Die Verkettung der Dinge - Klaus Peter Buchheit PDF

Die Verkettung der Dinge - Klaus Peter Buchheit PDF
Die Verkettung der Dinge.
Stil und Diagnose im Schreiben Adolf Bastians
Dissertation
vorgelegt an der
Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften
der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
im Fach Ethnologie
von
Klaus Peter Buchheit, M.A.
München, den 21. Juni 2002
2
Klaus Peter Buchheit
Die Verkettung der Dinge.
Stil und Diagnose im Schreiben Adolf Bastians
3
In all den obigen Fällen
platzt der Gott,
gleich einer
B o m b e,
in die Weltenbühne hinein,
als „Deus ex machina“.
Nachdem er
da
ist, beginnt er zu
denken,
dann zu
sprechen,
und die Schöpfung steht fertig.
Das ist
einfach,
gut und
schön,
in bester Ordnung
soweit, aber
wie?
und wieso?
(mit VERLAUB)
das Ganze
von Anbeginn an?
Adolf Bastian (26.06.1826 – 03.02.1905)
4
meinem Vater, Clemens Arthur Buchheit (1916 – 1998)
nobody is perfect
5
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le réel est discontinu, formé d´éléments juxtaposés sans raison
dont chaque est unique,
d´autant plus difficiles à saisir qu´ils surgissent de façon
sans cesse imprévue, hors de propos, aléatoire2
dabei muß man sich vergegenwärtigen, daß die einen
Erbsen essen und die anderen Salat3
from dolls to idols is but a short step4
„lasciate ogni speranza“,
(ob ihr euch Physiker oder Naturalisten nennt,
ob Meta-Physiker oder Supra-Naturalisten).5
Bild auf dem Titelblatt: Mark Tobey: Longing for Community, 1973, Farbradierung.
Text in der Photographie von Bastian aus: Bastian, Ethnische Elementargedanken II, 1895:46;
typographische Gestaltung KPB. [Bücher, die nur einmal oder sehr gelegentlich angemerkt
werden, nennen wir mit Titel, Ort und Jahreszahl; häufiger verwendete Literatur wird nur mit
Autorennamen und Jahreszahl vermerkt. Bücher von Bastian vermerken wir zum Zweck der
besseren Orientierung mit einem Kurztitel.]
1
Empedokles; in: Stobaios I, S. 144,20f. (DK 31 B 28);
„Nein, er, in jeder Richtung sich selbst gleich und ganz und gar unendlich [ohne Ende oder
Anfang], Sphairos, der Runde, in seiner Ruhe [oder: Einsamkeit] von übermäßiger Freude
erfüllt.“ aus: Die Vorsokratiker, Reclam 2000:89.
2
Alain Robbe-Grillet, Le Miroir qui revient, Paris, 1984:208
3
Pierre Bourdieu, Soziologische Fragen, 1993:38
4
Alfred Gell, Art and Agency, 1998:18
5
Adolf Bastian, Controversen IV, 1894:179
6
Inhalt
Danksagung
S. 8
Einleitung: Infrastruktur des Schreibens
S. 11
1.
Einschnitt
S. 74
2.
in statu nascendi
S. 79
2.1.
Die Mutterlauge
S. 79
2.2.
Das Anschießen der Geschichte
S. 88
2.2.1.
Raum und Zeit
S. 88
2.2.2.
Abnorme Zustände: Ich
S. 97
2.2.3.
„künstlicher Ideenkreis“
S. 106
2.2.4.
Materialismus
S. 119
2.2.5.
Egoismus
S. 123
2.2.6.
Gespenster
S. 132
2.2.7.
Die toten Kristalle und der keimende Samen:
Allologoi und accounts
2.3.
Das Abschwingen des Denkens
S. 136
S. 165
2.3.1.
Was denkt
S. 165
2.3.2.
Die elementare Zentralität des Augenblickes:
oder der Versuch, die Dinge so zu sehen,
wie sie sind
S. 183
7
2.3.3.
Induktion
2.3.4.
Gedankenreihen:
2.3.5.
3.
Entelechie und Interferenz
S. 213
Abschwingen
S. 243
Dualität
3.1.
S. 202
S. 274
Störung und Dualität
S. 274
3.1.1.
Geschehen
S. 274
3.1.2.
Geschichte
S. 294
3.2.
Raum und Zeit: eine Hor(r)o(r)logie
S. 312
3.3.
Un-Ruhe und Un-Sinn
S. 327
3.4.
Dualität, Triadität und die Mittler
S. 370
3.5.
Sprache und Eponymität
S. 417
4.
Abschwingen: Von den phänomenalen Bedingungen
der Dinge
S. 489
Schluss
S. 586
Bibliographie
S. 595
8
Danksagung
In erster Linie danke ich meiner Mutter Ruth Buchheit und meiner
Schwester Ingrid Buchheit, ohne deren verlässliche finanzielle Unterstützung
die vorliegende Arbeit schlichtweg nicht möglich gewesen wäre. Der
Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin leben nicht im Nichts, auch sie
unterliegen bestimmten materiellen Bedingungen und Verkettungen, die nur in
den seltensten Fällen, in Vorzeige-Fällen, ökonomistischen Regeln gehorchen.
Der freie Raum der Wissenschaft ist oftmals, nimmt man ihn ernst und tituliert
nicht damit seilschaftsgleiche Beziehungskorridore ererbter Macht, ein Raum
der Verlassenheit, in dem man, wenn man Glück hat, von Dritten oder Vierten
gehalten wird. Ihre Verlässlichkeit ermöglicht geistes- und
sozialwissenschaftliches Arbeiten. Freiheit der Forschung gewährt hier nur eine
Abhängigkeit, auf die man sich verlassen kann und in die man sich folglich
freiwillig begibt. Wo das Bewusstsein um solche Abhängigkeit fehlt, sei es aus
Gründen der ererbten Macht oder einer ökonomistischen Vorzeigezufälligkeit,
wo die Bedingungen, die Freiheit und Wahl zu ermöglichen scheinen, sie
gerade, weil blind gegenüber den wirklichen Bedingungen von Freiheit und
9
Wahl, verhindern; wo also ein solches Bewusstsein fehlt, ist die
wissenschaftliche Arbeit nicht – existentiell, d.h. sie weiß nicht um die
Verkettung der Dinge. Kurzum, es waren meine Mutter und meine Schwester,
die mir die Freiheit und die Wahl, diese Arbeit zu schreiben, ermöglichten.
Herzlichen Dank.
Verlässlichkeit in bezug auf ethnologische Betreuung bot mir mein
Doktorvater Prof. Dr. Klaus-Peter Koepping. Sinn und Zweck einer Ethnologie,
die ihr Feld nicht eng umgrenzt und eitel bewacht, sondern sich mit
ethnologischer Neugier den Dingen, die geschehen, offen zuwendet; Sinn und
Zweck einer solchen Ethnologie sind für mich in einem Maße mit seiner Person
verbunden, dass ich dafür weniger, wenn natürlich auch, herzlichen Dank sagen
möchte, als vielmehr: gut, dass dem so war und ist – und hoffentlich so bleibt.
Denn Ethnologie in seinem Sinn zu betreiben, heißt für mich: fröhliche
Wissenschaft betreiben, so schwierig sie mitunter auch sein mag. Es gibt für
einen Wissenschaftler m.E. nichts besseres.
Prof. Dr. Willy Michel sei für die Verlässlichkeit der
Literaturwissenschaft gedankt, die ich über viele Jahr bei ihm lernte. Ich lernte
bei ihm die Zusammenhänge zwischen Literatur und (interkultureller)
Gesellschaft lesen und verstehen. Dieses Können hat sich sowohl in meiner
Magisterarbeit, wie nun in meiner Doktorarbeit bestens bewährt. Es bewährte
sich m.E. vor allem da, wo es vielleicht auf den ersten Blick nicht
wiedererkennbar sein mag, was allerdings nichts anderes heißt, als dass ich es
für meine Arbeit anwenden konnte.
Für verlässliche Anregung und Kritik möchte ich des weiteren den
Ethnologinnen und Ethnologen Judith Weiss, Brigitte Merz, Johannes
Harnischfeger, Jens Kreinath, Stefanie Lotter, Heinrich Middendorf, Michael
Rudolph, Bernhard Leistle, Georg Voss und Sönke Lorenzen danken.
Da ich ohne die Korrekturarbeiten von Raban von Witzleben und die
technische Unterstützung von Thomas Läuger, Tom Graf und Uli Rieger
10
ziemlich verlassen vor dem Computer dagesessen wäre, auch ihnen ein
herzliches Dankeschön.
Last, but not least einen lieben Dank an Andrea Natterer. No se puede
vivir sin amar.
Klaus Peter Buchheit
München, den 21.07.2002
11
Einleitung: Infrastruktur des Schreibens
1. Schreibt ein Ethnologe, der über das Schreiben eines Ethnologen
schreibt, noch Ethnologie? Oder betreibt er irgend etwas anderes? Was schreibt
er? Schreibt er Wissenschaftsgeschichte? Dann müsste er
Wissenschaftshistoriker sein! Schreibt er eine Art Biographie über Leben und
Werk unter speziellem Fokus des Schreibens? Dann wäre er doch Biograph?
Oder schreibt der Ethnologe nur irgendwie über den Ethnologen? Dann wäre er
wohl irgendwas, aber kein Ethnologe, und sein eigenes Schreiben wäre nicht
ethnologisch, sondern bestenfalls ein gut-gemeintes An-Schreiben,
schlimmstenfalls – und mag es noch so hymnisch daherkommen – eine SchmähSchrift6. Was macht also das Schreiben des Ethnologen ethnologisch? Die
Antwort scheint trivial zu sein, ist es aber u.E. ganz und gar nicht: Das
Schreiben des Ethnologen ist dann und nur dann ethnologisch, wenn es
ethnologisch ist. Die Frage verschiebt sich folglich. Sie fragt nach dem Wortsinn
von „ethnologisch“. Treten wir einen Schritt zurück und nähern uns langsam.
Der allgemeinere terminus technicus lautet „anthropologisch“. Bleiben wir beim
Wortsinn, bedeutet das Wort: vom Wort und der Berechnung des Menschen.
Wenn einer Worte benutzt oder Rechenoperationen durchführt, dann benutzt er
Worte, die er von anderen hat; dann rechnet er mit dem, was ihm von anderen
zukommt. Einer allein hat keine Worte. Einer allein ist unberechenbar. Einer
allein denkt nicht, denn es kämen ihm keine Gedanken zu. Die Worte des
Einzelnen sind immer die Worte von mehreren; womit einer zu rechnen hat, das
bestimmen andere, selbst dann wenn es das Unberechenbare ist. Was er dazu
sagt und was er daraus errechnet, das sind andere Fragen. Aber sobald einer
6
Da wir auf Beispiele solcher Schriften nicht näher eingehen können, verzichten wir ganz auf
sie.
12
anfängt zu sprechen oder zu handeln, handelt nicht nur einer.7 Es handelt im
Sprechen und Berechnen immer schon eine Gruppe, das Anthropologische des
Einzelnen ist immer schon ethnologisch bedingt. Um es genauer zu sagen: Es ist
nicht die Gruppe, die anwesend ist im Sprechen und Rechnen des Einzelnen,
sondern ihre Worte, ihre Gedanken, ihre Rechenweisen, ihre Lebensweisen: es8.
Im Sprechen, Handeln, Rechnen, Denken und Schreiben des Einzelnen spricht,
handelt, rechnet, denkt und schreibt es. Es ist das Unfassbare, das geschieht,
wenn einer spricht, handelt, rechnet, schreibt etc.. Es ist das, was alltäglich
geschieht: das Allernormalste, dem wir zunicken oder über das wir je den Kopf
schütteln. Nicken wir dem Allernormalsten zu, erscheint es uns vernünftig,
erscheint es uns als Vernunft der Gesellschaft, als ihre Rationalität. Schütteln
wird den Kopf, erscheint es uns unvernünftig, erscheint es uns als die
Unvernunft Einzelner, als ihre Irrationalität. Interessiert sich für die Vernunft
der Gesellschaft die Soziologie, interessiert sich für die Unvernunft der
Einzelnen die Ethnologie. Die Ethnologie beginnt also mit einem Paradox.
Weist sie von ihrem Wortsinn darauf hin, dass das Sprechen Sache einer Gruppe
ist, wird sie von der Gruppe darauf verwiesen, sich mit einzelnen abzugeben, die
deshalb vereinzelt (oder zurückgeblieben) seien, weil sie nicht der Vernunft der
Gruppe teilhaftig seien, weil sie folglich der Gruppe, der Gesellschaft: der
Mehrheit nicht angehörten. Das Schreiben eines Ethnologen ist also dann
ethnologisch, wenn dieser Ethnologe a) von der Gruppe, zu der er gehört, als
unzugehörig, d.h. als ein Einzelner bezeichnet wird, und wenn er b) als
ungehörig, d.h. als unvernünftig bezeichnet wird, und wenn er c) zeigen kann,
das dem nicht so ist.
Der Sozialanthropologe Alfred Gell9 drückt das Problem
folgendermaßen aus: „Anthropology is, to put it bluntly, considered good at
7
Aus diesen Gründen bervorzugen wir den pluralis modestiae anstelle des die Verkettung der
Dinge verleugnenden Ich.
8
Über den Topos des „es denkt“ und seine Wirkungsgeschichte siehe Buchheit 1997:46ff.
9
Von Gells Agenten- und Biographentum möchten wir uns allerdings distanzieren. Denn, um
mit Bastian zu sprechen, die Ideen des Agenten und seiner Biographie sind nur zwei
13
providing close-grained analyses of apparently irrational behaviour,
performances, utterances, etc. [...].“ [Gell 1998:10]. Damit etwas irrational
erscheinen kann, müssen mehrere Partizipienten vorhanden sein. Was Gell
Anthropologie bezeichnet, nennen wir Ethnologie. Etwas, es, erscheint
irrational. Das Irrationale erscheint. Damit es erscheinen kann, muss es
phänomenal bedingt sein. Das Unfassbare muss fassbar werden, fassbar im
Verhalten, in der Performanz, in den Gewohnheiten – und in den Entäußerungen
dieser phänomenalen Bedingungen: in den Worten, im Schreiben. Gells
phänomenale („apparently“) Bestimmung der Ethnologie hat den Vorteil, dass
sie das Manko beim Ethnologen situiert und nicht bei dem Phänomen des
angeblich vereinzelt irrational Auftretenden. Das Irrationale scheint nur. Gells
Bestimmung weist zuvorderst darauf hin, dass, wie wir oben sagten, dem nicht
so ist, dass das, was irrational erscheint, unzugehörig und ungehörig ist. Es wird
nur falsch gehört, weil es nicht ernsthaft angehört wird; weil es schon als
irrational verurteilt wurde, bevor es gehört wird; weil sein Schein als Wesen
selbst gesehen wurde und nicht als phänomenale Bedingung eines Eindrucks,
der sich von den Entäußerungen, die irrational erscheinen, gerade nicht
beeindrucken lässt, sondern sie abtut. Gells Bestimmungen fordern dazu auf, die
Entäußerungen dessen, was irrational erscheint, ernst zu nehmen, d.h. es ernst zu
nehmen. Sie fordert auf, etwas ernsthaft anzuhören, weil es dazugehörig ist, weil
es schlichtweg nicht von anderer Art ist; weil es also nicht abartig ist. Es ist von
gleicher Art. Nur wenn wir konzedieren, dass es, das Unfassbare des Einzelnen,
von gleicher Art ist, wie das Unfassbare der Gruppe, die den Einzelnen
ausmacht, d.h. als Einzelnen, als Abartigen wahrnimmt, können wir den
abenteuerliche Völkergedanken, die in einer Agentenbiographie Spannung erzeugen mögen,
in einer ethnologischen Schrift auf Dauer aber Langeweile hervorrufen, weil die
besprochenen Agenten so heldenhaft dann doch nicht sind und vielleicht auch gar keine
Agenten. Die Probleme, die mit dem Begriff „agent“ verbunden sind, tut Gell, nachdem er
äußerst „abduktiv“ vorgegangen ist, in einem Hauruck-Verfahren ab: Ihn als Anthropologen
hätten die weiteren und näheren Probleme des Begriffs „agent“ nicht weiter zu kümmern, so
lange er nur praktikabel für die Anthropologie sei [Gell 1998:16f.]. Auf diese Weise kann
14
Einzelnen in seiner Eigentümlichkeit überhaupt wahrnehmen. Nur dann lässt
sich wahrnehmen und bestimmen, was die phänomenalen Bedingungen des
Phänomens sind. Alles andere sind blinde Zuschreibungen wesentlicher
Differenz, die schon aufgrund ihrer Zuschreibung sich ad absurdum führt. Denn
um eine wesentlichen Differenz, ist sie denn wirklich wesentlich, kann man
nicht wissen. Weiß man davon, ist sie nicht wesentlich. Um was man wissen
kann, das muss prinzipiell von gleicher Art sein, d.h. das muss von einem
gleichen Seinsgrund herkommen, mögen seine Beweggründe noch so
verschieden sein. Im Vergleich gefundene Differenz muss auf prinzipieller
Gleichheit beruhen, sonst hätte sie nicht im Vergleich gefunden werden können.
Vergleichen kann man nur prinzipiell Gleiches.10 Diese phänomenale Bedingung
wollte die Ethnologie oftmals nicht wahrnehmen und sah den Grund der
Differenz in einem Manko dessen, der unzugehörig scheint: er habe keine
Schrift; er gehöre nicht der gleichen Zeit an11; er leite sein Wissen nicht von der
Realität, sondern von einer Mythe, d.h. einem Wahn her: er sei wahnsinnig. Der
Ethnologe dieser Provenienz erklärte den Anschein der Abartigkeit ( sie, die
anderen, hatten nicht die Artigkeit der Schrift, nur die Unart mythischer
Verblendung; sie hatten nicht die Komplexität der Darstellung, nur die
Primitivität schlichter Nachahmung des Vergangenen, sie entwickelten sich
nicht weiter: sie hatten ein schlichtes Leben, für das man sie bewunderte, aber
man sich aber jeden Begriff zurechtlegen, er wird zum Parameter, der die Lücke füllt, ohne
sie wirklich zu füllen.
10
Noch wenn ich die Frage nach der Vergleichbarkeit mit nein beantworte und sage, es sei
doch überhaupt nicht vergleichbar, nicht eins mit keinem anderen, habe ich längst verglichen
und etwas gleichgemacht, nämlich in seiner angeblichen Unvergleichbarkeit. Was nicht zu
vergleichen ist, das ist nicht erfahrbar.
11
Siehe zur Bestimmung der Ethnologie als „Studium schriftloser Völker“: Michael Oppitz,
Die verlorene Schrift. Mythen kleinerer Völker, in: Lettre International Nr. 56, 2002:91-96,
insbesonder ebd.:91: „In diese Festlegung [Ethnologie als Studium schriftloser Völker; KPB]
war unausgesprochen eine doppelte Polarisierung eingeschlossen: auf der einen Seite jene,
die in Ermangelung der Schrift diesseits der Qualifikationsmarke das Beispiel einer früheren
und niedrigeren Zivilisationsstufe abgaben; auf der anderen Seite jene, die mit der Aneignung
der Schrift die Meßlatte übersprungen und den vorerst letzten und höchsten Stand der Kultur
erreicht hatten. Zur zweiten Gruppe zählten die Forscher, und was diese zu erforschen sich
15
einen schlechten Lebensstil, für den man sie verachtete) zur Abartigkeit dessen,
was er untersuchte: der andere habe das Manko, und die eigene Aufgabe
bestehe darin, das Manko wahrzunehmen. Wer das Manko registriere und
darstelle, habe als Ethnologe seine Aufgabe erfüllt. Gells Bestimmung hingegen
fordert den Ethnologen auf, das Manko bei sich zu suchen. Die Bedingung des
Mankos liegt in einem selbst, nicht beim anderen. Es ist nun der Ethnologe, der
die eigene Un-Einsicht in seiner Arbeit zunehmend sichtbar macht und zugleich
einen Weg findet, a) die Uneinsichtigkeit anzuerkennen, weil sie auf der eigenen
Logik beruht, und b) der Un-Einsicht so auf die Spur zu kommen. Der
Ethnologe ist jetzt der Primitive, der anfängt, sich einem Komplexen zu nähern,
das er nicht versteht, das er aber verstehen12 will, ohne dem Fehler zu verfallen,
all dasjenige, was er nicht versteht, als unverständlich, weil unvernünftig, zu
erklären. Er wird – vielleicht –, indem er der Un-Einsicht als der eigenen
Uneinsichtigkeit auf die Spur kommt, verstehen, wie die Dinge zusammen
hängen. Er wird vielleicht sehen, dass das Fassbare Ausdruck eines Unfassbaren
ist, das unser aller Art ist. Weil der Ethnologe das Fassbare des Anderen (noch)
nicht fassen kann, sieht er im Fassbaren ein Unfassbares und stellt es dem
eigenen Fassbaren entgegen. Er sieht die Zusammenhänge der Dinge nicht,
nämlich dass sich die Dinge im Unfassbaren verketten, d.h. in uns, wenn wir den
Dingen nachhängen und sie nicht als gänzlich unabhängig von uns einem
anderen zuschreiben. Das Unfassbare im Fassbaren wahrnehmen, heißt das
Fassbare des Anderen wahrnehmen, heißt das Fassbare, auch wenn ich es noch
nicht fassen kann, schreiben, ohne ihm gleich die Unfassbarkeit zuzuschreiben
oder es mit einem „es ist nicht zu fassen“ als Unhaltbar zu erklären und zu
negieren. Schreibend hängt man den Dingen, dem Fassbaren, an und wird
mitunter denen, die die Dinge schon längst für abgeschrieben ausgegeben haben,
zum Ziel setzten, waren Mitglieder der erstgenannten Klasse. Mit dieser Stufung wurden
eindeutige Beziehungsmuster geschaffen.“
12
Siehe zum Problem des ethnologischen Verstehens: Vincent Crapanzano, Hermes‘
Dilemma & Hamlet’s Desire. On the Epistemology of Interpretation. Cambridge, London,
1992.
16
zur Plage, weil man die Dinge, über die man doch aus Unfassbarkeit den Kopf
schütteln soll, nicht abschreiben will, indem man ihnen Unfassbarkeit
zuschreibt, sondern indem man sie im wortwörtlichen Sinne erst einmal
abschreiben will, d.h. aufschreiben. Indem der Ethnologe schreibend den Dingen
nachhängt, die andere als unfassbar ausgeben, lassen sich die Dinge mit der Zeit
zusammenhängend darstellen, oder zumindest als zusammenhängend kenntlich
machen. Der Ethnologe, der so schreibt, bietet ethnologische
Orientierungshilfen, er hilft, mit den Worten und Berechnungen des Einzelnen,
der von einer Gruppe ausgemacht wird, umzugehen, d.h. eine Rationalität des
Umgangs miteinander zu finden, sie in den Logiken aller zu finden, so dass sie
auch allen, zumindest teilweise – mitteilungsweise - entspricht. Ein Schreiben,
das eine solche Rationalität des Entsprechens zu liefern versucht, ist also im
besten Sinn ethnologisches Schreiben. Die Weisen des entsprechenden
Umgangs beruhen sozusagen auf einer Infrastruktur des Schreibens. Nicht die
starre Verordnung und Verortung einer Struktur weist den entsprechenden Weg
von Ort zu Ort und hilft, sich vor Ort13 im Geschehen, das dort statthat,
13
Über die Notwendigkeit und das Nährende (ein Kontext, der Bastian – und keineswegs im
metaphorischen Sinn – sehr liegt, wie wir erfahren werden) der sinnlichen Erfahrung vor Ort,
also der Möglichkeit, etwas vor Ort – in einer nichtmystischen Weise – in sinnfällige
Erfahrung zu bringen, also über das Gastgeschenk des Geschehens vor Ort, an dem man
teilnimmt, und über die entsprechende Verantwortung, die man dadurch erfährt, siehe: Paul
Stoller, The Taste of Ethnographic Things. The Senses in Anthropology, University of
Pennsylvania Press, Philadelphia 1989 (Allerdings wollen wir uns deutlich von dem letzten
Satz in Stollers Text (ebd.:156) distanzieren: Die erlebte Erfahrung und die Dinge, die man in
Erfahrung gebracht hat, entheben den Interessierten nicht von der Beschäftigung mit
theoretischen Texten. Auch das Lesen solcher Texte kann praktische Erfahrung sein und hilft
vor dem Wahn, alles ex nihilo aber authentisch selbst denken zu wollen). Wir sehen unsere
Auseinandersetzung mit dem Schreiben Bastians durchaus als etwas, das vor Ort stattfindet,
nämlich in den loci des Textes, wir wollen das Schreiben sinnlich erfahren, d.h. es genau in
tropischen Augenschein nehmen, genau auf seine Laute hören, uns die Wörter auf der Zunge
zergehen lassen und aufmerksam auf seine Unebenheiten achten. Wir betreiben keine
Ferndiagnose und kleben keine fertigen Etiketten auf. In der Verkettung der Dinge werden die
geschriebenen Dinge Teil der Nahrungskette im psychophysischen Sinn. Wir werden im Text
vielfach darauf zurück kommen, erinnert sei hier nur an Bastians „Olla podrida“, die u. E.
gegen Marxens Fetischkonzepte im „Kapital“ gemünzt sind – es wäre einer genauen
Untersuchung wert –: Bastian, Controversen III 1893:1: „In positivistischer umschränkter
Fachschule war es bequem gefunden worden, einen Fetischismus als unterste Lagerstätte für
Einschachtelung der Religionsformen zusammenzudrechseln, als afrikanische Vogelscheuche,
17
zurechtzufinden, sondern nur die Infrastruktur eines Schreibens, die der
Infrastruktur des Geschehens entspricht, macht die Möglichkeit eines Umgangs
schriftlich erfahrbar, der vielleicht im Geschehen weiterhelfen kann. Ein
Schreiben wird dann erfahrbar, wenn seine Infrastruktur erkannt wird. Und nur
die infrastrukturelle Erfahrung14 des Schreibens weist die möglichen
Umgangsformen mit dem Beschriebenen. In den Infrastrukturen des Schreibens
haben die Bewegungen des Geschehens ihre Spuren ausgelegt, d.h. in ihnen
kann man den phänomenalen Bedingungen eines Geschehens – und sei es
demjenigen des Schreibens selbst – auf die Spur kommen. In den Infrastrukturen
zeigt sich also, ob es sich um ein vorschreibendes oder um ein entsprechendes
Schreiben handelt. Die Infrastrukturen werden markiert von den tropologischen
Bewegungen des Schreibens. Ethnologisches Schreiben muss sich die Logik der
Tropen, die verwendet werden, um den Umgang mit demjenigen, das irrational
erscheint, darzulegen, bewusst halten.
Wenn wir auf unsere anfänglich gestellte Frage zurückkommen, ob ein
Ethnologe noch Ethnologie schreibt, der über das Schreiben eines Ethnologen
schreibt, so können wir nun antworten, dass es sich dann um ein ethnolgisches
Schreiben handelt, insofern es ein den Zusammenhängen der ethnologischen
und da aus arktischem Schamanismus und transatlantischem Totemismus allerlei halb nur
verdaute Bissen hinzugekommen sind, so hat sich, mit Verwendung theoretischer
Destillirungsapparate, das Gemisch einer „Olla podrida“ zusammengerührt, deren
Ingredenzien rathsam bleibt voher zu prüfen, ehe das Gebräu auf guten Grund
hinabgeschluckt wird (unter Gefahr lästiger Indigestionen). Nahrhaft bewährte Brocken, die
darin umherschwimmen, werden sich mit dem Siebe vorsichtiger Sichtung herausfischen
lassen, um ihre Verwerthung zu finden (für das, was sie werth sind).“.
14
Uns gilt als erfahrbar nur dasjenige, was auch vermittelbar ist. Unmittelbare, unbedingte
Erfahrung an sich kann nicht mitgeteilt werden, sie bleibt Mutmaßung, da schlichtweg die
Mittel fehlen, sie erfahrbar zu machen; erfahrbar sind auch bei der unmittelbaren Erfahrung,
sofern es sie überhaupt gibt, nur die Umstände, die Zusammenhänge. Deshalb hat Erfahrung
für uns immer etwas mit den Zusammenhängen zu tun, in denen sie geschieht, sie ist uns, so
unbedingt sie auch glaubt zu sein, bedingt. Sie steht immer in der Verkettung der Dinge, sonst
wäre sie ein Nichts. Unmittelbare Erfahrung hat in unseren Augen entweder noch nicht die
Mittel gefunden, sich so zu performieren, dass sie mittelbar und mitteilbar wird, oder ihr
werden diese Mittel schlichtweg von Machtinstanzen versagt und vorenthalten. Ein drittes
Problem der Erfahrung, warum sie oft anderen nicht erfahrbar wird, ist, dass die Leute nicht
hinhören, was und vor allem wie mitgeteilt wird, sondern umgehend eigenes unmittelbar
18
Dinge entsprechendes Schreiben ist, d.h. wenn es a) dasjenige, was dem
Ethnologen als irrational erscheint, als rational aufzeigt, und wenn es b)
dasjenige, was dem Ethnologen als rational erscheint, als irrational15 aufzeigt,
und wenn c) aufzeigt, dass beide Verhalte unabdingbar miteinander verkettet
sind.
Kommen wir zu Bastian. Bastians Schreiben erschien den Ethnologen,
die bisher über ihn geschrieben haben16, als irrational. Zu zeigen, welche Ratio
dieser Schein verbirgt und welche Verkettung der Dinge sich im Schreiben
Bastians äußert, ist nach Gells Bestimmung eine originär ethnologische
Aufgabe. Man kommt ihr nach, indem man die Infrastruktur seines Schreibens
anhand der tropologischen Bewegungen, die es ausmachen, aufzeigt. Anders als
bei der Struktur genügt es hier nicht, Gegensatzpaare als Syntax ausfindig zu
machen, von der jede Semantik, die ein für alle mal feststellen will, was die
Dinge bedeuten, ausgeht, sondern die Wechselwirkungen, die zwischen den
Dichotomen geschehen und an ihre Dichotomie glauben lassen, heraus zu
arbeiten. Diese Wechselwirkungen geschehen zum einen aufgrund der
bestehenden Verkettungen der Dinge, zum anderen lassen sie weitere
Verkettungen entstehen. Es sind diese Wechselwirkungen, die alle Semantiken
brüchig werden lassen; die einen nicht entscheiden lassen, welchem Dichotom
man sich zuschlagen soll, und zwar um so mehr, je mehr sie die Möglichkeit
einer Wahl, eines „Entweder-Oder“ in ihrem Hin-und-her suggerieren; die hinter
wiederzuerkennen meinen und so das Eigene für das Andere halten, das deshalb ungehört als
stummer Schrei verklingt.
15
Gell spricht das zwar nicht explizit aus, aber es ist die Rückseite der Medaille: Die soziale
Rationalität dessen, was sozial gerne als irrational angesehen wird, zu erklären ist nur eine
Seite der Aufgabe, die Ethnologie zu lösen sucht. Die andere besteht darin, gerade die
selbstverständlichen Abduktionen, die alltäglich getätigt werden und die nichts anderes als
hundertprozentig rational zu sein scheinen, als etwas aufzudecken, das auf imitatorischer
Institutionalisierung, auf Vorlieben und Gewohnheiten beruht und keineswegs wirklich
inferentiell ist. D.h. Ethnologie entlarvt offensichtlich ebenso Kausalitäten als willkürliche
Korrelationen (wer z.B. aussieht wie ein Macho, muss keiner sein), wie sie Korrelationen als
Kausalitäten aufzeigt (wer z.B. handelt wie alle, aber glaubt, anders zu sein, ist nicht anders).
16
siehe die ausführliche Besprechung der Einvernahme Bastians in: Buchheit 1997.
19
den Geschichten das Geschehen als Unfassbares, d.h. als unendlich
geschehendes ahnbar und somit ruchbar machen.
Aufgrund des Unfasslichen, das je gleich geschieht und sich in den
unterschiedlichsten Fassungen zeigt, können wir eine erste Verhältnisgleichung,
eine erste Gedankenkette aufstellen: „es“ verhält sich wie dasjenige, das wir mit
Bastian die Verkettung der Dinge17 (concatenatio rerum18) nennen wollen, die
sich ihrerseits wiederum wie die Infrastruktur des ethnologischen Schreibens
verhält. Andersherum: Die Infrastruktur des ethnologische Schreiben entspricht
der Verkettung der Dinge, die „es“ entspricht.
Die Infrastruktur des Schreibens auszeichnen bedeutet, dass wir nicht die
Ordnung der Dinge präskribieren, sondern gewissermaßen eine
Verkehrsordnung, eine Anleitung zum Schreibverhalten schreiben, die der
Verkettung der Dinge adäquat ist. Erst mit einer solchen Verkehrsordnung ist
gewährleistet, a) dass die Verkettung der Dinge nicht geleugnet wird und dass
niemand willkürlich („es, sein Verhalten, ist doch nicht zu fassen“)
ausgeschlossen wird, b) dass jeder seines Glückes Schmied19 sein kann. Denn
eine Verkehrsanleitung ist keine moralische Essenz des Zwingenden, sondern
die Bedingung der Möglichkeit, sich gemäss gegebener Bedingungen zu
verhalten, d.h. sein Leben zu orientieren: man geht (vielleicht; Unfälle sind nie
ausgeschlossen) weniger heillos in die Irre, weil man sich nicht an
heilversprechenden Eponymen, Anschlägen der Macht, orientiert, sondern an
dem, was immer wieder die Eponyme aufbricht, die wegen der Unsicherheit, die
sie durch ihre Sicherheitsversprechen hervorrufen, die mit der Zeit immer
unweigerlich gebrochen werden, Unruhe erzeugen. Kurzum, man ist nicht
17
Zur Ideengeschichte der „Verkettung der Dinge“ oder der „Kette des Seienden“ siehe:
Arthur O. Lovejoy, Die große Kette der Wesen. Geschichte eines Gedankens. Frankfurt a.M.,
1993 (Orig.: The Great Chain of Being. A Study of the History of an Idea, Cambridge 1950
(1936)).
18
Die Quellen der Fachbegriffe Bastians werden in der Einleitung nicht gesondert aufgeführt.
Die verschiedenen Begriffe werden im Verlauf der Arbeit ausführlich hergeleitet und ihre
Quellen vielfältig nachgewiesen.
20
fixiert, sondern lernt, sich orientierungsbewusst in der Zeit und vor Ort zu
bewegen. Das In-die-Irre-gehen-können wird zur Bedingung der Möglichkeit
des „Auf-dem-richtigen-Weg-seins“. Wer mit seinen Defekten rechnet, erkennt
und anerkennt seine Möglichkeiten. Das In-die-Irre-gehen ist kein Manko mehr,
sondern eine Bereicherung. Betrachten wir unter diesen Aspekten, die wir
Bastian entnommen haben, Bastian selbst, wird sein Schreiben, von dem im
Ausdruck des „Es-ist-nicht-zu-fassen“ gesagt wurde, es wiederhole sich20,
reichhaltig. Es ist nicht mehr das Schreiben dessen, der nicht schreiben konnte,
sondern das Schreiben dessen, der Schreiben wollte, a) was Sache ist, und b) wie
diese Sache mit ihm zusammenhängt, d.h. wie er sie wahrnehmen kann, ohne
seine Sach‘ auf irgendein Eponym, das vorschreibt, was Sache ist, gestellt zu
haben. Bastians Schreiben stellt seine Sach‘ nur auf seine eigenen
Möglichkeiten. Im Schreiben werden Wege gefunden, sich vor Ort zurecht zu
finden. In seinem eigenen Schreiben lassen sich Wege finden, sich in ihm
zurecht zu finden. Noch das In-die-Irre-gehen ist ein solcher Weg: das Schreiben
liefert die Infrastruktur für ein Geschehen, das seinerseits die Infrastruktur für
das Schreiben liefert: es schreibt, wie es denkt!
Unser spezifisch ethnologischer Ansatz ist derjenige, dass wir sehen
wollen, was im Bastian’sche Denken und Schreiben selbst geschieht, wie es sich
selbst begründet und warum es so ist, wie es ist. Wir wollen uns nicht von einem
äußeren Schein des „als ob“ in die Irre falscher (kausalisierender)
Attributierungen führen lassen, wie sie gewöhnlich in der Weise: „die
Schwarzen sind so, (weil sie schwarz sind); die Weißen sind so, (weil sie weiß
sind); die Roten sind so, (weil sie rot sind); die Großen sind so, (weil sie groß
sind); die Kleinen und Fetten sind so, (weil sie klein und fett sind); unsere
Gesellschaft ist so, (weil es unsere Gesellschaft ist); usw.“ stattfindet. Als ob –
das „als ob“ ist uns deswegen nicht verboten, das hieße es zu einem negativen
19
Bastian behauptet das – dass jeder seines Glückes Schmied ist –, wie wir sehen werden,
immer wieder.
21
Eponym machen – der augenfällige Sinn auch der sinnfällige wäre!
Attributierungen ohne tiefere Nachfrage vor Ort sind billige Zuschreibungen
von Vorurteilen und zwielichtige Erstellungen mühelos einleuchtender
Klischees.
Wir versuchen in unserem Schreiben das zu tun, was wir Bastians
Schreiben – vorerst – unterstellen und dann erst nachweisen wollen, nämlich
Geschehen im Schreiben als Erfahrung (passio), als das, was man erfahren hat
und in konkreten Zusammenhängen (und keineswegs in mystischen
Abwesenheiten) erfahren konnte, erfahrbar (actio) zu machen. Wir versuchen
nicht eine welt(be)geisternde Geschichte zu erzählen. Bastian schreibt u.E. das,
was er in Erfahrung bringen konnte, und nicht, was er automatisch damit
verband, so dass der Sinn des Geschehens gleich einem deus ex machina aus
dem Automatismus hervorspränge. Nicht was wir automatisch mit einer Sache
verbinden ist wichtig, sondern das, was wir erfahren, auch wenn wir den Sinn
des Ganzen nicht gleich wissen. Wichtig ist wie die Dinge zusammenhängen
und zusammen gehängt werden können. Ob dieses dann einen Sinn hat, werden
wir sehen.
Unsere Untersuchung mag stellenweise befremdlich wirken. Doch wie
fremd wirken die Texte Bastians? Muss nicht eine infrastrukturalistische
Annäherung an sie befremdlich wirken – um in eingehender Lektüre vielleicht
dann doch noch vertraut werden zu können? Wir erhoffen uns als Ergebnis
unseres Schreibens, dass der Leser, der eine oder die andere, von den
Bedingungen des Schreibens Bastians erfahren und wissen wird; wir hoffen,
dass man ihn dann zu lesen wissen wird, wie wir glauben, ihn nach Jahren des
Bemühens lesen zu können.
In unserer Arbeit geht es nicht um Informationsbereitstellung, sondern
um die Transformation von Strukturen in Infrastrukturen und die Performation
von Zusammenhängen als Verkettung der Dinge. Information ist das, was gleich
20
Bastian selbst geht auf diese Vorwürfe ein, und wir werden seine Antwort weiter unten
22
vergessen wird und nichts besagt. Reden tun in Informationen ausschließlich die
Zusammenhänge, über die die Informationen nicht informieren. Informationen
üben uns ein in eine bestimmte Ignoranz den Zusammenhängen gegenüber, weil
sie uns glauben machen, sie berichteten pures Wissen, d.h. hard facts, die
abhängig nur von dem seien, was zugleich in ihnen offenkundig ausgesprochen
werde. Von Bastian lernen heißt, die hard facts wieder als res facti, als
gemachte Dinge, zu sehen und somit die Wahrnehmung auf die Verkettung der
Dinge, d.h. auf das, was in den Fakten nicht mit erzählt wird, in ihnen aber
deutlich wirkt und deshalb ohne Spekulation wahrgenommen werden kann,
auszuweiten. Wir erweitern keinen Horizont, wir erhöhen eine Sensibilität
gegenüber Wirkungen, d.h. Bewegungen, Beweggründen (Motiven),
Wendungen (Tropen), Effekten und Koeffizientem. Von der Geschichte, die nur
von sich erzählt, zu den Geschehen, die die res facti hervorbringen: dahin
bewegt sich Bastians Schreiben.
Bastians Schreiben ringt nicht mit seiner Existenz und will sich nicht
permanent selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf des Nichts erretten. Es
geschieht immerzu schon, es erhält sich, weil es keine Angst hat, ins Nichts zu
fallen, weil es die Dinge nicht als das Nichts ansieht. So unsinnig uns manche
Formulierungen Bastians vorkommen mögen: für ihn hatten sie immer Sinn, für
ihn sprach sich in ihnen die Existenz immer schon aus, weil sie eben existierten.
Man könnte auch sagen, sein Schreiben ist existentiell, es heuchelt nicht
Existentialität, die es gefälligst (wem auch immer zu Gefallen) zu wählen gelte,
vor. Bastians Schreiben verliert sich weder in der Geschichte von der eigenen
Trächtigkeit, noch droht es mit der Auslöschung der eigenen Existenz. Solche
künstlichen Nöte sind Bastian Ausdruck von Sentimentalität, die der Not, die
das Sein bezeugt, mit dem es immer wieder nichts werden kann, solange es sich
immer nur sich selber im Sinn hat und nicht den Sinn des Geschehens, nicht
gerecht wird: Bastians Schreiben will not-wendig in dem Sinne sein, dass es
gründlich besprechen.
23
dem Geschehen entspricht und nicht wider-spricht. Sein Schreiben spricht nichts
besondere Bedeutung zu, es schreibt die Dinge vielmehr in ihrer Sonderheit, so
wie sie geschahen und geschehen, auf.21 So verfolgt es die Spur ihres
Geschehens und geschieht selbst. Es macht keine Geschichten.
Wie man sieht, stehen bei uns im Schreiben Bastians Begriffe wie
„Eponym“, „es“, „Geschichte“ und „Geschehen“ (u.v.a.) stärker im
Vordergrund als die bisher in den Schriften über Bastian hervorgehobenen22.
Bastians „Gedanken-Begriffe“ sind u.E. nicht so ungewöhnlich, wie die Mühen,
sie zu verdeutlichen, meinen lassen könnten. Sie klingen uns vertrauter, wenn
man sie ins Griechische übersetzt und ihnen sogleich die ihnen entsprechende
Wissenschaft zuordnet: Für den „Menschheitsgedanken“ ist dann die
Anthropologie zuständig, für den „Gesellschaftsgedanken“ die Soziologie, für
den „Völkergedanken“ die Ethnologie und für den „Elementargedanken“ die
Archäologie. Auf diesen „Gedanken-Begriffen“, über die sein Schreiben
allerorten informiert, beruhen höchsten einige Strukturen seines Denkens, aber
nicht die originellen Infrastrukturen, in denen sein Schreiben sich bewegt.
Die Bewegung zwischen den Begriffen liefert den Beweggrund für
Bastians Schreiben, für sein Handeln in der Gesellschaft, für seinen Umgang mit
Menschen, mit ihren Produkten und mit sich selbst; kurzum: den Beweggrund
seines Lebens. Hier und nicht in irgendeinem Willen oder einer Vorstellung
finden wir ihn. Bastian mäkelt nicht an der Welt griesgrämig herum, er lässt sich
von ihr vielmehr bewegen und hat dadurch gewissermaßen einen sicheren Stand.
Er muss sich nicht permanent gegen die Dinge, die geschehen, absichern. Denn
er geschieht ja mit ihnen. Sein Schreiben teilt das mit. Indem es die Welt findet,
wird es, sein Schreiben, von ihr erfunden: die Welt wird sinnfällig für uns!
Sinnmangel ist in diesem Sinn Augenverschließen vor dem anderen, das da statt
hat. Bastians Schreiben fällt sozusagen nie aus. Es funktioniert. Es verkettet sich
21
In dieser Sonderheit sehen wir die stilistisch unschöne Manie, das Wörtchen „sondern“
stark iterativ zu verwenden, als Notwendigkeit gerechtfertigt. Immer wieder muss dem
Eponymen widersprochen werden, um der Verkettung der Dinge zu entsprechen.
24
zunehmend, ohne zur Last zu werden. Jede Stelle in seinen Texten ist gleich
belastet wie jedes Glied einer Kette.
Bastian stellt sich und seinen Lesern in seinem Schreiben keine
künstlichen Probleme, sozusagen in effigie, Problemmodelle, die er dann
entweder mit Modellösungen beheben könnte (ohne je ex effigie gehen zu
müssen), so dass es aussähe, als wären damit die Weltprobleme (zumindest in
effigie, also dort, wo alle hinschauen) gelöst, oder wegen zu verschachtelten und
vertrackten Modellen, die sich als Fallen, als mise en abîme herausstellen, nicht
lösen könnte, was zu lähmender Befangenheit in der eigenen Intention und zu
sofortigem Schreibblockadebefall führen würde. Bastian will keine Probleme
lösen, er schreibt, damit sich die Probleme im Schreiben allererst stellen; damit
sich die fadenscheinigen Lösungen allerorts als Effekt des Problems zeigen. Es
ist Bastians Aufgabe nicht, die Probleme zu lösen, da es keinen Aufgabensteller
gibt, der sie ihm gestellt hätte. Weil sich die Probleme von selbst stellen, müssen
sie sich auch von selbst lösen. Nur die künstlich und in effigie sich selbst
gestellten Probleme lösen sich nicht von selbst, sondern brauchen den Helden.
Da Bastian mit anderen Worten nicht die Lösung der Geschichte sucht, hat er
keine Probleme, die in der Welt geäußerten Worte zu finden, die den Gang des
Geschehens anzeigen. Bastians Schreiben schreibt sich nicht von selbst, sondern
wie von selbst: der Schreiber ist der Mediator der Dinge, die ihm geschehen. Er
muss sich, will er schreiben, nur schreibend dem Geschehen aussetzen. Das ist
alles. Folgt er dem Geschehen, findet er nicht nur die Probleme, die sich stellen,
wenn man von den eponym gestellten (z.B. die Frage nach dem perfekten Leben,
perfekten Stil) absieht und sich nicht mehr beunruhigen lässt, sondern auch die
Lösungen, die sich ergeben. Lösungen sind Einlösungen von Versprechen, die
für alle gelten, und keinesfalls Erlösungen Einzelner zu Ungunsten aller
anderen. In jedem Wort, das gesprochen wird, klingen die Versprechungen an
und können im Vergleich vernommen werden. Die Versprechungen gelten in
22
Vgl. Buchheit 1997.
25
der Zeit, ihre Einlösungen haben alle Zeit der Welt. Bastian hat die Zeit,
summierend zu schreiben, er muss nicht, summarisch schreibend, Zeit erbeuten.
Er kann sich mit dem Schreiben in dem Sinne Zeit lassen, dass er sich für das
Schreiben so viel Zeit als möglich nimmt. Das Geschehen kann ihm so wenig
davon laufen wie er ihm. Aus diesen Zusammenhängen erklärt sich die Vielzahl
seiner Schriften. Dennoch ist es unsere Ansicht, die wir in unserer Arbeit
begründen wollen, dass Bastian sich nicht die nötige Zeit genommen hat; dass
er, doch Kind seiner Zeit, glaubte, sich zu sehr beeilen zu müssen, und gerade
deshalb dort, wo er meinte, seiner Zeit voraus zu sein, zu sehr seiner Zeit
verhaftet blieb und nicht in dem Sinne mit der Zeit gehen konnte, wie sich die
Dinge verändern. Kurzum, sein Schreiben blieb dort, wo es dem Standart seiner
Zeit entsprach, nicht geschehensadäquat, es blieb ideenverhaftet: es entsprach
dem Standart, aber nicht den Dingen, die vorgingen. Es verwischt dadurch
zugleich die Spuren, die es registriert. Nichtsdestoweniger lassen sich die
Bewegungen seines Schreibens, seine Beweggründe, das, was geschehen war,
auch hier nachvollziehen.
Kriterium des Stils kann daher nie seine Gefälligkeit sein, sondern die
Adäquatheit mit der Motivation, die zu schreiben bewegt. Jede Diskrepanz
zwischen angeblicher Motivation (Geschehen als Thema) und der tatsächlichen
(Gefälligkeit als Anathema des Geschehens) ruft Stilblüten hervor. Stil heißt
hier nicht, irgendwie schön (gefällig) und natürlich (unmotiviert) zu schreiben,
sondern aufgrund einer spezifischen Motivation die Sprache so zu setzen, dass
sie dieser Motivation syntaktisch wie semantisch und pragmatisch nachkommt.
Wie in Fachsprachen oder in Jargons üblich redet Bastian zumeist
metonymisch. Ein Teil steht für das Ganze. Der Eingeweihte, der Connaisseur
versteht, wovon die Rede ist. Wovon ist die Rede? Um das darzulegen, gilt es
die Teile zu ergänzen, eine Verstehenskomplettierung durchzuführen. Wir
fragen uns, welche Gegensätze Bastian aufbaut, wenn er mit Begriffen operiert,
deren Gegenteil nicht explizit ausgesprochen wird. Infrastrukturelles Schreiben
26
versucht, den verschwiegenen Gegensatz zu finden, ohne im Gegensätzlichen
seine heuristische Befriedigung erschöpft zu sehen. Vielmehr steckt der
gefundene Gegensatz (z.B. „deus ex machina“ – „homo in machina“) nur den
Weg ab, der noch zu gehen ist.
Auch ist es nicht ohne Grund, dass Bastian die Gegensätze nicht stets
ausformuliert. Er ist kein Strukturalist. Seine Accounts23 bilden keine
bedeutungsgenerierende Komposition. Seine Kola und Sätze durchziehen seine
Texte wie abgetrennte Tentakel. Sie liegen nebeneinander, sie wollen verglichen
werden. Kein Account kann negativ sein. Wie die Teile eines Rebus geben sie
ein Geschehen wieder, dessen Logik nicht bekannt ist. Jedes Teil verweist
positiv auf das Geschehen. Es gibt nichts Ungeschriebenes, nur Dinge, die noch
nicht geschrieben sind.
Deshalb bleibt unsere Grundfrage: Warum schreibt Bastian, wie er
schreibt, und nicht vielmehr anders? Entweder ist er wahnsinnig und er kann
nicht anders, oder sein Schreiben ist sinnfällig und könnte, wäre die Funktion
eine andere und das Geschehen ein anderes, auch anders ausfallen. Wir gehen
von der möglichen Sinnfälligkeit aus, 1.) weil über einen möglichen Wahnsinn
zu urteilen nicht in unserem Kompetenzbereich liegt, und 2.) weil ein solches
Urteil den sofortigen Abbruch unserer Arbeit bedeuten würde, da die
Grundfrage geklärt wäre. Wir versuchen Funktion und Infrastruktur (genetische
Strukturen) des Schreibens Bastians aufzuzeigen, um zu erfahren, was da
geschieht.
2. Um unserer Arbeit zu lesen und Gewinn von ihr zu haben, sollte der
Leser schon ein bißchen Wohlwollen den Sonderlichkeiten Bastians (und den
unsrigen) gegenüber mitbringen. Aber ist ein Wohlwollen Sonderlichkeiten
gegenüber nicht die Grundvoraussetzung einer Ethnologie, die weiß, dass die
Absonderlichkeit zumeist im eigenen Denken liegt?
23
Siehe zu dem Begriff „account“ Buchheit 1997
27
Wir wissen, dass die Interpretation einer Methode wie der Bastians, die
jede Interpretation als Symptom einer Verstörung ansieht, nicht frei sein kann
von widersprüchlichen Störgeräuschen, vor allem wenn sie diese Methode
gerade in ihrer eigenen Durchführung fruchtbar machen will: sie lässt sich von
den von ihr ausgehenden Irritationen antreiben und hofft, nicht in trivialen
Klarheiten zu versinken und zu verenden. Wer blind das Verstehen für
selbstverständlich erachtet, versteht nichts; und wer dasjenige, was er verstanden
zu haben glaubt, nun für selbstverständlich hält, hat nichts verstanden und wird
weiterhin nichts verstehen.
In bezug auf ein solches Selbstverständnis, eine Hybris des
Verstehenkönnens, erweist sich Bastians Methode endlich als äußerst fruchtbar.
In ihrem eigenen Selbstverständnis hingegen von der Selbstverständlichkeit des
ewigen Missverstehens wird sie wahrnehmungshemmend, weil sie sich in ihrem
eigenen Verstehen missversteht. Anders gesagt: Bastian schrieb zu selten auf,
wie er verstand, wenn er das Verstehen der anderen in Frage stellte. Er hätte sich
dazu durchaus die Zeit nehmen können, auch hätte ihn die Zeit nicht daran
gehindert, sich selbst wieder in Frage zu stellen.
Mag also sein, dass in unserer Arbeit – wie im Werk von Bastian – das
eine oder andere als unglaubhaft, abwegig oder zu weit hergeholt erscheinen
mag. Wir versuchen jedoch, es im Verlauf unserer Arbeit plausibel zu machen.
Eine lineare Kausalität gibt es bei Bastian nicht.
Wir versuchen, die Bastian’schen Bilder und Metaphern zu Ende zu
denken und zu zeichnen. Dass Bastian selbst sich dieses versagte, ist Teil seiner
Methode. Um ihn zu verstehen, muss man es dennoch tun, im Wissen, dass er
nicht verstanden werden wollte, sondern seine Methode befolgt wissen wollte.
Mögen die Bilder uns abstrus oder esoterisch erscheinen, für Bastian waren sie
Mittel, die Abstrusität und Esoterik „endgültiger“ Gedanken aufzuheben, um die
Wahrnehmung dessen, was geschieht, wieder zu ermöglichen.
28
Vorweg bleiben also Metaphern wie z.B. oben Tentakel und Rebus.
Vorweg helfen Metaphern, sich dem Unabsehbaren zu nähern. Bastians Werk ist
vorweg, präinfrastrukturell, unabsehbar. Schritt für Schritt werden wir
versuchen, die Metaphern einzulösen, um absehbar zu machen, was innerhalb
von Bastians Werk geschieht.
Benutzen wir, um unsere Beschränkung auf ein Innerhalb verständlich
zu machen, eine weitere, auch von Bastian oft verwendete Metapher: Bastians
Werk ist ein gordischer Knoten. Er hält Romantik, Aufklärung24, Barock,
Antike, Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Esoterik, Exotik u.v.m.
zusammen und verknüpft sie. Man kann einige Fäden dieses Knotens verfolgen.
Das taten die Autoren und Autorinnen – wie auch wir in unserer Magisterarbeit
–, die bisher über Bastian schrieben25. Kaum hatten sie seine Bücher in die Hand
genommen, legten sie sie auch schon wieder beiseite, um seinen Einflüssen zu
folgen; um also die Romantik, Aufklärung, Barock usw. nachzuerzählen.
24
Siehe Buchheit/Koepping 2001; Buchheit 1997; Koepping 1995; ders. 1983.
Eine ausführliche Besprechung der Sekundärliteratur findet sich in Buchheit 1997. Dort
wurde das in bezug auf die geistesgeschichtlichen Verflechtungen Bastians sehr informative
Buch DasGupta 1990 nicht besprochen, auf das hier besonders hingewiesen sei. DasGupta
zeigt einerseits den terminus ab quo, die Bezüge zu Kant, Schelling, Hegel und zu den
zeitgenössischen Naturwissenschaftlern auf, andererseits nimmt er als terminus ad quem eine
Verortung Bastians in der rezenten Wissenschaftsgeschichte vor. DasGupta intendiert eine
Inanspruchnahme Bastians für die Kulturanthropologie [DasGupta 1990:I]. Er spricht diese
Inanspruchnahme allerdings nur als eine solche aus, die sich zwar dem Leser bei der Lektüre
aufdrängen möge, die er aber nicht ausdrücklich ausgesprochen haben wolle. Sei’s drum, die
Bezüge Bastians zur Kulturanthropologie sind sicherlich vorhanden und müssten u.E. explizit
gemacht werden. Allein, unsere Aufgabe kann es hier nicht sein. Ansonsten bietet DasGuptas
Buch, wie alle anderen Bücher zu Bastian, keine Hilfe in bezug auf das spezielle Thema
unserer Untersuchung (Stil und Diagnose im Schreiben Bastians). Bastians Schreiben ist auch
hier etwas, das man mit wenigen despektierlichen Bemerkungen abtut, um endlich darüber
hinwegzusehen und zur Sache zu kommen, wie man meint. Unserer Meinung nach verliert man
Bastians Sache dadurch aus den Augen! Weitere Aspekte von DasGupta werden wir im
Verlauf der Arbeit berücksichtigen. Ebenso wurde in Buchheit 1997 nicht erwähnt: Gothsch
1983. Dieses Buch wird ausführlich in einer Fussnote weiter unten besprochen. Außerdem
wurden nicht berücksichtigt – und werden auch hier nicht weiter berücksichtigt, außer dass sie
genannt sein sollen: P. Moebius, Biologische Rhythmen im Blickwinkel des Bastian’schen
Völkergedankens. In: Die medizinische Welt, 1. Halbjahr, 6. Jahrgang, 1932:70-73; ders.,
Kulturschöpfung und Kulturübertragung. Zur Auswertung des Bastian’schen
„Völkergedankens“. In: Veröffentlichungen des Instituts für Menschen- und
Menschheitskunde 27, Augsburg, 1956; I. Winkelmann, Die bürgerliche Ethnographie im
Dienste der Kolonialpolitik des Deutschen Reiches (1870 – 1918), Berlin, 1966.
25
29
Bastian habe das zwar alles nicht richtig verstanden und es auch miserabel
dargestellt, aber es würden sich nun mal diese Einflüsse finden lassen und somit
sei der Mann nobilitiert. Was uns an den Büchern über Bastian, unser eigenes
von 1997 nicht ausgeschlossen, stört, ist ihr Ungenügen: sie getrauen sich nicht,
den Knoten zu durchschlagen. Es gab nur die Alternative totschweigen oder
nobilitieren. In Anbetracht der geringen Anzahl der Bücher zu Bastians – unsere
Arbeit hier ist die fünfte Dissertation zu Bastian – haben die meisten Ethnologen
ersteres gewählt. Die anderen, die allein schon durch ihre Wahl Mut bewiesen,
Mut, der uns wegen ihrer Vorarbeit lange nicht mehr in diesem Ausmaße als
Verdienst zukommt, leisteten unabdingliche Recherchearbeiten, arbeiteten u.E.
leider aber nicht mit Bastian selbst. Wir möchten Bastians Bücher im Verlauf
unserer Arbeit nicht aus der Hand legen, wir wollen mit ihnen arbeiten, wir
möchten ihnen zuhören und wiedergeben, was sie uns sagen wollen und wie sie
es uns sagen wollen. Wir wollen das, was sie uns sagen, ernst nehmen und in
unsere Arbeit integrieren: es benützen, d.h. mit Bastian arbeiten. Genügen kann
das zwar auch nicht, wir wissen es. Aber wer genügen will, wer das Ganze will,
der ist schon in die Bastian’sche Falle gegangen, und wie Achill nicht die
Schildkröte wird auch er Bastian nie erreichen. Nur wenn man das Ungenügen
zum Prinzip macht, hat man irgendwann genug – in jedem Sinne des Wortes. So
hoffen wir, dass wir genug (im Sinne von ausreichend) bieten können, um
Bastian wiederzugeben, ihm wieder Gehör zu verschaffen; und dass wir dann
genug von ihm haben werden, dass wir uns genügend von ihm lösen können, um
nicht wie er dem Ungenügen unentwegt entkommen zu wollen, sondern unsere
Arbeit tun. Bastian bemerkte nie, obwohl er es wusste, dass er schon längst am
Ziel war, dass die Harmonie nicht vor ihm lag, sondern neben ihm. Im
brennenden Eifer, der noch je das Wohlwollen, das einem zukommt, verkannte,
sah er nicht, was vor seinen Augen lag – aber er verzeichnete es.
Die bisherigen Studien zu Bastian versuchten also, ihn zu fassen, indem
sie augenblicklich sich in das Geflecht einließen, an dessen Rand sie Bastian
30
vermuteten. Hätten sie ihn nur ins Zentrum gesetzt! Dennoch: Sie folgten allen
möglichen Spuren. Ihre Analyse- und Rekonstruktionsweisen stellten Bastian
gewissermaßen indirekt da. Die Geschichte und die Wirkungsgeschichten
konnten rekonstruiert werden. Einflüsse, solche die auf Bastian wirkten und
solche die von ihm ausgingen, wurden analysiert. Es waren allesamt fruchtbare
Methoden. Doch niemand verweilte dadurch bei Bastian selbst, man urteilte
zwar aufgrund gründlicher Recherche des Umfeldes, aber ohne gründliche
Einvernahme des, wenn man so will, Delinquenten. Diese Arbeiten mussten
gemacht werden, um nicht den Tücken eines universalen Verstehens zu
verfallen, das sich unabhängig von jeder Recherche in der Lage fühlt, das zu
verstehen, was verstehbar sein soll, nur weil es noch nicht vergessen sei, und das
daran verstehbar sei, wie es sich in Erinnerung hält. Wir nennen so etwas
blindes Verstehen, dem deshalb zugestimmt wird, weil es einen bestimmten Ruf
genießt. Reputationen sind uns jedoch keine Hinweise auf Relevanz. Wir bauen
auf dem Wissen auf, das mühevoll recherchiert wurde, ohne es jedoch
wiederkäuen zu wollen. Wir wollen uns so weit als möglich in dieser Arbeit nur
Bastian zuwenden. Wir wollen nicht sagen: das ist doch wie bei. Wir prüfen
überhaupt hier weniger die Aussagen, als, wie schon mehrmals gesagt, die
Infrastruktur, die die Aussagen erzeugt. Uns interessieren hier weniger die
Einflüsse, die sich uns ob einer bestimmten Wortwahl aufdrängen mögen, als
vielmehr der Fluss der Wortwahl. Wir wollen nicht alles Wissen der Welt auf
Bastian aufpfropfen, in der Hoffnung es trage irgendwie veredelte Frucht; wir
wollen sein Werk nicht verdichten, in der Absicht, es schmelze zu einem
Wahrheitskern zusammen. Bastians Schreiben, in dem sich die Dinge verketten,
soll vielmehr heraus gearbeitet werden. Das unmerkliche, obstinate Gemurmel
der Sprache, von dem Foucault26 spricht, soll für Augenblicke freigelegt werden
und als Bastians Stimme erkannt und vernommen werden.
26
Z.B. in: Foucault 1973:12.
31
Es wurde sich beklagt27, dass man nur mit Mühe Bastians Bücher lesen
könne, und die Beklagenden mühten sich dennoch – Wissenschaft verpflichtet –,
zumindest laut Aussage, durch das Gesamtwerk. Aber in den Resultaten ihrer
Lektüren schrumpfte das hypertrophe Gesamtwerk zu atrophen „Kernsätzen“,
die jede Dynamik und jede Fähigkeit zur Dynamik verloren haben: in ihnen
geschieht nichts mehr und sie bewegen nichts mehr. Sie lassen Distanz halten,
ohne dass man wüsste, von was man sich eigentlich distanziert, da das, was man
da auf Distanz hält, sich nicht mehr rührt, folglich gar nicht auf Distanz gehalten
werden müsste. Sinnvoller ist es, sich einige exemplarische Stellen aus dem
Werk vorzunehmen, sie gründlich zu lesen und auf ihre tropologische Dynamik
hin zu analysieren, um Bastians Kunst des ethnologischen Schreibens auf die
Spur zu kommen. Es muss in der Lektüre mit diesem Schreiben etwas
geschehen, es muss etwas passieren, es darf nicht durch ein anderes,
irgendwelche putative Leitideen, ersetzt werden. Die Gesamtwerkleser – wir
bekennen, wir haben nicht alles von Bastian gelesen; und wir bekennen
ebenfalls, dass wir denen, die sagen, sie hätten alles gelesen, nicht glauben –
haben Bastian vor lauter Fleiß und Entnervung aus den Augen verloren28, weil
sie sich höchstwahrscheinlich nach nichts mehr als genießbareren Autoren
sehnten29 und alsbald auch fanden. Wozu also der ganze Fleiß, wenn dann doch
persönliche Vorlieben entscheidend sind, so dass der eine bei Humboldt und
Herder, der zweite bei Kant, der dritte bei seinem Steckenpferd der
mythologischen Erzählungen und die vierte bei der souveränen Kulturgeschichte
Mühlmannscher Provenienz die nötige Labung fand, Bastians obstinates
27
Vgl. Buchheit 1997:10ff.
Wir können hier natürlich selbst nur hoffen, dass man uns glaubt. Unsere Aussagen an
dieser Stelle zu beweisen, wäre müßig. Man nehme sie bitte als provokative Thesen, die
weitere Untersuchungen diesbezüglich anregen mögen. Ansonsten können wir nur auf
Buchheit 1997:10ff. und unsere weiteren Ausführungen, insbesondere unsere wiederholten
Auseinandersetzungen mit Kramer 1981, weiter unten verweisen.
29
Exemplarisch sei hier angeführt: Eisenstädter 1912:11: „Man kann mit einigem Eifer
höchstens zwei oder drei der kleineren Schriften durchlesen; dann versagt die Kraft.“;
Kramer 1981:79: „Bastian hat seine Assoziationen ohne die geringsten Hemmungen zu Papier
28
32
Murmeln zu vergessen. Bastian hat kein geschlossenes œuvre geschrieben,
sondern eine science fleuve, deren Fließgesetze, deren Geschehenslogik, also
das, was wir in unserer Arbeit als Symbaïneiologie bezeichnen, an jeder
Teilstrecke30 beobachtet werden können, insofern man sein Augenmerk auf
infrastrukturelle, tropologische Vorkommnisse legt. Mag sein Text hie stärker
mäandern wie dort, wir uns hie an einem Gleithang befinden, dort an einem
Prallhang usw., jedenfalls dasjenige, was verloren zu sein scheint, der
Zusammenhang, ist allerorten da, sonst wäre nichts geflossen; sonst wäre kein
œuvre da.
Das von Koepping 1983 herausgearbeitete Konzept der „psychic unity of
mankind“ haben wir ausgeweitet zur Einheit des Geschehens: Alles Geschehen
hat prinzipiell dieselbe Infrastruktur genetischer Logiken, die sich in
unterschiedliche Geschichten ausprägen31. Die Symbaïneiologie äußert sich in
den Accounts: in Entäußerungsmomenten, deren Reihung man als eine
Denkbewegung bezeichnen könnte. Bastian spricht immer wieder von
„Gedankenreihen“.
Nun können wir auch das Individuum genauer bestimmen und näher
begründen, warum wir uns wir nennen und uns doch als Individuum empfinden.
Das Individuum, selbst als Teil der Vielfalt der Einheit des Geschehens
entsprungen, geschieht als unbestimmte Einheit, die einer Vielzahl von
Stimmen, die es bestimmen, teilhaftig wird. Die Einheit des Individuums ist das
Zentrum der Vielfalt der Bestimmungen. Entsprechend verketten sich in ihm die
Bestimmungen. Das Individuum bewegt sich infrastrukturell im Geschehen. Das
Ich hingegen ist ein abnormer Zustand, der sich permanent den Stimmen
erwehrt, indem es seinerseits diese imaginär zu bestimmen versucht. Das Ich
bestimmt so das Phantasma seiner Geschichte und die Geschichte seines
gebracht, und es bleibt ein Beweis für die Liberalität seiner Zeit, daß man den Druck seiner
Bücher toleriert hat.“
30
D.h. längere Zitate sind unvermeidlich, gar notwendig.
31
Vgl. hierzu auch: Klaus Peter Buchheit, The Unity of Happening and the Simplicity of
History, Unveröffentliches Manuskript, München 2001
33
Phantasmas von einem omnipotenten Voluntarismus. Aber ein Ich hat nichts zu
bestimmen, bestimmt nicht, nur das Wir kann seine Stimme im Chor der Vielfalt
entfalten. Wer von uns verlangt, mit fester Stimme Ich zu sagen und nur Ich, um
echt authentisch32 zu sein, der fordert von uns die Enklavierung, die künstliche
Absonderung aus der Verkettung der Dinge; der versagt uns, unseres Glückes
Schmied zu sein.
Des weiteren werden wir versuchen zu zeigen, wie das, was wir in
Buchheit 1997:93 als „Geschiebe der Allusionen“ bezeichnen, im Schreiben
Bastians statthat: wie die Bilder und Analogien sich fortreihen, „abschwingen“
in Bastians Worten; wie er sie anklingen lässt, von einer Metapher zur anderen
springt und so die Phänomene im Vergleich ihrer Bedingungen
selbsttranszendent werden lassen will, um im (komparatistischen) Abschwingen
ihre noumena zu finden.
Wie bereits geschehen, verwenden wir in der Einleitung Bastians
Begriffe, die wir in Anführungszeichen und kursiv setzen, ohne die genauen
Belegstellen anzuführen. Sie werden alle vielfach bei Bastian verwendet und im
einzelnen im weiteren Verlauf meiner Arbeit am Text mit den genauen
Belegstellen erklärt und schließlich angewendet. In der Einleitung steigen wir
gewissermaßen im Foucaultschen Sinne quer33 in das Schreiben Bastians ein
und skizzieren einen ersten Pfad34 durch unsere Thesen. Werden hier noch zur
besseren infrastrukturellen Zurechtfindung rezentere „Wissenschaftsführer“
nachgeschlagen, wollen wir im Verlauf der Arbeit unseren Weg allein, nach
32
Siehe zur Problematik des Authentischen: Klaus-Peter Koepping, Authentizität als
Selbstfindung durch den anderen: Ethnologie zwischen Engagement und Reflexion, zwischen
Leben und Wissenschaft. In: Hans Peter Dürr (Hrsg.), Authentizität und Betrug in der
Ethnologie, Frankfurt a.M., 1987:7-37; ders., Gegen die Intorleranz des Authentischen. Die
Legitimierung von Hybridität durch einen performativen Kulturbegriff. In: Rolf Kloepfer,
Burckhard Dücker (Hrsgg.), Kritik und Geschichte der Intoleranz, Heidelberg, 2000:271-291.
33
Foucault 1991:9.
34
nicht unähnlich Jacksons „Paths toward a clearing“ [Jackson 1989], die sich durch
verschiedene Theorien bahnen, auch wenn uns unklar bleibt, was Jackson mit „clearing“ zu
klären meint. Uns wird nicht klar, warum er sich beschäftigt, womit er sich beschäftigt. Seine
Motivation, dort vor Ort zu gehen, wo er vor Ort ging, wird uns aus seinen Theorienpfaden
34
Bastians Wegmarkierungen – und unseren Erkenntnissen aus Buchheit 1997,
wie sie zu lesen sind – finden. Wir setzen uns gewissermaßen in dem Feld aus,
das sein Schreiben markiert und machen die Routen ausfindig, die er im Feld
anlegte. Wir eruieren anhand auffälliger Strukturen die Infrastruktur seines
Schreibens, um zu sehen, wie er das Geschehen, das er darstellen will, itinerär35
zugänglich zu machen versuchte. Unser Schreiben soll sich in Bastians Bahnen
Bahn brechen, um die Bahnen, die sein Schreiben brach, zu schreiben. Mit
anderen Worten: Wir analysieren Stil und Diagnose seines Schreibens, ohne
unser Schreiben wesentlich von dem seinen unterscheiden zu wollen; ohne uns,
wie es manchen Ethnologen – siehe oben – schlechter Provenienz früherer (?)
Zeiten eignete, wesentlich von unserem Forschungsobjekt unterscheiden zu
wollen. Wir stehen auf keiner anderen klassifikatorischen Ebene, uns zeichnet
wesentliche Einheit36 aus, die unsere eigentümliche Unterschiedenheit bedingt.
Die beiden Schreibweisen sollen einander erfassen und erfahrbar machen
können, ohne a) das Unfassbare und das nur singulär Erfahrbare zu verleugnen,
es findet bei beiden statt, und ohne b) in den Trugschluss zu verfallen, man
könnte einander erfassen, ohne irgend etwas miteinander zu tun zu haben. Unser
Schreiben hat wesentlich mit dem von Bastian zu tun, und es soll im
Wesentlichen mit Bastian und nicht mit irgendwem sonst zu tun haben. Deshalb
versuchen wir, im Verlauf unserer Arbeit im Wesentlichen – geringfügige
Ausnahmen bestätigen die Regel – bei ihm, bei seinem Text zu bleiben – uns an
seinen Text zu halten.
Dass unsere Arbeit aus vier Kapiteln besteht, hat seine Relevanz, und der
Leser soll sie im Lesen erfahren. Deshalb sei vorab nichts verraten.
Vielleicht mag der Leser kein Verständnis für die Vielzahl der Fußnoten
und ihre Länge haben. Aber, so unsere nächste captatio benevolentiae, die
nicht verständlich. Wir hoffen hingegen, dass unsere Pfade im Schreiben Bastians nicht
unmotiviert bleiben!
35
Siehe zu dem Begriff des Itinerären: Kirsten Hastrup, A Passage to Anthropology. Between
Experience and Theory. London, New York, 1995, insb. S. 1-8.
36
siehe auch Koepping 1983.
35
Fußnoten sind quasi „links“, die man „anklicken“ kann, um nähere
Bestimmungen zu erfahren; deren Lesen aber nicht unbedingt notwendig ist, um
dem Haupttext zu folgen. In der Tat „bedingen“ sie den Text: sie machen ihn
verständlicher. Wem Zeit und Geduld fehlt, soll hingegen nur den Haupttext
lesen, er wird kaum von Zitaten gestört. Dass dabei Bastians These, der wir
durchaus zustimmen, nämlich dass Störung Wahrnehmung37 bedingt, unbeachtet
bleibt, muss der Leser dann als blinden Fleck (Skotom) hinnehmen.
37
Über die Verflechtung von Körper und Wahrnehmung in der rezenten Forschung siehe:
Joachim Küchenhoff, Körper und Sprache. Theoretische und klinische Beiträge zur
Psychopathologie und Psychosomatik von Körpersymptomen. Heidelberg, 1992; da insbes. S.
63 der Hinweis auf Sartres Annahme, dass der natürliche Körper ein „passer sous le silence“
bedeute, also ein Körper wäre, den man nicht wahrnähme. Küchenhoff stellt diese Ansicht in
Frage und hält Sartre das Bild der Oszillation entgegen, das (als Wechselwirkung [MiG
II:22]), wie wir sehen werden, auch Bastian in diesem Zusammenhang präferierte, ebd.:
„Deutlicher erscheint mir das Bild der Oszillation: Zwischen Leib und Körper muß eine freie
Erfahrungsoszillation möglich sein, die das Normalitätskriterium der Eigenleiberfahrung
wäre.“ Der gesunde Körper ist mit anderen Worte der (leicht) gestörte Körper, der sich seiner
Störgeräusche bewusst ist und sich nicht von ihnen täuschen oder gar überwältigen lässt, ergo
der wahrgenommene Körper, der sich nicht hinter einem passer sous le silence verbirgt. Dass
Sartre hier die Kultur der Entäußerung (Sein; Phallus; Mann) der Stille der Natur (Nichts;
Loch; Frau) entgegenhält, und dass die Natur, will sie nur natürlich sein, das Maul zu halten
habe, ist eine andere Geschichte. Wir schließen uns lieber Bastian an, nach dem eine solche
Dichotomisierung schon Ausdruck der Verstörung ist und dazu dient, auf sich aufmerksam zu
machen. Hat man das erkannt, geht es nicht mehr um die Frage des entweder-oder, sondern
darum, was für ein Geschehen sich da ausdrückt, welche Symbaïneiologik da zum Ausdruck
kommt. Vgl. a. unsere Anmerkungen zum „Existenzialismus“ Buchheit 1997:122f.; siehe zur
ambivalenten Wahrnehmung des Körpers („interoception“, „exteroception“) auch: Drew
Leder, The Absent Body, Chicago, 1990:41ff.; vgl. zur Notwendung der Störung für die
Wahrnehmung: Georges Canguilhem, Das Normale und das Pathologische. Frankfurt a.M.,
Berlin, Wien, 1977:141: „[...] in der Biologie ist das pathos Bedingung des logos, weil es ihn
erforderlich macht. Das Anormale erst gibt den Anstoß für das theoretische Interesse am
Normalen. Normen werden als solche nur an den Überschreitungen erkannt. Funktionen
werden nur durch ihr Versagen entdeckt.“. „Pathos“ verweist auch auf den Zusammenhang
von actio und passio, auf den wir gleich kommen werden. Eine Aktion, die nichts bewirkt,
d.h. keine Verstörung und Passion hervorruft, ist keine. Nur wo eine Passion, eine körperliche
Erfahrung, erfolgt, wird Erkenntnis not-wendig und folglich Aktion: in diesem Sinne gilt hier
actio = passio. Zu actio = passio wollen wir noch anmerken: die homöopathische Verkettung
von Aktion und Passion heißt, dass es keinen Stellvertreter geben kann, der unser Leid und
unsere Schuld auf sich nehmen kann. Wir zeichnen selbst verantwortlich. Was immer wir
meinen, anderen aufladen zu können, und wie sehr diese es aus welchen Gründen auch immer
auf sich nehmen, wir werden es nicht los, auch wenn wir den anderen noch so (schön) leidend
machen. Handeln hat mit opfern und Opfer retten nichts zu tun. Es hat etwas damit zu tun, das
man Konsequenzen verantworten – vor sich, vor anderen, egal welcher Stellvertreter oder
Retter uns anbietet, die Verantwortung uns abzunehmen – muss. In der Verkettung der Dinge
können wir nicht so tun, als ab unser Glied ausgliederbar sei.
36
In den Fußnoten und Zitaten verflechtet sich unser Text mit dem
Bastians. Beide gehen allerdings nicht einfach so eine Verbindung ein, sondern
machen sich in einer gewisser Weise gegenseitig an, gehen mit einer
notwendigen Anmaßung aufeinander zu, haben ein undistanziertes38 Interesse
Die Gedanken zu actio = passio sollen zeigen, dass Bastian kein simpler Behaviourist ist; dass
er die Psycho-Physik psychologisch und perzeptiv weiter dachte. Die Verkettung der Dinge
ist kein mechanisches Teilchenmodell. Actio = passio dient vielmehr dazu, den homo in
machina ins organische Geschehen zu entlassen, d.h. ihn zur Welt kommen zu lassen. Noch
ist alles in statu nascendi (auch bei Bastian selbst), aber bald tritt es in pulso nascendi.
38
Über eine Problematik von Distanz und Souveränität vgl.: Helmuth Plessner, Grenzen der
Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Frankfurt a.M., 2002. Wir schließen
uns der Ansicht Plessners, die wir jedoch äußerst anregend finden, gerade nicht an, weil in der
propagierten Distanz eine Souveränität über die „Unmöglichkeit“ der Anderen hergestellt
werden soll, während wir uns streckenweise distanzlos unmöglich machen wollen, d.h. das
Zu-nahe-kommen nicht scheuen, um die Möglichkeiten des Anderen wahrzunehmen, aber
aufgrund des Zu-nahe-sein-könnens auch um das Zurücktreten wissen, durch das das
Angenäherte in die Lage versetzt wird, sich darüber klar zu werden, was angerichtet wurde –
und das kann etwas durchaus Positives sein. Wer nicht aufeinander zu geht, der bekommt
auch nichts voneinander mit. Wer den Anderen in unbedingter Nähe oder unbedingter Distanz
halten will, erkennt die Bedingungen der Möglichkeit von Zusammensein nicht an.
Distanzlosigkeit und Distanz können immer nur bedingt gelingen! In der Bedingtheit, in der
Widerständigkeit des Seins selbst (Bastian würde sagen, dass das Sein – auch das gedankliche
– aus dem Werden anschieße wie der Kristall aus der Mutterlauge und dass es im Anschießen
sterbe) liegt der Grund, warum jeder Versuch der Nähe und der der Distanz letztlich scheitert.
Weder werden wir voneinander wissen, was in uns passiert, wir werden nicht eins in einem
dritten werden, so sehr wir auch auf unsere Anwesenheit beharren, noch werden wir
voneinander los kommen und wirklich desinteressiert sein können, egal wohin wir uns
flüchten. Zumindest sich selbst entkommt man nicht. Alles was wir tun, ist sowohl Aktion
wie Passion zugleich (Reaktionen gibt es nur im Mechanischen, noch beim homo in machina
sind sie eine – begehrte – Illusion; Bastian spricht von den „passiones animae“ in: ders., Das
logische Rechnen, 1903:19; vgl. zu „actio“, „reactio“ und „passio“: Jean Starobisnki, Aktion
und Reaktion. Leben und Abenteuer eines Begriffspaares, München 2001). Zum Glück, da
Glück nur in diesem sowohl – als auch erfahrbar ist (auf Bastians Aussage, dass jeder seines
Glückes Schmied ist [vgl. z.B. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:166], werden wir öfters
zurückkommen müssen: im Glück verketten sich die Dinge neu; sie können sich neu
verketten, weil sie je schon verkettet sind: Glück beruht auf der Bedingung der Verkettung der
Dinge). Die geeinte Anwesenheit aller ließe uns nämlich ebenso verschwinden, wie die
absolute Flucht uns selbst nicht zurücklassen kann. In beiden Fällen sind wir – nicht die
anderen – uns die Hölle, wir für uns und für die anderen. Die Verflechtung von Aktion und
Passion ist die Bedingung des Glücks, die Bedingung dafür, dass etwas geschieht, das sich
einlösen kann, wenn ich entsprechend handle. In diesem Sinne war unsere
Auseinandersetzung mit Bastian eine glückliche, angefüllt mit Aktion und Passion. Je mehr
uns Bastian verstörte, desto mehr konnten wir ihn wahrnehmen, erkennen und anerkennen,
ohne in ihm das Remedium der Dinge zu sehen, die uns nicht behagen. Er erlöst nicht, indem
man ihn kopiert. Sein Schreiben bot uns vielmehr die Möglichkeit, dass, sobald wir uns die
Mühe machten, uns darauf einzulassen, ein paar Dinge in Zusammenhang gebracht werden
konnten, die uns entsprachen, die uns ansprachen. In diesem Zusammenhang konnten wir
37
aneinander. Sie stellen einander nicht nur die Fragen: Was ist denn das? und:
Was soll das?, sondern stellen einander mit der Leidenschaft des
Verstehenwollens in Frage. Sie pflegen keinen – wie noch in Buchheit 1997
behauptet – Dialog39, der in seiner hinzugezogenen Vernunft, die nie
unparteiisch ist, und in seiner künstlichen Kultiviertheit, deren Grund in der
Verachtung des Anderen liegt, die im Zaum gehalten werden muss, keinerlei
Risiko eingehen will40. Unsere Beziehung ist vielmehr durch etwas bestimmt,
was wir „Interlaszivität“ (aus „entrelacs“ und „lasziv“) nennen möchte. Sie
fürchtet nicht, dass, wie die Bibel zu sagen pflegt, die beiden, mein Text und der
Bastians, sich einander erkennen und dass diese Erkenntnis vielleicht Folgen
hat. Wir sehen darin keine negative Infizierung41, sondern im wahrsten Sinne
des Wortes eine wechselseitige Befruchtung (Wechselfornikation) – mit aller
Konsequenz, auch der des Zugrundegehens, i.e. Scheiterns. Wir scheuen uns
nicht, all das auszuprobieren, was wir für das Gelingen dieser Beziehung für
notwendig halten, auch wenn es uns – vielleicht, wir hoffen es nicht –
Ablehnung einbringen mag. Im Gegensatz zu den meisten Autoren, also im
Gegensatz zum common sense, bringen wir Bastian ein Wohlwollen in bezug
auf sein Schreiben entgegen; empfinden eine Freude an seinem unorthodoxen
Glück erfahren, nicht als Gewinn, nicht als Verdienst, sondern als Anspruch, der uns
aufforderte, teilzunehmen – und weiter zu machen. Gewinn und Verdienst hätten uns daran
die Lust genommen. Sie hätten uns unglücklich gemacht. Das ist es, was Bastian verspricht:
das Glück im Weitermachen. Machen wir weiter!
39
Siehe zum Problem des ethnologischen Dialoges und zur Problematik des dialogischen
Sagens, was der andere angeblich hören will: Kevin Dwyer, On the Dialogic of Fieldwork; in:
Dialectical Anthropology 2 (2), 1977:143-151; ders., The Dialogic of Ethnology; in:
Dialectical Anthropology 4 (3), 1979:205-224; ders., Moroccan Dialogues. Anthropology in
Question. Baltimore, London 1982.
40
Vgl. Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt a.M., 1984:207: „Das
ist der Sinn dessen, was man euphemistisch den Dialog nennt: sich nicht gegenseitig Gehör
schenken, sondern sich gemeinsam einem egalitären Prinzip der Teilung der Sprachgüter
unterwerfen. Die Partner wissen, daß der Zusammenstoß, auf den sie sich einlassen und der
sie doch nicht entzweien wird, ebenso folgenlos ist wie eine perverse Wollust (die Szene wäre
somit eine Art und Weise, sich Lust zu verschaffen, ohne das Risiko einzugehen, Kinder in die
Welt zu setzen).“
41
Über eine positive Bewertung des Kontagiösen – obwohl in anderem Zusammenhang, aber
mit gleicher Symbaïneiologik – siehe z.B.: Barbara Browning, Infectious Rhythm. Metaphors
of Contagion and the Spread of African Culture, New York, London, 1998
38
Stil, an seinen Manierismen, an seinen pathetischen Wünschen, an seinen
Abgedrehtheiten; empfinden Anteilnahme an seinem innigsten Wunsch nach
Genesung einer Welt, in der sich niemand schon jetzt durch Gesundheit
auszeichnet; haben Verständnis für seinen Abscheu vor einem Weltschmerz, der
in seiner Verzweiflung jeden und vor allem sich selbst zum Opfer erklärt, das
gefälligst gerettet werden muss; für seinen Abscheu vor der Suche nach
singulärer Wahrheit, die nie von anderem als von Einfalt zeugt; wir empfinden
Achtung vor Bastian, weil er sich selbst nicht zum Opfer machen lässt: er muss
nicht errettet werden, auch nicht von uns, oder anders gesagt: auch wenn es auf
den ersten Blick nicht so ausschauen mag, können wir doch mit ihm normal
umgehen – wie mit jedem anderen renommierten Autor auch. Wir brauchen für
Bastian keinen pathologisierenden Sonderweg. Die von uns angegangene
Infrastruktur führt nicht in die Korridore geschlossener Stationen. Für uns ist
Bastians Schreiben (mit den Worten des alten Stechlin): ein weites Feld, und
unsere Untersuchung: ethnologische Feldforschung.
Die Aufgabe unserer Arbeit ist die Darstellung einer bestimmten
Bastian’schen Denktendenz, Schreibstrategie und Gedankenbewegung. Zuerst
breiten wir den Bastian’sche Denkkosmos kursorisch aus, um ihn dann
sukzessive am Text fest zu machen. Kritik soll dabei nur am Rande geübt
werden. Da mitunter unsere Ausführungen zum „homo in machina“ eine
technikfeindliche Haltung vermuten lassen könnten, möchten wir folgende
Kritik an Bastians Maschinenkritik hier vorweg schicken: Entgegen der
Bastian’schen Kritik an der zweifachen Verleugnungstendenz des menschlichen
Geschehens durch die Hybris des Maschinisten (Dissimulation des Fleischlichen
und seiner Verwendbarkeit (homo in machina) durch perfektibile Anwendung
künstlicher Apparate; Simulation einer metonymischen Metexis am Simulakrum
eines allmächtigem Transzendentalen42 (deus ex machina), das letztlich alles
richten wird) lässt sich einwenden, dass die Maschine auch dem Menschlichen
39
und seiner Fleischlichkeit Kontur verleiht, dass also die angeblich linearanagogische Versteigung ins lokoprokreative Künstliche, d.h. Fortpflanzung
ohne fremde Hilfe und tödlichen Verschleiß (Klonen), gerade dasjenige
produziert, was sie glaubt zu überwinden – und vice versa.43
Alles was wir im Verlauf unserer Arbeit sagen, soll in bezug auf Bastian
stehen. Unsere Aussagen sollen also nicht, wie das Beispiel eben hoffentlich
verdeutlichte, unsere Meinung wiedergeben, sondern erfüllen den Tatbestand
der „erlebten Rede“. Wir versuchen nur darzulegen, was im Text erfahrbar ist,
was man in ihm erfahren kann und was deshalb nachvollziehbar ist, wenn man
sich an den Text hält. D.h. auch, dass wir keine „objektiven“ ethnologischen
oder soziologischen Statements zum Besten geben, sondern dass wir Gedanken
ausführen, wie sie sich sowohl induktiv als auch deduktiv aus dem Werk
Bastians entwickeln lassen. Mag sein, dass nicht jeder dieselben Entwicklungen
machen würde, aber jeder sollte von derselben Basis, nämlich Bastians Text,
ausgehen. Wir fügen nicht jedes Mal die performativen Akte wie z.B. „wenn
man Bastian weiterdenkt“ oder „von Bastians Denken her gesprochen“ usw.
hinzu. Wir sind der Auffassung, dass dem Bastian’schen Denken und Schreiben
eine bestimmte axiomatische Motivation zugrunde liegt, von der aus sich die
42
Die metonymische Metexis am Allmächtigen spricht sich in den Eponymen des Göttlichen
und in der eponymen Terminologie objektivistischer Wissenschaft aus.
43
Siehe dazu: Wolfgang Müller-Funk, Junos Pfau. Studien zur Anthropologie des
inszenierten Menschen, Wien 1999:41: „In affirmativen und in polemischen Theorien der
Zivilisation ist ein linearer Determinismus eingeschrieben. Viele moderne Konzepte nicht erst
der Neuen Medien enthalten ein lineares Narrativ, das deren Rückwirkung auf Mensch,
Kultur und Gesellschaft sehr eindimensional veranschlagt, so als ob es ausgemacht wäre, daß
durch die Externalisierung des Imaginären und Symbolischen das Reale verschwände, durch
die Maschine der Mensch, durch den digitalen Körper der lebendige Leib usw.; genauer
betrachtet erweist sich aber der Konnex als viel komplizierter: nicht nur weil der innere
Widerstand gegen den Prozeß der Zivilisation dramatisch ansteigt und diesen auf
erstaunliche Weise modifiziert, sondern auch, weil die Wirkung jener Apparaturen,
Instrumente und Maschinerien, die im Prozeß der Zivilisation ihre Premiere erleben, selbst in
sich widersprüchlich sind: es besteht ein Zusammenhang zwischen der als bedrohlich
erfahrenen Maschine als dem Inbegriff des Mechanisch-Reproduzierbaren und der Genese
moderner Subjektivität, die sich vom „Zeug“ abgrenzt; es ist auch kein Zufall, daß – entgegen
eines ursprünglich zivilisationskritischen Diskurses über Natur, Körper und Sexualität – der
leibliche, ptolemäische Körper auch im Zeitalter seiner allgemeinen „kopernikanischen“
Digitalisierung seine Exklusivität nicht eingebüßt, vielmehr sogar erst errungen hat.“
40
Strukturen und Texturen seines Denkens erklären lassen und vollständig
sinnvoll sind und folglich sinnfällig werden. Diese Motivation wird durch die
Spannung erzeugt, die zwischen harmonischer Ruhe und unruhiger Verkettung
der Dinge herrscht. Im unruhigen Verketten der Dinge, das die Dinge entzweit
und in einem Dritten zu binden versucht, d.h. verkompliziert, sucht das Dasein
in allen Dingen nach der verlorenen Ruhe der Harmonie44, in der alle Dinge
einfach verkettet sind, d.h. vereint. Bastians unaufgeregte Betriebsamkeit und
die betriebsame Aufgeregtheit seiner Bücher speisen sich aus dem Wissen um
diese pathologische Unruhe in der Welt, die es zu beseitigen gilt, weil sie
unnötig ist. Aufgrund der Verkettung ist die Ruhe immer schon da, sie ist kein
Zustand, sondern eine Bewegung in Ruhe. Die Motivation „Ruhe“ bewegt alles
bei Bastian. Diese Ruhe ist nichts anderes als „Genesung“. Die Struktur
motiviert die Infrastruktur, d.h. bei Bastian: die genetische Struktur weist den
Weg der Genesung. Diese Motive hat unserer Arbeit stets im Sinn. Generelle
Sinnhaftigkeiten lehnt sie als Klischees ab, die uns allen so vertraut sind, dass
sie uns nicht mehr bewusst werden. Sie lehnt sie nicht nur ab, sondern versucht
sie ihrer Klischeehaftigkeit zu überführen, um die nötige Unbefangenheit zu
haben, Bastians Motivation nicht aus den Augen zu verlieren. D.h. Bastians
Motiv motiviert auch uns: wir beruhigen uns darüber, weil wir wissen, dass es in
jedem Satz vorhanden ist, wir müssen es nicht aufgeregt in allen seinen
Schriften suchen. Unsere Rede erlebt Bastian wirklich.
Neben allen Inhalten und Strukturen, die entsprechend befragt werden
müssen, stellt sich die Frage, was es ist, das uns an Bastians Schreiben
fasziniert. Es ist nicht unbedingt die Quantität seines Schreibens als vielmehr die
44
Aber ein Achtung an alle Harmoniker und Harmonievereine: In der gegebenen Welt ist
nach Bastian keine Harmonie möglich, da sie die Störung und das Verstörende kat exochen
ist. Die gegebene Welt ist Teil der kosmischen Harmonie: angeschossener, d.h. sterbender
Teil. Jede gesetzte und gesatzte Harmonie innerhalb der gegebenen Welt ist eine unschöne
Stockung des Denkflusses. Unnötige, zusätzliche Interferenzen entstehen und potenzieren in
unzähligen Proliferationen die Störung. Es wird des Sterbens so kein Ende sein. Ein
harmonischer, dem gesunden Verstande ästhetischer Stil wäre für Bastian a) Autosedierung:
41
ungeheure Kontinuität seines Schreibens. Es geht nicht um die Frage, wie ein
Einzelner so viel schreiben (reisen, lesen; vgl. von den Steinen 1905:240)
konnte, sondern darum, warum sich dieses Schreiben quasi von selbst schrieb,
sich selbst je und je fort und fort schrieb. Es geschah, wie atmen geschieht. Es
geschah nicht selbstverständlich, eher geschah es unbefangen gegenüber den
Ereignissen der Welt, die es unaufhörlich verzeichnete. Genau diese
unaufhörliche Vermittlung, die trotz aller Schwere ihres Verständnisses das
Bastian’sche Schreiben leicht macht, interessierte uns von Anfang an. Es ist ein
Schreiben, das selbst seine Selbstzweifel – nicht beschreibt, sondern einfach
schreibt, vielfältig weiter schreibt; das sie nicht im Hegelschen Sinne aufhebt,
noch im Nietzscheschen Sinne überwindet; das sie vielmehr überschreibt, so
dass sie ihm eingeschrieben bleiben, ohne das Schreiben von innen jedoch zu
blockieren, je und je schreibt es sich weiter, schreibt es sich fort und legt die
Spuren der Geschehnisse und des Geschehens aus, so dass man sagen kann:
dieses Schreiben ist wirklich nachvollziehbar: was da geschah, verzeichnete
sich. Es hat keinen Namen, aber eine Sprache. Das Geschehen spricht im
Schreiben: just make it happen. Eine solche Sprache interessiert uns. Eine
Sprache, die die Schwere des Lebens so leicht aufnimmt, dass sie sich quasi
„selbständig fortbildet“45; dass sie frei mit den Verkettungen der Dinge umgeht,
sprach uns an. Deshalb antworten wir, nicht im dialogischen Sinne, sondern im
ausdrücklich apprehensiven Sinne: wir wollen lernen, wie Bastian spricht und
wie sich in seinem Sprechen die Dinge, die geschehen, aussprechen. Wir wollen
lernen, was diese Sprache mitteilt. Im vorsichtigen Erlernen dessen, was
geschieht, in der Diagnose, kommt die Angst vor den Dingen zur Ruhe.
Kurzum: Wir wollen Stil und Diagnose dieses Schreibens apprehensiv
analysieren und darstellen, ein eigenes Schreiben dafür finden, es zu verstehen
und zu analysieren. Das ist unsere Motivation: Lernen, was Bastian sagt, und sei
Anästhetik mittels Phantasmagorien des beruhigenden Gefälligen und b) Anti-Analyse.
Kurzum: er wäre für ihn Chimärenbildung.
42
es auf den ersten Blick noch so furchterregend! Lernen, wie man diese Sprache,
die sein Schreiben spricht, schreibt! Lernen, welchen Stil und welche Aussage
dieses Schreiben haben kann!
Dazu braucht es weniger einer Kontemplation und Meditation der
bekannten Begriffe von Bastian (Völkergedanke, Elementargedanke,
Geographische Provinz etc.), sondern wir müssen, wie geschrieben, die
genetischen Strukturen, die Infrastruktur, aktiv finden, die diese Begriffe
generieren. Um nicht in einen infiniten Regress zu verfallen, geht es nicht
darum, einfach die einen Begriffe durch andere (Geschichte, Geschehen,
Eponym, Logos, redundant, abundant etc.) zu ersetzen, sondern die Genese der
einen aus den anderen aufzuzeigen. Nicht die Begriffe an sich sind wichtig,
sondern die Bewegungen, die sich zwischen ihnen einstellen. Egal welche
Fehler Bastian macht, ob er hier einen treffenden Begriff anbringt, da einen
altbekannten Allgemeinplatz für etwas Neues ausgibt und dort offentsichtlich
gewaltig irrt, Tatsache ist, dass sich sein Schreiben am Schreiben hielt. Es
funktionierte. Es ging sozusagen leicht von der Hand. Es blockierte sich nicht
selbst. Bastian als Wesen-in-der-Welt vermittelt Teile dieser Welt, ohne ins
Stocken zu geraten. Schreiben gerät dann ins Stocken, wenn es unbedingt alles
in irgendeinem Dritten, welches Eponym es auch tragen mag, auflösen will. In
Bastians Schreiben lösen sich die Einzelheiten vielmehr vielfältig ein, d.h. ihre
Wahr-scheinlichkeit transformiert sich in der Wahrnehmung zur Bedingung des
Schreibens: sie werden als Phänomen wahr.
In Bastians Schreiben sprechen sich die Dinge unentwegt aus. Bastian
hatte sich an etwas gekoppelt, was sein Schreiben im Fluss hielt; was sein
Schreiben als Äusserung und Ausdruck eines Werdens qualifizierte. Es musste
sich nicht darüber beunruhigen zu stocken. Das Schreiben im Fluss bedeutet
nicht nur Genese, sondern auch Genesung. In ihm kommen, je stetiger es fließt,
die Dinge zur Ruhe. Dinge, die nicht geschehen können, beunruhigen sich. In
45
Bastian spricht MiG I:250 von „Selbstständiger Fortbildung“, wir werden weiter unten
43
Bastians Schreiben können die Dinge geschehen, weil sein Schreiben bedingt
geschieht. Bastian trifft in seinem Schreiben die Dinge, so dass er im Schreiben
im Geschehen steht. Die Frage nach richtig oder falsch stellt sich hier nicht. Wir
überlassen sie anderen. Mögen sie sie beantworten. Wie interessieren uns lieber
für die Tatsächlichkeit dieses Schreibens, für die Tatsache, dass es da ist, dass es
folglich offensichtlich funktionierte. Sicherlich hat Bastian das Schreiben auch
Mühe gemacht, allerdings ist es müßig, darüber zu spekulieren. Auch das wollen
wir anderen überlassen. Wir haben anderes im Sinn, wenn wir von Leichtigkeit
sprechen. Unsere Leichtigkeit ist höchstens vergleichbar der Leichtigkeit der
Zeit, die wie nichts vergeht, ist sie auch noch so schwer. Ohne also der
Versuchung des Richtens oder des Erlösens nachzugeben, versuchen wir uns an
das zu halten, was vorliegt: an dieses quasi unendliche Schreiben, das alles
verzeichnete, was ihm in den Weg kam, ohne es aus dem Weg zu räumen. Das
fand, ohne zu suchen. Dem alles, was ihm geschah, zur Regieanweisung wurde:
registrier‘ es und schreib‘ es auf! Bastian war nicht geplagt von Skrupeln, weil
die Welt nicht von Skrupeln geplagt ist: sie geschieht, wie die Zeit vergeht:
einfach so. Was geschieht, geschieht, ob man will oder nicht. Sein Schreiben
schrieb nicht gegen ein Geschehen an, wollte kein anderes erfinden, sondern
fand den Anderen, da es teilweise im eigenen verblieb, und erfand im Finden, in
sich, die Möglichkeit, ihn wahrzunehmen. Verfolgen wir nun im Schreiben
Bastians die Bewegungen, die der Text sowohl strukturell wie inhaltlich macht,
um von einem Begriff zum anderen zu gelangen, kommen wir dem auf Spur,
was wir als dasjenige bezeichnen können, was Bastian in der Welt geschah, d.h.
wie sich die Dinge in ihm verketteten, die sein Dasein ausmachten. Haec quoque
meminisse juvabit.
Wir wollen die Sprache, die Bastians Schreiben spricht, in einer Weise
schreiben lernen, die durchaus derjenigen vergleichbar ist, die Pierre Bourdieu
für den wissenschaftlichen Umgang mit wissenschaftlichen Arbeiten
darauf zurück kommen.
44
anempfiehlt. In diesem Sinne sehen wir Bastians Arbeiten als immer noch
wissenschaftlich relevant an, und in diesem Sinne wollen wir wissenschaftlich
mit ihnen umgehen, d.h. seine Methode, die er auf das Geschehen der Welt
anwandte, auf das Geschehen seines Schreibens anwenden:
„Ähnlich einer Musik, die nicht bloß dazu da wäre, um mehr oder
weniger passiv gehört oder auch gespielt zu werden, sondern um zur
Komposition zu führen, sind wissenschaftliche Arbeiten im Gegensatz zu
theoretischen Texten nicht zum Kontemplieren oder Dissertieren
geschaffen, sondern dazu, sie mit der praktischen Erfahrung zu
konfrontieren, sie wahrhaft begreifen heißt den Denkmodus, den sie
enthalten, an einem anderen Gegenstand erproben, ihn in einem neuen
Produktionsakt neu zu beleben, der ebenso erfinderisch und originell ist
wie der ursprüngliche und in allem dem derealisierenden Kommentar
des lector entgegengesetzt, diesem kraftlosen und unfruchtbaren
Metadiskurs.“46
3. Wir sagten, dass wir in unserer Arbeit uns vor allem an Bastian selbst
halten wollen. Dennoch sehen wir, dass er in vielen Punkten mit
zeitgenössischen Autoren konform geht, sie durchkreuzt, und dass sich seine
Gedanken mit den ihren verketten lassen. Es sind Zeichen, dass auch seine
Gedanken „funktionieren“ und sich nicht in einem Wahn47 nur selbst nachjagen.
46
Pierre Bourdieu, Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes,
Frankfurt a.M., 2001:288.
47
Kramer 1981:74 spricht von „Bastians Wahn“; ohne Psychologe sein zu müssen, kann auch
jemand, der vom Satzbau ein wenig Ahnung hat, Kramers Unterstellung kontern und
konterkarieren. Kramer pathologisiert z.B. Bastians Sprache, indem er Echolalien
diagnostizieren zu müssen glaubt. Die Deklassierung der Geminationsfiguren, um die es sich
dabei aber handelt, als Echolalie zeigt den Analytiker der verkehrten Welt als simplen
Auskehrer dessen, was er für verkehrt hält. Siehe außerdem zur allgemeinen Definition von
„Wahn“: Karl Jaspers, Allgemeine Psychopathologie, 51948:80: „Der Wahn teilt sich in
Urteilen mit. Nur wo gedacht und geurteilt wird, kann ein Wahn entstehen. Insofern nennt
man Wahnideen die pathologisch verfälschten Urteile. Der Inhalt solcher Urteile kann auch
in rudimentärer, darum nicht weniger wirksamer Weise gegenwärtig sein als bloße
Bewusstheit, man pflegt dann von „Gefühl“ zu sprechen, das doch ein dunkles Wissen ist.
45
Bastian hat sich zu seiner Zeit von Gedanken beeinflussen lassen, keiner mehr
als er, und sein Werk lässt sich vielfältig in Bezug setzen, gerade weil es nicht
urteilt, sondern wahrnimmt. Keiner seiner Gedanken gibt er als der Weisheit
letzter Schluss aus, von allen behauptet er, dass sie momentan zwar geläufig
seien, im Laufe der Zeit aber vergehen, weil Gedanken, an denen festgehalten
wird, tote Gedanken sind. Das Denken stirbt ihm im Gedanken wie der Kristall
im Anschießen48. Nur diejenigen Gedanken, die das Wahrnehmen durch ihre
Urteile verhindern, werden verurteilt – und noch dafür verurteilt, dass sie zum
Verurteilen zwingen: dass sie Macht ausüben, d.h. eponym sind. Doch auch die
eponymen Gedanken verzeichnet Bastian, mögen sie noch so unmöglich
erscheinen, denn egal wie sie erscheinen, was erscheint, wird verzeichnet, weil
alles, was erscheint, prinzipiell in seinem Erscheinen möglich ist. Denn, da
wahrnehmbar und verzeichenbar, ist es geschehen. Ob das, als das es erscheinen
will, möglich ist, ist eine Frage, die nur in der Komparation entschieden werden
kann, d.h. noch nicht. Hier ein Beispiel für die Anschlussfähigkeit, das
Adhärenzpotential, seines Denkens: Bastians Kritik dessen, was er „künstliche
Ideenkreise“ [MiG I:290ff], resp. Geschichte nennt, deckt sich in vielen
Bereichen mit Bourdieus Kritik der Biographie als Lebensgeschichte49.
Künstliche Ordnungen werden in der Biographik erstellt, um dem einzelnen Ich
einen ausgesuchten Sinn zu geben, ohne zu beachten, in welcher Weise die
concatenatio rerum die Geschicke des Lebensgeschehens bestimmt:
Wahnideen nennt man in vager Weise alle verfälschten Urteile, die folgende äußere Merkmale
in einem gewissen hohen – nicht scharf begrenzten – Maße haben: 1. Die außergewöhnliche
Überzeugung, mit der an ihnen festgehalten wird, die unvergleichliche subjektive Gewißheit.
2. Die Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrung und durch zwingende Schlüsse. 3. Die
Unmöglichkeit des Inhalts.“
48
Vgl. MiG I:7: „Der electrische Schlag trifft einzeln im Momente, wo die Kette schliesst, er
wirkt fort, isolirt, unabhängig von denen, die ihm voraufgingen, unabhängig von solchen, die
ihm nachfolgen mögen. Er stirbt im Augenblick der Geburt, wie der Krystall, der mit dem
Anschiessen stirbt.“
49
Pierre Bourdieu, L’illusion biographique, in: Raisons pratiques, Sur la théorie de l’action.
Paris, 1994:81-89.
46
„L’histoire de vie est une de ces notions du sens commun qui sont
entrées en contrebande dans l’univers savant ; d’abord, sans tambour ni
trompette, chez les ethnologues, puis, plus récemment, et non sans
fracas, chez les sociologues. Parler d’histoire de vie, c’est présupposer
au moins, et ce n’est pas rien, que la vie est une histoire et qu’une vie est
inséparablement l’ensemble des événements d’une existence individuelle
conçue comme une histoire et le récit de cette histoire. [...].50
On est sans doute en droit de supposer que le récit autobiographique
s’inspire toujours, au moins pour un part, du souci de donner sens, de
rendre raison, de dégager une logique à la fois rétrospective et
prospective, une consistance et une constance, en établissant des
relations intelligibles, comme celle de l’effet à la cause efficiente, entre
les états successifs, ainsi constitués en étapes d’un développement
nécessaire. (Et il est probable que ce profit de cohérence et de nécessité
est au principe de l’intérêt, variable selon la position et la trajectoire,
que les enquêtés portent à l’entreprise biographique.) [...].51
Mais cette identité pratique [l’habitus; KPB] ne se livre à l’intuition que
dans l’inépuisable et insaissable série de ses manifestations successives,
en sorte que la seule manière de l’appréhender comme telle consiste
peut-être à tenter de la ressaisir dans l’unité d’un récit totalisant
(comme autorisent à le faire les différentes formes, plus au moins
institutionnalisées, du « parler de soi », confidence, etc.).“5253
50
Bourdieu 1994:81
Bourdieu 1994:82
52
Bourdieu 1994:84
53
Wir zitieren diese Passagen in doppelter Absicht. Wir beziehen sie auch direkt auf unsere
eigene Arbeit und sehen darin eine gewisse Legitimation unserer Herangehensweise an
Bastian, die sich nicht einer Biographik, einem „Leben und Werk“ verpflichtet fühlt, sondern
einer Symbaïneiologie des Schreibens. Kurzum, wir halten uns an das, was vorliegt, und nicht
an das, was wir gewohnt sind zu sehen.
Somit verfallen wir auch nicht irgendeiner Immanenz des Schreibens. Wir interessieren uns
für Bastians Leben, aber nicht im Sinne eine geordneten Lebenslaufbahn, eher in der Form
der Infrastruktur von Lebenserfahrungen im aktiven wie passiven Sinn. Wir sind kein
Anhänger eingebildeter Diskretion, uns interessieren Zusammenhänge, und seien es die
51
47
Die Verfügungsmacht, also die Macht dessen, der Geschichte angeblich
macht, beruht sowohl bei Bourdieu wie Bastian auf der „Konstanz des
Nominalen“, die Bastian im Begriff des „Eponyms“ fassen wird. Mittels eines
ius primae interpretationis setzt der Mächtige, der, der qua der Vision54 eines
unverbrüchlichen Ich sein Ich mit aller Gewalt, d.h. mittels Expansion und
Grenzziehung, einfordert, die Bedeutung, die von Dauer sei und nun nur noch in
den gesetzten Grenzen variiert werden dürfe. Das Ich, das sich als Original
setzte, setzt die originale Bedeutung. Dieses Ich, das alle Bedingungen des
Wahns, wie wir sie oben aufgelistet haben, erfüllt: es urteilt willkürlich, es
glaubt nur an die eigene subjektive Gewissheit, es wähnt sich unbeeinflussbar,
es ist, weil ex nihilo gesetzt, unmöglich; dieses Ich ist ein, wie wir sagen
werden, abnormer Zustand, oder in Bastians Worten: ein angeschossener
Gedanke, der den Zusammenhang der Dinge verleugnet, d.h. nicht wahrnimmt,
dass in der Zeit je anderes geschieht, das den Umständen entsprechend neu
benannt werden muss. „Ich“ ist, wie jedes Eponym, ein Gedanke, der sich vom
Denken ablöste. Es ist ein reiner „Akt der Nomination“, ein Eponym. Bourdieu
sagt es so: „[...]ils [les actes de nomination propre; KPB] reposent tous en effet
sur le postulat de la constance du nominal que présupposent tous les actes de
nomination, et aussi, plus généralement, tous les actes juridiques engageant un
avenir à long terme, qu’il s’agisse des certificats garantissant de manière
irréversible une capacité (ou une incapacité), des contrats engageant un futur
lointain, comme les contrats de crédit ou d’assurance, ou des sanctions pénales,
toute condamnation présupposant (affirmation de l’identité par-delà le temps de
privatesten. Was erfahrbar ist, wollen wir erfahren, da alles, was relational ist, d.h. was in
Zusammenhang mit unserer Thematik steht, relevant ist. Wir erachten falsche Diskretion
vielmehr ihrerseits als indiskret, als Mißachtung: als Ausgrenzung; als Vereinseitigung: das
angeblich Nichtprivate und das Immanente, die willkürlich als solche (von wem? mit
welchem Recht?) deklariert werden, bekommen eine Bedeutung, die ihnen nicht zukommt.
Wir sind der Ansicht, in der Immanenz werde verschwiegen, was dem Deuter selbst nicht ins
Bild passe.
54
Bei Bastian heißt es in: BRPS:3: „ [...] in eines heiligen Königs Vision, oder Version [...].“
48
celui qui a commis le crime et de celui qui subit le châtiment.“55. Bastian sieht
völlig klar die Willkür der Nominationsbedeutungen. Seine Völkergedanken
tragen keine Bedeutung, sondern sind Kennzeichen, Spuren von
Zusammenhängen, von denen jede Bedeutung ablenkt. Nicht die Geschichte, die
sie erzählen wollen, ist von Bedeutung, sondern die Hinweise auf das
Geschehen, die sie im Vergleich aufgrund der Einheit des Geschehens geben
können. Produziert der Wahn – wie der Wahn eines Ich oder einer Biographie –
erratische Blöcke im Geschehen, die meinen, sie beruhten nur auf ihrer eigenen
Logik, und die sich dadurch den Boden, auf dem sie stehen, wegziehen und
früher oder später, egal wie sehr sie sich versichernd absichern, in einen
Abgrund fallen, d.h. die sich aufgrund einer putativen Absolutheit brennend
nach Sicherheit und Standfestigkeit verzehren („die Welt brennt“ wird Bastian
deshalb mit Buddha sagen), schreibt sich Bastian in die Verkettung der Dinge
ein, schreibt er die Verkettung der Dinge, in der sich Selbstermächtigungen, die
sich als absolute Gedanken ausgeben, als Schall und Rauch erweisen. Bastians
Schreiben ist den bedingten Worten auf der Spur, den Worten, die im
Zusammenhang der Dinge entstehen; die weder Wesen des Dings, noch absolute
Bedingung sein wollen. Mit anderen Worten, Bastians Schreiben folgt dem, was
Bourdieu – in Absetzung von Kant – praktische Vernunft nennt; was wir
Symbaïneiologie nennen.
Anders als bei Rousseau56, dem das Gesetz der Natur etwas ist, das in
jedem Menschen ausgesprochen wird, das er hören kann, und das folglich, will
man es anderen hörbar machen, formuliert werden muss, ist Bastians
Symbaïneiologie, seine Lehre von den Gesetzen des Geschehens, das geschieht,
hic et nunc57 etwas, das im Auge des Betrachters geschieht, das also sichtbar
55
Bourdieu 1994:86f..
siehe zu Rousseau: Jean Starobinski, Rousseau. Eine Welt von Widerständen. Frankfurt
a.M., 1993.
57
Das Hören steht bei Bastian noch aus. Er präferiert das Sehen, weil es momentan
vorherrscht in der Welt; weil die zur Zeit herrschende Interferenz das Hören stört und das
Sehen fordert. Im Einklang mit dem Werden und mit seinen Gesetzen kann man aber erst
mittels des Hören sein. Rousseaus Ansicht ist also eine voreilige, eponyme Erklärung, deren
56
49
macht und gesehen werden verlangt. Bastian reißt mit Worten Bilder an. Seine
Texte sind das Szenario des unendlich gleichen Geschehens in je anderem
historischen (oder kulturellen, ethnischen etc.) Dekor, über dessen Wert allein
seine entsprechende Adaptabilität entscheidet und nicht irgendeine eponyme
Adoption oder Kooption. Man kann die Choreographie seiner Texte durchaus
der von Pornographie58 verwandt sehen: es geschieht, was in einem bestimmten
Zusammenhang (die Sexualität) geschehen kann, es geschieht nur, was diesem
Geschehen – und nicht irgendwelchen Vorstellungen – angemessen (aptisch) ist.
Kooptionen können sie, die Texte, die Pornographie, höchsten verbieten und sie
in Räume des Verborgenen delegieren, sie aber nicht aufheben. Es wird dennoch
gezeigt, was geschieht: Das Geschehen ohne jede verbrämende Geschichte. Es
wird nichts symbolisch verwiesen, es wird nur etwas immer und immer wieder
gezeigt, das die Erregung geschehen lassen soll, eine Erregung, die zur
Befriedigung führen soll, zur Beruhigung einer Erregung. Bastian schreibt daher
keine Bekenntnisse, die Absolution erbitten, sondern Verzeichnisse, die
registrieren, was stattfindet, ohne es verurteilen zu wollen. Wie will er
verurteilen, was stattfindet, denn es geschieht eh und je, weshalb es eh und je
verzeichnet werden muss, um seiner Adaptabilität auf die Spur zu kommen. Je
Grund das Wünschen (abstrakte Ansicht) und nicht wirkliche, konkrete Ansicht ist. Hic et
nunc haben wir es mit Phänomenen und phänomenalen Bedingungen der Dinge zu tun.
Symbaïneiologie in der Interferenz ist Phänomenologie, in der Inferenz der kosmischen
Harmonie: Harmonienlehre. Vgl. zum Hörsinn: MiG I:41: „Das höchste Resultat wird der
Mensch allerdings erst dann erlangen, wenn er die aus den Gesichtseindrücken abgeleiteten
Denkgesetze auch zur Aufklärung der dunklen Gehörsempfindungen wird verwerthen
können.“; siehe zur Kritik der Bevorzugung des Visuellen auch: Michael Taussig, Mimesis
und Alterität. Eine eigenwillige Geschichte der Sinne, Hamburg, 1997:36ff. (Taussig
präferiert allerdings den Tastsinn gegenüber dem Sehsinn. Ansonsten haben wir mit Taussigs
Buch nicht viel im Sinn. Sein Buch stellt die x-te Auflage romantizistischer Verstiegenheiten
vor, die auch durch Einsprengselungen auratischer Textpassagen von Benjamin nicht gerettet
werden kann. Sich in Romantizismen zu versteigen, die sich emotiv anders geben wollen, ist
in unseren Augen ein Weg, der nichts anderes vor Augen führt als die Verstiegenheiten. Die
lyrischen Verstiegenheiten, die Taussig meint, als eine Art Benjaminschen Blitz illuminierend
in seinen Text einmontieren zu müssen, hätte er lieber anderswo publizieren sollen, von wo
ihre Strahlkraft den Weg zu uns wohl leider nie gefunden hätte. Bedauerlich.)
58
Siehe in diesem Zusammenhang auch: Klaus-Peter Koepping, Obszönität. In: Christoph
Wulf (Hrsg.), Vom Menschen. Handbuch der Historischen Anthropologie, Weinheim
1997:568-585.
50
mehr man der Adaptabilität auf die Spur kommt, desto weniger sitzt man
falschen Vorstellungen auf, die, je mächtiger sie sind, um so mehr Scham und
Angst und Leid und brennendes Begehren nach einem anderen hervorrufen. Ja,
die Tätigkeit im Geschehen wird sogar entsprechend der Möglichkeiten und der
Bedingungen des Geschehens eine „lustig fröhliche“ (Bastian, Controversen I,
1893:VIII)59. Man lässt es, das Geschehen, in aller Not-wendigkeit und Ruhe
geschehen. Die Errregung klingt ab.60 Die Dinge verketten sich den
Möglichkeiten entsprechend und sollen nicht mehr durch willkürliche
Vorschriften unterbunden werden. Ihre Bedingungen können wahrgenommen
und entsprechende Gesetzesschriften erstellt werden. Die Gesetze, obwohl in
allem wirkend, müssen erst erarbeitet werden. Da sie aber wirklich in allem
wirken, wird ihre Erstellung, wie mühevoll sie auch sein mag und wie sehr sie
auch den Wunsch nach dem Unmittelbaren bekämpfen muss, zunehmend zu
einer fröhlichen Wissenschaft. Man muss nichts mehr schamvoll bekennen,
sondern kann schlichtweg kennen lernen, was geschieht – und was geschehen
kann. Man lernt die Dinge vor Ort kennen, die möglich sind, ohne in falschen
Utopien und Hoffnungen die Dinge aus den Augen zu verlieren, die einem
passieren können. Kurzum, immer wieder kommen wir zu dem Punkt, an dem
die Verkettung der Dinge bedeutet, sein Glück zu schmieden, d.h. seine
Möglichkeiten wahr zu nehmen. Bastians Schreiben liefert die Infrastruktur des
Möglichen, weil er die Strukturen des Wirklichen wahrnimmt; weil er in medias
res geht. Dass diese Infrastruktur ein deutlich erkennbarer, gerader Weg sein
müsse, ist nichts als ein frommer Wunsch, der sich alle Begebenheiten hinweg
wünscht; der sich also ein Paradies, sei es auf Erden, sei es sonstwo,
herbeiwünscht: ein Quid pro quo.61
59
Siehe zur „fröhlichen Wissenschaft“ auch: Klaus-Peter Koepping, Lachen und Leib, Scham
und Schweigen, Sprache und Spiel. Die Ethnologie als feucht-fröhliche Wissenschaft. In:
Hans Peter Duerr, Der Wissenschaftler und das Irrationale, Bd. 1, Beiträge aus Ethnologie
und Anthropologie, Frankfurt a.M. 1981:296-329.
:60 Über den Zusammenhang von Kongestion und Illusion siehe: MiG I:152.
61
Entsprechend aggressiv reagierte z.B. Karl Marx auf Bastian und wirft ihm seinerseits vor,
es beim Wunsch zu belassen, nur weil er nicht über das Gegebene hinaus geht: zitiert in:
51
Lineare Zielorientiertheiten führen geradewegs – ins Phantasma.
Progression ist zirkulär62. Wiederholung bedeutet Fortschritt. Was immer und
immer wieder in anderen Zusammenhängen wiederholt wird, wird zunehmend
in seiner Differenz63 erkannt. Das Gleiche, um es mit Bastian zu sagen, schießt
je anders an. In der Wiederholung kann man das Anschießen je und je
wahrnehmen und die Zusammenhangsbedingungen ausdifferenzieren. Wichtig
werden die Anfänge im Endprodukt. Das Angeschossene ist verendeter Anfang,
ist verstorbenes Werden. Das Schreiben der Endprodukte ist deshalb inchoatives
Schreiben, weil es je und je dasjenige, was verendet, wieder auf die Reihe des
Werdens bringen will. Bastians inchoatives und iteratives Schreiben produziert
„Gedankenreihen“ der Differenz, d.h. Merkmalskataloge der Interferenz, d.h.
des Anschießens, der Entzweiung des Werdens in Sein und Nichtsein. Wo das
Sein wieder auf die Reihe gebracht wird, wird es ebenso mit dem Nichtsein
wieder werden. Das Nichtsein, wie die Interferenz selbst, ist nicht außerhalb
dessen, was Bastian die „kosmische Harmonie“ nennt, d.h. dasjenige, was alles
Geschehen ausmacht und Grund allen Geschehens ist. Differenzierung ist
Interferenz, die Teil der Harmonie ist und Entdifferenzierung (Vereinigung der
Dualitäten: das proliferierende „entweder-oder“ geht wieder über in ein „wedernoch“, das ein „sowohl-als auch“ ist, in dem das Geschehen, weil nicht
proliferierend (metastasierend, anschießend) ungestört inferentiell ist, allerdings
DasGupta 1990:2: „Mit seiner „naturwissenschaftlichen“ Begründung der Psychologie bleibt
er bei dem frommen Wunsch. Andererseits die „psychologische“ Begründung der Geschichte
beweist, daß der Mann weder weiß, was Psychologie ist, noch was Geschichte ist.“
62
MiG I:335: „. Die Progression ist nicht eine lineare, sondern eine zirkuläre [...].“
63
Bastian, Wie das Volk denkt, 1892:210ff.: „Innerhalb der sinnlich umschaubaren
Vorstellungswelt hat die Inductions-Methode in ihrer Differenz-Rechnung die Differenzen
festzustellen, nach Verhältnisswerthen zu einander, während mit dem idealistischen Schwung,
der in das transcendental Uebersinnliche hinüberführt, für die in dortigen Keimen
einsetzenden Wachsthumsprocesse (unter stetig ab- und zunehmenden Veränderungen, bis im
Fortgang fort) eine Differentialrechnung anhebt (für das logische Rechnen). Aus seinem
Verschwinden tritt das Differential hervor, wenn gegen die Null gehalten, und so wenn am
Anfang (um ein „Regressus in infinitum“ zu meiden) Alles sich nullificirt, erhebt sich die
Beantwortung aus jener Zielrichtung, welcher (in der Tendenz seines „Egressus“ oder
„Progressus“) das Denken entgegenstrebt (im logischen Rechnen).“
52
sich auch nicht selbst wahrnehmen kann, da Wahrnehmung Differenz braucht64)
verspricht, indem sie auf sich aufmerksam macht. Nur die Interferenz kennt
Sprache. Entdifferenzierung ohne die Versprechen der Interferenz geht mit
einem Steuerverlust einher und rückverfällt deshalb der Verstörtheit
(Ausdifferenzierung), um Bewusstheit ihrer selbst zu erlangen, was „natürlich“
nur zum Teil möglich ist, da es ja nun ein Wahrnehmendes gibt, das sich selbst
nicht – jedenfalls nicht ungebrochen, d.h. zum Preis weiterer Differenzierung,
d.h. zunehmender Uneinigkeit, d.h. Verstörtheit – wahrnehmen kann. In der
Differenzierung für einzelne Differentiale Partei zu ergreifen, produziert keine
Bewusstheit, kein richtiges Bewusstsein, sondern Einseitigkeit, mag das
Bewusstsein auch noch so affirmativ einseitige Affirmationen negieren. Deshalb
ist es logisch gedacht von Bastian, im Verlauf der Differenzierung
„Indifferentismus“ [MiG II:66 FN] zu verlangen. Das bedeutet nicht, die Augen
zu verschließen, sondern adiaphorisch, also mit größter Genauigkeit, ungetrübt
von Sentimentalität und Euphorie, wahrzunehmen. Es verlangt den Mut, die
Dinge nebeneinander stehen lassen zu können, bis ihre Zusammenhänge eruiert
sind, und nicht vor-zeitigen Kausalitäten aufzusitzen, die lediglich begründen,
was man gerne begründet hätte. In diesem Sinne berührt sich Bastians Konzept
„Zirkulärer Progression“ – um ein weiteres Beispiel seiner Aktualität und
64
Siehe z.B.: vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:173: „Das Denken lebt den Augenblick des
Nun und einheitlich erfasst sich das sinnlich (aus der Umgebung) Aufgenommene, ob in
unbestimmt verschwommener Allgemeinheit, ob schärfer schon zergliedert. Der nächste
Augenblick folgt, eine weitere Eins im Leben und neue Eins der Wahrnehmung, und bei dem
organisch fortgehenden Wachsthumstrieb fliesst es dahin mit der Zeit, im kontinuirlichen
Umbegriff der Zersetzungen in Auseinanderlegungen oder Verbindungen, im Ab- und
Zuzählen, der Eins zu der Zwei, mit der Regula de[r; KPB] Tri, als Grundoperation des
Rechnens (im logischen Calcül).“
64
MiG I:IX: „Man hat vielfach den Geist der Natur gegenüber gestellt, man hat gestritten
über Idealismus und Realismus, man hat sich die normale Weltanschauung zerrissen in ein
Glauben und Wissen. Ein jeder Uebergangszustand schliesst Widersprüche in sich,
Missklänge, Verirrungen, als eine nothwendige Folge des neubildenden
Wachsthumsprocesses, der indess seine Ausgleichung in sich selbst finden und die
Entwicklungsperiode unbeschadet überstehen wird, wenn nicht eine unverständige arzneiliche
Behandlung heilsamer Krisen [sic!] den Körper durch Fieberactionen zerrüttet und
temporäre Abweichungen zu constitutionellen Fehlern entarten und einwurzeln lässt. Das
53
Relevanz zu geben – sich mit der „Evolutionstheorie“65 in der Fassung von
Niklas Luhmann. Bastian ist also nicht ein vulgärer Evolutionist, der einen
Leben verläuft in den Gegensätzen des Dualismus, aber mit dem Abschluss des Ganzen muss
die Einheit des Anfangs zurückkehren.“
65
Bastian lehnte den Darwinismus, vor allem Häckelscher Prägung, Bastian sprach vom
„Eponymos des Häckelismus“ (Controversen I, 1893:97), ab, weil er viel zu sehr ein
Evaluationismus im Form einer Krönung des Eigenen als eine Evolutionstheorie, eine Theorie
der Infrastruktur des Werdens, war. Vgl. Lange 1974:887: „Hauptsächlich in der Schrift: Das
Beständige in den Menschenrassen, Berlin 1868, hat sich Bastian in eine schroffe und viel zu
weit gehende Opposition gegen den Darwinismus eingelassen, was jedoch dem Werte seines
Grundgedankens keinen Eintrag tut: die Gleichmäßigkeit im geistigen Zustande der Völker
und namentlich in ihren mythologischen Überlieferungen nicht sowohl aus der Abstammung
von einem gemeinsamen Urvolke zu erklären, als vielmehr aus der gleichen psychologischen
Grundlage, welche mit Notwendigkeit zu gleichen und ähnlichen Gebilden des Aberglaubens
und der Sage führen musste.“. Aber die Fassung, die Luhmann der Evolutionstheorie gibt,
kommt Bastians Ausführungen sehr nahe. Bastian lehnte jedes System ab, das eponym, d.h.
fremdbestimmt war (vgl. MiG I:250: „Wir müssen jedes System, jede Terminologie verwerfen,
die des organischen Gesetzes selbständiger Fortbildung entbehrend, in anachronistischer
Verknöcherung dahinstirbt, wenn der kritische Moment ihrer berechtigten Entstehung
vorübergegangen ist [...].”), die autopietischen Systeme Luhmann, die sich selbständig
fortbilden, hätten ihm gewiss gefallen. Vgl. Niklas Luhnann, Die Religion der Gesellschaft,
Frankfurt a.M., 2000:212: „Die Evolutionstheorie unterscheidet Variation, Selektion und
Restabilisierung, setzt aber mit dem Begriff der Variation schon Stabilität (Restabilisiertheit)
voraus und baut diese Unterscheidung in eine Systemtheorie ein, die voraussetzt, daß nur an
einem System ein Unterschied zu dessen Umwelt unterschieden werden kann. Außerdem ist
davon auszugehen, daß die Unterscheidung dieser evolutionären Funktionen (und nicht nur
die jeweilige Ausgangskonstellation von Veränderungen) selbst ein Resultat von Evolution ist,
so daß man auch erklären kann, daß und wie die Evolution sich selbst beschleunigt, nämlich
durch Aufbau komplexerer Anwendungsfelder für die Differenzierung der evolutionären
Funktionen Variation, Selektion, Restabilisierung.
Man kann in diese Unterscheidung, wenn man sie als Reihenfolge von Ereignissen versteht,
einen Prozeß hineinlesen. Aber logisch betrachtet handelt es sich um eine zirkuläre Struktur.
Die Aufgabe der Theorie ist es, ungeplante Strukturänderungen und damit den
„morphogenetischen“ Aufbau komplexer Systeme (oder bei Darwin: die Diversifikation der
Arten) zu erklären. Und darauf beruht auch ihre theologische Anstößigkeit, denn sie erübrigt
einen der geläufigen Gottesbeweise: den Schluß aus der Komplexität und Wohlgeordnetheit
der Schöpfung auf den Schöpfer.“. Zu Bastians Polemik gegen solche „SchöpfungsGedanken“ siehe: Bastian, Offener Brief, 1874; ders., Schöpfung oder Entstehung, 1875.
Zur Systemtheorie wollen wir zwecks Vorbeugung von Missverständnissen anmerken: In
erster Linie beschreibt sie – sich selbst. Sie ist mit Bastian gesprochen eponym. Ihre
Ausführungen sind redundant, reduziert man die Redundanz, bleibt nichts als – die
Systemtheorie. Ihre gelegentliche Treffsicherheit ist ein Nebeneffekt, der sich einstellt, wenn
sie sich selbst verfehlt. D.h. die treffendsten Einsichten finden sich nicht in den
systemtheoretischen Abstraktionen, sondern in den eingestreuten Bonmots, die zur Sache
kommen. In ihnen zeigt sich ein Schreiben, das sich nicht als operatives System aufspielt,
sondern geschehenhaltiges Murmeln augenblicksweis vernehmbar macht. Wir wissen
allerdings auch, es sei nicht vergessen, dass diese Bonmots ohne den systemtheoretischen (in
anderen Theorien gibt es Entsprechendtheoretisches: feldtheoretischen, kritisch theoretischen,
symboltheoretischen, dekonstruktivistischen etc.) Anlauf möglich wäre, und dass ihnen
54
Prozess vom Wenigerwertvollen zur Krone der Schöpfung, die man sich
allerliebst selbst aufsetzt, sieht, sondern er versucht ein Geschehen zu fassen,
das je von diesen vulgären Geschichten aus selbstgerechten Gründen verbrämt
wird.
Wir wollen hier aber nur auf Luhmann hinweisen. Man sieht hier die
Gefahr solchen Hinweisens. Man müsste nun Luhmann genauer besprechen,
sodann besprechen, inwiefern sich die beiden wirklich entsprechen, es also nicht
nur behaupten. Kurzum, man hätte Bastian vorerst beiseite geschoben. Im Text
werden wir uns bemühen, Bastians Konzept der Interferenz / Inferenz
darzulegen, ohne in unnötige Proliferationen des Reputativeren zu verfallen, d.h.
wir werden uns bemühen, die Dinge vorerst nebeneinander stehen zu lassen, und
es späteren Arbeiten überlassen, die Zusammenhänge, wenn die einzelnen Dinge
und ihre Bedingungen vor Ort hinreichend wahrgenommen sind, zu klären.
Soll Bastians Methode der Welterkennung reüssieren können, muss jeder
Ansatz, jeder Einstieg in sein Denken auf den nämlichen Sätzen und Stegen zur
Welt führen. Nur der wiederholte Durchlauf von verschiedenen Seiten her
beweist Reliabilität und Kohärenz seiner Methode, deren Ergebnisse wir in
seinen Schriften sehen. Wir versuchen also die Methode von verschiedenen
Seiten her zu durchleuchten und zu verdeutlichen, versuchen darzulegen, warum
seine Schriften so sind, wie sie sind. Insbesondere werden wir zeigen, dass seine
Methode
1. mit einer bestimmten Kosmologie verbunden ist, die das materielle
Sein kosmotheoretisch als Verstörung denkt. Wie ein Kristall ist das
Sein angeschossen, d.h. in statu nascendi, der zugleich ein
sterbender Zustand ist, weil in einem Zustand gewissermaßen
„nichts mehr geht“.
alleinstehend eine partikuläre Bedeutung zukäme, die sie in unseren Augen als
Kalenderstilblüten auswiesen, an denen aber der Gesunde Menschenverstand so sehr gefallen
findet, weil ihm hier nichts abverlangt wird, er nimmt unmittelbar das Besondere für das
Allgemeine und das Allgemeine für das Besondere und ist’s zufrieden. Pointierungen allein
bilden aber beim besten Willen keinen Zusammenhang.
55
2. sich aufgrund der kosmotheoretischen Betrachtungsweise eng an eine
iatrische Diagnostik anlehnt (resp. dass die Kosmotheorie des Arztes
Bastian aus seiner iatrischen Betrachtungsweise entspringt. Punkt 1.
und 2. stehen in einem changierenden Wechselverhältnis)
3. aufgrund von Punkt 1. und 2. einen symptomatographischen
(symptomographischen) Schreibstil erfordert, der deevaluativ eine
möglichst vollständige Bestandsaufnahme des Zustandes
gewährleisten soll. (Aus den Punkten 1., 2. und 3. ergibt sich
Bastians Affinität zum Buddhismus66 als Nebeneffekt. Wiederholt
werden wir, weil die buddhologischen Schriften in Bastians œuvre
einen so großen Raum einnehmen, darauf hinweisen. Wir werden für
solche Nebeneffekte aus Bastians Ansatz des „Logischen Rechnens“
66
Bastians Nähe zum Buddhismus wurde vielfach betont. Er beschäftigte sich aber
keineswegs mit dem Buddhismus, weil er nach seiner ersten großen Reise (1850 – 1858)
„zuhause feststellte, daß er „den Buddhismus“ vergessen hatte“, und deshalb „1861 – 1865
Indochina und Ostasien“ [Kramer 1981:75] bereiste, vielmehr ergibt sich Bastians
lebenslange Beschäftigung mit dem Buddhismus als zwingender Effekt aus seinem Denken
selbst. Der Buddhismus ist das Eponymos, das der Logik seines Denkens am allernächsten
steht. Dass er sich nicht naiv in ihm wiedergespiegelt findet, ist Bastians große
kulturtranszendierende Leistung. Hätte er sich in ihm wiedergespiegelt gesehen, hätte das sein
ganzes Denken verraten und ad absurdum geführt. Bastian konnte den Unterschied ertragen,
ohne selbst einen Unterschied setzen zu wollen, indem er z.B. den gegebenen aufzuheben
versucht hätte, dadurch dass er sagen würde: „du bist / er ist wie ich, wir sind anders als die
anderen, die nicht erkennen, dass du / er wie ich bist / ist“. Bastian missbraucht die
Verkettung der Dinge nicht, um Korporationen und Bünde zu schmieden, wie imaginär sie
auch immer sein mögen.
