Art, wie die Professoren leben, nämlich nicht in der Öffentlichkeit,
sondern in der Familie, und hier kommt auch seine Sehnsucht heraus: er wünscht sich ein „einträchtiges, häusliches Leben“.
1. Beispiel:
Heidelberg und die Bergstraße
Der Kurzbericht gibt nur wenig her: Bibliothek; vaticanische Schätze. Neckarschiffahrt. Mehr ist
hier nicht vermerkt. Um so ausführlicher ist das Tagebuch. Es beginnt am 4. Oktober mit der
Abreise aus Darmstadt.
„Nach Tisch fuhr ich mit Gelegenheit weiter. Schönes Land. Dazwischen ein langer, finsterer
Wald, der vor nicht langer Zeit unsicher war. Bald fangen links von der Straße die schönen
belaubten Berge des Odenwaldes an, wo sich einige großhz. Meyereyen zeigen. Der Melibocus
ragt, mit dem weißen Thurm auf der Spitze, nicht weit von der Straße hervor. Er ist nicht an sich,
wohl aber gegen die weite Ebene im Westen sehr hoch, meist belaubt, ziemlich steil. Nicht gar
weit davon, östlich, soll der Felsberg mit der Riesensäule liegen. Mit der Dämmerung erreichten
wir Bensheim, katholisches Städtchen, ehemals eine vestung, ein netter Ort, wo ich im besten
Wirtshaus so gut als wohlfeil herbergte. – Studenten. – Hier fängt eigentlich die Bergstraße an.
Landbau überaus vollkommen. Die Fruchtfolge:
1.
Wintergerste, Spelz, Kartoffeln oder andere Hackfrüchte, gedüngt.
2.
Spelz.
3.
Winterroggen.
4.
Sommergerste.
5.
Spelz usw.
Wegen der hinzukommenden Milde des Klimas kann man wohl in einem Sommer
1.
Winterfrucht ernten.
2.
Tabak in den Stoppeln bauen, oder Rüben,
3.
Winterraps hinein säen.
– Obst braucht man wegen der Güte des Landes gar nicht zu düngen. Ob nun diese jetzige Güte
dem fleißigen Anbau von Alters her oder der Natur mehr verdankt? Mays fleißig gebaut; man
bäckt aus ihm Kuchen. Stallfütterung erst seit einigen Jahren; Kleebau, auch Luzerne. Eine
Familie kann mit 5 Morgen zur Noth leben; ein kleines Gutetwa 10 Morgen, mit 30 Morgen schon
reich. 1 M. gutes Ackerland gilt gegen 600 fl.,Wiesen 600 fl., guter Wingert wohl 2000. Wiesen
besonders westlich von der Straße,nach dem Rheinthale hin.
Seite 60
Starke Bevölkerung. Weinbau ist nicht ein so vorwiegendes Geschäft, daß er gr. Schadenthäte.
Auf der ganzen Bergstraße wird die Pflugarbeit nachlässig betrieben; leicht. Oft pflügt man mit
1 Ochsen. Die Folge davon ist, daß viel Unkraut im Felde ist.
5. Oktober.
Die Bergstraße überaus anmuthig. Der Weg vortrefflich, mit Obstbäumen, besonders Nuß beschattet, die von den Anstössern gesetzt und geerntet werden. Rechts und links Weinberge.
Weiter rechts das breite Rheinthal; wahrscheinlich ist es vor Zeiten unter Wasser gewesen, und
das Oderbruch kann einst auch so aussehen. Links die Anhöhen zum Odenwald, mit vielen alten
Burgen. Schöne Dörfer. Weinheim, ein nettes Städtchen. Groß-Sachsen, Mittagessen. [Zeichnungen von Pflügen]
Man düngt alle 3-5 Jahre; der Boden ein reicher milder Lehm. Auch hier 8-12 Fuder, 2-spännige,
auf den Morgen. Gutes Ackerland 800-1000 fl., Wiesen 1200. Aus den Nüssen wird Öl geschlagen. Zur Stallfütterung sieht man sich erst seit kurzem genöthiget, weil eine Überschwemmung
viele Weiden ertränkte. Zur Arbeit sowohl O(chsen) als P(ferde). Viel Luzerne, die etwa 10 Jahre
steht. Dickrüben werden fleißig gebaut, und des Unkrautes willen verpflanzt.
Handschuhsheim.
Man sieht schon Spatziergänger von Heidelberg her, und weiß noch nicht, wo die Stadt liegt.
Plötzlich zeigt sich vorwärts der Neckar und links eine Schlucht im Odenwald, aus der er hervorkommt; darüber die Stadt, hart am Wasser und unter dem Berge, und dicht darüber das alte
Schloß. Die Brücke weiter oben am Ende der Stadt, daher setzt man lieber über.
Heidelberg.
Badischer Hof. Sonst auch d. Karlsburg. Die Stadt sehr einfach; eine Hauptstraße, parallel mit
dem Fluß, eine oben und unten parallel, sonst viele rechtwinklige Queergassen. In der Mitte ein
Thurm mit einem Thor. Einige freye Plätze. Überall hat man den Blick frey auf die Berge. [...]
6. Oktober.
Zachariä, Eschenmayer, Boisseré. Voß. D. j. Langsdorfs. – Bibliothek ziemlich groß. Das Kameralfach gut besetzt; manches mir Neue, z. B. ... Schätze, aus Paris und Rom gerettet. Vorne in den
meisten ein gedruckter Zettel v. Maximil., daß diese erbeuteten Bücher dem h. Vater geschenkt
würden. Viel Altteutsches, z. E. ein Foliant von Lanzelot; Bibel mit Gemälden; alte Gedichte. Auch
griech. und latein. Stücke von Luthers Bibelübersetzung, autographes Stammbuch ... Das Schloß
aus verschiedenen Zeiten. Das vordere Stück überladen mit Zierrathen, im verderb. Geschmack
des vorigen Jahrhunderts, wie man in Mainz mehre Gebäude sieht. Der östliche Theil älter, rittermäßig. Merkwürdig der durch eine Mine gesprengte Theil des Thurmes, der unzerbrochen da
liegt, man sieht 2 Stock Batterien. Weitläufige Ruine. Dabey engl. und forstbeton. Gartenanlagen.
Terrasse, mit Bäumen besetzt, auf steinernen Bögen, wo man die herrlichste Aussicht hat; gegenüber das Schloß, rechts unten derNeckar, der hier über Klippen fließt, so daß man ortskundige
Seite 61
Schiffer nöthig hat; dann die Stadt, Berge gegenüber, in der Öffnung die weite Ebene; hinten die
blauen Gipfel des Wasgaus. Dicht an der, der Stadt zugewandten Seite des neusten Theiles des
Schlosses auch eine steinerne Terrasse. Große Keller; der Kurfürst hatte sehr beträchtlichen
Weinzehnten. Die Führerin leitet daher die pfälz. Löwen her. Eigene Hofküfer; eben daher die
alte Gewohnheit, große Fässer zu haben. Das jetzige wurde von Carl Theodor, 1767, erbaut, für
70000fl. es faßt 236 Fuder, ist 24‘ hoch und 36‘ lang. Alle Dauben sind eichene Balken. Die Last
ruht auf einem Gerüste von unförmlichen Balken. Oben auf ein gebretterter Raum, mit einer
Galerie, zum Tanzen; daneben Tische und Bänke. K. Max. sey vor Freuden 2 mal hinaufgestiegen.
Eine Zeit lang ist es wirklich voll gewesen. Ein anderes, auch schon entsetzlich großes, Faß, viel
älter, von 150 F., ist bereits verkauft, aber das Zerlegen ist ein mißliches, gefährliches Werk. –
Uhr mit dem Fuchsschwanz und Bildsäule des Hanswurst. – Es regnete; alte Behauptung, daß es
fast immer. – Alles athmet hier einen freyen, heiteren Geist.
An die Braut Amalie schreibt er über Heidelberg und die Bergstraße nur einen Satz:
...“Die gesegnete Gegend der Bergstraße und die herrliche Lage Heidelbergs haben mich sehr
erstaunt.“
Hier zeigt sich der Wirtschaftswissenschaftler von seiner landwirtschaftlichen Seite, die er übrigens bei fast allen seinen Stationen berücksichtigt. Genau wird registriert, was angebaut wird,
zu welchen Zeiten, welche Bodenart vorherrscht, wie das Klima ist, wie die Bedingungen für
Ackerbau, Viehzucht, Obst- und Weinbau sowie Sonderkulturen (Tabak) sind. Genau werden die
Pflüge untersucht und gezeichnet. Auch Kritik fehlt nicht: Die Art und Weise des Pflügens hält
der Experte für nachlässig.
Heidelberg gefällt ihm offensichtlich. Die Bibliothek macht ihm Eindruck, auch das Schloß, und
die Lage der Stadt am Fluß mit dem freien Blick auf die Berge. Er trifft an der Universität auf
interessante Gesprächspartner, von denen er noch nicht ahnt, daß sie später seine Kollegen sein
werden. Er vermerkt ausdrücklich, daß „hier ein freyer, heiterer Geist“ herrscht. Dieser Eindruck
wird später sicher dazu beitragen, als es darum geht, sich für Heidelberg zu entscheiden. Erstaunlich scheint an diesem Bericht, wie er all die Einzelheiten in nur drei Tagen erkunden konnte. Am 7. Oktober ist er schon wieder auf dem Weg nach Bruchsal und Rastatt.
Dies aber ist typisch für den Reisenden Rau, wie es aus seinen Reisetagebüchern ebenfalls zu
Tage tritt. Er erfaßt schnell die wirtschaftlichen Gegebenheiten einer Stadt oder Region, sucht
den Kontakt mit den Bewohnern und befragt sie über ihre Lebensumstände und die Art ihres
Broterwebs. Eine Preissammlung schließt sich an; hier findet man, je nach wirtschaftlicher
Relevanz, Grundstückspreise, wie hier im Beispiel Bergstraße, Preise für landwirtschaftliche
Erzeugnisse oder für Produkte aus handwerklicher oder industrieller Herstellungsweise oder
Seite 62
auch Dienstleistungen, wie Fahrpreise. Daneben registriert er landschaftliche oder kulturelle
Besonderheiten. Er zählt an einer Stelle auf:
„Kunstsammlungen, die ich gesehen: 1. Museum in Cassel. 2. In Sanssouci (die man rechnet). 3.
Mon-bijou. 4. Wallraff. 5. Stuttgarter schloß. 6. Dannecker. 7. Münchner Kunstausstellung und
Sculpt.. 8. Dortiger Bildersaal. 9. Augsburg.“
Er beobachtet aber auch öffentliche und nichtöffentliche Einrichtungen der Gesundheitspflege
wie die Charité in Berlin oder „Wolfharts magnetischen Saal“.
Wichtig sind ihm überall seine Gesprächspartner, die ihn entweder von der Sache her faszinieren, wie Schleiermacher in Berlin, oder Personen, von denen er eine Förderung seiner beruflichen Pläne erwartet oder erhofft. Denn das zentrale Problem Raus 1817/18 bestand darin, eine
feste Anstellung zu bekommen, am liebsten als Professor.
Die Reise begann am 11. Mai, als er von Bayreuth aus aufbrach, wo seine Braut Amalie wohnte.
Stationen waren: Hof, Plauen, Reichenbach, Werdau, Crimmitschau, Altenburg, Leipzig, Halle,
Naumburg, Jena, Weimar, Erfurt, Neudietendorf, Gotha, Tambach, Schmalkalden, Meiningen, die
Rhön, Fulda, Lauterbach, Alsfeld, Kassel, Minden, Göttingen, der Harz, Clausthal, Quedlinburg,
Magdeburg, Ziesar, Brandenburg, Potsdam, Berlin, Mögelin, Freienwalde, Eberswalde, Liebenwalde, Fürstenberg, Strelitz, Neubrandenburg, Güstrow, Schwerin, Lübeck, Travemünde, Hamburg, Bremen, Osnabrück, Münster, Dortmund, Iserlohn, Limburg, Hagen, Wupperthal, Barmen,
Elberfeld, Remscheid, Lennep, Köln, Bonn, Neuwied, Koblenz, St. Goar, Bingen, Mainz, Frankfurt,
Offenbach, Darmstadt, Heidelberg, Bruchsal, Stuttgart, die Rauhe Alp, Ulm, Augsburg, München.
Über das Ende der Reise vermerkt er:
...“und erreichte endlich um 10 1/2 Uhr, nach 2 1/2 Stunden,
am Mittwoch, 22. Oktober
Die ersehnte Heimath. Ich hatte 711 Stunden gemacht,
worunter 380 (190 M.) zu Fuß,
und kam am 165. Tage, d. i. nach 23 1/2 Wochen zurück.
Geschlossen am ersten Christtag 1817.“
Seite 63
2.3.
anstellung als professor
Als Rau die Aufzeichnungen über seine Deutschlandreise schließt, an Weihnachten 1817, ist er
mehr als fünf Jahre Privatdozent, aber eine Professorenstelle hat er immer noch nicht. Zwar kann er
sich als Privatdozent und Gymnasiallehrer einigermaßen über Wasser halten, aber sein eigentliches Ziel, eine Professur oder notfalls eine andere Festanstellung, hat er nicht erreicht. Die Reise
hat viele Verbindungen geknüpft und Hoffnungen eröffnet. In seinem „Hausbuch“ notiert er:
„in Stuttgart traf mich die Nachricht, daß von Berg mir, auf Klübers Empfehlung, der bei Meusel
angefragt hatte, eine Regierungs-Assessorsstelle in Birkenfeld zudenke. Doch verzog sich der
nähere Antrag.“ Dies bedeutet, daß Rau auch eine Stellung in der Verwaltung in Erwägung gezogen hatte. Später konkretisierte sich dieser Antrag auf ein Angebot von 1600 fl. Jahresgehalt,
was ein beträchtliches Einkommen darstellte. In der Zwischenzeit hatte sich auch Bruder Gottlieb
in Gießen, der dort Arzt war, um eine Stellung bemüht. Die Universität Gießen bot eine
Professorenstelle mit 800 fl. Jahresgehalt an.
Aus Berlin gab es schon vorher ein Angebot, als Privatdozent für 4-500 Taler an der Universität
zu lehren. Rau war der Sache nicht abgeneigt, auch Braut Amalie hatte schon ihr generelles
Einverständnis erklärt, ihm dorthin – wie auch überall anders hin – zu folgen, er hatte auch
schon Quartier in Berlin bestellt, da veränderten die beiden Angebote aus Gießen und Birkenfeld
die Lage. Er mußte sich entscheiden zwischen dem lukrativen Angebot aus Birkenfeld, das ihn
allerdings von seinem Ziel der Professur abgebracht hätte, und der vergleichsweise geringeren
Besoldung einer Gießener Professur.
An dieser Stelle der Entwicklung besann sich auch die bayrische Staatsregierung, vor allem
durch die Intervention Mehmels, daß sie den jungen Wissenschaftler doch lieber im Lande halten wollte. Sie machte ein Angebot. Im „Hausbuch“ vermerkt Rau: „Die bairische Staatsregierung
bot in Erlangen eine außerordentliche Professur mit 800 fl. und ich blieb.“
Eine Abschrift der Bestallungsurkunde ist erhalten. Der Wortlaut ist wie folgt:
„Max Joseph
Von Gottes Gnaden König von Baiern
Auf euere Berichte vom 10. April und 17. Mai l. J. haben Wir beschlossen, den Privat-Docenten
Dr. Rau zum ausserordentlichen Professor der Kameral-Wissenschaften an der Universität Erlangen, mit einem aus der akademischen Casse vom 1. April d. J. an fließenden Gehalte von jährlichen 800 fl. zu ernennen, und eröffnen auch dieses mit dem Auftrage, dem Dr. Rau von gegen-
Seite 64
wärtiger Entschließung mit dem Anfange in Kenntniß zu setzen, daß Wir bei fortgesetztem Diensteifer desselben auf seine weitere Beförderung zu einer ordentlichen Professur mit etatsmäßiger
Besoldung bei der definitiven Regulirung des oeconomischen Zustandes der Universität die
geeignete Rücksicht werden nehmen laßen.
München den 29. Mai 1818
Max Joseph
v. Thürheim“
Der Königliche Senat der Universität Erlangen gibt die Entscheidung an den Betroffenen weiter:
„Dem Herrn Professor Rau theilen wir beifolgend eine Abschrift des ihm aus unmittelbarer Einsicht bereits bekannten Königlichen Rescripts, seine Anstellung als außerordentlicher Professor
der Kameral-Wissenschaften und die damit verbundenen Aussichten betreffend mit, herzlich
erfreut, daß es uns gelungen ist, ihm im Vaterlande und auf unserer Universität, den Weg des
Verdienstes und der Glückseeligkeit, welcher noch die Fußstapfen seines verklärten Vaters trägt,
zu eröffnen.
Möge die Wissenschaft das höchste Gut seines Geistes und ihr Seegen für die Welt, der leitende
nie untergehende Stern seines academischen Lebens werden.
Erlangen den 20. July 1818
Der Königliche Senat
D. Mehmel
d.h. Prorector.“
Hintergrund der Entscheidung für Erlangen war auch, daß Rau heiraten wollte. Erlangen war ihm
zunächst das liebste, denn das war seine Heimat, und auch Amalie hatte durch Verwandte – Mutter Fischer stammte aus Erlangen und die Tante mit Familie lebte noch immer da – einen familiären
Bezug zu Erlangen. Mit der Zusage auf eine Professur und der Gewißheit eines sicheren, auskömmlichen Gehaltes konnte nun geheiratet werden.
Am 7. Oktober (Namenstag der Amalie) 1818 konnte die Hochzeit in Bayreuth stattfinden. Im
„Hausbuch“ vermerkt Rau dazu:
„7. Octob. 1818 in Baireuth verheurathet. Kein Ereigniß meines Lebens ist so reich an reinem,
ungetrübtem Glück in seinem Gefolge gewesen als dieser Tag und ich rechne ihn unter die größten Wohlthaten, die mir der Himmel erwiesen hat.“
Allerdings war auch dieser Tag nicht ohne die Mitwirkung der Obrigkeit möglich geworden. Als
Bediensteter des Königreiches Bayern konnte man ohne eine Heiratserlaubnis nicht heiraten.
Seite 65
Auch diese Urkunde ist überliefert:
„Königreich Baiern
Staatsministerium des Inneren
Auf den gutachtlichen Bericht des akademischen Senats der Universität Erlangen vom 11-ten
des Mts. wird dem ausserordentlichen Professor der Cameralwissenschaften Dr. Rau die erbetene Bewilligung zur vorhabenden Verehelichung mit Amalie Fischer, Tochter des verlebten Postmeisters in Baireuth hierdurch ertheilt, wovon der Bittsteller in Kenntniß zu setzen ist.
München den 21. Juli 1818
Auf Seiner Königlichen Majestät allerhöchsten Befehl:
grr. Thürheim
Durch den Minister
der General-Secretär.
F. v. Kobell.
An
den akademischen Senat der
Universität Erlangen.
Verehelichungsbewilligung für
den ausserordentlichen Professor
der Cameralwissenschaften
Dr. Rau betr.
Von obenbenanntem Dr. Rau kömmt als Taxe 5f., als Bothgeb. 1 f. , 6 f. zu erheben,
und ans geheime Taxamt anher zu senden.
Eingang 26. July 1818.“
Am 29. Dezember 1818 kommen zwei weitere Würden, aber auch eine weitere Einnahmequelle
auf Rau zu:
„Seine Maiestät unser allergnädigster König hat, auf unseren Antrag, beschlossen, den ausserordentlichen Herrn Professor Rau zum öffentlichen ordentlichen Lehrer der Cameralwissenschaft
und zum Unterbibliothekar bei der Universitäts-Bibliothek, ausser dem gewöhnlichen Besoldungsholze von 6 Klaftern, mit einer baaren Zulage vom 200 fl., vom 1ten Oktbr. 1818 an, zu
ernennen. Wir eröfnen dieses demselben mit dem theilnehmenden und achtungsvollen
Vertrauen, daß die Wissenschaft, der Unterricht der Jugend und der Ruhm der Universität in seinen Talenten und eifrigen Bestrebungen eine frische Quelle bildender Kräfte finden werden.
Erlangen den 20. December 1818.
Seite 66
Auf Seiner Königl. Maiestät allerhöchsten Befehl,
Der Königl. Universitäts-Senat.
D. Mehmel,
d. Z. Prorector.“56
Zu den Aufgaben, die Rau da zugedacht waren, äußert sich Rudolf Köhler: „Instruktion und
Verpflichtungsprotocoll des Bibliothekars datiren vom 17. Januar 1819; erstere scheint ganz neu
geschaffen und ist in ihren zopfigen zehn §§ sehr lesenswerth. Der 2. Bibliothekar mußte nicht
nur die gewöhnlichen Bibliotheksstunden einhalten, sondern auch den Docenten zu ihren gelehrten Arbeiten auch außerdem die begehrten Schriften verabreichen und Fremden jederzeit die
Bibliothek zeigen, auch, wenn Feuer auskomme, möglichst viel in derselben sich finden lassen
pp. Diese mangelhafte Instruction, die zwar viel von Pflichten, aber wenig von Rechten des
Unterbibliothekars dem Director gegenüber sprach, gab zu einer beschwerenden Correspondenz
mit dem Prorector im Juli 1820 Anlaß, wodurch die Stellung des Beschwerdeführers, dessen
Eingaben von ebensogroßer Bestimmtheit als Feinheit zeugen, seinen bescheidenen Wünschen
entsprechend scheint verbessert worden zu sein.“57
Immerhin verfügt Rau nun über ein Einkommen von 1000 fl. im Jahr, dazu 6 Klafter Holz. Das
bedeutet, daß der junge Hausstand finanziell auf sicheren Füßen steht. Es kommt dazu, daß das
junge Ehepaar Rau ein Zimmer seiner Wohnung vermietet, eine damals weit verbreitete Methode,
das Haushaltsgeld aufzubessern.
Außer seinen Kernfächern Nationalökonomie und Finanzwissenschaften liest Rau auch Forstwirtschaft, Handelswissenschaft und Technologie. Seine Zuhörerzahlen wachsen ständig. In diese
Zeit fallen auch literarische Tätigkeiten. 1819 übersetzt er den „Cours d’economie politique“ von
Storch aus dem Französischen. 1821 erscheint die Schrift „Malthus und Say über die Ursachen
der jetzigen Handelsstockungen“, in denen er erstmalig zwei ausländische Wissenschaftler vergleicht. Ebenfalls 1821 erscheinen seine „Ansichten der Volkswirthschaft mit besonderer Beziehung auf Deutschland“.
Im Winter 1820 / 21 erhält Rau einen Ruf nach Jena. Eine Zulage von 400 fl. hält ihn in Erlangen.
Doch lange soll er nicht mehr bleiben, denn, vermutlich hervorgerufen durch seine „Ansichten
der Volkswirtschaft“, erfolgt 1821/22 ein Ruf nach Heidelberg. Man bietet ihm so günstige
Bedingungen, nämlich 1600 fl. Besoldung, den Hofratstitel und 400 fl. Reisegeld, daß er akzeptiert. Am 16. September 1822 reist er mit seiner Familie von Erlangen ab. Zwei kleine Söhne sind
dazu gekommen: Otto, geboren 1819, und Ludwig, geboren 1821. Am 18. September kommen
sie in Heidelberg an. 47 Jahre, bis zu seinem Tode, wird Rau hier leben.
56
57
Alle Urkunden Rau 5
Köhler/Rau
Seite 67
3.
Professor in Heidelberg 1822-1872
3.1.
zur professionalisierung des hochschullehrerberufs
3.1.1. vom gelehrtenstand zur hochschullehrerschaft
Nach den napoleonischen Kriegen und der Umgestaltung Deutschlands begannen im Hochschulwesen tiefgreifende Umgestaltungen. Bezüglich der Professoren spricht Fríedrich Paulsen vom
Wandel vom „enzyklopädisch gebildeten Philosophen“ zum „spezialistischen Forscher“ und
Wissenschaftler.58
Wesentlich scheint dabei der Wandel im Wissenschaftsbegriff. Marita Baumgarten führt dazu
aus: „Nach dem traditionellen Wissenschaftsverständnis hatte die Aufgabe der Universität darin
bestanden, einen festen, vorgegebenen Lehrbestand an Wissen von Generation zu Generation zu
überliefern. Dieser statische Wissenschaftsbegriff wurde von einem dynamischen abgelöst.59
Dieser dynamische Wissenschaftsbegriff führte längerfristig zu einer enormen Ausweitung aller
Wissensgebiete und demzufolge zu einer immer weiter fortschreitenden Differenzierung. Während in früheren Zeiten das gesamte Stoffgebiet eines Faches noch von einer Person bewältigt
und gelehrt werden konnte, führte die Ausweitung des Wissens zur Notwendigkeit weiterer
Dozenten. Diese wiederum potenzierten das Wissen durch weitere Forschungen. Dieses Phänomen machte sich besonders in der Philosophischen Fakultät bemerkbar, aber auch die Medizinische Fakultät erlebte eine ähnliche Entwicklung. In der Folge kam es zu einer Expansion des
Lehrkörpers und zur Gründung neuer Lehrstühle. Von den Fakultäten wurden diesbezügliche
Anträge an die Regierungen damit begründet, dass die zunehmende Spezialisierung dies erfordere, dass das neue Fach an Wissenschaftlichkeit den bestehenden ebenbürtig oder dass an anderen Universitäten das Fach im Ordinarienrang vertreten sei.
Zunächst wurde eine neue Disiplin vom Ordinarius des Mutterfaches in sporadischen oder auch
regelmäßigen Vorlesungen angeboten. Oftmals wurde diese Aufgabe Privatdozenten übertragen.
Schließlich kam es zum außerplanmäßigen, dann zum planmäßigen Extraordinariat. Parallel dazu
wurden Seminare oder Institute eingerichtet. 60 Mit dem gewandelten Wissenschaftsverständnis
ging ein Wandel in der Sozialgestalt der Universitäten und ihrer Professoren einher.
58
59
60
Friedrich Paulsen, Geschichte, Bd.2, S.260
vgl. Marita Baumgarten: Professoren und Universitäten im 19. Jahrhundert. Göttingen 1997. S. 15
Vgl. Marita Baumgarten, a.a.O. S. 17
Seite 68
Nicht mehr der enzyklopädisch gebildete Gelehrte, sondern der spezialisierte Wissenschaftler ist
der neue Typus des Professors.
Die alte Familienuniversität wurde abgelöst durch die Forscheruniversität. Vor dem Übergang
des 18. zum 19. Jahrhundert konnte man ein Ordinariat als Landeskind an einer Landesuniversität oder als Abkömmling einer Universitätsfamilie erlangen, danach wurde die wissenschaftliche Leistung zum Maßstab für eine Berufung.
Einige Beispiele von der Universität Erlangen sollen verdeutlichen, wie weitreichend der Einfluß
maßgeblicher Persönlichkeiten war. Zu preußischer Zeit hielt Fichte ein Semester lang in Erlangen Vorlesungen. Dies war im wesentlichen das Werk Hardenbergs, das ohne Mitwirkung der
Universität zustande kam. Dieser hatte auch Mehmel, der als Erzieher seiner Söhne mit ihnen zu
Studienzwecken in Erlangen gekommen war, erst als außerordentlichen, später als ordentlichen
Professor der Philosophie durchgesetzt, obwohl Mehmel damals keinerlei Studienabschluß
besaß.
Nach dem Übergang Erlangens an Bayern gab es ähnliche Fälle. Der auffallendste ist der des
Sohnes des berühmten Philosophen Schelling, der vom König zum außerordentlichen Professor
der Rechte ernannt wurde. Im Bestallungsdekret wurde ausdrücklich auf ein entsprechendes
Gesuch des Vaters hingewiesen. Die Universität war empört, nicht nur, weil man sie nicht gehört
hatte, sondern weil der neu ernannte Professor durch seine ungeregelte Lebensführung und
exzessives Schuldenmachen während der Studien-und Referendarszeit aufgefallen war und so
nicht geeignet erschien, zum öffentlichen Lehrer bestellt zu werden. Auch sei er nicht einmal
Privatdozent gewesen. Doch das Ministerium wies alle Einwände ab.61
Nach dem Übergang der Universität Erlangen an Bayern legte man von seiten der Landesregierung größten Wert auf die Berufung von Landeskindern. Als es um die Wiederbesetzung der
kameralistischen Lehrstuhls im Jahre 1810 ging, schrieb die phulosophische Fakultät, sie wage
es nicht, einen auswärtigen Lehrer zu benennen und schlug den eigenen Extraordinarius Harl
vor. Wenn auf der Vorschlagsliste, die dem Ministerium eingereicht wurde, keine „Landeskinder“
aufgeführt waren, musste dies begründet werden. Nach dem Weggang von Gros 1817 schlug die
juristische Fakultät Kandidaten aus Halle und Rostock vor, weil man keinen tüchtigen Vertreter
der gesuchten Fachrichtung an den bayrischen Schwesteruniversitäten habe finden können, auch
keinen Privatdozenten.
61
Olaf Willet: Sozialgeschichte Erlanger Professoren. Göttingen 2001, S.189.
Seite 69
Aber man wolle die Besetzung lieber der Oberbehörde übertragen, als „uns durch Anstellung
eines uns unbekannten brauchbaren Subjekts Vorwürfe zuzuziehen“. 62 In einem anderen Falle
zog es München vor, einen nicht promovierten Bewerber zu ernennen, mit der Auflage, möglichst
bald die Doktorwürde zu erwerben, nur um nicht auf einen „Ausländer“ zurückgreifen zu müssen.
Als Beispiel für den enzyklopädisch gebildeten Wissenschaftler seien hier nochmals zwei Lehrer
Raus aus seiner Zeit an der Erlanger Universität aufgeführt. Es handelt sich um Schreber, der in
Halle Medizin studiert, in Upsala bei Linné promoviert hatte, und damit eigentlich Botaniker war.
Er lehrte in Erlangen nicht nur Botanik und Pflanzenphysiologie, sondern als Mediziner auch
Physiologie und Diätetik, aber auch kameralistische Fächer wie Landwirtschaft, Technologie,
Kameralwissenschaft und Polizei. Der Kameralist Lips las nicht nur Landwirtschaft und Statistik,
sondern auch Universalgeschichte, Geschichte des deutschen Kaisertums, Universitätsgeschichte und Kirchengeschichte. Dazu kamen praktische Übungen auf seinem Landgut Marloffstein.63
Sowohl die Stellenbesetzungen als auch die Anforderungen an die Qualifikation der Professoren
wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts zunehmend professionalisiert und spezialisiert.
Die Berufung Raus nach Heidelberg ist bereits vom Wunsch nach Professionalisierung gekennzeichnet. Der Kurator der Universität bat im Dezember 1821 das Innenministerium, einen „Lehrer
von anerkanntem Werthe und gegründetem Rufe“ an die Ruperto-Carola für das Fach der
Staatswissenschaft, Finanz-und-Polizeiwissenschaft“ zu berufen.64 Der Kurator schlägt vier anerkannte Wissenschaftler vor: Regierungsrat Johann Friedrich Eusebius Lotz aus Koburg, die
Professoren Johann Paul Harl und Karl Heinrich Rau aus Erlangen und den Professor Michael
Alexander Lips aus Marburg. Lotz sei allerdings noch nie akademischer Lehrer gewesen und auch
schon über fünfzig Jahre alt, Harls Ansprüche würden hiesigen Verhältnissen nicht angemessen
sein und Lips habe gerade erst einen Ruf nach Marburg angenommen. So blieb nur Rau übrig.
Als relevante Merkmale für Rau nannte er dessen Alter um dreißig Jahre, seinen guten literarischen Ruf und die Tatsache, dass er gerade in Elangen die Fächer Staatswirtschaft, Finanz-und
Handlungswissenschaft und Statistik vortrage, die in Heidelberg am nötigsten seien. Außerdem
habe er gerade einen Ruf nach Jena abgelehnt, was seine Wertschätzung unterstreiche.
62
63
Vgl. Willett,a.a.O. S. 191
Vgl. Theodor Kolde: Die Universität Erlangen unter dem Hause Wittelsbach 1810 bis 1910. Erlangen 1910, S. 70ff.
Seite 70
In der Vorgehensweise des Kurators zeigt sich eine klare Zielsetzung: er möchte für seine Universität den besten Mann haben, unabhängig von „Landeskindschaft“, Zugehörigkeit zu einer Professorenfamilie oder gar Protektion.
Die Entwicklung einer „neuen“ Professorenschaft ist auch verbunden mit der Herausbildung
einer neuen Elite. Die preußischen Hochschulreformer hatten die Vorstellung, aus der Hochschullehrerschaft ihres Staates eine Elite zu machen, die nur an der Qualität der wissenschaftlichen Leistung gemessen werden sollte. Voraussetzung dafür war die Unabhängigkeit der
Universität und ihrer Angehörigen, die allein wissenschaftliche Höchstleistungen ermöglichte.65
„Sowohl aus der Sicht der Zeitgenossen wie auch aus ihrem Selbstverständnis heraus waren die
deutschen Hochschullehrer, vor allem im 19. Jahrhundert, mehr als lediglich Mitglieder einer
Leistungselite. Sie verkörperten gleichzeitig eine Wertelite, indem sie als Wissenschaftler moralische und politische Normen verkündeten, ja vorzuleben versuchten, die der übrigen Bevölkerung,
vor allem natürlich dem Bildungsbürgertum, als Maßstab dienen sollten.“66
Dieser Elitestatus war nicht mehr in einer „gildeähnlichen ständisch bedingten Gesellschaftsstellung“ 67 begründet, sondern war die Frucht wissenschaftlicher Leistung. Das Habilitationsverfahren, die Verschärfung der Maßstäbe, die zu einer Berufbarkeit führten, die generell höhere
Erwartung an die wissenschaftliche Leistungsfähigleit kennzeichneten die Professionalisierung
der Hochschullehrerschaft. Sie war erforderlich geworden durch die wachsenden Anforderungen
der Wissenschaft an sich als auch durch die Wünsche der politischen Kräfte jener Zeit.
64
65
66
67
Vgl. Volker Hentschel: Die Wirtschaftswissenschaften als akdemische Disziplin an der Universität
Heidelberg 1822-1924. In: Norbert Waszek: Die Institutionalisierung der Nationalökonomie an deutschen
Universitäten. St. Katharinen 1988, S. 194ff.
Vgl. Klaus Schwabe: Rahmenbedingungen und Selbstdeutung des beruflichen Wirkens deutscher
Gelehrter. In: Klaus Schwabe Hrsg. Deutsche Hochschullehrer als Elite 1815-1946. Boppard 1988. S. 11
Schwabe, a.a.O. S. 16
Charles E. McClelland: Die deutschen Hochschullehrer als Elite 1815-1850. In: Klaus Schwabe a.a.O. S.30
Seite 71
3.1.2 die reformuniversität humboldt’scher prägung und ihre professoren
Die Wurzeln der Reformuniversität sind bereits im 18. Jahrhundert in Göttingen sichtbar. Dort
war das Verhältnis zwischen Staat und Universität im Sinne von Lehr- und Lernfreiheit neu geordnet und ein neuer wissenschaftlicher Arbeitsstil in den Seminaren entwickelt worden. Auch an
Johann Wilhelm Raus Studium war das bereits erkennbar.
Die Professoren waren kontinuierlich zu wissenschaftlicher Forschung und zur Veröffentlichung
der Ergebnisse verpflichtet, um sie dem öffentlichen Forum zur Kritik zu überlassen. Die Faszination des Neuhumanismus lockte junge Wissenschaftler und Studenten nach Göttingen und
prägte sie. Auch Wilhelm von Humboldt war Student in Göttingen gewesen und hatte von dort
bleibende Eindrücke mitgenommen.
Nachdem Preußen nach der Niederlage von 1806 in allen Bereichen reformiert wurde, war
selbstverständlich auch das Bildungswesen betroffen. Bezüglich der Universitäten standen zwei
Modelle zur Diskussion: Die spezialisierten Fachhochschulen nach Art der Grandes Ecoles in
Frankreich oder eine reformierte Universität nach dem Bildungsideal des Neuhumanismus.
Zwar war Humboldt nur ein Jahr lang an wegweisender Stelle in der Bildungspolitik tätig, hat aber
in dieser Zeit die Weichen gestellt für eine Reformuniversität mit anspruchsvollen programmatischen Zielen. Dies dürfte auch auf die eigenen Erfahrungen in der Studienzeit in Göttingen
zurückzuführen sein.
Ziel der Universität war – wie auch in Göttingen – eine verbesserte Ausbildung von Staatsdienern. Die neue Universität war eine staatliche Anstalt, vom Staat finanziert, der sich auch die
Berufung von Professoren nach Vorschlägen der Fakultäten vorbehielt. Dennoch „bedeutete die
Verpflichtung der Universität auf das neuhumanistische Bildungsideal eine Innovation, die gewaltige geistige Energien freisetzen sollte.“ 68 Wehler führt weiter aus: „Wie unvollkommen auch
immer dieses Ideal verwirklicht wurde, es führte dazu, dass die damals sich erst breit entfaltenden modernen Wissenschaften, das wissenschaftliche Studium, die wissenschaftlichen
Publikationen, vor allem aber auch der Status des Wissenschaftlers selber und der Beruf eines
Universitätsgelehrten beispiellos aufgewertet wurden.“69
Zum Universitätsunterricht sagt Humboldt: „Der Universitätslehrer ist nicht mehr Lehrer, der
Studierende nicht mehr Lernender, sondern dieser forscht selbst, und der Professor leitet diese
Forschung und unterstützt ihn darin.
68
69
Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 2. Bd. München 1987. S. 507
a.a.O. S. 507
Seite 72
Denn der Universitätsunterricht setzt nun in Stand, die Einheit der Wissenschaft zu begreifen,
und hervorzubringen, und nimmt daher die schaffenden Kräfte in Anspruch“.70
Diese Reformuniversität vermittelt dem Studenten eine Ausbildung, die ihn zur Berufsausübung
befähigt, bringt aber auch den gebildeten Generalisten hervor, der als allgemein gebildeter
Akademiker dem reinen Fachexperten durch seine Fähigkeit zur kritischen Analyse und Beurteilung häufig überlegen ist.
Die neu- oder wiedergegründeten Universitäten traten nun in einen Wettbewerb ein. Wer hatte
die berühmtesten Lehrer gewinnen können? Wo konnte man welches Fach am besten studieren?
Verschiedene Profile bildeten sich, hier waren die philosophischen Fakultäten, dort die juristischen, woanders die naturwissenschaftlichen besser. Mit der Berufung neuer Lehrer veränderten sich oft auch die Schwerpunkte. Für Baden schreibt Wehler: „Da es überall um besser ausgebildete Beamte ging, wurde in Heidelberg die Staatswirtschaft besonders gefördert, seit 1822
durch Karl Heinrich Rau die Staatswirtschaft weit ausholend vertreten.“71
Die deutschen Universitäten hatten um 1800 mit nur 5500 Studenten einen absoluten Tiefpunkt
erlebt. Zwischen 1796 und 1815 wurde die Anzahl der Universitäten durch zwanzig aufgelöste
und geschlossene Institutionen um die Hälfte reduziert. Allerdings gelang es innerhalb weniger
Jahre an den zwanzig überlebenden oder neu gegründeten Universitäten die Studentenzahl auf
8277 bis 1819, auf 12480 bis 1825 und auf 16000 bis 1830 zu steigern. Die Gründe dafür waren
in einem erhöhten Bedarf an Personal der Staatsverwaltungen, im Bildungswesen und im Kirchenwesen zu suchen, aber auch das Prestige der neuhumanistischen Bildung spielte eine Rolle.
Nach 1830 gingen die Zahlen wieder zurück.
Für die Professoren ergab sich trotz der Schwankungen der Studentenzahlen eine positive Entwicklung. 1796 gab es an 39 Universitäten 619 ordentliche Professoren, 141 außerordentliche
Professoren und 86 Privatdozenten. 72 1840 gab es nur noch 20 Universitäten, an denen 633
ordentliche Professoren, 253 außerordentliche Professoren und 325 Privatdozenten lehrten.
Hier fällt auf, dass sich die Zahl der Ordinarien nur wenig veränderte. In zwei Generationen
wuchs ihre Zahl nur um 2 %. Durch die Höhe ihrer Gehälter lässt sich das allein nicht rechtfertigen: Vor 1848 schwankten die Jahresgehälter zwischen 400 und 3000 Talern. Tübingen zahlte
als Höchstgehalt 700 Taler, Marburg 850, Bonn 1000 Taler.
70
71
72
Peter Lundgreen: Sozialgeschichte der deutschen Schule im Überblick. Göttingen 1980. S. 100
Wehler S. 512
Vgl. Wehler S. 516
Seite 73
Allmählich pendelte sich das zwischen 1299 und 1600 Talern ein, die an allen Universitäten
gezahlt wurden. Spitzengelehrte erreichten bis zu 3000 Taler. Dazu kamen noch die Vorlesungsgebühren, die je nach Rang, rhetorischem Talent oder Faszination durchschnittlich zwischen 117
Talern (Königsberg) und 746 Talern (Berlin) betrugen.
Dazu kam, dass der preußische Professor automatisch Rat 4. Klasse wurde, was dem Regierungsrat entsprach. Für unterschiedliche Verdienste konnte ein Professor nicht nur in Preußen
den begehrten Titel eines Geheimrats erhalten.73 Auch Rau wurde in Baden gleich mit der Berufung zum Hofrat ernannt. Die kleine Elite der Professoren erreichte also nicht nur materielle
Sicherheit, sondern auch einen angesehenen gesellschaftlichen Status, manche gar als berühmte Gelehrte internationales Ansehen. Es ergab sich eine Tendenz, dass anerkannte wissenschaftliche Leistung immer wichtiger wurde als der Lehrerfolg. „ Immer häufiger entschied das wissenschaftliche Potential über Berufung, Ausstattung, Stipendien, Gehaltserhöhung und Ordensverleihung. Der Imperativ origineller Forschung und der Akkumulation neuen Wissens verdrängte
den Einfluß der landsmannschaftlichen Herkunft, der Familienbeziehungen, selbst der Konfessionsunterschiede. Dieser Trend wurde dadurch unterstützt, dass sich seit den frühen 20er
Jahren das Habilitationsverfahren mit seiner ansteigenden Leistungserwartung und spezialisierten Venia Legendi als Modus der Nachwuchsrekrutierung allgemein durchsetzte, schließlich
durch Gesetzeskraft, wie erstmals 1816 in den Statuten der Berliner Universität, zu einem in der
Regel unumgänglichen Bestandteil der akademischen Karriere wurde.“74
Erstaunlich bleibt aber, dass die neuhumanistische Universität ihre wachsenden wissenschaftlichen Ansprüche zu einem bedeutenden Anteil mit Privatdozenten verband. Die Kultusverwaltungen gewannen mit ihnen vergleichsweise billige Hochschullehrer, denn sie bekamen
kein Festgehalt und waren nur berechtigt, die üblicherweise geringen Vorlesungsgebühren zu
kassieren. Der Unterhalt solcher jungen Privatdozenten oblag dann weiter den Familien, wenn
nicht ein Stipendium oder ein Nebenberuf an einem Gymnasium diese „Hungerjahre“ ein wenig
erträglicher machten. Wir haben dies auch an Raus Anfängen gesehen.
Ähnlich verhielt es sich mit den Extraordinarien, die etwa ein Drittel der Professorenschaft stellten, aber mit einem Gehalt von 300 -400 Talern auskommen mussten. Sie empfanden den Status
als außerordentlicher Professor nur als Durchgangsstation auf dem Wege zur ordentlichen
Professur. Der Weg dorthin war hart und von einem schwierigen Konkurrenzkampf geprägt, und
nicht alle kamen zu dem ersehnten Ziel.
73
74
a.a.O. S. 517
a.a.O. S. 517
Seite 74
Auf einen weiteren Aspekt der neuen Universität nach 1810 weist Wehler hin: „Parallel zur inneren Differenzierung der Universitätslehrerschaft verlief auch eine institutionelle Differenzierung
der Forschungs-und Lehrstätten. Sie lässt sich am Wachstum der Seminare, Institute, Labors
und Kliniken sowie an dem kräftig zunehmenden Finazvolumen ablesen, das ihrem Ausbau zugute kam.“75
Zunächst hatten die Seminare von Heyne in Göttingen, Wolf in Halle und Hermann in Leipzig als
Vorbild gegolten. Das gemeinsame forschende Lernen als Grundprinzip der universitären Arbeit
wurde bald überall nachgeahmt und fand im naturwissenschaftlichen Bereich seinen Niederschlag in der Einrichtung von Labors und Spezialkliniken. Berlin besaß 1820 bereits fünf Seminare und sieben Kliniken, bis 1850 kamen noch zwei bzw. drei dazu. Auch in Heidelberg wurden
auf die Initiative Reitzensteins bis 1820 acht Seminare und drei Kliniken eingerichtet.
In den Seminaren arbeiteten fortgeschrittene Studenten mit einem Professor in einem ausgeprägten Lehrer-Schüler-Verhältnis zusammen. Die Frucht dieser Zusammenarbeit wurde häufig
die in den Seminaren angeregte Dissertation. In Berlin, das eine besondere Stellung als
Forschungsuniversität einnahm, stieg die Zahl der Promotionen von 1820 bis 1829 auf 851, von
1830 bis 1839 auf 1260 und von 1840 bis 1849 auf 1347, was einen Zuwachs um 60 % bedeutete. Daran stellten die Mediziner mit 80 % den höchsten Anteil, aber auch in der Philosophischen
Fakultät, bei den Theologen und Juristen nahmen die Promorionen stetig zu.
Wehler fasst zusammen: „In der gemeinsamen Hochschätzung von Wissenschaft und Forschung,
in der Bereitschaft, ein langes Gelehrtenleben in asketischer Disziplin ganz in den Dienst der
Gewinnung neuen Wissens, verbesserter Problemlösungen, überzeugender Paradigmata zu stellen, lag ein Moment, das die Professoren, Dozenten und fortgeschrittenen Studenten aller Universitäten verband.“76
Auf diese Weise wurden die Universitäten staatenübergreifende, fast gesamtdeutsche
Institutionen und sie prägten und bewegten das deutschsprachige Mitteleuropa zwischen 1815
und 1848.
75
76
a.a.O. S. 519
a.a.O. S. 520
Seite 75
3.1.3. fritz ringer und die „deutschen mandarine“
Fritz Ringer beschreibt die Professoren des 19. Jahrhunderts als „Mandarine“ mit einer herausgehobenen Stellung in der Gesellschaft.77 Obwohl er sich im wesentlichen auf die Zeit 1890-1933
konzentriert, zeigt er doch die Ursprünge und Entwicklungen auf, die vor dieser Zeit liegen.
Die Angehörigen des Mandarinentums definiert er als „Träger gehobener Bildungsqualifikationen“, d.h. als höhere Beamte, Gelehrte, Geistliche sowie Angehörige anderer freier und
gelehrter Berufe.“ 78 Er beschreibt sie als funktional herrschende Klasse, weil besonders viele
Beamte Regierungsfunktionen ausübten. Zu ihrer Mentalität gehöre, daß sie sowohl ihre Beamtenrolle als auch die Bildung „mit unübersehbaren Zügen religiöser Symbolik“ bewerteten.
Ringer erklärt, er habe die übliche Auffassung von großen Männern und großen Ideen eindeutig
umgekehrt; er sei unzufrieden mit dem Modell des schöpferischen Einzelnen, der Ideen erfindet,
welche durch ihren direkten Einfluß Geschichte machten. Er neige dazu, ein „Denken von allererstem Rang als eine Art kritische Selbstanalyse anzusehen, in deren Verlauf präexistente, aber
sprachlose geistige Traditionen und gesellschaftliche Institutionen deutlich verstanden, beschrieben und damit kritisch bewältigt oder gar transzendiert werden.“ Eine intellektuelle Biographie
von Max Weber, Thomas Mann oder Friedrich Nietzsche sei deshalb zu empfehlen, weil sie beispielhaft die gegenseitige Durchdringung von geistiger und sozialer Welt zeigten.
Ringer weist darauf hin, daß die Geschichte der deutschen Bildung gewisse Parallelen in England
und Frankreich gehabt habe. In allen kapitalistischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts habe
es das Ideal der Kultur und der voll entwickelten autonomen Persönlichkeit gegeben, gespeist
aus aristokratischen und religiösen Traditionen und in elitären Institutionen des höheren
Bildungswesens am Leben gehalten. Das Mandarinentum definiert er schließlich als eine gesellschaftliche und kulturelle Elite, die ihren Status in erster Linie ihren Bildungsqualifikationen und
nicht Reichtum oder vererbten Rechten verdankt. Sie bestehe aus Ärzten, Rechtsanwälten,
Geistlichen, Staatsbeamten, Studienräten und Universitätsprofessoren. Vor allem die Universitätsprofessoren beschäftigten sich mit der geistigen Nahrung der Elite, setzten die
Maßstäbe für den Eintritt in die Elite und fungierten als deren Sprecher in kulturellen Fragen.
Ringer beschreibt eine deutliche Wechselwirkung zwischen dem feudalen Staat und seinen
Mandarinen. Der Herrscher, der die Macht der traditionellen Aristokratie reduzieren möchte,
muß sich auf eine neu entstehende Kaste von nichtadeligen Beamten stützen.
77
78
Fritz K. Ringer: Die Gelehrten: Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933, Stuttgart 1983
a.a.O. S. 10
Seite 76
Bürgerliche Herkunft, nachgewiesene Intelligenz und gründliche Ausbildung machen sie zu nützlichen Verbündeten des Monarchen gegen den alten Adel. Der reformorientierte Monarch wird
daher die Institutionen des Bildungswesens finanziell unterstützen und ein immer vollständigeres
System von Staatsprüfungen billigen. Die Akademiker, besonders die Universitätsprofessoren,
die die Anforderungen der Studiengänge kontrollieren, verfügen über zunehmendes Prestige und
wachsenden Einfluß. Eine anerkannte und klar abgegrenzte Bildungselite gewinne so erhebliches
Gewicht und Ansehen im Leben der Nation.
Er führt weiterhin aus, daß das Mandarinentum weit über die Stellung von untergeordneten Sachverständigen hinausstrebe, als eine Art Geistesadel anerkannt und aufgrund seiner Gelehrsamkeit über den sozialen Rang seiner Herkunft hinausgehoben werden wollte. Es herrsche ein
Ideal der Geistigkeit, das einer adeligen Geburt moralisch gleichwertig sei oder sie übertreffen
könne.
Im politischen Bereich sei das Mandarinentum bestrebt, als Elite den eigenen Anteil an der
Verwaltung des Staates zu erhöhen, auch auf Kosten des Monarchen. Es trete gegen eine „Willkürherrschaft“ des Monarchen ein und schaffe die Vorstellung eines abstrakten und rationalen
Staates, der sich nach logischen Prinzipien verwaltet und sowohl über dem Herrscher als auch
über den Beherrschten steht. Das Mandarinentum gewinne durch die wachsende Zahl an
Staatsbeamten, die es stellt, einen großen Einfluß auf die immer komplizierter werdende
Staatsverwaltung. Daher sei es auch nicht interessiert, den politischen Einfluß weiterer Teile des
Volkes zu vergrößern, denn es sei sich bewußt, daß es eine Minderheit sei. Unter einem legalen
Monarchen habe es viel bessere Chancen, seinen Einfluß als Hüter und Interpret staatlichen
Handelns durchzusetzen. Eine offene Auseinandersetzung zwischen dem Mandarinentum und
seinen Herrschern erscheint Ringer so lange als nicht wahrscheinlich, wie die politische
Herrschaft angemessen legal bleibe, sich nicht übermäßig in die Freiheit des Denkens und der
Forschung einmische und ein wenig für die nationale Kultur eintrete. Ringer geht sogar so weit
zu sagen, daß das Mandarinentum und die Herrscher sich in Wahrheit das Regime teilten. Dies
ändere sich erst mit einer fortschreitenden Industrialisierung und Verstädterung, in deren Zuge
Unternehmer und Industriearbeiter die Führungsrolle der kulturellen Elite in Frage stellten.
Sind Professoren in diesem Sinne also „Mandarine“ gewesen? Ist Karl Heinrich Rau ein Mandarin
gewesen? Es trifft zu, daß er ebenso wie sein Vater bestrebt war, sich so viel Bildung wie möglich zu verschaffen. Auch seine Brüder hatten studiert, der älteste hatte Medizin studiert und
lebte als Arzt in Gießen, der jüngere hatte Sprachen studiert und starb als Französischlehrer an
einem Gymnasium in Heidelberg.
Seite 77
Die größte Sorge des Vaters Rau war ja auch gewesen, daß sein Jüngster nicht studieren könne.
Wie es Ringer beschreibt, hat auch Vater Rau seine Kinder ermutigt, in einem gelehrten Beruf
tätig zu sein.79 So gehörten sie der „nicht ökonomisch orientierten Mittelschicht“ an, die Ringer
beschreibt. Es ist allerdings zu bezweifeln, ob das ökonomische Interesse wirklich so wenig ausgeprägt war. Es ist nicht zu übersehen, daß ein Universitätsprofessor ein doch recht auskömmliches Gehalt bezog, das ihn in die Lage versetzte, ein vergleichsweise sorgloses Leben zu führen,
auch Vermögen zu erwerben. Rau besaß ein eigenes Haus, und auch von seinen Kollegen und
Freunden ist bekannt, daß sie Häuser besaßen. Sein Kollege, der Mediziner Tiedemann, besaß
sogar mehrere. Allerdings geht das „ökonomische Interesse“ nicht über den eigenen Lebenstil
hinaus.
Ringer beschreibt die „neue Elite“ als einen Stand, der bestrebt war, sich von den traditionellen
Ständen zu trennen und einen Sonderstatus einzunehmen, wie in der Stadt Frankfurt 1731 die
„Graduierten“ – Rechtsanwälte, Ärzte, Senatsmitglieder – gemeinsam mit den bedeutendsten
Beamten zu den höchsten von fünf Ständen zählten. Das preußische Landrecht von 1794 definiert die Beamten als „Diener des Staates“, die Rechte und Pflichten hätten, die ihre Mitglieder
über die Masse des übrigen Standes hinaushöben, dem sie entstammten.
Universitätsprofessoren waren somit nicht nur Angehörige eines besonderen Standes, sondern
sie bildeten auch wieder neue Angehörige eines solchen herausgehobenen Standes aus. Mediziner, Juristen, Kameralisten, Theologen und Philologen waren Staatsdiener und bildeten
Staatsdiener aus. Dies trifft am wenigsten für die Mediziner zu, deren Tätigkeit auch im nichtstaatlichen Bereich liegen konnte, aber für alle anderen Berufe ist es überwiegend der Fall.
In den Jahren zwischen etwa 1790 und 1820 beobachtet Ringer eine Serie von aufeinander bezogenen Entwicklungen, die eine sichere Grundlage für die vorherrschende Rolle der neuen Elite
im gesellschaftlichen und geistigen Leben Deutschlands während des 19. Jahrhunderts abgaben.
Dies sieht er in den in Preußen 1791 eingeführten Prüfungen für Staatsdiener neben deren rechtlicher Sicherung der Anstellung, die die geistigen Potenzen der Nation zu einer Aristokratie der
Kapazitäten führe. Schulen und Universitäten hatten zwar das Recht, ihre eigenen akademischen
Angelegenheiten zu regeln, waren aber staatliche Institutionen; Aufsicht und Kontrolle, aber auch
die Finanzierung des Bildungswesens waren dem Staat vorbehalten. Gegen zu großen Einfluß
des Staates auf die Gedankenfreiheit und die preußische Zensur erhoben sich führende
Intellektuelle.
79
Ringer, a.a. O. S.24 ff.
Seite 78
In einer Reihe von programmatischen Denkschriften entwickelten Kant, Fichte, Schelling,
Schleiermacher und Humboldt ihre Ideale der akademischen Freiheit. Die Universitäten sollten
nicht, wie das in Halle der Fall gewesen sei, bloße Ausbildungsstätten für Beamte sein. Nicht die
juristische, medizinische oder theologische Fakultät sollte das Zentrum der neuen Universität
bilden, sondern die philosophische. Es sollte hier reine Wissenschaft um ihrer selbst willen
betrieben werden. Die Universitäten sollten weiterhin zukünftige Beamte und Lehrer ausbilden,
doch sollte dies im Geiste philosophischer Bildung geschehen und nicht bloßer Nützlichkeit
unterworfen sein. So sollten Staat und Gesellschaft vom geistigen und moralischen Einfluß der
Wissenschaft profitieren.
Als krönenden Abschluß dieser Entwicklung sieht Ringer die Errichtung der Universität von Berlin
1810 an, die während des gesamten 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Modell für alle Institutionen des höheren Bildungswesens in Deutschland gedient habe. Ist nun Ringer in allen seinen Beurteilungen zuzustimmen? Im Bereich des wirtschaftlichen Interesses haben wir bereits
Zweifel angemeldet, ob die „Mandarine“ wirklich am pekuniären Aspekt ihres berufliches Daseins
so gänzlich uninteressiert waren.
Ein weiterer Zweifel ist angebracht an Ringers These von der unbedingten Nähe der Professoren
zu den Monarchen. Ringer selbst spricht von einer „Revolte“ der Professoren gegen die Eingriffe
in die Gedankenfreiheit, die bis 1810 andauerte. Auch später hat es durchaus kritische Professoren gegeben, besonders natürlich in den revolutionären Perioden um 1830 und zur Zeit der
Revolution von 1848. Die Träger liberaler Ideen waren in der Zeit des Vormärz vorwiegend
Akademiker oder angehende Akademiker, wie die Studenten des Wartburgfestes von 1817, des
Hambacher Festes von 1832 oder die „Göttinger Sieben“, die den Verfassungsbruch Ernst
Augusts von Hannover anprangerten. Das Streben nach Bildung und die Herausbildung einer
neuen bürgerlichen Klasse, eine vernunftgesteuerte Zusammenarbeit mit dem Monarchen in der
Lenkung des Staates bedeuten nicht notwendig eine unkritische Haltung dieser „Graduierten“
gegenüber dem Monarchen und rechtfertigen schon gar nicht die automatische Einordnung der
Intellektuellen als „Stützen von Thron und Altar“. Hätte es diese stillschweigende Übereinkunft
zwischen Regierenden und den Intellektuellen gegeben, hätte es nie zu den „Demagogenverfolgungen“ kommen können, die ja besonders die gebildeten Stände betrafen. Daß in Preußen
Männer wie Gneisenau, v. Stein oder Schleiermacher Repressalien ausgesetzt waren, stützt auch
nicht Ringers These.
Seite 79
Betrachtet man Karl Heinrich Rau in diesem Zusammenhang, stellt man fest, daß er kein revolutionärer Eiferer war. Seine Einstellung zu den Regierenden war gekennzeichnet von einem gewissen Selbstbewußtsein, das ihn gerne helfen ließ, wenn er dazu berufen wurde, was seine
Mitarbeit in der ersten Kammer des badischen Landtages zeigt. Ebenso war er immer bereit,
Verantwortung zu übernehmen, sowohl als Senatsmitglied als auch als Prorektor an der
Universität. Auch in der Bau-und Ökonomie-Kommission leistete er konstruktive Arbeit. Den
Großherzögen, denen er diente, war er stets loyal, was man jedoch nicht mit Unterwürfigkeit
verwechseln darf. In seinem Tagebuch der Revolution in Heidelberg 80 sagt er den Fürsten: „Die
deutschen Fürsten mögen wohl bedenken, was die wahren Bedürfnisse des gegenwärtigen
Geschlechtes sind, und, um dieß klarer einzusehen, sich sowohl von liebgewonnenen Illusionen
und unhaltbaren Theorien, als von dem einseitigen Einfluß ihrer Umgebungen losreißen. Sie
mögen lieber vertrauensvoll unter ihr Volk treten und die Dinge mit eigenem Auge sehen, als sich
ängstlich abzuschließen und den Einflüsterungen weniger Gehör geben. Sie mögen aber zugleich
ein Opfer nicht scheuen, um Deutschland einig und stark werden zu lassen. Wer alles behalten
will, setzt oft alles in Gefahr!“
Revolution allerdings ist seinem Wesen fremd. Der Zustand der „Freiheit“, den eine Revolution
herbeiführen soll, ist ihm zutiefst suspekt. Dazu schreibt er in seinem Revolutionstagebuch: „Frei
sein kann unmöglich bedeuten, daß man alles thun darf, wonach man Gelüsten trägt, denn daraus würde ein Zustand der rohesten Gewalt entstehen, den der gebildete und gesittete Mensch
nicht drei Tage aushielte. Nur eine solche Freiheit ist allen wohlthätig, bei der sich jeder in den
Schranken eines vernünftigen Gesetzes hält.“81
Beide Äußerungen lassen nicht auf die Haltung eines „Mandarins“ im Ringer’schen Sinne schließen.
