Bode Die aelteren Privatsammlungen in Berlin 1 1922

Bode Die aelteren Privatsammlungen in Berlin 1 1922
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Originalveröffentlichung in: Der Kunstwanderer, 4 (1922), 2. Augustheft, S. 539-540
mm
Herausgeber.
Jahrgang
Adolph Donaftl
2. A u g u s t r i e f r
ig22
Die älteven p m o a t f a m m l u n g e n in ßet>Un u n d die Bildung
neuet? S a m m l u n g e n nacb d e m Kriege 18?0
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l Ü Ü f ) e l m ü. ß o d e
Exzellenz Geheimrat Dr. Wilhelm von Bode ist zu
dem nachstehenden Aufsatz, wie der weltberühmte
Kenner uns schreibt, durch den im Juli-Doppelheft des
„Kunstwanderers" veröffentlichten Leitartikel Adolph
Donaths angeregt worden. „Der Kunstwanderer" freut
sich, heute bereits den ersten T eil des Bodeschen Auf­
satzes publizieren zu können.
Die Redaktion.
z o g v o n S a g a u , Dr. W e b e r , L a n d r a t v o n
U 1 r i c i, P r o f . W r e d o w , die Familie R e i m e r
(aus dem Rest der in den vierziger Jahren in Berlin
verkauften Galerie) und Apotheker K u h t z. Da die
jüngere Generation fast ausnahmslos an diesen
Schätzen kein Interesse mehr hatte, so sind sie
l-c ei Erwähnung meines 50 jährigen Dienstjubiläunis bis auf wenige Stücke längst verkauft worden, meist
haben die Zeitungen besonders hervorgehoben, schon in den achtziger Jahren; die interessanten
daß die Anregung zur Bildung von Privatsammlungeu holländ. Bilder der Sammlung Wredow sind der Stadt
alter Kunst in Berlin erst von mir ausgegangen sei. Dies Brandenburg, einzelne gute Bilder der Sammlungen
Lob, für das ich sehr dankbar sein müßte, ist leider Weber und Ulrici sind der Berliner Galerie vermacht
nicht ganz berechtigt; als ich vor 50 Jahren an die Ber­ worden. Was an guten Gemälden in diesen Samm­
liner Museen berufen wurde, hatte Berlin bereits eine lungen sich befand, haben wir noch einmal gezeigt in
nicht unbeträchtliche Zahl von Kunstsammlungen, deren der ersten Ausstellung alter Kunst in Berlin, die gele­
Begründung meist schon in die erste Hälfte des 19. gentlich der Feier der Silberhochzeit des Kronprinzen­
Jahrhunderts zurückging. Die bedeutendsten darunter paares im Februar 1883 in der alten Akademie statt­
waren Sammlungen, welche von hohen preußischen fand. Auch hatte die junge Reichshauptstadt verschie­
Beamten als Diplomaten im Ausland zusammen­ dene Besitzer mit ihren Sammlungen nach Berlin
gebracht waren. So vor allem die Galerie des Gra­ gezogen. Die hervorragendste Galerie freilich, die des
fen Raczynski, die aber, da sie seit Jahren stets zu­ Herrn A. G a r s t a n j e n , kam erst Mitte der acht­
gänglich war, schon wie eine öffentliche Galerie be­ ziger Jahre nach Berlin; aber der Maler Ludwig
trachtet wurde; ferner die Sammlungen G r a f P o u r - K n a u s war schon früher übergesiedelt und hatte
t a l e s , B a r o n v o n M e c k l e n b u r g , F ü r s t eine kleine, aber gewählte Sammlung holländischer
C a r o 1 a t h und G r a f R e d e r i i . Darunter waren Bilder, die meist im T ausch mit Barthold Suermondt
aber die von Graf Pourtales und Baron von Mecklen­ erworben waren, nach Berlin mitgebracht. Eine sehr
burg nur noch die Überreste der ursprünglichen, großen viel reichere Galerie war gleichzeitig durch Übersied­
und sehr hervorragenden Sammlungen, da die Haupt­ lung von 0. W e s e n d o n c k nach Berlin gekommen.
teile in Paris in den fünfziger Jahren versteigert waren. Neben diesen Sammlungen und den vereinzelten Kunst­
Vereinzelte gute alte Bilder besaßen namentlich F ü r s t werken aus älterem Besitz, die kaum noch vermehrt
R a c z y n s k i, G r a f B l a n k e n s e e , der H e r ­ wurden, besaß Berlin damals auch einige Sammlungen,
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die freilich erst im Entstehen waren, um deren Bildung
ich aber gleichfalls keinerlei Verdienst hatte oder zu
deren Besitzern ich erst später in Beziehung trat. F.s
waren dies meist Sammlungen mit Werken der Klein­
kunst und des Kunstgewerbes, wie sie in Berlin selbst
zusammengebracht werden konnten. Denn für alte
Bilder hatte Berlin einen Markt damals überhaupt noch
nicht oder wenigstens nicht mein ; was hier in den
siebziger Jahren an einzelnen guten alten Stilleben
oder Porträts in den Handel kam, brachte ineist der
alte N. L e p k e , der einen sehr feinen künstlerischen
Sinn hatte, aus Paris mit; diese Bilder pflegte er, mehr
aus Gefälligkeit, befreundeten Malern zu überlassen.