Bastian reiste quasibuddhistisch und semiobsessiv durch die Weltgeschichte. Er hielt jedes
Verstehen für einen nachhaltigen Irrtum, der lediglich einen Nachhall eines Geschehens
enthalte.
Was dem Buddhismus das Anhaften (siehe zum Buddhismus: Michael von Brück,
Buddhismus. Grundlagen – Geschichte – Praxis. Gütersloh, 1998) ist, das ist Bastian das
Verstehen. Wer wissen will, was geschieht, darf nicht an überkommenen Verständnissen
(hierarchischen Verhältnissen) haften, so sehr sie einem auch als selbstverständlich notwendig
erscheinen: sie sind akzidentielles Produkt eines substantiellen Geschehens, das schon längst
geschehen ist. Ihnen verhaftet zu bleiben, heißt die Dinge nicht so sehen, wie sie sind. Siehe
über fruchtbare Beziehungen zwischen westlicher Epistemologie und Buddhismus: Robert G.
Morrison, Nietzsche and Buddhism. A study in Nihilism and Ironic Affinities. Oxford, 1997
(hier insbesondere die Besprechung des Topos „Die Dinge so sehen, wie sie sind“); Francisco
J. Varela, Evan Thompson, Eleanor Rosch, Der Mittlere Weg der Erkenntnis. Die Beziehung
von Ich und Welt in der Kognitionswissenschaft – der Brückenschlag zwischen
56
den Begriff der Koeffizienz entwickeln. Der Buddhismus ist in
Bastians Denken koeffizient. Zwar ist er aufgrund seiner „ismischen“
Qualität eponym, aber wegen seiner kosmo- und
phänomenologischen Ansätze starkes Wahrnehmungshilfsmittel für
Bastians Sicht der Dinge67).
4. wegen der symptomographischen Erfordernissen
phänomenologischen Charakter (epoché der doxa, d.h. epoché der
vorzeitigen Evaluationen zu Zwecken einer interkulturellen
Komparatistik) trägt.
Deevaluatives Schreiben heißt den Details vorerst Unsinnigkeit
attestieren, weil nur das Gesamt der Details Sinn emergiert. Erst nach Vollzug
der Emergenz wird der Sinn der Details ersichtlich werden. Es gibt also auch
keinen Sinn des Ganzen, das Ganze ist ein Sinngespinst. Das Ganze hat keinen
Sinn, ihm kommt Sinn in den Teilen zu, wenn deren Verhältnis zum Ganzen
geklärt ist. Da das Ganze kein Außerhalb kennt, kein Außer-sich, kann es auch
keinen Sinn haben, also auch keinen Un-Sinn. Von Sinn des Ganzen zu reden ist
Non-sense, da das Ganze nicht wahrnehmbar ist. Wahrnehmbar sind nur die
Teile. Alles hat einen Sinn, weil nichts an sich einen Sinn hat. Das Ganze hat
keinen Sinn, weil alles einen Sinn hat, nämlich auf das Ganze hin. Das Ganze
lässt sich nicht sinnig bestimmen, es lässt sich nicht erkennen, nur anerkennen,
weil sonst nichts wär‘ und nichts einen Sinn hätte.68
wissenschaftlicher Theorie und menschlicher Erfahrung (orig.: The embodied Mind, 1991),
Bern, München, Wien, 1992.
67
Siehe zu Bastian und dem Buddhismus: Klaus Peter Buchheit, The Unity of Happiness and
the Simplicity of History, Unveröffentliches Manuskript, München 2002
68
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:108f.: „In embryonistisch gährender Mutterlauge
sind vielerlei Strebungen durcheinander gemengt, aber zur Existenzfähigkeit eines Ens
positivum (im Sondersein jedesmaligen Specialfalles) realisirt nur dasjenige sich, was im
innerlichen Gleichgewicht den Ansprüchen des Selbsterhaltungstriebes (zum „AnpassungsGleichgewicht“) zu genügen vermag. Und so von dem, über verworren – aus (homerischem)
Okeanos, „dem Vater der Dinge“ (von Tiefen des Meeresgrundes heraus) – auftauchenden
Vorstellungen sinnenden, Denken wird klar erfasst dasjenige nur, was unter (und zu)
bestimmter Ordnung sich ausverfolgen lässt (gegebener Anregung gemäss). Was daneben
seiet im Istsein, verbleibt ein Non-Ens (im Nonsense).“
57
Bastian fordert von seinen Lesern, dass man das Nichtverstehen ertrage,
da jedes vorzeitige Verstehen Mißverstehen sei. Deshalb sind wir gezwungen,
von den Lesern Verständnis für ein Verstehen zu fordern, das das
Nichtverstehenwollen verständlich zu machen versucht und daher gezwungen
ist, eine Kohärenz auszubauen, die doch immer nur angedeutet sich wissen
wollte. Bastians Bilder werden trivial, insofern wir seiner Methode nicht folgen.
Witzigerweise ist es Bastians Methode selbst, die diese Bilder so schnell als
möglich hinter sich bringen will. Trivial werden sie Bastian, wenn sie in der Zeit
stehen bleiben, wenn ihr eponymer Wert nicht nullifiziert wird und sie nicht als
das erkannt werden, was sie sind: Bilder, Gedanken. Dazu müssen sie
verzeichnet werden, so trivial uns das auch erscheinen mag. Was hätte sonst
einen Sinn?
Wer meint, alles zugleich verstehen zu können, wird nichts verstehen, da
das Verstehen die Regionen des Unverständnisses braucht, um sich a) davon
abzuheben und als Verständiges verstanden werden zu können, und um b) als
Aktualität bestehen zu können. Denn wenn alles verstehbar wäre, dann wäre es
bereits längst verstanden, und jedes Verstehen wäre nur noch ein Rekurrieren
und Klonen (kein Wieder-holen, da Wiederholen die Möglichkeit des Neuen
impliziert. Wo etwas sich wiederholen kann, muss es sich nicht wiederholen!),
wäre Nach-plappern und kein Nach-denken. Nachdenken ist Wiederholen, ohne
auf die Aura eines Absoluten, eines absolut Einmaligen herein zu fallen, das sich
gerade nicht denken ließe. Es könnte nur einmal und dann nie wieder gedacht
werden. Es stünde in keinerlei Zusammenhang. Ohne Erkenntnis des
Zusammenhangs ist kein Verstehen möglich. Der Zusammenhang ist erst
erkannt, wenn alle Differenzen ausgeglichen sind. Aber dann wird es nichts
mehr geben, das verstehen kann, es ist dann alles schon verstanden, es muss
nicht gesondert formuliert werden, weil das dann wieder eine Differenz wäre.
Verstehen ist das Ziel, das in seinem Erreichen verständlicherweise nicht mehr
benötigt wird. Das Rennen ist vorbei. Das Geschehen geschieht wieder in Ruhe.
58
Die Meister des Verstehens, von Dilthey an, der Bastian mehrmals
besprochen hat69, haben nicht verstanden, dass Bastian jedes Verstehen ablehnte,
es vielmehr als ein Symptom einer Störung ansah, dessen einziger Zweck ist, im
Verstehen auf sich aufmerksam zu machen70. Jedes ausgesprochene Verstehen
erhöht die Verstörung. Es ist nicht nur, wie Dilthey sagt, historisch relational71,
was hieße, dass das Verständnis eines Verstehens von der jeweiligen Zeit nur
abhinge, sondern es ist bei Bastian vom jeweiligen Geschehnis abhängig: es ist
der Stör- und Zerreffekt jeder Wahrnehmung. Wahrnehmung wird nach Bastian
entzerrt, indem wir unseren Verstehensusanzen zu entkommen versuchen. Wir
entkommen ihnen, indem wie sie verzeichnen und stur analytisch mit anderen
vergleichen, um zu sehen, ob Muster sich abzeichnen: Interferenzmuster, die
eine Spur des Geschehens sind. Bastian vorwerfen, er hätte nichts verstanden,
heißt gerade, ihn nicht zu verstehen und ihn nicht verstehen zu wollen, weil man
sich von der eigenen Verstehensfixiertheit als Erkenntnismittel nicht zu lösen
vermag. Wer das Geschehen im (historischen) Verstehen auflösen will, kann
nach Bastian das Geschehen nicht im Verstehen einlösen. Wer sich dermaßen
über die eigene Zeit stellt, um aus seiner Zeit jede Zeit verstehen zu wollen,
versteht nicht die Zeit, sondern spekuliert elitär im Zeitlosen, missachtet folglich
69
Wir werden in unserer Arbeit ausführlich darauf zu sprechen kommen.
Im Englischen wird dieser Gedankengang deutlicher: understanding is a means to an end.
Einerseits beendet putatives Verstehen das Werden im Sein (es schießt an und stirbt),
andererseits wird, ist das wirkliche Verstehen erreicht, das Sein, die Verstörung beendet, das
Werden braucht die Mittel des Seins nicht mehr, alles eint sich wieder im Werden.
71
Die in der Wahrnehmung verketteten Dinge sind keine diskreten, einzig historisch
relationale Daten, sondern Relata im Sinne Alfred Gells (siehe Gell 1998:10), deren
Relationsprinzip damit zwar erkannt sein mag. Aber ihre Relationslogik beginnt man erst zu
erahnen. Sie ist nicht, wie bei Dilthey, bereits verstanden. Man hat einen ersten Schritt über
den Abgrund der Diskretion gemacht. Damit hat man erst den Abgrund markiert und sichtbar
gemacht. Bastians parataktische Hervorhebung der Diskretion ist der erste Schritt zu ihrer
Überschreitung in Richtung einer Anthropo-logie, einer Logik der menschlichen Verkettung
der Dinge im wahrnehmenden Weitergehen. Bastian wird sagen: „Beim Ueberblick der
Weltgeschichte wiederholen sich die Beispiele eines gesetzlich regulirten Naturheilprozesses,
wenn aus versinkender Welt eine neue erblüht, auf höher erstiegener Skala. Jetzt wiederum
stehen wir im Augenblick des Hinüberschreitens, den einen Fuss hier, den anderen dort (wie
es eine Moment-Aufnahme zeigen würde).“ [Bastian, Wie das Volk denkt, 1892:220].
70
59
die eigens eingeklagte Relationalität des Historischen und die historische
Relationalität.
Bastians Kritik am Elitarismus der Spekulation (nicht nur der
verstehenden) und seine Forderung nach Wahrnehmung des alltäglichen Lebens
und Sprechens in seinem raumzeitlichen Geschehen – und nicht der
Geschichten, die von einigen wenigen als Ideologie darum gesponnen werden –,
greift einer Wissenssoziologie voraus, wie sie erst wieder mit Berger /
Luckmann72 einsetzen wird. Auch hier wird das Wissen der sogenannten
Experten des Wissens als marginal gegenüber dem gesellschaftlichen Gesamt
des Wissen gesehen. Wer um die Menschen wissen will und sich nur auf das
Wissen der wenigen angeblichen Menschenkenner und Menschenversteher
beschränkt, wird von dem Menschen viel zu hören bekommen, aber von den
Menschen kaum etwas mitkriegen. Er wird um die Menschen nicht wissen und
niemanden verstehen. Bastian sah das, wie wir zeigen zu können hoffen, wie
kein anderer.
4. Bastian ist Arzt. Als Iatriker verpflichtete er sich Hippokrates.
Hippokrates galt: hē physis ho iētros73: die Natur der Arzt. Wir übersetzen das
72
Vgl. Peter L. Berger / Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der
Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a.M., 1980:16: „Die
Wissenssoziologie muß sich mit allem beschäftigen, was in der Gesellschaft als „Wissen“ gilt.
Sobald man an dieser Ausgangsthese festhält, wird man gewahr, wie unglücklich der
geistesgeschichtliche Zugang gewählt ist – mindestens dann, wenn er ins Zentrum zu führen
glaubt. Theoretische Gedanken, „Ideen“, Weltanschauungen, sind so wichtig nicht in der
Gesellschaft. Obwohl auch diese Phänomene in sie hineingehören, sind sie doch nur ein Teil
dessen, was „Wissen“ ist. Nur ein begrenzter Kreis von Leuten ist zum Theoretisieren
berufen, zum Geschäft mit „Ideen“ bestellt, zur Fabrikation von Weltanschauungen. Aber
jedermann in der Gesellschaft hat so oder so Teil an Wissen. Etwas freundlicher gesagt:
wenige befassen sich mit der theoretischen Interpretation der Welt, aber alle leben in einer
Welt. So ist denn der Ansatz der Wissenssoziologie bei theoretischem Denken nicht nur eine
ungerechtfertigte Beschränkung, sondern auch unbefriedigend, weil ja selbst dieser Bereich
des Wissens nur recht verstanden werden kann, wenn er vor dem Hintergrund einer viel
umfassenderen Analyse von „Wissen“ gesehen wird.“
73
Siehe Starobinski 2001:121ff., insb. ebd.:121f.: „Eine hippokratische Formel hat die
Jahrhunderte überdauert: Das Leben wird von der „heilenden Kraft der Natur“ (vis
medicatrix naturae) unterstützt. Die hippokratische Formel ist eine einfache Aussage, die kein
Verb braucht: „hē physis ho iētros“. Wörtlich: „die Natur der Arzt“. Ein schönes Beispiel
60
für Bastian: das Geschehen ist der Arzt, im Geschehen wirkt die vis medicatrix
naturae. Die verstörte Welt heilt sich, lässt man sie nur geschehen, selbst. Man
lässt sie geschehen, indem man sie wahrnimmt, d.h. denkt. Im Denken verketten
sich die Dinge und geschehen. Im Denken ist der jeweilige Mensch das Zentrum
der Welt, das sie zusammenhält. Die Welt geschehen lassen heißt, ihre
organischen Gesetze mit der Zeit zu erkennen. Bastians historisch-genetische
Methode74 intendiert eine Genesung von der Geschichte und wendet sich gegen
jede geschichtliche Eugenik. Was ist, mag zwar gestört sein, aber es hat seine
Berechtigung: Es muss sein und darf nicht ausgemerzt werden. Es muss im
Geschehen bleiben und miteinander geschehen, die Dinge müssen sich
verketten. Verkettungen können befruchtend („Pfropfung“) unterstützt werden,
aber nur mit aller Vorsicht, so dass es nicht zu Auslöschungen kommt.75 Die
Dinge genesen aneinander, indem sie sich verketten. Im Verketten transformiert
sich die Interferenz des Seins in die Inferenz des Werdens: die Verstörung klingt
ab. Denken und angeschossene Materie (alles Sein, auch die Gedanken) nähern
sich wieder an.
Bastians Modell nimmt hier in vielerlei Hinsicht die Organisation
kybernetischer Modelle vorweg, wie sie Gregory Bateson anwendet. Bastian
kritisiert das mechanische Modell von actio = reactio, das eine lineare
Progression bewirken soll, aber einen circulus vitiosus bedingt, in anderen
Worten: Interferenz potenziert. Der Kosmos heizt sich auf, die Welt beginnt zu
brennen76. Bastians Ansätze der Deeskaltion, des Abklingenlassens und des
einer Ellipse, die die unmittelbare Berührung des Subjekts mit dem Nominalattribut erlaubt.
Das erste Agens, das gegen die Krankheit kämpft, ist in unserem Inneren: Es ist die Natur
selbst. Unser Körper besitzt eine spontane Widerstandskraft gegen alle schädlichen Mächte.“
74
siehe Buchheit 1997:46-81, und insbesondere ebd.:82 die schematische Darstellung der
Methode Bastians in einem Diagramm.
75
Eine genaue Darstellung des Bastian’schen Modells wechselseitiger soziokultureller und
psychosozialer Beeinflussungen findet sich in Buchheit 1997:85-99.
76
Bastian, Der Völkergedanke, 1881:180 Anm.: „Eine brennendste Zeitfrage allerdings! Es
brennt in allen Ecken und Enden der ethnologischen Welt, brennt hell, lichterloh, in vollster
Brunst, es brennt ringsum, Gross Feuer! und Niemand regt eine Hand.“
BRPS:26: „ „Alles brennt“, predigte Budhha in seiner „Feuerpredigt“ (auf dem Berge
Brahma-Yoni), Alles steht in Flammen! und so ergeht der Rettungsruf (an die Ohren, die
61
bewussten Abschwingens der erhitzten Gedanken, seine zirkuläre Digression
versuchen gewissermaßen, den Dampf, den die brennende Welt in den
Maschinen, die sie sich konstruiert, erzeugt, zu Zwecken der Selbstregulation,
der vis medicatrix in iatrischer Diktion, aus der Maschine zu lassen. Achtsame
Gelassenheit deeskaliert die Verstörtheit.77
Bastian versucht die kontextuellen Bedingungen der Ereignisse zu
analysieren und nicht die sie auslösenden Ursachen. Der Grund eines Gedankens
liegt in den geographischen und zeitlogischen Gegebenheiten, er wird nicht von
der Person ausgelöst, die ihn denkt. Der Zusammenhang der Dinge bewirkt das
Denken und nicht die einzelne Person, die glaubt, es sei ihr Ich, das denkt. Auch
hier bedient sich Bastian bereits einer analytischen Unterscheidung, wie sie
Gregory Bateson in seinem Buch Naven78 anwenden wird, wo er von
„conditional causes“ und „precipitating causes“ spricht79. Batesons
Bedingungen (conditional causes) ergeben sich aus dem, was wir Geschehen
nennen. Sie unterliegen synchronen Gesetzmäßigkeiten, die allerorten, falls eben
die Bedingungen vorhanden sind, immer wieder in der Zeit zum Tragen
kommen. Er sucht nicht nach historischen Ursachen, die einmal und einmalig
von einem Ich getätigt wurden und nun überzeitlich fortwirken. Bastian erstellt
ebenfalls keine diachrone Analyse, sondern analysiert vielmehr die
Bedingungen von Geschichte, also von dem Glauben an die Ursachen. Er
untersucht die Bedingungen der Gedanken – und nicht ihre ursächliche Absicht.
Im nämlichen Sinne ist uns Bastian keine Ursache irgendeiner Entwicklung der
Kybernetik, er gilt uns nicht als Vorläufer, sondern als jemand, der integral im
hören wollen), um sich zu retten aus der in nichtiger Vergänglichkeit niederbrennenden Welt,
(wo Alles Aneiza, Dukha, Anatta), um sich zu retten in der Ewigkeit Realität, wo das Nirwana
seine Kühlung spendet: dem der Kotaraphuxavana gewonnen hat (zum harmonischen
Ausgleich).“
77
Siehe dazu: Gregory Bateson, Ökologie des Geistes, Frankfurt a.M. 1981, insbes. ebd.:158;
Starobinski 2001.
78
Gregory Bateson, Naven. A Survey of the Problems suggested by a Composite Picture of
the Culture of a New Guinea Tribe drawn from Three Points of View, Stanford, California,
1958 (second edition).
79
Bateson 1958:3f.
62
Lauf der Dinge stand, die ihn bedingten. Dass seine Einsichten eine ähnliche
Struktur (Infrastruktur) aufweisen, wie die Batesons, sagt weniger etwas über
Bastian aus, als vielmehr über die Struktur: die Methoden Bastians und Batesons
sind vergleichbar, weil sie sich auf Gleiches zurückführen lassen. Bastians und
Batesons Methoden stehen nebeneinander und können nebeneinander bestehen.
Es gibt die eine nicht wegen der anderen; es ist die eine nicht das primitive
Modell der anderen. Es gibt hier keine lineare Progression. Annahmen linearer
Progression würden Batesons Modell zirkulärer Regelkreisläufe widerlegen.
Wäre Bastian Vorläufer80 von Bateson, würden beide schlichtweg gewaltig
irren. Das Geschehen würde nicht genesen, sondern die Zustände sich
verschlimmern, eine irrige Annahme hätte sich versteift.81
Zirkuläre Progression heißt, dass es keinen exklusiven Beweger gibt, der
aus einem jenseits einen linearen short cut (Geschichte) exerziert, sondern dass
die Bewegung als Geschehen aus sich selbst heraus geschieht. Es gibt kein
Außerhalb. Raum und Zeit sind nur Teile des Geschehens, Produkte der
Interferenz. Zirkuläre Progression ist die Turbulenz der kosmischen
Schwingung, die ungestört Raum und Zeit geeint – aber nicht als ein Drittes,
sondern als ein Elementares – in sich trägt. Wir müssen also Bastians
Elementar-Denken (Logik des logischen Rechnens; organische Gesetze der
kosmischen Harmonie) als radikal diesseitig denken, es gibt kein Außerhalb des
Elementar-Denkens. Seine Unterscheidung zwischen Völkergedanke (eponymer
Logos) und Elementargedanke (logischer Logos) teilt nicht die Welt in ein
80
Siehe zu „Vorläufer“ auch: Georges Canguilhem, Wissenschaftsgeschichte und
Epistemologie, Frankfurt a.M., 1979:34: „Ein Vorläufer wäre nämlich ein Forscher, der
schon vor langer Zeit einen Weg zu Ende gegangen ist, den erst vor kurzem ein anderer
zurückgelegt hat.“
81
Vgl. Bastians Kritik des Quid pro quo von Nebeneinander und Wegeneinander, d.h. von
conditional causes und precipitating causes: MiG I:142: „Je nach einer besonders in den
Gesichtskreis fallenden Epoche oder mit Vorliebe die Aufmerksamkeit fesselnden
Erscheinung, sucht man gewöhnlich die Thatsachen in ein den herrschenden Ansichten
günstiges Licht zu setzen, und macht überall das Nebeneinander zu einem Wegeneinander, je
nachdem die Reflexe der parteiisch geschliffenen Brille die Umrisse des Lieblingsthemas, wo
immer es erscheint, mit besonderem Glanz über seine Umgebungen hervortreten lassen.“
63
Diesseits und ein Jenseits (ein Ganz-Anderes), wie das zum einen die Religion82,
zum anderen die Transzendentalphilosophie83 unternimmt. Bastians Logik ergibt
sich aus dem Geschehen selbst, weil es geschieht. Einer weiteren Begründung
bedarf es nicht. Dass es die Logik geben muss als genetisches Prinzip, beweist
sich durch die Tatsache, dass a) überhaupt etwas geschieht, und b) dass immer
noch etwas geschieht, dass das Universum also nicht schon längst aufgrund
fehlender organischer Gesetze in sich zusammen gefallen ist. Die Logik ist auch
nicht das Göttliche, das in den Dingen stecken würde als ihr Wesenskern und
zugleich ihr Ganz-Anderes. Sie ist alleinig bedingt durch das Geschehen selbst
und bedingt wechselwirkend ihrerseits das Geschehen, ohne von ihm wesentlich
getrennt zu sein. Es handelt sich um ein und dieselbe Sache. Dieses
wesensmäßige Einssein (Elementarheit; keine Identität, denn die braucht
mindesten zwei Dinge) von Geschehen und Logik fassen wir mit dem bereits
erwähnten Begriff der Symbaïneiologie, den wir in unserer Arbeit entwickeln.
Aufgrund der radikalen Diesseitigkeit der Symbaïneiologie lässt sich Bastians
Lehre als radikal positiv bezeichnen, aber keinesfalls als positivistisch. Positiv
deshalb, weil sie kein negatives Anderes, nur positive Andere kennt.
Positivistisch darf sie nicht heißen, weil sie sich eine solche Setzung und
Satzung eines Prinzips wie des Positivismus aufgrund der radikal diesseitigen
Dynamik des Geschehens versagen muss, es gibt kein Außerhalb, von wo her
eine solche Setzung gerechtfertigt wäre.84 Ein gesatztes Prinzip würde das
Geschehen in seinem genetischen Verlauf blockieren und diesen dissimulieren.
Kurzum, es würde die Welt als einen Zustand erklären, also zu einem Negativ
82
Luhmann 2000:77ff.
Luhmann 2000:106f.
84
Die Symbaïneiologie hat somit dieselbe Charakteristik wie der Traum (La vida es sueño,
Calderon), nur dass es aus ihr kein Erwachen gibt, nur ein Einlösen ins Nichts ungestörter
Harmonie. Es existiert in ihr höchsten aufgestörte, vernehmbare Unruhe. Siehe zum Traum:
Bateson 1983:544: „Unter der Einschränkung, die sich aus dem Fehlen eines
metakommunikativen Rahmens ergibt, ist es dem Traum natürlich unmöglich – negative oder
positive – indikative Feststellungen zu treffen. Da es keinen Rahmen geben kann, der den
Inhalt als „metaphorisch“ etikettiert, wird auch kein Rahmen vorhanden sein, der den Inhalt
83
64
gegenüber dem Positiv der Bewegung (die selbst in der angeschossenen Welt
statthat, wenn auch obstruiert). Positivismus kann daher kein Beweggrund sein,
nur ein Geschehnis, das – wie Religion – wegen anderer Beweggründe,
keineswegs aber beliebiger, statthat. Beide haben ihre Notwendigkeit, Bastian
negiert sie nicht. Er nimmt sie als leidliche Deskriptionshilfsmittel zeitweiliger
Geschehnisse, die sie zwar nicht erklären, in bezug auf deren Ungewissheit sie
aber vorerst beruhigen. Sobald Zweifel und damit Beunruhigung auftreten, sind
es weder gute Beschreibungshilfmittel noch Hilfsmittel, sein Leben in Ruhe zu
führen, d.h. geschehen zu lassen. Jetzt werden sie aber für den Arzt interessant,
da er an ihrem Irritationspotential die Symptomatik des Geschehens untersuchen
kann, indem er sie mit anderen Auffälligkeiten vergleicht. So oder so, Bastian
bleibt radikal positiv. Die Geschehnisse begründen sich nicht untereinander
(wegeneinander), d.h. strukturell, sondern sind infrastrukturell im Geschehen
begründet und in einem Nebeneinander generiert: Struktur ist das Produkt der
Infrastruktur. Struktur ist statisch, Infrastruktur geschieht dynamisch. Bliebe ein
Wegeneinander (Struktur) letztlich nur durch ein Außerhalb begründet, das die
Struktur einsetzte, so kann hingegen das Nebeneinander allein durch die
Tatsache des Vorhandenseins, d.h. des infrastrukturellen Passiertseins und
differentiellen Wahrnehmbarseins, erklärt werden. Es ist, weil es wird. Und es
wird, weil es zeitweise und teilweise ist. Was ist, erklärt sich durch das Wo und
Wann und Wie; dass es wird, erklärt sich durch zeitweilige und örtliche
Obstruktionen, die nicht bleiben, die keine ewige Ruhe in starrer Struktur
finden, nirgends und nie, und mögen sie noch so sehr gestorben sein. Wegen des
Werdens wird es mit dem Sein nichts. Aber wegen des zeitweiligen und
örtlichen Seins hat das Sein seinen Sinn im Werden. Es wird mit dem Sein
nichts werden, aber es wird werden. Das ist die Genesung, das Ende der
obstruktiven Struktur, die sich selbst im Wege steht, aber der Anfang des „es
geht weiter“ innerhalb der Infrastruktur. „Es geht“ – wie: es denkt – und „es
als „wörtlich“ etikettieren könnte. Der Traum kann Regen oder Trockenheit vorstellen, er
65
wird schon werden“ sind die Antworten, die Bastian gibt, und die uns bewegen,
auf ihn zu hören. Die uns einfach bewegen. Die uns die Bewegung nicht
vorschreiben. Jede Vorschrift verlöre sich in sinnlose und phantastische
Spekulation, die von jeder Logik des Geschehens wie von jedem Geschehnis
absähe. Eine solche Spekulation sieht von dem ab, was sie erklären will, d.h. sie
geht ihres Forschungsobjektes verlustig: sie ist radikal negativ, und somit nicht
notwendig für das Geschehen. Also ist sie auch nicht notwendig für jemanden,
der sich für das Geschehen, das geschieht, interessiert; der also schon rein aus
Inter-esse radikal diesseitig ist. Nur was diesseitig ist, kann anders werden, d.h.
sich neben anderem neben sich stellen, d.h. letztlich sich selbst erkennen als
jemanden, der anerkennen muss, dass er sich radikal ändert (weil verwurzelt im
Geschehen, das nun mal geschieht) und sich und den anderen dadurch radikal
gleich bleibt. Deshalb bleibt Bastian offen für andere und kann sie erkennen,
ohne sich in ihnen erkennen zu müssen oder sie in sich. Sie sind radikal durch
die Andersheit des Nebeneinander gekennzeichnet, die sich wegen der
infrastrukturellen Einheit, die die Strukturen aller produziert, erkennen lässt.
Beim Anderen ist Bastian bei sich. Und bei Bastian können wir die Möglichkeit
des Anderen untersuchen, d.h. in seinem Schreiben finden wir die Integrität von
genetischer, infrastruktureller Einheit und daseiender, struktureller Vielfalt
wieder. Das ist unser Ziel und zugleich die Bedingung der Möglichkeit unserer
Arbeit.
Kontingenz und Komparation bedingen sich wechselseitig. Was nicht
kontingent ist, ist unvergleichlich, weil nur an diesem Ort zu dieser Zeit unter
diesen Bedingungen möglich. Eponyme Logoi (Völkergedanken) sind
kontingent, logische Logoi (Elementargedanken) sind es nicht. Komparation
kann nur auf der Ebene der Eponyme stattfinden, sie ruft die Emergenz der
Logoi, die nicht verglichen werden können, weil sie das Gleiche des
Verschiedenen sind, hervor.
kann aber niemals feststellen „Es regnet“ oder „Es regnet nicht“.“
66
Weil jeder logische Logos unvergleichlich ist, bilden alle eine Einheit.
Es ist keine Divergenz möglich, nur die Produktion der Interferenz: die
Eponyme, durch die die einzelnen Logoi sich einander vermitteln können, weil
sie nun in medias res sind. Der Logos braucht das mediale Eponyme, um sich
mitzuteilen, um vergleichbar zu werden. Ist er aber mitgeteilt, braucht er das
Eponym nicht mehr. Die Geschichte hält aber am Eponym fest. Geschichte
produziert Zustände, die alles, was geschieht, negieren und als Schein
deklarieren; die von einem anderen Geschehen erzählen. Das wirkliche
Geschehen verläuft nun unbewusst, traumhaft, mitunter traumatisch. Es hat die
Infrastruktur eines Rebus. Bastian sammelt die einzelnen Bilder dieses Rebus.
Er ist kein Platoniker, der die gegebene Welt als Schein ansieht. Die gegeben
Welt ist jedoch in einem scheinheiligen Zustand. Ihre Worte sprechen, weil
jedes Einzelne für sich Bedeutung beansprucht, nicht von dem, wovon sie
sprechen: von der Verkettung der Dinge.
Bei Bastian gilt somit beides: nihil est sine causa und die
Geschichtsereignisse sind kontingent. Diesen Zusammenhang versucht unsere
Arbeit als nicht widersprüchlich zu erklären.
Dass Bastians Denken kohärent ist, haben schon andere Autorinnen und
Autoren85 gezeigt. Jedoch zeigten sie es dadurch, dass sie Bastian auf anerkannte
andere Autoren zurückführten, und so sein Denken legitimierten. D.h. im
Grunde, abgesehen von seinen Verworrenheiten, sei Bastian kohärent, weil er
mit anderen konkruent – als sei er eine Fläche – sei; weil er im Wesentlichen das
gedacht habe, was andere auch schon gedacht hätten. Wir wollen nun die
Kohärenz des Bastian’schen Denkens an ihm selbst aufzeigen und zeigen, dass
sein Denken durchaus eigenständig ist und seine Verworrenheit – das
unbewusste, traumhafte, mitunter traumatische – ihren Grund nicht in einer
Verworrenheit per se hat, sondern in der Materie der Sache selbst begründet
85
Siehe z.B.: Annemarie Fiedermutz-Laun, Der Kulturhistorische Gedanke bei Adolf Bastian.
Systematisierung und Darstellung der Theorie und Methode mit dem Versuch einer
Bewertung des kulturhistorischen Gehaltes auf dieser Grundlage. Wiesbaden, 1970.
67
liegt. Anders gesagt: Bastians angebliche Verworrenheit hat ihren guten Grund,
ist raison d’être kat exochen. Deshalb werden wir uns in dieser Arbeit nahezu
ausschließlich auf Bastian beziehen, ihn zu seiner eigenen Legitimation
anführen. Wir werden zeigen, dass Bastians Werk aus sich selbst heraus und in
sich selbst eine wissenschaftliche Existenzberechtigung hat und in seiner
wissenschaftlichen Existenz und existentiellen Wissenschaft wahrgenommen
werden sollte. D.h. dass Bastian, würde man ihn nur lesen, keinen Legitimator
bräuchte. Auch uns nicht. Aus diesem Grund ist unsere Legitimation kein
Taufspruch aus angeblicher wissenschaftlicher Macht heraus, sondern die
Entfaltung unserer Lektüre, in deren Verlauf sich Bastian selbst legitimiert. Wer
sonst hätte auch das Recht dazu? Nur das Werk, das es nicht vermag, sich in
seiner Lektüre zu legitimieren, lohnt nicht zu lesen. Braucht es zu seiner
Legitimation andere Werke, ist es angeratener, diese zu lesen. Denn hier ist der
Verweis auf andere Bücher nicht notwendige Spurensuche und
Wirkungsanalyse, sondern Vortäuschung falscher Tatsachen, nämlich dass
zwischen den Verweisen sich noch ein eigenständiges Werk befände, das sich
anwenden ließe. Bastians Werk legitimiert sich nur, wenn es sich zugleich schon
anwenden lässt, auch auf sich selbst. Wir lesen nicht zum Zeitvertreib, um
unsere Zeit – und uns – sinnlos zu vertreiben, sondern um in der Zeit bleiben zu
können; um die Zeit zu haben, vor Ort zu sein und an der Verkettung des Dinge
teilzuhaben. Anders gesagt: wir wollen von Bastian lernen und uns nicht in ihm
und mit ihm vergessen.
Wir werden also zeigen, dass sich Bastian solcher Chimärenstrategie
nicht befleißigt, und dass es sich durchaus lohnt, ihn eigenständig zu lesen. Es
geschieht nämlich etwas.
In Abänderung eines Satzes von Luhmann86 kann man sagen: Man muss
nicht unbedingt wissen, was das Geschehen ist. Man muss wissen, wie es einem
86
Luhmann 200:168: „Man muß nicht wissen, was er [Gott; KPB] ist. Man muß wissen, wie
er urteilt, um das eigene Leben auf die Liebe Gottes einstellen zu können.“
68
geschieht, um das eigene Leben auf das Eingebundensein in das Geschehen
einstellen zu können.
So stellt sich z.B. bei Bastian die Frage, wie denn die kosmische
Harmonie jemals gestört werden konnte. Was geschah da? Wie kam die
Disharmonie, die wir sind, in die Harmonie? Wie kam der Kosmos aus dem
Rhythmus? Aber für Bastian ist diese Frage belanglos, müßige Spekulation.
Man muss nicht unbedingt wissen, was das Geschehen ist. Man muss wissen,
wie es einem geschieht! Als positiver Empirist konstatiert er die Disharmonie
der Welt, die letztendlich auf einer Harmonie basieren muss, sonst gäbe es sie
schlichtweg nicht. Komparativ wird er mittels Differentialgleichungen der
Disharmonie und der Harmonie in ihrem Geschehen auf die Spur kommen87.
Die Frage nach dem Grund und der Art und Weise der vorusprünglichen
Störung, die die Störung verursacht haben muss, kann erst postsubstantiell, nach
vollzogener Desubstantiation, beantwortet werden, resp. wird dann schon
beantwortet sein. Kein Nous, keine Allologoi, keine Noemata mehr. Auch keine
87
Wir halten Bastians Werk nicht für ein säkularisiertes Schreiben. Wir sehen wohl, dass wir
von Geschehen reden, wo Luhmann von Gott redet, wir kennen auch den Hinweis von
Johannes Fabian, dass die Komparatistik ein Hinweis auf Säkularisation sein soll (zitiert in
Luhmann 2000:319: „Could it be that the deeper significance of the famous ‚comparative
method‘ that became a powerful and unifying paradigm in the life sciences and social
sciences has been a kind of secularization of conceptions of religious and transcendental
‚otherness‘?“. Ob es so etwas wie Religion an sich gibt, können wir nicht entscheiden. Mit
Bastian sagen wir, es existiert als eponyme Mitteilung von Erfahrung, als solche registrieren
wir sie und erkennen sie an. Deshalb können wir dennoch einem „Wegeneinander“ von
komparativer Methode und transzendentaler Andersheit nicht zustimmen. Wir sehen durchaus
aber das Nebeneinander, dass sich hier Dinge im Denken verketten. Wie diese Dinge sich für
uns verketten, ist unser Thema hier aber nicht. Dass sie sich aber verketten, zeigt uns
zumindest, dass sie nicht transzendental sein können. Oder?
In der Tat zielt Bastians Schreiben auf eine Auseinandersetzung mit dem Religiösen ab, das in
unserer Arbeit zwar angesprochen wird, aber noch nicht näher analysiert werden kann.
Logisch müsste sich eine solche Untersuchung an unsere Arbeit anschließen. Die zwei
Aspekte des Religiösen: 1) relegere (sammeln, auflesen), 2) religare (binden, verbinden) sind
wesentlich, um Bastian zu verstehen. Bastian sammelt etwas, was seiner Meinung nach ein
Hinweis auf Verbindliches ist, auf einen verbindlichen Moment, der geschehen ist und sich in
diesem etwas bezeugt. Dieses etwas bezeugt die Verbindlichkeit der Dinge, die auch dann
noch, wenn sie in Unordnung sind, verbindlich bleiben. Jedoch ist bei Bastian das
Verbindliche immer Teil des Geschehens selbst. Es gibt kein außerhalb, es gibt nur die
Differenz und die Einheit.
69
Noesis. Reine Schwingung. Und noch das ist zu substantiell gedacht. The rest is
silence.
5. Was vollkommen ist, ist nicht redundant und folglich nicht
kommunizierbar.88 Dem Vollkommenen kann nichts hinzugefügt werden und
von ihm kann nichts ausgehen. Es ist nicht infrastruktural. Nichts haftet an ihm,
nichts löst sich ab. Es ist also nicht teilbar und nicht mitteilbar, d.h. nicht
erfahrbar. Es ist die vollkommene singuläre Einheit, das ein und alles, das kein
zweites hat und kein drittes. Die Vollkommenheit braucht die
Unvollkommenheit, um erfahrbar zu werden. Sie braucht die Interferenz. Die
Einheit braucht die elementaren, unverstellten Einheiten, die Vielfalt erzeugen,
indem sie sich verstellen, d.h. redundant werden. In der unverstellten Harmonie
gibt es kein Gerede, nur die Ruhe des unerhörten Sphärenklanges. In der
verstellten Harmonie, d.h. im vom Sein verstellten Werden wird die Rede und
das Schreiben möglich. Reden und Schreiben, resp., allgemeiner, das
performative89 Erfahrbarmachen90 muss, soll es so authentisch wie möglich sein,
88
Siehe Bateson 1981:185f.
Wir wollen, ohne uns hier weiter auf die ethnologische Debatte dieses Begriffes
einzulassen, Performanz allgemein wie folgt definieren (in bezug auf Bastian beschränken wir
uns auf sprachliche Performanz): Begebenheiten und/oder Sachverhalte werden in
Wiedererarbeitungen (poiesis) für ein Publikum – sei es mittels Text, Musik, Bild, Film,
Computer, Tanz, Pantomime, Spiel, Theater oder sei es mittels verschiedene Kombinationen
dieser Mittel, die selbst solche Begebenheiten oder Sachverhalte sein können und vielmals
sind – dergestalt zu einem kompetenten, aber virtuellen Ende gebracht, dass diese
Begebenheiten oder Sachverhalte entweder transgrediert werden auf andere Möglichkeiten
ihrer Wahrnehmung und ihres Verstehens hin oder überhaupt auf die Möglichkeit von ihrer
Wahrnehmung und ihres Verstehens hin; oder dass diesen Begebenheiten oder Sachverhalten
die Möglichkeit des Widerstehens (resistance) geboten wird, sei es durch das Aufzeigen der
Unmöglichkeit ihres Verstehens oder von Verstehen überhaupt, sei es durch die
Verweigerung von Kommunikation, gegen eine kompakte Majorität, die ihrerseits diese
Begebenheiten oder Sachverhalte, die entsprechenden Verhaltensweisen von Personen
(persona und Individuum) und Repräsentationsweisen von Körpern einvernehmend ihren
funktionalen, aber willkürlichen Normen unterwerfen will. Eine dritte Form von Performance
versucht dieses entweder-oder in ein sowohl-als-auch zu transformieren.
In bezug auf diese Definition ist je zu bedenken, dass sich gerade wegen dieser Definition
Performance jeder Definition jeweils derart einschreibt und sie dergestalt erfüllt, dass sie sie
immer schon transgrediert hat oder dass sie ihr je widersteht – sonst würde es sich um keine
Performance sondern um normativistische Mimesis handeln. D.h. selbst dort, wo Performance
89
70
interferentiell sein, nur so kann es referentiell sein. Im vom Sein verstellten
Werden kommt es, da nichts vollkommen ist, auf das Erfahrbarmachen an. Es ist
das Kennzeichen der Infrastruktur: der raumzeitlichen Verstellung.
Erfahrbarmachung dient nicht dem Verständnis, sondern dem Ausweisen der
Beziehungen zwischen dem Verstellten, d.h. dem Kennzeichnen der
Bedingungen der Verstellung und damit der Kennzeichnung der Stellung des
Seins im Werden. Erfahrbarmachung transzendiert nicht die Dinge, sondern
transgrediert Vorstellungen der Transzendenz, indem sich in ihr die
Beziehungen der Dinge, ihre Verkettungen zeigen.91 Wollen Vorstellungen das
als normativistische Nachahmung sich augenscheinlich gestaltet, ist sie qua dieser Gestaltung
normüberschreitende Auseinandersetzung. Auch wenn die Norm als notwendige durch die
Performance untermauert werden soll, muß eine außernormistische/außernormale
Begründung, welcher Provenienz auch immer, eingebracht werden.
Mittels und/oder in Form all der hier genannten Aktivitäten versucht Performance
intra/interpersonelle und/oder interethnische Beziehungen und Identitätsentwürfe, religiöser
oder profaner Art, zu entwickeln, zu festigen, zu verhindern oder zu lösen.
Befindet sich der Veranstalter einer Performance in einem übergeordneten Machtverhältnis zu
dem Publikum, nennen wir den Hauptzweck der Performance propagandistisch. Ist das
Verhältnis paritätisch, besteht der Hauptzweck in Entertainment. Und stehen die Veranstalter
in einem untergeordneten Verhältnis, hat die Performance hauptsächlich subversiven
Charakter. Allerdings gilt es zu bedenken, dass in allen drei Fällen Form und Inhalt der
Performance jeweils entweder affirmativ oder negierend sein können. So kann z.B. das
ludische Moment der Performance als arrogante, aber volksnahe Virtuosität oder als
einsichtiger, aber elitärer Dilettantismus daherkommen.
Um eine einzelne Performance in ihren wichtigsten Facetten zu erfassen, ist eine Teilhabe
unumgänglich. Doch ersetzt empathische Universalhermeneutik keineswegs die Mühe einer
gründlichen Kontextrecherche.
In jedem Fall wird mittels einer Performance die Trennung von Kunst und Kunstbetrachter
aufgehoben. Eine Photographie wird z.B. zur Performance, wenn sie in dem Betrachter
Passionen auslöst, d.h. wenn sie sich (bewußt?) der leidenschaftslosen Betrachtung entzieht.
Performances machen ihre Betrachter wahrnehmbar. Sie sehen ihren Betrachter und wissen
um ihn. Sie sind deperspektierlich.
Eine Performance wird dann real, wenn ihr kompetentes Vollenden niemals zu Ende gebracht
werden kann, weder in der Durchführung, noch in der Rezeption. Eine perfekte Performance
darf deshalb nie perfektionistisch sein. Inkompetenz lässt jede Performance mißlingen.
90
Dass Schweigen – nicht Verschweigen! – oder Verweigerung der Performation probate,
performative Mittel sind, Dinge dann erfahrbar zu machen, wenn jedes Wort oder jede Aktion
falsch werden, soll nicht verschwiegen werden. Siehe auch: Klaus-Peter Koepping, Vom
Augenschein und Hörensagen. Metaphern in der Ethnologie. In: Kuckuck 9, Nr. 2, Graz 1994
(ersch. 1995):4-9.
91
Siehe zum Zusammenhang von Transgression und Performanz: Klaus-Peter Koepping,
Inszenierung und Trangression in Ritual und Theater. Grenzprobleme der performativen
Ethnologie. In: Bettina E. Schmidt/Mark Münzel (Hrsg.), Ethnologie und Inszenierung.
Ansätze zur Theaterethnologie. Marburg 1998:45-85; ders., Ritual Transgression Between
71
Einzelne ins Absolute steigern und ersehnen die eigene absolute Einzigartigkeit,
die im Absoluten erlöst wird, so plädiert performatives Erfahrbarmachen dafür,
dass es keine Absolutheiten gibt, dass man in der Performanz nicht im leeren
Raum agiert, sondern an die Formen gebunden ist, die existieren. Performatives
Erfahrbarmachen dient Bastian also nicht dazu, eine externe Eigenständigkeit zu
konstruieren, die als zentrale Konsole einsam alles überwacht und in der Not
angerufen werden kann. Erfahrbarmachung dient nicht der Konstruktion einer
externen Maschine, der in der Not ein Gott entspringen kann, der allein uns noch
retten könnte. Bastian ist in diesem Sinne kein Romantiker.92 Wir erfahren, was
erfahrbar ist, in uns, in unseren Sinnen, indem wir die Dinge er-fahren, d.h. sie
infrastrukturell angehen und performativ verketten. Wahrnehmung kann in
keinem Außerhalb endgelagert werden. Erfahrung kann von keinem Außerhalb
den Erfahrenden mit dem Erfahrenen verschmelzen lassen. In der Interferenz
wird er dem, was er erfährt, zwar verbunden sein, aber je entfremdet. Solange
Erfahrung möglich ist, ist die Einheit, die Vereinigung nicht möglich, nur
Bezüglichkeit, Verkettung eben. Die Ketten des Geschehens halten die Dinge in
ihrer interferentiellen Entfremdung, d.h. im tödlichen Anschießen, zusammen.
Die tote Form wird in der Performation transgrediert, ohne in einem Absoluten
erlöst zu werden. Das, was wir erfahren haben, löst sich vielmehr ein. Aus
diesen Gründen konnte Bastian schlichtweg alle Kulturen schreiben. Er
scheiterte nicht in dem Wahn-Sinn, den ihm Kramer unterstellt, er scheitert, weil
Primitivism and Surrealism: Tauromachia and the Ethnographic Imagination. In: The World
of Music, Journal of the Department of Ethnomusicology, 40 (1), 1998:17-35; ders.,
„Jenseits“: Bataille und die Transgression des Sprechens über das Erotisch-Heilige. In:
Paragrana 7 (2), 1998:152-176; und siehe insbesondere in bezug auf Bastian den Text, dem
wir viel verdanken und auf den wir ausdrücklich hinweisen wollen, der jedoch anstelle von
Transgression die ältere Begrifflichkeit „Emanzipation“ benutzt: ders., Feldforschung als
emanzipatorischer Akt? Der Ethnologe als Vermittler von Innen- und Aussensicht. In: Kölner
Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Ethnologie als Sozialwissenschaft, hrsg. von
Ernst Wilhelm Müller, René König, Klaus-Peter Koepping und Paul Drechsel, Sonderheft
26/1984:216-239.
92
Siehe: Novalis, Das allgemeine Brouillon, Fragment 321 und Fragment 69, in: Schriften,
Bd. 3, hg. von Richard Samuel, Hans-Joachim Mähl und Gerhard Schulz, Darmstadt 19651968:251, 297: „Unser Geist soll sinnlich wahrnehmbare Maschine werden – nicht in uns,
aber außer uns.“
72
es in der Interferenz, d.h. in der raumzeitlichen Bedingung der Möglichkeit von
Erfahrung, nichts anderes geben kann als Scheitern. Gäbe es kein Scheitern,
würde nichts mehr geschehen. Bastians Schreiben mag jemandem wie Kramer93
arrogant erschienen sein, weil es so aussah, als ob Bastian alles verstünde,
wahllos und relevanzlos, und wer alles versteht, der wird von keinem
verstanden, weil er sich niemandem speziell mitteilt und zuteilt, sondern Teil
von allem sein will. Nun wollte Bastian aber gar nicht verstehen. Er wollte
registrieren, was kaum registriert wurde. Bastian spürte in der Tat nichts
anderem als Relevanzen hinterher, d.h. dem Anteil der Koeffizienz von
performativen Erfahrungen – im Text von uns accounts genannt, von Bastian
Völkergedanken – am Geschehen. Seine Schriften sind die inneren Monologe
des Geschehens, die quer zu den Verlautbarungen der offiziellen Geschichte von
der Ordnung der Dinge stehen. Bastians Schriften stehen quer zu den Diskursen
und Dispostiven der Geschichte, die die Entfremdung von der Entfremdung
anordnen, indem sie die interferentiellen Verkettungen der Dinge als einzige
Referenzquelle verleugnen.
In der performativen Erfahrbarmachung findet man nach Bastian den
Zugang zur eigenen Verstörung, indem sie zur Sprache kommt und anerkannt
wird. Das eine erhebt sich nicht mehr über das andere und klagt es des
Pathologischen an, sondern versucht, sich des Pathos einer Logik zu entledigen,
die sich für gesünder hält. Bastians Pathos94 rührt von der Möglichkeit von
Genesung her, aber nicht von der Arroganz einer eugenischen Selektion.
Entweder genest das Sein als Ganzes, oder es schießen nur mehr Metastasen der
Verstörung an. Echte Wahrnehmung ist Denken und mündet in die performative
Erfahrbarkeit, in den Ozean der Anschauungen, in dem man selbst nur ein
unruhiger Wellenschlag ist. Im passionierten Versinken in diesem Ozean klingt
93
Kramer 1981:80: „Bastians Schriften sind aber auf ihre Weise von einzigartigem Wert: Sie
sind ohne jede Verstellung der innere Monolog eines Weltreisenden in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts, der mehr Kulturen gesehen hat als irgendein anderer Mensch. Bastians
Wahn belegt das Scheitern seines Versuchs, durch die Sammlung den Verlust der
Gemeinschaft zu ersetzen. Bastian war überzählig, weil er allen Kulturen entfremdet war.“
73
das Leid des Seins, fließt die Melancholie des Seienden, schwingt das Denken
ins Werden ab.
Im Ozean der Dinge verwächst der Geist und verliert seine Singularität
und Rätselhaftigkeit. Der vereinzelte Mensch, der im Ozean der Dinge nicht
verwächst, bleibt sich ein Rätsel. Er ist sich selbst das Rätsel, niemand, keine
Instanz und kein Gott hat es ihm aufgegeben. Jeder Lösungsversuch erlöst nicht,
sondern reißt einem die Sinne aus dem Leib. Jeder Lösungsversuch hält den
Menschen vom Ozean der Dinge fern, indem er ihm die Mittel der
Erfahrbarmachung dessen, was ihn bedingt, raubt. Mit 70 Jahren konnte Bastian,
der trotzdem – auch ohne Hoffnung – nicht aufhörte, die Genesung für möglich
zu halten, deswegen nur in den Gesang eines anderen einstimmen, mit dem man
ihn höchstwahrscheinlich nicht in Einklang bringen würde. Bastian hatte aber
keine Scheu, dem Ozean näher zu kommen, auch wenn das hieß, die eigene
Aussichtslosigkeit, d.h. die eigene Unvollkommenheit, die eigene Lage, die
Lage des Menschen zu erkennen, um mit dem Erfahrbarmachen zu beginnen:
„Zwischen zwei Nichtsen
Eingekrümmt,
Ein Fragezeichen,
Ein müdes Räthsel,
Ein Räthsel für Raubvögel.“95
94
Siehe zu Bastians Pathos die Anmerkungen von von den Steinen 1905:239.
74
1. Einschnitt
Es irrt der Mensch, der zu verstehen glaubt. Der meint, er kenne den
Zweck des Seins, er wisse um die Schöpfung und den Schöpfer. Bastian klagt
solches Verständnis und Wissen der Hybris an. Wer sich als großer
philosophischer Kenner und Ausleger des Kosmos ausgibt und feiern lässt, ist
seiner Meinung nach blind und klein. Der stehe sich selbst im Weg. Dessen
Verstehenssysteme seien Outrierungen. Ausstülpungen. Umstülpungen. Der
projiziere sich aufs Ganze und erkläre das Ganze durch sich. Die outrierten
Beziehungen im Ganzen sind nach Bastian kontingent, so zufällig wie der
Philosoph, der gerade vermeint, den Kosmos gepackt zu haben. So zufällig wie
der Schöpfer, den er sich imaginiert. Den jeder sich ein wenig anders nach dem
eigenen Spiegelbild imaginiert. Jeder Mensch ein eigner Gott, der das göttliche
Wort aussprechen möchte, dass nämlich endlich Ruhe herrsche, dass es endlich
still sei und die Welt verharre in seinem Anblick. So dreht sich jeder um sich
selbst und läuft schneller und schneller um die Welt, die aus dem Blick fällt.
Aus dem Sinn fällt. Die verloren geht. Unter geht. Bastian sieht im Verstehen
und im Wissen um die Welt als Schöpfung einen Verlust der Welt. Sie kommt
abhanden. Der sich selbst outrierende Philosoph stellt sich außerhalb der Welt,
und die Welt geht ihm deshalb verloren. Er begreift nicht, dass er immer schon
das Zentrum der Welt war und ist, der Mittelpunkt des Kosmos; dass er eine
Verdichtung ist; dass sich Schwingungen96 trafen und etwas auslösten; dass
95
Bastian, Völkerkunde und Völkerverkehr, 1900:152. Bastian gibt, wie so oft, die Quelle
seines Zitates nicht an. Es stammt von: Friedrich Nietzsche und ist aus dem DionysosDithyrambos „Zwischen Raubvögeln“, in: KSA 6:389-392, der zitierte Passus steht auf S. 392.
96
MiG I:35f.: „Das bewegte Atom bildet die Schwingung, aus Schwingungen construiren sich
die physikalischen Kräfte, und Schwingungen werden wir auch zunächst festhalten müssen,
um, wie Schall, Licht, Electricität, so die Bewegung des individuellen Atoms, des Gedankens
zu erklären, indem wir es in seinen Operationen als aus Schwingungsreihen zusammengesetzt
75
etwas wuchs. Dieses Wachsen trägt seinen Grund in sich selbst. Sein Sinn
besteht darin, die Dissonanz der Schwingung, die der Auslöser des Wachsens
war, zu erkennen und wieder in Ordnung zu bringen, so dass die Schwingungen
sich ungestört verbreiten können. Eine jede solche Störung97 ist jeweils das
Zentrum des Kosmos, ein Bündelungspunkt gestörter Schwingungen. Im so
angeregten Denken – und nach Bastian denkt, wie wir sehen werden, auch das
Ding, die Störung ist das Denken und das Denken die Störung, und das ist der
Grund, dass etwas überhaupt entsteht und nicht vielmehr nichts ist – soll sich die
Lösung finden, die Störung zu beheben, damit die Schwingungen ungestört, in
Ruhe schwingen können.
Nach Bastian führt derjenige, der glaubt, er könne sich den Schwingungen
als Unbeschwingter entziehen, eine Insekten-, eine Ameisenexistenz.
Facettenhaft gebrochen ist sein Blick im unendlichen Nebeneinander98.
Unkonzentriert sieht er nicht die Verbundenheit in den Schwingungen, die sich
in ihm bündeln. Das Insektenauge sieht nicht die Störung, die es selbst darstellt,
um sich selbst in einer höheren Schwingung zu überwinden. In der
Insektenexistenz konstruiert sich der selbstüberhebliche Mensch eine Maschine,
um das auseinanderfallende Nebeneinander zu verbinden. Er sieht sich selbst als
Gott neben diese Maschine treten, nicht merkend, dass er sich dadurch der
handeln lassen. Das lebendige Denken muss die Materie in der Bewegung des Werdens
verstehen, die ihr ruhendes Bestehen in dem organischen Gesetze findet.“
97
MiG I:32: „So leicht eine rein mechanische Berührung des Baumstammes sein mag, sie
muss mit zwingender Nothwendigkeit gewisse Wirkungen erzeugen, die nicht nur für diesen
Körper, sondern für das gesammte Weltganze für ewig dauernd sein werden.“
98
Das menschliche Auge blickt zwar schon gebündelt, aber als ethnische Gruppe (Volk) steht
nach Bastian der Mensch noch auf der Stufe des Insektes, d.h. die einzelnen Perspektiven
stehen facettenartig unverbunden nebeneinander. Wie sich der Blick vom Insekt zum
Menschen bündelte, so muss es der der Gruppe tun. Die Gruppe ist noch insektenhaft.
Deshalb kann Bastian behaupten, dass der Mensch zugleich weiter als das Insekt ist und ihm
dennoch der Insektenblick noch eignet. Der Einzelne hat biologisch das fokussierende Auge,
blickt jedoch insektenhaft in die Welt, weil er, das Zoon Politikon, als Einzelne die
Zusammenhänge nicht erkennt, nicht erkennen kann (Bastian schließt sich da nicht aus), weil
er in falschen Zusammenhängen, i.e. den Outrierungen, befangen ist, deren
zentralperspektivischer Stil lediglich das Gegenteil beweisen soll. Zwar fokussierend bildet
sein Blick – wenn überhaupt – doch nur eine Facette ab. Bastians „deperspektierlicher“ Stil
versucht dem Rechnung zu tragen.
76
Maschine allererst übergeben hat, dass er sich damit in die Maschine begab, sich
zu einem Teil dieser Maschine machte, zu ihrer Unruhe, die die Maschine am
Laufen hält, und die deshalb läuft, um hoffentlich einst als Gott aus ihr heraus zu
treten. Nach Bastian ist, wie ich darlegen werde, die Geschichte genau diese
Maschine, in der der Mensch steht. Der Mensch in der Geschichte nannte
konsequent Bastian seinen ersten theoretischen Einschnitt, der Maschine zu
entkommen. Allerdings nicht, um sich als ihr Konstrukteur und Gott
auszustellen, sondern um sie als Illusion zu entlarven, um der Insektenexistenz
ewiger Unruhe, dem abgeschlossenen, unfruchtbaren aber emsigen Sich-imKreis-drehen zu entkommen. Bastian stellt dem erhabenen Schöpfer die
statthabende Mutterlauge, dem tiefstehenden Geschöpf den anschießenden
Kristall entgegen.99
99
MiG I:6: „In seinen Versuchen, die Welt durch Schöpfungs- oder Zweckmässigkeitstheorien
zu erklären, gleicht er [der Mensch; KPB] jener um die Zuckerdose kriechenden Ameise, die
unter ihres Gleichen gerne für einen Philosophen gegolten hätte. Welche Vorstellung kann sie
in ihren Facetten-Augen über die Verfertigung des Porzellans oder die richtige Gestalt der
Stube bilden, welche mögliche Ideenassociation über die Natur ihres Erbauers ableiten, wenn
nicht etwa, dass er eine wunderbar gigantische Ameise gewesen? Und dann, was kann sie
weiter wissen über das die Stube einschliessende Haus, was über den Garten, der sich hinter
dem Haus ausbreitet, was über die Stadt, in der es liegt, was über das Land, die Erde, das
Planetensystem, den Fixsternhimmel, was über den Kosmos? Und ist doch auch sie ein Theil
desselben, in der Unendlichkeit kein Unterschied des Grossen und Kleinen.“
Auf die offenkundigen Bezüge zu den Vorsokratikern, insbesondere zu der
Anthropomorphismuskritik des Xenophanes sei hier hingewiesen, kann aber aus
stringenzökonomischen Gründen nicht weiter eingegangen werden. Vor allem in: Das
logische Rechnen, 1903, finden sich allenthalben explizite Bezüge auf alle Vorsokratiker.
MiG II:11: „So lange in der Sprache die entsprechende Entwicklung abstracter Begriffe fehlt,
um durch generelles Zusammenfassen der Einzelheiten sich die Masse dieser übersichtlich
anzuordnen, wird sich der Wilde durch räumliches Nebeneinanderstellen der neu
hinzugefundenen Fetische immer mehr die Möglichkeit systematischer Betrachtung
abschneiden, je weiter er sich in ein Chaos zusammenhangloser Ansichten verstrickt. Für jede
neue Frage wird zunächst eine neue Antwort gefunden, und das Unbekannte in derselben
durch die Gottheit supplementirt.“
MiG I:39: „Während sich hier [beim Herabfallen von Gegenständen; KPB] das Warum noch
bis zu einer gewissen Stufe verfolgen lässt, häufen sich die Schwierigkeiten, die nothwendigen
Beziehungen zwischen der chemischen Zusammensetzung der Mutterlauge und dem daraus
entspringenden Krystallsystem in seinen stochiometrischen Verhältnissen, zwischen dem
Keime und der Pflanze oder dem Ei und dem Thier abzuleiten, aber bei der Krystallisation
geschieht nichts anderes, als dass sich durch die gegenseitige Anziehung der Molecule ein
nicht mehr der Schwerkraft in seinen kleinsten Theilchen, sondern nur in seiner Ganzheit als
solches unterworfenes Individuum bildet.“
77
Gedanken, Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen sind für Bastian nicht
unverbunden. In ihnen schwingt es gleich. Sie bilden eine Einheit. Dass sie
existieren und nicht vielmehr nicht, beweist für Bastian die Harmonie im
Kosmos und des Kosmos selbst. Gäbe es diese Harmonie nicht, bräche alles
auseinander. Das Denken schwingt in uns, wie es im Kristall schwingt. Der
Kristall kann sich den Schwingungen nicht äußerlich stellen. Der Mensch kann
sich das Denken nicht denken, er stellte es sonst fest, es endete, denken kann er
nur die Gedanken, die angeschossenen Störungen, das Abzunabelnde. Gebären
und Anschießen schwingen bei Bastian, wie ich noch genauer zeigen werde, in
Eins. Das Denken kann sich nur im Denken fortschwingen. Nur so hat es statt.
Nichts darf sich ihm in den Weg stellen. Trifft es auf ein fremdes Denken,
kommt es zur fruchtbringenden Störung, zur gebärenden Interferenz100. Die
Harmonie wird sich selbst in der Störung bewußt, wie sich der Leib nur in der
Störung gewahrt. Das Denken geschieht je. Nach Bastian müssen wir unser
Denken fortschwingen lassen, damit es auf fremdes Denken trifft und so
Kristalle anschießen, durch die das Schwingen bewußt wird, so dass das Denken
sich dem bewusstwerdenden Schwingen angleichen kann, gewissermaßen den
Weg zurück verfolgt, regrediert, damit es sich, wie Bastian sagt, zur Harmonie
abschwingt und in der Harmonie die Störung behebt. Der Mensch erkennt sich
als inhärenter Teil des Ganzen, der je schon geschieht. Die unruhige Aufregung
des Menschen, dem Ganzen zu entkommen, ist der Irrglaube des Menschen in
der Maschine, der sich so gerne zu einem Gott aufschwingen möchte, um sich
selbst zu retten. Der unruhige Mensch in der Maschine verhindert das
100
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:19: „Der unerer Mutter Natur, als (Bruno’s)
„kreisende Gebärerin“ – ehe ihr die Wehen kommen können (um aus der „Natura naturans“
hervorzutreiben) – erforderliche Befruchter hat in (Nic. Cusanus’) „docta ignorantia“ den
Agnostikern [bei Anonymität des (gnostischen) B"J¬k š(<[email protected] oder (b. Basilides) Ò ÏLi
ê< hg`H] als der „Unknown God“ (s. Thomson) sich entpuppt, der im anthropomorphischen
Procrustes-Bette verstümmelte ist längst zum alten Eisen geworfen (da bei teleskopischer
Durchspähung der Raumesweiten sein „Finger“ nicht auffindbar gewesen), und dass, bei
Verstummung der Orakel (s. Plutarch), der „Grosse Pan“ gestorben, war dem
vorüberfahrenden „Menschenschifflein“ zugerufen (durch des Schicksals Stimme). „Gott ist
gestorben, und sein Tod war das Leben der Welt“ (s. Mainländer).“
78
Abschwingen in die Harmonie, wo kein Anfang und kein Ende, keine
Abtrennung (Geburt) und kein Tod die unendliche Ruhe stören. Solange der
Mensch das Denken zu denken versucht, wird er sterben. Nur wenn er es
geschehen lässt und jeden Gedanken wieder durchdenkt, d.h. auf den Weg des
Denkens, ins Denken bringt, wird sich die Harmonie, das Nirvana, die
unendliche Ewigkeit einstellen. Der Mensch darf sich nicht erheben, in keinem
sursum corda nach Gnade flehen, um nur noch mehr das Leid anzuheizen,
sondern kalt und ohne aus der Ruhe zu kommen soll er das Denken sich in die
Harmonie abschwingen lassen. Er wird Teil des Ganzen, Teil der kosmischen
Harmonie. Der künstliche Zusammenhang der Geschichte ist durchbrochen, der
Facettenblick fügt sich in eins, die Mutterlauge wird einen wahrhaft zur Welt
bringen. Der Mensch in der Geschichte ist eine Fehlgeburt, an der der Mäeut
lernen kann, der Harmonie nicht den sich unendlich fortpflanzenden Schwung
zu nehmen, nicht mehr den Tod zu bringen. Bastian ist auf der Suche nach dem
verlorenen Schwung, durch den alles seine künstliche Bedeutung verlieren wird.
Als Teil dieses Schwingens brauchen wir nichts zu verstehen, brauchen wir uns
nicht zu erkennen, wir geschehen einfach und unendlich. Dann gäbe es keinen
Tod mehr, keine Komplikationen, die expliziert werden müssten. Das wäre eines
jeden Arztes Nirvana. Um das Abschwingen des Denkens zurück in die
Mutterlauge und die wahrhaft geschehende Harmonie in Gang zu bringen,
wurde der Arzt Bastian Ethnologe. Dem Sterben der Ethnien würde im
Abschwung zur Harmonie die Sinnlosigkeit der künstlichen, also illusionären
Sinngebung einer vermeintlichen Auserwähltheit durch einen Gott genommen.
Die Hybris des Verstehenwollens nähme ein Ende. Niemand müsste mehr
fragen, was da geschieht. Alles geschähe wieder einfach und unendlich. Die
Ameise wäre in der Zuckerdose angekommen und selbst zu Zucker kistallisiert.
Die Ameise hätte ihr Nirvana gefunden.
79
2. in statu nascendi
2.1. Die Mutterlauge
Im Anfang ist der Kosmos. Der Kosmos schwingt substanzlos. Aus den
Schwingungen erwächst die Substanz. Bastians vorläufige Metapher für den
Kosmos ist die Mutterlauge. In der Substanz steht das Mütterliche im Anfang.
Immer wieder. Einen einzigartigen Ursprung gibt es nicht. Kein Schöpfer schuf
einmalig die Substanz, die dann fortbesteht bis an ihr Ende.101 Die Substanz
entsteht aus der Störung der kosmischen Harmonie, sie ist das Produkt von
Interferenzen. Jedes Ende von Substantiellem bedeutet die Aufhebung einer
Störung. Durch die Störung und ihre Aufhebung dringt die hintergründige
Harmonie zunehmend in den Vordergrund. Sie kann der Substanz bewußt
werden. Das Chaotische des Substantiellen erkennt sich als Folge des
Harmonischen. Ohne letzteres könnte ersteres überhaupt nie entstanden sein.
Das Gegebene der Substanz ist Bastian hinreichender Beweis der Harmonie.
Wie könnte sonst etwas sein?
Bastians Kosmos ist folglich ein energetischer Kosmos, noch die
„Völkergedanken“102 sind zu substantiell, als dass sie wirklich etwas bedeuten
könnten, auch sie sind Träger- und Botenstoffe der Energiereihen, die wie
Wellen harmonieren oder Interferenzen bilden.
Jeder bedeutende Abschluss, der den Gedanken bewusst gegeben wird,
nimmt ihnen ihren Sinn, nämlich wieder in Harmonie sich aufzulösen; die
101
102
siehe zu dem Begriff „Mutterlauge“: Buchheit 1997:65ff.
siehe zu „Völkergedanke“: Buchheit/Koepping 2001
80
Harmonie zu Bewußtsein kommen zu lassen; sie nicht gedanklich in den
Hintergrund zu treiben.
Aus der Schwingung wird metaphorisch die Welle. Die Welle assoziiert
den Ozean. Im „Geschiebe der Assoziationen“103 deckt das Bild des Ozeans den
eigentlichen Kosmos ab. Vorläufig – wie nur je – ist Bastians Kosmos ein
riesiger Ozean der Energie, in dem alle Protuberanzen sich stets wieder
ausgleichen, wie jede Meeresunruhe unweigerlich wieder in die Totenstille einer
ruhigen See übergeht. Im Bild des Ozeans fallen das Bild des Bewegten und der
Ruhe in eins. Der Ozean ist dasjenige, was alles zugleich ist und alles allererst
hervorbringt. Jedes Auftauchen von etwas lässt seine Existenz vermuten und
beweist ihre Wirklichkeit in der Möglichkeit der Vermutung. Im Bild des
mütterlichen Ozeans zeichnet sich die coincidentia oppositorum des Nikolaus
von Kues ab.104 Gottvater wird zur mütterlichen See. Das Chaos des
Substantiellen verlangt die ars coniecturalis. Nur in dem Hinweis auf die
Harmonie haftet den Gedanken Bedeutung an. Innersubstantiell sind sie
bedeutungslos. Bastians Wissenschaft ist eine Vermutungswissenschaft. Er stellt
Vermutungen über das Statthabende an. Die Legitimation zu solchen
Vermutungen erteilt ihm die Notwendigkeit der Existenz der Harmonie. Sie
steht außerhalb jeder Debatte. Das Statthabende darf in seinem Stattfinden nicht
in substantiellen Bedeutungen aufgehoben werden. Jedes künstliche System,
jede hermeneutische Interpretation brächte das Statthabende zum Stillstand,
stellte es fest. Im Aufspüren von Gedanken versucht Bastian gerade jede
Feststellung aufzuheben, die Gedankenreihen in Schwingung zu versetzen, das
Denken wieder in Gang zu bringen, in dem es denkt und nicht im
Selbstbedenken sich selbst still stellt. Der geborene Gedanke hat sein Leben zu
leben. Darin liegt sein Sinn. Jeder innersubstantiell gegebene Sinn bedeutet eine
Sinnblockierung, einen gewissermaßen unnatürlichen Tod. Der Gedanke – oder
103
vgl. dazu: Buchheit 1997:83ff.
Nikolaus von Kues, De docta ignorantia; Bastian bezieht sich konkret in Das logische
Rechnen, 1903:133 auf Nikolaus von Kues und die „docta ignorantia“.
104
81
alles Seiende – kommt so nicht seinem Sinn zu. Bastians Wissenschaft beruht
darin, jede Feststellung aufzuheben.105 Zwar ist die Mutterlauge das Bild der
kosmischen Harmonie, doch in bezug auf alles Substanzielle ist sie der
eigentliche Grund alles gegebenen Seins. Hier stellt sie kein Bild und keine
Metapher dar. Die Mutterlauge ist das Verbindende und Verbindliche alles
Existierenden. Als tertium comparationis bedingt sie die Einheit des
Organischen106 und des Unorganischen. Gedanken, Licht, Menschen, Kristalle
u.v.m. lassen sich nur aufgrund dieser ihnen inhärenten Einheit erfassen. Die
Einheit wird gefasst in den Einzelheiten des Gegebenen. Die Gefasstheit des
Bestehenden entstand in der Störung der Harmonie. Sie darf also nur eine
vorläufige Gefasstheit sein. Der Sinn des Einzelnen besteht folglich darin, die
Fassung zu verlieren. Die jeweilige Fassung ist das Uneigentliche. Alles
Wahrgenommene ist nur die Metapher für die Einheit des Seins. Deshalb spricht
Bastian von Gedanken wie von Kristallen. Sie sind für ihn wesentlich identisch.
Das Anschießen ist ein Gebären, und jedes Geborene ist ein interferent
Angeschossenes. Die Chemie kann uns das Psychologische lehren, das
105
Auf Bastians Dialektik, die derjenigen Hegels verwandt scheint, werde ich in den
folgenden Kapiteln näher zu sprechen kommen.
Vgl. zu Bastian und Hegel: Buchheit 1997:75f.;
vgl. a. MiG I:106: „Im Menschen muss eben das Reich der sinnlichen Eindrücke beständig
selbst in eine geordnete Einheit zusammengefasst werden, harmonisch mit der körperlichen
Einheit des Individuums und im gegenseitig bedingten Causalnexus mit dieser, so die höhere
Einheit des Selbstbewusstseins darstellend. Ursprünglich wird die Nothwendigkeit des zu
bildenden Abschlusses dann auftreten, wenn ein besonders lebhafter Eindruck in die über dem
träumerischen Allgemeingefühl schwebende Schicht sinnlicher Vorstellungen gefallen ist, und
die Wogen ihrer gährungsfähigen Mutterlauge in gefährlicher Unordnung aufwühlt, bis diese
sich durch den anschiessenden Krystall des Selbstbewusstseins wieder zur Einheit eines
harmonischen Gesetzes abglätten.“
106
vgl. Bastian; Die Vorgeschichte, 1881:62 Anm. 1: „Die Einheit des Lebens ergiebt sich
aus der Tiefe und allseitigen Abhängigkeit, die alle Verrichtungen unter einander verkettet,
aus der innigen und mit Nothwendigkeit zweckmässigen Zusammenwirkung der einzelnen
Theile, die fortwährend von Einem Punkte aus alle Körpertheile beeinflusst, aus jenem durch
Ebenmaass, durch Freiheit, durch unverbrüchliche und innerste Nützlichkeit ausdrucksvollem
Bande, das aus dem Namen „organisch“ das ideale Beiwort geschaffen hat, mit welchem wir
Ordnung, Zusammenhang, Harmonie, Freibeweglichkeit, kurzum Lebensfähigkeit einer jeden
Schöpfung des menschlichen Geistes beilegen, den Gesetzen, der Kunst und allen Zweigen der
Wissenschaft (Moleschott). Der Sociale Organismus ist ein realer gleich den EinzelOrganismen der Natur (s. Lilienfeld). Alles und jegliches Leben ist Organismus (R. Schmidt).“
82
Organische das Anorganische. In der Mutterlauge gewinnt alles an Fassung und
aufgrund der Mutterlauge muss alles wieder die Fassung verlieren. Gedanken
wachsen wie Pflanzen107, Pflanzen wie Kristalle. Entsprechend müssen sie
behandelt und analysiert werden. Menschen, Menschengruppen, Gesellschaften,
Ethnien, Völker oder die Menschheit lassen sich durch die Erkenntnisse der
Chemie erklären.108 Das Quid pro quo legitimiert sich durch die Einheit alles
einzeln Gegebenen. Wäre dem nicht so, ließe sich nicht erkennen. Selbst die
Vereinzelung könnte nicht erkannt werden, da jede Differenz ein Gemeinsames
braucht, von dem aus sie sich entfaltet. Alles stammt aus derselben Mutterlauge.
Die Mutterlauge kann nur das Prinzip des Substantiellen sein. Alle Substanz
wird geboren, ist je in statu nascendi.
Anorganisches stirbt im Augenblick seiner Geburt, doch schwingt der
Grund seiner Existenz in ihm fort. Der Tod bedeutet nicht sein Ende. Die Geburt
nicht seinen eigentlichen Anfang. Die Zeit seines Bestehens ist die Dauer der
107
vgl. Bastians raumsemiotische Versinnbildlichung des Gedanklichen, wie es in Buchheit
1997:11ff. dargesteltt wird; siehe a. MiG I:61f.: „Auch im Schlafe werden die in den
electrisch-chemischen Processen des Organismus frei werdenden Kräfte zum Gehirn geleitet,
aber das Existenzgefühl beruht dann nur in dem einheitlichen Bestehen eines vegetirenden
Pflanzenindividuums, über welchem die traumartigen Vorstellungen losgelöst und
bedeutungslos schweben, wie der Duft über der Blume. In der galvanischen Batterie liegen
die Kräfte latent (obwohl sie sich immer durch allmählige Zersetzung des materiellen
Substrates graduell erschöpfen würden), bis durch die Schliessung eine, höheren Zwecken
dienende, Fernwirkung eintritt. Wenn wir in diesen Fällen die Schliessung immer nur durch
den willkürlichen Eingriff einer Persönlichkeit vermittelt sehen und aus ihrem Hinzutreten
auch am leichtesten erklärt finden, so bieten schon die sich selbst regulirenden Maschinen
(durch weiteres Hinausschieben der bewegende Ursache) die gesetzlichen Analogien (welche
wir im organischen Wachsthum der Zellgebilde verwirklicht sehen), weshalb für unser in
Raum und Zeit befangenes Auge sich die letzten Ursachen in die Harmonie des Kosmos
auflösen müssen.
[...]
In den Bewegungen der organischen Kräfte, in den Lebenserscheinungen der Pflanzen liegen
alle die Keime, deren man bedarf, um sich im harmonischen Zusammenhange die Seele des
Menschen (an der Spitze des Thiereichs) zu construiren, und das Entwicklungsprincip selbst
lässt ihre Fortbildung in dem Jenseits ahnen, zu dem die Wesenheit jener führt.“
108
vgl. MiG I:323: „Basische Salze verbinden sich mit keinen weiteren Basen oder
übersäuerte mit keinen Säuren, wirken vielleicht selbst zersetzend, während sie unter
entsprechenden Mischungsverhältnissen die lebhaftesten Wechselverbindungen eingehen
werden. Je nach den Verhältnissen der auflösenden Säuren schiessen in einer kohlensauren
Kalkerde-Lösung prismatische Krystalle von Arragonit oder rhomboëdrische von Kalkspath
an, und je nach den physicalischen Localitäten erwächst der Mongole oder der Neger.“
83
Gefasstheit der Schwingung. Die Schwingung wird eine gewisse Zeit in der
Materie gehalten. Deshalb kann man sagen, dass die Materie eine einzige
ausgedehnte Neugeburt darstellt. Im Ende der Materie endet die Geburt. Die
Materie ist dasjenige, was die Schwingung verbirgt, sie aber zugleich vermuten
lässt. Nur in der Materie können wir die Schwingung erkennen, d.h. nur in der
Absonderung, in der materiellen Vereinzelung wird die Schwingung fass- und
erkennbar. Gerade dort, wo sie aufgehoben scheint, zeigt sich ihre menschliche
Existenz. Der Mensch, selbst eine materielle Ausgeburt, kann nur so die eigene
Bedingung seines Seins erkennen. Jedes Erkennen bedingt selbst eine neue
Geburt, gebärt ein neues Ding. Jedes Erkennen verursacht eine Interferenz in der
Mutterlauge, eine Absonderung, einen Ausnahmezustand. Der Mensch kann
diese Zustände nicht beherrschen, da er selbst ein solcher Ausnahmezustand ist.
Er müsste folglich sich selbst beherrschen, und als Beherrschter kann er nicht
zugleich Herrscher sein. Nur in der Hingabe an die Ausnahmezustände erfüllt
der Mensch den Sinn des Seins. Für Bastian bedeutet, wie wir sehen werden, die
Wissenschaft eine solche Hingabe an das zeitliche Sein, um mittels Analyse es
von seiner Fassung zu befreien, die Ausnahme zu beheben, sich selbst in
Harmonie aufzulösen. Die Materie hat den Sinn, die Mutterlauge selbst von
ihrer materiellen / mütterlichen Verfasstheit zu befreien, um die harmonischen
Schwingungen gewähren zu lassen. Nur so kann der Mensch die Abnabelung
von der Mutter vollziehen und zur Welt kommen, die bei Bastian Kosmos heißt.
Solange die materielle Verfasstheit nicht aufgehoben wurde, ist das Gebären
nicht zu Ende. Alle Materie ist folglich der Beweis, dass sie stets nur in statu
nascendi existieren kann.109
109
vgl. MiG I:56: „ Der Unterschied organischer Naturkörper von den anorganischen beruht
zunächst darauf, dass der Krystall im Moment des Lebens seiner Anschiessung auch stirbt,
aber dann noch für längere Zeit im passiven Verhalten gegen die zersetzenden Einflüsse der
Aussenwelt fortzubestehen vermag, während bei der Pflanze der Process des bildenden
Lebens während ihres ganzen Bestehens fortdauert, da sie mit seinem Aufhören sogleich in
ihre Teile zu zerfallen beginnt, den Typus des Individuums verlierend.“
vgl. MiG I:359: „In jedem Momente seines Daseins schliesst sich das Ich, die Spitze des
Selbstbewusstseins ab, und im nächsten Momente schiesst ein neuer Krystall an.“
84
Das Schwingende, Wellende, das Leuchtende, das Irrlichternde, das
Auskristallisierende, das Gebärende und das Lebende „funktionieren“
homolog110, auch wenn „das Funktionierende“ das fundamental Verschiedene
des Genannten ist. Das Funktionierende ist das Künstliche, die Maschine, die
der Mensch in blinder Verkennung des Gegebenen versucht zu bauen, um das
Gegebene imitierend zu beherrschen. Alles Funktionierende ist für Bastian ein
Künstliches, ein Falsches, eine Hemmung und Blockierung der Schwingungen.
Bastian deckt keine Imitationen auf, sondern im Sichtbaren wie im
Unsichtbaren, im Großen wie im Kleinen ist die Einheit die notwendige
Bedingung der Existenz. In der Analyse können wir von der Identität des
gegebenen Verschiedenen ausgehen. Jede gemachte Synthese würde diese
Identität leugnen und das Erkennen verunmöglichen. Synthesen imitieren den
status nascendi der Materie. Sie zeugen nach Bastian lediglich Homunkuli,
Trugbilder und Illusionen, wie wir in dem Kapitel über den Dualismus aufzeigen
werden. Noch mehr: Synthesen erzeugen den Dualismus, die Trennung, die
Gefasstheit, die Gefangenschaft in der Zeit, kurz: die Dauer. Die Andauer der
Materie verhindert den Abschluss des Geburtsvorgangs, den Eingang ins Leben,
das Fortschwingen der Gedankenreihen, das harmonische Schwingen. In der
Allmachtsphantasie des Selbstschöpferischen der Synthese wird die notwendige
Analyse des Bestehenden verhindert. Großes kann so nicht mit Kleinem, der
Mensch nicht mit dem Kosmos verglichen werden. Die Wissenschaft wäre
sinnlos. Weil jede Synthese eine Geschlossenheit bedeutet, vermag sich die
synthetisierende Wissenschaft nicht dem Kosmos zu öffnen und bläst sich selbst
zum einzigen Kosmos auf. Nichts wird erkannt. Jedes Einzelne ist für Bastian
110
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:40: „Indem was in der Gravitation durchwellt (aus
undulirenden „Wave-Theorien“) den dem anthropischen Einblick zugänglichen Ausschnitt
eines Universums oder (soweitigen) „Totum“ zusammenhält (kraft der Schwere Kraft, aus
„Distanzenergie“), fortwellt in analogen Vibrationen, die bei (Chladni’s) Klangfiguren (des
Eidophon) in kristallinisch-biologischen Umrissen spielend und tönend, bei Wärme und Licht
nicht nur, sondern auch in der Electricität (s. Maxwell) für messbare Merklichkeit ein
hypothetisches Medium untergeschoben erhalten, an Stelle des materiell luftigen Substrats, so
85
das Zentrum, das die Offenheit und Unendlichkeit des Kosmos beweist, zu dem
wir als integrale Bestandteile gehören. Nur in der zentralen Offenheit bekommt
der Mensch und das Erkennen für Bastian einen Sinn. Maschinelle Synthese, sei
es in der gesellschaftlichen Verfasstheit, sei es in der Systematisierung eines
angeblichen Verstehens, produziert nach Bastian Unsinn. Nur in ihrem
phänomenalen Charakter dürfen solche Produkte erfasst werden, um sie ihrer
Sinnlosigkeit zu entledigen und die sinnhafte Identität aufzuzeigen. Synthese ist
folglich die Hybris des Menschen, selbst Sinn produzieren zu wollen. Doch nach
Bastian denkt der Mensch nicht, es denkt in ihm111: die Identität des
Kosmischen.112 Jedes „ich denke“ ist eine Anmaßung, eine
Selbstüberheblichkeit, eine Selbstgottsetzung. Jedes Einzelne, also auch jedes
Ich, ist für Bastian an sich sinnlos. Nur aufgrund der Mutterlauge, bzw. der
kosmischen Harmonie kommt ihm Sinn zu. Es ist nichts Geschaffenes, sondern
Ausgeborenes der Mutterlauge, Eingeborenes der Interferenz der Harmonie.
Jede jeweilige Interferenz ist kontingent. Sie geschieht. Sie geschieht, um sich
selbst aufzuheben. Das ist ihr Sinn. Dass sie geschah, ist sinnlos, ist zufällig. Ein
zufälliger Einfall. Es trug sich zufällig zu. Es geschieht. Der Grund liegt nicht in
der Materie selbst. In der Materie kann die Kontingenz nicht aufgelöst werden.
Auch kann man nicht aus der Materie heraus treten, man muss sich in ihr
geschehen lassen. In seiner Selbstüberheblichkeit erträgt der Mensch die
mag der damit abgeknüpfte Leitungsfaden weiterhin ausverfolgbar sein (bis in die Regionen
„intelligibeler Welten“).“
111
vgl. Buchheit 1997:46ff.; vgl. a. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:104: „Wie in
normativ angelegten Sinnesorganen nicht, was wir wünschen und wollen, gesehen wird,
sondern dasjenige nur, was aus „Impressionen“ objectiv äusserer Reize aufgedrängt ist, so
denken nicht wir (oder in dem „Wir“ das jedesmal egoistische „Ich“), sondern „Es“ denkt in
uns (das Etwas eines Aliquid); wenn im Gesichtskreis der „Visio mentis“ lautlich umkleidete
Anschauungsbilder sich manifestiren (dem „Oculus rationalis“, aus vernunftgerecht
einwohnender Rationalität).“
112
vgl. MiG I:103 FN: „Die Spinngewebe-Fäden sind ungefähr das Feinste, das ein normales
Auge in der Natur erkennt, wogegen die durch den Einfluss der Sonne oder des Feuers in den
Sauerstoffmassen der Luft gezogenen Krystallreihen eben nur als das Licht selbst empfunden
werden. Die Geschwindigkeit der Lichtwellen ist die höchste, die von einem menschlichen
Sinne noch als solche aufgefasst wird, denn die darüber hinausgehende der Electricität ist
86
Kontingenz seiner Existenz nicht. Sie soll eigenständig Sinn haben. Für den
Menschen ist die eigene Existenz alles und so kann auch nur ein aufgeblasener
Mensch für den Menschen alles umfassen. Jemand, der zugleich alles ist und
doch alles auch geschaffen hat. In Gott versucht der Mensch sich der eigenen
Kontingenz zu entledigen. In Gott versucht der Mensch das Störende
unerklärlicher Ereignisse zu entsorgen. Gott soll der Zusammenhang sein, der
allem einen Grund gibt, indem er alles zugleich ist. Somit wäre der Mensch
zugleich das Geschaffene und der Schöpfer, der Beherrschte und der Herrscher:
der Mensch wäre Gott und Gott ein Mensch. Und der Mensch darf sich dennoch
nicht für einen Gott halten, der Gott muss als Mensch sterben. Daher die Schuld,
das Jammern, das Klägliche, die Verharrung und Paralyse. Nach Bastian hat sich
der Mensch in der Zwickmühle der eigenen Überheblichkeit fest gestellt. In
seiner Sehnsucht nach sinnvoller Stabilität setzte sich der Mensch der eigenen
Illusion gegenüber in die Schuld. Da er sie nicht begleichen kann, wie denn
auch?, setzt er sich als ewig schuldig fest und sondert den Schuldner als deus
absconditus ab. Der Kosmos ist auf ewig, hebt man die Feststellung der Schuld
nicht auf, zweigeteilt, getrennt: uneins. Die Harmonie kann nicht fließen.113
Daher musste Bastian sich zwangsläufig mit Religionen und
Religionswissenschaften beschäftigen. Ich werde darauf zurückkommen.
Religionen bedeuten für Bastian in ihren künstlichen
Rückbindungsversuchen Strangulationen. Seinen Geburtsmetaphern114 – immer
und immer wieder spricht er von der Mutterlauge – entsprechend heißt das, dass
Rückbindungsversuche jeglicher Art, sei es die Hybris eines Gottgeschaffenen,
sei es das Anmaßende künstlicher Verstehenssysteme, das Geborene
strangulieren. Sie geben ihm gewissermaßen nicht den notwendigen Klaps zum
nur noch als allgemeiner Stoss (ohne Möglichkeit typischer Specifizirung) aufgefasst zu
empfinden und wirkt leicht gänzlich zerstörend.“
113
vgl. MiG II:16: „Es ist das psychologische Bedürfnis, das die Völker stets zu gläubiger
Hingebung geführt hat und immer wird führen müssen, so lange man den Gedanken als ein
stabil Gewordenes anschaut, statt ihn, als ein lebendig Werdendes, in statu nascendi
[Hervorh. KPB] zu erfassen.“
114
siehe z.B. MiG I:13, wo Bastian von der Geburt der Begriffe spricht.
87
Schrei. In der gefassten Rede erstickt das Geborene. Aufgrund einer Störung der
Mutterlauge angeschossen muss das in die Vereinzelung Geborene sich
vielmehr fassungslos der Existenz hingeben, d.h. der Störung. Das Geborene ist
sich selbst seine eigene Ursache. Seine Existenz die Störung.115 Die
Auseinandersetzung mit dieser Störung heißt Bastian „Geschichte“. Solange der
Mensch in der Geschichte steht, stört er die Harmonie. Folglich ist auch die
Geschichte die Ursache ihrer selbst. Der Sinn der Geschichte liegt in ihr selbst
und gründet in der Mutterlauge. Geschichte ist die Ausgeburt der Mutterlauge.
Geschichtswissenschaft kann folglich nicht den eigenen Grund, nur das eigene
Werden konstatieren. Das Wesen der Geschichte, die gestörte Harmonie des
Kosmos, erkennt sie erst an ihrem Ende, wenn jede Störung einfach behoben
sein wird.116 Sie könnte es an ihrem eigenen Verlöschtsein erkennen, bestünde
sie dann noch. Ihr Sinn besteht im Verlöschen. Im Lichte ihrer Erkenntnis war
nämlich die Welt in Brand geraten. Aber das Prinzip „Verbrannte Erde“ darf
nicht, niemals und niemals wieder, Sinn einer Sache sein. Ein Sinn, ein
Fortkommen, kann erst entstehen, wenn dieses Licht endlich gelöscht wird.
115
Spekulationen über Bastians eigene Kinderlosigkeit und bewusst gesuchte Vereinzelung
ließen sich hier anstellen, sollen aber dem psychologischen Denkvermögen des Lesers
überlassen bleiben.
88
2. 2. Das Anschießen der Geschichte
2. 2. 1. Raum und Zeit
Der erste Mensch117 kannte weder Raum noch Zeit. In Einzelteilen nahm er
die Welt wahr. In den Teilen erkannte er kein Verbindendes und folglich auch
kein Trennendes. Gleichgültig lagen sie vor. Sie bildeten Facetten. Der erste
Mensch, obwohl nicht facettenäugig, sah wie ein Insekt. Er ist die Zuckerdose
umkreisende Ameise. Zwar mag es mehrere Menschen geben, doch jeder von
ihnen muss die Umwelt für sich alleine entdecken. Der erste Mensch kennt noch
keine Kommunikation, nimmt sich nicht als das Zentrum wahr, von dem aus es
sich sprechen ließe, auch nicht illusionär. Noch hat er das Eigene nicht in die
Weite projiziert. Unverbunden steht er den Einzeldingen gegenüber. Bastian
heißt ihn den „Wilden“ kat exochen. Erst der gedankliche Austausch mit
anderen wird ihn zähmen. Im gedanklichen Austausch wird er sich als Teil der
Welt und als Teil einer Gruppe verstehen lernen. Der Wilde steht nicht in der
116
vgl. MiG I:60: „Die Einfachheit des Seins im Processe des Werdens, die bewegte Monade,
ist als Ausgangspunkt zu nehmen. Die Besprechung ihrer Wesenheit kann nicht der Anfang
der Untersuchung sein, sie darf vielleicht an ihrem Ende versucht werden.“
117
Immer wieder, verstreut über MiG I-III, erwähnt Bastian einen „Wilden“, der den Dingen
der Natur (einem Baum, einem Tier etc.) begegnet und der sich ganz für sich und auf sich
gestellt die Umwelt erschließen muss.
Exemplarisch sei hier genannt: MiG I:105: „Er [der „Wilde“, der einen Baum sieht; KPB]
nimmt den Eindruck in sich auf. Die verdaute [man achte schon hier auf die Metapher aus
dem Bereich des Körpers und insbesondere der Peristaltik, welchem in weiteren Verlauf der
Arbeit noch eminent an Bedeutung zukommen wird; KPB] Perception wird als Apperception
assimilirt. Aber schon findet sich die Anlage zur Baumvorstellung in seinem Gehirne. Die
neuen Schwingungen regen die verwandten vorhandenen zur Association (nach nothwendigen
Affinitätsgesetzen) an. Es liegen die sinnlichen Vorstellungen Knospenbaum, Blumenbaum
neben einander, aus beiden fällt als Drittes die des Baumes nieder und wird in der Sprache,
als solche, aufgefasst und festgehalten, während dem Thiere die Möglichkeit zu solcher
89
Geschichte. In der Begegnung mit einem Ding tritt die Geschichte an ihn heran.
Er beginnt, die Umwelt zu verstehen, wie er meint. Er konstruiert sie sich, er
tätigt den ersten Griff zum Bau der Maschine, die durch ihre Ausarbeitung den
Raum zeigt, und die durch ihr Funktionieren, durch ihr Takten die Zeit anfangen
lässt. Eine substantielle Reihe hat sich in Gang gebracht, eine Störung nimmt
ihren Lauf. Der erste Mensch verbindet sich in der eigenen Illusion mit seiner
Umwelt. Eigentlich getrennt schafft er in der Illusion Gemeinschaft, indem er
sich mit den anderen über die Illusion einig wird. Die Menschen meinen, sie
verstünden die Welt und sie könnten nun anfangen, sie sich untertan zu machen.
Noch ist die Welt bedrohlich, noch muss es ein böser Gott oder Geist gewesen
sein, der sie geschaffen hat. Denn der erste Mensch erkennt, dass das Erkennen
unmittelbar das Erkennen von Gefahr bedeutet. Gerade angekommen kann er
sofort wieder ausgelöscht werden. Im Beginn der Dauer wird dem ersten
Menschen bewußt, dass er keine Dauer hat, dass er jeden Augenblick seines
Lebens erkämpfen muss, dass er den bösen Geist gnädig stimmen muss, um ein
wenig Dauer zu erhalten. So glaubt er zu verstehen, dass er völlig ausgesetzt ist,
aber dass er mittels des Verstehens die Ausgesetztheit in die Setzung der
eigenen Herrschaft umwandeln kann, indem er das Erkannte in machtvolle
Satzungen umsetzt. Der erste Mensch bespricht die Welt, um sie zu bannen und
um den bösen Geist für sich einzunehmen. So verliert er seine Unschuld und
gewinnt Raum und Zeit. In den Satzungen steckt er sein Territorium ab, und in
den erzählten Mythen überlistet er die Zeit und schafft sich Dauer. Er initiiert
dadurch künstliche Genealogien und setzt andere als seine Nachfolger ein. So
werden die anderen keine ersten Menschen mehr sein, sondern Menschen, die
innerhalb des künstlich Gemachten leben, die innerhalb eines Konstruktes, einer
imaginären Maschinerie, einer Maschinerie des Imaginären leben, deren
Funktionieren ihr Leben sichern soll, und deren funktionelle Unruhe sie, weil sie
angeblich ihr Leben sichert, zum guten Geist machen, zum Gott, der in die
Zusammenfassung abgeht, und sich deshalb sein Empfänglichkeitsvermögen bald erschöpfen
90
Maschine gefahren ist, der aber auch jeder Zeit aus ihr hervor treten kann, um
explizit in das Lebensgeschehen helfend einzugreifen. Die Nachfolger des ersten
Menschen, die „anderen“, die, die in der Maschine leben, schufen sich den deus
ex machina118, der den bösen Geist bezwingt. Der böse Geist wollte dem
Menschen keinen Raum und keine Zeit gewähren. Doch der Mensch schuf sich
seine eigene Geschichte. Glaubte er zumindest. Nach Bastian hingegen wurde in
der Begegnung des ersten Menschen mit dem Baum eine Interferenz ausgelöst,
die Wellen schlug, die sich in Wellenkämmen und Wellentälern fortpflanzten.
Eine Zweiteilung, ein Dualismus war durch die Unruhe entstanden. Bastian
nennt diese Wellen oder Reihen Assoziationen.
Bastian bemerkt nicht den Widerspruch von Ondularbewegungen und
Korpuskelausstoßungen. Die Reihen pflanzen sich bei ihm fort wie Wellen, aber
auch wie Dominosteinchen: ein jedes stößt das nächste an, so dass es umfällt.
Doch auch hier haben wir den Dualismus von Stehend und Gefallen. Wichtig ist,
dass die ursprüngliche Störung, die Konfrontation durch die Reihenbildung
Gegensätze schafft. Diese Gegensätze erzeugen die Spannung, die die
Bewegung forttreibt, sie erzeugt ein Oszillieren, und sie wird, wie wir noch
sehen werden, mit dem actio und reactio eines Uhrwerkes identifiziert werden.
Eine Spannung hält die Unruhe in actio und reactio in Gang. Das Uhrwerk, die
Maschine funktioniert. So erhält der Mensch die Zeit, die er braucht, um den
Raum urbar zu machen. Das Uhrwerk ist die Geschichte, in der der Mensch
muss, da es immer Weiteres zu Weiterem mechanisch hinzuaddiren müsste.“
118
vgl. Bastian, Ideale Welten, Bd. I, 1892:193: „ „Die Lehrer der mechanischen Erzeugung
des Weltbaues leiteten alle Ordnung, die sich in demselben wahrnehmen lässt, aus dem
ungefähren Zufall her, der die Atome so glücklich zusammentreffen liess, dass sie ein
wohlgeordnetes Ganze ausmachten“ (s. Kant), aber „die Materie, die der Urstoff aller Dinge
ist, ist an gewisse Gesetze gebunden“ („einer höchst weisen Absicht unterworfen“); „es ist
ein Gott eben deswegen, weil die Natur auch selbst im Chaos nicht anders, als regelmässig
und ordentlich verfahren kann“ (1755).“; ders., Das logische Rechnen, 1903:132: „Der in
deductiven Zeitläuften, unter einer übergestülpten Glasglocke (s. Kosmos)
anthropomorphisirte Welturheber, der als Macher (Karta) seine Welt sich gemacht
(geschnitzt oder geknetet) hat (unter demiurgischer Kunst), ist seit heliocentrischer Reform
des Weltsystems seines Amtes enthoben, weil zu derartig krassen Absurditäten verzerrt, dass
eine „docta ignorantia (s. Nic. Cus.) längst auf ihn verzichtet hat (im „Maximum“ und
„Minimum“ des Universum).“
91
steht. Homo in machina. In der Maschine ist es der Mensch selbst, der durch
seine ständigen Begegnungen mit der Umwelt die nötige Unruhe erzeugt, die die
Maschine funktionieren lässt. Nach Bastian kann der Mensch Raum und Zeit
nicht wahrnehmen, sondern er erzeugt sie in der Wahrnehmung, in der
Begegnung, durch die Störung. Die Angst119, die in der Wahrnehmung und in
dem vermeintlichen Verstehen der Umwelt entsteht, schafft das Mittel, vor der
Angst davon zu laufen und durch das Laufen die Angst zu besiegen. Im Laufen
glaubt der Mensch zu wachsen, in der Unruhe glaubt er auf die Ruhe hin zu
rennen. Im Laufen, in der Angst entsteht dem Menschen der Gedanke, dass das
Laufen und die Angst ihm a priori gegeben seien, dass er sie a priori
wahrnehmen und verstehen könnte, und dass er deshalb laufe, und dass die
Unruhe sein Eigentliches sei und die Maschine seine Heimat, und dass er sich
hier einrichten müsse und niemand seine Unruhe stören dürfe, dass alle
mitmachen müssten. Ethik und kategorische Imperative entstehen. Bastian
erklärt Kant als Produkt einer Schwingung und dessen Werk als eine Illusion.120
Kants Aprioris sind für Bastian keinesfalls zeitlos, sondern stehen in der Zeit, in
der Geschichte, in der Maschine und lassen sich als ein „Differential der Ruhe“
hinreichend erklären. Für Bastian hielt Kant lediglich die Uhr am Laufen, schuf
119
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:142: „In die Geräthsel des Daseienden einverkettet
(aus „Concatenatio rerum“) findet des Denkwesens Denkgeist im Animal rationale (von
Massenhaftigkeit des Unbekannten überwältigt) den aus dem Dunkel unergründlichen Tiefen
grausig auftauchenden Gespenstern, die mit höhnisch angrinsendem Fragezeichen (an der
Stirn) ihn umstürmen, rathlos sich gegenübergestellt, starr und stumm. „Das Schweigen der
Unendlichkeiten erschreckt“ (s. Pascal): die Hinschau des Auges (am „Augenthier“), das, um
der von umhertastenden Fühlfäden empfundenen Pein zu entgehen, in sein
Schneckenhäuschen sich verkriecht (nach Politik des Vogel Strauss).“
120
zu Bastian und Kant vgl. Koepping 1981; dasGupta 1991. Ich werde auf Bastians
Auseinandersetzung mit Kant gelegentlich zurück kommen, wenn es notwendig ist, um
Bastians „Modell“ des Kosmos zu verdeutlichen. Aber es ist hier nicht der Ort, um die
Relation Bastian – Kant in extenso aufzuarbeiten.
vgl. MiG I:348: „Der Begriff des Raumes ist dem Menschen durch das Auge selbst gegeben.
Da sein Sehfeld ein beschränktes ist und alle Dinge, die gesehen werden, in dasselbe
hineinfallen müssen, so werden sie innerhalb des Raumes aufgefasst. Sein Begriff ist weder a
priori noch a posteriori, weder ein Früheres noch ein Späteres, sondern ein in dem
jedesmaligen Zeitmoment der Gegenwart fallendes, in ihm beständig im Werden
verschwindendes Differential der Ruhe. [...] Durch die Sinnesanschauung können Raum und
Zeit nicht gegeben werden, aber sie liegen in der Sinnesauffassung selbst.“
92
die nötige Unruhe, um die Illusion von Raum und Zeit aufrecht zu erhalten.
Kants Aprioris sind für Bastian Zeichen der menschlichen Hybris,
selbstermächtigende Satzungen, die angeblich die Zeit beherrschten. Ein
Ameisendenken. Bei Kant werde Gott nicht mehr als aufgeblasener Mensch
imaginiert, sondern als Ensemble aufgeblasener Kategorien des menschlichen
Gehirns. Diese Selbstermächtigungen trieben zu gegebener Zeit die
notwendigen Schwingungen an, müssten aber schließlich in dem Moment fallen
gelassen werden, wo sie die Schwingung nicht mehr fortlaufen ließen, sondern
Hemmnisse bedeuteten, d.h. neue Störungen entstehen ließen, neue Dualismen,
neue Reihen, womit das Ziel einer Reihe, nämlich einst in höherer Harmonie
sich zu beruhigen, in weite Ferne rücke. Die Schwingung darf nicht gespalten
und zerstreut werden. Es dürfen gewissermaßen nur Originalschwingungen,
Schwingungen erster Ordnung generiert werden: natürliche Schwingungen, die
im Betrachten der Welt entstehen, im Kontakt des Auges mit der Welt. Nur die
Empirie löst Schwingungen erster Ordnung aus. Schwingungen zweiter
Ordnung sind selbstermächtigt produzierte Verwirrungen, die sich selbst
kategorische Klarheiten nennen. Der Mensch denkt, er schwinge. Doch „es“
kann nur schwingen, und der Mensch kann sich nur der Schwingung hingeben,
die er durch sein bloßes Dasein in der augenblicklichen Wahrnehmung des
positiv Vorhandenen erzeugt. Ex negativo oder ex nihilo gedanklich produzierte
Spekulationen führen nicht zum so notwendigen Kontakt mit dem Konkreten.
Spekulationen begegnen gewissermaßen nichts und niemandem. Sie treiben die
Materie nicht voran in Richtung Harmonie. Spekulationen sind deshalb keine
Erhebungen über das Materielle, sondern Blindheiten. Lediglich positive
Empirie lässt die Gedankenreihen ins Offene sich fortschwingen, lässt darauf
hoffen, dass die Dualismen sich einebnen und die harmonische Ruhe sich
einlöst.
Und noch einmal zurück.
93
Wie entstehen nach Bastian in der Positiven Empirie Raum und Zeit? Das
„facettenartige Nebeneinander“121 ist nämlich noch nicht die Wahrnehmung des
Raumes. Bastian konstruiert einen pivotalen Punkt, den der erste Mensch
überschreiten muß. Im Überschreiten „kippt“ er in Raum und Zeit hinein. Sie
entstehen nicht nacheinander und auch nicht das eine aus dem anderen. Doch ist
es exakt dasjenige, was der Mensch in der Geschichte denkt. Er transformiert
das Nebeneinander in ein Nacheinander, und das Nacheinander in eine
Kausalität, auf die sich verstehend einwirken, die sich virtuell imitieren lasse.
Man muss bei Bastian stets die „natürlichen“ und „künstlichen“ Gedankenreihen
auseinander halten. Je stellt sich die Frage, wer spricht: ob es nun ein Gedanke
Bastians ist oder einer der besprochenen Figuren. Rede und erlebte Rede
schwingen bei Bastian ineinander, was zu Verwirrungen bei seinen Interpreten
führte, nämlich zu der Annahme, Bastian könne die eigenen Gedanken nicht
sortieren.122 Dabei gibt er sich vielmehr den Gedanken der anderen hin und
postuliert in der Hingabe die Hingabe selbst als seine Methode der Positiven
Empirie. Er versucht den statthabenden gedanklichen Schwingungen sich
anheimzugeben, um durch sie hindurch sich zu schwingen, geschwungen zu
werden, damit sie enden und die Unendlichkeit der Harmonie beginne, dereinst,
wenn alle Interferenzen wieder in die harmonische Schwingung sich
einschwängen. Vorher muss aber dafür gesorgt werden, dass die
Gedankenreihen der Menschen, der Völker nicht in künstlicher Zerstreuung
verfallen, sondern auf das Elementare der Schwingung erster Ordnung
hingeführt werden. Die Gedankenreihen dürfen nicht haargespalten werden, sie
müssen sich zu Ende denken dürfen. Sie müssen sich auf ihren elementaren
Ursprung in der positiven Empirie besinnen, und ihren Sinn im Denken und
nicht im jeweils Gedachten wieder finden: in der Dynamik.
121
vgl. MiG I:274: „So lange [...] das Seelenleben des Wilden sich noch innerhalb des
Raumes des sinnlichen Anschauung bewegt, fasst er mechanisch jeden Gegenstand als
getrennte Einheit, in einem facettenartigen Nebeneinander auf.“
122
vgl. Buchheit 1997:10ff.
94
Die von Bastian so genannten Elementargedanken123 sind diejenigen, die
im jeweiligen Überschreiten des pivotalen Punktes, das den Menschen in Raum
und Zeit kippen lässt, gedacht werden. Wie ein Punkt keine Ausdehnung hat, so
haben diese Gedanken keinen statischen Inhalt, sie repräsentieren nicht und
können nicht präsentiert werden. Der Elementargedanke wird am Ursprung jeder
Gedankenreihe gedacht, in der elementaren positiven Empirie, die immer wieder
und wieder, je und je stattfindet, aber inzwischen vom Gewirr der
Gedankenreihen, von Bastian Völkergedanken genannt, überwuchert werden,
von dem Gespinst und dem Gespenst der mechanischen Unruhe, der Maschine:
der Geschichte.124
Da Raum und Zeit für Bastian lediglich mechanisch erzeugte Illusionen
sind, passt Bastian zunehmend seinen Stil dieser Erkenntnis an. Positive Empirie
und das noch zu besprechende „Abschwingen“ zu elementarem Denken sind
Aufgaben und Stilbildungsmittel seines Schreibens.125 Bastian kehrt in seinem
Stil zur desillusionären Parataxe und Hybridität der „natürlichen“
Gedankenreihen zurück. Wie schon gesagt, ist sein Ziel keinesfalls die Klarheit
künstlicher Spekulation über Kausalität.126 D.h. auch, dass seine Texte nicht die
Logiken von Raum und Zeit beachten. Maßlos schreibt sich, konsequent der
eigenen Theorie folgend, das Bastian’sche œuvre ins Unermeßliche, dabei stets
zeitliche Abfolgen mißachtend. Altasiatisches kann mit Neuafrikanischem
verglichen werden und in Zusammenhang mit der klassischen Antike und der
modernen Wissenschaft gebracht werden. Weil es je schon in Zusammenhang
123
zu den Begriffen Elementargedanke und Völkergedanke siehe Buchheit/Koepping 2001
und Buchheit 1997:46ff. Dort auch die Auseinandersetzung mit den Interpretationen der
anderen Interpreten Bastians, bes. mit Eisenstädter 1912. Ich werde immer wieder auf diese
Begriffe rekurrieren.
124
Es wäre interessant, Bastians Modell der Gedankenreihen, die sich fortschwingen und so
Raum und Zeit imaginieren, mit der Entwicklung des Films zu vergleichen. Die Geschichte
verläuft bei Bastian in frappanter Weise, wie ein Film abläuft. 1872 „erfand“ Muybridge den
Film.
125
vgl. zu Bastians Stil insbesondere das Kapitel „Stilfragen“ in Buchheit 1997:10ff.
126
Ein schönes Beispiel des Bastian’schen Stils ist folgende Stelle, an der die Textur ausführt,
was der Text aussagt. Die Zitation folgt dem Prinzip der parataktischen simultaneité: MiG
95
steht. Gemäß Bastian ist es nicht er, der diese Zusammenhänge herstellt,
synthetisiert, sondern die Gedankenreihen selbst, die er teilnahmslos teilhabend
analysiert. Sein Text geriert sich folglich wie der von ihm beschriebene
Wilde.127 Sein Text über die Geschichte versucht aus der Geschichte heraus zu
treten, um der Geschichte als ein Positives empirisch entgegen zu treten.
Folglich müsste er in dieser empirischen Begegnung selbst Geschichte erzeugen.
Und er tat es. Er wurde der Gründungsvater128 der modernen Ethnologie. Doch
gemäß seiner eigenen Theorie kann man den unruhigen Verlauf der Geschichte
nicht unter Kontrolle halten, und deshalb wandte sich die Ethnologie konsequent
von ihrem „Altmeister“ ab, indem sie ihn dem Vergessen, resp. der Pathologie
übergab. Sie erfüllte dadurch Bastians Theorie der Selbstermächtigung und
Illusion. Sie erkannte nicht, wie sehr auch er noch in der Geschichte stand. Aber
ist dann Bastian nicht gerade gescheitert? Oder steht er noch wippend am
pivotalen Punkt zwischen abgesonderter Vereinzelung und Zugehörigkeit? Halb
Insekt, halb Mensch? Chimäre? Ist Bastian das Insekt, das der Buddhismus zu
zertreten verbietet, weil es die Seele eines Familienangehörigen beherbergen
könnte? Ist Bastian das zwielichtige Zwitterwesen zwischen Psyche und Physik,
der Psychophysiker der Ethnologie? Der Gründungsvater und grundgütige
Schalk, der uns im Nacken sitzt und einen kalten Hauch des Geschehens uns
verspüren lässt, einen Hauch von Ahnung von ursprünglicher Begegnung mit
I:105 FN: „Nous ne percevons (nach Gazzali) la simultaneité, jamais la causalité. (Renan)“.
Vgl. zur Simultaneität auch MiG I:103ff.
127
MiG I:16: „Der Wilde, der nur von gestern auf heute, und vielleicht von heute auf morgen
denkt [...]“. Dass Bastians Bild vom „Wilden“ reine Phantasie ist, dass gerade der sog. Wilde
aufgrund oraler Traditionen wesentlich weiter zurück zu denken vermag als der Mensch der
Schriftkulturen (gar nicht zu reden von den nachhaltigkeitsresistenten Digitalkulturen), weil
jener sich nicht auf externe Medien verlassen kann und er die Vergangenheit mnemotechnisch
erhalten muss, soll hier nur am Rande erwähnt werden, aber nicht weiter vertieft. Denn es
geht mir in meiner Arbeit nicht um eine Kritik Bastians, sondern um die möglichst
anschauliche Darstellung seines Denkens, das aufgrund der von ihm bewusst gewählten
Stilmittel in einem Wörtergewirr zu verschwinden droht. Eine solche Darstellung
verschwände ihrerseits unter einem Dickicht von Verflechtungen, wollte sie jedem Hinaus aus
Bastians Werk heraus und in Bastians Werk zurück folgen. Jedem dieser Hinweise müßte
aber gesondert nachgegangen und jeder eigens recherchiert werden.
128
vgl. Achelis 1889, 1891
96
der Welt, wegen der wir die Maschine am Laufen halten, um die Angst vor der
Auslöschung zu besiegen? Ist Bastian Vertreter einer ursprünglichen Empirie,
die der Ethnologie allererst Raum und Zeit ermöglicht? Ist Bastian Grund einer
ethnologischen Verstörung, die nach Erlösung und Ruhe fahnden lässt, nach
einem ethnologischen Nirvana, in dem die Ethnologen endlich in Ruhe am
Geschehen teilnehmen dürfen, ohne je durch Beobachtung in Unruhe versetzt zu
werden?
All diese Fragen zeigen, wie eine Begegnung beunruhigen kann und die
Geschichte weitertreibt. Weiter in die Geschichte hinein. Man steht auf der
Kippe. Man kippt. Man fällt. Man läuft. Läuft im Kreis.129 Läuft in der
Maschine, die sich dadurch äußert, während wir uns im Innern vereinzeln und
uns darüber um so mehr beunruhigen.
129
MiG II:35: „Doch der Geist strebt zur Einheit, das Auge des Menschen, nicht facettenartig
durchbrochen, wie das der Insecten, verlangt einen runden Horizont, und indem das Wunder
der Parallelen in jedem Augenblick sich ablenkt, läuft die Curve kreisend um. Es ist der erste
Schritt zur geistigen Entwicklung, wenn sich aus dem Nebeneinander des Raumes die zeitliche
Bewegung organisirt.“
97
2. 2. 2. Abnorme Zustände: Ich
Wahrnehmung braucht Differenz. Nur was sich unterscheidet, macht einen
Unterschied, der wahrgenommen werden kann. Ein Einzelnes kann sich selbst
nicht wahrnehmen, es braucht ein Anderes, von dem es sich unterscheidet. Nur
im Kontrast zu diesem Anderen kann es sich wahrnehmen. Die Wahrnehmung
bedingt das Denken. Vom Anderen über die Sinne führt die Reihe zum Denken,
zu Gedankenreihen, die sich wieder auf ein Anderes hin fort schwingen.
Versucht der Mensch aus sich heraus zu denken, wird er in die Irre geführt,
dreht sich selbstverloren im Kreis. Das Andere bringt im Kontrast das Eigene in
Unordnung, indem es dieses zum Denken anregt; im Denken wird das Andere
vom Eigenen getroffen, eine ihm fremde Schwingung durchläuft seine Identität,
es gerät ebenfalls in Unordnung, in abnorme Schwingung. In der
unwahrgenommenen Ruhe schien das Eigene und das Andere in der Ordnung, in
Ordnung gewesen zu sein. Jedoch hatten sie kein Bewußtsein davon. Das Ich,
das nur sich selbst zu denken versucht, fasst sich selbst in der Ordnung nicht,
das Bild, das es sich von sich macht, kann nur ein außerordentliches, ein
abnormales sein. Eine Illusion. In der Selbstbetrachtung vermag es der Mensch
nicht, die Differenz in der Differenzialgleichung in die Ordnung zurück zu
binden und zur Ruhe zu kommen. Das Ich, das Ich zu sich sagt, setzt sich selbst
in zunehmende Unruhe, wird sich zunehmend vom Anderen unterscheiden, also
die Differenz vergrößern, aus der Ordnung und der Norm heraustreten. Das Ich,
das sich immer schneller um sich selbst dreht, schwingt in einem abnormen
Grade.130 Das ist auch der Grund, warum Bastian, der, wie wir gesehen haben,
130
MiG I:47f.: „Da das Verständniss der Umgebung den Menschen nur aus seinen
Verhältnissen zu jener hervorgehen kann, muss jede Erklärung einen subjectiven Ansatz
nehmen. In einer seiner Körperwärme entsprechenden Temperatur der Luft fehlt dem
98
die negative Spekulation als Weltverkennungsmethode brandmarkt, sich
dennoch mit den Spekulanten auseinander setzt. Das abnorme Ich liefert die
notwendige Differenz, um die Norm wahrzunehmen. Da noch jedes alltägliche
Denken für ihn ein selbstprojizierendes Denken ist, jeder Gedanke nur eine in
Unordnung geratene Kopie des Denkenden darstellt, benötigt er alle Gedanken,
alle Abnormitäten der Welt, die in ihrer Hybris ihrerseits glauben, sie setzten die
– jedoch stets subjektiv bleibende - Norm, um das Normale zu finden, um
Differenzialgleichungen erstellen zu können, mittels derer die akzelerierende
Dissemination des Abnormalen still gestellt werden kann. Um die Harmonie
wieder herzustellen, ist es notwendig, das Denken des Ich aufzugeben. „Es“
muss wieder denken können. Durch positive Empirie nimmt Bastian die
Differenzen des Gegebenen wahr. Sein Positivismus begnügt sich nicht mit dem
Konstatieren von Positioniertem, sondern hält Ausschau nach den Differenzen,
die allererst ein Positionieren ermöglichten. Bastians Ziel ist es aber, Differenz
und singuläre Position letztendlich in Gleichungen aufzulösen, um den
Gleichklang mit der Harmonie zu errechnen. Bastians Positivismus ist stets ein
vorläufiger, um jedes vorschnelle hysteron proteron131 und proton pseudon132 zu
Menschen die Empfindung dieser, wenn er sich als Einheit fühlt. Das sich unmittelbar als
Einheit, als Ganzes Fühlen, gewissermaassen das Existenzbewusstsein, muss dem Menschen
zum Ausgangspunkt jeder Untersuchung dienen.
[...]
Schon die Vorstellung seines eigenen Temperaturgrades kann dem Menschen erst Vorstellung
geworden sein, nachdem er sich in einer von der seinigen abweichenden Temperatur
befunden hat, durch die Auffassung der in Hitze und Kälte gebotenen Gegensätze, d.h. durch
Vergleichung abnormer Grade [Herv. KPB] höherer oder niederer Temperaturen mit seiner
normalen Temperatur-Empfindung.“
MiG I:106f.: „Zunächst denkt der Mensch Alles in Beziehung zu sich, mystisch als Fetisch.
Die Wolke, die am Himmel steht, wird (wie beim Thiere) gesehen, und nicht gedacht, so lange
nicht ihr Verhältniss zur Umgebung erkannt ist. (Nachdem einmal die Neugierde geweckt
wurde, kann sie später indess durch jede zufällige Association angeregt werden.) Dann fällt
der Regen zum Besten des ihm Denkenden, für oder gegen ihn, zur Belohnung oder Strafe,
und erst bei weiteren Vergleichungen und Folgerungen aus seinem auch Andere betreffenden
Schaden und Nutzen ermöglicht sich eine objective Weltanschauung.“
131
vgl. z.B. Bastian, Das Logische Rechnen, 1903:60: „Im Hysteron-Proteron metaphysischer
Zeitläufte setzte man, zur Inangriffnahme vorliegender Probleme, mit
Unendlichkeitsrechnungen ein, während die im „Zeitalter der Naturwissenschaften“ an
solidere Speisung gewohnten Constitutionen [dem Rechnen mit angewandten (statt
imaginären) Zahlen zugewendet] rathsam befunden haben, vorab mit Erlernung des Ein-mal-
99
vermeiden, d.h. um die subjektive Illusion zu vermeiden. Dennoch gilt ihm das
angeblich Positive als Störung der Harmonie. Sein Ziel ist das Ende des
Positivismus in der Auflösung alles Positiven und Negativen. Auch diese
Differenz soll ausgeglichen werden, sobald alle Faktoren zusammen getragen
sind, die in die Differentialgleichung eingesetzt werden müssen. Man kann also
nur unter Vorbehalt Bastian einen Positivisten nennen. Gerade sein Ego, das als
einziges – wie auch immer, so auch als Positivist – etikettiert werden könnte,
sieht er ja als abnormen Zustand, den es letztendlich zu vermeiden, resp. zu
übertreten gilt, um nicht statisch zu sein, sondern dynamisch zu werden. Man
wird nur im Werden, im Sein ist man nicht. Deshalb wehrte Bastian jede
Etikettierung ab, ohne damit die jeweilig zuständige Methode, nach der er mal
hier, mal da benannt wurde, zu verurteilen. Sie waren ihm je Werkzeuge,
singuläre Identitäten aufzubrechen, damit das Denken nicht im Gedanken
stocke, keine Zustände bekomme, sondern sich fort schwinge. Dem Arzt Bastian
ist das Ich Symptom einer beunruhigenden Störung, die den Geburtsvorgang des
Seins blockiert und doch und gerade deswegen immer wieder das Sein in andere
Umstände und schlimme Zustände bringt und Geburtsvorgänge mit
beunruhigenden Wehen auslöst. In der Proliferation der Befruchtung kann das
Sein nicht zu Ende geboren werden. Ein permanenter status nascendi lässt nichts
und niemanden zur Ruhe kommen. Auch Bastian versucht auf seine Weise,
Maieut zu sein, der den Geburtsvorgang, der allgemein Geschichte genannt
wird, zu einem Ende bringen will. Die Geschichte soll bei Bastian nicht zu sich
eins zu beginnen, um (nach Bemeisterung der Vier-Species zunächst) auch für das, was aus
Unendlichem redet, einer (rationellem Verständniss congenialen) Lösung gewiss zu sein,
wenn (in der Ewigkeiten Strom) die Zeit dafür gekommen ist, um den, (jenseits zeiträumlicher
Schranken) auf des Geistes freiem Reich manifestirten, Denkschöpfungen abzuhören, was sie
zu sagen haben möchten (über das Woher? und Wohin?).“
132
vgl. z.B. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:147f.: „Dass man in diese naturforschlich
correct und scharf gezeichneten Umschau des zeitgültigen „conceptus kosmikos“,
Speculationen über einen ersten Anfang – der erst beim Endverlauf (mit Auswirkung der
dynamisch einwohnenden Potentialitäten) würde angenähert werden können – hat
hineintragen wollen, ist aus abgeblasst nachdämmernden Erinnerungen an die Vergangenheit
metaphysischer Zeitläufte entschuldbar (wenn man so will), aber bald thunlichst abzuthun,
100
selbst kommen. Es wäre eine Geschichte, die Ich zu sich selbst sagte: ein
abnormer Zustand und fataler Umstand, die in der Tat permanente
Unglückseligkeit zur Folge hätten. Es wäre eine Geschichte, die kein Ende mit
sich macht, die sich weiter und weiter fortpflanzt, ohne wirklich weiter zu
kommen. Jedes Fortgepflanzte sollte die Kopie des Ich sein, sollte Ich sein und
ist nur ein anderer Zustand dessen, was nicht Ich ist, aber Ich zu sich sagt. Für
Bastian soll der Mensch aus der Geschichte heraustreten, um endlich wieder sich
dem unendlichen Glück harmonischer Schwingung anheimgeben zu können, um
endlich ungestört zur Ruhe zu kommen.
Jeder Gedanke ist für Bastian Zeichen eines störenden Ich, das den Fluß
des Denkens im Kosmos behindert. Die Gedanken dürfen nicht einfach negiert
werden, sie müssen wieder in Schwingung gebracht werden, die Reihung kommt
dann wieder in Gang, die Gedankenreihe wird wieder zur Welle, zur
Schwingung: zum Denken ohne Ich. Zum von Wahrnehmung ungestörten
Denken, da alles was geschieht, im Denken ist und also Denken ist, als Denken
geschieht. Keine Differenz bringt das Denken mehr aus dem Takt. Das Ich ist
gewissermaßen die Wunde der Substanz, die durch die Wahrnehmung
verunreinigt wird, so dass sie eitert, d.h. nachhaltige Gedanken produziert und
somit das Denken stört. Der Arzt Bastian will die Wunde schließen, indem er
alle erdenklichen Wahrnehmungen aus der Wunde nimmt. Erst wenn der letzte
Gedanke aus dem letzten Ich entfernt wurde, kann die Wunde sich wieder
schließen, und die Substanz tritt ins Schweigen zurück, der Sphärenklang der
kosmischen Harmonie wird vernehmbar, bzw. geschieht, ohne durch
irgendwelche Einvernahme gestört zu werden. Bastians Einvernahme des
Kosmos, seine Arbeit als kosmopraktischer Arzt und Kosmotheoros hätten ihr
um nicht aus Fehlerquellen eines „Proton Pseudon“ das nüchtern logische Rechnen von
vornherein gefährdet und gefälscht zu haben.“
101
Ziel erreicht und wären zu Ende. Auch er, als letzter Mensch, könnte sich seines
Ich begeben, die Augen endlich schließen.133
133
vgl. folgende nirvanasehnsüchtige, prophetisch-pathetische Todesphantasie, gar
Todeshymne, die als Weissagung unendlichen Lebens sich zuerst geriert. Von der
Kindlichkeit des behüteten Lebens gelte es mannhaft in die Unbehaustheit unendlicher
Harmonie überzugehen, wo keine Gespenster vom ewigen Leben den Einzelnen mehr plagten.
MiG I:28ff.: “Missverstandene Speculationen haben schon manchen Weltschmerzler in die
Nacht des Wahnsinns gejagt, und Niemand wage des Lebens Sphinx zu befragen, der nicht die
Kraft in sich fühlt, mit ihr auf Leben und Tod zu ringen. Im abstracten Gebiete der Gedanken
wird es die doppelte Anstrengung erfordern, die Harmonie wiederzufinden, die man
leichtsinnig im bürgerlichen Kreise aufgab. Harmonisch jedoch kann, ob im grossen oder
kleinen Kreise, nur dasjenige Denken sein, das sich harmonisch in die jedesmalige
Weltanschauung einfügt. Deshalb keine anachronistisch vererbten Dogmen, kein
traditioneller Autoritätenglaube, keine verfallenen Ruinen des Alterthums, die den freien
Umblick hemmen. Unsere Zeit drängt zur Erkenntniss der Natur, der menschlichen Wesenheit
in ihr, damit das Volk, der Durchschnittsmensch, die grossen Massen, die in der Geschichte
und ihrer Entwicklung pulsiren, zum bewussten Verständniss ihrer selbst gelangen und,
errettet aus dem Wogenschwalle dunkler Leidenschaften, in denen sie ein willenloses Spiel
umhertrieben, das freie Land des Wissens betreten. Die naturwissenschaftliche
Forschungsmethode ist die Forderung der Gegenwart und auf ihrer Basis muss sich die neue
Wissenschaft erbauen. Grund um so mehr, sich vorläufig von theoretisirenden Speculationen
möglichst fern zu halten. Erst nachdem das Gebiet des Körperlichen genau bestimmt und
erkannt ist, darf die Psychologie wagen, die abstracten Spitzen ihrer Gedankenreihen zu
prüfen, sie rein geistig zu potenziren. Und bis dahin? Wo bleibt der Glaube an die Vorsehung,
wo ein Trost für den Unglücklichen, der unter der Wucht seiner Leiden erliegt? Wahrlich,
schon jetzt hat unsere Wissenschaft einen herrlicheren Trost ausgesprochen, als je eines der
mythologischen Truggebilde zu erfinden vermochte. Auf harmonischen Gesetzen ruht das
Weltgebäude, in den Gesetzen ewiger Harmonie erfüllt sich unsere Unendlichkeit!
Wir schweben in einem unermesslichen Alle, wo sich der Raum auf allen Seiten in
unabsehbare Fernen verliert, wir leben in der Spanne der Zeit, deren schwach flackerndes
Licht bald in dem Dunkel der Vergangenheit, bald in dem Dunkel der Zukunft verlischt, wir
denken in dem Wunder des Bewusstseins, ein Räthsel unserer Umgebung, ein Räthsel uns
selbst. Wohl mag der Geist sich zurücksehnen nach jenen Tagen, wo ein festes Firmament
sich unserm Haupte umwölbte, wo in ihm ein liebender Vater thronte; er mag sich gern
versenken in die träumerische Morgendämmerung seiner Kindheit, aber würde es ihn jetzt
befriedigen, wieder Kind zu werden? Wird der Mann seine Bestimmung erfüllen, der,
heraustretend in die Kämpfe des Daseins, wo seine Fähigkeiten zur Thätigkeit aufgerufen
werden, zurückfliehen würde in den Schooss der Mutter, um sich in ihren Armen vor den
Unbilden des Wetters zu schützen? Kühn werfe er ihnen die Brust entgegen, er stähle seine
Glieder im Ringen mit den feindlichen Elementen, und um so vollendeter, desto stärker wird
er daraus hervorgehen. Um die junge Eiche zu schützen, mag es heilsam sein, ein wärmendes
Dach darüber zu bauen, aber wenn der Stamm heranreift zum Vollgefühle seiner Kraft, wird
er rasch die hemmenden Schranken durchstossen und, auswachsend zum mächtigen Baume,
weithin seine Arme entfalten, ein Zufluchtsort der Vögel, ein Wohlgeffallen den Menschen.
Soll er statt dessen sich jährlich beschneiden und kappen lassen, um nie die Grenzen des
Treibhauses zu überschreiten, in das ihn der ängstliche Gärtner pflanzte? [Was nur würde ein
Psychoanalytiker aus dieser Stelle alles herauslesen können! KPB] Seine Säfte würden
verderben, seine Aeste verkrüppeln, seine besten Früchte verkümmern, während, seiner
Freiheit überlassen, sie jedes Jahr üppiger emporschiessen. So müssen auch wir unseren
102
Denkgesetzen ihren vollen Schwung, ihre ganze Entfaltung geben, zu welchen Consequenzen
immer sie uns führen mögen; wenn sie gesund sind, muss es stets die Wahrheit sein. Wohl
zieht bittere Wehmuth ein, der bange Schmerz der Verzeiflung in manches Herz, wenn es
plötzlich Alles so öde und leer um sich erblickt, wenn alle die heiteren Phantasiegebilde, die
freundlichen Göttergestalten, an deren Munde er als Knabe so gläubig hing, die glänzenden
Ideale, für die sich der Jüngling begeisterte, wenn alle sie in ein Nichts verschwinden, in
leere Nebel zuerfliessen. Es sind die Klagen des verzärtelten Schwächlings, der die Natur nur
aus den Fenstern der Ammenstube hatte kennen lernen, der jetzt, wo man ihn
hinausgetrieben, vor jedem Windstoss zittert und sich nach seinem weichen Bette
zurückwünscht. Wäre unsere Generation in der Schule psychologischer Grundsätze erzogen
worden, wir würden die alberne Periode des Weltschmerzes erspart haben. Zu seiner
Vollkraft ausgewachsen, muss der Mann in sich die genügendste Befriedigung fühlen. Wohl
sehen wir rings um uns nur das Walten in ihrer letzten Ursache unverständlicher Gesetze,
aber wir sehen sie zusammenwirken im harmonischen Einklang; wir haben kein festes Ziel,
dem wir entgegenstreben, aber wir haben auch die Lüge entlarvt, die uns durch
Luftspiegelungen täuschen wollte, wir haben nicht die tyrannischen Launen eines
eifersüchtigen Gottes zu tragen, wir fürchten nicht mehr, wenn ein mächtiger Feind unsern
Schützer aus dem Himmel treibt, mit ihm in den Abgrund der Vernichtung zu versinken, wir
zittern nicht mehr bei dem entsetzlichen Schauspiel, wo der Welt allmächtiger Schöpfer sich
selbst zum Opfer darbringen muss, um drohende Gefahren abzuwenden. Wir trauen auf keine
fremde Hülfe, denn jede Hülfe ist trügerisch, wir stützen auf keinen Stab, denn jeder Stab mag
morsch sein und unter uns splittern. Das Joch ist zerbrochen und wir sind frei. Frei wie der
Vogel in der Luft, frei wie der Fisch im Wasser, frei wie der Baum auf offener Wiese. Sind sie
nicht sich selbst genug in ihrer Freiheit, begehren sie eines äusseren Eingriffs, da jede
Beschränkung nur schaden kann? Und was ist es, das das Menschenherz begehrt? Das Ganze
zu kennen, von dem es nur ein integrirender Theil ist. Kann es hoffen, es jemals anders zu
verstehen, als in dem Momente seines Mitwirkens in dem allgemeinen Zusammenhange?
Kann ihm ein sicherer und ehabenerer Trost geboten werden, als sich selbst ein Atom in der
Unendlichkeit und Ewigkeit zu wissen, unendlich und ewig, wie diese? Der Baum fühlt sich
als Einheit, soweit seine Zweige reichen, das Thier lebt innerhalb des Horizontes seines
Sehorgans, der Mensch in der Peripherie seines Denkens. Wenn sich in der Jugendzeit der
Geschichte seine Vorstellungsreihen mit idealischen Figuren schlossen, ist es nicht dieselbe
Erscheinung, die er an jedem Individuum wiederkehren sehen kann? Sollen wir, die wir jetzt
im Vollgenuss des klaren Tages athmen, uns in die längst verblassten Spiele vergangener
Dämmerstunden zurückträumen? uns auf’s Neue in die Sklavenfesseln unserer eigenen
Phantasiegebilde schlagen? Lasst uns vielmehr wirken und streben, damit wir nach gethaner
Arbeit uns ruhig, wenn der Abend hereinbricht, zum erquickenden Schlafe niederlegen
können [Hervorh. KPB]. Der künstliche Horizont der Mährchen und Mythologien ist durch
die Naturwissenschaften zerrissen. Unser Auge blickt hinaus in die Unendlichkeit, warum sie
läugnen? Suche selbst unendlich zu werden, wenn dich die Unendlichkeit umgiebt. Bald
wirst du die Gedanken, die Ideen ausströmen fühlen in die Ewigkeit des Alles, du wirst sie
Wurzeln schlagen fühlen überall in den Gesetzen des harmonischen Kosmos, du wirst mit
ihm verwachsen unauflöslich, ewig, unendlich wie er und dich selbst erfüllen in bewusster
Harmonie. Nicht nur jeder Blick, der uns mit den Sternen verknüpft [das ist völlig wörtlich
aufzufassen: in der Wahrnehmung sind wir nach Bastian materiell mit dem
Wahrgenommenen verbunden! KPB], jeder Athemzug, der die stets verjüngte Atmosphäre
assimilirt, sichert das ewige Fortbestehen, sondern mehr noch, frei von allen
planetarischen und kosmischen Schranken, die göttlichen Ideen, wodurch wir die Gesetze
des Alles in uns reproduciren. [Hervorh. KPB].“ Es ist schwer, an dieser Stelle – nach der
anfänglich so wichtigen Kritik am bürgerlich-euphemistischen, romantisierenden Lebensstil –
103
Das Ich, das versucht sich selbst zu denken, ist nicht nur eine Wunde des
Seins und eine Gefahr für sich selbst, weil seine Gedanken autodestruktiv sind
und weil sein Denken folglich autodestruktionistisch ist. Jedes Ich stellt
außerdem eine Gefahr für jeden Anderen dar. Seine soziale Seinsmodalität ist
prinzipiell xenophob, gleichgültig ob das Fremde die Umwelt ist oder andere
Menschen.134 Alles Fremde versucht das Ich-denkende Ich zu zerstören. Anstelle
jedes Fremden will dieses Ich sich selbst setzen. Das Ich ermächtigt sich selbst,
alles zu sein, damit alles sei wie dieses Ich. In der Hybris der
Selbstermächtigung löst das Ich alle Differenzen in der Illusion einer
homologen, einer autologen Welt auf. Es begibt sich selbst der Wahrnehmung,
ohne die permanenten Störungen der Differenzen wirklich aufzulösen. Das Ichdenkende Ich produziert in der autologistischen Weltdenkung sein eigenes
Unbewusstes, seine eigene Beunruhigung, die es glauben lässt, es sei nur noch
nicht gänzlich zu sich gekommen. Das gänzlich zu sich gekommene Ich ist nach
Bastian das absolut tyrannische Ego, das durch seine monotonen und
identischen Autologoi den Kosmos unendlich stört und gerade deshalb
unendlich ausgesetzt und unglücklich ist. Das gänzlich zu sich gekommene Ich
wäre die vollkommene Störung. Die vollkommen zu sich gekommene
Geschichte wäre die absolute Ego-Maschine, die alle Menschen in totaler
Abhängigkeit halten müsste, um zu funktionieren. Der Mensch wäre
vollkommen funktional geworden. Einen solchen Zustand kann er, wie wir
sehen werden, nur durch einen vollkommenen deus ex machina ertragen. Die
großer Worte des später so heftigen Schmähers großer Worte nicht an Ödön von Horváths
berühmten Ausspruch: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die
Dummheit.“ zu denken. Vom Romantikkritiker, der wissen will, was wirklich geschieht,
wurde Bastian innerhalb weniger Zeilen zum Ultraromantiker, der will, dass nichts mehr
geschähe als die totale Harmonie. Auch Bastian entkommt dem eigenen künstlichen
Ideenkreis nicht!