80
81
Karl Heinrich Rau: Die vierzig Tage in Heidelberg. Erinnerungen an den badischen Aufstand im Sommer
1849. Ubstadt-Weiher 1999. S. 106
a.a.O. S. 77
Seite 80
3.2. zur institutionalisierung der nationalökonomie
3.2.1. von der kameralistik zur nationalökonomie
Die preußische Regierung war die erste in Deutschland, die 1727 an den Universitäten Halle und
Frankfurt an der Oder Lehrstühle für Ökonomie einrichtete. Verschiedene andere deutsche
Staaten folgten nach, so dass es am Ende des 18. Jahrhunderts an fast allen deutschen und allen
österreichischen Universitäten einen Lehrstuhl für dieses Fach gab. Landesfürsten und Regierungen verfolgten damit die Absicht, die wirtschaftlichen Verhältnisse in ihren Staaten zu verbessern, die infolge verheerender Kriege darniederlagen.
Es wuchs die Überzeugung, dass Spezialisten herangebildet werden müssten, die in der Lage
sein sollten, den wirtschaftlichen Wiederaufbau herbeizuführen und die weitere Entwicklung zu
steuern.82
Die bestehenden Universitäten hatten mit wenigen Ausnahmen einen so schlechten Ruf, dass
man auf andere Institutionen hoffte, sein Ziel zu erreichen. Akademien, Sozietäten und Zeitschriften trugen im 18. Jahrhundert entscheidend dazu bei, die Vorstellung von einem neuen
Studienfach zu entwickeln.Sozietäten und Akademien boten Preise für die beste Beantwortung
ganz praktischer Fragen zu wirtschaftlichen Problemstellungen. Universitätsprofessoren waren
häufig Mitglieder der Preisgerichte, waren aber in der Regel Naturwissenschaftler.
An den Universitäten war oeconomia ein Teil des Kurses in praktischer Philosophie, wurde also
in Verbindung mit Ethik und Politik unterrichtet. Die Pflichten des pater familias, des Hausvaters,
und der anderen Familienmitglieder standen im Zentrum der Betrachtungen, während technische
Entwicklungen und Produktionsmethoden eher marginal behandelt wurden.
Die philosophischen Fakultäten wurden bis in die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts als
Vorschulen für Studien in den drei höheren Fächern – Theologie, Jurisprudenz und Medizin –
betrachtet. Sie waren nicht auf irgendeine „Ausbildung“ konzipiert, schon gar nicht auf eine
Ausbildung im wirtschaftlichen Bereich.
Es entstanden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zahlreiche spezialisierte Institute, die
eine Art berufsbezogener Ausbildung im ökonomischen Bereich anstrebten. und Bienengesellschaft“ die Kameral-Hohe-Schule.
82
Vgl. Klaus Hinrich Hennings: Aspekte der Institutionalisierung der Ökonomie an deutschen Universitäten.
In: Norbert Waczek (Hrsg.): Die Instutitionalisierung der Nationalökonomie an deutschen Universitäten.
St. Katharinen 1988, S.43 ff.
Seite 81
So gründete beispielsweise Johann Jakob Moser (1701-1785) im Jahre 1749 eine Staats und
Kanzley-Akademie in Hanau, Georg Büsch 1768 eine Handlungsakademie in Hamburg, und in
(Kaisers)Lautern entstand 1769/70 durch die Initiative der „Physikalischökonomischen An manchen Universitäten wurden besondere Fakultäten gegründet, um dem Studium der Ökonomie
einen eigenen Rahmen zu geben. In Gießen 1777 und in Mainz 1782 wurden Kameralfakultäten
eingerichtet, in Marburg und in Rinteln (1789) wurden Kameralinstitute geschaffen. Ökonomen,
Juristen und Naturwissenschaftler arbeiteten hier zusammen, um einen Studiengang für ökonomisch interessierte Privatpersonen und künftige Beamte zu entwickeln. Keine dieser Einrichtungen überdauerte aber die tiefgreifenden Veränderungen, die die Napoleonischen Kriege mit
sich brachten. Dennoch brachte gerade die zunächst außerhalb der Universitäten stattgefundene Entwicklung die Institutionalisierung an den Universitäten in Gang.
Ursprünglich hatten es die Unternehmen für ihre Aufgabe gehalten, ihrem Personal eine Ausbildung im ökonomischen Bereich zu geben. Viele dieser Einrichtungen wurden später vom Staat
übernommen oder durch staatliche Einrichtungen ergänzt. Als der Bedarf an ausgebildeten
Managern wuchs, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts spezielle Handelshochschulen geschaffen, die gewöhnlich auf private Initiative zurückgingen, da „sich die Universitäten auf diese
Funktion nicht herabließen“.83
An den Universitäten entstand ein Konkurrenzverhältnis zwischen der ökonomischen und der
juristischen Lehre, da die Ökonomie zur Ausbildung von Beamten gehörte und ursprünglich die
Juristenausbildung ergänzen sollte. Da jedoch beide Wissensgebiete expandierten, ließ sich bald
nicht mehr ein Studiengang in den anderen integrieren, ohne dass es auf Kosten eines der
Fächer gegangen wäre. In Österreich wurde die Ökonomie zum Pflichtfach für die Jurastudenten
gemacht und am Ende auch geprüft. In Preußen dagegen wurde den Juristen nur empfohlen, ökonomische Veranstaltungen an der Universität zu besuchen, aber nur wenige folgten dieser
Empfehlung. Im ersten Staatsexamen wurde Ökonomie auch nicht geprüft, erst im zweiten
Examen, das die praktische Ausbildung der höheren Beamten abschloß, gab es entsprechende
Prüfungen. Allerdings wurden diese in der Regel nicht von Hochschullehrern, sondern von praktizierenden Verwaltungsbeamtem durchgeführt. Dem entsprechend spielte die Ökonomie in der
Juristenausbildung nur eine Randrolle.
Die meisten deutschen Staaten versuchten sich an Einrichtungen, die zwischen diesen beiden
Extremen lagen. In Württemberg wurde 1819 in Tübingen eine Fakultät für Staatswissenschaften
errichtet, da man zwischen einer mehr juristisch betonten und einer mehr auf das Ökonomische
ausgerichteten Beamtenlaufbahn unterscheiden wollte.
83
Klaus Hinrich Hennings, a.a.O. S. 46
Seite 82
In Bayern wurden solche Fakultäten in München und Würzburg, nicht aber in Erlangen eingerichtet. Mit der Zeit verstärkte sich die Position der reinen Juristen in der höheren Beamtenlaufbahn
so weit, dass sie schließlich das Monopol in der höheren Verwaltung besaßen.
Ebenso setzte sich unter den deutschen Staaten das preußische Modell immer mehr durch, so
dass die Bedeutung der Ökonomie immer weiter zurückging. Nur da, wo die Ökonomie Pflichtfach
für Juristen war, hatten die Ökonomieprofessoren genügend Hörer. Es gab zwar Studenten der
Ökonomie, die nicht Jura studierten, aber ihre Zahl war gering. Die meisten von ihnen hatten
keine uneingeschränkte Hochschulzugangsberechtigung, sondern besuchten ökonomische
Lehrveranstaltungen im Rahmen eines Landwirtschafts-oder Pharmaziestudiums. Tatsächlich
gab es bis 1923 keinen klar gegliederten Studiengang Ökonomie; die einzige Qualifizierung, die
man in diesem Fach bis dahin erlangen konnte, war der Doktortitel. Die Anzahl der Kandidaten
für diesen Doktortitel war zwar gering, wuchs aber im 19. Jahrhundert immer mehr an.
Doe enge Bindung der Ökonomie an die Beamtenausbildung hatte zur Folge, dass Ökonomie
nicht als Wissenschaft der Beschreibung und Erklärung des Wirtschaftsablaufs, sondern als die
der staatlichen Einflussmöglichkeiten aufgefasst wurde. Die Wandlungen, die die Bezeichnungen
des Faches erlebten, deuten an, dass unterschiedliche Ansätze vorhanden waren.
Die ersten Lehrstühle wurden für „ökonomische, Polizey-und Kameralwissenschaften“ eingerichtet. Das Wort „ökonomisch“, bezogen auf die Tradition der oeconomia aristotelischer Philosophie, fand immer mehr einen Bezug zur Landwirtschaft. „Polizeywissenschaft“ bezeichnet die
Einwirkung des Staates auf wirtschaftliche Abläufe, wogegen die „Kameralwissenschaften“ sich
mit dem Aspekt der Quellen der Staatseinkünfte beschäftigte.
Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff der Polizeywirtschaft anders gefasst und bezog sich auf die
Schaffung von Institutionen, die das Funktionieren wirtschaftlicher Abläufe sicherstellten, wie
etwa Handelsfreiheit oder Pressefreiheit. Langsam setzte sich dafür die Bezeichnung „Verfassungstheorie“ durch. Der Begriff der Kameralwissenschaft wurde bereits im 18. Jahrhundert teilweise durch „Finanzwissenschaften“ verdrängt, hielt sich aber noch bis in das 19. Jahrhundert.
Die englische Bezeichnung „political economy“ ist mit keinem der bisher erwähnten deckungsgleich, am besten entsprechen die Begrffe „Staatswirthschaftslehre“ oder „Staatsökonomie“,
die in Folge der Lehren von Adam Smith entstanden. In Österreich verbreitete sich die direkte
Übersetzung „Politische Ökonomie“, nicht aber in Deutschland. Hier wurde die „Staatswirthschaftlehre“ ab den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts durch „Nationalökonomie“ ersetzt,
was später wieder rückübersetzt, den Begriff der „Volkswirtschaftslehre“ ergab.
Seite 83
Die Titel der veröffentlichten Fachbücher zeigen auch diese Wandlungen auf. Im 18. Jahrhundert,
aber auch noch später, war es üblich, dass ein Professor sein eigenes Lehrbuch veröffentlichte,
um das Diktieren in der Vorlesung vermeiden zu können. So gab es von Sonnenfels (1765-1776)
die Abhandlung „Grundsätze der Polizey, Handlung und Finanzwissenschaft“. Die Lehren von
Adam Smith fanden ihren Niederschlag im „Handbuch der Staatswirthschaft“ von Sartorius.
In diesem Zusammenhang weist Klaus Hinrich Hennings ausdrücklich auf Rau hin: 84 „Vielleicht
das einflussreichste deutsche Lehrbuch im 19. Jahrhundert war Raus Lehrbuch der Politischen
Ökonomie, das in drei Bänden veröffentlicht wurde: Grundsätze der Volkswirthschaftslehre
(1826), Grundsätze der Volskwirthschaftspflege (1828) und Grundsätze der Finanzwissenschaft
(1832). Raus Dreiteilung wurde zur Standardbehandlung des Faches für das ganze 19. Jahrhundert; Wirtschaftstheorie, angewandte Wirtschaftslehre oder Wirtschaftspolitik und öffentliche Finanzen bildeten auch die übliche Abfolge ökonomischer Vorlesungen.“
Hennings weist darüber hinaus darauf hin, dass manche Lehrbücher, wie die von Rau, sich nicht
nur an einen studentischen Leserkreis richteten, sondern darauf ausgerichtet waren, auch von
Geschäftsleuten und anderen Laien gelesen und studiert zu werden. Einen weiteren Indikator für
die Institutionalisierung des Faches sieht Hennings in der steigenden Anzahl von Fachzeitschriften, die sich mit ökonomischen Fragen beschäftigten. In den 1760er und 1770er Jahren
erschienen je Dekade mehr als dreißig solcher Fachzeitschriften, zwischen 1790 und 1799 waren
es fünfzig. Inhaltlich boten diese Zeitschriften praxisorientierte Themen aus dem naturwissenschaftlichen und technischen Bereich an und richteten sich nicht nur an Fachkollegen, sondern
an ein breiteres Publikum. Die meisten dieser Zeitschriften hatten allerdings nur eine kurze
Lebensdauer.
Zur Staatswirthschaftslehre erschienen Zeitschriften erst in den zwanziger Jahren des 19.
Jahrhunderts. Hierzu führt Hennings aus: „Die erste Zeitschrift mit diesem thematischen
Schwerpunkt, die nicht nach kurzer Zeit wieder verschwand, war Raus Archiv für politische Ökonomie und Polizeiwissenschaft, das von 1835 bis 1853 erschien und dann mit der Zeitschrift für
die gesamte Staatswissenschaft vereinigt wurde, die 1844 gegründet worden war und noch heute
publiziert.“85
84
85
Klaus Hinrich Hennings,a.a.O. S. 50
a.a.O. S. 50
Seite 84
Die Ökonomie als Lehrfach an der Universität trat also im 18. Jahrhundert auf und hatte am Ende
dieses Jahrhunderts einen festen Platz gefunden. An den neu- und wiedergegründeten Universitäten des beginnenden 19. Jahrhunderts wurde das Fach fast überall etabliert. Ob nun in die
juristische oder philosophische Fakultät integriert, galt die Ökonomie als notwendiges
Ausbildungselement für künftige Verwaltungsbeamte.
Seite 85
3.2.2. von der „kameral hohen schule zu lautern“
zum ökonomischen lehrfach in heidelberg
Vorläufer einer institutionellen Lehre der Ökonomie an Universitäten waren Sozietäten, die sich
aus interessierten Personen der Wirtschaft und Verwaltung zusammensetzten und die Förderung
eines wirtschaftlichen Vorhabens verfolgten.
In Deutschland war die erste Gründung die „Thüringische Landwirthsgesellschaft“, die 1763 von
einer Gruppe ländlicher Adeliger ins Leben gerufen wurde. Bedeutender war die 1764 entstandene „Leipziger ökonomische Sozietät“, die 1765 offiziell anerkannt wurde und ein eigenes Siegel
und öffentliche Räume erhielt. Finanziert wurde die Arbeit der Sozietät allerdings durch die
Beiträge ihrer Mitglieder. Diese betrugen 10 Taler im Jahr, dazu wurde eine Aufnahmegebühr von
5 Talern erhoben. Mit diesen Geldern, die vorwiegend aus der wohlhabenderen bürgerlichen
Schicht stammten, konnte die Sozietät dann Preisgelder ausloben, Druckkosten für eigene
Zeitschriften tragen sowie Modelle und Bücher anschaffen.86
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts folgten weitere Sozietäten, die sich mit Fragen der
landwirtschaft und des Handels widmeten, so die Göttinger Akademie der Wissenschaften (1751)
und die Königliche Akademie der Wissenschaften on Berlin. Diese Institutionen wiesen ganz ähnliche Strukturen auf: sie hatten eine Mitgliedschaft aus den gehobenen Ständen der Region; sie
wurden durch Mitgliedsbeiträge finanziert; sie unterhielten regelmäßige Treffen der Mitglieder,
wobei Vorträge gehalten wurden; sie stellten Preisfragen, die sich mit Verbesserungen wirtschaftlicher Situationen befassten und veröffentlichten sie; sie tauschten diese Veröffentlichungen mit anderen Sozietäten; sie sammelten Literatur zu ökonomischen Themen und legten
Modellsammlungen und auch Gärten an.
1769 wurde dieser Entwicklung folgend die „Physikalisch-ökonomische Bienengesellschaft zu
Lautern“ gegründet. Johann Riem, ein Apotheker, war der Initiator, das Anliegen war die Verbesserung der Situation nach einer Reihe schlechter Bienenjahre.
Riem hatte schon 1767 eine Arbeit mit dem Titel „Paktischer Bienenvater“ veröffentlicht und
1768 mit einem Aufsatz über die Apikultur einen Preis der Mannheimer Akademie gewonnen. Die
ordentlichen Mitglieder der Lauterner Gesellschaft waren 19 Personen, inclusive Direktor, Sekretär und Schatzmeister. Es gab ansässige Lauterer und korrespondierende Mitglieder, darunter
Priester, Lehrer, örtliche Beamte und auch Friedrich Medicus, Hofrat aus Mannheim, der 1770
bei der Unmstrukturierung der Sozietät eine entscheidende Rolle spielte.
86
Vgl. Keith Tribe: Die „Kameral Hohe Schule zu Lautern“ und die Anfänge der ökonomischen Lehre
in Heidelberg (1774-1822) in: Norbert Waczek(Hrsg.): Die Institutionalisierung der Nationalökonomie an
deutschen Universitäten.St. Katharinen 1988.S. 165 ff.
Seite 86
Man versammelte sich etwa dreimal im Monat. Die erste Sitzung diente der Erörterung von
Korrespondenz und von Vorträgen, die zweite und dritte der Vorlesung nützlicher Schriften und
dem halten von Vorträgen.
1770 nahm die Sozietät den Namen „Kührpfälzische physikalisch-ökonomische Gesellschaft“ an.
Zum einen hatten sich die wirtschaftlichen Aktivitäten erweitert, zum anderen hatten prominente Persönlichkeiten leitende Funktionen übernommen: Der Pfalzgraf Karl August von PfalzZweibrücken war Präsident geworden, und einige Adelige waren zu Ehrenmitgliedern ernannt
worden, darunter Karl Friedrich von Baden und ein künftiger König von Bayern. Der Hofrat
Medicus wurde Direktor und erweiterte die Aktivitäten der Gesellschaft bedeutend. Es gab einen
„ökonomischen Garten“, eine Baumschule und eine kleine Bibliothek. 1769 wurde die erste
Preisfrage angekündigt, die sich um Schädlingsbekämpfung drehte.
Allerdings wurde im Laufe einiger Jahre klar, dass das Ziel der Sozietät, nämlich die Verbesserung der Landwirtschaft der Gegend, nicht in zufriedenstellendem Maße erreicht worden war.
Deshalb machte Medicus den Vorschlag, eine Akademie zu gründen, an der Beamte und Landwirte ausgebildet werden sollten. Er wollte die künftigen Beamten „Haushaltung und Cameralia“
lehren, verwies auf entsprechende Arbeiten in Jena, Leipzig und Göttingen und regte an, die
Universität Heidelberg möge diesem Beispiel folgen. Er wandte sich an Daniel Gottfried Schreber,
damals Lehrer der Philosophie und Kameralwissenschaften in Bützow. Dieser vertrat die
Auffassung, die bestehenden Universitäten besäßen weder die Mittel, noch die notwendigen
Bedingungen für die vorgesehene Lehre und regte die Gründung einer Alademie an. Die von ihm
konzipierte Akademie war eine Mischung aus Lehrinstitut und Wirtschaftsunternehmen.
An der Spitze sollte ein „Professor der Cameralwissenschaften oder Oeconomik“ stehen, der
neben seiner Lehrverpflichtung die akademischen Angelegenheiten zu betreuen hätte. Weitere
Fächer sollten sein: Mathematik und Physik: Naturgeschichte; Mineralogie und Chemie; Manufaktur-Fabriken-und Commercienwesen. Alle Lehrer hatten außer ihrem Fach noch die damit verknüpften praktischen Anwendungen zu betreuen: Der Mathematiker war auch für Landvermessung, Bergbau, Bauwesen und Astronomie zuständig, er mußte auch alle Gebäude und
Ländereien beaufsichtigen. Der Lehrer der Naturgeschichte sollte nicht nur Botanik, Anbau und
Zoologie lehren, sondern auch Gärten, Baumschulen und Felder betreuen. Der Professor der
Mineralogie sollte „physikalische und ökonomische Chemie“ lehren, die sich mit dem
Manufakturwesen beschäftigte, wie Färbemittel, Keramik, Glaserzeugung und Metallurgie.
Dazu unterstanden ihm die Manufakturbetriebe der Akademie und das Mineralienkabinett. Der
Professor des „Manufactur-,Fabriken-und Commercienwesens“ sollte Handel, Manufaktur, Münzwesen und Buchführung unterrichten und die Manufakturen betreuen, die nicht unter den
Seite 87
Oberbegriff „Chemie“ fielen. Die wirtschaftlichen Unternehmungen sollten nicht nur praktische
Anschauung des Wirtschaftslebens für die Studenten sein, sondern auch durch einen erwirtschafteten Gewinn die finanzielle Basis der Akademie bilden.
Gelehrt werden sollte jeweils zwei, drei oder vier Stunden pro Tag bei einer Kursdauer von einem
halben oder ganzen Jahr. Unterrichtssprache sollte Deutsch sein. 1774 wurde Georg Adolf
Succow als erster Lehrer der Akademie berufen. Er war Mitglied der medizinischen Fakultät zu
Jena und hatte einen Doktortitel in Pharmakologie. Sein Hauptanliegen bestand in der Verknüpfung von Theorie und Praxis an der neuen Akademie. Seine Studenten sollten eine mehrjährige Schulbildung hinter sich haben.
Oftmals kamen Studenten nach Lautern, die ihre universitäre Ausbildung bereits hinter sich hatten. Succow hatte präzise Vorstellungen: „Zuerst muß man richtig zu denken und Urtheile vernünftig einzurichten, angeleitet werden, ehe man sichere Schritte in jeder anderen Kenntnis zu
thun imstande ist. Dies ist der Grund, warum wir mit dieser Wissenschaft beginnen.“87 Er meinte
die Philosophie.
Der von Succow entwickelte Lehrplan, der die Richtschnur des Lehrangebotes darstellte, sah folgendes vor:
1.Semester (Winter): Philosophie, Reine Mathematik, Naturlehre, Naturgeschichte
(zoologisch und mineralogisch)
2. Semester (Sommer): Angewandte Mathematik, Chemie, Naturgeschichte
(Pflanzen und Kräuter), Landwirtschaft
3. Semester (Winter): Gewerke, Manufaktur-und Fabrikenwesen, Handlungswissenschaft,
Polizeiwissenschaft
4. Semester (Sommer): Finanzwissenschaft, Staatswirthschaftswissenschaft,
Anleitung zu gelehrten Reisen.
Succow begann im Herbst 1744 selbst, alle vier Kurse zu unterrichten. Ein lutherischer Pfarrer
aus dem Ort ergänzte das Angebot mit dem Kurs „Weltweisheit, schöne Wissenschaft und
Sittenlehre“.
87
G.A. Succow: Plan von der ökonomischen und Kameralschule welche mit Kurfürstlich gnädigster Erlaubnis
den 3. October in Lautern wird eröffnet werden. Mannheim 1774, S.11
Seite 88
Zusätzlich wurde L.B.M. Schmid berufen, ein ehemaliger Theologiestudent aus Tübingen, der in
Italien und Russland gereist war. 1777 erhielt die Schule die offizielle Anerkennung des Hofes,
allerdings unter der Bedingung, dass ihre Lehre sich nicht mit der der Universität Heidelberg
überschneiden dürfe. Die Schule erhielt auch das Recht, eigene Prüfungen abzuhalten.
Als dritter hauptamtlicher Lehrer wurde Johann Heinrich Jung berufen, der später unter dem
Namen Jung-Stilling bekannt wurde. Er war eigentlich Augenarzt, trieb viele autodidaktische
Studien und arbeitete sich bald in die ihm übertragenen Fächer ein, schrieb einige Lehrbücher
und wurde schließlich 1787 auf den Lehrstuhl für Ökonomie, Finanz-und Cameralwissenschaften
der Universität Gießen berufen.
Die Schule wurde bald zum Erfolg, der sich auch im Besuch widerspiegelte: die Studenten kamen
nicht nur aus der Pfalz, sondern auch aus benachbarten Ländern wie Bayern und Hessen, sogar
aus Schweden und Polen.
Dennoch hatte Medicus bereits 1776 vorgeschlagen, die Schule nach Heidelberg umzusiedeln
und sie mit der dortigen Universität zu verbinden. Lautern erwies sich auf die Dauer als zu abgelegen, auch war die Landwirtschaft der Region nicht besonders produktiv. Die Initiative ging von
der Lauterer Schule aus, in Heidelberg gab es keine Pläne, derartige Lehrveranstaltungen zu entwickeln. Der Mannheimer Hof betrachtete die Umsiedlung der Schule als vielleicht letzte Chance,
den völligen Zusammenbruch der Universität zu verhindern, deren Studentenzahl gegen Ende
des Jahrhunderts dramatisch gesunken war.
Den Umzug begründete Medicus 1784 damit, dass „die Staatswirthschaft eine Wissenschaft ist,
die nur von den höchsten Landes-Collegien ausgeübt und zum allgemeinen Nutzen angewandt
wird.“ Die Bedingungen für die Eingliederung der Schule waren günstig: Sie blieb unter der
Bezeichnung „Staatswirthschafts Hohe Schule“ autonom. Die drei hauptamtlichen Lehrer wurden der Philosophischen Fakultät zugeordnet und erhielten Stimmrecht im Senat. Die Kurse wurden so weitergeführt, wie man sie in Lautern festgelegt hatte. Die Vorlesungen konnten von allen
Studenten der Universität besucht werden, wer aber einen Kurs absolvieren wollte, musste sich
einschreiben, eine Gebühr bezahlen und einem bestimmten Lehrplan folgen. Der Kurfürst gab
der Schule ihr ein eigenes Einkommen von 1000 fl. pro Jahr, sie hatte ihre eigenen Studenten
und ihr eigenes Personal. Auch die eigene Bibliothek, 2500 Bände enthaltend, blieb zunächst
erhalten.
Seite 89
Als Gedike im Auftrag der preußischen Regierung im Rahmen einer Untersuchung des Lehrangebots deutscher Universitäten auch Heidelberg im Sommer 1789 besuchte, berichtete er,
dass die Schule der aktivste Teil der Universität sei.88 Allerdings gab es damals nur 16 Studenten,
doch wuchs die Zahl ab 1790 stetig an. Im Rahmen der Neuordnung der deutschen Staaten kam
Heidelberg 1802 zu Baden. 1803 wurde die Universität völlig neu organisiert, und die Schule
wurde in die Philosophische Fakultät eingegliedert.
1787 hatte bereits Schmid Heidelberg verlassen und war einem Ruf an die Stuttgarter
Karlsschule gefolgt. Jung-Stilling ging im gleichen Jahr nach Marburg. Sie wurden ersetzt durch
Erb und Gatterer, die berufen wurden als „Professor für Polizei, Finanz und Staatswirthschaft“
bzw. „Professor für Landwirthschaft, Forstwesen und Technologie“. Es gab später noch mehrere
Professorenvon unterschiedlicher Qualifikation, die die Attraktivität des Faches nicht steigern
konnten.
Erst mit der Berufung Raus 1822 erhielt das Fach einen Lehrer, der eine fachliche Vorbildung
absolviert hatte. Tribe schreibt dazu: „So war Rau in vielfacher Hinsicht das Produkt genau jener
Aspirationen, die zur Gründung der Lauterner Akademie geführt hatten, und die Tatsache, dass
ein Mann wie er erst 1822 in den kameralistischen Lehrbetrieb berufen wurde, zeigt, welche
Unregelmäßigkeiten die Ausbildung in den Kameralwissenschaften bis zu diesem Zeitpunkt noch
aufwies.“89
Er weist weiter darauf hin, dass das System ökonomischer Lehre, wie es am Beispiel der
Lauterner Akademie veranschaulicht worden sei, in den ersten 20 Jahren des 19. Jahrhunderts
durch eine neue Wirtschaftswissenschaft verdrängt worden sei, die den Kameralismus schlicht
als erledigt betrachtete: „Das neue System wurde durch Raus Lehrbuch der politischen Ökonomie kanonisiert, dessen erster Band 1826 erschien. Raus Werk blieb bis in die letzten Jahrzehnte
des 19. Jahrhunderts hinein das einflussreichste ökonomische Lehrbuch in DeutschlandHeidelberg erfreut sich somit eines guten Rufes in der ökonomischen Lehre, der sich von der
Gründung der Akademie im Jahre 1774, kontinuierlich über Rau, seinen Nachfolger Knies und
schließlich dessen Nachfolger, Max Weber, erstreckt.“90
Mit Rau wurde also der Übergang von der Kameralistik zur Nationalökonomie in Heidelberg vollzogen.
88
89
90
R. Fester: „Der Universitäts-Bereiser“ Friedrich Gedike und sein Bericht an Friedrich Wilhelm II. Erstes
Ergänzungsheft des Archivs für Kulturgeschichte. Berlin 1905, S. 50
Tribe, a.a.O. S. 185
a.a.O. S. 186
Seite 90
3.3. die situation an der universität heidelberg um 1820
Im Zuge der Neuordnung Deutschlands im Anschluß an die Napoleonischen Kriege gelangte die
rechtsrheinische Kurpfalz 1803 an Baden. Die Universität Heidelberg war in der letzten Zeit der
pfälzischen Herrschaft in beständigem Niedergang begriffen. Die Rupertina hatte durch Kriegseinwirkung bereits 1801 ihre bedeutenden linksrheinischen Besitzungen verloren, die den
wesentlichen Teil ihrer Dotationen ausmachten. Die Studentenzahl, die 1775 noch etwa 200
betragen hatte, war 1802 auf 48 gesunken.91 Die Fakultäten waren schwach besetzt, zur Berufung
bedeutender Professoren fehlte das Geld.
Karl Friedrich von Baden (Markgraf seit 1783, Kurfürst seit 1803, Großherzog ab 1806) sah ein
besonderes Anliegen darin, dem neuen Staatswesen Baden mit Heidelberg einen geistigen
Mittelpunkt zu geben. Heidelberg wurde die erste, Freiburg 1805 die zweite badische Universität.
Die Neuorganisation der Universität Heidelberg war so einschneidend, daß sie später sogar als
Neugründung bezeichnet wurde. Der Name läßt es erkennen: Neben dem Universitätsgründer
Rupert wird Karl aufgenommen, die Universität heißt Ruperto-Carola.
Die Neuorganisation der Universität unter Karl Friedrich betraf die Verfassung, die Finanzierung
und den Lehrkörper. Äußeres Zeichen war die Übernahme des Rektoramtes durch den Landesherrn persönlich, wie es schon im 17. und 18. Jahrhundert üblich gewesen war. Die Finanzierung
der Universität erfolgte erstmals durch den Staat; zunächst wurden 40 000 fl. jährlich aufgewendet, doch der Betrag stieg ständig an. Die Reorganisation des Professorenkollegiums war vor
allem das Verdienst Reitzensteins.92 Eike Wolgast schreibt dazu:
„Aus Jena und anderen von der Auflösung bedrohten Universitäten konnten bedeutende Wissenschaftler und anziehende Lehrer gewonnen werden. Zu den Professoren der ersten Generation
zählen die Theologen Schwarz und Paulus, Creuzer, Fries und Langsdorf in der Philosophischen,
Ackermann und Schelver in der Medizinischen Fakultät. Besonderen Wert legte Reitzenstein auf
die Zusammensetzung der Juristischen Fakultät. Heise, Martin und vor allem Thibaut kamen
damals nach Heidelberg, daneben die Staatsrechtslehrer Klüber und Zachariae. Auch die ersten
Folgeberufungen festigten Heidelbergs Bedeutung: Tiedemann, Chelius und Gmelin in der
Medizinischen, Mittermaier in der Juristischen, Schlosser, Schweins und Rau in der Philosophischen Fakultät.“93
91
92
93
Karl Stiefel: Baden 1648-1952, Karlsruhe 2001, S. 2014
Sigismund v. Reitzenstein, 1766-1847, badischer Staatsminister
Eike Wolgast: 600 Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1386-1986, Heidelberg 1986
Seite 91
Dem Theologen Schwarz fiel eine besondere Aufgabe zu: Er nahm sich erstmalig der erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen an. „Durch seine Tätigkeit erlangte das Fach sowohl hinsichtlich des sachlichen Gehaltes und der wissenschaftlichen Aussagekraft als auch im Hinblick
auf den organisatorischen Rahmen eine Bedeutung, die noch lange fortwirkte.“94
Die Folge dieser Neuorganisation bestand in einem raschen Anwachsen der Studentenzahlen.
Seit 1805 gab es in Heidelberg mehr Studenten als in Jena, gelegentlich kam man sogar an
Leipzig heran. In den ersten zwanzig Jahren des Jahrhunderts gab es 300-400 Studenten,
1819/20 erstmals 600, 1830 über 800. Damals waren Berlin, Leipzig, München, Breslau, Halle
und Göttingen größer, Tübingen und Bonn etwa gleich groß.
Allerdings gab es eine etwas widersprüchliche Situation: Einerseits war man bestrebt, die Studentenzahl zu erhöhen, um die wirtschaftliche Situation der Stadt Heidelberg zu verbessern und
der akademischen Jugend eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen, andererseits fürchtete
man, zu viele Anwärter auf die wenigen Staatsstellen zu bekommen. 1810 wurde das Studium
der Rechts-und Kameralwissenschaften von einer staatlichen Erlaubnis abhängig gemacht, die
dann versagt wurde, wenn der Bewerber nicht genug Vermögen hatte, um die eventuell lange
Wartezeit auf eine freie Stelle zu überbrücken. 1815 wurde eine Summe von 8000 Gulden zur
Voraussetzung des Studiums gemacht. Zum Vergleich: Raus Anfangs-Jahresgehalt in Heidelberg
betrug 1600 Gulden. 1822 wurde die allgemeine Studierfreiheit eingeführt, allerdings jeder
Anspruch auf Anstellung im Staatsdienst ausdrücklich ausgeschlossen. Sofort nahm die Studentenzahl beträchtlich zu: 1821 waren es 477, 1822/23 dann 604 in den genannten Fächern.95
Im Gegensatz zu Freiburg, das sich eher als Landesuniversität verstand, ging das Einzugsgebiet
Heidelbergs weit über die Landesgrenzen hinaus. Die „Ausländer“ übertrafen die „Inländer“ um
ein Mehrfaches, vor allem im Sommer. Heidelberg war für viele Norddeutsche eine beliebte
Sommeruniversität. Auch hatte offenbar der Adel eine besondere Vorliebe für Heidelberg: im
Sommersemester 1819 sollen sich sieben Prinzen, sechzehn Grafen und 122 sonstige Adlige in
Heidelberg aufgehalten haben, bei einer damaligen Gesamtzahl von etwa 350 Studenten.96 Diese
Studenten waren für die Stadt ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.
94
95
96
Volker Lenhart: Die Heidelberger Universitätspädagogik im 19. Jahrhundert. Diss. 1968, S. 5
vgl. Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg. Heidelberg1386-1986. S.95
Frank Niess: Wein und Weisheit. Zur Wirtschaftsgeschichte der Universotät Heidelberg im 19. Jahrhundert.
In: Auch eine Geschichte der Universität Heidelberg. Hrsg. Karin Buselmeier, Mannheim 1985, S.18.
Seite 92
Ein Student brauchte etwa 500 Gulden pro Jahr, die unmittelbar den etwa 10000 Einwohnern
(1810) zugute kamen. Ein Hausbesitzer vermietete oft an bis zu fünf Studenten, wobei die
Semestermiete zwischen 25 und 120 Gulden je nach Wohnraum betrug. Wenn die Studentenzahl
merklich zurückging, war das für die wirtschaftliche Situation der Stadt Heidelberg von entscheidender Bedeutung.
Auch Handel und Gewerbe profitierten von der Universität, nicht nur durch den Konsum von
Studenten und Professoren, auch Investitionen des Großherzogtums Baden in Gebäude und
Einrichtungen der Universität ermöglichten in diesem vorindustriellen Stadium die Entwicklung
eines bescheidenen Wohlstandes.
Bereits 1795 hieß es von den Heidelberger Studenten, sie „söffen wie die Bürstenbinder“ 97, und
wenn später eine Anzahl von 8 Schankwirtschaften auf 1.000 Einwohner kam, zeigt dies, daß die
Studenten eine starke Stütze der Gastronomie waren. Buch- und Kunsthandlungen, Kolonialwarenhandlungen, Manufacturhandlungen, Konditoreien und Tabakwarenhandlungen florierten
dank der Studenten. Auch die Hersteller von studentischen Waffen, von Pfeifen oder Studentenmützen hingen von einem guten Besuch der Universität ab.
Allein die Einrichtung der medizinischen Institute zwischen 1805 und 1807 kostete 20.000
Gulden, die dem Heidelberger Baugewerbe unmittelbar zugute kamen. Die Bibliothek, die zwischen 1807 und 1825 um 40.000 Bände zunahm, bescherte dem Heidelberger Buchhandel einen
ordentlichen Aufschwung.98
All diese Erkenntnisse bewogen Stadt und Land, für eine gute Frequentierung der Universität
besorgt zu sein. Die Stadt zeigte sich nach anfänglichem Zögern sehr bereitwillig, die Universität
und ihre Einrichtungen zu unterstützen, beispielsweise durch die Bereitstellung von notwendigem Gelände, und die Regierung suchte durch attraktive Berufungen von Professoren den Ruf
der Universität zu verbessern.
Die Regierung mußte dabei die Erfahrung machen, daß gute Professoren, die sie von allen möglichen Universitäten abzuwerben bestrebt war, auch bestimmte Gehaltsvorstellungen hatten. Die
1.200 Gulden, 2 Fuder Wein und 24 Malter Korn, die der Mediziner Franz Anton Mai für ein „auskömmliches Professorensalär“ hielt, reichten nicht bei jedem aus.
97
98
Niess, a.a.O. S.21
Vgl. Frank Niess,a.a.O. S 14
Seite 93
Der Jurist Thibaut, der sozusagen der „Star“ der Universität war, bekam 2.900 Gulden, der
Kriminalist Martin 2.500, der Kameralist Suckow 2.000 Gulden. Dies führte dazu, daß die
ursprüngliche Summe von 40.000 Gulden für den Betrieb der Universität ständig aufgestockt
werden mußte.
Seite 94
3. 4.
der professor karl heinrich rau
Es kann im Rahmen dieser Arbeit nicht bewertet werden, welchen Rang Karl Heinrich Rau als
Wissenschaftler in der Nationalökonomie einnimmt. Dies muß innerhalb dieser Disziplin diskutiert werden. Hier kann nur eine Zusammenstellung von Urteilen über ihn aus verschiedenen
Zeiten versucht werden.
D. H. Meier schreibt über Rau in den „Badischen Biographien“ 99: „Weit über die Grenzen des
badischen Landes hinaus, nicht bloß in Deutschland, überall, wo der Geist rechter Wissenschaft
Verehrer und Freunde findet, wird der Name des Mannes mit Ehrfurcht genannt, dessen langes
und segensreiches Wirken einen Zeitraum umfaßt, der in der Entwicklung der Wissenschaften,
wie des politischen und socialen Lebens einen der inhaltsreichsten Abschnitte der Geschichte
bildet, und zugleich einen weltgeschichtlichen Wendepunkt bezeichnet.“
In der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ 100 wird Rau als „einer der hervorragendsten deutschen Nationalökonomen“ bezeichnet.
Im wesentlichen gründen sich diese Urteile auf die lange Tätigkeit als Universitätslehrer, vor
allem aber auf seine Lehrbücher, die lange Zeit als Standardwerke der Nationalökonomie galten.
Hier seien die wichtigsten seiner Veröffentlichungen aufgeführt:
1814 hatte die königlich großbritannische Societät zu Göttingen die ökonomische Preisfrage
gestellt: „Wie können die Nachtheile, welche nach Aufhebung der Zünfte entstehen, verhütet
oder vermindert werden?“ Dies ist die schon früher erwähnte „Göttinger Preisfrage“, bei der Rau
unter dreizehn Bewerbern den ersten Preis erhielt. Diese Schrift wurde in wesentlich erweiterter
Form unter dem Titel „Über das Zunftwesen und die Folgen seiner Aufhebung“ 1816 neu herausgegeben. Hier hat Rau noch starke Bedenken bezüglich der Gewerbefreiheit, die er später aufgab. Offenbar haben aber die Juroren diese Bedenken geteilt, denn sonst wäre er wohl nicht der
Preisträger geworden.
Bernhard Stier101 schreibt dazu: „Seine Analyse legte die Mängel der überkommenen Einrichtung
offen, hob aber zugleich die ökonomischen und sozialen Gefahren schrankenloser Gewerbefreiheit hervor, wie sie zu jener Zeit besonders radikal in Preußen konzipiert wurde.
99
100
101
D. H. Meier in: v. Weech, Friedrich: Badische Biographien II S. 147 ff.
Allgemeine deutsche Biographie, Berlin 1970
Bernhard Stier: Das „Experiment einer deutschen Republik“ im Augenzeugenbericht. In:Karl Heinrich Rau:
Die vierzig Tage in Heidelberg. Ubstadt-Weiher 1999.
Seite 95
Diese vermittelnde Position, das behutsame und ideologiefreie Abwägen von Sachargumenten,
die Berücksichtigung sozialer, rechtlicher und politischer Aspekte über die engere ökonomische
Problematik hinaus, schließlich die Wendung gegen alle unüberlegten Experimente – all dies
machte ihn zu einem gemäßigten, um vernünftigen Ausgleich widerstreitender Interessen bemühten Vertreter der Lehre von Adam Smith. Gerade in einer freiheitlichen Gesellschaft, das sah
Rau deutlicher als die extremen Freihändler und Wirtschaftsliberalen, stellte sich die schwierige
Aufgabe, zwischen Partikularinteresse und Gemeinwohl eine vernünftige Balance zu finden.“
1816 erschien seine kleine Schrift „Über den Luxus“ als Programm für das Gymnasium. Ebenfalls
1816 veröffentlichte er seine lateinische Dissertation „Primae lineae historiae politices sive civilis doctrinae“; der deutsche Titel war „Über die Grundlinien der Politik“. Er bezeichnet diese
Arbeit in seinem „Hausbuch“ als die „Frucht mehrjähriger Studien“. 1820 erschien eine von der
Harlemer Gesellschaft der Wissenschaften ausgezeichnete Abhandlung „Über die Ursachen der
Armuth“, ferner die deutsche Bearbeitung von Storchs „Cours d’économie politique“.
1821 gab er seine „Ansichten der Volkswirthschaft“ heraus, die als Frucht seiner Deutschlandreise von 1817 gelten können und auch gleichzeitig als Vorläufer seines späteren Lehrbuches
anzusehen sind.
Aus dem gleichen Jahr stammt seine Schrift „Malthus und Say, über die Ursachen der jetzigen
Handelsstockung“.
1822 wird er nach Heidelberg berufen. Seine erste Veröffentlichung im neuen Amt ist sein
„Grundriß der Kameralwissenschaft oder Wirtschaftslehre für encyclopädische Vorlesungen“.
Sie ist zum praktischen Gebrauch bei den Vorlesungen bestimmt. Ende 1827 wird diese Schrift
erweitert und näher begründet in dem Titel „Über Kameralwissenschaft; Entwickelung ihres
Wesens und ihrer Theile“. In diesen Schriften wird unterschieden zwischen der Lehre von der
Privatwirtschaft und von der öffentlichen Wirtschaft, und es wird beiden Teilen eine allgemeine
Wirtschaftslehre vorausgeschickt. Im Jahre 1826 erschien der erste Band des „Lehrbuches der
politischen Oekonomie; Volkswirthschaftslehre“. Meier102 bewertet dieses Werk wie folgt:
„Wenn man bedenkt, wie wenig klar zu jener Zeit die Grenzen der Wissenschaft und ihre zahlreichen Probleme erkannt waren, wie viel Schutt hinwegzuräumen , welche Fülle von Material zu
sichten war, um einen neuen Aufbau der Nationalökonomie beginnen zu können, so wird man
erst im Stande sein, die Größe von Rau’s Verdienst zu ermessen. Ist er auch nicht eigentlich der
Begründer einer neuen volkswirthschaftlichen Schule geworden, so hat er doch das unbestrittene Verdienst, die Lehre Adam Smith’s und seiner französischen Nachfolger und überhaupt das
Studium der Wirthschaftslehre in Deutschland verbreitet und mächtig gefördert zu haben.
102
Meier a.a.O. S. 151
Seite 96
Schon durch diese That würde sich der Verfasser des „Lehrbuches“ den Dank seiner Zeitgenossen und der Nachgeborenen erworben haben: was dem Werke einen dauernden Ehrenplatz
in der volkswirthschaftlichen Literatur sichert, ist freilich sein innerer Werth[...]. Dieser Werth
kennzeichnet sich zunächst in der strengen Systematisirung und und Gruppirung des wirthschaftswisenschaftlichen Stoffes. [...] Die Anordnung des Ganzen nach Paragraphen hat zwar
unvermeidlich etwas Trockenes, erfüllt aber gerade dadurch ihren Zweck, ein Lehr- und Nachschlagebuch im besten Sinne des Wortes zu sein und Lernenden und Lehrenden als steter und
zuverlässiger Begleiter durch das weite Reich der jungen Wissenschaft zu dienen.“
Die „Volkswirthschaftslehre“ erschien in verschiedenen Ausgaben: die zweite 1832, die dritte
1837, die vierte 1844, die fünfte 1847, die sechste 1855, dieselbe unverändert 1860, die siebte
1863 und die achte kurz vor seinem Tode. Diese wurde in verschiedene Sprachen übersetzt: ins
Französische, Holländische, Russische, Schwedische, Polnische, Serbische, Italienische und
Rumänische.
Ebenfalls 1826 veröffentlichte Rau den zweiten Band des Lehrbuches: „Grundsätze der
Volkswirthschaftspolitik“ in zwei Abteilungen, in deren erster die Produktion von Gütern, in der
zweiten die Güterverteilung behandelt wird. Das Problem besteht dabei in der staatlichen
Einmischung in das Wirtschaftsleben, was von Rau sehr vorsichtig und abwägend betrachtet
wird. Die zweite Ausgabe erschien 1833, die dritte 1844, die vierte 1854-57, die fünfte 18621863.
Meier sieht in der systematischen Trennung von Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaftspolitik als Teile der Politischen Ökonomie ein „epochemachendes Verdienst“, weist aber auch
darauf hin, daß Rau sich einem weiteren Gebiet zugewandt habe, das bisher weder in England
noch in Deutschland in angemessener Weise bearbeitet worden wäre: der Finanzwissenschaft.
Sein Lehrbuch „Finanzwissenschaft“ erschien mit der ersten Abteilung 1832, 1837 mit der zweiten Abteilung. Weitere Ausgaben erfolgten 1846, 1855, 1859 und 1865. Meier sieht dieses Werk
als ein „unentbehrliches Hülfsbuch“ für Lehrer, Studierende und Beamte an. Es habe als die
„wohl reifste Frucht seines Geistes“ viel zur Bildung der badischen Finanzpraktiker beigetragen.
Insgesamt ist das Lehrbuch in seinen drei Teilen am Ende von Raus Laufbahn als Frucht einer
fast fünfzigjährigen Tätigkeit zu betrachten. Meier bewertet diese fünfzig Jahre als „eine Epoche,
reicher an wirthschaftlichen und staatlichen Umgestaltungen, als irgend eine frühere Zeit in der
Geschichte unserer nationalen Entwickelung.“ Anzufügen wäre noch ein Hinweis auf die technische und industrielle Entwicklung, die eine so grundlegende Umwälzung mit sich brachte, daß
man nicht ohne Grund von der „industriellen Revolution“ spricht.
Seite 97
Im Jahr 1834 erschien das erste Heft des „Archivs der politischen Oekonomie und Polizeiwissenschaft“, das Rau in den ersten Jahren allein, später mit seinem Schüler Hanssen in
Göttingen bis zum fünfzehnten Band 1852 führte. In diesem Jahr wurde es mit der „Tübinger
Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft“ verschmolzen. Fast in jedem Heft des
„Archivs“ findet man von Rau größere Aufsätze oder auch kleinere Arbeiten. Meier beurteilt sie
so: „Sämmtlich zeichnen sie sich durch Schönheit der Form und jene Frische der Behandlung
aus, welche die systematische Methode des „Lehrbuchs“ entbehrte und ihrer Natur nach wohl
auch entbehren mußte.“
Als besonderes Beispiel greift Meier den in der Zeitschrift ausgetragenen Konflikt zwischen Rau
und Friedrich List 103 heraus: „Lists „System der politischen Oekonomie“ ist in den weitesten
Kreisen bekannt geworden, seine Irrthümer sind wiederholt aufgedeckt; längst deckt das Grab
die sterbliche Hülle des leidenschaftlichen Mannes; seine Verdienste sind heute bereitwillig anerkannt und wer mit geschichtlichem Sinn der Entwickelung der letzten Jahrzehnte auf wirthschaftlichem Gebiete folgt, der wird über seine Irrthümer milde urtheilen. Als er mit seinem „System“
an die Öffentlichkeit trat, über die Lehren Adam Smith’s und seiner französischen und deutschen
Nachfolger schonungslos den Stab brach und durch geschickten Appell an den Patriotismus auch
Besonnene mit sich fortzureißen drohte, war nur ein Mann wie Rau in erster Linie berufen, solchem Gebahren entgegen zu treten. Die Kritik des „Systems“ (im 5. Bande des „Archivs“ 1843,
nachmals als Broschüre gedruckt) gehört zu dem besten, was Rau als Schriftsteller geleistet hat.
[...] „Ein großes Pamphlet“ nennt Rau das List’sche Werk und beweist ihm Schritt für Schritt, wie
seinem „System“ vor allem der Fehler anhafte, daß es nicht streng wissenschaftlich durchdacht
sei. Wenn List immer nur von einer nationalen Lehre redet, so beweist ihm Rau, daß es nicht für
jedes Land eine besondere Wirthschaftslehre geben könne. [...] Der Erfolg von Rau’s Arbeit war
ein durchschlagender, seine Kritik des List’schen „Systems“ galt als eine vernichtende; der
Lauterkeit seines Charakters konnten die Gegner Nichts anhaben, seiner wissenschaftlichen
Gründlichkeit nicht mit gleichen Waffen begegnen.“
Inhaltlich ist sein Standpunkt zum Beitritt Badens zum Zollverein im „Commissionsbericht“ dargelegt, den er als Mitglied der 1. Kammer des Badischen Parlamentes zu erstatten hatte.
103
104
Friedrich List (1789-1845) deutscher Nationalökonom, trat für die Aufhebung der innerdeutschen
Zollschranken ein.
D. H. Meier, in: v. Weech: Badische Biographien II S. 155-156
Seite 98
Dieser wurde ebenfalls im „Archiv“ (1835) abgedruckt, und Meier hält dieses „Votum des erfahrenen Volkswirths“ für ausschlaggebend. Der Bericht habe die Bedeutung „einer nationalen Tat,
um so verdienstlicher, wenn man erwägt, welche Fluth von Vorurtheilen es damals noch zu beseitigen gab, daß es galt, neben wirthschaftlicher Kurzsichtigkeit und Beschränktheit auch mächtige politische Animositäten und Ränke zu durchkreuzen. Natürlich war für den scharfblickenden
Mann der Nutzen des Anschlusses zweifellos, und dieses ist mit überzeugender Schärfe und
Vielseitigkeit in dem Berichte nachgewiesen. Schon damals erblickte er in Preußens Hegemonie,
auch in politischer Beziehung, die nothwendige Consequenz einer großartigen geschichtlichen
Entwicklung; er ist diesem Standpunkte unentwegt treu geblieben und hatte, gleich seinem trefflichen Landsmann Mathy, die Genugthuung, den neuen deutschen Staat wenigstens in seinen
Grundzügen zu schauen.“105
Weiterhin ist auf seine landwirtschaftlichen Veröffentlichungen hinzuweisen:
Im Jahre 1830 erschien „Die Landwirthschaft der Heidelberger Gegend“, eine Arbeit, die 1860 in
umgearbeiteter Form im Rahmen der Festschrift der 21. Versammlung der deutschen Land-und
Forstwirte in Heidelberg Aufnahme fand.
1831 veröffentlichte er das gemeinsam mit dem Freiherrn von Babo in Verhandlungen mit der
Neckarkreis-Abteilung des badischen landwirtschaftlichen Vereins erarbeitete Referat „Über die
Zehntablösung“.
1845 erschien seine „Geschichte des Pfluges“.
1851 wurde er von der badischen Regierung zur 1. Weltausstellung nach London entsandt. Seiner
Mission entsprechend erschien 1853 sein Bericht „Über die landwirthschaftlichen Geräthe der
Londoner Ausstellung.“
Die Frage der Ausbildung der Verwaltungs- und Finanzbeamten hat Rau stark beschäftigt. 1836
veröffentlichte er hierzu einen Aufsatz „Über die wissenschaftliche Vorbildung der Beamten zum
Administrativfach“, in dem dargelegt wird, daß naturwissenschaftliche und technologische
Kenntnisse in diesem Ausbildungsgang unerläßlich seien. Raus wissenschaftliche Bedeutung
reichte weit über Deutschland hinaus. So war er korrespondierendes Mitglied des kaiserlichen
Instituts in Paris, der Akademien der Wissenschaften Brüssel und Pest, Ehrenmitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, der Universitäten St. Petersburg, Kasan und
Moskau, der statistischen Kommission in Brüssel, der wissenschaftlichen Abteilung des kaiserlich russischen Domänenministeriums, der statistischen Gesellschaft in Paris, der kaiserlich leopoldinisch-carolinischen Akademie der Naturforscher und zahlreicher landwirtschaftlicher
Vereine des In- und Auslandes.
105
a.a.O. S. 157
Seite 99
Wilhelm Roscher (1817-1894), deutscher Nationalökonom, läßt Rau in seiner „Geschichte der
Nationalökonomik“ 106 eine ausführliche Bewertung widerfahren. Er widmet ihm immerhin sechzehn Seiten. Nicht immer ist er mit Rau einverstanden, aber das ist er mit Adam Smith auch
nicht. Bei beiden findet er nach seiner Auffassung fachliche Fehler. Er attestiert ihm Gründlichkeit, meint aber, es fehle ihm an „philosophischer Eleganz“ 107 Insgesamt bewertet er Raus
Bedeutung wie folgt:
„Im Allgemeinen läßt sich seine geschichtliche Stellung am kürzesten so bezeichnen, daß er der
Volkswirthschaftslehrer der gut regierten deutschen Mittelstaaten von 1815 bis 1848 gewesen.
Wie er auf dem talentvollsten Landtage dieser Staatengruppe ein nicht einflußloses Mitglied der
badischen II. Kammer war, wie seine Schriften hauptsächlich in dem liberalen und aufgeklärten
Beamtenstand Wurzel gefaßt haben: so läßt sich im Großen und Kleinen die Geistesverwandtschaft seiner Lehre mit der praktischen Richtung jener Staaten nachweisen. Im Großen: wenn er
z. B. seine Abhandlung über die Krisis des Zollvereins im Sommer 1852 den österreichischen
Sprengungsversuchen kräftig entgegentrat. Im Kleinen: wenn er z. B. von den Domänenpächtern
sagt, der Staat dürfe und solle sie schonender behandeln, als ein Privatmann zu thun schuldig
ist; [...]. Auch darin läuft die theoretische Entwicklung Rau’s der praktischen im heutigen
Deutschland parallel, daß beide sich mehr und mehr den Idealen der Gewerbe- und Handelsfreiheit genähert haben.“108
Zwar bemängelt er an Rau, seine starke Seite sei nicht gerade die Schärfe des Gedankens, aber
immerhin erkennt er an, es sei ihm „nicht selten gelungen, überkommenen halbschiefen Ausdrücken der Wissenschaft einen bessern zu substituiren. So z. B. Verkehrswerth für Tauschwerth,
Verwandlungsstoffe für Rohstoffe, Verschreibungen für Effecten, Zinsrentensteuer für Kapitalsteuer, Maßzölle für Gewichtszölle, Aufsichtsrath eines Actienunternehmens für Verwaltungsrath
u. dergl mehr.“ 109 Von diesen Ausdrücken oder besser Fachbegriffen haben sich offensichtlich
der „Verkehrswert“ sowie der „Aufsichtsrat“ bis heute erhalten.
106
107
108
109
Wilhelm Roscher: Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland. München 1874
a.a.O. S.850
a.a.O. S. 855
a.a.O. S.850
Seite 100
Roscher, der mit seinen Fachkollegen recht kritisch umgeht, versäumt nicht zu erwähnen, daß er
zusammen mit Hermann (Friedrich Benedikt Wilhelm v. Hermann, 1795-1868, Volkswirtschaftler
und Statistiker) von Rau mit dem Prädikat „vorzüglich“ beurteilt wird.110
Joseph A. Schumpeter (1883-1950, österreichisch-amerikanischer Nationalökonom, 1919 österreichischer Finanzminister) schreibt in seinem Werk „Geschichte der ökonomischen Analyse“111:
„Smithianismus, in zunehmendem Maße von (oft mißverstandenen) ricardianischen Lehren
durchsetzt und befreit von dem älteren Stoff über das Verwaltungswesen des achtzehnten
Jahrhunderts – dies ist die Formel, die die allgemeine Richtung der deutschen Wirtschaftslehre
bis zum Ende der zur Diskussion stehenden Periode – und noch einige Zeit darüber hinaus –
kennzeichnet. Dieses Material wurde im Lehrbuch von Rau zusammengestellt, das sich über
Jahrzehnte hinweg als ausreichend erwies.“112
Schumpeter bescheinigt Rau „einen klaren Verstand, Gelehrsamkeit und Mittelmäßigkeit“. Allerdings attestiert er ihm: „Als Lehrer gebührt ihm ein Ehrenplatz in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaft.“113
Wolfgang Borgstede weist in seinem Werk „ Volkswirtschaftslehre“114 darauf hin, daß die „heutige Dreiteilung des Lehrfaches eine speziell deutsche Angelegenheit“ sei und die Amerikaner
die Finanzwissenschaft nicht als gesondertes Fach kennten. „Erstmals eingeführt wurde die klare
Trennung des fachlichen Stoffes in Theorie, Politik und Finanz vom Großherzoglich Badischen
Geheimen Rat und Professor in Heidelberg Dr. Karl Heinrich Rau um 1850. Rau nannte allerdings
das umfassende Fach nicht Volkswirtschaftslehre oder, wie damals üblich, Nationalökonomie,
sondern so, wie es heute noch im Angelsächsischen vielfach heißt. Sein dreibändiges Werk hieß
„Lehrbuch der politischen Ökonomie“. Es bestand aus den Einzelbänden „Grundsätze der
Volkswirtschaftslehre“ (Leipzig 1855), „Grundsätze der Volkswirtschaftspolitik“, (Heidelberg
1854-58) und „Grundsätze der Finanzwissenschaft“ (Heidelberg 1850-51)“ 115 Hier ist anzumerken, daß Borgstede hinsichtlich der Erscheinungsjahre nicht ganz vollständig zitiert. In seinem
Kapitel „Deutsche Klassiker“ nennt er als solchen vor allem Rau. „Rau gab den Anstoß zur
Rezeption des Smith-Ricardianischen Systems in Deutschland.
110
111
112
113
114
115
a.a.O. S.848, 1. Fußnote
Schumpeter, Joseph. A.: Geschichte der ökonomischen Analyse. Hrsg. Elisabeth Schumpeter.
Göttingen 1965
a a O. S. 617
a. a.O.S. 618
Borgstede, Wolfgang: Volkswirtschaftslehre. Düsseldorf 1977
a.a.O. S.46
Seite 101
In seinem bereits genannten dreiteiligen „Lehrbuch der politischen Ökonomie“, mit dem er die
bis heute in Deutschland übliche Dreiteilung der Volkswirtschaftslehre in Theorie, Politik und
Finanzwissenschaften einführte, brachte er sehr originelle und didaktisch glänzende Darstellungsmethoden. Er arbeitete bereits Jahrzehnte vor Marshall mit der bis heute üblichen geometrischen Darstellungsform von Angebots- und Nachfragekurven. Sie fand jedoch wenig
Anklang in Deutschland. Er gilt deshalb im allgemeinen nicht als ihr Erfinder. So etwas ist häufig. Nicht derjenige, der eine Idee zuerst entwickelte, gilt meist als der Entdecker, sondern derjenige, der mit der Idee durchdrang. Wir sagten schon: vor Columbus gab es immer eine Reihe von
Wikingern. Quesnay vor Smith, Mill vor Say, Rau vor Marshall, Rau und Mangoldt vor Wicksell,
Wicksell, Föhl und Lautenbach vor Keynes.“116
Christos Baloglou beschäftigt sich sehr ausführlich mit den Lehren von Rau. 117 Seine Bewertung: „Das große Verdienst des Lehrbuches von Rau liegt nicht nur in der Darstellung einer
umfassenden Wirtschaftslehre, sondern auch in dem Vergleich, den Rau zwischen der deutschen
und ausländischen Lehre machte.“ 118 Hier zitiert er auch Schmoller. „Der alte steifleinene, aber
breit-unterrichtete, kluge und maßvolle Rau stellte die Ehe zwischen der Kameralistik und dem
englischen nationalökonomischen Liberalismus dar.“ 119 Auf etwa vierzig Seiten setzt er sich mit
Raus wissenschaftlicher Leistung auseinander, wie etwa über preistheoretische Ansätze im internationalen Vergleich, geometrische Darstellung der Preisbildung, die zu speziell sind, um in einer
Biographie breiten Raum einnehmen zu können. Allerdings weist er nach, was Borgstede bereits
beschrieben hat: „Rau verwendet bereits Jahrzehnte vor dem Aufkommen der Cambridger Schule
die für diese charakteristische geometrische Darstellung von Angebots-und Nachfragekurven.
Leider fand diese Art der Darstellung nicht nur in Europa, sondern auch in Deutschland wenig
Anklang.“120 Ähnliches weist er in Fragen wie Raumwirtschaft oder Rente nach.