Dagegen war Berlin ein nicht unbedeutender Markt für
objets de Vitrine, namentlich für deutsche Werke des
18. Jahrhunderts: Porzellan, Silber, Emaills, Medaillen
und Buchsschnitzereien, gelegentlich auch von Teppi­
chen, die sich in reicherer Zahl noch in den alten adligen
Familien Berlins und der Nachbarschaft befanden. Der
Haupthändler von solchen Werken der Kleinkunst war
damals der „alte" Lewy, gelernter Uhrmacher und
Goldschmied, ein sehr geschickter „Basteier" und R es­
taurator. Dieser kleine, verwachsene Mann war ein
Original von feiner künstlerischer Empfindung, aber
auch voller Schrullen! Auf die Museumsleute war er
nicht gut zu sprechen; ebensowenig waren es seine
bevorzugten Kunden, die sich auch von unserer Aus­
stellung in der Akademie ganz fernhielten, obgleich der
alte Lewy selbst sich lebhaft dafür interessierte; war
er doch ein großer Verehrer des Kronprinzen. Seine
beiden passioniertesten Käufer, weitaus die glück­
lichsten Sammler damals in Berlin, waren R o b e r t
T o r n o w und der erheblich jüngere Dr. Georg R eichenheim. Tornow hatte seine kleine Villa mitten in
Berlin, nahe beim Schloß Monbijou. Das kronprinz­
liche Paar, das seine Schätze gerne gesehen hätte, hatte
durch dritte deswegen beim Besitzer anfragen lassen,
aber Tornow, der waschechter Demokrat war, ließ
nichts von sich hören. Da entschloß sich der Kronprinz,
ihm seinen Besuch einfach selbst anzumelden. Als er mit
der Kronprinzessin im Vorplatz eintrat, teilte ihm der
Diener mit, daß Herr Tornow leider erkrankt sei und
das Bett hüte. Aber der Kronprinz ließ sich nicht ab­
schrecken. Er hatte beim Eintreten gehört, daß Tor­
now oben im Vorplatz stand und seinen Diener infor­
mierte; daher rief er kurz entschlossen nach oben:
„Herr Tornow, machen Sie keine Scherze; kommen
sie herunter und zeigen Sie der Frau Kronprinzessin
ihre Sammlungen". Tornow kam, war überrascht von
dem „reizenden, ganz menschlichen" Ehepaar und,
als er einige Wochen später zum Tee ins Neue Palais
„befohlen" wurde, kam er mit Freuden; er war so
begeistert für die liebenswürdige, kunstsinnige Prin­
zessin, daß er ihr in seinem Testament seine ganze
Sammlung vermachte. Wenige Wochen nach jenem
,.Tee" im Neuen Palais starb er, und die Sammlung
ging in den Besitz der Frau Kronprinzessin über.
R obert Tornow hat ganz nach eigenem Geschmack
gesammelt. Ebenso selbständig sammelte Dr. G e o r g
R e i c h e n h e i m ; er war auch im gleichen Maße Son­
derling und ebenso unzugänglich, namentlich Museumsdirektoren gegenüber, deren „übelster Typ" ihm Julius
Lessing war. Äußerst kritisch und schwierig bei der
Entscheidung über einen käuflichen Gegenstand — zu­
nächst pflegte er alles, was er in die Hand nahm, für
Fälschung oder total restauriert zu erklären — hat er
mit seiner Gattin, Frau M a r g a r e t e 0 p p e n h e i m R e i c h e n h e i m , die heute die glückliche Besitzerin
der Kunstschätze ist, eine Sammlung von Werken der
Kleinkunst zusammengebracht, so mannigfach und fein
wie sie kein Zweiter je in Berlin vereinigt hat. Auch
ihm gegenüber brauchte ich Jahre, ehe ich das Eis
seiner Abneigung gegen jeden „Museumsmenschen"
brechen und einen gewissen Einfluß sogar auf die
R ichtung seines Sammeins gewinnen konnte.
R obert Tornow wie Georg Reichenheim hielten sich
fern von der Akademie-Ausstellung 1883. Ein dritter
ebenso selbständiger und eifriger Sammler, O s k a r
H a i n a u e r war dagegen mit uns einer der Organisa­
toren dieser Ausstellung, und seine Sammlung bildete
neben der des Grafen W. Pourtales und neben den
Kunstwerken aus den K. Schlössern einen Hauptteil der
ganzen Ausstellung. Hainauer hatte zunächst nach dem
Krach 1874 eine ältere Berliner Sammlung von deut­
schen Porzellanen und späten Holzschnitzereien als
ganzes erworben. Als er dann als Berliner Vertreter
des Pariser Hauses R othschild mit den dortigen Kunst­
sammlungen der R othschilds bekannt wurde, begann er
nach der gleichen R ichtung zu sammeln, namentlich mit
Hilfe des Antiquars Friedrich Spitzer. Er gewann da­
durch besonderes Interesse für die italienische Kunst
und nahm sich vor, diese auch au der Quelle zu sammeiu. Dies brachte mich, etwa um 1880 in Beziehung
zu ihm. Hainauer war der erste Berliner, den ich zum
Sammeln im großen Stil und von hoher Kunst bewegen
konnte, während ich bis dahin nur einem alten Freunde
in meiner Vaterstadt Braunschweig, Heinrich Vieweg,
und Alfred Thieme in Leipzig in ähnlicher Weise beim
Sammeln hatte behilflich sein können. Wie die Aus­
stellung in der Akademie im Frühjahr 1883 auf das
Sammelwesen in Berlin einwirkte, und wie ich selber
dabei mitwirken und später neuen Sammlern vielfach
helfen konnte, darf ich Ihnen wohl ein andermal er­
zählen.
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