134
MiG I:219: „Er [der Naturmensch; KPB], der sich von einer unbekannten Natur umgeben
sieht, wird sich in einem permanenten Vertheidigungskriege gegen dieselbe befinden, jeden
neuen Gegenstand wird er argwöhnisch betrachten, da die Erfahrung ihn gelehrt hat, dass,
selbst er unschuldig wie die Schlange scheint, oft ein Giftzahn verborgen liegt. So wird er
Alles, was er nicht kennt, vielleicht zu zerstören suchen, nicht um zu zerstören (weit lieber
würde er ruhig ausgestreckt bleiben), aber für seine Sicherheit.“
104
Spaltung wäre dadurch absolut, der Geist fände in ihm seinen absoluten
Aufschwung, die materielle Gefangenschaft wäre in ihm vergessen, wäre
Geschichte. Bastian desavouiert das als Selbsttäuschung und proklamiert den
Abschwung ins materielle Geschehen. Denn das deistische, exmachinale Sein
müsste absolut von der Einheit der kosmischen Harmonie abgelöst sein. Das
gänzlich zu sich gekommene Ich produzierte folglich in sich das absolut Fremde
des totalen Gottes und der totalen Maschine. Das gänzlich zu sich gekommene
Ich wäre total autophob, und es hasste sich selbst wie nichts anderes. Es würde
nur noch sich selbst kennen und wäre sich selbst dennoch völlig fremd. Folglich
wäre es total xenophob. Es würde sich nicht zu fassen kriegen, außer es vergäße
sich. Das kann es aber nicht, weil es sich stets vollkommen bewusst halten will.
Es beginnt nicht nur sich und allem anderen spinnefeind zu sein, es fängt an sich
und alles andere vollkommen zu hassen. Dieser moi haïssable hätte letztendlich
keinen anderen Wunsch, als sich selbst zu zerstören, da er selbst der einzige
große Feind ist, der geblieben ist, um ihn zu zerstören. Um seine Zerstörung zu
verhindern, würde dieses Ich sich selbst zerstören, würde es zumindest
permanent versuchen. Der Mensch in der Maschine, das sog. Ich also, lebt in
permanenter Autodestruktion zwecks Selbsterhaltung. Das Ich ist das Abnorme
des Kosmos kat exochen.
Bastian vergleicht die Gedanken des Sich-selbst-denkenden Ich mit
Schnittblumen. In seinem autologistischen Beziehungswahn reiße dieses Denken
alles aus seinem notwendigen Zusammenhang, um es zu einem ihm eigenen zu
machen. Letztendlich habe ein solches Denken auch sich selbst seines
nahrungsgebenden Bodens beraubt und müsse nun verdorren, finde es nicht
rechtzeitig etwas anderes, das ihm Kraft und Nahrung sein könne. Bastian sagt,
dass, so schlimm das autologistische Denken auch sei, der Mensch nicht mehr
anders könne, als derart zu denken. Die einzige Möglichkeit, nicht zu verdorren,
läge darin, dieses Denken vom Auto zu befreien, d.h. es muss sich abschwingen
zur kosmischen Energie. Die Autologoi müssen in der Selbsterbrechung zu
105
Allologoi sich bündeln: zu einem Strauß Blüten ganz besonderer Art.135 Im
Prozess des Welkens wird dem Forscher das Elementare der Pflanze gewahr: in
der Kompostierung, im Verlust ihrer eigenen Form, ihres Ich sozusagen, wird
die Pflanze zum neuen Nährboden selbst. Die Entelechie136 des Keims ist
vollendet. Die verkapselte Energie des Keimkerns durchlief die Spaltung des
Geschlechtlichen und entfaltete sich in der Stilblüte eines buntschillernden Ich.
Die Pflanzen wurden wegen dieses Ich gepflückt, ausgestellt, untersucht und
letztendlich mit allen anderen Pflanzen kompostiert. Nun vollendete sich ihre
Bestimmung. In der Auflösung, im Einswerden entsteht neuer Nährboden, der
Kosmos der Pflanzen.
Nach Bastian sind wir alle gepflückte Stilblüten, die in ihrer Hybris
versuchen, künstlichen Dünger zu produzieren, um ihrem Schicksal stilvoll zu
entgehen.
Die Geschichte ist also ein Florilegium außerordentlicher Blüten.
Geschichtsschreibung Blütenlese, die die Pflanze und die Erde aus dem Blick
verlor, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen. Bastian wollte sich die
Finger schmutzig machen. Er ging dorthin, wo es aus der Erde wächst. Er ging
ins Feld.137
135
MiG I:136: „Eine an ihrer Wurzel abgeschnittene Blume lässt sich allerdings appetitlich in
einem Glase Wasser an’s Fenster stellen, ihr weiteres Wachsthum jedoch ist gehemmt und in
wenigen Tagen wird sie verdorrt sein. Man kann sie nach dem Abschneiden genau definiren,
kann sie microskopisch und chemisch untersuchen; aber so wichtig die dadurch gewonnenen
Resultate auch sind, so unerlässlich selbst für ein richtiges Verständniss: trotzdem muss
immer, wenn die Idee [sic!] der Blume in ihrem Zusammenhang mit der Natur aufgefasst
werden soll, nicht die im Glase welkende als Norm genommen werden, sondern die frei im
Boden wachsende.“
136
zu Entelechie siehe MiG I:137
137
Dass das Metaphernspiel für Bastian kein Spiel, sondern eine ernste Methode ist, vgl.
Buchheit 1997. Ich bezeichne dort diese Methode als „Geschiebe der Allusionen“.
106
2. 2. 3. „künstlicher Ideenkreis“138
Einst war der Einzelne Teil der Materie, down to earth, down to matter.
Kein Bewußtsein stellte die Materie in Frage. Angeschossen aus der
Mutterlauge entwickelte er sich den Gesetzen der Materie gemäß. D.h. er hatte
Instinkt. Er kannte keinen Horizont und besaß nicht den perspektivischen Blick.
Als Teil der Materie wußte er, welches Material ihm nutzt und welches ihm
schadet. Der Down-to-earth-Singular zweifelte nicht. Dem modernen,
cartesischen Denken gemäß war er also nicht, er hatte vielmehr Teil, war Teil
der Materie selbst. Erst in der Gemeinschaft mit anderen Singularen wurde der
Down-to-matter-Singular zum abgetrennten Menschen, der in der distanzierten
Verständigung über die Materie seine Natur in Frage stellte. Der distanzierte
Blick zog einen Horizont um das zentristisch sich konstituierende Ich, in den
sich dieses Ich handkehrum hinausprojizierte. Nur wo Ich war, war die Materie
besehen und in gut oder schlecht geschieden. Der distanzierte, von der Materie
losgelöste, aber an ihr haftende Blick schuf im Verstehenwollen des Gesehenen
die Ich-Blase. Der Singular wurde zum wahren Einzelnen und Eigenen und
Eigensinnigen, der andere braucht, um nicht an seinem Zweifel über seine Natur
zu verzweifeln. Der Eigensinnige braucht ein Mittel, andere von seiner Sicht der
Dinge zu überzeugen, um mittels einer Stimmenmehrheit den Zweifel und die
Verzweiflung zu bekämpfen. Im Zweifel entstand nämlich die Angst. Hatte der
Down-to-earth-Singular noch instinktiv zwischen nützlich und gefährlich zu
unterscheiden gewußt, so war sich der gesellschaftliche Einzelne nicht mehr
sicher. Er wußte nicht mehr, was er wissen konnte. Er konnte sich selbst nicht
Zu den verschiedenen Feldforschungen und Reisen Bastians siehe ebenfalls Buchheit
1997:34-37
138
siehe MiG I:290ff.
107
mehr trauen, seine eigene Natur ängstigte ihn. Die Materie drohte, ihn zu
verschlingen, ihn wieder zu sich zu holen, ihn der Gesellschaft, dem einzigen,
was einigermaßen Sicherheit bot, wieder zu entreißen. So entwickelte der
Einzelne in der Gesellschaft und durch die Gesellschaft Methoden der
Selbstvergewisserung, des Selbstverständnisses: komplexe Verständigungs- und
Überzeugungsmittel entstanden; Sprache entstand. Aus Angst vor dem Rückfall
in die Materie, der vielfach und allerorten durch die Böswilligkeit der Natur
drohte, schwang sich der gesellschaftliche Einzelne zum Herrn über diese Natur
auf. Sie musste beherrscht werden. Eindeutig sollte böse und gut geschieden
sein, damit das Böse beseitigt und das Gute sich zugute geführt werden konnte.
Bewußtsein und Wissen sollten von Anfang an, da Angst sie verursacht hatte,
Machtmittel sein, um die Natur im Zaum zu halten. Das Ich des Einzelnen
wurde zum Feind der Materie, aus der auch der Körper des Einzelnen selbst
bestand. Der Körper wurde zur Frage und zu dem Infragegestellten schlechthin.
Die Urfrage lautete und lautet: what’s the matter? Mit dieser Frage versuchte der
Einzelne als Zentrum seines Horizontes diesen getrennt und klar vom
Vermischten der Materie zu halten. Innerhalb des Horizontes sollte das Ich zur
beherrschenden Instanz werden. Außerhalb des Horizontes drohte die Gefahr,
lag die Angst, das Unschöne. Der eigene Horizont zirkelte das Schöne, das
Gefahrlose ab. Um das Schöne zu mehren, sollte der Horizont erweitert werden.
In einer ersten Verkennung und Selbstüberheblichkeit, geschützt vom Wall der
Beschränkung, nannte der Einzelne das Außerhorizontale nun das Schönere,
damit der Anreiz wuchs, den Horizont an sich zu bannen. Das Ich sollte
grenzenlos sein. In dieser Selbstverblendung überlistete der Einzelne sich selbst
und schuf sich eine positive Verlockung, das Außerhorizontale dem eigenen
Horizont einzuverleiben. Der Einzelne überlistete sich selbst und die anderen
gesellschaftlichen Einzelnen. Die List wurde zum bedeutenden
Handlungsmovens, sich selbst ausweitend abzusichern und sich geistig
versichert zu sehen. Das listige Ich, das in der List die Gefahr des
108
Außerhorizontalen zunehmend bannen und verkehren konnte, wurde zur eigenen
Gefahr, da man dem eigenen Ich und dem der anderen nicht mehr trauen konnte.
Die geistige Versicherung sah man der Materie, d.h. dem Körper des anderen
nicht an. Der Körper stellte eine horizontale Beschränkung da, einen Horizont,
den es zwecks Selbstversicherung zu überschreiten und aufzulösen galt. Wegen
der eigenen Sicherheit sollte sich der Geist des Eigenen über alles aufschwingen,
alles bezwingen. Jedes Ich bedachte zuvorderst nur die eigene Sicherheit. Jedes
Ich bedachte nur sich, projizierte nur sich in den Horizont und glaubte, ihn so zu
transzendieren. Um der auf diese Weise entstandenen inneren Gefahr, nämlich
vom Anderen im Innern und vom inneren Anderen überlistet zu werden, zu
entkommen, entstanden innerhorizontale Machtstrukturen, die die körperliche
Beschränktheit des Anderen, d.h. seine Undurchsichtigkeit, in geistigen
Schranken halten sollten. Das eine listige Ich überzeugte mittels der neu
entstandenen Verständigungsmethode, der Sprache, das andere listige,
undurchsichtige Ich, in eigener Sache sich zu engagieren, weil die eigene Sache
die erfolgreichere sei, den Horizont zu erweitern. Das andere Ich begann bei
erfolgreicher Überzeugung das eine Ich nachzuahmen, wurde sein imitierender
Knecht139. Durch die Nachahmung verstärkte sich die Zentrierung des
Horizontes und somit sowohl sein Erweiterungspotential als auch seine
Nachahmungsattraktivität. In der hierarchisierten Bündelung schien das Ich
omnipotent zu werden. Es hatte sich selbst ein System geschaffen, das
unentwegt die Frage „what’s the matter?“ mit „Ich“ beantwortete und sich so
selbstvergewisserte. Die Selbstvergewisserung erweiterte den Horizont. Das
jeweils neu Einverleibte stellte von neuem die Frage: „what’s the matter?“. In
139
Wegen seiner Imitation des Herrn wird der Knecht Knecht bleiben, geknechtet durch den
Wunsch, Herr zu werden. So weiß zwar der Herr, dass die Knechtschaft sicher ist, aber er
muss genauso befürchten, dass der Knecht ihn umbringt, höchster Beweis seiner
Knechtschaft. So ist der Herr, weil er Herr ist, nie Herr der Lage und daher Knecht seiner
selbst. Der Herr ist des Herren ärgster Feind. Die Macht muss deshalb stetig ausgeweitet
werden und bedroht damit aber die Stetigkeit und Stabilität des Bestehenden. Wegen der
Machtausweitung bewundert der Knecht den Herrn, der ihm anscheinend Sicherheit gibt.
109
der unentwegten Beantwortung der Frage, im permanenten Ausrufen des „Ich“
zog sich dieses Ich gewissermaßen selbst in die Höhe, wurde seiner selbst, je
mehr es den Boden unter den Füßen verlor, gewisser. Das Ich hatte auf diese Art
eine Maschinerie geschaffen, die Gutes vom Bösen schied und im
vermeintlichen Zuwachs des Guten sich selbst am Laufen hielt. Je höher das Ich
sich zog, um so mehr glaubte es zu wissen, angeregt durch das eigene
Nachahmungsprinzip, dass da noch Höheres, dass da etwas jenseits dieser
Maschinerie sein müsse, das so sehr in die Höhe gestiegen war, dass es seiner
selbst und der Maschine überhoben war. Im Erheben erwiesen sich dem sich
selbst mehr und mehr ermächtigen wollenden Ich nur die Mächtigkeit und
Macht als beständig. Es musste eine jenseitige – jenseits des Selbst, des Ich und
des Horizontes – Mächtigkeit geben, die sagte, dass die Erweiterungs- und
Erhebungstendenz des Ich der Sinn des Seins ist. Das Ich schuf seine eigene
Rechtfertigung. Die Selbstermächtigung war legitimiert, weil in ihr das Selbst
Anteil an einer höheren Macht und Mächtigkeit habe. Das listige Ich sah sich
um so mehr ermächtigt, das andere Ich dazu zu ermahnen, ihm nachzufolgen, je
mehr es sich selbst dazu ermächtigte. Das Ich hielt derart sowohl durch die
Horizonterweiterungstendenz als auch durch den Glauben an ein noch höheres
Ich die Selbstvergewisserungsmaschinerie permanent am Laufen. Doch durch
die zunehmende Ausweitung des Horizontes und die immer höhere
Positionierung eines ganz anderen Ich wurde es stetig schwieriger, das
Innerhorizontale im Blick zu behalten, das höhere Ich als noch nahe genug sich
vorzustellen, als dass es noch helfend beistehen könnte. Je mehr die eigene
Macht sich ausdehnte und je mehr das höhere Wesen zum höchsten Wesen
verjenseitigt wurde, um so größer wurde paradoxerweise die eigene Ohnmacht.
Aufgrund der zweifachen Ausdehnung drohte das Ich zu zerreißen. Dem Ich war
Selbstausdehnung und Selbstüberhöhung nicht mehr genug, es verlangte nach
absoluter Wahrheit, nach dem totalen System, dem totalen Horizont. Restlos
Wegen der Instabilität sieht er Möglichkeiten, den Herrn zu stürzen und seinerseits Herr zu
110
alles sollte Ich werden. Nichts anderes sollte mehr existieren. Erst in der
Totalerweiterung des Horizontes wäre das Ich wieder bei sich angekommen. Es
gäbe nur noch Ich, die Frage „what’s the matter?“ wäre endgültig mit „Ich“
beantwortet, alle Materie ersetzt, die Natur besiegt und überwunden. Das Ich
könnte aus der nun überflüssig gewordenen Maschinerie treten, es wäre selbst zu
diesem höchsten Wesen jenseits der Maschinerie geworden, der letztgültige
Beweis seiner Existenz wäre geliefert: es war es selbst! Das Ich wäre sein
eigener Gott, und es wäre wieder alles und alles wäre in ihm.
Diesen Größenwahn der Menschen prangert Bastian an. Die Wahngebilde
identifiziert er als künstliche Ideenkreise, als fehlgeleitetes Denken, das im
aufgeblähten Gedenken sich selbst hemmt.140 Die Gedanken müssen einzeln
werden, d.h. die Herrschaft als solche wird verherrlicht und – gefestigt. usw.
140
siehe zum bisher Ausgeführten folgende Passagen:
MiG I:394: „Die ästhetischen oder moralischen Anschauungen aber sind das natürliche und
nothwendige Ergebniss der in der Gesellschaft herrschenden Vorstellungen, nicht so sehr in
Folge unwillkürlicher Nachahmung, als vielmehr, weil sie überhaupt nur in dem von dieser
gegebenen Horizonte und also diesem Horizonte gemäss gedacht werden können. Für einen
isolirt existirenden Menschen würde das Schöne und Nützliche als solches nicht vorhanden
sein. Er würde instinctmässig von dem nützlichen Baume Gebrauch machen, und den anderen
unberücksichtigt lassen; aber dass dieser Baum nützlich, jener schön ist, wird nur dann zum
bewussten Verständniss kommen, wenn es im Sprachverkehr ausgetauscht ist, und kann also,
nachdem sich der Character der Gesellschaft einmal consolidirt hat, nur unter den diesen
entsprechenden Formen zum Ausdruck kommen, da es unter dem Einfluss dieser überhaupt
erst gedacht ist.“
MiG I:159: „[...] in der Geschichtsphilosophie wiederholt sich beständig der Missgriff, die
psychologischen Analysen über Sprachbildung und Entstehung geistiger Vorstellungen ohne
Weiteres in den geschichtlichen Culturstudien verwerthen zu wollen, um aus dem idealen
Naturmenschen direct die nationale Civilisation der Humanität heraus zu construiren,
während diese erst auf der Gesellschaftssumme von Menschen oder unter Umständen (wenn
man will) von Naturmenschen keimt.“ [siehe zur Pflanzenmetapher den Schluss des letzten
Kapitels (abnorme Zustände: ich)]
MiG I:290f.: „In ein um so künstlicheres System der Mensch sich hineinlebt, desto mehr wird
er der Gefahr ausgesetzt sein, durch die leichte Zerrüttung desselben jeden Halt zu verlieren.
Das glückliche und zufriedene Leben hängt von der Gebietssphäre der Wünsche und
Bedürfnisse ab. Wer deren wenige besitzt, kann sie ohne Mühe erreichen, aber unglücklich ist
der, welcher sich an eine Menge gewöhnt hat und später die Unzulänglichkeit sieht, sie sich
zu verschaffen. Der von seiner Jugend an in einem beschränkten Ideenkreis aufgewachsene
Russe findet keine Schwierigkeit zu glauben, dass ein Heiliger mit zwei Engeln für die
nöthigen Aufträge immer im Stande sein könnte, seine Gebete anzuhören, ist durch seine
Erziehung gewohnt, in dem Weihwasser, in den heiligen Broten, in den angezündeten Kerzen
die entsprechenden Mittel zu sehen, seine Zwecke zu erreichen. Gerade freilich in solchen
111
zurück genommen werden, d.h. eingesammelt werden, um die Blockierung des
Denkens zu beseitigen. Die Gedanken äußern sich, wie ausgeführt, als
gesellschaftliche Verkapselungsrechtfertigungen, als Begründung ethnischer,
rassischer oder nationaler Identitäten. Bastian will im Aufsammeln und
Analysieren der Gedanken die künstlichen Identitätsblasen zum Platzen bringen.
Als Naturwissenschaftler will er der Natur wieder zu ihrem Recht verhelfen.
Noch einmal: Horizonte sind künstliche Ideenkreise, resp. künstliche
Gedankensysteme. Ein Gedanke wird als die hinreichende Verarbeitung einer
Wahrnehmung gefasst. Wahrgenommen wurde aber nur ein Teil der Umwelt, da
das Sehfeld des menschlichen Auges beschränkt ist. Der Mensch verarbeitet
eine Wahrnehmung, indem er sich selbst in das Wahrgenommene hinein
projiziert. Die Verknüpfung eines Gedankens mit dem Wahrgenommenen ist ein
psychischer Akt, jeder Gedanke ein psychisches Produkt, jede Analyse der
Gedanken Psychologie. Das Ich, seinerseits Teil der Welt, projiziert sich im
Gedanken auf einen größeren Ausschnitt dieser Welt. Das Ganze des
Wahrgenommenen wird folglich mittels einer Übertragung verstanden. Ein Teil,
das Ich, erklärt das Ganze des Wahrgenommenen, indem das Teil das Ganze
repräsentiert. Das Ganze ist wie das Teil. Das Teil kann für das Ganze stehen.
Eine solche repräsentative Ersetzung nennt man Metonymie. Deshalb ist jede
künstliche Idee eine Metonymie und ein Ideenkreis eine Ansammlung von
Metonymien. Da jedoch Gedanken und Gedankensysteme statisch sind, wird das
metonymische Verhältnis aus den Augen verloren. Da der gesetzte und im
System gesatzte Gedanke das Ganze repräsentieren soll, wird seine
Teilhaftigkeit aufgelöst. Er wird für das Ganze gesetzt. Aus der Metonymie
Verhältnissen, wo er am meisten des Trostes bedürfen mag, möchte er am schmerzlichsten
ihre Unzulänglichkeit erfahren.“
MiG I:118f.: „In Systemen darf keine absolute Wahrheit gesucht werden, da sie immer nur
eine relative ihres status nascens in sich tragen, nach ihm die transcendente Idealität
bestimmen; aber die ewige Wahrheit wird dann erkannt werden, wenn man sie, statt in
stabilen und nachher veralteten Formen, in der Harmonie des lebendig sich
fortentwickelnden Gesetzes, eben in dem organischen Aufgange seiner Wachsthumsphasen
sucht.“
112
wurde eine Metapher.141 Diese Dynamik geriet aufgrund der Statik der
Gedanken ihrerseits wieder in Vergessenheit. Das Gedankensystem stand für das
Ganze, bis es endlich das Ganze sein sollte. Schließlich ist auch jedes Quid pro
quo ein dynamischer Prozess. Da jedoch kein gesetzter und noch so sehr
gesatzter Gedanke aufgrund seiner Statik der Dynamik des Denkens und der
Wahrnehmung standhalten konnte, schlußfolgerte man, dass man nur noch nicht
den richtigen Gedanken und das richtige System gefunden habe. Wäre nur das
richtige System geschaffen, wäre man folglich auch der Welt habhaft. Es gab
zwischen System und Welt nun keinen Unterschied mehr. Da beide irgendwie
noch immer abhanden waren, musste man nur tatkräftig Hand an das Eine legen,
um das Andere zu erhalten. Ist das System endlich ideal, ist es mit der Welt
identisch. Aufgrund dieser affirmativen Verwechslungen kritisierte Bastian
sowohl Idealismus und Realismus wie auch die Religion. Einst nützliche
Erklärungsmittel verlören ihre Erklärungskraft, weil sie für die Sache selbst
genommen würden. Das System als die absolute Wahrheit erkannte Bastian
nicht nur als absolut falsch an, sondern sah in ihm die größte Verhinderung von
Denken selbst. Systeme, egal ob wissenschaftlicher oder theologischer
Provenienz, sollten nach Bastian nie mehr als momentane Befriedigungsmittel
sein, um die horrente Angst der Gesellschaftseinzelnen zu beruhigen. Eine
weitere Aussagekraft besitzen sie für Bastian nicht. Um wahrhaft zu denken, soll
man die Systeme und Theologien meiden und sich wieder der Materie selbst
zuwenden, d.h. dem Gedanken bei seiner Entstehung, seiner Anschießung
141
zur Begriffserklärung: ich bezeichne mit Metonymie ein pars pro toto, und Synekdoché
steht für totum pro parte. Siehe dazu auch Buchheit 1997.
Bastian bezieht sich in seinem Gebrauch der Begriffe auf Gianbattista Vico und verwendet
den Begriff „Synekdoché“ im Sinne von pars pro toto.
Aus Gründen, die sich zwingend aus Buchheit 1997 ergeben, kann ich hier Bastian nicht
folgen und muss die fraglichen Begriffe im oben angegebenen Sinn verwenden.
Zu Bastians Bezug auf Vico siehe MiG II:55: „ [Bastian zitiert G. Vico; KPB] „die
Synecdoche ging späterhin in Metapher über, sagt Vico, damit sich das Besondere zum
Allgemeinen erhob, oder sich Theile mit andern zusammenfügten, um mit denselben ihre
Grenzen auszumachen. So sagte man Mortales anfangs eigentlich nur von denjenigen
Menschen, die auch vor aller Augen wirklich starben.“ Die Idee entsteht aus der
113
beiwohnen.142 Jeder Gedanke hat nur kurzfristige Befriedungs- und
Befriedigungskraft. Da er je fehl geht, also aufgrund seiner Statik nie mehr
zutreffend ist, bewirkt er, je länger er besteht, je größere Unruhe. Doch so hält er
die künstliche Gedankenproduktionsmaschinerie am Laufen. Immer schneller
versucht die Maschinerie die Befriedigung und hält sich so selbst am Laufen. Es
entsteht der Eindruck des Funktionierens. Die Geschichte sei in Gang und
letztendlich auch intakt. Wie der brave Esel trottet sie hinter der Karotte des
idealen Systems hinterher und realisiert nicht, dass sie sich so ihrer eigenen
Kräfte beraubt, die Befriedigung je aufschiebt. Künstliche Ideenkreise begeben
sich selbst der notwendigen geistigen Nahrung. Sie enthalten sich
gewissermaßen der Materie, dem Stofflichen. Religionssysteme wiederum
liefern dafür die notwendige Legitimation: es sei so von Gott gewollt. Und es sei
so gut, weil der Mensch schuldig ist, sonst hätte es der Gott nicht wollen
können. Doch immerhin habe er dem Menschen die Möglichkeit geschenkt, die
Schuld einst zu begleichen. Und so trottet sich ein Esel nach dem anderen
zuschanden und bricht in der Gier nach der Karotte zusammen, bis geglaubt
wird, dass diese Karotte nicht existiert. Alles sei nur ein Gedanke, eine fixe Idee.
Er dreht sich immer wieder im Kreis, im Ideenkreis, in der Hybris des selbst
entworfenen Horizonts. Unentwegt dreht der Mensch sich um sich selbst und
treibt durch seine Unruhe die Maschine an, in deren Innern er glaubt, Geschichte
zu machen, um sich, um Gott näher zu kommen.
Es sind das Abstrahierende des Gedankens und das Anagogische des
Religiösen, die Bastian kritisiert, weil sie die Störung der Harmonie verstärken,
da sie sich gerade als Verstörendes leugnen. Das abstrahierende, anagogische
Wahrnehmung und wird zur Anschauung, unabhängig – gegen ihren eigenen Namen – von
der Wahrnehmung.
142
siehe MiG II:52: „Sobald ein Ideenkreis eine Zeit beherrscht, müssen sich sämmtliche
Bestrebungen derselben in ihm wiederspiegeln, und zwar, wie alle Naturvorgänge, nach
bestimmt nothwendigen Gesetzen. Für die Gebildeten wird die Religion eine philosophische
Form annehmen, für die Masse des Volkes eine ceremonielle, für die Schwärmer eine
mystische, für den Fanatiker eine magische und andere Unterabtheilungen zeigen [...].“
Bastian betreibt hier Wissenssoziologie avant la lettre.
114
Ich ermächtigt sich selbst zur Lösung und amplifiziert dadurch die Störung. Es
erkennt nicht, dass die Materie als Störung ihre Notwendigkeit hat, da sie
andernfalls die Harmonie nicht beweisen könnte. Nur die in der Mutterlauge
aufgestörte Harmonie ist Existenzgrund von allem, was ist. Sonst wäre nichts.
Eine Störung kann nicht an sich existieren. Die Bastian’sche Rückbesinnung auf
die Materie zielt auf Rückkehr in die Harmonie. Ein vorläufiges Ziel sei die
Rückbesinnung auf die harmonistische Materie, auf den Kristall. Im Aufheben
der Gedanken kann das Denken fortschwingen, kann schwingen wie ein Kristall.
Das Denken muss wieder down-to-matter sich ausrichten. Die Interferenz, die
vom Down-to-matter-Singular ausging, ist wieder beruhigt.
Im gewissen Sinn kann man sagen, dass Bastian die Unruhe in der
Maschine, im Uhrwerk „Geschichte“ durch einen Kristall ersetzen wollte. Die
Erfindung der Quarzuhr und letztendlich der Atomuhr ist also ganz im
Bastian’schen Sinne. Auch wenn er der erste gewesen wäre, der sie wieder
zerschlagen hätte. Eine Schwingung darf nicht gefasst werden, sondern muss
sich frei ins Unendliche schwingen können. Auch die vermessene Zähmung der
Quarzkristallschwingung perpetuiert lediglich die Bewegung des Uhrwerks, der
Maschine: sie lässt die Störung nicht zur Ruhe kommen. Sie perpetuiert die
Störung unmittelbar am elementaren materialen Entstehungsherd:
seismographisches Verzeichnis des Epizentrums. Die Harmonie vor Augen
vermißt sie sich stets. Aufgrund externer Energie darf der Kristall sich nicht
ausschwingen. Die Quarzuhr ist die selbstüberhebliche Quälung des Kristalls,
die Pervertierung der harmonischen Schwingung: künstliche Natur, die sich als
natürliche Kunst ausgibt, als natürliche Kunst der Ewigkeit. Statt Kristall zu
werden oder zu sein, schlossen sich der Mensch, das Ich in den Kristall ein. Es
sieht aus, als ob die Geschichte an ihr Ende gekommen sei, und doch hat sie sich
nur unendlich verlangsamt in der Atomisierung der Bewegung, in der
Digitalisierung der Zeit. Fast unendlich schnelle Bewegung simuliert Ruhe. Es
herrscht hektischer Stillstand, der die Abwesenheit von Störung vortäuscht.
115
Deshalb macht nun schon die atomarste Handlung Geschichte. In der
kristallinen Materie hat sich der Mensch der Materie begeben und begibt sich in
die Virtualität. Er glaubt, nichts sei mehr Materie. Die Hardware ist der Makel
der Virtualität. In der Virtualität findet der künstliche Ideenkreis seine
Vollendung. In der virtuellen Welt des Computers – der Kalkulator betreibt kein
logisches Rechnen und Gedankenstatistik, sondern berechnet nur sich selbst,
rechnet rechnerische Logik, nicht die Logoi des Denkens - glaubt der Mensch,
sich endgültig nicht mehr die Finger schmutzig zu machen, nicht mehr ins Feld
zu müssen. Alles außerhalb der virtuellen Welt wird zum puren Dreck, der
gefälligst zu entsorgen ist. Von Bastian her gedacht ist die Virtualität die
Verhinderung von Ethnologie. In der permanenten Frage „What’s the matter?“ –
0 oder 1? – vergisst der Mensch die einzige wirkliche Antwort: „That’s the
matter!“ – und nichts weiter. Die Materie ist. Die Mutterlauge ist in Unruhe und
der Kristall schießt an und stirbt. Alles was zur Zeit und in der Zeit ist, ist
Materie. Virtualität macht das vergessen. Und nur im Rück- und Abschwung zur
Materie besteht die Möglichkeit, dem Anschießen und Sterben ein Ende zu
machen, die Mutter zu beruhigen, die Existenz zu vollziehen, um endlich wieder
in die Gesamtmaterie einzugehen; um alle Erhebungen und Selbstüberhebungen
zu beenden. Es ist möglich, weil alle Materie ist, alles aus der gleichen Materie
ist. Selbst die Psyche des Menschen. Deshalb kann Bastian die Psychische
Einheit der Menschen materialistisch postulieren143, obwohl ihre Psyche
unentwegt den Gedanken der Differenz und somit die künstlichen Differenzen
143
siehe Lange 1974:887: „Hauptsächlich in der Schrift: Das Beständige in den
Menschenrassen, Berlin 1868, hat sich Bastian in eine schroffe und viel zu weit gehende
Opposition gegen den Darwinismus eingelassen, was jedoch dem Werte seines
Grundgedankens keinen Eintrag tut: die Gleichmäßigkeit im geistigen Zustande der Völker
und namentlich in ihren mythologischen Überlieferungen nicht sowohl aus der Abstammung
von einem gemeinsamen Urvolke zu erklären, als vielmehr aus der gleichen psychologischen
Grundlage, welche mit Notwendigkeit zu gleichen und ähnlichen Gebilden des Aberglaubens
und der Sage führen musste.“ Solche Gebilde des Aberglaubens sind noch die modernen
allgorithmischen Bilder des Denkens, die es abbilden sollen. Sie entstehen aus der gleichen
psychischen Grundgestimmtheit der Menschen wie die Mythen, nämlich die Materie als die
Störung zu empfinden und den Geist als die Rettung. Auf den Dualismus und insbesondere
116
produziert. Jede Scheidung ist künstlich. Keine Scheidung, keine Differenz ist
natürlich. Wir brauchen uns darüber nicht zu beunruhigen. Es gibt diese
Scheidungen, wie z.B. in gut und böse oder in 0 und 1, nicht wirklich. Aufgrund
solcher Beruhigung kann nach Bastian das Abschwingen zur wahren Harmonie
beginnen. Das Ich wird wieder Materie und nähert sich dem es. Es denkt. Das
Denken denkt sich fort, bis nur noch harmonische Schwingung ist.
Nun ist verständlich, warum Bastian in seinen Büchern jedem noch so
trivialen Gedanken und jeder noch so abstrusen Idee Raum gibt; warum seine
Bücher nicht Relevantes von Unrelevantem scheiden. Bestimmt nicht aus dem
Grund weil Bastian zu solcher Differenz unfähig gewesen wäre. Für Bastian ist
jeder Gedanke und jedes Gedankensystem, ob sie nun als Flops oder als Tops
erachtet werden, eine Blockade des Denkens, die durchdacht werden muss,
damit das Denken in den Gedankenreihen sich abschwingen kann. Nur ein
durchdachter Gedanke ist ein aufgehobener Gedanke, der ad acta gelegt werden
kann. Er ist von keinem weiteren Interesse mehr. Er hat seinen Sinn erfüllt. Erst
wenn der letzte Gedanke durchdacht sein wird, wird Bastian an seinem Ziel sein.
Und es darf ihm keiner entgehen. Denn schon eine einzelne Hemmung kann
Unmengen an Proliferationen und Disseminationen erzeugen, die von neuem
durchdacht werden müssen. Unendliche Differenzen, die die Einheit nicht zu
sich bringen und die Unruhe fortsetzen. Das ist der Grund, warum sich a) in
Bastians Büchern so viel Unglaubliches findet, und er sich b) mit solchem auf
eine Art (nicht) beschäftigt, die ihm die Diagnose „Wahn“ einbrachte.144 Nur ein
Wahnsinniger könne nicht zwischen Richtigem und Falschem unterscheiden.
Doch für Bastian stellt sich diese Unterscheidung nicht. Für ihn ist ein Gedanke
so richtig, wie er falsch, und so falsch, wie er richtig ist. Der Gedanke ist ihm als
Störung gut und als Lösung falsch. Als Störung der Harmonie muss er begriffen
und verwendet werden, um die Harmonie zu begreifen, indem sie sich von ihr
den von Leib und Seele werde ich im weiteren Verlauf der Arbeit noch ausführlich zu
sprechen kommen.
144
siehe Buchheit 1997
117
ergriffen sein lässt. All das besagt nicht, dass Bastian nicht hätte einen
Standpunkt ergreifen können, von dem aus er sein Material hätte wohl sortieren
und klar evaluieren können. Nur hätte er in einem solchen Standpunkt sich nicht
wohl befunden, sondern als potenzierte Störung. Störungen, wie er sie allerorten
als Reisender, der keinen festen Standpunkt haben darf, sonst kommt er nicht
von der Stelle, egal wohin er sich begibt, sah. Das Verstörende seiner Texte
dient dem Erfassen und Seinlassen der Störung, dessen was Sache ist; was die
Materie, die Natur der Dinge ist. In dem Sinne ist ihm alles gleich gut und gleich
gültig und sinnvoll und von schönem Stil, i.e. sachgerecht und angemessen. Von
Bastians Denken her gedacht sind seine Schriften schlechterdings aptisch145 und
aptologisch. Sie entschreiben sich der maßlosen und vermessenen Megalomanie
künstlicher Horizonte des Maßes und selbstermächtigender Sinngebung. Diese
Hybris wäre für Bastian der wahre Wahn, sähe er sich denn zu urteilen
bemächtigt. Doch urteilt er in seinem Sinne nicht, sondern konstatiert das
Einhüllende und Fesselnde einer künstlichen Horizontenhülle, konstatiert sie als
aufgeblasenes Ich, als abnormer Gedanke eines dysaptisch Vereinzelten, eines
Gestörten. Sind das Ich und der Gedanke als Gestörte, als Ausgeburten einer
Störung erfasst, sind sie für Bastian richtig erfasst und durchdacht. Das Denken
kann weiter gehen. Sie hatten ihren Sinn. Deshalb kann er sie nicht in ihrer
Existenz verurteilen, nur in ihrer existentiellen Hybris. Alles hat für Bastian
einen Sinn, das an sich sinnlos ist, ganz ohne künstlichen Ideenkreis. Denn alles,
was ist, stört und verweist dadurch auf die Harmonie. Bastians
phänomenologische, positive Empirie ist auch eine materialistische Semiologie
der Störung, ein semiologischer Dysfunktionalismus der materiellen und
materialen Existenz. Nur im Abschwung in die beruhigte Einheit der Materie
kann die materiale Ur-Scheide geschlossen werden, die Wunde des Gebärens
der Existenz. Die Geburt wäre rückgängig gemacht. Vater und Mutter finden in
eins, die Harmonie der immateriellen, kosmischen Schwingung ist wieder
145
Bastian spricht in: Wie das Volk denkt, 1892:220 von der „aptitudo rerum“.
118
hergestellt.146 Der künstliche Ideenkreis der Existenz schlechthin wäre
aufgehoben, die Blase des störenden Seins geplatzt. Das Sein ist nicht defizient,
sondern Überfluss. Es ist überflüssig, ein Zuviel im Kosmos. Der Mensch kann
sich vor lauter Sein im Sein nicht retten. Im Abschwingen des Denkens nimmt
das Sein ab. Bastian ist als Arzt Diätetiker, das sich abschwingende Denken die
Diät der Materie, die die künstlichen Blähungen beseitigt. Das Sein löst sich in
Wohlgefallen auf, in Harmonie. Der Kosmodiagnostiker hätte das gnostische
Übel, dasjenige, was nicht eins sein lässt, kuriert. Keine entzweienden Ideen
mehr. Er hätte endlich Ruhe.
146
vgl. z.B. folgende Stelle: Bastian, Controversen I, 1893:3: „Fortab stand der Induction es
zu, die ihr gebührenden Rechte zu beanspruchen, die Zulässigkeit ihrer bescheidenen Arbeit,
die vor den aus himmlichen Höhen (eines i`F:@H <@0J`H) herabstrahlenden Problemen der
Deduction on einer bisher unscheinbaren (halbverachteten) Stellung geblieben waren; der
Erdensohn, das Kind der Mutter-Erde, hatte im eigenen Innern das Verständniss dessen zu
suchen, was der Vater (ein arrhetischer [email protected]) zu ihm geredet, durch göttlichen Logos;
im logischen Rechnen einer [email protected](4FJ4i¬ (mit einwohnenden Keimanlagen aus „8`(@4
FBgk:"[email protected]\“, für einstigen Infenitesimalcalcül vielleicht).“
119
2. 2. 4. Materialismus
Wie das Denken im Gedanken stockt, hält die wissenschaftliche Analyse
im Begriff inne und verkehrt sich in Synthese, in vorschnelle Zuschreibung.
Aber dennoch bedarf die Wissenschaft der Begriffe, um durch sie hindurch zu
gehen. Und sie bedarf der Methoden und Methodiken, um gerade die
Verstockungen und das Innehalten aufzubrechen. Da der Gedanke gedacht und
der Begriff geprägt wurde, besitzen sie qua ihrer Existenz Existenzberechtigung,
jedoch als Gedanke und als Begriff und als nichts anderes. Die Berechtigung
erhalten sie von der Kosmischen Harmonie her. Nur von ihr her gedacht erhalten
sie Bedeutung. Sie sind schlichtweg vorhanden und müssen deshalb konstatiert
werden. Sie sind Teile des Kosmos, Teile der Welt, Teile der Substanz, Teile
des Denkens: Mitgeteiltes. Doch niemals können sie Umfassendes sein, niemals
haben sie ausreichend Platz, das Denken, die Substanz, die Welt oder gar den
Kosmos zu fassen. Sie sind Eingeschlossen in größere Zusammenhänge.
Deshalb stellt sich für Bastian z.B. auch nicht die Entscheidung zwischen
Materialismus und Idealismus147. Es sind seiner Ansicht nach keinesfalls
Konzepte, sondern Konzipiertes: Gedanken, die im Verlauf des Denkens
gedacht wurden. Deshalb ist es unsinnig, Bastian einer Richtung oder Tradition
zuzuschlagen.148 Bastian ist weder Materialist, noch Idealist, und doch ist er
beides. Er greift diese Methodiken auf und verwendet sie, wo sie sich ihm als
nützlich erweisen, das Denken in Fluß zu bringen. Sie sind ihm Material.
Bastian sammelt Material, ohne sich von diesem Material vereinnahmen zu
lassen, ohne gewissermaßen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen.
147
MiG I:XIII: „Die wahre Wissenschaft kennt weder Materialismus, noch Idealismus, da sie
beide umfasst.“
148
vgl. Buchheit 1997
120
Deshalb hat die wissenschaftliche Etikettierung ihre Schwierigkeiten mit
Bastian. Sie mißt ihn an den Begriffen, die er benutzt, statt seinem Benutzen
Aufmerksamkeit zu erweisen. Bastian versucht aber gerade, sich
Klassifizierungen zu enthalten, indem er sich mit allen Klassen einlässt. Dünkel
oder Elitisierung sind ihm fremd. Aufgrund der sich daraus ergebenden
Beschränktheiten der Sprache, die selbst nur ein Konzeptualisierungsversuch ist,
ein pars pro toto, ist Bastian gezwungen, diese Beschränktheiten zu seinen
eigenen zu machen. Aber er versucht, sie je zu durchkreuzen. Das macht seine
Konzepte so löchrig, seine Sprache so überbordend und unfasslich. Allerorten
franst sie aus, hängt in der Luft, verhakt sich. Sie ist ihm nur vorläufiges
Material. Ebenso die Gedanken. Dass sie ihm Material sind, heißt aber nicht,
dass er sie materialistisch einkategorisiert. Er sieht z.B. in den Gedanken nicht
die materialen logoi spermatikoi149 der Stoiker, er überträgt das
Prokreationskonzept nicht auf das Denken schlechthin. Haben solche Modelle
Erklärungstendenz, nutzt er sie. Doch zumeist machen sie vielmehr blind, weil
sie Letztendlichkeiten sein wollen. Für Bastian hingegen soll alles Anfang der
Unendlichkeit sein, oder vielmehr momentane Auskristallisierung unendlicher
Schwingungen. Da also alles seine Ursache im gleichen Perpetuum – keinesfalls
in einem gleichen Prinzip – des Kosmischen hat, sind die Konzepte, die
Ausgeburten einer interferentiellen Störung, miteinander verwandt. Sie können
folglich nicht klar geschieden sein oder werden. Realismus fußt im Idealismus,
und Idealismus basiert auf dem Realismus; der Materialismus ist nur ein
Gedanke, und jeder Gedanke ist Material, das gesammelt werden kann als
Ausdruck, als Geprägtes seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte.
149
MiG I:362: „Nach den Stoikern sollte die Materie in sich selbst eine Disposition zu
gewissen Gestalten tragen, die [email protected](@4 FBgk:"[email protected], wie Buffon in dem Microkosmos
annahm, dass der Same, als Auszug aller Theile des Körperrs, kleine Modelle desselben
darstelle. Wie der Realismus seine Methode aus dem Idealismus schöpfte, so suchte später
dieser die von jenem gewonnenen Resultate zu verwerthen, und die materiellen Atome wurden
in der Zeit der microskopischen Entdeckungen zu den Monaden Leibnitz’, dessen prästabilirte
Harmonie in einen Occasionalismus entarten musste.“
121
Selbst da, wo Bastian mit anderen Denkern zu koinzidieren scheint, wie
z.B. im Begriff der Harmonie mit Leibnitz, sind strikt die Unterschiede im Auge
zu behalten. Und diese Differenzen sind Bastian durchaus bewusst. Bastian lässt
sich niemandem subordinieren. Eine höhere Instanz implizierte die Kenntnis der
Ordnung, doch jeder außerordentliche Kenner der Ordnung bleibt Bastian
suspekt und einer unter vielen. Daher rührt der Grund, warum wir uns in dieser
Arbeit anderen Referenzen weitgehend enthalten. Zu leicht erliegt man der
Versuchung, Bastian in anderen Denkern oder mit anderwärts Gedachtem zu
identifizieren. Man verliert ihn aber dadurch aus den Augen. Ein Vergleich steht
erst dann an, wenn wir Bastian als Bastian zu identifizieren gelernt haben.
Bastian ist kein Positivist, aber er verschrieb sich einer positiven Empirie.
Bastian lehnt vereinzelte Spekulationen ab, durchdenkt aber die einzelnen
Spekulationen. Bastian lässt sich nicht als Materialist einklagen, nimmt aber die
Ideale als bloßes Material. Bastian sieht in den Gedanken keinen männlichen
Samen, weiß aber um die Befruchtung der Mutterlauge durch das innehaltende
Denken. Innehaltende Ataraxia oder Apathie stört seiner Meinung nach den
Denkfluss, doch das AV<J" Õgà ist ihm auch nur ein Gedanke150. Unaufgeregt
vernimmt er die Erregungszustände in der Welt und schreibt sie seinen Büchern
ein, um den Regungen des Kosmos auf die Spur zu kommen. Bastian sucht
nicht, er findet unentwegt, und dennoch vermeint er nicht, im Gefundenen
wirklich ein Endgültiges in Händen zu halten. Ein jedes ist ihm Teil einer
Unendlichkeit, und deshalb teilt er alles mit. Bastian, der stets einer
Kristallmetaphorik sein Denken schuldet, versucht selbst Prisma zu werden, das
durch sein Material das angeblich Immaterielle in seiner Materialität
auszeichnet. Aber dass eine prismatische Analyse von Licht überhaupt möglich
ist, verweist auf unfassbare kosmische Gegebenheiten. Noch im kleinsten
150
vgl. BRPS:54: „Alles rinnt (BV<J" ÕgÃ), und rennt dahin in flüchtig vergänglicher
Unwesenheit (Aneiza, Anatta), „Alles brennt“ in Dukha’s Weh [...] genährt durch die
Speisung der drei Grundübel [...] (Zorn, Hass, Dummheit) [...].“
122
Phänomen zeigt sich das Unfassbare und beweist sich dadurch.151 Man kann es
nicht fassen, aber man kann versuchen, sich ihm hinzugeben, in ihm wieder
aufzugehen. Bastian, dem alles Material ist, er sich selbst auch, auch er nur ein
Unwesentliches, versucht im Material der Materialität zu entkommen, die
materiale Vereinzelung aufzulösen. Wenn man so will, ist Bastian kein
Materialist, sondern Harmonist. Alles rührt von der Harmonie her. Das Material
beweist sie in seiner monistischen Gestörtheit des Dualen. Nicht in einem
immateriellen Anfang war das Chaos, sondern mit der Materie kam das Chaos in
den Kosmos. Alles Geschaffene ist die selbstermächtigte Begrenzung des
Unendlichen. Als ob die Materie Mutterlauge wäre, konzeptionsfähig. Schon
dem Namen sieht Bastian an, wie ihn die Lüge ausspricht. Die Gedanken gehen
wirr. Das ist ihre Rationalität. Man kann sie sammeln. Mehr kann man vorerst
nicht. Alles andere ist bestenfalls Tautologie, schlimmstenfalls
störungsverstärkende, dualistische Hybris. Man sollte das Material, das man hat,
nicht zu wichtig nehmen. Man sollte es hinnehmen. Es trägt keine
Erklärungspotenz in sich. Das Material ist nicht der Vater des Gedankens. Wie
im Begriff die Lüge so steckt im Konzept „Materialismus“ der lügende
Größenwahn. Aufgrund der Tatsache, dass Begriff und Konzept das aufzeigen,
haben sie nach Bastian ihre Existenzberechtigung. Der Materialismus ist
nützlich. Mitunter. Wie alles Material nützlich ist – man muss es nur zu nehmen
wissen. Für Bastian ist alles Material, aber das Material ist ihm nicht alles. Es
käme sonst dem Material eine Bedeutung zu, die es nicht hat. Ihm ist das
Material kein Ideal. Aus diesem Grund ist Bastian vielleicht der einzig wirkliche
Materialist – weil er nämlich keiner ist. Das egoistische Konzept bricht folglich
auseinander, der Gedanke ist durchdacht, das Denken kann weitergehen, sich
weiter abschwingen in den Kosmos hinein, dessen Material die Welt ist.
151
MiG I:363: „Der Analysis, die das Gesuchte als gefunden annimmt, kann sich nur das
Bekannte geben in geringen Modificationen seiner Sphäre, aber in der Untersuchung der
kleinsten Grössen waltet ihr das Unendliche.“
123
2. 2. 5. Egoismus
Das Denken des einzelnen Menschen stockt im Gedanken des „Ich“.
Vermeintlich glaubt er, darin sein Denkmaterial zu finden. Doch der Gedanke
des Ich hebt sich nach Bastian von jeglichem gegebenen Material ab und stellt
einen überheblichen Wegdenkungsversuch des positiv Vorhandenen dar. Der
Gedanke des Ich ist das Produkt negativer Spekulation:
wahrnehmungsabwehrende Verleugnung der Welt, zwanghafte Sinngebung des
Sinnesausfälligen. Indem sich der einzelne Mensch idealiter ins Zentrum seiner
spekulativen Wesensschau stellt, expelliert er sich als gegebenes Zentrum
realiter aus der Welt. Er verweigert dem Sinnfälligen den Durchgang. Im
Verstehen dessen, was angeblich wahrgenommen wird, stockt der Durchfluss,
das Sinnfällige wird abgewehrt, das eigene, aufgeblasene Ich ihm
entgegengestellt. Nur im verständnislosen Gewährenlassen der Sinneseindrücke
und im interpretationslosen Aufschnappen der Gedanken wird der Mensch dem
Sinnfälligen der Welt gerecht und lässt es gewähren. Nur so darf sich die
wahrgenommene Materie, wozu auch die feinstofflichen Gedanken zählen, als
dasjenige zeigen, was sie ist: als Störung der kosmischen Harmonie. Die
wohlgeordneten introperspektivistischen Systeme und feinen
Klassifikationsunterschiede intuitistischer Verstehenswahne produzieren nach
Bastian keine Objektivität, sondern reinen Egoismus. Sie ersetzen, was sie zu
verstehen vorgeben, durch sich selbst, statt dass sie es durch sich hindurch gehen
ließen. Im spekulativen Gedanken des Ego begibt sich der Mensch der
Möglichkeit des Denkens eines jeden Alter, weil gerade er die Dichotomie von
Alter und Ego aufspreizt und damit die Einheit alles material Gegebenen negiert.
Doch ohne die hypostasierte Einheit wäre überhaupt keine Wahrnehmung
124
möglich. Das Ego, das verständlich von Alter spricht, indem es sich in ihn
hinein projiziert und ihn enteignet, versteht nicht einmal sich selbst. Der
egoistische Gedanke ist die Negierung des Denkens schlechthin; doch darf sich
das wirkliche Denken nicht von solchen Gedanken distanzieren, es würde sie so
lediglich imitieren und sich ins Stocken bringen. Vielmehr muss es sich durch
alle Gedanken hindurchfließen lassen, um somit ihre egotistischen
Verkapselungen aufzubrechen, d.h. es zeigt sie als unverbunden und vereinzelt
dastehend an. Zeigt an, aufgrund welches verstörenden Zusammenstoßes sie
entstanden, wo die Einheit geschieden wurde und künstliche Unterschiede sich
auftaten. Das wirkliche Denken muss sie gerade in ihrer Unverbundenheit
präsentieren, um ihre Entstehungs- und Wirkungsgeschichten analysieren zu
können. Nur so lassen sich die Interferenzmuster der Harmonie aufspüren und in
einer Differentialgleichung auflösen. Bastian versucht die Zusammenhänge der
materialen Störung aufzuzeigen, damit die Verstörungen, i.e. Gedanken, erfasst
werden können. Oder anders ausgedrückt: Bastian sammelt die Symptome einer
kosmischen Krankheit, die sich in der Materie und deren Spaltungen äußern.
Die Materie sondert sich von der Einheit aufgrund von interferentiellen
Hybridisierungen ab, um ein Eigenes zu werden. Die Materie ist der
überhebliche Egoismus der Kosmischen Harmonie, eine bedeutungsgreifende
Verknotung. Der Mensch sondert sich im Gedanken des Egos von der Einheit
der Materie ab, um ein eigenes Ich zu werden. Der Gedanke ist der signifikante
Knoten der Materie. Den Verlauf der Ichwerdung nennt der Mensch
„Geschichte“. Geschichte stellt also die Anamnese der Krankheit von der
Ichwerdung dar. Bastians „Der Mensch in der Geschichte“ lässt sich
entsprechend als dazugehörige Epikrise interpretieren, aufgrund derer er mit der
Behandlung, d.h. mit eingehender ärztlicher Diagnose beginnt, also dem
Abtasten der Knoten, der Auskultation der Störgeräusche. Aufarbeitung der
Geschichte ist Bastian Teil der Diagnostik. Sowohl um endemische als auch
epidemische Störungen erforschen zu können, muss er sich in das Gebiet, wo
125
diese auftreten, begeben. Epidemiologie, die in der Ethnologie der Lehre von der
Diffusion kultureller Errungenschaften entspricht, lehrt nur eine Möglichkeit der
Ausbreitungsweise von Krankheiten. Rückschließend sieht Bastian keinen
Grund, in der Ethnologie von einem Diffusionismus zu sprechen. Kulturelle
Errungenschaften – psychologischer oder ergologischer Art – können durchaus
endemisch in mehreren Gebieten beheimatet sein. Die Krankheit, die Bastian
diagnostizierte, beansprucht in seinen Augen die höchste Dringlichkeitsstufe.
Allerwärts wird der Abschluss der Ichwerdung beschworen. Bastian durfte keine
Zeit verlieren. Ohne weitere Umstände zu machen, begab er sich auf
Krankenbesuch in alle Welt.152 Jede noch so unwichtige Patientenaussage wurde
dem Arzt Bastian wichtig, nicht um sie an sich zu verstehen, aber um der
Störung auf die Spur zu kommen. Je mehr selbstgefällige Gedanken irgendwo
auftraten, um so fortgeschrittener war die Krankheit. Erschwerend kam hinzu,
dass der Patient das als positiven Fortschritt wahrnahm. Dabei ist es ein
positiver Befund im Sinne der Medizin: die Störung hat statt!153 Je weniger das
egotistische Krankheitsbild sich zeigte, um so „gesünder“ empfand der Arzt den
Patienten.154 Je weniger ein Mensch, eine Menschengruppe oder eine Ethnie sich
152
über das Monomanische des Bastian’schen Reisens siehe: Buchheit 1997:29ff.
Bastian, Der Völkergedanke, 1881:180 FN: „Die Autopsien [sic!] der von 1850-1880
periodisch wiederholten Reisen liefern die gewaltsam zwingendsten Ueberzeugungen des in
schreckbar steigenden Progressionen fortschreidenden Verderbens.“
154
So mögen in unseren Augen einige Aussagen Bastians äußerst rassistisch aussehen, doch
sie sind es nur auf den ersten Blick. Zwar konstatierte Bastian z.B. die Höherentwicklung des
Europäers, die aber sogleich eine Fehlentwicklung zu Egoismus, negativer Spekulation
(Abgehobenheit, Erhabenheit) und der Hybris der Omnipotenz war. Nur der Europäer kann
den Egoismus wieder lösen; nichtsdestoweniger steht Bastian z.B. der Afrikaner näher an der
Harmonie und ist damit gleichfalls positiver wahrgenommen: an ihm lässt sich die Interferenz
des Kosmos, das materielle Geschehen, anschaulicher studieren. Vgl. MiG I:117: „In die
tabula rasa eines Negerhirns lässt sich jeder Begriff einpfropfen. Er wird nachgeplappert
werden als Wort, nicht als Begriff.“ Und der Begriff ist Bastian Sünde wieder die Harmonie,
notwendige aber zu überwindende Stockung des Denkens. Vgl. auch meine Ausführungen zu
dem Begriff „Naturvolk“ in Buchheit 1997:85ff.. Bastian weiß durchaus die Vernunft eines
„Wilden“ der rationalen, so ökonomischen wie egoistischen Denkungsart der „Kulturvölker“
vorzuziehen. Voller Genuss zitiert er Finow, einen Tongakönig [MiG I:413]: „Wenn ein Mann
mehr Yams hat, als er braucht, so lasst ihn seinen Ueberfluss hingeben für Schweinefleisch
oder Gnatuh. Freilich sind die Münzen weit besser zur Hand und eine weit bequemere Sache;
aber weil sie sich auf lange Zeit erhalten und durch’s Aufbewahren nicht verdorben werden,
so werden die Menschen immer geneigt sein, sich viele derselben zu sammeln und
153
126
Gedanken über sich selbst machen, um so unverstörter sind sie. Aber um so
weniger steht es in ihrer Macht, sich vor dem Kontagiösen der Egotistischen
Krankheit der Anderen zu schützen; um so krankheitsanfälliger sind sie. Um sie
gilt es sich also besonders zu bekümmern. Dem Arzt Bastian war klar, dass die
Krankheit etwas Unausweichliches darstellte; dass der einzige Weg, sie zu
beseitigen, hieß, sie zu überwinden, indem man sich ihr kontrolliert hingab.
Deshalb wollte und konnte Bastian das Sterben der Ethnien155 nicht verhindern.
Die Krankheit muss, wie einst die Pest156, ihren Verlauf nehmen. Nur indem
man sie ungestört verlaufen lässt, kann man sie studieren und Erkenntnis über
sie gewinnen.157 Im Studieren bestand die Gefahr, die Schwindenden allererst
wirklich zu zerstören und damit um so schneller in den gänzlichen Exitus zu
treiben – in die totale Einkapselung der Aussage von einem absoluten Ich, das
alles sein will und daher nichts ist und deshalb nicht mehr vermögen wird, die
Materie in die Einheit der kosmischen Harmonie zurück zu führen. Die
Krankheit wäre chronisch geworden. Bastian blieb nicht viel Zeit.
Der Gründervater der deutschen Ethnologie ist zeitlebens Arzt geblieben.
Und es ist nicht einfach, sich des Eindrucks zu erwehren, dass viele heutige
Ethnologen auch nichts lieber als Menschheitsärzte sein wollten, um Teile der
Menschheit von ihrem angeblich pathologischen Leben oder ihrer
pathologischen Lebensweise zu befreien. Bastian kann ihnen aber nicht als
Vorbild dienen, da ihm das ganze materielle Sein in seiner Entäußerlichkeit aus
der kosmischen Harmonie das Pathologische war; die materielle kenosis ist
alleinige Ursache sowohl von Pathos (Leid) und Logos
(Wahrnehmungsnotwendigkeit), alleiniger Grund der Unruhe. Bastian sieht sich
anzuhäufen, anstatt sie Dürftigen zu geben, wie es einem Häuptling ziemt. So müssen die
Menschen habgierig und selbstisch werden.“
155
siehe Buchheit 1997:77ff.
156
Zur Auswirkung der Pest auf das moderne Denken siehe: Gronemeyer 1996.
157
vgl. Bastian, Vorgeschichte der Ethnologie, 1881:64f.: „Die Existenz der Naturvölker ist
nur eine ephemere für uns, d.h. soweit sie unsere Kentniss und unsere Beziehungen zu ihnen
betrifft, soweit sie also für uns überhaupt nur vorhanden sind. Mit dem Augenblick, der sie
127
selbst nicht als Retter, sondern als Teil der Entäußerung. Es bleibt ihm nichts
übrig, als daran teilzunehmen und sie wahrzunehmen. Bastian stellt sich nicht
jenseits des Pathologischen, im adäquaten Pathos lässt er die Logik des Seins
geschehen.
Es wird nun auch klar, warum Bastian sich in MiG I-III als Psychologe
versteht. Der Gedanke des Ich ist ein psychologisches Problem. Auch wird klar,
warum diese Psychologie einen naturwissenschaftlichen Ansatz haben muss: die
Gedanken des Ich sind das Problem der Materie schlechthin, also der
sogenannten Natur. Als Entäußerung der Materie/des Körpers wurde es
objektiviert, nur die Wissenschaft der Objektivationen kann es dem leiblichen
Geschehen wieder einschreiben, den cartesischen Riss rückgängig machen. Nur
leiblich kann das Ich wieder in Ruhe geschehen. Das Ich erfüllt seine
Notwendigkeit im Erkennen dieser Tatsache. Es ist Symptom einer Pathologie.
Konsequent verschrieb sich Bastian der Psychophysik, mit deren Mitteln er die
Patho-Logien, dasjenige was im Erfahren der Umgebung gedacht wird, die
Völkergedanken158, in der jeweiligen Umgebung, dem „Feld“, analysieren
wollte. Die Ethnologie ergibt sich logisch als probates Mittel der Diagnose.
Bastians angeblicher Wissenschaftssynkretismus erweist sich als kohärente
Methodik und homogener Ansatz.159
uns kennen lehrt, weht der Todesengel sie an.“; siehe a. Bastian, Der Völkergedanke,
1881:179
158
Bastian, Controversen I 1893:55f. FN: „Der Völkergedanke empfiehlt sich aus einer der
deutschen Sprache eingenthümlichen Bildungsfähigkeit, der in andern (wie aus
fremdländischer Correspondenz ersichtlich) gleichwertig zu decken schwierig, in diesem
Sonderfall (da jede ihre eigenen Vorzüge besitzt). Und so bei Aufsaugung im Bienenfleiss
(nach dem auf inductive Sammelarbeit angewandten Gleichniss) mag die Ethnologie (unter
dem international zukommenden Titel) vom Polyglottismus profitiren, wenn etwa neben
(französisch) milieu, (englisch) surroundings (oder survivals) und dergl. m., Manches
überlebselt aus classischer Terminologie, wo ein kurzes Schlagwort mit einem Schlage ein
weit umständliches Begriffsumreich erledigt (vorausgesetzt freilich, dass es nicht etwa sich
eingestellt hat, wo „Begriffe fehlen“).“
159
zum angeblichen Wissenschaftssynkretismus siehe: Buchheit 1997:65ff.
128
Am Beispiel des Sexus160 schildert Bastian anschaulich, wie
individualgeschichtlich die Verstörung ihren Verlauf nimmt. Dem Arzt Bastian
ist die Pubertät eine Kongestion. Eine Anschwellung. Eine einzige Erregung.
Interferenzen entstehen hier im Schwingen der individuellen Entwicklung. Ein
Wellenberg türmt sich auf und verstört. Der Pubertierende will nichts lieber, als
sich von dem drängenden, kongestiven Wellenberg befreien, die Schwellung
beseitigen, die Ruhe des Wellentales finden. Wieder und wieder. Im Erleben der
ersten Geschlechtserfahrungen erkennt der Pubertierende, dass im
Geschlechtsverkehr die Schwellung sich befriedigen lässt, dass sie zurück geht,
dass Ruhe in den Körperhaushalt einkehrt. Das sexuelle Erleben ist ihm folglich
keinesfalls Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck der Beruhigung. Doch je
tiefer das Tal, desto höher wird der Wellenberg wieder sein, um so stärker wird
der Trieb wieder Tribut eintreiben wollen. Der Assoziationspsychologe Bastian
konstatiert, dass der Adoleszente, kaum noch mit Wissen versehen, sich dem
160
MiG I:152: „Die Ideen, die dann [in der Pubertät] mit einem umwandlungsfähigen
Körperprocesse in directe Association treten, müssen einen weit überwiegenden Einfluss
erhalten, und von jeher war die Liebe das absorbirende Interesse im Leben der Völker, ob ihr
in den Orgien der Aphrodite, ob durch wollüstige Kasteiungen oder durch das Lesen
erotischer Romane gedient wurde. Die bei dem Knaben erwachenden Regungen des
Geschlechtstriebes bedingen, als die zuströmenden Einflüsse eines in abschliessender
Entwicklung begriffenen Organes, durch ihr Zusammenwirken einen Zustand der
Behaglichkeit und indem sie die Empfindung des Angenehmen hervorrufen, werden die dann
gerade im Gehirn schwingenden Ideen sich mit ihnen associiren und so einen fortwaltenden
Einfluss erhalten, auch wenn sie mit der Function jenes Systems selbst Nichts weiter zu thun
haben sollten. Während der Jahre, wo der Blutzufluss hauptsächlich nach dem im
Congestionszustand befindlichen Geschlechtssystem stattfindet, verknüpft das Kind alle seine
Ideen mit den Empfindungen dieses, wodurch seine Gedanken und Anschauungen jene
schwärmerischen Dinten aufdämmernder Phantasien erhalten, wie sie so überschwenglich in
den lyrischen Ergüssen der Dichterjünglinge ausströmen.“ Kein Wunder also, dass Bastian
sich selbst als Anti-Romantiker verstand. Aber nach Bastians eigener Theorie gehen Teil und
Gegenteil Hand in Hand und sind von gleicher Art, die sie unentwegt verleugnen. Daher die
vielfachen Parallelen zur Romantik, die Bastians Interpreten so viel zu schaffen machen, siehe
z.B. Achelis 1889 und 1891.
Zu den „leidenden Dichtern“ sei angemerkt: Solange die materielle Verstörung in der Welt
ist, sind auch die Schmerzen der Begierde in der Welt. Und solange die Begierde in der Welt
ist, zählen nicht die Inhalte, die alle samt und sonders von ihr erzählen, sondern der Stil, wie
ich mich zur Begierde, d.h. zur Bedeutung von Einzelnem, das ich für alles nehme, stelle.
Vgl. z.B. zur Begierde in der Materie Buffon („le style, c´est de l´homme même“), Discours
sur la nature des animaux, Histoire naturelle, in: Œuvre compètes, Paris 1836, Bd. 4, S. 366,
129
Trugschluss der Analogie hingibt. Statt das Schwingen als unendliche
Bewegung zu begreifen, nimmt der zukünftige Erwachsene Anschwellung und
Beruhigung als diskrete Einheiten wahr, so dass durch ausreichenden Willen
jene durch diese ersetzt werden kann. Er glaubt, die Beruhigung sei das
Remedium gegen die Anschwellung. Er verkennt somit, dass sie einander gerade
bedingen. Der Erwachsene schließt daraus, dass man, je stärker der Trieb ist,
desto heftigere Abfuhrmittel braucht. Man versucht die Schwellung los zu
werden, statt sich ihr hinzugeben, damit sie in harmonischer Schwingung sich
abschwingt. So wird dem Erwachsenen die Absonderung zum Prinzip, sei es in
bezug auf sich selbst, sei es in bezug auf seine Gedanken bezüglich von
Erregung und Beruhigung. So treibt er fortwährend die Schwingung an, schafft
zunehmend größere Erregungszustände, die zunehmend größere
Absonderungsverfahren verlangen. Das äußert sich in Form sexueller Orgien
oder ichsüchtiger, venerischer Schriften: in Sturm und Drang. Je mehr sich der
Mensch nach Einheit, physisch wie psychisch, sehnt, um so mehr treibt er sich
in die diskrete Vereinzelung. Je mehr er diese Vereinzelung – im Gegensatz zur
kontinuierlichen Vereinzelung des materiellen Seins als kenosis der kosmischen
Harmonie – bekämpfen will und sie den anderen lautstark kundgibt, um so mehr
wird Diskretion von ihm eingefordert werden, weil je individuelle Klage kaum
das Leid des Anderen mildert, sondern nur schrecklich vor Augen führt. Und um
diesen Schrecken endlich zu bannen, wird dasjenige verantwortlich gemacht,
das angeblich ursprünglich die ganze Misere ausgelöst haben soll: die
Sexualität. Die Sexualität wird nicht als unproblematischer Teil eines
Vielfältigen gefasst, sondern monokausal als genuiner Schöpfer allen Übels.
Und wieder haben sich durch diese Erregung Wellenberg und Wellental
voneinander entfernt. Bastian verurteilt weder Sexualität noch Schriftstellerei,
außer sie werden zur fixen Idee, resp. zur Dichtung, die das Denken zu einer
Stockung und einem Knoten verdichtet. Bastian verurteilt das Quid pro quo,
wo er erzählt, dass zwei Lebewesen, seien sie auch reduziert bis aufs Atomare, sich noch
130
durch das die Sexualität als Schöpfer allen Übels und die Dichtung161 (oder die
negative Spekulation) als Weisheit letzter Schluss angesehen wird. Wer das tut,
ist nach Bastian nie über die Pubertät hinaus gekommen, hat seine Entwicklung
zum Stocken gebracht. Aus der generellen Entwicklung genommen, glaubt der
Pubertierende, er verdichte sich zu einem Festen und Unteilbaren, zu einem
Individuum, das endlich Ich zu sich sagen darf, ohne sich fortlaufend (in einer
Entwicklung) abhanden zu kommen. Das Individuum, das glaubt, alles in
Händen halten zu können, nimmt auch die Schwellung, d.h. die Sexualität in die
eigene Hand. Das festgestellte „Ich“ drückt, wie es meint, mit eigenen Händen
die Sexualität auf ein, wie ihm scheint, vernünftiges Maß und gibt sich ihr nur
noch unter der Hand hin. So wird etwas, das genuin zur menschlichen
Entwicklung gehört, als Störenfried wahrgenommen und entsprechend
behandelt. In der entsprechenden Gegenbewegung wird dann behauptet werden,
dass die Sexualität mitnichten der Störenfried, sondern der Bringer allen Glücks
sei. Das, was an sich ohne Bedeutung, was schlichtweg nur war, wird nun
bedeutungslastig – und ambivalent, es erzeugt eine weitere Spaltung, eine
weitere Störung: es erzeugt Interpretationen, um die sich gestritten werden. Jede
Interpretation muss folglich für Bastian Überinterpretation sein, kriegerischer
Tanz um die chimärenhafte Ambivalenz, in dem Asketismus und Orgiasmus
Hand in Hand auf und ab springen und sich so erinnerlich halten. Im SichErinnern setzt man sich der Schwingbewegung entgegen und perpetuiert und
amplifiziert die Verstörung. Was ansonsten einfach geschehen wäre, lässt man
in der Erinnerung nicht vergehen. Man haftet an ihm und sagt es wieder und
wieder auf. Bastians Schreiben ist auch ein Versuch, mit der Erinnerung, den
Gedanken an das einstige „Ich“, aufzuräumen. Die Einebnung der Erinnerung
im Fluss des Geschehens beruhigt die Bewegung in ihrem Fortlauf. Ruhe heißt
immer heiß begehrten.
161
zu Bastians Verhältnis zur Kunst siehe von den Steinen 1905:240: „ „Was wollen diese
modernen Maler? haben wir Zeit zu Stimmungen?“ Mit den Musen der Kunst stand er
deshalb auf gespanntem Fuss. Im Jahre 1903 noch fragte ich ihn, ob er denn überhaupt eine
131
niemals Stillstand bei Bastian. Erinnerungslos existiert keinerlei Egoismus, kein
Ego, das sich seiner selbst erinnern und auf sich beharren könnte.
Wir sagten, die Materie sei der Egoismus des Kosmos, d.h. nun, dass die
Materie die Erinnerung des Kosmos ist, der Versuch, die Schwingung innehalten
zu lassen, dass die Erinnerung sich sedimentiert. Die Überheblichkeit, die
Hybris solcher Aufschüttungen sedimentierter Erinnerungen äußert sich in der
Generierung von Zeit, die sich selbst einen Anfang und ein Ende setzt und somit
die unendliche kosmische Harmonie aufreißt und penetriert. Die Materie ist also
die Anschwellung des Kosmos, eine Kongestion, die sich entäußert. Nichts
Beunruhigendes für den Arzt Bastian, lässt man nur die Kongestion von selbst
abklingen. Bedenklich allerdings, versucht man selbst Hand an zu legen162,
versucht man – egoistisch zu sein. Denn dann wird die Kongestion zum
Gespenst, das man nicht mehr los wird.
Kunstaustellung besuche? „Niemals“ antwortete er energisch. „Und wann waren Sie das
letzte mal im Theater?“ Er besann sich einen Augenblick und sagte „1859!“ “
162
Was Bastian von Masturbation gehalten haben muss, lässt sich also leicht erschließen. Er
war also eineiseits ganz Arzt des 19. Jahrhunderts [siehe dazu: Foucault, Geschichte der
Sexualität, Bd. 1, 1983], aber andererseits verursachte die Masturbation bei ihm gerade keine
Schwindsucht, sondern den Glauben an die eigene Potenz, die Omnipotenz: ich kann es mir
alleine machen. Der masturbierende Adoleszente wurde bei Bastian kein machtloser
Schwindsüchtiger, sondern potenter Allesbezwinger, der mittels seiner vermeintlichen
Omnipotenz alles zerstört und sich so auf ewig in die Erinnerung einschreiben wird.
Omnipotente Allesbezwinger sind für Bastian, so lässt sich deutlich schlussfolgern,
allesbegattende Potentaten, die mit ihrem Samen nur ihr eigenes Ego ausweiten wollen und
132
2. 2. 6. Gespenster
Die entäußerte Kongestion wird zum Gespenst. Indem der Einzelne sagt:
„das bin ich“, wird das Ich zu einem Gespenst, das ihn verfolgt und erschreckt
und verstört. Das so geteilte Selbst des Ich hat sich seinen eigenen Geist, sein
eigenes Gespenst erschaffen, von dem es nun behauptet, dass dieses Gespenst es
seinerseits erschaffen habe. Dieses Gespenst, das die Welt und das Ich sein soll,
hat in der Welt und in jedem Ich sein Ebenbild geschaffen, das es nun verfolgt,
um durch seine Schöpfung weiterhin sich selbst zu beweisen. Das Gespenst hat
sich in seiner angenommenen Vollkommenheit eine Störung, eine Abwechslung
geschaffen, in der es sich rematerialisieren, in der es zu sich selbst kommen
möchte. So fühlt der Mensch das Gespenst in sich und denkt, es denke in ihm,
und dieses „es“ sei ein übergroßes „Ich“, das Ich schlechthin. Der Körper sei
behaust. Die Materie sei behaust. In dieser mehrfachen Verkehrung wird
zunehmend Ursache und Wirkung vertauscht und so allererst die Möglichkeit
kausaler Abfolge konstituiert. Der Mensch glaubt, die Welt sei in Ordnung und
habe ihren Grund. Die Welt an sich sei harmonisch, vor der Welt habe das
Chaos geherrscht. Die Welt könne als Welt in Ordnung gebracht werden, fahre
das Gespenst, der Geist nur wieder in die Materie und werde eins mit ihr.
Materie und Gespenst kämen wieder zu sich, einzeln hätten sie sich überwunden
und wären ineinander aufgehoben. Bastian entlarvt diese Gespenstergeschichte
und bezieht sich dabei auf Max Stirner.163
sich noch in jeder Frau selbst befriedigen. Dadurch zerstören sie alles andere – in permanenter
Verstörung.
163
MiG II:113 Anm.: „ „Blick umher in die Welt und sage, ob nicht aus Allem dich ein Geist
anschaut. Ja, es spukt in der ganzen Welt. Die ganze Welt ist ein räthselhaftes Gespenst und
auch in dir spukt es.“ (Stirner)“;
133
Ihm ist dieses angenommene Gespenst eine Selbstirritation, eine negative
Spekulation, eine vorschnelle Rechtfertigung des Gegebenen, indem das
angebliche Ich sich aufbläst und zum Wesen aller Dinge selbstermächtigt und
stilisiert. Das aufgeblasene Ich wird zum großen Dichter und Denker, der die
kleinen inspirierend dichten und denken lässt. Die eigene Kultur wird zur Natur
und zu dem „Ich-kann-nicht-anders“ verklärt. Und man meint, man könne nicht
anders, und weiß doch, dass, wenn man das nicht kann, man sehr wohl anders
können werden muss. Die eigene Heuchelei sitzt einem stets im Nacken und
muss kaschiert werden, und deshalb versucht man, sich stets zu erheben, damit
niemand die Heuchelei sieht; damit niemandem der Gespensterglaube gewahr
wird; damit niemand sieht, wie ausgesetzt man eigentlich ist und wie vereinzelt,
was die Dichter dann als erhaben in die Welt dichteten und sich so doch wieder
allem als verbunden fühlten, indem sie ich als es und es als ich erklärten, das
handelt. Bastians „es denkt“164 ist kein personifiziertes Ich, kein logossetzender
Anfang, kein Weltgeist. Das Denken ist ihm die Interferenz, die im
Abschwingen wieder eingeebnet wird. Die Gedanken werden in den Wörtern
und die Wörter in den Buchstaben nivelliert und ausgeglichen. Kein Ich spricht
MiG I:144 Anm.: „Die mit der Muttermilch eingesogenen Anschauungen werden unmittelbar
assimilirt und der in theologischer Erziehung eingepfropfte Gespensterglaube schafft das
ganze Leben hindurch das Bedürfniss bussfertiger Zerknirschung, das seine Befriedigung in
dem Wunderspuk geheimnissvoll-dunkler Symbole verlangt, und ohne diesen das daran
gewöhnte Gemüth ebenso unglücklich machen würde, wie sich der mit Leckerbissen gefütterte
Eskimo fühlt, wenn er seines Walfischthranes entbehrt, der für ihn einmal die normale Speise
des Menschen bildet.“;
MiG I:145 Anm.: „Der Kritiker kann zwar zur Ataraxie gegen die Ideen kommen, aber er
wird sie niemals los. Die Idee der Menschlichkeit bleibt unrealisiert, weil sie eben Idee bleibt
und bleiben soll. Fasse ich dagegen die Idee als meine Idee, so ist sie bereits realisirt, weil
ich ihre Realität bin. Ihre Realität besteht darin, dass ich, der Leibhaftige [Hervorh. KPB],
sie habe. Man sagt, in der Weltgeschichte realisire sich die Idee der Freiheit. Umgekehrt,
diese Idee ist real, so wie ein Mensch sie denkt und ist in dem Maasse real, als sie Idee ist,
d.h. als ich sie denke und habe. Nicht die Idee der Freiheit entwickelt sich, sondern die
Menschen entwickeln sich und entwickeln an dieser Selbstentwicklung natürlich auch ihr
Denken. Der Kritiker ist noch nicht Eigner, weil er mit den Ideen noch als mit mächtigen
Fremden kämpft, wie der Christ nicht Eigner seiner „schlechten Begierden“ ist, so lange er
sie zu bekämpfen hat. Wer gegen die Laster streitet, für den existirt das Laster. (Stirner.)“.
Nicht wer die Ausnahmezustände beherrscht, ist souverän, sondern wer sich ihnen gelassen
hingibt.
164
vgl. Buchheit 1997:46ff.
134
große, geisterhafte Worte, sondern das Denken besinnt sich seines Materials, das
ihm bei der Wahrnehmung der Materie entsteht. Es entsinnt sich im
Abschwingen des Elementaren.165 Die Materie ist das Denken und das Gedachte
des Kosmos selbst, in der Materie buchstabiert der Kosmos seine Interferenz,
entäußert sie, so dass sie wahrgenommen werden kann. Da ist kein Gespenst, da
ist nur was und zwar das, was da ist. Und in diesem Denken soll lediglich die
Harmonie wieder hergestellt werden. Das Störende ist kein Spuk, sondern es ist
das Seiende selbst. Es spukt nicht in der Welt, sondern, wenn man so will, ist die
Welt der Spuk an sich, die Verstörung, deren Zweck einzig in der
Selbstentstörung, also in der Selbstauflösung, der Selbstanalyse liegt: in der
positiven Empirie, im Lesenlernen des Elementaren. In der positiven Empirie
will Bastian dem Spuk und den Gespenstern ein Ende machen, indem er Anfang
und Ende als Spuk entlarvt; indem er die Gedanken, die Logoi als
Gespenstergeschichten und als Selbstbetrug aufzeigt. Nicht im Anfang ist der
Logos, der spricht, dass es werde, sondern das Gewordene selbst ist der
Gedanke, der die Störung stocken und sie sich nicht beheben lässt. Mag Bastian
noch sehr wie ein säkularisierter Theologe erscheinen, wie ein positivistisch
gepolter Ideal-Hegel, so unterscheidet er sich doch radikal von der
theologischen Kosmotheorie und der Hegel’schen Weltgeistlichkeit.166
Entsprechend wird er auch je, wie ich noch zeigen werde, gegen beide vorgehen,
indem er sie als das nimmt, was sie für ihn sind: als Gedanken, die durchdacht
werden müssen, damit sie im Denken weiter keine Gespenster-Rolle mehr
spielen, so dass man sie getrost vergessen kann. Doch sind sie erst durchdacht,
165
Es sei an die Etymologie des Wortes „Element“ erinnert [Die Vorsokratiker, Bd. 2,
1999:236]: „Der Terminus für „Buchstabe“, [email protected]Ã@< [stoicheion], wurde auch Terminus
technicus für „Element“; dabei ist zu bedenken, daß unser Wort „Element“, lateinisch
elementum, vermutlich auf ein von rechts nach links betrachtetes zweireihiges Abecedarium
[ABC] zurückgeht, dessen zweite Reihe mit den Buchstaben LMN begann.“
166
MiG II:81: „Im Hegel’schen System wird immer so gesprochen, als dichte und handelte
das Denken oder der denkende Geist, d.h. das personificirte Denken, das Denken als
Gespenst, sagt Stirner.“ In Anlehnung an einen Ausdruck von Gombrich kann man sagen: es
gibt für Bastian das Denken nicht, sondern nur Denker, in denen es denkt. Jeder Denker ist
das Zentrum der Welt.
135
wenn wirklich alle Gedanken dieser Art, die allerorten auftauchen, gesammelt
sind. Solange müssen sie vorläufig erinnert werden, um wiedererkannt und
verglichen werden zu können. Erst wenn sich alle logoi im Allologos schließen,
ist ein Gespenst als fixe Idee erkannt. Festgestellt kann es einen nicht mehr
verfolgen. Man kann sich in Ruhe dem Denken hingeben, also dem, was anliegt.
136
2. 2. 7. Die toten Kristalle und der keimende Samen:
Allologoi und accounts
Das Anschießen der Materie weitet sich stets nach denselben Gesetzen aus.
Ob Mensch, Tier oder Ding, sie alle geschehen nach dem gleichen Prinzip,
nämlich nach dem der Störung, der Entropie. Und ihr einziger Sinn, der ihnen
zukommt, ist die Aufhebung der Störung. Die Proliferation soll ein Ende haben,
weshalb sich die vielfach vibrierende und oszillierende Interlatio entwirren soll,
um wieder in die einfache Ondulation des harmonischen Kosmos einzumünden.
Von der Mutterlauge hinab in den Muttermund des Kosmos. Das ist die
Translatio, die Bastian der Interlatio, den Interferenzen des Seins andient. D.h.
die stockenden Gedanken wieder in abschwingendes Denken zu übersetzen.
Dazu muss er die Gesetze der Materie kennen, weil alles Gestockte schlichtweg
Materie ist167. Psychologie ist für Bastian reine Naturwissenschaft168. Nicht die
167
es sei hier durchaus an „gestocktes Blut“ erinnert oder an eine „gestockte Suppe“, zu
letzterem siehe z.B. Bastian, Controversen III 1893:1: „In positivistischer umschränkter
Fachschule war es bequem gefunden worden, einen Fetischismus als unterste Lagerstätte für
Einschachtelung der Religionsformen zusammenzudrechseln, als afrikanische Vogelscheuche,
und da aus arktischem Schamanismus und transatlantischem Totemismus allerlei halb nur
verdaute Bissen hinzugekommen sind, so hat sich, mit Verwendung theoretischer
Destillirungsapparate, das Gemisch einer „Olla podrida“ zusammengerührt, deren
Ingredenzien rathsam bleibt voher zu prüfen, ehe das Gebräu auf guten Grund
hinabgeschluckt wird (unter Gefahr lästiger Indigestionen). Nahrhaft bewährte Brocken, die
darin umherschwimmen, werden sich mit dem Siebe vorsichtiger Sichtung herausfischen
lassen, um ihre Verwerthung zu finden (für das, was sie werth sind).“ Zur „Olla podrida“
siehe: www.defusco.ch/newsletter0002.html: „Die "Spanische Suppe" nahm hier ihren
Anfang: Zu Beginn Festessen kastilischer Bauern, dann Familienessen der Bourbonen und
Habsburger. Mit ihr nahm der soziale Aufstieg der Suppe seinen Anfang und vollendete sich
im Prunk und Glanz höfischer Prachtentfaltung. Die "Olla podrida", auch zärtlich "Olla"
oder "Oille" genannt, war ein opulentes Mischgericht von Schlachtfleisch, zumindest Rind,
Lamm, Schinken gehörten hinein, vielerlei Geflügel, allerlei Gemüse, das auf den Punkt
zusammen gegart wurde. Für weniger als 30 Personen machte das Ganze
wenig Sinn. Wildgeflügel, Kichererbsen und spanische Chorizos gaben der Suppe Charakter.
Anfangs kamen die Zutaten auf Platten garniert auf den Tisch, und die Brühe wurde vorab
137
Materie selbst, die Gedanken, sind sein Forschungsziel, sondern die
Schwingungen in ihnen. In immer elementareren Analysen will er diesen
Schwingungen auf die Spur kommen, sich, sein Denken zu ihnen
hinabschwingen. Und im Hinabschwingen muss es jede Possessivität verlieren.
Es ist dann nicht mehr sein Denken, sondern ein possibiles Denken kat exochen,
das in ihm geschieht, und möglicherweise das Denken kat exochen: reine
Schwingung, d.h. es ist kein Denken mehr, da kein Denkender mehr ist: es
geschieht nur noch, oder vielmehr ohne „nur noch“: es geschieht. Keine
Stockung arretiert den Strom des Seins. Bastian versucht, jedes
Herauskristallisieren eines Persönlichen zu vermeiden, ohne jedoch, solange
etwas denkt, von diesem etwas zu abstrahieren. Vielstimmig – so vielstimmig
wie die Anzahl der Kehlen, aus denen die Stimmen kommen - müssen sein
Texte sein, um in dem Gewimmer und Gemurmel die interferentiellen
Wellenberge und –täler zu durchbrechen und zur Ruhe kommen zu lassen. Der
starke Wellengang wird zu einem leichten Gekräusel und schließlich zu dem
sanften Fortklingen harmonischer Ondulation. Den Vorgang, tote Gedanken,
stockende noemata, wieder in lebendiges Denken, in noesis, zu übersetzen169,
fasst Bastian immer wieder in dem Bild des „keimenden Samens“, dem er das
des „toten Kristalls des/der Gedanken“ entgegenstellt170. Obwohl in beiden die
gleiche Notwendigkeit am Ablaufen ist. Und das ist äußerst wichtig. Denn nur
gegeben. Um 1900 wurde nur noch die klarifizierte Bouillon serviert. Dieses "Pot Pourri"
bildete die obligate Mitte auf dem Tisch der barocken Herrscher. Die Olla machte die Suppe
hoffähig und brachte auch alle anderen Rezepturen auf die
Tische der Herren. Terrinen waren ursprünglich, wie das Wort vermeldet, einfachste irdene
Suppenschüsseln. Jetzt wurden sie aus Gold und Silber kunstvoll von den vornehmsten
Pariser Bildhauern und Handwerkern angefertigt und kosteten ein Vermögen. Nie kamen
Suppen zu grösseren Ehren, denn "les Bourbons aiment de la soup" und alle, die etwas auf
sich hielten, taten es den französischen Königen gleich. Nur noch die Stör- und Sterletsuppe
der russischen Bojaren konnte es an Prestige mit der Olla aufnehmen. Beide sind
untergegangen und vergessen. Sie leben nur noch in den Worten und dem kostbaren
zugehörigen Gerät, das die Museen verwahren oder das Sammler mit Millionen-Beträgen
bezahlen.“
168
siehe den Untertitel von MiG I: Die Psychologie als Naturwissenschaft
169
zu noema und noesis siehe Buchheit 1997
170
siehe z.B. MiG I:253. Ich werde die Stelle später noch eingehend besprechen.
138
aufgrund der Tatsache, dass beide „Modelle“ im Grunde gleich geschehen, kann
eins durch das andere ersetzt werden, weil man zuvor die Gesetze des
Geschehens im Vergleich analysierte. So erhält alles seinen Sinn, weil alles an
sich sinnhaltig ist. Weil der Mensch spricht, muss es eine Notwendigkeit sein zu
sprechen. Auch wenn die Tatsache an sich des Sprechens kontingent sein mag,
so hat doch ein kontingentes Geschehnis die Notwendigkeit des Sprechens
herbeigeführt. Selbst die Gedanken haben auf diese Weise ihren Sinn. Sie zeigen
die Störung an und beweisen die Harmonie. Das Sprechen ist keine Möglichkeit,
es liefert Möglichkeiten, es ist in der Tat Notwendigkeit innerhalb eines
kontingenten Geschehens: es muss statthaben. Es muss statthaben, weil es statt
hat; weil es Teil der Harmonie ist, die sich nur so äußern kann. In der
vollständig nichtentäußerten Harmonie gibt es keine Begründung mehr, kein
warum, da es nichts mehr gibt, das fragen könnte: alles ist einfach! Innerhalb der
Entäußerung muss der Mensch sich nach Bastian aus-sprechen, so wie er etwas
verinnerlicht, d.h. wahrgenommen hat, er muss alles sagen, wie der „Neger“
alles zernagen muss, das ihm zwischen die Zähne kommt171. Solange die
Entäußerung existiert, entäußert sie sich entropisch weiter. Im ehrlichen
Aussprechen, im tout dire172 der talking cure wendet der Mensch die Not der
Störung, indem er sie geschehen lässt. Im so seltsamen Schweigen des
zementierten Gedankens, der lauthals jedes Denken mundtot macht, wird die
Störung potenziert und eine Aus-sprache verweigert und verunmöglicht. Alles
wäre schon gesagt. Die Erregung staut sich an und ex- oder implodiert. Weitere
Proliferationen und Protuberanzen entstehen. Die Interferenz wächst. Die
Interlatio beschwert und verwirrt. Das gewaltsame Unternehmen, die Hybris des
Gedankens schattenlos zu machen, indem er das einzige und wahre Licht der
171
MiG I:43: „Es ist die Nothwendigkeit, die den Menschen zum Sprechen zwingt, wie den
Neger zum Zernagen.“ Und mit dem Sprechen meint Bastian nicht die Pose, die beeindrucken
will und sagt, was sein soll, sondern diejenige, die sich so ausstellt, wie sie beeindruckt
wurde, vgl. MiG I:165 Anm.: „Je n’impose rien, je ne propose mème rien: j’expose, drückt
sich Dunoyer aus.“
172
vgl. Bastian, Controversen I, 1893:27: „ „Ehrlichkeit währt am längsten“, und deshalb
ehrlich offen besser aussprechen, was nun doch einmal nicht zu leugnen ist [...].”
139
Erkenntnis sein soll, ist gleichsam der Versuch, dem Nager mit einem riesigen
Holzstück endgültig das Maul zu stopfen, damit so dem Nagen ein Ende
gemacht sei. Und der Nager habe das gefälligst als Wohltat anzusehen, weil er
von nun an aller Mühe enthoben sei, vom Nagen befreit sei. Das ist aber gewiss
nicht die Mündigkeit, die Bastian anstrebt.
Nicht den Allologos des einzig Wahren gilt es zu ersinnen, sondern im
Aussprechen der Aussprachen, der einzelnen Darstellungen, der accounts, erhält
der Mund seinen Sinn, seine Mündigkeit. In den und durch die accounts
übergibt sich der Mund wieder dem Denken, gibt seinen Samen, damit die
Materie ihrem Ende, der Ruhe zuwächst und die Unendlichkeit beginnt. So ist
das Denken die Nahrung des menschlichen Nagers, das ihm seinen Sinn
verleiht. Die Gedanken sind nicht Produkt im landläufigen Sinne, sondern die
Ausscheidungen173 dieses Denkens, sein Dünger gewissermaßen. Als Dünger
müssen sie verwendet werden, der Störung untergraben werden, um die von ihr
produzierte Not abzuwenden. Das Denken selbst könnte zur Ruhe kommen. In
der Verschränkung der Metaphern wurde das landläufige Denken auf das
ländliche, i.e. organische, i.e. materielle Geschehen zurückgeführt. Die
anagogische Abschweifung der metaphoristischen Interpretation wurde
wortwörtlich auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Bastian bedeuten
Worte nichts, aber sie haben einen Sinn, weil sie im Zusammenhang des
Geschehens stehen, auf das sie verweisen.
Aber zurück an den Anfang, zu dem statu nascendi, in dem gerade nicht
der Logos herrscht, sondern in dem die accounts geboren werden. Der Allologos
173
Für Bastian ist nicht, wie landläufig wie selbsverständlich oft angenommen wird, das
wichtigste, was hinten raus kommt, sondern dass es ein Endprodukt, ein
Ausscheidungsprodukt gibt, verweist ihm auf das wichtigste, nämlich den Prozess eines
Geschehens, das unendlich ist. Da er nicht an das Endprodukt glaubt, entschlägt er sich eines
totalen Stiles, der nur das Endprodukt noch wahr genommen haben will. Mithin der Grund,
warum es so etwas wie eine Schreibblockade oder Schreibhemmung bei Bastian nicht geben
konnte. Er rang schließlich nicht mit dem totalen Endprodukt der totalen Verfestigung des
Eigenen als des eigentlich Selbstverständlichen, das nichts anderes kennt als sich selbst in
phantastischer Gestalt und daher so populär wie populistisch ist - und auch wird, falls der
Coup gelingt, der eine, den man nie wieder toppen zu können glaubt.
140
hingegen ist vielmehr der beunruhigende permanente Tod, die potenzierte
Störung. Wie wird das Sprechen, das Abschwingen der accounts, die
Aussprache der Materie geboren? Wie beginnt das Nagen der Zeit, deren
Bestimmung ihr Ablaufen ist, die Beruhigung der zeitlichen
Erregung/Erhebung?
Wieder und wieder sind wir – wie Bastian selbst – gezwungen, an den
Anfang zurückzukehren und neu zu beginnen. Iteration und Inchoation174 sind
die markantesten Merkmale Bastian’scher Texte und müssen somit auch die
aufmerksamen Markierungen des Textes über Bastian sein. Nur im iterativen
und inchoativen Zirkel des Verstehens kann Bastians Denken aufgearbeitet
werden. Jede Vereinnahmung Bastians für eine Richtung oder einen einzigen,
angeblich linearen Gedankengang würde Bastian verurteilen und ihn keinesfalls
kritisch einvernehmen. Sie würde Bastian nicht zu Wort kommen lassen. D.h.
der vereinnehmende Text spräche Bastian und sein Denken nicht aus. Er
schwiege ihn aus und spräche ihm sodann eine Schuld zu, die ihm nicht
zukommt. Nämlich warum er um Wissenschafts willen nicht dies oder jenes sei,
nicht dies oder jenes getan habe, warum er also nur so und nicht vielmehr anders
gewesen sei, warum er folglich nur so mißlungen oder gar arg so wahnhaft sei.
Auf diese Weise hätte die Wissenschaft einen Unnützen mehr, und es stellte sich
174
Es sei daran erinnert, dass das Inchoative, resp. Incohative, das in der Linguistik die
Verben des Beginnens, wie z.B. erblühen, erwachsen, bezeichnet, etymologisch von dem
Wort cohum = Halter, Riemen herrührt und das Anschirren des Pflugtieres bezeichnet. Das
Inchoative ist der Beginn der Kulturation, des Bestellung des Bodens. Kulturarbeit heißt in
diesem Sinne, den Boden fruchtbar machen, und meint keineswegs, sich in Abstraktionen zu
verlieren. Nur eine Kultur, die sich darauf besinnt, hat im Bastian’schen Sinn Kultur, weiß
sich sinnvoll im Geschehen einzubringen. Naturwissenschaft bedeutet für ihn das Wissen um
die Natur und wie man sie bestellt, dass sie in ihrem Sinne geschieht.
Auch iterare konnotiert Ähnliches, es heißt u.a. sowohl pflügen als auch penetrieren (im
sexuellen Sinn).
Dass Bastians Texte sich nach den nämlichen formalen Prinzipien gestalten wie
Pornographie, sei hier am Rand erwähnt, soll aber bei Gelegenheit einer eigenständigen
Analyse überlassen bleiben.
Vgl. dazu auch: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:70: „Bei derartiger Sachlage hat es sich
empfohlen, ohne polemische Wortfechtereien, die anderartig neu ausgestalteten
Anschauungsweisen unter verschiedenen Versionen rein objectiv vorzuführen, da „repetita
juvant“ (repetitio est mater studiorum) [...].“
141
(uns) die Frage, warum wir uns denn überhaupt mit ihm auseinander setzen
sollten. Wir hätten uns, bevor wir überhaupt auch nur ein Wort von Bastian
vernommen hätten, seiner schon begeben, seiner entledigt. Unser Text enthielte
kein Wort zu Bastian. Deshalb ist das Iterative und Ichoative eine
Notwendigkeit unseres Textes, auch wenn er so auf den ersten Blick nicht mehr
konzis und stringent erscheinen mag. Dafür knüpft er in unseren Augen wirklich
an Bastian an, um ihn der Wissenschaft und dem neugierigen Denken
schlechthin zuzusprechen, damit sie wieder ihr Wort an ihn richten und nicht
lediglich über ihn richten.175
Kehren wir zurück zu Bastians „Einzelnem“, der einen Baum sieht. Im
Sehen des Unterschiedlichen wird er das Gemeinsame erkennen und den Begriff
„Baum“ ersinnen. Aber der Einzelne betrieb somit mitnichten eine
Wesensschau, er erkannte keinesfalls die wesentliche Wahrheit des Baumes, er
belegte lediglich seine auf induktiver Komparation beruhende Überlegung mit
einem Begriff. Für ihn, für den Einzelnen, hat dieser Begriff seine Richtigkeit, er
versteht nun mittels der Entäußerung seine Wahrnehmung zu handhaben. Erst in
der störenden Auseinandersetzung mit anderen „bezeichnenden Einzelnen“, die
ihm allerdings ein Bedürfnis ist, um sich seine Entäußerung bezeugen zu lassen,
wird er dazu gezwungen sein, sein Wahrnehmungshilfsmittel als wahrhaftiges
Wesen auszugeben, damit es ihm nicht genommen wird, damit es nicht zur
Wahrnehmungsverstörung verkommt. Der Einzelne, der den Begriff braucht, um
sich in der Welt zurechtzufinden, muss ihn zweifelsfrei aussprechen können, um
sich seiner zu vergewissern als Rechtfertigungsmittel seiner Handlung. Doch
hier beginnt sein Dilemma. Das Aussprechen des Begriffes stellt die Begriffe
der anderen in Frage, die in ihrer Vereinzelung jeweils eigene Begriffe ersannen.
Deshalb wird er beginnen, seinen Begriff zu erklären und das Wort zum Lemma
zu machen. Dass es nur ein persönliches Hilfsmittel war, den Baum zu umgehen,
175
Das Unverbundene und Unverbindliche einer angeblichen Stringenz werden wir später in
142
scheint niemanden, auch ihn selbst nicht, von seiner Richtigkeit zu überzeugen.
Der Begriff muss als Lemma reale Existenz haben, er muss das Wesen des
Begriffenen selbst sein, unumstößlich, er muss Grund und Anfang des
Gegebenen sein.176 Das Wort „Baum“ ist nun der Grund und der Auslöser der
gegebenen Bäume. Es darf nicht anders sein. Sonst wären die Begriffe der
anderen vielleicht richtig und man selbst im Irrtum und unfähig, die gegebenen
Dinge zu handhaben oder gar überhaupt wahrzunehmen. Man wäre nicht am
richtigen Ort in der Welt, man wäre gleichsam verrückt und die eigenen Begriffe
verschroben. Man steht vor der Wahl, entweder nie die Zustimmung zu dem
eigenen Begriff in der Aussprache zu finden, d.h. auch nie die Zustimmung zu
der eigenen Existenz zu erhalten, oder aber den eigenen Begriff als den einzig
wahren zu fundieren. Man hat die Wahl zwischen Autist und Fundamentalist. In
beiden Fällen würde man der Tatsache, dass das Gegebene sich verändert, nicht
mehr gerecht. Der zuerst so nutzvolle account würde zum autistischen Logos
oder zum fundamentalistischen Allologos, dem man sich letztendlich selbst
unterwerfen müsste. Das Hilfsmittel des alltäglichen Lebens wäre zur
allmächtigen Lebensleugnung verkommen, das nur noch Hilfe nach dem Leben
verspricht, wenn man selbst sich ins Wesentliche transsubstanziiert hat. Der
Alltag wäre zum täglichen Alptraum geworden, weil man seinen Sinnen nicht
trauen kann, die nie das Wesentliche wahrnehmen, das nur der Logos oder
Allologos liefern kann. Aber sind es wirklich die Richtigen? Schließlich weiß
man doch noch in einem Halbbewußtsein, dass man den Begriff einst selbst
ersonnen hat. Das darf niemand wissen, zumindest darf das niemand mehr
aussprechen. Allen, einschließlich einem selbst, ist der Mund zu verbieten. Aus
dem Begriff des Alltags wurde die Hybris angeblicher Allmacht; aus einem
einer Anmerkung zu Dilthey genauer darzustellen versuchen.
176
vgl. MiG I:316: „Aus dem Sehen verschiedener Bäume wird gewöhnlich und im normalen
Zustande stets der Begriff des Baumes niederfallen; aber dadurch, dass ein Begriff sich
bildet, trägt derselbe noch keinen Beweis seiner Richtigkeit in sich. Oder der Begriff ist
subjektiv allerdings immer wirklich und richtig, braucht aber deshalb keine reale Existenz zu
besitzen.“
143
potenten Mittel des Alltags die omnipotente Leugnung des Alltäglichen. In
seiner Wirklichkeit sei alles doch ganz anders, als es alltäglich erscheine!
Bastian sieht vielleicht das Gegebene als Störung an, doch die ist ihm
wirklich wie alles Gegebene. Bastian stellt nicht das Gegebene in Frage, sondern
die angeblichen Logoi und Allologoi, die das Wesentliche des Gegebenen sein
sollen, während das Gegebene nur ihr Schein sei. Bastian versucht die Logoi
wieder als accounts zu nehmen, so dass das Gegebene endlich zur Aussprache
kommt und damit zur Ruhe. Die accounts sind tautologisch zur Wahrnehmung
und stehen nicht als Logoi ihr dialektisch gegenüber. Dialektisch sind je nur die
Störungen; Geschichte ist also immer Geschichte von Dialektiken.
Naturwissenschaft depotenziert den dialektischen Zwiestreit und verhilft dem
Geschehen zu seinem tautologischen, d.h. wahrzunehmenden Recht, dasjenige
zu sein, was es ist, und nicht dasjenige, was es gefälligst sein sollte.
Bastians erläutert diesen Zusammenhang von Begriff, Identität,
Veränderung und ihren Darstellungen anhand des Wortes „Neger“.177 Ich
versuche seine Ausführungen zu rekapitulieren:
Im Licht statischer Klassifikationen findet man nach Bastian den
Klassifizierten nicht. Ihre Merkmalskataloge fokussieren augenfällige
Unterschiede, die die einzelnen Menschentypen wesensmäßig unterscheiden
sollen. Die physischen Merkmale der Menschen unterschieden die einzelnen
Menschengruppen fundamental. Solche Differenzen sind laut Bastian wesentlich
zu kurz gefasst. Sie erfassen nicht die Wechselbeziehungen, die die physischen
Unterschiede bedingen. Hautfarbe und Körpergestalt seien keinesfalls Ausdruck
irgendeiner differenzierenden und evaluierenden Evolution, sondern Produkt
von Umwelteinflüssen.178 Sie bedeuten also ein Differential der Herkunft,
177
siehe MiG I:334f.
Bastian wird die gegebenen Umwelteinflüsse später in dem Begriff der Geographischen
Provinz fassen. Vgl. Buchheit 1997:50ff.; siehe a.: Bastian, Controversen I 1893:38: „Der
Neigungswinkel der Erde zur Sonne, die geologische Constitution (für Wärmestrahlung zur
Erwärmung der Atmosphäre von Unten) und der Luftdruck (nach dem Niveau), [...] und
hierzu treten sodann, die (je nach continentaler oder maritimer Lagerung) von der
Orographie abhängiger Windrichtungen, die hydrographisch beeinflussten
178
144
können aber nicht als diakritische Kategorien für Menschen unter sich genutzt
werden. Was offensichtlich ins Auge fällt, ist ohne Bedeutung für den Vergleich
von Menschen (- aber äußerst interessant für die Entstehung von „Gedanken“).
Anhand dieser Merkmale lässt sich der Mensch nicht verstehen, lässt er sich nur
missinterpretieren. Bastian wirft den theoretisierenden Klassifikateuren vor, dass
sie nicht mit den entsprechenden Menschen sich beschäftigt haben, sondern mit
Chimären. Hätten sie mit ihnen sich ausgesprochen und sie sich aussprechen
lassen, hätte man sie an dem nehmen können, was wirklich von Bedeutung ist,
weil es Bedeutung erzeugt: an ihren accounts bezüglich der Umwelt und der
eigenen Existenz.179 Nur so lasse sich erkennen, wie weit die einzelnen
Menschengruppen in der Aufspaltung und Verstörung vorangeschritten sind. Es
stellen sich Fragen in bezug auf ihre Situierung innerhalb einer Denkskala der
Welt. Sind sie noch Vereinzelte? Haben sie Austausch mit anderen Gruppen?
Unterliegen sie naturbestimmten Mutationen oder natur/kultur-korrelativen
Modifikationen oder erheben sie sich zur Hybris kulturoktroyierter
Mutilationen?180 Projizieren sie ihr eigenes Ich in die Welt und begreifen diese
Aufgeblasenheit des Ich als welterkennende Horizonterweiterung? Wissen sie
um die kosmische Harmonie? Usw., usf..
Weil die Menschen anhand diskreter Scheinmerkmale klassifiziert werden,
kommt es unter den „Gelehrten“ zu sinnlosen Debatten. Die Frage, ob ein
„Neger“ oder ein „Naturstämmiger“ zivilisationsfähig ist, ist für Bastian falsch
gedacht und folglich falsch gestellt. Der Begriff „Neger“ verkam in dieser Frage
zu einem stockenden Gedanken, der angeblich das Wesentliche eines so
bezeichneten Menschen ausdrücke. Dabei war er je nur ein
Wahrnehmungshilfsmittel, kein Allologos, sondern ein account, der einen
Menschenschlag bezeichnen sollte, der noch sehr, wie man dachte, der
Feuchtigkeitssättigungen, je nach den Regenniederschlägen (aus Gewittern mit electrischen
Erscheinungen), sowie der Gang der Inclination und Declination (täglich und jährlich)
u.dgl.m..“
179
vgl. a. mein „Bastian’sches Atommodell der Welt“ Buchheit 1997:54
180
siehe zu diesem begrifflichen Trikolon: Buchheit 1997:51ff.
145
Beeinflussung fremder Gedanken unterliege, d.h. der, von Bastian her gedacht,
noch nicht dem Paroxysmus des Ich verfallen ist. Werden durch Kulturkontakt
diese Menschen Opfer der kontagiösen Krankheit des Ich, d.h. werden sie einer
angeblichen Mündigkeit zugeführt, sind sie nach Bastian schlechterdings keine
„Neger“ mehr. Die Wahrnehmung muss sich den sich verändernden
Bedingungen anpassen und ein neues Wahrnehmungshilfsmittel, einen neuen
account finden. Sie darf sich nicht von der Gewalt des Gedankens blockieren
lassen.181 Das ist auch der Grund, warum Bastian sich schwer tat mit dem
Begriff „Weltanschauung“. Er zog den „Gedanken“ vor, weil er um die
Depravation des Wahrnehmunghilfsmittels zum Ausdruck einer Wesensschau
wußte. In der Tat waren die Gedanken zu allererst Anschauungen, sollten dann
aber essentialistische Wesensschauungen sein. Schauerlich für Bastian.182
Deshalb wählte er den exakteren Begriff des „Gedankens“. In bezug auf den
Logos war schließlich für Bastian das gängige hysteron proteron schon
ausgesprochen, nämlich dass der Logos im Anfang gewesen wäre. Der Logos ist
für Bastian je nur ein proton pseudos183. Der Gedanke ist für Bastian Symptom
181
MiG I:334f.: „Der Streit über die Civilisationsfähigkeit des Negers ist stets mit einer
merkwürdigen Begriffsverwirrung geführt, ohne zu beachten, dass der civilisierte Neger eben
damit aufhören würde, ein Neger zu sein und so in dem gebleichten Kopten (wie in den zum
Papua verdunkelten Malayen) später nicht mehr zu erkennen wäre, mit dem er die
schattenlose Luft gemein hat. Die Farbe ist dabei ein durchaus untergeordnetes Moment, das
bis zu einem gewissen Grade von dem directen Einflusse des Klimas abhängt und bei
verpflanzten Europäern oft schon in den ersten Generationen Veränderungen hervorruft;
aber der ganze Negertypus, obwohl noch der am schärfsten ausgeprägte der verschiedenen
Raçen, ist nur (wie es nicht anders sein kann) ein Produkt relativer Bestimmungen, die sich
gegenseitig bedingen oder aufheben, und wenn man ihn nach der Erklärung unserer heutigen
Lehrbücher suchte, könnte man ganz Africa mit der Laterne in der Hand vergeblich
durchwandern. Der Uebergang von einer Ordnung zur anderen ist zu bestimmen, sagt Linné,
aber der Character einer natürlichen Ordnung kann niemand angeben. Die Progression ist
nicht eine lineare, sondern eine zirkuläre [sic!].“
182
vgl. von den Steinen 1905:244: „ „Ich sage Völkergedanke“ erklärte mir Bastian, „andere
sagen Weltanschauung.““
183
siehe z.B. Bastian, Lehre von den geographischen Provinzen 1886:57: „In allen
Naturgegenständen, die zum Studium gestellt sind, räthselt das Denken an sich selbst herum,
an den Problemen eigener Existenz im Dasein. In mehr oder weniger bewußtem oder
unbewußtem Gefühl einer solchen, menschlichen Bestimmung ausfüllenden Aufgabe lockt
leicht die Verführung, im Sturmesangriff zu nehmen, was nur nach langsam umständlich
beschwerlicher Arbeit methodischen Forschens am Endziel desselben mit der Siegespalme
146
und nie Ursache. Aus den Gedanken entspringt nicht linear die Evolution,
sondern in einer „zirkulären Progression“184 verändern sich die Menschen in
Auseinandersetzung mit ihren Gedanken und ihrer Umwelt. Nicht die Allologoi
bestimmen die Menschen, sondern anhand ihrer accounts lassen sich die
Menschen bestimmen, indem man sie an ihrer eigenen Stimme misst. Die
Allologoi sind das Produkt negativer Spekulation, die accounts die Evidenzen
positiver Empirie. Die Anamnese muss der Patient je selbst liefern, der Arzt
führt kraft seines Amtes als Krankheitsrichter die Einvernahme durch. Sein Ziel
ist die Beruhigung der Erregung und die Eindämmung des Erregungsherdes oder
gar die Abtötung des Erregers. Sein Ziel ist die Wiederkehr der Harmonie.
Aufgrund des Wissenstandes bleibt ihm der Mensch eine black box, alle
Bestimmungen sind lediglich relativer Art. Er probiert aus und versucht Wissen
zu sammeln (trial and error). Endgültiges lässt sich nicht sagen, höchstens erste
Effekte erzielen. Eile ist geboten, denn es besteht Gefahr, dass der Patient stirbt,
dafür müssen Opfer gebracht werden. Das sind leider die Naturvölker.185
lohnen kann und wird. So wird die Ursprungsfrage vorangestellt und dadurch in alle Systeme
der Speculation ihr [email protected]< [email protected] eingeführt, da unendliche Reihen zu äffen haben, so
lange nicht der Calcül einer Integral- und Differentialrechnung zu ihrer Bemeisterung
erfunden ist.“
184
siehe MiG I:335
185
vgl. Bastian, Vorgeschichte der Ethnologie, 1881:65: „Für die Zwecke der Ethnologie
dagegen liegt [...] ein Verlust vor, der Fall eines Unterganges, oder eines psychischen
Aussterbens, wenn man will. Unter den Schritten der Geschichte deren Gang gesetzlich
unhemmbar, blüht aus der Vernichtung neues Leben, aber der Wissensdurst, der aus den
Entfaltungen des Späteren Erquickung saugt, fühlt oft dadurch, drängender noch, das Sehnen
erweckt, dass er auch an der dem Ursprung näheren Quelle des Früheren getrunken haben
möchte.“; vgl. ders., Völkergedanke, 1881:180 Anm.: „Eine brennendste Zeitfrage allerdings!
Es brennt in allen Ecken und Enden der ethnologischen Welt, brennt hell, lichterloh, in
vollster Brunst, es brennt ringsum, Gross Feuer! und Niemand regt eine Hand. Die Autopsien
[sic!] der von 1850 – 1880 periodisch wiederholten Reisen liefern die gewaltsam
zwingendsten Ueberzeugungen des in schreckbar steigenden Progressionen fortschreitenden
Verderbens.“; vgl. ibid.:175f.: „Darin liegt die Bedeutung der Naturvölker für die Ethnologie,
die Zeitanforderung ihres Studiums, ihres eingehenden Verständnisses zum Besten höherer
Cultur, und dieser Aufgabe kann um so besser Rechnung getragen werden, weil es sich um
nichts anderes, als verachtete Naturvölker handelt, noch bis vor Kurzem mit Füssen getreten,
wo es sein konnte, wie niedere Moose und Flechten. Wir mögen sie also unbehindert
analysiren, zerreissen, zerzausen, wir können sie, ohne weiteren Einspruch, in ihren
psychischen Schöpfungen viviseciren [ man beachte a) die Sprache des Pathologen und b),
dass lediglich die „psychischen Schöpfungen“, also die accounts seziert werden sollen!;
147
Da der Mensch physisch sich nicht wesentlich unterscheidet, müssen auch
die konstatierten Wahrnehmungshilfsmittel, die auf gleicher Sinnesausstattung
beruhen, im Falle der Identität Identisches bezeichnen. D.h. die Menschen sind
aufgrund ihrer physischen Ausstattung in der Lage, bei gleichen Bedingungen
zu gleichen Anschauungen zu gelangen. Aufgrund ihres Entstehungsprinzipes
sind die Logoi grundsätzlich tautologisch, d.h. sie können auf Redundanz
geprüft werden. Ihre angeblich einzigartige Originalität wird ihnen erst mit der
Spekulation wesensmäßiger Identität mit dem Gedachten unterschoben. Wäre
dem so, dürfte natürlich jede Sache nur einen einzigen Gedanken bergen, den es
zu entbergen gilt. Und wäre er endlich entborgen und ans Licht gebracht, könnte
er lediglich sich diffundierend ausbreiten, resp. kopiert werden. Das ist Bastians
Aletheia nicht. In bezug auf die accounts stellt sich nicht die fatale und
„brandrodende“ Suche nach dem originalsten Original, nach dem absoluten
Ursprung ein, die bewirkt, dass man die Gegebenheiten nicht mehr wahrnimmt,
weil man sie nicht mehr, so wie sie sind, für wahr nimmt und vielmehr
Chimären – und seien es werfende Tiere auf Holzwegen - hinterher rennt.
Bastian versucht je diesen infiniten Regress abzuwenden und sich der zirkulären
Progression186 anzuverwandeln. In der zirkulären Progression müssen die
accounts tautologisch sein, weil ansonsten eine Kommunikation nicht möglich
wäre, es könnte keine begriffliche Einigung stattfinden. In der negativen
KPB], - wogegen wir uns den Bewunderung weckenden Idealen der Culturvölker nur mit
gewisser Scheu und Ehrfurcht nahen werden, wodurch das Secir-Messer mitunter vor allzu
scharfem Einschnitt zurückschreckt. [Dem Pathologen wäre es an sich gleich, er würde am
liebsten zwecks Erkenntnisfindung geradezu alles vivisezieren! Vom Standpunkt des
Pathologen gibt es keinen fundamental ethischen Unterschied zwischen „Naturvölker“ und
„Kulturvölker“. Sie sind Material. KPB].
Bei den Naturvölkern liegen keine derartigen Bedenken vor, wir verflüchtigen sie
unbekümmer im Schmelztiegel, bis wir die Spannungsreihe der Elementargedanken klar und
reingesäuber vor uns liegen haben.“
186
siehe MiG I:335; vgl. a. BRPS:36: „Schlimmer als der die Pradhana (in einer Prakriti)
stauende Machtspruch (einer Evolutionslehre) äfft ein „deus ex machina“ (in
Schöpfungstheorien), weil mit dem Weiterfragen nach dem zureichenden Grund divinatorisch
offenbarter „Divinitas“ – (vom Ersten zum Erst-Ersten im „Hen“ [...]) – die Undendlichkeit
weiter und weiter ausweitet (mit dem Progressus oder Egressus), während der Regressus ad
infinitum zu einer Abspitzung wenigstens zu tendiren scheint [...].“
148
Spekulation mit ihren angeblich originalen Allologoi wird die Vereinzelung des
Menschen, seine psychische Entropie vorangetrieben, d.h. Zustände größerer
Verstörung werden implementiert. Kommunikation und Einigung werden
verunmöglicht. In der immer rasanteren Suche nach dem Ursprung steigt die
Erregungskurve, da immer mehr Wörter als Fälschung erscheinen, das Ich dreht
sich immer schneller um sich selbst. Nichts hat mehr eine Bedeutung für das Ich
als das Ich selbst und seine eigenen originalen und einzig authentischen, wie
man meint, Gedanken, in denen das Ich sich als Ich zugleich originär zu finden
und längst gefunden zu haben glaubt. Das sinnfällige Wahrnehmungshilfsmittel
„Begriff“ führt zu dem Sinnausfall einer absoluten Selbstenklavierung. Diese
Konstruktion des Selbst mag absolut logisch sein, sie ist aber auch absolut
singulär. Die Reinheit des Logos macht ihn unbrauchbar für jeden Anderen; für
jeden, der sich von diesem Ich im Denken unterscheidet, resp. überhaupt
unterscheidet. Negative Spekulation und statische Allologoi verstören und
zerstören letztendlich die Sprache.187 Indem Bastian die Allologoi sammelt und
auf Tautologie und Redundanz prüft, weist er sie wieder als accounts aus und
kann sie als Wahrnehmungshilfsmittel brauchbar machen. Bastian muss also erst
die Möglichkeit positiver Empirie in der Wissenschaft schaffen. Solange die
blockierenden Gedanken, die Stockungen des Denkens, nicht in Accountreihen
verflüssigt sind, solange hat in der Wissenschaft das Prinzip des „Noch nicht“188
187
MiG I:322: [man beachte hier die verknüpfende Zitationsweise: Bastian kennt keine
diskreten, originären Gedanken, die mittels Diskretion rein und getrennt gehalten werden
müssten. Auch die Frage einer genauen Quellenangabe stellt sich somit für ihn nicht, da
zutreffende accounts stets tautologisch sind, also vielerorts vorkommen. Einen singulären
Ursprung, einen einzigen Vater (sic!) des Gedankens gibt es nicht. Es wäre omnipotentes
Wunschdenken. Das Denken eines Pubertierenden. Bastian genügen adhärierende
Namenshinweise. Die Accountreihen werden so nicht unterbrochen, das Denken schwingt
sich weiter und bleibt sinnfällig; KPB] „A civilized full blooded Indian does not exist, sagt
Nott, you might as well change the nature of the buffalo, und ein civilisirter Indianer würde
dann eben kein Indianer mehr sein. Anderswo sagt er selbst: You cannot by breeding give a
more powerful scent to a greyhound, without changing the animal in something else, than a
greyhound, und: a terrier is a terrier and a dingo a dingo all the world over, else language
has no meaning.“
188
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:14 [man beachte auch den Hinweis auf die
Epoché, die in der Phänomenologie so eine große Rolle spielt, vgl. Schütz/Luckmann
149
zu gelten: noch nicht dürfen wir uns für ermächtigt halten, Aussagen über
andere und anderes zu machen; nur ist es uns möglich, uns miteinander
auszusprechen, unsere Aussprachen auszutauschen, uns unsere accounts
mitzuteilen und neue accounts in der Wahrnehmung zu finden. Es darf nicht
über die positive Empirie spekuliert, kein Empirie-Imperium errichtet werden.
Sie hat einfach zu geschehen. Die fatalen Folgen einer Spekulation über Empirie
zeigt Bastian mit Mill auf. Ein Empirie-Spekulant müsste sich logischerweise
selbst seiner Sprache berauben, redet aber munter spekulierend weiter.
Spekulativ hatte man also im 18. Jahrhundert die Tugend und damit eine
Wesensart des Menschen, wie man meinte, essentialistisch zu fassen versucht.
Man bestimmte die Tugend per se als eigennützig. Folgerichtig hätte es nun des
Wortes „Uneigennützigkeit“ nicht mehr bedurft, es wäre je eine falsche
Charakterisierung gewesen. So uneigennützig wollte man dann aber doch nicht
sein, dass man diese Vokabel nicht mehr benutzte, um sich selbst
herauszustellen.189 Gar zu allumfassend durfte das Wesen des Utilitarismus als
Allologos dann doch nicht sein. Der, dem es nutzte, arrangierte sich mit dem
Ganzen, das ihm aber wesentlich dann doch nur ein Teil des Ganzen war,
nämlich seine Sicht der Dinge. Wäre sie als allgemeine Sicht denn eigennützig
gewesen? Wie könnte das Ganze nur dem Eigenen nützen und nicht auch den
Anderen, außer es ist eben nicht das Ganze? Sub specie toti müssten alle
profitieren, müsste jeder ein Teilhaber sein, und nie könnte einer dem anderen
1979:53f.]: „Nicht um Glauben (im haltlosen „Meinen und Scheinen“) handelt es sich,
sondern um klardeutliches „Wissen“ nur, dem „Nichtwissen“ gegenüber, auf der im „NochNicht-Wissen“ überleitenden Brücke, für schrittweise prüfendes Vorgehen (an Hand der, bei
jedesmaligem „Non-liquet“ vorgeschriebenen, ¦[email protected] skeptischer Ephektiker).“
189
MiG I:368: „Im vorigen Jahrhundert erklärte man die Tugend als Eigennutz und, wie Mill
bemerkte, hätte folgerichtig das Wort „Uneigennützigkeit“ aus der Sprache verbannt werden
müssen. Fragen wir ein Kind, was Eisen ist, so beschreibt es dasselbe vielleicht als ein
schwarzes Metall, der Handwerker als ein technisch vorzüglich verwendbares. Der Chemiker
definirt das Eisen als einen Complex verschiedener Eigenschaften, in specifischer Schwere,
Härte, Wärmecapacität, electrischer Spannung usw., und sollte eine dieser Eigenschaften
fehlen und modificirt sein, wo würde damit das Metall aufhören, Eisen zu sein und von ihm
vielleicht als Mangan bestimmt werden, während einem Laien keiner der Unterschiede
erkennbar sein möchte.“
150
seinen Teil wegnehmen, denn dann nähme der nicht mehr teil und dem Ganzen
fehlte einer. Bastian zeigt deutlich auf, dass die sogenannten wesentlichen
Gedanken, also diejenigen, die das ganze Wesen bedacht haben wollen und
somit letztendlich mit ihm identisch sein sollen, die Allologoi, wesenhafte
accounts lediglich sind, perspektivisch motiviert, leibhaftig von einzelnen
Personen in einem bestimmten Kontext entäußert und von kommissarischem
Nutzen. Nur ein account kann wirklich von Nutzen sein, indem es ein
Wahrnehmungshilfsmittel ist. Sammelt man die sog. Gedanken, die Allologoi,
kann man ihre Redundanz und ihren metonymischen Charakter erkennen, man
kann sie folglich wieder als accounts einsetzen. Oder ad acta legen, falls sie als
Wahrnehmungshilfsmittel obsolet geworden sind. Wie sehr sie in bezug auf die
Wahrnehmung teilhaftig sind, kann man erst bestimmen, wenn man auch die
Mittel der anderen Teilnehmer bestimmt hat. Bevor nicht alle sog. Allologoi
gesammelt sind, lässt sich an ihrem wirklichen Nutzen nicht partizipieren. Bevor
der Logos nicht wirklich als nutzbringender account wieder eingesetzt ist, d.h.
das Denken wieder fortschreitet, solange bleiben sie nichts anderes als eine
„Redeweise“.190 Verfestigen sie sich als Allologos, sterben sie wie der Kristall
im Moment des Anschießens, können kein keimtragender Samen sein, der die
Materie weiter wachsen lässt. Bastian ist, was die Sprache angeht, Pragmatiker,
er will das Relevante vom Unwichtigen scheiden, damit die Entwicklung
fortschreitet. Seine positive Empirie gehört weder dem Positivismus an, noch
kann man seine Theorie von den Gedanken dem Strukturalismus zurechnen.
Vielmehr konstatieren seine Bücher die maßlosen Einseitigkeiten solcher
synekdotischen Verabsolutierungen. Nicht loslösen, sondern vielmehr mit der
Materie wieder vereinen will er das Denken. Damit die Störung fruchtbar wird
und fortwächst in ihre Erfüllung hinein, in den harmonischen Kosmos. Bastian
will, dass der kosmische, unifizierte „Great Trek“, das unendliche harmonische
Schwingen, sich wieder einstellt. Deshalb soll der Gedanke sich nicht
190
Bastian nennt das Kapitel MiG I:365-379 „Die Redeweisen“; siehe dort.
151
verabsolutieren, sondern das einzel Materielle, das Ausgeschiedene wieder
verbinden. Das Denken muss elementar werden und verbindend. Allologoi sind
unverbindlich, infantile Omnipotenzen, die niemandem etwas nutzen, schon gar
nicht irgendeinem Erkennen oder irgendeiner Aussprache. Allologoi verbieten
jeden weiteren Kommentar191: es sind die Machtmittel des Omnipotentaten, der
nichts neben sich gelten lassen will. Es sind die Sprechblasen selbstermächtigter
Absolutisten. Als Sprechakte taugen sie dergestalt nicht. Der Mensch leugnet
sich in ihnen als zoon politikon192, d.h. er leugnet sich selbst, er hat sich im
191
MiG I:366: „Ebenso im gewöhnlichen Leben, wo die Begriffe nicht Zweck, sondern Mittel
der Besprechungen sind, nimmt man es mit ihnen wenig genau. Dem gemeinen Manne ist
Vielerlei Electricität und wird von ihm darunter subsumirt. Jeder Orientale ist ein Türke, den
gothischen und saracenischen Styl kennt Jeder, ohne dass selbst Fachmänner recht wissen,
was er eigentlich ist. Während die meisten Reisenden in Africa (und neuerdings wieder
Burmeister in Rio-Janeiro) klagen, dass unter all den Negern der Neger nicht zu finden sei,
meint die systematisirende Autorität Morton’s: „The true Negro conformity requires no
comment.““
192
vgl. Bastian, Der Völkergedanke 1881:172: „Der Grund, dass sie [die bis Psychologen
Beneke und Waitz; KPB] gescheitert sind, lag eben daran, dass ihnen das fehlte, was einer
Inductionswissenschaft als unumgänglicher Vorbedingung bedarf, es fehlte ihnen das
Material. Beneke dachte dies in Selbstbeobachtungen zu finden, obwohl schon Kant auf die
darin liegende Täuschung hingedeutet hatte; daneben könnte man dann zurückgehen auf die
Seele in der Psychiatrie, auf pathologische Abweichungen, auf die Entwicklungsstufen der
Kinder-Seele, und auf die Thierseele auch mochten vorsichtige Seitenblicke geworfen werden,
- aber Alles das war ein beschränktes Feld. Sobald nun dagegen einmal die Ueberzeugung
zum Durchbruch gekommen war, dass es sich zunächst überhaupt gar nicht um den Gedanken
des Einzelnen handele, sondern um den Völkergedanken, um den Gedanken der Gesellschaft,
da plötzlich lag das Material massenhaft da, in Hülle und Fülle. Es strömte sogar in solchen
Fluthen zu, dass wir uns gewissermassen eines „embarras de richesse“ zu erwehren hatten.“;
ders., Das logische Rechnen, 1903:6f.: „Mit dem „Denken“, worin die Wesenheit des
„Denkwesens“ (Zoon logikon oder Animal rationale) gipfelt, erhält die humanistische
Existenzform ihre charakteristisch gestempelte Prägung, unter den animalisch analogen
Organisationen auf biologischem Bereich, - „Homo inquantum homo solus intellectus“ (s.
Alb. M.); bei Veredlung des Bimanus zum Homo sapiens -, und bei Umsetzung der Energien
entspringt (mit geistigen Kräften in X<V*gl) der specifisch begrenzte „Modus essendi“ des
Denkens auf gesellschaftlicher Sprachschichtung, aus den im Organismus des
Gesellschaftswesens bethätigten Funktionen, zur naturnothwendigen Ergänzung des
„Anthropos“ (nbFg4 „Zoon politikon“, oder Ethnos). Aus der demgemäss mit noëtischen
Agentien [ dass das Denken nicht irgendwie essentiell geschieht, sondern von individuellen
„agencies“ abghängig ist, sollte erst 80 Jahre später wieder relevant werden; vgl. Koepping
(„Paul Radin“) 2001. Dass wirkliche agency jedoch diesseits allen heldenhaften Agenten- und
Abenteurertums geschieht, das hat niemand mehr so sehr betont wie Bastian ; KPB]
geschwängerten (Atmo-) Sphäre wird in den, ihren jedesmaligen Gesellschaftskreis
constituirenden, Individualitäten das, aus den psycho-physischen Funktionen zu seiner
rationellen Entfaltung heranreifende, (Vernunft-) Denken gespeist, aber um in die
152
Logos begrifflich wegeskamotiert, um zu sagen: moi, c’est tout. So wird aber
Alles zum Nichts. Nichts das bliebe. Nur die Verstörung wäre potenziert, da sie
verleugnet und unbehandelt bliebe. Das absolute Ich handelt nicht. Man tut im
Allologos so, als ob alles in Ordnung wäre, als ob es keine Störung, nirgends,
gäbe, als ob alles ein schönes Stillleben wäre: la nature morte. Man vernimmt
nicht die Kakophonie des verstörten Lebendigen. In Bastians Büchern findet
sich diese Kakophonie, die Schreie der Verbrennenden193, vor denen noch ein
fast jeder zurückschreckte, weil er seine künstlichen Ideenkreise nicht gestört
haben wollte. Bastian zeigt die Gewalt der Keime, die Ausnahmesituationen des
Lebendigen, die man nicht schöngeistig beherrschen kann, sondern denen man
sich hingeben muss, um zu lernen, weil man schlichtweg ein Teil davon ist, ein
Teil der Ausnahmesituation, die sich nur beruhigt und abklingt (abkühlt), wenn
man sich selbst in ihr versteht. Die Materie und der Mensch sind unordentliche
Ausnahmen in der Unendlichkeit der kosmischen Harmonie, Mißklänge, die
abdunkelnden Tiefen (seiner Anfänge) erhellendes Licht zu tragen, muss vorher das
automatisch sociale Denken aufgeklärt sein, in seinen „Gesellschaftsgedanken“, auf
elementar gleichartiger Unterlage wurzelnd. Indem bei Erweckung der in den Potentialitäten
des Keims schlummernde Unität, die dynamischen Energien, aus ihrer Latenz hervorgerufen
(durch Reaction gegen die Einflüsse der Umwelt), den Fruchtstand annähern (längs des
kinetischen Verlaufs ihrer Ausentfaltung), erfüllt sich demgemäss die Zielrichtung im
vernunftgerecht rationellen Verständniss der Gesetzlichkeiten: bei Uebereinstimmigkeit der
im Denken immanenten mit allgemein durchwaltenden (unter kosmischer Harmonie).“
193
BRPS:26: „ „Alles brennt“, predigte Budhha in seiner „Feuerpredigt“ (auf dem Berge
Brahma-Yoni), Alles steht in Flammen! und so ergeht der Rettungsruf (an die Ohren, die
hören wollen), um sich zu retten aus der in nichtiger Vergänglichkeit niederbrennenden Welt,
(wo Alles Aneiza, Dukha, Anatta), um sich zu retten in der Ewigkeit Realität, wo das Nirwana
seine Kühlung spendet: dem der Kotaraphuxavana gewonnen hat (zum harmonischen
Ausgleich).“; ebd.:49: „In seiner Nacht sich eine Fackel entzündend, ist der Mensch eine
erloschene Fackel beim Tode (s. Heraklit), und das Weltfeuer brennt fort, erloschen und
wieder entzündet (unter periodisch temporär gestätigtem Fluss der Wandlungen, ohne
Unterlass). Dies ist die Lebenshölle, wo „Alles brennt“ (nach Buddha’s Feuerpredigt), aber
in dem unter solchem Lichtbrand erhellt Geschauten harrt die labende Kühlung (in Nirvana’s
Friedensruhe).“.