116
117
118
119
120
a.a.O. S.357
Balaglou, Christos: Die Vertreter der mathematischen Nationalökonomie in Deutschland zwischen
1838 und 1871 in: Beiträge zur Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie, Hrsg. Birger P.Priddat,
Marburg 1995
a.a.O. S. 134
Schmoller, Gustav: Zur Literaturgeschichte der Staats – und Sozialwissenschaften, Leipzig 1888, S. 149.
a.a.O. S.156
Seite 102
Birger P. Priddat beschäftigt sich mit Rau in einem Vortrag, gehalten in Salzburg 1995 anläßlich einer Tagung des dogmenhistorischen Ausschusses des „Vereins für Socialpolitik“. Er führt
aus, es sei Karl Heinrich Rau zu verdanken, die Aufteilung entlang der Unterscheidung Volkswirtschaftstheorie/angewandter Volkswirtschaftslehre bzw. Volkswirtschaftspolitik durchgesetzt
und codifiziert zu haben. 121 „Überhaupt hat Rau einen bestimmten Typus von ökonomischem
Lehrbuch kreiert, der von fast allen Nachfolgern fortan kopiert wird: Rau stellt die Volkswirtschaftslehre als eine Systemwissenschaft vor, die auf bestimmten Grundbegriffen und Basistheoremen aufbauend, alle Erscheinungen des Wirtschaftslebens systematisch ab-und herleitet.
Diese Bücher werden in Paragraphen angeordnet; jeder Paragraph hat einen analytischen
Hauptteil und einen Fußnotenanhang, in dem die neueste Literatur, theoretische und vor allem
empirische Anmerkungen beigefügt sind. Wilhelm Roscher wird später diesen Darstellungstypus
der Wissenschaft bis zum Exzeß nutzen; viele Anhänge sind länger als der Hauptparagraph; vor
allem werden sie mit jeder neuen Ausgabe länger.“122
Priddat fährt fort: „Ich halte Karl Heinrich Rau deshalb für besonders geeignet, die neue Wirtschaftspolitik der deutschen Ökonomie vorzustellen, weil er – fernab von philosophischen
Staatszweckerörterungen – recht praktisch und nüchtern argumentiert. Er hat keine strengen
normativen Grundsätze, die er der Ökonomie auferlegen will, sondern er ist eher als ein synoptischer Autor zu betrachten, der die verschiedenen, zu seiner Zeit geltenden Auffassungen
zusammenfaßt und in ein System bringt. Er reflektiert in seinen Lehrbüchern recht genau die
Übergangsargumentation. Insbesondere in der „Volkswirthschaftspflege“ spiegelt sich das
Anwendungsproblem. Mit der Smith’schen Ökonomie hatte man eine völlig neue, überzeugende
Konzeption der Wohlstandsentwicklung einer Gesellschaft, die – in die wirtschaftspolitische
Praxis übertragen – auf völlig anders entstandene und begründete Institutionen traf“. 123 An dieser Stelle weist Priddat auf ein ganz wesentliches Problem hin, das die unterschiedlichen
Bewertungen Raus erklärt: Die Zeit, in die Rau – auch wissenschaftlich – hineinwuchs, hatte einerseits gewachsene Traditionen und Betrachtungsweisen wie beispielsweise das Zunftwesen,
andererseits zeigte es sich, daß die wirtschaftlichen Ideen eines Adam Smith der sich entwickelnden Industriegesellschaft angemessener waren.
Wirft man nun Rau vor, in seiner Jugend in der Erlanger Zeit ein „Cameralist“ gewesen, später
aber zu einem Smithianer mutiert zu sein, so muß man doch bedenken, daß sich Einsichten eines
Wissenschaftlers in einer sich wandelnden Welt wandeln können oder sogar müssen, um den
Wissenschaftler auf der Höhe seiner Zeit zu halten.
121
122
123
Priddat, Birger P.: Volkswirthschaftspolizei bzw. – Politik als Kunstlehre der Beamten – Juristen. In:
Schriften des Vereins für Sociapolitik. Berlin 1997
a.a.O. S.18
a.a.O. S.31
Seite 103
Priddat fährt fort: „ Anstelle einer neuen Theorie der Wirtschaftspolitik versuchten Autoren wie
Rau, den Praktikern – den „Geschäftsleuten“ wie den Administratoren – Entscheidungshilfen zu
bieten. Dazu wurde der ganze Katalog der Polizeiwissenschaft [...] wie in einem cameralistischen
Lehrbuch entfaltet und dargestellt, um in jedem einzelnen Bereich oder Fall die Smithschen
Erkenntnisse in Anschlag zu bringen.“124
Kritisch merkt Priddat an: „Nun meine Kritik: Indem Rau – auf eine pragmatische und sympathische Weise – die Prinzipien der neuen ökonomischen Theorie mit den tatsächlich vorfindlichen
Regulations-und Interventionspraktiken der deutschen Klein- und Großstaaten in Einklang zu
bringen versuchte, mußte er notwendigerweise eklektisch bleiben. Indem er aber auf diese Weise
als Realist auftrat, beließ er die Beamten in ihrem halbaufgeklärten Handlungsbewußtsein, d.h.
riet selbst zum praktischen Eklektizismus.
Die Beamten – für die die Bücher ja vornehmlich geschrieben waren – wurden aber nicht auf die
Problematik hin geschult, die solche eklektizistischen Entscheidungen für die Entwicklung der
Marktwirtschaft haben könnten.“125
Er fährt präzisierend fort: „ Wir können es deutlicher so sagen: Rau bleibt sich seiner cameralistischen Herkunft darin treu, daß er fast dieselben Bereichsklassifikationen und Taxonomien
übernimmt, wie sie in der Cameralistik üblich waren. Aber sie werden jeweils anders behandelt:
Sie werden nach smithianischen Kriterien analysiert. Die Wirtschaftspolitik wird Ordnungspolitik
mit anderen Vorzeichen: Sie versucht, mit den alten Formen und notfalls mit staatlicher Zwangsgewalt, die Marktfreiheit durchzusetzen.“126
Priddat schließt: „Wenn man – wie Rau und viele andere mehr – die „Gewerbepolitik“ als staatliche Förderung eines freien Unternehmertums auffaßt, waren die mit der Deregulation ihres
cameralistischen Erbes befaßten Beamten eine conditio sine qua non der Entwicklung Deutschlands zur Industrienation. Der Staat war damit – auch in der liberalen Epoche bis 1848 – nicht
mehr aus der sich zu entwickeln beginnenden modernen Marktwirtschaft wegzudenken. In Ihrer
praktischen, also entscheidenden Seite blieb die deutsche Wirtschaft des frühen 19. Jahrhunderts der Staatskunst ihrer Beamtenjuristen ausgeliefert.“127
124
125
126
127
a.a.O.
a.a.O.
a.a.O.
a.a.O.
S.
S.
S.
S.
31
34
36
38
Seite 104
Priddat beschäftigt sich noch in weiteren Schriften mit Rau, beispielsweise in „Wert, Meinung,
Bedeutung – Die Tradition der subjektiven Wertlehre in der deutschen Nationalökonomie vor
Menger“ –; in seinem editorischen Vorwort beschreibt er seine Intention, nämlich der nach dem
zweiten Weltkrieg aufgetretenen Dominanz der angloamerikanischen Ökonomie die deutsche
Theorieentwicklung als gleichwertig gegenüberzustellen. Rau ist ihm dafür ein wichtiger Zeuge.
Allerdings sind die diskutierten Fragestellungen für die hier versuchte Biographie zu speziell.
Peter Rosner äußert sich in seinem „Working Paper“ über Rau128 wie folgt:
„Das Fehlen einer systematischen Theorie bei Rau macht sich in den wirtschaftspolitischen
Empfehlungen vor allem darin bemerkbar, daß er Argumente für und gegen Maßnahmen bringt,
ohne aber anzugeben, wovon die genaue Entscheidung abhängt. Mit Recht kann daher Rau als
eine Randfigur ökonomischer Theoriegeschichte bezeichnet werden, auch wenn für die praktische Wirtschaftspolitik sein Buch aufschlußreicher und eine bessere Anleitung zum Handeln ist,
als etwa das Werk Ricardos, das aus einem wirtschaftstheoretischen Modell eindeutige politische Schlußfolgerungen zieht. Gemessen an den wirtschaftspolitischen Gegebenheiten moderner Industriestaaten haben sich eher Vorstellungen wie die von Rau durchgesetzt; die Tatsache
aber, daß die Theorie von Ricardo und nicht von Rau weiterentwickelt wurde, wirft die Frage nach
dem Zusammenhang zwischen der ökonomischen Theorie und der Wirtschaftspolitik auf.“
An dieser Stelle hätte man sich Rosner etwas konkreter gewünscht.
Zwei Dissertationen beschäftigen sich mit Rau:
Karl Neumann legte seine Dissertaion 1927 unter dem Titel „Die Lehren K. H. Rau’s“ vor.129
Er kommt zu der zusammenfassenden Feststellung: „Rau’s Stellung in der Geschichte der Volkswirtschaftslehre läßt sich am kürzesten dadurch bezeichnen, daß man sagt, er sei der letzte
Kameralist gewesen und zwar, ohne eine contradictio in adjecto zu begehen, ein liberaler Kameralist. Liberal, weil er an den Idealen der liberalen Schule festhält und auf eine Durchdringung
des Staats- und Wirtschaftslebens mit denselben in seinen Lehren bewußt hinarbeitet.
128
129
Rosner, Peter: Wirtschaftsliberalismus und Staatseingriffe bei Karl Heinrich Rau. Working paper No. 8803,
July 1988. Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien.
Neumann, Karl: Die Lehren K. H. Rau’s. Ein Beitrag zur Geschichte der Volkswirtschaftslehre im
19. Jahrhundert. Diss. Gießen 1927.
Seite 105
Kameralist, weil sein Lehrsystem unmittelbar auf die praktischpolitischen Bedürfnisse seines
Heimatstaates zugeschnitten ist, weil die ganze lehrhafte Wegweisermethode, die Art und Weise,
in welcher er seine wissenschaftlichen Beobachtungen und Feststellungen macht, das Befragen
der verständigsten Landleute, die Ausbeutung amtlichen Materials, die etwas kompilatorische
Weise, in welcher er Tatsachen aus aller Herren Länder zusammenträgt, um durch Vergleich zu
belehren, weil alles dies auf kameralistische Vorbilder hinweist.
Die Anerkennung, die ihm die damalige Wissenschaft zollte, liegt vor allem darin begründet, daß
er es verstand, wirklich entscheidende und zeitgemäße Reformen klug durchzuführen. [...] In der
Tat gehört Rau zu den Persönlichkeiten, die, überaus klug und fleißig, eine enorme Kleinarbeit
leisten, ohne gerade genial zu sein. Er zählt nicht zu den überragenden Köpfen des vergangenen
Jahrhunderts, doch kann man sich die Entwicklung der deutschen Wirtschaftswissenschaften
ohne ihn schlecht denken, er bildet die notwendige Übergangsstufe von der alten in die neue
Zeit, und gerade durch diese Einbeziehung traditioneller Momente in die neuen Lehren hat er
eine überaus belebende und anregende Wirkung auf die Weiterentwicklung der Wissenschaft
ausgeübt.“
Die Dissertation von Klaus Sinewe stammt aus dem Jahre 1965 und trägt den Titel: „Karl
Heinrich Rau. Persönlichkeit und wissenschaftliche Leistung in moderner Sicht.“130 Er urteilt wie
folgt über Rau: „Bedenkt man, daß Rau am Anfang einer Phase der wissenschaftlichen Entwicklung stand, in der die Lehre und Forschung grundlegend neu gestaltet wurden-man nannte ihn
den Neubegründer der praktischen Kameralwissenschaften-, und berücksichtigt man den Einfluß
der revolutionären Ideen und politischen Wandlungen seiner Zeit und beachtet man dann noch
die Probleme des beginnenden Industriezeitalters, so erschließt sich manche Quelle für das
Verständnis der Eigenart seines Denkens und Handelns. Seine Zeitgenossen wie seine Nachfolger, etwa Nassau Senior, John Stuart Mill und W. Roscher, urteilen mit großer Anerkennung
über seine Leistungen und seine Persönlichkeit. Unstreitig besaß Rau für seine Zeit eine beachtliche Bedeutung. [...] Karl Heinrich Rau stand am Beginn der exakten wissenschaftlichen
Fundierung der Nationalökonomie in Deutschland, wie sie sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts
vollzog.
Wenn er dem Studierenden heute kaum mehr im Gedächtnis lebt, bestenfalls als der Begründer
der Systematik der dreigeteilten ökonomischen Wissenschaft, einer Systematik, die den meisten
Lehrbüchern und dem Aufbau des Unterrichts an den Hochschulen auch heute noch zu Grunde
130
Sinewe, Klaus: Karl Heinrich Rau. Persönlichkeit und wissenschaftliche Leistung in moderner Sicht. Diss.
Erlangen-Nürnberg 1965.
Seite 106
liegt, und wenn er dem Schreibenden unserer Tage kaum noch einer längeren Behandlung wert
erscheint, so drückt sich darin ein wenig jene betrübliche Überheblichkeit aus, man brauche sich
bei dem vermeintlichen Stand unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht unbedingt noch
der Persönlichkeiten zu erinnern, die entscheidend mithalfen, das Fundament der modernen
Volkswirtschaftslehre zu bauen.“131
Sinewe zitiert auch noch die Enzyclopaedia Britannica 132: Die ausgeprägteste Form der Smithschen Lehre in Deutschland sei durch vier hervorragende Namen repräsentiert worden: K. H.
Rau (1792-1870), Friedrich Nebenius (1784-1857), Friedrich Benedikt Wilhelm Hermann (17951868) und Johann Heinrich von Thünen (1783-1850). Rau habe immer den Grundsatz der „gelehrten Gründlichkeit“ (erudite thorougness) vertreten; sein großartiges Lehrbuch, das reich an statistischen Beobachtungen sei und besonders instruktiv den Zusammenhang von ökonomischen
Kräften unter differenzierten geographischen Bedingungen erkläre, stelle die beste Zusammenfassung von allem dar, was bis dahin in Deutschland unter Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftspolitik und Finanzwissenschaft bekannt war. Hieraus schöpfe Deutschland sein Wissen
um diese Dinge bis auf den heutigen Tag (Stand 1885).133
Versucht man nun aus all diesen Äußerungen und Bewertungen ein Resümee zu ziehen, so fällt
auf, daß Rau überwiegend nicht als revolutionärer Geist eingeschätzt wird, aber dennoch in seiner Zeit als unverzichtbar gilt. Seine Dreiteilung der Nationalökonomie in Theorie, Politik und
Finanz ist sogar bis in die neuere Zeit gültig geblieben. Einig sind alle darin, daß er ein guter
Lehrer war und die Beamtenschaft der „gut regierten Mittelstaaten“ in seiner Schule eine solide
Ausbildung erfahren hat.
Seine Wertschätzung lässt sich auch an den Rufen ablesen, die er bekommen und alle abgelehnt
hat. 1821erhielt er einen Ruf nach Jena, kurz bevor er dem Ruf nach Heidelberg folgte. 1826 berief ihn die Universität München in der Absicht, von dem ererbten Fächerbündel Kameralistik zur
integrierenden Nationalökonomie zu kommen. „Der Wunschkandidat war Karl Heinrich Rau.“ 134
Obwohl man in München 2200 fl. anbot, blieb Rau in Heidelberg.
1842 lehnte er einen Ruf nach Berlin ab.
Auch in Leipzig hatte es 1840 Überlegungen gegeben, ihn zu berufen. Man konnte sich nicht entscheiden, welche Richtung der Staatswissenschaften man haben wollte, die „publizistisch-
131
132
133
134
a.a.O. S. 26
Band 19, 1885, S. 387
Band 19, 1885, S. 387
Harald Dickerhof: Kameralstudium und Bildungssystematik in Bayern von der Spätaufklärung bis zum Vormärz.
In: Norbert Waszek: Die Institutionalisierung der Nationalökonomie an deutschen Universitäten. St. Katharinen
1988, S. 259
Seite 107
geschichtliche“ oder die „volkswirtschaftlich-kameralistische“. Für die erstere war u.a. Robert von
Mohl vorgeschlagen, für die andere Karl Heinrich Rau und Friedrich Benedikt Wilhelm Hermann.
„Interessant ist an diesem Vorschlag nicht nur, dass man sich um berühmte Gelehrte anderer
Universitäten bemühte, sondern auch das Eingeständnis, dass die wirtschaftswissenschaftlichen
Fächer innerhalb der Staatswissenschaften eine Entwicklung genommen hatten, die mit der herkömmlichen Vertretung durch einen Historiker oder Staatsrechtler nicht mehr zu vereinbaren
war.“135
Statt seiner wurde später sein Schüler Hanssen berufen.
Zu Beginn seiner Laufbahn galt Rau als Vertreter der neueren Schule der Wirtschaftswissenschaften, wie die zeitlich nahe beieinander liegenden Rufe nach Jena, Heidelberg, München und
Göttingen vermuten lassen. Später gehörte er zu den „berühmten Wissenschaftlern“, wie aus
den Überlegungen in Leipzig und dem Ruf nach Berlin zu ersehen ist.
135
Klaus Hinrich Hennings: Die Wirtschaftswissenschaften an der Universität Leipzig im achtzehnten
und neunzehnten Jahrhundert. In: Norbert Waszek, a.a.O. S. 142 ff.
Seite 108
3.5.
rau als prinzenerzieher
Großherzog Leopold schätzte Rau so sehr, daß er ihn zum Leiter der Studien seiner Söhne
Ludwig und Friedrich an der Universität Heidelberg ernannte.
In seiner „Haus-Chronik 1840-1848“ 136 vermerkt Rau unter dem 6. Juni 1843: „Studienplan für
den Erbgroßherzog an seine Mutter und auch an Min. v. Rüdt gegeben.“
Es folgen weitere diesbezügliche Notizen:
1. Juli: Großherzog bestellt mich auf den Sonntag, 2., in Karlsruhe. Auftrag, bei der
Anordnung der Studien beider Prinzen zu Rathe zu gehen, mit einzelnen Lehrern
zu verhandeln. Tafel bei Hof.
9. Juli: nach Karlsruhe, Stunden für die Prinzen festgesetzt, Conferenz mit Gr.[oßherzog]
und Berckheim. Tafel bei Hof. (Roggenbach p.)
12. Juli: Abends feierlicher Einzug des Großh. und der Prinzen in die geschmückte Stadt.
Ich mußte noch am Abend im Palais erscheinen und der Gr.[oßherzog]
dankte mir sehr.
13. Juli: Morgens 10 Uhr Vorstellung aller Professoren. 12 Uhr stellte ich Dr. Häußer
und den Engländer Hill vor.
1 Uhr Mittagessen im Prinz Karl. Prorector, Expr.[orector], engerer Senat (Ullmann,
Roßhirt, Gmelin, Bähr).– Decane (Umbreit, Vangerow, Chelius, Reuchlin).–
Geheimräthe Mittermaier, Creuzer, Schlosser, Leonhard, ich.– Amtmann König,
Dürer, Rizhaupt, Kleinschmidt, Caplan, Pfeifer, Forstm. v.Schilling,
v.Seldeneck, v.Krieg, v.Göler, v. Roggenbach, v.Hinkeldey (26) nebst Großh.
und 2 Prinzen.
Zuletzt noch herzl. Abschied des Gr.(oßherzogs] und Auftrag, ihm nötigenfalls
zu schreiben. Mittermaier hatte auch an Rüdt wie ich auf den Wunsch des
Gr.[oßherzogs] einen Studienplan abgel.[iefert], der meinige traf aber mehr mit
Berckheims Ansichten überein.
17. Juli: Anfang der Stunden.
Erbgr. Louis: 4 Std. Einleitung ins römische Recht. Vangerow.
5 jurid. Enzycl. Zöpfl.
Politische Ok. bei mir, von 4-5 Uhr
Pr. Friedrich: Philosophie d. Geschichte – Logik – Styl, je 2 St. bei D. Häußer,
3 St. Engl. Hill. – 3 St. Schweins, daneben milit. bei Hinkeldey.“
136
Rau 113
Seite 109
Damit scheinen die Studien für dieses Semester schon beendet gewesen zu sein, denn in Raus
Aufzeichnungen tauchen die Prinzen erst wieder am 18. September auf. Der spätere Großherzog
Friedrich, hier Prinz Friedrich, schreibt in seinen Erinnerungen137dazu folgendes:
„Die beiden Jahre aber, welche wir nun in Heidelberg zubrachten, gehören zu den schönsten und
glücklichsten, die wir beide noch in Gemeinschaft und in voller Frische und Tätigkeit erleben
durften. (Hier spielt Friedrich offenbar auf die wenig später eintretende geistige Erkrankung seines älteren Bruders Ludwig, des Erbprinzen, an, die zu dessen Regierungsunfähigkeit führte und
schließlich Friedrich zum Thronerben machte.)
Als wir am 12. Juli, von unserem Vater geleitet, nach Heidelberg übersiedelten, war die Eisenbahn
nach Karlsruhe schon im Betrieb. Wir trafen am Nachmittage ein. Mein Bruder und ich nahmen
in der alten Landschreiberei, einem nunmehr mir gehörigen Hause am Karlsplatz, Wohnung. In
unserer Begleitung verblieben die Oberstleutnants Konstantin von Roggenbach und v. Hinckeldey
und als Verrechner der Sekretär meines Bruders, Herr Frohmüller. Zuvor hatte zwischen dem
Großhofmeister v.Berckheim, dem Professor der Nationalökonomie Geh.-Rat Rau und dem Kurator der Hochschule Geh.-Rat Dahmen eine Konferenz zur Beratung und Feststellung unseres
Stundenplans stattgefunden. Da wir erst nach Semesterbeginn kamen, wurden zunächst sämtliche Vorträge als Privatissima behandelt; erst vom folgenden Semester an hörten wir im Universitätsgebäude mit den übrigen Studenten auch öffentliche Vorträge, während daneben die privaten durch alle Semester hindurch fortgesetzt wurden.
Wir hörten teils gemeinsam, teils getrennt, in verschiedenen Perioden bei folgenden Professoren:
–
Institutionen und Römisches Recht bei Geh.-Rat v. Vangerow;
–
Kriminalrecht, Kriminalprozeß, Zivilrecht und Zivilprozeß, sowie ein besonderes Kolleg
über den Code Napoléon und badisches Landrecht bei Geh.-Rat Mittermaier;
–
Staats- und Rechtsgeschichte und deutsches Staatsrecht bei Hofrat Zöpfl;
–
Nationalökonomie, Finanzwissenschaft und ein staatswissenschaftliches Kolleg
mit Bezug auf staatswissenschaftliche Literatur und Statistik, sowie Landwirtschaft
bei Geh.-Rat Rau;
–
Verschiedene öffentliche Vorträge über Geschichte der französischen Revolution und
neuere europäische Staatengeschichte, sowie Privatvorträge über verschiedene Teile der
neueren Geschichte seit der französischen Revolution bei Geh.-Rat Schlosser,
–
und endlich bei Geh.-Rat Gervinus einen mehrere Semester umfassenden Vortrag über die
Geschichte der deutschen Literatur.
137
Jugenderinnerungen Großherzog Friedrichs II. von Baden. Hrsg. Karl Obser, Heidelberg 1921.
Seite 110
Ich allein hörte dann noch bei Professor Jolly die Grundzüge der Physik bis zu ihrer neuesten
Entwicklung, bei Geh. Hofrat Schweins höhere Mathematik, Statik und angewandte Geometrie,
letztere mit trigonometrischen Vermessungen verbunden, die ich mit seinem Assistenten, dem
späteren Regierungsrat Poppen im Handelsministerium, vornahm. Ein Privatdozent Dr. Hagen
trug Geschichte des Mittelalters vor. Der damalige Privatdozent und später berühmte Historiker
Dr. Häusser erteilte mir eine Reihe von Privatstunden. Diese umfaßten zunächst ein Repetitorium
in der Weltgeschichte nach dem Handbuche Schlossers, dann ein Repetitorium über Logik, verbunden mit schriftlichen Aufsatzübungen in der deutschen Sprache, ein Repetitorium über deutsche Literaturgeschichte, verbunden mit Leseübungen aus den Klassikern und Übungen im freien
mündlichen Vortrag und endlich eine eingehende Darstellung aller philosophischen Systeme an
der Hand einer Geschichte der Philosophie, mit Einführung in die Lehre Kants.
Das Sommersemester wurde durch die bald eintretenden Ferien beendet, während deren die
meisten Professoren die Stadt verließen.“138
Der Prinz, der hier ausführlich zu Wort kommt, macht deutlich, daß Rau ihm und seinem Bruder
ein wahrhaft umfassendes Programm aufgestellt hat. Kaum eine Fakultät bleibt unberücksichtigt;
verständlicherweise fehlt die Medizin, allerdings fällt auf, daß kein Theologe beteiligt ist. Wahrscheinlich wird die religiöse Erziehung mit der Konfirmation beider Brüder, die im April 1841
stattgefunden hatte, als abgeschlossen betrachtet.
Prinz Friedrich war im September 1826 geboren, zu Beginn seines Studiums im Juli 1843 also
noch 16 Jahre alt. Sein Bruder, der Erbprinz, war zwei Jahre älter. Laut Raus Tagebuch sind die
Prinzen am 26. September schon wieder da.
Er vermerkt:
„Mittags bei den Prinzen.“
Am 27. September gibt Familie Rau eine Gesellschaft für die Prinzen. Sie kommen mit Hickeldey
und bleiben von 7 Uhr bis 11 1/2, wie Rau notiert. Die Gästeliste ist erhalten, einschließlich der
Personen, die zwar eingeladen, aber nicht gekommen sind. Es handelt sich ausschließlich um
Familien von Professorenkollegen: v.Leonhard, Chelius, Roßhirt, Umbreit, Muncke, Puchelt,
Dittenberger, Nägele sen., v.Sensburg, Schweins und Zöpfl. Nicht gekommen waren: Abegg,
Gmelin, Nägele jun., Rothe, Fr. Ullmann, Tiedemann und Vangerow.
Am 27. Oktober gibt Vangerow eine Gesellschaft für die Prinzen, am 1. Dezember findet
ein großer Ball bei Chelius statt, an dem die Prinzen teilnehmen.
138
a.a.O. S.92-95 Das für die Prinzen sehr kurze Sommersemester wird hier von Prinz Friedrich bestätigt.
Seite 111
Am 19. Dezember erfährt Rau eine besondere Ehrung: „Der Großherzog erfreut mich in Begleitung des Herrn von Seldeneck mit seinem Besuch.“
Der Prinz schreibt dazu:
„Inzwischen waren wir in Heidelberg so ziemlich in allen Kreisen der gebildeten Gesellschaft gut
bekannt geworden und hatten manchmal Mühe, das Studium mit den vielen Einladungen aller
Art zu vereinigen. Es pflegten damals die verschiedenen Kreise die Geselligkeit ganz unter sich
und fast ohne jede Verbindung untereinander. So verkehrten bei Geh.-Rat Chelius eine große
Anzahl Bekannter und Verwandter, sowie einige seiner Kollegen aus der medizinischen Fakultät,
wie Tiedemann und Nägele; gewöhnlich wurde dabei von ihm selbst oder von Tiedemann aus
ihren reichen Erlebnissen erzählt. Dann bestand ein theologisches Kränzchen, zu welchem die
Theologen Ullmann, Umbreit und Rothe, Geh.-Rat Rau, der Chemiker Geh.-Rat Gmelin, der Prediger Dittenberger und einige Privatdozenten mit ihren Familien gehörten. [...]139
Doch sind die Studienjahre der Prinzen keineswegs nur von Geselligkeit neben ein wenig Studium
gekennzeichnet. Friedrichs Kommentator und Herausgeber seiner Lebenserinnerungen, Karl
Obser, vermerkt dazu in einer Fußnote:
„Sämtliche Lehrer sind, so berichtet Rau im August 1843, „über den ernsten Fleiß, die rege
Wißbegierde, die guten Vorkenntnisse und die vorzüglichen Anlagen der Prinzen erfreut.“ Von
morgens 8 Uhr bis mittags 5 Uhr sind beide, meldet Hinckeldey, eifrig an der Arbeit. Verschiedene Stundenpläne des Prinzen Friedrich geben Auskunft über die Verteilung der Vorlesungen, deren Gesamtzahl in der Woche durchschnittlich 27 Stunden beträgt. So im Winter
1844/45: 6 Stunden Englisch, 6 Stunden deutsche Rechtsgeschichte, 1 Stunde Völkerrecht, 2
Stunden Strafprozeß, 3 Stunden Nationalökonomie, 2 Stunden Geschichte der französischen
Revolution, 3 Stunden neueste Geschichte, 3 Stunden Physik, 3 Stunden Militärwissenschaft.“140
Doch das reicht dem Prinzen nicht. Er überlegt, „wie die freie Zeit im Winter am besten anzuwenden und seine fernere wissenschaftliche Ausbildung durch ein geregeltes praktisches
Studium zu fördern sei. Durch Vorträge, deren er nun zahlreiche gehört, falle man leicht in den
Fehler, die Gegenstände nicht selbständig durch eigenes, freies Nachdenken zu behandeln. Sein
Ziel müsse daher sein, daß er die Zweige der Universalwissenschaften und der Naturwissenschaften, mit denen er sich beschäftigt habe, praktisch anzuwenden verstehe und selbständig
zu bearbeiten erlerne.
Es sei dafür zweckmäßig und zugleich anregend, wenn die einzelnen Abschnitte einer Wissenschaft von ihm und seinem Begleiter, Hauptmann v.Neubronn, in gemeinsamem Studium durchgenommen und unter wechselseitiger Fragestellung und Beantwortung so weit erschöpft wer-
139
140
a.a.O. S. 99
a.a.O. S.94
Seite 112
den, daß er imstande sei, auf Grund eigenen Nachdenkens und mit Hilfe der nötigen Literatur
mündlich darüber zu referieren und eine möglichst gründliche Arbeit zu liefern.“141
Bei der hier geschilderten Einstellung des Prinzen und angesichts des Stundenplanes kann man
nicht behaupten, die Prinzen hätten nur pro forma studiert, um eine angemessene Beschäftigung
in ihrer Jugendzeit zu haben. Was hier geschieht und durch den Studienplan Raus organisiert
wird, macht deutlich, daß hier künftige Regenten auf mögliche Staatsaufgaben vorbereitet werden sollen, soweit die Möglichkeiten einer Universität dafür geeignet sind.
Rau führt genau Buch über die Stunden, die er den Prinzen erteilt hat, beispielsweise „bis März 1844
108 Stunden.“ Am 4. November 1844 notiert er: „Collegien angefangen. Die Prinzen zurück.
Prinz Friedrich will auch Stunden über politische Ökonomie. Also ist die Entscheidung über den
Winter: Erbgroßherzog 2 Std. Rest der Finanz, 1 Std. in der Landwirthschaft. Prinz Friedrich 3
Std. Polit. Ökonomie.“
Am 14. Dezember ist wieder Kränzchen im Hause Rau mit den Prinzen. An Studenten sind da: v.
Radali, Bachelin, Gewenig, Scheffel (der spätere Dichter Joseph Victor v. Scheffel, damals
Student der Jurisprudenz), 2 Ullmanns, Otto Gmelin, Abegg. Rau notiert:
„ Die natürliche Tochter gelesen, Act 1-3. Regenauer abgesagt. 14 Alte am Tisch, 5 Mädchen
und 10 junge Männer. Dauer: 1/2 vor 1 Uhr.“ Aus dieser Notiz geht hervor, daß selbst bei geselligen Anlässen die Bildung nicht vernachlässigt wird.
Am 4. März 1845 notiert Rau: „ Die Stunden mit dem Erbgroßherzog geschlossen; im Ganzen
habe ich ihm 243 Stunden gegeben: Prinz Friedrich 42 bis heute, 285 im Ganzen, (später eingefügt:) bis 8.3. 288.“
Am 8.3.1845: „Besuch des Erbgroßherzogs, der mich höchst freundlich behandelt und mich auffordert, ihm bisweilen zu schreiben.“
12. März: „Mittags mit Gmelin, Umbreit und Ullmann bei den Prinzen gespeist. Abends beide
Prinzen (ohne die Begleiter) und Umbreits bei uns, Thee und Abendessen, nur 7 Personen, bis 2
1/2 Uhr. Sehr heiter und traulich.“
Am 27. trifft das Kabinettsschreiben des Großherzogs ein, mit dem Rau „in erfreulicher
Bezeugung der Zufriedenheit“ die Ernennung zum Geheimrat 3. Klasse eröffnet wird. Das ist
etwas peinlich, weil die 6 Heidelberger Geheimräte alle 2. Klasse sind. Rau fühlt sich „den
Genannten nachgesetzt“ und kann sich das nicht erklären, zumal die Prinzen sich „höchst dankbar und gütig benommen“ hätten.
141
a.a.O. S. 94
Seite 113
Er setzt den Kurator Dahmen in Kenntnis, schreibt auch Regenauer darüber. Wenige Tage später
wird das in Raus Sinne korrigiert.142
Ebenfalls am 27. März: „Mittags nahm der Erbgroßherzog gerührt und mit dem Ausdruck entschiedener Achtung und Anhänglichkeit von mir Abschied. Abends reisten beide Prinzen ab."
Prinz Friedrich schreibt dazu: „Wir verließen Heidelberg am 27. März 1845 und trennten uns mit
wahrem Schmerz von dieser uns lieb gewordenen Stätte und den vielen dort gewonnenen
Freunden.“143
Für die Prinzen ist damit eine Zeit beendet, die der spätere Großherzog stets als seine schönsten und glücklichsten Jahre bezeichnet. Diese Studienzeit, die hier für die Prinzen beschrieben
wurde, gestaltete sich aber nicht nur für solch prominente Studenten in dieser Weise. Das gesellige Leben mit den Kränzchen und den „Thees“ bei den Professoren gab es nicht nur für Prinzen,
sondern war allgemein üblich. In Raus Aufzeichnungen finden sich viele derartige Veranstaltungen, mit Datum und Namen der beteiligten Studenten. Die Prinzen wurden einfach in das
übliche Universitätsleben mit einbezogen.
Die ernsthaften Studien, unterbrochen von fröhlicher Geselligkeit, in einer noch unbelasteten
Jugendsituation, haben den Prinzen offenbar für ihr späteres Leben viel mitgegeben.
142
143
Rau 113, März 1845
a.a.O. S. 104
Seite 114
4.
Rau als Prorektor
Nach dem Übergang Heidelbergs und natürlich auch seiner Universität an Baden wurde am
13.5.1803 ein neues Organisationsedikt erlassen, das dem Landesherrn die Würde des „Rector
magnificentissimus“ an der Universität Heidelberg zuschrieb. Die Amtsführung selbst oblag dem
Prorektor, der die „Direktion der Anstalt zu leiten und zu beleben hatte“.144
Die Fakultäten waren im neuen Edikt zwar belassen worden, aber es erfolgte vorübergehend eine
Einteilung in Sektionen, die für die Senatsbesetzung Bedeutung hatten. In Heidelberg bildeten
schließlich sämtliche ordentliche Professoren den Großen Senat. Neben diesem stand der engere Senat, dem der Prorektor, der Exprorektor, die Dekane der vier Fakultäten (theologische, juristische, medizinische und philosophische) und zwei vom Großen Senat gewählte Mitglieder angehörten. Der Prorektor wurde vom Großen Senat gewählt.
Gemäß Erlaß vom 10.1.1807 erhielt die Universität einen Kurator, der als ein dem Landesherrn
und Rektor unmittelbar unterstellter Referent zu fungieren hatte. Dieses Amt erhielt eine weitaus
größere Bedeutung, als sich der Deutsche Bund in die Universitätsrechte der Bundesstaaten einzumischen begann. Im Rahmen der Karlsbader Beschlüsse wurde am 20.9.1819 ein Universitätsgesetz erlassen, das bei jeder Universität einen außerordentlichen landesherrlichen Bevollmächtigten zur politischen Überwachung vorschrieb. Es enthielt Bestimmungen über die Entfernung
politisch unliebsamer Lehrer von den Lehrstühlen und über die Pflicht zum Vorgehen gegen
Studenten und Korporationen bei politischem Verdacht. Das Land Baden mußte mithin die
Einrichtung des Kurators neu beleben. Die neu ernannten Kuratoren, die als landesherrliche
Kommissare fungierten, wurden mit erweiterten Vollmachten ausgestattet.
Am 5.7.1832 wurden von der Bundesversammlung zehn Artikel zur Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe in Deutschland erlassen, in denen insbesondere die Universitäten zur
strikten Befolgung der Universitätsgesetze von 1819 aufgefordert wurden. Dennoch blieb der
Geist der badischen Universitäten Heidelberg und Freiburg bis in das vierte Jahrzehnt des
Jahrhunderts liberal. Im vierten Jahrzehnt erwarben sich die beiden Universitäten den Ruf,
„Brutstätten der Demagogie“ zu sein. Das Land Preußen verhängte von 1833 bis 1839 für seine
Staatsangehörigen ein Studierverbot an diesen badischen Universitäten.
Karl Heinrich Rau leitete die Universität als Prorektor zweimal, 1831/32 und 1847/48; beide
Amtszeiten fielen in politisch recht brisante Zeiten.
144
Karl Stiefel: Baden 1648-1952. Karlsruhe 1977, S. 2036
Seite 115
4.1.
das prorektorat 1831/32
Im Januar 1831 erfolgt die Wahl durch das Professorenkollegium. Die Stimmenzahl für Rau ist
relativ gering, weil einige Kollegen vergessen, den Zettel abzugeben und der Kurator die nachgelieferten nicht annimmt. Dennoch wird am 12. Februar die Wahl bestätigt, die mit großer Stimmenzahl auf Rau gefallen sei.145
Am 3. April, dem 3. Ostertag, übernimmt er feierlich das Amt von seinem Vorgänger Gmelin. Von
seinen Kollegen sind anwesend: Abegg, Daub, Schwarz, Umbreit, Thibaut, Roßhirt, Nägele,
Chelius, Muncke und Bähr.
Seine Antrittsrede ist überliefert. Mit dem Dank an seine Vorgänger und an seine Kollegen, die
ihn gewählt haben, reiht er sich hinter 580 Rektoren und Prorektoren ein, die die Universitätsangelegenheiten in 445 Jahren bis dahin geleitet haben. Er mahnt die Kollegen zur Geschlossenheit: „... daß Jeder des Ruhmes, den auch andere genossen, sich erinnern, daß wir
nach außen einen dicht geschlossenen Phalanx bilden, eingedenk wie jede Lücke, durch welche
die Geringschätzung gegen Einzelne hereinbrechen kann, auch die Festigkeit des Ganzen gefährdet. Ich verweile nicht bei einer Schwierigkeit, welche so alt ist als die Universitäten selbst, ich
meine die brausenden Leidenschaften der uns anvertrauten Jugend. Es gilt nun, sie zu zügeln,
sie mit freier Liebe zur Wissenschaft zu entflammen, sie vom gemeinen und Unsittlichen abzulenken, ohne doch in eisernem Zwange die werdende Kraft der Freiheit zu lähmen. Dies wird
immer eine anstrengende Aufgabe bleiben. Es haben sich aber manche Verhältnisse allmälig so
entwickelt, daß sie unsere ganze Besonnenheit und Vorsicht in Anspruch nehmen.“
Zur Stellung der Universitäten weist er darauf hin, daß sie Staatsanstalten geworden seien und
keineswegs mehr „die einzigen Sitze wissenschaftlicher Bildung wie in jenen fernen Tagen, von
denen die gothischen Formen dieser Scepter zeugen. Frei regt sich in allen Ständen der Drang
nach Aufhellung der Begriffe, und über die engen Formen hinaus schweift der Flug der Gedanken
in ungemessene Weiten.“ Er beschreibt einen Gegensatz zwischen den Neuerern, die „die
Zerstörung alles dessen verfechten, was ihnen als Zunftgeist erscheint“, und denen, die „eingedenk, was Deutschland seinen Universitäten verdankt, ängstlich bemüht sind, diese in ihrer alterthümlichen Gestaltung zu bewahren.“
145
vgl. Rau 25, Prorectorat 1831/32, wie auch die weiteren Zitate in diesem Kapitel
Seite 116
Die Universität dürfe sich nicht abschotten von den Entwicklungen der Zeit, dürfe nicht „jener
Alten im Bilde unseres Dichters (gemeint ist Uhland, das Märchen) gleichen, die bei düsterem
Lampenschimmer emsig in ihrer Kammer spinnt, während draußen im Morgenroth Alles freudig
sich bewegt.“ Doch weist er darauf hin, daß es nicht leicht sei, das rechte Maß zwischen
Tradition und Fortschritt zu finden, doch „der frische geistige Hauch, der in unserem Thale weht,
beruhigt mich darüber, daß jener Conflict auch ferner wie bisher glücklich werde ausgeglichen
werden.“
Offenbar mit Blick auf die Entwicklung in Frankreich nach der Julirevolution von 1830, von der er
nichts Gutes erwartet, schließt er seine Ausführungen: „Ob die Wolken, die noch drohend am
europäischen Himmel stehen, sich zerstreuen oder über uns entladen werden, das birgt noch ein
dichter Vorhang. An uns ist es, in guten und bösen Stunden fest aneinander zu halten, das Gute
mit Mäßigung zu genießen, gegen das Widrige zu kämpfen und das Unabwendbare männlich zu
ertragen.“
Das Jahr von Raus Prorektorat ist geprägt von Kämpfen um Geld, gegen die Bürokratie und mit
den Studenten, letzteres nicht nur im disziplinarischen Bereich, sondern auch im politischen.
Zum Bereich „Geld“ kann Rau in seiner Abschlußrede vom 24. April 1832 zunächst Erfreuliches
vermelden: In seiner Amtszeit ist es geglückt, der Universität die „Salem’schen Incunabeln“
(wertvolle frühe Erstdrucke vor 1500 aus der ehemaligen Klosterbibliothek Salem) zurückzuholen; weiterhin hat es in Sachen der Pensionen für Professoren eine Klarstellung dahingehend
gegeben, daß die Professoren Staatsdiener sind und entsprechend behandelt werden müssen.
Was die finanzielle Ausstattung seitens des Staates betrifft, hat Rau Betrübliches zu konstatieren: „Die Geldbewilligungen der 2. Kammer fielen bekanntlich nicht so aus, wie wir gewünscht
hatten. Manches Bedürfnis mußte unbefriedigt bleiben und der Aufwand streng in der bisherigen
Gränze erhalten werden. Werden hiedurch manche wichtige Verbesserungen hinausgeschoben,
neue Anstellungen und Gehaltsvermehrungen untersagt, so müssen wir uns damit trösten, daß in
allen Zweigen des Staatsdienstes, mit wenigen Ausnahmen, gleiche Sparsamkeit eingeführt worden ist, um die Last der Abgaben zu vermindern.“
Dies klingt sehr aktuell, es könnte auch von einem Universitätsrektor unserer Tage stammen.
Der Kampf mit der Bürokratie ist wesentlich verursacht durch den im Vorjahr eingetretenen Tod
des Universitätssyndikus, der offenbar für große Teile der Verwaltung zuständig war.
Seite 117
Rau führt dazu aus: „Die Geschäfte des Prorectors erhielten einen Zuwachs, indem ihm die
Entwerfung der Berichte allein zufiel, die nicht Disciplinarsachen betreffen. Es giebt eine Vorstellung von der Menge der Geschäfte, wenn ich erzähle, daß ich 415 schriftliche Eingaben eingetragen. Die eingekommenen Schreiben betrugen mehr als 400, die Expeditionen über 250,
und dazu kam, daß die Registratur in einem chaotischen Zustand lag, der das Aufsuchen jedes
Actenstückes zu einer herculischen Aufgabe machte, nachdem das Alles ergänzende Gedächtniß
des Syndicus nicht mehr zu Hülfe kam.“
Dies klingt nach einer recht problematischen Situation der Verwaltung. Allerdings gelingt es Rau,
hier Abhilfe zu schaffen. Es meldet sich bei ihm Student Muth, der „im Ordnen der Registratur
den Anfang zum Versuche machen“ soll. Er hat Erfolg und wird eingestellt, zunächst auf Zeit.
Rau dazu in seiner Rede „Zum Glücke fand sich ein höchst wackerer und braver tüchtiger junger
Mann, durch den nun schon der größte Theil unseres Actenvorrathes in die schönste Ordnung
gekommen ist und dessen Thätigkeit wir fortdauernd unseren Secretariatsgeschäften zugewendet zu sehen alle Hoffnung haben. Ich freue mich der Erleichterung, die meine Nachfolger zu
genießen haben werden und die ich ihnen wenigstens vorzubereiten Gelegenheit hatte.“
Bei weitem schwieriger war das Verhältnis zu dem Kurator namens Fröhlich, der der Universität
als Folge der Karlsbader Beschlüsse zugeordnet war und der als politischer Aufpasser der Landesregierung fungierte. Offenbar regierte er in die geringsten Kleinigkeiten hinein, jedenfalls
fehlt er auf fast keiner Seite von Raus Tagebuch.
Zusätzlich hat Rau auch die Briefe aufbewahrt, die er im Laufe seiner Amtszeit vom Kurator
erhielt. Als Beispiel soll hier aus einem Brief vom 26. Juli 1831 zitiert werden:
„Wie verhält es sich damit, daß eine große Zahl Heidelberger Studenten (in 40 Wagen) beschlossen haben sollen, in Speier oder Dürkheim die Pariser Julitage zu celebriren? Der Regierungspräsident v. Stichaner in Speier hat durch Estafette die Anzeige davon hieher gemacht. War das
Project nicht zu hintertreiben – oder wenigstens eine förmliche Verabredung – am Ende ein gemeinschaftliches solennes Ausfahren – nicht zu verbieten, und wie kommt es, daß wir dieses
von Speier aus erfahren mußten, während es doch in seiner Entstehung und nach der voraus
nothwendigen Verabredungen in Heidelberg nicht unbekannt bleiben konnte? Und was haben
deutsche Studenten mit den französischen Julitagen zu schaffen?“
Raus Antwort ist nicht überliefert. In seinem Tagebuch ist nur vermerkt, daß er mit einigen
Senioren der Verbindungen gesprochen hat und den Oberpedellen Maier nach Dürkheim
geschickt hat. Von Stichaner erhält er Dank und die Mitteilung, es sei alles gut abgegangen.
Seite 118
Kurz vor dem Ende der Amtszeit von Rau, am 11. März 1832, platzt dann die Bombe:
„Nachricht von der Suspension des Curators wegen Veruntreuung anvertrauter Gelder!“ Das
Ausrufungszeichen, bei Rau sonst fast nie verwendet, illustriert die Unvorstellbarkeit eines solchen Sachverhaltes. Am 14. März fällt ein Mehrheitsbeschluß des Senats, Rau solle bei
Nebenius146 anfragen, wie man sich zu verhalten hätte. Das Fehlen des Kurators führt zunächst
zu einem Stillstand in den Geschäften. Das Ministerium bittet um direkte Übersendung der
Berichte.
Kurator Fröhlich bemüht sich um Fürsprache der Professoren, die dazu führen soll, daß ihm das
Kuratorium bleibt. Er bietet an, das Geld zurückzuzahlen, findet aber wenig Gegenliebe.
Anfang April trifft dann Nebenius ein, die Curatelgeschäfte werden neu verteilt. Der Senat und
der Prorektor werden damit betraut, der Prorektor muß auch alle Zeugnisse unterschreiben. Aus
der eingesparten Besoldung, die früher Fröhlich erhielt, kann nun wenigstens der ordnende Muth
eingestellt und bezahlt werden. Obwohl die meisten Professoren, vor allem der Prorektor, nun
mehr Arbeit haben, ist offenbar keiner über die Einsparung des Kuratoramtes traurig. In Raus
Abschiedsrede hört sich das so an:
„Die betrübenden Umstände, unter denen die Universitäts-Curatel, vermuthlich für immer aufgehört, will ich unberührt lassen, wünschte ich der ewigen Vergessenheit übergeben zu können
und nur darauf deuten, daß diese Änderung in Bezug auf die selbständige Stellung des Senates
und den leichteren Verkehr mit dem Ministerium, von dem doch alle erheblichen Beschlüsse
gefaßt werden mußten, bedeutende Vortheile zu gewähren verspricht. Wir werden uns noch freier
bewegen können.“
Der eigentliche und auch aufreibend zu nennende Kampf findet allerdings mit den Studenten
statt, mit deren ständigen Kämpfen untereinander sowie mit den Pedellen und mit Bürgern. Zum
Zwecke der Aufrechterhaltung der studentischen Disziplin gibt es ein System von Pedellen, die
sich in Oberpedellen und Unterpedellen unterteilen. Unter den letzteren finden sich noch speziell „Nachtdiensttuende“. Ober-und Unterpedelle sind untereinander nicht einig, es gibt Beschwerden übereinander, wie z. B. „bittere Klagen“ des Unterpedells 146 Carl Friedrich
Nebenius, 1784-1857, damals Staatsrat im Innenministerium unter Winter, später Minister.
Krastel, die Oberpedellen ließen sich beleidigen, zeigten nicht alle Exzesse an und
drückten die Unterpedellen.
Seite 119
An studentischen Corps gibt es: Saxo-Borussen, Schwaben, Schweizer, Alemannen, Westphalen,
Hanseaten, Rheinländer. Über die Burschenschaftler vermerkt Rau, sie hätten sich im Winter
dreimal untereinander geschlagen, seien aber sehr gesittet und still. Hauptstreitpunkt sind die
Duelle, die zwar verboten sind, aber von den Studenten dennoch ständig abgehalten werden.
Manche Professoren sind sogar dazu bereit, sie zu dulden; Oberpedell Maier hat von Professor
Thibaut Weisung erhalten, „nicht so viele Duelle abzufassen“.
Verstöße gegen die Ordnung gibt es auch in anderen Bereichen: Der Torwächter am Schießtor
beschwert sich, die Studenten kämen so spät in der Nacht, einzeln, vor allem die Preußen, er
stehe sich nicht gut bei seinen Anordnungen, was heißen soll, er könne sich nicht durchsetzen.
In den Wirtshäusern würden Studenten vor den Pedellen versteckt, und die Pedellen seien „nicht
recht in Achtung“.
Gleich zu Beginn von Raus Amtszeit gibt es seinen gravierenden Vorfall, der das ganze Amtsjahr
überschattet: Ein Student kommt bei einem Duell ums Leben. Die Chronologie findet sich im
Tagebuch:
„13. April 1831:
Senatssitzung wegen eines neuen Excesses gegen Unterpedell Krastel am Abend des 11. Student
Sprengel soll 8 Tage Carcer haben, wenn er sich nicht durch Ehrenwort reinigt, den Unterpedellen vor die Brust gestoßen zu haben. –
Nachmittags wird gemeldet, daß dieser Sprengel (Rostock) und von Othegraven (Wesel) sich gehauen haben, morgens 8 Uhr. Othegraven erhielt einen Hieb in den linken Schenkel, art. Cruralis,
Vene und Nerv durchschnitten, großer Blutverlust.
Secundanten:
v. Klopmann, aus Livland, nicht mehr Student, v. Herzele,
ebenfalls nicht Student.
Zeugen:
Freudenthal, Griesenbeck.
Unparteiischer: Lange.
Beide Schläger sind im Corps der Westphalen.
Der Degen des Verwundeten wird vom Gegner, der groß und stark, einwärts geschlagen und fährt
ins eigene Bein desselben.“
Alle Beteiligten landen im Karzer. Am Morgen des 15. befindet Chelius, der Chirurgieprofessor,
daß der Verwundete nicht zu retten sei. Am Abend um 11 Uhr tritt der Tod ein. Am 17. April wird
Othegraven begraben, „ohne Schläger und Säbel“.
Bereits am 15. wird Rau gemeldet, daß die Befreiung der verhafteten Duellteilnehmer durch
Studenten beabsichtigt sei. Dies geschieht nicht. Aber nach dem Begräbnis erscheint ein Student, der angibt, es sei allgemeiner Wunsch, daß mit Ausnahme des Duellanten Sprengel alle
anderen freigelassen würden gegen Stadtarrest und Ehrenwort, die Nichtstudenten gegen bare
Seite 120
Kaution. Man habe auch auf den Hinweis von Chelius, der Senat sähe die burschiosen Insignien
nicht gerne, auf diese beim Begräbnis verzichtet. Das Gesuch des Studenten wird abgelehnt,
und er wird ermuntert, für die Abschaffung der Säbel zu sorgen.
Am 24. April erscheint in der Heidelberger „Neckarzeitung“ ein Artikel mit folgendem Wortlaut:147
„Der unglückliche Ausgang eines Duelles, welches einem unserer Studierenden das Leben kostete, hat hier allgemeines Bedauern erregt. Da bei uns seit 15 Jahren kein tödtlicher Hieb gefallen
war, während auf anderen Hochschulen der Dämon des Zweikampfes, besonders in den letzten
Jahren, manches Opfer gefunden hatte, so würde es im besten Falle eine Einseitigkeit des
Urtheils beweisen, wenn man jenes traurige Ereigniß aus localen Verhältnissen erklären wollte;
vielmehr richtet sich der Blick von diesem einzelnen Vorfall unwillkürlich auf die allgemeine
Ursache, auf das herrschende Vorurtheil, gegen welches moralische, religiöse, rechtliche und
polizeiliche Gründe vereiniget streiten und welches hoffentlich der besseren Einsicht allmälig
weichen wird.
Der feste Wille der hiesigen Universitätsbeförderer wird unfehlbar wenigstens den Erfolg haben,
die Zweikämpfe seltener und gefahrloser zu machen. Der Tod des Stud. v. Othegraven, der das
älterliche Herz darum nicht weniger verwunden wird, weil der Gebliebene nicht gerade der einzige Sohn war, erfolgte am dritten Tage nach dem Duell. Die Veranlassung desselben war so weit
entfernt, in Angelegenheiten der Landsmannschaften zu liegen, daß beide Kämpfer zu einem und
demselben Corps gehört haben. Der Gegner hatte, den vorgefallenen Zwist lebhaft bedauernd,
dreimal Versöhnungsvorschläge gemacht, die aber von dem Getödteten aus mißverstandenem
Ehrgefühl beharrlich abgelehnt wurden. Derselben Ursache ist ohne Zweifel die Wahl der Waffen
zuzuschreiben, krummer Säbel, deren Gebrauch nach den Gesetzen der baden’schen Universitäten selbst dann, wenn keine Verwundung statt gefunden hat, ja wenn er nur beabsichtigt war,
criminelles Verfahren, folglich Bestrafung durch das Urtheil des Hofgerichtes nach sich zieht.
Beide Secundanten waren nicht mehr Studenten. Es ist actenmäßig erwiesen, daß Stud. v.
Othegraven sich mit seinem eigenen Säbel verwundete, den ein kraftvoller Hieb des Gegners in
den linken Schenkel des ersteren zurücktrieb. Der Unglückliche wurde ohne burschicoses Gepränge, mit ernster und würdiger Feier, beerdiget. Der Wunsch des Redners, eines hier studierenden Freundes und Landsmannes des Umgekommenen, an dem offenen Grabe, daß dieses
zum letztenmale ein solches Opfer aufnehmen möchte, hat gewiß in den Gemüthern aller
Anwesenden Anklang gefunden. Die bei dem Duelle Betheiligten sind verhaftet und erwarten das
hofgerichtliche Erkenntniß."
147
Rau 25
Seite 121
Vieles spricht dafür, daß Rau selbst der Autor ist, vor allem der Umstand, daß der Text in handschriftlicher Form dem Prorektoratstagebuch auf einem Extrablatt beiliegt. Deutlich tritt der
Wunsch zutage, die Ereignisse sachlich darzustellen und damit eventuellen Gerüchten entgegenzutreten; aber auch zu zeigen, daß die Universität alles in ihren Kräften Stehende tut, das Duellunwesen einzudämmen.
Es scheint um das Duellieren tatsächlich schlimm bestellt gewesen zu sein. Unter dem 22 April
vermerkt Rau: „ 550 Duelle im Winter bis März, 108 mit den Waffen eines Corps.“ Fast täglich
werden durch die Pedelle solche Auseinandersetzungen gemeldet und auch unterbunden. Man
verbietet, im Lokal „Hirschgasse“ die Waffen aufzubewahren. Das Gasthaus wird auch ständig
überwacht. Es finden Gespräche zwischen Abgesandten der Studentenschaft und Rau statt:
„15. Mai: Lange und Kaul (Studenten): Die Corps haben sich verabredet, fürs Erste zu keinem
Säbelduell die Waffen zu geben und sie zu verhindern, die Zuschauer bei Duellen zu verbieten,
um dem Duell den Reitz zu nehmen, überhaupt Duelle seltener zu machen und heimlicher.
Werden belobt.“
Als Rau anordnet, die Waffen aus dem Lokal Hirschgasse zu entfernen, erscheint eine Abordnung
Studenten, die sich darüber beschwert; es würde die Konfiscation der Waffen nach sich ziehen,
wenn sie getragen würden. Rau sagt, das sei gar nicht seine Absicht. Die Studenten argumentieren, es seien doch schon viel weniger Duelle, warum man schärfere Maßregeln ergreife? Rau
sagt ihnen, in zehn Jahren würden sie denken wir er. Duelle seien notwendige Übel, aber nur für
schwere Ehrenkränkungen, nicht um Kindereien. Die Universität müsse die Duelle erschweren,
seien darin in einer Art Krieg mit den Studenten begriffen.
Man erkennt hier das Dilemma: Offenbar werden Duelle, obwohl offiziell verboten, in gewisser
Weise doch toleriert. Auch andere Übergriffe, wie Lärmen, Überschreiten der Sperrstunde und
Prügeleien werden von den Pedellen verfolgt, gleichzeitig gibt es Bemerkungen von Professoren,
die Pedelle mögen doch nicht so hart zufassen und die Studenten nicht in ihrer Ehre kränken.
Es kommt zu einem weiteren tödlichen Duell im Steinbruch und zu schweren Verwundungen bei
anderen Duellen. Darüber hinaus verwundet ein Student einen Schiffsburschen durch einen
Stich in den Unterleib, an dem dieser später stirbt. Unter den verwarnten oder durch Consilium
bedrohten Studenten finden sich auch später prominente Namen wie Brentano, Gögg und
Hecker, die in der Revolution von 1848 noch herausragende Bedeutung erlangen.
Seite 122
Schwierig ist auch das Verhältnis der Studentenverbindungen untereinander, die sich gelegentlich bekämpfen. Im Laufe des Jahres gründet sich eine neue Verbindung, die Franconia. Dies ist
eine Burschenschaft, die ohnehin mit Mißtrauen betrachtet wird. Da sie ständig Anstoß erregt,
wird sie schließlich sogar verboten, was an sich ungewöhnlich ist. Rau sagt dazu in seiner Abschiedsrede:
„ Eine politische Partei (unter den Studierenden), die einstweilen eine Umgestaltung des Studentenlebens beabsichtigt, die hier für ihre Absichten keinen bequemen Spielraum fand, befleißigte
sich seit einem Jahre, die hiesigen Angelegenheiten in Zeitungen und Zeitschriften zu besprechen und über uns die schamlosesten Schmähungen auszugießen. Der beharrlich durchgeführte
Grundsatz indeß, Angriffe dieser Art keiner Widerlegung zu würdigen, bewährte sich als der
beste, und in der letzten Zeit scheint entweder die Anstrengungen dieser unberufenen Mitarbeiter an den Zeitungen oder die Geduld der Leser ermüdet zu sein.
Das unglückliche Duell, welches ein Leben kostete, gab den Gegnern unserer Universität eine
neue Waffe in die Hand, es wurde dagegen für uns zum Anlaß und Antrieb, die Mängel unserer
polizeilichen Einrichtungen genauer zu ergründen, den Duellen mit verdoppeltem Eifer entgegenzuwirken und das Polizeipersonal streng zu seiner Pflicht anzuhalten, obschon es uns nicht
gelungen ist, allen Unzulänglichkeiten gänzlich abzuhelfen, mit denen schon meine hochachtenswerthen Vorgänger zu kämpfen hatten. Schon war Nachdruck längst im Gange. Daß übrigens die
Disciplin nicht schlaffer als zuvor gehandhabt worden ist, mag folgendes beweisen: Es sind während meiner Amtsführung 4 Studenten durch Aufkündigung des Bürgerrechts entfernt, 11 zu der
Unterschrift des Cosil. verurtheilt, 10 consilirt worden, wovon 3 ohne unser Zuthun Begnadung
erhielten, endlich wurden zwei relegirt.“
Dies waren die Maßnahmen gegen einzelne Studenten, aber es gab auch eine kollektive Strafe:
eine Verbindung, die Franconia, wurde verboten. Rau sagt dazu:
„Nachdem die Redefreiheit der Ständeversammlung dazu gemißbraucht worden war, uns viel
Böses nachzusagen, welches zum Glück nicht gegründet war, versuchte es jene Partei, unter der
Hülle einer erlaubten Studentenverbindung sich Eingang zu verschaffen; es mußte der auffallende Schritt unternommen werden, diese Verbindung bald nach ihrer Stiftung wieder aufzulösen.