Vergleiche dazu Bastians Darstellung der Weltlage in: Bastian, Der Völkergedanke, 1881:180
Anm.: „Eine brennendste Zeitfrage allerdings! Es brennt in allen Ecken und Enden der
ethnologischen Welt, brennt hell, lichterloh, in vollster Brunst, es brennt ringsum, Gross
Feuer! und Niemand regt eine Hand.“ Bastian geht hier konform mit dem etwas berühmteren
Schopenhauer-Überwinder Nietzsche, auf den er, wie wir bereits gesehen haben, gelegentlich
rekurriert. Vgl. Nietzsche, Menschlisches, Allzumenschliches, KSA 2:62: „ [...] sollten wir,
153
verklingen müssen, zwei verstörende Proben der Harmonie, in denen die
Stimmen eingeübt, die Möglichkeiten ausgeweitet werden194. Der Mensch muss
sich und seine Sprachen und seine Denkweisen als Aufbruch des Lebendigen
verstehen, als sprossende Keimlinge, als Startende auf der Keimbahn, die
endlich ins Leben zu gehen anfangen, um die Störungen zu Ende zu bringen, die
Erregungen zu beruhigen.195 Er muss einfach das Leben geschehen lassen. Das
die geistigeren Menschen eines Zeitalters, welches ersichtlich immer mehr in Brand geräth,
nicht nach allen löschenden und kühlenden Mitteln, die es giebt, greifen müssen [...]?“
194
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:128: „Bei dem auf der Weltenbühne der
Menschheitsgeschichte, von den, als Mitglieder des zugehörigen Gesellschaftskreises ihm
vergliederten, Individuen, aufgeführten Concert wird das Zusammenspiel desto melodischer
hervortönen, je correct reiner ein Jeder auf dem von ihm (seiner Geschmacksrichtung nach)
bevorzugten oder an ihn (durch des Geschickes Launen) zugewiesenen Instrument den
rhythmischen Takt einzuhalten versteht; und insofern bliebe in noëtisch gleichartig
umgebender Atmosphäre suggestive Uebertragung von Einem auf den Anderen nicht
ausgeschlossen, wie solche Einheitlichkeit normativ bereits hergestellt ist, in dem
volksthümlich gemeinsamen „Conceptus mundi“; und wenn in ihm psychische Epidemien
hervorbrechen, gilt es ein auf naturwissenschaftlich exacter Methode begründetes Ausheilen
solch pathologischer Störungen, um der zoopolitischen Organisation sowohl, wie der unter
ihrem Einflusse heranreifenden des Anthropos, den normalen Gesundheitszustand zu
bewahren (wie für lebenskräftiges Wachsthum vorbedinglich).“
195
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:116: „Gleich der Pflanze vegetirt (unter
somatischen Stoffumwandlungen) das Thier, bei Abschluss der Sinnesapparate gegen äussere
Eindrücke (im Schlaf), während es für die Dauer sensualistischer Beeindruckungen beim
Wachzustand in stetiger Aufregung gehalten wird, um die entsprechenden Compensationen
eines Abgleichs wiederzugewinnen. Wo solcher transitorisch hergestellt ist, tritt soweit Ruhe
ein, wogegen bei seiner Ermangelung qualvoll (in humanistischer Existenzform) das
Hinstreichen der Zeit empfunden wird, welche zu töten (durch Vernichtigung der Empfindung
zu entziehen) angestrebt wird. Beim vollen Schwung des Denkens entschwindet seiner
Thätigkeit die Zeit, mit Leben eines Nun in zeitloser Gegenwart (des Augenblicks). Wenn
jedoch seine Thätigkeit, bei Ermangelung ausreichenden Arbeitsstoffes (um in seiner Fülle zu
schwelgen) stockt und gehemmt ist, dann kribbelt es im psycho-physischen Organismus, um
durch ein, in vorüberfliessender Buntheit betäubendes Gewechsel Unterhaltung zu schaffen
(aus spielerischem Getändel).“ Die Erregung zu beruhigen/befriedigen war Bastian durchaus
a) ein erotischer und b) geschlechtlicher Vorgang, vgl. ebd.:124f.: „Sofern vom „niederen
Eros“ (Plato’s) am genitalen Pol der Schwerpunkt auf den cerebralen transponirt ist, setzen
auch dort die Zeugungsacte ein: in den Denkschöpfungen, und was aus ihnen
hervorspriesst.“; zur „Keimbahn“ siehe folgende Stelle: ebd.:104: „Was in vegetativischen
Keimanlagen latent schlummert, involvirt in sich die Disposition zu dem, was bei der
Entfaltung im Reifezustand erfüllt steht, nachdem zu den, in organischen
Wachsthumsprozessen realiter actualisirten, Kraftwirkungen (aus deren Potentialitäten)
erweckt und kraft der im zeugungskräftigen Centrum zusammentreffenden Agentien
(geographischer Provinz) empogewachsen, in adäquater Correspondenz mit dem, was in
gährungsschwangerer Mutterlauge (mit wahlverwandtschaftlichen Affinitäten [man beachte
die Tautologie!; KPB]) sich regt: für den momentan (im krystallinischen Anspringen)
bethätigten Lebensact, der, wenn continuirlich im „status nascens“ von neu einfallenden
154
Denken geschehen lassen, die künstlichen Eingrenzungen und Abgrenzungen
aufheben. Die Vereinzelung aufheben, um wieder eins zu werden, um die
Wunde der Abtrennung wieder zu schließen.196 Kosmos und Materie würden
wieder eins werden, die Interferenz wandelte sich in den unendlichen Transfer
der beruhigten Schwingungen. Innerhalb der Materie, innerhalb des Feldes von
Keimung, Aufbruch und Tod, von Absonderung und künstlicher Gewichtung
kann die Verstörung nur durch das Erkennen der Einheit der Vielfalt gestillt
werden. Ich bringe das Neugeborene zur Ruhe, ohne ihm das Leben zu nehmen,
indem ich es in Balance wiege. Die einheitliche Vielfalt der Materie darf sich
nicht ungleich gewichten, sondern muss in einen organismischen Zustand der
Homöostase gebracht werden, der aber keinesfalls statisch festgestellt sein darf.
Nur in der dynamischen Homöostase des Organischen – und nicht in der
statischen des Mechanischen – kommt die Materie zur Ruhe.197 Nur die
homöostatische Dynamik, die in sich ruhende und ausgeglichene Bewegung,
wird zugleich dem Ausdruck der Verstörung als auch der kosmischen Harmonie
gerecht, also sowohl der einheitlichen Vielfalt und der vielfältigen Einheit, die
inmitten des Lebendigen vorhanden sind. Kommt das Lebendige in der Vielfalt
zur einheitlichen Ruhe, hat es das Selbstbewusstsein des Wissens in höherer
Irritationen getroffen, in Entwicklungsreihen hinausgezogen, seine innerliche Wesenheit
hervorzukehren stimulirt wird (auf biologischem Bereich) und somit das Zauberwort eigener
Geschehnisse verräth (das dem Ablauscher deren Beherrschungsgewalt überträgt).“
196
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:112: „Das Ding im Draussen stellt seine
Fragen, deren Beantwortung (und Lösung) jedoch dann erst anzunähern ist, nachdem das
jedesmalige Sein (stumm starrer Eins) in dem Fluss seines Werdens sich aufzulösen begonnen
hat (mit „explicatio unitatis“), um sodann, wo die Regulative einer organisch geordneten
Entwicklung mit denen des noëtischen Wachsthums im Denken conform sich abgleichen,
demgemässe Identität herzustellen (zur Erkenntniss gemeinsam einigender
Gesetzlichkeiten).“; vgl. a. ebd.:157: „Der Einzelne (oder „Einzige“) im Anthropos figurirt
als lebensunfähig [Hervorh. KPB] abgerissene Theilgrösse des gesellschaftlich (im
Zoonpolitikon) zugehörigen Ganzen und deshalb muss dieses vorher durchforscht sein (in
seinen Gesellschaftsgedanken), ehe die Individualpsychologie ihre fachgerechte Behandlung
erhalten kann.“
197
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:85f.: „Auf heutigem Barometerstand der Kenntnisse
kommt es zurück auf Stoff und Kraft, mit neuerdings kenntlicher Hinneigung, dem letzteren
den Löwenantheil zuzusprechen, in einem „energetischen Weltbild“, (oder dessen
„Kraftcentren“), um die mechanische Naturmaschinerie durch eine organische zu ersetzen
(und dann eine noëtische vielleicht).“
155
Potenz, nämlich dass es kein höheres Wissen gibt. Jedes höhere Wissen brächte
die Homöostase aus dem vielfältigen Gleichgewicht und in einfältige Unruhe.
Bastian intendiert mit seiner Wissenschaft ein Selbstbewusstsein, das erkennt,
dass es selbst nur ein Teil von allem ist, und dass es ohne das Alles nichts wäre,
und dass ein Selbst, das nur um sich weiß, nichts weiß, auch wenn es glaubt,
durch die Selbstfindung alles zu wissen. Nur ein Selbst, das das Selbst im
Ganzen aufgehen lässt, weiß um sich und kommt zur Ruhe. Es hat sich als
Ausgeburt des Ganzen verstanden und kann selbst in jedem Augenblick ins
Ganze eingehen, indem es sich fortzeugt. Es fragt nicht mehr nur nach sich,
sondern lässt das Leben geschehen. Und der Mensch kann sich in vielfältiger
Einheit und einheitlicher Vielfalt fortzeugen, ohne der Einfalt des absolut
Einzigartigen des Eigenen und der eigenen Geschichte zu verfallen. Auch im
Denken zeugt der Mensch sich fort,198 auch im Denken wird die Unruhe des
Aufwachsens, falls der Denkende sich und sein Denken nicht verabsolutiert, zu
dem Selbstbewusstsein des Ausgewachsenen kommen, ein in sich und in der
Materie ruhender Baum zu sein199, der mit der Materie vergeht und sich deshalb
um sich keine Sorgen zu machen braucht. Der Baum macht nun dem Einzelnen
keine Angst mehr. Er projiziert seine Angst nicht mehr spiegelbildlich in den
Baum, sondern identifiziert sich mit ihm in der Einheit des Seins. Er ist
198
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:124f.: „Sofern vom „niederen Eros“ (Plato’s)
am genitalen Pol der Schwerpunkt auf den cerebralen transponirt ist, setzen auch dort die
Zeugungsacte ein: in den Denkschöpfungen, und was aus ihnen hervorspriesst.“
199
MiG I:29: „Wird der Mann seine Bestimmung erfüllen, der, heraustretend in die Kämpfe
des Daseins, wo seine Fähigkeiten zur Thätigkeit aufgerufen werden, zurückfliehen würde in
den Schooss der Mutter, um sich in ihren Armen vor den Unbilden des Wetters zu schützen?
Kühn werfe er ihnen die Brust entgegen, er stähle seine Glieder im Ringen mit den feindlichen
Elementen, und um so vollendeter, desto stärker wird er daraus hervorgehen. Um die junge
Eiche zu schützen, mag es heilsam sein, ein wärmendes Dach darüber zu bauen, aber wenn
der Stamm heranreift zum Vollgefühle seiner Kraft, wird er rasch die hemmenden Schranken
durchstossen und, auswachsend zum mächtigen Baume, weithin seine Arme entfalten, ein
Zufluchtsort der Vögel, ein Wohlgeffallen den Menschen. Soll er statt dessen sich jährlich
beschneiden und kappen lassen, um nie die Grenzen des Treibhauses zu überschreiten, in das
ihn der ängstliche Gärtner pflanzte? Seine Säfte würden verderben, seine Aeste verkrüppeln,
seine besten Früchte verkümmern, während, seiner Freiheit überlassen, sie jedes Jahr
üppiger emporschiessen. So müssen auch wir unseren Denkgesetzen ihren vollen Schwung,
156
seinesgleichen wie der Baum. Wie ein Baum überall gleich emporwächst und
doch je nach Klima und Landschaft anders gedeiht, so auch der Mensch.
Darüber muss er sich in der Sprache klar werden. Auch das Sprechen ist ein
Emporwachsen aufeinander zu. Der eine erkennt im anderen aufgrund der
vielfältigen Einheit sich, ohne sein Selbst einfältig aufblasen zu müssen200. Es ist
schon längst dort. Er ist wie der Andere, nur anders. Er ist mit dem Anderen,
auch der ist er: tat twam asi. Jeder ist zu jeder Eigentümlichkeit fähig.201 Nur in
diesem Wissen, in aus positiver Empirie gewonnenem Wissen, will ein Teil
nicht mehr alles werden, weil es je schon Teil von allem ist. Es weiß um alles,
weil es weiß, dass es um sich allein nichts wissen kann. Der Allologos ist die
Verleugnung dieser Teilhaftigkeit; ist der Kristall, der im Anschießen gestorben
ist, das Nichtlebendige, das Beendete, die Leugnung der Unendlichkeit. Und
doch schwingt in ihm die Harmonie am eindringlichsten. Am Logos und am
Kristall kann man um die Harmonie wissen lernen, da in ihnen die Harmonie
nicht zur Ruhe kommt. Kristall und Logos können aber niemals aufkeimen, sich
entfalten und zur Ruhe kommen. Sie tragen keinen Samen in sich, sie tragen
nicht das Potential in sich, der Störung gerecht zu werden. Sie täuschen eine
falsche Ewigkeit vor, nämlich die perpetuierte Verstörung in Harmonie, oder in
anderen Worten: sie sind der Tod, die permanent andauernde Leugnung der
unendlichen, kosmischen Harmonie, das verstörende, das so künstliche wie
einfältige und singuläre Minus, das sich auf ewig dem vielfältigen und
ihre ganze Entfaltung geben, zu welchen Consequenzen immer sie uns führen mögen; wenn
sie gesund sind, muss es stets die Wahrheit sein.“
200
Bastian, Ideale Welten, Bd. I 1892:230: „ „Was kein Verstand der Verständigen sieht, das
übt in Einfalt ein kindlich Gemüth“ (nach apostolischem Wort des Dichters), da noch nicht
all der Staub aufgewirbelt, der das Augenlicht trübt, für nichts und wieder nichts, bei
einfachster Sachlage der Naturverhältnisse (auch für die Natur der Naturstämme). „Das im
Denken nicht Gedachte, das wodurch der Gedanke denkt, das ist das Selbst, und nicht
worüber die Menschen grübeln“ (nach den Upanishad).“
201
MiG I:253: „Im Samen liegt die Essenz des ganzen Baumes, wie in der Ruhe des
Nichtwissens die spätere Geistesentwicklung. Sobald das Gleichgewicht einmal gestört ist,
kann es sich aus seinen Uebergangszuständen, in denen die moralischen Systeme gebildet
werden, nicht eher wieder vollkommen erfüllen, als bis der Baum zu seiner ganzen
Eigenthümlichkeit ausgewachsen ist und dann die Ruhe des Nichtwissens im
Selbstbewusstsein des Wissens in höherer Potenz wiederkehrt.“
157
einheitlichen Plus entgegenstellt. Noch dieses Wissen um ein Selbst des Todes
und ein Eigenes des Lebens ist für Bastian Unwissenheit, die nicht wissen will,
dass das eine Teil des anderen ist; dass es kein Plus und kein Minus gibt; dass
das alles künstliche Ideenkreise sind; dass plus und minus die elementaren
Allologoi kat exochen sind, die vermeinen, mit dem Wesen des Seins identisch
zu sein, aber gerade das Bewusstsein des Selbst vermeiden, nämlich dass das
alles eins ist, aus dem alles wird. Noch diese Allologoi müssen wieder zu
accounts, zu keimendem Samen werden, zur Notwendigkeit des Seins. Die
Wendigkeit des Keimenden wird durch seine Grammatik ausgedrückt, durch die
Art, wie das Keimende sich in die Welt schreibt, wie es sich in die Welt
ausspricht. Seine Wendigkeit, seine Fähigkeit zum Abwenden von Not erhält
das Keimende des Denkens erst, indem es dem Vereinzelten zeigt, dass es im
Ganzen aufgehoben ist und sich keine Sorgen zu machen braucht; dass es nicht
aus Angst dem Größenwahn verfallen muss. So verstört es auch sein mag, es
geschieht doch in Harmonie, denkt harmonisch. Das Andere bedroht nicht das
Einzelne, sondern ist die Bedingung seiner Existenz. Deshalb muss es ihm, um
zur Ruhe zu kommen, zuwachsen und sich ihm zusprechen: sein „sich“
aussprechen, um zu zeigen, dass es, obzwar anderswo entstanden, nicht anders
ist, auch keine Kopie oder Fälschung, sondern ebenfalls legitimer Auswuchs des
Ganzen, Ausgeburt der Harmonie. Da ist nichts, was ängstigen müsste. In der
Grammatik lernt das Denkende seinen Kontext kennen, die prinzipielle
Gleichartigkeit der Psyche. Das psychologisch-grammatische Denken wird sich
bewusst, dass es nicht einzigartig existiert; dass es da viele giebt, die von
gleicher Art sind, dass schlichtweg alles von gleicher Art ist, und dass somit die
Verbindlichkeit des Seins gegeben ist. Ich kann alles erkennen, weil ich schon
immer in ihm erkannt bin. Das psychologisch-grammatische Denken beruhigt
die hysterische Erregung der unumwendbaren Absonderung und Vereinzelung.
Trotz losgelöster Vielfalt erkennt der Vereinzelte seine originale Zugehörigkeit,
und somit seine Fähigkeit, in Ruhe zuzuhören, ohne permanent der Gefahr, sein
158
Ich entgegensetzen zu müssen, ausgeliefert zu sein. Der Vereinzelte kann sich
wegen dem und im psychologisch-grammatischen Denken entfalten und sich der
Welt einschreiben. Diese Denken ist der Grund der bestehenden Welt. Das
absolutistische Ich wollte mittels des Allologos die Welt als Ausgeburt seiner
selbst definieren. Das ist die fundamentale Verkehrung, die Bastian der
negativen Spekulation vorwirft. Das Denken kann auf der psychologischgrammatischen Basis seine natürlichen Kreise ziehen, ohne dass Natur und
Kultur nunmehr geschieden sind, es geschieht einfach, so wie die Pflanze
wächst.202
In dieser seiner Sprachkritik schließt Bastian sich Wilhelm von Humboldt
an, der ebenfalls in der Sprache kein Werk eines einzelnen Ich sah, sondern die
Erzeugung und Bezeugung der Menschen untereinander. Die Sprache ist kein
Ergon (was demgemäß dann ein Begriff oder ein Gedanke wäre), sondern
Energie.203 Sie ist also nichts, was gestaltet wäre oder werden müsste, sondern
was selbst gestaltet. Die Sprache ist keine Maschine, die der Mensch als sie
beherrschender Konstrukteur oder genialer Ingenieur bedient, so dass er sich
selbst als ihr kleiner Diener in sie einsperrt, sondern sie ist die Energie, die dem
Menschen sein Leben gibt: sie ist etwas Organisches. Solange die Menschen an
der Sprache als maschinellem Popanz festhalten, werden sie nicht sprechen
lernen, sondern verschlissen werden, sobald sie nur den Mund aufmachen. Die
Maschine macht denjenigen, der sich ob ihrer botmäßigen Handhabung ein
veritables Ingenium zuschreibt, realiter winzig, kraftlos und ängstlich. Nur in
der Aussprache des selbstlosen wie aufrechten Teilnehmers am Sein geschieht
202
MiG I:158: „Der Baum entsteht aus seinem Keime, so das Gras, so die Alge, und so das
Denkgebäude der Völker aus den specifischen Grundlagen ihrer Cultur. Das Denkgebäude,
nicht des Individuums, sondern des Volkes, der Nation, denn ein jedes Bildungssystem ist ein
secundäres Produkt, in dem zwar die einzelnen Individuen als primär constituirende Theile
eintreten, das aber nie damit aus diesen, also nicht direct aus der physiologischpsychologischen Basis entwickelt werden darf, sondern erst aus dem durch den sprachlichen
Austausch im Wechselverkehr gebildeten Ideenkreis der Gesellschaft, also auf psychologischgrammatischer Basis.“
159
das kraftvolle Entfalten der Sprache und des Sprechenden als Teil des Ganzen.
Das ruhig Sich-Entfaltende vergeudet seine Energie nicht mit Mehrzwecken in
unnötiger Unruhe, sondern erhält sich als transformierte Energie. Die Sprache
nähert sich im Verklingen der Laute dem Kosmos der ungestörten Energie
wieder an. Sprache, die je und je lautstark deklamiert werden soll, ist Bastians
Sache nicht204. Konsequent kritisiert Bastian aber auch den Stil seiner eigenen
Bücher, die aufgrund der eigenen Entfesselung nicht richtig hätten gedeihen
können. Notwendig sei diese Entfesselung gewesen, da er sich nur auf diese
Weise von der Fessel des maschinellen Gedankens, der abgesehen seiner selbst
und der eigenen Akzeleration nichts kennt, habe befreien können. Bastian wollte
die „mannigfaltigen Verhältnisse“205 kennenlernen. Bastian weiß um die eigenen
Schwächen206, weiß aber auch, was ihn schwächt: die e(r)gologische
Maschinerie absolutistischen Denkens, das nur noch im deus ex machina seine
Erlösung vom defizienten Modus seines eigenen Seins zu erhoffen vermag. Es
gelte vielmehr zu denken, was ist; und es ist, was ist. Mehr ist nicht.207 Und das
203
MiG I:433: „Nach W. v. Humboldt ist die Sprache kein todtes Erzeugtes, kein Werk
(¦k(@<), sondern thätige Erzeugung, Wirksamkeit (¦<gk(g4").“ Ob Bastian Humboldt richtig
wiedergibt, soll uns hier nicht interessieren.
204
zu Bastians Einstellung gegenüber dem Theater siehe von den Steinen 1905:240.
205
MiG I:XVI: „Fern von Europa und lange Zeit beschränkt im sprachlichen Verkehr,
keimten die hier niedergelegten Ideen unter Anschauung der mannigfaltigen Verhältnisse, in
welchen die Völker auf dem Erdballe zusammenleben.“
206
vgl. z.B. bereits folgende Stelle in seinem ersten Buch, das allgemein als konventionell
angesehen wurde: Bastian, San Salvador 1859:330f. Anm.: „Man wird mir Mangel an
Ordnung in dem vorliegenden Buch vorwerfen. [...]. Der Authoritätsglaube ist der Krebs des
Fortschritts, aber jeder Reisende der dem Leser von, diesem nicht persönlich bekannten,
Gegenden erzählt, wird ihn veranlassen, sich mit Glauben, statt mit Wissen zu begnügen,
wenn er seine individuelle Ansicht gleich in einer systematischen Form vorführt.“ Auf
Bastians Einschätzung seiner eigenen Schreibweise werde ich später noch ausführlicher
eingehen.
207
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:143: „Und wenn nun die sehnsuchtsvoll
durchwogenden Gefühle vom Grübeln des „metaphysischen Dranges“ (im „geheimen
Bautrieb“) zerwühlt werden, dann stachelt aus der Skepsis ein Rückfall sich an in apathische
Aporie, um in dumpf betäubender Ataraxis dem innerlichen Querulanten den Mund zu stopfen
(an Lösbarkeit der Fragestellungen verzweifelnd).
„Pourquoi y a-t-il quelque chose“? (s. d’Alembert).
Warum? Darum!
Die Frage des Seins ist in seinem Dasein beantwortet, nach dem „jus fortioris“, auf sein
gutes Recht gesteift, das ihm kein Jemand oder Niemand verkümmern kann, da dessen eigenes
160
ist mehr als genug. Und es wird stets anderes. Es gibt hier keinen Mangel, nur
den modus abundantiae des Werdens.208
Bastian will nicht die Denkapparate zerstören, das würde den Mutterboden,
um im Bild zu bleiben, kontaminieren, die Saat, die Keimlinge würden ausarten.
Bastian sammelte, um dem Denken auf die Spur zu kommen, die
Gedankenkeime, auf dass sie im Denkapparat aufkeimten und ihn aus den Fugen
gehen lassen würden, damit die ihn antreibende Unruhe ein Ende habe. So
selbstisch war der Mensch, dass er seine eigene maschinelle Leistung, die Uhr,
als bloßes Abbild seiner selbst nahm und sich selbst horologisch209 dachte.
Nichts anderes nahm dieses Denken mehr wahr, es war nur noch eine fixe Idee,
ein toter Gedanke, der fesselte. Bastian sah in sich keinesfalls den zeugenden
Gründervater, solche Überheblichkeit und Hypokrisie waren ihm fremd, sondern
das Kind210, den winzige Keimling eines Nährbodens, aus dem die Kritik an der
selbstvernichtenden Selbstüberhöhung egologischer negativer Spekulation
erwachsen sollte. Bastians positive Empirie wollte den Anderen in seinen
(Sonder-) Sein, in das Netz der Heimarmene miteinverwoben, auf solchen Vorbedingungen
erst beruht, so dass ohne sie dann alles (in des Daseienden All) ausgestrichen wäre, reinweg;
in leer nichtiges Nichts vernichtigt, - und dem Denken seine Bemühungen erspart sein
würden, noch ehe der Anlass zu denselben sich gespürt hätte.“
208
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:68f.: „Dass „wenig Neues“ mehr zu sagen war,
klagte unser Dichterfürst, und beim Abscheiden vom Diesseits entrang seinen Lippen sich das
Sehnen nach „Mehr Licht“. Wenige Decennien später hat dieser Wunsch seine ungeahnte
vollste Erfüllung erhalten. Von blendender Ueberfülle des Lichtes finden wir urplötzlich uns
umfluthet (in neu wunderbar erstrahlender Glanzfülle), aus unversehens eröffneten
Perspectiven, von allen Richtungen (der terrestrischen Cardinalpunkte) her, mit neuartigen
Manifestationen (aus dem volksthümlichen Leben der Menschheit) überschüttet, in
erdrückender Massenhaftigkeit; und „Neues“ zu sagen, ist so unabsehbar Vieles, dass bei
vielfältigst [aus (bisher unbekannten) Nova] aufspringenden und continuirlich gemehrten
Gesichtspunkten nur die Entscheidung über die Auswahl Bekümmerniss giebt: zu wissen, wo
man zuerst anfangen soll, unter der nach allen Seiten hin abgelenkten und dort gefesselten
Aufmerksamkeit.“ vgl. a. ebd.:88: „Insofern handelt es sich demgemäss bei den als Vernunft,
Verstand, Empfindung u.s.w. unterschiedenen Wortgebilden nicht um „Entia“ (weder
Dinglichkeiten eines Ens reale, noch um Functionen des Ens rationis), sondern um einander
ablösende Phasen in der Metamorphose eines organischen Entwicklungsganges, bei
Umsetzung der Energien (bis zu den geistigen hinauf).“
209
über die Uhr als die Metapher der Enzyklopädisten schlechthin siehe Buchheit/Koepping
2001
210
siehe z.B. Bastian, Controversen I, 1893:3: „[...] der Erdensohn, das Kind der Mutter-Erde
[...].“
161
mannigfaltigen Verhältnissen wahrnehmen – mit der ganzen Gewalt des
Keimlings, der das Erdreich aufbricht und das Licht der Welt in Energie
verwandelt. Sein Denken wollte keine Lichtung schlagen und brandrodend sein
übersättigtes Sein nähren, um nur ja nicht in Vergessenheit zu geraten. Das
Aufkeimende ist niemals satt, weil es niemals außerhalb des Werdens steht. Es
muss nicht permanent an sich erinnern, um sein Sein zu gewahren, es muss sich
in der concatenatio rerum211 – eingebunden ins Werden und entfesselt vom Ich
– schlicht geschehen lassen, um zu sein. Bastian bekam niemals genug und doch
vermittelte er den Eindruck des Asketen.212 Er enthielt sich des monströsen Ich,
das alles sich einverleiben will, und doch gibt er sich den Zeugnissen des
Werden hemmungslos hin. Hier liegt der pivotale Punkt im Denken Bastians
zwischen Angst und Zuversicht: einerseits ist dringende Eile geboten, da das
monströse Ich213 alles zu zerstören droht und damit das Werden zum Stillstand
im defizienten und unfruchtbaren Modus des Seins bringt, der nichts kennt außer
den redundanten Kopien und Fälschungen seiner selbst, hie also der Aufschrei,
dass alles brennt; andererseits die Verheißung der Harmonie, der Aufruf zum
geduldigen Sammeln im Noch-Nicht, zum ruhigen Werden im modus
abundantiae, da also die Beruhigung durch den embarras de richesse. Das
211
Bastian verwendet den Ausdruck z.B.: Das Logische Rechnen, 1903:142
siehe Lissauer 1905:236: „Er entzog sich jeder persönlichen Ehrung, und, selbstlos wie er
war, achtete er sogar seiner körperlichen Pflege so wenig, dass er wiederholt seine Existenz
gefährdete, als wollte er den zweiten Teil jenes Bremer Seemannsspruches „Vivere non
necesse est“ erfüllen!“
Trotz dieser grossen Entbehrungen, die er sich selbst auferlegte, und trotz der
ununterbrochenen, geistigen und körperlichen Anstrengungen, welchen er sich bei seinen
Forschungen unterzog, erreichte dieser bewundernswerte Mann das hohe Alter von 79 Jahren
[...].“
213
vgl. z.B. folgende Charakterisierungen: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:84: „Da ist
die Hochedle Dame Vernunft, für welche, als von Frau Theologia zu Magdsdiensten
entwürdigt und von ihren (Re- oder) Informatoren als blinde gescholten, die „Rationistae“
(„rationalists“) oder (b. Kant) „Noologisten“ eine Lanze einlegten; da ist der Verstand, ein
pedantisch gestrenger Herr, voll scholastischer Schulmeistereien; das von der Liebhaber
vielen umbuhlte Bewusstsein sodann, das jedoch (eine „virgo immaculata“ verblieben) auf
alle Anträge, bis dato, nur Körbe abgegeben hat; daneben noch ein Krimmel und Gewimmel
von (automatisch) kitzlichen Empfindungen; sowie das Leben in höchsteigener Person, zur
capriciösen Seele aufgebläht, und beide miteinander curios vertakelt gar noch, so dass ein
212
162
monströse Ich zeigt nur sich und ist der Auffassung, damit das Beste für die
Welt zu tun. Es zwingt der Welt eine große Ideologie, seine Idiologie auf und
glaubt sich optimal und gut, weil es angeblich nichts dafür haben will. Es
verfettet jedoch an der Welt, die es sich zwecks Ausweitung seiner Idiologie
einverleibt, es wird zur Einverleibungsmaschinerie.214 Bastian hingegen will die
Mühlrad im Kopfe herumgeht, wenn Kopf oder Schwanz ausgemacht werden soll, an diesem,
in die Labyrinthe der Hirnwanderungen verkrochenen, Rattenkönig.“
214
Daraus erklärt sich auch Bastians Kritik am Kolonialismus, die er in Bastian, Zwei Worte,
1883; Einige Blätter, 1884; Die Colonie der Tagesdebatte, 1884; Europäische Colonien, 1884;
Ueber Klima, 1889; Die mikronesischen Colonien, 1899 darlegt. Vgl. dazu Gothsch 1983:569. Für meine Arbeit bleiben die Ausführen Gothschs irrelevant, da er es nicht vermag, die
spezielle Herangehensweise und Darstellungsmethode Bastians mit dem Inhalt des
Dargestellten und mit Bastians Gesamtkonzept einer „Beruhigung des Weltgeschehens mittels
naturwissenschaftlicher Einsicht“ in Zusammenhang zu bringen. In bezug auf Bastians Stil
schließt sich Gothsch den gängigen Ansichten an und attestiert einen „verwirrenden und
ermüdenden Schreibstil“ [ebd.:34]. Dass Bastians Einstellung zum Kolonialismus eminent in
Wechselwirkung zu seinem Präsentationsstil steht, ergibt z.B. schon eine Analyse des Titels
„Zwei Worte über Colonial Weisheit von Jemandem, dem dieselbe versagt ist.“ Es ging
Bastian also gerade nicht darum, klar Stellung zu beziehen und den Kolonialismus autoritär
abzuurteilen. Deutlich sagt er, dass ihm die Weisheit dazu versagt ist. Hätte er den
Kolonialismus autoritär verurteil, wäre er ob seiner Verurteilung jeder Autorität [ siehe z.B.
Bastian, San Salvador, 1859:330f. Anm.: „Der Authoritätsglaube ist der Krebs des
Fortschritts [...].”] in einen performativen Widerspruch geraten. Er kann vom Kolonialismus
keine Ahnung haben, sondern nur Wahrnehmungen der Anschauungen und der Daten
präsentieren und deren Widersinn für sich sprechen lassen, indem er Absichten und das, was
statthat, engführt und zeigt, dass sie sich widersprechen. Kolonialmächte tun so, als ob sie um
Ordnungsprinzipien wüßten, was in den Augen Bastians nur Anmaßung sein kann. Bastian
unterminiert solche Anmaßung gerade durch seinen Stil! Das Verwirrende und Ermüdende
des Stils war Bastian eine Notwendigkeit, weil schlechterdings die Welt danach war, wozu
nicht zuletzt der Kolonialismus maßgeblich beitrug. Bastian selbst sehnte sich nach nichts
mehr als einem unaufgeregten und klaren Stil, alleine ein solcher Stil wäre zum jetzigen
Zeitpunkt, da „die Welt brennt“, nichts als eine gefährliche Illusion, die verhüllt, was
geschieht, und verschlimmert, was sie zu beheben vorgibt. Immer wieder klagte Bastiann
einen klaren Stil ein [vgl. z.B. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:17f.: „Wenn im
zeiträumlich Gegebenen, von (dort ersten) Anfängen ab, ein causal verknüpfender Faden
unabgebrochen sich fortleiten lässt, längs prägnant markirter Stufengrade in organischer
Evolution, bis zu den mit noëtischen Agentien geschwängerten Regionen einer „intelligibilen
Welt“, dann wird dem in transcendentalen Spukphantomen gespensternden Denken, aus
seinem letzten Zufluchtsort vertrieben, ein naturwissenschaftlich correctes substituirt sein und
der Gefahr vorgebeugt, dass aus naturphilosophischen Liebäugeleien den auf ihre
Bezeichnung als „naturwissenschaftlich exacte“ stolzen Fachdisciplinen ein aus
metaphysisch verdünnten Hirnfäden gedrehtes Schwänzlein angehängt sei; in Folge
voreiligen Rüttelns an denjenigen Fragen, welche am Endverlauf erst sich annähern lassen
werden, auf rationell überwachten Wegstrassen der Forschung, die für sobezügliche
Verlängerung bis zur „Erschöpfung der Denkmöglichkeiten“ fortzugehen hat [um der
vorbedinglich erforderten Universalität (der Umschau) zu genügen]. Bis dahin ist der Weg
ein noch weiter, und ehe kühnere Schritte gewagt werden dürfen, gilt es, den Untergrund fest
163
Anschauungen der Anderen sammeln, die kleinen Ideologien der Menschen:
ihre Anschauungen. Er verleibt sie sich nicht ein, sondern stellt sie aus als das,
gesicherter zu fundamentiren, damit der künftige Hochbau auf einer zuverlässig gefestigten
Basis beruhe.“ und ebd.:51f.: „Die Vitalität des Denkwesens, um das Heranreifen seines
Denkens gesundheitlich normativ zu zeitigen (seinen „Normalgesetzen“ gemäss), fällt in ein
klardeutliches Wissen (clare et distincte), abgewendet von leichtgesinntem Schwanken im
„Meinen und Scheinen“, und das Glauben bleibt denen überlassen, die an nutzlosen
Thörigkeiten Gefallen finden. „Das Fürwahrhalten aus subjectivem Grunde heisst Glauben
(credere) und (s. Krug) der ihm entsprechende Ueberzeugungsgrad Glaube“ (fides), wenn
man sich (ohne Begründung der Sätze in der „Vernunft“) „auf die Glaubwürdigkeit des
Sprechenden verlässt“ (s. Locke), im guten „Glauben“ (bestenfalls), „eine vertrauensvolle
Ueberzeugung, an welche wir durch unser Gefühl uns gebunden finden“ (s. Gerber) – aber
durch gar loses Band, denn mit dem Vertrauen ist es so seine Sache („Trau-schauwem?“[Hervorh. KPB]); weshalb besser ein Jeder auf eigene Kraft und deren Macht
(„knowledge is power“) zurückgreift, die ihn nicht im Stiche lassen wird, der es ernstlich mit
ihr meint. Und dadurch ist sodann das Missliche einer „doppelten Buchführung“ gespart, wie
sie, als die Entscheidungsschlacht noch schwankte, dem treu ehrlichen Gewissen des
Naturforschers hatte aufgeschwatzt werden sollen (wenn es auf ein „credo quia absurdum“
hinauskam).“], aber erst müsste die (Welt-) Lage dementsprechend sein. Noch ist jeder klare
Stil und jede distinkte Aussage der Erkenntnislage inadäquat. Koloniale Politik befleißigt sich
ihrerseits gerade eines klaren Stils und distinkter (und distingierender) Aussagen, aus denen
sie die Legitimationen ihres Handelns zieht. Sie handelt folglich blind. Und genau diesen
Umstand kann Bastian am account- und Datenmaterial beweisen, auch ohne dass er eine
Weisheit vom Kolonialismus haben müsste, also ohne dass er klare Aussagen über den
Kolonialismus machen können muss. Er präsentiert den Kolonialismus in seiner
Eigentümlichkeit und weist seine Legitimationen als hieroi eponymoi aus, die das Eigene
heiligen und das Fremde dem Eigenen opfern: es sind redundante, leere Phrasen ohne jeden
Erkenntniswert, sie entsprechen keiner Wahrnehmung, ihr Wert ist gleich null. Nullifiziertes
lässt sich nicht klar und distinkt klassifizieren. Im Kolonialismus entsteht nichts, das sich
wahrnehmen ließe, sondern er produziert accounts, die Augenwischerei betreiben –
abgesehen davon dass er ganze Völker zerstört. Bastians genetisch-komparative Methode
präsentiert die verwirrenden und ermüdenden „Nebensächlichkeiten“ des Kolonialismus, das
account-Gerümpel und die Verwüstungen, adäquat.
Allerdings sei hier auch nicht verschwiegen wie sehr Bastain dann doch wieder auf das
Eigene zurückfiel und zu Statements fähig war, die die augenblickliche Kolonisierung der
Welt nicht förderten, doch die Kolonisatoren sehr befriedigt hätte. Die Nazis hätten an
folgenden Stellen und der dort beschriebenen Harmonie ihre helle Freude gehabt: Bastian,
Das logische Rechnen, 1903:17: „Und da die für allgemeine Gesichtspunkte leitenden
Landmarken aufzustecken glücklich bereits gelungen ist (aus Gunst des Geschickes), wird
Alles rechtsgemäss sich einordnen, an richtigem Ort und Stelle, um das von der Menschheit
bewohnte Erdenhaus menschenwürdig auszustatten, in all seinen Stockwerken (wo die
„besten Stuben“ der arischen Rasse reservirt sind).“; ebd.:67: „Unter den, auf der
Weltenbühne die (im Drama der Menschheitsgeschichte) ihnen zugewiesene Charakterrolle
abspielenden, Volksverbänden oder Stammeskreisen – die grossen der Culturnationen und die
kleineren im Gewimmel der Wildlinge – steht als „primus inter pares“ der germanische
Zweig der Arier voran, dessen glanzvoll erstrahlende Civilisation weithin den Erball
überschattet.“ – Und was für Schatten sie noch werfen wird! Schattiger kann es nicht mehr
werden, wie von dieser Rasse bewirkt! Als (schwacher) Trost über solche Stellen bleibt nur,
164
was sie sind. Bastian leidet nicht unter Idiologieverfettung, er versucht, dem
Denken dynamisch auf der Spur zu bleiben. Er wird zur Flechte, zum
Kryptogam215, zum Rhizom216 in der Gedankenproduktionsmaschinerie. Je mehr
die Gedanken zurückgenommen werden, das e(r)gologische Denken sich
abschwingt, um sich denken zu lassen, um so eher wächst wieder etwas. Von der
Maschine selbst wird der Gedanke, sobald er produziert ist, auf einen Spieß
aufgepflanzt, um sich selbst als der einzige und wahre und ursprüngliche
auszustellen. In Bastians Metaphernkonkatenation wird aus der Maschine nun
ein Grill: es schreien hier die Gedanken gewissermaßen wie am Spieß, die
Saugedanken, die Allologoi. So „vertakelt“217 denkt das Ich sich Bastian, so
drastisch stellt es sich ihm dar.218
dass die Nazis Bastians Stil als nicht besonders heroisch eingestuft hätten. Bastians Stil
spricht eine andere Sprache, jedenfalls nicht die der „besten Stuben“.
215
zu „Kryptogam“ siehe Buchheit 1997:55, 67; vgl. a. Bastian, Controversen I, 1893: „[...]
bei dem Völkergedanken der Wildstämme zunächst (den Kryptogamen des
Menschengeschlechts).“
216
vgl. z.B. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:94: „Wenn indess mit zugehörigem
Anthropos das Zoonpolitikon auf gemeinsame Wurzel (in Pakriti’s „wurzelloser Wurzel“)
zurückgeht (für die Anfänge des Werdens), so tritt es mit seiner Ausentfaltung auf eine andere
Sphäre des Daseins hinüber, um kraft des Reflexes auf die Kameradschaft [„le double“ (der
„Vairua“) in individueller Doppelheit] auch diese dahin zu erheben: die die Regionen einer
„intelligibeln Welt“, wo wer den „guten Kampf“ gekämpft eine selbständige Unabhängigkeit
sich erstreiten mag.“
217
siehe obiges Zitat: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:84
218
siehe folgenden account des hier wahrlich „hohen“ Gedankens des gefrässigen
Archälogikers / E(r)gologikers: Bastian, Controversen I, 1893:7f.: „Wie die Pflanze in
derjenigen i\<0F4H lebt, die früher als Lebenskraft bezeichnet war, so das Denken in den
Causalitätsfolgen, und sobald dieselben überschreitend, tödtet es sich selbst, das
„Ursachthier“ (b. Lichtenberg), einfach ausgewischt aus der Realität des Daseienden; und in
alle dem, was über solche Eins hinaus in phrasenhaftem Aufputz perorirt wird, ist keines
einen Deut besser als das andere: alle gleich nichtig, im Nichts (selbst kein „ens rationis“ im
@Ûi Ð<).
Aufgespiesst von der starr spröden Eins (der •kPZ), schreit es dann freilich, dass die Ohren
gellen, aber mit all diesem Drehen und Wenden kommt es nicht weiter (weil eben am Spiesse
steckend).
Unter solcher Sachlage liegt es dann nahe, sich die Sache leicht zu machen, und den ganzen
Wust transcendenter (oder transcendentaler) Metaphysik (im Real-Idealen und Ideal-Realen,
oder wie sonst) einfach über Bord zu werfen; denn der Mensch „ist, was er isst“, in
materialistischer Ernährung („was ich fresse in meinen Bauch hinein, das ist gewiss und
wahrhaftig mein“).“ [Hervorh. KPB]
165
2. 3. Das Abschwingen des Denkens
2. 3. 1. Was denkt
Die Allologoi beschäftigen sich mit der Ordnung der Welt, sie sollen die
Seele oder die ideale Gestalt der Welt zum Ausdruck bringen, sollen der
Abdruck des Idealen sein und mithin das Ideale selbst. Bastian sind solche
Gedanken, wie Einzelne, die sich für außerordentlich halten, die stellvertretend
und quasisoteriologisch für Alle zu denken sich befleißigen, müßig und eitel. Sie
sehen ab von der statthabenden Unordnung in der Welt, von den von
ausnahmslos allen selbst produzierten Verwirrungen. Die Allologoi erheben
sich über das gegebene Geschehen und dünken sich erhaben. Sie begeben sich
der Welt, statt sich mit den Dingen in ihr abzugeben. Sie denken das Geschehen
gerade nicht. In einer sinnlosen Geschäftigkeit gewahren sie nicht das eigene
Schaffen.219
Bastians Texte wollen dem Vorwurf des Demonax gerecht werden. Bastian
versucht eine erste Bestandsaufnahme der gegebenen Unordnung, der frei
schwirrenden Allologoi, die vermeinen, die Welt fest in Spekulationen
verankern zu können, indem sie ihr causae efficientes implementieren.220 Für
Bastian sind solche urursächlichen Prinzipien Zeichen menschlicher Hybris, die
jede Wahrnehmung unterminieren. Das „relative Denken“ ist
Wahrnehmungshilfsmittel der positiven Empirie, die allerwärts lediglich
Wechselwirkungen gewahrt. Sie beobachtet Veränderungen, Verschiebungen:
219
Wohlwollend und zustimmend zitiert Bastian Stobäus [MiG I:375 FN 1]: „Als einige
fragten, ob die Welt eine Seele habe, und dann wieder, ob sie kugelförmig sei, antwortete
Demonax: Mit der Weltordnung euch abzugeben, seid ihr sehr geschäftig; um eure eigene
Unordnung aber kümmert ihr euch nicht.“
166
Aktionen und Reaktionen. Da Menschen ebenfalls, wie ihre Gedanken, Materie
sind, unterliegen sie physikalischen Gesetzen. Wie bereits gezeigt, fasst Bastian
die Lehre vom menschlichen Denken, die Psychologie, als Naturwissenschaft:
als kognitivistische Physik221, deren Methodik die positive Empirie ist. Im
Beobachten der Verläufe von Wechselwirkungen kommt sie induktiv-genetisch
zu ihren Erkenntnissen. Selbstinduzierte Genesen sind hier der Kardinalfehler,
den es unbedingt so weit als möglich zu vermeiden gilt, da sie kontagiös das
Geschehen stören. Deshalb soll der Forscher sich soweit als möglich aus dem
Geschehen heraus halten. Er sammelt die accounts, ohne sie vorschneller
Interpretationen oder Evaluierungen zu unterziehen. Er nimmt schlichtweg das
Gegebene wahr. Bastian verzeichnet in seinen Büchern die Effekte, ohne sie mit
irgendwelchen Kausalitäten infizieren zu wollen. Nicht ihre Wahrscheinlichkeit,
sondern ihre Wahrnehmbarkeit bedingt ihr Verzeichnis, mag der angeführte
Gedanke oder die ausgeführte Beobachtung noch so abstrus erscheinen. Das
positivistisch-empiristische Denken gibt sich schlechterdings mit allen
Phänomenen ab. Es ist sich für nichts zu schade, fühlt sich über angeblich
abstruse Dinge nicht erhaben. Nicht was sein soll, ist ihm Movens des
Forschens, sondern was im Geschehen ist. Denn das, was im Geschehen ist, ist
das Denken selbst, dem es eingedenk zu sein gilt, will man ernsthaft wissen, was
da geschieht. Bastian konstatiert, ohne das Konstatierte mit der Hypostasis
220
vgl. MiG I:340: „ [...] causae efficientes kennt das relative Denken nicht.“
Diese kognitivistische Physik unterscheidet sich wesentlich vom Behaviourismus, egal ob
molarer oder molekularer Provenienz. Zwar verfolgt Bastian mit starkem Interesse die
Forschungen der Psychophysik [vgl. Buchheit 1997:58, 68f.], doch lehnt er deren
experimentelle Laborsimulationen ab. Das Labor ist Bastian die Welt selbst und nicht
irgendwelche „mazeways“. Der Forscher muss ins Feld und das Gewebe des Lebenden
erforschen, alles andere stellt zum einen Simplifizierungen dar, zum anderen Auswüchse
menschlicher Hybris, die meint, die Formeln menschlichen Verhaltens schon gefunden zu
haben, also ihre Ordnung. Doch alles Gegebene ist für Bastian per se Unordnung, die nur in
einer Selbstzurücknahme wieder in die kosmische Harmonie münden kann. Je bescheidener
der Mensch sich seinem Denken hingibt, je weniger er sich erheben will, um so mehr nähert
er sich harmonischen Geschehnissen, d.h. um so mehr lässt er die Verstörung des Kosmos
geschehen und endlich vergehen, indem sie sich wieder der Unendlichkeit anheim gibt. Jedes
Prinzip und jede Gesetzessuche bedeuten für Bastian Regression, d.h. Stauung des
221
167
künstlich geschaffener Gedanken zu unterfüttern. Das Konstatierte sind die
Gedanken. Sie zu konstatieren heißt denken, heißt das Geschehen geschehen
lassen, heißt die Störung nicht potenzieren, heißt die Entwicklung beobachten
und geschehen lassen. Nur so kann sie letztendlich wieder in die Harmonie
münden.222 D.h. natürlich nicht, dass Bastian irgendwelche Reinheit oder
ungestörte Authentizität propagiere. Es sagt ja gerade, dass die Entwicklung in
Wechselwirkungen, Wechseleinflüssen und Wechselannihilationen verlaufe, ja
verlaufen nur kann. Was stört, also die Störung potenziert, sind gerade die
wohlmeinenden Prinzipien und Ego-Kategorien, die sich als der Weisheit letzter
Schluss ausgeben und entsprechend versuchen, die wechselwirkende
Entwicklung selbstermächtigt zu determinieren, d.h. als authentisch zu
sanktionieren. Jede Reinheit oder angebliche Authentizität entzöge sich der notwendigen Entwicklung, die alleine aus sich heraus geschehen kann, an der wir
lediglich teilnehmen können, entweder passiv oder fördernd, die wir aber nie zu
bestimmen vermögen. Gestimmt ist sie allein von der kosmischen Harmonie.
Die Wechselwirkung von kosmischer Gestimmtheit und menschlicher
Bestimmung fundiert die Bastian’sche Sprachkritik. Erstere hat immer schon
statt, während letztere noch nicht stattfinden darf. Wo die menschliche Stimme
sich selbstermächtigt erhebt, die Gestimmtheit des Kosmos zu bestimmen,
widerspricht sie ihr schon und stimmt sie schlecht. Nur dort, wo die
Stimmübungen sich der Gestimmtheit überlassen, findet zunehmender Einklang
statt. Es lässt sich also der Einklang nicht vom Menschen selbst bestimmen,
sondern er muss mit dem Anhören der Wechselwirkungen vernommen werden,
um die eigene Stimme zunehmend in den Wirkungsverlauf einstimmen zu
Geschehens und Potenzierung der Verstörung mittels Proliferation. Jede künstliche Ordnung,
i.e. Versuchsanordnung, vergrößert die eigene Unordnung.
222
vgl. z.B. folgende Aussage MiG I:340: „Überall sehen wir die Völker sich ihren
historisch-physicalischen Verhältnissen entsprechend entwickeln [...].“, die er ohne Angabe
von Quellen mit nachstehender Anmerkung verdeutlichen will [ebd. FN 2]: „Nachdem die
Westgothen die Donau passirt hatten, trat die Pubertät der Knaben früher ein.“ Allein die
Tatsache, dass eine solche Verschiebung nach seiner Theorie möglich ist, genügt Bastian, die
168
lassen. Die Kakophonie der menschlichen Bestimmungsversuche ist gerade Teil
der kosmischen Gestimmtheit und darf nicht überhört werden. Sie muss
vernommen werden, denn nur so ergibt sich die Möglichkeit, in das
Wechselspiel einzustimmen. Jede einseitige Einstimmung ergäbe künstliche
Disharmonie, die das Oszillieren und Austarieren von Tönen und Mißtönen
nicht versteht. Ein absolutes Harmonieverdikt leugnete die materiale
Gegebenheit der Verstörung, ein absolutes Isolieren einer einzelnen Stimme
innerhalb des materialen Chores, um sie gleichwohl als Gottesstimme
auszugeben, verneinte die kosmische Harmonie, also die Unbedingtheit allen
Seins. Das Sein wäre gewissermaßen abhängig von einer einzigen Stimme und
ihrer Stimmung. Sowas heißt im Allgemeinen Diktatur, also Verabsolutierung
eines Egos. Die Bestimmung einer einzigen Stimme als der absolut richtigen ist
eine Ego-Kategorie: eine Selbstaufblasung. Ihre Worte sind reine und
authentische, von nichts getrübte Sprechblasen, d.h. sie sind leer, leeres
Geklingel, das sich als die causa efficiens ausgibt. Es ist eine selbstsüchtige
Stimmung223, eine Laune, eine willkürliche Gereiztheit, die ihre Unzufriedenheit
mit sich selbst als hohles und verstimmtes Ding anderen anlastet. Je mehr sich
dieses Geklingel (selbst) erhebt, wird es zum Geschrei des trotzigen Kindes, das
alles haben will, aber (noch) nichts benennen kann. Ein solches Geschrei kann
schlichtweg nicht sprechen, also nicht in Wechselwirkung treten. Dieses
infantile Geschrei vermag also nicht zu unterscheiden und nicht zu wählen, es ist
nicht mündig, es hat keine Stimme, nur eine Stimmung. Die künstlichen
Bestimmungen mittels Allologoi kaschieren die Stimmlosigkeit und
Launenhaftigkeit, die wahrnehmbar sind, sobald man nur bereit ist, zuzuhören,
und sich nicht sogleich von jeder Bestimmung ach so authentisch vereinnehmen
und überstimmen zu lassen. D.h. das angeblich so kritiklose Verzeichnen der
einzelnen Bestimmungen beinhaltet im Verzeichnen seine Kritik am SpekulativAussage als wirkliches datum anzuerkennen. Weitere Hinterfragungen führten nur zu
Verschlimmbesserungen, möglicherweise gar zur Angabe von causae efficientes.
169
Stimmungsvollen. Im Hören wird nämlich nicht kritiklos das lauteste Geschrei
als mächtigste Stimme erhört. Es wird vielmehr seine Stimmlosigkeit, seine
Unmündigkeit angemahnt, da es sich jeder Abstimmung verweigert. Jede
Stimme ist eine Stimme unter allen und prinzipiell von gleicher Art. Das eine
jede anders spricht, sagt nichts über ihr Stimmrecht ab. Dass einige sich der
Mühe unterziehen, ihre eigene Stimme besonders schön, wie sie meinen,
auszumalen, sagt nichts über ihr Mitbestimmungsrecht aus, es bleibt das
nämliche wie das der anderen, es bleibt eine Stimme unter allen. Je mehr eine
Stimme nur sich selbst vernimmt, um so mehr mahnt ein Verzeichnis, das alle
Stimmen verzeichnen will, ihre Stimmlosigkeit, ihre Unmündigkeit an. Eine
Stimme, die sich nicht auf die der anderen einlässt, ist keine. Sie stimmt nicht.
Sie schreit. Ein solches Geschrei hat keinen Mund, aus dem es tönt, sondern ist
künstlich-maschinell amplifiziert. Es ist das Geräusch des selbstermächtigt
generierten deus ex machina, ein aufgeblasener oder hölzerner Allologos.
Unmündig ist es aus dem Muttermund der Mutterlauge angeschossen und
verharrt im ersten Geschrei, ohne wirklich zur Welt gekommen zu sein. Der
Schrei klingt nicht ab. Kurzum: solche Bestimmungen sind kaum von dieser
Welt, kein Wunder dass man sie als nicht von dieser Welt erachtet. Sie sind
nicht wirklich zur Welt gekommen und hängen angeschossen aus dem
Muttermund, von dem sie sich nicht lösen. Sie sind nicht wahrhaft da. Nur das
Geschrei ist wahrnehmbar und damit wahr zu nehmen. Bastian verzeichnet es
entsprechend.224
Das Geschehen hat seinen zirkulären Verlauf. Die Geschichte hat ihre
linearen Zeitläufte. Die Verstörung der Zeitläufte muss durch Wieder-holung im
223
vgl. zu Bastians Gestimmtheit in bezug auf Stimmungen von den Steinen 1905:240: „Das
Wort „Stimmungen“ löste seinen heftigsten Widerwillen aus.“
224
MiG I:156: „Gedanken sind klingende Worte, wenn sie nicht durch die Stellung zum
harmonischen Ganzen sich in ihrer Bedeutung verstehen lassen. Das Schematisieren mit
allgemeinen Begriffen, die immer dreiviertel falsch (wenn überhaupt einviertel wahr sind),
das Schematisieren und Schablonisieren wird von selbst aufhören, indem das Volk
psychologisch zu denken lernt, um in jedem speciellen Falle das Richtige zu wählen.“
170
Verlauf des Geschehens vergehen.225 Hält man inne, um sie im Begriff
festzustellen und zu begreifen, stört man den Verlauf. Der Begriff, der jede
Wiederholung überflüssig machen soll, weil das Begriffene in ihm je
repräsentiert sei, entspricht nicht dem Verlauf des Geschehens. Der Allologos
will außerhalb des Geschehens stehen und es von oben skopisch fassen. Er soll
folglich keine (Ent-) Äußerung sein, sondern das ganz Äußere, das alles
umgreift, resp. das ganz Innere selbst, das alles ergriffen hat, unumwunden,
unwandelbar und unverwindbar.226 Im Begriff will der Mensch sein Eigenes
225
vgl. z.B. Bastian, Das Logische Rechnen, 1903:60: „Im Hysteron-Proteron metaphysischer
Zeitläufte setzte man, zur Inangriffnahme vorliegender Probleme, mit
Unendlichkeitsrechnungen ein, während die im „Zeitalter der Naturwissenschaften“ an
solidere Speisung gewohnten Constitutionen [dem Rechnen mit angewandten (statt
imaginären) Zahlen zugewendet] rathsam befunden haben, vorab mit Erlernung des Ein-maleins zu beginnen, um (nach Bemeisterung der Vier-Species zunächst) auch für das, was aus
Unendlichem redet, einer (rationellem Verständniss congenialen) Lösung gewiss zu sein,
wenn (in der Ewigkeiten Strom) die Zeit dafür gekommen ist, um den, (jenseits zeiträumlicher
Schranken) auf des Geistes freiem Reich manifestirten, Denkschöpfungen abzuhören, was sie
zu sagen haben möchten (über das Woher? und Wohin?).“
vgl. ebd.:77: „In Geschichte der Philosophie sind aus den Denkerzeugnissen unserer
Geistesheroen Prachstücke syllogistsicher Kunst überliefert, die aber – mit Generalisationen
(ehe diesselben durch exact genetische Methode begrifflich fest constatirt waren) hantirend
(in luftig hohlen Wortphantomen) – in einem Galimathias reden, für das auf
naturwissenschaftlichem Standort an den Rhythmus anderer Melodien eingeschulte Ohr; und
das Gleiche hat auf dem entgegengesetzten zu gelten, so dass zunächst (um einen „Modus
vivendi“ zu finden) über die Unterschiede der terminologisch verwandten Ausdrücke ein
beiderseitiges Abkommen zu treffen ist. Der Versuch, dies in jeglichen Einzelfällen
herzustellen, würde in einen Wust polemischer Wortfechtereien gerathen, an dem sich die
Finger abzuschreiben hätte (schon um die subjectiv zwischenlaufenden Fehlerquellen zu
eliminiren), so dass empfehlenswerther erscheint, rein objectiv [unter verschiedentlichen
Versionen („repetita juvant“), denn: „repetitio est mater studiorum“] den aus comparativgenetisch exacter Methode angezeigten Gedankengang auszuverfolgen, der aus innerlich
geschlossener Consequenz im Grunde stets auf ein und dasselbe hinauszukommen hat (um in
solcher „Identitas“ sich selber auszusagen; und dann hätte aus vergleichungsfähigen
Differenzirunegen der Variationen sich zu erweisen, ob richtig es stimmt, wenn das im
logischen Rechnen gezogene Facit sich bewährt (unter prüfend angelegter Controlle).“
226
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:69f.: „Dass trotzdem die Anwendung der
naturforschlichen Methode auf die Geistewissenschaften momentan einen derartig
befremdlichen Eindruck macht, um eines durchschnittlichen Verständnisses noch zu
entbehren (•>b<[email protected]<, wie des Skoteinos Lehre den [email protected]@\), beruht erklärlicherweise darauf,
dass wir nach heutigem Erziehungscurs unter der Phraseologie deductiver Zeitläufte
aufgewachsen sind beim traditionell überlieferten Unterricht, während im inductiven Zeitalter
(der Naturwissenschaften) die „termini technici“ eine andersartige Sinnesdeutung, eine
geradezu entgegengesetzte oft, zu erhalten haben, indem der Ausgang vom diametral
entgegengesetzten Standpunkt zu nehmen ist, so dass eine commentatorisch interpretirende
171
fassen und sich eigentlich und völlig geschieden von allem in die Welt setzen.
Doch steht der Mensch nach Bastian je schon in der Welt, ist Teil des
Geschehens. Nur in den Mitteilungen über das Geschehen, an dem er
unausweichlich teilnimmt, kann er dessen Verlauf ent-sprechen. Er hat keine
eigene Wahl, er geschieht schon. Sogar in der Weise geschieht er, dass sein
Bestreben, der Verstörung Herr zu werde, indem er sich das Geschehen Untertan
machen will, maßgeblicher Teil dieser Verstörung ist. Der patriarchalische
Dualismus von Ich und Welt, mittels dessen das Ich sich krampfhaft aus dem
Geschehen heraus halten will, ist zugleich der Paroxysmus der Verstörung, den
es zu überwinden gilt. Das Denken muss sich vom Höhepunkt des Gedankens
wieder abschwingen, wieder zu Welt kommen, indem es sich dem Geschehen
zuwendet, sich verwindet, wahrnimmt und bespricht, kurzum, die Scheu davor
verliert, dasjenige zu verzeichnen, was wirklich geschieht, statt schamvoll zu
raunen, bestenfalls, oder zu diktieren, schlimmstenfalls, was geschehen sollte.
Die Begriffe und Allologoi nimmt Bastian als „metaphysische Zeitläufte“ des
Paroxysmus wahr, als maschinelle Hochproduktion einer schizophrenen Hybris,
die glaubt, ihre eigene Geschichte zu machen, indem sie die Geschichte an ihr
Ende kommen lässt und indem sie in einer verantwortungsabwendenden
Verkehrung sich als Produkt der zwangsläufigen Geschichte ausgibt. Doch im
Einfinden ins Geschehen ist jeder seines eigenen Glückes Schmied.227 Begriffe,
Uebersetzung abzuwarten bleibt (für gegenseitig zutreffende Controlle zwischen Induction
und Deduction).“
227
vgl. die entsprechende Handlungsethik in: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:165f.:
„Was zu Unfug verführt und zu nichtsnutzigem Umhertreiben, ist der Drang: „auszufüllen die
Leere der Stunden und die lange unendliche Zeit“, und wer deshalb nichts Besseres zu thun
weiss, treibt Schlimmschlechtes (leichtlich genug) oder betäubt alkoholistisch, was [aus
(Galen’s) „Appetitus“: impulsus quidam ad rem quandam“] ungemüthlich in ihm stachelt
und prickelt.
Wer, in Conformität mit den ethisch ihre sociale Organisation durchwallenden Functionen,
durch die practischen Geschäftigkeiten des Tageslebens seine Zeit ausfüllt, wird dadurch
ausreichend beansprucht sein, und wenn nebenher laufende Anlässe, seine Denkmaschine
in Bewegung zu setzen, sich merkbar machen, diese durchschnittlich kurzweg abthun
[Hervorh. KPB]. Zu ernstlicherer Beschäftigung damit wird er nur dann erst inclinirt sein,
wenn unter den Gebrechlichkeiten des Menschenlebens Unfälle ihn treffen oder, aus
pathologischen Verunordnungen des ihm angewachsenen Körperleibs, quälende
172
Wissenschaft oder gar Religion sollte er dabei notfalls zu handhaben wissen,
solange sie der Beruhigung dienen, sich aber nicht ob ihrer über alles erhaben
fühlen. Als Teilnehmer des Geschehen kann ihm alles Teilhaftige teilweise
nützlich sein, seine Teilnahme so sinnvoll als möglich zu gestalten. Und Sinn
hat nur, was den Zusammenhang der Dinge nicht verleugnet, was nicht
teilnahmslos ist. Nur wer sich vom Geschehen mitgenommen sein lässt, der kann
auch seinen Sinn – und sein Glück – finden, der braucht nicht mehr beunruhigt,
angstvoll und aufgeregt seinem Glück hinterher zu rennen.
Wer hingegen aus der Geschichte austreten will, indem er die Geschichte
zu ihrem Ende kommen lässt, wer also dergestalt sein Ich ganz alleine bei sich
finden möchte, wer sich nur noch sehnt und nichts mehr tut, wer also in der
Utopie jeden Ort von sich weist, der ist für Bastian mittendrin in den
metaphysischen Zeitläuften des Paroxysmus; der schmiedet nicht sein Glück,
sondern beschwört sein eigenes Leid, „treibt Schlimmschlechtes (leichtlich
Missstimmungen [Denken beruht also auf Verstörung!; KPB]; obwohl die angesehnte
Linderung, bei ihnen, aus liebevoller Pflege (im verwandtschaftlichen Freundeskreis) gewährt
sein mag, um damit sich zu trösten (so gut oder schlecht es gehen mag). Immerhin, da
Niemand vorher zu sehen vermag, was ihn unversehens überkommen könnte (im Gang der
Dinge), ist es rathsam, den Apparat eines religiösen Rüstzeugs vorbereitet und parat zu
halten, um bei vital aufgedrängten Fragestellungen eine entsprechende Beantwortung zur
Hand zu haben (und dadurch abzuschwächen, was Unliebsames in ihnen irritiren möchte).
Das Wie? des Details bleibt Jedwedens eigener Initiative anheimgegeben, denn „Jeder ist
seines eigenen Glückes Schmied“ (als „self-made-man“). Wer im glaubensselig
bequemlichen Dusel (um Denkarbeit zu ersparen) auf was der Erst-Beste ihm einschwätzt,
hinzuhören bereitwillig wäre, der ist seinen Thörigkeiten zu überlassen (denn „mit Dummheit
kämpfen Götter selbst vergebens“). Wer dagegen die Bemühung nicht scheut, in was, nach
dem zeitgültigen Barometerstand der Kenntnisse, sein Zeitgeist ihm lehrt, ernst ehrlich sich
einzuschulen und zurechtzufinden (nach bestem Wollen und Wissen), dem kann es nicht
fehlen, ein dem Maass des Verständnisses zusagendes (und somit befriedigendes) „Tertium
comparationis“ zu finden, wenn das im logischen Rechnen gezogene Facit, in der Controle
sich bewährt (auf seine Richtigkeit hin). Beunruhigende Fragen, wie sie aus den, einem
Einblick dunkel umflorten, Tiefen der Gemüthswallungen auftauchen (bald hie, bald da),
müssen unerschrocken, ohne Gespenterfurcht (vor grausig spuckenden Phantomen), am
Schopfe gepackt und an das, dem nüchternen Verstande erhellte, Tageslicht emporgezogen,
dort erbbarmungslos vor‘ s Messer genommen werden, um unter vernunftgerechter Zerlegung
vor- und hineinzudringen zu dem, was in Süssigkeit des Kerns darin verborgen liegt. Und
beim Einschlürfen des, aus uralten Gesetzlichkeiten verjüngenden Lebenswassers (Vai-ora
und anderer Amrita), durchströmt dann ein beseligendes Wonnegefühl das, der Weltordnung
(in des Daseienden All) an rechtsgemäss zukommender Stellung eingefügte, Denken (im
Jenseits zeiträumlicher Schranken).“.
173
genug)“; der kühlt keine Schmerzen und löscht nicht den Weltenbrand des
Werdens, sondern vergrößert den Wundbrand des Seins. Diesen autistischen
Amoklauf der Metaphysik228 gilt es ins Auge zu fassen, um ihn wieder in der
Materie zu verorten.
Die Utopie ist folglich nichts weiter als der penetrante Topos eines
angeblich allesblickenden Denkens: der Thron der Hybris des Logos. Wo sich
also der Mensch am eigensten, am eigentlichsten und am eigentlichsten auf der
Höhe seiner Macht denkt, ist er nach Bastian lediglich am Höhepunkt der
Verstörung, ganz und gar Produkt des interferentiellen Geschehens, Ausläufer
einer Erregung, deren einziger Sinn es ist, sich wieder zu beruhigen, also den
Höhepunkt hinter sich zu bringen. Je mehr die Menschen die Allologoi als
Produkt der Wechselwirkung innerhalb des Geschehens begreifen, um so mehr
verstehen sie sie als Folge einer Serie, die weitergehen muss.229 Deshalb müssen
sie an verschiedenen Orten immer wieder entstehen. Gleiche Bedingungen unter
gleichen Umständen erzeugen gleiche Ergebnisse. Das physikalische
Grundaxiom gilt bei aller Physis, in jeder Materie. Ein einmaliger Ursprung, ein
einziges Ziel widersprechen der Reliabilität physikalischer Prozesse, sie stehen
außerhalb der Materie, außerhalb der Physis, sie schweben als allgewaltige
Geister oder Logoi über oder jenseits des Körpers und aller Dinge. Solche
Phantasmen stehen nicht im Zusammenhang der Dinge, sind unbedingt, und
damit dem Dinglichen und Leibhaftigen nicht zugänglich, also sinnlos.230 Was
ist, hat nichts mit ihnen zu tun. Und so braucht es sich auch nicht um sie zu
228
Dazu gehört auch der Diamat. Marx reagierte nicht ohne Grund sehr gereizt auf Bastian,
vgl. Marx, zitiert in: DasGupta 1990:2: „Mit seiner „naturwissenschaftlichen“ Begründung
der Psychologie bleibt er bei dem frommen Wunsch. Andererseits die „psychologische“
Begründung der Geschichte beweist, daß der Mann weder weiß, was Psychologie ist, noch
was Geschichte ist.“
229
Bastian unterschreibt voll und ganz die von ihm zitierte Maxime Shakespeares [MiG
I:141]: „„Was sein soll, muss geschehen und Keiner ist sein eigen.“(Shakespeare).“
230
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:109: „Und so von dem, über verworren – aus
(homerischem) Okeanos, „dem Vater der Dinge“ (von Tiefen des Meeresgrundes heraus) –
auftauchenden Vorstellungen sinnenden, Denken wird klar erfasst dasjenige nur, was unter
(und zu) bestimmter Ordnung sich ausverfolgen lässt (gegebener Anregung gemäss). Was
daneben seiet im Istsein, verbleibt ein Non-Ens (im Nonsense).“
174
bekümmern. Sie, die Phantasmen, können selbst weder Anfang und Ende sein.
Dann wären sie ja etwas, wären bedingt von den Dingen, die sie beginnen und
die sie beenden. Solange es Dinge gibt, gibt es aber nichts Unbedingtes. Solange
es die Interferenz gibt, wird man nicht frei werden von Referenzverfügungen
und von Reverenzerweisungen: von Entstörungsversuchen. Solange wird man
nicht aufhören können, das Geschehen verzeichnen zu müssen. Solange wird
man auch keine Ruhe haben und fälschlicherweise vom Anfang und vom Ende
des Eigenen reden. Auch Bastian entkommt dem nicht, es ist das Verwirrende
bei ihm, dass er den Anfang als ein Ende und das Ende als einen Anfang
markieren will. Innerhalb des Interferentiellen kann man nicht anders reden,
man kann nur die Rede durch einen Stil kontakarieren, der dem Linearen Hohn
spricht. Allologoi – oder Phantasmen - sind also das, was man mit Bastian die
schizophrene Selbstprojektion nennen könnte: man will den eigenen Anfang,
den keiner erinnert, wieder einholen und das eigene Ende, von dem keiner
absehen kann, aufheben, indem der Anfang ein Ende gewesen sei und das Ende
der Anfang eines wirklich Wirklichen sei, und was dazwischen liegt, die
Bedingtheit eines leibhaftigen Werdens, soll sich nur ja nicht wiederholen,
sondern es soll das sein, was mit dem Anfang endete und mit dem Ende beginnt:
ein absolutes Ich, für das die Bedingungen des Leibes und des Werdens nicht
mehr gelten. Es ist ein quasi von innen nach außen gestülptes Ich,
omnipotenzistischer Autismus: die reine Ego-Kategorie der negativen
Spekulation, Höhepunkt des Dualismus. Ziel des Dualismus ist keinesfalls die
bipolare Homöostase, sondern das Monopol um jeden Preis.
Die Allologoi sind für Bastian momentane Eigentümlichkeiten, die sich
über das Denken legen, sie sind Palimpseste, die das Missverstehen hervorrufen,
dass der Text darunter der wahrere Text sei. Doch gerade das Überschreiben, die
stete Neuproduktion, das Wachsen der Schichten stellt das Denken dar. Schicht
für Schicht wird das Denken leibhaftig, wie sich die Ringe um den Baum legen
und doch selbst dieser Baum sind. In der Sedimentation der Schichten kommt
175
die Materie zu sich selbst, indem sie sich endlich ablagert und zur Ruhe kommt.
In dem verständlichen, aber unmöglichen Festhalten an der einen Schicht, resp.
in der einleuchtenden, aber irrlichternden Suche nach dem einen Ursprung
versteht sich der Gedanke als Metatext über dem Ganzen und wird so zur
Fälschung: er gibt sich als Grund des Ganzen aus, als alles in seiner Struktur
fassend und in seiner Bedeutung verstehend. Jeder Allologos ist ein zur
Fälschung geronnenes Denken, ein Abbild, das zum Vorbild aufgeblasen und
fixiert wurde.231 Der Textkorpus verleugnet und verfälscht seinen wirklichen
materiellen Körper. Metatexte bedeuten die Aufgabe der Materie, die
Abwendung und Verleugnung der Not-wendigkeit. Im Sich-Sträuben, ad acta
gelegt zu werden, verhindern die Allologoi das Wachsen des Denkens,
231
zu den organisch wachsenden Abbildern siehe: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:89:
„Indem die in den Sinnesapparaten durch den Reiz des specifisch auftreffenden Aussenobjects
rationell angeregten Vibrationen (innerhalb des durch die sociale Peripherie umzogenen
Totum) fortschwingen, für gegenseitige Unterhaltung mit einander, so werden, (an Stelle
idealer Archetypen) zur Neutralisation der im „Sensorium commune“
wahlverwandtschaftlich kreuzenden Affinitäten, gleichähnliche Paradigmen lautlich
umkleideter Anschauungsbilder (Abbilder statt Vorbilder [Hervorh. KPB]) aus dem
Gemeinverstand („common sense“) niedergeschlagen, mit seinen (in „principia nota per se“
beruhenden) „notiones communes“ ([email protected]<"Â §<<@4"4), und aus der dadurch noëtisch
geschwängerten Atmosphäre wird nun die geistige Speisung geliefert, durch deren Ernährung
gezeitigt und erstarkt, die Vernunftthätigkeit in ihrem geistigen Wachsthum den Reifezustand
anzunähern beginnt, zum Ansetzen der Wissensfrüchte, - wie sie aus den Denkschöpfungen
hervorzusprossen haben (bei normal eingehaltenem Gesundheitszustand).“ Man beachte hier
die Essens-Metaphorik, sowie die concatenatio metaphorarum, die ohne ein einheitsstiftendes
terium comparationis nicht möglich wäre. In allem walten nach Bastian diesselben Gesetze,
deren vielfältige happenings wir sehen. Metaphorische Namen sind Abbilder des nämlichen.
Die Verschränkung der Metaphern produziert bei Bastian also keine unfreiwillig komischen
Widersprüche, i.e. Stilblüten, sondern willentliche Tautologien. Bastian verwandelt
konsequent seine Prämissen in adäquaten Text.
Das Sammeln der Abbilder, das Angesichtigwerden der Welt, in deren Antlitz man schaut,
falls man sich traut, ihr in die Augen zu sehen, und die einen entsprechend anspricht, kritisiert
oder verschweigt, dieses Forschen im Feld der Welt ist für Bastian ein emanzipatorischer Akt,
ein passionierter, aber pathosfreier Akt [vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:151: „ [...]
den zur Auffassung des Totaleffektes erforderlichen Empfänglichkeitsgrad [ im BVFPg4< der
„Passiones“; denn (b. Campanella): „sentire est pati“] [...]“]des Lebens und Werdens selbst.
Wer sich diesem Akt nicht hingibt, sondern an den Vorbilder festhält, der empfängt auch
nichts, der versteinert, bzw. in den Worten Bastians: der kristallisiert, d.h. stirbt beim
salutierenden Anschießen vor dem Vorbild. [vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:38f.:
„[...] ob der Lebensact im Moment des Anspringens krystallinisch erstarrt, ob er sich durch
stetig („in statu nascendi“) einfallende Agentien der „Surroundings“ (oder des „Milieu“) in
176
verhindern, dass das Denken groß wird. Im Monopol der Allologoi macht sich
folglich das Denken klein, trocknet sich aus, begibt sich des Lebens. Erst wenn
es sich als bipolar zur Materie stehend wieder einkriegt und als notwendige,
iterative Klaffung und Spaltung der Verstörung versteht, als eine Art Puls in der
Verstörung, kehrt es zum Leben zurück, indem es neue Gedanken gebärt, die
den alten erlauben, sich ad acta zu legen. Das Denken kann nur geschehen, sich
aber nicht selbst verstehen, auch wenn die Verstehungsversuche dringend
notwendig sind, um den Puls des Körpers schneller schlagen zu lassen. Nur so
realisiert man, dass man einen Puls hat, der geschieht. Lässt sich das Sprechen
auf das Pulsieren ein, gibt es sich ihm hin und auskultiert es, nimmt es die
anomalen Schallerscheinungen des interferentiellen Geschehens, also des
materiellen, leibhaftigen Geschehens wahr. Im Sprechen kommt der Puls zum
Ausdruck, zur Exposition, und wird damit erst fühlbar: das Lebendige des
Geschehen, sein prinzipiell organisches Geschehen wird wahrnehmbar. Im
Vernehmen des Sprechens lässt sich der Puls des Geschehens messen. Im
Verzeichnen der accounts mißt Bastian den Puls der Materie und des
Materialen: der Mutterlauge. Im Pulsieren der Mutterlauge kommt das
Materielle zum Mutter-Mund und zur Welt. Die Mäeutik Bastians unterscheidet
sich doch arg von der des Sokrates.232 Wie dieser so weiß auch er, dass man
nichts endgültig wissen kann, aber er weiß auch, dass man sich dem Wissen –
ganz anders wie der ti-hestein-fragende Sokrates, der eher in den Tod geht, als
den Leuten ihre lebensnotwendigen Irrungen zu belassen, schließlich kann er
ihnen auch nicht sagen, was es denn heißt, nur dass es nicht so heißt, wie sie
organisch verknüpfte Entwicklungsreihen hinausgezogen findet [...].”] Aber dennoch wird das
Vorbild in nie in Ruhe lassen, wird ihn bis in alle Ewigkeit verfolgen.
232
Captatio benevolentiae: die folgende Meditation zu Sokrates möchte ich als hypothetische
„Erlebte Rede“ verstanden wissen, also als potentielle Rede Bastians, wie sie sich aus dem
tatsächlich Gesagten schlussfolgern lässt und die es durchaus verdiente, tiefergehend
überdacht und eingehend am platonischen Text nachgewiesen zu werden. Allein ist hier nicht
der Ort dazu. Sie dient hier vielmehr dazu, dem Bastian’schen Ansatz eine Kontur zu geben,
die ohne den expliziten Bezug der Meditation diffus bliebe, aber dennoch gegeben würde, da
die Anspielung auf jeden Fall, wenn nicht explizit, dann eben implizit, vom Leser vollzogen
177
gerne wollen, dass es hieße – hingeben und es geschehen und statthaben lassen
kann als Teil eines Geschehens, das momentan nichts anderes hervorbringt als
Irrtümer. Sokrates verweigert sich dem Irrtum und damit dem Leben. Auf
keinerlei Wissen lässt er sich ein, aber den Todesspruch nimmt er an, d.h. er
anerkennt nicht das Wissen, aber die Macht, und damit zementiert er die
Struktur, die das Wissen produziert, das er so sehr in Frage gestellt haben
möchte. Sokrates Infragestellung erweist sich als Metatext, der sich nicht
wirklich in die dominierende Textsruktur einmischt. Zwar schafft sein Zweifel
ein Vorbild, das durch die Zeiten hinweg imitiert werden wird, aber die
Imitatoren werden je ebenso machtlos sein: sie werden nichts ändern, weil sie
als Besserwisserische lieber in der Tod gehen, als sich mit den Aussagen der
Durchschnittlichen schmutzig zu machen. Strukturell sind sie damit das
Gegenstück der Macht, schlichtweg ihre Bedingung. An ihnen kann die Macht
ihre Macht beweisen. Durch sie bringt die Macht die Durchschnittlichen zuerst
zum Kopfschütteln über die Querulanten und dann zur nickenden Zustimmung
der Aburteilung. Das Geschehen bleibt sich gleich, d.h. es geschieht nicht, es
stockt, es geschieht nichts (Neues). Die Störung kann nicht zur Ruhe kommen,
die Irrungen werden von der Macht als die Wahrheit kat exochen ratifiziert. Die
sokratische Mäeutik ist ein Metatext, der sich ganz dicht an einem Urtext wähnt,
und der deshalb nichts mit dem stattfindenden, den er als degeneriert verachtet,
zu tun haben will. Hier kommt nichts zur Welt, sondern es wird der
Geburtskanal dicht gemacht. Die sokratische Mäeutik bringt nichts zur Welt,
desavouiert aber das bereits Geborene als nichtgeboren. Die Nichtgebärer
können sich dadurch als die besseren Gebärer dünken, da sie zumindest keine
Missgeburten zur Welt brächten. Sie besetzen auf ihre Weise den Geburtskanal
mit ihrem Nichts, das nichts will, vor allem kein falsches Wissen, ebenso wie
die Macht, die glaubt, alles zu wissen und damit alles beanspruchen zu dürfen.
Die sokratische Mäeutik ist eine negative Herrschersouveränität, ein Wille zum
werden würde. Eine exakte Analyse des platonischen Textes an dieser Stelle jedoch würde
178
Beherrschen der Ausnahmezustände, zum Beherrschen dessen, was in anderen
Umständen ist und so Neues hervorbringen kann. Doch das Kommen und Gehen
dieser Geschehnisse, die als Umstände empfunden werden, ist das normale,
leibhaftige Geschehen selbst. Das sokratische Zuendebringen des Redens im
unwissenden Schweigen verhindert die Hingabe an das Geschehen, verhindert
das Erzeugen von anderen Umständen. Der sokratische Dialog endet damit, dass
jeder seines Weges zieht, nach der Auflösung des Problems gibt es keine
Berührungspunkte, alles war ein Irrtum. Indem die Erkenntnis der Unwissenheit
gezeugt wurde, glaubt man zu wissen, dass man sich falsch erkannt hat, dass das
gegenseitige Erkennen ein Fehler war, dass nun jeder besser bei sich bleibt,
bevor er einen gravierenden Fehler macht. Alles bleibt sauber und folgenlos. Es
zeugen sich keine Fehler fort: es zeugt sich nichts fort. Alles bleibt folgenlos.
Noch der Tod als das Ende aller Folgen wird dem Leben vorgezogen: wer weiß
schon, was es für Folgen haben könnte, was passieren könnte! Bastian hingegen,
sehr gut wissend, dass alles, was zur Zeit geschieht, interferentiell geschieht,
will, dass etwas passiert, damit es endlich passiert sei. Nur im Passieren kann er
den Puls des Geschehens messen; nur indem sich alles fortzeugt, kann er anhand
der Zeugnisse den Grad der Verstörung ersehen und erkennen, wie sie statthat.
Nur im Wissen um die Verstörung kann man beruhigend dergestalt einwirken,
dass man weiß, dass die Verstörung abklingt, wenn man sie nur geschehen lässt.
Die vis inertiae der Zeugungen erweist sich im Geschehen als vis medicatrix.
Lässt man den Dingen ihren Lauf und stört ihn nicht, wendet sich alles schon
selbst zum Besten, da es aus dem Besten heraus ja stets geschieht, nämlich aus
der Harmonie. Es geschähe sonst ja nichts. Es wäre alles bereits schon lange
geschehen und vorbei. Es wäre alles schon längst in die Brüche – oder,
wahlweise, ins Paradies - gegangen. Das sokratische „ti hestein“ versucht nicht
den Puls des Geschehens zum Ausdruck zu bringen, sondern ihm Einhalt zu
gebieten, ihn verstummen zu lassen, da er sich dem Urtext immer mehr zu
Bastians zu besprechenden Ansatz m.E. aus den Augen verlieren lassen.
179
entschlagen drohe. Der sokratische Dialog nimmt dem Sprechenden die
Möglichkeit einer eigentümliche Rede. Im sokratischen Dialog wird jedem
Teilnehmer klar gemacht, dass es besser sei zu schweigen, und im Stillen erst
einmal sich selbst zu überdenken. Der sokratische Dialog nimmt dem
Sprechenden die Mittel seines Sprechens, indem er von ihm fordert, unmittelbar
die Wahrheit zu sagen oder zu schweigen. Der sokratische Dialog wird sich also
je darin ergehen, diese Forderungen solange zu kopieren, bis einer unmittelbar
die Wahrheit zu sagen vermag: dann darf er sprechen. Bis dahin darf er nur
sprechen, was die Logik gebietet, also worauf man sich unmittelbar zu einigen
können glaubt. Konsequent entwickelt Platon aus den Ansichten des
Querulanten Sokrates einen Modellstaat, in dem jeder Querulant, also einer, der
meint, Eigentümliches, also anderes wie das der offiziellen Verordnungen, sagen
zu können, ausgeschlossen wird. Es darf das einmal Verordnete nur mehr
kopierend perenniert werden. Somit sei es auf sich selbst zurückgeworfen und
also zu sich gekommen. Das einmal Verordnete ist nun einzige Autorität, die im
Dialog immer wieder dargelegt werden soll, ohne dass etwas Neues entstünde,
das auf jeden Fall die Ordnung stören würde. Folgerichtig, wie gesagt, konnte
auch Sokrates nicht anders, als sich der Autorität beugen und das Urteil
annehmen. Er hätte ja sonst etwas sagen müssen. Er wußte aber nicht was.
Sokrates versuchte, das Denken auf sich selbst zu werfen. Aber er zieht aus der
Unmöglichkeit, dass das Denken sich nicht selbst denken kann, keinerlei
Konsequenz, sondern beharrt permanent auf dem Fingerzeig, der gewissermaßen
sagt: aha, das kannst du nicht, ergo kannst du nicht denken, ergo sind deine
Worte gedankenlose Worte, ergo – und diese Schlußfolgerung bleibt jedem
selbst überlassen. Der sokratische Dialog dient dazu, die Macht struktureller
Ordnung zu internalisieren, indem sie prinzipiell alles andere desavouiert. Der
sokratische Dialog verhindert die Wahrnehmung des Anderen; dessen, was beim
Anderen geschieht. Und genau das will Bastian erkennen, ungeachtet dessen,
was irgendeine Autorität sagt, was man sagen oder sehen darf und was nicht.
180
Bastians Mäeutik versucht, die Aussprache des Eigenen anzuregen, damit die
Vielfalt des einheitlichen Geschehens sich zeige, damit sich erkennen lasse, was
redundant ist und was wirklich different. Bastian will den Puls des Geschehens
spüren, so wie er schlägt, und nicht so, wie er gefälligst zu schlagen habe.
Letzteres erzeugt nur die Scham, die stumm macht oder lügen lässt. Bastian
kennt keine außerordentliche Metatexte und Originale, die je nur symbolisiert
werden könnten. Jedes Wort ist ihm Material selbst und nicht Symbol einer
Schuld oder Scham oder Heiligkeit oder allgemeinen Bedeutung. Jedes Wort
will er verzeichnen, so wie es im Geschehen positioniert ist, und nicht wie es
sich einer künstlichen Ordnung, und sei es noch der, dass man ja gar nichts
wissen könne, gefällig erweisen will. Das Sprechen und das Hören, das
Vernehmen und die Einvernahme im Namen der kosmischen Harmonie sind die
Hingabe an das Geschehen und das Empfangen dessen, was geschieht. In der
Wahrnehmung stehen wir gewissermaßen als Verkehrsknotenpunkt im Zentrum
der Welt. Diese Hingabe und dieses Empfangen heißt „denken“. Sprache ist ein
Hingabe- und Konzeptionshilfsmittel. Im sokratischen Dialog wird sie zum
Verhütungsmittel, zur Kontrazeption. Jede – positive oder negative –
Herrschersouveränität in bezug auf Sprache oder gar der Sprache und jede –
positive oder negative – Selbstbeweihräucherung in der Autoreflexion lassen das
Geschehen in ein wahnsinniges Metageschehen proliferieren, in eine bösartige
Metapraxis metastasieren233, die sich dem Geschehen verwehrt, indem sie es in
Gedanken zu beherrschen gedenkt. Bastian sieht die Notwendigkeit dieser
Phase, aber doch nur als Durchgangsphase. Im Auswuchs erkennt er das
Wachsen. Er proklamiert kein einseitiges Wachstumsprinzip, sondern lediglich,
dass es sich so verhält; dass es sich so denkt.234 Erkenne ich das an, gebe ich
233
siehe z.B. Bastian, San Salvador, 1859:330f. Anm.: „Der Authoritätsglaube ist der Krebs
des Fortschritts [...].”
234
MiG I:53ff.: „Der Körper lebt vom Pulsschlag des Herzens, er versteht ihn nicht, das
Denken lebt in der Schwingung des Gedankens, wie kann das Denken den Gedanken
verstehen? Der Geist denkt, indem er wächst. [...]. Jeder Gedanke ist eine That. [...]. „Einen
Augenblick dauert die Welt, im nächsten entsteht eine neue“, lehren die Sufis, aber in seiner
181
mich dem Denken bewußt hin. Das „idische“ Denken geht in „idematisches“
über.235 Im Geschehen des Denkens handelt der Mensch. In der Feststellung des
Gedankens enthält der Mensch sich dem Handeln. Gedankenreich und tatenarm
entzieht er sich dem Geschehen und lässt so die Verstörung nicht abklingen,
sondern heizt sie vielmehr an. Die Handlungsverweigerung beunruhigt in ihrem
nervösen Fragen nach dem Sinn des Lebens und verstört damit den Verlauf des
kosmischen Geschichte verbindet der emporwachsende Geist die anorganisch im Raume
getrennten Punkte, der harmonischen Erfüllung entgegenreifend.“
235
vgl. Buchheit 1997:48f.: „Natur und „es denkt“ sind nicht identisch: letzteres ist das
immanente Prinzip von natura naturans und natura naturata. Agens und Movens. Im Bereich
des Konkreten verbleibt „es“ virtuell. Die Natur wird bevölkert von Naturvölkern und
Kulturvölkern. Erstere sind noch gänzlich von der Natur bestimmt, als dächte und spräche
„es“ in ihnen und aus ihnen noch fast unmittelbar. Naturvölkern eignet nach Bastian
Passivität. Dem Eigentlichen am nächsten sind sie zugleich die höchste Form des
Uneigentlichen, da sie das Eigene nicht zu denken vermögen. Aber gerade diese höchste
Form des Uneigentlichen, die jeder eigenverschuldeten Störung entbehrt, ist am
durchschaubarsten. Lediglich die Natur selbst liegt hier, wenn sie von anderen betrachtet
wird, noch zwischen wissenschaftlichem und idischem Denken. Die Erkenntnis der
Naturvölker und der Naturgesetze zielt auf Annäherung beider Denkungsweisen zu einem
idemischen Denken, das die Barriere zwischen Konkretheit und Virtualität, die im Wesen des
Konkreten selbst liegt, aufhebt: in den Naturvölkern manifestiert sich das Virtuelle am
konkretesten. Natur ist reine Konkretheit des idischen Denkens. Das Denken der Naturvölker
ist das konkretisierte idische Denken, wie es die Natur in ihren spezifiischen Konkretheiten
zulässt: die spezifischen Konkretheiten wurden der Natur eingeschrieben, sie sind also geographische Spezifika: in der Schrift der Erde bezeugt sich das „Es“ [wie wir inzwischen mit
unserem neuen Vokabular sagen können: es bezeugt sich sowohl die Harmonie, als auch die
Inter-ferenz, die die Schrift ermöglicht und als Zeugnis ihrer selbst notwendig macht. Die
Schrift der Erde, die Geographie, darf folglich, will sie adäquat sein, nur interferentiell
daherkommen, also als dasjenige, das zwischen den Dingen geschieht, i.e. nach Bastian die
Wahrnehmung. Schrift ist verzeichnete Wahrnehmung. Das idische Denken verzeichnet, das
idemische Denken weiß, warum es verzeichnet, nämlich um die Interferenz referentiell auf
das Geschehen zurückzuführen, um den Geschehen auf die Spur zu kommen und damit den
Gesetzen der Harmonie, die je auf die gleiche Art wirkt, auch wenn sie sich unterschiedlich
auswirkt. KPB]. Die Schrift der Erde schreibt die Naturvölker und schreibt ihnen ihr Leben
vor, sie sind noch in jeder Weise ent-mündigt: sie sprechen nicht selbst, in naiver, in
mythischer Naturbetrachtung spricht es aus ihnen [...].“. Vgl. dazu Bastian, Das Beständige,
1868:25, 78; MiG I:16f.; Der Völkergedanke 1881:Vif., 26 Anm., 48f., 174f.; Heilige Sage
1881:2f.; Forschungen II 1871-73:310; Abstammung und Verwandtschaft, in Z.f.E. 1878:51.
Vgl. besonders zur „Schrift der Erde“: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:80: „Aus dem
„Es“ das in uns denkt, ein Etwas oder Aliquid (in Quidditas), reden (natur-) nothwendig
unterliegende Naturgesetze, wodurch die Weltordnung hergestellt ist, ohne welche dem
Denken weder Anhalt noch Anlass geboten wäre, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Kraft
kinetischer Ausgestaltung (der Energeia am Eidos) spriessen aus der Natura naturans in
phänomenaler Welt diejenigen Erscheinungsweisen hervor, mit deren Symbolen das „Buch
der Natur“ (s. Bruno) durch charakteristische Zeichen beschrieben ist, zu demgemässer
Entzifferung zu lesbarer Schrift.“
182
Lebens, dessen einziger Sinn es ist, zu geschehen, um zu vergehen. Im
Gedanken wird das Leben nicht zu Ende gedacht, sondern lebendig zuschanden
gebracht. In der gedankenreichen Infragestellung des Lebens wird dieses eine
Schande und armselig, weil es die entsprechenden Antworten nicht geben kann,
weil es die Antwort selbst doch ist. „Was wissen wir?“ darf keine Frage sein,
sondern muss zu dem beruhigenden Ausruf „Was wissen wir!“ werden236, der
anzeigt, dass es müßig ist, danach zu fragen. Vielmehr ist es angezeigt, es zu
verzeichnen und ad acta zu legen, damit es ein Akt des Geschehens gewesen
war. Das ist das Denken der exakten Wissenschaft. Was ad acta liegt, ist nicht
mehr in actu, ist exakt. So soll es nach Bastian geschehen. Sprechen wir uns aus,
verzeichnen wir es und denken somit, weil wir es gar nicht anders können,
anderes muss misslingen. Lassen wir das Sprechen geschehen. Nur so nimmt
man den Menschen ihre Stimme nicht, mit der sie auszusprechen in der Lage
sind, dass sie keine Wahl haben, dass sie sind, wie sie sind. Denken lernen heißt,
sich dem Denken, dem Aussprechen dessen, was geschieht, hingeben. Zu
denken, wie es geschehen sollte, oder wie es angeblich geschehen wäre, wie wir
angeblich eine sinnvolle Geschichte gehabt hätten, die es fortzuspinnen gälte,
heißt: im Fieber zu sprechen und niemanden anderes zu Wort kommen zu
lassen; heißt: ihn bloß nicht denken, sondern die Geschichte auswendig lernen
lassen. Bastian verbietet niemanden den Mund. Er lässt denken.
236
MiG I:26f.: „Wozu, wohin, was soll unser Leben? Was wissen wir! Aber fühlen wir nicht,
wie es denkt in uns, wie mit jedem lebendigen Pulsschlag neue Gedanken zünden und blitzen,
wie sie treiben und emporstreben zum gigantischen Gedankenbaume, der weit über das
Sonnensystem hinaus, seine Arme durch den glänzenden Fixsternhimmel streckt? Der
Mensch denkt, wie die Pflanze wächst. Die Pflanze wächst, weil sie muss, er denkt, weil er
will und will, weil er muss [Hervorh. KPB]. Und dieses All und diese Erde, diese Sonne,
dieser Sternenhimmel, was sind sie? woher, wohin, wofür? Was wissen wir!“
183
2. 3. 2. Die elementare Zentralität des Augenblicks237:
oder der Versuch, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.
Um Objektives über ein Geschehen sagen zu können, braucht es einen
Blick- und Standpunkt außerhalb dieses Geschehens. Nur so lassen sich Anfang
und Ende überblicken und festlegen, nur so lässt sich folglich Endgültiges über
das Geschehen sagen. Das wäre ein exklusives Zentrum, von dem aus ein
quasigöttliches Auge alles wahrnähme. Diesem Auge käme alles zu und doch
wäre nichts mit ihm verbunden. Oculus absconditus muss es sein, damit es das
Geschehen nicht selbst beeinflusst. Es darf nicht Teil des Geschehens sein. Wie
sollte es denn anders alles wahrnehmen? Es müsste sich selbst ins Auge blicken.
Doch der Skopus, das göttliche Auge kennt sich selbst nicht, es sieht nur das
andere, das eine, das einzig wahre Geschehen, das sich darob zu schämen hat.
Und kraft seiner Distanz vermag es dieses Geschehen zu verstehen, weil es eben
nicht teilnimmt, sich nicht schuldig macht. Das abwesende Auge impliziert die
Schuld des anwesenden Sehenden. Nur das Abwesende ist schuld- und
schamfrei. Nur das Abwesende, das doch alles sieht, kann die Schuld und die
Scham verstehen. Im Skopus schließen sich Teilnahme und Verstehen aus. Das
Zentrum darf sich nicht in die Dezentralität der Anwesenheit begeben. Das
exklusive Zentrum steht außerhalb jedes Geschehens, es darf nicht von dieser
schuld- und schambeladenen Welt sein, die erst durch dieses Auge von ihrer
Nacktheit und Erbärmlichkeit erfährt. Für Bastian existiert ein solches Auge
nicht. Da es nicht von dieser Welt sein kann, ist es nicht existent, da existent nur
237
vgl. z.B.: Bastian, Controversen I, 1893:15: „ „What was before us, we know not, / And we
know not what shall succeed“ (s. M. Arnold), haben aber um so mehr die Pflicht zu fühlen,
über das im Moment der Gegenwart Daseiende Klarheit zu gewinnen [...].”
184
ist, was in der Welt ist. Es ist für Bastian eine Konstruktion, eine verkehrende
Projektion: eine Anmaßung, ein böser, finsterer Blick, eine Atrozität. Das Böse
liegt im eigenen Blick, der nichts sieht, außer der eigenen Angst. Denn im
eigenen Blick liegt das Zentrum der interferentiellen Welt. Statt die Augen zu
öffnen und das Böse schwinden zu sehen, erklärt der blinde Mensch es lieber
theodizistisch und begibt sich der eigenen Verantwortung, die Augen auf zu
machen. Der ach so gut verstehende Mensch vermisst sich, indem er sich in ein
Zentrum außerhalb des Geschehens setzt, indem er sich im Verstehen dem
Geschehen zu entziehen glaubt. Im Geschehen sei er nicht eigentlich, sondern
leiste nur eine Schuld ab und habe es also schamhaft zu überstehen. Wahrhaft
sei er nur in Gott. Der verstehende Mensch nimmt sich aus dem Geschehen und
glaubt die Ausnahme zu sein, die die Welt als Ganzes und das, was sie im
Innern zusammenhält, versteht. Der verstehende Mensch, der als von dem
Geschehen Ausgenommener sein eigenes Verstehen nicht verstehen kann,
glaubt, im Verständnis sei die Welt in Ordnung gebracht, da nur eine Ordnung
verstehbar sei. Der skopistische Mensch glaubt, er sehe die Welt, wie sie sei,
nämlich als eine, die qua theodiktischem Blick in Ordnung sei – weil sie sich
von seinem Blick aufgrund seines Verständnisses beherrschen lasse. Die
Atrozität liege nicht im finsteren Auge, sondern in der Abweichung von der
Ordnung, in der Schuld derer, die nicht verstünden und sich dessen gefälligst
schämen sollten. Der verstehende Mensch glaubt, er könne die Atrozität
geschehen lassen, ohne selbst mitmachen zu müssen. Der verstehende Mensch
glaubt, er könne sich entziehen, er sei das Außerordentliche und somit auch das
vor jeder Abweichung Gefeite, das sich der Ordnung bediene, indem es deren
Gesetze erkenne und schließlich selbst diktiere. Der verstehende Mensch ist
derjenige, der den Gott tötet, den er selbst geschaffen hat. In der Diktatur der
eigenen Diktion hat sich der verstehende Mensch jeder geschehenden Rede,
jeder statthabenden Aussprache entzogen und fühlt sich erhaben über das
Gerede der Welt, das sich nur aus der Schuld und Scham herausreden wolle, die
185
es nun mal ihm schulde. Das Gerede der Welt verstehe einfach nicht die
Verstehenden und zolle ihnen nicht den zustehenden Tribut. Die alles
verstehende Diktion glaubt sich unverstanden innerhalb des Geschehens, da sie
ja nicht teil von diesem sei, sondern es allererst zum Ausdruck bringe, Antwort
selbst der letzten Dinge sei, was das auch immer sein mag. Letztendlich glaubt
dieses Denken, dass es in seinen erhabenen Gedanken die Welt erst erschaffe;
dass diese Gedanken, die von außerhalb des Geschehens entspringen würden,
die folglich nicht aus dem Bewegten und Werdenden herkämen, selbst die Welt
seien. Die Welt verdanke ihrem Verstehen ihr Bestehen und danke es ihm nicht
und sei folglich böse. Böse sei das Unverständnis, das vergesse, wem es sein
Sein zu verdanken habe und wem es folglich gefälligst zu danken habe, statt sich
sinnlosem Gerede hinzugeben. Das Denken des Seins, der Skopus der Welt, die
Diktion des Geschehens sehen sich – obwohl sie doch gar nicht Teil des
Statthabenden sein wollen – als unbewegte Beweger alles Bewegten. Das
Denken, das die Gedanken produziere, sei unbewegt: stillstehend. Was sich
bewege, bewege sich hinweg und sei böse. Nur als stillstehendes Denken könne
es die konstatierte Ordnung nicht stören und nicht in Unordnung bringen. Indem
sich dieses Denken selbst feststellt, schreibt es die Ordnung fest: es dürfe nichts
mehr geschehen, alles habe zu sein, wie es sein solle, wie es also gedacht, wie es
in der Diktion und im Gesetz festgestellt worden sei. Der verstehende Mensch
hebt in seiner megalomanischen Konstruktion das wahrzunehmende Geschehen
auf, d.h. es ist das Verstehen, das das Geschehen in seinem Verlauf stört. Es ist
der böse Blick des Verstehens, der das Geschehen fixieren und aufhalten will.
Doch der verkniffene Blick kann das Geschehen nicht wahrnehmen und somit
nicht verstehen. Bastian weiß, dass jede Wahrnehmung nur aufgrund von
Teilnahme am Geschehen geschehen kann, also im Verlauf, der nicht an seinem
Vorurteil festhält. Jede Wahrnehmung, jeder geschehende Augenblick, der das
jeweilige Zentrum des Geschehens ist, das dieses in ihm und durch das Auge
passiert, verändert das Geschehen und hält es am Verlaufen. Man kann nicht
186
wahrnehmen und nicht nicht teilnehmen. Und wer teilnimmt verändert das
Wahrgenommene, so dass es mit dem augenblicklich Geschehenden nicht mehr
identisch ist. Es ist sinnlos, über ein angeblich Böses erhaben der Kopf zu
schütteln oder es verständnisvoll entschuldigen zu wollen. Beides sind wertlose
Eskapismen, Versuche, an einzelne, angeblich rettende Gedanken sich zu
klammern. In der Wahrnehmungsreihe ist jede Wahrnehmung als solche
wertlos. Nur dadurch, dass sie das Geschehen am Verlaufen hält, wir dadurch
am Geschehen teilnehmen und somit selbst geschehen, hat sie ihren Sinn.
Solange wir Teil des Geschehens sind, können wir nicht nicht wahrnehmen, wir
können lediglich unsere Zugehörigkeit verleugnen, abstreiten, dass wir vom
selben Schlag sind, indem wir uns zum Außergeschehlichen und die anderen
zum Außergeschichtlichen stilisieren. Wir leugnen die Einheit allen Geschehens
und unsere Zugehörigkeit, bzw. die Zugehörigkeit der anderen. Der verstehende
Mensch sortiert in echt und unecht, authentisch und inauthentisch. Er nimmt
nicht wahr, dass alles irgendwie geschieht, er verschließt die Augen vor dem,
was nicht so geschieht, wie er will. Er verkennt die eigene Wahrnehmung, die
das verändert, was sie wahrnimmt, und es so seinem Willen entzieht.
Wahrnehmung schließt die endgültige Diktion der Wahrheit aus, die sie aber
nichtsdestoweniger wahrnehmen kann. Indem ich etwas wahrnehme, ist es
schon geschehen, bevor mein Wille überhaupt hätte zugreifen können. Jedes
Aussortieren und Ausmerzen kommt immer schon zu spät, bestenfalls. In der
Regel vernichtet es aber dasjenige, was noch geschehen soll. Nur mittels der
Wahrnehmung steht der Mensch im Geschehen und geschieht. Unmöglich ist es
ihm, das Geschehen geschichtlich aufzuheben. Jeder solche Versuch stört das
Geschehen lediglich in seinem Verlauf, hebt es nicht auf. Je mehr die
Geschichte geordnet und prognostizierbar erscheint, desto gehemmter ist das
Geschehen in seinem Werdegang, desto unabsehbarer werden die
interferentiellen Folgen. Prognosen vereiteln Diagnosen. Jeder Versuch der
verstehenden Prognostizierung macht die Geschichte nicht einfacher, sondern
187
unnötig kompliziert. Der Verstehenskomplex, der das Geschehen hemmt, lässt
es zu Geschichte gerinnen: zur Geschehensthrombose. In diesem Zustand
können wir aufgrund unseres Größenwahns nicht wahrnehmen, wie uns
geschieht, und glauben uns deshalb aufgehoben. Durch die selbstverherrlichende
Gewichtung, die wir uns gaben, indem wir mit unserem Verständnis den
Geschehensfluss verpfropfen wollten, haben wir unser eigenes Gleichgewicht
verrückt und uns selbst an den Rand des Geschehens versetzt. Verstehend
äugeln wir nicht das Geschehen und veredelten es damit, dass wir es sich in uns
denken lassen. Geschehenspfropfung – und nicht Verpfropfung – geschieht nur
okulierend.238 Die exzentrische Hybris der Geschehensverpfropfung mittels
238
zu dem Begriff „Pfropfung“ siehe Buchheit 1997:31; siehe Bastian, Die Vorgeschichte,
1881:90f.: „Als drittes [nach (1) den „Wachsthumsprocessen“ der „Gedankenbäume“ und (2)
dem „Studium der localen Einflüsse aus dem Milieu oder der Monde ambiante“ und der
„naturgemässen Correlationen der Organe“; ebd.] ergiebt sich die Untersuchung solcher
Vorgänge, die im Pflanzenreich mit den Operationen des Pfropfens [Hervorh. KPB] in
Comparation zu stellen wären, oder mit den künstlichen Metamorphosen der Pflanzen für
Luxuszwecke der Schmuckgärten, und zwar handelt es sich hier vorwiegend um angehende
Culturvölker, ehe sie die Schwelle der Geschichtsbühne erreicht haben. Alle die durch
friedlichen oder feindlichen Verkehr in geschichtlicher Bewegung angeregten Wandlungen
fallen unter dieses Capitel, also alle diejenigen Uebertragungen, die man früherhin bei
gleichartig angetroffenen Ideen sogleich zu proclamiren geneigt war, und sogleich
gewöhnlich auch durch Umschmieden historischer Hypothesen zu stützen strebte. Nach den
psychologischen Axiomen der Ethnologie dagegen wird man (in Uebereinstimmung mit der,
linguistisch, für sprachvergleichende Etymologien verwandte Methoden) bei angetroffener
Gleichartigkeit, zunächst die durchweg allgemeinen Elementargesetze im Auge halten, und
erst nach Eliminiren aller Möglichkeiten, in diesen den Erklärungsgrund zu finden, auf
geschichtliche Beziehungen, soweit sie sich rechtfertigen lassen, zurückgreifen. In diesem
Punkt wird das tagtäglich anschwellende Beweismaterial ethnologischer Parallelen gar bald
schon den Verstocktesten auch durchweicht und remodellirt haben, denn da solche
Erkenntniss (oder Lehren) der Parallelen nun einmal zu den aprioristisch bereits gewissen
gehört (und vor Eudid bereits gehört hat), kann sie Niemand nicht sehen, ausgenommen die
Stockblinden, bis ihnen der Staar gestochen.“; vgl. zum sematischen Feld der Veredelung und
des Fruchtbaumes folgende Stelle, in der Phantastereien als Unkraut und Völkergedanken als
Samen (oftmals wird Bastian sie, die Völkergedanken, als logoi spermatikoi bezeichnen,
z.B. Bastian, Controversen II, 1893:11) bezeichnet werden. Was aus diesen Samen erwächst,
kann zur Propfung benutzt werden : Bastian, Controversen I, 1893:54f.: „Bei dem für die
Geschichtsentwicklung der Ethnologie bedeutsamst förderlichen Durchgangsstadium der
Völkerpsychologie mochte die psychologisch-philosophische Anlehnung in den Augen des
Naturforschers vielleicht fragliche Bedenken erweckt haben, in Anbetreff direkter Einstellung
unter die, in ihrer Allgemeinheit auf geographischer Basis beruhenden, Naturwissenschaften,
aber der „Völkergedanke“ hat von Beginn ab in den geographischen Provinzen gewurzelt, ist
daraus, so zusagen, überhaupt erst empor gewachsen, in Fortführung des psychischen
Wachsthums (durch den Influxismus) auf die Gesellschafsschichtung (des Zoon politikon). So
188
geronnenen Geschichtstheorien nimmt uns die Zentralität des eigenen
Augenblicks, verschließt uns die Augen und lässt uns auf Dauer dadurch
erblinden, dass sie Versprechungen auf lange Sicht macht. Nur im Paradox der
mannigfaltigen und jeweiligen Zentralität des Augenblicks können wir leben
und lebend geschehen, und nur von hier aus können wir die Dinge sehen, wie sie
sind – für den jeweiligen Augenblick. Danach ist bereits das, was geschehen ist,
Teil einer Geschehensreihe, der nicht mehr von Bedeutung ist, aber dennoch von
Wert, weil bedingend. Seine Bedeutung lässt sich nicht mehr wahrnehmen, aber
seine Bedingtheit, nämlich dass man es als Ding, als Material, als Tatsache239
wahrnehmen konnte, wie es war. Und die Darstellung dieser Wahrnehmung
muss noch existent sein. Es sind nur die Darstellungen, die durch das Geschehen
existent bleiben und die ermöglichen, die Bedingtheit des Geschehens auf die
Reihe zu bringen. Es sind also nicht die außerordentlichen Gedanken, die
Allologoi, sondern die Darstellungen, die Verzeichnisse, die accounts, die uns
zeigen, was da geschieht, indem sie es geschehen lassen und so selbst stets
verrückt werden, da das Geschehnis aus dem Augenblick verschwunden ist, das
Verzeichnete im Augenmerk aber hängen bleibt. Das ist das Paradox der klaren
Darstellung: in ihrer Pluralität wirkt sie verrückt und verrückend – wenn man
den Mut besitzt, sich auf das Geschehen einzulassen, sich ihm hinzugeben und
wenig an biologischen Zellprocess sich in botanischer Praxis (zur Bevorzugung natürlicher
Systeme statt künstlicher) eine bedingungslose Dictatur bereits übertragen lassen darf, so
wenig (und viel weniger noch vorderhand) steht solche dem psychischen des Völkergedankens
jetzt bereits zu (für ethnologische Fragen), und es bedarf hier, wie oft bemerkt, strengster
¦[email protected], um gefährlich drohende Phantastereien zu vermeiden (wie sie verschiedentlich
gewuchert haben und von den dadurch bedrohten Fachdisciplinen als Unkraut wieder
ausgerottet werden mussten). „Alles hat seine Zeit“, und bis uns der kaum angepflanzte
Völkergedanke mit seinen ausgereiften Früchten (in den Culturschöpfungen des
Gesellschaftsgedankens) beschenken kann, darüber werden manche Generationen noch
vorübergehen.“
239
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903::3: „In unerlässlicher „conditio-sine-qua-non“
muss für das Arbeitsmaterial (empirisch) erfahrungsgemässer Thatsachen Vorsorge getroffen
sein, - „les seuls vraies principes ce sont les faits“ (s. Destutt de Tracy), als „res facti“
(Kant’s) -, und seit sie neuerdings aus den ethnischen Zeugenaussagen geliefert sind, ist
dadurch die Handhabe geboten zum systematischen Vorgehen: um die den
Naturwissenschaften naturgemässe Methode bei Ueberleitung auf die Geisteswissenschaften
auch diesen zu Gute kommen zu lassen.“
189
nicht zu entziehen. Nur so lässt man sich als Element des Geschehens zu und
wird elementar und vermag, es elementar wahrzunehmen und zu denken.240
Der einzelne Mensch lebt wirklich im Geschehen, wenn er es elementar
wahrnimmt und denkt. Er lebt jeden einzelnen Augenblick und ist so als
Teilnehmer in das Geschehen eingebunden und ihm verbunden. Nur als
Einzelner im einzelnen Augenblick steht er in der Gemeinschaft. Im Verlauf des
jeweiligen Augenblicks geschieht ihm die Ewigkeit, der er sich entzieht, wenn
er diesen einzelnen Augenblick perpetuieren will und zu dem einzig wahren
machen will, der nie vergehen soll. Im augenblicklichen Wahrnehmen des
Geschehens nimmt der Mensch am Geschehen teil und wirkt auf es ein: er
verändert es. Diese Wechselwirkung ist gewissermaßen das actio et reactio241
der psychosozialen Prozesse, es ist das Beständige im Geschehen, das das
Geschehen gerade bedingt. Die augenblickliche Wahrnehmung und ihr
Ausdruck in der jeweiligen Darstellung sind die elementaren Fakten der
Psychologie als Naturwissenschaft. Alles was – so tautologisch es auch klingen
mag und ist – im Geschehen geschieht, ist existent und elementar, egal welche
Bedeutung ein einzelner Mensch ihm zumisst. In der Zumessung von Bedeutung
als Zurüstung des Wertes verliert es gerade seine Elementarheit und wird zum
periphären und ephemeren Konstrukt, da es derart dem konkreten Geschehen zu
entziehen versucht wird: es wird virtuell, eine Simulation eines Geschehens, das
angeblich in Ordnung ist und von dem der Einzelne megaloman sagen kann, es
sei in Ordnung, weil es seinen Gedanken adäquat sei, die es schließlich
konstruiert hätten. Konkret versucht man, in der Virtualität außerhalb der
Existenz zu stehen. Man lässt sich nicht geschehen, man ist sich selbst als
Geschehendes nicht bewusst, man geschieht anders, als man denkt, auch wenn
und auch weil dieses Denken nichts anderes als das einzige sein will. Es hat
240
MiG I:7: „Um das Zusammenwirken der Gesetze zu verstehen, um einen Ueberblick zu
gewinnen, bedarf es eines objectiven Standpunktes. Archimedes verlangte einen solchen
jenseits der Grenzen der Erde, um diese aus den Angeln zu heben, unsere Mechanik bedarf
desselben nicht, denn sie weiss, dass sie mit jeder Bewegung das Gleichgewicht verrückt.“
190
keine Existenz und ist somit absolut unelementar. Es wurde nicht verzeichnet,
sondern gezeichnet, d.h. erfunden.242
Je eigenmächtiger das Auge wird, je weniger es sich der bloßen
Registratur, der Wechselwirkung mit seinem Umfeld hingibt, desto mehr
stilisiert es sich zum „Ich“, zu einem exzentrischen Pseudozentrum – und wird
blind, erstarrt im Star243. Es wendet und windet sich, um sich selbst in allem zu
sehen, und umgekehrt soll alles dieses „Ich“ wahrnehmen und durch es bedingt
sein. Das Auge verkapselt sich und wird trübe. Der Augen-Blick ist nicht mehr
möglich. Es gibt für das Auge nur noch das Auge, das sich somit aus dem
Zentrum der Wahrnehmung katapultierte. Verliebt in die angeblich eigene,
angeblich ausschließliche Relevanz verlor es die Sensibilität für das Elementare,
für die Elemente.244 Das Auge setzte sich an die Spitze einer Hierarchie und
verwahrte sich vor allem, was unter ihm stehe. Es gewahrte nicht mehr die
Parataxe der Dinge. Aufgrund der stillgestellten Wahrnehmung mutierte das
Denken ebenfalls zu einem hierarchischen, das außer sich selbst nichts mehr zu
denken vermag und das, falls doch etwas anderes noch in den Bereich der
Wahrnehmung eindringt, außer sich gerät. Sich selbst meint es zu denken, indem
241
Dass diese Formel nur „gewissermaßen“ und vorläufig, aber nicht geschehensadäquat
treffend ist, werden wir später darlegen.
242
MiG I:5: „Es ist nur im jedesmaligen Augenblick des Selbstbewusstseins, dass der Mensch
sich ganz und sich selbst lebt, aber in dem reinen Sein des Elements spiegelt sich ihm die
Ewigkeit.
[...]
Den Naturwissenschaften gilt in ihren Betrachtungen gegenseitiger Veränderungen dasjenige
als Element, das relativ ein ruhiges Bestehen in den steten Uebergängen bewahrt.
[...]
In Bezug auf das reine Sein wird jede gegebene Existenz zum Element, ob sichtbar oder
unsichtbar, ob organisch oder anorganisch, ob körperlich oder geistig, ob ruhend,
verharrend oder gesetzlich waltend.“
243
vgl. zum „Staar“ Bastian, Die Vorgeschichte, 1881:91
244
Und zur Liebe und Lust, die in ihrer exzentrischen, selbstverliebten Verfolgung nicht mehr
statthaben und zum Schmerz und zur Unlust sich verkehren, vgl. z.B. Bastian, Das logische
Rechnen, 1903:158 Anm. 2: „Unlustige Schmerzgefühle machen sich spürbar, wenn das
rhythmische Zusammenwirken im „Totum“ des Organismus durch Dissonanzen gestört wird,
an dem in Unordnung gerathenen und deshalb als leidend empfundenen Theil, und aus
Unterscheidung des Gegensatzes erst (nachdem die „aversio“ wieder aufgehoben ist) wird
die Lust als hedonische vermerkt, weil vorher (im Vollausdruck normaler Gesundheit)
instinktiv gelebt (und dadurch in sich selbst erfüllt).“
191
es sich in absoluten Gedanken feststellt, die nichts mehr mit dem Geschehen der
Dingen und ihrer Verrücktheit (Parataxe) zu tun haben. Wahrnehmung und
Denken kristallisieren sich in sogenannten „types“ aus. Kristalle sterben, wie
Bastian nicht müde wird zu betonen, im Moment ihres Anschießens. Das tote
Denken und die tote Wahrnehmung sind unempfindlich gegenüber den
sogenannten „token“, gegenüber dessen was sowohl Auslöser als auch Produkt
des lebenden Denkens ist. Token sind die Elemente der Gedankenreihen, die
sich wahrgenommen unendlich fortpflanzen. Deshalb kennt Bastian, der dem
lebendigen Denken auf die Spur kommen will, keine Relevanzkriterien. Wahllos
scheint er Gedachtes zu sammeln. Und doch ist er nicht unkritisch.245 Vehement
wehrt er sich gegen starre (blinde) Gedanken und Gedankenmodelle,
selbstherrliche Allologoi voller Hybris, die allenthalben in der Wissenschaft
gesucht werden. Bastian findet vielmehr die hybriden accounts, die aus der
Oszillation des Seins anklingen. Anhand ihres Klangs, dem er vorurteilsfrei
zuhört, versucht er sich zum wirklichen Denken, das nicht die einzige Wahrheit
verkünden will, sondern von eigentümlichen Wirklichkeiten in Schwingung
gehalten wird, hinabzulauschen – abzuschwingen. Vielfältig schwingen die
Wirklichkeiten und ordnen sich keineswegs auf dem Königsweg einer
monolinearen Geschichte.246 Mag die Evolution eine Schwingung sein, die
Darwin genau erfasste, und mit der Bastian sich deshalb auch beschäftigte, doch
ist es nur eine unter vielen. Eine sogenannte diachrone Ordnung der
Geschehnisse kommt jedenfalls für Bastian nicht in Frage. Dennoch ist sein
„Ordnungsprinzip“ keiner wahllosen Synchronie geschuldet, sondern fußt auf
dem elementaren Zentrismus der vielfältigen Augenblicke innerhalb ihrer
„surroundings“ (die nicht mit dem „Horizont“ der Hermeneuten verwechselt
245
siehe exemplarisch: Bastian, Offener Brief, 1874
MiG I:XVIII: „Von diesem Gesichtspunkt, dem rein psychologischen allein geleitet, habe
ich alle ethnographischen sowohl wie ethnologischen Anordnungen ganz und gar
unberücksichtigt gelassen, und auch die historische Kritik nur wenig herbeigezogen, da das
Eigenthümliche [Hervorh. KPB] einer Denkspecifität sich mitunter eben so gut in den
Erfindungen unbeachteter Secten, als in Darstellungen des gesellschaftlich Verwirklichten
zeigt.“
246
192
werden dürfen, der, wie dargelegt, für Bastian ein künstlicher Ideenkreis, eine
Simulation, ist. Surroundings247 meint den abgezirkelten Bereich des
Stimulativen248). Je steht jedes Auge in jedem Moment im Zentrum des
Geschehens und ordnet es nach seinen Gesichtspunkten. Diesen
augenblicklichen Ordnungen, in denen die materielle Verstörung des Kosmos
sich fortpflanzt, spürt Bastian nach. In ihrem Geschehenlassen besteht die
Möglichkeit, dass die Verstörung zur Ruhe kommt und sich selbst als eine
Verstörung erkennt, die auf Harmonie beruht. Ihr Sinn hätte sich damit erfüllt.
Bastian befleißigt sich, die einzelnen Gesichtspunkte im Moment ihres
Entstehens aufzufinden. Dann nämlich, wenn sie noch nicht zu Allologoi
geronnen sind. Nur im ersten Moment, im Echo des Lidschlages lässt sich das
Funktionieren des Denkens vernehmen, lassen sich gewissermaßen die Wehen
der Mutterlauge belauschen. Im nächsten Augenblick, im Klang des
Lidaufschlags, ist der geborene Gedanke schon verstorben und der nächste
kommt zur Welt. Es ist eine Kette erster Gedanken, jeder zweiter untersteht
schon der Sinnlosigkeit künstlicher Korollarien. Schicht um Schicht wächst der
Gedankenorganismus aus ersten Gedanken. Zweite bilden darin Metastasen.
Zweite Gedanken treffen auf keine Realität mehr, ihr Wesen ist nicht mehr
erfassend, sondern verdrängend. Aus reinem Selbstzweck unterbinden sie den
Kontakt zum Geschehen und gerieren sich einerseits distinguiert als
leidenschaftslos und andererseits als pure Lust und Liebe um der Lust und Liebe
willen. Doch nur dem einzelnen Glied als Glied in der Kette der ersten
Gedanken lässt sich Sinn zusprechen. Nur wenn das einzelne Glied keine
Bedeutung beansprucht, wenn es keinerlei Anzeichen eines angeblichen Fürsich-genug-seins zeigt, das dann zumeist doch ein Nichts-außer-mir dissimuliert,
zeigt es an, dass es Glied einer Reihe ist. Nur ein Gedanke, der nicht behauptet,
einzig und elementar zu sein, kann elementar sein und immer wieder unter den
gegebenen Bedingungen zum Vorschein kommen, kann immer wieder ein erster
247
siehe z.B.: Bastian, Controversen I 1893:55f. FN
193
sein. In sich haben Gedanken keinen Sinn, sind sie sinnlos, nur als Glieder der
Kette, d.h. der Serie, die durch das Auge geht, werden sie im Moment des InsAuge-fallens sinnfällig, hernach sind sie gefallen und ohne weiteren Sinn an
sich. Die Gedanken dürfen an nichts haften bleiben und müssen dennoch
achtsam mit dem Geschehen in Verbindung stehen – bis die Interferenz
aufgehoben sein wird und alles das, was sich in den Verknotungen von Welt und
Denken, in den ersten Gedanken ausspricht, wieder eins, bis jeder iterative Fakt
der materiell-noëtischen Wechselfornikation wieder ein nihil fit, totum fit in
harmonia sein wird.249 Das Wesen der ersten Gedanken kann nicht als tiefere
Wahrheit (aletheia) entborgen werden. In seiner Serialität zeigt sich der
„Mechanismus“ des Denkens in der Interferenz. Wie der geleistete Pendelschlag
einer Uhr nichts mehr zählt, weil er nur im Augenblick seines Geschehens
diesen Augenblick zählte und dann verging, so zählt auch der gedachte Gedanke
nichts mehr. Beide sind Ausdruck und Produkt einer wesentlichen Unruhe, einer
Verstörung: der Aufspaltung der Harmonie in Raum und Zeit. Jede perfekte
Messung von Zeit und Raum, jede ausgeklügelte Mechanik verstärkt die
Vicissituden des raumzeitlichen Seins. Sie bringen die wesentliche Mechanik,
den Verlauf der Verstörung, nicht zur Ruhe. Bastian besitzt nicht die
Vermessenheit, Raum und Zeit zu verabsolutieren, sondern den Spürsinn, der
anspornt, dem organischen Geschehen von Raum und Zeit, ihrem Werden und
Vergehen auf die Spur zu kommen: den Augenblicken, in denen sie je iterativ
und inchoativ entstehen, d.h. geboren werden, den status nascendi des
248
siehe a. Koepping 1983:66
Diese Ansicht rückt in die Nähe der buddhistischen Konzepten von anātman und śūnyatā.
Auf sie hinzuweisen ist notwendig, um zu verstehen, warum Bastian zeitlebens eine Affinität
zum Buddhismus hatte. Es lässt sich zeigen [vgl. Buchheit 2002], dass sich seine Denkweisen
eklatant im Buddhismus bestätigen – abgesehen davon, dass ihm der Buddhismus natürlich
auch nur eine Reihe von Gedanken sein kann, dementsprechend wird er sich über den –ismus
des Buddhismus, über sein Haften an sich selbst lustig machen. Man müsste untersuchen, ob
er sich selbst im Buddhismus spiegeln wird, also seinen eigenen Kardinalfehler begeht – oder
ob er dort, wo er über den Buddhismus spottet und über diesen Despektierliches sagt, ihm
gerade am nächsten kommt.
249
194
Anschießens. Bastian sucht im Finden der Gedanken nach dem Grund des
Denkens: der Mutterlauge.250
250
Vgl. MiG I:XII: „Nur in den Wurzeln, die aus dem Mutterboden ihre Nahrung saugen, nur
in den zuführenden Gefässen lebt ewig jung die schaffende Natur, und nur im
Durchschnittsmenschen mögen wir noch im Augenblicke des Werdens die
Gestaltungsfähigkeit des Geistes treffen, die in Dogmen und Systemen schon zum Absterben
verknöchert ist.“.
Kleine psychologische Nebenbemerkung: die Suche Bastians nach dem Mütterlichen, nach
dem Gebärenden, um Geburten zu ermöglichen, die ohne jede körperliche Abspaltung
geschehen können, bedingt auch seine Einstellung gegenüber der Frau als begehrte Andere.
Ich bezeichne schon mit Absicht das Wechselspiel der Faktabsonderung als Fornikation. Das
Befruchten in der Materie ist Bastians eine Hurerei, etwas das zwar notwendig ist, aber – wie
die ganze Interferenz – enden soll, damit die Unendlichkeit der Harmonie (ein Begriff, der
ebenfalls den Geschlechtsakt sanktioniert), die Unendlichkeit des Gebärens ohne Abspaltung
sich fortsetze. Nirvanasuchende haben in erster Linie ein Problem mit ihrem Begehren. Zuerst
versuchen diejenigen, die sie begehren, zu Objekten zu machen. Anschließend trachten sie
danach, sie zu vernichten, in der Hoffnung so das Begehren zu vernichten. Misogynie (und
Misandrie) ist ein Effekt des Bestrebens nach Harmonie, das Streben danach, dass gefälligst
das Ganze anders werden soll, damit man sich endlich selbst erträgt. Man kann das mit
Bastians Denken erkennen, leider erkannte er selbst es mitnichten. Stramm und aufrecht sah
er seine Virilität in der Harmonie- und Nirvanasuche bestätigt, für die jede Erregung schon
Teil der Hurerei (intercourse als Interferenz) ist, die es zu beseitigen gilt „in friedfreundlichem Verkehr“, d.h. in einer All-Intimität des pan-virilen Fortzeugens. Jetzt kommt
nichts mehr zu Welt, nun ist alles nur noch störungsfreies Denken. Lieber Bastian, auch das
ist nur ein größenwahnsinniges Imago absoluter Einseitigkeit, pubertärem Beleidigtsein
entspringend, weil nicht alles gleich so läuft, wie man es gerne hätte! Gerade du hättest das
erkennen können! Dann hättest du auch wirklich die monde ambiante in Worten erfassen
können, statt nur Ejakulate eines männlichen Denkens zu liefern, das nach der Mama schreit
„mit lüsternem Hinschielen“. Vgl. dazu folgende Stelle: Bastian, Das logische Denken,
1903:45: „ Gewichtigere Lebensfragen sind in der „Psychologie Ethnique“ (s. Letourneau)
dem Zeitgeist gestellt, als die im Hirnkasten der verbildet Gebildeten eingenistete „où est la
femme?“ (mit lüsternem Hinschielen). Und so (aus Virtus der Virilität) wird der in
Männlichkeit (virtualiter [man beachte, dass die ganze Virtualiät des Hyberspace die
nämliche virilistische Schiene der fornicatio immakulata, also der Harmonie als Befreiung
von „hysterisch modelaunigen Anwandlungen“ fährt; KPB]) tugendkräftig taugliche
Denkgeist sein (Denk-)Geschäft selber wieder in die Hand zu nehmen haben, um die von
hysterisch modelaunigen Anwandlungen eines „Ewig-Weiblichen“ durchseuchte Atmosphäre
rein zu fegen für klar deutliche Umschau über die in den Tagesergebnissen umherbewegten
Motive; und statt im Aufpäppeln einer künstlerisch herangezüchteten Drohnenschaar die im
Communalgut des Staateigenthums verfügbaren Mittel zu verplempern, werden dieselben
zweckdienlicher für naturforschlich volkswirthschaftliche Förderung verwendet sein, bei
Hinschau auf eine glanzvoll neu eröffnende Zukunft, wo statt Hass und Streit zwischen den
Menschenkindern dieselben geeint sein werden, in fried-freundlichem Verkehr (zum
gemeinsamen Besten der Gesellschaftskreise, wie jedes Einzelnen darin). Und so galt es „la
Paix perpetuelle“ (s. Jomard) bei Begründung der „Société Ethnologique“ (in Paris). Dafür
hat intime Vertrautheit mit den ethnisch-differirenden Eigenthümlichkeiten als voraussetzlich
zu gelten [wenn’s denn nur so wäre! KPB], und da das Amt, die Bewohner des Erdenhauses
in gegenseitige Bekanntschaft einzuführen, der Ethnologie übertragen ist, wird sie auf
195
Der jeweilige Gesichtspunkt schafft also die Ordnung, bestimmt die
Kategorien und scheidet Relevantes von Irrelevatem – für den jeweiligen
Augenblick. In diesem Sinne – wortwörtlich in der Sinneswahrnehmung – ist für
Bastian alles relativ. Für den jeweiligen Gesichtspunkt ist jedes Element – auch
hier wieder die not-wendige Tautologie gemäß der der Begriff nicht Ausdruck
des inhärenten Wesens oder des kohärenten Typus ist, sondern aktuelle
Bezeichnung – elementar. Es ist, was es ist in diesem Augenblick, und ohne
weitere Bedeutung. Es gibt keine Symbole oder Allegorien, und es gibt kein
Original und nicht die vielen Kopien. Deshalb lehnt Bastian den Diffusionismus
ab.251 Noch das Nebensächliche hat seinen relativen elementaren Sinn. Die token
werden nicht sichtbar am extremen, exzentrischen type, sondern am
Durchschnittsmenschen252: er steht mitten im interferentiellen Geschehen, in
ihm entäußern sich die kosmische Gesetze als Symptome. Zuwenig besitzt er ein
„Ich“, um sich erhaben dem Geschehen zu entziehen und es damit negativ zu
erregen. Je mehr ein Mensch nicht durchschnittlich zu sein und an sich Geltung
beansprucht, verstärkt er den Wundbrand des Seins, die Veräußerung der
kosmischen Harmonie an die interferentielle Materie, an die Hysterie der Zeit.
Dennoch geschieht dem Einzelnen ausreichend gebündeltes Licht in seinem
Auge, um zum jeweiligen Zentrum und zum zentralen Ausdruck eines
Geschehens zu werden.253 Man sieht ihm an, wie er geschieht. Man hört in
genaueste Kenntniss des aus dortiger Etikette üblich angewohnten Ceremonials Bedacht zu
nehmen haben (um Feinfühligkeiten nicht zu verletzen).“
251
vgl. Buchheit 1997:83ff.; siehe a. Bastian, Die Vorgeschichte, 1881:89: „Fest geregelt in
jedem Organismus sind die denselben beherrschenden Gesetze, fest geregelt auch in der
ethnischen Weltanschauung, in denen wir in den fünf Continenten überall, mit unabänderlich
eiserner Nothwendigkeit (gleiche Bedingungen gegeben) auch den gleichen
Menschengedanken hervorspringen sehen, als gleichen und denselben, oder, sofern unter den
Färbungen localer Modificationen variirend, als ähnlichen.“
252
zum average man siehe Buchheit 1997 passim.
253
vgl. zu „Bündel“ BRPS:10: „An die sophistisch seelenlose Seelenlehre [...], jene
Psychologie ohne Seele, die sich dem Materialismus in ihre psycho-physischen Functionen
aufgelöst hat, wird (am präcisesten) in Hume’s Ausspruch erinnert, dass er vergebens das
liebe Ich in sich selbst gesucht, dass der Mensch nur „Bündel“ („bundles“) von
Vorstellungen darstelle. Das ist genau der Wortlaut dessen, was der Buddhismus von Alters
her Khanda oder „Bündel“ genannt hat, worin sich alles denkbar Mögliche
196
seinen Äußerungen dem Denken bei der Arbeit zu, man hört, wie es geschieht,
gerade weil es sich der großen Worte, Einsichten und Systeme enthält. Jedes
Wort, egal von welchem Menschen, ist Symptom. Der Durchschnittsmensch
macht sich allerdings nicht des Versprechens schuldig, das künstliche
Ideenkreise machen: das Versprechen der Lüge, kein Symptom zu sein. Die
Worte des Durchschnittsmenschen wollen keine ewigen Wahrheiten sein. An die
Stelle des Erhabenen haben die erhobenen Daten zu treten. An die Stelle der
Systeme die symptomatischen Normalverteilungen. Bastian richtet nicht
gottgleich und weist Schuld zu, sondern verzeichnet die Symptome, die
Entäußerungen. Wo alles Symptom ist, da gibt es keine Schuld. Wo die
Symptomatik gekannt, aber nicht anerkannt wird, beginnt die Unvernunft. In der
Unvernunft hält man sich nämlich für etwas Besseres, für etwas
Ausgezeichnetes. Der Inhalt des Geäußerten, der accounts, ist aber nicht wichtig,
sondern dass sie geschehen und dass sie in ihrem Geschehen ungeschminkt und
unstilisiert zutage treten und vonstatten gehen, ist das wichtige, damit sie
verzeichnet werden können. Solange die Welt nicht verzeichnet ist, ist sie auch
keine ausgezeichnete und nichts in ihr ausgezeichnet. Die Welt kann erst
ausgezeichnet werden, wenn sie vollkommen verzeichnet ist. Erst die
vollkommene Entäußerung der Symptome macht die Veräußerung des
Materiellen möglich. Alles andere ist sinnloser Ausverkauf und Vermehrung
von störendem Gerümpel, das nichts als den miserablen Zustand der Welt in
seiner redundanten Nichtigkeit anzeigt. Der average man ist der Mensch der
Augenblicke, er steht in der Geschichte der Verstörung, deren Sinn die
Beruhigung, das Abtragen der Redundanz, das Verklingen der Symptome ist.
Die Geschichte hat zu geschehen. Geschichte zu machen ist unnötig und
verstörend. Der sogenannte geschichtsträchtige Mensch gebärt wortwörtlich
redundante Geschichte, produziert Geschichtsgerümpel und lässt sie – und sich
zusammengebündelt findet, Alles und Jedes, was im Universum existenzfähig ist, im
Mikrokosmos eingebündelt, aber nirgends eine Seele (nach Nagasena’s Gleichniss vom
Wagen), weder Atta (das Ich) noch Attaniya (zum Ich Gehöriges), oder Satta (Person).
197
– nicht zur Ruhe kommen. Er ist der Mensch, der den Augenblick zerstört,
indem er ihn perpetuieren will. Plötzlich soll der Augenblick für immer währen
und alles sein. Aus diesem Grunde wird er exakt vermessen, so dass er ewig
währe und niemals vergessen werde. Das ist der Wunschtraum des sich selbst
auszeichnenden Menschen, der unter seinem Unausgezeichnetsein leidet. Er
wünscht in erster Linie, dass seine Selbstauszeichnung ewig währe. Der
Augenblick, der ewig währte, geschieht aber nicht und wird folglich nie
geschehen. Der Wunsch nie erfüllt. Der Wünschende wird darüber miserabel. Er
wird von seinem „Ich“, seiner Selbstauszeichnung, blockiert, weil es ihm die
Augen vor der Realität verschließt. Die Wechselwirkung mit der Umwelt und
die Bündelung der Welt im Auge werden unterbrochen. Das Echo des
Lidschlages verstummt und eine vermeintliche Stille breitet sich aus. In ihr
kommt die Wirklichkeit nicht wahrhaftig zur Ruhe, sondern wird negativ
übertönt. Es herrscht nur ein Lautvakuum. Diese Stille ist ein negativer, ein
stummer Schrei des Entsetzens, das nicht wahrhaben will, was da geschieht, und
dass es doch augenscheinlich ohne den Entsetzten geschehe. Das Entsetzen des
unglücklich Wünschenden verkennt, dass jeder immer schon Teil des
Geschehens ist, dass nichts ohne ihn geschieht, und dass somit alles, was er tut,
auch auf ihn selbst zurückfällt. Das Ich wird die Anderen nie los. Je mehr es sich
vor den Anderen auszeichnen möchte, desto mehr zeichnet es sich als ein
miserables und ein somit das Elend der Welt vergrößerndes aus. Dieses Ich ist
der räudige Hund, der ewig leben will.
Das mittels der autoauthentifizierenden Selbstverkapselung im Auge festgestellte Licht verdunkelt den Ort des Denkens, d.h. des Geschehens, und die
schreiende Stille des Denkverbotes im ewigen Frieden durch den angeblich
allmächtigen Logos löscht den Klang seines Gedeihens, die Schreie seiner
Fortzeugung, aus der Wahrnehmung heraus. Sie verunmöglichen die lichte Ruhe
danach, die Erleuchtung des unendlichen Nichts-mehr des Eigenen. Die
Entäußerung ging ein ins Geschehen und hat es dadurch fortgezeugt. Die
198
interferentielle Erregung und ihr symptomatisches Auftreten sind nicht mehr
notwendig. Jedes Festhalten an der Erregung eines Ichs verursacht nichts als
Schmerzen. In weniger esoterischen Worten: aufgrund der stummen Schreie
nach dem ewigen Ich, das so erhaben in Worten vornehmer und blasierter
Redundanz (Inzucht) Halt sucht, d.h. sich verklemmt, vernimmt man die Massen
nicht mehr, die Zeugungsschreie der Durchschnittsmenschen nicht und nicht die
Ruhe ihrer Erlösung. Logos und Egologie verleugnen und verhöhnen die
Massen, also diejenigen, in denen sich doch das Geschehen ausspricht. Wie
Bastian sich dem Nebensächlichen und angeblich Unbedeutenden zuwendet und
es einzuvernehmen versucht, so legt er den größten Teil seiner Aufmerksamkeit
– 25 Jahre vor Gustave Le Bon254 - auf die sogenannten Massen. Was in den
Massen in jedem Augenblick geschieht, ist das Elementare; die Äußerungen der
Masse sind die jeweiligen Darstellungen des Elementaren. Hier lässt sich die
Dynamik der psychischen Prokreation vernehmen. In der Masse ist jeder
einzelne Durchschnittsmensch sowohl periphere Entäußerung des Geschehens
als auch zentrales Element. Der Einzelne ist das Zentrum der Masse und
zugleich ihre Begrenzung, d.h. ihr Rand. In der Interferenz sind die Dinge
aufgespalten. In der Geschichte herrscht die duale Spreizung. Die Masse stellt
das Paradox einer multizentralen Amorphose dar, in der sich das Geschehen in
jedem Augenblick neu Form geben kann. Die Amorphose ist Bedingung der
geschehenden Metamorphosen. Jedes fixierte Bild der Masse, ob positiv oder
negativ, bildet lediglich eine Anamorphose, ein Zerrbild dessen, was doch schon
längst passiert ist. Das einzige, was man in diesen Anamorphosen
wahrzunehmen vermag, wenn man sich entsprechend verschränkt, d.h. sich der
Erhabenheit und des erhobenen Hauptes begibt, ist der Tod als Fratze eines
ewigen Endes, als eines ewig unbefriedigenden Friedens. Nur die Hingabe an
die Dynamik der Masse ermöglicht die Wahrnehmung allen Lebens und alles
Lebendigen, deren Teil man selbst ist, und als deren Teil man, wie man dann
254
vgl. dazu Serge Moscovici: L' âge des foules. Un traité historique de psychologie des
199
sehen wird, mit allen und allem in die unendliche Ruhe der Befriedigung
eingehen wird.255 Deshalb scheut Bastian sich nie, an die Orte des Geschehens
sich zu begeben. Nur wer selbst vor Ort ist, steht im Augenblick des Geschehens
und kann erkennen, was da geschieht – indem er es registriert, indem er selbst
eines der vielen Zentren des Geschehens wird. Nur so kann man die Dinge
sehen, wie sie wirklich sind, nämlich ohne jede weitere Bedeutung außer
derjenigen, die sie im jeweiligen Augenblick haben. Alles andere hat mit dem
Geschehen nichts zu tun, ist also nicht elementar, höchstens dekorativ.
Das Ich ist also die Exaltation des Durchschnittsmenschen, das
Exzentrische der multizentralen Masse, die jeden Augenblick räsonierend
geschieht. Die Logoi hingegen werden als Transparente vor die Bewegungen der
Masse gespannt und dienen ihr bestenfalls als Zierde, schlimmstenfalls als
Grund ihrer immer wieder versuchten Ausmerzung, die weniger – aber auch – in
einem sich abwendenden Dünkel des Elitären als in einem Zuschlagen des
Exekutiven der Selbstermächtigten stattfand und stattfindet. Das Geschehen soll
stillgestellt sein. Die Massen sollen Ruhe geben, damit man den Lärm der Egos
besser höre. Die Exzentrik dominiert und residiert in entsprechend
resonierenden Bauten.256 Die Wahrnehmung des Elementaren enthält sich
masses. Paris 1981
255
MiG I:XIf.: „So gab die Geschichte bisher den Entwicklungsgang einzelner Kasten [man
beachte die Anspielung auf die soziale Situation zur Zeit der Entstehung des Buddhismus und
auf seine Kritik an ihr. KPB] , statt den der Menschheit, das glänzende Licht, das von den
Spitzen der Gesellschaft ausströmte, verdunkelte die Breitengrundlage der grossen Massen
und doch ist es nur in ihnen, dass des Schaffens Kräfte keimen, nur in ihnen kreist der
Lebenssaft [sic!].
[...]
Die Blumen, zu denen sie aufblühen in begeisterten Dichtungen, die Früchte, die sie ansetzen
in den Lehren der Philosophen, wir werden sie schätzen und sammeln, als zum Schmuck und
zur Nahrung verwendbar; aber um zu forschen in dem geheimnisvollen Getriebe des Werdens
im Sein, bedarf es der Secirung und Analysirung des grossen Stammes selbst.“
256
Über die Einseitigkeit und Affektation des Eigenen und die raison d’être des
Durchschnittlichen und Fremden als Zugangsmodi zum infizierten Geschehen, deren
Zeugnisse zu sammeln Aufgabe des Ethnologen ist siehe: Bastian, Die Vorgeschichte,
1881:106ff.: „Wir werden vorerst die physiologischen Wachsthumsprocesse des normal
gesunden Durchschnittsgedankens zu studiren haben, seine Embryologie sowohl, wie seine
Biologie und dann die Vergleichungsstufen seiner Entfaltung.
200
folglich der ausschließlichen Beschäftigung mit den redundant hallenden Logoi
und begibt sich viel lieber auf das Feld der Räson, d.h. dorthin wo das Denken
wirklich stattfindet. Es nimmt die Logoi als das, was sie sind: egozentrische
Seduktionsmittel für die Masse, die sich zugleich über die Massen erhaben
fühlen und nicht für den freien Verzehr bestimmt sind. Sie sind vergleichbar den
Karotten, die vor den Esel gespannt werden, damit er den Karren aus dem Dreck
ziehe, nicht wissend, dass der Dreck hinten aufliegt und verteilt wird, bis er
allgegenwärtig sein wird. Unterdessen geht der Esel zu schanden. Die Massen
werden von der Maschinerie aufgerieben, die sie den logistischen Parolen der
Bedürfnisbefriedigung nachrennend in Betrieb halten.
Die elementare, analytische Wahrnehmung versucht ihrerseits das
Abschwingen vom extremen Typus als je unerreichbares Ideal, das alles als
defizitär aber von gesundem Menschenverstand, solange man ihm nur
Davon wissen wir bis jetzt noch nichts, oder doch nur wenig mehr, und woher sollte diese
Kenntniss haben geschöpft werden können?, woher die Kenntniss des Menschen in der
Menschheit, so lange nur ein Bruchtheil der Kenntniss zugänglich war.
Der Philosoph lebt im Gedankenkreis des Gebildeten, den er nicht nur bis in seine
Subtilitäten durchdringt, sondern bei pathologischen Abirrungen oft auch erfolgreich zu
heilen vermag, aber die [email protected]<"Â §<<@4"4 [die allgemeinen Gedanken; KPB] kommen in der
Praxis selten vor, und selbst wenn (wie etwa bei den Stoikern) besondere Aufmerksamkeit
darauf gerichtet ward, ist die Entfernung eines objectiven Bildes für denjenigen schwierig,
der, innerhalb derselben Entwicklungsreihe, auch wenn auf der höchsten Stufe, doch immer
nur auf einem Stufengrade steht.
Je fremder nun, je fremder und ferner seine Objecte einem Beobachter gegenüberstehn, je
kälter sie ihn gleichsam lassen, und also indifferenter, desto weniger wird subjective Trübung
zu fürchten sein, desto eher also ein ungefälscht reines Resultat zu erhoffen.
Hier scheint nun der Punkt zu sein, wo die Ethnologie eine Aushülfe verspricht, wo sie
einstens in unsere Culturgeschichte eintreten wird, und dem Geist dann eine Waffe in die
Hand geben, wie er sie gleich mächtig bis jetzt auf Erden noch nicht geschwungen, weil dann
eben mit dem Gesammt-Apparat geistiger Menschenarbeit operirend.“; ebd.:120: „Natürlich
fällt diese „brennendste Zeitfrage“ leicht in das Capitel derjenigen Phantasien, mit denen
sich von jeher missmuthige Enthusiasten jeder Art ihr eigenes Leben qualvoll zu machen
lieben und ihren Nebenmenschen, denen stete Bohrungen nichts weniger, als angenehme
Lustempfindungen zu erwecken pflegen, in andauernden Belästigungen Ueberdruss schaffen.
Jeglicher begeistert sich für das, wohinein er sich verfressen hat, der Mensch (des geflügelten
Wortes) ist, was er isst, (in psychischer Nahrung wenigstens, als „geistiges Thier“), und so
giebt es der Zeitfragen genug, bei denen dann oft allerdings materielle Interessen bester
Berechtigung mitzusprechen, und solcher Berechtigung wegen deshalb auch Gehör zu
verlangen, ihr gutes und bestes Recht, als rechtmässigen Besitz, darum beanspruchen
dürfen.“
201
hinterherrennt, brandmarkt, zum elementaren token als interferentielle, aber
vollständige und keiner weiteren Interpretation bedürfende Gegebenheit. Selbst,
wie schon gezeigt, die Kategorien von Raum und Zeit sind Extremtypen,
Stilblüten, die als solche für Bastian nicht gelten. Die Reihen und Reihungen der
Gedanken, das Denken also, stehen quer zu Raum und Zeit (Interferenz).
Die künstliche Ordnung muss aufgebrochen werden. Bastians Sammlungen
mögen – bestenfalls – synchron, schlimmstenfalls irr und wirr erscheinen, doch
sind sie einer ganz anderen Ordnung der Dinge geschuldet, nämlich der
Ordnung des Kosmos, die sich durch die Unordnung der Materie (Interferenz)
weiterordnet, also geschieht, weil, wie ich gezeigt habe, die Harmonie die
Unordnung bedingt beinhalten muss, um a) unbedingt in Ordnung und b) nicht
einseitig zu sein.
Die Methode zur Wahrnehmung der token ist die Induktion. Durch sie
werden die Gedanken wieder auf die Reihe gebracht. Das Denken kann endlich
weitergehen.
Nur die induktive Registratur braucht nicht nach dem Grund oder dem
Wert der materiellen Verstörung zu fragen. Sie konstatiert sie – als Teil der
Harmonie, der, da Zeit produzierend, nur zeitweise existieren kann. Erste oder
letzte Fragen, in denen das Denken stockt, stellen sich hier nicht. Die Induktion
führt das Denken in der andauernden Verzeichnung immer schon in die
Verstörung ein, es geschieht mit ihr, solange die Verstörung anhält. Die
Verstörung lässt das Denken geschehen und das Denken die Verstörung. Die
Induktion führt das Denken und das Denken die Induktion bis an das Ende der
Verstörung.
202
2. 3. 3. Induktion
Das Denken findet im Subjekt statt. Durch das Denken wird das Subjekt
begeistert. Im Denken, in der jeweiligen und augenblicklichen Wechselwirkung
mit der Umwelt lebt das Subjekt. In jedem Auge hat ein Zentrum der Welt seine
Wirkstatt. Im Auge verknüpft sich das Subjekt mit der Umwelt und wird für den
Augenblick eins mit der Welt. Der daraus resultierende Gedanke löst sich von
der Welt und ist nur als Ausscheidungsprodukt der Verknüpfung von
Bedeutung. An sich ist er schon gestorben und ohne weitere Bedeutung. Der
angeschossene Logos ist das Abfallprodukt des Seins in der Welt. Jede
künstliche Objektivierung des Logos spaltet das Denken von der Welt ab. Der
Logos löst die Welt auf und negiert sie. Er ersetzt sie durch ein künstliches
Konstrukt, das Kohärenz simuliert, aber in Wirklichkeit ein Flickwerk
abgetrennter Logoi darstellt, deren Serialität negiert wird. Die Verknüpfung im
jeweiligen Augenblick muss umgehend wieder gelöst werden, damit das Denken
weitergehen kann und sich weitere nœds de signification bilden können. Jeder
subjektive Gedanke verbindet sich im Augenblick mit der Unendlichkeit des
Kosmos. Im lebendigen Denken verspürt das Denken die Strahlung der
kosmischen Harmonie, denn nur im werdenden Denken nimmt das Subjekt das
Geschehen wahr und ist ihm derart unterworfen, dass es Teil an ihm hat. So ist
also der Gedanke lediglich Mittel einer Induktion, die in das Denken einführt. Er
ist nicht Zweck des wissenschaftlichen Forschens. Nimmt man ihn als Zweck
und stilisiert ihn zum objektiven, unverbundenen und leidenschaftslosen, d.h.
aktiven Gedanken, verfällt man der egologischen Hybris, die nichts außer sich
selbst in einer Chimäre wahrzunehmen vermag. Der Gedanke wird zum aktiven
203
Heros und Hieros, der alles gibt und nichts empfängt, der alles Passive und
Empfängliche als das jeweils Schlechtere hinstellt. Der nicht wahrhaben will,
dass innerhalb der materiellen Interferenz es nichts anderes als Passives geben
kann, dass alles, was ist, deshalb ist, weil es wird, indem es empfängt und
fortzeugt. Materie ist das Passionierte schlechthin, dasjenige, das die
Verstörung, das interferentielle Geschehen erleidet. Wahrnehmung ist Passion.
Jede künstliche Begeisterung irritiert die sowieso statthabende Passion und stört
die Wahrnehmung der Störung. Kalt gilt es das heiße Geschäft der Passion zu
betreiben, d.h. sich in seiner organischen Materialität als Empfangsmedium zur
Verfügung zu stellen und sich als solches in Ordnung zu halten. Als
Empfangsmedium ist der Einzelne das Subjekt, das zwecks guten Empfangs
Sorge um sich zu tragen hat und somit für sich selbst die Verantwortung trägt.
So obliegt es dem passiven Subjekt in der Weise zu handeln, dass es passiv
agiert und aktiv passiert. Jeder ist, wie Bastian sagt, seines eigenen Glückes
Schmied257. Wer heldenhaft sich allem verweigert und verhindern will, dass
etwas passiert, der verweigert sich dem Glück, das er doch erkämpfen will, und
dem passiert in seiner Heldenhaftigkeit die Verhinderung, die Behinderung. Er
weiß alles geschickt zu schmieden, nur nicht sein eigenes Geschick und Glück.
Ihm geschieht die Welt nicht, er macht lieber Geschichte. Nur im subjektiven
Gedanken bildet sich für einen Augenblick die Welt ab, in ihm stellt sie sich als
Momentaufnahme258 dar. Der Held zieht es vor, als Heiligenbild in die
Geschichte einzugehen, als visualisierter Logos des Eigenen, als Emblem von
eigener Heiligkeit. Jeder subjektive Gedanke, jeder Schnappschuss von der Welt
bildet einen account. Das Denken geschieht im Rhythmus des Lidschlages wie
257
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:166: „Das Wie? des Details bleibt Jedwedens
eigener Initiative anheimgegeben, denn „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ (als
„self-made-man“). Wer im glaubensselig bequemlichen Dusel (um Denkarbeit zu ersparen)
auf was der Erst-Beste ihm einschwätzt, hinzuhören bereitwillig wäre, der ist seinen
Thörigkeiten zu überlassen (denn „mit Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“).“
258
Bastian, Wie das Volk denkt, 1892: „Jetzt wiederum stehen wir im Augenblick des
Hinüberschreitens, den einen Fuß hier, den andern dort (wie es eine Moment-Aufnahme
zeigen würde).“ Ich werde später noch eingehender auf diese Stelle zu sprechen kommen.
204
ein Film, Momentaufnahme reiht sich an Momentaufnahme, jedes Bild bildet im
Takt des Augenblicks die Wahrheit ab, die mit der Abblende der Aufnahme, mit
dem nächsten Schlag des Lides schon vergangen ist. Im account verbindet sich
Anfang und Ende der Wirklichkeit, verbindet sich Materie und Kosmos,
momentane Interferenz und unendliche Inferenz.259 Im account des Augenblicks
weht den Einzelnen der Hauch der Begeisterung an. Im Augenblick des
accounts ist er wahrhaft inspiriert und passioniert. Jeder ewige hieratische
Gedanke ließe ihn uninspiriert und ennuiert zurück.
Jeder account wird bestimmt von der Wechselwirkung zwischen
Umgebung und Subjekt. Da das Subjekt in der Umgebung steht, kann es sich
nicht als ein Ego über sie stellen. Es kann lediglich lernen, sich ihr adäquater
und aptierter hinzugeben, d.h. lernen, die Wechselwirkung positiv zu
beeinflussen, indem es die Gegebenheiten wahr-nimmt. Sich der Umgebung zu
entziehen wird jedwedem Ego nie gelingen. Jeder Versuch des Entzugs bewirkt
einen künstlichen Wirklichkeitsentzug. Das Ego verfällt einer mentalen
Enklavierung, es phantasiert und fällt schließlich in ein Daseinskoma: der
Kristall des Logos/Systems ist angeschossen und verendet. Das Subjekt
deprivatisiert im Logos, vermeint aber im Logos als Ego zu sich selbst allererst
zu kommen. Im Ego entzieht sich das Subjekt dem Austausch mit der Umwelt.
Es beendet in der Postulierung seiner Selbst als dem einzig Wahren, zu der es
sich aufgrund eines mythischen absoluten Anfanges berechtigt sieht, die
Wahrnehmung. Es entsagt den Fakten. Das unendlichen Beginnen der
Wahrnehmung in jedem Augenblick wurde stillgestellt.260 Im vielwortigen
Logos, der alles endlich auf den Punkt bringen und zeitlose und unbedingte
Wahrheit sein will, verstummt das Subjekt. Verstummt das Subjekt, kommt die
259
MiG I:347: „Der Knoten des Anfangs und Endes schürzt sich im subjectiven Gedanken,
und wer ihn dort nicht zu lösen versteht, wird sich die Pracht des harmonischen Kosmos in
ein todtes Flickwerk zerfetzen, aus dem jeder Hauch der Begeisterung längst entwichen ist.“
260
Dass der Anfang nichts vergangenes ist, sondern ein je zukünftiges, und dass der gemachte
Anfang der Beginn der Wahrnehmung des Gegebenen, der Daten ist, siehe: Bastian, Die
Vorgeschichte, 1881:122: „Dimidium facti, qui coepit, habet!“ – Anfangen ist bereits die
halbe Arbeit!
205
Entäußerung des Werdens, die das Subjekt ist, nicht mehr zur Sprache. Das
Werden kommt nicht mehr zu Wort. Die Logoi hingegen besagen nichts. Sie zu
interpretieren wäre müßig. Von ihnen her deduktiv schließen hieße, sich um so
mehr der Umwelt und der Wirklichkeit zu verschließen, hieße, sich der Sprache,
die es zu erlernen gilt, im Anfang zu begeben. Im Anschießen des Wortes „Ich“
stürbe das Werden. Doch nur im Werden vermag ein jeder die Zeit zu nutzen,
die geschieht. Aber man vergeudet seine Zeit, wenn man im Konstrukt des
Zeitlosen sich ihr zu entziehen versucht. Man lässt die Zeit nicht vergehen. Es
geschieht nichts, die Zeit dehnt sich. Man hat Zeitlang. Man weiß mit nichts
mehr etwas anzufangen. Man ist verstört. Die materielle Störung im Kosmos
wird künstlich verlängert, das Anschießen zur Tugend erklärt. Es wächst die
Zahl derer, die als Ego anschießen. Die imitative Deduktion der Notwendigkeit
eines Egos potenziert die Störung, prolongiert die interferentielle Zeit durch
künstliche Dehnung (synthetische Kristallisation) einerseits, durch gesteigerte
Taktung andererseits. Wie Zenons Achill die Schildkröte nie erreicht, wird der
nächste Augenblick nie beginnen. Der Eindruck einer Beschleunigung entsteht
im zunehmenden Wahn, der Zeit im objektiven Gedanken zu entkommen. Das
eigene Ego soll ewig währen. Das Vergehen und der Anfang eines Anderen
werden zur Ursache von Angst schlechthin. Entstehen darf nur noch die Kopie
des Eigenen, die das Eigene perpetuiert, die eigene Existenz fraglos macht, d.h.
von nichts Anderem in Frage stellen lässt. Die wahnwitzige Obsession der
Suche nach dem zentralen Logos stellt die Akzeleration der Egologik fest. Der
eine Moment dreht sich durch seine Spaltung schneller und schneller wie Staub
im Wirbel um sich selbst. Allologoi sind künstliche Drehmomente. In ihnen
vermisst sich die Zeit. Sie sind die Unruhe hybrider Zeitmaschinen, die die Zeit
beherrschen wollen, statt sie geschehen zu lassen. Diese Maschinen sagen nichts
aus, sondern sie ticken, und den Konstrukteuren obliegt folglich als einzige
Aufgabe, das Ticken am Laufen zu halten, und mittels des Taktes die Welt
vermessen(d) zu erklären. Da sie aber dem Augenblick, der jeweiligen Moment-
206
Aufnahme des Geschehens in der perpetuierten Imitation des Immer-gleichen,
die das Neue, dem so große Bedeutung beigemessen wird, immer wieder und
immer schneller simulieren soll, und in der Perhorreszierung des
unberechenbaren Stets-anderen, das ein Neues nicht als ein Neues erkennen
lässt, sondern lediglich als ein anderes, das keine Bedeutung hat außer der, dass
es eben gerade ist und dann nicht mehr, und das deshalb nie geschehen soll,
nicht gerecht werden, ticken diese Maschinen einfach nicht richtig. Bastian
wehrt sich vehement gegen die Vereinnahmung durch diese bombastische
Deduktion, die zunehmend die Wirklichkeiten auslöscht. Ihr stellt er seine
Induktion entgegen, die auf positiver Empirie fußt, und sich den jeweiligen –
seien sie anders, seien sie innovativ – Darstellungen nicht verschließt. Im
Sammeln der accounts, das sich nicht weiter mit jedem einzelnen account
aufhält, lässt er jeden Augenblick wieder geschehen, bringt er die
Gedankenreihen in den Fluß des Geschehens zurück. Sie werden wieder zu den
Zeugnissen der Interferenz, zu den Inferenzen der Interferenz. Sie bezeugen
nicht mehr die eine Logik, sondern verweisen wieder auf die ihnen
eigentümlichen Logiken und Gesetze: die Tropen des Werdens. Er begibt sich
des egologischen Wahns und wendet sich den Wirklichkeiten zu, um dem
Denken auf die Spur zu kommen, das in dem Subjekt augenblicklich geschieht.
Dieses Denken ist gewissermaßen die Seele des Subjekts. Deshalb heißt sich
Bastian Psychologe. Wie bereits gesagt, sind die accounts die Elemente des
Denkens. Im Sammeln der Allologoi versucht Bastian die accounts zu
analysieren, die künstlichen Synthesen zu durchstoßen. Deshalb hat er guten
Grund, seine Psychologie naturwissenschaftlich zu nennen. Ihre Methode ist die
positive, induktive Empirie, die sich jeder sekundären Hermeneutik entschlägt.
Im account ist der Moment schon verstanden und verwertet, falls das Subjekt
ihn hatte geschehen lassen und nicht verstehen will, was da verstanden wurde,
und dann wieder verstehen will, was es vom Verstehen verstanden hat, und ...
ad infinitum. Jeder account ist das heureka des momentanen Geschehens. Es an
207
sich verstehen wollen, würde ihm seinen Erkenntnisgewinn nehmen, der darin
liegt, weiterdenken zu können. Und nur im Weiterdenken zeigt sich der Hauch
der kosmischen Begeisterung, zeigt sich der Sinn des Geschehens. Das
Weiterdenken ist das Operieren im Geschehen, das Konstruieren in der
Wirklichkeit, anstelle der Konstruktion einer vermeintlichen Wirklichkeit. Das
Weiterdenken gelingt nur, indem man sich noch dem Kleinsten und
Unscheinbarsten zudenkt, noch sich mit dem, was allgemein für das
Unbedeutende oder gar Verabscheungswerte erachtet wird, befasst. Nur hier
zeigt sich das Geschehen unbotmäßig, also die Unendlichkeit: das Wirken der
kosmischen Harmonie. In den Gedanken des sogenannten Großen ist das
Denken nicht mehr fein und vielfältig genug, um die einzelnen Wirklichkeiten
zu vernehmen. Das Große nimmt nicht am Geschehen teil, es blockiert es, um
botmäßigen Etiketten aus egoistisch Gründen zu genügen, um in künstlichen
Gebieten zu reüssieren. Das sogenannte Große ist nichts weiter als ein
Zeitvertreib des eingebildeten Egos, das sich selbstherrlich dem Geschehen in
den Weg stellt, um mit dessen Wirklichkeiten nicht belastet zu werden. Die
Wirklichkeit darf dem Großen nicht zu nah kommen. Das Große ist das
Ergebnis von schlechthinnigen Denkspielen, aber nicht vom Denken
schlechthin; von Rollenspielen, deren Rollen nur untereinander Bedeutung
haben, aber außerhalb des Spiels ohne Belang sind.261 Solche Spiele entbehren
jeder realen Praxis und jedes pragmatischen Nutzens. Sinnlos füllen sie die Zeit.
Es sind Ablenkungsrituale und Übersprungshandlungen. Sie induzieren das
Subjekt nicht ins Geschehen und das Geschehen nicht in das Subjekt. Im Denkund im Rollenspiel fällt das Subjekt aus der Welt und halluziniert das angeblich
ganz Große, als das es sich selbst gerne sehen möchte, und seine
Zusammenhänge, deren Fäden es spinnen möchte. Künstliche Bezüge sollen das
261
MiG I:127f.: „Nicht in der Auffassung des Ganzen und Grossen, sondern in den kleinsten
Theilchen liegt für uns die Unendlichkeit.
[...]
[...] und so wird die Philosophie nur dann, statt blosse Verstandesbelustigung zu bleiben, sich
für practische Zwecke werthvoll zeigen, wenn sie aus bestehenden Daten construirt.“
208
Geschick erklären, und das esoterische Wissen soll dem Wissenden erlauben,
das Geschick zu handhaben. Die Spiele suggerieren die Möglichkeiten des
Gewinnens und Verlierens. Wer das nötige Wissen habe, gewinne, gewinne
gegen die Zeit und über den Raum; wer es nicht habe, verliere gegen die Zeit
und an Raum. Im Spiel glaubt das Subjekt aufgrund objektiver Regeln gegen
sich selbst gewonnen zu haben und absoluter Gewinner zu sein, weil es wie kein
anderes um die Dinge wüßte. Nominiert als Absolutes beendet es das Spiel und
setzt die Endlichkeit als Absolutum, um die niemand sonst weiß und gegen die
es immer wieder zu gewinnen hofft. Weil nichts anderes mehr gilt als das eigene
Wissen, und weil dieses nicht öffentlich (exoterisch) sein darf – es soll ganz das
eigene, das authentisch Eigene und eigen Authentische, sein –, wird stets von
neuem auf das Eine, das Eigene, gesetzt, egal was man öffentlich sagt. Im
blinden Glauben auf das esoterische Wissen spielt man systemversessen weiter,
bis alles verloren ist. Bastian zieht den Spielereien der Erwachsenen den Ernst
kindhafter Induktion vor, die vor nichts aus falschem adulten Relevanzdenken
heraus die Augen verschließt und, indem sie das Wirkliche geschehen und sich
entäußern lässt, exoterisches Wissen einsammelt. Bastian entlarvt das
Erwachsenengetue als Infantilität, die sich verleugnet, und induziert eine
Kindhaftigkeit, die sich bemüht, im Wissen erwachsen zu werden, d.h.
geschehensbewußt262. Eine Kindhaftigkeit ist hier gemeint, die sagen lässt, was
es auf sich hat mit des Kaisers neuen Kleidern. Das erwachsenwerdende Kind
erkennt, wie die Dinge und die Menschen sich zueinander verhalten und
fortzeugen. Die erwachsenwerdende und dergestalt wachsende Wissenschaft
erkennt die Verhältnisse des Geschehens und die Eigentümlichkeiten seines
262
Bastian, Die Vorgeschichte, 1881:122: „Möge bald ein Befähigter erstehen, der das
Predigen besser versteht, und deshalb durchgreifenderes Gehör erzwingen wird, als dem bis
heute nur zaghaft hörbaren Lallen in Aussicht steht, so gut es damit auch gemeint sein mag.
„The natural history of man is, indeed, yet in its infancy“ (Lawrence), also mit allen
Schwächen der Jugend begabt, freilich aber zugleich auch mit allen ihren Vorzügen, und der
Hoffnungen voll, wobei die schwärmerischen in den Kauf zu nehmen sind. Trotz dieser
braucht kein Schaden gefürchtet zu werden für die practische Durchführung, wenn es damit
nur einmal erst ächter und rechter Ernst geworden.“
209
Sich-Fortzeugens. Nur so erkennt man den Ernst der Lage und kann ernst
machen mit dem Geschehen. Bastian will ernsthaft am Geschehen teilnehmen
und wirklich das Geschehen erfahren. Sich in das Geschehen einüben. Deshalb
bereist er die ganze Welt; deshalb ist er sich für keine Darstellung zu fein. Das
distinguierte Spiel der Vorstellungen überlässt er den blinden Sehern, die s.E.
lediglich nebulöse Worte orakeln, denen es an jedem Anschein von Wirklichkeit
fehlt, bzw. die die Verhältnisse der eigenen Kabale, die sich nicht mehr
kontrollieren lassen, verschleiern wollen. In den blassen Worten spielerischer
Großauguren und mächtiger „Alter Männer“ behauptet sich eine großspurige
Potentialität, die keinerlei wirklich Potenz des Auspürens von Wirklichkeit
spüren lässt, aber die Meinung, dass dem so sei, immer wieder kraft
amphiktyonischer Macht erzwingt. Die hierophantastische Erhabenheit solcher
Worte verhindert jede fruchtbare Wirklichkeitsverknüpfung. Im Erhabenen
verliert man den Bezug zur kraftspendenden und rabulistischen Mutterlauge und
verharrt im Angeschossenen, im Symbol des Aufrechten, im phallischen Diktum
eines rapistischen Spiels, das Enthaltsamkeit predigt. Die Rabulistik der
Materie/Masse unterminiert in ihrer Vielfalt das eine Wort vom Einzig Wahren,
dem entsprechend alle gefälligst zu leben haben, und desavouiert es als
redundantes, vielwortiges Geschwätz purer Willkür. Die angeblich so strahlend
überkommenen Heilsworte sind dunkel und obskur, unverständlich und
verwirrend, um so mehr je eindeutiger sie behaupten, was Sache sei, und je
fester sie beanspruchen, für alle Zeit zu wissen. Solche Worte befruchten nicht
und unterbinden das Austragen neuer Gedanken.263 Sie induzieren keinerlei
Geschehen, da sie sich nicht selbst, sondern ein Höheres als Ausgangspunkt
nehmen. Dabei sind sie selbst stets Bilder: „Spieler“, „blinder Seher“ oder gar
„stumpfes Schaf“. Ein Bild löst das andere ab und wird je nur für den Moment
263
MiG I:102: „Der Blinde sinkt leicht in ein undeutliches Traumleben zurück, den
Klarheitsgrad seiner Vorstellungen auf Null reducirend, und wie den dem Lichte entzogenen
Pflanzen die bunte Pracht der Farben mangelt, so sieht man im Stalle gehaltene Schafe den
ganzen Tag mit niederhängendem Kopfe stehen, und nur erwachen, wenn die Helligkeit durch
die geöffnete Thür eindringt.“
210
wahr. Es erfasst einen Moment des darzustellenden Geschehens, ohne eine
übergeordnete Verordnungspotenz, die jedem ihr fremden Bild ikonoklastisch
gegenüber steht, beanspruchen zu können. Die Bilder induzieren sich
gegenseitig, ohne sich ersetzen zu können. Sie können gewissermaßen nicht aus
der Reihe treten, seriell führen sie vielmehr das Geschehen fort. Kein Bild ist
Bastian abgedroschen genug, als dass er vor ihm die Augen verschließen würde,
und nichts anderes bleibt folglich auch seinem Besprecher übrig. Auch er kann
nur von Bastian und seinen Darstellungen ausgehen; auch er kann Bastians
Darstellungen lediglich induzieren. Jede deduktive Bewertung verschlösse die
Augen vor dem, was bei Bastian zu lesen steht, und leugnete den guten Grund,
den Bastian hatte, es zu verzeichnen. Eine klärende Besprechung muss also
sowohl das Verzeichnete aufgreifen, als auch die guten Gründe benennen. Jede
Herangehensweise von außen implementierte einerseits Gründe, die für Bastian
nicht gut sind, und positionierte andererseits Bastian in einem historischen
Verzeichnis, das nicht mehr vermag, als Namen aufzulisten und nach
willkürlichen Standpunkten à la mode zu evaluieren. Bevor Bastian mittels
anderer Namen geklärt wird, sollte sich der Besprecher vergewissern, ob eine
solche Klärung notwendig und nicht vielmehr eine Verunreinigung im Gewand
der Reinigung ist. So wird es in der Besprechung notwendig, sich auf
unglaubliche Bilder und Bilderkombinationen einzulassen, denen kein bereits
legitimierter Gewährsmann als originale Quelle schützend beigestellt werden
kann. Der Besprecher kann sich, will er sein Thema nicht aus den Augen
verlieren, nur auf den zu besprechenden Gewährsmann verlassen und dessen
Aussagen, die ihm als zu besprechende doch zuerst sekundär erscheinen, nur als
primäre nehmen. Er muss sich selbst zurücknehmen. Er muss Bastian, soll seine
Besprechung irgendeinen Wert haben, beim Wort nehmen, will er irgendetwas
von ihm verstehen. Bastians Aussagen müssen ihm je Ausgangspunkt seiner
Besprechung sein, die, soll sie sinnvoll sein, je zu ihm zurückführen muss. Nur
so kann die Besprechung ihn wirklich verstehbar machen und nicht einem
211
veritablen qui(d) pro quo verfallen, mittels dessen lediglich ein unliebsames
Unbekanntes durch ein längst favorisiertes Bekanntes ersetzt wird. So entginge
man zwar der angeblichen Sprunghaftigkeit der Bilder durch den Schwenk zu
der alleserklärenden Prägnanz eines aktuellen Settings, dessen Erklärungspotenz
aber lediglich in seiner Modehaftigkeit, d.h. in seinem großen Bekanntheitsgrad
läge. Der derart provozierte Aha-Effekt lässt in der Begeisterung über die
angebliche Stimmigkeit der Übereinstimmung das ursprünglich zu
Besprechende vergessen. Nicht eine diskursive Auslegung, deren Stimmigkeit
zu prüfen ist, findet statt, sondern eine pathische Vereinnahmung, deren
Stimmung sich jeder Dekonstruktion entzieht. Die allseits bekannte Kohärenz
des aktuellen Settings wird als die eruierte des Besprochenen genommen, die
zwar noch nicht so evident gewesen sei wie die aktuelle, aber doch gewiss
Vorläuferqualitäten gehabt habe. Eine gnädige Instanz spricht antizipierende
Relevanz zu, die aber gerade jede Relativität des Aktuellen kappt, indem sie es
verabsolutiert. Das Alte hat keinen Bezug zum Aktuellen, sondern ist
dilettantischer Prototyp, dessen Dilettantismus in der historischen
Perfektionierung, deren Rekapitulation Zweck der Beschäftigung mit dem Alten
sei, aufgehoben wird. Die Besprechung des Alten mutiert so zur Hagiofizierung
des Neuen, Geschichte ist demnach der Prozess einer Vervollkommnung. Sinn
einer solchen Besprechung ist also nicht die Verstehbarmachung des Alten,
sondern die Rechtfertigung des Neuen, das angebliche Thema nur Mittel zum
Zweck. In diesem Sinne könne das freilich immerhin Antizipierende keinesfalls
mit dem aber Aktuellen konkurrieren, viel zu unausgegoren und nur angedeutet
sei jenes Kohärenz. Lediglich in der Antizipation habe es große Bedeutung und
müsse als solche je verstanden werden. Nur eine skopische Hermeneutik könne
folglich mit dem Althergebrachten etwas anfangen. Gegen eine solche
Vereinnahmung und Instrumentalisierung muss sich der Besprecher Bastians
notorisch und energisch wenden und wird Unterstützung darin noch bei Bastian
selbst finden, falls er ihn zu Wort kommen lässt. Die abgehobenen
212
Verstehensspiele der Zeitgeistigkeit ablehnend versucht die Besprechung
Bastian ernst zu nehmen und kein Höheres (allerdings auch kein Tieferes) über
(unter) ihm zu akzeptieren. Seinen Ansatz sieht sie als paritätisch in der
wissenschaftlichen Landschaft stehend und dergestalt nimmt sie ihn als
Ausgangspunkt. Sie prüft erst seine Integrität, um danach abzusehen, in wie weit
dieser Ansatz integraler Bestandteil der Wissenschaftsgeschichte ist, d.h. in wie
weit er mit anderen Ansätzen korrespondiert. Wohlgemerkt muss es sich dabei,
um es nochmals zu sagen, um Korrespondenzen handeln, keinesfalls um Quid
pro quos. Kurzum: die Besprechung Bastians muss sich ebenfalls einer
induktiven Herangehensweise befleißigen, die die Texte Bastians ernst nimmt,
doch vor allem auch wahrnimmt. Von Bastian selbst kann sie diese Methode
erlernen, weshalb sie ihn umso ernster zu nehmen vermag, umso genauer
wahrnehmen will und hofft, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Sie stünde
dann nämlich außerhalb des anzuzeigenden Geschehens. Die Besprechung kann
nicht gelingen, wenn sie Bastian zu Ende spricht und behauptet, nichts anderes
gelte nunmehr. Vielmehr muss die Besprechung, will sie zumindest
einigermaßen gelingen, immer wieder das Wort an Bastian abgeben und sich
sein Wort unterstellen lassen, so dass er auch zu anderen als zu ihr das Wort
erheben kann; so dass vielleicht auch andere sich angesprochen fühlen können.
Die Besprechung steht über dem Bastian’schen Text, ohne sich über ihn zu
erheben. Nur indem die Besprechung von jeder Verteufelung oder
Vergöttlichung absieht und den Menschen Bastian beim Wort nimmt, kann sie
ihn ausreichend induzieren264, d.h. seine accounts wieder ins Geschehen und auf
die Reihe bringen.
264
MiG I:XI: „Die Menschheit, ein Begriff, der kein Höheres über sich kennt, ist für den
Ausgangspunkt zu nehmen, als das einheitliche Ganze, innerhalb welches das einzelne
Individuum nur als integrierender Bruchteil figuriert. Die im sprachlichen Austausch
gegebenen Ideen, obwohl ein secundäres Product individueller Denkprocesse, müssen als
primärer Anfang gesetzt werden, um durch Rückschlüsse diese zu verstehen.“
213
2. 3. 4. Gedankenreihen: Entelechie und Interferenz
Unsere Identität liegt nicht allein in der Psyche. Sie liegt im Geschehen,
in den Wechselwirkungen des Materiellen. Ihre Bestimmung liegt im Wachsen
und Fortpflanzen, im Weiter-sich-geschehen-lassen. Die Formen sind nicht
endgültig schon gegeben. Sie verändern sich. So ist auch die Identität nichts
Festes, sondern jeweiliges Resultat im Geschehen. Ordnung und Verstörung
hängen zusammen. Im jeweiligen Augenblick ordnet sich die Verstörung in
einer Identität. Treffen bestimmte Geschehensbewegungen aufeinander,
geschieht ein notwendiger Prozess. Ebenso verhält es sich mit dem Denken. Wir
denken nicht, wir sind im Denken. Im Denken liegt der Sinn des Lebens. Geben
wir uns dem Denken hin und lassen es geschehen, erfüllen wir den Sinn des
Lebens. Da wir nicht selbständig denken können, ist ein jedes Denken über den
Sinn des Lebens nicht nur müßig, vielmehr sogar schädlich. Es stört die
Identität. Was durch die Gesetzmäßigkeit des Geschehens virtualiter vorgegeben
ist, muss auch realiter geschehen. Wie es geschehen wird, ist nicht vorhersehbar
und also nicht vorherzusagen. Was entsteht, entsteht kontingent. Ist es einmal
entstanden, wird es notwendig geschehen. Es kann nicht anders. Man entkommt
dem Geschehen nicht. Die Fassung jedes Einzelnen wird nicht von einer
bestimmten Verfassung bedingt, sondern die Fassung wird – von den anderen
Dingen bedingt. In der Verfassung liegt lediglich die Bedingung, dass die Dinge
bedingt werden. Die Kondition der Dinge ermöglicht die einzelnen
Bedingtheiten. Die Grundbedingung des Kosmos muss positiv sein, da sonst
nichts bestünde. Wäre sie negativ, gäbe es für das Vorhandensein der Dinge
keinen Grund. Man fiele in den Abgrund des Suchens nach dem Grund des
214
Seins. Es gäbe keinen Sinn im Leben. Es gäbe keinen Grund, das Geschehen
geschehen zu lassen. Aber es gäbe auch keinen Grund, es zu zerstören. In der
Positivität der Materie – selbst als Verstörung – liegt die Grundbedingung dafür,
dass etwas wächst und dass es im Wachsen sich erfüllt und sich erfüllen kann.
Die Positivität der Verstörung bedingt die Entelechie des Geschehens. Das Ziel
dieser Erfüllung liegt folglich in der Materie selbst, sie wächst, um Materie zu
sein. Im Wachsen und Geschehen darf die Materie sich nicht verleugnen und
nicht geleugnet werden. Die Materie muss bei sich, muss konkret bleiben. Da
das Denken ebenfalls nur im Geschehen, also materiell sein kann, darf auch es
sich nicht in eigenmächtiger Virtualität vom Materiellen lösen. Es darf nicht
abstrahieren. Es verleugnete so die Virtualität des Geschehens, nämlich die
Positivität der Gesetze im Geschehen. Das Denken käme dem Geschehen nicht
auf die Spur, wäre folglich und zudem verfassungswidrig. Nur indem es sich im
Geschehen dem Materiellen zuneigt, geschieht es selbst. Das Denken, wenn es
denn geschieht, muss zur Erde fallen wie der Stein, den man loslässt. Die
Gedanken können sich der Gravitation des Seins nicht entziehen, außer sie
wenden sich gegen den Sinn, gehen gegen den Sinn vor und sind sinnwidrig.
Nur in einem gewaltigen Kraftakt, in einem kraftvollen Gewaltakt können die
Gedanken der Gravitation enthalten werden. Mag es auch so aussehen, als
würden sie die Gravitation überwinden und beherrschen, so beherrscht doch
lediglich der Gewaltakt die Szene. Im Aufwenden der Kraft, in dem gewaltigen
Aufwand der Macht müssen das Gewaltige und die Kraft sich jedoch verzehren
und als Ausgezehrtes letztendlich dem Geschehen völlig geschwächt wieder
anheimfallen. Das jeweilige Leben wird so vertan, glaubt aber, in Erfüllung
gegangen zu sein. Daher die melancholische Stimmung solcher Gedanken, bzw.
ihre Sehnsucht nach Erlösung, einer Erlösung, die ein Gott geben müsste.
Bastians Sinnen nach Ruhe liegt im Geschehen selbst, liegt in der Identität des
augenblicklichen Seins. Sein Denken versucht sich zum Materiellen, zum
Substantiellen abzuschwingen, um identisch mit deren Gesetzmäßigkeit zu
215
werden. Logoi sind für ihn akzidentielle Störungen der substantiellen
Gesetzmäßigkeit.265 Zwar geschieht das Geschehen aufgrund von Interferenzen,
doch beruht es auf der kosmischen Harmonie. Gibt sich das Denken dem
Geschehen hin, indem es die Logoi, ohne einem einzelnen sich zu verhaften,
reiht, erfüllt sich der Prozess des Geschehens. In den Gedankenreihen kommt
die provozierte Interferenz zur Ruhe der harmonischen Schwingung, d.h. das
Denken ist so bei sich. Nur in einem solchen Denken können wir jeweils
Identität haben, weil diese eben in ihrer Potentialität angeboren ist. Das
Potenzgebaren jeder künstlichen und künstlich dauerhaften Identität trennt
Gedanken und Materie. Das Denken wird schizophren, d.h. entweder autistisch
unverständlich, oder größenwahnsinnig universalhermeneutisch. Entweder man
nimmt nichts außer sich selbst oder man nimmt alles als dem eigenen Selbst zuund angehörig wahr. In beiden Fällen gibt man sich nichts anderem hin und
entzieht sich so dem Geschehen, das auf der Bedingtheit jedes Einzelnen – und
nicht auf der Unbedingtheit eines einzelnen Einzigen – basiert, d.h. das nur in
Wechselwirkung geschehen kann. Im Autistischen, resp. Universalen befruchtet
sich nichts, sondern ein einziges vernichtet alles andere und verkümmert
letztendlich allein, egal wie euphemistisch der Einzelne das auch denken mag.
Das Einzige, wie heldenhaft es sich auch dünkt, ist stets das letzte, das
allerletzte. Es denkt zwar, es sei nicht von dieser Welt und könne deshalb nicht
hinfallen und hinfällig sein. Doch hat es sich selbst gerade fallen lassen,
vergeblich versuchend, sich an einzelnen Gedanken eigener Provenienz
festzuhalten, wodurch es nur das Denken aufhält. Das Einzelne denkt nicht. Das
265
MiG I:96: „Angeboren (mit-wesentlich nach Cadworth) allerdings sind die Gesetze der
Identität wie das der Causalität, angeboren virtualiter (prädeterminirt, aber nicht präformirt,
nach Beneke’s Ausdrucksweise), wie (implicite, um seccessiv hervorzugehen) die Blüthe und
die Frucht der Pflanze schon im Samen in nuce liegt, wie die Spiraldrehungen der
Gefässbündel schon vorgebildet (nicht entassé für die materielle Auffassung) sind (wobei die
Möglichkeit accidenteller Störungen nicht ausgeschlossen bleibt). Sie entwickeln sich
nothwendig aus der Erscheinungsweise, aus der Natur des Denkens, in derselben Weise, wie
nicht jeder Körper zu fallen braucht, aber wenn er fällt, zur Erde fallen muss, wie nicht jede
Kieselsäure zu krystallisiren braucht, aber wenn sie krystallisirt, in Rhomboëdern
anschiesst.“
216
Einzelne hofft, dass im einzelnen Gedanken sich die Wahrheit zeigen möge, die
das Fallen in ein engelsgleiches Schweben transformiere, in dem es je identisch
bleiben könne, weil es von nichts infiziert werde, von allem Kontagiösem und
Kontaminierendem erlöst sei. Abgehoben glaubt das Einzelne in seiner
Selbstsucht, es könne so bleiben, wie es ist, es werde sich nie mehr verändern.
Es sagt: stopp!, und hält inne. Es sagt zu sich, dass es gut sei. Im Stocken des
Geschehens versucht es sich jeder Transgression zu entwinden, um sein Selbst
zum Alles zu transformieren und so allmächtig zu sein und Grund allen Seins,
der fest in sich ruht. Man glaubt, man ruhe dann souverän in sich selbst und
beherrsche alles ohne Mühe. Man wiegt sich in Sicherheit, weil die eigenen
Gedanken in Anschauungen zur Ruhe kamen, wie man meint. Aber jeder fremde
Eindruck stört sie auf und lässt sie um das eigene Selbst im Lichte der eigenen
Erkenntnis kreisen wie einen Fliegenschwarm im Licht einer Lampe. Die
Faktizität des Lebens selbst fordert die unendliche Serie der Gedanken im
unentwegten Fluss der Impressionen, fordert die Verstörung eines Geschehens.
Das Leben selbst als organische Aufwerfung – und nicht als egologischer
Entwurf der Geschichtsbeherrschung – ist der Grund, warum wir das Geschehen
nicht beherrschen können. In der Beherrschung würden wir, indem wir uns vom
Organischen lösen, das Leben auslöschen, die Unruhe des Seins. Im Entwurf des
perfekten Egos verwerfen wir uns selbst. Nur indem wir denkend das Geheimnis
des Geschehens akzeptieren, ermöglichen wir dem Denken den Eintritt in das
Geheimnis. Nur dann kann man von einem lebendigen Denken sprechen, in dem
das Leben sich im Denken und das Denken im Leben niederschlägt und sich
nicht eins im anderen aufhebt. Nur das kondensierende, präkipitate Denken hat
die notwendige Schwere, sich dem Organischen einverleiben und in ihm
fortpflanzen zu können. Sollte der sublimierte Gedanke des reinen Ichs das
sublime Sein in seinem entmaterialisierten Wesen fassen und im Nichts der
Entgeisterung verpuffen, so schlägt sich das infime266 Organischen, das hybride
266
zu den Begriffen des „Infamen“ und „Infimen“ siehe: Michel Foucault, Das Leben der
217
Werden der Interferenz, die nun einmal statthat, also dasjenige, was substantiell
unsere Existenz ausmacht, in den vielfältigen Infamien des „refaktischen“267
Denkens nieder, also in den akzidentiellen Gedanken, wie sie von den einzelnen
Menschen der Masse gedacht werden und wie Bastian sie zuhauf sammelt. Die
infamen Gedanken der Durchschnittsmenschen sind die integralen Zeugnisse
unserer Existenz. Nur in der Bewegung der Präkipitation, des niederkommenden
Abschwunges, im gravitätischen Geschehenlassen eines graviden Organischen,
das infam, ohne jede Hemmung Zeugnis von sich selbst ablegen darf, liegt die
Möglichkeit, dass die Verstörung als Durchgangsstadium erkannt wird, das es zu
passieren gilt. Nur in der Unruhe des Infimen liegt die Möglichkeit einer Ruhe,
die von völlig anderer Art ist als die Phantasmagorie des Sublimen von der
Selbstfindung und vom souveränen Ruhen-in-sich-selbt, mittels derer man jede
Unruhe beherrschen zu können glaubt; liegt die Möglichkeit einer Ruhe diesseits
und jenseits der Dichotomie von Ruhe und Unruhe: es ist die ruhige
Schwingung der kosmischen Harmonie. Das interferentielle Organische trägt die
Harmonie in sich, wie das Wort „Unruhe“ das Wort „Ruhe“. Die Ruhe ist nicht
sublimes Gegenteil, sondern integraler Bestandteil infimer Unruhe. Jede
entäußerte Infamie der Unruhe, des organischen Gewimmels, trägt die Fama der
Ruhe, der kosmischen Schwingung, in sich. Solange das Sein interferentiell
bedingt ist, provozieren die Wechselwirkungen des Heterogenen, provoziert die
notwendige Hybridität der Existenz das Geschehen und lässt es zum Glück
geschehen. Aufgrund der Hybris einer angeblichen Reinheit entzieht der
sublimierende Sucher der Souveränität sich auf fatale Weise der eigenen
Existenz, die er für eine unglückliche hält, und inszeniert eine unbedingte
Ruhe268 der Inexistenz, die so sehr fasziniert wie abschreckt: der Sublimierende
weiß sich gewiss nie dort, wo er sich doch unsicher je wähnt, da es schlichtweg
infamen Menschen, Berlin 2001
267
„refaktisch“ bilden wir grammatikalisch nach dem gleichen Muster wie „Republik“: res
publica wird zu Republik, res facti [vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:3] zu
refaktisch.
218
keinen bedingungslosen Ort gibt. Er stirbt im Gedanken des
Universalverstehens, des erschöpften Nichtens, dem nichts fremd ist und somit
alles Fremde nichts. Doch solange nicht wirklich alles verstanden ist, wie der
Sublimierende meint, solange also noch etwas fremd ist, solange quält der
Sublimierende sich sterbend weiter, haftend an den letzten Dingen, die sich noch
nicht in reine Gedanken verflüchtigt haben, um sie endlich aufzulösen, und um,
wie er glaubt, in Ruhe sterben zu können. Ein solches Denken, das im Gedanken
sich verflüchtigen und aufheben möchte, weil es sich siechend dünkt, kann am
Geschehen „natürlich“ kaum mehr teilnehmen. In der Illusion, alles zu
verstehen, hält es sich für fast schon jenseitig und allgewaltig. Dabei ist es nach
Bastian lediglich verkümmert und des Wachsens und Fortzeugens unfähig und
damit auch der wirklichen Transformation, die der Transgression bedarf, des
bewußten Eintretens ins Geschehen, bei dem sich das Denken dem Geschehen
vor Ort eingliedert und leibhaftig teilnimmt. Das siechende Denken versucht
hingegen exklusiv zu sein und das Geschehen in Reih’ und Glied zu stellen, um
synthetische Geschehnisse zu erzeugen, denen es willkürliche Plätze zuweisen
möchte, an denen sie gefälligst zu geschehen haben. Es glaubt, die
Befehlsgewalt über das Geschehen zu haben und sieht sich nicht in seiner
Verkümmerung, die bewirkt, dass das Geschehen je anderswo zu sein scheint.
Wer das Leben zu beherrschen versucht, nimmt nicht an ihm teil, lebt nicht „im
Denken die Geheimnisse des schöpfenden Schaffens“269. In einem solchen
Denken versteht man zwar nicht alles Fremde wie von selbst, also wie das
Eigene, erhält sich aber die Möglichkeit, jedes Einzelne wahrzunehmen. Man
sieht verständnislos nicht in jedem sich selbst, sondern das, was es ist, was man
aber (noch nicht) versteht. Das allesverstehende Denken bestätigt sich selbst in
268
Coolness nennt man die heutzutage, vgl.: Frank, Thomas: The Conquest of Cool. The
University of Chicago Press, 1997.
269
MiG I:93: „Das Erwachen des Lebens selbst stört die Ruhe des Nichtseins, um sich eine
höhere Ausgleichung zu erkämpfen und so die Zwecke der Weltordnung zu erfüllen, da die
Verwickelungen heterogener Zusammensetzungen häufig als Uebergangs- und
Durchgangszustände für vollkommenere Erzeugnisse nothwendig werden. Wir leben im
Denken die Geheimnisse des schöpfenden Schaffens.“
219
jeder Reflexion, es nickt sich gewissermaßen selbst zu und hat nichts anderes
mehr im Blick. So wähnt es sich sicher und hält sich wortwörtlich aus allem
heraus. Dieser Selbstverwahrung versucht das unverständige und daher
unverständlich scheinende, registrierende Schreiben Bastians zu entgehen. Es
nimmt sich nicht selbst in Gewahrsam, sondern versucht gerade in Kontakt zu
treten, die Nerven für solche Kontakte so empfindlich wie belastbar zu halten.
Es schafft sich die Bedingung eines eigenen Sensoriums und eines eigenen
Nervensystems, das die Wahrnehmungen verarbeitet, indem es sie speichert, d.h.
in den Organismus einlagert. Dieser Organismus ist Bastian die Wissenschaft.
Sie entsteht und wächst, indem sie geschieht. Wie ein Organismus, der wächst,
sich spezifiziert und differenziert, der komplexer wird, ein Nervensystem
ausbildet, so hofft Bastian, dass die Wissenschaft ein vergleichbares System
entwickelt. Seine Texte wachsen wie Organismen. Die Account-Sammlungen
sind Organismen, Bäumen und ihren Jahresringen, vergleichbar. Sie wachsen
und können durch Propfungen veredelt werden, damit sie reiche Frucht tragen
werden.
Dass sich bei Bastian – und somit auch hier – Pflanzen- und
Tiermetaphern durchmischen, ist ohne Bedeutung. Bei Bastian (und nicht nur
bei ihm) entwickeln Metaphern, Bilder und Konstruktionen eine Eigendynamik.
Bastian hofft selbst, dass aufgrund dieser Eigendynamiken Verdichtungen
stattfinden, die neues gedeihen lassen. Die also die Materie geschehen und im
Geschehen die Materie Bewußtsein erlangen lassen, indem sie das Geschehen
innervieren und indem das Geschehen seinerseits sich der Nerven bedient. Die
Materie wird empfindlich. Totes, kompostiertes Gewebe wird wieder belebt und
brauchbar. Der Körper kann seiner Bestimmung wieder nachgehen. Es kann
wieder etwas geschehen. Er geschieht wieder. Im Geschehen wird das
Nervensystem sich des Körpers bewußt, indem der Körper das System nicht
220
abstößt. Der Organismus wächst.270 Das Denken, d.h. die Verarbeitung der
Wahrnehmung in den Nerven, kann ausschließlich in einem Körper und mit
einem Körper geschehen. Es kristallisieren sich keine erhabenen Gedanken aus,
die sich des Körpers enthalten sollen, also verleugnen, also verletzen. Das
Denken schwingt sich ab und denkt sich dem organismischen Geschehen zu:
d.h. sich selber denken. Wer ein Ich denkt, denkt ein andres. Das Denken, das in
und mit einem Körper denkt, denkt sich: es geschieht. Es denkt nicht über sich
nach, es ist, solange es körperlich geschieht, je bei und in sich – in jedem
Augenblick. Die Reizung, die Reibung schwindet. Es findet kein materieller
Verschleiß statt, sondern Wachstum. Das Klaffende nähert sich an, die Wunde
schließt sich, der Organismus wird eins, wird Individuum und als solches der
materiellen Verstörung gerecht. Das Individuum kann seinen/ihren Weg gehen,
indem es der Entelechie des Abschwungs und des Abklingens folgt und sie
fördert. Die positive Beschleunigung der Entelechie mittels systematischer
Wissenschaft lässt die Verstörung geschehen, so dass sie schneller abklingt und
zur Ruhe kommt, d.h. die Dissonanz geht in harmonischen Wohlklang über, der
aus Gründen der Harmonie die Dissonanz gebraucht hatte, um durch sie bewußt
fortzuklingen. Bastian anerkennt eine Monadologie, doch muss er aus sich
ergebenden Gründen jede Prästabilierung oder Präformierung ablehnen. Ebenso
jede Theo-, Onto- oder Anthropodizee. Es gibt nichts zu rechtfertigen. Weil es
ist, gehört es dazu und muss so sein. Wie die Krankheit zum Leben gehört, das
sich durch sie und in ihr selbst heilt. Es ist so. Es geschieht so. Jede
Rechtfertigung würde sich diesem Geschehen entziehen, weil sie eines Gottes
oder eines geschehensexternen numinosen Wesens bedarf, das verstört, um zu
faszinieren. Jeder selbstherrliche Versuch der Ausmerzung von Krankheit lässt
diese nicht abklingen, sondern hemmt den Heilungsprozess und merzt
270
MiG I:61: „Wie die Zelle sich als im Moment des angestrebten Abschlusses zu neuer
Thätigkeit angereizte Krystallbindungen versinnlichen lässt, so ruft in dem mit und durch ihr
Fortwachsen sich mehr und mehr complicirenden Organismus die Nothwendigkeit, die
Einheit zu bewahren, das die gesammten Theile im Centrum vereinigende Gewebe des
221
letztendlich das Leben selbst aus. Dem Arzt obliegt es vielmehr, den
Heilungsprozess zu unterstützen. Er unterstützt gewissermaßen die Krankheit,
damit sie zu Ende geht. Er bekämpft sie nicht. Beide würden sich aneinander
verschleißen und die Lage verschlimmern.
Nochmals: bei allem Metaphernmix und aller Emergenz, es darf nie
vergessen werden, dass Bastian realiter Arzt ist und dass er als Arzt
wahrnimmt.271 So weist, wie in der Medizin üblich, ein positiver Befund je auf
eine Störung hin. Bastians positive Empirie diagnostiziert eine Verstörung. Das
ist allerdings kein Grund, in Pessimismus zu versinken und alles Gegebene
nichten zu wollen, weil es schlecht sei und daher besser vielmehr nichts sein
sollte. Die Symptome haben ihren Sinn. Sie sind nicht die besten aller
möglichen. Sie sind lediglich diejenigen, die da sind. Müßig ist es, hic et nunc
über Verhältnisse und Relevanzen sub specie aeternitatis zu spekulieren. Das
Nervensystems hervor, um die Entwicklung des Geistes aus den körperlichen Vorgängen im
Organismus des Individuums zu vermitteln.“
271
Vgl. z.B. folgenden „kalten“ und „kühlen“ Blick des Arztes gegen „eine Zeitfrage, nicht
nur eine brennende, sondern die brennendste der Gegenwart “[Bastian, Die Vorgeschichte,
1881:119f.], ibid.:118f.: „Wenn dann nach Concentrirung des Thatsachengewirrs zur Essenz
der Theorien, ein mit solchem Extract geklärtes Auge den Menschengedanken in all den
Wandlungen seiner Existenzmöglichkeiten und, in diesen wieder, die Verkettungen der
Evolutionsreihen (im Nebeneinander und Nacheinander gegliedert) mit kurzen Blicken zu
durchschauen und, bei Vereinfachung der verwickelten Rechnungen unter den Formeln eines
höheren Calculs, zu verstehen vermag, dann wäre damit das von der Natur selbst gelehrte
Grundgesetz für gesunde Normal-Entwickelung des gesellschaftlichen Staatslebens gegeben,
also auch die Indication für Rectificationen, soweit sie sich nöthig zeigen: und was aus den
Objecten studirter und secirter Organismen der Naturstämme gelernt wäre, das könnte dem
Organismus desjenigen Staatslebens zu Gute kommen, worin das eigene Subject
eingewachsen, selbst erwächst [hier gibt sich nicht letztendlich doch der Egoismus als Motiv
des Handelns kund, sondern Bastians Einsicht, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied
ist; KPB]. Bisher standen oftmals nur historische Leichen zur Disposition – sie freilich von
grandiosester Form, in ihren Skeletten selbst noch imposant, jetzt jedoch treten zugleich
Vivisectionen [d.h., da sozialpsychologisch, unblutig. Jede blutige Intervention unter den
Naturstämmen vereitelte gerade die Vivisektion. Der Ethnologe, der in fremde Kulturen
eindringt, ist selbst das Skalpell! KPB] hinzu, aus der Hülle und Fülle des bunten
Völkergetümmels überall aufgegriffen, und in der Vergleichung beiderseitiger Daten, sowie
der dadurch gelieferten Ergänzungen, mag manche Verhüllung zerrissen, manch’ ungeahnter
Ausblick in die Geisteswelten eröffnet werden.“ Der Leser merkt, dass man Bastian nicht
genau genug lesen kann, d.h. aus der Perspektiver Bastian’scher Konzepte und nicht aus dem
Blickwinkel eigener Voreingenommenheiten. Bei Bastian – und nicht nur bei ihm – muss man
stets auf das Anschießen der eigenen Assoziationen achten. Zu schnell hat sich eine falsches,
ein aus eigener Lauge anschießendes Bild herauskristallisiert.
222
hilft niemandem und ändert nichts, außer dass man untätig wird. Gerade weil es
nichts ändert, ist man untätig. Und man ist untätig, weil man spekuliert. Man ist
nicht im Geschehen, man nimmt nicht teil, weder passiv noch aktiv. Die
spekulativen Gedanken berühren nicht, schneiden nicht ins Geschehen ein, sind
nicht vivsezierend. Sie sind nicht sinnvoll an sich, lediglich symptomatisch und
als solche sinnvoll: als Anzeichen selbstverursachter Verstörung, als
kontraindizierende Verschlimmerung des Gegebenen. Jedes Denken von der
Besten aller Welten verschlimmert jedes Gegebene, weil es an ihm nicht
wirklich teilhat, sondern sich außerhalb stellt. Gute, aber rein spekulative
Zusprüche haben noch keinem Patienten geholfen. Jemanden zu sagen, alles
werde gut, man solle optimistischer sein, hat noch immer die augenblickliche
Lage verdunkelt. Alles wird nur dann gut, wenn man aufhört zu wollen, dass es
gut werde, d.h. wenn man die Dinge einfach geschehen lässt und sie nicht – mit
welchem „nur-das-Beste-wollen“ auch immer – dem eigenen Kommando
unterordnet. Jemandem zu sagen, er sei das beste, was möglich ist, kann keine
Verstörung erklären, kann kein Leid mildern. Die Verabsolutierung wird
zynisch, und der kaustische Zynismus nimmt dem Patienten den Glauben an das
Geschehen: er paralysiert ihn. Der Patient beginnt, sich zu verwehren, sich jeder
positiven Empirie zu erwehren. Er entzieht sich den accounts. Das System wird
perforiert und droht zu zerfallen. Das Ganze erleidet einen Rückschlag, einen
Rückfall, eine Regression. Die harmonische Durchwesung wird mehr denn je
geleugnet. Geschehen wird mit Verwesung identifiziert und somit als endlich
angenommen. Der Mensch, der Ich zu sich sagt, sieht im Ende des eigenen Ichs
das Ende der ganzen Welt. Die ganze Welt ist ihm sein eigenes Ich, an dem er
klammert wie das Kind an der Mutter. Es stellt sich aber die Frage, warum
überhaupt noch etwas existiert; warum das Ganze nicht schon lange zu Ende
gegangen ist? Mag dem Ich das Geschehen wie Verwesung erscheinen, aber
doch nur weil es außer sich nichts wahrnimmt. Im Ich ist der Mensch außer sich
und nur in sich wäre er im Geschehen und könnte wahrnehmen. Auch wenn er
223
also nichts wahrnehmen kann, verbleibt ihm die Chance, die Durchwesung zu
bemerken, indem er sich in der Verwesung geschehen lässt. Denn weil er
geschieht und nicht vielmehr nicht, muss die Harmonie da sein. Es gäbe sonst
keinen Grund, warum man nicht augenblicklich stirbt, resp. warum man je
geboren wurde. Solange die Menschen in ihrem Ich außer sich sind, können sie
die kosmische Harmonie nur hypostasieren. Sie muss sein. Sonst wäre nichts.
Auch die Verstörung nicht. Da die Materie da ist, also etwas da ist, ein Befund,
gibt es eine Störung usw.. Kein Befund, kein account hieße, dass alles in
Ordnung wäre, hieße aber auch, dass das niemand mitbekäme. Das Wort
Ordnung hätte dann keinen Sinn mehr, jedes Wort hätte dann keinen Sinn mehr.
Nur in der Unordnung hat jedes Wort einen Sinn, jeder account, jeder Befund.
Jedes Symptom ist Kennzeichen einer Krankheit und ist auch zugleich das
Kennzeichen des Versuches, die Verstörung zu beheben. Mag also sein, dass
Wörter Schall und Rauch sind, so sind sie aber Schall eines Schreies und Rauch
eines Brandes. Nicht Zynismus oder Panik können den Schrei beruhigen und
den Brand löschen, sondern Aufmerksamkeit und entsprechendes Handeln. Die
Materie ist der materialisierte Schall und Rauch des Kosmos, ist Bedingung von
Schall und Rauch überhaupt. Im Geschehen der Materie heilt der Kosmos,
indem er auf sich aufmerksam macht und entsprechende Behandlung fordert,
sich selbst. Im Geschehen der Materie entwickelt der Kosmos das Denken und
das Bewußtsein seiner selbst. Sie selbst zu denken ist ihm nicht Selbstzweck,
sondern Mittel zum Zweck der Heilung: Heilmittel. Es geschehen zu lassen,
heißt den Heilungsprozess fortschreiten zu lassen. Analytische Wissenschaft hat
zur Aufgabe, den Heilungsprozess zu unterstützen, indem sie analysiert, was
geschieht. Die synthetische Wissenschaft verleugnet die Verstörung, indem sie
dem Geschehen Alternativen vorzieht. Als ob es Alternativen gäbe. Wie soll es
für uns Alternativen zum Geschehen geben, wenn wir Teil dieses Geschehens
sind, wenn wir also gar nicht die Wahl haben, über das Geschehen zu
bestimmen, sondern von ihm bestimmt werden?
224
Jeder Gedanke ist ein Symptom und keinesfalls die Lösung. Jeder
Gedanke ist ein Zeichen des Prozesses, gewissermaßen ein Jucken oder ein
Schmerz: Hinweise also der Rekonvaleszens, nämlich dass sich da etwas tut, die
Wunde verheilt und sich schließt. Ebenso wie an der Wunde sollte man auch an
den symptomatischen Gedanken nicht kratzen. Es verschlimmerte nur alles und
erzeugte Komplikationen. Man muss sie geschehene lassen, freilich als das, was
sie sind: Symptome, Versuche des Organismus, das Not-wendige zu tun,
nämlich weiterhin zu geschehen: am Leben zu bleiben, d.h. den gegebenen Sinn
zu erfüllen. Einen anderen gibt es nicht. Darüber zu jammern hat keinen Sinn, es
beseitigen zu wollen, noch weniger. Das Herzschmerz-Gewimmer des Dichters
und des Philosophen Antwort auf die letzten Fragen müssen folglich für Bastian
das Sinnlose schlechthin sein. Oder eben: Symptom. Zeichen. Hinweis.
Jeder sogenannte logos ist also lediglich ein account und als solcher ein
Hinweis auf ein Geschehen. Im Geschehen war er Wahrnehmungshilfsmittel, im
Nachhinein ist er Zeichen mit Verweisungscharakter. Seine Inhalte zählten im
Augenblick des Geschehens, als sie im Zentrum des Auges die Wahrnehmung
mit dem Geschehen verknüpften, danach zählen sie nicht mehr, können nur noch
gezählt werden. Es sollte nicht an ihnen festgehalten werden. Jede weitere
hermeneutische Interpretation wäre Zeitverschwendung, da sie den
Hinweischarakter verschleierte. Ihre Bedeutung liegt anderswo, jedenfalls nicht
in ihnen. Da es also Bedeutung gibt, irgendwo geben muss, verschließt sich
Bastian der Hermeneutik keineswegs, doch nimmt er nicht das „als ob“ eines
wissenden Gottes an, der aus einem besserwissenden Skopus heraus meint,
universal verstehen zu können und universelle scoops zu landen. Bastian lässt
sich nicht als reiner Positivist272 positionieren, da er ja sehr wohl die accounts zu
272
Durchaus positiv eingestellt, ist Bastian kein Positivist, weil er den dazugehörigen
„Katechismus“ nicht akzeptieren kann, der zu vielen Dingen wieder negativ gegenüber steht,
falls er sie überhaupt wahrnimmt. Bastian fordert eine Empirie, die vor nichts die Augen
verschließt. Vgl. Bastian, Wie das Volk denkt, 1892:XIf.: „Im antinomistischen Streit (über
alte oder veraltete Legislationen in testamentlichen Vermachungen), wurde Agricola zum
Widerruf genöthigt, aber seit dem Widerstreit der theoretischen Vernunft mit dem Verstand,
bei Kant´s kritischer Reform, hat sich der Philosophie jene Crux aufgestellt, die von dem
225
interpretieren vermag, nämlich in bezug auf das Geschehen, das nichts anderes
als eine Verstörung sein kann, die ihre Notwendigkeit besitzt. Bastian
interpretiert die Logoi als Ausdruck bedeutender Geschehnisse, aber nicht als
Ausdruck einer inhärenten Wesentlichkeit, die unverbrüchlich als Wahrheit zu
gelten habe. Wahr waren sie nur im Augenblick ihres Geschehens, und zwar als
Adhärenzmittel, i.e. Verknüpfungsmittel, oder, wenn man so will, nœds de
signification. Wahr bleiben sie danach nur noch als Glied einer Reihe, als
Halterung einer Serie, die ein Abreißen und Einstellen der Serie verhindern
kann. Sie ermöglichen also die Fortsetzung des Geschehens, sind das
Elementare des Geschehens, wenn sie nur richtig aneinander gereiht werden.
Immer und immer wieder muss ausprobiert werden, ob sie passen und ob etwas
passiert. Der Durchschnittsaccount wird je am besten passen. Er erfüllt alle
Bedingungen eines Undsoweiter. Wiederholung ist das Stilmittel der
Fortsetzung.273 An sich bedeutungslos, generieren die accounts in der
Wiederholung die Bedeutung des Geschehens, nämlich ob es redundant oder
abundant geschieht. Nur in letzterem Fall, geschieht es wirklich. In ersterem
stagniert es in der Metastasierung des Selben. Das Aufspüren der accounts stellt
also durchaus eine elementare Semantik dar.
Positivismus als dürres Holz eingerammelt, bald schon wiederum ihren „Catéchisme
positiviste“ angehängt erhielt, und seit der Berauschung aus Schelling´s Philosophie „eine
das menschliche Bewusstsein über die gegenwärtigen Grenzen erweiternde Philosophie“ (in
den 1841 erweckten Hoffnungen) als „positive Wissenschaft“, auf die bescheideneren
Aussprüche einer „Philosophie der Wirklichkeit“ geführt hat, bei dem Bedürfniss nach
substantieller Ernährung (im Realismus).“
273
vgl. Bastian, Die Vorgeschichte, 1881:118: „Die Ethnologie, wenn noch in Zeit mit
genugsamem Material versehen, wird den durchschnittlichen Menschheitsgedanken (nach
seinen normalen sowohl, wie pathologischen Zuständen) in tausendfachen Wiederholungen
comparativer Behandlung und Betrachtung vorführen, und zwar in solch zahllosen
Wiederholungen nicht nur, sondern zugleich in zahllosen Wiederholungen der
Vergleichungspunkte, (je nachdem Wandlungen im Nebeneinander oder im Nacheinander
ihre Phasen an einander erproben), zahllos dann noch in Erneuerungen unter der
Verschiebungsfähigkeit der Anordnungen.“ Wer also set und plot der Bastian’schen
Darstellung der Inszenierung der Suche nach Ruhe seinerseits darstellen will, der kommt um
die tausendfachen Wiederholungen und zahllosen Wiederholungen der Vergleichungspunkte
selbst nicht herum, bis dem Leser die Fortsetzung, das Undsoweiter des Verstehens selbst und
wie von selbst gelingt. Nur dann ist die Darstellung, die wahrlich nicht alles besprechen kann,
sich aber auch nicht mit einem wahllos Einzigen zufrieden geben kann, hinreichend.
226
Bastian sucht weder – auch in den Völkergedanken nicht – eine Syntax,
eine ubiquitäre und zeitlose Struktur, noch sucht er – auch in den
Elementargedanken nicht – nach der absoluten arché, dem einen und wahren
Ursprung, der nur noch Kopien seiner selbst zu Wege bringt. Er fahndet
vielmehr nach den Augenblicken der Bedeutung, den bedeutenden
Augenblicken, die im Kleinsten und Unscheinbarsten liegen, d.h. in den
unverstellten Geschehnissen. Die Serie der Geschehnisse ist in den aufgestellten
Gedanken aus der Harmonie angeschossen und muss sich denkend wieder zu ihr
abschwingen. Diese Schleife ist einzig bedeutungstragend. Alles, was ihr
widersteht, ist bestenfalls bedeutungslos, schlimmstenfalls bedeutungsnegierend.
Eine elementare Semantik versucht, autogene Bedeutungsmegalomanien zu
annihilieren und die bedeutenden Geschehnisse, d.h. die abundanten („embarras
de richesse“), in ihren Schlagschatten wieder wahrnehmbar zu machen, falls sie
nicht schon verunmöglicht wurden, wie z.B. im Kolonialismus.274
Jeder Versuch, die Interferenz eugenisch zu ersetzen, erzeugt nichts
weiter als redundante Versionen von zusätzlichem Leid. Euphemistisch versucht
man sie als brennende Visionen275, als Geschichte, zu tarnen. Nur im
274
Vgl. Bastians Schriften zum Kolonialismus. Es sei hier allerdings angemerkt, dass Bastian
kein humanistischer „Edle Wilden“-Erretter war. Ihm ging es nicht um die Menschen,
sondern um die Fortsetzung der Serie, damit die Verstörung allmählich zu ihrem Ende käme,
d.h. die Interferenz (Katastrophe) sich in erkennendes Wohlgefallen („elektrische“ Katharsis;
Anagnorisis) glätten und wieder im harmonischen Einklang (Suspense! Wer würde sonst
folgen?) ins Unendliche schwingen würden.
Vgl. z.B. Bastian, Der Völkergedanke, 1881:175f.: „Bei den Naturvölkern liegen keine
derartigen Bedenken vor, wir verflüchtigen sie unbekümmert im Schmelztiegel, bis wir die
Spannungsreihen der Elementargedanken klar und reingesäubert vor uns liegen haben.“; vgl.
a. MiG I:7: „Der electrische Schlag trifft einzeln im Momente, wo die Kette schliesst, er wirkt
fort, isolirt, unabhängig von denen, die ihm voraufgingen, unabhängig von solchen, die ihm
nachfolgen mögen. Er stirbt im Augenblick der Geburt, wie der Krystall, der mit dem
Anschiessen stirbt. Aber gleich der Pflanze, in der sich das Zellenleben zu der Periodicität
einer höheren Individualität gegliedert hat, lebt der Gedanke im Zusammenhange mit den
früheren, mit den späteren Existenzen, geht nach der durch die Zeit seines Erdenwallens
umgrenzten Persönlichkeit, angeregt und anregend, unter die im harmonischen Einklange
schaffende Kraftgesetze ein.“
275
vgl. z.B. folgende Stelle: BRPS:3f.: „Wo die von altersher in den Verwüstungen der Gog
und Magog schreckenden Tartaren (in eines heiligen Königs Vision, oder Version) sich an
Errichtung von Schädelpyramiden ergötzt hatten, wo aus, die Hiongnu und Hunnen
einigenden, Wurzeln wiederholentlich Sturmesfluthen aufgebraust waren, deren Wellenschlag
227
mäeutischen Geschehenlassen der Interferenz kann sich die inhärente Inferenz in
der Abundanz abklingender Ereignisse ausdrücken. Was das „Ich“ in der
Interferenz auch versucht, um sie zu bekämpfen, es erzeugt Leid. Brennende
Visionen blenden die Wahrnehmung. Die redundanten Wiederholungen geben
sie lautstark als das je Neue, als den ultimativen Fortschritt aus, der jede
Fortsetzung des Geschehens, des Abklingens zur Ruhe damit unmöglich macht.
Die Versionen konstruieren einen künstlichen und linearen
Zusammenhang von Fortschrittlichkeit, der von einem Willen zur Kontrolle
herrührt. Alles Geschehen soll sich entsprechend der Vision fügen. Die Vision
weiß, meint sie, am besten, was geschieht, sie unterstellt das Geschehen ihrer
Kontrolle. Diese missliche Handhabe, die immer wieder in ihren künstlichen
Zusammenhängen das Geschehen verkennt, produziert die Interferenz. Der
Wille zur Kontrolle und die Sucht nach übersinnlichem Zusammenhang
erzeugen die Paranoia, die in zwangshandlungshaften Versionen pure
Redundanz erzeugt, d.h. ich trete stets auf der gleichen Stelle herum. Jeder
wirkliche Fort-Schritt bedroht meine Kontrolle, mein Absolut-Sein. Geschichte
ist die absolute Enklavierung aufgrund eines esoterischen Wissens276, das glaubt,
alles unter Kontrolle zu haben und den Nachstellungen Paroli bieten zu
können277: als ob das Geschehen nichts anderes zu tun hätte, als gerade dieser
einen Person, die sich wissend glaubt, nachzustellen. Das Geschehen geschieht.
Die eine Person hat, wie jede Person, keinerlei Bedeutung an sich, sie ist nichts
fortzitterte bis an die chinesische Mauer einer- und, anderer-seits, bis an die Eisenthore
Derbends, da weiden jetzt die Heerden thatenloser Nomaden, die aus ihrem irdisch ziellosen
Vagabondenleben die Klöster der Chutuktu füllen, mit Bettelmönchen und Coenobiten.“
276
zur Esoterik siehe: Bastian, Die Seele indischer und hellenischer Philosophie; 1886:IIIXLVI.
277
Was befriedigt, was alle erwarten, das ist überflüssig und redundant. Ein Neues, das
esoterisch beschworen wird, ist nur ein Hinauszögern von Altbekanntem. Niemand wird
dadurch wirklich vor den Kopf gestoßen, d.h. mit neuen Eindrücken konfrontiert. Was
befriedigt, spinnt in zunehmender Komplexität eine Geschichte fort, die alles liefert, nur nicht
einfache und neue Geschehenseindrücke. Was befriedigen und esoterisch beruhigen soll, was
also jeder nur für sich und für sein Selbst zu finden erwartet, befriedigt die Ichsüchte der
Einzelnen und suggeriert ihnen, different, ja gar evolutionistisch entwickelter zu sein. Doch
da alle, jeder in seiner eingebildeten Differenz, befriedigt sind, sind auch alle auf die gleiche
Weise enklaviert, d.h. gemein.
228
besonderes und weiß nicht um ein besonderes Wissen, je weniger, je mehr sie
das behauptet. Sie ist gleichgültiges Teil. Aber sie ist Teil. Jede Angst vor
Auslöschung ist unbegründet. Sie kann nicht nicht teilnehmen. Nichts kann
ausgelöscht, alles kann nur transformiert werden, kann, wenn man es nur lässt,
inferenziell geschehen. Alles verändert sich immer und immer wieder und bleibt
doch als Ganzes gleich. Eine Retention an Stattgehabtes, an Versionen, gibt es
nicht, nur echte Kreisläufe nach den Gesetzen des Geschehens. In der
Bedeutungslosigkeit, d.h. dort, wo es weder Retention noch Protention gibt, gibt
es auch keine Angst, keine Sucht nach Kontrolle, keine absolutistische Unruhe
der Macht, die nicht eher ruhen will, als bis alles nach ihrem Willen geschieht.
Dort, wo nichts verlustig gehen kann, braucht es auch keiner Erinnerung und
keiner Vorhersage. Es muss nichts festgehalten und intendiert werden. Es
geschah, geschieht und wird sowieso geschehen. In der Bedeutungslosigkeit
geschieht es einfach. Man muss sich nicht darum bekümmern. Aber jeder kann
das wissen. Geschehen ist allenthalben exoterisch, allerorts offensichtlich278. Es
278
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:142f.: „In die Geräthsel des Daseienden einverkettet
(aus „Concatenatio rerum“) findet des Denkwesens Denkgeist im Animal rationale (von
Massenhaftigkeit des Unbekannten überwältigt) den aus dem Dunkel unergründlichen Tiefen
grausig auftauchenden Gespenstern, die mit höhnisch angrinsendem Fragezeichen (an der
Stirn) ihn umstürmen, rathlos sich gegenübergestellt, starr und stumm. „Das Schweigen der
Unendlichkeiten erschreckt“ (s. Pascal): die Hinschau des Auges (am „Augenthier“), das, um
der von umhertastenden Fühlfäden empfundenen Pein zu entgehen, in sein
Schneckenhäuschen sich verkriecht (nach Politik des Vogel Strauss)
Nachdem der Zwang der Sachlage aus Nachgiebigkeit der Gewohnheit ein Hineinfinden
erzwungen hat, und ein schüchterner Ausblick auf die Vergliederung der Einzelheiten (in
endlichen Umgrenzungen des Zeiträumlichen) gewagt ist, dann erhebt sich das Staunen: ein
Gewunder und Bewundern, in „admiratio majestatis“ (s. Bernh. Cl.), beim „Wakan“ oder
h"L:V.g4<, der (peripatetische) Anbeginn der Religion und Philosophie.
Und wenn nun die sehnsuchtsvoll durchwogenden Gefühle vom Grübeln des „metaphysischen
Dranges“ (im „geheimen Bautrieb“) zerwühlt werden, dann stachelt aus der Skepsis ein
Rückfall sich an in apathische Aporie, um in dumpf betäubender Ataraxis dem innerlichen
Querulanten den Mund zu stopfen (an Lösbarkeit der Fragestellungen verzweifelnd).
„Pourquoi y a-t-il quelque chose“? (s. d’Alembert).
Warum? Darum!
Die Frage des Seins ist in seinem Dasein beantwortet, nach dem „jus fortioris“, auf sein
gutes Recht gesteift, das ihm kein Jemand oder Niemand verkümmern kann, da dessen eigenes
(Sonder-) Sein, in das Netz der Heimarmene miteinverwoben, auf solchen Vorbedingungen
erst beruht, so dass ohne sie dann alles (in des Daseienden All) ausgestrichen wäre, reinweg;
229
gibt es in Hülle und Fülle.279 Nur Geschichte glaubt, esoterische Besserwisser
nötig zu haben, die angeblich Dinge sehen, die keiner sonst sehen kann
(Visionen). Im Geschehen kann jeder, wenn er die Augen nur aufmacht, stets
und überall wahrnehmen, was geschieht, denn es geschieht durch ihn als
integraler Teil des Geschehens, als etwas, das in Wechselwirkungen sich
verwirklicht – und nicht in der Abkapselung eines vollkommenen Ich. Jeder ist
Ursache, aber nicht Grund eines Geschehens. Niemand ist aufgrund eines
außergewöhnlichen Wissens Begründer eines Geschehens. Jeder, der will, kann
allein durch seine bewusste Teilnahme Ursache von Geschehen sein. Nichts
anderes will Bastian. Der esoterische Kontrolleur, der sich als Begründer feiern
lässt, will Grund, will absolutes Ich sein, der Grund aller Abgründe, will sagen
können: es geschehe; will urteilen können: es ist gut, was je heißt: ich bin gut
und du bist schlecht; was ist wie ich, es geschehe, was nicht ist wie ich,
verbrenne in der Hölle. Nach Bastian ist dieser Wille zur Kontrolle die
interferentielle Krankheit der Zeit, der Wundbrand des Seins.280
in leer nichtiges Nichts vernichtigt, - und dem Denken seine Bemühungen erspart sein
würden, noch ehe der Anlass zu denselben sich gespürt hätte.“
279
vgl. Bastian, Der Völkergedanke 1881:172: „Der Grund, dass sie [die bis Psychologen
Beneke und Waitz; KPB] gescheitert sind, lag eben daran, dass ihnen das fehlte, was einer
Inductionswissenschaft als unumgänglicher Vorbedingung bedarf, es fehlte ihnen das
Material. Beneke dachte dies in Selbstbeobachtungen zu finden, obwohl schon Kant auf die
darin liegende Täuschung hingedeutet hatte; daneben könnte man dann zurückgehen auf die
Seele in der Psychiatrie, auf pathologische Abweichungen, auf die Entwicklungsstufen der
Kinder-Seele, und auf die Thierseele auch mochten vorsichtige Seitenblicke geworfen werden,
- aber Alles das war ein beschränktes Feld. Sobald nun dagegen einmal die Ueberzeugung
zum Durchbruch gekommen war, dass es sich zunächst überhaupt gar nicht um den Gedanken
des Einzelnen handele, sondern um den Völkergedanken, um den Gedanken der Gesellschaft,
da plötzlich lag das Material massenhaft da, in Hülle und Fülle. Es strömte sogar in solchen
Fluthen zu, dass wir uns gewissermassen eines „embarras de richesse“ zu erwehren hatten.“;
vgl. a. das Vorwort [ibid.:III-XXVII] der nämlichen Schrift, das eine einzige Meditation über
den Satz des Kohelet „Nihil novi sub sole“ (Koh 1,9). Es gibt wohl nichts Neues, aber das,
was ist, ist in Überfülle da, Koh 1,8: „Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles
ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.“
280
BRPS:26: „ „Alles brennt“, predigte Budhha in seiner „Feuerpredigt“ (auf dem Berge
Brahma-Yoni), Alles steht in Flammen! und so ergeht der Rettungsruf (an die Ohren, die
hören wollen), um sich zu retten aus der in nichtiger Vergänglichkeit niederbrennenden Welt,
(wo Alles Aneiza, Dukha, Anatta), um sich zu retten in der Ewigkeit Realität, wo das Nirwana
seine Kühlung spendet: dem der Kotaraphuxavana gewonnen hat (zum harmonischen
Ausgleich).“; ebd.:49: „In seiner Nacht sich eine Fackel entzündend, ist der Mensch eine
230
erloschene Fackel beim Tode (s. Heraklit), und das Weltfeuer brennt fort, erloschen und
wieder entzündet (unter periodisch temporär gestätigtem Fluss der Wandlungen, ohne
Unterlass). Dies ist die Lebenshölle, wo „Alles brennt“ (nach Buddha’s Feuerpredigt), aber
in dem unter solchem Lichtbrand erhellt Geschauten harrt die labende Kühlung (in Nirvana’s
Friedensruhe).“.
Vergleiche dazu Bastians Darstellung der Weltlage in: Bastian, Der Völkergedanke, 1881:180
Anm.: „Eine brennendste Zeitfrage allerdings! Es brennt in allen Ecken und Enden der
ethnologischen Welt, brennt hell, lichterloh, in vollster Brunst, es brennt ringsum, Gross
Feuer! und Niemand regt eine Hand.“
Hegel spricht in „Geographische Grundlagen der Weltgeschichte“ vom „heiligen Feuer der
Philosophie“. Gibt es ein besseres Beispiel für die den Weltenbrand anheizende esoterische
Spekulation, für die ihn immer wieder auslösende „heiße“ Idee der Selbstbeweihräucherung
[im wahrsten Sinne des Wortes], die sich in einer steten Aufwärtsbewegung glaubt? Hegel
idealisierte in selbiger Schrift den Preussischen Staat zur Spitze dieser linearen Entwicklung,
indem er die Inder ans andere Ende als verdumpfend hinstellte. Nur das Eigene zählt, das
Fremde muss abstoßende Gegen-Idee und Vergangenheit zugleich sein.
Das Feuer ist eines der Elemente der Natur. Von altersher wird es in der Philosophie mit dem
Logos identifiziert. Der Logos ist der Same, der durch sein eigenes Feuer, durch seine Hitze
sich selbst fortpflanzt. Im Überhandnehmen des Logos brennt die Welt, im Gewimmel der
Gedanken proliferiert die Materie, die Verstörung. Wo Materie und Seele getrennt sind,
brennt die Seele. Im Feuer der Seele als Hort der Gedanken verbrennt das Leben der
Menschen. Nur brennend lebt der Mensch. Lebend steht er also immer schon im Feuer und
erleidet den Schmerz des Seins. Bastian intendiert ein kühles Denken jenseits des Feuers der
Gedanken, jenseits des Dualismus. Wenn am Ende alles, wie Cicero sagt, vom Feuer verzehrt
sein wird, wird die Interferenz in die Inferenz (anders als bei Cicero ist die Weltverbrennung
bei Bastian ein Heilungsprozess) des Denkens übergegangen sein. Es gibt den heilig-hitzigen
Gedanken des Gottes, i.e. logos hieros, der alles aus einem entstehen lässt, und die heißen
logoi eponymoi des Fortpflanzens, die logoi spermatikoi, von Bastian Völkergedanken
genannt, die alles aus sich entstanden haben lassen sollen. Beides sind Gedanken
verbrennender und verzehrender Redundanz.Vgl. dazu folgende Stelle Georg Wilhelm
Friedrich Hegels, die diese Gedanken der Philosophie zusammenfasst: Griechische
Philosophie, Erster Theil, Zweiter Abschnitt. Die Stoiker, in: ders., Sämtliche Werke,
Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, hrsg. von Herman Glockner, Bd. 18, Stuttgart
1928:438ff.: „Sie [die Stoiker; KPB] haben diesen 8`(@H weniger um seiner selbst willen
erkennen wollen. Die Natur ist nur Aeußerung [sic!], Darstellung Eines gemeinsamen
Gesetzes.
Näher einige Ideen ihrer Physik. Sie unterscheiden am Körperlichen „das Moment der
Thätigkeit“ (der thätige 8`(@H, natura naturans bei Spinoza) „und der Passivität“ (der
passive 8`(@H, natura naturata). „Das Letzte ist die Materie, die Substanz ohne Qualität“
(JÎ [email protected]`<, Beschaffenheit von Schaffen, das, was gesetzt, gemacht ist, das negative Moment).
Die Qualität, überhaupt die Form, „das Thätige ist das Verhältniß (8`(@H) in der Materie;
und dieß ist Gott,“ das Thuende oder Qualitative, d.h. das die allgemeine Materie zu etwas
Besonderem Machende.
Bei den näheren Formen der Natur, über diese allgemeinen Gesetze der Natur, haben sie
vornehmlich die Idee Heraklit’s aufgenommen; Zeno hatte ihn besonders viel studirt. Sie
machen so das Feuer zum Grund=Prinzip, zum realen 8`(@H. „Die Welt entstehe so, daß der
für sich selbst seyende Gott die ganze Substanz (@ÛF\"<, alle Materie) durch die Luft ins
Wasser treibe; und wie in aller Erzeugniß“ das Feuchte, „das einen Saamen um sich hat,“
das Erste ist (òHBgk ¦< J± (@<± JÎ FBXk:" Bgk4XPgJ"4, wohl das Spätere), das
Erzeugende alles Besonderen: „so auch jener 8`(@H, welcher insofern FBgk:"J4i`k
231
Nichtsdestoweniger darf man bei Bastian nie vergessen, dass die
Stockungen, d.h. die Geschichte, d.h. der Wundbrand des Seins, notwendig sind,
um der Harmonie bewußt zu werden. In der Interferenz und nur in der
(saamenerzeugend) heißt, bleibe in dem Wasser, der die Materie dann zur Entstehung des
Uebrigen bethätige. Das Erste sind die Elemente: Feuer, Wasser, Luft, Erde.“ Näher
sprechen sie dann weiter in der Weise des Heraklit so: „Daß die @ÛF\",“ d.h. allgemeine
Materie, unbestimmtes Seyn überhaupt, „aus dem Feuer durch die Luft in Feuchtigkeit
verwandelt wird. Und das Dicktheilige (B"PL:gkXH) derselben, zusammengestanden
(FLFJV<), wird zur Erde vollendet (•[email protected]±(−); das Feinere wird luftig (¦>"gkTh±),
und dieß noch dünner gemacht, erzeugt sich das Feuer. Aus der Vermischung hiervon gehen
die Pflanzen, die Thiere und die anderen Geschlechter hervor.“ „Auch die“ denkende „Seele
ist ein solches Feuriges; und alle Seelen“ der Menschen, das thierische Princip der
Lebendigkeit, und auch die Pflanzen „sind Theile des allgemeine Weltseele,“ des allgemeinen
Logos, des allgemeinen Feuers; und dieser Mittelpunkt ist das Herrschende, Treibende. Oder:
„Sie sind ein feuriger Hauch (B<gØ:" §<hgk:@<, Athem).“ „Das Sehen ist ein Hauch vom
Herrschenden (•BÎ [email protected]Ø º(g:@<[email protected]Ø),“ 8`(@H, „bis (:XPk4H) zu den Augen geschickt;
ebenso ist das Hören ein spannender, durchdringender Hauch (B<gØ:" *4"JgÃ<@<), von dem
º(g:@<4i`< bis zu den Ohren geschickt.“
Ueber den Proceß noch Folgendes. „Das Feuer werde i"Jz ¦>@P¬< [email protected]Ã@< von ihnen
genannt, weil aus ihm, als dem Ersten, das Uebrige durch Umwandelung (:gJ"[email protected]<)
bestehe (FL<\FJ"Fh"4), und in dasselbe, als in ihr Letztes, Alles geschmolzen aufgelöst
werde (gÆH "ÛJÏ ªFP"[email protected]< BV<J" Pg`:g<" *4"8bgFh"4).“ So hat Heraklit und der
Stoicismus den allgemeinen ewigen Natur=Proceß richtig aufgefaßt. Flacher ist dieß schon
bei Cicero, der diesen Gedanken falsch auffaßte, so daß er die Weltverbrennung und das
Ende der Welt darin sieht, - in der Zeit, ein ganz anderer Sinn. De natura Deorum läßt er
einen Stoiker so sprechen: „Am Ende wird Alles vom Feuer verzehrt werden;“ das ist die
Weise der Vorstellung. Alles ist so auch den Stoikern nur ein Werdendes. Das Feuer ist hier
hiermit das thätige Princip. Indem das Feuer die unbestimmte Materie verwandelt, in
bestimmte Elemente, so sind Pflanzen, Thiere Vermischungen aus diesen Elementen; dieß ist
mangelhaft. Aber Gott ist überhaupt alle Thätigkeit der Natur, der Feuers, und somit die
Weltseele. Die stoische Naturanschauung ist so vollkommener Pantheismus. Gott, die
Weltseele, ist das Feurige, das zugleich 8`(@H ist, - die vernünftige Ordnung und
Thätigkeit der Natur. Diesen 8`(@H, das Ordnende nennen sie Gott, auch Natur, auch
Schicksal, Nothwendigkeit, bewegende Kraft des Materiellen; und als producirender 8`(@H
ist es auch Vorsicht [Hervorh. KPB]. Das ist gleichbedeutend. Das Logische bringt Alles
hervor; das treibend Thätige wird mit Saamen verglichen. Sie sagen: „Der Saame, der ein
Logisches hervortreibt (JÎ [email protected]^X:g<@< FBXk:" [email protected]([email protected]Ø), ist selbst logisch. Die Welt
schickt ([email protected]ÅgJ"4) den Saamen des Logischen hervor, ist also in ihr selbst logisch,“ sowohl
allgemein das Ganze, als in jeder besonderen, existirenden Gestaltung. „Aller Anfang der
Bewegung in irgend einer Natur und Seele entspringt ((\<gJ"4) aus einem Beherrschenden
(Anführenden, º(g:@<[email protected]Ø), und alle Kräfte, die auf die einzelnen Theile des Ganzen
ausgestanden sind (¦>"[email protected]`:g<"4), werden ausgeschickt von dem Beherrschenden, wie
von einer Quelle; so daß jede Kraft, die im Theile“ (Organe) „ist, auch im Ganzen ist (BgkÂ
JÎ Ó[email protected]<), weil es ihm von dem Beherrschenden in ihm hineingegeben worden
(*4"*\*@Fh"4). Das Ganze umhält (Bgk4XPg4) die Saamen der logischen Lebendigen
(FBgk:"[email protected]×H 8`(@LH [email protected](4iä< .fT<),“ – alle besonderen Principe; „das Ganze ist so
ein Logisches ([email protected](4iÎH –k" ¦FJÂ< Ò [email protected]:`H [Hervorh. KPB]).””
232
Interferenz kommt die Inferenz zu Bewußtsein. Und im Erkennen der Störung,
der Geschichte, kommt der Mensch nicht als ein unglücklicher zu sich, sondern
als ein glücklicher: die Misere ist nicht der Normalzustand, sondern eine
Anomalie, die vergeht. Die Anomalie hatte ihren Sinn in dieser Form der
Selbsterkenntnis. Bastian hat nichts gegen die Anomalien, Visionen und
Spekulationen. Sie sind, wie gesagt, notwendig. Unnötig jedoch ist ihre
redundante Vervielfältigung, das permanente Kopieren eines sogenannten
begründenden Originals, das Anhaften an eine fixe Idee, die man fanatisch
verbreitet281. Das Fanal des Fanatismus, der intransingent auf einer, d.h. auf
seiner Sache mit aller Gewalt und brennendem Inbrunst beharrt, ist das Böse in
der Welt, nicht die Anomalie selbst. Deshalb ist Bastian kein Gegner des
Kolonialismus an sich. Aber da es sich zeigte, dass er unnötig ist; dass er nicht
liefert, was er versprochen hat; dass er folglich hemmt, ist jedes Anhaften an den
und Bestehen auf die Kolonien unsinnig und gar gefährlich. Vom Kolonialismus
hat Bastian keine Ahnung, aber das sinnlose und blinde Festhalten an etwas, das
mehr Unheil anrichtet als Heil, das erkennt er allemal und zeigt es anhand
erhobener Daten282 auf.283
Jedes Geschehnis drückt im Moment des Verknüpfens seine Bedeutung
im account aus, der als Date erhoben werden kann.
Der account hat keine Bedeutung, sondern er ist die Bedeutung des
Augenblicks. In ihm manifestiert sich das Geschehen dem Verstand. D.h. der
account zeigt in der Tat dem Verstand, dass etwas geschieht. Und weil etwas
geschieht und nicht vielmehr nichts, muss es etwas geben, das umfassender und
281
In: Controversen IV, 1894:116 spricht Bastian von „Logomachien“.
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:3: „In unerlässlicher „conditio-sine-qua-non“
muss für das Arbeitsmaterial (empirisch) erfahrungsgemässer Thatsachen Vorsorge getroffen
sein, - „les seuls vraies principes ce sont les faits“ (s. Destutt de Tracy), als „res facti“
(Kant’s) [...].“ Man beachte die vielen Anführungszeichen, die die erhobenen Daten anzeigen.
Bastians Text macht zugleich, was er sagt: er fordert die Fakten, indem er die notwendigen
Fakten für diese Forderung mitliefert.
283
So in der Schrift: Bastian, Zwei Worte über Colonial-Weisheit von Jemandem, dem
dieselbe versagt ist, 1883.
282
233
unendlich ist. Ein Gott284 wurde von Bastian285 (wie bereits von Xenophanes286)
als Autosuggestion desavouiert. Bastian bezeugt sich im Element das ewige Sein
und das unendliche Werden der kosmischen Harmonie287, in jenem kann man
dieser Wirken und Geschehen konstatieren. Das einzelne Element als einziges
zu proklamieren, hieße sich gerade gegen dieses Wirken und Geschehen
wenden, d.h. die Not verstärken, statt das Not-wendige tun, nämlich das
Geschehen in seinem Verlauf nicht behindern, resp. vielleicht sogar
unterstützen. Das sind die Möglichkeiten der Wissenschaft. Nur in diesem Sinne
bleibt für Bastian ein Gedanke bestehen, nur in diesem Sinne – macht er Sinn!288
284
Gott wäre ein „Zweites“, aber ein solches Zweites gibt es nicht. Alles ist Teil eines
Einzigen, und die Teile stehen in bestimmten Verhältnissen. Über diese Verhältnisse können
nur die accounts Auskunft geben, sobald ihre Redundanz aufgehoben sein wird, so dass sich
eindeutige Berechnungen anstellen lassen. Nur teilhaftig kann eins zu eins kommen und eins
zu eins dargestellt werden, irgendwann; vgl. Bastian; Das logische Rechnen, 1903:48f.: „Im
(stoischen) „Holon“ kann das Ganze aus den Ursachwirkungen in causal verknüpften
Wechselbeziehungen erklärlich auseinander gelegt werden, zwischen Anfang und Ende des
auf objectivem Standort überschauten Sonderfalles, während für die Ganzheit eines „Pan“
die in detaillirter Definition beruhende Erklärung unausführbar bleibt und die Denkthätigkeit
nur betreffs eines Rückschlusses aus causal vergewissert bekannten „Bedingungen“ auf
adäquate „Vorbedingungen“ (im „Unbedingten“) zur Verwendung kommen kann. Bei dem
Universum, in des Daseienden All (als Eins gesetzt), steht für vergleichende Behandlung kein
zweites (im Anderssein) verfügbar, und schon der innerhalb planetarischen Gesichtskreises
durchschaubare Ausschnitt, dem wir selber eingewoben sind, verbleibt eine unbekannte
Grösse, sofern einem Theil-(ganzen) sein fester Ziffernwert dann erst fixirt werden kann,
wenn aus den proportionellen Verhältnisswerthen seines Ganzen (JÎ i"h`[email protected], peripatetisch)
berechenbar.“
285
siehe das Ameisengleichnis zu Anfang dieser Arbeit.
286
vgl. Xenophanes, Fragment 29 (DK 21 B 15), Die Vorsokratiker I, hrsg. von Jaap
Mansfeld, 1999:223: „Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten / und mit
diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, / so würden die Pferde
die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, / die Rinder in der von Rindern,
und sie würden solche Statuen meißeln, / ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend.“; auch
heutige Religionstheorie schwört auf Anthropomorphismus und gibt ihn als neuste Einsicht
aus, siehe: Stewart Guthrie, Faces in the Clouds, A New Theory of Religion, Oxford
University Press, 1993.
287
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:7: „Indem bei Erweckung der in den
Potentialitäten des Keims schlummernden Unität, die dynamischen Energien, aus ihrer
Latenz hervorgerufen (durch Reaction gegen die Einflüsse der Umwelt), den Fruchtstand
annähern (längs des kinetischen Verlaufs ihrer Ausentfaltung), erfüllt sich demgemäss die
Zielrichtung im vernunftgerecht rationellen Verständniss der Gesetzlichkeiten: bei
Uebereinstimmung der im Denken immanenten mit allgemein durchwaltenden (unter
kosmischen Harmonien).“
288
MiG I:3: „Kein Gedanke entsteht, um zu vergehen, im Momente seiner Bildung springt das
ewige Sein hervor, und das geschaffene Element tritt, als solches aus dem ununterbrochenen
234
Ihr Sinn ist die Weitergabe der Regung, bis sie endlich in harmonischer
Schwingung zur Ruhe kommt.289 Kein Stillstand. Der Gedanke bleibt als
Element in der Reihe und muss die Reihe halten. Je mehr Gedanken sich finden,
desto stämmiger und kraftvoller, um so weniger flatterhaft ist die Reihe.290 Jede
Reihe und Reihung wächst anders aufgrund der Wechselwirkungen, denen sie
ausgesetzt sind. Jede Reihe hat ihre Eigentümlichkeiten, weil jedes Element
eigentümlich ist. Es gibt nicht das eine, abgeschlossene Denken. Wir stehen
innerhalb der Interferenz, die Reihen schwingen sich durch unser Auge
(„Augenthier“) und schwingen sich durch uns weiter, weil wir wahrnehmen und
denken können. Und wir denken und nehmen wahr, indem die Reihe durch
jeden von uns geschieht („Warum? Darum!“). Ein Gedanke für alle würde dem
Denken Einhalt gebieten, schlichtweg dürfte man nichts mehr wahrnehmen und
nichts mehr denken, alles wäre bereits gedacht und wahrgenommen. Jedes
weitere Denken und Wahrnehmen erzeugten Verzerrungen und optische
Täuschungen. Durch das „es ist alles gedacht“ kann man je die aktuellen
Gedankengänge unterminieren. Jede Wahrnehmung lässt sich so aushebeln und
als Täuschung abtun. „Schau nicht in die Welt, achte (re-spektiere) vielmehr nur
dasjenige, das bereits normativ dargelegt ist, und sanktioniere gemäß des
„Gesunden Menschenverstandes““ ist dann die Devise. Man lernt die Akten
anstelle der Akte zu respektieren. Man verliert jeden Respekt und jegliche
Kreislauf heraus, so vielfach die Verbindungen auch seien, unter denen es in seinen Wechseln
mitspielt.“
289
Dass diesbezüglich mit Bastian mitunter der feurige Dünkel (Alles brennt!) des
Kulturmenschen durchgeht, zeigt nachfolgende Stelle. Doch ist Bastians Dünkel, auch das
zeigt die Stelle, etwas anderes als gemeinhin. Seine „Erlösung“ wird den Bankiers des
abendländischen Wissenskapitals nicht so zusagen: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:15f.:
„ „Why work for posterity, posterity has done nothing for us“, soll als geflügeltes Wort aus
dem Munde eines auf Goldsäcken gebetteten Banquiers hervorgeflattert sein, der durch kluge
Benutzung der Zeitumstände reich geworden, dies besser hätte wissen können. Wäre uns aus
dem von unseren Vorvätern angesammelten Bildungsschatz kein Geistescapital vererblich
überliefert (zu geistiger Speisung), so sässen wir wieder (oder noch) im Urwalde, um Eicheln
zu fressen; was dem Kennergeschmack nicht zusagen dürfte. Eine jegliche vital empfundene
Lebensfrage ist „sub specie aeternitatis“ in Betracht zu ziehen, für ihre befridigende Lösung:
zur Erlösung, wie angesehnt (und, bei Euboulia eines ernst ehrlichen Wollens, erreichbar).“
235
Kritikfähigkeit vor den Agierenden. Man gebietet dem Denkakt Einhalt. Er wird
verkümmern. Es wächst nichts mehr. Bleiben wird die generelle Akte, die man
partout nicht ad acta legen will. Der Gedanke ist kein Gedanke mehr, es soll
kein Gedachtes mehr sein, sondern ein immer schon wesentlich Gültiges. Der
Ursprung des Gedankens im Moment des Geschehens wird geleugnet, er soll
vielmehr ein wesentliches Diktum eines jedem Geschehen äußerlichen
Numinosen sein. Der Denker wurde zum bürokratischen Mystagogen, der ohne
eigene Verantwortung über Recht und Unrecht nun richtet, d.h. unverantwortlich
richtet, weil in fremdem Namen diktiert. Jedes Eigene im Verkünden des
Diktums ist ihm fremd. Das Diktum beinhalte bereits alles Eigene, und was das
Diktum nicht beinhaltet, darf auch nicht gedacht werden. Totale Abstraktion
vom Eigentümlichen ist die Bedingung des Diktums. Die Kopie des Diktums
wird je als das Neue verordnet. Die Kopie als das Neue ist die Abstraktion von
der Abstraktion. Und Abstraktion ist die Bedingung der Redundanz. In der
permanenten Neuauflage der Neuauflage spricht das Diktum vergleichbar einem
mise en abîme ins Leere. In der abstrahierenden Aussprache wird niemand
angesprochen. Sprache wird hier zum Spruch, den es in den Augen der Wächter
der Abstraktion ob seiner Originalität zu befolgen gilt. In der Kopie stagniert das
Geschehen. Der Kopist nennt es das Ende des Ungewissen, nicht wissend, dass
das Geschehen sich in proliferierenden Metastasen derweilen Bahn bricht, die
als die Abweichung schlechthin vom Ursprünglichen identifiziert werden, als
das, was passiert, wenn man sich auf das Ungewisse, auf die Abweichung von
der Norm und vom normierten Gesunden einlässt, wenn man also
Eigentümlichkeiten ins Kraut schießen lässt. Kurzum: das Generelle ist die
Bedingung des eugenischen Diktums, Eigentümlichkeit ist die Bedingung des
genetischen Gedankens, weil sie die Bedingung eines jeden Geschehnisses ist.
Sonst gäbe es keins. Gerade die Eigentümlichkeit ist es, die denken lässt, da das
Denken aus der Wahrnehmung der jeweiligen Bedingung entsteht. Genetische
290
vgl. die Pflanzen- und Parkmetaphorik und die Bastian’sche Raumsemiotik in: Buchheit
236
Eigentümlichkeit, nicht das generelle Muss eines identischen, eugenischen Ich
(Kopie des alleinen Ich: der arché; das „reine Ich“291) ist die Bedingung der
Genesung von der Unruhe, von der Verstörung. Die accounts sind der Ausdruck
genetischer Eigentümlichkeiten, Seismographiken der Genesung.
Die Eigentümlichkeiten sind jedoch keine
Fundamentaldifferenzkriterien. Die Bedingung jeder Bedingung liegt in der
kosmischen Harmonie. Alles geschieht der Art nach gleich. Jedes Geschehnis ist
Teil der materialen Verstörung. Da folglich alles, was zur Zeit geschieht,
depraviert ist, lässt sich die Unterscheidung in „entartet“ und „artgerecht“, oder,
wenn man so will, von „artig“ und „unartig“ nicht fällen. Alles geschieht der
gleichen Art nach, alles ist gleich gültig, jeder noch so von der Norm abwegig
erscheinende account ist, wohlverstanden, eine Seismographie der Genesung,
eine Spur der Möglichkeit, weiteres Anschießen von Redundanz (Fortzeugung
von Identität) zu verhindern, angeschossene Redundanz tautologistisch
abzubauen.
Ob Kristalle, ob Gedanken, sie geschehen alle in statu nascendi gleich,
nur im Verlauf unterscheiden sie sich, da sie unterschiedlichen
Wechselwirkungen ausgesetzt sind, die die jeweiligen Eigentümlichkeiten
ausmachen. D.h. sie sind immer schon identisch und ihre ursprüngliche Identität
1997:11ff..
291
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:4f.: „Dass die landläufige Psychologie die
Entstellung eines verstümmelten Missgeschöpfes zur Schau trägt, fällt den Misshandlungen
zur Last, welche sie auf dem scholastischen Durchgangsstadium zu erleiden hatte, wo trotz
idolatrischer Verehrung des „Philosophus“ seinem peripatetischem System die für dasselbe
characteristischen Hauptstücke abgekappt waren, so dass den philosophischen Nachfolgern,
in dem von ihren Vorgängern übernommenen Erbgut, ein seiner wichtigsten Gliedmaassen
beraubter Stumpf nur zufiel: ein kopfloser Torso oder vielmehr (das beim Abköpfen ertödtete)
Oberstück allein, aus dem sich nicht viel machen liess, weder durch sublimirt „reine“
Kopfarbeit – eines „reinen Ich“ (s. Krug), als überempirischen (b. Fichte), im Apriori -, noch
durch eine (aus aposterioristischer Hinterthür) empirisch befleckte (der ¦:[email protected]\). Hier
muss also zunächst Hand angelegt und Wandel geschafft werden, um dem in Pracht
wohlgeformter Glieder auf materialistischem Unterbette gigantisch hingestreckten Torso sein
denkendes Haupt aufzusetzen: damit er sich erhebe zum „emporschauenden“ Anthropos;
nachdem auf dem, durch naturwissenschaftliche Reform physiologisch gesäuberten,
Arbeitsfeld der Psycho-Physik der Wissenszweig eine „Noëtik“ oder Noologie angepflanzt
sein wird (zum An-, Auf- und Ausbau).“
237
ist Bedingung der Möglichkeit, sie zu unterscheiden. Fundamental sind die
Elemente identisch, und so geschieht immer wieder das nämliche, das ist das
Gesetz (nomos) der kosmischen Harmonie.292 Das Geschehen geschieht zirkulär
(nomadisch). Zeitläufte implizieren gesatzte Normen, die Harmonie expliziert
sich über die „zeiträumlicher Schranken“293 vom vergöttlichten Anfang und
verteufelten Ende hinweg in gesetzlichen Kreisläufen. In der Dekonstruktion der
accounts (historisch-genetische Komparation der Satzungen), die so lange noch
nicht einsetzen darf, wie die Sammlung nicht komplett ist, will Bastian die
Gesetze des Immer-wieder, der unendlichen Harmonie finden. In ihnen wird
292
Bastian, Das Logische Rechnen, 1903:77: „In Geschichte der Philosophie sind aus den
Denkerzeugnissen unserer Geistesheroen Prachstücke syllogistsicher Kunst überliefert, die
aber – mit Generalisationen (ehe diesselben durch exact genetische Methode begrifflich fest
constatirt waren) hantirend (in luftig hohlen Wortphantomen) – in einem Galimathias reden,
für das auf naturwissenschaftlichem Standort an den Rhythmus anderer Melodien
eingeschulte Ohr; und das Gleiche hat auf dem entgegengesetzten zu gelten, so dass zunächst
(um einen „Modus vivendi“ zu finden) über die Unterschiede der terminologisch verwandten
Ausdrücke ein beiderseitiges Abkommen zu treffen ist. Der Versuch, dies in jeglichen
Einzelfällen herzustellen, würde in einen Wust polemischer Wortfechtereien gerathen, an dem
sich die Finger abzuschreiben hätte (schon um die subjectiv zwischenlaufenden Fehlerquellen
zu eliminiren), so dass empfehlenswerther erscheint, rein objectiv [unter verschiedentlichen
Versionen („repetita juvant“), denn: „repetitio est mater studiorum“] den aus comparativgenetisch exacter Methode angezeigten Gedankengang auszuverfolgen, der aus innerlich
geschlossener Consequenz im Grunde stets auf ein und dasselbe hinauszukommen hat (um in
solcher „Identitas“ sich selber auszusagen; und dann hätte aus vergleichungsfähigen
Differenzirunegen der Variationen sich zu erweisen, ob richtig es stimmt, wenn das im
logischen Rechnen gezogene Facit sich bewährt (unter prüfend angelegter Controlle).“
293
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:60: „Im Hysteron-Proteron metaphysischer
Zeitläufte setzte man, zur Inangriffnahme vorliegender Probleme, mit
Unendlichkeitsrechnungen ein, während die im „Zeitalter der Naturwissenschaften“ an
solidere Speisung gewohnten Constitutionen [dem Rechnen mit angewandten (statt
imaginären) Zahlen zugewendet] rathsam befunden haben, vorab mit Erlernung des Ein-maleins zu beginnen, um (nach Bemeisterung der Vier-Species zunächst) auch für das, was aus
Unendlichem redet, einer (rationellem Verständniss congenialen) Lösung gewiss zu sein,
wenn (in der Ewigkeiten Strom) die Zeit dafür gekommen ist, um den, (jenseits zeiträumlicher
Schranken) auf des Geistes freiem Reich manifestirten, Denkschöpfungen abzuhören, was sie
zu sagen haben möchten (über das Woher? und Wohin?). Bei Unermessbarkeit der in
heutiger Naturbetrachtung für detaillirt erschöpfende Behandlung noch restirenden Arbeiten
– die mit den hinzugewonnenen Resultaten (statt zu mindern) stetig sich mehren (für die der
Denkthätigkeit vorgesehenen Genüsse) -, spricht innerlich gewährte Befriedigung aus der
Gewissheit, dass der (nach bisher fehlgeschlagenen Versuchen) durch Compassweisung der
naturwissenschaftlichen Methode fortab angezeigte Forschungsweg (der Gegenwart) in
seiner Zielrichtung als richtiger erwiesen steht, weil mit jed’ neuem Fortschritt neu in seiner
Richtigkeit bestätigt: aus dem Einklang kosmisch durchwaltender Gesetzlichkeiten, unter
deren Harmonien (wie auch dem Gerechtigkeitssinn conform).“
238
man nicht die Kompliziertheit imaginärer Zahlen (Phantasmen des Ich) finden,
sondern die Einfachheit des Einmaligen (wahrnehmbare Konkremente
einmaliger Augenblicke des es294), mit dem es sich rechnen lässt: ein mal eins!
Erste und vorläufige Aufgabe Bastians ist es, diese Eigentümlichkeiten
in ihren Entäußerungen (accounts) aufzulisten295, um sich und jeden, der jetzt
oder zukünftig an dem Projekt „Wissenschaft vom Menschen“ mitzuarbeiten
bereit ist, überhaupt mit ihnen vertraut zu machen.296 Um zu zeigen, dass das,
was geschieht, nicht in einem Gedanken oder Gedankensystem fassbar ist,
sondern dass jeder Gedanke und jedes Gedankensystem innerhalb des
Geschehens stehen und von diesem erfasst werden. Vergleichbar den
Menschenrassen haben auch sie ihre Eigentümlichkeiten, die aber – wie bei den
294
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:21f.: „Zum reactionellen Abgleich des beim Einfall
auftreffenden Reizes in der Empfindung (s. Hobbes), aus Wechselbeziehung zwischen
scholastischen „Species impressae“ und „Species expressae“ [zu (Epikur’s) „Evidentia“
(¦<Vk(g4") geklärt], wird mit (stoischer) JbBTF4l ¦< RLP± das „white paper“ (der Seele)
beschrieben; und sobezüglich gilt dann der Satz: „Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit
in sensu“ (s. Locke), daneben jedoch die (b. Leibniz) zugefügte Ergänzung: „nisi intellectus
ipse“, der [bei (Trendelenburg’s) „constructiver Bewegung“ des Denkens] über den
sensualistischen Bereich hinauswächst, um innerhalb übersinnlich supranaturalistischer
Regionen einer „intelligibeln Welt“ (s. Kant), zu seiner Vollreife sich zu entfalten, unter den
von jenseitsher anwehenden Eingebungen des „Nous“, dem (als eingeborener Sohn) sein
Logos entflossen ist, - der seinserseits nun, bei Unterhaltung mit dem in Menschensprache
redenden, ein gegenseitiges Verständniss dessen einleitet, was über die im Weltgeräthsel
verschleierten Probleme zu sagen wäre, um dieselbe begrifflich zu umgreifen (nach Maass
der Fassungskraft). „Es“ denkt in uns [nach (Lichtenberg’s) Version [sic!] des „Cogito-ergosum“]: das (uranfänglich hauchende) „Tad“ (der Veden) insofern, und kraft des [in
(Blumenbach’s) „Nisus formativus“ ausgestaltenden] „Triebs zur Organisation“ (s. Fichte),
treibt aus dem „Influxus physicus“ mit (peripatetischer) ¦<Xk(g4" [email protected]Ø Ff:"[email protected],
entelechetisch hervor, was unter „Umsetzung der Energien“ zu höheren Potenzirungen sich
steigert: bis zum (humanistischen) Modus essendi des, dem Denkwesen (Zoon logikon)
eignenden, Denkens [umgebeugt (s. Plotin) auf sein Selbst] – das Denken, das sich selber
denkt [im Nun (am „punctum stans“) des Augenblickes gelebt].“
295
Bastian, Der Völkergedanke, 1881:VI: „Thatsachen sind zu sammeln, nicht durch
Speculation zu schaffen (nach Bacon), denn der Mensch, als „Dolmetscher“ und Diener der
Natur kann nur durch Beobachtung in der Induction die Wahrheit erlangen.“
296
Bastian, Der Völkergedanke, 1881:XVIf.: „Nicht jedoch [...] im acrostichischen Spiel
dürfen die Interessen des Wissens aufs Spiel gesetzt werden, sondern eine allgemein
verständliche Auslegung gilt es, um in ergänzenden Zusammenwirken gemeinsam zu zehren
vom Gemeingut der Menschheit und dessen zu geniessen. Vor dem Genuss freilich die Arbeit,
und solche wächst, statt zu mindern. Vacuna in Sabinis dea, quae sub incerta est specie
formata (Varro). Ungewiss! gewiss. Sobald wird es Musse noch nicht geben. Nicht eher
239
Menschenrassen!! – nicht wesensmäßig verschieden sind. Nichts unterscheidet
sich wesensmäßig. Alles ist Teil desselben Geschehens. Einziges Kriterium
einer Evaluierung bleibt die Position innerhalb des Geschehen. Ausdruck eines
Wertes ist einzig das Kriterium der Ruhe. Je mehr etwas der Interferenz
angehört, desto unruhiger geschieht es; je ruhiger etwas geschieht, desto
ungestörter ist es. Intrahumane Differenzen tragen jedoch keinerlei Bedeutung.
Wird ihnen aber Bedeutung zugesprochen, stört das das Geschehen und ist also
von geringerem Wert, ist folglich zu verurteilen! Ob schwarz oder weiß, ob
Naturvolk oder Kulturvolk, die Menschen sind im psychischen Grunde von
gleicher Art: ihr Denken ist von gleicher Art.297 Frage ist lediglich, wie sie das
Denken geschehen lassen. Ob es schlichtweg geschieht, ob es sich dem
Geschehen verweigert, oder ob es das Geschehen unterstützt298. Das heißt, es
wenigstens, als bis in den Sammlungen ein erstes Fundament gelegt ist, für den Ansatzpunkt
und die Stütze der inductiven Studien (um den Epigonen ihre Erbschaft zu sichern).“
297
MiG I:XVIII: „Im Uebrigen war meine Absicht in dem Zusammentragen der mitgeteilten
Belege nur, den Leser überhaupt mit den Eigenthümlichkeiten des Gedankenganges in den
verschiedenen Menschenraçen vertraut zu machen.“
298
vgl. Bastians Vergleich der Naturvölker mit Raupen und der Kulturvölker entsprechend
mit Schmetterlingen: Das logische Rechnen, 1903:94f.: „Wenn dagegen das
Gesellschaftswesen („homo socius“ oder Zoonpolitikon) zur Maturition gelangt ist,
vollziehen sich die involvirten Verjüngungsprocesse nach Art eines Generationswechsels. Die
leibliche Organisation, am Boden kriechend (gleich der Raupe), verpuppt vorerst sich zur
Stagnation des Wildstammes (unter stehenden Schwingungen seiner lebenserhaltenden
Functionen), bis die Stunde schlägt für den „dies natalis“ seiner Neu- (statt Wieder-) Geburt,
- und frei nun (gleich dem aus seiner zerfallenden Hülle hervorflatternden Schmetterling) zu
noëtischen Sphärenwelten dasjenige sich aufschwingt, was bei Rückwirkung auf den psychophysischen Organismus (in den particulären Constituenten des Gesellschaftskreises)
spiritualistisch (aus rationaliter eingeschlagener Wurzel) hervordestillirt war, in culturell
verfeinerten Essenzen, die fortab zu geistiger Speisung dienen, um die Individualität zu
stählen, für congeniale Assimilation der von jenseits her einfallenden Reize [mittels Reaction
gegen die der „Widerwürfe“, wie (ihnen conform) hervorgerufen]. Und daraus, aus
harmonischem Abgleich des rhythmisch Durchwaltenden, tönt die Melodie hervorn in
symphonischen Wandlungen, um (mit der Amschaspand’s Jubelhymnen) die Wunder der
Schöpfung zu preisen: in der wunderbaren Welt, wie das Denken sie lebt (bei Umbeugung auf
sich selbst).“ Die Unterschiede, die Bastian hier dann doch macht, haben ihm nicht ganz zu
unrecht das Stigma des Evolutionisten eingetragen. Aber man muss sich stets klar machen,
dass Bastians Evolution Teil kosmischer Kreisläufe ist und nicht historischer Zeitläufte. Noch
das am weitesten „entwickelte“ Kulturvolk ist nicht die Krone der Schöpfung sondern immer
noch beunruhigender Ausdruck einer Verstörung. Ruhe kehrt erst ein, wenn es (das Denken)
keiner Botenstoffe mehr bedarf, in denen es versucht, sich denkend habhaft zu werden,
sondern wenn es (das Denken) sich einfach denkt, wenn es also ungestört denkt.
240
fragt sich, wie das Denken zum Geschehen selbst steht, ob es sich ihm in seiner
Kohärenz verschließt oder in einer Inhärenz entzieht, oder ob es sich ihm
adhärent verknüpft, so dass es, dem Wasser in einem Fluss vergleichbar, fließen
kann, flexibel, verbunden und in festem Strom, aber nicht starr
zusammengekettet. In der Adhärenz299 liegt die Potenz zur Anknüpfung, zur
Reihung, zur Serie: zur dynamischen Verkettung der Dinge, durch die die Dinge
in Fluss geraten. Mittels der Adhärenz hält sich das Denken offen. Bastians
Denken zeigt sich wohl nicht schön begradigt und charakteristisch stilisiert,
vielmehr offenbart es sein working on progress, sein probabilistisches Mäandern
im Geschehen. Seine Wissenschaft hat Werkstattcharakter. Wer Interesse am
Denken hat, der sollte in der Lage sein, sich auf solches Denken einzulassen.
Ansonsten muss er bei Erbauungssentenzen bleiben, die nichts, auch wenn sie
noch so wahrheitsbeanspruchend und hochkomplex sein mögen, mit den
Wirklichkeiten zu tun haben. Nur die Adhärenz, das Anhaften der Elemente
aneinander ermöglicht die Reihen, und zwar so, dass nicht die einzelnen Teile
verklebt und verklumpt werden, sondern dass sie frei fließen, frei schwingen
können. Die Adhärenz ermöglicht dem Wasser das Fließen. Kohärenz und
Inhärenz lassen den Kristall an der Starrheit der Struktur im Anschießen sterben.
Nur ein adhärentes Denken mit offenem, probabilistischem Werkstattcharakter
ist in der Lage, sich in das Geschehen hinabzuschwingen und an ihm
teilzuhaben. Die Entäußerungen eines derartigen Denkens fordern einen offenen,
fließenden Stil, nicht unverwandt dem eines roman fleuve, dessen Movens nicht
die Erinnerung sondern die iterativen Versuche der Wahrnehmung der
Wirklichkeiten sind, um sie in ihrem Geschehen zum Ausdruck zu bringen.300
Der fließende, offene, probabilistische, werkstatthafte und geschehnisadhärente
Stil bietet den Gedankenreihen die Möglichkeit, sich den Interferenzen
einzuschreiben, um sie zu entzerren. Jeder Satz muss je den nächsten auslösen,
299
vgl. zu dem Begriff der „Adhärenz“ Buchheit 1997
241
und dieser löst jenen ein und macht ihn so erst zum Element. Das In-sichAbgeschlossene ist bestenfalls eine Derivat, normalerweise ein Nichts und
schlimmstenfalls zu entsorgendes Sperrgut. In der elementar initiierten Reihe
gewinnt die Turbulenz des Anschießens Form, ohne zu erstarren und zu
ersterben. Im Fortschwingen können sich die Interferenzen ausgleichen und eine
Möglichkeit der Schwingung finden, die sich zusehends optimiert, bis es nichts
mehr zu sehen gibt, nichts mehr zu schreiben gibt, bis nur noch das All des
Klanges, der alleine Klang des Kosmos: das Alleine im Einklang der
kosmischen Harmonie unendlich schwingt. Im vollständigen Verzeichnis hätte
sich alles Überflüssige, von der Unruhe das beunruhigende egomanische Präfix
„Un-“ und von der Interferenz das materiale Infix „-ter-“ streichen lassen. Zur
Ruhe kommend muss nichts mehr verzeichnet werden. Der Schreiber kann
aufhören zu schreiben, kann auf-hören. Die Harmonie ist nicht mehr unerhört.
Ein Satz, der den nächsten nicht auslöst, sondern das Schreiben zum
Innehalten zwingt, weil mit ihm und in ihm schlechterdings alles gesagt sei, ein
solcher Satz ist nicht elementar, sondern eine konstruktive Falle. Die Adhärenz
des Flusses wurde in die Kohärenz der Struktur gezwungen, in die
Pseudosicherheit eines Kanalsystems, das jeder Unwägbarkeit des Stromes
vorbeugen soll. Wie auf Dauer jeder Damm und jede Befestigung sinnlos bleibt,
so auch der Punkt am Ende des Satzes, der wortlos sagt, es sei alles gesagt. Nur
im Weiterschreiben hat der Satz einen Sinn. Nur in der Bewegung hat das Bild
im Film einen Sinn. Solange es Worte gibt, solange es Interferenzen gibt, die
sich ihnen einschreiben, muss man weiterschreiben, solange bis es keine mehr
gibt. Dann, erst dann ist die Verstörung zur Ruhe gekommen, die Interferenz
entstört. Die Schwingung geht jedoch weiter. Nichts ist mehr zu besprechen, da
alles im Einklang schwingt. Bis dahin aber, bis es also so weit ist, solange muss,
wer wirklich denken will, sich den einzelnen Geschehnissen des Denkens dort
300
Diese Aufgabe des roman fleuve wird von Gilles Deleuze an Proust sehr überzeugend
dargelegt: Bastians und Prousts Infrastrukturen sind sich so unähnlich nicht. Siehe: Gilles
Deleuze, Proust und die Zeichen. Berlin, 1993
242
aussetzen, wo sie sich entäußern, und sich ihnen schreibend einschreiben, selbst
wenn sie noch so sehr jeder Reinheit, Gerichtetheit, Richtigkeit,
Rechtmäßigkeit, Wahrheit, Authentizität, Widerspruchsfreiheit, Gründlichkeit
und Wohlgeformtheit Hohn sprechen. Das sind alles keine analytischen, sondern
synthetische Kategorien, eine künstliche Mixtur aus Wunschdenken und
Machtwillen, die das Denken vereiteln, weil sie einen wünschen lassen, alles sei
mit seinen Worten gedacht; weil sie einen wollen lassen, alles werde um
seinetwillen gemacht. Synthetische Kategorien verführen den Einen zum
Erhabenen, zum erhabenen Einen, der aller Dinge enthoben ist. Das ist Bastians
Sache wahrlich nicht.301
301
MiG I:XVIf.: „Ein Produkt, das noch die Unebenheiten und Schärfen seiner Bildung zur
Schau trägt, wird den nur die Oberfläche betrachtenden Kritikern überall Stoff zu leichtem
Tadel bieten; aber es schliesst eher die Wahrscheinlichkeit ein, an seiner Umgebung zu
haften, mit ihr in eine lebendige Wechselwirkung zu treten, und dann, wenn sich aus
Bestimmen und Verdammen das Facit zieht, höhere und vollkommenere Produkte, als es
selbst war, im Austausch der Ideen zu schaffen. Jeder, der zu denken liebt und zu denken
versteht, wird solch rohe Erzeugnisse, die noch einen Einblick in die Werkstatt ihrer
243
2. 3. 5. Abschwingen
Alles ist Schwingung. Materie ist Schwingung, im Atom trägt sie sich
aus. Flora ist Schwingung, in der Zelle lebt sie sich aus. Fauna ist Schwingung,
im Instinkt und im Denken zeitigt sich ihre Bewegung. In der Schwingung
erhalten sich die Kräfte. Materie ist jedoch gestörte Schwingung. Materiell wird
die Schwingung inhibiert oder akzeleriert, aber nicht aufgehoben. Weil die
Materie verstörte Schwingung ist, proliferiert sie, weitet sich aus, weitet den
Raum, der durch sie und in ihr gezeugt wird. Spatiale Ausdehnung und
temporale Dehnung sind die Effekte der Interferenz. Materiell ist die
Schwingung zeiträumlich beschränkt302, da zum einen die Materie träge, zum
anderen die Schwingung aber unendlich ist. Die beschränkte Schwingung dehnt
sich im Fortschwingen unendlich aus, dünnt damit die Interferenz (die Materie)
aus, die zunehmend abnimmt und sich bei erhaltener Energie der kosmischen
Harmonie wieder angleicht. Die Interferenz breitet sich zeiträumlich aus, wie
sich Schall, Licht oder Elektrizität ausbreiten. Ein Laut, ein Licht oder ein
Stromschlag unterbrechen das Gleichförmige eines Geschehens, entstehen aus
einer Spannung und sind Spannungsabbau. Dieser Abbau nähert sich
asymptotisch wieder einer Gleichförmigkeit an. Die Interferenz löst sich in
ihrem Geschehen selbst, wenn man sie nur geschehen lässt, auf. Die Unruhe der
Interferenz, ausgelöst von den zeiträumlichen Schranken, geht über in die Ruhe
der Inferenz (harmonische Reihe), der Schwingung der dematerialisierten, i.e.
entzerrten Energie. Jeder Abbau bildet eine Reihe, in der sich das „Materielle“
Entstehung verstatten, um so nützlicher finden, als sie eine grössere Menge der
Vergleichspunkte bieten.“
302
vgl. Bastians Ausdruck „zeiträumlicher Schranken“: Das logische Rechnen, 1903:60.