Diese vom Ministerium gebilligte Maaßregel hat hoffentlich gezeigt, daß es dem Senate nicht an
Muthe gebricht, sich einer von ihm für fehlerhaft erkannten Richtung entgegenzustellen, fände
sie auch noch so viele Theilnehmer.“
Seite 123
Hintergrund des Verbots war, daß die Franconia eine Burschenschaft war, die nach den Karlsbader Beschlüssen verboten war. Dies war an ihren Statuten zu erkennen; darüber hinaus aber
gab es Beschwerden über das „rauhe Betragen“ der Franconen durch die anderen Corps. Hier
kommt die Politik herein:
„Wir haben freilich dem Vorwurfe der aristokratischen Gesinnung nicht entgegen können. Unsere
Zeit spielt leichtfertig mit den Parteinamen, der Unbefangene wird nicht verkennen, daß wir weit
entfernt sind, Schmeichler der willkürlichen Gewalt zu sein, er wird uns nicht beschuldigen, für
die wahren Bedürfnisse und Leiden der Völker kein Herz zu haben, er wird uns gesellschaftlichen
Verbesserungen, die in geregeltem Wege erfolgen können, ohne den Regierungen die nöthige
Achtung und Kraft zu entziehen, die in der That nicht ausbleiben dürfen, lebhaft zugeneigt, und
nur flachen Übertreibungen einer an sich guten Sache entgegen finden.“
Wie schwierig der Balanceakt des Prorektors zwischen gewollter Liberalität und dienstlich gebotener Strenge ist, zeigt folgender Vorfall:
Unter dem 28. März steht als Punkt einer Senatssitzung:
„ Man sagt in der Stadt allgemein, daß auf dem letzten Museumsballe D. Johannsen dem König
von Preußen ein Pereat („nieder mit“) ausgebracht habe und D. Zöpfl (ein Professor) daran Theil
genommen. Der Senat beschließt, den Stadtdirector zu bitten, die Sache zu untersuchen –
zugleich vorläufige Anzeige an das Ministerium zu machen.“
Später kommt heraus, daß Professor Zöpfl sich gerühmt habe, das Pereat ausgebracht zu haben.
Anfang April bittet das preußische Justizministerium, 9 benannten Studenten (Franconen), die
„nach der Tribüne an dem Preßfreiheitsvereine Theil genommen“, bekannt zu geben, daß
„1.
2.
Ihre Stipendien aufhören,
das Auscultatorexamen keinem ohne specielle Erlaubniß des Justizministers zu
gestatten sei.“
Dies bedeutet, daß der Staat Preußen bestens orientiert ist, was seine Untertanen während ihres
Studiums treiben und daß diese Studenten mit einschneidenden Disziplinarmaßnahmen zu rechnen haben. Ein Jahr später wird das Königreich Preußen seinen Studenten sogar verbieten, an
den offenbar zu liberalen badischen Universitäten Heidelberg und Freiburg zu studieren.
Seite 124
Allerdings erreicht Heidelberg unter Raus Prorektorat die höchste Studentenzahl, 1.018 Studenten waren eingeschrieben, und es war „das einträglichste Prorektorat von allen“, wie Rau in
seinem „Hausbuch“ vermerkt.
Die Inscription von Studenten gehörte zu den Aufgaben des Prorektors. Rau hat die Regeln dafür
in seinem Tagebuch aufgeschrieben:
a.
Zeugniß
.
Inländer
aa.
von Freiburg: bl. Sittenzeugnis.
bb.
von anderen Universitäten oder neu:
Ministerialerlaub zum Studiren oder Zustimmung der Ältern zum
einstweil. Verzicht auf d .[en] St[aats] Dienst, darüber dann ein
Protokoll.
. Ausländer: Sittenzeugniß über den letzten Aufenthalt.
b. Revers wegen der Verbindungen
c. Eintrag in die Matrikel
d. Handschlag und Übergabe der Gesetze.
In dem unter b.) genannten Revers 148 verpflichtet sich der angehende Student nicht nur, „die
gesammten akademischen Gesetze nach seinen besten Kräften zu beobachten“, sondern versichert auf Ehrenwort,
1.
„daß ich kein Mitglied einer geheimen Ordens- oder landsmannschaftlichen Verbindung
sey, oder doch, falls ich bisher oder ehemals ein solches gewesen seyn sollte, von
diesem Augenblicke an davon ausscheiden, und während meines Aufenthaltes auf der
hiesigen Universität weiter nicht die mindeste Verbindung mit derselben unterhalten
wolle, und
2. daß ich während dieses Aufenthaltes in eine solche geheime Ordens- oder landsmannschaftliche Verbindung, was dieselbe auch immer für einen Namen führen
möge, auf keine Weise und unter keinem Vorwande eintreten, sondern die darüber
gegebenen Gesetze aufs unverbrüchlichste beobachten werde.
Beides auf mein Ehrenwort.
Zugleich verpflichte ich mich, daß, wenn der akademische Senat mich für dringend verdächtig
erklären sollte, daß ich diesem meinem Ehrenworte zuwider in einer solchen geheimen Verbindung stehe, ich auf die mir deshalb geschehene Weisung, ohne einen vollständigen Beweis
des mir zum Verdacht gelegten Vergehens zu verlangen, die hiesige Universität mit dem Ende
148
Rau 24
Seite 125
des Semesters freiwillig verlassen wolle; wobei es sich jedoch von selbst versteht, daß diese
meine Entfernung in keiner Hinsicht als eine gegen mich verhängte Strafe betrachtet werden
dürfe. Zu Beglaubigung alles dieses habe ich gegenwärtigen Revers eigenhändig unterschrieben.
Heidelberg, den ...“
Dieser Revers ist eindeutig eine Frucht der Karlsbader Beschlüsse, die nach dem Wartburgfest
von 1817 und der Ermordung des Dichters und russischen Gesandten August von Kotzebue durch
den Studenten Karl Ludwig Sand im März 1819 die organisierte Studentenschaft für sehr gefährlich ansahen. Die Sache geht sogar so weit, daß der Student sich verpflichtet, nur auf Verdacht,
ohne Beweis, auf Anordnung des Senats die Universität zu verlassen. Das läßt auch die zunächst
harmlos klingende Forderung nach einem „Sittenzeugnis“ für ausländische Studenten in einem
anderen Licht erscheinen; das Sittenzeugnis betraf wohl nicht nur den allgemeinen Lebenswandel des Studenten, sondern auch eventuelle Auffälligkeiten bezüglich verbotener Verbindungen.
Daß die Befürchtungen der Staatsorgane nicht ganz unbegründet waren, zeigt ein Text, der dem
Prorektoratstagebuch als Anlage beigegeben ist:
„Alle Anatomen sind der Meinung, daß die Brust eines meineidigen Fürsten sich gar nicht durchbohren läßt. Die Brustknochen, die Rippen, die Muskeln desselben sind ebenso beschaffen, wie
die anderer Menschen.“
„Wenn man jegliches Rechtsverhältniß aufhebt, so muß man sich auf die Gewalt gefaßt machen.
Es ist leider möglich, daß die Masse des deutschen Volkes diese Gewalt nicht ausüben wird.
Darauf aber kann man sich verlassen, daß es Tausende von deutschen Männern giebt, welche,
entschieden in ihrer Gesinnung, zu jeglicher That entschlossen sind, welche eine Schmach der
Art mit Blut abwaschen werden.“
„Wir müssen unsere Rechte behaupten. Wir wollen und werden sie behaupten. Wir werden jedes
zweckdienliche Mittel zur Behauptung derselben für erlaubt halten, wennman unsere wohlerworbenen Rechte mit Füßen tritt. – Vorwärts!“
Der Wächter vom Rhein.“
Rau hat hinzugefügt: „Dieser Aufsatz war von Stud. Kähler aus Itzehoe, der darüber in Untersuchung kam und zum Zuchthause verurtheilt wurde.“ Auch hier wird deutlich, wie schwierig die
Balance zwischen Liberalität und Dienstpflichten sich gestaltete.
Seite 126
Der jeweilige Prorektor hatte noch eine besondere Aufgabe zu erfüllen: Am 22. November eines
jeden Jahres, dem Geburtstag des verstorbenen Großherzog Karl Friedrich, des Wieder-Gründers
der Universität, wurde das Stiftungsfest gefeiert, anläßlich dessen der Prorektor eine Rede zu
halten hatte und an besonders erfolgreiche Studenten Preise vergeben wurden.
Raus Rede trägt den Titel: „De vi naturae in rem publicam“ (Über des Einfluß der Natur auf den
Staat) und wird in lateinischer Sprache gehalten. Die Rede ist in deutscher Sprache erhalten und
umfaßt in transkribierter Form dreißig Seiten, woraus man schließen kann, daß sie recht lange
gedauert haben wird.
Im Anschluß daran wird im „König von Portugal“ festlich zu Mittag gegessen; Teilnehmer sind die
Honoratioren von Stadt und Universität sowie die Preisträger. Rau hat auch die ausgebrachten
Toaste notiert:
„1. Wir verweilen zuerst in stiller Feier bei dem Andenken des unvergeßlichen Großherzogs
Karl Friedrich, dessen Geist noch über seinem Lande schwebt. Unser theuerster
Großherzog Leopold, der mit einer sich selbst vergessenden Hingebung nur im Wohle
seines Landes lebt und dem wir in deutscher Treue und innigster Liebe ergeben sind p.
2. das schöne Vorbild häuslicher Tugenden, die großherzogliche Familie.
3. Unser freundliches Heidelberg, seine biederen Bürger und die würdigen Stadtvorstände,
die wir mit Freude in unserer Mitte begrüßen!
Nun brachte der Stadtdirector die Gesundheit der Universität.
4. Meine Herren! Es gilt den gekrönten Helden dieses Tages! Mögen Sie noch neue
Kränze des Ruhmes sich erringen und möge es unserer Hochschule nie an so tüchtigen
und aufstrebenden Zöglingen fehlen!
Folgte meine Gesundheit vom Bürgermeister.“
Zu Silvester hat der Prorektor wieder einen offiziellen Auftritt. Offenbar gilt die Silvester- bzw.
Neujahrsnacht als ein kritischer Termin, an dem sich eventuelle Unzufriedenheit der Studentenschaft entlädt, auch Rivalitäten ausgetragen werden. Speziell geht es um die Auseinandersetzung zwischen den alten Corps und der Franconia, deren Statuten offenbar burschenschaftliche Sätze enthalten. Dazu kommt, daß die Franconia die Hälfte aller Stimmen der Studenten
verlangt. Einige würden bereits die Farben der Burschenschaft tragen. Dazu ist anzumerken, daß
es zwar keine verfaßte Studentenschaft mit festgelegten Rechten gab, aber es gab an badischen
Universitäten Vereinigungen in Korporationen, die von der Universität zuzulassen waren und
wenn auch nicht rechtlich, so doch tatsächlich zur Organisation der Universität gehörten, was
Seite 127
beispielsweise an der Beteiligung an Feiern abzulesen war149. Hier also strebte die Franconia eine
bedeutende Erweiterung ihres Einflusses an.
Im Senat kann man sich noch nicht zu einer Aktion durchringen. Einerseits wird zu einem kräftigen Einschreiten noch vor der Neujahrsnacht geraten, andererseits wird Rau signalisiert, die
Corps wünschen noch keine Einmischung, weil sie nicht als Ankläger der Franken erscheinen
wollen. Rau setzt sich schließlich mit dem Vorschlag durch, Erkundigungen bei einigen vertrauten Senioren einzuziehen.
Er bestellt Vertreter der Corps ein und ermahnt sie zur Ruhe. Sie versprechen alles, beklagen
sich aber über die Franken, die sich roh betragen würden und Händel suchten Die Franken
bestreiten dies. Es brodelt also. Rau nimmt Rücksprache mit dem Stadtdirektor, der Bürgermilitär
ohne Uniform in mehreren Häusern für den Notfall versammeln will.
Rau schreibt über den Silvesterabend:
„Zug kommt 5 Minuten nach 12 Uhr in Stille vor das Haus. Vivatruf und Schießen. Meine Antwort
vom Altan an, bei vollkommener Stille: Es ist mir wahrhaft erfreulich, meine Herren, Sie in diesem Augenblick um mich zu sehen, und ich sage Ihnen herzlichen Dank für Ihre freundliche
Neujahrsbegrüßung, die ich übrigens nicht ganz allein auf mich selbst beziehen darf. Ich sehe in
ihr ein Zeichen, daß Sie sich in unserer Mitte, bei unseren Gesetzen und Einrichtungen, einheimisch fühlen, daß Sie das Verfahren der akademischen Behörden als gerecht und zweckmäßig
anerkennen. Dagegen gereicht es mir zum Vergnügen, der Geradheit, dem Vertrauen, dem vortrefflichen Sinn für Ordnung und Sitte, womit Sie meinen Bemühungen jederzeit entgegengekommen sind, öffentlich das beste Zeugniß geben zu können. Indem Sie fortfahren, in männlicher,
tüchtiger und ehrenhafter Gesinnung nach höherer Bildung zu streben, werden Sie sich am
besten den Fortgenuß der akademischen Freiheit sichern, die Sie mit Recht als Ihr Palladium
ansehen, die aber, wie jede Freiheit, nur dem gedeihlich ist, der sich zu beherrschen weiß. Ich
wünsche Ihnen ein heiteres, unserer Universität ein ruhiges und glückliches Jahr.“
Es ist also noch einmal gut gegangen.
149
Vgl. Karl Stiefel: Baden 1648-1952, Karlsruhe 2001, Bd. 2, S. 2040
Seite 128
Die Franconia wird am 9. Januar verboten, nachdem das Ehrenwort verweigert wurde, keine
Burschenschaft zu sein. In seiner Abschiedsrede sagt Rau dazu:
„Übrigens dienten die Vorwürfe der burschenschaftlichen Partei wenigstens dazu, daß wir die
erlaubten Studentenverbindungen um so eindringlicher und mit besserem Erfolg zur Abschaffung
von Mißbräuchen anfeuern konnten.“
Das Jahr geht nun mit „normalen“ Exzessen weiter, Duelle, Auffälligkeiten wegen Betrunkenheit,
Karzerstrafen wegen Beleidigungen u. ä.
Am 24. April, dem dritten Ostertag, übergibt Rau seine Amtsgeschäfte an seinen Kollegen und
Freund Umbreit. Er verabschiedet sich von den Kollegen mit Dank:
„In dem mühevollen Drange von Geschäften hat mir ein günstiger Umstand eine Erleichterung
dargeboten, dessen Werth ich aus früheren Erfahrungen in seiner ganzen Größe zu schätzen
gelernt habe, ich meine die mir unvergeßliche, nicht genug zu rühmende Güte und collegialische
Freundlichkeit der Herren Senatoren, die in 47 Sitzungen sich stets gleich geblieben ist. So leicht
ein leisest-verletzendes Wort ist, in schwierigen und langwierigen Berathungen, im Angesicht
dieses Bildes gesprochen worden, es galt immer nur das Rechte, nicht das Rechthaben, und ich
fand in allen Fällen eine Nachsicht, wie ich kaum hoffen durfte. Ich werde die Dankbarkeit für
diesen wohlwollenden Beistand so lange im Herzen tragen, als ich nur mich der Ereignisse dieses Jahres zu erinnern vermag.“
Raus erstes Prorektorat ist beendet.
Seite 129
Rau um 1830
Seite 130
4.2. das prorektorat 1847/48
Über das Prorektorat von 1847/48 gibt es kein ausführliches Tagebuch wie über das vorangegangene von 1831/32. Aus den von Rau überlieferten Dokumenten, der Einführungsrede, der
Prorektoratsrede vom 22. November 1847 und einigen Briefen von Kurator Dahmen läßt sich
aber das Jahr einigermaßen nachvollziehen.
Am 18. Januar 1847 fand die Wahl des Prorektors statt. Er sollte von der philosophischen
Fakultät kommen, die alle vier Jahre das Amt zu besetzen hatte. Eigentlich wäre Leonhard an der
Reihe gewesen, der aber seinen Freunden erklärte, er werde eine eventuelle Wahl nicht annehmen. Seine Beweggründe, so schreibt Rau, seien nicht bekannt.150 „Vielleicht Unzufriedenheit mit
der Regierung, vielleicht Besorgniß nicht die Mehrzahl der Stimmen zu erhalten, weil die jüngere
Partei ihm abgeneigt ist, zugleich die Vorliebe für seine dramatischen Vorstellungen. Wie man
glaubte, erhielt Reichlin-Meldegg einige Stimmen, nach dem Grundsatz, dass derjenige zu wählen sei, der am längsten nicht oder noch gar nicht in diesem Amte gewesen sei.“151
Es wird also gewählt, und Rau erfährt gleich, dass er die Mehrheit der Stimmen bekommen hat.
Der Kurator empfiehlt „beschleunigte Entscheidung“, und so wird seine Ernennung am 29. im
Staatsministerium beschlossen und ihm vom Kurator am 31. angezeigt.
Am Osterdienstag, 6. April 1847 übernimmt Rau das Amt von seinem Vorgänger Chelius von der
medizinischen Fakultät in Anwesenheit der Kollegen Umbreit, Ullmann, Bernold, Rothe, v.
Vangerow, Zöpfl, Gmelin, Henle, Reichlin-Meldegg, Kortum, Jolly und des Rechnungsrates Muth.
Er hält auch wieder eine Antrittsrede. Er blickt darin auf die sechzehn Jahre zurück, die seit seiner letzten derartigen Rede vergangen sind und benennt zunächst einige Veränderungen:
„Viel hat sich seitdem bei uns verändert. Die Zeit hat in unserem Kreise ihre Macht nicht mit
Schonung geltend gemacht; 5 hervorragende Glieder und Zierden unserer Bürgerschaft, Theile
jenes alten, ehrwürdigen Stammes, die den erneuten Ruhm der Universität gründen halfen,
haben wir zu Grabe geleitet; 3 andere haben sich nach mühevollem Tagewerke in wohlverdiente
Muße zurückgezogen. Dafür haben wir aber auch 7 rüstige, hochachtungswürdige und hochgeachtete Collegen vom Auslande erworben, fast ebenso viele jüngere Lehrer sind in die volle
150
151
Rau 24
Rau 24
Seite 131
Wirksamkeit eingetreten, weiterer Zuwachs von außen ist uns theils schon gesichert, theils zugedacht, eine beträchtliche Zahl sowohl vonangehenden als von mehr oder weniger schon bewährten jüngeren Männern mit frischen Kräften und mannigfaltigen Bestrebungen sucht sich wetteifernd durch Rede und Schrift auszuzeichnen, und so dürfen wir wohl die altehrwürdige
Ruperto-Carolina einer Eiche vergleichen, die mit ungeschränkter Lebenskraft absterbende
Zweige reichlich mit einem Überschusse ersetzt.“
Rau wirft nun einen Blick auf die politische Lage, soweit sie die Universität betrifft:
„Vor 16 Jahren wurden auch wir von den heftigen Schwingungen berührt, welche in Folge der
Julitage von 1830 alles Bestehende in Europa zu erschüttern drohten; die Fluthen, welche damals
stürmisch, gewaltsam in schonungsloser Hast vorwärts drängten, treiben auch die uns übergebene Jugend zu manchem thörichten, ja selbst frevelhaften Beginnen an. Jetzt sind diese Fluthen
in ein geregeltes Bette zurückgetreten, sie drohen nicht mehr die Früchte von Jahrhunderten zu
zerstören. Die Mahnungen zur Mäßigung werden nicht mehr überhört, und wir dürfen der Hoffnung Raum geben, daß die überspannten und unreifen Richtungen immer mehr von dem gesunden Sinne ausgeschieden werden.
Nachdem die Universität eine Periode der Befeindung von Seite einer großen deutschen Macht152
mit stolzer Haltung und ungebeugtem Selbstgefühle überstanden hat, ist der Besuch wieder in
anhaltendem Steigen. Rechne ich hinzu noch die Sorgfalt und Umsicht, mit welcher unsere
Vorgesetzten das Gedeihen der Anstalt zu pflegen bedacht sind, und die vielen unzweideutigen
Zeichen ehrender Anerkennung, die uns das nahe und ferne Ausland giebt, so kann ich nicht
umhin, unseren heutigen Zustand einen erfreulichen und hoffnungsvollen zu nennen.“
Hier irrt Rau in der Einschätzung der Lage. Das Jahr 1847/48 sollte sich als wesentlich problematischer erweisen als 1831/32. Aber im April 1847 zeichnet sich das noch nicht ab.
Ganz sorglos ist Rau dennoch nicht. Er verweist auf seinen Vorgänger Mittermaier, der vor 10
Jahren auf drohende Gefahren aufmerksam gemacht hatte. Er gibt ihm darin Recht, „daß wir keinen ganz ungetrübten Himmel über uns haben, und daß aus jeder aufsteigenden Wolke ein
Gewittersturm sich entwickeln kann. Hierauf könnte uns schon die allgemeine Lehre der Lebensweisheit führen, daß bei dem Unbestande der äußeren Dinge gerade im Glück am meisten zu
fürchten sei.“
152
gemeint ist das Königreich Preußen, das von 1832 bis 1839 seinen Untertanen den Besuch der
badischen Universitäten verboten hatte.
Seite 132
Einige Sorge hat Rau bezüglich der materiellen Ausstattung der Universität, aber das ist wohl
immer so. Er stellt mehr die innere Beschaffenheit der Universität in den Vordergrund:
„Der Zauber, den unsere Gegend auf jeden gefühlvollen Beschauer übt, würde nicht zureichen,
Lernende längere Zeit hier festzuhalten. Die Wohlfahrt der Universität hängt von ihrem Rufe ab,
von ihren Leistungen im Reiche der Wissenschaft, von dem Vertrauen der Väter mehr noch als
von der Zuneigung der Söhne, und von der Achtung, die wir den Regierungen einflößen oder
sogar abzwingen, von dem Erfolge endlich, mit dem wir durch das, was wir für unsere Bestimmung leisten, die Gewebe des Neides und der Mißgunst zu zerreißen bemüht sind. Hiezu trägt
besonders dieses bei, wenn es fester Besitz aller Lehrer bleibt, nicht den schwachen Seiten der
studentischen Jugend zu schmeicheln, sondern sie durch den Ernst hoher Ideen und tiefer
Gedanken geistig und moralisch zu kräftigen.“
Nach einem mahnenden Appell an die innere Geschlossenheit des Professorenkollegiums, an
„die warme Theilnahme eines Jeden an dem Schicksaale der Gesamtheit“ wendet sich Rau den
Bereichen zu, in denen die Universität sich verändern und verbessern sollte.
„Manches aber mag übrig geblieben sein, welches mit behutsamer Schonung des bewährten
Alten verändert werden könnte, und es ist die beste Klugheit, zu Reformen im Geiste des jetzigen Zeitalters selbst die Hand zu bieten, ehe das unhaltbar Gewordene feindseelige Angriffe auf
sich zieht. Ich stehe nicht an, hier als Beispiel den erzwungenen Gebrauch der lateinischen
Sprache zu nennen, den ich von der allerdings unerläßlichen Kenntniß derselben unterscheide
und der bisher die Pflege einer der unentbehrlichen Geschicklichkeiten, der Rede in unserer
Muttersprache, im Wege gestanden hat; ich will es nur als einen des Nachdenkens werthen
Gegenstand bezeichnen, ob die alte Eintheilung der Fächer in 4 Facultäten der heutigen Ausdehnung des gelehrten Gebietes noch völlig entspricht.“
Hier spricht Rau etwas an, das schon lange ein Ärgernis geworden war: Bei allen offiziellen Anlässen mußten die Reden in lateinischer Sprache gehalten werden. Zwar hatte Carl Friedrich in
seinem Organisationsedikt von 1803 verfügt, daß in den Fächern der staatswissenschaftlichen
Sektion, im deutschen Recht, in Geschichte, Erdbeschreibung und schönen Wissenschaften die
Vorlesungen in Deutsch zu halten seien, aber für Dogmatik und Exegese des römischen und
kanonischen Rechtes sowie für Pathologie und Physiologie war Latein vorgeschrieben. In allen
anderen Fächern war die Verwendung der deutschen oder lateinischen Sprache ins Belieben der
Lehrer gestellt.153
153
Vgl. Karl Stiefel: Baden 1648-1952. Karlsruhe 2001, S. 2015
Seite 133
Rau hält zwar die Kenntnis der lateinischen Sprache für unerläßlich, aber wendet sich gegen
jeden Zwang. Er selbst hält seine Prorektoratsrede zum 22. November 1847 jedenfalls erstmalig
in deutsch.
Rau äußert sich sodann über das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden, also Professoren und Studenten. Der Nachdruck zeige die Güte einer Universität, der Nachdruck, mit dem
die Rohheit zurückgewiesen, Mutwille gezügelt und der Anstand gewahrt würde. Nachdruck soll
auch herrschen in „der Gerechtigkeit und Milde gegen leicht verzeihliche Verwirrungen“, ebenso
in dem „Ernste, der Gründlichkeit und Lebendigkeit, die in der Behandlung der Wissenschaften
herrschen.“
Weiterhin spricht Rau eine neue politische Dimension an:
„Endlich kann ich, besonders in einem Zeitalter, in welchem der vaterländische Sinn in den
Deutschen immer mehr erstarkt, die formlose aber innige Verbrüderung der deutschen Universitäten nicht unerwähnt lassen. Sie sind ein wesentliches Glied in dem festen naturwüchsigen
Bande der deutschen Volksstämme, sie sind ein Ganzes, nicht durch alte Reichsgesetze, nicht
durch Satzungen des Bundes zusammengefügt, sondern durch etwas Mächtigeres, durch Sitte,
Herkommen, Gefühl der Nothwendigkeit.“
Rau weist darauf hin, daß die Professoren von einer Universität zur anderen ziehen können, daß
dieser Wechsel sogar erwünscht sei, weil kein Staat sich seine Lehrer selbst heranziehen könne.
Auch die Studenten wanderten hin und her, und auch dies würde im Sinne eines Wettbewerbs
für fruchtbar gehalten. Dieser „Verband“ unter den Universitäten sei „neuerlich benutzt worden,
um den Maaßregeln zur Erhaltung der Zucht und Ordnung mehr Erfolg zu geben“.
Seine Forderungen kleidet Rau in Frageform:
„Sollte man ihn (den Verband) nicht auch dazu benutzen, um in die Einrichtungen noch mehr
Übereinstimmung zu bringen und Gebrechen zu beseitigen, gegen die die eigene Anstalt nicht
wirksam genug handeln kann? Sollten nicht Verabredungen über die Ferien, über die Promotionen, über die Strafen, über die Verbindungen der Studierenden wohlthätig sein? Nur müßten
sie nicht von ängstlichen Staatsmännern, sondern von den Lehrern getroffen werden, die der
Jugend zugethan, die in dem gährenden Moste den künftigen edlen Wein zu erkennen wissen und
nicht geneigt sind, ihn durch steinerne Behälter gegen die freie Luft zu verschließen.“
Hier zeigt sich Rau als ein Mensch, der die Zeichen der Zeit erkannt hat. Die ängstliche Abschottung, die Kleinstaaterei sind seine Sache nicht. Die akademische Freizügigkeit für Lehrende
und Lernende sieht er als wünschenswert an; die Gemeinsamkeit der Universitäten aber nur zur
Disziplinierung der Studenten zu benutzen, wie es der Deutsche Bund betreibt, hält er nicht für
Seite 134
richtig. Neben einer Verwaltungsharmonisierung schlägt er neue Wege im Umgang mit den
Studentenverbindungen vor, die nicht von der Angst der Staatsmänner, sondern vom väterlichen
Wohlwollen akademischer Lehrer bestimmt sind.
Rau merkt man hier den Vater inzwischen erwachsener Kinder an – Otto ist 28 und „Cameralist“,
Ludwig ist 26, Arzt und bereits verheiratet, Adolf ist 24 und Kaufmann, Tochter Mathilde ist 19 –,
und er offenbart sich als Liberaler, der das rechte Maß an Freiheit und Verantwortung im Umgang mit jungen Leuten beurteilen kann. Das Jahr 1847 wird für die Familie Rau zunächst vom
Bau des neuen Hauses in der Friedrichstraße dominiert. Baubeginn ist am 29. Juni, am 6.
September ist Richtfest und am 31. Juli 1848 wird eingezogen.
Die Amtsgeschäfte verlaufen zunächst unspektakulär. Etwas Besonderes ist seine Prorektoratsrede, die wie immer am 22. November, dem Geburtstag des ehemaligen Großherzogs Karl
Friedrich gehalten wird. Rau hält sie, seiner Anregung in der Antrittsrede gemäß, auf deutsch.
Die Rede liegt gedruckt vor154 und hat den Titel
„Über Beschränkung der Freiheit in der Volkswirthschaftspflege“ 155
Es sind 37 Druckseiten, also kaum kürzer als die Rede von 1831. Die Rede hat einen bemerkenswerten Schluß, der den Zeitgeist in wirtschaftlichem Sinne widerspiegelt. Rau wendet sich gegen
Schutzzölle, die jede gesunde Konkurrenz verhindern, sieht aber auch die Möglichkeit ihrer zeitweisen Anwendung, bis Konkurrenzfähigkeit hergestellt ist. Das „Ausland“, das früher schon das
Nachbarfürstentum war, bedeutet jetzt die Anrainer des Deutschen Bundes. Der Deutsche Zollverein, 1834 gegründet, macht sich bemerkbar. „Stärker als je tritt das Verlangen und selbst das
Bedürfniss hervor, die dem deutschen Bunde angehörenden Staaten in volkswirthschaftlicher
Hinsicht immer fester an einander zu ketten, so dass sie zu einem grossen Nahrungswesen verwachsen und dem Auslande gegenüber eine achtunggebende Masse bilden. Gleichwohl sollte
man sich stets klar machen, dass Schutzzölle ein Opfer sind, welches die Gesammtheit der
Bürger für einzelnen Zweige der Hervorbringung tragen muss, und dass es viel besser wäre, wenn
ohne sie der vaterländische Gewerbfleiss erstarken könnte. Nicht die Größe des Opfers darf uns
demselben abgeneigt machen, sondern der Zweifel, ob es wohl angewendet sei.“
Er wirft dann noch einen Blick auf die Entwicklung der Universität im laufenden Jahr. Es gibt
immer noch einen Kurator, der amtierende heißt Dahmen, und ihn lobt Rau als einen „höchst
einsichtsvollen, wohlwollenden, alle geistigen Fortschritte mit gleicher Liebe pflegenden Vertreter“.
154
155
Rede zum Geburts-Feste des höchstseeligen Großherzog Karl Friedrich von Baden. 22. November 1847
Heidelberg. Gedruckt bei Julius Groos, Universitätsbuchhandlung und Buchdruckerei.
Rau 24
Seite 135
Es gibt auch bauliche und institutionelle Neueinrichtungen:
„ Im Laufe des letzten Jahres ist das schöne für die Anatomie und Zoologie bestimmte Gebäude
bis auf den inneren Aufbau vollendet, es ist auch an das Bibliotheksgebäude die letzte Hand
gelegt worden, um dasselbe vollkommen brauchbar einzurichten. Durch einen Beitrag zu der
Besoldung eines vorzüglich kundigen Turnlehrers und zur Anschaffung von Turngeräthen, ferner
durch Abordnung eines Mitgliedes der Universität zu dem hiesigen Turnrathe ist dieser Zweig
körperlicher Ausbildung unter die Lehrgegenstände unserer Hochschule eingereiht worden.“
Dazu ist anzumerken, daß das Turnen schlechthin in der damaligen Zeit nicht nur unter dem
Aspekt körperlicher Ertüchtigung betrachtet wurde, sondern durchaus eine politische Dimension
hatte. Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), Lehrer in Berlin, hatte 1811 in der Hasenheide in Berlin
den ersten Turnplatz eröffnet und war zum Initiator der deutschen Turnerbewegung geworden.
Die Turner gehörten in den Freiheitskriegen gegen Napoleon zu den Freiwilligen, auch Jahn
(„Turnvater Jahn“) kämpfte zeitweilig im Lützow’schen Freicorps. Das Turnen bedeutete für Jahn
ein Mittel der Erziehung zum Gemeinschaftsbewußtsein und zum deutschen Volkstum. Er wirkte
auch bei der Gründung der Burschenschaften mit. Zunächst fand er staatliche Unterstützung,
vor allem in Preußen, wo bereits ein Organisationsplan für die Einrichtung von Turnanstalten erarbeitet wurde.
Nach der Ermordung Kotzebues durch Karl Ludwig Sand (März 1819), der Burschenschafter und
Turner war, geriet das gesamte Turnerwesen wie auch die Burschenschaften in Mißkredit. Jahn
und viele seiner Anhänger wurden als „Demagogen“ verhaftet, Jahn stand von 1825 bis 1840
unter Polizeiaufsicht.
So ganz harmlos waren die Turner offenbar tatsächlich nicht. Rau hat einen Liedtext der
Turner aufbewahrt:
Wir sind eine fröhliche Turnerschaft
Unsere Lust ist das Singen und Springen
In uns lebt eine muthige Liederkraft
Und wir wissen die Speere zu schwingen.
Beim Becher, beim Tanz, und im wilden Streit
Sind wir immer Freuden – und Kampfbereit.
Es schmettern die Lieder dem Morgenroth
Der jungen Freiheit entgegen.
Wir stählen den Arm zu Sieg und Tod
Denn das Heil ist ein blitzender Degen.
Seite 136
Ja kommen muß er doch der Tag
Wo erklingt der lustige Schwerterschlag.
Wir sind nicht die Helden von altem Schrot
Die da haßten den Wälschen und Franzen
Um feig nach dem launischen Machtgebot
Vor frechen Tirannen zu tanzen.
Für die Freiheit nur steigen wir hoch zu Roß
Für die Freiheit werfen wir unser Geschoß.
O Freiheit zaubrischer Völkerklang
Dich preißt man in allen Zungen.
Dir haben wir manchen heißen Sang
In Freud und Trauer gesungen.
Doch viel lieber, als Wort und Sängerei
Ist Dir eine eiserne Melodei.
Drum heraus ihr Turner ins Feld heraus
Ihr seid zum Kampfe geladen.
Der Streit mit Worten ist ab und aus
Wir haben genug berathen.
Jetzt erklinget die eiserne Melodei
Das ist eine lustige Turnerei.
Die Entwicklung des Turnens ging dennoch weiter, und 1842 erließ König Friedrich Wilhelm IV.
eine Kabinettsorder, die das Turnen als „notwendigen und unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung“ bezeichnete und die zum Aufschwung des Turnwesens in Preußen sowohl in
Schulen als auch in Vereinen führte. Die anderen Staaten zogen nach oder waren der preußischen Entwicklung zuvorgekommen.
Im Jahre 1847 wird also nun auch an der Universität Heidelberg das Turnen für politisch unbedenklich eingeschätzt und sogar zum Lehrgegenstand erhoben.
Weiterhin geht Rau auf die Personalsituation der Universität ein. Prof. Nägele hat das 40. Jubiläum seiner Tätigkeit gefeiert und wurde mit dem Eichenlaub zum Comthurkreuz des Zähringer
Löwenordens ausgezeichnet, Prof. Muncke feierte das 50. Jubiläum und wurde Geheimrat, starb
bald darauf. Es gab auch neue Ernennungen, durch welche die Zahl der „wirklich lehrenden
ordentlichen Professoren mit Einschluß eines Prof. honorarius“ auf 31, der außerordentlichen
Seite 137
auf 16, der Privatdozenten auf 26 erhöht wurde, so daß insgesamt 73 Professoren an der
Universität lehren. Rau bedankt sich für Geschenke an die Universitätsbibliothek, hier vor allem
für eine Prachtausgabe der Werke Friedrichs des Großen vom König von Preußen.
Zur Situation der Studenten führt er aus:
„In der Zahl unserer Studierenden hat eine kleine Abnahme stattgefunden, aber diese übersteigt
nicht die Gränzen der Schwankungen, welche bei der Menge der unsere Hörsäle besuchenden
Ausländer in der Natur der Sache liegen, und sie enthält um so weniger etwas Beunruhigendes
in sich, als wir das wissenschaftliche Streben und den sittlichen Geist unter den jugendlichen
Bürgern der Universität im Zunehmen finden und die Hoffnung hegen dürfen, dieselben mit
immer größerem Ernst und grösserer Liebe zu den Diensten sich vorbereiten zu sehen, welche
das Vaterland, die Wissenschaft, die Kirche, die Menschheit von ihnen erwarten. Was Fleiss und
Begeisterung jetzt im Stillen geschafft und gewirkt haben mögen, das wird zwar erst nach
Jahrzehnden völlig kund, wenn die Zöglinge, die wir in der Blüte der Jugend um uns sehen, in voller Manneskraft unter den Bannern des Guten, Wahren und Schönen kämpfen; doch haben wir
auch schon heute einzelne Früchte rühmlicher Anstrengungen aufzuweisen, wie dies der Bericht
über die Erfolge der im vorigen Jahre aufgestellten Preisaufgaben darthun wird.“
Es ist zur Herkunft der nichtbadischen Studenten eine Aufstellung156 überliefert, die hier
eingefügt werden soll:
Entzifferung
des Adreßbuches nach den Heimathländern der
Studierenden
Aus der preußischen Monarchie
156
134
Aus dem Königreich Bayern
81
Aus der Schweiz
48
Aus den 3 Hessischen Staaten
39
Aus Nassau
33
Aus der Stadt Frankfurt a. M.
33
Aus Königreich, Großherzogthum und den Herzogthümern Sachsen
31
Aus beiden Mecklenburg
27
Aus Dänemark und den Herzogthümern
26
Rau 24
Seite 138
Aus den Königreich Hannover
21
Aus dem Großherzogthum Oldenburg
17
Aus der Stadt Hamburg
16
Aus dem Königreich Würtemberg
13
Aus den Fürstenthümer Lippe
6
Aus der Stadt Bremen
5
Aus den Donaufürstenthümern
5
Aus dem Herzogthum Braunschweig
4
Aus dem Großherzogthum Luxemburg
4
Aus England
4
Aus Griechenland und Ionischen Inseln
4
Aus Frankreich
3
Aus Holland
3
Aus Österreich
3
Aus Amerika 1 aus St. Thomas, 1 aus Puertorico
2
Aus Hohenzollern Sigmaringen
2
Aus dem Herzogthum Anhalt
1
Aus dem Fürstenthum Reuß
1
Aus dem Fürstenthum Waldeck
1
Aus Holländisch Ostindien Java
1
568
Insgesamt ist Raus Rede von Zufriedenheit mit der Situation der Universität getragen,
was mindestens für den 22. November 1847 zutrifft.
Im Februar beginnen die Geschehnisse, die Rau in seinen Aufzeichnungen als „Umwälzungen“
bezeichnet. Ihre Schilderung soll im besonderen Abschnitt „Revolution 1848/49 Platz finden.
Seite 139
Abschließend soll noch ein Verzeichnis157 der während des Prorektorats Rau über Studenten verhängten Strafen hier Eingang finden:
„Verzeichniß
der unter dem Prorectorat des Geheimen Raths Dr. Rau
von Ostern 1847 bis dahin 1848 im academischen Senat
gegen Academiker erkannte Strafurtheile.
Name:
Otto von Carow.
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi
Vergehen: Nöthigung der ihnen vorgesetzten obrigkeitlichen Behörden zu einer
Amtshandlung vermittelst drohenden Auftretens.
Name:
Theodor Käswurm.
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi
Vergehen: Unanständiges Benehmen gegen eine englische Dame.
Name:
Rob. von Hagemeister.
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi
Vergehen: Beleidigung der Gendarmerie und Polizei.
Name:
Erich von Schilden
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi
Vergehen: Beleidigung der Gendarmerie.
Name:
Constantin Schuchart
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi
Vergehen: Wiedersetzlichkeit gegen die öffentliche Gewalt.
Name:
L. Graf zu Reventlow
Strafe:
Consilium abeundi
Vergehen: Thätliche Beleidigung des Studierenden Hutton.
157
Rau 24
Seite 140
Name:
Moritz Kußmaul
Hermann Poll
Strafe:
Consilium abeundi
Vergehen: Wiedersetzlichkeit und Beleidigung der Gendarmerie.
Name:
Wilh. v. Kardorff
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi
Vergehen: Wiedersetzlichkeit
Name:
Eduard Roß
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi
Vergehen: Beleidigung der Gendarmerie.
Name:
Theodor Käswurm
Strafe:
Consilium abeundi
Vergehen: Beschädigung fremden Eigenthums.
Name:
Julius Lautz
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi und 14 Tage Carcerarrest
Vergehen: Thätliche Beleidigung des Oberpedellen Kappelmann.
Name:
Karl von Könneritz
Strafe:
Unterschrift des consilii abeundi
Vergehen: Wiedersetzlichkeit
Name:
Gustav v. Deutsch
Strafe:
Aufkündigung des acad. Bürgerrechts
Vergehen: Ungebührliches Benehmen vor Amt
Name:
Alexander Wolf
Gustav Schlöffel
Strafe:
Aufkündigung des acad. Bürgerrechts
Vergehen: Theilnahme an politischen Umtrieben.“
Es fällt auf, daß die Androhung des „Consilium abeundi“ die häufigste Strafe ist. Nur in einem
Fall führt sie tatsächlich zur Entfernung von der Universität, nämlich als ein erneutes Vergehen
vorliegt, in den anderen Fällen bleibt es bei der Drohung. Die „Vergehen“ sind überwiegend im
Disziplinarischen angesiedelt, nur zwei Studenten werden wegen „politischer Umtriebe“ bestraft.
Das zweite Prorektorat Raus endet am Osterdienstag 1848.
Seite 141
5.
Vertreter der Universität Heidelberg
in der 1. Kammer des Badischen Landtages
5.1. die badische verfassung von 1818
Die badische Verfassung vom 22.8.1818 stammt aus der Feder von Carl Friedrich Nebenius
(1784-1857) und geht im wesentlichen auf die französische Charte Constitionelle von 1814 und
die polnische Konstitution zurück, die Napoleon dem Großherzogtum Warschau 1807 gegeben
hatte. Diese Verfassung war zugleich auch die formale Erfüllung der in der Deutschen
Bundesakte von 1815 übernommenen Verpflichtung, eine „landständische Verfassung stattfinden“ zu lassen. 158 Wie auch die bayerische Verfassung vom 26.5.1818 war die badische vom
Landesfürsten aus eigener Machtvollkommenheit oktroyiert und galt mit wenigen Änderungen
bis 1918.
Die Verfassung war nach dem monarchischen Prinzip aufgebaut und war entworfen für einen
absoluten, wenn auch im aufgeklärtem Geist regierenden Herrscher, der sich aber durch das
Mitwirkungsrecht der Landstände Beschränkungen auferlegt. Das Gedankengut der Verfassung
entsprach dem in neue staatsrechtliche Formen gegossenen Gedankengut Carl Friedrichs, der
schon1808 eine Verfassung angestrebt hatte, und war insofern kein Bruch mit der Vergangenheit.
Die Verfassung Badens sah ein Zweikammersystem vor. Anders als in den anderen süddeutschen
Staaten Bayern und Württemberg, wo die 1.Kammer eine reine Feudalkammer für Prinzen,
Vertreter der ehemals reichsständischen Familien und die hohe Geistlichkeit war, ging Nebenius
für Baden andere Wege. In der 1. Kammer erhielt zwar der Adel, neben ihm aber auch die
Universitäten, die Kirchen und in gewissem Umfang auch das Volk seine Vertretung, so daß sie
nicht eigentlich ein Oberhaus, sondern eher eine Art Vertretung der Stände des Landes war. Der
Großherzog hatte das Recht, acht Mitglieder der Kammer selbst zu benennen. Insgesamt hatte
sie etwa 30 Mitglieder.
Die Schaffung der 1. Kammer kam nicht nur verfassungstheoretischen und ideologischen, sondern vor allem auch praktischen und politischen Erwägungen entgegen. Die standesherrlichen
und die grundherrlichen ritterschaftlich-adligen Familien hatten den Status eingebüßt, den sie
158
Vgl. Karl Stiefel: Baden 1648-1952, Karlsruhe 2001, S. 237 ff. (Die Zitate der folgenden Seiten
beziehen sich auf Stiefel)
Seite 142
vor 1806 gehabt hatten. Ihre Häupter waren von herrschaftsausübenden Souveränen zu herrschaftsunterworfenen Staatsbürgern geworden. Sie fühlten sich entrechtet und hatten sich in
eine stille Opposition zurückgezogen. Es galt nun, sie in hervorgehobener Weise zu politischer
Mitarbeit in öffentlichen Organen heranzuziehen. Dies sollte in der 1. Kammer geschehen, wo
sie als Minderheit eine Möglichkeit dazu haben sollten. Durch die Schaffung einer 1. Kammer
sollte auch der Regent vor einer „revolutionären Überflutung“ durch nur eine Volkskammer
geschützt werden, auch war die erste Kammer durchaus als Stütze des Regenten gedacht. Die 1.
Kammer war zugleich als politisches Hemmungs– und Gleichgewichtsmittel gedacht, sie sollte
einerseits den Thron vor den Ansprüchen der „Masse“ und andererseits die Masse vor der „Anmaßung des Despoten“ schützen.
Die 1. Kammer hat sich nie nur als Interessen- und Standesvertretung gefühlt, vielmehr als ein in
Gesetzgebungs– und Etatverantwortung eingeschaltetes verantwortliches Staatsorgan. Nicht
zuletzt dank seiner politischen Mitverantwortung hat sich der badische Hochadel relativ rasch in
die badische Staatsbürgerschaft hineingefunden.
Allerdings gilt es als besonders glücklicher Umstand, daß der fortschrittlich denkende Markgraf
Wilhelm von Baden (1792-1859), ernannt am 18. 4.1819, rund 40 Jahre erster Präsident der
Kammer war, assistiert vom ebenfalls fortschrittlich eingestellten Fürsten Karl Egon von
Fürstenberg (1796-1854) als Vizepräsidenten, der sein Amt auch 33 Jahre lang ausübte.
Die 2. Kammer, von Friedrich Karl Landolin Freiherr von Blittersdorf (1792-1861) gelegentlich
verächtlich „plebejische Kammer“ genannt, war eine reine Volksvertretung. Für das aktive
Wahlrecht zur 2. Kammer genügte die an den Wohnsitz gebundene Eigenschaft als Bürger, lediglich für das passive Wahlrecht sah die Verfassung den Zensus vor. Durch diese 2. Kammer, die
sich in der flaggengeschmückten Residenz am 22. 4. 1819 unter Glockengeläute und Geschützdonner konstituiert hatte, war Baden bereits im 2. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts im Besitz einer
ziemlich echten Volksvertretung und damit einer Einrichtung, die für die Entwicklung des Konstitutionalismus und des Parlamentarismus in Deutschland von überragender Bedeutung werden
sollte. Beide Kammern erwarben sich schon früh große Achtung. Friedrich List schreibt 1819:
„Mit Ehrfurcht und Begeisterung blickt das tief gebeugte Deutschland auf die Stände Badens
hin, die ihre Arbeit mit so rein patriotischem Sinne für Fürst und Vaterland begonnen haben.“
Die zweite Kammer war sich ihrer politischen Bedeutung für die konstitutionelle Hegemonie im
gesamtdeutschen Raum von Anfang an bewußt. Viele Motionen (Initiativen) von Abgeordneten
galten gesamtdeutschen Belangen. Die Kammer fühlte sich für die Entwicklung des Verfassungslebens im gesamten Deutschland mitverantwortlich und sah auch in Verfassungskonflikten
Seite 143
außerhalb Badens eine „allgemein teutsche Sache“.
Das Ansehen der Kammer war außerordentlich groß, so daß Johann Adam von Itzstein 1846
sagen konnte: „ Der einstimmige Ausspruch einer Kammer wie der badischen ist kein unbedeutender Teil der öffentlichen Meinung.“
Schon Rotteck hatte 1831 als Vizepräsident der Kammer im Zusammenhang mit einer Motion
gesagt, sie „gehe an die Abteilungen des deutschen Volkes“ und „Berichterstatter wird die freie
Presse sein und das große Parlament der öffentlichen Meinung wird darüber zu Gericht sitzen.“
Die „allgemein teutsche Sache“ war Herzenssache der Kammer, das deutsche Einheitsstreben
fand hier beredten Ausdruck. 1831 befaßte sie sich mit der Idee von Welcker zu einer „Deutschen Nationalrepräsentation“, mit der „organischen Vervollständigung der Entwicklung des
teutschen Bundes zur Verwirklichung der teutschen Nationaleinheit und teutschen staatsbürgerlichen Freiheit“.
1847 nahm sie die Motion von Bassermann auf „Volksvertretung beim Bundestag“ an. Dem Geist
Metternichs hatte sie von Anfang an den Kampf angesagt. Mitte des Jahrhunderts konnte der
Historiker Häusser, rückblickend auf Jahrzehnte der Tätigkeit der badischen Landstände, über
deren Arbeit sagen: „Alle großen Lebensfragen der Nation fanden im badischen Landtag eine
Zufluchtsstätte der Erörterung.“ Der Revolutionär Sigel, der in der badischen Revolution eine
bedeutende Rolle spielte und später als amerikanischer General in den Freiheitskämpfen (amerikanischer Bürgerkrieg) beteiligt war, schrieb später über die 2. Kammer Badens: „ Die Kammer
Badens gewährt einen erquickenden Anblick, wenn man sie mit dem lächerlichen Unfug der
anderen deutschen Kammern vergleicht.“
Tatsächlich war der badische Landtag schlechthin die Volkskammer in Deutschland und die politische Plattform, von der aus nicht nur zum badischen, sondern darüber hinaus zum deutschen
Volk gesprochen wurde.
Die 1. und 2. Kammer waren nur Abteilungen der Landstände, die zusammen einzuberufen und
außer Tätigkeit zu setzen waren. Die Einladung hatte folgenden Wortlaut:
„Wir haben beschlossen, Unsere getreuen Stände auf... um Uns zu versammeln und laden daher
sämtliche Abgeordnete zu beiden Kammern ein sich an gedachtem Tage dahier einzufinden.“
Wenn auch die Stände ein unabhängiges Staatsorgan mit gesetzlich festgelegten Zuständigkeiten
waren, so war es doch der Monarch, der sie zusammenrief, vertagte oder auflöste. Gebunden
war der Landesfürst nur durch die Bestimmung, daß der Landtag alle zwei Jahre zur Feststellung
Seite 144
des Finanzgesetzes tagen mußte. Zur gültigen Willenserklärung der Stände war eine übereinstimmende Äußerung der beiden Kammern nötig, wenn auch deren Beschlußfassung getrennt erfolgte.
Die Präsidenten der Kammern unterzeichneten die „ehrerbietigsten Adressen“ an den
Landesfürsten jeweils: „Im Namen der untertänigsten treu gehorsamsten 1. bzw. 2. Kammer der
Ständeversammlung.“
Als die Landstände das erstemal am 22.4.1819 zusammentraten, tagten sie im Karlsruher
Schloß. Als es wegen der Ablehnung des Militäretats zu Zerwürfnissen mit der Krone gekommen
war, tagte dort nur noch die 1. Kammer, die zweite wich in ein Gebäude am Rondellplatz aus.
1820 entschloß man sich zu einem Neubau. Bei der Grundsteinlegung am 16.10.1820 hielt
Johann Peter Hebe als Mitglied der 1. Kammer die Festansprache.
Bezogen wurde das Ständehaus am 4.11.1822. Es war das erste Parlamentsgebäude, das auf
deutschem Boden errichtet wurde. Gebaut wurde nach den von Militärbaumeister Friedrich
Arnold abgeänderten Weinbrennerschen Plänen. Hier also beginnt Rau 1833 eine für ihn völlig
neue Tätigkeit.
Seite 145
5 .2.
rau in der 1. kammer des landtages
In seinem Hausbuch finden sich über den ersten Landtag von 1833 nur wenige Sätze. „Im Januar
wurde ich zum Abgeordneten der Universität gewählt mit 13 Stimmen. Zachariä hatte ungeachtet
aller Machinationen nur 9.“
Es hat sich offenbar um eine echte Kampfabstimmung zwischen seinem Kollegen Zachariä und
ihm gehandelt, bei der der Kollege offenbar allerhand unternommen hatte, um seinen Konkurrenten Rau aus dem Rennen zu werfen. Man könnte vermuten, dass es sich um den Gegensatz
zwischen dem als konservativ-monarchistisch bekannten Zachariä und dem liberalen Rau handelt. Nachweisen lässt sich das nicht.
Am 17. Mai reiste er nach Karlsruhe ab, am 14. November kehrte er zurück. Zwischendurch war
er sechsmal in Heidelberg, den Monat Juli brachte seine Frau Amalie bei ihm in Karlsruhe zu.
Über seine neuen Bekanntschaften notiert er im Hausbuch:
„Freundschaftliche Verbindung mit Nebenius fortgesetzt, mit Falkenstein, v. Neveu und anderen
angeknüpft; Gunst und Vertrauen des Markgrafen Wilhelm.“ Seine Tätigkeiten beschreibt er in
kurzen Worten:
„Ich bearbeitete die Berichte über die Staatseinnahmen, über Eisenbahnen, Zollwesen;
Theilnahme an der Zehnt- , Forst- , Wildschadens- Commission; Präsident der Budgets-Commission. In einer der letzten Sitzungen wurde ich in den Ständischen Ausschuß gewählt“. „Vom
18.-30. December in Karlsruhe bei dem Ausschuß.“
Offenbar hat seine Arbeit Anerkennung gefunden, denn am 1. Januar 1834 erhält er das „Cabinetsschreiben“ des Großherzogs, mit welchem ihm das Großkreuz des Zähringer Löwenordens
zugesandt wird.
Wesentlich ausführlicher und lebendiger äußert er sich in Briefen an seine Frau Amalie159.
Einige seien auszugsweise hier wiedergegeben:
159
Alle Briefzitate aus Rau 90
Seite 146
„Karlsruhe, 18. Mai 1833
Theuerste Amalie!
Ich werde wohl keiner Entschuldigung bedürfen, weil ich Dir früher schreibe, als ich versprochen
hatte. Gerne benutze ich das behagliche, kühle und ruhige Stündchen, um Dir zu erzählen, wie
es einem Abgeordneten bei seinem Eintritte in die neue Umgebung ergeht; denn in der Hauptsache haben wir alle einerlei Anfangsschicksaale.
Unsere Reise war kurz und gut. In Rohrbach erwartete mich der vorausgegangene Mördes, auch
der zweite Wagen mit Mittermaier und Speierer. (Dr. iur. Mördes, Abgeordneter der 2. Kammer
für die Ämter Buchen und Osterburken; Prof. Dr. iur. Mittermaier, Abgeordneter für die Stadt
Bruchsal, Präsident der 2. Kammer; Speyerer, Bürgermeister in Heidelberg, Abgeordneter der 2.
Kammer für die Ämter Wiesloch und Neckargemünd, Anm. d. V.) Der Morgen war herrlich. In
Langenbrücken trank ich Milch, die Hitze plagte uns nicht stark, weil wir das Verdeck beibehielten, und nach 12 Uhr rollten wir durch das Thor. Mördes übernahm das Geschäft des
Reisestallmeisters zu meiner Bequemlichkeit, er wird alle Ausgaben der Reise berechnen, die
uns von der Casse der ersten Kammer vergütet werden.
Meine Hausleute sind höchst gefällig und aufmerksam. Ich habe ein hübsches großes Zimmer, in
dem man gut auf und abgehen kann, auch ist es recht hübsch möblirt und vor Mittag kühl; dann
aber scheint freilich die Sonne desto unbarmherziger auf die Läden. Das Schlafzimmer ist sehr
klein und wird nur durch eine Thüre von dem Wohnzimmer getrennt, indeß höre ich nichts durch.
Ein dienendes Subject macht mir Stiefel und Kleider rein und thut Ausgänge, für 2 fl. monatlich.
Der Hausherr ist sehr bieder und freundlich, ein ältlicher, stiller Mann, aus Glarus gebürtig, hier
in der katholischen Kirchensection angestellt. Die Frau v. H. sieht ihrer Schwester kaum ähnlich,
hat ein feines und gefälliges Betragen und ist so gütig, mir heute Mittag Suppe, Rindfleisch,
Pfannkuchen und dürre Zwetschgen zu kochen. Du wirst fragen, wie ich gestern Mittag es angefangen habe, meine strenge Diät fortzusetzen. Die Sache konnte schwierig erscheinen, weil ich
die Hausfrau anfangs gar nicht traf, sondern nur ihren Mann und die, soviel ich sehen konnte,
eben nicht häßlicher gewordene Frl. Nelly. Gleichwohl habe ich die Aufgabe mit bewundernswerther Einfachheit gelößt, indem ich blos einen in der Tasche vorgefundenen Weck von
Weingarten aß und dann um 4 Uhr im Erbprinzen mir an Zunge, Reh- und Kalbsbraten gütlich
that.
In der gestrigen Brütwärme bin ich über 3 Stunden auf dem, zum Glücke vortrefflichen Pflaster
herum gestiegen, um meistens Fehlbesuche zu machen. Ich traf nur Reizenstein, der in meinem
Beisein 3 biedere bürgerliche Deputirte vom Oberlande aufs Kraftvollste bearbeitete, so daß sie
die besten Vorsätze äußerten, – ferner Böckh, und den Kriegsminister von Schäfer, einen höchst
Seite 147
freundlichen, würdigen Mann, der mir an der Sprache anhörte, daß ich kein Pfälzer sei, und, als
ich meinen Geburtsort nannte, aus seinen Kriegserfahrungen davon erzählte, wie er bei Möhrendorf und Baiersdorf (so sprach er) gegen die Franzosen gefochten habe.
Abends gieng ich zum zweitenmale zu Nebenius, mit Mittermaier; wir fanden ihn unwohl, übel
aussehend, auch soll er verstimmt sein wegen einer Zurücksetzung, die ich noch nicht recht
weiß.
Bei Böckh (bad. Minister in verschiedenen Ressorts) war eben der Regierungsdirector Rettig von
Constanz, der den berüchtigten Bericht gegen Heidelberg geschrieben hat. Als ihm mein Name
genannt wurde, machte er unwillkürlich eine verlegene Miene des bösen Gewissens. Herr von
Böckh schien auch nicht viel aus ihm zu machen, wie er denn überhaupt im Bewußtsein seiner
Überlegenheit immer ironisch sich über die zweite Kammer aufhält.
Die Straßen sind voll schwarzgekleideter Deputirter, die einander begrüßen, und jeder neue
College wird freundlich willkommen geheißen. Wie anders ist es doch in Karlsruhe als in Heidelberg! Die große Staatsmaschiene, die hier ihre Haupt-Räder und Federn hat, ist überall sichtbar,
eilende Canzleidiener mit Acten und Briefen, Canzleiverwandte, die von den Bureaux kommen,
Räthe, die zu den Sitzungen gehen, Pensionirte, die sich sonnen. –
Unter den Deputirten, mit denen ich zusammentraf, war auch der große Welker, der in seinem
wehmüthig-freundlichen Blicke recht als Schwärmer erschien.
Heute morgen um halb 8 Uhr gieng ich zum Markgrafen Wilhelm, bei dem mich Herr von
Ellrichshausen einführte (der bekannte Director des landwirthschaftlichen Vereins, der die verunglückten Vorlesungen über die Landwirthschaft hielt). Der Markgraf ist ein schöner, würdig
aussehender Mann, der mich in Bezug auf Thibauts Vorwort recht gütig aufnahm, auch versprach, mir beim Abschütteln des Secretariats beizustehen. Er sagte, er habe in Ansehung meiner Wahl schon mit den meisten gesprochen. Es wird wohl keinen Anstand haben.
Um 10 Uhr versammelte man sich in den Nebenzimmern beim Saale. Neveu, den ich auf der
Straße fand, führte mich ein, auch zeigte sich sogleich mein ehemaliger Schüler von Andlau, der
mir einmal einen Käse aus dem Münsterthale geschenkt hatte, und der eminent gutmüthig ist,
mit sehr mäßigen Geistesanlagen.
Man hat unter den adeligen Herrschaften eben nicht Ursache, schüchtern zu sein, vielmehr drohen mir schwere Arbeiten, namentlich kommt das wichtige Zehntablösungsgesetz zuerst an
unsere Kammer und es ist leicht möglich, daß ich der Berichterstatter werde, wie einige meinen;
das wäre eine Arbeit von, der Himmel weiß wieviel Bogen, aber rein kameralistisch, die ich nicht
ungern übernehmen würde.
Seite 148
Die Sitzung war ganz kurz. Unter andern wurde die Deputation durchs Loos gezogen, die übermorgen bei der Eröffnung der Sitzungen den Grosherzog an der Thür empfängt und bis an den
Thron geleitet. Ich zog Nr. 3, aber es war ein Versehen gemacht worden, wir mußten nochmals
loosen und ich zog Nr. 2, das Schicksaal hat sich also fest in den Kopf gesetzt, mich zu diesem,
sonst höchst unbedeutenden Ceremonialdienst zu bestimmen. Montag um 9 Uhr ist Gottesdienst, um 11 Uhr Eröffnung der Sitzungen, um 1 Uhr große Cour bei Hofe. [...]