244
verliert, aber die Schwingung sich erhält. Sie kommt derart zur Ruhe, dass sie
sich wieder gleichförmig fortschwingt. Sie pflanzt sich in der Verstörung fort,
und im Fortpflanzen baut sich die Verstörung ab. Nach gleichem Muster verläuft
das Denken. Es muss nach gleichem Muster verlaufen, sonst wäre kein
Erkennen der Schwingung möglich. Nur eine grundsätzliche Identität alles
Geschehens ermöglicht die Einsicht, eine Einsicht, die nicht von einem
Außerhalb her kommt, sondern die im Verlauf des Geschehens sich vernimmt
und die aufgrund des Vernehmens einsichtig wird, für das Ganze jedoch blind
bleiben muss. Würde sie außerhalb stehen, könnte sie nichts vernehmen, nichts
verspüren und somit keiner Spur folgen. Außerhalb wäre sie ausgeschlossen von
der Wahrnehmung, weil ausgeschlossen von der Teilnahme. Nichts nähme sich
für sie ein. Von außerhalb wäre es unmöglich sich in das Geschehen
einzuschwingen, wenn es denn ein Außerhalb der Schwingung gäbe. Doch ein
solches Außerhalb lässt sich nicht denken, da das Denken schon die Schwingung
dorthin brächte. Es gibt in Bastians Kosmos nur interferentielle und inferentielle
Schwingung, materialer Lärm und Sphärenklang. Da es kein Außerhalb gibt,
lässt sich im Umkehrschluss aufgrund der pantopischen Wechselwirkung
entgegen anderslautender Konstitutionen simple konstatieren, dass Einsicht
immer schon stattfindet und dass deshalb Identität zwingend konkludiert werden
muss. Die vielfältigen Einsichten können nur auf einer Identität beruhen.
Beunruhigende Fundamentalunterschiede schießen aus einfältiger Blindheit an.
Die Vielfalt der Einsichten, d.h. der Gedanken, entsteht wie der Laut, das Licht
oder der Elektroschlag im Zusammentreffen einzelner Schwingungen.
Spannung baut sich auf, die sich in der Einsicht und im Denken, provoziert von
der Spannung selbst, wieder abbauen kann. Tut sie das nicht, gab es keine
Einsicht (Wahrnehmung), das Denken endet in der Sackgasse eines toten, weil
blinden Gedankens: das Denken kristallisiert in starrer Struktur ohne
Fortzeugekraft aus. Unfruchtbarkeit und Impotenz sind die Zeichen (die Folgen)
struktureller Gewalt. Starre Strukturen lassen sich wunderbar anstarren, sie
245
bannen den Blick und schlagen ihn kraft ihrer Gewalt mit Blindheit. Sie
verführen zur Beobachtung und täuschen Einsicht vor. Der Beobachter ist
fasziniert von der kristallinen Form und entsetzt in den Momenten, wo die
Einsicht trotz Blendung statthat: was er paralysiert anstarrt ist exakt dasjenige,
dem er paranoid zu entkommen suchte. Es handelt sich um etwas Totes, um ein
Abfallprodukt, eine Ausscheidung, ein Zeichen gefrässiger Ichsucht und
egologischen Machtwillens, um Dinge, die verenden oder verendet sind. Um
Dinge, die den Tod in sich tragen. Die den Tod bringen. Was eigens und
eigentlich sein will und diesen Willen nicht als Eigentümlichkeit anerkennen
will, will sich zu keinem anderen fügen. Und doch ist es nur eine
Eigentümlichkeit des Denkens und eben nicht das eigentliche Denken. Das
Denken kann sich nicht denkend fassen, sich nicht im Denken aufheben, so dass
es als ein Gedachtes vor Augen stünde. Es kann sich nur so denken, dass es sich
denken lässt: es kann „nur“ denken, d.h. sich, das Denken, geschehen lassen.
Dann denkt sich das Geschehen. Dann wird es gedacht und hinterlässt in den
Entäußerungen, den Abfallprodukten seine Spur. Die Spannungsreihe baut sich
ab, wir können den Abbau der Unruhe anhand seiner Spur folgen. Wir können
den Abbau verzeichnen und verzeichnend seine Gesetzmäßigkeiten erkennen,
wie die Physik den Energieerhaltungssatz oder die Entropie, auf die Bastian sich
allenthalben bezieht303, eruieren konnte. Die Ruhe, die sich im Abbau
zunehmend einstellt, bedeutet keine Stillegung des Geschehens, sondern den
Ausgleich der Interferenz, die Entzerrung der Störung, die Schwingung
schwingt gleichsam gleichförmiger fort. Ihr Bestehen geschieht in der Ruhe der
Regelmäßigkeit und aufgrund der Ausgleichungstendenz der Harmonie
(aufgrund der übrigens auch die Unruhe geschah: die Ruhe muss mit Unruhe
ausgeglichen werden!). Jedes Denken, das in starren Gedanken das Geschehen
feststellen will, entzieht sich gerade dem Geschehen, tötet es dergestalt ab, dass
es die Verstörung potenziert, die Interferenz verstärkt, so dass die Einsicht in die
303
siehe Buchheit 1997:69.
246
Schwingung getrübt wird. Schwingungsberg oder Schwingungstal scheinen sich
zu verabsolutieren. Die Verabsolutierung verschleiert die wachsende Spannung.
Extreme, exaltierte Standpunkte dünken sich einsichtig und düpieren das
wirkliche Denken. Gegen solche Standpunkte, wie sie z.B. Ernst Häckel
vertritt304, polemisiert Bastian zeitlebens. Bastian möchte sich zwar jeder
Polemik enthalten, da sie durch die Gegenspannung die Verstörung verstärken
kann. Da er aber seiner Zeit nicht entkommt, kann er nicht tatenlos in der
Interferenz verharren. Seine Querschüsse gegen verabsolutiertes und
verabsolutierendes Denken (wie z.B. auch dasjenige vom einzigen Ursprung,
vom johannitischen Logos oder von Gott selbst) versuchen die exaltierten
Interferenzspitzen zum Kippen zu bringen. Mit den insultierenden Spitzen seiner
Polemik versucht er die Extreme zu entladen.305 Macht er sich damit auch selbst
304
siehe zur Auseinandersetzung zwischen Bastian und Häckel: Buchheit 1997:18ff.
Siehe z.B.: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:19: „Der unserer Mutter Natur, als
(Bruno’s) „kreisende Gebärerin“ – ehe ihr die Wehen kommen können (um aus der „Natura
naturans“ die „natura naturata“ hervorzutreiben) – erforderliche Befruchter hat in (Nic.
Cusanus’) „docta ignorantia“ den Agnostikern [bei Anonymität des (gnostischen) B"J¬k
š(<[email protected] oder (b. Basilides) Ò ÏLi ê< hg`H] als der „Unknown God“ (s. Thomson) sich
entpuppt, der im anthropomorphischen Procrustes-Bette verstümmelte ist längst zum alten
Eisen geworfen (da bei teleskopischer Durchspähung der Raumesweiten sein „Finger“ nicht
auffindbar gewesen), und dass, bei Verstummung der Orakel (s. Plutarch), der „Grosse Pan“
gestorben, war dem vorüberfahrenden „Menschenschifflein“ zugerufen (durch des Schicksals
Stimme). „Gott ist gestorben, und sein Tod war das Leben der Welt“ (s. Mainländer). Und so
beginnt es zu veröden, in nihilistischer Leere (des Atheisten). Aus Religiosität des Zeitgeistes
redet verständlich dagegen sein innerer Logos, kraft allgemein durchwaltender
Gesetzlichkeiten, die (als geometrische „limes extensi“) mit den im Denken (arithmetisch)
innaten übereinstimmig, aus mechanistisch eisern kalten zu dikaiosynisch gerechten [ auch
hier wieder eine Contradictio in adjecto (Störung) „mechanistisch gerecht“ (hieße von einem
Menschen gemachte Gerechtigkeit und daher einseitig, also ungerecht), die sich in eine
gleichförmige Tautologie auflöst: *4i"[email protected]<0 heißt Gerechtigkeit, rechte Beschaffenheit,
durchaus im paulinischen Sinn, dass nicht Menschengesetz gilt, sondern, nun aber im
buddhistischen Sinn, die Gesetzmäßigkeit des Werdens, die ewigen Kreisläufe der Harmonie.
Dikaiosynisch gerecht heißt also im Einklang mit dem Kosmos. KPB] sich umsetzen auf
ethischer Scala (den „mathematischen Unterlagen des All“ einbegründet). Und dorten dann
mit congenial empfundener Liebeswärme vom „Amor die intellectualis“ (Spinoza’s)
durchglüht, in „Admiratio majestatis“ (s. Bernhard Cl.), beim Staunen über die Wunder der
Welt und die aus kosmischen Harmonien hervortönenden Preisgesänge, haben sie das Herz
bekümmernden Zweifelsfragen (in „Passiones animae“) sich abzuglätten: wenn (bei
Verlegung des Schwerpunktes aus dem sexuellen auf den cerebralen Pol) der „Calculus
philosophicus“ die Entscheidung abgiebt – falls das vom logischen Rechnen gezogene Facit
305
247
erstmal lächerlich, wie die Wirkungsgeschichte nur zu deutlich beweist, so stellt
sich jedoch auf längere Sicht heraus, wie ich meine und hier zu zeigen hoffe,
dass Bastian und seine Schriften durchaus in der Lage sind – zu erden. D.h. das
Denken wieder mit dem wirklich geschehenden Geschehen zu verknüpfen, also
das Denken – entsprechend Bastians Konzeption des Denkens – geschehen zu
lassen und ihm so ein „ruhiges Bestehen“ zukommen zu lassen. Bastian holt das
Denken aus den exaltierten Höhen irgendeiner Jenseitigkeit oder Transzendenz,
die letztendlich immer in ihrer Hybris das Diesseitige verdammen und zerstören
müssen, zurück, gerade weil sie ihm das Beste nur wollen. Weil sie es erlösen
wollen, holt Bastian das Denken in die Diesseitigkeit, in den Verlauf des
Geschehens, in das Leben zurück. Freilich wird es dadurch auf den ersten Blick
ebenso verwirrend wie das Leben selbst. Aber nur in dieser Rückholung, in
diesem, wie Bastian es nennt, „Abschwingen“ kann das Denken einsichtig
werden und das Verwirrende als die Zeichen, die Ausscheidungsprodukte, die
Ausdrucksprodukte des Geschehens erkennen, die allesamt qua ihrer
Eigentümlichkeit auf das Eigentliche des Geschehens hinweisen, nämlich die
Gesetzmäßigkeit seiner Schwingung, i.e. die infra-strukturelle kosmische
Harmonie.306 Das Eigentliche gebärt gewissermaßen in jedem Augenblick das
Eigentümliche. Alles, was wir wahrnehmen, ist folglich in statu nascendi, in
dem es anschießend sogleich erstirbt. Erstürbe es nicht, dächten wir nicht weiter
darüber nach. Es wäre gedacht worden und müsste nicht weiter bedacht werden.
als richtiges sich erwiesen hat, aus doppelter Controlle (bei gewissenhaft angelegter
Prüfung).“
306
MiG I:35f.: „Das bewegte Atom bildet die Schwingung, aus Schwingungen construiren
sich die physikalischen Kräfte, und Schwingungen werden wir auch zunächst festhalten
müssen, um, wie Schall, Licht, Electricität, so die Bewegung des individuellen Atoms, des
Gedankens zu erklären, indem wir es in seinen Operationen als aus Schwingungsreihen
zusammengesetzt handeln lassen. Das lebendige Denken muss die Materie in der Bewegung
des Werdens verstehen, die ihr ruhendes Bestehen in dem organischen Gesetze findet.“ Hier
zeigt sich wieder die Bastian’sche Analogiebildung, die unterschiedlichste Bereiche
ineinander verschränkt und das eine mit dem anderen beweist. Aufgrund der angenommenen
Identität sind in der Tat die unterschiedlichsten Bereiche metonymisch miteinander
verschränkt, so dass sich die Gedankenreihen problemlos quer durch ihre Felder führen
lassen. Es hat alles mit allem zu tun. Die Harmonielehre gibt dem Disparatesten
Adhärenzpotential, so dass die Reihung geschehen kann.
248
Es wäre geschehen, ohne sich selbst angehören zu müssen. Jenseits
raumzeitlicher Schranken gibt es kein Eigentum und keine Eigentümlichkeit,
kein Leben und Sterben, nur immaterielles und störungsfreies Geschehen der
Schwingung. Jede Zeugung (auktorialer Eingriff in die Materie zwecks
Vermehrung) und jede Geburt (Störung; Interferenz) eines Eigentümlichen
zeitigen verwirrende, die Schwingungen verflechtende, materialisierende
Wirkungen307, da es ein Neues im Ganzen ist. Es ist in der Welt, es ist, wenn
auch als Sterbendes oder Gestorbenes, Teil des Geschehens nun. Es lässt sich
nicht mehr hinweg denken und verdient, wahrgenommen zu werden, auch wenn
es den Logikern, die den wahren Logos suchen und die sich des exklusiven und
elitären Jargons der Eigentlichkeit308 zu befleißigen versuchen, noch so abstrus
erscheinen mag. Noch die eigentümlichste Eigentümlichkeit ist Produkt des
eigentlichen Geschehens und somit Mittel, es zu spüren, ihm auf die Spur zu
kommen. Jeder noch so kohärente oder inhärente Gedanke verleugnete das
Geschehen und belöge den Rezipienten. Der ordentliche und ermächtigte
Gedanke gibt sich als das Eigentliche, die gelichtete Aletheia aus und klagt jedes
heteronome Geschehen der verschrobenen und letztlich falschen und
gefährlichen Eigentümlichkeit an. Mittels des Logos als Allologos zeitigen die
Logiker den Betrug des quid pro quo. Ihre demiurgischen Entwürfe stellen sie
als geborgene Wahrheit aus, die das Geschehen nicht mehr verändere, weil sie
es feststellend fasse. Die Logoi der lebenden Alltagsmenschen hingegen, an sich
auch Ausscheidungsprodukte, interessieren Bastian viel mehr. Sie werden
weniger als der Weisheit letzter Schluss veräußert, sondern bündeln sich als
provinzielle Anschauung und Entäußerung dessen, was da jeweils so geschieht.
307
MiG I:32: „So leicht eine rein mechanische Berührung des Baumstammes sein mag, sie
muss mit zwingender Nothwendigkeit gewisse Wirkungen erzeugen, die nicht nur für diesen
Körper, sondern für das gesammte Weltganze für ewig dauernd sein werden.“
308
vgl. Theodor W. Adorno, Jargon der Eigentlichkeit, Frankfurt a.M. 1964. Adornos Ansatz
soll hier bewußt gehalten werden, aber er ist nicht Mittel, um Bastian zu verstehen. Die Kritik
des Jargon der Eigentlichkeit ist bereits integraler Bestandteil des Bastian’schen Stils, auch
wenn er, wie auch der Adornos, wie jeder Stil, seinen eigenen Jargon inszenierte. Man
249
Das Quid pro quo von Eigentümlichkeit und Eigentlichkeit wird hier nicht mit
der Vehemenz und institutionalisierten Macht betrieben, mit denen die
Denkapparate der professionellen Gedankenkonstrukteure es fabrizieren. Die
gebündelten Anschauungen, die entäußerten Allologoi des Alltags stehen je
näher am Geschehen als jeder professionelle Logos. Im jeweiligen Durchschnitt
stehen alle Allologoi gleich unmittelbar zum lebendigen Denken. Bastian wird
in seinen mittleren und späten Schriften konsequent den provinziellen Allologos
Völkergedanke nennen und den durchschnittlichen Allologos
Elementargedanke. Bezüglich der Errechnung des Durchschnitts sieht Bastian
die Methoden Quetelets für wegweisend309. Allerdings lässt sich mit der
Berechnung erst beginnen, wenn sämtliche Logoi verzeichnet sein werden. Und
die signifikantesten sind nicht die sogenannten Hohen Gedanken, sondern die
alltäglichsten (egal in welchem Bezug!), d.h. die auch in einem alltäglichen
Sinne eigentümlichsten. Aus diesem Grund sucht Bastian nicht die Menschen
auf, die sich als die „Eigentlichen“ bezeichnen, sondern die Eigentümlichen, die
von ihrem Umfeld gewissermaßen am meisten beeinflusst sind – und am
wenigsten von den „Eigentlichen“. Bastian besucht Menschen, die sich nicht
von ihrem Umfeld in irgendwelche geistigen oder theistische Höhen aufgrund
eines anagogistischen Begehrens zurückgezogen haben. Er kontaktiert
diejenigen, die in der Geschichte des Geschehens verzeichnet sind. Er
verzeichnet nicht das Geschehen einer weltgeistlichen Geschichte, die
anthropomorph gedacht wird, sondern die Logoi der Anthropoi, der Menschen,
die in ihrem Denken das Geschehen logomorph zum Ausdruck bringen, in deren
Denken das Geschehen sich logomorph zum Ausdruck bringt. Kurzum, er
verzeichnet die Gedanken ihrer Form und weniger ihres Inhaltes nach, nicht
nachdem, was sie beanspruchen zu sein, sondern was sie als Produkt des
interreferentiellen Ansprechens sind. Bastian interessiert mehr die Stätte des
spräche ansonsten nicht, hätte keine eigene Stimme, sondern verhallte im Gemurmel des
Geschehens.
309
zu Bastian und Quetelet siehe: Buchheit 1997:62f.
250
Geschehens, nämlich der einzelne Mensch in seinem Umfeld, als die
verabsolutierte Geschichte eines Einzelnen. Deshalb ist der Titel seines Werkes
„Der Mensch in der Geschichte“ wirklich Programm und nicht Reminiszenz an
eine Geschichtsphilosophie, die den Menschen auf die Geschichte reduziert und
glaubt, aus dem Redukt310 alles Gedachte und zukünftig Zudenkende auf „Die
Geschichte des Menschen“ deduzieren zu können. Die eigentümliche
Menschengruppe und der eigentümliche Mensch werden sich qua ihrer
Eigentümlichkeit, die aus den Wechselwirkungen des Geschehens, in dem sie
stehen, entsteht, dann ins Sein abgeschwungen haben, wenn ihnen die
Eigentümlichkeit als Eigenart bewußt wird. Nun erst wird ihnen bewusst
werden, dass diese Eigentümlichkeit nichts Zeitloses und universal Gültiges ist,
das sich zu letzthinnigen Wertmaßstäben in Form wesensmäßiger
Klassifikationen und heiliger Ordnungen missbrauchen lässt, wie das ein
evolutionistischer, rassistischer Kolonialismus tut, der damit seine
Vernichtungsaktionen rechtfertigt, die das Geschehen in seinem Verlauf
nachhaltig hemmen, sondern dass die Eigentümlichkeiten je neu als
Entäußerung der Wahrnehmung entstehen. Der Mensch im Geschehen lebt in
statu nascendi, sein Denken entsteht je neu, seine Gedanken kommen je in statu
nascendi zur Welt. Nur ein Denken, das das akzeptiert, bleibt lebendiges
Denken. Nicht der Eigentümliche ist bei Bastian der idiotes, sondern der
Eigentliche. Das Denken des idiotes ist distanziert (erhaben) und fixiert, i.e.
festgestellt, befangen im eigenen, idiomatischen System, in der künstlichen
Maschine, strebend nach autarker Perfektion, die alles Gute (das Eigene)
glasklar von allem Schlechten (das Noch-nicht-eigene) zu unterscheiden weiß,
in der also Hell und Dunkel, Leiden und Triumphieren, Hammer und Amboss,
Gut und Böse perfekte Gegensätze sind. Derart strebend ist dieses Denken in
bloßer, permanent um sich selbst kreisender Unruhe, die, je mehr Eigenes sie
schafft, desto mehr Noch-nicht-eigenes produziert. Je mehr dieses Denken
310
Wie in der Produktion das Produkt entsteht, entsteht in der Reduktion das Redukt.
251
entschiedene Ruhe verlangt, desto mehr wird es vom Abgeschiedenen
beunruhigt. Je mehr es meint, Wesentliches von Unwesentlichem, Inhärentes
von verbergender Verhüllung separiert zu haben, desto mehr spinnt es sich
selbst in einen Kokon idiomatischer Selbstverliebtheit, die in ihrer
verstrickenden und verklebenden Unruhe sich selbst permanent auf die Nerven
geht und nichts mehr ersehnt, als Ruhe zu gebieten, und nichts mehr in der Tat
tut, als anderen Ruhe zu gebieten: solche Selbstverliebtheit schlug noch immer
in Selbsthass und Xenophobie um. Das Idiomatische des idiotes wehrt sich
gegen jedes andere Idiomatische, das ihm seine Eigentümlichkeit im Gegensatz
zur begehrten Eigentlichkeit so schmerzlich bewußt werden lässt, und will es,
um einzig und eigentlich zu sein, vernichten. Es lässt sich nicht auf das
Geschehen ein, die Wechselwirkung soll unterbunden werden. Ein jedes soll
zuerst schön auf seiner Seite bleiben, um dann umstandslos von meiner Seite
eingenommen zu werden. Der Eigentümliche hingegen ist gerade derjenige, der
sich in seiner unnachahmlichen Art und Weise auf die andere Seite begibt, der
sich auf seine Weise ins Geschehen einbringt, er ist der a-idiotes; er mag
vielleicht oberflächlich wirken, doch nur dem idiotes. Realiter setzt er vielmehr
seine Oberfläche dem Geschehen aus (sein Augenmerk!) und reagiert
wahrnehmend, reagiert folglich elementar. In bezug auf Bastians Lehre lässt
sich solche Eigentümlichkeit in den Begriffen agathon oder arete fassen. Die
Eigentümlichkeit ist die Tugend (arete, virtus) des Menschen in der Geschichte.
Am kongenialsten wird sie im Begriff der dynamis zum Ausdruck gebracht. Die
Tugend des Menschen in der Geschichte fordert die dynamische Teilhabe am
Geschehen, fordert also – tautologisch comme il faut – die Dynamik, somit das
Geschehen selbst. Die arete der dynamis, die Tugend der Dynamik verlangt das
Einlassen auf und die Hingabe an das Geschehen, d.h. das Abschwingen von
jedem höheren Zustand (i.e. jeder status, der schon in nascendi beginnt) in das
statthabende Geschehen, das kein höher und niedriger, keinen hohen oder
252
niedrigen Stand, der von einem hohen oder niedrigen Stil gefasst werden könnte,
kennt, nur ein mittenmang.
Es ließe sich nun leicht folgern, dass Bastian, der sich auf seinen Reisen
mitten ins Geschehen begab, ein Kosmopolit, ein Bewohner des Kosmos sei.
Wie die meisten „grossen“ Begriffe, lenkt aber auch dieser vom wirklichen
Verhalten ab, weil er sich aufdrängt, weil er für sich zu sprechen scheint - und
tatsächlich nur für sich spricht, indem er verführerisch für sich wirbt. Bastian
kann nach all dem, was wir gesagt haben, konsequenterweise kein Kosmopolit
sein311, da ein Bewohner des Kosmos gerade außerhalb der materiellen
Verstörung sich situiert, d.h. sich als jemand ausgibt, der je jenseits des
aktuellen Geschehens steht, das er teilnahmlos, aber interessiert – ohne wirklich
drin („inter-esse“) zu sein - beobachtet und über das er sich amüsiert erhaben
dünkt. Er erachtet sich überall auf der Welt als der Nämliche, als der nicht vom
Geschehen infizierbare Eigentliche, der sich qua seiner Nämlichkeit zurecht
findet, da er überall auf der Welt den gleichen Namen trägt und man ihn
gefälligst entsprechend behandeln muss. D.h. jeder, der ihm begegnet, soll sich
augen(ge)fällig nach ihm richten und seine eigenen Eigentümlichkeiten für diese
Augenblicke kaschieren. Der Kosmopolit wird also die anderen nie so sehen,
wie sie sind, sondern nur so, wie sie sich qua der Kraft seines Namens
befleißigen müssen, sich ihm darzustellen. Entsprechend wird er schlußfolgern,
dass er alle Welt kennt und dass es nirgends nichts Neues unter der Sonne gibt,
dass nirgendwo irgendetwas wirklich geschieht. Der Kosmopolit wird prinzipiell
alles ennuyant finden, d.h. er wird nichts finden, aber überall etwas suchen, das
ihn vielleicht nicht ennuyiert. Der Kosmopolit, der allen Grund hätte, gelassen
zu sein, wird in seiner Ennuyiertheit prinzipiell sehnsüchtig unzufrieden sein,
d.h. verzweifelt. An der Welt sich leidend dünkend leidet er ausschließlich an
sich. Für ihn gibt es nicht nichts Neues unter der Sonne, weil ein prinzipiell
311
vgl. Bastians Einschätzung des „Globetrotters“ und des Kosmopoliten der „Grand tour“
(wie sie z.B. Schopenhauer machte): Bastian, Ethnische Elementargedanken II, 1895:58: „Seit
253
einheitliches Geschehen in der Interferenz auf stets neue Art Eigentümliches
wiederkehren lässt, sondern weil er die Sonne, so würde Bastian sagen, durch
den Schatten seiner nämlichen Macht verdunkelt, die nicht mehr ist als die
Hybris eines Egos, das sich allerorts gleich aufplustert und deshalb auf nämliche
Art immer wieder ganz besonders dämlich auftritt. Das kann und darf die Sache
eines Kosmotheoros, der die Welt sehen will, wie sie ist und geschieht, nicht
sein. Eine Wesensart, die sich allenthalben souverän über die regionalen
Eigentümlichkeiten stellt, kommt für ihn nicht in Frage. Sie basierte auf blinder,
blasierter Arroganz, die sich statisch aus jedem, wenn der Pleonasmus erlaubt
ist, dynamischen Geschehen heraushält und die nur mit Ihresgleichen verkehrt.
Die Kosmopoliten sind, folgt man Bastians Lehre, wahrlich und wortwörtlich
die Elite der idiotes, die Elite derer, die sich, zwar allerorten, heraushalten, und,
wie nicht anwesend, allerwärts sich aufhalten. Sie besitzen keine Präsenz,
sondern nur das repräsentative Gehabe eines vermeintlich ubiquitären Selbst.312
Bastian sah sich immer als zoon politikon313, als, wenn mir der nicht
ganz richtige, aber konsequente Neologismus erlaubt ist, Zoonpolit, als
luxuriös subventionirten Dampferlinien wird der „Globe-trotter“ (auf seiner „grand tour“)
weiter umhergeführt, aber freilich an der Nase meist [...]."
312
vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:81: „Der Präsenzzustand des Ichgefühls basirt auf der
aus der Allgemeinempfindung des Hineinverwobenseins mit der Gesammtumgebung
resultirenden Beeindruckung, je nach der (auch durch physische Zustände mitbedingten)
Stimmung (für das psychische Total).
Unter solch unbestimmt durcheinanderschwirrenden Eindrücken determinirt ein jedesmal
(unter Gunst der Umstände) bevorzugt einzelner auf etwelchen Willensentschluss hin (ob
realiter ausgeführt oder nur in Absicht gemeint).“
313
am eindrucksvollsten legt Bastian das in: Das logische Rechnen, 1903:6f. dar: „Mit dem
„Denken“, worin die Wesenheit des „Denkwesens“ (Zoon logikon oder Animal rationale)
gipfelt, erhält die humanistische Existenzform ihre characteristisch gestempelte Prägung,
unter den animalisch analogen Organisationen auf biologischem Bereich, - „Homo
inquantum homo solus intellectus“ (s. Alb. M.); bei Veredlung des Bimanus zum Homo
sapiens -, und bei Umsetzung der Energien entspringt (mit geistigen Kräften in X<V*gH) der
specifisch begrenzte „Modus essendi“ des Denkens auf gesellschaftlicher Sprachschichtung,
aus den im Organismus des Gesellschaftswesens bethätigten Funktionen, zur
naturnothwendigen Ergänzung des „Anthropos“ (nbFg4 „Zoon politikon“, oder Ethnos). Aus
der demgemäss mit noëtischen Agentien geschwängerten (Atmo-)Sphäre wird in den, ihren
jedesmaligen Gesellschaftskreis constituirenden, Individualitäten das, aus den psychophysischen Funktionen zu seiner rationellen Entfaltung heranreifende, (Vernunft-) Denken
gespeist, aber um in die abdunkelnden Tiefen (seiner Anfänge) erhellendes Licht zu tragen,
254
Lebewesen unter interreferentiellen Lebewesen, als materialer Mensch aus
Fleisch und Blut im materiellen Geschehen. Nur als ein solches Lebewesen ist er
wesentlich. Als Wissenschaftler ist Bastian Logograph. Er bewohnt nicht den
Kosmos, sondern ist animalische Ausgeburt des Kosmos, Produkt einer Provinz
des Kosmos, Teil und Mitglied einer Verstörung, die den Kosmos nur
theoretisch erahnen lässt, der notwendig denkbar ist. Der reisende Zoonpolit, der
sich zur Aufgabe gemacht hat, das Denken im Geschehen zu verzeichnen, muss
folgerichtig zoonpolitische Logbücher314 schreiben, Verzeichnisse des
zoonpolitischen, d.h. gesellschaftlichen, Geschehens auf seiner Reise und all
dessen, was auf ihn wirkte, wessen er teilhaftig wurde. Wie die Holzklötze
(Log) an den Schiffen vorbeischwammen und Meßgerät der Geschwindigkeit
waren, so ziehen die Gedanken vorbei und Bastian mißt an den Gedanken die
Geschwindigkeit des Geschehens. Also keinesfalls dem Bewohner des Kosmos,
sondern dem Bewohner der Verstörung ist das Geschehen etwas, das man
empfängt und empfindet und im Empfinden und Empfangen seinerseits
geschehen lässt, um zu wissen, wo man ist, und um damit zu wissen, wer man
ist. Das Wesentliche der Verstörung ist also ihre Empfindlich- und
Empfänglichkeit, ihre Eindrücklichkeit. Die Verstörung lässt sich als das Pathos
des Kosmos bezeichnen. Das Denken in der Verstörung ist je pathologisch. Will
das Denken sich dem Geschehen entziehen, wird es bestenfalls nekrologisch,
schlimmestenfalls stirbt es ab und behindert in den Logoi das Geschehen. Der
Mensch im Geschehen ist also je Pathopolit, Einwohner des Pathischen und des
muss vorher das automatisch sociale Denken aufgeklärt sein, in seinen
„Gesellschaftsgedanken“, auf elementar gleichartiger Unterlage wurzelnd. Indem bei
Erweckung der in den Potentialitäten des Keims schlummernden Unität, die dynamischen
Energien, aus ihrer Latenz hervorgerufen (durch Reaction gegen die Einflüsse der Umwelt),
den Fruchtstand annähern (längs des kinetischen Verlaufs ihrer Ausentfaltung), erfüllt sich
demgemäss die Zielrichtung im vernunftgerecht rationellen Verständniss der
Gesetzlichkeiten: bei Uebereinstimmigkeit der im Denken immanenten mit allgemein
durchwaltenden (unter kosmischen Harmonien).“
314
In des Wortes wortwörtlicher Bedeutung. Denn Bastian ist kein Kapitän, der ein Schiff
führt, sondern eher Passagier (oder Schiffsarzt, der er ja auch zeitweise war!), der
Wegbeschreibungen abfasst. Man spricht sinngemäß besser von Itinerär, wohingegen vom
Wort her Logbuch der passendere Begriff ist.
255
Sympathischen, der sich der Eindrücklichkeit des Anderen nur entziehen kann,
wenn er ihn kraft seiner egologischen Hybris tötet, ihm jedes Empfinden nimmt.
Da das eigene Denken aber ohne die Eindrücklichkeit des Anderen stillgestellt
ist, erlischt es ohne den Anderen, ohne die geschichtliche Adhäsionskraft des
Sympathischen, die die Reihung und Serialität des Gedanklichen allererst
ermöglicht. Sich also verzeichnend , d.h. empfänglich, der Eindrücklichkeit des
Anderen hinzugeben, heißt das Denken in Gang zu halten, das Geschehen
geschehen zu lassen, in der Geschichte zu stehen – und zwar als zoon politikon:
als Mensch. Das Denken abklingen zu lassen, bedeutet also allererst Mensch zu
werden. Hier ergründet sich die Deftigkeit und Dringlichkeit, mittels derer
Bastian gegen alles Erhabene, Theologische und Außergeschichtliche
polemisiert: sie hindern den Menschen daran, Mensch zu werden, sie hindern
ihn zu leben. Als Arzt, der den hippokratischen Eid geschworen hat, kann
Bastian das nicht hinnehmen. Sein Patient ist der Mensch und den versucht er zu
retten. Dazu orientiert er sich am Menschen und nicht an Autoritäten.
Bastian lehnt als Arzt Autorität ab. Ebenso als Autor von Büchern. Er
sieht sich selbst nicht einmal als Autor. Auch Autorschaft bedeutet
beschränkende Autorität. Selbst Zeit und Raum sind Bastian beinahe
unerträgliche Schranken315. Nicht Autor316, sondern Verzeichner seiner Bücher
würde man Bastian besser nennen. Autorität behindert den Verzeichner des
Geschehens bei seiner Arbeit. Permanent versucht sie, lediglich das eigene Wort
gelten zu lassen, alle anderen zu übertönen und stilistisch auszustechen, eine
Ordnung eigener Machart zu implementieren. Der autoritäre Autor ist der
wahrhaftige „auctor“, der Vermehrer, der die Redundanz mit seinen Phantasmen
anreichert, aber die Substanz verdünnt, der blind ist gegenüber der vorhandenen
Abundanz. Nicht prinzipiell kunstfeindlich, wendet sich Bastian gegen jede
315
In: Das logische Rechnen, 1903:60 redet Bastian von den „zeiträumlichen Schranken“
Wir entwickeln zwar unseren „Autor“-Begriff an Bastian, indem wir unser Denken in sein
Schreiben abschwingen; dennoch sind wir nicht unbeeinflusst von Foucaults Denken: vgl.
Michel Foucault, Was ist ein Autor?, in: ders., Schriften zur Literatur. Frankfurt a.M., 1988:731
316
256
Kunst des Schreibens, die nicht wahrnehmen kann, sei es das Realistische, sei es
das Idealistische. Ins Phantastische eskapierende Blindheit beginnt ihm schon
bei dieser unaufmerksamen Unterscheidung: als ob das Geschehen sich so
scheiden ließe, da doch beides geschieht.317
Bastian ist in seinen eigenen Augen nicht der Autor seiner Bücher, er
vermehrt, wie er meint, nicht die Tatbestände der Welt, sondern versucht die
vorhandenen zu inventarisieren, um zu sehen, was doppelt ist und was fehlt.
Bastians Bücher sind in seinen eigenen Augen nicht das Medium seiner
Kraft zu mehren, i.e. seiner Zeugungs- und Schöpferkraft, er imitiert keinen
Schöpfergott. Er selbst ist Medium des bereits Bezeugten, das er inventarisiert.
Alles, was Bastian schrieb, hatte sich s.E. bereits der Welt eingeschrieben.
Bastian, die falsche Autorität überheblicher Autoren zu Recht
desavouierend, verkennt jedoch das Interpretative des eigenen Blicks, wie nur je
ein an die Objektivität des Blickes Glaubender sie verkannte.318
Soviel Bastian auch schrieb, es ist und bleibt eine Auswahl. Wie und
dass er fand, ist seine Erfindung. Er erfand seinen Findungsmodus. Hier ist er
Autor, wie jeder Verzeichner, der nicht auf puren Geheiß hin verzeichnet. Der,
der meinte, eine Berührung eines Baumes verändere den gesamten Kosmos,
glaubte an die Auswirkungslosigkeit seiner Bücher als solche. Diese
Dissimulation macht seine Bücher nicht nur auctorial, sondern autoritär, d.h.
317
vgl. MiG I:362: „Wie der Realismus seine Methode aus dem Idealismus schöpfte, so suchte
später dieser die von jenem gewonnenen Resultate zu verwerthen [...].“; vgl. auch ebd.:24.
318
vgl. exemplarisch folgende autoritäre Affirmation des objektiven Blicks, die die Auswahl
des Blickwinkels und die Kamera als Verlängerung des Körpers des Forschers komplett
verkennt: Magret Mead, zitiert in Weinberger 1995:65: „Schließlich muß das häufig
wiederholte Argument erledigt werden, Aufzeichnung und Film seien immer selektiv, nichts
davon sei objektiv. Wenn Tonbandgerät, Kamera oder Videorekorder aufgestellt werden und
am selben Ort stehen bleiben, kann ohne Intervention des Filmemachers oder Ethnographen
viel Material gesammelt werden, und ohne daß die Beobachteten sich dessen ständig bewußt
sind. Die Kamera oder das Tonbandgerät, die auf einem Fleck stehenbleiben, die weder
bedient, aufgezogen, neu eingestellt oder sichtbar geladen werden, bilden einen Teil des
Hintergrundes, und was sie aufzeichnen, ist auch passiert.“ Man hält es noch nicht mal
mehr für nötig, mit versteckter Kamera zu drehen, also mit versteckten Karten zu spielen,
sondern man glaubt, „die“ überlisten zu können, indem man sie für so blöd hält, dass sie nach
257
blind. Bastian, der den Mut hatte, noch das „abwegigste“ Ereignis zu
verzeichnen, verbot, indem er jede eigene Bedeutung vermeiden wollte, seine
eigene Arbeit als Ereignis anzusehen.319 Und die meisten sind ihm darin brav
gefolgt, nicht sehend, was in diesen Büchern wirklich geschieht.
Fassen wir nochmals zusammen: der Kosmotheoros Bastian betätigt sich
sowohl diagnostisch als Pathograph, als auch als zoonpolitischer Logograph;
kurzum: Bastian ist Pathologograph. Er verzeichnet das Denken in der
Verstörung, d.h. er verfasst zoonpolitische Logbücher.
Wir haben bisher, Bastians Metaphern stringent weiterdenkend, die
Verstörung als Interferenz bezeichnet, die sich in den Mustern der Logoi zum
Ausdruck bringt. Bastian verzeichnet die Ausdrücke als Interferenzmuster. Wir
nennen sie accounts. Es sind Zeichen, die nicht beinhalten, was sie ausdrücken,
sondern auf das Ausgedrückte verweisen. Folgerichtig kann man den
Pathologographen entsprechend seiner energologischen Metaphorik als
kosmoradiologischen Semiotiker bezeichnen. Aufgrund kosmoradiologischer
Gesetzmäßigkeiten (es gäbe sonst keine Muster, auch keine Interferenzmuster)
produziert das Geschehen die einzelnen Pathologoi und erweist sich in ihnen als
Verstörung. Aufgrund der zoonpolitischen Sympathie320 und der geopolitischen
kurzer Zeit nicht mehr bemerkten, was da aus der Ecke surrt. Das zeigt vor allem, was „man“
(Objektivität, nur nicht von sich sprechen!) von „denen“ hält!.
319
Vgl. Bastian, San Salvador, 1859:330f. Anmerk.: „Man wird mir Mangel an Ordnung in
dem vorliegenden Buche vorwerfen [...]. Doch wollte ich absichtlich vermeiden, nicht durch
die Vorspiegelung eines Systems irre zu führen, wo einmal noch keines ist. Erst nachdem alle
Varietäten im Verlauf der Reise vorgeführt sind, und der denkende Leser, ohne durch eine
aufgedrängte Schablone im Voraus influencirt zu sein, Gelegenheit gehabt hat, sich ein
selbstständiges Urtheil zu bilden, darf versucht werden, in welcher Weise sie sich
systematisch werden zusammenfassen lassen oder vielmehr nothwendig zusammentreten und
in der ihnen in der Geschichte gebührenden Stellung einordnen. Der Authoritätsglaube ist der
Krebs des Fortschritts [...].“
320
Bastian, Controversen IV, 1894: „Nie freilich darf noch kann gewaltsam derjenige
Zusammenhang, der das Gesellschaftswesen in seiner socialen Atmosphäre (welcher seine
menschenwürdige Daseinsexistenz überhaupt erst zu verdanken ist, weil daraus eingesogen)
eigenwillig abgeschnitten werden. Stets haben ihr die Sympathien, wie warm durchglühend,
unabgeschwächt zu verbleiben, auch wenn bei pathologisch zerrüttenden Störungen vielleicht
die Aushülfsversuche fehlschlagen, und deshalb zur Anrathung kommt, dasjenige wenigstens
heil und intakt normal (ungeschädigt von der aus Contagien drohenden Ansteckung) zu
bewahren, worüber, aus Freiheit des Willensentschlusses, der Machtbereich sich erstreckt,
258
Eindrücklichkeit bündeln sich die Pathologoi zu provinziellen Allologoi. Bastian
nennt sie Völkergedanken und versucht sie als Ethnologe, der
ethnologographisch, d.h. als Feldforscher sich betätigt, zu verzeichen. Deshalb
wurde aus dem Arzt, aus dem zuerst ein naturwissenschaftlicher Psychologe und
darauf ein psycho-physischer Sozialpsychologe geworden war, endlich ein
Ethnologe. Deshalb initiierte er die Ethnologie als eigenständige Disziplin. Sie
war ihm Mittel zum Zweck, keinefalls Zweck selbst. Es ging ihm nicht um die
Ethnologie, sondern um die Menschen und ihre Gedanken und letztlich um den
ganzen Kosmos und seine Schwingungen, also um Anthropologie und
Kosmologie.
Aufgrund allerwärts zwar geopolitischer Differenzen, aber
kosmoradiologischer Einheit geschehen den Menschen immer wieder die
gleichen Gedanken. Es gibt nicht das einzige Original und seine minderwertigen
Kopien. In der Psyche der Menschen geschieht je das kosmoradiologisch gleiche
Geschehen. D.h. sortiert man einerseits die aufgrund geopolitischer Differenzen
unterschiedlich entstandenen, d.h. unterschiedlichen Gedanken aus, und baut
andererseits die zwangsläufige Redundanz mannigfaltiger Identität ab, lassen
sich die Gedanken der Menschen verzeichnen die allerorten gleich sein müssen.
Bastian wird sie folgerichtig Menschheitsgedanken nennen und sie als
Anthropologe mit statistischen Mitteln differentiallogisch errechnen wollen, um
sowohl den Differenzen, als auch der Einheit gerecht zu werden. Schritt für
Schritt versucht so der ins Geschehen sich Begebende sympathologisch sich
dem Elementaren zu nähern, nämlich den Zentren des Geschehens, den
Augenblicken elementaren Geschehens. Bastian nimmt das, wie gezeigt,
wortwörtlich, d.h. das Zentrum liegt im Auge des jeweiligen Betrachters, d.h.
des jeweils im Geschehen Involvierten. Hier geschieht das Geschehen im
Menschen, hier situiert Bastian die Psyche, das schlichtweg Elementare des
Menschen. Hier geschehen die sogenannten Elementargedanken, die je nur in
für den Gesundheitszustand des eignen Selbst, zu seinem besonderen (wie auch dann wohl
259
ihrer jeweiligen Ausdrücklichkeit, d.h. in ihrer Entäußerung ins Bewußtsein
gelangen. In ihrer Eigentümlichkeit, d.h. Dynamik, geschehen sie nur im
Zentrum, in der Psyche selbst, nur dort, wo wirklich das Interface der
Wechselwirkung seinen Ort hat. Nur hier schreibt sich das Elementare als
Geschehenes, als logos aus und wird zum elementaren Graph. An jedem
anderen Ort finden sich lediglich Para-Graphen vor: Zugeschriebenes, d.h.
Mutmaßungen über den Graphen: Rechthabereien. Es sind diese Mutmaßungen,
die in ihrem Willen nach Verstehenskonstanz den common sense produzieren,
um sich mutig als das rechte Maß zu etablieren, als Gesetz. Künstliches Gesetz
in Bastians Augen, nicht das Gesetz des Geschehens, sondern die Fundierungen
künstlicher Geschichten, an die sich die Menschen nur mit Not halten können.
Jede Etablierung verpasst den Anschluss an das Geschehen, wird jedem
weiteren elementaren Graph nicht gewahr, vermag ihn nicht gedanklich zu
verzeichnen, vermag also nicht den Elementargedanken realiter zu denken. Der
Paragraph verkommt idealiter zur fixen Idee, die man als Ideal des Eigentlichen
und schließlich als das Eigentliche selbst veräußert, das dann für alle Zeiten
zuständig sein soll. Doch, zum wiederholten Mal – aus Gründen der
Konsequenz muss es immer wieder geschehen –, das Elementare ist kein
Zustand, hat nicht den Status der arché oder aletheia, sondern geschieht
dynamisch in der jeweilig eigentümlichen Verknüpfung des Psychischen mit
dem Sozialen und Geopolitischen. Die Psyche ist der Knotenpunkt, an dem die
Fortsetzung des Geschehens anknüpft. Als Erforscher des Elementargedankens
ist Bastian kein Archäologe, sondern Psychologe. Als Psychologe erforscht er
die Gesetzmäßigkeiten des Geschehens, zwangsläufig kann er also die
Psychologie nur als Naturwissenschaft fassen. Nichts anderes tut er in „Der
Mensch in der Geschichte“.
Da, wie gesagt, das Geschehen momentan eigentümliche Verstörung ist,
ist der Psychologe zwangsläufig Psychopathologe, und der im Geschehen
noch allgemeinen) Besten (nach bestem Wissen).“ [Hervorh. KPB]
260
stehende Mensch Pathopolit, d.h. er ist empfindlich empfänglich für das
Geschehen und nimmt an ihm Teil. Der Pathopolit ist als ein am Geschehen
Teilhabender folglich Zoonpolit und kein idiotes. Er ist der animal social, das
Gesellschaftstier, das wild dem Geschehen ausgesetzt ist und in dem sich wild
die Gesellschaftsgedanken verzeichnen; das je wild die Gedanken denkt, die der
Soziologe seinerseits wieder verzeichnet. Um dieser Reihung ebenfalls gerecht
zu werden, muss Bastian Sozialpsychologe werden, und als Sozialpsychologie
wird er seine Wissenschaft ausweisen.321 Das induktive Verzeichnis des
Gesellschaftlichen ist die Induktionsschleife des kosmoradiologischen
Soziologen. So versucht er der geschehenden Interferenz auf die Spur zu
kommen, sich zu den statthabenden Schwingungen hinab zu schwingen, sein
Denken in den Gedankenreihen, d.h. in der Reihung der accounts, i.e. Dynamik
der Seele, tugendhaft geschehen zu lassen. Hier wird er fündig und weiß sich
nur von Material umgeben. Hier gibt es nur noch Neues unter der Sonne und der
Reihung kann kein Ende mehr sein, die Erregung ob ihres vermeintlichen Endes
321
vgl. Bastian, Der Völkergedanke 1881:172: „Der Grund, dass sie [die bis Psychologen
Beneke und Waitz; KPB] gescheitert sind, lag eben daran, dass ihnen das fehlte, was einer
Inductionswissenschaft als unumgänglicher Vorbedingung bedarf, es fehlte ihnen das
Material. Beneke dachte dies in Selbstbeobachtungen zu finden, obwohl schon Kant auf die
darin liegende Täuschung hingedeutet hatte; daneben könnte man dann zurückgehen auf die
Seele in der Psychiatrie, auf pathologische Abweichungen, auf die Entwicklungsstufen der
Kinder-Seele, und auf die Thierseele auch mochten vorsichtige Seitenblicke geworfen werden,
- aber Alles das war ein beschränktes Feld. Sobald nun dagegen einmal die Ueberzeugung
zum Durchbruch gekommen war, dass es sich zunächst überhaupt gar nicht um den Gedanken
des Einzelnen handele, sondern um den Völkergedanken, um den Gedanken der Gesellschaft,
da plötzlich lag das Material massenhaft da, in Hülle und Fülle. Es strömte sogar in solchen
Fluthen zu, dass wir uns gewissermassen eines „embarras de richesse“ zu erwehren hatten.“
Die Verstörung ist in ihrem Sein nicht defizitär, sondern ausgezeichnet mit einer embarras de
richesse. Dadurch dass es nicht nur ein Original und viele Fälschungen gibt (aufgrund des
Zirkulären, vgl. Bastian, MiG I:335: „. Die Progression ist nicht eine lineare, sondern eine
zirkuläre [...].“), sind alle Dinge, die sind, echt. In Bastians Lehre kehren alle Dinge wieder,
es gibt eine erdrückende Überfülle – nicht zu verwechseln mit „der Qual der Wahl“, da ja
alles gilt und nicht eine pseudoökonomistische Kompetition stattfindet, alles ist gleich gültig,
d.h. gleich vorhanden. Bastians embarras de richesse ist also vergleichbar der apokatastasis
hapanton: aus der defizitär gesehenen Welt wird wieder eine, in der alles da ist – das
abzutragen ist. In dieser Überfülle ist jeder als Zentrum der Wahrnehmung der Einzige, und
alles ist sein Eigentum, das er durchzuzählen hat, um ihm und sich in der jeweiligen
Eigentümlichkeit gerecht zu werden.
261
wird sich beruhigen und die Schwingung wieder gleichmäßig sein. Die
Verstörung wird im Denken entstört.322
Der Gedanke entsteht im Augenblick des Denkens, d.h. im
Verknüpfungsmoment von Umwelteindruck / Wahrnehmung /
Wahrnehmungsverarbeitung (Ausdruck, Gedanke, account). Im Festhalten am
einzelnen Gedanken kommt das Denken in Verzug wie ein Film, der nicht mehr
in Echtzeit läuft. Im Extremfall fällt das Denken in den Paroxysmus einer
Quasifotographie, d.h. in die aus der Zeit fallende Mimesis, das pure Abbild, das
abbildet, was längst in der Wirklichkeit keine Rolle mehr spielt, aber in der
Vorstellung. Man wird dieses Abbild exzentrisch für wirklicher halten als jede
offensichtliche Wirklichkeit. Im Paroxysmus des Verzuges hängt man als
aficionado einem esoterischen Wissen an, das dem exoterischen gewissermaßen
seinen anschießenden Degen zwischen die Hörner stößt. Eine in der Tat tödliche
Phantasmagorie hatte statt, ein Phantasma ist entstanden323. Wer an das
322
Hier sei nochmals klar gestellt: wenn ich von Bastian als einem Pathologe spreche, beziehe
ich mich auf das Konzept der materialen Verstörung, gemäß dessen jede Eindrücklichkeit, die
aufgrund wechselwirkender Interferenzen entsteht, Empfinden auslöst und folglich pathisch
ist. Die an menschlichem Maßstab gemessene Pathologie ist für Bastian, trotz aller
bemerkenswerter Aufmerksamkeit, die er ihr schenkt [vgl. dazu Mühlmann 41986:88; Bastian,
Der Völkergedanke 1881:172; Buchheit 1997:56], meist Engstirnigkeit, d.h. Exaltation und
Einseitigkeit sowohl in bezug auf den sogenannten Pathologischen, wie auf seinen
Diagnostiker. Bastian erkannte bereits die changierenden Ambivalenzen und die
Wechselbezüge solcher „Paare“.
323
Vgl. Bastian, Controversen I, 1893:6f.: „Wer, die philosophischen Lehrbücher
aufgeschlagen vor sich, aus den Hieroglyphen ihrer rhetorischen Sentenzen, (in
akroamatisch-esoterischer Terminologie) die (wanshapen unbehäbigen oder) grotesken
Phantasmagorien vor sich aufsteigen sieht, mit denen eine metaphysische „Phantasia“, als
BV<JT< ik0BÂH i"Â hg:[email protected] ([email protected]< Jä< B"(:VJT<) den abstrahirten Begriff der
Schöpfung oder Entstehung mit Verbildlichungen zu umspinnen sucht, - aus dem n"<J"FJÎ<
allzu leicht überlaufend in das n"<J"FJ4i`<, des nV<J"F:"; so lange die klardeutliche
Umschreibung des Sehbildes noch fehlt (nach optischen Gesetzen, wie auch für geistige Schau
erforderlich) -, wer also gÆi`JgH :Ø[email protected] symbolisch sich verschnörkeln [und zwar, weil aus
immaterieller Hyle geschnitzt und so des (die mythologischen Götterschöpfungen, im ÆPãk
wenigstens; an Stelle von Fleisch und Blut) durchströmenden Lebenssaftes entbehrend, desto
unheimlicher deshalb in geisterhaften Schemen], wer solcherweis der Wunderlichkeiten kein
Ende vor den Blicken schwirren sieht, der, verwundert (oder bewundernd) hier zuschauend:
wird dann leicht, wie weiland Doctor J. Faustus (trotz „dreyfachen Höllenzwangs“) von
heiliger Angst gepackt, und lässt lieber als Noli-me-tangere solch ungestaltete Popanzen
beiseits, zumal hypostatische Prosopa darunter stecken mögen, im Hohlklange der auf
Kothurnen dahinschreitenden „Personae“ (in transcendentalen Characterrollen).“
262
Phantasma glaubt, glaubt Persönlichkeit zu haben. Die Affektion legt sich als
Maske auf sein Gesicht, hinter der er die Phantasmen als Gesichte (Einbildungen
des Verstehens, Hierophanien als heuristische Hagiohermeneutiken), wie er
meint, empfängt und durch die er zum Seher-durch-die-Zeiten und Verkörperer
von Geist stilisiert wird. Jedes Schauspiel und jede abbildende Kunst
symbolisiert in Bastians Augen diesen Vorgang. In ihnen passiert das, wenn
eben auch symbolisiert, was beim angehaltenen Film am anschaulichsten
tatsächlich geschieht: das Bild verbrennt und der Film reißt. Nun haben die
Sinnsucher mehr Licht, und die Höhlenbewohner sehen sich in die Sonne sehen.
Wahrnehmung und Umfeld fallen in der Phantasmagorie auseinander.
Das Denken muss zum einen versuchen, die Triade Umfeldeindruck /
Wahrnehmung / Wahrnehmungsausdruck in Einklang zu bringen. Nur ein
Augenblick völliger Übereinstimmung ist ein Kairos. Da aber in den Zeitläuften
der egologisch konstruierten Geschichte die logoi zunehmend aus dem
Geschehen heraus gehalten wurden, ist der positive Empirist zu einer
regressiven und digressiven Progression im Sammeln der logoi angehalten.324
Ein derartiges Sammeln geht sowohl zyklisch in der Zeit zurück, um sich dann
allmählich der Gegenwart anzunähern, als auch zirkulär-nomadisch allerwärts
vor Ort, um in die „letzten Winkel“ der Erde vorzudringen und sie möglichst
vollständig „abzugrasen“. Schritt für Schritt vermag der logbuchführende
Registrator sich selbst wieder ins Zentrum zu setzen, allerdings nicht als ego,
sondern als Knotenpunkt der Trias. Das Sammeln gemäß regressiv-digressiver
Progression bringt die Gedanken wieder entsprechend der nomoi auf die Reihe.
Sie können gebetsmühlenartig, aber im notwendigen Schnelldurchgang, der sich
nicht unnötig bei eventuellen Unklarheiten aufhalten darf, durchdekliniert
werden, so dass die Serie sich dereinst wieder wie Achill der Schildkröte dem
324
vgl. z.B. BRPS:36: „Schlimmer als der die Pradhana (in einer Prakriti) stauende
Machtspruch (einer Evolutionslehre) äfft ein „deus ex machina“ (in Schöpfungstheorien),
weil mit dem Weiterfragen nach dem zureichenden Grund divinatorisch offenbarter
„Divinitas“ – (vom Ersten zum Erst-Ersten im „Hen“ [...]) – die Undendlichkeit weiter und
263
Einklang annähert. Erst dann wird das Denken von Bedeutung sein. Vorerst aber
ist jede Interpretation von Bedeutung sinnlos. Vorerst gilt es streng das „Nochnicht“ einzuhalten. Das Auf-die-Reihe-bringen der Gedanken bezeichnet Bastian
als „Abschwingen des Denkens“. Rückwirkend lässt sich nun begreifen, dass die
triadische Struktur des Geschehens jeden Gedanken als eigentümlichen
auszeichnet. Im Geschehen mischen sich die einzelnen Faktoren, d.h. Hybridität
ist die Eigentlichkeit des Gedankens. Den eigentlichen Gedanken gibt es nicht.
Nur ein hybrider Gedanke ist ein sympath(et)ischer Gedanke, ein die Reihe, das
Denken nicht abreißender Gedanke. Doch der Gedanke selbst ist je ein
abgerissener, muss je ein abgerissener, ein ausgeschiedener sein. Nur im
hybriden, abgerissenen Gedanken kann das Geschehen mitempfunden, kann
man mit der Verstörung mitleiden. Der hybride Gedanke ist nicht mit der Hybris
authentischer und vollkommener Reinheit und autarker, wohlanständiger
Leidenschaftslosigkeit geschlagen wie der idiotische Gedanke, dessen Wille,
alles in Besitz zu nehmen, um Nomadisches auszumerzen, jede sympathische
Abgerissenheit ablehnt. Wegen der Sympathie eignen nur dem hybriden
Gedanken die notwendigen Ansatzstellen, die notwendig sind, um die Gedanken
als das, was sie sind, auf die Reihe zu bringen. Die Reihung wird der Dynamik
der Seele gerecht. Die Serie der hybriden, abgerissenen Gedanken vermittelt die
Dynamik der Seele. Der Psychologe kann sie in ihr verzeichnen. Er bekommt
das Denken auf die Reihe.
Der Soziologe braucht also den animal social, das nichtidiotische,
sondern sympathische Tier, das gesellschaftsfähige Gedanken in dem Sinne
denkt, dass es die Gesellschaft im Geschehen auffasst und begreift und dadurch
die Gesellschaft im Geschehen hält, ohne sie unnötig zu erregen und ohne aus
der Reihe des Geschehens zu fallen. Anders als der Philosoph will Bastian keine
systematische Paragraphen, die die logoi einem Geschehensexterieur
zuschreiben, sich ausdenken, sondern Verzeichnisse der Dynamiken als
weiter ausweitet (mit dem Progressus oder Egressus), während der Regressus ad infinitum zu
264
Logographien anlegen, um dem Denken allererst auf die Spur zu kommen. Das
Abschwingen des Denkens meint keinesfalls den Abgang in den Non-sense, in
die Sinnlosigkeit des Unverbundenen und Partikulären, wie es Bastians Büchern
so oft attestiert wurde. Seine wahllosen Verzeichnisse stellen gerade keine
dialektisch konstruierte verkehrte Welt vor, die den eigentlichen Sinn hinter
allem Schein hofmeisterlich evozieren soll, sondern wenden alle
wissenschaftliche Aufmerksamkeit der statthabenden Welt zu und fordern auf,
bei ihr Einkehr zu halten und ihr ihrerseits gastfreundlich Einkehr zu gewähren.
Bastian produziert keinen phantastisch verkehrten Dada des forciert, des
konstruiert Kontingenten. Jeder Gedanke hatte einst seine volle Notwendigkeit
und muss deshalb notwendig verzeichnet werden, um ihn wieder auf die Reihe
zu bringen, um also die Verstörung zu begreifen. Jedenfalls ist jede
dichotomisch simpel verkehrte Welt nur ein credo quia absurdum325, durch das
diese in ihrer phantastischen Absurdität nun als in bester Ordnung ausgegeben
wird. Nichts müsste weiter geschehen, als die Absurdität hervor zu kehren, und
alles Geschehen hätte sein absurdes Ende in Gott. Für Bastian ist es dann in der
blanken Not. Bastian verkehrt nichts absichtlich, macht keine possenreißerische
Sprünge ins ganz Andere einer ganz anderen Ordnung, die nur ein Gott
verstünde. Im Geschehensinterieur ist nichts in Ordnung, es geschieht nichts
ordentlich, sondern nun mal unordentlich, interferentiell. Alles geht
durcheinander. Die Inventur muss die Dinge da verzeichnen, wo sie sind, nicht
dort, wo man sie gerne hätte, und sie muss sie so verzeichnen, wie sie sind, also
abgerissen, ausgeschieden, aber inter-referentiell. Dem, der im Geschehen
steht, der nirgend wohin springen kann und schon gar nicht irgend etwas
einer Abspitzung wenigstens zu tendiren scheint [...].“
325
vgl. Bastian, Das Logische Rechnen, 1903:51f.: „[...]denn mit dem Vertrauen ist es so
seine Sache („Trau-schau-wem?“); weshalb besser ein Jeder auf eigene Kraft und deren
Macht („knowledge is power“) zurückgreift, die ihn nicht im Stiche lassen wird, der es
ernstlich mit ihr meint. Und dadurch ist sodann das Missliche einer „doppelten
Buchführung“ gespart, wie sie, als die Entscheidungsschlacht noch schwankte, dem treu
ehrlichen Gewissen des Naturforschers hatte aufgeschwatzt werden sollen (wenn es auf ein
„credo quia absurdum“ hinauskam).“
265
überspringen, ist keine Ordnung bekannt. Also kann der Inventarist nicht
entscheiden, ob hier irgend etwas absurd ist, also kann er auch an kein Maß,
kein Metrum, kein göttliches Hopsasa glauben. Der Sinn des Denkens liegt
einzig darin, die Verstörung als Verstörung zu erkennen und ihrer Entstörung
zuzuarbeiten, sonst wäre es unnötig. Wo nichts stört, muss auch nichts bedacht
sein. Nichtsdestoweniger erkennt das Denken sich zugleich als sowohl integraler
Bestandteil der Verstörung, als auch als ihr remediales Produkt aus Gründen der
Selbstheilung. Das kosmische Geschehen ist reine Energie, die sich in der
Verstörung und im Denken der Gedanken materialisiert. Die Materialisation
braucht folglich Energie, d.h. in der Verstörung verbraucht das Denken, das
Energie ist, sich selbst, indem es sich entäußert. In der Entäußerung ist die
Energie gebunden, d.h. als Energie verbraucht. Das Denken, das weniger wird,
wird sich seiner bewußt; weil es schwindet; weil die Energie abnimmt; weil es
sich verstört materiell bindet. Es kann sich nicht mehr erhalten. Die Energie
kann sich nicht mehr erhalten, sie ist in der Materie nun enthalten. Sie ist
keineswegs verloren. Das Denken keineswegs am Ende, wie die denken, die
dieses Schwinden negativ bewerten und die Energie deshalb im Glauben, sie
beherrschen zu können, entfesseln wollen. Sie erkennen das Schwinden nicht als
allmähliches Erreichen des Zieles, endlich zur Ruhe zu kommen. Erst wenn alles
entäußert ist, wird sich die Entäußerung wieder in unendliche Schwingungen
auflösen lassen. Das Schwinden ist kein drohendes Defizit, sondern ein
Anwachsen der Ruhe, ein Abnehmen der Verstörung. Ein Anschießen,
sicherlich, ein Absterben, freilich, aber doch das Anschießen der Verstörung,
also das Absterben der Verstörung. Gänzlich entäußert wird sich die
materialisierte Energie entfesseln. Jeder Ruf nach voreiliger Entfesselung wegen
eines drohenden Defizits entfesselt lediglich den Trugschluss, man bräuchte zu
einem sicheren Leben mehr Energie und müsste Energie künstlich erzeugen,
indem man Materie spaltet. Die frikative Dynamik des verstörten Geschehens
erzeugt den fatalen Ruf nach der Dynamomaschine, mittels derer alles auf
266
„Hochtouren“ gehalten werden soll. Nichts darf zur Ruhe kommen, da die Ruhe
mit dem Tod und dem Negativen konnotiert wird, weil sich jede Spekulation
vom wirklichen Sinn des Geschehens entfernt hat. Im sogenannten Fortschritt
der Dynamomaschine versucht der Mensch dem Geschehen Herr zu werden und
begibt sich doch nur in immer größere Abhängigkeit, nämlich in die permanente
Verpflichtung, die Maschine am Laufen halten zu müssen. Wer nicht die
entsprechende Leistung erbringt, ist ein nutzloses, ein sinnloses, ja ein
unwürdiges Mitglied des Gesellschaft. In ständiger Angst treibt der Mensch nun
die Maschine an, nichts anderes darf ihn mehr aufhalten, da jedes Aufhalten,
jedes Abnehmen nur der Zunahme der Drehgeschwindigkeit das Ende der
Maschine bedeuten könnte und damit den Untergang der Gesellschaft.
Ökonomie ist die Lehre von der Betriebswirtschaft der Maschine. Mit ihr hat
sich der Mensch der Hektik eines angeblichen Schicksals, dessen Ingenieur er
partout sein will, verschrieben326, das je nur defizitär empfunden werden kann,
da seine Gewissheit aus dem geschäftigen Betrieb, der Energiezuwachs
verspricht, indem er den Boden unter den eigenen Füßen ganz real verbrennt,
gewonnen wird. Die versprochene Sicherheit kann nie in Anspruch genommen
werden, da in dem Moment, wo das geschähe, sie in absolute Unsicherheit
umschlüge, da die Maschine einerseits nicht mehr unter seiner geschäftigen
Kontrolle stünde und er sich andererseits in der Ruhe, die er doch verdient haben
soll, als Störfaktor vorkäme, der die Sicherheit gefährdete. Permanent muss
deshalb Land gewonnen werden, um Boden zum Verbrennen oder Spalten
abbauen zu können, der der Maschine geopfert wird, damit sie die Energie
liefert, die dieses Voranfressen in Gang hält etc.. Die Dynamomaschine zeigt
den Menschen als selbstherrlichen, aber idiotischen Konstrukteur, der seine
Kraft verschwendet, um sich gegen das Geschehen zu wenden. Je mehr er
verschwendet, um so mehr glaubt er, sparsamer sein zu müssen und zu sein, um
vermeintliche Autonomie von der „Natur“ zu bekommen, was aber
326
Ursache so vieler Teufelspaktgeschichten!
267
zwangsläufig Selbstzerstörung bedeutet (auch wenn zuerst „natürlich“ der
andere daran glauben muss). Der Glaube an die Dynamomaschine geht einher
mit der Meinung, man sei selbst ein Toter (oder ein dem Leben ausgesetzter
Fast-Toter, der, solange er dem Tod hilflos ausgesetzt ist, ein So-gut-wie-Toter,
eigentlich ein Toter ist) und müsste sich deshalb maschinell beleben und mittels
Energiesteigerung und Steigerung des Verbrauchs, der aber zunehmend dennoch
sparsamer sein, als deus ex machina in der unbedingten Flucht nach vorne die
Welt vor der totalen Exhaustion retten soll.327 Diesem immer schneller
327
Dass man angesichts der Hoffnung auf die Dynamomaschine nur noch als „Toter“ die
nötige Ruhe im Leben findet, um es einigermaßen zu überstehen und nicht in ihm
unterzugehen, also diese fatale Tragik zeigt sich beispielsweise bei Henry Andams [siehe
Adams 1953], dem fast identischen Gegentypus zu Bastian. Wie alle Melancholiker, wie
Augustin, Rousseau oder Lévi-Strauss, so litt auch Adams an der Ambivalenz und an der
allerwärts zu gewärtigen Illusion, denen nur, wie sie glaubten, dichotomal im totalen
Unterschied von Einheit und Vielfalt, Einfältigkeit und Erkenntnis, Vereinzelung und
Zusammenhang zu entkommen sei. Adams forderte – wie Bastian den average man – den
union man, die Einheit des Menschen in der Nichtigkeit vor dem Symbol, einst Kreuz, heute
Maschine. Jede andere Gestimmtheit würde Sezession, i.e. Untergang bedeuten. Weil die
Maschine, die man geschaffen hatte, nicht mehr im Zaum zu halten war, versuchte man sie
mit der Hybris der fundamentalen Differenz, dass man nämlich über allen Dingen stünde, zu
beherrschen. Es ist das alte, gefährliche Spiel des Zauberlehrlings. Nur der union man könne
der Entropie des Maschinellen und des Industriezeitalters Paroli bieten, der zunehmenden
Kraftentfaltung. Nur die geeinte Potenz des union man binde die Frau, die durch die Maschine
ersetzt worden sei, wieder ein, erweise sich, wie einst das Kreuz, als ein sedukativ
ausreichend kräftiges Symbol, dem die Frauen folgten. Nur durch ein solches Symbol würden
diejenigen, die den Fortbestand des union man gewährleisteten, nicht von der Hybris des
einzelnen Mannes in den Selbstmord getrieben. In dieser Hybris glaube der Mann, das
stärkere Geschlecht zu sein, omnipotent different, so dass er die Fort-Zeugung als
parthogenistischer Gott selbst übernehmen könne. Der union man wisse sich hingegen als ein
Nichts ohne Frau, die die zur geeinten Potenz notwendige Vielzahl alleine gewährleisten
könne. Der einzelne Mann, der in seiner eingebildeten Größe die Frau verführt, mache sie
dadurch nutzlos, zeige ihr gerade durch seine verführerische Größe, dass er sie nicht brauche.
[vgl. das Kapitel „Die Dynamomaschine und die hl. Jungfrau“, in Adams 1953]. Adams
eigene Frau verübte 1885 Selbstmord.
Wie jeder Melancholiker war Adams vom ennui geplagt und favorisierte allein schon aus
diesem Grund die künstliche Dynamik: Ruhe kann nur in der Bewegung gefunden werden,
der Tod ist die Bewegungslosigkeit schlechthin, die Vorstellung des Todes bietet keine Ruhe:
es muss immer weitergehen: expediency of / into the western nirvana, the pursuit of
happiness, die im drive of destruction alles hinter sich lassen.
Adams ging wie Bastian auf Grand Tour. Zeugnis davon ist seine Lebensbeschreibung.
Adams schrieb keine Logbücher, da das Unterwegssein ihm bedeutungslos war. Dass er
unterwegs war und dass es immer weiter ging, die expediency also war ihm einzig
bedeutungsvoll. Er sammelte nicht, er verfolgte ein Ziel und außer diesem Ziel zollte er kaum
etwas Beachtung. Alles wurde ihm nichtig, alles abgesehen von diesem Ziel. Symbol der
268
expediency war ihm die Frau, insbesondere die Hl. Jungfrau, ihm am eindrucksvollsten
dargestellt im Portal der Königskathedrale zu Amiens. Somit wurde ihm Amiens zum
Zentrum seines Denkens. Die Königskathedrale wurde Leitmotiv für den Königsweg, nämlich
dass es weiter geht, nämlich dass man den Weg durch das Labyrinth findet, weil er von der
Hl. Jungfrau Mutter Gottes gewiesen wird. Erkennen und Erfahren ist wichtiger als potente
Großspurigkeit. Was allerdings bei Adams in keinem Zusammenhang mit der christlichen
Demut stand. Dennoch ist der große Trek nichtsdestoweniger als ein Eroberungszug (im
Bastian’schen Sinn der Mutilation) als vielmehr ein Bekehrungszug, der Pragmatismus seine
Methode (Bastian war in gewissem Sinn ebenfalls pragmatisch: er versuchte mit der
Verstörung zurecht zu kommen), die Lebensbeschreibung sein Itinerär (im Gegensatz zu
Bastians Travelogues).
Bastian hingegen wollte keinerlei Edukation, er intendierte Induktion. Erziehung und
Beschreibung dieser Erziehung kämen ihm einer Abwendung vom Geschehen gleich, man
stellte sich nicht der Notwendigkeit des Geschehens. Für Adams bedeutete die Erziehung das
mögliche Außerhalb der Illusion / Kollusion / Korruption / Zwielichtigkeit.
Nur die Kenntnis (aufgrund von Erfahrung) eines solchen desillusionären Außerhalb konnte
Adams Ethos für Handlungen sein, die unweigerlich ihre Effekte in diesem Außerhalb
zeitigen, zeitigen müssen, sonst sind es keine wahren Handlungen. Denn nur Effekte
außerhalb können gewissermaßen die dispositive Blase zum Platzen bringen. Eine höhere
Synthese bedeutete eine Enklavierung, eine Verpanzerung und Abschottung gegen ein solches
Außerhalb. Nur ein Sich-Aussetzen im Außerhalb ermöglicht die Erfahrung. Bei Adams ist
dieses Außerhalb die Kraft der Entropie, die die Nichtigkeit alles menschlichen Handelns
anzeigt. Leben, das die Kraft nicht bestärkt, also all seine Kraft nicht der Kraft spendet, ist
Leiden. Alles Anhaften an persönlichem Ehrgeiz ist auch hier Leid, solange man sich nicht als
union man der Kraft hingibt, sich nicht freiwillig auf trekking tour begibt. Sich nicht bei
Kraft, fit für den Great Trek der Gemeinschaft (comunity) zu halten, ist hier Sünde.
Krafttraining wird zum (Über-)Lebenstraining, power zum Zauberwort. Alles persönliche
Streben, das sich Ertüchtigung und trekking ersparen will, ist Illusion, die nur vermittels
Kollusion zu kurzzeitigem Erfolg führt, langfristig aber die Entropie verstärkt. Der union man
muss stets in Form sein, darf in keinster Weise unförmig sein. Das dieses Denken wegen des
permanenten Scheiterns Extreme entstehen lässt, wie sie andern Orts kaum vorkommen, ist
nur konsequent! Unpragmatisch sein heißt, gegen die Gemeinschaft zu konspirieren.
Bastian hingegen weiß, dass gerade in der Entropie die Energie erhalten bleibt und dass sie in
der Abwehr der Entropie verschwendet wird, so dass die Entropie zum tropischen Wirbel
wird, der neue Verdichtungen erzeugt.
Beide, Bastian wie Adams, treffen sich in der Ablehnung der Hybris.
Adams erklärt jede selbstermächtigende Handlung als Illusion und nichtig. Erziehung heißt
folglich, zu einer Art Sokrates zu werden.
Bastian würde hier allerdings fragen (und wir stellvertretend für ihn, falls diese
Selbstermächtigung als Randbemerkung kurzzeitig uns gestattet ist): muss ich mich dann aber
noch mit Menschen abgeben, wenn eh feststeht, dass man nichts wissen kann, dass jedes
Wissen Arroganz bedeutet und ohnmächtige Macht, die ins Verderben führt? Bedeutete das
nicht den vollständigen Verlust einer jeden Sympathie und damit das Abreißen einer jeden
Serie, also das Ende des Geschehens in der Verstockung?
Begibt sich, wer das Leben nur als Leid und Illusion ansieht, nicht des Lebens und der
Lebendigen? Eine Ansicht wie die Adams braucht dann keine Ethnologie mehr, außer
vielleicht als wiederholte Bestätigung der Nichtigkeit eines jeden Seins, dessen einziger Sinn
im Fortbestehen, also der Zeugung zwecks Fortführung des Great Trek liegt, wobei Zeugen
für Frauen Gebären für den Erhalt der trekking comunity heißt und für Männer Märtyrertum
für den Erhalt des Symbols: der Dynamomaschine?
269
werdenden Spekulieren auf die Dynamomaschine hält Bastian in seinem
Konzept des Abschwingens die Tugend der Dynamik, d.h. die Tugend der
Hingabe an das je schon geschehende Geschehen entgegen, in dem die Energie
erkaltet und in dem die Verstörung sich nach dem Gesetz der Entropie
zunehmend verflüchtigt. Es gibt folglich keinen Grund zur Sorge und
Aufregung, solange man nicht versucht, mit den künstlichen Schwungrädern der
Hybris sich gegen das Geschehen zu stemmen, solange man sich in seiner
angstvollen Unruhe nicht maschinell gegen das Geschehen zu wappnen versucht
und durch die Unruhe die Maschine, die wappnen soll, am Laufen hält, in der
Hoffnung, durch ihr Funktionieren die Unruhe beseitigen zu können. Der homo
faber sieht als sein Symbol die gerade, abgemessene Linie, sehen sollte er mehr
Märtyrertum kann und will, wie wir sehen werden, der Arzt Bastian niemals gutheißen.
Und als Märtyrer sah sich Adams, als jemand, der für die Sache gestorben ist – und gar, weil
nicht wirklich in Form, noch nicht geboren.
Adams suchte seinen Trost im Übermenschlichen, im Konzept einer mächtigen Natur und
nicht im Zwischenmenschlichen, im Sympathischen. Ihm ist mit seiner Frau die ganze Welt
abhanden gekommen. Statt eines hochnäsigen Potentaten wurde aus ihm ein Melancholiker
gesenkten Blickes, der alles, was seinen Blick erregen will, der Lächerlichkeit preisgibt, sich
selbst eingeschlossen. Doch sursum corda und Herzeleid fallen in eins, wenn sie den Anderen
negieren. In beiden Fällen ist man gänzlich allein, umgeben vom nichts, egal wie man es
nennt. Man ist nicht mehr im Geschehen.
Wo Bastian Fakten liefert als Ausdruckssplitter in der Hoffnung, sie zeigten einst, wenn sie
genügend abgekühlt sind, ihren kosmischen Zusammenhang, da folgt Adams putativen
Zusammenhängen, von denen er Erziehung erwartet, und zeigt ihre Nichtigkeit und die
Sinnlosigkeit eines ihm gemäßen Handelns. Und dennoch hält er an einem „trotzdem“ fest,
denn „es geschieht“, also kann man nicht anders als mitmachen. Bei beiden die Frage: wie
kann der Mensch in der Geschichte sein? Welches ist die Kraft, die den Menschen in der
Geschichte weiter bringt.
Adams erkannte die Vielfältigkeit. Unabhängig davon, was von seiner Theorie der Einheit
und der Entropie zu halten ist, da die Vergangenheit sich je anders sedimentiert und
verdichtet, als sie gewesen war, so hatte er es jedenfalls nicht geschafft, diese beobachtete
Vielfältigkeit anzuerkennen. Er griff nach einer Einheit, wie man nach entweichendem Gas
greift. Die Vergeblichkeit solchen Tuns ist evident. Adams wollte Druck in der Maschine
erzeugen, damit Kraft entstünde (der Mensch ist aufgrund der Entropie zu eigenständiger
Energie nicht mehr hinreichend geeignet), und übersah die Potentiale der Vielfältigkeit, sah
z.B. nicht, dass die Unions-Bestrebungen gerade aus der Vielfältigkeit ihre Energie bezogen,
ja, dass sie der Vielfältigkeit bedurften: sie erzeugten Partial-Einheiten. Adams so treffende
Urteile über die eigene Einfalt wurden zu einfältigen Urteilen voller Hybris über die Anderen.
Der bescheidene Adams entkam in der Maßlosigkeit seiner Bescheidenheit der Hybris nicht –
und also nicht der Illusion. Und Illusion erzeugt, in Adams eigenem System, unnötige
Reibung, weil man mit dem Kopf gegen die Maschine rennt, bzw. mit den Händen am Gitter
rüttelt und ruft: ich will da rein – into the machine womb.
270
die alchemistische Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Er tut es ihr
gleich. Der Mensch in der Maschine ist der Mensch in der selbstfabrizierten
Geschichte, die angeblich zu sich selbst käme und damit zu einem guten Ende.
Kommt sie aber nicht, je öfter und näher man das ruhige Ende voller Unruhe
endlich erwartet, da, je unruhiger die Geschichte vor dem Ende wird, um so
weniger geschieht. In dieser zunehmenden Dichotomisierung von Geschehen
und Geschichte (i.e. Ziel der Selbsterregung) wird die Spannung erzeugt, durch
die das Spreizen der Dichotomisierung am Auseinanderreißen gehindert wird.
Der dualistische Mensch steht unter der Hochspannung, die ihn permanent nach
Entspannung gieren lässt. Aber gerade diese Gier hält die Hochspannung
aufrecht, mittels derer man die Entspannung zu erzwingen hofft. Der Mensch
der Maschine baut auf den Dualismus und sieht ihn als unbewegten Beweger der
Maschine, was er ja auch in der Tat ist. Mit immer mehr Schwung will sich
dieser Mensch im Glauben an sich selbst, als Produkt des dualen Systems, zu
dieser Unbewegtheit hinaufschwingen, will erst Hammer und nicht Amboss,
will dann Hämmerer sein, um selbst einziger Beweger zu sein, der sich selbst
nicht mehr bewegen muss. Nur auf diese Art glaubt er, Herr der Maschine zu
werden. Bastian erkennt den Dualismus328 als notwendigen Teil der Verstörung
an, gewissermaßen als Paroxysmus. Aber anders als etwa sein Zeitgenosse
Eduard von Hartmann329 sieht er nicht in der verstärkten Befeuerung330 des
328
vgl. MiG I:IX: „Das Leben verläuft in den Gegensätzen des Dualismus, aber mit dem
Abschluss des Ganzen muss die Einheit des Anfangs zurückkehren.“
329
vgl. Hartmann, zitiert in Lütkehaus 1999:238: „Bejahung des Willens zum Leben als das
vorläufig allein Richtige proclamieren; denn nur in der vollen Hingabe an das Leben und
seine Schmerzen, nicht in feiger persönlicher Entsagung und Zurückziehung ist etwas für den
Weltprocess um seines Zieles, der allgemeinen Welterlösung willen, zu leisten.“ Wenn es auch
auf den ersten Blick danach aussehen mag, so ist Eduard von Hartmanns Denken nicht mit
Bastians Denken kongruent zu machen. Die volle Hingabe an den Fortschrittsprozess ist nicht
die Teilhabe am Geschehen, die Bastian meint. Bastian fordert keinesfalls die Forcierung der
Dynamomaschine, bis endlich alles wegen Überdrucks einem um die Ohren fliegt und damit
die willentliche Parforce-Tour ihr explosives Ende findet. Bastian zieht dem Hans-Dampf-inallen-Gassen den average-man-der-Gosse vor.
330
vgl. z.B. folgende Stelle: BRPS:49: „In seiner Nacht sich eine Fackel entzündend, ist der
Mensch eine erloschene Fackel beim Tode (s. Heraklit), und das Weltfeuer brennt fort,
erloschen und wieder entzündet (unter periodisch temporär gestätigtem Fluss der
271
künstlichen Geschehens die zynische Möglichkeit, die Verstörung zu beenden,
sondern in der Rücknahme, in der Exstinktion des künstlichen Feuers. In bezug
auf das Denken heißt das, dass der hitzige Idealismus („das heilige Feuer der
Philosophie“) lebensgerechteren Temperaturen angenähert werden muss, so dass
ein Empfinden dessen, was geschieht, wieder möglich wird, ohne daran zu
verbrennen, d.h. dass die Existenz des Denkens, das sich von der Wahrnehmung
des Geschehens nährt, möglich wird. Das Denken wird wieder existentiell, d.h.
die Reihung der Gedanken quer durch alle Teilfelder (was sich in der
allesverschränkenden Metaphorik zum Ausdruck bringt) kann vonstatten gehen:
der Eindruck eines kreuz und quer entsteht – und wird als einziger der
Interferenz gerecht. Im Denken subsistiert sich die Verstörung. Im Logos
entzieht sie sich hingegen gleichsam die Nahrung (da ja der Logos
logischerweise Ausscheidungsprodukt ist und folglich negatives
Subsistenzmittel: gut als Dünger, aber nicht als Nahrungsmittel!). In der
permanenten Aufbereitung und Wiederaufbereitung der Gedanken verendet
allerdings die Verstörung mangels notwendiger Subsistenzmittel nicht, sondern
im Gegenteil: in ihnen und durch sie entsteht aufgrund des defizienten Modus
des Seins der permanente Drang zu existieren – und nicht die vergehende
Existenz selbst, die sich schlicht nährt.
In der Tat ist nach Bastian das Geschehen die Krankheit und ihre Kur
zugleich, indem es sich als Krankheit bewußt wird und sich dergestalt geschehen
lässt, dass es nicht zur Geschichte gerinnt, die je wieder geschehen soll. Das
hieße, die Wunden je wieder öffnen. Der Mensch in einer solchen Geschichte ist
nicht ins Geschehen eingetreten. Allerdings kann ihm im schmerzhaften
Verwundern über die Wunden das Geschehen als Verstörung bewußt werden,
die einen Sinn hat. D.h. um zu gesunden, muss er die Sinnlosigkeit der
Geschichte erkennen und sie aufgeben. Und er kann sie nur aufgeben, indem er
Wandlungen, ohne Unterlass). Dies ist die Lebenshölle, wo „Alles brennt“ (nach Buddha’s
Feuerpredigt), aber in dem unter solchem Lichtbrand erhellt Geschauten harrt die labende
Kühlung (in Nirvana’s Friedensruhe).“.
272
sich in der Verstörung geschehen lässt, d.h. gerade nicht versucht, sich entweder
perfekt in der Geschichte niederlassen und institutionell einrichten zu wollen,
oder sich aus allem heraus zu halten, sondern je in allem aus der Geschichte
heraus zur Welt zu kommen. Der Mensch in der Geschichte ist in statu
nascendi, statisch und stationär. Der Mensch im Geschehen tritt aus diesem
Zustand heraus, ambulant tritt er ins dynamische Geschehen der Welt ein, von
dem er nun weiß, dass das keinesfalls seine Geschichte ist, die er schreibt. Sie
wird in ihm in die Welt geschrieben. Der Mensch im Geschehen ist die
Geschichte, die geschieht, indem er sie endlich denkt, in jedem Augenblick – hic
et nunc und jedes nunc stans in die Welt hinein transzendierend – zu Ende
denkt, bis in die Unendlichkeit hinein, wo sich Anfang und Ende als absurd
aufheben und nur noch die Unendlichkeit und Unanfänglichkeit, das Nichts des
Sein sind, die sich nicht mehr denken lassen und es auch nicht nötig haben, da
sie das unanfängliche und unendliche Denken selbst sind.
Bastian steht also durchaus in der Tradition von Eduard von Hartmann,
Philipp Mainländer, Julius Bahnsen331 und wie die Schopenhauerepigonen alle
331
siehe zu den Genannten: Lütkehaus, 1999:233ff.; Mainländer wird von Bastian explizit
genannt: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:19; vgl. zum Themenkreis „Schopenhauer und
Nachfolger“, in deren Tradition Bastian steht, sich ihres willentlichen Nihilismus, der die
Welt negiert, aber enthält, indem er sich vielmehr den dynamischen Optimismus eines
sensualistischen Sich-und-die-Welt-Geschehenlassens, der zwar weiß, dass es nichts ist, mit
der materialen, trägen Welt, dass aber alles wieder energetisch werden wird, wenn man es nur
werden lässt, zu eigen macht, auch Bastian, Ideale Welten I, 1892: „Ueber den wunderlich
grotesken Mummenschanz, unter welchem der Buddhismus, zumal wenn mit (phantasieloser)
Phantastik, oder der Bombastik eines (kraft theosophischen Arcanum) wiederbelebten
„Bombastus“ aufgeputzt, in populärer Literatur vorgeführt zu werden pflegt (im wohl oder
übel verstandenen Eifer), bedarf das mehrfach darüber Gesagte keiner Wiederholung, und
auch philosophirende Buddha-philen, die von pessimistischer Verwandtschaftlichkeit sich
angeheimelt fühlen, können ihrem, Selbstvernichtung anstrebenden, Zuge überlassen bleiben,
da sie in den vier Wänden der Studirstube nur das Bild der eignen Augenlinse nachzuzeichnen
sich befleissigen, das als umgekehrtes bekanntlich auf dem Kopf steht und in einem Querkopf
erst recht, weil doppelt verschroben (schief und schielend).“ Aufgrund des bisher gesagten
wird evident, dass die letzten Zeilen keineswegs nur polemisch gemeint sind, sondern exakt
den Vorgang der spiegelverkehrten Ich-Projektion beschreiben, die Bastian als
wahrnehmungsverhindernde und denkblockierende Hybris analysierte und anprangerte. Zu
dieser Erkenntnis waren ihm die genannten Denker notwendig. Ihre Verurteilung beruht nicht
nur auf dem Narzißmus der kleinen Differenz zwischen buddhophilen Kosmologen.
273
heißen mögen. Auch Bastian ist das Seiende schlechter als das (Noch-)Nichtseiende. Und doch fehlt ihm die Larmoyanz der Philosophen. Bastian eignet
vielmehr die Präsenz des Forschers, der Interesse am tatsächlichen Geschehen
hat und an ihm teilhaben will, weil er weiß, dass er sich ihm schlechterdings
überhaupt nicht entziehen kann. Man kann lediglich die Augen vor ihm
verschließen. Philosophischen Sand sich in die Augen streuen (lassen). Bastian
weiß, dass jedes Entziehen letztlich die Larmoyanz produziert, die das Seiende
dann verflucht, weil man nicht gescheit teilhaben darf, wie man meint. Mag das
Seiende auch eine Verstörung sein, Bastian jedenfalls hat in der Hingabe, im
Abschwingen in das positiv Existentielle die Souveränität gefunden, es so sein
und geschehen zu lassen, wie es ist und geschieht. Nur so kann man es letztlich
sein lassen – und das mit aller Aufmerksamkeit.
Bastian, der die Notwendigkeit der Hingabe an das Geschehen erkannte,
lebte gewissermaßen innwendig. Er konnte die Welt nicht – anders als es die
Philosophen exerzieren – auswendig aufsagen. Bastian musste vielmehr bei
jedem Wort nachschauen und es sich notieren.332 Das Bastian’sche Konzept des
Denkens und der Gedankenreihe, das Abschwingen der Gedanken in den Kairos
des Denkens lässt sich konjektural nach Deskartes und Nietzsche
folgendermaßen formalisieren:
fit in statu nascendi, ergo fio, ergo sum, ergo cogito, ergo
cogitat: cogitat,
ergo cogito, ergo sum, ergo fio, ergo fit in statu nascendi
332
Bei Bastian gibt es keinen performativen Selbstwiderspruch, weil es keine das Auditorium
beherrschende Performanz gibt. Deshalb lassen sich seine innwendigen Adhäsionstexte
logisch kohärent erklären, haben aber keine eigene Adhäsion mehr, sind somit oftmals
verstehensresistent, weil der Kairos ihres Geschehens längst passé ist und sie keinem
Geschehen mehr anhängen. Sie sind abgeklungen.
274
3. Dualität
3. 1. Störung und Dualität
3. 1. 1. Geschehen
Die Dualität ist ein Konstrukt, das die Wahrnehmung des wirklichen
Geschehens verhindert. Die platonische Zweiteilung von Sein und Schein
produziert allererst den Schein, von dem sie spricht. Bastians Einteilung in
Harmonie und Störung fußt nicht auf einem dualen Prinzip, sondern auf dem
Geschehen einer Interferenz, d.h. Störung und Harmonie gehören zusammen. In
ihrem Zusammenhang produzieren sie notwendig die Idee von der Dualität als
signifikantem Ausdruck der Störung. Die Dualität ist das Produkt des
Geschehens, nicht die Struktur, nach der es verläuft. Man beseitigt die Dualität
nicht, indem man dem „einen“ von den „zweien“ ein Vorrecht einräumt und es
letztlich zu dem Ganzen erklärt. Dieses oder jenes oder ein daraus synthetisiertes
drittes als Ganzes zu nehmen heißt, die Störung voran zu treiben. Man
provoziert ein Symptom und reizt es, sich ausdrücklicher zu zeigen, folglich
zeigt man eindrücklicher die Störung selbst. Nur wenn man sie als solche und
gerade nicht als den normalen Lauf der Dinge nimmt, vermag man vielleicht
dem wahrhaften Geschehen in den Geschehnissen auf die Spur kommen. Es gilt,
die Symptome nicht zu reizen, sondern sie zu registrieren, um sie zu analysieren.
Mit ihnen kann keine Selbsterkenntnis, kein nosci te ipsum synthetisiert werden,
sondern an ihnen kann man einen Verlauf erkennen und vielleicht das
Geschehen selbst: diagnosci fiundum ipsum. Wo das Ich Produkt des
Geschehens ist, da kann es das „Du“ auch nur sein. Und das Ich, das zu sich
275
selbst „Du“ sagt, schließt sich aus dem Geschehen aus und kann sich, da nur das
Geschehen erkennbar ist, nicht erkennen. Es kann sich lediglich in der statischen
Dualität von Ich und Du, dem Ausscheidungsprodukt des status nascendi, eine
Pseudoerkenntnis konstruieren, in der jede Dualität angeschossen, wenn man so
sagen darf, ent-stirbt, je schneller, je mehr das ich sich in ihr gefunden zu haben
glaubt. Es ist kein Ich mehr, das am Geschehen teilnimmt. Ein selbsterkanntes
Ich, das Du zu sich selbst sagt, ist nicht mehr dynamisch, es hat sich in einem
Labyrinth aus Müssen und Sollen längst verloren – und somit auch jeden
anderen. Ein Ich, das Du zu sich selbst sagt, um sich selbst zu finden, glaubt in
sich selbst den Geist zu finden, der jeder Natur gegenüber stehe und der so jeder
Natur allererst habhaft werden könne, indem er sie in seinen Besitz nehme, als
wäre sie etwas Fremdes, das man sich aneignen könnte. Ein solcher Geist hat
sich selbst außerhalb des Geschehens gestellt und versucht nun verzweifelt, es
einzufangen. In der Dualität hat sich der Geist als Esel die Natur als Karotte vor
die Nase gebunden und rennt ihr nun hinterher und hält das auch noch für eine
gute Idee, da er nur so, wie er meint, der Natur habhaft werden könne, da nur
diese Idee es bewirke, dass er, indem er zu sich selbst Du sagt, sich selbst
erkenne – und damit auch die Natur. In doppelter Weise rennt der Geist hinter
sich selbst her und findet sich nicht. Wie auch? Als Suchender muss er sich
selbst haben und nur als Findender kann er bei sich sein und geschehen. In
seiner Suche nach sich selbst zwecks Aneignung der Natur hat das Ich, das zu
sich selbst Du sagt, um sich seine erhabene Größe zu bestätigen, zwei Strategien
entwickelt, seiner selbst habhaft zu werden: Idealismus und Realismus. Doch
bleibt es sich gleich, ob ich nun das Ich als Idee oder als Realität proklamiere, in
beiden Fällen laufe ich dem hinterher, was ich doch schon voraussetze, um
überhaupt proklamieren zu können. In der Spekulation, will sie sich nun realiter
oder idealiter sich selbst zuwenden, geschieht eine Konstruktion, die sich selbst
mit dem Geschehen verwechselt. Mag das Ich sich noch so selbstlos idealistisch
oder realistisch geben, es stilisiert in solchen Spekulationen sich dennoch zum
276
Abbild eines vermeintlichen Ganzen, das es als ein transzendentales Ich Du zu
sich selbst sagen lässt, damit es sich selbst weihevoll bestätigt. Hier wird also
weder wirklich eine Idee, ein Logos, noch ein Reales, ein Geschehnis
kundgetan. Die wirklichen Logoi entstehen nicht in der Konfrontation mit sich
selbst, sondern im Augenblick der Wahrnehmung dessen, was außerhalb des
Wahrnehmenden ist. Das Wahrzunehmende wird in der Wahrnehmung
verändert und keineswegs als Fixum bestätigt, wie es sich der Realidealist in
seiner fixen Idee von sich selbst erträumt. Wie also die Störung und ihr Produkt
der Dualität das Denken allererst ermöglichen, indem sie Wahrnehmung
provozieren, so wird im Denken der Dualität als Fixierung eines geistigen Selbst
und einer materiellen Natur, wo ein natürliches Selbst im Geist die selbstische
Natur erfindet, die Wahrnehmung der Störung, also des Geschehens
verunmöglicht und das Geschehnis Dualität als Prinzip verkannt. Bastian
entzieht sich deshalb klar dem Realismus, dem die Idealisten ihn aufgrund seiner
positiven Empirie realistisch zuschlagen wollten, als auch dem Idealismus, dem
die Realisten ihn aufgrund seines Harmoniekonzeptes idealistisch zuschlagen
wollten. Beide Abschiebungsversuche, die beide Richtungen deshalb anstrebten,
weil sie Bastian störend und verstörend erachteten, konnten nicht gelingen, da
Bastian deutlich die intrikaten Implikationen beider „Schulen“ sah.333 Wer
Bastian zu verstehen glaubt, um ihn so der anderen Seite zuzuschlagen, verstand
ihn genau so wenig wie neuere Interpreten, die ihn der eigenen Sache
prototypisch voranstellen wollten. Noch weniger verstanden ihn allerdings
diejenigen, die zu verstehen glaubten, dass man ihn allein deshalb nicht
verstehen könne, weil er selbst nichts verstanden habe. Bastian lässt sich in der
333
MiG I:24: „Es kommt also zunächst darauf an, das Verhältnis, in welchem Geist und Natur
zu einander stehen, scharf und genau zu bestimmen. Schon hier wird die Formel verwickelter,
als die speculirenden Philosophen gewöhnlich dargestellt haben, denn Geist und Natur stehen
sich nicht gleichberechtigt gegenüber, es darf also keine directe Beziehung zwischen beiden
eingeleitet werden, wie es stets von den Materialisten und Spiritualisten, im Idealismus und
Realismus oder Real-Idealismus mehr oder weniger geschehen ist, mochten sie nun chic eine
oder andere Seite zu ihrem Ausgangspunkt wählen, oder ihr ein späteres Uebergewicht
vindiciren.“
277
Tat mitunter nicht verstehen, weil er ja gerade nicht verstanden werden wollte,
weil er in seinen Büchern nicht selbstgefällig Du zu sich selbst sagt und sich
nicht in den Himmel, auch nicht in den Universalhermeneutenhimmel, hinein
interpretiert. In seinen Büchern geht es Bastian nicht darum, gut verstanden zu
werden, es geht ihm um die Gedanken, die logoi, die in Auseinandersetzung mit
dem Geschehen und den Geschehnissen der anderen und der Welt entstanden.
Sie sollen nicht verstanden werden, sondern es soll durch Vergleichung der
Verzeichnisse geprüft werden, ob die Gedanken je etwas verstanden haben, oder
ob sie sich leer um sich selbst drehen. Es lässt sich also ohne falsche
hagiographische Absichten sagen, dass Bastians Bücher äußerst gedankenvoll
sind – und keine gedankenleere Selbstaufblasungen. Bastian lässt sich nur im
Geschehen seiner Bücher verstehen.
Seine Bücher sind etwas verwickelter, als die Klassifizierer der
Fachgeschichte es gerne hätten, um sie schneller abhandeln zu können. In bezug
auf Bastian sind alle Schlagworte je schon entkräftigt, da sich seine Bücher
gewissermaßen durch diese „logoi“ fortschreiben: wieder ein Beweis eines
abgestorbenen Kristalls, der verzeichnet wird, ein kleines, momentanes
Geschehnis, das sich jedem weiteren Geschehen entzogen hat. In ihm geschieht
nichts mehr, es hält sich nicht in statu nascendi des Bastian’schen Schreibens
auf, es hat sich vielmehr in seiner Schrift verloren.
Um einzelne Aspekte des Bastian´schen Denkens darstellen zu können,
muss man je aufs neue in das Geschehen seiner Bücher einsteigen und sie soweit
geschehen und gewähren lassen, wie Inspektion und Audition benötigen, um die
Darstellung adhärent werden zu lassen. Kurzum, die Darstellung muss in einer
Weise immer wieder in Fluss kommen, die auch wirklich flüssig ist und nicht
umgehend in Zuschreibungen stockt, so dass sie sich als Wirbel im Wasserglas
erweist. Je muss die Entwicklung von neuem erarbeitet und zu dem Geschehniss
gebracht werden, das interessiert. Je muss die Darstellung sich von neuem
erweisen in der Einvernahme Bastian´scher Darstellung. Tut sie das nicht, stellt
278
sie nicht eine bestimmte Darstellung dar, nimmt sie nicht wahr, sondern
spekuliert ins Blaue, mutmaßt ins Gefällige, d.h. ins Eigene hinein. Bastian wäre
nur noch das Negativ der eigenen Positionierung, das hieße dass man ihn derart
nie aus der Einvernahme entlassen könnte. Man wäre nie fertig mit ihm, da man
nie mit ihm begonnen hätte. Und schon hätte man das Geschehen mit der Frage
„Was jetzt?“ ins Stocken gebracht. Bastian käme so nie zur Ruhe. Er würde zum
Gespenst – und die mögen rationale Wissenschaftler gar nicht leiden. Wie er zu
besprechen ist, muss von Zeit zu Zeit wieder und wieder besprochen werden,
gewissermaßen als Luftholen zwischen den Abtauchphasen ins Geschehen. Nur
so schwimmt man nicht nur im Seichten und fischt Treibgut des Zeitgeistigen.
Tauchen wir wieder ein und scheuen auch nicht mögliche Gespenster. Wissen
wir um die Kreisläufe des Wissens!
In der kosmischen Harmonie herrscht keine Dualität vor. Die
Disharmonie, i.e. die Störung der Materie, also dessen, was aus der
Erschütterung weitere Materie gebärt, steht nicht diametral zu der Harmonie, die
im Gleichklang sich unendlich und unerschüttert fortschwingt. Die kosmische
Harmonie ist das fundamentum inconcussum und das fundamentum concussum
in einem. Wäre die Harmonie, wie das Harmonievereine so gerne beschwören,
nur eines von beiden, wäre sie einseitig. In der Interferenz schießt das
fundamentum concussum an und ent-wickelt sich. D.h. nur hier ist Ex-plikation
möglich, nur hier kann so etwas wie Bewußtsein entstehen. Das Bewußtsein
bedarf der Dualität als eines Mittels zum Zweck, die Dualität ist weder Zweck
selbst, noch ist sie das fundamentum inconcussum334, das alles bewirkt. Mittels
der Dualität kann die Materie als Interferenz erkannt und ihr Ausklingen in dem
Maße gefordert werden, dass sie sich wieder in den unendlichen und
334
Lévi-Strauss sah die Dualität als fundamentum inconcussum, als basale Grammatik an, auf
der sich die Semantik des Lebens entwickelt, die ihrerseits versucht, in Mythemen eine
Sprache des Lebens zu generieren. Vgl. Buchheit 1997:100ff.. Hier zeigt sich nochmals
deutlich, dass Bastian kein Protostrukturalist ist, wie das Koepping 1983:147-153 noch
annahm. Doch bereits 1984 [„Feldforschung als emanzipatorischer Akt“] sah er Lévi-Strauss
und Bastian in einem Verhältnis zueinander stehen, das meiner Ansicht im großen und ganzen
entspricht.
279
immateriellen Gleichklang der Harmonie einklingt. Unerschütterlich besteht die
Harmonie, aus deren Erschütterung die Interferenz des Seins entsteht, die als
unmöglicher Teil der Harmonie wieder vergeht. Die Harmonie bleibt
letztendlich durch die Erschütterung unerschütterlich. Das fundamentum
concussum ist die Bedingung des fundamentum inconcussum. Unsere
Materialität ist nur eine ephemere und eine von vielen möglichen. Im Schwung
der Unendlichkeit ist jede endliche Interferenz kontingent. Es gibt keine
originäre causa efficiens (Wirkursache), keinen unbewegten Beweger alles
Bewegten, keinen Urknall oder was auch immer. Da aber die Geschichte der
Verstörung endlich ist, gibt es in ihr eine causa finalis – und zwar sowohl in
jedem Moment, in dem das Geschehnis in ein Geschehnis plus zugehörigem
Logos auskristallisiert, als auch am Ende des Gesamtgeschehnis „Verstörung“,
das an sich nur ein Moment in der Unendlichkeit darstellt. Diese causae finales
als solche zu erkennen ist Aufgabe der Wissenschaft, so dass man sie
anerkennen kann und sich nicht gegen sie sträubt. Jedes Sträuben, i.e. Festhalten
und Feststellen eines einzigen Logos als synchron und allgemein, bewirkte eine
Obstipation des Geschehens. Die verhinderte Ausschlackung amplifizierte die
Verstörung. Für Bastian ist sowohl der Mensch als auch jedes Geschehen nicht
festgestellt335, sondern „es“ stellt sich je im Geschehnis oder Ereignis und dem
dazugehörigen Logos fest, um weiter zu geschehen. Jede Feststellung trifft
mittelbar nicht mehr zu, hat nur in der Vermittlung, im Zusammentreffen von
Geschehen und Wahrnehmung zugetroffen. Jede Feststellung an sich bedeutet
nichts, nur ihre Reihung lässt die Fährte des Geschehens vernehmbar werden
und ihr folgen. Jede Kaprizierung auf einige wenige Feststellungen als Wahrheit
335
vgl. zu Nietzsches Ausdruck vom Menschen als „nicht festgestelltes Tier“: Waldenfels
1997:42ff.; vgl. Nietzsche KSA I:248ff., hier, im Anfang der zweiten „Unzeitgemässen
Betrachtung“ („Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“) geht Nietzsche genau
auf diese Problematik ein. Bastian, der Nietzsche kannte [er zitiert ihn z.B. in: Controversen
IV, 1894:148], geht in seiner Verschränkung von Feststellen und Nichtfestgestelltsein jedoch
weiter – wird gewissermaßen kosmischer, d.h. er expliziert Mikrokosmos wie Makrokosmos.
Vgl. a.: Koepping, Die Ethnologie als Gedächtnis „geschichtsloser Völker“. Kultur und Leben
280
an sich – oder auf den Menschen an sich – lassen die Fährte verlieren. In „dem“
Menschen kommen sich die Menschen abhanden. Das Folgen der Fährte
bestimmt bei Bastian die Ethnologie, d.h. diese folgt dem Unbestimmten jener.
Schon Bastian wusste, dass Ethnologie nicht erlernt, sondern – trotz aller
pragmatischen creative writing cultures – nur für jedes Darstellungsfeld
inchoativ, iterativ und itinerär eingeübt werden kann. Jedes feste Modell, das
starr gelehrt wird, hält den Forscher von der Fährte fern. Er verschließt sich vor
dem Fremden und der Andersheit der Anderen und ist noch ihrem Ähnlich- oder
Gleichsein gegenüber verschlossen. Er bleibt befangen und gefangen in der
Mechanik der eigenen Denkmaschinerie. Hier läuft die Maschine, wenn sie
überhaupt läuft, nur um zu laufen. Aber sie läuft nirgends hin, auf niemanden
zu, vor niemandem weg, was fatal ist für Ethnolgen (und nicht nur für die). Im
Dualismus von Geist und Natur wird jedes Zusammentreffen und somit jedes
Geschehen verhindert, das ihre momentane Dualität allerdings erst ermöglichte.
Das Duale ist nicht das finale Ende, also auch nicht die Dualität von Leben und
Tod. Wo das Leben immer nur im Anfang geschieht und sich im anfänglichen
Geschehen nur denken kann, da sehnt es sich nach einem Ende und endlich nach
dem Tod. Bleibt der Tod aber nur das Gegenteil des Lebens, wird er vielmehr
zur ultimativen Feststellung des Lebens in einem seiner Symptome. Ein solches
Denken unterstützt nicht das Abklingen der Verstörung, sondern wird je – wie
geschehen – nach einem Gott rufen, in dem sich alle unverstandene Verstörung,
wie auch immer, aufheben soll. Dort, wo man (noch) mit seinem Verstehen am
Ende ist, lässt man Gott beginnen – um dieses Jenseits und jenes Diesseits also
doch irgendwie zu verstehen, es bleibt kein Unverständliches, da man es durch
Gott ersetzt. Und dass es ein Gott ist, der seine Hand über einen hält, das will
man nur zu gerne verstehen.
Man könnte nun andererseits versucht sein, Bastian seinerseits schlichte
Säkularisation vorzuwerfen, weil er sich ja jeder Hermeneutik zu entschlagen
bei Nietzsche im Lichte der Postmoderne, in: „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das
281
sucht, weil er jeden verständigen Gedanken, der sich als allgemeiner ausgibt, als
falsch verurteilt. Man könnte ihm also die Devise si comprehendis non est deus
vorwerfen, nur dass „deus“ bei ihm durch „kosmische Harmonie“ ersetzt wäre.
Doch das hieße Bastian falsch verstehen. Denn Bastian meint das Geschehen der
kosm. Harmonie sehr wohl zu verstehen – nämlich gerade darin, dass alle
Zeugnisse (logoi) an sich unverständlich sein müssen und nur in ihrer
hinweisenden Funktion eine Bedeutung haben. So kann man mit Bastian gerade
die Hypokrisie einer Sentenz wie „si comprehendis non est deus“ erkennen, die
dasjenige zu verstehen vorgibt, was gemäß ihrer Aussage unverständlich zu sein
hat. Die in den letzten Jahrzehnten so sehr favorisierte Trope des „performativen
Widerspruchs“ ist bei Bastian je schon avant la lettre angewandt. Er wendet sich
nicht gegen die Hermeneutik als solche, sondern er greift sie dort an, wo sie
beginnt sich selbst zu widersprechen. Nur in der anscheinenden
Unverständlichkeit seiner Graphien entgeht Bastian dem Widerspruch
(allerdings auch dem An-Sprechen). Von hier her hieße es, eine andersgeartete
Graphie zu entwickeln, die sich nicht einerseits im hämischen Aufzeigen von
Widersprüchen erledigt oder andererseits in der wilden Reihung aller gemachten
Versprecher verliert, sondern die im Ansprechen jene Geschehnisse provoziert,
die Bastian als movens des Geschehens anzeigt. Allerdings ist hier nicht der Ort
dazu, und wir müssen auf spätere Bearbeitungen vertrösten. Hier soll Bastian
nicht weiter entwickelt werden, sondern erstmals entwickelt, d.h. dargestellt
werden, und zwar so, dass wir nicht je auf andere verweisen und mich stets in
vertrautere Gefilde retten können, sondern derart, dass wir bei Bastian
verweilen, so unschön seine Momente für unsere Ohren im ersten Moment auch
klingen mögen (vielleicht auch nur, weil sie in uns etwas zum Schwingen
bringen und eine Resonanz erzeugen, die wir gerne in die Lautlosigkeit jener
Momente verweisen, für die wir keine Zeit haben wollen, resp. sollen!).
Leben“, hrg. von Dieter Borchmeyer, Frankfurt a.M., 1996:108ff..
282
Bastians Kosmopragmalogie wirkt sich in seiner eigenen Wahrnehmung,
i.e. Diagnose (= Sehen des Geschehens durch die Geschehnisse), aus. Bastian
selbst ist Teil dieses Geschehens: man kann sich ihm nicht entziehen, nur die
Sinne vor ihm verschließen, indem man ihm einen statischen Sinn entgegenhält.
Bastians Bücher sind gesättigt von accounts der anderen. Bastian nimmt Teil am
Anderen, weil er schon immer Teil von ihm ist, weil das kosmische Bk(:",
das weder aktiv ist noch passiv, da nicht zwiegespalten in Subjekt und Objekt,
das Verbindende und Verbindliche allen Seins ist.336 Es ist ein iacere, dessen
Interferenz weder ein objectum noch ein adjectum ist, sondern schlichtweg ein
turbulentes iacere (in magnam turbam; mundus turbat; sibi turba), kein Sichentwerfen in einem, kein projectum omnium. Es ließe sich, wäre es nicht schon
des Scheiden zuviel, das fundamentum inconcussum als ein vibrare darstellen,
doch ist auch das noch zu prätentiös, sagen wir folglich: ein movere, und das
fundamentum concussum, die materia mit ihren Geschehnissen, wäre dann ein
iactare. Ein neutrales iacere, das immer wieder von einem kontingenten, aber
komplementären iactare aufgebrochen und durchquert wird. So paradox es ist,
die Störung stört die Ruhe nicht, sondern ermöglicht sie. Innerhalb des iactare
bilden sich Subjaktate und Objaktate, wobei die Subjaktate nicht einfach
Geworfene sind, sondern Geschehende, und die Objaktate solche, die sich in
einem se iactare zu der Hybris von Demiurgen des Denkens aufgeworfen haben
und damit das iactare potenzieren und es nicht wieder in einem iacere zur Ruhe
des unendlichen subjekt- und objektlosen Werfens kommen lassen. Subjaktate
bestehen alle aus der gleichen Substanz, mitunter greift Bastian auf das Konzept
der Hyle zurück337, aber es ist vielmehr die aufgeworfene oder angeschossene
materia aus der mater338 der Lauge, der Mutterlauge339. Menschliche Subjaktate
336
von daher erklärt sich auch die psychic unity of mankind, vgl. Koepping 1983.
vgl. Bastian, Controversen I, 1893:6f.; vgl. a. ders., Das Logische Rechnen, 1903:23, wo
Bastian von der „hypokeimenischen Hyle“ spricht.
338
Man kann – und bei Bastian muss man es fast tun – in der Erweiterung mater zu materia
das griechische ÆV, synonym mit „Geschrei“, und die Umkehrung "Æ, den Schmerzensschrei
als Weh- und Wehenlaut hören (vgl. dazu Lütkehaus 1999:363); man kann das deutsche „ja“
und Nietzsches Eselsgeschrei (KSA 4:244: „Alles aber kauen und verdauen – das ist eine
337
283
reagieren auf ihre Umwelt, weil sie von gleicher Art sind, weil sie Splitter eines
Ganzen sind, das an sich ein Falsches ist, eine Störung, das aber in seiner
störenden Falschheit notwendig ist. Bastian ist kein Pessimist, aber auch kein
Anhänger der Konversionstheologie, die das Sein mit dem Guten und Göttlichen
identifiziert. Das materielle Sein ist ein Auswuchs und hat als solcher Sinn in
bezug auf die kosmische Harmonie. Der Mensch hat sich also als
Auswachsender zu erkennen, er darf sich nicht als pubertierender Anhänger der
Omnipotenz ewig jung halten wollen. Die Menschen haben zu leben, aber weder
mit Emphase, noch mit Larmoyanz, da die keinen Sinn haben: Das Hymnische
und das Beklagende stehen dem Wachsen entgegen340, sie versteifen sich zu
rechte Schweine-Art! Immer I-a sagen – das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist!
-“) darin hören.
Um zu sehen, wie genau Bastian selbst auf die Sprache hört, dass also eine mikroskopische
Lektüre, die auf „malfixte Kopula“ achtet und somit auch auf malfixte „Endungen“ und ihre
Kontexte achten sollte, bei ihm keineswegs unangebracht ist, vgl. Bastian, Controversen IV,
1894:168: „„Das Wetter ist schön“, nämlich heute, aber allzu launig, um das „ist“ festnageln
zu können, denn das „Wetter ist schlecht“ gilt gleichfalls, und das „Wetter ist besser“ bessert
schon die Sache (mit Ausfall der malfixten Kopula ohnedem). Und so bleiben andere Artikel
in den Artikelchen, wenn der Wortschatz ihrer sich freut oder der Studiosus nicht „Vinum“ zu
trinken braucht und sich betrinken (um in Trunkenheit nicht zu wissen, was er redet, oder gar
was er ist und isst).“ Man beachte hier auch Bastians Rückbezug aufs Organische,
insbesondere auf das Nutritive, resp. Indigestive. Dieses Wortspiel wird uns bei ihm immer
wieder begegnen, vgl. Bastian, Controversen I, 1893:8: „(„was ich fresse in meinen Bauch
hinein, das ist gewiss und wahrhaftig mein“).“
339
Die Mutterlauge kann noch nicht das unendliche Schwingen der kosmischen Harmonie
sein, sondern höchstens eine Zwischenstufe, da eine Lauge nur von anderer Konsistenz, aber
konzeptionell materiell ist. Auf diese Lücken (oder Sprünge) innerhalb seiner Kosmologie
geht Bastian nicht ein.
340
vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:181f.: „Wenn nun gar die gesammte Natur (nicht nur
belebt, sondern auch) beseelt gefeiert wird (im monistischen Enthusiasmus), wenn in jedem
Atom und Atömchen seine Seele steckt, um damit zu kosen oder hadern, in Liebe und Hass
(²B4`nkT< und @Û8`:g<@<), dann sässen wir wieder mitten drin, tief unter den
Wildstämmen, am (animalisch animistischen) Anfang des Ausgangs, wie der „visher mit syner
Frau im pispot“, und dann wäre Niemand zu verdenken, wenn ideale Verklärung vorgezogen
werden sollte, (wo BV<J" B8Zk0 hgä<), um lieber in reich geschmückten Tempeln zu weilen
(oder wohnen), als in den Laboratorien des Naturforschers, die diesem seine Arbeitslust
verschönt.
Wohl jedoch harrt solcher Lust, einer ernst getreuen Arbeitslust, reichste Belohnung, als
jemals (beim Durchirren ihres Jammerthales) den „Gottessuchern“ je noch gespendet ist, dann nämlich, wenn, im graduell methodischen Fortgang naturwissenschaftlicher
Forschungsweisen, aus den fundamental gefestigten Wartthürmen der Psycho-Physik, die
Brücke geschlagen sein wird, in jenes „third kingdom“ [dieses dritte Reich kam dann aber
doch ein wenig anders, es geschah da mitnichten alles von selbst, sondern mit methodischer
284
Objaktaten, zu selbstgefälligen Maulhelden eines ewigen Lebens, das nach
Bastian nie mehr zur Ruhe komme. Die einerseits frappierende Anteilnahme
Bastians am mundanen Geschehen und die andererseits ebenso frappierende
Kälte und Teilnahmslosigkeit, also seine teilnahmslose Anteilnahme werden von
hierher verständlich. Bastian meidet die Leidenschaft der Omnipotenz, die sich
stolz auf das geschwellte Ego schlägt (se iactare!), und versucht die gescheite,
d.h. gestreute Teilnahme (sibi turba) an einem Geschehen, dessen Gelingen in
seinem Scheitern liegt. Illusionslos versammelt er die Illusionen, die
momentanen Erleuchtungen der Geschehnisse und schreibt sie ab als eigene
Illusionen, die ihm im mundanen Reisen geschehen sind, das deswegen ebenso
monastär341 bleibt, um sich der Illusion nicht zu verschreiben. D.h. also Bastian
lehnt keineswegs den Dualismus und die statthabenden Dualitäten ab, das käme
einer empfindungslosen Verweigerung gleich, die selbst hochgradig dualistisch
strukturiert wäre. Bastian entwickelt ein Konzept des Mitempfindens, das wir in
ähnlicher Weise im Buddhismus342 vorfinden, und dennoch keinen „-ismus“ sich
anhaftet. In wieweit allerdings das illusionslos Empfundene der (von Bastian
selbst aufgezeigten) Notwendigkeit von Illusion gerecht wird, der es bedarf, um
einem anderen Menschen wirklich zu begegnen343, bleibt hier offen344; als
Subjaktat kann der Mensch sich jedenfalls nicht jeder Illusion begeben.
Nachhilfe, wenn man so sagen kann, ohne dass einem schlecht wird. KPB] eines Geistes(oder Gottes-) reiches, das, mit der Psychologie des Zoon politikon als Faktor (oder
„Karta“), in Schöpferkraft sich auferbaut hat für das darin mitwirkende Individuum, in eines
Jeden Selbst. Und wenn dann im Innern innerlich ein Logos zu reden beginnt, ist es nicht
mehr der aus einem unbegreiflichen Jenseits, ©BXig4<" [email protected]Ø <@Ø, herabgekommene Nous (für
<`0F4H <@ZFgTH), sondern derjenige, den das logische Rechnen sich selber berechnet oder
erarbeitet hat (aus der gesellschaftswesentlichen Atmosphäre, die das Denkleben speist: zur
Aneignung unabhängig eigenen Besitzthums). Und deshalb, so lange es der Arbeit noch gilt
[wahrscheinlich: gibt. KPB], bleiben wir bestens zunächst bei dem, was im gestellten Pensum
aufliegt, - wie praktisch wenigstens rathsam sein dürfte, in Erwartung des Lohnes (nach
pflichtgemäss erfüllter Arbeit).“
341
vgl. zu den Begriffen mundan und monastär: Buchheit 1997:passim.
342
karuņā (heilende Hinwendung zu allen Wesen), vgl. von Brück 1998:94; jedoch gibt es
Heil (Ende von duhkha) und Glück (paramasukha) erst am Ende der nidāna-Kette im nichtbedingten (asamskrta) Nirvana, nie in den Weltläuften des Lebens (samsāra), vgl. ebd.:100f..
343
Kommunikationstheoretisch spräche man hier von „Redundanz“, vgl. Bateson 1983:185f.
344
vgl. hierzu Buchheit 1997.
285
Versucht er es trotzdem, blendet er sich mit einer um so größeren Illusion, der
des losgelösten account. Der Kontexttheoretiker Bastian, der die vielfältigen
Wechselwirkungen sah und beschwor, vermeint, dass der einzelne account seine
kontextuelle Aufgeladenheit behalte und elementar bleibe. Doch wird er ohne
hinreichende kontextuelle Aufladung mit den Mitteln der medialen Darbietung
zur Monade. Der Leibniz-Kritiker Bastian fällt in seinem Stil hinter Leibniz
zurück. Es wäre Aufgabe einer ausführlichen Stil-Kritik, diese Implikationen
genau zu verfolgen. Unsere Aufgabe jedoch soll weiterhin die Darstellung der
Eigenarten des Phänomens „Bastian“ unter besonderer Beachtung der
dingverkettenden Tendenz seines Schreibens bleiben.
Also kehren wir zurück zu der Bastian´schen Art, in der Welt zu sein.
Seine Teilnahme am mundanen, d.h. ethnischen Geschehen ist keine, wenn mir
der Pleonasmus erlaubt sei, leidenschaftliche Sympathie im landläufigen Sinne,
sondern vielmehr der alten Dualität von actio und passiones animae345
geschuldet: das Geschehen verzahnt sich mit der Wahrnehmung. Einen
Meschanismus will Bastian hier keinesfalls am Werk sehen. Der Mensch im
Geschehen lebt nur soweit in einer Maschine, wie er sich selbst in sie einstellt.
Noch die Sprache wurde mechanisiert und kann folglich (nach Bastian) nur
distanziert re-zitiert werden346. Bastians FL:BVhg4", sein Wissenwollen um die
und seine Anteilnahme an den anderen Menschen, die ihn noch jeden
spekulierenden Solipsisten als einen dem Geschehen Absagenden verurteilen
ließen, rührt nicht von einem gravitätischen Ego her, das den persönlichen
Aufwand einer so gewagten wie großherzigen Zuneigung betreibt, durch die es
entweder in Schuld geraten oder den Anderen zum Schuldner werden lassen
kann, sondern von einem statthabenden, unpersönlichen und inwendigen
345
siehe zu diesen Begriffen die ideengeschichtliche Abhandlung über „Aktion und Reaktion“
von Starobinski 2001. „passiones animae“ findet sich bei Bastian in: Das logische Rechnen,
1903:20
346
Dass Bastian sich gerade dadurch, wie oben schon angedeutet, in die Maschine einspinnt,
soll an anderem Ort genauer besprochen werden.
286
FL:$"\<g4347, dessen man sich entweder vergeblich zu begeben versuchen oder
dem man sich hingeben kann. Das griechische Wort „symbaïnei“ bezeichnet
dasjenige, was zusammen trifft, was sich begibt und ereignet, was stattfindet; es
bezeichnet das Geschehen in Geschehnissen. Bastians ethnographische
Teilnahme, seine Sympathographie erweist sich als eine Symbaïneiographie mit
eigener Symbaïneiologie, die es ermöglicht, dem Dualismus gerecht zu werden,
ohne dualistisch zu werden. Symbaïneiologisch kann Bastian sich jedem,
wirklich jedem Geschehen verzeichnend anheim geben, ohne selbst im
Geschehnis fixiert zu werden. In der Symbaïneiographie schreibt er jedes
Geschehnis derart ab, dass es ihm einerseits nicht mehr anhaftet und er
andererseits dem Geschehen aber auf der Spur bleibt. Die Symbaïneiologie
untersucht dasjenige, was sich im Geschehen von hoi polloi und materia denkt,
und versucht es zu verzeichnen. Kurzum: Bastian erstellt Verzeichnisse.
Sympathie heißt für Bastian: Verzeichnisempfänglichkeit348. So zeichnet er sich
347
Der Begriff taucht bei Anaximander [ Hippolytos, Haer. I6,2] auf, siehe: Die
Vorsokratiker, Bd. I, 1999:70 Fragment 10 (2). Der besondere Bezug Bastians zu den
Vorsokratikern wurde schon mehrmals erwähnt. Mit Anaximanders Konzept des –[email protected]<
lässt sich Bastians „kosm. Harmonie“ durchaus engführen, jedoch hätte er mit dem Begriff
der •kPZ seine Schwierigkeiten, da sein Kosmos keinen Ursprung kennt. Ihm eignet aber
durchaus eine Unendlichkeit: in der Unendlichkeit (–[email protected]<) des immerwerdenden Kosmos
geschehen (FL:$"\<g4) auch bei Bastian die Welten. Bastian selbst bringt die Vorsokratiker
und den Buddhismus in Zusammenhang: Controversen IV (Fragestellungen der
Finalursachen), 1894:passim, insbesondere ebd.:86-116.
348
Ohne Sympathie können die Zusammenhänge nicht erkannt werden und kann keine
Möglichkeit des Austausches, d.h. des Erkennens überhaupt, entstehen. In der Sympathie des
Hybriden homogenisiert nicht ein Einziges das Ganze, sondern alle Teile stehen sympathisch
in mit-teilender Beziehung, ein jedes Teil ein Zentrum. In sympathischer Verkettung wird in
Ausweitungen, die immer wieder überschritten werden müssen, weil sie sich als nur Teil eines
weiteres erweisen, das sich mitteilen will, Schritt für Schritt die Symbaïneiologie des
Geschehens erkannt, d.h. krankhafte Ausschreitungen (wie das „Brandschatzen“ der
Kolonisation) unterbunden. Vgl. Bastian, Ethnische Elementargedanken II, 1895:67: „Die
Menschen sind für einander geschaffen (im Gesellschaftszustand), aber zu verkehren mit
einander vermögen sie nur dann, wenn der Wortlaut, der an’s Ohr trifft, sympathisch
verstanden wird, denn bei Stummheit (des Njemz) steht der Weisse, so anmuthend er sonst
auch ausschauen mag, ebenso kalt fremdartig gegenüber (als alienigena zum indigena), wie
der Schwarze, Rothe oder Gelbe, zumal wenn Abhülfe durch eine lingua franca (oder ein
Volapük vielleicht) fehlen sollte (sowie die dem indianischen Wildmenschen verständlichen
Zeichen der Taubstummen). Und so ist einheitliche Sprache als erste Vorbedingung gesetzt,
für lebendiges Nationalgefühl (im Volksleben). Une nation est grande, quand aucun de ses
membres n’existe spécialement pour un autre, mais quand tous existent pour tous (s.
287
einerseits durch seine Empfänglichkeit für duale Systematiken aus, er versagt sie
sich nicht, und andererseits durch seine Kritik an der Unempfänglichkeit dualer
Systematiken, die sich selbst als Ordner und Entstörer illudieren. Bastians
Symbaïneiologie bleibt positive Sympathologie, Symptomatologie der materia.
Je mehr Bastian Anthropologe wird, um so mehr ist er Arzt349: ein Arzt, der sich
kundig macht und nicht irgendwelchen Apparaturen seine Kompetenzen
abtreten will. Im Geschehen lassen sich Leib und Seele, Geist und Natur nicht
trennen und Maschinen überantworten. Im Heilungsprozess ist der sich
aussetzende Arzt ein größerer Patient als sein eigentlicher Patient. Als Arzt hat
er nämlich gelernt, mit den passiones umzugehen, ihre Prägekraft zu nutzen,
ihre Einschreibungen zu lesen, um sie selbst zu verschreiben (auch wenn Bastian
über das Stadium kopistischen Ab-schreibens nicht hinauskam). Dem Prozess
vollkommen verschrieben weiß er die Produkte (logoi (spermatikoi)350) so
einzusetzen, dass sie nicht trennen (analysieren), sondern befruchten351: qua
Soussfret), auf gesellschaftlich umschliessender Schichtungsspäre, wo die charaktervoll
gestetigten Centren der Individuen mit einander verkehren, um aus sprachlichem Austausch
neue Ideen zu zeitigen (im culturellen Entwickelungsschuss)."
349
siehe: Bastian, Controversen IV, 1894:253f.: „In solch ähnlichen Reihen bunt durch
einander gewürfelter Gedankenfetzen (aus philosophischen und religiös-mythologischen
Anschauungskreisen), wie (occasione data) geboten (rein objektiv zunächst, unter
Fernhaltung subjektiver Deutelungen, zur Bewahrung vor Logomachien), hat sich ein Jedes
an zugehörigem Ort und Stelle geordnet einzufügen, wenn Geduld geübt wird (im
Geduldspiel), um den vorweltlich von Zeus (b. Pherekydes) gewebten Peplos aus seiner
Zerrissenheit (über den Globus hin, durch Raum und Zeit) wiederrum zusammenzuflicken (so
gut es mit irdisch schwachen Kräften geht), damit der organisch einwohnende
Elementargedanke neu emporwachse (zu gesundheitsgemäss [Hervorh. KPB] normaler
Entfaltung).“ Bastian schwebt gewissermaßen eine psychiatrische Defragmentierung der
kosmischen „Festplatte“ Welt vor: die logoi sollen so geordnet werden, dass wieder Harmonie
einkehrt.
350
vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:216f.: „[...] und Alles das, was unter widerstandslos
schwachen Wildstämmen in primär vorveranlagtem „Logoi spermatikoi“ eingesäet war, wird
(mit bemerkenswerth merkbaren Nachwirkungen) absorbirt in der ethno-anthropologischen
Richtungsbewegung heutiger Gegenwart.“
351
vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:173: „Das Denken lebt den Augenblick des Nun und
einheitlich erfasst sich das sinnlich (aus der Umgebung) Aufgenommene, ob in unbestimmt
verschwommener Allgemeinheit, ob schärfer schon zergliedert. Der nächste Augenblick folgt,
eine weitere Eins im Leben und neue Eins der Wahrnehmung, und bei dem organisch
fortgehenden Wachsthumstrieb fliesst es dahin mit der Zeit, im kontinuirlichen Umbegriff der
Zersetzungen in Auseinanderlegungen oder Verbindungen, im Ab- und Zuzählen, der Eins zu
288
ihrer Einschreibung (Penetration) ermöglichen sie das neue Geschehnis, lassen
das Geschehen geschehen.352 Das Verzeichnen der passiones, bzw. desjenigen,
was wir als account bezeichnen, hebt die leidenschaftliche Scheidung (in
Arroganz einerseits und Larmoyanz andererseits) auf, das Getrennte kommt
zusammen und zeugt das Neue: so bleiben das Inchoative und das Iterative,
Kategorien, die wir auch für uns einfordern, in ihrer Wechselwirkung auf dem
Weg, d.h. itinerär. Das Geschehen hat einen Sinn. Zugegebenermaßen ist der bei
Bastian soteriologisch, aber es ist die unprätentiöseste Heilsgeschichte353, die
der Zwei, mit der Regula de[r; KPB] Tri, als Grundoperation des Rechnens (im logischen
Calcül).“
352
MiG I:IX: „Man hat vielfach den Geist der Natur gegenüber gestellt, man hat gestritten
über Idealismus und Realismus, man hat sich die normale Weltanschauung zerrissen in ein
Glauben und Wissen. Ein jeder Uebergangszustand schliesst Widersprüche in sich,
Missklänge, Verirrungen, als eine nothwendige Folge des neubildenden
Wachsthumsprocesses, der indess seine Ausgleichung in sich selbst finden und die
Entwicklungsperiode unbeschadet überstehen wird, wenn nicht eine unverständige arzneiliche
Behandlung heilsamer Krisen [sic!] den Körper durch Fieberactionen zerrüttet und
temporäre Abweichungen zu constitutionellen Fehlern entarten und einwurzeln lässt. Das
Leben verläuft in den Gegensätzen des Dualismus, aber mit dem Abschluss des Ganzen muss
die Einheit des Anfangs zurückkehren.“
353
Zu Bastians chiliastischer Tendenz siehe: Buchheit 1997:72-83; vgl. a. Bastian,
Controversen IV, 1894:182, wo Bastian von einem „third kingdom“ spricht. Hier stellt sich
die Frage, wie Bastian auf das reale „Dritte Reich“ vorausweist. Sicherlich attestiert er der
„arischen Rasse“ eine Vormachtsstellung [ vgl. Das logische Rechnen, 1903:67: „Unter den,
auf der Weltenbühne die (im Drama der Menschheitsgeschichte) ihnen zugewiesene
Charakterrolle abspielenden, Volksverbänden oder Stammeskreisen – die grossen der
Culturnationen und die kleineren im Gewimmel der Wildlinge – steht als „primus inter
pares“ der germanische Zweig der Arier voran, dessen glanzvoll erstrahlende Civilisation
weithin den Erball überschattet.“], weil sie sich im Geschehen bewährt habe, aber er lehnt
jede rassistisch-mythologische Deduktion der Vormachtsstellung ab. [vgl. z.B.: Controversen
IV, 1894:136f.: „Die Fragestellung nach dem Ursitz der arischen Rasse – ob etwa aus den
Pontussteppen (wo die Proteusgestalten der Scythen mit Sarmaten ihr Wesen treiben, bis auf
Geten oder Gothen seit Bastarner, neben Anten und Slaven), oder vom mythischen „Dache
der Welt“ im (geographisch noch unerforschten) Pamir (um dort, wenn´s gut gemeint, vom
Göttersitz hinabzusteigen, statt aus der Erde zu wachsen, nach libyschen oder teutonischen
Analogien), - wäre nicht besser als etwa die nach dem Ursitz der englischen Rennthier-Rasse,
ein komplizirtestes Züchtungsprodukt der Landwirthschaft (und ihrer Geschichte). Der
Seiden-Pintscher mag auf den Sophas alter Jungfern sein Leben fristen (oder der aus dem
Bulldogg degradirte Mops auf Studentenkneipen), dürfte sich indess für den „Kampf ums
Dasein“ schönstens bedanken (aus der Wilde herauf), und wenn der Dörfler in Borsdorf die
Heimath seines Apfels nach Citeaux oder andern Klöstern der Cistercienser verlegen mag,
hätte doch von dort das edle Pfropfreis sich weiter zu verkrümeln in Wildstämme (oder
verwilderte), bis auf geographische Provinzen hin (und geschichtlich ansetzende Bewegung in
289
wir kennen. Es gibt keine Erleuchtete, keine, die der Gnade besonders hätten,
und wie sonst weitere resurrektische Megalomanien354 aussehen mögen.
Bastians Heil liegt einfach nur im Geschehen, dass es nämlich geschehe.
Wachsend geht bei Bastian die Welt zu Grunde. Das sei ihr Sinn. Das ist weder
gut noch schlecht, sondern schlicht richtig, d.h. in die richtige Richtung gehend:
aufrecht vergehend. So verhindert dasjenige, was zugrunde gerichtet wurde, das
aufrechte Vergehen, die Dualismen können sich nicht schliessen. Bastians Panik
rührt von den selbstischen Ausmerzereien355 her, die das Geschehen gerade an
denselben, zur Zersetzung oder, verbessernden, Fortbewegung dessen, dem ein Besseres
beschieden.“].