Die Fürsten sind auf dem Landtage nicht erschienen, auch der Erzbischof nicht. Der Herr mit
dem goldenen Kreutze kommt mir oberflächlich und hohl vor; übrigens ist er recht artig.Ich sitze
ganz am Rande der zweiten Reihe von Bänken, neben dem Artillerieoberst v. Lassolaye. [...]“
Rau schreibt noch in einem Anhang: „Wenn ich fortfahren wollte, in solcher Länge und Breite
von meinem hiesigen Leben zu erzählen, so würde ich viel Papier verderben. Die ernsteren
Geschäfte und Verhältnisse werden nachkommen und die Berichte kürzer werden.“
Das wird sich bestätigen, aber wegen der ursprünglichen Art der Schilderung sollten die ersten
Briefe nahezu ungekürzt hier aufgenommen werden.
„Karlsruhe, Montag Abend 20. Mai 1833
Meine theuerste Amalie!
Mit einem Frohgefühle wie der Soldat, der von der Schildwacht in glühender Hitze in sein kühles
Quartier heimkehrt, habe ich so eben den Degen abgelegt und mich in die neuen Pantoffeln
gesteckt. Um die Behaglichkeit recht zu genießen, will ich mich mit Dir unterhalten, und, da ich
ohnehin den Kopf voll von den Erscheinungen dieses beschwerlichen Tages habe, Dir erzählen,
wie es zugegangen ist. Das Programm über die Feierlichkeit und die Thronrede wird die
Karlsruher Zeitung liefern. Es war ein schöner heller Tag. Kurz vor 9 gieng ich ins Schloß. Lakaien, Thürsteher mit dem Stock, der einen großen silbernen Knopf hat, und Heiducken in
Husarentracht, alle roth, standen am Portal; sogleich wurde ich in ein Vorzimmer gewiesen, 2
Lakaien öffneten die Flügelthüren zum Stockholmer Saale und hier empfiengen 2 Kammerherren,
die nach und nach ankamen, die Mitglieder der 1. Kammer. Der eine war der junge Berckheim,
der andere Ministerialrath von Reck, den ich ebenfalls kenne, und der als dienstthuender
Ceremonienmeister einen schwarzen Stock vor sich trug. Gegen 9 Uhr führte man uns aus dem
Portal, über den Schloßplatz, in die Schloßkirche, wo unten in der Mitte beide Kammern einander gegenüber saßen, wie in Schlachtordnung, um sich wenigstens zum Kampfe zu betrachten.
In der 1. Kammer war Alles im höchsten Staate, mit Orden, Bändern, Kammerherren- und
Malteser-Uniformen; nur unser 3 waren einfach schwarz, Prof. Zell und der Vorstand der Kirchensection, Geh. Rath von Berg, mit dem ich gieng (der Onkel unseres Oldenburger Berg).
Hofprediger Martini hielt die Predigt, die zwar besser hätte sein können, aber doch nicht übel
Seite 149
war. Der Hof war oben in seiner Loge.
Um 10 1/2 waren wir wieder im Schloß. Die Wagen fuhren vor, und ich nahm gerne den Sitz im
Wagen des H. v. Rüdt (Geheimrat, Abgeordneter des grundherrlichen Adels in der 1. Kammer)
an, um unerhitzt im Ständehause anzukommen. Durch die Straßen war fortlaufend ein Spalier
von den Truppen gebildet, denen man, da sie selbst ihre Tornister an hatten, die Hitze deutlich
ansah.
Im Ständehause giengen wir ins Local der 1. Kammer, wo sich außer uns auch die Minister,
Staatsräthe (Nebenius nicht, weil er nicht im Staatsministerium ist), ferner Kammerjunker, und
eine Menge Leute versammelten. Auch der alte Reizenstein war zugegen. Unter den dienstthuenden Kammerjunkern fand ich wieder 2 gute Bekannte, Marschall und Stockhorn.
Etwas nach 11 Uhr donnerten die Kanonen, ein Zeichen, daß der Grosherzog im Schlosse aufbrach. Nun wurden wir von den Ceremonienmeistern in den Saal der 2. Kammer geführt, wo wir
in dem mittleren Raume vor den Stufen Sessel fanden. Bald setzten sich die Deputationen beider Kammern in Bewegung, wir stellten uns am Portale auf, und bald, unter dem Läuten aller
Glocken, dem Donner des Geschützes und dem God save the King der Militärmusik, nachdem
ein Zug der schönen hellblauen Dragoner vorübergeritten war, ritt der Grosherzog herein. Er war
in blauer Generalsuniform, blauen Pantalons, dem gelben Ordensband des Fidelitas Ordens. Der
Markgraf Wilhelm und der Fürst von Fürstenberg bewillkommneten ihn und wir zogen nun vor
ihm her in das obere Zimmer, wo wir einen Kreis bildeten. Nachdem er mit jedem ein Wort
gesprochen, zogen wir wieder vor ihm her in den Ständesaal, wo er sich auf den Thron begab.
Die Feierlichkeit ist in der That imponirend. Links die Minister, rechts eine Menge von Officieren,
oben die Grosherzogin mit ihren Kindern und den Hofdamen. Die Thronrede wird hoffentlich im
Lande einen guten Eindruck machen. Nachdem wir, einer nach dem anderen, vereidet waren,
geleiteten wir den Grosherzog wieder bis zum Pferde und zogen sodann mit der ganzen 1.
Kammer wieder in unser Local. Das war der 2. Act, nach dem man 1 1/2 Stunden zu Hause ausruhen konnte.
Um 1 Uhr gieng es wieder ins Schloß. Hier sammelte sich im mittleren Marmorsaale, am Balcon,
die 2. Kammer, wir, sammt den Ministern p. daneben im blauen Zimmer, im letzten die fremden
Gesandten. Als nun die Thüren geöffnet wurden, trat das grosherzogliche Paar heraus und jeder
der im Kreise stehenden wurde angeredet. Die Grosherzogin, die mich in der That mehr interessirte als ihr Gemahl, den ich schon öfter gesehen hatte, trug ein grünseidenes Kleid, vorne an
zwei Stellen aufgeschlitzt, bloßen Hals, ein gesticktes Chemischen und eine sehr große, barettartige Toque von buntem Seidenzeuge auf dem Kopf. Es ist zu bewundern, mit welcher Leichtigkeit sie jedem etwas zu sagen weiß, und man wird selten solche Anmuth des Betragens finden.
Seite 150
Auch der Grosherzog löste seine mühsame Aufgabe mit Würde. Nun mußten wir in dem heißen
Zimmer so lange stehen, bis auch die Deputirten nebenan begrüßt waren. Nach 2 Uhr kam das
Paar wieder zurück, sogleich aber begann der Zug in den ungeheuren Speisesaal, wo ein
Hufeisen gedeckt war. Es mochten 150 Gedecke sein, und etwa 60 rothe Lakaien und grüne
Fouriere warteten auf. Ich setzte mich zu Nebenius, rechts neben mich kam zufällig ein alter
Erlanger Jugendbekannter, der Cabinetsrath Klüber. Daß man auf Silber speißte, ungeheuer vielerlei, das ist leicht zu errathen; zugleich aber ist man wegen der Größe der Tafel völlig ungenirt,
wie in einem Wirthshause, nur daß das Geräusch der Bedienten unbequem ist. Die Tafel war
schön verziert mit allerlei Aufsätzen. Wie schade, daß ich von den herrlichen Weinen nichts
genossen habe, als ein paar Tropfen Champagner in Wasser! Wie würde Z. gezecht haben!160
Der Grosherzog stand auf und trank aufs Wohl der beiden Kammern, dann der Markgraf Wilhelm
aufs Wohl des Grosherzogs, mit lauten Hochrufen aller Anwesenden, dann der Alterspräsident
der 2. Kammer auf die Grosherzogin. Es mochte halb 4 Uhr sein, als die hohen Herrschaften wieder in die vorgen Zimmer giengen und die Gäste hinterher. Nun wurde Kaffee gereicht, es bildeten sich Gruppen, wo man nach Behagen plauderte, höchst ungezwungen, auch mischte sich das
grosherzogliche Paar wieder unter uns. Die Grosherzogin fragte nicht nur nach Thibaut (und das
thut hier Jedermann), sondern auch nach Umbreit, und als ich das Nöthige erwiederte, sprach
sie sehr gütig von ihm und trug mir auf, ihn zu grüßen, wenn ich ihm schriebe; dieß soll sogleich
für ihn gelten. Selbst Rotteck und Welker wurden angesprochen. Ich bemerkte leicht aus den
Äußerungen und Mienen der Grosherzogin, wie ängstlich sie einen guten Ausgang des Landtages
wünscht. Um 5 Uhr zog sich der Hof zurück und nun giengen wir unserer Wege. Was man an
Hitze in dem knappen Anzuge, in den heißen Zimmern, zu leiden hatte, magst Du Dir denken.
[...]
In treuster Liebe
Dein KHR.“
Diese Schilderungen des frisch gebackenen Parlamentsmitgliedes geben unerwartete Einblicke
in das parlamentarische Leben seiner Zeit. Offenbar ist er voller Spannung, was da jetzt passiert
und wie er mit den Leuten zurechtkommen wird. Die vielen prominenten Namen machen ihm
sichtlich Eindruck, auch der festliche Beginn der Sitzungsperiode.
160
Vermutlich ist hier sein unterlegener Mitbewerber Zachariä gemeint.
Seite 151
An einer weiteren Stelle sagt er dazu:
„Übrigens finde ich, daß man mit den Leuten ganz gut auskommt, wenn man recht herzhaft, als
wären es alte Bekannte, mit ihnen darauf losplaudert und sich um Orden und Sterne nicht kümmert. Geh. Rat von Falkenstein, der 2. Vicepräsident unserer Kammer, ist ein trefflicher Mann.“
Er beginnt also Fuß zu fassen.
Ein wenig merkt man, daß er gewisse Befürchtungen hat wegen des Ablaufes des Landtages.
Von Rotteck und Welcker scheint Bedrohliches auszugehen, er findet es offenbar verwunderlich,
daß die Großherzogin auch mit diesen beiden plaudert, denen ein revolutionärer Ruf voraus geht.
Die Großherzogin wird beschrieben als jemand, der „ängstlich einen guten Ausgang des
Landtages erwartet“. Die vereinigten Hochrufe beim Toast für den Großherzog stimmen aber
wieder zuversichtlich.
Insgesamt geht Rau recht hoffnungsfroh an seine neue Arbeit.
Schon in einem seiner nächsten Briefe bestätigen sich seine unbestimmten Befürchtungen:
„Karlsruhe, 24. Juni 1833
Mein mit der Wäsche abgegangener Brief hat dich ohne Zweifel wegen des Auflösens des
Kammer in eine Besorgniß gesetzt, die Du wohl auch nicht bloß für Dich behalten hast. Ich eile
deßhalb, Dir den Ausgang dieser Krisis zum Guten zu melden. Der Streitpunct war das Verlangen
der Regierung, daß die Verhandlungen über die Zurücknahme des Preßgesetzes in geheimer
Sitzung geschehen sollten, wie auch bei den Mittheilungen der Regierung geschehen war. Sie
durfte und mußte darauf bestehen und hätte im Falle der Verweigerung unfehlbar die Auflösung
ausgesprochen. Heute Morgen hat nun nach langer Debatte die 2. Kammer mit 45 gegen 15
Stimmen (was eine sehr erfreuliche Majorität ist) die Entscheidung gefaßt, daß jene Verhandlungen wirklich geheim sein sollten, nach ihrer Beendigung aber dann öffentlich berathen werden solle, was nun weiter in Ansehung der in Confusion gerathenen Preßgesetzgebung anzufangen sei. Die Regierungscommissaire haben diese Trennung gut geheißen und so ist die Gefahr
für jetzt vorüber. Es war eine merkliche Spannung bei Jedermann sichtbar.“
Hierzu ist anzumerken, daß das Problem der Pressefreiheit über viele Jahre den badischen
Landtag beschäftigte. Das Pressegesetz von 1831, das die Freiheit politischer Meinungsäußerungen garantiert hatte, war aufgrund von Interventionen des Bundes 1832 aufgehoben worden. Die reaktionären Kräfte im Bund, allen voran der österreichische Staatskanzler Fürst von
Metternich, glaubten mit der Unterdrückung der Pressefreiheit, von Metternich als „Geißel der
Welt“ angesehen, den für Gesamtdeutschland gefährlich erscheinenden badischen Liberalismus
schwächen zu können.161
161
Vgl. Karl Stiefel: Baden 1648-1952 S. 270 ff.
Seite 152
Also gab es infolge der Bundesdrohung der Bundesexekution gegen Baden in Baden wieder eine
Zensur. Dieses ständige Schwanken zwischen eigentlich gewolltem Liberalismus und erzwungener Unterdrückung machte die Pressefreiheit und ihre Handhabung bzw. Nichthandhabung zu
einem ungelösten Problem im badischen Landtag. Rotteck und Welcker hatten sich beide als
Vorkämpfer des badischen Liberalismus profiliert. Im Zuge des Kampfes um die Pressefreiheit
war die Universität Freiburg aus politischen Gründen geschlossen worden und Rotteck und
Welcker waren in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden. Rotteck hatte man den schärfsten Kampf angesagt. Seine Wahl zum Bürgermeister in Freiburg im Jahre 1833 wurde von der
Regierung nicht bestätigt. Nun sind beide wieder Mitglieder der 2. Kammer.
Ein weiteres heikles Problem wird angesprochen:
„In der 1. Kammer hat heute die Partei der Grundherren mit 10 gegen 7 Stimmen eine Meinung
durchgesetzt, die man für die liberalere halten müßte, wenn sie nicht von ihnen käme. Es betraf
die Gestattung von Vereinen jeder Art. Nur Falkenstein und Türkheim waren auf unserer (unterliegenden) Seite. Die Regierung hatte unseren Vorschlag vorgezogen und wird etwas ärgerlich
sein. Ich mußte 4-5mal sprechen, meine erste Rede von 3 Bogen ist bereits von der Aufzeichnung des Geschwindschreibers in ordentliche Schrift übersetzt und liegt schon zur Correctur vor mir.“
Hier wird das Problem der Vereine sichtbar. Vereine und Versammlungen derselben wurden,
soweit sie politisch motiviert waren, als Bedrohung des Staates angesehen. Im Juni 1832 erging
ein Verbot öffentlicher Reden.
Der Landesfürst selbst nahm Stellung gegen das Stattfinden politischer Versammlungen (Mai
1832) sowie gegen politische Vereine (Juni 1832) und warnte vor umstürzlerischen Tendenzen.
Die Regierung ging sogar so weit, vorübergehend das „Wandern“ in der Schweiz zu verbieten,
um den Kontakt mit dortigen Umstürzlern zu verhindern. (1834, wieder aufgehoben 1835.)
Glücklicherweise hatte Rau bereits 1832 seine erste Reise durch die Schweiz gemacht!
Die Vereinsgesetzgebung sollte auch häufig das Parlament beschäftigen. Raus Einstellung zu den
„Grundherren“ die sich in dieser Abstimmung durchsetzen, wird deutlich: Für liberal hält er sie
nicht, auch wenn hier ihre Haltung so aussieht. Eine weitere Briefstelle betrifft den Sohn eines
guten Bekannten. Sie soll hier aufgenommen werden, weil an dem beschriebenen Vorfall deutlich wird, was unter der Oberfläche rumort:
„Gustav Tiedemann ist in die bösesten Händel gerathen. Er ist in seiner Hitze 2 Officieren aufs
Zimmer gerückt, hat Ohrfeigen ausgetheilt und eine förmliche Prügelei angefangen. Man ist überzeugt, daß er nicht fortdienen kann und fürchtet sogar die Festung, oder gar noch dazu ein Duell
auf Leben und Tod! Die armen Eltern!“
Seite 153
Gustav Tiedemann ist der Sohn des Heidelberger Professors für Anatomie, Zoologie und Physiologie Friedrich Tiedemann. Von ihm hat Rau sein erstes Haus gekauft, er ist auch sein Nachbar.
Gustav Tiedemann (1808-1849) war bis 1833 badischer Offizier, später in griechischen Diensten,
Leiter der Kriegsschule in Piräus. Er mußte also tatsächlich wegen des beschriebenen Vorfalles
aus dem badischen Dienst ausscheiden. Aufgrund politischer Veränderungen in Griechenland
schied er auch dort aus und war 1849 Oberst in der badischen Revolutionsarmee und Festungskommandeur in Rastatt. Dort wurde er am 10.8. zum Tode verurteilt und am nächsten Tage hingerichtet. Die Revolution wirft ihre Schatten auch in diesem Falle voraus.
Das Wildschadensgesetz beschäftigt Rau. Am 30.7.1833 schreibt er:
„Heute bin ich schon durch Geschäfte zerstreut worden; wir hatten eine dreistündige Sitzung
über das Wildschadensgesetz, wo es Neveu, Fürstenberg und mir nicht leicht wurde, den
Markgrafen und 2 Grundherren zur Einwilligung in solche Sätze zu bringen, die auf den Schutz
der Bauern abzielen, doch kamen wir gut aus und werden uns vereinigen.“
Am 5. August schreibt er dazu:
„In dieser Woche haben wir 4 Sitzungen wegen des Wildschadens gehabt, wir haben es dahin
gebracht, daß das Gesetz mit Ausnahme einer einzigen Bestimmung nun selbst von Mördes
gebilliget wird, was viel sagen will.“
Ein weiteres Gesetzesvorhaben beschäftigt sich mit dem Forst. In Gesetzen und Verordnungen
über die Beförsterung von Privat-und Gemeindewaldungen von 1831 und 1832 war versucht worden, Waldverwüstungen und Kahlhiebe zu verhindern. Schließlich kommt am 15.11. 1833 ein
diesbezügliches Forstgesetz zustande.
Rau schreibt dazu:
„Die größte aller Arbeiten ist das Forstgesetz. Heute wurde bei uns eine Commission dafür
gewählt, obschon das Gesetz kaum zur Hälfte durch die 2. Kammer gegangen ist. Beinahe wäre
die Theilnahme an dieser Commission, deren Präsident natürlich Neveu ist, an mir vorübergegangen, und ich hätte dadurch überaus viel Zeit erspart. Der Fürst, wie man ihn schlechtweg
hier nennt, und ich hatten gleich viel Stimmen, das Loos aber entschied für mich, was mir doch
lieber ist, weil die Verhandlungen interessant und lehrreich sein werden und ich, wenn ich hier
sein soll, auch gerne recht thätig mitwirken will.“
Es soll ihn noch oft beschäftigen; das Gesetz, erlassen am 15.11.1833, ist, mehrfach verändert,
in seiner Fassung von 1854 noch heute bestimmend über den Umgang mit Forsten im ehemalig
badischen Gebiet.162
162
vgl. Karl Stiefel: Baden 1648-1952. S. 1788 ff.
Seite 154
Im gleichen Brief vom 5. August 1833 beschreibt Rau ganz neue technische Horizonte:
„In diesen Tagen hat mich der Plan einer Eisenbahn von Mannheim und Heidelberg bis Basel viel
beschäftigt, weil ich darüber zu berichten habe. Der Plan lautet gar herrlich. Wie angenehm wäre
es, morgens um 5 Uhr in Heidelberg den Dampfwagen zu besteigen, um 8 Uhr in Oos, um 1 Uhr
aber schon in Basel zu sein und folglich am 2. Abend auf dem Weißenstein im Angesicht des
Montblanc zu stehen! Eine Lustfahrt nach Baden würde man Sonntag früh antreten und Abends
8 Uhr wieder zu Hause anlangen. Aber so weit sind wir noch nicht, und die Sache hat doch mehr
Schwierigkeit, als der Urheber des Plans, Kaufmann Neuhaus von Mannheim glaubt, mit dem ich
viel Besprechungen hierüber hatte.“
Diese Initiative des Mannheimer Kommerzienrates, die dem Landtag den Vorschlag einer
Eisenbahn von Mannheim nach Basel und an den Bodensee mit Kosten-und Rentabilitätsberechnungen unterbreitete, hatte zunächst nicht den gewünschten Erfolg. Erst als eine elsässische
Aktiengesellschaft zum Bau einer Eisenbahn von Straßburg nach Basel im Jahr 1837 gegründet
wurde, entschloß sich Baden im Jahre 1838 auf der Grundlage der Empfehlung von Carl Friedrich
Nebenius auf Staatskosten eine Bahn von Mannheim über Heidelberg bis Basel und eine
Seitenbahn von Appenweier nach Kehl zu bauen.
Damit war Baden nach Belgien Träger der ersten größeren Staatsbahn in Europa. Das diesbezügliche Gesetzeswerk, auch von Rau als dem Berichterstatter der 1. Kammer unterstützt, datiert
vom 29.3.1838.163 Im September 1838 wurde die Strecke Mannheim-Heidelberg begonnen und
am 12. 9. 1840 in Betrieb genommen.
Zwischendurch gibt es auch gelegentlich Kulturelles, wie der Besuch der Oper, deren Aufführungen Rau in den Briefen an seine Frau ausführlich beschreibt und kommentiert, wie auch
Geselliges, wie beispielsweise eine Einladung zum Essen bei Hof:
„Heute habe ich in kleiner Gesellschaft bei Hof gespeißt, mit so wenig Förmlichkeiten, daß
Pantalons mit Stiefeln angesagt waren, doch erschienen die meisten von uns in Schuhen. Es
waren außer Fürstenberg, dem Hofpersonale nur 6 Mitglieder der 1. Kammer, der Minister v.
Türkheim und der jüngere v.Wächter da, der wegen der Abwesenheit des würtembergischen
Gesandten die Gesandtschaftsgeschäfte besorgt. Wer hätte mir, als dieser lustige Zeisig in
Heidelberg mit seinem phlegmatischen Bruder studirte, gesagt, daß er einmal als diplomatische
Person mein Tischnachbar bei Hofe sein würde!
163
Vgl. Karl Stiefel: Baden 1648-1952. S. 1513 ff.
Seite 155
Doch benimmt er sich recht ordentlich. Wir speißten in dem schönen Gartensaale unter dem
großen Speisesaale, und da die Gesellschaft so eng war, so wurde über die Tafel hin und her
gesprochen, wobei mir meine italienische Reise gute Dienste leistete. Der Porto, Champagner
und Tokajer, die Melonen und Ananas waren vortrefflich.“ (10.8.1833)
Solche geselligen Veranstaltungen sind ein gelungener Ausgleich für die Sitzungen, die offenbar
recht anstrengend sind. Am 24.8.1833 schreibt er:
„Diese Woche gieng es heiß her. Von Montag Mittag bis gestern Abend habe ich 21 1/2 Stunden
Sitzungen gehabt, gestern von 10 bis 1 und von 3 bis halb 8 Uhr. Das war allerdings ermüdend,
und am Donnerstag, wo wir von 8-1 Uhr über dem Forstgesetz waren, wurde ich zuletzt vor
Müdigkeit und Hunger ganz caput.“
Der Landtag 1833 endet am 14. November, der Ständische Ausschuß tagt noch vom 18. Bis 30.
Dezember. In der Ausgabe vom 10. Dezember 1833 melden die „Heidelberger Wochenblätter“:
„Heidelberg, den 9ten Dezember 1833.
Die Einwohner Heidelbergs gaben zu Ehren der hier wohnenden landständischen Abgeordneten
beider Kammern, der Herren Mittermaier, Mördes, Posselt, Rau, Speyerer und Winter, gestern
ein Gastmahl, das sich durch Herzlichkeit, Eintracht und Frohsinn der zahlreichen Versammlung
auszeichnete.
Unter den vielen schönen und erhebenden Trinksprüchen verdienen besonders diejenigen des
hochverehrten Präsidenten der 2. Kammer (Mittermaier) eine recht ausgedehnte Verbreitung, da
sie nicht nur das politische Glaubensbekenntnis dieses edlen Mannes, sondern such, wie wir
gewiß wissen, der hiesigen Bürgerschaft und der großen Mehrzahl im geliebten Vaterlande enthalten.“
(Folgt Rede Mittermaiers.)
Im Jahre 1834 findet kein Landtag statt, nur der Ständische Ausschuß tagt vom 3.-11. November
in Karlsruhe.
Am 18. Januar 1835 wird Rau erneut als Abgeordneter der Universität in die 1. Kammer des
Landtages gewählt. Er erhält 15 von 24 Stimmen. Diesmal dauert der Landtag vom 30. März bis
28. August. Für 22 fl. monatlich wohnt Rau bei Frau v. Krieg. Über diese Landtagsperiode
schreibt Rau in seinem Hausbuch:
„Die Zollvereinigung war das anstrengendste Geschäft des Landtages, der Bericht rasch vorgelegt nach dem Eintreffen des Beschlusses der 2. Kammer, die Überarbeitung brachte mich in
Gefahr einer Krankheit. – Budgetarbeiten. –
Seite 156
Zuletzt wurde noch der Bericht über den Elzcanal in kurzer Frist, vor Verlauf von 24 Stunden
nach Erwählung der Commission erstattet.
Die Uneinigkeit mit den Grundherren, davon mehrere jung, verblendet, arm an Talent waren,
brachte viel Unangenehmes, besonders da es mir oblag, bei der Muthlosigkeit anderer meistens
vorzutreten. Bannrechte und Gemeindeumlagen regten diese Differenz am meisten auf. Bei der
letzteren Gelegenheit wie bei dem Expropriationsgesetz, hatten wir stets die Majorität gegen
diese aristokratische Opposition, die in den letzten Sitzungen aus Verdruß größtentheils ausblieb. – Ich wurde mit von Unstern und von Theobald wieder in den Ausschuß gewählt.“
Es verwundert nicht, daß Rau das Problem der Zollvereinigung als das schwierigste darstellt.
Bestrebungen in diese Richtung gab es schon um 1817/18, vorangetrieben von Friedrich List
durch Werbung in allen Staaten und in Bezug auf die praktische Durchsetzbarkeit untermauert
von Denkschriften von Carl Friedrich Nebenius .164 Prinzipiell traf der Gedanke einer Zolleinigung
auf Zustimmung in allen deutschen Staaten, jedoch verhinderte manch gegenseitiges Mißtrauen
die endgültige Realisierung. Preußen hatte sich Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre
als durchsetzungsfähige Führungsmacht etabliert; genau dies verzögerte aber im liberalen Staate
Baden den Beitritt. Vor allem der liberale Vorkämpfer Rotteck wollte sich nicht mit einer reaktionären Macht wie Preußen zusammenspannen lassen. Wie bereits erwähnt, hatte Preußen 1832
seinen Studenten die badischen Universitäten verboten. Dennoch konnte sich Nebenius durchsetzen. Am 12. Mai 1835 schloß Baden den Einigungsvertrag mit Preußen ab, und wenig später
wurde der Vertrag von beiden Kammern der Ständeversammlung mit großer Mehrheit gutgeheißen. Den Kommissionsbericht über die Adresse der zweiten Kammer in Betreff des Zollwesens
wurde von Rau erstattet und ist in gedruckter Form erhalten.
Das Zehntablösegesetz beendete ein seit Jahrhunderten bestehendes Rechte- und Pflichtenverhältnis, das für die weltliche und kirchliche Ordnung von maßgebender Bedeutung gewesen
war. Baden war in dieser Frage Vorreiter vor allen süddeutschen Ländern. Im Jahre 1833 entsprach der Jahresertrag der Zehnten etwa 3 Millionen Mark. An diesem Ertrag waren beteiligt:
der Domänenärar zu 50 %, die Standes- und Grundherren zu 20 %, die Pfarrpfründen zu 15 %,
sonstige Berechtigte, insbesondere Anstalten und Stiftungen, Schulen usw. zu 15 %. Das Gesetz
war vor allem zwischen erster und zweiter Kammer strittig. Schließlich einigte man sich in einem
Kompromiß, nach dem der Zehnte gegen einen zwanzigfachen Jahresertrag abgelöst werden sollte, die Staatskasse ein Fünftel des gesamten Ablösekapitals übernehmen sollte. Rau hatte offenbar das undankbare Amt, die Partei der Grundherren davon zu überzeugen, eine aus alter Zeit
stammende Herrenposition aufgeben zu sollen. Die Entschädigungen waren in der zweiten
Kammer sicherlich als zu hoch, bei den Grundherren eher als zu niedrig angesehen worden.
164
Vgl. Jos. Beck: Karl Friedrich Nebenius. Mannheim 1866 S. 66 ff.
Seite 157
Vom Kampf um diese Gesetzgebung berichtet er in einem Brief an seine Frau vom 6. August
1835:
„Heute begann die Discussion über das Gesetz wegen erzwungener Abtretung des Eigenthums,
worüber der jüngere Brokheim Berichterstatter war. Es war ein ziemlich juristischer Gegenstand,
weshalb ich für nöthig fand, mich gut vorzubereiten. Noch vor der Sitzung wurde ich [...] über
die Straße gerufen, weil man auch dort mit einem Antrage der Commission nicht zufrieden war,
den ich schon zu bekämpfen beschlossen hatte. Ich eröffnete die Verhandlung mit einem einleitenden Vortrage, setzte dann den Antrag gegen die Commission durch, der auch durch den
Markgrafen unterstützt wurde, indem er seine Leute vorher bestimmte, mir beizutreten, so daß
wir 10 gegen 8 Stimmen hatten, und bewirkte noch 2 andere Veränderungen, so daß ich von der
4-stündigen Debatte halb heiser wurde, aber auch die Freude des Sieges gewann. Der arme
Berichterstatter spielte eine klägliche Rolle, ohne daß ich ihm etwas zu Leide gethan hätte.“
Am 7. August geht es weiter:
„Die Regierung hat uns heute erklären lassen, der Landtag werde unwiderruflich bis zum 26.
geschlossen, also über 3 Wochen, worüber ich sehr froh bin. Heute sah ich Chelius in unserer
Kammer, als eben die gestrige Fehde wieder von den Grundherren erneuert wurde. Rüdt,
Berkheim Vater und Sohn, Gemmingen, Göler I rückten ins Feld, von unserer Seite außer den
Regierungscommissairen Nebenius und Beck nur ich und mit einigen Worten Zell, der Markgraf
machte eine besorgte Miene, aber wir behielten mit 9 gegen 8 Stimmen den Sieg. Andlaw ist
abwesend und der Bischof stimmte mit der Regierung. Es zeigt sich immer deutlicher, daß die
Grundherren mit ihren unbilligen Forderungen in der Regel abfahren, aber Niemand mag sich
außer den Commissairen der Regierung mit ihnen herumbeißen als ich, und es sollte mich nicht
wundern, wenn sie mir bitterböse wären, was sie aber nicht merken lassen.“
Rau schätzt seine Gegenspieler von den Grundherren als „jung, verblendet, arm an Talent“ ein,
was den Umgang mit ihnen nicht gerade erleichterte. Offenbar resignierten sie auch gegen Ende
der Verhandlungen und kamen gar nicht mehr zur Sitzung. Dennoch wurde das Gesetz am
15.11.1833 verabschiedet. Die tatsächliche Ablösung verlief allerdings schleppend. Von 5.860
Zehntberechtigungen aus dem Jahre 1831 waren 3.673 im Jahre 1845 und 5.684 im Jahre 1857
abgelöst. Die letzte Ablösung erfolgte im Jahre 1893.
Auch 1837 ist Rau als Vertreter der Universität Mitglied der 1. Kammer. Am 5. März reist er nach
Karlsruhe, der Landtag endet am 1. August. Diesmal wohnt Rau bei Frau Krederer im Hause ihres
Schwiegersohnes, des Oberbaurats Scheffel. Hier werden freundschaftliche Verbindungen
geknüpft. Der Sohn dieser Familie wird später während seines Jurastudiums im Hause Rau in
Heidelberg wohnen. Es handelt sich um den späteren Dichter Joseph Victor v. Scheffel.
Seite 158
Von 1837 hat sich ein „Commissionsbericht über den mit dem Königreiche Würtemberg und dem
Grosherzogthum Baden abgeschlossenen Vertrag in Betreff der Neckarzölle“ erhalten. Es geht
daraus hervor, daß die Zollangelegenheiten jetzt ins Detail gehen. In seiner Rede zum Schluß der
Ständeversammlung am 1. August 1837165 faßt der Großherzog die wesentlichen Punkte zusammen: Es ging in diesem Landtag um Zollfragen, auch die Errichtung von Zollgebäuden, um
Strafverfahren, um Strafvollzug – in diesem Fall Mittel zum Neubau und Renovierung von
Gefängnissen –, den Bau eines neuen Irrenhauses, um Wasser-und Straßenbau. Auch die Eisenbahnfrage geht weiter, wobei der Großherzog betont, wie wichtig es ihm sei, das Großherzogtum
vor „unheilvollen Speculationen“ bewahrt zu haben. Ausdrücklich bedankt sich der Großherzog
für die „zarte Weise“, mit der die beiden Kammern den Bedarf zur Vollendung des
Akademiegebäudes und die zur Erwerbung von Kunstwerken notwendigen Summen bewilligt
haben.
1838 beginnt der Landtag am 11. Februar. Es handelt sich um einen außerordentlichen Landtag,
dessen zentrales Thema das Eisenbahnwesen ist. Rau notiert in seinem Hausbuch: „Die Berichte
über die Eisenbahnen wurden, mit Ausnahme derjenigen über die Expropriationen, von mir in der
1. Kammer geschrieben.“ Die Vorstellungen von Nebenius, nämlich eine Staatsbahn zu erbauen
(s. o.) werden endgültig durchgesetzt. Der Landtag schließt am 26. März mit einer Rede von
Minister Winter in Vertretung des Großherzogs, in der er ausführt:
„Se. Königliche Hoheit erkennen es an, daß die Stände die ihnen zur Berathung vorgelegte Frage
in möglichst kurzer Zeit mit Gründlichkeit, Ruhe, Umsicht und Gewissenhaftigkeit berathen
haben. Und wenn auch noch Zweifel gegen dieses Unternehmen stattfinden mögen (und es ist
verzeihlich, wenn sie stattfinden), so mögen sie gleichfalls darin, in der ruhigen und gewissenhaften Berathung, die alle Verhältnisse erwogen hat, Beruhigung finden. Auch das Land, dessen
Interessen sie von allen seiten beleuchtet und besorgt haben, wird ihnen seinen Dank entrichten. Das Ausland, welches ihren Verhandlungen mit gespannter Erwartung gefolgt ist, wird ihnen
seine Achtung nicht versagen. Und so möge denn das Werk gedeihen, fortschreiten und vollendet werden, und unsere spätesten Nachkommen Zeuge sein, was wechselseitiges Vertrauen zwischen Fürst und Volk, was Einigkeit hervorzubringen vermag.“166
Am nächsten Tag war Minister Winter tot. Die Trauer um ihn war im ganzen Land groß, denn er
galt als ein Mann des Ausgleichs, dem es immer wieder gelang, Regierung und Stände bei auseinander laufenden Bestrebungen auf eine gemeinsame Linie zu bringen.
165
166
enthalten in Rau 75
Beck: Carl Friedrich Nebenius. Mannheim 1866. S. 111 ff.
Seite 159
Rau schreibt dazu in einem Brief an seine Frau Amalie vom 30. März 1838:
„Am Sonntage wurden beide Kammern vollständig in einer feierlichen Cour bei Hof versammelt.
Am Montag schloß Winter den Landtag in einer schönen, jedes badische Herz ergreifenden Rede
den Landtag.
Ich besorgte meine Geschäfte und rüstete mich, Dienstag Mittag abzureisen. Dienstag früh um 8
Uhr gieng ich aus, um noch einige Besuche zu machen, zuerst zu Winter. Auf halbem Wege zu
ihm kommt mir jemand mit der Nachricht entgegen, daß er soeben verschieden sei! Du kannst
Dir die Bestürzung und die Theilnahme im ganzen Lande denken! Heute ist die Leiche, zu der
eine Deputation der Bürgerschaft abgegangen ist. Er hatte einen glücklichen Tod, am Schlage,
der ihn traf, als er nach dem Frühstück im Beisein seiner Frau in seinem Zimmer auf- und abgieng. Er sank auf das Canapee und starb sogleich. –
Nun ist man in ängstlicher Spannung, ob Nebenius die Stelle erhalten, oder ob Rüdt von der
Adelspartei vorgeschoben werden wird, womit Vieles im Lande anders werden könnte, und nicht
besser! Ich suchte mündlich den Fürsten F. (gemeint ist Fürstenberg) und schriftlich noch
Otterst. zu stimmen; denn es ist der allgemeine Wunsch, keinen adelichen Minister zu bekommen. Nebenius war sehr bewegt, als ich am Morgen noch einmal bei ihm war.“
Der Wunsch ging in Erfüllung, der nächste Innenminister hieß Nebenius. Im gleichen Brief äußert
sich Rau noch ein wenig resigniert über seine Arbeit im Landtag und die Reaktion daheim:
„Mein Bericht hat mir viel Lob eingebracht, und ich habe auch dießmal den starken Contrast
empfunden, von der Hauptstadt, wo ein einflußreiches Mitglied der Kammern von Jedermann
ausgezeichnet wird, in den neidischen Kreis der Collegen zurück zu kehren. Indeß bin ich das
gewohnt.
Die hiesigen Leute mögen wohl denken, mein Ansehen in Karlsruhe sei zerstört, wenn Nebenius
nicht Minister wird. Zwar wäre mir dieß auch persönlich unangenehm, allein ich habe doch zu
viele Verbindungen, als daß mein Einfluß von diesem einzigen Umstande abhinge.“
Diese Bemerkung leitet dazu über, was sich zu Beginn des Landtages von 1839 ereignete. Im
Hausbuch schreibt Rau dazu:
„Im Winter 1838/39 die Wahlumtriebe. Bähr besonders thätig, Leonhard leidenschaftlich aufgeregt; man giebt mir Schuld, Nebenius zu allem bewogen und namentlich seine angebliche
Parteilichkeit für die Theologische Fakultät bewirkt zu haben. Große Spannung und Entzweiung.
Zachariä wird mit zu Rathe gezogen, man fragt bei Eichrodt an und beschließt ihn zu wählen. Bei
der Wahlhandlung wird das Votum von Paulus verworfen, weil er seine Krankheit nicht ärztlich
Seite 160
bescheinigt hatte, obschon sie Mehreren gut bekannt war; man wußte, daß er für mich stimme.
Creuzer wird noch tags zuvor von Leonhard abwendig gemacht, indem man ihn auf Nebenius
böse macht. Es verlautete schon, dieser würde bald gestürzt werden. Wenige Tage vorher hatte
ich Nebenius im Vertrauen den Stand der Sache gemeldet, worauf dieser an Mittermaier einen
Brief schrieb, er wünsche meine Wahl. Man glaubte nicht, daß dieser Brief mit Wissen und Willen
des Grosherzogs geschrieben war, wie es wirklich war, und wurde durch ihn nur noch leidenschaftlicher. Umbreit wurde beschuldigt, an Nebenius geschrieben zu haben. Für mich stimmten:
Thibaut, Mittermeier, Umbreit, Ullmann, Rothe, Munke, Nägele, Gmelin, Abegg; ich für Beger.
(Gewählt wurde Eichrodt).
Nach einigen Wochen verbreitet sich das Gerücht, ich würde vom Grosherzog ernannt werden.
Dahmen erzählte es bei den städtischen Wahlen, wo man ernstlich an mich gedacht hatte. Neuer
Zorn der hiesigen Gegner. Puchelt, als Prorector, wird vermocht, an Christ zu schreiben, meine
Ernennung würde den Unfrieden vergrößern und die Universität beleidigen.
Es geschah indeß doch und die Wirkung war gerade die entgegengesetzte. Da ich das Gefühl der
Kränkung über die Anfeindungen und Verläumdungen offen aussprach, mich zurückzog, Einladungen ausschlug und den Bruch mit den Gegnern als entschieden erklärte, so lenkten diese allmälig ein, wiederholte Einladungen von Leonhard, Rechtfertigung von Chelius gegen die Vermuthung des activen Antheils – der Riß wuchs allmälig wieder zu.“
Hier gingen also die Wogen hoch. Woher die große Aufregung eigentlich kommt, läßt sich heute
kaum mehr nachvollziehen. Am wahrscheinlichsten ist, dass Rau als Exponent der Liberalen
gegen konservative Bestrebungen unterlegen ist. Offensichtlich ist, daß Rau sich Feinde und
Neider erworben hat und daß seine enge Zusammenarbeit mit Nebenius nicht gerade ungeteilten Beifall findet. Der Kurator Dahmen versucht, für Rau ein städtisches Mandat zu erreichen,
aber es bleibt bei der Absicht des Großherzogs: Er ernennt Rau zu einem der nach der
Verfassung von ihm zu ernennenden acht Mitglieder, und so ist Rau wieder im Landtag.
Er schreibt darüber im Hausbuch:
„Landtag 1839 wieder bei Frau Krederer.
Wegen der bevorstehenden langen Berathung des Strafgesetzes konnte ich die
Nationalökonomie, 2 Stunden täglich, anfangen, dazwischen mehrmals hier sein und im Juli und
August sie hinauslassen.
Berichte: Verlängerung des Zollvertrages – Handelsvertrag mit Holland – Zehntadresse wegen
der Baulasten. Budgetarbeiten.“
Seite 161
In Karlsruhe gibt es dann noch einige Mutmaßungen, weshalb es in Heidelberg diesen
Widerstand gegen eine erneute Wahl gegeben hätte. Er berichtet darüber in Briefen an seine
Frau Amalie:
„Was Nebenius mir sagte, im Beisein Eichrodts, hat er auch Ullmann gesagt, und das darf man
also wiederholen. Die Hauptsachen sind:
1.
Man werde doch nicht glauben, daß er den Brief an Mittermaier für sich geschrieben
habe, ohne vorher den Grosherzog gefragt zu haben!
2. Meine Ernennung sei der freie Entschluß des Grosherzogs, dem man den ganzen Stand
der Sache, und auch die Bedenklichkeit wegen der möglichen Fortsetzung des
Unfriedens vorgelegt habe: indeß habe der Grosherzog, als er dennoch den Entschluß
faßte, gewußt, daß er damit auch dem Wunsche seines Bruders (d.i. Markgraf
Wilhelm) entgegenkomme.
Ich höre von verschiedenen Abgeordneten, daß man sich hier allgemein gefreut habe. Die
Mannheimer sagen dasselbe und bemerken, das sei eben der Neid pp. Eichrodt lacht über die
Geschichten; als ich Umbreits Wunsch gemäß ihm von der falschen Sage wegen Paulus sagte,
erwiederte er, er wisse das auch, man habe Umbreit noch schlimmere Worte in den Mund gelegt,
als sei er ein Fürstenknecht u. dergl.“
(4.4.1839)
„Über Mangel an freundlicher Aufnahme kann ich nicht klagen; überall hat man mir Theilnahme
und Freude bezeigt. Der Markgraf sprach davon, daß eben hie und da die Leute in ihren Begriffen
verwirrt wären und der Neid sein böses Spiel triebe. Bökh sagt, er habe im Staatsministerium
geäußert, nur dann würde er meiner Ernennung widerrathen, wenn zu fürchten sei, daß sie mir
schaden könne, er glaube aber nicht, daß mir die Gnade des Grosherzogs nachtheilig werden
werde. Der Grosherzog redete mich heute 3 mal an, dankte mir das erste Mal, daß ich seinem
Rufe gefolgt sei, sagte später, er freue sich ganz besonders, mich hier zu sehen und gab mir
schließlich die Hand, was ich ihn in dieser Versammlung noch nicht leicht thun sah. Die
Secretärsstelle kann ich nicht ausschlagen, und vermuthlich werde ich Montags dazu gewählt.
[...]
So eben hat mir der brave alte Stockhorn den Gegenbesuch gemacht. Er erzählte folgendes:
Nebenius war durch Speyerer ängstlich geworden und schwankte wieder. Stockhorn kam gerade
bei der Ankunft des Grosherzogs hieher und hörte von Jolly, wie es stehe; man sei ungewiß, ob
ich nicht des lieben Friedens willen die Wahl ablehnen würde. Da antwortete Stockhorn, er habe
mich kürzlich gesprochen und wisse, daß ich die Ernennung nicht ausschlagen würde, obgleich
Seite 162
ich dabei ein Opfer bringen müßte. Das trug zur Entscheidung bei. Der Grosherzog äußerte sich
sehr unwillig über Dahmen und sagte, er würde ihm, wenn er ihn sähe, selbst einen Verweis
geben. [...]
Nebenius erzählte mir noch: er hat dem Grosherzog gesagt, man werfe mir vor, mich in Alles
gemischt zu haben usw., aber er könne versichern, nicht leicht Jemand so zurückhaltend als mich
gefunden zu haben, was Geschäfte betreffe; so oft ich etwas hätte ihm vortragen müssen, hätte
ich immer eine lange, entschuldigende Vorrede gemacht. Das ist allerdings wahr. Man betrachtet
die Entscheidung über das Vermächtniß der Markgräfin als den Hauptpunct der Anklage gegen
mich, was mir sehr vortheilhaft ist, denn daß ich hieran nicht den entferntesten Theil hatte, weiß
jedermann.“
(6.4.1839)
Insgesamt scheint sich die Lage aber wieder zu beruhigen, denn am Ende seines Briefes schreibt
Rau:
„Daß die weisen Herren gelindere Saiten aufziehen würden, habe ich mir gedacht. Von meiner
Seite wird nichts geschehen, um den Bruch zu vergrößern und die Sache wird hier bald vergessen sein; für jetzt soll man, selbst beim Markgrafen, Alles aufs Genaueste wissen.“
(6.4.1839)
Der Landtag von 1839 hatte als zentrales Thema die Strafgesetzgebung. Der Präsident der 2.
Kammer, Mittermaier, hebt in seiner Dankadresse der 2. Kammer auf die Thronrede des
Großherzogs hervor:
„Durch die Vorlage des Entwurfs des Strafgesetzbuchs ist die Aussicht eröffnet, daß einem lange
gefühlten Bedürfnisse abgeholfen wird. Wir erkennen die Wichtigkeit der Aufgabe, ein Gesetzbuch zu berathen, welches, in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen, den Ansichten, der Kulturstufe des Volkes, die Interessen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung mit denen der Freiheit
verbindet und dem Fortschritt der Wissenschaft, so wie den Forderungen der Gerechtigkeit und
Humanität entspricht.
Wir geben uns der Hoffnung hin, daß Eure Königliche Hoheit, von gleicher Sorgfalt geleitet, geruhen werden, die bald möglichste Vorlage einer zur Ergänzung der Strafgesetzgebung nothwendigen, auf Öffentlichkeit und Mündlichkeit gebauten Strafprozeßordnung zu verfügen.“167
Hier spricht nicht nur der Präsident der 2. Kammer, sondern auch der Strafrechtler Mittermaier,
dem eine Strafrechtsreform natürlich am Herzen liegt.
167
enthalten in Rau 75
Seite 163
Der Kameralist Rau hat mithin nicht ganz so viel zu tun und kann sich täglich zwei Stunden seinem Lehrbuch der Nationalökonomie widmen. Dennoch bleibt ihm genug Arbeit mit der Fortschreibung der Zolleinigung und einer beginnenden Münzvereinheitlichung, weiteren Details der
Zehntablösung, eines Handelsvertrages mit Holland und dem Budget. Gelegentlich ist es auch
sehr anstrengend. Am 2. Juli schreibt er an seine Frau:
„Gestern war Morgens Sitzung, und Abends von 5-8 1/2 Uhr trug ich meinen nun ganz fertig
gemachten Bericht in der Commission vor. 7 Bogen vorzulesen und zu discutiren war ein hartes
Stück Arbeit, was mich halb heiser machte und sehr ermüdete.“
Gelegentlich scheint es auch einfach lästig. Am 11. 7. 1840 schreibt er an Amalie:
„Es ist überdieß eine undankbare Aufgabe, sich mit den adelichen Hohlköpfen herumzuschlagen,
und man muß recht lebhaftes Interesse am Wohl des Landes haben, um es auszuhalten.“
1840 endet Raus Tätigkeit im Landtag. Für die Sitzungsperiode 1841/42 läßt der Großherzog
anfragen, ob Rau bereit wäre, noch einmal als ernanntes Mitglied der 1. Kammer dabei zu sein.
Rau lehnt aber ab. Er führt dafür Gründe an, die nicht überliefert sind, die aber der Großherzog
akzeptiert. Er läßt Rau sein großes Bedauern über diesen Entschluß mitteilen.
So endet für Rau eine langjährige Tätigkeit in einem Bereich, der nicht allen Berufskollegen vergönnt war. Offenbar hat er diese Arbeit im allgemeinen und vor allem in den ersten Jahren gerne
und erfolgreich getan. Er hat viele interessante Leute im Bereich der Politik kennengelernt, hat
Freundschaften begründet wie beispielsweise mit Nebenius. Hier kommen später sogar verwandtschaftliche Beziehungen dazu, denn später wird Sohn Otto die Tochter von Nebenius,
Albertine, heiraten.
Allerdings hat er auch Neid und Anfeindungen auszuhalten, die in derartigen Ämtern nicht selten
sind. Nebenius war wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem „stark konservativen und reaktionären“ 168 Staatsminister von Blittersdorf vom Amt des Innenministers zurückgetreten; sein
Nachfolger war der Freiherr Franz Rüdt von Collenberg, dessen Ernennung als Vertreter der
Adelspartei Rau schon früher befürchtet hatte. Insgesamt kann sich jetzt das „System Blittersdorf“ richtig entwickeln, was der liberalen Grundeinstellung Raus zuwider läuft.
Rau beendet also seine Tätigkeit in Karlsruhe und zieht sich auf seine Aufgaben in Heidelberg
zurück.
168
Stiefel, a.a.O. S. 268
Seite 164
6.
Revolution 1848
Die Revolution von 1848 beginnt in Frankreich. Das Verbot eines Reformbanketts löst die Februar-Revolution aus. Es gibt Barrikadenkämpfe; Studenten, Arbeiter und Nationalgarde erzwingen
die Abdankung und Flucht des „Bürgerkönigs“ Louis Philippe. Die Republik wird ausgerufen.
Der revolutionäre Funke springt nach Deutschland über und zündet im Großherzogtum Baden.
„Nicht, weil dort die Verhältnisse besonders schlimm beschaffen gewesen wären, sondern im
Gegenteil, weil dort die politische Entwicklung besonders weit fortgeschritten war.“169
Sehr bald sieht sich die Karlsruher Regierung mit lange aufgestauten Problemen konfrontiert, die
nun zügig gelöst werden sollen. Wie Welcker in der 2. Kammer fordert, soll man sich so bald als
möglich von dem „reactionairen System“ des deutschen Bundes lossagen und dem Volk die
lange versprochenen Rechte gewähren. Er mahnt, es müßten „Fürsten und Volk zusammenhalten“ für „patriotische Verteidigung der Throne und zur Verteidigung des Volkes nach innen und
außen." Es gibt ganz klar das Angebot der Opposition, man wolle bei einer Liberalisierung des
Staates die monarchische Regierung voll unterstützen, nach außen gegen befürchtete kriegerische Auseinandersetzungen mit Frankreich oder den konservativen Ostmächten, nach innen
gegen drohende radikale Auswüchse.
Die Regierung mit Minister Bekk erweist sich als reformbereit. Blittersdorf muß gehen. Man bildet eine neue Regierung, in der bisherige liberale Oppositionelle wie Welcker und Bassermann
vertreten sind und sichert zu, wesentliche Forderungen zu erfüllen. Aber die Revolution hat
schon eine gewisse Eigengesetzlichkeit entwickelt, sie ist nicht mehr aufzuhalten.
Rau in Heidelberg, der noch der Prorektor der Universität ist, notiert in seinem Tagebuch170 :
„Große Aufregung in der Rheingegend. Große Volksversammlung in Mannheim am 27. [Februar].
Man fordert Preßfreiheit – Jury – Volkswehr – deutsches Parlament. Auf den 29. hier anberaumte Versammlung. Am 28. wurde ich in die Aula gebeten (Montag), Brunner gerade hier, räth zu,
bewilligt. Viele Berathungen. Ich lade den großen Senat auf den 29. mittags 12 Uhr ein und
schlage eine Petition wegen der nämlichen 4 Puncte vor. Nur Schlosser und Kortüm gegen Nr. 4.
Versammlung ruhig abgelaufen.
169
170
Wolfgang v. Hippel: Revolution im deutschen Südwesten. Stuttgart 1998. S.101 ff.
Hauschronik Rau 113
Seite 165
Abends die Petition und die Adresse an den Grosherzog berathen, diese von Ullmann, jene von
Zöpfl und mir.
1.
März 12 Uhr Senatsberathung der Eingaben, sie wurden mit wenigen Abänderungen angenommen, nur Kortüm dagegen. Nachmittags abgeschrieben; Abends und früh am
2. unterzeichnet, 30 Namen.
Ich gehe mit Chelius nach Karlsruhe, Übergabe an Mittermaier, Beger und Grosherzog. Nachricht
von dem Auftritt vor dem Schloß am 29. Abends viele Leute mit uns zurück. Schlöffel und
Alexander Wolf halten aufreitzende Reden.
2. März. Große Versammlung in Offenburg, wo Hecker noch gegen die Republik war.
Beschlüsse schon sehr kühn, Abschaffung aller Vorrechte, Beseitigung des Mißverhältnisses
zwischen Capital und Arbeit.
In dieser Woche Zusammentritt der 51 in Heidelberg, welche sich mit der Volksvertretung am
Bundestag und der Umänderung der Bundesverfassung beschäftigten. Commission von 7 beauftragt, eine Versammlung auszuschreiben. Dieß geschieht, auf den 30. März.
26. März. Volksversammlung hier auf dem Schlosse. Hoff, Kapp für die Republik,
Anträge aber verworfen. Kurz vorher, am 13. Umwälzung in Wien, am 18. Concessionen und
dann noch blutige Kämpfe in Wien.
Nachrichten vom Zuge der deutschen Arbeiter nach Straßburg. Herwegh. Hessische Truppen ins
Oberland.
30. Meine Abreise nach Frankfurt.
31. Beginn des Vorparlaments in der Paulskirche, Rückkehr am 2. April, Schluß am 3.“
Soweit Raus Tagebuchnotizen.
Man erkennt, daß sich die Ereignisse überstürzen. Noch ist Rau Prorektor, er muß also die Ereignisse und revolutionären Aktivitäten, soweit sie die Universität betreffen, koordinieren und kanalisieren. Er tut es, indem er den Großen Senat einberuft und die Forderungen der Zeit nach
Pressefreiheit, Jury (d. h. Geschworenengerichte), Volkswehr und ein deutsches Parlament in
einer Petition an die Regierung beraten und schließlich unterschreiben läßt. Er zählt 30
Unterschriften. Er betont ausdrücklich, daß die Versammlung ruhig abgelaufen sei, die Forderungen sind also nicht strittig, bezüglich des deutschen Parlamentes gibt es nur zwei
Gegenstimmen, die Eingaben stoßen auf nur eine Gegenstimme (Kortüm).
Seite 166
Am 2. März reist er zusammen mit Chelius nach Karlsruhe und übergibt die Petition an den
Präsidenten der 2. Kammer, seinen Kollegen Mittermaier, an Beger und an den Großherzog.
Zwischen der ersten Versammlung der Universitätsorgane und der Übergabe der Petition sind
nur drei Tage vergangen.
Am 5. März folgt dann die Heidelberger Versammlung der 51, die eine Kommission von 7 beauftragt, eine Versammlung auszuschreiben, auf der die Volksvertretung am Bundestag in Frankfurt
und eine Änderung der Bundesverfassung beraten werden soll. Diese Versammlung wird bereits
auf den 30. März terminiert.
Der vorbereitende Siebener-Ausschuß hatte offenbar niemals geschlossen getagt.171 Itzstein und
Welcker handeln als „Mandatare“, indem Itzstein die Einladungen verschickt und Welcker den
Plan für eine zukünftige Nationalversammlung entwirft. Eingeladen werden am 12.3. „alle früheren oder gegenwärtigen Ständemitglieder und Teilnehmer an gesetzgebenden Versammlungen in
allen deutschen Landen“ und weitere „durch das Vertrauen des deutschen Volkes ausgezeichnete Männer.“
Zu dieser Personengruppe gehört auch Rau, und so reist er am 30. März nach Frankfurt.
Seine Eintrittskarte ist erhalten:
171
vgl. v. Hippel: a.a.O. S.124 ff.
Seite 167
Was ihn dabei bewegte, ist wieder aus einem Brief an seine Frau vom 31. März zu entnehmen:
„Nur wenige Worte, am Schreibtische des Dr. Spieß geschrieben. Sei ganz ruhig. Die Sachen
gehen gut. Die Republik ist mit voller Kraft überwunden. Die gestrigen Verhandlungen waren
unendlich interessant, es ist ein großartiges Ereigniß, an dem Theil genommen zu haben eine
unauslöschliche Erinnerung hinterlassen wird. Feierlicher als unser Zug aus dem Kaisersaal des
Römers in die Kirche kann kaum etwas sein. In der Nachmittagssitzung trat ein merkwürdiger
Moment ein, als der Präsident (Mittermaier) verkündete, er habe eine traurige Kunde erhalten,
es sei ein bewaffneter Zusammenstoß erfolgt in der Stadt.
Große Erregung, Verwirrung. Ich saß auf der vordersten Bank, der Thüre nah, und nahm in aller
Ruhe meinen Mantel um, um nun zu erwarten was kommen würde, aber es war bald vorüber,
einige blutige Köpfe sind die einzigen Folgen gewesen, und es war weit von der Kirche weg, also
die Sitzung nur kurz unterbrochen, indem alsbald die Nachricht eintraf, es sei alles vorüber.
Die Mehrzahl der Bürger ist entschieden gegen die Republik, alles aber ist erregt, gespannt.
Welche Fülle von Männern! Rotenhan, Dahlmann, Gagern – Robert Blum ist der Held der Rednerbühne. Welker gilt der Heckerschen Partei als Reactionär!
Ob wir heute fertig werden, weiß ich nicht, man hofft und wünscht es, ich bin daher gesonnen
morgen nach Hause zu kommen. [...]“
Was Rau in seinem Brief beschreibt, ist die überwiegende Haltung, eine Republik abzulehnen.
Die Forderung nach der Republik gilt als zu radikal und wird auch nur von der äußersten Linken
erhoben und vertreten. Heinrich v.Gagern beschreibt es so: „Man war sich also in zahlreichen
und weiten Kreisen bewußt, daß es bei der Frankfurter Versammlung, recht eigentlich zunächst
freilich für das südwestliche Deutschland, um die Frage sich handeln werde: ob Reform oder
Revolution?“172
Das bedeutet die Entscheidung zwischen konstitutioneller Monarchie und Republik. Die Republikaner aus dem Badischen wollten, so einer ihrer Anführer Friedrich Hecker, in Frankfurt die
Permanenz der Versammlung durchsetzen und damit die Sache der Republik vorantreiben, die
Versammlung sollte tagen, bis die neue Nationalversammlung gewählt wäre. Es gab auch Gerüchte über einen geplanten Gewalteinsatz, und die Frankfurter Bürgerwehr stand Gewehr bei Fuß,
um die Sicherheit des Vorparlamentes zu gewährleisten.
172
v. Hippel, a.a.O. S. 138
Seite 168
Welcker, v.Gagern und einige Mitglieder des Siebenerausschusses wollten das Programm für das
Vorparlament eher gemäßigt-liberal gestalten und trugen die allgemeinen Grundzüge der künftigen Verfassung so vor, wie sie in der 2. Kammer des badischen Landtages am 24. März beraten
worden waren. Diese Grundzüge waren vom „Prinzip der Monarchie“ getragen.
Zunächst konnte niemand sicher sein, welche Mehrheiten in der 574 Mitglieder starken Versammlung sich bilden würden, denn man kannte sich zu wenig und konnte sich zunächst nicht recht
einschätzen. Bald wurde klar, daß die Radikalen um Hecker und Struve in der Minderheit waren.
Ihr Antrag, die Versammlung permanent tagen zu lassen, scheiterte, und in den gewählten
Fünfzigerausschuß, der den Übergang zwischen dem alten Bundestag und der neuen Nationalversammlung begleiten sollte, kam Hecker auf Platz 51, was bedeutete, daß kein Vertreter der Radikalen gewählt wurde.
Dies veranlaßte Hecker dazu, nun mit militärischer Gewalt für die Republik zu kämpfen, die er
auf parlamentarischem Wege nicht bekommen hatte.
Dies veranlaßt Rau zu der beruhigenden Versicherung: „Die Republik ist mit voller Kraft überwunden.“ Er reist auch beruhigt nach Heidelberg zurück.
Dort hatte es inzwischen (30.3.) eine Versammlung der „Constitutionellen, Gemäßigten“ in der
Aula gegeben.
Im Tagebuch ist dazu vermerkt:
„12. April. Versammlung in der Aula, wo man den Protest gegen die „fremden“ Truppen tadeln
wollte, aber der Terrorismus der Republicaner so arg wurde, als Herking redete, daß man schließen mußte.“ Es gärt also auch in Heidelberg.
Unter dem 13. April vermerkt er: „Anwesenheit der Österreicher“.