Bastians Aussagen, hätte man sie gekannt, hätten den deutschen Ethnologen, die den
Nationalsozialismus mit Rat und Tat unterstützten, sehr wohl gefallen und ihren Rat und ihre
Tat (z.B. im Projekt „Lebensborn“) durchaus legitimiert. Doch seine, naja, „Stillosigkeit“ und
seine ostentative Insubordination unter jede Autorität eines einzelnen hätten ihn für die Nazis
unbrauchbar gemacht. Er hätte, dessen sind wir uns gewiss, das „Dritte Reich“ als bigotten
Hohn und den Faschismus als „Entartung“ par excellence erkannt. Ihm ging es doch um die
„Konsolidarität des Menschengeschlechts“ [Controversen IV, 1894:131]. Für das Eugenische
ist mehr Bastians Zeitgenosse Galton zuständig. Jedoch müssten, um weiteres diesbezüglich
zu sagen, Bastians Texte genauer unter diesem Aspekt unter die Lupe genommen werden.
354
vgl. z.B. Bastian, Controversen IV, 1894:186f.: „So lange der Eucharistie die Eulogien
(zur Vertheilung als Surrogat) sich anschlossen, waren damit, in die Hände Böswilliger,
gefährlichste Zaubermittel (die sonst nur heimlich, gegen hohen Preis, vom Fetizero zu
erschwingen sind) umsonst gegeben (um mitzuwirken für den Ausbruch der HexenEpidemien).“
355
„Ausmerzen“ war übrigens eine Lieblingsvokabel des Ethnologen R. Thurnwald, der sich
für die Nazis engagierte. Vgl. Melk-Koch, Marion: Auf der Suche nach der menschlichen
Gesellschaft: Richard Thurnwald, Berlin, 1989. Schon im Titel zeigt sich der Unterschied zu
Bastian: Bastian hatte die menschliche Gesellschaft längst gefunden, sie war allerorten
(„embarras de richesse“), man musste sie nur studieren. Bastian war vielmehr auf der Suche
nach der verlorenen Ruhe. Nicht Hygiene und Prohibition standen auf seinem Panier, sondern
das Finden von Möglichkeiten, die jede aufoktroyierte Hygiene, jedes Ausmerzen und jede
Prohibition überflüssig machen sollten, weil sie doch nur die Rückseite der Medaille waren,
deren Vorderseite exakt die Übel zeigte, die sie bekämpften. Um etwas zu suchen, muss man
bereits wissen, was man sucht. Bastian gab nicht vor zu wissen, was die menschliche
Gesellschaft sei, er sah vielmehr das „Menschengeschlecht“ und die Gesellschaften, die es
bildete. Ruhe kannte er wie nur jeder Mensch aus den Momenten, wenn die künstlichen
Ideenkreise brüchig werden und man realisiert, dass man nicht weiß, was da geschieht, wenn
also das alltägliche Gelärm in seiner Bedeutung nichtig wird und in seiner Form alles. Bastian
wollte keinesfalls irgendetwas ausmerzen, sondern alles nur mögliche solange erhalten, bis
seine Position im Ganzen erkannt ist und die Ruhe der unendlichen Sphäre wiederkehrt, weil
die aufgeregte Sorge für das Einzelne nicht mehr nötig ist. Je mehr man ausmerze, desto
weniger könne man das Ganze, den Zusammenhang der Dinge (concatenatio rerum)
erkennen. Wer ausmerzt, betreibt Vogel-Strauss-Politik, verschließt die Ohren vor dem
gellenden Gelärm der Dinge, das nach Ruhe schreit, versteckt sich in jeder brandneuen
290
seinem Vergehen behindern, indem sie durch die Greueltaten der Ausmerzung
das Geschehen in Geschichte verwandeln und die Geschehnisse als eine, als die
eigene Vergangenheit fixieren, die nicht mehr vergehen darf. Aufgrund von
Ausmerzungen findet vieles keinen Abschluss mehr. Jede Ausmerzung bedeutet
eine ewige Zementierung in der Endlichkeit, ein Abjaktat, das jede Ruhetendenz
unweigerlich ablenkt, ohne dass man wüßte, was das Ablenkende ist, es wurde
ja schließlich ausgemerzt. Von daher erklärt und klärt sich das Paradox, dass
Bastian einerseits die Vernichtung der „ethnologischen Welt“ heftig beklagt und
von seiner „folternden Angst“ aufgrund des „fortschreitenden Verderbens“356
spricht, dass er aber andererseits die ethnologischen Welten unbekümmert im
Schmelztiegel der Wissenschaft auflösen möchte357: in der Vernichtung will das
Vernichtete durch den Vernichter ersetzt werden, Schein wird durch
Scheinheiligkeit ersetzt, wohingegen die Auflösung die Freilegung des
Geschehens selbst intendiert. Die Vernichtung beinhaltet die Hybris des Selbst,
das zu sich selbst als dem einzig Guten kommen will, während die Auflösung
die Selbstlosigkeit benötigt – freilich um allem zu Gute zu kommen. Deshalb
meint Bastian auch, er könne auf „oratorische Ueberredungskünste“358
verzichten: er will niemanden überreden, denn das hieße, sich selbst an dessen
Stelle zu setzen, den anderen zu vernichten, ihm jede Auflösungsmöglichkeit
zwecks Freisetzung seines Denkens zu nehmen. In der Auflösung setzt sich das
Psychische frei, setzen sich Partikel des Es frei, anhand derer das kosmische
Geschehen (es geschieht wie es denkt), das in seiner Inferenz psychisch, nur in
Enklavierung, deren Stille auch Bastian als schrecklichen Schrei längst erkannt hat. Als
Schrei des Verbrennenden („Alles brennt“): vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:143:
„In die Geräthsel des Daseienden einverkettet (aus „Concatenatio rerum“) findet des
Denkwesens Denkgeist im Animal rationale (von Massenhaftigkeit des Unbekannten
überwältigt) den aus dem Dunkel unergründlichen Tiefen grausig auftauchenden
Gespenstern, die mit höhnisch angrinsendem Fragezeichen (an der Stirn) ihn umstürmen,
rathlos sich gegenübergestellt, starr und stumm. „Das Schweigen der Unendlichkeiten
erschreckt“ (s. Pascal): die Hinschau des Auges (am „Augenthier“), das, um der von
umhertastenden Fühlfäden empfundenen Pein zu entgehen, in sein Schneckenhäuschen sich
verkriecht (nach Politik des Vogel Strauss).“
356
Alle drei Zitate in: Bastian, Der Völkergedanke, 1881:180 Anm..
357
Bastian, Der Völkergedanke, 1881:175f.
291
seiner Interferenz physisch (die Psyche ist in die anschießende Physis
eingeschossen wie Milch in das Euter) ist, erkannt werden kann. Bastian geht es
um Symptome des Denkens, nicht um den Erhalt aufreibender Physis, deren
interferentieller Verschleiß als Geschichte gedeutet wird, ihm geht es um die
Wiederkehr der Inferenz.359 Der Strom des Bastian´schen Schreibens soll einen
in die Auflösung mitreißen, aber keinesfalls Überzeugungsarbeit leisten. Denn
was geschieht, das geschieht. Man muss niemanden überzeugen, dass es
geschieht, vielmehr aber doch erkennen, wie es geschieht und was überhaupt.
Sonst erkennt man nichts. Selbst das mundane Geschehen überzeugt schließlich
ebenfalls nicht, es will niemanden von sich überzeugen, es hat keinen
extrinsischen Sinn, nur den intrinsischen seines Geschehens. Der Sinn des
Geschehens ist das Geschehen selbst. Es reißt jeden je mit. Es sagt nicht warum.
Es tut es. Das ist genug darum. Jeder formulierte Sinn ist
Geschehensvergessenheit. Jede formulierende Überzeugungsarbeit, dass das
Geschehen eine andere Bedeutung habe, als das Geschehen selbst, wird keiner
Welt, d.h. keiner Natur, gerecht. Überzeugungsarbeit ist schlichtweg die Sache
eines Naturwissenschaftlers nicht. Dass man anders sein sollte, wie man ist, hat
für ihn keinen Sinn. Das Geschehen ist ihm in seinem Erscheinen, in seinem
Dasein evident. Er muss es „nur“ notieren. Es zu leugnen, hieße sich selbst
leugnen. Die Verleugnungsversuche zu leugnen – ob bewusst oder unbewusst -,
hieße allerdings ebenfalls sich selbst leugnen.
Und auch ein Arzt will nicht die Krankheit überzeugen, dass sie besser
nicht wäre, sondern sie zum Abklingen bringen. Keiner Krankheit lässt sich
mittels dualer Eskapismen oder esoterischer Eskapaden, die dem Körper
358
Bastian, Der Völkergedanke, 1881:180 Anm..
vgl. Bastian, Der Völkergedanke, 1881:181: „Man spricht vielfach von einem Aussterben
der Naturvölker. Nicht das physische Aussterben, soweit es vorkommt, fällt ins Gewicht, weil
ohnedem von dem allmächtigen Geschichtsgang abhängig, der weder zu hemmen, noch
abzuwenden ist. Aber das psychische Aussterben, - der Verlust der ethnischen Originalitäten,
ehe sie in Literatur und Museen für das Studium gesichert sind, - solcher Verlust bedroht
unsere künftigen Inductionsrechnungen mit allerlei Fälschungen, und könnte die Möglichkeit
selbst einer Menschenwissenschaft in Frage stellen.“
359
292
entsagen, um ihn wie nichts zu beherrschen, entkommen. Sie sind vielmehr die
von Bastian perhorreszierten Gespenster, die die Krankheit provozierend den
Kranken nicht gesunden lassen. Sie sind die Krankheit der Krankheit. Keine
Verleugnung und keine Vernichtung anderer Lebensweisen aus Gründen der
Pathologie können die eigene Lebensart überzeugen, die bessere zu sein. Wäre
sie wirklich die bessere, warum hatte sie dann die andere ausmerzen müssen?
Als bessere hätte sie sich qua dieser Qualifikation etabliert.
Allerdings verfällt hier der Naturwissenschaftler seinem eigenen
Glauben, dass die Welt nicht überzeuge, sondern je schon durch ihre Fakten
überzeugt habe. Doch überzeugt sie einfach nur nicht! Bastian hätte ein wenig
mehr auf seine Patienten hören sollen, um ihnen entsprechend zu antworten. Im
Furor des Verzeichnens vergißt Bastian, Antworten zu geben. Auch das ist eine
Art Vernichtung, nämlich des Anspruchs, der an jeden gestellt ist, der am
Geschehen teilnimmt. Nun ist es aber nicht möglich, nicht zu antworten.
Irgendwie antwortet man immer, auch wenn die gegebenen Antworten nicht als
Antworten identifiziert werden. Da Bastian am Geschehen teilgenommen hat,
hat er auch geantwortet, nur nicht explizit unter der Kennzeichnung „Antwort“.
Den Ansprüchen seiner impliziten Antworten versuchen wir hier zu antworten –
mit eigenen Ansprüchen. Die von Bastian verzeichnete Verstörung verstört und
verlangt eine Besprechung, die beide Verstörungen nicht vernichtet, um hämisch
(mitunter verhärmt) eine bessere Ungestörtheit an ihre Stelle zu setzen. Das
Ungestörte steht nicht im Geschehen. Das Ungestörte ist Grund aller Störung.
Man muss es mittels Analyse aufstören. Folgen wir darin Bastian weiter, lassen
wir ihn nicht als den Verkehrten, als den, der uns dual entgegenstünde,
ungestört, versuchen wir wieder und wieder mit ihm anzufangen, zumindest
etwas anzufangen – gemäß seines Anspruches. Zwangsläufig muss es so
scheinen, als verliere der Gedankengang den Zusammenhang, und er verliert ihn
hoffentlich in der Tat, um sich dem der Dinge anzudenken, um den Dingen und
ihrem Geschehen verbunden, adhärent zu bleiben. Verbleibt er unverrichteter
293
Dinge im eigenen Zusammenhang, im Anschein der Kohärenz, ist er der
Mechanik der Hybris verfallen, die nur sich kennt und erkennt – und sonst
nichts.
Innerhalb des von mir symbaïneiologisch genannten Rahmens zeichnet
Bastian seine historologischen und sozialpsychologischen Modelle ein. Diese
stellen das Rüstzeug dar, mittels dessen er a) das Geschehen zu fassen versucht,
und aufgrund derer er b) vom Geschehen Zeit seines Lebens erfasst sein wird.
Mit diesem Rüstzeug wird er versuchen, die Dualität zwischen Irrationalität
(Doxa) und Rationalität (System), zwischen Geschehen und Geschichte
aufzulösen. Die aufgelöste Dualität wird jeden Pol einlösen.
294
3. 1. 2. Geschichte
Die Geschichte ist eine bedingte Illusion. Sie beginnt mit den Logoi, d.h.
dort, wo sich das Denken vom Sinneseindruck löst, wo der Dualismus entsteht
und der unvermeidliche Verschleiß der Physis seinen Lauf nimmt. Im
Geschehen verknüpft sich das Wahrnehmende (es nimmt wahr) mit dem
Wahrgenommenen zu einem Geschehnis, das ein Glied einer Reihe ist, die das
Geschehen ausmacht. Es geschieht zirkulär360. In der Geschichte glaubt der
Mensch, den Gedanken an sich selbst anknüpfen lassen zu können, so dass er
sich selbst zu fassen und zu begreifen bekomme. Aufgrund der willkürlichen
Abkopplung des Gedankens vom Denken, d.h. vom Wahrnehmenden,
konstruiert der Mensch einen freien, linear gerichteten Willen, der seiner selbst
mächtig sei und bemächtigt, alle Materie, so auch den eigenen Körper, als ein
Gegenüber zu begreifen und zu befehligen. Der Mensch beginnt in willkürlicher
Selbstermächtigung Ich zu sich zu sagen und meint noch sich, wenn er Du zu
jemandem sagt. Alle seien und alles sei wie er, und alle und alles müssten sich
deshalb nach ihm richten. Folglich verkennt er die wirklichen Zusammenhänge
(concatenatio rerum) und die echte allesverbindende Einheit (k:@<\"), die
solche Aneignungsdispotive und Ordnungsstrategien nicht kennen, da alles
schon auf einer Ordnung (¦< i`F:å) beruht, die jede Art von Eigentümlichkeit
ermöglicht und hervorbringt. Erst die dualistische Aufspaltung generiert ein
Anderes, das ich, wie ich meine, nur recht und richtig wenden und verwenden
muss, bis es mein eigenes ist. So setzt sich der ich-suchende, ich-süchtige
Mensch als Grund aller Dinge, die einzig er zu bewirken vermöge. Er beginnt,
360
Bastian, MiG I:335: „. Die Progression ist nicht eine lineare, sondern eine zirkuläre [...].“
295
seine eigene Geschichte hervor zu bringen, die blind gegenüber der implizierten
Kausalität des Geschehens ist. Er ist es, der sich für einzig
explikationsberechtigt hält. Alle Explikation müsse von ihm ausgehen. In der
Geschichte nimmt der Mensch nicht (mehr) wahr, was geschieht. Geschichtlich
ist der Mensch verstört, und als Verstörter kann der Mensch sich selbst nicht
wahrnehmen, wird aber auffällig. Als Störung des Geschehens wird er im
Geschehen letztendlich auf sich aufmerksam werden müssen, sich aber für einen
anderen halten, den es zu bekämpfen gilt. Die in sich zerrissene, dualistische
Geschichte wird sich nicht auf Dauer im Geschehen halten. Sie arbeitet im
Versuch, ihrer selbst mächtig zu werden, an ihrer eigenen Auslöschung. Wird
die Geschichte auffällig, besteht andererseits die Möglichkeit, wahres
Bewußtsein zu erlangen. Dessen einzige Aufgabe wird sein, sich selbst zu
analysieren, d.h. sich in Elementargedanken aufzulösen, die wieder in Einklang
mit sich ins Geschehen einfließen. Die Verstockung wird aufgehoben. Es denkt
wieder ungestört. Je und je denkt es sich, ohne zugleich aus der Mutterlauge
anzuschießen, in den Tod einzuschießen. Nur wenn es je in statu nascendi
geschieht, ohne unmittelbar ins kristalline Ich anschießen zu wollen, wird es die
Dualität von Leben und Tod nicht hypostasieren, nicht als
selbstfindungssüchtige Geschichte unterlegen, wird es im wirklich wirkenden
Zusammenhang bleiben361. Es ist das Denken, das das Denken denkt, ohne sich
zu denken: es ist das unreflexive Denken. Unreflexiv und tautologisch geschieht
es wirklich, ist die Wirklichkeit des Geschehens und das Geschehen der
Wirklichkeit. Indem es nicht mehr dem Materiellen anhaftet, wird die Materie
wirklich, der Gedanke wirklich körperhaft, der Zusammenhang und die Dinge
sind wieder eins: alles ist – nicht sich, sondern einfach – bewusst. Kurzum:
361
Auf der Hypostasis des Geschehens wuchert die Metastasis der Geschichte. Da weder jene
noch diese statisch sind, so müsste man sie treffender Hypodynamik und Metadynamik
nennen. In beiden Fällen ist es aber die nämliche Dynamik, die sich bewegt, doch die
Hypodynamik geschieht einfach, wohingegen die Metadynamik durch fixe Ideen vielfach
komplektiert und kompliziert wird. Vgl. zu dem semantischen Feld „Krebs“ z.B. folgende
Stelle: Bastian, San Salvador, 1859:331 Anm.: „Der Authoritätsglaube ist der Krebs des
Fortschritts.“
296
Geschichte ist falsches Bewusstsein. Gerichtetes, linerare, aufrechtes und
machtgieriges Bewusstsein, das in sich den Ursprung von allem sieht362.
Bewusstsein, das dem Geschehen des Körpers, so paradox es klingen mag,
physisch im Wege steht. Geschichte ist die Kontrakonzeption363, die
Kontrazeption des Geschehens.364 In der Geschichte pflanzt sich das Denken
nicht einfach fort, vielmehr schießt der Gedanke aus der Mutterlauge, wie
Bastian unermüdlich wiederholt, an – und stirbt. In der Metapher bleibend lässt
sich sagen, dass in der Verstörung der Mutterlauge je nur kurz die totenstille
Ruhe vor dem nächsten Sturm des Anschießens vergönnt ist. Im Geschehen ist
die Mutterlauge unendlich beruhigt.365 Im Dualismus läuft das falsche
Bewusstsein sich selbst hinterher und wird sich dennoch nie zu fassen kriegen,
362
Mit Derrida lässt sich sagen, dass dieses Bewusstsein phallogozentrisch ist. Strukturell ist
Geschichte männlich, während das Geschehen – nicht weiblich, sondern nichtdualistisch –
menschlich zu nennen ist. Die Physis des Mannes, die gegen sich selbst ankämpft beherrscht
die Geschichte. Im Geschehen geschieht das Psychische des Menschen und lässt alles
geschehen. Hier kämpft die Physis nicht gegen sich an, es gibt keinen Verschleiß. Die Psyche
ist das Denken und ist die Materie des Denkens in eins. Psychologie ist eine Tautologie.
Geschichte eine Eulogie einer Dystopie: dem Geschehen vor Ort wird die Phantasie eines
anderes Ortes, eines ortsunabhängigen Ortes vorgehalten, so dass man sich vor Ort nicht mehr
wohlfühlt, weil einem der Atem genommen wird. Ungestörtes Geschehen hingegen ist
pantopisches B<gØ:".
Die Bilder des Gebährens und des Phallischen sind Bastian, abgesehen von der „Mutterlauge“
und den „logoi spermatikoi“, sehr präsent: vgl. z.B. in: Das logische Rechnen, 1903:19: „Der
unserer Mutter Natur, als (Bruno’s) „kreisende Gebärerin“ – ehe ihr die Wehen kommen
können (um aus der „Natura naturans“ die „natura naturata“ hervorzutreiben) –
erforderliche Befruchter hat in (Nic. Cusanus’) „docta ignorantia“ den Agnostikern [bei
Anonymität des (gnostischen) B"J¬k š(<[email protected] oder (b. Basilides) Ò ÏLi ê< hg`H] als der
„Unknown God“ (s. Thomson) sich entpuppt, der im anthropomorphischen Procrustes-Bette
verstümmelte ist längst zum alten Eisen geworfen (da bei teleskopischer Durchspähung der
Raumesweiten sein „Finger“ nicht auffindbar gewesen), und dass, bei Verstummung der
Orakel (s. Plutarch), der „Grosse Pan“ gestorben, war dem vorüberfahrenden
„Menschenschifflein“ zugerufen (durch des Schicksals Stimme).
363
im Gegensatz zum „Conceptus kosmikos“ [Bastian, Das logische Rechnen, 1903:13]
364
MiG I:2: „Indem mit fortschreitendem Wachsthum die Gedanken sich nicht mehr allein
unmittelbar aus den Sinneseindrücken entwickeln, sondern vielfach aus schon als solchen
empfundenen Ideen, so verliert sich allmählich das Gefühl des Zusammenhanges mit der
körperlichen Grundlage, und der Mensch glaubt in seinem Selbstbewusstsein mit freiem
Willen zu handeln, während jeder Entschluss nur das Resultat einer unendlichen Folge von
Ursache und Wirkung ist, die in ihrem letzten Grunde auf dem Zusammenhange mit dem
Macrokosmos basiert.“
297
da es jede Fassung (Körperverbundenheit) ja verloren hat, gar hat verlieren
wollen.
In der Wahrnehmung der Wahrnehmung begann der Trugschluss: seine
Entourage wahrnehmend verkannte der einzelne Mensch, dass seine
Wahrnehmung im Zusammenhang mit dieser Entourage allererst entsteht, dass
er selbst Teil von ihr ist und dadurch erst Teilnehmer. Doch er vermeinte, die
Entourage sei ein unabhängiges Ganzes und er folglich ebenso: er sei seiner
Entourage äußerlich. Er hatte sich aus dem Zusammenhang genommen, um
seinen eigenen Zusammenhang zu setzen, um also Geschichte zu machen. Wo
aber das Anfangen aus dem Geschehen heraus genommen wurde; wo also ein
eigener geschichtlicher Anfang gesetzt wurde, da musste auch das schmerzliche
Bewusstsein entstehen, dass die eigene Geschichte wieder endet, dass sie das
Eigene, mit dem sie begonnen hatte, auch wieder beenden wird. Das
Bewusstsein, das sich von Körper und Materie lossagte und sich als ein ihnen
außen vor stehendes ansehen wollte, das leidenschaftslos, i.e. ohne Sympathie
wahrnehmen sollte, verlor seinen Halt und erlangte die Gewissheit, ins Nichts zu
stürzen.366 Aus der Dualität von Geist und Materie deduziert der einzelne
Mensch, der glaubt, sich selbst bewusst zu sein, die Vorstellung von Leben und
Tod. Wie der Geist nun die Repräsentation der Materie sein sollte, so sollte das
Leben die Repräsentation des Todes sein, der somit stets präsent war. Von der
toten Materie hatte man sich trennen wollen, und fiel doch stets in sie zurück.
Jede Gravitation und materielle Gravidität machte aus dem materiellen
Gegenüber die verhasste Körperlichkeit, die zum einen den Tod bringt, weil sie
ihn birgt, und zum anderen deswegen ein stetes memento mori ist. Wie der
eigene Körper so wurde auch jeder Andere zum Feind, weil er mich töten kann,
und zum intimsten Mahner, weil er, wenn ich ihn töte, mich an die Sterblichkeit
365
Der Wechsel von Totenstille und Anschießen eines etwas, das sich für einzig hält, ist den
buddhistischen Konzepten von Samsara und Anatman, das der unendliche Ruhe dem vom
Nirvana verwandt.
298
erinnert. Das Bewusstsein fixierte sich in der Geschichte auf diesen einen
Gedanken und konnte nichts anderes mehr denken und sah noch in dieser
Fixierung den unumstößlichen Beweis für die Richtigkeit seines Denkens. Es
hatte das Geschehen aus den Augen verloren, das kein Ende kennt, wie es von
keinem Anfang weiß. Jeder status nascendi ist ein Element, in dem das
Geschehen besteht. Jeder status nascendi produziert qua definitionem, also kraft
der ihm innewohnenden Ordnung (i`F:@H) mindestens einen weiteren. Jeder
„Zustand“ ist kosmisch und in Bewegung. Ein Element reiht sich unanfänglich
und unendlich an ein weiteres. Alles ist verbunden (k:@<\"), alles ist
harmonisch, auch in der Verstörung. Gerade die Tatasache, dass der Augenblick
des Entstehens sogleich vorbei ist, gewährleistet das Bestehen des Geschehens.
In der Verstörung stockt jedes Element in sich, schießt materiell an und will an
sich als Unverbundenes367 Dauer, obwohl es doch nur in seinem Vergehen, in
der Reihung der Reihe Dauer hat. Die Elemente als solche sind unvergänglich,
sonst wären sie nicht elementar, so auch die Gedanken, die in jedem Moment
entstehen368. Folglich sind sie nicht das Konstrukt, das alles beinhalten muss,
366
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:19: „„Gott ist gestorben, und sein Tod war das
Leben der Welt“ (s. Mainländer). Und so beginnt es zu veröden, in nihilistischer Leere (des
Atheisten).“
367
Bastians Kosmos besteht also aus kontinuierlichen Schwingungen und nicht aus diskreten
Einheiten, Auch wenn er von Elementen spricht – wie sollte man sonst sprechen? -, so ist sein
Kosmos nicht digitalisiert. Es sind die einzelnen Allologoi (Völkergedanken), die diskret sind.
Die Diskretion ist das Kennzeichen der Verstörung. Nicht der Inhalt der einzelnen Gedanken
zählt, denn er spricht von nichts anderem als seiner Unverbundenheit, sondern ihre Form: sie
spricht von der Verbundenheit mit den Dingen, d.h. von ihrer Bedingung durch die
geographische Provinz. Der Inhalt der Gedanken ist bedeutungslos. Die Digitalisierung der
Gedanken bezeichnet bei Bastian ihre semantische Ebene. Auf der syntaktischen Ebene sind
sie kontinuierlich. Bastian lässt sich nicht als Vorläufer einer artificial intelligence
vereinnahmen, die die syntaktische Ebene digitalisiert denkt, so dass die Kontinuität eines
jeden Verstehens zu simulieren, i.e. in ihrem Sinne generieren, sei. Eine solche digitalisierte
Syntax wäre synchron und außerhalb des Geschehens, so dass sie jederzeit und
ortsunabhängig generiert. Nach Bastian eine Unmöglichkeit. Ein arroganter Irrtum. Ein
demiurgischer Größenwahn.
368
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:54: „Die aus kosmischen Weiten in tellurischen
Dunstkreis einfallenden Energien sprechen in den dort hervorgerufenen Geschöpflichkeiten
dasjenige aus [Hervorh. KPB], was vorbedinglich sie durchwaltet, in krystallinischen
Richtungen des Achsenkreuzes für temporäre Dauer, sowie in den organisch verketteten
299
sondern die Elemente, mit denen alles geschieht. Als solche sind sie unendlich.
Im wirklichen Geschehen gibt es weder Leben noch Tod, es gibt nur das
Geschehen. Leben wie Tod sind die so willkürlichen wie willkürlich
ermächtigten Konzepte eines vermeintlich freien Willens: Repräsentanten einer
vermeintlichen Präsenz, die in ihrer Omnipotenz nicht vergehen will, die also
sich präsent sein lässt, kontrazeptionelle Präservative, die jedem Geschehen
zuvor kommen wollen, um dem einzelnen Geschehnis Dauer zu verleihen,
indem sie die Folgen des Tuns vermeiden wollen. Echte Folgen sind
unabsehbar. In der gedanklichen Konzeption von Leben und Tod hat sich der
einzelne Folgen geschaffen, die absehbar für ihn sind und von denen er daher
glaubt, sie im Laufe hinreichender Zeit in den Griff zu kriegen. So sieht der
geschichtliche Mensch in allen Dingen nur sich und rennt in allem, was er tut,
sich selbst hinterher, nicht merkend, dass er doch je schon bei sich ist. Er rennt
einem Trugbild hinterher und rennt vor einer Wirklichkeit davon, die er nicht
haben will, nämlich seiner eigenen. Die Geschichte ist die Verstörung des
Geschehens in der Weise, dass der einzelne Mensch sich als elementares
Integral des Geschehens verkennt, indem er sich als dem Geschehen enthobener
Macher einer erhabenen Geschichte setzt. Als Macher will er die Geschichte zu
Ende bringen, wird also bestimmt von den imagines von Leben und Tod und
keineswegs mehr von der Wahrnehmung des unendlichen Geschehens. In der
willkürlichen Synthese von Geschichte verleugnet der Einzelne seine
Elementarheit und somit seine Analysierbarkeit. Um diese überhaupt wieder zu
ermöglichen, gilt es, jene Synthese zu analysieren. Nichts anderes versucht
Bastian in seinen Büchern. Er befleissigt sich, alle Gedankensynthesen in
einzelne Gedanken zu zergliedern, in der Hoffnung, Elementares aufzuspüren,
um dem Geschehen wieder auf die Spur zu kommen und damit der wahren
Metamorphosen der biologischen Erscheinungen continuirlich [bei (periodischem) Umrollen,
im Kyklos Geneseohs].“
300
Konzeption der Materie, in der die Folgen nicht absehbar sind, sondern je
geschaut werden müssen, wie sie unendlich kommen.369
Das falsche Bewußtsein, das sich in der Repräsentation vor jeder
geschehenden Gravidität, also vor jeder Materie, und deren unangenehmen
Folgen, wie es meint, schützen will, versucht sich folglich ((sic!) also dem
Geschehen niemals entgehend, es nur folgenreich verstörend) in einem
unabänderlichen Stil zu fixieren. Der Stil soll das Bewußtsein repräsentieren,
das Bewußtsein die Materie. In Repräsentationsserien wird die Spaltung des
Bewußtseins vom Wirkzusammenhang und damit die Enklavierung des
Bewußtseins voran getrieben. Im Stil errichtet das Bewußtsein seinen eigenen
Käfig, oder vielmehr eine Maschinerie, mittels der die Produktion der
Enklavierung als Eigenrettung akzeleriert und damit Permanenz (als Inhibition
des Geschehens) simuliert werden kann. Die Geschichte läuft in sich leer.
Rasend passiert hier nichts. In der Maschinerie erschafft das falsche Bewußtsein
seinen eigenen Entstehungsmythos. Je mehr der Einzelne diese Maschinerie am
Laufen hält, d.h. je mehr er in ihrer Technik versiert ist, desto mehr hat er Stil,
hat er seinen Stil. In diesem Sinn ist Stil Technikverständnis und
Technikbeherrschung: man weiß die Maschine am Laufen zu halten, und man
weiß den eigenen Entstehungsmythos zu bestätigen. Man bestätigt sich selbst
durch seinen Stil und wird letztendlich der Stil selbst370. Die
Repräsentationsserie wird fortgesetzt und die Enklavierung findet im Stil ihren
369
MiG I:4: „Der Mensch setzte ihn [den Geist; KPB] der Körperwelt gegenüber und indem
er das durch die Gesammtheit der Sinne zu Erfassende als wirklich existirend an sah, kam er
dazu, der Geistesthätigkeit, als einer abhängigen Function, das Fortbestehen abzusprechen,
sobald das materielle Substrat mangeln sollte. Aber so wenig das reine Sein der Materie in
ein Nichtsein umschlagen kann, ebenso wenig das des Geistes, mag man diesen als eine
Sublimation jener, oder jene als einen Niederschlag dieses betrachten. In der Existenz des
Gedanken-Elementes involvirt sich seine Ewigkeit, wenn auch das irdische Auge nicht seine
künftigen Geschicke zu durchblicken vermag.“
370
Über Identifikation und die Konnotation einer Einverleibung, vgl. Bastian, Controversen I,
1893:8: „Unter solcher Sachlage liegt es dann nahe, sich die Sache leicht zu machen, und den
ganzen Wust transcendenter (oder transcendentaler) Metaphysik (im Real-Idealen und IdealRealen, oder wie sonst) einfach über Bord zu werfen; denn der Mensch „ist, was er isst“, in
materialistischer Ernährung („was ich fresse in meinen Bauch hinein, das ist gewiss und
wahrhaftig mein“).“ [Hervorh. KPB]
301
sublimen Höhepunkt, so dass in der konsequenten Verkürzung als
abschließendes quid pro quo gesagt werden kann: le style, c´est l´homme371, das
Bewußtsein hat sich zugleich als äußerste Fassung und innerste Essenz stilisiert,
sich Geschichte gegeben.372 Deus ex machina und homo novo in machina heißen
also die obsessiven imagines des freien Willens, die diesen am Laufen und
Parieren halten wie die Karotte den Esel. Dass dieser Wille geschieht, ist
folglich (sic!) nicht, wie er selbst glaubt, der eigenen Geschichte und Initiative
geschuldet, sondern dem Wirkzusammenhang „Geschehen“. Der freie Wille ist
Reaktion auf ein gestörtes Geschehen, Effekt einer Interferenz. Hat man ihn auf
diese Weise begriffen, muss man ihn aus dem Konzept der Selbstverdopplung
aufgrund von Selbstentäußerung (Anthropomorphismus) entlassen. Der freie
Wille hat sich nicht selbst gezeugt, sondern ist Geschehnis eines umfänglicheren
Geschehens, er steht in unverbrüchlichem Zusammenhang mit der Materie,
Physis wie Geophysis, er lässt sich folglich nur psychophysikalisch – und
keinesfalls ontotheologisch – erklären.373 Wird der freie Wille ontotheologisch
371
MiG II:27: „Schon Vico bemerkt: „Der menschliche Geist ist von Natur geneigt wegen der
Sinne sich aussen im Körper zu sehen, und nur mit grosser Schwierigkeit mittels der Reflexion
sich selbst zu verstehen“. Von den Schriftvölkern meint Buffon: le style c´est l´homme, und
wenn hier Styl der ideale Abdruck des Gedankens ist, so gilt bei dem Wilden dasselbe für die
phantastische Verkörperung seiner Vorstellungen.“
372
Um zu sehen, wie aktuell Bastians Kritik der Stilisierung des Selbst in einer eigenen
Geschichte ist, vgl. Pierre Bourdieus kritischen Text (Bourdieu 1994:81-89) über die
„création artificielle“ der „histoire de vie“: insb. ebd.:82: „On est sans doute en droit de
supposer que le récit autobiographique s´inspire toujours, au moins pour une part, du souci
de donner sens, de rendre raison, de dégager une logique à la fois rétrospective et
prospective, une consistance et une constance, en établissant des relations intelligibles,
comme celle de l´effet à la cause efficiente, entre les états successifs, ainsi constitués en
étapes d´un développement nécessaire. (Et il est probable que ce profit de cohérence et de
nécessité est au principe de l´intérêt, variable selon la position et la trajectoire, que les
enquêtés portent à l´entreprise biographique.) Cette inclination à se faire l´idéoloque de sa
propre vie en sélectionnant, en fonction d´une intention globale, certains événements
significatifs et en établissant entre eux des connexions propres à les justifier d´avoir existé et
à leur donner cohérence, comme celles qu´implique leur institution en tant que causes pu plus
souvent, en tant que fins, trouve la complicité naturelle du biographe que tout, à commencer
par ses dispositions de professionnel de l´interprétation, porte à accepter cette création
artificielle de sens.“
373
MiG I:78f. [Bastian bezieht sich an dieser Stelle ausdrücklich auf Fechner und die
Psychophysik, siehe: ibid.:78 FN 2]: „Der Primus motor dieses freien Willens ist kein
ausserweltlich in den Menschen bestimmend eingreifender Deus ex machina [Hervorh.
302
in die Imago „Gott“ pojiziert, resp. wird er autotheologisch als universalistisches
Ego ausgelegt, dem gegenüber alle anderen lediglich alter egos des eigenen
sind, die universal prästabiliert und in jedem ego daselbst introspektiv
verstehend erschaut werden können, dann kapselt sich der Einzelne nicht nur
vom Gesamtzusammenhang dualistisch ab, sondern verkapselt sich in einem
virtuellen Zusammenhang, den er zwar zur Tugend erhebt, in die er aber
lediglich eingezwängt ist wie in ein Kettenhemd374. Das Kettenhemd
metonymisch nehmend haben wir hier den Menschen in der Maschine375.
Geschütz fühlt er sich vom Metall, das schwer auf ihm lastet und seinen Gang
bestimmt. In der Enklavierung und Verpanzerung sucht der Mensch auf fatale
Weise einen Zustand des Behagens zu erlangen, einen Moment zu fixieren, der
so ausschließlich angenehm sei, dass er auf ewig währen, dass nichts anderes
mehr geschehen solle – und somit nichts mehr geschieht. Je mehr der Mensch
sich autotheologisch verpanzert und vor dem Geschehen der Wirklichkeit die
Augen verschließt, um so mehr verlangt ihn ontotheologisch nach einem alter
ego als deus ex machina, der die Maschine zum Stillstand endlich bringen soll.
Bastians These ist die, dass eine solche Tendenz nach Behagen durchaus
„normal“ sei, dass aber gerade durch Störungen, so auch durch die dualistische
KPB], kein in diesem ihm unbekannt und schreckend wirkender Dämon, er ist die neue Kraft,
die sich aus der Bewegung des Stoffes schafft, die in eigener Bestimmung auf jenen
zurückwirken mag, die die neue Bildung dann erst erhält, die aber ohne jenen selbst nicht
vorhanden wäre, wie jener ohne latente Kraft keine Existenz hätte. [...] Das Denken beruht
stets auf partiellen Differenzierungen, auf einseitigen Hervorhebungen nach den Neigungen
des freien Willens, aber innerhalb der Grenzen eines grösseren Ganzen, das sich mit seinen
unabänderlichen Gesetzen der Nothwendigkeit in der Harmonie des Kosmos einfügt.“
374
vgl. MiG II: 48 FN 1, wo Bastian ein aussagekräftiges Beispiel eines enklavierten
Menschen, eines homo in machina, und seines Wirkzusammenhanges gibt: „Selbst sich der
Schönheit des Himmels und der Sterne zu freuen, galt für Sünde, und St. Eusebius erfand
einen Kettenapparat [Hervorh. KPB], der ihn immer vor sich nieder zu sehen zwang, so dass
er Nichts von der andern Welt erblicken konnte.“
375
Von der Maschine im Menschen, den Menschen in der Maschine, dem Menschen als
Maschine und der Maschine als Menschen in der Zeit vor Bastian siehe die Texte, die in den
von Klaus Völker herausgegebenen zwei Bänden Künstliche Menschen. Dichtungen &
Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und lebende Statuen (München 1971)
zusammen gestellt sind; erinnert sei insbesondere auch an de la Mettries „L´homme machine“
und „L´homme plus que machine“ sowie an Jean Pauls „Der Maschinen-Mann nebst seinen
Eigenschaften“.
303
Störung, die eine, so könnte man sagen, schizophrene Störung ist, diese Tendenz
nach Behagen als aktuelles Unbehagen in der Geschichte, i.e. als Störung selbst
bewusst wird. Die Suche nach dem Glück entpuppt sich als Ursache des stets
gefundenen Unglücks.376 Bewußtheit braucht Störungen. Störung ist keine
Trübung des Bewußtseins, im Gegenteil, sie ist sein Anreiz. Und noch mehr:
Bewußtsein ist Störung, es stört die Harmonie, die ungestört sich ihrer selbst
nicht bewusst sein muss, um zu geschehen, sie geschieht. Wir können nun
präzisieren: Bastian prangert die Suche nach Glück innerhalb des Bewusstseins
an. Das Prinzip Hoffnung, innerhalb des bewussten Seins, i.e. der
interferentiellen Psychophysis, das Glück zu finden, führe zu der Verkehrung,
die Psyche so sehr ihrer Physis gegenüber zu stellen, dass sie in
allgegenwärtigem Bewusstsein unabhängig von jeder materiellen Einschränkung
sei. Was Mittel zum Zweck war, wurde zum Zweck selbst. Die Tendenz nach
utopischen Behagen wurde perpetuiert, das Behagen selbst auf ewig
verschoben377. In diesem Quid pro quo von Mittel und Zweck verkehren die
Menschen die Sanktionierung dessen, was gut sei, und erachten gerade den
krankhaften Zustand der sehnsüchtigen Hoffnung, der Bewusstheit anregt, schon
für das Gute selbst und das geschehende Unbewusste für das Schlechte. Der
Mensch richtet sich in der Verstörung ein, weil sie Gutes verspricht, vergößert
die Verstörung gar, um die Versprechungen, um die Phantasien des
376
Wir haben es hier mit der Figur des Hysteron proteron, der Verkehrung von Ursache und
Wirkung, zu tun; siehe dazu: Bastian, Das Logische Rechnen, 1903:60: „Im HysteronProteron metaphysischer Zeitläufte setzte man, zur Inangriffnahme vorliegender Probleme,
mit Unendlichkeitsrechnungen ein, während die im „Zeitalter der Naturwissenschaften“ an
solidere Speisung gewohnten Constitutionen [dem Rechnen mit angewandten (statt
imaginären) Zahlen zugewendet] rathsam befunden haben, vorab mit Erlernung des Ein-maleins zu beginnen, um (nach Bemeisterung der Vier-Species zunächst) auch für das, was aus
Unendlichem redet, einer (rationellem Verständniss congenialen) Lösung gewiss zu sein,
wenn (in der Ewigkeiten Strom) die Zeit dafür gekommen ist, um den, (jenseits zeiträumlicher
Schranken) auf des Geistes freiem Reich manifestirten, Denkschöpfungen abzuhören, was sie
zu sagen haben möchten (über das Woher? und Wohin?).“
377
Aus diesem Grund ruft Bastian aus: ders, Controversen IV, 1894:179: „„lasciate ogni
speranza“, (ob ihr euch Physiker oder Naturalisten nennt, ob Meta-Physiker oder SupraNaturalisten).“ „lasciate ogni speranza, voi ch‘ entrate“ heißt es am Eingang der Hölle in der
Divina Comedia von Dante (Canto Terzo, 9).
304
Bewußtseins, um so deutlicher zu hören. In einer Kettenreaktion gerät der
Mensch im Kettenapparat auf der Suche nach dem Heil in sein eigenes
Unglück. Schwer bepackt rennt er schier hinein. Das Gute seiner Existenz meint
er ausmerzen zu müssen, um im verstärkten Schlechten die Kettenreaktion zu
einer weiteren Verkehrung ins absolut Gute bewegen zu können. Der demütige
Schmerzensmann hofft Gott selbst zu rühren, wie Jesus am Kreuz Stellvertreter
und Menschheit und Gott in einem zu sein. Der sich bewusst werdende Mensch
wird größenwahnsinnig. Sich selbst bewusst glaubt er zugleich alles zu sein,
wenn er nur die Schranken der Physis bekämpfe. Das Bewusstsein leugnet den
Grund seines Bewusstsein, das Eingebundensein in die Physis. Das
Bewusstsein, die Störung selbst, stört sich selbst, indem es den Grund seines
eigenen Geschehens nicht zu sich, zu Bewußtsein kommen lässt. Es flüchtet in
die Geschichte (Mythos) von der eigenen Absolutheit. Bewußtheit ist aber nichts
mehr als der Versuch der Erkenntnis der umfassenden Verstörung des
Geschehens in der Geschichte. Ihr einziger Zweck ist, die Geschichte abklingen
und die Interferenz wieder zur kosmischen Harmonie abschwingen zu lassen.
Gewissermaßen ist ihre Aufgabe also nichts anderes als das Gute, auch wenn
momentan leicht gestört, in sich, vor Ort, topistisch zu erkennen – und nicht
mehr utopistisch zu verleugnen. Erkannt kann das Gute seinen Lauf aufnehmen.
Der Mensch tritt aus dem eschatologischen Apparat der Verkennung, aus dem
Geschichtsapparat egologischer Paradiesversprechungen, wirft das Eusebische
Kettenhemd ab, das er für seinen eigenen Körper hielt. Er lernt, der eigenen
Physis auf die Spur zu kommen, sich dem eigenen Geschehen anzunähern. Er
lernt, sich ins Geschehen abzuschwingen.378
378
MiG I:72: „Das Gefühl des Behagens ist das natürlich vom Körper gesuchte, indem dann
alle Theile sich ihren Functionen gemäss erfüllen, und es müsste eigentlich als der normale
Zustand unbewusst bleiben. Dass es überhaupt als Gefühl zur Auffassung kommt, folgt aus
der gegebenen Möglichkeit von Störungen, wobei durch den Gegensatz die Differenzirung
hervortritt. So ist der sich in der Harmonie des Weltganzen erfüllende Geist natürlich gut,
und dass überhaupt das Gute als Besonderheit aufgefasst wird, folgt nur aus seinem
Gegensatze zu dem durch krankhafte Zustände [das Gute geschieht, das Böse steht fest; KPB]
angeregten Schlechten, obwohl es gewöhnlich umgekehrt dargestellt wird. [Hervorh. KPB]“.
305
Das Bewusstsein, das sich in selbstverliebter Hybris verkennt, sich also
allmächtig hält und hypertaktisch festsetzt, verhindert das Abschwingen, das
Ablegen der Verpanzerung, die Durchstoßung des falschen Zusammenhangs.
Das Bewusstsein verhindert die Bewusstwerdung, den Abschwung der Psyche
von der Hypertaxe in die Parataxe, den Aufschwung der Physis von der
Hypotaxe in die Parataxe. Das dualistische Bewusstsein ist sich paradoxerweise
selbst nicht bewusst genug, um sich in eine Agentschaft der Bewusstwerdung in
unbewusste Harmonie abzuschwingen. Das dualistische Bewusstsein muss
vielmehr noch viel mehr verstört, seine Verstandeskonzepte und künstliche
Logoi müssen als Ausschussprodukte momentaner Geschehnisse verzeichnet
und somit als Konzeptanmaßungen entlarvt und als Konzept entkräftet werden.
Diese Logoi fassen weniger als sich selbst, können aber auf ein Geschehen
verweisen. Dass sie diesen Verweisungscharakter haben, kann man genau daran
erkennen, dass sie ihn vehement verleugnen und sich monadistisch verpanzern,
statt nomadistisch auf die Möglichkeit eines nirvanoiden Kosmos, an dem man
nomadisch teilnimmt, zu verweisen. Das Eusebische Kettenhemd versucht
Bastian den Logoi vom Leib zu reißen, damit die Verflechtung mit dem Körper
sichtbar wird, damit das absolut Einzelne, das das Ganze beinhalten soll, als
Einzelnes sichtbar wird, das mit dem Ganzen in Zusammenhang steht und als
Einzelnes mit allen anderen Einzelnen qua ihrer Eigentümlichkeiten diesen
einheitlichen Zusammenhang des Ganzen bildet. Bastian weist dem von
autotheologischer Egomanie und ontotheologischer Hybris enklavierten Logos,
der sich außen vor stellt, die intramaterielle Verflechtung und Hybridität nach,
die ihrerseits auf eine interseismische Verflechtung mit einem harmonischen
Kosmos verweisen. Zwar ist ein jedes von der Interferenz erschüttert, aber alles
ist mit allem verbunden und wird in der Erschütterung qua seiner
So dezent, mittels eines Konjunktionalsatzes outet sich Bastian als Umwerter aller Werte.
Vgl. a. MiG I:237: „Das passive Gutsein des Anfangs kann sich den Durchgang des
dualistischen Kampfes mit dem Bösen nicht ersparen, um sich in dem harmonischen
Bewusstsein des Guten zu erfüllen.“ Jenseits von Gut und Böse vermag Bastian trotz aller
entsprechendenTendenz noch nicht zu denken.
306
Eigentümlichkeit verbindlich. Leugnet ein Einziges seine Eigentümlichkeit,
seine aufgrund des Zusammenhangs der Dinge auch ihm zustoßende entropische
Erschütterung und konzipiert sich als unerschütterliche Universalie, versucht es
jede Verbindung und Beziehung zu lösen und potenziert die Verstörung.
Bewusstsein wird je kontrazeptisch generiert, um die eingehende Verstörung
aufzunehmen. Die Kontrazeption lässt Bewusstsein und Verstörung zusammen
abgehen (i.e. abschwingen). Jede statische Konzeption vergrößerte und
stabilisierte somit die Dualität. Dualität ist aber lediglich, wenn auch ein an sich
selbst verstörendes, Durchgangsstadium zwecks Abfuhr antagonistischer
Interferenzen; Dualität ist die Übergangsphase in die Normalität kosmischer
Einheit. Dualität wird der Interferenz gerecht, muss aber mit ihr verschwinden.
Jede Geschichte braucht der Dualität, die sie transzendiert. Man erkennt diese
Tendenzen nicht in einer so größenwahnsinnigen wie spekulativen
Gesamtschau, sondern vielmehr mittels mikroskopischer Betrachtung kleinster
Geschehnisse in statu nascendi. In ihnen pflanzt sich das Geschehen fort. In
ihnen spiegelt sich nicht der Makrokosmos, er geschieht in ihnen. Das statische
Verharren in einem Augenblick (nunc stans) liefert nicht die Erkenntnis des
Kosmos. Sein Spiegelbild, das es einzig zu verkehren gälte, will ich das Ganze
erkennen, ist in ihm nicht enthalten. Nicht muss ich meinen, nur weil der
Augenblick fast ein Nichts, ein Nichts gleich ist, dass das Ganze folglich fast ein
Nichts, ein Nichts gleich ist. Nur in unserem Auge ist für einen Nu das
Spiegelbild des Augenblicks enthalten, und das spiegelt nicht mehr – als den
Augenblick. Aber indem und weil das Auge den Augenblick spiegelt, geschieht
das Ganze. Fertige Systeme hingegen werden nie ein Ganzes fassen, werden
eher fast ein Nichts, einem Nichts gleich, ein Nichts gleich, ein Nichts bald
schon sein. Bastian interessiert sich für das, was sich augenblicklich von der
Norm abspaltet379, um die Norm zu bestätigen und zu erhalten; er interessiert
379
Jede Abspaltung, jede noch so kleine Differenzierung ist in ihrer Eigentümlichkeit schon
dualistisch und selbst wieder differenzierend, d.h. bewusstseinsschaffend in dem Sinn, dass
307
sich folglich gewissermaßen für das Abnorme, das gerade dadurch als
Abnormes sich verrät, weil es sich selbst bewusst als Norm ausgibt. Das
Normale normiert sich nicht erst, es geschieht normalerweise. Von daher rührt
Bastians Interesse am „abnormen Geisterleben“, an den „Aeffchen“ der
Geschichte380, die in ihrer Abnormität die nötigen Provokationen liefern, die
naturwissenschaftliche Zusammenhangsdurchstoßung (Analyse) vorzunehmen,
um ins wirkliche Geschehen zurück zu gelangen, d.h. um wirklich wieder,
befreit vom – nun dampfbetriebenen – Kettenapparat, wahrnehmen zu können.
Abnormitäten verhüllen die Wahrnehmung wie ein besagtes Kettengerät oder
wie ein Gespenst, die sich aber abschütteln lassen, indem man sie als Spinnerei,
wie Bastian nicht zögern würde, an dieser Stelle zu sagen, erkennt, d.h. als ein
man ihr nicht als einem Eigentlichen verfällt: MiG I:271f.: „Nur in der Unterscheidung der
Gegensätze, in der Differenzierung, beginnt der Mensch die Natur zu erkennen.
[...]
Es sind nicht immer oppositionelle Gegensätze, die die Möglichkeit, Unterschiede
aufzufassen, verlangt, sondern jeder Bruchtheil mag zur Differenzirung genügen.
[...]
Dass bei beginnender Speculation der Mensch sich mit dem primitiven Dualismus nicht
begnügt, sondern nach einer Einheit der Weltanschauung strebt, ist der kategorische
Imperativ des psychologischen Gesetzes, den man ethisch als das ahnungsvolle Sehnen des
Menschengeistes aufzufassen pflegte.
[...]
Aber in den unendlichen Reihen, gerade weil sie unendlich sind, sucht der Mathematiker nicht
ihren Abschluss, sondern das organische Gesetz ihrer Entwicklung, und in diesem allein wird
die Psychologie die Welt verstehen.“
380
siehe dazu Mühlmann 41986:88, Buchheit 1997:56ff.; vgl. a. Bastians Schrift „Die Seele
indischer und hellenischer Philosophie in den Gespenstern moderner Geisterseherei“ (Berlin
1886), dort insbesondere S. V: „So ist es allerdings, der Schein neuer Zukunftsleuchte steigt
am Horizont empor, mit der Hoffnung auf eine naturwissenschaftliche Psychologie zum
Verständniss jenes Geisterreiches, das in der Carricatur der „Spirits“ seine gläubigen
Anbeter am Narrenseil umherführt, in Pater Hieronymus Gladich´s Klopfereien bereits
angemeldet (XVII. Jahrh.) und in Smertniza´s Pochen längst herausgehört (bei den Wenden).
In jeder die Zeit mächtig ergreifenden Bewegung läuft ein Aeffchen nebenher; neben der
protestantischen Reform die pietistische Muckerei, neben dem politisch constitutionellen
Liberalismus ein Icarismus (Cabet´s) oder „System sociétaire“ (Fourier´s) bis zur
socialistischen Anarchie, neben den Kreuzzügen gottgeweihter Ritter die Kinderzüge (im
Ultreialied), und heiligen Prozessionen folgt der Esel hinterher, zum Esels- und Narrenfest.“
Siehe auch folgende Anmerkung Bastians, wo er die maschinelle Akzeleration der Spaltungen
in der Geschichte, also den homo in machina zum Ausdruck bringt [ebd. FN 1]: „[...] aber im
gleichen Jahre setzten schon die Schismen ein [...] (im beschleunigten Tempo eines mit
Dampf und Electricität vorwärts getriebenen Zeitalters).“ [Hervorh. KPB]
308
pathologisches Festhalten an einem geschehenden Gedanken als fixer Idee381
ausweist, dem die Gelassenheit fehlt, das Geschehen konkret geschehen zu
lassen. Das Festhalten produziert – wie bei Eusebius – die abstrakte Unruhe, die
die Mechanik der geschichtlichen Selbstverpanzerung antreibt.
Dass es den Dualismus im Wirkgefüge als notwendig und sinnvoll zu
erkennen gilt; dass er gar Grundbedingung des Wahrnehmens und Erkennens
selbst ist; dass man also nur solange wahrnimmt, wie die dualistische Störung
anhält; dass also Wahrnehmung nur dazu dient, Störungen zu erkennen, auch in
sich selbst, zeigt Bastian am Beispiel gestörter Körperlichkeit, insbesonderen,
so paradox es klingen mag, an gestörter Wahrnehmung auf. Für Bastian ist das
Gehör das zur Auskultierung382 des gestörten Organismus notwendige Organ.
Seiner Ansicht nach gibt der gestörte Organismus gewissermaßen Laut.
Allerdings nur dann, wenn das vegetative System eines Organismus den
Ausgleich der Störung nicht bewältigt. Die Störung findet jedoch in jedem Fall
statt, da die Materie in sich schon, wie in den vorherigen Kapiteln gezeigt, eine
Störung ist.383 Frage ist, ob sie kompensiert werden kann oder potenziert wird.
Ist das Gehör als Medium der Verstörung selbst gestört, ist der Mensch auf die
Eingleisigkeit visueller Wahrnehmung angewiesen, die jedoch lediglich die
lineare Nachzeitigkeit kennt, aber nicht die duale Gleichzeitigkeit von Ereignis
und Geräusch. Das Monopol linearer Nachzeitigkeit bewirke eine Denkweise,
381
MiG I:274: „Der Baum, den der Wilde denkt, ist das Produkt zweier Bilder, obwohl er nur
einheitlich gesehen wird. Nur in pathologischen Zuständen, in dem Überwiegen der einen
Körperhälfte über die andere, also in einer neuen Differenzierung, kommt der Dualismus zum
Bewusstsein [...]. Insofern dürfte jedes abstracte Denken (das nur in der Unterscheidung und
Weiterbildung der Gegensätze zu ihrer Vereinigung fortschreiten kann), mit der gesunden
Sinnesauffassung verglichen, als ein pathologischer Vorgang und ist es in der That, sobald
es nicht von sicheren Voraussetzungen ausgeht.“ [Hervorh. KPB]
382
siehe zu dem Begriff „Auskultation“ Buchheit 1997:32f..
383
MiG I:36: „Das Gehör im Organismus fasst diejenigen Thätigkeiten der Körper auf,
wodurch dieselben auf einander zur Herstellung der gestörten Harmonie reagieren, ohne ihre
individuelle Gesondertheit zu verlieren. So lange die Ausgleichung durch unmittelbare
materielle Veränderungen geschehen kann, ist noch kein Ton hörbar, obwohl auch hier schon
eine Störung stattfand. Der wesentliche Unterschied liegt dabei nicht in der Störung selbst,
welche im Grunde dieselbe ist, sondern in der Organisation des Menschen, der eben nur zu
309
die einerseits keine differenzierte Kombinatorik erlaube, und die sich
andererseits aufgrund der verstärkten Fokussierung auf ein einziges Sinnesorgan
durch Aufgeregtheit selbst verstöre und sich so gewissermaßen selbst im Bild
stehe, aber dadurch ihrerseits wahrnehmbar werde. Der lineare Defekt löst einen
zirkulären Effekt aus. Ich sehe nicht mehr das Sichtbare, sondern das Sehen
selbst, das ich verkenne, weil ich es für etwas Sichtbares halte, falls ich mir
nicht der zirkulären Kausalität von Defekt und Effekt bewusst bin. Der Taube
sieht nicht mehr das Umfeld, er sieht, weil seine gesteigerte Aufmerksamkeit auf
dem Sehen liegt, das das Hören übernehmen muss, immer auch das Sehen, das
sich selbst stört. Das Sehen selbst reizt permanent sein Auge, nicht unähnliche
einem Korn, und macht dadurch den Tauben verstärkt reizbar und gereizt:
Unruhe wächst in ihm.384 Er wird sich zunehmend abkapseln, bzw.
unverständlich werden, und damit das Verstehen provozieren. Er wird ein Fall,
ein Fall für die Wissenschaft. Der Taube ist und wird zum Abnormen, an dem
die Norm studiert werden kann. Und weil die Norm in der Wissenschaft studiert
werden will, hat sie ein Interesse, dass es Abnormität gibt, um das Normale
ausdifferenziern zu können. Wissenschaft braucht das Abnorme. Ist es ihr nicht
zur Hand, muss sie es produzieren. In einer homogenen Gesellschaft, die keine
Abnormität kennt, wäre das Erforschen der Norm nicht möglich, allerdings auch
nicht notwendig. Jedoch in einer Gesellschaft, die aus absolut diskreten
Elementen besteht, denen die absoluten Positionen des Normalen und des
Abnormalen zukämen, wäre das Erforschen der Norm ebenfalls nicht möglich.
Wo essentielle Klassifikationen vorgenommen werden, werden nicht
Unterschiede wahrgenommen, sondern aus funktionalen Gründen unbedingte
Abgrenzungen konstruiert und Ausmerzungen aus angeblich hygienischen
Auffassung einer schon weiter fortgeschrittenen ein bestimmtes Organ besitzt.“ [Hervorh.
KPB]
384
MiG I:42: „Der Taube kann sich die Begriffe zu assimilirender Wortfiguren nur aus
Auffassungen des Auges, also durch ein Nacheinander bilden und muss so stets in zerstreuten
Combinationen schwerfällig und unbeholfen denken, wenn er sich deutlich zu werden
wünscht, wogegen die Nothwendigkeit, eine Menge von Eindrücken in rascher Folge
aufzunehmen, seinem ganzen Wesen eine leicht erregbare Reizbarkeit giebt.“
310
Gründen durchgeführt. Unterschiede sollen nicht wahrgenommen werden, die
Norm, i.e. das Durchschnittliche, nicht eruiert, sondern das Eigene verabsolutiert
werden – und zwar mit allen Mitteln. Nur wenn die Verkapselung nicht absolut
genommen wird, sondern vielmehr als einzelner und legitimer Fall, der mit allen
anderen Fällen in bedingendem Zusammenhang steht, bereichert sie die
Wissenschaft und hilft, Verstörungen aufzuheben, Beunruhigungen abklingen zu
lassen: sie zeigt, dass das Abnormale nicht ungewöhnlich ist und seine Gründe
hat, die vom Rest nicht zu trennen sind. Schlichtweg: es geschieht und muss
deshalb geschehen. Es gibt keinen Grund, sich darüber aufzuregen – allerdings
auch keinen, das einzelne, als abnormal angesehene Geschehnis zu zementieren.
Lässt man es nur geschehen, wird es auch schon bald geschehen sein. Die
Wissenschaft, die es aufmerksam geschehen lässt, wird, das ist Bastians
Hoffnung, erkennen, warum es geschieht und wie man es so geschehen lassen
kann, dass es nicht als Zustand währt, d.h. pathologisch wird, oder gar ewig
währt, d.h. chronisch wird. Zustände sind das Pathologische (und Böse) an sich,
das seinerseits das Geschehen als das Kontagiöse brandmarkt. Das Böse schreit
bei Bastian nach singulärer Reinheit und fürchtet jede Vermischung als
Verschmutzung. Das Böse tötet nach Bastians Ansicht mit dem politikon, dem
es nicht angehören, das es ausmerzen will, um einzig zu sein, auch das zoon.
Das Böse löst die Gesellschaft in ihrem Zusammenhang auf und teilt es in
diskrete Singularitäten von ausgesuchter Wirkungslosigkeit. Wo niemand mehr
etwas bewirken kann, weil alle Verhältnisse feststehen, dort fühlt sich das Böse
heimig. Denn es vermeint hier, alles mit allen nun machen zu können, nicht
bemerkend, dass alles im Anschießen dieser starren Struktur schon gestorben ist.
Doch dem Bösen ist alles gleich, es nimmt keine Unterschiede mehr wahr, wenn
nur, wenn nur gefälligst nichts mehr geschieht. Das Böse ist die feste Ordnung,
die nicht mehr gestört werden darf. Deshalb geht die Verstörung in der
kosmischen Harmonie durchaus in Ordnung. Eine Harmonie, die keine Störung
vertrüge, wäre eben das Böse. Doch die kosmische Harmonie ist Bastian, der
311
hier keinesfalls jenseits von Gut und Böse denkt, das Gute.385 Hybridität
hingegen ist die Voraussetzung differenzierter Nachforschung, die der
Verstörung auf die Spur kommen will, indem sie die Harmonie findet und in ihr
die Verstörung dergestalt auflöst, dass sie gestört, d.h. erkannt als gestörtes,
geschehen lässt. So löst sie sie auf, so löst sie sich selbst, da sie ja integraler
Bestandteil der Verstörung ist, löst sie das eigene Selbst auf: so lässt sie sich
geschehen. Die Wissenschaft ist der notwendige Gegenpol in der notwendigen
Dualität zur Harmonie, die notwendige Unruhe, die der Ruhe auf die Spur
kommt. In der Hybridität der einzelnen Dualismen geschieht das wahre Denken,
das sich in jedem totalen Dualismus feststellt. Nur in der Hybridität kann auch
eine Gesellschaft sich weiterentwickeln, wächst das zoon am politikon und
umgekehrt. Wenn die Geschichte zu Ende geht, kommt das Geschehen zu
seinem Anfang, immer wieder. Unanfänglich und endlos.386
385
Vgl. MiG I:72: „So ist der sich in der Harmonie des Weltganzen erfüllende Geist natürlich
gut [...].“; MiG I:237: „Das passive Gutsein des Anfangs kann sich den Durchgang des
dualistischen Kampfes mit dem Bösen nicht ersparen, um sich in dem harmonischen
Bewusstsein des Guten zu erfüllen.“
386
MiG I:193: „In der bunten Länder- und Völkertafel des Westens [...] durchdrangen sich in
friedlichem Austausch des Handels oder im gewaltsamen des Krieges neue Gedanken und
Ideen, sich ergänzend, widersprechend, umgestaltend, neue Gedanken und Ideen zeugend.“
Zu einer rezenten Auffassung von Hybridität siehe: Koepping, Gegen die Intoleranz des
Authentischen. Die Legitimierung von Hybridität durch einen performativen Kulturbegriff, in:
Kritik und Geschichte der Intoleranz, hrg. von R. Kloepfer und B. Dücker, Heidelberg
2000:271-291.
Dass allerdings Bastians Favorisierung der Hybridität und Ablehnung der monologischen und
dialogischen (- als gäbe es nur, schön getrennt und unverbindlich dialogisierend, das Ich und
den andern -) Hybris keineswegs eine ethische, sondern vielmehr eine epistemologische
Motivation charakterisiert, siehe Buchheit 1997:54, 85ff..
312
3. 2. Raum und Zeit: eine Hor(r)o(r)logie
Im Unendlichen gibt es nur den zeitlosen Schwingungsraum. Im
endlichen Geschehen gibt es nur das räumliche Nebeneinander der
Geschehnisse. Erst im Anfang der Geschichte beginnt das unruhige
Nacheinander der Zeit. Wenn der uns bereits bekannte Einzelne, die eins unter
allen anderen, aus der Tiefe des Nichts auftaucht und auf ein Weiteres, ein
Etwas, z.B. einen Baum, stößt, wird durch die Konfrontation eine nachhaltige
Kette des Nacheinander ausgelöst. Das unproblematische Nebeneinander des
Werdens verwandelt sich dem Einzelnen in ein ihn konfrontierendes Sein, ein
Gegenüber. Seiner selbst sich bewusst werdend kennt der Einzelne nun nur sich
und erachtet das Gegenüber zwangsläufig – das Nacheinander ist implementiert
– als ein Selbes, ein Nämliches. Das Nämliche, das im erkennenden Aufschrei
der Konfrontation nach einem Namen verlangt, widersteht dem Ich, das im
aufschreienden Erkennen Ich zu sich sagt. Das Ich, sich erkennend, erkennt ein
es, das ihm widersteht und folglich ebenfalls ein Ich sein muss, ein anderes Ich:
ein Es! Das Nämliche, das aufgrund seines Widerstandes erkannt werden will,
verwirrt, weil es nicht zu erkennen gibt, ob es ein Gleiches oder ein Anderes, ein
Ich oder ein Es ist. Es verlangt nach dem Gedanken des Ich, aber gibt ein
Anderes wieder, das doch aber nur ein Ich, das nichts anderes kennt, sein kann.
Vom ersten Moment der Erkennens an, erzeugt das Erkennen Verwirrung. Dem
Nacheinander der Konfrontation eignet nicht mehr die Klarheit des
Nebeneinander, weshalb der Wunsch nach Klarheit in ersterem wächst, und
zwar um so mehr, je mehr Zeit vergeht. Die Intensität des Wunsches nach
Klarheit ist in der Zeit proportional zum Mangel an Klarheit. Das Ich, das mit
313
dem Es anfängt, kann damit nichts anfangen. Der aus dem Gegenstand
anschießende Widerstand produziert Angst. Der widerständige Gegenstand wird
zum Gegner stilisiert, d.h. das neu entstandene Ich erhält eine Vorstellung vom
Es, es erstellt ein Konzept: der widerständige Gegenstand wird zum Gedanken,
der in Zukunft an seiner Stelle stehen wird. Das Ich wird zukünftig den
Gegenstand, das Es, mit dem Gedanken identifizieren, wird denken, der
Gegenstand, das Es, es ist wie Ich, nur anders, es will an meine Stelle, es ist die
Negation meiner selbst. Das Ich wird denken: entweder Ich oder Es, da es wie
Ich ist. Es bedroht mich in meiner Identität. Im Gedanken wird der Gegenstand
personifiziert und als alter ego identifiziert. Zum einen hat der Einzelne nun
einen Zweiten, den er sich als Gegner vorstellen und somit bekämpfen kann,
zum anderen muss er jetzt, da das Andere wie das Eigene sein muss, was
anderes kennt der Einzelne nicht, befürchten, dass auch alter ego, Es, in ego
einen Gegner sieht. Wo Ich ist, will das Es sein, und wo Es ist, will Ich hin.
Strategien müssen folglich – es herrscht nun das Nacheinander der Zeit und die
Konsequenz des Ungewissen der Zukunft – entwickelt werden. Waren zuvor
alle Geschehnisse in sich als in einem unendlichen, zeitlosen juxtapositionellen
Werden abgeschlossen, zeitigen sie nun die Konsequenzen eines
juxtapositionellen, zeitlichen Seins, d.h. die Konsequenzen des anschießenden,
kristallinen Seins. Sie sind nicht mehr in sich unendlich abgeschlossen, sondern
offen dem eigenen Ende gegenüber, offen für den Tod Sie zeitigen Reaktionen,
die den Eindruck eines freien Willens suggerieren. Man glaubt, man könne
handeln, und verfängt sich doch dadurch in den Strukturen der geistigen
Repräsentationen, ohne je wirklich zu handeln. Das Entstehen des sogenannten
freien Willens ist lediglich eine Reaktion, die jede Aktion verzögert. Die
Auslösung des Nacheinander, des geistigen actio et reactio, des logozentrischen
actio et passio der Konfrontation, verhindert die ungestörte reactio im
Nebeneinander. Nur im Letzteren sind actio und reactio wirklich gleich und
keine identischen Gegenbewegungen, die einander träge machen, aufheben und
314
beenden, falls keine externe Energie zugeführt wird. Im Nebeneinander pflanzen
sich actio und passio unendlich energieerhaltend fort.
Die Unruhe der Zeit entspringt einem Missverständnis, einer Verstörung,
einer Misskonzeption. Der Einzelne konstruierte sich ein Doppel, um mit ihm
umgehen zu können, statt das andere schlicht wahrzunehmen und es in seinem
Nebenort ruhen zu lassen, es gelassen zu umgehen, wie es in der Ruhe des
Raumes des Nebeneinanders sich gebietet. Die Geburt der geistigen reactio aus
der actio der Konfrontation verhinderte die räumlich adäquate Reaktion,
ermöglichte aber fortan dem Einzelnen, mit anderen Einzelnen über die Eigenart
des Gegenübers zu rätseln. Die Welt wurde rätselhaft und verlangte nach
geistigen Lösungen, bevor das Gegenüber, der Gegner sie schneller fände, bevor
das gemutmaßte alter ego jedes ego als Zumutung aus dem Weg räumen würde.
Mit dem Beginn des Denkens in Vorstellungen fing die Uhr an zu ticken, und
mit ihr tickte eine Bombe, wie man meinte, nämlich die Möglichkeit, das
Andere könnte das Eigene zerstören, gerade weil es im Grunde wie das Eigene
sein sollte, und das Eigen will aber doch einzig bleiben, damit es das Eigentliche
nur sei, das niemals zerstört werden dürfe, was das Andere gewiss wolle, wozu
sei es denn sonst überhaupt da? Mit der Zeit kam die Angst in die Welt, und die
Angst ist das Movens aller Feststellung des Denkens, d.h. der Verzögerung der
tatsächlichen reactio, in der eins ins andere ohne zu zögern übergeht und sich so
eins im anderen unendlich erhält. Mit der Zeit beginnt das, was Geschichte
heißt, in der der Mensch wieder zu sich selbst kommen soll, d.h. sich vom
Schock der Konfrontation mit der „Natur“ erholen soll, um endlich zu handeln,
d.h. das Ticken der Bombe zu einem Ende zu bringen. Zuvor gilt es aber, dieses
Ticken ganz genau zu messen. Der Mensch braucht die Uhr, um der Bombe, d.h.
der möglichen Auslöschung seiner selbst durch das, was ihm im Weg steht,
durch sein alter ego also, wie er meint, auf die Spur zu kommen, um ihr zuvor
zu kommen. Er muss schneller ticken, als die „Natur“ tickt. Er muss der Natur
zuvorkommen. Deshalb wird der Mensch in der Geschichte immer schneller im
315
vermeintlichen Denken werden und je unruhiger. Die Zeiten scheinen ihm
immer härter zu werden. Zeit heißt ihm Akzeleration, Ruhe Inhibition der
Möglichkeit, der Bombe zuvor zu kommen. Allein aufgrund der Akzeleration
bedarf es der Verkürzung der Phänomene in gängige und geläufige
Objektivationen, d.h. die Misskonzeption, die immerhin den Geist gebärte,
wurde dahingegen fruchtbar gemacht, dass sich geistige, abstrakte
Konzeptionen, und seien sie noch so falsch, konkret und mehrfach, an des
Unhandbaren Stelle austauschen ließen. Redundante Meinungen über das, was
sein soll, wurden getauscht. Es entstand die Kommunikation.387 Man konnte
andere vor den Bäumen warnen, d.h. man konnte ihnen die Angst
implementieren, man konnte sie dergestalt initiieren, dass sie zukünftig selbst
die Natur in ihrem „Wesen“, i.e. als Bedrohung, feststellen, d.h. dass sie nun
selbst versuchen konnten, jede natürliche Reaktion zu verhindern, die nach ihrer
Information ja Auslöschung bedeuten musste. Der Mensch wurde informiert.
Das unruhige Gemurmel der Verdächtigungen und des Enträtselnwollens
begann, aus der Angst wurde der Wille zum Wissen geboren, der sich von der
387
MiG II:24: „Die Vorstellung der Existenz beruht auf dem Nebeneinander im Raum [...].
Nähert sich der Wilde dem Baume, berührt er ihn, so fühlt er einen Widerstand, einen
Gegensatz seines Ich, der, wenn er ihn zu durchdringen suchen sollte, seinen Organismus
verletzen oder zerstören würde, der eine Reaction des freien Willens verlangt, um seinen
Eindruck zu complementiren. So wird das Gefühl des Baumes zur geistigen That.“; ebd.:26:
„Auch hier wäre es nutzlos zu streiten, ob die Idee des Baumes als solche existirt, wenn sie
aus der Ruhe des Raumes in die Bewegung der Zeit [Hervorh. KPB] übergeht. Eine
schöpferische Existenz jedoch gewinnt sie durch ihre Reproduction in der Sprache, indem sie
schon als Gegebenes in die Hörempfindung eingeht, und der nächsten Generation die lange
Schule des Selbstlernens erspart.“
Vgl. die Ausführungen im letzten Kapitel dieser Arbeit über die Konzeptionslosigkeit des
Tauben! Innerhalb der Geschichte ist das Gehör unbedingt notwendig, man muss
ununterbrochen den Insinuationen der Angst ausgeliefert sein, um bei der Geschichte
mitzumachen und innovativ zu sein in bezug auf die Kreation geschichtlicher Konzeptionen,
die die Geschichte weiterbringen sollen - und so nichts geschehen lassen. Der Taube wird
verwirrt vom wirklichen Eindruck, dass er nur einem Ding gegenüber steht, das er umgehen
könnte, das jedoch niemand umgeht. Er hört die Warnrufe der anderen nicht, dass das Ding
sein Gegner, dass das Ding zu bekämpfen und nicht sein zu lassen sei. Der Taube versteht die
Aufgeregtheit nicht, ihm fehlen die Einflüsterungen der Verstehenden, die zu wissen meinen,
was Sache ist und welche Bedeutung ihr zukommt, ihm fehlen die Insinuationen der
Hermeneutik, die die Sache unabhängig von ihrem Sinneseindruck zu verstehen lehren, die
316
Spekulation nährte, dass nämlich alles nur ein böser alter ego des Eigenen sei.
Und da jeder, je nach Landschaft und Gegend, einem anderen Gegenstand
gegenüber stand, sah jeder seinen ihn bedrohenden Alter ego oberflächlich
anders, jedoch das Elementare blieb gleich: die Verdoppelung und der Wille
nach Auslöschung des Doppel. In der Spekulation wurde die Wiederholung der
Erfahrung des Anderen abgekürzt, um schneller als das Andere, d.h. strategisch
besser dastehend zu sein. Erst addierte der Einzelne die Erfahrungen, dann
erfuhr er, dass die Summe zu groß und undenkbar und unfassbar wurde, fast
selbst schon wieder ein feindliches Alter ego, so kürzte er sie ab in einer
einzigen Addition, d.h. er entwickelte durch Erfahrungsoperationen eine Matrix,
die sich zunehmend perfektionieren ließ bis hin zur Logarithmik.388 Nachdem er
eine Klassifikation und Taxinomie erstellt hatte, erfand er das Wort, das sich
lautlich reproduzieren ließ, es musste nicht mehr jeder Einzelne das gesamte
Procedere durchlaufen: subjektive Erfahrung wurde in objektiver Erfahrung
äußerbar gemacht. Subjekt und Objekt entstanden als geistige Operatoren, um
gegen die Umwelt operieren zu können. Sie sind die geistige Zurüstung, um
gegen die Eventualitäten der Zeit, i.e. die eigene Auslöschung, gewappnet zu
sein. Aus der Vorstellung der Einzelnen entstand eine eigene Geschichte, in der
die „Natur“ eine sekundäre Rolle spielt, ihr aber eine primäre Bedrohung
zugedacht (sic!) wird. Die spekulativen Gedankenreihen haben sich vom
Denken, das im harmonischen Schwingen durch den ruhenden Raum geschieht,
gelöst. Die zeitliche Verstörung nimmt ihren Lauf und produziert in der
Reproduktion der Angst immer größere Trug- und Wahngebilde sowohl der
Bedrohung wie der Rettung. Paradies und Apokalypse, Gott und Teufel, gut und
böse sind entstanden. Im Abschwingen der Gedanken auf das wirkliche
Geschehen sieht Bastian die einzige Möglichkeit, die Unruhe und die Angst aus
dem Denken zu eliminieren. Im wirklichen Geschehen gibt es keine Angst, weil
lehren, dem Wort des Nachbarn innerhalb der eigenen Gruppe mehr zu glauben als der
eigenen Wahrnehmung.
388
siehe: MiG II: 26; Bastian, Das logische Rechnen, 1903:passim.
317
alles einfach unendlich geschieht. Nur in der (Phantasie-) Geschichte herrscht
die Angst. Es entstanden mit der Geburt der Zeit aus dem Geist der Angst
sowohl die Horologie wie die Horrorlogie, die Lehren von den jenseitigen
Geistern und der diesseitigen Technik. Beide Lehren, aus der Angst entstanden,
dienen dazu, der Angst in der Zeit zu begegnen, indem einerseits in
angemessenem Ritus und angemessener Liturgie und andererseits mittels
exakter Vermessung eine Beherrschung der Zeit simuliert wird, die letztendlich
die drohende Selbstauslöschung auslöschen soll, sie jedoch dadurch stets vor
Augen führt. Im zeitlosen Logos sieht der Mensch die nötige Zurüstung, der
Bedrohung zu begegnen, weil er hofft, im Logos wieder eins mit seinem Doppel
zu werden: man würde sich einigen und alles wäre wieder gut, die Zeit der
Bedrohung wäre zu Ende, weil die Bedrohung der Zeit, der Entzweiung,
überwunden wäre. Deshalb muss die Welt vom Logos bestimmt sein, er muss
ihr Wesen sein. Nur im Denken des wesentlichen Logos erzielt der Eigentliche
die Einigung in der Aneignung des Anderen, und nur die Aneignung hebt die
Bedrohung auf. So wäre, wenn man uns erlaubt, die dialektische Aufhebung von
These und Antithese in der Synthese in unsere Geschichte vom Baum zu
übertragen, es wäre also das Wesen des Baumes, gefällt zu werden, um
synthetisch aufzuerstehen.389 Mit Bastian, der bestimmt nicht als Vorläufer einer
Ökologiebewegung zu vermarkten ist, kann man durchaus das
Zerstörungspotential gegenüber der sogenannten Umwelt erkennen, das die Idee
vom zeitlosen und erhabenen Logos, in dem sich alles aufheben soll, impliziert.
Die synthetische und virtuelle Reproduktion verwandelt jede Bedrohung, wie es
scheint, in Handhabbarkeit. Der Einzelne scheint hier, in der Virtualität, der
389
siehe zu Bastian und Hegel: Buchheit 1997:75ff.; meine Aussagen von 1997, dass Bastian
keineswegs Hegel überwunden habe, lassen sich soweit revidieren, dass Bastian im Denken
der Geschichte zwar konform mit Hegel geht, doch dass seiner Ansicht nach in bezug auf das
Geschehen die Geschichte nicht von einem Weltgeist, sondern von einem Weltgespenst
beherrscht wird, das die Angst vor der möglichen Auslöschung verbreitet. Endet die
Geschichte, wird das Gespenst aufgehoben. Das räumliche Geschehen ist unendlich und
unauslöschbar. Keinerlei Trägkeit verhindert das permanente Aufgehobenwerden des einen in
Allem.
318
Einzige zu sein, der handelt. Es gibt augenscheinlich kein konkretes Gegenüber
mehr, das ängstigt, man hat sich in der Synthetisierungsmaschine eine eigene
virtuelle Welt errichtet, in der man selbst einzig und unauslöschbar ist und alle
anderen nur mehr Gespenster, die sich nun spielend vertreiben lassen. Der
Einzelne wurde zum homo novus unicusque in machina, zum Menschen mit
absolutem, autonomen Ordnungswillen, was meint, dass alles sich gemäß seines
Willens ordnen soll: unicus unice cogitat, ergo totus est, die Welt eine
Phantasie! Der machtlose Melancholiker390 vor dem Baum beginnt Ordnung zu
schaffen und sich in die Macht zu setzen, d.h. in die Apparate des Wissens.
Wissen ist dem Einzelnen hier die Macht, dass nichts mehr ihm etwas machen
kann. Im vom Unwissen unbehausten Apparat haust die Welt nur mehr als
Gespenst, letztlich, wie man meint, als Aberglaube: sie kann einem nichts mehr
anhaben. Doch damit haben die Apparate genau die Gespenster geschaffen, vor
denen man sich von nun an noch mehr fürchten wird wie vor den Gefahren der
Welt. Wo der Mensch Ordnung schafft, setzt er sich die Gespenster der
Unordnung in den Nacken. Die Geschichtsmaschine läuft hier auf vollen
Touren. Der als Positivist verrufene Bastian schreibt – noch in der syntaktischer
Ebene – gegen den Positionierungswillen selbstermächtigter Ordner an. Ihre
Melancholie ist seine Sache nicht. In Anbetracht der kosmischen Harmonie wäre
jedes Anschießen schwarzer Galle potenzierte Verstörung und keineswegs
angebracht. Man erstürbe vor Ennui391 in Struktur. Das Geschehen geschieht eh,
390
Über den Zusammenhang von Melancholie, Ordnung und Macht siehe: Lepenies 1972
vgl. Lepenies 1972:115ff..; vgl. Bastian, Das Logische Rechnen, 1903:164: „Des Lebens
ungetrübte Freude, ward keinem Sterblichen zu Theil (im Dichtervers), J¬< gÛ*"4:@<\"<
Ó8TH •*b<"[email protected]< gÉ<"4, meinte Hegesias (s. Diog. L.), in dem „zwischen Schmerz und
Langeweile [Hervorh. KPB]“ pendelnden Leben (des modernen Pessimisten).“; ders.,
Controversen I, 1893:VIII: „Warum nach viel saurer Arbeit, die nicht erspart worden ist
(noch werden konnte), das Leben ausserdem unnöthigerweis noch versauern? jetzt zumal, wo,
nach Ueberwindung lästig mühseliger Vorarbeiten, die Arbeit anfängt eine lustig fröhliche [
also auch bei Bastian ist Wissenschaft „la gaya scienza“; KPB] zu werden, gedeihlichst
gefördert durch hinzutretenden Nachwuchs (mit frisch jungen Kräften).“ Das wird uns bei
Bastians Wissenschaft immer im (metaphorischen) Bereich des Anfangs und der Geburt
begegnen, keinesfalls in dem verkehrten des Zuendebringens und letzthinnigen Verfügens [ s.
ebd.:XI: „„Die Gelehrten sind die Verkehrten“ oder Verdrehten (nach ungehobeltem
Volksspruch), da sie oft, aus bester Absicht gerade, die schwersten Missgriffe begehen,
391
319
wie es ist, warum sich also aufregen und lamentieren392. Bastians positive
Empirie versucht die Ordnungsmechanik, die in ihrem ewigen Hinterhersein
noch je nach einem Heilswort oder einem deus ex machina rufen wird, zu
durchstoßen393, um das wirkliche Geschehen wahrzunehmen. Bastian hätte sich
nie zum Lordkanzler einer Majestät bestallen lassen. Er wußte, dass die Macht
gegen das Geschehen nichts verrichtet, und dass die Geschichte, die sie
herbeigeführt durch Missverständnisse [...].”], vgl. ebd.:7: „Indess „bange machen gilt nicht“
(nach der Volksphilosophie in der Volkskunde), und seitdem das logische Rechnen den
Talisman der Elementargedanken erlangt hat, mag es ungescheut näher treten, da vor dessen
Berührung die Masken oder Prosopeia [ Bastian meint „Prosopopoeie“ (Maskendichtung);
KPB] (in ihren historisch-geographischen Wandlungen) abfallen müssen, und er nackt und
bloss dann vor den Augen steht, der ärmlich kleine Elementargedanke, wie er ist (wenn noch
ein Säugling in der Wiegen).“. Bastian strebt allerdings nicht irgendeinen Obskurantismus an,
vielmehr versucht auch er Klarheit zu gewinnen, wie Chemie Klarheit fand, als sie den
Obskurantismus der Alchemie hinter sich ließ. Was ich hier mit Struktur bezeichnet habe,
sind die eulogischen Prosopopoeiä, die der eigenen Müdigkeit des Werdens und des Immerweiter-denken-müssens aufgestülpten Masken der Hoffnung, die immer wieder für immer das
Wesen des Seins nicht bezeichnen, sondern endlich gar zutiefst sein sollen. Man hoffte, den
Stein der Weisen endlich gefunden zu haben, um aus dem Schmutz der Vergänglichkeit das
utopische Gold des Ewigen zu erhalten, vgl. ebd.:14: „So wiederholt sich die Vorfrage, wohin
die Eins zu setzen sei? – wie für anorganische Natur in den Stoicheia oder Elementen erprobt
(seitdem die Chemie zur Klarheit gelangt ist, aus alchymistischem Gewirr) -, wo? sie zu
setzen sei für biologische Entwicklung, der die Menschengattung angehört, psycho-physisch
(im Influxismus) und gesellschaftlich vorbedinglich schon (beim Character des Zoon
politikon).“ und ebd.:18f.: „Insofern würde also dem logischen Rechnen des
„naturwissenschaftlichen Zeitalters“ so wenig geholfen werden können, wie seinen
(eulogischen oder alogischen) Substituten des früher metaphysischen, und der Kühnheit der
Umrisse, die hier zu entwerfen gewagt war, auch entfernt nicht nahe kommen können (aus
eigener Aengstlichkeit): also in solcher Hinsicht weit zurückstehen und ärmlichst
zusammenschrumpfen, vor der „Königin der Wissenschaften“ auf ihrem Thron, den ihr die
vom Philosophenmantel Umhüllten errichtet haben.“
392
vgl. MiG II:46: „Trübe blickt dann der trübe Sinn in trübe Umgebung hinaus [...].”
393
Bastian wehrt sich einerseits gegen die blinde Mechanik der Bacon´schen Empirie, dem er
anathematisierenden „ikonoklastischen Feuereifer“ [Bastian, Controversen I, 1893:5]
vorwirft, was angesichts der Tatsache, dass die Welt brennt und der Kühlung nötig hat,
strengstens zu verurteilen ist, andererseits wehrt er sich gegen jede Form visionärer
Soteriologie, die alles, was ist, nicht wahrhaben will. Beides ist für ihn kein wirkliches
Wahrnehmen, keine positive Empirie, die einzig dem Denken auf die Spur kommen kann, um
dem Dasein iatrische Linderung zu verschaffen, vgl. ebd.:XIf.: „Und so aus den
Zeitbedürfnissen sind sie hervorgesprosst die Forschungszweige der Volks- und Völkerkunde,
die unter sorgsam zugewandter Pflege, vielleicht rechtzeitig noch, in vollgereiften Früchten,
die Genesungsmittel zu liefern befähigt sein werden, für die Uebel, woran der Zeitgeist
krankt, unter dem allgemeinen Gejammer und Klagen darüber, - die freilich in allen
Geschichtsphasen gehört sind, in sehnsüchtigem Hoffen auf Erlösung daraus; wie sie sich
bieten möchte, in einem erlösenden Heilswort.“
320
anrichtet, immerzu so pathetisch wie pathologisch ist.394 Der einzige Sinn der
Macht liegt darin, in ihren Exaltationen ihre Sinnlosigkeit zu erkennen – und die
Sinnlosigkeit jeder künstlichen Ordnung.395
Die natürliche Ordnung beruht auf Schwingung. Die Ruhe des Kosmos
ist dynamisch und wegen des Energieerhaltungsgesetzes prinzipiell unendlich.
Schwingung heißt, dass jede einzelne Schwingung (S1) in einer
Gegenschwingung (S2) aufgefangen und ausgeglichen wird. Verstärke ich S1,
verstärkt sich S2, d.h. ich wirke störend auf den Verlauf ein. Errege ich mich,
erregt sich auch die Gegenbewegung. Interferenz entsteht. Maße ich mir
Eigenbewegung an, d.h. versuche ich, eine Geschichte zu initiieren, wird es eine
entsprechend heftige Gegenbewegung geben, um die ursprüngliche,
gleichmäßige Schwingung zu erreichen, die keine zusätzliche Energie
verbraucht als diejenige, die sie selber ist. Gleichmäßige Schwingung wird von
keiner Trägheit gebremst. Nur verstärkte Schwingung verschleißt aufgrund von
Trägheit. Streuung ist die Folge. D.h. nur innerhalb der Geschichte, der
Geschichte der Verstörung, gelten die Gesetze der Entropie, der zunehmenden
Ausdehnung und Unordnung.396 Jeder tagtägliche Gedanke, der sich dem
Geschehen fragend in den Weg stellt, erzeugt einen Gegengedanken, der die
394
vgl. Bastian, San Salvador, 1859:331 Anm.: „Der Authoritätsglaube ist der Krebs des
Fortschritts.“
395
vgl. Bastian, Controversen I, 1893:11: „Je mehr in Ausverfeinerung der Civilisation wir
uns gewöhnt haben, an intellectueller Tafel zu schwelgen, desto mehr ist das Verständniss
verloren gegangen für das: „Wie das Volk denkt?“ der grossen Masse in gesellschaftlicher
Ordnung, die also, wenn durch Missgriffe (und gefährlichste oft bei bester Absicht gerade) in
Unordnung gebracht, das Gesammtgebäude zum Zusammensturz bringen muss, wie bereits
angezeigt in den Vorläufern revolutionärer (Krisen oder) Katastrophen, welche wenn bisher
auch glücklich noch überwunden, doch bei jeder Wiederholung sich gefährlicher gezeigt
haben, (und in steigenden Progressionen), so dass von der nächsten, die kommen wird, nichts
Gutes zu erwarten steht, oder jedenfalls doch ein hartnäckiger Kampf (auf Leben und Tod),
weshalb wir wohl thun werden, unsere Arsenale im Voraus zu füllen, mit dem durch die
ethnische Psychologie angebotenen Rüstzeug (soweit bewährt erfunden).“
396
siehe zu „Energieerhaltungsgesetz“ und „Entropie“ Koepping 1983:38,112; Buchheit
1997:68ff., da insbesondere FN 149: „Besonders das 2. Thermodynamische Gesetz der
Entropie verwandelt er [Bastian: KPB] sich in einer Weise an, dass die zunehmende
Unordnung im Fluß der Geschichte, das zunehmende Zusammenprallen von Kulturen eine
derartig bewegte Unordnung schafft, dass die scheinbare Ordnung auseinanerbricht und die
eigentliche zum Vorschein tritt: entropische Entelechie.“
321
Nacht zur Qual werden lässt. Er stellt das Geschehen in Frage, indem er
innehalten lässt, paralysiert; indem er also den Fluss des Geschehens stocken,
ihn anschwellen lässt. Das Geschehen erleidet im Gedanken eine Kongestion397,
die ihrerseits das Ich anschwellen lässt. Anstatt dass darin eine Störung erkannt
würde, fühlt das Ich sich anschwellend mächtig, schwellt noch zusätzlich die
eigene Brust. Und je mehr es anschwillt, um so mehr vermeint es, es müsse so
sein, es habe damit seine Richtigkeit, denn nur so könne es die Natur im Zaum
halten, nur so lasse sich das anschwellende Chaos mit geschwellter Brust
einhegen. Mehr und mehr, je und je potenziert sich die Störung und produziert
Allmachtsphantasien398, die Horrorszenarien entgegen stehen, bis der
397
vgl. MiG I:152: „Die Ideen, die dann [in der Pubertät] mit einem umwandlungsfähigen
Körperprocesse in directe Association treten, müssen einen weit überwiegenden Einfluss
erhalten, und von jeher war die Liebe das absorbirende Interesse im Leben der Völker, ob ihr
in den Orgien der Aphrodite, ob durch wollüstige Kasteiungen oder durch das Lesen
erotischer Romane gedient wurde. Die bei dem Knaben erwachenden Regungen des
Geschllechtstriebes bedingen, als die zuströmenden Einflüsse eines in abschliessender
Entwicklung begriffenen Organes, durch ihr Zusammenwirken einen Zustand der
Behaglichkeit und indem sie die Empfindung des Angenehmen hervorrufen, werden die dann
gerade im Gehirn schwingenden Ideen sich mit ihnen associiren und so einen fortwaltenden
Einfluss erhalten, auch wenn sie mit der Function jenes Systems selbst Nichts weiter zu thun
haben sollten. Während der Jahre, wo der Blutzufluss hauptsächlich nach dem im
Congestionszustand befindlichen Geschlechtssystem stattfindet, verknüpft das Kind alle seine
Ideen mit den Empfindungen dieses, wodurch seine Gedanken und Anschauungen jene
schwärmerischen Dinten aufdämmernder Phantasien erhalten, wie sie so überschwenglich in
den lyrischen Ergüssen der Dichterjünglinge ausströmen.“
398
MiG II:46: „Nach den allgemeinen Gesetzen des Rhythmus sucht jede Schwingung sich
harmonisch zu complementiren, in Schlag und Rückschlag, jede Nervenreizung in
Empfindung und Bewegung, jeder Gedanke in Frage und Antwort. Manchmal, wenn man sich
Abends mit einem störenden und unangenehmen Gedanken niederlegt, wird man die ganze
Nacht in wüsten Halbträumen die Phantasie geschäftig finden, Mittel und Wege auszusinnen,
wie das Quälende der Vorstellung zu beseitigen sei, um eben der Empfindung, welche nicht
ihre gewünschte Ergänzung in der That finden kann, durch subjective Antworten ihre
gesuchte Ausgleichung zu geben, das die Harmonie Zerrüttende derselben unschädlich zu
machen. So lange unangenehme Empfindungen mit solcher Wucht auf dem Herzen lasten,
dass das Bewusstsein noch nicht vermocht hat, sie in ihre einzelnen Beziehungen zu
zergliedern und klar aufzufassen, wird diese Disharmonie des gesammten Allgemeingefühls
sich in der Schwere des Kreislaufs-Centrums in niedergedrückter und trüber Stimmung
äussern. Trübe blickt dann der trübe Sinn in trübe Umgebung hinaus, und mächtig und
überwältigend wirkt auf ihn die Natur in schreckbaren grauenhaften Spukgestalten [die
Horrorlogie setzt ein; KPB]. Beginnt diese allgemeine Disharmonie sich in ihre
constituirende Elemente zu zerlegen, gelingt es der analysirenden Meditation, einzelne
derselben zu erhaschen und sich ihrer klarer zu bemächtigen, dann springt, wenn die
Unmöglichkeit der gewünschten Antwort vorliegt, eben jener störende Gedanke unruhig im
322
Geschwellte sich einem Gott gegenüber stehen sieht. Im Anschwellen
konstruiert der Wahn der Phantasie das Ego und den Horror des Alter ego. Und
je heftiger die Schwingung, um so mehr wird aus ihr ein Ticken, d.h. eine
getaktete Verstörung, die sich im eigenen Vermessen potenziert. In der Angst
vor dem Alter ego erzeugt das Ego in der Zeit die Bombe, vor der er zu fliehen
trachtet. Und es konstruiert den Menschen der Geschichte, der qua seiner
Konstruktionen der Geschichte, also dem bitteren Ende, entkommen könne.
Durch die Uhr399, durch die Horologie glaubt der konstruierende / konstruierte
Mensch, alles unter Kontrolle zu haben; er glaubt, er wüßte, was an der Zeit ist
und wann, und kann doch nur mit zunehmender Unruhe zusehen, wie das, was
er je versucht fest zu stellen, verrinnt. Er sieht die Uhr ablaufen und baut deshalb
immer komplexere Apparate, damit sie nicht ablaufe, damit nicht sie zur Ruhe
komme, sondern vielmehr er endlich. Darauf verwendet er seine ganze Zeit. Und
je mehr er seine Zeit damit verbringt, sich zu vermessen400, um so mehr glaubt
er, er sei das Maß der Dinge selbst. Im Vermessen der Zeit verliert der Mensch
den Raum aus den Augen. In der Perhorreszierung der Zeit, die endlich
abgemessen sein soll, verliert der Mensch, nur noch die Zeit und das angeblich
Zeitlose im Blick, sich im Raum und kann sich nicht mehr von der Stelle rühren.
Die Horologie macht den Menschen zum spekulativen Stubenhocker401, der
Gespenstern nachsinnt, und nicht das Geschehen im Raum ermisst, das seinen
Klassifikationen je einen Strich durch die Rechnung macht, indem es sich
Gehirn umher und schafft sich phantastische Bilder, wodurch er seine Fragen stillen zu
können glaubt. Das Bewusstsein fühlt sich in seiner gleichmäßigen Ruhe zerrüttet, aber jene
allgemeine Schwere, jener bleierne Stein, der während einer unbestimmten Disharmonie des
gesammten Allgemeingefühls die Seele drückte, ist aufgelöst und abgeschüttelt [...].”[Hervorh.
KPB]. D.h. die Verstörung ist als Verstörung erkannt. Das Abklingen kann beginnen.
Über die Bastian´sche Methode der Homologie, die ihm mühelos Psychologisches auf
Naturgeschichtliches und Staatspolitisches übertragen lässt, vgl. Buchheit 1997:91ff.
399
Zur Homologie von Uhr und Geschichte in der enzyklopädischen Zeit vgl. Buchheit,
Koepping 2001.
400
Vgl. hierzu: Stephen Jay Gould, Der falsch vermessene Mensch. Frankfurt a.M., 1988
401
Solche Menschen werden zu Stubenhockern, die „in den vier Wänden der Studirstube nur
das Bild der eignen Augenlinse nachzuzeichnen sich befleissigen, das als umgekehrtes
bekanntlich auf dem Kopf steht und in einem Querkopf erst recht, weil doppelt verschroben
(schief und schielend).“ [Bastian, Ideale Welten I, 1892:2]
323
fortschwingt und nun unangemessen geschieht. Nur wer sich in den Raum und
an den Ort des Geschehens begibt, kann dem Geschehen auf die Spur kommen.
Jede ortlose Spekulation jagt Gespenstern hinterher, nicht merkend, dass sie so
die Gespenster im eigenen Nacken erzeugt, wie z.B. den Weltgeist, der
andernorts schon längst alles zuschanden reitet, indem er jedem Rätsel, das ihm
die Nase zeigt, dieselbe einfach abschießt. Das ist Geschichte.
Geschichte heißt Klimax und Eskalation der Exaltation, bis die
Verstörung in der Zerstörung402, im Klimakterium der Materie wieder zur Ruhe
kommt. Es wird keiner Erdenkinder mehr bedürfen, um sich sagen zu lassen,
was geschieht.403 Jeder Apparat der Steigerung und der potenzierten Produktion
ist letztendlich eine Bombe, in der die Geschichte enden soll, und jede Uhr zählt
den Countdown dazu. Die Philosophen spekulieren sich erstarrt in die
Wahngebilde der künstlichen Systeme. Die Theologen theodizieren sich
parochial in die Wahngedanken eines Gottes. Die Anzahl der Äußerungen der
Gedanken steigt proportional zur Steigerung der Geschichte an. Die Outrierung
402
vgl. Bastian, Wie das Volk denkt, 1892:VIII: „Die momentan unheilbar (wie manch´
zagendem Gemüthe vorkommt) wild und wirr zerrissene Weltanschauung wird zur
Ausheilung (in Herstellung gesundheitlicher Einheit) dann erst zu gelangen vermögen,
wenn die Krisis, in welcher wir augenblicklich uns befinden, ihre uneingeschränkte
Anerkennung gefunden hat, mit starkmuthigem Entschluss, dass hier reine Bahn geschafft,
(eine „tabula rasa“) hergestellt werden muss, zur Aufrichtung eines „Novum Organum“,
damit dem mit veränderten Fragestellungen in den Mikrokosmos hineinredendem
Makrokosmos die hier erforderte Beantwortung nicht mehr mit antiquirten Phrasen, die ihrer
Verständlichkeit verlustig gegangen sind, abgespeist werde, sondern in einer, jetzig
verlangten Lösung entsprechenden, Fassung.“[Hervorh. KPB]
403
vgl. Bastian, Controversen I, 1893:3: „Fortab stand der Induction es zu, die ihr
gebührenden Rechte zu beanspruchen, die Zulässigkeit ihrer bescheidenen Arbeit, die vor den
aus himmlichen Höhen (eines i`F:@H <@0J`H) herabstrahlenden Problemen der Deduction
in einer bisher unscheinbaren (halbverachteten) Stellung geblieben waren; der Erdensohn,
das Kind der Mutter-Erde, hatte im eigenen Innern das Verständniss dessen zu suchen, was
der Vater (ein arrhetischer [email protected]) zu ihm geredet, durch göttlichen Logos; im logischen
Rechnen einer [email protected](4FJ4i¬ (mit einwohnenden Keimanlagen aus „8`(@4 FBgk:"[email protected]\“, für
einstigen Infinitesimalcalcül vielleicht).“
Wir verstehen nun auch, dass Bastian sich nicht als der probate Stammvater, der unsäglich im
Anfang west, verstanden wissen wollte. Denn dann hätte es wieder der Deduktion
zugestanden, die ihr gebührenden Rechte zu beanspruchen. Ihm ist das halbverachtete
Sagbare lieber, in dem er ein unscheinbarer Aussagender unter vielen ist, einer ohne falschen
Ur-Schein.
324
der Wahngebilde, die positivistisch Entwarnung in die Gebilde bringen soll,
indem sie sie positionieren, d.h. feststellen, verhindert in ihrer Selbstreferenz
jede Feststellung, indem sie stets auf sich zurückgeworfen wird. Je mehr
ausgestoßen wird, desto mehr kommt zurück. Wenn die Maschine der
Outrierung erst in Gang gekommen ist, wird jede Illusion und jede Eskamotage
für bare Münze genommen: in der Wiederkehr des eigenen sieht sie sich
bestätigt. Deshalb muss die Welt außerhalb, die man aufgrund der Wiederkehr
der Outrierung mit der eigenen, nun aber verkehrten Outrierung identifiziert
(deus ex machina), muss für jedes Übel und für jede Hoffnung herhalten. Die
Gedankenoutrierungsmaschine, die Logozentrifuge des Ego, verhindert die
Wahrnehmung des Wirklichen und paradoxerweise das Geschehen des Denkens:
es kann nichts Neues mehr gedacht werden. Im ständigen Kreisen um sich selbst
auf der Suche nach dem absoluten Neuen kommt die Logozentrifuge in Fahrt
und streut das „nil novis sub sole“ aus. Augenblicklich wird so das
Verstehenwollen beruhigt (Verstehenskonstanz), doch in Wirklichkeit (nach
Bastian) kommt dadurch die Unruhe erst richtig in Fahrt. Im Hin und Her von
Outrierung und Wiederkehr hat die Unruhe der Uhr ihren wirklichen
Beweggrund, in ihrem Ticktack finden die Gedanken der Spekulation ihren
perfekten Ausdruck: es ist der onomatopoetische Name von Ego und Alter Ego.
Im Ticktack der Uhr hat sämtliches Doppelgängertum der Horrorliteratur seinen
Grund. Deshalb kommt es auch nicht von ungefähr, dass die Götter dem
Menschen das letzte Stündlein schlagen lassen – und zwar mit dem ganz realen
Geläut von der Kirchturmsuhr. In der Verabsolutierung der Zeit, also in der
Horotheologie wird der Raum, und somit die Materie, i.e. der Körper,
verleugnet404, also dasjenige, worin das wirkliche Geschehen zur Zeit statthat,
Psychoanalytikern sei es überlassen, von dieser Stelle auf Bastians Verhältnis zu seinen
eigenen Eltern zu schließen, was zugegebenermaßen sehr verlockend ist.
404
MiG I:3f.: „Je weiter die Cultur fortschritt, je reicher und voller das geistige Leben
emporwuchs, um so mehr musste es als ein selbstständig unabhängiges erscheinen, als ein
durchaus verschiedenes von seinem materiellen Substrate, von dem Körper, der sich nur
innerhalb sehr beschränkter Grenzen nach seiner Umgebung zu modifiziren vermag.“ D.h.
dass der Körper vom Raum abhängig ist, der Geist hingegen glaubt sich darüber erhaben!
325
das eigene wie das der Anderen. In der Horotheologie der Staatsmaschinerie
glaubt sich das Ego eines Staates von einem Gott in der Weise geschützt405, dass
nichts Anderes wirklich Raum habe, weil dessen Materie nichts weiter als ein
Truggebilde sei, das als solches aufgelöst werden müsse: die Bedrohung durch
den Anderen sei nur die Horrorfiktion seiner materiellen Oberfläche, im Wesen
dagegen sei er vielmehr mit Ego identisch . Die Aufgabe der Staatsmaschinerie
liegt darin, jeden anderen mit aller Gewalt genau davon zu überzeugen – oder
ihn zu eliminieren. Die Staatsmaschine produziert den egalitären Menschen406,
der gefälligst wie das eigene Ego zu sein und also sich diesem unterzuordnen
hat, weil alles im Staate wie im Ego seinen Platz haben muss. Alles muss stets
zur selben Stelle sein. Wo alles am selben Ort zu sein hat, gibt es keinen Raum.
Wo alles am selben Ort zu sein hat, kann nichts mehr vor Ort sein, es kann dort
nichts mehr geschehen. In der spekulativen Aneignung wie in der
positivistischen Verortung gemäß der Ordnung des Eigenen kann Bastian nur
das Negative einer blinden Hybris erkennen, eine Horrorlogie, die entsetzt, sich
aber mit dem Geschehen nicht auseinander setzt. Nur die Hingabe an das
Geschehen hat Sinn. Man braucht nicht zur Stelle, sondern kann vor Ort sein.
Die Hor(r)o(r)logie mit ihrem Uhrzeigersinn hat keinen Sinn, sie macht
405
MiG II:88: [über die Idylle der Maschine und ihre Kehrseite im Opfer: Hor(r)o(r)logie;
deus ex machina; und als Opfer: homo in machina]: „Die Staatsmaschine arbeitet ungestört,
im Himmel und auf Erden auf´s beste vorgesehen, die Götter des Landes kennen seine
Grenzen, dort stehen sie treulich Schildwacht und werden auch innerhalb desselben
Niemanden ihres Schutzes mangeln lassen, so lange die übereingekommenen Opfer nicht
ausbleiben.“
406
vgl. MiG I:XX: „[...] den Menschen in der Geschichte zu konstruiren [...].”. Bastian ist an
solchen spezifischen Ausnahmen nicht interessiert, ihn interessiert den average man [siehe
dazu Buchheit 1997], den Menschen aus der Masse, aus dem Volk, in dem das Denken
statthat wie nur in jedem anderen, vgl. z.B. Bastian, Wie das Volk denkt, 1892: „Wie das Volk
denkt? – d.h. wie es denkt in Jedem von uns, wie wir Alle denken (zusammengehörig in der
socialen Atmosphäre unseres Volkes), und wie der Mensch in der Menschheit, (unter den
geographisch-historischen Variationen seines Menschengeschlechts), wie er ihn denkt: den
Menschheitsgedanken als den Gesellschaftsgedanken, nach gleichartig durchgehenden
Grundzügen im Völkergedanken, unter elementar scharf gezeichneten Umrissen für
geographische Umschau; gleichartig durchgehend aber auch unter den Phasen des
Wachsthums, wenn sie organisch zu sprossen beginnen, mit historischer Entfaltung der
Cultur bei den Geschichtsvölkern, aus den in des Daseins Gesetzen eingesenkten Wurzeln (auf
untergebreitetem Niveau des Wildstammes).“
326
Sinn407,d.h. sie stellt ihn künstlich her: der Sinn dreht sich in ihr in einem
linearen Kreis, der gerichtet sein soll, aber nichts weiter ist als eine weitere
Quadratur des Kreises; ein Sinn, der Unruhe und Unsinn produziert, um die
Menschen in der Apparatur gefangen zu halten. Ein Alptraum.408
407
Nur in diesem Sinne hat dieser Anglizismus im Deutschen einen Sinn, nämlich als
Unsinnsmarkierung. Dass er sich eingebürgert hat, ist folglich symptomatisch für eine
gewisse grassierende Unsinnshypostasierung. Was gerade genehm ist, wird als unbedingt
verpflichtender Grund allen Seins ausgegeben, seien das nun ökonomische oder esoterische
Maximen. Aber was Sinn machen soll, hat keinen.
408
Der Kristall stirbt im Anschießen. Seine Schwingung lässt nichts mehr geschehen. Hätte
Bastian die Quarzuhr gekannt, sie hätte ihm Symbol des spekulativen und des
staatspolitischen Horrors schlechthin sein müssen.
327
3. 3. Un-Ruhe und Un-Sinn
Es ist die Angst, die unruhig macht. Die Angst vor Vernichtung. Es ist
die Angst vor Vernichtung, die lähmt. Wem es nicht gelingt, in die Geschichte
einzugehen, der glaubt sich vernichtet. In Anbetracht des Geschehens meint der
Mensch, er werde von der Natur vernichtet, sie stehe gegen ihn. Und um gegen
die Natur zu stehen, schuf er den Glauben. Der Mensch hielt inne und ersann
Hilfsmittel, sich der nun heiligen Angst409 zu erwehren. In hastiger Unruhe
versuchte er sich zu wappnen, immer härter zu wappnen. Je ausgeklügelter und
komplizierter die Mittel, um so sicherer wähnte sich der Mensch. Doch je
ausgeklügelter und komplizierter die Mittel waren, um so mehr bedurften sie der
Wartung und um so unverständlicher wurden sie. Sie halfen nur noch wenigen,
die sich hinter ihnen verbargen, sich in sie eingruben, die ihr Leben dafür gaben,
mittels der Mittel dieses Leben zu hüten. Sie warteten die Mittel und warteten
auf ein Leben, das dieser Mittel nicht mehr bedürfte, ein Leben, in dem es keine
Vernichtung und keinen Tod mehr gäbe. Die Mittel waren ihnen also Waffen
gegen die Vernichtung, gegen die Natur, gegen ihre eigene Natur. Sie kämpften;
gewappnet richteten sie sich auf; sagten, ich bleibe; sagten so Ich zu sich und
nannten alles andere den Feind; und sie sahen in allem anderen sich,
Gewappnetes, das sich verteidigen, das kämpfen, das töten will; das sie töten
will. Sie kämpften gegen sich selbst. Sie machten sich selbst das Leben schwer.
Sie schufen einen Gott, damit er sie schützen würde. Und es war genau dieser
Gott, der schwer mit seinem Über-Ich auf ihnen lastete. Sie schufen Systeme des
Verhaltens, die so komplex wurden, dass keiner sich mehr mit ihnen und in
ihnen auskannte. Sie schufen Gerätschaften, Maschinen, die ihnen dienen und
328
das Leben angenehm machen sollten. Doch damit die Maschinen funktionierten,
dienten die Menschen den Maschinen, die ihnen im Gegenzug ihr Leben
nahmen, die ihnen zunehmend keine Zeit mehr ließen und ihnen sogar dieses
Defizit noch exakt auszählten. Je mehr der Mensch sich also gegen die
Vernichtung wehrte, je mehr er zu Höchstleistungen angespornt wurde, desto
mehr musste er verzweifeln, da die eigenen Mittel ihn zuschanden machten, da
sie ihm ein Leben mit verschleißendem Schmerz und mit schmerzendem
Verschleiß bereiteten. Verzweifelnd kam der Mensch nicht zur Ruhe, sondern
spornte sich um so mehr zu Leistungen an, nahm noch mehr Schmerz, noch
mehr Auszehrung in Kauf, nur um sein Leben zu schützen, zu verlängern – zu
strecken wie auf einer Streckbank410. Alle Tröstungen und Apparate, die er
schuf, waren letztlich nur dazu da, um sich über das Leid411, das diese
Tröstungen und nur diese Tröstungen anzeigten, zu trösten, und um mit den
Apparaten Probleme zu lösen, die diese Apparate und nur diese Apparate
schufen. In der Angst verlor der Mensch sich und die Natur aus den Augen und
kreierte ein Bild von sich und der Natur, wie es schlimmer hätte kaum ausfallen
können. Die Unruhe der Angst produzierte Gedanken, die nichts mit dem
Geschehen, sondern nur mit diesen Trugbildern zu tun hatten: sie produzierten
reinen Un-Sinn. Sie hatten keinen Sinn, weil sie nichts mehr mit dem wirklichen
Geschehen zu tun hatten. Diese Gedanken sollten das Geschehen interpretieren
409
Bastian spricht in Controversen I, 1893:7 von Faust, der „von heiliger Angst gepackt“
wurde.
410
Bastian benutzt im Zusammenhang der Geschichte der Angstbekämpfung das Bild vom
Prokrustes-Bett, das nicht nur streckt, sondern auch kürzt, wie es die Norm des Gerätes eben
verlangt, vgl.: vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:19: „Der unerer Mutter Natur, als
(Bruno’s) „kreisende Gebärerin“ – ehe ihr die Wehen kommen können (um aus der „Natura
naturans“ hervorzutreiben) – erforderliche Befruchter hat in (Nic. Cusanus’) „docta
ignorantia“ den Agnostikern [bei Anonymität des (gnostischen) B"J¬k š(<[email protected] oder (b.
Basilides) Ò ÏLi ê< hg`H] als der „Unknown God“ (s. Thomson) sich entpuppt, der im
anthropomorphischen Procrustes-Bette verstümmelte ist längst zum alten Eisen geworfen (da
bei teleskopischer Durchspähung der Raumesweiten sein „Finger“ nicht auffindbar
gewesen), und dass, bei Verstummung der Orakel (s. Plutarch), der „Grosse Pan“ gestorben,
war dem vorüberfahrenden „Menschenschifflein“ zugerufen (durch des Schicksals Stimme).
„Gott ist gestorben, und sein Tod war das Leben der Welt“ (s. Mainländer).“
411
vgl. MiG II:46: „Trübe blickt dann der trübe Sinn in trübe Umgebung hinaus [...].”
329
und verstehen machen und verstanden doch nur, die Trugbilder zu verbreiten.
Durch die entstehende Kommunikation erfuhren immer mehr von den
sinnfälligen Trugbildern und verloren die Erfahrung des Geschehens aus dem
Sinn. Die Gedanken lenkten vom Geschehen ab und machten gar aus der Not
eine Tugend und forderten, dass man vom Geschehen absehen müsse, wolle
man wahrhaft denken, wolle man wahrhaft glauben: sie klagten mit
selbstermächtigender Gewalt das Abstrakte und Anagogische ein. Die Gedanken
schwangen sich in bodenlose Höhen auf und gaben sich folglich als erhaben aus
und deshalb als zeitlos gültig. In ihrer leidenschaftslosen Höhe bedachten sie
nicht mehr den Körper, der vernachlässigt zu siechen begann und darüber noch
mehr verflucht und verdammt wurde, bis ihm schließlich eine Wartungspflicht
auferlegt wurde wie je nur einer Maschine. Man war nun nicht mehr ein Körper,
sondern man bekam einen zur Verfügung gestellt wie ein geliehenes Werkzeug.
Die Sorge für den Körper wurde zur weiteren Quelle der Angst, den Schutz des
Erhabenen zu verlieren, weil man nicht pflegte, was doch nur ihm gehörte. Dem
Menschen war nichts mehr eigen. Er bezahlte sein bloßes Ich mit der
Verpfändung seiner Selbst: wenn sein Ich nur stark genug sei, könne er sich
alles wieder aneignen, prinzipiell stehe es ihm, unabhängig von jeder Zeit, d.h.
jeder Zeit, zur Verfügung. Er müsse nur wollen. Wer hier nicht glücklich sei, der
könne nur selbst die Schuld daran tragen. Hier ist nicht mehr jeder seines
Glückes Schmied, sondern jeder könne, wenn er nur wolle und wenn ihm die
Gnade eigne, einen Schmied bestallen. Wem der Wille und die Gnade nicht
eigen sind, der gehöre nicht dazu. Was allerdings heißt, wer den Willen nicht
hat, das zu denken, was mächtige Persönlichkeiten (Prosopopoeie) denken, wer
also die Gnade des Herrschers nicht hat, dem gehört auch kein Glück
zugestanden. Bei Bastian konnte hingegen jeder denken, d.h. die richtigen
Gedanken aus der Notwendigkeit der aktuellen Gegebenheiten heraus finden.
Prinzipiell war jeder seine Glückes Schmied, wenn er das Denken, so wie es zur
Zeit not tat, zuließ; wenn er sich denken ließ, ließ es sich denken, ließ sich
330
finden, was (einem) fehlte. Es gefunden zu haben, also sich im Geschehen
zurecht gefunden zu haben, das ist Glück. Jeder steht prinzipiell gleich im
Geschehen, zurechtfinden muss man sich aber je selbst.412 Das angeblich
Zeitlose initiierte im Geschehen die Zeit des Leidens, die von einer leidlosen
Zeit gespiegelt wurde, in der man einerseits einst gelebt zu haben glaubte und
die man andererseits wieder erreichen wollte, sei es mit Hilfe eines Gottes, sei es
mit Hilfe der Technik. Doch im Leid wehrte man sich gegen das Geschehen,
wollte es nicht wahrhaben, weil man glaubte, es sei an allem schuld und es
müsse utopistisch transformiert werden. Nur wenn man dem Geschehen keinen
Raum lasse, werde sich die Zeit in illud tempore verwandeln, in der kein Leid
mehr sei. In der Raumnahme beengte der Mensch sich selbst und ließ sich keine
Zeit mehr, um in jener Zeit endlich anzukommen. Die Utopie versuchte, dem
Geschehen den Raum zu nehmen, indem sie sich nicht mehr in ihm vor Ort
begab. So nahm sie dem Geschehen das Ziel, nämlich schlichtweg vor Ort zu
sein – und zu geschehen. Die Utopie machte alles sinnlos, d.h. ziellos, indem sie
ein Ziel imaginierte, das keinen Ort haben sollte – und somit niemals wirklich
geschehen kann. Auf diese Weise kam nach Bastian die Un-Ruhe, der Un-Sinn
und das Leid in die Welt. Ihr einziger Sinn bestand seiner Meinung nach darin,
sie mittels positiver Wahrnehmung als Un-Sinn zu erkennen, sie also gerade
nicht zu negieren, sondern geschehen zu lassen, um sie nicht zu potenzieren,
sondern abklingen zu lassen. Erst wenn der allfällige Lärm der gott-, systemund selbstgläubigen Gedanken abgeklungen sei, trete die Ruhe des echten, des
„normalen, gesunden Denkens“ ein.413
412
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:166: „Das Wie? des Details bleibt Jedwedens
eigener Initiative anheimgegeben, denn „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ (als
„self-made-man“). Wer im glaubensselig bequemlichen Dusel (um Denkarbeit zu ersparen)
auf was der Erst-Beste ihm einschwätzt, hinzuhören bereitwillig wäre, der ist seinen
Thörigkeiten zu überlassen (denn „mit Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“).“
413
MiG I:3: „Nur unter schweren Leiden wurde sie [die Erkenntnis; KPB] errungen, hart und
stürmisch waren die Kämpfe, in denen der Geist um seine Existenz stritt, wo er die ihm
angebildeten Vernichtungstheorien mit den künstlichen Apparaten religiöser Tröstungen zu
widerlegen suchte, wo er, um sich nur vom Untergange zu retten, gegen die heiligsten
Forderungen seiner Natur wüthete und verzweiflungsvoll selbst das Höchste hingab, das
331
Jede ego- wie theologische Normativierung414 aus Angst vor dem egowie theistischen Tod verhindert nach Bastian das normale Geschehen, blockiert
es ex-akt in diesem Ego und in jenem Theos, d.h. mittels der Spekulation und
der Religion. Ersteres will das Geschehen nicht wahrnehmen, zweites in einer
Bindung an einen Gott sich vom Geschehen ent-binden. Beide werden so zum
Auslöser dafür, dass aus der Mutterlauge die Materie anschießt, die in diesem
normal gesunde Denken. Sich an das Leben klammernd, wollte er, auch ohne Aussicht auf
Heilung, es wenigstens durch ein schleichendes, schmerzendes Siechthum verlängern.“
[Hervorh. KPB]. Das war Bastian keine rechte Ärztekunst, was nur die Verlängerung um
jeden Preis im Sinn hat – und den Sinn des Geschehens aus den Augen verliert. Bastian wollte
sinnvolle Heilkunst, keine utopistische Soteriologie. Bastian verlangte eine diagnostische und
anamnestische [ „Das entscheidende Wort ist hier aus Anamnesis gesprochen [...].” Bastian,
Controversen I, 1893:5] Analyse der Epikrise: Iatrik!
Um zu sehen, wie modern Bastian mit seinen Ansichten war, vgl. exemplarisch folgende
Darstellung heutiger iatrischer Diagnostik, in: Blankenburg, W. (Hg.), Biographie und
Krankheit, Stuttgart, New York, 1989:1: „[...] wenn wir uns als Kliniker auf die
Krankheitsgeschichte eines Patienten konzentrieren, betrachten und befragen wir alles
daraufhin, ob es Symptom einer Erkrankung sein könnte. Das übrige wird zweitrangig, mehr
oder weniger uninteressant, zumindest unterbelichtet. Da wir es in der Regel nicht mit
idiosynkratischen Störungen zu tun haben, sondern mit „Krankheit“ als etwas Allgemeinem
(als etwas, was viele Individuen in einer prinzipiell gleichartigen Weise „haben“ können [
von einem ähnlichen Gedankengang her erklärt sich Bastians Elementargedanke, bzw. the
psychic unity of mankind (Koepping); der Iater Bastian sieht im materiellen Geschehen eine
einzige Krankheitsgeschichte, die gleiche Verstörung allgemein am Werk. KPB]), wird –
anstelle des menschlichen Subjekts, der Person des Kranken – dann die Krankheit zum
eigentlichen „sujet“ des Forschens und Therapierens. Das Persönlich-Einmalige der
Individualität des Patienten [...] tritt zurück; seine „Person“ stellt sich als das unwesentliche
Gewand [Bastians Prosopopoeie; KPB] dar, in dem sich das eigentliche „Subjekt“ (= sujet) –
die Krankheit – in diesem einen Fall „zufällig“ mainfestiert.“ [Hervorh. KPB]. D.h. doch,
dass sich die Person nicht für das Subjekt der Krankheit nehmen soll, nicht ihr Ich ist der
Autor der Verstörung (Hybris).
Nun wird verständlich, warum Bastian in seiner Symptomographie wirklich scheinbar alles,
auch wenn es uns noch so unwesentlich erscheinen mag, verzeichnet, und warum die
Darstellung der einzelnen Ethnien oder Individuen dahinter verblasst. Ihn interessieren
wirklich nur Krankheitsgeschichten, weniger die Krankengeschichte. In bezug auf ersteres
sind zumeist sowohl die Erklärungsversuche wie die nervösen Abwehrmechanismen (homo in
machina) Un-Sinn, da sie sich auf einen inexistenten, imaginierten Zusammenhang, in dessen
Zentrum das unruhige Ego sich selbst plaziert, beziehen. So gesehen sind die
abwehrmechanistischen Gedankensysteme sowohl nosoistisch pathogen, i.e. beunruhigend,
als auch selbst Noxen, wie sie lediglich Symptom einer umfassenden Noxe sind. Der Kosmos
ist materiell kontaminiert mit Verstörung. Bastian ist der Iater des Kosmos, der Psychiater der
Menschen. Deshalb entwickelt er in seinen ersten Büchern eine Psychologie auf
naturwissenschaftlicher Basis, um die nosoistischen, nosogenen, d.h. falschen
Zusammenhänge zu durchstoßen, i.e. analysieren.
414
Vgl. zur „Normativität“: Link 1996, insbes. ebd.:15-74
332
Moment stirbt.415. Die Ontoego- und Ontotheologie bescheren nach Bastian dem
Leben den Tod, dem Sinn den Un-Sinn416 und der Ruhe die Un-Ruhe, während
der Naturwissenschaftler doch weiß, dass Energie sich erhält und Materie
letztendlich nicht verloren gehen kann: der Kosmos ist un-endlich. Es gibt
folglich keinen Grund zur Sorge und keinen Grund zur Un-Ruhe. Jede Sorge
und jede Un-Ruhe sind Un-Sinn, der weiteren Un-Sinn produziert, und damit
Verstörung und Leid. Statt unruhig Unsinn zu produzieren, soll man vielmehr,
so Bastians Credo, es geschehen lassen. Nur dann wird man wahrnehmen, was
geschieht und wie es geschieht. Nur dann wird man wirkliche (Natur-)
Wissenschaft in Ruhe betreiben können. Allerdings ist der Forscher aufgrund
der vielen Un-Ruhen in der Welt gezwungen, sich selbst aus der Ruhe zu
entlassen und beunruhigt und in aller not-wendigen Eile seiner Arbeit
nachzukommen, d.h. Gedanken und Geschehnisse zu verzeichnen, um ihren
Sinn zu erkennen, bevor die Utopisten und Apokalyptiker alles mit dem Feuer
ihrer Un-Sinnsereiferungen dem Erdboden gleichgemacht haben, d.h. sich selbst
gleichgemacht haben, d.h. sich selbst, in der Hoffnung auf Perfektion,
wortwörtlich fertig gemacht haben, so dass mit ihnen alles endlich am Ende
ist.417 Die Teleologie der paradiesischen Perfektion bedeutet zum einen, dass
415
Das von Bastian nicht bedachte Paradox, dass das Störende schon vor der Störung, aber als
bereits Gestörtes vorhanden sein muss, möchte ich hier nur erwähnen – sein eigenes, immer
wieder vorgebrachtes Mahnen vor dem infiniten Regress schützt ihn selbst nicht davor –,
aber nicht weiter vertiefen, da es mir hier nicht daran gelegen ist, Bastian zu destruieren,
sondern sein Denken minutiös darzustellen, so dass seine Gedanken sich als konsequent
erweisen. Nur aufgrund der Erklärung des Funktionierens seines Denkens kann man m.E.
seine Gedanken und den Stil, in dem sie sich darbieten, verstehen.
416
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:108f.: „In embryonistisch gährender
Mutterlauge sind vielerlei Strebungen durcheinander gemengt, aber zur Existenzfähigkeit
eines Ens positivum (im Sondersein jedesmaligen Specialfalles) realisirt nur dasjenige sich,
was im innerlichen Gleichgewicht den Ansprüchen des Selbsterhaltungstriebes (zum
„Anpassungs-Gleichgewicht“) zu genügen vermag. Und so von dem, über verworren – aus
(homerischem) Okeanos, „dem Vater der Dinge“ (von Tiefen des Meeresgrundes heraus) –
auftauchenden Vorstellungen sinnenden, Denken wird klar erfasst dasjenige nur, was unter
(und zu) bestimmter Ordnung sich ausverfolgen lässt (gegebener Anregung gemäss). Was
daneben seiet im Istsein, verbleibt ein Non-Ens (im Nonsense).“
417
vgl. Bastian, Der Völkergedanke, 1881:180 Anm..
Bastian spricht hier von einer „Zeitfrage“ – und das ist wörtlich zu nehmen: nur innerhalb der
Zeit ist es eine Frage, da die Zeit selbst fraglich ist als Zeitraum, der in der Simulation des
333
man selbst im Imperfekt lebt, dass man also war, so aber nicht mehr sein will,
dass sich vielmehr alles verkehren soll. Im Ende soll sich das eigene Bild, das
man von sich imaginiert, in einer spiegelbildlichen Erfüllung aufheben. Deshalb
richtet man alle Wahrnehmung auf die Imago und nicht auf das aktuelle
Geschehen.418 Durch solche Verkehrungen ist auch das Christentum und vor
allem die Idee der Trinität entstanden. In den Jahrhunderten nach Christi Geburt
breitete sich die römische Herrschaft aus. Die Römer selbst waren nach Bastians
Ansicht gesättigt mit Spekulationen und mystischen Imagines, sie hatten ihre
eigenen fixen Ideen, an die sie sich klammerten und die sie in expansive Unruhe
versetzten. In der Konfrontation mit anderen Kulturen, anderen Imagines und
Gedanken kam es zu Turbulenzen, zu potenzierten Interferenzen, die die
Menschen nach einem übergeordneten Halt suchen ließen: der
Abstrahierungswille, der Wille zum Absehen, wurde angeheizt. In absichtlicher,
unsinniger Unruhe versuchte man ein Neues zu (er-) finden, das die turbulente
Lage erklären könnte. Schließlich konnten in Folge der Konfrontation die
verschiedenen Imagines nicht alle gültig bleiben. Sie widersprachen sich; sie
zogen einander das Fundament weg und drohten allesamt in den Abgrund zu
stürzen. Der Sinn des Lebens kam, so meinte man, abhanden. Man verfiel
folglich einem Wahnsinn, dem Wahn nämlich, dringend einen neuen Sinn zu
suchen, einen Zusammenhang, der Halt gäbe, der über allem stünde und doch
gleichzeitig den Widersprüchen gerecht würde. Nach Bastian stülpte sich, wie
eh und je, dieser Wahnsinn nach außen und produzierte einen Sinn, der die
Widersprüche als sinnfällig ausgab. Man rang mit selbstgeschaffenen Geistern,
die die eigene Lage spiegelten, und ebenso spiegelte man aufgrund des
Raumes den Raum der Harmonie stört. Solange die Verstörung anhält, muss jedes Symptom
beachtet werden und darf nicht einfach kahlschlagartig ausgemerzt und künstlich ersetzt
werden. Die Diagnose würde sich dann in den Glauben verwandeln, dass alles gut sei und
folglich alles gut werde, so wie es ist. Was nach Bastian reiner Un-Sinn ist, eine fixe Idee,
weil – um es im Bastian´schen Stil zu sagen – die Störung fixierend.
418
Bastian berichtet von St. Chrysostomus [MiG II:29], der dezidiert Glauben und
Wahrnehmung als zwei verschiedene Dinge erachtet sehen wollte. Bastian kommentiert diese
334
„anthropomorphischen Reflexes“419 wiederum diese Geister in Gottheiten.
Outrierung, das Inwendige nach Außen zu stülpen, ist eine Angelegenheit auf
Leben und Tod – und doch hat man nichts anderes outriert als sich selbst. Die
Trinität ist das Abbild der eigenen Zerrissenheit, nach Bastian ein lächerlicher,
weil unsinniger Deus ex machina; ein unruhiger Paroxysmus der
Kulturkonfrontation; eine Karikatur des spekulativen Unsinns420; Wahnbild der
Angst vor dem Anderen; der große Bruder, den man gegenüber dem Anderen
ins Feld führt, um ihm Angst zu machen; um sich des Eigenen zu versichern.
Wo sich aber etwas oder jemand seiner selbst vergewissern muss, da ist es oder
er seiner nicht sicher. Je umfassender die Mittel der Selbstvergewisserung sind,
um so größer die Zweifel, ob sie denn auch wirklich wirken. Man fürchtet die
Unwirksamkeit der eigenen Mittel. Wie können sie wirken, wenn sie erst
ersonnen werden mussten und nicht schon je waren? Wie kann man sie
erkennen, wenn sie doch umfassend sein sollen? Und so weiter. Kurzum, man
fürchtet sich selbst, fürchtet die eigenen Selbststilisierungen; man fürchtet, sich
selbst zu durchschauen – und nichts weiter zu finden, als Prosopopoeiä. Man
hätte sich in den Gemeinplätzen des eigenen Stils verfangen. Abhilfe bringt nun
„Ansicht“ konsequent [ebd.]: „Ein nüchterner Verstand würde das die verkehrte Welt des
Irren nennen, wo alles auf dem Kopfe steht.“
419
Bastian, Controversen IV, 1894:232f.: „Die kosmogenischen Theorien gehen entweder von
einem primär, als Urstoff, gesetzten Anfang von unten her aus (beim Entstehen) oder von
dem, in anthropomorphischem Reflex, in Himmelsbläue projicirte Schöpfer, der dann hantiert
nach Menschenart (die Welt zu erbauen), und dazwischen liegt (für das „nihil ex nihilo fit“)
die Controverse über eine „materia prima“ (mit folgender Genesis in genetischer Evolution).
Terium non datur, könnte man sagen, bis der Zweifel auf die einzige Gewissheit im eigenen
Sein zurückgeführt hatte, und dann die „Welt der Vorstellungen“ construirt wird
(erkenntnisstheoretisch) für einen Kosmos noëtos, (dem das „Ding-an-sich“ indess
unzugänglich blieb).“
420
MiG II:28f.: „Als mit der Ausbreitung der römischen Kaiserherrschaft die Geister
durcheinander gemischt wurden, und in dem lebhaften Austausch der Ideen die esoterischen
Speculationen der Tempelmysterien in die Menge ausströmten, so musste jetzt die neue
Gottheit für die metaphysische Abstractionen gesucht werden, und wurde es in den
erstaunlichen Wahnsinnswühlereien über Wesenheit, Persönlichkeit, Aehnlichkeit und
Gleichheit, wo selbstgemachte Bauernphilosophen verschiedener Sprachen und
Vorstellungskreise über ihnen und Allen unverständliche Ausdrücke unbekannter Systeme auf
Tod und Leben disputirten, bis sie in dem halsbrechenden Rechenexempel der Trinitas die
gewünschte Grösse schließlich gefunden zu haben glaubten. Es ist stets seine eigene
Geisterwelt, die den Menschen äusserlich umgiebt.“ [Hervorh. KPB]
335
nur noch, die eigenen Stilisierungen, die Stilisierungen des Eigenen, als Eigenes
zu verwerfen und sie einem höheren Wesen in den Mund oder einer
Allgemeingültigkeit in den Volksmund zu legen. Man will mit den eigenen
Gedanken nichts mehr zu tun haben und sie dennoch nicht für ungültig erklären.
Man will Gewähr. Gewähr von einer höheren Instanz.421 Man lenkt sie nicht
mehr aufs wirkliche Geschehen zurück, sondern ins Erhabene. Oder in Bastians
Worten: man lässt die Gedanken nicht abschwingen. Man zieht das prägnant
Abgehobene eines kurzen Götter- oder Volksmundwortes den verschachtelten
Satzreihungen, die sich in die stattfindende Interferenz abschwingen, vor. Oder
man konstruiert Sätze, deren ganzer Sinn darin liegt, sich stets selbst auf den
Fersen zu bleiben, um in den Kreisläufen geschlossener Systeme („circulum
vitiosum“) stets auf sich zu rekurrieren422. Trifft ein Satz in seinem Ende seinen
eigenen Anfang, glaubt er sich bewiesen, weil schlüssig. Im Geschehen gibt es
aber keinen Schluss. Sätze sind hier nicht schlüssig, sondern höchsten, falls
zutreffend, aussagekräftig. Sie verkraften in ihrem Satzbau die Verstörung. Sie
verleugnen sie weder auf der semantischen, noch auf der syntaktischen, noch auf
der pragmatischen Ebene. Das Götterwort, der sogenannte gesunde
Menschverstand, das Dogma verschworener Einzelner, und der philosophische
Paragraph (als niedergeschriebener Paralogismus) sind nicht nur unsinnig, sie
sind auch feige. Statt sich im Geschehen zu bewähren, d.h. als Ausgeburt
momentaner Verwirrung sich zu beweisen und sich infolge der Erkenntnis ihrer
Adäquatheit zu beruhigen, meiden sie das Geschehen als das Teuflische
schlechthin, also als dasjenige, was ihnen am inadäquatesten sei. Sie sind also
letztendlich völlig ungeeignet, die Angst zu beschwichtigen. Sie verraten dem
421
Es ist der „metaphysische Drang“ nach einem „fabricator mundi“, s. Bastian, Das
Logische Rechnen, 1903:133.