Es handelt sich um eine Deputation aus Österreich, die auf dem Wege zum Frankfurter
Vorparlament war. Rau hatte als eine seiner letzten Amtshandlungen als Prorektor diese Delegation zu begrüßen. Seine Rede liegt noch vor:
„Ich darf es fürwahr eine gute, eine unvergeßliche Stunde nennen, in der wir liebe und ehrenwerthe Gäste aus der schönen Kaiserstadt an der Donau in unser blühendes Thal, in unsere freudig erregte Stadt eingeführt haben. Mit inniger Hochachtung und von ganzem Herzen heiße ich
nun die österreichischen Freunde in diesem Saale, in dieser Werkstätte der Wissenschaft, in dem
die alte Ruperto-Carola ihre Feste feiert, im Namen der akademischen Körperschaft herzlich will-
Seite 169
kommen. Unsere Universität schließt sich so wenig als die Ihrige gegen das äußere Leben ab,
sie steht im Volke und nimmt an seinen Freuden und Leiden wie an seinen Bestrebungen redlichen Antheil. So begrüße ich Sie denn als die ersten Bürger Ihres Kaiserstaates, die unter dem
Banner des ganzen, einigen Deutschlands die westlichen Marken des Vaterlandes betreten, als
die muthigen Streiter, die mit Begeisterung und edler Hingebung für die Befreiung Ihres Landes
aus drückenden Fesseln gekämpft und dem Lichte, dem Rechte, der Freiheit, der deutschen
Nationalsache einen herrlichen Sieg errungen haben, als die Abgesandten Ihrer Stadt, Ihrer
Hochschule und Ihrer akademischen Jugend.
Ich begrüße Sie hochachtungsvoll, die auserwählten Männer in Ihrer Mitte, die herbeigeeilt sind,
um im altehrwürdigen Römer zu Frankfurt mitzurathen. Die Reihe großer Ereignisse, die in wenigen Wochen auf einander folgen mußten, um Ihren freundlichen Besuch bei uns in dieser Weise
möglich zu machen, ist so rasch, in so stürmischer Macht auf uns Alle eingedrungen, daß wir
längere Zeit brauchen werden, um das Geschehen vollständig zu begreifen; gleichwohl sind die
Stunden kostbar, und es gilt, ungesäumt am großen Werke der Wiedergeburt Deutschlands mitzuarbeiten.
Ein großer Schritt vorwärts ist schon gethan, viel Gedeihliches läßt uns die nächste Zukunft von
der Vaterlandsliebe, Weisheit und Festigkeit der Vertreter des deutschen Volkes erwarten, ein
schöner Frühling wird für dasselbe beginnen, wenn sich sein gesunder Sinn in den neu eröffneten Bahnen zurecht findet, wenn es seine Aufgabe versteht, sich vor Mit- und Nachwelt der
neuen Freiheit würdig zu zeigen.
Allerdings stellen sich, wie bei jedem großen Umschwung, auch Besorgnisse den Hoffnungen zur
Seite. Es wird die wahre, die erhabene Freiheit von der Willkür, von der Anarchie zu unterscheiden wissen, es wird sich tief eingeprägt, daß jede Freiheit sich einem sittlichen Maaße unterwerfen muß, daß dieselbe nur Hand in Hand mit Gesetz und Ordnung zum Glücke führt, und daß das
Walten roher eigenwilliger Kräfte in allen Zeiten und unter allen Staatsformen die Völker ins
Verderben gestürzt hat. Wenn in Frankfurt die Besten des Volkes einmüthig, mit reinen Absichten
und festem Willen zusammenhalten, muß etwas Gedeihliches herauskommen. [...]
Diese Betrachtungen ernster Art liegen uns so nahe, daß sie sich nicht ganz ablehnen lassen,
sie gehören sogar wesentlich dazu, damit wir die Bedeutung dieses feierlichen Augenblicks in
vollem Maaße empfinden, denn wer vermöchte zu läugnen, daß weitere Kämpfe und Leiden, die
Gefahr äußerer Feindschaften und innerer Zwietracht, die Möglichkeit, daß die hochgehenden
Fluthen auch die Grundpfeiler der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens vorübergehend erschüttern könnten. Vertrauen wir aber dem Reichthum guter, geistiger und sittlicher Kräfte, die das
deutsche Volk in allen schwierigen Lagen an den Tag gelegt hat.
Seite 170
Allein besorgen Sie nicht, daß ich in diesem der Freude gewidmeten Augenblicke bei solchen
Gedanken verweile, ich wende mich sogleich zu dem, was schon als köstliche Frucht der jüngsten Vergangenheit anschaulich vor uns steht.
Oesterreich, an Siegen und an Ehren reich, ist nicht mehr durch eine künstliche Mauer vom übrigen Deutschland geschieden, die Wand ist gefallen und über ihren Trümmern hin reichen sich
die Bruderstämme die Hand, auch können wir mit unseres großen Dichters Worten sagen:
Wir stiften keinen neuen Bund,
es ist ein uralt Bündniß nur
von Väters Zeiten, das wir erneuern!
Wir sind stammes- und sinnesverwandt, wie unsere Länder durch selbst ein näheres natürliches
Band verknüpft sind, der stolze Strom, der das Herz Ihres Landes durchfließt, entspringt auf den
dunkelblauen Höhen unseres Schwarzwaldes.
Wie oft und wie tief ist es bisher im westlichen Deutschland beklagt worden, daß Verfassung
und Regierung in Ihren gesegneten Gegenden von der unsrigen so weit verschieden war, daß der
stärkere Wellenschlag des öffentlichen Lebens, welches günstige Fügungen uns schon länger
zugewendet haben, bei Ihnen gewaltsam eingeengt war, daß die freiere Bewegung des Bürgers
im Gebiete seiner Rechte, die Vervollkommnung mancher Staatseinrichtungen, die Emporhebung
des Landmannes aus dem Drucke alter Lasten, der häufige Verkehr mit den übrigen deutschen
Brüdern, die Gemeinsamkeit großartiger Nationalanstalten, durch ein von der Angst eingegebenes Zwangssystem verhindert worden sind. Auch bei Ihnen, hochgeehrte Herren, ist dieß Bedauern lebhaft gefühlt worden, das haben Manche von uns in Ihrem Lande selbst erfahren und offen
verkündet.
In den seelenvollen Gedichten eines Ihrer edelsten Sänger spricht sich der tiefe Schmerz über
diesen Zustand mit den Worten aus:
Dahin ist längst der schöne Traum Deutschlands,
des einen, ganzen,
aber auch die treu bewahrte Hoffnung besserer Tage:
Doch hat die Zeit der Wirrung nicht vernichtet
Germanias Geist; der hat ins Herz der Edlen
sich geflüchtet,
wie Karols Ring der Treue tief versenkt
im See von Aachen,
drin träumt er nun Vergangenheit und ahnt
ein schön Erwachen.
Seite 171
Und dies schöne Erwachen ist erfolgt; was im Herz der Edlen fortlebte, hat die starre Rinde
gesprengt, es ist hell und frisch mit unwiderstehlicher Macht ans Licht hervorgetreten, die Bürger
von Wien und anderen Städten haben bewiesen, daß trotz der bisher geistigen Bevormundung
die großen Ideen der Gegenwart bei ihnen Wurzeln geschlagen haben, Ihr gütiger Kaiser hat die
Wünsche seiner biederen und treuen Bürger erfüllt und von seiner Hofburg weht das dreifarbige
Zeichen des vereinigten, des starken und hoffnungsvollen Deutschlands.
Wir wissen es in vollem Maaße zu schätzen, seien Sie davon überzeugt, wie viel es werth ist, daß
auch bei Ihnen die konstitutionelle Staatsform, die für alle gebildeten Völker als Bedürfniß gilt,
mit redlichem Willen ergriffen worden ist, und daß Sie durch gleiche Hochziele mit uns zusammen wirken. Wir haben es stets dankbar anerkannt, und es ist weltkundig, wie viel Großes und
Gutes bei Ihnen in Wissenschaft und Kunst, in Landbau und städtischen Gewerben geleistet worden ist; haben wir doch ehrenwerthe Vertreter dieser verschiedenen Richtungen nützlicher
Täthigkeit unter Ihnen vor unseren Augen, und haben sich längst freundschaftliche Verbindungen
Gleichgesinnter von der Donau zum Neckar gesponnen. Wir ehren die Tapferkeit Ihrer Heere, die
Tüchtigkeit Ihres Bauern- und Bürgerstandes, den hohen Sinn Ihres Adels, die Mannhaftigkeit,
Gemütlichkeit und Redlichkeit Ihres ganzen Volkes; wir hoffen viel von der Theilnahme der österreichischen Abgeordneten an der jetzigen engeren und der bevorstehenden größeren Frankfurter
Versammlung, der die Geschicke unseres Vaterlandes übergeben werden sollen und die, wenn
sie aus den Besten des Landes zusammengesetzt wird, alle Wirren zu lösen im Stande ist.
Durch Sie reichen wir Ihren Volksstämmen an der Donau, an der Mur, Drave und Save, am Inn,
an der March und Moldau treulich die Hand. Lassen Sie uns in guten und schlimmen Tagen fest
aneinander halten, uns in allen guten Bestrebungen ehrlich beistehen, das, was wir errungen
haben, entschieden behaupten, und zur Aufführung eines Baues, auf dem ein einiges, starkes, in
der Mitte der anderen Großmächte geachtetes Deutschland ruhen soll, der die Freiheit,
Sicherheit, Bildung und den Wohlstand von Geschlecht zu Geschlecht verbürgt, einträchtig
zusammenwirken.
Im Hochgefühle dieser großen Umgestaltung rufe ich mit Anastasius Grün:
Lodert ihr deutschen Herzen in Flammen!
Schlaget zu einem Brande zusammen!
Möchten Sie sich, liebe Herren und Freunde, bei uns, in den gesegneten Fluren am alten deutschen Rhein, einheimisch fühlen! Nochmals heiße ich Sie willkommen, und ich rechne auf allgemeine Zustimmung in dem Rufe:
Hoch lebe Österreich!
Hoch leben die Abgeordneten von Wien!
Seite 172
Diese Rede Raus ist es wert, hier in voller Länge aufgeführt zu werden, zeigt sie doch deutlich
die Stimmungen, Hoffnungen und Wünsche, die in diesen Frühlingstagen die Menschen bewegten.
Mit dem „herrlichen Sieg“ spielt Rau auf den Aufstand in Wien im März 1848 an, in dessen Folge
Metternich gestürzt wurde und nach England fliehen mußte. Nationale Erhebungen in vielen
Reichsteilen waren die Folge, der Hof versprach eine Verfassung, die jedoch abgelehnt wurde.
Am 13. April befindet sich nun diese Delegation aus Wien in Heidelberg. Sie setzt sich zusammen aus Vertretern der Universität, des Bürgertums und des Bauernstandes. Ihr Ziel ist Frankfurt, wo sie an den Beratungen des Parlamentes teilnehmen wollen. Rau betont sehr die Zusammengehörigkeit der „deutschen Stämme“, begrüßt, daß die „trennende Wand“ und die
„künstlichen Mauern“ gefallen sind. Gerne will er die Brüder aus dem Südosten teilhaben lassen
an den freiheitlichen Errungenschaften, die es in den deutschen Bundesstaaten teilweise schon
gibt, wie Verfassungen und Handelsfreiheit im Zollverein. Was die Monarchie betrifft, hat er
offenbar Hoffnung, denn er unterstellt dem Kaiser, die Wünsche seiner Bürger zu kennen und sie
erfüllen zu wollen. Wie die Mehrheit des Frankfurter Vorparlaments ist Rau kein Republikaner.
Seine Hoffnungen richten sich auf den Bau eines einigen, starken und geachteten Deutschlands,
in dem Freiheit, Sicherheit, Bildung und Wohlstand für seine Bürger garantiert sind.
Inzwischen geht die Revolution weiter und erreicht sogar die Familie Rau ganz direkt.
Sohn Adolf Rau, der in Offenburg arbeitet, beteiligt sich an einem dortigen Aufstandsversuch. Im
Tagebuch ist vermerkt:
„Am Charfreitage (?) Aufstandsversuche in Offenburg. Adolf flüchtet nach Strasburg, wird Mittwoch d. 26. dort von Ludwig abgeholt und nach Heidesheim gebracht.
7. Mai Zusammenkunft in Frankenthal. Am 18. (11.)? kommt er heimlich hieher, (14.) (22.) wieder
fortgebracht durch Berger, geht nach Bingenheim. Am 27. Zusammentreffen mit Adolf in
Frankfurt, 28. Abschied in Bieberich. 9. Juni geht der Gaston, Capt. Blanke, in Bremerhaven ab,
am 10. vormittags 10 Uhr kommt er in See.“
Adolf also, der jüngste Sohn, der schon immer dazu neigte, Schwierigkeiten zu machen, hat sich
an einem Aufstandsversuch beteiligt und hat sich nach Straßburg geflüchtet. Sein Bruder Ludwig
holt ihn dort ab, er wird versteckt, kommt noch einmal heimlich nach Heidelberg, seine Flucht
nach Amerika wird vorbereitet und schließlich durchgeführt.
Seite 173
Wie Rau darüber denkt, schreibt er nicht. Sehr erfreut darüber wird er nicht gewesen sein.
Immerhin finanziert er die Flucht und den Neubeginn in der „Neuen Welt“. In einem Brief ein
Jahr später teilt er einem Verwandten Adolfs neue Adresse mit, „Broadway 60, Neuyork“ , und
schreibt, daß es ihm gut ginge; er sei Inhaber einer Weinhandlung und Restauration. 1868, zur
Goldenen Hochzeit von Karl und Amalie Rau, kommt Adolf sogar aus Amerika zu Besuch.
In Heidelberg gründen inzwischen Studenten einen demokratischen Verein, lassen auch Statuten
drucken. Der Senat berichtet an das Ministerium und beschließt am 8.7. eine Resolution, nach
der der Verein aufgelöst und die Fortsetzung bei Strafe verboten wird.
Es gibt Bedenken, namentlich von Zöllig. Rau schlägt vor, Rothe und Zöllig sollten nach Karlsruhe
gehen, Zöllig schlägt das aber aus. Also wird die Verfügung publiziert, da ohnehin schon einiges
durchgesickert ist. Am 15.7. wird sie angeschlagen.173 Es gibt Aufregung unter den Studenten;
eine Versammlung beschließt eine Abordnung an das Ministerium zu entsenden, die mit dem
Auszug der Studenten drohen soll. Dies geschieht. Das Staatsministerium weist sie jedoch ab.
Also kommt es zum Auszug der Studenten am Montag, 17.7. um 10 Uhr. Es sind etwa 450.
Am Sonntag Abend gibt es eine Katzenmusik vor der Wohnung des Amtmannes, eine Demonstration der Unzufriedenheit, die meist von Studenten veranstaltet wird. Diesmal sollen es laut
Rau die Turner gewesen sein.
Die 2. Kammer des badischen Landtages geht über die Petition der Studenten zur Tagesordnung
über Es gibt eine neue Verfügung, mit der alle demokratischen Vereine aufgelöst werden. Daraufhin kehren die Studenten am 26. Juli zurück.
Am 31. Juli hat die Familie Rau ein besonderes Ereignis zu feiern: Man zieht in das neu erbaute
Haus in der Friedrichstraße ein. Es ist schnell gegangen; im September 1847 war Richtfest, zur
gleichen Zeit wurde das alte Haus verkauft und nun wohnt die Familie bereits im neuen Haus. Es
ist anzunehmen, daß Rau in dem anstrengenden Jahr seines Prorektorates in revolutionärer Zeit,
verbunden mit den Belastungen durch den Hausbau, nun etwas Ruhe erhofft. Es wird nicht viel
daraus.
Zuerst wird er einmal krank, zwei Tage muß er sogar im Bett bleiben, dann geht es langsam aufwärts. Frau Amalie geht nach Bad Ems, weil ihr Husten schlimmer geworden istVom 23.- 25. August ist Rau in Frankfurt.
173
Rau 113
Seite 174
Er schreibt darüber an seine Frau:
Der Aufenthalt ist sehr anregend, man findet viele alte Bekannte und erwirbt neue. Ich lernte
namentlich die Reichsminister Dickwitz und von Beckerath kennen, welcher mich versicherte,
das was er von Nationalökonomie wisse, aus meinem Werke gelernt zu haben, ich war viel mit
Czörnig aus Wien zusammen, besuchte die Familien Spieß, Giskra und Schreiner, machte Sitzungen und einen Club mit usw. Zur angenehmen Überraschung traf ich Hanßen dort, der nun meiner Einladung folgend unser erster Gast im neuen Hause ist; er kam gestern und wird noch 1-2
Tage bleiben. Man muß notwendig die Dinge in Frankfurt selbst mit ansehen, um ganz unterrichtet und im Zuge zu sein. Manches nimmt sich in der Nähe nicht so gut aus als von ferne. Doch
wird es wohl zum Guten ausschlagen.“
Am 17. September reist er zum Universitätskongreß nach Jena.
In Frankfurt, so das Tagebuch, „sah ich die Aufregung, den Bau einer Barricade, Abreise nach 2
Uhr, kurz vor dem Anfang des Schießens.“
Von Jena aus reist er noch nach Leipzig, Dresden, nach Pirna, ins Elbsandsteingebirge auf die
Bastei. Über Weimar und Gotha kehrt er wieder heim.
Weder über den Universitätskongreß noch über die restliche Reise gibt es Aufzeichnungen.
Im November reist Rau zu einem landwirtschaftlichen Kongreß nach Frankfurt. Obwohl Rau sich
nicht um ein Mandat im Parlament bemüht hat, läßt ihm die Entwicklung offenbar doch keine
Ruhe. Im Tagebuch heiß es dazu:
„Ich mußte auf meine Kosten dort sein, wurde in den größeren Ausschuß gewählt, hatte auch an
der Centralisation vorzüglichen Antheil, von mir rührt der Vorschlag des größeren Ausschusses
her, der Vertheilungsplan, der nachher etwas erweitert wurde, ferner die Verbindung der
Ausschußmitglieder mit dem engeren Ausschuß und andererseits mit den Vereinen. Ich wollte
nur einige Parlamentsmitglieder mit der Geschäftsleitung beauftragen, sagte vorher, daß ein bes.
Ausschuß von 5 Personen fast nichts zu thun haben werde.“
Aus diesen Worten geht nicht deutlich hervor, worum es bei dem Ausschuß eigentlich geht. Das
wird ein wenig klarer in dem Brief, den er an seine Frau schreibt:
„[...]Es geht mir wie auf den Landtagen, Geschäfte die Menge. Heute wieder von 8 bis halb 2 in
2 Commissionen gewesen, in der ersten haben wir das deutsche Maaßwesen zu Faden geschlagen, in der 2. habe ich meine Plane für den künftigen Centralausschuß der Landwirthe durchgesetzt. Ich bringe ein größeres Selbstvertrauen mit nach Haus als von Jena, indem ich sehe, daß
es noch geht. Morgen wird mein großer Bericht vorkommen, allein ich muß doch an die Mög-
Seite 175
lichkeit denken, am Abend nicht mehr fortzukommen. Sollte ich also nicht eintreffen, so sei so
gut anschlagen zu lassen: Dringende Geschäfte verhindern mich, vor dem Mittwoch die Vorlesungen anzufangen.
Schreckliche Nässe! Gestern Festessen von 130 Gedecken. Ich erhielt Platz neben dem Schöff
Harmine und Louis Brentano, gegenüber Schöff Somhay. Beide Schöffen sind Leser meines
Werkes. Großer Enthusiasmus für das einige Deutschland, viel Toaste, Freundschaftsbündnisse
und Champagner. Auch Gagern sprach schön. Heute werde ich die Regimentstochter opfern
müssen. Ist das nicht schade? Aber es ist um 4 Uhr wieder Sitzung. Dienstag soll geschlossen
werden.“
Dieser Brief zeigt manches auf: Es handelt sich offenbar um einen Kongreß, der die Neuordnung
der Landwirtschaft nach der deutschen Einigung vorbereiten soll. Der „künftige Centralausschuß“ geht in Richtung eines gesamtdeutschen Ministeriums für Landwirtschaft. Dafür hat
Rau offenbar Pläne gemacht und beraten. Der Hinweis darauf, daß er auf eigene Kosten anreisen
und teilnehmen mußte, deutet darauf hin, daß er mindestens von der Universität keinen offiziellen Auftrag hatte, anders als in Jena, wo er seiner Frau mitteilt, daß seine Reisekosten noch für
den Abstecher nach Leipzig und Dresden ausreichen. Die Beratungen in Jena beurteilt er nicht
so positiv wie die landwrtschaftlichen in Frankfurt, er spricht von einem größeren Selbstvertrauen, das er nach Hause mitbringt.
Sein Einsatz findet offensichtlich zu Beginn des Semesters statt, und so muß er seine Frau bitten, seine Studenten von seinem späteren Eintreffen zu informieren. Nebenbei erfährt man auch
etwas vom Umfeld derartiger Tagungen: Wegen sich häufender Sitzungen muß er gar die
Aufführung der „Regimentstochter“ versäumen.
Ähnlich wie bei den Landtagen, von denen er ständig seiner Frau von Opernaufführungen berichtet, wird offenbar auch in Frankfurt ein kulturelles Angebot genutzt. Von einem Festessen ist die
Rede, an dem 130 Personen teilnehmen. Die Stimmung ist gut, „großer Enthusiasmus für das
einige Deutschland!“ Auch hier wird klar, Rau ist kein Revolutionär, und die anderen 130 sind es
offenbar auch nicht. Es geht nicht um Umsturz und Revolution, sondern um den Aufbau eines
einigen Deutschlands.
Das Parlament hatte inzwischen die Grundrechte beraten, die im Dezember verkündet wurden.
Zwischen Oktober 1848 und März 1849 wird die Verfassung beraten. Man versucht eine Synthese zwischen Tradition (Reich, Monarchie, Einzelstaat) und Fortschritt ( allgemeines Wahlrecht,
Volksvertretung) herzustellen. Das konstitutionelle Problem wird zugunsten einer Gewaltenteilung
zwischen Reichstag und Erbkaisertum entschieden (März 1849, 267 : 263 Stimmen).
Seite 176
Das nationale Problem spaltet die Nationalversammlung in Großdeutsche (unter Einschluß der
gesamten Donaumonarchie) und Kleindeutsche (Nationalstaat unter der Führung Preußens ohne
Österreich). Man entscheidet sich schließlich für die kleindeutsche Lösung.
Mit 290 : 248 Stimmen wird der preußische König zum Erbkaiser gewählt. Dieser lehnt jedoch
die Kaiserkrone ab, die „den Ludergeruch der Revolution“ trage. Mit dieser Entscheidung ist die
Arbeit der Frankfurter Nationalversammlung faktisch am Ende.
In Raus Tagebuch ist dazu vermerkt:
„27. März. Erbliche Kaiserwürde, 4 Stimmen Maj.[orität]
28. März.
Wahl des Königs von Preußen zum Kaiser. Majorität größer.
Der König giebt eine unbestimmte Antwort, behandelt die 30 Abgesandten bei Tafel höhnisch.
Daraus entsprang das weitere Unglück von Deutschland. Zunehmende Agitation, man will das
Kaiserthum nicht aufgeben, die Linke stimmt nun eifrig mit ein, weil sie weiß, daß es doch nicht
gelingen wird und die Sache verworren wird.
Die sämtlichen Regierungen außer den Königen erklären sich für die Reichsverfassung. Der König
von Würtemberg wird durch die mächtige, obgleich noch friedliche, doch drohende Bewegung
des Volkes vermocht nachzugeben, nachdem er nach Ludwigsburg geflohen und das Ministerium
abgetreten war.
Tumult in Dresden, Aufstand, Straßenkampf, Flucht des Königs nach Königstein, Bezwingung mit
Hülfe von preußischen Truppen nach schwerer Gefahr, 4.–9. Mai. Die provisorische Regierung
aus Tschirner, Heubner, Todt bestehend, die beiden letzten ergriffen.
Der Widerstand der baierischen Pfalz gegen den König wächst drohend an und wird zum vollen
Aufstande. Die Beamten treten bei, Zuzug aus Worms bemächtigt sich Ludwigshavens, auch
Heidelberger Turner ziehen hinüber.“
Der folgende Teil des Tagebuchs ist mit „Badischer Aufstand“ überschrieben und hat die revolutionäre Entwicklung in Baden zum Inhalt. Parallel dazu hat Rau Aufzeichnungen angefertigt, die
er mit dem Titel „Die vierzig Tage in Heidelberg. Erinnerungen an den badischen Aufstand im
Sommer 1849“ versieht.
Seite 177
Darin sind die Ereignisse zwischen dem 12.Mai und dem 23.Juni 1849 dargestellt. Auf dem
Manuskript hat er den Autorenvermerk „von Emmerich Bergmann“ angebracht. Dies deutet darauf hin, daß er dieses Manuskript veröffentlichen wollte, allerdings nicht unter seinem eigenen
Namen. Was ihn zu dem Pseudonym bewogen hat, ist nicht bekannt. Es ist schließlich zu seinen
Lebzeiten auch nicht veröffentlicht worden. Erst im Jahre 1999, zum 150. Jahrestag der Badischen Revolution, ist es in einer Schriftenreihe des Universitätsarchivs Heidelberg in kommentierter Form erschienen.174
Während das Tagebuch die Ereignisse in kurzen Worten schildert, wie sie vorgefallen sind, werden in den „Vierzig Tagen“ politische Zusammenhänge dargestellt, Pressemeldungen eingearbeitet und Wertungen getroffen. Es hat den Anschein, als hätte das Tagebuch als Vorlage und Gedächtnisstütze für die „Vierzig Tage“ gedient.
Weitere Einblicke in die revolutionären Ereignisse bietet ein Brief von Amalie Rau an einen
Verwandten, in dem sie die Revolution aus weiblicher Sicht schildert. Hier erfährt man, welche
Belastungen in dieser Zeit auf die bürgerlichen Haushalte entfielen, seien es Einquartierungen,
Sonderschichten in der Küche zu allen möglichen Zeiten, Verpflichtungen zur Abgabe von allen
möglichen Dingen wie Verbandmaterial o.ä.175
Hier können die Abläufe nur in sehr gedrängter Form wiedergegeben werden.
Rau beginnt im „Tagebuch“ mit dem Prozeß gegen Joseph Fickler und dessen unerwartetem
Freispruch:
„Die Freisprechung Ficklers von den Geschworenen in Freiburg, bei auffallend rohem und heftigem Betragen der Zuhörer, wirkte schlimm und verstärkte den Eindruck, den schon die Reden
von Struve, Blind und Brentano bei Verurtheilung der beiden ersten gemacht. Soldaten in Rastadt
[…] werden unruhig, versammeln sich, berathen über ihr Verhältniß zu den Bürgern, verbünden
sich mit diesen, am 10.,am 11. wird es stürmischer, Verhaftete werden befreit, General Cloßmann
verwundet, allgemeiner Aufstand.
Kriegsminister Hoffmann eilt dahin, richtet nichts aus, kommt mit Mühe wieder durch.“
Es geht weiter mit der Volksversammlung in Offenburg am 13. Mai:
„ Große Volksversammlung in Offenburg. Schon vorher Forderungen an den Grosherzog gebracht, des Morgens, die dieser ablehnt. Gögg176 präsidierte.
174
175
176
Karl Heinrich Rau: Die vierzig Tage in Heidelberg. Erinnerungen an den badischen Aufstand im Sommer
1849. Ubstadt-Weiher 1999
in: Karl Heinrich Rau: Die vierzig Tage... S. 112-118
Armand Goegg (1820-1897), Zollassistent; Organisator der demokratischen Volksvereine. Er hatte
zwischen 1841 und 1843 über vier Semester hinweg bei Rau Handelslehre,
Finanzwissenschaft, Nationalökonomie und Landwirtschaft gehört.
Seite 178
Ich erfuhr Samstag Abends die erste böse Kunde im Museum. Sonntag Nachmittag auf dem
Schlosse brachte Zöllig die Nachricht von den Offenburger Forderungen.
(Sie enthielten im wesentlichen: Anerkennung der Reichsverfassung, Entlassung des Ministeriums Bekk, Neuwahlen, Volksbewaffnung, Entlassung aller politischen Gefangenen, Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit, Wahl der Offiziere, Verschmelzung von stehendem Heer und
Volkswehr, unentgeltliche Aufhebung der Grundlasten, Selbstverwaltung der Gemeinden,
Aufhebung aller Kammerbeschlüsse seit dem 17. Januar, Geschworenengerichte, Errichtung einer
Nationalbank, Einführung einer progressiven Einkommensteuer, Einrichtung eines Landespensionsfonds zur Unterstützung aller arbeitsunfähigen Bürger.)
Abends 20 Uhr Generalmarsch, die Bürgerwehr zum Theil in den Bahnhof geführt angeblich
gegen erwartete fremde Truppen, in der That um Struve zu befreien, wenn er etwa vorbeigebracht
würde, aber er war schon in Bruchsal befreit.
Andere besetzten die Gebäude, wo Störung zu befürchten war. Das Schießen am frühen Morgen
setzte uns Ludwigs wegen in die größte Angst, aber es war nur Übermuth. Nach 5 Uhr gieng ich
in dem herrlichen Morgen bis in die Bahnhöfe, es war nichts vorgefallen, Ludwig auf dem Rathhause gewesen. Lebhafte Bewegung auf den Straßen. Am Vormittag des Montag (14.5.) traf die
Nachricht aus Karlsruhe ein, Meuterei der Truppen, Leibregiment, Gefecht vor dem Zeughause,
der Grosherzog mit wenigen Treuen geflüchtet, die Minister ebenfalls. Nun die Sorge um Otto.
Doch erzählten Ministerialrath Kraner und Karl Ullmann177, daß nur ein Bürger verwundet sei. Ich
schrieb Abends noch an Otto. Dieser Tag war merkwürdig, weil man wußte, daß gar keine Regierungsgewalt da sei, dennoch geschah nichts. Schwere Besorgnisse. Vorlesungen ausgesetzt;
Studenten beriethen über ihre Bewaffnung. Nachmittags kamen Soldaten von Karlsruhe in voller
Rüstung an, die dort sich empört hatten und nach Hause giengen.
Ludwig eilte nach Worms, kam gegen Morgen mit den Papieren zurück. Die Nacht ruhig.
Dienstag, 15. 5.
Gallus Maier178 Civil-Commissär, Zuzüge, sonst keine Veränderungen. Freischärler finden sich ein.
177
178
Karl Ullmann, Sohn des Theologen Ullmann
Gallus Maier, Arzt in Heidelberg; Vorstand des demokratischen Volksvereins. Nach der Revolution als
Emigrant in Straßburg und in der Schweiz.
Seite 179
Brief von Otto von der Rheinbrücke bei Maximiliansau. Er geht nach Lauterburg.
Abends 10 1/2 die Bürgerwehr zusammengerufen, Generalmarsch. Freiwillige aufgefordert, gehen ab, um die Dragoner und Kanonen zu fangen. Nachts Sturmläuten ohne Zweck und Wirkung,
gegen Morgen nochmals. Barricade am Mannheimer Thor, thöricht, bald wieder entfernt.“
Über die Söhne ist anzumerken: Otto, Dr. der Kameralwissenschaften, Sekretariatspraktikant an
der Domänenkammer, damals Landwehrmann, schließt sich dem Gefolge des Großherzogs an,
der zunächst nach Lauterburg ins Exil geht.
Ludwig, Dr. med., Frauenarzt, praktiziert in Heidelberg, ist verheiratet mit Amalie, geb. Renz aus
Worms. Beide gehen nach Bonn, wo Ludwig sich entschließt, Landwirtschaft zu studieren. Später
wird er Leiter der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim. Sohn Adolf ist, wie oben erwähnt, in Amerika.
Tochter Mathilde wird mit einer Freundin von ihren Eltern nach Maulbronn geschickt zu einer
befreundeten Familie, wo sie die Entwicklung der Revolution abwartet. So waren alle Kinder in
Sicherheit; die Söhne konnten nicht gegen ihren Willen ins Revolutionsheer verpflichtet werden,
wie dies von der Revolutionsregierung vorgesehen war, die eine Dienstpflicht für alle Männer
zwischen 18 und 30 Jahren angeordnet hatte.
Diese Art von temporärem Exil war in den Familien der Heidelberger Professoren weit verbreitete
Praxis. Das nahe Heilbronn, in Württemberg gelegen, war ein beliebter Ort, die Entwicklung einfach abzuwarten.
Diese Beispiele aus dem „Tagebuch“ müssen hier genügen. Die Revolution nimmt ihren bekannten Verlauf. Bereits am 11. Mai waren in mehreren badischen Garnisonen Militärmeutereien ausgebrochen, die Festung Rastatt stand unter Kontrolle der Aufständischen. Der Großherzog ergriff
die Flucht und begab sich nach Frankfurt, um bei der Zentralgewalt Schutz zu finden. Er fand
schließlich Hilfe bei den Preußen.
Am 14. Mai wurde das Ministerium Bekk abgesetzt und die Exekutivkommission des Landesausschusses etablierte sich mit Armand Goegg, Joseph Ignatz Peter (1789-1872) und Carl Joseph
Eichfeldt (1815-1857) unter dem Präsidenten Brentano. Das Ziel dieser Vollzugsbehörde war die
Festigung der revolutionären Macht und der Widerstand gegen eine Intervention Preußens. Der
Landesausschuß beauftragte sogenannte „Kommissäre“ für einzelne Städte und Amtsbezirke, so
den Wundarzt Gallus Maier in Heidelberg, die diese Ziele durchsetzen sollten. Außerdem gab es
zwei Kriegskommissäre, den Philosophiestudenten und radikalen Republikaner Gustav Adolph
Seite 180
Schlöffel (1828-1849) und seinen Kommilitonen, den Medizinstudenten Joseph Theodor Nerlinger
(1821-?) Über diese schreibt Rau:
„Schlöffel der Sohn, ein begabter junger Enthusiast, der im vorgen Jahre als Student seinen republicanischen Eifer in vielen Reden an das Volk gezeigt hatte, und der Cameralcandidat Nerlinger
aus Offenburg erschienen als Aushebungscommissäre, um das erste Aufgebot zu organisieren.
Die geplagte Bürgerschaft mußte unter anderen auch für diese beiden jungen Männer, die sich
im Gasthaus zum „Badischen Hofe“ gütlich thaten, einen Wachtposten liefern. Wie man leicht
denken kann, wußten sich die unerfahrenen neuen Commissäre nicht in den Gränzen ihres
Auftrages zu halten, sondern thaten manche Übergriffe, erließen z. B. ein Verbot des Bettelns
bei schwerer Strafe. Der Civilcommissär nahm dieß mit Recht übel. Die Einwohner aber ließen
sich gerade diese Eigenmächtigkeit gerne gefallen, denn das Betteln hörte wirklich auf.“179
Am 3. Juni fand die Wahl zur konstituierenden Landesversammlung statt, die das erste von allen
männlichen Bewohnern Badens über 21 Jahre gewählte Parlament darstellte.
Mitte Juni wurde eine provisorische Regierung unter Brentano errichtet. Rau schreibt dazu:
„Die Wahlen der Stadt zu der constituirenden Landesversammlung wurden heute bekannt: Peter,
der protestantische Pfarrer Lehlbach von Heiligkreutzsteinach, Gallus Maier, Dr. med. Bronner in
Wiesloch. Nur die leidenschaftliche Befangenheit konnte verkennen, wie wenig diese Wahl Vertrauen einflößte. Aber es hatten sehr viele Wahlberechtigte gar nicht gestimmt, weil sie die ganze
Handlung für ungesetzlich und nichtig ansahen und nicht einmal auf die Heimlichkeit der Abstimmung mit Sicherheit rechnen konnten. Man hat nicht erfahren, wieviele Wahlstimmen abgegeben worden sind und wieviel jeder der Gewählten erhielt. Wie es scheint, schämte sich die
Wahlcommission, diese Zahlen bekannt zu machen.“180
Inzwischen war der Vormarsch der badischen Truppen und Freischärler durch hessische Truppen
gestoppt worden. Die Revolution ließ sich also nicht „exportieren“. In dieser Situation verspricht
man sich Rettung von einem polnischen revolutionären Militärfachmann: Ludwig Mieroslawski
(1814-1878) trifft aus Sizilien ein und wird Oberbefehlshaber der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee.
179
180
Karl Heinrich Rau: Die vierzig Tage in Heidelberg. Ubstadt-Weiher 1999, S. 68.
a.a.O. S. 81
Seite 181
Rau schreibt dazu am 13. Juni:
„ Mieroslawski, von mehreren Officieren begleitet, mustert die Linientruppen in der Stadt und
am Bahnhofe. Seine Anrede an die verschiedenen Abtheilungen wird Satz für Satzvon dem
Adjutanten Speier verdeutscht und schließt mit der Aufforderung, ein dreimaliges Lebehoch für
Deutschland zu rufen. Der General ist ein schlanker Mann von 37 Jahren, mit feinen, schönen
Gesichtszügen, einem blonden, wohlgepflegten Barte, der in zwei Spitzen ausläuft, gefälligem
Benehmen und dem schönsten Anstande. Er trägt einen bleuen Überrock mit rothem Kragen,
goldne Epauletten, eine blaue Schildmütze nach österreichischem Schnitt mit goldner Stickerei
und eine Schärpe von den deutschen Farben.
Mieroslawski brachte mehrere andere polnische Stabsofficiere mit. Es mußte die Zuversicht der
Armee erhöhen, Männer an ihrer Spitze zu wissen, die schon auf manchem Schlachtfelde
gekämpft hatten. Aber wie schlimm stand es doch um eine Sache, zu deren Durchführung man
Ausländer ohne Kenntniß der Sprache, des Landes, des Volkes sowie ohne Interesse an dessen
Wohl und Wehe zu Hülfe rufen mußte!
Den Polen liegt nichts an einer badischen Stadt, an Baden, überhaupt an Deutschland. Sie wollen nur die Befreiung ihres Vaterlandes von russischer, österreichischer und preußischer Herrschaft und damit die Aussicht auf ihre Rückkehr in ihre Heimath. Ihr Interesse an einem anderen
Lande ist nur ein vorübergehendes. Es dauert nur so lange, als der Zustand des Landes ein Mittel
für ihre Zwecke ist, und es kümmert sie nicht, wenn dasselbe hinterher in Leiden verfällt. M. verhieß zwar den Truppen, mit ihnen zu siegen oder zu sterben, aber es war vorauszusehen, daß er
es mit dieser Zusage nicht allzu buchstäblich nehmen werde.“181
Es gibt Kämpfe an der Bergstraße und bei Mannheim und Ludwigshafen zwischen den badischen
Revolutionstruppen und hessischen sowie Reichstruppen, die unter preußischem Oberbefehl stehen. Zunächst ist nicht klar, wer der Sieger ist. Dazu Rau am 16. Juni:
„Mieroslawski erließ eine Proclamation, in der er triumphierend versicherte, die Feinde wichen
überall, und deshalb eine Beleuchtung der Stadt die ganze Nacht hindurch anbefahl. Die Einwohner mußten natürlich einem Gebote des Feldherrn Folge leisten, thaten dies aber auch nur
formal, um nicht gerade ungehorsam zu erscheinen.
181
a.a.O. S. 82
Seite 182
Es war Kriegszustand! Ein starker Gewitterregen um halb 11 Uhr löschte die außerhalb der
Fenster stehenden Lichter sogleich wieder aus. Solche befohlene Beleuchtungen zur Feier angeblicher Siege kamen in den Zeiten Napoleons wohl vor, waren aber dem jüngeren Geschlecht
etwas ganz Neues.“ 182
Aber der Ring preußischer Truppen schließt sich immer enger um das aufständische Baden, die
Pfalz wird besetzt, man dringt an den Unterlauf des Neckars und in den Odenwald vor, schließlich überqueren preußische Truppen am 20. Juni bei Germersheim den Rhein. In der Schlacht bei
Waghäusel erleidet das badische Revolutionsheer eine entscheidende Niederlage. Nach wenigen
Tagen müssen die Revolutionstruppen auch im badischen Oberland kapitulieren, die eingeschlossene Festung Rastatt tut dies am 23. Juli, und am 18. August zieht der Großherzog feierlich wieder in Karlsruhe ein.
Das Ende in Heidelberg schildert Rau so:
„Sonnabend, 23. Juni.
Eben dämmerte am unbewölkten Himmel der Morgen, von einem Chor unzähliger Vogelkehlen
laut begrüßt, als ein starker Schuß die Schläfer weckte. Es war 3 1/2 Uhr. Wer die völlige Räumung der Stadt noch nicht kannte, kam leicht auf die Vermuthung, die Brücke sei gesprengt worden. Aber es war der Signalschuß der Preußen. Ohne Zweifel wußte man im Hauptquartier des
Generals von der Gröben, daß es jetzt an der Zeit sei vorwärtszugehen, wenn man auch mit den
Ereignissen noch nicht genau bekannt war. Da man die Brücken von Ladenburg und Mannheim
schon frei fand, so sollte auch in Heidelberg der Übergang versucht werden. Starke Truppenmassen bewegten sich nach der Ecke von Neuenheim, wo dem von Norden her Ankommenden die
Aussicht auf das Thal, die langgedehnte Stadt, die Brücke und die Schloßruine sich plötzlich
eröffnet. Hier wurde Geschütz aufgefahren und eine Granate wohlgezielt hinübergeschossen, die
auch, wie es beabsichtigt war, im Nebel’schen, ehemals Thibaut’schen Garten unter dem Schlosse platzte, darauf erwartungsvolle Stille.
Wurde der Schuß erwidert, so folgte eine verderbliche Salve aus dem groben Geschütz. Wie
leicht konnte ein irgendwo versteckter verwegener Freischärler aus der Stadt hinüberschießen
und diese in großes Unglück stürzen! Zum Glück blieb alles ruhig, und nun setzte sich der Vortrab nach der Brücke zu in Bewegung, das 31. Landwehrregiment voran. Bald gaben weiße
Fahnen, die hie und da erschienen, die Hoffnung, daß man friedlich einziehen werde, dennoch
dauerte die Ungewißheit fort. Die Vordersten beobachteten aufmerksam jedes offene Fenster
182
a.a.O. S. 85
Seite 183
und jeden Begegnenden, eines Angriffs gewärtig, bis sie an beiden Enden die Thore besetzt hatten. Es läßt sich nicht bestimmen,welcher Theil über diesen friedlichen Ausgang mehr erfreut
war: die preußischen Soldaten, denen noch gestern die feurigsten Ermahnungen gegeben worden waren, in dem Angriff auf Heidelberg die Ehre ihrer Fahnen zu behaupten, oder die Einwohner, die nun seit 6 Wochen wieder frei aufathmen konnten.“183
An dieser Stelle soll nun Frau Amalie das Wort gegeben werden, die die Ereignisse in einem Brief
an einen Verwandten aus ihrer Sicht schildert:
„Wir hatten keine Ahnung, wie nahe uns die Revolution war und die tief eingreifende Verschwörung um such gefressen hatte. Bald sollten uns die Schuppen von den Augen fallen, denn
die sich bald geltend machende provisorische Regierung vermied zwar as Wort Republik auszusprechen, um die Soldaten, um welche es ihnen hauptsächlich zu thun war, nicht wieder zu verlieren, denn letzterer größerer Theil wenigstens hingen fest an ihrem Großherzog, wie wir selbst
aus ihrem Munde hörten. Mit Thränen und reuigem Gemüthe bekannten sie‘s uns gar oft.
Anfangs spielten wir ihnen Zeitungen in die Hände, erzählten ihnen, daß der Großherzog
Amnestie erlassen hätte für meine Soldaten, was sie gerührt hat und ihnen absichtlich verborgen blieb von Seite der Aufwiegler, aber die Meisten behaupteten, nicht mehr zurück zu können.
Auch war Aufklärung und nur ein Gespräch mit den Soldaten verboten, täglich fielen wegen
einem Worte Verhaftungen vor, gleich hieß es, das ist ein Jesuit und Aristokrat. Besonders mußten sich die Professoren (wie Ihr aus der Allgemeinen Zeitung gelesen habt) in acht nehmen, auf
die ist man von je her aufsässig (so belastet man sie auch unverhältnismäßig mit Einquartirung).
Es saßen gewiß 180 eingezogene Einwohner im neuen Strafgefängniß, besonders Geistliche, deshalb heißt man’s nur das Pfarrhaus. Gleich wurde vom Standrecht gesprochen. Das Gesetz bestand hauptsächlich für die ersten unglücklichen Aufgebote.
Kinder von 18-30 Jahren mußten ausgeliefert werden, und wer sich entfernte, für den sollten die
Eltern täglich 50 fl. Strafe abgeben, bis die Verlangten gestellt waren. Zum Glück traten diese
barbarischen Maßnahmen nicht in Kraft, was man wie so manches Gemäßigte blos Brentano zu
verdanken hatte. [...]
183
a.a.O. S. 99 ff.
Seite 184
Du kannst Dir denken, wie unendlich viele Einquartirung wir hatten, täglich eine Musterkarte von
aller Art Menschen. Es war höchst interessant, wir haben uns mit allen ins Wort gegeben, durften jedoch unsere Gesinnung nicht laut werden lassen; aber das Herz hatte uns oft geblutet über
die verirrten, fest gerannten, belogenen Menschen, denen seit langer Zeit alles verkehrt vorgespiegelt wurde. [...]
Ich habe freilich den Beweis geliefert, daß mein etwas morscher Körper doch noch etwas aushält, denn von der Küche im Keller Wein zapfen, Sallat putzen, Kartoffel schälen, am Herd stehen und kochen, nicht blos bei Tag, sondern auch halbe Nächte sorgen, daß immer Fleischvorräthe vorhanden sind, denn mitten in der Nacht schellte es oft wüthend, und herein traten
Kerle mit Bärten, daß man sich fürchtete, mit ihnen unter einem Dache zu schlafen, das waren
Wochen, lieber Ludwig! [...]
Es waren recht harte Tage, lieber Ludwig, und doch gebe ich sie nicht wieder heraus. Fester hielten wir zusammen wie in den freudigen Tagen, und aus meines lieben Mannes Muth stählte auch
ich den meinigen. Ich empfand mehr als je, was es ein Glück ist, so eine Stütze zu haben und
gemeinschaftlich den Schutz von oben zu erflehen. Nein, ohne diesen wäre man dem Wechsel
von Furcht und Hoffen unterlegen, denn wir mußten, und haben uns nicht verborgen, daß unser
Leben und bischen Habe sehr gefährdet war, und doch wollte mein Mann, da die Universität
nicht geschlossen wurde und man viel daran setzte, daß jeder auf seinem Posten bleibt, nicht
seine Vorlesungen einstellen, da immer noch ein Häufchen fleißiger Zuhörer blieb, die Inländer
mußten freilich alle fort.
Ich ging nicht ohne meinen Mann, und das liebe Häußchen wollten wir doch auch nicht preisgeben, und blos wer alte, treue Mägde hatte, wie Gmelins, Ullmanns, konnte dies wagen. Des letzteren Söhne waren natürlich auch außer Landes. Die Umbreit ging mit ihren Töchtern nach Heilbronn, dort und in Weinsberg sowie Cannstadt saß ein ganzes Nest Heidelberger, aber bald
darauf folgte auch der Umbreit seiner Familie nach. Er bekam nämlich in der Nacht Einquartirung; und da er in Hof hinaus, die Magd ebenfalls, schlief, so hörte er das Schellen nicht.
Hierauf geriethen die vor dem Hause in Wuth, glaubend man wolle sie nicht herein lassen. In der
Nachbarschaft entleerte sich eben ein Wirthshaus, eine Masse Menschen drangen ins Haus,
nachdem die Magd geöffnet, und unglücklicher Weise bekam er 8 Mann der bösesten Kerle aus
der Flüchtlingslegion und schrieen: „ Nieder mit den Pfaffen und Aristokraten“. Als der bleiche
Umbreit mit dem Lichte auf der Treppe stund, hatte einer der Teufel, gewiß einer aus dem
Bruchsaler Gefängniß, auf ihn angelegt und hätte ihn unfehlbar erschossen, hätte ihn nicht ein
anderer daran gehindert. Da hatte er genug, und machte sich aus dem Staube. [...]
Seite 185
Könnte ich Dir nur ein Nachtstück treulich wiedergeben, wie wir es erlebten, und zwar die Flucht
beschreiben, als die Badischen nach hartnäckigem Widerstand (anfangs haben sie sogar die
Preußen, die schwächer waren, zurückgedrängt, was sich hier gleich verbreitete und uns nicht
wenig in Schrecken versetzte) bei Waghäußel und bei Phillipsburg geschlagen wurden. Schon um
8 Uhr Abend suchten einige wohlbekannte Gesichter, die schon ein paar mal bei uns einquartirt
waren, ohne Billete ihre alten Quartire auf, nach und nach kamen immer mehr. Dies ging die
ganze Nacht fort, kaum haben wir eine Parthie todmüder Menschen erquickt, so schellte es, und
ein ordentlicher Jubel ging auf:
„Oh, Kamerad, lebst du auch noch.“ Schmutzig, schwarz wie Kohlen waren die Gesichter vom
Pulverdampf, die wunden Füße kaum mehr schleppen können, manche aßen nicht vor Schwäche
und schliefen auf unserem Sopha ein, während mein lieber Mann dann sich von kräftigeren
Soldaten alles genau erzählen ließ (damals logen sie auch nicht) und wir servirten die immer
wachsende Tafel. Es war ein Seegen in meinem großen Braten und Würsten, und die Suppen, so
viel wir sie auch verlängern mußten, mundeten vortrefflich, denn viele sagten, daß sie keinen
Bissen genossen in den 36 Stunden, seit sie unser Haus verlassen hätten.
Ein Soldat, so trocken und possirlich, zog ein wahres Felsenstück Zucker heraus, was er mir verehrte. Er habe sich als das einzige Nahrungsmittel genug davon genossen, und in Waghäußel
wären sie nicht bang mit den Vorräthen umgegangen. Auch die Preußen hätten Zuckerwasser
mit dem Rheinwasser gemacht, denn die Zuckerhüte wären meistens im Rhein spatzirt, die ganze
Fabrik soll demolirt sein. [...]
Morgens 1/2 auf 4 ertönte ein naher, furchtbarer Kanonenschlag, der in den bergen wiederhallte, die Brücke, die Brücke ist in die Luft! Es kann nichts anderes sein! Gleich darauf schellt es
heftig an unserer Gartenthüre, und die Stimme meines Schwagers, der überall der Erste ist, und
brüderlich mit uns die Schreckenswochen theilte, schrie herein:
„Die Preußen kommen, eben reiten sie über die Brücke!“ Das Brüderpaar eilte, unsere Erretter
zu begrüßen, die Läden flogen auf, und manches Nachtkäppchen bekam von den zufriedenen
Kriegern einen Morgengruß. Nicht leicht drehte sich die Kaffeemühle so lustig auf die nahen
Gäste. „Er muß recht gut werden, Sophie, so viel Gäste wir auch bekommen!“ Und würklich, es
war der Mühe wert, denn kaum hatte man Betten gedeckt, gekehrt, die vielen Strohsäcke geschüttelt, so kamen, o Schrecken, der Segen war doch zu groß für das kleine Häußchen, 18
lange, breite, gestandene Männer, denen man gleich ansah, daß sie mehr Ansprüche machen als
die lustigen Freischärler.
Seite 186
Nachdem sie im Garten ihre 6-7 Kaffeekannen voll heißen Stoffes im Leibe hatten, wünschten
sie um 10 Uhr ein fleischiges Frühstück, und Punkt 12 Uhr zu Mittag zu speisen. Da galt’s, die
Hände zu rühren. Das Herz war aber so leicht, daß ich öfters meinen Alten küssen mußte, und
das Essen war gut und fertig. Auch das Glas Wein wurde nicht verschmäht, und mit Wohlgefallen
blickte ich auf die lange Tafel im Schuppen, hinter der Küche, wo sie alle abgefüttert wurden,
werden und sein werden. Jetzt weiß ich erst, für was für Zeiten ich mir das Höfchen da hinten
hergerichtet habe. [...]184
Die Quellen, vor allem der Brief von Frau Amalie, geben Einblick in den beschwerlichen Alltag
von Revolution und Krieg. Während Karl Heinrich Rau seine Vorlesungen unbeirrt weiter hält –
vormittags von 10 bis 11 Uhr Landwirthschaftslehre, nachmittags von 16 bis 17 Uhr Nationalökonomie, dazu über Zollwesen und den deutschen Zollverein sowie über staatswirtschaftliche
Neuerscheinungen - hat Frau Amalie mit gravierenden Erschwernissen ihrer Haushaltung zu
kämpfen. Die Einquartierungen sind drückend, zumal sie zu allen Tag- und Nachtzeiten kommen.
Dazu kommen die Sorgen um die Kinder.
Das Haus, das sie laut Amalie Rau nicht „preisgeben“ wollten, ist schließlich nagelneu, es wurde
erst im September 1848 bezogen, und es ist verständlich, daß man es nicht einem ungewissen
Schicksal überlassen wollte.
Aus allem Gesagten wird deutlich, daß Familie Rau das Ende der Bedrohung durch Revolution
und Krieg mit großer Erleichterung begrüßte.
In Karl Heinrichs Bewertung in seiner beobachtenden Rolle als „Emmerich Bergmann“ spiegeln
sich Skepsis und Hoffnung:
„Die Geschichte soll nicht bloß die Vergangenheit richten, sondern auch der Gegenwart Lehren
geben. Wir haben insgesamt eine gute Lection in der Bescheidenheit empfangen, denn die
gerühmte hohe Bildung des Volkes war nicht zu erblicken, vielmehr machte sich der Unverstand,
die leichtgläubige Unwissenheit und die schamlose Selbstsucht vor aller Augen breit. Hier ist vor
allem ein besserer Grund zu legen in Kopf und Herz der Menschen. Überhaupt aber kann sich
184
a.a.O. S.111 ff.
Seite 187
jeder Stand der Gesellschaft aus der jüngsten Vergangenheit gute Lehren abnehmen, Die deutschen Fürsten mögen wohl bedenken, was die wahren Bedürfnisse des gegenwärtigen Geschlechts sind, und, um dieß klarer einzusehen, sich sowohl von liebgewonnenen Illusionen und
unhaltbaren Theorien, als von dem einseitigen Einfluß ihrer Umgebungen losreißen.
Sie mögen lieber vertrauensvoll unter ihr Volk treten und die Dinge mit eigenem Auge sehen, als
sich ängstlich abschließen und den Einflüsterungen weniger Gehör geben. Sie mögen aber
zugleich ein Opfer nicht scheuen, um Deutschland einig und stark werden zu lassen. Wer alles
behalten will, setzt oft alles in Gefahr!
Die Staatsbeamten mögen auf die Zurückführung von früheren Zuständen ehrlich verzichten und
sich durch keine Rücksichten von der Abstellung der Mißbräuche abhalten lassen. Sie haben
selbst bei gutem Willen durch Langsamkeit der Geschäftsführung und schroffes Betragen viel
Schuld auf sich geladen, und ihr geringschätzendes Grollen gegen die ständischen Kammern hat
diese in manchen Mißgriffen bestärkt.
Die Landstände selbst mögen aufhören, die Regierungen grundsätzlich zu befeinden und zu lähmen, vielmehr ihr frank und frei beistehen, wo sie das Gute will. Sie sollten nicht mitregieren
wollen, nicht um Kleinigkeiten gallsüchtig hadern, damit sie mit desto besserem Gewissen in
wichtigen Dingen männlich festhalten können.
Die Bürger mögen in der Achtung vor Recht und Gesetz nicht wanken, ihres Berufes gewissenhaft warten und dem theuren Vaterlande ihr Herz weihen. Thut jeder seine Pflicht, so werden
weder in Baden, noch in anderen deutschen Ländern solche Tage wie die verhängnisvollen vierzig wiederkehren.“ 185
In Heidelberg ist die Revolution vorbei. In Baden gibt es noch einige Gefechte im Oberland, am
23. Juli ergibt sich die Festung Rastatt. Gustav Tiedemann, der Sohn von Raus Medizinerkollegen
Tiedemann, der der revolutionäre Festungskommandant von Rastatt ist, wird mit anderen zum
Tode verurteilt und erschossen. Viele Revolutionäre fliehen ins Ausland, manche werden verurteilt. Erst 1862 gibt es eine Amnestie, in deren Folge etliche ehemalige Revolutionäre wieder
nach Baden zurückkehren.
185
a.a.O. S.106
Seite 188
7.
Reisen
das beispiel london 1851
Das Reisen hat für Rau schon immer eine besondere Rolle gespielt. Schon als Junge von 14
Jahren unternahm er im September 1807 eine Reise von Erlangen nach Muggendorf und schrieb
darüber ein Tagebuch, das er überschrieb:
„Beschreibung einer Reise die nach Muggendorf und die umliegende Gegend im Jahr 1807 von
Carl Daniel Heinrich Rau gethan worden.“
Das Jahr 1807 ist für den jungen Rau eine Zeit des Umbruches. Im Juli war der Vater gestorben,
und nun gilt es, die Schulzeit möglichst rasch zu beenden. Doch im September unternimmt der
diese Reise, überwiegend zu Fuß, weitgehend selbständig, wenn er auch immer noch mit der
Hilfe von Freunden und Bekannten rechnen kann.
Die Reisen, die Rau unternimmt und über die er stets Tagebuch führt, verlaufen alle ähnlich wie
seine Deutschlandreise von 1817. Er beschreibt nicht nur, was er an landschaftlichen Besonderheiten sieht, sondern überall werden die landwirtschaftlichen, forstwirtschaftlichen, gewerblichen und industriellen Gegebenheiten erforscht, erfragt und festgehalten. Er zeichnet auch
sorgfältig seine Gesprächspartner auf, die er unterwegs aufsucht. Jede seiner Reisen ist auch
ohne Auftrag eine kameralistische oder nationalökonomische Dienstreise.
Dazu kommt, daß er viel zeichnet, Skizzen von Landschaften, Trachten, landwirtschaftlichen
Gerätschaften, Maschinen anfertigt, um seine Notizen zu ergänzen.
Durch vorhandene Reisepässe und Tagebücher sind folgende Reisen dokumentiert:
1832
in die Schweiz und Oberitalien,
1834
ins Fichtelgebirge,
1837
Schweiz,
1838
Frankreich mit Schwerpunkt Paris,
1840
München, Oberbayern, Salzburg und Salzburger Land,
1841
Belgien,
1844 und 1845 Elsaß,
Seite 189
1846
Österreich,
1850
Tirol,
1851
England, Paris und Schottland,
1852
Hannover, Hamburg und Berlin,
1854
Tirol und Venedig,
1855
Paris,
1856
Oberbayern,
1857
Badisches Oberland,
1858
München und Oberbayern,
1859
Allgäu,
1862
Oberbayern,
1860-66
danach immer Engelberg in der Zentralschweiz.
Hier soll nun als Beispiel die Reise nach England aufgenommen werden. Sie fand im Jahre 1851
statt, als in London die erste Weltausstellung war. Rau war dort als offizieller Abgesandter des
Großherzogtums Baden, und sein besonderer Auftrag bestand außer der Knüpfung mannigfacher
Kontakte in der Anfertigung eines Berichtes über die Ausstellung landwirtschaftlicher Geräte.
Die Reise dauert von Juli bis Oktober 1851. In der Zeit liegt noch ein Abstecher nach Paris, von
London aus, sowie eine Reise nach Schottland, die Rau im Anschluß an seine offizielle Mission
unternahm.
Die Quellen sind das Tagebuch „Englische Reise 1851“ (Rau 98) sowie die Briefe an seine Frau
Amalie (in Rau 90) sowie die kleine Sammlung von Dokumenten in Rau 22. Das Tagebuch umfaßt
in transkribierter Form 90 Seiten, die Briefe 30 Seiten. Die Reise beginnt am 12. Juli 1851. Am
16. Juli schreibt Rau seinen ersten Brief an seine Frau:
„Die Reise will ich kurz zusammenfassen. Ich kam wie betäubt in Castel an und war noch auf
dem Dampfschiff ermüdet und stumpf. Doch das schöne Wetter und die schöne Gegend erfrischten mich, auch fand sich eine Reisebekanntschaft zur Ansprache. Ich bezahlte in Cöln den Platz
1. Classe bis London, fuhr Abends noch nach Aachen und erreichte Montag Abend gegen 9 Uhr
Ostende, nun schon wieder ganz gestärkt. Es war schon dunkel, als ich mir auf den Sophas in
der Cajüte einen Platz belegte. Mein Nachbar rechts war Herr Dilger, der mit Frau und Tochter
hieher reißte. Um halb 11 Uhr stießen wir vom Lande. Bald begann das Schaukeln.
Seite 190
Noch ehe der Leuchtthurm von Ostende verschwunden war, flüchtete ich vor der Durchnässung
und dem Winde vom Verdeck hinab; es war nur 1/2 Stunde verflossen, aber die Waschbecken
waren schon hergerichtet und wurden bald gebraucht. Wir hatten gerade entgegengesetzten
Wind und brauchten daher 8 Stunden! Wenn das nicht eine schändliche Geschichte war, so giebt
es keine mehr!
Meines Erinnerns lassen sich in meiner Leidensgeschichte 8 einzelne Acte unterscheiden, der
letzte erst gegen Morgen. Dilger litt nicht weniger, das mochte ihm im Rennwege zu Baireuth
nicht vorgekommen sein! Nun, wir kamen endlich doch an, die Morgensonne beschien die weißen Felsen der Küste und die grünen Wellen des Meeres, die Visitation war nicht lang, aber
meine Bücher kosten über 6 Schill. Zoll.
Die Landreise von Dover aus ist allerliebst. Welch ein hübsches, schön angebautes Land! Um
halb 11 kam der Zug, zuletzt auf hoher Mauer zwischen Dächern und Schlöten, in der Station an,
es ward bald ein Cab gefunden und nun gieng es durch die berühmten Straßen der City (über
London Bridge nämlich!), Cornhill, Cheapside nach dem Gasthofe Hôtel d’Europe in Leicester
Place, nahe bei Leicester Square. Es ist französisches Personal, der Kellner sogar ein Sachse,
Zimmer (74 Stufen hoch und so groß wie mein Bücherzimmer) mit Frühstück, Cotelettes, 10
Shilling täglich. Erst gegen 2 kam ich zu Viebahn [offenbar ein Organisationsangestellter, Anm.
d. Verf.], der mich sogleich in den Glaspallast brachte, wo ich eine Masse Schreiben, Kataloge,
eine unentgeltliche Jurors-Charte u. dergl. erhielt.
Der erste Eindruck ist verwirrend, betäubend, zumal nach solcher Nacht! Ich getraue mich
eigentlich noch gar nichts darüber zu sagen.“186
186
Rau 90; die Originalzitate über den Londoner Aufenthakt sind ausnahmslos den Briefen an seine
Frau Amalie entnommen, also alle unter Rau 90.
Seite 191
Stadtplan von London · Werbegeschenk von 1851
Seite 192
Rau ist also nach beschwerlicher Reise angekommen. Mit Rheindampfer und Eisenbahn bis
Ostende, dann die Überfahrt mit beträchtlicher Seekrankheit. Auch für damalige Zeiten sind acht
Stunden für eine Kanalüberquerung sehr lang, später berichtet er über drei Stunden, die als normal gelten.
In seinem Tagebuch fährt Rau mit seinen Eintragungen in englischer Sprache fort. Das hält an
bis zum 28. Juli, danach geht es auf deutsch weiter.
Rau sucht sich als erstes eine Wohnung, was nicht ganz einfach ist. In vierzig Häusern fragt er
nach, und schließlich wird er fündig: Er bittet über seine Frau seinen Sohn Ludwig, dem „Herrn
Staatsrath v.Marschall, Präsidenten des Ministeriums des Inneren, Hochwohlgeboren“ seine
Adresse mitzuteilen: „28 Down Street, Piccadilly“. Einen Bericht werde er in den nächsten Tagen
senden. Über seine Wohnung schreibt er:
„Wegen meiner Wohnung werde ich beneidet, ich hätte keine behaglichere finden können, 13-14
Min. von der Ausstellung. Das Rollen der Wagen setzt nicht aus, aber das Schlafstübchen hinten
hinaus ist ruhig und die alte Magd recht gefällig. Herr Huggard fragt bisweilen, ob ich Alles comfortable finde, was ich gerne bejahe. Was man nur einem werthen Gast ins Zimmer stellt, ist hier
beisammen. Schöne Pendeluhr, allerlei Vasen auf dem Camin, Spiegel mit Leuchtern, Wasserflasche, Seifenschüssel, Zuckerdose von Krystall p.“
Auch mit der Kost ist er zufrieden:
„Das Lunch um Mittagszeit oder 2, 3 Uhr dient schon als frugales Mittagessen, dann reichen
Abends Cotelets (mit dicker Brühe) oder Chops hin, und beide sind köstlich; Chops, nämlich
gebratene Hammelrippen, so schmackhaft wie wohl nie in Deutschland. Apfelsinen zu 3 k. thun
auch gut. Überall gutes Bier, nämlich pale ale, das leichteste und etwa wie das Münchener. Müde
wird man freilich sehr, ungeachtet des herrlichen Pflasters und des öfteren Fahrens in einem
Omnibus, in denen ich noch keine Gefahr für die Taschen wahrgenommen habe. Für 18 K. (6 p.)
fährt man fast 1/2 Stunde weit.“
Von der Ausstellung selbst, die im Hyde Park stattfindet, berichtet er ebenfalls:
„Von der Ausstellung habe ich nur Weniges genau besehen und nicht einmal das ganze recht
überblickt. Der Eindruck des Geländes ist von außen nicht günstig, weil man vor Bäumen und
Häusern die lange Seite nicht übersehen kann, d.h. nicht aus einiger Entfernung, doch ist schon
der Eintritt zum Queergang (transept) sehr schön.
Seite 193
Aber nun das Innere! Man kann es sich so groß und prachtvoll nicht vorstellen, wie es ist. Dieser
Queergang mit den alten Eichen ist an 1000 Fuß lang und 150 Fuß breit, mehr als unser Garten
von der Straße zur hinteren Mauer lang. Hier sprudeln 3 Springbrunnen, der schönste ist in der
Mitte ganz aus geschliffenem Glase, welches etwa wie ein Candelaber gestaltet ist. Die Leute
schöpfen aus diesem Becken Wasser zum Trinken. In dem mittleren Hauptgange, der der Länge
nach durch das ganze Haus zieht, ist eine Masse von Kunstwerken angehäuft, riesenhafte Bildsäulen von Menschen und Thieren, die mit recht bewunderte Amazone von Biß, der Löwe aus
München, ungeheure Spiegel, bunte Glasfenster in einem verdunkelten Zelte u. dergl. Der Raum
ist so ungeheuer, daß man die Länge nicht ganz übersieht. Da nun einige Orgeln ausgestellt sind,
so hört man fast beständig die Töne derselben durch das Geschwirre der Tausende, die gehend,
stehend oder sitzend sind. Von den hohen Gallerien aus ist der Anblick am mächtigsten und viele
Leute setzen sich an einer Ecke neben die Orgel auf Bänke, die übereinander hervorragen, um
dieß Bild zu genießen.
Neben dem Hauptgange befinden sich viele Abtheilungen, zum Theile wie Zimmer mit Tapetenwänden abgeschlossen. An den 1-Shillingstagen ist man vielleicht mit 60000, neulich mit über
70000 Menschen zugleich im Gebäude, aber nirgends Gedränge oder Geschrei, und etwas über
200 Polizeidiener, im blauen Frack und weißen Handschuhen ohne Waffe erhalten Alles in bester
Ordnung.
Es ist ein großes Ereigniß, dem Nationalökonomen besonders wichtig, daß nun einmal ein Wettkampf auf dem Boden der Gütererzeugung (Production) an die Reihe gekommen ist und jedes
Volk zeigt, was es an nützlichen Dingen zum Verkauf anbieten kann. Man hat die Gegenstände
des Welthandels beisammen, ein unermeßliches Gemälde, um Technologie und Waarenkunde zu
versinnlichen, aber auch das Schöne ist nicht zurückgeblieben; England, Italien, Deutschland,
Frankreich p. haben eine Menge auserlesener Bildwerke von Marmor, Metall, Gips p. geliefert,
auch streben die Zeuche, Möbeln, Gefäße p. überall zu der Schönheit der Formen hin. Viele
Menschen, die es thun konnten, werden es bereuen, diesen Punct nicht bedacht zu haben. [...]
Von technischer Seite ergreift am meisten der Saal, wo die Maschienen gehen. Überall sind
Arbeiter beschäftigt, die Maschienen zu warten, hier wird gesponnen, gewoben, dort eine
Medaille gepreßt u. dergl.
Der Scharfsinn, mit dem für Alles gesorgt ist, setzt in Erstaunen, z. B. die refreshment rooms,
die Räume zu anderer Bequemlichkeit u. dergl.
Seite 194
Als Juror kann ich schon um 9 Uhr herein. 2mal sah ich die Königin am Arme ihres Gemahles,
eine hübsche Frau, doch trippelt sie etwas und ist klein. Die Ruhe, mit der Alles vor sich geht,
auch in den Straßen, ist erstaunlich. Man sieht, wie wohl dieser Staat zusammengefügt ist und
Jeder sich in seinem Geleise mit Bewußtsein seiner Rechte bewegt.“
Rau berichtet weiterhin über Pflüge, die auf Feldern mehrere Stunden außerhalb Londons getestet werden, von einer Viehausstellung in Windsor, von einem Theaterbesuch im Haymarket
Theatre und einem Kongreß der Friedensfreunde. Dieser dauerte drei Tage, und Rau konnte nicht
an allen Veranstaltungen teilnehmen. Um so verwunderter war er, in der Zeitung zu lesen, daß er
zum Mitglied des Bureau erwählt worden war.
Auch gesellige Ereignisse gibt es:
„Diesen Nachmittag wurde ich in die hiesige Gesellschaft geschleudert und mußte nothgedrungen schwimmen, d.h. über nationalökonomische Gegenstände englisch sprechen. Es war in dem
Garten des jungen Bunsen, wo außer dem Vater und Kestner noch der ehemalige Minister
Heinrich von Arnim und einige junge Engländer waren. Mit den genannten Diplomaten war die
Verständigung über politische Dinge leicht hergestellt.
Man denkt hier eben auch so wie bei uns.
Der Regen trieb ins Zimmer, wo der junge Bunsen das „Jerusalem“ umd andere Mendelsohn’sche
Stücke wunderhübsch sang. Wie ist doch hier Alles anders!“
Seite 195
Auch andere gesellschaftliche Ereignisse werden Rau geboten. Er erhält eine Einladung zu einem
Ball in die Guildhall:
Leider liegt kein Bericht darüber vor, wie die Veranstaltung verlief.
Seite 196
Bei der Weltausstellung sind viele Deutsche versammelt, auch viele Professoren. Am Rande wird
auch ein wenig Personalpolitik gemacht. Der Heidelberger Chemiker Gmelin 187, der sich große
wissenschaftliche Verdienste erworben hat, soll wohl in absehbarer Zeit durch einen Jüngeren
ersetzt werden. Unter den Professoren wird diskutiert, 187 Leopold Gmelin, 1788-1853, seit 1814
Professor in Heidelberg.
wer in Frage käme: Wunschkandidat ist offenbar Bunsen. 188, aber für den Fall, daß er nicht kommen wolle, wird die Berufung von Hofmann 189 erwogen, den Rau favorisiert. Er ist ein Schüler
Liebigs190, der sich auch für ihn einsetzt. Rau schreibt:
„Hofmann würde zu uns gehen; Liebig hat auch für ihn schon Schritte gethan und es wäre mir
ein so junger kräftiger Mann eigentlich lieber. Seine Frau soll in L.[London] nicht gedeihen und
ist auch schon in Deutschland. Nach Gießen will er aus persönlichen Gründen nicht, weil er
einen älteren Freund überspringen würde.“ [...]
Wenn Bunsen, mit dem wahrscheinlich schon unterhandelt wurde, nicht für Heidelberg gewonnen wird, so bekommen wir Hoffmann. Er hat in Berathung mit Liebig Bedingungen festgestellt
und sie mir auf meine vertrauliche Anfrage mitgetheilt, sie sind durch Dietz, dem ich sie sagte,
schon auf dem Wege nach Karlsruhe und werden dort nicht mißfallen. Es ist hier nur eine Stimme
des Lobes über Hoffmann. [...] Auch Varrentrop von Braunschweig, ein ausgezeichneter Mann,
gestand, daß unter den jüngeren Chemikern Hoffmann den ersten Anspruch auf die Stelle
Gmelins habe. Die Regierung will 20.000 fl. zum Bau eines Laboratoriums anweisen. Die Minorität der Fakultät, deren Führer ich bekanntlich war, ist wieder glänzend gerechtfertigt und das
Ministerium lächelt über die kleinlichen Zwistigkeiten in der Universität. Wir sehen recht deutlich, wie man über Heidelberg auswärts denkt; es gilt so ziemlich neben Berlin als die erste
Universität und wir können getrost Berufungen ausgehen lassen, Jedermann wäre gern dort.“
Bunsen hat sich dann doch für Heidelberg entschieden.
Zwischen dem 1. und dem 8. August befindet sich Rau auf einer Reise nach Paris. Die Einladung
ergeht an den Lord Mayor von London und schließt offizielle Kommissionsmitglieder ein.
188
189
190
Robert Bunsen,1811-1899
August Wilhelm v. Hofmann, 1818-892
Justus v. Liebig, 1803-1873
Seite 197
„Ihr werdet von den beabsichtigten Pariser Festen gehört haben. Auch mir kam eine Einladung
zu, ich erklärte die Annahme und erwarte nun das Nähere. Viele von uns wollen mit gehen, es ist
immerhin eine Erinnerung mehr. Da man uns ein Kriegsschiff geben will, so wird die Überfahrt
leicht sein.“
Dies bewahrheitet sich, der Dampfer „Prinzessin Helena“ bringt Rau und seine Mitreisenden bei
ruhiger See von Folkstone nach Boulogne, wo die Reisenden festlich empfangen werden. Überall
gibt es Schaulustige, und die Stadt bewirtet die Besucher „recht stattlich“. In Amiens paradiert
die Nationalgarde mit klingendem Spiel und es steht eine lange Tafel in der Bahnhofshalle mit
Champagner und Backwerk.
„Überall Anreden an den Lord Mayor, Erwiderungen desselben und Hurrarufen. Es war mir ganz
feierlich zu Muth, als diese unbefriedigten Republicaner ihren englischen Gästen zum Abschiede
das God save the King aufspielten. Sie sollen fühlen, wie viel ihnen fehlt! Wie fest und geordnet
ist Alles in England.“
Die Reisegesellschaft ist offenbar recht zahlreich, denn Rau, der im ersten Zug mit dem Lord
Mayor gereist ist, berichtet, daß noch ein Dampfschiff und drei Züge nach ihnen kommen. Im
Gasthof in Paris leben die Reisenden auf eigene Kosten, aber die Rückfahrt ist ebenso wie die
Herfahrt kostenlos. Rau kommt in demselben Gasthof unter, wo schon früher seine Frau einmal
gewohnt hat.
Er macht eine grundsätzliche Bemerkung zu der Reise:
„Man wird es immer als ein bemerkenswerthes Zeichen der Zeit ansehen dürfen, wie die beiden
durch den Canal getrennten Völker sich einander zu nähern suchen. In dem nämlichen Amiens
wurde 1803 der Friede geschlossen. Wir übriges exhibition people, wie man in England die zur
Ausstellung gekommenen foreigners nennt, kommen natürlich weniger in Betracht, doch machte
die Frau Wirthin hier eine Verbeugung, als ich ihr sagte, wir seien Commissäre.“
Seite 198
Im Hotel de Ville gibt es einen festlichen Empfang:
„Der Platz vor dem Pallast war ganz von Truppen umschlossen, auch Cürassieren zu Roß, die
Ordnung musterhaft. Durch ganze Reihen von Officieren und Bedienten die geschmückte Treppe
hinauf gieng es in eine Reihe prachtvoller Säle, wie ich sie noch nie gesehen. Alle Anwesenden
erkennen an, daß dieß Fest die Londoner weit hinter sich läßt. Ich hätte lange zu thun, wenn ich
alles beschreiben sollte.
Wir speißten in einem langen hohen Saal, in dem 26 Kronleuchter, jeder mit 36 Kerzen, brannten. Essen und Trinken ausgezeichnet; besseren Champagner wird man wohl nirgends bekommen. Ich hatte links Karmarsch 191 und Steinbeiß 192, rechts Baron Mertens d’ Offin aus Belgien,
einen ausgezeichneten Landwirth.
191
192
Karmarsch, Karl, 1803-1879, Technologe und Chemiker
v.Steinbeis, Ferdinand, 1807-1893, Regierungsrat an der württembergischen Zentrale für Gewerbe
und Handel, „Vater“ der gewerblichen Ausbildung in Württemberg, Namensgeber der 1971 gegründeten
gleichnamigen Stiftung.
Seite 199
Seite 200
Lord Granville sprach lange und vortrefflich zur Erwiderung des Toastes, den der Präfect von
Paris auf die Königliche Commission ausbrachte. Großer Beifall. Nach aufgehobener Tafel kamen
die Damen und viele andere Gäste nach, es dauerte aber lange, bis die Musik anfangen konnte
und wir standen unterdessen unermeßliche Hitze aus. [...]
Endlich öffneten sich die Thüren des Speisesaales wieder, eine Musikbühne war aufgeschlagen,
wo vorher noch Tafeln gestanden hatten, man that in unserer Gegenwart noch die letzten Hammerschläge, wir setzten uns auf gepolsterte Bänke und die Musik fieng an, von Mitgliedern des
Conservatoriums ausgeführt; bekanntlich das erste Orchester auf der Erde. Von der Aufführung
ist eben nur zu sagen, daß sie vollkommen war. Ouvertüre aus Oberon p., im 2. Theil lauter deutsche Musik.
Wie mich der Chor aus Maccabäus ergriffen hat:Seht, er kommt mit Sieg gekrönt – kann ich
nicht ausdrücken. Als die herrlichen Variationen aus Beethovens Symphonie und der Schlußsatz
derselben zu Ende kamen, brachen wir auf, besahen noch die Säle und den verzierten Hof und
erreichten mit gefälligem Beistand eines Stadtsergeanten glücklich einen Fiaker.
Ähnliche Pracht, mit dem feinsten Geschmack, sehen wir wohl nie wieder. Nur waren Hitze und
Durst unendlich, alles Eis half nur augenblicklich. Der Glanz der Anzüge war einzig. Ich mit meinem bescheidenen Bändchen sah sehr unscheinbar neben den Hunderten von Kreutzen und
Sternen aus; mein Commandeurkreutz ist zwar hier, aber das Band fehlt. [...]
Kein Königsschloß kann diese Räume übertreffen. Es war heute bei bedecktem Himmel sehr heiß
und die Luft so rein und mild gegen den Londoner Kohlendunst! Man wird wohl erfahren, wie
groß die Zahl der Gäste war. Großes Interesse erregte der greise General Montholon, Napoleons
treuer Begleiter. Vom Präsidenten war nur die Büste zu sehen. Mein Bruder wird Euch wohl aus
den französischen Zeitungen die Beschreibung der Feste verschaffen.“
Seite 201
Seite 202
Es gibt aber auch organisatorische Pannen auf der Reise. Die Delegation wird nach Versailles
bestellt, dort wird lange gewartet, bis ein Rundgang durch die Säle beginnen kann. Doch vergehen viele Stunden und es tut sich nichts. Also geht Rau durch den Park, in dem „die großen
Wasser sprangen und 60-70.000 Menschen versammelt waren“.
Am nächsten Tag soll ein Empfang in St. Cloud beim Präsidenten der Republik sein. Dies ist Louis
Napoleon, der Neffe Napoleons und spätere Napoleon III. Rau wirft sich „in vollen Staat“, kauft
sogar ein Ordensband für sein Kommandeurskreuz. Von 3-7 Uhr soll man in St. Cloud zubringen,
und Rau will mit Karmarsch und der Familie des Professors Schubart aus Berlin hinfahren. Die
Tochter der Familie hat in London den Namen „Zollvereins Child“ erhalten, was einmal mehr darauf hinweist, daß die deutsche Delegation nicht unter „Deutschland“ oder „Germany“ firmiert,
sondern unter „Zollverein“.
In St. Cloud angekommen, ist „zahlreiche Gesellschaft versammelt“, die Vorstellung einiger Personen beim Präsidenten ist schon vorbei, „doch sahen wir ihn noch im Garten.“ Nun werden die
Räume besichtigt, wo Napoleon gewohnt hat, Garten und Springbrunnen, aber bei der angebotenen Verköstigung gehen Rau und seine Freunde wieder leer aus.
„Die mißlungenen Einladungen haben uns hier viel Zeit verdorben, doch ist’s immer angenehm,
die Erinnerungen von vor 13 Jahren her wieder aufzufrischen. Wir werden morgen zurückgehen
und das große Feldmanöver in Ruhe lassen.“
Rau badet stattdessen in der Seine, kauft Bücher, besucht eine Sitzung der Nationalversammlung
und stellt fest, daß „Paris an schönen Gebäuden reicher ist als London.“ Am Ende der Tage in
Paris steht ein Ball, zu dem sich das Zollvereinskind eigens ein Kleid hat machen lassen. Rau
schreibt darüber nur:
„Der Ball war sehr glänzend. Soviel Diamanten habe ich außer den Staatsschätzen in Wien – man
sprach von 8.000 Einladungen – noch nicht beisammen gesehen. Der Präsident gieng dicht an
mir vorbei, sieht aber unbedeutend aus.“
Damit ist die Paris-Reise beendet.
Seite 203
Nach der Rückkehr nach London muß Rau ein familiäres Problem lösen: seine Tochter Mathilde,
25 Jahre alt, möchte gerne nach London kommen. Sie ist von einer bekannten deutschen Familie
eingeladen, und darüber hinaus bietet sich ihr die Möglichkeit, für ein halbes oder auch ganzes
Jahr in einer englischen Familie mit drei Töchtern zu leben und zu arbeiten.
Vater Rau hat große Bedenken. Zunächst sind sie finanzieller Art, aber diese stellt er zurück mit
dem Hinweis, daß die Ausbildung der Söhne schließlich auch viel Geld gekostet hätte und daß
man der Tochter doch den Wunsch erfüllen sollte. Andere Gründe sind gravierender:
„Den Plan wegen Mathilde kann ich nicht mißbilligen. Allerdings liegt in ihren Beweggründen
Manches, was die ruhige Prüfung nicht aushält, sie wird hier an manchen Dingen Anstoß nehmen und die große Gebundenheit, Beengtheit einer großen Stadt nicht angenehm finden, was
natürlich von Männern weniger gilt. Die Luft ist feuchter und kühler, aber der Kohlenqualm, durch
den die Sonne trüb röthlich scheint, hat auch sein Lästiges und alle Welt strebt hinaus ins Freie.
Mathilde darf sich nicht verbergen, daß es für sie vielleicht ein Scheideweg ist.
Zur einfachen bürgerlichen Hausfrau ist sie nach ihrer Rückkehr weniger geeignet, es wird wenigstens Mühe kosten, sich wieder zu beschränken und keine Ansprüche merken zu lassen. Allein
da es nicht in ihrer Macht steht, diesen Beruf zu ergreifen, so ist für eine selbständige Lebensweise diese Gelegenheit vortrefflich; sie fühlt nun einmal den Drang und die Fähigkeiten dazu
und man darf sie nicht aufhalten. Von dieser Stelle ist der Rücktritt nach 1/2 Jahr ganz leicht
und sie kann sich in neuen Verhältnissen versuchen, die auf jeden Fall bildend und anregend
sind. Ich denke hiebei nicht an uns, denn die Trennung wird uns recht schwer werden. Es ist
nicht, als wenn Mathilde heirathete, denn dann hätte man wieder Ersatz durch Beruhigung und
Freude anderer Art. Aber wir werden alt und Mathilde muß einmal ohne uns leben, also muß sie
in einem Alter, wo man noch jugendlichen Muth und Schnellkraft besitzt, ihre Kräfte in Thätigkeit
setzen.“
Hier wird deutlich, wo die Sorgen des Vaters liegen: Mathilde ist mit ihren 25 Jahren für die
damalige Zeit über das eigentliche Heiratsalter bereits hinaus und man muß befürchten, daß eine
Verehelichung und damit Versorgung ihr nicht mehr gelingen wird. Durch einen Auslandsaufenthalt und die damit verbundene Erweiterung des Horizontes verschlechtern sich offenbar
ihre Heiratsaussichten noch mehr. Außerdem befürchtet der Vater, daß Mathilde auch selbst
nicht mit einem Dasein einer bürgerlichen Hausfrau zufrieden sein würde. Aber er überwindet
sich und billigt schließlich Mathildes Plan, auch in Hinsicht darauf, daß Mathilde vielleicht einmal
vielleicht selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen müßte. Es kommt aber alles so, wie
Mathilde es sich wünscht, sie bleibt ein Jahr in England und heiratet später dennoch.
Seite 204
Rau hat für die Ausstellung einen besonderen Auftrag: Er soll sich um landwirtschaftliche
Maschinen kümmern und darüber berichten. Zunächst muß er sich in die Ausstellung einarbeiten, um auch selbst Besuchergruppen führen zu können. Dazu schreibt er an Amalie:
„Die heutige Herumführung ist, denke ich, nicht schlechter gewesen als die der Anderen. Wenn
ich morgen fertig damit bin, kann ich Hand an den Bericht legen. Da dieser aber doch kurz sein
und keine Zeichnungen enthalten soll, so wird wohl Stoff zu einer weiteren Ausführung bleiben,
und schwerlich wird ein Anderer eine solche Masse von Beschreibungen und Abbildungen mitbringen, viele 2-3fach. Dies giebt also eine kleine Schrift 193, zu deren Ausarbeitung ich hier
ermuntert werde. Die englischen Maschienen sind zwar zu künstlich und kostbar für uns, aber
Vieles ist doch anwendbar und manche neue Erfindung hat uns Vergnügen gemacht. Es sind
Dampf-Dreschmaschienen zu Dutzenden in dem Saale aufgestellt.
Was sind die Pflüge schön, wie genau alle Maschienen gearbeitet, wie jeder Theil durchdacht!
Auch Getreidemähmaschienen sind da, und wir giengen neulich auf Mecchis Gut über ein großes
Stoppelfeld, welches mit der americanischen Maschiene geschnitten worden war. Manche
Fabricanten haben soviel ausgestellt, daß einer alleine mehrere Stunden ausfüllen kann. Da der
Saal nicht reichen würde, so haben sie die Gerüste wie Stockwerke angelegt, so daß man die
Privattreppe hinaufsteigt, um auch das oben stehende zu sehen, so z. B. Barrett, Garrett und
Hornsby. Jeder hat 1-2 Agenten zu seinen Gegenständen gesetzt und diese Leute sind natürlich
sehr zuvorkommend, wenn die German Commissioners anrücken und sie sehen, daß einer davon
erklärt. Natürlich wird auch Manches nach Deutschland kommen. In dem englischen landwirthschaftlichen Saal sind vielleicht 1500-2000 einzelne Stücke. Was ist die Hohenheimer Sammlung
dagegen?
Fahrbare Dampfmaschienen, z.B. zum Dreschen, von schönster Arbeit, das Stück zu 200-240
Pfund Sterling. Heuwender, Heurechen, Säemaschienen mit Düngerausstreuung, Butterfässer,
Pferdehacken jeder Art, Handmühlen, Schrotmühlen, Ölkuchenbrecher, eiserne Gliedereggen
u.s.f. – Was die anderen Länder hiezu gesendet haben, ist unbedeutend, nur die hübschen americanischen Pflüge ausgenommen.“
Dies deutet klar darauf hin, daß die englischen Maschinen, mindestens im Bereich der Landwirtschaft, in der Zeit führend waren.
193
Erschienen unter: „Die Landwirthschaftlichen Geräthe der Londoner Ausstellung im Jahre 1851.
Amtlicher Bericht mit Zusätzen und Abbildungen. Von Dr. Karl Heinrich Rau, Großh. Bad. Geh. Rath
und Prof. zu Heidelberg. Berlin 1853
Seite 205
Es gibt auch Exkursionen, auf denen die Geräte und Maschinen in der Praxis vorgeführt und getestet werden:
„Die kleine Reise war recht angenehm. Viebahn I und II, Hermann und ich brachen um 9 Uhr hier
auf, trafen Mittags auf der Station Faringdon ein und fanden hier schon den stattlichen Wagen
des Herrn Pusey, eines der ersten Landwirthe Englands, dem ich ein Empfehlungsschreiben
(durch Liebig vermittelt) geschickt und der schon früher Viebahn eingeladen hatte.
Wir wurden gut empfangen und nach kurzem Lunch hinaus auf die Felder gefahren, wo der gefällige Mann uns zu Gefallen eine ganze Batterie von Ackerwerkzeugen aufgestellt hatte, die nun
vor unseren Augen pflügten, säeten, behackten, eggten, Dünger ausstreuten usw. Auch stand
eine geheitzte Dampfmaschiene auf Rädern da, welche die Dreschmaschiene in Bewegung setzte und so wurde tapfer darauf los gedroschen. Das war unschätzbar für mich.
Ins Herrenhaus zurückgekehrt, erhielten wir Zimmer zum Waschen und Umkleiden, dann rief die
Glocke zum Dinner, wo ich zwischen Frau und Miß Pusey der älteren Platz nahm. Natürlich wurde
bloß englisch gesprochen. Wir aßen natürlich gut. Nach der Tafel führte uns der Wagen des reichen und angesehenen Mannes nach Oxford, wo wir recht comfortabel übernachteten.“
Rau bemüht sich um weitere Ziele:
„Liebig will mir Adressen für die Besichtigung schottischer Landgüter geben, Porter desgleichen
für die Fabrikstädte, Beneke für sein Haus in Manchester. Ich habe den Kopf voll Pflüge, Dreschmaschienen p. Fabricant Labahn von Greifswald nimmt mir die Säemaschienen und die
Maschienen zum Pressen der Draining Pipes ab. Was man täglich sieht und lernt, ist so viel, daß
man lange daran zu verarbeiten hat.“
„Gestern hatte Patow eine Fahrt auf ein Landgut in der Grafschaft Essex bei Colchester veranstaltet und mich beigezogen. Wir waren zu 8, dabei Auerswald, Viebahn und Prof. Magnus von
Berlin, ein ausgezeichneter Mann, Technologe. Es war eine heitere Reise, 15 Stunden weit, auf
der Bahn. Wir giengen 3 1/2 Stunden auf dem Gute herum, fragend und aufschreibend, nahmen
dann ein gutes Dinner in dem Dorfwirthshause ein und langten nach 10 Uhr wieder in der Stadt
ein,.[...] Hier wurde mir das drainage zuerst recht anschaulich.“
Die Landwirtschaft vermittelt Rau auch unerwartete Kontakte.
Seite 206
Er schreibt an seine Frau:
„Der Spanier Ramon de la Sagra hat Lust, meine Geschichte des Pfluges ins Spanische übersetzen zu lassen. Er bittet 1. um ein Exemplar der Schrift, 2. um eine Mittheilung von Herrn Winter
(Winter’sche Verlagsbuchhandlung in Heidelberg, Raus Verleger), ob und unter welchen Bedingungen derselbe ihm die Holzschnitte überlassen wolle.“
Am Samstag, 20. September, beginnt der Abschied von London. Er ist nun immerhin schon seit
dem 16. Juli da gewesen. Rau notiert, daß er etwa fünfzigmal in der Ausstellung war. Daneben
hat er noch vieles andere gesehen, wie die London Docks, den Zoologischen Garten im Regents
Park, die Bank of England, die Dockyards in Woolwich, eine Guttaperchafabrik und das University
College of London. Über alle diese Stationen gibt es ausführliche Aufzeichnungen. Dazu kommen noch die touristischen Ziele wie Schloß Windsor, St. Paul’s Cathedral u.a.
Zum Ende des Londoner Aufenthalts schreibt er seiner Frau:
„ Sonntag, kurz vor 11 Uhr. In diesem Augenblick ist mein Bericht fertig geworden. Er ist 20
geschriebene Bogen stark und es war ein hartes Stück Arbeit, über der ich gestern noch bis über
Mitternacht saß und vorgestern etwa 6 Stunden in einem Sitze, nachdem ich mich in der Ausstellung gehörig ermüdet hatte. Der Bericht geht nun nach Berlin ab, doch habe ich für eine
andere Chose noch Einiges zu arbeiten. Hoffentlich werde ich keine Schande aufheben.
Ich bin noch Willens, morgen aufzubrechen. Alles hat seine Zeit und ich fühle mich schon von
London abgelöst. Gestern machte ich die letzten Studien in der Ausstellung und verließ dieselbe
ohne Bedauern, obgleich ungewiß, ob ich sie noch einmal sehe, – weil es nach Hause zu geht.
Daß das viele Arbeiten nun zu Ende ist, wird mir wohl thun. Heute muß ich noch einige Besuche
machen und den Abend zum Packen verwenden.“
Rau möchte die britische Insel nicht verlassen, ohne noch einige Landstriche und Städte gesehen zu haben. So startet er am 23. September zu einer Rundreise, auf der er Manchester,
Liverpool, Birmingham, York, Cambridge und Edinburgh besucht. Über jede Station gibt es
Aufzeichnungen.
birmingham
„Birmingham ist keine hübsche Stadt. Rauchige Backsteinhäuser, viel Höfe, Mauern, Hintergebäude – Straßen einander ähnlich. Wenig gutgekleidete, viel dürftig aussehende Menschen.
Die Fabriken schmutzig wegen des Rauches. Kleine Zimmer, enge Treppen und Gänge, winklig,
Seite 207
nach und nach vergrößert, alles von bräunlichem Staube angefüllt, denn auch Erde und Stein ist
so gefärbt.“
Rau besichtigt hier eine Silberwarenfabrik und eine Pappmachéfabrik des Fabrikanten Collis,
eine Glasfabrik mit 600 Arbeitern, unter denen auch Kinder sind, sowie eine Fabrik für Bronzeund Messingwaren mit Vergolderei. Über den Verdienst der Leute notiert er, er sei gut, Kinder
bekämen 4-5 Shilling wöchentlich, Männer bis 24 Shilling.
liverpool
Liverpool ist „auffallend von Birmingham verschieden, schöne, stattliche Gebäude, hübsche Läden. Die Docks zogen mich sogleich an. Sie sind mit offenen Schuppen umgeben. Schleusenthore, dazwischen Bassins, in denen Schiffe sind, aber keine Vorrichtung zum Ausladen.“
Er beobachtet fasziniert Schiffe aus aller Welt, die entladen, und Schiffe, die in alle Welt fahren,
wie nach Kalkutta, Havanna, Singapore, Valparaiso und Havanna. Ein amerikanischer Viermaster,
„Mannschaft zum Theil Neger“, lädt Zinn in Kisten. Er beobachtet, daß die Überseewaren Ersatz
für europäische Fabrikate sind. Aus Amerika kommen beispielsweise Mehl, Baumwolle, Hanf, aus
Batavia Zucker. Aus Europa gehen Fertigwaren, Industrieprodukte, hinaus.
Er stellt eine auffallende Verschiedenheit zwischen dem höher und dem tiefer gelegenen Teil der
Stadt fest. Oben findet er „alles rein, alles scheint wohlhabend“, es gibt hübsche Läden und
Plätze, die Leute sind gut gekleidet. Unten findet er viele schlecht gekleidete Menschen,
„Schiffsleute, Träger, arme Weibspersonen mit Kindern“, die Läden sind schlecht, es werden
„erbärmliche Kraamwaren“ angeboten. Obsthändler, Schuster u. ä. sind in Kellern angesiedelt.
An einem Regentag geht er in das Sessionhouse, wo der Richter Mansfield zu Gericht sitzt. Er
hat nun Einblick in das Justizsystem des Landes.
„Ich erhielt Platz auf einer Bühne neben ihm, wir plauderten bisweilen. Feines, kluges Gesicht.
Gegenüber die Bühne der Gefangenen, [sie] werden heraufgeführt, Diener bleibt hinter ihnen.
Rechts runde Bühne, für den Ankläger. Links Platz des Schreibers, der aufruft. Pay 5 Sh. for
being drunk and imprisoned for 3 days. Kam oft vor, Weiber auch. Der Schreiber giebt an, ob jemand schon früher gestraft worden ist. Nach der Anklage:
What have you to say, man or prisoner (auch bei Weibspersonen) or lad?“ Rau beobachtet
Verhandlungen gegen Diebe, darunter auch Kinder, die ebenfalls bestraft werden. Ein junger
Mann, der im Wiederholungsfall als Taschendieb überführt wurde, erhält 3 Monate Freiheits-
Seite 208
strafe. Zwei kleine Mädchen, etwa 8-10 Jahre alt, schluchzen sehr, sie sollen zwei neue Shawls
gestohlen haben und werden „Committed for 31 days.“
Zeugen werden vereidigt, indem man ihnen die Bibel zu küssen gibt. Rau besucht auch ein
Gefängnis. Er vermerkt, daß pro Kopf und pro Woche 2 Shilling 8 1/2 d. an Kosten anfallen. Die
Gefangenen arbeiten, beispielsweise zerhauen sie alte Taue mit dem Beil, lassen sie mit Dampf
durchdringen, schlagen sie weich, zupfen das Material, 2-3 Pfund täglich; es wird zum Kalfatern
der Schiffe verwendet. Fußmatten aus Schnüren von Kokosfasern werden durchbrochen geflochten, sie sind dauerhaft und beliebt. Außerdem gibt es Weber, Schuster, Schmiede und Näher.
Bei der Arbeit herrscht strenges Schweigen. Die Gefangenen sitzen auf Bänken „wie Schulkinder“. Vor den Männern sitzt ein Gerichtsdiener auf einer Bühne, der sie bewacht. Es gibt
einen Hof, in dem die Gefangenen spazieren gehen.
manchester
Rau vermerkt, die Stadt erinnere mehr an London als an Liverpool und Birmingham.
Blick aus dem Clarence Hotel
„Man sieht wenig schlecht gekleidete unordentliche Leute, schöne Gebäude, freilich meistens
casernenartig ohne alle Einfassung der Fenstereinschnitte in der Backsteinwand, natürlich auch
Seite 209
ohne Läden. Aber einige neue Häuser haben Fenstergewände von behauenem Sandstein mit
Gesteinsverzierungen. Karren fahren mit baumwollenen Zeuchen. Ein Magazin hat auf der einen
Seite 5 Stock mit je 20 Fenstern und noch 20 Fenster eines 3’ hohen Erdgeschosses, um die
Ecke ebenso 11 Fenster.“
Nach einigen Produktions- und Handelsbetrieben besucht Rau eine Schule in Chetham, einem
Stadtteil von Liverpool in der Nähe der Kathedrale. Es handelt sich um eine Art Realschule, in
der neue Sprachen gelernt werden. Unterrichtet werden hier ausschließlich Knaben, die in einem
großen Saal sitzen, schreiben und zeichnen. Die Aufgabe ist, eine Karte zu zeichnen. Es gibt
einen Oberlehrer, mehrere andere Lehrer sind im Saal verteilt.
Rau besucht noch eine Grammar School, die nach zwei Kursen Studenten liefere. „Oben sitzen
größere Bursche, lernen auswendig, studiren, haben Wörterbuch p. bei sich, plaudern auch wohl
miteinander. Der Vorsteher hat seinen schwarzen Talar übergeworfen, den Horaz vor sich. [...]
Die Schüler kommen zu Sophokles, Aristophanes, Thucydides. Knaben sind um einen Lehrer versammelt, um ihm eine griechische Schreibübung zu zeigen. Ein Lehrbuch von Arnold war, glaube
ich, eine griechische Grammatik.
Wie viel auch das eigene Arbeiten werth ist, so scheint es doch, als ob die Lehrer es sich zu
bequem machen. Auf die Frage: wie man denn die Schüler zum Fleiße bringe? wurde erwidert,
die jüngeren würden allerdings thrashed.“
Es gibt auch ein „Night Asylum“: Die Ankommenden werden gebadet, eingeschrieben, gespeist,
liegen auf hölzernen Pritschen. Morgens werden sie entlassen in der Hoffnung, daß sie nicht
mehr wiederkommen müssen. Nur ausnahmsweise werden sie am nächsten Abend nochmals
aufgenommen.
Seine Erforschungen der sozialen Verhältnisse setzt Rau in einem Workhouse fort:
„Der Name paßt nicht recht, denn es wird im ganzen wenig gearbeitet, weil es meistens alte oder
gebrechliche Leute sind, die lebenslang da bleiben. Das Haus soll das beste in England sein, nur
daß das Gebäude wegen der allmählichen Vergrößerungen verwinkelt ist. [Es gibt einen] Saal, wo
die Aufzunehmenden warten. Dann herein, ausgefragt. Einige Geldhülfe kann ihnen sogleich
gegeben werden. Für jeden Bezirk der Stadt ist ein eigenes Office da, wo ein Mann sitzt und das
Buch führt. [Es gibt einen] Saal mit Bänken für jeden Distrikt, wo die Leute während der Sitzung
sich aufhalten und dann an bestimmte Plätze zu ihrem Guardian herantreten. Kinder über 16
Jahre werden nicht beachtet, weil man annimmt, daß sie sich selbst erhalten. Deshalb sind sie
an anderer Stelle aufgeführt. Man beschäftigt so gut es geht. Nähen fürs Haus, Oakum (aus zer-
Seite 210
schnittenen alten Tauen gewonnenes Material) zupfen, Särge machen aus Sandelholzbrettern,
das einzige einträgliche Geschäft. [...]
Essen gut. Suppe mit Kartoffeln und gehacktem Fleisch, reichliche Portion mit brown bread, welches nur nicht weiß ist, lauter Weizen, aber die Engländer essen es doch ungern. Schwächliche
[bekommen] mehr Fleisch. Alles sehr reichlich.“
Es gibt auch ein Krankenzimmer mit Syphilis-und Krätzepatienten. Auch Greise werden hier
betreut, einer hat die Schlacht bei Campredon 1797 gegen die Holländer mitgemacht. Es gibt
hier auch Kinder. Zwei Knaben baten um die Erlaubnis auszugehen, einer erhielt sie. Kleine Mädchen wurden darin geübt, „God Save The Queen“ zu singen. Ein medizinischer Assistent ist
immer zugegen.
Das Krankenzimmer ist hoch und geräumig.
Rau fragt den Verwalter, ob die Leute denn nicht große Lust hätten, hier wieder herauszukommen und sich selbst zu erhalten. Seine Antwort ist ja, man habe aber eine Menge von Iren. Man
unterscheide bei den Bewohnern des Workhouse drei Personengruppen:
1. dauernd arm, 2. casual, 3. Iren.
Rau besucht noch ein Warehouse mit verschiedenen Textilien, eine Klinik, eine Bibliothek, die St.
Georges Church, eine Blindenanstalt, in der nicht nur sehr intensiv Musikunterricht betrieben
wird, sondern auch ein Vorläufer der Blindenschrift praktiziert und gelehrt wird. Diese Blindenschreibmaschine ist gerade zur Weltausstellung fertig geworden und erst provisorisch registriert.
Weiterhin besichtigt er eine Maschinenfabrik, eine Spinnerei, eine Maschinenweberei und eine
Staatsanstalt, in der 650 Kinder untergebracht sind. Es sind verlassene Kinder von Fabrikarbeitern in der Stadt, man versorgt sie sehr gut und jedes Kind lernt, Schuhe und Kleider selbst
herzustellen. In der dazu gehörigen Schule wird sogar Koedukation praktiziert, Mädchen und
Jungen lernen in einem Raum. Neben der Schule arbeiten Mädchen und Jungen auf dem Gut mit,
die Mädchen helfen in der Wäscherei und an anderen Stellen, die Jungen arbeiten auf dem Feld
und im Stall. Durch immer kärglicher werdende Vegetation bewegt sich der Zug in Richtung
Schottland. Man kommt durch die Grafschaft Dumfries, die Grafschaft Larnack, den Ort
Lockerbie. Man sieht viele Steinwälle, das Hochland, karge Felder. Schließlich ist die Hauptstadt
des Landes erreicht: Edinburgh.
Seite 211
edinburgh
Auch hier zeichnet Rau typische Häuser:
Edinburgh · Abhang von der Altstadt gegen die Neustadt hin
In Edinburgh besucht Rau die Highland Agricultural Society, ein dreistöckiges Gebäude, in dem
die Sammlungen untergebracht sind. Rau beschreibt mehrere landwirtschaftliche Maschinen
sowie Fachliteratur.
Durch Northumberland fährt Rau in das „rauchige“ Newcastle, eine Stadt voller Bergwerke.
In York besucht er das gotische Münster. Die Stadt beschreibt er als „groß und reinlich, viele
gothische Gebäude“.
Weiterhin besucht Rau Cambridge und Oxford. Über Cambridge vermerkt er nur, daß es kleiner
sei als Oxford und es eigentlich nur eine Hauptstraße gäbe. Er besucht das Peter’s College und
ein Hospital.
Seite 212
Über Oxford äußert er sich ausführlicher. Er besucht hier Christ Church, wobei ihm Christ Church
Chapel recht düster vorkommt, aber das schöne eichene Schnitzwerk ihm gefällt. In der Bibliothek findet er den Katalog der Bibliotheca Bodleiana 194 und in diesem sein eigenes lateinisches
Programm und eines seines Vaters.
Er besichtigt eine Galerie berühmter Bilder, die Maler sind van Eyck, Raphael, Murillo etc. In der
Halle gibt es Bilder berühmter Zöglinge wie Canning, Locke oder Wellesby, außerdem Gemälde
von Kardinal Wolsey, Königin Elizabeth und Heinrich VIII. („mit dem dicken Gesicht“). Zum
Speisen sitzen die „Noblemen“ auf einer Erhöhung in der Halle. Es gibt ein Examenszimmer, und
die Tür zur Promotion darf nicht durchschritten werden, wenn der Kandidat Schulden hat.
Weiterhin beschreibt er St. Mary’s Church und einen schönen Botanischen Garten.
194
benannt nach Thomas Bodley, 1545-613, engl. Staatsmann und Humanist, im dipl. Auslandsdienst
bei Königin Elizabeth I., verdient um die Vermehrung der Bibliothek der Universität Oxford.
Seite 213
Am 6. Oktober tritt er die Heimreise an.
„Abends 8 1/2 Uhr Abreise nach Dover. Ruhiges Wetter, Mondschein, bewölkt. Ich hatte in einer
Restauration in Parplane die letzte Nahrung genommen. In Dover sogleich an Bord, „City Of
Ostend“. 11 1/2 gieng es hinaus; wenig Reisende. Ich belegte einen Platz nach der Mitte zu und
setzte mich, in den Mantel gehüllt, aufs Deck in die Nähe des Kessels. Bald verloren sich die
Menschen, die Bewegung mäßig, kein Wind. Nach 1/2 Stunde wurde ich müde, hier allein zu sitzen, gieng in die Cajüte, fand die wenigen Menschen auf die Bänke gestreckt schlafend und
machte es ihnen nach. Es war wie auf dem Rhein. Beim Grauen des Morgens standen wir auf,
die Küste war schon sichtbar und das Spiel der grünen Wellen in Ruhe zu betrachten. [...]
Gegen 6 Uhr stiegen wir wohlbehalten ans Land. In dem wohlbekannten Haus gieng das Zollgeschäft leicht von Statten, der Koffer uneröffnet nach Köln gesendet. Es meldete sich ein Träger,
der aber unter Weges uns in ein kleines Kaffeehaus brachte, wo es auch billig war und der Kaffee
trefflich mundete. Die Zeit reichte noch zu einem Gange auf dem Damm bis ans Meer, zu dem
Pavillon. Fast keine Schiffe im See. Helles, warmes Wetter. Gegen Mittag in Brüssel.“
Diese Kanalüberquerung ging glücklicherweise ohne Seekrankheit vorüber.
Damit ist die Reise nach England beendet, eine Reise reich an Eindrücken und an Aufzeichnungen, die Raus Sammelleidenschaft entsprechen und hier keineswegs vollständig wiedergegeben werden können.
Sein „amtlicher Bericht“ erscheint 1853 in Berlin unter dem Titel: „Die Landwirthschaftlichen
Geräthe der Londoner Ausstellung im Jahre 1851“.
Seite 214
8.
Weitere Aktivitäten – Ehrungen – Jubiläen – Lebensende
8.1.
mitarbeit in universitätsgremien
Karl Heinrich Rau hat sich in seinem ganzen Leben immer gerne verpflichten lassen, da aktiv zu
sein, wo man ihn brauchte. Dies galt auch in den Gremien der Universität. Er war nicht nur zweimal Prorektor, sondern auch häufig Dekan der Philosophischen Fakultät. Dies war in den Jahren
1829, 1835, 1841, 1848 und 1862 der Fall.
Darüber hinaus war er fast die ganze Zeit seiner Zugehörigkeit zur Universität Mitglied, häufig
sogar Vorsitzender in Verwaltungsgremien, wie in der Krankenhauskommission und der Bau-und
Ökonomiekommission. Beide Kommissionen sind für die gesamte bauliche und verwaltungsmäßige Entwicklung der Universität Heidelberg und ihrer Kliniken zuständig. Dies reicht von Um - und
Neubauten bis zu Erfordernissen der inneren Verwaltung wie Stellenbesetzungen und Besoldungsfragen im technischen und nichttechnischen Bereich. Darüber hinaus sind sämtliche
Gärten Gegenstand der Kommissionen, der Botanische Garten, der landwirtschaftliche Garten
und zeitweise der Schloßgarten.
In die Zeit von Raus Amtsführung fallen entscheidende Veränderungen sowohl im Krankenhausbau als auch im Bereich der medizinischen und naturwissenschaftlichen Institute. Die
Kliniken für Innere Medizin und Chirurgie (letztere verfügte bei ihrer Gründung 1818 über eine
Kapazität von 12 Betten!) ziehen vom Marstallhof in die Seminarstraße in das umgebaute Seminarium Carolinum. Bald aber reichen die Räumlichkeiten dort nicht mehr aus, und schon zum
Ende von Raus Amts– und Lebenszeit beginnt der Bau des dritten großen Zentrums der Universität: Das neue Klinikviertel im Stadtteil Bergheim nimmt die klassischen medizinischen Fächer
Innere Medizin, Geburtshilfe und Chirurgie auf.
Im Bereich des ehemaligen Augustinerklosters entstehen die heute noch erhaltenen Gebäude für
Anatomie und Zoologie. Das gegenüber liegende Haus „ zum Riesen“, das der katholischen
Kirchenkommission in Bruchsal gehört, wird nach und nach von der Universität angemietet oder
erworben. Hier kommen das Physikalische und das Mathematische Institut unter. Der dazu gehörige Garten bietet Raum für die Errichtung der Gebäude für das Chemische Institut.
Die geradezu stürmische Entwicklung sowohl der Medizin als auch der Naturwissenschaften im
19. Jahrhundert spiegelt sich in der baulichen Entwicklung wider, wie wir sie noch heute an den
Seite 215
entsprechenden Gebäuden ablesen können; sie erfordert auch im personellen Bereich enorme
finanzielle Aufwendungen und die entsprechende Begleitung durch die verwaltenden Universitätsgremien. In den Akten der Bau- und Ökonomiekommission sowie der Krankenhauskommission findet man sehr häufig Schriftstücke von der Hand Raus. Ein Beispiel für seine Tätigkeit ist
die von ihm entworfene „Instruktion für den Verwalter des Krankenhauses in Heidelberg“ aus
dem Jahre 1850. Mehrfach gibt es Budgetvorlagen von seiner Hand, häufig fungiert er als
Etatreferent.
Auch die Korrespondenz mit anderen Ämtern der staatlichen Verwaltung gehören zu seinen
Obliegenheiten. So erhält er in seiner Eigenschaft als „Director des Landwirtschaftlichen Gartens
zu Heidelberg“ ein Schreiben der Ober-Direction des Wasser- und Strassen-Baues vom 23. April
1859, in dem es heißt, daß „in Rücksicht auf die eingetretene Kriegsgefahr der Bahnbau zwischen Heidelberg und Mosbach vor der Hand nicht begonnen wird und daher ein Angriff des
landwirtschaftlichen Gartens in nächster Zeit nicht stattfindet“.195
Äußerst schwierig ist es offenbar, wenn man ein solches Ehrenamt wieder los werden möchte.
Auf die „Bitte des Geheimerathes Professor Dr. Rau in Heidelberg um Enthebung von der Vorstandsstelle der akademischen Krankenhauscommission“ erhält er vom Ministerium des Inneren
folgende Antwort:
„So sehr wir im Hinblick auf die von Euer Hochwohlgeboren auch diesem Nebenamte zugewendeten Bemühungen bedauern müssen, Sie aus der akademischen Krankenhauscommission ausscheiden zu sehen, so vermögen wir doch das Gewicht der Gründe nicht zu verkennen, welche
Ihr Gesuch um Enthebung von der Vorstandsstelle in dieser Commission veranlassen.
Wir müssen jedoch wünschen, gleichzeitig mit der von Euer Hochwohlgeboren erbetenen Enthebung von dieser Stelle deren anderweite Besetzung aussprechen zu können, und ersuchen daher
Euer Hochwohlgeboren, bevor wir über Ihr Gesuch vom 28. v. Mts. förmliche Verfügung ergehen
lassen, uns nach Ihrer genaueren Kenntniß der Obliegenheiten dieses Amtes und der zu dessen
Führung tauglichen Persönlichkeiten gefälligst einen geeigneten Nachfolger namhaft machen zu
wollen.“196
Dies ist eindeutig: Keine Entbindung von den Pflichten des „Nebenamtes“, ohne daß für einen
Nachfolger Sorge getragen wird. Rau ist mit derartigen „Nebenämtern“ noch bis kurz vor seinem
Tod beschäftigt. Ein letztes Schriftstück, den Schloßgarten betreffend, stammt vom 25.
November 1869.
195
196
Rau 24
Rau 24
Seite 216
8.2. mitarbeit in kirchlichen gremien
Rau war als evangelischer Christ nicht nur ein regelmäßiger Kirchenbesucher, sondern nahm
auch an der Gemeindearbeit und der Arbeit in übergeordneten Kirchengremien tätigen Anteil. So
war er Mitglied und zeitweise Vorsitzender des Kirchengemeinderates der Providenzgemeinde
und Synodaler.
Über seine Arbeit in der Providenzgemeinde sagt bei der Trauerfeier der Dekan Dr. Zittel: 197 „Es
sind jetzt nahezu zwei und zwanzig Jahre, als ich zum erstenmal in diese Kirche trat und von dieser Kanzel aus zu der Gemeinde sprach. Da trat der Geschiedene an eben der Stelle, wo jetzt
seine Leiche ruht, an der Spitze des Kirchengemeinderathes mir entgegen, um mich als Pfarrer
dieser Gemeinde zu begrüßen, mich zu mahnen und zu ermuntern, und das alles in so herzlichen
und doch so ernsten Worten, daß sie mir stets unvergeßlich geblieben sind. Seitdem war es mir
vergönnt, in meinem Berufe stets mit ihm zusammen zu gehen und in ihm überall eine treue
Stütze und einen guten und redlichen Rathgeber zu haben.“
Er führt weiterhin aus, daß es Rau nie zuviel war, sich jedem Dienst in der Gemeinde zu unterziehen, und daß er bis ganz kurz vor seinem Tod an den Sitzungen des Kirchengemeinderates teilgenommen hatte, obwohl es ihm schon sehr schwer gefallen war.
Insbesondere hebt er hervor, daß „der mit allen Ehren überhäufte Geheimerath es nicht verschmäht [hat], die Kinder der Stadt an diesen Altar zur Confirmation zu führen.“
Der Kirchenrat und Professor Dr. Schenkel führt dazu aus:
„Daß er als ein Mann der Wissenschaft der Kirche so treue Dienste dargebracht – das hat aber
noch seine besondere Bedeutung. Das weitverbreitete Vorurtheil, daß Wissenschaft und
Frömmigkeit, Denken und Glauben sich gegenseitig ausschließen, hat er durch Beispiel und
Leben gründlich widerlegt. Wenn einer unserer großen Denker die Religion als die Ehrfurcht
bezeichnet vor dem, was über uns, was in uns und was unter uns ist, dann zeichnet er ein Bild
von der kirchlichen Gesinnung unseres verstorbenen Freundes.
Ehrfurcht vor dem Heiligen und Ewigen auch in dem geringsten seiner Brüder war mit ein
Grundzug seines Wesens. Und auch auf diesem Gebiete hat er in seltener Weise sonst schwer
vereinbare Kräfte und Gaben in sich vereinigt. Wie er auf der einen Seite frei war von allen dogmatischen Fesseln und es kaum verstehen konnte, wie es möglich sei, das Christenthum in eine
197
Reden bei der Beerdigungsfeier des Geh. Raths Professors Dr. Rau. Heidelberg 1870, S. 7-8
Seite 217
Theorie zu verwandeln: so war er auf der andern durchdrungen von der innigsten Religiosität,
erfüllt mit der wärmsten Pietät für das Heilige und Göttliche, und diese Pietät machte es ihm
auch möglich, so rücksichtsvoll, so schonend, so mild in seiner Beurtheilung selbst der ihm fremdesten Überzeugungen und Standpuncte zu sein.“198
Über Raus Tätigkeit als Synodaler sagt Dekan Dr. Zittel:
„Mit der größten Hingebung hat er seit vielen Jahren her in den Landes- und Diöcesansynoden
das Wohl unserer Kirche mitberathen und geholfen an ihrer Neugestaltung; und auch außerdem
nahm er den thätigsten Antheil an den ernsten Zeitbestrebungen auf diesem Gebiete.“199
Von Rau selbst sind dazu wenige Tagebuchsätze aus dem Jahre 1843 überliefert. Die Synode
dauerte vom 19. April bis zum 2. Mai, danach vom 6. bis 10. Juni und fand in Karlsruhe statt. Er
vermerkt: „Synodalverhandlungen über Disclassification der Pfarrerbesoldungen. Präsident der
VI. Commission (Classification) mit Sander, Roth, Zittel, Pöster, Cerfilius, Helbing. Mitglied in der
4. (Rechnungen), Präs. Schmidt, mit Helbing, Leibfried..."200
Die badische evangelische Landeskirche war 1821 durch den Zusammenschluß der lutherischen
und reformierten Kirchen als unierte Kirche entstanden. Nach der Verfassung sollte die Kirche
alle einzelnen evangelischen Pfarrgemeinden des Landes umfassen. Die Generalsynode sollte
die gesamte evangelische Landeskirche repräsentieren. Sie sollte erstmals 1823 und dann etwa
alle fünf Jahre stattfinden.
Sie bestand aus dem ihr präsidierenden landesherrlichen Kommissar, aus zwei geistlichen und
zwei weltlichen Mitgliedern der Ministerialbehörde, des späteren Oberkirchenrats, einem Professor der theologischen Fakultät der Universität Heidelberg, 14 durch Pfarrer gewählten Geistlichen und sieben weltlichen Abgeordneten, die durch die Kirchengemeinderäte gewählt waren.
Weiteres Organ der Kirche war die „Spezialsynode“, die alle Pfarrgemeinden eines Bezirks oder
einer Diözese umfaßte und am Wohnort es Dekans tagte. Ihr gehörten alle Pfarrer des Bezirks
und weltliche Mitglieder der Kirchenvorstände an. Sie sollte alle drei Jahre tagen. Dazu gab es
noch Pfarrsynoden, die auch alle drei Jahre tagen sollten.201
Entgegen dem Wunsch des Landesherrn traten unter der Geltung der Kirchenverfassung von
1821 nur drei Generalsynoden zusammen, nämlich in den Jahren 1834, 1843 und 1855. Laut
Stiefel waren wesentliche Themen der 1. Synode das Predigerseminar in Heidelberg, das der 2.
198
199
200
201
a.a.O. S. 11-12
a.a.O. S. 7
Rau 113
Vgl. Karl Stiefel: Baden 1648-1952, Karlsruhe 2001, S. 686 ff.
Seite 218
Synode die Herausgabe einer neuen Agende, eines neuen Gesangbuches und einer neu gefaßten
biblischen Geschichte sowie die Durchführung der Pfarrerbesoldung nach Besoldungsklassen,
das der 3. Die Ausarbeitung eines neuen Kathechismus.
Rau ist offenbar Teilnehmer der 2. Synode gewesen, wie seine Tagebuchaufzeichnung belegt.
Darüber hinaus hat er aber noch weiteren Einfluß genommen, denn Dr. Schenkel sagt in seiner
Trauerrede:
„In jenem entscheidenden Zeitpunkte aber, in dem es sich um die künftige Entwicklung unserer
Landeskirche handelte, da hat er, alle untergeordneten, wenn auch an sich noch so berechtigten
Rücksichten bei Seite lassend, keinen Augenblick gezögert, oder geschwankt, auf welche Seite
er sich wenden sollte; er hat das Vollgewicht seiner Stimme auf die Wagschale der kirchlichen
Freiheit gelegt. Auch ihm insbesondere verdanken wir die nunmehr gesicherte freie Gestaltung
unserer Landeskirche.“202
Seinem kirchlichen Engagement stand nicht entgegen, daß er Freimaurer war. Er wurde am 4.
April 1818 in die Loge „Libanon zu den 3 Cedern“ in Erlangen aufgenommen.
Seiner damaligen Braut Amalie Fischer teilt er dies in einem Brief gleichen Datums mit:
„Heute abend, um 4 Uhr, werde ich von der hiesigen gerechten und vollkommenen Loge Libanon
zu den 3 Cedern zum Maurer gemacht. Man hat aus Gefälligkeit für mich die Sache beschleunigt. Ich freue mich darauf.“203
202
203
Reden bei der Beerdigungsfeier des Geh. Raths Professors Dr. Rau, Heidelberg 1870, S. 12
Rau 79
Seite 219
8.3. arbeit für die astor-stiftung
Am 29. März 1848 starb in New York Johann Jakob Astor, geboren am 17. Juli 1763 in Walldorf/Baden als Sohn eines Metzgers. Am Mittwoch, 5. April erschien der „New York Herald“ mit
einer Sonderseite, auf der das Testament des Verstorbenen abgedruckt war.