422
vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:223: „Das Denken lebt sich selbst in seinen
Kausalitäten, innerhalb der aus rationell verfolgbarem Prinzip umgreiflichen
Relationsbegriffe, während ein (in Paralogismen [Hervorh. KPB]) unbedachter Schritt (oder
Wagesprung) über die umschriebenen Grenzen hinaus in der causa sui (wie im "ÆJ\TH
"ÆJ\T<) an jedesmaliger •kPZ, als "ÆJ\" (in causaler Vierfachheit), beim Ursprung (des
336
Sich-Ängstigenden nicht, was da geschieht, so dass er verstünde, wie es zu der
Angst und zu den Spekulationen kommen konnte. Sie täuschen ihn mit einer
verkehrten Geschichte. Er verkennt, dass die „verkehrte“ Verbildlichung des
angeblich Eigenen das Gespenst der Bedrohung erweckt.423 Die aus der Angst
ersonnenen Systeme, die freilich als Nebenwirkung z.B. die Gesetze der Logik
hervorgebracht haben, bleiben sinnlos, solange nicht gesehen wird, in welchem
Zusammenhang sie ersonnen wurden. Ohne diesen Zusammenhang erklären sie
nichts. Statt dazu genutzt zu werden, dem Geschehn auf die Spur zu kommen,
d.h. wahrnehmungsbereiter gegenüber der Natur zu werden, rufen sie eine
Sensibilisierung der eigenen Natur hervor, das imaginierte Ich wird
neurasthenisch und hält sich ob dieser Sensibilität aber für genial. So wird ihm
all dasjenige, was es als Nicht-Ich424 identifiziert, zum Allergen, zum Chaos
schlechthin, dem man sich nicht aussetzen darf, will man sich nicht verlieren.
Man beginnt in der Verschüchterung zu leben, die sich erhaben dünkt, aber man
hat freilich nicht die Chuzpe, dasjenige in Augenschein zu nehmen, worüber
man sich erhaben glaubt: man gesteht sich weder die Angst vor sich selbst und
Anfangs) stecken bleiben würde, sobald der Anhalt an die vom logischen Rechnen
präsupponirte Eins verloren gegangen sein sollte.“
423
vgl. Bastian , Das Logische Rechnen, 1903:142: „Der ¦> @Ûi Ð<[email protected] (patristisch)
schöpfende Schöffe verfällt dem „Nihilum“ – id quod cogitamus, quando plane non
cogitamus (s. E. Weigel) – bei Einheitlichkeit des reinen Seins mit dem Nichts, weiterführend
auf das „Absolut-Negative“ (s. Hegel), unter den Metaphern der Sprache zu „flatus vocis“
verwehend, wenn nicht auf die beabsichtigte Sinnesdeutung zurückgegangen wird; in der, seit
Verlegung des Ausgangspunktes aus der Deduction auf die Induction, auf den Kopf gestellten
Welt, die aus solcher Umkehrung (oder Verkehrung) naturgemäss wieder auf ihre Füsse
hingestellt sein muss (unter gegenseitiger Controlle).“; ebd.f.: „In die Geräthsel des
Daseienden einverkettet (aus „Concatenatio rerum“) findet des Denkwesens Denkgeist im
Animal rationale (von Massenhaftigkeit des Unbekannten überwältigt) den aus dem Dunkel
unergründlichen Tiefen grausig auftauchenden Gespenstern, die mit höhnisch angrinsendem
Fragezeichen (an der Stirn) ihn umstürmen, rathlos sich gegenübergestellt, starr und stumm.
„Das Schweigen der Unendlichkeiten erschreckt“ (s. Pascal): die Hinschau des Auges (am
„Augenthier“), das, um der von umhertastenden Fühlfäden empfundenen Pein zu entgehen, in
sein Schneckenhäuschen sich verkriecht (nach Politik des Vogel Strauss).“
424
Bastian verwendet vielfach Fichtes Begriff; siehe exemplarisch das Zitat in: Controversen
IV, 1894:224: „„kein Nicht-Ich ohne Ich“ (b. Fichte) [...].” oder ebd.:233: „Was aus der
Subjectivität des Nicht-Ich im absoluten Sein objectivirt worden, sollte dann wiederum durch
die dialectische Bewegung seine durchwaltende Ursächlichkeit erhalten, während in der
337
ihre Unsinnigkeit ein, noch, zwangsläufig, die Angst vor den Anderen und ihre
Unsinnigkeit. Im Geschehen gibt es keine Geschiedenheit in verkehrte Doppel.
Man hätte es sehen können425, hätte man nicht in allem sich selbst erkennen
wollen. Im interferentiellen Geschehen, in der Geschichte, existiert nur die
Diskretion des beunruhigten Anderen. Existenz selbst, i.e. Unruhe, aus der Ruhe
unsinnig, weil ziellos Aufgetauchtes, Angeschossenes, existiert nur in der
Geschichte. Im zur Ruhe gekommenen Geschehen existiert nichts, da alles in
ihm insistiert. Wo nichts eine Existenz und alles seine sinnerfüllte Insistenz hat,
da ist, sozusagen, das Nirvana.
Fixiert auf die Eigentlichkeit ihrer Gedanken, kennen die Denker die
Eigentümlichkeit ihrer Gedanken doch nicht. Innerhalb der Gedanken ersinnen
sie logische Denksysteme, wissen aber um den logischen Sinn der Gedanken
nicht. Sie verfangen sich im systemischen und strukturalistischen Apparat der
Gedanken, statt dass sie versuchten, systemisch die Gedanken zu erfassen, d.h.
die Funktion im infrastrukturellen System des Geschehens. In den Systemen der
Gedankenlogik rechnen sie mit exakten Werten, ohne den Wert der eigenen
Gedanken überhaupt zu kennen. Erst eine Analyse außerhalb der
Gedankensysteme könnte die Werte der Gedanken auffinden. Die Denker sind
des Denkens nicht unfähig, sondern sie denken am falschen Ort, oder vielmehr
ohne Ort, am Nicht-Ort. Aber ohne Ort kein Erkennen der strukturellen
Verflechtung, kein Ausfpüren der unterschiedlichen infrastrukturellen
Funktionsweisen, die die Gedanken hervorbrachten. Ortloses Spekulieren kann
den Grund des Denkens nicht ergründen. Nur die positive Empirie einer
Naturwissenschaft findet Bastians Ansicht nach die elementaren Gedanken, d.h.
diejenigen, die direkt mit der Natur, also dem Geschehen in Verbindung stehen
und aus ihm heraus auf unterschiedliche Weise anschießen. Nur im Anschießen
Aktualisirung des Potentiellen der Denkprocess seine eigen Wachsthumsvorgänge zu
verbildlichen gesucht hatte.“
425
MiG I:XI: „Der logisch formulierte Gedanke wurde vom Verstande begriffen, aber dieser
verzweifelte an seiner Macht, in das dunkle Chaos der Gefühlsregungen hinabzusteigen, auch
338
aus dem Geschehen gründet der Wert eines Gedankens. Echte Folgegedanken
ergeben sich nicht aus einem angeschossenen Gedanken, sondern schießen aus
dem folgenden Geschehnis an, und nur das Geschehnis entscheidet im
Gedanken selbst über seinen Wert.426 Allerdings genügt es nicht, das Geschehnis
experimentell im Labor zu imitieren, wie es die Psycho-Physiker tun, und in
„reine“ Begriffe zu sublimieren, wie es die Philosophen tun, um über seinen
Wert zu entscheiden. Denn im Labor oder in der Studierstube ist es aus der
Geschehensreihe herauspräpariert, resp. herausklassifiziert, und folglich können
keine Gedankenreihen entsprechend entstehen. Das einzelne Geschehnis ist so
wertlos wie der einzelne Gedanke, nur in Serie ereignet sich wirklich etwas. Der
einzelne Gedanke oder das einzelne Gedankensystem, das als Korollariensystem
auf jenem fußt, sind qua ihrer abgeschlossenen Einzigartigkeit unsinnig. Sie
stehen nicht im Wirkgefüge.427 Es sind die unruhigen Fort-Sätze
dort zu sichten und scheiden, dort die Processe zu belauschen, nach denen jenes reinere
Produkt [aber als ein totes!; KPB] hervorgewachsen war.“
426
MiG I:XIIIf.: „Wir müssen erst die Zahlenwerte unserer Gedanken kennenlernen, denn bis
dahin ist alles Combiniren und Speculiren eine geistreiche Spielerei. Die Denkfehler, die im
dialectischen Denken gemacht, gewöhnlich von Beginne an alles Folgende annulliren, sind
kein Verschulden der aufrichtig nach Wahrheit strebenden Männer, aber sie entsprangen
nothwendig aus dem bisher unvollkommenen Stande der Wissenschaft.“. Über die für das
Denken notwendige concatenatio rerum siehe: Bastian, Das logische Rechnen, 1903:142.
427
Bastian, Vorgeschichte der Ethnologie, 1881:99ff.: „Die heutige Gelehrtenwelt, quantitativ
nur ein minimaler Bruchtheil der Gesellschaft, steht durch eine breitere Kluft, als wie sie
irgendwo sonst die äussersten Kettenringe festgeschlossener Kasten scheidet, von der grossen
Masse getrennt, weil in der Weltanschauung einer fremden Welt, unter den Constellationen
eines völlig veränderten Firmamentes lebend und geistig producirend.
Da es nun aber solch geistige Productionen eben sind, welche aus diesem quantitativ, wie
gesagt, minimalen, qualitativ dagegen an Schwere überwiegendsten Bruchtheil, aus dem
Haupte, belebend auf die Glieder überzuströmen haben, wird von der angemessenen
Congruenz wechselwirkenden Verkehrs die Gesundheitsfrage des Gesellschaftskörper
vorwiegend abhängig bleiben, und dieser, wenn incongruent afficirt, sich durch gewaltsame
Revolutionen erschüttert fühlen.
Vielleicht macht sich in Deutschland dieser Unterschied weniger empfindbar, aber ein Blick
(von andern Erdtheilen zu schweigen) auf die meisten der übrigen Länder Europa´s bringt
das bestehende Missverhältniss leicht zum Bewusstsein, und gerade in Frankreich, wo sich
die höhern Klassen am feinsten sublimiren, markirt sich der Gegensatz am schroffsten, wie
z.B. in dem 1878 zwischen der Rue Béranger und dem Place du Chateau d´Eau hergestellten
Causalnexus (s. Parfait) hervortretend. Quam ob rem, ut religio propaganda etiam est, quae
est juncta cum cognitione naturae, sic superstitionis stirpes omnes ejiciendae. Soll die
Wissenschaft populär werden, sollen also die Errungenschaften der Gelehrtenarbeiten
339
geschehensvergessener Spielerei. Der homo ludens ist das Infans, das sinnlos
günstig und fördernd auf den Gesammtorganismus der Gesellschaft zurückwirken, so muss
zunächst eine naturgemässe Verbindung hergestellt sein, ein wechselweises Verständniss.
Wir werden vorerst die physiologischen Wachsthumsprocesse des normal gesunden
Durchschnittsgedanken zu studiren haben, seine Embryologie sowohl, wie seine Biologie und
dann die Vergleichungsstufen seiner Entfaltungen.
Davon wissen wir bis jetzt noch nichts, oder doch nur wenig mehr, und woher auch sollte
diese Kenntniss haben geschöpft werden können?, woher die Kenntniss des Menschen in der
Menschheit, so lange nur ein Bruchtheil dieser der Kenntniss zugänglich war.
Der Philosoph lebt im Gedankenkreis des Gebildeten, den er nicht nur bis in seine
Subtilitäten durchdringt, sondern bei pathologischen Abirrungen oft auch erfolgreich zu
heilen vermag, aber die [email protected]<"Â §<<@4"4 kommen in der Praxis selten vor, und selbst wenn
(wie etwa bei den Stoikern) besondere Aufmerksamkeit darauf gerichtet ward, ist die
Entwerfung eines objectiven Bildes für denjenigen schwierig, der, als innerhalb derselben
Entwicklungsreihe, auch wenn auf der höchsten Stufe, doch immer nur auf einem Stufengrade
steht.
Je fremder nun, je fremder und ferner seine Objecte einem Beobachter gegenüberstehn, je
kälter [schließlich brennt die Welt, und Kälte tut not!; KPB] sie ihn gleichsam lassen, und
also indifferenter, desto weniger wird subjective Trübung zu fürchten sein, desto eher also ein
ungefälscht reines Resultat zu erhoffen.
Hier scheint nun der Punkt zu sein, wo die Ethnologie eine Aushülfe verspricht, wo sie
einstens in unsere Culturgeschichte eintreten wird, und dem Geist dann eine Waffe in die
Hand geben, wie er sie gleich mächtig bis jetzt auf Erden noch nicht geschwungen, weil dann
eben mit dem Gesammt-Apparat geitiger Menschenarbeit operirend. [Bastian verurteilt den
homo in machina, den Einzelnen in der Maschine, ihm ist vielmehr die gesamte Menschheit
als solche schon ein Apparat, es bedarf keines künstlichen! „operirend“ ist hier durchaus im
medizinischen Sinne zu verstehen; KPB]
Die Ethnologie, wenn noch in Zeit mit genugsamen Material versehen, wird den
durchschnittlichen Menschheitsgedanken (nach seinen normalen sowohl, wie pathologischen
Zuständen) in tausendfachen Wiederholungen comparativer Behandlung und Betrachtung
vorführen, und zwar in solch zahllosen Wiederholungen nicht nur, sondern zugleich in
zahllosen Wiederholungen der Vergleichungspunkte, (je nachdem Wandlungen im
Nebeneinander oder im Nacheinander ihre Phasen an einander erproben), zahllos dann
noch in Erneuerungen unter der Verschiebungsfähigkeit der Anordnungen.
Wenn dann nach Concentrirung des Thatsachengewirrs zur Essenz der Theorien, ein mit
solchem Extract geklärtes Auge den Menschengedanken in all den Wandlungen seiner
Existenzmöglichkeiten und, in diesen wieder, die Verkettungen der Evolutionsreihen (im
Nebeneinander und Nacheinander gegliedert) mit kurzen Blicken zu durchschauen und, bei
Vereinfachung der verwickelten Rechnungen unter den Formeln eines höheren Calculs, zu
verstehen vermag, dann wäre damit das von der Natur selbst gelehrte Grundgesetz für
gesunde Normal-Entwickelung des gesellschaftlichen Staatslebens gegeben, also auch die
Indication für Rectificationen, soweit sie sich nöthig zeigten: und was aus den Objecten
studirter und secirter Organismen der Naturstämme gelernt wäre, das könnte dem
Organismus desjenigen Staatslebens zu Gute kommen, worin das eigene Subject
eingewachsen, selbst erwächst. Bisher standen oftmals nur historische Leichen zur
Disposition – sie freilich von grandiosester Form, in ihren Skeletten selbst noch imposant,
jetzt jedoch treten zugleich Vivisectionen hinzu, aus der Hülle und Fülle des bunten
Völkergetümmels überall aufgegriffen, und in der Vergleichung beiderseitiger Daten, sowie
der dadurch gelieferten Ergänzungen, mag manche Verhüllung zerrissen, manch´ ungeahnter
Ausblick in die Geisteswelten eröffnet werden.“ [Hervorh. KPB]
340
stammelnd428 das Geschehen nicht besprechen will, das nicht erwachsen werden
und sich dem Geschehen aussetzen will. Er bleibt in seiner Kinderstube, wo er
sich Phantasmagorien der Welt ersinnt oder mit seinen Bauklötzchen spielt, die
ihm wie das Wahrhaftige schlechthin erscheinen. Ihnen gibt er sowohl
paralogische Bezeichnungen wie „Grund allen Seins“ und „absoluter
Ursprung“, als auch eulogische Namen wie „Jenseits“ und „allmächtiger Gott“,
die bloße Laute sind und kein geschehensgerechtes Sprechen.429 Anders
ausgedrückt: die infantische, ludische Spekulation bleibt im Anfang stecken,
indem sie den Anfang absolut setzt und alles auf ihn bauen, alles aus ihm
erklären will. So wird die arché dasjenige, was zum einen jede Wahrnehmung
verunmöglicht430 und zum anderen alles Inchoative blockiert. Die arché ist
dasjenige, was jedes „weiter“ in ein „zurück“ zurückfallen lässt, jedes hin in ein
her wandelt, die foglich die Unruhe in sich selber situiert, die aber als UrAnfang keinen Ort haben darf. Die ortlose Unruhe des Uranfangs, der stets auf
sich zurück fallen muss, ist sogleich das Urbild der Uhr, die stets aufgrund ihrer
Unruhe im Kreis sich dreht, die nie weiter läuft, sondern immer nur abläuft. Das
spekulierende Infans dreht sich im Kreis um sich selbst und glaubt in der
ständigen Wiederkehr des Eigenen das Ursprüngliche erkennen zu müssen, das
nur aus dem Jenseits des im Kreis abgezirkelten Horizontes kommen kann. Das
Eigene als arché und die arché des Eigenen erlauben alles andere nur als Kopie
ihrer selbst zu denken, das sich, solange es anders ist, seiner Kopiehaftigkeit
428
Bastian spricht in: Die Vorgeschichte, 1881:122 vom „zaghaft hörbaren Lallen“.
vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:223: „Das Denken lebt sich selbst in seinen
Kausalitäten, innerhalb der aus rationell verfolgbarem Prinzip umgreiflichen
Relationsbegriffe, während ein (in Paralogismen [Hervorh. KPB]) unbedachter Schritt (oder
Wagesprung) über die umschriebenen Grenzen hinaus in der causa sui (wie im "ÆJ\TH
"ÆJ\T<) an jedesmaliger •kPZ, als "ÆJ\" (in causaler Vierfachheit), beim Ursprung (des
Anfangs) stecken bleiben würde, sobald der Anhalt an die vom logischen Rechnen
präsupponirte Eins verloren gegangen sein sollte.“; ders., Controversen IV, 1894:186f.: „So
lange der Eucharistie die Eulogien (zur Vertheilung als Surrogat) sich anschlossen, waren
damit, in die Hände Böswilliger, gefährlichste Zaubermittel (die sonst nur heimlich, gegen
hohen Preis, vom Fetizero er erschwingen sind) umsonst gegeben (um mitzuwirken für den
Ausbruch der Hexen-Epidemien).“ [Hervorh. KPB].
430
vgl. Bastians Polemik gegen Haeckels „Schöpfungsgedanken“, deren Kern Häckel „als
Sparren im Gehirne sitzt“ Bastian, Offener Brief, 1874:26
429
341
noch nicht bewusst ist. Es ist noch nicht zu sich selbst, d.h. zu seiner wirklichen
Ursprünglichkeit zurück gekommen, d.h. es entzieht sich noch dem Uhrwerk der
Eigentlichkeit, dem technizistischen Fortschritt des homo in machina, der
diesem Fortschritt alles und in erster Linie sich selbst opfert, selbst wenn er noch
so sehr gegen die Technik als solche ankämpfen mag und sie dadurch befeuert.
Im Uhrwerk des Eigentlichen hofft der spekulative Mensch, dass seine Zeit des
Untotseins endlich ablaufe, damit das echte Leben beginnen könne; d.h. im
Uhrwerk versucht der Mensch sich gegen das Totsein zu wappnen, gegen ein
Leben, das jeden Moment vorbei sein könnte, das eben ein noch-nicht-totes, ein
untotes ist, dessen unausweichliche Konsequenz der Tod ist. Es ist ein gerade
mal, gerade im Augenblick mal nicht Totes. Im Vermessen der Zeit glaubt er,
die Momente, wo das Auslöschen geschehen könnte, beherrschen zu können.
Der spekulative Infans mit seiner Spieluhr glaubt, dass alles Geschehen
außerhalb ablaufe, und dass es dieses Außerhalb, wenn es dann bei ihm, im
Ursprung ist, beherrschen kann, dann also, wenn es stets auf sich, d.h. auf ihn
zurück fällt und er die Spieluhr ein weiteres Mal laufen lässt. Immer wieder.
Wer oder was nicht auf sich selbst zurückfällt, um sich immer wieder von
neuem beginnen zu können; wer oder was sich nicht stets regeneriert, um
seinem Alter zu entkommen, der ist gewissermaßen außer sich, d.h. der ist
sowohl von der Warte des Technizismus als auch der Spekulation her gesehen
wahnsinnig: der tickt nicht richtig! Bastian zeigt hingegen auf, dass gerade der,
der tickt, die Unruhe in sich trägt, die jede Wahrnehmung verhindert und,
bestenfalls, Unsinn, schlimmstenfalls, die Katastrophe erzeugt. Der Mensch tickt
bei Bastian nicht, er ist der Takt (:[email protected]<)431 der Interferenz selbst. Die Materie
431
vgl. Bastian, Das logische Rechnen, 1903:131: „„Aus Absicht einer allerhöchsten Vernunft
entsprossen“ (s. Kant), ist die Anordnung der Welt zu betrachten, denn falls in die Dinge (die
BV<J" PkZ:"J") für die „concatenatio rerum“ der „Nous“ (b. Anaxagoras) seine (Welt-)
Ordnung nicht hineingelegt hätte, wäre sie dem [nach seines (dem Nous entflossenen) Logos
Reden] ordnenden Denken überhaupt nicht vorhanden, das All in Nichts – „id quod
cogitamus, quando plane non cogitamus“ (s. E. Weigel) – verkehrt, und jede Denkarbeit von
vornherein erspart. Die Idee der Existenz stammt aus dem Selbstbewusstsein (s. d´Alembert),
342
ist schon die Uhr, das Metronom der Verstörung, das Geschehen bedarf keiner
künstlichen Uhr, es kann an sich selbst ablesen, wie weit die Verstörung
fortgeschritten ist. Die Wahrnehmung, das Denken des Menschen ist nicht die
Unruhe des Seins, sondern seine Ruhe, sein Auge das Auge des kosmischen
Sturmes. Was tickt, ist aus dem Sinn gefallen. Was tickt, ist schon die Explosion
selbst. Der Mensch, der richtig ticken will, hört das Ticken des Geschehens, des
„Gesammt-Apparates“ nicht: der hört sich selbst nicht! Der Mensch, der alles
tut, um endlich richtig zu ticken, löst die Kettenreaktion der Explosion aus, ist
der Zeitzünder der Revolution.432 Nur in dem Wissen, dass je im eigenen Auge
die ruhende Mitte allen Geschehens liegt, wo Geschehen, Wahrnehmen und
Denken in eins fallen und ihr Sinn somit sinnigerweise erst entsteht, ist der
Fortgang des Geschehens als Abklingen der Verstörung möglich. Alles andere
potenziert die Interferenz, in der die Schwingungen wirbelnd sich im Kreise
drehen.433 Bastian kritisiert hier klar die Aufklärung, deren Kind er doch ist.434
für den Mensch, als „Metron“ der Dinge [Hervorh. KPB] (s. Protagoras), bei (Parmenides´)
Identität des Denken und Sein ("ÛJ` Jg <@gÃ< i"\ Jg gÉ<"4).“
432
vgl. Bastian, Controversen I, 1893:11: „Je mehr in Ausverfeinerung der Civilisation wir
uns gewöhnt haben, an intellectueller Tafel zu schwelgen, desto mehr ist das Verständniss
verloren gegangen für das: „Wie das Volk denkt?“ der grossen Masse in gesellschaftlicher
Ordnung, die also, wenn durch Missgriffe (und gefährlichste oft bei bester Absicht gerade) in
Unordnung gebracht, das Gesammtgebäude zum Zusammensturz bringen muss, wie bereits
angezeigt in den Vorläufern revolutionärer (Krisen oder) Katastrophen, welche wenn bisher
auch glücklich noch überwunden, doch bei jeder Wiederholung sich gefährlicher gezeigt
haben, (und in steigenden Progressionen), so dass von der nächsten, die kommen wird, nichts
Gutes zu erwarten steht, oder jedenfalls doch ein hartnäckiger Kampf (auf Leben und Tod),
weshalb wir wohl thun werden, unsere Arsenale im Voraus zu füllen, mit dem durch die
ethnische Psychologie angebotenen Rüstzeug (soweit bewährt erfunden).“
433
MiG II:22: „So lange der Mensch versucht, aus dem dunklen Urgrund heraus, von dem
unerreichbaren Horizont herüber, die Bedeutung des Daseins zu construiren, wird er sich in
nutzlosen Speculationen umhertreiben, Luftgebäude errichten, denen jede natürliche Basis
fehlt. Der Knotenpunkt des menschlichen Wissens schlingt sich in seinem eigenen Auge, an
ihm muss er festhalten, auf den dort gegebenen Daten aufzubauen beginnen, und in dem
Gleichgewichte der Gegensätze die sichere Basis der Naturwissenschaften findend, mag er
dann von der ruhenden Mitte aus, vorwärts oder rückwärts folgern, um zu erkennen, wie weit
ihm die schon gewonnenen Erfahrungen zu schließen erlauben. Auf relativer
Verhältnissmässigkeit beruht alle Erkenntniss und nur ein zufälliges Mehr oder Minder
unterscheidet das Objective des Wissens von dem subjectiven Glauben. Die Auflösung der
letzten Gründe ist stets vergeblich von den Menschen angestrebt, wenn er, ein integrierender
Theil des Ganzen, dieses, als ein Aussersich, meint anschauen zu können. Nur aus der
343
Forderte die Aufklärung die Perpetuierung der Uhr435, die Vermessenheit des
Menschen436, so zeigt Bastian, dass der Mensch sich als Maßgeber aller Dinge
vergreift; dass er vielmehr die Dinge allererst wahrnehmen lernen muss, indem
er sich als ihr Maß in dem Sinne begreift, dass sich durch die Wahrnehmung die
Dinge in ihm vermessen. Erst wenn er sich selbst als dieses Maß erkannt haben
wird, wenn er wissen wird, wie er selbst als Eichstrich, als Maßeinheit, als eins
des Maßes eingesetzt ist in den Zusammenhang der Dinge, dann, erst dann wird
er ermessen können, was geschieht; was geschieht, wenn er denkt.437 Im
Erkenntniss der ewigen Wechselwirkung vermag das organische Gesetz der Bewegung
hervorzuwachsen.” [Hervorh. KPB].
434
siehe Koepping 1995.
435
siehe zur Metapher der Uhr in der Aufklärung: Dr. Wilhelm Höck, Maschinen mit Seelen,
Manuskript einer Radiosendung des SWR2, gesendet am 10. Oktober 1997, 8:30 – 9:00 Uhr
(http://www.swr2.de/wissen/manuskripte/aufklaerung_4.html): „Die Maschine, als real
existierendes Gerät wie als Metapher, faszinierte das Zeitalter: das Uhrwerk, die Uhr, wurde
geradezu zu einem Zentralbegriff. Die Anfänge lagen weiter zurück: Schon die ganz frühe
Neuzeit erfand die mechanische Uhr, die zwar anfangs noch höchst ungenau ging, aber in
ihrem Ansatz durchaus als Mittel verstanden wurde, die Zeit und damit die Welt in den Griff
zu bekommen. [...] Als später Descartes darauf bestand, daß die materielle Welt
maschinenförmig sei und kein beseelter Organismus, wie es noch ein Paracelsus, aber auch
ein Giordano Bruno gesehen hatten, schwebte ihm das Bild eines Uhrwerks vor, das völlig
exakt funktionierte.“. vgl. a. Mayr, Otto: Uhrwerk und Waage. Autorität, Freiheit und
technische Systeme in der frühen Neuzeit. München: Beck, 1987; vgl. a. die Kapitel „Uhrzeit
und Heilszeit“, „Die Zeit beginnt zu ticken“ und „Die tickende Zeit ist ihrer Zeit voraus“ in:
Marianne Gronemeyer: Das Leben als letzte Gelegenheit. Sichherheitsbedürfnisse und
Zeitknappheit, Darmstadt 1996:76-87.
Bastian, wenn er sich auch gelegentlich der Metapher des Apparates, wie wir gesehen habe,
schließlich ist er ein Kind seiner Zeit, anschließt, hängt doch vielmehr der These von der Welt
als Organismus an, vgl. Bastian; Die Vorgeschichte, 1881:62 Anm. 1: „Die Einheit des
Lebens ergiebt sich aus der Tiefe und allseitigen Abhängigkeit, die alle Verrichtungen unter
einander verkettet, aus der innigen und mit Nothwendigkeit zweckmässigen
Zusammenwirkung der einzelnen Theile, die fortwährend von Einem Punkte aus alle
Körpertheile beeinflusst, aus jenem durch Ebenmaass, durch Freiheit, durch unverbrüchliche
und innerste Nützlichkeit ausdrucksvollem Bande, das aus dem Namen „organisch“ das
ideale Beiwort geschaffen hat, mit welchem wir Ordnung, Zusammenhang, Harmonie,
Freibeweglichkeit, kurzum Lebensfähigkeit einer jeden Schöpfung des menschlichen Geistes
beilegen, den Gesetzen, der Kunst und allen Zweigen der Wissenschaft (Moleschott). Der
Sociale Organismus ist ein realer gleich den Einzel-Organismen der Natur (s. Lilienfeld).
Alles und jegliches Leben ist Organismus (R. Schmidt).“
436
siehe dazu auch: Stephen Jay Gould: Der falsch vermessene Mensch, Frankfurt, 1988.
437
vgl. Bastian, Controversen I, 1893:13f.: „Für das, was über die „Lehre vom Menschen“ zu
sagen ist, wird nur Ein Zugeständniss verlangt: dass nämlich das Denken ein Rechnen ist (im
Sinne Hobbes´ oder Leibniz´).
344
Menschen ermisst sich immer schon das Geschehen. Jedes Vermessen
seinerseits des Daseins ist Vermessenheit, die außerhalb des eigenen Ermessens
liegt. Jede Selbstvermessenheit klärt nicht auf, sondern verdunkelt und
verdüstert das Denken, beunruhigt es. Der vermessene Dualismus von Mensch
und Natur lässt das Geschehen außer sich geraten und setzt den Menschen
außerhalb des Geschehens, d.h. der Natur. Er begibt sich jeder
Naturwissenschaft, da er über der Natur stehen will, weil er sich, umringt von
ihr, vor ihr fürchtet. Nicht naturwissenschaftlich erzeugt die Spekulation die
alten Götzen, gegen die die Aufklärung angetreten war, in neuer Form. Der
Mensch erkennt nicht, dass er im Zentrum des Geschehens steht, im Auge des
Sturmes, nicht als Herr des Sturmes, der Interferenz, sondern als Mitgerissener,
Mitgeschehender. Das Auge des Sturmes ist seine einzige Möglichkeit der
Wahrnehmung – und auch der Hoffnung, dass, da Ruhe ja der Unruhe
innewohnt, auch der Sturm sich legen kann. Das Auge des Spekulanten glaubt
den Sturm systematisch erschließen zu können und versucht ihn als
Festgestellter zu verkaufen. Bastian erkennt das als das wirkliche Außer-sichsein, wo mit willkürlichen Synthesen als angeblich validen Wissensinstrumenten
und nachhaltigen Epistemperformanzen gehandelt wird: als Mythologie, als
Mit dieser einen Concessio, (hier jedoch freilich als unbedingt gültiger), mit solcher
Homologie (in gleichartiger Logik), hätte sodann, da die mathematische Grundlage aller
Erkenntniss durch massgebende Autoritäten anerkannt ist (von Pythagoras bis Kant), das
Uebrige (im „Arithmetisiren“) sämmtlich von selbst zu folgen (aus den Folgerungen), unter
zwingender Nothwendigkeit (durchwaltender Gesetze).
Das Rechnen (als Addiren und Subtrahiren) setzt seine Eins voraus, und die Frage also stellt
sich zunächst: wo sie finden? (für den Beginn).
[...]
Hier wiederholt sich die Vorfrage, wohin die Eins zu setzen sei? – wie für anorganische Natur
in den Stoicheia oder Elementen erprobt (seitdem die Chemie zur Klarheit gelangt ist, aus
alchymistischem Gewirr) -, wo? sie zu setzen sei für biologische Entwicklung, der die
Menschengattung angehört, psycho-physisch (im Influxismus) und gesellschaftlich
vorbedinglich schon (beim Character des Zoon politikon).
In „conditio sine qua non“ wird der Gesammtüberblick des Menschengeschlechts verlangt,
durch Raum und Zeit, nach geographischen Wandlungen (wie umschrieben) und die
historischen Phasen hindurch (in cultureller Entwicklung).
Und, wenn ausgehend von der einfachst nüchternen Eins, leuchtet es derselben dann zum
Ziel: JÎ @â «<gi" (des Telos), wie auch gefasst (je nach der Zeitströmung und den daraus
fühlbaren Bedürfnissen).“
345
Denken von illud tempore und verkehrter Welt.438 Dieser Rückfall – das Hin und
Her der Unruhe – in diversifizierende Mythologeme desavouiert nicht den
unifizierenden Leidgedanken – Gott, arché -, der denkend errungen wurde,
sondern nur sich selbst als Rückfall. Die „großen“, die „heiligen“ Gedanken, so
blind sie auch sein mögen, sind notwendig. Von hierher erklären sich einige
Paradoxe bei Bastian. Jedes Geschehen soll ja gerade seinen „Heiligen
Gedanken“, seinen Leitgedanken oder Æ[email protected] [email protected](@H generieren, um ihn
gewissermaßen ad acta zu legen. Wo sich aber das Denken am Gedanken
aufhält und ihn zergliedert, entsteht die Parataxe der Ereignislosikeiten.
Zergliedernde Gedankensysteme produzieren nicht eine Hierarchie des Denkens,
in der das Denken an erster Stelle, an vorderster Front, an der Heilsposition den
Ereignissen gegenüber stünde, sondern die Belanglosigkeit vereinzelter
Trugbilder, die je einen tieferen, angeblich nicht profanen Sinn simulieren. Das
folglich ebenso parataktische Verzeichnen dieser Gedankensplitter ermöglicht
nach Bastians Ansicht die Auffindung des einen Gedankens, der gerade noch im
Geschehen stand, der folglich unverstellt und elementar ist. Es handelt sich um
keine künstliche Synthese, auch wenn es so aussehen mag, sondern in der Tat
um Analyse: ein Freilegen aus den vielen statischen Zerstreutheiten des einen
wirklich Gedachten im geschehenden Nun der Wahrnehmung, um so diesen
Gedanken endlich so zu ermessen, wie er sich längts im Menschen als
wirklicher und wirklich wirkender, d.h. geschehensdeterminierender, ermessen
hat. Im nachträglichen Erkennen der Relevanz im Denkgeschehen – und nicht
der Bedeutung im Geschichtsverständnis – wird der Gedanke als elementare
Folge einer Serie erkannt, die unendlich weiterläuft, wenn man sie denn lässt.
Der eine Gedanke ist der hieros logos, der heilige Held, der Märtyrer, also der
Zeuge des einzelnen Geschehnisses, die Eins des Ereignisses, die es vollständig
verzeichnet. Im hieros logos kann ich dem Geschehen auf die Spur kommen, wie
438
MiG I:12: „Die Ideen des Ewigen und Unendlichen aber, als letzte, und deshalb aus den
relativen Verhältnissen völlig losgelöste Abstractionen sind in der That von jeder Controle
346
es eben geschieht. Alles andere ist Mythologie, also das redundante, halbwertige
Denken einer Mythe und nicht das vollwertige des Geschehens.439 Folglich muss
aber umgekehrt die Analyse vom Mythologischen ausgehen, von den einzelnen
Kultursplittern. Bastians Weg verläuft folgendermaßen: erst soll das Sammeln
der Symptome die Synopse vorbereiten, dann soll die Synopse die Analyse des
Syndroms vorbereiten, schließlich soll die Analyse das Verbindende und
Verbindliche, den hieros logos, den heilenden Gedanken erkennen. Jede
Synthese würde die synoptische Diagnose verhindern. Die Symptome
erschienen als parataktische (Krankheits-)Herde des Geschehens selbst: Bastians
parataktische Verzeichnisse, die dem einzelnen Symptom seine Interpretation
als eigenständiger Bedeutungsherd nehmen, um den Weltenbrand, den
Wundbrand des Geschehens in dem misslichen Glauben, das Dasein angenehm
heimelich zu erwärmen, nicht noch mehr anzuheizen, geben dieser Tatsache
Ausdruck. Sie sind mitnichten Kennzeichen einer mangelnden Kohärenz seines
eigenen, Bastians, Darstellungsvermögens, wie es ihm so oft unterstellt wurde.
Parataktische Inkongruenz wird von der Hybris gezeugt, alles im eigenen
Gedanken (intuitiv) ermessen zu können, weil er, der eigene Gedanke, Ursprung
aller Dinge sei. Es ist diese anmaßende, das falsche Maß gebende Hybris, die
noch die Kritik an Bastian nährt und somit die fruchtbare und kritische
Auseinandersetzung mit ihm vereitelt: sie weiß schon alles vorweg in der
Verdoppelung des eigenen Gedankens, ohne den anderen überhaupt in
Augenschein zu nehmen und ihn über seine Gründe zu befragen. Bastians
Gedanken zeigen sich aber zumeist nicht im Aufgebotenen, sondern in der
Weise des Aufbietens. Das so parataktisch Erscheinende hat durchaus eine
absolvirt und so zu aller Art von Spuk höchst brauchbar, wie einst die mythologischen
Popanze.“
439
MiG II:77: „Aus solch incongruenten Elementen stoppeln sich überall die
Volksmythologien (so lange nur an mechanische [sic! Hervorh. KPB] Nebeneinanderstellung
der Gedanken, statt an ihre logische Verbindung durch die Idee gedacht wird) zusammen,
zumal wenn nicht einmal ein Æ[email protected] [email protected](@H, als Canon, anerkannt ist, und das Geschäft der
Symboliker, überall tiefsinnige Beziehungen zu sehen und diese als das Ursprüngliche zu
347
hierarchische Methode, d.h. es soll einen heilvollen Sinn kat exochen haben.
Und gerade hier müsste die wirkliche Kritik ansetzen und fragen, in wie weit
Bastian sich selber gerecht wird. Bastian konnte zwar den performativen
Selbstwiderspruch vermeiden – aber hat er nicht somit auch das Ansprechen
überhaupt gemieden? Bleibt das Nachsprechen des Un-Sinns nicht unsinnig,
wenn ihm der Sinn des Angesprochenen fehlt? Ja ist denn das Geschehen an
sich oder eben nur immer wieder einmal gestört? So müsste fragen, wer Bastian
beachtlich kritisieren will. Es muss fairerweise, um die Darstellung nicht
distanzlos erscheinen zu lassen, erwähnt werden, die Kritik allerdings weiter
auszuführen ist meine Aufgabe hier nicht. Denn innerhalb des Bastian´schen
Denkens hat seine Weise jedenfalls Sinn, und den versuche ich hier bezüglich
ihrer Grundmotivation darzustellen. Gehen wird also auf die statthabenden
Bewegungen zurück, die innerhalb seines Denkens möglich und gar nicht
unsinnig waren und sind.
Für Bastian wird vieles, was sinnfällig erscheint, unsinnig, und zwar in
der Weise, dass es nicht für sich Sinn hat, sondern vielmehr in einem großen
Sinngefüge steht. Jede egozentrische Äußerung und jedes autotelische
Engagement zeigen lediglich den Un-Sinn, den sie zeitigen müssen, egal
welcher couleur sie sind. Denn in der blinden Hybris der Selbstermächtigung
sieht das Ego nicht, dass es in einem umfassenden Geschehen steht, dessen
momentane Geschichte es darstellt. So ist z.B. der „Kosmopolit“, der sich
überall auf der Welt zu Hause fühlt, weil er schlichtweg sein Haus nie verlässt
und wie einen Käfig – oder ein Fass, vor dem er ungezwungen onanieren darf –
mit sich schleppt, etwas gänzlich anderes wie die kosmopolitische Sichtweise,
die um das kosmische Geschehen weiß, dessen politischer Spielball der Einzelne
ist. Wer kosmopolitisch denkt, der denkt im (zoonpolitischen) Geschehen und
haftet nicht einem fixen Gedanken des solitären Kosmospolitismus an; und er
engagiert sich auch nicht dafür, dass die Welt sich so gestalte, wie er es gerne im
betrachten, statt auf ihre mögliche Entwicklung zurückzugehen, ist jedenfalls ein sehr
348
eigenen Hause hätte. Der kosmopolitisch Einsichtige richtet die Welt nicht nach
der autotelischen Einbildung aus, sondern – was sonst? – lässt sie geschehen,
weil er weiß, dass aufgrund der Gesetzlichkeiten jede Erregung abklingen muss
und sich in kosmisches Wohlgefallen auflöst. Es hätte sonst nie eine Erregung
gegeben, da ohne grundlegende Harmonie der ganze Kosmos schon längst bei
der kleinsten Regung in sich eingestürzt, resp. nie entstanden wäre; er wäre eine
Totgeburt gewesen, resp. noch nicht einmal das, weil es da keine Mater, keine
Matrix gegeben hätte, die tot hätte gebären können; in einem infiniten Regress
hätte sich alles immer schon bis in die Unendlichkeit hinein in nichts aufgelöst –
noch das Auflösen selbst. Es hätte nie irgendetwas, auch die Verstörung nicht,
gegeben. So ist z.B. der Sklavenhandel440, den Bastian sehr wohl
unmissverständlich als Störung und als ein Zuverurteilendes erkennt, dennoch
ein notwendiges Übel auf dem Weg zur Bewusstwerdung des kosmischen
Geschehens. Innerhalb der irdischen Geschichte der Verstörung des Geschehens
ist er völlig sinnlos, sinnloses Blutvergießen, sinnlose Auslöschung, die die
Verstörung vergrößert. Doch in der Potenzierung wird sich dieses Ereignis
selbst verzehren und lehren, wie sinnlos es ist. Bastian argumentiert nicht von
dem Postulat einer angeblichen Menschengleichheit her, wiewohl er, das sei
betont, keinesfalls Evolutionist ist. Man erinnere sich nur des Streits mit
undankbares.“
440
MiG I:223f.: „Selten ist es den für oder wider den Sklavenhandel Streitenden bewusst, dass
sie nur als die Marionetten der hinter den Coulissen stehenden Weltgeschichte spielen, die,
um das Menschengeschlecht zur harmonischen Einheit kosmopolitischer Anschauung zu
führen, es nicht weiter erlauben darf, dass ein breiter Küstengürtel von Blut und Brand einen
der fünf Continente als todte Masse aus dem lebendigen Wechselverkehr der übrigen
abscheidet. Das Losungswort der Menschengleichheit ist dabei nur eine der historische
Fictionen, deren sie zur bequemeren Erreichung ihres Zweckes bedarf, und die, wenn dieses
gelungen ist, ihrerseits wieder zerfallen wird, denn ein communistisches Niveau kann
nirgends in Natur und Geschichte bestehen. Der Sklavenhandel muss sein Ende finden,
damit Africa in den Kreislauf seiner typischen Entwicklung trete; aber körperliche oder
geistige Sklaverei wird unter gemildertem Ausdruck und in gemilderten Formen überall
statthaben müssen, wo die Gesellschaft in verschieden gefärbten Straten übereinander
lagert.“[Hervorh. KPB] Bastian benutzt hier geomorphologische Metaphern (wie er für das
Erdgeschehen anthropomorphe, i.e. organismische, Metaphern verwendet): in der Interferenz
des Gesellschaftlichen kommt es zu Sedimentationen und Konglomerationen, die schließlich
durch Erosionen sich wieder auflösen werden.
349
Haeckel. Menschliche Gleichheit ist ihm eine autotelische Idee, die das
Geschehen verzögert, statt dass sie es in Ruhe geschehen lässt. Niemand ist
Bastian gleich, weil alles auf eine zugrunde liegende Einheit zurück zu führen
ist. Andernfalls wäre sie evident. Menschengleichheit würde bedeuten, dass es
unabhängige Individuen gäbe, die außerhalb des Geschehens stünden, außerhalb
der einzelnen Wirkzusammenhänge. Nur dann könnte man sie vergleichen und
für gleich befinden. Sie lassen sich nur gleich begründen. Wie könnte ich sonst
die unterschiedlichen Wirkgefüge erkennen? Ich würde nur mein eigenes
kennen – und es wegen seiner Selbstverständlichkeit nicht beachten.
Unabhängige, egalistische Individuen sind des Denkens nicht fähig, gäbe es sie,
wären sie so tot wie jeder Kristall, da sie nicht mehr wahrnehmungsfähig, fähig
zur Nahrungsaufnahme, da ja unabhängig, wären: unverbunden mit der
Verkettung der Dinge geschieht in ihrem Wahrnehmungsinnern nichts, nichts
geschieht mehr für sie, sie geschehen nicht mehr. Aber wo die Verstörungen, die
Differenzen der Interferenz und die Interferenzen der Differenz statthaben, d.h.
wo innerhalb des Geschehens einzelne Geschichten aufeinander stoßen, sich
verwirren, sich verwickeln und sich im Auge als dem Zentrum des Geschehens
verketten, wird es stets zu Brandherden wie dem der Sklaverei kommen, die nur
unter Kontrolle zu halten sind, indem man sie nicht zu bezwingen versucht, da
jeder Zwang die Verwicklung, also die Komplexität erhöht, und bestimmt keine
Linderung des Leides bewirkt. Bastian widersteht jeder einnehmenden Idee,
erscheint sie in unseren Augen auch noch so wertvoll, weil er den
vereinnahmenden Tendenzen nicht widerspricht, mögen sie auch noch so
gewalttätig sein und in unseren Augen verwerflich, sondern sie einfach nicht –
weder positiv noch negativ – unterstützt. In seinen Augen sind es, wie gesagt,
allesamt notwendige Übel, die eine Interferenz notwendig mit sich bringt auf
ihrem „Rückfall“ in die Harmonie; nur dieser Rückfall hat für ihn Sinn und
rechtfertigt jeden Vorfall; jede selbstermächtigte Rechtfertigung des einen oder
anderen würde den Rückfall nur behindern und damit den Vorfall aufbauschen.
350
Bastian hat keine eigene Ethik, weil a) eine eigene Ethik völlig sinnlos ist, und
weil b) eine sinnfällige Ethik dem Kosmos immer schon allein aufgrund der
Tatsache, dass er existiert, eingeschrieben ist. Und wenn Bastian von
Marionetten spricht, die wir seien, darf man keinesfalls sich von dem vertrauten
Bild einnehmen lassen und nach dem Marionettenspieler fragen, sondern die
Fäden, an denen wir hängen, in den unendlichen Schwingungen des Kosmos
selbst suchen, die in der Interferenz sich verwickeln und Verkettungen von aus
ihnen Angeschossenem (Ex-sistierendem) hervorrufen, eben die Marionetten,
die wir sind. Wir sind in den Fäden nicht verwurzelt, sondern hängen an ihnen
wie an einer „wurzellosen Wurzel“441. Wir müssen die Geschichte der
verwickelten Verkettungen so lange mitspielen, bis sich die Geschichte entwickelt hat, bis die Schwingungen wieder manifestationslos fortschwingen, d.h.
sich in keine Verstörung mehr entäußern. Entwicklung heißt bei Bastian nicht
Auskristallisierung (z.B. einer festen Ethik), sondern Dekristallisierung,
Auflösung des Angeschossenen, Ent-Wicklung des Seins, weg von den
Gedanken des Seins hin zum Denken des Geschehens: Deontologie, i.e. nicht
am Sein statisch festzuhalten und seinsversessen zu sein, sondern dynamisch das
Geschehen fortschreiten zu lassen und damit geschehensgelassen zu werden.
Unter moralischem Fortschritt versteht Bastian also gänzlich etwas anderes wie
der landläufige Sinn, der für ihn an sich stets sinnlos, d.h. unruhig und daher irr,
umher läuft. Dieser Sinn sagt nur etwas über den Verlauf des Landes aus – und
sonst nichts. Doch blind dem eigenen Land gegenüber versucht dieser Sinn Land
zu gewinnen, d.h. sich an sich zu expandieren. Er ist in seiner Moral
besitzergreifend, d.h. ontologisch, und in seiner Legitimation ontotheologisch: er
lügt, also ist er im eigenen Sinne unmoralisch und auch im eigenen Sinne
unsinnig, da er in seiner Landläufigkeit noch nicht einmal sich selbst besitzt, in
seiner Unruhe keinerlei Land gewinnt, stets nur welches verliert, weil ein
441
Bastian benutzt lange vor Deleuze und Bateson die Metapher des Rhizoms, um die
menschliche Seinsweise im Wirkgefüge zu versinnbildlichen. Bastian nennt z.B. in: Das
351
besetztes, ein aus dem Wirkzusammenhang gerissenes Land immer schon
verloren ist. Dieser Sinn kann nur im volksmundlichen Sinn Land gewinnen,
nämlich sich verflüchtigen. Der ontologische Sinn tötet das, was er ersinnt, wie
z.B. sich selbst, indem er ihm (sich) seinen Sinn nimmt. Er ist gewissermaßen
ein gedanklicher Midas, dem alles, was er zu fassen sucht, in unnahrhaftes Gold
sich verwandelt: alles sieht so sinnig aus, hat aber keinerlei Bezug mehr. Nichts
wird mehr wahrnehmend aufgenommen. Alles sieht so aus, wie wenn es schon
wahrgenommen, für wahr genommen wäre: wie wenn es seinen Sinn schon
hätte. Dieser goldige Sinn versinnbildlicht Bastian mit seinem „toten Kristall“:
er ist von kristalliner Struktur, aber tot, paradoxerweise also reines Sein; Sein,
das zu sich zurückgekehrt ist und authentisch wurde. Ontologisches Sein in
seiner Authentizität ist totes Sein; Sein, das sich dem Geschehen verweigert,
indem es die eigene Geschichte dergestalt zu Ende gebracht glaubt, dass das
eigene Endstatium als Sinn alles Seins zementiert wurde und nur noch kopiert
werden darf. Bastian hält die moralischen Gesetze und Gesetzlein, welch holder
Provenienz auch immer, für blanken Unsinn442, da durch ihre angebliche AbSicht jede Tat, d.h. jede ent-wickelnde Fort(be)zeugung vereitelt wird; da die
Gesetze existieren, ist jeder zu eitel, geschehensadäquat zu handeln; der kluge
Mensch werde schon von selbst ein Einsehen haben, wenn man ihn nur
logische Rechnen, 1903:36 explizit die Verflechtung im Geschehen gleich der Verwurzelung
einer „wurzellosen Wurzel“. i.e. Rhizom.
442
MiG I:243f.: „Die moralischen Principien, durch welche der Räuber sich von seinem
Verbrechen hätte abhalten lassen sollen, sind eine selten durch die Erfahrung geprüfte
(oder wenn geprüft, vielfach als hohl bewährte) Phrase Solcher, denen in ihren weidlichen
Lebensgenüssen die Energie einer männlichen Thatkraft verloren gegangen ist. Es ist leicht,
eine gewaltsame Erwerbung von Eigenthum zu verdammen, wenn man eine angenehmere und
leichtere Weise kennt, und es ist natürlich, dass die Verdammung mit um so grösserer Schärfe
ausgesprochen werden wird, je mehr man von jenen Gewaltthätigkeiten zu fürchten und
Nichts zu gewinnen hat.
[...]
Ein wie mit religiösen, so mit den stofflichen Substanzen eines Mittagessens wohlgenährter
Spiessbürger wird keinen Mord begehen eines Glases Wasser halber, so sehr auch sein durch
Gewürze verbrannter Mund das lange Ausbleiben desselben bejammern mag. Setzt ihn in die
Wüste unter die Gluth des heissen Samum, wo die augenblickliche Verlängerung seines
Lebens von dem Schluck kühlen Getränkes, das ein schwaches Kind neben ihm zum Trinken
352
genügend aufklärt, d.h. für ihn aufklärerische Schriften verfasst, die keinerlei
Geschehen angemessen sind, weil sie für alles und jeden gültig sein sollen. Doch
im Kosmos walten andere Gesetze, solche, die nicht das einzelne Ego
ontologisch anhimmeln, sondern die Gesetze der Natur, wie das der Entropie
oder das des geringsten Widerstandes; d.h. letztendlich wird immer das
Geschehen sich durchsetzen und die Enklavierung des Selbstüberheblichen
aufbrechen, auch die des Sklavenhändlers. Und es werden auch die
Enklavierungen aufgebrochen werden, in denen sich Einzelne häuslich
eingerichtet haben, sich sehr wohl darin fühlen und im heimischen Kreis,
heimlich sozusagen, statuieren, dass es der Welt allgemein gut gehe, wenn alle
nur so leben würden, wie sie selbst, jeder müsse es sich nur auf die nämliche
Weise gemütlich machen, dann werde es mit dem Allgemeinwohl schon werden.
Der gutmeinende, sozialhygienisch engagierte Hausherr des vorbildlichen
Eigen-Heims denkt, da er allzu fern von jedem unheimlichen Geschehens wohnt,
allerdings nicht daran, dass es ihm sehr ungemütlich würde, würde sich jeder so
einrichten wollen wie er. Man bräuchte dann nämlich seine Einrichtung, die er
bestimmt nicht so freigiebig wie seine dezidierten Ideen hergeben würde. In den
Augen Bastians wird aus jedem selbsternannten Gutmenschen („gedankenvoll
und tatenarm“) eine agitierende Bestie, wird er nur in entsprechende Umfelder
gestellt, nämlich in die, in die er diejenigen vertrieben hat, die hatten weichen
müssen, damit es ihm gemütlich werde. Je gepanzerter ein solches Haus, sei es
mittels Religion, Staatsräson, Militärmacht, Objektschutz oder gesundem
Menschenverstand, wird; je behaglicher sich die Einwohner aufgrund der durch
Panzerung gesicherten Enklavierung fühlen, um so verweichlichter werden die
zunehmend ahnungsloser werdenden Insassen werden, da sie meinen, sie hätten
es nicht mehr nötig zu agieren, sie müssten nur noch tun, was sich gehört.443
Alles was sie noch tun, ist auf Ausweitung der Panzerung zu insistieren, Raum
ansetzt und nur mit seinem Blute loslassen würde, abhängt, und seht, was er thun wird.“
[Hervorh. KPB]
443
vgl. MiG I:244ff..
353
fürs eigene Volk zu fordern. Aber irgendwann wird auch die schlimmste
Panzerung, so Bastians Zuversicht, zur Blase, die instabil wird und in sich
zusammen fällt. Sodann wird sich die wahre Natur derer, die sich aufgrund der
Panzerung so stark fühlten, zeigen. Es wird sich zeigen, dass die
Vervollkommnung, die sie an sich verwirklicht geglaubt haben, nichts weiter als
eine Verstümmelung ist, nicht unähnlich den Mutilationen in einem
französischen Park.444 Die Ideale eines essentiellen So-Schönen und So-Guten
sind nach Bastian Beschneidungsapparate, mittels derer man die Natur zu
beherrschen glaubt, indem man sie zerstört; es sind Simulationsapparate, die die
Macht über die angeblich eigene Natur dadurch beweisen wollen, dass sie
autonome Rekreations- und Prokreationspotenz vortäuschen. Jedoch
manifestierten sie einzig die eigenen Ideen, an die nun mehr nicht mehr nur
geglaubt wird, sondern von denen man fortan überzeugt ist, sie seien
unverbrüchliches Wissen. Aber die Beschneidungs- und Vermessungsapparate
produzieren nichts anderes als den Weltschmerz, welcher sich in der
hor(r)o(r)logischen Sentenz „omnes vulnerant, ultima necat“ am deutlichsten
ausspricht. Seien es ontologische Gottesbeweise, die sich syllogistisch im
Teufelskreis drehen, zwanghafte Nächstenliebe, die sich einen Teufel drum
schert, was der Nächste will, oder seien es humanistische Ideale, die inhuman
dem Menschen diktieren, wie er gefälligst zu sein habe, sie alle sind nach
Bastian unsinnig und die Verstörung anheizend445, denn sie besänftigen keine
444
vgl. zur Bastian´schen Raumsemiotik von Parklandschaften und zu dem Begriff der
Mutilation: Buchheit 1997:11f.; Buchheit, Koepping 2001:22.
445
MiG II:42f.: „Neben der Idee des Schönen tritt die des Guten nach aussen, das Erwachen
der Seele zur Gotteseinheit ruft das Gebot der Nächstenliebe hervor, verkörpert sich in den
gläubigen Idealen der Religion. Alle diese Erzeugnisse reihen sich der Weltanschauung ein,
sie standen am geistigen Horizonte und als sie dort später von den eindringenden Barbaren
entdeckt wurden, die den griechischen Morgentraum nicht mitgeträumt hatten, meinte der
scholastische Verstand, dass er sie zu erklären das Recht habe, wie alle überlieferten
Naturprodukte, und machte sich, trotz freundlichster Zuneigung, unbarmherziger als die
Eristiker und Dialektiker Megara´s über Aristoteles´ und Plato´s geistige Schöpfungen her,
die seine besser an das Schlachtschwert gewohnten Hände mit täppischer Unbeholfenheit
zerdrückten. Die glänzende Idee, ihrer Schmetterlingshügel beraubt [also nicht mehr im
Geschehen stehend; KPB], lag hülfloser, als früher die Raupe, am Boden. Anselmus, dem es
Gott verdankt, ontologisch bewiesen zu sein [man lasse sich diese Formulierung auf der
354
Angst, provozieren sie vielmehr. Bastian wird je gegen sie polemisieren446. Ihre
spekulative Kritik an seiner angeblichen Substanzlosigkeit kann ihn nie treffen,
da es ja stets ihre eigene ist, die sie bei ihm finden. Zudem treffen seine
Kritiker447 ihn nicht, weil sie – wie auch die Adaptationsversuche – ihn auf eine
Idee, auf einen Standpunkt festlegen und mittels eines Kriterium festmachen
wollen. Ohne sich seine Denkbewegungen näher anzusehen, war ihr Urteil als
praejudicium praecipitantiae448 schon gefällt. Sie nahmen einzelne
Versatzstücke, die herpräperiert wunderbar in ihre negierenden oder
adaptierenden Konzepte passten. Bedeutungsvoll als Schlagwörter
implementiert gingen sie aber ihres Hinweischarakters auf das Statthabende
verlustig, wurden zu stattlichen Zeugnissen sowohl der Ignoranz wie der
Arroganz. Kurzum, im so-sinnigen System wurden sie unsinnig, denn der Sinn
lag schon im künstlichen System fest. Nichts anderes passierte nach Bastian
schon in der Realität: der Kosmos ist ein System mit offenem, unendlichen
Sinn, dessen einzelne Manifestationen an sich nur sinnlos sein können. Vielmehr
markieren sie bereits immer schon den Sinn, d.h. sie verweisen auf das System.
Passe ich die Manifestationen in künstliche Systeme ein, lösche ich ihre
Sinnmarkierungsspur aus, ich lösche das Verzeichnis des Geschehenssinnes und
des Denksinnes, d.h. des Denkstromes im Geschehen. Die bisherige Kritik an
Bastian war unsinnig, weil sie den Bastian´schen Denkstrom verfehlt, weil sie
aus Angst vor Kontamination seine Denkbewegungen nicht performativ
Zunge zergehen und frage sich, wie es um die Bastian’schen Formulierungskünste bestellt ist!
KPB], hielt die Dialektik für geeignet, um Vernunftschlüsse des Glaubens in Wissen zu
verwandeln und Raymund Lullus meinte die Geheimnisse der Incarnation aus natürlichen
Gründen unwiderleglich constatiren zu können.“ Bastian lehnt also nicht die Ideen des Guten,
des Schönen und der Nächstenliebe ab, solange sie nur als Ideen und Ideale, entsprungen
einem bestimmten Geschehen, d.h. ausgesprochen in einem konkreten Fall, kenntlich bleiben.
Wird aber essentialistisch das So-Schöne, So-Gute und die Agape ontologisiert, weiß er ihnen
gegenüber nur noch blanke Ironie ins Feld zu führen.
446
vgl. exemplarisch: Bastian, Offener Brief, 1874:passim.
447
vgl. hierzu auch: Buchheit 1997:10ff..
448
Bastian konterte nie mit dem praejudicium auctoritatis [vgl. Bastian, San Salvador,
1859:331 Anm.: „Der Authoritätsglaube ist der Krebs des Fortschritts.“], sondern nur mit der
In-Frage-Stellung fertiger Urteile durch die Möglichkeiten neuer Erkenntnisse mittels
realisierter Geschehnisse.
355
nachzuvollziehen bereit ist. Solche Kritik ist immer monotopisch euphorisch,
d.h. sie lässt in ihrer jovial spottenden Aufgeregtheit nur das Eigene gelten.
Bastian seinerseits war nie euphorisch einer Geschichte oder einer Kultur oder
einem Gedanken gegenüber, sondern adiaphorisch in bezug auf alle
Geschichten, Kulturen und Gedanken. Sein gelegentliches Pathos entsprang
dieser Euphorie der Adiaphorie, dem Wissen, dass im psychischen Grunde alle
gleich unmittelbar zum Geschehen stehen, dass aufgrund der gewissen
Partizipation Heilungschancen des Wundbrand des Seins bestehen.449 Jeder
449
vgl. z.B. folgende „pathetische“ Stelle: MiG I:29f.: „Wohl zieht bittere Wehmuth ein, der
bange Schmerz der Verzeiflung in manches Herz, wenn es plötzlich Alles so öde und leer um
sich erblickt, wenn alle die heiteren Phantasiegebilde, die freundlichen Göttergestalten, an
deren Munde er als Knabe so gläubig hing, die glänzenden Ideale, für die sich der Jüngling
begeisterte, wenn alle sie in ein Nichts verschwinden, in leere Nebel zuerfliessen. Es sind die
Klagen des verzärtelten Schwächlings, der die Natur nur aus den Fenstern der Ammenstube
hatte kennen lernen, der jetzt, wo man ihn hinausgetrieben, vor jedem Windstoss zittert und
sich nach seinem weichen Bette zurückwünscht. Wäre unsere Generation in der Schule
psychologischer Grundsätze erzogen worden, wir würden die alberne Periode des
Weltschmerzes erspart haben. Zu seiner Vollkraft ausgewachsen, muss der Mann in sich die
genügendste Befriedigung fühlen. Wohl sehen wir rings um uns nur das Walten in ihrer
letzten Ursache unverständlicher Gesetze, aber wir sehen sie zusammenwirken im
harmonischen Einklang; wir haben kein festes Ziel, dem wir entgegenstreben, aber wir haben
auch die Lüge entlarvt, die uns durch Luftspiegelungen täuschen wollte, wir haben nicht die
tyrannischen Launen eines eifersüchtigen Gottes zu tragen, wir fürchten nicht mehr, wenn ein
mächtiger Feind unsern Schützer aus dem Himmel treibt, mit ihm in den Abgrund der
Vernichtung zu versinken, wir zittern nicht mehr bei dem entsetzlichen Schauspiel, wo der
Welt allmächtiger Schöpfer sich selbst zum Opfer darbringen muss, um drohende Gefahren
abzuwenden. Wir trauen auf keine fremde Hülfe, denn jede Hülfe ist trügerisch, wir stützen
auf keinen Stab, denn jeder Stab mag morsch sein und unter uns splittern. Das Joch ist
zerbrochen und wir sind frei. Frei wie der Vogel in der Luft, frei wie der Fisch im Wasser,
frei wie der Baum auf offener Wiese. Sind sie nicht sich selbst genug in ihrer Freiheit,
begehren sie eines äusseren Eingriffs, da jede Beschränkung nur schaden kann? Und was ist
es, das das Menschenherz begehrt? Das Ganze zu kennen, von dem es nur ein integrirender
Theil ist. Kann es hoffen, es jemals anders zu verstehen, als in dem Momente seines
Mitwirkens in dem allgemeinen Zusammenhange? Kann ihm ein sicherer und ehabenerer
Trost geboten werden, als sich selbst ein Atom in der Unendlichkeit und Ewigkeit zu wissen,
unendlich und ewig, wie diese? Der Baum fühlt sich als Einheit, soweit seine Zweige reichen,
das Thier lebt innerhalb des Horizontes seines Sehorgans, der Mensch in der Peripherie
seines Denkens. Wenn sich in der Jugendzeit der Geschichte seine Vorstellungsreihen mit
idealischen Figuren schlossen, ist es nicht dieselbe Erscheinung, die er an jedem Individuum
wiederkehren sehen kann? Sollen wir, die wir jetzt im Vollgenuss des klaren Tages athmen,
uns in die längst verblassten Spiele vergangener Dämmerstunden zurückträumen? uns auf’s
Neue in die Sklavenfesseln unserer eigenen Phantasiegebilde schlagen? Lasst uns vielmehr
wirken und streben, damit wir nach gethaner Arbeit uns ruhig, wenn der Abend hereinbricht,
zum erquickenden Schlafe niederlegen können.“; vgl. a. von den Steinen 1905:238f..
356
kann, wenn er nur aufmerksam ist, das Geschehen in sich fühlen, fühlen, wie es
sich in uns denkt: das ist Bastians Pathos! Bastian ist der Überzeugung, dass nur
diese pathetische Partizipation, die keinerlei Überschwang des Eigenen, nur
Hingabe ans Einzelne im Ganzen kennt, keinen Gedanken zur fixen Idee und
unüberdenkbaren Blockade werden lässt. Wer das Ganze im Einzelnen, statt das
Einzelne im Ganzen zu fassen vorgibt, der heuchelt Diakritik und produziert
Hypokritik, gespiegelt an der eigenen unüberdenkbaren Blockade. Bastians
Pathos kennt nicht die Kolonialeuphorie, die andere Kulturen ausrottet; kennt
keine Geschichte als einzig wahre, gemäss der alle anderen entwicklungsgestört,
d.h. zurückgeblieben sein sollen. Nur die adiaphorische Haltung leugnet das
Geschehen nicht; die euphorische verweigert sich hingegen jedem weiteren
Gedanken: sie will den einen Moment, der für immer stillstehen und auf ewig
währen soll; sie will folglich die äußerste Disharmonie, vergleichbar nur dem
unerträglichen, andauernden Sinuston. Die Euphorie des So-Seins ist Folter
allem Lebendigen gegenüber, weil sie es monoton am Leben hindert – und sei es
selbst die Lebenseuphorie.450 Eine Kritik, die sich nicht nur darauf kapriziert,
450
vgl. z.B. die völlig unsinnige Kritik von Kramer 1981:77: „Nirgends hat er menschliche
Beziehungen geknüpft, und seine Biographen sind sich darin einig, daß er vollkommen einsam
war.“ Seine Biographen stimmen höchstens darin überein, dass sie sehr flüchtig in seine
Bücher geschaut haben, und dass sie sich ansonsten in der Produktion von biographischen
Gemeinplätzen zu übertreffen versuchen. Würde man diese Biographien Satz für Satz
analysieren, würde sich zeigen, dass hier nicht jemand beschrieben werden soll, sondern dass
er möglichst rasch abgeschrieben und für erledigt erklärt wird. Sie sind Musterbeispiele für
unliebsame Musternachrufe, im Grunde beliebig verwendbar.
Was anderen „Beziehungen“ sein mögen, das fällt bei Bastian unter die Rubrik
enklavierenden „Weltschmerzes“ und tyrannischer „Stimmungen“, die unnötig erregen, aber
nicht in Beziehung setzen; vgl. z.B. von den Steinen 1905:240: „Wirklich verhasst war ihm
jede Sentimentalität ... „die Albernheit des Weltschmerzes“. Das Wort „Stimmungen“ löste
seinen heftigsten Widerwillen aus.“. Stimmungen sind für Bastian Egozentrismen, die die
Wahrnehmung vernebeln, folglich die Teilnahme am Geschehen behindern – man ist viel zu
sehr mit sich selbst und den eigenen Ideen beschäftigt, als dass man sich auf etwas anderes
einlassen könnte. Bastian hatte die heute so beliebten Authentifizierungsstrategien, die
besagen, dass man nur ethnologische Aussagen treffen darf, wenn man alle Welt,
insbesondere jeden hinterasiatischen Vorstadtrelevanten lautstark als Freund bezeichnen kann,
nicht nötig. Bastian fand seine kompetenten Kontaktpersonen, gleichgültig davon welche
Relevanz ihnen angeblich zukam, auch ohne sentimentale, beliebtheitskompetitivistische
Legitimation. Eine Kritik an Bastian kann nur aus dem Bastian´schen Denken selbst
gewonnen werden. So könnte man, wiederrum nur parenthetisch, anfragen: muss die
357
ihm unverständige Partizipationslosigkeit, erratische Blockhaftigkeit
vorzuwerfen, weil er ihre Kriterien nicht teilt, sondern sich auf sein Denken,
ohne es freilich nachzubeten, einlässt, wäre Bastian durchaus gelegen
gekommen. Eine derartige Kritik muss die Ruhe haben, wirklich nachzudenken,
um mögliche Gedankenmetastasen aufzufinden. Bastian wusste sehr wohl, dass
nur ein Denken, das im Denkgeschehen steht, also in der Auseinandersetzung,
vor engstirnigen Metastasierungen gefeit ist und im Fluss bleibt, d.h. sinnig und
sinnfällig. Er weiß zu gut, dass einem die eigenen Fehler am wenigsten
auffallen, dass ihre Wahrnehmung ja gerade der Hybris des Ego, das seine
Selbstlosigkeit exaltiert exponiert, zum Opfer fällt, weil sich niemand der
Verstörung entziehen, man sich ihr höchstens bewusst hingeben kann. Das ist
der Sinn der Sache. Wer das nicht wahrhaben will, läuft aufgeschreckt und
voller Unruhe vor der eigenen Geschichte davon, meinend, er mache sie; der
verrennt sich unweigerlich im Labyrinth der Verstörung, die Verstörung
fliehend: er wird um so wahnsinniger, je mehr er vor der Verstörung flieht451, je
adiaphorische Haltung nicht gelegentlich und angelegentlich euphorisch sein, um wirklich
adiaphorisch der Euphorie gegenüber zu stehen, d.h. um auch sie gleich gültig sein zu lassen?
Sind nicht totale Euphorie und Adiaphorie ohne Euphorie gleichermaßen totale
Verleugnungen des Geschehens, gerade je mehr sie entweder ein einziges Geschehnis oder
das ganze Geschehen totalisieren? Steht denn, um den Satz Rankes noch einmal für Bastian
zu adaptieren, wirklich die Wahrnehmung jedem Geschehen gleich unmittelbar gegenüber?
Es bedarf doch der speziellen Analyse, spezieller Mittel, um kulturelle Blockaden und
theoretische „Brillen“ aufzuheben. Niemand wusste das besser als Bastian selbst, der in
diesen Blockaden und Brillen die egozentrische Stimmung erkannte, die als Sparren im
eigenen Gehirn steckt. Allerdings braucht eine solche Kritik die Grundlage einer
vorhergehenden ethnographischen Erfassung des Bastian´schen Denkzusammenhanges unter
besonderer Berücksichtigung seiner iatrischen Ambitionen. Nichts anderes versuchen wir hier
zu bieten.
451
Diese Ansichten sind, betrachtet man sie von der Warte rezenterer Forschung aus, nicht so
abstrus, wie sie vielleicht erscheinen mögen. Zu ganz ähnlichen Ansichten in bezug auf das
Selbst kommt Ronald D. Laing, z.B. in: Phänomenologie der Erfahrung, Frankfurt 1969, da
insbesondere S. 133: „Vom entfremdeten Ausgangspunkt unserer Pseudo-Gesundheit aus ist
alles offen. Unsere Gesundheit ist nicht „wahre“ Gesundheit. Ihre Verrücktheit ist nicht
„wahre“ Verrücktheit. Die Verrücktheit unserer Patienten ist ein Artefakt der Destruktion
von uns an ihnen und von ihnen an sich selbst. Niemand sollte annehmen, daß wir auf mehr
„wahre“ Verrücktheit treffen als auf wahre Gesundheit bei uns. Die Verrücktheit, der wir bei
„Patienten“ begegnen, ist eine grobe Travestie, ein Hohn, eine groteske Karikatur dessen,
was die natürliche Heilung jener entfremdeten Integration sein könnte, die wir „geistige
Gesundheit“ nennen. Wahre Gesundheit bewirkt in der einen oder anderen Weise die
358
weniger er sich auf sie einlässt; je weniger er ihre eigene Logik begreift.452 Der
Wahnsinn, wie Stillosigkeit, die kritikasterseits Bastian unterstellt wurden453,
sind nicht Zeichen einer echten Krankheit oder Entfremdung454, sondern eines
Willens (i.e. das willentliche Folgen der Insinuationen des „es“), aus der Unruhe
des Menschen in der Geschichte auszutreten, gerade indem man sich ihr hingibt,
um zur Ruhe zu kommen. In der Ruhe fand Bastian gute Beweggründe, sich auf
die grassierende Unruhe einzulassen. Man gibt sich dem ganz gewöhnlichen
Wahnsinn des Lebens anheim. Auf diese Weise konstruiert man kein angeblich
sinniges Heim, das vor den Vicissituden des Lebens schützen soll, indem es
einen raushält. Man hält vielmehr seine Verpflichtung, die
Teilnahmsbedingungen sozusagen, dem Geschehen gegenüber ein. Das Leben in
seinem Auf und Ab und seiner Turbulenz ist nichts als ein gestörter Teil des
Geschehens. Das Wahnsinnige zeigt, dass der Mensch in der Geschichte als
solcher keinen Sinn hat; Sinn erhält er nur, wenn man ihn auf das Außerhalb der
Harmonie, auf die Manifestationen zurückführt und er so seinen Weg erkennt:
durch die Manifestationen (accounts, Interferenz) hinab in die Harmonie, per
Auflösung des normalen Ego, jenes falschen Selbst, daß unserer entfremdeten sozialen
Realität völlig angepaßt ist – und das Auftauchen des „inneren“ archetypischen Vermittlers,
durch diesen Tod eine Wiedergeburt und die eventuelle Re-Etablierung einer neuen Art von
Ego-Funktion. Das Ego ist nun Diener des Transzendenten und nicht mehr sein Verräter.“
452
MiG I:XIX: „Eine jede Besprechung, wenn vorurtheilsfrei und gerecht, ist willkommen;
eine hastige unüberlegte wird sich selbst den Hals brechen, da nur ein sorgsames Studium
des ganzen Planes die Fallthüren und maskirten Batterien, die in der Construction versteckt
sind, als zu derselben gehörig entdecken und auffinden wird.
[...] am freudigsten aber werde ich den begrüssen, der mir Fehler in den logischen
Rechnungen nachweist, da dadurch stets eine neue Belehrung gewonnen sein würde.“ –
Vogue la galère!
Kritik wurde dann allerdings nicht in der gewünschten Art angebracht, sondern eher stets so,
wie die von Marx, die exemplarisch stehen kann [zitiert in: DasGupta 1990:2]: „Mit seiner
„naturwissenschaftlichen“ Begründung der Psychologie bleibt er bei dem frommen Wunsch.
Andererseits die „psychologische“ Begründung der Geschichte beweist, daß der Mann weder
weiß, was Psychologie ist, noch was Geschichte ist.“
453
siehe Kramer 1981:74ff..
454
Kramer 1981:80: „Bastian war überzählig, weil er allen Kulturen entfremdet war.“ Diese
Aussage kann sich nur leisten, wer a) allen Kulturen verbunden, wer allen Kulturen zugezählt
ist, und wer b) über das Seinsmaß aller Dinge verfügt, so dass er über überzählig oder nicht
entscheiden kann. Ob Kramer wirklich dieser panontologische Inkulturator aller Kulturen ist?
359
aspera ad astra, nur das letzteres ebenso bereits Teil an uns hat, wie ersteres455.
Der Mensch in der Geschichte ist ein manifester Zufall, der sich konsequent
entwickeln muss, bis das interferente Zu-Fallen und Zusammenstoßen abflacht
und sukzessive wieder an Ruhe gewinnt. Wäre der Mensch nicht kontingent,
sondern notwendigerweise von einem Gott geschaffen, müsste man einsehen,
dass es ein blinder Gott gewesen war, der nie hatte wahrnehmen wollen, was er
geschaffen hatte. Ein solcher Gott verhindert autotelisch und egoistisch die
Harmonie, die er und die in ihm allein sein soll. Für Bastian ist aber die
Harmonie nicht göttlich, sondern kosmisch. Sie ist das einzig Tröstende, weil sie
nämlich – so paradox und oxymoros das klingen mag – zur Ruhe antreibt.
Bastians Unruhe dient dem Zur-Ruhe-bringen der Unruhe des menschlichen
Seins. So jagt er der Unruhe hinterher wie der Hase in der Fabel dem Igel,
allerdings derart, dass er den Witz des Geschehens bloßstellen will, nämlich den
Trick der Dualität, dass es in der Tat zwei Igel gibt. Die Reduktion der
trickreichen Redundanz soll aufzeigen, wie sinnlos das Gerenne des Hasen ist;
die vorgegaukelte Dualität erweist sich als verdoppelter Igel. Ein Igel ist wie der
andere. Es ist gleichgültig, welchem man sich zuwendet, hauptsache man weiß
um seine Abhängigkeit. Die Dualität ließ den Hasen an seinen eigenen Sinnen
zweifeln. Fällt die Dualität des verdoppelten Igels in die Einheit zweier Igel
zurück, kann der Hase endlich aufhören zu rennen, er kann endlich wieder zu
Atem kommen, ihn systolisch, bzw. diastolisch ausgleichen. Keine
Hyperventilation erzeugt mehr Halluzinationen dualer Scheinrealitäten. Die
Ausformung eines guten Stils hieße gleichsam, um in der Fabel zu bleiben, die
Perfektionierung des Laufstiles. Doch auch perfektioniert würde der Hase in
sein Unglück, in den Tot rennen, obgleich glaubend, er hätte die List des
455
Bastian ist aber nicht so sehr der stoische Zähnezusammenbeißer als vielmehr der fröhliche
Sammler, dem seine Wissenschaft, auch wenn sie noch so notwendig ist, ja weil sie
notwendig ist, Freude macht. Weil alles bereits als Teil der Harmonie erkannt ist, bereitet das
Sammeln jeder Quisquilie Lust, i.e. Befriedigung. Vgl. Bastian, Controversen I, 1893:VIII:
„Warum nach viel saurer Arbeit, die nicht erspart worden ist (noch werden konnte), das
Leben ausserdem unnöthigerweis noch versauern? jetzt zumal, wo, nach Ueberwindung lästig
mühseliger Vorarbeiten, die Arbeit anfängt eine lustig fröhliche zu werden [...].”
360
Schicksals überlistet. Das Dissimulierende eines guten Stils, der alles Gehetzte
verleugnet, führt dazu, dass die Unruhe und Gehetztheit unbewusst und
vegetativ wird: die Verstörung dissimuliert die eigene Symptomatik, was der
Horror eines jeden Iatrikers sein muss. Der sogenannte gute Stil ist für Bastian
immer ein trügerischer Stil, der simuliert – die Dualität von Simulation und
Dissimulation fällt auch hier in eins –, dass alles in bester Ordnung sei, während
derweilen die Verstörung metastasiert. Ein guter Stil verleugnet das innere
Geschehen, will es in seiner verstörenden Fülle nicht wahrnehmen und denken.
Stillschweigende Ausmerzung, die vorgibt, dass das, was sie ausmerzt, ja gar
nicht real, sondern überzählig sei, schafft klare Kontur. Ein guter Stil will die
Wirklichkeit nicht wahrhaben und deshalb der Verstörung nicht denkend auf die
Spur kommen. Sie existiert für ihn einfach nicht. Ein guter Stil liebt das Denken
nicht, das sich an der Überfülle der geschehenden Verstörung delektiert, um sie
denkend abzutragen, sondern liebt die fein hergerichteten Delikatessen, die ihre
Herkunft und die unsinnige Unruhe bei der Zubereitung, die von der Angst und
dem hämischen Missmut („l´homme qui médite“) herrührt, möglicherweise nicht
perfekt zu sein, nicht preisgeben sollen.456 Diese Häppchen stopfen jedoch, wie
Bastian sich auszudrücken beliebt, „dem unlustig bellenden Magen (des
noëtischen Organismus) den Mund [...] oder, dem leiblichen, sein Maul“
mitnichten.457 Kurzum, davon wird die notleidende Welt weder satt noch heil.
456
Vgl. Bastian, Der Völkergedanke, 1881:128: „Unbequem Alles das für diejenigen, die mit
fertigen Gedanken gefüttert sein wollen, aber ein Hochgenuss für die Gourmands im Denken,
die sie kennen die Freude, mit Selbstschöpfungen überrascht zu werden.“ Da die Gourmets
also gefüttert werden müssen, sind sie noch im Zustand der Infantilität, die Gourmands
hingegen die Erwachsenen, entwachsen, sofern sie wirklich Gormands sind, dem Autismus
der Kindheit. Siehe zur Infantilität bei Bastian auch meine Ausführungen weiter oben.
457
Bastian, Das logische Rechnen, 1903:163f.: „Auch für die humanistische Existenzform ist
die „naturgemässe Lebensweise“, das Ò:@[email protected](@L:X<TH J± nbFg4 .−< (der Stoiker) zur
Empfehlung gekommen, in (Cicero´s) „vita beata sapientis (congruere naturae, cumque ea
convenienter vivere), aber obwohl „l´homme est l´ouvrage de la nature“ (s. Holbach) und (b.
Rousseau) „tout est bien sortant des mains de l´auteur des choses, tout dégénère entre les
mains de l´homme“ (l´homme qui médite est un animal dépravé) -, kommt solch
naturalistischer Naturzustand in Conflict mit den Erfordernissen der Cultur, da bei
Verquickung des Influxus physicus mit seiner psychisch verlängerten Entelechie auch die
geistigen Kräfte (aus civilisatorischen Angewöhnungen) congeniale Speisung heischen, um
361
Stilvoll geht vielmehr die Welt zugrunde. Ein guter Stil verzeichnet nicht,
sondern zeichnet ein falsches Bild. Solange die Unruhe der Geschichte, i.e. die
Sucht nach Perfektion aufgrund einer eingebildeten, vitiösen Angst, nicht zur
Ruhe gebracht ist, kann der Iatriker und Diagnostiker Bastian ebenfalls nicht zur
Ruhe kommen; solange wird er jedes Symptom verzeichnen müssen. Dreht sich
Perfektion und Angst im Kreis, will die Flucht hieraus eine akzelerative, lineare
Progression. Konstatiert man hingegen wie Bastian eine zirkuläre
Progression458, wird der Bannkreis von Angst und Perfektion linear und
sukzessiv zur Ruhe hin transzendiert. Dieser Chiasmus steckt Bastians Denkund Schreibbeweggrund ab. Bastian bewegt die Freude des Diagnostikers,
anhand der Symptome der Verstörung endlich auf die Spur kommen zu können
und zu bewirken, dass die Abwehrreaktionen forthin nicht mehr der Verstörung
zuarbeiten. Bastian denkt, wie die Zitate gezeigt haben, tatsächlich in diesen
Bildern. Er erkennt das Leben als Leiden, dass es zu lindern gilt. Palliative
verleugnen das Leiden und potenzieren es, indem das Leiden ohne sie, hat man
mit ihnen einmal begonnen, nicht mehr erträglich ist. Vergleichbar dem
Buddhismus459 kritisiert Bastian jedes sinnlose Anhaften, jede unruhige Suche
ihr Hungergefühl zu stillen und dem unlustig bellenden Magen (des noëtischen Organismus)
den Mund zu stopfen oder, dem leiblichen, sein Maul; was freilich (hier bereits) auf
Schwierigkeiten stösst, wenn Schmerzen peinigen aus dem Nothleid des Lebens (sofern die zur
Sättigung benötigten Mittel nicht ausreichen).“
458
Bastian, MiG I:335: „. Die Progression ist nicht eine lineare, sondern eine zirkuläre [...].“.
459
vgl. von Brück 1998: 85: „[...] die Erkenntnis, daß alles Anhaften an vergänglichen
Dingen zur Frustration führt – die „Wahrheit vom Leiden“ [....]“; ebd.:87: „Ein Problem
besteht in der Übersetzung des Begriffs duhkha (Pali dukkha), der meist mit „Leiden“
wiedergegeben wird, was aber nicht unproblematisch ist. Der Buddha analysiert:
1. Alles, was als Wirklichkeit erscheint, ist zusammengesetzt (samskrta).
2. Alles Zusammengesetzte löst sich wieder auf, ist also vergänglich (antiya).
3. Die Strukturmuster, nach denen sich Zusammensetzung und Auflösung vollziehen, sind sich
selbst erzeugende reziproke Kausalitätsketten (karman).
4. Das karman bewirkt, daß alle vergänglichen Dinge in gegenseitiger Abhängigkeit entstehen
und vergehen (pratityasamutpada).
5. Alles Vergängliche (anitya) aber ist „leidvoll“ (duhkha).
Alles Vergängliche ist leidvoll, und diese Leidhaftigkeit wird unterteilt in drei Grundformen
des Leidens:
- Leiden als solches (duhkhaduhkhata)
- das aus dem Fluß der Ereignisse entstehende Leiden (samskrtaduhkhata)
- das aus der Vergänglichkeit entstehende Leiden (viparinamaduhkhata).“
362
nach Sinn. Jede Suche nach Sinn ist sinnlos, da im Geschehen selbst schon der
Sinn liegt, der durch die Suche aus den Augen, aus dem Sinn gerät, eben
unsinnig ist. Der Sinn des Geschehens ist, dass es geschieht, und dass die
Geschichte (die beflissene Flucht in ein palliatives Immer-Mehr-haben-wollen)
zum Ende kommt, die Unruhe zur Ruhe. Dass also die Zirkularität der
Progression akzeptiert wird, die Vergänglichkeit allen Seins. Dass sie vielmehr
sogar freudig begrüsst wird, da sie die Vergänglichkeit des Leidens, das
Abschwellen der Verstörung impliziert. Wer an der Geschichte festhält, um
ihren Sinn zu finden, wird sich in der Geschichte verlieren, je mehr er auch
glauben mag, seinem Selbst auf der Spur zu sein. Er wird zu keinem Ende, sein
Leiden wird zu keinem Ende kommen. Wer unendlich sein will, ist unendlich im
Leid. Allein die Geschichte zu verzeichnen ist zwar langwierig genug und
bedeutet fast ebenso unendlich stets am Ende zu sein, aber nur fast. Das
achtsame Verzeichnen bietet einzig die Möglichkeit, im Abschwung auf die
zirkuläre Progression das Leid zu transzendieren, indem man im Geschehen mit
dem Geschehen vergeht, d.h. wird. Wer wird, entkommt dem unmöglichen Sein,
der Zeit des Leidens. Sein ist Leidenszeit. Abschwingendes, achtsames Werden
Auch im Buddhismus wird die Progression zirkulär gedacht („Kreislauf der Wiedergeburten“,
ebd.:96), um die Möglichkeit des Austrittes aus ihr zu erhalten, den Eingang ins Nirvana, wo
keine Wiederkehr das todbringende Anschießen aus der Mutterlauge mehr bewirkt, die
Materie, die Mater zur Ruhe kommt, vgl. die letzte Strophe der Metasutta, zitiert ebd.:96: „In
Ansicht nicht mehr sich ergehend, / Ein Tugendhafter, dem Erkenntnis eignet, / Die Gier nach
Lüsten hat er überwunden / Und geht nicht ein mehr in den Mutterschoß.“; siehe dazu:
Bastian, Ethnische Elementargedanken, 1895:1: „Als Grundfunktion der Erkenntniss (dem
Schulausdruck psychologischer Handbücher gemäss), durch die Erscheinungen der
phänomenalen Welt in seinen Empfindungen beeindruckt, lebt das Denken, beim Anschauen
der innerlich ausgestalteten Vorgänge, seine eigene Existenz (JÎ Ó ¦FJ4 .ä@<), um, in
Erlebung solcher Bethätigung, den „Mechanismus der Vorstellungsassociationen“ (s. Lotze)
verständlich zu durchdringen, - hinzudringen (aus innerlichem Drang) auf die Wesenheit (º
@ÛF\"), soweit zugänglich aus ihren Attributen (und wechselnden Modi). „Denken ist
Erkennen“ (s. Schuppe), und das in Cogitata (oder „Co-agitata“) Zusammengerüttelte mit
einander abwägend, wenn des „Pensums“ Lösung obliegt (in der Lebensaufgabe), führen die
„Denk-Gesetze“ aus Trennung und Verbindung auf die „Formen des Denkens“, zum
Umschreiben der Kategorien (mit den Weiterfolgen, und Folgerungen daraus), nachdem die
Aufmerksamkeit („Wichara“ des Abhidharma) geweckt ist, in dem (Erlösung anstrebenden)
Sehnsuchtszug, um (kraft der Dhyana) zu den Rupaloka sich zu erheben, beim Erwachen der
Buddhi, als „Denkorgan“ (oder Citta).“
363
wird Heilszeit, geht allmählich über in den leidlosen Ruheraum der Harmonie.460
Vorerst also ist Bastian gezwungen, auf jede Frage nach Endgültigem mit einem
„noch nicht“461 zu antworten. Keinesfalls kann einem Einzelnen und damit auch
nicht einer singulären Geschichte an sich und in sich Sinn zugesprochen werden.
Der Sinn der Geschichte besteht im Unsinn, im Erkennen des Unsinnes, nämlich
der Sinnesverstörung. Da die Geschichte als Interferenz un-sinnig ist, d.h. das
Geschehen sich dem Sinn des Singulären, also auch dem einzelnen Menschen,
entzieht, indem sie stets auf sich selbst zurückfällt, kann ihr auch keine sinnvolle
Deutung gegeben werden, kann sie nicht gedeutet und verstanden, sondern nur
wahrgenommen werden. Jede Deutung bedeutet einen Rückfall auf sich selbst,
auf die eigene Unsinnigkeit. Der Deuter erleidet dabei im nosologischen Sinne
einen Rückfall, die Symptome werden schlimmer. Die Noxe verläuft nicht gut,
der Einzelne wird rückfällig in seiner Sucht nach Perfektion. Ruhe wird als
Entzug vom Sein empfunden, als Ichverlust. Die rastlose Sucht nach
befriedigender Bedeutung erzeugt die abnormen Zustände des Ich. Die Angst
nimmt zu. Krampfhaft hält der Deuter an seinem Sinn fest und kommt nicht
mehr von der Stelle. Die Paralyse setzt ein, die Feststellung. Übertragen lässt
sich sagen: wie die Geschichte die verstörte und verstörende Enklavierung
460
vgl. MiG I:29f.: „Wenn sich in der Jugendzeit der Geschichte seine Vorstellungsreihen mit
idealischen Figuren schlossen, ist es nicht dieselbe Erscheinung, die er an jedem Individuum
wiederkehren sehen kann? Sollen wir, die wir jetzt im Vollgenuss des klaren Tages athmen,
uns in die längst verblassten Spiele vergangener Dämmerstunden zurückträumen? uns auf’s
Neue in die Sklavenfesseln unserer eigenen Phantasiegebilde schlagen? Lasst uns vielmehr
wirken und streben, damit wir nach gethaner Arbeit uns ruhig, wenn der Abend hereinbricht,
zum erquickenden Schlafe niederlegen können.“
461
Bastian, Der Völkergedanke, 1881:XVII: „Sobald wird es Musse noch nicht geben.“; oder
ders., Ideale Welten, Bd. I 1892:230: „ „Was kein Verstand der Verständigen sieht, das übt in
Einfalt ein kindlich Gemüth“ (nach apostolischem Wort des Dichters), da noch nicht all der
Staub aufgewirbelt, der das Augenlicht trübt, für nichts und wieder nichts, bei einfachster
Sachlage der Naturverhältnisse (auch für die Natur der Naturstämme). „Das im Denken nicht
Gedachte, das wodurch der Gedanke denkt, das ist das Selbst, und nicht worüber die
Menschen grübeln“ (nach den Upanishad).“; oder ders., Das logische Rechnen, 1903:14:
„Nicht um Glauben (im haltlosen „Meinen und Scheinen“) handelt es sich, sondern um
klardeutliches „Wissen“ nur, dem „Nichtwissen“ gegenüber, auf der im „Noch-NichtWissen“ überleitenden Brücke, für schrittweise prüfendes Vorgehen (an Hand der, bei
jedesmaligem „Non-liquet“ vorgeschriebenen, ¦[email protected] skeptischer Ephektiker).“ [Hervorh.
KPB]
364
(Noxe; bösartiges Geschwulst; Knoten; Metastasis usw.) innerhalb des
Geschehens ist, die selbst in ihrer demütigenden Selbststilisierung als
Marionette eines Spielergottes oder eines ludischen Weltgeistes sich
megalomanisch überhebt, so ist die Geschichtswissenschaft die Wissenschaft
der Enklavierung im genetivus subjectivus: sie ist der Enklavierung, dem
befestigten Horizont, der Weite simuliert, unterworfen, d.h. sie beschäftigt sich
mit der kompetitiven Deutung der eigenen Spiegelbilder, die an die Barrikaden
des Selbst projiziert werden. Sie betreibt sinnlose und neurasthenische
Spiegelfechterei. Nur die von Bastian intendierte Geschehenswissenschaft ist
Wissenschaft der Enklavierung (der epoché der Harmonie) im Sinne eines
genitivus objectivus. Braucht die Geschichtswissenschaft noch den Weltgeist –
in welcher Ausformung auch immer, sei es Gott, der freie Wille oder ein
personifiziertes Orthodoxon –, weiß die Geschehenswissenschaft, dass alle
doxa462 der Geschichte nur die Symptome sind, anhand derer man den
Geschichtsverlauf als Verstörungsverlauf erkennen kann; es sind die
impotenten, der Fort(be)zeugung des Geschehens unfähigen Wahnäußerungen
einer Krankheit, die es zum Abklingen zu bringen gilt. Geschichte soll sich
462
vgl. z.B. Bastian, Controversen IV, 1894:271: „Der Aberglaube ist ein Biglove oder
Beiglaube (avergelöf), des „superstitiosus homo“, der allerlei überher noch glaubt, neben
dem orthodox erlaubten Glauben (dessen Bekenntnis als Shiboleth gefordert wird.“; ebd.:245:
„Dann also handelt es sich nicht mehr (in Kreuz- und Querfragen der Ethik) um ein Meinen
und Scheinen (dialectischer Doxa), sondern einfachst deutlich um das Facit des logischen
Rechnens (eines Calculus rationalis), damit Einverständniss erzwungen und Ordnung
geschafft werde im Gewirr socialistischer Schäden, wie sie augenblicklich vornehmlich sich
fühlbar machen (als drängendste Zeitfrage, die ihre Erledigung heischt).“; ebd.:228: „Ein
gekrönter „Sabio“ meinte freilich, dass er es besser gemacht haben möchte, wenn über den
Schöpfungsplan im Voraus konsultirt, und obwohl es kaum rathsam oder angemessen dünken
müsste, einem Schöpfergott, der über den Gewässern schwebend, als omnipotent deklarirt
wurde, im Munde derer, denen er sich enthüllte, ins Handwerk (oder seiner Hände Werk) zu
pfuschen (zumal wenn einer Infallibilität mitzureden, ihre Rechte concedirt sind), braucht es
doch mit seinen irdischen Rivalen (mit Verlaub), den über ihren Hirn-Eiern brütenden
Schöpferlein, weniger penibel ängstlich genommen zu werden, da sie sich als impotent aus
dem Trümmerfall ihrer Systeme erwiesen haben, wenn zwischen geborstenen Säulen nur das
dankbarer Erinnerung geweihte Denkmal noch hervorsteht (im Nachklang des Namens).
Ohnedem verbliebe es innerhalb der Zunft, wenn wildfreie und (ziemlich-zahm) domesticirt –
mitunter auch (zum verbissenen Ingrimm des Relegirten) in wohlbestallten Pfründen
verdienstlicherweis gemästete – Amateure über einen Kamm geschoren werden, bei der
Tonsur für gemeinsamen Cult (einer hehrheiligen Sophia).“
365
wieder in Geschehen transformieren. Die Doxa, d.h. die Gedanken und
Gedankensysteme, sind manigfaltige Namengebungsversuche, um die einzelnen
Geschichtchen (Symptome) als das Eigentliche mittels Eigennamen benennen zu
können. Doch das, was geschieht und was da geschah, hat keinen Namen:
Bastian verzeichnet alle Namen, um sie aufzuheben; sie bezeichnen nicht, was
da geschah, sondern sind Zeichen dafür, dass etwas geschieht, nämlich eine
Verstörung. Denn nur eine Verstörung braucht Namen, um sich ihrer selbst
bewusst zu werden. Das Geschehen braucht kein Bewusstsein. Bewusstsein stört
die Harmonie. In der Harmonie muss nichts erkannt werden. In der Harmonie
geschieht alles von selbst. In der Harmonie muss sich auch niemand im
biblischen Sinne erkennen, die Prokreation des harmonischen Geschehens
bedarf nicht des Geschlechtlichen. Die Harmonie ist die Potenz allen Seins (also
der Verstörung, naturgemäß, wie Bastian zu sagen pflegt463) und Werdens. Das
Geschlechtliche ist Teil der Verstörung und wird als solche von Bastian
registriert464; die Unruhe des Geschlechtlichen zeugt den Unsinn der Verstörung
463
vgl. Bastian , Das Logische Rechnen, 1903:142: „[...] in der, seit Verlegung des
Ausgangspunktes aus der Deduction auf die Induction, auf den Kopf gestellten Welt, die aus
solcher Umkehrung (oder Verkehrung) naturgemäss wieder auf ihre Füsse hingestellt sein
muss (unter gegenseitiger Controlle).“; ders, Vorgeschichte, 1881:102ff.: „Soll die
Wissenschaft populär werden, sollen also die Errungenschaften der Gelehrtenarbeiten
günstig und fördernd auf den Gesammtorganismus der Gesellschaft zurückwirken, so muss
zunächst eine naturgemässe Verbindung hergestellt sein, ein wechselweises
Verständniss.“[Hervorh. KPB]
464
vgl. Bastian, Das Logische Rechnen, 1903:19f.: „Aus Religiosität des Zeitgeistes redet
verständlich dagegen sein innerer Logos, kraft allgemein durchwaltender Gesetzlichkeiten,
die (als geometrische „limes extensi“) mit den im Denken (arithmetisch) innaten
übereinstimmig, aus mechanistisch eisern kalten [sic! homo in machina; KPB] zu
dikaiosynisch gerechten sich umsetzen auf ethischer Scala (den „mathematischen Unterlagen
des All“ einbegründet). Und dorten dann mit congenial empfundener Liebeswärme vom
„Amor die intellectualis“ (Spinoza´s) durchglüht, in „Admiratio majestatis“ (s. Bernhard
Cl.), beim Staunen über die Wunder der Welt und die aus kosmischen Harmonien
hervortönenden Preisgesänge, haben sie das Herz bekümmernden Zweifelsfragen (in
„Passiones animae“) sich abzuglätten: wenn (bei Verlegung des Schwerpunktes aus dem
sexuellen auf den cerebralen Pol [Hervorh. KPB]) der „Calculus philosophicus“ die
Entscheidung abgiebt – falls das vom logischen Rechnen gezogene Facit als richtiges sich
erwiesen hat, aus doppelter Controlle (bei gewissenhaft angelegter Prüfung).“
Wie das Geschlechtliche (insbesondere das Gebären) bei Bastian keinem altherrenhaften
Lüsternheitseffekt entspringt, so ist auch das Erwähnen des Exkrementellen bei ihm nicht
„pennälerhaft“, wie Kramer urteilt [1981:79], sondern konsequent. Weil alles Materielle
366
fort; ein Paar versucht eine eigene Geschichte zu stiften und stiftet in Bastians
Augen nichts als Verstörung.465 Das Geschlechtliche (der Dualismus) zeugt den
Menschen in der Zeit sowohl in dualer Idealität (in der Idee von Mann und
Frau) als auch in dualer Realität (in dem folgenschweren Realen der Geburt, die
die Differenz von Leben und Tod markiert) fort. Der Mensch in der Zeit ist die
Störung der Harmonie. Im geschlechtlichen Kontakt zeugt sich die Verstörung
(„Hass und Streit“) aufgrund ihrer Kontagiosität (Bedürfnis nach mehr) fort, die
Verstörung breitet sich in der Harmonie epidemisch aus. Solange der Mensch in
der Zeit sich fortzeugt, wird er nicht zur Ruhe kommen. Solange der Mensch
Einzelnem die Bedeutung des Göttlichen gibt, wird er das Sein in der Zeit nicht
als die Störung der Harmonie erfassen, sondern als Schöpfungsgedanken.
Deshalb kämpft Bastian so vehement gegen das Christentum. Die
exkremental, d.h. ausgeworfen ist, findet alles Geschlechtliche innerhalb der Exkrementalität
statt. Es dient also dazu, das Materielle zu prokreieren, d.h. die Zeit der Verstörung zu
prolongieren. Kurzum: das Geschlechtliche ist die unruhige Fornikation des sinnlos
Exkrementellen; die Schreie des Geschlechtlichen sind die Annihilationen der Ruhe.
Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die geistigen Zeugungen aus den Hirn-Eiern der
Systematiker nicht die Aufhebung des Exkrementellen bedeuten, sondern Abtreibungen, weil
sie die Gedanken aus dem Exkrementellen treiben. Erst in der Verbindung von Denken und
Materie, also in der wahrnehmenden, denkenden Hingabe an das Geschehen der Dinge, also
auch der geschlechtlichen, geschieht wahrhafte Prokreation. Das Zusammenwirken der Dinge
ist, wahrgenommen, der Dünger des Geistes, der seinerseits die Dinge zusammenführt und
beruhigt. Vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:243: „Stets haben sich deshalb die
Rechnungsweisen erneuert, in philosophischen Systemen ohn´ Ende, aber stets haben sie nur
einen Abortus gezeugt, bald mehr, bald weniger missgestaltet, doch ohne Lebensfähigkeit
jemals, in jenen Zeitaltern der Deduktion, wie sie bisher die Kulturgeschichte beherrschte.“
465
vgl. Bastian, Das logische Denken, 1903:45: „ Gewichtigere Lebensfragen sind in der
„Psychologie Ethnique“ (s. Letourneau) dem Zeitgeist gestellt, als die im Hirnkasten der
verbildet Gebildeten eingenistete „où est la femme?“ (mit lüsternem Hinschielen). Und so
(aus Virtus der Virilität) wird der in Männlichkeit (virtualiter) tugendkräftig taugliche
Denkgeist sein (Denk-)Geschäft selber wieder in die Hand zu nehmen haben, um die von
hysterisch modelaunigen Anwandlungen eines „Ewig-Weiblichen“ durchseuchte Atmosphäre
rein zu fegen für klar deutliche Umschau über die in den Tagesergebnissen umherbewegten
Motive; und statt im Aufpäppeln einer künstlerisch herangezüchteten Drohnenschaar die im
Communalgut des Staateigenthums verfügbaren Mittel zu verplempern, werden dieselben
zweckdienlicher für naturforschlich volkswirthschaftliche Förderung verwendet sein, bei
Hinschau auf eine glanzvoll neu eröffnende Zukunft, wo statt Hass und Streit zwischen den
Menschenkindern dieselben geeint sein werden, in fried-freundlichem Verkehr (zum
gemeinsamen Besten der Gesellschaftskreise, wie jedes Einzelnen darin).“. Bastians
Einstellung zum Geschlechtlichen klärt wohl hinreichend, wenn man so will, seine
Kinderlosigkeit.
367
Schöpfungsgeschichte ist nicht die Tat eines Gottes, da sie die Unruhe in die
Welt brachte (selbst wenn man das Bewegende des unbewegten Bewegers
euphemistisch zu fassen versucht), sondern die Geschichte eines Abortus von
aus Hirn-Eiern gezeugten Gedanken. Sie ist zu bekämpfen, da sie die Menschen
mit falschen Ursprüngen abspeist (sättigt nicht; schafft Bedürfnis nach mehr;
keine Nahrung für einen noëtischen Organismus) und somit die Unruhe nach
hinten (petitio principii) und nach vorne (Utopie) verlängert. Die
Schöpfungsgeschichte macht blind für die Harmonie und begierig auf
Zerstörung aus Angst, der Andere habe mehr.466 Das Sein in der Zeit kann nicht
im Schöpfungsgedanken gefasst werden, sondern nur als Zote; der Mensch in
der Zeit ist der Witz, der entstand, als das Sein die Harmonie penetrierte. Die
Aufregung über den Witz, die Wellen der Unruhe müssen sich glätten, indem
der angeschossene Kristall sich als Totgeburt erkennt und die Mutterlauge sich
wieder beruhigt. Nichts soll anschießen. Die Erregungskurven abflachen. Nur so
können die erregten Erreger alles Erregten, die Menschen, zur Ruhe kommen.
Die Menschen sind die Erreger ihrer eigenen Verstörung. Das ist die
466
vgl. z.B. Batian, Lose Blätter aus Inden IV, 1898:62-79, insbesonder ebd.:72f.: „Im
Christenthum lag das Monopol einer Verehrung involvirt (aus semitischer Tradition). Im
(lateinischen) Polytheismus mochte, wie der Hiereus zur Ausschmückung seines Tenemos, der
Sacerdos mit dem ihm Heiligen schachern, und um die Einkommen seines Gottes zu
verbessern, die Zahl der Verehrer zu mehren streben. Der Staat mischte sich nicht hinein,
soweit die, mit den rechtlichen verwobenen, Institutionen (zur Wahrung der göttlichen
Rechte) in ihrer Heiligkeit gehütet waren.
Der Christengott hatte von dem sinaitischen die Eifersucht alleiniger Anrufung ererbt, und
während dieser auf sein auserwähltes Volks sich beschränkte, dem die Ausrottung der
Ungläubigen aufgetragen war, erweiterte jener seine Ansprüche über die ganze Menschheit,
da „alle Völker“ zu lehren, die Jünger ausgesandt waren.
Es kam dabei der dualistische Zwiespalt in´s Spiel, wie (mit Ketzerischer Ausprägung im
Manichäismus) aus Zoroaster´s Vorkampf (Iran´s gegen Turan) übernommen war. Dem guten
Gott trat sein (satanischer) Widersacher entgegen, der (dumm stupid genug) ihn in die Wüste
verführen zu können gemeint hatte, und da in den Zeiten der Trübsal und der Verfolgung die
„Ecclesia pressa“ unter der Tyrannei des Bösen geseufzt hatte, war jetzt die Zeit der Rache
gekommen, da die Hegemonie fortan nach der eigenen Seite umgeschwungen (bei Ahriman´s
Bekämpfung durch Ormuzd). Es konnte also kein Bekenner fremder Götter im Bereich der
alleinseligmachenden Kirche geduldet werden, da sie alle dem Feinde dienten (sein
Heeresgefolge vermehrend).
So bildete sich der Begriff des christlichen Staates, eine irdische Filiale zur Besiedelung der
„Civitas Die“ da droben (im „grossen Heer“).“[Hervorh. KPB]
368
Grunderkenntnis Bastians, von hierher nimmt er die Gewissheit, nichts zu
wissen, alles erst erfahren zu müssen. Jede Kolportage von Wissen wie jede
Prokreation von reiner Materie oder reinem Geist potenziert die Erregung, so
dass der Erreger sich für potent hält. Das ist nach Bastian („da sie sich als
impotent aus dem Trümmerfall ihrer Systeme erwiesen haben“ Controversen IV,
1894:228) impotentes Gehabe. Nicht das Weiterzeugen des Menschen ist Sinn
der kosmischen Existenz, sondern der Austritt aus der Geschichte, die keinen
Schöpfer hat, sondern erschöpft ist. Der Einzelne soll erkennen, dass er jeweils
Zentrum (Herd) unter vielen Zentren ist. Was er Ich nennt, ist das Epizentrum
einer künstlichen, aber sengenden Erregung. Erkennt der Einzelne sich derart
selbst, kann Ruhe und Glück eintreten. Das Selbst erkennt in sich nicht den
omnipotenten Pater oder die gebärfreudige Mater, sondern die tektonische
Welle, den Feuerfunken oder den Krankheitsüberträger, die, wenn sie zur Ruhe
kommen, nicht mehr infizieren.467 Ist der Witz der Geschichte, d.h. die
Geschichte als Zote von der geschlechtlichen Infizierung, verstanden, wird in
der Lust zum Lachen schon die Ruhe eingeleitet. Dann fängt „die Arbeit [an]
[...] eine lustig fröhliche zu werden“ [Bastian, Controversen I, 1893:VIII]. Das
Unbegriffene hingegen – also exakt das, was in allem Ernst glaubt zu wissen –
zeugt die Unruhe fort; das Nicht-Verstandene kann sich nicht im Verstehen
beruhigen und rumort weiter in der Dualität von Denken und Ungedachtem und
in der Produktion von falschem Sinn, der der Harmonie entgegensteht und den
467
vgl. Bastian, Die Seele indischer und hellenischer Philosophie, 1886:VII: „Jedenfalls wird
Niemand, der bei gesundem Verstande ist, selbst seinen Kopf verrücken, um ihre Thorheiten
mitzumachen und, (bei den drohenden Vorzeichen einer psychischen Epidemie ohnehin
schon), sich den Gefahren der Ansteckung auszusetzen, so dass der vernünftige Arzt hier
ebenfalls ein allopathisches Regime vorziehen dürfte. Denn (nach dem Urtheile Immanuel
Kant´s) „kann die anschauende Kenntniss der andern Welt allhier nur erlangt werden, indem
man etwas von demjenigen Verstande einbüsst, welchen man für die gegenwärtige nöthig
hat“ (1766). Für das Kind ist bei zarter Empfänglichkeit das Weinerliche normal, oder die
Zerstörungssucht bei anschwellendem Thätigkeitsdrang, wogegen für denn in späteren
Jahren noch mit Weinkrämpfen Geplagten sich Klystiere eines Baldrian-Aufgusses mit Asand
empfehlen können, und wer in Tagen gesunder Ueberlegung noch fortfährt, sich dem Hang
zur Zerstörungssucht hinzugeben, ohne viel Federlesens unschädlich gemacht werden wird,
durch Einsperrung, in kurzem Process.“[Hervorh. KPB]. Nur nie sich mit etwas lange
aufhalten! Harmonie war schon je ein harter, ein unerbittlicher Gesetzgeber!
369
Hormonen nicht widersteht. In die Ruhe jedoch wird das Geschlechtliche (die
Dualität) sinnlos. Der Akt der Hingabe wird vollzogen. Die Vereinigung
geschieht. 468 Der Unsinn hat ein Ende.
468
vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:58ff.: „Wer im Gefühl eigener Nichtigkeit, innerhalb
einer (für den zugehörigen Körperleib sogar) fremden Welt, auf die wunderbar künstliche
Struktur der Pflanzen und Thiere hinschaut, auf den majestätisch gewölbten Sternenhimmel,
auf das Getriebe schwirrend summender und summirender Räder in des Kosmos
geschmückten Hallen, durchklungen vom Sphärensang, - der fühlt sich umgeben von dem
Walten gesetzlicher Mächte, die dem Denken mit zunehmender Annäherung, desto adäquater
sich erweisen (bei auffalllendem und zutreffendem Verständniss).
Was mit der Maske einer Persönlichkeit aus dem anhängselnden Leibesschlauch hervorlugt,
redend von Ich und Du, führt auf alldurchwaltende Wesenheiten, denen wir als Kräften hier
und da genauern Einblick abbgewonnen haben, auf eine aus vertrauter Gewohnheit (in der
Dauer des Lebenslaufs) einheitliche Zusammengehörigkeit derselben, wie sie aus
Verbrüderung innig genug gelangt ist, um in Erörterungen über die umschliessenden
Gesetzlichkeiten unter ihren Kreuzungen derartig geleitet zu sein, dass ihnen unbehindert
freier in fortwellenden Entfaltungen gefolgt werden kann, ohne wie bisher sich gezwungen zu
sehen, vorher beim steifen Körpergerüst anzufragen, ob ihm, seiner gesundlichen (oder
vorwiegend leider ungesundlichen) Stimmung nach, genehm sein würde, solch hohen Gast zu
empfangen.
Trotz aller Anhänglichkeit an den Körperleib, mit dem mancher Sturm des Lebens erlebt war,
wird ihm bei Gebrechlichkeit der Abschiedsbrief besser gegeben sein, um (aus seinen
Trümmern gerade) frisch hervorquellendes Lebenswasser aus vollen Zügen zu schlürfen (für
bevorstehenden Genuss).
[...]
[...]während die ursprüngliche Wechselwirkung (in n48\" und <gÃ[email protected], oder Anziehung und
Abstossung etc.) auch im Geschlechtsgegensatz des Weiblichen und Männlichen gesucht
werden konnte, im Ying oder Yang mit dem Taiki (China´s), i"Æ ¦<"<J4`J0J" (des
Skoteinos), zur „Copulatio contradictoriorum in unitate simplici“ (b. Cusa).“
370
3.4. Dualität, Triadität und die Mittler
Da der Mensch nur sich selbst sieht, nur sich selbst versteht, ist jede
Geschichte, die er schreibt, seine eigene Geschichte, die von seinem
Großwerden und folglich von seiner Größe erzählen möchte. Und doch gerinnt
sie jedes Mal zum Ausdruck eines Niedergangs, der als Katalysator für
forciertere Fortschrittsbestrebungen instrumentalisiert wird. Noch ist der
Mensch in der Geschichte, wie er meint, nicht ganz auf der Höhe, nicht wirklich
ausgewachsen und erwachsen, noch hat er sich sein Haus nicht eingerichtet.
Noch ist er Jüngling im Oikos des Seins, noch sind ihm die Hausnamen und
Hausgesetze und Hausordnungen, die Ökonomien nicht durchgreifend und
global genug; noch muss sich der Mensch für omnipotent halten, um die Kraft
des Machens zu haben, das ihn – irgendwann – einfach potent sein; das Ganze
halten; im Ganzen potent sein lässt. Er wird, wie er meint, dann pater sein und
als pater der mater, der materia und der Matrix aufrecht vorstehen.
Der Mensch sieht sich selbst; er sieht sich nicht verkehrt; doch versteht
er sich nur in der Verkehrung, da er die Phantasien der Potenz für bare Münze
nimmt, als Master-Stück, nach dem er alles andere prägen will.
Der Mensch hat also die Fähigkeit, sich selbst zu sehen. Doch sieht er
nicht die Zusammenhänge, das Wirkgeflecht, die Verkettung der Dinge, sondern
er sieht – sich. Und alles, was er nicht ist oder sein will, das ist anderes, Nichtich und Noch-nicht-ich469. Indem der Mensch sieht, aber nicht wahrnimmt, weil
469
Nicht zu verwechseln mit Bastians „Noch-nicht“, das gerade darin besteht, dass der
Mensch momentan in der Tat Ich ist, d.h. in einem krankhaften Zustand, und noch nicht
wissend in das Geschehen eingekehrt ist, so dass sich die interferenten Dinge wieder bewusst
verketten, da sich das Bewusstsein nicht mehr über die Dinge als Ich erhaben fühlt. Erst die
verketteten Dinge, in deren Zentrum die Wahrnehmung als Verbindungsorgan steht, können
371
er zu verstehen versucht, produziert er den Dualismus: das positive Ich und das
negative Andere, dem ersteres aber schon noch einen Strich durch die
negierende Rechnung machen wird, um es sich positiv, d.h. als eindeutig
negatives ohne Negationskraft, anzuverwandeln.
Der Gedanke des Denkens ist ein hermeneutisches Produkt, ein
heuristisches Ad-hoc-Mittel, die eigenen Namen und nomoi, die eigene
Hausordnung, die Ökonomie, zu legitimieren, weil die eigenen Gesetze das
Positive, das Selbstverständliche sind, wohingegen das Andere das Negative,
das Unverstandene – das A-nomale470 ist, das keine Ordnungen kennt und
deshalb klassifiziert werden muss. In der positiven Vereinnahmung erhält es
Ordnung und Gesetz. Als Gesetzlichem bringt man demjenigen, der oder das
nun wie ich ist, Verständnis entgegen. Man belegt den vormals Anderen mit
einem eigenen Namen, einem von uns gewählten Eigennamen. Man füllt die
Negativität positiv aus. Man glaubt, dass dieser Name das Wesentliche des
Anderen schon immer war, und man handelt, als ob dieser Name sein
wieder zur Ruhe und zur Einheit des Werdens kommen. Vgl. MiG II:22: „So lange der
Mensch versucht, aus dem dunklen Urgrund heraus, von dem unerreichbaren Horizont
herüber, die Bedeutung des Daseins zu construiren, wird er sich in nutzlosen Speculationen
umhertreiben, Luftgebäude errichten, denen jede natürliche Basis fehlt. Der Knotenpunkt des
menschlichen Wissens schlingt sich in seinem eigenen Auge, an ihm muss er festhalten, auf
den dort gegebenen Daten aufzubauen beginnen, und in dem Gleichgewichte der Gegensätze
die sichere Basis der Naturwissenschaften findend, mag er dann von der ruhenden Mitte aus,
vorwärts oder rückwärts folgern, um zu erkennen, wie weit ihm die schon gewonnenen
Erfahrungen zu schließen erlauben. Auf relativer Verhältnissmässigkeit beruht alle
Erkenntniss und nur ein zufälliges Mehr oder Minder unterscheidet das Objective des Wissens
von dem subjectiven Glauben. Die Auflösung der letzten Gründe ist stets vergeblich von den
Menschen angestrebt, wenn er, ein integrierender Theil des Ganzen, dieses, als ein
Aussersich, meint anschauen zu können. Nur aus der Erkenntniss der ewigen Wechselwirkung
vermag das organische Gesetz der Bewegung hervorzuwachsen.”
470
Es sei hier angemerkt, dass bereits das Wort „Anomalie“ selbst die Verkehrtheit des
Verstehens und die Blindheit des Sehens ansichtig macht, da es aus Gründen angeblicher
Offensichtlichkeit stets – irrtümlich – von nomos und a-nomos etymologisch hergeleitet
wurde. Aber der Begriff der Anomalie rührt von wirklichen Wahrnehmungsbereichen her. Er
bezeichnet wörtlich das Unebene und Rauhe, das an-omalos. Verstehen hieß hier, wie so oft,
das Sein-sollen mit dem Tatsächlichen zu vertauschen. Siehe zur Etymologie der Anomalie:
Canguilhem 1977:86. Tatsachen sind Sachen, die mittels der Wahrnehmung, dem
geschehensadäquaten Tun, verkettet wurden. Tatsache ist nur, was für jeden offensichtlich
werden kann, was folglich jeden bertrifft. Wer einzelne von Tatsachen ausschließt oder
372
Wesentliches sein wird. Der Meinung des selbstverständlich Ordentlichen nach
hatte der Name dem unverständlichen Chaos innegewohnt. Der verständige
Ordnungsblick führt den oder das Andere mittels Kopfschütteln über die
Unverständnis des Anderen, sich selbst ordentlich zu erkennen, zu seinem
Eigentlichen zurück. Die positive Belegung mit einem Eigennamen streicht das
Negative, das Sprechen des Anderen, durch, macht aus dem Minus ein Plus. Das
Andere wurde Eigenes und erhielt seinen Eigennamen, es wurde vom Ich
gezeichnet, das Schreiben des Anderen vom Ich überschrieben und überstimmt.
Umgekehrt lässt sich folgern, dass alles, was einen Eigennamen trägt, dergestalt
gezeichnet ist, dass jeder wissen kann, wenn er nur will, es war einst ein
Anderes, ein Ungeordnetes, Unordentliches und Uneinsichtiges: ein mich
Bedrohendes. Im Eigennamen, an dem ich festhalte, halte ich mir die Bedrohung
durch mein Anderes vom Leib. Im Eigennamen zeichnet die Dualität sich aus;
im Gedanken, resp. in der Weltanschaung471, die nicht sieht, was vor Ort ist,
aber doch von diesem Ort geprägt ist, hat sie ihr Fundament, auf das
systematisch das Denkgebäude, das Haus, das Eigentumshäuschen gebaut
werden soll. Nur im eigenen Haus, so meint man, kann die wahre Hausordnung,
die Ökonomie des Eigenen und des Aneignens gültig sein. Im Haus des Eigenen
hält man sich das positiv negativierte Andere, das nicht mehr eigenständig sein
darf, gewissermaßen spielerisch, wie man meint, um sich je von neuem zu
beweisen, wie effizient die eigene Ordnung ist, die selbst das Andere im
Eigenen anscheinend zulässt. Schaukämpferisch überwältigt die Ordnung das
Andere, wird sein Führer und hohlt es heim zu sich – freilich ohne zu verraten,
dass dieses Andere längst schon gekauft. Längst schon zur Marionette des
Eigenen wurde. Der ordentlichen Eigentümer des Eigentumshäuschen, bar jeder
Unordnung stiftenden Eigentümlichkeit, spielt solange sein Spiel, bis er merkt,
dass sein geliebter Oikos doch nur ein Kartenhäuschen ist; dass das Haus selbst
Tatsachen vor einzelnen verschließt, der verschließt sich dem Tatsächlichen und handelt im
Wahn.
373
ein Spiel ist, nämlich ein Spiel der Natur mit ihm: dass alles, was er eigen nennt
wie z.B. noch die eigene Ordnung, der er sich, ohne befremdliche, peinliche
Eigentümlichkeiten sich anmerken zu lassen, stets beugt, ein Traum ist,
geträumt aus ganz anderen ökonomischen Gründen. In Wirklichkeit liegt der
Eigentümer uneigentümlich und kindisch, wie je nur Kinder sind, auf dem
Boden, und sein Verstehen ist nur Geschrei, das aus Angst vor sich selber, aus
Angst vor dem eigenen Lärm schreit. Das ist die ganze Geschichte bisher. Lesen
wir sie soweit bei Bastian nach, können wir schauen, wie er Geschichte machen
will.
Es ist stets dieselbe Geschichte. Zu Beginn sieht sich der auf die Welt
gekommene Mensch von dieser Welt bedroht. Noch scheidet er nicht in das
eigenständige Subjektive und das beständige Objektive, das ihm den eigenen
Stand, kennt er es nur hinreichend, sichern soll; das ihm ein Zuhause geben soll
und eine für alle geltende Hausordnung, nach der das Eigenständige
bodenständig ist und alles von fremdem Stand, das einem den Boden unter den
Füßen wegzuziehen droht, von eigenem Grund und Boden ferngehalten wird.
Vorerst aber ist alles dem anfänglichen Menschen Bedrohung, weil es in
Unordnung ist; weil es keine Grenzen zu wahren weiß; weil es ihn bedrohend
durchdringt; weil es ihn verfolgt. Die Welt ist eine Gespensterwelt, und die
Gespenster hausen in seinem eigenen Kopf. Er selbst bleibt unbehaust.
Unheimlich ist die Welt, da er sie noch nicht zu seinem Heim gemacht hat, aus
dem die Gespenster vertrieben sind. Der Mensch hat die Dualität von Eigenem
und Anderem noch nicht gedanklich gemeistert, er hat seinen Stand in der Welt
noch nicht gefunden. Erst im eigenen Stand tritt er eigenständig aus dem
diffusen Gefühl, das für ihn alles ist, heraus und sieht sich gesondert und als
etwas Besonderes an, das qua seiner Besonderheit die Welt absondert. Das
Sonderbare der Welt, das ihn einst gespenstisch verfolgte, versteht er nun aus
seiner eigenen Sonderstellung heraus, versteht die Welt als Sonderling, den man
471
vgl. von den Steinen 1905:244: „„Ich sage Völkergedanke“, erklärte mir Bastian, „andere
374
sich gefälligst gefügig machen kann. Er versteht die Welt (die Natur) als etwas
gänzlich anderes und doch in seiner Sonderheit ähnliches, als etwas, das, obwohl
er doch darauf steht, über ihm steht und manchmal auch bei ihm. Das Andere,
das Absonderliche, das ihn bedroht und das ihn, je mehr es in Ordnung geht,
fasziniert, wird, je mehr er sich von ihm absondert, um es sich vom Leib zu
halten und Ordnung zu schaffen, zum Göttlichen, das ihm, wenn er es nur
besonders würdigt, indem er die Distanz betont, gesondert beisteht, weil er doch
aus ihm hervorgegangen ist. Im Aussonderungsprozess gewinnt er das Bild von
einer behausten Welt, in der er eigenständig bestehen kann, in der er selbständig
haust: zwar hat ihn das Sein wie eine Gebär-Mutter aus sich ausgewiesen und
zur Welt gebracht, die ihm ganz alleine dann bildhaft gegenüberstand, doch wird
das Bild, die Idee von der Welt, von einem göttlichen Vater behaust, der einem
bildhaft, bzw. ideal beisteht, weil er beständig ist. Er ist wirklich das ganz
Andere, das wahrhaft Objektive. Ein solcher Allvater lässt niemanden außer sich
geraten. Er steht bei, während man sich selbst vor dem Eigenen beugt. War also
der mütterlichen Materialität noch alles ungeschieden und gespenstisch, nimmt
durch das göttlich Väterliche die Welt Gestalt an und erhält klare Struktur: sie
wird objektiv. Da das Göttliche anteil nimmt am Subjekt, wird es an jenem
teilhaben und beständig sein. Der Traum scheint zu Ende zu sein; das Subjekt
erwacht, wie ihm scheint, in einer gestalteten Welt, die qua ihrer Gestaltetheit
sich auch von ihm gestalten lässt. Durch die Gestalt des Gottes erhält der
Mensch sein eigenes Gestaltungsrecht, das Recht, sich häuslich einzurichten und
sich über die Materie zu erheben, wie der Vater über die Materie erhaben sei.
Der Materie, der Welt, ist das Bedrohliche und Unfassbare genommen. Wie in
den Grund-Figur-Bildern gilt nur noch ein entweder-oder: entweder das
Unfassbare von Grund und Figur in eins, i.e. zugleich, oder das Fassbare der
Dualität von Subjekt und Objekt, von der Menschfigur und dem Gottesgrund.
Hatte sich der Mensch erst mimetisch verdoppelt, imitatorisch ein zweites Mal
sagen Weltanschauung.““
375
in die Welt gesetzt, so kreiert er dann, der Imitation verpflichtet, innovativ ein
Überhebliches, das über der Welt steht, ein Super-Ego, das dem Alter-ego
Einhalt gebietet und dem Ego Halt bietet. Die Dualitäten, die der Einzelne also
allerwärts sieht, erweisen sich als Triaden: 1. das zur Welt kommen – 2. das
diffuse Sein in der Welt, das die gerade entstandene Existenz wieder zu
verschlingen droht – 3. der existentielle Halt im Überexistentiellen. Dergestalt
stellte sich der Mensch sein eigenes Wachstum, sein Erwachsenwerden vom
Kind zum Mann vor – und ist doch Kind geblieben, das nur, sich von der Mutter
verlassen fühlend, zum Vater flüchtet. Für Bastian hat hier die Beunruhigung
gerade erst begonnen. Die Geschichte ist mitnichten schon zu Ende. Ja, sie hat
noch gar nicht wirklich begonnen, denn erst wenn die Dreieinheit aufgebrochen
ist, die dialektische Hausordnung als willkürliches Spiel erkannt ist, das Kind
weiter als bis drei zählen kann, indem es allererst weiß, wie die eins, von der aus
und mit der sich unabhängig von der postulierten Dreieinigkeit überhaupt erst
beginnen lässt zu zählen, lautet, wird es sich dem vielen, das es umgibt und von
dem es ein Teil ist472, zuwenden können, wird es wirklich der Welt ansichtig
werden und in die Welt gehen können. Verbleibt es in der Überheblichkeit der
Erhabenheit des Eigenheims, wird es die Welt je übergehen. Es wird nie
erwachsen werden. Es wird sich nie ob des Da-Draußen wirklich beruhigen
472
vgl. vgl. Bastian, Controversen IV, 1894:173: „Das Denken lebt den Augenblick des Nun
und einheitlich erfasst sich das sinnlich (aus der Umgebung) Aufgenommene, ob in
unbestimmt verschwommener Allgemeinheit, ob schärfer schon zergliedert. Der nächste
Augenblick folgt, eine weitere Eins im Leben und neue Eins der Wahrnehmung, und bei dem
organisch fortgehenden Wachsthumstrieb fliesst es dahin mit der Zeit, im kontinuirlichen
Umbegriff der Zersetzungen in Auseinanderlegungen oder Verbindungen, im Ab- und
Zuzählen, der Eins zu der Zwei, mit der Regula de[r; KPB] Tri, als Grundoperation des
Rechnens (im logischen Calcül).“; ders., Controversen I, 1893:13: „Für das, was über die
„Lehre vom Menschen“ zu sagen ist, wird nur Ein Zugeständniss verlangt: dass nämlich das
Denken ein Rechnen ist (im Sinne Hobbes´ oder Leibniz´).
Mit dieser einen Concessio, (hier jedoch freilich als unbedingt gültiger), mit solcher
Homologie (in gleichartiger Logik), hätte sodann, da die mathematische Grundlage aller
Erkenntniss durch massgebende Autoritäten anerkannt ist (von Pythagoras bis Kant), das
Uebrige (im „Arithmetisiren“) sämmtlich von selbst zu folgen (aus den Folgerungen), unter
zwingender Nothwendigkeit (durchwaltender Gesetze).
Das Rechnen (als Addiren und Subtrahiren) setzt seine Eins voraus, und die Frage also stellt
sich zunächst: wo sie finden? (für den Beginn).
376
können. Es wird die Angst und die Sorge nie wirklich verwinden, es wird gerade
wegen des Gedankens der Dualität sich nie auf das Duale einlassen können und
erkennen, dass ihm da nichts entgegen steht, dass alle Dinge nur neben ihm
stehen und es dazwischen, dass die Dinge verkettet sind, dass es mit den Dingen
nicht gegensätzlich sondern grundsätzlich verkettet ist, zwischen denen es nur
eines unter vielen ist, die allesamt erst das Ganze ausmachen473: dass es der Welt
nicht gegenüber steht, sondern dass es, weil es zur Welt gekommen ist, Teil der
Welt ist, Teil des zeiträumlichen Geschehens; dass es selbst weltlich ist, Teil der
Geschichte, die endlich, unbehindert von den Phantasmen des Gegeneinanders,
weitergehen soll im Nebeneinander ihres Nacheinanders. Oder vielmehr: die
Geschichte hat ja noch gar nicht begonnen, da die Eins nicht gefunden ist474, nur
eine imaginäre Dreieins, deren Dreitakt kein Zählen, sondern eine Rêverie;
473
vgl. Bastian, Vorgeschichte der Ethnologie, 1881:118f.: „Wenn dann nach Concentrirung
des Thatsachengewirrs zur Essenz der Theorien, ein mit solchem Extract geklärtes Auge den
Menschengedanken in all den Wandlungen seiner Existenzmöglichkeiten und, in diesen
wieder, die Verkettungen der Evolutionsreihen (im Nebeneinander und Nacheinander
gegliedert) mit kurzen Blicken zu durchschauen und, bei Vereinfachung der verwickelten
Rechnungen unter den Formeln eines höheren Calculs, zu verstehen vermag, dann wäre
damit das von der Natur selbst gelehrte Grundgesetz für gesunde Normal-Entwickelung des
gesellschaftlichen Staatslebens gegeben, also auch die Indication für Rectificationen, soweit
sie sich nöthig zeigten [...].”
474
; vgl. Bastian; Das logische Rechnen, 1903:48f.: „Im (stoischen) „Holon“ kann das Ganze
aus den Ursachwirkungen in causal verknüpften Wechselbeziehungen erklärlich auseinander
gelegt werden, zwischen Anfang und Ende des auf objectivem Standort überschauten
Sonderfalles, während für die Ganzheit eines „Pan“ die in detaillirter Definition beruhende
Erklärung unausführbar bleibt und die Denkthätigkeit nur betreffs eines Rückschlusses aus
causal vergewissert bekannten „Bedingungen“ auf adäquate „Vorbedingungen“ (im
„Unbedingten“) zur Verwendung kommen kann. Bei dem Universum, in des Daseienden All
(als Eins gesetzt), steht für vergleichende Behandlung kein zweites (im Anderssein) verfügbar,
und schon der innerhalb planetarischen Gesichtskreises durchschaubare Ausschnitt, dem wir
selber eingewoben sind, verbleibt eine unbekannte Grösse, sofern einem Theil-(ganzen) sein
fester Ziffernwert dann erst fixirt werden kann, wenn aus den proportionellen
Verhältnisswerthen seines Ganzen (JÎ i"h`[email protected], peripatetisch) berechenbar.“; ebd.:60: „Im
Hysteron-Proteron metaphysischer Zeitläufte setzte man, zur Inangriffnahme vorliegender
Probleme, mit Unendlichkeitsrechnungen ein, während die im „Zeitalter der
Naturwissenschaften“ an solidere Speisung gewohnten Constitutionen [dem Rechnen mit
angewandten (statt imaginären) Zahlen zugewendet] rathsam befunden haben, vorab mit
Erlernung des Ein-mal-eins zu beginnen, um (nach Bemeisterung der Vier-Species zunächst)
auch für das, was aus Unendlichem redet, einer (rationellem Verständniss congenialen)
Lösung gewiss zu sein [...].”
377
deren Zweitakt kein Fortkommen, sondern viel Lärm um nichts; und deren
ursprüngliche Eins nicht das Authentische, sondern dieses Nichts ist.475
475
MiG II:27: „So lange das Objective und Subjective in den Traumvorstellungen unbestimmt
ineinander schwimmt [kein Grammatikfehler! Das Objective und Subjective sind noch eins,
folglich Einzahl; KPB], sieht sich der Mensch von einer phantastischen Gespensterwelt
umgeben. Erst wenn die specifische Sinnesauffassung klar aus dem Allgemeingefühl
hervortritt, und als solche in die Aussenwelt projicirt wird, schliesst sich das schwankende
Gespenst zu den deutlichen Umrissen einer Göttergestalt ab.“
Bastian parallelisiert die Entstehung der Göttergestalt mit der Entwicklung des Kleinkindes;
er findet die Outrierung und das Schisma der Dualität auch hier: ebd.: „Ferner heisst es bei
Müller: „Der Neugeborene setzt das Empfundene ausser dem empfindlichen Ich und in
diesem Sinne setzt er das Empfundene nach Aussen.““.
Zu der etymologischen Verwandtschaft und phonetischen Gleichgültigkeit von „vier“ und
„viel“ vgl. MiG I:406, wo Bastian allerlei Kulturen aufzählt, in denen die „drei“ das Exakte
noch bezeichnet, aber die „vier“ bereits die Masse, das unbestimmte Geschehen; vgl. a.
Bastian, Controversen IV, 1894:171: „Die Abstraktion der Einheit aus der Eins verläuft im
Unterschied von den räumlich optischen Auffassungen in den psychologischen Prozess
innerlicher Ausentwicklung, mit dem Fortstreichen im Zeitlichen, für Markirung des
jedesmaligen Momentes mehrweniger im Einklang mit dem Takt des Herzschlags, bei
gesammelter Stimmung, bis allmählig die Zeit überhaupt zu entschwinden beginnt (bei
Verkürzung, unter gesteigerter Geschäftsthätigkeit).
Zahl ist Eins und Eins, oder Eins, Eins und Eins oder u.s.w. (s. Hobbes), bis zur Drei (in
Australien), und dann folgt nach der Vier (als Vielen) der Anhalt an der Hand (Panch), oder
bis zum Zwanziger, im „ganzen Menschen“ (der Eskimo). Mengen unter einander gleicher
Dinge (in abstrakto gedacht) das sind Zahlen (s. Husserl), beim Zählen konkreter Dinge unter
einem Abstraktionsbegriff (in den indonesischen Sprachen).“
In der Insistenz auf die Vielheit, i.e. Serialifizierung der Dialektik, also im Weiterzählen als
bis Drei wird die Welt vielfältig und reich. Klapperte die Dialektik ärmlich und erbärmlich in
der je gleichen Monotonie daher, die stets die selben drei Versatzstücke fand, so sieht sich der
Weiterzählende mit einem „embarras de richesse“ (Bastian, Der Völkergedanke, 1881:172)
konfrontiert, einer liminalen Wertigkeit, der keine euklidische Mathematik adäquat sein oder
überlegen sein könnte, auch nicht eine infinitesimale Mathematik, die sich in der
Unendlichkeit unendlich verliert und unendlich zählend nicht mehr zählt, sondern nur eine
Integral- und Differ