Neben vielen Einzelverfügungen gab es auch zwei Stiftungsfonds: 400.000 $ für die AstorBibliothek und 50.000 $ für seine Heimatgemeinde Walldorf. In der Übersetzung 204 wird der
Stiftungszweck wie folgt definiert:
„Ich weise meinen Nachlaßverwalter an, fünfzigtausend Dollar zu Nutzen und Gebrauch der
Armen von Walldorf bei Heidelberg zu verwenden. Und zwar durch die Errichtung einer Fürsorgeeinrichtung für die Kranken und Gebrechlichen oder auch für die Erziehung und Besserung der
Jugendlichen, die sich in einer solchen Lage befinden, daß sie der Hilfe eines solchen Fonds
bedürfen.“
Die Heimatgemeinde eines der reichsten Männer der damaligen Welt konnte den unerwarteten
Geldsegen gut brauchen. Infolge der wirtschaftlichen Krise in der Mitte der vierziger Jahre des
19. Jahrhunderts waren 90.000 Badener, darunter auch viele Walldorfer, gezwungen, ihre Heimat
zu verlassen. Nach den Hungerjahren 1846/47 gab es auch in Walldorf Menschen, die nicht weggehen konnten und daher auf den Almosenfonds der beiden christlichen Gemeinden angewiesen
waren. Dieser Fonds wurde durch freiwillige Spenden der Mitglieder mehr schlecht als recht
gefüllt. Das Betteln war verboten. Dies ließ der Bürgermeister durch die Schelle bekannt machen.
Die bedürftigen sollten sich bei ihren Pfarrämtern melden. Doch auch die Pfarrer hatten für die
Armen bei weitem zu wenig. Da kam der Geldsegen aus dem fernen Amerika wie gerufen.
Zunächst galt es aber sowohl für die Testamentsvollstrecker als auch für die Gemeinde Walldorf,
eine Rechtsform zu finden, in der das Geld den Bedürftigen zugute kommen sollte.
Die Testamentsvollstrecker Johann Jakob Astors waren sein Sohn William B. Astor, Washington
Irving, James Gallatin und sein Enkel John Jacob Astor jun. Sie waren im Testament aufgefordert
worden, sich in dieser Angelegenheit an seinen Schwiegersohn Vincent Rumpff zu wenden.
204
Thomas Löffler: Zu Nutzen und Gebrauch der Armen. Die Geschichte der Astor-Stiftung in Walldorf.
Walldorf 1998. S. 21
Seite 220
Dieser lebte mit Astors Tochter Eliza, seiner Frau, in Paris und hatte in Wahrnehmung der europäischen Interessen des Hauses Astor auch Verbindung zu Hamburg. Dort kannte er den Gründer
der „Rauhen Hauses“, den Initiator der Inneren Mission, Johann Hinrich Wichern. Rumpff bat
Wichern um seine Mitarbeit an dem Walldorfer Projekt, empfahl ihn gleichzeitig an die Testamentsvollstrecker, und hatte so das „Dreieck Paris (Rumpff)-Hamburg (Wichern)-New York
(Testamentsvollstrecker)“ 205 installiert. Dieses wurde bald durch den Heidelberger Kreis um Rau
zum Viereck erweitert.
Wichern holte bei seinem Bekannten Dr. Roller in Illenau bei Achern, der damals die dortige Irrenanstalt leitete, Informationen über Walldorf ein. Anfang Juli 1849 trafen im Hause des mit
Wichern bekannten Theologen Ullmann in Heidelberg Roller und Wichern zusammen, und es wird
vermutet, daß hier das Walldorfer Projekt erörtert wurde.
Im Frühsommer 1850 waren die konzeptionellen Vorarbeiten zwischen Wichern und den Testamentsvollstreckern abgeschlossen, und Enkel John Jacob Astor traf in Deutschland ein. Zunächst
traf er sich mit Wichern in Hamburg, reiste von da nach Heidelberg, wo er die für den Aufsichtsrat vorgesehenen Herren kennenlernte, und schließlich stattete er der Heimat des Großvaters,
Walldorf, einen Besuch ab. Dieser soll ihn sehr berührt haben.
Anfang Juli 1850 legte der junge Astor dem Innenminister Badens das „Memorial“ der Testamentsvollstrecker vor. In diesem Dokument, das in deutscher und englischer Sprache abgefaßt
war, erklärten die Testamentsvollstrecker, daß Ihnen durch den Rat und Beistand des Schwiegersohnes Vincent Rumpff und einiger sachverständiger und einflußreicher Herren in Heidelberg ein
Organisations- und Verwaltungsplan vorgelegt worden sei, den sie in der Anlage mit der Bitte um
Genehmigung vorgelegt hätten. Dies war das Statut der Stiftung.
Das Großherzogliche Staatsministerium genehmigte gern, und Großherzog Leopold schickte am
12. Juli 1850 ein Dankschreiben an die „Werthgeschätzten Herren“ Testamentsvollstrecker.
Am 14. Juli 1850 konstituierte sich im Beisein Astors der Aufsichtsrat, bestehend aus folgenden
Personen: Holtzmann, Stadtpfarrer in Heidelberg; Hundeshagen, Kirchenrat und Professor in
Heidelberg; Metzger, Gartendirektor in Heidelberg; Mittermaier, Geheimer Rat und Professor in
Heidelberg; Rau, Geheimer Rat und Professor in Heidelberg; Roller, Direktor der Irrenanstalt
Illenau; Sabel, Dekan und Stadtpfarrer in Heidelberg; Ullmann, Geheimer Kirchenrat und Professor in Heidelberg; Dr. Wichern, Horn bei Hamburg als außerordentliches, bei seinem Abgang
nicht zu ersetzendes Mitglied.
205
a.a.O. S. 24 ff.
Seite 221
Mit Ausnahme von Metzger waren alle Mitglieder des Aufsichtsrates persönlich mit Wichern
bekannt.
Über Rau schreibt dieser am 14.10.1849: „ Zu den neuen hiesigen Freunden zähle ich vornehmlich noch Rau, Professor der Nationalökonomie und als Schriftsteller wohlbekannt in diesem
Fach. Derselbe hatte bis dahin viele nationalökonomische Bedenken. Nach einem Alleingespräch
mit ihm und nachdem er meinen heutigen Vortrag in der Kirche gehört hat, sind alle Bedenken
verschwunden.“206
Der Vortrag Wicherns allein hat wohl die Bedenken Raus nicht ganz beseitigt. Er erstellt in der
Folge eine Expertise über die Möglichkeit der Verwirklichung des Walldorfer Projektes, von ihm
„Aufsatz“ genannt. Zentrales Anliegen ist es darin, daß man den amerikanischen Geldsegen nicht
einfach verteilt, weil er einmal viel zu groß ist und zum anderen die Beschenkten dazu verleite,
sich schädlichem Müßiggang hinzugeben. Er schreibt dazu:
„Die Summe von 50.000 Dollar ist so beträchtlich, daß sich mit ihren Zinsen weit mehr ausrichten läßt als das jetzige nöthigste Bedürfniß der Armenversorgung erfordert. Eine Verwendung
von 5-6.000 fl für die Armen und Waisenkinder in W. wäre zu groß. Es würden dann Personen,
die noch arbeiten könnten, einen Müßiggang erhalten, es würde Gelegenheit gegeben, daß andere, die nicht arm sind, unter verschiedenen Vorwänden sich Einkünfte verschafften, es würde
statt einen dauernden Vortheil für den Ort hervorzubringen, vielleicht gerade die Trägheit und
der Luxus befördert und die edle Absicht des Stifters vereitelt werden. Die Stiftungsfonds beider
Confeßionen sowie die Beiträge der Juden haben bisher eine jährliche Ausgabe von etwa 210 fl
für die Armen gestattet (105–106 $) wozu die Gemeinde noch 5-600 fl ausgab zum Theil für
Mütter unehelicher Kinder.
Eine plötzliche Verstärkung dieser Armenunterstützung würde für die Dauer durchaus schädlich
sein. Wenn aber ein Theil der Jahreseinkünfte zurückgelegt und das Capital vergrößert würde,
was sollte endlich mit demselben gemacht werden? Eine Verwendung zu ganz anderen Zwecken
wäre unausbleiblich.“207
Rau schlägt also den Bau eines Hauses vor, das als Waisenhaus, teilweise als Krankenhaus und
Altenheim dienen sollte. Von entscheidender Wichtigkeit ist Rau der Erwerb landwirtschaftlich zu
nutzender Grundstücke. Sie sollten nicht nur der Nahrungsherstellung für die Heimbewohner
dienen, sondern die Arbeit in Feld und Garten wurde durchaus als Mittel der Erziehung und
Berufsvorbereitung für die Kinder gesehen.
206
207
a.a.O. S. 30
a.a.O. S.94
Seite 222
Die ständig geübte Praxis, Waisenkinder in die Obhut von Familien zu geben, sieht Rau sehr kritisch: „Hätte man die Gewißheit, nur gewißenhafte Pflegeeltern zu finden, die sich mit Liebe der
Erziehung der anvertrauten Kinder widmen, so wäre es freilich viel besser, allein viele Familien
betrachten das Annehmen eines Pflegekindes nur als eine Speculation, halten dasselbe schlecht,
muthen ihm schwere Arbeit zu u. dergl.“
Für eine gute „christliche und verständige“ Erziehung ist ihm das Rauhe Haus in Hamburg ein
Vorbild. Er möchte auch einen Heimleiter von dort einsetzen, um die dortigen Erfahrungen in
Walldorf nutzbar zu machen. Rau erwartet von der Einrichtung „die segensreichsten Folgen für
den ganzen Ort, der einer moralischen Hilfe sehr bedarf, denn auch dort, wie in vielen anderen
Gemeinden, ist die Armut zum Theil mit Verwilderung, Trägheit, Trunksucht und anderen Fehlern
verschwistert, auch haben die demagogischen Aufreizungen von der nahen Stadt Wiesloch in W.
nachtheilige Folgen gehabt, indem sie Einzelne vom Wege des Fleißes und der Sparsamkeit
ablenkten und verleiteten, von einem gewaltsamen Umsturze eine plötzliche Verbesserung ihrer
Lage zu erwarten. Man versichert, daß es in W. eine Anzahl von Familien giebt, die sich mit anhaltender Arbeit ernähren könnten, die es aber vorziehen den Holzdiebstahl und das Betteln ihrer
Kinder zu Hilfe zu nehmen. Diesen moralischen Ursachen der Armuth kann nur vermittelst einer
besseren Erziehung abgeholfen werden. Die Ausgabe für das Gebäude und das Mobiliar entgeht
nur dem Scheine nach den Armen, denn es wird damit einer Anzahl von jungen und auch einzelnen erwachsenen Armen Obdach und Verpflegung gegeben und den Familien die Last der
Beherbergung und Ernährung abgenommen.“
Rau hat also nicht eine kurzfristige Verbesserung der Lage der Armen durch Geldverteilung nach
dem Gießkannenprinzip im Auge, sondern er nimmt sich vor, mit der Stiftung eine nachhaltige
Veränderung zu erreichen. Die Kinder in der Stiftung sollen nämlich nicht nur ernährt und gekleidet werden, sondern sie sollen neben der Schule auch lernen, landwirtschaftliche Arbeit zu tun.
Das soll nicht nur den Nahrungsbedarf der Hausgemeinschaft sicherstellen, sondern hat vor
allem erzieherische Funktion. Die Kinder sollen „nicht im Luxus, sondern vielmehr zur Genügsamkeit und Arbeitsamkeit erzogen werden.“ Außerdem sollen sie alle landwirtschaftlichen
Arbeiten lernen, wie Ackerbau.
Gemüsebau, Obstbau sowie Nutztierhaltung und Verwertung der Erzeugnisse. Das bedeutet, daß
ein junger Mensch, der dem Astorhaus entwächst, mit gründlichen Kenntnissen und Gewöhnung
an regelmäßige Arbeit beste Chancen hat, ein erfolgreiches selbständiges Leben zu führen.
Armutsbekämpfung heißt also bei Rau Erziehung zur Selbsthilfe.
Die Vorstellungen von Rau wurden von den Testamentsvollstreckern gerne übernommen, weil sie
dem Willen des Testators am ehesten entsprachen. Schwiegersohn Rumpff schrieb 1850 an
Seite 223
Wichern über dessen Mitteilungen über die Tätigkeit von Rau:
„Was mir unbestimmt und verschwommen vorgeschwebt hatte, finde ich in Ihren Vorschlägen
höchst praktisch und bei genauer Kenntnis der Lokalität und der Bedürfnisse klar aufgesetzt und
dargestellt. [...] Ich stand mit ringenden Händen am Ufer und sah das scheidende herrliche
Schiff in den Abgrund versinken, ohne helfen zu können. Jetzt, so hoffe ich, hat das Schiff den
richtigen Lotsen gefunden, der es vielleicht doch noch in den rechten Hafen führen könnte.“ Rau
lieferte auch noch gleich einen Satzungsentwurf für die Astor-Stiftung mit, der ebenfalls übernommen wurde.
Gleich in der ersten Sitzung am 14. Juli 1850 wurde eine Geschäftsordnung beschlossen und
Rau mit 8 von 9 Stimmen zum Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt brachte ihm viel Arbeit ein.
Zunächst ging es um den Bau des Astor-Hauses. Im Juli 1851 wurde ein Baumeister beauftragt,
nach einer Skizze von Wichern einen Planentwurf für ein geeignetes Haus zu liefern. Ein Grundrißund ein Ansichtsplan befindet sich im Nachlaß Raus. Nach langen Diskussionen konnte der Bau
dann endlich im Frühsommer 1852 beginnen. Die Mitglieder des Aufsichtsrates kümmerten sich
derweil um die Inneneinrichtung, selbst das Besteck suchten sie aus. Am 9. Juli 1854 wurde der
Bau eingeweiht. Er konnte fast ganz aus den Zinsen des in New York angelegten Kapitals bezahlt
werden.
Im Nachlaß Raus finden sich insgesamt 17 Briefe 208 von der Hand John Jacob Astors jun., des
Enkels von Johann Jakob Astor, sowie von William B. Astor, dessen Vater. Sie sind zwischen
Oktober 1854 und Juli 1869 geschrieben worden, der letzte acht Monate vor Raus Tod. Aus allen
diesen Briefen – meist Organisatorisches enthaltend – spricht Dank und Anerkennung für den
„Manager“ der Astor-Stiftung.
Rau gilt als der wesentliche Organisator der Astor-Stiftung und war bis zu seinem Tode mit ihr
verbunden. Im Dezember 1999 widmete der Stiftungsrat der Astor-Stiftung Rau einen Sitzungsraum im neu errichteten Gebäudetrakt und brachte eine Gedenktafel für ihn am Eingang des
Raumes an.
208
Rau 27
Seite 224
8.4. jubiläen und ehrungen, tod
Am 19. März 1862 konnte Rau das seltene 50-jährige Doktorjubiläum feiern. Es war dies ein
Ereignis, an dem nicht nur die Universität und die Stadt Heidelberg freudigen Anteil nahmen, es
gab auch Glückwünsche und Ehrungen von vielen anderen Universitäten und wissenschaftlichen
Gesellschaften.
Der Neffe Rudolf Köhler hat eine Chronologie der Festlichkeiten aufgeschrieben. Danach begannen diese bereits am Abend des Sonntag, 16. März 1862, mit einer festlichen Versammlung des
Lesekränzchens, einer Einrichtung, die wesentlich auf Raus Initiative gegründet worden war und
über Jahrzehnte fortbestanden hatte. Hier trafen sich regelmäßig befreundete Professorenfamilien zur gemeinsamen Lektüre klassischer Literatur. Am 16. März wurde zuerst der „Sommernachtstraum“ von Shakespeare mit verteilen Rollen gelesen, dann gab es einen Gedichtvortrag
von Professor Stark und der Jubilar wurde mit Lorbeer bekränzt. Daran nahm auch Tochter
Mathilde Osterrieth teil, die mit ihren Töchtern aus Straßburg gekommen war.
Am Dienstag, 18. März, trafen die Söhne Dr. Otto Rau, Domänenverwalter in Pforzheim, und
Professor Dr. Ludwig Rau, Leiter der landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim, mit ihren
Familien ein. Abends folgte noch der Schwiegersohn Tribunalrichter Osterrieth aus Straßburg
und der Neffe, Staatsanwalt Rudolf Köhler aus Regensburg. Dieser schrieb über den Abend:
„Gegen 8 Uhr Abends fand die Beglückwünschung durch die Familie statt, bei der der älteste
Sohn das Wort nahm. Nach Überreichung der Festgeschenke verweilte man in fröhlichem, durch
Gesang und Spiel erheiterten Familienkreise bis Mitternacht.
In einem Abendbesuche hatte Finanzminister Vogelmann von Karlsruhe die Festwünsche des
Großherzogs von Baden überbracht sowie des Staatsministeriums und der Finanzbeamten.“ Der
eigentliche Festtag, der 19. März, begann vormittags um 9 Uhr mit den offiziellen Beglückwünschungen. Rudolf Köhler hielt die ungefähre Reihenfolge der Erschienenen fest:
1.
Der akademische Senat der Heidelberger Universität, vertreten durch
den Prorektor Prof. Roßhirt und Prof. Blum
2. Die Philosophische Fakultät der Universität mit 20 Dozenten
3. Die Städtische Behörde (Stadtdirektor, Bürgermeister und Gemeinderäte)
Seite 225
4. Die Bau-und Ökonomiekommission (5 Personen)
5. Der Gewerbeverein
6. Abgesandter der Universität Bonn (Prof. Kast)
7.
Abgesandte der Universität Freiburg (Dekan Baumstark, Prof. Kues)
8. Prof. Schuz als Vertreter der Tübinger Philosophischen Fakultät
9. Deputation der Verbindungsstudenten in Heidelberg
10. Deputation der Studenten der Kameralistik mit einem Lorbeerkranz
11. Geheimrat Fröhlich aus Karlsruhe, der im Auftrag des Großherzogs den Stern zum
Kommandeurkreuz des Zähringer Löwenordens überreichte.
12. Postrat Gmelin aus Karlsruhe, der die Glückwünsche der Direktion der
Verkehrsanstalten überbrachte.
13. Die Krankenhauskommission
14. Pfarrer Holtzmann als Vertreter seines Vaters, des Prälaten in Karlsruhe, der ein
Glückwunschschreiben des evangelischen Oberkirchenrats überbrachte.
15. Der Kirchengemeinderat mit 20 Personen, an der Spitze Pfarrer Sabel, der eine
Adresse überreichte, die Prof. Zittel verfaßt hatte.
16. Die Abgesandten des Landwirtschaftlichen Vereins.
Rudolf Köhler beschreibt auch den weiteren Verlauf des Tages209:
„ Diese Aufwartungen, unterbrochen durch zahlreiche Briefe, Depeschen, Privatbesuche und
Glückwünsche, dauerten bis nach 1 Uhr. Um 2 Uhr begann im großen Museumssaale das von
ca. 120 Personen, worunter eine glänzende Versammlung der Notabilitäten der Wissenschaft,
besuchte und von der Universität dem Jubilar angebotene Festessen, das gewürzt durch vorzügliche Musik (Ouvert. aus „Entführung“, Marsch aus dem „Sommernachtstraum“ p.) bis gegen 7
Uhr Abends dauerte. Der Toast auf den Landesherrn wurde von dem derzeitigen Prorector, der
auf den Jubilar vom Decan der philosophischen Facultät, Prof. Blum gehalten. Der Jubilar antwortete in längerer Rede und warf auf seine Jugend, auf die Zeit der Napoleonischen Bedrängung
und die Entwicklung der öconomischen Wissenschaften einen Blick voll reicher Belehrung; er
schloß mit einem Hoch auf das fernere Gedeihen der Universität.
209
Rau 107
Seite 226
Es sprachen noch der Bürgermeister von Heidelberg Namens der Stadt, Prof. Schuz von Tübingen
Namens der dortigen Universität; Prof. Häusser feierte in trefflicher Rede den deutschen Patrioten Rau, Pfarrer Zittel den um Armenwesen und Kirche so verdienten Rau, Prof. Schenkel die
Familie des Jubilars, Geh. Rath Mittermaier den früheren Abgeordneten.
Für alle diese Erweisungen dankte Namens der Familie der älteste Sohn Dr. Otto Rau.“
Es gab auch Festgeschenke, Festschriften u.ä. Die Philosophische Fakultät Erlangen erneuerte
ihr Diplom von 1812, die Philosophischen Fakultäten der Universitäten Heidelberg und Basel
sowie die Juristische Fakultät Prag überreichten Beglückwünschungsdiplome, die Kaiserlich
Leopoldinische Akademie der Naturforscher in Jena ein Mitgliedsdiplom, die Staatswirtschaftliche Fakultät Tübingen verlieh ein Doktordiplom.
Die Stadt Heidelberg verlieh dem Jubilar das Ehrenbürgerrecht. Es gab Glückwunschschreiben
der Philosophischen Fakultäten der Universitäten München, Bonn, Göttingen, Marburg, Gießen,
Tübingen, Berlin, Leipzig, Kiel, Würzburg, Greifswald und Breslau.
Gratulationen schickten auch die Wiener Handelsakademie, die Juristenfakultät in Graz, die
Juristen- und Philosophische Fakultät Innsbruck, die Rechts-und Staatswissenschaftliche Fakultät
Wien. Es gratulierten auch der Badische Bienenverein, der Landwirtschaftliche Kreisverein des
Unterrheinkreises, der Prälat Hoffmann aus Karlsruhe für den evangelischen Oberkirchenrat und
die Astorstiftung.
Adressen gab es von den Heidelberger Kameralisten, dem Heidelberger Lesekränzchen und dem
Kirchengemeinderat Heidelberg.
Es gab auch literarische Festgeschenke:
Die Philosophische Fakultät der Universität Heidelberg überreichte „ihrem Senior und d.z.
Decane“ eine von Prof. Dr. Stark verfaßte Denkschrift über das Niobidenrelief Campana. Der
Sohn Dr. Ludwig Rau übergab eine Beschreibung der nutzbarsten Ackerwerkzeuge. Prof. Mittermaier schrieb über die Todesstrafe.
Der Neffe, Staatsanwalt Rudolf Köhler, steuerte einen „Commentar über das bairische Paßgesetz“ bei. Gedichte haben geschrieben: Prof. Stark, Frau Pagenstecher, Dr. med. Pagenstecher
und das Patenkind Karl Dinkeldey.
Orden werden verliehen:
Der König Wilhelm von Preußen verleiht den „Rothen Adler-Orden zweiter Classe“ und der
Großherzog läßt durch seine Ordens-Kanzlei mitteilen, daß er für die Annahme dieses Ordens
Seite 227
und das Tragen desselben die höchste Erlaubnis gnädigst zu erteilen geruht. Der Großherzog
seinerseits verleiht den Stern zum Komturkreuz des Zähringer Löwenordens. Das Festessen
wurde im Museumssaal gegeben und von der Universität ausgerichtet.
Das Menu ist überliefert:
Austern.
Caviar-Brödchen.
Suppe à la Julienne.
Hecht mit Kartoffel, Sauce hollandaise.
Ochsenfleisch, warme, kalte Beilagen.
Blumenkohl, Côtelettes aux fines herbes.
Rothkraut, Frankfurter Bratwurst.
Geräucherter Lachs, Zunge.
Kalbskopf en tortue.
Macaroni à l’Italien.
1. Toast
Gansleber-Pastete.
Poudding au cabinet.
2. Toast.
Junge Hahnen.
Rehbraten.
Kopfsalat.
Compote.
3. Toast.
Gelée aux marasquine.
Aufsätze.
Dessert.
Rudolf Köhler hat von den gehaltenen Reden zwei inhaltlich – wahrscheinlich verkürzt – festgehalten, nämlich die von Prof. Häusser und die von Pfarrer Zittel.
Von Häussers Rede ist überliefert:
„Die Verdienste und Leistungen unseres verehrten Jubilars sind vorhin geschildert und gewürdigt
worden. Ich brauche sie nicht zu wiederholen; aber eine Leistung hiezu will ich bringen. Indem
Seite 228
ich nun das Wort ergreife, thue ich’s nicht als Professor, sondern als Mitglied der Kammer. Um
unser Verfassungs- und unser Staatsleben nämlich hat sich der Jubilar große und bleibende Verdienste erworben als langjähriger Abgeordneter und Vertreter dieser Universität in der ersten
Kammer. Er kämpfte immer für Fortschritt, für freie Entwicklung im Staats-, Gemeinde- und
Gewerbeleben; er stand in Verbindung und gemeinsamem fruchtbaren Wirken mit anderen trefflichen Männern.
Vor allem ist es ein Mann, der um die Entwicklung unseres Staatslebens die höchsten Verdienste
hat und den wir nur mit Verehrung nennen: es ist Nebenius. Wir können aber nicht von Nebenius
sprechen, ohne an Rau zu denken. Was ist es nur, das diese getrieben, unablässig zu wirken für
des Vaterlandes gedeihliche Entwicklung?
Es war nicht die übersprudelnde Begeisterung der Jugend, nicht kalte Berechnung, nicht Ehrgeiz
und Gewinnsucht. Es war, meine Herren, es war die Pflicht. Ja, die Pflicht, die feste Überzeugung, daß für des Vaterlandes freiheitliche, einheitliche Entwicklung von jedem Patrioten das
Höchste geleistet werden müsse. Dieser festen Überzeugung ist der Mann zeitlebens unwandelbar treu geblieben. Ein solcher Mann, meine Herren, ein solcher Mann auf seiten des Fortschritts, der liberalen Ideen, der Freiheit, ein solcher Mann wiegt viele Enthusiasten auf. Darum
fordere ich Sie auf, ein Hoch auszubringen dem deutschen Patrioten Rau.“
Hier fällt auf, daß Häusser zwischen Patrioten und Enthusiasten unterscheidet und den Pflichtmenschen Rau, der „des Vaterlandes gedeihliche Entwicklung“ als Maxime seines Wirkens versteht, einen Patrioten nennt. Er nennt ihn einen „deutschen Patrioten“, nicht einen badischen,
was beinhaltet, daß es um mehr geht als um das Großherzogtum Baden. Dieser Aspekt ist
bemerkenswert im März 1862, neun Jahre vor der Reichsgründung.
Aus der Rede von Pfarrer Zittel hat Rudolf Köhler überliefert:
„Was unser verehrter Jubilar geleistet und gearbeitet hat in Wissenschaft und Staatsleben, ist
heute bereits nach Gebühr und Verdienst hervorgehoben worden; aber noch nicht, was er für die
Kirche, für die Gemeinde, für Wohlthätigkeit und als 25 Jahre langes Mitglied des Heidelberger
Kirchengemeinderaths gewirkt. Diese Leistungen entziehen sich ihrer Natur nach vielfach der
Öffentlichkeit. Wenn es galt, sociale Schäden zu bessern, einen Kranken zu speisen und zu versorgen, einen armen Knaben zu kleiden, wandte man sich nie vergebens an ihn. Meine Herren,
dies that nicht der Geheimrath, denn es gibt gar viele Geheimräthe, die sich um solche Dinge
gar nicht kümmern.
Seite 229
Es war auch nicht die Pflicht – es war das Herz und zwar das Herz ganz allein, das warme Herz,
das empfänglich ist für die Leiden der Menschheit und stets bereit, ihnen abzuhelfen.“
Pfarrer Zittel zeichnet hier das Bild nicht nur eines pflichtbewußten Gemeindemitgliedes, sondern das eines warmherzigen und hilfsbereiten Mitmenschen, ausdrücklich „ohne Geheimrath“.
Rau selber äußert sich in einem Dankschreiben an die Fakultäten der Universitäten, dessen
Entwurf überliefert ist:
„Hochverehrte Herren!
Ihre überaus gütige Theilnahme an dem 50-jährigen Doctor- und zugleich Docenten-Jubiläum,
welches zu erleben mir vergönnt war, Ihre guten Wünsche für mich und das günstige Urtheil, welches Sie über meine Bestrebungen in Lehrvertrag und Schrift aussprachen, hat mich innig und
fast bis zur Beschämung erfreut.
Es ist mir eine so dringende als angenehme Pflicht, Ihnen dafür aufs herzlichste zu danken. Wenn
ich im Stande war, in dem langen verflossenen Zeitraum zur Ausbildung und Verbreitung der politischen Ökonomie Einiges beizutragen, so habe ich dieß großentheils dem Umstande zuzuschreiben, daß ich, als Sohn eines Universitätslehrers die Gelegenheit hatte, mich für dieses Fach
schon vom Knabenalter an und dann in 4-jährigem akademischen Studium, später auch als
Gymnasiallehrer vielseitig vorzubereiten, die mathematischen, naturwissenschaftlichen, philosophischen und juristischen Fächer unter guten Lehrern zu betreiben und sie in der Richtung auf
das wirthschaftliche Gebiet mit einander in Verbindung zu setzen.
Den älteren Männern, wie Sartorius, v. Jakob, Graf Soden, Lüder, Hoffmann, Fuhr, Lotz, Weber,
welche bei meinem Auftreten in verdienstvoller Wirksamkeit standen, mit denen allen ich in
persönlichen, zum Theil selbst freundschaftlichen Verkehr kam, stand jener Vortheil weniger zur
Seite und sie hatten vielleicht deßhalb bei ihren schätzbaren Leistungen größere Schwierigkeiten
zu überwinden, während es mir, als ich mit jugendlichem Muth und Eifer in meinen Beruf eintrat,
leichter war, die Arbeiten jener älteren Generation aufzunehmen und fortzusetzen. Die Wissenschaft, die früherhin hauptsächlich im Hörsaal und am Schreibtisch gepflegt wurde, hat seitdem
angefangen, sich mehr mit den Erscheinungen und Vorgängen im wirthschaftlichen Leben der
Gegenwart in Berührung zu sehen und auf dasselbe mächtig einzuwirken. Mit Vergnügen sehe
ich ein jüngeres Geschlecht von tüchtigen Fachgenossen in rüstiger Thätigkeit, sowohl in vielseitigem Forschen als im erfolgreichen Wirken nach außen.
In beiden Hinsichten sind große Fortschritte sichtbar (kennbar). Es wird mir nicht verdacht werden, wenn ich einige Befriedigung darüber empfinde, daß meinen wenigstens eifrigen Bemü-
Seite 230
hungen einiger, vielleicht ein zu großer Antheil an dem gedeihlichen Zustande des staatswirthschaftlichen Studiums (Wissens) zuerkannt wird, während ich nicht verkenne, wie viel noch für
andere zu thun bleibt und schon gethan ist.
Genehmigen Sie, verehrteste Herren Collegen! den wiederholten Ausdruck meines Dankes sowie
die Versicherung meiner Hochachtung und Ergebenheit und die Bitte um die Fortdauer Ihres collegialischen Wohlwollens.
Ihr herzlichst ergebener R.“210
Karl Heinrich Rau · 50-jähriges Doktorjubiläum im März 1862
Als wesentliche Änderung in der Wirtschaftswissenschaft bezeichnet Rau hier die „Berührung“
mit den Erscheinungen und Vorgängen im wirtschaftlichen Leben und – vor allem – die „mächtige“ Einwirkung auf diese. Sein größtes Anliegen ist es also, die Wissenschaft nicht nur vom
Schreibtisch aus theoretisch zu betrachten und zu behandeln, sondern am Leben selbst zu lernen, es einzuschätzen und gegebenenfalls zu verändern.
210
Rau 107
Seite 231
Ein Beispiel für diese Vorgehensweise ist in seinen Reisetagebüchern zu finden, in denen er alle
wirtschaftlichen Erscheinungen landwirtschaftlicher oder industrieller Art erforscht, aufzeichnet
und verwertet.
Am 7. Oktober 1868 feiert das Ehepaar Rau das Fest der Goldenen Hochzeit im Kreise der
Familie und Freunde. Auch der Sohn Adolf, der seit fast 20 Jahren in Amerika gelebt hatte, hat
die Reise zu diesem Familienfest unternommen. Es ist ein großes Fest. Es soll das letzte sein,
das Rau in guter Gesundheit erlebt.
In er kirchlichen Feier führt der Pfarrer aus:
„Ich kann nicht daran denken, der hohen Verdienste zu erwähnen, welche sich der Jubilar auf
dem Gebiete der Wissenschaft erworben, seiner ehrenvollen Theilnahme an den politischen
Neugestaltungen unserer Zeit, seiner treuen und segensreichen Wirksamkeit in der Kirche, in
den Synoden und so viele Jahre hindurch in dem Kirchengemeinderathe; das Alles ist so viel,
und die höchst ehrenvolle Anerkennung dafür in dem weitesten wie in dem engsten, in den höchsten wie in den niedersten Kreisen spricht so laut, daß es mir gar nicht möglich wäre, auch nur
einigermaßen ein entsprechendes Bild davon zu geben.
Aber das will ich dabei erwähnen, daß es nicht vergessen werden soll, wie in allen diesen
Bestrebungen die liebevolle Sorgfalt und Theilnahme der Gattin dem Gatten eine immerwährende Stärkung und Quelle der Freudigkeit geworden ist.
Oder ist es nicht also, verehrter Mann? Haben Sie nicht stets, wenn Sie müde geworden sind
von Ihren Arbeiten, wenn Hindernisse Sie mißstimmen wollten, wenn der Gang der Dinge auf Ihre
Thätigkeit drückte oder Sie für einen Augenblick entmuthigen wollte, - haben Sie nicht am häuslichen Heerde in dem liebevollen Entgegenkommen der Gattin, in dem Frieden und der Freude
der Familie neuen Muth und neue Freudigkeit für Ihre Wirksamkeit geschöpft?“
Neue technische Entwicklungen werden sichtbar: Das Jubelpaar bekommt ein dickes Album mit
Goldschnitt, in dem die Photographien der Familie und der Freunde zusammengetragen sind.
Glückwünsche werden nicht nur durch Briefe und Karten übermittelt, sondern auch durch das
neue Medium des Telegramms. Es sind 12 an der Zahl, eines davon kommt sogar aus San Francisco. Der prominenteste telegraphische Gratulant ist der Großherzog Friedrich.
Im Stadttheater gibt es sogar eine Sondervorstellung für geladene Gäste:211
211
Rau 96
Seite 232
Seite 233
Am 6. Dezember 1868 feiert Rau das seltene Gedenkfest seiner Ernennung zum ordentlichen
Professor in aller Stille im Kreise von Familie und Freunden. Seine Gesundheit läßt eine ähnliche
Feier wie 1862 nicht mehr zu.
Ein Verzeichnis der „Herren Professoren der philosophischen Fakultät“, die sich am 6. Dezember
1868 um 12 Uhr im Senatszimmer versammelt haben, ist erhalten. Es sind 22. Es gibt Glückwünsche der philosophischen Fakultäten in Freiburg, Göttingen, Tübingen, Jena, München, von
anderen wissenschaftlichen Kollegen und Schülern. Des weiteren gratulieren das badische
Ministerium des Inneren und die Stadt Heidelberg.
Dieser Tag sollte das letzte offizielle Ereignis im Leben Raus sein. Zwar arbeitet er weiter, aber
er zieht sich immer mehr zurück.
Rudolf Köhler schreibt dazu:
„Kurz darauf begann Raus Gesundheit bedenklich abzunehmen, sein Zustand in Baden-Baden im
Sommer 1869 war höchst peinlich, besserte sich jedoch wieder etwas im Herbste, wo er als
Mitherausgeber der Tübinger Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft in das Jubelheft
aus Anlaß deren 25-jährigen Bestehens noch einen Aufsatz schrieb, dessen Conzept nebst der
vorbereitenden Materialiensammlung eine schon auffallende Handschrift zeigt.
Von der tortmäßigen und deßhalb besonders Nachts oft höchst peinlichen inneren Unruhe abgesehen vergieng der Winter in der Einsamkeit der reichen Bibliothek und der auch jetzt noch mit
den neuesten Erzeugnissen der Fachliteratur ausgestatteten Studirstube in ungemeiner Thätigkeit. Rau arbeitete an einer neuen Ausgabe des ersten Bandes seiner Finanzwissenschaft, die für
sein bestes Werk gilt, und hoffte, sie bis Ostern 1870 zu vollenden, war auch schon bis zum 17.
Bogen gekommen, als den 27. Februar 1870 Abends plötzlich ein äußerst heftiger Anfall seines
Herzübels eintrat, der nach schweren Leiden und Kämpfen, die er mit christlicher Geduld ertrug
und überwand, am 18. März Abends nach 8 Uhr seinen Tod zur Folge hatte.“
Am 20. März folgten die Trauerfeier und die Beerdigung.
Seite 234
Für den Trauerzug wurde ein Programm erstellt:
Seite 235
Bei der Trauerfeier sprachen der Stadtpfarrer Schellenberg, der Dekan Zittel und Professor
Schenkel. Sie würdigten Leben und Werk des Verstorbenen nicht nur in Bezug auf die Wissenschaft, sondern auch im Hinblick auf seine Arbeit für die Kirche in Stadt und Land.
Der Neffe Rudolf Köhler schreibt dazu:
„So schied ein großer Gelehrter von dem seltensten harmonischen Wissen, eine der größten
Autoritäten, welche die Volkswirthschaft je besessen, der systematische Begründer derselben in
Deutschland, ein gerechter Mann, ein Weiser, der seine Leidenschaften auf das Vollkommenste
beherrschte, dem die Leopoldinisch-Carolinische Academie der Naturforscher den Titel „Plato“
keineswegs in übertriebener Schmeichelei beigelegt hatte, ein für alles Große und Edle begeisterter Kunstfreund, ein Wohlthäter der Menschen, ein überaus aufopfernder Gatte, Vater und
Freund, ein Patriot, dem leider nicht mehr vergönnt war, den höchsten Wunsch seines Lebens,
den Aufgang des Deutschen Reiches, noch verwirklicht zu sehen.
So brachte er sein Leben fast bis zur Gränze, die der Psalmist als höchste bezeichnet, und es
war ein Köstliches zu nennen, wie wenige. Und doch ist es voll Mühe und Arbeit gewesen. Aber
es ist ein nachahmenswerthes Vorbild für Kind und Kindeskind und Alle, die ihm nahestanden,
und in den Schmerz der Trennung mischt sich der Dank für so viel Gnade, die dem Verlebten
widerfahren ist. Sein Andenken wird in Segen bleiben immerdar.“
Die „Illustrirte Zeitung“ widmet Rau in ihrer Ausgabe vom 30. April 1870 einen ausführlichen
Nachruf. „In kurzen, aber treuen Zügen“ stellt sie Raus Leben und Wirken dar. Hier soll nur auf
den letzten Teil, die Würdigung des Menschen Rau, eingegangen werden:
„Rau erfreute sich eines gleichmäßig heitern, ruhigen Temperaments; jedoch war diese Ruhe
mehr durch Selbstbeherrschung erworben als angeboren. Seine Bildung war eine classische;
alles Gemeine verletzte ihn. Er war ein tüchtiger Lateiner und las die Alten beständig zur
Erholung im Urtext. In der Mathematik und Philosophie, in der Rechts- wie in den Naturwissenschaften war er sehr bewandert und im Stande, deren Fortschritten stets zu folgen. Der Umfang
seines Wissens war wahrhaft staunenswerth und nur aus einer Vereinigung des rastlosesten
Fleißes mit einem wundervollen Gedächtniß zu erklären. Für die Künste hatte Rau einen ausgeprägten Sinn; er war ein tüchtiger Musiker und Contrapunctist, ein trefflicher Zeichner und versuchte sich mit Glück in der Poesie. Er war der italienischen, französischen und englischen
Sprache mächtig und hatte in seinem gastlichen Hause, das der Sammelplatz hervorragender
Geister war, häufige Gelegenheit, hiervon Gebrauch zu machen.“
Seite 236
Nach einer Aufzählung seiner Mitgliedschaften in akademischen Vereinigungen weist das Blatt
darauf hin, daß Rau das Komturkreuz des badischen Zähringer Löwenordens mit dem Stern, den
preußischen Roten Adler- und den russischen St. Annenorden besaß.
Der Beitrag schließt mit den Worten:
„Mit ihm sank der Nestor der Heidelberger Universität und der sämmtlichen deutschen
Nationalökonomen in das Grab. Seine Bestattung erfolgte am 20. März in der feierlichsten
Weise. Die außergewöhnliche Theilnahme und tiefe Trauer der hierbei Anwesenden bekundeten,
wie lebhaft der Verlust dieses Mannes emfunden wurde, der in seltener Weise Reichthum des
Geistes, Festigkeit und Reinheit des Charakters mit dem liebevollsten und liebenswürdigsten
Gemüth vereinigte.“
Rau wurde auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt.
Seite 237
9.
Ist Rau der typische Professor des 19. Jahrhunderts?
An dieser Stelle ist zu fragen, ob das Leben von Karl Heinrich Rau geeignet ist, im Sinne der
Fragestellung dieser Arbeit einen Beitrag zur Sozialgeschichte der deutschen Professorenschaft
des 19. Jahrhunderts zu leisten. Kurz gefragt, inwiefern ist das Leben Raus „typisch“ für einen
Professor des 19. Jahrhunderts?
Es ist zu fragen, was überhaupt typisch ist. Gewöhnlich meint man damit etwas, das in der Summe seiner Eigenschaften dem entspricht, was man sich unter einer Sache, einer Person oder
einer Einrichtung vorstellt. Würde man im Sinne einer Umfrage ermitteln, was in der Bevölkerung
mehrheitlich als „typisch“ für einen Professor im 19. Jahrhundert definiert würde, kämen da
sicher Begriffe zusammen, die sich als das Gegenstück zur „Alten Burschenherrlichkeit“ darstellen würden. Die Romantik, die Stadt Heidelberg, Gemütlichkeit, freies Studentenleben, Unbeschwertheit, Kameradschaft – das sind alles Begriffe, die zum Studentenleben des 19.
Jahrhunderts gehören. Dazu muß der Professor passen: Er ist ein ernsthafter Mann, gewissenhaft und fleißig, manchmal eine Koryphäe der Wissenschaft, manchmal auch nicht, und er wehrt
in väterlicher Weise den Studenten, die gelegentlich über die Stränge schlagen. Romantisches
Biedermeier eben, wie es in nostalgischer Verklärtheit Eingang in Literatur, Trivialliteratur und
Film gefunden hat.
Die Realität sieht allerdings anders aus. Die Lebenszeit Raus reicht von 1792 bis 1870 und umfasst damit einen besonders ereignisreichen Zeitraum. Seine Geburt 1792 fällt in die Zeit der
Französischen Revolution, geprägt von der Aufklärung, die allerdings erst langsam ihren Niederschlag in bürgerlichen Lebensverhältnissen findet. In seiner Jugend, mehr noch in seinem
Erwachsenenalter, entwickelt sich stürmisch die Industrielle Revolution, die durch völlig neue
Produktionsformen das Leben der Menschen grundlegend verändert.
Seine Erziehung ist geprägt vom Neuhumanismus, den sein Vater und andere, die an seiner
Erziehung und Unterrichtung beteiligt waren, in der eigenen Studentenzeit als neu und überzeugend kennengelernt hatten. Latein und Griechisch wurden wie auch das Geschichtsbild des
Altertums wesentliche Gegenstände seiner Bildung. Dies war sicher „typisch“ für seine Zeit, wie
es auch als selbstverständlich wünschens- und erstrebenswert erschien, dass er, als Sohn eines
Pfarrers und Professors, studieren sollte. Daß er dieses Studium ohne die finanzielle Hilfe eines
Vaters zu bewältigen hatte, war zwar nicht „typisch“, aber auch nicht ungewöhnlich.
Seite 238
Schulzeit und Studium absolviert er rasch und zielstrebig. Es hätte auch andere Möglichkeiten
gegeben, denn es verhielt sich tatsächlich so, wie Wehler schreibt: „Das Studium war frei, ungebunden, ohne Curricula. Jeder blieb sich selber, seinen geistigen Interessen, seinem Bildungshunger oder seiner Vergnügungslust überlassen. Wer der Anziehungskraft einer Wissenschaft
erlag, konnte sich ihr ganz und gar hingeben. Wer den Paukboden mit seinen spätfeudalen
Kampfritualen bevorzugte, konnte jahrelang Zeit vergeuden. Die Ausfallquote ist unbekannt, muß
aber erheblich gewesen sein. Zu dem Leben an den Colleges und Ecoles bildete diese Studentenzeit genau das Gegenteil.
Da Wissenschaft und Berufsausbildung nicht immer den ganzen Menschen in Anspruch nahmen,
füllten Landsmannschaften, Verbindungen und Burschenschaften mit ihrer sozialen Aktivität eine
Art Hohlraum aus. Im Glücksfall erfuhr man Anregungen, schloß Freundschaften fürs Leben, Die
Kehrseite bildeten die Renommiersucht, das arrogante Gehabe der exklusiven Studentenverbände. Beruflich und politisch erwies sich die Zugehörigkeit oft als vorteilhaft, da das System
der „Beziehungen“, welche die „alten Herren“ verschafften, die Leistungsnachweise unterlaufen
oder wettmachen konnten.“212
Dergleichen kommt für Rau nicht in Frage, da einfach das Geld dafür fehlt. Um finanziell über die
Runden zu kommen, gibt er Nachhilfestunden, vorwiegend in Mathematik und Latein.
Außerdem ist er ein recht ernsthaft veranlagter junger Mann, dem das Leben in und mit der
Wissenschaft viel bedeutet. (Vgl. seine Überlegungen S. 40.) Da tatsächlich Curricula fehlen,
läßt er sich beraten und hat tatsächlich das Glück, von den Kollegen des verstorbenen Vaters
einigermaßen freundlich begleitet und gefördert zu werden. Dies gilt bis zum Abschluß seines
Studiums.
Die Zeit als Privatdozent und Lehrer am Gymnasium entspricht genau dem damals üblichen
Werdegang. Die Zeit bis zur Erlangung einer ordentlichen Professur dauert eine unbestimmte
Zeit, und man darf sich nicht entmutigen lassen. Dies tut er auch nicht, sondern hat den besonderen Mut, sich in seiner doch recht ungewissen Situation zu verloben.
Die Reise durch Deutschland – zu Fuß und manchmal per Postkutsche – dient nicht nur der
Wissens- und Erfahrungsvermehrung, sondern soll ganz gezielt auch die beruflichen Möglichkeiten ausloten. Der bayerische Staat, der das Reisestipendium unter der Auflage einer
Berichterstattung gewährt, weiß das wohl auch und sichert sich ab: Im Falle einer Anstellung im
Ausland ist das Stipendium zurückzuzahlen.
212
Wehler, Hans Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. 2. Bd. München 1987, S.515
Seite 239
Die Aufzeichnungen, die über diese Reise erhalten sind, zeigen, dass Rau ein ganz besonderer
Reisender ist. Auf all seine Stationen werden die wirtschaftlichen Gegebenheiten akribisch
erfasst, Landwirtschaft, Gewerbe, Industrie, Handel und Bevölkerung werden beschrieben und
bewertet. In großen Städten, wie in Berlin, kommt noch das kulturelle Angebot und das
Geistesleben dazu. Diese Art des Reisens wird Rau sein Leben lang beibehalten. Die nachgelassenen Reisetagebücher sprechen eine deutliche Sprache. Rau ist ein wacher und neugieriger
Reisender. Alle technischen Entwicklungen in dieser Zeit faszinieren ihn. Es gibt ja auch in dieser Zeit unendlich viel Neues.
Die Entwicklung der Dampfmaschine in allen möglichen industriellen Anwendungen verändert
tatsächlich die Welt, in die er hineingeboren ist. Er ist auch kein Pessimist: Veränderungen durch
Technik fürchtet er keineswegs. Er betrachtet die Dinge, bewertet ihre Brauchbarkeit und ist voller Optimismus, was den Fortschritt betrifft.
Als Rau im Anschluß an die Reise eine außerordentliche Professur bekommt, ist ein weiterer
Schritt auf der Karriereleiter geschafft. Dies ist die Voraussetzung dafür, dass er heiraten kann.
Am 7. Oktober 1818 findet die Hochzeit statt, nachdem das „Königreich Baiern“, vertreten durch
das Staatsministerium des Inneren, eine „Verehelichungsbewilligung“ erteilt hat. Es wird eine
Ehe geschlossen, die sehr harmonisch verläuft und erst durch den Tod des Ehemannes endet.
Seine berufliche Weiterentwicklung ist allerdings in Erlangen gebremst. Es ist abzusehen, dass
er in absehbarer Zeit nicht zu einer ordentlichen Professur kommen wird. Seine Veröffentlichungen erregen Aufsehen, er bekommt den Ruf nach Heidelberg. Hier bemüht sich Reitzenstein um eine grundlegende Erneuerung der darniederliegenden Universität und beruft
Professoren, die dafür Gewähr bieten. Mit Rau hofft er das schlecht vertretene Fach Kameralistik
nach vorne zu bringen, zumal das Großherzogtum Baden erkannt hat, wie wichtig für die Entwicklung eines modernen Staates eine gut funktionierende Verwaltung ist. Rau soll für die gute
Ausbildung derjenigen sorgen, die eine moderne Verwaltung auf die Beine stellen sollen. Ein späterer Rückblick auf die Tätigkeit Raus in Heidelberg zeigt, dass Reitzensteins Hoffnung weitgehend erfüllt wurden.
Bis dahin ist eigentlich alles, was man über den Werdegang Raus sagen kann, „normal“ für seine
Zeit und damit wohl auch typisch.
Seine wissenschaftliche Bedeutung kann hier nicht diskutiert werden, da das Fachwissen dafür
fehlt. Allerdings sind die Urteile über ihn mehrheitlich positiv. Sein Umgang mit seinen Studenten
ist freundlich-distanziert. Er pflegt auch gesellschaftlichen Umgang mit ihnen, sie werden „zum
Thee“ eingeladen, Verschiedentlich kennt Rau auch die Väter der Studenten.
Seite 240
In das Universitätsleben bringt er sich in mannigfacher Weise ein, sei es im Senat, als Prorektor
oder in den Gremien wie der Bau- und Ökonomiekommission. Hier tut er mehr als er müsste, aber
er tut es gerne.
Außergewöhnlich ist sein Engagement im Badischen Landtag. Hier arbeitet er erst als gewählter
Vertreter der Universität Heidelberg in der 1. Kammer mit, später als vom Großherzog bestimmtes Mitglied. Seine wirtschaftlichen Fähigkeiten prädestinieren ihn zum Berichterstatter in wirtschaftlichen Fragen, deshalb hat er auch hier eher die arbeitsintensiven Parts zu spielen.
Seine Aufgaben spiegeln das bewegte Jahrhundert: Sie reichen von dem Übergang vom mitelalterlichen Zehntwesen zu einer modernen Besitzregelung und Besteuerung bis zur Einführung
eines für damalige Zeiten revolutionären Verkehrssystems, der Eisenbahn.
Vom Feudalsystem bis zur industriellen und technischen Revolution begleitet er im Parlament
eine tiefgreifende Entwicklung und gestaltet sie in Teilen mit. Die gesellschaftliche Situation, die
Veränderungen fordert und in der Revolution von 1848 eskaliert, sieht ihn nicht an der Seite der
Revolutionäre. So wichtig ihm Veränderungen sind, so wenig liebt er gewaltsame Lösungen. Er
ist loyal zu seinem Landesherrn, ist aber unbedingt für die Überwindung der Kleinstaaterei.
Seinen Einzug in das Frankfurter Vorparlament in der Paulskirche ist für ihn einer der Höhepunkte seines Lebens, aber dennoch findet man ihn nicht im gewählten Parlament wieder. Es
gibt keine Unterlagen darüber, warum er sich nicht um einen Sitz beworben hat. Er hält aber
Kontakt zu seinen Kollegen wie Mittermaier, die sich im Parlament um eine demokratische und
gesamtstaatliche Neuordnung Deutschlands bemühen.
Die revolutionäre Entwicklung in Baden überrascht ihn, ist er doch wie viele seiner Zeitgenossen
der Meinung, dass im Lande Baden schon eine ganze Menge getan worden sei und Baden im
Vergleich zu anderen deutschen Ländern ein verhältnismäßig demokratisches Staatswesen mit
einer Verfassung ist, die andere Länder erst noch anstreben. Er begrüßt ausdrücklich den Einmarsch der Preußen, weil sie eine ihm wünschenswerte Ordnung wieder herstellen. Sein Fazit
der Revolution in Baden besteht allerdings in Appellen an alle Beteiligten, das Volk, die Fürsten
und die Beamten, die nur in einem Miteinander zu einer gedeihlichen Entwicklung kommen könnten.
Nach der Revolution geht das Leben für ihn weiter wie vorher. Er liest, wie auch unbeirrt während der Revolution, er schreibt weiter Lehrbücher und Aufsätze und nimmt Stellung zu den
Geschehnissen seiner Zeit.
Ein Höhepunkt seiner Reisetätigkeit ist sicher die Reise nach London zur Weltausstellung 1851,
wo er als offizielles Kommissionsmitglied des Landes Baden die neueste Entwicklung beobachtet
Seite 241
und kommentiert. Sein Reisetagebuch und die Briefe an seine Frau bringen dem heutigen Leser
wesentlich mehr an Information und Einblicke über das Leben zur damaligen Zeit als sein eigentlicher Auftrag, der Bericht über die landwirtschaftlichen Geräte in der Ausstellung. Er erweist
sich hier als eifriger, wacher und fleißiger Beobachter, der keine Mühe scheut, auch ja alles zu
dokumentieren.
Sein Engagement in der Kirche und für die Astor-Stiftung ist sicher ein Indiz dafür, dass er ein
„Mitmacher“ ist, der sich keiner Verantwortung entzieht und gerne hilft, wo er kann. Er ist ein
fleißiger Arbeiter in allem, was er tut, und er tut viel. Er ist gründlich und überlegt, geht systematisch vor und kommt immer zu einem Ergebnis.
Ist er nun der typische Professor des 19. Jahrhunderts? Das ist schwer zu sagen, da jeder etwas
anderes für typisch halten mag. Es ist aber sicher bereichernd, einen Blick in dieses reiche,
erfüllte Leben zu tun, das einen Mosaikstein in einem Gesamtbild über die Professorenschaft
des 19. Jahrhunderts darstellen kann.
Seite 242
Literaturverzeichnis
Allgemeine Deutsche Biographie, Berlin 1970
Balaglou, Christos:
Die Vertreter der mathematischen Nationalökonomie in Deutschland
zwischen 1838 und 1871. In: Beiträge zur Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie. Hrsg. Birger Priddat, Marburg 1995
Baumgarten, Maria:
Professoren und Universitäten im 19. Jahrhundert. Göttingen 1997
Beck, Josef:
Karl Friedrich Nebenius. Mannheim 1866
Borgstede, Wolfgang:
Volkswirtschaftslehre. Düsseldorf 1977
Deutsches Biographisches Archiv, München 1982
Dickerhof Harald:
Kameralstudium und Bikdungssystematik in Bayern von der
Spätaufklärung bis zum Vormärz. In: Norbert Waszek Hrsg.:
Die Institutionalisierung der Nationalökonomie an deutschen
Universitäten. St. Katharinen 1988
Fester, R.:
„Der Universitäts-Bereiser“ Friedrich Gedike und sein
Bericht an Friedrich Wilhelm II. Erstes Ergänzungsheft des Archivs
für Kulturgeschichte. Berlin 1905
Hennings, Klaus Hinrich: Aspekte der Institutionalisierung der Ökonomie an deutschen
Universitäten. In: Norbert Waszek Hrsg.:Die Institutionalisierung
der Nationalökonomie an deutschen Universitäten.
St. Katharinen 1988
Hennings, Klaus Hinrich: Die Wirtschaftswissenschaften an der Universität Leipzig
im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. In: Norbert Wszek
Hrsg.: Die Institutionalisierung der Nationalökonomie an
deutschen Universitäten. St. Katharinen 1988
Seite 243
Hentschel, Volker:
Die Wirtschaftwissenschaften als akademische Disziplin an der
Universität Heidelberg 1822-1924. In: Norbert Waszek:
Die Institutionalisierung der Nationalökonomie an deutschen
Universitäten. St. Katharinen 1988
Hippel, Wolfgang von:
Revolution im deutschen Südwesten. Stuttgart 1998
Kolde, Theodor:
Die Universität Erlangen unter dem Hause Wittelsbach 1810 bis 1910.
Erlangen 1910
Lenhart, Volker:
Die Heidelberger Universitätspädagogik im 19. Jahrhundert.
Diss. Heidelberg 1968
Lenhart, Volker Hrsg:
Historische Pädagogik. Wiesbaden 1977
Lundgreen, Peter:
Sozialgeschichte der deutschen Schule im Überblick. Göttingen 1980
Löffler, Thomas:
Zu Nutzen und Gebrauch der Armen. Die Geschichte der AstorStiftung In Walldorf. Walldorf 1998
Mc Clelland, Charles:
Die deutschen Hochschullehrer als Elite 1815 -1850.
In: Klaus Schwabe Hrsg.: Deutsche Hoichschullehrer als Elite
1815-1850. Boppard 1988
Meier, D.H.:
in: v. Weech: Badische Biographien II. Karlsruhe 1875
Niess, Frank:
Wein und Weisheit. Zur Wirtschaftsgeschichte der Universität
Heidelberg im 19. Jahrhundert. In: Karin Buselmeier
Hrsg.: Auch eine Geschichte der Universität Heidelberg.
Mannheim 1985
Neugebauer, Wolfgang: Bildung, Erziehung und Schule im Alten Preußen.
In: Karl Ernst Jeismann Hrsg,: Bildung, Staat, Gesellschaft im
19. Jahrhundert. Stuttgart 1989.
Neumann, Karl:
Die Lehren K.H. Rau’s. Ein Beitrag zur Geschichte
der Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert. Diss. Gießen 1927
Seite 244
Obser, Karl Hrsg.:
Jugenderinnerungen Großherzog Friedrichs I. von Baden.
Heidelberg 1921
Paulsen, Friedrich:
Geschichte des gelehrten Unterrichts. Leipzig 1885.
Priddat, Birger P.:
Volkswirthschaftspolizei bzw. –Politik als Kunstlehre der BeamtenJuristen. In: Schriften des Vereins für Socialpolitik. Berlin 1997
Rau, Karl Heinrich:
Die vierzig Tage in Heidelberg. Ubstadt-Weiher 1999
Rau, Karl Heinrich:
Die landwirthschaftlichen Geräthe der Londoner Ausstellung
im Jahre 1851. Berlin 1853
Reden bei der Beerdigungsfeier des Geh. Raths Professors Dr. Rau. Heidelberg 1870
Ringer, Fritz:
Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933.
Stuttgart 1983
Roscher, Wilhelm:
Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland. München 1874
Rosner, Peter:
Wirtschaftsliberalismus und Staatseingriffe bei Karl Heinrich Rau.
Working Paper Nr. 8803, July 1988. Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien
Schmid, K.A.:
Encyclopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens.
Gotha 1862
Schmoller, Gustav:
Zur Literaturgeschichte der Staats-und Sozialwissenschaften.
Leipzig 1888
Schumpeter, Joseph A.: Geschichte der ökonomischen Analyse. Elisabeth Schumpeter Hrsg.
Göttingen 1965
Schwabe, Klaus:
Rahmenbedingungen und Selbstdeutung des beruflichen Wirkens
Deutscher Gelehrter. In: Klaus Schwabe Hrsg.:
Deutsche Hochschullehrer als Elite 1815-1850. Boppard 1988
Sinewe, Klaus:
Karl Heinrich Rau. Persönlichkeit und wissenschaftliche Leistung in
moderner Sicht. Diss., Erlangen-Nürnberg 1965
Stiefel, Karl:
Baden 1648-1952. Karlsruhe 2001
Seite 245
Stier, Bernhard:
Das „Experiment einer deutschen Republik“ im Augenzeugenbericht.
In: Karl Heinrich Rau:
Die vierzig Tage in Heidelberg. Ubstadt-Weiher 1999
Succow: G.A.:
Plan von der ökonomischen und Kameralschule, welche mit
Kurfürstlich gnädigster Erlaubnis den 3. October in Lautern
wird eröffnet werden. Mannheim 1774
Tribe, Keith:
Die „Kameral Hohe Schule zu Lautern“ und die Anfänge der
ökonomischen Lehre in Heidelberg 1774-1822. In: Norbert Waszek
Hrsg.: Die I Institutionalisierung der Nationalökonomie an
deutschen Universitäten. St. Katharinen 1988
Weech, Friedrich von:
Badische Biographien II, Karlsruhe 1875
Wehler, Hans-Ulrich:
Deutsche Gesellschaftsgeschichte. 2. Bd. München 1987
Willet, Olaf:
Sozialgeschichte Erlanger Professoren. Göttingen 2001
Wolgast, Eike:
600 Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1386-1986.
Heidelberg 1986
Seite 246
Was this manual useful for you? yes no
Thank you for your participation!

* Your assessment is very important for improving the work of artificial intelligence, which forms the content of this project

Download PDF

advertisement